
                                Freytag, Gustav

                                 Soll und Haben

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                                 Gustav Freytag

                                 Soll und Haben

                                 Seiner Hoheit


                                   Ernst II.

                        Herzoge zu Sachsen-Coburg-Gotha

Es war ein lachender Maiabend auf dem Kalenberg. Oben um das Schlo blhte und
duftete der Frhling und die Bltter der roten Akazie warfen gezackte Schatten
auf den tauigen Rasen. Unten im Dunkel des Tals sprangen die zahmen Rehe aus dem
Gehlz und schauten begehrlich nach der hellen Gestalt der Herrin, welche den
holden Segen des Gastrechts jedem erteilt, der in den Bannkreis des Schlosses
tritt, dem Menschen, wie dem Vogel und dem Wild. Die Ruhe des Abends lag auf
Hgel und Tal, nur aus weiter Entfernung klang zuweilen das Rollen des Donners
in die lichtvolle, glckliche Landschaft. An diesem Abend sah Eure Hoheit, an
die Steine der alten Schlomauer gelehnt, sorgenvoll ber die fruchtbaren Felder
hinein in die dmmrige Ferne. Was mein edler Frst damals sprach: ber die
Verwirrung der letzten Jahre, ber die Mutlosigkeit und mde Abspannung der
Nation, und ber den Beruf des Dichters, der gerade in solcher Zeit dem Volke
einen Spiegel seiner Tchtigkeit vorhalten solle zur Freude und Erhebung, - -
das waren goldene Worte, in denen sich ein groer Sinn und ein warmes Herz
offenbarten und sie werden lange nachklingen in dem Herzen des Hrers. Seit
diesem Abend habe ich den Wunsch, mit Eurer Hoheit Namen das Buch zu schmcken,
dessen Plan ich damals mit mir herumtrug.
    Fast zwei Jahre sind seitdem vergangen, ein furchtbarer Krieg ist entbrannt,
und mit finstrer Sorge sieht der Deutsche in die Zukunft seines Vaterlandes.
    In solcher Zeit, wo die strksten politischen Leidenschaften in das Leben
jedes einzelnen dringen, weicht die heitere Ruhe, welche der Schaffende zur
knstlerischen Gestaltung braucht, leicht von seinem Arbeitstisch. Ach! sie hat
dem deutschen Dichter seit lange gefehlt. Nur zu sehr fehlt das Behagen am
fremden und eigenen Leben, die Sicherheit fehlt und der frohe Stolz, mit welchem
die Schriftsteller anderer Sprachen auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres
Volkes blicken; im berflu aber hat der Deutsche Demtigungen, unerfllte
Wnsche und eifrigen Zorn. Wer in solcher Zeit Poetisches gestaltet, dem fliet
nicht die freie Liebe allein, auch der Ha fliet leicht aus dem schreibenden
Rohr, leicht tritt an die Stelle einer dichterischen Idee die praktische Tendenz
und statt freier Laune findet der Leser vielleicht eine unschne Mischung von
plumper Wirklichkeit und geknstelter Empfindung.
    Bei solchen Gefahren hat der Dichter doppelt die Pflicht, die Umrisse seiner
Bilder reinzuhalten von Verzerrung, und seine eigene Seele frei von
Ungerechtigkeit. Dem Schnen in edelster Form den hchsten Ausdruck zu geben,
ist nicht jeder Zeit vergnnt, aber in jeder soll der erfindende Schriftsteller
wahr sein gegen seine Kunst und gegen sein Volk.
    Diese Wahrheit zu suchen, und wo ich sie fand, zu vertreten, halte ich fr
die Aufgabe auch meines Lebens.
    Und so sei meinem ritterlichen Herrn ehrfurchtsvoll das leichte Werk
gewidmet. Glcklich werde ich sein, wenn Eurer Hoheit dieser Roman den Eindruck
macht, da er wahr nach den Gesetzen des Lebens und der Dichtkunst erfunden und
doch niemals zuflligen Ereignissen der Wirklichkeit nachgeschrieben ist.

                                 Gustav Freytag

                                  Erstes Buch



                                       1

Ostrau ist eine kleine Kreisstadt unweit der Oder, bis nach Polen hinein berhmt
durch ihr Gymnasium und se Pfefferkuchen, welche dort noch mit einer Flle von
unverflschtem Honig gebacken werden. In diesem altvterischen Ort lebte vor
einer Reihe von Jahren der knigliche Kalkulator Wohlfart, der fr seinen Knig
schwrmte, seine Mitmenschen - mit Ausnahme von zwei Ostrauer Spitzbuben und
einem groben Strumpfwirker - herzlich liebte und in seiner sauern Amtsttigkeit
viele Veranlassung zu heimlicher Freude und zu demtigem Stolze fand. Er hatte
spt geheiratet, bewohnte mit seiner Frau ein kleines Haus und hielt den kleinen
Garten eigenhndig in Ordnung. Leider blieb diese glckliche Ehe durch mehrere
Jahre kinderlos. Endlich begab es sich, da die Frau Kalkulatorin ihre
weibaumwollne Bettgardine mit einer breiten Krause und zwei groen Quasten
verzierte und unter der hchsten Billigung aller Freundinnen auf einige Wochen
dahinter verschwand, gerade nachdem sie die letzte Falte zurechtgestrichen und
sich berzeugt hatte, da die Gardine von untadelhafter Wsche war. Hinter der
weien Gardine wurde der Held dieser Erzhlung geboren.
    Anton war ein gutes Kind, das nach der Ansicht seiner Mutter vom ersten Tage
seiner Geburt die staunenswertesten Eigenheiten zeigte. Abgesehen davon, da er
sich lange Zeit nicht entschlieen konnte, die Speisen mit der Hhlung des
Lffels zu fassen, sondern hartnckig die Ansicht festhielt, da der Griff dazu
geeigneter sei, und abgesehen davon, da er eine unerklrliche Vorliebe fr die
Troddel auf dem schwarzen Kppchen seines Vaters zeigte und das Kppchen mit
Hilfe des Kindermdchens alle Tage heimlich vom Kopf des Vaters abhob und ihm
lachend wieder aufsetzte, erwies er sich auch bei wichtigerer Gelegenheit als
ein einziges Kind, das noch nie dagewesen. Er war am Abend sehr schwer ins Bett
zu bringen und bat, wenn die Abendglocke lutete, manchmal mit gefalteten
Hnden, ihn noch umherlaufen zu lassen; er konnte stundenlang vor seinem
Bilderbuch kauern und mit dem roten Gckelhahn auf der letzten Seite eine
Unterhaltung fhren, worin er diesen wiederholt seiner Liebe versicherte und
dringend aufforderte, sich nicht dadurch seiner kleinen Familie zu entziehen,
da er sich vom Dienstmdchen braten liee. Er lief zuweilen mitten im
Kinderspiel aus dem Kreise und setzte sich ernsthaft in eine Stubenecke, um
nachzudenken. In der Regel war das Resultat seines Denkens, da er fr Eltern
oder Gespielen etwas hervorsuchte, wovon er annahm, da es ihnen lieb sein
wrde. Seine grte Freude aber war, dem Vater gegenberzusitzen, die Beinchen
bereinanderzulegen, wie der Vater tat, und aus einem Holunderrohr zu rauchen,
wie sein Herr Vater aus einer wirklichen Pfeife zu tun pflegte. Dann lie er
sich allerlei vom Vater erzhlen, oder er selbst erzhlte seine Geschichten. Und
das tat er, wie die Frauenwelt von Ostrau einstimmig versicherte, mit soviel
Gravitt und Anstand, da er bis auf die blauen Augen und sein blhendes
Kindergesicht vollkommen aussah, wie ein kleiner Herr im Staatsdienst. Unartig
war er so selten, da der Teil des weiblichen Ostraus, welcher einer dstern
Auffassung des Erdenlebens geneigt war, lange zweifelte, ob ein solches Kind
heranwachsen knne; bis Anton endlich einmal den Sohn des Landrats auf offener
Strae durchprgelte und durch diese Untat seine Aussichten auf das Himmelreich
in eine behagliche Ferne zurckhmmerte. Kurz er war ein so ungewhnlicher
Knabe, wie nur je das einzige Kind warmherziger Eltern gewesen ist. Auch in der
Brgerschule und spter auf dem Gymnasium wurde er ein Muster fr andere und ein
Stolz seiner Familie. Und da der Zeichenlehrer behauptete, Anton msse Maler
werden, und der Ordinarius von Tertia seinem Vater riet, ihn Philologie
studieren zu lassen, so wre der Knabe seiner zahlreichen Anlagen wegen
wahrscheinlich in die gewhnliche Gefahr ausgezeichneter Kinder gekommen, fr
keine einzige Ttigkeit den rechten Ernst zu finden, wenn nicht ein Zufall
seinen Beruf bestimmt htte.
    An jedem Weihnachtsfest wurde durch die Post eine Kiste in das Haus des
Kalkulators befrdert, worin ein Hut des feinsten Zuckers und ein groes Paket
Kaffee standen. Gewhnlichen Zucker lie der Hausherr durch seine Frau
kleinschlagen, diesen Zuckerhut zerbrach er selbst mit vielem Kraftaufwand in
einer feierlichen Handlung und freute sich ber die viereckigen Wrfel, welche
seine Kunst hervorzubringen vermochte. Der Kaffee dagegen wurde von der Frau
Kalkulatorin eigenhndig gebrannt, und sehr angenehm war das Selbstgefhl, mit
welchem der wrdige Hausherr die erste Tasse dieses Kaffees trank. Das waren
Stunden, wo ein poetischer Duft, der so oft durch die Seelen der Kinder zieht,
das ganze Haus erfllte. Der Vater erzhlte dann gern seinem Sohne die
Geschichte dieser Sendungen. Vor vielen Jahren hatte der Kalkulator in einem
bestubten Aktenbndel, das von den Gerichten und der Menschheit bereits
aufgegeben war, ein Dokument gefunden, worin ein groer Gutsbesitzer aus Posen
erklrte, einem bekannten Handelshause der Hauptstadt mehrere tausend Taler zu
schulden. Offenbar war der Schuldschein in kriegerischer und ungesetzmiger
Zeit in ein falsches Aktenheft verlegt worden. Er hatte den Fund am gehrigen
Ort angezeigt, und das Handlungshaus war dadurch instand gesetzt worden, einen
verzweifelten Rechtsstreit gegen die Erben des Schuldners zu gewinnen. Darauf
hatte der junge Chef der Handlung sich angelegentlich nach dem Finder des
Dokuments erkundigt und demselben einen artigen Brief geschrieben; der
Kalkulator hatte, wie seine Art war, sehr bestimmt jeden Dank abgelehnt, weil er
nur seine Amtspflicht erfllt habe. Von da ab erschien an jeder Weihnacht die
erwhnte Sendung mit einem kurzen herzlichen Begleitschreiben und wurde jedesmal
umgehend durch ein kalligraphisches Kunstwerk des Kalkulators erwidert, worin
dieser unermdlich seine berraschung ber die unerwartete Sendung ausdrckte
und der Firma zum neuen Jahr aus voller Seele Gutes wnschte. Selbst seiner Frau
gegenber behandelte der Herr die Weihnachtssendung als einen Zufall, eine
Kleinigkeit, ein Nichts, welches von der Laune eines Kommis der Firma T.D.
Schrter abhnge; und jedes Jahr protestierte er eifrig, wenn die Frau
Kalkulatorin die zu erwartende Kiste bei ihren Wirtschaftsplnen in Rechnung
brachte. Aber im stillen hing seine Seele an diesen Sendungen. Es waren nicht
die Pfunde Raffinade und Kuba, es war die Poesie dieser gemtlichen Beziehung zu
einem ganz fremden Menschenleben, was ihn so glcklich machte. Er hob alle
Briefe der Firma sorgfltig auf, wie die drei Liebesbriefe seiner Frau, ja, er
heftete sie mit dem Ehrwrdigsten, was er kannte, mit schwarz und weiem
Seidenfaden in ein kleines Aktenbndel; er wurde ein Kenner von Kolonialwaren,
ein Kritiker, dessen Geschmack von den Kaufleuten in Ostrau hchlich respektiert
wurde; er konnte sich nicht enthalten, den billigen Meliszucker und den
Brasilkaffee als untergeordnete Erzeugnisse der Schpfung mit einer
entschiedenen Verachtung zu behandeln; er fing an, sich fr die Geschfte der
groen Handlung zu interessieren und studierte in den Zeitungen regelmig die
Marktpreise von Zucker und Kaffee, welche mit merkwrdigen und fr
Nichteingeweihte ganz unverstndlichen Bemerkungen hinter den politischen
Nachrichten standen; ja er spekulierte in seiner Seele mit als Associ seines
Freundes, des groen Kaufmanns, er rgerte sich, wenn der Kaffee in den
Zeitungen flaute, und war vergngt, wenn der Zucker als angenehm notiert war.
    Das war ein unscheinbares, leichtes Band, welches den Haushalt des
Kalkulators mit dem geschftlichen Treiben der groen Welt verknpfte; und doch
wurde es fr Anton ein Leitseil, wodurch sein ganzes Leben Richtung erhielt.
Denn wenn der alte Herr am Abend in seinem Garten sa, das Samtkppchen in dem
grauen Haar und seine Pfeife im Munde, dann verbreitete er sich gern mit leiser
Sehnsucht ber die Vorzge eines Geschftes, welches die Flle der herrlichsten
Sachen gewhre, und dann frug er scherzend seinen Sohn, ob er auch Kaufmann
werden wolle. Und in der Seele des Kleinen scho augenblicklich ein schnes Bild
zusammen, wie die Strahlen bunter Glasperlen im Kaleidoskop, zusammengesetzt aus
groen Zuckerhten, Rosinen und Mandeln und goldenen Apfelsinen, aus dem
freundlichen Lcheln seiner Eltern und all dem geheimnisvollen Entzcken,
welches ihm selbst die ankommende Kiste je bereitet; bis er begeistert ausrief:
Ja, Vater, ich will! - Man sage nicht, da unser Leben arm ist an poetischen
Stimmungen, noch beherrscht die Zauberin Poesie berall das Treiben der
Erdgebornen. Aber ein jeder achte wohl darauf, welche Trume er im heimlichsten
Winkel seiner Seele hegt, denn wenn sie erst gro gewachsen sind, werden sie
leicht seine Herren, strenge Herren!
    So lebte die Familie still fort durch manches Jahr. Anton wuchs heran und
lief mit seiner Bchermappe durch alle Klassen des Gymnasiums bis in die stolze
Prima. Wenn die Frau Kalkulatorin ihren Mann im geheimen bat, ber Antons
Zukunft einen festen Entschlu zu fassen, erwiderte der Hausherr mit einem
siegesfrohen Lcheln: Der Entschlu ist gefat, er will ja Kaufmann werden.
Erst mu er mit dem Gymnasium fertig sein, dann steht ihm die ganze Welt offen.
Und dann tat der Kalkulator, als ob das Abiturientenzeugnis ein Schlssel zu
allen Ehren der Welt sei. Im geheimen aber bangte ihm ein wenig davor, den
Familientraum der Ausfhrung nherzubringen.
    Unterdes kam ein schwarzer Tag, wo die Fensterladen des Hauses lange
geschlossen blieben, das Dienstmdchen mit roten Augen die Treppe auf- und
ablief, der Arzt kam und den Kopf schttelte, und der alte Herr am Lager seiner
Frau das Samtkppchen in den gefalteten Hnden hielt, whrend der Sohn
schluchzend vor dem Bett kniete und seinen Lockenkopf darauf legte, welchen die
Hand der sterbenden Mutter noch zu streicheln versuchte. Drei Tage nach diesem
Morgen wurde die Frau Kalkulatorin begraben, und der alte Herr und Anton saen
am Abend nach dem Begrbnis bleich und einsam einander gegenber. Anton schlich
von Zeit zu Zeit hinter die Stachelbeeren, sich dort in der Stille auszuweinen,
und der alte Herr stand hufig von seinem Stuhle auf und ging in die
Schlafstube, wo die weie Gardine mit den beiden Quasten hing, und weinte
ebenfalls. Der Jngling erhielt nach langem Weinen die roten Backen wieder, der
alte Herr kam nicht wieder zu Krften. Er klagte ber nichts, er rauchte seine
Pfeife wie immer, er rgerte sich noch immer, wenn der Kaffee flaute, aber es
war kein rechtes Rauchen und auch kein rechter rger mehr. Oft sah er seinen
Sohn nachdenklich und traurig an, und der junge Gesell konnte nicht erraten, was
den Vater so besorgt mache. Als der Vater aber an einem Sonnabend den Sohn
wieder gefragt hatte, ob er noch Kaufmann werden wollte, und Anton zum
hundertstenmal versichert hatte, da er gerade dies gern wolle, und nichts
anderes, da stand der alte Herr entschlossen auf, rief das Dienstmdchen und
bestellte zum nchsten Morgen eine Fuhre nach der Hauptstadt. Er gestand dem
fragenden Sohne nicht, weshalb er die unerhrte Expedition vornahm. Und er hatte
wohl Grund zum Schweigen, der arme alte Herr! Denn wenn er auch seit zwanzig
Jahren stolz gewesen war auf seinen groen Handelsfreund, so hatte ihm doch
immer der Mut gefehlt, selbst vor den Kaufmann zu treten und fr seinen Sohn
einen Platz im Comtoir zu erbitten. Sein Wunsch kam ihm sehr verwegen vor, und
seine Ansprche unermelich gering. Oft hatte er sich's vorgenommen und stets
hatte er's wieder aufgeschoben, bis die Sorge um den Sohn grer wurde, als
seine Scheu.
    Als er den Tag darauf sehr spt aus der Hauptstadt zurckkehrte, war er in
ganz anderer Stimmung, glcklicher als je nach dem Tode der Frau Kalkulatorin.
Er begeisterte seinen Sohn, der ihn in ahnungsvoller Spannung erwartete, durch
seinen Bericht von der unglaublichen Annehmlichkeit des groen Geschftes und
der Freundlichkeit des groen Kaufmanns gegen ihn. Er war zu Mittag geladen
worden, er hatte Kibitzeier gegessen, er hatte griechischen Wein aus den Kellern
seines Freundes getrunken, einen Wein, gegen welchen der beste Wein im Gasthofe
zu Ostrau nichtswrdiger Essig war, er hatte das Versprechen erhalten, da sein
Sohn nach Jahresfrist in das Comtoir eintreten knne, und einige Winke ber die
Vorbildung, die dafr wnschenswert sei. Schon am nchsten Tage sa Anton vor
einem groen Rechenbuch und disponierte mit unbeschrnkter Vollmacht ber
Hunderttausende von Pfunden Sterling, welche er bald in rheinische Gulden
verwandelte, bald in Hamburger Mark Banko umsetzte, als brasilianische Milreis
in die Welt flattern lie und zuletzt ruhig in mexikanischen Staatspapieren
anlegte, aus denen er mit grter Sicherheit alle mglichen Interessen bis zu
zehn vom Hundert zog. Hatte er auf diese Weise ein kolossales Vermgen
zusammengescharrt, so ging er in den Garten, ein kleines dnnleibiges Buch in
der Hand, welches auf dem Titel versprach, ihn in vier Wochen zu einem fertigen
Englnder zu machen. Dort bemhte er sich zum Entsetzen der deutschen Sperlinge
und Finken, das A und andere ehrliche Buchstaben auf jede Weise auszusprechen,
welche dem Menschen mglich ist, wenn er einen Buchstaben anders ausspricht, als
sich mit der Natur und dem Charakter desselben vertrgt.
    So ging wieder ein Jahr hin, Anton war gerade achtzehn Jahr alt und hatte
seine Abiturientenprfung bestanden; da wurden wieder einmal an einem Morgen die
Fensterlden des Kalkulators nicht zu gehriger Zeit geffnet, wieder rannte das
Dienstmdchen mit verweinten Augen durch das Haus, und wieder schttelte die
Nachtlampe unzufrieden und kummervoll ihre feurige Mtze. Diesmal lag der alte
Herr selbst im Bett und Anton sa vor demselben, beide Hnde des Vaters haltend.
Der alte Herr aber lie sich nicht festhalten, sondern starb so eilig als
mglich, nachdem er seinen Sohn vielmal gesegnet hatte. Nach einigen Tagen
lauten Schmerzes stand Anton allein in der stillen Wohnung, eine Waise, im
Anfange eines neuen Lebens.
    Der alte Herr war nicht umsonst Kalkulator gewesen, sein Haushalt war in
musterhafter Ordnung, seine sehr geringe Hinterlassenschaft in der geheimen
Schublade des Schreibtisches, in dem gehrigen Bndel Papier, zu Heller und
Pfennig aufgezeichnet; alles, was im letzten Jahre durch das Dienstmdchen
zerschlagen oder verwstet worden war, fand sich an der betreffenden Stelle
bemerkt und abgerechnet, ber jedes war Disposition getroffen; auch ein Brief an
den Kaufherrn fand sich vor, den der Verstorbene noch in den letzten Tagen mit
zitternder Hand geschrieben hatte; ein treuer Hausfreund war zum Vormund Antons
bestellt und mit dem Verkauf des Hauses und Gartens und seines ganzen Inhalts
beauftragt; und Anton trat, vier Wochen nach dem Tode des Vaters, an einem
frhen Sommermorgen ber die Schwelle des vterlichen Hauses, legte den
Schlssel desselben in die Hand des Vormundes, bergab sein Gepck einem
Fuhrmann und fuhr durch das Tor des Stdtchens auf die Hauptstadt zu, den Brief
seines Vaters an den Kaufmann in der Tasche.

                                       2


Schon welkte das frischgemhete Wiesengras in der Mittagssonne, als Anton dem
Nachbar aus Ostrau, der ihn bis zur letzten Station vor der Hauptstadt
mitgenommen hatte, die Hand schttelte und dann rstig auf der Landstrae
vorwrtsschritt. Es war ein lachender Sommertag, auf den Wiesen klirrte die
Sense des Schnitters am Wetzstein und oben in der Luft sang die unermdliche
Lerche. Vor dem Wanderer strich die Landschaft in hgelloser Ebene fort, am
Horizont hinter ihm erhob sich der blaue Zug des Gebirges. Kleine Bche von
Erlen und Weidengruppen eingefat durchrannen lustig die Landschaft, jeder Bach
bildete ein Wiesental, das auf beiden Seiten von ppigen Getreidefeldern
begrenzt wurde. Von allen Seiten stiegen die hellen Glockentrme der Kirchen aus
dem Boden auf, Mittelpunkt einer Gruppe von braunen und roten Dchern, die mit
einem Kranz von Gehlz umgeben waren. Bei vielen Drfern konnte man an der
stattlichen Baumallee und dem Dach eines groen Gebudes den Rittersitz
erkennen, welcher neben den Dorfhusern lag, wie der Schferhund neben der
wolligen Herde.
    Anton eilte vorwrts, wie durch Sprungfedern fortgeschnellt. Vor ihm lag die
Zukunft sonnig wie die Flur, ein Leben voll strahlender Trume und grner
Hoffnungen. Nach langer Trauer in der engen Stube pochte heut sein Herz zum
erstenmal wieder in krftigen Schlgen; in der Flle der Jugendkraft strahlte
sein Auge und lachte sein Mund. Alles um ihn glnzte, duftete, wogte wie in
elektrischem Feuer, in langen Zgen trank er den berauschenden Wohlgeruch, der
aus der blhenden Erde aufstieg. Wo er einen Schnitter im Felde traf, rief er
ihm zu, da heut ein guter Tag sei, und einen guten Tag rief jeder Mund dem
schmucken Jngling zurck. Im Getreidefelde neigten sich die hren am schwanken
Stiel auf ihn zu, sie nickten und grten, und in ihrem Schatten schwirrten
unzhlige Grillen ihren Gesang: Lustig, lustig im Sonnenschein! Auf der Weide
sa ein Volk Sperlinge, die kleinen Barone des Feldes flchteten nicht, als er
vor dem Stamm stehenblieb, ja sie beugten die Hlse herunter und schrien ihn an:
Guten Tag, Wandersmann, wohin, wohin? Und Anton sagte leise: Nach der groen
Stadt, in das Leben. Gutes Glck, schrien die Sperlinge, frisch vorwrts!
    Anton durchschritt auf dem Fupfad einen Wiesengrund, ging ber eine Brcke
und sah sich in einem Wldchen mit gut erhaltenen Kieswegen. Immer mehr nahm das
Gebsch den Charakter eines gepflegten Gartens an, der Wandrer bog um einige
alte Bume und stand vor einem groen Rasenplatz. Hinter diesem erhob sich ein
Herrenhaus mit zwei Trmchen in den Ecken und einem Balkon. Wer auf dem Balkon
stand, konnte ber den Grasplatz hinber durch eine ffnung in den Baumgruppen
die schnsten Umrisse des fernen Gebirges sehen. An den Trmchen liefen
Kletterrosen und wilder Wein in die Hhe, und unter dem Balkon ffnete sich
gastlich eine Halle, welche mit blhenden Struchern ausgeschmckt war. Es war
kein prchtiger Landsitz, und es gab viele grere und schnere in der Umgegend,
aber es war doch ein stattlicher Anblick, sehr imponierend fr Anton, der, in
einer kleinen Stadt aufgewachsen, nur selten den behaglichen Wohlstand eines
Gutsbesitzers in der Nhe gesehen hatte. Alles erschien ihm sehr prchtig und
groartig! Die zierlich geformten Blumenbeete in dem geschorenen Samt des
Rasens, die bunten Gruppen der Glashauspflanzen, all der frhliche Schmuck, den
die Hand des Grtners um das Herrenhaus herum angebracht hatte, das sah ihm in
dem reinen Lichte und der Ruhe des Sonnentages aus wie ein Bild aus fernem
Lande. Der glckliche Jngling geriet in ein so trumerisches Entzcken, da er
sich in den Schatten eines groen Fliederstrauches am Wege setzte und hinter dem
Busch verborgen lange Zeit auf das anmutige Bild hinstarrte. Wie glcklich
muten die Menschen sein, welche hier wohnten, wie vornehm und wie edel! Auf
dieser Seite schne Blten und groe Bume, auf der andern Seite wahrscheinlich
ein weiter Hofraum mit Scheuern und Stllen, viel Pferde darin, groe Rinder und
unzhlige feinwollige Schafe. Denn schon vor dem Eintritt in den Park hatte
Anton auf eingehegtem Wiesenraum eine Anzahl Fllen gesehn und ihre lustigen
Sprnge beobachtet. Der Respekt vor allem, was stattlich, sicher und mit
Selbstgefhl in der Welt auftritt, war ihm, dem armen Sohn des Kalkulators,
angeboren, und wenn er jetzt in der reinen Freude ber die Pracht, welche ihn
umgab, an sich selbst dachte, erschien er sich als hchst unbedeutend, als gar
nicht der Rede wert, als eine Art gesellschaftlicher Dumling, winzig, kaum
sichtbar im Gras. Unwillkrlich fuhr er in die Rocktasche, seine Handschuhe
herauszuholen. Sie waren von gelbem Zwirn, und noch seine gute Mutter hatte
gesagt, sie shen ganz aus wie seidene, und seidene Handschuhe galten in Ostrau
fr den hchsten Luxus. Der arme Junge zog mit ihnen die berzeugung an, da er
durch sie seiner jetzigen Umgebung doch um einige Gran wrdiger werde.
    Lange sa er in dieser Einsamkeit, endlich kam Bewegung in das stille Bild.
Auf dem Balkon des Hauses trat durch die geffnete Tr eine zierliche
Frauengestalt im hellen Sommerkleide mit weiten Spitzenrmeln und einer
liebenswrdigen Frisur, wie sie Anton von alten Rokokobildern her kannte; er
konnte deutlich die feinen Zge ihres Gesichts erkennen und den klaren Blick des
Auges, welches auf dem Rasenplatz unter ihren Fen ruhte. Die Dame stand auf
das Gelnder gesttzt bewegungslos wie eine Statue, und Anton sah ehrerbietig zu
ihr hinauf. Endlich flog aus der offenen Tr hinter der Dame ein bunter Papagei,
setzte sich auf ihre Hand und lie sich von ihr liebkosen. Dies glnzende Tier
steigerte Antons Bewunderung. Und als dem Papagei ein fast erwachsenes Mdchen
folgte, welches schmeichelnd den Hals der schnen Frau umschlang, und als die
Dame zrtlich die Wange des Mdchens an die ihre drckte, und als der Papagei
auf die Kpfe der beiden Damen flog und laut schreiend von einer Schulter zur
andern sprang, da wurde das Gefhl der Verehrung in unserm Anton so lebhaft, da
er vor innerer Aufregung errtete und sich tiefer in den Schatten des Gebsches
zurckzog.
    Er dachte an die beiden schnen Frauengestalten auf dem Balkon und ging mit
elastischem Schritt wie einer, dem etwas Frhliches begegnet ist, den breiten
Weg zurck, um einen Ausgang aus dem Garten zu finden. Da hrte er hinter sich
das Schnauben eines Pferdes. Auf einem schwarzen Pony kam die jngere der beiden
Damen in seinem Wege geritten, die schlanke Gestalt sa sicher auf dem Pferd und
gebrauchte einen Sonnenschirm als Reitgerte. Die Damenwelt von Ostrau hatte
nicht die Gewohnheit auf kleinen Pferden umherzureiten. Nur einmal hatte Anton
eine Kunstreiterin gesehen mit sehr roten Wangen und einem langen roten Kleide,
welche, begleitet von einem groen schwarzbrtigen Herrn, hinter dem lustigen
Bajazzo durch die Straen ritt und an jeder Straenecke anhielt, wo ihr Pferd
einen Sprung machte, und Bajazzo unerhrt lcherliche Worte zu der versammelten
Jugend sprach. Schon damals hatte er mit unsglicher Bewunderung die schne
Reiterin betrachtet, und jetzt war er ganz der Mann, dasselbe Gefhl womglich
in strkerem Grade zu empfinden. Er blieb stehen und machte der Reiterin eine
ehrfurchtsvolle Verbeugung. Diese erwiderte die Huldigung mit grazisem
Kopfnicken, worauf sie pltzlich ihr Pferd anhielt und freundlich frug: Suchen
Sie jemand hier? Vielleicht wnschen Sie meinen Vater zu sprechen.
    Ich bitte um Verzeihung, sagte Anton mit tiefster Ehrerbietung.
Wahrscheinlich bin ich auf einem Wege, der Fremden nicht erlaubt ist. Ich kam
den Fusteig ber die Wiesen und sah kein Tor und keinen Zaun.
    Das Tor ist auf der Brcke, es steht am Tage offen, belehrte das Frulein,
gndig auf Anton sehend; denn da Ehrfurcht nicht gerade das gewhnliche Gefhl
ist, welches vierzehnjhrige Frulein einflen, so war ihr die massenhafte
Anhufung dieser Empfindung bei Anton auerordentlich wohltuend.
    Da Sie im Garten sind, wollen Sie sich nicht darin umsehen? Es wird uns
freuen, wenn er Ihnen gefllt, fgte sie mit Wrde hinzu.
    Ich habe mir die Freiheit genommen, erwiderte Anton wieder mit einer
Verbeugung, ich war bis dort oben am Rasenplatz vor dem Schlo. Er ist
prchtig! rief der ehrliche Junge begeistert aus.
    Ja, sagte die Dame, immer noch den Pony anhaltend, Mama hat selbst dem
Grtner alles angegeben.
    Also die gndige Frau, welche vorhin auf dem Balkon stand, ist Ihre Frau
Mutter? frug Anton schchtern.
    Ah! Sie haben uns belauscht, rief die Kleine und sah ihn vornehm an.
Wissen Sie, da das nicht hbsch war?
    Seien Sie mir deshalb nicht bse, bat Anton demtig, ich trat sogleich
zurck, aber es sah wunderschn aus. Die beiden Damen nebeneinander, die Bschel
blhender Rosen und das zackige Weinlaub um Sie herum. Ich werde das nicht
vergessen, fgte er ernsthaft hinzu.
    Er ist allerliebst! dachte das Frulein. Da Sie so viel von unserem
Garten gesehen haben, sagte sie herablassend, so mssen Sie auch auf die
Punkte gehen, wo Aussichten sind. Ich reite dorthin - wenn Sie mir folgen
wollen.
    Anton folgte in der glcklichsten Stimmung. Das Frulein redete ihrem Pferde
zu im Schritt zu gehen und machte den Erklrer. Sie zeigte ihm groe Baumgruppen
und freundliche Aussichten auf die Landschaft, legte dabei einen Teil ihrer
Majestt ab und wurde gesprchig. Bald plauderten beide so ungezwungen, wie alte
Bekannte. Endlich stieg das Frulein ab, als ihr einige Stufen eine schickliche
Veranlassung gaben, und fhrte das Pferd am Zgel; darauf wagte Anton den Hals
des Schwarzen zu streicheln, was den Pony wohlwollend aufnahm und seinerseits
dem Fremdling die Rocktaschen beroch.
    Er hat Zutrauen zu Ihnen, sagte das Frulein, er ist ein kluges Tier.
Sie warf ihm die Zgel ber den Kopf und gab ihm einen Schlag, worauf der Pony
in kurzen Sprngen davonrannte. Wir kommen in den Blumengarten, da darf er
nicht hinein; er luft zum Stall zurck, er ist's gewhnt.
    Dieser Pony ist ein Wunder von einem Pferde, rief ihm Anton nach.
    Ich bin sein Liebling, sagte das Frulein beistimmend, er folgt mir aufs
Wort. Anton fand die Anhnglichkeit des Pony natrlich, setzte dieselbe
Empfindung beim Papagei voraus und war geneigt zu behaupten, da alle brige
Kreatur der Erde eine hnliche Stimmung gegen seine Fhrerin haben msse.
    Ich denke, Sie sind von Familie, frug die junge Dame pltzlich, stemmte
ihren Schirm gegen einen Baumast und sah Anton mit altklugem Blick an.
    Nein, sagte der Sohn des Kalkulators traurig, mein Vater starb vor vier
Wochen, es ist ein Jahr, da meine gute Mutter tot ist, ich bin allein, ich gehe
nach der Hauptstadt. Seine Lippen zuckten bei der Erinnerung an den jngsten
Verlust.
    Erschrocken sah das Frulein den Schmerz im Gesicht des Fremden. Sie armer,
armer Herr! rief sie gerhrt und verlegen. Kommen Sie schnell, ich will Ihnen
noch etwas zeigen. Hier sind die Frhbeete; hier ist das Beet mit Erdbeeren, es
sind noch einige darin. - Franz, bringen Sie den Teller mit Beeren, rief sie
dem Grtner zu. Franz eilte damit herbei. Eifrig ergriff das Frulein den Teller
und bot die Beeren unserm Helden mit gtigem Lcheln: Hier, mein Herr! Haben
Sie die Gte, dies von mir anzunehmen. Vom Hause meines Vaters darf kein Gast
scheiden, ohne von dem Besten zu kosten, das uns die Jahreszeit gibt. Bitte,
nehmen Sie, bat sie dringend.
    Anton hielt den Teller in der Hand und sah aus feuchten Augen herzlich nach
der jungen Dame.
    Ich esse mit Ihnen, sagte das Frulein und fate zwei Beeren. Darauf
leerte Anton gehorsam den Teller.
    Jetzt fhre ich Sie noch aus dem Garten, sprach die Dame. Der Grtner
ffnete respektvoll eine kleine Seitentr, und das Frulein geleitete den
Reisenden bis an einen Teich, auf dem alte und junge Schwne ruderten.
    Sie kommen heran, rief Anton freudig.
    Sie wissen, da ich etwas fr sie in der Tasche habe, sagte seine
Begleiterin und lste die Kette eines Kahns. - Steigen Sie ein, mein Herr, ich
fahre Sie hinber, dort drben ist Ihr Weg.
    Ich darf Sie nicht so bemhen, sagte Anton und zauderte einzutreten.
    Ohne Widerspruch, befahl das Frulein, es geschieht gern. Sie setzte
sich auf die Steuerbank und drckte das Wasser mit dem leichten Ruder geschickt
hinter den Kahn. So fuhr sie langsam ber den Teich, die Schwne zogen ihr nach,
sie hielt von Zeit zu Zeit an und warf ihnen einige Bissen zu. Anton sa ihr
selig gegenber. Er war wie verzaubert. Im Hintergrund das dunkle Grn der
Bume, um ihn die klare Flut, welche leise an dem Schnabel des Kahns rauschte,
ihm gegenber die schlanke Gestalt der Schifferin, die strahlenden blauen Augen,
das edle Gesicht gertet durch ein liebliches Lcheln, und hinter ihnen her das
Volk der Schwne, das weie Gefolge der Herrin dieser Flut. Es war ein Traum, so
lieblich, wie ihn nur die Jugend trumt.
    Der Kahn stie an das Ufer, Anton stieg heraus und rief: Leben Sie wohl!
und unwillkrlich streckte er ihr die Hand entgegen. Leben Sie wohl, sagte die
Kleine und berhrte seine Hand mit den Fingerspitzen. Sie wandte den Kahn und
fuhr langsam zurck. Anton sprang ber den Rasen bis auf den erhhten Weg und
sah von dort auf das Wasser. Der Kahn landete an einer Baumgruppe, das Frulein
wandte sich noch einmal nach ihm um, dann verschwand sie hinter den Bumen.
Durch eine ffnung des Parkes sah Anton das Schlo vor sich liegen, hoch und
vornehm ragte es ber die Ebene. Lustig flatterte die Fahne auf dem Trmchen,
und krftig glnzte im Sonnenschein das Grn der Schlingpflanzen, welche den
braunen Stein der Mauern berzogen. So fest, so edel! sagte Anton vor sich
hin.
    Wenn du diesem Baron aufzhlst hunderttausend Talerstcke, wird er dir noch
nicht geben sein Gut, was er hat geerbt von seinem Vater, sprach eine scharfe
Stimme hinter Antons Rcken. Dieser wandte sich zornig um, das Zauberbild
verschwand, er stand in dem Staube der groen Landstrae. Neben ihm lehnte an
einem Weidenstamm ein junger Bursch in rmlichem Aufzuge, welcher ein kleines
Bndel unter dem Arm hielt und mit ruhiger Unverschmtheit unsern Helden
anstarrte.
    Bist du's, Veitel Itzig! rief Anton, ohne groe Freude ber die
Zusammenkunft zu verraten. Junker Itzig war keine auffallend schne Erscheinung,
hager, bleich, mit rtlichem, krausem Haar, in einer alten Jacke und defekten
Beinkleidern sah er so aus, da er einem Gendarmen ungleich interessanter sein
mute, als andern Reisenden. Er war aus Ostrau, ein Kamerad Antons von der
Brgerschule her. Anton hatte in frherer Zeit Gelegenheit gehabt, durch tapfern
Gebrauch seiner Zunge und seiner kleinen Fuste den Judenknaben vor
Mihandlungen mutwilliger Schler zu bewahren und sich das Selbstgefhl eines
Beschtzers der unterdrckten Unschuld zu verschaffen. Namentlich einmal in
einer dstern Schulszene, in welcher ein Knackwrstchen benutzt wurde, um
verzweifelte Empfindungen in Itzig hervorzurufen, hatte Anton so wacker fr
Itzig pldiert, da er selbst ein Loch im Kopfe davontrug, whrend seine Gegner
weinend und blutrnstig hinter die Kirche rannten und selbst die Knackwurst
aufaen. Seit diesem Tage hatte Itzig eine gewisse Anhnglichkeit an Anton
gezeigt, welche er dadurch bewies, da er sich bei schweren Aufgaben von seinem
Beschtzer helfen lie und gelegentlich ein Stck von Antons Buttersemmel zu
erobern wute, und Anton hatte den unliebenswrdigen Burschen gern geduldet,
weil es wohltat, einen Schtzling zu haben, wenn dieser auch im Verdacht stand,
Schreibfedern zu mausen und spter an Begterte wieder zu verkaufen. In den
letzten Jahren hatten die jungen Leute einander wenig gesehen, gerade so oft,
da Itzig Gelegenheit erhielt, die vertraulichen Formen des Schulverkehrs durch
gelegentliche Anreden und kleine Spttereien aufzufrischen.
    Die Leute sagen, da du auch gehst nach der groen Stadt, um zu lernen das
Geschft, fuhr Veitel fort. Du wirst lernen, wie man Tten dreht und Sirup
verkauft an die alten Weiber; ich gehe auch nach der Stadt, ich will machen mein
Glck.
    Anton antwortete unwillig ber die freche Rede und ber das vertrauliche Du,
das der Kamerad aus der Elementarschule immer noch gegen ihn wagte: So gehe
deinem Glck nach und halte dich nicht bei mir auf.
    Es hat keine Eil', entgegnete Veitel nachlssig, ich will warten, bis
auch du gehst, wenn dir meine Kleider nicht sind zu schlecht. Diese Berufung
auf Antons Humanitt hatte die Folge, da Anton sich schweigend die Gegenwart
des unwillkommenen Gefhrten gefallen lie. Er warf noch einen Blick nach dem
Schlosse und schritt dann stumm auf der Landstrae fort, Itzig immer einen
halben Schritt hinter ihm. Endlich wandte sich Anton um und fragte nach dem
Eigentmer des Schlosses.
    Wenn Veitel Itzig nicht ein Hausfreund des Gutsbesitzers war, so mute er
doch zum wenigsten ein vertrauter Freund seines Pferdejungen sein; denn er war
bekannt mit vielen Verhltnissen des Freiherrn, der in dem Schlosse wohnte. Er
berichtete, da der Baron nur zwei Kinder habe, dagegen eine ausgezeichnete
Schafherde auf einem groen schuldenfreien Gut. Der Sohn sei auswrts auf einer
Schule. Als Anton mit lebhaftem Interesse zuhrte und dies durch seine Fragen
verriet, sagte Itzig endlich: Wenn du willst haben das Gut von diesem Baron,
ich will dir's kaufen.
    Ich danke, antwortete Anton kalt; er wrde es nicht verkaufen, hast du
mir eben gesagt.
    Wenn einer nicht will verkaufen, mu man ihn dazu zwingen, rief Itzig.
    Du bist der Mann dazu, sprach Anton.
    Ob ich bin der Mann, oder ob es ist ein anderer; es ist doch zu machen, da
man kauft von jedem Menschen, was er hat. Es gibt ein Rezept, durch das man kann
zwingen einen jeden, von dem man etwas will, auch wenn er nicht will.
    Mu man ihm einen Trank eingeben, frug Anton mit Verachtung, oder ein
Zauberkraut?
    Tausendgldenkraut heit das Kraut, womit man vieles kann machen in der
Welt, erwiderte Veitel, aber wie man es mu machen, da man auch als kleiner
Mann kriegen kann so ein Gut wie des Barons Gut, das ist ein Geheimnis, welches
nur wenige haben. Wer das Geheimnis hat, wird ein groer Mann, wie der
Rothschild, wenn er lange genug am Leben bleibt.
    Wenn er nicht vorher festgesetzt wird, warf Anton ein.
    Nichts eingesteckt! antwortete Veitel. Wenn ich nach der Stadt gehe zu
lernen, so gehe ich zu suchen die Wissenschaft, sie steht auf Papieren
geschrieben. Wer die Papiere finden kann, der wird ein mchtiger Mann; ich will
suchen diese Papiere, bis ich sie finde.
    Anton sah seinen Reisegefhrten von der Seite an, wie man einen Menschen
ansieht, dessen Verstand in der Irre lustwandelt, und sagte endlich mitleidig:
Du wirst sie nirgend finden, armer Veitel.
    Itzig aber fuhr fort, sich vertraulich an Anton drngend: Was ich dir sage,
das erzhle keinem weiter. Die Papiere sind gewesen in unsrer Stadt, einer hat
sie gekriegt von einem alten sterbenden Bettler, und ist geworden ein mchtiger
Mann; der alte Schnorrer hat sie ihm gegeben in einer Nacht, wo der andere hat
gebetet an seinem Lager, ihm zu vertreiben den Todesengel.
    Und kennst du den Mann, der die Papiere hat? frug Anton neugierig.
    Wenn ich ihn wei, so werde ich es doch nicht sagen, antwortete Veitel
schlau, aber ich werde finden das Rezept. Und wenn du haben willst das Gut des
Barons, und seine Pferde und Khe und seinen bunten Vogel, und den Backfisch,
seine Tochter, so will ich dir's schaffen aus alter Freundschaft, und weil du
ausgehauen hast die Bocher in der Schule fr mich.
    Anton war entrstet ber die Frechheit seines Gefhrten. Hte dich nur, da
du kein Schuft wirst, du scheinst mir auf gutem Wege zu sein, sagte er zornig
und ging auf die andere Seite der Strae.
    Itzig lie sich durch diesen guten Rat nicht anfechten, sondern pfiff ruhig
vor sich hin. So schritten die beiden Reisenden in langem Schweigen, welches
Itzig unbefangen beim nchsten Dorfe unterbrach, indem er seinem Begleiter
wieder Namen und Vermgensverhltnisse des Ritterguts angab. Und diese
belehrende Unterhaltung wiederholte sich bei jedem Dorf, so da Anton ganz
betroffen wurde ber die ausgebreiteten statistischen Kenntnisse seines
Gefhrten. Endlich verstummten beide und legten die letzte Meile, ohne ein Wort
zu sprechen, nebeneinander zurck.

                                       3


Der Freiherr von Rothsattel gehrte zu den wenigen Menschen, welche nicht nur
von aller Welt glcklich gepriesen werden, sondern auch sich selbst fr
glcklich halten. Er stammte aus einem sehr alten Hause. Ein Rothsattel war
schon in den Kreuzzgen nach dem Morgenlande geritten. Wenigstens wurde in der
Familie ein Rokokoflakon von buntem Glas als orientalisches Flschchen
aufbewahrt, ein Beweis fr die Existenz des Ahnherrn und zur Erinnerung an die
schne Zeit der Kreuzzge. Ein anderer Rothsattel hatte einen Haufen Bergleute
gegen die Hussiten gefhrt und war mit dem ganzen Haufen zu seiner und des Herrn
Ehre erschlagen worden. Wieder einer war Fhnrich in dem Heere des Moritz von
Sachsen gewesen, er galt fr den Stifter der Linie Rothsattel-Steigebgel, und
sein kriegerisches Bildnis hing noch im Turmzimmer des Schlosses. Ein anderer
hatte sich im Dreiigjhrigen Kriege bei verschiedenen Armeen und auf eigene
Faust gerhrt; die Familiensage meldete von ihm, er sei ein sehr dicker Herr und
ein groer Trinker gewesen, von krftiger Suade und etwas freien Sitten. Er war
als erster des Geschlechtes in die Gegend gekommen, in welcher diese Erzhlung
verlaufen soll, und hatte eine Anzahl Landgter auf irgendeine Weise in Besitz
genommen. Unter den Kinderfrauen der Familie bestand seit alter Zeit die dstere
berzeugung, da dieser dicke Herr zuweilen im Keller auf einer groen
Krauttonne zu sehen sei, wo er als ruheloser Geist sitze und chze, zur Strafe
fr schauderhafte Vergehungen gegen die Tugend seiner weiblichen Zeitgenossen.
Wieder ein anderer Vorfahr war kaiserlicher Rat zu Wien gewesen; der Urgrovater
des gegenwrtigen Besitzers war von dem groen Knig der Preuen starr angesehen
und darauf mit Wohlwollen angeredet worden. Auch der Grovater war zu seiner
Zeit ein unternehmender und vielbesprochener Kavalier gewesen, der in der Armee
keine Lorbeeren gefunden und sich resigniert hatte, dieselben im Boudoir
galanter Damen und am grnen Tisch zu suchen. Leider waren ihm dabei seine Gter
lstig geworden und aus den Hnden geglitten. Sein Sohn endlich, der Vater des
gegenwrtigen Besitzers, war ein einfacher Landedelmann von migem Geiste, der
nach langen Prozessen das eine stattliche Gut aus den Trmmern des
Familienvermgens rettete und sein Leben damit zubrachte, dasselbe fr seine
Nachkommen schuldenfrei zu machen. Die Rothsattel hatten von je in dem Ruf
gestanden, starke Nachkommenschaft zu hinterlassen, und alle ltern Damen aus
der Familie erklrten diese Eigenheit - so hchst achtungswert sie auch sonst
sei - doch fr den einzigen Grund, da das berhmte Haus nicht dazu gekommen
war, die neunzinkige Grafenkrone oder gar den geschlossenen Reif eines
Titularfrstentums auf dem Wappenhelm seines Seniors zu sehen. Gegenber dem
alten Brauch seines Hauses erwies der Vater auch dadurch seinen bescheidenen
Sinn, da er nur einen Sohn hinterlie.
    Der gegenwrtige Besitzer des Gutes hatte in einem Garderegiment gedient,
wie dem Spro eines so kriegerischen Hauses ziemte. Er hatte dort den Ruf eines
vollendeten Edelmannes erworben. Er war brauchbar im Dienst und ein
vortrefflicher Kamerad gewesen, wohlbewandert in allen ritterlichen bungen,
zuverlssig in Ehrensachen. Er hatte bei Hofbllen stets schicklich dagestanden,
und sooft er von einer Prinze befohlen wurde, mit guter Haltung getanzt. Auch
als Mann von Charakter hatte er sich gezeigt, da er aus wirklicher Neigung ein
armes Hoffrulein heiratete, eine liebenswrdige junge Dame, deren Abgang aus
den Quadrillen des Hofes lebhafte Betrbnis in allen Mnnerherzen hervorrief.
Mit seiner Gemahlin hatte sich der Freiherr als verstndiger Mann in die Provinz
zurckgezogen, hatte durch eine Reihe von Jahren fast ausschlielich fr seine
Familie gelebt und dadurch den Vorteil erreicht, da seine Regimentsschulden
smtlich bezahlt und seine Ausgaben nicht grer waren, als seine Einnahmen.
Sein Haus war vortrefflich eingerichtet, die geringe Aussteuer seiner Frau war
dazu benutzt worden, ihr durch Einrichtung des Parks eine groe Freude zu
machen. Der Freiherr hielt einen Weinkeller von guten Tischweinen, hatte zwei
prchtige Wagenpferde und zwei elegante Reitpferde, ging jeden Morgen durch die
Wirtschaft und ritt jeden Nachmittag aufs Feld, hielt viel auf seine Schafherde
und setzte einen Stolz darein, seine feine Wolle gut waschen zu lassen. Er war
ein durchaus ehrlicher Mann, noch jetzt eine imponierend schne Gestalt,
verstand wrdig zu reprsentieren und einen gastfreien Wirt zu machen, und
liebte seine Frau womglich noch mehr als in den ersten Monaten nach seiner
Vermhlung. Kurz er war das Musterbild eines adligen Rittergutsbesitzers. Er war
kein bermig reicher Herr, ungefhr das, was man einen Fnftausendtalermann
nennt, und htte sein schnes Gut in gnstigen Zeiten wohl um vieles hher
verkaufen knnen, als der scharfsinnige Itzig annahm. Er htte das aber mit
Recht fr eine groe Torheit gehalten. Zwei gesunde und fhige Kinder
vollendeten das Glck seines Haushaltes, der Sohn war im Begriff als Militr die
Familienkarriere zu beginnen, die Tochter sollte noch einige Jahre unter den
Flgeln der Mutter leben, bevor sie in die groe Welt trat.
    Wie alle Menschen, welchen das Schicksal Familienerinnerungen aus alter Zeit
auf einen Schild gemalt und an die Wiege gebunden hat, war auch unser Freiherr
geneigt, viel an die Vergangenheit und Zukunft seiner Familie zu denken. An
seinem Grovater war die trbe Erfahrung gemacht worden, da ein einziger
ungeordneter Geist hinreicht, das auseinanderzustreuen, was emsige Vorfahren an
Goldkrnern und Ehren fr ihre Nachkommen gesammelt haben. Er htte deshalb gern
sein Haus fr alle Zukunft vor dem Herunterkommen gesichert, htte gern sein
schnes Gut in ein Majorat verwandelt und dadurch leichtsinnigen Enkeln
erschwert, zwar nicht Schulden zu machen, aber dieselben zu bezahlen. Doch die
Rcksicht auf seine Tochter hielt ihn von diesem Schritte ab, es kam seinem
ehrlichen Gefhl ungerecht vor, dies geliebte Kind wegen knftiger ungewisser
Rothsattel zu enterben. Und er empfand mit Schmerz, da sein altes Geschlecht in
der nchsten Generation in dieselbe Lage kommen werde, in der die Kinder eines
Beamten oder eines Krmers sind, in die unbequeme Lage, sich durch eigene
Anstrengung eine mige Existenz schaffen zu mssen. Er hatte oft versucht, von
seinen Ertrgen zurckzulegen, indes die Gegenwart war dazu wirklich nicht
geeignet; berall fing man an mit einer gewissen Reichlichkeit zu leben, mehr
auf elegante Einrichtung und den zahllosen kleinen Schmuck des Daseins zu
halten. Und was er in gnstigen Jahren etwa gespart hatte, das war durch kleine
Badereisen, welche die zarte Gesundheit seiner Frau nach der Behauptung des
Arztes notwendig machte, immer wieder ausgegeben worden. Der Gedanke an die
Zukunft seiner Familie beschftigte den Freiherrn auch heut, als er auf seinem
Halbblut durch die groe Kastanienallee dem Schlo zusprengte. Es war eine sehr
kleine Wolke, welche unter dem Sonnenschein seiner Seele dahinfuhr, sie
verschwand im Nu, als er Gewnder vor sich flattern sah und seine Gemahlin
erkannte, welche mit der Tochter ihm entgegeneilte. Er sprang vom Pferde, kte
sein Lieblingskind auf die Stirn und sagte vergngt zu seiner Frau: Wir haben
vortreffliches Wetter zur Heuernte, es wird nach Krften eingefahren, der
Amtmann behauptet, wir htten noch nie so viel Futter gemacht.
    Du hast Glck, Oscar, sagte die Baronin zrtlich zu ihm aufblickend.
    Wie immer seit siebzehn Jahren, seit ich dich heimgefhrt habe, antwortete
der Gemahl mit einer Artigkeit, die vom Herzen kam.
    Heut sind es siebzehn Jahr, rief die Baronin, sie sind vergangen, wie ein
Sommertag. Wir sind sehr glcklich gewesen, Oscar. Sie schmiegte sich an seinen
Arm und sah dankend zu ihm auf. Gewesen? fragte der Freiherr, ich denke wir
sind's noch. Und ich sehe nicht ein, weshalb es nicht weiter so fortgehen soll.
    Berufe es nicht, bat die Baronin. Mir ist manchmal, als knnte so viel
Sonnenschein nicht ewig whren; ich mchte demtig entbehren und fasten, um den
Neid des Schicksals zu vershnen.
    Nun, sagte der Freiherr gutmtig, das Schicksal lt auch uns nicht
ungezaust. Die Donnerwetter fehlen uns nicht, aber diese kleine Hand erhebt sich
zur Beschwrung und sie ziehen vorber. Hast du nicht rger genug mit dem
Haushalt, den Tollheiten der Kinder, und zuweilen mit deinem Tyrannen, da du
dir mehr ersehnst?
    Du lieber Tyrann! rief die Baronin. Dir danke ich dies Glck. Und wie
fhle ich es. Nach siebzehn Jahren bin ich immer noch stolz darauf, einen so
stattlichen Hausherrn zu haben, ein so schnes Schlo und ein so groes Gut, wo
jeder Fubreit des Bodens auch mir gehrt. Als du mich, das arme Frulein, mit
meinen Fhnchen und dem Schmuckkstchen, das ich der Gnade der Herrschaft
verdanke, in dein Haus fhrtest, da erst lernte ich erkennen, welche Seligkeit
es ist, im eigenen Hause als Herrin zu regieren, und dem Willen keines andern zu
gehorchen, als dem des geliebten Mannes.
    Du hast doch vieles aufgegeben um meinetwillen, sagte der Freiherr. Oft
habe ich gefrchtet, da unser Landleben dir, dem Gnstling der verstorbenen
Prinze, zu einsam und klein erscheinen wrde.
    Dort war ich Dienerin, hier bin ich Herrin, sagte die Baronin lachend.
Auer meiner Toilette hatte ich nichts, was mir selbst gehrte. Immer in den
langweiligen Stuben der Hoffrulein umherziehen, an allen Abenden zu der letzten
Rolle verurteilt sein, und dabei die Angst haben, da das immer so fortgehen
soll, bis man alt wird in ewigen Zerstreuungen, ohne eigenes Leben! Du weit,
da mich das oft traurig gemacht hat. Hier sind die berzge unserer Mbeln
nicht von schwerem Seidenstoff und in unserm Saal steht keine Tafel aus
Malachit, aber was im Hause ist, gehrt mir. Sie schlang ihren Arm um den
Freiherrn: Du gehrst mir, die Kinder, unsere silbernen Armleuchter.
    Die neuen sind nur Komposition, warf der Freiherr ein.
    Das sieht niemand, erwiderte seine Gemahlin frhlich. Und wenn ich mein
Porzellan ansehe, und am Rande dein und mein Wappen erblicke, so schmecken mir
unsere zwei Schsseln zehnmal so gut, als die vielen Gnge der Hofkche. Und
vollends die groen Hoftage und unsere Marschallstafel, wo jeder den andern zum
Verzweifeln genau kannte, und jeder dem andern zum Verzweifeln gleichgltig
war.
    Du bist ein glnzendes Beispiel von Gengsamkeit, sagte der Freiherr. Um
deinetwillen und wegen der Kinder wollte ich, dies Gut wre zehnmal so gro, und
unsere Einnahme so, da ich dir einen Pagen halten knnte, Frau Marquise, und
auer der Wirtschafterin ein paar Hoffrulein.
    Nur keine Frulein, bat die Baronin, und was den Pagen betrifft, so
braucht man keinen, wenn man einen Kavalier hat, der so aufmerksam ist, wie du.
    So schritt der Freiherr behaglich zwischen den beiden Frauen dem Schlosse
zu. Lenore hatte sich unterdes der Zgel seines Reitpferdes bemchtigt und
redete dem Pferde freundlich zu, so wenig Staub als mglich zu machen.
    Dort hlt ein fremder Wagen, ist Besuch gekommen? fragte der Freiherr, als
sie sich dem Hofe nherten.
    Es ist nur Ehrenthal, antwortete die Baronin, er wartet auf dich und hat
bereits seinen ganzen Vorrat von schnen Redensarten an uns verschwendet; Lenore
lie ihrem bermut den Zgel schieen, und es war hohe Zeit, da ich sie
wegfhrte; dem drolligen Mann wurde angst bei der Koketterie des unartigen
Kindes.
    Der Freiherr lchelte. Mir ist er immer noch der liebste in dieser Klasse
von Geschftsleuten, sagte er; sein Benehmen ist wenigstens nicht abstoend,
und ich habe ihn in dem langen Verkehr stets zuverlssig gefunden. - Guten Tag,
Herr Ehrenthal, was fhrt Sie zu mir?
    Herr Ehrenthal war ein wohlgenhrter Herr in seinen besten Jahren mit einem
Gesicht, welches zu rund war, zu gelblich und zu schlau, um schn zu sein; er
trug Gamaschen an den Fen, eine diamantene Busennadel auf dem Hemd und schritt
mit groen Bcklingen und tiefen Bewegungen des Hutes durch die Allee dem Baron
entgegen.
    Ihr Diener, gndiger Herr, antwortete er mit ehrerbietigem Lcheln, wenn
mich auch nichts herfhrt von Geschften, so werde ich Sie doch bitten, Herr
Baron, da Sie mir manchmal erlauben, herumzugehen in Ihrer Wirtschaft, damit
ich in meinem Herzen eine Freude habe. Es ist mir eine Erholung von der Arbeit,
wenn ich komme in Ihren Hof. Alles so glatt und wohlgenhrt, und alles so
reichlich und gut eingerichtet in den Stllen und in den Scheunen. Die Sperlinge
auf dem Dach sehen bei Ihnen lustiger aus, als die Sperlinge von andern Leuten.
Wenn man als Geschftsmann so vieles erblicken mu, was einen nicht erfreut, wo
die Menschen durch ihr Verschulden in Unordnung kommen und Verfall, da tut's
einem wohl, wenn man ein Leben sieht, wie das Ihre; keine Sorgen, keine groen
Sorgen zum wenigsten, und so vieles, was das Herz erfreut.
    Sie sind so artig, Herr Ehrenthal, da ich glauben mu, etwas recht
Wichtiges fhrt Sie her. Wollen Sie ein Geschft mit mir machen? fragte der
Freiherr gutmtig.
    Mit einem Kopfschtteln, wie es dem biedern Mann ansteht, wenn er einen
ungerechten Verdacht von sich abweisen will, antwortete Herr Ehrenthal: Nichts
vom Geschft, Herr Baron! Die Geschfte, die ich mit Ihnen mache, sind solche,
wo man sagt keine Artigkeiten. Gute Ware und gutes Geld, so haben wir es immer
gehalten, und so wollen wir's mit Gottes Hilfe auch ferner halten. Ich kam nur
herein im Vorbeifahren - dabei bewegte er nachlssig die Hand, um pantomimisch
zu bekrftigen, da er nur im Vorbeifahren sei -, ich wollte fragen wegen des
Pferdes, das der Herr Baron zu verkaufen haben. Es ist einer im Dorfe daneben,
dem ich habe versprochen zu fragen nach dem Preis. Ich kann's ebensogut mit dem
Amtmann abmachen, wenn der Herr Baron keine Zeit haben fr mich.
    Kommen Sie mit, Ehrenthal, sagte der Freiherr, ich fhre mein Pferd
selbst in den Stall.
    Herr Ehrenthal machte den Frauen viele Bcklinge, welche von Lenore durch
ebenso tiefe Knickse erwidert wurden, und folgte dem Freiherrn zur Stalltr.
Dort blieb er respektvoll stehen und bestand darauf, da das Pferd des Barons
und der Baron selbst vor ihm eintraten. Nach kurzer Besichtigung und den
blichen Reden und Gegenreden fhrte der Freiherr Herrn Ehrenthal auch in den
Kuhstall, worauf Herr Ehrenthal den leidenschaftlichen Wunsch aussprach, auch
die Klber zu sehen, und endlich die Bitte zufgte, auch bei den Zuchtbcken zur
Audienz zugelassen zu werden. Er war ein erfahrener Geschftsmann, und wenn das
Entzcken, welches er aussprach, auch etwas handwerksmig und berschwenglich
klang, so war das, was er lobte, doch wirklich lobenswert, und der Freiherr
hrte das Lob mit Wohlgefallen an.
    Nach Besichtigung der Schafe mute eine Pause gemacht werden, denn Ehrenthal
war zu sehr ergriffen von der Feinheit und Dichtigkeit ihres Pelzes. Nein,
dieser Stapel! seufzte er in trumerischer Begeisterung; schon jetzt kann man
sehen, was er sein wird im nchsten Frhjahr. Er wiegte den Kopf hin und her
und zwinkerte mit den kleinen Augen nach der Sonne. Wissen Sie, Herr Baron, da
Sie sind ein glcklicher Mann! Haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Herrn Sohn?
    Danke, lieber Ehrenthal, er hat gestern geschrieben und seine Zeugnisse
geschickt, antwortete der Freiherr.
    Er wird werden, wie sein Herr Vater, rief Herr Ehrenthal aus, ein
Kavalier von erster Qualitt, und ein reicher Mann, der Herr Baron wei zu
sorgen fr seine Kinder.
    Ich erspare nichts, lieber Ehrenthal, erwiderte der Baron nachlssig.
    Was ersparen? rief der Hndler mit Verachtung gegen eine so plebeje
Ttigkeit; was sollen Sie sparen? Wenn ich mir erlauben darf, das zu bemerken
als ein Geschftsmann, der schon lange die Ehre hat, Sie zu kennen. Was brauchen
Sie zu sparen? Sie werden doch dereinst, wenn der alte Ehrenthal nicht mehr sein
wird, auch ohne Sparen hinterlassen dem jungen Herrn das Gut, welches unter
Brdern wert ist ein und ein halbes Hunderttausend, und dem gndigen Frulein
Tochter auerdem eine Aussteuer von - was soll ich sagen - von fnfzigtausend
Taler bar.
    Sie irren, sagte der Freiherr ernst, ich bin nicht so reich.
    Nicht so reich? rief Herr Ehrenthal mit sittlicher Entrstung gegen jeden
Menschensohn (den Baron ausgenommen), der so etwas behaupten knnte. Es hngt
doch nur von Ihnen ab, jeden Augenblick so reich zu sein. Wer ein Vermgen hat,
wie der Herr Baron, der kann in zehn Jahren verdoppeln sein Kapital ohne Gefahr.
- Warum wollen Sie nicht Pfandbriefe der Landschaft auf Ihr Gut nehmen?
    Die Landschaft der Provinz war damals ein groes Kreditinstitut der
Rittergutsbesitzer, welches Kapitalien zur ersten Hypothek auf Rittergter
auslieh. Die Zahlung erfolgte in Pfandbriefen, welche auf den Inhaber lauteten
und damals berall im Lande fr das sicherste Wertpapier galten. Das Institut
selbst zahlte die Interessen an die Besitzer der Obligationen und erhob von
seinen Schuldnern auer den Zinsen noch einen geringen Zuschlag fr
Verwaltungskosten und zu allmhlicher Tilgung der aufgenommenen Schuld.
    Ich mache keine Geldgeschfte, antwortete der Freiherr stolz, aber in
seiner Brust klang die Saite fort, welche der Hndler angeschlagen hatte.
    Die Geschlte, welche ich meine, sind so, wie sie heutzutage macht jeder
Frst, fuhr Herr Ehrenthal mit Feuer fort. Wenn der gndige Herr Pfandbriefe
der Landschaft aufnimmt auf sein Gut, so kann er jeden Tag erhalten
fnfzigtausend Taler in gutem Pergament. Sie zahlen dafr der Landschaft vier
vom Hundert, und wenn Sie die Pfandbriefe liegenlassen in Ihrer Kasse, so
erhalten Sie davon Zinsen dreiundeinhalb vom Hundert. Dann zahlen Sie ein halbes
Prozent zu an die Landschaft, und durch das halbe Prozent wird noch amortisiert
das Kapital.
    Das heit Schulden machen, um reich zu werden, warf der Gutsherr
achselzuckend ein.
    Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn ein Herr wie Sie fnfzigtausend Taler
liegen hat, welche ihm jhrlich kosten ein halbes Prozent, so kann er damit
kaufen die halbe Welt. Immer gibt es Gelegenheit, Gter zu erwerben zu einem
Spottpreis, wenn man bar Geld oder Pfandbriefe hat zu rechter Zeit. Da sind
Rittergter, da sind Waldungen, die man kann kaufen, oder Anteile von
Bergwerken, oder Aktien von einer soliden Soziett. Oder der Herr Baron knnen
selbst anlegen ein Etablissement auf Ihrem Gut, wenn Sie wollen schaffen Zucker
aus Rben, wie der Herr v. Bergen am Gebirge, oder amerikanisches Mehl, wie der
Herzog von Lbau, oder bayrisches Bier, wie Ihr Nachbar, der Graf Horn. Was ist
dabei fr eine Gefahr? Sie werden einnehmen zehn, zwanzig, ja fnfzig Taler vom
Hundert des Kapitals, das Sie geliehen haben von der Landschaft zu vier vom
Hundert.
    Der Freiherr sah nachdenkend vor sich hin. Was ihm der Hndler sagte, war
durchaus nichts Neues und Unerhrtes, er selbst hatte oft hnliches gedacht. Es
war gerade die Zeit, wo eine Menge von neuen industriellen Unternehmungen aus
dem Ackerboden aufschossen, wo durch die hohen Schornsteine der Dampfmaschinen,
durch neuentdeckte Kohlen- und Erzlager, durch neue landwirtschaftliche Kulturen
groe Summen erworben und noch grere Reichtmer gehofft wurden. Die
vornehmsten Grundbesitzer der Landschaft standen an der Spitze ausgedehnter
Aktienunternehmungen, welche auf einer Verbindung moderner Industrie und des
alten Ackerbaues beruhten. Es war nichts Neues und Auffallendes in den Worten
des Hndlers, und doch schlugen sie als zndender Blitz in die Seele des
Freiherrn. Sie kamen im rechten Augenblick. Herr Ehrenthal bemerkte die Wirkung,
welche er hervorgebracht hatte, und schlo mit der Gemtlichkeit, welche seine
Lieblingsstimmung war: Wo habe ich das Recht, einem Herrn, wie Sie sind, einen
Rat zu geben? Aber jeder Gutsbesitzer mu sagen dasselbe, da ein solches
Geschft mit Pfandbriefen in unserer Zeit die solideste Art ist, wie ein
vornehmer Herr kann sorgen fr seine Kinder. Wenn einst das Gras wachsen wird
ber dem Grabe des alten Ehrenthal, dann werden Sie an mich denken und bei sich
sagen: der Ehrenthal war nur ein einfacher Mann, aber er hat mir geraten, was
gut war und ein Segen fr die Familie.
    Der Freiherr sah immer noch vor sich hin. Was er lange in sich herumgetragen
hatte, das war auf einmal zum festen Entschlu geworden. Dem Hndler sagte er
mit einer Leichtigkeit, die ihm nicht vom Herzen kam: Ich will mir's
berlegen. Ehrenthal war damit zufrieden und bat um die Erlaubnis, sich den
Damen empfehlen zu drfen, was er als Mann von Welt und Gemt selten unterlie.
    Es war schade, da der Freiherr nicht das Gesicht des Geschftsmannes sah,
als dieser in seinen Wagen stieg und mechanisch die Bourbonrose ins Knopfloch
steckte, welche ihm Lenore beim Abschiede mit schalkhafter Artigkeit berreicht
hatte. Auch Herr Ehrenthal machte ein lustiges Gesicht, aber nicht aus Freude
ber die volle Rose. Er lie den Kutscher langsam durch die Feldmark fahren und
sah wohlgefllig auf die Ackerstcke, welche mit reifender Frucht zu beiden
Seiten des Weges lagen. In langem Zuge kamen die Heuwagen des Gutes ihm
entgegen. So oft er still hielt, um einen Riesenwagen vorbeizulassen, berupften
seine Pferde das Heu, und sein Kutscher drehte sich um und rief schnalzend:
Schnes Futter!
    Ein schnes Gut, sagte dann Herr Ehrenthal in tiefem Nachdenken.
    Unterdes sa die Baronin in einer Gartenlaube und bltterte in den neuen
Journalen, welche der Buchhndler aus der nchsten Kreisstadt zugeschickt hatte.
Sie betrachtete prfend die Modekupfer und geno die kleinen Nippes der
Tagesliteratur: Geschichten von Menschen, welche auf auerordentliche Weise
reich geworden, und von andern, welche auf schauderhafte Weise ermordet sind,
Tigerjagden aus Ostindien, ausgegrabene Mosaikbden, rhrende Schilderungen von
der Treue eines Hundes, hoffnungsreiche Betrachtungen ber die Unsterblichkeit
der Seele, und was sonst das flchtige Auge eleganter Damen zu fesseln vermag.
Die schne Gemahlin des Freiherrn schaukelte whrend des Lesens die gestickte
Fubank, ihre Seele war nur halb in den Blttern, sie sah oft ber den
Rasenplatz nach ihrer Tochter, welche, wieder mit dem Pony beschftigt, diesem
aus Blumen und Zeitungspapier eine groteske Halskrause und eine gehrnte Mtze
zurechtmachte, was der Pony vergebens dadurch zu vereiteln suchte, da er soviel
Blten und Zeitungspapier wegfra, als er mit dem Maul erreichen konnte. Als die
junge Dame, stolz auf ihr Werk, den Kopf nach der Laube wandte und das Auge der
Mutter auf sich gerichtet sah, berlie sie das Pferd dem herzueilenden
Bedienten und flog wie eine Libelle zu den Fen der Mutter. Sie setzte sich auf
die Fubank, zog die Journale auf das Knie der Baronin, und fing an, sich
possenhaft mit den Herren und Damen der Modekupfer zu unterhalten. Da die
Gesichter dieser Ideale, wie bekannt, den Vorzug haben, allen Menschen hnlich
zu sehen, von denen sie sich durch einzelne charakteristische Eigenheiten, durch
merkwrdig kleine Lippen, und zuweilen durch ein auf der Stirn oder den Backen
sitzendes Auge unterscheiden, so wurde der jungen Dame nicht schwer, zahlreiche
hnlichkeiten mit Bekannten des Hauses aufzufinden und die Bilder danach zu
behandeln. Die Mutter lchelte ber die kindischen Scherze der Tochter und sagte
endlich, ihre Gedanken laut fortsetzend: Lenore, du wirst jetzt ein erwachsenes
Mdchen und bist noch so sehr Kind. Wir haben dich aufwachsen lassen bei dem
Unterricht der Bonne und des Kandidaten; es wird Zeit, daran zu denken, da du
etwas Ordentliches lernst, mein armes Kind.
    Ich dachte, das Lernen sollte jetzt aufhren, antwortete Lenore
schmollend.
    Deine franzsische Aussprache ist noch schlecht, und dein Vater will, da
du dich im Zeichnen bst, du hast Anlage dazu.
    Ich zeichne nur Karikaturen, rief Lenore, die sind am leichtesten, man
macht eine lange Nase oder kurze Beine, und das Kerlchen sieht lcherlich aus.
    Du sollst nicht Karikaturen zeichnen, sprach die Mutter, das verdirbt
deinen Geschmack und macht dich spttisch. Lenore lie das Kpfchen hngen.
Und wer war der junge Mann, mit dem du vorhin durch den Garten gingst? fuhr
die Mutter strafend fort. Du hast ihm die Erdbeeren des Vaters gegeben.
    Schilt nur nicht immer, liebe Mutter, rief die Tochter errtend.
    Der Fremde war ein hbscher artiger Junge, er geht nach der Hauptstadt, er
hat weder Vater noch Mutter, das tat mir leid. Und so bescheiden war er! Sei mir
nicht bse, schmeichelte sie und flog an den Hals der Mutter, in deren Augen
mehr Liebe als Zorn zu lesen war.
    Die Mutter kte das Kind auf den Mund und sagte gtig: Du bist mein gutes,
wildes Mdchen, suche mir jetzt den Vater, sein Kaffee wird kalt.
    Als der Freiherr in die Laube trat, noch voll von seiner Unterredung mit
Ehrenthal, legte die Baronin ihre Hnde in die seinen und sagte: Oscar, ich
habe Sorge um Lenore!
    Ist sie krank? fragte der Vater betroffen. Sie ist gesund und von Herzen
gut, aber sie ist kecker und ungebundener, als sich fr ihre Jahre pat.
    Sie ist auf dem Lande aufgewachsen und eine tchtige Dirne geworden,
erwiderte der Freiherr beruhigend.
    Es fehlt ihr aber an Form und an Zartgefhl im Umgang mit Fremden, fuhr
die Mutter fort. Ich frchte, sie ist in Gefahr, ein Original zu werden.
    Nun, das Unglck wre nicht so gro߫, sagte der Freiherr lachend.
    Es gibt kein greres fr ein Mdchen aus unserm Kreise. - Was in der
Gesellschaft auffllt, wird auch lcherlich; ein kleiner Zug von bizarrem Wesen
kann ihre ganze Zukunft verderben. Sie mu gentigt werden, mehr auf sich zu
achten, und ich frchte, hier auf dem Lande wird sie das nicht lernen.
    Wir sollen das Kind von uns tun, vielleicht auf Jahre, und unter fremden
Menschen aufblhen lassen? fragte der Freiherr unwillig.
    Und doch mu es sein, sagte die Baronin ernst, und es kostet mich viel,
dir das zu sagen. Sie ist unartig gegen Mdchen ihres Alters, rcksichtslos
gegen Frauen, und Mnnern gegenber viel zu dreist. - Kannst du dir ein Mdchen
von Lenorens Wesen am Hofe denken? fragte die Baronin nach einer Pause.
    Der Gemahl konnte sich das nicht denken, vielleicht deshalb nicht, weil ein
Frstenhof berhaupt nicht der Ort ist, wo schnell aufgeschossene Frulein die
Schulbcher umhertragen und Katze und Maus spielen.
    Sie wird sich ndern, warf er endlich ein.
    Sie wird sich nicht ndern, entgegnete die Baronin sanft, die Hand auf
seine Schultern legend, solange der Liebling mit seinem Vater zu Pferde ber
Grben setzt und ihn sogar auf dem Pirschgang begleitet.
    Ich kann mich nicht darein finden, beide Kinder zu entbehren, sprach der
Vater gutmtig. Das wre sehr hart fr uns, am schwersten fr dich, du strenge
Hausfrau.
    Vielleicht! sagte die Baronin leise, und ihre Augen wurden feucht. Aber
wir drfen nicht an uns denken, nur an die Zukunft der Kinder.
    Der Freiherr sah die Bewegung der geliebten Frau, er zog sie an sich und
sprach entschlossen: Hre, Elsbeth, wenn wir in frheren Jahren von dieser Zeit
sprachen, da dachten wir uns Lenorens Erziehung anders. Wir wollten die Winter
ber selbst in der Stadt leben, unter deinen Augen sollte das Kind den letzten
Unterricht erhalten und in die Gesellschaft treten. Du sollst dich nicht von ihr
trennen. Wir ziehen schon diesen Winter nach der Hauptstadt.
    berrascht erhob sich die Baronin: Guter Oscar! rief sie gerhrt aus.
Aber - verzeih die Frage, wrde ein solcher Aufenthalt nicht in anderer
Hinsicht fr dich ein groes Opfer sein?
    Nein, sagte der Freiherr frhlich, ich habe Plne, die auch fr mich
wnschenswert machen, den Winter in der Stadt zuzubringen.
    Er erzhlte; der Umzug nach der Hauptstadt wurde beschlossen.

                                       4


Schon stand die Sonne niedrig am Himmel, als die beiden Wanderer bei den ersten
Husern der Hauptstadt ankamen. Erst einzelne kleine Gebude, dann zierliche
Sommerwohnungen mitten in blhenden Grten; dann rckten die Huser dichter
zusammen, die Strae schlo sich auf beiden Seiten, und mit dem Staube und dem
Wagengerassel legte sich bange Sorge um die Brust unseres Helden. In dem
Geflecht groer und kleiner Straen wre Anton ratlos gewesen, wenn ihn nicht
sein Begleiter, der aus Achtung vor dem bessern Rock Antons hinter ihm geblieben
war, durch laute Rechts und Links an den Straenecken gelenkt htte. Veitel
Itzig aber hatte eine merkwrdige Vorliebe fr krumme Seitengassen und schmale
Trottoirs. Hier und da winkte er hinter dem Rcken seines Reisegefhrten mit
frecher Vertraulichkeit geputzten Mdchen zu, die an den Tren standen, oder
jungen Burschen mit krummer Nase und runden Augen, welche, die Hnde in den
Hosentaschen, auf der Strae herumlungerten. Zuweilen wurde sein Gru mit
nachlssigem Kopfnicken erwidert, welches ungefhr bedeutete: Er ist ein gutes
Geschpf, aber er hat kein Geld; in der Regel ward seine Zuvorkommenheit mit
kalter Verachtung hingenommen, welche der Pflastertreter der schmutzigen
Nebenstrae da, wo nichts zu gewinnen ist, ebensogut zu uern wei, als der
schnurrbrtige Held der Granitplatten im eleganten Stadtteil. Endlich bogen die
jungen Mnner in eine Hauptstrae, wo groe Huser mit Sulenportalen, elegante
Kauflden und ein Gewhl gut gekleideter Menschen verrieten, da hier der
Wohlstand einen entschiedenen Sieg ber die Armseligkeit davongetragen hatte. In
dieser Strae hielten sie vor einem hohen wrdigen Hause an. Itzig wies auf das
Tor mit einer gewissen scheuen Achtung und sagte kurz: Hier wohnt er, hier
wirst du werden bald so stolz wie diese Gojim sind; wenn du willst wissen, wo
ich zu finden bin, so kannst du nachfragen im Geschft bei Ehrenthal auf der
Gerbergasse. Gute Nacht! Er pfiff vor sich hin und schlenderte die Strae
hinab, ohne sich umzusehen.
    Anton trat mit klopfendem Herzen in den Hausflur und lockerte den Brief
seines Vaters in der Brusttasche. Er war sehr kleinmtig geworden und sein Kopf
war so schwer, da er sich am liebsten einen Augenblick hingesetzt htte, um
auszuruhen. Aber wie Ruhe sah es in dem Hause nicht aus. Vor der Tr stand ein
groer Frachtwagen, in dem Hause mchtige Fsser und Ballen, und riesengroe,
breitschultrige Mnner mit Lederschrzen und kurzen Haken im Grtel trugen
Leiterbume, klirrten mit Ketten, rollten die Fsser und schnrten dicke Stricke
durch knstliche Knoten zusammen; dazwischen eilten Kommis, die Feder hinter dem
Ohr, Papier in der Hand, ab und zu, und Fuhrleute in blauen Blusen nahmen die
Papiere, die Ballen und die Fsser mit der geschftlichen Wrde in Empfang,
welche die Ttigkeit aller verantwortlichen Menschen zu bezeichnen pflegt. Hier
war kein Ort der Ruhe, Anton stie an einen Ballen, fiel beinahe ber einen
Hebebaum und wurde durch das Vorgesehen! welches ihm zwei Enakshne mit
Lederschrzen zuriefen, noch mit Mhe vor dem Schicksal bewahrt, unter einer
groen ltonne plattgedrckt zu werden.
    Im Zentrum der Bewegung, gleichsam als Sonne, um welche sich die Fsser und
Arbeiten und Fuhrleute herumdrehten, stand ein junger Herr aus dem Geschft, ein
Herr mit entschlossener Miene und kurzen Worten, welcher als Zeichen seiner
Herrschaft einen groen schwarzen Pinsel in der Hand hielt, mit dem er bald
riesige Hieroglyphen auf die Ballen malte, bald den Aufladern ihre Bewegungen
vorschrieb. Diesen Herrn fragte Anton mit klangloser Stimme nach dem Prinzipal
des Geschftes und wurde durch eine kurze Bewegung des Pinselstiels in den
hintern Teil des Hausflurs nach dem Comtoir gewiesen. Zgernd trat er an die
Tr, es kostete ihn einen groen Entschlu, den Griff mit der Hand zu drehen -
er hat sich spter oft daran erinnert - und als die Tr geruschlos aufging und
er in das Dmmer der groen Arbeitsstube sah, da wurde ihm so angst, da er kaum
ber die Schwelle schreiten konnte. Sein Eintritt machte wenig Aufsehen. Ein
halbes Dutzend Schreiber fuhr hastig mit den Federn ber die blauen Briefbogen,
um noch die letzten Zge vor dem Schlu des Comtoirs und der Post zu tun. Nur
einer der Herren, welcher zunchst der Tr sa, erhob sich und fragte in khlem
Geschftston: Was steht zu Ihren Diensten?
    Auf die schchterne Erklrung Antons, da er Herrn Schrter zu sprechen
wnsche, trat aus dem zweiten Comtoir ein groer Mann mit faltigem Gesicht, mit
stehendem Hemdkragen, von sehr englischem Aussehen. Anton sah schnell auf das
Antlitz, und dieser erste Blick, so ngstlich, so flchtig, gab ihm einen guten
Teil seines Mutes wieder. Er erkannte alles darin, was er in den letzten Wochen
ach so oft ersehnt hatte, ein gtiges Herz und einen redlichen Sinn. Und doch
sah der Herr streng genug aus, und seine erste Frage klang kurz und entschieden.
Anton fate schnell nach seinem Brief, nannte seinen Namen und erzhlte hastig
und mit stockender Stimme, da sein Vater gestorben sei und da er den Herrn von
seinem Totenbett gren lasse.
    Wie ein freundliches Licht flog es ber das Auge des Kaufmanns, er ffnete
den Brief schweigend, las ihn langsam durch, reichte dem bewegten Anton die Hand
und sagte: Seien Sie mir willkommen. Darauf wandte er sich zu einem von den
schreibenden Herrn, welcher einen grnen Rock trug und einen grauen
berziehrmel um den rechten Arm gebunden hatte: Herr Anton Wohlfart tritt von
heut an in unser Geschft. Einen Augenblick hrten die sechs Federn auf zu
rennen, und ihre Lenker sahen im Tempo nach Anton hin; der Chef aber fuhr zu
Anton gewandt fort: Sie werden mde sein, Herr Jordan wird Ihnen Ihr Zimmer
anweisen, ruhen Sie heut aus, morgen das Weitere.
    Nach diesen Worten wandte er sich mit leichtem Kopfnicken ab und ging zu
seinem Sitz im zweiten Comtoir zurck, wo ebenfalls sechs Federn ber das blaue
Papier fuhren und jetzt mit solcher Schnelligkeit, da sich der Federbart vor
Entsetzen strubte, denn die alte Wanduhr hatte zum Schlage bereits ausgehoben.
    Nur der Herr im grnen Rock streifte den grauen rmel ab, strich ihn
sorgfltig glatt, schlo ihn mit einem Haufen Papiere in das Pult und lud Anton
ein, ihm auf das Zimmer zu folgen. Wieder schritt Anton durch die Tr des
Comtoirs, in welchem er nur zehn Minuten gewesen war, aber er war ein anderer
Mann geworden, sein Schicksal war entschieden, er hatte jetzt eine Heimat, er
gehrte in das Geschft. Deshalb schlug er im Vorbeigehen herzhaft auf einen
groen Ballen, wie man auf die Schulter eines guten Bekannten schlgt, wobei der
grne Herr sich umwandte und mit wohlwollender Herablassung zu ihm sagte:
Baumwolle, und drei Schritt weiter klopfte Anton Einla fordernd an ein
riesiges Fa, welches wohlhbig in einer Ecke stand wie ein dicker Pchter in
seinem hellen Sommerrock; worauf sich wieder der grne Herr umwandte und ebenso
wohlwollend sagte: Korinthen. Jetzt stie unsern Anton kein Hebebaum mehr, ja
er selbst schob den einen mit krftiger Fubewegung beiseite, und einen Riesen
mit lederner Schrze, der ihm begegnete, grte er mit sicherer Vertraulichkeit
und fhlte sich behaglich, da der Riese ihm artig dankte, besonders als der
grne Herr wieder herablassend geuert hatte: Der oberste Auflader.
    Durch den Hofraum gingen sie auf gewundenen Pfaden in ein Hintergebude und
stiegen drei ausgetretene Treppen hinauf. Dort ffnete Herr Jordan ein Zimmer
und bemerkte gegen Anton, da dies wahrscheinlich seine knftige Wohnung sein
werde, es sei die frhere Behausung eines guten Freundes von ihm, der aus dem
Geschft geschieden sei und sich selbst etabliert habe. Es war ein sehr kleines
Zimmer, die Mbel einfach und nicht neu, aber saubere weie Gardinen und weie
Rouleaus vor den Fenstern und auf dem Schreibtisch eine schne Katze von Gips,
mit gelblicher Lederfarbe lackiert, so da sie aussah wie eine lebende. Diese
Katze hatte der etablierte Kollege zum Besten seines Nachfolgers in der Stube
zurckgelassen.
    Herr Jordan eilte in das Comtoir zurck, in dem er der erste und letzte sein
mute, weil ihm ein Teil der Schlssel anvertraut war, und Anton blieb allein.
Mit Hilfe eines freundlichen Bedienten, welcher ihm schnell das Zimmer wohnlich
zu machen suchte, ordnete er seine Toilette und war eben damit fertig, als
zahlreiche Tritte auf den Treppen verkndeten, da seine Kollegen aus dem
Geschft in ihre Zimmer eilten.
    Wieder erschien der grne Herr und teilte ihm mit: Herr Schrter sei zu
einer Konferenz und heut nicht mehr zu sprechen. Dagegen sei seine Ansicht, da
der Ankmmling den einzelnen Herren seinen Besuch machen msse, um die
Bekanntschaft mit ihnen auf anstndige Weise einzuleiten. Ein Frack sei nicht
ntig.
    Anton stieg mit seinem Begleiter einige Treppen herunter, und Herr Jordan
war im Begriff, an eine Tr anzuklopfen, als der Bewohner des Zimmers ihm
entgegentrat, ein schner schlanker Mann, von miger Gre und einem Wesen,
welches unserm Helden sehr imponierte. Er hatte seinen Anzug gewechselt, trug
kurze Beinkleider und Stulpenstiefel, eine Jockeimtze auf dem Kopf und eine
Reitgerte in der Hand, die er unternehmend schwenkte.
    Fhren Sie Ihr Fllen schon an der Leine? sagte der Junker in den
Stulpenstiefeln lchelnd zu dem Fhrer. Herr Jordan stellte sich feierlich auf
und prsentierte: Herr Wohlfart, der neue Lehrling, soeben angekommen. - Herr
von Fink, Sohn der groen Firma Fink und Becker in Hamburg.
    Erbe des grten Tranvorrats von der Welt und so weiter, unterbrach ihn
Herr von Fink nachlssig. Jordan, geben Sie mir zehn Taler, ich will den
Reitknecht bezahlen. Schreiben Sie's zu dem brigen. Jordan holte bereitwillig
ein Kassenbillett aus seiner Brieftasche und berreichte es dem Jockei, der es
zusammenknitterte und nachlssig in die Westentasche steckte; worauf er mit
einiger Hflichkeit zu Anton sagte: Wenn Sie mich besuchen wollen, wie ich aus
dem festlichen Gesicht Ihres Merkurs merke, so bedaure ich heut nicht zu Hause
zu sein, ich will ein neues Pferd kaufen. Ihren Besuch nehme ich als geschehen
an, ich danke Ihnen in aller Feierlichkeit dafr und gebe Ihnen meinen Segen zu
Ihrem Eintritt. Er nickte gleichgltig mit dem Kopf und schritt klirrend die
Stufen hinab und ber die Steinplatten des Hofes.
    Antons Behagen erlitt durch das khle Benehmen des Herrn einen groen Sto,
und er dachte verschchtert, wenn die andern Herrn vom Geschft ebenso sind, so
wird es mir sehr schwer werden, mit ihnen umzugehn. Auch Herr Jordan fand ntig,
das auffallende Benehmen des Jockei zu erklren, und sagte mit vertraulicher
Wichtigkeit: Fink gehrt nur halb in unser Geschft, er ist erst seit kurzer
Zeit hier, von seinem Vater aus New York gezogen und hierher versandt worden, um
bei uns vernnftig zu werden.
    Ist er denn nicht vernnftig? fragte Anton neugierig.
    Nur zu wild, liebt den Sport, ist aber sonst ein guter Gesellschafter,
sagte Herr Jordan. Die andern Herren habe ich zu mir auf die Stube gebeten, um
Sie mit allen bekannt zu machen; wir werden dort eine Tasse Tee trinken. Morgen
machen Sie den einzelnen Besuch auf ihren Zimmern.
    Die Stube des Herrn Jordan war die grte unter den kleinen Wohnungen des
Hinterhauses, in welchem die Herren vom Comtoir einzeln oder zu zweien hausten,
und wurde deshalb und wegen der ansprechenden Gemtsart ihres Bewohners zuweilen
als Salon benutzt; sie geno die Auszeichnung ein Fortepiano und einige
Armsthle zu besitzen. An den Fenstern hingen zahlreiche Biskuitbilder, in denen
edle Weiblichkeit durch mittelalterliche Kirchengngerinnen, Loreleys und
Madonnen vertreten war. In diesem Zimmer saen und standen die Herrn und
erwarteten die Ankunft des Neulings. Anton machte die Massenvorstellung mit
Erfolg durch, indem er jedem einzelnen die Hand schttelte und hinterdrein alle
zusammen um ihr Wohlwollen und freundliche Hilfe bat, weil er im Geschft ganz
unerfahren und noch gar nicht in der Welt und wenig unter Menschen gewesen sei.
Diese Offenheit verfehlte nicht einen guten Eindruck hervorzubringen. Darauf
ging eine friedfertige Unterhaltung an, gewrzt mit kleinen Scherzen und
Anspielungen, welche fr einen Neuling so unverstndlich als mglich waren.
Anton verhielt sich schweigend und mhte sich das Wesen der einzelnen Herren zu
erkennen. Da war der Buchhalter Herr Liebold, ein ltlicher kleiner Mann mit
einer feinen Stimme und einem bescheidenen Lcheln, durch welches er die Welt um
Vergebung bat, da er sich die Freiheit nehme zu existieren. Er sprach wenig,
hatte aber die Eigenschaft, im Nachsatz das zurckzunehmen, was er im Vordersatz
behauptete; z.B.: Ich glaube fast, da dieser Tee zu schwach ist, aber freilich
ist starker Tee sehr ungesund, und hnliches. Ferner war da Herr Pix, der
tyrannische Fhrer des schwarzen Pinsels in dem Hausflur, ein entschlossener
Mann, welcher geneigt schien, alle menschlichen Verhltnisse wie Detailgeschfte
zu betrachten: vielleicht respektabel, aber kleinlich. Als ein Stuhl im Zimmer
fehlte, rckte er verchtlich einen kleinen Tisch in die Nhe des Tees, schwang
sich darauf und blieb den ganzen Abend rittlings darauf sitzen. Ferner war da
ein Herr Specht, welcher viel sprach und stark in Behauptungen war, die von
jedermann bestritten wurden. Er behauptete, China werde durch eine Konstitution
regiert, die von der englischen nur wenig verschieden sei, und verfocht mit
Leidenschaft die Ansicht, da Schneckensuppe das Lieblingsgericht des seligen
Kaisers Napoleon gewesen sei. Ferner war da ein schmchtiger Herr Baumann mit
kurzgeschorenem Haar und sinnigem Wesen, welcher jeden Sonntag in die Kirche
ging, allen Missonsvereinen Beitrge zahlte und, wie seine Kollegen ihm auf den
Kopf zusagten, die Absicht hatte, spter einmal Missionar zu werden. Er schob
das noch auf aus einer gewissen kindlichen Gewhnung an Deutschland und die
Firma, zu deren Nutzen er gegenwrtig arbeitete. Anton bemerkte mit Freuden, da
im ganzen ein artiger und rcksichtsvoller Ton unter den Herrn herrschte. Da er
ermdet war, empfahl er sich in kurzem, und weil er niemandem widersprochen
hatte und gegen alle zuvorkommend gewesen war, so wurde nach seinem Abgange
erklrt, da er verspreche, ein guter Kollege zu werden.
    Unterdes schritt Veitel Itzig mit der Gleichgltigkeit eines Herumtreibers
und der Sicherheit eines Eingeborenen durch das Gewirr der Menschen und Straen.
Das rtliche Licht der Abendsonne war von den Steinen der Strae an den Husern
hinaufgestiegen, von einem Fenstersims zu dem andern, bis hoch auf die Dcher,
und das Dunkel des Abends erfllte die engen Gassen des alten Stadtteils,
welcher am Flu liegt. In einer solchen Gasse stand ein groes Haus mit breiter
Front. Die untern Fenster waren durch Eisenstbe vergittert, im ersten Stockwerk
glnzten die weien Rahmen, welche groe Spiegelscheiben einfaten, unter dem
Dach waren die Fenster blind, schmutzig, hier und da eine Scheibe zerschlagen.
Es war kein guter Charakter in dem Hause, wie eine alte Zigeunerin sah es aus,
die ber ihr bettelhaftes Kostm ein neues buntes Tuch geworfen hat.
    In dieses Haus trat Veitel Itzig, indem er einem geputzten Dienstmdchen an
der Tr schnalzend einen Ku zuwarf, den diese wie eine heranfliegende Wespe
pantomimisch mit der Hand fortschleuderte. Die unsaubere Treppe fhrte zu einer
weilackierten Entreetr, auf welcher in groem Messingschild der Name: Hirsch
Ehrenthal zu lesen war. Veitel fate den dicken Porzellangriff der Klingel und
schellte, ein ltliches Frauenzimmer mit zerknitterter Haube ffnete einen
schmalen Spalt und fragte, die Nase hinaussteckend, nach seinem Begehr, dann ri
sie die Stubentr auf und rief in das Zimmer: Es ist einer da, Itzig Veitel
heit er, aus Ostrau, er will den Herrn Hirsch Ehrenthal sprechen. Aus der
Stube scholl die Stimme des Hausherrn: Warten soll er! und das Geklirr von
Tellern verriet, da der Geschftsmann erst das Familienglck des Abendessens
genieen wollte, bevor er dem zuknftigen Millionr Audienz gab. Die aufwartende
Person warf mit mitrauischen Blicken auf den Ankmmling die Tr wieder zu und
sperrte ihn aus.
    Veitel setzte sich auf die Treppe und sah mit starrem Blick auf das
Messingschild und die weie Tr, bewunderte die abgeschrgten Ecken der
Messingplatte und versuchte sich vorzustellen, wie der Name Itzig auf einer
ebensolchen Platte an einer hnlichen weien Tr aussehen wrde. Darauf kam er
auf gradem Wege zu der Betrachtung, wieviel ihm noch fehle, um so reich zu sein,
wie Hirsch Ehrenthal, er fhlte nach einem halben Dutzend Dukaten, welche ihm
seine alte Mutter mit einem Lederfleck in das Futter seiner Weste eingenht
hatte, und berlegte, wie viel er alle Tage dazu sparen knnte, vorausgesetzt,
da ihm der reiche Mann Gelegenheit liee, etwas zu verdienen. Er war tief in
Betrachtungen versunken ber den Wert von zwei Phantasiestiefeln, welche er sich
an den Beinen eines jungen Elegants vorstellte, und welche nach seiner Annahme
den dreifachen Wert des Viergroschenstcks haben muten, das er dem eleganten
Herrn dafr bieten wollte; da wurde die Entreetr mit starker Hand aufgemacht,
und Herr Ehrenthal stand vor dem armen Bocher. Das war nicht mehr der Mann von
heut nachmittag, die anschmiegende Freundlichkeit war verschwunden, wie der Duft
einer Rose am Ende des heien Tages, er war ganz Majestt, Selbstgefhl,
Despotismus; kein asiatischer Kaiser kann so stolz auf die Kreatur vor seinen
Fen heruntersehen, als er auf das Kind von Ostrau zu blicken verstand. Itzig
fhlte das Bedeutende in der Stellung des groen Mannes und seine eigene
Nichtswrdigkeit trotz der sechs Dukaten im Ledersckchen, er schnellte in die
Hhe und stand demtig vor seinem Meister. Hier ist ein Brief von Baruch
Goldmann, bei welchem der Herr Ehrenthal mich hat verschrieben fr sein
Geschft, begann Veitel und hielt dem groen Mann einen Brief entgegen.
    Ich habe dem Goldmann geschrieben, er soll mir einen Menschen schicken, den
ich mir ansehe, ob ich ihn brauchen kann; abgemacht ist noch nichts, sprach
Ehrenthal vornehm und ffnete das Schreiben.
    Ich bin doch gekommen, damit Sie mich ansehen, entgegnete Veitel.
    Und was kommst du so spt, junger Itzig? Es ist keine Zeit mehr zur Rede
vom Geschft, schnarrte ihn der Hausherr an.
    Ich wollte mich melden bei meinem Herrn Hirsch Ehrenthal zum Dienst noch
heut abend, wenn er mir hat zu geben einen Auftrag fr morgen frh.
    Davon ist zu reden morgen frh, antwortete gereizt der Herr, welcher es
fr vorteilhaft hielt, dem Neuling zu zeigen, wie wenig ihm an seiner Person
gelegen sei. Itzig begriff vollkommen das Zweckmige dieses Benehmens, und da
er sah, da seine Stellung bei dem abzuschlieenden Geschftsvertrage bis jetzt
keine gnstige war, suchte er sie dadurch zu verbessern, da er tiefer auf die
Sache einging und entgegenwarf: Ich kann vielleicht leisten einen Dienst morgen
frh, wo Markttag ist, weil ich kenne die meisten Kutscher von den Herrn, welche
hereinkommen mit Raps.
    Was Raps? Was tue ich mit Raps? Was will er reden vom Geschft?
schleuderte ihm Hirsch Ehrenthal noch grimmiger entgegen.
    Aber unerschttert fuhr Veitel fort sich herauszustreichen wie ein seidenes
Halstuch: Ich bin auch sonst bekannt in der Stadt, ich kenne die Makler und die
kleinen Leut' und kann dem Herrn helfen bei jedem Geschft, das er machen will
im Haus und auer dem Haus. Und um seinen Selbstverkauf dem Abschlu
nherzubringen, fgte er mit resignierter Miene hinzu: Ich bin nicht so stolz,
da ich will wohnen in dem Hause bei Herrn Hirsch Ehrenthal; wenn der Herr
Ehrenthal fr mich nicht hat eine Stelle in seinem Hause, so will ich mir suchen
mein Lager in der Nhe bei einem Wirt.
    Herr Ehrenthal wurde durch diese Anspruchslosigkeit so weit gerhrt, da er
den Burschen noch einmal von oben bis unten ansah und mit mehr Herablassung
fragte: Sind deine Papiere in Ordnung, da du mich in keine Unannehmlichkeiten
bringst mit der Polizei?
    Veitel beruhigte ihn ber diesen wichtigen Punkt; eine uralte groe
Brieftasche flog pltzlich auf geheimnisvolle Weise aus den Falten seiner
schlottrigen Jacke, aus ihr suchte er seine Legitimation hervor.
    Herr Ehrenthal fate das Papier mit einem sehr geschickt angenommenen
Widerwillen gegen die gelbliche Farbe desselben und sah es genau durch,
Unterschrift, Siegel und alles, indem er es sogar gegen das Licht hielt. Veitel
wartete gespannt, ob er das Dokument behalten wrde; wenn er es in der Hand
behielt, so war das Geschft zum Abschlu reif.
    Als Herr Ehrenthal das Dokument nachlssig in der Hand wiegte, versuchte
Itzig mit unterwrfiger Vertraulichkeit zu lcheln. Wenn ich dich in meinen
Dienst nehme, sprach der Hausherr, so wirst du machen alles in meinem Hause,
was ich dir werde auftragen, oder Madame Ehrenthal, oder mein Sohn Bernhard
Ehrenthal; du wirst putzen die Stiefel am Morgen und die Schuhe meiner Frau, du
wirst holen in die Kche, was dir die Kchin sagen wird, in meinem Geschft
wirst du machen alle Gnge, die ich habe zu machen, und wirst ausrichten alle
Bestellungen.
    Ich will, Herr Ehrenthal, sagte Veitel demtig, ich will alles tun, da
Sie seien zufrieden mit mir.
    Frhstck und Mittagessen wird dir geben die Kchin, am Abend von sieben
Uhr kannst du sein dein eigener Herr. - Veitel nahm mit derselben
Bereitwilligkeit auch diese Bedingung an und bemerkte nur: Kann ich nicht haben
am Morgen ein bis zwei Stunden fr mich?
    Nein, sprach Ehrenthal ungndig, ich kann es nicht leiden, wenn einer in
meinen Diensten ist und macht Geschfte fr eigene Rechnung.
    Da Veitel beschlossen hatte, unter allen Umstnden Geschfte fr eigene
Rechnung zu machen, und Herr Ehrenthal das ebensogut wute wie Veitel, so wurde
auf diesen zarten Punkt nicht weiter eingegangen.
    Dafr sollst du erhalten alle Monat zwei Taler, und wenn ich mit deiner
Hilfe ein Geschft mache, erhltst du deinen Anteil davon.
    Wie gro soll sein dieser Anteil? rief Veitel schnell.
    Wie gro er soll sein? fragte Herr Ehrenthal unwillig, was ich dir werde
geben, wird sein gro genug.
    Gro genug fr den Herrn, aber nicht fr mich, antwortete Veitel dreist,
denn er fhlte, da bei diesem Hauptpunkt Entschlossenheit ntig sei.
    Das wird sich finden, wenn du wirst abgedient haben deine Probezeit. Vier
Wochen dienst du auf Probe, nach der Zeit werde ich mit dir reden ber deinen
Verdienst.
    Das war alles, was Veitel billigerweise verlangen konnte, er hob sein Bndel
von den Treppenstufen auf und sagte unterwrfig: Ich bin's zufrieden, wenn der
Herr Ehrenthal mir noch will schenken eine alte Hose und Rock, da ich ihm keine
Schande mache vor den Leuten.
    Keinen Rock und keine Hose, antwortete der Herr entschieden.
    Dann gebt mir Hose und Rock in vier Wochen, wenn meine Probezeit zu Ende
ist. Diese Forderung war nach dem Kurs der Trdlerbrse gleich einem Geschenk
von drei bis vier Talern, und Ehrenthal fand die Forderung mit Recht hoch, er
warf noch einen prfenden Blick auf den Burschen, auf die Demut seiner Stellung
und die ungewhnliche Frechheit seiner Augen, er schlo, da der Mensch
brauchbar sein werde, und fhlte sich bewogen, Gromut zu zeigen: So mag es
sein, schlo er, in vier Wochen. Dein Nachtquartier kannst du nehmen bei Lbel
Pinkus an der Ecke, damit ich wei, wo du bist zu finden. Darauf ffnete Herr
Ehrenthal die Entreetr und rief hinein: Frau, Bernhard, Rosalie, kommt
heraus. Zwei Stubentren und die Kchentr ffneten sich und die Familie des
Hausherrn wurde sichtbar, dahinter die zerknitterte Kchin.
    Madame Ehrenthal war eine volle Frau in schwarzer Seide, mit starken
Augenbrauen und rabenschwarzen Hngelocken; sie machte noch groe Ansprche zu
gefallen und gefiel auch. Wenigstens versicherten ihr das mit mehr oder weniger
Anstand junge Herren von Adel, welche zuweilen in den Morgenstunden Herrn
Ehrenthal besuchten, um mit ihm Geschfte zu machen; und obgleich diese
Versicherungen um so wrmer zu sein pflegten, je khler Ehrenthal sich gegen das
abzuschlieende Geschft verhielt, so galt doch, die Wahrheit zu sagen, Madame
Ehrenthal auch bei solchen Leuten, welche keine Sola-Wechsel zu prolongieren
wnschten, fr eine sehr stattliche Dame. Ihre Tochter aber war in der Tat eine
Schnheit, eine groe, edle Gestalt mit glnzenden Augen, dem reinsten Teint und
einer nur sehr wenig gebogenen Nase. Wie aber kam der Sohn in diese Familie? Er
war fast klein, mit einem bleichen, faltigen Gesicht und gebckter Haltung; da
er noch ein Jngling war, sah man nur an seinem Munde und dem hellen Blick; auch
war er nachlssiger gekleidet, als einem Sohn des Herrn Ehrenthal geziemte, und
in dem braunen Haar hingen noch jetzt am Abend einige Federn. Die Familie und
Veitel sahen einander stumm an, whrend Herr Ehrenthal mit Selbstgefhl
bemerkte: Dieses ist der Veitel Itzig, ich habe ihn genommen in unsern Dienst.
Der vornehme Stolz der Mutter, der mifllige Blick der Tochter und das
zerstreute Auge des Sohnes wurden von dem armen Bocher ebenso gewandt
aufgefangen, wie die bunten Strahlen eines Prismas von einem beobachtenden
Naturforscher; er beschlo auf der Stelle gegen die Mutter sehr, sehr
unterwrfig zu sein, sich in die Tochter zu verlieben und Bernhards Stiefel
schlecht zu putzen und in den Rocktaschen desselben beim Ausbrsten nachzusehen,
ob nicht ein Geldstck durch Nachlssigkeit des Besitzers in den Falten sitzen
geblieben.
    Nach dieser Vorstellung erklrte Herr Ehrenthal, Veitel knne gehen und
solle am nchsten Morgen um sechs Uhr im Hause sein. Die Entreetre schlo sich
hinter dem Burschen, auch er stand auf der Treppe, ins Geschft aufgenommen, ein
angehender Kaufmann. Er lchelte vergngt, als er die Treppe hinunterging,
offenbar war er mit seinem Handel zufrieden. Hatte er sich doch gemessen mit dem
groen Herrn im Geschft und hatte einen Vorteil davongetragen. Denn da er sich
auf jede Bedingung auch ohne Garderobenzulage engagiert haben wrde, so
betrachtete er den alten Rock und Hosen zahlbar in vier Wochen mit Recht als
eine angenehme bervorteilung seines neuen Prinzipals. Die berlegung: Es wird
nur ein Sommerrock sein, flog wie ein dsterer Schatten ber seine Seele; aber
die Hose wird sein von seinem Bernhard, welcher trgt Tuchhosen auch heut am
heien Sommertag. So trug er beruhigt sein Bndel um die Ecke zu Lbel Pinkus.
    Lbel Pinkus war Hausbesitzer und hielt zu ebener Erde einen kleinen
Branntweinladen, welcher zahlreiche Kunden hatte. Doch war ersichtlich, da
weder die starke, wie fettig glnzende Figur des ehrsamen Pinkus selbst, noch
die dicke Halskette seiner Frau ihre solide Pracht aus dem Branntweingeschft
allein herleiteten, und die Nachbarn zerbrachen sich manchmal den Kopf darber,
wie Frau Pinkus es durchsetzen knne, immer die teuersten Gnse zu braten, ja
zuweilen sogar Truthhner. Indes da ihr Gemahl ein resoluter Charakter war, in
allen seinen Reden grob und entschieden, da er Branntwein verkaufte, was immer
fr ein Zeichen volkstmlicher Gesinnung gelten wird, und da er auerdem Geld
gegen ungewhnliche Prozente auszuleihen wute, so war er unter den kleinen
Handwerkern in der Nachbarschaft doch sehr respektiert und gefrchtet. Seine
Reputation war gut. Die Straenpolizei trank im Vorbeigehen gern in seinem Laden
einen Likr, fr den er das Geld zu nehmen stets verweigerte, er zahlte seine
Abgaben pnktlich und galt fr einen Freund, ja Vertrauten der exekutiven Macht.
In Wahrheit aber war Herr Pinkus eine von den glcklichen Naturen, welche Honig
aus allen Blumen zu saugen wissen, auch aus belriechenden. Er hielt in dem
ersten Stock seines Hauses eine stille Herberge fr Mnner mit und ohne Bart,
welche einen Ha gegen alles, was von dem Geschlecht der Schweine stammt, nicht
berwinden konnten. Diese Mnner von uralter Familie schtzten zuweilen ein
billiges und verborgenes Nachtlager, bei welchem der Wirt keine hohen Rechnungen
machte und keinen Pa abforderte; sie kamen in der Regel am spten Abend in die
Herberge und schlichen am frhen Morgen wieder hinaus in die Gassen der Stadt,
oder auf die Landstrae, bescheidene Trdler und Schacherer, welche ihren Gewinn
nach Groschen und Pfennigen berechneten. Auer diesen regelmigen Gsten
erschienen zuweilen noch andere, unregelmig wie Kometen, von jedem Alter,
Geschlecht und Glauben, sie verhandelten in grter Stille mit dem Hausherrn und
konnten es durchaus nicht vertragen, wenn man bei Nacht in der Nhe ihres
Gesichtes ein Schwefelholz anzndete. Alte Gastfreunde des Pinkus hatten ber
solche Eigentmlichkeit allerdings ihre Ansichten, aber sie fanden es nicht
geraten, darum viele Worte zu verlieren.
    In diesem Haus tappte Itzig im Finstern eine Treppe hinauf und unsaubere
Wnde entlang, stie an eine schwere eichene Tr mit groem Schlo und trat, als
er diese durch einen starken Druck geffnet hatte, in einen wsten Raum, der
fast die ganze Lnge des Hauses einnahm. In der Mitte stand ein alter Tisch mit
einer schlechten llampe, einige Schemel darum; gegenber der Trseite war ein
groer Wandverschlag mit vielen kleinen Tren, welche zum Teil offenstanden und
verrieten, da der ganze Verschlag aus schmalen, voneinander getrennten
Abteilungen mit hlzernen Kleiderhaken und Fchern bestand. Vor den kleinen
Fenstern, welche auf die Strae fhrten, waren verblichene Rouleaus
heruntergelassen, auf der gegenberliegenden Langseite fiel durch eine offene
Tr das Abendlicht in das Zimmer, diese Tr fhrte auf eine hlzerne Galerie,
welche lngs der Gaststube an der Auenseite des Hauses fortlief.
    Itzig warf sein Bndel in einen Wandschrank und trat auf die Galerie hinaus.
Da er auch hier keinen zweiten Gast vorfand, fing er an von der Galerie die
Aussicht zu bewundern mit demselben Grad von Interesse, welchen ein
niederlndischer Architekturmaler gehabt haben wrde, nur nicht ganz in
derselben Absicht. Unten am Fu des Hauses wlzte ein Flu sein lehmiges Wasser
eilig vorwrts und bildete eine schmale Wasserstrae, welche auf beiden Seiten
mit verfallenen hlzernen Husern eingefat war. Fast an jedem Hause, an jedem
Stockwerk waren hnliche hlzerne Galerien herausgebaut und durch gebrunte
Balken gesttzt. Manchmal liefen drei, vier bereinander, dann war der Fuboden
der obern das Regendach der untern. In alter Zeit hatte die achtbare Zunft der
Gerber diese Strae bewohnt, damals war das Holzwerk glatt und neu gewesen, und
helle Lmmer-oder Ziegenfelle hatten an den Gelndern gehangen, bis sie weich
und geschmeidig geworden waren, um Handschuhe fr die Patrizier und Ledertaschen
fr ihre Frauen zu geben. Jetzt waren die Gerber nach entfernteren Stadtteilen
hinabgezogen, und statt der Tierfelle hing die Wsche armer Leute an den
hlzernen Balkonen, ber dem zerbrochenen Schnitzwerk und den wurmstichigen
Balkenkpfen. Noch stach die weie, rote und blaue Farbe der Wsche im
Abendlichte seltsam ab von dem schwarzen Holzwerk, und das Licht brach sich auf
wunderliche Weise an den Sulen und Vorsprngen der Galerie, an rohen Arabesken
der Einfassung und an den schwarzen Pfhlen, welche hier und da aus dem gelben
Wasser hervorragten. Es war ein unheimlicher Aufenthalt fr jedes Geschpf,
auer fr Maler, Katzen oder arme Teufel.
    Junker Itzig war schon frher ein und das andere Mal in dem Hause gewesen,
aber immer in grerer Gesellschaft. Heut bemerkte er, da eine lange bedeckte
Treppe vom Ende seiner Galerie bis hinunter an das Wasser fhrte; er sah, da
neben dieser bedeckten Treppe eine hnliche am Nachbarhause hinablief, und
schlo daraus, da es mglich sein msse, die eine Treppe hinunter- und die
andere hinaufzusteigen, ohne sich mehr als die Schuhe na zu machen; er
entdeckte ferner, da es bei dem niedrigen Wasserstand des Sommers mglich war,
lngs der Huserreihe am Wasser weithin fort zu gehen, und er berlegte, ob es
Menschen geben knnte, welche bei Tag oder Nacht einen solchen Spaziergang fr
ntzlich hielten. Nachtwchter und Polizeidiener wenigstens waren dort nicht zu
befrchten. Durch diese Betrachtungen wurde seine Phantasie so aufgeregt, da er
in das Gastzimmer zurck lief, in die Wandschrnke kroch, welche offenstanden,
und die Holzwnde derselben durch Klopfen und Schtteln untersuchte. Mit
Erstaunen entdeckte er, da auch die Rckwand von Holz war und hohl klang. Da an
dieser Seite die Mauer laufen mute, welche dies Haus vom Nachbargebude
trennte, so fand er den hohlen Ton auffllig und nicht in der Ordnung und war
eben im Begriff, einen verschlossenen Wandschrank anzugreifen und zu sehen, ob
nicht ein Ritz in dem Holz der Rckwand weiteren Aufschlu gebe, als ein dumpfes
Knurren seine Hand von der Schranktr zurckhielt. Er sah sich um und erkannte -
ohne groe Beschmung - da er nicht mehr allein war. In der entgegengesetzten
finstern Ecke des Zimmers lag in seinen Kaftan gewickelt, ein schwarzes Kppchen
im Haar, ein galizischer Handelsmann zusammengekauert auf einem Strohsack. Er
hatte seine Sachen in dem angegriffenen Wandschrank verschlossen und hielt fr
ntig, gegen die Untersuchungen des Wibegierigen zu protestieren. Itzig
versuchte ein Gesprch mit dem Alten anzuknpfen, da dieser aber mehr Lust zum
Schlafen als zur Unterhaltung zeigte, setzte sich Itzig in die gegenberliegende
Ecke auf einen anderen Strohsack und sa dort mit seinem rastlosen Geiste
rechnend und Geschfte ausdenkend, wobei er zuweilen in lebhaftem Sinnen mit
Hnden und Beinen schlenkerte, bis die Dunkelheit der Nacht durch die Tr
eindrang, und die kleine llampe zu knistern anfing und Miene machte auszugehen.
Noch kam einmal Pinkus der Wirt selbst herauf, ein Licht in der Hand; er
untersuchte den Bestand seiner Gste, setzte einen Krug Wasser auf den Tisch und
schlo beim Herausgehen die Tr von auen ab. Im Finstern holte Itzig ein Stck
trockenes Brot aus der Tasche und schlief endlich unter dem Schnarchen seines
Stubengenossen ein, den Strohsack unter sich, zugedeckt mit seiner alten Jacke.
    Zu derselben Stunde wickelte sich sein Reisegefhrte im Patrizierhause in
die gesteppte Decke seines Lagers, sah noch einmal mit mden Augen in der Stube
umher und bemerkte schlaftrunken, da die gelbe Katze auf dem Schreibtisch ihre
Beinchen bewegte, sich mit der Pfote zu strhlen anfing und ihm zuletzt sogar
mit beiden Pfoten Kuhndchen zuwarf. Bevor er Zeit hatte, ber diese
ungewhnliche Freundlichkeit des Gipses nachzudenken, war er eingeschlafen. Vor
beiden Jnglingen senkte sich das Gewebe von grauem Flor herab, auf welchem die
Traumgttin ihre bunten Bilder zu zeigen pflegt. Anton sah sich selbst auf einem
groen Warenballen sitzend durch die Luft fliegen, whrend eine gewisse junge
Dame die Arme nach ihm ausstreckte; und Veitel Itzig entdeckte mit Behagen, da
er ein Baron geworden war, welcher von Hirsch Ehrenthal um ein Almosen angeredet
wurde. Er sah, wie er dem alten Ehrenthal seine sechs Dukaten als Geschenk gab
und wie dieser sich klglich bedankte. ber diese Gromut erschrak er im Traume
so, da er mit Hnden und Beinen um sich schlug.
    Am nchsten Morgen begann jeder der beiden Jnglinge seine Ttigkeit. Anton
sa auf seinem Platz im Comtoir und kopierte Briefe; und Veitel stand, nachdem
er smtliche Stiefel und Schuhe der Familie Ehrenthal gebrstet und die
Kleidertaschen Bernhards durchsucht hatte, als Aufpasser vor dem grten Hotel
der Stadt, um einen fremden Herrn vom Lande zu beobachten, welcher mit Herrn
Ehrenthal unzufrieden geworden war und im Verdacht stand, sich andere
Geschftsfreunde auf sein Zimmer bestellt zu haben. Anton bekam durch das
Kopieren der Briefe Einsicht in Stil und Sprache seines Geschfts, und Veitel
hatte whrend seines Lauerns vor dem Gasthof das Glck, die Adresse eines
vorbergehenden Studenten zu erhalten, welcher es fr zeitgem hielt, seine
silberne Uhr zu verkaufen.
    In seinen ersten Muestunden zeichnete Anton das Schlo, die
Kletterpflanzen, den Balkon und die Trmchen aus dem Gedchtnis auf das beste
Papier, das ihm die groe Stadt liefern konnte. Er lie das Bild in einen
Goldrahmen fassen und hing es ber seinem Sofa auf.

                                       5


Anton hatte in den ersten Wochen Mhe, sich in der neuen Welt zurechtzufinden,
in die er versetzt war. Das Gebude, der Haushalt, das Geschft waren so
altertmlich, solid und groartig, da sie auch einem Weltbrger von mehr
Erfahrung imponieren muten.
    Das Geschft war ein Warengeschft, wie sie jetzt immer seltener werden,
jetzt, wo Eisenbahnen und Telegrafen See und Inland verbinden, wo jeder Kaufmann
aus den Seestdten durch seine Agenten die Waren tief im Lande verkaufen lt,
fast bevor sie im Hafen angelangt sind, so selten, da unsere Nachkommen diese
Art des Handels kaum weniger fremdartig finden werden, wie wir den Marktverkehr
zu Tombuktu oder in einem Kaffernkral. Und doch hatte dies alte, weit bekannte
Binnengeschft ein stolzes, ja frstliches Ansehen und, was mehr wert ist, es
war ganz gemacht, feste Gesinnung und ein sicheres Selbstgefhl bei seinen
Teilhabern zu schaffen. Denn damals war die See weit entfernt, die Konjunkturen
waren seltener und grer, so mute auch der Blick des Kaufmanns weiter, seine
Spekulation selbstndiger sein. Die Bedeutung einer Handlung beruhte damals auf
den Massen der Waren, welche sie mit eigenem Gelde gekauft hatte und auf eigene
Gefahr vorrtig hielt. Auf den Packhfen am Flusse lag in langen Speichern ein
groer Teil der fremden Waren aufgestapelt, ein kleinerer Teil in den Kellern
und Gewlben des alten Hauses selbst, viele Vorrte in Speichern und Remisen der
Nachbarschaft. Ein groer Teil der Kaufleute in der Provinz versorgte sich aus
den Magazinen der Handlung mit Kolonialwaren und den tausend guten Erzeugnissen
der Fremde, welche uns ein tgliches Bedrfnis geworden sind. Aber auch ber die
Grenzen des Landes hinaus, nach dem Sden und Osten, bis an die trkische
Grenze, saen die Agenten des Hauses, und dieser Teil des Geschftes, vielleicht
weniger regelmig und sicher, galt zur Zeit fr die gewinnreichste Ttigkeit
der Handlung.
    So bot der Verkehr des Tages dem neuen Lehrling eine Menge der
verschiedensten Eindrcke, Menschen und Verhltnisse aller Art. Auer den
Agenten der Seepltze, welche fast tglich Warenproben brachten, und auer den
Sensalen der Brse, welche die Geldgeschfte des Hauses vermittelten, Wechsel
anboten und verkauften, zog durch das vordere Comtoir vom Morgen bis zum Abend
eine bunte Prozession von allerlei Volk. Da kamen Materialhndler aus der
Provinz, altvterische Mnner mit jeder Art von Mtzen und jedem Grade von
Bildung und Zuverlssigkeit; sie kauften, drckten die Hnde, und verlangten als
spezielle Freunde des Geschftes behandelt zu werden; ferner Gutsbesitzer jedes
Standes aus der Landschaft, welche die angebauten Handelsgewchse, Frbekruter,
Gewrze usw. anboten; dann polnische Juden, schwarzlockige Gesellen im langen
seidenen Kaftan, die zuweilen einkauften, gewhnlich aber die Produkte ihrer
Lnder, Wolle, Hanf, Potasche, Talg verkaufen wollten. Mit ihnen war der Verkehr
am wenigsten geschftsmig, ihr Kommen erregte jedesmal unter den jngeren
Leuten des Comtoirs stille Heiterkeit. Dazwischen kamen Bettler, Hilfesuchende
aller Art, Geschftsfreunde des Hauses, Fuhrleute, welche ihre Frachtbriefe
forderten, Auflader und Hausknechte, welche Auftrge erhielten oder die Auftrge
anderer Geschfte ausrichteten. Anton fand es sehr schwer, bei diesem ewigen
Trffnen und Durcheinandersprechen seine Gedanken zusammenzuhalten und die
einfache Arbeit, welche ihm aufgetragen war, zu vollenden.
    Eben war Herr Braun eingetreten, der Agent eines befreundeten Hauses in
Hamburg, und hatte aus seiner Tasche eine Anzahl Kaffeeproben hervorgeholt.
Whrend diese vom Prinzipal besichtigt wurden, gestikulierte der kleine behende
Agent mit seinem goldenen Stockknopf in der Nhe von Antons Augen umher und
berichtete von einem Seesturme und dem Schaden, den er angerichtet haben sollte.
Da knarrte die Tr, und eine rmlich gekleidete Frau trat herein. Herr Specht
erhob sich und fragte: Was wollen Sie? Man hrte klgliche Tne, welche mit
dem Gepiep eines kranken Huhns hnlichkeit hatten, der Kaufmann griff schnell in
die Tasche, und das Piepen verwandelte sich in ein behagliches Glucksen.
Haushohe Wellen, ruft der Agent. - Gott vergelt es tausendmal, gluckst die
Frau. - Macht 550 Mark, zehn Schilling, sagt Herr Baumann zum Prinzipal.
    Jetzt wird die Tr heftig aufgerissen, ein starker Mann, mit einem Geldsacke
unterm Arm, tritt ein, er setzt den Geldsack triumphierend auf den Marmortisch
und ruft mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine gute Tat vollbringt: Hier bin
ich, und hier ist Geld! Sogleich erhebt sich Herr Jordan und sagt vertraulich:
Guten Morgen, Herr Stephan, wie geht's in Wolfsburg? - Ein furchtbares Loch,
klagt Herr Braun. - Wo? fragt Fink. - Es ist keine schlechte Stadt, aber
wenig Nahrung, sagt Herr Stephan. - Natrlich im Rumpfe des Schiffes,
antwortet Herr Braun. - Fnfundsiebzig Sack Kuba, bemerkt der Prinzipal als
Antwort auf die Frage eines Kommis.
    Whrend nun Herr Stephan die Neuigkeiten seiner Stadt erzhlt, darunter die
traurige Geschichte eines Lehrjungen, der sich mit Hilfe einer Schlsselbchse
erschossen hat, und whrend Jordan diese notwendige Einleitung zu dem
bevorstehenden Einkauf geduldig durchmacht, ffnet sich wieder die Tr, ein
Bedienter tritt ein und ein Jude aus Brody. Der Diener bringt dem Kaufmann die
Einladung zu einem Diner, und der Jude schleicht an die Ecke, wo Fink sitzt.
    Wozu kommt Ihr wieder, Schmeie Tinkeles? frgt Fink kalt, ich habe Euch
schon gesagt, da wir kein Geschft mit Euch machen wollen.
    Kein Geschft? ruft der unglckliche Tinkeles krchzend in abscheulichem
Deutsch, so da Anton ihn nur mit Mhe versteht. Solche Wolle, wie ich bringe,
ist noch nicht gewesen im Lande.
    Wie hoch der Zentner? fragt Fink schreibend, ohne den Juden anzusehen.
    Was ich doch habe gesagt, antwortet der Jude.
    Ihr seid ein Narr, sagt Fink, fort mit Euch.
    Kein Lotse kann ihm helfen, sagt Herr Braun.
    Meine Empfehlung an Herrn Kommerzienrat, sagt der Kaufmann.
    Mit einem Schwefelhlzchen hat er den Schlssel angezndet, ruft Herr
Stephan zum Himmel blickend.
    Wai! schreit der Mann im Kaftan. Was ist das: Fort mit Euch? Mit Fort
kann man machen keine Geschfte.
    Was wollt Ihr also haben fr Eure Wolle?
    41 2/3, sagt Tinkeles.
    Hinaus! bemerkt Fink. - Sagen Sie doch nicht immer hinaus! bittet der
Jude in Verzweiflung. Sagen Sie, was wollen Sie geben?
    Wenn Ihr so unverschmt fordert, gar nichts, sagt Fink, eine neue Seite
seines Briefes beginnend.
    Sagen Sie doch nur, was wollen Sie geben? bittet der Jude wieder.
    Nur wenn Ihr wie ein anstndiger Mensch redet, antwortet Fink den Juden
ansehend.
    Ich bin anstndig, sagt der Jude leise, was wollen Sie geben? - 39,
sagt Fink.
    Jetzt gert Schmeie Tinkeles auer sich, schttelt seine schwarzen Locken
und verschwrt sich bei seiner Seele Seligkeit mit lautem Geschrei, er knne
nicht unter 41; worauf Fink ihn bedeutet, er werde ihn von einem Hausknecht
hinausfhren lassen, wenn er solchen Lrm mache. Darauf geht der Jude entrstet
vor die Tr, steckt den Kopf wieder herein und ruft: Also was wollen Sie
geben?
    39, sagt Fink und sieht der aufgeregten Mimik des Hndlers ungefhr mit
demselben Interesse zu, mit dem ein Physiker die galvanischen Zuckungen eines
Frosches betrachtet. Die Zahl 39 bewirkt in der Seele des Juden eine neue
Explosion, er tritt wieder vor, verschwrt seine Seele in den tiefsten Abgrund
der Hlle und erklrt sich selbst fr das nichtswrdigste Scheusal der Welt,
wenn er fr weniger als 41 ablassen knne. Als er sich auf wiederholte
Ermahnungen Finks, ruhig zu werden, dazu nicht entschlieen kann, wird der
Hausknecht gerufen. Das Erscheinen desselben wirkt so weit beruhigend, da Herr
Tinkeles erklrt, er knne allein gehen und werde allein gehen, worauf er
stillsteht und 40 1/2 sagt. Der Agent, der Provinziale und das Comtoir sind
still und hren der Verhandlung neugierig zu, whrend Fink dem armen Schmeie mit
einer gewissen Herzlichkeit den Vorschlag macht, er solle sich ohne weiteres
entfernen, er sei vllig Narr und mit ihm kein Geschft zu machen. Darauf wendet
sich der Jude trotzig ab und geht hinaus. Und wieder fhrt Herr Braun fort:
Dieser Sturm war ein seltenes Unglck, der Kaffee mu steigen; und Herr
Stephan beweist, da die Selbstmorde und andere Untaten seit Erfindung der
Schwefelhlzer zugenommen haben; und Fink sagt zum Prinzipal, der einen unterdes
erhaltenen Brief durchliest: Er wird's lassen, wenn ich ihm noch einen halben
Taler zulege. Wollen Sie mit 39 1/2 abmachen?
    Wieviel? fragt der Kaufmann.
    120 Zentner, sagt Fink.
    Nehmen Sie, sagt der Kaufmann und liest weiter.
    Von neuem wird die Tr aufgerissen, das Geschwirr geht fort, und Anton mht
sich vergebens zu verstehen, wie man die Wolle kaufen knne, nachdem der
Verkufer in so entschiedener Weise gegangen ist. Da ffnet sich, grade als
wieder drei bis vier Stimmen durcheinander sprechen, ganz leise die Tr,
Tinkeles schleicht auf Zehen herein bis hinter Finks Platz und sagt, diesem die
Hand auf die Schulter legend, wehmtig und vertraulich: Was wollen Sie noch
geben?
    Fink wendet sich um und sagt ebenfalls mit vertraulichem Lcheln: Weil Ihr
es seid, Tinkeles, 39 1/3, aber nur unter der Bedingung, da Ihr kein Wort
weiter sprecht, sonst nehm ich das Gebot zurck.
    Ich spreche nichts, antwortet der Jude, sagen Sie 40.
    Fink macht eine Bewegung der Entrstung und weist schweigend nach der Tr.
Der Hndler geht und dreht an der Tr um.
    Jetzt kommt's, sagt Fink. Darauf kehrt der Hndler zurck und spricht mit
mehr Haltung:  39 1/2, wenn Sie es dafr wollen nehmen.
    Nach einigem Zgern bemerkt Fink wie gelegentlich: Es mag sein. Worauf
Schmeie Tinkeles ganz umgewandelt ist, sich als liebenswrdiger Freund der
Handlung erweist und angelegentlich nach dem Befinden des Prinzipals erkundigt.
    Und wieder knarrte nach diesem Intermezzo die Tr, neue Kufer und Verkufer
kamen, die Menschen sprachen und die Federn knisterten, das Geld rollte
unaufhrlich.
    Auch der Haushalt, dem Anton jetzt angehrte, erschien ihm sehr fremdartig
und mchtig.
    Das Haus selbst war ein altes unregelmiges Gebude mit Seitenflgeln,
kleinen Hfen und Hinterhusern, voll von Mauern und kleinen Treppen, von
geheimnisvollen Durchgngen, wo kein Mensch welche vermutete, von Korridoren,
Nischen, tiefen Wandschrnken und Glasverschlgen. Es war ein durchaus
knstlicher Bau, an dem Jahrhunderte gearbeitet hatten, um ihn fr spte Enkel
so schwierig und unverstndlich als irgend mglich zu machen. Und doch sah er im
ganzen betrachtet ansehnlich und behaglich aus und umfate mit seinen Mauern
eine ganze Welt von Menschen und Interessen. Der ganze Raum unter dem Gebude
und unter seinen Hfen war zu Kellern gewlbt und bis an die Gewlbgurte gefllt
mit Waren; das ganze Parterre gehrte der Handlung und enthielt auer den
Comtoirzimmern fast nichts als Warenrume. Darber lagen im Vorderhaus die Sle
und Zimmer, in denen der Kaufherr selbst wohnte. Herr Schrter war nur kurze
Zeit verheiratet gewesen, in einem Jahr hatte er Frau und Kind verloren, seit
dem Tode seiner Eltern war eine Schwester alles, was er von Familie besa.
Streng hielt der Kaufmann auf den alten Brauch seiner Handlung. Alle Herrn des
Comtoirs, welche nicht verheiratet waren, wohnten in seinem Hause, gehrten
seinem Haushalt an und aen alle Mittage Punkt ein Uhr an dem Tische des
Prinzipals. Am Morgen nach Antons Eintritt hatte Herr Schrter nur wenige Worte
mit ihm gewechselt und ihn darauf Herrn Jordan und dem Provinzialgeschft
bergeben. Jetzt, einige Minuten vor der Mittagstunde, war Anton in die Zimmer
des ersten Stockes bestellt, um der Dame des Hauses vorgestellt zu werden.
Erwartungsvoll stieg er die Teppichstufen der breiten Treppe hinauf, der
Bediente ffnete und fhrte ihn durch eine Reihe von Gemchern in das
Empfangszimmer. Anton sah auf seinem Wege mit Erstaunen den ruhigen und soliden
Glanz der Einrichtung, die groen Wandspiegel, schwere Stoffe, Gemlde,
Blumentische, zahlreiche Vasen und Fruchtschalen von Stein und gemaltem
Porzellan. Der Diener schlug eine Portiere zurck, und Anton machte auf dem
glatten Parkettboden eine tiefe Verbeugung, als der Prinzipal ihn einer jungen
Dame vorstellte und dazusetzte: Meine Schwester Sabine.
    Frulein Sabine zeigte ber dem eleganten Sommerkleide ein feines bleiches
Gesicht, von rabenschwarzem Haar eingefat. Sie war vielleicht nicht lter als
Anton, aber sie hatte die Wrde und Haltung einer Hausfrau. Sie ntigte Platz zu
nehmen und fragte ihn teilnehmend, wie er sich eingerichtet habe und ob er noch
irgend etwas vermisse.
    Meine Schwester regiert uns alle, sagte der Kaufmann mit einem
freundlichen Blick auf die Dame, machen Sie hier Ihre Bekenntnisse, wenn Sie
irgendeinen wirtschaftlichen Wunsch haben; sie ist die gute Fee, welche den
Haushalt in Ordnung hlt.
    Anton sah zu der Fee auf und antwortete schchtern: Ich habe bis jetzt
alles weit glnzender gefunden, als ich von Hause aus gewhnt bin.
    Ihr Leben wird Ihnen bei alledem mit der Zeit einfrmig erscheinen, fuhr
der Kaufmann fort, es ist eine strenge Regelmigkeit in unserm Hause, Sie
haben viel Arbeit und wenig Zerstreuung zu erwarten; meine Zeit ist sehr in
Anspruch genommen, auch nach dem Schlu des Comtoirs. Wenn Sie aber in
irgendeiner Angelegenheit Rat oder Hilfe wnschen, so bitte ich, sich vor allen
an mich zu wenden.
    Nach dieser kurzen Audienz erhob er sich und fhrte Anton nach dem
Speisezimmer. Auf dem Wege setzte er ihm die Stellung eines Lehrlings im
Geschft auseinander. Anton fand seine Kollegen bereits aufgestellt und in
bescheidener Toilette das Mahl erwartend; Sabine trat ein und mit ihr eine
ltliche Dame, eine entfernte Verwandte der Familie, welche dem Frulein in der
Wirtschaft half und sehr gutmtig aussah. Die Herrn vom Comtoir machten den
Damen ihre Verbeugung, und Anton erhielt seinen Platz am Ende einer langen
Tafel, zwischen den jngsten seiner Kollegen. Ihm grade gegenber sa Sabine,
neben dieser ihr Bruder, auf der andern Seite die Verwandte, neben dieser Herr
von Fink und dahinter alles brige genau nach Rang und Alter im Geschft. Es war
im ganzen ein stilles Diner, welches eingenommen wurde, Antons Nachbarn sprachen
nur wenig und mit gedmpfter Stimme, das Gesprch wurde fast ausschlielich von
dem Prinzipal geleitet. Nur der Jockei von gestern benahm sich mit grter
Unbefangenheit, erzhlte kleine lcherliche Geschichten, wute andere Leute
vortrefflich in Stimme und Haltung nachzuahmen und bewies seiner Nachbarin, der
gutmtigen Tante, eine fast bertriebene Aufmerksamkeit. Kurz Anton, dessen Herz
bereits voller Piett und Ehrfurcht war, sah mit einer Art von frommem
Entsetzen, da Fink den ganzen Tisch so behandelte, als wre die Tafel nur
seinetwegen gedeckt und als htte der Kaufherr nur deshalb ein Geschft, damit
Fink, sein Volontr, leichtsinnige Scherze machen und alle Anwesenden dreist
anreden knnte. Dabei glaubte er wahrzunehmen, da der Kaufherr selbst den
jungen Herrn mit Klte behandelte, und ferner, da Fink sich sehr wenig um dies
zurckhaltende Wesen des Hausherrn kmmerte. Der Diener im schwarzen Frack
servierte mit grter Akkuratesse, und als sich die Herrn vom Geschft mit einer
Verbeugung erhoben und ihre Sthle wegrckten, nahm Anton aus dem Speisesaal die
berzeugung mit hinaus, da er noch nie so vornehm und feierlich sein
Mittagsbrot verzehrt habe.
    Mit allen werde ich zurechtkommen, nur mit diesem Herrn Fink nicht, sagte
sich Anton den Tag ber, er ist zu dreist und zu stolz. Auch sitzen blieb er,
als alle von unserem Geschft aufstanden. Er pat nicht hierher, entschied der
neue Ankmmling mit einer Weisheit, in welcher mehr Instinkt als Erfahrung war.
Seit der Zeit sah Anton mit einiger Scheu auf Herrn von Fink, er mute aber oft
nach ihm hinsehen und sich viel um ihn kmmern, denn das Wesen des Gentlemans
imponierte ihm doch sehr; der edel geformte Kopf, ein schmales Gesicht mit
feinen Zgen, die sichere Haltung und die kurze Entschlossenheit in Bewegungen
und Worten. Anton getraute sich kaum ihn anzureden, und Fink gab ihm keine
Veranlassung dazu, denn er schien von der Anwesenheit des neuen Lehrlings nichts
mehr zu wissen. Nur einmal, als Anton zufllig vor Fink die Treppe des
Hinterhauses hinaufging, redete ihn dieser an: Nun Master Wohlfart, wie gefllt
es Ihnen in diesem Hause?
    Anton blieb stehen und sagte, wie sich fr einen guten Jungen schickt:
Ausgezeichnet! Ich sehe und hre so viel Neues, da ich noch gar nicht zu mir
selbst kommen kann.
    Sie werden das alles gewohnt werden, lachte Fink, wie an einem Tage geht
es das ganze Jahr ohne eine Vernderung fort. Am Sonntage ein Gericht mehr und
ein Glas Wein vor jedem Couvert, und Sie werden guttun, dazu Ihren Leibrock
anzuziehen. Sie sind jetzt als Rad eingefgt in die Maschine, und es wird von
Ihnen erwartet, da Sie das ganze Jahr regelmig abschnurren.
    Ich wei, da ich fleiig arbeiten mu, um das Vertrauen Herrn Schrters zu
erwerben, antwortete der kleine Philister gereizt durch die rebellische
Gesinnung des Volontrs.
    Eine tugendhafte Bemerkung, spottete dieser; in wenigen Wochen werden Sie
sehen, mein armer Junge, welch ein himmelweiter Unterschied ist zwischen dem
Herrn des Geschfts und den Leuten, welche seine Briefe schreiben und seine
Kunden abfertigen. Kein Frst auf Erden lebt so stolz und einsam unter seinen
Vasallen, als dieser Kaffeebeherrscher in seinem Reiche. Lassen Sie sich
brigens durch meine Reden nicht stren, fgte er mit etwas mehr Gutmtigkeit
zu, das ganze Haus wird Ihnen sagen, da ich unzurechnungsfhig bin. Da Sie mir
aber aussehen, wie ein hoffnungsvoller Comtorist, so will ich Ihnen noch einen
ehrlichen Rat geben. Kaufen Sie sich einen englischen Sprachlehrer und machen
Sie, da Sie fortkommen, bevor Sie hier einrosten. Alles, was Sie hier lernen,
wird Sie noch nicht zu einem tchtigen Mann machen, wenn Sie anders das Zeug
haben, berhaupt einer zu werden. Guten Abend! Mit diesen Worten drehte Fink
unserm Anton den Rcken und lie diesen, wieder rgerlich ber den hohen Ton,
den der Jockei angenommen hatte, zurck.
    Wohl empfand unser Held nach einiger Zeit mitten in dem Rauschen des
Geschftslebens die ewige Gleichfrmigkeit der Stunden und Tage; wohl ermdete
ihn das zuweilen, aber es machte ihn nicht unglcklich, denn durch seine Eltern
war er an Ordnung und regelmigen Flei gewhnt, und diese beiden Tugenden
halfen ihm ber manche langweilige Stunde hinweg.
    Herr Jordan gab sich redlich Mhe, den Lehrling in die Geheimnisse der
Warenkunde einzuweihen, und die Stunde, in welcher Anton zuerst in das Magazin
des Hauses trat und hundert verschiedene Stoffe und merkwrdige Bildungen
persnlich mit allen Kunstausdrcken kennenlernte, wurde fr seinen
empfnglichen Sinn die Quelle einer eigentmlichen Poesie, die wenigstens
ebensoviel wert war, als manche andere poetische Empfindung, welche auf dem
mrchenhaften Reiz beruht, den das Seltsame und Fremde in der Seele des Menschen
hervorbringt.
    Es war ein groes dmmriges Gewlbe im Parterre des Hauses, durch Fenster
mit Eisenstben notdrftig erhellt, in welchem die Warenproben und kleinen
Vorrte fr den tglichen Verkehr lagen. Tonnen, Kisten und Ballen standen auch
hier massenhaft durcheinander, und nur schmale gewundene Pfade fhrten
dazwischen durch. Fast alle Lnder der Erde, alle Rassen des Menschengeschlechts
hatten gearbeitet und eingesammelt, um Ntzliches und Wertvolles vor den Augen
unseres Helden zusammenzutrmen.
    Der schwimmende Palast der Ostindischen Kompagnie, die fliegende
amerikanische Brigg, die altertmliche Arche der Niederlnder hatten die Erde
umkreist, starkrippige Walfischfnger hatten ihre Nasen an den Eisbergen des
Sd- und Nordpols gerieben, schwarze Dampfschiffe, bunte chinesische Dschunken,
leichte malaiische Khne mit einem Bambus als Mast, alle hatten ihre Flgel
gerhrt und mit Sturm und Wellen gekmpft, um dies Gewlbe zu fllen. Diese
Bastmatten hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiste war von einem fleiigen
Chinesen mit rot und schwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das Rohrgeflecht
hatte ein Neger aus Kongo im Dienst des virginischen Pflanzers ber den Ballen
geschnrt; dieser Stamm Frbeholz war an dem Sande herabgerollt, den die Wellen
des mexikanischen Meerbusens angeworfen haben, jener viereckige Block von
Zebra-oder Jakarandaholz hatte in dem sumpfigen Urwald Brasiliens gestanden, und
Affen und bunte Papageien waren ber seine Bltter gehpft. In Scken und Tonnen
lag die grnliche Frucht des Kaffeebaumes fast aus allen Teilen der Erde, in
rohen Bastkrben breiteten sich die gerollten Bltter der Tabakspflanze, das
brunliche Mark der Palme und die gelblichen Kristalle aus dem sen Rohr der
Plantagen. Hundert verschiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre Rinde, ihre
Knospen, ihre Frchte, das Mark und den Saft ihrer Stmme an dieser Stelle
vereinigt. Auch abenteuerliche Gestalten ragten wie Ungetme aus dem Chaos
hervor, dort hinter dem offnen Fa, gefllt mit oranger Masse - es ist Palml
von der Ostkste Afrikas - ruht ein unfrmiges Tier - es ist Talg aus Polen, der
in die Haut einer ganzen Kuh eingelassen ist -, daneben liegen, zusammengedrckt
in riesigem Ballen, gepret mit Stricken und eisernen Bndern, fnfhundert
Stockfische, und in der Ecke gegenber erheben sich ber einem Haufen
Elefantenzhne die Barten eines riesigen Wals.
    Anton stand noch stundenlang, nachdem die Erklrungen seines Lehrmeisters
aufgehrt hatten, neugierig und verwundert in der alten Halle, und die Gurte der
Wlbung und die Pfeiler an der Wand verwandelten sich ihm in groblttrige
Palmen, und das Summen und Gerusch auf der Strae erschien ihm wie das
entfernte Rauschen der See, die er nur aus seinen Trumen kannte, und er hrte
die Wogen des Meeres in gleichmigem Takt an die Kste schlagen, auf welcher er
so sicher stand.
    Diese Freude an der fremden Welt, in welche er so gefahrlos eingekehrt war,
verlie ihn seit dem Tage nicht mehr. Wenn er sich Mhe gab, die
Eigentmlichkeiten der vielen Waren zu verstehen, so versuchte er auch durch
Lektre deutliche Bilder von der Landschaft zu bekommen, aus welcher sie
herkamen, und von den Menschen, die sie gesammelt hatten.
    So vergingen schnell die ersten Monate seines Lebens in der Hauptstadt, und
es war gut fr ihn, da er auch in seinen Freistunden diese lebhafte
Unterhaltung mit der ganzen Welt zu fhren hatte, denn in einem hatte Fink recht
gehabt: Anton blieb trotz dem tglichen Mittagstisch in dem parkettierten
Speisezimmer doch dem Chef des Hauses und der Familie sehr fremd und fhlte
bald, da eine Schranke gezogen sei zwischen den Herren vom Comtoir und den
Personen des Hauses, die, so unbemerkbar sie fr Fremde sein mochte, doch
eisenfest stand. Er war so verstndig, da es ihm nicht einfiel, darber zu
murren, aber er wurde doch manchmal dadurch gedrckt, denn mit dem Enthusiasmus
der Jugend war er schnell bereit, seinen Prinzipal als das Ideal eines Kaufmanns
zu verehren. Die Klugheit, Sicherheit und energische Krze des Mannes und seine
stolze Redlichkeit begeisterten ihn; er htte sich gar zu gern mit
schwrmerischer Innigkeit an ihn angeschlossen, aber er sah auer den
Geschftsstunden wenig von ihm. Wenn der Kaufmann am Abend nicht in Konferenzen
oder im Klub war, so lebte er nur fr seine Schwester, an der er mit einer
rhrenden Zrtlichkeit hing. Fr seine Schwester hielt der Kaufmann Wagen und
Pferde, die er selbst nie benutzte, ihr zuliebe besuchte er auch
Abendgesellschaften und gab selbst welche, zu denen Anton und seine Kollegen
nicht zugezogen wurden. Dann rollten die Equipagen vor das Haus, galonierte
Bediente flogen treppauf treppab, und bunte Schatten schwebten an den
erleuchteten Fenstern des Vorderhauses vorber, whrend Anton in seiner
Dachstube sa und mit Sehnsucht auf das glnzende Leben des Haushaltes sah, zu
dem er doch auch gehrte: mit heier Sehnsucht, denn unser Held war kaum
neunzehn Jahr alt und kannte die geschmckte Geselligkeit eleganter Kreise nur
aus den trgerischen Schilderungen der Bcher, welche er gelesen hatte. Dann
sagte ihm zwar immer sein Verstand, da er nicht in das Vorderhaus gehre, und
was daraus werden solle, wenn er mit seinem Dutzend Kollegen, die so verschieden
an Bildung waren, bei solchen Gesellschaften sich ausbreiten wolle. Aber was der
Verstand, dieser alte Herr, sagt, wird von der jungen Dame Begehrlichkeit nicht
immer ehrerbietig angehrt, und Anton schlich manchmal mit einem leisen Seufzer
vom Fenster zu seiner Lampe und den Bchern zurck, und bemhte sich die
lockende Musik der Quadrille zu vergessen, indem er auf das Geschrei des Lwen
und das Gurgeln des Brllfrosches in irgendeinem tropischen Land lauschte.

                                       6


Der Freiherr von Rothsattel hatte sein Quartier in der Hauptstadt selbst
eingerichtet. Es war nur von miger Gre, aber die Form der Mbel, die
Arabesken der einfachen Wandmalerei, die Zeichnung auf Vorhngen und Teppichen
waren so geschmackvoll zusammengepat, da das Ganze in der guten Gesellschaft
als ein Muster von Eleganz und Wohnlichkeit gerhmt wurde. Recht in der Stille
hatte er das alles vorbereitet. Endlich hielt der neugekaufte Wagen vor der
Wohnung, der Freiherr hob seine Gemahlin heraus und fhrte sie durch die Reihe
der Zimmer bis zu ihrem kleinen Boudoir, das ganz mit weier Gaze dekoriert war,
die Decke eine Sonne von weien Falten, und an allen Wnden wei gefltelte
Sterne. Da flog ihm die Baronin entzckt ber so viel Aufmerksamkeit in die
Arme, und der gute Herr fhlte sich zufrieden und stolz wie ein Knig. Schnell
war die Familie eingelebt, die Ackerpferde fhrten vom Gut die unvermeidlichen
Kisten, Truhen und Vorrte an Lebensmitteln herbei, und nachdem einige Tage
hindurch zahlreiche Strohhalme von Treppen, Fubden und Teppichen abgefegt
worden waren, konnte man daran denken, sich auerhalb des Hauses umzusehen und
die ntigen Besuche zu machen.
    Ein groer Teil des Landadels pflegte die Wintermonate in der Hauptstadt
zuzubringen, und die Rothsattel fanden mehrere Gutsnachbarn, viele Bekannte und
Verwandte. berall war man erfreut, die angesehene Familie in der Stadt zu
begren, und nach wenigen Wochen fanden sie sich mitten in einem groen Kreise
zu frhlicher Geselligkeit eingelebt. Der niedere Adel mit all seinen Titeln,
welche ihm von den deutschen Regenten freigebig erteilt worden sind, bildete
eine stattliche, ziemlich abgeschlossene Korporation, und wenn in dem Vlkchen
auch nicht gerade ein berflu von geistreicher Bildung vorhanden war, so war
doch das gesellige Behagen, mit dem sie untereinander verkehrten, vielleicht um
so grer. Die Baronin wurde durch ihre sichere Liebenswrdigkeit eine
Hauptgre der Frauenwelt, auch ihr Gemahl, der in den ersten Wochen manchmal
die Wanderungen durch den Wirtschaftshof und die Spazierritte in seinem Wald
vermit hatte, fand sich bald unter seinen Jugendfreunden nicht weniger wohl. Er
wurde Mitglied einer adeligen Ressource, suchte seine alte Virtuositt auf dem
Billard hervor, spielte mit Anstand Whist und L'hombre und trieb in migen
Stunden etwas Politik und ein wenig Kunst. So verlebte die Familie eine
behagliche und interessante Wintersaison, und der Freiherr und seine Gemahlin
uerten einander ihre Verwunderung, warum sie ihrem Leben nicht schon in
frhern Jahren diese bescheidene und anstndige Abwechselung gegnnt htten.
    Nur Lenore war mit dem Umzug nicht ganz zufrieden. Sie fuhr fort, die
Befrchtung ihrer Mutter zu rechtfertigen, da sie ein Original werden knnte.
Es wurde ihr schwer, den zahlreichen ltlichen Tanten der Familie eine anmutige
Ehrerbietung zu bezeigen, und noch schwerer wurde ihr, lustige Herren aus der
Nachbarschaft, gute Freunde ihres Vaters, die sie vom Gut her kannte, hier in
der Stadt nicht zuerst anzureden, wenn sie ihnen auf der Strae begegnete. Auch
das Behltnis war ihr peinlich, in dem sie die Bildung aus dem Mdcheninstitut
nach Hause tragen mute. Es war ein Zwitter von Tasche und Mappe, voll von
langweiligen Heften und Lehrbchern. Da die Mutter nicht gern sah, wenn der
Bediente ihr die Schulbcher nachtrug, so schlenkerte sie das Ding verchtlich
am Arm, so oft sie auf der Strae ging, blieb dabei von Zeit zu Zeit stehen und
sah wie eine Juno mit dreistem Blick auf die Gruppen der Marktleute, auf
Eckensteher, die sich prgelten, und auf andere Menschenknuel, welche sich in
den Straen einer groen Stadt zusammenballen. Einst, als sie so auf der Strae
stand, die Mappe als Zeichen ihrer Sklaverei am Arme und einen kleinen
Regenschirm in der Hand, siehe, da kam ihr auf dem Trottoir der junge Herr
entgegen, den sie im Garten umhergefhrt und ber den Teich gefahren hatte. Sie
freute sich darber; er war ihr eine freundliche Erinnerung an das Gut, an ihren
Pony und an das Volk der Schwne. Noch war er eine Strecke entfernt, als ihre
Falkenaugen ihn beobachteten. Er kam nher und sah sie nicht. Da ihr die Mutter
verboten hatte, irgendeinen Herrn auf der Strae anzusprechen, so blieb sie in
seinem Wege stehen und stampfte ihren Schirm befehlend vor ihm auf die Steine.
Anton, der im Geschftstrott war, blickte auf und sah mit der hchsten Freude,
da das schne Frulein vom See vor ihm stand. Er zog errtend seinen Hut, und
das Frulein erkannte aus seinem strahlenden Gesicht mit Befriedigung, da trotz
der Bchertasche ihre Erscheinung auf ihn noch ebenso gewaltig wirkte, als
frher.
    Wie geht es Ihnen, mein Herr? frug sie wrdevoll das Kpfchen
zurckwerfend.
    Sehr gut, sagte Anton; wie bin ich glcklich, Sie hier in der Stadt zu
sehen.
    Wir wohnen jetzt hier, sprach das Frulein weniger vornehm, fr den
Winter Brenstrae Nr. 20.
    Darf ich fragen, wie sich der Pony befindet? sagte Anton ehrfurchtsvoll.
    Denken Sie, er hat zu Hause bleiben mssen, klagte die Dame; und was
treiben Sie hier?
    Ich bin in der Handlung von T.O. Schrter, antwortete Anton mit einer
Verbeugung.
    Also Kaufmann? sagte das Frulein, und womit handeln Sie?
    Kolonialwaren und Produkte; es ist das grte Geschft in dieser Branche
hier am Platz, antwortete Anton mit Selbstgefhl.
    Und haben Sie gute Menschen gefunden, die auch fr Sie sorgen?
    Mein Prinzipal ist sehr gtig gegen mich, antwortete Anton, in
Kleinigkeiten mu ich fr mich selbst sorgen.
    Haben Sie auch Freunde hier, mit denen Sie sich amsieren? setzte das
Frulein ihr Examen fort.
    Einige Bekannte. Ich habe aber viel zu tun, und in den Freistunden mu ich
fr mich lernen.
    Sie sehen auch etwas bleich aus, sagte das Frulein, ihn mit mtterlichem
Wohlwollen betrachtend. Sie mssen sich mehr Bewegung machen und fleiig
spazierengehen. - Es ist mir angenehm gewesen, Sie hier zu treffen; ich werde
mich freuen, wenn ich hre, da es Ihnen wohlgeht, fgte sie, wieder in
Majestt bergehend, hinzu. Sie sah ihn noch einen Augenblick an, grte mit dem
Kopf und verschwand in dem Menschenstrom, whrend Anton ihr mit abgezogenem Hut
nachsah.
    Lenore fand nicht fr ntig, ber das zufllige Zusammentreffen viele Worte
zu verlieren. Nur als einige Tage darauf die Baronin ihren Gemahl fragte, aus
welcher Handlung wollen wir die Waren nehmen, die der Haushalt braucht; da sah
Lenore von ihrem Buche auf und sagte: Die grte Handlung hier am Platz ist von
T.O. Schrter, Kolonialwaren und Produkte.
    Woher weit du das? fragte der Vater lachend, du sprichst ja wie ein
gelernter Kaufmann.
    Das kommt alles von diesem Mdcheninstitut, antwortete Lenore trotzig.
    ber den geselligen Freuden verga der Freiherr nicht den Hauptzweck seines
Aufenthaltes in der Stadt. Er zog sorgfltige Erkundigungen ein ber die
technischen Gewerbe, welche andere Gutsbesitzer eingerichtet hatten, er besuchte
die Fabriken der Stadt und bemhte sich gebildete Techniker kennenzulernen. Er
bekam eine Masse von Nachrichten und erwarb einige Kenntnisse in Maschinen und
Fabrikanlagen. Aber die Nachrichten, welche er erhielt, waren so widersprechend,
und die Anschauungen, welche er selbst gewann, so unvollstndig, da er zuletzt
fr das beste hielt, nichts zu bereilen, und abzuwarten, bis sich ein
geschftliches Unternehmen von besonderer und mglichst sicherer Rentabilitt
fnde.
    Es darf nicht verschwiegen werden, da zu dieser Zeit auch der
Familienschatz durch ein schnes mit vergoldetem Messing beschlagenes Kstchen
vermehrt wurde. Es war von gefasertem Holz mit Arabesken von mattem Metall und
mit einem sehr knstlichen Schlo, welches fr einen Spitzbuben gar nicht zu
ffnen war und den Dieb in die Notwendigkeit versetzte, das ganze Kstchen zu
stehlen. In diesem Behltnis lagen fnfundvierzigtausend Taler in neuen weien
Pfandbriefen der Landschaft. Der Freiherr betrachtete die Pfandbriefe mit vieler
Zrtlichkeit. Er sa in den ersten Tagen stundenlang vor dem geffneten Kstchen
und wurde nicht mde, die Pergamentbltter nach den Nummern zu ordnen, sich ber
den reinlichen weien Glanz derselben zu freuen und die Tilgungsplne fr das
Kapital zu entwerfen. Auch als er das Kstchen der Sicherheit wegen wieder ins
Depositum der Landschaft gegeben hatte, war der Gedanke daran eine von den
kleinen Freuden, welche der ritterliche Gutsherr im stillen hatte. Ja, der Geist
dieses Kstchens spukte in seinem Haushalt fort. Die Baronin war verwundert,
wenn ihr Gemahl zuweilen anfing, da zu sparen, wo er es sonst nicht getan hatte;
wenn er einige Male von Logenbilletten abriet, weil man gute Wirtschaft treiben
msse, oder wenn er ihr mit einer gewissen Freude erzhlte, da er am
vergangenen Abend zehn Louisdor im Spiel gewonnen habe. Die verstndige Dame
wurde ernstlich besorgt, ob ihr Gemahl nicht durch einen Unfall in
Geldverlegenheit gekommen sei; indes beruhigten sie seine Versicherungen vom
Gegenteil und ein zufriednes Lcheln, welches in solchen Stunden ber seinem
Gesicht schwebte, sehr bald wieder. In der Tat waren die kleinen Anflle von
Sparsamkeit nicht konsequent und ergaben sich als nichts anderes, als eine
unschuldige Laune, denn in allen grern Dingen hielt der Freiherr in gewohnter
Weise auf anstndige Reprsentation, und sein Auftreten war durchaus seiner
Familie und seinem Wohlstande entsprechend.
    Auch war es in der Tat nicht mglich, gerade jetzt zurckzulegen. Das Leben
in der Stadt, die Einrichtung der Wohnung und die unvermeidlichen geselligen
Ansprche verringerten natrlich die Ausgaben nicht.
    So kam es, da der Freiherr, als er zur Abnahme der Winterrechnungen auf
sein Gut gereist war, sehr verstimmt nach der Stadt zurckkehrte. Er hatte groe
Rechnung gemacht, er hatte gesehen, da die Ausgaben des letzten Jahres grer
gewesen waren, als die Einnahmen, da der Revenuenanschlag des nchsten Jahres
keine Deckung des Defizits versprach, da fast zweitausend Taler fehlten, welche
geschafft werden muten. Der Gedanke griff ihn an das Herz, da er dies Geld von
den weien Pergamenten nehmen sollte, und dem Manne, welcher mit dem grten
Anstand einen feindlichen Kugelregen ausgehalten htte, wurde siedend hei, wenn
er dachte, da er in diesem Falle einige tausend Taler wirklicher Schulden auf
seinem Gut haben wrde. Er war verstndig genug, einzusehen, da in seiner
Spekulation ein Fehler gewesen war. Wenn man ein Vermgen durch jhrliche kleine
Ersparnisse erwerben will, mu man seine Ausgaben einschrnken; er aber hatte
seine Ausgaben bedeutend vermehrt. Ohne Zweifel war diese Vermehrung sehr
notwendig gewesen, aber es war ein unglcklicher Zufall, da das so
zusammentraf. Seit seinen Leutnanttagen hatte der gute Herr keine so peinliche
Unruhe empfunden. Aus der Stadt zurck konnte er nicht, dafr gab es tausend
Grnde; er hatte die Wohnung auf eine Reihe von Jahren gemietet, was wrden die
Bekannten zu einer pltzlichen Abreise gesagt haben, wie htte er seiner
geliebten Frau und Lenore das Opfer zumuten knnen? So verschlo er den rger in
sich. Er entschuldigte gegenber den besorgten Fragen der Baronin seine
Verstimmung durch eine Erkltung auf der Reise, aber tagelang nagte der Gedanke
an ihm, da er einen Verlust erlitten habe, da er zurckgekommen sei; und je
sanguinischer er vorher gewesen war, desto niedergeschlagener wurde er jetzt. Ja
es geschah, da er auf einem Spaziergange durch die Stadt bei einem
Lotterieeinnehmer eintrat und ein Lotterielos kaufte, damit ein gtiges Geschick
das gutmachen mge, was schadhaft war. Zuweilen, besonders am Abend, wenn er aus
heiterer Gesellschaft kam, lchelte er selbst ber diese Verstimmung und schalt
sie tricht. Das ganze Unglck war so unbedeutend, es war ja keine Lebensfrage;
in wenigen Jahren konnten seine Angelegenheiten wieder aufs beste arrangiert
sein. Nur an den nchternen Morgen kam ihm der langweilige Gedanke wieder, und
er konnte ihn nicht loswerden.
    An einem solchen Morgen wurde Herr Ehrenthal gemeldet, der ihm eine Summe
fr gekauftes Getreide zu zahlen hatte. Den Freiherrn berkam ein peinliches
Gefhl, als der Bediente den Namen Ehrenthal aussprach; der Mann hatte ihm den
Rat gegeben, Pfandbriefe aufzunehmen. Freilich sagte er sich im nchsten
Augenblick, da derselbe Mann ihm nicht den Rat gegeben hatte, nach der Stadt zu
ziehen; aber er grollte ihm doch, und sein Gru mochte wohl klter klingen als
gewhnlich. Herr Ehrenthal war ein viel zu guter Geschftsmann, um auf die
Launen seiner Kunden viel zu geben. Er zhlte sein Geld auf und war dabei
freigebig mit den Versicherungen seiner Ergebenheit. Der Freiherr blieb
unzugnglich, bis Ehrenthal im Abgehen fragte: Und sie sind gekommen, die
Pfandbriefe, gndiger Herr Baron?
    Ja, sagte der Herr mrrisch.
    Es ist jammerschade, rief Ehrenthal, da fnfundvierzigtausend Taler
liegen sollen so tot, als ob sie nicht vorhanden wren in der Welt. Dem Herrn
Baron ist's gleich, ob er einmal gewinnt ein paar tausend Taler oder nicht, aber
unsereinem ist es nicht gleich. Ich kann in diesem Augenblick machen ein solides
Geschft und ein sicheres, und mein Geld ist versteckt, ich mu mir entgehen
lassen einen baren Gewinn von viertausend Talern.
    Der Freiherr hrte aufmerksam zu, der Hndler fuhr mit grerm Mute fort:
Herr Baron, Sie kennen mich seit Jahren als einen ehrlichen Mann, Sie wissen
auch, da ich nicht ohne Mittel bin; ich will Ihnen einen Vorschlag tun: Leihen
Sie mir zehntausend Taler Pfandbriefe auf drei Monat; ich gebe Ihnen fr das
Kapital einen Wechsel auf mich selbst, welcher ist wie bar Geld. Es sind zu
gewinnen viertausend Taler bei dem Geschft; was gewonnen wird, das teile ich
mit dem Herrn Baron statt der Zinsen zu gleichen Teilen. Sie sollen kein Risiko
haben, und wir machen das Geschft zusammen. Wenn verloren wird, trage ich's
allein und zahle in drei Monaten dem gndigen Herrn die zehntausend Taler
zurck.
    Diese Worte des Hndlers, so wenig aufregend sie wahrscheinlich in das Ohr
des Lesers dringen, klangen dem Freiherrn wie ein Alarmsignal beim unbehaglichen
Biwak. Eine heftige Spannung, eine wilde Freude arbeitete in ihm. Kaum hatte er
Ruhe genug zu sagen: Vor allem mu ich wissen, von welcher Art das Geschft
ist, das Sie mit meinem Gelde machen wollen.
    Der Geldmann setzte das auseinander. Es war ihm der Antrag gemacht, eine
groe Quantitt Holz zu kaufen. Das Holz lag auf einem Flplatz im obern Teile
der Provinz. Der Hndler holte die Berechnung der Holzmasse, der Transportkosten
bis zur Hauptstadt und des Wertes, den das Holz in der Hauptstadt haben wrde,
aus seiner Tasche und bewies dem Freiherrn, da dabei in sechs bis acht Wochen
ein sicherer Gewinn von bedeutender Gre zu machen sei.
    Der Freiherr sah mit Aufmerksamkeit die Menge der Zahlen durch; wenn die
Berechnung richtig war, so war der Gewinn sonnenklar, er tat aber doch die
bedchtige Frage: Wie kommt es, da der Eigentmer des Holzes das Geschft
nicht selbst macht, und da er sich einen so sichern Gewinn entgehen lt?
    Der Hndler zuckte die Achseln. Wer ein Geschft macht, kann nicht immer
fragen, warum lt der andere die Ware so billig? Wer in Verlegenheit ist, kann
nicht warten zwei bis drei Monat, das Eis liegt auf dem Flu, der Mann braucht
das Geld binnen hier und drei Tagen.
    Sind Sie sicher, da das Eigentumsrecht des Verkufers unbestreitbar ist?
fragte der Freiherr.
    Der Mann ist mir sicher, sagte der Hndler, wenn ich ihm das Geld bis
heute abend schaffe, ist das Holz mein.
    Dem Edelmann war es peinlich, die Verlegenheit eines andern zu benutzen,
sosehr sich auch sein Herz nach dem Gewinn sehnte. Er sagte mit Wrde: Ich
halte es fr unpassend, auf den Verlust eines andern zu rechnen.
    Warum soll er haben Verlust? rief Ehrenthal eifrig. Er ist Spekulant,
jetzt braucht er Geld; vielleicht will er machen ein greres Geschft; so mu
er den Vorteil am kleinern berlassen einem andern. Er hat sich erboten, gegen
zehntausend bar den ganzen Vorrat zu bergeben. Es ist nicht meine Sache, zu
fragen, ob er mehr gewinnen kann mit meinem Gelde, als ich gewinnen kann durch
sein Holz.
    Was Herr Ehrenthal sagte, war richtig; er verschwieg nur einiges. Der
Verkufer des Holzes war ein unglcklicher Spekulant, der, von seinen Glubigern
gedrngt, eine Auspfndung frchtete und die unbescheidenen Hoffnungen derselben
dadurch beendigen wollte, da er seine Vorrte an einen Fremden schnell und
heimlich verkaufte und mit der erhaltenen Summe unsichtbar wurde. Vielleicht
wute Herr Ehrenthal das; vielleicht ahnte auch der Freiherr, da es bei einem
so leichten Gewinn eine Bewandtnis haben msse, wenigstens sagte sein
Kopfschtteln, da ihm die Sache keineswegs ganz klar war. Und doch hatte er
wenig zu wagen und nichts zu verantworten; er lieh sein Geld an einen sichern
Mann, den er seit vielen Jahren als wohlhabend und pnktlich kannte, und gewann
dadurch die Aussicht, in kurzer Zeit einen bsen Geist loszuwerden, der ihn
rastlos qulte. Er war zu unruhig, um zu berlegen, da er vielleicht einen
Teufel vertreibe durch Beelzebub, der Teufel Obersten. Er klingelte nach seinem
Wagen und sagte vornehm: In einer Stunde sollen Sie das Geld haben.
    Ehrenthal dankte in seiner feurigen Weise fr diese groe Geflligkeit,
schrieb auf der Stelle einen wohlverklausulierten Sola-Wechsel ber die
Pfandbriefe und empfahl sich mit einer Untertnigkeit, die sehr gegen das stolze
Kopfnicken des Freiherrn abstach.
    Seit diesem Tage lebte der Freiherr in banger Erwartung. Immer mute er an
die Unterredung mit dem Hndler denken. Wenn er am Teetisch neben seiner
Gemahlin sa und ber Theater und Konzert geplaudert wurde, irrte seine Seele
ratlos zwischen den Lcken der Holzklaftern umher oder wurde von langen
rollenden Mastbumen gedrckt; und wenn er die Arbeitsbcher seiner Tochter
durchsah, so starrten ihm auf dem Deckel und am Rande zahlreiche Gesichter
Ehrenthals entgegen, und jedes lachte ihn hhnisch an. Sooft er auf seinem
Jagdpferde ausritt, richtete sich der Kopf des Pferdes nach dem Strom, und mit
finsterm Blick sah der Reiter auf die gefrorene Flche hinab, sah die
Eisschollen stromabwrts treiben und das hohe Frhlingswasser bis an die Steine
des Randes fluten.
    Ehrenthal hatte sich lange nicht sehen lassen. Endlich, an einem sonnigen
Morgen erschien er mit seinen unvermeidlichen Bcklingen, zog ein Paket aus der
Tasche und rief triumphierend: Herr Baron, das Geschft ist gemacht! Hier sind
die Pfandbriefe zurck und hier sind die zweitausend Taler als der Gewinn,
welcher auf Sie fllt.
    Die Hand des Freiherrn griff hastig nach dem Paket. Es waren dieselben
weien Pergamente, die er mit so schwerem Herzen aus der Kassette hervorgeholt
hatte, und auerdem ein Bndel Kassenscheine. Diesmal hrte der Freiherr kaum
auf den Wortschwall des Hndlers, eine Last fiel ihm vom Herzen, er hatte seine
Pfandbriefe wieder, und der Ausfall an seinen Finanzen war gedeckt. Ehrenthal
wurde gndig entlassen, die Pergamente eingeschlossen, und der Freiherr durfte
sich heute keinen Zwang antun, um ein liebenswrdiger Gesellschafter zu sein.
Noch an demselben Tage kaufte er der Baronin einen Schmuck von Trkisen, den sie
lange im stillen gewnscht hatte.
    Seit dem Tage war im Hause des Freiherrn heller Sonnenschein, und wenn es
eine Erinnerung an die letzten Wochen gab, so uerte sie sich nur in
Kleinigkeiten. Der Kopf des Halbblutes vermied seit diesem Tage den Strom
ebensosehr, als er ihn frher gesucht hatte, und wenn der Reiter auf der Strae
von Herrn Ehrenthal gegrt wurde, so regte sich wieder ein lebhafter Widerwille
gegen den glcklichen Geschftsmann in seiner Seele, und sehr nachlssig war der
Gegengru, welchen er von der Hhe des Rosses zurckgab.
    Aber noch ein dunkler Schatten aus der letzten Vergangenheit sollte ber den
Freiherrn fallen. Er las in dem Zimmer seiner Frau die Zeitung, als sein Auge
auf einen Steckbrief fiel, durch welchen ein verschwundener Holzhndler wegen
betrgerischen Bankrotts verfolgt wurde. Er legte das Blatt weg, ein kalter
Schwei trat ihm auf die Stirn. Und er, der furchtlose Kavalier, nahm das
Zeitungsblatt vom Tisch fort und versteckte es tief unter die Bcher seines
Arbeitstisches. Wenn der Betrger derselbe Mann war - Ehrenthal hatte ihm keinen
Namen genannt - aber wenn er, der Edelmann, durch sein Geld und seinen Gewinn
fremde, wohlbegrndete Ansprche verkrzt hatte; wenn er Gehilfe eines Betrugs
geworden war, und wenn er fr diese Hilfe bezahlt worden war - diese Gedanken
waren frchterlich fr sein stolzes Herz. Der Herr ging in der Stube auf und ab
und rang die Hnde; er eilte zum Schreibtisch, um den Gewinn einzupacken und
fortzuschaffen, er wute selbst nicht wohin, sich von der Seele, weit weg aus
seinem Hause. Mit Bestrzung sah er, da nur noch ein kleiner Teil des Gewinns
vorhanden war. Wie gelhmt setzte er sich an den Tisch und legte den Kopf auf
seine Hnde. Es war etwas in ihm entzweigegangen, das fhlte er, und er
frchtete fr immer. Heftig sprang er wieder auf, ri an der Klingel und lie
Ehrenthal zu sich fordern. Zuflligerweise war der Hndler verreist. Unterdes
sprachen zu dem Freiherrn die freundlichen Stimmen, welche in der Menschenbrust
mit klugen und gewhlten Worten alles Bedenkliche in ein gutes Licht zu setzen
wissen. Wie war die ganze Angst so tricht! Es gab viele hundert Leute am
Oberlauf des Stromes, die mit Holz handelten, es war ja ganz unwahrscheinlich,
da gerade jener Betrger der Mann Ehrenthals sein sollte. Und selbst in diesem
Fall, wie gro war sein eigenes Unrecht bei dem ganzen Ereignis? Klein, sehr
klein, fr einen Geschftsmann nicht zu erkennen. Ja, selbst Ehrenthal, was
konnte er dafr, wenn der Verkufer das Geld zu einem Betrug verwandt hatte? Es
war ja alles ehrlich und gesetzlich gekauft worden. - So sprach es fortwhrend
begtigend in dem Freiherrn, ach, und welche Mhe gab sich der Herr, all diese
Stimmen recht deutlich zu hren.
    Als Ehrenthal endlich ankam und hastig zum Freiherrn eilte, trat ihm dieser
mit einem Gesicht entgegen, das den Hndler wirklich erschreckte. Wie heit der
Mann, von dem Sie das Holz gekauft haben? fragte der Freiherr heftig an der
Tr.
    Ehrenthal stand betroffen, auch er hatte seine Zeitung gelesen und verstand,
was in der Seele des Edelmanns vorging. Er nannte einen beliebigen Namen.
    Und wie hie der Ort, wo das Holz lag? klang die zweite Frage etwas
ruhiger. Herr Ehrenthal nannte einen beliebigen Ort.
    Ist das Wahrheit, was Sie mir sagen? fragte der Freiherr tief aufatmend
zum drittenmal.
    Da Herr Ehrenthal sah, da er einen Kranken vor sich hatte, so behandelte er
ihn mit der Milde, welche dem Arzt so gut ansteht. Was sich der Herr Baron fr
Sorge machen! sagte er kopfschttelnd. Ich glaube, der Mann, mit dem ich habe
gemacht das Geschft, hat seinen guten Vorteil dabei gehabt. Es sind groe
Eichenlieferungen ausgeschrieben, dabei sind fr einen, der dort oben wohnt,
hundert Prozent zu verdienen. Ich glaube, er wird sie haben verdient. Das
Geschft, welches ich mit ihm gemacht habe, ist gewesen gut und sicher, wie es
kein Kaufmann von der Hand weisen wird. Und wenn er auch ein schlechter Mensch
wre, was haben Sie, gndiger Herr, darum zu sorgen? Ich habe keinen Grund
gehabt, Ihnen den Namen des Mannes und des Ortes zu verbergen, ich habe Ihnen
doch beides damals nicht gesagt, weil nicht Sie gemacht haben das Geschft,
sondern ich. Ich bin gewesen Ihr Schuldner, und ich habe Ihnen zurckgezahlt das
Geld mit einer Provision. Mit einer guten Provision, das ist wahr. Ich habe seit
Jahren vieles bei Ihnen verdient, warum soll ich nicht zuerst Ihnen den Vorteil
gnnen, den ich jedem andern auch gegeben htte? Was machen Sie sich Sorgen,
Herr Baron, um Dinge, die nicht sind!
    Das verstehen Sie nicht, Ehrenthal, sagte der Gutsherr freundlicher; es
ist mir lieb, da die Sache so steht. Wre der Betrger jener Mann gewesen, mit
dem Sie gehandelt haben, so htte ich unser Verhltnis abgebrochen, ich htte
Ihnen nie verziehen, da Sie mich wider meinen Willen zum Mitschuldigen eines
Betrugs machten.
    Ehrenthal wurde entlassen, und der Freiherr war von einer schweren Sorge
befreit. Er beschlo, sich nher nach jenem beliebigen Namen und dem unbekannten
Dorfe zu erkundigen. Er erkundigte sich aber nicht danach; durch die
berstandene Angst war ihm die Erinnerung an das Geldgeschft sehr peinlich
geworden, und er mhte sich, gar nicht mehr daran zu denken.
    Er war ein zartfhlender, guter Herr, und Ehrenthal war derselben Meinung,
denn als er die Treppe hinunterging, murmelte er vor sich hin: Er ist gut, der
Baron, er ist gut!

                                       7


Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix und
entdeckte bald, da er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines groen Staatskrpers
zu sein. Was die unerfahrene Auenwelt hchst oberflchlich unter dem Namen
Kommis zusammenfat, das waren fr ihn, den Eingeweihten, sehr verschiedene, zum
Teil Ehrfurcht gebietende mter und Wrden. Der Buchhalter, Herr Liebold,
thronte als geheimer Minister des Hauses an einem Fenster des zweiten Comtoirs
in einsamer Majestt und geheimnisvoller Ttigkeit. Unaufhrlich schrieb er
Zahlen in ein ungeheures Buch und sah nur selten von seinen Ziffern auf, wenn
sich ein Sperling auf die Gitterstbe des Fensters setzte, oder wenn ein
Sonnenstrahl die eine Fensterecke mit gelbem Glanz berzog. Herr Liebold wute,
da der Sonnenstrahl nach den altertmlichen Gesetzen des Universums in keiner
Jahreszeit weiter dringen durfte, als bis zur Spitze des Fensterbretts, aber er
konnte sich doch nicht enthalten, ihm pltzliche berflle auf das Hauptbuch
zuzutrauen, und beobachtete ihn deshalb mit argwhnischen Blicken.
    Mit der Ruhe seiner Ecke kontrastierte die ewige Rhrigkeit in der
entgegengesetzten. Dort waltete in besonderem Verschlage der zweite
Wrdentrger, der Kassierer Purzel, umgeben von eisernen Geldksten, schweren
Geldschrnken und einem groen Tisch mit einer Steinplatte. Auf diesem Tisch
klangen die Taler, klirrte das goldene Blech der Dukaten, flatterte geruschlos
das graue Papiergeld vom Morgen bis zum Abend. Wer die Pnktlichkeit als
allegorische Figur in l malen wollte, der mte ohne Widerrede Herrn Purzel
abmalen und drfte hchstens das antike Kostm dadurch andeuten, da er mit
knstlerischer Lizenz Herrn Purzel die Strmpfe ber die Stiefel und das weie
Oberhemd ber den Comtoirrock herbermalte. Alles hatte in der Seele des Herrn
Purzel eine eisenfeste unvernderliche Stellung, unser Herrgott, die Firma, der
groe Geldkasten, der Wachsstock, das Petschaft. Jeden Morgen, wenn der
Kassierer in seinen Verschlag getreten war, begann er seine Amtsttigkeit damit,
da er die Kreide ergriff und einen weien Punkt auf den Tisch malte, um der
Kreide die Stelle zu bezeichnen, wo sie sich den Tag ber aufzuhalten hatte. Er
stand nicht allein in seiner wichtigen Amtsttigkeit. Ein alter Hausdiener war
seine Ordonnanz, die als Auslufer mit Geldscken und Papiergeld den Tag ber
nach allen Richtungen der Stadt trabte. Es ist wahr, da die Ordonnanz an der
Eigentmlichkeit litt, gegen Abend sehr feurig auszusehen und in einer
persnlichen Abhngigkeit vom Kmmel zu stehen. Aber diese Eigenschaft vermochte
nicht, ihre Treue und Besonnenheit zu erschttern, ja sie schrfte die
Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie hat eines Menschen Gewand so viele
geheime Taschen mit Knpfen und Schnallen gehabt, als der Rock des Auslufers,
und nach jedem Glase, das er getrunken, steckte er die Banknoten in einen noch
geheimeren Verschlu.
    In dem vordern Comtoir war Herr Jordan die erste Person, der
Generalstatthalter seiner kaiserlichen Firma. Er war der Aristo der
Korrespondenten, erster Kommis des Hauses, hatte die Prokura und wurde von dem
Prinzipal zuweilen um seine Ansicht befragt. Er blieb fr Anton, was er ihm
schon am ersten Tage gewesen war, ein treuer Ratgeber, ein Muster von Ttigkeit,
der gesunde Menschenverstand in Person.
    Von den Korrespondenten des Comtoirs, welche unter Anfhrung des Herrn
Jordan Briefe schrieben und Bcher fhrten, war fr Anton neben Herrn Specht,
dem Sanguiniker, am interessantesten Herr Baumann, der knftige Apostel der
Heiden. Der Missionar war nicht nur ein Heiliger, sondern auch ein sehr guter
Rechner. Er war untrglich in allen Reduktionen von Ma und Gewicht, warf die
Preise der Waren aus und besorgte die Kalkulatur des Geschftes. Er wute mit
Bestimmtheit anzugeben, nach welchem Mnzfu die Mohrenfrsten an der Goldkste
rechneten, und wie hoch der Kurs eines preuischen Talers auf den Sandwichinseln
war. Herr Baumann war Antons Stubennachbar und fhlte sich durch die gute Art
unseres Helden so angezogen, da er ihm in kurzer Zeit seine Neigung zuwandte
und in den Abendstunden zuweilen seinen Besuch gnnte. Den brigen stand er fern
und ertrug mit christlicher Geduld ihre Spttereien ber seine Plne.
    Auch auerhalb des Hauses hatte die Firma noch einige Wrdentrger. Da war
Herr Birnbaum, der Zollkommis, welcher nur selten im Comtoir sichtbar wurde und
nur des Sonntags am Tische des Prinzipals erschien, ein exakter Mann, der
drauen auf dem Packhof herrschte. Er hatte die Zoll-Prokura fr die Geschfte
nach dem Auslande, das wichtige Recht, den Namen T.O. Schrter unter die
Begleitscheine des Hauses zu setzen. Wenn einer von den Herren der Handlung den
Namen eines Beamten verdiente, so war es dieser Herr, er trug auch seinen Rock
stets zugeknpft, wie seine Freunde die Steueroffizianten. Ferner war da der
Magazinier des Geschftes, der die Kontrolle ber die verschiedenen Magazine in
der Stadt hatte, die Assekuranzen besorgte und auf dem Markt die groen Einkufe
in Landesprodukten machte. Herr Balbus war durchaus kein feiner Mann, er war von
Haus aus sehr arm, und seine Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal
behandelte ihn mit groer Achtung. Anton erfuhr, da er seine Mutter und eine
kranke Schwester durch seinen Gehalt erhielt. Aber die grte Ttigkeit unter
allen, eine kriegerische, wahrhaft absolute Feldherrnttigkeit entwickelte Herr
Pix, erster Disponent des Provinzialgeschfts. An der Tr des vordern Comtoirs
begann seine Herrschaft und erstreckte sich durch das ganze Haus, bis weit
hinaus auf die Strae. Er war der Gott aller Kleinkrmer aus der Provinz, die
ihre laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen fr den Chef des Hauses und
erwies ihnen dafr die Ehre, sich um ihre Frauen und Kinder zu bekmmern. Er
hatte die ganze Spedition der Handlung unter sich, regierte ein halbes Dutzend
Hausknechte und ebenso viele Auflader, schalt die Fuhrleute, kannte und wute
alles, war immer auf dem Platz und verstand es, in demselben Augenblick einer
Krmersfrau zur Entbindung ihrer Tochter zu gratulieren, einen Bettler grblich
anzufahren, einem Hausknecht Ordre zu geben und das Znglein an der groen Waage
zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen Widerspruch
vertragen und verfocht seine Ansicht selbst gegen den Prinzipal mit einer
Hartnckigkeit, welche unserm Anton einige Male Entsetzen erregte. Auerdem
besa Herr Pix als Geschftsmann zwei Eigenschaften von wahrhaft
wissenschaftlicher Bedeutung: er konnte von jedem Hufchen Kaffeebohnen angeben,
in welchem Lande dasselbe gewachsen war, und vermochte leere Rume im Hause und
dessen Umgegend ebensowenig zu vertragen, wie die Luft und die Philosophie einen
leeren Raum vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein
Treppenverschlag, ein Kellerloch aufzuspren war, da siedelte sich Herr Pix mit
Tonnen, Leiterbumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen an, und wo er und
seine Bande, die Riesen, sich einmal festgesetzt hatten, vermochte sie, keine
Gewalt der Erde zu vertreiben, selbst der Prinzipal nicht.
    Wo ist Wohlfart? rief Herr Schrter aus der Tr des vorderen Comtoirs in
den Hausflur.
    Auf dem Boden, antwortete Herr Pix kaltbltig.
    Was tut er dort? fragte der Prinzipal verwundert. - In demselben
Augenblick hrte man oben im Hause lebhafte Stimmen, und Anton polterte die
Treppe herunter, gefolgt von einem Hausknecht, beide beladen mit Zigarrenkisten,
hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und sehr rgerlich.
    Sie wollen uns oben nicht leiden, sagte Anton eifrig zu Herrn Pix.
    Jetzt kommen sie uns schon auf den Wscheboden, sagte die Tante ebenso
eifrig zum Prinzipal.
    Die Zigarren drfen hier unten nicht stehenbleiben, erklrte Herr Pix dem
Prinzipal und der Tante.
    Unter den Wscheleinen dulde ich keine Zigarren! rief die Tante; kein Ort
im Hause ist mehr sicher vor Herrn Pix. Auch in die Kammern der Dienstmdchen
hat er Zigarren rumen lassen; die Mdchen klagen, da sie es vor Tabakgeruch
nicht mehr aushalten.
    Es ist trocken dort oben, sagte Herr Pix zum Prinzipal.
    Knnen Sie die Zigarren nicht irgend anderswo unterbringen? fragte der
Prinzipal Herrn Pix rcksichtsvoll.
    Es ist unmglich, antwortete Herr Pix bestimmt.
    Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wsche ntig, liebe Tante? fragte der
Prinzipal die Dame.
    Ich glaube, die Hlfte wre genug, warf Herr Pix dazwischen.
    Ich hoffe, Sie werden sich mit einer Ecke begngen, entschied der
Prinzipal lchelnd. Lassen Sie sogleich den Tischler einen Verschlag machen.
    Wenn Herr Pix erst einmal auf dem Boden ist, so wird er unsere Wsche ganz
verdrngen, klagte die erfahrene Tante.
    Es soll die letzte Bewilligung sein, die wir ihm machen, beruhigte sie der
Prinzipal.
    Herr Pix lachte still, wie die Tante aber behauptete, mit einem rebellischen
Grinsen, und gab unserm Helden, sobald sich die beiden Autoritten entfernt
hatten, sofort den Befehl, mit den Kisten wieder hinaufzuziehen.
    
    Am grten aber war Herr Pix, so oft seine Vertrauten, die reisenden Kommis
des Geschftes, auf kurze Zeit in die Handlung zurckkehrten. Dann setzte sich
das Provinzialgeschft im Hinterhause zusammen und verarbeitete die Neuigkeiten
des Landes. Dann entfaltete Herr Pix seine genaue Bekanntschaft mit allen
Geschftsleuten der Provinz, mit ihren Vermgensverhltnissen und ihrer
Gemtsart und verfgte in kurzen, aber gewichtigen Worten, wieviel an Vertrauen
und Kredit den kleinen Handlungen zu schenken sei. Dann wurde Punsch getrunken
und Solo gespielt, welches Spiel seines monarchischen Charakters wegen von Herrn
Pix am meisten geschtzt wurde, doch behandelte er auch hier alle
Kompaniegeschfte mit Verachtung.
    Was aber Herrn Pix in dem Auge der Mitwelt das grte Ansehen gab, das waren
die Riesen, welche um die groe Waage herum nach seinem Befehl schalteten, hohe
breitschultrige Mnner mit herkulischer Kraft. Wenn sie die groen Tonnen
zuschlugen und rollten und mit Zentnern umgingen, wie gewhnliche Menschen mit
Pfunden, so erschienen sie dem neuen Lehrling wie die berreste eines alten
Volkes, von dem die Mrchen erzhlen, da es einst auf deutschem Boden gehaust
und mit turmhohen Felsblcken Murmel gespielt habe. Bald merkte Anton, da sie
selbst nicht einem Stamme angehrten. Da waren zuerst sechs Hausknechte, alle
von der Natur aus zhem Holz ber Lebensgre ausgefhrt. Sie gehrten ganz der
Handlung an, waren die regelmigen Untergebenen des schwarzen Pinsels, ja
mehrere von ihnen wohnten im Hause selbst und hatten allnchtlich der Reihe nach
die Wache. Von neun Uhr ab sa dann Pluto, der Neufundlnder des Frulein, neben
einer riesigen Gestalt schweigend im Schatten eines groen Fasses. Diese
Hausknechte, wie gro sie auch waren und wie stark, sahen doch den Shnen
sterblicher Menschen noch in manchen Stcken hnlich. Daneben aber bildeten die
Auflader der Kaufmannschaft eine besondere Korporation, welche auf dem Packhof
vor dem Tor ihr Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den
groen Warenhandlungen der Stadt schaffte oder abholte. Diese waren die
mchtigsten unter den Riesen, und einzelne unter ihnen von einer Krperkraft,
wie sie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie hatten mit vielen
Handlungen der Stadt zu tun, aber das alte angesehene Haus von T.O. Schrter war
die irdische Sttte, auf der sie sich am liebsten herablieen, mit der kleinen
Gegenwart zu verkehren. Seit mehr als einem Menschenalter war der Chef dieses
Hauses der erste Vorstand ihrer Korporation gewesen. So hatte sich ein
Klientenverhltnis zu der Firma gebildet. Herr Schrter empfing am Neujahr als
erster ihren Glckwunsch und wurde Pate smtlicher Riesenkinder, welche im Lauf
des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der diensttuenden Hebamme hinunterdrckten
bis auf das Taufbecken und den Geistlichen durch ihre ungeheuren Kpfe so
beunruhigten, da er seine Stimme zur Strke des Donners erhob, um den Teufel
aus ihnen herauszutreiben. Unter diesen Lederschrzen war Sturm, ihr Oberster,
wieder der grte und strkste, ein Mann, der enge Hintergassen vermied, um
seine Kleider nicht auf beiden Mauerseiten zu reiben. Er wurde gerufen, wenn
eine Last so schwer war, da seine Kameraden sie nicht bewltigen konnten, dann
stemmte er seine Schulter an und schob die grten Fsser weg, wie
Holzkltzchen. Es ging von ihm die Sage, da er einmal ein polnisches Pferd mit
allen vier Beinen in die Hhe gehoben htte, und Herr Specht behauptete, es gebe
fr ihn nichts Schweres auf der Erde. ber seinem groen Krper glnzte ein
breites Gesicht von natrlicher Gutherzigkeit, welche nur durch die Wrde
gebndigt wurde, die ein Mann von seiner Stellung besitzen mute.
    Er stand zur Firma in einem besonders freundschaftlichen Verhltnis und
besa ein einziges Kind, an dem er mit groer Zrtlichkeit hing. Der Knabe hatte
seine Mutter frh verloren, und der Vater hatte ihn als fnfzehnjhrigen
Burschen in der Handlung von T.O. Schrter untergebracht in einer eigentmlichen
Stellung, die er selbst fr ihn ausgedacht. Karl Sturm war unter den
Hausknechten ungefhr dasselbe, was Fink im Comtoir war, ein Volontr, er trug
seine Lederschrze und seinen kleinen Haken, wie der Vater, und war durch eignes
Verdienst zu einem ausgedehnten Wirkungskreis gekommen. Er geno das Vertrauen
aller Mitglieder der Handlung, wute in jedem Winkel des Hauses Bescheid,
sammelte alle Bindfaden und Schnre, alle Ngel und alle Fadauben, hob alles
Packpapier auf, ftterte den Pluto und untersttzte den Bedienten beim
Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgendeine Tonne, ein Brett, ein
alter Warenrest lag. Wenn ein Nagel einzuschlagen war, so wurde Karl gerufen;
sooft ein Stemmeisen verlegt war, Karl wute es zu schaffen; wenn die Tante den
Wintervorrat von Schinken und Wrsten aufhob, so verstand Karl am besten, diese
Schtze einzupacken, und wenn Herr Schrter eine schnelle Bestellung
auszurichten hatte, so war Karl der zuverlssigste Bote. Zu allem anstellig,
immer guter Laune und nie um Auskunft verlegen, war er ein Gnstling aller
Parteien, die Auflader nannten ihn unser Karl, und der Vater wandte sich oft
von seiner Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu
werfen.
    Nur in einem Punkte war er mit ihm nicht zufrieden, Karl gab keine Hoffnung,
seinem Vater in Gre und Strke gleich zu werden. Er war ein hbscher Bursch
mit roten Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem Gutachten aller Riesen war
fr seine Zukunft keine andere als eine mige Mittelgre zu erwarten. So kam
es, da der Vater ihn als eine Art Zwerg behandelte, mit unaufhrlicher Schonung
und nicht ohne Wehmut. Er verbot seinem Sohne, beim Aufladen schwerer
Frachtgter anzugreifen, und wenn er pltzlich von einem Vatergefhl ergriffen
wurde, so legte er die Hand vorsichtig auf den Kopf seines Karls in der
unbestimmten Furcht, da die Kpfe von Zwergen nur die Dicke einer Eierschale
htten und bei einem krftigen Druck zerbrechen mten.
    Es ist einerlei, was das Ding lernt, sagte er zu Herrn Pix, als er den
Knaben nach der Konfirmation im Geschft einfhrte, wenn er nur zweierlei
lernt, ehrlich sein und praktisch sein. Diese Rede war ganz nach dem Herzen des
Herrn Pix. Und der Vater fing seine Lehre auf der Stelle damit an, da er den
Sohn in das groe Gewlbe unter die offenen Vorrte fhrte und zu ihm sagte:
Hier sind die Mandeln, und hier die Rosinen; diese in dem kleinen Fa schmecken
am besten, koste einmal.
    Sie schmecken gut, Vater, rief Karl vergngt.
    Ich denk's, Liliputer, nickte der Vater. Sieh, aus allen diesen Fssern
kannst du essen, soviel du willst, kein Mensch wird dir's wehren; Herr Schrter
erlaubt dir's, Herr Pix erlaubt dir's, ich erlaube dir's. Jetzt merke auf, mein
Kleiner. Jetzt sollst du probieren, wie lange du vor diesen Tonnen stehen
kannst, ohne hineinzugreifen. Je lnger du's aushltst, desto besser fr dich;
wenn du's nicht mehr aushalten kannst, kommst du zu mir und sagst: es ist genug.
Das ist gar kein Befehl fr dich, es ist nur wegen dir selber und wegen der
Ehre. So lie der Alte den Knaben allein, nachdem er seine groe dreischalige
Uhr herausgezogen und auf eine Kiste neben ihn gelegt hatte. Versuch's zuerst
mit einer Stunde, sagte er im Weggehen, geht's nicht, so schadet's auch nicht.
Es wird schon werden. Der Junge steckte trotzig die Hnde in die Hosentaschen
und ging zwischen den Fssern auf und ab. Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden
kam er die Uhr in der Hand zum Vater heraus und rief: Es ist genug.
    Zwei und eine halbe Stunde, sagte der alte Sturm und winkte vergngt Herrn
Pix zu. Jetzt ist's gut, Kleiner, jetzt brauchst du den brigen Tag nicht mehr
in das Gewlbe zu gehen. Komm her, du sollst diese Kiste zusammenschlagen; hier
ist ein neuer Hammer fr dich, er kostet zehn Groschen.
    Er ist nur acht wert, sagte Karl den Hammer betrachtend, du kaufst immer
zu teuer.
    So wurde Karl eingefhrt. Am ersten Morgen, nachdem Anton gekommen war,
sagte Karl zu seinem Vater in dem Hausflur: Es ist ein neuer Lehrling da.
    Was ist's fr einer? fragte der Alte.
    Er hat einen grnen Rock und graue Hosen, es ist Mitteltuch; er ist nur
wenig grer als ich. Er hat schon mit mir gesprochen, es scheint ein guter
Kerl. Gib mir dein Taschenmesser, ich mu ihm einen neuen Holznagel in seinen
Kleiderschrank schneiden.
    Mein Messer, du Knirps? rief Sturm auf seinen Sohn heruntersehend mit
tadelnder Stimme, du hast ja dein eigenes.
    Zerbrochen, sagte Karl unwillig.
    Wer hat's gekauft? fragte Sturm.
    Du hast's gekauft, Vater Goliath; es war ein erbrmliches Ding, wie fr ein
Wickelkind.
    Ich konnte dir doch kein schweres kaufen fr deine kleine Hand, frug der
Vater gekrnkt.
    Da haben wir's, sagte Karl, sich vor den Vater hinstellend, wenn man dich
hrt, mu man glauben, ich wre eine Kaulquappe von Gassenjungen, die ihre Hosen
noch an die Jacke knpft und hinten ein weies Schwnzchen trgt.
    Die Auflader lachten. Sei nicht aufsssig gegen deinen Vater, sagte Sturm
und legte seine Hand behutsam auf den Kopf des Sohnes.
    Sieh, Vater, da ist der Lehrling, rief Karl und betrachtete Anton, der
jetzt fr ihn zum Inventarium des Hauses gehrte, mit prfenden Blicken.
    Herr Pix stellte Anton dem Riesen vor, und Anton sagte wieder mit Achtung zu
dem Riesen aufsehend, ich war noch nie in einem Geschft, ich bitte auch Sie,
mir zu helfen, wo ich nicht Bescheid wei.
    Alles Ding will gelernt sein, erwiderte der Riese mit Wrde. Da ist mein
Kleiner hier, der hat in einem Jahre schon hbsch etwas losgekriegt. Also Ihr
Vater ist nicht Kaufmann?
    Mein Vater war Beamter, er ist gestorben, erwiderte Anton.
    Oh, das tut mir leid, sagte der Auflader mit betrbtem Gesicht. Aber Ihre
Frau Mutter kann sich doch ber Sie freuen.
    Sie ist auch gestorben, sagte Anton wieder.
    Oh, oh, oh! rief der Riese bedauernd und sann erstaunt ber das Schicksal
Antons nach. Er schttelte lange den Kopf und sagte endlich mit leiser Stimme zu
seinem Karl: Er hat keine Mutter mehr. -
    Und keinen Vater, erwiderte Karl ebenso.
    Behandle ihn gut, Liliputer, sagte der Alte, du bist gewissermaen auch
eine Waise.
    Na, rief Karl, auf die Schrze des Aufladers schlagend, wer einen so
groen Vater hat, der hat Sorge genug.
    Weit du, was du bist? Du bist ein kleines Ungetm, sagte der Vater und
schlug lustig mit dem Schlegel auf die Reifen eines Fasses.
    Seit der Zeit schenkte Karl dem neuen Lehrling seine Gunst. Wenn er am
Morgen auf die Stiefelsohlen desselben Nr. 14 geschrieben hatte, so stellte er
die Stiefel mit besonderer Sorgfalt zur Seite; er nhte ihm schadhafte Knpfe an
die Kleider und war, so oft Anton an der Waage zu tun hatte, gern an seiner
Seite, ihm etwas zuzureichen und die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben.
Anton vergalt diese Dienste durch freundliches Wesen gegen Vater und Sohn, er
unterhielt sich gern mit dem aufgeweckten Burschen und wurde der Vertraute von
manchen kleinen Liebhabereien des Praktikers. Und als die nchste Weihnacht
herankam, veranstaltete er bei den Herren vom Comtoir eine Sammlung, kaufte
dafr einen groen Kasten mit gutem Handwerkszeug und machte dadurch Karl zu dem
glcklichsten aller Sterblichen.
    Aber auch mit allen groen Herren der Handlung stand Anton auf gutem Fu. Er
hrte die verstndigen Urteile des Herrn Jordan mit groer Achtung an, bewies
Herrn Pix einen aufrichtigen und unbedingten Diensteifer, lie sich von Herrn
Specht in politischen Kombinationen unterrichten, las alle Missionsberichte,
welche ihm Herr Baumann anvertraute, erbat sich von Herrn Purzel niemals
Vorschsse, sondern wute mit dem wenigen auszukommen, was ihm sein Vormund
senden konnte, und ermunterte oft durch seine lebhafte Beistimmung Herrn
Liebold, irgendeine unzweifelhafte Wahrheit auszusprechen und dieselbe nicht
durch sofortigen Widerruf zu vernichten. Mit smtlichen groen Herren der
Handlung stand er auf gutem Fu, nur mit einem einzigen wollte es ihm nicht
glcken, und dieser eine war der Volontr des Geschftes.
    An einem finsteren Nachmittag sah das Kontor in der Dmmerung der kurzen
Tage grau und unheimlich aus, melancholisch tickte die alte Wanduhr, und jeder
Eintretende brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche den Raum
nicht anmutiger machte. Da gab Herr Jordan unserm Helden den Auftrag, in einer
andern Handlung eine schleunige Besorgung auszurichten. Als Anton an das Pult
des Prokuristen trat, um den Brief in Empfang zu nehmen, sah Fink von seinem
Platz auf und sagte zu Jordan: Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum
Bchsenmacher, der Taugenichts soll ihm mein Gewehr mitgeben.
    Unserm Helden scho das Blut ins Gesicht, er sagte eifrig zu Jordan: Geben
Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.
    So? fragte Fink und sah verwundert auf; und warum nicht, mein Hhnchen?
    Ich bin nicht Ihr Diener, antwortete Anton erbittert, Htten Sie mich
gebeten, den Gang fr Sie zu tun, so wrde ich ihn vielleicht gemacht haben,
aber einem Auftrage, der mit solcher Anmaung gegeben ist, folge ich nicht.
    Einfltiger Junge, brummte Fink und schrieb weiter.
    Das ganze Comtoir hatte die schmhenden Worte gehrt, alle Federn hielten
still, und alle Herren sahen auf Anton. Dieser war in der grten Aufregung, er
rief mit etwas bebender Stimme, aber mit blitzenden Augen: Sie haben mich
beleidigt, ich dulde von niemandem eine Beleidigung, am wenigsten von Ihnen. Sie
werden mir heut abend darber eine Erklrung geben.
    Ich prgele niemanden gern, sagte Fink friedfertig, ich bin kein
Schulmeister und fhre keine Rute.
    Es ist genug, rief Anton totenbleich, Sie sollen mir Rede stehen,
ergriff seinen Hut und strzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus.
    Drauen rieselte ein kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er fhlte
sich vernichtet, geschmht, gehhnt von einem Strkeren, tdlich gekrnkt in
seinem jungen, harmlosen Selbstgefhl. Sein ganzes Leben schien ihm zerstrt, er
kam sich hilflos vor auf seinem Wege, allein in einer fremden Welt. Gegen Fink
empfand er etwas, das halb glhender Ha war, und halb Bewunderung; der freche
Mensch erschien ihm auch nach dieser Beleidigung so sicher und berlegen, und er
selbst empfand sich sehr schwach. Es wurde ihm schwer ums Herz, und seine Augen
fllten sich mit Trnen. So kam er an das Haus, wo er seinen Auftrag
auszurichten hatte. Vor der Tr hielt der Wagen seines Prinzipals, er huschte
mit niedergeschlagenen Augen vorbei und hatte kaum Fassung genug, in dem fremden
Comtoir sein Unglck zu verbergen. Als er wieder herauskam, traf er im Hausflur
mit der Schwester des Prinzipals zusammen, welche im Begriff war, in den Wagen
zu steigen. Er grte und wollte neben ihr vorbeistrzen, Sabine blieb an der
Haustr stehen und sah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutscher
sprach vom Bock nach der andern Seite herab laut mit einem Bekannten. Anton trat
herzu, rief den Kutscher an, ffnete den Schlag und hob das Frulein in den
Wagen. Sabine hielt den Schlag zurck, den er zuwerfen wollte, und blickte ihm
fragend in das verstrte Gesicht. Was fehlt Ihnen, Herr Wohlfart? fragte sie
leise.
    Es wird vorbergehen, erwiderte Anton mit zuckender Lippe und einer
Verbeugung und schlo die Wagentr. Sabine sah ihn noch einen Augenblick
schweigend an, dann neigte sie sich gegen ihn und zog sich zurck, der Wagen
fuhr davon.
    So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Gedanken Antons eine andere
Richtung. Sabinens Frage und ihr Gru waren in diesem Augenblick eine
Beschwrung seiner Mutlosigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag Achtung, und
ein menschlicher Anteil in ihren Worten. Die Frage, der Gru, der kleine
Ritterdienst, den er der jungen Herrin des Hauses geleistet hatte, erinnerten
ihn, da er kein Kind sei, nicht hilflos, nicht schwach und nicht allein. Ja
auch in seiner bescheidenen Stellung geno er die Achtung anderer, und er hatte
ein Recht darauf, und er hatte die Pflicht sich diese Achtung zu bewahren. Er
erhob sein Haupt, und sein Entschlu stand fest, lieber das uerste zu tun, als
den Schimpf zu ertragen. Er hielt die Hand in die Hhe, wie zum Schwur.
    Als er in das Comtoir zurckkam, richtete er mit entschiedenem Wesen seine
Besorgung aus, ging schweigend und unbekmmert um die neugierigen Blicke der
Herren an seinen Platz und arbeitete weiter.
    Nach dem Schlu des Comtoirs eilte er auf Jordans Zimmer. Er fand bereits
die Herren Pix und Specht daselbst vor, in dem gemtlichen Eifer, welchen jede
solche Szene bei Unbeteiligten zu erzeugen pflegt. Die drei Herren sahen ihn
zweifelhaft an, wie man einen armen Teufel ansieht, der vom Schicksal mit
Fusten geschlagen ist, etwas verlegen, etwas mitleidig, ein wenig verchtlich.
Anton sagte mit einer Haltung, die in Betracht seiner geringen Erfahrung in
Ehrensachen anerkennungswert war: Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden
und habe die Absicht, mir diese Beleidigung nicht gefallen zu lassen. Sie beide,
Herr Jordan und Herr Pix, sind im Geschft meine Vorgesetzten, und ich habe
groe Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wnsche ich vor allem zu wissen, ob
Sie in dem Streite selbst mir vollkommen recht geben.
    Herr Jordan schwieg vorsichtig, aber Herr Pix zndete entschlossen eine
Zigarre an, setzte sich auf den Holzkorb am Ofen und erklrte: Sie sind ein
guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat unrecht, das ist meine Meinung.
    Meine Meinung ist es auch, stimmte Herr Specht bei.
    Es ist gut, da Sie sich an uns gewandt haben, sagte Herr Jordan; ich
hoffe, der Streit wird sich beilegen lassen; Fink ist oft rauh und kurz
angebunden, aber er ist nicht malizis. - Ich sehe nicht ein, wie die
Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn ich nicht die ntigen Schritte tue,
rief Anton finster.
    Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen? fragte Herr
Jordan mibilligend, das wrde allen Herren unangenehm sein.
    Mir am meisten, erwiderte Anton, ich wei, was ich zu tun habe, und
wnsche nur vorher noch von Ihnen die Erklrung, da Fink mich unwrdig
behandelt hat.
    Er ist Volontr, sagte Herr Jordan, und hat kein Recht, Ihnen Auftrge zu
geben, am wenigsten in seinen Privatgeschften mit Hasen und Rebhhnern.
    Das gengt mir, sagte Anton, und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan, mich
einen Augenblick unter vier Augen anzuhren. Er sagte das mit soviel Ernst, da
Herr Jordan stillschweigend die Tr seiner Schlafkammer aufmachte und mit ihm
eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des Prokuristen, drckte sie krftig und
sprach: Ich bitte Sie um einen groen Dienst; gehen Sie hinab zu Herrn von Fink
und fordern Sie von ihm, da er mir morgen, in Gegenwart der Herren vom Comtoir,
das abbittet, was er von beschimpfenden Ausdrcken gegen mich gebraucht hat. -
Das wird er schwerlich tun, sagte Herr Jordan kopfschttelnd.
    Wenn er es nicht tut, sagte Anton heftig, so fordern Sie ihn von mir auf
Degen oder Pistolen.
    Wenn vor Herrn Jordan pltzlich aus seiner Tintenflasche ein schwarzer Rauch
gestiegen wre, wenn dieser Rauch sich zu einem frchterlichen Geiste
zusammengeballt htte, wie in jenem alten Mrchen, und wenn dieser Geist die
Absicht ausgesprochen htte, Herrn Jordan sofort zu erdrosseln, so htte dieser
Herr nicht bestrzter dastehen knnen, als er jetzt unserm Helden
gegenberstand. Sie sind des Teufels, Wohlfart, rief er endlich, Sie wollen
sich mit Herrn von Fink duellieren, und er ist ein toller Pistolenschtz, und
Sie sind Lehrling und erst seit einem halben Jahre im Geschft, das ist ja
unmglich!
    Ich bin Primaner gewesen und habe mein Abiturientenexamen gemacht, und wre
jetzt Student, wenn ich nicht vorgezogen htte Kaufmann zu werden! - Verwnscht
sei das Geschft, wenn es mich so erniedrigt, da ich meinen Feind nicht mehr
fordern darf. Ich gehe dann noch heut zu Herrn Schrter und erklre ihm meinen
Austritt, rief Anton mit flammenden Augen.
    Herr Jordan sah mit grtem Erstaunen auf seinen gutmtigen Schler, der auf
einmal als phantastischer Riese vor ihm umherflackerte. Seien Sie nur nicht so
heftig, lieber Wohlfart, bat er begtigend, ich werde zu Fink hinuntergehen,
vielleicht lt sich alles im Guten ausgleichen.
    Ich verlange Abbitte vor dem Comtoir, rief Anton wieder, Abbitte oder
Satisfaktion.
    Es war wohltuend, unterdes die beiden Herren in der Nebenstube zu
beobachten. Pix hatte als kluger Feldherr mit einem Ruck seinen Holzkorb in die
Nhe der Kammertr geschoben und sa scheinbar gleichgltig da, nur mit seiner
Zigarre beschftigt, whrend Herr Specht sich nicht enthalten konnte, das Ohr an
die Tr zu legen. Sie schieen sich! flsterte Herr Specht, entzckt ber die
groen Empfindungen, welche dieser Streit hervorzurufen versprach. Passen Sie
auf, Pix, es wird ein furchtbares Unglck; wir alle mssen zum Begrbnis gehen,
keiner darf fehlen. Ich wirke die Erlaubnis aus, da wir Junggesellen die Leiche
tragen drfen.
    Wessen Leiche? fragte Herr Pix verwundert.
    Wohlfart mu daran glauben, rief Herr Specht wieder in dumpfem Flsterton.
    Unsinn, sagte Herr Pix, Sie sind ein Narr!
    Ich bin kein Narr, und ich verbitte mir alle Anzglichkeiten, rief Herr
Specht wieder flsternd und nach dem Beispiel Antons entschlossen, sich nichts
gefallen zu lassen.
    Schreien Sie mir nicht so ins Ohr, sagte Herr Pix unbewegt, man kann
nichts verstehen. In dem Augenblick ffnete sich die Tr, Herr Specht sprang an
ein entferntes Fenster und starrte angelegentlich in die finstere Regennacht,
whrend Pix unserem Anton die Hand schttelte und ihm erklrte, er sei ein
tchtiger Mann und das Provinzialgeschft sei ganz auf seiner Seite. - Herr
Jordan ging zu Fink hinab und kam bald wieder herauf; Herr von Fink war nicht zu
Hause. Wahrscheinlich sa der Jockei ahnungslos in irgendeiner Weinstube. Anton
sagte darauf, ich lasse die Sache nicht bis morgen ruhen, ich werde ihm
schreiben und den Brief durch den Bedienten auf seinen Tisch legen lassen.
    Tun Sie das nicht, bat Herr Jordan, Sie sind jetzt zu zornig.
    Ich bin sehr ruhig, erwiderte Anton mit heien Wangen; ich werde ihm nur
das Ntige schreiben. Sie, meine Herren, bitte ich, da Sie ber alles, was Sie
hier gehrt haben, gegen die andern schweigen.
    Das versprachen die Herren. Darauf ging er auf sein Zimmer und schrieb einen
Brief, in dem er Herrn von Fink sein Unrecht vorhielt und ihm schlielich die
Wahl lie, ob er durch Schlger oder Pistolen das verletzte Selbstgefhl Antons
ausbessern wollte. Der Brief war fr einen jungen Gentleman gut genug
geschrieben und wurde neben den Wachsstock des Herrn von Fink in dessen Stube
niedergelegt, nachdem Herr Specht dem Bedienten noch auf der Treppe eingeschrft
hatte, mit Kreide drei groe Ausrufezeichen auf den Tisch zu malen;
wahrscheinlich sollten sie die Stelle der Spne vertreten, welche die Boten der
heiligen Feme aus dem Burgtor der Angeklagten zu hauen pflegten. Anton blieb den
Rest des Abends auf seinem Zimmer, wo er unruhig auf und ab schritt, bald die
Szene der Beleidigung, bald die zu erwartende Szene dramatisch auseinanderlegte
und jede Art von Gefhlen durcharbeitete, welche bei einem armen Jungen vor dem
ersten Duell unvermeidlich sind.
    Unterdes wurde im Zimmer des Herrn Jordan groe Sitzung des gesamten
Geschfts gehalten. Da Herr Pix und Herr Specht versprochen hatten zu schweigen,
beschrnkten sie sich auf so mysterise und finstere Andeutungen, da bei einem
Teil der Herren die Ansicht entstand, ein Mord sei entweder schon vollbracht,
oder doch jeden Augenblick zu frchten, bis endlich Herr Jordan das Wort
ergriff: Da die Differenz doch kein Geheimnis ist, und die Sache uns alle
angeht, so ist es am besten, wenn wir sie untereinander besprechen und uns
smtlich Mhe geben, die nachteiligen Folgen zu verhten. Ich werde aufbleiben,
bis Fink zurckkommt, und sogleich mit ihm reden. Unterdes mu ich Wohlfart das
Zeugnis geben, da er sich so gewandt benommen hat, wie bei einem jungen Mann
ohne Erfahrung nur mglich ist. Alle stimmten eifrig bei. Darauf gerieten der
Zollkommis Herr Birnbaum und Herr Specht in eine lebhafte Errterung ber die
verschiedenen Arten der Duelle, und Herr Specht behauptete, beim Schieen ber
das Schnupftuch wrden den Duellanten mit einem seidenen Taschentuch die Augen
verbunden, und dieselben auf ihren Standorten so lange im Kreise herumgedreht,
bis der Kampfrichter mit einem Stock aufklopfe, worauf ihnen freistehe,
hinzuschieen, wohin sie wollten. Herr Baumann stahl sich zuerst aus der
Gesellschaft fort und ging zu Anton, drckte diesem herzlich die Hand und bat
ihn dringend, nicht um rauher Worte willen zwei Menschenleben auf das Spiel zu
setzen. Nachdem er Abschied genommen hatte, fand Anton auf seinem Tisch ein
kleines Exemplar des Neuen Testaments aufgeschlagen und darin durch ein groes
Ohr den heiligen Spruch bezeichnet: Segnet die euch fluchen. Anton war gerade
nicht in der Stimmung, den Sinn dieser Worte zu befolgen. Aber er setzte sich
doch vor das Buch und las darin die Sprche, welche er als Kind seiner guten
Mutter so oft aufgesagt hatte. Er wurde weicher und ruhiger und ging in dieser
Stimmung zu Bette.
    Unterdes drang das Gercht von einem furchtbaren Ereignis durch alle
Schlssellcher, Ritzen und Kammern des alten Hauses.
    Sabine war in ihrer Schatzkammer. Dies war ein Raum, unwohnlich fr einen
Gast, aber fr jede Hausfrau ein heimliches, herzerhebendes Zimmer. An den
Wnden standen mchtige Schrnke von Eichen- und Nubaumholz mit schner
eingelegter Arbeit, in der Mitte ein groer Tisch mit geschnrkelten Beinen,
darum einige alte Lehnsthle. Aus den geffneten Schrnken glnzten im
Lampenlicht unzhlige Gedecke von Damast, hohe Terrassen von Wsche, Linnen und
bunten Stoffen, Kristallglser, silberne Pokale, Porzellan und Fayence im
Geschmack von mehr als drei Generationen. Die Luft war mit einem krftigen Duft
erfllt, der aus uraltem Lavendel, Eau de Cologne und frischer Wsche aufstieg.
Hier herrschte Sabine allein. Nur ungern sah sie einen fremden Fu eintreten;
was aus den Schrnken genommen wurde und wieder hineinkam, hob sie mit eigenen
Hnden; nur der treue Diener hatte das Vorrecht, ihr an schweren Tagen zu
helfen, und zuweilen Karl Sturm, sein Adjutant, der gewisse rosafarbene
Pappkarten zum Zeichnen der Wsche anfertigte und prachtvolle Zahlen darauf
schrieb.
    Heut stand Sabine noch spt vor dem Tisch, der mit weier Wsche belastet
war; sie suchte die Nummern des feinen Damasts zusammen, zhlte und sortierte
Tischdecken und Servietten, band groe Bndel mit rosa Bndern zusammen und hing
die Nummerkarten daran. Zuweilen hielt sie ein Stck nher an das Licht und sah
mit Behagen auf die weien Arabesken, welche die Kunst des Webers hineingewirkt
hatte. Da flog ein dunkler Schatten ber ihr Antlitz und traurig sah sie auf
einige wunderfeine Servietten, in welche zahlreiche kleine Lcher gestochen
waren, je drei oder vier in einer Reihe. Endlich rief sie den Bedienten.
    Es ist nicht mehr auszuhalten, Franz, auch in Nr. 24 sind wieder drei
Servietten mit der Gabel durchstochen. Einer der Herren sticht in das Tischzeug!
Das ist bei uns doch nicht ntig.
    Nein, sagte der Vertraute kummervoll; ich selbst habe ja das Silberzeug
unter mir, ich wei am besten, da es nicht ntig ist.
    Wer von den Herren ist so rcksichtslos? fragte Sabine streng. Es mu
einer der Neuen sein.
    Herr von Fink ist es, klagte der Diener, er sticht jedesmal vor dem Essen
zweimal mit der Gabel durch die Serviette; es gibt mir jedesmal einen Stich
durchs Herz, Frulein Sabine. Aber Herrn von Fink kann ich doch nichts sagen.
    Sabine hing den Kopf ber die zerstochenen Servietten, ich wute, da er es
war, seufzte sie. - Aber das darf nicht so fortgehen. Ich werde Ihnen fr
Herrn von Fink eine besondere Nummer herausgeben, die mssen wir opfern, bis
sich eine Gelegenheit findet, ihn zu bitten, da er von seinen Angriffen
ablt. Sie trat zu dem Schrank und suchte lange. Es war eine schwere Wahl.
Zwar von den groben konnte sie ohne Schmerz einige Dutzend missen, von den
feinen aber war ihr jedes Gedeck ans Herz gewachsen. Eines freilich mehr als das
andere. - Dieses mag hingehen, sagte sie endlich betrbt, hier fehlt ohnedies
eine Serviette. Sie sah noch einmal auf das Muster, kleine Pfauen, welche
kunstvoll durch Blumengewinde schritten, und legte die Nummer auf den Arm des
Dieners. Herr von Fink bekommt keine anderen Servietten als diese, befahl sie.
    Franz zgerte zu gehen. Er hat auch in seiner Schlafstube eine Gardine
angebrannt, sagte er unruhig. Der Flgel wird nicht mehr zu brauchen sein.
    Und sie war ganz neu, klagte Sabine. Morgen frh nehmen Sie die Gardine
ab. - Was haben Sie noch, Franz? Ist etwas vorgefallen? -
    Ach, Frulein, erwiderte der Diener geheimnisvoll, drben bei den Herren
geht alles durcheinander. Herr von Fink hat Herrn Wohlfart sehr beleidigt, Herr
Wohlfart ist wtend, es wird ein Duell geben, sagt Herr Specht, die Herren
frchten ein groes Unglck.
    Ein Duell, rief Sabine, zwischen Fink und Wohlfart? - Sie schttelte den
Kopf. Sie haben wohl Herrn Specht miverstanden, fgte sie lchelnd hinzu.
    Nein, Frulein Sabine, diesmal ist es ernsthaft. Die Herrn sind alle
beieinander. Es wird ein Unglck geben, Herr Wohlfart ging im grten Zorn an
mir vorber, er hat seinen Tee nicht angerhrt.
    Ist mein Bruder noch nicht zurck?
    Er kommt heut spt nach Hause, er ist im Komitee.
    Es ist gut, schlo Sabine. Sie schweigen gegen jedermann, Franz, hren
Sie?
    Sabine setzte sich wieder an den Tisch, aber ihr Damast war vergessen. Sie
blickte starr hinaus in den dunkeln Hof nach den Fenstern des Volontrs: Er
sticht durch die Servietten, klagte sie leise, er wird sich auch kein Gewissen
daraus machen, eine Menschenbrust zu durchbohren! Das also war der Schmerz des
armen Wohlfart! - Er kam zu uns, der wilde Gast, wie ein Wirbelwind ber den
blhenden Busch, wo er anschlgt, fallen die Blten zur Erde. Sein Leben ist
Wirrwarr, Aufregung, Getse. Was ihm nahe kommt, zieht er in seinen tollen Tanz.
Auch mich! auch mich! Du stolzer und verwegener Geist, auch mir hast du die
Seele aufgeregt. Ich mhe mich, ich ringe Tag fr Tag, aber immer wieder erfat
mich sein Zauber. So schn, so glnzend, so seltsam ist er! Er rgert mich
tglich, und alle Tage mu ich an ihn denken; um ihn sorgen, ber ihn trauern. O
meine Mutter, hier war's, wo ich zum letztenmal zu deinen Fen sa, hier
bergabst du mir die Schlssel des Hauses! Du hieltest die Hnde segnend auf
mein Herz. Der Himmel behte dir jeden Schlag, sagtest du unter Trnen und
Kssen. Jetzt schtze die Tochter, Geliebte, du mein Vorbild fr alle
berlegung, fr die Ordnung deines Hauses, fr sicheres Pflichtgefhl, behte
mir das laut pochende Herz. Mache mich fest gegen ihn, gegen sein
verfhrerisches Lachen, gegen seinen bermtigen Spott.
    So betete Sabine. Lange sa sie in feierlicher Beratung mit den guten
Geistern des Hauses, dann fuhr sie mit dem Tuch ber die Augen, trat
entschlossen an den Tisch und fuhr fort, den Damast zu zhlen und aufzuheben.
    Anton war bereits ausgekleidet und im Begriff, sein Licht auszulschen, als
krftig an die Tr geklopft wurde, und der Mann hereintrat, den er in diesem
Augenblick am wenigsten von allen Sterblichen erwartete. Es war Herr von Fink
mit seiner Reitpeitsche und seinem nachlssigen Wesen.
    Ah, Sie sind schon zu Bett, sagte der Jockei und setzte sich rittlings auf
einen Stuhl in der Nhe, lassen Sie sich nicht stren! Sie haben mir einen
gefhlvollen Brief geschrieben, und Jordan hat mir das brige erzhlt; ich
komme, Ihnen mndlich zu antworten. Anton schwieg und sah von seinem Kopfkissen
finster auf den Gegner. Ihr seid hier alle sehr tugendhafte und sehr
empfindliche Leute, fuhr Fink fort und schlug mit seiner Peitsche an das
Stuhlbein. Es tut mir leid, da Sie sich meine Reden so zu Herzen genommen
haben. Es freut mich aber, da Sie so entschlossen sind. Sie haben den ehrlichen
Jordan in einen wahren Werwolf verwandelt, fgte er lchelnd hinzu.
    Bevor ich Sie weiter anhre, sagte Anton grollend, mu ich wissen, ob Sie
die Absicht haben, mir fr Ihre Beleidigung eine Ehrenerklrung vor den brigen
Herren zu geben. Ich wei nicht, ob nach der schweren Krnkung, die Sie mir
zugefgt haben, ein anderer, der mehr Erfahrung in Ehrensachen hat, sich mit
einer solchen Erklrung begngen wrde. Ich habe das Gefhl, da ich damit
zufrieden sein mte.
    Da fhlen Sie richtig, sagte Fink kopfnickend; Sie knnen damit zufrieden
sein.
    Wollen Sie mir morgen diese Erklrung geben? fragte Anton.
    Warum denn nicht? sagte Fink gleichgltig; ich habe keine Lust, mich mit
Ihnen zu schieen, und will Ihnen gern vor smtlichen Korrespondenten und
Prokuristen der Firma die Erklrung ausstellen, da Sie ein verstndiger und
hoffnungsvoller junger Mann sind, und da ich unrecht getan habe, jemanden zu
krnken, der jnger, und verzeihen Sie den Ausdruck, um vieles grner ist, als
ich.
    Unser Held hrte diese Worte mit gemischten Empfindungen; es wurde ihm doch
leichter ums Herz; aber die Manier Finks rgerte ihn wieder sehr und er sagte
sich im Bette aufrichtend entschlossen: Ich bin mit dieser Erklrung noch nicht
zufrieden, Herr von Fink.
    Ei, sagte Fink, was verlangen Sie noch?
    Sie gefallen nur auch in diesem Augenblick nicht, sprach Anton, Sie sind
wieder rcksichtsloser gegen mich, als gegen einen Fremden schicklich ist. Ich
wei, da ich noch jung bin und wenig von der Welt kenne, und ich glaube, da
Sie mich in vielen Dingen bersehen, aber eben deshalb wre es hbscher von
Ihnen, wenn Sie freundlich und gtig gegen mich wren. Anton sagte dies mit
einer Bewegung, welche seinem Gegner nicht entging. Fink streckte seine
geffnete Hand gutmtig ber das Bett und sprach: Seien Sie nur nicht wieder
bse und geben Sie mir Ihre Hand.
    Ich mchte gern, rief Anton mit hervorbrechender Rhrung, aber ich kann
noch nicht; sagen Sie mir zuvor, da Sie den Streit mit mir nicht deswegen so
leicht behandeln, weil Sie mich fr zu jung und zu gering halten oder weil Sie
von Adel sind, und ich nicht.
    Hrt, Master Wohlfart, sagte Fink, Ihr setzt mir das Messer verzweifelt
an die Kehle. Weil Ihr aber in Eurem reinen weien Hemdchen so unschuldig vor
mir liegt, so will ich ein briges tun und wegen dieser Punkte mit Euch
kapitulieren. Was meinen deutschen Adel betrifft, so viel darauf! - hier
schnalzte er mit den Fingern - er hat fr mich ungefhr denselben Wert, wie ein
Paar gute Glanzstiefel und neue Glacehandschuhe. Was aber meine Scheu vor Ihrer
Jugend und der hoffnungsvollen Wrde eines Lehrlings betrifft, so will ich mich
wenigstens zu dem Bekenntnis verstehen, da ich nach dem, was ich heut abend an
Ihnen kennengelernt habe, Ihnen fortan bei jedem neuen Zank, in den wir geraten
werden, mit jedem Mordwerkzeug, das Sie vorschlagen, jede mgliche Genugtuung
geben will. Damit knnen Sie sich begngen. - Nach diesem Trost hielt ihm Fink
zum zweitenmal die Hand hin und sagte: Jetzt schlagen Sie ein, es ist jetzt
alles in Ordnung.
    Anton legte seine Hand in die dargebotene, und der Jockei schttelte sie ihm
krftig und sagte: Wir sind heut so offenherzig gegeneinander gewesen, da es
gut sein wird, wenn wir eine Pause machen, sonst haben wir einander gar nichts
mehr zu erzhlen. Schlafen Sie wohl, morgen mehr davon. Dabei ergriff er seine
Mtze, nickte mit dem Kopf und schritt klirrend zur Tr hinaus.
    Anton war, die Wahrheit zu gestehen, ber diesen unerwartet friedlichen
Ausgang so vergngt, da er lange nicht einschlafen konnte. Herr Baumann, der in
seiner Schlafkammer das Bett an derselben Wand hatte, konnte sich nicht
enthalten, nach Finks Abgang seinen Glckwunsch durch Klopfen an der Wand
auszudrcken, und Anton beantwortete das Signal sofort durch ein hnliches
Klopfen, welches seinen Dank fr die Teilnahme anzeigen sollte.
    Am andern Morgen war das Comtoir eine Viertelstunde vor der Ankunft des
Prinzipals vollzhlig versammelt. Fink erschien als letzter und sagte mit lauter
Stimme: Mylords und Gentlemen aus dem Export-und Provinzialgeschft, ich habe
gestern Herrn Wohlfart von hier in einer Weise behandelt, die mir jetzt, nach
dem, was ich von ihm kennengelernt habe, aufrichtig leid tut. Ich habe ihm
gestern bereits meine Erklrung gemacht und bitte ihn heute in Ihrer Gegenwart
freiwillig nochmals um Verzeihung. Zu gleicher Zeit bemerke ich, da unser
Wohlfart sich bei diesem Streit durchaus respektabel benommen hat und da ich
mich freue, mit ihm in Geschftsverbindung getreten zu sein. Das Comtoir
lchelte, Anton ging auf Fink zu und schttelte ihm wieder die Hand, Herr Jordan
tat mit beiden Parteien dasselbe, und die Sache war abgemacht.
    Doch blieb sie nicht ohne Folgen. Auch die Kunde von der ehrlichen Shne,
welche Fink dem Lehrling gab, und von der freundlichen Ausgleichung gelangte in
das Vorderhaus. Und als Anton zusammen mit Fink beim Mittagstisch erschien,
ruhten die Blicke der Damen mit Teilnahme und Neugier auf ihm, und der Prinzipal
verbarg nicht ein freundliches Lcheln. Aber auch auf Fink fiel heut Sabinens
Auge mit freudigem Glanz, und sooft sie zu ihm aufsah, war ihr, als htte sie
ihm etwas Groes abzubitten.
    Bei den Herren vom Comtoir war die Stellung Wohlfarts auf einmal eine ganz
andere geworden, er wurde von allen mit einer Achtung behandelt, welche ein
Lehrling sonst nicht durchzusetzen pflegt; Herr Specht erklrte ihn bei
smtlichen Kommis seiner Bekanntschaft - und seine Bekanntschaft war gro - fr
einen modernen Bayard, fr den letzten Ritter Europas, fr einen furchtbaren
Haudegen im Reiche der Kontokorrenten. Herr Liebold wurde wahrhaft khn in
seinen Behauptungen, wenn er merkte, da Anton auf seiner Seite stand, und sogar
Herr Pix gnnte seinem Zgling von diesem Tage an augenscheinliche Hochachtung,
er vertraute den Beobachtungen, welche Anton am Znglein der groen Waage
machte, ebenso fest, wie seinen eigenen, und berlie ihm zuweilen sogar den
schwarzen Pinsel, seinen geliebten Zepter, das Zeichen seiner Herrschermacht.
    Die grte Vernderung aber trat in Antons Verhltnis zu Fink ein. Denn
einige Tage nach dem Streit, als Anton hinter dem Jockei die Treppe des
Hinterhauses hinaufstieg, blieb Fink an seiner Tr stehen und fragte: Wollen
Sie nicht bei mir eintreten? Sie sollen mir heut Ihren Besuch machen und meine
Zigarren probieren.
    Zum erstenmal berschritt Anton die Schwelle des Volontrs und blieb
verwundert an der Tr stehen, denn das Zimmer sah sehr fremdartig aus. Elegante
Mbel standen unordentlich umher, ein dicker Teppich, weich wie Moos, bedeckte
den Fuboden, und der ordentliche Anton sah mit Betrbnis, wie rcksichtslos die
Zigarrenasche auf die prchtigen Blumen desselben geworfen war. An der einen
Wand stand ein groer Gewehrschrank, darber ein auslndischer Sattel, und
pfundschwere silberne Sporen hingen daneben herunter; die andere Wand verdeckte
ein ebenso groer Bcherschrank aus kostbarem Holz, voll von Bchern in braunem
Lederband, und ber dem Schrank reichten riesige Flederwische, die schwarzen
Flgel eines ungeheuren Vogels, von einer Stubenwand bis zur anderen.
    Welche Menge von Bchern Sie haben, rief Anton erfreut.
    Es sind Erinnerungen an eine Welt, in der ich nicht mehr lebe, sagte Fink.
    Und diese Flgel, gehren sie auch zu Ihren Erinnerungen?
    Ja, Herr, es sind die Fittiche eines Kondors; Sie sehen, ich bin stolz auf
diese Jagdbeute, antwortete Fink und hielt unserem Anton ein Paket mit Zigarren
hin. Setzen Sie sich, Wohlfart, lassen Sie uns plaudern, und zeigen Sie, ob
Herr Specht recht hat, wenn er Sie als liebenswrdigen Gesellschafter rhmt. Er
schob unserm Helden mit dem Fu einen groen Fauteuil zu. Anton sank behaglich
in die weichen Kissen und blies blaue Wolken nach der Decke, whrend Fink die
Lampe des silbernen Teekessels anzndete. Sie haben mir neulich gefallen,
Wohlfart, sagte Fink, sich der Lnge nach auf dem Sofa ausstreckend, verstehen
Sie sich auf Pferde?
    Nein, sagte Anton.
    Sind Sie Jger?
    Auch nicht.
    Treiben Sie Musik?
    Nur wenig, sagte Anton.
    Nun also, in Teufels Namen, welche menschliche Eigenschaft haben Sie denn?
    In Ihrem Sinne wenig, antwortete Anton rgerlich. Ich kann die Leute
lieben, welche mir gefallen, und ich glaube, ich kann ein treuer Freund sein;
wenn mich aber jemand bermtig behandelt, so empre ich mich.
    Schon gut, sagte Fink, von der Seite kenne ich Sie. Fr einen Anfnger
war Ihr Debt gar nicht bel. Ich sehe, es ist Rasse in Ihnen. Lassen Sie hren,
wer Sie sind. Von welchem Volk der sterblichen Menschen stammen Sie, und welches
Schicksal hat Sie hierher geschleudert in dieses traurige Mhlwerk, wo jeder
zuletzt voll Staub und Resignation wird, wie Liebold oder im besten Fall wie der
pnktliche Jordan.
    Es war doch ein gutmtiges Schicksal, antwortete Anton und begann von
seiner Heimat und seinen Eltern zu erzhlen. Mit Wrme schilderte er den kleinen
Kreis, in dem er aufgewachsen war, die Abenteuer seiner Schulzeit und einige
nrrische Leute aus Ostrau, mit denen er verkehrt hatte. Und so ist fr mich
ein groes Glck, was Sie fr ein Unglck halten, schlo er, da ich hierher
gekommen bin.
    Fink nickte beistimmend und sagte: Zuletzt ist der grte Unterschied
zwischen uns beiden, da Sie Ihre Mutter gekannt haben und ich die meine nicht.
brigens ist es ziemlich gleichgltig, in welchem Nest einer aufwchst, man kann
fast unter allen Umstnden ein tchtiger Gesell werden. - Ich habe Leute
gekannt, die weniger Liebe in ihrem Vaterhause gefunden haben, als Sie.
    Sie haben so viel von der Welt gesehen, sagte Anton rcksichtsvoll, ich
bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie dazu gekommen sind.
    Sehr einfach, begann Fink. Ich besitze einen Onkel in New York, der dort
einer von den Aristokraten der Brse ist. Dieser schrieb meinem Vater, als ich
14 Jahre war, ich solle eingepackt und herbergeschickt werden, er habe die
Absicht, mich zu seinem Erben zu machen. Mein Vater ist sehr Kaufmann, ich wurde
emballiert und abgeschickt. In New York wurde ich bald ein gottverdammter
kleiner Schuft und Taugenichts, ich trieb jede Art von Unsinn, hielt einen Stall
von Rassepferden in einem Alter, wo bei uns ehrliche Jungen noch auf offener
Strae ihre Buttersemmel verzehren und mit einem Papierdrachen spielen. Ich
bezahlte Sngerinnen und Tnzerinnen und mihandelte meine weien und schwarzen
Domestiken so sehr durch Futritte und Haarraufen, da mein Oheim genug zu tun
hatte, um Entschdigungsgelder an diese freien Brger zu bezahlen. Sie hatten
mich aus meiner Heimat fortgerissen, ohne sich um meine Gefhle zu bekmmern;
ich kmmerte mich jetzt den Teufel um die ihren. brigens je toller ich's trieb,
desto mehr Geld bekam ich in die Hnde. Ich war bald der verrufenste unter den
jungen Bengeln, welche die vornehmen Unarten jenseits des Wassers kultivieren.
Einst an meinem Geburtstage kam ich um 6 Uhr frh aus einem kleinen Souper nach
Hause, bei dem ich aus Caprice den Sprden gegen einige zuvorkommende Damen
gespielt hatte, und unterwegs fiel mir ein, da diese Wirtschaft ein Ende nehmen
msse oder ich selbst wrde ein Ende nehmen. Ich ging nach dem Hafen statt nach
Hause, steckte mich in grobe Matrosenkleider, die ich unterwegs kaufte, und
bevor es Mittag war, fuhr ich als Schiffsjunge auf einem dickbuchigen Englnder
zum Hafen hinaus. Wir segelten einige tausend Meilen fort um Kap Hoorn herum und
auf der andern Seite des Festlandes wieder hinauf. Als wir in Valparaiso
ankamen, erklrte ich dem Kapitn, da ich ihm fr die berfahrt dankbar sei,
traktierte die ganze Mannschaft und sprang ans Land, um mit den zwanzig
Dublonen, die ich noch in der Tasche hatte, auf eigene Faust mein Glck zu
machen. Ich traf bald einen verstndigen Mann, der mich auf seine groe Hazienda
brachte, wo ich als Ochsenhirt und Reitknstler nicht geringe Lorbeeren erntete.
Ich war etwa anderthalb Jahre dort oben und befand mich sehr wohl, ich wurde als
eine Art diensttuender Gastfreund behandelt, ich war verliebt, ich war bewundert
als Jger, und tummelte mich tchtig im Sattel, was fehlte mir? - Wir hatten
gerade groes Rinderschlachten, und ich war fleiig beschftigt, von meinem
Pferd die Khe in den Schlachthof zu eskortieren, als pltzlich zwei
Regierungsbeamte in unser Fest hineinritten. Diese behandelten mich selber mit
vieler Artigkeit wie ein junges Rind, nahmen mich samt meinem Pferd in die Mitte
und fhrten mich zwischen ihren Steigbgeln Trott und Galopp nach der
Hauptstadt. Dort wurde ich beim amerikanischen Konsul abgeliefert, und da mein
Oheim Himmel und Hlle in Bewegung gesetzt hatte, mich aufzuspren, und ich aus
einem langen Briefe meines Vaters erkannte, da der Herr sich wirklich ber mein
Verschwinden ngstigte, so beschlo ich, ihm den Gefallen zu tun und
zurckzukehren. Ich unterhandelte mit dem Konsul und reiste mit dem nchsten
Schiff nach Europa ab. Als ich auf diesem bejahrten Erdhaufen ankam, erklrte
ich meinem Vater, da ich nicht Kaufmann werden wolle, sondern Landwirt. Darber
geriet die Firma Fink und Becker auer sich, aber ich blieb fest. Endlich kam
ein Vertrag zustande. Ich ging zunchst auf zwei Jahr in eine norddeutsche
Wirtschaft, dann sollte ich einige Jahr in einem Comtoir arbeiten, dadurch
hoffte man meine Capricen zu bndigen. So bin ich jetzt hier in Klausur. Aber
alle Mhe ist umsonst. Ich tue meinem Vater den Gefallen, hier zu sitzen, weil
ich merke, da sich der Mann viel unntzen Kummer um mich macht, aber ich bleibe
nur so lange hier, bis er sich berzeugt, da ich recht habe. Dann werde ich
Landmann.
    Wollen Sie bei uns ein Gut kaufen? fragte Anton neugierig.
    Nein, Herr, antwortete Fink, das will ich nicht. Ich wrde es vorziehen,
vom frhen Morgen bis gegen Mittag zu reiten, ohne an einen Grenzstein meines
Landes zu stoen.
    Sie wollen also wieder nach Amerika zurck?
    Oder anderswohin, Herr, ich bin in Erdteilen nicht whlerisch. Unterdes
lebe ich in diesem Kloster als Mnch, wie Sie sehen, sagte Fink lachend und go
aus einer groen Flasche eine Masse Rum unter ein geringeres Ma anderer
Substanzen, rhrte das Getrnk um und trank zum geheimen Schreck Antons die
feurige Mischung sehr behaglich hinunter. Frisch, Mann, rief er, Anton die
Flasche zuschiebend, macht Euren Trank zurecht, und jetzt lat uns lustig
plaudern, wie sich fr gute Gesellen und vershnte Feinde schickt.
    Seit diesem Abende behandelte Fink unsern Helden mit einer Freundlichkeit,
welche sehr verschieden war von dem nachlssigen Wesen, das er den brigen
Herren vom Geschft gnnte. In kurzem wurde Anton der Liebling des Mnchs in der
Klausur, oft rief ihn Fink in sein Zimmer, ja er verschmhte sogar nicht, drei
Treppen hoch in das Heiligtum der lederfarbenen Katze hinaufzusteigen, wenn er
gerade gelaunt war, einen Abend im Hause zu verleben. Allerdings war das nicht
oft der Fall. Anton merkte bald, da sein neuer Freund eine in der Stadt sehr
bekannte und vielbesprochene Person war, da er unter der eleganten Jugend mit
einem wahren Despotismus herrschte, und bei Herrenreiten, Jagdpartien und
anderen ntzlichen Ttigkeiten ein Anfhrer und vielbegehrte Autoritt war. Er
war jung, gewandt, von Adel, galt fr unermelich reich und besa eine
Meisterschaft in allen Dingen, die mit einem Pferdehuf, einem Gewehrlauf und
einem vergoldeten Teelffel irgend in Verbindung gedacht werden knnen, und was
ber allem stand, er behandelte jeden, der in seine Nhe kam, mit der leichten
Sffisanz, welche von je bei dem groen Haufen unselbstndiger Menschen als
Zeichen von berlegener Kraft gegolten hat. Fink war deshalb viel in
Gesellschaft und kam oft erst gegen Morgen nach Hause. Anton hrte ihn zuweilen
ankommen, wenn er bereits vor seinem Buche sa; er bewunderte die Lebenskraft
seines Freundes, der dann nach einer oder zwei Stunden Ruhe seinen Platz im
Comtoir einnahm und whrend des ganzen Vormittags keine Spur von Mattigkeit
zeigte. Gegen die strenge Ordnung des Hauses stach Fink auch dadurch ab, da er
sich die unerhrte Freiheit herausnahm, zuweilen eine Stunde nach Erffnung des
Kontors zu erscheinen und sich vor dem Schlu zu entfernen. Anton konnte nicht
erraten, ob sein Prinzipal diese gelegentliche Selbstndigkeit fr ein groes
oder fr ein kleines Verbrechen hielt. Jedenfalls schwieg er dazu.
    So verging der Winter, und Anton merkte an untrglichen Zeichen, da der
Frhling und der Sommer ber das Land daherzogen. Die Fuhrleute brachten nicht
mehr Schneeflocken ins Comtoir, sondern Regentropfen und braune Futapfen,
zuweilen wagte sich ein Mdchen mit Veilchenstruen in die Nhe der
unermdlichen Wanduhr, dann schien die Sonne Herrn Liebold kriegslustig auf die
Fensterecke vor seinem Hauptbuche, dann kamen die Makler und erzhlten von der
gelben Blte der lfrucht drauen im Freien, und endlich erschien Herr Braun und
trug die erste Rose in der Hand. Ein Jahr war vergangen, seit Anton mit den
Schwnen ber den See gefahren war. Er hatte das ganze Jahr hindurch an die
Fahrt gedacht.

                                       8


Noch immer besa Veitel Itzig seine Schlafstelle in der stillen Karawanserei, wo
er sich am Tage seiner Ankunft einquartiert hatte. Wenn nach den Behauptungen
der Polizei jeder Mensch irgendwo zu Hause sein mu und nach der Ansicht aller
verstndigen Frauen vorzugsweise da zu Hause ist, wo sein Bett steht, so war
Veitel merkwrdig wenig zu Hause. Sooft er aus dem Geschft des Herrn Ehrenthal
entschlpfen konnte, trieb er sich auf den Straen umher, sah lauersam auf jeden
jungen Herrn, welcher ihm geneigt schien, etwas zu kaufen oder zu verkaufen, und
wute aus der Haltung des Vorbergehenden genau zu erkennen, ob derselbe fr die
Reize eines kleinen Handels empfnglich sei oder nicht. Stets hatte er einige
Paradetaler in der Tasche, mit welchen er in anmutiger Nachlssigkeit so lockend
zu klappern verstand, da nur ein fhlloser Mensch gleichgltig gegen diese
Zahlungsfhigkeit sein konnte. Er wute mit einem einzigen schnellen Blick die
geheimsten Fehler eines Rockes oder einer Weste zu erkennen, er hatte fr seine
Kunden eine bezaubernde Flle von verbindlichen Redensarten, er sprach aus
Grundsatz zu keinem halbwchsigen Primaner anders als: Wenn der gndige Herr
mir allergndigst erlauben, er verstand, was ewig fr das Hchste in diesem
Geschft gelten wird, seiner Untertnigkeit einen skurrilen Anstrich zu geben,
und war Meister darin, die allerabgeschmacktesten Bcklinge zu machen. Er besa
die Wissenschaft, altes Messing durch Katzensilber blendend zu machen und altem
Silber den allerhchsten Glanz zu geben; er war stets bereit, abgelegte schwarze
Frcke zu kaufen, - was von allen Eingeweihten als Symptom einer khnen und
waghalsigen Natur betrachtet wird, - er wute das fasrige Tuch derselben durch
einen eigentmlichen Brstenstrich mit einem Schein von Neuheit zu berziehen,
der gerade lange genug dauerte, um seine Kufer zu verblenden, welche er in
armen Schulmeistern, hoch aufgeschossenen Konfirmanden und freigesprochenen
Lehrlingen zu finden bemht war. Mit jedem Gange, welchen er fr Herrn Ehrenthal
tat, suchte er einen andern zu seinem eigenen Nutzen zu verbinden und erwarb
dadurch schnell eine Kundschaft, welche den Neid graubrtiger Trdler erregte.
Er beschrnkte sein Geschft aber nicht auf gebrauchte Gegenstnde, obgleich er
hierin seine ersten und zahlreichsten Erfolge durchgesetzt hatte. Er wurde Agent
von Pferdehndlern, trat in Verbindung mit verschwiegenen Geldverleihern und
trieb solchen Ehrenmnnern Kunden zu; ja, er lieh sein eigenes Geld aus und
hatte das ungewhnliche Zartgefhl, nie mehr als fnfzig vom Hundert zu nehmen;
er lieh aber nur auf kurze Fristen und nahm am Zahlungstermin statt des baren
Geldes mit groer Bereitwilligkeit jede Art von verkuflichen Dingen zu einer
Taxe, welche er als Sachverstndiger am besten selbst machte. Dabei hatte er die
Tugend, nie zu ermden, er war den ganzen Tag auf den Beinen, lief um wenige
Groschen zehnmal denselben Weg, freute sich wie ein Knig um einen eroberten
Taler, schttelte jedes rauhe Wort - und er mute oft welche hren - ab, wie der
Pudel seine Schlge. Er gnnte sich selbst keine Stunde des Genusses, seine
einzige Erquickung war, an den Fingern die Geschfte abzhlen, welche er grade
im Gange hatte, und seinen Gewinn berechnen. Es war merkwrdig, wie wenig er
brauchte, er a am Abend ein Stck Brot, welches er zu Mittag aus Ehrenthals
Kche in seine Tasche praktiziert hatte; ein Glas Dnnbier gnnte er sich im
ersten Jahre nur einmal, und zwar an einem heien Tage, wo er einem Gutsbesitzer
behilflich gewesen war, einen Wagen zu verkaufen, und durch eine Ttigkeit von
zwei Stunden ebensoviel Taler verdient hatte. Seine Kleider gewhrte ihm sein
Geschft. Sommer und Winter ging er deshalb im schwarzen Frack und den
entsprechenden Pantalons; ja er fand es ntzlich, ber einer schwarzen Samtweste
eine vergoldete Kette zu tragen, und erschien stets als Gentleman unter
seinesgleichen, weil er mit Recht behauptete, jeder Geschftsmann msse so
auftreten, da sich kein Mensch zu schmen brauche, mit ihm ein Geschft zu
machen. Aus allen diesen Grnden geno er schon nach Ablauf des ersten Jahres
die Freude, seine sechs Dukaten um das Dreiigfache vermehrt zu sehen.
    Im Geschft des Herrn Ehrenthal war er schnell ein unentbehrliches Mitglied
geworden, seinem Scharfblick entging keine Person, kein Pferd, kein
Getreidewagen; jedes Gesicht, da er einmal gesehen, erkannte er wieder, jeden
Tag wute er den Kurszettel der Brse auswendig, als ob er selbst vereideter
Sensal gewesen wre. Noch bekleidete er die mehr ntzliche als erhabene Stelle
eines Laufburschen, noch putzte er Bernhards Stiefel und a vor der Kchentr;
aber es war ersichtlich, da ihm ein Schreibepult und ein Lederstuhl in dem
kleinen Comtoir, welches Herr Ehrenthal der Form wegen hielt, nicht fehlen
wrden. Dies war das Ziel seiner Sehnsucht, es war fr ihn die Pforte zum
Paradies. Denn noch war er nicht eingeweiht in die Tiefen des Geschftes, noch
wurde er weggeschickt, sooft irgendein wichtiger Kunde mit Herrn Ehrenthal
verhandelte. Sehr bald sah er ein, da ihm selbst noch einiges fehle, um dies
Glck zu verdienen; er gebrauchte die deutsche Sprache mit vieler Fertigkeit,
aber es war ein stlicher Hauch darin, mehr Kehlkopf als hhere Grammatik; er
schrieb wohl auch Geschftsbriefe und Rechnungen, aber es war keine Gltte, kein
Strich darin, die Buchstaben waren sozusagen widerhaarig, und die Perioden waren
lchrig und geflickt; und was vollends die Geheimnisse der Buchhaltung betraf,
so war er darin wie ein unschuldiges Kind. Dieser Mangel drckte ihn sehr.
    In seiner Herberge war er unterdes ein angesehener Mann geworden, selbst
Lbel Pinkus behandelte ihn mit ungewhnlicher Vertraulichkeit. Dies schne
Verhltnis verdankte Veitel seinem Scharfblick. Jene Bretterwand in der
Gaststube und der hohle Klang des Holzes hatten ihn seit dem Tage seines Einzugs
beunruhigt, wochenlang hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, seine
Untersuchungen fortzusetzen. Endlich an einem Sonnabend schtzte er Unwohlsein
vor und blieb zu Hause, als der Hauswirt und seine Gste mit wrdigem Schritt
nach der Synagoge zogen. Da endlich glckte es ihm, einen Ritz in der Hinterwand
seines Schrankes zu erweitern und etwas zu erblicken, das ihn aufs hchste
berraschte. Er sah in eine groe, schmutzige Stube, welche ganz angefllt war
mit Koffern und Kisten und einem Chaos begehrungswerter Artikel. Herren- und
Damenkleider, Betten, Wsche, Stoffe, bunte Vorhnge lagen in groen Haufen
durcheinander, auch metallene Gerte, ein Kruzifix, Kelche, Kronleuchter
glnzten in dem Halbdunkel und noch andere lockende Spekulationen, welche auch
sein scharfes Auge nicht erkennen konnte. Als Aladin den ersten Schritt in die
Zauberhhle tat, geriet er schwerlich in so groe Aufregung, als Junker Itzig
bei seiner Entdeckung. Er lief immer wieder zu dem Ritz zurck und starrte in
das staubige Dmmerlicht der geheimnisvollen Niederlage, bis die Gste aus der
Synagoge nach Hause kamen. Er behielt die Entdeckung fr sich, aber er lag seit
dem Tage auf der Lauer, wie das Wiesel vor einem Mauseloch. Einigemal hrte er
bei Nacht Gerusch in der geheimnisvollen Stube des Nebenhauses; einmal gelang
es ihm, ein Geflster zu vernehmen, bei welchem die tiefe Stimme des wrdigen
Pinkus unverkennbar war; einst, als er spt nach Hause kam, sah er am
Nachbarhause Fsser, Kisten und Bndel in eine kleine Britschka laden, welcher
schamhaft mit weier Leinwand verhllt war, eine Maregel, welche schon Sulamith
im hohen Liede Salomonis als ntzlich empfiehlt, damit man nicht von den
Wchtern des Knigs in den Weinbergen angehalten werde. In derselben Nacht
verschwanden zwei schweigsame Gste seines Herbergsvaters, welche offenbar aus
Polen stammten, und kamen nicht wieder. Aus alledem zog er den Schlu, da sein
Wirt eine Art Kommissions- und Speditionsgeschft von allerlei merkwrdigen
Waren hielt, welche er aus guten Grnden lieber am Abend, als bei Tage
fortschaffte. - Wie ein Licht ging es unserm Veitel auf. Die Waren gingen nach
dem Osten, wurden ber die Grenze geschmuggelt und verbreiteten sich bis tief in
das russische Reich, bis an die asiatische Grenze, wo zuletzt der strebsame
Kirgise die Hemden und Schnrrcke auftrgt, welche vom deutschen Schneider
genht sind. Alles nach dem Grundsatz, was in Deutschland defekt wird, fllt den
Russen zu. Veitel benutzte seine Entdeckung mit der Migung eines
Geschftsmannes und machte seinem Hauswirt grade nur soviel Andeutungen, da
Pinkus sich bewogen fhlte, ihn mit besonderer Rcksicht zu behandeln.
    Nach einem tatenreichen Tage schritt Veitel nachdenkend in seine Herberge
zurck und betrat mit dem blichen Gru die Gaststube. Er setzte sich still in
eine Ecke und suchte in seinen Gedanken nach einem Schriftgelehrten, welcher
geeignet war, ihn in die Geheimnisse eines guten Stils und der Buchfhrung
einzuweihen, gegen mglichst geringes Honorar, ja vielleicht gegen einen
schwarzen Frack, den er durchaus nicht loswerden konnte, weil die Sche
desselben - er hatte einem riesigen Leichenbitter gehrt - bis auf den Boden
hingen, wie die ste einer Trauerweide. Als Veitel nach fruchtloser berlegung
aufsah, erblickte er am Tische einen fremden Gast, welcher eine Feder in der
Hand hielt und diese zuweilen in ein Tintenfa tauchte; der Mann sprach leise
mit einem Hndler und beugte sich von Zeit zu Zeit auf das Papier,
wahrscheinlich um die Beschlsse der geheimen Unterhaltung zu verewigen. Veitel
sah sich den Schreiber ahnungsvoll an. Es war klar, da die Grovter dieses
Mannes nicht unter Moses durch das Rote Meer gezogen waren. Der Herr war stark
und klein, er hatte eine rtliche aufgeregte Nase und ein rundes ltliches
Gesicht, verworrenes Haar und eine alte Stahlbrille, die er zuweilen an den
Ohren festdrckte, weil es ihr trotz ihrer langen Dienstzeit ganz unmglich war,
auf der Stumpfnase Schlu zu gewinnen. Veitel bemerkte, da dieser Mann mit der
Brille einen ungewhnlich schlechten Rock anhatte und zuweilen aus einer
Zinndose schnupfte, wobei er jedesmal den Hndler mit einem eigentmlichen
Schielblick ansah, mit einer Art von inquisitorischem Blinzeln, welches seinem
Gesicht einen gutmtigen Ausdruck geben sollte, dies aber nicht tat. Offenbar
war dieser Mann ein Schriftgelehrter, und Veitel beschlo abzuwarten, ob er an
ihn kommen knne. Endlich war die Verhandlung geschlossen, der Hndler empfing
ein Papier und legte dafr ein Geldstck, vor Veitels Adleraugen ein
Achtgroschenstck, auf den Tisch, welches von dem Herrn mit der Brille
nachlssig in die Tasche des Beinkleides versenkt wurde. Der Hndler entfernte
sich, der Fremde blieb, wie es schien, in gemtlicher Stimmung sitzen und go
sich aus einer kleinen Flasche Branntwein den letzten Rest in das Glas. Veitel
trat auf ihn zu, der kleine Herr blickte schnell mitrauisch auf, aber als er
die verbindliche Stellung Veitels sah, fuhr ein vertrauliches Lcheln ber sein
rotes Gesicht, und eine scharfe Stimme sprach: Nur nher, mein junger Freund,
Sie wollen mich konsultieren, ich stehe zu Diensten.
    Veitel begann zgernd: Wenn der Herr bekannt ist am Orte, so wollte ich ihn
wohl ersuchen um etwas.
    Immer heraus, mein Sohn, ermunterte der andere, indem er sein Glas
austrank und Veitel mit seinem gutmtigen Blick ansah.
    Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht jemand wten, der gegen eine
billige Vergtung einem Manne von meiner Bekanntschaft Unterricht geben wrde im
Schreiben und in den Aufstzen, wie man sie braucht zum Geschft.
    So? fragte der schbige Herr, wie man sie braucht zum Geschft? - Und
dieser Mann von Ihrer Bekanntschaft sind Sie selbst, mein Sohn?
    Was soll ich daraus machen ein Geheimnis? antwortete Veitel aufrichtig,
ja, ich bin es selbst; aber ich bin noch ein Anfnger und bin nicht imstande
mehr zu geben als wenig.
    Wer wenig gibt, erhlt wenig, mein Lieber - wie war doch der Name? fragte
der Alte gleichgltig dazwischen und drehte die Dose.
    Veitel Itzig heie ich.
    Also, lieber Itzig, fuhr der Alte fort, guter Unterricht kostet gutes
Geld. Und was treiben Sie fr ein Geschft? forschte er mit vterlicher Miene
weiter.
    Ich bin im Comtoir bei Hirsch Ehrenthal, erklrte Veitel mit Selbstgefhl.
    Der Fremde wurde aufmerksam. Herr Ehrenthal ist ein reicher Mann, ein
kluger Mann; ich habe seinerzeit viel mit ihm zu tun gehabt, er hat eine schne
Gesetzkenntnis. Wenn Sie den Geschftsstil erlernen wollen und bei Herrn
Ehrenthal sind, fuhr er berlegend fort, vielleicht kann da Rat werden.
Welches Honorar wrden Sie zahlen, wenn sich jemand fnde?
    Veitel fand es gewissenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurckhaltend: Ich
wei doch noch nicht, was er fordern wird fr solchen Unterricht.
    So will ich's Euch gerade heraus sagen, erklrte der Herr mit der Brille.
Ich selbst knnte Euch vielleicht den Unterricht geben, vielleicht auch nicht;
man gibt solche Anweisung nicht jedem, ich mte mich erst nher nach Euch
erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen tue, so will ich Euch den Unterricht
erteilen in Erwgung, da Ihr ein Anfnger seid, in Erwgung, da Ihr arm seid,
und in Erwgung, da ich jetzt grade einige freie Zeit habe und aufgelegt bin
mehr Theorie als Praxis zu treiben, wenn Ihr mir fnfzig Taler zahlt;
fnfundzwanzig Taler vor der ersten Lektion und fnfundzwanzig Taler in einem
Schuldschein, den ich selbst Euch schreiben werde, binnen vier Wochen.
    Fnfzig Taler! rief Veitel entsetzt und sank wie vom Schlag gerhrt auf
einen Schemel, fnfzig Taler! wiederholten mechanisch seine Lippen, als das
Rderwerk seines Geistes bereits ins Stocken geraten war.
    Ist Euch das zuviel, fragte der Herr mit der Brille im scharfen Ton, so
lat Euch sagen, junger Itzig: Erstens, da ich mit keinem Gelbschnabel handle,
zweitens, da ich meine Hilfe andern noch nie so billig gegnnt habe, und
drittens, da ich mich den Teufel mit Euch befassen wrde, wenn ich nicht groe
Lust htte, einige Wochen in dieser Stube zu verweilen.
    Fnfzig Talerstcke! rief Itzig auer sich, ich habe geglaubt, es wrde
nicht kosten mehr als zwei, drei Taler, wenn ich noch vielleicht wollte zugeben
eine Weste und ein Paar gute Stiefel. Der alte Herr fuhr heftig nach seiner
Brille - und einen Hut, der noch ist wie neu, fgte Veitel schnell hinzu, weil
er einen Sturm heranziehen sah und bemerkt hatte, da der Hut auf dem Tische
sehr ruppig aussah.
    Scher dich zum Henker, du Dummkopf, fuhr ihn der Alte mit einer
berlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herrn mit groen dnischen Doggen
zu ertragen gewohnt war. Suche dir einen Schulmeister bei der Armenschule.
    So ist der Herr kein Schreiber? fragte Itzig gedrckt, aber beharrlich.
    Nein, du Narr, brummte der Alte. Wie konnte ich denken, da der Ehrenthal
in seinem Geschft einen solchen Strohkopf hat, fgte er in lautem Monologe
hinzu. Er hlt mich fr einen Schreibelehrer.
    Was sind Sie denn sonst? fragte Itzig gekrnkt.
    Etwas, das dich nichts angeht, sprach der fremde Herr entschieden, stand
mit einem durchbohrenden Blick auf den armen Veitel von seinem Platze auf und
begab sich auf den Sller des Hauses. Dort drckte er sich in eine Ecke, wo er
aussah wie ein Kleiderbndel, zog ein Aktenstck aus der groen Rocktasche und
las eifrig darin.
    Veitel stand noch einen Augenblick verdutzt in dem einsamen Zimmer und fate
endlich den Entschlu, sich bei Pinkus Auskunft ber den fremden Mann zu holen.
Er trat unter einem Vorwande in den Branntweinladen und fragte den Wirt mit
mglichster Unbefangenheit nach Namen und Geschft des kleinen Herrn.
    Ihr kennt ihn nicht? sprach Pinkus mit ironischem Lcheln, von dem Veitel
nicht recht wute, ob es ihm oder dem Fremden galt. Nehmt Euch in acht, da Ihr
diesen Mann nicht mit Schaden kennenlernt. Nach dem Namen fragt ihn selbst, er
wird ihn besser wissen als ich.
    Wenn Sie auch mir kein Vertrauen schenken, so will ich es doch haben zu
Ihnen, antwortete Veitel und erzhlte ihm seine Unterredung mit dem Fremden.
    Also er hat Euch Unterricht geben wollen? sagte Pinkus erstaunt und
schttelte seinen dicken Kopf. Fnfzig Taler sind viel Geld, aber mancher
reiche Mann wrde geben hundertmal soviel, wenn er wte, was der wei, das will
ich Euch sagen. brigens geht's mich nichts an, ob Ihr was lernt und bei wem,
schlo Pinkus grob und ging zu seinen Likrflaschen.
    Veitel ging noch verwirrter hinauf, als er heruntergekommen war, und setzte
sich wieder grbelnd in seine Ecke, indem er nachdachte, wie man fr eine so
gewhnliche Sache, als der Geschftsstil ist, so ungewhnliches Geld fordern
knne. Unterdes war der Wirt heraufgekommen, hatte das Licht auf den Tisch
gesetzt und eine einfache Abendkost fr den Fremden mitgebracht. Ganz gegen
seine Natur war er diesem gegenber von groer Leutseligkeit, lie sich von ihm
auf den Altan fhren und hatte dort im Finstern eine kurze Unterredung, deren
Gegenstand, wie Veitel merkte, seine Person war.
    Als Pinkus mit dem Fremden wieder in die Stube trat, sagte er zu Veitel:
Dieser Herr wird einige Wochen hier wohnen und will nicht, da man darber
spricht. Ihr werdet gegen niemanden sagen, da er hier ist, wer Euch auch
deswegen ausfragen mag.
    Wei ich doch gar nicht, wer der Herr ist, sprach Veitel, wie kann ich
jemandem sagen, da er hier wohnt.
    Sie knnen sich auf den jungen Menschen verlassen, bemerkte Pinkus gegen
den Fremden, worauf dieser gleichgltig mit dem Kopfe nickte. Der Wirt lie
diesmal das Licht brennend in der Stube zurck und schied mit einem Nachtgru.
Der Herr setzte sich behaglich nieder, a mit unangenehmem Schmatzen die
Abendkost und sah dabei von Zeit zu Zeit auf Veitel ungefhr wie ein alter Rabe
auf das gelbe Kchlein sieht, welches sich mit dem Leichtsinn der Jugend in
seine Nhe gewagt hat.
    Whrend der Alte zwinkernd auf seine Beute sah, fuhr dem jungen Itzig
pltzlich der Gedanke durch den Kopf, diese geheimnisvolle Person mit den
ungeheuren Forderungen ist vielleicht einer von den Auserwhlten, ein Besitzer
der Rezepte, durch welche ein armer Handelsmann unfehlbar Glck, Gold und alle
Gter der Erde erwerben kann. Ihm wurde glhend hei bei dem Gedanken. Zwar sah
der Fremde durchaus nicht reich und glcklich aus, aber war es nicht mglich,
da er den alten Rock nur inkognito trug, oder da er bermig geizig war, oder
da er selbst aus irgendeinem Grunde von den Rezepten keinen Gebrauch machen
durfte? Vielleicht waren die fnfzig Taler der Preis fr das Geheimnis. Veitel
hatte jetzt Weltbildung genug, um einzusehen, da weder durch eine Salbe, noch
durch einen Zauberstein solche Wirkungen hervorgebracht werden, sondern da
Wissenschaft dazu ntig sei. Er merkte, da es darauf ankomme, schlauer zu sein
als andere Leute, und da solche Schlauheit auch fr den Inhaber nicht ohne
Bedenken sei; ja es kam ihm allerdings so vor, als ob man durch die Benutzung
derselben in Gefahr gerate, sich dem Satan zu verschreiben. Aber seine Begier,
etwas Nheres zu erfahren, war bermchtig. Seine Hnde zitterten wie im Fieber,
und sein bleiches Gesicht glhte, als er aus seiner Ecke wieder zu dem Fremden
trat und mit groem Eifer sagte: Ich wollte mir noch erlauben eine Frage zu tun
an den Herrn. Ich habe gehrt, da man kann lernen die Kunst, wodurch man Glck
hat in allen Geschften, womit man kann machen jede Art von Kauf und Verkauf zu
dem besten Preise. Wenn es gibt eine solche Kunst, wie mich hat versichert einer
von unsern Leuten, so wollte ich den Herrn nur fragen, ob das dieselbe
Wissenschaft ist, die der Herr mich knnte lehren, wenn er wollte.
    Der Alte schob den Teller von sich und sah mit auerordentlichem
Augenzwinkern auf den Burschen. Du bist der merkwrdigste Mensch, der mir in
praxi vorgekommen. Du bist entweder sehr dumm oder der abgefeimteste
Schauspieler, den ich je gesehen habe.
    Nein, ich bin nur dumm, aber ich mchte werden klug, sagte Veitel Itzig.
    Ein merkwrdiger Kerl, bemerkte der alte Herr rcksichtslos und rckte an
seiner Brille, um Veitel genau anzusehen, dem bei dem kalten Glanz der
Brillenglser sehr unheimlich wurde. Nach langer Prfung sprach der Alte, indem
er eine Gnnermiene annahm: Was du Kunst nennst, mein Sohn, ist weiter nichts
als Gesetzkenntnis und die Weisheit, das Gesetz zum eignen Vorteil zu benutzen.
Wer das versteht, der wird auf Erden ein groer Mann; es hindert ihn nichts
daran, denn er kann nicht gehangen werden. Bei diesen Worten lachte der Alte in
einer Weise, die selbst unserm Veitel einen bnglichen Eindruck machte, obgleich
dieser auf die mechanischen Bewegungen der Gesichtsmuskeln sonst nicht viel gab.
    Diese Kunst, mit den Gesetzen umzugehen, fuhr der kleine Herr fort, ist
nicht leicht zu lernen, mein Sohn, es gehrt lange bung dazu und ein
anschlgiger Kopf und Entschlossenheit im richtigen Augenblick und vor allem
das, was die Gelehrten Charakter nennen. Dabei lchelte er wieder.
    Veitel merkte, da er bei einem wichtigen Punkt seines Lebens angelangt sei,
er fuhr mit der Hand in die Jacke nach seiner alten Brieftasche und hielt sie
einen Augenblick in der bebenden Hand. Was in diesem Moment durch seine arme
Seele fuhr, - und es war nur ein Moment - das waren wilde und schmerzhafte
Empfindungen. Schnell wie Blitze zuckten sie durcheinander. Er dachte in diesem
Augenblick an seine alte Mutter in Ostrau, ein ehrliches Weib, wie sie ihre
goldene Kette verkauft hatte, um ihm die sechs Dukaten in die Ledertasche zu
nhen; er sah sie vor sich, wie sie ihn beim Abschiede mit Trnen gebenscht
hatte und zu ihm gesagt: Veitel, es ist eine arge Welt, verdiene dir ehrlich
dein Brot, Veitel! - Er sah seinen grauen Vater vor sich auf dem Totenbett
liegen, wie ihm der weie Bart herunterhing ber den magern Leib - und tief
holte er Atem. Auch an die fnfzig Taler dachte er, wieviel Mhe ihm gekostet
hatte, sie im Schacher zu erwerben, wie oft er darum gelaufen war, wie oft man
ihn geschmht, ja als berlstigen mit Schlgen bedroht hatte. Als ihm der
letzte Gedanke durch die Seele flog, ri er heftig die Brieftasche aus der
Jacke, warf sie auf den Tisch, setzte die geballte Faust darauf und rief mit
blitzenden Augen: Hier ist Geld! - und whrend er das aussprach, fieberhaft
erregt, in leidenschaftlicher Hast, selbst in diesem Augenblick fhlte er
deutlich, da er daran sei, etwas Bses zu tun, und er fhlte, wie eine Last
sich unsichtbar auf seine Brust senkte. Aber er war entschlossen. Schwerlich
hatten die jungen Herren, welche den zudringlichen Judenknaben die Treppe
hinunterwiesen, daran gedacht, da ihre hhnenden Worte dereinst in der armen
verwilderten Menschenseele einen Dmon erwecken wrden, der ihnen selbst in
sptern Jahren Elend und Verderben heraufbeschwren sollte.
    Nach einigen Stunden war das Licht tief herabgebrannt, und bei dem roten
Schein sa in dem wsten Raume noch immer Veitel mit offenem Munde, glnzenden
Augen und gerteten Wangen dem Vortrage des alten Mannes lauschend. Und der Alte
sprach doch ber Dinge, von denen zu hren den meisten Sterblichen sehr
langweilig ist, ber gewhnliche Schuldverschreibungen.
    Das Licht war verloschen, der kleine Herr hatte die neugefllte
Branntweinflasche geleert und war ermdet vom langen Sprechen auf seinem
Strohsack eingeschlafen, und noch immer sa Veitel auf dem Schemel. Heut dachte
er nicht an seine Kunden, nicht an sein gezahltes Geld, sondern er schrieb
Schuldscheine an die schwarzen Wnde, in denen sich der Aussteller mit vielen
Worten zu so wenig als mglich verpflichtete, und schrieb Empfangsscheine ber
geliehenes Geld, in denen er durch unscheinbare Zustze die Rckzahlung der
Summe von seinem Belieben abhngig machte. So sa er lange in bleischwarzer
Finsternis, und groe Schweitropfen rannen von seinen Schlfen. Dann ffnete er
die Tr zur hlzernen Galerie, lehnte sich auf das Gelnder und sah durch das
Dmmerlicht hinunter in das Wasser, welches wie ein riesiger Strom von Tinte
vorbeiflutete. Und wieder schrieb er Schuldscheine in die schwarzen Schatten der
gegenberliegenden Huser und schrieb Quittungen auf die dunkle Wasserflche,
bis sein mder Leib erschpft zusammenbrach und er in einer Ecke einschlief, das
heie Haupt an die Holzwand gelehnt. In kaltem Zug fuhr der Nachtwind ber das
Wasser, und unten gurgelte die Flut klagend an den Holzpfhlen und Vorsprngen
der alten Huser. Was er in die Schatten gezeichnet, das verrckte sich, und was
er auf das Wasser geschrieben, das zerrann, und doch hatte seine Seele einen
Schuldschein ausgestellt in dieser Nacht, der einst von ihm eingefordert werden
sollte mit Zins und Zinseszins. Der Wind heulte, und der Strom klagte, wilde
Mahner an die Schuld, rchende Boten des Gerichts.
    Seit dieser Nacht eilte Veitel alle Abende mit schnellem Schritt nach seiner
Herberge, der Unterricht im Geschftsstil wurde regelmig fortgesetzt. Der Herr
mit der Brille war ein grndlicher Lehrer, die tiefsten Geheimnisse des
Wechselrechts und der Hypothekenordnung waren ihm offenbar, er kannte jeden
Schlupfwinkel, welchen das Gesetz dem gewandten Mann offenlt, er war mit jedem
Schleichwege vertraut, auf welchem man eine gesetzliche Verpflichtung umgehen
kann. Seine Methode des Unterrichts war vortrefflich. Er ging bei allen
auszustellenden Urkunden und bei jeder geschftlichen Verpflichtung von der
gewhnlichen Form aus, lehrte seinen Schler die betreffenden Gesetze kennen und
machte seine Lehre durch Beispiele deutlich und angenehm. Dann erst gab er bei
jedem Gesetz, bei jedem einzelnen Fall, die kleinen Hilfsmittel an, durch welche
man gegenber der Verpflichtung einen freien Standpunkt gewinnen konnte. Jeden
Abend nahm Veitel einige kostbare Rezepte in seine Brieftasche auf, Formulare zu
Dokumenten, welche zu nichts verpflichteten, und wieder solche, welche zu weit
mehr verpflichteten, als sie den Anschein hatten. Zuweilen schrieb der Alte
selbst ein solches Kunstwerk vor, und lie es den Schler abschreiben, worauf er
seine eigene Handschrift sorgfltig am Licht verbrannte. Wenn fremde Gste in
der Herberge waren, zogen sich Lehrer und Schler in eine Ecke zurck und
verhandelten in einem Flsterton, welcher von den Anwesenden mit vieler Achtung
angehrt wurde, denn Veitel pflegte dann zu erklren, da er von dem Herrn
Unterricht in der Buchfhrung und andern ntzlichen Dingen erhalte.
    Was Veitel nach und nach ber die Person seines Lehrers erfuhr, Namen und
Schicksal, sei hier in Krze berichtet. Herr Hippus hatte bessere Tage gesehen.
Er war einst ein vielgesuchter Rechtsanwalt in der Hauptstadt gewesen, der es
durchgesetzt hatte, in wenigen Jahren eine ausgebreitete Praxis zu erwerben. Bei
dem Geschfte treibenden Publikum einer groen Stadt erhlt jeder Advokat sehr
bald einen bestimmten Ruf, einen Ruf, welcher eben so unsicher sein mag als der
Ruhm einer Sngerin oder Tnzerin, der aber auch durch eine groe Klasse von
Menschen als anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieser Klasse
galt Herr Hippus fr sehr gewandt und zuvorkommend im Verkehr mit den Parteien
und fr den entschiedensten und khnsten Mann, um ein miliches Recht in ein
gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er so wenig, wie der gewissenhafteste
Staatsanwalt, den Trieb, seine Karriere dadurch zu machen, da er Unrecht in
Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches Gefhl von Unsicherheit, wenn er
eine Partei vertrat, deren Sache er fr schlecht hielt, er war von den
ehrenwertesten seiner Kollegen nur sehr wenig verschieden, er hatte einige
kleine Skrupel weniger und trank etwas zu gern guten Rotwein. Diese letzte so
lbliche Eigenschaft wurde bald eine Schwche. Er war ein Mann, der mit
Geschmack zu frhstcken wute, ein Herr von kaustischem Witz und ein
vortrefflicher Gesellschafter bei der Tafel. Er hatte einen subtilen Geist,
freute sich ber geistreiche Paradoxien und liebte es die Haare zu spalten, die
er seinen Gegnern ausri. Mit Hilfe des Rotweins erlangte er die Fertigkeit viel
Geld auszugeben und geriet in die Lage viel einnehmen zu mssen. Die eitle
Freude an Spitzfindigkeiten verlockte ihn einigemal, die ganze Energie seines
glnzenden Geistes einer schlechten Sache dienstbar zu machen und diese zum
Siege zu fhren. So erlebte er den Fluch, der hufig Advokaten trifft, welche
Glck in verzweifelten Prozessen gehabt haben, es liefen ihm alle zu, welche
eine schlechte Sache zu verteidigen hatten. Lange Zeit rgerte er sich darber,
und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um diese Spitzbubenpraxis, wie er
selbst sie nannte, loszuwerden; allmhlich, ganz allmhlich wurde er durch die
schlechten Sachen, an denen er sein nicht gemeines Talent geltend zu machen
suchte, selbst schlecht. Immer grer wurden seine Bedrfnisse, immer lockender
die Verfhrung, immer kleiner sein Gewissen. So war er schon lange von innen
ausgehhlt und mit Giftstaub gefllt, wie ein Bovist, von auen sah er noch
stattlich und glnzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, da er mit der grten
Praxis in der Stadt als einer der reichsten Mnner seine Laufbahn beschlieen
werde. Da begegnete ihm, dem Schlauen, dem Gesetzkundigen das Unglck, da er in
eine Untersuchung geriet, weil er bei einer Sache, welche nur durch die
verzweifelsten Mittel zu halten war, dem Gesetz eine Ble gegeben hatte. Er
wurde verurteilt, mit Schimpf kassiert und verschwand als ein gefallener Stern
aus dem Kreis seiner Amtsgenossen. Was er noch von Bedenken und Rcksichten
gehabt hatte, ging seit der Zeit mit reiender Schnelligkeit verloren. Er hatte
in Wirklichkeit wenig Vermgen gesammelt, fast nur schlechte Ansprche an den
Besitz anderer, verzweifelte Schuldverschreibungen und hoffnungslose Dokumente,
deren Erwerb ihm allerdings sehr wenig gekostet hatte. Die Beitreibung derselben
machte er jetzt zur Aufgabe seines Lebens; denn noch immer hatte er das
Bedrfnis, viel auszugeben. Deshalb war er durch mehrere Jahre als ewiger Klger
und Quereler eine den Gerichtshfen wohlbekannte Person. Was er durch
Prozessieren erwarb, vergeudete er mit roher Sinnlichkeit in schlechter
Gesellschaft, er wurde ein Trunkenbold, ein liederlicher Schlemmer. Aber auch
diese unsicheren Einnahmen hrten endlich auf, sein Name verschwand allmhlich
aus den Prozeakten, und seine Person ward auch in den Restaurationen
untergeordneten Ranges nicht mehr gesehen. Aber seine Ttigkeit hrte nicht auf.
Er sank zum Besucher von Branntweinstuben und zum Winkelkonsulenten herab, der
andere Leute zu Prozessen aufstachelte und Schwindlern und Gaunern gute
Ratschlge erteilte. In dieser stillen Ttigkeit verlebte er einige Jahre und
stiftete soviel Unheil, als ntig war, um seinen Grimm gegen nicht gefallene
irdische Gren und seinen Durst, der sehr gemeiner Natur wurde, zu befriedigen.
Leider glckte es ihm auch jetzt noch nicht, ganz aus dem Auge des Gesetzes zu
verschwinden. Grade jetzt wurde ihm wegen unbefugter Praxis nachgestellt, und er
fand fr ntig unter dem Vorwand einer lngeren Reise auf einige Zeit unsichtbar
zu werden. Deshalb hatte er sich bei Herrn Pinkus, dessen Kunde und
Rechtsbeistand er zuweilen gewesen war, einquartiert und so Mue gewonnen, den
jungen Itzig seine Rezeptierkunst zu lehren.
    brigens verfuhr Herr Hippus nicht ohne Vorsicht. Sooft er seinem Schler
irgendeine Schurkerei beibrachte, welche wie eine Arabeske an die gewhnliche
gerade Linie des Geschftsstils angehngt wurde, verfehlte er nie mit einem
hlichen Lcheln zu bemerken: Dies alles sage ich dir nur, damit du dich in
acht nimmst. Diese Phrase wurde stehend und eine anmutige Quelle der Heiterkeit
fr Lehrer und Schler, auch nachdem Veitel einen ungewhnlichen Scharfsinn
gezeigt hatte und alle Erfordernisse des Charakters, welche fr einen Apostel
dieser Geheimlehre ntig waren.
    Der Unterricht wurde fr den alten Mann sehr bald ein Bedrfnis des Herzens.
Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter Mensch geworden, an
dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wre, aber die schwarze Schlacke,
welche er statt eines warmbltigen Menschenherzens in der Brust trug, war doch
noch nicht ganz ausgeglht; er hatte sehr das Bedrfnis zu hassen, aber
ebensosehr das Bedrfnis, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt
Gelegenheit, sein Wissen in lngerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen und
einem andern Menschen eine Art von Verehrung einzuflen. Einst war er ein
gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebude seines Wissens war bei
dem wsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug vorhanden, was dem
jungen Wilden imponieren konnte; und mit einer melancholischen Freude, dem
edelsten Gefhl, das der verworfene Mann seit Jahren gehabt hatte, ffnete er
vor dem Jnglinge die verschtteten Tren seines Geistes. Die Aufmerksamkeit
Veitels schmeichelte ihm sehr, er fing an, ihn fr sein Geschpf zu halten, und
fate allmhlich eine Zuneigung zu dem Judenknaben, ber die er selbst zynische
Witze machte. Und doch war sie ein Schatz fr den Elenden. Denn die Gte der
menschlichen Natur ist unzerstrbar, und die grte Korruption eines Menschen
vermag nicht alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine Lebenskraft die
Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln kann, aber der Fluch einer
verderbten Natur ist, da auch ein gutes menschliches Empfinden sich ihm zu
Unheil und zur Snde verkehrt.
    Schnell wurde dem alten Mann sein Schler wichtiger als irgendeine andere
Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in welcher der
geschftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm, da er von seiner
Abendkost und von seiner Branntweinflasche einige Reste fr Veitel brig lie,
und wenn das Judenkind bei dem trben Lichte vor ihm sa und mit groem Appetit
das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der Alte ihn schweigend ansehen und sich
darber freuen. Und einst als Veitel sich bei rauher Witterung verkltet hatte
und fiebernd unter dnner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das
Unglaubliche, da der Alte ein Federbett, welches er als privilegierte Person
durch den Wirt erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und ber den
Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das alte
Geschpf wieder.
    Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten
aufstiegen, denn er bezeugte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgendein Schler
gegen seinen berhmten Lehrer gefhlt hat. Er erbot sich, ihm eine neue
Garderobe zum Einkaufspreise zu besorgen, und handelte stierkpfig um einen
passenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann so billig als mglich verschaffen
wollte; er war stets zu der Verschwendung bereit, die Branntweinflasche zu
fllen, weil er wute, da dies die Schwche seines wrdigen Lehrers war; er
machte ihn zum Vertrauten seiner kleinen Geschfte, ja er brachte ihm zuweilen
am Abend Geschenke mit und lief nach einem glcklichen Geschftstage sogar in
einen Fleischladen, um fr Herrn Hippus eine verhate Zungenwurst einzukaufen.
Allerdings war auch diese Herzensfreundschaft nicht ohne kleine Stacheln. Der
Alte konnte es nicht lassen, seine gallige Laune an dem Schler zu ben, und
Itzig nannte den Alten, wenn dieser dem Branntwein zuviel einrumte, mit hchst
unzierlichen Namen, welche bewiesen, da das Gefhl der Hochachtung in ihm nicht
unerschtterlich war. Im ganzen aber stimmten die beiden Ehrenmnner doch
vortrefflich zusammen und wurden einander unentbehrlich.
    Veitel lernte in den Monaten, welche der Alte in seinem Versteck zubrachte,
auch noch anderes als schlechte Handwerkskniffe; er lernte das Deutsche
richtiger sprechen und schreiben; ja er las zuweilen in den Bchern, welche er
fr Hippus aus einer kleinen Leihbibliothek holen mute, er las mit Vergngen
Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die Eroberung Amerikas und andere aufregende
Unternehmungen, an welche seine Phantasie allerlei Geschfte knpfen konnte.
Durch seinen Lehrer erhielt er viele Aufschlsse ber das Leben der Menschen und
Vlker, auch ber den Staat, in dem er selbst existierte und von dem er bis
dahin sehr wenig gewut hatte. So machte er in wenigen Monaten Vernderungen
durch, welche dem Blick des Herrn Ehrenthal nicht entgingen.
    Dieser bemerkte nach und nach, da Veitel weniger grotesk aussah, da er
richtiger sprach und schrieb, und vor allem, da er in Geschften unwillkrlich
eine Sicherheit und juristische Kenntnis entwickelte, die an einem Lehrling
seiner Art sehr ungewhnlich waren. Herr Ehrenthal besprach diese Vernderung in
seiner Familie ungefhr so, wie ein Landwirt das vielversprechende Aussehen
eines Zuchtstiers lobt, und kndigte am Ende des Vierteljahrs dem Burschen
freiwillig an, da das Stiefelputzen und das Essen vor der Tr aufhren solle,
und da er bereit sei, ihm einen Platz im Geschftslokal und auer dem Kostgelde
einen kleinen Gehalt zu bewilligen.
    Veitel empfing diese Ankndigung, auf die er so lange gewartet hatte, mit
groer Selbstbeherrschung, er dankte demtig und versprach alles mgliche fr
die Gegenwart und Zukunft: Noch eine Bitte habe ich an den Herrn, eine groe
Bitte, die Sie nicht ungnstig aufnehmen mchten. Wenn ich die Ehre haben
knnte, einmal in der Woche am Tisch des Herrn Ehrenthal zu essen. Da Sie mir so
viele Gte erweisen, so haben Sie auch diese Rcksicht auf mich, damit ich kann
sehen in guter Gesellschaft wie man sich benimmt, wenn man it mit vornehmen
Leuten. Sie knnen mir's abrechnen von meinem Kostgeld, das Sie mir geben
wollen.
    Ehrenthal schttelte den Kopf und sagte erstaunt ber dies Verlangen:
Zuerst mu ich sprechen mit meiner Frau, ob's ihr wird recht sein, da du dich
bildest in meinem Hause. Du kannst warten, bis ich gesprochen habe. Er ging zu
seiner Frau und trug ihr Veitels Wunsch vor, mit einem khlen Wesen, welches
andeuten sollte, da ihm als einem Mann von Welt die Forderung ungehrig
erscheine. Im Innern freilich wnschte er, da Itzigs Wunsch zu gewhren sei,
denn er hielt es fr wichtig, den anstelligen Mann seinem Geschft zu erhalten.
Aber er wagte nicht seiner Hausfrau gegenber diesen Wunsch zu uern, denn
Madame Ehrenthal hatte noch viel mehr Welt und Bildung, als er selbst, und war
ihm in allen Dingen, welche vornehmes Wesen betrafen, eine groe Autoritt. Sie
war die Tochter eines groen Schnittwarengeschfts aus der Residenz und hatte
Geschmack fr das Neueste und einen sehr energischen Willen in allem, was
Teetrinken, Stutzuhren, Mbelstoffe und andere Eigenheiten betrifft, durch
welche sich ein gebildeter Mensch von einem ungebildeten unterscheidet. Wider
Erwarten nahm Madame Ehrenthal Veitels Wunsch ohne berraschung auf. Diese
berraschung wre auch unnatrlich gewesen, da Veitel durch wahrhaft unmigen
Diensteifer, durch Verschwiegenheit in einzelnen kleinen Fllen und durch die
grte Hflichkeit das Wohlwollen der vornehmen Dame zu erwerben gewut hatte:
Wenn der junge Mann sich bilden will in unserer Familie, so kann er keinen
bessern Ort finden. Da er brauchbar ist im Geschft, wie du sagst, so wird es
dir von Nutzen sein, wenn er auch zu essen und zu reden wei mit den Leuten.
    Nach dieser Entscheidung wurde Veitel am nchsten Sonntage, dem Tage einer
gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erscheinen. Und als er zu dem
gedeckten Tische trat, angetan mit dem besten unter den sechs Leibrcken, welche
er auf seinem Lager hatte, einen neuen weien Hut in der Hand und ein
baumwollenes Hemd mit stehendem Kragen unter der ausgeschnittenen Weste, da
wurde er von Herrn Ehrenthal mit den wrdigen Worten eingefhrt: Der junge
Itzig ist aufgenommen in mein Geschft als Buchhalter. Es ist nicht mehr
anstndig fr ihn, in der Wirtschaft zu helfen, und es wird jetzt anstndig
sein, da wir ihn als einen gebildeten Menschen behandeln. Sie knnen Platz
nehmen dort unten am Tisch, lieber Itzig.

                                       9


An einem warmen Sommerabend sprach Fink nach dem Schlu des Comtoirs zu Anton:
Wollen Sie mich heut begleiten? Ich will auf dem Flu ein Boot probieren, das
ich hier habe bauen lassen. Anton war bereit. Die Jnglinge sprangen in einen
Wagen und fuhren an den Flu oberhalb der Stadt, wo eine Kolonie von Schiffern
und Fischern in rmlichen Htten wohnte. Fink wies auf ein rundes Fahrzeug,
welches auf dem Wasser schwamm wie eine groe Krbisschale, und sagte
melancholisch: Da liegt das Gef, es ist ein Scheusal! Ich selbst habe dem
Kahnbauer das Modell geschnitzt, denn ein Kielboot bauen, ist hierzulande etwas
Unerhrtes; ich habe dem Strohkopf alle Verhltnisse angegeben, und er hat ein
solches Mwenei zur Welt gebracht. 
    Es ist sehr klein, erwiderte Anton mit trben Ahnungen.
    Ich sage Euch, rief Fink strafend dem Kahnbauer zu, welcher herantrat und
respektvoll die Mtze abnahm, da unsere Seelen auf Euer Gewissen kommen, wir
werden in dem Dinge da unfehlbar ertrinken, und Euer Mangel an Witz wird schuld
sein.
    Herr, sagte der Kahnbauer kopfschttelnd, ich habe das Boot ganz nach
Ihrer Anweisung gemacht.
    Den Teufel habt Ihr, schalt Fink, zur Strafe sollt Ihr mitfahren. Ihr
werdet einsehen, da es billig ist, wenn Ihr mit uns ertrinkt.
    Nein, das tue ich nicht, lieber Herr, antwortete der Mann entschieden,
bei dem Winde will ich's nicht wagen.
    So bleibt am Lande und kocht Euren Kindern Brei von Hobelspnen. Gebt Mast
und Segel her. Fink setzte den kleinen Mast ein, sah nach, ob die Schoten der
Segel glatt durch die Lcher liefen und ob das Geitau anzog. Smtliche
nautischen Erfindungen erwiesen sich als befriedigend. Dann hob er Mast und
Segel wieder aus, legte sie der Lnge nach in das Boot, warf einige Eisenstcke
als Ballast auf den Boden, hakte das Steuer ein, ergriff zwei lange Streichruder
und wies unserm Helden seinen Platz an. Darauf legte er die Ruder aus und fuhr
mit der Kraft eines Matrosen im Doppelschlag vom Ufer ab. Er lie den Krbis auf
der Wasserflche tanzen zur groen Belustigung des Zimmermanns und smtlicher
Nachbarn am Ufer, und uerte seine Zufriedenheit, da Anton ihm so
zuversichtlich gegenbersa. Es ist mglich, in einem Kielboot gegen den Strom
zu kommen, sagte er, das war's, was ich diesen Nachtmtzen beweisen wollte.
Darauf setzte er den Mast wieder ein, lste die Segel, gab seinem Schler die
Schote des Klvers in die Hand und unterrichtete ihn, wie er anziehen und
loslassen sollte. Der Wind blies in unregelmigen Sten, bald blhten sich die
kleinen Segel und neigten den Rand des Bootes dem Wasser zu, bald schlugen sie
unttig und ratlos an den Mast. Es ist ein elender Seelenverkufer, rief Fink
rgerlich, wir treiben unvermeidlich ab und werden nchstens umwerfen.
    Wenn das ist, so schlage ich vor, umzukehren, sagte Anton mit erheuchelter
Leichtigkeit.
    Es tut nichts, versetzte Fink kaltbltig, ich werde uns schon so oder so
wieder ans Land bringen. Sie knnen doch schwimmen?
    Wie Blei, antwortete Anton; wenn wir umwerfen, gehe ich sicher auf den
Grund, Sie werden Mhe haben, mich herauszuziehen.
    Fassen Sie nur in keinem Fall nach meinem Krper, wenn Sie im Wasser
liegen, belehrte ihn Fink, das wre das beste Mittel, uns beide unten
festzuhalten; warten Sie ruhig ab, bis ich Sie in die Hhe hebe. brigens wird
es nicht schaden, wenn Sie sich Rock und Stiefel ausziehen, es ist gemtlicher
im Wasser, wenn man im Neglig ist. Anton tat willig, wie ihm befohlen war.
    So ist's recht, sprach Fink. Im Grunde ist's ein erbrmliches Vergngen,
hier herumzufahren. Keine Wellen, kein Wind, und zuletzt auch kein Wasser. - Da
sitzen wir wieder auf dem Grund. Stoen Sie ab. - He, Bootsmaat, was werden Sie
sagen, wenn dies garstige Ufer pltzlich versinkt und wir auf einem anstndigen
Meer schaukeln, Wasser bis an den Horizont, Wellen wie der Baum dort und ein
herzhafter Wind, der die Ohren abblst und die Nase schrg an die Backen legt.
    Ich kann nicht sagen, da ich es angenehm fnde, erwiderte Anton besorgt.
    Je nachdem, sagte Fink, es gibt wenig Lagen, die nicht noch viel
schlechter sein knnten. Bedenken Sie, es wre auch in diesem Fall immer noch
ein glckliches Los, da wir diese nichtsnutzigen Fadauben zwischen uns und dem
Wasser haben. Wie aber, wenn wir selbst mit unserm Leibe in der Flut lgen, ohne
Kahn, ohne Ufer, zwischen haushohen Wellen?
    Wenigstens ich wre verloren, rief Anton mit aufrichtigem Entsetzen.
    Ich sage Euch aber, ich habe einen Freund, einen guten Freund, auf den ich
mich in einer Krisis gern verlasse, dem ist so etwas begegnet. Der Mann
schlendert am Strande der See an einem glorreichen Abend, er beschliet zu
baden, wirft seine Kleider ab und geht ins Wasser. Lustig schwimmt er in die See
hinein. Die Wellen heben ihn und werfen ihn zu Tal, das Wasser ist wohlig warm,
um ihn glitzert in der Abendsonne die Flut von zehntausend bunten Farben, und
ber ihm lodert das goldene Licht des alten Himmels. Der Mann jauchzt vor
Vergngen.
    Und Sie selbst waren der Mann? fragte Anton.
    Meinetwegen ja. - So schwamm ich eine Weile fort, bis ich an dem matten
Schein des Himmels merkte, da es Zeit war, mich aus der Wasserschaukel ans Land
zu versetzen. Ich wandte mich um und hielt auf das Land zu, und was meint Ihr,
Master Wohlfart, das ich sah?
    Ein Schiff, rief Anton, einen Fisch.
    Nein, sagte Fink, nichts sah ich, das Land war verschwunden. Ich sphte
nach allen Seiten in die Dmmerung hinein, ich hob mich aus den Wellen, so hoch
ich konnte, nichts war zu erblicken als Wasser und Himmel. Die Strmung, die vom
Lande abwrts zog, hatte mich heimtckisch fortgefhrt, ich trieb in der hohen
See. Ich lag im Atlantischen Ozean zwischen Amerika und England. Insofern wute
ich, wo ich war, aber diese geographische Kunde erwies sich in meiner Lage als
unbefriedigend. Es wurde dunkler am Himmel, die Tler der Wellen fllten sich
mit schwarzen ungemtlichen Schatten, die Wasserberge hoben sich hher, ein
kalter Luftzug fuhr ber mein Haupt. Und nichts war zu sehen, als das rtliche
Grau des Himmels und die wilde rollende Flut.
    Das war schrecklich! rief Anton.
    Es war ein Augenblick, wo kein Pfaff einer armen Seele verwehren kann,
Hechte und andere Kreaturen zu beneiden. Wo das Land zulag, erkannte ich
natrlich am Himmel. Jetzt entstand die Frage, wer strker war, die Strmung des
Meeres, oder mein Arm. Ein mrderisches Ringen mit dem perfiden Schurken von
Wassergott begann. Durch die Ste Eurer Schwimmschule wre ich nicht weit
gekommen, ich rollte wie die Seeklber und die Wilden und griff Hand um Hand
vorwrts. So konnte ich's im Notfall ein paar Stunden aushalten. Und jetzt
arbeitete ich. Es war ein harter Kampf, der mchtigste meines Lebens. Unterdes
wurde es finster, die smaragdgrnen Wellen verwandelten sich in eine Flut von
schwarzem flssigem Pech, nur ihre Hupter schimmerten noch von dem weien
Gischt wie gebleichte Totenschdel, welche um mich aufstiegen und mich
anspuckten. Der Himmel hing bleigrau ber mir, nur zuweilen blinzte mir ein
einzelner Stern hinter dem Wolkenrauch zu, das war mein einziger Trost. So
schwamm ich zwischen Schwarz und Grau, ins Endlose hinein, noch immer kein Land
zu sehen. Ich wurde matt und die teuflische Schwrze um mich herum gab mir
zuweilen den Gedanken ein, die unntze Arbeit aufzugeben. Die Wolkenbank stieg
hher, die Sterne verschwanden, die Richtung wurde zweifelhaft und meine
Stellung durchaus unhaltbar. Ich merkte, da die Sache zum Ende kam; meine Brust
keuchte, vor meinen Augen tanzten unzhlige Funken, wie Leuchtkfer auf dem Wege
zur Hlle. Da, mein Junge, als ich halb besinnungslos mit einer Welle
hinabgeglitten war, da fhlte ich mit dem Fu etwas, das nicht mehr Wasser war.
    Es war Grund, rief Anton.
    Ja, nickte Fink, es war fester Sand. Ich kam eine Meile leewrts von
meinen Kleidern ans Ufer und fiel dort hin wie eine erschlagene Robbe. Er brach
ab und sah prfend auf Anton. Und jetzt macht Euch fertig, Maat, rief er,
nehmt Eure Beine unter der Bank hervor, ich werde einen Schlag machen und zum
Ufer wenden. Nur ruhig!
    In diesem Augenblicke fuhr ein starker Windsto ber die Wasserflche, der
Mast knarrte, das Boot neigte sich auf die Seite und hrte mit der Schwankung
nicht eher auf, bis sein Kiel in die Hhe stand, wie die Rckenflosse eines
Fisches. Anton sank seinem Versprechen getreu ohne weitere Bemerkungen in die
Tiefe. Blitzschnell tauchte Fink in die Strmung, stie ebenfalls, wie er
versprochen hatte, seinen Gefhrten ber sich nach der Oberflche des Wassers
und schob ihn mit groer Anstrengung auf eine seichte Stelle, wo es mglich war,
watend das Ufer zu erreichen. Zum Henker, fassen Sie doch meinen Arm, rief
Fink keuchend.
    Anton aber, der gegen die Abrede eine ziemliche Masse Wasser verschluckt
hatte, besa nicht mehr allzuviel Besinnung und machte nur eine abwehrende
Bewegung mit der Hand.
    Ich glaube, er will noch einmal hinunter, rief Fink rgerlich, fate den
Besinnungslosen um den Leib und schleppte ihn ans Ufer.
    Eine Menge Menschen hatte sich hier versammelt und strzte jetzt an den Rand
des Wassers, wo Fink den jungen Matrosen im Arm hielt und ihm lebhaft zuredete,
doch wieder zu sich zu kommen. Endlich ffnete Anton die Augen und bezeugte
dadurch und durch einige andere Bewegungen die Absicht, seine Stellung in der
brgerlichen Gesellschaft noch nicht aufzugeben. Wie geht's, Wohlfart, sagte
Fink und sah ihm besorgt in das bleiche Antlitz. Sie haben sich die Sache sehr
zu Herzen genommen! Poncho y Ponche! rief er heftig den Leuten zu, einen
Mantel und ein Glas Rum fr den Herrn. Das wird Sie am schnellsten kurieren.
    Ein Leiermann zog bereitwillig seinen alten Soldatenmantel vom Leib, unser
Held wurde hineingewickelt und wie ein verwundeter Krieger nach dem Hause des
Zimmermanns gefhrt. Dort setzte man ihn auf einen Lehnstuhl.
    Da geht der Krbis hin, Segel, Streichruder und alles, sagte Fink im
Abgehen strafend zum Schiffszimmermann, und unsre Rcke obendrein. Habe ich's
Euch nicht gesagt, da das Ding nichts taugte?
    Eine Stunde lang pflegte Fink sein Opfer mit der grten Zrtlichkeit, er
rhrte ihm eigenhndig den Zucker in einem Glas Grog und drckte ihm zuweilen
die kalte Hand. Es war bereits dunkel, als Anton so weit hergestellt war, da er
nach Hause gehen konnte. Sie vervollstndigten ihre Toilette durch Kleider und
Schuhe des Kahnbauers und lachten auf dem Rckwege ber ihre Ausrstung. Fink
hatte wieder sein gewhnliches khles Wesen angenommen, und unser Held stolperte
bleich, aber lustig in hohen Transtiefeln neben ihm her. Hren Sie, Fink,
sagte er ermahnend, wenn Sie mich das nchste Mal zu einer Partie auffordern,
so mchte ich Ihnen andeuten, da ich manches andere lieber trinke, als dies
lehmige Wasser. Ich bin noch voll davon.
    Wie konnte ich denken, antwortete Fink, da Sie mit solcher Vehemenz den
halben Flu einschlucken wrden, Sie Unschuld! Ich habe in meinem Leben noch
keinen Menschen mit solcher Kindlichkeit auf den Grund gehen sehn. Sie sind ein
mrchenhafter Kerl!
    Der nchste Tag war ein Sonntag und der Geburtstag des Prinzipals. An diesem
wichtigen Tage blieben die Herren nach dem Diner einige Stunden in den Zimmern
des ersten Stockes, der Bediente prsentierte dann Kaffee und Zigarren. Als man
sich zu Tisch setzte, sagte die Tante zu Fink: Die ganze Stadt ist voll davon,
da Sie und Herr Wohlfart gestern in einer schrecklichen Gefahr gewesen sind.
    Es war nicht der Rede wert, gndige Frau, antwortete Fink leichtsinnig,
ich wollte nur untersuchen, wie sich Master Wohlfart beim Ertrinken benehmen
wrde. Ich warf ihn ins Wasser, und er wre um ein Haar auf dem Grunde
liegengeblieben, weil er es fr indiskret hielt, mich durch seine Rettung zu
belstigen. Einer solchen hflichen Resignation ist nur ein Deutscher fhig.
    Aber Herr von Fink, rief die Tante erschrocken, das hie ja das Schicksal
herausfordern! Es ist schauderhaft, nur daran zu denken.
    Schauderhaft war nur die Unsauberkeit dieser Lehmrinne, die man hier Flu
nennt. Es mssen sehr schmutzige Nixen sein, die auf dem Grunde dieses Wassers
leben. Aber Wohlfart lie sich durch ihren Lehm nicht stren. Er fiel ihnen
begeistert in die Arme, gerade wie es in dem berhmten Liede Sr. Exzellenz
heit: Halb zogen sie ihn, halb sank er hin. Er warf beide Beine ber den Rand
des Kahns, noch bevor es ntig war.
    Sie hatten mich's so gelehrt, Sir! rief Anton zu seiner Entschuldigung von
unten dazwischen.
    Ja, fuhr Fink gegen die Tante fort, ich habe als Freund an ihm gehandelt.
Ich trage keine Schuld, wenn er so viel Wasser geschluckt hat, da der
Wasserstand heut unerhrt niedrig ist, und die Zinkkhne der Handlung oben im
Flusse auf einer Sandbank liegenbleiben. Ich habe ihm vorher noch jede Art von
gutem Rat gegeben. Ich habe ihm eine lange Geschichte erzhlt, wie man sich im
Wasser zu benehmen hat, ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welche Toilette
man braucht, um mit Anstand ins Wasser zu fallen. Man kann gegen einen Bruder
nicht sorgsamer sein. Aber es half alles nichts. Er fuhr wie aus einer Pistole
geschossen auf den Grund und bohrte sich dort mit der Behendigkeit eines
Karpfens ein. Ich versichere Sie, es war eine mhsame Arbeit, ihn im Schlamm
wieder aufzufinden. Ich glaube, er war bereits in zrtlicher Unterhaltung mit
einigen Wassergeschpfen, als ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit
der Hand, als wollte er sagen: Stre mich nicht, ich gehe hier meinem stillen
Vergngen nach.
    Der arme Herr Wohlfart, rief die Tante verwundert. Aber Ihre Rcke! Heute
frh begegnete ich im Hause einem Polizeidiener, der das nasse Bndel auf dem
Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerst das Unglck.
    Die Rcke sind heute frh unterhalb der Stadt aufgefischt worden, sagte
Fink, Karl zweifelt daran, sie je wieder zu trocknen. Unterdes machen Wohlfarts
Stiefel eine Vergngungsreise nach dem Weltmeer.
    Anton errtete vor rger ber die Weise des Freundes und sah verstohlen nach
dem obern Ende des Tisches. Der Kaufmann blickte finster auf den gemtlichen
Fink, und Sabine sa bleich mit gesenkten Augen, nur die Tante war wortreich in
aufrichtigem Bedauern der durchnten Rcke.
    Das Mittagessen war noch feierlicher als gewhnlich. Nach dem Braten erhob
sich Herr Liebold und verrichtete das schwere Stck Arbeit, wozu er durch seine
hohe Stellung verpflichtet war, er brachte die Gesundheit des Prinzipals aus. Er
gab sich redlich Mhe, die entschiedenen Wnsche des Vordersatzes nicht durch
einen schchternen Nachsatz zurckzunehmen. Aber selbst sein Toast vermochte
nicht eine gewisse Spannung in den oberen Regionen des Tisches zu beseitigen.
    Nach aufgehobener Tafel standen die Herren Kaffee trinkend in Gruppen um den
Prinzipal herum, wobei khne Naturen, wie Herr Pix, auch eine Zigarre
anzubrennen wagten. Unterdes trieb Anton in grter Mue durch die geffnete
Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand, bltterte in einem Album und
hielt sich durch solche Ttigkeit die drohende Langeweile tapfer vom Halse. Er
beobachtete gerade das Muster eines Teppichs und hoffte im stillen, da sich
hier oder da ein keckes Fnfeck von dem Zwange des Musters losmachen und
eigenwillig an einer unpassenden Stelle erscheinen knnte. So war er an den
Eingang des letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen stehen. Wenige Schritte
vor ihm stand Sabine an einem Blumentisch und hielt sich mit beiden Hnden an
der Tischplatte fest, whrend groe Trnentropfen aus ihren Augen auf die Blumen
herunterfielen. Es war ein lautloses Schluchzen; wie von innerm Krampf wurde die
schlanke Gestalt erschttert; sie bekmpfte den Ausbruch eines tiefen, lange
unterdrckten Schmerzes mit einer Energie, welche ihn doppelt rhrend machte.
Anton war bestrzt ber den Zufall, der ihm einen solchen Anblick gestattete,
und fhlte doch wieder eine so warme Teilnahme, da er darber verga, sich
zurckzuziehn. Als er sich umwandte, blickte Sabine nach dem Gerusch hin. Sich
schnell fassend, drckte sie das Tuch an die Augen und kehrte sich sogleich zu
Anton. Hten Sie sich, Herr Wohlfart, sagte sie herzlich, da die
Tollkhnheit Ihres Freundes Sie nicht in neue Gefahren bringt; meinem Bruder
wrde es sehr leid tun, wenn der Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachteil
brchte.
    Frulein Sabine, erwiderte Anton und sah der Dame mit inniger Hochachtung
in die feuchten Augen, Fink ist eben so edel als rcksichtslos. Er hat mich mit
eigener Gefahr aus dem Wasser herausgeholt.
    O ja, rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verstand, Herr
von Fink liebt es, mit allem zu spielen, was anderen Menschen heilig ist.
    In diesem Augenblick eilte Herr Jordan herzu und bat das Frulein, an den
Flgel zu kommen. So rauschte sie an Anton vorber.
    Anton war in mchtiger Aufregung. Sabine Schrter stand bei den Herren des
Comtoirs in einem Ansehen, welches sie ber den Bereich der gewhnlichen
Diskussion stellte und in die glckliche Lage brachte, da im Hinterhaus nur
selten von ihr gesprochen ward. Die meisten der Jngeren waren, wie sich aus den
Neckereien ihrer Kollegen und gelegentlichen Gestndnissen merken lie, whrend
der ersten Monate ihres Aufenthalts leidenschaftlich in das Frulein des Hauses
verliebt gewesen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach
heruntergebrannt war, hatte jeder ein Huflein glhender Kohlen vor den
Spttereien der Kollegen in den geheimsten Winkel seines Herzens geschoben, wo
die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Smtliche Herren waren bereit, fr die
Tochter ihres Hauses gegen jeden Feind loszurennen. Allen galt sie fr eine
kalte Heilige, deren Herz einer leidenschaftlichen Schwche unzugnglich war.
Aber ihre ruhige Haltung tat allen sehr wohl, und wenn Herr Pix sie stolz
nannte, so verfehlte er nie, dazuzusetzen: Aber sie hat ein gutes Herz, sie ist
eine tchtige Wirtin.
    Ob Sabine ganz so war, wie das Comtoir einstimmig annahm, darber hatte auch
Anton kein Urteil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt, und doch fern, wie der
Mond, den wir immer nur von einer Seite sehen. Alle Tage sa er ihr gegenber
und sah aus der Ferne auf das feine Oval ihres Gesichts, auf das dunkle Haar und
den tiefen Glanz ihrer schnen Augen, tglich hrte er ihre Stimme in dem
gleichfrmigen Tischgesprch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er
pltzlich, da die Heilige nicht so ruhig und so gefhllos lebte, als das
Hinterhaus annahm; durch einen Zufall war er Vertrauter ihres stillen Wehes
geworden. Ihr Schmerz, so lautlos und so schn getragen, steigerte seine
Teilnahme zu leidenschaftlicher Hhe. Er hatte nie eine Schwester gehabt, und
sich wohl zuweilen danach gesehnt; heut empfand er eine wahrhaft brderliche
Zrtlichkeit fr die Trauernde; er htte sein Leben hingeben knnen, um sie von
diesem Schmerz zu befreien; er htte es fr das hchste Glck gehalten, ihre
Hand zu ergreifen, ihren Kopf an seine Brust zu legen und ihr die weinenden
Augen zu kssen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, da ihr Kummer mit Fink in
irgendeiner Verbindung stand, es war ihm schon lange unzweifelhaft gewesen, da
diese beiden Gestalten zueinander in einer geheimnisvollen Beziehung stehen
muten, und oft hatte er prfend nach Sabinens Gesicht hingesehen, wenn Fink bei
Tisch etwas Liebenswrdiges erzhlte. Er hatte nie etwas anderes entdeckt, als
da ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink sa, und da sie den Jockei
vielleicht noch seltener anredete, als einen der anderen Herren. Jetzt ahnete er
allerlei Schmerzliches fr die Gebieterin des ersten Stocks, er sah im Geist
wilde Leidenschaften ber den ruhigen Glanz des Hauses T.O. Schrter
heraufstrmen. Wohl empfand er fr Fink die hingebende Neigung, welche eine
unverdorbene Jugend so gern dem khnen und erfahrenen Genossen weiht, aber in
diesem Falle nahm seine Seele entschiedene Partei gegen den Freund, er beschlo,
Fink genau zu beobachten und dem Frulein irgend etwas zu werden, ein
brderlicher Schutz, ein Vertrauter, alles, was dazu helfen konnte, sie von
einem Schmerz zu befreien, der ihn mit Rhrung und heiem Mitgefhl erfllte.
    Einige Stunden darauf sa Sabine in der Fensternische. Die Hnde ber das
Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das rtliche Abendlicht go ber ihr
Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die in ihrem Herzen nicht war. Der
Bruder hatte die Zeitung weggelegt und blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll
auf die Regungslose, endlich trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr
Haupt. Sabine erhob sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So
standen die Geschwister eines an das andre gelehnt, zwei Freunde, welche sich so
ineinander hineingelebt haben, da jedes ohne Worte versteht, was den andern
bewegt. Der Kaufmann strich zrtlich die Locken seiner Schwester zurecht und
sagte bekmmert: Du weit, wie gro die geschftlichen Verpflichtungen sind,
welche ich gegen den Vater Finks habe.
    Ich wei߫, erwiderte Sabine aufblickend, da du mit dem Sohne nicht
zufrieden bist. - Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in
unsern Kreis aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.
    Sei nicht hart gegen ihn, bat die Schwester und kte die Hand des
Kaufmanns. Denke auch daran, wie viel Edles in seinem Wesen liegt.
    Ich tue ihm nicht unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil fr andere werden
wird, oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefhl, die groen
Anlagen, selbst die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen ist Stoff
genug, um einen groen Charakter zu bilden. Aber wozu wird er seine Kraft
gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Torheiten hat er bis jetzt seine Tage
verbracht, der Zwang unseres Hauses emprt ihn innerlich. Noch ist
wahrscheinlich, da ein schlechter Aristokrat aus ihm wird, der seine
Lebenskraft im raffinierten Genu vergeudet, oder auch ein wucherischer
Geldmann, wie sein Verwandter in Amerika, der zum letzten aufregenden Spielzeug
das Geld erwhlt und mit frevelhaftem Witz die Schwchen anderer benutzt, um aus
den Trmmern ihres Glcks seine Palste zu bauen.
    Er ist nicht herzlos, murmelte Sabine, auch sein Verhltnis zu Wohlfart
beweist das.
    Er spielt, mit ihm, er wirft ihn ins Wasser und zieht ihn wieder heraus.
    Nein, rief Sabine, er achtet den verstndigen Sinn Wohlfarts, er fhlt,
da dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemt hat, als er
selbst.
    Tusche dich und mich nicht, entgegnete der Kaufmann finster, ich wei,
wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe schn zu sprechen und sich
in leichtem Scherz ber seine Umgebung zu erheben, dich gefesselt haben. Nicht
ohne brderliche Eifersucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf
dich ausbte. Ich schwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch selbst
hingerissen von manchem, was an ihm ungewhnlich ist. Auch als ich seine Hrten
unangenehm empfand, schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm
zurckzogst. Jetzt aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer
aufregt, ja unglcklich macht, jetzt mu ich seine Entfernung fr wnschenswert
halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nhe.
    O, mein Gott! rief Sabine, die Hnde ringend. - Nein, Traugott, das soll,
das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhltnis nicht gelst
werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde. Wenn es ein Mittel gibt, ihn
vor den Gefahren zu behten, die seine Vergangenheit ber ihn bringt, so ist es
das Leben in deiner Nhe. Deine rastlose Ttigkeit, die hohe Ehre deines
Geschfts, die zu sehen, daran sich zu gewhnen, das ist Heilung fr seine
Seele. Ja, Traugott, fuhr sie fort und fate seine Hand: Ich habe kein
Geheimnis vor dir! Du hast eine trichte Schwche meines Gefhls vielleicht eher
erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefhl soll sein, wie die
Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort
will ich verraten, da ich schwach war. O, zrne ihm nicht, lse ihn nicht aus
deinem Kreise, nicht im Zorn, und nicht um meinetwillen.
    Und darf ich zugeben, da seine Nhe dich zu einem aufreibenden Kampf
verurteilt? fragte der Bruder. Unser Verhltnis zu ihm ist ohnedies schwer
genug. Er gilt fr eine glnzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es ist
wahrscheinlich, da sein Vater bestimmte Plne mit ihm hat; es ist sicher, da
er selbst fr weit hinaus phantastisch ber seine Zukunft getrumt hat. Mir hat
sein Vater die Aufsicht ber ihn, den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er
vertraut, da ich in seinem Sinn handeln werde. Es wre Verrat gegen den Vater,
wenn ich eine Annherung zwischen euch beiden auch nur durch Stillschweigen
zuliee. Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als
htten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er selbst, der
bermtige, an leichte Siege Gewhnte, er wird zuerst einem solchen Gedanken
Raum geben und geneigt sein, ber das zu triumphieren, was er deine Schwche und
meine Berechnung nennen mag. Ich hre ihn darber lachen und witzeln, und sieh,
Sabine, dagegen emprt sich mein Stolz.
    Traugott, rief Sabine mit gerteten Wangen, vergi nicht, da ich deine
Schwester bin. Ich bin ein Brgerkind, und er wird nie ganz zu uns gehren. Ich
bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefhl, da zwischen ihm und mir eine
Kluft liegt, so weit und tief, da alle Liebe sie nicht aufzuheben vermchte.
Vertraue mir, bat sie unter Trnen, ich werde dich nicht mehr durch meine
Mienen betrben. Und gegen ihn, den du nicht liebst, sei gtiger. Ertrage auch
du das Lstige in seinem Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt
umhergeschleudert, in Lagen, welche jedem Gelst schmeichelten, immer unter
Fremden, ohne Liebe und ohne Heimat, so ist er aufgewachsen, in manchem
verdorben, aber im Grund seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder
Gemeinheit. Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah
bittend zu ihm auf. Vertraue mir und gegen ihn sei gtiger.
    Er soll hierbleiben, sagte der Kaufmann und blickte gerhrt in die
feuchten Augen der Schwester. Aber auer meinem Liebling ist noch jemand in
unserm Hause, der sich vor dem Einflu seines Wesens zu bewahren hat.
    Wohlfart, rief Sabine heiter. Fr den brge ich.
    Du bernimmst viel, du Vormund unsrer Herren. Also auch er ist ein
Gnstling? fragte der Bruder.
    Er ist zartfhlend und ehrlich, er hngt mit ganzer Seele an dir. Wie
treuherzig sah er heut darein, als der andre so ruchlos scherzte. Und er hat
Mut! Verla dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufllig sah ich ihn
damals, als ihn Fink so gekrnkt hatte. Er sah ordentlich rhrend aus. Seit der
Zeit habe ich ihn ins Herz geschlossen.
    Was hat alles in diesem Herzen Raum, rief der Kaufmann scherzend. Zuerst
und vor allem die groe Vorratsstube, die Nubaumschrnke der Gromutter und
viele Schock weie Leinwand. Dann in bescheidener Seitenkammer der gestrenge
Bruder, dann -
    Dann im Vorzimmer alles brige, unterbrach ihn Sabine. Ja, und jetzt
finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert, fuhr der Bruder fort.
    Sabine nickte. Er ist ja schon von seinem Vater her ein Kind unsrer
Handlung. Er wnscht sich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's
zugetragen. Die Tante und ich wollen sie besorgen. Du mut sie ihm bei erster
Gelegenheit durch die Post senden. Er ist von Haus aus an solche berraschungen
gewhnt. Die Tante soll ihm einen geheimnisvollen Brief dazu schreiben. Sie
lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Teeserviette
und rckte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer Reihe standen.
    So ist's recht, rief der Kaufmann, jetzt bist du wieder du selbst. Die
Linie ist untadelhaft, und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist
auerordentlich.
    Man mu doch seine Freude haben, sagte Sabine, ihr Mnner tut doch nichts
anderes, als uns ngstigen.
    Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trllernd, ohne eine
Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich
unbekmmert um die Gefhle, welche er dort erregte. Ich bin um Ihretwillen in
Ungnade gefallen, mein Sohn, rief er lustig, der Souvern hat mich heut mit
haarstrubender Gleichgltigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den
ganzen Tag keinen Blick gegnnt. Respektable Leute, aber bis zur Verzweiflung
hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitten, aber auch
sie verkmmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich am Kopfe krault, so
erregt das Erstaunen und erregt Skrupel, ob es ihr anstndig sei, mit dem
rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. - Glck zu, Wohlfart, Sie sind auf
dem besten Wege, der Mignon dieses Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man
als Ihren bsen Genius. Tut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die
Schwimmschule.
    Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergngen darin, den
jngern Freund in seine Knste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn schwimmen, er
bestand darauf, da Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und zwang ihn durch
brderliche Ermahnungen, auf dem Mietgaul Reitknste zu ben. Ja, er ging in
seiner Freundschaft so weit, da er sich selbst auf einen Mietklepper setzte, -
etwas, wogegen er groen Abscheu hatte - und den Lehrling zur bung auf seinem
eigenen feurigen Pferde reiten lie. Er scho mit Anton nach der Scheibe und
drohte sogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf
das uerste protestierte.
    Anton lohnte seinem Freunde durch die grte Anhnglichkeit; er war
glcklich, einen Genossen zu haben, an dem er so vieles verehren und bewundern
konnte, und es tat seinem Selbstgefhl unendlich wohl, da er als Vertrauter vor
vielen andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei;
was zuerst eine Laune gewesen war, wurde ihm schnell Bedrfnis. Es waren
glckliche Abende fr beide, wenn sie im Schatten der groen Kondorflgel oder
in dem bescheideneren Quartiere der gelblackierten Katze zusammensaen in
seligem Geplauder ber die Eindrcke des Tages, ber den Weltlauf, oder ber
nichts; dann erzhlte Fink oder trieb Possen, bermtig, wie ein kleiner Knabe,
und Anton folgte mit Entzcken den krftigen Gedanken und dem khnen Ausdruck
des vielerfahrenen Gefhrten; dann klang bei offenem Fenster ihr Lachen bis tief
hinab in das Dunkel des Hofes, so da der alte zottige Pluto, der sich als Vogt
des Hauses betrachtete und von jedermann als ein angesehener Associ der Firma
betrachtet wurde, aus seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes
Bellen seine Billigung ihrer guten Laune ausdrckte. Es war eine glckliche Zeit
fr beide; aus ihrer Vertraulichkeit blhte, zum erstenmal fr beide, eine
herzliche Jugendfreundschaft auf.
    Und doch hrte Anton nicht auf, Fink und das Frulein mit einer leisen
Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde ber das, was er ahnend
voraussetzte, immer aber erwartete er, da sich im Vorderhause etwas ereignen
wrde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und dem Kaufmann, oder etwas
anderes Auerordentliches. Aber es kam nichts dergleichen, unverndert verliefen
die feierlichen Mahlzeiten an der langen Tafel, unverndert blieb das Antlitz
und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn
die ernste und emsige Ttigkeit des Geschftes jedes ungewhnliche
Familienereignis, jede Leidenschaft, jede schnelle Vernderung fernhielte von
dem Leben der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genu und Schwrmerei, alles
wurde niedergehalten durch den unablssigen gleichmigen Flu der Arbeit.
    Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des Lehrlings,
und wieder blhten die Rosen. Anton hatte beim Schlu des Comtoirs einen groen
Strau roter Zentifolien gekauft und klopfte an die Tr von Herrn Jordan, um
diesem, der ein Gefhl fr Blumen hatte, den Salon zu schmcken. Mit
berraschung sah er, grade wie am ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Kollegen in
dem Zimmer versammelt und erkannte auf den ersten Blick, da bei seinem
Eintreten eine exklusive Feierlichkeit, welche ihn zurckwies, in den Mienen
aller sichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen
und bat, er mge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst berlassen, es sei
etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hren drfe. Die
gutherzigen Mnner hatten ihn bis dahin nur selten empfinden lassen, da er
ihnen an Wrden nicht gleich stand, deshalb demtigte ihn die Verbannung doch
ein wenig. Er trug den Strau in das eigene Zimmer und stellte ihn resigniert
mitten auf den Tisch, ergriff ein Buch und sah zuweilen darber hinweg auf das
Bschel Rosen, welches sogleich eifrig bemht war, seinen rosigen Schein bis in
die Winkel der kleinen Stube auszubreiten.
    Unterdes wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons
pochte mit einem Lineal auf den Tisch und erffnete die Verhandlung: Wie Sie
alle wissen, hat einer der Kollegen das Geschft verlassen. Herr Schrter hat
mir deshalb heut erffnet, da er nicht abgeneigt ist, an Stelle desselben
unsern Wohlfart als Korrespondenten in das Provinzialgeschft aufzunehmen. Da
aber die herkmmliche Lehrzeit Wohlfarts erst in einem oder nach dem Uso unsrer
Handlung sogar erst in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche
auerordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die
Beistimmung des Comtoirs. Deshalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche
Sie an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt
aufgeben und wollen Sie ihn als Kollegen in unser Geschft aufnehmen? Ich
ersuche Sie smtlich, mir Ihre Meinung mitzuteilen. Noch fhle ich mich
verpflichtet zu bemerken, da Herr Schrter selbst unsern Wohlfart fr
vollkommen geeignet hlt, die neue Stellung auszufllen; auch halte ich es fr
sehr gentil vom Prinzipal, da er uns die letzte Entscheidung berlt.
    Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille, welche
jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix richtete sich von der Sofalehne auf, an
welcher er gehangen hatte, und sprach: Vor allem stimme ich dafr, da wir ein
Glas Grog machen, hole ein anderer fr die Teetrinker den Kessel her, den Grog
braue ich. Nach dieser Erklrung zog sich der Sprecher wieder in seine reitende
Stellung zurck und brannte eine Manila an, eine Art von Zigarren, welche er in
stetem Kampf gegen seine Kollegen begnstigte.
    Die andern Herrn verharrten in genureichem Schweigen und sahen feierlich
der Bereitung des Tees zu, jeder fhlte die Wichtigkeit seiner brgerlichen
Stellung und seine Wrde als Mensch und Kollege.
    Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch niemand das Wort
ergriff, erkannte der Vorsitzende die Notwendigkeit, die Debatte auf irgendeine
Weise zu frdern, und frug: Wie wollen wir abstimmen? Wnschen Sie von unten
nach oben oder von oben herab?
    Bei der englischen Marine wird, soviel ich wei, der Jngste zuerst
gehrt, bemerkte Herr Baumann. Wie bei der englischen Marine, entschied Herr
Pix.
    Specht war der jngste der anwesenden Kollegen. Ich mu vor allem bemerken,
da Herr von Fink nicht anwesend ist, sprach er und sah sich aufgeregt um.
    Ein allgemeines Gemurmel entstand: Er ist nicht zu Hause! Er ist Volontr!
    Er gehrt nicht zu uns, sagte Herr Pix.
    Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen, sagte Herr Jordan, da er keiner
von den Engagierten der Handlung ist.
    In diesem Falle bin ich der Meinung, fuhr Herr Specht fort, etwas
herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste Bemerkung
erfahren hatte, da Wohlfart die Verpflichtung hat, vier Jahre Lehrling zu
bleiben wie ich selbst, oder doch drei Jahre wie unser Baumann bei C.W. Strumpf
und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl und nach aller Ansicht im Geschft
brauchbar ist, so bin ich auch der Meinung, da wir einmal eine Ausnahme machen
und ihn schon jetzt als Kollegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei
vorsichtig zu sein und ihm bemerklich zu machen, da er eigentlich noch Lehrling
sein sollte. Deshalb schlage ich vor, da er verpflichtet wird, uns noch ein
Jahr hindurch den Tee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling getan. Auerdem
halte ich fr schicklich, da er zur Erinnerung an seinen frheren Stand jedem
der Kollegen alle Quartale eine Feder schneidet.
    Narrheiten, brummte Herr Pix; Sie haben immer berspannte Einflle.
    Wie knnen Sie meine Einflle berspannt nennen, rief Herr Specht
entrstet, Sie wissen, da ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.
    Ich mu um Ruhe bitten, sagte Herr Jordan.
    Die nchsten Kollegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr Baumann
mit vieler Wrme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des Teekessels und
sprach: Meine Herren, was soll das lange Reden, seine Warenkenntnis ist nicht
schlecht, wenn man bercksichtigt, da er noch ein junger Kauz ist, sein
Benehmen ist kulant, die Hausknechte haben Respekt vor ihm, gegen meine Kunden
ist er noch zu zartfhlend und umstndlich, aber es ist nicht allen Leuten
gegeben, andere Leute zu behandeln. Solo spielt er schlecht, und sein
Punschtrinken ist unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letzteren
Qualitten aber nicht den Ausschlag geben drfen, so sehe ich nicht ein, weshalb
er nicht vom heutigen Dato ab Kollege werden soll.
    Der Kassierer sprach: Es ist nicht in der Ordnung, da einer mit zwei
Jahren seine Lehrzeit abmacht, da es aber der Prinzipal wnscht, so werde ich
nicht widersprechen, denn sein Wille mu zuletzt doch respektiert werden.
    Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr
beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums erinnerte.
Natrlich wollte er beistimmen, aber wenn er nicht beistimmte? Wenn er jetzt
widersprche, welcher Skandal mte daraus entstehen? Wie wrde ihn Wohlfart
ansehen, und die Kollegen und der Prinzipal selbst? So zog er an seinem
Halskragen, lchelte verbindlich nach beiden Seiten und rusperte sich wie vor
dem Ausbruch einer krftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die
mglichen Folgen seines Vetos schchtern zurcksank und sich mit allem
einverstanden erklrte, was seine Kollegen beschlieen wrden.
    Abgemacht! sagte Herr Jordan, auch ich stimme bei und habe noch den Grund
anzufhren, da Wohlfart bei seinem Eintritt lter war, als ein anderer von uns,
und da er an Jahren und Bildung nichts zu wnschen briglt. Deshalb freue ich
mich ber unsre Einstimmigkeit. Herr Schrter hat mir erlaubt, im Falle unsrer
Einwilligung den Lehrling vorlufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor,
da dies auf der Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.
    Ja, ja, gut, das wollen wir! riefen alle, und Baumann schickte sich an,
hinaufzugehen.
    Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Kollegen Baumann den Weg.
Wir sind keine Ferkel, rief er und streckte die Hnde abwehrend an der Tr
aus, wir sind keine wilden Tiere, da wir so ohne Ordnung durcheinander laufen
und einen neuen Kollegen aufnehmen, wie ein Stck von einer Herde. Ich bitte Sie
dringend, denken Sie an die Ehre des Geschfts. Es ist notwendig, da zwei von
uns als Deputation hinaufgehen, es mu wenigstens ein Punsch gemacht werden, und
Jordan mu ihn mit einer Rede begren.
    Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwhlt, den
Neuling herunterzufhren. Herr Specht aber fuhr mit glnzenden Augen in der
Stube umher, er rckte den Tisch zurecht, ordnete die Sthle im Halbkreis zu
beiden Seiten, schleppte Glser und Flaschen herzu und setzte einen grnen
Ritter aus Papiermach, der ein vergoldetes Schwert trug, auf einen Tabakskasten
in die Mitte des Tisches. Dann holte er einen Teppich herzu und legte ihn
zwischen die Tr und die Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe, wie eine
Braut vor dem Altare.
    Darauf erschpfte er seine ganze Beredsamkeit, um die Lichter und Lampen aus
den Zimmern seiner Kollegen auf einen Haufen zu versammeln. Endlich lie er die
Rouleaus herunter, schlo die bunten Gardinen und brachte zunchst eine
knstliche Dmmerung und darauf einen ungewhnlichen Lichterglanz und heftigen
Lampengeruch zustande. So bewirkte er mit Hilfe der andern, welche ihm zuerst
zusahen und bald, durch seinen Eifer fortgerissen, ttig beistanden, da der
Salon in der Tat ein fremdartiges und mysterises Aussehen erhielt. Jetzt erst
lie er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch den
Kopf fuhr von dem imponierenden Aussehen des rmischen Senates, welcher lautlos
auf Sthlen sa, als die grimmigen Feinde in Rom einzogen, so beschwor er
leidenschaftlich alle Zurckgebliebenen, sich stumm und unbeweglich auf den
Sthlen in der Runde festzusetzen. Als sich aber die Tr ffnete und der
erstaunte Wohlfart, der noch nichts ahnte, in der Mitte seiner beiden Fhrer
erschien, von denen Herr Pix in praktischer Umsicht die Zuckerbchse Antons,
Herr Liebold feierlich das groe Rosenbukett getragen brachten, da verblich in
der Phantasie des Herrn Specht der rmische Senat, und die Heiligen Drei Knige,
welche mit Bchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescherung und christliche
Feierlichkeit wurden in ihm mchtig. Er sprang in Ekstase von seinem Sitze auf
und rief: Alle mssen stehen!
    Durch diese vernderte Anordnung strte er leider sich selbst die Wirkung,
denn nur ein Teil der Herrn folgte seinem Beispiel, der Rest blieb sitzen, bis
Herr Jordan dann vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit sagte:
Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns gearbeitet, Sie haben sich Mhe
gegeben, das Geschft kennenzulernen, wir alle haben Sie in dieser Zeit
liebgewonnen. Es ist der Wille des Prinzipals und unser aller Wunsch, da die
herkmmliche Lehrzeit bei Ihnen ausnahmsweise abgekrzt werde. Herr Schrter
beabsichtigt, Sie morgen als Comtoristen aufzunehmen, wir haben die Freude,
Ihnen dies schon heute mitzuteilen. Wir wnschen Ihnen von Herzen Glck und
bitten Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als Kollege zu bewahren, die Sie
uns bis jetzt bewiesen haben. So sprach der gute Herr Jordan und hielt seinem
Zglinge die Hand hin.
    Anton stand einen Augenblick starr, dann fate er mit beiden Hnden die
dargebotene Rechte und fiel glcklich und gerhrt Herrn Jordan um den Hals. Die
Kollegen drngten sich um ihn, und es entstand ein Hndeschtteln und Umarmen,
welches in der Geschichte des Salons beispiellos war. Immer wieder ging Anton
von dem einen zum andern und fate ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah
ohne Betrbnis sein Zeremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen
ruiniert, Baumann sa, die Hnde ber das Knie geschlungen, vergngt in der
Ecke, und Pix bot unserm Helden binnen fnf Minuten zweimal seine Zigarren an
und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon ansteckte. Alles
war in bester Laune, die Kollegen freuten sich, weil sie mit Selbstgefhl etwas
Bedeutendes schenken konnten, und Anton war selig, so viel Freundlichkeit zu
empfangen. Verklrt sa er in einem gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund
Specht gentigt hatte, vor ihm stand der Ritter und salutierte mit seinem
goldenen Schwert aus dem Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen,
heut alle bemht, ihm Frhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und
brachte die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredsamkeit, wie sie
vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, da Anton gewissermaen
als ein Sugling zu ihnen gekommen sei, dem der Unterschied zwischen Pennal und
Kanehl ebenso unbekannt war, als einem Zeisig das Kaffeekochen, und wie mit
Hilfe der groen Waage, die als seine Wiege betrachtet werden msse, und der
Auflader, welche Ammendienste an ihm verrichtet htten, und unter Mitwirkung
einiger anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in so
kurzer Zeit ein so auffallendes Wachstum des Unmndigen hervorgebracht worden
sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die Gesundheit seiner Kollegen aus. Er
erzhlte, wie bange ihm damals gewesen war, als er zum ersten Male die Tr des
Comtoirs geffnet hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit
welchem er ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht
zu Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den berziehrmel, den er damals
eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu fhren. Diese Anspielung auf die
berhmten Attribute der drei Herren fand den hchsten Beifall. Und jetzt folgte
ein Toast auf den andern, und es ergab sich zu allgemeinem Erstaunen, da der
stille Herr Birnbaum, der Zollkommis, von der Natur die auerordentliche
Begabung erhalten hatte, nach dem dritten Glas zwei, ja sogar vier Zeilen in
Reimen zu sprechen. Immer frhlicher wurde die Gesellschaft, immer festlicher
glnzten die Lichter, immer rter leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem
Tische.
    Erst spt trennten sich die Kollegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen,
bevor er seinem Freunde Fink das Glck berichtet hatte. Er eilte dem Ankommenden
entgegen und erzhlte ihm im Mondschein auf der Treppe das groe Ereignis. Fink
schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Acht in die Luft und sagte: Es ist
brav, da das Vorderhaus auf den Einfall gekommen ist, ich htte einen solchen
Exze unserm Despoten nicht zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher bers
Wasser in die groe Welt.
    Am nchsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Kommis in das kleine Zimmer
hinter dem letzten Comtoir, in das Allerheiligste des Geschfts, und hrte
lchelnd die Dankesworte Antons an. Ich habe so gehandelt, sagte er, weil Sie
tchtig sind, und weil der Brief, den Sie mir bei Ihrem Eintritt in das Geschft
berbrachten, Ihnen ein Kredit bei mir erffnet hat. Es wird Ihnen Freude
machen, da Sie von jetzt ab durch Ihre eigene Ttigkeit Ihr Leben zu erhalten
vermgen. Sie treten von heut in die Stellung, also auch in den Gehalt des
Ausgeschiedenen ein.
    Zuletzt bei der Mittagstafel gratulierten auch die Damen dem neuen
Geschftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo Anton hinter
seinem Stuhle stand, und begrte ihn dort mit herzlichen Worten, der Bediente
setzte heut jedem der Herren eine Flasche Wein vor das Couvert, und der Kaufmann
erhob das Glas, und dem glcklichen Anton zuwinkend, sagte er mit gtigem Ernst:
Lieber Wohlfart, dies dem Andenken an Ihren guten Vater!

                                  Zweites Buch



                                       1

An einem Sonntagmorgen las Anton emsig in dem letzten Mohikaner von Cooper,
whrend vor dem Fenster die ersten Schneeflocken ihren Kriegstanz tanzten und
sich vergeblich bemhten, in das Asyl der gelben Katze zu dringen. Da trat Fink
eilig in das Zimmer und rief schon an der Tr: Anton, zeige mir deine
Garderobe. Er ffnete den Kleiderschrank, untersuchte den Leibrock und die
brigen Stcke mit groem Ernst, schttelte den Kopf und schlo seine Musterung
mit den Worten: Ich werde dir meinen Schneider heraufschicken, la dir ein
neues Gewand anmessen.
    Ich habe kein Geld, antwortete Anton lachend.
    Unsinn, versetzte Fink, der Schneider gibt dir Kredit, soviel du willst.
    Ich mchte aber nichts auf Kredit nehmen, erwiderte Anton und setzte sich
behaglich auf dem Sofa zurecht, um gegen seinen mchtigen Ratgeber zugunsten
guter Wirtschaft zu pldieren.
    Diesmal mut du eine Ausnahme machen, entschied Fink, es ist Zeit, da du
mehr unter Menschen kommst. Du sollst in die Gesellschaft treten, ich werde dich
einfhren.
    Anton stand errtend wieder auf und rief eifrig: Das geht nicht, Fink, ich
bin hier ganz unbekannt und habe noch keine Stellung, welche mir die Sicherheit
gibt, in groer Gesellschaft aufzutreten.
    Eben deshalb, weil du keine gesellschaftliche Courage hast, sollst du unter
Menschen, sagte Fink strafend. Diese jammervolle Schchternheit mut du
loswerden, so schnell als mglich; sie ist der dmmste Fehler, den ein
gebildeter Mensch haben kann. Verstehst du zu walzen? Hast du eine Ahnung davon,
was eine Tour in der Quadrille ist?
    Ich habe vor einigen Jahren in Ostrau Tanzstunde genommen, versetzte
Anton.
    Einerlei, du sollst noch einmal Tanzstunde nehmen. Frau von Baldereck hat
mir gestern vertraut, da einige Familien fr ihre flggen Mrzhhnchen einen
Tanzsalon einrichten wollen, damit diese in Sicherheit vor Raubvgeln die Flgel
bewegen lernen. Die Tanzstunde soll in dem Haus der gndigen Frau sein, welche
ihr eignes Kcklein darin fr den Markt abrichten will. Das ist etwas fr dich,
ich werde dich dort einfhren.
    Antons Seele wurde durch diese Zumutung heftig alarmiert, er setzte sich
erschrocken wieder auf dem Sofa zurecht, schickte seinen Verstand ins
Vordertreffen und sagte mit aller Ruhe, ber die er in diesem Augenblick
verfgen konnte: Fink, das ist wieder einer von deinen tollen Einfllen, es ist
unmglich, da ich darauf eingehe; Frau von Baldereck gehrt zu der hiesigen
Aristokratie, und die Tanzgesellschaft bei ihr wird ohne Zweifel aus demselben
Kreise sein.
    Ohne Zweifel, nickte Fink, reines blaues Blut, die Urgromtter
smtlicher Damen haben ohne Ausnahme im deutschen Urwald die Ehre gehabt, der
Frstin Thusnelda die Nachthaube nachzutragen.
    Siehst du, sagte unser Held, wie kannst du den Einfall haben, mich in
diese Gesellschaft zu bringen, du wrdest mir nur das bittere Gefhl bereiten,
zurckgewiesen zu werden, oder, was noch schlimmer wre, eine bermtige
Behandlung zu erfahren.
    Soll man da nicht die Geduld verlieren, rief Fink entrstet. Gerade du
und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der grte
Teil der Soziett, welche dort zusammenkommen wird. Und grade ihr seid es, die
durch ungeschicktes Benehmen, bald durch Schchternheit, bald durch Kriecherei
die Prtentionen der Landjunkerfamilien erhalten. Wie kannst du dich selbst fr
schlechter halten, als irgend jemand anderen. Ich htte nicht gedacht, da eine
solche Niedrigkeit auch in deiner Seele Raum findet.
    Du irrst, erwiderte Anton erzrnt, ich halte mich nicht fr geringer, als
ich bin, aber es wre tricht und anmaend, wenn ich mich in die Gesellschaft
anderer eindrngen wollte, welche mich aus irgendeinem Grunde nicht gern sehen.
Gerade mein Selbstgefhl verbietet mir, mit solchen zu verkehren, welche einen
Mann deshalb geringer achten, weil er in einem Comtoir arbeitet.
    Ich sage dir aber, deine Person wird den guten Leuten nicht unangenehm
sein, ich stehe dir dafr, sagte Fink berredend. Du kennst die Gesellschaft
nicht und denkst dir das alles viel zu schwer. Es ist Mangel an Herren, ich
gelte etwas bei der Frau vom Hause - nebenbei gesagt, ich bin nicht stolz
darauf, - sie hat mich gebeten, einige junge Mnner meiner Bekanntschaft bei ihr
einzufhren; ich fhre dich ein, die Sache ist ganz in der Ordnung. Sieh das
Geschft doch etwas nher an. Was ist diese Tanzstunde? Es ist eine Art
Aktienverein zur Verbesserung der Waden aller Teilnehmer, du bezahlst deinen
Anteil am Stundengeld wie jeder andere, und ob du eine junge Komtesse oder ein
Brgermdchen in der Mazurka herumschwenkst, Taille ist Taille, die Blger
tanzen alle gern. - Es geht doch nicht, antwortete Anton kopfschttelnd, ich
habe das Gefhl, da es unpassend wre, und mchte diesem gehorchen.
    Ich will dir einen Vorschlag tun, sagte Fink ungeduldig; du sollst in
diesen Tagen mit mir einen Besuch bei Frau von Baldereck machen. Ich werde dich
als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma T.O. Schrter vorstellen; du sollst
kein Wort von der Tanzstunde erwhnen; du wirst abwarten, wie die gute Dame dich
aufnimmt. Wenn diese Tanzmutter etwas anderes ist als eitel Liebenswrdigkeit,
wenn sie dir auch nur die geringste Hauteur zeigt, und nicht selbst von der
Tanzstunde anfngt, so sollst du vollstndige Freiheit haben, bei deiner
Weigerung zu beharren. Dagegen kannst du nichts Stichhaltiges einwenden.
    Anton zauderte und berlegte. Die Sache schien ihm keineswegs so einfach,
wie Fink sie darstellte, aber er war nicht mehr der Mann, kaltbltig zu prfen
und zu whlen. Seit Jahren verbarg er einen Wunsch im Grund seiner Seele, die
Sehnsucht nach dem freien, stattlichen, schmuckvollen Leben der Vornehmen. Sooft
er die Tanzmusik im Vorderhause hrte, sooft er von dem Treiben der
aristokratischen Kreise las, sehr oft, wenn er mit sich allein war, wurde in ihm
eine holde Erinnerung lebendig, das hohe Schlo mit Trmen im Blumenpark und das
adlige Kind, das ihn ber den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder stieg das
Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das seine Poesie in jahrelanger Arbeit
dazugetan. Er sprang auf und willigte in den Vorschlag des erfahrenen Freundes.
    Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink gefhrt, und Fink bestimmte
selbst das Detail der neuen Ausstattung mit einer Sachkenntnis, welche dem
Schneider nicht weniger als Anton imponierte.
    Am Nachmittag leckte die Novembersonne den Schnee von den Steinen der
Strae. Da steckte Fink einige merkwrdig aussehende Papiere in seine
Brusttasche, schlenderte als miger Wanderer durch die lebhaftesten Straen der
Stadt und sah sich mit scharfem Blick um wie ein Polizeibeamter, der Beute
sucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem Gesicht auf das Trottoir der
entgegengesetzten Straenseite und stie dort auf zwei elegante Herren, welche
wie er einsam durch das plebeje Treiben der Sonntagsspaziergnger zogen. Es war
der Leutnant von Zernitz und Herr von Tnnchen, beide von groem
Unternehmungsgeist und untadelhaften Allren.
    Was Teufel, Fink! -
    Guten Tag, Ihr Herren! -
    Was treiben Sie so trumerisch auf der Strae? fragte Herr von Tnnchen.
    Ich suche Menschen, erwiderte Fink melancholisch, ein paar treue
Gesellen, welche verdorben genug sind, an diesem langweiligen Sonntage bei
Tageslicht eine Flasche Portwein zu trinken und mir vorher in einem kleinen
Geschft als Zeugen zu dienen.
    Als Zeugen? frug Herr von Zernitz. Wollen Sie sich hinter der Kirche
duellieren?
    Nein, schner Kavalier, erwiderte Fink, Sie wissen, ich habe diese Unart
vergeschworen, seit der kleine Lanzau meiner Pistole den Hahn abgeschossen hat.
Gerade jetzt bin ich sehr friedfertig, ein geplagter Geschftsmann, wrdiger
Sohn der Handlung Fink und Becker. Ich suche Zeugen fr eine notarielle Urkunde,
welche eiligst ausgestellt werden mu. Ich finde wohl einen Notar, aber die
gewhnlichen Gerichtszeugen sind heut am Sonntag auf den Kegelschub gelaufen. Es
wre menschlich von Ihnen, wenn Sie mir diesen unglcklichen Nachmittag
durchbringen hlfen, eine Viertelstunde beim Notar, den Rest beim Italiener.
    Mit Vergngen waren die Herren bereit. Fink fhrte sie zu einem bekannten
Notar und bat diesen vor beiden Zeugen eine Abtretungsurkunde auszustellen, da
die Zession sofort erfolgen msse und die Sache von grter Bedeutung sei. Er
berreichte ein ehrwrdiges, in englischer Sprache geschriebenes Dokument, worin
der Generaladvokat irgendeiner County im Staat New York urkundlich offenbarte,
da Herr Fritz von Fink Eigentmer des Territoriums Fowlingfloor, sowohl des
Grund und Bodens als der darauf befindlichen Gebude, Bume, Gewsser und aller
daran haftenden Nutzungen sei. Darauf erklrte er vor dem Notar, da er alle
nach dieser Urkunde ihm zustehenden Eigentumsrechte an Herrn Anton Wohlfart, zur
Zeit im Geschft von T.O. Schrter, zediere. Zahlung dafr sei vollstndig
geleistet. Endlich bat er den Notar instndigst, das Dokument schleunigst
auszustellen und ber die ganze Sache Stillschweigen zu beobachten. Der Herr
versprach das, und die beiden Zeugen unterschrieben die Verhandlung. Beim
Herausgehen bat er diese ebenfalls mit mehr Ernst, als er sonst zu verwenden
pflegte, diesen Akt als tiefes Geheimnis zu bewahren und vor allem gegen Herrn
Wohlfart selbst ein unverbrchliches Schweigen zu beobachten. Beide gelobten das
mit einiger Neugierde, und Herr von Zernitz konnte nicht umhin zu bemerken: Ich
will nicht hoffen, Fink, da Sie hier Ihr Testament gemacht haben, in diesem
Falle wre ich Ihnen dankbar gewesen, wenn Sie mir Ihre Bchse vermacht htten.
    Wenn Sie die Bchse von dem lebendigen Fink annehmen wollen, erwiderte
Fink melancholisch, so werden Sie ihn sehr glcklich machen.
    Teufel! rief der gutmtige Leutnant fast erschrocken, so war es nicht
gemeint. Ich wei doch nicht, ob ich das mit gutem Gewissen annehmen darf.
    Tun Sie es immerhin, sagte Fink freundlich, ich habe das Rohr satt, es
wird bei Ihnen in guten Hnden sein.
    Es ist ein kostbares Geschenk, warf der Leutnant mit Gewissensbissen ein.
    Es ist ein altes Rohr, sagte Fink, und morgen mssen Sie es ohne
Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie sollen mit mir zu
Feroni. Was aber die geheimnisvolle Abtretung der Gter betrifft, so handle ich
hier nicht ganz freiwillig Es ist eine Art politisches Geheimnis dabei, das ich
auch Ihnen nicht mitteilen kann; schon deshalb nicht, weil mir die Sache selbst
noch nicht recht klar ist.
    Ist denn das Gut gro, welches Sie abgetreten haben? fragte Herr von
Tnnchen.
    Ein Gut? fragte Fink und sah nach dem Himmel, es ist gar kein Gut. Es ist
eine Bodenflche, Berg und Tal, Wasser und Wald, ein kleiner Teil von Amerika.
Und ob dieser Besitz des Herrn Wohlfart gro ist? Was nennen Sie gro? Was heit
gro auf dieser Erde? In Amerika mit man die Gre des Landbesitzes nach einem
anderen Ma, als in diesem Winkel von Deutschland. Ich fr meinen Teil werde
schwerlich je wieder eine solche Besitzung mein Eigentum nennen.
    Wer ist denn aber dieser Herr Wohlfart, fragte auf der anderen Seite der
Leutnant.
    Sie sollen nchstens seine Bekanntschaft machen, antwortete Fink. Er ist
ein netter Junge aus der Provinz, ber dem ein merkwrdiges Schicksal schwebt,
von dem er selbst zur Zeit noch gar nichts wei und nichts wissen darf. Doch
genug von Geschften. Ich habe fr diesen Winter etwas mit Ihnen vor. Sie sind
zwei alte Knaben, aber Sie mssen doch noch einmal Tanzstunde nehmen.
    Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von
Feroni mit tiefen Bcklingen empfangen und vertieften sich schnell in
Untersuchungen ber die Reize der schweren Weine von Portugal.
    Frau von Baldereck war eine Hauptsttze der allerbesten Gesellschaft, welche
durch die Familien des Landadels, einige hhere Beamte und Offiziere gebildet
wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzge der Dame eine solche
achtunggebietende Stellung verschafft hatten; sie war weder sehr vornehm, noch
sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr geistreich, noch sehr medisant, aber
sie besa von allen diesen Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben
stets soviel als irgend mglich auf Grundstze gehalten und hatte das
Selbstgefhl gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrngen. Wegen dieser
konstanten Migung war sie von der ffentlichen Meinung erhht worden. Sie
besa eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen Heiraten und
Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in allen distinguierten
Husern auf der ersten Seite der Einzuladenden und machte als Witwe selbst ein
miges Haus, welchem der Hahnfederbusch eines Jgers und zwei fette Rappen zu
anstndigem Schmuck gereichten. Frau von Baldereck war nach alledem eine
regelrechte Dame, welche Personen und Ereignisse scharf und genau nach den
Vorurteilen der Gesellschaft, in welcher sie lebte, zu beurteilen wute; deshalb
wurde ihr Urteil berall mit groer Achtung angehrt. Da sie auerdem nicht
ohne Gutmtigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, fr welche sie lebte,
wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts, welcher im
Himmel ber die Taten der Menschen Buch fhrt, und welcher, nebenbei bemerkt,
nach der Usance seines heiligen Geschfts oben auf die Seiten des Buches statt
des irdischen Kredit und Debet die Wrter Schaf und Bock zu schreiben pflegt und
alle Kreditposten auf die rechte Seite, die Bcke aber auf die linke setzt. -
Sie hatte eine junge Tochter, welche ihr sehr hnlich zu werden versprach, und
bewohnte einen ersten Stock mit groen Zimmern, worin seit einer Reihe von
Jahren hufige Proben von Aufzgen, dramatischen Vorstellungen und lebenden
Bildern abgehalten wurden.
    Die einflureiche Dame war gerade in vertraulicher Beratung mit einer
Schneiderin, sie berlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider eingerichtet
werden drfe, um die tadellose Bste ihrer Tochter im besten Licht zu zeigen,
und doch wieder in der Tanzstunde keinen Ansto zu erregen, als Fink, ihr
Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die Tochter, die Schneiderin und die
Kleider beiseite und erschien in dem Besuchszimmer mit der Gemtlichkeit einer
Hausfrau, welche fr sich selbst nicht mehr bermige Ansprche macht.
    Nach den einleitenden Bemerkungen ber die Ereignisse der letzten
Abendgesellschaft und die langen Hngelocken der Komtesse Pontak sagte Fink,
indem er angelegentlich einen Fuschemel maltrtierte, auf welchem ein
schlafender Pinscher, von der Tochter des Hauses gestickt, unter den
Fubewegungen des Gastes sthnte: Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet, Lady
Patrone, und bringe Ihnen vorlufig drei Herren.
    Und wer sind diese? fragte die Dame vom Hause erwartungsvoll, verga die
Leiden des gestickten Pinschers und rckte nher an ihren Verbndeten.
    Zuerst Leutnant von Zernitz, sagte Fink.
    Eine gute Akquisition, rief die gndige Frau erfreut, denn der Leutnant
war, was man einen geistreichen Offizier nennt, er machte niedliche Verse in
Familienalben und zu verlorenen Vielliebchen, war unbertrefflich im Arrangement
von mimischen Darstellungen und stand in dem Ruf, irgend einmal in irgendein
Taschenbuch eine Novelle geschrieben zu haben. Herr von Zernitz ist ein
liebenswrdiger Gesellschafter.
    
    Ja, sagte Fink, aber Portwein kann er nicht vertragen. Der zweite ist
Herr von Tnnchen.
    Eine alte Familie, bemerkte die Frau vom Hause, ist er nicht etwas wild?
fgte sie schchtern hinzu.
    Behte, sagte Fink, die Familie hat immer viel Grundsatz gehabt; er ist
gar nicht wild, nur zuweilen hat er die Eigenschaft, andere wild zu machen.
    Und der dritte? fragte die Dame.
    Der dritte, sagte Fink, ist ein Herr Wohlfart.
    Wohlfart? fragte die gndige Frau befremdet und sah ihren Besuch unruhig
an, die Familie kenne ich nicht.
    Das ist sehr mglich, erwiderte Fink kaltbltig, es gibt zu viele Leute
mit und ohne Namen, als da man sich um alle kmmern knnte. Herr Wohlfart ist
vor einigen Jahren aus der Provinz hierhergekommen, um vorlufig die Geheimnisse
des Handels durch eigne Anschauung kennenzulernen; er arbeitet im Geschft des
Kaufmanns Schrter, gerade wie ich.
    Aber, lieber Fink! schaltete die Dame ein. Fink lie sich nicht stren, er
legte sich in den Armstuhl zurck und blickte nach dem Grau der Arabesken an der
Decke. Herr Wohlfart ist ein merkwrdiger und interessanter Gesell. Es hat mit
ihm eine eigene Bewandtnis. Er selbst ist der bescheidenste und bravste Mann,
der mir je vorgekommen, er ist hier aus einer Ecke der Provinz, aus Ostrau, der
Sohn eines verstorbenen Beamten. Aber es schwebt ein Geheimnis ber ihm, von dem
er selbst noch nichts wei.
    Aber, Herr von Fink, versuchte die Dame wieder einzufallen.
    Fink sah eifrig nach den Schnrkeln der Decke und fuhr fort: Er ist bereits
in diesem Augenblick Eigentmer eines Landgebietes in Amerika, die Besitzurkunde
ist durch meine Hnde gegangen, und, im Vertrauen, er selbst hat keine Ahnung
von diesem Besitz, und die Sache soll ihm auch vorlufig ein tiefes Geheimnis
bleiben. Wie ich glaube, hat er alle Aussicht, in Zukunft mehr als Millionen zu
besitzen. - Haben Sie den verstorbenen Grofrsten, hier nebenbei, gekannt?
Fink wies mit der Hand bedeutsam nach irgendeiner Himmelsgegend.
    Nein, sagte die gndige Frau neugierig.
    Es gibt Leute, fuhr Fink fort, welche behaupten, da Anton ihm sprechend
hnlich sieht. Was ich Ihnen sage, ist brigens mein Geheimnis, mein Freund
selbst lebt in vollstndiger Unkenntnis aller dieser Beziehungen, durch welche
mglicherweise seine Zukunft bestimmt werden kann. Bekannt ist nur der Umstand,
da der verstorbene Kaiser bei seiner letzten Reise durch diese Provinz in
Ostrau angehalten und sich lngere Zeit mit dem Geistlichen des Ortes leise und
angelegentlich unterhalten hat.
    Diese letzte Mitteilung war in der Hauptsache richtig, denn Anton hatte
dasselbe vor einiger Zeit dem Jockei erzhlt, wie man eine Erinnerung aus der
Kinderzeit zu erwhnen pflegt. Er hatte sogar noch zugesetzt, da der Geistliche
seiner Heimat in dem letzten groen Krieg Feldprediger gewesen war und da der
Kaiser ihn gefragt: Sie haben gedient? und eine Weile darauf: Bei welchem
Corps?
    Fink hatte es nicht fr ntig gefunden, das kleine Ereignis so ausfhrlich
darzustellen. Frau von Baldereck aber war durch diese perfiden Andeutungen in
eine gewisse neugierige Stimmung gebracht, sie erklrte sich bereit, Herrn
Wohlfart in ihrem Hause zu empfangen.
    Und jetzt noch eine Bitte, sagte Fink, sich erhebend: Was ich Ihnen ber
meinen Freund mitgeteilt habe, gtige Fee - die Fee wog ber sieben Stein -
das lassen Sie ein Geheimnis zwischen uns beiden sein. Ihrem Zartgefhl durfte
ich anvertrauen, was ich in jedem fremden Mund als eine Indiskretion gegen mich
und Herrn Wohlfart ahnden mte. Er sprach den Namen so ironisch aus, da die
Dame fast berzeugt war, der geheimnisvolle, in einem Comtoir verpuppte Herr
werde nchstens als Prinz der Aleuten und Kurilen oder in irgendeiner andern
unerhrten Wrde auftreten.
    Wie aber soll ich, fragte sie beim Abschied, den Herrn bei unsern
Bekannten einfhren?
    Nur als meinen besten Freund, ich brge in jeder Hinsicht fr ihn und habe
die berzeugung, da unser Kreis sich selbst den grten Gefallen tut, wenn er
den Herrn mit Zuvorkommenheit aufnimmt.
    Als Fink auf der Strae war, murmelte er respektwidrig: Diese alte Person
fuhr wie eine Ente nach dem Kder und tauchte bis zum Stei in meine Lgen
unter. Als ehrlicher Leute Kind wre der arme Junge von ihnen ber die Achseln
angesehen worden. Jetzt glauben sie zu wissen, da irgendein fremder Potentat,
vor dem zu kriechen sie fr eine Ehre halten, an dem Jungen Anteil nimmt. Jetzt
werden sie ihn mit einer Artigkeit behandeln, die meinen Kleinen bezaubern wird.
Ich htte nicht gedacht, da das alte Sandloch am Strande von Long Island und
die verfallene Vogelhtte darin mir je in meinem Leben zu einem solchen Spa
verhelfen wrden.
    Der Same, welchen Fink ausgestreut hatte, war auf empfnglichen Boden
gefallen. Frau von Baldereck hatte als kluge Frau bei der Tanzstunde auch ihre
kleinen Privatinteressen im Auge. Sie war doch einmal vor allem Mutter und hatte
es in der Tat auf niemand Geringeren, als Herrn von Fink selbst abgesehen. Ihre
Tochter war fnfzehn Jahr alt, und Fink besa alle Eigenschaften, welche ihr an
dem knftigen Gemahl ihrer Tochter wnschenswert erscheinen muten; er war eine
in jeder Hinsicht ungewhnliche Partie, und sie war deshalb berzeugt, da er
ihre Tochter glcklich machen mte. Aus langer Erfahrung wute sie, da solche
Privattanzstunden ein vortreffliches Mittel sind, erfahrenen, etwas blasierten
Herren sehr junge Damen im besten Licht zu zeigen; die Hauptschwierigkeit dabei
ist nur, diese Art Herren berhaupt zur Teilnahme an dergleichen Vergngungen
heranzuziehen. Sie hatte eine durchaus nicht unnatrliche Angst, da Fink fr
die Tanzstunde kein Herz haben wrde. Zu ihrer berraschung hatte er sich mit
ziemlicher Wrme bereit erklrt, einen ganzen Winter lang in ihrem Hause zu
walzen, ja er hatte sogar zur Bedingung gemacht, da Frulein Eugenie ihn zum
bevorzugten Tnzer im voraus annehmen solle. Und deshalb hatte die
triumphierende Mutter sich gerade so sorgfltig mit dem Schnitt der Tanzkleider
beschftigt, als Fink seinen Schtzling Anton bei ihr empfahl. Vielleicht htte
sie auch ohne seine ungewhnliche Empfehlung ein Opfer gebracht und das Geschpf
des Comtoirs in ihrer Tanzstunde zu verantworten gesucht, indes waren ihr die
Andeutungen des Schelms doch sehr willkommen. Wahrscheinlich hatte sie selbst
einige Zweifel ber die abenteuerlichen Verhltnisse, denn Finks Weise war so,
da man ihm niemals recht trauen konnte; aber ihre Mutterliebe trieb sie, auch
auf das Dunkle und Ungengende Gewicht zu legen. Sie eilte in die befreundeten
Familien, den Gewinn an Herren mitzuteilen und Herrn Wohlfart durch einige
geheimnisvolle Andeutungen auszuschmcken. Als das wenige, was sie sagen konnte,
auf einmal von anderer Seite durch ebenso geheimnisvolle Andeutungen zweier
Herren von Charakter Besttigung erhielt, wurde sie selbst fest in dem Glauben,
da hier ein ungewhnlicher Fall vorliege. Nach wenig Tagen ging ein Summen
durch die gute Gesellschaft, da in der Tanzstunde ein brgerlicher Herr von
ungeheurem Vermgen auftreten werde, fr den der Kaiser von Ruland in Amerika
unermeliche Besitzungen gekauft habe.
    Einige Tage darauf wurde Anton durch Fink in das Haus der gndigen Frau
gefhrt, im neuen Frack, in regelrechten Glacehandschuhen, ein Opferlamm
finsterer Mchte, welche im Begriff waren, den Frieden seines Innern zu
zerstren. Sie lauerten in dem Haus der gndigen Frau und schnrten dem
eintretenden Anton schon im Haustor die Brust zusammen. Sie saen auf der
viereckigen Laterne, welche am Gewlbe des Hausflurs baumelte, sie hingen mit
ausgebreiteten Hnden an dem Holzgelnder der Treppe und steckten durch die
groen Bogenlcher des Gelnders ihre Geisterzungen mit hhnischem Lachen gegen
ihn aus. Fink sah mit unwilligem Blick, wie sein Opfer den rtlichen Schimmer
der Beklommenheit erhielt, er raunte ihm noch zu: Unterstehe dich nicht, vor
diesem Volke rot zu werden, warf dem Diener herablassend seinen berrock zu und
fhrte den Freund unter die Augen der gndigen Frau. Diese war wirklich, wie
Fink prophezeit hatte, eitel Zuvorkommenheit. Mit Neugierde und einem gewissen
menschlichen Anteil sah sie auf den hbschen schchternen Jungen, der mit seinem
treuherzigen Gesicht vor ihr stand und vollstndig geneigt schien, ihre Macht
auf sich wirken zu lassen.
    Anton sagte ihr mit einer tiefen Verbeugung: Nur die Versicherung meines
Freundes, da Sie, gndige Frau, mir nicht zrnen werden, hat mir den Mut
gegeben, Ihnen persnlich meine Ehrfurcht zu bezeigen. Und die Dame lchelte
holdselig, oder, wie der Unhold Fink diese Tatsache auffate, sie grinste, und
entgegnete: Herr von Fink hat mir die Hoffnung gemacht, da Sie diesen Winter
ein regelmiger Gast bei unsern kleinen Tanzbungen sein werden.
    Darauf konnte sich Anton nicht enthalten, zu errten, sehr glcklich
auszusehen und zu versichern: Ich wrde mit Vergngen teilnehmen, wenn ich die
Meinung haben knnte, in der fremden Gesellschaft nicht lstig zu werden.
    Nachdem dies mit Eifer verneint worden war, trat Frulein Eugenie herein,
Anton wurde auch dieser vorgestellt, erhielt einen so schnippischen Knicks, als
fnfzehnjhrige Damen fremden Herren zu machen pflegen, und stieg nach einer
Viertelstunde, ganz entzckt ber die Anmut der Familie, mit seinem Mentor Fink
die Treppe herab. Der unschuldige Junge hing sich vergngt an den Arm des
Freundes und versicherte diesem auf der Strae ernsthaft: Ich habe mir nicht
vorgestellt, da es so leicht ist, mit eleganten Leuten zu verkehren.
    Fink brummte etwas in sich hinein, was ebensogut eine Besttigung dieser
Ansicht als das Gegenteil ausdrcken konnte, und sagte: Im ganzen bin ich mit
dir zufrieden. Du hast trotz deines neuen Fracks dagesessen, wie ein nackter
kleiner Engel in einem durchsichtigen Batisthemde. Indessen das nackte Wesen
steht dir nicht ganz schlecht. Nur das verfluchte Errten wirst du dir diesen
Winter abgewhnen mssen, bei einer schwarzen Krawatte ist es bekanntlich
allenfalls noch zu ertragen, aber ber einer weien Halsbinde sieht es
abscheulich aus. Du siehst dann aus wie ein apoplektischer Amor.
    Frau von Baldereck dagegen fand von ihrem Standpunkt die Anspruchslosigkeit
des geheimnisvollen Jnglings wahrhaft rhrend, und als ihre Tochter mit
Bestimmtheit aussprach: Fink ist ein ganz anderer Mann und gefllt mir viel
besser, da schttelte sie den Kopf und sagte lchelnd: Das verstehst du nicht,
mein Kind, es ist ein Adel und eine natrliche Grazie in den Bewegungen des
Fremden, ein gewisser Charme, der ganz bezaubernd ist.
    Der groe Tag, an welchem die Tanzstunde feierlich erffnet werden sollte,
war gekommen. Hastig kleidete sich Anton nach dem Schlu des Comtoirs an und
trat in Finks Zimmer, diesen abzuholen. Der Mentor untersuchte mit prfendem
Blick den Anzug des Novizen. Zeige dein Taschentuch, sagte er. Bunte Seide?
Schm dich. Hier ist eines von meinen. Gie dir etwas Parfm darauf. Wo sind
deine Handschuhe?
    Mit solchen Lehren fhrte er den Freund vor das erleuchtete Haus der
Baronin.
    Als Anton die Treppe des Hinterhauses hinabschritt, ffnete sich die Tr von
Jordans Zimmer, und Herr Specht steckte seinen Kopf am Ende eines langen Halses
ber die Treppe und sandte dem Kollegen seinen neugierigsten Blick nach.
    Er geht, rief er in die Stube zurck, es ist unerhrt. So etwas hat sich
noch nicht ereignet, solange die Welt steht. Es sind lauter Adlige dort. Das
wird eine schne Geschichte werden.
    Zuletzt, warum soll er nicht gehn, wenn sie ihn einladen? sprach der
gutmtige Herr Jordan, um den stummen Vorwrfen der Kollegen zu begegnen. Keiner
wute etwas dagegen zu sagen, nur Herr Pix rief rgerlich vom Sofa: Mir aber
gefllt's nicht, da er eine solche Einladung annimmt. Er gehrt in das Comtoir
und zu uns. Etwas Gutes wird er unter den Schwadronierern nicht lernen.
Fensterglas ins Auge kneifen und Sholz raspeln, und das wird noch nicht das
Schlechteste sein.
    Es soll merkwrdig bei diesen Tanzgesellschaften zugehen, rief Specht.
uerst frivol, Liebesgeschichten und Duelle jeden Tag. Aber Wohlfart hat immer
einen Tick auf solche Dinge gehabt. Nchstens wird er an einem Morgen mit seinen
Pistolen unterm Arm ausgehen, und wie er zurckkommen wird, das will ich gar
nicht sagen. Auf seinen Fen nicht, das ist sicher.
    Unsinn, erwiderte Pix rgerlich, es gibt dort nicht mehr Hndel, als bei
andern Leuten.
    Und franzsisch mu er sprechen, fuhr Specht unaufhaltsam fort.
    Warum nicht russisch? rief Herr Pix.
    Hier gerieten Herr Pix und Herr Specht in einen Streit ber die Sprache,
durch welche man sich im Salon der Frau von Baldereck verstndlich mache. Aber
alle Kollegen waren darin einig, da dieser Besuch der Tanzstunde fr Wohlfart
ein uerst gewagter und verhngnisvoller Schritt sei, der unaussprechliches
Unheil bereite und die gesamte menschliche Ordnung stre.
    Er ist gegangen, rief die Tante, von einer Konferenz mit dem Bedienten
zurckkehrend.
    Das ist wieder ein Streich seines Freundes Fink, sagte der Prinzipal.
    Sabine sah auf ihre Arbeit nieder. Mich freut's, sagte sie endlich, da
Fink seinen Einflu dazu benutzt, dem Freunde ein Vergngen zu machen. Er selbst
tanzt nicht gern, und ihm persnlich ist dies Krnzchen gewi eher ein Opfer,
als eine Freude. Der Bruder sah die Schwester prfend an, sie winkte ihm leise
zu. Und wie gnne ich's Wohlfart, da er unter Menschen kommt! Er ist am
meisten von allen Herren zu Haus. Fast jeden Abend, wenn ich zu Bett gehe, sehe
ich bei ihm die Lampe brennen. Die andern haben Verwandte oder gute Freunde von
frher her, er ist ganz allein, er hat nichts, als was dieses Haus einschliet.
Es ist hart, das ganze Jahr so zu leben.
    Er hat sich bis jetzt brav gehalten, sagte der Prinzipal, wollen sehen,
ob das Dauer hat.
    Aber wie war es mglich, da er in diese Gesellschaft - rief die Tante.
Bedenkt doch, diese Frau von Baldereck -
    Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tischplatte: Fink hat's ihnen
befohlen, sagte sie, und das war hbsch von ihm. Und zum Dank dafr soll er
morgen trotz des ernsten Gesichts meines Chefs sein Lieblingsgericht erhalten.
    Also Schinken mit Burgundersauce, rief die Tante. Aber ich bitte dich,
wie wird sich Wohlfart unter diesen Uniformen ausnehmen? Und wie wird er mit
diesen Lebemnnern fertig werden? Er kann's ihnen nicht gleichtun. Dazu gehrt
doch wenigstens Geld.
    Dafr la ihn sorgen, erwiderte Sabine frhlich. Um den grmen wir uns
nicht.
    Er ist gegangen, sagte Karl am Abend zu seinem Vater.
    Kleine lackierte Glanzstiefel, ich habe sie geholt. Herr von Fink verbot
ihm, Schuhe anzuziehen. Und ein neuer Hut, alles vom Kopf bis zu Fen neu. So
also sieht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.
    Du mchtest wohl auch tanzen gehn? fragte der Vater.
    Nein, erwiderte Karl, aber ich mchte sehn, wie sie's auf einem Balle
machen.
    Sieh in den blauen Mond nebenan, da kannst du es alle Sonntage sehen; es
ist bei den Vornehmen auch nicht anders, nur da sie einander etwas behutsamer
anfassen und auerdem mit Handschuhen.
    Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben, sagte Karl.
    Es ist ein staubiges Vergngen, besttigte der Riese. Es besteht im
Umwenden, es besteht im Springen, man dreht sich zuerst auf die eine Seite und
hernach auf die andere. Man versucht sich selber von der Erde zu heben, was
immer unmglich ist. Man wird hei, man trinkt ein Glas oder auch mehrere und
zuletzt wird eine Kupolonaise getanzt. Wenn man heiraten will, ist das Ding
notwendig. So weit bist du noch nicht, bis dahin hat's noch manches Jahr Zeit.
    Aber Herr Wohlfart ist auch noch nicht so weit, erwiderte Karl. Das wre
eine schne Geschichte, wenn der jetzt ein Frulein heiratete mit zwei Schimmeln
und versilbertem Pferdegeschirr.
    Ja, da wird wohl nichts helfen, sagte der Vater kopfschttelnd, mit
Tanzen fngt's an, mit der Hochzeit hrt's auf. Es ist mir auch so gegangen.
    Dich htte ich auch sehn mgen, rief Karl.
    Oho, rief der Riese, ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel,
Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer, und im Grovatertanz hatte ich nicht
meinesgleichen.
    Karl sah den Vater kopfschttelnd an. Ja, fuhr der Riese vergngt in der
Erinnerung fort, wenn der Fuboden fest ist und gute Kameraden dabei, so lasse
ich mir die Arbeit schon gefallen. - Es war groer Ball im Brgerverein, ich war
geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein schmchtiger Junge war. Ich
gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen Rock an mit blanken Knpfen und
stand mitten im Saal und sah auf die Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte.
Da fiel mir deine Mutter in die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe
sa sie da; neben ihr sa ihr Vater als Schlossermeister. Guten Abend, Hans,
rief der Schlosser mich an, bist du auch da?
    Ich sollt's denken, Gevatter, sagte ich und trat nher, und je mehr ich mir
die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. Dies ist meine Tochter, sagte der
Schlosser, du kennst wohl das Mdel gar nicht mehr? Sie ist zwei Jahre auf dem
Lande bei der Muhme gewesen. Wie sie hbsch geworden ist, sagte ich, sie ist
rund und sie ist nett, wie gedrechselt. Die Kleine wurde rot, und auch ich wurde
feurig. Na, sagte der Schlosser, wenn du mit ihr tanzen willst, immerzu! Greif
sie nur nicht zu hart an. Nur zart, sagte ich und fhrte sie zum Tanz. Wir
mochten wohl kontrr ausgesehen haben, das kleine Blitzmdel und ich, und ich
glaube, die Leute lachten.
    Das httest du nicht leiden sollen, rief Karl, der sich ihm
gegenbergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.
    Es war nicht bse gemeint, sagte der Alte, und deine Mutter gestand mir
nach den ersten Tnzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die Leute
lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir. Natrlich tanzte ich den
ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten Tanz gab es ihretwegen
noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er sah, da ich mit ihr tanzte,
wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er merkte, da ich ihr den Hof machte und
mich um sie herumdrehte und mir in die Haare fuhr und drauen vor dem Saale beim
Blumenmdchen einen Strau fr sie kaufte und einen fr mich, da kaufte er auch
zwei Strue und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn
zuletzt beiseite zog und ihm sagte: Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei
jedem Fa, und bei jedem Kollo sollst du deine Hand haben, wo ich meine habe,
aber hier bei dieser Schlosserstochter nicht rhran! - Warum nicht? fragte er.
Warum, sagte ich, weil wir Freunde sind, Wilhelm, und ich dir keinen Puffer
geben mchte, und ich dich nicht abwalken mchte vor den Leuten. Weit du was,
sagte er, du bist schlau. Da merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war
ich verliebt. Auch du wirst merken, wie das tut. Es macht unruhig, und es bringt
in Unordnung, und es macht hitzig, und man fngt an zu singen, man schreibt
Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's jeder, und so habe ich's
gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein Grovater bestand
darauf, da alle Auflader dazu geladen wurden. Und beim Polterabend tanzten wir
Auflader miteinander eine Kegelquadrille, und ich war der erste Kegel. Das Haus
erschtterte sich wohl, aber es ist kein Unglck geschehen, nur der Kronleuchter
wurde zerbrochen.
    Potz Wunder, rief Karl, das htte ich sehn mgen; schade, da ich nicht
dabei war!
    Du ungezogener Knirps, sagte der Vater, wie konntest du dabeisein, an
dich war damals noch gar nicht zu denken. Natrlich nicht, es war ja erst die
Vorbereitung.
    Wenn Wohlfart nur nicht zu spt nach Hause kommt, das kann Herr Schrter
nicht leiden, sagte Karl.
    Unterdes ffnete der Bediente die Flgeltren zum Salon der Frau von
Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer, in denen
sich eine groe Anzahl eleganter Damen und Herren Tee trinkend, schwirrend und
mit den Flgeln schlagend durcheinander bewegte. Die Mtter und Verwandten der
jungen Damen waren geladen, um der Erffnung der Tanzstunde beizuwohnen. Fink
raunte dem Freunde noch ins Ohr: Sei nur so unverschmt, als du kannst, es ist
alles dummes Zeug. - und fhrte den Widerstandslosen vor das Angesicht der Frau
vom Hause.
    Anton wurde huldreich empfangen, machte seine Verbeugung und sah in seiner
Angst nicht, da die Blicke des Kreises, in den er getreten war, sich mit
wahrhaft unverschmter Neugierde auf ihn hefteten. Ich werde Sie der Grfin
Pontak vorstellen, sagte seine gtige Patronin und fhrte den Schtzling, der
tief Atem holte, vor die Fe einer hagern langen Frau von unbestimmtem Alter,
welche auf einem erhhten Platz, von Damen und Herren umgeben, thronte. Liebe
Betty, hier Herr Wohlfart. Anton sah in dieser Angststunde, da die liebe Betty
eine lange pergamentene Nase, wenig Lippen und ein recht hartes abstoendes
Gesicht besa, er fhlte zwei stechende Blicke an seinem Gesicht herumpicken und
senkte sein Haupt halb zum Gru, halb mit der Ergebenheit eines
Kriegsgefangenen. Die Grfin sa kerzengerade bei seiner Verbeugung und fragte
von ihrer Hhe mit gleichgltiger Stimme: Sie sind ein Freund des Herrn von
Fink?
    Zu Befehl, Frau Grfin, antwortete Anton.
    Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt? Jedes Gesprch in der
Nhe hrte auf, mehr als zwanzig Augen stachen den armen Anton.
    Doch schon einige Jahre, antwortete Anton wieder.
    Sie sind ja wohl ein Auslnder? fuhr Betty in gemtvoller Konversation
fort.
    Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen, antwortete Anton.
    Ein So? kam eisig von den Lippen der Dame. Und woher?
    Aus Ostrau, erwiderte Anton schnell das Haupt erhebend. Das Verhr wurde
ihm drckend, er wute selbst nicht, weshalb, und seine Schchternheit verflog
vor dem aufsteigenden rger.
    Mein Freund, stolze Herrin, ist ein halber Slawe, sagte Fink, zu rechter
Zeit dazwischentretend, obgleich er leidenschaftlich dagegen protestiert, wenn
man an seiner deutschen Herkunft zweifelt. Dafr macht er Hoffnung, dereinst ein
guter Englnder zu werden. In diesem Augenblick teilt er meinen Wunsch, Gnade
vor Ihren Augen zu finden. Ich empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben soeben eine
Probe von Ihrem Talent gegeben, fremder Menschen Natur zu erforschen; gnnen Sie
jetzt meinem Freunde, was wir alle an Ihnen bewundern, Ihre sanfte Nachsicht mit
fremder Unvollkommenheit, - Die Frauen lchelten, einige der Herren wendeten
sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty sa mit gestrubten Federn da,
wie ein Raubvogel, dem ein grerer seine Beute abgejagt hat.
    Anton eilte, sich dem Blick dieser Gruppe zu entziehen, er schlpfte in eine
andere Ecke und gedachte sich durch ruhiges Beobachten der Gesellschaft von der
Anstrengung seiner Prsentation zu erholen. Da schlug ein Batisttuch leicht an
seinen Arm, und eine dreiste Mdchenstimme fragte: Herr Wohlfart, kennen Sie
Ihre alten Freunde nicht mehr? Es ist das zweite Mal, da ich Sie zuerst gren
mu.
    Anton wandte sich schnell zur Seite. Vor ihm stand eine hohe schlanke
Gestalt mit blondem Haar und groen tiefblauen Augen, welche ihm lchelnd ins
Gesicht sah. So sprechend war der Ausdruck des Entzckens auf Antons Antlitz,
da Lenore sich nicht enthalten konnte, ihm freundlich zuzunicken und zu sagen:
Ich freue mich, da Sie hier sind. Die Herren sind mir alle fremde Gesichter.
Aber wie kommen Sie hierher?
    Anton erklrte das in einer Stimmung, welche ihn fast der Herrschaft ber
seine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fruleins, welches jahrelang, ohne
es zu wissen, in seiner Dachstube unumschrnkt geherrscht hatte. Wie war sie in
der letzten Zeit gro, voll und schn geworden! Und das luftige weie Kleid und
der Blumenkranz von nie dagewesenen Blumen im Haar! Mchtig glnzte das Auge in
dem entzckenden Gesicht, und ihre Haltung war die einer Frstin.
    Schnell waren beide in eifrigem Gesprch, es war zum drittenmal, da sie
einander sahen, aber sie hatten soviel zu erzhlen, als htten sie Jahre
gemeinsam verlebt.
    Wir werden heut alle durcheinander tanzen und uns um unsern Tanzmeister gar
nicht kmmern, sagte endlich das Frulein. So ist mir's am liebsten. - - Sie
drfen jetzt nicht lnger mit mir allein sprechen, unterhalten Sie sich mit
andern Damen. Ich gehe zu meiner Mutter. Wenn die Musik anfngt, kommen Sie zu
mir, ich werde Sie der Mama vorstellen.
    So winkte sie ihm gndig zu und schritt majesttisch durch den Saal in einen
Kreis von Frauen.
    Jetzt war Anton gefeit gegen alle Schrecken der Gesellschaft, seine
Befangenheit war verschwunden, eine angenehme Begeisterung erfllte ihn. Was
konnten ihm noch diese hellgekleideten, buntgebnderten Gestalten sein, welche
um ihn hpften, oder fest gewurzelt standen? Sie waren ihm gleichgltig, wie
eine Schar kleiner Vgel oder wie die Pflanzen auf der Wiese. Sie anreden und
mit ihnen verkehren, war ihm ebensoviel, als zu den Drosseln in der Hecke sagen:
Still, ihr lustiges Gesindel! Er suchte schnell Fink auf und lie sich von ihm
einem Dutzend Herren vorstellen, ohne irgendeinen Namen der Vorgestellten zu
behalten, sie waren ihm so gleichgltig, wie die Bltter auf einer Pappel an der
Landstrae. Darauf bat er Fink sofort, ihn zu einzelnen der jungen Damen zu
fhren.
    Hast du mit der Tochter vom Hause gesprochen? fragte Fink.
    Nein, sagte Anton lustig.
    Schnell hin, Unseliger, ermahnte Fink, mache dich gefat auf schlechte
Behandlung.
    Ist mir ganz gleichgltig, sprach Anton, den Arm seines Freundes drckend,
diesem ins Ohr, whrend er vor Frulein Eugenie aufgestellt wurde.
    Das Frulein war so kalt gegen Anton, als sich nach der langen
Vernachlssigung nur irgend erwarten lie. Er hatte Mhe, einige kurze Antworten
zu erlangen, und wurde durch den Anblick ihres Hinterzopfes beglckt, sobald
Leutnant von Zernitz an sie herantrat.
    Auch diese Niederlage war ihm sehr gleichgltig. In seiner Nhe waltete Frau
von Baldereck und beobachtete mit einem Auge die Gesellschaft, mit dem andern
ihre Tochter und mit dem unnennbaren sechsten Sinn, welchen die Fledermuse in
so ausgezeichnetem Grade besitzen sollen, Herrn von Fink. Schnell trat Anton an
sie heran und bat, ihn mit einem rosafarbenen Wesen, welches braunes Haar und
silberne Kornhren zu tragen schien, bekannt zu machen.
    Sie meinen Komte Lara? fragte die Dame vom Hause. Natrlich verneigte
sich Anton bejahend, Lara, Tara oder Gutgewicht war ihm in diesem Augenblick
ganz gleichgltig. Die Komte sah ihn befremdet an, er aber sprach mit
gemtlicher Wrme in sie hinein, von den Freuden der zu erwartenden Tanzstunde,
von der allerliebsten Dekoration des Salons, und wie schn man jetzt Sle
auszuschmcken wisse, und von dem neuen Wintergarten in Paris, den er am Tage
zuvor aus irgendeiner Zeitung kennengelernt hatte. Er schilderte ihr
Springbrunnen und Glaskuppeln und vergoldete Gitter und knstliche Felsen mit
tropischen Pflanzen und kleine Salamander, welche zur Freude des Publikums
dazwischen umherschlpfen, alles mit einem Feuer, da die kleine Dame in Rosa
nach und nach auftaute und endlich, als er bei den Eidechsen angekommen war,
ebenfalls beweglich wurde und ihrerseits von zwei Feuermolchen erzhlte, die sie
einmal auf einem Stein gesehen, und von dem Entsetzen, das sie ihr eingejagt.
Wenn sie Anton gesagt htte, da die beiden Molche mit untergeschlagenen Beinen
auf dem Felsen gesessen und Bier aus einem Deckelglase getrunken htten, so wre
ihm auch das als ein alltgliches Ereignis aus dem Nachtgebiet der Natur
erschienen. Da gerade, als Anton wieder den bergang machte vom Molch zu einer
groen Ausstellung von Krbissen, welche einige Wochen zuvor in der Stadt
gewesen war, da drhnte die Pauke, da schmetterte die Trompete, und das
rosafarbene Kleid sowie die silbernen hren versanken vor seinen Augen in den
Boden, er machte eine kurze Wendung und verlie das betroffene Frulein, bevor
er seine Rede geendet hatte.
    Dort stand seine Knigin im Gesprch mit ihrer Mutter, welche, jetzt kleiner
als die hoch aufgeschossene Gestalt der Tochter, zu dieser aufsehen mute. Der
kriegerische Trotz Antons verschwand, als er vor die Baronin trat. Das waren die
feinen Zge, das unaussprechliche vornehme Wesen, welches ihn einst so sehr in
Erstaunen gesetzt hatte. Die letzte Vergangenheit hatte die Schnheit der
Baronin nicht vermindert, und die Nhe, in welcher Anton sie jetzt betrachtete,
erhhte den Zauber, den ihre Erscheinung auf ihn ausbte. Die erfahrene Frau sah
mit dem ersten Blick in Anton einen Neuling der Gesellschaft, seine Annherung
zeigte einen berflu von Hochachtung, und sein Hut, den er im Arme hielt, war
von dem Druck wollig geworden und sah aus, wie mit einem Pudelfell berzogen.
    Dies ist Herr Wohlfart, sagte Lenore mit einer empfehlenden Handbewegung,
hier ist der Herr, um dessentwillen du mich schon einmal ausgescholten hast.
Ja, mein Herr, ich habe damals, als ich Sie zuerst sah, von Mama Schelte
bekommen, weil ich Sie so lange in unserm Garten aufgehalten hatte.
    Das macht mich sehr unglcklich, erwiderte Anton mit dem Ausdruck eines
unsglichen Leidens. Ach, Sie knnen nicht ahnen, Frau Baronin, wie glcklich
mich damals die Teilnahme des gndigen Fruleins gemacht hat, ich ging zu
fremden Menschen und in eine ungewisse Zukunft. Ihre freundlichen Worte haben
mir Mut gemacht. Und oft sind sie mir seitdem in einsamen Stunden wieder in die
Erinnerung gekommen als eine gute Prophezeiung fr meine Zukunft.
    Sie wissen das so rhrend zu machen, sagte Lenore ihn unverwandt ansehend.
    Die Baronin hrte den Ergu Antons mit Verwunderung an und betrachtete den
gefhlvollen Tnzer jetzt mit einer Neugierde, die nicht ohne leises Unbehagen
war. Lenore aber unterbrach die beginnende Unterhaltung Antons mit ihrer Mutter,
indem sie unruhig sagte: Man tritt an, wir mssen zum Tanz. Anton ergriff ihre
Hand mit den Fingerspitzen und fhrte sie in den Kreis der tanzenden Paare.
    Er walzt ertrglich, etwas spiebrgerlich, zuviel Zirkel, aber es ist
Haltung darin, murmelte Fink.
    Ein distinguiertes Paar, sagte Frau von Baldereck laut in der Nhe der
Baronin von Rothsattel, als Anton und Lenore vorbeiwalzten.
    Sie spricht zuviel mit ihm, sagte Frau von Rothsattel zu ihrem Gemahl,
welcher in diesem Augenblick zu ihr trat.
    Mit ihm? fragte der Freiherr, wer ist der junge Mann? Ich habe das
Gesicht noch nicht gesehen.
    Er gehrt zu den Poursuivants des Herrn von Fink, er ist nicht von Familie,
er soll reiche Verwandte in Amerika oder Ruland haben. Mir gefllt das Entree
fr Lenore nicht.
    Nun, erwiderte der Freiherr, er hat das Aussehen eines frischen Jungen.
Fr dies Kindervergngen ist eine solche Gestalt immer noch besser, als die
alten Knaben, die ich hier im Kreise sehe. Die jngeren amsieren sich und ihre
Tnzerinnen, whrend Benno Tnnchen sich nur belustigen wird, wenn er die
Mdchen rot macht, oder ihnen das Rotwerden abgewhnt. Lenore sieht recht gut
aus. Ich gehe zu meinem Whist, la mich rufen, wenn du den Wagen befiehlst.
    Anton hrte nichts von allem, was ber ihn und seine Tnzerin gesprochen
wurde, und wenn die Gesellschaft um ihn herum so laut gesummt htte, wie die
groe Glocke am hchsten Kirchturm der Stadt, er htte nichts gehrt. Der
Erdball war fr ihn sehr klein geworden, nicht grer als der Kreis, den er mit
seiner Tnzerin durchma, was etwa noch auerhalb existierte, war Finsternis,
de, ein Nichts, nur was er im Arm halten durfte, das nahm alle seine Sinne
gefangen. Das schne blonde Haar, so nahe an seinem Haupt, da er mit seinen
Locken die ihren berhren konnte, ihr warmer Atem, der seine Wange streifte, der
unsgliche Reiz des weien Handschuhes, der ihre weiche Hand versteckte, das
Parfm ihres Taschentuches, die rote Blte, welche vorn am Kleide befestigt war,
das sah und empfand er, und sonst nichts. Wenn sie im Tanz sich vertrauend von
seinem Arm umschlingen lie, wenn sie ihn frhlich ansah und auch whrend des
Tanzes, wenn er sie atemlos anhielt und sie sich langsam von seiner Hand lste,
ein Armband zurechtrckte oder ihr allerliebstes Taschentuch einen Augenblick an
den Mund hielt, wie reizend waren nicht alle ihre Bewegungen. Wie bezaubernd der
freundliche Gru ihrer Augen oder ihr leises Lcheln, wenn Anton etwas sagte,
was ihr gefiel.
    Und er hatte das Glck, ihr zu gefallen; sie sagte ihm, er spreche
allerliebst und es hre sich ihm gut zu. Ach, was er plauderte, war
gleichgltig, er htte vielleicht nicht weniger Erfolg gehabt, wenn er von
Neuseelndern oder dem Kaiser von Japan gesprochen htte. Denn nicht was er
erzhlte, sondern wie er es sagte, die stille Huldigung seiner Augen, der
bebende Ton seiner Stimme, das drang schmeichelnd in die Seele seiner Tnzerin.
    Die Pauke schwieg, der Trompeter setzte sein Blech ab, der Erdball lste
sich auf in ein lichtloses Chaos. Schade, rief Lenore, als die letzte Note
verklungen war.
    Ich danke Ihnen fr dieses Glck, sagte Anton, als er das Frulein an
ihren Platz fhrte.
    Als er jetzt unter den fremden Menschen umhertrieb, wie ein steuerloses
Schiff unter rauschenden Wellen, trat Fink zu ihm und sagte: Hre, du
Duckmuser, entweder hast du sen Wein getrunken, oder du bist ein heimlicher
Don Juan. Woher kennst du die Rothsattel? Du hast mir ja nie etwas von der
Bekanntschaft gesagt. Sie ist eine hbsche Figur und ein klassisches Gesicht.
Hat sie denn auch Verstand?
    Anton htte in diesem Augenblick seinem Freund erklren knnen, da er ihn
aufs tiefste verachte. Eine solche Roheit des Ausdrucks konnte nur aus einem
ganz entmenschten Gemt kommen.
    Verstand? erwiderte er und sah Fink mit einem Blick tdlicher Feindschaft
an; wer daran zweifeln kann, mu selbst sehr wenig besitzen.
    Nun, nun, sagte Fink erstaunt, ich bin nicht in dieser trostlosen Lage.
Ich finde das Mdchen, oder was ihrer wrdiger sein wird, das junge Frulein
sehr einnehmend, ja, um in der Sprache eines gebildeten Menschen die Wahrheit zu
sagen, ungewhnlich liebenswrdig, und wenn ich nicht anderweitig kleine
Verpflichtungen htte, so wei ich nicht, ob ich nicht gentigt wrde, das
Frulein, dessen Namen ich soeben auszusprechen wagte, fr die Herrin meines
Herzens zu erklren. So freilich darf ich sie nur von fern bewundern.
    Fink war doch nicht so schlecht. Er war in seinen Ausdrcken nicht immer
gewhlt, aber er hatte im Grunde ein sehr richtiges Gefhl und ein treues Gemt.
Deshalb fate Anton seinen Arm, drckte ihn krftig und sagte: Du hast recht.
    Wirklich? fuhr Fink wieder in seiner gewhnlichen Weise fort. Na! Du
fngst gut an, ich will mich lieber mit einem Stck brennendem Schwefel in ein
Pulverfa setzen, als mit dir und deinem schchternen Wesen. brigens vergi
nicht, Frulein Eugenie zum nchsten Tanz aufzufordern, du wirst einen Korb
bekommen, denn sie ist bereits engagiert. Du hast dich bis jetzt gut gehalten,
fahr so fort, mein Sohn.
    Und Anton fuhr fort, seinem Lehrer Ehre zu machen. Wohl war er berauscht,
aber durch einen strkern Trank, als sen Wein. Die Musik, die Aufregung des
Tanzes und das frhliche Geschwirr um ihn herum steigerten seine Begeisterung,
er fhlte sich den ganzen Abend sicher, ja bermtig, und betrug sich, einige
kleine Verste abgerechnet, wie einer, der tglich von Wachskerzen und
servierenden Dienern umgeben ist. Er wurde bemerkt, er machte als Fremder
einiges Aufsehen. Dunkle Sagen von seinen geheimnisvollen Verbindungen flogen
aus einer Ecke des Saals, wo Mtter prfend und richtend zusammensaen, bis in
die andere. Es wurde unzweifelhaft, da dies heitere und harmlose
Sichgehenlassen die Folge eines ganz besondern Selbstgefhls war. Er erfuhr
Zuvorkommenheit von den lteren Frauen, bald auch von einzelnen Herren.
    Und endlich kam der Kotillon. O du lngster und merkwrdigster aller Tnze!
Du halb Spiel und halb Tanz! Reizend, wenn du die einzelnen Paare im Kreise
umhertreibst, noch reizender, wenn du ihnen erlaubst, ungestrt und ein wenig
versteckt zu plaudern. Wir hren, da du dem Geschlecht der Gegenwart fr
veraltet und spiebrgerlich giltst. Wankelmtiges Jahrhundert!
    Wissenschaft und Staatskunst werden nichts Neues erfinden, was so vielfachen
Bedrfnissen des Menschengeschlechts Genge tut, als du. Da ist das kindliche
Gemt, es kann sich als Pyramide aufstellen, es kann sich in Schlangenwindungen
umherdrehen, es kann hier und dort hinlaufen, alte Herren vom Spieltisch zu
Extratouren holen, es kann auf dem Stuhle sitzend drei bis vier junge Damen
verchtlich vor sich stehen lassen, es kann, von Tanzlust ergriffen, pltzlich
aufspringen, irgendeine Dame ergreifen und im Kreise umhertanzen, und kein
Mensch kann es ihm verwehren. Da sind hher strebende Naturen, welche Gefhle
haben oder Ehrgeiz oder Bosheit und Menschenha; allen bist du gefllig. Du
gibst jedem Herrn das Recht, sich mehr als einmal eine Tnzerin nach seinem
Herzen zu suchen, du erlaubst jeder Dame in der allerzartesten Weise anzudeuten,
welche zwei oder drei Herren ihre hchste Achtung genieen, du verteilst an
strebsame Kavaliere Schleifen und Orden, du heftest massenhafte Blumenstrue
vor die Brust der gefeierten Dame. Du lt aber auch verschmhte Herren
zhneknirschend umherlaufen und sich irgendeine Surrogattnzerin suchen; du
offenbarst die Lieblinge der Gesellschaft, aber du machst den Unbekannten und
Unbeliebten noch einsamer und verlassener. Wenn du beginnst, werden die Blicke
der Mutter besorgt, die Nasen vieler Tanten spitz. Du kindischer, lustiger,
endloser Tanz! Wie viele Glckliche hast du gemacht, wieviel stille Trnen hast
du verursacht, wie manches Brautpaar hast du zusammengefhrt, und welche Qualen
der Eifersucht hast du erregt. Freilich hast du auch endlosen Staub aufgerhrt,
zahllose Toiletten unscheinbar gemacht, und manche grimmige Feindschaft
hervorgerufen. So bist du in deiner Bltenzeit gewesen, die Freude der Jugend,
die groe Angelegenheit der Mtter, die Furcht der ermdeten Vter, ein Greuel
nur fr die Musiker.
    Als dieser vielseitige Tanz herankam, suchte Anton wieder in Lenorens Nhe
zu kommen, er bat sie um den Tanz.
    Ich wute, da Sie mit mir tanzen wrden, sagte sie aufrichtig; er holte
ihr einen Stuhl, schob sich neben sie und war selig. Und als er die Aufgabe
hatte, in der Tour eine fremde Dame zu holen, dieser etwas zu schenken, was in
einem Krbchen mitten im Kreise aufgestellt war, und darauf mit ihr zu tanzen,
da gab er der Welt die energische Erklrung ab, da fr keine andere Dame die
Mglichkeit irgendeiner Stellung in seinem Herzen vorhanden sei; er holte sein
Geschenk aus dem Korbe, wartete, bis seine Tnzerin auf ihren Platz zurckkam,
und berreichte dann ihr die rote Schleife. Das war fr beide der grte
Augenblick in dem ganzen groen Abend.
    Was darauf folgte, war nur undeutliches Traumgesicht. Er sah sich mit Fink
Arm in Arm durch den Saal schlendern, er hrte sich mit ihm und andern Herren
ber allerlei sprechen und lachen, er bemerkte sich vor der Dame vom Hause einen
Dank murmeln und eine Verbeugung machen; es kam ihm vor, als ob ihm ein Diener
den Paletot berreichte, worauf er in die Tasche griff und ihm etwas in die Hand
drckte. Schattenhaft und unklar waren alle diese Begebenheiten. Nur eins sah er
noch deutlich, einen weien Damenmantel mit einem seidenen Kapuchon und einer
Quaste daran; o diese Quaste, sie war unsglich entzckend! Noch einmal fiel ein
Blick aus den groen Augen voll und glnzend auf ihn, und er hrte von ihren
Lippen noch ein leises Flstern, wie gute Nacht. Das brige war wieder ein
nichtssagender Traum, da er neben Fink die Treppe herunterstieg und die
spttischen Reden des Freundes nur mit halbem Ohr hrte, da er in seiner
kleinen Stube ankam, die Lampe anzndete und sich umsah, ob er auch wirklich
hier wohne, und da er sich langsam entkleidete, sich noch in seinem Bett
wunderte, da er all diese Herrlichkeit erlebt hatte, und endlich ermdet
einschlief. Und ein Traum war's, da sein Hausgeist, die gelbe Katze, sich auf
ihrem Postament hoch aufrichtete und den Kopf schttelte ber den langen Zug
fremdartiger Bilder und Gefhle, welche in der friedlichen Stube eingekehrt
waren.

                                       2


Seit diesem groen Abend hatte die Tanzstunde regelmigen Verlauf. Als Anton
das Fegefeuer der Einfhrung bestanden hatte, fhlte er sich unter den
Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sofakissen mit gestickten Wappen bald
heimisch. Er selbst wurde ein ntzliches Mitglied des Krnzchens, und zwar durch
die brgerlichsten aller Tugenden, durch Ordnung und Pflichttreue. Und das ging
so zu. Das Krnzchen war keine gewhnliche Tanzstunde, denn bei smtlichen
Teilnehmern wurden die ersten Anfnge der Kunst vorausgesetzt; es hatte vielmehr
den Zweck, einige neue Tnze einzuben und nebenbei eine Vereinigung der
befreundeten Familien in bequemer Fasson hervorzubringen. Nun ergab sich bald,
da die bequeme Fasson allerdings nach Finks Herzen war, das Einstudieren neuer
Tnze aber von ihm und mehreren seiner Kameraden mit einer strflichen Lauheit
betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der Tanzstunde, er betrachtete den Salon
nur als eine Gelegenheit, die jngeren Damen zu necken und sich mit den reiferen
Schnheiten eine Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entsetzen des
Tanzmeisters den Grundsatz, wo man im Tanz nicht im gewhnlichen Schritt
fortkomme, sei das einfache Pas des Galopps fr alle Flle gut genug, und das
einzige Vergngen bei unsern Tnzen sei, regelmig aus dem Takt und wieder
hineinzukommen. Aber, Herr von Fink, klagte der Tanzmeister, das heit nicht
mehr tanzen; dabei ist keine Kunst.
    Es soll auch keine dabei sein, sagte Fink, was hat die Kunst mit unserm
Tanzen zu tun? Was Sie die Jugend lehren, ist weiter nichts als eine
gesellschaftliche Rotation um einen imaginren Mittelpunkt. Mir ist das
langweilig, ich gehe deshalb in Kometenbahn. Und er blieb dieser Ansicht treu,
er zwang die unglcklichen Opfer, welche er zu engagieren sich herablie, sich
quer durch die Reihe der Tanzenden zu strzen, aus einer Ecke des Saals in die
andere, aus dem Takt, wieder in den Takt, wie es seiner Laune passend schien.
    Gegenber dieser exzentrischen Auffassung, welche leider in dem Krnzchen
zahlreiche Anhnger fand, zeigte Wohlfart die Regelmigkeit eines Mannes, der
mit Entzcken seine Pflicht tut, er erschien pnktlich, er machte jedes Pas, er
tanzte jeden Tanz, er war immer in guter Laune und fand eine Freude darin,
vernachlssigte junge Damen zu engagieren. Da bei der Sorglosigkeit Finks und
seiner Genossen schnell Mangel an Tnzern eintrat, wurde Anton in kurzem eine
anspruchslose Hauptsttze des Salons, Liebling des Tanzmeisters und ein
Vertrauter der jungen Damen, durch welchen heimliche Wnsche von den hellen
Rndern des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er selbst war in diesen
Stunden ein seliger Mann, und die freudige Verklrung, welche auf ihm lag, fiel
jungen wie lteren Damen als etwas Ungewhnliches auf. Die einen wurden in der
berzeugung bestrkt, da er ein guter Junge sei, und die letztern in der
keineswegs entgegengesetzten berzeugung, da er ein unbekannter Prinz sei. Er
selbst wute am besten, warum er so glcklich war. Alle seine Gedanken und
Bewegungen bezogen sich im stillen auf sie, die unbestrittene Herrin seines
Herzens. Alle andern Tnze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete
er nur als gesellschaftliche Schnrkel, die er mit der Feder seines Herzens um
den einen Namen beschrieb. Und er diente nicht ohne Erhrung. Er wurde von ihr
wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leise, einen oder den
andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja sie bat ihn sogar einige Male, zugunsten eines
neuangekommenen Vetters auf seine Rechte zu verzichten. Und sie freute sich, als
Anton ber dies Ereignis grenzenlos betrbt war, keine andere Dame aufforderte,
sondern still den Tanzenden zusah. Niemals entfernte er sich eher, bis sie den
Saal verlassen hatte, dann stand er unweit der Tr, um noch die letzten
Auftrge, einen Gru, einen Blick ihres glnzenden Auges zu erhalten. Und auch
ihr Auge flog, sooft sie in den Saal trat, suchend in den Kreis der
schwarzrckigen Herren, bis sie Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erst
fhlte sie sich heimisch in dem erleuchteten Raum. Auch mit vielen der Herren
kam Anton in ein freundliches Verhltnis. Fink beeilte sich, ihn bei Feroni
einzufhren. Zwar gefiel ihm manches an seinen neuen Bekannten nicht, ihre
Urteile waren zuweilen roher, als ihm behaglich war, und er hatte mehrere von
ihnen bald in Verdacht, herzlich ungebildet zusein. Aber ihre Art zu sprechen
und sich zu gebrden imponierte ihm doch, vor allem eine gewisse ritterliche
Atmosphre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stalluft und viel von dem
Aroma der Weinstube. Da Anton eine harmlose Laune bewies, der nchste Bekannte
des mchtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen zeigte, wenn er nach
Mitternacht gegen eine vorgeschlagene letzte Flasche protestierte, oder die
abwesenden Damen gegen eine bermtige Kritik mit frommem Ernst verteidigte, so
erhielt er unter den andern Herren der Tanzstunde das Renommee eines guten
Kerls.
    Gleich in den ersten Wochen hatte Anton Gelegenheit, seine angebetete
Tnzerin in einer Situation zu sehen, welche die gewaltigsten menschlichen
Leidenschaften aufregte. Die jngern Damen des Krnzchens waren natrlich
untereinander alle ein Herz und eine Seele, jedoch verstand sich von selbst, da
einige in der Stille andere nicht recht leiden konnten. So entstanden Parteien.
Bald bildeten sich zwei groe Bundesgenossenschaften, zwischen denen einzelne
hin-und herschwankten, die aber im ganzen fest zusammenhielten und im geheimen
starke Antipathien gegen die Gegenpartei nhrten. Es kam so weit, da an einem
Abend smtliche Damen der einen Partei eine weie Kamelie in der Mitte ihres
Ballstraues trugen und ein sehr auffallendes hellbraunes Band von dem Strau
herunterhngen lieen; dies hatte zur notwendigen Folge, da die Gegenpartei am
nchsten Abend mit roten Kamelien im Strau erschien und ein grnes Band darum
wand. An der Spitze der Braunen stand Lenore, das Haupt der Grnen war Eugenie,
die Tochter des Hauses. Im Vertrauen gesagt, die Grnen waren unertrglich. Sie
machten Ansprche ohne Berechtigung, sie waren mokant, sie gaben sich das Air,
lter zu sein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechthild Fiorelli den
Winter zuvor in der Residenz gewesen waren und auf den Hofbllen getanzt hatten,
und weil Fanny Mareschalk bei einem lebenden Bild die Genoveva dargestellt
hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite, die durch Bnder an
die hlzerne Rasenbank festgebunden waren, deshalb erhoben sie solche Ansprche.
Zu den Braunen gehrten Theone Lara und die reizende Hildegard Salt, zwei innige
Freundinnen, die immer Arm in Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im
Anfange des Winters geschworen hatten, einander nie zu verlassen, ein Schwur,
gegen dessen Erfllung sich die einzige Schwierigkeit erhob, da ihre Eltern den
Sommer ber in den beiden entgegengesetzten Ecken der Provinz wohnten. Beide
waren schwrmerische Naturen, die alle Gefhle miteinander teilten, beide
sangen, beide spielten den Flgel, beide liebten dieselben Dichter, beide hatten
einen unberwindlichen Abscheu vor Herren mit Kinnbrten, beide saen wie zwei
Sympathievgel zusammen und fanden ihr hchstes Glck darin, einander die
Gefhle ins Ohr zu flstern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder
das melancholische Vorspiel eines Walzers. Diese beiden schlossen sich bald
innig an Lenore Rothsattel; sie, Valeska Panin und Hortense Leloup bildeten den
Mittelpunkt der braunen Partei; Lenorens stattliche Gre ragte aus dem Kreise
dieser Getreuen hervor, wie die Gestalt eines Huptlings unter seinen Kriegern.
Wenn ein Tanz beendet war, machte sich's von selbst, da die Braunen
zusammentraten; wenn sie in der Quadrille gegeneinander tanzten, so erhoben sie
unmerklich ihren Strau und grten einander.
    Natrlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fu, und als er ber seine
Gemtsstimmung ein offenes Bekenntnis ablegte, indem er an einem Abend in Braun
und weigestreifter Ballweste erschien, wurde er in der ersten Tour des
Kotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung geholt, ein Ereignis,
welches sogar bei den Ehrendamen am Rande des Salons groe Aufregung
hervorbrachte. Es tut dem wahrhaftigen Geschichtsschreiber leid, zu melden, da
Fink unter die Grnen gerechnet wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie
die Braunen behaupteten, seine grnen Tnzerinnen sehr nachlssig, aber da
Eugenie Baldereck seine Dienste vorzugsweise in Anspruch nahm, so war es, wie
Anton entschuldigend sagte, seinem Freunde nicht mglich, sich dem Einflu
dieser Farbe ganz zu entziehen. Nun begab sich folgendes:
    Theone Lara hatte ein Tagebuch, in das sie ihre Empfindungen mit einer
schwarzen Krhenfeder durch winzig kleine Buchstaben einzeichnete. Auer der
bereits frher erwhnten Geschichte von den zwei Molchen stand alles andere
darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Ansichten ber Natur, die Menschen
und das Krnzchen. Es war ihr hchster Schatz. In einer himmlischen Stunde hatte
sie Hildegard Salt in die Geheimnisse dieses Buches eingeweiht, beide hatten
einander gekt und viel geweint und ber diesem Buch ewige Freundschaft
beschworen. Von da ab fhrten beide das Tagebuch gemeinschaftlich. Ihre
vertrautesten Gefhle, die allergeheimsten Bemerkungen waren darin
aufgezeichnet. Nach einem Krnzchenabend, wo Lenore sehr nett gegen sie gewesen
war, schlossen sie ihr Herz auch gegen diese auf und zeigten ihr wenigstens
einige Bltter des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vorzug
gehabt, etwas hineinzuschreiben.
    Da aber ihre Strke nicht sowohl war, Gefhle aufzuzeichnen, als vielmehr
Gesichter und lcherliche Mnnchen zu malen, so hatte sie einige Karikaturen
hineingesetzt, und Hildegard, welche Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bild
einige Zeilen gedichtet. In dieses teure Buch durfte kein fremdes Auge blicken,
niemand durfte das Heiligtum sehen und berhren. Theone trennte sich niemals
davon. Am Tage und in der Nacht trug sie es bei sich. Bei Nacht lag es unter
ihrem Kopfkissen, und whrend die Kammerjungfer sie anzog, steckte sie es
heimlich oben in den Schnrleib hinein und trug es an ihrem warmen unschuldigen
Herzen. Es war ein ganz kleines dnnes Buch in karmoisine Seide gebunden. Wenn
Hildegard sie zrtlich ansah, oder Lenore sie mit dem Ballstrau auf den Arm
schlug, so deutete sie mit dem Finger heimlich auf ihre Brust. An diesem Abend
hatte sie das Buch wieder an seine Stelle geschoben, whrend der ersten Tnze
hatte sie es deutlich gefhlt. Nach einer Quadrille fhlte sie danach, das Buch
war verschwunden.
    Es war verschwunden, es war nicht mehr an ihr, es mute whrend des Tanzes
hinabgeglitten sein bis auf den Fuboden. Wie so etwas mglich war, ist ihr
selbst und allen Beteiligten ewig ein finsteres Rtsel geblieben. - Sie war
einer Ohnmacht nahe; kaum vermochte sie, Hildegard beiseite zu ziehen und ihr
das Schreckliche zu klagen. Hildegard rief Lenore, vernichtet standen die drei
nebeneinander. Das Bundesheiligtum war verloren, es war in fremde Hnde
gefallen, ja entsetzlich zu denken, vielleicht sogar in die Hnde der Grnen.
Auf jeder der letzten Seiten waren schelmische Bemerkungen, smtliche Herren
waren darin aufgefhrt, mit fremden Namen zwar, Fink hie Zeisig, Tnnchen
Nuknacker, aber wer knnte dafr stehen, da sie nicht diese Chiffresprache
herausbrachten? Und was mute dann geschehen! Es war Untergang! Ruin der
Tanzstunde, Familienzwist, Auflsung aller menschlichen Bande. Theone sa
verstrt, sie dachte einen Augenblick an Gift, dann wieder an Flucht, weit
hinweg aus allen Lndern, in denen man tanzte. Lenore fate sich zuerst. La
uns suchen, rief sie, Hildegard am Arm fassend, vielleicht liegt's noch
irgendwo im Saale. Ich sehe nach der Mitte, den Herren unter die Fe, du unter
die Sitze der Damen.
    So zogen sie miteinander durch den Saal, uerlich lustwandelnd, in dem
Herzen die Hlle, scheinbar miteinander plaudernd, innerlich weinend. Zuweilen
redete ein langweiliger Herr sie an und zwang sie, stillzustehen und zu
antworten, whrend die fliegende Angst in ihrem Haupte umherraste: Jetzt
vielleicht findet's ein anderer. Sie kamen durch die Gruppe der Grnen, wo sie
nach allen Seiten anhalten muten, um zu lcheln und Freundliches zu sagen, sie
kamen zu Eugenie Baldereck, die sie fragte, ob es nicht zweckmig sei, noch
einen Tanz anzuhngen, whrend sie daran denken muten, da in dem Buch ein
unverkennbares Portrt zu sehen war mit der Unterschrift: Naseweis, gefhllos,
keck ist E ..... B ......; sie kamen, wehe, wehe! sogar in Finks Nhe, von dem
eine schreckliche Zeichnung war, wie er mit Herrn von Tnnchen in einem
Rebenstock sa, mit der Unterschrift:

Ein Zeisig und Nuknacker tranken sich voll,
Der Zeisig sang: mein Schnabel ist spitz,
Grn sind meine Federn und grn mein Witz.
Der Nuknacker seufzte: ich bin so hohl,
Ich wei nicht, was das bedeuten soll.

So zogen sie zweimal durch den Saal; ein drittes Mal trauten sie sich's nicht
mehr, sie hatten nichts gefunden. Trostlos kamen sie zu Theone zurck.
    Es gibt nur ein Mittel, rief Lenore. Wo ist Herr Wohlfart?
    Hildegard hielt sie zurck. Du willst doch nicht einem Herrn -
    Ich bernehme die Brgschaft, sagte Lenore stolz; er ist treu, wo steht
er?
    Dort spricht er mit Frau von Baldereck. Die beiden Suchenden gingen
langsam an Anton vorber, er drehte ihnen zwar den Rcken zu, aber als sie nher
kamen, zog es ihn unwiderstehlich, nach der Musik zu sehen. Er wandte sich um,
Lenore stand vor ihm, sie sah ihn bedeutsam an, er lste die Unterhaltung mit
Frau von Baldereck, er sprach zu ihnen, sie hatten ihn. Herr Wohlfart, ein
kleines Buch in roter Seide, so gro, ist hier im Saale von Theone Lara
verloren. Es ist uns unendlich viel daran gelegen, bitte, schaffen Sie es uns
zurck.
    Ist es gedruckt?
    Nein, geschrieben, auch Sie drfen nicht hineinsehen, es sind unsre
Geheimnisse darin. Schwren Sie mir, da Sie mit keinem Auge hineinsehen, wenn
Sie es finden.
    Ich schwre es Ihnen zu, erwiderte Anton feierlich.
    Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.
    Anton eilte in das Gewhl und beschftigte sich die nchste halbe Stunde mit
Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den Pltzen, keiner von den Dienern
hatte etwas gefunden, das Buch war verschwunden. In tiefstem Mitgefhl brachte
er den Damen die traurige Nachricht. Der neue Tanz begann. Theone vermochte vor
Kopfschmerz nicht sich zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war
geffnet, sein Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefhle lagen nackt vor
jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen Auenwelt.
Lenore fhlte das Unglck mehr vom Parteistandpunkt. Die Braunen waren in
Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich niemals erholen konnten.
Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz wie auf einem Vulkan, der Boden war glhende
Lava, jeden Augenblick konnte die Explosion erfolgen. Je lnger die Verbndeten
ber ihr Schicksal nachdachten, desto schrecklicher wurden ihre Aussichten; denn
immer noch fielen ihnen neue Grlichkeiten ein, die in dem Buche standen.
    Als der Tanz beendigt war, begab es sich, da Fink im Vorbeigehen vor
Hildegard mit dem Fu auf dem Boden wippte und zu ihr gewandt sagte: Dieser
Boden klingt so hohl, ich wei nicht, was das bedeuten soll, vielleicht liegt
ein verlorener Schatz unter den Fen.
    Hildegard strzte zu Lenore und dem kranken Sympathievogel und rief auer
sich: Herr von Fink wei es. Die braunen Bnder flatterten in einer Ecke, die
Mdchenkpfe fuhren zusammen und hielten Beratung. Endlich wurde entschieden,
da diese uerung sehr beunruhigend sei, aber noch keine Gewiheit des Unglcks
gebe.
    Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks Benehmen
wurde zu auffallend. Er vernachlssigte heut seine Partei, er suchte alle
Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von Juliens Sterbeszene
und den Untergang des Hauses Capulet bereits dreimal durchgekostet hatte und
ihre Trnen gar nicht mehr zurckhalten konnte; er fing ein Gesprch mit ihr an,
er zwang sie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das
heie Zimmer. Er qulte sie bis zur Ohnmacht und schlo endlich seine teuflische
Rache damit, da er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und fragte: Wie
gefllt Ihnen dies grne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig? - Sein
nchstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schar noch immer mit dem Stolz
einer Frstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink sie
an. Sie war artiger gegen ihn als je in ihrem Leben, sie prete ihr Taschentuch
zusammen, da die Spitze ri, um sein Lcheln ruhig auszuhalten. Alles ging gut,
bis zu dem Augenblick, wo er dem vorbergehenden Herrn von Tnnchen mitten im
Gesprch zurief: Benno, knacken Sie gern Nsse?
    Benno Tnnchen, der auch ein Grner war, sagte verwundert: Nein, wenn
Frulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so frchte ich, wird sie fr mich zu
hart sein.
    Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr mglich, Fink hatte das Buch.
Die braunen Bnder rauschten auseinander, die Partei glich einem Schwarm
entsetzter Kchlein, unter welche der Habicht stt. Nur Lenore nahm sich
zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. Sie haben das Buch, Herr Fink, eine
meiner Freundinnen hat es verloren und ist sehr unglcklich darber. Sein Inhalt
ist nicht fr fremde Augen, er kann in dieser Gesellschaft groen rger
verursachen. Ich bitte, da Sie mir das Buch zurckgeben.
    Ein Buch? fragte Fink neugierig, was fr ein Buch?
    Verstellen Sie sich nicht, sagte Lenore, es ist uns allen deutlich, da
Sie es haben. Ich kann nicht glauben, da Sie es nach dem, was ich Ihnen ber
die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten knnen.
    Ich knnte es behalten, nickte Fink, Sie sind zu gtig, wenn Sie mir ein
so groes Zartgefhl zutrauen.
    Das wre mehr als unartig, rief Lenore.
    Es wrde mir das grte Vergngen machen, mehr als unartig zu sein, wenn
ich das Buch htte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer Freundinnen gehrt,
das mglicherweise Ihre Handschrift oder eine andere Erinnerung an Sie enthlt,
das werde ich Ihnen in keinem Fall zurckgeben, wenn ich es finde; und wenn ich
erfahre, wo es liegt, werde ich es stehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es
Zeile fr Zeile auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu gefallen suchen,
da ich Ihnen einige Stellen daraus vortrage, sooft ich die Freude habe, Sie zu
sehen.
    Lenore trat ihm einen Schritt nher, und ihre Augen flammten: Wenn Sie das
tun, Herr von Fink, rief sie, so werden Sie als ein Unwrdiger handeln.
    Fink nickte ihr freundlich zu: Der Eifer steht Ihnen allerliebst, Frulein;
aber wie knnen Sie Wrde von einem lustigen Vogel verlangen, wie ich bin? Die
Natur hat ihre Gaben verschieden ausgeteilt, manchem hat sie verliehen, Verse zu
machen, andere zeichnen kleine Bilder, ich habe von ihr einen spitzen Schnabel
erhalten, den gebrauche ich. Haben Sie je einen wrdigen Zeisig gesehen? Er
wandte sich lachend ab, fate Benno Tnnchen am Arm und ging mit ihm nach der
Tr.
    Lenore eilte zu Anton: Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an,
schaffen Sie es uns zurck, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter darin
lesen, es wre Theones Tod.
    Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der bereits
auf der Strae war. Zu Feroni, Anton! rief ihm Fink im Arm des Benno Tnnchen
zu.
    Ich mu etwas im Vertrauen mit dir sprechen, sagte Anton an seiner andern
Seite.
    Jetzt nicht, du brauner Gesandter, rief Fink, ich will nichts mit dir zu
tun haben. - Ich bitte dich, Fritz, bat Anton sich an ihn drckend, gib das
Buch heraus, die Mdchen ngstigen sich bis zum Vergehen.
    Nur zu! sagte Fink.
    Keine tut heut nacht ein Auge zu, rief Anton.
    Um so besser, wir wollen's auch nicht tun. Sie knnen smtlich zu Feroni
kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum Morgen
zusammen. Und du, Anton, wirst dich heut nacht nicht ohne mich nach Hause
schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller Todesangst.
    Was ist das fr eine Geschichte mit dem Buch? fragte Tnnchen am andern
Arm.
    Sage nichts, bat Anton leise.
    Eine tolle Konfusion, erwiderte Fink, Sie sollen alles erfahren.
    Um Gottes willen, schweig, bat Anton.
    Ich werde mich nach deinem Benehmen richten, sagte Fink, lufst du weg,
so lese ich den andern das ganze Buch vor.
    So kamen sie bei Feroni an. Anton berlegte, ob er sich auf Fink werfen und
diesem mit Gewalt das Buch entreien sollte. Aber der Erfolg war unsicher. Mit
Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten. Nur List konnte helfen.
Whrend er darber nachsann, lagerten sich die Herren in dem kleinen
Hinterzimmer, ihrer gewhnlichen Trinkstube. Es waren auer Anton und Fink noch
Zernitz und Tnnchen, der kleine Lanzau, ein Werner, ein Cousin Baldereck,
(dieser ein junger Herr mit hervorstehenden Augen, der in dem Buch unter dem
Namen Laubfrosch angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams,
sondern aus der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Shne des alten
Majoratsherrn.
    Was trinken wir? fragte Fink.
    Jeder seine Flasche, erwiderte Zernitz.
    Warum nicht gar! rief Fink.
    Nur nicht Ihren furchtbaren weien Burgunder, rief Guido Tronka. Von
unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie Strnge.
    Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb, schlug Fink vor.
    Superbos! rief der kleine Lanzau, welcher witzig war.
    Das ist ebenso ein Hllengetrnk, klagte Zernitz.
    Kfer, Schenk, herbei! riefen die Herren und die Bestellung wurde gemacht.
    Unterdes verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab dem
Aufwrter einen Taler und den Auftrag, den Ofen der kleinen Hinterstube zu
berheizen und ohne Rcksicht auf die Klagen der Herren immerfort Kohlen
nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen, als irgend mglich war,
und sah mit Freude, da Fink sich dicht an den eisernen Zylinder gerckt hatte.
Bald mute ihm die Wrme unbequem werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er
stets in solchen Fllen tat, dann war es mglich, das rote Buch vor seinen Augen
aus der Rocktasche zu ziehen.
    Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem groen Ereignis in Kenntnis zu
setzen, begann Tnnchen. Haben Sie Tronkas Alice gesehen, Fink?
    Nein, sagte Fink eingieend, ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?
    Natrlich ein Pferd! rief Tnnchen.
    Bah, lat heut die Stalljacke zu Haus, sagte Fink.
    Es ist aber verdammter Ernst, rief Tnnchen. Guido hat zum Herrenreiten
eingesetzt.
    Zahlen Sie Reugeld, sprach Fink zu Guido Tronka, und bleiben Sie zu Haus.
Den Ajar schlgt kein Traber in diesem Erdenwinkel.
    Sehen Sie sich morgen meine Alice an, bat Tronka wieder, ich mchte Ihr
Urteil hren.
    Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen? sprach Zernitz zu Anton, sie hat
brillante Augen.
    Sie trgt magnifique, rief der andere Tronka zu Fink herber.
    Sie hat ja eine Hasenscharte, rief der Laubfrosch verchtlich dazwischen.
    Wer ist nun das wieder? fragte Fink.
    Die Seppi, ein grnugiges Scheusal, schrie wieder der Laubfrosch
Baldereck. Gehen Sie denn gar nicht mehr ins Theater?
    Nein, versetzte Fink, aber ich schicke meinen Reitknecht hinein. Wenn Sie
Gefhle haben, bei denen er Sie untersttzen kann, so wenden Sie sich nur an
ihn.
    Es wurde warm. Anton fhlte die Verpflichtung, die Herren zu beschftigen.
Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im Volksdialekt, die ihm
der Leutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte laut in das Lachen des
Laubfrosches ein, er verfhrte den ltesten Tronka, ein Abenteuer mitzuteilen,
welches den Tod eines Hasen und einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach
der Kelle und go die Glser voll.
    Es wurde wrmer. Die Herren rckten unzufrieden mit ihren Sthlen und riefen
nach dem Aufwrter.
    Es verfliegt sogleich, trstete dieser.
    Ich finde es gar nicht warm, sagte Fink ruhig, im Gegenteil, Sie knnen
noch einlegen.
    Aber die Hitze wurde unertrglich, die Herren gerieten in Zorn, Feroni
selbst wurde gerufen. Anton protestierte gegen das ffnen des Fensters, weil man
vom Tanze noch zu warm sei. Fink erklrte die Temperatur fr behaglich und
behielt seinen Rock an.
    Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog
seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschlu anzuregen. Sofort
tat Fink dasselbe, legte den Rock sorgfltig ber seinem Stuhl zusammen und sah
lchelnd auf Anton, der mit groer Aufmerksamkeit seine Bewegungen beobachtete.
    Das Buch steckt nicht im Rock, nickte Fink ihm zu, die Mhe war umsonst,
denke auf etwas anderes.
    Anton ffnete das Fenster, Ich versuche nichts mehr, sagte er resigniert,
du bist mir zu schlau.
    Halt aus, sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tnnchen erzhlte
lgenhafte Geschichten von Tnzerinnen, der kleine Lanzau betrank sich. Endlich
pochte Fink auf den Tisch. Jetzt merkt auf. Ich wollte es verbergen, aber es
ist nicht mglich, es schreit zum Himmel.
    Anton fuhr auf: Ich bitte dich, Fritz.
    Ruhig, Ofenheizer! rief Fink. Hrt, ihr Herren, ich habe heut ein
geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblttert.
    Hurra, heraus damit! riefen smtliche Herren.
    Es sind gewi Verse darin, rief Zernitz.
    Es mag ein schner Unsinn darin stehen, rief Tnnchen, Phantasie und
Bosheit Unmndiger.
    Anton war wtend.
    Allerdings steht Unsinn darin, und die Verse scheinen mir schlecht. Hren
Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?
    Nichts, sagte der Leutnant befremdet, ich habe ein paarmal mit ihr
getanzt, das ist alles.
    So mu es gekommen sein, fuhr Fink nachdenkend fort. Die arme Theone! Ich
habe ein Lied gelesen, das die Komte auf Sie gemacht hat. Na, zuletzt sind Sie
kein bler Bursch, aber ich htte es niemals fr mglich gehalten, da man mit
solcher Schwrmerei von einem Mann sprechen kann.
    Zeigen Sie her, bat Zernitz angelegentlich.
    Hier? fragte Fink vorwurfsvoll, vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch
die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade
begnstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft des
armen Mdchens hier zu profanieren.
    Sie haben recht, sagte Zernitz. Aber unter vier Augen werden Sie mir's
zeigen.
    Gewi߫, versetzte Fink. Ihr wit, ich habe kein Gefhl fr alle Kreatur,
welche ihren Rock lnger trgt als bis zum Knie, und wenn es etwas auf der Welt
gibt, was mich kaltlt, so sind es Backfische in Butter und in Kleidern. Aber
der Wahrheit soll ihr Recht werden, die Mdchen, welche das Tagebuch miteinander
gefhrt haben, sind seelengute Dinger, es ist auch nicht eine unartige Bemerkung
darin.
    Er wandte sich zum Cousin Baldereck: Von Ihrer Cousine ist auf jeder Seite
mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die ebenso verdient als rhrend
genannt werden mu. - Das strengste Urteil wird ber mich gefllt, ich werde ein
Zeisig genannt.
    Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig, sagte Benno Tnnchen.
    Ja, erwiderte Fink, wenn Sie nicht interessiert, was Hildegard Salt ber
Sie hineingeschrieben hat.
    Viel Gutes wird's nicht sein, versetzte Benno neugierig.
    Nein, sagte Fink, sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren Bekannten
wahrhaft betrbend vorkommen mu. Sie werden gro und still genannt. Ihr Gesicht
ein Muster mnnlicher Kraft, die Dichterin findet Sie voll Kenntnisse, voll
Geist und voll Witz; sie fragt, ob ein solcher Mensch nicht zu bedeutend sei, um
sich zu einem weichen Mdchen hinabzuneigen. Nun frage ich alle, wie kann ein
gescheites Kind, wie Hildegard Salt, sich so weit verirren, Sie in der Stille
anzubeten. Denn Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger
Gesell, Benno, aber wenn ich ein Mdchen wr und mir ein Ideal aussuchte, ich
wrde lieber einen Nuknacker zu meinem Gtzen machen, als Sie.
    Tnnchen verzog den Mund.
    Ist von uns auch etwas darin? fragte Herr von Werner, auch einer der
Grnen, ein Bruder von vier schnen Schwestern, Nachbar der Rothsattel, von
jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.
    Von Ihnen wenig, versetzte Fink, nur zwei Zeilen. Er nahm das Buch
hervor und sah hinein und suchte. - Anton ballte die Hnde unter dem Tisch. -
Schmerzliche Fgung des Himmels, Lenore liebt und sucht vergebens ihr Herz zu
verhllen. Und der Geliebte gehrt den Feinden an. O Georg W. Jetzt kommen
Punkte und drei Ausrufungszeichen. Fink steckte das Buch wieder ein. Anton
beruhigte sich, das konnte nicht in dem Buche stehen, auch sah er, da die
Nasenflgel Finks sich heftig bewegten, ein untrgliches Kennzeichen, da er
Schelmerei trieb.
    Zernitz schob sein Glas weg und rief: Es ist indiskret, da wir uns in
diesem Raume ber das unterhalten, was die Mdchen gefhlt haben.
    Ich bin derselben Meinung, rief Benno Tnnchen eifrig.
    Ich auch, Georg Werner.
    Sie mssen das Buch versiegeln und zurckschicken, sprach der Frosch.
    O ihr gemtvollen Zettel, rief Fink in der glcklichsten Stimmung, weil
eure haarigen Kpfe von seinen Hnden gekraut werden, wird euer Herz
zartfhlend. Ich mchte eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem Buche das
Gegenteil herausgelesen htte. - Ei, ei! und keiner kennt den Shakespeare!
    Komte Lara und Hildegard sind zu feinfhlend, um das hineinzusetzen, was
Ihre Bosheit gern gesehen htte, rief Zernitz.
    Die Rothsattel ist zwar stolz, rief Werner, aber sie hat keinen Grund,
von mir etwas anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie immer im stillen
fr ein tchtiges Mdchen gehalten, das wohl verdient, einmal die Frau eines
ehrlichen Jungen zu werden.
    Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf an
die Decke. Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sndigen Erde unter
bessere Geschpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und niemand merkt es, und
niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier, Anton, empfange das
Buch! Nicht durch Ofenwrme, nicht durch berredung oder Zwang ist es erobert;
durch freiwilligen Entschlu der tanzenden Herren wird es ungelesen
zurckgeschickt.
    
    Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb auf
einen Zettel: Fink hat einige Bltter gelesen, er wird schweigen, sonst niemand
eine Zeile, siegelte Zettel und Buch in ein Kuvert und sandte dies durch einen
von Feronis Leuten am spten Abend nach dem Haus der Komte Lara mit dem
ausdrcklichen und durch eine Kette von Versprechungen verstrkten Befehl, der
Bote msse unter allen Umstnden durch Nachtwchter und Hausknechte in das Haus
und bis an die Grenzen des Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm,
Theone jetzt ihre schwarzen Locken durch Strme von Trnen in trufelnden
Bindfaden verwandelte.
    Das Gelag nahm seinen Verlauf. Das heie Zimmer, der starke Trank und ein
gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung frher ein
Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den verschlafenen
Kfer und sagte zu Anton: Bezahle die Rechnung. Als Fink mit Anton nach Hause
ging, sagte er: Sei ruhig, Tony, natrlich war alles gelogen, was ich aus dem
Buch erzhlt habe. In Wahrheit war alle Bosheit darin aufgesammelt, deren eine
Gesellschaft Turteltauben fhig ist.
    Ich hab's gemerkt, sagte Anton vergngt, in der nchsten Stunde werden
deine Herren schn den Hof machen.
    Einer oder der andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugeteilt habe,
noch heiraten, ich will mich jetzt aufs Kuppeln legen.
    Anton schwieg gekrnkt. Sei ruhig, fuhr Fink behaglich fort, auch du
sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir meine
Herren?
    Sieh, sagte Anton, was sie sagen, erscheint mir oft gewhnlich, aber sie
haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann nicht
verlieren, wenn sie sich gehnlassen.
    Na, sagte Fink, es geht, sie sind in ihrer Clique, in dem migen
Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkmmert, sie sollen im
ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein mu, wenn man amsant sein
will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig und ihre Lustigkeit ist klglich, in
ein paar Jahren sind sie schal und ungeniebar, wie schlechter Most. Dieses
Tnnchen wird schon suerlich. Ich habe groe Lust, sie dir nchstens betrunken
zu zeigen.
    Sprich nicht so liederlich, bat Anton.
    Ach, du armer Junge, sagte Fink. Schlie die Tr auf und gib mir meine
Geldbrse zurck.
    Du hast heut wieder eine groe Rechnung bezahlt, sagte Anton. Ich bitte
dich, sei nicht so freigebig, du demtigst ja die andern.
    Sei ruhig, Anton, erwiderte Fink, ich halte mich ber sie auf, folglich
ist auch billig, da ich fr sie bezahle.
    Ich hoffe, du wirst niemals fr mich bezahlen, sagte Anton.
    Nein, entgegnete Fink, du sollst das Privilegium haben, dein eigener
Kassierer zu sein; ich bin zufrieden, da du mir den Hausschlssel trgst und
bei mir noch deine Zigarre rauchst, whrend ich mich ausziehe. - Welche Stunde
ist?
    Es ist gegen zwei Uhr, erwiderte Anton vorwurfsvoll.
    Dann sind wir sicher die letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus
solche Exzesse nicht vertragen. Als ich das erste Mal beim Frhlicht diesen
Riesenschlssel ins Schlo steckte, frchtete ich, die alten Mauern wrden ber
mir zusammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewhnt, der Hund, die Hausknechte und
der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deshalb lnger aus, um diese schauderhafte,
philistrse Hausordnung umzudrehen.
    Als Hildegard Salt nach einer feuchten Trnennacht gegen Morgen die ersten
Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von Theone Lara
geweckt, in dessen vorderem Teil Theone mit schwarzer Krhenfeder die Ansicht
aussprach, da fr sie auf dieser Welt kein Raum mehr sei, und in der zweiten
Hlfte diese Ansicht dahin berichtigte, da sie Hildegard und Lenore fr
nchsten Nachmittag zur Schokolade einlud, um wegen der glcklichen Rettung des
Buches eine vertrauliche Festfeier zu begehen.
    Auf dieser Konferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch
Mnneraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, da Fink hineingesehen hatte.
Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Hnden gehabt, und es war sehr zu frchten,
da auch er es durchgelesen hatte. Hildegard behauptete, er sei ein Mann, und
kein Mann, auch der beste nicht, sei einer solchen Diskretion fhig. Dagegen war
Lenore berzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Nach lngerer Debatte wurde
beschlossen, ihn auf eine Probe zu stellen. Wenn er hineingesehen hat, sagte
Lenore, so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen. - Das Titelblatt
durfte er ansehen, warf ein brauner Vogel ein.
    Ich hatte ihm verboten, das Buch zu ffnen, sprach Lenore, und ich wei,
er hat keine Seite angesehen. Ihr alle sollt zuhren, wie er meine Fragen
beantwortet.
    Als Anton in der nchsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der Spitze
der Partei entgegen, ihre Miene war bekmmert, und alle Braunen bemhten sich,
die Kpfe zu hngen und ebenso traurig auszusehen: Ach Herr Wohlfart, was haben
Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone geschickt haben, war ja nicht ihr
Tagebuch, es war das Notizbuch eines Herrn, aus einer fremden Brieftasche.
    Wie ist das mglich, rief Anton bestrzt.
    Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29ten ber einen Frack,
vom 30ten eine Flasche Rotwein und zwei neue Sporen. Das Buch konnte uns nichts
helfen. Alle Braunen schttelten den Kopf und sahen betrbt zur Erde.
    Anton suchte sich zu entschuldigen: Fink zog das rote Buch aus der
Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt ab.
    Dann mu Herr von Fink das Buch vertauscht haben, fuhr Lenore fort. Warum
haben Sie denn nicht hineingesehen? fragte sie vorwurfsvoll, wenigstens auf
das Titelblatt.
    Das durfte ich ja nicht, rief Anton, ich hatte Ihnen ja versprochen,
keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.
    Halt! rief Lenore, noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder
nicht? fragte sie siegreich zu ihrer Schar gewandt.
    Ein bewunderndes Nein kam von allen Lippen. Bleiben Sie, Herr Wohlfart,
es ist das rechte Buch, das sie zurckgesandt haben. Einige von uns
bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen aus der Hand
geben knnten, ich sagte, Sie wren das imstande, und habe meinen Freundinnen
das soeben bewiesen.
    Ich danke Ihnen fr das gute Zutrauen, rief Anton erfreut.
    Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist, sagte Lenore und
blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.
    Das war ein groer Abend im Krnzchen. Anton war bis zum Kotillon von einem
Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rhrender Vertraulichkeit
behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die
Herren ausgeteilt wurden, wurden die Klappen seines Fracks von oben bis unten
besteckt, und er sah aus wie der bunteste Hofmarschall des Kontinents.
    Aber noch Greres begab sich. Die Partei der Grnen drohte zu zerfallen.
Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen.
Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde an der Seite des
Nuknackers, welcher sie whrend eines Walzers mit ritterlicher Artigkeit, ja
man mu sagen, mit Gefhl behandelte und dadurch in die allergrte Verlegenheit
setzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des
Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche smtlich auf einmal zu der
berzeugung gekommen waren, da Lenore ihrer ernsthaften Huldigungen nicht
unwrdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von aufrichtiger
Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und kte beim Abschied Theone im
berstrmenden Gefhl auf beide Wangen. Und Frau von Werner setzte sich neben
die Baronin Rothsattel, kndigte fr die nchsten Tage ihren und ihrer Tchter
Besuch an, bat um die Erlaubnis, ihren Georg mitzubringen, und sprach
unaufhrlich davon, wie glcklich ihre Kinder noch im nchsten Sommer darber
sein wrden, da die Tanzstunde sie in ein so intimes Verhltnis zu Lenore
gebracht habe. Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verndert. Mit
Ausnahme der grnen Damen, welche ber die Untreue ihrer Herren zrnten, war
alles in einer gemtvollen, von Menschenliebe gleichsam berflieenden Stimmung,
deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten diese
die Vernderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernsthaften
Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem Genu ihres Glckes
konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fhlten sie die Nadelstiche des bsen
Gewissens, und um sie herum bewegte sich in weitem Kreise die furchtbare Gestalt
Finks, des Wissenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber
zerstren, der sie umgab. - Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen
Teilnehmern am Tagebuch, erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: Ist
Frulein Eugenie heut nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, da sie gefhllos
ist, aber diese kleine Unart wird sich mglicherweise im Laufe der Jahre in eine
ganz entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.
    Lenore sah ihn verlegen an. Kommen Sie mit zu Theone Lara, sagte sie
endlich. Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank, rief sie dort, wir alle
wollen ihn bitten, da er ber das Buch schweigt, wie er bis jetzt getan.
    Ich will mich dazu verpflichten, versetzte Fink, unter einer Bedingung.
Ein Opfer mu ich haben. Ich mu die Dame erfahren, welche den Vers unter einen
gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich mu jemand haben, den ich hassen kann,
von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, jemanden, der dafr bezahlt,
da Sie so leichtsinnig waren, die Dokumente ihres scharfen Witzes in meine
Hnde fallen zulassen. Nennen Sie mir die eine, und ich gebe Ihnen freiwillig
das Versprechen, da ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuch zitieren
werde.
    In der Gruppe entstand eine ngstliche Bewegung, jede frchtete die Beute
des rachschtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard, welche vor
Schrecken verblich, und sagte eifrig: Ich habe die Zeichnung gemacht und ich
habe die Verse darunter meiner Freundin diktiert; da Sie's gesehen haben, so
bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht tun; und wenn Sie jetzt die
Absicht haben, sich an mir zu rchen, so werde ich Ihren Ha zu ertragen
suchen.
    Schn, sagte Fink lchelnd, ich werde mich rchen, ich werde Sie von heut
ab hassen. brigens ist mir angenehm zu erfahren, da auch das vergnglichste
aller Gefhle, Mdchenfreundschaft, die Unglcklichen, welche davon befallen
werden, zu heldenmtigen Opfern begeistern kann. - Ah, Frulein Hildegard,
finden Sie nicht, da Benno Tnnchen ein herzensgutes Kind ist? Auch seine
Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu voll, werden Sie sagen, aber grade dies
volle Wesen macht ihn und seine Familie so ansprechend.
    Die letzte Folge dieses glcklichen Abends war, da auf einer neuen
Konferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst Wohlfarts in
auerordentlicher Weise zu belohnen. Nach lngerer berlegung wurde man einig,
da Theone gemeinschaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Brse zu
hkeln habe. Gleich am nchsten Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore
wollte, um sich nicht auszuschlieen, die Kunst des Hkelns eigens erlernen.
Auch strahlte bereits die erste Kappe der Brse in Braun und Gold, als
Ereignisse eintraten, welche die Vollendung hinderten.

                                       3


Es ist eine traurige Erfahrung, da die berirdischen Gewalten dem Menschenkind
das Glck einer hochgespannten Empfindung nicht lange unverkmmert lassen. Sie
haben die Sache so schlau eingerichtet, da sich fast immer eine Saite unsres
Innern abspannt, sooft sie den Wirbel einer andern zur Hhe herumdrehen.
Natrlich entsteht daraus ein Miklang. Diese schlechte Behandlung erfuhr auch
Antons Seele.
    Zunchst ereignete sich, da das Comtoir fortfuhr, die Vernderung in Antons
Leben mit kritischem Blick zu betrachten. Jede Art von Befremden herrschte in
den verschiedenen Zimmern des Hinterhauses, in allen aber war man einig, da
sich Anton, seit er die Tanzstunde besuchte, sehr auffllig und nicht zu seinem
Vorteil verndere. In Wirklichkeit war diese Vernderung nicht gro. Es ist
wahr, Anton war in den Freistunden weniger mit seinen Kollegen zusammen, als
sonst, er brachte viele Abende auer dem Hause zu, und wenn er einmal in
Gesellschaft der Hausgenossen aushielt, so war er wohl zerstreuter, ja
vielleicht bte er auch geringere Nachsicht gegen die ihm wohlbekannten kleinen
Schwchen der andern Herren. Sein Verstand bewahrte ihn davor, sich wegen der
pltzlichen gesellschaftlichen Erfolge zu berheben und die Kollegen durch
Erzhlung seiner Abenteuer zu langweilen, aber er konnte sich doch nicht
enthalten, zuweilen Vergleiche anzustellen zwischen dem Ton und Benehmen seiner
Umgebung, die er bersah, weil er sie genau kannte, und dem Ton und Benehmen im
Salon der gndigen Frau, der ihm imponierte, weil er ihm neu war. Das Comtoir
erklrte seine grere Schweigsamkeit fr Stolz, seine hufige Abwesenheit fr
unziemlichen Leichtsinn, und er, der sonst ein Liebling des Hauses gewesen war,
kam gerade deshalb in die Lage, jetzt sehr streng beurteilt zu werden. Er selbst
empfand die khlere Haltung der Gemigten, die auffallende Klte der
Entschiedenen als lieblose Behandlung. So kam es, da er die Abende, an denen er
keine Veranlassung hatte, auszugehen, fast nur mit Fink verlebte, und da beide
zusammen nach wenig Wochen als aristokratische Coterie den anderen Herren
gegenberstanden.
    Anton wurde durch dies Verhltnis mehr gedrckt, als er sich selbst gestehen
wollte; er fhlte es an seinem Arbeitspult, auf seinem Zimmer, sogar beim
Mittagessen im Vorderhause. Seltener redete ihn einer seiner Kollegen an; wenn
Jordan eine Auskunft forderte, wandte er sich nicht mehr an ihn, sondern an
Baumann; wenn der Kassierer zur Frhstcksstunde in das vordere Comtoir kam, so
trat er nicht mehr an Antons Sitz; und wenn Specht sich von seinem Platz
umwandte und mitten in den kaufmnnischen Korrespondenzen eine auffallende Frage
an die Umsitzenden tat, so wandte er sich zwar fter als sonst an Anton, aber es
erschien diesem als keine Verbesserung seiner Situation, wenn Specht ihm
flsternd ins Ohr schrie: Ist es wahr, da Herr von Berg Apfelschimmel hat?
oder: Mu man bei Frau von Baldereck lackierte Stiefel oder Schuhe tragen? Am
gewaltttigsten wurde Anton von seinem alten Gnner Pix behandelt. bergroe
Toleranz hatte niemals die Energie dieses Herrn geschwcht, und aus einem nicht
recht verstndlichen Grunde sah er in dem gegenwrtigen Anton eine Art Verrter
am Comtoir, an der groen Waage und am Solo. Es war seine Gewohnheit, den
eigenen Geburtstag so feierlich als mglich zu begehen. Er lud dann seine
Vertrauten, in deren erster Reihe Anton stand, zum Abend auf sein Zimmer und
setzte ihnen an diesem Tage ausnahmsweise Wein auf den Tisch und einen
Napfkuchen, den er eigens beim Bcker bestellte und den er in immer greren
Verhltnissen zu liefern bemht war. In diesen Wochen kam wieder sein Geburtstag
heran, und Anton war, obgleich Herr Pix sich in der letzten Zeit sehr schweigsam
gegen ihn verhalten hatte, doch vorbereitet, den Abend bei ihm zuzubringen, er
hatte deshalb eine Einladung des Herrn von Zernitz bereits abgelehnt. Frh vor
der Comtoirstunde ging er auf das Zimmer von Herrn Pix und gratulierte diesem.
Herr Pix nahm den Glckwunsch sehr khl auf und gnnte ihm keine Einladung fr
den Abend. Nach Tische begegnete Anton dem kolossalen Napfkuchen, welcher mit
Hilfe eines Bckerlehrlings mhsam die Treppen des Hinterhauses hinaufstieg, im
Comtoir merkte er aus einer uerung des Herrn Specht, da diesmal smtliche
Kollegen aufgefordert waren, den Tag festlich zu begehen, an welchem Herr Pix
durch sein Erscheinen eine Lcke der Schpfung ausgefllt hatte. Alle waren
geladen, nur Anton und Fink nicht.
    Mit Recht empfand Anton diese Zurcksetzung als eine Unart. Er empfand sie
aber tiefer, als wohl ntig gewesen wre. Und zum berflu teilte ihm Specht im
Vertrauen mit, da Pix die Erklrung abgegeben habe, ein junger Herr, der mit
Leutnants umgehe und bei Feroni am liederlichen Tisch sitze, sei kein passender
Gesellschafter fr einen soliden Kaufmann. Als er an diesem Abend einsam auf
seiner Stube sa und unter sich die lustige Unterhaltung der Kollegen hrte, da
berkam ihn eine bange und gedrckte Stimmung, und keines von den glnzenden
Bildern, welche in der letzten Zeit seine Muestunden ausgefllt hatten, auch
das holdeste nicht, war mchtig genug, durch die dichte Wolke des Mimuts
durchzudringen, welche ihn umhllte.
    Er selbst war nicht zufrieden mit sich und suchte selbstqulerisch Anklagen
gegen sich zu sammeln. Er war ein anderer geworden. Er war nicht gerade
nachlssig in den Arbeitsstunden, aber seine Ttigkeit machte ihm wenig Freude,
sie war ihm oft eine Last. Es war ihm begegnet, da er in seinen Briefen
Wichtiges vergessen hatte, ja er hatte sich ein paarmal sogar in den Preisen
verschrieben, und Jordan hatte ihm mit einer kurzen Bemerkung die Briefe
zurckgegeben. Es fiel ihm ein, da der Prinzipal in der letzten Zeit sich gar
nicht um ihn gekmmert, und da Sabine ihn vor einigen Tagen auf der Treppe
klter gegrt hatte, als gewhnlich. Und neulich, als die Tante ber Strung
ihrer Nachtruhe klagte, weil jemand so spt und geruschvoll die Haustr
geffnet, da hatten alle Kollegen vorwurfsvoll auf ihn gesehen. Sogar der treue
Karl hatte ihn vor der letzten Tanzstunde, wie Anton jetzt meinte, ironisch
gefragt, ob er auch seinen Hausschlssel bei sich habe. In solcher Stimmung ging
Anton an seinen Schreibtisch und fing an, sein kleines Kassenbuch durchzusehen.
Er hatte in den letzten Wochen keine Ausgaben eingeschrieben, ngstlich fate er
die Feder und suchte Rechnungen und Erinnerungen zusammen, um das Versumte
nachzuholen. Mit Schrecken entdeckte er, da seine Schulden zusammen eine Summe
ausmachten, welche er nicht tilgen konnte, ohne die kleine Hinterlassenschaft
seiner Eltern anzugreifen. Er fhlte sich sehr unglcklich. Hohe Tne hatten
lange Zeit in ihm geklungen. Das Schicksal hatte auf einer Saite die feinste
Melodie gespielt, jetzt schnurrte die andere. Der Miton sollte noch grer
werden.
    An demselben Abend kam der Kaufmann verstimmt aus der Ressource nach Hause,
er beantwortete kurz Sabinens Gru und ging mit starken Schritten im Zimmer auf
und ab.
    Was hast du, Traugott? fragte die Schwester.
    Der Bruder trat an ihren Stuhl. Willst du wissen, wie Fink seinen
Schtzling bei Frau von Baldereck eingefhrt hat? Du warst so bereit, dich ber
seine Freundschaft zu freuen. Er hat ein System von Lgen gesponnen und hat den
unerfahrenen Wohlfart zu einem ruchlosen Abenteurer gemacht. Er erzhlte
darauf, da ihn ein lterer Offizier nach den Verhltnissen Antons gefragt
hatte, und was dabei zutage gekommen war.
    Ist denn auch gewi, da Fink diese abgeschmackten Mrchen erfunden, und
da Wohlfart darum gewut hat? fragte Sabine schchtern.
    An Finks Beteiligung ist kein Zweifel. Der Streich sieht ihm zu hnlich.
Das ist der leichtsinnige frevelhafte Sinn, der nichts achtet, nicht einmal den
Ruf des Freundes.
    Sabine lehnte sich an den Stuhl und nickte mechanisch mit dem Haupt. Ja, so
war er. Wieder einmal emprte sich ihr Herz gegen ihn. O wie traurig! sagte
sie vor sich hin. Aber Wohlfart ist unschuldig, Traugott, das wei ich
bestimmt. Eine solche Lge ist nicht in seinem Wesen.
    Ich werde es morgen erfahren, sagte der Kaufmann. Um seinetwillen wnsche
ich, da du recht hast.
    Am folgenden Morgen ging der Prinzipal durch das vordere Comtoir und rief
Anton zu sich in die kleine Hinterstube. Da dies selten geschah, so folgte Anton
mit der Ahnung, da irgend etwas Unheimliches heranziehe. Der Prinzipal schlo
hinter ihm die Tr, setzte sich recht ernsthaft vor ihn auf den Lederstuhl und
begann mit strenger Miene. Lieber Wohlfart, ich halte es fr meine Pflicht, mit
Ihnen ber einige Gerchte zu sprechen, die sich in der Stadt verbreitet haben.
Man hlt Sie fr einen reichen jungen Mann von geheimnisvoller Herkunft, erzhlt
sich, da Sie groe Besitzungen in Amerika haben und da vornehme Personen sich
im stillen lebhaft fr Sie interessieren. Ich setze voraus, da auch Ihnen diese
Gerchte zu Ohren gekommen sind, und wnsche zu wissen, was Sie getan haben,
dieselben zu widerlegen.
    Anton erwiderte erstaunt, aber mit Entschlossenheit: Ich wei nichts von
einem solchen Gercht, ich habe einige Male von Fremden sonderbare Anspielungen
auf mein Vermgen gehrt, ich habe stets widersprochen.
    Haben Sie mit der ntigen Entschiedenheit widersprochen? fragte der
Kaufmann streng.
    Ich glaube ja, antwortete Anton ehrlich.
    Es wre an dem migen Geschwtz wenig gelegen, fuhr der Prinzipal fort,
wenn nicht Ihr eigener Charakter dadurch verdchtigt wrde. Denn die Welt wird
geneigt sein anzunehmen, da Sie selbst aus irgendeinem Grunde bei der
Verbreitung dieses Gerchts ttig gewesen sind; fr das Renommee eines Kaufmanns
aber gibt es keinen schlimmeren Argwohn, als den, da er durch niedrige Mittel
sich einen Kredit geben will, den zu beanspruchen er kein Recht hat.
    Anton stand starr.
    Der Kaufmann fuhr fort: Auerdem wird durch dieses Geschwtz auch der gute
Ruf Ihrer Eltern angegriffen, denn man will wissen, da Sie der heimliche Sohn
eines sehr vornehmen Mannes sind.
    O meine Mutter! rief Anton, rang die Hnde und die Trnen rollten aus
seinen Augen. Er war so ergriffen, da ihm der Prinzipal Zeit lassen mute, sich
zu beruhigen, und endlich begtigend sagte: Fassen Sie sich, lieber Wohlfart,
Sie haben jetzt die Aufgabe, die Unwahrheit dieser Erzhlungen nachzuweisen. Sie
werden Ruhe und mnnliche Haltung dazu brauchen.
    Am schrecklichsten ist fr mich der Gedanke, rief Anton noch immer auer
sich, da Sie selbst vielleicht glauben, ich htte diese Unwahrheiten
hervorgerufen, oder ich htte sie mir gefallen lassen, um mich wichtig zu
machen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, ich habe bis zu dieser Stunde nichts
davon gewut.
    Ich glaube Ihnen gern, sagte der Kaufmann freundlicher, aber Sie haben
doch manches getan, um solchen Erzhlungen Raum zu geben. Sie sind fortwhrend
in einem Kreise gesehen worden, welcher sich sonst gegen junge Mnner in Ihrer
Stellung sehr sprde verhlt. Sie haben hier und da Ausgaben gemacht, welche
Ihre Mittel offenbar bersteigen und jedenfalls unpassend fr Sie waren.
    Anton hatte die dunkle Empfindung, da er sich im Mittelpunkt der Erde viel
behaglicher befinden wrde, als auf der Oberflche. Ja, sagte er endlich
verzweifelnd, Sie haben recht, ich habe sehr unrecht getan, ber meine
Verhltnisse hinauszugehen, ich habe das whrend der ganzen Zeit empfunden; seit
einigen Tagen, wo ich Kasse gemacht habe und gesehen, da ich in Schulden
gekommen bin - hier lchelte der Kaufmann fast unmerklich - ist's mir
klargeworden, da ich auf unrechtem Wege bin, ich habe nur nicht gewut, wie ich
zurck soll. Jetzt werde ich nicht mehr zaudern, fuhr er sehr traurig fort,
und Sie mgen die Gte haben, zu entscheiden, ob ich mich jetzt verstndig
benehme.
    Nicht wahr, Fink hat Sie in die Gesellschaft der Frau von Baldereck
eingefhrt? Ich dachte es, sagte der Prinzipal lchelnd, vielleicht wei er
auch mehr von den Gerchten, welche Sie gegenwrtig so beunruhigen.
    Erlauben Sie, da ich in Ihrer Gegenwart sein Zeugnis fordere, da ich
nichts von allen diesen Nachreden gewut habe, und da ich selbst wohl
leichtsinnig gewesen bin, aber nicht niedrig. Fink ist mein Freund und kennt
mein ganzes Verhalten.
    Wenn es Sie beruhigt, sagte der Prinzipal und lie Herrn von Fink rufen.
    Fink sah im Eintreten auf den aufgeregten Anton mit verwundertem Blick und
sagte, ohne auf die Gegenwart des Prinzipals sonderlich zu achten: Was Teufel,
du hast geweint?
    ber Verleumdungen, sprach der Kaufmann ernst, welche seine Soliditt als
Geschftsmann und die Respektabilitt seiner Familie angegriffen haben. Darauf
sagte er kurz, worum es sich handle.
    Fink lachte und rief: Er ist ein Kind; wozu sich um das mige Geschwtz
der Leute kmmern?
    Er hat kein Recht, dies Geschwtz zu verachten, denn er hat es durch seinen
Verkehr in den Kreisen, in die Sie ihn einfhrten, genhrt.
    Vor allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schrter zu bezeugen, da ich
keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennst mich genug, um zu wissen, da
ich keinen Fu in die Gesellschaft der Frau von Baldereck gesetzt htte, wenn
ich fr mglich gehalten, da so etwas von mir gesagt werden kann.
    Er ist ganz unschuldig, sagte Fink mit berzeugender Gutmtigkeit zum
Prinzipal. Unschuldig und harmlos wie das Veilchen, das still im Verborgenen
blht; wenn irgend jemand schuld hat bei dieser lcherlichen Geschichte, so bin
ich es und auerdem die trichten Menschen, welche so etwas verbreitet haben.
Gib dich zufrieden, Anton; wenn dir die Sache leid ist, so wollen wir sie bald
wieder in Ordnung bringen.
    Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mitteilen, da
ich die Tanzstunden nicht mehr besuchen kann.
    Auch ich halte das fr das beste Mittel, sagte der Kaufmann.
    Ich frchte, es wird nicht viel helfen, bemerkte Fink weise.
    Dann habe ich wenigstens das Meinige getan, rief Anton.
    Wie du willst, sagte Fink, Tanzen hast du doch gelernt und deinen Hut
verstehst du auch mit Anstand zu bewegen.
    Gegen Mittag sagte der Kaufmann zu seiner Schwester: Du hast recht gehabt,
Wohlfart war in der Hauptsache unschuldig, Fink hat in seinem bermut die ganze
Intrige angezettelt.
    Ich wute es, rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre Stickerei.
- Wenn es mglich ist, Traugott, so verhte jetzt eine neue Unbesonnenheit.
    Sie mssen die Geschichte selbst ausmachen, antwortete der Kaufmann, ich
bin neugierig, wie sie das zustande bringen werden.
    Anton arbeitete den Tag ber wie einer, der sich betuben will, sprach nur
das Ntigste und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, sich
anzukleiden, als ein Mann, der seinen Entschlu gefat hat.
    Fink sah ihn den Tag ber mitrauisch an und fragte sich selbst: Was hat
der Junge vor? Er gebrdet sich, als sollte er das erste Duell abmachen. Und
htte er in Antons Seele sehen knnen, vielleicht htte auch ihn erschttert,
den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen fra. Es war nicht verletzter
Stolz allein, nicht die Scham, wie ein Abenteurer und Betrger zu erscheinen,
denn diese beiden Empfindungen gingen in einem greren Weh unter, in dem
Gedanken an den Abschied von seiner geliebten Tnzerin.
    Fink sprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits
angekleidet fand, sah das bleiche Gesicht des Freundes, das heute um ein paar
Jahre lter aussah als gewhnlich, und fragte, seine Hand ergreifend: Bist du
bse auf mich?
    Nicht auf dich und auf keinen anderen, sagte Anton aufgeregt. Hre mich
an; wie das Gercht entstanden ist, will ich nicht wissen. Es ist mglich, da
du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht hast.
    Mit dir nicht, mein Kind, sagte Fink.
    Jedenfalls hast du um das Geschwtz gewut und mir nichts davon gesagt, das
war nicht recht von dir, ich sage dir das jetzt und werde dir's nicht
nachtragen, und wir wollen miteinander ber diese Geschichte niemals wieder
reden.
    Hre, sagte Fink, ich habe die Notion, du nimmst das Geschwtz viel zu
tragisch.
    La mich, fuhr Anton fort, nur heut in meiner Weise handeln.
    Was willst du denn tun? fragte Fink.
    Frage mich nicht, sagte Anton; ich empfinde sehr deutlich, was ich tun
mu. La uns gehen.
    Tu, was du nicht lassen kannst, sagte Fink gutmtig, aber vergi nur
eines nicht: da jede Art von Szene, die du vor den Leuten auffhrst, sie nur
amsieren wird; um so mehr, je aufgeregter du dich zeigst.
    Vertraue mir, sagte Anton, ich werde ruhig sein.
    Es war groe Gesellschaft in den erleuchteten Zimmern, kleine Balltoilette,
viel Lichterglanz; smtliche Familienmtter und mehrere Vter; einige eingebte
Tnze sollten zum besten gegeben werden. Als sie in den gefllten Saal traten,
sah Fink besorgt auf seinen Freund und fand, da Anton verstrt aussah, aber mit
groer Energie vorwrts schritt. Er machte sich von Fink los und trat sogleich
zu Lenore, mit der er sich zum ersten Tanz bereits engagiert hatte. Das Frulein
sah heut so reizend aus, als mglich, sie hatte ihr erstes Ballkleid an, und die
groen Augen strahlten vor Lust; sie kam ihrem Tnzer einige Schritte entgegen
und sagte ihm mit freundlichem Vorwurf: Sie kommen so spt, der Ball wird
gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile zu
plaudern. Papa ist auch hier. Ich werde Sie ihm vorstellen. - Aber was haben
Sie? Sie sehen ja so feierlich aus! -
    Gndiges Frulein, erwiderte Anton mit einer Verbeugung, mir ist heut
sehr traurig zumute, ich kann nicht die Ehre haben, den nchsten Tanz mit Ihnen
zu tanzen.
    Und warum nicht? fragte die junge Frau fast erschrocken.
    Hren Sie mich an, Frulein, ich werde nicht lange in dieser Gesellschaft
bleiben und komme heut nur, mich bei Ihnen und der Dame vom Hause wegen meines
Weggehens zu entschuldigen.
    Aber Herr Wohlfart, rief Lenore die Hnde zusammenschlagend.
    Viel mehr als an der Meinung der brigen liegt mir an Ihrer guten Meinung,
sagte Anton errtend, und vor Ihnen will ich mich zuerst rechtfertigen.
    Sie sollen sich aber nicht rechtfertigen, ich verstehe Sie nicht, rief die
junge Dame.
    Anton aber erzhlte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von seinem
Prinzipal gehrt, und versicherte sie eifrig, da er von dem Gercht nichts
gewut habe. Das glaube ich Ihnen gern, sagte Lenore vertrauensvoll. Papa hat
auch gesagt, da es wahrscheinlich ein miges Geschwtz sei. - Sie hielt inne,
denn sie dachte in dem Augenblick daran, da ihr Vater zugesetzt hatte, dieser
Herr Wohlfart mge ein recht guter Mann sein, aber er passe doch nicht in die
Gesellschaft. Und weil Sie erfahren haben, was man sich ber Sie erzhlt,
wollen Sie ganz aus der Tanzstunde ausscheiden?
    Ja, ich will, sagte Anton, denn wenn ich hierbliebe, wrde ich mich der
Gefahr aussetzen, fr einen Eindringling oder gar fr einen Betrger gehalten zu
werden.
    Lenore warf das Kpfchen zurck und sagte gekrnkt und heftig: So gehen
Sie, mein Herr.
    Dies war das beste Mittel, das Gehen unseres Anton zu verhindern, er blieb
stehen und sah seine Tnzerin flehend an.
    Warum gehen Sie nicht? fragte das Frulein noch heftiger.
    Anton wurde sehr bleich; er sah mit tiefem Schmerz in das Gesicht seiner
zornigen Dame und sagte mit zitternder Stimme: Sagen sie mir wenigstens, da
Sie nicht schlecht von mir denken wollen.
    Ich werde gar nicht an Sie denken, rief die junge Dame mit schneidender
Klte und wandte sich ab.
    Der arme Anton stand einen Augenblick wie vernichtet, es war ein bitterer
Schmerz, der seine unerfahrene Seele durchbebte. Wre er zehn Jahre lter
gewesen, so htte er sich diesen heftigen Zorn vielleicht gnstiger ausgelegt.
Der Gedanke, da er noch nicht fertig war, gab ihm seine Kraft wieder, er ging
aufgerichtet, ja mit stolzem Schritt zu dem Kreise, in welchem Frau von
Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle die auserwhltesten Damen der
Gesellschaft. Die lange hagere Grfin sa da eine Tasse Tee trinkend, Eugeniens
Mutter und neben ihr eine groe Mnnergestalt; Anton wute, ohne da es ihm
jemand gesagt hatte, da der stattliche Herr Lenorens Vater sein msse. In dem
Augenblick, wo er vor die Frau vom Hause trat, seine Verbeugung zu machen, flog
sein Blick ber die ganze Gesellschaft. Jahre sind seitdem vergangen, aber noch
lebt der Augenblick in seinem Gedchtnis, und noch heut wei er die Farbe von
jedem Kleide, er knnte noch die Blumen aufzhlen, welche in dem Strau der
Baronin Rothsattel waren, ja, er erinnert sich noch an das Bild, das auf der
gemalten Tasse war, aus welcher die Grfin trank. Die Hausfrau empfing die
Verbeugung unsers Helden mit herablassendem Lcheln und war im Begriff, ihm
etwas Freundliches zu sagen, als Anton sie unterbrach und mit einer Stimme, die
vor Bewegung zitterte, aber laut durch den ganzen Saal tnte, seine Rede begann,
so da nach den ersten Worten eine allgemeine Stille entstand: Gndige Frau,
ich habe heut erfahren, da in der Stadt erzhlt wird, ich sei reich, ich
besitze Gter in Amerika, und vornehme Herrschaften nehmen im geheimen ein
Interesse an mir. Ich erklre dies alles fr Unwahrheit, ich bin der Sohn des
verstorbenen Kalkulators Wohlfart aus Ostrau; ich habe von meinen Eltern fast
nichts geerbt, als einen ehrlichen, unbescholtenen Namen. Ich bin dem Andenken
an meine guten Eltern und mir selbst schuldig, das hier ffentlich zu erklren.
Sie, gndige Frau, haben die hohe Gte gehabt, einen fremden und unbedeutenden
Menschen so freundlich in Ihrem Hause aufzunehmen und mich zur Teilnahme an den
Tanzstunden dieses Winters aufzufordern. Ich darf nach dem, was ich heut gehrt
habe, nicht mehr daran teilnehmen, weil mein fernerer Besuch der Tanzstunde den
Unwahrheiten, welche man ber mich verbreitet hat, Nahrung geben wrde, und weil
ich gar in den Verdacht kommen knnte, ein Betrger zu sein, welcher die
Gastfreundschaft Ihres Hauses mibraucht. Deshalb sage ich Ihnen meinen innigen
Dank fr Ihre Gte und bitte Sie, mir ein freundliches Gedchtnis zu bewahren.
    Die Rede war etwas zu pathetisch fr den Kreis, in welchem sie wirken
sollte, aber sie wirkte doch. Es entstand fr einige Augenblicke tiefes
Stillschweigen; die Grfin hielt wie erstarrt ihre Tasse in der Luft zwischen
Scho und Mund, und die Frau vom Hause sah verlegen vor sich nieder.
    Anton machte eine tiefe Verbeugung und ging zur Tr.
    Da eilte aus der starren Gruppe mit beflgeltem Schritte eine helle Gestalt
dem Scheidenden nach, fate mit ihren Hnden seine beiden Hnde; Anton sah in
Lenorens weinende Augen und hrte noch, wie sie mit weicher Stimme unter Trnen
zu ihm sagte: Leben Sie wohl! Dann schlo sich die Tr hinter ihm, und alles
war vorbei.
    Anton ging langsam nach Hause. Es war so ruhig und still in seiner Seele,
als wre er nie in dem Hause hinter ihm gewesen; er sah auf die groen
Schneeflocken, welche vor ihm herunterfielen, und freute sich ber die Spur,
welche die Fugnger in den weichen Schnee gedrckt hatten. Wenn er Schmerzen
fhlte, so waren sie doch ohne Bitterkeit. Er trug sein Haupt stolz und dachte
an alles mgliche, woran ein unbefangener Spaziergnger denkt, an seine Eltern,
an die Briefe, die er heut im Geschft geschrieben hatte, an seinen Prinzipal
und auch an den nrrischen Tinkeles, den Fink heut wieder zum Comtoir
hinausgewiesen hatte. Aber in seinem Ohr klang fortwhrend eine Melodie, die
neben allen Gedanken forttnte, es waren die Worte Lenorens: Leben Sie wohl!
    In dem Salon der gndigen Frau kehrte das Leben zurck, als er das Zimmer
verlassen hatte. Das erste Wort, welches gehrt wurde, war der strafende Ruf der
Mutter, die ihre Tochter zu sich forderte, welche in der vergangenen Szene eine
so auffallende Rolle improvisiert hatte. Lenore, du hast dich vergessen! sagte
die Mutter leise und bekmmert.
    La sie, sagte der Freiherr mit Geistesgegenwart laut, die Tochter hat
getan, was der Vater htte tun sollen, der junge Mann hat sich brav gehalten,
und wir werden ihm unsre Achtung nicht versagen.
    Unter den brigen Gruppen aber erhob sich ein Gemurmel, die Einleitung zu
lebhafter Unterhaltung. Das war ja eine wahre Theaterszene, sagte die Dame vom
Hause mit nicht ganz natrlichem Lcheln; - aber, wer hat uns denn gesagt -
    Ja, wer hat denn gesagt? - fiel Herr von Tnnchen ein.
    Aller Augen richteten sich auf Fink.
    Sie sagten ja doch, Herr von Fink - fing Frau von Baldereck wieder an,
sich majesttisch erhebend.
    Jawohl, fiel Herr von Zernitz ein, und es ist doch etwas an dem Gercht,
mein Wort darauf! Ich selbst habe bei einem notariellen Akt als Zeuge gedient,
fuhr er unvorsichtig heraus. Erklren Sie doch, Fink. - Auch ich mu um
Erklrung bitten, Herr von Fink, fuhr die Hausfrau gereizt fort.
    Mich? Gndige Frau, sagte Fink mit der Ruhe eines Gerechten, dem ein
Unrecht geschieht. Was soll ich von diesem Gercht wissen? Ich selbst habe ihm
widersprochen, soviel ich nur konnte.
    Ja, das haben Sie, lieen einzelne Stimmen sich hren, aber Sie lieen
merken -
    Sie sagten doch - fiel Frau von Baldereck ein.
    Was? Gndige Frau, fragte kalt der unerschtterliche Fink.
    - da dieser Herr Wohlfart auf geheimnisvolle Weise mit dem - dem Kaiser -
in Verbindung stehe.
    Das ist unmglich, antwortete Fink mit grtem Ernst. Das ist ein arges
Miverstndnis! Ich habe Ihnen die Person des Herrn beschrieben, der Ihnen
damals noch unbekannt war; es ist mglich, da ich dabei eine zufllige
hnlichkeit erwhnt habe.
    Aber was ist das mit den Gtern? fiel Herr von Tnnchen ein, Sie selbst
haben ja die Herrschaft an ihn zediert, und dieser Verkauf war von auffallenden
Umstnden begleitet. Sie forderten von uns, die Sache als tiefes Geheimnis zu
bewahren.
    Da Sie mein Geheimnis so gut bewahrt haben, da Sie es berall und jetzt
hier vor der ganzen Gesellschaft erzhlen, entgegnete Fink lachend, so tragen
Sie und Zernitz offenbar die Schuld, wenn sich dies trichte Gercht verbreitet
hat. Merken Sie auf, meine teuern Herren. Mein Freund Wohlfart hatte einmal in
frhlicher Stimmung geuert, er wnsche wohl, Grundbesitz in Amerika zu haben.
Ich machte mir einen Scherz und schenkte ihm zu Weihnachten eine Besitzung, die
ich auf Long Island bei New York hatte. Diese Besitzung, meine Herren, besteht
in einer Sandgrube, welche mit Gestruch bewachsen ist und in welcher eine
bretterne Vogelhtte zum Schieen von Strandvgeln steht. Wenn ich Sie gebeten
habe, nicht davon zu sprechen, so war das ganz in Ordnung; da Sie aber aus
dieser Kleinigkeit ein Tau gesponnen haben, welches einen liebenswrdigen Mann
von unsrer Gesellschaft scheiden soll, tut mir sehr leid. Ein kalter Hohn legte
sich auf sein Gesicht, als er fortfuhr: Mit Freuden sehe ich, wie sehr Sie alle
diese Empfindung teilen, und wie stark Sie den gemeinen Bedientensinn verachten,
welcher einen Mann deswegen fr salonfhig hlt, weil irgendein fremder Potentat
sich um ihn gekmmert haben soll. Da wir aber den heutigen Ball mit Erklrungen
angefangen haben, so will auch ich die Erklrung abgeben, da Herr Anton
Wohlfart legitimer Sohn des verstorbenen Herrn Kalkulators Wohlfart in Ostrau
ist, und da ich jede fernere Erwhnung dieser Miverstndnisse fr eine
Beleidigung meines nchsten Freundes halten werde. - Und jetzt, gndige Frau,
schenken Sie mir aufs neue Ihre Huld, ich bin mit Frulein Eugenie zur ersten
Quadrille engagiert und fhle mich auerstande, lnger zu warten.
    In Frau von Baldereck kmpfte eine Weile verletztes Selbstgefhl und
mtterliche Sorgfalt, endlich siegte, wie bei einer guten Natur zu erwarten war,
die letztere; sie sagte, Fink vorwurfsvoll anblickend, leise: Ich frchte, Sie
haben Ihr Spiel mit uns getrieben! - Fink aber schttelte den Kopf und
erwiderte mit groer Aufrichtigkeit: Man spielt nicht, wo man fhlt. Darauf
fhrte er Frulein Eugenie zum Tanze.
    Beim Antreten sagte ihm Leutnant von Zernitz: Sie haben Ihr Spiel mit uns
getrieben, Fink, ich bedaure, darber noch eine Erklrung von Ihnen fordern zu
mssen.
    Seien Sie verstndig und fordern Sie nichts, entgegnete Fink, wir haben
so oft miteinander um die Wette geschossen, da es sehr tricht wre, wenn wir
einer auf den andern zielen wollten.
    Da Fink bei weitem der beste Schtz in der Gesellschaft war, so sah Herr von
Zernitz doch zuletzt ein, da Fink recht hatte. Und eine kleine Spannung von
einigen Wochen abgerechnet, welche an einem stillen Abend bei der zweiten
Flasche Burgunder durch Hndeschtteln ausgeglichen wurde, hatte die Sache keine
weiteren Folgen. - Doch erkaltete seit dem Abgange Antons das Interesse, welches
Fink an der Tanzstunde genommen, und weder Theone Lara noch Lenore hatten
Ursache, seine Anspielungen zu frchten, denn wenn er im Salon erschien, so
begngte er sich, der Tochter vom Hause und einigen erfahrenen Frauen seine
Huldigung darzubringen, um die aufstrebende Jugend kmmerte er sich nicht mehr.
    Anton aber war wie ein erlschender Stern aus der Gesellschaft geschieden.
Er wurde nicht wieder darin gesehen. Frau von Baldereck erkannte etwas spt, da
es passend sei, den jungen Mann, der doch einmal in ihrem Hause aufgenommen war,
gelegentlich wieder einzuladen, um ihm und andern zu zeigen, da man seine
Gegenwart nicht blo deswegen fr anstndig halte, weil er - sondern auch um
seiner selbst willen. - Und einige andere Familien des Landadels dachten ebenso,
da aber, wie bemerkt, alle diese Einladungen etwas spt kamen, und Anton sein
Nichterscheinen entschuldigte, so geschah ihm in kurzem, was viel bedeutenderen
Gren der Gesellschaft zu begegnen pflegt, er wurde vergessen. Die frhern
Eideshelfer bei der groen Urkunde, Herr von Zernitz und Herr von Tnnchen,
redeten ihn noch eine Weile auf der Strae an, wenn er ihnen begegnete, dann
grten sie ihn noch ein Jahr, und endlich kannten auch sie ihn nicht mehr.
    Unserem Anton kam wenig darauf an. Er strzte sich jetzt mit Leidenschaft in
die Arbeiten des Geschfts. Gleich am andern Morgen klopfte er an die Tr des
kleinen Comtoirs und trat in das Allerheiligste des Prinzipals ein. Er erzhlte,
was er gestern zu Frau von Baldereck gesagt habe, und fgte hinzu: Ich werde
nicht mehr in die Gesellschaft gehen und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn
ich in der letzten Zeit meine Pflicht nicht vollstndig getan habe, ich werde
von heut an sorgfltiger sein.
    Ich habe keinen Grund, ber Sie zu klagen, erwiderte der Kaufmann
freundlich, geben Sie mir die Summe an, welche Sie bedrfen, um Ihre
Verhltnisse in Ordnung zu setzen. Anton zog einen Zettel aus der Tasche, auf
dem er gewissenhaft sein Debet aufgezeichnet hatte, Herr Schrter rief den
Kassierer, lie die Summe an Anton zahlen und diesem zur Last schreiben, und
auch das war abgemacht.
    Fink sagte am nchsten Tage zu Anton: Du bist mit einem Knalleffekt
ausgetreten und hast von den ltern Herren der Gesellschaft das Zeugnis
bekommen, da du dich angemessen benommen hast.
    Wer hat das gesagt? Fink erzhlte ihm die uerung des Freiherrn von
Rothsattel und tat, als bemerkte er nicht, da Antons Gesicht eine tiefe Rte
berflog, Indes wre doch klger gewesen, fuhr Fink fort, wenn du die
Angelegenheit nicht so auf die Spitze getrieben httest. Wozu die ganze
Gesellschaft meiden, in der doch einige sind, die dich persnlich liebgewonnen
haben?
    Ich habe gehandelt, sprach Anton, wie es mir mein Gefhl eingab, ein
anderer, der lter ist und mehr Welt hat, wird es vielleicht geschickter
anfangen. Du kannst mir nicht zrnen, da ich in dieser Sache nicht deinem Rat
gefolgt bin.
    Es ist merkwrdig, dachte Fink, die Treppe hinuntersteigend, bei welchen
Gelegenheiten die verschiedenen Menschen lernen, den eigenen Willen zu
gebrauchen. Dieser Knabe ist ber Nacht selbstndig geworden, und was ihm das
Schicksal jetzt von grern Dingen bringt, er wird sicher alles anstndig
durchmachen.
    Fr Anton sowohl, als seinen Freund, war ein gutes Zeichen, da ihr
Verhltnis durch diese Szene nicht gestrt wurde. Ja, es gewann an innerm Wert.
Fink behandelte seinen jngern Freund mit grerer Achtung, und Anton bewegte
sich mit mehr Freiheit und gewhnte sich, auch Fink gegenber einen eigenen
Willen zu haben. Und das richtige Urteil des Jngern trug allmhlich dazu bei,
den lteren von manchem losen Streich abzuhalten und seinen bermut zu bndigen.
Anton erfllte seine Pflichten im Comtoir mit der grten Pnktlichkeit, sein
Diensteifer war unendlich, und seine Zuvorkommenheit gegen die Kollegen grer
als jemals. Fink gewhnte sich dadurch, ohne da er es selbst merkte, auch
seinerseits regelmiger im Geschft zu erscheinen und die Arbeitsstunden besser
auszuhalten. Nur einen Gegenstand gab es, ber den er mit seinem Freunde nie
sprach, obgleich er wute, da Anton immer an ihn dachte, das war die junge Dame
der Tanzstunde, welche so viel Herz und Mut gezeigt hatte.

                                       4


Nie hatten die Blumen so reichlich geblht und nie die Vgel so lustig gesungen,
als in diesem Sommer auf dem Gut des Freiherrn. Die Wintersaison hatte die
Familie mit einem groen Kreis des Landadels verbunden, und die Bekanntschaften
des Teetisches und Ballsaals spannen sich jetzt unter dem blauen Himmel weiter.
Fast immer war Besuch auf dem Schlo. Aus der Stadt kam Frau von Baldereck mit
Eugenie, zuweilen auch der Laubfrosch, Zernitz und Benno Tnnchen, von ihrem Gut
Frau von Werner mit einem Sohn und vier Tchtern. Theone und Hildegard waren
wochenlang die Gste Lenores, sie hatten kein Mittel gefunden, ihren Schwur zu
halten, und trafen jetzt wenigstens auf befreundetem Gebiet wieder zusammen. Das
Haus schien manchmal zu klein, die Gste zu fassen. In allen Zimmern des
Schlosses und auf dem runden Rasenplatz tummelten sich die zierlichen Gestalten
der Mdchen. Sie lasen Theaterstcke mit verteilten Rollen, sie fhlten
miteinander die zartesten und hchsten Gefhle durch, sie tanzten, sie schlugen
den dritten ab, oder lieen sich vom wilden Mann jagen. Und wenn die jungen
Herren ja einmal langweilig wurden und die Stimmung der Mdchen nicht
verstanden, so bestiegen diese den Kahn, ergriffen die Streichruder und zogen
sich vom Festlande zurck in eine unangreifbare Stellung mitten auf dem Wasser.
Wie s wurde dort geschwrmt, wenn das Ruder leise in der Flut pltscherte und
der Mond ber den Bumen des Parks heraufzog. Um den Kahn hoben die Seerosen ihr
weies Haupt aus dem Wasser, erfreut, da ihre Feinde, die Schwne, zur Ruhe
gegangen waren, das Bild des Mondes zitterte auf dem Kamm kleiner Kreiswellen,
die Nachtigall schmetterte im Busch, und ein warmer Windeshauch trieb den Duft
blhender Strucher ber den See. Dann sangen Theone und Hildegard zweistimmige
Lieder, oder Hulda Werner gestand eine holde Erinnerung aus der Residenz, oder
Eugenie machte spttische Bemerkungen ber die unglcklichen Herren, welche am
Uferrand auf und ab liefen und vergeblich durch List und Gewalt in den Besitz
des Kahnes zu kommen suchten.
    Aber die prchtigsten Stunden waren am Sonntagabend; dann wurde das
Winterkrnzchen fortgesetzt, der Reihe nach im Schlo der Rothsattel, bei
Werners, bei Balderecks. Wenn man nicht tanzte, trieb man schelmische Possen.
Man verkleidete sich. Mit Mnteln, Schals und Tchern drapierte sich die junge
Gesellschaft in der lcherlichsten Weise, dann stellte Zernitz, der in solchen
Dingen ein Meister war, schnell ein Tableau, und die Vter und Mtter muten als
Publikum zusehen. Oder man fhrte Scharaden in dramatischen Szenen auf, entweder
aus dem Stegreif oder so, da die Rollen der einzelnen auf kleine Zettel
geschrieben wurden, die man whrend der Auffhrung in der Hand hielt. Die ganze
Woche hindurch dachten die Mdchen auf hbsche Wrter, und wie man sie
darstellen knnte. Klassische Wrter wurden dort aufgefhrt, zum Beispiel:
Referendarius, als Reh, als Fee, als Wettrennen und als Knig Darius, wo Benno
Tnnchen als toter Darius auf dem Boden lag, und die schne Hulda Werner als
Alexander der Groe mit gerungenen Hnden hinter ihm stand, worauf Lenore als
Ganzes mit einer Brille auf der Nase und Akten unter dem Arm erschien und ber
den Laubfrosch, welcher ein Verbrechen begangen hatte, ihr Protokoll aufnahm. -
    Und erst als das treffliche Wort Parthenia dargestellt wurde.
    Zuerst ein feierliches Ehepaar aus der alten Zeit; dann ein langweiliger
Tee, dann ein schchterner Liebhaber, welcher tglich seiner Dame einen
Liebesantrag machen will und niemals damit zustande kommt, sondern immer sitzen
bleibt, so da die Dame zuletzt mit einem Seufzer die Erklrung ausrufen kann,
nie, nie! Und dann eine andere Brautwerbung, bei der ein verschmtes
Bauernmdchen ihrem Liebhaber, dem Otto Tronka, zuletzt ein leises Ja zuflstern
mu. - Theone Lara war als Bauernmdchen bezaubernd, nur das Ja sprach sie nicht
aus, sie schmte sich. - Und am Schlu erschien Lenore wieder als Ganzes, als
eine griechische Jungfrau, und der Laubfrosch, der Nuknacker und der kleine
Lanzau saen als Wilde in schwarzhaarigen Schlittendecken um sie herum, und
wurden von ihr ach! so schlecht behandelt.
    Wie glcklich war Lenore in dieser Zeit! Zwar ein wenig original war sie
geblieben, und die Mutter schttelte zuweilen den Kopf ber einen kecken Einfall
oder einen krftigen Ausruf, der den Lippen des schnen Mdchens entschlpfte.
Natrlich tanzte Lenore immer als Herr, sooft es an Herren fehlte; sie war die
Anfhrerin bei einigen entschlossenen Taten, welche die Mdchen verbten, sie
fhrte ihre ganze Gesellschaft einmal wohl eine Meile weit auf einen Punkt, wo
eine gute Aussicht sein sollte, sie zwang sie dann, in die Schenke des nchsten
Dorfes einzukehren und Milch und Schwarzbrot als Abendkost zu genieen, und
brachte die Todmden am spten Abend auf einem Leiterwagen zurck, den sie
gemietet hatte und auf dem sie stand und selbst kutschierte. Sie behandelte die
jungen Herren fortwhrend gnnerhaft wie kleine Jungen, die ein Butterbrot in
der Hand halten, sie lie sich von ihnen Pferdegeschichten erzhlen, und trat
bei einer dramatischen Szene zum Schrecken der Mutter sogar selbst als Herr auf,
mit einer Reitpeitsche und einem kleinen Bart von Wolle, den sie allerliebst zu
drehen wute. Dabei sah sie aber so wunderhbsch aus, da auch die Baronin nicht
im Ernst zrnen konnte.
    Wenn jemand auf dem Gut mit dem neuen Leben der Familie nicht ganz zufrieden
war, so war's die Baronin. ber ihren Gemahl war Zerstreuung und Geschftigkeit
gekommen, die wolkenlose ruhige Heiterkeit frherer Jahre schien aus seiner
Seele verschwunden. Auch jetzt im Sommer fuhr er oft nach der Stadt, manchen
Abend brachte er in der Ressource zu, und lustige Regimentskameraden, welche
eine Frau zu nehmen vermieden hatten, zogen ihn hufig aus den Zimmern der
Hausfrau in ihre Rauchstuben. Er verhandelte mit Ehrenthal und gefiel sich in
lauter Gesellschaft, von der er sonst wenig gehalten hatte. Es war eine sehr
geringe Vernderung des Freiherrn, nur fr das Auge der Gattin erkennbar. Und
auch die Baronin sah ein, da sie unrecht tue, ber diese Vernderung zu
trauern.
    Aber auch ihr wurde in dieser Zeit groe Freude. Eugen bestand sein
Offizierexamen und kndigte seinen Besuch an, um die Schnre auf seinen Achseln
zu zeigen. Die Mutter lie ihm sein Zimmer neu einrichten, und der Vater stellte
einen Gewehrschrank und eine neue Jagdausrstung hinein, die er ihm zum Geschenk
bestimmte. Als die Stunde kam, wo Eugen eintreffen sollte, konnte der Freiherr
die Ankunft gar nicht erwarten, er lie satteln und ritt dem Sohn bis zum
nchsten Dorf entgegen. Und als eine kleine Staubwolke auf der Landstrae das
Nahen des Reiters verkndete und der Vater die schlanke Gestalt des
Husarenleutnants vor sich erblickte, das Gesicht, welches der geliebten Frau so
hnlich sah, da sprang er wie ein Jngling vom Pferde, der Sohn tat im Nu
dasselbe, und es war ein guter Anblick, als die beiden ritterlichen Gestalten
einander auf der Heerstrae umarmten. Und stattlich anzusehen war's, als sie
nebeneinander dem Schlosse zutrabten.
    Ich bringe dir auch gute Nachricht vom Regiment, begann Eugen nach dem
ersten Austausch freudiger Fragen und Antworten. Zuerst lt dich der Oberst
gren.
    Er war seinerzeit ein toller Junge, sagte der Vater.
    Jetzt ist er ein Brummbr, sagte der Sohn. - Unser Avancement wird
magnifique. Waldorf wird ausscheiden mssen, weil seine Brust immer schlechter
wird; Balduin Tronka will sich versetzen lassen, er hat mit dem Rittmeister
einen famosen Streit gehabt, die Geschichte mu ich dir noch erzhlen, und
Stallinger bekommt das Majorat seines Onkels, der auf den Tod liegt. Er wird ein
fanatisch reicher Kerl. Man sagt, zwanzigtausend Revenen. - Das ist sehr
bertrieben, sagte der Vater, das Majorat ist wenig grer, als unser Gut.
    Jedenfalls wird er seinen Wallach dem Wachtmeister schenken, sagte der
Sohn. Er hat dem Tisch einen sperben Satz versprochen. Wie gefllt dir mein
Brauner, Vater? Sie hielten vor dem Hofe an, der Leutnant ritt das Pferd vor.
Der Freiherr untersuchte als Kenner und sprach im allgemeinen seine Billigung
aus. Wir wollen die Frauen berraschen, sagte der Freiherr. Vor dem
Pferdestall hielten sie noch einmal an. Als der Reitknecht die Pferde abnahm,
konnten Vater und Sohn sich nicht enthalten, auf einen Augenblick einzutreten.
Zuerst prften sie die Reitpferde des Freiherrn, dann gingen sie die Reihe der
Ackergule durch. Mit Gnnermiene schlug der Leutnant das eine oder andere,
einen persnlichen Bekannten, an den Hals und sprach zur Freude des Vaters mit
militrischer Krze entschiedene Urteile ber die Tchtigkeit aus. Die Knechte
standen ehrerbietig herum, Vater und Sohn gerieten in Eifer und teilten einander
nicht aufzuschiebende Sportanekdoten mit, der Freiherr mit der Ruhe eines alten
Robndigers, der Leutnant mit jugendlichem Feuer, seelenvergngt vor der
erprobten Weisheit des Vaters auch seine lustig grnende Wissenschaft zu zeigen.
Bei Lenorens Pony erinnerten sich Vater und Sohn zu gleicher Zeit an die Frauen
des Hauses und eilten schnell aus dem Stall nach dem Schlosse.
    In der Rosenlaube hielt die Baronin ihren Sohn umschlungen, whrend Lenore
ihm liebkosend auf die Schultern klopfte. - Jetzt erst begann die rechte Freude
auf dem Schlo. - Die Augen der Eltern glnzten, sooft sie auf die hohe Gestalt
des Reiters sahen. Wenn einzelne seiner Ausdrcke und Gebrden noch an die
Reitbahn erinnerten, so ertrug auch die Baronin das mit freundlichem Lcheln.
Denn seit alter Zeit ist der Stall die Vorhalle, durch welche der Kavalier zu
den geflligen Formen des Salons hinaufsteigt. Im Kreise der Mdchen eroberte
sich Eugen sofort die Herrschaft, wenigstens in allen lustigen Stunden wurde er
ihr bevorzugter Gefhrte. Er machte seine Besuche in der Umgegend, man lud ein
und wurde geladen, ein frhliches Fest folgte dem andern.
    Das Behagen an diesem bunten Treiben wurde dem Freiherrn nur durch einen
Umstand beeintrchtigt: er konnte durchaus nicht mehr mit seinem Gelde
auskommen. Was zwanzig Jahre hindurch mglich gewesen war, erwies sich jetzt als
vllig unmglich. Das Winterquartier in der Stadt, die grere Ausdehnung seiner
gesellschaftlichen Verbindungen, die Epauletten seines Sohnes, die Florkleider
und Spitzen Lenorens, sogar die Zuschsse, welche er zu den jhrlichen Zinsen
seiner Pfandbriefe machen mute, um die Interessen an die Landschaft zu zahlen,
das alles zusammen wurde ihm unbequem. Die Ertrge des Gutes wurden zuweilen
ungeduldig erwartet und schnell in Anspruch genommen, sie wurden dadurch nicht
grer und nicht sicherer; und mancher verstndige Vorsatz frherer Zeiten blieb
unausgefhrt. Er hatte den Plan gefat, eine sterile Sandflche an der Grenze
seines Gutes mit Kiefern zu besen, sogar die unbedeutenden Kosten dieser
Verbesserung wurden ihm lstig, und der gelbe Sand glnzte ungefurcht das ganze
Jahr in der Sonne. Wieder war er mehr als einmal in die Lage gekommen, die
zierliche Kassette, welche seine geliebten Pfandbriefe beherbergte, zu ffnen
und einzelne Nummern des schnen Pergaments herauszunehmen; wieder umwlkte sich
seine Stirn, und wieder durchfuhr eine fliegende Unruhe sein in der Regel so
wrdig gehaltenes Wesen. Aber es war nicht mehr die qulende Angst einer
frheren Zeit, er hatte bereits eine kleine Praxis in Geschften erworben und
sah die Sache ein wenig kaltbltiger an. Es mute einen Weg geben, aus diesen
Verlegenheiten herauszukommen, im schlimmsten Falle lebte er noch einen,
hchstens zwei Winter in der Stadt, bis Lenorens Erziehung vollendet war, und
zog sich dann mit Energie in seine Landwirtschaft zurck. Er fhlte, da ihm das
kein groes Opfer kosten wrde. Und dann fhrte er seine industriellen Projekte
aus, als guter Wirt nur auf die Zukunft der Kinder bedacht. Unterdes beschlo
er, sich gelegentlich bei Ehrenthal Rat zu holen. Der Mann war im ganzen doch
wohl ein ehrlicher Mann, soweit ein Negociant einem Edelmann gegenber so etwas
sein kann; und was die Hauptsache war, er kannte die Verhltnisse des Freiherrn
ziemlich genau, und der Herr fhlte ihm gegenber nicht die Scheu, welche ihn
abhalten mute, einem Fremden Bekenntnisse zu machen.
    Wie immer erschien auch diesmal der Hndler zu rechter Zeit. Seine
diamantene Busennadel blitzte, seine unterwrfigen Komplimente gegen die Baronin
waren lcherlicher als je, und seine Bewunderung des Gutes zeigte sich wahrhaft
grenzenlos. Der Freiherr fhrte ihn in guter Laune durch die Wirtschaft und
sagte endlich: Sie sollen mir einen Rat geben, Ehrenthal.
    Ehrenthal zuckte mit den Augen und sah den Freiherrn schlau an.
    Es waren nur wenige Jahre vergangen, seit sie einen hnlichen Gang durch die
Gebude des Hofes gemacht hatten, und sehr hatten sich die Zeiten gendert!
Damals mute der Hndler seinen guten Rat dem stolzen Baron so vorsichtig und in
Sigkeiten eingehllt anbieten, wie man dem unartigen Kinde eine Arznei
einflt, und jetzt kam derselbe Herr bereits hilfesuchend zu ihm.
    Der Freiherr fuhr mit mglichst leichtem Tone fort: Ich habe in diesem Jahr
grere Ausgaben gehabt, als frher, selbst die Pfandbriefe verlangen Zuschsse,
ich mu darauf denken, meine Einnahmen zu vermehren. Was ist nach Ihrer Meinung
fr diesen Zweck am besten zu tun?
    Die Augen des Hndlers glnzten, aber er erwiderte mit gebhrender Demut:
Was zu tun ist, werden der Herr Baron besser wissen, als ich.
    Nur keins von Ihren Geschften, Ehrenthal, warf der Freiherr vorsichtig
ein. Ich werde mit Ihnen nicht wieder in Kompanie treten.
    Kopfschttelnd antwortete Ehrenthal: Es ist auch nicht immer zu machen ein
solches Geschft, welches ich mit gutem Gewissen dem Herrn Baron empfehlen kann.
Der gndige Herr hat fnfundvierzigtausend Taler liegen in Pfandbriefen. Wozu
sich halten die Pfandbriefe, welche sowenig Zinsen geben? Wenn Sie dafr kaufen
eine sichere Hypothek zu fnf Prozent, so werden Sie davon zahlen vier Prozent
an die Landschaft und ein Taler vom Hundert bleibt Ihnen als Vorteil, ein
jhrlicher Vorteil von vierhundertfnfzig Taler fr Ihre Kasse. Und Sie knnen
dabei haben noch einen greren Vorteil. Manche sichere Hypothek zu fnf Prozent
wird angeboten zum Kauf mit groem Profit fr den Kufer, welcher Bargeld
bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtausend Taler zahlen, vielleicht
noch weniger, und eine gute Hypothek erhalten, welche Ihnen bringt fnf Prozent
Zinsen von fnfundvierzigtausend Talern.
    Der Freiherr antwortete: So war auch mein Gedanke, aber mit der Sicherheit
solcher Hypotheken, welche auf dem Markt in den Hnden von Euch Hndlern sind,
sieht es schlecht aus, und ich kann mich darauf nicht einlassen.
    Ehrenthal wlzte durch eine Handbewegung jeden Bruchteil dieses Vorwurfs,
welcher ihn persnlich htte treffen knnen, von sich ab und sagte rgerlich
ber den unsoliden Schacher mit solchen Instrumenten: Ich mache nicht gern
Geschfte mit Hypotheken; was so ist auf dem Markt in den Hnden der Hndler,
das ist nichts fr den Herrn Baron; Sie mssen sich wenden an einen
zuverlssigen Mann. Sie haben einen Rechtsanwalt, welcher gute Geschftskenntnis
hat, vielleicht kann der Ihnen schaffen eine sichere Hypothek.
    Sie wissen also keine? frug der Freiherr prfend und doch mit dem stillen
Wunsche, da Ehrenthal ihm die Mhe erleichtern mchte.
    Ich wei keine, sagte der Hndler mit grter Entschiedenheit. Aber wenn
Sie wnschen, will ich mich erkundigen unter der Hand; es sind immer welche zu
haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen sagen, was er fr sicher hlt. Solche
Herren geben sich nur keine Mhe bei den Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie
werden beim Rechtsanwalt voll einzahlen mssen die ganze Summe fr dieselbe
Hypothek, welche Sie durch einen Geschftsmann knnen erhalten mit einem Vorteil
von einigen Tausend.
    Da in der Seele des Freiherrn dieser Vorteil bereits die grte Wichtigkeit
erlangt hatte, so fate er in der Stille seinen Entschlu. Er wollte sehr
vorsichtig sein, aber womglich lieber eine bereits vorhandene Hypothek kaufen,
als durch seinen Rechtsfreund das Geld anlegen lassen. Und dem Hndler sagte er:
Es eilt nicht, falls Sie etwas Passendes finden, benachrichtigen Sie mich.
    Ich will mir Mhe geben, sprach der Hndler mit Zurckhaltung, aber es
wird am besten sein, wenn auch der Herr Baron bei diesem Geschft Erkundigungen
einziehen, denn ich mache sonst keine Geschfte mit Hypotheken.
    Wenn diese uerung auch nicht wahrhaftig war, so erfllte sie doch ihren
Zweck, denn die khle Unschuld des Hndlers steigerte das Zutrauen des Freiherrn
zu ihm um ein Bedeutendes. Ehrenthal aber suchte eilig von dem Gute wegzukommen;
er vernachlssigte diesmal die feinwolligen Sprungbcke, bersah das runde
Aussehen der Sperlinge auf dem Dache und grollte seinem Kutscher, weil dieser zu
langsam fuhr: Wenn ich einer Schnecke binde die Zgel an ihre Hrner, so wird
sie mich schneller fahren als Ihr, zankte er rgerlich und rckte auf seinem
Sitze hin und her.
    Der Kutscher peitschte verdrielich die Pferde und warf grob ber die
Schulter zurck: Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden sie mehr sein
wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp auf steinigem
Wege!
    Der Freiherr fuhr am nchsten Tage nach der Stadt und ersuchte seinen
Rechtsfreund, die ntigen Anstalten zur Erwerbung einer Hypothek zu machen. Er
verbarg ihm nicht, da er dieselbe gern mit einigem Vorteil erhalten wrde.
    Der verstndige Jurist riet ihm dringend, auf solchen Vorteil zu verzichten,
weil keine Aussicht sei, da er eine sichere Anlage um weniger als den Nennwert
bewirken werde. Grade dieser Rat machte den Freiherrn nur noch mehr geneigt,
sich beim Erwerb der Hypothek seinem eigenen Urteil zu berlassen.
    Einige Tage darauf meldete sich beim Baron ein starker groer Mann mit
rtlichem, glnzendem Gesicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptstadt. Der wrdige
Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons gefhrt und beeilte sich,
sein Erscheinen zu entschuldigen. Er hatte gehrt, da der gndige Herr Geld
anzulegen wnschte, und wute eine ausgezeichnet sichere, hchst empfehlenswerte
Hypothek von vierzigtausend Taler auf eine groe Herrschaft in der benachbarten
Provinz, Eigentum des reichen Grafen Zaminsky, der im Ausland lebte. Die Gter,
auf welchen die Hypothek haftete, hatten alle mglichen Vorteile; es waren drei,
vier Gter, es war eine Waldflche dabei von mehr als zweitausend Morgen, und
reiner Urwald war das nach den Schwren des Berichterstatters. Vier Drfer waren
zu Spann- und Handarbeit verpflichtet, hundert Stellen in vier Drfern hatten
bares Geld an die Herrschaft zu zahlen, kurz, es war eine Besitzung, welche dem
grten Frsten keine Schande gemacht htte. Und diese Hypothek von
vierzigtausend Talern stand mit ihrem Pfandrecht gleich hinter den ersten
hunderttausend Talern. Hinter ihr waren noch fnf oder sechs kleinere, aber
immerhin ansehnliche Kapitalien eingetragen. Die Hypothek war gegenwrtig im
Besitz des Grafen Zaminsky selbst. Er hatte dieselbe seinem Geschftstrger zum
Verkaufe zediert. Und dieses vortreffliche Instrument war, wie Pinkus
geheimnisvoll andeutete, mglicherweise fr neunzig Prozent, also fr
sechsunddreiigtausend Taler, zu haben. Es war unbequem, da die Herrschaft in
einer benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirtschaft noch viele
altertmliche Eigenschaften hatte. Aber die Grenze war hchstens zwei Meilen
entfernt, die nchste Kreisstadt war durch eine Chaussee mit der Welt verbunden,
kurz es gab nichts, was nicht bei unbefangener Betrachtung an der Hypothek
einnehmend erschienen wre, und Pinkus wrde sich nie entschlossen haben, einen
solchen Schatz irgendeinem fremden Kufer zu gnnen, wenn dieser nicht in so
ausgezeichneter Weise alle hheren Tugenden in seiner Person vereinigte, wie der
Freiherr.
    Der Gutsherr verhielt sich gegenber diesen Anpreisungen so wrdig, wie
einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor seinem Abgange zog Pinkus ein dickes
Aktenbndel, welches das Dokument selbst vorstellte, aus einer Ledertasche
hervor und legte dasselbe vertrauensvoll vor dem Freiherrn auf den Tisch, damit
dieser bei Gelegenheit mit Mue die Richtigkeit aller Angaben prfen knnte.
    Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Dokument zu seinem Rechtsfreund,
ersuchte ihn, dasselbe durchzusehen und die ntigen Ermittelungen anzustellen.
Er selbst stieg darauf die schwarze Treppe zur weilackierten Pforte des Herrn
Ehrenthal hinauf.
    Ehrenthal war entzckt ber das Glck, welches ihm widerfuhr, er warf seinen
Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron mge ihm die
unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frhstcken. Der Freiherr war human genug,
das nicht ganz auszuschlagen; er wurde in das distinguierte Putzzimmer des
Hauses gefhrt und sah mit innerer Heiterkeit ber die auffallenden Farben der
bunten Vorhnge, den roten Plsch des Sofas, den unsaubern Fuboden und die
zahlreichen schlechten lbilder an den Wnden, dicke Farbenmassen, welche
wahrscheinlich auf dem Trdel gekauft waren und schwrzlichen Baumschlag aus
irgendeinem unreinlichen Weltteil darstellten. Die schne Rosalie trat nach
einiger Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hngelocken, in rauschendem
Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den Frhstckstisch. Es
war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu beobachten, wie die gezierte
Haltung der Tochter mit dem kriechenden Wesen des Vaters kontrastierte, und der
gute Herr freute sich schon darauf, wie er auf den Abend beim Teetisch der
Baronin und seiner Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und
Unbehilflichkeit schildern wrde. So sa er auf dem Sofa und sah mit
freundlichem Lcheln auf den Hndler. Herr Ehrenthal sa ihm gegenber und
freute sich auch; auch sein Mund lchelte so verbindlich als mglich. Endlich
sagte der Freiherr, nachdem er der schnen Tochter des Hauses einige artige
Worte gegnnt hatte: Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?
    Die Tochter verschwand bei diesen geschftlichen Worten, der Vater rckte
sich auf seinem Stuhl zurecht. Ja, ich kenne ihn, sagte er khl, er ist ein
kleiner Geschftsmann; ich glaube auch, da er ist ein ehrlicher Mann. Er ist
nicht von Bedeutung, er macht seine Geschfte nach Polen zu.
    Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypothek zu
kaufen? fragte der Freiherr weiter.
    Was sollte ich es ihm sagen? antwortete Ehrenthal; ist er gewesen bei
Ihnen wegen einer Hypothek, fragte er kopfschttelnd, so hat er es erfahren
von einem anderen Geschftsmann, mit dem ich darber gesprochen. Der Pinkus ist
ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek fr Sie? Hier deutete Herr
Ehrenthal durch eine Handbewegung an, wie klein Pinkus sei, und hob die Augen in
die Hhe, gleichsam, um die unermeliche Hhe des Barons anzudeuten.
    Der Baron erzhlte ihm darauf, welche Hypothek der Unterhndler ihm
angeboten habe, und fragte nach den Gtern und Verhltnissen des Grafen.
    Herr Ehrenthal wute nichts Nheres, besann sich aber, da ein respektabler
Geschftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot sich, diesen Mann
aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn zu senden.
    Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrenthal begleitete ihn die Treppe
hinunter bis an den Hausflur und sagte beim Abschied: Seien Sie vorsichtig,
Herr Baron, mit der Hypothek, es ist schnes Geld, und es gibt viele schlechte
Hypotheken, aber es gibt auch gute Hypotheken, und es wird viel geschwatzt von
manchen Geschftsleuten zur Empfehlung ihrer Sachen. Und was den Lbel Pinkus
betrifft, so ist er nur ein kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschft,
aber er ist, soweit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der
Hypothek sagen, scheint gut, aber doch bitte ich untertnig, Herr Baron, seien
Sie vorsichtig.
    Da der Freiherr durch diese wortreiche Rede um nichts klger geworden war,
so ging er in seine Wohnung und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des fremden
Geschftsmanns. Dieser lie nicht lange auf sich warten. Diesmal war es ein Herr
Lwenberg, in seiner Erscheinung ein Seitenstck zu Ehrenthal und Pinkus. Nur
war er etwas hagerer als die beiden und trug als Mann aus der Provinz ein
schweres spanisches Rohr und in der Hand eine Mtze. Er gab sich als einen
Weinkaufmann zu erkennen und zeigte sich ber die betreffenden Gter und die
Verhltnisse des Grafen sehr gut unterrichtet. Er erzhlte, da der gegenwrtige
Besitzer noch jung sei, im Auslande lebe, da der verstorbene Vater desselben
etwas bunt gewirtschaftet habe, dagegen sei jetzt bessere Ordnung eingefhrt,
man erzhle sich Gutes von dem Erben, und wenn auch Kapitalien auf den Gtern
stnden, so habe die Familie doch so viele Mittel, da an eine Gefhrdung ihres
Besitzes gar nicht zu denken sei. Die Gter seien noch nicht auf hoher
Kulturstufe, jedenfalls sei aber viel daraus zu machen, und er hoffe, der junge
Graf werde der Mann dazu sein. Alles, was er sagte, war nicht bertrieben, es
klang recht nchtern und verstndig. Das Ganze war entschieden gnstig, und als
der Fremde den Baron verlie, war dieser fast entschlossen, das Geschft zu
machen. Um nichts zu versumen, ging er noch zu einem seiner Bekannten und zog
Erkundigungen ein. Was er erfuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungnstig. Die
Hauptsache war, da die Familie eine sehr alte und in ihrer Provinz angesehene
Familie war, und da der verstorbene Graf Zaminsky wild gewirtschaftet hatte.
Bevor er nach Hause fuhr, erhielt er einen Gegenbesuch des Herrn Ehrenthal,
welcher ihn benachrichtigte, da die Wolle der Schafe auf diesen Gtern
allerdings nicht fein sei, und dagegen vom Freiherrn erfuhr, da er vor allem
noch das Gutachten seines Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er sich
entschliee.
    Das kleine Comtoir Ehrenthals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte
seinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr Ehrenthal
in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch weien Briefpapiers sa
und die Ankunft seines Meisters erwartete. Ehrenthal war in groer Aufregung, er
legte seinen Stock ab, verga aber den Hut abzunehmen und schritt unruhig in dem
Raum auf und ab.
    Itzig dachte: Was tut der Rebb? Was hat er, da er heut so in Sorgen ist?
Da trat Ehrenthal vor Itzig und sagte mit Eifer: Itzig, heut werden Sie zeigen,
ob Sie verdienen, da Sie Brot bei mir haben und den Mittagstisch, den ich Ihnen
gebe wegen Ihrer Bildung. - Was soll ich tun? sprach Veitel und erhob sich
von seinem Sitz.
    Erst werden Sie mir rufen den Lbel Pinkus, dann werden Sie mir bestellen
eine Flasche Wein und zwei Glser, und dann gehen Sie fort, ich brauche Sie heut
nicht mehr. Sie sollen mir aber gehn und herausbringen, an wen der Justizrat
Horn, welcher wohnt am Markte, heut geschrieben hat nach Rosmin, auerhalb der
Provinz, und wenn er heut nicht geschrieben hat, an wen er morgen schreibt. Ich
werde Ihnen geben fnf Talerstcke, damit Sie das knnen erfahren. Wenn Sie mir
heut abend noch Antwort bringen, so sollen Sie auerdem haben einen Dukaten.
    Veitel erglhte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Klte: Ich
kenne keinen von den Schreibern des Justizrats und brauche Zeit, bis ich machen
kann ihre Bekanntschaft. Morgen abend sollen Sie Antwort haben, Sie knnen mir
aufheben den Dukaten auf morgen.
    Wenn Sie Bescheid bringen, kommen Sie zu jeder Zeit, und wenn es wre nach
Mitternacht, rief ihm Ehrenthal nach.
    Itzig sprang die Treppe hinauf, bestellte in der Kche eine Flasche Wein und
lief dann als Sprhund auf die Straen.
    Unterdes schritt Herr Ehrenthal, den Hut auf dem Kopfe, die Hnde auf dem
Rcken, immer noch in dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit dem Haupt wie
eine Pagode. So sah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus wie ein dickes
schwarzes Gespenst, das seinen abgeschlagenen Kopf nicht fest auf den Schultern
halten kann.
    Veitel fhrte auf seinem Gange lebhafte Unterhaltung mit sich selbst. Was
ist los? fragte er, es mu ein groes Geschft sein und soll mir bleiben ein
Geheimnis. Ich soll den Pinkus holen. Der Pinkus ist gewesen vor einigen Tagen
beim Ehrenthal, und den Tag darauf ist er gefahren aufs Land zum Baron
Rothsattel. Das Geschft ist also ber den Baron. Und der Ehrenthal will einem
vorsetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt keinen Wein, es mu sein ein
anderer, es wird nicht sein der Baron selbst, denn den Edelmann fhrt er nicht
ins Comtoir, der mu oben hinauf zum roten Plsch. - Wenn der Pinkus zu tun hat
bei dem Geschft mit dem Baron, so kann er nur haben gestellt das Sprenkel fr
den Rothschwanz, und der jetzt abends kommt, den ich nicht sehen soll, der mu
sein der Treiber, - und der Ehrenthal selber? Als er heut herunterging mit dem
Baron, habe ich gehrt, wie er sagte: Seien Sie vorsichtig! Folglich ist der
Alte der Scheucher. Wenn der Ehrenthal scheucht, so mu es sein ein groes und
ein delikates Geschft. Bei diesem Punkte seines Monologs war Veitel vor der
Herberge angekommen, er bestellte seinem Wirt, der eilig aus dem Laden in seine
Stube lief, sich einen besseren Rock anzuziehen, und ging dann im Selbstgesprch
weiter. Wenn der Schreiber, der die Briefe aus dem Geschfte des Justizrats
trgt, um sieben Uhr zur Post geht, und ich die Adresse von den Briefen lesen
knnte, so wrde ich mir ersparen die fnf Taler, berlegte er weiter. Es geht
nicht, setzte er bekmmert hinzu, er gibt die Briefe in einem Haufen in das
Postloch hinein, der Postmann ist zu schnell, ich werde nicht lesen knnen die
verkehrten Adressen. - Vielleicht kann ich's doch mglich machen; der die Briefe
auf die Post trgt, ist in der Regel ein junger Mensch; vielleicht kann ich ber
ihn kommen. Und geht's nicht so, so geht's anders, ich kenne einen Schreiber von
einem Justizmann, welcher schon manchen Groschen von mir verdient hat. Die
Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei Taler gebe, besorgt er mir das
Verzeichnis der Briefe von seinem Kollegen, drei Taler will ich sparen.
    Nachdem Veitel diesen Entschlu gefat hatte, ging er in das Haus des
Rechtsanwalts und stellte sich, wie jemand erwartend, so auf, da er das
Amtslokal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schlu der Sprechstunde, mehrere
Menschen, welche den vielbesuchten Notar konsultiert hatten, kamen die Treppe
herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger Mann strzte mit einem
Paket Briefe zum Hause hinaus. Veitel setzte ihm in langen Schritten nach,
machte an der nchsten Ecke eine Schwenkung und stand vor dem Schreiber. Er
berhrte seinen Hut: Sie sind aus dem Geschft des Justizrats Horn? - Ja,
sagte der Schreiber eilig und wollte weitergehen.
    Ich bin aus der Provinz und warte seit drei Tagen auf einen dringenden
Brief vom Herrn Justizrat, ich bin heut gekommen, um ihn zu sprechen, vielleicht
haben Sie selbst einen Brief an mich aufzugeben auf der Post.
    Mitrauisch sah der Schreiber ihn an und fragte: Wie heien Sie? Veitel
griff in die Tasche, holte schnell ein Achtgroschenstck hervor und sagte: Ich
will nichts Unrechtes von Ihnen, junger Mann, ich will nur, da Sie die
Geflligkeit haben und mich lassen nachsehen, ob ein Brief fr mich da ist.
    Ich kann Ihr Geld nicht nehmen, erwiderte der Schreiber kurz, im Begriff
weiterzugehen. Wie heien Sie denn?
    Bernhard Magdeburg aus Ostrau, sagte Veitel schnell, es kann aber der
Brief auch sein an meinen Onkel.
    Es ist kein Brief fr Sie darunter, antwortete der Schreiber, flchtig die
Adressen auseinanderhaltend.
    Veitels Augen starrten auf die Briefe, als wollten sie das Papier
durchbrennen, es war ihm aber nicht mglich, mit den Augen der Handbewegung des
Schreibers zu folgen. Er fate daher mit schnellem Griff das Bndel Briefe, und
whrend der erzrnte Schreiber ihn von der andern Seite packte und rief: Was
fllt Ihnen ein, Herr, wie knnen Sie sich unterstehen! las er mit fliegender
Eile die Aufschriften, gab die Briefe in einer verzweifelten Ruhe zurck und
sagte, an den Hut greifend: Ich danke Ihnen, es ist nichts fr mich darunter.
Der emprte Schreiber wollte ihn halten: Herr, wie knnen Sie diese
Unverschmtheit haben! -
    Versumen Sie nicht die Post, sagte Veitel gutmtig, ich gehe jetzt
selbst zum Herrn Justizrat. Damit drehte er sich schnell auf das Haus zu und
entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erstarrt ber die Frechheit
dastand und endlich nach der Post strzte, die versumte Zeit nachzuholen.
    Veitel hatte nur wenig Adressen in seinem Gedchtnis behalten trotz seiner
schnellen Beobachtungsgabe. Vielleicht ist damit der Dukaten verdient, sagte
er; wo nicht, so schadet's auch nichts. Er schlich langsam an den Husern auf
Umwegen nach dem Comtoir zurck, stellte sich an die Tr und horchte. Der
wrdige Pinkus sprach, aber es wurde leise geredet, und Veitel konnte nur wenig
verstehen. Endlich wurden die Stimmen lauter und es klang wie Zank zwischen den
beiden Herren.
    Wie knnen Sie fordern eine so groe Summe fr den einen Weg? rief
Ehrenthal zornig; ich habe mich in Ihnen getuscht, wenn ich Sie habe gehalten
fr einen zuverlssigen Mann.
    Ich will zuverlssig sein, klang die Stimme des Pinkus dazwischen, aber
ich mu vierhundert Taler haben, oder es wird nichts aus dem Geschft.
    Wie knnen Sie sagen, da nichts aus dem Geschft wird? Was wissen Sie von
dem ganzen Geschft? Wer sind Sie, da Sie etwas davon wissen knnen?
    Ich wei so viel, da ich mir kann die vierhundert Taler geben lassen von
dem Baron, wenn ich zu ihm gehe und ihm sage, was ich wei߫, schrie Pinkus mit
lauter Stimme.
    Sie sind ein schlechter Mensch, rief Ehrenthal im Zorn. Sie sind ein
Spion! Sie sind mir verchtlich wie eine Maus, welche piept in ihrem Loch.
Wissen Sie, wen Sie so behandeln? Mich behandeln Sie so, fuhr er immer zorniger
fort. Ich kann Ihnen nehmen Ihren Kredit und werde Sie bekanntmachen als ein
schlechtes Subjekt bei allen Geschftsleuten.
    Und ich will Sie bekannt machen dem Baron, was Sie sind fr ein schlechter
Mann, rief seinerseits Pinkus erzrnt.
    Bei diesen Worten ffnete sich die Tr, Veitel tauchte mit einem Sprung in
den Schatten der Treppe.
    Ich will Ihnen Zeit lassen zur berlegung bis morgen frh, schrie der
abgehende Pinkus ins Comtoir zurck und rannte hinaus.
    Veitel trat mit der grten Unbefangenheit in das Comtoir und wurde von
seinem Patron, der in dem kleinen Raum auf und ab strmte, wie ein wildes Tier
im Kfig, gar nicht gesehen. Gerechter Gott, da dieser Lbel sein kann ein
solcher Verrter! Er wird alles ausschwatzen auf dem Markte, er wird mich
ruinieren, jammerte Herr Ehrenthal und schlug die Hnde zusammen.
    Wozu soll er Sie ruinieren? fragte Veitel und warf seinen Hut auf das
Pult.
    Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehrt? schrie ihn Ehrenthal zornig an.
    Alles habe ich gehrt, sagte Veitel kaltbltig. Sie haben ja beide
geschrien, da man es hren mute in dem Hausflur; warum haben Sie mir ein
Geheimnis gemacht aus dem Geschft? Wenn Sie mir gesagt htten, was Sie
vorhaben, ich htte Ihnen den Lbel billiger verschafft.
    Herr Ehrenthal sah starr auf den kecken Burschen und konnte nichts
hervorbringen, als die Worte: Was ist das?
    Ich kenne den Pinkus, fuhr Veitel fort, entschlossen, sich zum Mitspieler
in dem Stck zu machen, welches jetzt aufgefhrt wurde. Wenn Sie ihm geben
hundert Taler, so wird er Ihnen als treuer Mann verkaufen eine gute Hypothek an
den Baron.
    Was wissen Sie von der Hypothek? fuhr Herr Ehrenthal bestrzt heraus.
    Ich wei genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will, antwortete
Veitel. Und ich will Ihnen helfen, wenn Sie haben Vertrauen zu mir.
    Herr Ehrenthal starrte immer noch verwundert in das Gesicht seines
Buchhalters, es dmmerte ihm die Ansicht, da sein Gehilfe mehr kaltes Blut und
Entschlossenheit haben knnte, als er selbst. Endlich rief er zwischen Freude
und Sorge: Sie sind ein braver Mensch, Veitel, schaffen Sie mir den Pinkus
zurck, er soll haben die hundert Taler.
    Ich habe auch gelesen die Aufschrift von den Briefen, welche der Justizrat
zur Post gegeben hat. Es ist ein Brief darunter an den Justizkommissarius
Walther.
    Ich hab's gedacht, rief Herr Ehrenthal erfreut; es ist gut, Itzig,
schaffen Sie mir den Lbel!
    Dem Schreiber des Justizrats habe ich zu zahlen fnf Taler, und ich soll
bekommen einen Dukaten, macht acht Taler 5 1/2, fuhr Veitel fort, ohne sich von
der Stelle zu rhren.
    Es ist schon gut, beschied ihn Ehrenthal durch eine nachlssige
Handbewegung; Sie sollen haben das Geld, aber vor allem mu ich haben den
Pinkus.
    Veitel eilte hinber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen
Geschftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurckgezogen, in welcher auch
er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzglichkeiten, die ihm Ehrenthal
vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.
    Veitel ffnete die Tr und sagte mit Energie: Pinkus, ich komme vom
Ehrenthal, ich will, da Sie nehmen hundert Taler und helfen meinem Rebb; ich
will, da Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn Sie etwas von ihm
wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so wei ich etwas von Ihnen, was
Ihnen schaden wird bei der Polizei.
    Der Pinkus stand still und unterdrckte einen Fluch, den er gegen Veitel auf
seinen Lippen hatte. Ich bin ein ehrlicher Mann, rief er trotzig, und brauche
mich vor der Polizei nicht zu frchten.
    Sie wird fragen, was Sie fr ein Warenlager halten in dem Hause daneben,
und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waren. Ich will Sie aber nicht zu
Schaden bringen; Ehrenthal wird Ihnen geben hundert Taler, und Sie werden mir
geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube und ein Bett gegen billige Miete,
und werden mich nicht mehr behandeln als Bocher, sondern als Geschftsmann,
welcher so gut ist wie Sie.
    Pinkus war berrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile auf,
focht mit Hnden und Fen gegen eine feindliche Luft, welche ihm keinen
Widerstand leistete; er beschwor hufig seine Ehrlichkeit und mischte starke
Klagen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wellen seiner sittlichen Entrstung
allmhlich kleiner und krzer wurden und zuletzt in seiner Seele ein anmutiges
Wellengekrusel entstand, als Zeichen, da sie brauchbar geworden fr alle guten
Werke des Friedens.
    Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandelung ruhig abgewartet und
fhrte jetzt den Vershnten im Triumph zu Ehrenthal zurck. Hier maen die
beiden wrdigen Mnner einander zuerst mit feindseligen Blicken, dann
schttelten sie einander die Hnde und versicherten sich gegenseitig ihrer
Hochachtung, whrend Veitel wieder als Genius des Friedens daneben stand und
beide mit einem Gefhl betrachtete, welches der entschiedenste Gegensatz von
Hochachtung war. Pinkus steckte ein Kassenbillett von hundert Talern ein und
empfahl sich, da seine Hilfe bei der groen Operation nicht mehr ntig schien,
und Veitel ffnete kurz darauf die Tr fr Herrn Lwenberg, den Geschftsmann
aus der Provinz, und lchelte innerlich, als Ehrenthal fast bittend sagte:
Lieber Itzig, Sie knnen jetzt gehen. Er ging diesmal, ohne am Schlsselloch
zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben Abend ein kleines
Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas Likr und a das Bratenstck,
welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.
    Unterdes sagte Herr Ehrenthal zu Lwenberg, als beide bei einem Glas Wein
gemtlich einander gegenbersaen, ich habe erfahren, da der Justizrat Horn
sich Auskunft holt ber die Hypothek bei dem Justizkommissarius Walther in Ihrem
Orte. Ist etwas zu machen mit diesem Mann?
    Es ist nichts zu machen mit Geld, erwiderte der Mann aus der Provinz
nachdenklich, aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er wei
nicht, da ich selbst von dem Bevollmchtigten des Grafen den Auftrag habe, zu
verkaufen diese Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in meinen Geschften und
werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das Gut und die Verhltnisse des
Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, da ich Lust habe zu kaufen diese
Hypothek.
    Kopfschttelnd sagte Ehrenthal: Wenn er kennt den Grafen und sein Gut, so
wird Ihr Lob noch nicht helfen, da er einen gnstigen Brief hierherschreibt.
    Es hilft doch, diese Justizkommissarien mssen bei uns Erkundigungen
einziehen ber die Verhltnisse; sie knnen selbst nicht so gut wissen wie wir,
wie es steht mit dem Kauf und Verkauf der Wolle und des Getreides. Wir mssen
tun, was wir knnen, und ich glaube, es wird helfen fr das Geschft.
    Ehrenthal sttzte schwermtig den Kopf auf die Hand und sagte mit einem
Seufzer: Sie knnen glauben, Lwenberg, es macht mir schwere Sorge.
    Es wird auch sein ein schner Vorteil, trstete der andere. Neunzig
Prozent zahlt der Kufer, den Sie haben, und dem Grafen werden geschickt nach
Paris siebzig Prozent; von den zwanzig Prozent Differenz zahlen Sie fnf an den
Bevollmchtigten des Grafen, und fnf an mich fr meine Bemhung, und zehn
Prozent bleiben Ihnen. Viertausend Taler sind ein schner Gewinn bei einem
Geschft, zu dem man braucht kein Kapital.
    Aber es macht Sorge, sprach Herr Ehrenthal gebeugt; glauben Sie mir,
Lwenberg, ich bin so aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine Nacht, wo ich
schlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn meine Frau mich fragt:
Schlfst du, Ehrenthal?, so mu ich ihr immer sagen: Ich kann nicht schlafen,
Sidonie, ich mu denken an die Geschfte.
    Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapost zum Tore hinaus. Am nchsten
Morgen erhielt der Justizkommissarius Walther einen Geschftsbesuch des Herrn
Lwenberg und wurde durch die khle und berzeugende Weise dieses Herrn
allerdings zu der Ansicht gebracht, da die Verhltnisse des Grafen Zaminsky
doch nicht so zerrttet waren, als man in der Umgegend erzhlte.
    Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rothsattel einen Brief seines
Rechtsfreundes und darin die Kopie eines Schreibens vom Justizkommissarius
Walther. Das Gutachten beider Rechtsverstndigen stellte den Kauf der Hypothek
als ein Geschft dar, von dem wenigstens nicht unbedingt abzuraten war. Und als
den Tag darauf Ehrenthal auf dem Gut seinen Besuch machte, hatte der Freiherr
seinen Entschlu gefat, die Hypothek zu nehmen. Was ihn lockte, fortwhrend,
unwiderstehlich, das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Talern. Es war
ein Segen der Praxis, die er in dem frheren Geschft mit Ehrenthal erworben
hatte. Er wollte die Hypothek gut finden, und htte sie vielleicht genommen,
auch wenn sein Rechtsfreund ihm entschieden abgeraten htte.
    Ehrenthal erbot sich mit groer Uneigenntzigkeit, da er doch eine
Geschftsreise in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn anzunehmen
und fr ihn den Kauf mit dem Bevollmchtigten abzuschlieen. Der Freiherr war
gern damit zufrieden, denn sein Zartgefhl strubte sich mit Recht dagegen, da
er in eigener Person eine Zahlung machen sollte, deren Betrag geringer war, als
die Summe, welche er durch das Hypothekeninstrument dafr kaufte.
    Acht Tage spter war er im Besitz einer Hypothek von vierzigtausend Talern,
fr welche er nur sechsunddreiigtausend Taler gezahlt hatte, und Ehrenthal und
seine Freunde hatten obendrein ein schnes Geschft gemacht, das beste von allen
Itzig, denn er hatte ein bergewicht ber seinen Meister erhalten und war
Ratgeber und Vertrauter geworden bei den geheimnisvollsten Unternehmungen. Alle
Parteien waren zufrieden. Der Freiherr holte seine reich ausgelegte Kassette
hervor und legte an die Stelle der schnen weien Pergamente das dicke,
gelbliche, durch viele Hnde abgegriffene Aktenbndel, welches von jetzt ab sein
Vermgen vorstellte. Er sah nicht mehr mit der frohen Aufmerksamkeit hinein,
welche er frher den Pfandbriefen gegnnt hatte, er warf den Deckel des
Kstchens schnell zu und schob es in den Sekretr, ganz wie ein alter ermdeter
Geschftsmann, wie einer, der froh ist, eine Arbeit hinter sich zu haben. Er
eilte in die Zimmer der Damen und beschrieb dort mit Laune die Glckwnsche und
Bcklinge Ehrenthals.
    Ich mag ihn nicht leiden, sagte Lenore, er sieht aus wie ein kleiner
fauchender Hamster.
    Diesmal wenigstens hat er sich in seiner Weise uneigenntzig gezeigt,
antwortete der Vater. Es ist wahr, alle diese Geschftsleute haben etwas
Karikiertes, und es ist bei aller Gutmtigkeit fr unsereinen nicht immer
mglich, bei ihren Bcklingen das Lachen zu unterdrcken.
    An demselben Abende ging Herr Ehrenthal bei seiner Frau Sidonie im langen
Schlafrocke sehr vergngt auf und ab, er versuchte ein kleines Lied zu singen,
klopfte seine Tochter Rosalie auf den weien Nacken und warf seiner Frau von
Zeit zu Zeit einen schlauen und zrtlichen Blick zu, so da ihn Madam Ehrenthal
endlich fragte: Du hast abgemacht dein Geschft mit dem Baron?
    Ja, rief Ehrenthal lustig.
    Er ist ein schner Mann, der Baron, bemerkte die Tochter.
    Er ist ein guter Mann, sagte Ehrenthal, aber er hat seine Schwchen. Er
ist einer von den Menschen, welche verlangen tiefe Bcklinge und untertnige
Reden und welche Geld bezahlen, damit andere fr sie denken. Er wrde lieber
verlieren eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm spricht mit gebogenem Rcken,
den Hut in der Hand. Es sind auch solche Leute ntig in der Welt, was sollte
sonst werden aus unserm Geschft? -
    Und an demselben Abend sa auch Veitel in seiner Stube, und der Advokat
neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunstsprache ber das abgeschlossene
Geschft und sagte: So ist der Rothschwanz gefangen in dem Sprenkel, und der
Ehrenthal hat dabei gewonnen viertausend Taler.
    Hippus hatte seine Brille abgenommen und sah in dem viereckigen Holzkasten,
welchen Frau Pinkus ein Sofa nannte, gerade aus wie ein weiser ltlicher Affe,
der den Weltlauf verachtet und seinen Wrter in die Beine beit. Er hrte mit
kritischem Ernst auf den Bericht seines Schlers, schttelte hin und wieder den
Kopf, oder lchelte, wenn etwas nach seinem Geschmack war.
    Als Veitel seinen Bericht mit den Worten schlo: Der Ehrenthal hat keine
Courage, er verliert den Kopf bei groen Geschften, da rief Herr Hippus
verchtlich: Der Ehrenthal ist ein Gimpel. Er setzt nichts Groes durch, er ist
ein kleinlicher Mann. Es ist ihm immer so gegangen, wo es darauf ankam, hat er
gezaubert und ist steckengeblieben. Wenn er den Edelmann durch Trinkgelder
kirren will, die er ihm zukommen lt, so wird ihn der Freiherr zuletzt die
Treppe hinunterwerfen.
    Was soll er aber mit ihm tun? fragte Veitel.
    Sorgen mu er ihm machen, sprach Hippus im Eifer aufstehend, Sorgen durch
Arbeit. Groe Arbeit, immerwhrende Unruhe, tgliche Sorgen, die nicht aufhren,
das ist das einzige, was der Freiherr nicht aushalten kann. Diese Leute sind
gewhnt, wenig Arbeit zu haben und viel Vergngen, alles wird ihnen zu
leichtgemacht im Leben von klein auf. Es gibt wenige, die den Kopf nicht
verlieren, wenn eine groe Sorge das ganze Jahr in ihrem Schdel herumbohrt. Das
ruiniert sie. Ist so einer hchstens zweimal im Tage durch seine Wirtschaft
gelaufen, so denkt er, er hat gearbeitet, whrend der Amtmann das Beste tut und
manchmal noch die Dummheiten des Herrn ausbessern mu. - Will der Ehrenthal den
Baron unter sich bringen, so mu er ihn in groe Geschfte verwickeln, er mu
selbst etwas wagen, und dazu hat er keine Entschlossenheit und keinen Verstand,
er ist nur ein Gimpel, der sein gelerntes Stckchen pfeift und hinterher mit
dickem Kopfe dasitzt.
    So lehrte der Advokat, und Veitel verstand die klugen Worte und sah mit
einer Mischung von Achtung und Scheu auf den kleinen hlichen Teufel, welcher
heftig vor ihm gestikulierte. Endlich ergriff Herr Hippus die Branntweinflasche,
stampfte sie auf den Tisch und rief: Heut noch eine Fllung extra, aber
wenigstens Kmmel! Was ich dir jetzt gesagt habe, du junger Galgenvogel, ist
mehr als eine Flasche Doppelten wert.

                                       5


Ich bin heut achtzehn Jahr, sagte Karl zu seinem Vater, der an einem Sonntag
zufrieden in seiner Stube sa und nicht mde wurde, den stattlichen Jngling
anzusehen.
    Das ist richtig, erwiderte der Vater, achtzehn Lichter stehen auf dem
Kuchen.
    Also, Vater, fuhr Karl fort, es ist Zeit, da ich etwas werde.
    Du? fragte der Vater verwundert, was willst du denn noch anderes werden,
als du bist? Ein Knirps bist du und wirst in deinem Leben nichts anderes.
    Sei jetzt einmal still mit deinem ewigen Knirps, entgegnete Karl. Ich
will Auflader werden.
    Ei so hrt doch, rief der Alte, also Auflader! warum nicht lieber gar
Brgermeister, oder Knig oder so etwas?
    Ich habe Krfte genug, fuhr Karl entschlossen fort. Ich will mir etwas
verdienen. Ich will ein ordentlicher Mann werden. Herr Wohlfart ist jetzt schon
seit einem Jahre frei geworden, und ich bin noch immer ein Junge.
    Du willst etwas verdienen? wiederholte der Alte und sah mit immer grerem
Erstaunen auf seinen Sohn. Verdiene ich nicht genug und mehr, als wir brauchen?
Wozu willst du als Geizhals an uns handeln?
    Ich kann doch nicht immer an deiner Lederschrze hngen, sagte Karl, und
wenn du tausend Taler verdientest, wrde ich dadurch ein ordentlicher Mensch?
Und wenn ich dich einmal verlieren sollte, was soll dann aus mir werden?
    Du wirst mich verlieren, Junge, sagte der Riese mit dem Kopf nickend, das
versteht sich, in einigen Jahren, setzte er hinzu, nachher kannst du werden,
was du willst, nur nicht Auflader.
    Aber warum soll ich nicht werden, was du bist? Sei doch nicht so
hartnckig.
    Das verstehst du nicht. Komm mir nicht mit deinem Ehrgeiz, ehrgeizige Leute
kann ich nicht vertragen.
    Und wenn ich nicht Auflader werden soll, rief Karl wieder, so mu ich
doch etwas anderes lernen, sieh das doch ein, Vater.
    Du willst nichts gelernt haben? rief der Alte bekmmert. Ach, du armes
Kind, was haben sie dir nicht alles in deinen kleinen Kopf hineingetrieben! Da
war die Klippschule, zwei Klassen, und die Stadtschule, vier Klassen, und die
Gewerbeschule, zwei Klassen, acht Klassen hast du gelernt und kennst alle Waren
so gut wie ein Kommis, ist das nichts? Du bist ein nimmersatter Junge!
    Ja, ich mu doch aber etwas Bestimmtes wissen fr einen Beruf, versetzte
Karl, Schuster, Schneider, Kaufmann oder Mechanikus.
    Darum mache dir keine Sorge, sagte der Vater mit berlegenheit, dafr
habe ich bei deiner Erziehung gesorgt, du bist praktisch - und ehrlich, fgte
er hinzu.
    Das denke ich, sagte Karl, aber kann ich ein Paar Stiefel machen? Kann
ich einen Rock zuschneiden?
    Du kannst's, erwiderte der Alte ruhig, versuch's, und du wirst's knnen.
    Na, warte, du Brummbr, morgen kaufe ich Leder und nhe dir ein Paar
Stiefel, du sollst fhlen, wie sie drcken.
    Weit du was, entgegnete der Vater, ich werde diese Stiefel nicht
anziehen, ich werde vielleicht auch die zweiten nicht anziehen, ich werde
warten, bis du das dritte Paar gemacht hast, die werden nicht drcken. - Mit
dir wird man nicht fertig, sagte Karl rgerlich, ich wei schon, wo ich mir
Rat erhole. So kann's mit mir nicht bleiben; ich werde dir jemand auf den Hals
schicken, der dir dasselbe sagen soll.
    Sei nur nicht ehrgeizig, Karl, sagte der Alte kopfschttelnd, und verdirb
mir den heutigen Tag nicht. Jetzt gib mir die Bierkanne her und sei ein guter
Junge.
    Karl setzte die groe Kanne vor den Vater, nahm bald darauf seine Mtze und
verlie das Zimmer. Der Vater blieb bei seinem Bier sitzen, aber sein Behagen
war gestrt, er sah immer wieder nach der Tr, zu welcher Karl hinausgegangen
war, er sah sich in der Stube um, die ohne das frhliche Gesicht seines Sohnes
so einsam war. Endlich ging er in die Kammer nebenan, setzte sich drhnend auf
dem Bett nieder und zog unter der Bettstelle einen schweren eisernen Kasten
hervor. Er ffnete ihn mit einem Schlssel, den er aus der Westentasche zog,
nahm einen Beutel Geld nach dem andern heraus und stellte eine Kopfrechnung an,
dann schob er den Kasten wieder unter das Bett und setzte sich beruhigt zu dem
Haustrunk.
    Unterdes ging Karl in seinem Sonntagsstaat mit eiligen Schritten in die
Stadt und trat in Antons Zimmer. Guten Morgen, Karl, rief ihm Anton entgegen,
was bringst du?
    Karl begann feierlich: Ich komme, Sie um Rat zu fragen, was aus mir werden
soll. Mit meinem Vater ist darber nicht zu reden. Ich will Auflader werden, und
der Alte will's nicht leiden; ich will etwas anderes werden, und er vertrstet
mich auf die Zeit, wo er nicht mehr leben wird. Ein schner Trost! Er ist gerade
wieder ein rechter Goliath. Ich bin heut achtzehn Jahr, und das Ding mu mit mir
anders werden, ich greife hier im Hause berall mit an, aber das ist nirgends
etwas Ordentliches.
    Du hast recht, sagte Anton verstndig. Vor allem aber gratuliere ich dir
zu deinem Geburtstage, und warte, hier ist ein Buch fr dich, das nimm zum
Angebinde, ich werde dir meinen Namen hineinschreiben.
    Seinem getreuen Karl Anton Wohlfart, las der erfreute Karl. Ich danke
Ihnen, Herr Wohlfart, ich habe schon fnfundsechzig Bcher. Jetzt wird die
zweite Reihe voll.
    Und so setze dich zu mir und la uns Rat halten. Vor allem sage, was kann
ich dir helfen? Ist's nicht besser, wenn du mit Herrn Schrter selbst sprichst?
Er ist ja dein Pate.
    Das wird mir zu gro߫, entgegnete Karl ernsthaft, der Vater knnte denken,
ich wollte ihn verklagen. Bei Ihnen ist das freundschaftlicher.
    Gut, stimmte Anton bei.
    Und so wollte ich Sie bitten, da Sie gelegentlich mit meinem Vater ber
mich sprechen. Er hat zu Ihnen ein groes Zutrauen und er wei, da Sie's mit
mir gut meinen.
    Das will ich gern, sagte Anton, aber was gedenkst du zu werden?
    Das ist mir gleich, erwiderte Karl, nur etwas Ordentliches.
    Am nchsten Sonntage ging Anton nach dem Haus des Vater Sturm.
    Die Wohnung des obersten Aufladers war ein kleines Haus am Flusse, unweit
des Packhofes; es war sein Eigentum und zeichnete sich durch die Rosafarbe
seines Anstrichs vor den Nachbarhusern schon von weitem aus. Anton ffnete die
niedrige Tr und wunderte sich, wie es dem Riesen berhaupt mglich sei, sich in
einen so kleinen Bau einzupacken. Und als der alte Sturm aufstand, ihn zu
begren, da wurde ihm klar, da eine unaufhrliche Geduld des mchtigen Mannes
ntig war, um diese Wohnung zu ertragen. Denn wenn er sich mit aller Kraft
ausstreckte, so mute er unfehlbar Decke und Wnde zerreien und mit Kopf und
beiden Fusten in die freie Luft hineinragen. Der riesige Mann stand vergngt
ber den Besuch ohne Rock und Weste vor ihm und streckte ihm grend seine Hand
entgegen, welche wohl imstande war, einen Krbis von miger Gre zu umspannen.
    Ich freue mich sehr, Sie in meinem Hause zu sehen, Herr Wohlfart, sagte
Sturm und fate so zierlich, als es ihm mglich war, Antons Hand.
    Es ist etwas klein fr Sie, Herr Sturm, antwortete Anton lachend, Sie
sind mir noch nie so gro vorgekommen, als in diesem Zimmer.
    Mein Vater war noch grer, antwortete Sturm wohlgefllig und richtete
sich hoch auf, so da sein Kinn auf dem obern Rand des Ofens ruhte, so gro war
mein Vater, sagte er und wies auf den bunten Farbensaum lngs der Decke, an
welchem mehrere Marken mit Bleistift gezeichnet waren. So gro war er und noch
breiter. Er war ltester der Auflader und der strkste Mann am Orte, und doch
hat ihn ein Fa, nicht halb so hoch als Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie
Platz, Herr Wohlfart. Er rckte ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der so
schwer war, da Anton Mhe hatte, ihn von der Stelle zu heben, und setzte sich
mit Gerusch auf eine Bank. Mein Karl hat mir gesagt, da er Sie besucht hat,
und da Sie sehr freundlich gegen ihn waren. Er ist ein guter Junge und ich habe
meine Freude an ihm, aber er ist doch aus der Art geschlagen. Seine Mutter war
eine kleine Frau, setzte Herr Sturm traurig hinzu und griff nach einem Glas
Bier, welches mehr als ein Quart fate, setzte das Glas an und nicht eher wieder
auf den Tisch, bis der letzte Tropfen daraus verschwunden war.
    Es ist Fabier, sagte er entschuldigend, darf ich Ihnen ein Glas
anbieten? Es ist Herkommen bei unserm Geschft, kein anderes zu trinken; dies
freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unsere Arbeit macht warm.
    Ihr Sohn hat, wie ich hre, Lust, in Ihre Korporation zu treten, lenkte
Anton ein.
    Unter die Auflader? fragte der Riese. Nein, dies wird er nicht, niemals.
Er legte seine Hand vertraulich auf Antons Knie. Er wird es nicht, meine Selige
hat mich auf dem Totenbette darum gebeten. Warum? Darum! Unsere Arbeit ist
respektabel, Sie wissen das selbst am besten, Herr Wohlfart. Wir sind Mnner,
welche ein Vertrauen haben, wie wenig andere. Es ist eine Ehre, Auflader der
Kaufmannschaft zu werden, um die sich Hunderte bei mir bewerben, und nicht einen
lassen wir zu. Es gibt wenige, welche die Kraft haben, und noch wenigere, welche
etwas anderes haben.
    Die Ehrlichkeit, sagte Anton.
    Ganz recht, nickte Sturm, daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage jede
Art Ware in Tonnen und Kisten in grter Quantitt vor sich zu haben und da
rumzuhantieren, wie um eigentmliche Sachen, und niemals die Hand
hineinzustecken, das ist leider nicht jedermanns Gewohnheit. Also Sie wissen,
wir halten auf uns. Und die Einnahmen sind nicht schlecht, ja, sie sind gut.
Meine Selige hielt noch auf Sparbchsen und Strmpfe und solches Zeug. Als sie
starb, fand ich den ganzen Grund ihres Kastens mit zugebundenen Strmpfen
zugestopft, die nebeneinanderstanden, wie die fetten Lerchensteie in der
Schachtel. Alles fr unsern Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold
dabei. Sie war eine sparsame Frau und hob alles auf. Das ist nun meine Art
nicht. Denn warum? - Wer praktisch ist, braucht um das Geld nicht zu sorgen, und
der Karl wird ein praktischer Mensch. Aber nicht als Auflader, fgte er
kopfschttelnd hinzu, meine Selige wollte das nicht haben, und sie hat recht.
    Ihre Arbeit ist sehr anstrengend, stimmte Anton bei.
    Anstrengend? lachte Sturm, sie mag wohl anstrengend sein fr einen, der
nicht die Kraft hat, so anstrengend, da ihm der Rcken darber zerbrechen kann;
aber es ist nicht die Anstrengung, es ist noch etwas anderes. Dies ist es! Bei
diesen Worten holte er einen groen Krug aus der Ecke und go sein Glas voll.
Das Fabier ist es. Anton lchelte. Ich wei, Sie und Ihre Kollegen trinken
viel von dem dnnen Getrnk.
    Viel, sagte Sturm mit Selbstgefhl, es ist bei uns Geschftsbrauch, es
ist Herkommen, es ist von je bei den Aufladern so gehalten worden; sie mssen
Krfte haben, sie mssen treue Mnner sein und sie mssen Fabier trinken
knnen. Es ist Bedrfnis bei unserer Arbeit, wer's nicht tut, hlt's nicht aus;
Wasser trinken macht uns schwach, und Wein und Branntwein gleichfalls, nur
Fabier tut's, dies und Provencerl. Sehen Sie, Herr Anton, so: - Der Riese
streckte den Arm aus und holte ein kleines Glas von dem Gestell, fllte es zur
Hlfte mit feinem Bauml, zur andern Hlfte mit Bier, tat eine Masse Zucker in
die Mischung und trank zu Antons Schrecken die widerwrtige Flssigkeit aus.
Das macht stark, sagte er, es ist ein Geheimnis unserer Zunft, es erhlt die
Kraft und macht solche Arme, er legte stolz seinen Arm auf den Tisch und
versuchte ihn mit seiner Hand vergebens zu umspannen. Aber es ist ein Haken
dabei, fgte er leiser hinzu. Es wird keiner von uns ber fnfzig Jahre alt.
Haben Sie schon einen alten Auflader gesehen? Sie haben keinen gesehen, denn es
gibt keinen. Fnfzig Jahre ist das Hchste, was einer erreicht, lnger duldet's
der Biergeist nicht. Mein Vater war fnfzig, als er starb; der, den wir neulich
begraben haben, - Herr Schrter war mit beim Begrbnis, - der war
neunundvierzig. Ich habe noch ein paar Jahre bis dahin, setzte er wie zur
Beruhigung hinzu.
    Anton blickte besorgt in das ehrliche Gesicht des Aufladers. Aber Sturm,
wenn Sie das wissen, warum sind Sie nicht miger?
    Mig? fragte Sturm verwundert, was ist mig? Es steigt keinem von uns
in den Kopf. Vierzig Halbe in einem Tage ist nicht viel, wenn man's nicht
merkt.
    Anton sah den Auflader unglubig an.
    Soviel trinke ich, sagte Sturm. Der, den wir neulich begraben haben,
konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch strker war,
als ich. Sehen Sie, Herr Wohlfart, deshalb aber soll mein Karl nach dem Willen
der Seligen lieber etwas anderes werden. Es ist, unter uns Mnnern gesagt, mit
dem ganzen Alter nur dummes Zeug. Auch von den Menschen, welche keine Auflader
sind, werden die wenigsten lter als fnfzig. Sie sterben an allen mglichen
Krankheiten von den Windeln an fortwhrend dahin, und an lauter Krankheiten, die
wir Auflader nicht kennen. Aber meine Selige hat's einmal so gewollt, und so
mag's drum sein.
    Und haben Sie an etwas anderes gedacht? fragte Anton weiter. Er ist zwar
im Geschft sehr ntzlich, und wir alle werden ihn vermissen, wenn er im Hause
fehlen sollte. -
    Das gerade ist es, unterbrach ihn der Auflader, das war das richtige, was
Sie gesagt haben. Sie werden ihn vermissen, ich auch. Ich bin allein im Hause,
seit meine Selige tot ist; wenn ich die roten Backen meines Kleinen an diesen
Wnden sehe, so bin ich zufrieden; wenn ich im Haus bei Herrn Schrter seinen
kleinen Hammer hre, so fhle ich die Lustigkeit in meinem Herzen. Wenn er
weggeht von mir, und ich einsam in diesem Hause sitze, ich wei nicht, wie ich's
ertragen soll.
    Die Zge des Mannes zuckten vor innerer Bewegung. Aber mu er sich denn
ganz von Ihnen trennen? fragte Anton endlich, vielleicht kann er bei Ihnen
noch jahrelang wohnen.
    Sturm schttelte bedeutungsvoll den Kopf. Ich kenne ihn, er kann's nicht;
wenn er erst einmal etwas anfngt, so ist er hinterher, wie ein Teufel, dann
denkt er an nichts, als an das eine Ding. Aber ich habe mir's berlegt in den
letzten Tagen. Ich will Ihnen sagen, fuhr er vertraulich fort, ich habe
unrecht, wenn ich an mich denke. Der Junge hat nicht fr mich seinen Kopf in die
Welt gesteckt, sondern fr sich selber. Er soll etwas werden. Und nun frage ich,
was meine Selige sich fr den Jungen wnschen wrde, wenn sie noch lebte. Diese
Frau hatte einen Bruder, welcher mein Schwager ist, und dieser Schwager ist auf
dem Lande. Ein Freigut, dort oben, wo das hohe Wasser herkommt; ein gesetzter
Mann, er tauscht nicht mit manchem Rittergut. Der besucht mich alle Jahre, wenn
sie ihre Wolle geschoren haben. Der kennt mich und kennt den Karl, dem mchte
ich meinen Kleinen bergeben, wenn ich ihn nicht behalten soll. Es ist weit von
hier, schlo er traurig, aber es ist Verwandtschaft.
    Das ist ein guter Gedanke, Herr Sturm, sagte Anton, erfreut, auf so wenig
Hindernisse zu stoen, aber ich habe immer gehrt, da der Landwirt auf eine
selbstndige Ttigkeit in der Regel nur dann hoffen kann, wenn er nicht ganz
ohne Vermgen ist.
    Das pat, sagte der Riese seinen Finger erhebend, geheimnisvoll, er ist
nicht ganz ohne Vermgen. Von seiner Mutter her, und auch etwas von seinem
Vater. Er wei aber von gar nichts, denn ich wollte, er sollte praktisch werden.
Und sagen Sie ihm auch nichts. - Da Sie so vterlich fr Ihren Sohn sorgen,
rief Anton, so lassen Sie ihn auch nicht lnger in Unsicherheit; es ist brav
von ihm, da er das Ungengende seiner jetzigen Arbeit so sehr empfindet.
    Er soll es sogleich hren, sagte der Alte aufstehend, er steckt im
Garten. Sie sollen dabeisein. Sturm trat in das Haus und rief mit seiner
mchtigen Stimme in den Garten. Karl eilte herbei, begrte Anton und sah
erwartungsvoll bald auf diesen, bald auf den Vater. Der Alte hatte sich wieder
ruhig hingesetzt und fragte in seinem gewhnlichen Ton: Kleiner Knirps, willst
du ein konom werden?
    Landwirt? rief Karl, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann mte
ich ja fort von dir, Vater.
    Er denkt auch daran, sagte der Alte, Anton zunickend.
    Ist denn dein Wille, da ich von dir soll? fragte Karl erschrocken.
    Allerdings, mein Kleiner, sagte der Vater ernsthaft, dieses mu mein
Wille sein, weil es notwendig ist, wegen deiner seligen Mutter.
    Ich soll zum Onkel! rief der Sohn.
    Nur zu diesem, sagte der Vater. Widerrede nutzt nichts, die Sache ist
abgemacht, natrlich vorausgesetzt, da dich der Onkel haben will. Du sollst
konom werden, du sollst etwas Ordentliches lernen, du sollst deinen Vater
verlassen.
    Vater, sagte Karl niedergeschlagen, wenn ich von dir weg soll, ist mir's
nicht recht.
    Es soll dir aber recht sein, du ehrgeiziger Knirps, rief der Alte.
    Dann komm mit aufs Land, sagte der Sohn.
    Ich soll aufs Land kommen? Ho ho! Sturm lachte, da die Stubentr
zitterte. Mein Knirps will mich in die Tasche stecken und mit sich auf dem
Lande herumtragen. Er lachte so lange, bis er mit der Hand ber die Augen fuhr.
Komm her, mein Karl, sagte er endlich, zog den Sohn an sich und hielt den Kopf
desselben lange zwischen seinen groen Hnden. Du bist mein guter Junge, und
Trennung mu sein auf Erden, wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren.
    So schied Karl aus der Handlung. Vergeblich versuchte er in den letzten
Tagen seine Bewegung hinter leisem Pfeifen zu verstecken. Er streichelte
zrtlich Freund Pluto und die Katze, welche er in das Haus gebracht hatte, er
verrichtete seine kleinen Arbeiten mit malosem Eifer und hielt sich dabei
soviel wie mglich in der Nhe seines Vaters; auch dieser sah den Tag hindurch
immer wieder auf seinen Sohn und verlie manchmal seine Tonnen, um langsam auf
ihn zuzugehen und ihm die Hand schweigend auf den Kopf zu legen.
    Es ist nicht schwer bei der Landwirtschaft? sagte der Vater Sturm vor der
groen Waage zu Anton und blickte ihm fragend ins Gesicht.
    Leicht ist es nicht, erwiderte Anton, es ist vielleicht noch mehr dabei
zu lernen, als bei unserem Geschft.
    Lernen! rief der Alte, je mehr er lernen mu, desto lieber ist es ihm,
das tut nichts; nur ob es sehr schwer ist?
    Nein, sagte Herr Pix, der die Sprache des Riesen besser verstand. Schwer
ist dort nichts; das schwerste ist der Sack Weizen, hundertundachtzig Pfund, und
Bohnen, zweihundert Pfund. Und das braucht er nicht zu heben, das tun die
Knechte.
    Wenn das bei der Landwirtschaft so ist, rief Sturm verchtlich und
richtete sich hoch auf, so ist mir ganz egal, ob er das hebt. Zweihundert Pfund
trgt auch mein Zwerg.

                                       6


Anton war jetzt der pflichtgetreueste Korrespondent seines Comtoirs. Gegen die
ritterlichen Knste seines Freundes verhielt er sich khl. Nur selten vermochte
ihn Fink, des Sonntags sein Begleiter zu Pferde oder am Pistolenstand zu werden.
Dagegen benutzte Anton Finks Bcherschrank mehr als dieser selbst. Es war ihm
nach langem Bemhen gelungen, in die Mysterien der englischen Aussprache
einzudringen, und eifrig suchte er die Gelegenheit, sein Sprechtalent an Fink zu
ben. Da aber dieser den belstand hatte, ein sehr unregelmiger und
gewissenloser Lehrer zu sein, gab Anton seine Zunge in die Zucht eines
gebildeten Englnders.
    Einst sah er von seinem Platze im Comtoir auf, als sich die Tr ffnete, und
erkannte mit der grten Verwunderung in dem Eintretenden Veitel Itzig, den
Genossen aus der Brgerschule von Ostrau. Er war bisher nur selten mit ihm
zusammengetroffen. Das freche Wesen des Burschen und die Furcht vor dem
vertraulichen Du, mit dem dieser ihn leicht anreden mochte, hatten sein Auge auf
allerlei andere Gegenstnde gelenkt, sooft er Veitels Nasenspitze im Gedrnge
der Strae erkannte. Noch mehr erstaunte er, als Veitel auf die Frage des Herrn
Specht: Was steht zu Ihren Diensten? artig erwiderte, er wnsche Herrn
Wohlfart zu sprechen.
    Anton stieg von seinem Sitze in den freien Raum des Comtoirs, und Veitel
redete ihn an: Sie werden mich doch noch kennen, obgleich Sie oft an mir
vorbeigegangen sind, ohne mich zu gren.
    Wie geht es Ihnen, Itzig? frug Anton mit Klte.
    Schlecht, antwortete Itzig, die Achsel zuckend; es ist kein Verdienst im
Geschft. - Ich soll Ihnen diesen Brief vom Sohn des Ehrenthal bergeben und Sie
fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard seinen Besuch machen kann.
    Mir? frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels Hnden.
Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er enthielt die Anfrage, ob Anton an
einer Lehrstunde teilnehmen wolle, in welcher Herr Ehrenthal ltere englische
Schriftsteller in einer literarhistorischen Reihenfolge durchzunehmen
beabsichtige.
    Wo wohnt Herr Bernhard Ehrenthal? frug Anton.
    Im Hause bei seinem Vater, erwiderte Veitel und verzog das Gesicht. Er
sitzt den ganzen Tag auf seiner Stube.
    Ich werde den Herrn selbst aufsuchen, sagte Anton. - Guten Morgen, Herr
Anton! - Guten Morgen, Itzig.
    Anton empfand keine groe Neigung, auf den Antrag des Lehrers einzugehen.
Der Name Ehrenthal hatte in seinem Comtoir keinen guten Klang, und das
Erscheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten annehmlicher zu
machen. Doch die ironische Art, in welcher Itzig vom Sohne seines Brotherrn
sprach, und einzelnes, was er auf seine Erkundigungen ber Bernhard hrte, bewog
ihn, die Sache wenigstens in Erwgung zu ziehen. So suchte er einige Tage darauf
nach dem Schlu des Comtoirs das Haus Ehrenthals auf, entschlossen, sich durch
den Eindruck, den der Sohn auf ihn mache, bestimmen zu lassen.
    Er trat an die weilackierte Tre, zog den dicken Porzellangriff und wurde
durch die struppige Kchin ohne weitlufige Anmeldung in die Stube des jungen
Ehrenthal gefhrt. Es war ein langes schmales Zimmer mit alten Mbeln und
schmucklosen Bchergersten, auf welchen eine Menge groer und kleiner Bcher
unordentlich durcheinanderlag. Bernhard sa tief ber seine Arbeit gebeugt am
Schreibtisch und sah erst auf, als Anton bereits im Zimmer stand. Eilig knpfte
er den Hausrock ber seinem Hemd zusammen und trat dem Fremden mit der
Unsicherheit entgegen, welche Herren mit kurzem Gesicht bei der Begrung
Eintretender eigen ist. Neugierig sah Anton auf den Sohn des Hndlers. Es waren
feine Zge und ein zarter Krper, kastanienbraunes krauses Haar, und zwei graue
Augen von freundlichem Ausdruck. Bernhard ntigte seinen Gast auf ein kleines
Sofa. Anton erwhnte den Zweck seines Besuches, und Bernhard antwortete
schchtern, da er sich in allem nach den Wnschen seines Besuchs richten wolle.
Und als Anton nach dem Preise der Stunden fragte, erstaunte er, da der Sohn
Ehrenthals mit einiger Verlegenheit sagte: Ich wei es wirklich in diesem
Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf bestehen, auch den Lehrer zu bezahlen, so
will ich mich sogleich danach erkundigen. Darauf konnte sich Anton nicht
enthalten zu fragen: Sie sind nicht im Geschft Ihres Herrn Vaters?
    Ach nein, erwiderte Bernhard, diesen belstand entschuldigend, ich habe
studiert, und da einem jungen Mann von meiner Konfession die Anstellung im
Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben kann, so beschftige
ich mich mit diesen Bchern. Dabei warf er einen Blick voll Liebe auf sein
Bchergerst, stand auf und trat in ihre Nhe, als wollte er sie seinem Gast
vorstellen. Anton las einige goldene Titel und sagte mit einer Verbeugung: Das
ist fr mich zu gelehrt. Es waren Ausgaben orientalischer Werke.
    Bernhard lchelte: Durch das Hebrische bin ich zu den andern asiatischen
Sprachen gekommen. Es ist viel fremdartige Schnheit in dem Leben dieser
Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch Handschriften, wenn
es Sie interessiert, diese zu sehen.
    Er schlo einen Schub auf und holte ein Bndel seltsam aussehender
Manuskripte heraus. Mit glnzenden Augen ffnete er das oberste, im Einband von
grnem Seidenstoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt war; er lie Anton
die Schrift betrachten und war vergngt, als dieser erklrte, er knne nicht
einmal angeben, welcher Sprache diese Schriftzge angehrten.
    Es ist Arabisch, aber freilich ist gerade diese Handschrift sehr schwer zu
lesen. Und hier ist mein Lieblingsdichter, Firdusi, ich habe aber nur ein
kleines Bruchstck seines Gedichts in der Handschrift.
    Anton sagte ihm, es mu viel Gelehrsamkeit dazu gehren, das alles zu
verstehen.
    Nur etwas Geduld, antwortete Bernhard bescheiden, wer ein Herz hat fr
das Schne, der findet es bald berall heraus, auch unter dem fremdartigen
Kleide, welches die Snger aus dem Morgenlande tragen. Ich arbeite an einer
bersetzung persischer Gedichte; wenn Sie spter einmal Mue haben, und Sie so
etwas nicht langweilt, mchte ich Sie um Erlaubnis bitten, Ihnen eine kurze
Probe vorzulesen.
    Anton hatte die Hflichkeit, sogleich darum zu bitten; der junge Ehrenthal
griff nach einem Papier auf seinem Schreibtisch und las schnell und etwas
ungelenk ein kleines Liebesgedicht vor. Es war eins von den zahllosen Gedichten,
in denen ein weiser Trinker seine Geliebte mit allerlei hbschen Dingen
vergleicht, mit Tieren, Pflanzen, der Sonne und andern Weltkrpern, und daneben
einem zelotischen Pfaffen Nasenstber gibt. Dem ehrlichen Anton imponierte die
verschlungene Form und der zugespitzte Ausdruck sehr, aber es war ihm doch
komisch, als der Vorleser ausrief: Nicht wahr, das ist schn? Der Gedanke,
meine ich; denn die Schnheit der Sprache im Deutschen wiederzugeben, bin ich zu
schwach. Bei diesen Worten sah er begeistert vor sich, wie ein Mann, der alle
Tage fnf bis sechs Flaschen Schiraswein trinkt und alle Abende seine Suleika
kt.
    Mu man denn aber trinken, um recht lieben zu knnen? sprach Anton, das
ist bei uns doch auch ohne Wein mglich.
    Bei uns, erwiderte Bernhard, ist das Leben sehr nchtern, dabei legte er
das Blatt ernsthaft auf den Tisch.
    Ich denke, es ist nicht so, erwiderte Anton eifrig, ich kenne noch wenig
vom Leben, aber ich sehe doch, auch wir haben Sonnenschein und Rosen, die Freude
am Dasein, groe Leidenschaften und merkwrdige Schicksale, welche von den
Dichtern besungen werden.
    Unsere Gegenwart, wiederholte Bernhard weise, ist zu kalt und einfrmig.
    Ich habe das schon einige Male in Bchern gelesen, aber ich kann nicht
verstehen, warum, und ich glaube es auch gar nicht. Ich meine, wer in unserm
Leben unzufrieden ist, der wird es mit dem Leben in Teheran oder in Kalkutta
noch mehr sein, wenn er lngere Zeit dort lebt. Es mu dort viel einfrmiger und
langweiliger sein, als bei uns. Ich lese das auch aus Reisebeschreibungen
heraus. Was den Reisenden reizt, ist das Neue; wenn das Fremde alltglich
geworden ist, sieht es gewi ganz anders aus.
    Wie arm an groen Eindrcken unser zivilisiertes Treiben ist, entgegnete
Bernhard, das mssen Sie selbst in Ihrem Geschft manchmal empfinden, es ist so
prosaisch, was Sie tun mssen.
    Da widerspreche ich, erwiderte Anton eifrig, ich wei mir gar nichts, was
so interessant ist, als das Geschft. Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe
von zahllosen Fden, die sich von einem Menschen zu dem anderen, ber Land und
Meer aus einem Weltteil in den anderen spinnen. Sie hngen sich an jeden
einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen,
und alles, was uns umgibt, fhrt uns die merkwrdigsten Begebenheiten aller
fremden Lnder und jede menschliche Ttigkeit vor die Augen; dadurch wird alles
anziehend.
    Und da ich das Gefhl habe, da auch ich mithelfe, und sowenig ich auch
vermag, doch dazu beitrage, da jeder Mensch mit jedem andern Menschen in
fortwhrender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergngt ber meine
Ttigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffee auf die Waage setze, so knpfe
ich einen unsichtbaren Faden zwischen der Kolonistentochter in Brasilien, welche
die Bohnen abgepflckt hat, und dem jungen Bauernburschen, der sie zum Frhstck
trinkt, und wenn ich einen Zimtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der
einen Seite den Malaien kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der
anderen Seite ein altes Mtterchen aus unserer Vorstadt, das ihn ber den
Reisbrei reibt.
    Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und sind glcklich, weil Sie Ihre
Arbeit als ntzlich empfinden. Aber was der hchste Stoff fr die Poesie ist,
ein Leben reich an mchtigen Gefhlen und Taten, das ist bei uns doch sehr
selten zu finden. Da mu man wie der englische Dichter aus den zivilisierten
Lndern hinaus unter Seeruber gehen.
    Nein, versetzte Anton hartnckig, der Kaufmann bei uns erlebt ebensoviel
Groes, Empfindungen und Taten, als irgendein Reiter unter Arabern oder Indern.
- Je ausgebreiteter sein Geschft ist, desto mehr Menschen hat er, deren Glck
oder Unglck er mitfhlen mu, und desto fter ist er selbst in der Lage, sich
zu freuen oder Schmerzen zu empfinden. - Neulich hat hier ein groes Haus
Bankrott gemacht.
    Ich wei es, sagte Bernhard, es war ein trauriger Fall.
    Wenn Sie die Gewitterschwle empfunden htten, welche auf dem Geschft lag,
bevor es fiel, die furchtbare Verzweiflung des Mannes, den Schmerz der Familie,
die Hochherzigkeit seiner Frau, welche ihr eigenes Vermgen bis zum letzten
Taler in die Masse warf, um die Ehre ihres Mannes zu retten, Sie wrden nicht
sagen, da unser Geschft arm an Leidenschaften und groen Gefhlen ist.
    Sie sind mit ganzer Seele Kaufmann, sagte Bernhard freundlich, ich mchte
Sie beneiden und die reine Freude, die Sie ber Ihre Arbeit haben.
    Ja, entgegnete Anton. Auch der Kaufmann hat trbe Erfahrungen in Menge zu
machen. Der kleine rger fehlt ihm nicht, und vieles Schlechte mu er erleben,
aber der ganze Handel ist doch so sehr auf die Redlichkeit anderer und auf die
Gte der menschlichen Natur berechnet, da ich bei meinem Eintritt in diese
Ttigkeit erstaunt war. Wer ein ehrliches Geschft hat, kann von unserm Leben
nicht schlecht denken; er wird immer Gelegenheit haben, Schnes und Groartiges
darin zu finden.
    Bernhard hatte mit gesenkten Augen zugehrt, jetzt blickte er schweigend zum
Fenster hinaus; und Anton bemerkte, da er verlegen und bekmmert aussah.
Endlich wandte sich Bernhard um und sagte, das Gesprch abbrechend, mit
bittender Stimme: Wenn es Ihnen recht ist, Herr Wohlfart, so mchte ich mit
Ihnen sogleich zum Sprachlehrer gehn. Es ist ein weiter Weg, wir sprechen im
Freien mehr miteinander.
    Wie alte Bekannte traten die beiden Jnglinge aus dem finstern Haus in die
warme Abendluft. Und als sie nach einer Stunde voneinander schieden, sagte
Bernhard angelegentlich: Ist Ihnen der Verkehr mit mir nicht zu uninteressant,
Herr Wohlfart, so besuchen Sie mich doch manchmal in Ihren Freistunden. Anton
versprach das. Beide hatten Behagen aneinander gefunden. Anton wunderte sich
noch immer, da ein Sohn Ehrenthals so wenig Geschftsmann sein konnte, und
Bernhard war glcklich, einen Menschen zu treffen, mit dem er ber vieles reden
konnte, was er sonst schweigend mit sich herumtrug.
    Bernhard trat am Abend vergngt in die Familienstube und stellte sich hinter
den Rcken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flgel ein neues Modestck
einbte und dabei eine groe Fingerfertigkeit entwickelte. Der Bruder kte sie
leise an das Ohr, sie drehte sich schnell um und rief: La mich in Ruh,
Bernhard, ich mu das Stck einben, denn auf den Sonntag ist groe Soiree, und
sie werden mich auffordern zu spielen.
    Ich wei, da sie dich auffordern werden, sagte die Mutter, als Bernhard
sich schweigend auf das Sofa niedersetzte und ein aufgeschlagenes Buch in die
Hand nahm. Es ist keine Gesellschaft, wo man nicht das Verlangen hat, die
Rosalie zu hren.
    Wenn du nur einmal dich entschlieen knntest, mitzukommen, Bernhard, du
bist ein Mann von soviel Geist, du bist gelehrter als alle aus der ganzen
Bekanntschaft. Neulich hat der Professor Starke von der Universitt mit groer
Hochachtung ber dich gesprochen und hat gesagt, du wrdest ein Stolz werden fr
die Wissenschaft. Es ist erfreulich fr eine Mutter, wenn sie stolz sein kann
auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die Gesellschaft, sie wird so
auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur sein kann. - Du weit, Mutter,
ich gehe nicht gern zu fremden Leuten, sagte der Sohn.
    Und ich will, da mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen, rief der
Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehrt hatte, da
in diesem Augenblicke Rosalie von ihren schweren Passagen ausruhte. Herr
Ehrenthal trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu der Familie: Unser
Bernhard ist nicht, wie andere Leute, und der Weg, den er geht, wird immer sein
ein guter Weg. Du siehst aus so bleich, sagte er zum Sohne und strich mit der
Hand ber seine braunen Locken. Du studierst zuviel, mein Sohn. Denke auf deine
Gesundheit, der Doktor hat gesagt, da dir Bewegung ntig ist, und hat dir
geraten zu nehmen ein Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen
ein Pferd? Ich kann es haben, da mein Sohn Bernhard auf dem teuersten Pferde
reitet, das in der Stadt zu haben ist; tu, was der Arzt sagt, mein Bernhard, ich
will dir kaufen ein Pferd.
    Ich danke dir, lieber Vater, erwiderte Bernhard, es wrde mir keine
Freude machen, und wie ich frchte, deshalb nicht viel helfen. Er drckte
dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmtig in das faltige Gesicht sah.
    Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? La ihm
Pfirsiche holen, Sidonie, es sind neue Pfirsiche angekommen beim Fruchthndler,
das Stck kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben irgend etwas anderes,
so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du bist mein guter Sohn Bernhard,
und ich habe meine Freude an dir.
    Er will ja nie etwas annehmen, sprach die Mutter dazwischen, er hat keine
andere Freude, als an seinen Bchern; nach Rosalie und mir frgt er manchmal den
ganzen Tag nicht.
    Liebe Mutter! warf Bernhard bittend ein.
    Er liest zuviel in den Bchern und kmmert sich nicht um die Menschen,
fuhr die erfahrene Frau fort, deshalb sieht er aus so bleich und verfallen, wie
ein Mann von sechzig Jahren. Warum will er nicht gehen auf den Sonntag in die
Soiree?
    Ich werde mitkommen, wenn du es wnschst, sagte Bernhard traurig und
setzte nach einer Weile hinzu: Ist euch ein junger Mann bekannt, ein Herr
Wohlfart, der in Schrters Geschft ist?
    Den kenne ich nicht, sprach der Vater mit bestimmtem Kopfschtteln.
    Vielleicht du, Rosalie? Er ist ein hbscher Mann von gentilem Aussehen. Er
scheint mir ein guter Tnzer und Gesellschafter zu sein. Bist du nicht irgendwo
ihm begegnet? Ich glaube, er mte dir aufgefallen sein.
    Ist er blond? fragte die Schwester, indem sie ihr Haar vor einem kleinen
Handspiegel zurechtstrich.
    Er hat dunkles Haar und blaue Augen.
    Wenn er aus einem Comtoir ist, werde ich ihn wohl schwerlich kennen, sagte
Rosalie das Haupt zurckwerfend.
    Unsere Rosalie tanzt meist mit Offizieren und Knstlern, schaltete die
Mutter erklrend ein.
    Er ist ein tchtiger und liebenswrdiger Mensch, fuhr Bernhard fort; ich
will mit ihm zusammen Englisch treiben und freue mich sehr, da ich seine
Bekanntschaft gemacht habe.
    Er soll eingeladen werden zu uns, dekretierte Herr Ehrenthal vom Sofa
aufstehend; wenn er unserem Bernhard gefllt, so soll er willkommen sein in
meinem Hause. La einen guten Braten machen auf den Sonntag, Sidonie, und la
mir einladen Herrn Wohlfart zum Mittagessen, nicht um ein Uhr, sondern um zwei
Uhr! Er soll von jetzt gebeten werden zu allen Gesellschaften, die wir geben;
wenn er ein Freund ist von Bernhard, so soll er auch ein Freund sein von unserem
Hause.
    Er hat ja noch nicht seinen Besuch gemacht, sagte die Mutter wieder, wir
mssen doch abwarten, bis er sein Entree macht bei der Familie?
    Wozu Entree, fuhr der Vater auf, wenn er bekannt ist mit unserem
Bernhard, wozu soll er erst Entree machen bei uns? - Ich will noch in dieser
Woche zu ihm gehen, und wenn du erlaubst, liebe Mutter, ihn auffordern, auf den
Sonntag bei uns zu essen.
    Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Rosalie setzte sich jetzt zum Bruder
und fragte ihn mit grerem Interesse ber Person und Wesen des neuen Bekannten
aus.
    Bernhard schilderte mit Wrme den angenehmen Eindruck, den Anton auf ihn
gemacht hatte, so da die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die groe
Silbervase herauszugeben und aufputzen zu lassen. Rosalie berlegte, in welchem
Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung sie auf den Fremden Eindruck machen
wolle, und der Vater erklrte wiederholt, da er Herrn Wohlfart zu jeder
Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenstck in seinem Hause zu sehen
wnsche.
    Wie kam es doch, da Bernhard seiner Familie nicht den Inhalt des Gesprchs
mitteilte, welches ihm den neuen Bekannten so lieb gemacht hatte? Wie kam es
doch, da er kurz darauf wieder in trbes Schweigen verfiel und in sein
Arbeitszimmer zurckging? Da er dort seinen Kopf ber eine alte Handschrift
lehnte und lange auf die krausen Zge hinstarrte, bis ihm groe Trnen
herabfielen, welche die Tusche der Buchstaben, auf die er soviel hielt,
auflsten und verdarben, ohne da er's merkte? Wie kam es doch, da der junge
Mann, auf den die Mutter so gern stolz sein wollte, und den der Vater so sehr
verehrte, allein in seiner Stube sa und die bittersten Trnen vergo, die ein
guter Mensch weinen kann? Und woher kam es, da er endlich mit rotgeweinten
Augen am spten Abend sich zusammenfate und eifrig den Kopf in seine Bcher
senkte, whrend seine schne Schwester in der anderen Ecke der Wohnung noch
immer mit ihren runden Fingern ber die Tasten fuhr und das schwere Stck
einbte, welches bestimmt war, bei der nchsten Soiree zu wirken?
    Mit diesem Tage begann fr Anton und Bernhard ein Verhltnis, welches fr
beide Wert erhielt. Bei der Unterhaltung ber das Schne, welches die Kraft
eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die Freude, auch das Gute
liebzugewinnen, das jeder in dem andern fand. Bernhards Sprachkenntnisse waren
grer, und sein Gefhl fr das Reizende in fremder Poesie bis zum berma fein,
in Antons Seele war alles geordnet und sicher.
    Wenn Bernhard fr Byron kmpfte, so vertrat Anton die ruhige Klarheit Walter
Scotts, und beide waren glcklich, als ihre Begeisterung sich vor dem grten
dramatischen Dichter vereinigte.
    Anton schilderte die ungewhnliche Bildung Bernhards dem gleichgltigen
Fink. Er freute sich darauf, beide miteinander bekannt zu machen, und als er
einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink, heraufzukommen.
    Wenn dir's Spa macht, Tony, sagte Fink achselzuckend, so will ich
kommen. Ich sage dir aber im voraus, da ich unter allen Kreaturen Bchereulen
am wenigsten leiden kann. Es gibt kein Volk, welches selbstgeflliger ber alles
mgliche aburteilt, und keines, das sich trichter benimmt, wenn es selbst etwas
tun soll. Und vollends ein Sohn des wrdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht bel,
wenn ich euch bald entlaufe.
    Bernhard sa erwartungsvoll auf dem Sofa Antons und sah mit Befangenheit der
Ankunft des berhmten Mannes entgegen, ber welchen manche Sage sogar in seine
stille Studierstube gedrungen war. Als Fink eintrat und die tiefe Verbeugung
Bernhards mit einem leichten Kopfnicken beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch
zog und den schwachen Tee, den Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zutaten
trinkbar zu machen suchte, da empfand Anton mit Betrbnis, da diese beiden
schwerlich zueinander passen wrden. Kein grerer Gegensatz war mglich, als
ihr Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der krftige Fleischton
in den Muskeln Finks, die gedrckte Haltung des einen, die elastische Kraft des
andern, dort ein faltiges Gesicht mit trumerischen Augen, hier stolze Zge mit
einem Blick, der dem eines Adlers glich: das pate nimmermehr zusammen. Doch
ging es besser, als Anton gedacht hatte. Bernhard hrte mit Achtung an, was der
Jockei erzhlte, und da Anton eifrig bemht war, das Gesprch auf ein Gebiet zu
bringen, wo auch Bernhard teilnehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Flu.
    Fink hat auch Indianer gesehen, sagte Anton zu Bernhard.
    Haben Sie etwas von ihren Liedern gehrt? fragte der Gelehrte.
    Ich habe sie einigemal gehrt. Mglich, da klgere Leute etwas Erbauliches
in ihrem Gesang finden, mir ist er nie anders vorgekommen, als klglich.
Schlagen Sie auf ein altes Blech und singen Sie dazu durch die Nase mit allerlei
Nebentnen: Tum, tum, te - ticke, ticke te, - Och, och, tum, tum, te, so haben
Sie ihren Gesang, der auf deutsch ungefhr bedeuten wrde: Guter Geist, gib
Bffel, Bffel, Bffel. Dicke Bffel gib uns, guter Geist.  - Seine Zuhren
lachten - Und wozu sollen diese Geschpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder
sind sie auf der Jagd, oder sie suchen Skalpe, oder sie essen und schlafen, oder
sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings groe Neigung haben.
    Aber die Frauen? fragte Bernhard lchelnd.
    Wie es bei den mit der Poesie steht, wei ich nicht, mir rochen sie immer
zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts anderes hat, gewhnt man sich auch
daran. Doch ist mit den Mnnern noch besser zu verkehren. So ein nackter Bursch
auf seinem halbwilden Pferd ist kein bler Anblick.
    Die erste Begegnung mu doch sehr imponieren, ihre auffallende Tracht und
ihr stolzes Wesen, warf Bernhard ein.
    Das kann ich nicht sagen, versetzte Fink. Vor Jahren machte ich mit
meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwaren-Kompanie, bei der er
beteiligt war. Als wir aus dem Dampfer ans Ufer stiegen, fanden wir am
Landungsplatz eine Gesellschaft der rtlichen Herren, welche stark betrunken
war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu und hielt ihm eine Rede,
die, wie der Dolmetsch erklrte, die Versicherung enthielt, da sie smtlich
groe Krieger wren, und nach jedem Satz bellte die Bande ein lautes Hau, hau,
das in ihrer Sprache soviel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfe.
    Es waren Sioux, verbesserte Bernhard bescheiden.
    Fink legte den Teelffel hin und sah Bernhard gro an. Ich kalkuliere,
Herr, es waren Schwarzfe.
    Es waren doch wohl Sioux, wiederholte Bernhard. Bei den Schwarzfen
lautet das Ja anders.
    Wetter, rief Fink, wenn Sie mit den roten Teufeln so bekannt sind, wozu
lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzhlen?
    Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache bekmmert, erwiderte Bernhard,
es ist ein Zufall, da ich vor kurzem einige Wrterverzeichnisse verschiedener
Stmme durchgesehen habe.
    Und wozu haben Sie sich die unntze Mhe gemacht? Es wird dort drben
schnell aufgerumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm ausgerottet,
der sie sprach.
    Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, da die Kenntnis der Sprachen fr die
Wissenschaft die beste Hilfe sei, um das Hchste zu verstehen, was der Mensch
berhaupt begreifen knne, die Seelen der Vlker.
    Die vom Geschft hrten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte,
rief Fink noch immer verwundert: Er geht mit unserm alten Herrgott um, wie mit
einem Duzbruder, und konnte vorhin rechts und links nicht unterscheiden.
    Die Folge dieses Abends war, da Bernhard einige Tage spter sogar auf den
Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und da er selbst den Mut fate, mit Anton auch
Fink zu sich einzuladen. Es ist keine Gesellschaft, fgte er hinzu, ich
mchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer sehen.
    Fink sagte zu. Darber entstand in der Familie Ehrenthal groe Aufregung.
Bernhard stubte selbst seine Bcher ab und stellte die verkehrten zurecht, und
es geschah das Unerhrte, da er sich um die Wirtschaft kmmerte. Es mu Tee
sein, Abendessen, Wein, auch Zigarren.
    Du sollst um nichts sorgen, beruhigte ihn die Mutter, wenn der Herr von
Fink dein Gast ist, so soll er sehn, wie es in unserm Hause zugeht.
    Die Zigarren werde ich dir kaufen, rief der Vater, wie sie rauchen die
jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den Wein. La
Fasanen holen, Sidonie.
    Wir wollen einen Lohndiener annehmen, sagte die Mutter.
    So will ich's nicht, widersprach Bernhard ngstlich, die Herren kommen zu
mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden in meiner Stube und
ohne fremden Diener.
    Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig, ja er
wurde rgerlich, nichts war ihm in Ordnung. Wo ist der Teekessel? Noch steht
kein Kessel in meiner Stube, rief er der Mutter zu.
    Ich werde dir den Tee eingieen und hineinschicken, wie sich's bei
Herrengesellschaft pat, sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide auf und ab
rauschte.
    Nein, entgegnete Bernhard eigensinnig, ich selbst will den Tee machen,
Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.
    Der Bernhard will selbst den Tee machen! rief die Mutter verwundert
Rosalie zu. Ein Wunder, er will selbst den Tee machen! rief Ehrenthal in
seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln klapperte. Er will Tee
machen! rief die Kchin in der Kche und schlug die Hnde zusammen.
    Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene Flasche
in der Hand. Was ist das hier? fragte er im Eifer.
    Arrak, sagte die Mutter.
    Es mu Rum sein. Fink trinkt keinen Arrak im Tee.
    Ich werde selbst gehen, Rum holen, rief Ehrenthal, ergriff seinen Hut und
lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhndler.
    Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: Es ist hbsch von dir, Fritz, da du
mitkommst. Bernhard wird eine groe Freude darber haben.
    Der Mensch mu Opfer bringen, erwiderte Fink. Ich habe mir die Freiheit
genommen, im voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen Abscheu vor
Gnsefett. Aber das schnste Mdchen der Stadt ist schon eine Entsagung wert.
Ich habe sie neulich wieder im Konzert gesehen, ein prachtvoller Leib. Und
welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer, hat nie einen Edelstein unter seinen
Hnden gehabt, der so funkelt.
    Wir sind zu Bernhard eingeladen, versetzte Anton mit leisem Vorwurf.
    Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein, sagte Fink, wo nicht,
so zwingen wir ihn, sie vorzufhren.
    Ich hoffe, sie wird unsichtbar sein, seufzte Anton.
    Die Tr ffnete sich, das Entree war durch zwei prachtvolle Lampen
erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmckt. Eine groe Blumenvase stand
auf dem Tisch, daneben buntes Porzellan, vergoldete Lffel auf seidener
Tischdecke, und ein groes Bund Imperiales von riesigem Format, wahre Stangen,
die man ohne Sttze zwischen den Lippen nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war
ein neuer Teppich ausgebreitet, es war alles sehr anstndig. Und wie
liebenswrdig war Bernhard als Wirt. Er machte den Tee. Er bat in rhrender
Hilflosigkeit Fink um Rat, wieviel Tee er einschtten solle, er drehte den Hahn
so knstlich herum, da lange Zeit gar nichts aus der ffnung flo, und dann
wieder die Flut nicht zu bndigen war. Errtend scherzte er ber seine eigene
Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude, als Fink entschied,
der Tee sei vortrefflich. Eifrig bot er die Zigarren, andchtig hrte er die
Belehrung, die ihm Fink ber das schickliche Ma hielt, in welchem diese
Erfindung menschlichen Scharfsinnes geformt werden msse. Und ganz glcklich
wurde er, da Anton endlich bat, dem Freund seine Bcherschtze zu zeigen, und da
Fink ber das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als
gute Leute saen die drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester
Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton bat die
Gtter im stillen, die schne Schwester nur heut von ihrem Tisch fernzuhalten.
    Doch Punkt neun Uhr ffnete sich die Tr des Nebenzimmers, und Frau Sidonie
berschritt majesttisch die Schwelle. Bathseba tritt ein zu Knig David,
sagte Fink leise zu Anton; erzrnt drckte ihm Anton den Fu. Bernhard stellte
verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und
Rosalie prsentierten sich. Fink trat zu dem schnen Mdchen, nannte sie
gndiges Frulein und erzhlte ihr, da er eine alte Bekanntschaft erneuere, da
er sie bereits in der Akademie gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und
Tochter zu Tisch, er sagte ihnen im gleichgltigsten Ton so viele Artigkeiten,
da beide bezaubert wurden. Er rhmte gegen die Mutter die entfernte Residenz,
gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er lie
sich mit Rosalien in eine lebhafte Unterhaltung ber Musik ein, fr die er sonst
wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nchsten Wettrennen einen guten Platz
auf der Tribne, er erzhlte kleine Geschichten aus der besten Gesellschaft, in
denen er mit Humor die Schwchen derselben karikierte. Er entzckte dadurch die
Frauen, die mit Eifersucht auf die Kreise hinsahen, die sich gegen Leute von
Bildung so sehr abschlossen, er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese
Berichte lauschte, wie auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Frstin
die Rede, welche fr eine berhmte Schnheit galt, Fink war ihr irgendeinmal
vorgestellt worden und fand, da sie dem Frulein vor ihm zum Verwechseln
hnlich sah, etwas kleiner war die Frstin, die Gestalt weniger edel; er
bewunderte dreist eine Mosaikbrosche an der Brust von Frau Sidonie und verglich
sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem Museum. Nur Vater Ehrenthal war fr
ihn nicht vorhanden. Nach den ersten Begrungen mit Anton machte der Hndler
einige vergebliche Versuche, mit Fink eine Unterhaltung anzuknpfen. Aber Fink
sprach ber ihn weg, als ob ein Stck Luft auf dem Stuhl des Hausherrn sitze.
Und doch war er nicht unartig, jedem war, als mte es so sein. Ehrenthal selbst
fand sich mit Demut in die bescheidene Rolle, zu der er verurteilt war, und
rchte sich dadurch, da er einen ganzen Fasan verzehrte.
    Als Fink merkte, da es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter
Teilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner Weise mit
Worten zu phantasieren.
    Die Mutter klagte gegen ihn ber Bernhards Stubensitzen.
    Er ist ein Aristokrat, antwortete Fink gutmtig. Der zehnte Mensch ist
ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese Eigentmlichkeit. Wenn
ich meinem Schpfer fr etwas dankbar bin, so ist es dafr, da er mich zu einem
einfachen bescheidenen Mann gemacht hat, dessen Kopf nicht stark genug ist,
groe Weisheit zu vertragen. Uns gewhnlichen Menschen wird es am leichtesten,
mit dieser Welt fertig zu werden, wir sind gentigt, uns in andere zu schicken.
Wer aber berechtigt ist, groe Ansprche zu machen wegen seines Wissens oder
wegen seiner Schnheit - hier neigte er sich mit berzeugender Ehrlichkeit
gegen die Tochter vom Hause - der findet leicht die Welt nicht so, wie er sie
fordert, whrend ich und meinesgleichen die berzeugung haben, da sie ganz
vortrefflich eingerichtet ist.
    Es ist doch viel Gemeines auf der Erde, sagte Madame Ehrenthal.
    Da ich nicht wte, rief Fink lachend. Ich gebe Ihnen zu, da einige
Insekten einen gemeinen Charakter haben, und da es gemein ist, sich in
Branntwein zu betrinken. Im brigen kommt vieles auf Ansichten an. Sehen Sie
diese Auster. Ich wette, es gibt zahlreiche Fische und Erdbewohner, welche dies
holde Geschpf fr etwas Gemeines halten, mir erscheint sie als eine der
vornehmsten Erfindungen der Natur. Was verlangen wir von einem Vornehmen? Die
Auster hat alles: sie ist ruhig, sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund
und Boden. Sie schliet sich ab gegen die Auenwelt, wie kein anderes Geschpf.
Wenn sie ihre Schalen zuklappt, so deutet sie auf das Entschiedenste an: Ich bin
fr niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus ffnet, so zeigt sie den
bevorzugten Ebenbrtigen ein zartes gefhlvolles Wesen. Wenn der Mensch das
Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die Auster. Sie werden
sagen, da das Seewasser kein ansprechendes Element ist. Aber da mu ich
widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit verzichten kann, alle
Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider tun mssen, fr den mu es
dort unten auf dem Meeresgrund sehr gemtlich sein. Er wandte sich zu Rosalie:
Nur die musikalische Bildung der Auster ist, wie ich frchte, ungengend. Auer
dem Heulen des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele
Tne in ihre Behausung.
    Treiben Sie Musik? fragte Rosalie.
    Kaum darf ich das zugeben, erwiderte Fink verbindlich. Ich klimpere ein
wenig auf dem Flgel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide ich
Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhltnis eines
unglcklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwrmerisch
verehre, und ich wrde viel darum geben, wenn ich imstande wre, dasselbe mit
Meisterschaft zu spielen.
    Die Violine? fragte Rosalie.
    Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heit spielen auf den andern
Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Hhe zur Tiefe und
wieder umgekehrt, eine ungemtliche Anstrengung in allen mglichen
Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolos und wie die Qulereien alle heien.
Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige Note, ein solider Ton, welcher
aushallt und nicht von der nchsten Note seinen Futritt bekommt. Nehmen Sie
dagegen den Ton der Pauke. Welche Kraft, welche Feierlichkeit und welche
Wirkung! Und erst der Glckliche, dem ein solches Instrument anvertraut wird!
Man sagt den brigen Virtuosen nach, da sie reizbar und empfindlich sind, der
Pauker wird ein Held, ein groer Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie
sie nur auf dem erhabensten Standpunkt mglich ist. Er pausiert dreiig, fnfzig
Takte, unterdes rennt und quiekt das Volk der brigen Tne durcheinander, wie
die Muse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er allein steht in einsamer Gre,
scheinbar mit nichts beschftigt, er nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich
lchelnd die schnsten Damen im Zuhrerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet
nur, ihr ruppiges Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf
geben, 29, diese Geige wird naseweis, 30, bum! er schlgt auf, und die andern
Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fhlen die Sprache ihres Herrn und
Meisters, und alle Zuhrer atmen tief auf, das groe Wort ist gesprochen. -
Rosalie lachte.
    Ich lasse mir nchstens ein paar Pauken bauen und werde mir die Ehre geben,
ein Duett fr Pauke und Fortepiano zu schreiben und Ihnen, mein Frulein, zu
widmen, am liebsten ein gefhlvolles Notturno. - Beim Apoll, ein vortrefflicher
Wein! Was fr ein Landsmann? Ich habe noch nicht die Ehre seiner persnlichen
Bekanntschaft.
    Es ist ein Ungarwein, alter Menes, rief Vater Ehrenthal ber den Tisch,
er hat fnfzig Jahre gelegen im Keller.
    Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard? fragte Fink, die Worte des Vaters
berhrend.
    Ich verstehe wenig vom Wein, sagte Bernhard.
    Schade, erwiderte Fink. Wer ein Gnner der Poesie ist, wie Sie, der
sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik sprechen,
mssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde, die Herren Jussuf
und Sadi, ihre Lieder den schwarzugigen Schnen vorsingen. Bitte, rezitieren
Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.
    Bernhard setzte ernsthaft auseinander, da die Musik des Orients fr unser
Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu tun, um die angelegentlichen
Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag in Originalsprache und
Melodie von ihm hren wollte.
    So zog er die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt mute Rosalie sich an
den Flgel setzen, dann fuhr auch er mit den Fingern ber die Tasten und sang
ein wildes Lied in spanischer Sprache.
    Als die Gste sich entfernten, war die Familie entzckt. Rosalie eilte
wieder an den Flgel und suchte die Melodie des fremden Gassenhauers zu
wiederholen, die Mutter war unerschpflich im Ruhme des vornehmen Wesens; auch
der von den Sthlen der Menschheit gestrichene Vater war ber den Besuch des
reichen Erben begeistert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, da er ber
eine Million schwer sei. Selbst Bernhards unschuldige Seele war durch die Art
des gewandten Mannes mchtig gefesselt. Wohl hatte er bei den Reden Finks
zuweilen ein leichtes Mibehagen gefhlt, es war ihm vorgekommen, als mache der
Fremde sich ber ihn und die Seinen lustig, aber er war zu unerfahren, um das
vollstndig zu bersehen, und beruhigte sich damit, da solche Gleichgltigkeit
zum Wesen der Weltleute gehre.
    Nur Anton war unzufrieden mit dem Freunde und sagte ihm das auf dem
Heimwege.
    Du hast gesessen wie ein Stock, erwiderte Fink, ich habe die Leute
unterhalten, was willst du mehr? La dich in eine Maus verwandeln und kriech in
die Lcher der aufgeputzten Stube, und du wirst hren, wie sie jetzt mein Lob
singen. Kein Mensch kann mehr verlangen, als da man ihn so behandelt, wie ihm
selbst behaglich ist.
    Ich meine, sagte Anton, man soll ihn so behandeln, wie es der eigenen
Bildung wrdig ist. Du hast dich benommen, wie ein leichtsinniger Edelmann, der
morgen bei dem alten Ehrenthal eine Anleihe machen will.
    Ich will leichtsinnig sein, rief Fink lustig, vielleicht will ich auch
eine Anleihe bei dem Hause Ehrenthal machen. Schweig jetzt mit deinen
Bupredigten, es ist ein Uhr vorber.
    Einige Tage spter erinnerte sich Anton nach dem Schlu des Comtoirs, da er
dem jungen Gelehrten die bersendung eines Buches versprochen hatte. Da Fink
schon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft tat, den Paletot Antons
mitgefhrt hatte, so wickelte dieser sich in Finks Burnus, der auf seiner Stube
lag, und eilte in Ehrenthals Haus. Er trat an die weie Tr und war nicht wenig
verwundert, als die Tr geruschlos aufging und eine verhllte Gestalt
herausschlpfte. Ein weicher Arm legte sich in den seinen und eine leise Stimme
sprach: Kommen Sie schnell, ich erwarte Sie schon lange. Anton erkannte
Rosaliens Stimme.
    Er stand starr wie eine Bildsule und erwiderte endlich mit dem Erstaunen,
das in solcher Lage verzeihlich ist: Sie verkennen mich, mein Frulein. Mit
einem unterdrckten Schrei huschte die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat
kaum weniger erschrocken in Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den
Mantel nicht abgenommen, und erlebte jetzt das Leid, da der kurzsichtige
Bernhard auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein schrecklicher
Verdacht stieg in ihm auf, er schtzte gegen Bernhard groe Eile vor und trug
den unglcklichen Mantel schnell nach Hause ber einem Herzen voll Schmerz und
rger. Wenn es Fink war, der von der schnen Tochter Ehrenthals zu so
vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je lnger Anton auf den Abwesenden
wartete, desto hher stieg sein Unwille. Endlich hrte er Finks Tritt auf den
Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel zu ihm hinab. Er erzhlte kurz, was
ihm begegnet war, und schlo mit den Worten: Sieh, ich hatte deinen Mantel um,
und es war dunkel, ich habe den hlichen Verdacht, da sie mich fr dich
gehalten hat, und da du das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weise
mibraucht hast.
    Ei, ei, sagte Fink kopfschttelnd, da sieht man, wie schnell der
Tugendhafte bereit ist, seine Steine auf andere zu werfen. Du bist ein
Kindskopf. Es gibt mehr weie Mntel in der Stadt, wie kannst du beweisen, da
es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann erlaube mir die
Bemerkung, da du selbst dich bei diesem Abenteuer in einer Weise benommen hast,
die weder artig, noch entschlossen, noch irgend etwas anderes war als tppisch.
Warum hast du nicht das Frulein die Treppe heruntergefhrt? Und wenn die
Verwechselung unten nicht mehr zu verbergen war, konntest du nicht sagen: Zwar
bin ich nicht der, fr den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in
Ihrem Dienst zu sterben, und so weiter.
    Du tuschst mich nicht, erwiderte Anton. Ich traue nicht, da du mir die
Wahrheit sagst. Wenn ich mir alles recht berlege, so kann ich, trotz deinem
Leugnen, den Verdacht nicht loswerden, da du doch der Erwartete warst.
    Du bist ein kleiner Schlaukopf, sagte Fink gemtlich, du wirst mir aber
ebenfalls zugestehn, da ich, da eine Dame im Spiel ist, nichts anderes tun
kann, als leugnen. Denn siehst du, mein Sohn, wenn ich dir Gestndnisse machte,
so wrde ich ja die schne Tochter des ehrenwerten Hauses kompromittieren.
    Leider frchte ich, rief Anton, da sie sich ohnedies kompromittiert
fhlt.
    Na, sagte Fink ruhig, sie wird's ertragen.
    Aber Fritz, rief Anton die Hnde ringend, hast du denn gar keine
Empfindung fr das Unrecht, das du an Bernhard begehst? Du verleitest die
Schwester eines gebildeten und feinfhlenden Menschen zu Torheiten, die fr sie
verhngnisvoll werden mssen. Gerade da sein reines Herz in einer Umgebung
schlgt, die er nur ertragen kann, weil er so voll Vertrauen ist und so wenig
erfahren, gerade das macht dein Unrecht fr mich so bitter.
    Deshalb wirst du am klgsten tun, wenn du das groe Zartgefhl deines
Freundes schonst und seiner Schwester Verschwiegenheit gnnst.
    Nein, erwiderte Anton zornig, meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich zu
etwas anderem. Ich mu von dir fordern, da du dein Verhltnis zu Rosalie, von
welcher Art es auch sei, auf der Stelle abbrichst und dich bemhst, in ihr nur
das zu sehen, was sie dir immer htte sein sollen, die Schwester meines
Freundes.
    So? entgegnete Fink spttisch, ich habe nichts dawider, da du diese
Forderung stellst. Wenn ich aber nicht darauf eingehe, wie dann? Immer
vorausgesetzt, was ich berhaupt leugne, da ich der glckliche Erwartete war.
    Wenn du nicht darauf eingehst, rief Anton in groer Bewegung, so kann ich
dir diesen Streich niemals verzeihen. Das ist nicht mehr Mangel an Zartgefhl,
es ist etwas Schlimmeres.
    Und was, wenn's beliebt? fragte Fink kalt.
    Es ist schlecht, rief Anton. Es war schon schlimm genug, da du die
Koketterie des Mdchens benutztest, aber es ist doppelt schlecht, da du auch
jetzt nicht daran denken willst, wie du sie kennengelernt hast, nicht an ihren
Bruder und nicht an mich, der ich diese unglckliche Bekanntschaft vermittelt
habe.
    Und du la dir sagen, erwiderte Fink, die Lampe seiner Teemaschine
anzndend, da ich dir durchaus nicht das Recht einrume, mir solche Vortrge
zu halten. Ich habe keine Lust, mit dir zu zanken, aber ich wnsche ber diesen
Gegenstand kein Wort weiter von dir zu hren.
    Dann mu ich dich verlassen, sagte Anton, denn es ist mir unmglich, mit
dir ber anderes zu sprechen, solange ich die Empfindung habe, da du frevelhaft
handelst.
    Er ging zur Tr. Ich lasse dir die Wahl, entweder du brichst mit Rosalie,
oder, so furchtbar mir ist, das auszusprechen, du brichst mit mir. Wenn du mir
bis morgen abend nicht die Versicherung gibst, da deine Intrige zu Ende ist, so
gehe ich zu Rosaliens Mutter.
    Gute Nacht, du dummer Tony, sagte Fink.
    Anton verlie den leichtsinnigen Freund. Es war der erste ernsthafte Streit
zwischen ihm und Fink. Er war sehr unglcklich ber Finks Leichtsinn und schritt
bis tief in die Nacht in seinem Zimmer trostlos auf und ab. Dem harmlosen
Bernhard etwas zu sagen, erschien ihm bei der Persnlichkeit des Gelehrten
bedenklich, er frchtete, ihn im tiefsten Herzen zu verwunden, und traute ihm
wenig Einflu auf die Schwester zu. Auch Fink war rgerlich ber den Zufall. Er
trank seinen Grog diesmal allein und dachte vielleicht mehr an Antons Groll, als
an den Schreck der schnen Rosalie.
    Der nchste Tag war grau fr beide. Sonst, wenn Fink ins Comtoir trat,
nickte er dem Freunde, der ihm seit einiger Zeit gegenber sa, freundlich zu,
und Anton kam dann schnell an den Stuhl des andern und fragte leise, wie Fink
den letzten Abend verlebt hatte. Heut sa Anton stumm auf seinem Platz und
beugte sich tief auf den Brief hinab, als Fink sich ihm gegenber setzte. Jeder
mute, wenn er aufsah, in das Gesicht des andern blicken, heut hatten beide die
Aufgabe zu tun, als ob ihnen gegenber ein leerer Raum sei. Es war Fink leicht
gewesen, den Vater Ehrenthal als Luft zu behandeln, bei Anton war auch ihm das
lstig, und Anton, der keine solche Gewandtheit im bersehen fremder Krper
hatte, fhlte sich hchst unglcklich, wenn er nach rechts und links ausschauen
mute, bei dem Kopf des andern vorbei, ber ihn weg, immer gleichgltig, wie der
Kriegsbrauch zwischen Schmollenden ntig macht. In der Mitte des Vormittags kam
das Frhstck in das Comtoir, dann wurde eine kurze Pause gemacht, die Herren
standen von ihren Pltzen auf und traten zusammen. Heut blieb Anton sitzen, weil
sein Platz der einzige Ort war, welcher ihn vor der Berhrung mit Fink sicherte.
Alles verschwor sich, beiden ihre Rolle schwerzumachen. Schmeie Tinkeles
erschien im Comtoir, und Fink hatte wieder eine lcherliche Verhandlung. Alle
Herren sahen auf Fink und sprachen mit ihm; sonst hatte Anton dem Freunde
frhliche Zeichen des Einverstndnisses gemacht, jetzt starrte er vor sich hin,
als ob Tinkeles hundert Meilen entfernt wre. Herr Schrter gab Anton einen
Auftrag, bei dem er Fink um Auskunft fragen mute. Anton war gentigt, sich
vorher stark zu ruspern, damit seine Stimme nicht gepret klang, und als Fink
eine kurze Antwort gab, krnkte ihn das, und sein Zorn gegen den Verstockten
loderte wieder zu heller Flamme auf. Zum Mittagessen waren die beiden immer
zusammen gegangen, Fink hatte regelmig gewartet, bis Anton ihn abholte. Heut
kam Anton nicht. Fink ging mit Herrn Jordan ins Vorderhaus, so da Jordan
verwundert fragte: Wo bleibt denn Wohlfart? und Fink mute sagen: Wo er
will.
    Am Nachmittag konnte Anton sich nicht enthalten, einigemal heimlich von
seinem Briefe aufzusehen und den Kopf und das stolze Angesicht des andern zu
betrachten. Dabei mute er denken, wie frchterlich es fr ihn sei, von jetzt ab
dem Manne fremd zu werden, an dem er so sehr hing. Aber er blieb fest. Auch
jetzt, wo der erste Zorn verraucht war, fhlte er, da er nicht anders handeln
konnte. Diese berzeugung rhrte ihm das Herz. Und in solcher Stimmung vermied
er nicht mehr auf den Platz des verlornen Freundes zu schauen. Als Fink
aufblickte, sah er das Auge Antons voll Trauer auf seinem Gesicht ruhen. Der
schmerzliche Ausdruck beunruhigte den Rcksichtslosen mehr als der frhere Zorn.
Er erkannte daraus, da Anton fest war, und die Waagschale, worin Rosalie sa,
fuhr in die Hhe. Wenn Anton in seiner Spiebrgerlichkeit zu Rosaliens Mutter
ging, so wurde ihm das Abenteuer doch verdorben. Zwar um den Zorn der Mutter
kmmerte er sich wenig, Rosalie mochte sehn, wie sie mit ihr fertig wurde, aber
der Gedanke an den harmlosen Bernhard war ihm unbehaglich. Und was das
Schlimmste war, sein eigenes Verhltnis zu Anton war fr immer zerstrt, sobald
dieser erst mit einer dritten Person ber die Liaison gesprochen hatte. Diese
Erwgung zog ihm die Stirn in Falten.
    Kurz vor sieben Uhr fiel ein Schatten auf Antons Papier. Anton sah auf, Fink
hielt ihm schweigend einen kleinen Brief ber das Pult, die Aufschrift war an
Rosalie. Anton sprang von seinem Sitz auf.
    Ich habe an sie geschrieben, sprach der andere mit eisiger Klte; da
deine Freundschaft mir nur die Wahl lt, entweder das Mdchen zu
kompromittieren oder meine Studien ber eine interessante Vlkerseele
aufzugeben, so mu ich mich zu dem letzteren verstehen. Hier ist der Brief. Ich
habe nichts dagegen, da du ihn liest. Es ist ihr Laufpa.
    Anton nahm den Brief aus der Hand des Snders, siegelte ihn in der Eile mit
dem kleinen Comtoirstempel und bergab ihn einem Hausknecht zur schleunigen
Abgabe auf der Stadtpost.
    So war die Gefahr beseitigt, aber es blieb seit diesem Tage eine Spannung
zwischen den beiden Verbndeten. Fink grollte, und Anton konnte nicht vergessen,
was er Verrat an seinem Freund Bernhard nannte. Und Fink trank durch einige
Wochen seinen Tee nicht in Antons Gesellschaft.

                                       7


Das Haus von T.O. Schrter hatte einen Tag im Jahre, an dem es sich
unabnderlich dem Vergngen ergab. Dies geschah zur Erinnerung an die Stunde, in
welcher Herr Schrter als Teilhaber in das Geschft seines Vaters eingetreten
war. Wenn dieser Tag durch die Tcke der Kalendermacher unter die Wochentage
gesetzt wurde (und es war sechs gegen eins zu wetten, da sie dem Geschft den
Possen spielten), so wurde das Fest am nchsten Sonntag gefeiert. Es war keine
Festfeier, welche bermig aufregte, sie hatte einen ruhigen regelmigen
Verlauf und einen leisen Anflug von Geschftlichkeit. Zuerst war groes Diner
des Comtoirs beim Prinzipal, dann fuhr die Gesellschaft nach einem nahe
gelegenen Dorfe, wo der Kaufmann ein Landhaus besa, und eine Anzahl
ffentlicher Grten und Sommerkonzerte die Stadtbewohner anzog. Dort wurde
Kaffee getrunken, Natur genossen, und am Abend zur Brgerstunde nach der Stadt
zurckgefahren.
    In diesem Jahr feierte der Kaufmann das fnfundzwanzigjhrige Jubilum
seines Eintritts. Schon am Morgen gratulierten Deputationen der Auflader und
Hausknechte, an der Mittagstafel waren heut die Kollegen im hchsten Staat
versammelt, Herr Liebold in einem neuen Frack, den er, wie alle Prachtstcke
seiner Garderobe, seit vielen Jahren an diesem Fest zum erstenmal trug.
    Nach dem Mittagessen fuhren einige Wagen vor das Haus, die Gesellschaft ins
Freie zu schaffen. Herr Schrter stieg mit Sabine in den ersten Wagen, und da
die Tante als Krankenpflegerin einer Verwandten abwesend war, sah sich der
Prinzipal unter den Herren um, welche massenhaft um den Wagen standen und das
Einsteigen Sabinens durch heftige Dienstbeflissenheit wenigstens moralisch
untersttzten. Fink sa bereits auf seinem Reitpferd, und so rief der Prinzipal
Herrn Liebold und Herrn Jordan auf den Rcksitz des Staatswagens. Beide Herren
verneigten sich, Herr Liebold nahm mit feierlichem Lcheln gegenber dem
Frulein Platz. Ach, aber seine Freude war nicht ohne den Bodensatz heimlicher
Angst. Es war allen Kollegen wohlbekannt und ihm am besten, da er das
Rckwrtsfahren durchaus nicht vertragen konnte. Nie hatte er nach Ehrenpltzen
gestrebt, sein ganzes Leben durch war er auf der Rckseite von Fortunas Karosse
fortgeschafft worden, aber in einem gewhnlichen Wagen emprte sich
augenblicklich sein ganzes Innere, wenn er nicht vornehm im Fond sa. Auch heut
sah er das Unglck kommen, gerade heut, wo er der angebeteten Herrin des Hauses
gegenbersa. Wie gern htte er seinen Platz geopfert, aber das war unmglich,
die Ehre war zu gro, und seine Weigerung wre ihm falsch ausgelegt worden. So
sa er als Mrtyrer, auf das rgste gefat, dem Frulein gegenber, er versuchte
vergebens unbefangen auszusehen und auf die Seite zu blicken, wo Huser und
Bume, Menschen und Hunde bei ihm vorbeitanzten. Dies frchterliche Tanzen
kannte er, das war immer der Anfang. Er mute also gerade vor sich hin sehen,
und da es unpassend gewesen wre, dem Frulein ins Gesicht zu blicken, so
starrte er ber sie weg. Noch lchelte sein Mund, aber sein Auge sah stier und
seine Wangen wurden bla, blutlos, erdfarben. Jordan sah ihn von der Seite an
und konnte das Lachen nicht verbergen. Das brachte Sabine zu der besorgten
Frage: Fehlt Ihnen etwas, Herr Liebold? Da Liebold die Augen nicht vom Himmel
wegwenden durfte, so bohrte er sie an einer ruhigen Wolke fest und murmelte die
Versicherung, da ihm sehr wohl sei. Dabei erhielt sein Gesicht aber den
Ausdruck stumpfer Verzweiflung, so da Sabine sich ngstlich an Herrn Jordan
wandte.
    Er kann nicht vertragen rckwrts zu sitzen, sagte dieser.
    Dann wechseln wir die Pltze, rief Sabine. Herr Liebold schttelte
erschrocken den Kopf und machte schweigend allerlei Bewegungen, um seinen
Abscheu gegen eine solche Zumutung auszudrcken. Bitte, Herr Jordan, lassen Sie
den Kutscher halten, rief Sabine. Der Wagen stand, das Frulein erhob sich:
Schnell, Herr Liebold, rief sie. Dieser versuchte noch zu protestieren, aber
Jordan rckte ihn krftig in die Hhe, und ehe er wute, wie ihm geschah, sa er
im Fond, und das Frulein ihm gegenber auf dem Rcksitz. Die Spannung in seinen
Zgen lie nach, eine feine Rte zog verklrend ber sein Gesicht. Aber in
welcher Lage war er! Was muten die Vorbergehenden von ihm und seiner Stellung
zum Hause denken! Fremde konnten ihn fr den Onkel der Dame halten, aber jeder,
der sie kannte, - und wer kannte die schne Sabine Schrter nicht? - der mute
auf die abenteuerlichsten Gedanken kommen. Da er mit ihr verlobt sei, war noch
viel zu wenig, als Verlobter htte er nicht im Fond sitzen drfen, nein, er sa
da, wie mit ihr verheiratet. Der Gedanke trieb ihm den Schwei aus allen Poren,
er sah demtig auf das Frulein und bat sie mit leiser Stimme um Verzeihung
wegen des Skandals, den er verursache. Sabine streckte zur Antwort ihre Hand aus
und schttelte ihm die seine krftig. Da bermannte ihn die Freude, er beugte
sich schon ein wenig herab, in der khnen Absicht, ihr den Handschuh zu kssen.
Und in demselben Augenblick fuhren sie bei dem Buchhalter von Strumpf und
Kniesohl vorber, Herr Liebold schnellte stracks in die Hh, jetzt war das
Unglck geschehen, Sabine und er waren das Opfer eines unerhrten Irrtums. Es
war unntz, noch gegen das Schicksal anzukmpfen. Er sa fortan verklrt und
still selig, bis die Wagen vor der groen Restauration des Dorfes anhielten. Man
stieg aus, die Herren sammelten sich um das seidene Gewand ihres Fruleins,
rauschende Musik scholl ihnen entgegen, sie traten in die Buchengnge des
geschmckten Gartens, welcher heut mit den glnzenden Toiletten der Stdter
angefllt war.
    Sabine schwebte in einer Wolke von Herren dahin. Es ist mglich, da dieser
wandelnde Hof mancher Mitschwester grere Freude gemacht haben wrde, als ihr.
Jedenfalls sah es stattlich aus, als sie am Arm des Bruders durch die Gnge
schritt, auf beiden Seiten und hinter ihr diensteifrige Herren, alle bemht,
sich mit ihr als dem Mittelpunkt in Verbindung zu halten, zumal heut, wo das
Haus in Masse unter der Fashion der Stadt auftrat, und jeder einzelne als
Mitglied des berhmten Geschfts zu reprsentieren hatte. Liebold war in einem
bestndigen Lcheln begriffen, welches er auf der Auenseite seines Gesichts
allerdings zu bewltigen suchte, um bei den Vorbergehenden nicht den Argwohn zu
erregen, da er sie auslache. Aber um so strker arbeitete es in seinem Innern
und fuhr zuweilen im gleichgltigen Gesprch wie ein Wetterleuchten ber sein
Gesicht, dehnte ihm pltzlich Nase und Mund aus, und machte die Augen klein und
glnzend. Er trug heut als Bevorzugter den Schal des Fruleins, schritt in
angemessener Entfernung hinter ihr her und bezeichnete so die zweite von den
Linien, welche die Firma heut im grnen Hauptbuch der Natur einnahm. Durch eine
khne Handbewegung hatte sich Herr Specht in Besitz des Sonnenschirms gesetzt
und umgab mit diesem Sabine von allen Seiten, in der Regel marschierte er wie
ein Fhnrich voran am Rand des Gehlzes. Mit verlangendem Blick sah er in das
Gebsch, ob ihm nicht eine auffallende Blume oder ein Schmetterling Veranlassung
geben knnten, mit dem Frulein eine Unterhaltung anzufangen. Jedenfalls war das
nicht leicht, denn Fink ging neben ihr. Dieser war heut in boshafter Stimmung,
und wider Willen lachte Sabine ber die unbarmherzigen Glossen, welche er
auffallenden Gestalten unter den Spaziergngern gnnte. Auch den massenhaften
Aufmarsch der Firma machte er lcherlich, aber er selbst verschmhte nicht,
etwas von dem exklusiven Stolz der Handlung zu empfinden.
    Um sie herum zogen, trippelten und rauschten die Schwrme der
Lustwandelnden. Es war ein unaufhrliches Anstarren, Gren, Ausweichen, der
Kaufmann mute immer wieder nach dem Hut greifen, und sooft er grte, gerieten
die vierzehn Hte der Kollegen ebenfalls in Bewegung und erregten in der Luft
zahlreiche kleine Wirbelwinde. Das machte einen groartigen Eindruck.
    Als die Hausgenossen einige Zeit in der Strmung fortgeschwommen waren,
uerte Sabine den Wunsch auszuruhen. Sogleich flogen Tirailleure der Herren
unter die Bankreihen und belegten einen Tisch. Man nahm Platz, die Kellner
schleppten eine riesige Kaffeekanne mit der entsprechenden Anzahl Tassen herbei.
Jetzt war eine Freude, der Handlung zuzusehen, wie jeder der Herren bemht war,
dem Frulein das Eingieen abzunehmen, weil die Kanne fr sie zu schwer war, wie
Sabine sich Anton zum Adjutanten erwhlte, weil er auch im Salon der Kollegen
das Geschft des Eingieens verrichtete, wie die Kollegen sich freuten, da man
im Vorderhause auch das von ihnen wute, ferner, wie verbindlich Sabine jedem
der Herrn den Kuchen prsentierte, und wie sie immer ein Auge darauf hatte, da
die Zuckerschale und der Sahnetopf in ihrem Laufe um den Tisch nicht
unterbrochen wurde, und endlich, wie alle Kollegen den braunen Trank des Wirts
mit der stillen berlegenheit von Leuten einnahmen, welche besser wissen, was
guter Kaffee ist. Es war kein ruhiger Sitz, und Sabine hatte viel zu tun, die
vorbeiziehenden Bekannten zu gren und den Freunden des Bruders, welche an sie
herantraten, Rede zu stehn. Sie war allerliebst in dieser unaufhrlichen
Bewegung. Mit einer ruhigen hausmtterlichen Haltung sprach sie mit den Herren
vom Comtoir, und mit einfacher Herzlichkeit erhob sie sich und bewillkommnete
die Herantretenden. Sie grte, scherzte und waltete ber dem Kaffeebrett, sie
sah auf die Spaziergnger und hatte noch Zeit, prfende Blicke in das Innere der
Tassen zu werfen, welche sie Anton zureichte. Anton und Fink, beide empfanden,
wie gut ihr das sichere Wesen stand, und Fink sagte ihr das: Wenn dies ein Tag
der Erholung ist, Frulein Sabine, so beneide ich Sie nicht um Ihre Arbeitstage.
Keine Prinze hat im Empfangssaal so viele Rcksichten zu nehmen, soviel mit dem
Kopf zu nicken, zu lcheln und Artiges zu sagen, als Sie. Es geht vortrefflich,
Sie haben das jedenfalls einstudiert. Da kommt der Brgermeister selbst, er wird
Sie sogleich anreden. Jetzt tun Sie mir leid, mit dem Ohr sollen Sie auf mich
hren, in der Hand halten Sie Liebolds Tasse und mit den Augen mssen Sie
achtungsvoll den Growrdentrger empfangen. Ich bin neugierig, ob Sie noch
meine Worte verstehen.
    Nehmen Sie nur den Kfer aus Ihrer Tasse, ich werde Ihnen sogleich
eingieen, sagte Sabine lachend und stand auf, den Bekannten des Hauses zu
begren.
    Unterdes belustigte sich Anton, die Urteile der Vorbergehenden ber seine
Gesellschaft zu erlauschen. Da ist Herr von Fink, wisperte eine junge Dame
ihrer Begleiterin zu. Ein nettes Gesicht, famose Taille, schnarrte ein
Leutnant. Was ist ein Fisch unter so viele Hungrige? brummte ein Ruchloser.
Still, das sind die von Schrters, stie ein Kommis den andern an. Als er so
aufblickte, sah er zwei hohe ppige Gestalten langsam heranziehn. Es waren Dame
Ehrenthal und Rosalie, Rosalie ging auf der Seite des Tisches. Ihr Gesicht
berzog sich langsam mit einer dunkeln Rte, als sie in dem Gedrnge dicht an
seinem und Finks Platz vorberkam. Unruhig sah er auf Fink, der wieder in
lebhaftem Gesprch mit Sabine doch Augen genug hatte, die Nahenden zu bemerken.
Anton erhob sich grend, der unerschtterliche Fink griff nachlssig an seinen
Hut und blickte von seinem Sitze so kalt auf die beiden Frauen, als htte er nie
die Armbnder an dem weien Arm der schnen Rosalie bewundert. Der Gru Antons,
die auffallende Schnheit Rosaliens, vielleicht einiges Auffallende ihrer
Toilette bewirkten, da auch Sabine die beiden Frauen aufmerksam ansah.
    Die Tochter Ehrenthals achtete nicht auf Antons Gru, ihre dunkeln Augen
hefteten sich fest auf Sabine. Ein Flammenblitz voll Ha und Zorn fiel auf das
Mdchen, welches sie fr ihre glckliche Nebenbuhlerin hielt, so da Sabine sich
erschrocken zurckbeugte, wie um dem Anfall eines Raubtieres zu entgehen.
    Mit zusammengepreten Lippen, unsglichen Widerwillen auf allen Zgen fuhr
Rosalie vorber. Finks Lippen kruselten sich und er zog seine Schultern ein
wenig in die Hhe. Als die Frauen vorber waren, sah Sabine erstaunt auf Anton
und Fink, und frug: Wer war das?
    Eine von den Bekanntschaften Antons, sprach Fink hhnend.
    Madame Ehrenthal und ihre Tocher, erwiderte Anton verlegen, die junge
Dame ist die Schwester des Gelehrten, von dem ich Ihnen neulich erzhlt habe.
Aber unwillkrlich sah er auf Fink, whrend er sprach, und beide tauschten einen
finstern Blick miteinander aus.
    Sabine schwieg und rckte sich auf ihrer Bank zurck, ihre frohe Laune war
dahin. Die Unterhaltung kam nicht mehr in Flu, und als der Bruder von einem
Besuch bei dem nchsten Tisch zurckkehrte, erhob sich das Frulein und lud die
Herren ein, nach ihrem Garten zu kommen. Von neuem zog sie mit ihrer Wolke
dahin, aber Fink ging nicht mehr an der Seite des Fruleins. Der glhende Blick
voll Ha hatte die grnen Ranken versengt, welche sich wieder von ihr zu ihm
gezogen hatten. Sabine wandte sich zu Anton und sprach mit diesem; sie mhte
sich, heiter zu sein, aber Anton merkte ihr den Zwang an.
    Der groe Garten des Kaufmanns mit einem hbschen Gartenhaus und Glashusern
war ein Lieblingsaufenthalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr sie hinaus, wenn
das Wetter es irgend erlaubte, und besprach mit dem Grtner alle Einzelheiten
der Einrichtung und Blumenzucht. Die Kollegen bestrmten sie daher mit Fragen
ber Namen und Charakter ihrer Blumen; und whrend der Kaufmann mit Fink ein
benachbartes Grundstck betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte
Sabine der brigen Gesellschaft, was sie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie
fhrte die Herren durch die Blumen, die Rasenstcke, in das Warmhaus. Der Bruder
hatte ihr eine hohe Palme geschenkt, und die Palme, groe Pisangbltter,
tropische Farren und blhende Kakteen waren in eine Gruppe zusammengestellt,
eine zierliche Bank und ein Tisch standen davor, es war ein allerliebster
Wintergarten. Whrend Sabine erzhlte, da sie hier an sonnigen Wintertagen den
Kaffee trinke, und wie schn es sich dann unter den groen Blttern sitze,
brachte ihr der Grtner auf einem Teller Kuchenbrocken und Vogelfutter. Auch
wenn ich nicht so groe Begleitung habe, bin ich hier nicht allein, sagte sie
lchelnd.
    Wir bitten, stellen Sie uns den Vgeln vor, rief Anton.
    Sie mssen aber in das Gartenhaus treten und hbsch still sein, bat
Sabine, das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren wrden ihm doch
Schrecken einjagen.
    Die Kollegen zogen nach dem Gartenhaus. Pix lenkte den aufgeregten Specht am
hintersten Rockknopf zurck und drehte die Glastr herum, Sabine streute das
Futter einige Schritt von der Tr auf den Kies und schlug in die Hnde. Dem
Klatschen antwortete mehrstimmiger Ruf von den nchsten Bumen und dem Dach des
Hauses. Eine Menge kleiner Vgel scho herzu und hpfte mit lustigem Geschrei um
die Krumen, sie waren so zahm, da sie bis an die Fe Sabinens herankamen. Es
war keine vornehme Gesellschaft, einige Finken, Hnflinge und ein ganzes Volk
Spatzen. Sabine trat leise zur Tr und fragte durch den Spalt: Knnen Sie die
einzelnen unterscheiden? So hnlich auch die Herrschaften einander sehen, sie
sind doch verschieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem Wesen. Mehrere davon
kenne ich persnlich. Sie wies auf einen groen Sperling, ein schnes Mnnchen
mit schwarzem Kopf und feurigem Braun auf dem Rcken: Sehen Sie den dicken
Herrn dort?
    Er ist der grte von allen, sagte Anton erfreut.
    Er ist mein ltester Bekannter, er hat sich zuerst an mich gewhnt, von
meinem Kuchen ist er so stark geworden. Er ist ausgefttert und satt. Wie sicher
er umherhpft, und wie vornehm er in die Brocken pickt! Gleich einem reichen
Bankier geht er unter den andern umher. Hren Sie ihn schreien? Seine Stimme
klingt wegwerfend und aristokratisch. Er betrachtet dies Ausstreuen als eine
Verpflichtung, welche die Welt gegen ihn hat. Da krht er wieder. Wissen Sie,
was er sagt: Mein Kuchenmdel ist da. Dies ewige Gebck! Was ich nicht aufessen
kann, will ich den andern lassen. Ich glaube, es hngt ihm eine Berlocke an
seinem kleinen Bauch herunter.
    Es ist eine Feder, flsterte Herr Specht.
    Ja, fuhr Sabine fort, ich frchte, die hat ihm seine Frau ausgehackt.
Denn, so gewichtig er aussieht, er steht unter dem Pantoffel. Das graue Weibchen
dort, das hellste von allen, ist seine Frau. Sehen Sie, da sie ihn weghackt?
    Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier, welcher
gerade vornehm in einen ungewhnlich groen Brocken pickte, bekam von seiner
Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu rsonieren, die Nachbarn
flogen herzu, ein heftiges Geschrei begann, der allgemeine Unwille war gegen den
Bankier gerichtet. Er wurde aus dem Haufen beiseite gejagt und hpfte zerzaust,
mit dem Kopfe schttelnd, einige Schritt vor den Brocken auf und ab, whrend
seine Frau ber dem eroberten Bissen stand und laut triumphierte.
    Die Herren lachten.
    Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf! rief Sabine
freudig. Unbehilflich, mit ausgebreiteten Flgeln tappte ein kleiner Sperling
heran, ganz wie ein Kind, welches Mhe hat, im Gehen das Gleichgewicht zu
behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau, sperrte den Schnabel weit auf,
schrie und schlug mit den Flgeln auf die Erde. Die Mutter zerhackte den groen
Bissen, fate die Teile und steckte sie in den aufgesperrten Schnabel des
Kleinen. Mitten unter der schwirrenden, tanzenden, hackenden Gesellschaft
ftterte die Mutter den Schreihals. Ein Stck des eroberten Bissens nach dem
andern steckte sie ihm in den Hals, whrend der Vater einige Schritt davon
selbstgefllig auf und ab schritt und zuweilen von der Seite mitrauisch auf die
energische Hausfrau hinblickte.
    Wie allerliebst! rief Anton.
    Nicht wahr?  sagte Sabine. Auch bei den Kleinen sind Charaktere und ein
Familienleben.
    Aber die Szene wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen. Ein leichter Schritt
kam um das Haus, die Vgel flatterten auf, nur die Mutter und das Junge waren so
eifrig beschftigt, da sie zgerten. Endlich flog auch die Sperlingsfrau auf
den Baum und rief ngstlich ihr Kind. Aber der Kleine, vom genossenen Kuchen
schwer und betubt durch die Flle des Genusses, vermochte nicht so schnell die
schwachen Flgel zu heben. Ein Schmi von der Reitpeitsche Finks erreichte ihn,
der Krper flog als Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von smtlichen Herren
wurde gehrt, und finster blickten alle Gesichter des Comtoirs auf den Mrder.
Fink, der auf die Gruppe an der Salontr nicht geachtet hatte, sah verwundert
auf den Sturm, der gegen ihn hereinbrach. Sabine eilte an ihm vorbei nach dem
Beet, auf dem der Vogel lag, ergriff diesen, kte den kleinen Kopf und sprach
mit klangloser Stimme: Er ist tot. Sie setzte sich auf die Bank an der Tre
und deckte ihr Taschentuch ber den Toten.
    Ein unbequemes Stillschweigen folgte. Es war der Lieblingsvogel von
Frulein Sabine, den Sie erschlagen haben, sagte endlich Herr Jordan
vorwurfsvoll.
    Das tut mir leid, erwiderte Fink und rckte sich einen Stuhl zum Tisch.
Ich habe nicht gewut, Frulein, da Sie Ihre Teilnahme auch auf diese Klasse
von Spitzbuben ausdehnen. Ich habe im besten Glauben gehandelt, und dachte den
Dank des Hauses zu verdienen, als ich den Dieb aus der Welt schaffte.
    Das arme Kleine, sprach Sabine traurig, die Mutter schreit auf dem Baum,
hren Sie?
    Sie wird sich trsten, entgegnete Fink. Ich halte es fr unzweckmig,
einem Sperling mehr Gemt zu gnnen, als seine eigene Verwandtschaft hat. Aber
ich wei, Sie lieben alles, was Sie umgibt, mit Rhrung und Gefhl zu
betrachten.
    Wenn Sie diese Eigenschaft nicht haben, weshalb verspotten Sie dieselbe bei
andern? fragte Sabine mit zuckendem Munde.
    Weshalb? fragte Fink. Weil ich dieser Gewohnheit berall begegne. Dies
ewige Gefhl, mit dem hier alles berzogen wird, was des Gefhls nicht wert ist,
macht zuletzt schwach und kleinlich. Wer seine Empfindung immer an allen
mglichen Tand heftet, der hat zuletzt keine, wo eine groe Leidenschaft seiner
wrdig ist.
    Und wer nie etwas anderes tut, als mit herber Klte zu betrachten, was ihn
umgibt, wird dem zuletzt nicht auch die Empfindung fehlen, wo eine groe
Leidenschaft Pflicht wird? fragte Sabine mit einem schmerzlichen Blick auf
Fink.
    Es wre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte, sagte Fink
achselzuckend. Jedenfalls wird es einem Mann besser anstehen, hart zu sein, als
zu weichlich.
    Aber sehen Sie das Volk hier an, fuhr er nach einer unbehaglichen Pause
fort. Das liebt seinen Strickbeutel, den Kupferkessel, in dem die Mutter Wrste
gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen fadenscheinigen Rock, und
ebenso alle Mibruche, die zehntausend verrotteten Gewohnheiten seines Lebens;
berall liegen phantastische Grillen, Liebhabereien und schwache Gemtlichkeiten
herum und hngen sich wie Blei an die Menschen, wenn es einmal gilt, frisch
vorwrts zu gehen. Achten Sie auf die deutschen Auswanderer. Welche Masse
unntzen Krames schleppt dies Volk bers Wasser, alte Vogelbauer, zerbrochene
Holzsthle; wurmstichige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl gekannt,
der in brennender Sonnenhitze acht Tagereisen machte, um einmal Sauerkraut zu
essen. Und wenn sich so ein armer Teufel irgendwo niedergelassen hat und nach
einem Jahre entdeckt, da er in einer Fiebergegend steckt, so hat er seine ganze
Umgebung mit Gemtlichkeit bersponnen wie mit Spinnweben und ist oft nicht mehr
aus dem Sumpf zu bringen, und wenn er und Weib und Kind darber zugrunde gehen.
    Da lobe ich mir das, was Sie die Gemtlosigkeit des Amerikaners nennen. Er
arbeitet wie zwei Deutsche, aber er wird sich nie in seine Htte, seine Fenz, in
seine Zugtiere verlieben. Was er besitzt, das hat ihm gerade nur den Wert, der
sich in Dollars ausdrcken lt. Sehr gemein, werden Sie mit Abscheu sagen. Ich
lobe mir diese Gemeinheit, die jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie
wenig ein Ding wert ist. Denn diese Gemeinheit hat einen mchtigen freien Staat
geschaffen. Htten nur Deutsche in Amerika gewohnt, sie trnken noch jetzt ihre
Zichorie statt Kaffee unter der Steuer, die ihnen eine gemtliche Regierung von
Europa aus auflegen wrde.
    Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn? fragte Sabine.
    In der Hauptsache, ja, erwiderte Fink. Keine deutsche Hausfrau, die nicht
in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat, desto
glcklicher ist sie. Ich glaube, sie taxieren einander in der Stille, wie wir
die Leute an der Brse: fnfhundert, achthundert Servietten schwer. Die
Amerikanerin ist kein schlechteres Weib, als die Deutsche, aber sie wird ber
eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, soviel ihr fr den tglichen Gebrauch
ntig sind, und kauft neue, wenn die alten zugrunde gehen. Wozu sein Herz an
solchen Tand hngen, der dutzendweise fr etwa vier bis sechs Taler in jeder
Strae zu haben ist?
    O es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulsen!
erwiderte Sabine. Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen besten
Schmuck. Tten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch den leblosen
Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann dem Leben des
Menschen? Nichts bleibt, als der betubende Genu, oder ein egoistisches
Prinzip, dem er alles opfert. Treue, Hingebung, die Freude an dem, was man
schafft, das alles geht dann verloren. Wer so farblos denkt, der kann vielleicht
gro handeln, aber sein Leben wird weder schn, noch freudenreich, noch ein
Segen fr andere. Unwillkrlich faltete sie die Hnde und warf einen Blick voll
Trauer auf Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.
    Die Kollegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in dsterem Schweigen
zugehrt und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen ausgedrckt.
Der Geist des gemordeten Sperlings hob sich vor aller Augen fortwhrend ber die
Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf den Macbeth des Comtoirs wie
auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff begtigend das Wort:
    Vor allem mu ich bemerken, da Fink selbst ein glnzendes Beispiel gegen
seine eigene Theorie ist.
    Wieso, Herr? fragte Fink, von der Seite auf Anton sehend.
    Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns alle zusammen
loben. Wir alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter in einem
Geschft, das nicht uns gehrt. Und jeder unter uns verrichtet seine Arbeit in
der deutschen Weise, die du soeben verurteilt hast. Keinem von uns fllt ein zu
denken, so und soviel Taler erhalte ich von der Firma, folglich ist mir die
Firma so und soviel wert. Was etwa gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir
geholfen, das freut auch uns und erfllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung
einen Verlust erlitten hat, so ist es allen Herren rgerlich, vielleicht mehr,
als dem Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern ins groe Buch schreibt, so sieht
er sie mit Genu an und freut sich ber den schnen kalligraphischen Zug, und
wenn er Posten eintrgt, welche der Handlung besonders vorteilhaft waren, so
lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn an, wie er's jetzt tut.
    Liebold sah verlegen aus und rckte an seinem Hemdkragen.
    - Da ist ferner Kollege Baumann, welcher in der Stille Neigung zu einem
andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht ber die Greuel des
Heidentums an der afrikanischen Kste und sagte in tiefster Seele erschttert:
Es wird Zeit, Wohlfart, ich mu hin. Wer soll die Kalkulatur besorgen? frug ich,
und wie soll es mit dem Krappgeschft werden, das Sie und Balbus so festhalten,
da sie keinen andern darber lassen? Ja, rief Baumann, an den Krapp hatte ich
nicht gedacht. Ich mu es noch aufschieben.  Die Herren sahen lchelnd auf
Baumann, der leise vor sich hin sagte: Es ist auch unrecht.
    - Und von dem Tyrannen Pix will ich gar nicht sprechen, da er selbst in
vielen Stunden zweifelhaft ist, ob die Handlung ihm gehrt oder Herrn Schrter.
    Alle lachten. Herr Pix steckte wie Napoleon die Hand in seine Brusttasche. -
Du bist ein perfider Advokat, sagte Fink, du regst persnliche Interessen
auf.
    Du hast dasselbe getan, erwiderte Anton. Und jetzt will ich von dir
reden. Vor etwa einem halben Jahre ist dieser Amerikaner zu Herrn Schrter
gegangen und hat ihm gesagt: Ich wnsche nicht mehr Volontr zu sein, ich bitte
um eine feste Stellung im Geschft. Warum? fragte Herr Schrter. Natrlich hatte
Fink nur die Absicht, so und soviel Taler festes Gehalt von der Handlung zu
beziehen. Wieder lchelten alle und sahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht
mehr feindlich, es war etwas von Achtung und frhlicher Billigung darin, denn es
war allen bekannt, da Fink gesagt hatte: Ich wnsche einen regelmigen Anteil
an der Arbeit, ich wnsche die Verantwortung, welche bei fester Ttigkeit ist;
die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.
    Und ferner, fuhr Anton fort, wer einmal das Behagen gesehen hat, mit
welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der wei, wieviel von dem
schwchlichen deutschen Gemt auch bei ihm zutage kommt. Es ist so viel drollige
Laune in seinem Wesen, da das Comtoir durch solche Stunden entzckt wird, und,
was die Hauptsache ist, Tinkeles selbst ist geradezu in ihn verliebt.
    Weil er maltrtiert wird, Herr, versetzte Fink.
    Nein, sondern weil er hinter deinen krftigen Worten dasselbe behagliche
Wohlwollen bemerkt, mit dem ein anderer sein Hndchen oder seine Vgel liebkost.
- Und wenn irgendein Geschft des Prinzipals glnzenden Erfolg gehabt hat, so
ist niemand von uns frhlicher darber, als Fink selbst. Neulich, als die Krisis
im Zinkgeschft eintrat und Herr Schrter gegen die stille Ansicht des ganzen
Comtoirs, auch gegen Finks Ansicht, noch zu rechter Zeit in Hamburg verkauft und
die Handlung dadurch vor einigen tausend Talern Verlust bewahrt hatte, da
triumphierte derselbe Fink lauter, als einer von uns, und zwang Jordan und mich,
denselben Abend ins Weinhaus zu gehen.
    Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr, sagte Fink.
    Natrlich, rief Anton, deshalb stieest du auch bei dem ersten Glas auf
das Wohl der Handlung an und nanntest sie eine glorreiche Firma.
    Fink sah vor sich nieder. Sabine blickte mit leuchtenden Augen auf Anton.
Wieder lchelten die Herren freundlich und rckten nher heran, die kleine
Spannung war behoben.
    Und, fuhr Anton siegreich fort, auch in andern Fllen hat er ganz
dieselbe armselige Gemtlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt, wie wir
alle wissen, sein Pferd persnlich, es ist ihm durchaus etwas anderes, als die
Summe von fnfhundert Dollar, reprsentiert durch so und soviel Zentner Fleisch
mit einer Haut berzogen. Er ist besorgt um das Tier, wie um einen Freund.
    Weil es mir Spa macht.
    Versteht sich, sprach Anton, die Servietten machen unsern Hausfrauen auch
Spa, das ist's ja eben. Und seine Kondorflgel, die Pistolen, Reitpeitschen,
die rote Rumflasche, das sind alles Dinge, die ihm so gut Spa machen, wie einem
deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja er hat mehr grillige Capricen und
Liebhabereien, als wir. Und es kurz zu sagen, er ist in Wahrheit ebensosehr ein
armer gemtlicher Deutscher, als irgendeiner.
    Sabine schttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf den
Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst vor sich hin,
und es lag etwas auf seinen stolzen Zgen, was man bei einem anderen Rhrung
genannt htte. Na, begann er endlich, das Frulein und ich, beide haben wir
zu sehr auf einer Seite gestanden. Er wies auf den toten Sperling. Vor diesem
ernsten Fakt strecke ich die Waffen und bekenne, da ich den Wunsch habe, der
kleine Herr wre noch am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der
Firma das hchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr bse, Frulein.
    Sabine nickte zu ihm herber und sagte herzlich: Nein.
    Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz pldiert und von
der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder und streiche
aus unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich. Anton drckte ihm die
Hand und legte den Arm um seine Schulter.
    Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung. Herr Schrter kam heran,
Zigarren wurden angezndet, jeder bestrebte sich, so unterhaltend als mglich zu
sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem Frulein und dem Prinzipal
die Erlaubnis, wenn es sie nicht stre, und wenn sie an dem schnen Abend nichts
Besseres vorzuschlagen htten, in welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte
als ungesprochen zu betrachten, so wollten er und einige Kollegen sich die
Freiheit nehmen, vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an
diesem Tage regelmig eine solche Mitteilung machte, und alles darauf
vorbereitet war, so rief ihm Sabine zu: Das versteht sich, Herr Liebold, wenn
das Quartett fehlte, wre die Freude nur halb. Die Snger holten Notenbcher
herzu und rckten zusammen, Herr Specht als erster Tenor, Herr Liebold als
zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bsse. Diese vier bildeten den
musikalischen Teil des Comtoirs und hielten trotz kleiner Zwistigkeiten, welche
durch ihr musikalisches Naturell hervorgerufen wurden, gegen die brigen fest
zusammen. Herr Specht krhte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu
leise, aber ihr Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschn. Im farbigen
Licht glnzten die groen Bltter des Nubaums vor dem Gartenhause, die Grillen
schwirrten und die wilden Snger der Bume flteten einzelne Noten herunter, die
Natur selbst flsterte und stimmte, bis die volle Kraft der Menschenstimmen
einfiel und die feinen Laute des Gartens bertnte. Dann schwiegen die Vgel,
die Heimchen und Mcken, aber sooft die Snger anhielten, klang das leise Summen
der Natur wie zum Wechselgesange wieder durch. Alle hrten erfreut zu. Wir
danken, wir danken! rief Sabine, als sie aufhrten, und klatschte in die Hnde.
    Es ist eine nrrische Sache, begann Fink, da eine gewisse Folge von
Tnen das Herz erschttert und Trnen hervorruft auch bei Menschen, welche sonst
fr weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat solche einfache Weisen,
bei denen sich Landsleute an dem Eindruck erkennen, den die Melodie auf sie
macht. Wenn die Auswanderer, von denen wir vorhin sprachen, alles verlieren, die
Liebe zu ihrem Vaterlande, selbst den gelufigen Ausdruck ihrer Muttersprache,
die Melodien der Heimat leben unter ihnen lnger, als alles andere, und mancher
Narr, der in der Fremde seinen Stolz dareinsetzt, ein naturalisierter Fremder zu
sein, fhlt sich pltzlich wieder deutsch, wenn er ein paar Takte singen hrt,
die ihm in seiner Jugend bekannt waren.
    Der Kaufmann sagte: Sie haben recht. Wer aus seiner Heimat scheidet, ist
sich selten bewut, was er alles aufgibt; er merkt es vielleicht erst dann, wenn
die Erinnerung daran eine Freude seines spteren Lebens wird. Diese Erinnerung
ist wohl auch dem verwilderten Mann ein Heiligtum, das er oft selbst entehrt und
verspottet, das er aber in seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.
    Mit einiger Beschmung bekenne ich, da ich selbst von dieser Freude nur
wenig empfinde, sagte Fink. Ich wei nicht recht, wo ich zu Hause bin. Wenn
ich die Jahre meines Lebens zusammenzhle, so habe ich freilich den grten Teil
in Deutschland gelebt, aber die mchtigsten Eindrcke hat mir die Fremde
gegeben. Immer hat mich das Schicksal wieder aufgegriffen, bevor ich irgendwo
festgewurzelt war. Und jetzt in Deutschland fhle ich mich zuweilen fremd. Die
Dialekte der Landschaften zum Beispiel sind mir fast ganz unverstndlich. Ich
habe zu Weihnachten immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut waren, aber der
Zauber der deutschen Weihnachtsbume hat mich nie berhrt; von den Volksliedern,
die Sie so rhmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich unsicher,
wann man Karpfen essen mu, und Hrner und Mohnkuchen, und ich gestehe einen
entschiedenen Mangel an Empfnglichkeit fr die Reize des Bleigieens und
Pantoffelwerfens. - Und auer diesen Kleinigkeiten gibt es noch anderes, worin
ich mich unter der deutschen Art fremd und arm fhle, fuhr er ernster fort.
Ich wei, da ich zuweilen die Schonung meiner Freunde mehr als billig in
Anspruch nehme. Ihrem Hause werde ich zu danken haben, schlo er, sich gegen
den Kaufmann verneigend, wenn ich von einigen respektablen Seiten der deutschen
Natur Kenntnis erhalte.
    Das war ein mnnliches Bekenntnis, er sprach die letzten Worte mit einem
Gefhl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glcklich, der Sperling war
vergessen, sie rief mit berstrmendem Gefhl: Das war edel gesprochen, Herr
von Fink.
    Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel
gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lchelte, als Fink sich
neben sie setzte. Mir gegenber, Herr Liebold, rief der Prinzipal. Heut mu
ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's fnfundzwanzig Jahr, da wir
miteinander in Verbindung stehn. - Herr Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage
bei uns ein, an dem ich durch meinen Vater als Associ aufgenommen wurde,
erklrte er den Jngeren. Und wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs
Anerkennung schuldig bin, Ihnen bin ich die grte schuldig. Fnfundzwanzig
Jahre im Geschft, zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlssiger
Gehilfe! Er hielt ihm sein Glas ber die Tafel entgegen: Stoen Sie an, mein
alter Freund, solange unsere Sthle nebeneinanderstehen, nur durch eine dnne
Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben, wie bisher, ein festes Vertrauen
ohne viele Worte.
    Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehrt und blieb
stehen. Er wollte eine Gesundheit ausbringen, das sah jeder, aber er brachte
kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die Hhe und sah auf
den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein wenig. Endlich setzte er sich
schweigend wieder hin. Statt seiner erhob sich zu aller Erstaunen Fink und
sprach in tiefem Ernst: Trinken Sie mit mir auf das Wohl eines deutschen
Geschfts, wo die Arbeit eine Freude ist, wo die Ehre eine Heimat hat; hoch
unser Comtoir und unser Prinzipal!
    Ein donnerndes Hoch der Kollegen folgte, Sabine stie mit allen an, der
Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen. - Der Rest des Abends war ungestrte
Freude. Das Quartett sang noch ein paar lustige Trinklieder, und es war heut
lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt ankam.
    An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: Heut, mein Junge,
darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug gewesen,
dich so lange zu entbehren. Und bis spt in die Nacht saen die vershnten
Freunde beieinander, beide bemht, einander zu zeigen, wie froh sie ber die
Vershnung waren.
    Sabine trat in ihr Zimmer. Da berreichte ihr das Mdchen ein Billett von
unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Zge verrieten,
da es von einer Dame kam.
    Wer hat den Brief gebracht? fragte Sabine.
    Ein fremder Mann, antwortete das Mdchen, er wollte den Namen nicht
nennen und sagte, Antwort sei nicht ntig.
    Sabine las: Mein Frulein, triumphieren Sie nicht zu frh. Sie haben durch
Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewhnt ist, zu verfhren,
zu vergessen und die, welche auf seine Worte hren, unverschmt zu behandeln.
Vor kurzem hat er einer anderen Gestndnisse gemacht, jetzt hat er Sie betrt.
Er wird auch Ihnen heucheln und sie verraten.
    Das Billett hatte keine Unterschrift, es war von Rosalie.
    Sabine wute, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze und
schleuderte das brennende Papier in das Kamin. Schweigend sah sie zu, wie die
lodernde Flamme kleiner wurde und verlschte, und wie die glimmenden Punkte auf
der verkohlten Flche umherfuhren, bis auch der letzte verging. Lange stand sie
da, ihr Haupt an das Gesims gelehnt, den Blick auf das Hufchen Asche gerichtet.
Ohne Trnen, lautlos, hielt sie die Hand auf ihr zuckendes Herz.

                                       8


Veitel Itzig war in der grten Aufregung. Er, der Nchterne, Enthaltsame, glich
in allen seinen Freistunden einem Trunkenbold. Seine Lippen bewegten sich in
lebhaftem Selbstgesprch, und eine fieberische Rte lag ber seinen spitzen
Backenknochen. Auf der Strae war er schon von weitem kenntlich durch die
alleraufflligste Weise der Fu- und Armbewegungen; ruhiger Schlaf war etwas,
das er kaum dem Namen nach kannte. Und das alles, weil eine verwitwete
Geheimrtin ihren Lieblingshund verloren hatte. Dieser Mops war an einem heitern
Frhlingsmorgen, verfhrt durch den Sonnenschein oder durch das Aroma eines
Fleischerjungen, mhsam zwei Treppen bis auf die Strae hinabgestiegen. Und dort
war er verschwunden, im Wasser ertrunken, von Gaunern gestohlen, von Banditen
geschlachtet, kurz, er war verschollen; und keine Zeitungsannonce vermochte die
runde Gestalt des Flchtlings in die Rume zurckzufhren, in denen er so lange
als Tyrann geherrscht hatte. Aus rger ber diesen Verlust war die Rtin
gefhrlich erkrankt, und Veitel nahm einen so lebhaften Anteil an ihrem Leide,
da er selbst in Gefahr kam, seine Gesundheit einzuben. Leider waren Veitels
Hoffnungen nicht auf das Leben der wrdigen Dame gerichtet. Er hatte ein
Riesengeschft gewagt, er hatte es unternommen nach vielen Verabredungen mit
seinem Ratgeber Hippus und nachdem er oft in stillen Nchten seine Brieftasche
hervorgeholt und sein Vermgen berrechnet hatte. Die Spekulation war eine der
schnsten, welche ein Mann von Veitels Grundstzen unternehmen konnte, sie war
vielleicht ein wenig gewagt, aber so sauber, wie ein Wickelkind unter dem
Badeschwamm.
    Ein armer Teufel von Rittergutsbesitzer hatte schlecht gewirtschaftet und
war so lange betrogen worden, bis er sein Gut auf dem traurigen Wege der
notwendigen Subhastation verloren hatte. Bei diesem Verkauf war ein
Hypothekeninstrument von zwlftausend Talern ausgefallen. Der Glubiger, dessen
Forderung durch die Verkaufssumme des Gutes nicht gedeckt werden konnte, hatte
vergebens versucht, sich an die Person des verarmten Gutsbesitzers zu halten.
Der Schuldner war ohne alle Mittel, das Gericht fand nichts, was ihm zu nehmen
war. Er war frustra excussus, wie unsere Juristen sagen, und empfand das Behagen
des Elends, seine Glubiger nicht mehr zu frchten; dies verzweifelte Glck war
fr ihn nach trben Jahren eine Art grnlndischer Sonnenschein. Der Eigentmer
der Hypothek aber sah wehmtig auf sein zerschnittenes Dokument, welches unter
diesen Umstnden fr ihn fast nur den Wert von Makulatur hatte. Den Sprungen
Itzigs blieb dies Sachverhltnis nicht unerforscht. Er stand mit dem
Gutsbesitzer wohl ein Jahr lang in inniger Verbindung. Er hatte die
Geflligkeit, ihm alte Rcke abzukaufen, ja sogar Geld vorzuschieen, und wurde
in manches kleine Geheimnis eines verfehlten Lebens eingeweiht. So hatte er auch
erspht, da sein Kunde alles Segelwerk seines lecken Fahrzeugs aufspannte, sich
in die Gunst und das Testament einer alten Tante zu setzen, und kam allmhlich
zu der berzeugung, da ihm dies gelingen werde. Zwei seidene Halstcher und ein
Paar vergoldete Ohrringe mute Veitel an die Dienstmdchen der Rtin wenden, um
genaue Nachrichten zu erhalten. Der Neffe las der Tante Mordgeschichten aus den
Zeitungen vor, er wurde eingeladen, wenn die Tante ihr Lieblingsgericht kochen
lie, die Tante sprach davon, ihn zu verheiraten, tat es aber nicht, und
endlich, als aller Lebensmut der Tante durch einen vierwchentlichen Regen
fortgeschwemmt worden war, lie sie Gerichtspersonen kommen, trieb ihren Neffen,
der, zum Weinen gerstet, sein Taschentuch in der Hand hielt, aus dem Zimmer und
zwang durch diese auffallenden Maregeln das Dienstmdchen, an der Kammertr zu
erlauschen, da sie ihr Testament machte und des armen Neffen darin ehrenvoll
gedachte. Als Veitel dies erkundschaftet hatte, tat er den zweiten groen
Schritt und kaufte dem Besitzer des ausgefallenen Instruments die Urkunde und
alle Rechte, welche dieselbe an der Person des Schuldners gab, um vierhundert
Taler ab.
    Jetzt war der Mops verschwunden, die schwer gergerte Tante lag zu Bett,
acht Tage darauf war sie gestorben, und der Neffe erbte den grten Teil ihrer
Hinterlassenschaft. Veitel unterzog sich bermenschlichen Anstrengungen, um zu
verhindern, da sein Schuldner nicht durch eins von den kleinen Manvern, welche
Veitel alle persnlich kannte, die Erbschaft unsichtbar machte. Wie ein Gespenst
verfolgte er den unglcklichen Erben; kaum hatte dieser sich in die ersten
Trume ber sein knftiges Glck hineingelebt, so stand Veitel als
unerbittlicher Mahner an eine finstere Vergangenheit vor ihm und schlug durch
die eisige Klte seiner Forderungen allen warmen Dampf nieder, welcher aus der
hoffnungsvollen Seele des Erben aufstieg. Es war unmglich, ihm zu entkommen,
wie mit eisernen Zangen hielt er seinen Schuldner fest, und das Gesetz half ihm
so energisch, da der Erbe nach vielen Winkelzgen kapitulieren mute. Mit
achttausend Talern, dem grten Teile seiner Erbschaft, kaufte er sich von
Veitel frei.
    Heut war der glckliche Tag, wo der junge Geschftsmann sein groes Kapital
in der Tasche nach Hause trug. Er flog ber die Strae, er flog die Treppe
hinauf in seine Hinterstube, ganz unsinnig vor Freude. Der Zwang, den er sich
lange angetan, kalt zu scheinen, whrend ihm sein Herz in Angst und Erwartung
wie ein Schmiedehammer pochte, war berwunden, er war wie ein Kind, wenn auch
nicht so unerfahren; er sprang in der Stube umher, ja er lachte vor Freude und
fragte Herrn Hippus, der ihn seit einigen Stunden erwartete: Welche Sorte Wein
wollen Sie trinken, Hippus?
    Wein allein wird's nicht tun, erwiderte Hippus vorsichtig. Indes ist es
lange her, da ich keinen Ungar gekostet habe. Hole eine Flasche alten
Oberungar, oder halt, es ist drauen finster genug, ich will sie selbst holen.
    Was kostet's? rief Veitel.
    Zwei Taler, antwortete Hippus.
    Das ist viel Geld, sagte Veitel, aber es ist einerlei, hier sind sie.
Mit khner Handschwenkung holte er einen Doppeltaler aus der Tasche seines
Beinkleides und warf ihn auf den Tisch.
    Schn, nickte Hippus und griff hastig nach dem Geldstck. Aber dies
allein wird's nicht tun, mein Sohn. Ich verlange Prozente von deinem Gewinn. In
Erwgung, da wir alte Bekannte sind, und da man seine Freunde nicht drcken
soll, will ich zufrieden sein mit fnf vom Hundert des Kapitals, das du heut
eingenommen hast.
    Veitel stand starr, sein strahlendes Gesicht wurde pltzlich sehr ernst, mit
offenem Munde sah er auf den schwarzen Mann im Sofa.
    Rede nichts, fuhr Hippus kaltbltig fort und warf ber seine Brille hinweg
einen bsen Blick auf Veitel, untersteh dich nicht, auch nur ein Wort von
deinem Geschacher gegen mich vorzubringen, wir kennen einander; - ich habe
gemacht, da du das Geld gewinnen konntest, ich allein. Du brauchst mich, und du
siehst, da auch ich dich gebrauchen kann. Gib mir auf der Stelle vierhundert
von deinen achttausend.
    Veitel wollte sprechen.
    Kein Wort, wiederholte Hippus und schlug mit dem Geldstck im Takt auf den
Tisch, gib her das Geld.
    Veitel sah ihn an, griff endlich schweigend in die Tasche seines Rocks und
legte zwei Pergamente vor Hippus auf den Tisch.
    Noch zwei, fuhr Hippus in demselben Tone fort. Veitel legte hundert Taler
dazu. Und jetzt das letzte, mein Sohn, nickte der Alte ermunternd und schlug
mit dem Taler wieder auf den Tisch.
    Veitel zgerte einen Augenblick und sah ngstlich auf den Alten, in welchem
eine boshafte Freude mchtig geworden war. Auf diesem Antlitz war nichts
Trstendes zu finden; wieder griff Veitel in die Tasche, schob das vierte
Pergament auf den Tisch und sprach mit klangloser Stimme: Ich habe mich in Euch
geirrt, Hippus. Und darauf holte er sein Taschentuch hervor, wandte sich ab,
schneuzte sich und wischte sich die nassen Augen.
    Hippus achtete wenig auf die elegische Stimmung seines Schlers. Er befhlte
das Pergament, wie man eine Kostbarkeit in der Hand umwendet, die man vor langer
Zeit verloren hat und unerwartet wiederfindet. Endlich sagte er, seine Beute
einsteckend: Wenn du dir's ruhig berlegst, wirst du einsehen, da ich als
guter Freund an dir gehandelt habe. Ich htte viel mehr fordern knnen.
    Veitel stand noch immer am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Ihm war
jmmerlich zumute. Gleich auf dem Heimwege vom Notar hatte er an den Alten
gedacht und den Entschlu gefat, auch diesem eine Freude zu machen; er hatte
ihm eine neue Schnupftabakdose von Silber kaufen und zehn Dukaten hineinlegen
wollen. Und jetzt kam ihm dieser Hippus so!
    Da er vor Schmerz ber das Benehmen seines Lehrers kein Wort sagte, stand
Hippus gemchlich auf und sagte wohlwollend: La dir's nicht zu Herzen gehen,
du Dummkopf, sollte ich eher sterben als du, so mache ich dich zu meinem Erben.
Dann wirst du dein Geld wiederbekommen, wenn noch etwas davon brig ist. Jetzt
gehe ich, den Wein kosten. Auf deine Gesundheit werde ich ihn trinken,
gefhlvoller Itzig. Bei diesen Worten schlich der Alte zur Tr hinaus.
    Noch einmal fuhr Veitel nach seinem Taschenbuch und wischte eine bittere
Trne ab, welche an seiner Wange herunterrann. Seine Freude ber den Gewinn war
verdorben. Es war eine unklare Empfindung und ein unreines Gefhl, das ihn
bewegte, denn es war viel Schmerz um die verlorenen Pergamente dabei. Aber er
hatte noch mehr verloren, als sein kostbares Geld. Der einzige Mensch auf Erden,
gegen den er eine Anhnglichkeit fhlte und von dem er gute Freundschaft
erwartete, hatte sich gefhllos, eigenntzig, feindselig gegen ihn benommen. Zu
allen andern Menschen stand er auf Kriegsfu und erwartete auch von ihnen nichts
anderes, als Krieg, nur dem kleinen Mann mit der Brille hatte er sein Herz
offengehalten. Und dies warme Gefhl hatte der Alte durch seine rohe Forderung
tdlich beschdigt. Es war vorbei zwischen ihm und Hippus, er konnte den Mann
nicht entbehren, aber von dieser Stunde ab trug er einen Groll gegen ihn mit
sich herum, der Alte hatte ihn einsamer und schlechter gemacht. So erfuhr Veitel
den Fluch der Argen, da sie elend gemacht werden nicht nur durch ihre
Missetaten, sondern auch durch ihre bessern Neigungen.
    Doch nicht lange dauerte die Schwermut des Geschftsmannes, bald griff er
entschlossen in die Tasche, holte den briggebliebenen Schatz hervor,
untersuchte jedes einzelne Pergament von allen Seiten und notierte die Nummern
zuerst in seine Brieftasche und dann auf einen Zettel. Den Zettel versteckte er
in einem Ritz der Diele. Diese Beschftigung trstete ihn wieder etwas. Und
jetzt wandte er seine Gedanken auf die Zukunft. Wieder rannte er in dem Zimmer
auf und ab und machte Plne. Seine Weltstellung war mit einem Schlage gendert.
Als Eigentmer von baren achttausend Talern - ach, es waren nur
siebentausendsechshundert - stand er unter den Geschftsleuten seiner Art da als
ein kleiner Krsus. Viele andere machten Geschfte mit Hunderttausenden, ohne so
viel Vermgen zu besitzen als er; die Welt lag widerstandslos vor ihm, wie eine
Perlmuschel auf dem Teller, es kam nur darauf an, mit welchem Hebel er sie
ffnen wollte. Wie sollte er sein Kapital anlegen, verdoppeln, verzehnfachen?
Jetzt mute er whlen, und er mute dies allein tun. Es gab wohl zehn
verschiedene Wege fr ihn: er konnte fortfahren, Geld gegen hohe Interessen zu
leihen, er konnte in Aktien spekulieren, er konnte das Woll- oder
Getreidegeschft betreiben, und mit einem Gefhl von Stolz sagte sich der
Schelm, da er auf jedem von diesen Wegen so gut vorwrtskommen knnte, wie der
verschlagenste unter seinen Genossen. Aber jede von diesen Ttigkeiten brachte
ihm das geliebte Kapital in Gefahr, er konnte dabei ein reicher Mann werden, er
konnte aber auch alles verlieren; und dieser Gedanke war ihm so schrecklich, da
er sofort alle diese Plne beiseite warf. Eine Beschftigung gab es, bei der ein
schlauer Mann viel gewinnen konnte, und bei der es wohl mglich war, groe
Verluste zu vermeiden. Von seiner Heimat aus war er als umherziehender Trdler
auf die Hfe der Gutsherren gekommen, zur Zeit des Wollmarktes hatte er in den
Straen der Stadt den vornehmen Herren mit Schnurrbart und Ordensband seine
Dienste angeboten, im Comtoir seines Brotherrn hatte er sich unaufhrlich mit
dem Vermgen und den Geldgeschften des Landadels beschftigt. Wie genau kannte
er die stille Sehnsucht des alten Ehrenthal, ein gewisses Rittergut zu besitzen,
wie oft hatte ihm der Mann mit der Brille in hhnischem Scherz geraten, er solle
sich zum Rittergutsbesitzer machen. Und wie kam es doch, da ihm in seinem
Schmerz ber den Alten pltzlich sein Schulkamerad Anton einfiel und der Tag, wo
er zum letzten Male mit diesem verkehrt hatte? Auch damals, als er zur Stadt zog
und mit Anton zusammentraf, war er auf dem Gute des Freiherrn umhergestrichen,
hatte vor der Tr des Kuhstalls gestanden und die lange Doppelreihe der
gehrnten Rinder abgeschtzt, bis die Gromagd ihn herrisch wegwies. Und wie ein
heier Strahl scho es in seinen Kopf: er selbst konnte der Rittergutsbesitzer
werden, so gut wie Ehrenthal, er selbst konnte andere seine weie Wolle waschen
lassen und mit zwei, ja mit vier Pferden nach der Stadt fahren. Er griff mit den
Hnden heftig in die Tischplatte und rief laut: Ich werde es tun! Setzte sich
auf dem Stuhl fest und schlug die hageren Arme bereinander. Und von dem
Augenblick an wollte er etwas und begann seine Arbeit.
    Und er spekulierte schlau. Er hatte nach seiner Meinung ein Recht an das Gut
des Freiherrn gewonnen durch seinen Entschlu, er wollte dies Recht auch
erwerben durch sein Geld, er wollte fr sich eine Hypothek auf dem Gute des
Barons. So wollte er sein Kapital sicherstellen auf Jahre, ruhig wollte er
arbeiten, bis der groe Tag kme, wo er mit seinem Kapital das ganze Gut in
seine Hnde brchte. Und im schlimmsten Falle, wenn sein Plan nicht gelang, der
jetzt der stille Zweck seines Lebens werden sollte, dann war wenigstens sein
Geld nicht verloren. Unterdes wollte er Agent und Kommissionr werden; er wollte
Kufe und Verkufe vermitteln, wie so viele andere taten, arme Teufel, die
einander die halben Prozente gegenseitig beneideten, und vornehme Herren mit
groen Titeln, welche den Gterschacher ins Groe treiben und Hunderttausende
dabei gewinnen durch List, Bestechung und Schleichwege. Veitel wute, da es
wenig Wege gab, auf denen er nicht bekannt war. So wollte er anfangen, zunchst
mute er als Faktotum bei Ehrenthal bleiben, solange er den Alten benutzen
konnte. Die Rosalie war schn und sie war reich, denn Bernhard war nicht zu
rechnen als Erbe des Vaters. Vielleicht wollte er werden der Schwiegersohn des
alten Ehrenthal, vielleicht wollte er auch nicht; dies Geschft hatte keine
Eile. Und noch einer war, mit dem er sich stellen mute: der kleine schwarze
Mann, welcher jetzt drben in der Gaststube seinen teuren Wein trank. Auch mit
ihm mute er von heut ab Rechnung halten, er wollte ihn bezahlen fr jeden
Dienst, den ihm der Alte tat, und wollte ihm nur so weit sein Vertrauen geben,
als es ntig war.
    Das waren die Entschlsse, zu denen Veitel kam, und als er seinen Plan
berlegt hatte, wie ein Gelehrter das Buch, das er schreiben will, da trug er
seine Pfandbriefe unter das Kopfkissen, verschlo seine Tre, lehnte einen
schweren Stuhl dagegen und warf sich erschpft durch die Anstrengung des Tages
auf sein hartes Lager, er, der neue wild aufgeschossene Agnat der Rothsattel,
der Mitbesitzer ihres schnen Gutes. Vielleicht war es die aberwitzige Phantasie
eines Toren, was der Hndler auf seiner rmlichen Stube in unruhiger Seele
umhergewlzt hatte, vielleicht wurde es der Anfang einer Reihe von
entschlossenen und konsequenten Taten, ein finsteres Schicksal fr den Freiherrn
und seine Familie. Der Freiherr selbst sollte darber entscheiden.
    An demselben Abend saen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube des
Parks, beide waren allmhlich verstummt. Die Mutter sah in tiefen Gedanken auf
den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen dicken Kopf durchaus in
die Flamme der Kerze fahren wollte und immer wieder an die Glasglocke stie,
welche das Licht vor der Nachtluft schtzte. Verwundert flatterte er in das
Dunkel zurck, verga im nchsten Augenblicke das Unbehagliche des Stoes und
suchte von neuem eine ffnung im Glase. Lenore beugte sich ber ein Buch und
warf zuweilen einen forschenden Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da
knirschte der Kies, und der alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener
Mtze heran und fragte nach dem gndigen Herrn.
    Was bringen Sie? frug Lenore den Graukopf, ist etwas vorgefallen?
    Mit dem alten Rappen geht's zu Ende, antwortete der Amtmann besorgt, er
hat wtend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt liegt er und
keucht wie im Sterben.
    Das wre der Teufel! rief Lenore aufspringend.
    Lenore! schalt die Mutter.
    Ich komme, selbst nachzusehen, sagte Lenore eifrig und eilte mit dem Alten
nach dem Hofe.
    Das kranke Pferd lag auf seiner Streu triefend von Angstschwei, und seine
Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Atemholen. Beim Schein der
Stallaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch auf das leidende
Tier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen hilfesuchend nach dem
Frulein.
    Es kennt mich noch, rief sie und winkte den stmmigen Groknecht beiseite.
    Er hat sich abgearbeitet, sagte der Mann, jetzt ist er ruhig.
    Werft Euch sogleich auf ein Pferd und reitet zum Tierarzt, befahl Lenore
dem Knecht.
    Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Meilen zu reiten, er
antwortete zgernd: Der Doktor ist niemals zu Hause; ehe er kommt, ist's mit
dem Pferde zu Ende.
    Gehorcht! befahl Lenore kalt und wies nach der Tre. Der Knecht ging
widerwillig hinaus.
    Was ist das mit dem Groknecht? frug Lenore, als sie mit dem Amtmann aus
dem Stall trat.
    Er tut nicht mehr gut und mte fort, ich habe es dem gndigen Herrn schon
oft gesagt. Aber gegen den Herrn Baron ist der Schlingel betulich wie ein
Ohrwurm; er wei, da er einen Stein im Brett hat; gegen alle andern Leute ist
er widerhaarig, und ich habe tglich meinen rger mit ihm.
    Ich will mit dem Vater sprechen, erwiderte Lenore die Stirn faltend.
    Der alte Diener blieb stehen und fuhr zutraulich fort: Ach, gndiges
Frulein, wenn Sie sich der Wirtschaft etwas annehmen wollten, das wre ein
wahres Glck fr das Gut. Mit dem Kuhstall bin ich auch nicht zufrieden. Die
neue Wirtschafterin versteht die Mgde nicht zu traktieren, sie ist zu
flatterhaft, Bnder hinten und Bnder vorn. Sonst war's besser im Gange, da kam
der Herr Baron manchmal selbst und besah das Butterfa. Jetzt hat er wohl andere
Geschfte, und wenn die Leute wissen, da der Herr nachsichtig ist, so spielen
sie dem Amtmann Trumpf aus, wenn er sie scharf behandelt. - Sie knnen scharf
sein mit den Leuten, es ist jammerschade, da Sie kein Herr sind.
    Ja, Sie haben recht, es ist jammerschade, nickte Lenore beistimmend ihrem
alten Freund zu. Aber man mu es mit Geduld ertragen. Um die Molkerei will ich
mich kmmern, ich werde von heut ab alle Tage beim Buttern sein. Wie steht das
Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der Stadt gefahren.
    Ja, sagte der Alte gedrckt, der gndige Herr hatten so befohlen, ich
wei nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schttboden schon im Winter
an Hndler verkauft auf Lieferung. Sehen Sie, fuhr er bekmmert fort und
schttelte seinen weien Kopf, sonst verkaufte ich, und ich schrieb's ins Buch
und strich das Geld ein und zhlte es dem Herrn Baron auf. Jetzt kann ich in
meinem Buch die Einnahmen nicht mehr notieren; wenn die Seite zu Ende ist, mache
ich einen Strich, aber ich ziehe keine Summe mehr. Lenore hrte, die Hnde auf
dem Rcken, die Klage teilnehmend an. Hm! Es wird eine von den neuen
Einrichtungen sein. Grmt Euch nur nicht darber, mein Alter. Ich will, sooft
Papa nicht da ist, nachmittags mit Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort
aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen
Kopf, den ich Ihnen mitgebracht habe?
    Er ist dick angeraucht, sagte der Amtmann schmunzelnd und zog zur
Bekrftigung seine kurze Pfeife halb aus der Tasche. Aber um wieder auf den
Rappen zu kommen, der Herr Baron wird sehr bse sein, wenn er das Malheur
erfhrt, und wir knnen doch nichts dafr.
    Ei was, sagte Lenore, wenn wir nichts dafr knnen, wollen wir's ruhig
abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurck nach dem Pferd.
    Zu Befehl, gndiges Frulein, und gute Nacht auch fr Sie, sagte der
Amtmann.
    Noch immer sa die Baronin allein unter den schwellenden Knospen der
immergrnen Rose, auch sie dachte an ihren Hausherrn, der sonst selten an ihrer
Seite gefehlt hatte, wenn sie die warmen Frhlingsabende im Freien zubrachte.
Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und liebevoll gegen sie, wie
immer, aber er war oft zerstreut und abgespannt und wieder reizbarer und durch
Kleinigkeiten verstimmt, seine Frhlichkeit war lauter, und sein Bedrfnis nach
Herrengesellschaft grer als vordem. Sein Haus, ja sie selbst, bte geringere
Anziehungskraft aus als sonst, und sie frug sich immer wieder, ob solche
Vernderung die trbe Folge davon sein konnte, da der rosige Hauch der Jugend
von ihrer Stirn schwand. Mit diesem Gefhl rang sie und suchte ngstlich nach
andern Grnden fr die hufige Abwesenheit des geliebten Mannes.
    Ist der Vater noch nicht zurck?  frug Lenore zu ihr tretend. Es fuhr ein
Wagen auf der Landstrae.
    Nein, mein Kind, sagte die Mutter, er hat wohl in der Stadt zu tun, es
ist mglich, da er erst morgen zurckkommt.
    Ich bin nicht zufrieden damit, da Papa jetzt soviel in der Stadt ist und
bei den Nachbarn umherfhrt, sagte Lenore; es ist lange her, da er uns des
Abends nicht mehr vorgelesen hat.
    Er will, da du meine Vorleserin wirst, sagte die Mutter lchelnd. Du
sollst es auch heut abend sein, hole ein Buch und setze dich artig neben mich,
du Ungeduld.
    Lenore verzog schmollend den kleinen Mund und statt das Buch zu ergreifen,
setzte sie sich neben die Baronin, umschlang sie mit beiden Armen und sagte, das
Haupt der Mutter an sich drckend und ihr das Haar streichend: Liebes Herz,
auch du bist traurig, du hast Kummer; hast du Sorge um den Vater? Er ist nicht
so, wie er frher war. Ich bin kein Kind mehr, sage mir, was er treibt. - Du
bist tricht, antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme. Ich habe nichts vor
dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn von uns fortzieht,
so drfen wir Frauen nicht danach fragen, es ist an uns, zu warten, bis die
Stunde kommt, wo der Herr des Hauses uns sein Herz ffnet.
    Und unterdes sollen wir uns ngstigen, vielleicht um ein Nichts, rief
Lenore.
    Wir sollen uns mhen, ruhig zu sein, und wenn wir vertrauen, wo wir lieben,
ist es nicht schwer, antwortete die Baronin, sich aus dem Arm Lenores
aufrichtend.
    Und doch sind deine Augen feucht und du verbirgst mir deine Sorge, sprach
die Tochter. Wenn du schweigen willst, ich werde es nicht tun, ich werde den
Vater fragen.
    Das wirst du nicht, sagte die Baronin in bestimmtem Ton.
    Der Vater! rief Lenore, ich hre seinen Tritt. - Die stattliche Gestalt
des Freiherrn kam mit schnellen Schritten auf die Laube zu. Guten Abend, ihr
Heimchen, rief er schon von weitem mit heller Stimme. Er schlo Frau und
Tochter zugleich in seine Arme und sah ihnen so frhlich in die Augen, da die
Baronin ihren Schmerz, und Lenore die Frage verga. Es ist hbsch, da du so
frh zurckkommst, sagte die Hausfrau mit heiterem Lcheln, Lenore wollte dich
heut abend durchaus neben uns sehen. Der Abend war so schn.
    Der Freiherr setzte sich zwischen die Frauen und fragte behaglich: Kinder,
bemerkt Ihr keine Vernderung an mir?
    Du bist heiter, sagte die Baronin ihm ins Auge sehend, sonst wie immer.
    Du hast deine Uniform angehabt und Besuche gemacht, sagte Leonore, ich
sehe es an der weien Krawatte.
    Ihr habt beide recht, antwortete der Baron, aber ich bringe doch noch
etwas: Der Knig hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den der Vater
und Grovater getragen haben; es freut mich, da das Kreuz in unserer Familie
fast erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gndiges Schreiben des Prinzen,
worin er mir Glck wnscht und sich sehr freundlich an die Jahre erinnert, die
ich in seiner Nhe verlebte, und auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes.
Ich wollte, er she dich wieder; er wird es fr unmglich halten, da Jahre
vergangen sind, seit er dein Tnzer war.
    Welche Freude! rief die Baronin und umschlang den Hals ihres Mannes, ich
habe deiner Toilette den Stern schon seit Jahren gewnscht. Lenore ffnete
unterdes das Etui und drehte den Orden beim Licht der Kerze hin und her. Wir
machen ihm die Dekoration um. Die Baronin hing ihm das Kreuz um den Hals und
kte loyal erst ihn und dann das Kreuz.
    Nun, wir wissen ja, sagte der Baron, was in unsrer Zeit von solchem
Schmuck zu halten ist. Doch gestehe ich, da gerade diese Standesdekoration mir
die liebste von allen ist. Unsre Familie ist eine der ltesten, und in unsrer
Linie sind, was freilich ein Zufall ist, niemals Miheiraten vorgekommen. Dies
Kreuz ist gegenwrtig so ziemlich die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man
auf dergleichen noch groen Wert legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die
Stelle unsrer Privilegien, das Geld. Und auch wir sind in der Lage, uns darum
bemhen zu mssen, wenn wir unsre Familie in Ansehen erhalten wollen. In dem
Brief des Prinzen ist das Alter der Familie erwhnt und der Wunsch
ausgesprochen, da sie noch viele Generationen, wie bisher, in musterhafter
Gentilitt, so sind die Worte des Briefes, blhen mge. Du, Lenore, und dein
Bruder, ihr habt dafr zu sorgen.
    Ich lebe in musterhafter Gentilitt, antwortete Lenore die Arme
bereinanderschlagend. Und fr die Ehre der Familie kann ich nichts tun. Wenn
ich heirate, wozu ich gar keine Lust habe, so mu ich doch einen andern Namen
annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rstung, der oben im Erkerzimmer
hngt, ziemlich gleich sein, wen ich zu meinem Herrn mache. Eine Rothsattel kann
ich doch nicht bleiben.
    Der Vater lachte und zog die Tochter an sich. Wenn ich nur wte, woher
mein Kind diese Ketzereien hat.
    Sie ist allmhlich so geworden, sagte die Mutter.
    Das wird sich geben, antwortete der Vater und kte die Tochter herzlich
auf die Stirn. Hier lies den Brief des Prinzen, ich sehe nach dem Pferde, dann
essen wir zusammen im Freien.
    Ich komme mit dir zu dem Kranken, sagte Lenore.
    Das Ordenszeichen, eine niedliche Erinnerung an einen gewaltigen Bund
geistlicher Ritter, welche Lnder erobert, ganze Vlker ausgerottet und ein
eigenes Reich gegrndet hatten, warf in die Seele des Freiherrn ein helles
Licht, so gleichgltig er sich auch dagegen stellte. Die Glckwnsche seiner
zahlreichen Bekannten taten ihm wohl, und seine Selbstachtung erhielt dadurch
eine geheime Sttze, deren sie manchmal bedurfte. So fand ihn nach Verlauf einer
Woche auch Ehrenthal, der Hndler, als er auf seinem Wege nach einem nah
gelegenen Dorfe anhielt, nur um dem Freiherrn zu gratulieren. Er hatte bereits
seine Abschiedsverbeugung gemacht, als er noch einmal anhielt und die Worte
hinwarf: Der gndige Herr hatten frher die Idee, eine Zuckerfabrik aus Rben
anzulegen. Ich hre, es ist jetzt im Werk, eine Kompagnie zu bilden, welche eine
solche Fabrik ganz in Ihrer Nhe bauen will, ich bin aufgefordert worden, an dem
Geschft teilzunehmen, und wollte doch erst fragen, wie der Herr Baron es noch
gedenken zu halten in dieser Sache.
    Dem Freiherrn war die Nachricht sehr unangenehm. Seit Jahren hatte er sich
mit dem Gedanken getragen, eine gleiche Fabrik auf seinem Grund und Boden zu
errichten, er hatte eine Anzahl hnlicher Unternehmungen besucht, hatte sich
Anschlge machen lassen, mit Technikern verhandelt, ja er hatte schon den Platz
bezeichnet, auf dem das Etablissement am wenigsten unschn gewesen wre. Er
hatte diesen Plan eine Zeitlang mit groem Eifer verfolgt, allmhlich war er ihm
weniger lockend erschienen. Die Scheu eines vorsichtigen Mannes vor der neuen
und noch unsichern Industrie, die Klagen einiger Bekannten ber die Menge der
Kosten und vor allem ber die Unruhe und vielen Inkonvenienzen, die ein solches
Unternehmen in das Leben eines Gutsbesitzers und die Verwaltung seines Gutes
bringe, das alles hatte ihn bewogen, das Projekt liegenzulassen und fr die
nchsten Jahre eine ruhige Anlage seines Kapitals mit allerdings migem
Zinsengenu vorzuziehen. Jetzt sollte eine Anlage, wie er sich doch fr die
Zukunft vorbehalten hatte, von andern ausgefhrt werden; es war klar, da sein
eigenes Projekt dadurch zerstrt wurde. Denn zwei gleiche Fabriken in
unmittelbarer Nhe muten sich zuverlssig hindern. Gergert rief er: Gerade
jetzt, wo ich mir auf einige Jahre die Disposition ber die Kapitalien genommen
habe.
    Herr Baron, sagte der Hndler mit Herzlichkeit, Sie sind ein reicher Mann
und angesehen in der Gegend. Wenn Sie erklren, da Sie selbst anlegen wollen
diese Fabrik, so geht der Aktienverein auseinander an demselben Tage.
    Sie wissen, da ich das jetzt nicht kann, erwiderte der Freiherr unwillig.
    Wenn Sie wollen, gndiger Herr, so knnen Sie auch, entgegnete der Hndler
mit ehrerbietigem Lcheln. Ich bin nicht der Mann, der Ihnen zuredet zu einer
solchen Fabrik. Was haben Sie ntig, Geld zu verdienen? Wenn Sie aber jetzt zu
mir sagen, Ehrenthal, ich will anlegen eine Fabrik, so steht Ihnen Kapital zu
Gebot, soviel Sie haben wollen. Ich selbst habe eine Summe von sieben-, von
zehntausend Talern vorrtig, Sie knnen diese erhalten jeden Tag. - Und ich will
Ihnen einen Vorschlag tun. Ich schaffe Ihnen das Geld, welches Sie brauchen, zu
billigen Zinsen. Fr die Summe, die ich selbst Ihnen gebe, lassen Sie mir einen
Anteil am Geschft bis zu dem Tage, wo Sie mir zurckzahlen mein Geld. Fr das
brige Geld, das Sie brauchen, bestellen Sie Hypothek auf Ihr Gut, bis Sie
zurckzahlen in einigen Jahren die ganze Anleihe.
    Der Vorschlag erschien uneigenntzig, ja freundschaftlich, aber der Freiherr
fhlte zu lebhaft die groe Vernderung, welche ein solches Geschft in seinem
ganzen Leben hervorbringen werde, er sah mit banger Sorge und einem Mitrauen
sowohl gegen sich selbst, als gegen Ehrenthal in eine Zukunft von
Verwickelungen. Er verhielt sich deshalb sehr khl gegen Ehrenthals Antrag. Ich
danke Ihnen fr das Zutrauen, sagte er, aber ich will nicht mit fremdem Gelde
einrichten, was doch nur aus den berschssen der eigenen Einnahme mit Segen
erbaut wird.
    Ehrenthal mute sich mit diesem Bescheide entfernen und sagte nur noch an
der Tr: Der gndige Herr knnen sich ja die Sache berlegen, ich getraue mir
durch vier Wochen das Aktiengeschft aufzuhalten, damit in dieser Zeit nichts
weiter geschieht.
    Nur wer einmal in seinem Leben eine gefeierte Sngerin gewesen ist, kann
sich eine Vorstellung von der Flle unbekannter kleiner Briefe, Pakete und
Sendungen machen, welche der Freiherr in den nchsten vier Wochen aus der Stadt
empfing. Zuerst schrieb Herr Ehrenthal: Ich habe die Aktionre vier Wochen
aufgehalten, dann schrieb Herr Karfunkelstein, ein Aktionr: Ich hre, da Sie
wollen anlegen eine Fabrik, in diesem Fall stehe ich Ihnen nach. Dann schrieb
wieder Herr Ehrenthal: Hier ist eine Jahresberechnung einer hnlichen Fabrik,
woraus man kann sehen, was zu gewinnen wre. Dann schrieb wieder ein Herr
Wolfsdorf: Es verlautet, da der Herr umgehe mit einer Fabrik; ich habe
Kapitalien auszuleihen gegen migen Zinsfu und wrde glcklich sein, wenn ich
eine Hypothek erhielte oder am liebsten einen Anteil am Geschft. Zuletzt
schrieb gar ein undeutlicher Herr Itzigveit: Der Herr Baron soll das Geschft
nicht machen mit Ehrenthal, wie man in der Stadt erzhlt, Ehrenthal ist ein
reicher, aber ein interessierter Mann, er soll ihn wenigstens nicht annehmen zum
Kompagnon; ich der Briefschreiber will ihm viel bessere Kapitalien verschaffen
und ganz andere Teilnehmer, worauf Herr Ehrenthal wieder gentigt war zu
schreiben: Es werden Intrigen gespielt von meinen Gegnern in der Stadt, um dem
gndigen Herrn anderes Geld zu seinem schnen Unternehmen zu verschaffen; Sie
knnen tun nach Gefallen, ich bin ein ehrlicher Mann und drnge mich nicht vor.
    Der Freiherr war erstaunt zu sehen, wie leicht und massenhaft seinem Namen
die Kapitalien zurollten, und da ganz unbekannte Menschen bereit waren, das
Unternehmen auf seinem Grund und Boden fr ein unfehlbares, glnzendes,
beneidenswertes zu halten. Er hatte in seinen Spekulationen bis jetzt
entschiedenes Glck gehabt, er hatte die Abneigung vor Geldgeschften ziemlich
vollstndig berwunden, ja er hatte sich gewhnt, einen gewissen Anspruch an die
Kapitalien anderer zu machen. Jetzt wurde er allmhlich mit dem Gedanken
vertraut, das Geld zur Anlage seiner Fabrik von Fremden zu nehmen. Nur eines
widerstand seinem Stolz, den zuvorkommenden Ehrenthal als Teilnehmer anzunehmen;
so weit wirkte der Brief des undeutlichen Schreibers. Und er beschlo, im Fall
das Unternehmen zustande kommen sollte, dem Hndler fr sein geliehenes Geld
festen Zinsfu zu gewhren. Vier Wochen kmpfte der Freiherr mit innerer
Unentschlossenheit, oft war seine Stirn umwlkt, oft sah die Baronin wieder mit
stillem Schmerz die Aufregung ihres Gemahls, oft fuhr dieser nach der Stadt oder
auf die Gter seiner Bekannten, um hnliche Anlagen zu besichtigen und sich die
mglichen Vorteile aus verschiedenen Anschlgen herauszunehmen. ber die
projektierte Aktiengesellschaft konnte er nichts Sicheres erfahren. Die weniger
gnstigen Nachrichten, welche er ber die Erfolge einzelner Fabrikanten
einsammelte, schrieb er auf Rechnung einer natrlichen Furcht vor seiner
Konkurrenz oder auf die unvorteilhafte Anlage ihres Geschftes.
    Vier Wochen waren vergangen, und ein neuer Brief von Ehrenthal erschien,
worin der Baron dringend gebeten wurde, seinen Entschlu mitzuteilen, weil
einzelne von den Aktionren gar nicht mehr zu halten wren.
    Es war der Abend eines heien Tages, als der Freiherr unruhig aus dem
Wirtschaftshof ins Freie trat. Tief unten am Himmel glnzte ein gelbes
blendendes Licht hinter schwarzem Dunst hervor, dicht zusammengeballt hingen die
Wolken ber seinem Scheitel, wie dunkle Felsen der Luft mit eisigen Gipfeln.
Rings um den Herrn des Guts war Schwle, Mutlosigkeit und bange Ahnung. Im
Getreide schwirrten die Grillen lauter als sonst, unaufhrlich tnte ihr
warnender Ruf in das Ohr des Herrn. Die kleinen Vgel auf den Bumen der
Landstrae kreischten in den Zweigen, flatterten von einem Baum auf den andern
und riefen einander zu, da etwas Furchtbares ber ihre Felder hereinbreche; wir
Kleinen werden es berstehen, schrien sie, aber die Groen mgen sich hten. Die
Schwalben strichen tief am Boden hin und flogen dicht an dem Freiherrn vorber,
als sei er nicht mehr vorhanden, und die Stelle leer, wo er stand. Die wilden
Blattpflanzen am Wege lieen saftlos ihre Bltter hngen, sie waren mit
hlichem Staub berzogen und sahen aus wie Gewchse einer untergegangenen Welt,
die vor vielen Jahren einmal grn war und Blten trug. Eine dicke Staubwolke
rollte die Landstrae entlang auf den Herrn zu, die heimkehrenden Gespanne zogen
an ihm vorber. Schwerfllig schritten die Pferde vorwrts und senkten ihre
Kpfe in den Geschirren. Die hliche gelbe Wolke wlzte sich mit ihnen fort und
verhllte die Umrisse ihres Leibes, da nur die Hlse hervorragten und sie dem
Freiherrn aussahen wie schattenhafte Gestalten, welche in der Luft dahinfahren.
Nach ihnen kam langsam in drei Haufen die Schafherde, wieder in Wolken des
erstickenden Staubes gehllt. Die Glckchen der Tiere klangen dumpf in der
dicken Luft, und wie aus weiter Entfernung tnte im Wirbel am Boden bald hier
bald dort die Stimme eines geisterhaften Schferhundes. Und als der Schfer
seinen Herrn grend vorberschritt, sah der Mann so grau und schattenhaft aus,
wie ein Gespenst aus dem Grabe, das einst auf der grnenden Erde wirkliche
Schafe ber das Brachfeld getrieben hatte.
    Der Gutsherr blieb stehen an den Pferden und Schafen, er stand vor der
welken Knigskerze am Grabenrand, er hrte auf die Vgel im Laube, es waren
unheimliche Gedanken, die sie ihm gaben. Er ging weiter auf dem Damm am Teiche,
wo einst Anton den letzten Blick auf das Herrenhaus geworfen hatte. In rotem
Feuer stand das Schlo mit seinen Trmen und Mauern vor dem Freiherrn, helle
Flmmchen brannten auf den Spitzen der Trme in die Wolken hinein, im Brand
leuchteten alle Fensterscheiben des Schlosses, und wie Blutstropfen lagen die
rosigen Blumenbschel auf dem schwarzgelben Laub der Kletterpflanzen. ber dem
Schlosse aber in der Luft ballte und wlzte sich's, und immer nher kam's in
schwarzen Massen heran, um mit Nacht den glnzenden Bau zu verhllen. Kein Blatt
der Bume bewegte sich, keine Kreiswelle furchte die dunkle Wasserflche, tot
lag sie da, wie ein See der Unterwelt. Der Herr beugte sich hinab und suchte ein
Zeichen des Lebens, nur eine Wasserspinne, eine Libelle, welche in dem finstern
Schweigen um ihn herum sich leibhaftig regte, - da starrte ihm aus der Tiefe ein
bleiches Menschengesicht entgegen, da er zurckfuhr und ein zweites Mal
hinsehen mute, um zu lcheln und zu erkennen, da es sein eigener Widerschein
war. Auch hier war um den Herrn des Guts Schwle, Mutlosigkeit und bange Ahnung.
    Er lehnte sich an den hohlen Weidenstamm und sah unverwandt auf sein Haus
und auf die Fenster, wo seine Lieben wohnten; er suchte nach einem Umri ihrer
Gestalt, er horchte nach einem Ton von dem Flgel der Baronin, er wnschte, da
nur ein helles Band Lenores niederflattern mchte von dem Balkon ihres Zimmers;
aber kein Zeichen des Lebens war in dem Hause zu ersphen, das Schlo war
ausgestorben, wst, wie ein Bau aus uralter Zeit, durch geisterhaftes Licht
beleuchtet; - noch wenig Augenblicke, und es mute verschwinden in dem Boden.
Dann konnte das Wasser darber hinfluten, und die Leute konnten sich erzhlen,
da hier einst ein schnes Schlo war, in dem ein stolzer Baron lebte, das sei
aber lange, lange her. -
    Ein gefallenes Haus, eine untergegangene Familie! - Wenn die Zeit kam, wo
ein fremder Mann an seiner Stelle stand und ein neues Haus ansah, das er sich
erbaut, dann lag die Wasserflche vor dem Fremden, wie jetzt vor ihm, dieselbe
Erdscholle, die sein Pflug aufwarf, trug auch dem Sptern bereitwillig Frucht.
Dann gaben die Krner aus seinem Korn noch weies Mehl, die Lmmer von seinen
Schafen sprangen um denselben steinernen Wassertrog, die Ackerflche lag vor dem
Neuen da, wie jetzt vor ihm, an derselben Stelle liefen vielleicht die
Wasserrinnen durch das Feld, die Binsenwurzel unter ihm trieb vielleicht ebenso
ihren Schaft aus dem Wasser: nur er und sein Geschlecht, die jetzt ber alles
geboten, sie sollten dann verschwunden sein, verschwunden bis vielleicht auf
eine gleichgltige Erinnerung!
    So stand der Herr des Gutes, gelhmt durch den bsen Zauber, der auf der
Erde und auf seiner Seele lag, er holte tief Atem und trocknete den Schwei von
der Stirne, er war ratlos und wie gebrochen. Da fuhr ein scharfer Ton durch die
Wipfel der Bume, es war ein Jagdruf der Lfte. Noch einmal wurde alles still,
dann raste der Sturmwind pltzlich hernieder von der Hhe, er rauschte durch die
Baumwipfel, er zischte ber das Wasser; tief beugten die Weiden ihre grauen
ste, und die Staubwolken der Strae fuhren in tollen Wirbeln nach der Hhe; der
gelbe Schein an den Mauern des Schlosses verschwand, bleigraue Dmmerung berzog
die Landschaft. Ein zackiger Blitz fuhr durch die Finsternis, und lang und
majesttisch rollte der Donner herauf. Der wilde Jger der Luft hielt seine
Hetzjagd ber die Fluren der Menschen.
    Der Freiherr richtete sich hoch auf und ffnete seine Brust dem Zuge des
Sturmwindes. Bltter und Baumzweige flogen um ihn, und groe Regentropfen
schlugen auf sein Haupt, er aber starrte nach den Wolken in das Wetter hinein
und auf die Blitze, welche sich kreuzten, als erwartete er von da oben eine
Entscheidung. Da klapperte der Galopp eines Pferdes auf der Strae, und eine
frhliche Mnnerstimme rief von der Hhe herab: Mein Vater! Ein junger
Reiteroffizier hielt auf der Strae.
    Mein Sohn, mein geliebter Sohn, rief der Vater mit bebender Stimme, du
kommst zur rechten Zeit. Er drckte den Jngling fest an sich, und als er ihn
aus der Umarmung loslie, hielt er noch lange seine Hnde fest und wurde nicht
mde, ihn anzusehen. Auch der Reitersmann vor ihm war mit grauem Staube bedeckt,
aber ein jugendliches Gesicht und zwei kecke Augen sprachen in diesem Augenblick
entscheidende Worte zu dem Vater. Die Unsicherheit, alle trbe Ahnung war
verschwunden, er fhlte sich wieder fest, wie dem Chef seines Hauses geziemte.
Vor ihm stand in blhender Jugend die Zukunft seines Geschlechtes. Da diese
Erinnerung ihm gerade jetzt kam, in der Stunde, wo er einen Entschlu fassen
sollte, das galt ihm fr einen Befehl des Schicksals. Und jetzt komm nach
Haus, sagte er, es ist kein Grund mehr, da wir unsere Begrung im Regen
abmachen.
    Whrend die Baronin ihren Sohn auf das Sofa zog und nicht mde wurde, sich
ber sein mnnliches Aussehen zu freuen, und whrend Lenore sogleich mit dem
Bruder ein leichtes Wortgefecht begann, ging der Freiherr in der Familienstube
auf und ab und sah zuweilen durch den strmenden Regen in die Landschaft hinaus.
Immer schneller fuhren die Blitze durcheinander, und immer krzer wurden die
Pausen, in denen der Donner dem Zucken des Feuerstrahls folgte.
    Schliee das Fenster, bat die Baronin, das Wetter kommt herauf.
    Es wird unserm Hause nichts tun, antwortete der Freiherr beruhigend. Der
Leiter steht oben auf dem Dach, er glnzte vorhin hell wie ein Licht durch die
dunklen Wolken. Sieh dorthin, wo die Wolken am schwrzesten zusammengeballt
sind, dort ber der hellgrnen Esche.
    Ich sehe die Stelle, sagte die Baronin.
    Mache dich gefat, fuhr der Freiherr lchelnd fort, da ein blauer Himmel
dort fr immer durch graue Wolken bedeckt wird, dort wird der Schornstein der
Fabrik ber die Bume ragen.
    Du willst bauen? frug die Baronin besorgt.
    Du willst eine Fabrik errichten? rief der Leutnant vorwurfsvoll.
    Ja, sagte der Freiherr zu seiner Gemahlin, das Unternehmen wird viel
Unbequemes haben fr dich und mich, und wird meine Krfte in jeder Beziehung in
Anspruch nehmen. Wenn ich es doch wage, so geschieht es nicht um unsertwillen,
sondern fr die Kinder, fr die Familie. Ich will das Gut befestigen bei unserem
Hause, ich will seine Einknfte so vermehren, da der Herr dieses Schlosses in
der Lage ist, auch fr die Zukunft der Lieben zu sorgen, denen er nach dem alten
Recht der Erstgeburt und der mnnlichen Nachfolge das Gut nicht berlassen kann.
Es hat mich langen Kampf gekostet, heut hab' ich mich entschlossen.

                                       9


Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte wenigstens
einen Teil der Ziegeln selbst zu brennen, er bezeichnete die Stmme des Waldes,
welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden sollten. Ein Baumeister wurde
durch Ehrenthal empfohlen, und ein Techniker von dem Freiherrn selbst
angeworben. Er erkundigte sich sorgfltig nach der Vergangenheit des Mannes, dem
er Einrichtung und Betrieb seiner Fabrik bergeben wollte, und wnschte sich
Glck, als er nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine
ungewhnliche theoretische Bildung besa. Vielleicht war gerade diese letztere
Eigenschaft vom Standpunkt des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem Erwhlten
wurde von zehn Praktikern nachgesagt, da er nie eine Fabrik in ruhigem Betriebe
lassen knne, sondern durch hastige Einfhrung neuer Erfindungen die tgliche
Arbeit zu oft stre. Daher galt er fr kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn
war die Intelligenz und Redlichkeit des Mannes natrlich die Hauptsache, mehr
noch als jedem andern, weil er im stillen die Empfindung hatte, da diese
Eigenschaften des Technikers die Mngel seiner eigenen Leitung ausgleichen
mten.
    So froh aber diese Aussichten waren, ein belstand war doch dabei. Ordnung
und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren mitten im Sommer
fortgeflogen, wie die Strche, welche seit vielen Jahren hinter der groen
Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch die neue Anlage belstigt. Die
Baronin verlor eine Ecke des Parks, sie erlebte das Herzeleid, da ihr ein
Dutzend mchtiger alter Bume niedergeschlagen wurden. Ein Haufe fremder
Arbeiter zog mit Hacke, Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm ber das
Gut. Sie zertraten die Graspltze des Parks, sie lagerten in ihren Estunden in
der Nhe des Schlosses und genierten die Frauen oft durch ihren Mangel an
Rcksicht. Der Grtner rang die Hnde ber die zahlreichen Diebsthle an Obst
und Gemse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung ber die Unordnung, welche in
seiner Wirtschaft einri. Die neuen Leute, welche er angenommen hatte,
erschwerten ihm die Aufsicht ber das Gesinde. Die neuen Zugtiere, in der Eile
gekauft, reichten nicht aus. Die Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn
er sie am notwendigsten im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren fr ihn
gar nicht mehr vorhanden. Der Bedarf der Wirtschaft wurde grer, die Einnahmen
drohten geringer zu werden. Auch die Bodenflche, welche fr die Rbenkultur
bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der Fruchtfolge mute
vieles gendert, die Taglhner sollten fr den neuen Bau angelernt werden.
Lenore hatte viel zu trsten und brachte ihm manches Pfund Tabak aus der Stadt,
damit er seinen Kummer mit den blauen Wolken in die Luft blasen konnte. Die
schwerste Last trug natrlich der Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur
von einzelnen Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein
Gemeinplatz, wie der Laden eines Krmers. Nach zehn Seiten sollte er Rat
schaffen, Aufschlu geben, Schwierigkeiten berwinden. Fast tglich jagte er
nach der Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war,
erschien er in dem Familienkreise sorgenvoll, mrrisch, abgespannt. Es war eine
groe Hoffnung, die ihn erfllte, aber es war sehr schwierig, sie in
Wirklichkeit zu verwandeln.
    Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhnglichkeit Ehrenthals.
Dieser wute sich berall ntzlich zu machen, hatte stets einen guten Rat bei
der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Er erschien jetzt oft auf dem
Gut, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den Frauen. Diese gnnten ihm den
Argwohn, da seine Beschwrung die Flut von Geschften herauffhre, welche sich
jetzt durch alle Fenster und Tren des Schlosses ergo. Glcklicherweise
dauerten seine Besuche immer nur kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, da er
sich jetzt auf dem Gut nicht unbehaglich fhlte, so war sein Benehmen in Betreff
der Ehrerbietung doch durchaus untadelhaft.
    An einem sonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillantnadel und Busenkrause in
das Zimmer seines Sohnes. Willst du heut mitfahren auf das Gut der Rothsattel,
mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, da ich dich mitbringen werde, um dich
zu prsentieren der Familie.
    Bernhard sprang von seinem Sitze auf. Aber Vater, ich bin den Herrschaften
ja ganz fremd!
    Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein, und
wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das Frulein, so wirst
du sie kennen. Es sind gute Leute, fgte er wohlwollend hinzu.
    Der Sohn hatte noch viele schchterne Bedenken, aber der Vater schlug sie
durch die bestimmte Erklrung nieder, da der Freiherr ihn erwarte.
    Bernhard sa im Wagen, ber ihm hoch in der Luft flogen die Vgel, die
Pappeln an der Landstrae schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter ihm,
lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und fragte: wo kommst du her,
Mann, dich kenne ich nicht; er rckte sich auf seinem Sitze in unruhiger
Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja lnger, seit er seine Dichter las,
hatte er von der kleinen einsamen Stube sehnschtig auf das frhliche Treiben
solcher gesehen, welche darauflosleben und unntzes Grbeln hassen. Heut kam ihm
vor, als ob er selbst ein wenig daraufloslebe, heut jagte er in die Welt hinein
zu einem unbekannten Edelmann, in das Haus einer berhmten Schnheit, die er
sich ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drckte den Hut
entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick musterte
er die vorbergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause, welche das Geld
abnahm, fixierte er so unternehmend, da sie ihr Brusttuch zurechtzog und ihn
lchelnd anblinzte. Unterdes flo das Herz des alten Ehrenthal von Lobreden auf
den Freiherrn und seine Familie ber. Noble Leute, rief er; wenn du gesehen
haben wirst diese Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube,
alles so fein und alles honett! Zu honett fr die Welt, wie diese Welt einmal
ist! Die Stcke Zucker sind zu gro, und der Wein, den man bei Tische trinkt,
ist zu teuer, aber es ist ihre Qualitt, es steht ihnen gut.
    Frulein Lenore soll eine groe Schnheit sein, fragte Bernhard. Ist sie
so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen? - Mein armer
Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem, noch aus einem andern
Stande.
    Sie ist stolz, sagte der Vater, aber es ist wahr, sie ist schn. Unter
uns gesagt, sie gefllt mir besser, als die Rosalie.
    Ist sie blond? Herr Ehrenthal dachte nach. Was soll sie anders sein, als
blond oder braun, freilich hat sie blonde Augen. Du kannst dir auch ansehen die
Herde auf dem Gute, und vergi nicht herumzugehen im Park. Sieh dich um, ob du
einen Platz findest, wo du gern sitzen mchtest mit deinem Buche.
    Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glnzenden Augen auf die dunkeln
Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.
    Der Wagen hielt vor dem Schlo. Der Bediente trat an den Schlag. Die Gste
erfuhren, da der Freiherr in seinem Zimmer und die gndige Frau im Augenblick
nicht zu sprechen war, das Frulein aber spazierte im Garten. Ehrenthal schritt
um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm her. ber den Grasplatz kam die hohe
Gestalt Lenorens langsam auf die Fremden zu. Ehrenthal stellte sich auf, bog
seinen linken Arm zu einem Kreise zusammen, steckte seinen Hut hinein und
prsentierte: Mein Sohn Bernhard, dies ist das gndige Frulein. Bernhard
verneigte sich tief. Es war nur ein khler Gru, den Lenore dem Gelehrten
schenkte. Wenn Sie zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer. -
Ich werde hinaufgehen, sagte Ehrenthal gehorsam. Bernhard, du kannst unterdes
zurckbleiben bei dem gndigen Frulein.
    In dem Zimmer des Freiherrn legte der Hndler einige tausend Taler auf den
Tisch und sagte: Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr Baron es mit
der Sicherheit halten?
    Nach unserer Verabredung mu ich Ihnen dafr Hypothek auf das Gut geben,
erwiderte der Freiherr.
    Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Taler, das ich Ihnen zahle,
knnen Sie mir nicht immer bestellen eine Hypothek, das macht viel Kosten und
bringt das Gut in schlechtes Renommee. Lassen Sie vom Gericht ausstellen ein
Hypothekeninstrument, welches auf eine groe Summe lautet, ich will sagen auf
zwanzigtausend Taler. Lassen Sie es ausstellen auf den Namen der gndigen Frau
Baronin, so haben Sie eine Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen knnen, und
Ihr Gut wird noch nicht belastet durch ein neues Kapital. Und mir geben Sie
jedesmal, sooft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir
auf Ihr freiherrliches Wort versichern, da ich fr den Betrag der Summe, die
ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypothek von zwanzigtausend
Talern, welche im Hypothekenbuche steht zunchst hinter den Pfandbriefen. Das
ist einfach, und es bleibt still zwischen uns beiden. Und wenn Sie keine weitern
Vorschsse brauchen, dann machen wir die Sache fest vor dem Notar. Sie zedieren
mir dann die Hypothek selbst, und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurck und
zahle Ihnen nach, wenn noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Talern. Ich
verlange nichts von Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches
nicht grer ist, als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt
hat das Hypothekeninstrument von zwanzigtausend Talern, so wre mir's lieb, wenn
Sie's wollten aufheben in meinem Hause.
    Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte Ehrenthal
seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: Seien Sie ruhig, Herr
Baron; dagegen, da ich selbst aufheben will das Hypothekeninstrument, drfen
Sie nichts einwenden. Ich kann keinen Mibrauch damit treiben, und es ist mir
eine Beruhigung. Jeder Jurist wird Ihnen sagen, da ich in dieser Sache gegen
Sie verfahre, wie es selten vorkommt im Geschft. Oft wird ein Wort gebrochen,
das einer dem andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf
dieser Welt, so ist es fr mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht
geschftlich, Herr Baron, da ich so denke, so ist es doch freundschaftlich.
    Ehrenthal sagte das mit einem Ausdruck von Herzlichkeit, der nicht ganz
erlogen war. Was er anbot, zeigte in der Tat ein groes Vertrauen. Nach vielen
Beratungen mit Veitel Itzig war er auf diese Maregel gekommen. Er wute, da
der Freiherr auer den zwanzigtausend Talern noch manches andere Kapital fr die
Fabrik brauchen wrde. Es lag im Interesse auch des Hndlers, da der Freiherr
noch andere Summen ohne Schwierigkeit erhielt. Und er traute dem Edelmann; er,
der durchtriebene Schelm, hatte einen festen Glauben an den adligen Sinn des
andern. Auch wenn ihn Itzig nicht unaufhrlich auf den ehrenwerten Charakter des
Gutsherrn aufmerksam gemacht htte, er wrde ihm nichts Unehrliches zugetraut
haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte, das war
dem Freiherrn zuteil geworden. Der Herr war seit langer Zeit der Gegenstand
seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eiferschtigen Wachsamkeit. Er war dem
Schurken geworden, was dem Landwirt sein Acker, der Hausfrau ihr Lieblingstier
ist. Es war ein allerliebster kleiner Teil von gemtlicher Zuneigung in dem
Verhltnis. Auch die Hausfrau vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen
Pfleglings, sie betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament
ungewhnlich sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling fr das vortrefflichste
Stck seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergiet sie
vielleicht eine Trne. Aber, beim heiligen Antonius! so leid es ihr auch tut,
sie wird das arme Ding doch schlachten.
    Unterdes sagte unten Lenore zu Bernhard: Ist Ihnen gefllig, unterdes in
den Park zu gehen? Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die
Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Hhe warf und wenig von seiner
Anwesenheit erbaut schien. An dem grnen Platz, der einst Anton so entzckt
hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. Dort hinab geht es zum See,
und hier weiter hinein in den Garten. Sie erhob die Hand zu einer
verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend auf den Platz, auf die
Trmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des Balkons und rief: Das habe ich
schon einmal gesehen, und ich bin doch noch nie hier gewesen.
    Lenore blieb stehn: Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, soviel ich
wei; es mag wohl andere geben, die hnlich aussehen.
    Nein, erwiderte Bernhard sich besinnend, ich habe das Schlo auf einer
Zeichnung im Zimmer eines Freundes gesehen. Er mu Sie kennen, rief er freudig,
und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.
    Wie heit dieser Herr, der Ihr Freund ist?
    Es ist ein Herr Wohlfart.
    Das Frulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: Wohlfart? Ein Kaufmann
bei T.O. Schrter, Kolonialwaren und Produkte? Ist's dieser Herr? - Und dieser
Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der Bekanntschaft? fragte sie streng und
stellte sich vor Bernhard auf, die Hnde auf dem Rcken, wie ein Lehrer, der
einen kleinen Dieb wegen gestohlener pfel ins Verhr nimmt. Bernhard erzhlte,
wie er Anton kennengelernt hatte und wie lieb ihm der tchtige Freund geworden
war. Darber verlor er etwas von seiner Befangenheit, und das Frulein viel von
ihrer Strenge.
    Ja, wenn Sie so sind, sagte Lenore noch immer verwundert. Also wie geht
es Herrn Wohlfart? Erzhlen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er lustig? Er
hat wohl recht viel zu tun?
    Bernhard erzhlte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die
Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenber Platz zu nehmen. Als er
geendet hatte, sagte sie freundlich: Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund ist, so
gratuliere ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen, da Sie das auch
sind.
    Bernhard lchelte: Unter meinen Bchern habe ich nur wenig Gelegenheit,
meinen guten Willen dafr zu weisen. Ich lebe still vor mich hin und zirpe wie
eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht unntz vor.
    Das viele Studieren wre nicht meine Sache, erwiderte Lenore. Man sieht
Ihnen auch an, da Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen Sie, mein Herr,
ich werde Sie herumfhren. So setzen Sie doch Ihren Hut auf.
    Der Bediente trat mit dem Teebrett aus der Halle. Lenore winkte ihm und sah
wohlwollend zu, als Bernhard den heien Trank so eilig einschlrfte, wie ein
Ritter seinen Steigbgeltrunk. Verbrennen Sie sich nicht, ermahnte sie.
    Sie fhrte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte. Bernhard
war ein Sohn der groen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen, nicht die blhenden
Beete im grnen Rasen, auch nicht die Trmchen des Herrenhauses waren ihm etwas
Ungewhnliches, sein Auge hing nur an dem Frulein. Es war ein klarer Abend im
September. Das Sonnenlicht fiel schrge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt
von gelben Lichtern und dunklen Schlagschatten. Sooft ein Sonnenstrahl durch die
Bltter auf Lenorens Haupt scho, glnzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge,
der feine Mund, die schlanken Glieder des krftigen Mdchens nahmen die
Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weien kleinen
Zhne, und er war entzckt; sie brach einen Zweig ab und schlug damit an die
Bsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige und Bltter vor ihr auf
den Boden.
    Sie kamen an die Brcke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige
Mdchen liefen an Lenore heran, knixten und kten ihr die Hnde, sie nahm diese
Huldigung der Untertanen wie eine Knigin an. Zwei kleine Dirnen hatten die
hohlen Stengel des Lwenzahns in Kettenglieder zusammengebogen und eine lange
Kette daraus gemacht, sie stellten sich verschmt vor Bernhard in den Weg und
hielten ihm die Kette vor.
    Hinweg, Ihr unartiges Volk! rief Lenore. Wie knnt Ihr uns den Weg
versperren, der Herr kommt ja aus dem Schlo. - Sie lernen dies Wegelagern von
den fremden Arbeitern. Und Bernhard fhlte mit Stolz, da er in diesem
Augenblick zu ihr gehrte. Er griff in die Tasche und lste sich von den
Mdchen. Es ist lange her, da ich eine solche Kette gesehen habe, sagte er.
Dunkel erinnere ich mich, da ich als kleiner Knabe auch einmal auf einem
grnen Platz sa und die Stiele zusammensteckte. Er pflckte einige Stengel des
Lwenzahns und versuchte die Kinderarbeit.
    Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude? frug Lenore
lchelnd.
    O ja, erwiderte Bernhard. Ich habe auch die spitzen Blten von Akelei und
Rittersporn zu runden Krnzen ineinandergesteckt und in meinen Bchern gepret,
dann trocknete ich Bltter und ganze Blumen, dann legte ich ein Herbarium an.
Was uns als Erwachsene interessiert, das knpft sich hufig an eine kleine
Freude der Kinderzeit an. Aus dem Kinde, das zufllig einige bunte Kristalle in
die Hand bekam, wird vielleicht ein Mineralog, und schon mehr als ein berhmter
Reisender ist durch den Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist
immer eine Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann zu dem gekommen ist,
was seine Seele erfllt.
    Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder,
sagte Lenore, wir spielen mit den glnzenden Steinen und Blten noch in unsern
alten Tagen, geradeso wie die Mdchen vor uns. Und die Kunst ist so gefllig,
uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur niemals das Spielzeug
entbehren. - Wenn Sie so gut mit den Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist
etwas fr Sie, sie wies auf einen groen Klettenstrauch am Weg. Haben Sie sich
jemals eine Mtze aus Kletten gemacht?
    Nein, erwiderte Bernhard mit bangen Ahnungen.
    Sie sollen sogleich eine haben, sagte Lenore. Sie gingen zu dem
Klettenstrauch. Bernhard pflckte die runden Kpfe ab und reichte ihr einige
Hnde voll hin. Sie nestelte die Kletten aneinander und machte eine Kappe mit
zwei kleinen Hrnern daraus. Das knnen Sie aufsetzen, sagte sie gndig.
    Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. Allein wage ich's nicht,
sagte er, die Vgel auf den Bumen wrden mich zu sehr anschreien. Wenn Sie
auch eine Haube aufsetzen wollten - Kletten knnen Sie nicht verlangen,
erwiderte Lenore, aber Sie sollen den Willen haben. Kommen Sie zurck, ich
zeige Ihnen, wie wir als Mdchen unsere Mtzen gemacht haben.
    Sie fhrte ihn an eine Stelle, wo eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen
Gesichtern und gelben Strahlen am Rande des Gebsches stand. Dort schnitt sie
mit einem kleinen Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band
sie zu einem Helm zusammen, den sie sich lachend aufsetzte. Es war ein
fremdartiger Schmuck und gab dem schnen Gesicht ein wildes Ansehen. Jetzt
setzen Sie Ihre Kappe auf, befahl sie. Bernhard gehorchte, und sein ehrbares
faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weie Krawatte erschienen unter der
Klettenmtze so abenteuerlich, da Lenore ihr Lachen nicht verbergen konnte und
vergebens den Mund hinter ihrem Taschentuch verbarg. Sie sehen schrecklich
aus. Bernhard nahm den Kopfputz sogleich wieder ab. Kommen Sie zum Wasser,
dort sollen Sie Ihr Spiegelbild sehen.
    Sie fhrte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrikgebudes ausgegraben
wurde. Es war ein wster Platz. Erdhaufen, einige tausend Ziegel, Baumstmme und
Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter hatten Feierabend gemacht und den
Platz verlassen, nur einige Kinder aus dem Dorfe kauerten unter dem Holz und
sammelten die Spne zum Abendfeuer. Wenige Schritt hinter der Baustelle zog sich
eine Bucht des Sees heran, durch Gebsch eingefat und mit grnen Wasserlinsen
berdeckt. Wie wst es hier aussieht, klagte Lenore, die Zweige der Strucher
sind geknickt, auch die Bume sind beschdigt. Das alles macht der Bau. Wir
kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher. Auch die Kinder vom
Dorf sind dreist geworden, sie haben hier einen Spielplatz aufgeschlagen, und es
ist ihnen gar nicht zu wehren.
    In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehlzes hervor.
Ein kleines Bauernmdchen, ein pausbckiges rundes Ding, stand darin und wankte
ngstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr lterer Bruder mit einer
Stange vom Ufer abstie. Sehen Sie, rief Lenore rgerlich, die Krabben haben
auch unsern Kahn genommen. Wollt Ihr sogleich ans Land! Die Kinder erschraken
ber den Zuruf, dem Knaben fiel die Stange ins Wasser, das kleine Mdchen
schwankte in der Angst des bsen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor
das Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Der Knabe trieb hilflos mitten in der
Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem Fall der
Kleinen. Retten Sie das Kind! rief Lenore auer sich. Bernhard lief gehorsam
in den See, ohne daran zu denken, da er nicht schwimmen konnte, er watete
einige Schritt vor und stand gleich darauf hilflos bis unter die Arme im Schlamm
und Wasser. Er streckte die Hnde nach der Stelle aus, wo das Kind versunken
war, aber der Punkt war noch einige Klafter von ihm entfernt. Unterdes war
Lenore schnell wie der Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenig
Augenblicken trat sie hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der
Tiefe der grnen Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe
Gestalt. Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige
Kleid flo jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herunter, aus dem
entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock des
Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch ber das Haupt und strzte
sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem Haupt, in langen
Sten schwamm sie auf das Kind zu. Sie fate den Rock, noch zweimal griff sie
mit der freien Hand aus und hatte den Kahn erreicht. Sie hielt sich daran fest,
sie spannte alle Kraft an, das Kind hineinzuheben, sie fate die Kette des Kahns
und zog ihn hinter sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer
Anstrengung zugesehen hatte, kmpfte sich an das Ufer zurck, er reichte ihr die
Hand und zog den Kahn aufs Land. Lenore ergriff das bewutlose Kind, Bernhard
hob den Knaben an das Ufer, und vorwrts eilten beide zu der nahen
Grtnerwohnung, der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen her. Das
nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schnen Formen des Krpers
wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres Begleiters fast unverhllt
sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard drang mit ihr in die Stube des
Grtners, aber Lenore trieb ihn hastig wieder hinaus. Mit Hilfe der
erschrockenen Grtnersfrau entkleidete sie das Kind und suchte das bewutlose
durch Reiben ins Leben zurckzubringen. Unterdes lehnte Bernhard drauen vor der
Tr vor Klte klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glhen machte
wie Kohle. Lebt das Kind? rief er durch die Tr.
    Es lebt, rief Lenore vom Bett zurck.
    Gelobt sei Gott! rief Bernhard und schlug die Hnde zusammen; aber der
Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schne Weib dadrin, von
dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte, als irgendein anderer Mann. Lange
stand er so, schauernd und vor sich hin trumend, bis eine hohe Gestalt in
wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war Lenore in den Kleidern der
Grtnerin, noch ergriffen von der Anstrengung, aber mit einem frhlichen Lachen
auf den Lippen. Auer sich griff Bernhard in strmischer Bewegung nach ihrer
Hand und kte sie mehr als einmal, er htte vor ihr auf die Knie sinken mgen.
    Sie sehen schn aus, mein Herr, sagte Lenore heiter, Sie werden sich
verklten.
    Er stand vor ihr, na, am ganzen Krper triefend, mit Wasserlinsen und
Schlamm berzogen. Ich fhle nichts von Klte, rief er, aber seine Glieder
schttelten.
    Schnell in das Haus, trieb Lenore. Sie ffnete die Tr und rief der Frau
zu: Geben Sie dem Herrn Kleider des Grtners zum Wechsel. - Dort in der Kammer
machen Sie Ihre Toilette.
    Bernhard lief nach der Kammer, die Grtnersfrau trug ihm herzu, was sie von
Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen Bauernburschen
verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit schnellen Schritten
auf und ab ging. Kommen Sie nach dem Schlo߫, sagte das Frulein, welche wieder
ihre ruhige Gnnermiene angenommen hatte.
    Noch einmal mchte ich das Kind sehen, bat Bernhard. Sie traten an das
Bett, auf welchem das Mdchen lag, mit mden Augen sah die Kleine auf das
faltige Gesicht des Mannes, der sich ber das Lager beugte und ihr die Stirn
kte. Es ist das Kind eines Tagelhners aus dem Dorfe, sagte die Frau.
Bernhard legte hinter Lenorens Rcken seine Brse auf das Bett.
    Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schlosse zu, wo Ehrenthal an seinem
Wagen ungeduldig die Rckkunft des Sohnes erwartete, und mit malosem Erstaunen
in dem Grtnerburschen seinen Bernhard erkannte.
    Geben Sie dem Herrn einen Mantel, befahl Lenore dem Bedienten, er friert.
Wickeln Sie sich gut ein, Sie knnten sonst lange an Ihren Marsch unter die
Wasserlinsen denken.
    Und Bernhard dachte lange daran. Er hllte sich in den Mantel und drckte
sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bad folgte brennende Glut, strmisch
rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schnste Weib der Welt gesehen,
er hatte etwas erlebt, was fr ihn grer und hinreiender war, als jeder
Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit Scham dachte er daran, wie unbehilflich
er selbst gewesen war, und wie von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der
Heldin auf, welche so entschlossen und stark gewesen war. Nur kurze Antworten
vermochte er auf die Fragen seines Vaters zu geben. So saen Vater und Sohn
nebeneinander, kalte Arglist und die Glut der Leidenschaft. Beide hatten auf
dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater ein
Anrecht an das schne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben einen neuen
Inhalt gab.
    Auf dem Gut stieg das Fabrikgebude langsam in die Hhe, in dem Geldschrank
Ehrenthals fllte sich die Kassette des Freiherrn mit seinen
Schuldverschreibungen und dem neuen Hypothekeninstrument, und whrend Bernhards
zarter Leib an den Folgen des kalten Bades krnkelte, berauschte sich seine
Seele in sen Phantasien.

                                       10


An einem Nachmittage brachte der Briefbote einen schwarzgesiegelten Brief an
Finks Adresse. Fink ffnete den Brief und ging schweigend auf sein Zimmer. Als
er nicht wieder herunterkam, eilte Anton besorgt zu ihm hinauf. Er fand Fink auf
dem Sofa sitzend, den Kopf auf die Hand gesttzt.
    Du hast eine traurige Nachricht erhalten? fragte Anton.
    Mein Oheim ist gestorben, erwiderte Fink, er, vielleicht der reichste
Mann der Wallstreet in New York, ist auf einer Geschftsreise mit der Maschine
eines Mississippiboots in die Luft geflogen. Er war ein unzugnglicher Mann; mir
hat er in seiner Art viel Gte erzeigt, und ich habe ihm als trichtes Kind mit
Undank vergolten. Dieser Gedanke macht mir seinen Tod bitter. Auerdem wird das
Fakt entscheidend fr meine Zukunft.
    Du willst fort von uns? fiel Anton erschrocken ein.
    Ich werde morgen abreisen. Mein Vater ist zum Universalerben des
Verstorbenen ernannt, mir hat dieser seinen Landbesitz in den westlichen
Vereinsstaaten als Legat vermacht. Mein Oheim war ein groer Landspekulant, und
es gilt jetzt schwierige und verworrene Verhltnisse zu lsen. Deshalb will mein
Vater, da ich so schnell als mglich nach New York gehe, und auch ich merke,
da die persnliche Anwesenheit der Erben dort ntig ist. Mein Vater hat auf
einmal ein groes Zutrauen zu meiner Umsicht und Geschftskenntnis bekommen.
Lies selbst seinen Brief.
    Anton zgerte den Brief zu nehmen. Lies, Anton, sagte Fink mit trbem
Lcheln, in meiner Familie schreiben Vater und Sohn einander keine
Geheimnisse. Anton sah auf eine Stelle: Die vortrefflichen Zeugnisse, welche
Herr Schrter mir ber Deinen praktischen Sinn und Deinen Scharfblick im
Geschft eingesendet hat, veranlassen mich, Dich zu ersuchen, da Du selbst
hinbergehst. Ich wrde Dir in diesem Fall Herrn Westlock aus unserem Geschft
zur Hilfe mitgeben.
    Anton legte den Brief schweigend auf den Tisch, und Fink frug: Was sagst du
zu dem Lob, welches mir der Prinzipal so freigebig erteilt? Wie du weit, habe
ich einigen Grund zu glauben, da ich nicht in seiner Gunst stehe.
    Und doch halte ich das Lob fr gerecht und sein Urteil fr richtig,
erwiderte Anton.
    Gleichviel aus welchen Grnden es gegeben ist, erwiderte Fink, es
entscheidet mein Schicksal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewnscht habe,
Grundbesitzer jenseits des Wassers. - Auch wir mssen uns trennen, lieber
Anton, fuhr er fort und hielt dem Freund die Hand hin, ich habe nicht
geglaubt, da das so schnell kommen wrde. Doch wir sehen uns wieder.
    Vielleicht, sagte Anton traurig und hielt die Hand des jungen Erben fest.
Jetzt aber geh zu Herrn Schrter, er hat das erste Anrecht, zu erfahren, da du
uns verlassen willst.
    Er wei es bereits, sagte Fink, auch er hat einen Brief meines Vaters
erhalten.
    Um so mehr wird er erwarten, da du mit ihm sprichst.
    Du hast recht, la uns gehen!
    Anton eilte auf seinen Platz zurck, und Fink trat in das kleine Zimmer des
Prinzipals hinter dem zweiten Comtoir. Der Kaufmann kam ihm ernst entgegen und
sagte, nachdem er in wrdiger Weise seine Teilnahme ausgedrckt hatte: Es
versteht sich, da von dieser Stunde an Ihr Verhltnis zu meinem Geschft gelst
ist; whrend der Tage, welche Sie noch hier zubringen, bitte ich Sie, sich als
einen Gast meines Hauses zu betrachten, dem ich fr seine Ttigkeit in meinem
Interesse zu vielem Dank verpflichtet bin. Nehmen Sie Platz, Herr von Fink, und
lassen Sie uns ruhig besprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.
    Fink sagte vom Sofa aus mit ebenso groer Artigkeit: Die Bestimmungen,
welche mein Vater ber meine Zukunft getroffen hat, stimmen so sehr mit dem
zusammen, was ich mir selbst fr meine knftige Ttigkeit gewnscht habe, da
ich Ihnen darber meinen Dank aussprechen mu. Ihre Urteile ber mich sind
gnstiger gewesen, als ich es nach manchem, was vorgefallen ist, erwartet habe.
Waren Sie in der Tat zufrieden mit mir, so wird es mich freuen, wenn ich aus
Ihrem Munde dasselbe hre.
    Ich war es nicht ganz, Herr von Fink, erwiderte der Kaufmann mit Haltung,
Sie waren hier nicht an Ihrem Platz. Das durfte mich nicht verhindern, zu
beurteilen, da Sie fr eine andere, immerhin grere Ttigkeit vorzgliche
Befhigung haben. Sie verstehen ausgezeichnet zu disponieren und die Menschen
unter ihre Herrschaft zu bringen, und besitzen eine ungewhnliche Energie des
Willens. Fr solche Natur ist das Pult im Comtoir nicht der rechte Ort.
    Fink verneigte sich. Es wre demungeachtet meine Pflicht gewesen, diese
Stelle ganz auszufllen; ich bekenne, da ich das nicht immer getan habe.
    Sie kamen her, ohne an eine regelmige Ttigkeit gewhnt zu sein, und
haben sich in den letzten Monaten nur noch sehr wenig von einem fleiigen
Comtoiristen unterschieden. Deshalb und weil ich die berzeugung habe, da Sie
Ihrem Wesen nach nicht sowohl zum Kaufmann als zum Fabrikanten passen, habe ich
Ihrem Herrn Vater so ber Sie berichtet, wie ich berichtet habe.
    Sie halten mich fr geeignet Fabrikant zu werden? frug Fink mit einer
Verbeugung, welche fr die gute Meinung danken sollte.
    Im weitesten Sinne des Wortes, erwiderte der Kaufmann. Jede Ttigkeit,
welche neue Werte schafft, ist zuletzt Ttigkeit des Fabrikanten; sie gilt
berall in der Welt fr die aristokratische. Wir Kaufleute sind dazu da, diese
Werte populr zu machen.
    In diesem Sinne lasse ich Ihre Ansicht gern gelten, antwortete Fink und
erhob sich von seinem Platz.
    Ihr Abgang wird fr einen unserer Freunde ein groer Verlust sein, sprach
der Kaufmann, den Erben begleitend.
    Fink blieb stehen und sagte schnell: Geben Sie mir ihn mit nach Amerika. Er
hat das Zeug, dort sein Glck zu machen.
    Haben Sie bereits mit ihm darber gesprochen? fragte der Kaufmann.
    Nein, sagte Fink.
    So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart ist jung, und die
bescheidene und regelmige Ttigkeit des Binnengeschfts erscheint mir noch auf
Jahre hinaus fr die Bildung seines Charakters wnschenswert. brigens wissen
Sie, da ich durchaus kein Recht habe, den freien Entschlu desselben zu
bestimmen. Ich werde ihn ungern verlieren, wenn er aber die berzeugung hat, in
Ihrer Nhe schneller sein Glck zu machen, so werde ich nichts dagegen
einwenden.
    Gestatten Sie mir, ihn sogleich darber zu fragen, sagte Fink.
    Er rief Anton in das Comtoir und sagte zu ihm: Anton, ich habe Herrn
Schrter gebeten, dich mit mir zu entlassen. Es wrde mir viel wert sein, dich
mitzunehmen; du weit, da ich an dir hnge, wir werden in den neuen
Verhltnissen zusammen tchtig vorwrtskommen, du selbst sollst die Bedingungen
festsetzen, unter denen du mit mir gehst. Herr Schrter berlt deinem freien
Entschlu die Entscheidung.
    Anton stand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche sich
so pltzlich vor ihm aufrollten, erschienen ihm sehr lachend, aber er fate sich
schnell, sah auf den Prinzipal und fragte diesen: Sind Sie der Meinung, da ich
gut tue, wenn ich gehe? - Nicht ganz, lieber Wohlfart, erwiderte der Kaufmann
ernst.
    Dann bleibe ich, sagte Anton entschlossen. Zrne mir nicht, da ich dir
nicht folge, ich bin eine Waise und habe jetzt keine andere Heimat als dies Haus
und dies Geschft; ich will, wenn Herr Schrter mich behalten will, bei ihm
bleiben.
    Durch diese Worte fast gerhrt, sagte der Kaufmann: Denken Sie aber auch
daran, da Sie mit diesem Entschlu vieles aufgeben. In meinem Comtoir knnen
Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in groen Verhltnissen
kennenlernen; unser Geschft ist begrenzt, und es werden wohl die Tage kommen,
wo die Beschrnkung desselben auch Ihnen peinlich erscheinen wird. Alles, was
eine Selbstndigkeit Ihrer Zukunft sichert, Vermgen und Bekanntschaften,
vermgen Sie drben leichter zu erwerben, als bei mir.
    Mein guter Vater hat mir oft gesagt: Bleibe im Lande und nhre dich
redlich. Ich will nach seinen Worten leben, antwortete Anton mit einer Stimme,
die vor innerer Bewegung leise klang.
    Er ist und bleibt ein Philister, rief Fink in einer Art von Verzweiflung.
    Ich glaube, da dieser Brgersinn eine sehr respektable Grundlage fr das
Glck des Mannes ist, sprach der Kaufmann, und die Sache war abgemacht.
    Fink sprach nicht weiter ber den Vorschlag, und Anton bemhte sich, durch
zahlreiche kleine Aufmerksamkeiten dem scheidenden Freunde zu zeigen, wie lieb
er ihm sei und wie schwer ihm der Abschied werde.
    Am Abend sagte Fink zu Anton: Hre, mein Sohn, ich habe Lust, mir eine Frau
mit hinber zu nehmen.
    Erschrocken sah Anton den Freund an, und wie einer, der eine mchtige
Erschtterung sich und dem andern verbergen will, fragte er in gezwungenem
Scherz: Wie? du willst Frulein von Baldereck -
    Nichts da, rief Fink mutwillig, was soll ich mit einer Frau machen, die
keine anderen Gedanken hat, als sich mit dem Geld ihres Mannes zu amsieren?
    An wen denkst du denn sonst? Du willst doch nicht der Tante vom Geschft
deinen Antrag machen?
    Nein, mein Schatz, aber dem Frulein vom Hause.
    Um alles nicht, rief Anton bestrzt aufspringend, das wird eine schne
Geschichte werden.
    Gar nicht, versetzte Fink kaltbltig, entweder nimmt sie mich, und dann
werde ich ein wohlberatener Mann, oder sie nimmt mich nicht, dann werde ich ohne
Frau abreisen.
    Du wirst ohne Frau abreisen? rief Anton. Hast du denn je daran gedacht,
Frulein Sabine fr dich zu whlen? fragte er unruhig.
    Zuweilen, sagte Fink, im letzten Jahr oft, sie ist die beste Hausfrau und
das edelste, uneigenntzigste Herz von der Welt.
    Anton sah erstaunt auf seinen Freund. Nie hatte Fink durch eine Andeutung
verraten, da ihm Sabine mehr gelte als eine andere Dame seiner Bekanntschaft.
Aber du hast mir ja nie etwas davon gesagt?
    Hast du mir etwas von deinen Empfindungen fr eine andere junge Dame
erzhlt? antwortete Fink lachend.
    Anton errtete und schwieg.
    Da sie mich wohl leiden mag, glaube ich, fuhr Fink fort, ob sie mit mir
geht, wei ich nicht; dies wollen wir sogleich erfahren; ich gehe jetzt
hinunter, sie zu fragen.
    Anton sprang zwischen seinen Freund und die Tr: Noch einmal beschwre ich
dich, berlege, was du tun willst.
    Was ist da zu berlegen, du Kindskopf, lachte Fink, aber eine
ungewhnliche Hast wurde in seinen Gebrden sichtbar.
    Liebst du denn Frulein Sabine? fragte Anton.
    Das ist wieder eine spiebrgerliche Frage, versetzte Fink. Meinetwegen
ja, ich liebe sie!
    Und du willst sie mitnehmen in die Ansiedelungen und Wlder?
    Gerade deshalb will ich sie heiraten; sie wird ein hochherziges starkes
Weib sein, sie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie ist nicht
liebenswrdig, wenigstens ist nicht so bequem mit ihr zu plaudern wie mit
mancher andern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, so brauche ich eins, das mich
bersehen kann, und glaube mir, der Schwarzkopf ist dazu gemacht! Jetzt aber la
mich los, ich mu erfahren, wie ich daran bin.
    Sprich nur erst mit dem Prinzipal, rief Anton dem Strmenden nach.
    Zuerst mit ihr, sagte Fink und sprang die Treppe hinab.
    Anton ging mit gefalteten Hnden die Stube auf und ab; alles, was Fink an
Frulein Sabine rhmte, hatte guten Grund, das fhlte er lebhaft, er wute, da
sie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, da sein Freund mit unbekannten
Hindernissen zu kmpfen habe. Und diese Hast, dies berstrzen war ihm
unheimlich, es war zu sehr gegen seine eigene Natur. Und noch etwas mifiel ihm.
Fink hatte nur von sich gesprochen, hatte er denn auch an das Glck des
Fruleins gedacht, hatte er auch Sinn dafr, was es sie kosten wrde, den
geliebten Bruder zu verlassen, aus der Heimat zu scheiden, sich in ein fremdes
Volk, vielleicht in ein wildes Leben zu wagen? Ja, er war berzeugt, Fink war
der Mann, alle Blten der Neuen Welt vor ihre Fe zu streuen, aber er war auch
unruhig, stets viel beschftigt, wrde er immer ein Herz haben fr die Gefhle
seiner deutschen Frau? Unwillkrlich nahm unser Held in Gedanken wieder Partei
gegen seinen Freund; es schien ihm, als drfe Sabine nicht fort aus der
Handlung, er fhlte tief die Leere, welche entstehen wrde, wenn sie
verschwunden wre, vom Mittagstisch, aus dem Haushalt, und vor allem aus dem
Leben ihres Bruders. So ging er unruhig und kummervoll auf und ab. Es wurde
dunkel, aus den gegenberliegenden Fenstern fiel ein matter Lichtschein in das
finstere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht zurck.
    Unterdes ward Fink bei Sabine gemeldet. Sie kam ihm hastig entgegen, und
ihre Wangen waren rter als gewhnlich, als sie ihm sagte: Mein Bruder hat mir
gesagt, da Sie uns verlassen mssen.
    Fink begann in lebhafter Bewegung: Ich mu, ich kann aber nicht scheiden,
ohne offen gegen Sie gewesen zu sein. Ich kam hierher ohne Interesse an dem
stillen Leben, welches meinem zerstreuten Geist ungewohnt war; ich habe hier das
Glck und die Innigkeit eines deutschen Haushaltes kennengelernt. Sie, mein
Frulein, habe ich immer als den guten Geist dieses Hauses verehrt. Sie haben
mich bald nach meinem Eintritt in einer Entfernung zu halten gesucht, welche mir
oft schmerzlich war. Ich komme, Ihnen jetzt zu sagen, wie sehr mein Blick und
meine Seele an Ihnen gehangen hat; ich fhle, da mein Leben glcklich sein
wrde, wenn ich Ihre Stimme immerfort hren, und wenn Ihr Geist den meinen
begleiten knnte auf den Wegen meiner Zukunft.
    Sabine wurde sehr bleich und trat zurck. Sprechen Sie nicht weiter, Herr
von Fink, sagte sie bittend und bewegte halb bewutlos die Hand, als wollte sie
abwehren, was ihr bevorstand.
    Lassen Sie mich aussprechen, fuhr Fink schnell fort; ich wrde es fr
mein hchstes Glck halten, wenn ich die berzeugung mit mir nehmen knnte, da
auch ich Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich habe nicht die Anmaung, Sie
zu bitten, da Sie mir jetzt folgen sollen in ein ungewisses Leben, aber geben
Sie mir die Hoffnung, da ich in einem Jahr zurckkehren und Sie bitten darf,
mein Weib zu werden.
    Kehren Sie nicht zurck, sagte Sabine unbeweglich wie eine Statue mit kaum
vernehmbarer Stimme; ich beschwre Sie, machen Sie diesem Gesprch ein Ende.
    Ihre Hand fate krampfhaft die Lehne des nchsten Sessels, sie hielt sich
daran fest und stand ohne einen Tropfen Blut in den Wangen vor dem Flehenden;
aber sie sah ihn durch ihre Trnen unverwandt an, mit einem Blick so voll
Schmerz und Zrtlichkeit, da der wilde Mann ganz aufgelst wurde und in der
Sorge um ihre Bewegung all sein Selbstvertrauen, ja seine Werbung verga und nur
die Absicht hatte, sie zu beruhigen.
    Ich fhle groes Bedauern, da ich Sie so erschreckt habe, sagte er;
verzeihen Sie mir, Sabine! -
    Gehen Sie, sagte Sabine noch unbeweglich mit rhrender Bitte.
    Lassen Sie mich nicht ohne einen Trost von Ihnen scheiden, geben Sir mir
eine Antwort; auch die schmerzlichste ist besser als dieses Schweigen. -
    So hren Sie, sprach Sabine mit einer unnatrlichen Ruhe, whrend ihre
Brust sich hob und ihre Hand zitterte. Ich bin Ihnen gut gewesen seit dem
ersten Tage Ihrer Ankunft; als ein kindisches Mdchen habe ich mit Entzcken auf
den Ton Ihrer Stimme gehrt und auf das, was Ihr Mund so einschmeichelnd
schilderte. Aber ich habe das Gefhl bekmpft. Ich habe es bekmpft,
wiederholte sie. Ich darf Ihnen nicht angehren, denn es wrde mein Unglck
sein. -
    Weshalb? frug Fink in aufrichtiger Verzweifelung. -
    Fragen Sie mich nicht, sagte Sabine kaum vernehmlich.
    Ich mu aus Ihrem Munde mein Urteil hren, rief Fink.
    Sie haben gespielt mit Ihrem eigenen Leben und mit dem Leben anderer; Sie
werden einst schonungslos handeln fr Ihre Plne. Sie werden Groes und Edles
unternehmen, das glaube ich; aber die Menschen werden Ihnen dabei nichts gelten.
Ich kann einen solchen Sinn nicht ertragen. Sie wrden gtig gegen mich sein,
das glaube ich, Sie wrden mich berall schonen, aber Sie wrden mich immer
schonen mssen, und das wrde Ihnen eine Last werden; und ich, ich wre in der
Fremde allein. - Ich bin weich, ich bin verwhnt, mit hundert Fden bin ich
festgebunden an den Brauch dieses Hauses, an die kleinen Pflichten des Haushalts
und an das Leben des Bruders.
    Fink sah finster vor sich nieder. Sie strafen in dieser Stunde streng, was
Ihnen an mir mifallen hat.
    Nein, rief Sabine die Hand gegen ihn ausstreckend, nicht so, mein Freund!
Wenn ich Stunden hatte, wo Sie mir Schmerz machten, ich hatte ebenso viele, wo
ich mit Bewunderung zu Ihnen aufsah. Und sehen Sie, das eben ist es, was uns fr
immer auseinanderhlt. Ich kann nicht ruhig werden in Ihrer Nhe, immer fhle
ich mich aus einem Gefhl in das andere geschleudert, jetzt in banger Scheu und
wieder in mchtiger Freude. Ich bin unsicher Ihnen gegenber, und das wrde ewig
so bleiben. Ich mte diesen Kampf in mir verbergen, in einem Verhltnis, wo ich
mich mit all meinem Gefhl an Sie anschlieen sollte. Und Sie wrden das
erkennen und wrden mir deshalb zrnen.
    Sie reichte ihm die Hand hin, Fink beugte sich tief auf die kleine Hand und
drckte einen Ku darauf.
    Segen ber Ihre Zukunft, sagte Sabine, am ganzen Krper bebend. Wenn Sie
eine Stunde hatten, wo Sie gern unter uns waren, so denken Sie in der Fremde
daran. Wenn Sie in dem deutschen Brgerhaus, in dem Tun meines Bruders je etwas
gefunden haben, was Ihnen ehrenwert erschien, o so denken Sie in der Fremde
daran. In dem groartigen Leben, das Sie erwartet, unter den mchtigen
Versuchungen, in dem wilden Kampf, den Sie fhren werden, denken Sie niemals
gering von unserer Art zu sein. Sie hielt die Rechte ber sein Haupt, wie eine
Mutter, welche angstvoll den scheidenden Liebling segnet.
    Fink hielt ihre Hand fest. Beide sahen einander stumm in die Augen, beide
mit erblichenen Wangen. Endlich rief Fink mit tiefem Tonfall seiner melodischen
Stimme:  Leben Sie wohl! -
    Leben Sie wohl! sagte das Mdchen leise, so leise, da Fink kaum die Worte
verstand. Er schritt langsam ber die Trschwelle, sie sah ihm unverwandt nach,
wie man einer Erscheinung nachsieht. -
    Als der Kaufmann nach dem Schlu des Geschfts in das Zimmer seiner
Schwester trat, flog ihm Sabine entgegen, drckte sich fest an ihn und legte
ihren Kopf an seine Brust. Was hast du, Mdchen? frug der Bruder besorgt und
strich ihr das Haar von der feuchten Stirn.
    Fink war bei mir, rief Sabine sich erhebend, ich habe mit ihm
gesprochen.
    Worber? Hat er dir einen Antrag gemacht? Ist er unartig gewesen? frug der
Kaufmann scherzend.
    Er hat mir einen Antrag gemacht, sagte Sabine.
    Der Kaufmann trat erschrocken zurck. Und du, meine Schwester? -
    Ich habe getan, was du von mir erwarten konntest; ich werde ihn nicht
wiedersehen. Dabei strzten ihr die Trnen aus den Augen, sie ergriff die Hand
des Bruders und kte sie: Sei nicht bse, da ich weine, ich bin noch
angegriffen, es wird vorbergehen. -
    Meine holde Schwester, liebe, liebe Sabine! rief der Kaufmann und umfate
die gebeugte Gestalt der Weinenden, ich will nicht frchten, da du an mich
gedacht hast, als du die Hand des reichen Erben ausschlugst. -
    Ich dachte an dich und dein aufopferndes, pflichtgetreues Leben, und seine
glnzende Gestalt verlor die schnen Farben, in denen ich sie wohl sonst gesehen
hatte. -
    Sabine, du hast mir ein Opfer gebracht, rief der Bruder erschrocken. -
    Nein, Traugott, wenn es ein Opfer war, so habe ich es diesem Hause
gebracht, in dessen Rumen ich unter deinem Schutze aufgewachsen bin, und dem
Andenken an unsere guten Eltern, deren Segen ber unserem bescheidenen Leben
ist.
    Es war spt, als Fink in Antons Zimmer trat, er sah erhitzt aus, setzte den
Hut auf den Tisch und sich auf das Sofa und sagte zum Freunde: Vor allem gib
mir eine Zigarre.
    Kopfschttelnd trug Anton ein Bndel herzu und frug: Nun, wie sieht's aus?
-
    Hochzeit wird nicht, erwiderte Fink kalt. Sie erklrte mir, ich sei ein
kleiner Taugenichts und keine annehmbare Partie fr ein anstndiges Mdchen. Sie
nahm die Sache wieder zu gefhlvoll, versicherte mich ihrer Hochachtung, gab mir
eine Silhouette von meinem Wesen und entlie mich. Aber der Teufel soll mich
holen, rief er aufspringend und warf die Zigarre in eine Ecke, wenn sie nicht
die beste Seele ist, die je in einem Unterrocke Tugend gepredigt hat: sie hat
nur den einen Fehler, da sie mich nicht heiraten will; und zuletzt hat sie auch
darin recht.
    Das Heftige in der Laune des Freundes machte Anton besorgt. Wo bist du aber
so lange gewesen und woher kommst du jetzt?
    Nicht aus dem Weinhaus, wie deine Weisheit anzunehmen scheint. Wenn jemand
einen Korb erhlt, so hat er doch wohl das Recht, ein paar Stunden melancholisch
zu sein; ich habe mich benommen, wie sich jeder in solchen verzweifelten Fllen
benimmt, ich bin einige Zeit umhergelaufen und habe philosophiert. Ich habe mit
der Welt gegrollt, d.h. mit mir selbst und dem Schwarzkopf, und habe zuletzt
damit aufgehrt, da ich vor einer bunten Lampe stehenblieb und einer Hkerin
diese Orangen abkaufte. Bei diesen Worten zog er einige Frchte aus der Tasche.
- Jetzt aber, mein Sohn, ist die Vergangenheit abgetan, jetzt la uns von der
Zukunft reden, es ist der letzte Abend, den wir miteinander zubringen, an dem
soll keine Wolke ber unseren Seelen sein. Mache mir ein Glas Punsch und drcke
die dicken Geschpfe hinein. Orangenpunsch ist eine von deinen Forcen, die du
mir verdankst. Ich habe dich's gelehrt, und du Schelm machst ihn jetzt besser
als ich. Komm! und setze dich her zu mir.
    Am andern Tage kam Vater Sturm in eigener Person auf das Zimmer des jungen
Erben, um seine Reisekoffer in die Droschke zu tragen. Anton hatte den Morgen
ber mit Fink eingepackt und sich so ber die bangen Empfindungen weggeholfen,
welche den zurckbleibenden Freund mehr bewegten, als den Scheidenden.
    Fink fate Antons Hand und sagte: Bevor ich das Handschtteln mit den
brigen durchmache, wiederhole ich, was ich in den ersten Tagen zu dir gesagt
habe: Treibe dein Englisch fort, damit du mir nachkommen kannst. Und wo ich auch
sein mag, in einer Kajte oder im Blockhaus, fr dich werde ich stets einen Raum
offenhalten. Sobald dir diese alte Welt mifllt, komm zu mir! Unterdes sei
berzeugt, da ich aufhre, dumme Streiche zu machen. Und jetzt keine Rhrung,
mein Junge, es gibt keine groe Entfernung mehr auf Erden. Er ri sich los und
eilte in das Comtoir, stand noch einen Augenblick seinem Prinzipal gegenber,
und es war fr Anton eine Freude zu sehn, wie die beiden so verschiedenen
Mnner, die groe breitschultrige Gestalt des Brgers und die zierliche Figur
des Aristokraten, nebeneinander standen. Noch einen Gru an die Damen warf Fink
in das Haus zurck, zog den Freund noch einmal an die Brust und sprang in den
Wagen, fort in die Neue Welt.
    Anton aber ging traurig in sein Comtoir zurck und schrieb einen Brief an
Herrn Stephan in Wolfsburg, worin er dem ehrenwerten Mann eine neue Warenliste
und Zuckerproben bermachte.
    Anton fhlte den Verlust seines Freundes lange Zeit sehr schmerzlich. Er
blieb in den ersten Tagen vor Finks Tr stehen, weil er das frhliche Lachen
desselben zu hren glaubte, oft sah er im Comtoir von seinem Sitze auf, um sich
an Finks spttischer Miene zu erfreuen und einen schnellen Blick des
Einverstndnisses mit ihm auszutauschen.
    Seine Stellung im Haushalt wurde durch den Abgang des Freundes
auerordentlich gendert. Das ging so zu: Herr Liebold htte jetzt bei Tische
neben der Tante sitzen mssen, wenn es nach Rang und Wrde gegangen wre. So war
es auch frher gewesen, und Fink war zwischen ihn und die Tante eingeschoben
worden. Es ist fr einen wahrheitsliebenden Chronisten schmerzlich zu berichten,
da Herr Liebold ber diesen Einschub aufs hchste erfreut war, indem er
behauptete, es sei sehr angenehm, neben Damen zu sitzen, und kein Mensch
verstehe besser weiblichen Umgang zu schtzen, als er; aber zuweilen sei eine
nahe Nachbarschaft doch sehr unbequem, zumal alle Tage und besonders beim Essen
und auerdem, wenn die Dame ber das Zeitalter der jugendlichen Torheiten hinaus
sei. Diesen letzten Grund seiner Abneigung gestand er aber nur seinen
vertrautesten Freunden, und seine Gegner, zu denen der Kassierer gehrte,
behaupteten, er werde neben der jungen Nichte sich noch viel verlegener und
unglcklicher fhlen, als neben der ruhigen Schnheit der Tante. Das Resultat
war, da im Comtoir wegen des Platzes am Mittagstisch eine stille Grung und ein
geheimes Intrigieren entstand, dessen letzter Grund, leider und zur Schande des
Mnnergeschlechts sei es gesagt, der war, da keiner von den Herren neben der
Tante und so nahe am Prinzipal sitzen wollte. Es wurde deshalb am Abend nach
Finks Abreise, whrend Anton einige Auftrge des Freundes besorgte, im
Hinterhause groer Rat gehalten, dem Herr Jordan prsidierte. Herr Specht
erklrte sich bereit, berall und neben jeder Tante der Welt zu sitzen, aber der
Vorsitzende bemerkte ihm mit vieler Artigkeit, seine Gegenwart sei unten am
Tische zur Belebung der Unterhaltung unentbehrlich; denn seinen gewagten
Behauptungen zu widersprechen, sei der Hauptspa seiner Nachbarn. Und als jeder
einzelne der Anwesenden gegen die Ehre protestiert hatte, erklrte Herr Jordan
seine Ansicht dahin, da Wohlfart neben der Tante sitzen solle; dies scheine ihm
darum passend, weil er mit Fink am meisten befreundet gewesen sei und ein gutes
Temperament fr ltliche Damen habe. So wurde Anton am nchsten Tage durch
Dekret seiner Kollegen an den leeren Platz gerckt, nachdem dieser Beschlu
durch den Bedienten in das Vorderhaus getragen war und die stille Sanktion der
Damen erhalten hatte.
    Noch eine Vernderung machte Anton durch. Wenige Tage nach Finks Abreise
erhielt Herr Schrter einen Brief aus Hamburg, in welchem ein offner Zettel
Finks an Anton lag. Fink schrieb: Die Mbel in der Stube, welche ich bewohnt
habe, gehren mir, ich mache dich hiervon, sowie von allem, was ich sonst
hinterlasse, zu meinem Erben. Das Wort Erbe war unterstrichen. - Ich habe
Herrn Schrter ersucht, dich in meiner Stube wohnen zu lassen. Anton zog
hinunter in das elegante Zimmer des ersten Stocks. In die zweite Stube Finks
wurde Herr Baumann befrdert, welcher so Antons Stubennachbar blieb. Anton
verga nicht, die gelbe Katze von seinem Schreibtisch mit hinunterzuschaffen.
Die Katze erwies sich brigens in der ganzen Zeit als verstockt und machte auf
ihrem Postament keine nchtlichen Bewegungen. Vielleicht kam das daher, da
Anton bei dem stillen und ttigen Leben, das er fhrte, nicht mehr trumte.
    Seit dieser Zeit wurde er im Comtoir Finks Erbe genannt, und diese Erbschaft
wurde fr ihn wichtiger, als seine Kollegen geglaubt hatten. Er sa jetzt am
oberen Teil des Tisches und hatte tglich seinen bescheidenen Teil an der
Unterhaltung, welche von der Familie gefhrt wurde. Die Tante, deren Liebling
Fink gewesen war, vershnte sich bald mit der nderung und nahm die kleinen
Aufmerksamkeiten Antons gndig hin, und der Kaufmann richtete oft das Wort an
ihn und freute sich ber die verstndigen, mannhaften Ansichten des Jnglings;
auch Sabine gewhnte sich, mit ihm ber die Interessen des Tages zu sprechen,
und ihr Auge, welches sonst den Platz hinter der Tante so eifrig gemieden hatte,
ruhte jetzt mit freundlichem Glanze auf dem offenen Gesicht unseres Helden.
Zwischen beiden bestand ein stilles Einverstndnis, eine von den reizenden
leichten Beziehungen, welche das Leben so freundlich schmcken. Sabine sah in
Anton den Freund, vielleicht den Vertrauten des Geschiedenen, und Anton fhlte
gegen das Frulein eine unbegrenzte Verehrung, welche sein Benehmen so zart und
rcksichtsvoll machte, da Sabine dies zuweilen mit Rhrung empfand. Er sprach
bei Tische nie von Fink, obgleich sein Herz voll von ihm war, und wenn die Tante
in ihrer gutmtigen Weise bei hundert kleinen Veranlassungen an Fink zu erinnern
wute, so parierte Anton mit aller Diplomatie, die er aufbringen konnte, ihre
Andeutungen und wute das Gesprch wieder in eine unbedenkliche Richtung zu
bringen.
    Auch im Geschft nderte sich die Stellung Antons; er war bis dahin einer
der Adjutanten des Herrn Jordan im Provinzial-Geschft gewesen, jetzt erhielt er
seinen Platz im auswrtigen Geschft unter dem Prinzipal selbst. Dieselbe
Ttigkeit, welche Fink gehabt hatte, wurde ihm zugewiesen, und er erlangte bald
etwas von der Virtuositt Finks, mit Herrn Tinkeles umzugehen und die
Zackelwolle aus Ungarn zu beurteilen.

                                  Drittes Buch



                                       1

Ein bses Jahr kam ber das Land, ein pltzlicher Kriegslrm alarmierte die
deutschen Grenzlnder im Osten, darunter auch unsere Provinz. Die furchtbaren
Folgen eines heftigen Landschreckens wurden schnell fhlbar. Der Verkehr
stockte, die Werte der Gter und Waren fielen, jeder suchte das Seine zu retten
und an sich zu ziehen, viele Kapitalien wurden gekndiget, groe Summen, welche
in kaufmnnischen Unternehmungen angelegt waren, kamen in Gefahr. Niemand hatte
Lust zu neuer Ttigkeit, Hunderte von Bndern wurden zerschnitten, welche die
Menschen zu gegenseitigem Nutzen durch lange Zeit verbunden hatten. Jede
einzelne Existenz wurde unsicherer, isolierter, rmer. berall sah man ernste
Gesichter, gefurchte Stirnen. Das Land war wie ein gelhmter Krper, langsam
rollte das Geld, dies Blut des Geschftslebens, von einem Teile des groen
Leibes zu dem andern; der Reiche befrchtete, da er viel verlieren werde, der
Arme verlor die Mglichkeit, sich auch nur wenig zu erwerben. Die Zukunft
erschien pltzlich verhngnisvoll, schwarz, verderblich, wie der Himmel vor
einem schweren Gewitter.
    Das Schreckenswort, Revolution in Polen brachte so groe Wirkungen auch in
Deutschland hervor. Es war eine der krampfhaften Zuckungen, welche die
Slawenlnder in dem letzten Jahrhundert so oft gehabt haben. Das Landvolk
jenseits der Grenze, aufgeregt durch alte Erinnerungen und seine Gutsherren,
hatte sich erhoben, es zog von fanatischen Geistlichen angefhrt lngs der
Grenze hin und her, hielt Reisende und Warensendungen an, fiel plndernd und
brennend ber Edelhfe und kleine Stdte und versuchte sich unter Huptlingen
militrisch zu organisieren, indem es seine Sensen gradeschmieden lie und alte
Flinten aus dem Versteck hervorholte. Die Insurgenten nahmen eine groe
polnische Stadt unweit der Grenze ein, setzten sich dort fest und vekndeten ein
Polenreich.
    In unserem Staat wurden schleunigst Truppen zusammengezogen und nach der
Grenze geschickt, dieselbe militrisch zu besetzen. Unaufhrlich fhrten die
Dampfwagen der neuerbauten Eisenbahn Soldaten ab und zu, berall rasselte die
Trommel; die Straen der Hauptstadt fllten sich mit Uniformen. Die Armee geriet
in die Aufregung, welche bei der Aussicht auf Krieg regelmig entsteht. Die
Offiziere rannten geschftig umher, kauften Landkarten und tranken Toaste in
jeder Art von Wein, die Soldaten schrieben nach Hause, lieen sich womglich
etwas Geld schicken und mit mehr oder weniger Gefhl ihre Mdchen gren.
Zahlreiche Soldatenbrute im Lande wurden durch bleiche Wangen kenntlich und
erschreckten ihre Familien durch frchterliche Trume von ermordeten
Musketieren; zahlreiche Mtter kauften sich Wolle und strickten mit trbem Auge
Kriegssocken fr ihre armen Shne und suchten vorsichtig alte Leinwand zusammen,
um Scharpie zu zupfen, was noch vom letzten groen Krieg her als ntzliche
Beschftigung in wilder Zeit anerkannt war; zahlreiche Vter sprachen mit
unsicherer Stimme von der Verpflichtung eines braven Sohnes, fr Knig und
Vaterland in den Krieg zu gehen, und erinnerten sich mit grerer Sicherheit an
den Schaden, den sie einst dem argen Napoleon zugefgt hatten.
    Es war ein sonniger Herbstmorgen, als die erste Nachricht von dem polnischen
Aufstande in der Hauptstadt ankam. Dunkle Gerchte hatten schon am Abend vorher
die Einwohner neugierig gemacht, und Haufen unruhiger Geschftsleute und
erschreckter Miggnger standen auf dem Perron des Bahnhofes. Sogleich nach
ffnung des Comtoirs von T.O. Schrter kam Herr Braun, der Agent, hereingestrzt
und erzhlte atemlos, aber mit dem innern Behagen, welches der Besitzer auch der
unangenehmsten Neuigkeit versprt, da ganz Polen und Galizien und viele
angrenzende Lnder in vollem Aufstande loderten, unzhlige fremde
Geschftsreisende und friedliche Beamte seien berfallen und gettet worden,
viele Grenzstdte stnden in Flammen, und ein nichtswrdiger Krakuse in roter
Mtze habe um einen Vetter von Herrn Braun bereits mit seiner Sense den
Kriegstanz getanzt, in der Absicht, ihm den Garaus zu machen, sei aber durch
eine Erinnerung, die ihm sein Weib mit der Mistgabel gegeben, wieder so weit zur
Besinnung gekommen, da er nur die Mtze des Vetters, die diesem vor
Haarstruben vom Kopf gefallen war, durchstochen habe. Darauf sei sein Vetter
barhuptig die hundert Schritt bis zur Grenzbrcke gelaufen, wo ihn unsere
Grenzwache aufgenommen und durch einen Schluck aus der Feldflasche wieder ins
Gleichgewicht gebracht habe, whrend der Krakuse, die gemordete Mtze auf seiner
Sense schwenkend, mit Triumphgeschrei abgezogen sei.
    Anton geriet ber diese Nachrichten in die grte Bestrzung, und er hatte
Grund dazu. Kurze Zeit vorher hatte ein unternehmender Kaufmann aus Galizien
eine ungewhnlich groe Sendung von Kommissionsartikeln, deren Wert sich auf
zwanzigtausend Taler belief, an die Firma abgesendet und, wie bei solchen
Geschften dort blich ist, den grten Teil des Wertes bereits in Wechseln
gezogen. Die Wagenkarawane, welche diesen Transport bringen sollte, mute grade
in dem insurgierten Gebiet sein. Auerdem war eine zweite Karawane mit
Kolonialwaren auf dem Wege nach Galizien expediert und nach der Berechnung jetzt
ebenfalls in Feindesland. Und was ber dem allen stand, ein groer Teil der
Geschfte, welche das Haus machte, und ein groer Teil des Kredits, welchen
dasselbe bewilligte, war in den emprten Landschaften gemacht und bewilligt
worden; vieles, ja alles, so ahnte Anton, ward durch diesen Krieg in Frage
gestellt. Deshalb strzte er seinem Prinzipal entgegen, als dieser die Treppe
herabkam, und erzhlte ihm hastig das Wichtigste der Neuigkeit; whrend Herr
Braun im Comtoir sich beeilte, den andern Herrn die Schauergeschichte vom
tanzenden Krakusen in zweiter Auflage mitzuteilen, wobei ihm begegnete, da
diesmal auer der Mtze des Vetters auch noch dessen Rock und Stiefel an der
Sense des Krakusen hngenblieben, so da der Bedrohte nur mit einem Hemd
bekleidet bei der schtzenden Grenzwache ankam. Beilufig sei hier erwhnt, da
der arme Vetter bei der nchsten Wiederholung auch das Hemd hergeben mute und
da ihm spter noch die Haare abrasiert und sein Leib durch Megren auf die
nichtswrdigste Weise zerzwickt wurde. Weiter konnte Herr Braun, ein
wahrheitsliebender Mann, nicht gehen, da der Vetter noch als lebender Mensch
unter dem Schirm einer neuen Mtze umherwandelte.
    Unterdes vernahm der Prinzipal Antons fliegenden Bericht. Er blieb einen
Augenblick stumm auf der Treppe stehen, und Anton, welcher ngstlich in sein
Gesicht starrte, glaubte zu bemerken, da er etwas bleicher aussah als
gewhnlich; aber er mute sich wohl geirrt haben, denn der Kaufmann sah ber
Anton hinweg unter die Auflader, welche unruhig in der Hausflur standen, und
rief mit dem khlen Geschftston, welcher unserm Helden so oft imponiert hatte:
Sturm, schaffen Sie das Fa beiseite, es steht mitten im Wege. Rhrt Euch, Ihr
Leute, in einer Stunde mu der Fuhrmann abgehen! Worauf Sturm sein breites
Gesicht bekmmert nach dem Auge des Kaufmanns richtete und, mit der ungeheuern
Faust nach drauen weisend, fast mutlos sagte: Es trommelt, sie schlagen
Generalmarsch; es geht los, unsere Leute marschieren. Mein Karl ist mitten
darunter, als Husar, mit den Schnren an seinem kleinen Rock. Es ist ein
Unglck! Ach unsre Waren, Herr Schrter!
    Eben deshalb eilt, Ihr Mnner, antwortete der Prinzipal lchelnd. Der
Wagen geht nach der Grenze, es ist Zucker und Rum darauf, unsre Soldaten wollen
bei dem kalten Wetter ein Glas Punsch trinken. Diese humane Rcksicht auf die
Kehlen der Vaterlandsverteidiger brachte das Behagen in die Seelen der Riesen
zurck, sie lchelten grimmig und Sturm setzte seinen Haken mit furchtbarer
Kraft an den nchsten Ballen und schwang ihn mit einer Verachtung in die Luft,
welche bedeuten sollte: Wir geben nicht so viel auf die ganze
Polakenwirtschaft, whrend die brigen das Fa aus dem Wege rollten und kurze
geschftliche Spe ber Soldatenpunsch machten.
    Zu Anton gewandt sprach der Prinzipal: Die Nachrichten sind nicht gut, aber
wir wollen nicht alles glauben. Darauf ging er in das Comtoir, grte Herrn
Braun fast heiterer als sonst und lie sich von ihm noch einmal die Geschichte
seines Vetters und das brige Unglck erzhlen.
    Als Braun gegangen war, sagte er beruhigend den Herren vom Comtoir: Ich
hoffe, da unsere Waren an der Grenze liegen, Fuhrleute sind ihrer Pferde wegen
vorsichtig, sie werden es vermeiden, den Insurgenten in die Hnde zu fallen.
Sind die Wagen auf feindlichem Gebiet, so mssen wir versuchen, sie
herauszubekommen. Zu Anton setzte er leiser hinzu: Schreiben Sie sogleich an
das Grenzzollamt und unsern Spediteur an der Grenze, sicher gehn Extrazge dahin
ab, ein Nachtzug kann Antwort bringen, morgen wissen wir Nheres.
    Damit war fr heut die groe Frage erledigt, und alles im Comtoir ging
seinen gewhnlichen Gang. Herr Liebold schrieb seine groen Zahlen ins
Hauptbuch, Herr Purzel setzte Hufchen von Talern zusammen und schob papierne
Handschuhhalter um groe Bndel von Kassenanweisungen, und Herr Pix ergriff den
schwarzen Pinsel, malte neben der groen Waage Hieroglyphen auf Packleinwand und
beherrschte die Hausknechte mit gewohnter Entschiedenheit. Der Prinzipal selbst
wendete sich an Herrn Jordan, nahm die eingegangenen Briefe, welche zum Teil
eine Besttigung der kriegerischen Nachrichten enthielten, besprach die
geschftlichen Antworten und bergab sie den einzelnen Kommis. Darauf erschienen
die Makler, die Agenten und Sensale, und wie gewhnlich fielen vom Pult des
Prinzipals kurze Bemerkungen, oder ein trockener Scherz, wenn die
Geschftsfreunde sich zu tief in die Schrecken des Brgerkrieges einlieen. Die
kleine Nebenunterhaltung im Geschft war etwas belebter, sonst alles wie
gewhnlich. Beim Mittagstisch ging die Unterhaltung so ruhig vorwrts, als htte
nie ein polnischer Bauer seine Sense geschwungen, und nach Tisch fuhr der
Prinzipal mit seiner Schwester und einigen Damen ihrer Bekanntschaft spazieren,
und die Geschftsleute, welche ihn sahen, sagten mit Verwunderung: Er fhrt
heut spazieren, er hat's wie gewhnlich vorausgewut, er ist doch ein kluger
Kopf, ein solides Haus. Allen Respekt!
    Anton war den ganzen Tag an seinem Schreibpult in einer nervsen Aufregung,
wie er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er war beklommen und erwartungsvoll,
und doch empfand er diese Stimmung mit Behagen, wie ein groes Ereignis. Er
fhlte lebhaft die Gefahr des Geschftes und seines Prinzipals, aber er war
nicht mehr niedergeschlagen und mutlos. Ihm war, als trge er Sprungfedern an
Arm und Bein; seine Feder flog bei den gleichgltigen Geschftsbriefen, die er
zu schreiben hatte; trotz dem Gedanken an die Gefahr, welcher in seiner Seele
fortwhrend Fanfare blies, war seine Fassungskraft nie schneller, sein Stil nie
klarer gewesen, nie hatte er so hurtig Provision und Spesen ausgerechnet. Es
waren Augenblicke einer erhhten, fast freudigen Ttigkeit; er bemerkte das
selbst und wunderte sich darber. Bei seinem Prinzipal sah er dieselbe Stimmung,
auch dieser schritt mit glnzenden Augen und schnellem Fu durch die Comtoire.
    Nie hatte ihn Anton so verehrt als heut, er sah ihm aus wie verklrt. Mit
einer wilden Freude sagte sich Anton: Das ist Poesie, die Poesie des
Geschftes, solche springende Tatkraft empfinden nur wir, wenn wir gegen den
Strom arbeiten. Wenn die Leute sagen, da unsere Zeit leer an Begeisterung sei
und unser Beruf am allerleersten, so verstehen sie nicht, was schn und gro
ist. Dem Mann steht in diesem Augenblick alles auf dem Spiel, woran seine Seele
hngt, sein Geschft, das Resultat eines langen Lebens von rastloser Ttigkeit,
seine Freude, sein Stolz, seine Ehre; und er steht kaltbltig an seinem Pult,
schreibt Briefe ber geraspeltes Farbeholz und gibt sein Urteil ber Kleesamen
ab, ja ich glaube, er lacht innerlich. So dachte Anton, als er am Abend sein
Pult abrumte und mit den brigen Herren nach dem Hinterhaus ging. Auch seine
Kollegen lieen jetzt ihre innere Aufregung merken, sie setzten sich in Jordans
Salon zusammen und besprachen mit gemtlichem Schauder bei einer Tasse schwarzen
Tees die Neuigkeiten und den Einflu derselben auf das Geschft. Alle waren
geneigt, anzunehmen, da die Firma zwar einigen Verlust erleiden werde, aber sie
seien die Mnner, mehr zu retten, als irgendein anderes Geschft retten werde.
Herr Specht bemerkte hoffnungsreich, bei jeder Insurrektion wrden ungeheure
Kolonialwaren verbraucht, und die Firma werde ein glnzendes Geschft mit allen
Flssigkeiten nach der Grenze machen. Wenn die Insurrektion nur ein Vierteljahr
anhalte, sei der mgliche Verlust wieder gedeckt; denn trinken tten sie alle,
Freunde und Feinde. Zuletzt sprach sich Herr Jordan dahin aus, da man noch gar
nicht wissen knne, wie die Sache verlaufen werde. Diese neue und grndliche
Ansicht wurde von den meisten adoptiert, worauf sich die einzelnen in ihre
Zimmer verfgten. In seiner Stube vernahm Anton durch die dnne Wand, wie sein
Nachbar, Herr Baumann, beim Zubettgehen fr das Geschft und den Prinzipal
betete. Dies ergriff Anton so, da er mit groen Schritten in seiner Stube auf
und ab ging, bis das Licht flackerte und der Gips auf dem Schreibtisch erschrak
und in ein krankhaftes Zittern geriet.
    Es war spt geworden, als der Diener geruschlos in Antons Zimmer trat und
halblaut meldete: Herr Schrter wnsche ihn noch heut zu sprechen. Rasch folgte
Anton dem Diener in den ersten Stock des Vorderhauses und trat erwartungsvoll in
das braune Arbeitszimmer des Prinzipals. Der Kaufmann stand vor dem gepackten
Koffer, sein Portefeuille lag daneben auf dem Tisch und das untrgliche Zeichen
einer lngeren Reise, die groe englische Zigarrentasche von Bffelleder. Diese
hielt hundert Stck, war seit alter Zeit ein Lieblingsgegenstand fr die
Bewunderung des Herrn Specht und galt dem ganzen Comtoir fr eine Art
Kriegsfahne, welche nur dann hervorgeholt und in den Wagen getragen wurde, wenn
die Hauptmacht des Geschftes auf ein auerordentliches Unternehmen auszog.
Sabine war an dem Schubladen des Schreibtisches beschftigt und trug schweigend
zu, was ihre Sorgfalt dem Reisenden fr ntzlich hielt. Sie warf einen schnellen
Blick auf Anton und senkte das Haupt, als sie in seinem Gesicht las, was sie
selbst mit banger Ahnung erfllte. Der Prinzipal trat Anton freundlich entgegen.
Ich habe Sie spt herbemht, glaubte aber nicht, da Sie noch auer Bett sein
wrden.
    Als Anton erwiderte: Die Aufregung lie mich nicht schlafen, fiel wieder
ein Strahl aus dem Auge der Schwester auf ihn, so sorgenvoll und so dankbar fr
seine Teilnahme, da er mchtig gerhrt wurde und nicht weitersprach, um seine
Bewegung nicht zu verraten.
    Der Prinzipal aber sagte lchelnd: Sie sind noch jung, die Ruhe kommt mit
den Jahren. Es wird ntig sein, da ich selbst morgen nach unsern Waren sehe. -
Ich hre, die Polen zeigen besondere Rcksicht gegen unsere Landsleute, es ist
mglich, da sie sich sogar mit dem Gedanken tragen, unsere Regierung sei ihnen
nicht abgeneigt. Diese Tuschung kann nicht lange dauern, es wird kein Unrecht
sein, wenn wir davon fr unsere Waren Vorteil zu ziehn suchen. Sie haben die
Korrespondenz gefhrt und wissen selbst, was fr mich zu tun ist. Ich werde nach
der Grenze reisen und mich dort ber die nchsten Schritte entscheiden.
    Mit ngstlicher Spannung hrte die Schwester auf seine Worte, sie suchte in
seinen Mienen zu lesen, was er aus Rcksicht gegen sie nicht aussprach. Anton
aber verstand, was die Rede bedeutete, sein Chef ging ber die Grenze in das
insurgierte Land.
    Mit bittender Stimme sprach er, nher tretend: Knnte nicht ich an Ihrer
Stelle die Reise machen? Ich fhle wohl, da ich Ihnen noch keine Veranlassung
gegeben habe, mir in so wichtiger Sache zu vertrauen. Ich werde mir wenigstens
alle Mhe geben, bis zum uersten, Herr Schrter. Antons Wangen glhten, als
er dies sagte, er fhlte in diesem Augenblick entschiedene Neigung, sich mit
allen Krakusen um die Warenballen zu raufen.
    Das ist brav gesprochen und ich danke Ihnen, erwiderte der Prinzipal,
aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, die Reise knnte Schwierigkeiten
haben, und da der Vorteil mein ist, wird es auch billig sein, da ich die Mhe
bernehme. Anton lie den Kopf hngen. Ich beabsichtige im Gegenteil, Sie mit
bestimmter Ordre hier zu lassen, fr den Fall, da ich bermorgen abend nicht
zurck sein sollte.
    Sabine hatte ngstlich zugehrt, jetzt fate sie die Hand des Bruders und
sagte leise: Nimm ihn mit.
    Diese Untersttzung gab Anton neuen Mut. Wenn Sie mich nicht allein
schicken wollen, so erlauben Sie mir wenigstens, Sie zu begleiten, vielleicht
kann ich Ihnen doch in etwas ntzlich sein, ich wrde es wenigstens sehr gern
sein.
    Nimm ihn mit, wiederholte die Schwester flehend.
    Der Kaufmann wandte den Blick langsam von der Schwester auf das ehrliche
Gesicht Antons, welches von Diensteifer strahlte, und, erfreut ber den Eifer
der Jugend, erwiderte er: So mag es sein. Sie begleiten mich morgen frh bis
zur Grenze. Sollte meine Abwesenheit fr lngere Zeit ntig werden, so wird es
vorteilhaft sein, Sie an Ort und Stelle zu informieren. Bis dahin mag Jordan die
laufenden Geschfte besorgen. Es ist nicht ntig, da von unserer Reise hier am
Ort viel verlautet. Und jetzt schlafen Sie aus, Herr Wohlfart. Einer unserer
Hausknechte erwartet auf der Eisenbahn die ankommenden Nachtzge; man hat mir
versprochen, da die Kondukteure uns Antwort zurckbringen sollen. Ist die
Antwort so, wie ich annehme, dann fahren wir mit dem ersten Zug. Schlafen Sie
wohl!
    Anton verbeugte sich dankend und sah noch im Hinausgehen, da Sabine in
heftiger Bewegung den Hals des Bruders umschlang. Er ging nach seinem Zimmer,
packte geruschlos eine Reisetasche, holte die damaszierten Pistolen heraus,
welche ihm Fink hinterlassen hatte, und warf sich halbentkleidet auf das Bett,
wo er erst spt den Schlummer fand. Gegen Morgen erweckte ihn ein leises
Klopfen, der Bediente meldete: Die Briefe von der Eisenbahn sind gekommen.
Anton eilte in das Comtoir und fand dort bereits Herrn Jordan und den Prinzipal
in lebhaftem Gesprch; bei seinem Eintritt rief ihm Herr Schrter aus den
geschftlichen Verhandlungen kurz zu: Wir reisen!
    Gut, dachte Anton. Wir reisen in Feindesland, wir schlagen uns mit den
Sensenmnnern und wir zwingen sie, unsere Waren herauszugeben, denn da sie uns
zwingen knnten, darf nach dem Willen des Prinzipals nicht angenommen werden.
    Nie hatte Anton mehr mit den Tren geklopft, schneller die Treppenstufen
gemessen und krftiger die Hnde seiner Kollegen geschttelt, als in der
nchsten Stunde. Als er so geschftig durch den dunklen Hausflur eilte, hrte er
ein leises Rauschen neben sich. Sabine trat schnell an ihn heran und fate seine
Hand: Wohlfart, schtzen Sie meinen Bruder vor Gefahr! Anton versprach mit
maloser Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu tun, fhlte nach seinen
geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst geladen mit
den edelsten und seligsten Gefhlen, welche je ein junger Held gehabt hat. Er
zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen seines Prinzipals, gehoben
durch das zarte Verhltnis, in das er zu der Heiligen des Geschfts getreten
war. Er war glcklich.
    Das Dampfro schnaubte und raste ber die weite Tallandschaft, wie ein Pferd
aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges saen Soldaten, sie hingen
auf den Frachtstcken, sie guckten aus den kleinen Fenstern der Packwagen;
berall glnzten Bajonette und Helme, berall steckten Tornister, Feldkessel und
Trommeln. Auf allen Stationen standen die Haufen der Neugierigen, berall
hastige Fragen und Antworten, berall aufregende Neuigkeiten, schreckliche
Gerchte und abenteuerliche Erzhlungen. Anton war froh, als sie sich am Ende
der Bahnstrecke aus der kriegerischen Masse lsten und in einer leichten Chaise
mit Kurierpferden der Grenze zu rollten. Auf der Landstrae war es still, leerer
als gewhnlich, nur kleine Detachements aus den Garnisonen nahe der Grenze
wurden noch von den Reisenden berholt. Die Mannschaft sang lustig, als zge sie
zum Manver, hier und da machte der Spavogel der Kompagnie seinen Witz ber die
schnellfigen Zivilisten, zuweilen ritt ein Offizier grend an den Wagen, wenn
er den Prinzipal kannte, oder einen Auftrag fr sein Nachtquartier
vorauszusenden hatte. Der Kaufmann sprach zu Anton gar nicht vom Geschft, aber
mit groer Heiterkeit von allem andern, von frhern Erlebnissen, von dem Treiben
an der Grenze, von Schmugglern und Zollwchtern, und behandelte seinen
Reisegenossen mit der vertraulichen Herzlichkeit, welche ein lterer Kamerad dem
jngeren zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schrter eine
Klte, welche den kriegerischen Mut Antons ein wenig dmpfte, denn als dieser
auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfltig aus einer Wagentasche in
die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem Blick auf die beiden Lufe,
und als die Reisenden bei den letzten Husern des Orts vorbergerollt waren,
wies er auf die braunen Kolben, welche brderlich aus der Tasche hervorragten,
und sagte zu Anton: Ich glaube nicht, da es Ihnen gelingen wird, durch diese
Puffer unsere Waren wieder zu erobern. Sind sie geladen?
    Anton bejahte und sagte mit dem letzten Rest seines kriegerischen
Selbstgefhls: Es sind gezogene Lufe.
    So? sagte der Prinzipal ernsthaft, nahm die Pistolen aus der Tasche, rief
dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und scho kaltbltig beide Lufe ab.
Es ist besser, wir beschrnken uns auf die Waffen, die wir zu gebrauchen
gewhnt sind, bemerkte er gutmtig, indem er Anton die Pistolen zurckgab, wir
sind Mnner des Friedens und wollen nur unser Eigentum zurckhaben. Wenn wir es
nicht dadurch erhalten, da wir andere von unserem Recht berzeugen, so ist
keine Aussicht dazu. Es wird dort drben viel Pulver unntz verschossen werden,
alles Ausgaben, welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen
ruinieren. Es gibt keine Rasse, welche so wenig das Zeug hat, vorwrtszukommen,
und sich durch ihre Kapitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben, als die
slawische. Was die Leute dort im Miggang durch den Druck der stupiden Masse
zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien. Bei uns tun
so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen, und die Nation kann es zur Not
ertragen. Dort drben erheben diese Privilegierten den Anspruch, das Volk
darzustellen. Als wenn Edelleute und leibeigene Bauern einen Staat bilden
knnten! Sie haben nicht mehr Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf
den Bumen. Das Schlimme ist nur, da wir ihre unglcklichen Versuche auch mit
unserem Geld bezahlen mssen.
    Sie haben keinen Brgerstand, sagte Anton eifrig beistimmend.
    Das heit, sie haben keine Kultur, fuhr der Kaufmann fort, es ist
merkwrdig, wie unfhig sie sind, den Stand, welcher Zivilisation und
Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu einem
Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.
    Da ist doch Conrad Gnther in der insurgierten Stadt vor uns, dann die
Geschfte der drei Hildebrandt in Galizien, warf Anton ein.
    Brave Leute, stimmte der Kaufmann bei, alle aber eingewandert, und der
ehrbare Brgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die nchste
Generation. Was man dort Stdte nennt, ist nur ein Schattenbild von den unsern,
und ihre Brger haben blutwenig von dem, was bei uns das arbeitsame Brgertum
zum ersten Stande des Staates macht.
    Zum ersten? frug Anton.
    Ja, lieber Wohlfart, die Urzeit sah die einzelnen frei und in der
Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegierten Freien und der
leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Stdte gro wuchsen, sind zivilisierte
Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimnis offenbar worden, da
die freie Arbeit allein das Leben der Vlker gro und sicher und dauerhaft
macht.
    Im Abendlicht kamen die Reisenden im Grenzort an. Es war ein kleines Dorf,
welches auer den Zollgebuden und den Wohnungen der Grenzbeamten nur rmliche
Htten und eine Schenke zu zeigen wute. Auf dem freien Platz zwischen den
Husern und um das Dorf herum biwakierten zwei Eskadronen Reiter, welche ihre
Posten lngs dem schmalen Grenzflu aufgestellt hatten und mit einem Detachement
Jger die Grenze bewachten. In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und
Jger zogen ein und zogen aus, Husaren und Jger saen Kopf an Kopf gedrngt in
der kleinen Gaststube, bunte Dolmans und grne Rcke lagerten um das Haus herum
auf Sthlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem mglichen Gert,
welches irgendeine Methode des Sitzens gestattete. Wie unzhlige Herren Pixe
kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie mit der Schenke und allem
Inhalt derselben, lebendigem und flssigem. Mit lautem Gru empfing der jdische
Wirt den wohlbekannten Kaufherrn; durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum
des Hauses fr die Reisenden freigemacht, ein kleiner Verschlag, in welchem sie
die Nacht wenigstens allein verbringen konnten.
    Kaum war der Kaufmann vom Wagen gestiegen, als ihn ein halbes Dutzend
Fuhrleute mit lebhaftem Freudenruf umringte, die Fhrer der Wagen, welche vor
kurzem durch das Geschft expediert waren. Ganz ohne Unfall war es mit ihnen
nicht abgegangen. Wie der lteste erzhlte, waren sie auf der Strae jenseits
der Grenze durch den Anblick eines bewaffneten Bauernschwarmes zur eiligen
Rckkehr getrieben worden. Beim Umwenden war ein Rad des letzten Wagens
zerbrochen, der Fuhrmann hatte in der Angst die Pferde ausgespannt und den Wagen
jenseits der Grenze stehenlassen. Whrend der flchtige Fhrer mit dem
abgezogenen Hut in der Luft umherfocht und seine Entschuldigungen machte, trat
der kommandierende Rittmeister zu dem Kaufmann und besttigte die Aussage der
Leute.
    Man kann den Wagen etwa tausend Schritt jenseits der Brcke an der Strae
hngen sehen, erklrte er, und als der Kaufmann um Erlaubnis bat, die Brcke zu
betreten, sagte er zuvorkommend: Ich werde Ihnen einen meiner Offiziere
mitgeben.
    Ein junger Offizier der Eskadron, welcher soeben von einer Patrouille
zurckgekehrt war, tummelte sein feuriges Pferd vor der Schenke.
    Leutnant von Rothsattel, rief der Rittmeister, begleiten Sie die Herren
auf die Brcke.
    Mit Entzcken hrte Anton den Namen, an welchen sich fr ihn so holde
Erinnerungen knpften. Er wute auf der Stelle, da der Herr auf dem wilden
Pferd niemand anders sein konnte, als der Bruder des Fruleins vom See. Der
Leutnant, eine schlanke Gestalt mit kleinem Bart auf der Oberlippe, sah seiner
Schwester so hnlich, wie einem jungen Reiteroffizier in Beziehung auf das
allerschnste irdische Frulein nur mglich ist. Anton fhlte auf der Stelle
eine freundschaftliche Hochachtung fr ihn, welche der junge Herr aus Antons
Gru wohl herauslesen mochte, denn er dankte durch ein herablassendes Neigen
seines kleinen Kopfes. Tnzelnd avancierte sein Pferd neben den Kaufleuten bis
zur Brcke. Dort standen die Vedetten, ihre Pistole mit gespanntem Hahn in der
Hand, unbeweglich wie Statuen, nur ihre Pferde verrieten manchmal durch eine
anmutige Schweifbewegung, oder ein Stampfen der Fe das mutige Leben. Die
Reisenden eilten auf die Mitte der Brckenwlbung und sahen mit sphendem Blick
die Landstrae hinab. Dort hinten lag der riesige Wagen, wie ein weier Elefant
lag er verwundet auf einem Knie.
    Vor kurzem war noch nicht geplndert, sagte der Leutnant, die Leinwand
hing noch dickbuchig darber. Ja, sie haben ausgerumt; dort an der Ecke
flattert die weie Decke.
    Es scheint nicht arg zu sein, antwortete der Prinzipal.
    Wenn Sie ein Rad und ein Paar Pferde hinberschaffen wollen, knnen Sie das
Ding abholen, bemerkte der Leutnant nachlssig. Unsere Leute hatten den ganzen
Tag groe Lust dazu. Sie htten gern nachgesehn, ob etwas Trinkbares darin ist.
Wir haben aber Befehl, die Grenze nicht zu berschreiten. Sonst ist's eine
Kleinigkeit, den Wagen herberzuschaffen, wenn der kommandierende Offizier Ihnen
erlaubt, die Posten zu passieren, und wenn Sie mit diesen da fertig werden.
Dabei wies er auf einen Haufen Bauern, welche jenseits der Brcke auerhalb der
Schuweite hinter verkrppelten Weiden lagerten und einen bewaffneten Mann als
Posten auf die Landstrae vorgestellt hatten.
    Wir wollen den Wagen holen, wenn der kommandierende Offizier erlaubt,
sagte der Prinzipal, ich hoffe, es wird mglich sein, mit den Leuten dort zu
unterhandeln.
    Und Anton konnte sich nicht enthalten zu murmeln: Den ganzen Tag haben die
Herren ein paar tausend Taler auf der Landstrae liegenlassen, sie htten Zeit
genug gehabt, den Wagen fr uns zurckzuschaffen.
    Man mu keine unbilligen Forderungen an das Heer machen, antwortete der
Kaufmann lchelnd, wir wollen zufrieden sein, wenn sie uns erlauben, unser
Eigentum aus den Hnden der Bauern zu holen. Die Reisenden eilten zum
Rittmeister zurck, und der Kaufmann teilte diesem seinen Wunsch mit.
    Wenn Sie Pferde und Menschen finden, so habe ich nichts dagegen, erwiderte
dieser.
    Sogleich wurden die Fuhrleute zusammengerufen, der Prinzipal fragte, wer ihn
mit den Pferden begleiten wolle, er sei gut fr den Schaden an den Pferden. Nach
einigem Kratzen des Kopfes und einigem Schtteln der Hte erklrten mehrere ihre
Bereitwilligkeit. Schnell wurden vier Pferde angeschirrt, ein Kinderschlitten
des Schenkwirts hervorgeholt, ein Rad und einige Hebebume daraufgelegt, und die
kleine Karawane zog der Brcke zu, verfolgt von beiflligen Scherzen der
Soldaten und begleitet von einigen Offizieren, welche an dem Feldzug so viel
Teilnahme verrieten, als sich mit ihrer kriegerischen Wrde irgend vertrug.
    An der Brcke sagte der Rittmeister: Ich wnsche guten Erfolg, leider bin
ich auerstande, Ihnen meine Mannschaft zur Hilfe mitzugeben.
    Es ist besser so, antwortete der Prinzipal grend, wir wollen als
friedliche Leute unsere Waren wiederholen und frchten die Herren dort nicht,
wollen sie aber auch nicht reizen. Haben Sie die Gte, Herr Wohlfart, Ihre
Pistolen zurckzulassen, wir mssen den Bewaffneten zeigen, da uns der
Kriegsapparat nichts angeht.
    Anton hatte seine Pistolen in die Rocktasche gesteckt, wo sie wieder trotzig
hervorsahen, er gab sie jetzt einem Schtzen, den der Leutnant von Rothsattel
herbeiwinkte. So zogen sie ber die Brcke. Am Ende der Grenzbrcke parierte der
Leutnant unwillig sein Pferd und brummte: Diese Pfefferscke rcken eher ein
als wir, und der Rittmeister rief ihnen noch nach: Sollten Ihre Personen in
Gefahr kommen, so werde ich es fr keine berschreitung meiner Ordre halten,
wenn ich Ihnen Leutnant Rothsattel mit einiger Mannschaft zu Hilfe schicke. Der
Leutnant stob zurck und kommandierte den Zug, welcher in einiger Entfernung
hielt, sehr kampflustig: Stillgesessen! worauf er wieder bis an das Ende der
Brcke vorsprengte und mit groem Interesse und kriegerischer Ungeduld den
Pfefferscken nachsah. Zu seiner und des Kriegsheers Ehre mu an dieser Stelle
bekannt werden, da sowohl er als sein Zug den Zivilisten einen warmen Empfang
und ernste Unbequemlichkeiten herbeiwnschten, damit sie selbst das Recht
erhielten, sich hineinzumengen und ein wenig einzuhauen.
    
    Es war kein imponierender Einmarsch in das feindliche Gebiet, den die
Kaufleute anfhrten; mit einer gewissen Gemtlichkeit im ruhigen Schritt seine
Zigarre anzndend ging der Prinzipal voran, ihm dicht zur Seite Anton, dahinter
drei stmmige Fuhrleute mit den Pferden. So waren sie ungefhr auf dreiig
Schritt einigen Bauern mit weien Kitteln nahe gekommen, als diese ihre Gewehre
anschlugen und durch einen polnischen Schrei Halt geboten. Der Prinzipal rief
mit lauter Stimme in ihrer Sprache: Ruft euern Anfhrer. Gehorsam schrie einer
von den Wilden mit heftiger Handbewegung einem entfernten Haufen zu. Die anderen
behielten mit drohender Haltung ihre Gewehre im Anschlag und zielten, wie Anton
ohne besonderen Wohlgefallen bemerkte, unter heimtckischem Augenblinzeln
smtlich grade auf ihn. Unterdes kam mit langen Schritten der Anfhrer der Bande
heran. Er trug einen blauen Rock mit bunten Schnren, eine viereckige rote Mtze
mit grauem Pelz besetzt und hielt eine lange Entenflinte in der Hand. Er war im
ganzen betrachtet ein brauner Kerl von gefhrlichem Aussehn, verziert mit einem
langen schwarzen Schnurrbart, der ihm auf beiden Seiten am Mund herunterhing.
Als der Mann herangekommen war, redete ihn der Kaufmann in unvollkommenem
Polnisch mit krftiger Stimme an: Wir sind Freunde! Ich bin der Herr des Wagens
dort und will mir ihn herberholen; sagt Euern Leuten, da sie mir dabei helfen,
ihr sollt ein gutes Biergeld haben. Bei dem Wort Biergeld senkten sich die
Gewehre hochachtungsvoll von selbst. Der Hauptkrakuse aber stellte sich
pathetisch in die Mitte der Heerstrae und begann eine lange Rede mit
Handbewegungen, von welcher Anton sehr wenig und sein Prinzipal nicht alles
verstand, die aber durch den Fuhrmann dahin erklrt wurde, der Mann bedaure, dem
Herrn nicht dienen zu knnen, er habe Befehl von einem dahinter stehenden Korps,
den Wagen zu bewachen, bis die Pferde ankmen, welche ihn nach ihrer Stadt
schaffen sollten.
    Der Kaufmann schttelte gemtlich den Kopf und antwortete im Ton des ruhigen
Befehls: Das geht nicht, der Wagen gehrt mir, und ich mu ihn mitnehmen, ich
kann nicht so lange warten, bis Euer Fhrer mir die Erlaubnis gibt. Dabei griff
er in die Tasche und hielt dem insurgierten Bewohner des blauen Rockes ungesehen
von den andern ein halbes Dutzend harte Taler hin: So viel fr Euch und
ebensoviel fr Eure Leute. Der Anfhrer sah auf die Taler, fuhr mit der Hand
nach dem Kopfe, kraulte sich heftig und drehte an seiner Mtze, worauf er
endlich zu dem Resultat kam: wenn die Sache so sei, mge der gndige Herr den
Wagen nur fortnehmen.
    Im Triumph zog die Karawane zu dem Wagen, die Fuhrleute ergriffen die
Hebebume und hoben mit vereinter Kraft die gesenkte Seite in die Hhe, lsten
die Trmmer des alten Rades, setzten das neue an und spannten die Pferde vor,
alles unter ttiger Mitwirkung einiger Bauern, brderlich untersttzt von dem
Kommandeur, welcher in eigener Person einen Hebebaum regierte. Darauf wurden die
Pferde herzhaft angetrieben und der Wagen rollte der Brcke zu unter dem lauten
Hoi! Hoi! des Krakusen, welcher dadurch vielleicht eine dissentierende Stimme in
seinem Innern berschreien wollte. Gehen Sie mit dem Wagen voraus, sagte der
Kaufmann zu Anton, und da Anton zgerte, seinen Prinzipal allein unter den
Bauern zurckzulassen, fgte dieser befehlend hinzu: Ich will es haben. So
fuhr der Wagen langsam an die Grenze, und schon von weitem hrte Anton das
Lachen und die Gre der Soldaten.
    Unterdes blieb der Kaufmann mit dem Dolmetsch und dem Bandenfhrer in
eifrigem Gesprch zurck und schied endlich im besten Einvernehmen von dem
Insurgenten, welcher mit slawischer Hflichkeit den Hauswirt auf der Landstrae
machte und die Reisenden mit abgezogener Mtze bis in Schuweite von dem Militr
begleitete. An der Brcke holte der Prinzipal den Wagen ein, machte das Halt!
Werda! der Vedetten und das damit verbundene kriegerische Zeremoniell durch und
empfing auf heimatlichem Boden angekommen den lachenden Glckwunsch des
Rittmeisters, whrend der Leutnant spttisch zu Anton sagte: Sie haben keinen
Grund gehabt, die Abwesenheit Ihrer Schlsselbchsen zu bedauern.
    Es ist besser so, antwortete Anton, es war ein glattes Geschft. Die
armen Teufel haben nichts gestohlen als ein kleines Fa Rum.
    Eine Stunde darauf saen die Reisenden mit den Offizieren der Reiter und der
Jger zusammen in dem kleinen Verschlage der Schenke bei einigen Flaschen alten
Ungarweins, welche der Wirt aus dem tiefsten Winkel seines Kellers heraufgeholt
hatte. Nicht am wenigsten vergngt war Anton. Er hatte zum erstenmal in seinem
Leben eine kleine anstndige Kriegsgefahr durchgemacht und war im ganzen mit
sich zufrieden und jetzt sa er neben einem jungen Krieger, den er
hochzuschtzen uerst bereitwillig war, und hatte die Freude, diesem seine
Zigarren anzubieten und von dem Abenteuer dieses Tages zu sprechen.
    Die Bauern haben ja im Anfange auf Sie angelegt, sagte der junge Herr,
nachlssig sein Brtchen kruselnd, das war Ihnen wohl unbequem?
    Nicht sehr, erwiderte Anton so khl als mglich; einen Augenblick wurde
ich stutzig, als die Flinten auf uns gerichtet waren, und hinter den Flinten
andere unternehmende Mnner mit ihren Sensen die Pantomime des Kopfabschneidens
machten. Es kam mir zuerst befremdlich vor, da die Mndungen alle gerade auf
mein Gesicht gerichtet waren. Nachher hatte ich am Wagen zu tun und dachte nicht
mehr daran. Und als auf dem Rckwege jeder von unsern Fuhrleuten behauptete, da
gerade nur auf ihn gezielt worden sei und auf keinen andern, da kam ich zu der
Ansicht, da diese Vielseitigkeit eine besondere Eigenschaft der Flintenlufe
sein mu, eine Art von optischer Ungezogenheit, die nicht viel zu bedeuten hat.
    Wir htten Sie schon herausgehauen, wenn die Bauern Ernst gemacht htten,
antwortete der Leutnant wohlwollend. Ihre Zigarren sind brigens gut.
    Anton freute sich darber und go seinem Nachbar das Glas voll. So
unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heut besonders
aufgelegt schien, sich mit den bunten Herren ber Krieg und Frieden zu
unterhalten. Anton sah, da der Kaufmann die Offiziere mit einer gewissen
frmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlssigen Ton, in welchem die
Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam steuerte. Bald wurde das
Gesprch allgemein, und man hrte mit Aufmerksamkeit dem Kaufmann zu, welcher
von dem insurgierten Gebiet, mit dem er durch frhere Reisen bekannt war,
erzhlte und einzelne Fhrer des Aufstandes zu schildern wute.
    Nur der junge Herr von Rothsattel schien zu Antons groer Betrbnis nicht
zufrieden mit der Aufmerksamkeit, welche seine Kameraden dem Zivilisten gnnten,
und mit dem Lwenanteil, den dieser an der Unterhaltung erlangt hatte; er warf
sich nachlssig in seinen Stuhl zurck, sah wie zerstreut nach der Decke,
spielte mit seinem Sbelgriff und warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche
eine ennuyierte Gemtsstimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwhnte,
da er am nchsten Morgen den Befehlshaber des Grenzkorps erwarte, und der
Kaufmann darauf entgegnete: Ihr Oberst wird vor morgen abend nicht hier
eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm
zusammentraf, so erzhlt, da kam in dem kleinen Offizier der Teufel des
Hochmuts zum Durchbruch und er sagte mit unartigem Ton: Sie kennen unsern
Obristen also persnlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und Kaffee bei Ihnen?
    Wenigstens geschah das frher, sagte der Kaufmann artig, ich selbst habe
als junger Mann einige Mal den Kaffee fr ihn abgewogen.
    Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit, und einer der
ltern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der beabsichtigten
Grobheit, indem er etwas von einer hchst respektablen Handlung murmelte, bei
welcher jeder Militr und Nicht-Militr seinen Bedarf nur mit Vergngen
entnehmen knnte.
    Ich danke Ihnen fr das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschft
haben, Herr Kapitn, sagte der Kaufmann lchelnd; ich bin allerdings stolz
darauf, da mein Geschft respektabel geworden ist durch meine und meiner
Angehrigen angestrengte Ttigkeit.
    Leutnant Rothsattel, Sie fhren die nchste Patrouille, es ist Zeit, da
Sie aufbrechen, erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der Leutnant.
    Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er groe Stcke
hlt, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von Rothsattel nicht erst
den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe bewacht? frug der Kaufmann mit
ruhiger Artigkeit zum Rittmeister gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und
ging rasselnd aus der Stube. Anton htte seinen Liebling prgeln mgen, so
zornig war er auf ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel
durch ein lebhaftes Gesprch, welches er einleitete.
    Es war spt geworden, und Anton sah mit Verwunderung, da der Kaufmann
fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirt zu machen und an dem Prfen des
Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke seiner Reise nicht
recht vertrglich war. Endlich, nachdem eine neue Flasche entkorkt war, und auch
der Rittmeister eine neue Zigarre des Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser
leicht hin: Ich wnsche morgen nach der insurgierten Hauptstadt zu reisen und
erbitte mir Erlaubnis dazu, wenn diese ntig ist.
    Sie wollen - riefen die Offiziere rund um den Tisch.
    Ich mu߫, sagte der Kaufmann mit Ernst und setzte ihnen kurz auseinander,
weshalb er msse.
    Der Rittmeister schttelte den Kopf: Zwar lt der Wortlaut meiner Ordre
zweifelhaft, ob ich die Grenze fr jedermann zu verschlieen habe, doch ist mir
Absperrung des insurgierten Landes als der nchste Zweck unserer Aufstellung
angegeben.
    Dann wrde ich meinem Wunsch dem Kommandeur vortragen mssen, das wrde
mich lnger als einen Tag aufhalten, und dieser Aufenthalt knnte den Zweck
meiner Reise vereiteln. Wie Ihre Gte mir mitteilt, herrscht gegenwrtig unter
den Insurgenten noch ertrgliche Ordnung, es ist unmglich, da diese noch lange
anhlt. In den Rcksichten aber, welche ich dort finde, liegt fr mich die
einzige Mglichkeit, meine Waren zu retten, denn die Frachtwagen kann ich nur
mit Bewilligung der revolutionren Behrde aus der Stadt schaffen.
    Und hoffen Sie, diese zu erlangen? frug der Rittmeister.
    Es mu versucht werden, antwortete der Kaufmann. Jedenfalls werde ich
mich der Plnderung und Zerstrung meines Eigentums dort nach Krften
widersetzen.
    Der Rittmeister berlegte. Was Sie tun wollen, setzt mich in einige
Verlegenheit; wenn Ihnen ein Unglck zustt, wie ich fast frchte, so knnte
mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, da ich Ihnen gestattet habe, die Grenze
zu passieren. Kann Sie denn nichts bewegen, diese Reise zu unterlassen?
    Nichts, erwiderte der Kaufmann, nichts als das Gesetz.
    Liegt Ihnen denn soviel an den Frachtwagen, da Sie Ihr Leben dafr in die
Schanze schlagen wollen? frug der Rittmeister nicht ohne inneres Mifallen.
    Ja, Herr Rittmeister, ebensoviel, als Ihnen daran liegt, Ihre Pflicht zu
tun; es hngt fr mich mehr an dem Besitz dieser Frachtwagen, als ein
geschftlicher Vorteil. Ich mu hinber, wenn mich nicht ein unbedingtes und
unwiderrufliches Verbot der Staatsregierung daran hindert. Diesem wrde ich mich
zuletzt nicht entziehn, ich werde aber alles versuchen, fr mich eine Ausnahme
zu erwirken.
    Wohlan, sagte der Rittmeister aufstehend, ich will Ihrer Reise kein
Hindernis in den Weg legen. Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, da Sie drben
unter keiner Bedingung etwas ber die Strke dieses Grenzpostens, die
Aufstellung unserer Truppen und ber das mitteilen, was Sie etwa ber unsere
projektierten Maregeln erfahren haben.
    Ich gebe mein Wort, sagte der Kaufmann.
    Ihre Persnlichkeit brgt mir zwar dafr, da Ihre Angaben ber den Zweck
der Reise die richtigen sind, zu meiner dienstlichen Information wnsche ich
aber die betreffenden Papiere zu sehn, wenn Sie solche bei sich haben.
    Hier sind sie, sprach der Kaufmann ebenso geschftsmig. Hier mein Pa
ins Ausland auf ein Jahr, hier der Verladeschein des polnischen Verkufers, die
Kopien meiner Briefe an das Grenzzollamt und den hiesigen Spediteur, und hier
die Antworten derselben. Die Beamten des Grenzzollamts und der Spediteur knnen
auerdem die Wahrheit dieser Angaben bezeugen.
    Der Rittmeister durchflog die Papiere und gab sie zurck. Sie sind ein
mutiger Mann, und ich wnsche Ihnen alles Glck, sagte er mit amtlicher Wrde.
Und wie wollen Sie reisen?
    Mit Postpferden. Im Fall man mir die Pferde verweigert, werde ich sie
kaufen und selbst fahren; einen Wagen wird mir unser Wirt berlassen, ich werde
morgen bei Tage reisen, weil ich bei Nacht noch mehr Verdacht erwecken wrde.
    Wohlan, morgen mit Tagesanbruch sehe ich Sie wieder. Wie ich annehme,
rcken wir selbst sptestens in drei Tagen in Feindesland; falls ich bis dahin
keine Nachricht von Ihnen habe, werde ich Sie in der eroberten Stadt aufsuchen.
Wir brechen auf, meine Herren, die Sitzung hat bereits zu lange gedauert.
    So zogen die Herren vom Militr mit geschftigem Klirren ab, und Anton und
sein Prinzipal blieben mit den leeren Weinflaschen allein in der Kammer. Der
Kaufmann ffnete das Fenster und wandte sich dann zu Anton, welcher den letzten
Verhandlungen in groer Aufregung zugehrt hatte. Wir werden uns hier trennen,
lieber Wohlfart, fing er an.
    Bevor er aussprechen konnte, ergriff Anton seine Hand und sagte mit Trnen
in den Augen: Erlauben Sie mir, mit Ihnen zu gehen, schicken Sie mich nicht in
das Geschft zurck. Es wrde mir mein ganzes Leben hindurch ein unertrglicher
Vorwurf sein, wenn ich auf dieser Reise von Ihnen gegangen wre.
    Es ist unntz, vielleicht unklug, wenn Sie mitreisen. Was dort zu tun ist,
kann ich sehr gut allein abmachen; wenn irgendeine Gefahr ist, was ich nicht
glaube, so kann Ihre Gegenwart mich nicht davor schtzen, ich wrde nur das
peinliche Gefhl haben, da ich einen andern um meinetwillen in Verlegenheit
gebracht habe.
    Ich wrde Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mich mitnehmen wollten,
bat Anton flehentlich, immer noch die Hand des Prinzipals haltend. Auch
Frulein Sabine hat es gewnscht, fgte er hinzu, indem er in weiser Steigerung
den strksten berredungsgrund zuletzt aus seinem bewegten Gemt heraufholte.
    Sie ist ein furchtsames Mdchen, sagte der Kaufmann lchelnd. Indes, da
Sie so freundschaftlich darauf bestehen, mag es sein. Wir reisen zusammen; rufen
Sie den Wirt und lassen Sie uns die Reisegelegenheit besprechen.

                                       2


Es war noch dmmrige Nacht, als Anton vor die Tr der Schenke trat. Ein dichter
Nebel hing ber der Ebene und bewegte sich unruhig in dem Zwielicht des nahen
Tages. Ein roter Feuerschein am Horizont bezeichnete die Gegend, nach welcher
die Reisenden fahren sollten. Mit grauem Schleier verhllten die Dmpfe der
Nacht einen dunklen Haufen an der Erde. Anton trat nher und erkannte eine
Anzahl Mnner, Weiber und Kinder, sie kauerten am Boden, bleiche, ausgehungerte,
tiefgefurchte Gesichter. Sie sind aus dem Grenzdorf von jenseits, erklrte ihm
ein alter Wachtmeister, welcher in seinem Reitermantel daneben stand. Ihre
Drfer brennen, sie waren in die Wlder gelaufen, heut nacht kamen sie an das
Wasser, streckten die Hnde aus und schrien jmmerlich nach Brot. Weil es meist
Weiber und Kinder sind, hat der Herr Rittmeister ihnen erlaubt, herberzukommen,
und hat ihnen einige Brote zerschneiden lassen. Sie haben einen Mordsheihunger.
Nach ihnen kamen grere Banden, alle schrien Brot! Brot! und rangen die Hnde.
Wir haben ihnen einige Pistolenschsse ber die Kpfe gefeuert und sie
weggefegt.
    Ei! sagte Anton, das ist keine trstliche Aussicht fr unsere Reise. Was
soll hier aus den armen Leuten werden?
    Es sind Grenzteufel, sagte der Wachtmeister begtigend, die Hlfte des
Jahres schmuggeln und saufen sie, und die andere Hlfte hungern sie. Diese hier
frieren jetzt etwas.
    Kann man ihnen nicht einen Kessel mit Suppe kochen? fragte Anton mitleidig
und griff nach seiner Tasche.
    Wozu Suppe? sagte der Wachtmeister kaltbltig, ein Schluck Branntwein
wre der ganzen Gesellschaft lieber; dort trinkt alles Branntwein, auch was noch
Sugling ist; wenn Sie etwas dran wenden wollen, ich will's ihnen austeilen und
einen ehrlichen Soldaten nicht vergessen.
    Ich werde beim Wirt bestellen, da die Hausmagd etwas Warmes kocht, und
Sie, Herr Wachtmeister, haben die Gte, zuzusehen, da alles in Ordnung zugeht.
Dabei griff er in die Tasche, und der Wachtmeister versprach bereitwillig, sein
kriegerisches Herz dem Mitleid offen zu erhalten.
    Eine Stunde darauf rollten die Reisenden in offener Britschka durch die
Vorposten, der Kaufmann fuhr, Anton sa hinter ihm und blickte sphend in die
Landschaft hinein, in welcher sich aus Finsternis und Nebel bereits einzelne
Gegenstnde erkennen lieen. Ungefhr zweihundert Schritt waren sie gefahren, da
tnte hinter einem dicken Weidenbaum an der Landstrae ein polnischer Zuruf. Der
Kaufmann hielt die Pferde an, ein einzelner nherte sich vorsichtig dem Wagen.
Kommt herauf, guter Freund, rief der Kaufmann dem Fremden zu, setzt Euch
neben mich. Hflich nahm der Fremde seine Mtze ab und schwang sich auf den
Vordersitz des Wagens. Es war der oberste Krakuse von gestern mit seinem
hngenden Schnauzbart und dem langen Leinwandkittel. Haben Sie ein Auge auf
ihn, sagte der Kaufmann in englischer Sprache zu Anton, er soll uns als
Sauvegarde dienen und wird dafr bezahlt; wenn er mir auf den Leib rckt, so
fassen Sie ihn von hinten.
    Anton holte seinen Stolz, die verachteten Pistolen, aus einer alten
Ledertasche an der Seite des Wagens und steckte sie vor den Augen des Krakusen
recht sichtbar in die Taschen seines Paletots. Der Fhrer im Leinwandrock aber
lachte vertraulich und erwies sich bald als ein Geschpf von freundschaftlicher
und geselliger Natur, er nickte hchst verbindlich beiden Reisenden zu, trank
Schlucke aus Antons Reiseflasche und machte Versuche, ber seine linke Schulter
mit diesem eine gemtliche Unterhaltung anzuknpfen, indem er ihn in gebrochenem
Deutsch Euer Gnaden nannte und ihm offenbarte, er rauche auch Tabak, habe aber
keinen. Zuletzt bat er um die Ehre, die Herren fahren zu drfen.
    So waren sie an einer Gruppe zerfallener Huser vorbeigekommen, welche an
einem Sumpf auf kahler Flche standen, wie riesige Pilze, die an einer
vergifteten Stelle in die Hhe geschossen sind; da sahen sie sich pltzlich von
einem Haufen Insurgenten umringt. Es war Landsturm, wie sie ihn schon am Tage
vorher gesehen hatten, einige Dreschflegel, einige gerade Sensen, alte Musketen,
Leinwandkittel, viel Schnapsgeruch und glotzende Augen. Der Haufe fiel den
Pferden in die Zgel und schickte sich mit Blitzesschnelle an, dieselben
abzuspannen. Da erhob sich der Krakus von seinem Sitz wie ein Lwe und
entwickelte in seinem Polnisch eine ungeheure Beredsamkeit, wobei er mit Hnden
und Fen nach allen Seiten hin gestikulierte. Er erklrte, da diese Herren
groe Herren der Riemey seien, welche nach der Hauptstadt reisten, weil sie mit
der Regierung sprechen mten; es werde jedem den Kopf kosten, der auch nur ein
Haar aus dem Schwanz ihrer Pferde ausrisse. Auf diese Rede erfolgten ebenso
lebhafte Gegenreden, bei denen ein Teil die Fuste ballte, ein Teil die Mtzen
abnahm. Darauf hielt der Fhrer eine noch strkere Rede und stellte allen
Patrioten ein Zerschnittenwerden in vier Teile in Aussicht, wenn sie wagen
wrden, auch nur ihre Pferdekpfe scheel anzusehen. Darauf wurde die Zahl der
geballten Fuste geringer und die Zahl der gezogenen Mtzen grer. Endlich
machte der Kaufmann dieser Szene ein Ende, indem er die Pferde mit einem
krftigen Peitschenschlag antrieb und den letzten widerspenstigen Patrioten zu
einem schnellen Seitensprung veranlate. Im Galopp stoben die Pferde vorwrts,
einige lebhafte Interjektionen klangen hinter ihnen her, und eine Kugel pfiff
unschdlich ber die Hupter der Reisenden, wahrscheinlich mehr aus allgemeiner
Vaterlandsliebe, als zu einem bestimmten Zweck abgeschossen.
    So ging es einige Stunden fort. Nicht selten berholten sie Haufen
bewaffneter Landleute, welche entweder schrien und ihre Knittel schwangen, oder
einem Geistlichen mit der Kirchenfahne nachzogen, die Kpfe gesenkt, geistliche
Lieder singend. Die Reisenden wurden einigemal aufgehalten und bedroht, zuweilen
auch mit groer Ehrerbietung begrt, zumal Anton, der auf seinem Hintersitz fr
die Hauptperson galt.
    Endlich nherten sie sich einem grern Dorf, die Haufen wurden dicker, das
Geschrei lauter, unter den Bauernkitteln waren hier und da eine Uniform,
Federbsche und Bajonette sichtbar. Hier zeigte der Fhrer Symptome von Unruhe
und erklrte dem Kaufmann, weiter knnte er sie nicht fhren, hier mten sie
sich bei dem Befehlshaber melden. Der Prinzipal zeigte sich damit zufrieden,
zahlte dem Fhrer seinen Lohn aus und lie den Wagen bei dem ersten Haufen,
welcher die Strae besetzt hielt, halten. Ein junger Mann in blauer Pikesche,
mit einer rot und weien Schrpe um den Leib, eilte heran, ntigte die Reisenden
abzusteigen, und fhrte sie mit leidenschaftlichem Diensteifer der Hauptwache
zu. Der Kaufmann behielt die Zgel der Pferde in der Hand und raunte Anton zu,
er solle den Wagen unter keinen Umstnden aus den Augen lassen. Anton heuchelte
Unbefangenheit und drckte dem getreuen Krakusen, der hinter dem Wagen
herschlich, etwas in die Hand, damit dieser den Pferden einige Bndel Heu
verschaffe.
    Das Wachlokal war in einem Hause, dessen Strohdach durch den weien Anstrich
der Wnde einen vornehmen Schimmer erhielt. Dort standen einige Jagdflinten und
Musketen an Holzpfhle gelehnt, bewacht von einem jugendlichen Volontr in
blauem Rock und roter Mtze. Daneben sa der kommandierende Offizier, ein
plattes Gesicht unter einem mchtigen, weien Federbusch; er war mit einer
ungeheuern seidenen Schrpe und einem riesigen Sbel mit schngewundenem
Korbgriff geschmckt. Dieser Herr geriet in nicht gewhnliche Aufregung, als er
die Fremden erblickte, er drckte seinen Hut fest, strich sich grimmig den
unordentlichen Bart und begann ein Verhr. Nach frherer Verabredung sagten ihm
beide Reisende, da sie das Oberkommando in wichtiger Angelegenheit zu sprechen
htten. ber den Zweck ihrer Reise verweigerten sie jede Auskunft. Diese
Erklrung krnkte die junge Wrde des Befehlshabers. Er machte lieblose
Anspielungen auf verdchtige Menschen und Spione und schrie seiner Wache zu, ins
Gewehr zu treten. Fnf junge Mnner in blauen Pikeschen strzten aus dem Hause,
stellten sich in Linie auf und wurden mit einem Aufwand von Kommandowrtern
befehligt, ihre Gewehre bereit zu halten. Anton sprang unwillkrlich zwischen
die Blaurcke und seinen Prinzipal. Indes nderte der Herr mit dem groen Sbel
seinen mrderischen Entschlu, als der Kaufmann mit Gemtsruhe an dem Pfosten
stehenblieb, um die er die Zgel geschlungen hatte. Der Befehlshaber begngte
sich, ihn nochmals zu versichern, er halte ihn fr hchst gefhrlich und sei
sehr geneigt, ihn als Verrter zu fsilieren.
    Der Kaufmann zuckte mit den Achseln und sagte in ruhiger Hflichkeit: Sie
sind durchaus im Irrtum ber den Zweck unserer Reise. Sie knnen uns nicht im
Ernst fr Spione halten, denn wir haben uns durch einen Ihrer Landsleute gerade
zu Ihnen fhren lassen, um durch Ihre Gte ein Geleit nach der Hauptstadt zu
bekommen. Ich bitte Sie nochmals, uns nicht aufzuhalten, da unsere Geschfte bei
der Kommandantur dringend sind, und ich Sie fr Ihre unntze Verzgerung unserer
Reise verantwortlich machen mte. Der Kommandeur fing nach dieser Rede von
neuem an zu wettern, er schnaubte heftig gegen den Kaufmann und Anton, trank
endlich ein groes Glas Branntwein und fate einen Entschlu. Er rief drei
seiner Leute und befahl ihnen, sich mit den Reisenden aufzusetzen und dieselben
nach der Hauptstadt zu transportieren. Ein neues Strohbund wurde in den Wagen
geworfen, zwei konfiszierte Burschen nahmen mit ihren Gewehren Platz hinter den
Reisenden, vor ihnen setzte sich ein weirckiger Bauer auf den Kutschersitz,
ergriff die Zgel und fuhr gleichgltig seine Ladung, Verdchtige, Patrioten und
alles, im Galopp nach der Hauptstadt.
    Unsere Lage hat sich verschlechtert, sagte Anton, fnf Mann auf dem
kleinen Wagen, und die armen Pferde sind ermdet.
    Ich sagte Ihnen, da unsere Reise einige Unbequemlichkeiten haben wrde,
antwortete der Kaufmann. Die Menschen sind nie lstiger, als wenn sie Soldaten
spielen. brigens ist diese Bewachung kein Unglck, wir werden wenigstens bei
solcher Empfehlung in die Stadt gelassen werden.
    Es war Abend, als sie in der Nhe der Stadt ankamen. Ein rtlicher Schein am
Himmel bezeichnete schon aus der Ferne das Ziel ihrer Fahrt, dann zahlreiche
bewaffnete Banden, welche in die Stadt hinein-oder von ihr herzogen. Darauf
folgte ein langer Aufenthalt an dem Tore, ein Durcheinander von Fragen und
Antworten, Beleuchtung der Reisenden durch Laternen und brennende Kienspne,
feindselige Blicke und unverstndliche Drohungen, endlich eine lange Fahrt durch
die Straen der alten Hauptstadt. Um sie herum bald Totenstille, bald ein wildes
Geschrei zusammengelaufener Menschen, doppelt unheimlich, wenn die Worte den
Hrenden unverstndlich waren.
    Zuletzt lenkte der Kutscher auf einen Marktplatz und hielt vor einem
stattlichen Hause. Die Reisenden wurden durch ein Gedrnge bunter Uniformen,
beschnrter Rcke und heller Kittel gezogen und eine breite Treppe
hinaufgedrngt. Dort stie man sie in ein groes Zimmer und stellte sie einem
Herrn mit weien Glacehandschuhen gegenber, welcher in einen schriftlichen
Rapport sah und ihnen kurz ankndigte, da sie nach dem Bericht des
Stationskommandanten der Spionage verdchtig wren und vor einem Kriegsgericht
verhrt werden sollten. Der Kaufmann antwortete sogleich mit krftigem Unwillen:
Dann bedaure ich, da Ihr Untergebener eine groe Unwahrheit gemeldet hat, denn
wir haben die Reise bei hellem Tage auf der groen Landstrae bis hierher
gemacht, in der bestimmten Absicht, ihren Kommandierenden zu sprechen; mein sind
die Pferde und mein der Wagen, welche mich vor dieses Haus gebracht haben, und
es war eine berflssige Hflichkeit Ihres Stationskommandanten, da er mir
solche Begleitung mitgegeben hat. Ich wnsche den Herrn, welcher hier befehligt,
so bald als mglich zu sehen, nur ihm werde ich den Zweck meiner Reise
mitteilen; haben Sie die Gte, ihm meinen Pa einzuhndigen.
    Der Herr sah in den Pa und frug mit mehr Rcksicht auf Anton blickend:
Aber dieser Herr? Er hat das Aussehen eines Offiziers Ihrer Armee.
    Ich bin ein Kommis des Herrn Schrter, erwiderte Anton mit einer
Verbeugung, und durch und durch zivil.
    Warten Sie, sprach der junge Mann von oben herab und ging mit dem Pa in
ein Nebenzimmer.
    Da er einige Zeit ausblieb, und niemand die Reisenden hinderte, setzten sie
sich auf eine Bank und nahmen die sicherste Miene an, welche ihnen mglich war.
Anton warf einen besorgten Blick auf seinen Prinzipal, welcher finster vor sich
nieder sah, und betrachtete dann verwundert seine Umgebung. Es war ein hohes
Zimmer, die Decke mit Stickerei und Malerei verziert, die Wnde verruchert und
beschmutzt, Tische, Sthle und Bnke standen unordentlich umher, sie schienen
aus einem Schenkhause herzugeschleppt; an den Tischen beugten sich einige
Schreiber ber ihre Papiere, und an den Wnden saen und lagen Bewaffnete, sie
schliefen oder sprachen laut miteinander, zum Teil in franzsischer Sprache. Das
heruntergekommene Zimmer in der trben Beleuchtung machte auf Anton keinen
ermutigenden Eindruck, und leise sagte er zu dem Kaufmann: Wenn Revolution so
aussieht, sieht sie hlich genug aus.
    Sie verwstet immer und schafft selten Neues. Ich frchte, die ganze Stadt
gleicht dieser Stube. Die gemalten Wappen an der Decke, und die schmutzige Bank,
auf der wir sitzen, wenn solche Gegenstze zusammenkommen, dann darf ein
ehrlicher Mann sein Kreuz schlagen. Der Adel und der Pbel sind jeder einzeln
schlimm genug, wenn sie fr sich Politik treiben; sooft sie sich aber
miteinander vereinigen, ruinieren sie sicher das Haus, in dem sie
zusammenkommen.
    Die Vornehmen sind uns unbequemer, sagte Anton, ich lobe mir unsern
Krakusen, der war ein hflicher Insurgent, und er hatte ein Herz fr ein
Achtgroschenstck; die Herren hier aber verfahren durchaus nicht
geschftsmig.
    Warten wir ab, sprach der Prinzipal.
    Eine Viertelstunde war vergangen, da trat ein junger Mann von schlankem
Wuchs und stattlichem Aussehen, gefolgt von dem Herrn mit den weien Hnden, aus
dem Nebenzimmer, schritt artig auf den Kaufmann zu und sagte mit lauter Stimme,
so da auch die Schlfer auf den Bnken ihn hren muten: Ich freue mich, Sie
hier zu sehen, ich habe so etwas erwartet; haben Sie die Gte, mir mit Ihrem
Begleiter zu folgen.
    Wetter! Unsere Aktien steigen, dachte Anton. Sie folgten dem
majesttischen Redner in ein kleines Eckzimmer, welches gewissermaen das
Boudoir des Hauptquartiers war; denn es stand eine Ottomane darin, weich
gepolsterte Sessel, und ein zierlicher Schreibtisch von seltenem Holz.
Verschiedene Anzge und Uniformstcke hingen unordentlich ber den Mbeln, und
auf dem Tisch lag neben Papieren ein niedliches, kostbar ausgelegtes
Taschenterzerol mit zwei Lufen und ein groes Petschaft von buntem Stein in
Gold eingefat.
    Whrend Anton die Beobachtung machte, da es in dem Raum sehr elegant, aber
auch sehr unordentlich aussah, sagte der junge Chef mit etwas mehr Haltung und
etwas weniger Zrtlichkeit zu dem Kaufmann: Sie sind durch ein Miverstndnis
rauher Behandlung ausgesetzt worden, wie Sie in unruhiger Zeit nicht immer zu
vermeiden ist; Ihre Begleiter haben Ihre Angaben besttigt. Ich ersuche Sie, mir
mitzuteilen, was Sie zu uns fhrt. Der Kaufmann berichtete kurz, aber genau den
Zweck seiner Reise, nannte die Namen seiner Geschftsfreunde am Ort und berief
sich auf sie zur Besttigung seiner Aussage.
    Ich kenne den einen oder andern dieser Herren, antwortete der Kommandant
nachlssig. Er fixierte den Kaufmann scharf und frug nach einer Pause: Haben
Sie mir nichts weiter mitzuteilen?
    Der Prinzipal verneinte, aber der andere fuhr schnell fort: Ich begreife
wohl, da unsere ungewhnliche Lage Ihrer Regierung verbietet, direkt mit uns in
Verbindung zu treten, und da Sie, falls Sie irgendeinen Auftrag an uns haben,
die hchste Vorsicht beobachten mssen.
    Lebhaft fiel ihm der Kaufmann ins Wort: Bevor Sie weitersprechen,
versichere ich nochmals, als Mann von Ehre, da ich nur in meinen
Angelegenheiten herkomme und da diese Angelegenheiten nur die angegebenen sind.
Da ich aber aus Ihren Worten und aus manchem, was ich auf dem Wege gehrt habe,
schliee, da Sie mich fr einen Bevollmchtigten, gleichviel von wem, halten,
so fhle ich mich gezwungen, Ihnen zu sagen, da ich in keinerlei Auftrag
hierher htte reisen knnen, weil ein Auftrag, wie Sie zu erwarten scheinen,
unmglich ist.
    Der vornehme Huptling sah sehr ernst vor sich nieder und sagte nach einem
Augenblick finsteren Schweigens: Gleichviel, Sie sollen darunter nicht leiden.
- Der Wunsch, welchen Sie hier ausgedrckt haben, ist so ungewhnlich, da er
bei einer regulren Obrigkeit durchaus nicht erfllt werden knnte; wenn uns
nicht vergnnt ist, Sie fr einen Freund zu halten, so gebietet uns die Pflicht
der Notwehr, Sie und Ihr Eigentum als feindlich zu behandeln. Aber die Mnner
meines Volkes haben, sooft sie zu den Waffen griffen, die verhngnisvolle Tugend
gehabt, auch andern einen groen Sinn zuzutrauen und um ihrer selbst willen auch
da edel zu handeln, wo sie auf keinen Dank zu rechnen hatten. Seien Sie
berzeugt, da ich, soviel an mir liegt, dazu beitragen werde, Ihr Eigentum frei
zu machen.
    So sprach der Edelmann mit Selbstgefhl und in prchtiger Haltung, und Anton
fhlte lebhaft, da etwas wahrhaft Edles aus den Worten hervorleuchtete, aber er
war schon zu sehr Geschftsmann, um sich solchem Eindruck ganz hinzugeben, und
ein recht gemeines Bedenken fiel als Reif auf die aufkeimende Bewunderung. Er
verspricht uns Hilfe und hat sich noch nicht einmal berzeugt, ob das in der Tat
unser Eigentum ist, was wir aus seiner Stadt herausziehen wollen.
    Leider bin ich nicht so souvern, fuhr der Anfhrer fort, da ich Ihnen
ohne weiteres Ihr Verlangen erfllen kann. Indes hoffe ich, Ihnen auf morgen
einen Freipa fr Ihre Wagen durchzusetzen. Vor allem suchen Sie selbst zu
ermitteln, wo Ihr Eigentum sich befindet; ich werde Ihnen einen meiner Offiziere
zum Schutz mitgeben. Morgen frh das Weitere.
    Mit diesen Worten wurden die Reisenden huldreich entlassen, und Anton sah
beim Herausgehen, wie der Befehlshaber sich ermdet in einen weichen Samtstuhl
setzte und mit gesenktem Haupte an dem Griff seines schnen Terzerols spielte.
    Ein kleiner Herr mit groer Schrpe, fast noch ein Kind, aber von sehr
zuversichtlichem Wesen, begleitete die Reisenden aus dem Hause. Im Herausgehen
wurden sie von mehreren Anwesenden artig gegrt, und Anton sah, da das
Vorzimmer sie noch immer fr diplomatische Charaktere hielt. Der Offizier frug,
wohin er die Herren begleiten solle, sein Auftrag sei, sie nicht zu verlassen.
    Zu unserm Schutz, oder zu unserer Bewachung? frug Anton heiter, denn er
hatte jetzt guten Mut.
    Sie werden mir keine Veranlassung geben, mich als Ihren Aufseher zu
betrachten, antwortete der kleine Krieger in elegantem Franzsisch.
    Nein, sagte der Kaufmann, mit Teilnahme auf den Jngling blickend, aber
wir werden Sie ermden, denn wir haben noch heute sehr uninteressante und
gewhnliche Geschfte abzumachen.
    Ich tue nur meine Pflicht, antwortete mit stolzer Haltung der Fhrer,
wenn ich Sie begleite, wohin Sie irgend wnschen.
    Und wir die unsere, wenn wir eilen, sagte der Kaufmann.
    So schritten die Reisenden durch die Straen der Stadt. Die Nacht war
eingebrochen, aber unter ihrem Mantel wurde das wste Treiben noch peinlicher.
Haufen des niedrigsten Pbels, Patrouillen des Heeres, Scharen von flchtigen
Landbewohnern drngten sich schreiend, fluchend, singend durcheinander; viele
Fenster waren erleuchtet, und der Lichterglanz verbreitete ber den Straen ein
schattenloses, gespenstiges Licht. ber die Huser wlzten sich dicht geballte
rtliche Wolken, es brannte in einer Vorstadt, und der Wind trieb Schwrme
goldener Funken und lohende Holzsplitter ber die Hupter der Reisenden. Dazu
heulten die Glocken der Trme mit schauerlicher Stimme eintnigen Klagegesang.
Die Reisenden eilten schweigend durch das Gedrnge, die trotzigen Worte ihres
Begleiters ffneten ihnen einen Weg auch durch drohende Haufen. So kamen sie zu
dem Hause, in welchem der Agent der Handlung wohnte. Das Haus war verschlossen,
und lange muten sie pochen, bis ein Fenster geffnet wurde und eine ngstliche
Stimme in den Straenlrm hinunterrief, wer da sei?
    Als sie eintraten, lief ihnen der Agent hnderingend entgegen und fiel dem
Kaufmann weinend um den Hals. Die Gegenwart des jungen Insurgenten verhinderte
ihn, seinen Gefhlen Wort zu geben; er ffnete den Ankommenden seine Zimmer und
bat mit klglicher Stimme um Entschuldigung wegen der bergroen Unordnung.
Koffer und Kisten waren gepackt, Frauen und Dienstboten liefen ngstlich ab und
zu, versteckten hier silberne Leuchter und packten dort wieder silberne Lffel
aus. Unterdes rang der Hausherr unaufhrlich die Hnde, lief in der Stube auf
und ab, beklagte sein Unglck und das Unglck der Handlung, segnete und
bedauerte die Ankunft des Chefs in einem Atemzuge und versicherte dazwischen dem
jungen Krieger mit gepreter Stimme, da auch er ein Patriot sei, und da nur
ein unbegreifliches Versehen des Dienstmdchens die Kokarde von seiner Hausmtze
abgetrennt habe. Es war ersichtlich, da der Mann und seine ganze Familie den
Kopf verloren hatten. Mit Mhe und nur durch ernste Worte brachte ihn der
Kaufmann so weit, da er ihm in einer Fensterecke ber den Stand der Geschfte
Auskunft gab. Die Frachtwagen waren in der Stadt angekommen, gerade an dem Tag,
an welchem der Tumult anfing. Durch die Vorsicht eines Fuhrmanns waren sie in
dem groen Hofraum einer entlegenen Herberge untergebracht worden; was seit der
Zeit aus dem Transport geworden war, wute der Agent nicht.
    Nach kurzer Unterredung sagte der Kaufmann: Ihre Gastfreundschaft nehmen
wir heute nacht nicht in Anspruch, wir werden dort schlafen, wo unsere Wagen
sind. Alle Einwendungen des Agenten wurden mit Entschiedenheit zurckgewiesen.
Der ehrliche, aber schwache Mann schien wahrhaft bekmmert ber die neuen
Gefahren, denen sich sein Geschftsfreund aussetzen wollte.
    In der Frhe hole ich Sie ab, sagte der Kaufmann beim Scheiden; ich
beabsichtige morgen mit meinen Wagen abzureisen, vorher werde ich bei unsern
Kunden einige Besuche machen, die, wie Sie wissen, notwendig sind, dabei wnsche
ich Ihre Begleitung. Der Agent versprach, bei Tageslicht alles mgliche zu tun.
    So traten die Reisenden wieder in die Nacht hinaus, geleitet von dem Polen,
welcher mit Verachtung die halblaute Verhandlung angehrt hatte. Auf der Strae
sagte der Prinzipal, seine Zigarre unwillig wegwerfend, zu Anton: Unser Freund
wird uns wenig ntzen, er ist hilflos wie ein Kind. Er hat versumt, im Anfang
dieser wilden Tage seine Pflicht zu tun, Gelder einzuziehen und Deckung fr
unsere Forderungen zu suchen.
    Und jetzt wird niemand den Willen haben, sagte Anton bekmmert, uns weder
Zahlung zu leisten, noch Deckung zu geben.
    Und doch mssen wir das morgen durchsetzen, und Sie sollen mir dabei
helfen. Bei Gott, solche kriegerische Krmpfe sind fr den Verkehr ohnedies
unbequem genug, sie lhmen jede ntzliche Ttigkeit des Menschen, und doch ist's
diese allein, welche ihn davor bewahrt, ein Tier zu werden. Wenn aber ein
Geschftsmann sich noch mehr stren lt, als ntig ist, so begeht er ein
Unrecht gegen die Zivilisation, ein Unrecht, das gar nicht wiedergutzumachen
ist.
    So kamen sie in einen Stadtteil, in welchem leere Straen und die
Totenstille um sie herum noch unheimlicher gegen den fernen Lrm und die Rte am
Himmel abstachen. Endlich machten sie halt vor einem niedrigen Gebude mit
groem Torwege. Sie traten ein und sahen in die Wirtsstube, einen schmutzigen
Raum mit geschwrzten Deckbalken, in welchem sich auf Holzbnken und Tischen
schreiende und Branntwein trinkende Patrioten drngten. Der junge Offizier trat
auf die Schwelle und rief nach dem Wirt. Eine dicke Figur mit rotglhendem
Gesicht tauchte aus dem Dampf eines Schenktisches hervor. Im Namen der
Regierung Zimmer fr mich und meine Begleiter, forderte der andere. Widerwillig
ergriff der Wirt ein verrostetes Schlsselbund und ein Talglicht und fhrte die
Fremden in den Oberstock, dort ffnete er ein dumpfiges Zimmer und erklrte
mrrisch, er habe keine andere Gaststube.
    Schafft uns ein Abendbrot und eine Flasche von Eurem besten Wein, sagte
der Kaufmann, wir bezahlen Euch gut und auf der Stelle.
    Solche Andeutung verbesserte die Stimmung des dicken Gastwirts sichtlich, er
kam sogar auf den unglcklichen Einfall, hflich auszusehn. Jetzt frug der
Kaufmann nach den Fuhrleuten und nach den Wagen. Diese Fragen kamen dem Wirt
quer. Zuerst versuchte er gar nichts zu wissen und behauptete, es seien viele
Wagen in seinem Hofe aufgefahren, und es seien wohl auch Fuhrleute da, er kenne
sie nicht.
    Vergebens versuchte der Kaufmann ihm den Zweck seiner Herkunft verstndlich
zu machen, der Wirt blieb verstockt und verfiel wieder in mrrische Grobheit,
bis der junge Pole dazwischentrat und dem Kaufmann bemerkte, mit solchen Leuten
msse man anders reden. Er stellte sich vor den Wirt, bezeichnete ihn mit
mehreren Hundenamen und versprach ihn auf der Stelle arretieren und abfhren zu
lassen, wenn er nicht die genaueste Auskunft gebe.
    Der Wirt sah scheu auf den Offizier und erbot sich endlich, fortzugehen und
einen der Fuhrleute heraufzuschicken.
    Kurz darauf polterte eine lange Gestalt mit braunem Filzhut die Treppe
herauf, stutzte beim Anblick des Kaufmanns und erklrte endlich mit erzwungener
Freundlichkeit, er sei da.
    Wo stehn die Wagen, wo sind die Frachtbriefe?
    Die Wagen waren im Hofe der Herberge aufgefahren, die Frachtbriefe kamen
zgernd aus der schmutzigen Ledertasche des Fuhrmanns.
    Ihr steht mir dafr, da Eure Ladung vollstndig und unversehrt ist? frug
der Kaufmann.
    Mivergngt antwortete der Filzhut, er knne dafr nicht stehen. Die Pferde
des Transports seien ausgespannt und in einem versteckten Stall verborgen, damit
sie nicht von der Regierung mit Beschlag belegt wrden; was von den Wagen
heruntergenommen sei, knne er nicht wissen und nicht vertreten, jede
Verantwortlichkeit hre bei solcher Unordnung auf.
    Wir sind in einer Diebeshhle, sagte der Kaufmann zu seinem Begleiter;
ich bitte um Ihre Hilfe, die Leute zur Ordnung zu bringen.
    Andere Leute zur Ordnung zu bringen, war gerade, was der junge Pole fr
seine Strke hielt, denn er nahm lchelnd eine Pistole in die Hand und sagte
verbindlich zu Anton: Tun Sie wie ich und haben Sie die Gte, mir zu folgen.
Darauf fate er den Fuhrmann beim Kragen wie einen erschossenen Hasen und
schleppte ihn die Treppe hinunter in den Hausflur. - Wo ist der Wirt? rief er
mit mglichst furchtbarer Stimme. Der Hund von Wirt und eine Laterne! Als die
Laterne endlich gebracht wurde, fhrte er den ganzen Zug, die Fremden, den
gefangenen Fuhrmann, den dicken Wirt und was bei dem Lrm sonst zusammengelaufen
war, in den Hof. Dort stellte er sich mit seinen Gefangenen als Mittelpunkt
eines Kreises auf, widmete dem Wirt noch einige Hundeshne, schlug seinen
Fuhrmann mit dem Kolben der Pistole auf den Kopf und sagte dann dem Kaufmann
artig in franzsischer Sprache: Der Schdel dieses Burschen klingt merkwrdig
hohl, was wnschen Sie zunchst von diesen Trpfen? - Haben Sie die Gte, die
Fuhrleute zusammenzurufen.
    Gut, sagte der Pole, und dann?
    Dann will ich die Ladung der Wagen untersuchen, wenn das in der Finsternis
mglich ist.
    Mglich ist alles, sagte der Pole, wenn Sie sich die Unbequemlichkeit
machen wollen, bei Nacht diese alte Leinwand zu durchforschen. Ich wrde Ihnen
zu einer Flasche Sauternes raten und zu einigen Stunden Ruhe. Man mu in solchen
Zeiten die Gelegenheit nicht versumen, sich zu strken.
    Ich wrde es vorziehen, auf der Stelle die Wagen anzusehn, antwortete der
Kaufmann lchelnd, wenn Sie nichts dagegen haben.
    Ich bin im Dienst, sagte der Pole, also frisch ans Werk, es sind Hnde
genug hier, um Ihnen die Lichter zu halten. - Ihr gottverdammten Schurken, fuhr
er polnisch fort, wieder den Fuhrmann knuffend und den Wirt bedrohend, ich
fhre euch alle zusammen ab und lasse Standrecht ber euch halten, wenn ihr
nicht auf der Stelle die brigen Fuhrleute dieses Herrn vor meine Augen schafft.
Wieviel sind ihrer? frug er franzsisch den Kaufmann. Es sind vierzehn Wagen,
erwiderte dieser.
    Vierzehn mssen's sein, donnerte der Pole wieder die Leute an, der Teufel
soll all euren Gromttern das rgste tun, wenn ihr euch nicht auf der Stelle
vor diesem Herrn aufstellt. Mit Hilfe eines alten Hausknechts wurde endlich
etwa ein Dutzend der Fuhrleute herbeigeschafft, zwei waren nicht aufzutreiben;
der Wirt gestand endlich, sie htten sich dem Heere der Patrioten angeschlossen.
    Der Pole schien nicht viel Wert auf diesen Patriotismus zu legen. Er sprach
zum Kaufmann gewandt: Hier haben Sie die Leute, sehen Sie nach der Ladung; wenn
auch nur ein Stck fehlt, lasse ich ber die ganze Gesellschaft Standrecht
halten. Dabei setzte er sich nachlssig auf eine Wagendeichsel und drehte die
Spitzen seiner beschmutzten Glanzstiefel beim Licht der Laterne hin und her.
    Eine Anzahl Laternen, auch einige Fackeln wurden gebracht, und auf einige
ermutigende Worte des Kaufmanns stiegen die Fuhrleute in die Wagenburg, welche
in dem groen Hofe aufgefahren war, rollten einige leere Wagen beiseite und
erffneten den Zugang zu ihrer Ladung. Die meisten waren schon frher im
Geschft des Kaufmanns gewesen und kannten ihn und Anton persnlich, einige
zeigten sich dienstfertig und gutwillig, und whrend der Kaufmann den
verstndigsten unter ihnen vornahm und ausfrug, untersuchte Anton, soweit es in
der Eile mglich war, die Beschaffenheit der Ladung, welche zumeist aus Wolle
und Talg bestand. Einige Wagen waren unbeschdigt, der eine war ganz abgeladen,
mehrere andere ihrer Decken beraubt und teilweise geplndert. Der Kaufmann trat
zu dem jungen Polen: Es ist so, wie wir annahmen, sagte er, der Wirt hat
einige von den Fuhrleuten berredet, da jetzt Revolution sei, htten ihre
Verpflichtungen aufgehrt; sie haben angefangen, die Ladung in einem
Nebengebude abzuladen. Kamen wir einen Tag spter, so war alles ausgerumt. Der
Wirt und einige Spiegesellen waren die Anstifter, ein Teil der Fuhrleute ist
durch Drohungen eingeschchtert worden.
    Aus diesen Bericht folgte eine neue Auflage von Donnerwettern aus dem Munde
der kleinen Autoritt; der Wirt, von dessen Gesicht alle Rte verschwunden war,
lag vor dem Offizier auf den Knien und wurde von diesem bei den Haaren
festgehalten und in gefhrlicher Weise zerzaust. Unterdes warf sich Anton mit
einigen Fuhrleuten gegen die verschlossene Remise, schlug das Tor auf und
beleuchtete die Wollscke und die brigen gestohlenen Gter.
    Lassen Sie die Leute aufladen, sie mgen zur Strafe die Nacht arbeiten,
sagte der Kaufmann. Nach einigem Widerspruch fgten sich die Fuhrleute, besiegt
durch eine Mischung von Drohungen und Versprechungen. Der Pole trieb die
betrunkenen Gste der Wirtsstube aus dem Hause, lie das uere Tor schlieen
und alles Beleuchtungsmaterial des Hauses in den Hof schaffen. Darauf zog er den
Hauswirt unter fortgesetztem freundschaftlichem Haarraufen nach dem oberen
Stock, lie ihn dort durch einige hilfreiche Patrioten mit groen Kokarden,
welche unter den Gsten der Wirtsstube gewesen waren, an einem Bettpfosten
befestigen und kndigte ihm an, da er diese Nacht auf kein anderes Verhltnis
zu seiner Bettstelle Anspruch habe. Im Fall die Waren vollstndig aufgefunden
und aus deinem Hause geschafft werden, wirst du Verzeihung erhalten; im
entgegengesetzten Fall werde ich Gericht ber dich halten und dich erschieen
lassen.
    Unterdes klirrte und rasselte es im Hofraum, und Menschenstimmen schrien
eifrig durcheinander. Anton lie die Wagen belasten und die Ladung festmachen.
In dem Eifer der Arbeit sah er kaum um sich und dachte nur auf Augenblicke an
die fremdartige Umgebung und das Abenteuerliche dieser Szene. Es war ein groer
viereckiger Hofraum, von niedrigen verfallenen Holzgebuden, Stllen und
Wagenschuppen eingefat, mit zwei Einfahrten, durch die Herberge selbst und ein
gegenberliegendes Tor; ein Raum von mehreren Morgen Ausdehnung, wie sie hufig
bei den Herbergen des stlichen Europas zu finden sind, welche an groen
Verkehrsstraen liegen und wie die Karawansereien des Morgenlandes bestimmt
sind, groen Wagentransporten und einer schnell zusammenstrmenden Menge
notdrftigen Schutz zu geben. Alle Arten von Wagen waren in dem Hofe in groem
Viereck zusammengefahren, es war ein Gewirr von Leitern, Deichseln, Rdern, von
groen geflochtenen Weidenkrben und grauen Leinwanddecken, von Heu- und
Strohbndeln, alten Pechbchsen und tragbaren Futterkrippen. Auer Stallaternen
und lodernden Kienfackeln leuchtete der rote Himmel, noch immer zogen die
Brandwolken, geballter Rauch und glhende Funken ber die Hupter der Reisenden.
Das fremdartige Dmmerlicht beleuchtete hier wenigstens ein Werk des Friedens.
Die Fuhrleute arbeiteten eifrig unter lautem Zuruf; ein Haufen dunkler Gestalten
verschwand bald im Schatten der Frachtwagen und Ballen, bald sprang er auf die
Hhe der Wagen, und die lebhaften Gestikulationen der Arbeitenden gaben ihnen in
dem roten Licht das Aussehen von Wilden, welche ein unbekanntes nchtliches Werk
ausfhren.
    Der Kaufmann ging zwischen dem Hof und Gastzimmer ab und zu, vergebens bat
ihn Anton, sich doch einige Stunden Ruhe zu gnnen. Fr uns ist heut keine
Nacht zum Schlafen, sagte er finster, und Anton sah in dem dstern Blick seines
Prinzipals die Entschlossenheit eines Mannes, der bereit ist, alles
daranzusetzen, um seinen Willen durchzufhren.
    Es war gegen Morgen, als der letzte riesige Wollsack mit Ketten und Stricken
hoch oben auf dem Wagen befestigt war. Anton, der selbst Hand angelegt hatte,
glitt herunter und meldete seinem Prinzipal: Wir sind fertig.
    Endlich, antwortete der Kaufmann tief aufatmend und ging hinauf in das
Zimmer, um dies seinem freundlichen Begleiter anzuzeigen. Dieser hatte die Nacht
auf seine Weise zugebracht; zuerst lie er sich das Abendbrot und den Wein,
welchen entsetzte Dienstmdchen auf seine Forderung heraufschafften, sehr wohl
schmecken und behielt noch Zeit, eine wie die andere vornehm um die Taille zu
fassen und ihnen einige aufmunternde Worte zu gnnen. Dann betrachtete er die
unsaubern Betten und streckte sich endlich mit einem franzsischen Fluch auf
einem derselben aus, sah gleichgltig in das zusammengezogene Gesicht des
tckischen Wirtes, der ihm gegenber auf dem Boden sa, starrte die Zimmerdecke
an und sagte dem Kaufmann, welcher einige Male in die Stube trat, schon in
halbem Schlummer Artigkeiten ber seine Fertigkeit, die Nchte ohne Schlaf
hinzubringen. Endlich schlief er fest ein. Wenigstens fand ihn der Kaufmann am
Morgen hingestreckt auf der groben Leinwand, das feine Gesicht von langem
schwarzen Haar eingefat, die kleinen Hnde verschlungen, ein freundliches
Lcheln um seinen Mund. So war er mit seiner Umgebung kein unpassendes Bild der
Aristokratie seines Stammes, er selbst ein vornehmes Kind mit den Leidenschaften
und vielleicht mit den Snden eines Mannes, und ihm gegenber auf dem Fuboden
die rohe Gestalt des gefesselten Plebejers, der sich den Anschein gab, ebenfalls
zu schlafen, aber oft mit bsem Blick auf den Liegenden hinschielte.
    Der Aristokrat sprang auf, als der Kaufmann an sein Bett trat, er ffnete
das Fenster und sagte: Guten Tag! Es ist Morgen, ich habe exzellent
geschlafen. Darauf rief er eine vorbeiziehende Patrouille an, erklrte dem
Fhrer kurz das Sachverhltnis, bergab ihm die Reste des Abendessens und den
Wirt und befahl ihm ohne weiteres, mit seinen Leuten im Hause Wache zu halten,
bis er selbst zurckkehre. Dann trug er den Fuhrleuten auf, die Pferde
anzuschirren, und fhrte die Reisenden hinaus in das Dmmerlicht eines
unheimlichen Tages.
    Auf dem Wege zum Agenten sagte der Kaufmann zu Anton: Wir teilen uns die
ntigsten Besuche; sagen Sie unsern Kunden, da wir durchaus nicht
beabsichtigen, sie zu drcken, da sie bei Wiederherstellung einiger Ordnung auf
die grte Nachsicht und Schonung rechnen knnen, ja unter Umstnden auf eine
Erweiterung ihres Kredits, jetzt aber und vor allem verlangen wir Sicherheiten.
Wir werden in diesem Wirrwarr nicht viel abmachen, aber da die Herren heut
durch uns selbst an unsere Firma erinnert werden, das ist die Hlfte unsrer
Auenstnde wert. Leiser fgte er hinzu: Diese Stadt ist ihrem Schicksal
verfallen, wir werden in der nchsten Zukunft hier wenig Geschfte machen,
denken Sie daran und seien Sie fest. Und zum Polen gewendet sagte er: Ich
bitte Sie, meinem Gefhrten zu erlauben, da er in Begleitung des Agenten einige
Geschftswege gehe.
    Wenn Ihr Agent mir mit seiner Person fr die Rckkehr dieses Herrn haften
will, erwiderte der Pole zgernd, so mag es geschehen.
    Das Tageslicht hatte seine schne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den
Furchtsamen Mut zu geben, auch an dem Agenten bewhrt. Er erklrte sich bereit,
mit Anton auszugehn. Unter dem Schutz der groen Kokarde, welche der Agent am
Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst bleich nach der ruhelosen
Nacht, aber mit entschlossenem Herzen. berall wurde er mit Staunen empfangen,
welches nicht immer frei von Bestrzung war: Wie man in solcher Zeit daran
denken knne, Geschfte abzuwickeln, zwischen Waffenlrm und Sturmgelut und in
der Todesangst um eine furchtbare Zukunft?
    Anton erwiderte kaltbltig: Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich um den
Kriegslrm zu kmmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede Zeit ist gut
genug, um Verpflichtungen zu erfllen; wenn fr uns die Zeit war, hierher zu
kommen, so ist auch fr Sie Zeit, mit mir zu verhandeln. Durch solche und
hnliche Vorstellungen gelang es ihm doch, hier und da ein bestimmtes
Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige Deckung zu erlangen.
    Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des
Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet hatte,
sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: Wenn wir noch unsere Wagen glcklich
aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt, da wir die
unvermeidlichen Verluste an diesem Ort wohl ertragen knnen. Jetzt auf die
Kommandantur! - Er gab dem Agenten noch Instruktion und sagte ihm beim Abschied
leise: In wenigen Tagen werden unsere Truppen einrcken, ich nehme an, da Sie
bis dahin Ihr Haus nicht verlassen. Dann sehen wir uns wieder.
    Der Agent rief mit aufgehobenen Hnden den Schutz aller Himmlischen auf die
Reisenden herab, verschlo und verriegelte hinter ihnen die Haustre und
versteckte seine revolutionre Kokarde in dem Ofen.
    Die Reisenden eilten unter Fhrung des Polen mit schnellen Schritten durch
das Gewhl. Wieder hatten sich die Straen gefllt, wieder zogen Scharen
Bewaffneter an ihnen vorber, der Pbel war wilder und aufgeregter, und das
Geschrei war noch grer, als am Abend zuvor. Es wurde an die Huser gedonnert
und Einla verlangt, Branntweinfsser wurden auf die Pflastersteine gerollt und
von dichten Haufen trunkener Mnner und Weiber umdrngt, alles kndigte an, da
die befehlende Macht nicht stark genug war, die Straendisziplin
aufrechtzuerhalten. Auch im Hause der Kommandierenden war ein unruhiges Treiben,
Bewaffnete eilten zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, mute
ungnstig sein, denn in dem groen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel
geflstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.
    Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrngt und in
eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen fate er ein Gewehr, rief einige beim
Namen und verlie das Zimmer, ohne sich weiter um die Reisenden zu bekmmern.
    Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing sie
der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen, aber hatte doch
die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann anredete: Ich habe
Ihren Wunsch befrwortet, hier ist ein Passierschein fr Sie und Ihre Wagen; ich
bitte Sie, daraus zu entnehmen, da wir die Brger Ihres Staates rcksichtsvoll
zu behandeln wnschen, mehr vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung
ratsam macht.
    Der Kaufmann empfing das verhngnisvolle Papier mit glnzenden Augen: Sie
haben mir eine ungewhnliche Rcksicht bewiesen, sagte er; ich fhle mich
Ihnen tief verpflichtet und wnsche, da es mir einst vergnnt sein mge, meine
Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.
    Wer wei߫, antwortete der junge Befehlshaber mit trbem Lcheln, wer alles
auf das Spiel setzt, kann auch alles verlieren.
    Vieles, sagte der Kaufmann mit einer hflichen Neigung seines Hauptes,
aber nicht alles, wenn man sich ehrlich Mhe gibt.
    In diesem Augenblick drang ein dumpfer Ton in das Ohr der Sprechenden, ein
Gerusch, wie der Zug des heulenden Windes oder das Brausen der hereinstrzenden
Flut. Der Kommandierende stand unbeweglich und horchte. Pltzlich erklang ganz
in der Nhe ein mitnender Schrei aus vielen Kehlen, einzelne Schsse folgten.
Anton, durch Nachtwachen und lange Spannung empfnglich gemacht fr einen
Schauer, schrak zusammen, er sah, da die Hand seines Prinzipals, welche den
Passierschein festhielt, heftig zitterte. Da wurde die Tr des Kabinetts
aufgerissen, einige stattliche Mnner strzten herein, mit zerrissenen Kleidern,
die Waffen in der Hand, in den verstrten Gesichtern die Spuren des
Straenkampfes, an ihrer Spitze der Fhrer der Reisenden.
    Emprung! rief der junge Pole seinem Befehlshaber zu, sie suchen dich! -
Rette dich! - Ich halte sie auf.
    Schnell wie der Gedanke sprang Anton zu seinem Prinzipal, er ri diesen mit
sich fort, und beide flogen durch das Vorzimmer die Treppe hinab in den
Hausflur. Hier stieen sie auf einen Haufen Bewaffneter, welche sich noch einmal
gegen eine andrngende Volksmasse am Eingang des Hauses zu setzen suchten. Aber
so schnell die Reisenden auch waren, schneller noch glitt ihr Gefhrte der
letzten Nacht die Treppe hinunter, flog an die Spitze seiner Freunde und warf
sich unter lautem Zuruf mit ihnen einem hereinbrechenden Pbelhaufen entgegen.
Wild flogen die schwarzen Haare um sein entbltes Haupt, und in seinem schnen,
jetzt so farblosen Angesicht glnzten die Augen von der unwiderstehlichen
Energie eines tapferen Mannes. Zurck! rief er mit heller Stimme dem wsten
Volk zu und sprang wie ein Panther von den Stufen des Portals weit hinein in den
Haufen, mit flachen Schlgen seiner Klinge auf die Kpfe der Andrngenden
hauend. Die Volksmasse wich zurck, die Gefhrten des Tapfern stellten sich
kampfbereit hinter ihm auf. Wieder ergriff Anton den Arm seines Prinzipals und
zog ihn aus dem Hause mit der Hast, welche dem Menschen nur dann wird, wenn er
widerstandslos einem mchtigen Triebe folgt. Schon waren sie hinter einem
Vorsprung des Hauses, da fiel ein Schu, und mit Entsetzen sahen sie noch, da
der junge Pole blutend auf den Rcken fiel, sie hrten seinen letzten Schrei:
Die Kanaille!
    Zu den Wagen! rief der Kaufmann und warf sich in eine enge Quergasse. Aus
der Ferne klangen noch einzelne Schsse und das Geschrei der Uneinigen; sie
durchbrachen die Haufen neugieriger und erschreckter Einwohner, welche ihren
Lauf durch entlegene Straen hinderten, und kamen atemlos, das Schlimmste
befrchtend, vor der Herberge an.
    Auch hier war die Emprung ausgebrochen. Die zurckgelassene Wache hatte den
Wirt losgebunden und sich schleunigst entfernt, als die Nachricht von dem Tumult
zu ihren Ohren gedrungen war. Jetzt fllte den Hof Zank und vielstimmiges
Geschrei. Der Wirt, untersttzt von einem Haufen Straengesindel, verhandelte
heftig mit den Fuhrleuten. Ein Teil der Wagen war angespannt und zur Abfahrt
bereit, von andern war die Decke wieder heruntergerissen, ein Trupp der
Fuhrleute, offenbar die Minderzahl, stand davor und widersetzte sich dem
andringenden Wirt und seiner Bande. Es war eine verzweifelte Lage. Der Kaufmann
ri sich von Anton los, welcher ihn zurckhalten wollte, strzte mitten in den
Haufen der Streitenden und rief, den Passierschein hochhebend, so laut er
konnte, in polnischer Sprache: Haltet ein! Hier ist der Befehl des
Kommandanten, da unsere Wagen die Stadt verlassen sollen. Wer sich widersetzt,
wird bestraft werden. Wir stehen unter dem Schutz der Regierung.
    Welcher Regierung? Du Schelm von einem Deutschen! schrie der Wirt mit
kirschrotem Gesicht; die alte Regierung gilt nicht mehr, die Verrter haben
ihren Lohn erhalten, und ihr Spione sollt gleichfalls hngen! So drang er auf
den Kaufmann ein und hieb mit einem alten Sbel nach dem Haupt des Wehrlosen,
welcher ihm gegenber stand.
    Unserm Anton grauste; aber wie der Mensch in den schrecklichsten Momenten
von abenteuerlichen Ideenverbindungen befallen wird, welche wie Sternschnuppen
durch die Finsternis eines emprten Gemtes schieen, so erhielt auch ihm der
breite Rcken des Wirtes auf einmal eine auffallende hnlichkeit mit dem Rcken
eines merkwrdig dicken Schulkameraden aus Ostrau, eines gutmtigen
Bckersohnes, an dem er in vielen Balgereien den Knabenkunstgriff gebt hatte,
seinen Gegner durch einen gewissen Ruck und Druck von hinten platt auf die Erde
zu legen. Er sprang blitzschnell hinter den Wirt, fate ihn mit der Strke eines
Riesen am Genick, gab ihm den Ruck mit aller Kunst und schrie dabei
unwillkrlich: Du Hanswurst! - Der niedersausende Sbel verlor seine
gefhrliche Richtung, er traf den Arm des Kaufmanns, zerschnitt den Rock und
drang in das Fleisch ein, das Blut frbte augenblicklich die weie Leinwand,
welche durch den Schnitt blogelegt wurde. Als der Dicke, wie ein Kfer
zappelnd, auf dem Rcken lag, hielt ihm Anton wieder die treue Pistole vor und
schrie in seiner verzweifelten Begeisterung: Zurck, ihr Schufte, oder ich
schiee ihn tot!
    Diese schnelle Diversion bewirkte fr den Augenblick mehr, als nach Lage der
Dinge zu hoffen stand: das Gesindel, welches der Wirt aus seiner Schenkstube
zusammengeholt hatte und welches zunchst in fremdem Interesse handelte, wich
zurck, und ein halbes Dutzend Fuhrleute drngte sich mit Radstangen und anderen
Angriffswerkzeugen um den Kaufmann und schrie jetzt ebensolaut, wie frher die
andern, da dem fremden Herrn und den Wagen kein Leid geschehen solle. Der
Kaufmann rief: Jagt das fremde Volk hinaus! fate selbst den Sbel, welcher
dem liegenden Wirt entfallen war, strmte an der Spitze der Getreuen auf die
Helfer des Wirts ein und trieb diese durch den gepflasterten Hausflur. Die
Hartnckigsten machten noch einen vergeblichen Versuch, sich in der Schenkstube
festzuhalten, aber einer nach dem andern ward aus dem Hause geworfen, da sie
brllend und fluchend davonliefen. Darauf wurde die Haustr geschlossen, und der
Kaufmann eilte nach dem Hof zurck, wo Anton noch immer vor dem
unverbesserlichen Wirt kniete und diesen am Aufstehen hinderte. Die brigen
Fuhrleute hatten sich scheu zurckgezogen, der Kaufmann rief jetzt alle heran
und befahl: Spannt an! - Zu Anton sagte er: Dies Haus mssen wir sogleich
verlassen. Besser auf dem Straenpflaster, als in dieser Hhle. -
    Sie bluten, rief Anton, bestrzt zu dem Arm des Kaufmanns aufblickend.
    Es mu unbedeutend sein, ich kann den Arm bewegen, antwortete der Kaufmann
schnell. ffnet das Hintertor, hinaus mit den Wagen! Vorwrts, ihr Mnner! -
Einer der Fuhrleute wird Ihnen helfen, den Wirt festzuhalten.
    Und wo sollen wir hin? frug Anton in englischer Sprache. Sollen wir mit
den Wagen hinein in das Blutvergieen der Strae?
    Wir haben einen Passierschein und werden die Stadt verlassen, erwiderte
der Kaufmann hartnckig.
    Man wird den Pa nicht respektieren, rief Anton wieder und hielt dem
ungeduldigen Wirt seine Pistole an die Stirn.
    Im schlimmsten Falle gibt es mehrere Herbergen in diesem Teile der Stadt,
jede andere wird eine bessere Zuflucht sein.
    Aber die Fuhrleute sind nicht vollzhlig und haben zum Teil bsen Willen.
    Den bsen Willen einzelner bezwinge ich, antwortete der Kaufmann finster;
die Gespanne sind vollzhlig, es fehlen nur die Knechte. Wer Pferde besa,
blieb bei seiner Pflicht. - Das Tor ist geffnet, hinaus mit den Wagen!
    Das hintere Tor fhrte auf einen offenen Platz, der mit Schutt und
Bausteinen bedeckt und von einzelnen rmlichen Husern umgeben war. Der Kaufmann
eilte an das Tor und trieb zur Abfahrt. Ein stmmiger Bursche kam von seinen
Pferden zur Untersttzung Antons herbei. Es waren angstvolle Momente. In der
Nhe des Hauses rangen Anton und sein Gehilfe mit dem liegenden Mann, und an der
Tr heulten die hliche Frau des Liegenden und die beiden Dienstmdchen. Als
der erste Wagen durch das Hoftor hinausfuhr, wurde das Geschrei der Weiber
lauter, die Wirtin rief Mord und Hilfe, und die Mdchen chzten um so
herzhafter, je eifriger der junge Fuhrmann ihnen versicherte, dem Herrn Wirt
solle kein Leid geschehen, wenn er nur ruhig liegenbleibe; und ihre Zeche wrden
sie auch bezahlen.
    Da donnerten Kolbenschlge an das verschlossene Haustor, die Weiber strzten
hin und ffneten; und so gro war die hoffnungslose Spannung der letzten
Augenblicke gewesen, da Anton mit einer gewissen Befriedigung ein starkes
Kommando Bewaffneter in den Hof dringen sah. Er erhob sich vom Boden und lie
den Wirt los. Der Kaufmann aber ging langsam, mit wankendem Schritt wie ein
gebrochener Mann den Feinden entgegen, welche im entscheidenden Augenblick
seinen Willen hinderten.
    Der Anfhrer des Trupps, einer von den Wchtern, welche der junge Pole am
Morgen in die Herberge gerufen hatte, sagte zum Kaufmann: Sie sind Gefangener
der Regierung, Sie und Ihre Waren drfen die Stadt nicht verlassen.
    Ich habe einen Passierschein, antwortete der Kaufmann mit heiserer Stimme
und griff nach der Brusttasche.
    Das neue Kommando verbietet Ihnen die Abreise, wiederholte der Bewaffnete
kurz.
    Ich mu mich unterwerfen, sprach der Kaufmann, er setzte sich mechanisch
auf eine Deichsel und fate mit beiden Hnden nach dem Wagenkorbe.
    Anton hielt den halb Bewutlosen in seinen Armen und rief in der tiefsten
Emprung: Wir sind in dieser Herberge zweimal beraubt worden, wir waren in
Gefahr, gettet zu werden, mein Begleiter ist verwundet, wenn Ihre Regierung uns
und die Wagen zurckhalten will, so schtzen Sie wenigstens unser Leben und
diese Gter, welche uns gehren. In dieser Herberge knnen die Wagen nicht
bleiben, und wenn Sie uns von den Wagen trennen und fortfhren, so wird
Plnderung und Zerstrung derselben noch schwerer zu verhten sein.
    Die Bewaffneten traten zusammen und hielten Rat; der Anfhrer rief endlich
auch Anton. Nach langem Verhandeln wurde bestimmt, die Wagen in eine nahe
gelegene Herberge von hnlicher Beschaffenheit, aber etwas besserem Charakter zu
geleiten. Anton erhielt die Erlaubnis, mit dem Kaufmann unter Bewachung in
demselben Gasthofe zu bleiben, bis weiteres ber sie beschlossen wrde. Der
Kaufmann hatte unterdes an die Leinwand des Wagens gelehnt teilnahmslos
dagesessen. Anton teilte ihm schnell das Resultat der Unterhandlungen mit.
    Wir mssen es ertragen, sprach der Prinzipal langsam und versuchte mit
Mhe sich zu erheben. Fordern Sie unsre Rechnung von dem Wirt.
    Der Wirt wird seine Bezahlung durch uns erhalten, sagte der Fhrer des
Trupps und stie den Besitzer des Hofes unsanft zur Seite. Denken Sie jetzt an
sich selbst, fgte er teilnehmend hinzu und fate den Arm des Verwundeten, um
ihn zu sttzen.
    Bezahlen Sie fr uns und fr die Pferde, wiederholte der Kaufmann zu Anton
gewandt, wir drfen hier nichts schuldig bleiben.
    Anton zog seine Brieftasche hervor, rief die Fuhrleute zusammen, bergab vor
ihren Augen dem Wirt ein Kassenbillett und sagte ihm: So zahle ich Euch, bis
Eure Forderung festgestellt ist, vorlufig diese Summe. Ihr Mnner, seid
Zeugen. Die Fuhrleute nickten respektvoll und eilten zu ihren Wagen.
    Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Teil der Eskorte, dann die
Frachtwagen, welche langsam und unbehilflich ber die Steine der Ausfahrt
rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingebten Pferde in der Reihe
gehalten. Der Kaufmann stand am Tor, auf Anton gelehnt, und zhlte leise wie im
Traume, sooft ein Wagen durch das Tor fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte
er: Abgemacht! und lie sich von Anton und dem Polen hinter den Wagen her
fhren.
    In der nchsten Querstrae fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer Herberge
ein. Als nach langem Aufenthalt der letzte Wagen abgespannt war, und die Wache
das Tor von innen verriegelt hatte, sank der Kaufmann ohnmchtig zusammen und
wurde in das Haus getragen.
    In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen
stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den Hof; Anton
blieb mit dem Ohnmchtigen allein. Angstvoll kniete er an dem Lager des
Kaufmanns nieder, ffnete ihm die Kleider und benetzte das Gesicht mit kaltem
Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das Angesicht des Prinzipals zurck, er
ffnete die Augen, blickte dankend auf Anton und wies auf das Fenster.
    Anton sah hinaus und sagte freudig: Es fhrt auf den Hof, ich kann die
Wagen zhlen und bersehn. Hier, glaube ich, sind wir in ertrglicher
Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor allem aber erlauben Sie mir, nach
Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut befleckt!
    Die Schwche kommt von der Anstrengung mehr, als vom Blutverlust,
antwortete der Kaufmann sich aufrichtend.
    Anton ffnete die Tr und bat um einen Wundarzt. Der Wchter war bereit,
einen solchen zu holen, und lie nach Verlauf einer langen ngstlichen Stunde
ein schbiges Subjekt herein, welches eilig ein Barbiermesser und ein
schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an seinem rmel strich und das
Taschentuch in eine bedenkliche Nhe von Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mhe
wurde ihm begreiflich gemacht, weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den
Rockrmel und das Hemde auf und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war
ein Schnitt in den Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif,
und der Kaufmann fhlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband
anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nchsten Tagen
wiederzukommen. Der Kaufmann sank erschpft durch die Schmerzen des Verbandes
auf das Lager zurck, und Anton sa den Rest des Tages neben ihm, machte dem Arm
Umschlge von kaltem Wasser und beobachtete den fieberhaften Schlummer des
Kranken.
    Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe
Abspannung, welche ihn gleichgltig gegen alles machte, was auerhalb des
Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton tauchte jede Minute die
Fingerspitzen in kaltes Wasser und schlich zuweilen vom Lager des Verwundeten
nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach der Tr, um einige
halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche eine gutmtige Teilnahme
bewies. Unterdes wtete in der Stadt das Feuer und vor den Toren donnerte das
Geschtz angreifender Truppen. Anton sah gleichgltig auf die glhende Lohe,
welche vom Winde getrieben wieder ber die unglckliche Stadt flog, er hrte mit
einer schwachen Verwunderung, da der Donner des Geschtzes immer strker rollte
und endlich in ein betubendes Krachen berging, und wenn er Wehgeschrei oder
Gebrll auf der Strae hrte, klang es ihm so unbedeutend, wie das Luten eines
Frhglckchens, das er von seiner Stube im Hause des Prinzipals hren konnte,
und das niemanden aus der Morgenruh aufzustren vermochte, als hchstens einige
fromme Mtterchen. Mechanisch griff er die ganze Nacht hindurch mit den Hnden
in das kalte Wasser und an den Arm des Liegenden und fuhr auf, so oft dieser
sthnte und sich bewegte. Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigeren
Schlummer sank, verga auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die
Hnde, welche er ber den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hrte nichts
mehr; er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die Eroberung
einer hartnckig verteidigten Stadt anzeigten, unter allen Greueln eines
blutigen Kampfes fest eingeschlafen, wie ein mder Knabe ber seinen
Schularbeiten.
    Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen lngst angebrochen, der
Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm die gesunde
Hand. Anton drckte sie erfreut und eilte wieder nach dem Fenster, Alles in
Ordnung! Darauf ffnete er die Tr, die Wache war verschwunden. Und auf der
Strae klang Trommelwirbel und der regelmige Tritt einziehender Regimenter.

                                       3


Wir gaben Sie bereits verloren, rief der eintretende Rittmeister dem Kaufmann
zu. Es ist hier arg gewirtschaftet worden, und meine Erkundigung nach Ihnen war
ohne Erfolg; ein Glck war es, da Ihr Brief mich in dem Gewirr auffand.
    Wir haben unsern Willen durchgesetzt, sagte der Kaufmann, wie Sie sehen,
nicht ohne Hindernisse - er zeigte lchelnd auf seinen verbundenen Arm.
    Vor allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben, sagte
der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; Sie haben mehr Spuren des
Kampfes aufzuweisen als wir. Der Kaufmann erzhlte. Er verweilte mit Wrme bei
Antons Heldentat, dem er seine Rettung zuschrieb, und schlo mit den Worten:
Meine Wunde verhindert mich nicht, zu reisen, und meine Rckkehr ist dringend
notwendig. Die Wagen will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.
    Morgen frh geht ein Zug unsres Trains nach der Grenze zurck, diesem
knnen Sie Ihre Wagen anschlieen. brigens ist die groe Strae jetzt sicher.
Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.
    Unterdes erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch Estaffette
Briefe nach Haus senden.
    Ich will sorgen, versprach der Rittmeister, da Ihre Rckkehr morgen
keine Verzgerung erleidet.
    Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu Anton:
Ihnen, lieber Wohlfart, mu ich jetzt eine berraschung bereiten, die Ihnen,
wie ich frchte, wenig willkommen sein wird. Ich wnsche Sie an meiner Stelle
hier zu lassen. Erstaunt trat Anton an das Lager des Prinzipals. Auf unsern
Agenten ist in dieser Zeit nicht zu bauen, fuhr der Kaufmann fort; ich habe in
diesen Tagen mit Freuden erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was
Sie noch nebenbei getan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen
unvergessen, solange ich lebe. - Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer
Schreibtafel zu mir, wir berlegen noch einmal, was wir zu tun haben.
    Am nchsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann wurde
von Anton hineingehoben und lie an der Seite der Strae halten, bis die
Frachtwagen einer nach dem andern zum Tor hinausgefahren waren. Dann drckte er
noch einmal Antons Hand und sagte: Ihr Aufenthalt wird Wochen, ja er kann
Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr unangenehm und zuweilen ohne Resultate
sein. Und ich wiederhole Ihnen, seien Sie nicht zu ngstlich, ich vertraue auf
Ihr Urteil, wie auf mein eigenes. Frchten Sie nicht, uns einen Verlust zu
bereiten, wenn Sie unsichere Schuldner zur Zahlung bringen knnen. Dieser Ort
ist verwstet und fortan fr uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes
Wiedersehn zu Hause.
    So blieb Anton allein in der fremden Stadt, in einer Stellung, in welcher
groes Vertrauen ihm groe Verantwortlichkeit auflegte. Er ging in das Zimmer
zurck, rief den Wirt und schlo mit ihm auf der Stelle einen Vertrag ber
seinen ferneren Aufenthalt. Die Stadt war so angefllt mit Militr, da er es
vorzog, in der kleinen Wohnung, welche er bereits in Besitz hatte, zu bleiben
und die Unbequemlichkeiten des drftigen Quartiers zu ertragen. Er durfte nicht
erwarten, es irgendwo wohnlicher zu finden.
    Wohl war es eine verwstete Stadt, welche Antons Fu durchschritt. Vor
wenigen Tagen fllte das Gewhl leidenschaftlicher Menschen die Straen, jede
Art von Unternehmungslust war auf den wilden Gesichtern zu lesen. Wo war jetzt
der Trotz, die Kampflust, die Begeisterung der vielen Tausende? - Die Haufen der
Landleute, Schwrme des Pbels, Krieger des Patriotenheeres waren zerstoben wie
Geister, welche der Sturmschlag fremder Trommeln verscheucht hat. Was von
Menschen auf den Straen daherschritt, das waren fremde Soldaten. Aber die
bunten Uniformen der Fremden gaben der Stadt kein besseres Ansehn. Zwar das
Feuer war gelscht, dessen Qualm in den letzten Tagen den Himmel verdunkelt
hatte. Aber in dem bleichen Herbstlicht standen die Huser da, wie ausgebrannt.
Die Tren blieben verschlossen, viele Scheiben zerschlagen, auf den Steinen lag
der Unrat, faules Stroh, Trmmer von Hausgert, hier mit zerbrochenen Rdern ein
Karren, dort eine Montur, Waffen, die Leiche eines Pferdes. An einer Straenecke
standen Schrnke und Tonnen, die man aus Husern zusammengeworfen hatte als
einen letzten Wall gegen die eindringenden Truppen, und dahinter lagen mit einem
Strohbund nachlssig zugedeckt die Leichen getteter Menschen. Anton wandte sich
mit Grausen ab, als er die blutlosen Kpfe unter den Halmen erblickte. Auf den
Pltzen biwakierten neu eingezogene Truppen, ihre Pferde standen in Haufen
zusammengekoppelt, daneben aufgefahrene Geschtze; in allen Straen drhnte der
Tritt starker Patrouillen, nur selten eilte eine Gestalt in Zivilkleidern ber
das Pflaster, den Hut tief in die Augen gedrckt, mit furchtsamem Blick von der
Seite auf die fremden Krieger sehend, zuweilen wurde ein bleicher Mann von
Bewaffneten vorbergefhrt, und wenn er zu langsam ging, mit dem Kolben vorwrts
gestoen. Die Stadt hatte hlich ausgesehen whrend der Aufregung, sie erschien
noch hlicher in der Totenruhe, welche jetzt auf ihr lag.
    Als Anton mit solchen Eindrcken von seinem ersten Gange zurckkehrte, fand
er vor seiner Zimmertr einen Husaren, der wie auf Posten mit drhnendem Tritt
auf und ab ging.
    Herr Wohlfart! schrie der Husar und strzte dem Ankommenden entgegen.
    Mein lieber Karl, rief Anton, das ist die erste Freude, die ich in dieser
traurigen Stadt habe. Aber wie kommen Sie hierher?
    Sie wissen ja, da ich jetzt meine Zeit abdiene. Wir stieen zu unsern
Kameraden an der Grenze wenige Stunden, nachdem Sie abgereist waren. Vom Wirt,
der mich noch aus dem Geschft kannte, erfuhr ich Ihre Reise. Sie knnen denken,
in welcher Angst ich war. Erst heut erhielt ich Urlaub, und es war mein Glck,
da ich einen der Fuhrleute in der Haustr frug, sonst htte ich Sie noch nicht
gefunden. Und jetzt vor allem, Herr Wohlfart, was macht unser Prinzipal, wie
steht's mit unsern Waren?
    Kommen Sie nur erst ins Zimmer, erwiderte Anton. Sie sollen alles hren.
    Halt, rief Karl, noch nicht; erst mu noch etwas in Ordnung gebracht
werden. Sie sprechen Sie zu mir, dies leide ich nicht. Tun Sie mir den Gefallen
und reden Sie zu mir, als wre ich noch der Karl im Geschft.
    Aber Sie sind's ja nicht mehr, sagte Anton lachend.
    Dies hier ist nur Maskerade, sagte Karl auf seine Uniform weisend, in
meinem Herzen bin ich immer noch freiwilliger Auflader bei T.O. Schrter. Wenn
mir bei Ihnen wohl sein soll, so fhren Sie das alte Du wieder ein.
    Wie du willst, Karl, erwiderte Anton, komm herein und la dir erzhlen.
    Karl geriet in den heftigsten Zorn gegen den schlechten Wirt. Dieser
diebische Hundsfott! An unserer Firma, an unserm obersten Chef hat er sich
vergriffen. Aber morgen fhre ich einen ganzen Beritt unserer Jungen in seine
Herberge. Ich lasse ihn in seinen eigenen Hof treiben, er wird als hlzernes
Pferd aufgestellt und wir springen eine Stunde lang ber ihn weg, einer nach dem
andern, und bei jedem Sprunge geben wir ihm einen Puff auf seinen boshaften
Kopf.
    Herr Schrter hat ihm die Strafe erlassen, sagte Anton begtigend, sei du
nicht grausamer. Hre, du bist ein hbscher Junge geworden.
    Es geht an, erwiderte Karl geschmeichelt. Mit der Landwirtschaft habe ich
mich ausgeshnt. Mein Onkel ist ein guter Mann. Wenn Sie sich meinen Alten halb
so gro denken, als er ist, und dnn statt dick, und mit einer kleinen
Stumpfnase statt einer groen Nase, und mit einem lnglichen Gesicht statt einem
runden, und mit einem eselsfarbenen Rock und ohne Lederschrze, dafr mit zwei
hohen Kniestiefeln, so haben Sie ganz meinen Onkel. Ein prachtvolles kleines
Kerlchen. Er meint's gut zu mir. Im Anfange freilich war mir's zu still auf dem
Lande, dagegen viel wasserpolackisches Volk in der Nhe; aber es ging mit der
Zeit. Man sieht bei der Wirtschaft immer, was man schafft, das ist die grte
Freude. Da ich Soldat werden mute, war meinem graurckigen Onkel ein Strich
durch die Rechnung, mir war's recht, da ich einmal im Ernste auf ein Pferd kam
und etwas von der Katzbalgerei mit ansehen konnte. Elende Wirtschaften hier auf
dem Lande, Herr Wohlfart. Und dieser Platz, es ist eine greuliche Verwstung!
So schwatzte Karl vergngt fort. Endlich ergriff er seine Mtze: Wenn Sie jetzt
hierbleiben, so erlauben Sie mir, Sie manchmal auf eine Viertelstunde zu
besuchen.
    Du sollst tun wie zu Hause, sagte Anton. Wenn du mich einmal nicht
triffst, der Wirt hat den Schlssel, hier stehen die Zigarren.
    So hatte Anton einen alten Freund wiedergefunden. Aber Karl blieb nicht
seine einzige Bekanntschaft in Dolman und Schleppsbel. Der Rittmeister freute
sich ber den Landsmann, der sich so wacker gegen die Insurgenten gehalten
hatte. Er stellte ihn dem Obersten vor, welcher die Truppenabteilung befehligte.
Anton mute bei diesem seine Abenteuer erzhlen und wurde vor einem groen
Kreise von Epauletten hchlich gelobt, darauf lud ihn der Rittmeister an einem
der nchsten Tage zu Tische und stellte ihn den Offizieren seiner Eskadron vor.
Antons bescheidene Ruhe machte einen gnstigen Eindruck auf die bunten Herren.
In der Garnison wren sie wahrscheinlich durch gewisse Ansichten ber
Menschengre verhindert worden, mit einem jungen Kaufmann ungezwungen zu
verkehren, hier im Felde waren sie selbst tchtigere Mnner, als in der
geschftigen Langeweile des Friedens, ihre Vorurteile waren geringer und ihre
Anerkennung eines mutigen Mannes unbefangener. So betrachteten sie den Herrn aus
dem Comtoir bald als einen verdammt guten Jungen, sie gewhnten sich, ihn im
Scherz bei seinem Vornamen zu nennen, und wenn sie im Kaffeehaus ihre Tasse
tranken und eine Partie Domino spielten, so riefen sie Anton unfehlbar in ihren
Kreis. Eine dunkle Sage vom groen Vermgen und von ungewhnlichen Verbindungen
des Zivilisten tauchte aus dem Dunkel der Jahre jetzt wieder auf, aber um der
Eskadron nicht unrecht zu tun, sie war nicht mehr der Hauptgrund fr die
rcksichtsvolle Behandlung, die sie ihrem Landsmann gnnte. Anton fhlte sich
durch die leichte Verbindung mit den ritterlichen Knaben mehr gehoben, als er
sich selbst oder Herrn Pix gestanden htte. Er geno jetzt den freien Verkehr
mit anspruchsvollen Menschen und erschien sich manchem ebenbrtig, den er bis
dahin von seinem Comtoir aus mit stillem Respekt betrachtet hatte. Alte
Erinnerungen wurden in ihm mchtig, er fhlte sich aufs neue hereingezogen in
den Zauber eines Kreises, welcher ihm fr frei, glnzend und schn galt. Auch
der Leutnant von Rothsattel gehrte bald zu den guten Bekannten Antons. Anton
behandelte ihn mit der zartesten Aufmerksamkeit, und der Leutnant, im Grunde ein
verzogener, leichtsinniger, gutmtiger Mensch, lie sich die herzliche Neigung
Antons gern gefallen und lohnte ihm durch besondere Vertraulichkeit.
    Die Geschfte Antons sorgten dafr, da er unter den neuen Bekannten seine
innere Selbstndigkeit nicht verlor. Wohl war die Stadt ein verwsteter Ort, der
wilde Rausch war verflogen, jetzt lag die Abspannung auf aller friedlichen
Ttigkeit. Die tglichen Lebensbedrfnisse waren teuer, und lohnende Arbeit war
nur fr wenige vorhanden. Mancher, der sonst Stiefel getragen hatte, ging
barfu, wer in anderer Zeit einen neuen Rock gekauft htte, lie jetzt einen
Lappen auf den alten setzen, der Schuster und der Schneider verzehrten zum
Frhstck Wassersuppe statt Kaffee und Zucker, der Krmer bezahlte seine Schuld
beim Kaufmann nicht, und der Kaufmann vermochte nicht seine Verpflichtung gegen
andere Handlungshuser zu erfllen. Wer in solcher Zeit sein Geld zurckfordert
von solchen, welche schwere Verluste mutlos beklagen, der hat eine harte Arbeit.
Anton empfand das. berall hrte er Klagen, die nur zu sehr begrndet waren, an
vielen Orten versuchte man seinem Drngen durch allerlei Kunstgriffe zu
entgehen. Tglich erlebte er peinliche Szenen, oft muten beim Advokaten endlose
Verhandlungen in polnischer Sprache aufgenommen werden, bei denen er sich wie
verkauft vorkam, obgleich der Agent den Dolmetscher machte. Es war ein bunt
zusammengewrfelter Handelsstand, in welchem Anton zu verkehren hatte, Mnner
aus fast allen Teilen Europas. Der Verkehr hatte vieles, was in deutschen Augen
als wild und unregelmig galt. Und doch bte die Gewohnheit, Verpflichtungen zu
erfllen, einen so groen Einflu auch auf mutlose Naturen, da Antons
Beharrlichkeit mehr als einmal den Sieg errang.
    Die grte Forderung hatte sein Haus an einen Herrn Wendel, einen kleinen
trocknen Mann, der groe Geschfte nach allen Seiten gemacht hatte. Man sagte,
er sei reich geworden durch Schmuggel und sei jetzt in groer Gefahr zu fallen.
Er hatte den Prinzipal selbst mit Trotz empfangen und gebrdete sich gegen Anton
lange wie ein Verzweifelter. Anton hatte wieder einmal wohl eine Stunde lang in
den mrrischen Alten hineingesprochen, und wie sehr der Mann sich drehte und
wand, er war fest geblieben. Da brach Wendel endlich in die Worte aus: Es ist
genug, ich bin ein ruinierter Mann, aber Sie verdienen, zu Ihrem Gelde zu
kommen. Ihr Haus ist gegen mich immer groartig gewesen. Sie sollen Deckung
erhalten. Schicken Sie mir noch heut Ihren Agenten, holen Sie mich morgen frh
ab.
    Als am nchsten Morgen Anton in Begleitung des Agenten bei dem Schuldner
eintrat, ergriff Wendel nach finsterm Gru einen groen rostigen Schlssel, zog
langsam einen verschossenen Mantel an, auf welchem zahlreiche Kragen
bereinander lagen, wie die Schindelreihen auf einem Dach, und brachte die
Glubiger in einen entlegenen Stadtteil vor ein verfallenes Kloster. Sie
schritten durch einen langen Kreuzgang. Anton sah bewundernd zu dem kunstvollen
Bau der Wlbung auf; die Zeit hatte viele Gurte gesprengt und einige
Gewlbkappen ausgebrckelt, die Trmmer lagen auf den groen Steinen des
Fubodens. An der Wand waren die Leichensteine der alten Bewohner eingemauert,
verwitterte Inschriften meldeten dem unaufmerksamen Geschlecht der Lebenden, da
einst fromme Slawenmnche in diesen Rumen den Frieden gesucht hatten. In diesem
Kreuzgange waren sie tglich, das Brevier in der Hand, auf und ab gegangen, hier
hatten sie gebetet und getrumt, bis sie ihre arme Seele der Frbitte ihres
Heiligen bergeben muten. Im Innern des Gebudes ffnete Wendel eine verborgene
Tr und fhrte seine Begleiter auf gewundener Steintreppe hinab in ein groes
Gewlbe. Einst hatte der Wein des reichen Klosters darin gelegen, und der Bruder
Kellermeister war, ach wie oft, dieselben Stufen hinabgegangen; er war zwischen
den Reihen der Fsser umhergewandelt, hatte hier und da eine Probe ausgehoben,
und wenn das Glckchen ber ihm lutete, hatte er schnell sein Haupt gesenkt und
ein kleines Gebet gesprochen und war darauf wieder an das Kosten gegangen, oder
in behaglicher Stimmung auf und ab spaziert. Die Betglocken des Klosters waren
lngst eingeschmolzen, die leeren Zellen der Brder hatten Risse, und Getreide
wurde jetzt aufbewahrt, wo ehemals der Prior an der Spitze der Brder beim
ehrbaren Male sa. Alles war verschwunden, nur der Keller hatte sich erhalten,
und wie vor vierhundert Jahren, lagen noch jetzt die Kufen des feurigen
Ungarweins auf ihren schmalen Kentnern. Noch immer schossen die Strahlen der
schnen Wlbung zu groen Sternen zusammen, noch immer war der Raum mit reinem
Wei getncht, der Boden mit hellem Sande tief bestreut, noch immer war es
Brauch, da der Kellermeister nur mit einem Wachslicht dem edlen Wein nahen
durfte. Es waren nicht dieselben Fsser, aus denen die alten Mnche ihren Trunk
zogen, aber es war dasselbe Gewchs von den Rebenhgeln der Hegyalla, und der
rosige Wein von Menes, der Stolz denburgs und der milde Trank der sorgfltigen
Lese von Rust.
    Hundertundfnfzig Kufen, die Kufe zu achtzehn, vierundzwanzig, dreiig
Dukaten, sagte der Agent, und die Inventur der Fsser begann. Mit gesenktem
Haupt ging Wendel von einem Fa zum andern, die Kerze in der Hand. Vor jedem
blieb er stehen und wischte mit einem reinen Leinwandlappen sorgfltig die
kleinste Spur des Schimmels ab, die sich an einzelnen Fssern zeigte. Es war
mein liebster Weg hierher, sagte er zu Anton. Seit zwanzig Jahren bin ich zu
jeder Weinlese hinausgefahren und habe eingekauft. Es waren frhliche Tage, Herr
Wohlfart, das ist jetzt vorbei fr immer. Oft bin ich hier auf und ab gegangen
und habe mir das Sonnenlicht angesehen, das von oben auf die Fsser fiel, und
habe an die gedacht, die vor mir hier gegangen sind. Heut bin ich zum letztenmal
in diesem Keller. Was wird jetzt aus dem Wein werden? Sie werden ihn
fortschaffen, man wird ihn in der Fremde ohne Verstand austrinken; in den Keller
wird ein Branntweinbrenner seinen Spiritus tun, oder ein neuer Brauer sein
bayrisches Bier. Die alte Zeit geht zu Ende auch fr mich! - Dies hier ist das
edelste Gewchs, sagte er, zu einem Fa tretend. Ich htte es ausnehmen knnen
bei unsrer Abmachung. Was soll mir das Fa allein? Austrinken? Ich trinke keinen
Wein mehr. Es soll fortgehen mit dem brigen. Nur Abschied will ich noch von ihm
nehmen. Er fllte sein Glas. Haben Sie je so etwas getrunken? frug er und
hielt Anton betrbt das Glas hin. Anton verneinte gern.
    Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der
Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab eine lange Weile. Dann
drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellertr zu, zog den Schlssel ab
und legte ihn feierlich in Antons Hand. Hier ist der Schlssel zu Ihrem
Eigentum, unsre Rechnung ist abgemacht. Leben Sie wohl, meine Herren. Langsam
und mit gesenktem Haupt ging er den verfallenen Kreuzgang hinab; in dem
Dmmerlicht des trben Tages glich er einem der alten Kellermeister des
Klosters, der noch als Geist durch die Trmmer der vergangenen Herrlichkeit
gleitet. Der Agent rief ihm nach: Aber das Frhstck, Herr Wendel! Der Alte
schttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.
    Ja, das Frhstck! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein
berschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der traurigen
Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren fr Anton kein geringes Leiden. Er sah, da
man in dem Land viel weniger arbeite, und viel mehr schwatze und trinke, als bei
ihm daheim. Sooft es ihm gelungen war, etwas ins reine zu bringen, konnte auch
er sich dem Frhstck nicht entziehen. Dann setzten sich Kufer, Verkufer, die
Helfer, und wer sonst zu den Bekannten gehrte, in einer Weinhandlung am runden
Tisch zusammen, man fing mit Porter an, a Kaviar nach Pfunden und zechte dann
den roten Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten eingeschenkt; wer
ein bekanntes Gesicht hatte, mute am Gelage teilnehmen, immer zahlreicher wurde
die Gesellschaft, oft kam der Abend heran. Unterdes lieen die Hausfrauen der
Mnner, an solche Ereignisse gewhnt, das Mittagessen wohl dreimal wieder
abtragen und hoben es zuletzt gleichmtig bis zum andern Tage auf. Oft dachte
Anton in solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine
mige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschfte mit Anstand
durchzumachen.
    An einem Nachmittag sa Anton beim Domino. Da rief ein lterer Leutnant von
seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: Gestern abend sind einem unserer
Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden. Der Esel, welcher mit
ihm einquartiert war, hat mit seinem Karabiner gespielt, in dem er den Schu
nicht herausgezogen hatte. Der Doktor hlt eine Amputation fr unvermeidlich. -
Schade um den tchtigen Mann, er war einer der brauchbarsten Leute in der
Eskadron. Solch Malheur trifft immer die Besten.
    Wie heit der Mann? frug Herr von Bolling, seinen Stein setzend.
    Es ist der Gefreite Sturm.
    Anton sprang auf, da die Steine auf dem Tische tanzten. Wo liegt der
Verwundete?
    Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazaretts.
    In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der
bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. Es ist vorber,
sagte er, es hat hllisch weh getan, aber ich werde die Hand doch wieder
gebrauchen. Die Feder kann ich noch fhren, und auch das brige will ich
versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's mit der Linken. Nur in
goldnen Ringen werde ich keinen Staat mehr machen.
    Mein armer, armer Karl, rief Anton, mit deinem Dienst ist's vorbei.
    Wissen Sie was, sagte Karl, das Unglck will ich ertragen, ein
ordentlicher Krieg wird doch nicht; wenn's auf das Frhjahr zum Einsen kommt,
bin ich wieder imstande. Ich knnte schon jetzt aufstehn, wenn nicht der Doktor
so streng wre. Hier ist es nicht schn, setzte er entschuldigend hinzu, es
sind viele unserer Leute erkrankt, da mu man sich in der fremden Stadt
behelfen.
    Du sollst nicht in dieser Stube bleiben, sagte Anton, wenn ich's ndern
kann. Es riecht hier so nach Krankheit, da ein Gesunder schwach wird; ich werde
bitten, da dein Chef dir erlaubt, in meine Wohnung zu ziehen.
    Lieber Herr Anton! rief Karl erfreut. Still, sagte dieser, noch wei
ich nicht, ob wir die Erlaubnis erhalten.
    Noch eine Bitte habe ich an Sie, sagte beim Abschiede der Kranke, da Sie
die Geschichte dem Goliath so mitteilen, da er nicht zu ngstlich wird. Wenn
er's durch Zufall von Fremden erfhrt, so stellt er sich wie ein
Menschenfresser.
    Das versprach Anton und eilte darauf zu dem Eskadronsarzt und zu seinem
Gnner, dem Rittmeister.
    Ich will mich dafr verwenden, da er jetzt Urlaub erhlt, versprach
dieser. Da mir bei der Beschaffenheit seiner Wunde seine Verabschiedung
zweifellos scheint, so kann er ja bei Ihnen abwarten, bis diese erfolgt.
    Drei Tage darauf trat Karl mit seiner verbundenen Hand in Antons Zimmer. Da
bin ich, sagte er. Adieu Dolman, adieu Selim, mein Brauner! Eine Woche mssen
Sie noch mit mir Geduld haben, Herr Anton, dann hebe ich Ihnen wieder Tisch und
Stuhl mit steifem Arm. - Hier ist eine Antwort deines Vaters, sagte Anton,
sie ist an mich gerichtet.
    An Sie? frug Karl verwundert, warum an Sie? Warum hat er denn nicht an
mich geschrieben?
    Hre selbst. Anton ergriff einen groen Bogen, der von oben an mit
halbzlligen Buchstaben bemalt war, und las: Geehrter Herr Wohlfart, das ist
ein groes Unglck fr meinen armen Sohn! Zwei Finger von zehn bleiben nur acht.
Wenn es auch kleine Finger sind, es tut ebenso weh. Es ist ein sehr groes
Unglck fr uns beide, da wir einander nicht mehr schreiben knnen. Deswegen
bitte ich, da Sie die Gte haben, ihm alles zu sagen, was folgt. Er soll sich
nicht sehr grmen. Bohren kann vielleicht noch gehn, auch manches mit dem
Hammer. Und wenn der Himmel wollte, da dieses nicht mglich wre, so soll er
sich doch nicht zu sehr grmen. Es ist fr ihn gesorgt, durch einen eisernen
Kasten. Wenn ich gestorben bin, findet er den Schlssel in meiner Westentasche.
So lasse ich ihn von ganzem Herzen gren. Sobald er wieder fahren kann, soll er
zu mir kommen, um so mehr, da ich ihm schriftlich nicht mehr sagen kann, da ich
bin ewig sein getreuer Vater Johann Sturm. - Anton reichte den Brief dem
Invaliden.
    Es ist richtig, sagte Karl zwischen Lachen und Wehmut, er hat sich in der
ersten Angst eingebildet, da auch er mir nicht mehr schreiben kann, weil ich an
der Hand blessiert bin. Der wird Augen machen, wenn er meinen nchsten Brief
erhlt.
    So wohnte Karl einige Wochen in dem Zimmer neben Anton. Sobald er seine Hand
wieder bewegen konnte, bemchtigte er sich der Garderobe des Freundes und begann
einige der kleinen Dienste, welche er vor Jahren im Hause des Prinzipals
bernommen hatte. Anton hatte zu wehren, da er nicht die unntige Rolle eines
Bedienten bernahm. Hast du schon wieder meinen Rock unter der Brste? sagte
er in Karls Stube tretend; du weit, da ich das nicht leiden will. - Es war
nur zur Gesellschaft von meinem, entschuldigte sich Karl, zwei nebeneinander
halten sich immer besser als einer. Ihr Kaffee ist fertig, aber die Maschine
taugt nichts, er schmeckt immer nach Spiritus. Da er sich fr Anton nicht
ntzlich machen konnte, wie er sagte, so fing er an, fr sich selbst zu
arbeiten. Bei seiner alten Vorliebe fr Handwerkszeug hatte er bald eine Menge
verschiedenartiger Instrumente um sich versammelt, und sooft Anton das Haus
verlie, begann ein Sgen, Bohren, Hobeln und Raspeln, da sogar der taube
Artilleriekapitn, welcher im Nebenhaus einquartiert war, zu der Ansicht kam,
ein Tischler sei eingezogen, und seine eingefallene Bettstelle zum Ausbessern
herberschickte. Da Karl die rechte Hand noch schonen mute, bte er die linke
Hand mit allen Werkzeugen nach der Reihe und freute sich wie ein Kind ber die
Fortschritte, die er machte. Und als ihm der Arzt fr die nchsten Wochen auch
diese Ttigkeit abriet, fing er an, mit der linken Hand zu schreiben und zeigte
Anton tglich Proben seiner Handschrift. Es ist nur der bung wegen, sagte er,
der Mensch mu wissen, was er vermag. brigens ist es nur eine Angewohnheit,
mit den Hnden zu schreiben; wer keine hat, tut's mit den Beinen; ich glaube,
da auch die nicht einmal ntig sind, es mte auch mit dem Kopfe gehn.
    Du bist ein Narr, sagte Anton lachend.
    Ich versichere Sie, fuhr Karl fort, ein langes Rohr in den Mund gesteckt,
mit zwei Drhten, die hinter die Ohren gedrckt werden, um die Schwankung zu
verringern, es mte ganz ertrglich gehn. - Da ist die beinerne Einfassung von
Ihrem Schlsselloch abgesprungen, die wollen wir sogleich leimen.
    Ich wundere mich, da sie nicht von selbst wieder fest wird, spottete
Anton, denn aus deiner Stube kommt ein schrecklicher Leimgeruch hereingezogen.
Die ganze Luft ist in Leim verwandelt. - Gott bewahre, sagte Karl, es ist ja
geruchloser Leim, den ich habe, eine neue Erfindung.
    Als der treue Mann mit dem Abschied in der Tasche nach der Heimat
zurckfuhr, fhlte sich Anton so vereinsamt, als wre er jetzt aus dem
Zauberkreise der groen Waage in die Fremde gezogen.
    Einst ging Anton an der verhngnisvollen Herberge vorber, in welcher sein
Prinzipal verwundet worden war. Er stand einen Augenblick still und sah mit
Neugier auf das alte Haus und den Hofraum, in welchem jetzt weirckige Soldaten
beschftigt waren, ihr Lederzeug zu frben und zu gltten. Da erblickte er ein
Wesen im schwarzen Kaftan, welches wie ein Schatten aus der Schenkstube quer
ber die Einfahrt hinglitt. Es waren die schwarzen Ohrlocken, es war das kleine
Kppchen, es war Figur und Haltung des alten Bekannten Schmeie Tinkeles. Ach,
aber es war nicht sein Gesicht. Der frhere Tinkeles war in seiner Art ein
hbscher Bursch gewesen. Er hatte seine beiden Locken stets so glnzend und
kokett getragen, wie einem Geschftsmann nur mglich ist, er hatte hbsche rote
Lippen gehabt und einen leichten Rosaschimmer auf seinen gelben Wangen. Der
gegenwrtige Schmeie war nur ein Schatten des frhern. Er sah gespenstig bleich
aus, seine Nase war spitz und gro geworden, und sein Kopf hing ihm nach vorn,
wie der Kelch einer welkenden Blume am Bach Kidron.
    Anton rief erstaunt: Tinkeles, seid Ihr's wirklich? und trat auf ihn zu.
Tinkeles schrak zusammen, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und starrte mit
aufgerissenen Augen Anton an, ein Bild des Schreckens und der Furcht. Gott
gerechter! waren die einzigen Worte, welche ber seine blutlosen Lippen kamen.
    Was habt Ihr, Tinkeles? Ihr seht ja aus, wie ein armer Snder! Was treibt
Ihr hier am Platz? Und wie zum Teufel kommt Ihr grade in dieses Haus?
    Ich kann doch nichts dafr, da ich hier bin, antwortete der Geschftsmann
noch immer in halber Bewutlosigkeit; ich kann doch nichts dafr, da der
Prinzipal hat solches Unglck gehabt mit dem Menschen. Sein Blut ist ja
geflossen wegen der Waren, welche der Mausche Fischel hatte abgeschickt und
hatte das Geld bereits gezogen. Ich bin unschuldig, Herr Wohlfart, auf meine
ewige Seligkeit, ich habe nicht gewut, da der Wirt ist ein so schlechter
Mensch, und wird die Hand aufheben gegen den Herrn, welcher vor ihm steht ohne
Hut, ohne Mtze. - Ohne Mtze, jammerte er lauter, in bloem Kopf, Sie knnen
glauben, es ist mir gewesen, als wenn ein Schwert fiele in meinen Leib, als ich
habe gesehen, wie der Wirt sich benommen hat so gewaltttig gegen einen Mann,
der vor ihm stand mit aufgerichtetem Haupt als ein Ehrenmann, was er ist gewesen
sein Leben lang.
    Hrt, Schmeie, sagte Anton, erstaunt auf den Galizier blickend, der immer
noch danach rang, durch Worte seine Fassung wiederzugewinnen, hrt, mein
Bursch, Ihr seid hier in dieser Herberge gewesen, als die Wagen geplndert
wurden. Ihr habt aus einem Versteck unsern Streit mit dem Wirt angesehen. Ihr
kennt den Wirt und wohnt noch hier, ich will Euch geradeheraus sagen, was Ihr
mir zur Hlfte eingestanden habt. Ihr habt von dem Abladen der Wagen gewut; und
ich will Euch noch etwas anvertrauen, Ihr habt ein Interesse daran gehabt, da
die Fuhrleute hier zurckblieben, und Ihr habt mit dem Wirt unter einer Decke
gesteckt. Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, lasse ich Euch nicht los, bevor ich
alles wei. Ihr werdet entweder jetzt auf mein Zimmer kommen und mir freiwillig
gestehen, was Ihr wit, oder ich fhre Euch zum Militr und lasse Euch von den
Soldaten verhren.
    Tinkeles war vernichtet. Gott meiner Vter, es ist schrecklich, es ist
schrecklich! wimmerte er leise und klapperte mit den Zhnen.
    Anton fhlte Mitleid mit der groen Angst des Mannes und sagte: Kommt mit
mir, Tinkeles; ich verspreche Euch, wenn Ihr ehrlich gesteht, soll Euch nichts
geschehen.
    Was soll ich gestehn dem Herrn, chzte Schmeie, wo ich doch nichts habe
zu gestehen?
    Wenn Ihr nicht gutwillig kommt, so rufe ich die Soldaten, sagte Anton
barsch. Nichts von Soldaten, bat Tinkeles wieder schauernd, ich will kommen
mit Ihnen und will sagen, was ich wei, wenn Sie mir wollen versprechen, da Sie
mich verraten gegen niemanden, nicht an Ihren Prinzipal und nicht an Mausche
Fischel, auch nicht an den schlechten Menschen diesen Wirt, und an keinen
Soldaten.
    Kommt, sagte Anton und wies mit der Hand die Strae hinab. So fhrte er
den Willenlosen wie einen Gefangenen mit sich fort und verwandte kein Auge von
ihm, weil er befrchtete, da Schmeie den Ratschlgen seines bsen Gewissens
folgen und in eine Seitengasse entlaufen knnte.
    Der Galizier hatte nicht den Mut dazu, er schlich mit gesenktem Haupt neben
Anton her, sah ihn zuweilen seufzend an und gurgelte unverstndliche Worte vor
sich hin. Auf Antons Zimmer fing er aus freien Stcken an: Es ist mir gewesen
eine Last auf meinem Herzen, ich habe nicht knnen schlafen, ich habe nicht
knnen essen und trinken, und wenn ich gelaufen bin, um zu machen ein Geschft,
so hat es mir in der Seele gelegen, wie ein Stein in einem Glase: Wenn man
trinken will, fllt der Stein auf die Zhne, und man beschttet sich mit Wasser.
Weh! Was habe ich mich beschttet!
    So redet, sagte Anton, wieder erweicht durch die aufrichtige Klage.
    Ich bin hergekommen wegen der Wagen, fuhr Tinkeles hastig fort und sah
Anton furchtsam an. Der Mausche hatte doch mit Ihnen gehandelt seit zehn
Jahren, und immer ehrlich, und Sie haben verdient ein gutes Stck Geld an ihm;
und da hat er gemeint, da jetzt gekommen wre die Zeit, wo er anfangen knnte
ein groes Geschft und mit Ihnen seine Abrechnung machen. Und wie losgegangen
ist das Geschrei und das Geschmuse, da ist er zu mir gekommen und hat zu mir
gesagt: Schmeie, sagt er, du hast keine Furcht, sagt er. La sie schieen und
gehe unter sie und sieh, da du anhltst die Wagen fr mich. Vielleicht kannst
du sie verkaufen unterwegs, vielleicht bringst du mir sie zurck, es ist immer
besser, wir haben sie, als es hat sie ein anderer. So bin ich hergekommen und
habe gewartet, bis die Wagen angekommen sind, und habe gesprochen mit dem Wirt,
weil die Waren doch nicht wrden kommen in Ihre Hnde, wre es am besten, sie
kmen wieder in unsere. Aber da der Wirt soll sein ein solcher Blutmensch, das
habe ich nicht gewollt und habe ich nicht gewut, und seit ich habe gesehen, wie
er Ihrem Herrn hat aufgeschnitten den Rock, habe ich keine Ruh gehabt, und ich
habe immer gesehen vor mir das blutige Hemde und das feine Tuch von seinem
grnen Rock, welches entzweigeschnitten war.
    Anton hrte die Gestndnisse des Tinkeles mit einem Interesse an, welches
den Widerwillen berwog, den er gegen das - nicht seltene - Manver der
galizischen Hndler empfand. Er begngte sich, dem Snder zu sagen: Eurer
Schurkerei verdankt Herr Schrter seinen wunden Arm, und wren wir Euch nicht in
die Quere gekommen, so httet Ihr uns zwanzigtausend Taler gestohlen.
    Es sind nicht zwanzigtausend, rief Schmeie sich windend, die Wolle steht
schlecht, und mit Talg ist nichts zu machen. Es sind weniger als zwanzig.
    So, sagte Anton verchtlich, und was werde ich jetzt mit Euch tun?
    Tun Sie nichts mit mir, bat Schmeie beweglich und legte seine Hand bittend
auf Antons Rock. Lassen Sie schlafen die ganze Geschichte. Sie haben die Waren,
seien Sie damit zufrieden. Es ist ein schnes Geschft, das der Mausche Fischel
nicht hat machen knnen, weil Sie ihn haben daran gehindert.
    Es tut Euch noch leid, erwiderte Anton erzrnt.
    Es ist mir recht so, da Sie die Waren haben, sagte der Jude, denn Sie
haben vergossen Ihr Blut darber. Und deshalb tun Sie nichts mit mir; ich will
sehen, da ich Ihnen kann in andern Sachen zu Gefallen sein. Wenn Sie etwas zu
tun haben hier am Ort fr mich, es wird mir sein eine Beruhigung, da ich Ihnen
kann zu etwas verhelfen.
    Anton antwortete kalt: Wenn ich Euch auch versprochen habe, Eure
Spitzbberei dem Gericht nicht anzuzeigen, so knnen wir doch mit Euch kein
Geschft mehr machen. Ihr seid ein schlechter Mensch, Tinkeles, und habt Euch
gegen unser Haus unredlich bewiesen. Wir sind von jetzt ab geschiedene Leute.
    Warum sagen Sie mir, da ich ein schlechter Mensch bin? klagte Tinkeles;
Sie haben mich gekannt als ehrlichen Mann seit Jahren, wie knnen Sie sagen,
da ich schlecht bin, weil ich einmal habe machen wollen ein Geschft, und habe
dabei Unglck gehabt und hab's nicht gemacht? Ist das schlecht? -
    Es ist genug, sagte Anton. Ihr knnt jetzt gehn. Tinkeles blieb stehn
und fragte: Knnen Sie vielleicht brauchen neue kaiserliche Dukaten? Ich kann
sie Ihnen besorgen mit fnf und ein Viertel. - Ich will nichts von Euch,
sagte Anton, geht.
    Der Jude ging zgernd bis zur Tr und drehte wieder um. Es ist zu machen
ein schnes Geschft mit Hafer, wenn Sie wollen mit bernehmen die Lieferung,
ich will Ihnen einen Teil verschaffen; es ist dabei zu verdienen ein rares
Geld.
    Ich mache keine Geschfte mit Euch, Tinkeles; geht in Gottes Namen.
    Der Jude schlich hinaus; noch einmal kratzte es an der Tr, aber das
Gewissen war in dem Schelm so mchtig geworden, da er sich nicht mehr in das
Zimmer traute. Nach einigen Minuten sah Anton, wie er schwermtig quer ber die
Strae ging.
    Seit diesem Tage wurde Anton durch den reuigen Tinkeles in
Belagerungszustand versetzt. Kein Tag verlief, wo der Galizier sich nicht an
Anton herandrngte und in seiner Weise Vershnung mit ihm suchte. Bald berfiel
er ihn auf der Strae, bald strte sein unsicheres Klopfen den Beschftigten am
Schreibtisch, immer aber hatte er etwas anzubieten, oder Neues mitzuteilen,
wodurch er Gnade fr sich zu erwerben hoffte. Rhrend war seine Erfindungskraft,
er erbot sich, alles mgliche fr Anton zu kaufen, oder zu verkaufen, jede Art
von Geschftsgngen zu machen, zu spionieren und zuzutragen. Und als er
entdeckte, da Anton auch mit Offizieren verkehrte, und da besonders ein junger
Leutnant mit zartem Gesicht und einem kleinen Bart zuweilen mit Anton aus der
Restauration ging und die Wohnung desselben besuchte, da fing Tinkeles an, auch
solche Gegenstnde anzubieten, die nach seiner Meinung fr einen Offizier
angenehm sein muten. Anton blieb zwar dabei, jedes Geschft mit dem Snder zu
vermeiden, konnte aber zuletzt nicht mehr bers Herz bringen, den armen Teufel
rauh zu behandeln, und Tinkeles erkannte aus manchem unterdrckten Lcheln oder
aus kurzen Fragen Antons, da seine Frsprache beim Chef des Hauses nicht
unmglich sei. Und er warb darum mit der Ausdauer seines Ahnherrn Jakob.
    An einem Morgen klirrte der junge Rothsattel in Antons Zimmer. Ich werde
krank gemeldet, habe starken Katarrh und mu in meinem trostlosen Quartier
bleiben, sagte er, sich auf dem Sofa niederlassend. Sie knnen mir heut abend
helfen, die Zeit vertreiben. Wir spielen eine Partie Whist. Ich habe noch unsern
Doktor und einen und den anderen Kameraden dazu aufgefordert. Werden Sie
kommen? - Erfreut und ein wenig geschmeichelt sagte Anton zu. Gut, fuhr der
junge Herr fort, dann mssen Sie mir auch die Mglichkeit geben, mein Geld an
Sie zu verlieren; das elende Vingt-un hat mir die Taschen rein ausgefegt. Leihen
sie mir auf acht Tage zwanzig Dukaten.
    Mit Vergngen, sagte Anton und suchte eilig seine Brse hervor.
    Als der Leutnant das Geld nachlssig in seine Tasche steckte, klang auf der
Strae der Hufschlag eines Pferdes; schnell trat er an das Fenster. Wetter, das
ist eine hbsche Katze, polnisches Blut, der Rokamm hat sie einem der Rebellen
gestohlen und will jetzt einen ehrlichen Soldaten damit anfhren.
    Woher wissen Sie, da das Pferd zu verkaufen ist? frug Anton, der unterdes
am Schreibtisch einen Brief siegelte.
    Sehen Sie nicht, da ein Gauner das Tier im Parademarsch vorbeifhrt? In
dem Augenblick klopfte es leise an die Tr, und Schmeie Tinkeles schob zuerst
sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die Stube und gurgelte
unterwrfig: Ich wollte die gndigen Herren fragen, ob sie vielleicht wollen
ansehen ein Pferd, welches so viel Louisdor wert ist, als es Talerstcke kostet.
- Wenn Sie doch nur gehen wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen
es ja nur ansehen; sehen ist nicht kaufen.
    Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschftsfreunden, Wohlfart? fragte der
Leutnant lachend.
    Er ist es nicht mehr, Herr von Rothsattel, antwortete Anton in demselben
Ton, er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch Ihnen. Nehmen Sie
sich in acht, er wird Sie verfhren, das Pferd zu kaufen.
    Der Hndler hrte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick
neugierig auf den Leutnant. Wenn der gndige Herr Baron will kaufen das Pferd,
sagte er zudringlich zu dem Leutnant tretend und denselben unverrckt
anstarrend, so wird es ein schnes Reitpferd sein auch auf dem Gut in Ihrer
Wirtschaft. - Was zum Henker weit du von meinem Gut? sagte der Leutnant;
ich habe kein Gut!
    Kennt Ihr diesen Herrn? frug Anton. Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn
er ist, welcher das groe Gut hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine
Fabrik, worin er macht Zucker aus Viehfutter.
    Er meint Ihren Herrn Vater, sagte Anton zum Leutnant; Tinkeles hat seine
Verbindungen auch in unserer Provinz und hlt sich oft monatelang bei uns auf.
    Was ich hre! rief der Galizier nachdenkend, es ist der Vater von dem
Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit dem Herrn
Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn? - Um den Schnurrbart des
Leutnants zuckte ein Lcheln.
    Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen, antwortete Anton,
unwillig ber die zudringliche Frage des Hndlers und darber, da er das
Errten seiner Wangen fhlte.
    Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier
genau, wie man kennt einen guten Freund -
    Was geht Euch das an, Tinkeles? frug Anton barsch und errtete noch
tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wute.
    Ja, er ist mein guter Freund, Jude, sagte der Leutnant, auf Antons
Schulter schlagend. Er ist mein Kassierer, er hat mir heute erst zwanzig
Dukaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen. Also geh
zum Teufel.
    Der Hndler lauschte mit vorgebogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers und
sah die jungen Mnner mit einer Neugierde, und wie Anton zu bemerken glaubte,
mit einer Teilnahme an, welche von seinem gewhnlichen lauernden Wesen
verschieden war. Also zwanzig Dukaten hat er Ihnen geborgt, wiederholte er
mechanisch, er wird Ihnen auch mehr borgen, wenn Sie mehr von ihm verlangen.
Ich wei߫, murmelte er, ich wei.
    Was wit Ihr? frug Anton.
    Ich wei doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund
miteinander sind, sagte der Hndler mit einer nachdrcklichen Bewegung des
Kopfes. Also Sie knnen das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart? So empfehle
ich mich Ihnen, Herr Wohlfart. Bei diesen Worten kehrte er kurz um und
verschwand. Gleich darauf hrte man das Pferd im Trabe fortreiten.
    Ist das ein verrckter Kerl! rief der Leutnant, dem Davoneilenden
nachsehend.
    Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen, erwiderte Anton,
verwundert ber das rtselhafte Benehmen des Geschftsmannes. Wahrscheinlich
hat Ihre Uniform seinen Abgang beschleunigt.
    Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen getan. Also heut abend, sagte der
Leutnant grend und verlie das Zimmer.
    Am Nachmittag tnte wieder das leise Klopfen an Antons Tr, Tinkeles
erschien aufs neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat, ohne auf
Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. Erlauben Sie mir zu
fragen, sprach er mit vertraulichem Kopfschtteln, ist es in der Wahrheit, da
Sie ihm geborgt haben zwanzig Dukaten, und da Sie ihm geben wrden noch mehr,
wenn er mehr haben wollte?
    Anton sah den Hndler erstaunt an und sagte aufstehend: Ich habe ihm das
Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir geradeheraus,
was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir etwas mitzuteilen.
    Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit den
Augen. Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch in acht, da
Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm keinen Gulden mehr,
wiederholte er nachdrcklich.
    Und weshalb nicht? frug Anton. Euer guter Rat ist mir nichts wert, wenn
ich nicht wei, aus welchen Grnden Ihr mich warnt.
    Und wenn ich Ihnen sage, was ich wei, wollen Sie dann sprechen fr mich
bei Herrn Schrter, da er nicht mehr denkt an die Frachtwagen, wenn er mich
sieht in Ihrem Comtoir? frug der Jude schnell.
    Ich will ihm sagen, da Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich
gedient habt. Was er dann tun wird, steht bei ihm, erwiderte Anton
ebensoschnell.
    Sie werden sprechen fr mich, sagte der Hndler, das ist mir genug. - Es
steht faul mit dem Rothsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr faul; das
Unglck hlt ber ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorener Mensch. Es ist
ihm nicht zu helfen.
    Woher habt Ihr diese Nachricht? rief Anton erschreckend. Es ist
unmglich, setzte er ruhiger hinzu, es ist eine Unwahrheit, Geschwtz von
Winkelagenten und hnlichem Volk.
    Glauben Sie meiner Rede, sprach der Jude mit einem eindringlichen Ernst,
welcher seine Figur grer machte und sogar seine Sprache weniger mitnend.
Sein Vater ist unter den Hnden von einem, der heimlich wandelt wie ein Engel
des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um den Hals der Menschen, die er
bezeichnet hat, ohne da ihn einer sieht. Er zieht den Strick zu, und sie fallen
um, wie die hlzernen Kegel. Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche
Leute, die schon tragen die Schlinge am Halse?
    Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in den Hnden? rief
Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen lie.
    Was ntzt der Name, erwiderte der Galizier kalt. Wenn ich auch wte den
Namen, so wrde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es kann Ihnen
nichts helfen und dem Rothsattel auch nicht, denn Sie kennen den Mann nicht, und
Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.
    Ist dieser Mann Ehrenthal? frug Anton.
    Ich kann den Namen nicht sagen, wiederholte der Hndler mit einem
Achselzucken, aber der Hirsch Ehrenthal ist es nicht.
    Wenn ich Euren Worten glauben soll, und wenn Ihr mir damit einen Dienst
leisten wollt, fuhr Anton ruhiger fort, so mt Ihr mir Genaues mitteilen. Ich
mu den Namen dieses Mannes wissen, und ich mu alles wissen, was Ihr ber ihn
und den Freiherrn gehrt habt.
    Nichts habe ich gehrt, antwortete der Hndler verstockt, wenn Sie mich
fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen ist, versiegt
in der Luft wie ein Geruch, der eine fngt das auf, der andere jenes. Ich kann
Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehrt habe, und ich will sie nicht sagen
um vieles Geld. Ich will nicht die Hand legen an meine Gebetschnre und vor
Gericht zeugen. Was ich spreche, ist gut fr Ihr Ohr und fr kein anderes. Ihnen
aber sage ich, da zwei haben zusammengesessen nicht einen Abend, viele Abende,
und nicht in einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise miteinander
gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Gelnder, wo unten das Wasser luft.
Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben gemurmelt oben ber dem
Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem Strohsack, da sie glaubten, ich
schliefe. Und oft habe ich gehrt aus dem Munde von beiden den Namen Rothsattel
und den Namen von seinem Gute. Und ich wei, da ein Unglck ber ihm steht,
aber weiter wei ich nichts. Und jetzt ist es gesagt und ich werde gehen. Der
gute Rat, den ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung fr den Tag, wo
Sie gefochten haben mit einer Pistole fr die Wolle und fr die Hute. Und Sie
werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.
    Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wute er, da Ehrenthal
mit dem Freiherrn in vielfacher Verbindung stand, und dieser Verkehr des
Gutsbesitzers mit dem belberchtigten Spekulanten war ihm schon oft auffallend
erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu unglaublich, er selbst hatte
nie etwas Ungnstiges ber die Verhltnisse des Freiherrn gehrt. Bei dem, was
Ihr mir heut erzhlt habt, sprach er nach einer Weile, kann ich mich nicht
beruhigen. Ihr werdet Euch besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen
und einzelnen Worte, die Ihr gehrt habt.
    Vielleicht werde ich mich erinnern, erwiderte der Galizier mit einem
eigentmlichen Ausdruck, der dem bekmmerten Anton entging. Und so haben wir
geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und Gefahr, dafr habe
ich Ihnen jetzt getan einen Gefallen. Einen groen Gefallen, setzte er
selbstgefllig in das betroffene Gesicht Antons blickend hinzu. - Knnen Sie
gebrauchen Louisdor gegen Banknoten? frug er pltzlich im Geschftston; ich
kann Ihnen lassen Louisdor, wenn Sie mir dafr geben Dukaten oder Banknoten.
    Ihr wit, ich mache keine Geldgeschfte, antwortete Anton zerstreut. -
Vielleicht knnen Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Huser? - Ich habe
keine Wechsel abzugeben, sagte Anton rgerlich.
    Gut, sagte der Jude, eine Anfrage beit niemanden, und wandte sich zum
Gehen. An der Tr hielt er noch einen Augenblick an. Dem Seligmann, der das
Pferd hat vorgefhrt fr die Herren und hat auf die Herren gewartet einen ganzen
halben Tag, habe ich geben mssen zwei Gulden Mnz. Es ist eine bare Auslage,
die ich gehabt habe fr Sie, wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei
Gulden?
    Gott sei Dank! rief Anton wider Willen lchelnd. Jetzt seid Ihr wieder
der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr nicht.
    Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisdor gegen Papiere auf Wien?
    Auch nicht, erwiderte Anton.
    Adjes, sagte Tinkeles. Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund
miteinander. Er ergriff die Klinke. Und wenn Sie wissen wollen den Namen von
diesem Mann, der den Rothsattel so herunterbringen kann, da er klein wird, wie
das Gras auf der Landstrae, wo jedermann tritt darauf, so fragen Sie nach dem
Buchhalter von Hirsch Ehrenthal, mit Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der
Name. Bei diesen Worten eilte Tinkeles zur Tr hinaus. Anton sprang ihm nach,
aber der Hndler hrte nicht auf sein Rufen und war aus der Haustr geschlpft,
bevor Anton ihn einholen konnte. Da gegrndete Aussicht war, ihn in kurzem
wiederzusehen, so ging Anton, sehr beschftigt durch die Gestndnisse des
wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurck.
    Was er gehrt hatte, mute er sogleich dem Sohn des Freiherrn mitteilen. Er
sagte sich, da bei dem groen Zartgefhl seines militrischen Freundes diese
Mitteilung schwierig sei. Aber es mu geschehen, noch heut abend ziehe ich ihn
beiseite, ich gehe zeitig zu ihm oder bleibe beim Aufbruch zurck.
    Diesem guten Vorsatz gnnte das Schicksal eine bequeme Ausfhrung nicht. So
frh Anton auch in das Quartier des jungen Rothsattel eilte, er fand doch die
Stube bereits durch fnf bis sechs Husarenleutnants besetzt. Eugen lag in seinem
Schlafrock auf dem Sofa, die Eskadron lagerte um ihn herum. Gleich nach Anton
trat der Doktor ein. Wie geht's? frug dieser zum Kranken tretend.
    Gut genug, erwiderte Eugen; ich brauche Ihre Giftpulver nicht.
    Etwas Fieber, fuhr der Doktor fort, eingenommener Kopf und so weiter. Es
ist zu hei hier, ich schlage vor, das Fenster zu ffnen.
    Beim Teufel, das werden Sie nicht, Doktor, rief ein junger Herr, der sich
aus zwei Sthlen eine Art Bank zusammengerckt hatte. Sie wissen, da ich auer
dem Dienst keinen Zug vertragen kann. - Lassen Sie zu, rief Eugen, wir sind
Homopathen, die Wrme vertreiben wir durch Wrme. Was trinken wir?
    Irgendein Punsch wird fr den Patienten immer noch am gesndesten sein,
sagte der Doktor.
    Holen Sie die Ananas, bester Anton, sie liegt mit dem ganzen Apparat hier
nebenan, bat Eugen.
    Ei, rief der Doktor, als Anton die Frucht und der Bursch einen Korb Wein
hereinbrachten, ein ser Kolo, ein ausgezeichnetes Exemplar. Mit Verlaub, ich
mache den Punsch, die Mischung mu nach dem Zustand des Patienten eingerichtet
werden. Er griff nach seiner Tasche, brachte ein schwarzes Besteck hervor und
suchte ein Messer zum Zerschneiden der Frchte.
    Alle Wetter! Plagt Sie der Teufel! Zum Henker mit Ihrem Besteck! riefen
smtliche Husarenoffiziere aufspringend. Wie Heckenfeuer fuhren ihre
Verwnschungen um das Haupt des Doktors.
    Meine Herren, rief der Doktor, nur wenig eingeschchtert durch den Sturm
des Unwillens, hat einer von Ihnen ein Messer? Sehen Sie nicht erst nach, ich
wei, keiner hat eins. Spiegel und Brste, weiter darf man in Ihren Taschen doch
nichts suchen. Und versteht einer von Ihnen eine Bowle zu machen, die ein Mann
von Herz und Welt trinken kann? Austrinken, ja, aber machen knnen Sie nichts.
    Ich will's versuchen, Doktor, sagte Bolling aus einer Ecke.
    Ach, Herr von Bolling, Sie auch hier? erwiderte der Doktor mit einer
Verbeugung.
    Bolling nahm ihm die Ananas aus der Hand und hielt sie sorgfltig aus dem
Bereich des medizinischen Armes. Kommen Sie, Anton, rief er, und verhten
Sie, da dieses Ungeheuer von Doktor mit seinem Tranchiermesser dem Getrnk zu
nahe kommt.
    Whrend Anton mit dem ltern Leutnant in eifriger Ttigkeit war, zog der
Doktor zwei Spiele Karten aus der Tasche und legte sie feierlich auf den Tisch.
    Fort mit Ihren Karten, rief Eugen, heut wenigstens wollen wir ohne Snde
zusammenbleiben.
    Sie knnen's ja nicht, spottete der Doktor, Sie selbst sind der erste,
der danach greifen wird. Ich beabsichtigte nichts, als ein ruhiges Whist mit
stabilem Pari nach rechts und links, ein Spiel fr fromme Einsiedler. Was Sie
aber mit diesen Karten anfangen, das wird die Zeit lehren. Hier liegen Sie beim
Leuchter.
    Hrt nicht auf den Versucher, rief einer der Leutnants lachend.
    Wer die Karte zuerst anfat, zahlt ein Frhstck zur Strafe, ein anderer.
    Hier ist der Trank, sagte Bolling und trug die Bowle auf den Tisch. Er go
ein. Kosten Sie, Blutmensch, sagte er zu dem Doktor.
    Roh, entschied dieser, morgen abend wird sie trinkbar sein.
    Whrend die Herren sich ber das Getrnk stritten, griff Eugen nach einem
Spiel Karten und zog es mechanisch in zwei Hufchen ab, die er nebeneinander
legte. Der Doktor rief: Halt, gefangen! Er selbst zahlt die Strafe. Alles
lachte und drngte an den Tisch. Die Bank, Doktor, riefen die Offiziere, sie
warfen ihm die Karten zu, schnell kamen einige andere Spiele aus den Taschen der
Herren ans Licht, der Doktor legte ein Hufchen Papier und Silber auf den Tisch,
das Spiel begann. Man pointierte nicht gerade hoch, kurze Scherze begleiteten
den Gewinn und Verlust der Spieler. Auch Anton ergriff eine Karte und setzte
ohne Aufmerksamkeit. Er vermochte heut nur mit Mhe an der Unterhaltung
teilzunehmen und sah mit inniger Teilnahme auf den jungen Rothsattel, der sich
ahnungslos ber die Karten beugte. Anton gewann einige Taler, aber mit
Mibehagen bemerkte er, da Eugen endloses Unglck hatte. Ein Dukaten nach dem
andern flog in die Kasse des Bankhalters. Da Anton bei dem Verlust seines Wirtes
nicht ganz unbeteiligt war, so machte er keine Bemerkung darber, aber der
Doktor selbst sagte zu seinem Patienten, nachdem er wieder einige Dukaten
eingestrichen hatte: Sie sind hei geworden, Sie haben Fieber, es wre am
klgsten, wenn Sie nicht mehr spielten, ich habe noch nie einen Fieberkranken
gehabt, der nicht im Pharao verloren htte.
    Das geht Sie nichts an, Doktor, erwiderte Eugen heftig und setzte wieder.
    Du hast Unglck, Eugen, rief der gutmtige Bolling, du gehst wieder zu
sehr ins Geschirr.
    Als der Abzug beendet war, nahm der Doktor die Karten und steckte sie
gemtlich in die Tasche. Die Bank hat stark gewonnen, sagte er, aber ich hre
doch auf, es ist genug des Guten.
    Wieder erhob sich ein Sturm unter den Offizieren. Ich will Bank legen,
rief Eugen, geben Sie mir Ihre Kasse, Wohlfart.
    Der Doktor protestierte, endlich beruhigte er sich mit der Ansicht,
vielleicht hat er Glck als Bankier, man mu dem Menschen nicht die Gelegenheit
entziehen, eine Scharte auszuwetzen.
    Anton holte einige Kassenbillette aus der Tasche und legte sie schweigend
vor Eugen hin, aber er selbst spielte nicht mehr. Traurig sa er da und sah auf
seinen guten Freund, der mit einem Gesicht, das von Wein und Fieber glhte, auf
die Karten der Spieler hinstarrte. Wieder folgte ein Abzug auf den andern, und
wieder verlor Eugen, was er vor sich hatte. Die Kassenscheine flogen von ihm
weg, kaum einmal fiel ein Blatt zu seinem Gunsten. Verwundert sahen die
Offiziere einander an. Auch ich schlage vor, da wir aufhren, rief Bolling,
ein andermal geben wir dir Revanche.
    Ich will sie heut haben, rief Eugen, sprang auf und verschlo die Tr,
keiner kommt heraus. Setzt ordentlich und wagt, hier ist Geld. Er warf einen
Haufen Streichhlzer auf den Tisch. Das Holz einen Champagnertaler, morgen
zahle ich; ich gebe zu, da das Holz einmal gebrochen wird, unter einem Taler
kein Point. Wieder fuhren die Karten auf den Tisch und wieder ging das Spiel
fort. Anton bemchtigte sich unterdes des Punschlffels und beschlo, nichts
mehr in die Glser zu gieen. Eugen verlor immerfort; die Streichhlzer wurden
wie durch eine geheime Kraft nach allen Richtungen fortgerissen. Eugen holte
neue Bndel und rief wild: Beim Abschied machen wir Rechnung. Bolling erhob
sich und stampfte mit dem Stuhle auf den Boden.
    Ein Hundsfott, wer die Stube verlt, rief Eugen.
    Du bist ein Narr, sagte der andere unwillig, es ist Unrecht, seinem
nchsten Kameraden das Geld abzunehmen, wie wir heut mit dir tun. Ich habe so
etwas noch nie gesehen. Wenn hier der Satan sein Spiel hat, ich will ihm nicht
helfen. Er setzte sich vom Tisch ab, Anton trat zu ihm; beide sahen schweigend
dem bermut zu, mit welchem das Geld aus einer Hand in die andere geworfen
wurde.
    Auch ich habe genug, sagte der Doktor und zeigte ein dickes Bund Hlzer in
seiner Hand. Dies ist ein merkwrdiger Abend, seit ich Karten kenne, ist mir so
etwas noch nicht vorgekommen. Er vermag kein Paroli mehr abzuschlagen.
    Von neuem sprang Eugen zu dem Seitentisch, wo die Hlzer lagen. Da ergriff
Bolling den Rest des Paketes, ffnete das Fenster und warf die Hlzer hinunter
auf die Strae. Besser die Teufelsbolzen verbrennen da unten einen Stiefel, als
hier deine Brse, rief er. Darauf schleuderte er die Karten auf die Erde. Das
Spiel soll aufhren, du hast uns vorhin aufgetrumpft, wie einer aus der
Wachtstube des alten Dessauers, ich tue jetzt dasselbe.
    Ich verbitte mir solche Befehle, rief Eugen gereizt.
    Bolling schnallte seinen Sbel um und fate mit der Hand an das Ges. Du
wirst dich heut fgen, sagte er ernst, morgen will ich dir vor dem Korps Rede
stehn. Macht Eure Rechnung, ihr Herren, wir brechen auf.
    Die Marken wurden auf den Tisch geworfen, der Doktor zhlte.
    Eugen ri finster die Brieftafel aus der Tasche und notierte seine Schuld an
die einzelnen. Ohne Behagen, mit kurzem Gru entfernte sich die Gesellschaft.
Es sind gegen achthundert Taler, sagte der Doktor auf dem Wege. Bolling zuckte
die Achseln. Ich hoffe, er kann das Geld schaffen, aber ich wollte doch, da
Sie heut das Stempelpapier in Ihrer Tasche behalten htten. Wenn von der
Geschichte etwas verlautet, so wird Rothsattel keine Ursache haben, sich zu
freuen. Wir alle werden gut tun, ber den Vorfall zu schweigen, auch Sie, Herr
Wohlfart, bitte ich darum.
    Anton ging in strmischer Bewegung nach Hause. Den ganzen Abend hatte er wie
auf Kohlen gesessen und dem Verschwender in der Stille die bittersten Vorwrfe
gemacht. Er schalt sich, da er ihm Geld geliehen hatte, und fhlte doch, wie
unpassend es gewesen wre, seinen Wunsch nicht zu gewhren.
    Als er am nchsten Morgen Eugen aufsuchen wollte, ffnete sich die Tr, und
Eugen selbst trat in das Zimmer, verstimmt, niedergeschlagen, unsicher. Ein
nichtswrdiges Malheur gestern, rief er, ich bin in arger Klemme; ich mu heut
achthundert Taler schaffen und habe in diesem Unglcksnest niemand, an den ich
mich wenden kann, als Sie. Seien Sie verstndig, Anton, und besorgen Sie mir das
Geld.
    Auch mir ist es nicht leicht, Herr von Rothsattel, erwiderte Anton ernst,
es ist keine unbedeutende Summe, und die Gelder, ber die ich hier disponieren
kann, sind nicht mein Eigentum.
    Sie werden es schon mglich machen, fuhr Eugen berredend fort, wenn Sie
mir nicht aus der Verlegenheit helfen, so bin ich ganz ratlos. Der Chef versteht
keinen Spa, ich riskiere alles, wenn die Geschichte nicht schnell abgemacht
wird. Er ergriff in seiner Verlegenheit Antons Hand und drckte sie ngstlich.
    Anton sah in das verstrte Gesicht dessen, der Lenorens Bruder war, und
erwiderte mit innerer berwindung: Ich habe eine kleine Summe, welche mir
gehrt, in der Kasse unseres Geschftes, und habe von hier aus Geld an unser
Haus zu senden. Es wird mglich sein, da ich unsern Kassierer auf mein Geld
anweise, und die Summe, welche Sie brauchen, zurckbehalte.
    Sie sind mein Retter, rief Eugen erleichtert; in sptestens vier Wochen
schaffe ich Ihnen achthundert Taler zurck, fgte er hinzu, bei der Aussicht
auf das Geld geneigt, das Beste zu hoffen.
    Anton ging zum Schreibtisch und zhlte dem Leutnant das Geld auf. Es war ein
groer Teil der Summe, die er von seinem Erbteil noch brig hatte.
    Als Eugen das Papier unter lebhaftem Danke eingesteckt hatte, begann Anton:
Und jetzt, Herr von Rothsattel, wnsche ich Ihnen noch etwas mitzuteilen, was
mir gestern den ganzen Abend auf dem Herzen gelegen hat. Ich bitte Sie, mich
nicht fr zudringlich zu halten, wenn ich Ihnen nicht verschweige, was Sie
wissen mssen, und was doch ein Fremder kaum zu sagen das Recht hat.
    Wenn Sie mir gute Lehren zuteilen wollen, so ist der Augenblick schlecht
gewhlt, antwortete der Leutnant finster, ich wei ohnedies, da ich einen
dummen Streich gemacht habe, und bin auf eine Strafrede meines Papas gefat. Was
ich von ihm anhren mu, wnsche ich von keinem Dritten zu vernehmen.
    Sie trauen mir wenig Zartgefhl zu, Herr von Rothsattel, rief Anton,
aufrichtig bekmmert durch den rger des Offiziers. Ich habe gestern aus einer
allerdings wenig lauteren Quelle gehrt, da Ihr Herr Vater durch die Intrigen
gewissenloser Spekulanten in Verwickelungen gekommen ist oder doch kommen soll,
welche seinem Vermgen Gefahr drohen. Auch der gefhrliche Mensch, welcher die
Rnke gegen ihn schmiedet, ist mir genannt worden.
    Der Leutnant sah verwundert in das ernste Gesicht Antons und sagte endlich:
Teufel, Sie jagen mir einen Schrecken ein, es ist nicht mglich, Papa hat mir
nie etwas davon gesagt, da seine Verhltnisse nicht ganz in Ordnung sind.
    Vielleicht kennt er selbst nicht die Plne und die Rcksichtslosigkeit der
Menschen, welche die Absicht haben, seinen Kredit fr ihre Zwecke zu benutzen.
    Der Freiherr von Rothsattel ist nicht der Mann, sich von irgend jemand
benutzen zu lassen, entgegnete der Leutnant mit Stolz.
    Das nehme ich auch an, rumte Anton bereitwillig ein. Und doch bitte ich
Sie, daran zu denken, da die letzten groen Unternehmungen des Herrn Barons ihn
mehrfach mit schlauen und wenig bedenklichen Hndlern in Berhrung gebracht
haben. Der mir den Rat erteilte, gab ihn offenbar in guter Meinung. Er sprach
eine Ansicht aus, welche, wie ich frchte, von einer Anzahl untergeordneter
Geschftsleute geteilt wird, da Ihr Herr Vater in ernster Gefahr sei, groe
Summen zu verlieren. Und ich fordere Sie auf, mit mir zu dem Mann zu gehen,
vielleicht gelingt es uns, mehr von ihm zu erfahren. Es ist derselbe Hndler,
den Sie gestern bei mir sahen.
    Der Leutnant sah sehr niedergeschlagen vor sich hin, er fate, ohne ein Wort
zu sagen, seine Dienstmtze, und beide eilten nach der Herberge, in welcher
Tinkeles wohnte.
    Es wird am besten sein, da Sie selbst nach ihm fragen, sagte Anton auf
dem Weg. Der Offizier ging in das Haus, er frug einen Hausknecht, den Wirt, alle
Hausgenossen, welche ihm in den Weg kamen; Schmeie war seit gestern mittag
abgereist. Sie eilten von der Herberge zum Stadtkommando und erhielten nach
vielen Fragen die Auskunft, da dem Tinkeles sein Pa nach der trkischen Grenze
visiert worden. So war der Zudringliche pltzlich verschwunden, und durch seine
Abreise erhielt die Warnung fr beide noch greres Gewicht. Je lnger sie ber
seine Bekenntnisse sprachen, desto aufgeregter wurde der Leutnant. Und um so
weniger wute er, was zu tun sei. Endlich brach er in groer Bewegung mit der
Klage hervor: Mein Vater ist vielleicht jetzt in Geldverlegenheit. Wie soll ich
ihm meine Schuld gestehen? Es ist fr mich ein verfluchter Fall. Wohlfart, Sie
sind ein honetter Mann, denn Sie haben mir das Geld geliehen, obgleich Sie die
Nachrichten dieses unsichtbaren Juden schon im Kopfe hatten. Sie mssen jetzt
weiter anstndig sein und mir die Summe auf lngere Zeit leihen.
    So lange, bis Sie selbst den Wunsch aussprechen, sie zurckzuzahlen.
    Das ist gentil, rief der Leutnant, und noch eins, schreiben Sie selbst an
meinen Vater. Sie wissen am besten, was der verrckte Mensch Ihnen gesagt hat,
und mir ist es langweilig, so etwas meinem Papa mitzuteilen.
    Aber Ihr Herr Vater wird die Einmischung eines Fremden mit Recht fr
zudringlich halten, entgegnete Anton, befangen durch die Aussicht, mit dem
Vater Lenorens in Korrespondenz zu treten.
    Mein Vater kennt Sie ja, sagte Eugen berredend; ich erinnere mich, da
meine Schwester mir schon von Ihnen erzhlt hat. Schreiben Sie nur, ich htte
Sie darum gebeten. Es ist wirklich besser, wenn Sie das bernehmen.
    Anton willigte ein. Er setzte sich auf der Stelle hin und berichtete dem
Baron die Warnungen des Hndlers.
    So kam er in der Fremde mit der Familie des Freiherrn in eine neue
Verbindung, welche fr ihn und die Rothsattel verhngnisvoll werden sollte.

                                       4


Glcklich der Fu, welcher ber weite Flchen des eigenen Grundes schreitet;
glcklich das Haupt, welches die Kraft der grnenden Natur einem verstndigen
Willen zu unterwerfen wei! Alles, was den Menschen stark, gesund und gut macht,
das ist dem Landwirt zuteil geworden. Sein Leben ist ein unaufhrlicher Kampf,
ein endloser Sieg. Ihm sthlt die reine Gottesluft die Muskeln des Leibes, ihm
zwingt die uralte Ordnung der Natur auch die Gedanken zu geordnetem Lauf. Er ist
der Priester, welcher Bestndigkeit, Zucht und Sitte, die ersten Tugenden eines
Volkes, zu hten hat. Wenn andere Arten ntzlicher Ttigkeit veralten, die seine
ist so ewig, wie das Leben der Erde; wenn andere Arbeit den Menschen in enge
Mauern einschliet, in die Tiefen der Erde oder zwischen die Holzplanken des
Schiffes, sein Blick hat nur zwei Grenzen, oben den blauen Himmel, und unten den
festen Grund. Ihm wird die hchste Freude des Schaffens, denn was sein Befehl
von der Natur fordert, Pflanze und Tier, das wchst unter seiner Hand zu eigenem
frohen Leben auf. Auch dem Stdter ist die grne Saat und die goldene Halmfrucht
des Feldes, das Rind auf der Weide und das galoppierende Fllen, Waldesgrn und
Wiesenduft eine Erquickung des Herzens, aber krftiger, stolzer, edler ist das
Behagen des Mannes, der mit dem Bewutsein ber seine Flur schreitet, dies alles
ist mein, meine Kraft erschuf es, und mir gereicht es zum Segen. Denn nicht in
mhelosem Genu betrachtet er die Bilder, welche ihm die Natur entgegenhlt. An
jeden Blick knpft sich ein Wunsch, an jeden Eindruck ein Vorsatz, jedes Ding
hat fr ihn einen Zweck, denn alles, das fruchtbare Feld, das Tier und der
Mensch soll Neues schaffen seinem Willen, dem Willen des Gebieters. Die tgliche
Arbeit ist sein Genu, und in diesem Genusse wchst seine Kraft. - So lebt der
Mann, welcher selbst der arbeitsame Wirt seines Gutes ist.
    Und dreimal glcklich der Herr eines Grundes, auf dem durch mehrere
Menschenalter ein starker Kampf gegen die rohen Launen der Natur gefhrt ist.
Die Pflugschar greift tief in den gereinigten Boden, anspruchsvolle
Kulturpflanzen breiten ihre Bltter in ppiger Pracht, auf den Stengeln brunen
sich groe Dolden und krnerreiche Schoten, und unten in der Erde rundet sich
mchtig die fleischige Wurzel. Dann kommt die Zeit, wo sich kunstvolle Industrie
auf den Ackerschollen ansiedelt. Dann ziehn die abenteuerlichen Gestalten der
Maschinen nach dem Wirtschaftshof, der ungeheure Kupferkessel fhrt mit Blumen
bekrnzt heran, groe Rder mit hundert Zhnen drehn sich gehorsam im Kreise,
lange Rhren verschlingen sich in den neugebauten Rumen, und die mechanischen
Gelenke bewegen sich rastlos bei Tag und Nacht. Eine edle Industrie! Sie erblht
aus der Kraft des Bodens und vergrert wieder diese Kraft! Wo der eigene Grund
des Gutes seine Frchte der Fabrik reichlich spendet, da arbeiten im Freien die
uralte Pflugschar, im gemauerten Haus der neue Dampfkessel brderlich
miteinander, um ihren Herrn reicher zu machen, stattlicher und weiser. Solange
er nur die alten Halmfrchte baute, die grne Nahrung der Tiere und die runde
Knollenfrucht, waren die Preise auf dem nchsten Wochenmarkt vielleicht das, was
ihn in der fremden Welt am meisten interessierte; und wenn der Bauer im Dorf
gegen ihn auftrumpfte, so war ihm das vielleicht der grte rger. Und mit
abschlieendem Stolz sah er aus seinem umgrenzten Kreise, wie in die blaue Ferne
hinein in das geschftige Treiben der groen Stdte, in die verwickelten
Verhltnisse, welche durch eine neue Zeit geschaffen sind. Jetzt steht er selbst
mitten zwischen den Rdern des modernen Lebens, aber er gewinnt ber die
Ttigkeit vieler Fremden ein Urteil, er beobachtet viele Strmungen des
menschlichen Geistes auch auerhalb seiner Feldmark. Viele Gesetze des Lebens
lernt er kennen und viele Gedanken der Menschen, er gewinnt einen andern Mastab
fr den Wert des Menschen, jetzt wo er das Gewhl des Marktes, das Arbeitszimmer
des Gelehrten auch fr sich braucht. Er knpft seine Fden an Leute von anderm
Beruf, und Fremde freuen sich, ihm die Hand zu reichen und ihren Vorteil mit dem
seinen zu verbinden. Immer grer werden die Kreise, in welche ihn sein
Interesse zieht, immer mchtiger der Einflu, den er auf andere gewinnt.
    Neben dem lndlichen Tagelhner baut ein neues Geschlecht arbeitsamer
Menschen seine Htten auf den Ackerboden, in jeder Abstufung von Wissen und
Bildung; allen kann er gerecht und allen zum Heil werden. Dann wchst in starker
Zunahme die Kraft seiner Landschaft, der Wert des Bodens steigt von Jahr zu
Jahr, die lockende Aufforderung zu grerem Erwerb treibt auch den zhen Bauer
aus dem Gleise alter Gewohnheit. Der schlechte Feldweg wird zur Chaussee, der
sumpfige Graben zum Kanal. Zwischen den Getreidefeldern fahren die Reihen der
Lastwagen entlang, auf wsten Stellen erheben sich die roten Dcher neuer
Wohnungen; der Briefbote, der sonst nur zweimal in der Woche seine Ledertasche
durch die Fluren trug, erscheint jetzt alle Tage, sein Ranzen ist schwer von
Briefen und Zeitungen; und wenn er bei einem neuen Haus anhlt, um der jungen
Frau, die mit ihrem Mann von fern zuzog, eine Nachricht aus der Heimat zu
bringen, da nimmt er dankend das Glas Milch, das ihm die Erfreute an der Tr
reicht, und erzhlt ihr eilig, wie lang ihm sonst der Weg von einem Dorf zum
andern in der heien Sonne geworden. Dann erwacht auch die Begehrlichkeit, die
kindische Base jedes Fortschritts. Die Nadel des Schneiders hat viel an neuen
Stoffen zu nhen, zwischen den Bauernhusern stellt der kleine Kaufmann seinen
Kram auf, er legt seine Zitronen in das Schaufenster, den Tabak in schnen
Paketen, und lockende Flaschen mit silbernen Zetteln. Und die Schullehrer in den
Drfern klagen ber die Menge der Schler, ein zweites Schulhaus wird gebaut,
eine hhere Klasse eingerichtet; in einem Schrank einer Wohnstube legt der
Lehrer die erste Leihbibliothek an, und der Buchhndler in der Stadt bergibt
ihm neue Bcher zum Verkauf. - So wird das Leben des starken Landwirts ein Segen
fr die Umgegend, fr das ganze Land.
    Wehe aber dem Landwirt, dem der Grund unter seinen Fen fremden Gewalten
verfllt! Er ist verloren, wenn seine Arbeit nicht mehr ausreicht, die Ansprche
zu befriedigen, welche andere Menschen an ihn machen. Die Geister der Natur
gnnen ihren Segen nur dem, welcher ihnen frei und sicher gegenbersteht, sie
empren sich, wo sie Schwche, Eile und halben Mut ahnen. Keine Arbeit wird mehr
zum Heil. Die gelbe Blte der lsaat und die blaue Blume des Flachses
vertrocknen ohne Frucht, Rost und Brand fallen ber das Getreide, in tdlichem
Faulfieber schwindet der kleine Leib der Kartoffel; sie alle, so lange an
Gehorsam gewhnt, wissen sie bitter jede Nachlssigkeit zu strafen. Dann wird
fr den Herrn der tgliche Gang durch die Felder ein tglicher Fluch; wenn die
Lerche aus dem Roggen aufsteigt, mu er denken, da die Frucht schon auf dem
Halme verkauft ist, wenn das Gespann der Rinder den Klee nach den Stllen fhrt,
wei er, da der Ertrag von Milch und Fleisch schon von fremden Glubigern
gefordert ist, und er mu zweifeln, ob die Fruchtbarkeit, welche seinem Acker
durch das Wiederkuen der elustigen Tiere im nchsten Jahr kommen soll, noch
ihm selbst zum Vorteil werden wird. Finster, mrrisch, verzweifelt kehrt er nach
dem Hofe zurck. Leicht wird er dann seiner Wirtschaft und den Feldern fremd, er
sucht jenseits seiner Flur den lstigen Gedanken zu entfliehen, und durch die
Flucht beschleunigt er seinen Untergang. Was ihn vielleicht noch retten knnte,
ein vollstndiges Hingeben an die Arbeit, das wird ihm unertrglich.
    Und dreimal wehe dem Landwirt, der bereilt in unverstndigem Gelst die
schwarze Kunst des Dampfes ber seine Schollen fhrt, um Krfte aus ihnen
hervorzulocken, die nicht darin leben. Ihn trifft der hrteste Fluch, der
Sterblichen beschieden ist. Nicht er allein wird schwcher, er macht auch viele
andere schlecht, die er zum Dienst an sein Leben gebunden hat. In dem Schwunge
der Rder, die er vorwitzig in seinem Kreis aufstellte, wird zerrissen, was in
seiner Wirtschaft noch unversehrt war, die Kraft seines Bodens verzehrt sich in
fruchtlosen Versuchen, seine Gespanne erlahmen an schweren Fabrikfuhren, seine
ehrlichen Landarbeiter verwandeln sich in ein schmutziges, hungerndes
Proletariat. Wo sonst ruhiger Gehorsam wenigstens das Ntige schuf, wuchert
jetzt Hader, Widersetzlichkeit und Betrug. Er selbst ist hineingezogen in die
Wirbel lstiger Geschfte, wie brausende Wellen strzen die Forderungen auf ihn
herein, im verzweifelten Kampf, ein Ertrinkender, sucht er ohne Wahl Hilfe bei
allem, was in den Bereich seiner Hnde kommt, und ermattet vom fruchtlosen
Ringen sinkt er hinab in die Tiefe.
    Auf dem Gute des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei den
Nachbarn, seine Herden waren als kerngesund in der ganzen Landschaft bekannt,
Fehljahre, welche andere niederdrckten, hatten ihm verhltnismig wenig
geschadet; jetzt war das alles wie durch bsen Zauber verndert. In der
Rinderherde brach eine pestartige Krankheit aus, das Getreide stand hoch im
Feld, und als die Garben in der Scheuer zerschlagen wurden, waren der Scheffel
nur wenige, die er aufschtten konnte. berall war sein Anschlag grer gewesen,
als der Ertrag. Zu anderer Zeit htte er's ruhig berwunden, jetzt machte ihn
das krank. Die Ackerwirtschaft wurde ihm verhat, er berlie sie ganz dem
Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er seine
Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rben zu sehn, auf deren Bau er
im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt hatte.
    Hinter den Bumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebude. Viele Stimmen
geschftiger Menschen schrien um den neuen Bau durcheinander. Die erste
Rbenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten aufgeschttet. Mit dem nchsten
Tage sollten die regelmigen Arbeiten in der Fabrik beginnen. Noch immer
hmmerte drin der Kupferschmied, an der groen Presse arbeitete der Mechaniker,
und emsige Frauen trugen Krbe von Spnen und Kalkbrocken aus den Mauern und
suberten mit Scheuerlappen die Sttte, in der sie fortan handlangen sollten.
Der Freiherr stand vor dem Hause; er hrte ungeduldig auf das Klopfen der
Hmmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzgert hatten. Von morgen
begann fr ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte seines Schatzhauses.
Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen, in den nchsten Jahren
zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann sammelte er Geld. Und whrend er so
dachte, sah er auf seine abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des
alten Amtmanns, und eine unbestimmte Furcht schlich wie ein hliches Insekt
ber die unruhig flatternden Bltter seiner Gedanken. Er hatte alles auf diesen
Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypotheken belastet, da er sich in
diesem Augenblick fragen konnte, wieviel davon noch ihm selbst gehre, alles, um
durch den erhrteten Saft der Ackerfrucht den Wappenschild seines Geschlechtes
hher zu stellen. Hte dich, Freiherr! Und wenn du die weien Kristalle hrtest,
da sie klingen wie Stein, sie halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerflieen
im Regen, sie verwittern in der Luft, und was du darauf gegrndet, das strzt in
Trmmer. Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein anderer geworden.
Falten auf der Stirn, zwei mrrische Falten um den Mund und graues Haar an den
Schlfen, das waren die ersten Resultate der ewigen Sorge um Kapital, um die
Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die sonst krftig aus der Brust
geklungen hatte, war scharf und heiser geworden, und eine zornige Hast war in
seinen Gebrden. Schwere Sorge hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt.
Was bei einem groen Bau Mangel an Geld heit, das Elend hatte er grndlich
kennengelernt. Ehrenthal war jetzt ein regelmiger Besucher des Schlosses.
Seine Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn
gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und Rechnungen
gebracht oder Kassenscheine aufgezhlt. Seine Hand, die im Anfange so
ehrerbietig nach der Tasche griff, war sumig geworden, und nur langsam lsten
sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein gebeugter Hals war steif,
sein unterwrfiges Lcheln hatte sich in einen trockenen Gru verwandelt, er
schritt jetzt mit prfendem Blick durch den Wirtschaftshof, und statt der
feurigen Lobrede kam mancher Tadel aus seinem Munde. Der demtige Agent war zum
anspruchsvollen Glubiger herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer
steigendem Widerwillen die Ansprche eines Mannes, den er nicht mehr entbehren
konnte. Aber nicht Ehrenthal allein, auch andere fremde Gestalten klopften an
das Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen. Die
breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem Gasthof des
Dorfes auf das Schlo, und jedesmal, wenn sein schwerer Fu die Stufen betrat,
zog hinter ihm der Mimut in das Haus. Alle Wochen war Ehrenthal auf dem Gute
erschienen, jetzt war die schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den
Geschftsmann. Er war verreist, hie es in der Stadt, und unruhig hrte der
Freiherr auf das Gerusch jedes Wagens, ob nicht einer den Sumigen zufhre, den
Verhaten, Unentbehrlichen. Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schnheit von
vollen Formen und hohem Wuchs; da auch sie von dem Ernst des Lebens berhrt
war, zeigte das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn
warf. Der Bote bringt die Postsachen, sagte sie, ein Paket Briefe und
Zeitungen berreichend. Es ist gewi wieder kein Brief von Eugen dabei.
    Der hat jetzt anderes zu tun, als zu schreiben, antwortete der Vater, aber
er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein Schreiben von
fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche Eugen eingerckt war. Es
war Antons Brief. Schnell ffnete er. Als er in der ehrerbietigen Sprache die
gute Meinung erkannt und den Namen Itzigs gelesen hatte, verbarg er den Brief
hastig in seiner Brusttasche. Die geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz
zusammenzog, berfiel ihn wieder, und gleich darauf folgte der unwillige
Gedanke, da seine Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde
waren. Unbestimmte Warnungen waren das letzte, was er bedurfte, sie demtigten
ihn nur. Lange stand er in finsterem Schweigen neben der Tochter. Da der Brief
aber Nachrichten von Eugen enthielt, so zwang er sich endlich zu sprechen. Da
hat mir ein Herr Wohlfart geschrieben, der jetzt als Kaufmann jenseits der
Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht hat.
    Er! rief Lenore. Er scheint ein ordentlicher Mann zu sein, fuhr der
Freiherr mit berwindung fort. Er spricht mit Wrme von Eugen. Ja, rief
Lenore erfreut, was gewissenhaft und zuverlssig heit, das lernt man kennen,
wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester und der Bruder. Was hat
der dir geschrieben, Vater?
    Geschftliches, das wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von
wesentlichem Nutzen sein kann. Die trichten Knaben haben irgendein Geschwtz
aus dritter Hand gehrt und haben sich um meine Angelegenheiten unntige Sorge
gemacht. Und schwerfllig schritt er nach diesen Worten zu seiner Fabrik.
    Beunruhigt folgte ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und wandte
die Bltter nachlssig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche Anzeige fiel.
Eine dunkle Rte stieg ihm langsam ber die Wangen, das Blatt fiel zur Erde, er
griff mit der Hand an die Bretter eines Wagens und legte seinen Kopf darauf.
Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt auf und sah den Namen der polnischen
Herrschaft, auf welcher der Vater, wie sie wute, ein groes Kapital stehen
hatte. Ein Termin zur Versteigerung der Herrschaft wegen Konkurses war
angezeigt.
    Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein eigenes
Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Grund ruhte, als die
letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte er gedacht, ob es
nicht tricht war, andern in der Fremde sein Geld zu lassen und daheim fremdes
nur zu teuer zu bezahlen, immer hatte er eine Scheu davor gefhlt, auch dies
runde Kapital in seine Unternehmungen zu werfen, er betrachtete es als das
Wittum seiner Gemahlin, als das Erbteil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe
gefhrdet, die letzte Sicherheit war verschwunden, alles um ihn wankte.
Ehrenthal hatte ihn betrogen, er hatte die Korrespondenz mit dem
Bevollmchtigten des polnischen Grafen gefhrt, er hatte ihm am letzten Termin
die Zinsen noch vollstndig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrenthal wute von
den schlechten Verhltnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm
verheimlicht.
    Vater, rief Lenore, ihn von dem Wagen aufrichtend, fasse dich, sprich mit
Ehrenthal, fahr zu deinem Anwalt, es wird auch gegen dieses Unglck eine Hilfe
geben.
    Du hast recht, mein Kind, sagte der Freiherr mit klangloser Stimme, noch
ist mglich, da die Gefahr nicht so gro ist. La anspannen, ich will nach der
Stadt. Verbirg der Mutter, was du gelesen hast, und du, liebe Lenore, begleite
mich.
    Als der Wagen vorfuhr, fand er den Freiherrn noch auf derselben Stelle, wo
die Nachricht in sein Herz gedrungen war. Schweigend sa er whrend der Fahrt in
eine Ecke gedrckt.
    In der Stadt brachte er die Tochter in sein Quartier, da er immer noch
nicht aufgegeben, um seinen Bekannten und seiner Frau nicht den Verdacht zu
erregen, als gehe es zurck mit seinem Vermgen. Er selbst fuhr zu Ehrenthal.
Zornig trat er in das Comtoir und hielt dem Hndler nach rauhem Gru das
Zeitungsblatt entgegen. Ehrenthal erhob sich langsam und sagte mit dem Kopf
nickend: Ich wei, der Lwenberg hat deswegen an mich geschrieben. - Sie
haben mich getuscht, Herr Ehrenthal, rief der Freiherr, mhsam nach Haltung
ringend.
    Wozu? erwiderte achselzuckend der Hndler, wozu sollte ich Ihnen
verstecken, was doch die Zeitung melden mu? Das kommt vor bei jedem Gut, bei
jeder Hypothek. Was ist dabei fr ein Unglck?
    Die Verhltnisse der Herrschaft sind schlecht, Sie haben lange darum
gewut, rief der Freiherr; Sie haben mich betrogen.
    Was reden Sie da von Betrug? rief Ehrenthal erzrnt; nehmen Sie sich in
acht, da nicht ein Fremder Ihre Worte hrt. Ich habe mein Geld bei Ihnen
stehen, wie kann ich ein Interesse haben, Sie kleiner zu machen und grer zu
machen Ihre Verlegenheiten? Ich selber stecke darin bei Ihnen so tief, er wies
auf die Stelle, wo bei den Menschen das Herz zu sitzen pflegt. Htte ich
gewut, da diese Fabrik wird fressen mein gutes Geld, ein Tausend nach dem
andern, wie ein Tier frit, das hinten offen ist, ich htte mich bedacht und
Ihnen auch nicht gezahlt einen einzigen Taler. Ich will mit meinem Gelde fttern
eine Herde Elefanten, aber ich will niemals wieder fttern eine Fabrik. Wie
knnen Sie also sagen, da ich Sie betrogen habe? fuhr er in steigender Hitze
fort.
    Sie haben um den Konkurs gewut, rief der Freiherr, und haben mir
verheimlicht, wie es mit dem Grafen steht.
    Bin ich es gewesen, der Ihnen hat verkauft die Hypothek? frug der
entrstete Ehrenthal. Ich habe Ihnen alle halbe Jahre die Zinsen eingezogen,
das ist mein Unrecht, ich habe Ihnen auerdem gezahlt noch vieles Geld, das ist
mein Betrug. - Vershnend fuhr er fort: Sehen Sie die Sache ruhig an, Herr
Baron, ein anderer Glubiger hat angetragen auf den Verkauf der Herrschaft, die
Gerichte haben's uns nicht angezeigt, oder sie haben die Anzeige geschickt an
eine falsche Adresse. Was tut's? Sie werden jetzt bekommen nach der Subhastation
ausgezahlt Ihr Kapital, dann knnen Sie bezahlen die Glubiger, die Sie auf
Ihrem Gut haben. Es sind, wie ich hre, groe Gter bei dieser Herrschaft, und
Sie haben nichts zu befrchten fr Ihr Kapital.
    Mit dieser zweifelhaften Hoffnung mute sich der Freiherr entfernen.
Niedergeschlagen bestieg er seinen Wagen; er rief dem Kutscher: Zum Justizrat
Horn! aber mitten auf dem Wege gab er Gegenbefehl und fuhr nach seinem Quartier
zurck. Es war zwischen ihm und dem alten Rechtsfreund eine Klte eingetreten.
Er hatte sich gescheut, diesem seine unaufhrlichen Verlegenheiten mitzuteilen,
und war durch einige wohlgemeinte Warnungen desselben verletzt worden, so hatte
er oft die Hilfe anderer Juristen in Anspruch genommen.
    Itzig war in seinem Zartgefhl aus dem Comtoir gestrzt, als er die
Pferdekpfe des Barons auf der Strae erblickt, jetzt steckte er den Kopf wieder
herein. Wie war er? frug er Herrn Ehrenthal.
    Wie soll er gewesen sein, antwortete Ehrenthal unwillig, er war wie ein
Fisch, welcher hat viele Grten; er hat geschlagen mit seinem Kopf in die Luft,
und ich habe gehabt meinen rger. Mein Geld habe ich gesteckt in das Gut, und
Sorgen habe ich um das Gut, so viel Haare auf dem Kopf, weil ich gefolgt bin
Ihrem Rat. - Wenn Sie denken, da ein Rittergut Ihnen geschwommen kommt wie
ein Fisch mit dem Wasser, da Sie nur drfen ausstrecken die Hand und
festhalten, so tun Sie mir leid, versetzte Veitel boshaft.
    Was tue ich mit der Fabrik? rief Ehrenthal, das Gut ist fr mich gewesen
zweimal soviel wert, ohne den Schornstein.
    So verkaufen Sie die Ziegeln, wenn Sie den Schornstein erst haben,
versetzte Veitel ironisch. Ich wollte Ihnen noch sagen, da ich morgen einen
Besuch habe von einem Bekannten aus meiner Gegend. Ich kann morgen nicht kommen
in Ihr Comtoir.
    Sie haben in dem letzten Jahr so oft Ihre eigenen Gnge gemacht, erwiderte
Ehrenthal grob, da mir nichts daran liegt, wenn Sie auch lnger fortbleiben
aus meinem Kontor.
    Wissen Sie, was Sie gesagt haben? fuhr Veitel auf. Sie haben mir gesagt:
Itzig, ich brauche dich nicht mehr, du kannst gehen. Ich aber werde gehen, wenn
es mir recht ist, und nicht, wenn es Ihnen recht ist.
    Sie sind ein dreister Mensch, rief Ehrenthal; ich will Ihnen verbieten,
da Sie so zu mir reden. Wer sind Sie, junger Itzig?
    Ich bin der, welcher wei Ihre ganzen Geschfte, ich bin der, welcher Sie
ruinieren kann, wenn er will, und ich bin der, welcher es gut zu Ihnen meint,
besser als Sie selber. Und deswegen, wenn ich bermorgen in das Comtoir komme,
werden Sie zu mir sagen: Guten Morgen, Itzig! Haben Sie mich verstanden, Herr
Ehrenthal? Er ergriff seine Mtze und eilte auf die Strae, dort brach sein
unterdrckter Zorn gegen Ehrenthal in helle Flammen aus, er schwenkte heftig die
Hnde und murmelte drohende Worte. Dasselbe tat Ehrenthal in seinem Comtoir.
    Der Freiherr fuhr zu seiner Tochter zurck, er setzte sich niedergeschlagen
auf das Sofa, und die liebevollen Worte Lenores gingen ungehrt bei seinem Ohr
vorber. Er hatte nichts, was ihn noch in der Stadt zurckhielt als seine
Furcht, der Baronin die traurige Nachricht mitzuteilen. Er brtete ber Plnen,
wie er den mglichen Verlust berwinden konnte, und malte sich wieder mit den
schwrzesten Farben aus, welche Folgen dies Ereignis haben mute. Unterdes sa
Lenore schweigend am Fenster und sah hinunter in das Getmmel der Straen, auf
die Lastwagen, welche vorberrasselten, und auf die Strme geschftiger
Menschen, die auf dem Trottoir dahinzogen, unaufhrlich, ohne Rast, um Verdienst
und Genu. Und whrend Lenore sich frug, ob wohl einer von all den Leuten, die
vorbergingen, den heimlichen Kummer, die Furcht, die Nutzlosigkeit gefhlt
habe, die in den letzten Jahren ber ihr junges Herz gekommen waren, da sah
zuweilen einer von unten zu den Spiegelfenstern des stattlichen Hauses auf, dann
ruhte sein Auge bewundernd auf dem schnen Mdchen, und er beneidete vielleicht
das Glck der Vornehmen, die so ruhig von oben herabsehn auf die Leute, die sich
um den Verdienst plagen mssen.
    So wurde es dunkel auf der Strae, das Licht der Laternen warf einen matten
Schein in das Zimmer, Lenore sah auf die Schatten und Lichtstreifen, welche sich
an der Stubenwand bewegten, und mit der steigenden Finsternis vergrerte sich
das Bangen in ihrer Brust. Vor der Haustr aber standen zwei Mnner in eifrigem
Gesprch, der eine trat in das Haus, die Klingel wurde gezogen, ein schwerer
Tritt schallte im Vorzimmer. Der Bediente trat ein und meldete Herrn Pinkus. Bei
dem Namen fuhr der Freiherr auf, forderte Licht und eilte in das Nebenzimmer.
    Der Herbergsvater trat bei dem Freiherrn ein und neigte einige Mal seinen
groen Kopf, beeilte sich aber nicht zu sprechen; der Freiherr sttzte sich auf
die Tischplatte, wie einer, der bereit ist, alles zu hren. Was bringen Sie mir
so spt?
    Der Herr Baron wei, da morgen der Wechsel fllig ist mit zehntausend
Talern. - Knnen Sie nicht erwarten, da ich Ihnen bei der Verlngerung Ihre
zehn Prozent einrechne? frug der Freiherr mit Verachtung. Ich glaubte erst
morgen das Rechenexempel machen zu mssen.
    Da es Ihnen nicht recht ist, das Exempel zu machen, erwiderte Pinkus, so
bestehe ich nicht darauf. Ich komme Ihnen anzeigen, da ich pltzlich in die
Lage gekommen bin, Geld zu brauchen; ich werde Sie morgen bitten um die
zehntausend.
    Der Freiherr trat einen Schritt zurck. Das war der zweite Schlag, und
dieser traf sein Leben. Er hatte geahnt, da noch etwas kommen wrde, ihn zu
zermalmen; jetzt wute er genau, da alles unntz war, was er noch sagen konnte.
Sein Gesicht war fahles Gelb, als er mit heiserer Stimme begann: Wie knnen Sie
diese Forderung stellen, nach dem, was wir miteinander besprochen haben? Wie oft
haben Sie mir beteuert, da diese Wechselform nichts als eine leere Frmlichkeit
sei?
    Es ist gewesen bis heut eine Frmlichkeit, sagte Pinkus, jetzt wird's ein
Zwang. Ich habe morgen zu zahlen zehntausend Taler an einen Mann, dem ich
verpflichtet bin.
    Dann sprechen Sie mit dem Mann, sagte der Freiherr, ich bin bereit, Ihnen
neue Zugestndnisse zu machen, ich bin aber jetzt auerstande, zu zahlen.
    Dann, Herr Baron, tut mir's leid, Ihnen zu sagen, da man gegen Sie
verfahren wird nach Wechselrecht.
    Der Freiherr schwieg und wandte sich ab.
    Wann darf ich morgen wiederkommen nach meinem Geld? frug Pinkus.
    Um diese Stunde, erwiderte eine Stimme, welche hohl klang, wie die Stimme
eines Greises. Mit einem neuen Kopfnicken entfernte sich Pinkus, der Freiherr
wankte in sein Zimmer zurck. Sein Kopf sank auf die Lehne des Sofas herab,
erstarrt dachte er an das, was jetzt kommen mute. Lenore kniete neben ihm
nieder, sie fate sein Haupt und legte es auf ihre Schultern, sie nannte ihn mit
den zrtlichsten Namen und flehte ihn an, doch wieder zu sprechen. Er hrte
nichts und sah nichts, in ihm schlug es wie mit einem Hammer immer strker und
schneller. Die hohlen Gebilde von buntem Glas, die er sich ausgeblasen hatte,
zersplitterten in Scherben, er ahnte jetzt die schreckliche Wahrheit, er war ein
ruinierter Mann.
    So sa er bis zum spten Abend, die Tochter brachte ihn endlich dazu, einen
Schluck Wein zu trinken und an die Heimkehr zu denken. Ja, fort von hier, rief
er endlich, ins Freie. So fuhren sie ab. Als die Bume der Landstrae bei ihm
vorbeiflogen, und die frische Luft in sein Gesicht schlug, kam seine Seele
wieder in Spannung. Diese Nacht und der ganze nchste Tag gehrten ihm, in
dieser Zeit mute sich eine Hilfe finden. Es war nicht die erste Verlegenheit,
die er empfand, und er hoffte jetzt sogar, es werde nicht die letzte sein. Er
war diese Wechselschuld von ursprnglich siebentausend und einigen hundert
Talern eingegangen, weil der Schurke, der ihm heut das Geld kndigte, vor
einigen Jahren zu ihm gekommen war und ihm das Geld angeboten, ja aufgedrngt
hatte, zuerst mit den niedrigsten Zinsen. In dem sicheren Mut eines glcklichen
Unternehmers hatte er das Geld angenommen. Es hatte einige Wochen mig
dagelegen, dann hatte er es angegriffen, und Schritt vor Schritt hatte der
Glubiger seine Forderungen gesteigert bis zum Solawechsel und einem bermigen
Zinsfu. Jetzt trotzte der Schurke. War er wie die Ratte, welche den
bevorstehenden Untergang des Schiffes merkt und sich zu retten sucht? Der
Freiherr lachte auf, da Lenore zusammenfuhr - aber er war nicht der Mann, sich
widerstandslos dem Gauner in die Hnde zu geben, er wute, die Nacht und der
nchste Tag muten ihm Hilfe bringen. Ehrenthal konnte ihn nicht im Stiche
lassen.
    Er fhlte die Notwendigkeit, sich zu beherrschen, er gewann es ber sich,
mit seiner Tochter wieder von gleichgltigen Dingen zu sprechen. Es sind
unangenehme Geschfte, die sich jetzt drngen, sagte er, und ich bin durch die
vielen Ansprche, welche man in der letzten Zeit an mich gemacht hat, auch
krperlich angegriffen. Es wird vorbergehn, mein Kind. Jedem Unternehmer kommt
solche Zeit; ist die Fabrik erst im Gange, so ist das rgste berstanden.
    Es war Nacht, als sie nach Hause kamen, der Freiherr eilte auf sein Zimmer.
Er legte sich zu Bett, aber er wute, da das eine Szene war, die er nur seinem
Bedienten vorspielte; das war wieder eine Nacht, so der Schlaf sein Haupt nicht
berhren sollte. Vom Turme der Dorfkirche schlug eine Stunde nach der andern,
der Freiherr zhlte jeden Schlag, und nach jeder Stunde pochte das Blut
strmischer in seinen Adern, und heier wurde seine Angst. Wo war Rettung? Es
gab fr ihn keine andere, als Ehrenthal. Aller Widerwille, den er dagegen
empfand, morgen als Bittender vor diesen Mann zu treten, flo dahin mit dem
Fieberschwei, der von seiner Stirn rann. So lag er und rang die Hnde; und wenn
der Schlummer, das stille Kind der Nacht, sich seinem Lager nherte, immer erhob
sich das graue Gespenst der Angst neben seinem Haupt und trieb mit drohender
Gebrde den hilfreichen Gott aus seiner Nhe. Gegen Morgen erst verlor er die
Empfindung seines Elends.
    Schneidende Mitne drangen aus dem Hofe in sein Zimmer und weckten ihn; die
Arbeiter der Fabrik zogen mit der Dorfmusik unter sein Fenster und brachten ihm
ein Stndchen. Zu anderer Zeit htte er sich ber den gutwilligen Eifer gefreut,
heut hrte er nur die unreinen Klnge, und sie qulten ihn. Hastig kleidete er
sich an und eilte in den Hof. Sein Haus war bekrnzt, die Arbeiter hatten sich
vor der Tr aufgestellt, sie empfingen ihn mit lautem Zuruf, er mute den Mund
auftun und ihnen sagen, da er sich dieses Tages freue und da er, viel Gutes
von ihm erwarte, und whrend er sprach, fhlte er, wie unwahr seine Worte waren
und wie gebrochen sein Mut. Er lie anspannen, ehe er noch seine Frau und
Tochter begrt hatte, und jagte wieder der Stadt zu. Er stand in Ehrenthals
Hause und schttelte an der Tr des Comtoirs; noch war die Tr verschlossen,
sein Diener mute den Hndler vom Frhstck herunterholen.
    Unruhig ber das Auerordentliche des frhen Besuches erschien Ehrenthal, er
hatte sich diesmal nicht beeilt, den alten Schlafrock auszuziehn. Der Freiherr
trug sein Anliegen so kaltbltig vor, als es ihm nach der schlaflosen Nacht
mglich war. Ehrenthal geriet in die grte Entrstung. Dieser Pinkus, rief er
einmal ber das andere, er hat sich unterstanden, Ihnen Geld zu borgen gegen
einen Wechsel! Wie kann er Ihnen borgen eine so groe Summe? Der Mann hat keine
zehntausend Taler, er ist ein kleiner Mann ohne Mittel. Der Freiherr gestand
ihm, da die Summe ursprnglich geringer gewesen war, aber dies Gestndnis
steigerte die Unruhe Ehrenthals.
    Von sieben zu zehn! rief er und rannte heftig auf und ab, da der
Schlafrock um ihn flog, wie die Flgel einer Eule. Fast dreitausend Taler hat
er genommen! Ich habe immer ein schlechtes Zutrauen zu diesem Menschen gehabt,
jetzt wei ich, was er ist! Er ist ein Spion, ein Achseltrger, der auf zwei
Schultern trgt!
    Er hat auch nicht gegeben die siebentausend, sein ganzer Kram ist nicht
siebentausend wert.
    Die starke sittliche Entrstung des Hndlers warf einen Freudenschimmer in
die Seele des Freiherrn; wie unrecht hatte er dem Mann oft in seinen Gedanken
getan! Auch ich habe Ursache, diesen Pinkus fr einen gefhrlichen Menschen zu
halten, sagte er.
    Aber diese Bestimmung gereichte dem Freiherrn zum Unheil, der Zorn
Ehrenthals wandte sich jetzt gegen ihn. Was rede ich von dem Pinkus, schrie
er; er hat gehandelt, wie ein Mensch von seiner Art handeln mu. Aber Sie, der
Sie sind ein Edelmann, wie haben Sie in solcher Weise an mir handeln knnen? Sie
haben hinter meinem Rcken mit einem andern Geschfte gemacht und haben ihn in
kurzer Zeit verdienen lassen drei von sieben auf Wechsel. Auf Wechsel, fuhr er
fort; wissen Sie, was das heit, auf Wechsel?
    Auch ich wnschte, sagte der Freiherr, da die Schuld nicht ntig gewesen
wre; da aber heut der Verfalltag ist, und der Mann in eine Verlngerung nicht
willigt, so mssen wir versuchen, Zahlung zu schaffen.
    Was heit wir! fuhr Ehrenthal zornig auf; Sie mssen Zahlung schaffen,
sehen Sie zu, wie Sie Geld schaffen fr den Mann, dem Sie dreitausend haben
geschrieben in seine Tasche. Sie haben mich nicht gefragt, als Sie ausgestellt
haben den Wechsel, Sie brauchen mich nicht zu fragen, wie Sie werden zahlen das
Geld. 
    In dem Freiherrn lagen Angst und Zorn im Kampfe.  Migen Sie Ihre Sprache,
Herr Ehrenthal, rief er.
    Was soll ich mich migen, schrie der Hndler; Sie haben sich nicht
gemigt, und der Pinkus hat sich nicht gemigt, ich will mich auch nicht
migen.
    Ich werde wiederkommen, sagte der Freiherr, wenn Sie die Haltung gewonnen
haben, die ich mir gegenber unter allen Umstnden erbitten mu.
    Wenn Sie wieder Geld von mir wollen, so kommen Sie nicht wieder, Herr
Baron, rief Ehrenthal. Ich habe kein Geld mehr fr Sie; lieber will ich werfen
die Taler auf die Strae, als Ihnen noch zahlen einen einzigen in Ihr Gut.
    Der Freiherr verlie schweigend das Zimmer. Sein Elend war gro, er mute
das Geznk des gemeinen Mannes ertragen. Jetzt fuhr er in der Stadt bei seinen
Bekannten umher und stand die Qual aus, alle Stunden von neuem um Geld zu bitten
und immer abschlgige Antwort zu erfahren. Zum Mittag war seine Kraft gebrochen.
Er kehrte in sein Quartier zurck und berlegte, ob er noch einmal zu Ehrenthal
gehn oder ob er die Zahlung des Wechsels wegen wucherischer Zinsen verweigern
solle. Da schlich der in sein Haus, welcher bis dahin sein Leben in weitem
Kreise umlauert hatte, er, der knftige Besitzer des Gutes, der Erbe der
Rothsattel. Der Freiherr wunderte sich, als eine fremde Gestalt, die er kaum ein
oder das andere Mal gesehen hatte, in sein Zimmer trat, ein hageres Gesicht von
rtlichem Haar eingefat, zwei verschmitzte Augen, und um den Mund ein grotesker
Zug, wie man ihn auf den lachenden Larven des Karnevals sieht.
    Veitel verneigte sich tief und begann: Gndiger Herr Baron, haben sie die
Gewogenheit zu verzeihen, da ich mit einem Geschft zu Ihnen komme. Ich habe
den Auftrag von Herrn Pinkus, das Geld einzukassieren fr den Wechsel. Ich
wollte Sie untertnigst fragen, ob Sie vielleicht so gndig sein wollten, mir zu
zahlen das Geld. 
    Der finstere Ernst der Stunde ging dem Freiherrn verloren, als er die lange
Gestalt sah, welche sich krmmte, Gesichter schnitt und in possenhafter
Artigkeit zu vergehen bemht war. Wer sind Sie? frug er mit der Wrde eines
groen Herrn.
    Veitel Itzig ist mein Name, gndiger Herr, wenn ich mir erlauben darf,
Ihnen das zu melden.
    Der Freiherr fuhr zusammen, als er den Namen Itzig hrte. Das war der Mann,
vor dem er gewarnt war, der Unsichtbare, Erbarmungslose. Wieder schnrte ihm die
Angst das Herz zusammen.
    Ich war bis jetzt Buchhalter bei Ehrenthal, fuhr Itzig bescheiden fort.
Aber der Ehrenthal wird mir zu gro; ich habe geerbt ein kleines Vermgen, ich
habe es bergeben dem Pinkus in sein Geschft. Jetzt bin ich dabei, mich selbst
zu etablieren.
    Sie knnen das Geld jetzt nicht bekommen, erwiderte der Freiherr ruhiger.
Diese hilflose Gestalt konnte schwerlich ein gefhrlicher Gegner sein.
    Ausgezeichnet, sagte Veitel, es ist mir eine Ehre, zu hren von dem
gndigen Herrn, da Sie mir's zahlen werden am Nachmittag. Ich habe Zeit. - Er
zog eine silberne Uhr heraus. - Ich kann warten bis gegen Abend. Und damit ich
den Herrn Baron nicht inkommodiere durch Wiederkommen zu einer Stunde, wo ich
Ihnen nicht recht bin, oder wo Sie nicht zu Hause sind, so will ich mir die
Freiheit nehmen, mich zu stellen auf Ihre Treppe. Ich kann stehen, sagte er,
als wollte er eine Einladung des Freiherrn, sich auf die Treppe zu setzen, im
voraus ablehnen. Ich halte aus bis heut abend um fnf. Der gndige Herr braucht
sich meinetwegen gar nicht zu genieren. Durch die demtige Fratze Veitels klang
es wie Hohn, dem Freiherrn fiel das Schreckliche der Stunde von neuem auf das
Herz. Veitel ging mit Verbeugungen an die Tr und zog sich wie ein Krebs aus der
Stube zurck. Da rief der Freiherr ihn zurck. Wie festgezaubert blieb er in
gekrmmter Stellung stehn. Er sah in diesem Augenblick vollstndig aus, wie ein
etwas schwacher und wunderlicher Mensch. Der warnende Brief hatte dem armen
Teufel von Buchhalter zur Last gelegt, was vielleicht Ehrenthal selbst
gesprochen hatte. Jedenfalls war mit diesem Mann bequemer zu verkehren, als mit
einem anderen.
    Knnen Sie mir angeben, frug der Freiherr mit innerer berwindung, wie
ich Ihnen fr Ihre Forderung Deckung geben kann, ohne da ich heut oder in
diesen Tagen die Summe auszahle?
    Veitels Augen blitzten wie die eines Raubvogels, aber er schttelte den Kopf
und zuckte lange mit den Achseln, whrend er sich den Schein gab, nachzudenken.
Gndiger Herr Baron, sagte er endlich, vielleicht gibt es ein Mittel, das
letzte Mittel. Sie haben eine Hypothek von zwanzigtausend Talern auf Ihrem Gut,
welche Ihnen selber gehrt und welche bei Ehrenthal im Comtoir liegt. Ich will
machen, da der Pinkus Ihnen lt die zehntausend und will Ihnen noch schaffen
zehn, wenn Sie meinem Freunde zedieren diese Hypothek.
    Der Freiherr lachte auf. Wahrscheinlich wissen Sie nicht, entgegnete er
streng, da ich das Instrument bereits an Ehrenthal zediert habe.
    Verzeihen Sie, gndiger Herr, das haben Sie nicht getan, es ist keine
gerichtliche Zession vorhanden.
    Aber mein schriftliches Versprechen, sagte der Freiherr.
    Veitel zuckte die Achseln: Wenn Sie versprochen haben, dem Ehrenthal zu
stellen eine Hypothek fr sein Geld, warum mu es gerade sein diese? Und was
brauchen Sie eine Hypothek fr Ehrenthal? In diesem Jahr erhalten Sie Ihr
Kapital, das Sie haben auf der Herrschaft bei Rosmin, dann knnen Sie ihn
bezahlen mit barem Geld. Bis dahin lassen Sie ruhig die Hypothek in seinen
Hnden, es braucht kein Mensch zu wissen, da Sie uns gemacht haben eine
Zession. Wenn Sie die Gnade haben wollen, mit mir zu gehen zu einem Notar und
meinem Freunde vor diesem die Hypothek zu verschreiben, so schaffe ich Ihnen
noch heut zweitausend Taler, und an dem Tage, wo Sie das Instrument legen in
unsere Hnde, zahle ich Ihnen den Rest.
    Der Freiherr hatte sich gezwungen, diesen Antrag mit einem Lcheln
anzuhren. Endlich sagte er kurz: Was Sie mir vorschlagen, kann ich nicht
annehmen, denken Sie an einen anderen Ausweg.
    Es gibt keinen, sagte Veitel, aber es ist erst Mittag, ich kann warten
bis um fnf. Er machte wieder seine tiefen Bcklinge und wandte sich an der Tr
noch einmal um. Was Sie, gndiger Herr, jetzt von Geld brauchen, sagte er
ernst, das sind die zehntausend Taler allein; Sie werden in den nchsten
Monaten noch ntig haben ebensoviel fr Ihre Fabrik, und um zu retten Ihr
Kapital auf der polnischen Herrschaft. Wenn Sie mir zedieren die Hypothek, haben
Sie das ganze Geld. Und noch eine Bitte habe ich an meinen gndigen Herrn:
Geruhen Sie nicht gegen Ehrenthal zu sprechen von unserm Geschft; er ist ein
harter Mann und wrde mir schaden mein Leben lang.
    Seien Sie ohne Sorge, sagte der Freiherr mit einer verabschiedenden
Handbewegung. Veitel entfernte sich.
    Der Freiherr ging mit groen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige Mann
ihm vorgeschlagen hatte, whlte sein Inneres auf. Ja, es war Rettung fr ihn aus
dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er konnte darauf nicht eingehen,
das verstand sich von selbst. Er war lcherlich, der ihm den Antrag machte, und
man konnte ihm nicht einmal zrnen, er verstand's nicht anders. Aber der
Freiherr hatte sein Wort verpfndet, er durfte an die Sache gar nicht mehr
denken.
    Und doch, wie gering war fr ihn die Gefahr. Die Dokumente blieben ruhig in
Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt, dann zahlte
er die Summe bar an Ehrenthal und lste seine Dokumente ein. Kein Mensch durfte
etwas von dem Geschft erfahren. Und wenn es zum Schlimmsten kam, so lie er
eine neue Hypothek fr Ehrenthal auf sein Gut ausfertigen, er bewilligte ihm
noch eine Entschdigung, und der Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den
Gedanken von sich ab, und unaufhrlich kam er zurck. Es schlug eins, es schlug
zwei Uhr; er klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug
gelegentlich, ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der
Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab, ohne ihn
anzusehn, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit abgezogenem Hut neben
ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren solle, da erst fiel ihm ein, da
er es selbst nicht wute. Zu Ehrenthal! sagte er endlich.
    Ehrenthal hatte unterdes einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche
Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flte ihm den Argwohn ein,
da auer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron spekuliere. Er
schickte zu Pinkus, berschttete diesen mit Vorwrfen und suchte auf jede Weise
zu erfahren, woher das Kapital gekommen sei. Pinkus aber war aufs beste
geschult, er zeigte eine eherne Stirn und war grob. Darauf schickte Ehrenthal
nach Itzig. Itzig war nirgends zu finden.
    So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr; er
wute am besten, da diese neue Schuld nicht ntig war, um den Edelmann im
ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und zrnte ihm
deshalb als einem Toren, der sich eine so unntige Verlegenheit bereitete. Und
er sagte ihm mit drren Worten, da der Tag gekommen sei, wo seine Geldzahlungen
aufhren mten. Es gab wieder eine heftige Szene, der Freiherr ging erbittert
aus dem Comtoir, setzte sich in seinen Wagen und beschlo, noch einen letzten
Besuch bei einem frheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.
    Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartier ankam. An der
Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorbereilenden eine tiefe
Verbeugung machte und ruhig stehenblieb. Die Kraft des Freiherrn war erschpft.
Er setzte sich in die Sofaecke wie am Tage zuvor und starrte vor sich hin. Es
gab keine Rettung, das wute er jetzt genau, keine andere als die, welche dort
unten im Schatten des Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wsten Abspannung
erwartete er, was kommen wrde. Unttig, ohne sein Haupt von der Lehne zu
erheben, hrte er die Viertelstunden von vier zu fnf schlagen. Wieder schlug es
in seinem Haupt wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem Augenblick
nher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag der fnften Stunde
war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte, der Freiherr erhob sich von
seinem Pult. Itzig ffnete die Tr und hielt zwei Papiere in der Hand.
    Ich kann nicht zahlen, rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme entgegen.
    Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: Hier ist der
Entwurf zu einem Vertrage.
    Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehn:
Kommen Sie zu einem Notar.
    Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schlo seiner Vter zurckkehrte. Das
bleiche Mondlicht glnzte auf den Trmchen und den Vorsprngen des Baues,
schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche den Grund des
Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das Haus war das Gesicht
des Mannes, der sich in dem Wagen zurcklehnte und die Lippen zusammenprete,
als einer, der nach einem langen Kampf zur Entscheidung gekommen ist. Er sah
gleichgltig auf das Wasser, auf die Mauern seines Hauses und auf das kalte
Mondlicht am Dach, und doch war ihm lieb, da die Sonne nicht schien, und da er
das Haus seiner Vter nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er
mhte sich, in die Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er berlegte
alle Vorteile, die er von seiner Fabrik haben mute, er dachte hinein bis in die
Zeit, wo sein Sohn hier wohnen wrde als ein befestigter reicher Mann, ohne die
Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen Geldleuten gefhrt und
sein Haupt gebleicht hatten. Er dachte an alles, aber auch die liebsten seiner
Gedanken waren ihm gleichgltig geworden, und er mute sich zwingen, sie
festzuhalten. Er stieg ab und griff nach der gefllten Brieftasche, bevor er
seiner Gemahlin die Hand reichte und Lenore mit einem Kopfnicken grte, welches
ihren ngstlichen Blick beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und
es gelang ihm, Scherze ber den unruhigen Tag zu machen; aber er fhlte, da
etwas zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm
fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand faten, so zuckte er leise,
als msse er die Hand zurckziehen. Und wenn seine Frau ihn zrtlich ansah, da
lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im grten Leid als auf die letzte
Hilfe hingesehn hatte, jetzt etwas, das er nicht ertragen konnte, und er schlug
das Auge zu Boden. Er schritt zu der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft
des Herrn warteten, und erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen
zusammengesetzt ber der Tr brannte, darber die siebenzinkige Krone seines
Geschlechts; und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die
Seele.
    Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem
andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tnze. Sie spielte auch
denselben Marsch, unter dem er mit dem Regiment oft vor seinem alten General
vorbeimarschiert war, der den jungen Offizier wie ein Vater geliebt hatte. Er
dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers und an seine Kameraden, er
dachte auch an ein Ehrengericht, das die Offiziere des Regiments einst ber
einen Unglcklichen gehalten hatten, der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und
gebrochen. Er ging in sein Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster
wurde und er nichts mehr von allem sah, nicht sein Schlo und seine Fabrik,
nicht den prfenden Blick seiner Frau. Und wieder hrte er auf dem Lager eine
Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage mute er denken: Es gibt
jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar dasselbe getan hat,
was damals einen Jngling dazu brachte, sich eine Kugel in den Kopf zu schieen.
Hier liegt der Mann und kann nicht schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen
hat.

                                       5


Die Frhlingsstrme fuhren ber das Flachland, als Anton in das Geschft
zurckgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, groer
Beschwerde gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in Klte und
Schnee durch verwstete Landschaften gereist, weit hinein in den Osten und
Sden, bis an die Berge Siebenbrgens und in die Weidelnder der Magyaren. Er
hatte viel Trauriges gesehen, niedergebrannte Edelhfe, zerstrten Wohlstand,
unsichere Menschen, Hunger, Roheit und brennenden Ha der Parteien.
    Um welche Stunde kommt er? frug Sabine den Bruder.
    In wenigen Stunden, mit dem nchsten Bahnzug.
    Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlsselbund. Und noch sind die Mdchen
nicht fertig, ich mu selbst zum Rechten sehn. Heut abend soll er bei uns essen,
Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.
    Der Bruder lachte. Verzieht ihn nur nicht.
    Dafr ist gesorgt, sagte die Tante. Wenn er einmal wieder im Comtoir
sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, auer mittags, lange
suchen.
    Unterdes suchte Sabine unter ihren Schtzen, belud den Arm des Bedienten mit
allerlei Paketen und sah ungeduldig in den Hof hinab; ob die Herren noch nicht
aus dem Hinterhause in das Comtoir gehen wollten. Endlich huschte sie selbst in
Antons Stube. Sie warf noch einen prfenden Blick auf das Sofakissen, das sie
fr den Abwesenden gestickt hatte, und ordnete in einer Alabasterschale alle
Blumen, welche der Grtner aufgetrieben hatte. Als sie so ber der Schale stand,
fielen ihre Blicke auf die Wnde des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche
Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den kostbaren
Teppich, den noch Fink ber den Fuboden gezogen hatte. Zum erstenmal seit
langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fu gemieden hatte, solange der
andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er jetzt? Ihr war heut, als sei sie
seit vielen vielen Jahren von ihm getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr
wie das bange Gefhl nach einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt
hier wohnte, konnte sie offen sagen, wie wert er ihr geworden war, und freudig
durfte sie der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte fr alles, was er
ihrem Bruder getan.
    Aber Sabine! rief die Tante erschrocken an der Tr. Auch die Tante hatte
es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.
    Was hast du? frug Sabine aufsehend.
    Aber es sind ja die gestickten Vorhnge, die du aufgezogen hast. Die
gehren doch nicht ins Hinterhaus, in diese Herrenwirtschaft.
    La sie hngen, sagte Sabine lchelnd.
    Und die berzge, und diese Handtcher, das ist unerhrt, es sind ja deine
besten Stcke. Mein Gott! Die berzge mit Spitzen, und auch das rosa Futter
dazu. 
    La dir's gefallen, Tante, rief Sabine errtend. Der heut zurckkommt,
hat es wohl verdient, da er das beste aus den alten Schrnken erhlt. 
    Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schtteln. Wenn ich's nicht selbst
she, ich htte es keinem geglaubt. So etwas fr den tglichen Gebrauch zu
geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. - Man wird ihn nach und nach um
einige Nummern herabsetzen mssen; er merkt's nicht, das ist mein einziger
Trost. Nein, da ich das erleben mute! Sie schlug die Hnde zusammen und
verlie aufgeregt das Zimmer.
    Sabine ergriff wieder die Schlssel und eilte ihr nach. Sie macht gegen
Traugott unntze Worte, sagte sie sich leise im Gehen, ich mu ihr beweisen,
da es nicht anders einzurichten war.
    Unterdes war auch dem Reisenden zumute wie einem Sohn, der nach langer
Abwesenheit in das Vaterhaus zurckkehrt. Auf den letzten Stationen vor der
Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlgen; das alte Haus und die
Kollegen, das Geschft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle fuhren in
lachenden Bildern vor seinem Auge vorber. Endlich hielt die Droschke vor der
geffneten Haustr. Da standen die Frachtwagen, die Tonnen, der Leiterbaum. Da
rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche hell ber die breite Strae klang,
seinen Namen, ri den Wagenschlag auf und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind
aus dem Wagen hebt. Da eilte Herr Pix bis auf die Strae, schttelte ihm lange
die Hand und bemerkte in seiner Freude nicht, da unterdes sein schwarzer Pinsel
diese Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu
malen. Dann kam Anton bei den groen Wagen vorbei und schttelte mit der Hand
vergngt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Comtoir, wo bereits die
Lampen brannten, und rief herzhaft seinen guten Abend hinein. Mit lautem Ruf
erhoben sich die Kollegen wie ein Mann und drngten sich um ihn. Herr Schrter
eilte aus der Hinterstube herzu, und als er sein Willkommen! rief und die Hand
entgegenhielt, fuhr ein heller Strahl von Freude ber sein ernstes Gesicht. Das
waren glckliche Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich fr einen
gereiften Mann schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem
Comtoir nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestm auf ihn zu
und wedelte unmig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mhe, sich seiner
Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der Diener mit vergngtem
Lcheln entgegen und ri respektvoll die Tre auf. berrascht sah sich Anton um,
der Raum war festlich geschmckt, im Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches
Feuer, eine grne Girlande hing ber der Tr, auf dem Sofa lag ein neues
gesticktes Kissen, auf dem Tisch stand ein zierliches Teeservice und daneben
eine Alabasterschale mit Blumen. Das Frulein hat selbst alles aufgestellt,
vertraute ihm Franz. Anton beugte sich ber die Schale und betrachtete die
einzelnen Blumen aufs genaueste. Sie waren im allgemeinen anderen
Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unhnlich, aber Anton starrte in sie hinein,
als htte er noch nie etwas hnliches gesehen. Darauf nahm er das Kissen,
befhlte und streichelte die Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder
an ihre Stelle. Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den
Rcken und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschpf wieder auf den
Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfnglich fr solche Freundlichkeit,
denn in dem roten Scheine des Kaminfeuers glnzte sie hell und lebendig, und es
klang durch das Zimmer wie ein leises Schnurren.
    Wieder eilte Anton in das Comtoir, dem Chef ber seine letzte Ttigkeit
Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und besprach
mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher Weise, wie man mit
einem Freund ber wichtige Angelegenheiten verhandelt. Es war doch eine ernste
Unterredung. Vieles war verloren und nicht weniges noch gefhrdet. Erst in der
Ferne war Anton mit dem ganzen Umfange der Gefahr bekannt worden, welche das
Geschft bedroht hatte. Und er erkannte, da die Ttigkeit vieler Jahre ntig
sei, um die Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fden
neue anzuknpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. Ihrer
Umsicht und Energie verdanke ich viel, schlo er, ich hoffe, Sie werden mir
helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wiederzugewinnen; das
Unvermeidliche werden wir tragen. Und als Anton hinausging, rief er ihm
lchelnd nach: Es ist noch jemand, der Ihnen zu danken wnscht; ich bitte Sie,
heut abend mein Gast zu sein.
    So trat Anton an sein Pult, ffnete das langverschlossene und legte sich
Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht viel. Jordan
weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden Arbeitsstuben hrte die
unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem andern verlie seinen Platz und kam
zu Antons Stuhl. Herr Baumann klopfte dem Stubennachbar mehrmals leise auf den
Rcken und ging dann immer wieder vergngt auf seinen Platz zurck, und Herr
Specht hockte in groer Aufregung an dem Gelnder neben Antons Sitz, und seine
Fragen und verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr
Liebold legte das Lschblatt mehrere Minuten vor der Schlustunde in das
Hauptbuch und zog sich nach dem vorderen Comtoir. Sogar Herr Purzel trat, die
heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlag; zuletzt kam auch Herr Pix in
das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzhlen, da er schon seit einigen Monaten
keine Solopartie gespielt, und da Specht unterdes in einen Zustand gekommen
sei, der mit Verrcktheit eine unverkennbare hnlichkeit habe.
    Am Abend betrat Anton den obern Stock des Vorderhauses. Die Portiere
rauschte zurck, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen glnzten
feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die Todesgefahr vom Haupt
des Bruders abgewandt hatte.
    Frulein! rief Anton erschrocken und zog die Hand zurck.
    Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen, Wohlfart! rief Sabine und hielt ihn
mit beiden Hnden fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklrt durch eine
Rhrung, welche sie nicht bewltigen konnte. Als Anton das Mdchen betrachtete,
welches mit gerteten Wangen, so bewegt und dankbar zu ihm aufsah, da erkannte
er, da seit jenem Streich des slawischen Sbels auch seine Stellung zur Familie
und zu ihr gendert war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den
Arbeiter des Comtoirs von dem Frulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen
Freude, welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, da er selbst in dieser
Zeit ein Mann geworden war, wohl wert, da ein Weib seiner Kraft und Ruhe
vertraute.
    Er erzhlte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Munde zu
vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden Zeit.
Andchtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein anderer, seine Zge
waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede fest. Ihr Auge suchte den
klaren Glanz des seinen, und wenn sein voller Blick freudig auf sie fiel, schlug
sie das ihre unwillkrlich nieder. Nie war ihr aufgefallen, wie hbsch und
stattlich er war. Heut sah sie auch das. Ein offenes mnnliches Antlitz, darber
das kastanienbraune lockige Haar, zwei prchtige Augen von dunklem Blau, ein
krftiger Mund und auf den Wangen ein feines Rot, das in der wachsenden
Empfindung sich vernderte, wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war
ihr neu geworden und doch wie ein lieber vertrauter Freund.
    Die Tante kam herein, die gestickten Vorhnge hatten in ihrer Seele eine
Erschtterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein Seidenkleid
und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrung war laut und wortreich,
und ihre Bemerkung, da der neue Backenbart Herrn Wohlfart sehr gut stehe, wurde
durch ein stilles Kopfnicken der Nichte besttigt.
    Da habt Ihr den Helden des Comtoirs, rief der Kaufmann. Jetzt zeigt, da
Ihr Ritterdienste besser zu lohnen wit, als durch schne Worte. Tragt ihm auf,
was Kche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer Gefhrte. Der Rheinwein
erwartet, da Sie nach manchem schweren Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.
    In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die vier
sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas ber den Tisch:
Willkommen in der Heimat! Willkommen im Hause! rief Sabine. Da sagte er
leise: Ich habe eine Heimat, ich habe ein Haus, in dem ich mich wohl fhle.
Durch Ihre Gte habe ich beides gewonnen. Viele Abende, wenn ich dort drauen in
einer schlechten Herberge sa, unter wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur
unvollkommen verstand, da habe ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es
fr mich sein wrde, wieder Ihr Angesicht und diese Rume zu sehen. Denn das
Bitterste auf Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fhlen,
ohne einen guten Freund, ohne eine Sttte, an welcher das Herz hngt.
    Und als er spt am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgru:
Wohlfart, ich wnsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan verlt
uns mit dem nchsten Vierteljahr, um als Associ in die Handlung seines Oheims
zu treten. Ich habe Sie fr seine Stelle bestimmt. Ich wei, da ich keinen
besseren Mann zu meinem Stellvertreter im Geschft machen kann.
    Als Anton in sein Zimmer zurckkehrte, da fhlte er, was der Mensch nur in
wenigen Stunden des Lebens ungestraft fhlen darf, da er glcklich war, ohne
Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sofa, sah auf das Kissen und die
Blumen, und seine Gedanken flogen zurck ber die letzten Stunden. Immer wieder
sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine Hand niederbeugte und ihm dankte.
Lange sa er so in holdem Traume und legte sein mdes Haupt auf die seidenen
Arabesken, welche Sabinens Hand gestickt hatte.
    Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das
Postzeichen war von New York, die Adresse von Finks Hand.
    Fink hatte ihm in dem ersten Jahre der Trennung einigemal geschrieben, fast
immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschften, noch weniger von den
Plnen, welche er im Hinterhause fr seine Zukunft gemacht hatte. Dann war eine
lange Zeit verstrichen, in welcher Anton ohne jede Nachricht vom Freunde
geblieben war, er wute nur, da Fink viele Zeit auf Reisen im Westen der Union
zubrachte, wo er als Bevollmchtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein
Oheim gestanden, und im Interesse verschiedener Kompagnien, an welchen der
Verstorbene teilhatte, ttig war. Aber mit Bestrzung las Anton heut folgendes:
    Es mu endlich doch heraus, was ich Dir armem Jungen gern verschwiegen
htte. Ich bin unter die Ruber und Mrder gegangen. Wenn Du einen harten
Kehlabschneider brauchst, wende Dich nur an mich. Ich lobe mir einen Burschen,
der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens das Vergngen, mit dem
Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann die Klasse von
Niedertrchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich fhlt. Mein Los ist
weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der Schelmereien, welche andere
ausgedacht haben, auf einem Wege fortgetrieben, welcher eine haarstrubende
hnlichkeit mit der Chaussee hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der
Tiefe bereiten. Wie das Felsstck in der Schneemasse, so stecke ich, von allen
Seiten eingeengt, in der eisigen Klte der furchtbarsten Spekulationen, welche
je groartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Gte gehabt,
grade mich zum Erben seiner Lieblingsprojekte, der Spekulationen mit Land, zu
machen. Lange vermied ich, mich selbst in die Einzelheiten dieses Geschfts zu
verlieren. Ich lie ein Jahr lang Westlock diesen Teil der Erbschaft bearbeiten.
Wenn das feig war, so fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten,
welche mir die Brsengeschfte des toten Herrn machten. Endlich wurde die
bernahme auch dieser Ttigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr
bestimmte Ahnungen ber die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen hatte, den
der Tote statt eines Gewissens mit sich herumtrug, so ist mir jetzt ganz
unzweifelhaft geworden, da die Absicht seines Testaments war, sich fr die
kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn gehabt, dadurch zu rchen, da er mich
zum Spiegesellen von alten verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so
gro ist, da Satan selbst den Schwanz in die Tasche stecken und sich als
Schornsteinfeger verkleiden wrde, um ihnen zu entlaufen.
    Diesen Brief erhltst Du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem anmutigen
Ort, der dadurch nicht besser wird, da er auf Spekulation von meinem Geld
gebaut ist. Einige Holzhtten, die Hlfte davon Schenken, bis unter das Dach
angefllt mit einem schmutzigen und verworfenen Gesindel von Auswanderern, von
denen die Hlfte an Fulnis und Fieber darniederliegt. - Auch was noch
umherluft, ist ein hohlugiges, verkmmertes Geschlecht, alle Kandidaten des
Todes. Tglich, wenn die armen Trpfe die aufgehende Sonne erblicken, sooft sie
den unbescheidenen Wunsch fhlen, etwas zu essen und zu trinken, tglich vom
Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschft, auf die Landhaifische zu
fluchen, welche ihnen ihr Geld fr Transportkosten, fr Land und Improvements
abgenommen, und sie in diese Gegend gefhrt haben, welche zwei Monate im Jahr
unter Wasser steht und die brige Zeit einem zhen Brei hnlicher sieht, als
irgendwelchem Lande. Die Mnner aber, welche sie auf diesen kotigen Weg ins
Himmelreich weisen, sind meine Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink,
bin der Glckliche, der hier allstndlich mit jedem Fluch der deutschen und
irischen Zunge beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was
als Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn und
China zu fttern. In meiner Stube kriechen, whrend ich dies schreibe, drei
nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mtter sind so pflichtvergessen
gewesen, dies Jammertal zu verlassen, und ich geniee den Vorzug, die
froschartigen Scheuslchen ber den Nachttopf zu halten. Eine angenehme
Beschftigung fr meines Vaters Sohn! Wie lange ich hier festsitzen werde, wei
ich nicht, mglicherweise bis der letzte gestorben ist.
    Unterdes bin ich mit meinen Associs in New York zerfallen, ich habe den
Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die Teilhaber an der
groen Westlandkompanie sind zusammengekommen, man hat Reden gegen mich gehalten
und Beschlsse gefat. Mich wrde das wenig kmmern, wenn ich einen Weg she,
mich von dieser Bande loszumachen. Aber der Tote hat die Sache so schlau
eingerichtet, da ich festgeschnrt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind
ungeheure Summen in diese wste Spekulation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram
kndige, so bin ich sicher, da sie Mittel finden werden, mich die ganze Summe,
die der Tote gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das durchsetzen
soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die Firma Fink und Becker zu
ruinieren, das sehe ich noch nicht. Unterdes wnsche ich Deine Meinung ber das,
was ich tun soll, nicht zu hren. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich wei sie
ohnedies. Ich wnsche berhaupt keinen Brief von Dir, Du einfltiger,
altfrnkischer Tony, der Du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache
Geschichte, wie ein Butterbrot streichen. Denn habe ich alles getan, was ich
konnte, die einen begraben, die andern gefttert und meine Kompagnons so sehr
gergert, als mir mglich ist; dann ziehe ich auf einige Monate weiter nach
Westen, in eine ehrliche Prrie, wo weniger Gekrchz von Alligatoren und
Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein wird, als hier. Finde
ich auf der Prrie Tinte und Stift, so schreibe ich Dir wieder. Ist dieser Brief
der letzte, den Du von mir erhltst, so widme nur eine Trne und sage in Deiner
salbungsvollen Art: Schade um ihn, er hatte auch seine guten Seiten!
    Darauf folgte eine genaue kaufmnnische Darstellung der Geschfte Finks und
die Statuten der Landkompagnie.
    Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich an
den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot desselben, die
ganze Nacht hindurch.
    Noch in dem ruhigen Licht der nchsten Tage behielt Anton die erhobene
Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Kollegen scherzte, immer
fhlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des groen Hauses die Wurzel
geschlagen hatte. Auch den andern wurde das bemerkbar. Am Mittagstisch war die
Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der Prinzipal, auch Anton und
Sabine fhrten das Gesprch. In einer Zeit, wo das Geschft wenig Freudiges
brachte, kam in diese drei ein neues Leben. Der Kaufmann wandte seine Rede fast
ausschlielich zu Anton, und wenn Anton erzhlte, dann hrte der ganze Tisch
aufmerksam zu, und zuweilen klang ein heiteres Lachen aller Kollegen um die
feierliche Tafel. Auch des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft
in das Vorderhaus geladen, dann sa er mit den Frauen und dem Prinzipal am
kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm das
persnliche Verhltnis zu einem Mann wurde, der so innig mit den Interessen
seines Geschfts verwachsen war und in dessen frischem und geordnetem Sinn er
ein Bild seiner eigenen Jugend vor sich sah. Fr Sabine wurden diese Stunden ein
Genu. Es war ihr ein freudiger Fund, wenn sie im Gesprch ber die Neuigkeiten
des Tages, ber ein gelesenes Buch, ber Erlebtes und Gefhltes wahrnahm, da
der Mann, der jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so vielem mit ihr
bereinstimmte. Seine Bildung, sein Urteil berraschten sie, sie sah sein
ehrliches Gemt pltzlich in glnzenden Farben vor sich stehen, wie der Reisende
staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm wogender Nebel lange
verhllt hat.
    Friedlich fanden sich die Kollegen in die ungewhnliche Stellung ihres
Genossen. Da er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wuten sie aus dem
eignen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde sogar fr Herrn Pix ein Grund,
die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung zu ertragen. Anton tat
das Seine, dem Comtoir seine Persnlichkeit wert zu erhalten. An freien Abenden
lud er die einzelnen auf sein Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft
bei ihm zusammen. Jordan beklagte sich lchelnd, da er schon bei Lebzeiten
vergessen sei, und das Comtoir gewhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den
stillen Ratgeber der Jngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann
zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke Anwandlungen von
Missionsgelsten gehabt hatte und jetzt nur durch die berzeugung zurckgehalten
wurde, da in der schwierigen Gegenwart ein gebter Kalkulator dem Geschft
nicht fehlen drfe. Am eifrigsten aber bemhte sich um Antons Gunst der
phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende einen romantischen Heiligenschein
bekommen. Was Anton etwa erlebt hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht
mit den grellsten Farben aus. Er war geneigt, anzunehmen, da der Kollege auer
den Abenteuern, welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare
erlebt hatte, die zu verbergen er durch geheimnisvolle Verhltnisse gezwungen
war.
    Leider war seine eigene Stellung zu den Kollegen whrend Antons Abwesenheit
mchtig erschttert worden. Er war immer der Gegenstand gewesen, an welchem sich
die gute Laune der andern aufzurichten pflegte, wie die Schlingpflanze an einem
dnnen Bumchen, und er war oft von den Blten fremden Witzes fast erstickt
worden. Jetzt sah Anton mit Bedauern, da der gute Herr Specht in dem Zustand
allgemeiner Miachtung lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben,
wenigstens schwebte zwischen ihm und den beiden Bssen eine finstere Wolke des
Mimuts. Sooft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz
unbestreitbar war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das
ungehrige Wort: Krbis entgegen. Fast alles, was Specht sagte, war Krbis;
sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkrper in den unteren Regionen von einem
Munde zum anderen, und sooft das Wort ausgesprochen wurde, geriet Herr Specht in
leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekrnkt das Gesprch ab und zog sich aus
der Gesellschaft der andern in sich selbst zurck.
    Anton besuchte an einem Abend den Verfemten auf seinem Zimmer. Schon vor der
Tr hrte er die scharfe Stimme des Kollegen, welcher das berhmte Lied: Hier
sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekrnzt von dem erhabenen Ort seiner
Behausung - Herr Specht wohnte drei Treppen hoch - in das Haus hinuntersang. Als
Anton leise die Tr ffnete, sa Specht in kunstvoller Attitde, grazis auf
einen Arm gesttzt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen,
da Anton einige Augenblicke stehnblieb, den Begeisterten nicht zu stren. Es
war kein groes Zimmer, welches Specht bewohnte, und die Erfindungskraft des
Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben einen Charakter zu geben, welcher
von dem Wesen gewhnlicher Stuben verschieden war. Es sah in der Tat keiner
andern irdischen Behausung hnlich. Alle Wnde waren mit Bildern berzogen, mit
Portrts berhmter Knstlerinnen, viele im Kostm ihrer Rolle, dazwischen ragten
zahlreiche Konsolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Tonfiguren und andere
Merkwrdigkeiten standen. Da der Konsolen mehr waren, als der darauf zu
stellenden Gegenstnde, so hatte Specht die leeren mit Tassen und
Champagnerflaschen interimistisch besetzt. ber dem Bett hing ein groer
Ritterschild von glnzendem Messingblech, daneben groe Fechthandschuhe und ein
Kcher mit Pfeilen. ber den Pfeilen war ein Zettel an die Wand geschlagen, mit
einem gemalten Totenkopf und zwei gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort:
Vergiftet!. Dahinter drei Ausrufungszeichen.
    Am aufflligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort schwebte
etwas ber Manneshhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an einem Haken der
Decke festgehalten. Darunter standen groe Tongefe, mit Erde gefllt, und von
den Gefen liefen zahlreiche gespannte Schnre bis zu dem Reifen. Unter dem
Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen Baumsten und einige Sthle aus
Weidenruten. Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer ein durchaus unerhrtes
Aussehen, und die freie Bewegung der darin befindlichen Gliedmaen wurde fr
jeden andern, als den erfahrenen Bewohner, sehr schwierig. Es war nicht
abzusehen, welchen Zweck diese geheimnisvolle Vorrichtung hatte. Allerdings
erinnerten der wilde Tisch, die Sthle und Erdtpfe den menschlichen Geist
gewissermaen an Garten und freie Natur, whrend wieder die ausgespannten
Schnre eine entfernte hnlichkeit mit Strickleitern hatten, welche zum Mastkorb
eines Schiffes hinauffhrten. Zuletzt neigte sich Anton zu der Ansicht, da
diese Erfindung eine Menschenfalle vorstelle, welche nach dem Muster eines
Spinngewebes gebaut und darauf berechnet war, die Kpfe und Beine boshafter
Kollegen festzuhalten. Wenigstens sa Specht selbst als Dirigent in der Mitte
des Netzwerks, und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die
Eintretenden durch vorgespiegelten grnen Rasen und falsche Veilchenkrnze ins
Garn zu locken.
    Anton blieb auerhalb der Falle stehn und rief endlich Specht von der Tr
an: Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon fr ein Bindfadensystem
ausgebreitet?
    Specht sprang auf und versetzte mit glnzenden Augen: Es ist eine Laube.
    Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grnes.
    Es kommt, sagte Specht und fhrte den Besuch zu seinen Gefen. Bei
nherer Betrachtung entdeckte Anton in den Tpfen einige schwache Efeuranken,
welche bestaubt und verkommen wie die berreste dmmeriger Traumbilder aussahen,
welche dem erwachenden Menschen noch einige Augenblicke an den Fden seiner
Seele hngen, um gleich darauf fr immer zu vergehen.
    Aber Specht, dieser Efeu wird's nicht tun, sagte Anton.
    Er ist auch nicht allein da, belehrte Specht geheimnisvoll; sehen Sie,
hier kommt noch anderes. Er wies auf einige magere, spargelhnliche Gebilde,
welche sich aus den Tpfen erhoben und mit nichts anderem zu vergleichen waren,
als mit den unglcklichen Versuchen zu keimen, welche die Kartoffeln zur Zeit
des Frhjahrs in einem warmen Keller anstellen.
    Und was sollen diese Keime bedeuten?
    Es sind Bohnen und Krbisse, sagte Herr Specht. Das Ganze wird eine
Krbislaube; in einigen Wochen werden die Fden von den Ranken belaufen sein.
Denken Sie sich, Wohlfart, wie famos das aussehen wird! Von allen Seiten die
grnen Ranken, die Blten und die groen Bltter. Das Ganze wird ein Zelt sein
mit zwei Eingngen. Die meisten Krbisse werde ich abschneiden, damit mir die
Last nicht zu schwer wird, einzelne la ich hngen, es werden Netze
daruntergemacht. Bitte, stellen Sie sich das ganze dicke Grn vor, dazwischen
die gelben Blten, es wird reizend aussehen! Das soll ein Sitz sein, mit guten
Freunden eine Flasche Wein zu trinken, oder vierstimmig zu singen.
    Ach, die guten Freunde hatten Herrn Specht verlassen, er lie sich aber alle
Sonntage vom Bedienten eine halbe Flasche Wein holen, setzte vier Glser auf den
Tisch und trank eins nach dem andern aus.
    Aber Specht, frug Anton lachend, knnen Sie denn im Ernst glauben, da
die Krbisse in Ihrer Dachstube wachsen werden? - Warum sollen sie nicht
wachsen? rief Herr Specht gekrnkt. Sie sind gerade wie die andern. Die
Pflanzen haben ja Sonne, ich sorge fr frische Luft, ich giee mit Rinderblut,
sie haben alles, was sie brauchen.
    Aber sie sehen verzweifelt krnklich aus.
    Das ist nur der Anfang, die Luft ist drauen noch kalt, und wir haben
einige Wochen gehabt, wo der Sonnenschein fehlte. Spter schieen sie auf einmal
in die Hh. Wenn einer nichts von einem Garten hat, mu er sich zu helfen
wissen. Er sah sich vergngt in der Stube um. Sehen sie, im Dekorieren eines
Zimmers will ich's mit jedem reichen Mann aufnehmen. Natrlich nach meinen
Mitteln. Aus lbildern mache ich mir nicht viel, sie werden in der Regel
schwarz; meine Bilder hier werden hchstens ein wenig heller. Es hat mich Geld
gekostet, dafr ist es hier hbsch geworden. Mein Zimmer ist nicht gro, aber es
ist wohnlich.
    Ja, entgegnete Anton, auer fr gewisse Unarten unruhiger Menschen, als
Geradestehen und Umhergehen. Darauf mu man hier verzichten. Sie knnen nur
solchen Besuch gebrauchen, der sich gleich an der Tr auf den Fuboden setzt.
    Ruhig zu sitzen, ist ja eine Hauptregel bei der Unterhaltung, versetzte
Specht. Leider sind die Menschen oft schlecht und ohne Herz. - Finden Sie nicht
auch, Wohlfart, da in unserem Comtoir einige Kollegen gemtlos sind? sagte er
leise.
    Manchmal etwas kurz, erwiderte Anton, aber die Meinung ist gut.
    Ich finde das nicht, seufzte Specht. Ich bin jetzt ganz allein und mu
meinen Trost auer dem Hause suchen. Wenn ich kann, gehe ich ins Theater, oder
zu den Reitern, und wenn ein Zwerg kommt oder ein Seehund, und natrlich in die
Konzerte.
    Aber das hilft doch nicht immer gegen die Einsamkeit.
    
    Nein, versetzte Specht; denn es kostet Geld, und Sie wissen, ich habe
keinen hohen Gehalt, und ich frchte, ich werde auch nicht mehr kriegen, als
jetzt. Von Hause aus hatte ich Vermgen, sagte er wichtig, aber ein Vetter von
mir, der mein Vormund war, hat mich darum gebracht. Htte ich's noch, knnte ich
vielleicht mit vieren fahren. Glauben Sie mir, ich wre auch nicht glcklicher.
Wenn nur der Pix nicht so grob wre, klagte er wieder. Es ist schauderhaft,
Wohlfart, das alle Tage anhren zu mssen. - Ich wollte ihn fordern, whrend Sie
verreist waren, rief er und wies auf ein altes Rapier, dessen Klinge hinter dem
Bett hervorragte. Aber er benahm sich schlecht. Ich schrieb ihm, da es mir
sehr leid tte, ihn fordern zu mssen, und es wre mir gleichgltig, wo er sich
mit mir duellieren wollte. Ich schlug ihm entweder den Berg auf der Promenade
vor oder auch unsern Oberboden, wo Raum genug ist, und ersuchte ihn um eine
Mitteilung ber die Waffen, welche er fr passend hielte. Da schrieb er mir
unhflich zurck, er wrde sich nur im Hausflur duellieren, wo er sich alle
Stunden des Tages aufhielte, und was die Waffen betrfe, so knnte ich fechten,
womit ich wollte, seine Waffe wre der groe Pinsel, er sei bereit, mir auf jede
Backe eine Signatur zu machen. Sie werden mir zugeben, das ich darauf nicht
eingehen konnte. Das gab Anton zu.
    Jetzt hetzt er die andern Kollegen wider mich auf, fuhr Specht kleinlaut
fort. Der Zustand ist fr mich unertrglich, ich kann gar nicht mehr mit den
andern zusammensein, ohne da ich beleidigt werde. Aber ich wei, wodurch ich
mich rche. Ich spare jetzt. Wenn die Krbisse erst blhen, dann gebe ich allen
einen Satz, nur Pix lade ich nicht ein; wie er's damals mit Ihnen gemacht hat,
Wohlfart. Ich will uns beide an ihm rchen.
    Gut, sagte Anton, das gefllt mir. Aber wissen Sie was: da auch ich den
Kollegen eine Aufmerksamkeit schuldig bin, so wollen wir beide zusammen das Fest
in Ihrer Stube geben.
    Das ist ausgezeichnet von Ihnen, Wohlfart, rief Specht glcklich.
    Und wir wollen nicht warten, fuhr Anton fort, bis die Krbisse gro
geworden sind, sondern wollen uns unterdes durch anderes Grn helfen.
    Gut, sagte Specht, vielleicht durch Tannenbume.
    Ich werde dafr sorgen, fuhr Anton fort, und endlich wollen wir Pix nicht
ausschlieen, sondern gerade dazu laden. Das ist eine viel feinere Rache, die
Ihres guten Herzens am wrdigsten ist.
    Meinen Sie? frug Specht zweifelhaft.
    Gewi߫, sagte Anton. Ich schlage nchsten Sonnabend vor, die Einladung
machen wir gemeinschaftlich.
    Schriftlich, rief Specht vergngt, auf rosa Papier.
    Das ist recht, sagte Anton. Darauf berieten die beiden in der Laube die
nhere Einrichtung des Festes.
    Die Kollegen waren nicht wenig verwundert, als sie einige Tage darauf durch
bunte Billette, die Herr Specht geheimnisvoll vor Anfang der Comtoirstunden auf
den Platz eines jeden gelegt hatte, zur Krbisblte in Herrn Spechts Stube
eingeladen wurden. Da Antons geachteter Name mit unterzeichnet war, so blieb
ihnen nichts brig, als die Einladung anzunehmen. Unterdes zog Anton das
Frulein in das Geheimnis und erbat von ihr aus dem Garten einige vorhandene
Efeustcke und was sonst von Blumen gerade entbehrlich war, Specht aber
arbeitete die ganze Woche bei verschlossenen Tren in seiner Stube, und am Tage
des Festes bezog er mit Hilfe des Bedienten den leeren Bindfaden mit grnen
Ranken, stellte einige blhende Strucher in Gruppen, lie sich eine Anzahl
bunter Glaslampen holen und befestigte an den Ranken trichterfrmige Erfindungen
aus gelbem und weiem Papier, welche mit Krbisblten ganz besondere hnlichkeit
hatten.
    Durch diese Vorrichtungen erhielt das Zimmer das Aussehen, welches Herr
Specht in seinen Trumen schon lange geahnt hatte. Die Kollegen waren hchlich
berrascht. Als letzter trat Herr Pix herein, und auch er vermochte ein
erstauntes Donnerwetter! nicht zu unterdrcken, als er die unglckliche Laube
wirklich umrankt und mit gelben Blten bedeckt sah, welche in dem farbigen
Lampenlicht schimmerten und von ihrem Draht freundlich herunternickten. Die
groen Tongefe waren durch Strucher verdeckt, in der Mitte der Laube hing
eine rote Lampe wie ein Glhwurm herab, und auf dem Gartentisch stand ein riesig
groer Krbis. Anton ntigte das Quartett in die Laube und besetzte mit den
brigen alle noch leeren Teile der Stube, auch das Bett war mit Polster
berdeckt und mute als zweites Sofa dienen.
    Als sich alle gelagert hatten, trat Specht an den groen Krbis und rief
feierlich: Sie haben mich lange mit dem Krbis geneckt, hier ist meine Rache.
Hier ist der Krbis. Er ergriff den kurzen Stiel und hob den oberen Teil ab.
Der Krbis war hohl, eine Bowle stand darin.
    Die Kollegen lachten und riefen Bravo! und Specht schenkte die Glser
voll.
    Dennoch war im Anfange eine gewisse Spannung zwischen Herrn Specht und den
brigen Herren nicht abzuleugnen. Zwar das verrufene Wort Krbis wurde nicht
gehrt, aber seine Vorschlge fanden selten bereitwillige Aufnahme. Als Anton
ein Bndel trkischer Pfeifen, die er in der Fremde fr die Kollegen gekauft
hatte, herbeitrug und unter die Anwesenden verteilte, da machte Specht den
Vorschlag, da alle sich als Trken mit gekreuzten Beinen auf das Bett oder den
Fuboden setzen sollten. Und dieser Vorschlag fiel durch. Auch als er die
Behauptung aufstellte, da die tscherkessischen Mdchen, welche jetzt von ihren
Eltern in die trkischen Familien verkauft werden, bei grerer Ausdehnung
unserer Handelsverbindungen mit dem Orient bis zu uns kommen wrden, um die
Rolle der Kellnerinnen in den bayerischen Bierkellern zu bernehmen, da konnte
selbst diese Behauptung sich keine Anerkennung erringen. Aber nach und nach
wirkte der milde Inhalt des Krbis auf die strengen Seelen der Kollegen.
    Zuerst wurde der Zwiespalt unter den musikalischen Naturen des Hauses
ausgeglichen. Anton brachte die Gesundheit des Quartetts aus. Das Quartett
dankte mit einiger Befangenheit, da es sich gerade vor vier Wochen in Miklngen
aufgelst hatte. Es ergab sich aus dstern Andeutungen der Bsse, da Specht
eine ungehrige Forderung an sie gestellt hatte. Herr Specht hatte sie benutzen
wollen, um einer Robndigerin des Zirkus, der entzckenden Tillebi, ein
Stndchen zu bringen. Die Bsse hatten sich geweigert, bei solchem nchtlichen
Werk ttig zu werden, und Specht war auf diese Weigerung in heftigen Zorn
geraten und hatte geschworen, keinen Ton mit den andern zu singen, solange sie
der Unvergleichlichen aus abgeschmackten Bedenken ihre Huldigung verweigerten.
Htte er das Stndchen noch am Abend bringen wollen, sprach Balbus, so wren
wir vielleicht um des lieben Friedens willen mitgegangen, aber er behauptete, es
mte um vier Uhr frh geschehen, weil das die Stunde sei, wo die Kunstreiter
aufstnden, um ihre Pferde zu fttern. Das war uns doch zu arg. Unterdes ist das
Frauenzimmer mit einem Bajazzo durchgegangen.
    Das ist nicht wahr, rief Specht; der Bajazzo hat sie gewaltsam entfhrt.
    Jedenfalls hat er uns dadurch einen Dienst erwiesen, sagte Anton, denn er
hat den Herren die Erfllung Ihres krftigen Schwurs unmglich gemacht. Und so
sehe ich keinen Grund, weshalb Sie als Knstler und treue Kollegen noch lnger
der Ausbung Ihrer musikalischen Virtuositt entsagen sollen. Wie ich hre,
waren Sie, liebster Specht, ein wenig heftig, machen Sie den Herren darber Ihre
Entschuldigung, wie sie einem Mann von Ehre wohl ansteht, alsdann schlage ich
den Herren vor, das Quartett auf der Stelle neu zu begrnden.
    Da erhob sich Specht und sprach: Nach dem Rat meines Freundes Wohlfart
mache ich Ihnen meine Entschuldigung, bin brigens bereit, Ihnen in jeder Art
Rede zu stehen. Worauf er sein Glas austrank und den Bssen heftig die Hand
schttelte.
    Darauf wurden die Notenbcher gebracht, und mit Behagen lieen alle vier in
der Krbislaube ihre Stimme erschallen.
    Noch blieb die Vershnung mit Pix als das schwerste Werk. Specht sah seinen
Gegner den ganzen Abend mitrauisch an.
    Pix sa gefhllos auf dem Bett und streichelte den Pluto, welcher mit ihm
zur Abendgesellschaft gekommen war.
    Specht go Pix das Glas voll und stellte es auf den Bettpfosten. Pix trank
es schweigend aus. Specht fllte das Glas von neuem und begann in weltmnnischem
Ton: Nun, Pix, wie finden Sie den Krbis?
    Es ist eine verrckte Idee, sagte Pix.
    Gekrnkt wandte sich Specht ab und sah wieder unruhig auf seinen Gegner.
Nach einer Weile streckte er die Fe mit scheinbarem Behagen aus, verbarg seine
Hnde in den Hosentaschen und sprach ber die Schulter: Sie werden mir zugeben,
Pix, da man ber manche Dinge verschiedene Ansicht haben kann und deshalb doch
nicht feindlich zu sein braucht.
    Das gebe ich zu, sagte Pix.
    Warum also, fuhr Specht heftig fort und sprang auf, warum sind Sie mein
Feind? Warum denken Sie gering von mir? Es ist hart, mit seinen Kollegen in
Feindschaft leben. Ich will Ihnen nicht verschweigen, da ich Sie achte und da
mir Ihr Benehmen unangenehm ist. Sie haben mir Genugtuung verweigert und sind
doch noch bse auf mich. 
    Erhitzen Sie sich nicht, sagte Pix, ich habe Ihnen keine Genugtuung
verweigert und ich bin gar nicht bse auf Sie.
    Wollen Sie mir das vor allen diesen Herren erklren? rief Specht erfreut,
wollen Sie mit mir anstoen? Er holte sein Glas.
    Kommen Sie her, sagte Pix vershnlich, ich habe gar nichts mehr gegen
Sie, ich sage nur, das mit den Krbissen war ein verrckter Einfall.
    Es ist noch mein Einfall, rief Specht das Glas zurckziehend, ich dnge
mit Rinderblut, in einigen Wochen werden sie grn sein.
    Nein, sagte Pix, das ist vorbei fr immer, morgen frh werden auch Sie
das einsehen. Und jetzt kommen Sie her und stoen Sie an, von den Krbissen soll
zwischen uns nicht mehr die Rede sein.
    Specht stie verdutzt an und wurde gleich darauf sehr lustig.
    Die Last war von ihm genommen, welche ihn lange gedrckt hatte. Er sang, er
schttelte allen Kollegen die Hnde und wurde gro in gewagten Behauptungen.
    Als Anton mit den Kollegen die Treppe hinabstieg, bemerkte er, da Pluto
etwas Gelbliches im Maule trug und eifrig daran kaute. Es sind Spechts
Krbisse, sagte Pix, der Hund hat sie fr Rindfleisch gehalten und smtlich
abgebissen.

                                       6


Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem Anteil auf die
verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des Gelehrten war noch faltiger
als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus Wachs, unordentlich hing sein
lockiges Haar um die feuchte Stirn, die Augen blitzten in fieberhafter Aufregung
dem Besuch entgegen. So lange waren Sie in der Fremde, rief er klagend; ich
habe mich alle Tage nach Ihnen gesehnt. Jetzt, da Sie zurck sind, wird es auch
mit mir besser werden.
    Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gesprch aufrege, erwiderte
Anton.
    Nein, sagte Bernhard, ich will ruhig zuhren, Sie sollen von Ihrer Reise
erzhlen.
    Anton begann seinen Bericht. Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir uns
oft miteinander gewnscht haben, fremde Menschen und ein strmisches Treiben.
Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden, und doch ist mir bei vielem,
was ich erlebte, die berzeugung gekommen, da es kein greres Glck gibt, als
sich in seiner Heimat mitten unter seinen Landsleuten tchtig zu rhren. Manches
habe ich erfahren, was auch Sie gefreut htte, weil es poetisch war und die
Seele bewegte, aber zuletzt war das Widerwrtige doch im Vordergrund.
    Es war dort, wie berall auf der Erde, sagte Bernhard. Wo ein groes
Gefhl das Herz erschttert und den Menschen vorwrtstreiben mchte, wirft die
Erde ihren Schmutz daran, und das Schne verkmmert, und alles Groe wird
lcherlich gemacht. Es ist woanders wohl auch nicht besser, als bei uns.
    Das ist unser alter Streit, sagte Anton heiter, sind Sie noch nicht
belehrt, Unglubiger?
    Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete
niedersehend: Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.
    Ei, rief Anton neckend, und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's etwas,
das Sie erlebt haben? Gewi, so mu es sein.
    Was es auch war, sagte Bernhard mit einem Lcheln, das sein Gesicht wie
ein heller Schein berflog, ich glaube, da es auch bei uns Schnheit und
Liebenswrdigkeit gibt, ich glaube, da auch bei uns das Leben groe
Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere Schmerzen. Und ich
glaube, fuhr er traurig fort, da man auch bei uns unter dem Druck eines
furchtbaren Schicksals untergeht.
    Besorgt hrte Anton diese Worte und sah, wie das groe Auge des Kranken
begeistert in die Hhe blickte. Gewi ist es, wie Sie sagen, erwiderte er
endlich, aber das Allerschnste, was diesem Leben den hchsten Wert gibt, ist
doch, wenn die Kraft des Menschen grer ist, als alles, was auf ihn eindringt.
Ich lobe mir einen Mann, der sich Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht
ber den Kopf wachsen lt, der selbst, wenn er unrecht getan hat, sich immer
wieder herauszureien wei.
    Wenn es aber zu spt ist, und wenn die Macht der Verhltnisse strker wird
als er?
    Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhltnisse, sagte Anton. Ich
denke mir, wenn einer noch so sehr umdrngt ist, und er will nur eine tchtige
Kraft daransetzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird Wunden davontragen
wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm gut stehen. Und wenn er die
Rettung nicht findet, so kann er wenigstens kmpfen als ein Tapferer. Und wenn
er so unterliegt, werden die Augen aller mit Teilnahme auf ihm ruhn. Nur wer
sich ohne Widerstand ergibt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind
von dieser Erde.
    Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der
Dichter, erwiderte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder von seinem
Kissen in die Luft. Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart, fuhr er nach einer
Weile fort, kommen Sie nher heran. Denken Sie, ich wre ein Christ, und Sie
mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse haben mchte. Er sah unmutig
auf die Tr des Nebenzimmers und frug leise: Was halten Sie von dem Geschft
meines Vaters?
    Betroffen fuhr Anton zurck, Bernhard sah in ngstlicher Spannung auf den
Freund: Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu wenig. Ich
will nicht wissen, ob er fr reich oder arm gilt, aber ich frage Sie als meinen
Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie er sein Geld erwirbt? Es ist
schrecklich und vielleicht ein groes Unrecht, da ich, sein Sohn, so frage,
aber mich zwingt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen
mich, Wohlfart. Er erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals
legend, diesem ins Ohr: Gilt mein Vater bei Mnnern Ihrer Art fr
rechtschaffen?
    Antons Herz zog sich von innigem Mitgefhl zusammen, er durfte nicht sagen,
was er dachte, und er durfte nicht lgen. So schwieg er eine Weile, der Kranke
sank in seine Kissen zurck, und ein leises Sthnen zitterte durch die Stube.
    Mein teurer Bernhard, erwiderte Anton, bevor ich dem Sohn eine solche
Frage beantworte, mu ich erst wissen, weshalb er einen Dritten fragt. Wenn Sie
es nur tun, um durch meine Ansicht Ihr Urteil ber die Geschfte Ihres Vaters zu
vervollstndigen, so mu ich Ihnen die Antwort verweigern, gleichviel, wie sie
ausfallen wrde. Denn was ich etwa kenne, sind nur die kalten, vielleicht
unfreundlichen Ansichten Fremder, und solche Auffassung soll der Sohn eines
Geschftsmanns niemals zu der seinigen machen.
    Ich frage, sagte Bernhard feierlich, weil ich um das Wohl anderer in
groer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst und Not
ersparen.
    Dann, sagte Anton, will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne
Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmnnischen Begriffen unehrenhaft ist. Ich
wei nur, da er zu der groen Klasse von Erwerbenden gezhlt wird, welche bei
ihren Geschften nicht sehr danach fragen, ob ihr eigener Vorteil durch Verluste
anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal gilt fr einen vorsichtigen und gewandten
Mann, dem die gute Meinung solider Mnner weniger gleichgltig ist, als hundert
andern. Er wird vielleicht manches tun, was ein Kaufmann von sicherem
Selbstgefhl vermeidet, aber er wird sicher auch gegen vieles Widerwillen
empfinden, was gewissenlose Spekulanten um ihn herum wagen.
    Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein peinliches
Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so nahe an Antons Ohr,
da dieser den heien Atem des Kranken auf seiner Wange fhlte: Ich wei, Sie
kennen den Baron Rothsattel. Anton sah erstaunt auf. Das Frulein hat mir
selbst gesagt, da sie eine Bekannte von Ihnen ist.
    Es ist so, wie Frulein Lenore sagt, erwiderte Anton, mit Mhe seine
Aufregung verbergend.
    Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn? frug
Bernhard weiter.
    Nur wenig, sagte Anton, nur was Sie selbst mir gelegentlich erzhlt
haben, da Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat. Jetzt in
der Fremde habe ich gehrt, da dem Freiherrn irgendeine Gefahr droht, ich habe
sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem Intriganten zu warnen. Bernhard
starrte angstvoll auf Antons Lippen, Anton schttelte den Kopf; es war aber
jemand, sagte er, der Ihrem Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.
    Er ist ein Schurke, rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand. Er
ist eine gemeine niedertrchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er in unser Haus
kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefhlt wie gegen ein unreines Tier.
    Es scheint mir, fuhr Anton fort, da Itzig, den auch ich aus frherer
Zeit kenne, hinter dem Rcken Ihres Vaters gegen den Freiherrn arbeitet. Die
Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so dunkel, da ich
nichts daraus zu machen wute; ich konnte nichts tun, als sie dem Freiherrn so
mitteilen, wie ich sie selbst erhielt.
    Dieser Itzig beherrscht meinen Vater, flsterte Bernhard; er ist ein
bser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den Freiherrn
handelt, so trgt dieser Mensch die Schuld.
    Schonend gab Anton das zu. Ich mu wissen, wie es zwischen dem Freiherrn
und meinem Vater steht, fuhr Bernhard fort; ich mu wissen, was zu tun ist, um
der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich kann helfen, fuhr der Kranke
fort, und wieder flog ein matter Strahl von Freude ber sein Antlitz. Mein
Vater liebt mich. Er liebt mich sehr, jetzt in meiner Schwche habe ich
empfunden, da sein Herz an mir hngt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und
mit seiner Hand ber meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenber setzt, wo
Sie sitzen, und mich stundenlang kummervoll ansieht, - Wohlfart, er ist ja doch
mein Vater! Er schlug die Hnde zusammen und verbarg sein Haupt in den
Kopfkissen. Sie mssen mir helfen, mein Freund, fuhr er wieder fort, Sie
mssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich fordere das
von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich frchte mich vor der
Stunde, wo ich mit ihm darber spreche, aber nach dem, was Sie mir gesagt haben,
sorge ich, auch er wei nicht alles, oder, fuhr er murmelnd fort, er wird mir
nicht alles sagen. Sie aber mssen den Freiherrn selbst aufsuchen.
    Vergessen Sie nicht, Bernhard, erwiderte Anton, da es auch dem reinsten
Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhltnisse eines anderen
einzudrngen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin ich ein
Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als vorlaute Anmaung
erscheinen, und ich frchte, wir werden auf diesem Weg wenig erfahren. Ich sage
nicht, da der Schritt unntz ist, aber ich halte ihn fr unsicher. Eher wird es
mglich sein, da Sie selbst auf die Maregeln Ihres Vaters Einflu gewinnen.
    Gehen Sie doch zum Freiherrn, bat Bernhard dringend, und wenn er selbst
gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Frulein. Ich habe sie
gesehen, fuhr er fort, ich habe es Ihnen verschwiegen, wie der Mensch sein
liebstes Geheimnis verhllt, heut sollen Sie auch das erfahren. Ich war mehr als
einmal auf dem Gut der Rothsattel. Ich wei, wie schn sie ist, wie stolz ihre
Haltung, wie edel ihre Gebrde. Wenn sie ber den Rasen schritt, war sie wie
eine Knigin der Natur, ein blauer Schimmer glnzte um ihr Haupt; wo sie hinsah,
neigte sich alles vor ihrem Blick - ihre Zhne wie Perlen und ihre Brste wie
Rosenhgel, sagte er leise und sank in die Kissen zurck mit gefalteten Hnden
und blitzenden Augen. Auch er, rief es in Anton. Mein armer Bernhard, Sie
schwrmen.
    Bernhard schttelte den Kopf: Seit dem Tage wei ich, da unser Leben nicht
grau ist, sagte er lchelnd; es ist nicht grau, aber es ist grausig. Wollen
Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter sprechen?
    Ich will, sagte Anton aufstehend. Aber ich wiederhole Ihnen, ich beginne
etwas Auffallendes, das leicht neue Verwicklungen herbeifhren kann, auch fr
uns beide.
    Wer so daliegt, wie ich, der frchtet keine Verwickelungen, sagte
Bernhard, und Sie, fuhr er fort und sah Anton prfend an, Sie werden in Ihrem
Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher sich durchschlgt;
und wenn er auch Wunden erhlt, seine Aufgabe ist, mit dem Geschick zu kmpfen.
Mich, Anton Wohlfart, mich wird der Sturmwind verwehen.
    Kleinmtiger, rief Anton weich, das spricht die Krankheit aus Ihnen. Der
Mut wird Ihnen mit der Genesung zurckkehren.
    Hoffen Sie? frug der Kranke zweifelnd; oft tue ich's auch, nur manchmal
berfllt mich die Mutlosigkeit. Ja, ich will leben, und anders will ich leben,
als bisher, ich will alle Mhe daransetzen, strker zu werden, ich werde nicht
mehr so viel trumen als jetzt, mich nicht mehr aufregen und qulen in meiner
Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt, wenn man ein tchtiger Mann ist, der
jeden Streich zurckgibt, den er empfngt, so rief er mit gerteten Wangen und
streckte die Hand dem Freunde entgegen.
    Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verlie er das Zimmer.
    Am Abend trat Ehrenthal zu dem Bett des Sohnes, wie er immer tat, wenn er
das Comtoir verschlossen und den Schlssel in seiner Schlafkammer versteckt
hatte. Was hat heut der Doktor gesagt, mein Bernhard?
    Bernhard hatte sich mit dem Kopf gegen die Wand gedreht, jetzt warf er sich
pltzlich herum und sagte heftig: Vater, ich mu etwas mit dir reden,
verschliee die Tr, damit uns niemand strt.
    Erschrocken sah Ehrenthal zu beiden Tren, verschlo und verriegelte
gehorsam, dann eilte er zum Bett des Sohnes zurck. Was hast du, das dich
kmmert, mein Bernhard? frug er und fhlte mit der Hand auf die Stirn des
Kranken. Bernhard entzog ihm sein Haupt, die Hand des Vaters sank auf die
Bettdecke. Setze dich hierher, sagte der Sohn finster, und beantworte meine
Frage so aufrichtig, als wenn du zu dir selber sprchst.
    Der Alte setzte sich und sagte: Frage, mein Sohn, ich will dir alles
beantworten.
    Du hast mir gesagt, da du dem Baron Rothsattel viel Geld geborgt hast, da
du ihm keines mehr leihen willst und da der Edelmann sein Gut nicht wird
behalten knnen.
    Es ist, wie ich habe gesagt, erwiderte der Vater, vorsichtig wie in einem
Verhr.
    Und was soll jetzt aus dem Baron und seiner Familie werden?
    Ehrenthal zuckte die Achseln. Er wird herunter von seinem Gut, und wenn der
Tag kommt, wo das Gut vom Gericht verkauft wird, so werde ich wegen meines
Geldes bieten auf das Gut, und ich hoffe, ich werde es kaufen. Ich habe eine
groe Hypothek, welche ist sicher, und eine kleine hinten am Ende, welche ist
schlecht. Wegen der schlechten Hypothek werde ich erstehn das Gut.
    Vater, rief Bernhard mit schneidender Stimme, so da Ehrenthal
zusammenfuhr, du willst einen Vorteil ziehen aus dem Unglck des Mannes, du
willst dich an seine Stelle setzen! Ja, du bist auf das Gut des Barons gefahren
und hast mich mitgenommen vielleicht mit dem Gedanken, die Verlegenheit des
Edelmannes zu benutzen. Es ist schrecklich, schrecklich! Er warf sich in die
Kissen zurck und rang die Hnde.
    Ehrenthal rckte unruhig auf seinem Sitz. Fhre nicht solche Reden von
Sachen, die du nicht verstehst. Die Geschfte sind fr den Tag, wenn ich abends
zu dir komme, sollst du dich nicht ngstigen um meine Arbeiten. Ich will's nicht
haben, da du die Hnde aufhebst und rufst schrecklich.
    Vater, rief Bernhard, wenn du nicht willst, da ich vergehn soll vor
Scham und Kummer, so wirst du deine Absicht aufgeben.
    Aufgeben! rief Ehrenthal entrstet. Wie kann ich aufgeben mein Geld? Wie
kann ich aufgeben das Gut, um das ich mich bemht habe bei Tag und bei Nacht?
Wie kann ich aufgeben das grte Geschft, das ich gemacht habe in meinem Leben?
Du bist ein ungehorsames Kind und machst uns Jammer um gar nichts. Was habe ich
fr ein Unrecht getan, da ich dem Baron gegeben habe mein Geld? Er hat's
gewollt. Was tue ich fr ein Unrecht, wenn ich kaufe das Gut? Ich rette mein
Geld.
    Verflucht sei jeder Taler, den du darauf gewandt, verflucht der Tag, wo du
diesen unglcklichen Entschlu gefat, fuhr Bernhard auf und erhob seine Hand
drohend gegen den Vater.
    Was ist das? rief Ehrenthal aufspringend, welcher bse Gedanke hat
getroffen das Herz meines Sohnes, da er so spricht zu seinem Vater? Was ich
getan habe, fr wen habe ich's getan? Nicht fr mich und meine alten Tage. Ich
habe dabei gedacht jeden Tag an dich, mein Sohn, der du bist ein anderer Mann,
als dein Vater. Ich werde haben den Kummer, und du sollst gehen aus dem Schlo
in den Garten und wieder zurck in das Schlo, und wenn du gehst, soll der
Amtmann abziehen seine Mtze, und die Knechte im Hofe abziehen ihre Hte, und
sie sollen zu sich sagen: das ist der junge Herr Ehrenthal, welcher ist unser
Herr, der da geht.
    Ja, rief Bernhard bitter, das ist deine Liebe. Mich willst du zum
Mitschuldigen machen einer ungerechten Tat. Du irrst, Vater; niemals werde ich
aus dem Schlosse in den Garten gehen mit meinem Buche, eher will ich als armer
Bettler mein Essen erbitten von der Gemeinde, als da ich einen Fu auf das Gut
setze, das durch Snde erworben ist.
    Bernhard, rief der Alte mit gerungenen Hnden, du wirfst die Steine auf
mein Vaterherz, da ich fhle die Last, wie sie mich drckt zu Boden.
    Und du verdirbst deinen Sohn, rief Bernhard in auflodernder Leidenschaft.
Sieh zu, fr wen du geschachert und gelogen hast; aber so wahr es einen Himmel
ber uns gibt, du wirst niemandem sagen, da es geschehen ist fr deinen
unglcklichen Sohn.
    Mein Sohn, jammerte der Vater, schlage nicht auf mein Herz mit deinem
Fluche. Seit du bist gewesen ein kleiner Bocher, der sein Gebetbchel in die
Schule getragen hat, habe ich gehabt meinen Stolz, wenn ich auf dich gesehen
habe. Ich habe dir gelassen allen Willen zu tun, was dir am liebsten war; ich
habe dir gekauft von Bchern, ich habe dir gegeben von Geld mehr, als du hast
haben wollen; wo ich dir etwas absehen konnte an deinen Augen, ich habe dir's
abgesehen. Wenn ich unten den ganzen Tag mich gergert habe, mute ich immer
denken, mein Sohn soll lachen, weil ich mich ngstige. Er nahm den Zipfel
seines Schlafrocks und fuhr sich damit ber die Augen, vergeblich bemht, seine
Fassung wiederzugewinnen. So sa er als ein geschlagener Mann dem Sohn
gegenber.
    Bernhard sah schweigend auf die gebeugte Gestalt, endlich streckte er die
Hand aus: Mein Vater, rief er weich. Ehrenthal fuhr schnell mit beiden Hnden
nach der dargebotenen Rechten und hielt sie fest, als knnte sie ihm wieder
entzogen werden, er schob sich nher heran, kte und streichelte sie. So bist
du wieder mein guter Sohn, sagte er gerhrt. Jetzt wirst du nicht mehr fhren
solche lsterliche Reden und wirst nicht mehr zanken wegen diesem Baron.
    Bernhard zog hastig seine Hand zurck.
    Ich will ihn nicht drcken, ich will Nachsicht mit ihm haben wegen der
Zinsen, fuhr der Vater flehend fort und suchte die Hand des Sohnes.
    O, es ist umsonst, mit ihm zu reden, rief Bernhard in tiefstem Schmerz,
er versteht meine Rede nicht!
    Ich will alles verstehen, klagte Ehrenthal, da du mir wiedergibst deine
Hand. - Willst du deine Plne gegen das Gut aufgeben? frug Bernhard.
    Sprich nicht von dem Gut, flehte der Alte.
    Umsonst, murmelte Bernhard sich abwendend und verbarg das Gesicht in
seinen Hnden.
    Ehrenthal sa vernichtet dem Kranken gegenber, auch er seufzte schwer auf.
Hre mich, mein Sohn, bat er endlich mit leiser Stimme, ich will sehen, da
ich ihm schaffe ein anderes Gut, welches er behaupten kann mit seinen Mitteln.
Hast du gehrt, mein Sohn Bernhard?
    Geh, rief Bernhard ohne Hrte, aber mit der Energie eines tiefen
Schmerzes, geh, und la mich jetzt allein!
    Ehrenthal erhob sich und verlie mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der
Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hnde und sprach mit sich selbst.
Und wieder ffnete er leise die Tr, trat an Bernhards Bett und frug klagend:
Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn? - Bernhard lag abgewandt und
rhrte sich nicht.
    Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen Namen.
Wohlfart, rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den Brief Antons
stach verletzend in seine Seele. Fhre ihn herein. Mit khlem Gru
beantwortete er Antons tiefe Verneigung. Ich bin Ihnen wohl noch den Dank
schuldig fr Ihr Schreiben von neulich, sagte er; da ich es nicht beantwortet
habe, wie die gute Meinung verdiente, mssen Sie mit meinen vielen Geschften
entschuldigen.
    Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme, begann Anton, so bitte
ich Sie, dies nicht fr Zudringlichkeit zu halten. Mich fhrt der Auftrag eines
Bekannten her, der die wrmste Ergebenheit gegen Sie und Ihr Haus empfindet. Es
ist der Sohn des Kaufmann Ehrenthal. Er selbst wird durch Krankheit verhindert,
Ihnen seine Aufwartung zu machen, er lt Sie deshalb durch mich bitten, da Sie
den Einflu, den er auf seinen Vater hat, benutzen mchten. Im Falle Ihnen seine
Einwirkung irgendwie brauchbar erscheinen knnte, soll ich Sie ersuchen, ihm
Ihre Wnsche mitzuteilen.
    Der Freiherr horchte auf. Jetzt, wo ihn alles verlie, wo er sich selbst
aufgegeben hatte, drngten sich fremde Gestalten in sein Leben, dieser Itzig,
Wohlfart, der Sohn Ehrenthals. Was ihm Wohlfart anbot, klang abenteuerlich, aber
es konnte fr ihn eine Hilfe werden gegen das, was unaufhrlich an seinem Herzen
fra, eine Hilfe gegen die Ansprche Ehrenthals, gegen die furchtbare Gefahr, in
der sein guter Name schwebte. Ich kenne den jungen Mann nur wenig, sagte er
mit Haltung, ich ersuche Sie vor allem zu erklren, wie ich zu der Ehre komme,
ein so ungewhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.
    Anton erwiderte warm: Bernhard Ehrenthal hat ein edles Herz und sein Leben
ist rein. Unter seinen Bchern aufgewachsen, versteht er wenig von den
Geschften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, da dieser sich
durch schlechte Ratschlge verleiten lt, feindselig gegen Sie aufzutreten. Er
hat Einflu auf seinen Vater, sein feines Ehrgefhl ist sehr beunruhigt, und er
wnscht dringend, seinen Vater von Maregeln abzuhalten, welche er selbst nicht
fr ehrenhaft hlt.
    Hier war Hilfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende Atmosphre
eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die frische Luft Mibehagen.
Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren, zu verdammen, was ihnen nicht
ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich. Und schon jetzt, whrend er den Wert
erkannte, den auch diese unsichere Aussicht fr ihn haben konnte, fhlte er in
seinem Herzen eine Abneigung, seine Lsung aus der Angst diesen beiden zu
verdanken. Dem eifrigen Wohlfart wenigstens, der alles sein sollte, was
zuverlssig und gewissenhaft heit, ihm wollte er Nheres nicht mitteilen. Und
so erwiderte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht von Herzen kam: Meine
Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der Art, da die
wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm beiderseitigen Interesse
liegen mchte. Ob der junge Ehrenthal die geeignete Person dafr ist, vermag ich
nicht zu entscheiden. Jedenfalls sagen Sie ihm, da ich fr den Anteil dankbar
bin, den er an meinen Angelegenheiten nimmt, und da ich mir vorbehalte, zu
seiner Zeit mit ihm selbst darber Rcksprache zu nehmen. Nach diesem Bescheid
erhob sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Tr und - merkwrdig,
er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.
    Es war kein Zufall, da in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer
ging, auch Lenore hineintrat. Herr Wohlfart, rief sie freudig und eilte auf
ihn zu. Liebes Frulein, rief auch er, und beide begrten einander als alte
Freunde.
    Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren,
Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich
seit der Zeit gendert htten, und whrend sie das erzhlten, waren sie in
Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jnger geworden um alle die Jahre,
welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.
    Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht, rief Lenore mit leisem
Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.
    Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit roter Seide gefttert,
gndiges Frulein? fragte er, der stand Ihnen reizend.
    Der jetzige hat blaues Futter, sagte Lenore lachend. Und denken Sie, die
kleine Komte Lara heiratet in der nchsten Woche, wir haben erst neulich ber
Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie
allerliebst Sie den Bruder kennengelernt haben! Kommen Sie herein, Herr
Wohlfart, ich mu wissen, wie es Ihnen seit der Zeit ergangen ist. Sie fhrte
ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu
nehmen. Sie sa ihm gegenber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gru ihn
einst so glcklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja
vielleicht schttelte jetzt zuweilen ein anderer Mdchenkopf seine Locken in dem
Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das
wilde, ehrliche Mdchen als vornehme Dame sich gegenbersah, da lebten alle
Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er atmete mit Entzcken den
feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.
    Da ich Sie sehe, sagte Lenore, ist mir, als wre die Tanzstunde gestern
gewesen. Es war eine frhliche Zeit auch fr mich! Seitdem habe ich vieles
Ernste erfahren, fgte sie hinzu und senkte das Haupt. Anton bedauerte das mit
einem Eifer, der das Frulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm freundlich
in die Augen zu blicken.
    Was hat Sie zu meinem Vater gefhrt? frug sie endlich mit verndertem Ton.
    Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechtum des Freundes und seinen
guten Wnschen fr ihre Familie, er verbarg ihr nicht, da sie selbst einen
mchtigen Anteil daran habe, so da Lenore auf ihr Taschentuch herunter sah und
die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn
besorgt mache. Wenn Sie etwas tun knnen, um Ihrem Herrn Vater die Vermittlung
Bernhards zu empfehlen, so tun Sie es. Ich kann eine stille Sorge nicht
loswerden, da in dem Comtoir Ehrenthals eine Verschwrung gegen ihn ausgedacht
ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie
wir dem Herrn Baron von Nutzen sein knnen.
    Lenore sah ngstlich in Antons Gesicht und rckte ihren Stuhl nher an den
seinen. Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich
ngstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn qult, ach, aber er
selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat fr die Fabrik viel Geld
gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das wei ich. Alle Tage bitten die Mutter
und ich den Himmel, uns den Frieden wiederzugeben; eine Zeit, wie damals, wo ich
Sie kennenlernte. - Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will
Ihnen schreiben, rief sie entschlossen; wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll
er Sie aufsuchen.
    So verlie Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehn
der schnen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der
Haustr stie er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gru eilte er an dem
gefhrlichen Manne vorber, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn
Bernhard zu besuchen.
    Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht
so viel geseufzt und den Kopf geschttelt, als jetzt. Vergebens frug seine Frau
Sidonie ihre Tochter: Was hat der Mann, da er so seufzt? Vergebens versuchte
Itzig das gebeugte Gemt seines Brotherrn durch lockende Bilder der Zukunft
aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Hndlers
aufgesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter: Sie sind der Mensch,
welcher mir hat geraten zu diesen Schritten gegen den Baron, schrie er ihn am
Morgen nach der Szene mit Bernhard an. Wissen Sie, was Sie sind? Malhonett sind
Sie.
    Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenber und zuckte die Achseln:
Wenn Sie weiter nichts wissen, sagte er, was ist das fr ein Wort malhonett?
Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wrter stehn? Reden Sie doch
nicht so schwach, Ehrenthal. Dann seufzte Ehrenthal wieder, sah Veitel bse an
und verbarg den Kopf in die Zeitung.
    Lnger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu
ertragen, welcher zusehends krnker wurde, und alles Zureden der Eltern mit
kurzen Worten zurckwies. Ich mu ein Opfer bringen, sagte Ehrenthal vor sich
hin, ich mu die Ruhe wiedergeben seinen Nchten und machen, da er aufhrt mit
seinem Sthnen. Ich will denken an meinen Sohn, und ich will dem Baron schaffen
die andere Herrschaft bei Rosmin, worauf er jetzt stehn hat sein Geld, und wenn
nicht, so will ich ihm retten das Geld darauf ohne einen Nutzen fr mich. Ich
verliere dabei einen Vorteil, den ich machen knnte mit dem Lwenberg, von mehr
als einem Tausend Taler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard. So
setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die
rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, krftig zu
unterdrcken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.
    Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm jetzt
bei jedem Eintritt eines Geschftsmannes den Atem benahm. Kaum ist der Warner
hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die gerichtliche Zession der
Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was darauf folgen mu. Aber freudig
erstaunte er, als Ehrenthal mit hflichen Worten, aus freien Stcken sich erbot,
fr ihn nach Rosmin zu reisen und ntigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei
dem Verkauf der polnischen Herrschaft zu vertreten. Ich will mir zu Hilfe
nehmen einen sichern Mann, den Justizkommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie
sehen, da alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben zu bieten auf
das Gut, und die Kufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek gedeckt ist durch
den Kaufpreis, den ein anderer zahlt.
    Ich wei, da dies notwendig sein wird, sagte der Freiherr, aber um
Gottes willen, Ehrenthal, was soll geschehen, wenn die Herrschaft in unsern
Hnden bleibt?
    Ehrenthal zuckte die Achseln: Sie wissen, ich habe Ihnen nicht zugeredet zu
der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet, wenn ich mich recht
besinne. Wenn Sie mir damals htten gefolgt, so htten Sie vielleicht nicht
gekauft die Hypothek.
    Es ist aber einmal geschehen, versetzte der Freiherr rgerlich.
    Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, da ich unschuldig bin.
    Das ist ja jetzt gleichgltig.
    Fr Sie ist es gleichgltig, sagte Ehrenthal, aber nicht fr mich und
meine Ehre als Geschftsmann.
    
    Wie meinen Sie das, fuhr der Freiherr auf, da Ehrenthal zusammenschrak,
Sie wagen zu behaupten, da mir etwas gleichgltig ist, was selbst Ihnen keine
Ehre bringt.
    Was werden Sie hitzig, Herr Baron, rief der Hndler; ich spreche ja
nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott dafr bewahren!
    Sie sprachen doch davon, sagte der unglckliche Mann.
    Wie knnen Sie miverstehen einen alten Bekannten, klagte Ehrenthal; ich
will nichts, als Ihre Versicherung, da ich unschuldig bin an dem Kauf der
Hypothek.
    Meinetwegen ja, rief der Freiherr mit dem Fue stampfend.
    So ist es recht, sagte der Hndler beruhigt. Und wenn ein Unglck
geschieht und Sie die Herrschaft behalten mssen, so wollen wir sehen, was dann
zu tun ist. Es ist eine bse Zeit zum Geldleihen, aber ich will Ihnen doch
vorschieen die Kaution und die Gerichtskosten gegen eine Hypothek auf die
Herrschaft.
    Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach der
benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verlie, blieb dieser als ein
Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurck.
    War er verloren, war er gerettet? Eine qulende Sorge kam ihm, da diese
Hypothek sein Schicksal entscheiden wrde. Er beschlo, selbst hinzureisen und
Ehrenthal nichts zu berlassen. Aber wieder berfiel ihn die Angst, da er dem
Mann jetzt ein groes Vertrauen zeigen msse, damit dieser auch ihm nicht
mitraute. So trieb er kraftlos in einer See von Gefahren. Die Wellen hoben sich
und rauschten gegen sein Leben heran.
    Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte die
fr ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.
    Kannst du mir jetzt geben deine Hand? frug er seinen Sohn, der finster vor
sich hin starrte, ich reise fr den Baron, ihm zu kaufen ein neues Gut. Wir
haben alles miteinander besprochen. Hier ist die Vollmacht, die er mir
ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschieen ein Kapital; wenn er es
versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.
    Bernhard sah mit trbem Auge auf seinen Vater und schttelte den Kopf. Das
ist nicht genug, mein armer Vater, sagte er.
    Ich habe mich doch vershnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden, da
ich keine Schuld habe an diesem Unglck. Ist dir das genug, mein Sohn?
    Nein, sagte der Kranke. Solange du in deinem Comtoir den schlechten
Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.
    Er soll fort, rief Ehrenthal bereitwillig, wenn mein Sohn Bernhard es
verlangt, soll er fort zum nchsten Quartal.
    Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons fr dich zu
erstehen? frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.
    Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt hast,
erwiderte der Vater ausweichend. Jetzt rede mir nicht mehr von dem Gut, wenn du
wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir darber. So ergriff er
die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zgerte, hielt sie fest in der seinen und
sa ihm schweigend gegenber.
    War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich die
Vershnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.

                                       7


Welle um Welle schlug ber das Haupt des Ertrinkenden.
    Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rbenernte des
Gutes war miraten, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr vieles
erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen Landwirte hatten
ihre Kontrakte nicht erfllt, andere hatten Schlechtes geliefert. Die Rben
fehlten, es fehlte das Kapital, die Fabrik stand still, die Arbeiter verliefen
sich.
    Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn schttelte
das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um seinem Bevollmchtigten
nachzureisen, er bestellte sie wieder ab, denn ihm graute vor dem Tage des
Termins, vor dem Bieten, dem Schacher und der bebenden Angst bis zum Schlu des
Protokolls. Und wenn er dem Hndler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin
konnte er sich sicher verlassen. So kam der finstere Tag, wo Ehrenthal mit dem
Brief des Justizkommissarius Walther vor ihn trat. Das Kapital des Freiherrn war
nur dadurch zu retten gewesen, da Ehrenthal die Herrschaft fr den Freiherrn
erstand. Die Eigentmer der ersten Hypothek von hunderttausend Talern hatten ihn
hinaufgetrieben bis hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein
anderer Kufer war im Termin erschienen. Die Herrschaft gehrt jetzt Ihnen,
Herr Baron, schlo der Hndler. Damit Sie imstande sind, die Gter zu
behaupten, habe ich mit den Eigentmern der ersten Hypothek verhandelt, sie
werden Ihnen die hunderttausend auf der Herrschaft stehnlassen. Ich habe fr Sie
erlegt viertausend Taler und die Gerichtskosten. Der Freiherr sprach kein Wort,
sein Kopf fiel schwer auf das Holz des Schreibtisches. Der Hndler erzhlte, wie
er die Herrschaft fr den Freiherrn bernommen hatte. Vor der Tr brummte er:
Es ist vorbei mit ihm. Zum nchsten Quartal verliert er sein altes Gut, und er
hat keine Kraft zu behaupten das neue. Zuletzt werde ich kaufen mssen auch die
Herrschaft.
    Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller geliehenen
Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld. Vergebens. Zuletzt
kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter bernommen hatte. Befangen
empfing ihn der junge Herr, welcher einige Jahre lang Lenoren seine Huldigungen
gegnnt und sich dann vorsichtig zurckgezogen hatte. Die Verlegenheiten des
Freiherrn waren kein Geheimnis mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Anteil, welcher
bei solcher Veranlassung schicklich ist. Er bedauerte sehr, da dem Freiherrn
auf der neugekauften Herrschaft eine so groe Hypothek ausgefallen war. Wen
haben Sie zum Termin geschickt? fragte er.
    Den Hirsch Ehrenthal, erwiderte der Freiherr gedrckt.
    Jetzt wurde der Nachbar beredt. Ich frchte, rief er, der Mensch hat Sie
schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren durch seine
Schurkerei um eine groe Summe gebracht. Mein Vater hatte auf seinem Gut oben in
der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an einen Holzhndler abgeliefert.
Ehrenthal machte mit diesem Mann ein Gaunergeschft, er handelte ihm das Holz zu
einem Spottpreise ab, der andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben
das Geld meines Vaters miteinander geteilt.
    Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem Anliegen
kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie ein Verbrecher.
    Seit dem Tage brtete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er
ausging, tat er es nur, um sich auf Augenblicke zu betuben. Er war rauh gegen
seine Gemahlin, ganz unzugnglich fr die Tochter. Die Frauen litten unsglich.
    Noch eine Hoffnung dmmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal
hatte er recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er ergriff nicht
die Hand, die sich ihm uneigenntzig darbot, nicht Anton lie er rufen, sondern
einen andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn nicht sah, und dessen
trdelhaftes Wesen ihm wohltat, sooft er ihn erblickte. Noch einmal in der
letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle Schicksal die freie Entscheidung ber
seine Zukunft. Ach, aber er selbst war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer
schlechten Tat, der jetzt sein Urteil verwirrte.
    Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrmmte Gestalt von der
Seite an: Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine Differenz mit
seinem Vater beizulegen.
    Veitel fuhr in die Hhe wie durch einen Schu getroffen, der Bernhard!
rief er heftig.
    So ist ja wohl sein Name, er soll krank sein.
    Er wird sterben, erwiderte Veitel.
    Wann? frug der Freiherr mit seinen Gedanken beschftigt, er verbesserte
sich aber sogleich: Was fehlt ihm?
    Es sitzt hier, sagte Veitel auf die Brust zeigend, es arbeitet wie ein
Blasebalg, wenn ein Loch reit, hrt der Wind auf.
    Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, da er
selbst Eile habe. Der Kranke soll so viel Einflu auf seinen Vater besitzen,
da durch ihn die Einwilligung des Ehrenthal zu hoffen ist.
    Was versteht der Bernhard von Geschften, er ist ein Narr, rief Veitel,
unfhig, seinen rger zu verbergen. Wenn man ihm ein altes Leder hinlegt, das
mit Buchstaben beschrieben ist, so gibt er dafr jede Hypothek; er ist
unwissend.
    Wie ich sehe, gefllt Ihnen dieser Weg nicht? frug der Freiherr ratlos.
    Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenklich, unruhig fuhren die
Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiderte er mit
pltzlicher Freundlichkeit: Der gndige Herr haben recht. Es wird am besten
sein, wenn Sie und Ehrenthal an das Bett des kranken Bernhard gehen und dort
miteinander abmachen Ihr Geschft. Wieder schwieg er eine Weile, und sein
Gesicht rtete sich von strmischen Gedanken. Wollen der gndige Herr mir
berlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen, wo Sie am besten sprechen den
Bernhard Ehrenthal? Wenn Sie eingetreten sind ins Comtoir, dann werde ich
schnell hinaufgehen zu Bernhard und ihm sagen, da Sie gekommen sind. Unterdes
haben Sie die Gnade und warten Sie im Comtoir, und wenn es dauert eine halbe
Stunde, bis ich wiederkomme, warten Sie, was auch der Ehrenthal sagt, und wie er
auch schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird alles in Ordnung
kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er machen.
    Ich werde Ihre Nachricht erwarten, schlo der Freiherr gepeinigt durch die
Aussicht auf den schweren Tag.
    Itzig verlie den Freiherrn und strzte in wilder Aufregung nach seinem
Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und ab und
ballte die Faust gegen Bernhard. Er ffnete den alten Schreibtisch und zog aus
einer verborgenen Schublade zwei Schlssel, die er auf die Tischplatte legte;
immer wieder blieb er davor stehen und starrte sie an. Endlich versenkte er sie
in die Tasche und sprang hinunter in die Karawanserei. Dort kauerte in einer
Ecke der Galerie Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den
letzten Jahren durch den Druck der Verhltnisse verhindert worden, stattlicher,
jnger und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewhnlich abgenagt und
schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrckt, in welchen das
warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als Veitel mit
schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein Buch und schien an
jedem Buchstaben mehr Anteil zu nehmen, als an dem jungen Geschftsmann vor ihm.
    Macht Euer Buch zu, und hrt mich an, rief Veitel ungeduldig. Der
Rothsattel wird vom Ehrenthal seine Scheine zurckerhalten, er wird mir die
Hypothek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die achttausend, welche
noch Rest sind.
    Seht doch, seht, erwiderte der Alte, sein hliches Haupt wiegend, was
man nicht alles erlebt! Wenn der Ehrenthal sein Geld an einen Lumpen wegschenkt,
der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, da auch wir fromm werden und
zur Beichte gehen. Bevor wir weitersprechen, kannst du mir etwas heraufbringen,
was ich gern esse und trinke. Ich bin durstig und spreche kein Wort mehr.
    Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und
murmelte: Jetzt kommt's, und starrte kopfschttelnd ber das Buch weg.
    Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advokaten aufgestellt hatte, frug
er kurz: Wieviel?
    Dreihundert, sagte der Alte, und dafr mu ich mir's noch berlegen. Es
ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich fr weniger zu
Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer ehrenwerten Arbeit
im Stil des Herrn Cartouche und anderer Freunde von dir verlange ich eine
bessere Behandlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und ich kann nicht sagen, da ich
Vorliebe fr solche Geschfte habe.
    Hab' ich sie denn? rief Itzig. Wenn es ein Mittel gibt, dies zu
vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wit, wie man den Baron und Ehrenthal
auseinanderhalten kann und jeden ruinieren durch den andern, so sagt's. Der
eigene Sohn Ehrenthals wird Friede machen zwischen den beiden, er wird zwischen
ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flgeln auf den Bilderbogen steht
zwischen zwei Verliebten; und wir werden sein die Geprellten.
    Wir? sagte der Alte vergngt. Du wirst der Geprellte sein, du Dohle. Was
gehn mich deine Geschfte an?
    Zweihundert, rief Veitel sich ihm nhernd.
    Drei, erwiderte der Alte und trank sein Glas aus, aber ich tue es nicht
allein, du mut dabeisein.
    Wenn ich dabeisein will, sagte Veitel, so kann ich's allein tun und
brauche nichts von Eurer Hilfe. Hrt mich an. Ich will machen, da das Haus leer
ist, da der Ehrenthal und der Baron zu gleicher Zeit aus dem Comtoir
hinausgehn; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf dem Tisch
liegen, oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet haben die Zeit von
einer halben Stunde. Ja, ich will zuschlieen die Haustr; den Ausgang zur
Hintergasse, der gewhnlich verriegelt ist, werde ich aufmachen. Es ist so
sicher, da ein Kind von zehn Jahren knnte machen das Geschft.
    Sicher genug fr dich, sprach der Alte mrrisch, aber fr mich nicht.
    Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist
nicht gegangen, rief Veitel, so mu es gehn wider das Gesetz. Er schlug mit
der Faust auf das Gelnder und prete die Zhne zusammen, da sie knirschten.
Und wollt Ihr's nicht tun, so soll es doch geschehen; obgleich ich wei, da
aller Verdacht auf mich fllt, wenn ich whrend der Zeit nicht in der Stube des
Bernhard bin.
    So ist's recht, du lustiger Itzig, sagte der Alte und rckte an seiner
Brille, um die zornige Entschlossenheit des andern genauer zu betrachten. Da du
so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich lassen; aber dreihundert.
    Der Handel begann. Die beiden drckten sich in die Ecke der Galerie und
sprachen leise miteinander bis zur Dunkelheit.
    Einige Tage darauf sa Anton in der Dmmerstunde am Lager des kranken
Bernhard: Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehn, wie es Ihnen geht.
    Schwach, erwiderte Bernhard, immer noch schwach; das Atmen wird mir
schwer. Wenn ich nur ins Freie hinaus kme, nur einmal hinaus aus diesem dunkeln
Zimmer.
    Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint,
komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.
    Ja, rief Bernhard, Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas
erzhlen. Er sah sich vorsichtig um. Ich habe heut durch die Stadtpost einen
Zettel ohne Unterschrift erhalten. Er zog unter seinem Kopfkissen einen kleinen
Brief hervor und bergab ihn mit geheimnisvoller Miene dem Freunde: Nehmen Sie,
vielleicht kennen Sie die Hand. 
    Anton ging zum Fenster und las: Der Baron Rothsattel will Sie heut gegen
abend sprechen. Sorgen Sie dafr, da Sie mit Ihrem Vater allein sind.
    Als Anton den Brief zurckgab, betrachtete Bernhard das Papier andchtig und
steckte es wieder unter die Kissen. Kennen Sie die Hand? frug er.
    Nein, erwiderte Anton, die Schrift scheint verstellt, die Hand des
Fruleins ist es nicht.
    Wer auch der Schreiber ist, fuhr Bernhard kleinlaut fort, ich hoffe Gutes
von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit Zentnerschwere auf
der Brust, er nimmt mir den Atem, wie ein Gewicht fhle ich den Druck. Heut soll
das besser werden, heut werde ich frei.
    Das Sprechen machte ihm Mhe. Nur in kurzen Stzen fiel die Rede von seinen
Lippen. Also Wiedersehn auf morgen, rief Anton. Als er sich erhob, knisterten
weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an das Bett des Kranken und
begrten den Gast. Wie geht's, Bernhard? frug die Mutter, du wirst heut mit
deinem Vater allein sein, es ist heut abend groe musikalische Akademie, die
Rosalie wird auf dem Flgel spielen. Wir haben den Flgel in die Hinterstube
gerckt, Herr Wohlfart, damit sie den Bernhard nicht durch ihre bungen strt.
    Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter, sagte Bernhard, ich habe
dich lange nicht in deinen schnen Kleidern gesehen. Du siehst heute sehr hbsch
aus, ein solches Kleid trugst du, da ich als Knabe das Scharlachfieber bekam.
Wenn ich von dir trume, sehe ich dich immer in dem gelben Gewand vor mir. Gib
mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut abend Musik hrst, denke auch an deinen
Bernhard, ich werde hier eine stille Musik machen.
    Die Mutter setzte sich zu ihm. Er hat wieder das Fieber, sprach sie zu
Anton. Anton stimmte schweigend bei.
    Morgen fahre ich in die Sonne, rief Bernhard aufgeregt, das wird mein
Vergngen sein.
    Der Wagen wartet, erinnerte Rosalie, wir mssen mit unsern Kleidern
durchs Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater eingeredet,
da der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den Bernhard strt.
    Schlaf wohl, Bernhard, sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal die
runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.
    Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard? frug die Mutter auf der
Treppe.
    Ich halte ihn fr sehr krank, erwiderte Anton.
    Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt, gehe
ich mit Rosalie ins Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.
    Anton ging mit schwerem Herzen aus dem Hause.
    Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrenthals hrte man nichts, als die
schweren Atemzge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es. Eine Maus
nagte am Holz. Unruhig hrte Bernhard ihr zu. Wie lange wird sie noch nagen,
bis sie sich eine ffnung ausgehhlt hat, dann kommt sie zu mir in die Stube.
Ein Frsteln berlief ihn, er warf sich auf seinem Lager herum, die Dunkelheit
war ihm heut beengend, die Luft dick. Er klingelte so lange, bis die Aufwrterin
kam und die Lampe hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermdet um. Die Stube sah ihm
heut alt und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer und er
sich wie ein Fremder, der hier nur zum Besuch war. Teilnahmslos blickte er auf
seinen Bcherschrank und auf die Schublade, in welcher die teuren Manuskripte
lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der Tr, durch den das Licht in
der Nebenstube alle Abende durchschimmerte, das alles wollte er morgen
verlassen, um mit Anton aus der engen Stube auszuziehn. Er dachte daran, ob sie
nicht auf dem Wege fahren knnten, auf dem das Frulein nach dem Gute fuhr und
wieder zurck. Vielleicht wrde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte
sicher, da er das Frulein auf dem Wege treffen mte. Sie sa stolz
aufgerichtet in ihrem Wagen, der Schleier flog um das blhende Gesicht, ihr
weier Arm hob sich und winkte grend zu seinem Wagen herber. Ja, sie erkennt
ihn, sie wei, da er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht lt
sie stillhalten und fragt herber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So wird er
mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hren. Noch einmal wird sie
ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinander fahren, einer hierhin und
der andere dorthin. - Und wohin wrde er fahren? Hinein in die Sonne,
flsterte er. - Und wieder lauschte er ngstlich auf das Nagen der Maus.
    Ein eiliger Fu durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf, und
das Blut stieg ihm ins Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu ihm kam. Leise
ffnete sich die Tr, eine hliche Gestalt schlpfte herein und sah sich scheu
im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: Was wollen Sie hier?
    Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Atem und einer Stimme,
die ebenso gepret klang, wie die des Kranken: Der Baron ist jetzt in das
Comtoir gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen gehen und Ihnen zureden,
damit Sie die Forderung untersttzen, die er stellt an Ihren Vater.
    Ihnen hat er das gesagt? rief Bernhard. Wie kann der Freiherr einem Mann,
wie Sie sind, einen Auftrag geben?
    Schweigen Sie still, entgegnete Veitel rauh, es ist jetzt keine Zeit fr
Ihr Gerede. Hren Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit seinem
Ehrenwort eine Sicherheit fr zwanzigtausend Taler versprochen und er kann ihm
diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Dokument einem andern verkauft
hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt von Ihrem Vater, da der auf
seine gute Sicherheit verzichtet. Knnen Sie zureden, da Ihr Vater
zwanzigtausend Taler verliert, so tun Sie es.
    Bernhard zitterte, da ihm die Hnde flogen. Sie sind ein Lgner, rief er.
Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und
Hinterlist.
    Schweigen Sie, wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. Sie sollen Ihrem
Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er ist eine Fliege,
welche sich die Flgel am Licht verbrannt hat, er kann nur noch kriechen. Und
wenn der Ehrenthal als Narr einem schlechten Rat folgt, den Sie ihm geben, weil
Sie nichts verstehen, so kann er doch den Freiherrn nicht erhalten auf seinem
Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so tut's ein anderer. Ich habe keinen Vorteil
dabei, wenn ich Ihnen das sage, fuhr er unruhig fort und horchte nach einem
Gerusch vor dem Hause, ich tu es nur aus Anhnglichkeit an Ihre Familie.
    Bernhard rang nach Luft. Gehn Sie hinaus, rief er endlich, es ist alles
Betrug und Lge auf dieser Welt.
    Ich hole den Baron und Ehrenthal herauf, sprach Veitel und strzte hinaus.
    Laut scholl in der Hausflur die zornige Stimme Ehrenthals: Ich werde gehen
zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intrigen. Veitel ri die Tr
auf. Auf dem Lederstuhl sa der Freiherr und verbarg das Gesicht mit der Hand,
vor ihm drohte Ehrenthal im Zorn zitternd, auf dem Pult stand die Kassette des
Freiherrn, mit den verhngnisvollen Schuldscheinen und der Hypothek. Veitel rief
in das Zimmer: Hren Sie auf, Ehrenthal, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt
oben allein und ruft nach Ihnen, und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie
beide haben an sein Bett.
    Was ist das? schrie Ehrenthal, spielen Sie Intrige hinter meinem Rcken
auch mit meinem Sohn?
    Haben Sie ihm die neue Hypothek gezeigt, die Sie fr ihn bestellt haben?
frug Veitel den Freiherrn in fliegender Eile.
    Er hat sie gar nicht sehen wollen, sagte der Freiherr finster.
    Geben Sie her, sagte Veitel hastig und legte ein neues Dokument vor
Ehrenthal auf den Tisch.
    Sie wollen mir geben ein Stck Papier fr mein gutes Geld, einen Wisch,
welcher nicht wert ist, da ich ihn verbrenne.
    Halten Sie sich nicht auf, rief Veitel wieder mit ngstlicher Stimme. Es
ist niemand oben beim Bernhard, er schreit nach Ihnen und dem Baron, er wird
sich einen Schaden tun. Machen Sie, da Sie hinaufgehen, er hat gesthnt, ich
soll Sie im Augenblick zu ihm schaffen.
    Gerechter Gott! rief Ehrenthal und ergriff seinen Hut, was ist das
wieder? Ich kann nicht kommen zu meinem Sohn, ich habe jetzt Sorge um mein
Geld.
    Er wird sich schreien zu Tode, rief Veitel wieder, wegen dem Gelde knnen
Sie nachher noch genug reden. Machen Sie schnell.
    Der Freiherr und Ehrenthal traten aus dem Comtoir. Itzig folgte. Ehrenthal
verschlo die Tr, er legte die eiserne Stange vor und befestigte das
Vorlegeschlo. Sie eilten die Treppe hinauf, Veitel als letzter. Auf den Stufen
klang ein Geldstck, Ehrenthal sah sich um. Es ist mir aus der Tasche
gefallen, sagte Veitel.
    Der Freiherr und Ehrenthal traten in das Zimmer des Kranken, hinter ihnen
schob sich Itzig herein und fuhr lngs der Wand bis an das Fenster, hinter das
Haupt Bernhards, damit dieser ihn nicht erblicke. Der Freiherr setzte sich zu
Hupten des Lagers, der Vater an das Fuende; aus der Lampe fiel ein mattes
Licht auf die Parteien, welche zu dem Todkranken kamen, um ber Kapital und
Sicherheit zu hadern. Der Edelmann begann mit kstlicher Rede, er erinnerte sich
der frheren Besuche Bernhards und sprach von der Hoffnung, ihn bald wieder auf
seinem Gut zu begren, aber seine Augen sahen furchtsam auf das entstellte
Gesicht, und in ihm rief eine Stimme: es war die hchste Zeit. Bernhard sa
aufgerichtet in seinem Bett, den Kopf zur Brust hinabgeneigt, er erhob die Hand
und unterbrach die Rede des Freiherrn: Bitte, Herr Baron, sagen Sie mir, was
Sie von meinem Vater wollen, und nehmen Sie Rcksicht darauf, da ich kein
Geschftsmann bin.
    Der Freiherr setzte ihm das auseinander, Ehrenthal versuchte oft, ihn zu
unterbrechen, aber Bernhard winkte mit der Hand, worauf der Alte wieder abbrach
und sich begngte, heftig den Kopf zu schtteln und vor sich hin zu brummen.
    Als der Freiherr geendet hatte, winkte Bernhard seinem Vater: Komm nher
heran, hre ruhig auf meine Worte. Der Vater fuhr mit seinem Ohre bis nah an
den Mund des Sohnes. Was ich sage, sprach Bernhard leise, ist mein fester
Wille, und nicht erst heut bin ich zu dem Entschlu gekommen. Wenn du Geld
erworben hast, so war dein Gedanke, da ich dich berleben sollte und nach
deinem Tode dein Erbe werden. War's nicht so? Ehrenthal nickte stark mit dem
Kopf. Wenn du in mir deinen Erben siehst, fuhr Bernhard fort, so hre auf
meine Worte. Wenn du mich liebst, so handle nach dem, was ich dir sage. Ich
verzichte auf mein Erbteil, whrend wir beide leben. Was du fr mich gesammelt
hast, das wirst du umsonst gesammelt haben. Ich verlange nichts fr meine
Zukunft. Wenn es mir beschieden ist, wieder gesund zu werden, so will ich mir
durch meine eigene Arbeit forthelfen, ich will lernen, auf mich selbst
vertrauen; auer deiner Liebe und deinem Segen begehre ich nichts mehr fr mich.
Daran denke.
    Ehrenthal erhob die Arme und rief: Was ist das fr eine Sprache, mein
Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.
    Hre mich weiter, bat Bernhard. Was du fr Recht auf das Gut dieses Herrn
hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm in Verkehr
gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, da seine Familie unglcklich wird.
Ich verlange nicht, da du die groe Summe wegschenken sollst, das wrde dir zu
wehe tun und wrde den Herrn demtigen; aber ich fordere von dir, da du die
Sicherheit nimmst, die er dir anbietet. Hat er dir frher anderes versprochen,
vergi das; hast du Papiere in Hnden, die ihn ngstigen, gib sie ihm zurck.
    Er ist krank, sthnte der Vater, sehr krank ist er.
    Ich wei, da dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus des
Grovaters weggingst, als ein armer Judenknabe, barfu, mit einem Taler in der
Tasche, seitdem hast du an nichts anderes gedacht, als an Erwerb. Niemand hat
dich etwas anderes gelehrt, dein Glaube hat dich ausgeschlossen von dem Verkehr
mit solchen, welche besser verstehn, was dem Leben Wert gibt. Ich wei, da es
dir ans Herz geht, eine groe Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch
tun, du wirst es tun, weil du mich liebst.
    Ehrenthal rang die Hnde und sagte unter strmenden Trnen: Du weit nicht,
was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist ein Diebstahl an deinem
Vater. 
    Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. Du hast mich immer geliebt. Du hast
gewollt, ich sollte anders werden, als du. Du hast immer auf meine Worte gehrt,
und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfllt. Was ich jetzt von dir
will, das ist die erste groe Bitte, die ich an dich tue. Und diese Bitte werde
ich dir ins Ohr sprechen, solange ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es
wird meine letzte sein.
    Du bist ein trichtes Kind, rief der Vater auer sich, du verlangst mein
Leben, du verlangst mein ganzes Geschft.
    Hole die Papiere, erwiderte Bernhard. Ich will mit meinen Augen sehn, wie
du dem Herrn zurckgibst, was er geschrieben hat, und wie du aus seiner Hand
empfngst, was er dir noch geben kann. 
    Ehrenthal holte sein Taschentuch hervor und weinte laut: Er ist krank. Ich
soll ihn verlieren und ich soll verlieren auch mein Geld. Der Freiherr sa
unterdes schweigend auf seinem Stuhl und sah vor sich nieder. An dem Fenster
aber ballte Itzig krampfhaft die Hand, und ohne da er es merkte, zerrte er die
Gardine von der Stange.
    Der Sohn sah unterdes unverwandt auf die Windungen des Vaters und rief
endlich mit Anstrengung: Ich will es, Vater, hole die Papiere. Dann sank er in
die Kissen zurck. Der Vater wollte sich auf ihn strzen, aber mit einer kurzen
Gebrde des Widerwillens wies Bernhard ihn zurck, und mit Mhe aufatmend, sagte
er: Es ist genug, du tust mir weh.
    Da fuhr Ehrenthal auf, ergriff seinen Comtoirleuchter und wankte aus dem
Zimmer. Still war es in dem Raum, nur die ngstlichen Atemzge der
Zurckbleibenden wurden gehrt. Immer noch sa der Freiherr gebeugt, aber in der
Abspannung fhlte er etwas durch seine Seele zucken, was aussah wie Freude. Er
sah eine Stelle an seinem Himmel, wo die Sonne aus den dunkeln Wolken brach. Er
war gerettet. Sein Ehrenwort war ihm zurckgegeben, und neue achttausend Taler
von dem Manne am Fenster in Aussicht. Jetzt konnte er wieder aufblicken, er
durfte wieder sein Haupt hoch tragen. Er fate die Hand des Kranken, drckte sie
und sagte ihm leise: Ich danke Ihnen, mein Herr, o wie danke ich Ihnen, Sie
sind mein Retter, Sie schtzen meine Familie vor Verzweiflung und mich vor der
Schande.
    Bernhard hielt die Hand des Freiherrn fest, und ein seliges Lcheln flog
ber sein Gesicht. Unterdes schlug am Fenster einer mit den Zhnen zusammen in
verzweifelter Spannung und prete seinen Leib fest an die Mauer, um das Fieber
zu bndigen, das ihn schttelte.
    So blieb es lange still in der Stube, niemand sprach, Ehrenthal kam nicht
zurck. Pltzlich wurde die Entreetr aufgerissen, in voller Furie strzte ein
Mann in das Zimmer, das Gesicht verstrt, die Haare zerrauft. Es war Ehrenthal.
- Er hielt das flackernde Licht in der Hand, aber nichts anderes.
    Verschwunden! schrie er und schlug die Hnde zusammen, da das Licht auf
den Boden fiel. Alles ist fort, gestohlen ist alles. Er strzte an dem Bett
seines Sohnes nieder und streckte die Arme nach dem Kranken aus, als wollte er
Hilfe von ihm erflehen. Der Freiherr sprang auf, nicht weniger entsetzt, als
Ehrenthal. Was ist gestohlen? rief er den andern an.
    Fort ist alles, sthnte Ehrenthal, nur auf seinen Sohn blickend, die
Verschreibungen sind fort, die Hypotheken sind fort. Ich bin beraubt, schrie er
aufspringend, Diebstahl, Einbruch! Schickt nach der Polizei! Und wieder
strzte er hinaus, der Freiherr hinter ihm.
    Betubt, halb ohnmchtig sah Bernhard ihnen nach. Da trat vom Fenster er,
der zurckgeblieben war, an das Bett. Der Kranke warf sein Haupt zur Seite und
starrte auf den Mann, wie der ermattete Vogel auf die Schlange. Es war das
Gesicht eines Teufels, in das er blickte, rotes Haar stand borstig in die Hh,
Hllenangst und Bosheit sa in den hlichen Zgen. Bernhard schlo die Augen
und hielt die Hand vor. Aber das Gesicht kam nher an ihn heran und eine heisere
Stimme flsterte in sein Ohr.
    Unterdes standen unten im Comtoir zwei Mnner einander gegenber und sahen
einander mit nichtssagenden Blicken an. Die Kassette mit ihrem Inhalt war
verschwunden, was der Freiherr auf das Pult gelegt hatte, war verschwunden.
Ehrenthal hatte mit seinen Schlsseln geffnet wie immer, nichts an den
Schlssern war versehrt, alles im Comtoir lag an seiner Stelle. Wenn in dem
offenen Geldschrank Geld fehlte, so konnte es nur wenig sein. An den
wohlverwahrten Fensterladen war keine Spur von Verletzung, es blieb
unbegreiflich, wie die Dokumente genommen waren.
    Die beiden Mnner liefen in den Hausflur, dort leuchteten sie umher, hinter
der Treppe, hinter einer alten Kiste, in dem Eingang zum Keller, in dem
schwarzen Hofraum, nirgend war etwas zusehen. Sogar die Haustr war
verschlossen; sie erinnerten sich, da der vorsichtige Buchhalter beim
Heraufgehen das getan hatte. Und wieder rannten sie zurck in das Comtoir und
durchsuchten jeden Winkel immer hastiger, immer angstvoller. Dann saen sie
einander gegenber mit blutlosen Wangen in einer Angst, welche mit jeder Minute
stieg, jeder dem andern mitrauend, jeder mit feindlichem Blick auf den andern
schielend, ob nicht ein Zeichen das bse Gewissen verrate. Und wieder sprangen
beide auf und berschtteten einander mit Vorwrfen, wie sie die Verzweiflung
eingibt, und whrend sie wie Wilde gegeneinander die Hand erhoben, empfanden
beide, da der andere ebensoviel verliere, als der eine, und da sie Grund
hatten. Ihre Stimmen zu migen, damit kein Fremder ein Zeuge des Auftritts
werde.
    Aus Ehrenthals Comtoir waren die Papiere verschwunden in dem Augenblick, wo
er widerwillig dem Drngen seines Sohnes nachgab, sich mit dem Freiherrn zu
vershnen. Er hatte noch kaum in die Vershnung gewilligt, er allein war
gegangen, die Papiere zu holen. Wrde man ihm glauben, da sie gestohlen waren?
Wrde sein eigener Sohn ihm glauben?
    Und wieder dem Freiherrn hing an den Papieren alles, o sein Verlust war der
grte. Eben erst hatte er sich einer Hoffnung auf Rettung hingegeben, jetzt
sank er in einen Abgrund, dessen Tiefe das Auge des Fallenden noch gar nicht
ermessen konnte. In fremden Hnden waren die Scheine. Wenn der Dieb sie zu
benutzen verstand, ja wenn der Diebstahl nur vor Gericht angezeigt wurde, so war
er verloren. Und wenn sie sich nicht wiederfanden, auch dann war er rettungslos
verloren. Jahrelang konnte es dauern, bis ihm die verlorenen Hypotheken vom
Gericht neu ausgefertigt wurden, und sein Schicksal mute sich in Wochen
entscheiden. Er war nicht imstande, sich mit dem feindseligen Ehrenthal
auseinanderzusetzen, er war nicht imstande, andern Glubigern Deckung zu geben.
Jetzt war er unrettbar verloren. Vor ihm lagen Armut, Verfall, Schande. Wieder
fiel ihm jenes Ehrengericht ein, seine Kameraden und der unglckliche junge
Mann, der sich selbst gerichtet hatte. Er hatte damals den Toten ansehn mssen,
er wute, wie einer aussah, der so gestorben war. Er wute jetzt auch, wie man
dazu kam, so zu sterben. Sonst hatte ihn gegraut, wenn er an das Bild des Toten
dachte, jetzt fhlte er kein Grauen mehr. Seine Lippen bewegten sich, und wie im
Traume sprach er zu sich selbst die trstenden Worte: das ist die letzte Hilfe.
    So saen die beiden Mnner einander gegenber und brteten vor sich hin, und
die Minuten, welche ber ihr Haupt zogen, entstellten ihr Antlitz und ihr
Urteil.
    Hastiger flackerte das Licht, die Tr wurde aufgerissen, langsam wendeten
die beiden ihr Gesicht dem Eintretenden zu. Ein hlicher Kopf erschien an der
Tr, und ein wilder Ruf wurde gehrt: Hinauf, Hirsch Ehrenthal, Euer Sohn
stirbt. Die Erscheinung verschwand, mit einem lauten Schrei strzte Ehrenthal
nach der Tr, der Freiherr wankte als ein mder Mann zum Hause hinaus.
    Als der Vater am Bett seines Sohnes niederfiel, hob sich noch einmal seine
weie Hand drohend in die Hh, dann sank ein toter Leib zurck. Bernhard fuhr
nach der Sonne.
    Drauen war ein warmer Abend. Ein leichter Wolkendunst bedeckte die Sterne
des Nachthimmels, aber ein heimliches Dmmerlicht erhellte die Erde. Von dem
blhenden Gebsch der ffentlichen Anlagen trieb der Luftzug balsamische Dfte
in die Straen der Stadt. Langsam zogen die heimkehrenden Spaziergnger an den
Husern entlang, es wurde ihnen schwer, die sdliche Luft zu verlassen und sich
in ihre Mauern einzuschlieen. Behaglich dehnte sich der Bettler auf der
Schwelle des steinernen Palastes; jeder Gesell, der ein Liebchen hatte, eilte
heut zu ihr und fhrte sie durch die Straen; wer mde war, heut verga er die
Arbeit des Tages, wer Kummer hatte, heut fhlte er ihn wenig, wer sonst das
ganze Jahr allein stand, heut suchte er den Nachbarn auf. Vor den Tren standen
die Leute, plauderten und lachten, die Kinder spielten auf der Strae, sie
haschten einander in der Dmmerung und tanzten auf den Granitplatten des
Pflasters. Heut schmetterte die Nachtigall im Bauer ihr bestes Lied, sie sang,
da der schne Frhsommer da sei, die glckliche Zeit, wo das Leben leicht wird,
und die Hoffnungen sich zur Blte entfalten.
    Durch die Schwrme der Spaziergnger schritt schwerfllig die hohe Gestalt
eines Mannes, den Kopf auf der Brust. Seine Pferde stampften ungeduldig auf das
Pflaster und erwarteten die Rckkehr des Herrn, um ihn aus dem Gewhl der
Arbeiter in das vornehme Quartier zu fhren. Sie warteten umsonst bis in die
Nacht hinein; der, dem sie dienten, hatte sie vergessen. Er hrte nichts von dem
Ruf der Nachtigall und trat durch den Kreis der tanzenden Mdchen, ohne einen
Laut von den frhlichen Kinderstimmen zu vernehmen. Sein Haupt war ihm schwer,
und trge der Zug seiner Gedanken. So kam er aus der Stadt in die Anlagen, er
stieg langsam einen blumengeschmckten Hgel hinan und setzte sich dort ermdet
auf eine Bank. Unten vor seinen Fen zog der dunkle Strom dem Meere zu, ihm
gegenber erhoben sich die gewaltigen Massen des alten Doms. Der Flu vor ihm
war bedeckt mit Holzflen, welche vom Oberlauf des Stroms herkamen, um weit
hinab zu fahren bis in die Nhe der See. Auf den Flen standen die Htten der
Ruderknechte und kleine Feuer, an denen die Leute ihre Abendkost bereiteten.
Durch die stille Luft klang zuweilen das laute Gelchter oder ein roher Schrei
der Fhrleute zu ihm herauf. Das flutende Wasser, die khnen Umrisse der Trme,
den duftigen Wolkenschleier hoch oben sah er wie im Nebel, nur ein Gedanke
blitzte in seinem finstern Gemt auf, wie der feurige Punkt dort unten auf dem
Flu. Auch er hatte mit gefltem Holz Geschfte gemacht und das Geld, das er
dabei gewonnen, wurde von andern ein Sndengeld genannt. Es war fremdes
Eigentum, wie die Summe, die der Mann mit der Pistole genommen hatte. Er stand
hastig auf und eilte den Hgel hinab.
    In einer Allee hoher Platanen lief er hin und her, und wieder blieb er
ermdet stehen und sttzte seinen Rcken an einen Baumstamm. Vor ihm stiegen die
Schornsteine des Quartieres auf, in dem sich die Fabrikttigkeit der Stadt
angesiedelt hatte, eine Reihe riesiger Obelisken ragte hoch ber die Dcher der
Menschenwohnungen. Er wute, was das bedeutete, eine solche Sule in die Wolken
bauen. Auch er hatte in den Grund des Baues alles hineingeworfen, was ihn bis
daher schtzend umgeben hatte, seine Kraft, sein Geld, seine Ehre. Mit
schlaflosen Nchten, mit grauem Haar hatte sein Wahnwitz ein solches Monument
bezahlt, es war die Leichensule seines Geschlechts, die er auf seinem Gut
aufgebaut hatte, und was er hier vor sich sah in dem undeutlichen Lichte der
Nacht, das war ein ungeheurer Kirchhof, viele schattenhafte Denkmler, unter
welchen der Seelenfrieden glcklicher Menschen eingesargt lag. Und er nickte mit
seinem Haupte und sagte, so da er selbst die Worte vernahm: Das war das
letzte. Er richtete sich auf und schritt seinem Hause zu.
    Auf dem Wege empfand er, wie behaglich ihm war, an das zu denken, was ihn
von solchen hlichen Bildern befreien konnte. So trat er in sein Haus. Er
machte ein freundliches Gesicht, als ihm die Lampe des Flurs auf die Augen
schien. Als er in dem Entree stand, hrte er in dem Zimmer der Baronin sprechen.
Lenore las vor. Er hrte zu und merkte, was sie vorlas, war aus einem Roman. Er
durfte die Frauen nicht erschrecken. Aber es war ein Hinterzimmer im Hause,
abgelegen, die Stube daneben unbewohnt, dorthin mute er gehen. Als er noch so
stand, ffnete sich die Tr, und die Baronin sah heraus. Unwillkrlich fuhr sie
zurck, als sie ihn an der Tr erblickte. Er lchelte und trat mit munterem
Schritt in das Zimmer. Seiner Frau gab er die Hand, er strich ber Lenorens
Haupt und beugte sich nieder, um zu sehen, was sie las. Die Baronin klagte, da
sie den Tee ohne ihn getrunken, und er scherzte ber ihre Ungeduld, die den
Lieblingstrank nicht erwarten konnte. Dabei dachte er, da es ihm selbst auf
eine Stunde durchaus nicht ankomme. Er trat zu dem Bauer, in welchem zwei kleine
Vgel aus fremdem Lande schlafend auf der Stange saen, dicht
aneinandergedrngt, ein Kpfchen an das andere gelehnt; er steckte den Finger
zwischen die metallenen Stbe, als wollte er sie streicheln, und sagte
gedankenlos: Die sind zur Ruh gegangen. Dann nahm er die Kerze aus der Hand
des Bedienten und schritt nach der Tr seines Zimmers. Als er den Griff anfate,
bemerkte er, da das Auge seiner Frau ngstlich auf ihn gerichtet war, er wandte
sich noch einmal zu ihr und nickte ihr freundlich zu. Dann schlo er die Tr. Er
holte einen polierten Kasten aus seinem Schreibtisch und trug ihn mit dem Licht
nach der Eckstube des Hauses. Hier war er sicher, niemanden zu stren.
    Langsam lud er. Whrend des Ladens sah er auf die eingelegte Arbeit des
Kolbens. Es war die mhsame Arbeit eines armen Teufels von Bchsenmacher, seine
Bekannten hatten sie oft bewundert; die Pistolen selbst waren ein Geschenk des
Generals, der bei seiner Hochzeit den Brautvater seiner elternlosen Gemahlin
gemacht hatte. Schnell drckte er den Ladestock in den Lauf; dann sah er hinter
sich, wenn er fiel, wollte er nicht auf dem Boden liegen. Er durfte die, welche
eintraten, nicht durch den hlichen Eindruck erschrecken, den ihm der Kamerad
auf der Diele gemacht hatte.
    Er setzte das Eisen an seine Schlfe. Da wurde der gellende Schrei einer
Frau gehrt, sein Weib strzte in das Zimmer; sein Arm wurde mit der Kraft der
Verzweiflung gefat, er zuckte zusammen, der Finger berhrte den Drcker. Ein
Feuerstrahl und ein Knall, und er sank in das Sofa zurck und fuhr chzend mit
beiden Hnden nach seinen Augen.
    Im Hause des Hndlers aus dem Zimmer des Toten stieg ein Vater das Licht in
der Hand die Treppe hinab in das Comtoir. ngstlich leuchtete er auf das Pult,
in den Schrank, in alle Ecken des Raumes, er setzte sich nieder, schttelte den
Kopf und wunderte sich. Dann verschlo er sein Comtoir, stieg wieder hinauf und
fiel mit Sthnen und Geschrei an dem Bett nieder. So trieb er es die ganze Nacht
hindurch, klagend und suchend, ein verstrter, abgelebter, zugrundegerichteter
Mann.

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Im Hause des Kaufmanns flo das Leben der Hausgenossen wieder in ebener Strmung
dahin. Die kleinen Wirbel, welche der heimkehrende Anton aufgeregt hatte, waren
allmhlich zerronnen. Die unerhrten Prachtstcke aus dem Nubaumschrank hatten
andern Nummern das Feld gerumt, welche zwar ebenfalls ausgezeichnet, aber fr
die Tante noch begreiflich waren. Auch darin hatte die Tante recht prophezeit,
da Anton von diesem heimlichen Sieg des ruhigen Verstandes ber
leidenschaftliche Dankbarkeit gar nichts bemerkte. Nur eine Vernderung war
geblieben, die grte, glorreichste: Der Bewohner des Hinterhauses behielt einen
bevorzugten Platz in dem Herzen der jungen Herrin, und seine stattliche Gestalt
erschien jetzt oft unter den Bildern, welche Sabine am Arbeitskorb und in der
Schatzkammer um sich versammelte.
    Heut schritt Sabine vor dem Mittagstisch unruhig in ihrem Zimmer auf und ab.
Die Tante, welche alles erfuhr, hatte ihr soeben erzhlt, da ein Mdchen aus
Ehrenthals Hause in das Comtoir gelaufen war, um Bernhards Tod dem Freunde zu
melden. Wie wird er die Nachricht ertragen, dachte Sabine. Und bei dem Namen
Ehrenthal mute sie an die Vergangenheit denken, an einen andern, der jetzt in
weiter Ferne lebte, und an die Stunde, wo das Schwanken ihrer Seele durch einen
Brief aus dem Hause des Toten zu schnellem Ende gebracht worden war. Und Anton
wute um dies bekmpfte Gefhl, o wie oft hatte sie dies Wissen aus seinem
besorgten Blick, aus seiner schonenden Rede erkannt! Wie rcksichtsvoll war
seine Haltung ihr gegenber gewesen, wie ritterlich die stille Hilfe, die er ihr
in der Unterhaltung gebracht. Ob er auch eine Ahnung hatte von dem tapfern Sieg,
den sie nach und nach ber eine Jugendtorheit erkmpft hatte? Sie schttelte ihr
Haupt. Nein, er wei nichts davon, noch immer sieht er in mir das Mdchen, das
der Schwche ihrer kindischen Neigung erlag. Sie blieb vor ihrem Blumentisch
stehn. An dieser Stelle verriet ihm der Zufall, wie ich damals empfand. Noch
heut steht die Vergangenheit als eine dunkle Wolke zwischen ihm und mir. berall
fhle ich den Schatten des Geschiedenen an meiner Seite, wenn ich am Abend neben
Wohlfart sitze, wenn er mich grt und zu mir spricht. Immer sagt sein Ton und
seine Haltung: Sie ist nicht allein, er ist bei ihr. Sie zuckte zusammen und
fuhr mit der Hand leise ber das lustige Laub, um den Gedanken wegzuwischen, der
sie qulte. Sie konnte ihm nicht sagen, da sie jetzt frei war von dem lange
verhohlenen Leid. Aber heut, wo er einen Freund verloren hatte, der ihm so lieb
war, mute sie ihm zeigen, da er noch andere Herzen besa, die an ihm hingen.
Und wieder ging sie sinnend auf und ab und suchte einen Weg, ihn allein zu
sprechen.
    Der Diener rief zur Tafel. Anton kam mit den andern Herren und setzte sich
sogleich an seinen Platz. Es war keine Gelegenheit, vor Tische mit ihm zu reden.
Aber er sah sie mit einem Blick voll Trauer an, da sie sich nicht enthalten
konnte, ihm herzlich zuzunicken. Er it heut nichts, flsterte ihr die Tante
zu, auch keinen Braten, wiederholte sie vorwurfsvoll. Sabine wurde sehr
unruhig und besorgt. Jetzt muten die Herren die Sthle rcken, dann ging er mit
ihnen aus dem Saal, und sie sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Schon erhob
sich Herr Jordan, da rief sie zu Anton herber: Die groe Calla ist aufgeblht,
Sie haben sich neulich ber die Knospe gefreut, verweilen Sie noch einen
Augenblick, ich mchte sie Ihnen zeigen. Anton verneigte sich und blieb. Noch
einige peinliche Minuten, da stand auch der Bruder auf, sie eilte zu Anton und
fhrte ihn in ihr Zimmer vor den Blumentisch.
    Sie haben heut eine schmerzliche Nachricht erhalten, begann sie leise.
    Die Botschaft selbst hat mich nicht berrascht, erwiderte Anton bewegt,
der Arzt gab keine Hoffnung. Aber ich verliere viel mit ihm.
    Ich habe ihn nie gesehn, sagte Sabine, nur aus Ihrem Munde wei ich, da
sein Leben einsam war, arm an Freuden und Liebe.
    Sie rckte Anton einen Sessel hin und lie ihn von dem Freund erzhlen. Mit
warmem Anteil lauschte sie auf jedes Wort, liebevoll wute sie zu fragen und zu
trsten. Fr Anton war es ein Bedrfnis, von dem Freunde zu sprechen, und beredt
schilderte er ihr sein stilles Treiben, seine Gelehrsamkeit und sein
enthusiastisches Gefhl. Da nach einer Pause sah ihm Sabine herzlich in die
Augen und frug: Haben Sie Nachricht von Herrn von Fink?
    Es war das erste Mal, da sie gegen Anton den Namen ber die Lippen brachte.
Er fhlte das Rhrende des Vertrauens, da sie gerade in dieser Stunde nach dem
Geliebten ihrer Seele frug. In seiner Bewegung fate er ihre Hand, die vor ihm
auf dem Tische lag. Langsam zog sie die Hand zurck und schlug die Augen nieder.
Nur einen Augenblick, dann sah sie ihm wieder freundlich ins Gesicht.
    Er fhlt sich in dem neuen Leben nicht glcklich, sagte Anton ernst. In
seinem letzten Brief war eine grimmige Laune, und ich schliee daraus noch mehr
als aus seinen Worten, da dort vieles nicht so ist, wie er es erwartet hat. Die
Geschfte, in welche er durch den Tod seines Onkels hineingeworfen wurde,
gefallen ihm nicht. 
    Sie sind unwrdig, rief Sabine schnell.
    Wenigstens nicht, was in diesem Hause ehrenhaft heit, erwiderte Anton.
Fink denkt zu gro und hat zu lange in der Nhe Ihres Bruders gelebt, als da
ihn die wsten Spekulationen erfreuen knnten, welche dort drben nur zu
gewhnlich sind. Seine Geschftsfreunde sind zum groen Teil gewissenlose
Menschen, und seine Seele emprt sich gegen ihre Genossenschaft.
    Und kann Herr von Fink ein solches Verhltnis auch nur einen Tag ertragen?
frug Sabine.
    Es ist ein merkwrdiges Schicksal, antwortete Anton, da er, der seinen
eigenen Willen gegen andere so souvern geltend macht, gerade er, der so wenig
geneigt ist, uerem Zwang zu gehorchen, doch in seiner gegenwrtigen Ttigkeit
berall mit gebundenen Hnden arbeitet. Der ganze Mechanismus dieser
Spekulationen ist in Amerika so fest organisiert, da ein einzelner Teilhaber
wenig daran ndern kann. Und so ist die Lage Finks jetzt, wo er seine Wnsche
erreicht hat, groe Kapitalien, Dispositionen ber viele Quadratmeilen Landes,
zweifelhafter als je in seinem Leben. Er war immer in Gefahr, gering von andern
Menschen zu denken, jetzt ngstigt mich die herbe Verachtung, mit welcher er von
seinem eigenen Leben spricht. Sein letzter Brief schilderte eine unertrgliche
Lage und lie irgendeinen gewaltsamen Entschlu ahnen.
    Es gibt fr ihn nur einen Entschlu߫, rief Sabine. Darf ich fragen, was
Sie ihm geantwortet haben?
    Ich habe von ihm gefordert, sich auf der Stelle unter jeder Bedingung von
diesen Geschften zu lsen. Seinem ernsten Willen wird ein Weg dazu sich bieten,
auch wenn der Ausweg, den ich ihm vorschlug, unmglich sein sollte. Und ich habe
ihn gebeten, entweder seinen alten Plan auszufhren und ein wirklicher
Gutsbesitzer in Amerika zu werden, oder zu uns zurckzukehren.
    Ich wute, da Sie so schreiben wrden, sagte Sabine, tief aufatmend. Ja,
er soll zurckkehren, Wohlfart, wiederholte sie leiser, aber nicht zu uns soll
er kommen. - Anton schwieg.
    Und glauben Sie, da Herr von Fink Ihrem Rat folgen wird?
    Ich wei es nicht, erwiderte Anton langsam, mein Rat war wenig
amerikanisch.
    Aber er war, wie Sie ihn geben muten, sagte Sabine mit freudigem Stolz.
    Ein Offizier wnscht Herrn Wohlfart zu sprechen, unterbrach sie der
eintretende Diener. - Anton sprang auf, Sabine trat zu ihren Blumen und beugte
sich traurig ber die grnen Bltter. Noch schwebte der Schatten des andern
zwischen ihr und ihm.
    Die hastigen Worte des Meldenden erfllten Anton mit einer unbestimmten
Angst, er eilte in das Vorzimmer, Dort stand Eugen von Rothsattel. Anton wollte
ihm mit warmem Gru entgegeneilen, da sah er das verstrte Gesicht und trat
erschrocken zurck. Eugen aber flsterte ngstlich wie mit bsem Gewissen:
Meine Mutter wnscht Sie zu sprechen, es ist etwas Schreckliches bei uns
vorgefallen. Anton griff nach seinem Hut und sprang nach dem Comtoir, wo er
schnell Baumann bat, ihn beim Prinzipal zu entschuldigen; dann begleitete er den
Leutnant nach der Wohnung des Freiherrn. Vernichtet ging Eugen an Antons Seite,
er hatte alle Fassung verloren. Unzusammenhngend und fr Anton nicht ganz
verstndlich war, was er sagte: Mein Vater hat sich gestern abend aus Versehen
durch einen Schu verwundet, - ein reitender Bote hat mich aus der Garnison nach
der Hauptstadt gerufen - als ich ankam, fand ich die Mutter in Ohnmacht. Wohl
eine Stunde hat sie darin gelegen. Ich und die Schwester wissen uns keinen Rat.
Lenore hat die Mutter auf den Knien gebeten, zu Ihnen zu schicken. Sie sind der
einzige Mensch, zu dem wir in unserer Not Vertrauen haben. Ich verstehe nichts
von Geschften, aber es mu mit dem Vater sehr schlecht stehen. Die Mutter ist
ganz auer sich. Alles im Haus ist in der grten Unordnung.
    Aus dem, was er sagte und was er zu verschweigen suchte, aus seinen
abgerissenen Reden und seinem angstvollen Blick ahnte Anton einiges von den
Schrecken des letzten Abends. In dem Wohnzimmer der Baronin traf er Lenore
verweint, erschpft wankte sie ihm entgegen. Lieber Wohlfart, rief sie, seine
Hand fassend; von neuem begann sie zu schluchzen, und kraftlos sank ihr Haupt an
seine Schulter. Unterdes ging Eugen mit gerungenen Hnden in der Stube auf und
ab, setzte sich endlich in eine Sofaecke und weinte still vor sich hin.
    Es ist grlich, Herr Wohlfart, klagte Lenore sich aufrichtend. Niemand
darf zum Vater, nicht Eugen, nicht ich, die Mutter allein und der alte Johann
sind um ihn. Und heut frh war der Kaufmann Ehrenthal hier, er wollte durchaus
mit dem Vater sprechen, er schrie laut gegen die Mama, er schalt den Vater einen
Betrger, so da die Mutter zu Boden sank. Als ich in das Zimmer strzte, ging
der schreckliche Mensch fort und drohte noch mit der Faust nach uns.
    Anton fhrte Lenore in einen Sessel und wartete, bis sie sich erholt hatte.
Hier zu trsten war unmglich, ihn selbst erschtterte der Jammer im tiefsten
Herzen. Ruf die Mutter, Eugen, sagte Lenore endlich. Der Bruder eilte hinaus.
Verlassen Sie uns nicht, bat Lenore mit gerungenen Hnden. Es ist zum
uersten mit uns gekommen, auch Ihre Hilfe vermochte nicht, das Unglck
abzuwenden.
    Er ist tot, der es vielleicht gekonnt htte, erwiderte Anton traurig. Ob
ich Ihnen ntzen kann, wei ich nicht, da ich den guten Willen habe, daran
werden Sie nicht zweifeln.
    Nein, rief Lenore, auch Eugen dachte sogleich an Sie.
    Die Baronin trat herein. Sie ging mhsam auf Anton zu und sttzte sich mit
der Hand an einen Stuhl, aber sie begrte ihn mit Haltung. Wir sind in eine
Lage gekommen, in der uns ein Freund ntig ist, welcher mit Geschften mehr
Bescheid wei, als wir drei. Ein unglcklicher Zufall verhindert den Freiherrn,
wahrscheinlich fr lngere Zeit, sich um seine Angelegenheiten zu kmmern, und
so wenig ich davon verstehe, so sehe ich doch, da schnelle Ttigkeit in unserm
Interesse notwendig wird. Meine Kinder haben mir Ihren Namen genannt, ich mute
Ihnen viel zu, wenn ich Sie bitte, unsern Wnschen Ihre Zeit zu opfern. Sie
setzte sich, winkte Anton, Platz zu nehmen, und sagte zu den Kindern: Verlat
uns, ich werde Herrn Wohlfart das wenige, das ich wei, leichter sagen, wenn ich
Euern Schmerz nicht sehe.
    Als sie allein waren, winkte sie Anton nher an sich heran und versuchte zu
sprechen, aber ihre Lippe zuckte, und sie verbarg ihr Gesicht hinter dem
Taschentuch.
    Anton sah gerhrt auf den Kampf, den ihr die Mitteilung kostete: Bevor ich
zugeben kann, da Sie, gndige Frau, mir ein so ehrenvolles Vertrauen schenken,
mu ich Sie in Ihrem Interesse fragen: hat nicht Ihr Herr Gemahl einen
Verwandten oder nahen Freund, dem Sie eine diskrete Mitteilung leichter machen
wrden? Ich bitte Sie, daran zu denken, da meine eigene Geschftserfahrung
nicht gro, und meine Stellung nicht von der Art ist, da ich fr einen
geeigneten Ratgeber des Herrn Barons gelten knnte. 
    Ich wei niemanden, sagte die Baronin trostlos und starrte vor sich hin.
Es wird mir leichter, Ihnen zu sagen, was ich nicht verschweigen darf, als
einem von den Bekannten unsers Hauses. Betrachten Sie sich als einen Arzt, der
zu Kranken gerufen wird. - Der Freiherr hat mir heute frh einige Mitteilungen
ber seine Vermgensverhltnisse gemacht. -
    Und jetzt erzhlte sie ihm, was sie von den Verwickelungen ihres Gemahls
verstanden hatte, von der Gefahr, in welcher das Familiengut schwebte, von dem
Kapital, dessen er bedurfte, um die polnische Herrschaft zu bernehmen. Es war
unvollstndig, was sie zu sagen wute, aber es reichte hin, Anton mit banger
Sorge um die Zukunft der Familie zu erfllen.
    Mein Mann hat mir den Schlssel zu seinem Sekretr bergeben; er wnscht,
da Eugen mit einem Sachverstndigen unsere Angelegenheiten ruhiger, als der
Freiherr selbst, berate. An Sie habe ich die Bitte, da Sie mit meinem Sohn
diese Prfung vornehmen. Wo Sie Auskunft brauchen, werde ich Ihnen diese von dem
Freiherrn zu verschaffen suchen. Es fragt sich nun, ob Sie geneigt sind, fr
uns, die wir Ihnen doch Fremde sind, diese Mhe zu bernehmen.
    Gern bin ich dazu bereit, erwiderte Anton ernst, und ich hoffe durch die
Gte meines Chefs die dazu ntige Zeit zu erhalten; wenn Sie es nicht fr
zweckmiger finden, dem erfahrenen Anwalt Ihres Gemahls diese Ttigkeit zu
berweisen.
    Es wird ja wohl spter Gelegenheit sein, diesen Herrn um seinen Rat zu
fragen, sagte die Baronin abwehrend.
    Anton erhob sich. Wann befehlen Sie, da wir anfangen?
    Sogleich, erwiderte die Dame, ich frchte, es ist kein Tag zu verlieren.
Ich werde mir Mhe geben, Ihnen bei Durchsicht der Papiere zu helfen. Sie
fhrte Anton in das Nebenzimmer, rief Eugen herzu und steckte den Schlssel in
das Bureau des Freiherrn. Als sich der Schrank ffnete, verlor auch sie auf
einen Augenblick die Selbstbeherrschung, und ihrem Mund entglitten die Worte:
Die Hinterlassenschaft eines Toten! Sie wankte an das Fenster, und die
zitternde Bewegung der Gardine verriet den Kampf, in dem ihr Krper erbebte.
    Die traurige Arbeit begann, Stunde auf Stunde verlief, Eugen war nicht
imstande, die Durchsicht zu ertragen, aber die Mutter reichte Anton die Briefe
und Dokumente zu, welche sie fr ntzlich hielt, und so oft sie auch ihre
Ttigkeit unterbrechen mute, sie hielt aus. Anton ordnete das Vorhandene und
suchte bei flchtiger Durchsicht einzelner Schreiben wenigstens zu einem
oberflchlichen Verstndnis zu kommen.
    Es war Abend geworden, da ffnete der alte Diener erschrocken die Tr und
rief in das Zimmer: Er ist wieder da. Die Baronin stie einen leisen Schrei
aus und machte mit der Hand eine abweisende Bewegung.
    Ich habe ihm gesagt, da niemand zu Hause ist, er aber lt sich nicht
fortschicken, er lrmt auf der Treppe, ich kann nicht mit ihm fertig werden.
    Es ist mein Tod, wenn ich ihn wieder hre, murmelte die Baronin.
    Wenn der Mann Ehrenthal ist, sagte Anton aufstehend, so will ich
versuchen, ihn fortzuschaffen. Das Ntigste ist hier geschehen, haben Sie die
Gte, diese Papiere zu bewahren und mir zu erlauben, da ich morgen
wiederkomme. Die Baronin winkte stumm eine Bejahung und sank in den Stuhl
zurck. Anton ergriff seinen Hut und eilte in das Vorzimmer, wo er schon von
weitem die lrmende Stimme Ehrenthals vernahm.
    Er erschrak ber das Aussehen des Hndlers. Den Hut weit nach dem Nacken
zurck gesetzt, das bleiche Gesicht wie vom Trunk aufgedunsen, die glsernen
Augen gertet, stand Ehrenthal vor ihm und rief in abgebrochenen Stzen nach dem
Freiherrn, klagte und fluchte. Er soll kommen, schrie er, auf der Stelle soll
er kommen, der schlechte Mann. Ein Edelmann will er sein, ein Lump ist er, gegen
den ich werde holen die Polizei, Wo ist mein Geld, wo ist meine Hypothek? Ich
will wiederhaben meine Sicherheit von diesem Mann, welcher nicht ist zu Hause.
    Anton trat dicht an ihn heran und sagte mit fester Stimme: Kennen Sie mich,
Herr Ehrenthal? Ehrenthal richtete seine verglasten Augen auf ihn, allmhlich
erkannte er den Freund des verstorbenen Sohnes.
    Er hat Sie liebgehabt, rief er klglich, er hat mit Ihnen gesprochen mehr
als mit seinem Vater. Sie sind gewesen sein einziger Freund, den er gehabt hat
auf Erden. - Haben Sie gehrt, was geschehen ist im Hause bei Ehrenthal? fuhr
er flsternd fort. - Als sie gestohlen haben die Papiere, ist er gestorben. Er
ist gestorben mit einer solchen Hand. Er ballte die Faust und schlug sich vor
die Stirn. O mein Sohn, mein Sohn, was hast du nicht verziehen deinem Vater!
    Wir gehen zu Ihrem Sohn, sprach Anton und ergriff den Arm des Hndlers.
Ehrenthal leistete keinen Widerstand und lie sich von ihm die Treppe hinunter
nach seinem Hause fhren.
    Von da eilte Anton zur Wohnung des Justizrat Horn und hatte mit diesem eine
lange Unterredung.
    Leidenschaftlich bewegt kam er am spten Abend nach Hause. In der Sorge um
die Menschen, deren sicheres Glck ihm seit Jahren die Phantasie erfllt hatte,
erbebte sein Herz, das Vertrauen, mit dem sie ihn in ihr Unglck eingeweiht
hatten, erfllte ihn mit Stolz. Er brannte vor Begierde, ihnen zu helfen; er
hoffte, da dem treuen Diensteifer gelingen werde, die Wege zur Rettung zu
finden. Noch sah er sie nicht. Als er im Mondenschein das groe Haus der
Handlung vor sich erblickte, die Fenster des untern Stocks vergittert, Gewlbe
und Keller mit eisernen Tren verschlossen, so sicher und fest im Schlummer der
Nacht, da wurde ihm klar: Wenn ein Mann helfen konnte, so war es sein Prinzipal.
Sein Scharfblick wute in alle dunklen Geheimnisse, denen der Freiherr verfallen
war, einzudringen, seiner eisernen Kraft muten die Schurken erliegen, welche
den Gutsbesitzer festhielten. Ja und er hatte ein groes Herz, er fand das
Rechte mhelos, ohne Kampf. Anton sah zu dem ersten Stock auf. Die ganze
Hausfronte war finster, nur in der Eckstube brannte noch ein Licht. Dort war das
Arbeitszimmer seines Chefs.
    Mit schnellem Entschlu suchte Anton den Bedienten auf und lie sich zu
Herrn Schrter fhren. Verwundert sah dieser auf den eintretenden Anton. Was
bringen Sie, Wohlfart? Ist etwas vorgefallen?
    Ich bitte um Ihren Rat, ich bitte um Ihre Hilfe, rief Anton.
    Fr sich oder fr andere? frug der Kaufmann.
    Fr eine Familie, mit welcher ich durch Zufall in Verbindung gekommen bin.
Sie geht unter, wenn nicht eine starke Freundeshand das Unheil abwehrt. Darauf
berichtete Anton in fliegender Eile, was er an diesem Nachmittag erlebt hatte,
fate in seiner Bewegung die Hand des Kaufmanns und rief: Was ich gesehen habe,
war schrecklich fr mich. Haben Sie Erbarmen mit den unglcklichen Frauen und
helfen Sie.
    Helfen? frug der Kaufmann ernst - Wie kann ich das? Haben Sie einen
Auftrag, mich dazu in Anspruch zu nehmen; oder ist es nur Ihre warme Empfindung,
welche diese Forderung an mich richtet?
    Ich habe keinen Auftrag, sagte Anton, nur der Anteil, den ich an dem
Schicksal des Freiherrn nehme, treibt mich zu Ihnen.
    Und welches Recht haben Sie, mir diese Mitteilung zu machen, die Ihnen
selbst doch nur im engen Vertrauen von der Frau des Gutsbesitzers gemacht sein
kann? frug der Kaufmann zurckhaltend.
    Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich Ihnen sage, was in wenigen Tagen
auch fr Fremde kein Geheimnis sein wird.
    Sie sind jetzt in einer ungewhnlichen Aufregung, sonst wrden Sie nicht
vergessen, da unter allen Umstnden der Kaufmann, der erste Korrespondent
meines Comtoirs, solche Mitteilungen nur mit besonderer Erlaubnis der
Beteiligten wagt. Es versteht sich von selbst, da ich keinen Mibrauch von dem
machen werde, was Sie mir gesagt haben, aber es war doch wenig geschftsmig,
Wohlfart, da Sie so offen gegen mich waren.
    Anton schwieg betroffen. Er erkannte, da sein Prinzipal recht hatte, aber
es schien ihm hart, da dieser in solcher Stunde den Vertrauenden tadelte. Auch
der Kaufmann ging schweigend im Zimmer auf und ab; endlich blieb er vor Anton
stehen. Ich frage Sie jetzt nicht, wie Sie dazu kommen, so warmen Anteil an dem
Schicksal dieser Familie zu nehmen; ich frchte, es ist eine Bekanntschaft, die
Sie Fink verdanken.
    Sie sollen alles erfahren, warf Anton ein.
    Noch nicht, erwiderte der Prinzipal abwehrend. Jetzt will ich Ihnen nur
wiederholen, da fr mich keine Mglichkeit vorhanden ist, ohne direkte
Aufforderung der Beteiligten in fremde Angelegenheiten einzugreifen. Ich fge
hinzu, da ich diese Aufforderung nicht wnsche. Ich verberge Ihnen nicht, da
ich wahrscheinlich auch dann ablehnen wrde, etwas fr den Freiherrn von
Rothsattel zu tun.
    Antons Gefhl wallte auf. Es gilt, einen ehrlichen Mann, liebenswrdige
Frauen aus den Hnden von Gaunern zu retten, welche sie umgarnt haben. Dies
scheint mir Pflicht eines jeden Mannes, und vollends ich halte es fr eine teure
Verpflichtung, der ich mich nicht entziehen darf. Ohne Ihre Untersttzung aber
vermag ich nichts.
    Wie also denken Sie, da dem verschuldeten Gutsbesitzer geholfen werden
kann? frug der Kaufmann sich niedersetzend.
    Mit etwas mehr Ruhe erwiderte Anton: Zunchst nur dadurch, da ein
erfahrener Geschftsmann wie Sie die Verwicklungen zu durchschauen sucht. Es mu
einen Punkt geben, wo die Schurken zu fassen sind. Ihr Rat, Ihre Einsicht wrden
ihn finden. 
    Beides besitzt jeder Rechtsanwalt in hherem Grade als ich, entgegnete der
Kaufmann, ohne Schwierigkeit wird der Baron gescheite und ehrliche Juristen
gewinnen. Wenn die Gegner des Freiherrn dem Gesetz irgendeine Ble gegeben
haben, so wird das Sprauge eines Sachwalters diese am ersten entdecken.
    Leider gibt der Anwalt des Freiherrn wenig Hoffnung, erwiderte Anton.
    Dann, lieber Wohlfart, wird auch fr andere schwerlich etwas zu machen
sein. Zeigen Sie mir einen Mann, der in Verlegenheit ist und Kraft hat, sich an
einer dargebotenen Hand aufzuhelfen, und sagen Sie zu mir: Hilf ihm! so werde
ich, weil ich Ihr Freund und Ihnen zu groem Dank verpflichtet bin, meine Hand
dem Gefhrdeten nicht verweigern. Ich denke, Sie sind davon berzeugt.
    Ich bin es, versetzte Anton kleinlaut.
    So aber steht es nach allem, was ich hre, mit dem Freiherrn nicht. Soweit
ich aus Ihrer Erzhlung und dem, was man in der Stadt ber ihn erzhlt, seine
Verhltnisse verstehe, konnte er nur deshalb in die Hnde der Wucherer fallen,
weil ihm das fehlte, was dem Leben jedes Menschen erst Wert gibt, ein besonnenes
Urteil und eine stetige Arbeitskraft.
    Anton mute dies mit einem Seufzer zugeben.
    Einem solchen Mann zu helfen, fuhr der Kaufmann unerbittlich fort, ist
eine miliche Aufgabe, bei welcher der Verstand wohl das Recht hat, zu
widersprechen. Man soll vor keinem Menschen die Hoffnung aufgeben, da er sich
ndern kann, aber gerade der Mangel an Kraft wird am allerschwersten gebessert.
Unsere Fhigkeit, fr andere zu arbeiten, ist beschrnkt, und bevor man einem
Schwchling seine Zeit opfert, soll man fragen, ob man sich dadurch nicht selbst
der Fhigkeit beraubt, einem bessern Mann zu helfen.
    Anton rief unruhig: Verdient er nicht einige Rcksicht? Er ist in
Ansprchen an das Leben erzogen, er hat nicht wie wir gelernt, durch eigene
Anstrengung sich heraufzuarbeiten.
    Der Kaufmann legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. Grade
darum. Glauben Sie mir, einem groen Teil dieser Herren, welche an ihren alten
Familienerinnerungen leiden, ist nicht zu helfen. Ich bin der letzte, zu
verkennen, wie gro die Anzahl tchtiger Mnner auch in dieser Menschenklasse
ist. Und wo ein bedeutendes Talent oder eine edle Persnlichkeit unter ihnen
aufschiet, mag sie sich grade in ihrer geschtzten Stellung vortrefflich
entfalten; aber fr den groen Mittelschlag der Menschen ist diese Lage nicht
gnstig. Wer von Haus aus den Anspruch an das Leben macht, zu genieen und
seiner Vorfahren wegen eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr
hufig nicht die volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen.
Sehr viele unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen,
und es wird kein Unglck fr den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre
Familienerinnerungen machen sie hochmtig ohne Berechtigung, beschrnken ihren
Gesichtskreis, verwirren ihr Urteil.
    Und wenn das alles wahr ist, rief Anton, so darf es uns doch nicht
abhalten, dem einzelnen als unserm Mitbruder zu helfen, wo unser Mitgefhl
angeregt wird.
    Nein, sagte der Prinzipal, wo es angeregt wird. Aber es glht im Alter
nicht mehr so schnell auf, als in der Jugend. - Der Freiherr soll dahin
gearbeitet haben, sein Eigentum aus der groen Flut der Kapitalien und
Menschenkraft dadurch zu isolieren, da er es auf ewige Zeit seiner Familie
verschrieb. Auf ewige Zeit! Sie als Kaufmann wissen, was von solchem Streben zu
halten ist. Wohl mu jeder vernnftige Mann wnschen, da der adlige Schacher
mit Grundbesitz in unserm Lande aufhrt, jedermann wird es fr vorteilhaft
halten, wenn die Kultur desselben Bodens vom Vater auf den Sohn bergeht, weil
so die Krfte des Ackers am ersten liebevoll und planmig gesteigert werden.
Wir schtzen ein Mbel, das unsre Vorfahren benutzt haben, und Sabine wird Ihnen
mit Stolz jeden Raum dieses Hauses aufschlieen, zu dem schon ihre Urgromutter
die Schlssel getragen hat. So ist es auch natrlich, wenn im Gemt des
Landwirts der Wunsch entsteht, das Stck Natur, welches ihn umgibt, die Quelle
seiner Kraft und seines Wohlstandes, den Menschen zu erhalten, welche ihm die
liebsten sind. Aber dafr gibt es nur ein Mittel, und dies Mittel heit, seine
Lieben tchtig machen zur Behauptung und zur Vermehrung ihres Erbes. Wo die
Kraft aufhrt in der Familie oder im einzelnen, da soll auch das Vermgen
aufhren, das Geld soll frei dahinrollen in andere Hnde, und die Pflugschar
soll bergehn in eine andere Hand, welche sie besser zu fhren wei. Und die
Familie, welche im Genusse erschlafft, soll wieder heruntersinken auf den Grund
des Volkslebens, um frisch aufsteigender Kraft Raum zu machen. Jeden, der auf
Kosten der freien Bewegung anderer fr sich und seine Nachkommen ein ewiges
Privilegium sucht, betrachte ich als einen Gegner der gesunden Entwicklung
unseres Staats. Und wenn ein solcher Mann in diesem Bestreben sich zugrunde
richtet, so werde ich ihm ohne Schadenfreude zusehn, aber ich werde sagen, da
ihm sein Recht geschehen, weil er gegen einen groen Grundsatz unsers Lebens
gesndigt hat. Und fr ein doppeltes Unrecht werde ich eine Untersttzung dieses
Mannes halten, solange ich befrchten mu, da meine Hilfe dazu verwandt wird,
eine ungesunde Familienpolitik zu untersttzen.
    Anton sah traurig vor sich nieder; er hatte Teilnahme, ein warmes Eingehen
in seine Wnsche erwartet, und fand bei dem Mann, der ihm so viel galt, eine
Klte, die er zu berwinden verzweifelte. Ich kann Ihnen nicht widersprechen,
sagte er endlich, aber ich kann in diesem Falle nicht so denken wie Sie. Ich
habe den ungeheuern Schmerz in der Familie des Freiherrn mit angesehen, und
meine ganze Seele ist voll von Wehmut und Teilnahme und von dem Wunsch, irgend
etwas fr die Menschen zu tun, welche mir ihr Herz geffnet haben. Nach dem, was
Sie mir gesagt haben, wage ich nicht mehr, Sie selbst zu bitten, da Sie sich um
diese Angelegenheit kmmern. Aber ich habe der Baronin versprochen, ihr, so weit
ich mit meiner geringen Kraft vermag und so weit Ihre Gte mir dies erlaubt,
beim Ordnen ihrer Verhltnisse behilflich zu sein. Ich ersuche Sie um die
Erlaubnis dazu. Ich werde mich bemhen, meine Comtoirstunden regelmig
einzuhalten, aber wenn ich in den nchsten Wochen zuweilen eine Stunde versume,
so bitte ich Sie, mir dies nachzusehen.
    Wieder ging der Kaufmann schweigend im Zimmer auf und ab, endlich blieb er
vor Anton stehen, sah ihm mit tiefem Ernst in das aufgeregte Gesicht, und es war
etwas wie Trauer in seinen Zgen, als er mit berwindung erwiderte: Denken Sie
auch daran, Wohlfart, da jede Ttigkeit, bei welcher das Gemt aufgeregt wird,
leicht eine Macht ber den Menschen gewinnt, die sein Leben ebensowohl stren
als frdern kann. Dieser Grund ist es, welcher mir die Gewhrung Ihres Wunsches
nicht leichtmacht.
    Auch ich habe vor Wochen dasselbe wie eine Ahnung gefhlt, sagte Anton
leise. Jetzt kann ich nicht anders.
    Wohl, so tun Sie, was Sie mssen, schlo der Kaufmann finster, ich werde
Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Und ich wnsche, da Sie nach einigen
Wochen die ganze Angelegenheit ruhiger betrachten mgen. Anton verlie mit mehr
Haltung das Zimmer. Der Kaufmann sah lange mit gefurchter Stirn auf die Stelle,
an welcher sein Kommis gestanden hatte.
    In seinem Innern aber war Anton nicht ruhiger geworden. Die khle, ja
mifllige Aufnahme seiner Bitte verletzte ihn tief. So herb, so unerbittlich,
rief er aus, als er sich ermdet in seinem Zimmer niedersetzte. Aus einem Winkel
seiner Seele stieg ihm der Verdacht auf, da sein Chef doch mehr Egoismus und
weniger Gemt habe, als er ihm zugetraut. Manche uerung Finks fiel ihm wieder
ein, jener Abend fiel ihm ein, wo der junge Rothsattel in knabenhaftem bermut
gegen den Kaufmann seinen Kamm gestrubt hatte. Ist es mglich, da diese Unart
von ihm unvergessen ist? frug er sich zweifelnd. Und hinter den hellen
Gestalten der Edelfrauen verblich das scharf gefurchte Gesicht seines Chefs.
Ich tue nicht unrecht, rief er sich selbst zu; was er sagen mag, ich habe
Rechte auch gegen ihn. Und mein Los wird sein, von heute ab fr mich allein den
Weg zu suchen, auf dem ich gehen mu. So sa er lange im Finstern, und dster
wie der Raum waren seine Gedanken. Er trat an das Fenster und blickte in den
dunkeln Hof hinunter. Da schimmerte in dem matten Schein, der aus den Wolken in
sein Zimmer fiel, ein riesiger weier Kelch neben ihm geisterhaft in der Luft.
Erstaunt fate er danach. Er machte Licht und sah die prchtige Blte der Calla
von Sabinens Blumentisch. An dem geknickten Stengel hing sie traurig herab.
Sabine hatte ihm die Blume heimlich hereingestellt. Wie ein trauriges Vorzeichen
erschien ihm der kleine Unfall. Er lste die Blte und legte sie vor sich auf
den Tisch, und lange sa er schweigend und starrte auf das zusammengerollte
Bltenblatt.
    Sabine trat, die Kerze in der Hand, in das Zimmer des Bruders. Gute Nacht,
Traugott, nickte sie ihm zu - Wohlfart war den Abend bei dir, so spt hat er
dich verlassen.
    Er wird uns verlassen, erwiderte der Kaufmann finster. Sabine erschrak,
der Leuchter klirrte auf den Tisch. Um Gottes willen, was ist geschehen? Hat
Wohlfart gesagt, da er von uns will?
    Noch wei er es selbst nicht; ich aber sehe es kommen Schritt vor Schritt.
Und nicht ich und noch weniger du knnen etwas tun, um ihn zurckzuhalten. Als
er hier vor mir stand und mit glhenden Wangen und bebender Stimme Hilfe fr
einen ruinierten Mann erbat, sah ich, was ihn forttreibt.
    Ich verstehe dich nicht, sagte Sabine und sah den Bruder gro an.
    Er hat Lust, der Vertraute eines heruntergekommenen Gutsbesitzers zu
werden. Ein Paar Mdchenaugen ziehen ihn ab von uns, es erscheint ihm als ein
wrdiges Ziel seines Ehrgeizes, Geschftsfhrer der Rothsattel zu werden. Er
heit im Comtoir Finks Erbe. Diese Verbindung mit dem adeligen Gutsbesitzer ist
die Erbschaft, die ihm Fink hinterlassen hat. Und du hast ihm deine Hilfe
verweigert? frug Sabine leise.
    Die Toten sollen ihre Toten begraben, sagte der Kaufmann rauh und wandte
sich ab zu seinem Schreibtisch. Schweigend entfernte sich Sabine. Der Leuchter
zitterte in ihrer Hand, als sie durch die lange Zimmerreihe schritt. ngstlich
horchte sie auf ihren eigenen Futritt, und ein Schauer berlief sie, ihr war,
als glitte eine fremde Gestalt unsichtbar an ihrer Seite hin. Das war die Rache
des andern. Der Schatten, welcher aus der Vergangenheit auf ihr schuldloses
Leben fiel, er scheuchte jetzt auch den Freund aus ihrem Kreise. An einer andern
hing Antons sehnendes Herz, sie selbst war ihm eine Fremde geblieben, die einen
Entfernten geliebt und verschmht hatte und jetzt im Witwenschleier auf das
verglhende Gefhl ihrer Jugend zurcksah.
    Die nchsten Wochen vergingen Anton in einer aufreibenden Ttigkeit. Er war
peinlich bemht, in den Comtoirstunden seine Pflicht zu tun. Die Abende, jede
Freistunde brachte er an dem Aktentisch in Konferenzen mit dem Rechtsanwalt und
mit der Baronin zu. Unterdes nahm das Unglck des Freiherrn seinen Verlauf. Er
hatte die Zinsen der Kapitalien, welche auf seinem Familiengut lasteten, am
letzten Termine nicht gezahlt, eine ganze Reihe von Hypotheken wurden ihm an
einem Tage gekndigt, das Familiengut kam unter die Verwaltung der Landschaft.
Verwickelte Prozesse erhoben sich. Ehrenthal klagte und forderte die erste
Hypothek von zwanzigtausend Talern, und forderte die neue Ausfertigung; er war
aber auch geneigt, Ansprche an die letzte Hypothek zu machen, welche ihm der
Freiherr in der unheilvollen Stunde angeboten hatte. Lbel Pinkus forderte
ebenfalls die erste Hypothek fr sich und behauptete die volle Summe von
zwanzigtausend Talern gezahlt zu haben. Ehrenthal hatte keine Beweise und fhrte
seinen Proze unordentlich, er war jetzt wochenlang auerstande sich um seine
Geschfte zu kmmern, Pinkus dagegen focht mit allen Rnken, die ein
hartgesottener Snder ausfindig machen konnte, und der Vertrag, welchen der
Freiherr mit ihm abgeschlossen hatte, war ein so vortreffliches Meisterstck des
schlauen Advokaten, da der Anwalt des Freiherrn gleich am Anfange des Prozesses
wenig Hoffnung gab. Nebenbei bemerkt, Pinkus gewann den Proze, die Hypothek
wurde ihm zugesprochen und neu fr ihn ausgefertigt.
    Anton hatte nach und nach Einsicht in die Verhltnisse des Freiherrn
gewonnen. Nur den doppelten Verkauf der ersten Hypothek verbarg der Freiherr
sorgfltig vor seiner Gemahlin. Er nannte die Ansprche Ehrenthals unbegrndet
und uerte den Verdacht, da Ehrenthal selbst den Diebstahl in seinem Comtoir
begangen habe. Das letztere war in der Tat seine Meinung geworden. So wurde der
Name Itzigs Anton gegenber gar nicht genannt, und der Verdacht gegen Ehrenthal,
den auch der Anwalt teilte, verhinderte Anton, bei diesem Aufklrung zu suchen.
    Zwischen Anton und dem Kaufmann war eine Spannung eingetreten, welche das
ganze Comtoir mit Erstaunen wahrnahm. Finster sah der Kaufmann auf Antons leeren
Sitz, wenn dieser einmal in den Arbeitsstunden abwesend war, und gleichgltig
auf das Gesicht seines Comtoiristen, welches in Gemtsbewegungen und Nachtarbeit
erblich. Wie einst fr die Unregelmigkeiten Finks, so hatte er auch jetzt fr
Antons neue Ttigkeit kein Wort, er schien sie nicht zu bemerken. Selbst der
Schwester gegenber beobachtete er ein hartnckiges Stillschweigen, Sabines
Versuche, das Gesprch auf Wohlfart zu bringen, wies er mit kurzem Ernst ab.
Antons Herz emprte sich gegen diese Klte. Nach seiner Rckkehr behandelt wie
ein Kind vom Hause, gerhmt, gepflegt, gehtschelt, und jetzt wieder
gemihandelt wie ein Lohnarbeiter, der das Brot nicht verdient, welches man ihm
hinwirft. Ein Spielzeug unbegreiflicher Launen! Das wenigstens hatte er nicht
verdient!
    So sa er verschlossen neben der Familie, wortkarg vor seinem Pult, aber des
Abends, in der Einsamkeit seines Zimmers, fuhr ihm oft der Gegensatz zwischen
einst und jetzt so schneidend durch das Haupt, da er heftig aufsprang und mit
dem Fu auf den Boden stampfte.
    Nur ein Trost blieb ihm: Sabine zrnte ihm nicht. Er sah sie jetzt wenig.
Auch sie war bei Tische schweigsam und vermied Anton anzureden; aber er wute
doch, da sie ihm recht gab. Wenige Tage nach jener Unterredung mit dem Kaufmann
stand Anton allein an der groen Waage, whrend die Hausknechte vor der Tr um
einen Frachtwagen beschftigt waren. Da kam Sabine die Treppe herab, sie ging so
nahe bei ihm vorbei, da ihr Kleid ihn berhrte. Anton trat zurck und machte
eine frmliche Verbeugung. Mir drfen Sie nicht fremd werden, Wohlfart, sagte
sie leise und sah ihn bittend an. Es war nur ein Augenblick, ein kurzer Gru,
aber in dem Gesicht beider glnzte eine frohe Rhrung.
    So kam die Zeit heran, in welcher Herr Jordan die Handlung verlassen sollte.
Der Prinzipal rief Anton wieder in das kleine Comtoir. Ohne Hrte, aber auch
ohne eine Spur der Herzlichkeit, die er ihm sonst gezeigt hatte, begann er: Ich
habe Ihnen meine Absicht ausgesprochen, Sie an Jordans Stelle zu setzen, um
Ihnen die Prokura zu bergeben. Ihre Zeit war in den letzten Wochen durch andere
Geschfte mehr in Anspruch genommen, als fr meinen Stellvertreter wnschenswert
ist - deshalb frage ich Sie selbst, sind Sie imstande, von jetzt ab die
Ttigkeit Jordans zu bernehmen?
    Nein, erwiderte Anton.
    Knnen Sie mir eine - nicht zu entfernte - Zeit angeben, in welcher Sie
frei von Ihren gegenwrtigen Arbeiten sein werden? frug der Kaufmann. Ich
wrde in diesem Fall fr die nchste Zeit eine Auskunft zu treffen suchen.
    Anton erwiderte traurig: Noch kann ich nicht bestimmen, wann ich wieder
Herr meiner ganzen Zeit sein werde; ich fhle, da ich durch manche
Unregelmigkeit Ihre Nachsicht ohnedies sehr in Anspruch nehme. Deshalb bitte
ich Sie, Herr Schrter, bei Besetzung der Stelle auf mich keine Rcksicht zu
nehmen. Die Stirn des Kaufmanns zog sich in Falten, und stumm neigte er sein
Haupt gegen Anton. Als Anton die Tr des Zimmers hinter sich schlo, fhlte auch
er, da dieser Augenblick den Bruch zwischen ihm und dem Kaufmann vollendet
hatte. Er setzte sich auf seinen Platz und sttzte den heien Kopf mit der Hand.
Gleich darauf wurde Baumann zum Prinzipal beschieden, er erhielt die Stelle
Jordans. Als er in das vordere Comtoir zurckkehrte, trat er zu Anton und sagte
leise: Ich habe mich geweigert, die Stelle zu bernehmen, aber Herr Schrter
bestand darauf. Ich begehe ein Unrecht gegen Sie. - Und am Abend las Herr
Baumann in seiner Stube aus dem ersten Buch Samuelis die Kapitel vom grimmigen
Knig Saul, seinem Prinzipal, und von der Freundschaft zwischen Jonathan und dem
verfolgten David, und strkte dadurch sein Herz.
    Den Tag darauf trat Anton in das Zimmer der Baronin. Lenore und die Mutter
saen an einem groen Tisch unter Toiletten und Kstchen von jeder Form; ein
Koffer, stark mit Eisen beschlagen, stand zu den Fen der Edelfrau. Die
Vorhnge waren geschlossen, das gedmpfte Sonnenlicht fllte den
reichgeschmckten Raum mit einem matten Glanz; auf dem Teppich des Fubodens
lagen nimmer welkende Krnze, und lustig tickte die Uhr im Gehuse von
Alabaster. Unter blhender Myrthe saen zwei Sympathievgel in einem
versilberten Kfig, sie schrien unaufhrlich einander zu, und wenn der eine zur
nchsten Stange hinabflatterte, lockte der Genosse ihn ngstlich, bis er
zurckflog. Dann saen beide behaglich, dicht aneinandergedrckt. Von grnem und
roten Gold schimmerten die kleinen zrtlichen Kinder eines wrmern Himmels, wo
nie das weiche Leben im kalten Sturmwind erstarrt. So glnzte und duftete das
Zimmer. - Wie lange noch? dachte Anton.
    Die Baronin erhob sich: Schon wieder bemhen wir Sie. Wir sind bei einer
Arbeit, die uns Frauen viel zu tun macht.
    Auf dem Tische war Frauenschmuck, goldene Ketten, Brillanten, Ringe,
Halsbnder in einen Haufen zusammengeschichtet. Wir haben ausgesucht, was wir
entbehren knnen, sagte die Baronin, und bitten Sie, den Verkauf dieser Sachen
zu bernehmen. Man hat mir gesagt, da einzelnes davon nicht ohne Geldwert ist,
und da jetzt vor allem Geld ntig wird, so suchen wir hier eine Hilfe, welche
die Sorge unserer Freunde verringert.
    Anton sah betroffen auf den blitzenden Knuel. Sprechen Sie, Wohlfart,
rief Lenore ngstlich, ist das ntig und kann es etwas ntzen? Mama hat darauf
bestanden, unsern ganzen Schmuck und alles Silber, das wir nicht tglich
gebrauchen, zum Verkauf zurckzulegen. Was ich selbst geben kann, ist nicht der
Rede wert, aber der Schmuck der Mutter ist kostbar, es sind viele Geschenke aus
ihrer Jugend dabei, Erinnerungen, von denen sie sich nicht trennen soll, wenn
Sie nicht sagen, da es ntig ist.
    Ich frchte, es wird ntig sein, erwiderte Anton ernst.
    Lenore sprang auf. Arme Mutter, rief sie zrtlich und schlang ihre Arme um
den Hals der Baronin. Nehmen Sie, erwiderte die Mutter leise zu Anton, ich
werde ruhiger sein, wenn ich wei, da wir das Mgliche getan haben.
    Ist es aber gut, alles hinzugeben? frug Anton bittend. Vieles, was Ihnen
vielleicht lieb ist, wird dem Juwelier weniger Wert haben.
    Ich werde keinen Schmuck mehr tragen, erwiderte die Baronin kalt, nehmen
Sie alles, alles. Sie hielt die Hand vor die Augen und wandte sich ab.
    Wir foltern die Mutter, rief Lenore heftig, verschlieen Sie, was auf dem
Tisch liegt, schaffen Sie es fort aus dem Hause so bald als mglich.
    Ich kann diese Kostbarkeiten nicht bernehmen, sagte Anton, ohne einige
Maregeln, welche meine Verantwortung geringer machen. Vor allem will ich in
Ihrer Gegenwart wenigstens flchtig aufzeichnen, was Sie mir bergeben wollen.
    Welch unntze Grausamkeit! rief Lenore.
    Es soll nicht lange aufhalten. Anton ri einige Bltter aus seiner
Brieftasche und schrieb Stck fr Stck auf.
    Du darfst nicht zusehen, Mutter, ich leide es nicht, drngte Lenore, sie
zog die Mutter aus dem Zimmer; dann setzte sie sich zu Anton und sah ihm zu, wie
er die einzelnen Stcke einpackte, mit Nummern versah und zusammen in den Koffer
legte.
    Diese Vorbereitungen fr den Markt sind schrecklich, klagte Lenore, das
ganze Leben der Mutter wird verkauft, an jedem Stck hngen fr sie
Erinnerungen. Sehen Sie, Wohlfart, diesen Diamantenschmuck hat sie von der
Prinzessin bekommen, als sie den Vater heiratete.
    Es sind prachtvolle Brillanten, rief Anton bewundernd.
    Dieser Ring stammt von meinem Grovater, und das hier sind Geschenke meines
armen Papas. - Ach, kein Mann versteht, wie lieb uns diese Schmucksachen sind.
Es war jedesmal ein Festtag auch fr mich, wenn Mama die Brillanten trug. -
Jetzt kommen wir zu meinen Habseligkeiten, sie sind nicht viel wert. Ob dieses
Armband gutes Gold sein mag? Sie hielt ihm ihre Hand hin.
    Ich wei es nicht.
    Wir wollen es doch zu dem brigen tun, sagte Lenore, streifte den Goldreif
vom Arm und legte ihn auf den Tisch. Ja, Sie sind ein guter Mensch, Wohlfart,
fuhr sie fort und sah ihm treuherzig in die feuchten Augen; verlassen nur Sie
uns nicht. Der Bruder hat keine Erfahrung und ist hilfloser als wir. Es ist eine
furchtbare Lage auch fr mich. Vor Mama mhe ich mich, gefat zu sein, aber ich
mchte laut schreien und weinen den ganzen Tag. Sie sank in einen Stuhl und
hielt seine Hand fest. Lieber Wohlfart, verlassen Sie uns nicht.
    Anton beugte sich ber sie und sah in leidenschaftlicher Bewegung auf die
schne Gestalt, die so vertrauend aus ihren Trnen zu ihm aufsah. Ich will
Ihnen ntzlich sein, wo ich kann, sprach er in mchtiger Aufwallung seines
Gefhls, ich will Ihnen nahe sein, sooft Sie mich bedrfen. Sie haben eine zu
gute Meinung von meinen Kenntnissen und meiner Kraft, ich kann Ihnen weniger
helfen, als Sie glauben. Was ich aber vermag, das werde ich tun. In jeder
Ttigkeit und auf allen Wegen.
    Mit einem warmen Druck lsten sich ihre Hnde, ein Vertrag war geschlossen.
    Die Baronin kam in das Zimmer zurck. Unser Anwalt war heut morgen bei mir.
Jetzt bitte ich auch Sie um Ihren Rat. Wie der Anwalt mir mitteilt, ist keine
Aussicht, das Familiengut dem Freiherrn zu erhalten.
    In dieser Zeit, wo das Geld teuer und schwer zu haben ist, keine,
erwiderte Anton.
    Und auch Sie sind der Meinung, da wir alles anwenden mssen, um die
polnische Herrschaft uns zu retten?
    Ja, erwiderte Anton.
    Auch dazu wird Geld ntig sein. Vielleicht vermag ich durch meine
Verwandten Ihnen eine, wenn auch geringe Summe zugnglich zu machen; sie soll
mit diesem da - sie wies auf den Koffer - ausreichen, die Kosten der ersten
Einrichtung zu decken. Ich wnsche den Schmuck nicht hier zu verkaufen, auch fr
die bernahme der Geldsumme, welche ich hoffen darf, wird eine Reise nach der
Residenz ntig sein. Der Anwalt des Freiherrn hat mit groer Achtung von ihrer
Umsicht gesprochen. Es ist auch sein Wunsch, der mich bestimmt, Ihnen ein
Anerbieten zu machen: Wollen Sie uns fr die nchsten Jahre, wenigstens so
lange, bis die grten Schwierigkeiten berwunden sind, ihre ganze Zeit widmen?
Ich habe mit meinen Kindern beraten, beide sehen, wie ich, in Ihrer Ttigkeit
die einzige Rettung. Auch der Freiherr ist damit einverstanden. Es fragt sich,
ob Ihre Verhltnisse Ihnen erlauben, uns Unglcklichen Ihren dauernden Beistand
zu gnnen. Unter welchen Bedingungen Sie dies auch tun, wir werden Ihnen dankbar
sein. Wenn Sie irgendeine Form finden, in der wir die groen Verpflichtungen,
die wir gegen Sie haben, auch in Ihrer uern Stellung ausdrcken knnen, so
sagen Sie mir das.
    Anton stand erstarrt. Was die Baronin von ihm forderte, war Trennung von dem
Geschft und Trennung von seinem Chef und Sabine. War ihm derselbe Gedanke schon
frher gekommen, wenn er vor Lenore stand oder wenn er sich ber die Briefe des
Freiherrn beugte? - Jetzt, wo das Wort ausgesprochen wurde, erschtterte es ihn.
Er sah auf Lenore, welche hinter der Mutter ihre Hnde bittend zusammenlegte.
Ich stehe in einem Verhltnis, erwiderte er endlich, welches ich nicht ohne
Einwilligung anderer lsen darf, ich bin auf diesen Antrag nicht vorbereitet und
bitte Sie, gndige Frau, mir Zeit zur berlegung zu lassen. Es ist ein Schritt,
der ber meine Zukunft entscheidet.
    Ich drnge nicht, sagte die Baronin, ich bitte nur. Wie Ihre Entscheidung
auch ausfalle, unser warmer Dank wird Ihnen bleiben; wenn Sie auerstande sind,
unsere schwache Kraft zu sttzen, so frchte ich, finden wir niemanden. Denken
Sie auch daran, bat sie flehend.
    Mit glhenden Wangen eilte Anton ber die Strae. Der bittende Blick der
Edelfrau, die gerungenen Hnde Lenorens winkten ihn hinaus aus dem dunkeln
Comtoir in grere Freiheit, in eine ungewhnliche Zukunft, aus deren Dunkel
einzelne Bilder leuchtend vor ihm aufblitzten. Mit groem Sinn war eine
Forderung an ihn gestellt, und es zog ihn mchtig, ihr gerecht zu werden. Ein
unermdlicher, aufopfernder Helfer war den Frauen ntig, um sie vor dem Unheil
zu bewahren. Und er tat ein gutes Werk, wenn er dem Drange folgte, er erfllte
eine Pflicht.
    So trat er in das Haus der Handlung. Ach! was hier sein Auge ansah, streckte
eine Hand aus, ihn festzuhalten. Er sah in das dmmrige Warengewlbe, in die
treuen Gesichter der Hausknechte, auf die Ketten der groen Waage und ber den
Farbentopf des ehrlichen Pix, und empfand wieder, da er hierher gehrte. Der
Hund Sabinens kte seine Hand mit feuchter Schnauze und lief hinter ihm her bis
an sein Zimmer. Sein und Finks Zimmer! Hier hatte das kindische Herz des
verwaisten Knaben einen Freund gefunden, gute Kameraden, eine Heimat, ein festes
ehrenhaftes Ziel fr sein Leben. Und er sah durch das Fenster hinab in den Hof,
auf die Winkel und Vorsprnge des mchtigen Hauses, auf das Gitterfenster,
hinter welchem Herr Liebold am Hauptbuch sa, in das Comtoir, wo sein Pult
stand, und auf die kleine Stube, wo er arbeitete, der ihm jetzt zrnte und der
jahrelang sein vterlicher Freund gewesen war. Da fiel sein Blick auch auf das
Fenster von Sabinens Vorratsstube; oft hatte sein Auge dort einen wandernden
Lichtschimmer gesucht, der das ganze groe Haus erhellte und auch Behagen in
sein Zimmer sandte. Und schnell aufgerichtet sprach er zu sich selbst: Sie soll
entscheiden. 
    Sabine erhob sich berrascht, als Anton mit schnellem Schritt vor sie trat.
Es treibt mich unwiderstehlich zu Ihnen, rief er. Ich soll ber meine Zukunft
einen Entschlu fassen, und ich fhle mich unsicher und traue meinem Urteil
nicht mehr. Sie sind mir immer eine gtige Freundin gewesen, vom ersten Tage
meines Eintritts. Ich bin gewhnt, auf Sie zu sehen und an Sie zu denken bei
allem, was in diesem Hause mein Herz erregt. Lassen Sie mich auch heut aus Ihrem
Munde hren, was Sie fr gut halten. Mir ist von Frau von Rothsattel der Antrag
gemacht worden, als Bevollmchtigter des Freiherrn in ein festes Verhltnis zu
ihm zu treten. Soll ich annehmen oder soll ich hierbleiben? Ich wei es nicht;
sagen Sie mir, was recht ist fr mich und fr andere.
    Nicht ich, sagte Sabine zurcktretend, und ihre Wange erblich. Ich darf
nicht wagen, darber zu entscheiden. - Und Sie selbst wollen das nicht,
Wohlfart, denn Sie haben bereits entschieden.
    Anton sah vor sich hin.
    Sie haben daran gedacht, dies Haus zu verlassen, und aus dem Gedanken ist
ein Wunsch geworden. Und ich soll Ihnen recht geben und Ihren Entschlu loben.
Das wollen Sie von mir, fuhr sie bitter fort. - Das aber kann ich nicht,
Wohlfart, denn ich traure, da Sie von uns gehen.
    Sie wandte ihm den Rcken zu und sttzte sich auf einen Stuhl.
    O zrnen Sie mir nicht, Frulein Sabine, flehte Anton, das kann ich nicht
ertragen. Ich habe in den letzten Wochen viel gelitten. Herr Schrter hat mir
pltzlich sein Wohlwollen entzogen, das ich lange fr den grten Schatz meines
Lebens hielt. Ich habe seine Klte nicht verschuldet. Nicht unrecht war, was ich
in der letzten Zeit getan habe, und mit seinem Vorwissen habe ich es getan. Ich
war wohl verwhnt durch seine Gte, ich habe deshalb auch seinen Unwillen um so
tiefer empfunden. Und wenn ich eine Beruhigung hatte, so war es der Gedanke, da
Sie mich nicht verurteilen. Seien Sie jetzt nicht kalt gegen mich, es wrde mich
elend machen fr immer. Ich habe keine Seele auf Erden, die ich um Liebe bitten
darf und um Verstndnis fr meine Zweifel. Htte ich eine Schwester, heut wrde
ich ihr Herz suchen. Sie wissen nicht, was mir, dem Einsamen, Ihr Gru, Ihr
frhlicher Handschlag bis heut gewesen ist. Wenden Sie sich nicht kalt von mir,
Frulein Sabine.
    Sabine schwieg lange, und von ihm abgewandt frug sie endlich zurck: Was
zieht Sie zu den Fremden - ist's eine frohe Hoffnung - ist's das Mitgefhl
allein? - Seien Sie strenger gegen sich selbst, als ich gegen Sie bin, wenn Sie
sich darauf antworten.
    Was mir jetzt mglich macht, von hier zu scheiden, wei ich nicht. Wenn ich
fr die Bewegung in mir einen Namen suche, so ist es heie Dankbarkeit gegen
eine. - Sie war die erste, die freundlich zu dem wandernden Knaben sprach, als
er allein in die Welt zog. Ich habe sie bewundert in dem ruhigen Glanz ihres
vergangenen Lebens. Ich habe oft kindisch von ihr getrumt. Es war eine Zeit, wo
eine zrtliche Empfindung fr sie mein ganzes Herz erfllte, damals glaubte ich
fr immer an ihr Bild gefesselt zu sein. Aber die Jahre zogen ein neues Grn
darber, ich sah die Menschen und das Leben mit anderem Auge an. Da fand ich sie
wieder, angstvoll, unglcklich, verzweifelt, und die Rhrung in mir wurde
bermchtig. Wenn ich von ihr entfernt bin, wei ich, da sie mir eine Fremde
ist, und wenn ich vor ihr stehe, fhle ich nichts, als ihren hinreienden
Schmerz. Damals, als ich aus ihrem Kreis wie ein beltter ausscheiden mute,
damals eilte sie mir nach, und vor den Augen der spttischen Gesellschaft
reichte sie mir die Hand und bekannte sich zu mir. Und jetzt kommt sie und
fordert meine Hand zur Hilfe fr ihren Vater. Darf ich sie ihr verweigern? Ist
es ein Unrecht, da ich so fhle? Ich wei es nicht, und niemand kann es mir
sagen, niemand, als nur Sie.
    Sabinens Haupt hatte sich heruntergeneigt bis auf die Lehne des Sessels.
Jetzt erhob sie sich schnell, und mit trnenvollen Augen, mit einer Stimme voll
Liebe und Schmerz rief sie: Folgen Sie der Stimme, die Sie ruft! Gehen Sie,
Wohlfart, gehen Sie!

                                  Viertes Buch



                                       1

An einem kalten Oktobertage fuhren zwei Mnner bei dem Torgitter der Stadt
Rosmin vorber in die Ebene, welche sich einfrmig und endlos vor ihnen
ausbreitete. Anton sa in seinen Pelz gehllt, den Hut tief auf der Stirn, neben
ihm der junge Sturm im alten Reitermantel, die Soldatenmtze lustig auf einem
Ohr. Vorn hockte auf einem Strohbund der Knecht eines Ackerbrgers und peitschte
die kleinen Pferde. Der Wind fegte mit seinem riesigen Besen Sand und Strohhalme
ber die Stoppelfelder, die Strae war ein breiter Feldweg, ohne Grben und
Baumreihen, die Pferde wateten bald durch ausgefahrene Wasserpftzen, bald durch
tiefen Sand. Gelber Sand glnzte zwischen dem drftigen Grn der cker berall,
wo eine Feldmaus den Eingang zu ihrer Grube angelegt, oder wo der emsige
Maulwurf nach Krften gearbeitet hatte, die Ebene durch kleine Hgelketten zu
unterbrechen. In den Senkungen des Bodens stand schlammiges Wasser; an solchen
Stellen streckten die ausgehhlten Stmme alter Weiden ihre verkrppelten Arme
in die Luft, ihre Ruten peitschten einander im Wind, und die welken Bltter
flatterten herunter in das trbe Wasser. Hier und da stand ein kleiner Busch
zwerghafter Kiefern, ein Ruheplatz fr Krhen, die, durch den Wagen
aufgescheucht, mit lautem Schrei ber die Hupter der Reisenden flogen. Kein
Haus war zu sehen an der Strae, kein Wanderer und kein Fuhrwerk.
    Karl blickte zuweilen auf seinen schweigsamen Gefhrten und sagte endlich
auf die Pferde zeigend: Wie struppig ihr Haar ist und wie schn ihr graues
Musefell! Ich mchte wissen, wieviel Stck von diesen Tieren auf das Pferd
meines Wachtmeisters gehn? - Als ich von meinem Vater Abschied nahm, sprach der
Alte: Vielleicht besuche ich dich, Kleiner, zu Weihnachten, wenn sie die
Christbume anznden. Du wirst's nicht im Stande sein, sagte ich. Warum nicht?
frug er. Du traust dich in keinen Postwagen, sagte ich. Da rief der Alte: Oho!
die Postwagen haben eine gute Bauart, ich traue mich schon. - Jetzt, Herr Anton,
wei ich, da mein Vater uns niemals besucht.
    Warum nicht? frug Anton.
    Es ist mglich, da er bis Rosmin kommt. Zwar nicht im Wagen, aber daneben.
Denn solange er wei, da er einen oder zwei Pltze belegt hat, wird er
allenfalls neben der Post herlaufen. Sobald er aber diese Pferde und diesen Weg
sieht, kehrt er auf der Stelle um. Soll ich in eine Gegend, wo der Sand unter
den Beinen wegluft wie Wasser und wo die Muse im Geschirr gehen? wird er
sagen, dieses Land ist mir nicht fest genug.
    Die Pferde sind nicht das Schlechteste in dieser Gegend, erwiderte Anton
zerstreut, sieh zu, auch diese laufen schnell genug.
    Ja, erwiderte Karl, aber nicht als ordentliche Pferde, sie werfen ihre
Beine durcheinander, wie zwei Kater, die sich in der Petersilie balgen. Und was
sie fr Schuhe haben, deutliche Gnsefe, fr diese Hufe ist noch kein Eisen
erfunden.
    Wenn wir nur vorwrts kommen, entgegnete Anton, der Wind weht kalt, und
mich frstelt durch den Pelz.
    Der Herr Bevollmchtigte haben die letzten Nchte wenig geschlafen, sagte
Karl salutierend; die Luft blst hier wie ber eine Tenne. Die Erde ist in
dieser Gegend nicht rund, wie anderswo, sondern platt, wie ein Kuchen. Gerade
hier haben sich die Leute eine Wstenei angelegt, wir fahren schon ber eine
Stunde, und noch ist kein Dorf zu sehen.
    Jawohl, eine Wste, seufzte Anton; hoffen wir, da es besser wird.
    So ging es in tiefem Schweigen weiter. Endlich hielt der Kutscher neben
einer Wasserlache, spannte die Pferde los, ohne sich um die Reisenden zu
bekmmern, und fhrte sie an das Wasser.
    Was Teufel, soll das heien? rief Karl vom Wagen springend.
    Ich fttere, antwortete der Knecht mrrisch mit fremdem Akzent.
    Ich bin neugierig, wie er das anfangen wird, sprach Karl in den Wagen. Es
ist auch nicht der Schatten eines Futtersackes zu sehn.
    Die Pferde aber bewiesen, da sie auch ohne Hafer zu leben wuten, sie
streckten die zottigen Hlse zum Boden und fraen das Gras und die Bltter des
Strauchwerks am Wasserrand ab, zuweilen senkten sie den Kopf bis auf die
Wasserflche und prften den trben Trank. Der Knecht aber holte einen Beutel
unter seinem Sitz hervor, setzte sich in den Schutz eines Erlenstrauchs und
schnitt mit seinem Messer Brot und Kse zurecht, ohne einen Blick auf seine
Passagiere zu werfen.
    Hre, Ignaz oder Jakob, rief Karl, ihn unsanft anstoend, wie lange soll
das Frhstck dauern?
    Eine Stunde, erwiderte der Knecht kauend.
    Und wie weit ist noch von hier nach dem Gut?
    Zwei Stunden, vielleicht auch mehr. 
    Du wirst nichts mit ihm ausrichten, sagte Anton, wir mssen uns den
Brauch der Landstrae gefallen lassen. Er stieg vom Wagen und trat zu den
Pferden.
    Anton ist auf dem Wege der polnischen Herrschaft. Er ist jetzt
Geschftsfhrer des Freiherrn. Sorgenvolle Monate hat er verlebt. - Die Trennung
von seinem Prinzipal und dem Hause war reich an bittern Empfindungen. Anton
stand die letzte Zeit allein, auch unter seinen Kollegen; nur der stille Baumann
war auf seiner Seite, das brige Comtoir betrachtete ihn als einen Verlorenen.
Mit eiserner Klte hrte der Kaufmann seine Kndigung an, noch in der Stunde des
Abschieds lag die Hand des Chefs wie hartes Metall in der seinen. - Seitdem hat
Anton im Auftrag der Familie einige Reisen gemacht, nach der Residenz, zu
Glubigern. Jetzt soll er mit Karl, den er fr die Wirtschaft des Freiherrn
geworben, auf dem neuen Gut eine bessere Ordnung einrichten. Ehrenthal hatte
nach dem Termin der Versteigerung aufgrund seiner Vollmacht die Herrschaft
bernommen, er hatte den polnischen Verwalter auch fr den Freiherrn
verpflichtet. Es war unordentlich zugegangen bei der bernahme, und in Rosmin
wute man, da der Verwalter des Gutes seitdem zahlreiche Verkufe und
Betrgereien vorgenommen hatte. So hat Anton auch jetzt keine Aussicht auf
friedliche Tage.
    Jetzt ist die Stunde gekommen, wo ich meinen Auftrag ausrichten soll, rief
Karl und fuhr mit den Hnden in das Stroh des Wagens. Er holte eine groe Kapsel
von lackiertem Blech hervor und trug sie zu Anton hinunter. Gestern hat mir
Frulein Sabine dies fr Sie mitgegeben. Vergngt ffnete er den Deckel und
prsentierte die Bestandteile eines reichlichen Frhstcks, eine Flasche Wein
und einen silbernen Becher. Anton griff nach der Kapsel. Sie hat eine sehr
schlaue Einrichtung, erklrte Karl, Frulein Sabine hat sie so bestellt.
Anton betrachtete das Gef von allen Seiten und stellte es sorgfltig auf ein
weiches Grasbschel, dann ergriff er den Becher und sah darauf seinen Namenszug
graviert und darunter die Worte: Dein Wohl! Darber verga er das Frhstck
und seine Umgebung und starrte nachdenkend auf das kleine Gef.
    Vergessen Sie das Frhstck nicht, Herr Generalbevollmchtigter, erinnerte
Karl.
    Setze dich zu mir, mein treuer Freund, sagte Anton, i und trink mit mir.
Deine hflichen Possen gewhne dir ab, wir werden wenig haben; was wir aber
erwerben, das wollen wir brderlich miteinander teilen. Nimm die Flasche, wenn
du kein Glas hast.
    Nichts ber Leder, sagte Karl, ein kleines Trinkgef von braunem Leder
aus der Tasche ziehend. Und was Sie soeben zu mir gesagt haben, das war
freundlich gemeint, und ich danke Ihnen dafr. Aber Subordination mu sein,
schon wegen der andern Leute, und so wird der Herr Bevollmchtigte mir schon
gtigst erlauben, da ich Ihnen zuerst die Hand schttele und im brigen alles
beim alten bleibt. Sehen Sie nur die Pferde, Herr Anton, meiner Treu, die Racker
fressen auch Disteln.
    Wieder wurden die Pferde eingespannt, wieder warfen sie ihre kurzen Beine im
Sande vorwrts, und wieder ging es fort in der kahlen Gegend. Zuerst durch eine
leere Ebene, durch einen schlechten Kiefernwald, dann ber eine Reihe von
niedrigen Sandhgeln, die wie Dnen der den Wasserflut ber den pflanzenarmen
Boden hervorragten, dann auf schadhafter Brcke ber einen kleinen Bach. Hier
ist das Gut, sagte der Kutscher sich umdrehend, und wies mit der Peitsche auf
einen Haufen dunkeler Strohdcher, welcher gerade vor ihnen sichtbar wurde.
Anton erhob sich von seinem Sitz und suchte die Baumgruppe, in welcher das
Herrenhaus liegen konnte. Er sah nichts davon. Um das Dorf war manches nicht zu
finden, was auch die rmlichsten Bauernhuser seiner Heimat schmckte, kein
Haufe von Obstbumen hinter den Scheuern, kein umzunter Garten, keine Linde auf
dem Dorfplatz, einfrmig und kahl standen die schmutzigen Htten nebeneinander.
    Das ist traurig, seufzte er sich niedersetzend, viel rger, als man uns
in Rosmin gesagt.
    Das Dorf sieht aus, wie verwnscht rief Karl; die Gespanne arbeiten nicht
auf dem Felde, und weder Khe noch Schafe sind auf dem Stoppelland zu sehen.
Wahrscheinlich haben die Leute hier Stallftterung. 
    Der Knecht schlug auf die Pferde, und in unregelmigem Galopp fuhren sie
zwischen zwei Reihen von Lehmhtten durch das Dorf und hielten vor der Schenke
an. Karl sprang vom Wagen, ffnete die Schenkstube und rief den Wirt. Ein Jude
erhob sich langsam von seinem Sitz am Ofen und kam an die Haustr. Ist der
Gendarm von Rosmin angekommen? fragte Anton. - Er war in das Dorf gegangen. -
Wo ist der Weg nach dem Hofe? 
    Der Wirt, ein ltlicher Mann mit verstndigem Gesicht, beschrieb den Weg
deutsch und polnisch und blieb an der Tr stehen, wie Karl behauptete, ganz
auer sich ber den Anblick von zwei Menschen. Der Wagen bog in einen Seitenweg
ein, der auf beiden Seiten mit dicken Baumstmpfen besetzt war, den berresten
einer gefllten Allee. Durch die Lcher des Weges, durch Schlammpftzen und ber
Steine rasselte der Wagen vor einen Haufen von Lehmhtten, an denen noch die
Reste eines weien Kalkmantels hingen. Die Scheunen und Stlle sind leer, rief
Karl, denn in den Dchern sind ffnungen, gro genug, um mit unserm Wagen
hineinzufahren.
    Anton sprach nichts mehr, er war gefat auf alles. Durch eine Lcke zwischen
den Stllen fuhren die Reisenden in den Wirtschaftshof, einen groen
unregelmigen Platz, auf drei Seiten von schadhaften Gebuden umgeben, die
vierte offen gegen das Feld. Dort lag ein Haufe von Trmmern, Lehm und
verfaulten Balken, die berreste einer eingefallenen Scheuer. Der Hofraum war
leer, von Ackergerten und menschlicher Ttigkeit war nichts zu erblicken. Wo
ist die Wohnung des Inspektors? fragte Anton betroffen. Der Kutscher sah sich
suchend um, endlich entschied er sich fr ein kleines Parterregebude mit einem
Strohdach und unsaubern Fenstern.
    Bei dem Gerusch des Wagens trat ein Mann auf die Trschwelle und wartete
phlegmatisch ab, bis die Reisenden abgestiegen waren und dicht vor ihm standen.
Es war ein breitschultriger Gesell mit einem aufgedunsenen Branntweingesicht, in
einer Jacke von zottigem Zeuge, hinter ihm steckte ein ebenso zottiger Hund die
Schnauze aus der Tr und knurrte die Fremden an. Sind Sie der Inspektor dieser
Gter? fragte Anton.
    Der bin ich, erwiderte der kurze Mann in gebrochenem Deutsch, ohne sich
von der Stelle zu rhren.
    Und ich bin der Bevollmchtigte des neuen Eigentmers, sagte Anton.
    Das geht mich alles nichts an, grollte der zottige Mann in grobem Ton,
drehte kurz um, ging in die Stube zurck und verriegelte die Tr von innen.
    Anton war emprt. Schlag das Fenster ein und hilf mir den Schurken
festnehmen, rief er seinem Begleiter zu. Dieser griff kaltbltig nach einem
Stck Holz, schlug auf die Scheiben, da der morsche Fensterflgel klirrend in
die Stube fiel, und sprang mit einem Satz durch die ffnung hinein. Anton
folgte. Das Zimmer war leer, die Kammer daneben auch, von dort fhrte ein
offenes Fenster ins Freie, der Mann war hinausgesprungen. Durchs Fenster herein
und wieder hinaus, wie der Teufel, schrie Karl und sprang dem Flchtling nach,
Anton eilte zurck um das Haus herum. Er hrte Hundgebell und sah, wie Karl ber
den ungetreuen Haushalter herfiel und ihn unter dem wtenden Geklff des Hundes
am Kragen fate. Anton eilte zu Hilfe und hielt den Ausreier fest, whrend Karl
dem Hund einen Futritt gab, da dieser weit weg auf den Boden flog. Darauf
brachten beide den Inspektor, welcher eifrig um sich schlug, um die Ecke herum
in das Haus zurck.
    Fahr zur Schenke und hole den Gendarm und den Wirt, rief Anton dem
Kutscher zu, der unbekmmert um die Hndel der Herren unterdes das Gepck der
Reisenden vom Wagen abgeladen hatte. Der Knecht fuhr gemchlich ab, der
Flchtling wurde in die Stube gefhrt, Karl ergriff ein altes Tuch und band ihm
die Hnde auf den Rcken. Entschuldigen Sie, Inspektor, sagte er, es ist nur
auf einige Stunden, bis der Gendarm aus Rosmin kommt, den wir bestellt haben.
Unterdes sah sich Anton in der Wohnung um; auer dem notdrftigsten Hausrat und
dem Bett des Mannes war nichts zu finden, weder Bcher noch Rechnungen. Es war
kein Zweifel, auch die Wohnung war bereits ausgerumt. Aus der Rocktasche des
Gefangenen ragte ein Bndel Papiere, Anton zog sie dem Widerstrebenden heraus,
es waren Verhandlungen und Aktenstcke in polnischer Sprache. Unterdes kam der
Knecht mit dem Schenkwirt und dem bewaffneten Polizeibeamten zurck. Der Wirt
blieb verlegen an der Tr stehn, dem Gendarm erklrte Anton kurz den
Zusammenhang. Machen Sie eine Eingabe an das Amt, sagte der Gendarm, und
geben Sie mir den Mann auf der Stelle mit. Er soll in Ihrem Wagen nach Rosmin
fahren. Es wird am besten sein, wenn Sie sich den Menschen vom Halse schaffen,
denn es ist eine schlechte Gegend hier, und er wird Ihnen zu Rosmin sicherer
sein, als hier, wo er Freunde und Spiegesellen hat. Aus der Schenke wurde nach
langem Suchen ein Bogen Papier herzugebracht. Anton schrieb die Anzeige nieder
und legte auf das Ansuchen des Polizeibeamten, der die polnischen Schriftstcke
kopfschttelnd durchgesehen hatte, diese bei; der Gefangene wurde auf den Wagen
gehoben, der Gendarm setzte sich neben ihn und sagte vor der Abfahrt noch zu
Anton: Ich habe mir lange gedacht, da so etwas kommen wrde. Sie werden mich
vielleicht noch fter in diesen Tagen brauchen. So fuhr der Wagen aus dem Hofe,
und so verlief die bernahme des Gutes durch Anton. Er war ausgesetzt, wie auf
einer wsten Insel. Seine Lederkoffer und Reisebedrfnisse standen im Freien an
einer Lehmwand, der Schenkwirt des polnischen Dorfes war der einzige Mensch, der
ihnen Auskunft geben konnte und Rat schaffen in der unbehaglichen Lage.
    Jetzt, da der Inspektor entfernt war, wurde der Wirt gesprchig, er zeigte
guten Willen und erbot sich demtig zu allen Diensten. Eine lange Unterredung
begann. Das Resultat war ungefhr so, wie Anton nach den Warnungen des
Justizkommissars Walther und der Beamten zu Rosmin gefrchtet hatte. Der
abgefhrte Verwalter hatte in den letzten Wochen noch nach Krften gearbeitet,
das Inventarium zu verwsten; er war sicher geworden durch ein Gercht, das aus
der Stadt in die Drfer gedrungen war, auch der neue Besitzer werde die Gter
nicht bernehmen. Endlich schlo Anton die Verhandlung mit den Worten: Was
jener schlechte Mann veruntreut hat, darber wird er Rechenschaft ablegen;
unsere nchste Sorge ist, festzuhalten, was auf den Gtern noch vorhanden ist.
Ihr mt heut unsern Fhrer machen.
    So durchsuchten sie den menschenleeren Hofraum. - Vier Pferde mit zwei
Knechten - sie waren in das Holz gefahren - wenige schadhafte Pflge, ein Paar
Eggen, zwei Leiterwagen, eine Britschka, ein Keller mit Kartoffeln, einige
Wispel Hafer, wenig Stroh - die Aufzeichnung nahm keinen groen Raum in
Anspruch; die Gebude waren smtlich schadhaft, nicht durch hohes Alter, sondern
durch die Gleichgltigkeit der Menschen, welche das Eindringen der Elemente seit
Jahren nicht verhindert hatten.
    Wo steht das Wohnhaus? frug Anton. Der Wirt fhrte aus dem Hofraum auf den
Anger, eine weite Flche, welche allmhlich zu dem Ufer des Baches abfiel. Es
war eine groe Viehtrift. Die Rinder und Schafe hatten Lcher ausgetreten, die
Rssel begehrlicher Schweine hatten den Boden aufgewhlt, graue Maulwurfshgel
und ppige Grasbschel erhoben sich auf dem Grund. Der Wirt streckte die Hand
aus: Dort ist das Schlo. Dies Schlo ist berhmt in der ganzen Umgegend,
fgte er mit Bewunderung hinzu, ein solches steinernes Haus hat kein Edelmann
im Kreise. Die Herren im Lande wohnen hier alle in Lehm und Holz. Auch der
reichste, der von Tarow, hat nur ein niedriges Haus.
    Etwa dreihundert Schritt von der letzten Scheuer erhob sich ein mchtiger
Bau von rohen Backsteinen, mit schwarzem Schieferdach und einem dicken runden
Turm. Das finstere Mauerwerk auf dem Weideland ohne Bume, ohne eine Spur von
Leben, stand unter dem grauen Wolkenhimmel wie eine gespenstige Festung, welche
ein hlicher Geist aus den Tiefen der Erde gehoben hat, um von ihr aus das
grne Leben der Landschaft zu vernichten.
    Die Mnner traten nher heran. Das Schlo war zur Ruine geworden, bevor die
erbauenden Handwerker ihre Arbeit vollendet hatten. Seit uralter Zeit hatte an
dieser Stelle der unfrmliche Turm gestanden, er war aus groen Feldsteinen
gemauert, mit kleinen Fenstern und Zuglchern. Die alten Herren der Landschaft
hatten von seiner Hhe auf die Wipfel der Bume gesehen, welche damals wohl noch
weiter in die Ebene hineinreichten; sie hatten von dort aus als strenge Herren
mit den Leibeigenen geschaltet, die vor ihren Fen das Land bauten und fr sie
arbeiteten und starben. Mancher Sarmatenpfeil war durch die kleinen Fenster auf
den ansprengenden Feind herabgeflogen, und manches anstrmende Tartarenpferd war
zurckgeprallt vor der feindlichen Steinmauer. An diesen grauen Turm hatte vor
vielen Jahren ein Despot der Landschaft die Mauern eines frommen Klosters zur
Bue fr begangene Snden aufgebaut. Aber das Kloster war niemals fertig
geworden, und lange hatten die Mauern zwecklos dagestanden, bis der verstorbene
Graf sie zu einem Herrenhaus fr sein Geschlecht ausbaute. Er wollte einen
Prachtbau auffhren, wie die Umgegend keinen anderen kannte.
    Die Front des Hauses war so an den Turm gemauert, da er in ihrer Mitte
stand, und aus der geraden Linie im Halbkreis vorsprang, zwei Flgel des neuen
Baues gingen auf den Bach hin. Es war die Absicht gewesen, eine hohe Rampe vor
dem Schlo aufzufhren, der Haupteingang war in den Turm eingeschlagen und
ausgewlbt worden, aber die Rampe war nicht aufgeschttet, und die steinerne
Schwelle der Haustr lag weit ber Manneshhe in der Turmmauer, ohne Leiter
nicht zu betreten. Keine Tr verschlo die groe ffnung. Die Fensterlcher des
untern Stocks wiesen noch die rohe Mauer, sie waren mit Brettern notdrftig
verschlagen, im obern Stock waren einzelne Fenster mit knstlichen Rahmen von
gedrehtem Holz verziert, und groe Scheiben hatte man eingefugt, aber wieder
zerschlagen. In andern Fensterlchern hingen Notrahmen aus rohem Kiefernholz mit
kleinen trben Glasaugen. Auf der Zinne des Turms sa eine Gesellschaft Dohlen
und blickte verwundert herab auf die fremden Mnner, zuweilen flog eine mit
lautem Schrei auf und lie sich an einer andern Stelle des Daches nieder, um
wieder auf die Unwillkommenen herabzustarren.
    Ein Haus fr Krhen und Fledermuse, aber nicht fr Menschen, rief Anton;
noch sehe ich keinen Zugang zu diesem Ruberschlo. Der Wirt fhrte um das
Gebude herum. Auf der hinteren Seite, wo zwei Flgel die Form eines Hufeisens
bildeten, waren niedrige Eingnge zum Erdgescho und den Kellern, dort unten
waren Stlle, groe gewlbte Kochrume und kleine Zellen fr die unfreien
Diener. Von dem Anger aber lief eine Holztreppe hinauf in das untere Stockwerk.
Knarrend bewegte sich die Tr in ihren Angeln, ein schmaler Gang fhrte durch
den Seitenflgel in die Rume des Vorderhauses. Dort war alles in groen
Verhltnissen angelegt und auf eine reiche Ausstattung berechnet. Die runde
Vorhalle, ein Gewlbe des alten Turms, war mit bunten Marmorstcken mosaikartig
gepflastert, aus ihr sah man durch die groe Trffnung hinaus in das Freie.
Eine breite Treppe, wie fr ein Knigsschlo, fhrte in den obern Stock. Hier
wlbte sich eine zweite runde Halle mit kleinen Fensterlchern, das zweite
Stockwerk des Turms. Zu ihren beiden Seiten lag die Reihe der Zimmer. berall
hohe wste Rume, schwere eichene Flgeltren und schmutzige Kalkwnde; die
Decken waren aus dicken Fichtenstmmen gezimmert, die im Schachbrett
ineinandergefgt waren, in einigen Stuben standen ungeheure grne Kachelfen, in
andern fehlten die fen ganz, in einigen war der Fuboden kunstvolles Tafelwerk,
in andern knorrige Kiefernbretter; ein groer Saal mit zwei riesigen Kaminen fr
Klafterscheite hatte eine Notdecke von alten Latten. Das Schlo war angelegt fr
einen wilden asiatischen Hofhalt, fr Tapeten von Leder und Seide aus
Frankreich, fr kostbare Holzbekleidung aus England, fr massives Silbergert
aus deutschen Bergwerken, fr einen stolzen Herrn, fr zahlreiche Gste und fr
eine Schar leibeigener Knechte, welche die Hallen und Vorzimmer anfllen
sollten. Der Erbauer des Schlosses hatte an das reichliche Leben seiner wilden
Ahnherren gedacht, als er den Bau ausfhren lie, er hatte dafr Hunderte von
Stmmen aus seinem Walde niedergeschlagen, und seine Leibeigenen hatten mit
ihren Beinen und Hnden viele tausend Ziegel geknetet, aber die Zeit, die
unerbittliche, hatte ihren Finger aufgehoben gegen seine Plne, und nichts war
lebendig geworden, was er gehofft hatte. Er selbst war verdorben und gestorben
whrend des Baues, und sein Sohn, ein Kind der Fremde, hatte den Untergang
seines Erbes im fernen Lande, so sehr als einem Unsinnigen mglich, beeilt.
Jetzt standen die Mauern des Slawenschlosses mit geffneten Tren und Fenstern,
aber kein Gastfreund sprach im Eintreten dem Hause seinen Glckwunsch, nur
wildes Geflgel flog aus und ein, und der Marder schlich neugierig ber die
Balkenlage. Nutzlos und hlich standen die Mauern, sie drohten zu zerbrckeln
und zu zerfallen wie das Geschlecht, das hier gehaust hatte.
    Anton ging mit schnellen Schritten aus einem Zimmer in das andere, vergebens
hoffte er einen Raum zu finden, in dem er sich die beiden Frauen denken konnte,
welche auf diese Wohnung wie auf ein letztes Asyl hofften. Er ffnete eine Tr
nach der andern, er stieg ber die knisternden Treppen in die Hhe und wieder
herunter, er strte die Vgel auf, welche durch die ffnungen eingedrungen waren
und noch an den Nestern des letzten Sommers hingen, aber er fand nichts, als
unwohnliche Rume mit schmutzigen Kalkwnden oder rohen Mauern, berall Zugluft,
klaffende Tren, verblindete Fenster. In dem groen Saale war etwas Hafer
aufgeschttet; einige Zimmer des Oberstocks mochten frher zum notdrftigen
Aufenthalt fr Menschen gedient haben, schlechte Sthle und ein roher Tisch war
alles, was sich von Mbeln vorfand.
    Endlich betrat Anton die verfallene Treppe des Turmes und stieg auf die
Plattform. Dort sah er ber den Mauerrand in die Tiefe und hinaus in die Ebene.
Zu seiner linken Seite sank die Sonne hinter grauen Wolkenmassen hinab in den
dunkeln Schatten der Nadelwlder, zur rechten Seite lag das unregelmige
Viereck des Wirtschaftshofes, dahinter an der Landstrae die unschnen Htten
des Dorfes, in seinem Rcken der Bach, der von der untergehenden Sonne her nach
dem Dorf zu flo, und an seinen Ufern einen Streifen Wiesenland zeigte. Um die
Wiesen und den Anger lagen die Ackerstcke wie in toter Ruhe, ein unreines Grn
war auf den meisten aufgeschossen, nur wenige lagen in braunen Schollen, den
Zeichen neuer Kultur. Auf dem Ackerboden erhoben sich hier und da wilde
Birnbume, die Freude des polnischen Landes, starke Stmme mit einer mchtigen
Krone; unter jedem war eine Insel von Gras- und Pflanzenbscheln, buntgefrbt
durch das abgefallene Laub. Die wilden Bume allein, die Wohnungen zahlloser
Vgel, unterbrachen die einfrmige Flche, sie und am Rande des Gesichtskreises
der dunkle Wald. Denn hinter Wiese und Feld und hinter dem gelben Sande umschlo
einfrmiges Nadelholz die Aussicht. Der Himmel grau, der Boden mifarbig, die
Bume und Strucher am Bach ohne Grn, und der Wald mit seinen Vorsprngen und
Buchten einem Walle gleich, welcher diesen Erdfleck abschied von allen Menschen,
von aller Bildung, von jeder Freude und Schnheit des Lebens.
    Antons Herz wurde schwer. Arme Lenore, ihr armen Leute! seufzte er laut
und faltete traurig die Hnde. Es sieht hier abscheulich aus, aber das lt
sich bessern. Wer Geld und Geschmack hat, der Mensch kann alles. Man kann dies
Haus ausbauen und schmcken, ohne ungewhnliche Kosten, Vorhnge, Teppiche,
einige hundert Fu Goldleisten, der Tapezierer und Maler wrden es in ein
stattliches Schlo verwandeln. Leicht wre der Anger geebnet, mit feinem Gras
best, einige Blumenbeete von leuchtenden Farben hineingesetzt, dahinter eine
Anzahl Bsche gepflanzt, die Htten des Dorfes durch Baumlaub versteckt. Und
kme dann zu Haus und Park das Gefhl der Kraft und Ttigkeit, dann knnte auch
diese Landschaft, die trostloseste und deste, ein heiteres Bild werden. Es ist
nichts dazu ntig, als Kapital, Menschenkraft und ein geordneter Sinn. Wie aber
will der Freiherr diese Gter finden? Die behagliche Einrichtung dieses Hauses
sollte die Blte eines ttigen und erfolgreichen Lebens sein, und das Leben des
Hausherrn ist zerbrochen, sie kann mit Verstand nur geschehen aus den
berschssen, welche dieses Gut seinem Herrn bereitwillig gewhrt, und Tausende
von Talern werden ntig sein, um in dieser Unordnung die Anfnge eines neuen
Lebens zu schaffen, und Jahre werden vergehen, bevor der Boden mehr trgt, als
die Wirtschaftskosten oder drftige Interessen des angelegten Kapitals.
    Unterdes betrachtete Karl zwei Zimmer des Oberstocks mit Kennerblick. Diese
beiden gefallen mir vor allen anderen, sagte er zu dem Wirt. Sie haben
gekalkte Wnde, sie haben Fubden, sie haben fen, ja sie haben sogar Fenster.
Zwar sind die Scheiben schadhaft, aber bis der Glaser kommt, ist dickes Papier
nicht zu verachten. Hier richten wir uns ein. Knnt Ihr mir etwas holen, was mit
Besen und Scheuerlappen umzugehen wei? Gut, Ihr knnt's; und hrt, sucht einige
Bogen Papier zurecht, einen Leimtiegel fhre ich mit mir. Wir wollen auf der
Stelle Holz holen, dann will ich einheizen, Leim kochen, Papierfenster einsetzen
und Ritze verkleben. Vor allem aber helft mir unser Gepck vom Hof herschaffen.
Rasch vorwrts.
    Er ri durch seinen Eifer den Wirt fort, das Gepck wurde in die Stube
getragen, Karl packte eine Kiste mit allerlei Handwerkszeug aus, und der Wirt
lief nach der Schenke, seine Magd zu rufen.
    Unterdes trabten auf der Landstrae einige Reiter dem Hofe zu, stattliche
Mnner in Herrentracht; sie hielten vor der Wohnung des Beamten. Einer von ihnen
stieg ab und pochte heftig an die verschlossene Tr. Anton rief seinen
Gefhrten, Karl eilte ber den Anger den Fremden entgegen. Die Reiter
galoppierten heran. Guten Tag, rief der eine in sorgfltigem Deutsch, ist der
Inspektor zu Haus?
    Wo ist der konom? Wo ist Bratzky? riefen die andern, ungeduldig wie ihre
flchtigen Pferde.
    Wenn Sie den frheren Inspektor dieses Gutes meinen, erwiderte Karl
trocken, so wird er Ihnen nicht entlaufen, obgleich Sie ihn hier nicht
vorfinden.
    Was soll das? frug der erste Reiter und ritt nher an Karl heran. Ich
ersuche Sie um Auskunft.
    Wollen Sie Herrn Bratzky sprechen, so mssen Sie sich nach der Stadt
bemhen, er sitzt im Stock.
    Die Pferde bumten, die Reiter drngten sich nher an Karl heran, lebhafte
Ausrufe in polnischer Sprache flogen von allen Lippen. Im Stock? Weshalb?
    Fragen Sie meinen Herrn, erwiderte Karl und wies auf die Tr des Turms, in
welche Anton getreten war.
    Habe ich das Vergngen, den neuen Eigentmer des Gutes vor mir zu sehen?
frug der Reiter sich dem Turm nhernd hinauf und lftete seinen Hut. Anton sah
erstaunt auf den Fremden herunter, Stimme und Gesicht erinnerten ihn an einen
Herrn mit weien Glacehandschuhen, der in kritischer Zeit einen unangenehmen
Eifer gezeigt hatte, Standrecht ber Anton zu halten. Ich bin der
Geschftsfhrer des Freiherrn von Rothsattel, entgegnete er. Das Pferd des
Reiters tat zwei Sprnge zurck, der Reiter wandte sich schnell ab und sprach
einige Worte zu seinen Begleitern. Darauf rief ein lterer Mann mit einem
schlauen Fuchsgesicht: Wir wollten in einer Privatangelegenheit den bisherigen
Inspektor des Gutes sprechen. Wir erfahren, da derselbe in Haft ist, und bitten
Sie, uns zu sagen, weshalb.
    Er hat sich durch die Flucht der bergabe der Gter an mich entziehen
wollen. Es ist Verdacht, da er unredlich gehandelt hat.
    Sind seine Sachen mit Beschlag belegt? frug der Reiter wieder hinauf.
    Weshalb tun Sie diese Frage? frug Anton zurck.
    Um Vergebung, entgegnete der andere, der Mann hatte durch Zufall Akten,
welche mir gehren, in seiner Wohnung, es knnte mich in Verlegenheit setzen,
wenn mir die Disposition darber entzogen wrde.
    Seine Effekten sind mit ihm nach der Stadt geschafft worden, erwiderte
Anton. Wieder fuhren die Pferde der Reiter durcheinander, eine leise Unterredung
entstand, dann stoben die Fremden mit kurzem Gru in gestrecktem Galopp zurck
nach dem Dorfe, dort hielten sie einen Augenblick vor der Schenke und
verschwanden endlich auf dem Fahrweg hinter dem Walde.
    Was wollten die, Herr Wohlfart? frug Karl. Das war ein Besuch im
Sturmwind.
    Jawohl, erwiderte Anton, auch ich habe Grund, ihn fr auffallend zu
halten. Wenn ich nicht irre, habe ich einen der Herren bereits in ganz anderer
Umgebung gesehn. Wahrscheinlich hat dieser Herr Bratzky sich Freunde zu erwerben
gewut durch ungerechten Mammon.
    Der Abend hllte Schlo und Wald in seine grauen Decken. Die Knechte kehrten
mit den Pferden aus dem Walde zurck, Karl fhrte sie vor Antons Augen, hielt
ihnen in polnischer Sprache eine kurze Rede und nahm sie fr den neuen Herrn in
Pflicht. Dann kam noch der Wirt zum Rechten sehen, er brachte Wasser und eine
Tracht Holz und sagte zu Anton: Ich bitte den gndigen Herrn, vorsichtig zu
sein in der Nacht, die Bauern sitzen in der Schenke und rsonieren ber Ihre
Ankunft, es sind schlechte Leute darunter; ich traue nicht, da nicht einer zur
Nacht einen Schwefelfaden in das Stroh steckt und Ihnen den Hof abbrennt.
    Ich traue, es tut's keiner, entgegnete Karl, einen neuen Holzblock in den
Ofen werfend. Es blst ein hbscher Wind gerade auf das Dorf zu, 's wird
niemand ein Narr sein und sich selbst die volle Scheuer in Brand stecken. Wir
wollen dafr sorgen, da derselbe Westwind von heut ab immer weht, solange wir
hier sind. Sagt das Euren Leuten. - Habt Ihr mir die beiden Kartoffeln
mitgebracht?
    Anton bestellte den Wirt zum nchsten Morgen, und die beiden Gefhrten waren
allein in dem den Hause.
    Auf das Anlegen drfen Sie nichts geben, Herr Anton, fuhr Karl fort, es
ist berall in der Welt die Unart betrunkener Schlingel, mit Feuer zu drohen. -
Und zuletzt - mit Respekt zu sagen - wr's auch noch kein groer Schaden. -
Jetzt, Herr Anton, sind wir unter uns, jetzt sieht man sowenig als mglich von
dieser polnischen Wirtschaft, jetzt fngt's an und wird gemtlich.
    Du hast recht, sagte Anton und schob sich einen Schemel zum Ofen.
    In den grnen Kacheln knisterte das Holz, und der rote Schein der Flamme
versuchte auf dem Fuboden einen feurigen Teppich zu malen und streifige Lichter
und Schatten durch die ganze Stube zu ziehn.
    Die Wrme tut wohl, sagte Anton, aber riechst du keinen Rauch?
    Natrlich, erwiderte Karl, welcher vor dem Ofenloch mit seinem Messer
runde Lcher in die Kartoffeln bohrte. Gerade die besten fen rauchen am
Anfange des Winters am krftigsten, bis sie sich wieder an ihre Arbeit gewhnen:
Und vollends dieser grne Dickkopf hier hat vielleicht seit einem Menschenalter
kein Feuer gesehn; es ist in der Ordnung, da er nicht sogleich in Zug kommt.
Bitte, schneiden Sie ein Stck Brot ab und streichen Sie hier den Ritz zu, ich
verfertige unsere Leuchter. Er holte ein groes Paket Lichter hervor, steckte
in jede Kartoffel ein Licht, schnitt die halbe untere Rundung ab und stellte sie
auf den Tisch, dann setzte er die Blechbchse auf: Die ist unerschpflich,
sagte er, sie hlt noch ber morgen mittag vor.
    Gewi߫, stimmte Anton vergngt bei. Ich habe einen merkwrdigen Appetit.
Und jetzt la uns berlegen, wie wir unsre Wirtschaft einrichten. Was wir von
Hausrat nicht entbehren knnen, holen wir aus der Stadt, ich will sogleich ein
Verzeichnis machen. Das eine Licht lschen wir wieder aus, wir mssen sparen.
    So verging der Abend unter guten Plnen, Karl machte die Entdeckung, da er
aus Kisten und Brettern einen Teil der Mbel in wenig Stunden zusammenschlagen
konnte. Und lustig klang zuweilen das Lachen der Genossen in den Wnden des
Starostenhauses wider. Endlich riet Anton zu Bett zu gehn. Sie schttelten ihr
Lager aus Stroh und Heu zurecht, schnallten die Mantelscke auf und holten ihre
Matratzenstcke und Decken hervor. Karl befestigte ein Schraubenschlo aus
seinem Kasten an der Stubentr, untersuchte die Ladung des Karabiners, ergriff
seine Kartoffel und sagte salutierend: Wann befehlen der Herr
Generalbevollmchtigte morgen geweckt zu werden?
    Du guter Junge, rief Anton, die Hand von seinem Lager nach ihm
ausstreckend.
    So ging Karl in das Nebenzimmer, das er fr sich ausgesucht hatte. Kurz
darauf verlschten die beiden Lichter, der erste Schimmer des Lebens, welcher in
dem verlassenen Hause wieder aufgeglht war. In dem Ofen knackten noch lange die
kleinen Kobolde des Hauses ber dem neuen Feuer, sie summten in dem Rauchfang,
sie klopften an Tren und Fenster, erstaunt ber das Treiben der fremden Mnner.
Endlich fuhren sie zusammen in eine Ecke des alten Turmes und fingen an, sich zu
streiten, ob die Flamme, die heut abend angezndet war, von jetzt ab fortbrennen
wrde, und ob aus den Fenstern von jetzt ab alle Tage ein frhliches Licht
hinausfallen wrde auf den Anger, die Felder, den Wald. Und whrend sie
zweifelten, ob das Neue stark genug sei, sich zu erhalten, trieb der Rauch die
Fledermuse aus ihrer Wohnung im Schornstein, da sie schlaftrunken um die
Zinnen des Turms flatterten; und die Kuze im Mauerritz schttelten ihren dicken
Kopf und sthnten ber die neue Zeit.

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Wer immer in den gebahnten Wegen des Lebens fortgegangen ist, begrenzt durch das
Gesetz, bestimmt durch Ordnung, Sitte und Form, welche in seiner Heimat als
tausendjhrige Gewohnheit von Geschlecht zu Geschlecht vererbt worden, und wer
pltzlich als einzelner unter Fremde geworfen wird, wo das Gesetz seine Rechte
nur unvollkommen zu schtzen vermag, und wo er durch eigene Kraft die
Berechtigung zu leben sich alle Tage erkmpfen mu; der erst erkennt den Segen
der heiligen Kreise, welche um jeden einzelnen Menschen Tausende der Mitlebenden
bilden, die Familie, seine Arbeitsgenossen, sein Volksstamm, sein Staat. Ob er
in der Fremde verliere, oder gewinne, er wird ein anderer. Ist er ein
Schwchling, so wird er die eigene Art den fremden Gewalten opfern, in deren
Bannkreis er getreten ist. Hat er Stoff zu einem Manne, jetzt wird er einer.
Doppelt teuer werden seiner Seele die Gter, in deren Besitz er aufgewachsen
war, vielleicht auch die Vorurteile, die an seinem Leben hingen; und manches,
was er sonst gleichgltig angesehen hatte, wie Luft und Sonnenschein, das wird
jetzt sein hchstes Gut. Erst im Auslande lernt man den Reiz des Heimatdialekts
genieen, erst in der Fremde erkennt man, was das Vaterland ist.
    Auch Anton sollte erproben, was er besa und was ihm noch fehlte.
    Am nchsten Morgen begann die Besichtigung der Bodenflche. Die Besitzung
bestand aus dem Hauptgut und drei Vorwerken, nur die Hlfte des Bodens stand
unter der Pflugschar, ein kleiner Teil lag in Wiesen, fast die Hlfte war Wald
und an dem Saume desselben nackter Sand. Schlo und Dorf lagen ungefhr in der
Mitte der groen Lichtung, zwei Vorwerke an den entgegengesetzten Enden gegen
Morgen und Abend, beide durch Vorsprnge des Waldes versteckt. Das dritte
Vorwerk im Sden war durch den Wald ganz von dem Gute getrennt, es lehnte sich
an ein anderes polnisches Dorf, hatte einen eigenen Wirtschaftshof und wurde
seit alter Zeit als getrenntes Gut bearbeitet. Es umfate ber den vierten Teil
der Bodenflche, hatte eine Brennerei und war seit einigen Jahren in Pacht des
Branntweinbrenners, eines wohlhabenden Mannes. Der Kontrakt des Pchters war
durch Ehrenthal auf einige Jahre verlngert worden, der Pachtzins war niedrig
und mehr zum Vorteil des Arrendators als der Gutsherrschaft festgesetzt. Doch
war dies Pachtverhltnis gegenwrtig ein Glck fr das Gut, weil es von einem
Teil desselben Einknfte gewhrte. Der verwstete Wald stand unter einem
Frster.
    Der erste Gang durch die Flur des Hauptgutes war so unerfreulich als
mglich; die Felder waren fr die Winterfrucht fast ohne Ausnahme nicht
bestellt, und wo ein kleiner Teil die Spuren der Pflugschar zeigte, da war sie
durch die Bewohner des Dorfes hingetragen worden, welche das herrenlose Gut als
ihre Beute betrachteten und die fremden Ansiedler mrrisch und mit verhaltenem
Grimme anstarrten. Seit Jahren hatten sie keine Hand- und Spanndienste
geleistet, und der Schulze, den Anton herbeirufen lie, erklrte trotzig, die
Gemeinde werde sich nicht gefallen lassen, da die alte Zeit wiederkehre. Er gab
vor, kein Wort deutsch zu verstehen, auch Karls Beredsamkeit vermochte nur
unbehilfliche Reden aus ihm herauszubringen. Der Ackerboden selbst,
vernachlssigt und durch Unkruter entstellt, war in vielen Feldstcken besser
als Anton erwartet hatte, und der Schenkwirt rhmte seine Ertrge; nur in der
Nhe des Waldes erwies er sich als drftig, auf manchen Stcken gar nicht fr
Fruchtbau geeignet.
    Das wird ein ernster Tag, sagte Anton, seine Brieftasche einsteckend. La
die Britschka anspannen, wir fahren zu den Khen. 
    Das Vorwerk, auf welchem das Rindvieh einquartiert war, lag gegen Abend,
eine halbe Stunde vom Schlosse entfernt. Ein erbrmlicher Stall, daran die
Wohnung eines Knechtes, das war alles. Die Rinderherde und zwei Paar Zugochsen
waren dem Groknecht bergeben, er hauste dort mit seiner Frau und einem
schwachsinnigen Hirten. Die Leute verstanden nur wenig Deutsch und flten kein
Zutrauen ein; die Frau war eine unsaubere Dame ohne Schuhe und Strmpfe, deren
Milchschsseln die reinigende Macht des Wassers wohl selten erfahren hatten. Der
Knecht und zuweilen der Hirt pflgten mit den Ochsen, wo ihnen gerade gut
schien, die Herde weidete auf den ungebauten ckern um das Vorwerk. Hier ist
Arbeit fr dich, sagte Anton, untersuche die Herde und was du etwa von
Winterfutter findest. Ich notiere die Gebude und das Gert. Karl berichtete:
Vierundzwanzig Milchkhe, halb soviel Jungvieh und ein alter Stier; hchstens
ein Dutzend Khe sind brauchbar, die andern unntze Grasfresser. Das Ganze ist
schlechte Rasse; es sind frher einmal fremde Khe, wahrscheinlich Schweizer,
hierhergeschafft worden, und ein Zuchtstier, der fr den hiesigen Schlag viel zu
gro war, so sind hliche Mischlinge entstanden. Die besten Stcke sind
offenbar ausgetauscht, denn einiges elende Landvieh luft in der Herde, das sich
apart zusammenhlt, es kann noch nicht lange bei den andern sein. Von Futter ist
etwas Heu fr den Winter, und einige Stock Haferstroh da, Streu fehlt ganz.
    Die Gebude sind trostlos, rief Anton. Fahr, Kutscher, nach der
Brennerei. - Ich habe den Pachtvertrag genau durchgesehen und bin dort noch am
besten orientiert.
    Der Wagen rollte auf einer schlechten Brcke ber den Bach, dann ber cker
und ber eine kahle Sandflche, sprlich mit Wolfsmilch und Sandgras bewachsen,
in deren Wurzeln zuweilen das Samenkorn einer Kiefer gekeimt hatte und als
krummer Strauch seine ste ber den Sand legte. Darauf kam der Wald, Bsche aus
Stangenholz mit weiten Zwischenrumen, zwischen denen der nackte Sand zutage
lag, berall Wurzelstcke der geschlagenen Bume, mit Flechten und Bscheln
Heidekraut umwachsen. Schritt um Schritt wateten die Pferde durch den lockern
Sand, keiner der beiden Gefhrten sprach, ungeduldig haftete ihr Blick auf jedem
Baum, den ein gnstiger Zufall hher und breiter geformt hatte, als die
drftigen Nachbarn.
    Endlich erweiterte sich die Aussicht, noch ein Dutzend Kiefernbume am Wege,
und wieder lag eine Ebene vor den Reisenden, ebenso einfrmig, ebenso mit Wald
eingefat, wie die Ackerinsel, aus welcher sie kamen. Vor ihnen stand ein
Kirchdorf, sie fuhren bei einem hlzernen Kruzifix vorber und hielten auf dem
Hofe des Vorwerks. Der Pchter hatte wohl schon ihre Ankunft gehrt,
wahrscheinlich war er mit den Verhltnissen des Freiherrn besser bekannt, als
Anton lieb war; denn er empfing seinen Besuch mit einer Gnnermiene und steifem
Nacken. Kaum da er sie in ein leeres Zimmer fhrte. Und eine seiner Fragen war:
Glauben Sie denn, da der Rothsattel das Gut wird behaupten knnen? Es ist viel
daran zu tun, und wie ich hre, ist der Mann nicht im Stande, Kapitalien
hineinzustecken.
    Die anmaende Klte erbitterte Anton, aber er erwiderte mit der zhen Ruhe,
welche der Handelsverkehr dem Eingeweihten gibt: Wenn Sie mich fragen, ob der
Freiherr von Rothsattel die Herrschaft behaupten wird, so erwidere ich Ihnen,
da er dies um so eher imstande sein wird, je gewissenhafter seine Pchter und
Zinsleute ihren Verpflichtungen gegen ihn nachkommen. Gegenwrtig bin ich hier,
um nachzusehn, ob Sie selbst diese Pflichten erfllt haben. Ich bin
bevollmchtigt, Ihr Inventarium auf Grund Ihres Pachtvertrags durchzusehen. Und
wenn Ihnen an dem guten Willen des Freiherrn jetzt und in der Zukunft gelegen
sein sollte, so gebe ich Ihnen den wohlmeinenden Rat, hflicher gegen seinen
Stellvertreter zu sein.
    Der gute Wille des Barons ist mir ganz gleichgltig, erwiderte der
aufgeblasene Pchter. Aber da Sie von Ihrer Vollmacht reden, so zeigen Sie mir
doch das Papier.
    Hier ist sie, sagte Anton, ruhig das Dokument aus der Tasche ziehend.
    Der Arrendator sah die Schrift sorgfltig durch, oder gab sich wenigstens
den Anschein, endlich reichte er die Bltter nachlssig zurck und sagte grob:
Ich wei gar nicht, ob Sie das Recht haben, jetzt durch meine Wirtschaft zu
gehn. Indes habe ich nichts dawider. Gehen Sie und sehen Sie an, was Sie
wollen. Dabei setzte er seine Mtze auf und wandte sich ab, um nach der
Nebenstube zu gehen.
    Karl fate in seinem Zorn einen Stuhl und stie ihn auf den Boden, Anton
aber vertrat mit schnellem Schritt dem Pchter den Weg und sagte ihm in ruhigem
Geschftston: Ich lasse Ihnen die Wahl, ob Sie uns auf der Stelle selbst durch
die Wirtschaft fhren wollen, oder ob ich eine Inventur durch das Gericht
veranlassen soll. Das letztere wird Ihnen Kosten verursachen, die ich fr unntz
halte. Ihre Anwesenheit ist notwendig, den Bestand des Inventariums
festzustellen, und deshalb sind Sie verpflichtet. Sie selbst, uns zu begleiten.
Auerdem will ich Ihnen noch andeuten, da jedem Pchter der gute Wille des
Eigentmers notwendig ist, wenn er eine Verlngerung seiner Pacht beabsichtigt;
und die Ihre geht in zwei Jahren zu Ende. Auch mir ist es keine Freude, in Ihrer
Gesellschaft die nchsten Stunden zuzubringen, wenn Sie aber die Pflichten des
Kontrakts und der Hflichkeit gegen mich nicht erfllen, so wird der Eigentmer
Ihres Vorwerks jede kontraktwidrige Nachlssigkeit, welche sich hier findet,
dazu benutzen, durch die Gerichte sein Verhltnis zu Ihnen aufzulsen. Jetzt
haben Sie die Wahl.
    Der Pchter sah einige Augenblicke verdutzt in das entschlossene Gesicht
Antons und sagte endlich: Wenn Sie durchaus darauf bestehen, - es war nicht so
bse gemeint. Unwillkrlich rckte er an der Mtze und ging voran in den Hof.
Anton folgte und zog wieder seine Schreibtafel heraus. Die Besichtigung begann.
Nr. 1. Wohnhaus, das Dach defekt. - Nr. 2. Kuhstall, ein Fach der Lehmwand
ausgefallen usw. - So ging es lange fort in unerquicklichem Betrachten und
Hadern. Das geschftsmige Wesen Antons und die kriegerische Haltung seines
Begleiters bten zuletzt ihre Wirkung auf den Pchter, er wurde kleinlauter und
murmelte sogar einige Entschuldigungen.
    Als Anton den Wagen heranwinkte, sagte er dem Mann: Ich gebe Ihnen vier
Wochen Zeit, die bemerkten belstnde zu beseitigen. Nach dieser Frist komme ich
wieder. Und vom Wagen aus rief Karl dem plumpen Mann zu: Wollten Sie
vielleicht die Gte haben, jetzt Ihre Mtze abzunehmen, wie ich tue, dies ist
der passende Augenblick. - So ist's recht, mit der Zeit werden Sie das Ding
schon lernen. Vorwrts, Kutscher! - Wenn Sie wiederkommen, sagte er zu Anton,
wird der Mann sein, wie ein Ohrwurm, der aus einer Pflaume kriecht. Er ist dick
geworden auf dem Vorwerk.
    Und das Hauptgut ist schlechter geworden durch ihn, sagte Anton. - Nach
dem neuen Vorwerk!
    Ein drftiges Wohnhaus, auf der einen Seite der lange Schafstall, auf der
andern der Pferdestall und die Scheuer.
    Es ist merkwrdig, sagte Karl, aus der Ferne auf die Gebude sehend,
dieses Dach hat keine Lcher; dort in der Ecke ist ein Viereck von neuem Stroh
eingesetzt. Bei Gott, das Dach ist ausgebessert.
    Hier ist die letzte Hoffnung, erwiderte Anton.
    Als der Wagen vorfuhr, zeigte sich der Kopf einer jungen Frau am Fenster,
neben ihr ein blondhaariger Kinderkopf, beide fuhren schnell zurck.
    Dies Vorwerk ist das Juwel des Gutes, rief Karl und sprang ber den Rand
der Britschka herunter. Es sind deutliche Spuren einer Dngersttte hier. Dort
luft ein Hahn und die Hennen hinterdrein, alle Wetter, ein regulrer Hahn mit
einem Sichelschwanz. Und hier steht ein Myrtenstock am Fenster. Hurra! hier ist
eine Hausfrau, hier ist Vaterland, hier sind Deutsche.
    Die Frau trat aus dem Hause, eine saubere Gestalt, gefolgt von dem
krauskpfigen Knaben, der beim Anblick der Fremden schleunigst seine Finger in
den Mund steckte und sich hinter der Schrze seiner Mutter verbarg. Anton frug
nach dem Mann. Er kann Ihren Wagen vom Felde sehen, er wird sogleich hier
sein, sagte die errtende Frau. Sie bat die Herren in die Stube und stubte mit
ihrer Schrze eilig zwei Holzsthle ab. Es war ein kleines geweites Zimmer, die
Mbel mit roter lfarbe gestrichen, aber sauber gewaschen, im Kachelofen
brodelte der Kaffeetopf, in der Ecke tickte eine Schwarzwlder Uhr, und auf
einem kleinen Holzgestelle an der Wand standen zwei gemalte Porzellanfiguren und
einige Tassen, darunter wohl ein Dutzend Bcher; hinter dem kleinen Wandspiegel
aber steckte die Fliegenklappe und eine Birkenrute, sorgfltig mit rotem Band
umwunden. Es war der erste behagliche Raum, den sie auf der weiten Gutsflche
gefunden hatten.
    Ein Gesangbuch und eine Rute, sagte Anton freundlich; ich hoffe, Sie sind
eine brave Frau. Komm her, Blondkopf. Er zog den verdutzten Knaben auf seinen
Scho und lie ihn auf dem Knie reiten, im Schritt, im Trab und Galopp, bis der
kleine Kerl sich entschlo, seine Hnde anderswo unterzubringen, als im Munde.
Er kennt das, sagte die Frau erfreut, sein Vater macht's ihm gerade so, wenn
er artig ist.
    Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht, warf Anton hin.
    Ach, Herr, rief die Frau, als wir hrten, da eine deutsche Herrschaft
das Gut gekauft hatte, und da wir jetzt alles fr sie zusammenhalten mten,
und da sie nchstens kommen wrden und vielleicht hierher ziehen, da haben wir
uns gefreut wie Kinder. Mein Mann war den ganzen Tag wie einer, der in der
Schenke gewesen ist, und ich habe vor Freuden geweint. Wir glaubten, da jetzt
Ordnung werden sollte, und man will doch wissen, fr wen man arbeitet. Mein Mann
hat ernsthaft mit dem Schfer gesprochen, - er ist auch aus unserer Gegend, -
und die beiden Mnner haben miteinander abgemacht, da sie es nicht leiden
wollen, wenn der Inspektor noch etwas verkauft. Und dasselbe hat mein Mann dem
Inspektor gesagt. Aber niemand ist gekommen in vielen Wochen, wir haben alle
Tage in der Schenke nachgefragt, und mein Mann ist in Rosmin beim Gericht
gewesen und hat sich erkundigt, bis es zuletzt hie, sie wrden gar nicht
kommen, und das Gut wrde wieder verkauft werden. Da, es sind jetzt vierzehn
Tage her, ist der Inspektor mit einem fremden Fleischer angefahren und hat
verlangt, mein Mann soll ihm die Hammel bergeben. Mein Mann hat sich geweigert.
Da haben sie ihm gedroht und mit Gewalt in den Schafstall gewollt. Und der
Schfer und mein Mann haben sich davorgestellt und die beiden zurckgeworfen.
Darauf sind diese mit Flchen weggefahren und haben gewettert, sie werden sich
die Schafe doch holen. Seit der Zeit haben unsere Mnner jede Nacht gewacht,
dort hngt die geladene Flinte, die sich der Vogt dazu geborgt hat; und wenn des
Schfers Hund bellte und sich etwas im Hofe rhrte, bin ich aufgefahren und habe
um den Mann und das Kind eine frchterliche Angst gehabt. Es sind gefhrliche
Menschen hier, Herr Oberamtmann, und Sie werden das auch finden.
    Ich hoffe, vieles soll jetzt besser werden, sagte Anton. Ihr habt ein
einsames Leben hier.
    Es ist wohl einsam, sagte die Frau, nach dem Dorfe kommen wir fast gar
nicht, und nur manchmal des Sonntags in die deutschen Drfer, wenn wir zur
Kirche gehen. Aber es gibt immer im Hause zu schaffen, und, fuhr sie verlegen
fort, ich will's nur gerad heraussagen, wenn es Ihnen nicht recht ist, soll es
auch aufhren. Ich habe einen kleinen Fleck hinter der Scheuer umgegraben, wir
haben ihn eingezunt und einen Garten daraus gemacht; da habe ich mir gezogen,
was ich fr die Kche brauchte, und dann, fuhr sie stockend fort, dann sind
auch noch die Hhner - und auch ein Dutzend Enten, und wenn Sie nicht bse sein
wollten, die Gnse auf der Stoppelweide, und, sie fuhr mit der Schrze an die
Augen, noch die Kuh und das Kalb.
    Unser Kalb, rief der kleine Blondkopf laut und schlug mit den Hnden auf
Antons Knie.
    Wenn Ihnen nicht recht ist, da ich das Vieh fr mich gehalten habe, fuhr
die Frau weinend fort, so soll ja alles aufhren. Lohn hat mein Mann und der
Schfer seit der letzten Wollschur nicht bekommen, und was wir zum Leben
gebraucht, das haben wir uns durch Verkauf schaffen mssen; aber mein Mann hat
Rechnung gefhrt ber alles, und er wird sie Ihnen vorlegen, damit Sie sehen,
da wir keine unehrlichen Leute sind.
    Ich hoffe, es wird sich so ausweisen, trstete Anton die aufgeregte Frau.
Unterdes zeigen Sie mir Ihren Garten; wenn es mglich ist, sollen Sie ihn
behalten.
    Es ist nichts mehr darin, sagte die Frau entschuldigend und fhrte die
Gste zu dem eingehegten Platz, dessen Beete schon in groen Schollen umgegraben
waren fr die Winterruhe. Sie beugte sich nieder, und suchte von Blumen
zusammen, was sie noch fand, einige Astern, und ihren Stolz, die Herbstveilchen.
Sie band einen Strau und berreichte ihn Anton. Weil Sie ein Deutscher sind,
sagte sie dabei mit freudigem Lcheln.
    Im Hofe hrte man eilige Schritte. Der Vogt kam in der Arbeitsjacke mit
gerteten Wangen heran und stellte sich vor. Er war ein junger stattlicher Mann
von verstndigem Wesen mit einem Zutraun erweckenden Gesicht. Anton sagte ihm
einiges Ermunternde, und im Diensteifer eilte der Mann ins Haus und brachte
seine Rechnungen herzu.
    Erst betrachten wir die Wirtschaft, sagte Anton, die Bcher nehme ich
mit, Ihr kommt morgen auf das Schlo, dort besprechen wir das Weitere.
    Die Pferde sind auf dem Felde, erklrte der Vogt, ich selbst fhre den
einen Pflug, bei dem andern mu Schfers Knecht helfen. Es sind nur vier Pferde
hier, sonst standen zwlf in dem Stall. Wir haben in diesem Jahre wenig mehr
gebaut, als unser Deputat und Futter fr das Vieh. Es fehlte an allem. - Der
Gang durch die Wirtschaftsrume war doch erfreulich, die Gebude waren in
ertrglicher Ordnung, und die vorhandenen Vorrte gaben Hoffnung, die Herde ber
den Winter zu erhalten. Zuletzt ffnete der Vogt mit freudigem Gesicht eine Tr
im Bodenraum des Wohnhauses und wies auf einen Haufen Erbsen. Das Stroh haben
Sie ber dem Schafstall gesehn, hier sind die Erbsen selber, ich habe sie vor
dem Inspektor versteckt, weil ich dachte, sie gehrten Ihnen. Es war auch
Eigennutz dabei, fuhr er ehrlich fort, denn wir waren so gestellt, da wir
nichts erhielten, und ich mute auf etwas denken, was diesem Vorwerk das Leben
rettete, wenn der Winter keine Hilfe brachte.
    Die Frau des Vogts trat mit ihrem Knaben herzu, als die Mnner aufbrachen,
ihr Gesicht leuchtete vor Freude ber die bevorstehende Verbesserung ihrer Lage.
    Es ist gut, sagte Anton lchelnd, ich hoffe, wir werden miteinander
zurechtkommen. Und jetzt zu den Schafen. Wir gehen, kommt mit uns, Vogt. Der
Wagen fuhr langsam ber das Feld voraus, der Vogt erklrte eifrig den Zustand
der Feldstcke; nicht der vierte Teil des Ackers, welcher zu dem Vorwerk
gehrte, war bestellt, lange Strecken lagen seit Jahren als Weideland in Ruhe.
    Ungeduldig eilte Karl voraus, als sie sich dem wolligen Volk nherten,
welches gegenwrtig fast der einzige Schatz lebender Wesen war, der dem Gut
gehrte. Langsam mit breitem Schritt kam der Schfer den Fremden entgegen,
begleitet von seinen zwei Hunden, dem erfahrenen alten, welcher gleichen Schritt
mit seinem Herrn hielt und ebenso bedchtig, wie sein Brotherr das neue
Schicksal des Gutes herankommen sah, und von einem jungen Kter, der als
Lehrling in dem schweren Berufe eines Schferhundes sich vergeblich bemhte, den
Schein ruhiger Wrde zu behaupten; er lief immer wieder in jugendlicher Hitze
seinem Herrn vor und bellte die Fremden an, bis ein mibilligendes Knurren
seines erfahrenen Kameraden ihn zum Stillstehn brachte. Der Schfer nahm mit
Frmlichkeit seinen breiten Filzhut ab und erwartete die Anrede der Fremdlinge.
Als denkender Mann und Naturkundiger wute er allerdings, wen er vor sich sah,
aber es htte einem, dessen ganzes Leben darauf gerichtet war, vorschnelles
Wesen an Schafen und Hunden zu bndigen, sehr schlecht gestanden, wenn er selbst
die Neugierde eines Bckleins gezeigt htte. Der Vogt stellte mit einer
kreisfrmigen Handbewegung dem Schfer die beiden Herren vor, und der Schfer
neigte mehrmals seinen Kopf in einer Weise, welche anzeigte, da er die Wahrheit
der ausgesprochenen Worte vollstndig begreife. Eine hbsche Herde, Schfer,
redete ihn Anton an.
    Fnfhunderfnfundzwanzig Stck, erwiderte der Schfer, darunter
sechsundachtzig Lmmer, dort hinten vierzig Masthammel. Er suchte mit
forschendem Blick in der Herde nach einem Schaf, welches die wnschenswerten
Eigenschaften eines Probestcks hatte, beugte sich nieder, fate das Tier mit
schnellem Ruck bei den Hinterbeinen und prsentierte die Wolle. Karl begann die
Untersuchung. Es waren groe starkgebaute Tiere, wie sie zu den Verhltnissen
des Gutes paten, und gleichmiger in Bau und Wolle, als sich nach allem hoffen
lie. Wenn sie Futter kriegen, geben sie ihre Wolle, sagte der Schfer stolz.
Es ist Kernwolle.
    Ein Jhrling war so unvorsichtig, zu husten. Der Schfer sah mibilligend
auf das vorlaute Tier; die Herde ist ganz gesund, sagte er.
    Wie lange seid Ihr hier im Dienst? frug Anton.
    Neun Jahre, erwiderte der Mann. Als ich herkam, war das Vieh, wie die
Pudel in der Stadt, mit nacktem Hinterteil. Es hat Mhe gemacht, niemand hat
sich um die Herde bekmmert; es ist deswegen nicht schlechter gegangen. Wenn ich
nur immer Erbsenstroh gehabt htte, und in diesem Winter die ordinren Erbsen
fr die Mtter.
    Wollen sehn, was sich tun lt, erwiderte Anton; es ist knapp in der
Wirtschaft fr diesen Winter.
    Das ist wahr, sagte der Schfer, aber das hier ist schne Brachweide. 
    Ich glaube gern, sagte Anton lchelnd, da Eure Schafe nicht unzufrieden
sind. Es gibt wenig Felder hier, auf denen Euer Hund nicht zu jeder Jahreszeit
gebellt hat. Mit Freuden habe ich gehrt, wie brav Ihr die Herde fr Euren neuen
Herrn verteidigt habt. Sind die Leute hier Euch oft rgerlich gewesen?
    Ich knnt's nicht sagen, Herr, erwiderte der Schfer, die Menschen sind
sich berall gleich, sie wollen nicht parieren und sie haben keine berlegung.
Ich richte eher einen Hund ab fr die Herde, als einen Menschen. Er sttzte
sich breitspurig auf seinen langen Stab und sah mit Wohlgefallen auf seinen Hund
herunter, der unterdes pflichtgetreu die Herde umbellt hatte und jetzt zu seinem
Herrn zurckkam, um seine Schnauze vertraulich an den Hosen desselben
abzuwischen. Sehen Sie diesen Hund an! Wenn ich einen Hund zwei Jahre in der
Lehre gehabt habe, so ist er entweder gut, oder er ist nicht gut. Wenn er nicht
gut ist, so jage ich ihn fort und ich bin fertig mit ihm; wenn er einmal gut
geworden ist, so kann ich mich, solange er lebt, auf ihn verlassen, wie auf mich
selber. Den Jungen dort bei den Hammeln habe ich drei Jahre im Dienst, und ich
kann keine Stunde dafr stehn, da er nicht einen verrckten Einfall bekommt,
und anstatt meine Schafe nach rechts zu treiben, selber nach links luft.
Deswegen sage ich, es ist auf Menschen kein Verla.
    Und auf wen verlat Ihr Euch in dieser Welt? frug Anton. Zuerst auf mich
selber, sagte der Schfer, denn ich kenne mich, und dann auf meinen Hund
Krambow, den kenne ich auch, und auerdem noch zuletzt, wie sich's gehrt, - er
winkte mit dem Kopf ein wenig nach der Hhe, dann pfiff er leise seinem Hunde,
Krambow fuhr wieder im Kreis um die Herde. Und Sie, fuhr der Schfer fort,
werden Sie hierbleiben bei dem Herrn Baron?
    Ich denke ja, erwiderte Anton.
    Und darf ich fragen, als was? Inspektor und Amtmann sind Sie nicht, denn
Sie haben sich die Hammel noch nicht angesehen. Die Hammel mssen fort, es ist
hohe Zeit. Also, darf ich fragen, was sind Sie bei dem neuen Herrn?
    Wenn's ein Titel sein soll, erwiderte Anton, so nennt mich
Rechnungsfhrer. 
    Rechnungsfhrer, sagte der Schfer nachdenklich, da darf ich wohl mit
Ihnen ber mein Deputat reden?
    Das sollt Ihr, Schfer, das nchste Mal, wenn ich Euch sehe.
    Es hat keine Eile, sagte der Schfer, man will nur wissen, wie? In meiner
Stube ist eine Glasscheibe zerbrochen, der Glaser wird jetzt wohl wieder aufs
Schlo kommen, da bitte ich, Herr Rechnungsfhrer, da Sie an mich denken.
    Karl und der Vogt traten heran, Anton rief den Kutscher: Nach der
Frsterei!
    Sie wollen zum Frster? frug der Vogt mit verlegener Miene.
    Er will zum Frster! wiederholte der Schfer und trat einige Schritte
nher.
    Weshalb wundert Euch das? frug Anton aus dem Wagen.
    Es ist nur - sagte der Vogt stockend, der Frster ist ein wunderlicher
Mann. Und wenn nicht der Herr Baron selbst kommt, so wird er sich nicht
ergeben.
    Wohnt er denn in einer Festung? frug Anton lachend.
    Er hat sich eingeschanzt, sagte der Vogt, und lt niemanden in sein
Haus, er lebt auf seine eigentmliche Weise.
    Er ist ein Waldmensch, sagte der Schfer mit dem Kopfe nickend.
    Die Polnischen sprechen, es ist ein Schwarzknstler, fuhr der Vogt fort.
    Er kann verschwinden, rief der Schfer.
    Glaubt Ihr das auch? frug Karl erfreut.
    Es gibt keine Hexriche, sagte der Schfer mit starker Mibilligung dieses
Vorurteils, die im Dorfe halten manchen dafr. Der Frster ist ein natrlicher
Mann. 
    Er ist im Grunde ein guter Mann, aber er hat seinen Eigensinn, sagte der
Vogt.
    Ich hoffe, er wird meine Vollmacht respektieren, entgegnete Anton, es
wre sein Schaden, wenn er es nicht tte. 
    Es wird doch besser sein, wenn ich mit dem Frster spreche, bat der Vogt.
Wenn Sie mir erlauben wollen, mit Ihnen zu fahren - er hat zu mir ein gutes
Zutrauen.
    Meinetwegen, schlo Anton, nehmt die Zgel, der Knecht mag unterdes den
Pflug fhren, auf dem Rckweg setzen wir Euch ab. Und jetzt vorwrts zu dem
gefhrlichen Mann.
    Der Vogt lenkte in einen Feldweg, der in den Wald zwischen junges
Kiefernholz fhrte. Der Boden war wieder Sand, der Baumwuchs kmmerlich. ber
Wurzeln und Steine ging es auf einem Seitenwege tiefer in den Wald hinein, an
einem Schlage von fnfzehnjhrigem Holz hrte der Fahrweg auf, der Vogt schlang
die Zgel um einen Baumstamm und bat die Herren auszusteigen. Auf schmalem
Fupfade schritten sie durch dickes Kieferngebsch vorwrts, die langen Nadeln
streiften an ihre Kleider, die eingeschlossene Luft war mit krftigem Waldgeruch
angefllt. Hinter dem jungen Holz senkte sich der Boden, der Grund wurde feucht,
grnes Moos hatte seine weichen Polster ausgebreitet, und eine Gruppe mchtiger
Fhren streckte ihre dunklen Kronen hoch in die Luft. Hier lag das Frsterhaus,
von den braunen sten der Waldbume berdacht, ein niedriger Holzbau von einem
starken Bretterzaun umgeben, um dessen Auenseite eine dreifache Reihe junger
Fichten als Hecke gepflanzt war. Ein kleiner Quell rieselte unter dem Holz des
Zauns hervor, von den Wedeln groer Farnkruter berdeckt fiel er murmelnd ber
einige Steine. Unten das saftige Moosgrn, darber die Stmme hundertjhriger
Bume mit brtigen Flechten bewachsen, und darin das Haus hinter grnendem Zaune
versteckt, das war ein Anblick, der zwischen Sand und Heide wohl erfreuen mute.
Nirgend war ein Weg zu sehen, auf dem Moose nicht einmal die Spuren eines
Futritts, nur das Hundegebell im Hofe verkndete, da nicht Frau Holle oder die
sieben kleinen Zwerge in der Htte wohnten, sondern leibhaftige Menschen. Die
Mnner gingen um den Zaun herum, bis sie an eine schmale Tr kamen, die aus
starken Bohlen zusammengenagelt und fest verschlossen war.
    Sein Dompfaff sitzt oben am Fenster, sagte der Vogt, er ist zu Hause.
    So ruft ihn an, befahl Anton.
    Er wei lngst, da wir hier sind, erwiderte der Vogt und wies auf eine
Reihe kleiner ffnungen im Zaune; sehen Sie die Gucklcher? Er beobachtet uns
schon, aber das ist seine Art so. Ich mu mein Zeichen geben, sonst wird er
nicht aufmachen. Der Vogt steckte zwei Finger in den Mund und pfiff dreimal,
aber alles blieb still. Er ist tckisch, sagte der Vogt bekmmert. Wieder
tnte sein gellender Pfiff, bis das Gebell der Hunde in Geheul berging, und der
Dompfaff am Dachfenster mit den Flgeln um sich schlug.
    Endlich erklang eine rauhe Stimme von der andern Seite der Wand: Wen zum
Henker bringt Ihr mit Euch?
    Macht auf, Frster, rief der Vogt, die neue Herrschaft ist da.
    Geht zum Teufel mit Eurer Herrschaft, antwortete die Stimme unwillig, ich
habe die Zucht satt.
    Der Vogt sah bestrzt auf Anton. ffnen Sie das Tor, befahl dieser, es
wird Ihnen ntzlich sein, wenn Sie freiwillig tun, wozu ich Sie zwingen kann. 
    Zwingen? frug die Stimme; seht zu, ob Ihr mit dem fertig werdet. Der
Lauf einer Doppelflinte schob sich durch das Loch in der Tr und bewegte sich
gemchlich hin und her.
    Das Gewehr wird Euch nichts helfen, erwiderte Anton, wir haben etwas bei
uns, was von heut ab in diesem Walde strker sein soll, als die Gewalt, und das
ist unser Recht und das Gesetz.
    So? frug die Stimme, und wer sind Sie denn?
    Ich bin der Bevollmchtigte des neuen Gutsherrn und befehle Euch, diese Tr
zu ffnen.
    Heien Sie Moses oder Levi? rief die Stimme wieder. Ich will mit keinem
Bevollmchtigten der Welt zu tun haben. Wer als Bevollmchtigter zu mir kommt,
den halte ich fr einen Spitzbuben.
    I so soll doch das Donnerwetter auf Euren harten Kopf fahren, rief Karl in
tiefster Entrstung. Wie knnt Ihr Euch unterstehen, von meinem Herrn so
despektierlich zu reden, Ihr verrckter Kommisstiefel!
    Kommisstiefel? frug die Stimme, das lasse ich mir gefallen, da ist das
verstndigste Wort, welches ich seit langer Zeit gehrt habe. Der Riegel schob
sich zurck, und der Frster trat vor die Tr, die er wieder hinter sich zuzog.
Er war ein kleiner breitschultriger Mann mit grauem Haar und einem langen grauen
Bart, der ihm bis auf die Brust herabhing; in dem runzligen Gesicht glnzten
zwei schlaue Augen wie Kohlen; er trug einen dicken abgeschabten Rock, dem Sonne
und Regen jede Farbe ausgezogen hatten, hielt seine Doppelflinte in der Hand und
blickte trotzig auf die Fremden. So glich er einem Stck Baumstamm aus dem
Walde. Endlich sagte er: Wer hat hier geschimpft?
    Ich, antwortete Karl vortretend, und Ihr sollt mehr erhalten, als schwere
Worte, wenn Ihr in Eurer Insubordination fortfahrt.
    Was tragt Ihr fr eine Mtze? frug der Alte, Karl aufmerksam betrachtend.
    Seid Ihr ein Pilz geworden in Eurem Walde, da Ihr die nicht kennt?
erwiderte Karl und schwenkte seine Soldatenmtze um den Kopf.
    Husar? frug der Alte. Invalide, erwiderte Karl.
    Der Alte wies auf ein kleines Band an seinem Rocke. Landwehr, sagte er,
1813 und 1814.
    Karl griff an die Mtze und salutierte: Respekt, Alter; aber ein Grobian
seid Ihr doch.
    Na, Euch hrt man's auch nicht an, da Ihr Invalide seid, sagte der
Frster. Ihr seht toll genug aus, und fluchen knnt Ihr auch. Also Sie sind
keine Hndler und keine Agenten? frug er zu Anton gewandt.
    So nehmt doch Vernunft an, rief der Vogt. Dieser Herr hier hat den
Auftrag, das ganze Gut zu bernehmen und von jetzt ab zu verwalten, bis die
Herrschaft selber kommt. Es wird bessere Zeit werden, Frster, der Herr ist
anders, als die in der letzten Zeit hier waren. Ihr strzt Euch ja ins tiefste
Unglck mit Eurem widerhaarigen Wesen.
    So? sagte der Frster. Um mein Unglck kmmert Euch nicht, ich werde
schon allein damit fertig. Also Sie sind ein Bevollmchtigter? In den letzten
Jahren ist alle Augenblicke ein anderer gekommen mit einer Vollmacht. Und das
will ich Ihnen sagen, fuhr er zornig fort und trat einige Schritte vor, Bcher
und Rechnungen finden Sie nicht bei mir. Meine Sache steht so: Seit fnf Jahren
habe ich als Frster, der ber diesen Wald gesetzt ist, mich mit den Vollmachten
herumgezankt, jede Vollmacht hat Klaftern geschlagen in ihre Tasche, und zuletzt
sind die Bauern gekommen aus allen Drfern und haben sich Holz geholt, soviel
sie wollten, und wenn ich ihnen mein Eisen unter die Nase hielt, so hielten sie
mir einen Spitzbubenzettel von einem Bevollmchtigten unter die Nase, der ihnen
alles erlaubte. Ich hab nichts mehr zu sagen gehabt und habe hier fr mich
gelebt. Wild gibt's wenig, was ich geschossen habe, habe ich aufgegessen, und
Haut und Balg verkauft, denn der Mensch mu leben. Seit fnf Jahren habe ich
keinen Pfennig Salr erhalten, ich habe mir's selbst genommen. Alle Jahre
fnfzehn Stmme von diesen hier. So weit Sie dort die Lichtung sehen, stand
neunzigjhriges Holz, fnfmal fnfzehn Stmme habe ich fr mich
niedergeschlagen, noch drei Winter reichen die Stmme, die hier stehen, auf so
lange geht meine Rechnung. Wenn der letzte niedergeschlagen war, dann wollte ich
meine Hunde totschieen und mir einen stillen Platz im Walde aussuchen. Er sah
finster auf seine Flinte. Dreiig Jahre habe ich hier gelebt, ich habe mein
Weib und meine Kinder auf dem deutschen Kirchhofe begraben; was jetzt mit mir
geschieht, bekmmert mich nicht. So weit um dieses Haus herum der Blaff meiner
Hunde reicht und meine Kugel trgt, ist der Wald im Stande, das andere hat den
Bevollmchtigten gehrt. Das ist meine Rechnung, und jetzt machen Sie mit mir,
was Sie wollen. Er stampfte in groer Aufregung den Kolben auf die Erde.
    Auf das, was Sie mir gesagt haben, erwiderte Anton, werde ich Ihnen
antworten in der Frsterei und in der Stube, welche von jetzt ab Ihrem
Brotherrn, dem Freiherrn von Rothsattel gehrt. Er schritt zu der Tr und legte
die Hand an den hlzernen Riegel: So ergreife ich Besitz von dem Eigentum des
neuen Grundherrn. Er ffnete die Tr und winkte dem Frster: Halten Sie Ihre
Hunde zurck und fhren Sie uns in Ihr Zimmer, wie es sich schickt.
    Der Frster widersprach nicht, er ging langsam voran, rief die Hunde ab und
ffnete die Klinke seiner Haustr.
    Anton trat mit seinen Begleitern in die Stube. Und jetzt, Frster, sagte
er, da Sie uns dies Haus geffnet haben, will ich Ihnen zur Stelle Bescheid
sagen. Was bis zu diesem Tage an dem Walde von Ihnen geschehen ist, das ist
nicht zu ndern, und darber soll fortan keine Rede sein. Von heut an erhalten
Sie wieder festes Gehalt und ihr Deputat, und wir werden deshalb untereinander
einen neuen Vertrag machen. Und von heute stelle ich den Wald des Gutes und
alles, was zur Wald- und Jagdgerechtigkeit gehrt, unter Ihre Aufsicht. Ihre
Pflicht ist, von jetzt ab als braver Frster dem Gutsherrn zu stehen fr sein
Recht, und von dieser Stunde an mache ich Sie dafr verantwortlich. Ich werde
Sie schtzen bei jedem gesetzlichen Tun, wo ich selbst dies nicht vermag, werde
ich die Hilfe des Gesetzes fr uns fordern. Gegen jedes Unrecht, das an dem
Walde verbt wird, werden wir strenge sein, damit die Unordnung aufhre. Eine
bessere Zucht soll auf diesen verwilderten Gtern eingefhrt werden, und der
neue Herr erwartet von Ihnen, da Sie als gehorsamer und treuer Mann ihm dabei
helfen. Auch das wilde Leben im Busch, das Sie in den letzten Jahren gefhrt,
soll aufhren, wir sind Landsleute, Sie werden regelmig auf das Schlo kommen,
und ber den Wald Rapport bringen, und wir werden dafr sorgen, da Sie sich in
Ihren alten Tagen nicht verlassen fhlen. Wollen Sie ehrlich alles tun, was ich
von Ihnen verlange, so reichen Sie mir jetzt Ihre Hand. 
    Der Frster hatte verdutzt mit abgezogener Mtze die Rede Antons angehrt,
jetzt schlug er in die dargebotene Hand und sagte: Ich will.
    Mit diesem Handschlag, fuhr Anton fort, nehme ich Sie in Pflicht und
Dienst im Namen des Gutsherrn.
    Der Frster hielt lange mit beiden Hnden die Hand Antons fest und rief
endlich: Wenn ich's noch erlebe, da es auf diesem Gut besser wird, so soll
mich's freuen. Ich will tun, was ich kann; aber ich sage Ihnen im voraus, es
wird harten Tanz setzen; durch die Verwalter und die liederliche Wirtschaft sind
die Gutsleute wie die Ruber geworden, und ich frchte, meine alte Flinte wird
mehr als einmal das letzte Wort sprechen mssen.
    Wir werden kein Unrecht ertragen und kein Unrecht tun, den Erfolg mssen
wir abwarten, erwiderte Anton ernst. Und jetzt, Frster, zeigen Sie uns Ihre
Wohnung und machen Sie sich zurecht, uns in den Wald zu begleiten. Anton
durchschritt das kleine Haus. Es war von Balken gezimmert, die Stube von innen
mit Brettern verschlagen. Durch die kleinen Fensterscheiben fiel das Licht trbe
herein, die braune Farbe der Bretterwnde und die schwarze Balkendecke
vermehrten die Dunkelheit und gaben dem Zimmer ein geheimnisvolles Aussehen. Nur
undeutlich war zu erkennen, was rundum an der Wand befestigt war, Geweihe,
Hundehalsbnder, Jagdgert und ausgestopfte Vgel. Am Ofen stand ein kleiner
Schrank mit Kchengeschirr. Ich koche mir selbst, sagte der Frster: was ich
brauche, hole ich aus der Schenke. An den Fenstern hingen Vogelbauer zu zweien
und dreien bereinander, und das Gezwitscher der kleinen Waldvgel, ein
unaufhrliches Zanken, Locken und Schwatzen, klang wie eine heimliche
Unterredung, die der Wald selbst mit seinem alten Wchter hielt. In der Nhe des
Ofens sa ein Rabe mit struppigem Gefieder, weie Federn schimmerten an seinem
Kopf und den Flgeln und bewiesen das hohe Alter des Vogels. Er hatte seinen
Hals zusammengezogen und schien ganz in sich versunken, aber seine glnzenden
Augen beobachteten jede Bewegung der Fremden. Neben der Wohnstube war die
Schlafkammer, dort hingen die Gewehre, an dem Bett stand eine hlzerne Lade. Ein
Gitter vor dem Fenster verriet, da hier die Zitadelle des Hauses war.
    Wohin fhrt diese Tr? frug Anton, auf eine Falltr im Boden deutend.
    Es ist ein Kellerloch, erwiderte der Frster zgernd.
    Ist es gewlbt? frug Anton.
    Ich fhre Sie wohl hinunter, sagte der Frster, wenn Sie allein kommen
wollen.
    Erwartet uns im Hofe, rief Anton seinen Begleitern in die Stube hinein.
    Der Frster zndete eine Lampe an, verriegelte sorgfltig die Kammertr und
ging mit dem Licht voran, Ich htte nicht gedacht, sagte er, da bei meinen
Lebzeiten ein fremdes Auge mein Geheimnis sehen sollte. Wenige Stufen fhrten
hinunter in ein enges Gewlbe, das durch einen Mauerritz notdrftig Luft
erhielt. An der einen Seite aber war die Grundmauer durchbrochen, ein niedriger
Stollen fhrte in die Erde. Er war durch Baumstmme abgesttzt, die in spitzem
Winkel aneinander ruhten.
    Dies ist mein Dachsbau, sagte der Frster und hielt die Lampe in die
dreieckige schwarze ffnung; der Weg fhrt unter der Erde fort in das junge
Holz. Er ist ber vierzig Schritt lang, und ich habe lange Zeit gebraucht, ihn
auszugraben. Auf dem Wege krieche ich aus dem Haus und wieder herein, ohne da
es jemand merkt; und ihm verdanke ich, da ich hier ausgehalten habe, denn er
ist Ursache, da die dummen Bauern mich als einen Hexenmeister frchten. Wenn
sie mich belauert hatten, da ich in dem Hof hineinging, und sich sicher
glaubten bei einer Dieberei, stand ich auf einmal wieder hinter ihnen. Es sind
jetzt zehn Jahre her, da berfiel eine Bande mein Haus, damals war es auf mein
Leben abgesehen, ich aber fuhr als Dachs durch die Rhre. Verraten Sie
niemandem, was ich Ihnen gezeigt habe.
    Das versprach Anton, und sie kehrten zurck in den Hofraum. Dort fanden Sie
Karl beschftigt, den hlzernen Trog eines jungen Fuchses zwischen vier Pflcken
festzuklammern, die er in den Boden schlug. Der Fuchs war unempfindlich gegen
die Aufmerksamkeit des Husars, er fauchte ihn wtend an, rasselte mit seiner
Kette und suchte fortwhrend unter dem Brett, durch welches ihn Karl in der
Htte eingeschlossen hatte, die Hnde und Waden des Arbeitenden anzufallen.
Willst du mir die Hand kssen, kleiner Rotkopf! rief Karl hmmernd, du bist
ein artiger Junge, was du fr treuherzige sanfte Augen hast! So, fertig; jetzt
spring herber und wieder zurck. Er folgt aufs Wort, Frster. Ein gutmtiges
Tier, ganz Euer Naturell, Kamerad.
    Der Frster lachte. Versteht Ihr mit einem Fuchseisen umzugehen?
    Ich denke, sagte Karl.
    Es sind mehr solche Burschen hier, fuhr der Frster fort; wenn's Euch
recht ist, stellen wir den nchsten Sonntag zusammen.
    So schritten alle im besten Einvernehmen durch das Holz, Anton rief den
Frster neben sich und lie sich von ihm die ntigste Auskunft geben. Was der
Alte berichtete, war freilich nicht gut, von schlagbarem Holze war kaum
vorhanden, was die Wirtschaft selbst ntig hatte. Das alte Plnderungsystem
hatte in rohester Weise den Forst ruiniert. Als der Frster am Rand des Waldes
seine Mtze zog und respektvoll frug, zu welcher Stunde er morgen auf das Schlo
kommen drfe, da empfand Anton mit Freude, da es ihm gelungen war, die innere
Unsicherheit zu verbergen, die ihn in den neuen Verhltnissen so sehr strte.
    Sieh, sagte er zu seinem Getreuen, als beide am Abend vor dem grnen
Kachelofen saen, das ist es, was mir hier die grte Sorge macht; ich fhle
mich unwissend und hilflos jedem Knecht gegenber, und ich habe doch die
Aufgabe, auch die Wirtschaft in Respekt zu erhalten. Wie wenig der gute Wille
allein ntzt, habe ich in diesen beiden Tagen deutlich erkannt. Jetzt gib guten
Rat. Was sollen wir zunchst in der Wirtschaft tun?
    Was von Vieh unbrauchbar ist, verkaufen Sie auf der Stelle, die schlechten
Leute bei den Khen entlassen Sie auf der Stelle. Rindvieh und Pferde bringen
Sie auf den groen Hof zusammen, damit sie unter Aufsicht sind. Was von
Feldbestellung mit den geringen Krften noch geschafft werden kann, das wird
regelmig gemacht, nichts bereilt. Gekauft mu jetzt werden Stroh und Hafer.
Hier auf dem Hofe bergeben Sie bis zum nchsten Frhjahr, wo ein ordentlicher
Beamter notwendig wird, mir die Aufsicht, ich werde meine Sache nicht gut
machen, aber besser als ein anderer von Ihren Leuten.
    Es war spt am Abend, als ein eiliger Tritt auf der Treppe gehrt wurde. Mit
einer groen Stallaterne und einem Gesicht voll von argen Neuigkeiten trat der
Schenkwirt in Antons Stube. Ich wollte dem Herrn doch melden, was ich gehrt
habe. Ein Deutscher aus Kunau, der soeben hier durchkam, hat die Nachricht
gebracht, da der Bratzky gestern nicht in Rosmin angekommen ist.
    Nicht angekommen? rief Anton aufspringend.
    Eine halbe Meile vor Rosmin im Walde ist der Wagen von vier Reitern
berfallen worden, es war finster, der Bratzky sa gebunden im Wagen, neben ihm
der Gendarm. Die Reiter aber haben den Gendarm berwltigt und selbst gebunden,
und den Bratzky mit allen seinen Sachen vom Wagen gehoben, und fort mit ihm auf
ein Pferd und in die Bsche. Zwei Reiter sind bei dem Wagen geblieben und haben
den Kutscher gezwungen, von der Strae abzufahren in ein Dickicht, und dort
haben sie ihre Pistolen zwei Stunden lang dem Kutscher und dem Gendarm
vorgehalten. Dann sind sie weggeritten. Der Kutscher sagt, die Pferde wren
Herrenpferde gewesen, und die Mnner htten vornehm miteinander gesprochen. Der
Gendarm ist zerstoen, sonst ist ihm nichts geschehn; nur Ihren Bericht haben
sie ihm genommen.
    Die Stubengenossen sahen einander betroffen an und dachten an die Reiter von
gestern. Wo ist der Mann, der die Nachricht gebracht hat? frug Anton und griff
nach seinem Hut.
    Er war eilig, weiter zu kommen, wegen der Finsternis, sagte der Wirt.
Morgen werden wir vieles hren von der Geschichte. Das ist nicht vorgekommen
seit Jahren, da sie zu Pferde berfallen haben einen Wagen, in welchem sitzt
der Gendarm selber. Wenn sie bei uns geraubt haben, so haben sie es immer getan
zu Fu.
    Habt Ihr einen der Reiter erkannt, welche gestern nachmittag im Dorfe waren
und nach dem Inspektor riefen? frug Anton.
    Der Wirt warf einen schlauen Blick auf Anton, zgerte aber zu antworten.
    Nun, drngte Anton, die Herren waren doch aus der Gegend, einen und den
andern mt Ihr kennen.
    Warum soll ich ihn nicht kennen? erwiderte der Wirt unruhig. Es ist doch
der reiche Herr von Tarow selber mit seinen Gsten. Ein mchtiger Mann, Herr
Wohlfart, welcher hat die oberste Polizei auch ber Ihre Gter. Und was er hat
zu tun gehabt mit dem Bratzky? Der Bratzky hat doch als Inspektor hier auch
versehen die Polizei, und ist manchmal gewesen ein Hndler fr die Edelleute
beim Pferdekauf und bei andern Dingen. Wenn die Polizei mit dem Inspektor hat
sprechen wollen, warum soll sie's nicht tun? Die von Tarow sind schlaue Leute,
sie wissen, was sie haben zu tun und was sie haben zu reden. So sprach der Wirt
mit groer Zungenfertigkeit, aber seine Augen und der Ausdruck seines Gesichtes
sagten etwas ganz anderes.
    Ihr habt einen Verdacht, rief Anton, den Wirt fixierend.
    Soll mich Gott bewahren vor allem Verdacht, fuhr der Wirt erschrocken
fort. Und Herr Wohlfart, wenn ich mir erlauben darf, Ihnen zu sagen meine
Meinung, wozu wollen auch Sie haben einen Verdacht auf jemanden? Sie werden
genug zu tun haben hier im Gut und werden brauchen die Edelleute mehr als
einmal. Wozu wollen Sie sich Feinde machen ohne Nutzen? Es ist hier das Land, wo
die Herren auf einen Haufen reiten und wieder auseinander, und ihre Kpfe
zusammenstecken und dann wieder auseinander. Wer sich nicht darum kmmert, der
handelt am klgsten. 
    Als der Wirt mit einem Nachtgru das Haus verlassen hatte, sagte Anton
finster zu seinem getreuen Gefhrten: Ich frchte, da nicht das Gut allein uns
Sorge machen wird, sondern da noch etwas anderes um uns vorgeht, wogegen wir
beide mit allem Witz nichts ausrichten werden.
    Der dreiste berfall brachte die ganze Gegend in Aufregung. Anton wurde in
den nchsten Wochen einigemal nach Rosmin beschieden, seine Aussagen hatten
keine Resultate, es gelang den Behrden nicht, die Tter zu ermitteln oder die
Person des entfhrten Inspektors in ihre Gewalt zu bekommen.

                                       3


Die ersten Wochen vergingen den beiden Kolonisten in einer Ttigkeit, welche sie
alle Abende bis zum Tod ermdet auf das Lager warf, langsam setzten sie sich an
dem Ort fest. Karl wurde gleich am nchsten Tage als Amtmann eingefhrt und
ergriff mit fester Hand, was von Zgeln auf dem Gut noch vorhanden war. Den
Haushalt und die Kche bergab Anton einer rstigen Frau, die er in einem
deutschen Dorf der Nachbarschaft warb, sie besorgte die einfache Kost der
Schlobewohner und der Knechte. Die schwerste Aufgabe war, mit dem Dorfe in ein
ertrgliches Verhltnis zu kommen. Der ruhigen Festigkeit Antons gelang
wenigstens, den Ausbruch der Opposition zu verhindern; eine seiner ersten
Maregeln war, da er bei den Behrden auf Ablsung der gegenseitigen
Verpflichtungen antrug. Karls Reitermantel zog einige gediente Mnner zu ihm
hin, und durch sie, die Weltleute im Dorf, erlangten die Ansiedler einigen
Einflu auch auf die andern. Zuletzt erboten sich mehrere freiwillig, auf dem
Schlo zu dienen oder im Taglohn zu arbeiten.
    Anton hatte an die Baronin geschrieben und ihr den Zustand des Gutes, die
unfreundliche Umgebung und seine Bedenken gegen eine bersiedelung der Familie
in diesem Winter nicht verschwiegen. Er hatte gefragt, ob sie nicht vorziehen
wrden, bis zum Frhjahr in der Hauptstadt zu bleiben. Als Antwort kam ein Brief
Lenorens, worin sie ihm im Auftrag ihrer Eltern anzeigte, da sie doch an ihrem
Entschlu festhielten, die Stadt zu verlassen, wo dem Vater und ihnen selbst der
Aufenthalt peinlich sei. Sie bat ihn, das Schlo soviel als mglich in
wohnlichen Stand zu setzen. Anton rief seinen Getreuen zu: Sie kommen doch.
    Alle Wetter! sagte Karl, es ist ein Glck, da wir uns nach den
Handwerkern erkundigt haben, Maurer, Tischler, Schlosser, Tpfer, Glaser. Wenn's
Ihnen recht ist, schicke ich auf der Stelle einen Boten nach Rosmin. Wenn ich
nur diesen schndlichen braunen lanstrich von den Tren losmachen knnte, er
verdeckt das schne Eichenholz. Aber Lauge nutzt nichts. - Also wieviel fen
brauchen wir?
    So begann eine eifrige Beratung. Den ganzen Unterstock lassen wir
unausgebaut, sagte Anton, die Fenster verschlagen wir mit dicken Brettern, nur
an die Trffnung der Vorhalle machen wir eine starke Tr, weil man dort alle
Stunden vorber mu. Wie die Wnde jetzt sind, knnen sie nicht bleiben, und wir
haben hier niemanden, als den Maurer von Rosmin.
    Wenn die Sache so ist, sagte Karl, so schlage ich vor, da wir die Stuben
selbst malen, ich bin ein Daus im Marmorieren.
    Du wrst's imstande, erwiderte Anton, mit einiger Besorgnis auf seinen
Getreuen blickend. Nein, wir lassen alle Stuben mit gleicher Farbe streichen;
was meinst du zu Braun?
    Hm, hm, nicht bel, sagte Karl.
    Ich wei, Frulein Lenore liebt diese Farbe vor andern. Es mu aber nicht
zu dunkel sein, sondern eine helle Mischung aus Gelb, Grau, Rot und Grn,
vielleicht etwas Schwarz.
    Aha, sagte Karl verdutzt, so eine gewisse Farbe.
    Natrlich, fuhr Anton eifrig fort und rckte seinen Stuhl nher, wir
wollen dem Tncher die Farbe selbst mischen.
    Das ist mein Fall, stimmte Karl bei, aber ich sage Ihnen im voraus, diese
Kalkfarben sind Racker: Sie streichen Blau auf, und den andern Tag ist's Wei,
Sie haben das schnste Orange im Pinsel, und wenn es an der Wand getrocknet ist,
sieht's aus wie vergilbte Wsche.
    Im Vertraun gesagt, erwiderte Anton, wir werden's den Damen doch nicht
recht machen, also denke ich, wir richten's so ein, da es billig ist und
ertrglich aussieht.
    Am nchsten Tag begann im Hause das Hmmern und Streichen. Im unteren Stock
schlug der Tischler mit seinen Gesellen die Werkstatt auf, im oberen fuhr der
groe Pinsel des Tnchers unermdlich ber die Wnde, und weiliche Gestalten
mit groen Schrzen trugen die Kalkgefe treppauf treppab. Karl war in dieser
ganzen Zeit wie ein Mann mit zehn Armen, sooft er sich von der Wirtschaft frei
machen konnte, strich er mit jeder Art Pinsel auf Holz und Wnde, er lief mit
einem Zollstock herum, schlug Ngel und Gardinenhaken ein und war im nchsten
Augenblick wieder auf dem Felde und im Pferdestall, berall pfiff er seine
Soldatenlieder und trieb die Arbeiter an. Als die Einrichtung des Hauses
fortschritt, wurde der Verschnerungstrieb in ihm immer mchtiger. Er hatte
einige Zentner lfarbe eingekauft, die er vorzglich fand, und eine groe
Virtuositt im Malen entwickelt. Jetzt wagte er sich daran, einer Anzahl
Gegenstnde, welche ihm zum Anstreichen geeignet schienen, das Aussehen von
feinem gemaserten Holz zu geben, und es gelang ihm mit Hilfe eines Federbarts
und weicher Pinsel, groe Wirkungen hervorzubringen. Er trug den Pinsel und
seine Verschnerungen sogar auf den Wirtschaftshof und bat Anton so lange, bis
dieser in einen Abputz der Lehmwnde willigte. Bei diesem Wetter trocknet es
wie im Sommer, sagte Karl; die Strohdcher kann ich nicht berstreichen, das
ist mein einziger Kummer. Dagegen lie er sich nicht nehmen, zwei neue
Kartoffelwagen, die alte Feuertonne und die besten Pflge mit schner blauer
lfarbe zu berziehen. Es mu in diesem Hofe doch etwas sein, woran sich das
Auge erfreut, sagte er entschuldigend. Und es bezahlt sich, denn diese Polen
hier gehen mit allem, was bunte Farbe hat, besser um.
    Das Schlo war notdrftig eingerichtet, an einem kalten Dezembertage wurde
die Ankunft der Gutsherrschaft erwartet. Der Himmel selbst war den Wnschen
Karls zu Hilfe gekommen, er hatte sein reines Wei ber die Erde gezogen und
vieles Unschne dem Auge der Ankommenden verhllt. Der Schnee lag auf Anger und
Sand, die Gipfel der Kiefern waren mit weien Kronen geschmckt, und an den
bltterlosen Bumen blitzten die Zweige von prchtigen Eiskristallen. Die
hlichen Strohdcher der Dorfhuser waren wei bermalt, auf dem zerbrochenen
Brckengelnder lag die Farbe aus den Wolken wie gefrorner Schaum; am Schlo
trug jeder Vorsprung der Mauer, die Zinne des Turmes, der First des Daches eine
weie Festkappe, und krftig stachen die braunroten Mauern davon ab. Es war fr
die im Schlosse ein Tag voll Geschftigkeit und Erwartung. Wagen mit Mbeln und
Hausrat wurden abgepackt und alles, so gut es in der Eile ging, aufgestellt. Die
Schaffnerin und die Frau des Vogts wanden groe Girlanden von Waldzweigen und
schmckten die Vorhalle und die Stubentren. Jetzt ging die Sonne unter, und die
Silberfarbe in der Landschaft verwandelte sich in Goldglanz, dann in ein mattes
Rot, bis auch dieser Schimmer verblich und der heraufsteigende Mond Flur und
Wald mit geisterhaftem blulichem Schein berzog. Im Hause wurden einige
Wandlampen angezndet, in den Zimmern soviel Lichter als mglich aufgestellt, in
allen fen brannte das Feuer, und die behaglich erwrmten Zimmer fllten sich
mit dem krftigen Harzgeruch der Waldzweige. Nach vielen Versuchen hatte Anton
die braune Wandfarbe gefunden, nach der sein Herz strebte. Die bunten Gardinen
waren heruntergelassen, und die geffnete Zimmerreihe sah bei dem Glanz der
Lichter heut so wohnlich aus, da Anton erstaunt frug, wie die Arbeit weniger
Wochen eine so groe Vernderung hervorgebracht habe. Karl hatte auf beiden
Seiten des Schlosses Pechpfannen aufgestellt, ihr loderndes Licht fiel grell auf
den Schnee und frbte in weitem Umkreise die Mauern des Hauses mit warmem Rot.
    Unten in der Vorhalle versammelten sich die Wrdentrger des Gutes. Der
Frster mit einem neuen grnen Rock, auf seiner Brust die Denkzeichen der
Kriegsjahre, einen Hirschfnger an der Seite, stand in kriegerischer Haltung
neben dem Vogt und dem Schfer. Die Schaffnerin und die Frau des Vogts hatten
ihre besten Bnder an die Hauben gesteckt und trippelten in unruhiger Erwartung
um die Mnner herum. Auch Karl trat in seinem Frack zu ihnen. Unterdes schritt
Anton noch einmal durch die Zimmer und horchte nach dem Peitschenschlag, der ihm
aus der Ferne die Ankunft des Gutsherrn verknden sollte. Ihm pochte das Herz,
auch fr ihn sollte mit dem heutigen Tage eine neue Zeit beginnen. So reich an
Entbehrungen das Leben der Ansiedler bis heut auch gewesen war, er und sein
Gefhrte hatten sich als Herren des Schlosses gefhlt, sie hatten in dem
stndlichen Verkehr auch sorgenvolle Stunden leicht berwunden. Jetzt war Karl
nach dem Wirtschaftshof hinbergezogen, er selbst sollte nach dem Wunsch der
Baronin in einem Zimmer des Schlosses bleiben, dadurch kam er mit der Familie in
tgliche Verbindung, und er frug sich, wie diese sein werde. Der Freiherr selbst
war ihm fast ganz fremd, nur auf Augenblicke hatte er ihn gesprochen; im
Krankenzimmer unter groen Schmerzen hatte der Leidende die Vollmacht fr ihn
unterschrieben. Seine Ttigkeit und seine Person, wie wrden sie dem Freiherrn
gefallen? Und dieser Mann war blind. Ja blind. Lenore hatte geschrieben, da der
Arzt keine Hoffnung habe, den geblendeten Augen des Vaters die Sehkraft
wiederzugeben. Aus Schonung hatte man dem Freiherrn dies Furchtbare verborgen,
er selbst trstete sich in seiner Finsternis noch immer mit der Hoffnung, da
die Zeit und eine geschickte Hand entfernen wrden, was wie eine schwarze Wolke
ber seinem Auge lag. Seinem Vertrauten hatte Anton die Wahrheit nicht
verborgen, auch den Gutsleuten hatte er sagen mssen, da der Herr gegenwrtig
an den Augen leide und eine Binde darber trage. Und auf den Gesichtern von
allen hatte er gelesen, wie sehr sie verstanden, da es ein Unglck sei, wenn
dem Gut das Auge des Herrn fehle. - Und wieder schlug sein Herz unruhig, wenn er
an Lenore dachte, neben der er jetzt als Hausgenosse leben sollte. Wie wrde ihr
und der Mutter Benehmen gegen ihn sein? Er nahm sich vor, sorgfltig alles zu
unterdrcken, was er in dieser Stunde fr eiteln Anspruch hielt, er wollte sich
gleich im Anfange so zu ihnen stellen, da sie sein Selbstgefhl nicht demtigen
konnten. Und doch frug er sich, ob sie ihn als Vertrauten und ebenbrtigen
Gesellschafter behandeln wrden, oder ob sie ihm fhlbar machen knnten, da er
Kost und Sold von ihnen als der Herrschaft erhalte. Vergebens sagte er sich, da
sein eigenes Zartgefhl gerade dies letztere fordern msse. Immer wieder stiegen
Traumbilder in ihm auf, wie reizend das Zusammenleben mit Lenore fr ihn werden
knne.
    Von dem Dorfe knallten die Peitschen der Knechte, in zwei Wagen fuhr die
Herrschaft an ihrem Schlosse vor. Um die Pechpfannen standen die Leute vom Hofe,
der Schenkwirt und einige aus dem Dorfe. Diensteifrig ffnete der Vogt das
Fenster des geschlossenen Wagens. Und als Lenore ausstieg und ihr Gesicht von
dem hellen Licht beschienen wurde, drngten sich die Frauen nher heran, die
Mnner brachen in lauten Zuruf aus, alles sah erwartungsvoll in den Wagen. Aber
die Bereitwilligkeit der Leute, den Gru des Willkommens entgegenzubringen,
wurde durch keinen freundlichen Gegengru ermuntert. Mhsam wurde der Freiherr
aus dem Wagen gehoben, mit gesenktem Haupt schritt er, von der Tochter und dem
Bedienten gesttzt, die Treppe hinauf. Das bleiche Antlitz der Baronin hinter
ihm hatte nur einen stummen Blick fr die Beamten ihres Gutes, nur einen kurzen
Gru auch fr Anton, der voranschritt, sie in die eingerichteten Zimmer zu
fhren. Das ist ja alles sehr schn, Herr Wohlfart, sagte sie zu Anton mit
zuckenden Lippen, und als Anton stehenblieb, um ihre ersten Auftrge zu
erwarten, verabschiedete sie ihn mit einer leichten Bewegung der Hand und mit
den Worten: Ich danke. Als sich hinter ihm die Tr geschlossen hatte, stand
der Freiherr hilflos zusammengesunken in der fremden Stube, die Baronin brach in
lautes Weinen aus. Lenore lehnte am Fenster, sie blickte hinaus in den weien
Winter und auf den schwarzen Rand am Horizont, und groe Trnen rollten an ihren
Wangen herunter. Mit schwerem Herzen trat Anton unter die Leute und sagte ihnen,
da die Herrschaft von der Reise angegriffen sei und die einzelnen erst morgen
sprechen wolle. Karl lie die Wagen abladen, fhrte die alte Kchin, welche
weinte wie ihre Herrschaft, in das Souterrain und zeigte ihr ihre Kche. Niemand
von der Familie wurde an dem Abend weiter gesehen. Bald verschwand das Licht in
den Zimmern, nur vor den Tren des finstern Hauses loderte noch das Pech in den
Pfannen, in dem Zugwind fuhr die rote Flamme hin und her, und eine ruige Wolke
zog hinauf an das Fenster, wo der Freiherr sein Haupt mit den Hnden verbarg.
    So war der Einzug der Familie in das neue Gut.
    Wie hbsch Wohlfart alles eingerichtet hat, sagte Lenore am andern Tage
zur Mutter.
    Diese hohen Rume sind frchterlich, erwiderte die Baronin und wickelte
sich schauernd in ihr Tuch, und das einfrmige Braun der Zimmerdecke macht die
Wohnung noch der.
    Es wird Zeit sein, ihn herberzubitten, drngte Lenore kleinlaut.
    Noch ist der Vater nicht in der Stimmung, ihn zu sprechen.
    La den Vater nicht allein mit Wohlfart, bat die Tochter. Es wre
schrecklich, wenn der Vater ihn unfreundlich behandelte.
    Die Baronin seufzte. Wir werden uns gewhnen mssen, gegen einen Fremden in
unserem Hause Regards zu beobachten, die den Vater, wie uns, berwindung
kosten.
    Wie willst du es mit der Hausordnung halten? frug Lenore wieder, Wohlfart
wird doch mit uns essen? - Das ist unmglich, sagte die Baronin fest. Du
weit, wie traurig unser Mittagstisch vergeht; dein Vater ist noch nicht so
ruhig, da er die tgliche Anwesenheit eines Fremden ertragen knnte.
    So soll er an den Tisch der Dienstleute? frug Lenore bitter.
    Ihm wird auf seinem Zimmer gedeckt werden, wir werden ihn alle Sonntage
herberbitten, und wenn seine Person dem Vater leidlich wird, auch manchmal des
Abends. Mehr wre fr alle Teile eine Last. Es ist gut, sich gleich im Anfang
eine bequeme Freiheit zu reservieren. Der Zustand des Vaters wird das
entschuldigen.
    Sie klingelte, Anton wurde herbergeladen. Dem Eintretenden ging Lenore
entgegen, sie reichte ihm schweigend mit nassen Augen die Hand. Auch er war
bewegt, als er die Spuren des Grams im Gesicht der Mutter sah. Die Baronin bat
ihn, Platz zu nehmen, und drckte ihm in gewhlten Worten ihren Dank fr seine
treue Sorge aus. Sie lie sich von ihm erzhlen, was er im Schlosse eingerichtet
hatte, sie lobte alles in wohltuender Weise und besprach mit ihm die Einrichtung
des Haushalts. Sie zog ihn dabei zu Rate, wie einen Freund, und lie ihn selbst
vorschlagen, was sie von ihm wollte. Dann fuhr sie fort: Mein Mann wnscht Sie
zu sprechen. Ich bitte Sie herzlich, in jeder Stunde daran zu denken, da der
Freiherr ein Kranker ist. Er hat furchtbar gelitten, seine Seele, wie sein
Krper. Noch jetzt ist er keinen Tag ohne Schmerzen, und das Ungewohnte seines
hilflosen Zustandes peinigt ihn unaufhrlich. Wir selbst vermeiden sorgfltig,
was ihn aufregen kann, und doch vermgen wir nicht Stunden, ja Tage finsterer
Verstimmung von ihm fernzuhalten. Auch Sie werden Nachsicht ben, wenn seine
dstere Laune Sie unangenehm berhrt. Die Zeit soll ja alles heilen, ich hoffe,
sie wird auch ihm den Frieden wiedergeben.
    Anton versprach ihr jede Vorsicht.
    Mein Mann wird natrlich wnschen, von allem in Kenntnis gesetzt zu werden,
was dem Gutsherrn zur Entscheidung vorgelegt wird. Es ist begreiflich, da er
gerade jetzt in seinen ruhigen Stunden mit einem gewissen Eifer darauf besteht,
seine eigene Ansicht geltend zu machen. Und doch bangt mir vor jedem
unangenehmen Eindruck, der ihm von auen kommt. Deshalb bitte ich, wenn Sie ihm
etwas Wichtiges mitzuteilen haben, suchen Sie es vorher mir begreiflich zu
machen, vielleicht gelingt mir, Ihnen manche lstige Stunde zu ersparen. Ich
werde meinen Schreibtisch in eines der Zimmer tragen lassen, welche Ihrer
Wohnung am nchsten sind, ich will jeden Morgen einige Stunden dort zubringen.
Lenore ist der Privatsekretr des Vaters geworden. So wird es mglich sein,
Ihnen Ihre Stellung in unserem Hause weniger unangenehm zu machen. - Haben Sie
die Gte, mich hier zu erwarten, ich gehe, Ihren Besuch dem Freiherrn
anzukndigen.
    Die Baronin verlie das Zimmer, Anton sah ernst vor sich nieder. Lenore
eilte auf ihn zu und rief so heiter, als sie vermochte: Alles braun, Wohlfart,
wir Braunen wollen auch hier treu zusammenhalten. Es ist Ihnen nicht recht, da
wir hergekommen sind, Sie ungalanter Herr.
    Nur um Ihretwillen, erwiderte Anton und wies auf die Schneeflche drauen.
Wenn ich durch die Felder ging, habe ich immer gedacht, wie einsam es Ihnen
hier werden mu. Wenn ich des Abends durch die groen Stuben schritt, da sorgte
ich, wie langsam Ihnen der Tag hier vergehen wird. Die Kreisstadt ist ber zwei
Meilen entfernt, auch dort werden Sie wenig finden, die kleine Leihbibliothek
ist fr Sie gar nicht zu brauchen.
    Ich will zeichnen, sagte Lenore, ich will Frauenarbeit machen. Ach, das
wird mir sauer werden, Herr Wohlfart, ich bin darin sehr ungeschickt. Ich selbst
mache mir nichts aus Kragen und Spitzen, aber Mama, die gewhnt ist, das alles
so reichlich und in Ordnung zu haben. Ach, was mir Mama leid tut.
    Anton versuchte zu trsten.
    Wir muten fort aus der Hauptstadt, rief Lenore, es wre unser aller
Untergang gewesen, wenn wir in der schrecklichen Umgebung geblieben wren. Unser
Gut unter fremder Verwaltung, berall verlegene und kalte Gesichter, berall
falsche Freunde, gleiende Worte und ein Bedauern, welches das Herz emprt. Mir
ist wohl, da wir hier allein sind. Und wenn ich hier frieren und hungern mu,
ich will alles lieber ertragen, als das Achselzucken der Frau von Werner und
ihrer Kinder. Ich habe die Menschen hassen gelernt, rief sie heftig. - Wenn
Sie bei Papa gewesen sind, komme ich herunter, dann mssen Sie mir das Haus, den
Hof und das Dorf zeigen; ich will sehn, wo mein armer Pony steht, und wie die
Leute hier aussehn.
    Die Baronin kam zurck und fhrte Anton in das Zimmer ihres Gemahls.
Verlegen und unbehilflich erhob sich der Freiherr aus seinem Sessel. Als Anton
das verfallene Gesicht, die gebeugte Haltung und die schwarze Binde ber den
Augen sah, fhlte er ein tiefes Bedauern mit dem Unglcklichen. Mit warmem
Gefhl sprach er aus, wieviel guten Willen er habe, ihm zu dienen, und wie er um
Nachsicht bitte, wenn er in dieser Zeit etwas nicht recht gemacht. Darauf
erzhlte er ihm noch einmal, wie er die Wirtschaft gefunden, und was bis jetzt
geschehen war.
    Der Freiherr hrte schweigend den Bericht an, nur kurze Bemerkungen kamen
aus seinem Munde. Als Anton aber anfing, von den brigen Geschften des
Freiherrn zu sprechen, als er mit der grten Rcksicht, aber doch mit der
Bestimmtheit eines Geschftsmannes von den Verpflichtungen sprach, die der
Freiherr jetzt hatte, und von den unzureichenden Mitteln, sie zu erfllen: da
wand der Edelmann sich auf seinem Stuhl, wie ein Angeklagter unter der Folter.
Und Anton empfand, whrend er sprach, wie peinlich es fr ihn war, als ein
Fremder in die geheimsten Angelegenheiten des Freiherrn eingeweiht zu sein, als
ein Fremder, der den andern sehr schonte, aber bei jeder vorsichtigen Wendung
verriet, da er schonen mute. Die Baronin, welche hinter dem Sessel stand, sah
immer ngstlicher auf die Versuche ihres Gemahls, seine Aufregung zu bemeistern,
endlich winkte sie heftig mit der Hand, und Anton mute mitten in seinem Bericht
abbrechen.
    Als er das Zimmer verlie, warf sich der Freiherr zornig zu seiner Frau
zurck und rief in innerster Seele emprt: Ihr habt mir einen Vormund gesetzt.
Er war ganz auer sich, und vergebens suchte ihn die Baronin zu beruhigen.
    Das war der Eintritt Antons in die Familie.
    Auch er ging traurig in sein Zimmer zurck. In diesen ersten Stunden
erkannte er, da zwischen ihm und dem Freiherrn sich schwerlich ein gutes
Verhltnis bilden werde. Er war in allen Geschften an schnelles Verstndnis der
Beteiligten und an kurze Behandlung gewhnt und sollte jetzt durch den Mund der
Frauen vielleicht nach langen Auseinandersetzungen unzweckmigen Entscheid
erhalten. Auch seine Stellung zu den Frauen erschien ihm unsicher. Die Baronin
hatte ihn sehr rcksichtsvoll behandelt, aber als einen Fremden. Auch sie, so
frchtete er, wrde ihm eine vornehme Dame bleiben, die grade so viel Vertrauen
zuteilt, als ihr ntzlich scheint, und jedes nhere Verhltnis durch artige
Klte von sich abzuhalten wei. Selbst Lenorens freundliche Stimme vermochte ihn
nicht aufzurichten. Beide schritten durch den Hof, nachdenkend, wie zwei
Geschftsleute, die nur die Absicht haben, das Gut zu taxieren.
    Wie in den ersten Tagen, ging fr Anton das Leben auf dem Gute durch einige
Monate fort, ernsthaft, einfrmig, nicht ohne Zwang. Er arbeitete und a allein
auf seinem Zimmer, schweigend trug der alte Diener die Speisen auf und wieder
ab. Auch wenn er als geladener Gast mit der Familie zusammenkam, war die
Unterhaltung wenig erfreulich. Der Freiherr sa wie ein Eisklumpen und strte
jedes Aufleben eines lebhaften Gesprchs. Frher hatte Anton die Umgebung der
Familie, die Einrichtung ihres Salons, die elegante Dekoration ihres Hauses gern
bewundert. Jetzt standen dieselben Mbel in den Besuchszimmern, die kleinen
Vgel der Baronin hatten unter sorgfltigem Schutz die Winterreise berstanden,
es waren dieselben Teppiche, Stickereien, dasselbe Parfm der Zimmer. Aber
jetzt, wo er die fremden Vgel tglich sah, kamen sie ihm langweilig vor, und an
den Stuben war ihm bald nichts interessant, als da er selbst die erste
Einrichtung besorgt hatte.
    Anton hatte einen tiefen Respekt vor dem gewandten Ton, der leichten
Unterhaltung und den geschliffenen Formen des Umgangs in die Familie
mitgebracht. Gedrckt, verstimmt und niedergeschlagen, wie die Familie war,
konnte er nicht die zierliche Heiterkeit erwarten, die ihm im Tanzsalon der Frau
von Baldereck so wohlgetan hatte. Sie waren herausgerissen aus dem gewohnten
Kreise, alle die kleinen Beziehungen fehlten, die Anregung fehlte, welche den
Geist elastisch erhlt und Verstimmung und Schmerz berwinden hilft. Er sagte
sich bescheiden, da er diese nicht geben konnte. Aber noch anderes befremdete
ihn, Wenn er nach einem wortkargen Abend in sein Zimmer zurckkehrte, beklagte
er oft, da sie an vielem, was ihm gelufig war, keinen Anteil nahmen, ja da
sie eine vllig andere Bildung besaen, als er. Und bald nahm er sich die
Freiheit, zu behaupten, da ihre Bildung nicht die bessere war. Das meiste, was
er gelesen, war der Familie fremd; beim Besprechen der Zeitung, dem gewhnlichen
Unterhaltungstoff, verwunderte ihn das geringe Verstndnis fremder politischer
Zustnde. Die Tiefen der Geschichte waren dem Freiherrn kein angenehmer
Aufenthalt, und wenn er das englische Staatsleben verurteilte, so konnte er
seinen Standpunkt mit einigem Recht unbefangen nennen, denn es war ihm ganz
fremd. An einem anderen Abende ergab sich zu Antons Betrbnis, da die
Familienansichten ber die Lage der Insel Ceylon im entschiedenen Widerspruch
mit der Weltstellung standen, welche diesem Eilande durch die Seefahrer
zugeteilt worden ist. Die Baronin, welche Interesse an unterhaltender Lektre
hatte und viel auf Vorlesen gab, verehrte Chateaubriand und las auer kleinen
Modenovellen die Romane blasierter Damen; Anton fand Atala abgeschmackt und die
Romane fade. Bald erkannte er, da seine Hausgenossen alles, was die Welt ihnen
entgegentrug, von einem Standpunkte betrachteten, den er nicht hatte. berall
maen sie, ohne es selbst zu wissen, nach den Interessen ihres Standes. Was
diesen schmeichelte, fand Gnade, auch wenn es fr andere Menschen unertrglich
war; was damit nicht zu stimmen schien, wurde verworfen, oder wenigstens still
beiseite geschoben. Ihr Urteil war oft mild, zuweilen liberal, immer aber sa
ein unsichtbarer Helm mit der Krone auf ihrem Nacken, sie sahen aus der engen
ffnung des Visiers in das Treiben der anderen Erdgeborenen hinein; und wenn sie
rgerte, was nicht zu ndern war, so klappten sie schweigend den Helmsturz
herunter und schlossen sich ab. Der Freiherr machte das zuweilen ungeschickt,
aber seine Gemahlin verstand meisterhaft, durch eine kleine reizende
Handbewegung sich von Unwillkommenem abzusperren.
    Die Familie gehrte zu der deutschen Kirche in Neudorf. Dort aber war kein
Chor und keine Loge neben dem Altar, man htte im Schiff der Kirche neben den
Landleuten sitzen mssen. Das war unpassend. Der Freiherr richtete eine Kapelle
in seinem Hause ein und lie den Geistlichen zuweilen nach dem Schlo holen.
Anton erschien selten bei dem Hausgottesdienst, er ritt nach Neudorf hinber und
sa dort an der Seite des Schulzen unter der Gemeinde.
    Auch seine Ttigkeit war nicht ohne allerlei Strung. Der Reisende einer
Weinhandlung drang durch Sand und Kiefernwlder bis in das Arbeitszimmer des
Gutsherrn. Er war ein kecker Schlingel mit einer groen Beredsamkeit und einer
leidenschaftlichen Neigung zu Wettrennen und Steeplechase. Er brachte eine ganze
Tasche voll Sportneuigkeiten und betrte dadurch den Freiherrn, ein Ohoft
Rotwein zu bestellen. Anton sah auf die leere Kasse, fluchte dem Ohoft und eilte
in das Audienzzimmer der Baronin. Es bedurfte einer langen Intrige im
Damenzimmer, um diese Bestellung auf ein bescheidenes Ma zurckzufhren.
    Der Freiherr war mit seinen Wagenpferden unzufrieden. Sie waren nicht mehr
jung und waren Fchse. Diese letztere Eigenschaft htte dem armen Herrn
gleichgltig sein knnen, aber gerade sie bekmmerte ihn schon seit Jahren. Denn
der Sinn seiner Familie war von je auf eine besondere Pferdefarbe gerichtet.
Nach einer alten Sage hatte ein Ahnherr des Geschlechtes auf einem Rotschimmel
in einer verschollenen Schlacht ausgezeichnete Taten verrichtet; ja, es gab ein
schnes Lied von ltlichem Aussehn, in welchem folgender Vers vorkam:

Wer ritt durch das Getmmel?
Ein edler Rittersmann,
Das Blut vom roten Schimmel
Und rot vom Sattel rann.

Dieses Lied deuteten die Rothsattel auf ihren Vorfahr und schtzten deshalb
Rotschimmel vor andern Rossen. Da aber diese Farbe bei guten Pferden ziemlich
selten ist, so war dem Freiherrn eine solche Erwerbung noch nie geglckt. Jetzt
wollte das Schicksal, da ein Hndler aus der Nachbarschaft ein Paar Rotschimmel
vorzufhren wute. Der blinde Freiherr zeigte eine Freude an den Tieren, welche
den Frauen sehr beweglich war; er lie sich die Pferde immer wieder vorreiten
und vorfahren, hrte auf den Schlag ihrer Fe, betastete sie sorgfltig, holte
Karls Ansicht ein und vertiefte sich in den Plan, seiner Gemahlin durch ihren
Ankauf eine Freude zu machen. Karl lief in der Angst vor einer unntzen Ausgabe
zu Anton und vertraute diesem die drohende Gefahr. Anton ging wieder in das
Audienzzimmer, aber diesmal fand er auch hier kein geneigtes Gehr. Die Baronin
gab zu, da er nicht unrecht hatte, aber sie bat ihn dringend, nur diesmal ihrem
Gemahl seinen Willen zu lassen. Zuletzt wurden die neuen Pferde in aller Stille
an die Krippe gebunden, und der Kufer gab auer den Fchsen und allem Geld
seiner Privatkasse dem Hndler noch das Versprechen, nach der nchsten Ernte
zweihundert Scheffel Hafer zu einem bermig niedrigen Preis zu liefern. Anton
und Karl waren ber diese letzte Bedingung, welche ihnen erst nach einigen
Monaten zu Ohren kam, im Interesse des Gutes sehr erzrnt.
    Der Frster hatte das Unglck, bei der Gutsherrschaft nicht in sonderlicher
Gunst zu stehen. Da Anton sein erstes Zusammentreffen mit dem Waldmenschen in
lebhaften Farben schilderte, trug mglicherweise dazu bei, diesen dem Freiherrn
zu verleiden. Der Baronin mifiel das kurze Wesen des Alten, der in seiner
Einsamkeit allerdings die Geschmeidigkeit verloren hatte, welche die Herrschaft
an ihren Untergebenen wnschte. An einem Teeabend kam der Plan zum Vorschein,
den Mann zu entlassen, bevor er durch lngeren Dienst Ansprche auf Unterhalt im
hilflosen Alter erwerbe. An seiner Stelle sollte ein jngerer Frster gesucht
werden, der gelegentlich in der Livree des Freiherrn als reprsentierender Jger
zur Bedienung brauchbar wre. Die Familie war von dem frhern Gute an ein
solches Verhltnis gewhnt. Anton bezwang mit Mhe seinen Unwillen, als er
auseinandersetzte, da bei der wilden und unsichern Nachbarschaft des Gutes
gerade der erfahrene Mann, der von jedem Strauchdieb der Gegend gefrchtet
wurde, viel zuverlssiger sei, als ein Fremder. Lenore schlug sich auf seine
Seite und unter kaltem Schweigen des Freiherrn und einem resignierten Blick der
Baronin wurde der Plan beiseite gelegt. Beide ertrugen fortan mit zugeklapptem
Visier und gutem Anstand den verbauerten Alten.
    Das waren kleine Verstimmungen, wie sie unvermeidlich sind, wenn Menschen
mit verschiedenen Gewohnheiten sich zu gemeinsamem Leben verbinden, aber es war
kein Zeichen von Behagen, da Anton sich dies hufig sagen mute. Er verstand
sich nicht nur mit Karl, auch mit dem Frster und Schfer in vielen Dingen
besser, als mit der Herrschaft des Gutes, und er fhlte jetzt zuweilen mit
Stolz, da er anders als sie und einer aus dem Volke war.
    Auch Lenore war nicht so, wie er sie getrumt hatte. Immer hatte er in ihr
das vornehme Frulein verehrt, und die herzliche Vertraulichkeit, mit der sie
ihn behandelte, als einen Vorzug empfunden. Jetzt hrte sie ihm auf, eine
vornehme Erscheinung zu sein. Er kannte die Muster ihrer Spitzenrmel persnlich
und sah sehr gut einen kleinen Ri im Hauskleide, den die sorglose Lenore lange
nicht beachtete. Er hatte die wenigen Bcher, die sie mitgebracht, gelesen, und
war in der Unterhaltung oft um die Grenzen ihres Wissens herumgegangen. Ihre
Aussprche imponierten ihm nicht mehr, und er htte jetzt seinen Freund Fink
schwerlich wegen der Frage, ob sie auch Geist habe, geprgelt. Er frug sich das
selbst und beantwortete die Frage recht verstndig. Sie hatte nicht soviel
gelernt, als ein anderes Mdchen, das er kannte, und ihr Empfinden war durchaus
nicht so gebildet; aber sie war eine gute frische Natur, krftig in ihrem Gefhl
und ehrlich in ihrem Urteil. Und sie war schn. Immer hatte er sie dafr
gehalten, aber seine zarte Ehrfurcht umgab lange ihr Bild mit einer duftigen
Wolke. Jetzt, wo er sie tglich sah, im einfachen Morgenrock, in der
gewhnlichen Stimmung des Arbeitstages, jetzt erst fhlte er den ganzen Zauber
ihrer blhenden Jugend.
    Er war manchmal unzufrieden auch mit ihr. Gleich in den ersten Tagen frug
sie ihn dringend, wie sie sich dem Hause ntzlich machen knnte. Er sagte ihr,
da die Aufsicht ber den Haushalt und die genaue Fhrung der Hausrechnung eine
sehr ntzliche Arbeit sei. Er linierte ihr ein Rechenbuch, und da sie Mangel an
bung zeigte, die gezogenen Linien zweckmig zu benutzen, so hatte er die
Freude, sie das zu lehren. Sie warf sich mit Eifer auf die neue Ttigkeit und
lief den Tag zehnmal zu Babette in die Kche, um sich Auskunft zu holen. Aber
ihre Rechnung erwies sich unsicher, und die mysterisen Striche Babettens immer
noch zuverlssiger. Und wenn sie eine Woche die Bcher gewissenhaft gefhrt
hatte, kamen einige Tage, wo die Sonne lustig schien, dann konnte sie sich nicht
enthalten, mit dem Frster schon am Morgen auf die Jagd zu gehen oder auf ihrem
kleinen Pferde weit ber die Grenzen des Gutes hinauszustreifen, dann verga sie
den Stadtboten, die Kchin und ihre Buchfhrung. - Sie wollte Geschichte treiben
und unter Antons Anleitung etwas Englisch lernen. Anton war glcklich ber den
Einfall. Aber die Jahreszahlen konnte sie nicht behalten, die Vokabeln waren ihr
schrecklich, sie entlief diesen Hieroglyphen und ging in den Pferdestall, oder
wohl gar in die Stube des Amtmanns, dessen mechanischen Kunstarbeiten sie
stundenlang mit groem Interesse zusah. Als Anton sie einst zur englischen
Stunde rufen wollte, fand er sie in Karls Stube, einen Hobel in der Hand, eifrig
an der Pritsche eines neuen Schlittens arbeitend, und gutmtig sagte sie ihm:
Geben Sie sich nicht soviel Mhe mit mir, Wohlfart. Ich lerne nichts, ich habe
immer einen harten Kopf gehabt.
    Wieder lag Schnee auf der Erde, und im Sonnenlicht glitzerten Millionen
Eiskristalle auf den Bumen und dem Feld. Karl setzte zwei Schlitten instand,
einen alten zweisitzigen und einen Rennschlitten fr das Frulein, den er selbst
zusammenschlug und unter dem Beistand Lenores mit schner lfarbe berzog. Bei
der Morgenaudienz sagte Anton der Baronin, da er heut nachmittag in einem
Polizeigeschft nach Tarow msse. Wir kennen die Familie Tarowski vom Bade
her, erwiderte die Baronin. Dort haben wir gern mit Frau von Tarowska und
ihren Tchtern verkehrt.
    Ich wnsche lebhaft, da der Freiherr nicht ganz auer Verbindung mit der
Nachbarschaft bleibt, vielleicht vermag ich ihn zu bestimmen, da er heut mit
uns seinen Besuch macht. In jedem Falle wollen wir Frauen diese Gelegenheit
benutzen und unter Ihrem Schutz einen Ausflug dorthin wagen.
    Anton erinnerte leise an den verschwundenen Bratzky und seinen Verdacht.
    Es ist ja nur ein Verdacht, erwiderte die Baronin begtigend, und unsere
Verpflichtung, der Familie einen Besuch zu machen, ist unzweifelhaft. Auch kann
ich nicht glauben, da Herr von Tarowski selbst an der Entfhrung Anteil hat.
    Am Nachmittag fuhren die Schlitten vor, die Baronin setzte sich mit dem
Freiherrn in den grern, Lenore bestand darauf, in ihrem neuen Rennschlitten
selbst zu fahren. Wohlfart setzt sich hinter mich auf die Pritsche, bestimmte
sie. Der Freiherr frug seine Gemahlin leise: Wohlfart?
    Ich lasse dich nicht allein fahren, erwiderte die Baronin ruhig. - Sei
ohne Sorge. Auerdem ist er in deinem Dienst, die Inkonvenienz ist nicht gro.
Und wir fahren ja miteinander vor.
    Die Glckchen klangen ber die Ebene, Lenore sa selig in ihrer Nuschale
und trieb ihr Pferd mit krftigem Zuruf an. Sie wandte sich oft zurck und
zeigte Anton ihr lachendes Antlitz, das unter der dunklen Kappe heut so schn
war, da ihr sein ganzes Herz entgegenflog. Ihr grner Schleier flatterte im
Winde und streifte seine Wange, hing sich an sein Gesicht und verbarg ihm die
Aussicht. Dann erblickte er die verhllte Gestalt vor sich in einem grnen
Dmmerlicht wie aus weiter Ferne; und gleich darauf berhrte wieder der Hauch
seines Mundes die Bandschleife, welche an ihrem Nacken flatterte, und er sah,
da nur die seidne Hlle seine Hand von ihrem goldenen Haar und dem weien Hals
trennte. Anton versenkte sich in diese Betrachtung und widerstand kaum noch dem
Gelst, ihr mit seinem Pelzhandschuh leise ber die Kapuze zu fahren, als dicht
neben ihm ein Hase aus einem Schneeloch aufsprang. Der Hase winkte drohend mit
seinen Ohren und machte einen bedeutsamen Purzelbaum auf Anton zu. Dieser
verstand die freundliche Warnung und zog den Pelzhandschuh zurck; der Hase,
vergngt, eine gute Tat vollbracht zu haben, galoppierte ber den Schnee.
    Anton gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Der weie Weg zeigt keine
Spur eines Menschen, kein Gleis, keinen Futritt, nirgend ist ein anderes Leben
zu sehen, als der lautlose Schlaf der Natur. Wir sind Reisende, welche in ein
fremdes Land dringen, das noch niemand vor ihnen betreten. Ein Baum ist wie der
andere, die Schneeflche ist endlos, rund herum Grabesstille, und oben wieder
der lachende Sonnenschein. Ich wollte, es ginge den ganzen Tag so fort.
    Ich bin glcklich, da ich Sie einmal fahren kann, rief Lenore, beugte
sich zu ihm zurck und hielt ihm eine Hand hin. Anton verga sofort den Hasen,
er konnte sich nicht enthalten, einen Ku auf den Handschuh zu drcken.
    Es ist dnisches Leder, lachte Lenore, bemhen Sie sich nicht. - Hier
ist eine Lcke, sagte Anton, bereit den Versuch zu wiederholen.
    Sie sind heut so artig, rief Lenore, die Hand langsam zurckziehend, das
steht Ihnen hbsch, Wohlfart.
    Der Pelzhandschuh streckte sich aus, um die zurckweichende Hand zu
verfolgen. Darber gerieten zwei Krhen auf den Bumen in starken Zank, sie
schrien um die Wette, flogen auf und schwebten schimpfend ber Antons Kopf.
Geht zum Teufel, ihr Gesindel, dachte der leidenschaftliche Anton, ihr sollt
mich nicht mehr stren.
    Aber Lenore sah ihn treuherzig an. Ich wei doch nicht, ob Ihnen gut steht,
so artig gegen mich zu sein, fuhr sie ernster fort. Sie drfen mir die Hand
nicht kssen, denn ich habe keine Lust, Ihnen dasselbe zu tun, und was dem einen
recht ist, soll dem anderen billig sein. Hussa, mein Pferd, vorwrts!
    Ich bin neugierig, wie uns die Polen empfangen werden, begann Anton wieder
die regelmige Unterhaltung.
    Sie knnen nicht anders als freundlich sein, sprach Lenore zurck. Wir
haben mit Frau von Tarowska wochenlang in einem Hause gewohnt und alle Partien
gemeinschaftlich gemacht. Sie war die eleganteste Dame des ganzen Bades, sie und
die Tchter machten Aufsehen durch ihr distinguiertes Wesen; sie sind sehr
liebenswrdig und vom besten Ton. -
    Er aber hat zwei Augen, gerade wie der Fuchs des Frsters, sprach Anton,
ich traue ihm nicht ber den Weg.
    Ich habe mich heut sehr schngemacht, lachte Lenore sich wieder umwendend,
denn die Mdchen dort sind reizend, und die Polen sollen nicht sagen, da wir
uns schlecht neben ihnen prsentieren. Wie gefllt Ihnen mein Kleid, Wohlfart?
Sie streifte einen Zipfel ihres Pelzes zurck.
    Sie werden sich darin nicht ganz schlecht ausnehmen, sagte Anton mit
weiser Miene; es ist etwas Braun dabei, folglich ist es wunderhbsch.
    Sie treuer Herr Wohlfart! rief Lenore und reichte ihm wieder die Hand ber
den Schlittenrand. Ach! jetzt waren die kleinen warnenden Tiere zu schwach, um
den Zauber abzuleiten, welcher den Pelzhandschuh zu dem Dnen hinzog: etwas
Greres mute geschehen. Als Anton zum drittenmal die Hand ausstreckte,
bemerkte er, da seine eigene Hand sich wider seinen Willen immer hher hob und
in der Luft einen Kreis beschrieb, whrend er selbst sich senkte, bis er der
Lnge nach im Schnee lag. Erstaunt erhob er seinen Kopf und sah Lenore einige
Schritt weiter neben dem umgestrzten Schlitten sitzen, das Pferd stand ruhig
auf dem Wege und lachte in seiner Art laut vor sich hin. Lenore hatte zuviel
nach ihrem Gefhrten und zuwenig auf den Weg gesehen, so hatten sie umgeworfen.
Frhlich erhoben sich beide, schttelten den Schnee ab, Anton richtete den
Schlitten auf, und im Galopp ging es wieder vorwrts. Aber das Schlittenmrchen
war zu Ende, Lenore sah mehr auf den Weg, und Anton stubte sich den Schnee aus
den rmeln.
    Die Schlitten fuhren in einen weiten Hofraum. Ein langes einstckiges
Lehmhaus, mit Kalk beworfen und mit Schindeln gedeckt, schaute mit seinen blauen
Fenstern vertraulich auf die hlzernen Stlle nebenan. Anton sprang ab und frug
einen Mann in Livree nach der Wohnung des gndigen Herrn. Hier ist der Palast,
erwiderte der polnische Diener mit tiefer Verbeugung und half der Herrschaft aus
dem Schlitten. Erstaunt sahen Lenore und die Baronin einander an. Sie traten in
einen unsaubern Hausflur, mehrere schnurrbrtige Geister eilten herzu, rissen
diensteifrig die Winterhllen der Gste ab und eine niedrige Tr auf. In dem
groen Wohnzimmer war zahlreiche Gesellschaft versammelt. Eine hohe Gestalt in
schwarzer Seide trat den Gsten entgegen und begrte sie in der besten Haltung
von der Welt. Die Tchter eilten herzu, schlanke Damen mit Augen und Turnre der
Mutter. Mehrere Namen der jungen Herren wurden genannt, Herr von, Graf von, alle
elegante Mnner im Salonkleid. Zuletzt kam auch der Hausherr. Sein schlaues
Gesicht strahlte von herziger Freude, und die Fuchsaugen leuchteten von
Harmlosigkeit. Der Empfang war tadellos, von allen Seiten die wohltuende
Leichtigkeit eines sicheren Selbstgefhls. Der Freiherr und die Frauen wurden
als werte Bekannte begrt, auch Anton erhielt seinen Teil Zuvorkommenheit. Sein
Geschft war nach wenig Worten abgemacht und Herr von Tarow erinnerte ihn
lchelnd daran, da er ihn schon einmal flchtig gesehen. Der Schlingel von
Inspektor ist Ihnen entsprungen, sagte er bedauernd, seien Sie ohne Sorge, er
wird seinem Schicksal nicht entgehen. - Ich hoffe, erwiderte Anton, er und
seine Helfer. Die Augen des Herrn von Tarow bemhten sich Taubenaugen gleich zu
werden, als er fortfuhr: Der Kerl liegt irgendwo versteckt. - Wahrscheinlich
in der Nhe, sagte Anton und warf einen argwhnischen Seitenblick auf die
schlechten Gebude des Hofes.
    Vergebens suchte Anton unter den anwesenden Mnnern jenen Fremden, den er
bereits zweimal gesehen hatte und dem er den Wunsch zutraute, vor deutschen
Augen unbekannt zu bleiben. Dagegen war ein anderer Herr von entschiedenem Wesen
vorhanden, der von den brigen mit hoher Achtung behandelt wurde. Sie kommen
und verschwinden, dachte Anton, sie reiten zusammen und wieder auseinander,
wie der Schenkwirt sagt; es sind hier nicht einzelne, mit denen man zu tun hat,
sondern eine ganze Gattung. In dem Augenblick trat der Fremde an ihn heran und
begann ein artiges Gesprch. So unbefangen er aber auch redete, so merkte Anton
doch, da er bemht war, das Gesprch zu leiten und ihn, den Deutschen, ber
Gesinnung und Sympathie auszuholen. Er hielt deshalb vorsichtig zurck, und als
der Pole das wahrnahm, verlor er pltzlich das Interesse an dem Gast und wandte
sich zu den Damen.
    Jetzt hatte Anton Mue, sich im Zimmer umzusehen. Unter den rohen Mbeln des
Dorftischlers stand ein Wiener Flgel, die Fensterscheiben waren geflickt, auf
dem schwarzen Fuboden lag in der Nhe des Sofas ein zerrissener Teppich. Die
Damen saen auf Samtsesseln um einen abgenutzten Tisch. Die Frau vom Hause und
ihre erwachsenen Tchter waren in eleganter Pariser Toilette, aber als sich eine
Seitentr ffnete, sah Anton in dem grauen Nebenzimmer einige Kinder mit so
mangelhafter Garderobe umherlaufen, da sie ihn bei der Winterklte herzlich
dauerten. Sie selbst machten sich jedenfalls nicht viel daraus, denn sie balgten
sich und lrmten wie Unholde.
    ber den wankenden Tisch wurde eine feine Damastserviette gelegt und ein
silberner Teekessel aufgesetzt. Die Unterhaltung flo vortrefflich. Leichte
franzsische Bonmots und lebhafte Ausrufe in melodischem Polnisch fuhren
durcheinander, dazwischen klang die eintnige deutsche Phrase. An dem schnellen
Lachen, den Mienen der Sprechenden und dem Feuer der Unterhaltung merkte Anton,
da er unter Fremden war. Schnell flogen die Worte, in den Augen und auf den
Wangen glnzte das flchtige Feuer der heitern Erregung. Es war ein
beweglicheres Volk, elastischer, schwunghafter, leichter ergriffen. Erstaunt sah
Anton, wie behaglich Lenore in der Unterhaltung schwamm. Auch ihr Antlitz
glnzte von hherem Rot, sie lachte und gebrdete sich wie die anderen, und
dreist blickten ihre Augen in die verbindlichen Gesichter der anwesenden Herren.
Dasselbe Lachen, die herzliche Unbefangenheit, die ihn im Schlitten entzckt
hatte, verschwendete sie jetzt an Fremde, die in der Nacht auf der Landstrae
zum Schaden ihres Vaters gearbeitet hatten. Das mifiel ihm hchlich. Dazu das
Zimmer so wunderlich ausgeputzt, die Tapeten schmutzig und zerrissen, die Kinder
in der Nebenstube barfig, und der Hausherr der stille Beschtzer eines
Schuftes und wahrscheinlich noch etwas Schlimmeres! So begngte er sich mit
kalter Zurckhaltung die Gesellschaft zu betrachten und nur das Notwendige auf
die freundlichen Worte des Hausherrn und seiner Gste zu erwidern.
    Endlich schlug ein junger Herr einige Akkorde auf dem Flgel an, alles
sprang auf und wollte tanzen. Die gndige Frau klingelte, vier wilde Mnner
strzten in das Zimmer, ergriffen den groen Flgel und trugen ihn rcksichtslos
hinaus. Die Gesellschaft drngte nach ber den Hausflur in den
gegenberliegenden Saal. Als Anton eintrat, kam er in die Versuchung, sich die
Augen zu reiben. Es war ein leerer Raum mit rohem Kalkanstrich, Bnke an den
Wnden, und in der Ecke ein abscheulicher Ofen. Mitten im Saal hing Wsche auf
Leinen; Anton begriff nicht, wie man hier tanzen wollte. Aber im Hui wurde die
Wsche durch die Fuste der Diener herabgerissen, einer lief zum Ofen und blies
das Feuer an, nach wenig Augenblicken waren sechs Paar zur Quadrille angetreten.
Da der Damen zu wenig waren, band ein junger Graf mit einem schwarzen
Samtbrtchen und zwei wunderschnen blauen Augen sein Battisttuch um den Arm und
erklrte sich mit einem grazisen Knix fr eine Dame. Sogleich wurde er von
einem andern Herrn ritterlich zum Tanz gefhrt. Selig drehte sich das Vlkchen
im Takt. Durch die Nachlssigkeit, welche die Mode von den Tnzern des
gebildeten Europa verlangt, flatterte zuweilen das Feuer ihres Stammes auf.
Lenore trieb mitten darunter. Auch die Baronin war in heiterer Unterhaltung mit
dem Hausherrn, und Frau von Tarow machte sich zur Aufgabe den blinden Freiherrn
zu beschftigen. Das war wieder die vornehme Form, der leichte Genu des
Augenblicks, welchen Anton so oft bewundert hatte; aber heut verzog sich sein
Mund zu einem kalten Lcheln. Es schien ihm nicht mnnlich und nicht wrdig, da
die deutsche Familie sich so hingebend unter Gegnern bewegte, welche
wahrscheinlich in diesem Augenblick Feindliches gegen sie und gegen ihr Volk im
Sinne hatten. Als Lenore nach dem ersten Tanz bei Anton vorbeiging und ihn leise
frug: Warum tanzen Sie nicht mit mir? erwiderte er: Ich erwarte jeden
Augenblick das Gesicht des Herrn Bratzky in einem Winkel dieses Saales zu
sehen.
    Wer wird jetzt daran denken, rief Lenore und wandte sich gekrnkt ab.
    Tanz folgte auf Tanz, die Kpfe der jungen Herrschaften glhten, die Locken
wurden schlaff vom warmen Tau. Schnurrbrtige Diener drangen wieder in das
Zimmer und boten Champagner in Eis. Stehend, auf dem Sprunge schlrften die
Tnzer den kalten Trank, und gleich darauf strmte von allen Ecken der Ruf nach
einem polnischen Nationaltanz zu dem Hauslehrer, welcher am Flgel sa. Jetzt
flatterten die Gewnder, die Tnzer schnellten sich wie auf Sprungfedern durch
das Zimmer, wie Blle flogen die Mdchen aus einem Arm in den andern. Ach und
Lenore immer mitten darunter! Anton stand neben dem ansehnlichen Polen in mattem
Gesprch und hrte khl das Lob an, welches dieser der deutschen Tnzerin
freigebig erteilte. Was den polnischen Mdchen natrlich stand, die schnellen
Bewegungen, die starke Erregung, das machte Lenore wild und, wie Anton sich mit
Mifallen sagte, unweiblich. Und von ihr weg irrte sein Blick an den rohen
Wnden umher auf den bestubten Ofen, in dem ein groes Scheit Holz loderte, bis
zu der Decke, von welcher lange graue Spinnweben herunterhingen.
    Es war spt, als die Baronin zum Aufbruch trieb; die Pelze wurden in den
Saal gebracht, die Gste wickelten sich ein, die Schelle lutete und das
Glckchen klang wieder ber die Schneeflche. Aber Anton war es wohl zufrieden,
da jetzt die Tochter mit dem Vater fuhr, und da er selbst hinter der Baronin
die Zgel fhrte. Schweigsam lenkte er den Schlitten und immer wieder dachte er
daran, da eine andere, die er kannte, sich unter den Spinnweben im Hause der
Feinde niemals in der Mazurka geschwenkt htte. - Auch Lenore trug ihm heut den
Stahlhelm auf dem weien Nacken.

                                       4


Herr Itzig war als Geschftsmann etabliert. Wer ihn besuchte, schritt durch ein
vielbetretenes Vorderhaus und erstieg in einem Seitenflgel eine nicht ganz
saubere Treppe. Neben der Treppe glnzte die weilackierte Entreetre, auf
welcher ein groes Messingschild mit abgeschrgten Ecken den Namen V. Itzig
zeigte. Das Entree war verschlossen, ein dicker Porzellangriff war auch
vorhanden, alles schner und idealer, als es bei Ehrenthal gewesen war. Durch
die Tr konnte der Besuchende in ein leeres Entree gelangen, in welchem sich den
Tag ber ein verschmitzter Junge aufhielt, halb Portier, halb Laufbursche,
auerdem Spion fr die Geschfte, welche sein Brotherr machte. Der Junge
unterschied sich von dem ursprnglichen Herrn Veitel durch ein aufflliges Wesen
von schbiger Gentilitt. Er trug die letzten berreste des Kleidergeschftes
auf, glnzende Seidenwesten und einen Frack, der ihm nur wenig zu gro war. Er
bewies, da die neue Firma auch in Sachen der Toilette und Bildung avancierter
war, als das in vielen Dingen gewhnliche Geschft des Ehrenthal. Den
Eintretenden empfing Herr Itzig in zwei kleinen Geschftsstuben, von denen die
erste wenig Mbel, aber zwei auffallend schne Lampen enthielt, eine
gelegentliche notwendige bernahme fr nicht gezahlte Zinsen eines Solawechsels.
Die zweite war das Schlafzimmer, ein einfaches Bett, ein langes Sofa, ein groer
runder Spiegel mit breitem Goldrahmen, dieser ein Erwerb aus dem geheimen Lager
des ehrlichen Pinkus. Itzig selbst hatte sich auffallend verndert, er war an
trben Tagen bei dem zweifelhaften Lichte, welches aus dem Hofraume in die
Stuben gelangte, von weitem betrachtet, nur noch wenig von einem eleganten Herrn
verschieden. Sein schmales Gesicht war voller geworden, die groen
Sommersprossen, welche ihn frher getigert hatten, waren verblichen, und sein
Haar hatte durch Pomade und kunstvolle Brstenstriche eine dunklere Farbe und
ein anschmiegendes Wesen erhalten. Noch hatte der neue Geschftsmann eine
Vorliebe fr schwarze Kleider, aber sie waren neu und saen nicht mehr
schlottrig ber seinen Gliedmaen. Denn Herr Itzig hatte auch zugenommen an
uerer Behaglichkeit, er gnnte sich jetzt gute Kost, ja auf seinem
Arbeitstische war zuweilen eine leere Weinflasche zu sehn, auf welcher das Wort
Mosel stand, daneben ein Zuckerbecher und ein silberner Lffel. Wie prchtig
aber auch das neue Etablissement war, Itzig benutzte dasselbe doch nur bei Nacht
und in seinen offiziellen Geschftsstunden. Noch immer trieb ihn sein Herz nach
seiner alten Herberge zu Lbel Pinkus. So fhrte er ein doppeltes Leben, fr die
groe Welt als feiner Geschftsmann in den neugestrichenen Stuben unter dem
Glanze der Astrallampen, bedient von einem modern gekleideten Gnom, und ein
zweites fr sein Gemt, gerade unter der Karawanserei, ein bescheidenes Leben
mit rotbaumwollenen Gardinen und einem viereckigen Kasten als Sofa. Vielleicht
machte ihm dieses Asyl am behaglichsten, da er jetzt eine unbestrittene
Herrschaft ber den Besitzer des Hauses ausbte. Pinkus war, zu seiner Schande
sei es gesagt, herabgesunken zu einem Kommissionr, einem Hilfsarbeiter Veitels.
Und Frau Pinkus hing an dem aufstrebenden Geschftsmann mit einer Verehrung,
welche ihren Mann aller Gnsebrste beraubte, die in dem Hause geschlachtet
wurden.
    Heut sa Itzig in seinem Geschftslokale nachlssig auf dem Sofa und rauchte
aus einer Bernsteinspitze; er war ganz Gentleman und erwartete vornehmen Besuch.
Da hrte man im Vorzimmer schellen, der Diensttuende flog zur Tr, eine scharfe
Menschenstimme wurde hrbar. Bald entstand ein Zank im Vorsaale, welcher Veitel
bewog, schnell den offenen Kasten seines Schreibpultes zuzuschlieen und den
Schlssel in die Tasche zu stecken.
    Nicht zu Hause ist er? Er ist aber hier, du erbrmlicher, grnhaariger
Dummkopf, schrie die scharfe Stimme den wachehaltenden Jngling an. Man hrte
einen widerstehenden Krper beiseite schieben, Veitel beugte seinen Kopf tief in
ein altes Hypothekeninstrument, die Tre wurde geffnet, und Herr Hippus
erschien mit gertetem Antlitz, schbig, mit zerrauften Federn an der Tr. Nie
hatte er einem alten Raben hnlicher gesehn.
    Du lt dich verleugnen? Du befiehlst dem Wurme dort drauen, alte Freunde
abzuweisen? Natrlich, du bist vornehm geworden, du Narr! Hat man je eine solche
Unverschmtheit gesehen! Weil der Bengel sich in zwei neue Stuben
hineingeschwindelt hat, sind ihm seine alten Freunde nicht mehr gut genug. Du
bist bei mir an den Unrechten gekommen, mein Shnchen, ich lasse mich nicht so
abspeisen.
    Veitel betrachtete den kleinen Herrn, welcher zornig vor ihm stand, mit
Blicken, die nichts weniger als freundschaftlich waren. Was macht Ihr mit dem
jungen Menschen fr einen Lrm, sagte er kalt, er hat nur seine Schuldigkeit
getan. Ich erwarte einen Geschftsbesuch und habe ihm befohlen, alle Fremden
abzuweisen. Wie konnte ich wissen, da Ihr hierherkommen wrdet? Haben wir nicht
ausgemacht, da Ihr mich nur des Abends besuchen sollt? Was kommt Ihr zu meinen
Geschftsstunden?
    Deinen Geschftsstunden! Du junger Wiedehopf, der seine Eierschalen noch am
Stei herumschleppt, rief Hippus, immer noch erzrnt, und setzte sich auf das
Sofa. Deine Geschftsstunden, - fuhr er mit unendlicher Verachtung fort, fr
deine Geschfte ist jede Stunde gut genug. 
    Ihr seid wieder betrunken, Hippus, antwortete Veitel in aufrichtigem
rger, wie oft habe ich gesagt, da ich mit Euch nichts zu tun haben will, wenn
Ihr aus der Branntweinstube kommt!
    So, rief Herr Hippus, du Sohn einer Trdelhexe, mein Besuch ist fr dich
zu allen Zeiten eine Ehre. Ich wre betrunken? fuhr er schluckend fort, wovon
denn, du Hanswurst? Womit soll man sich betrinken, schrie er, wenn man kein
Geld hat, ein Glas zu bezahlen?
    Ich wute, da er wieder kein Geld hatte, sagte Veitel mit tiefer
Entrstung. Erst neulich habe ich Euch zehn Taler gegeben, aber Ihr seid wie
ein Schwamm, es ist schade um jeden Groschen, den man auf Euch wendet.
    Du wirst mir aber heut zeigen, da es nicht schade ist, antwortete der
Alte hhnisch, du wirst mir wieder zehn Taler geben und auf der Stelle.
    Das werde ich nicht, rief Veitel. Ich habe satt, Euch zu fttern. Ihr
wit, was wir abgemacht haben; Geld bekommt Ihr nur, wenn Ihr mir etwas dafr
tut. Und jetzt seid Ihr nicht in der Verfassung, etwas Ordentliches zu lesen
oder zu schreiben.
    Fr dich und deinesgleichen bin ich immer noch gut genug, und wenn ich
zehnmal besser gefrhstckt htte, als heut, sagte der Alte ruhiger. Gib her,
was du fr mich zu arbeiten hast. Du bist ein geiziger Filz geworden, aber ich
will dir's nicht nachtragen. Ich will dir verzeihen, da du mich abweisen
wolltest, ich will dir auch verzeihen, da du ein hochmtiger Esel geworden bist
und dich mit einer solchen Lampe breitmachst, die fr bessere Leute, als du, gut
genug wre; und ich will dir meinen Rat nicht entziehen, vorausgesetzt, da du
mich honorierst. Und so wollen wir Friede machen, mein Sohn. Jetzt rede, welche
Teufelei hast du wieder vor?
    Veitel schob ihm ein dickes Hypothekeninstrument hin und sagte: Zuerst
sollt Ihr mir das durchsehen und einen Auszug daraus schreiben, wie ich ihn
brauche, und sagen, wie es damit steht. Es ist mir angeboten worden zum Kauf.
Jetzt aber erwarte ich jemand, Ihr mt in die andere Stube gehen, dort setzt
Euch an den Tisch und macht die Arbeit. Wenn Ihr fertig seid, dann reden wir
ber das Geld.
    Herr Hippus schob sich das schwere Aktenstck unter den Arm und steuerte
nach der zweiten Stubentr. Heut tue ich dir noch einmal deinen Willen, weil
du's bist, sagte er gemtlich und erhob seine Hand, um Veitel auf die Backe zu
klopfen.
    Veitel lie sich die Liebkosung leidend gefallen und wollte die Tr
zumachen, als der betrunkene Alte sich noch einmal herandrngte und mit schlauem
Blick fragte: Also du erwartest jemanden, mein Shnchen? Wen erwartest du,
kleiner Itzig? Ist's ein Mnnlein oder ein Frulein?
    Es ist ein Geldgeschft, antwortete Veitel die Achsel zuckend.
    Ein Geldgeschft? wiederholte der trunkene Herr, mit einer gewissen
zrtlichen Bewunderung seinen Bundesgenossen betrachtend. Ja, darin bist du
gro. Gro als Mensch und als Schwindler! Wahrhaftig, wer von dir Geld haben
will, der ist verloren. Es wre ihm besser, er sprnge ins Wasser, obgleich
Wasser auch verchtlich ist. Du kleiner Sackermentsschwindler, du! Dabei erhob
er den Kopf und stierte aus seinen schwimmenden Augen liebevoll auf Veitel.
    Seid Ihr doch selbst gekommen, um Geld von mir zu holen, antwortete ihm
Veitel mit gezwungenem Lcheln.
    Ja, ich bin fest, antwortete Hippus lallend, ich bin nicht von Fleisch
und Blut, ich bin Hippus, ich bin der Tod. Dabei versuchte er geistreich zu
lachen.
    Drauen tnte die Schelle, Veitel rief: Verhaltet Euch ruhig! schlo die
Tr, setzte sich auf das Sofa, fate die Bernsteinspitze und erwartete seinen
Besuch.
    In dem Vorzimmer klirrte ein Sbel, ein Husarenoffizier trat ein. Eugen
Rothsattel war in dem letzten Winter ein wenig lter geworden, sein feines
Gesicht war hagerer, und um den untern Teil seiner Augen zog sich ein blulicher
Ring. Er trat mit einem Schein von Gleichgltigkeit ein, der Herrn Itzig keinen
Augenblick zu tuschen vermochte, denn hinter dieser Maske erkannte sein
erfahrener Blick deutlich das Fieber, welches bedrngten Schuldnern eigentmlich
ist.
    Herr Itzig? fragte der Offizier von oben herunter.
    So heie ich, antwortete Veitel und stand nachlssig vom Sofa auf.
    Unruhig sah Eugen in das Gesicht des Geldmanns. Der jetzt seine Anrede
erwartete, war derselbe, vor dem schon sein Vater gewarnt war, und jetzt trieb
das Schicksal auch ihn in dasselbe Netz. Ich habe in diesen Tagen eine Schuld
an hiesige Agenten zu zahlen, begann der Leutnant, an Herren Ihrer
Bekanntschaft.
    Als ich deshalb Rcksprache mit ihnen nehmen wollte, ist mir von beiden
mitgeteilt worden, da sie ihre Forderungen an Sie verkauft haben.
    Ich habe es ungern getan, erwiderte Veitel, ich habe nicht gern zu tun
mit den Herren Offizieren. Es sind zwei Schuldscheine ber elfhundert und
achthundert, zusammen neunzehnhundert Taler. Er griff in eine Mappe und holte
die Dokumente heraus. Erkennen Sie diese Unterschrift als die Ihrige? fragte
er kalt, und erkennen Sie diese neunzehnhundert Taler als die Summe an, welche
Ihnen geliehen ist?
    Es mag wohl soviel darin stehen, antwortete der Leutnant unwillig.
    Ich frage, ob Sie anerkennen, da Sie mir zu zahlen haben diese Summe auf
diese zwei Verschreibungen? fragte Veitel wieder.
    In Teufels Namen, ja, rief der Leutnant, ich erkenne die Schuld an,
obgleich ich nicht die Hlfte in Geld erhalten habe.
    Veitel schlo die Solawechsel in sein Pult und sagte, indem er die Achseln
zuckte, spttisch: Ich habe doch die volle Summe bezahlt den beiden Leuten. Ich
werde mir also holen bei Ihnen morgen und bermorgen mein Geld.
    Der Offizier schwieg eine Weile, langsam rteten sich seine eingefallenen
Wangen. Endlich, nach einem harten Kampfe, begann er: Ich bitte Sie, Herr
Itzig, mir noch Frist zu geben.
    Veitel ergriff seine Bernsteinspitze und drehte behaglich daran, als er
antwortete: Ich gebe Ihnen keinen Kredit weiter.
    Seien Sie verstndig, Itzig, sagte der Offizier mit erzwungener
Vertraulichkeit. Ich bin vielleicht in kurzem in der Lage, Ihnen zu zahlen.
    Sie werden in einigen Wochen sowenig Geld haben, als jetzt, entgegnete
Veitel grob.
    Ich bin bereit, Ihnen eine grere Summe zu verschreiben, wenn Sie sich
gedulden.
    Ich mache niemals solche Geschfte, log Veitel.
    Ich schaffe Ihnen eine Anerkennung der Schuld durch meinen Vater.
    Der Herr von Rothsattel hat geradeso viel Kredit bei mir, als Sie selber.
    Der Leutnant stie zornig seinen Sbel auf den Boden. Und wenn ich nicht
zahle? brach er los. Sie wissen, da ich gesetzlich dazu nicht verpflichtet
bin.
    Ich wei߫, versetzte Veitel ruhig. Werden Sie zahlen morgen und
bermorgen?
    Ich kann nicht, rief Eugen in aufrichtiger Verzweiflung. Dann tragen Sie
Sorge fr den Rock, den Sie anhaben, sagte Veitel sich abwendend.
    Wohlfart hatte recht, mich vor Ihnen zu warnen, rief Eugen auer sich.
Sie sind ein hartgekochter -, er drngte das letzte Wort zurck.
    Sprechen Sie ruhig aus, sagte Itzig, es hrt Sie niemand. Was Sie reden,
ist wie das Feuer im Ofen, es knistert, in einer Stunde ist's Kohle. Was Sie mir
hier wollen sagen unter vier Augen, das werden von Ihnen in drei Tagen die Leute
auf der Strae sagen, wenn Sie nicht zahlen.
    Eugen wandte sich mit einem Fluche ab, an der Tr blieb er noch einen
Augenblick stehen, dann strzte er zornig hinaus.
    Veitel sah ihm triumphierend nach. Der Sohn wie der Vater, er sitzt darin,
wie er sitzen mu߫, sagte er vor sich hin; er kann nicht schaffen das Geld. Es
geht zu Ende mit den Rothsatteln, und der Wohlfart wird sie nicht halten. - Wenn
ich verheiratet bin mit der Rosalie, so sind mein auch Ehrenthals Hypotheken.
Dann knnen die Scheine, die bei dem Schwiegervater verschwunden sind, sich
unter seinen Papieren wiederfinden. Dann habe ich den Baron in Hnden und das
Gut ist mein.
    Nach diesem Selbstgesprch ffnete er die Tr, welche Herrn Hippus und den
vornehmen Besuch, den Versunkenen und den Sinkenden, getrennt hatte, und fand
den kleinen Advokaten eingeschlafen, den Kopf auf den Hnden, die Hnde ber den
Akten. Mit herzlicher Verachtung sah Itzig auf das schwrzliche Bndel und
sagte: Er wird mir lstig. Er sagte, er wre der Tod, ich wollte, er wre tot,
und ich wre von ihm frei.  Unsanft rttelte er den alten Mann auf und schrie
ihn an: Ihr seid zu nichts gut, als zum Schlafen, was mutet Ihr hierherkommen,
um zu schnarchen? Geht nach Hause, ich werde Euch die Akten geben, wenn Ihr in
besserer Verfassung seid.
    Als der Advokat unter dem Versprechen, am Nachmittag wiederzukommen,
schlfrig hinausgewankt war, brstete Itzig mit beneidenswerter Fertigkeit
seinen seidenen Hut, zog den besten Rock an, gab seinem Haar vor dem goldenen
Spiegel den genialen Fall und ging nach dem Hause seines Gegners Ehrenthal.
    Als er in den Hausflur trat, warf er seinen scheuen Blick auf die Tr des
Comtoirs und eilte vorber nach der Treppe. Auf der untersten Stufe hielt er an.
Er sitzt wieder im Comtoir, sagte er horchend zu sich selbst, ich hre ihn
brummen, so brummt er oft, wenn er allein ist. Ich will's wagen, ich gehe
hinein, vielleicht ist mit ihm ein Wort zu reden. Er schritt zgernd zu der Tr
und horchte wieder, dann fate er ein Herz und ffnete schnell. In dem dmmrigen
Raume sa auf dem Lederstuhle einsam eine zusammengedrckte Gestalt, auf dem
Kopfe einen unfrmlichen Hut; sie nickte mit dem Kopfe vor sich hin und murmelte
unverstndliche Worte. Wie hatte sich Hirsch Ehrenthal in dem letzten Jahre
verndert! Als er das letztemal vom Gute des Freiherrn fuhr, war er ein
rundlicher Mann von ansehnlicher Art gewesen, ein wohlkonservierter Mann, der
seine Busennadel anzustecken wute, um vor den Frauen stattlich auszusehen; das
Haupt, welches jetzt in nervser Schwche nickte, war das Haupt eines alten
Mannes, und an dem faltigen Gesicht hing ein Bart, den das Schermesser
wochenlang nicht berhrt hatte. Er war ein Bild des klglichen Verfalles, wo der
Geist dem Krper noch vorluft auf dem Wege zur zweiten Wiege.
    Der Agent stand an der Tr und sah betroffen auf seinen frheren Brotherrn,
der in seine Trume versunken nur noch halb der Geschftswelt angehrte. Endlich
begann er nher tretend: Ich will mit Ihnen reden, Herr Ehrenthal. 
    Der Alte fuhr fort mit dem Kopfe zu nicken und antwortete mit zitternder
Stimme: Hirsch Ehrenthal bin ich, was haben Sie zu reden mit mir?
    Ich will mit Ihnen sprechen ber ein groes Geschft, fuhr Itzig fort.
    Ich hre, sagte Ehrenthal ohne aufzusehn. Wenn es ein groes Geschft
ist, warum sprechen Sie nicht?
    Sie kennen mich doch, Hirsch Ehrenthal? schrie Itzig sich zu dem Alten
vorbeugend.
    Der Mann im Lederstuhle sah mit mden Augen auf und starrte den andern an,
endlich erkannte er ihn. Er rckte sich heftig von seinem Sitze in die Hhe und
stand mit vorgebeugtem Halse da. Immer noch nickte das Haupt, aber die Augen
ruhten mit einem Blicke voll Furcht und Ha auf dem Agenten. Was wollen Sie
hier in meinem Comtoir? rief er mit bebender Stimme. Wie knnen Sie wagen, zu
treten vor meine Augen? Gehn Sie hinaus, Sie Mensch.
    Itzig blieb stehen. Schreien Sie nicht wie ein Hahn, ich tue Ihnen nichts,
ich will mit Ihnen reden ber groe Sachen, wenn Sie ruhig sein wollen, wie ein
Mann in Ihren Jahren sein mu.
    Es ist der Itzig, murmelte der Alte vor sich hin, er will reden von
groen Sachen, ich soll ruhig sein. - Wie kann ich ruhig sein, schrie er wieder
auf, wenn ich Sie erblicke vor meinen Augen? Sie sind mein Feind, sie haben
mich ruiniert hier und haben mich ruiniert da. Sie sind gewesen fr mich, wie
der Bse mit dem Schwerte, an welchem der Tropfen Galle hngt. Ich habe aufgetan
den Mund, und Sie haben mir hineingestoen Ihr Schwert, die Galle ist gekommen
in mein Herz, und ich mu zittern, wenn ich Sie ansehe.
    Werden Sie ruhig, sagte Itzig, und wenn Sie ruhig sind, dann hren Sie
mich an.
    Heit er Itzig? summte der Alte wieder vor sich hin. Er nennt sich Itzig,
aber wenn er in die Stadt geht, heulen die Hunde. Ich will Sie nicht sehen,
rief er, sich wieder aufrichtend, gehen Sie hinaus, es ist mir zuwider Ihr
Anblick, ich will lieber zu tun haben mit einer Spinne, als mit Ihnen.
    Veitel sagte mit Ergebung: Was geschehn ist, Ehrenthal, ist geschehn und
ist darber nicht mehr zu reden. Sie sind feindlich gewesen gegen mich, und ich
habe gehandelt gegen Sie, es ist gewesen einer wie der andere.
    Er hat gegessen alle Sonntage in meinem Hause, grollte der Alte wieder.
    Weil Sie daran denken, fuhr Veitel fort, will ich auch daran denken. Ja,
ich habe gegessen an Ihrem Tische, und deswegen tut es mir leid, wenn wir beide
in Feindschaft gekommen sind. Ich habe immer gehabt eine groe Anhnglichkeit an
Ihr Haus.
    Du hast mir gezeigt deine Anhnglichkeit, junger Itzig, fuhr der Alte
fort. Du bist es, der gekommen ist in mein Haus und der mich hat geschlagen,
noch bevor ich liege in meinem Grabe; du bist es, welcher mir macht alle Tage
des Chibbut Hakkefer.
    Was reden Sie fr ungewaschenes Zeug, rief Veitel rgerlich, was tun Sie
immer, als ob Sie wren tot, und ich der bse Geist mit dem Schwerte. Ich bin
hier und will Ihnen bringen gutes Leben und nicht den Tod. Ich will machen, da
Sie wieder zu Ansehen kommen unter unseren Leuten, und da die auf der Strae
wieder abnehmen den Hut, wie sie ihn abgenommen haben, bevor der Hirsch
Ehrenthal kindisch wurde.
    Ehrenthal nahm mechanisch seinen Hut ab und setzte ihn wieder auf. Sein Haar
war wei geworden.
    Es soll Freundschaft werden zwischen Ihnen und mir, fuhr Veitel beredt
fort, und Ihre Geschfte sollen mir sein, wie die meinigen. Ich habe Ihnen
geschickt mehr als einen Mann aus Ihrer Verwandtschaft und habe Ihnen sagen
lassen, was ich von Ihnen will, und Ihre Frau, die Madame Ehrenthal, hat Ihnen
oft dasselbe gesagt. Ich bin ein Mann geworden, der seine Geschfte mit den
besten Leuten macht, ich kann Ihnen ein sicheres Kapital aufweisen, das grer
sein wird als Sie denken. Warum sollen wir nicht unser Geld zusammentun? Wenn
Sie als Vater mir geben wollen Ihre Tochter Rosalie, so werde ich an Ihnen
handeln knnen als Ihr Schwiegersohn. Der alte Ehrenthal sah den Freiwerber mit
einem Blicke an, in dem ein Strahl der alten Schlauheit durch die blde Schwche
blitzte. Wenn Sie haben wollen meine Tochter Rosalie, erwiderte er, so sollen
Sie hren die einzige Frage, die ich habe an Sie. Was knnen Sie mir geben, wenn
ich Ihnen gebe die Rosalie?
    Ich will's Ihnen vorrechnen zu jeder Stunde, rief Veitel.
    Sie knnen mir vorrechnen vieles, sagte Hirsch Ehrenthal abwehrend. Aber
ich will nur eines von Ihnen fordern. Wenn Sie mir wiedergeben knnen meinen
Sohn Bernhard, so sollen Sie haben meine Tochter. Knnen Sie mir nicht holen
meinen Bernhard aus dem Grabe, so sage ich Ihnen, solange ich eine Stimme habe
in meinem Munde: Gehn Sie hinaus, hinaus aus meinem Comtoir. Hinaus! schrie er
in pltzlicher Wut und ballte beide Hnde gegen den Freier. Veitel trat eilig in
den Schatten der Tr, der alte Mann sank wieder in seinen Stuhl und drohte und
schwatzte vor sich hin.
    Itzig sah von der Tr dem Treiben zu, bis die Klage des Alten aufhrte, und
wieder undeutliche Worte von seinen Lippen fielen; dann zuckte er mit den
Achseln und verlie das Zimmer.
    Whrend er die Treppe hinaufstieg, den Frauen seinen Besuch zu machen,
bewegte er noch oft die Achseln, um seine Verachtung des Schwchlings
auszudrcken. Dann zog er an der Klingel und wurde von der Kchin mit
zerknitterter Haube unter vertraulichem Lcheln eingelassen.
    Unterdes eilte Eugen ratlos aus einer Offizierstube in die andere. Er trat
in die Weinstube von Feroni, die Austern waren nicht zu genieen, der Burgunder
schmeckte wie Tinte. Wieder lief er die Straen auf und ab, Angstschwei auf der
Stirn. So verging dem armen Jungen der Tag. Endlich setzte er sich todmde in
eine Konditorei und berdachte noch einmal die letzten Mglichkeiten. Wenn
Wohlfart zur Stelle wre! Aber es war zu spt, ihn zu benachrichtigen. Die
Agenten hatten ihn mit unbestimmten Versprechungen einer Verlngerung
hingehalten, erst gestern abend hatten sie ihm beide zu gleicher Zeit
geschrieben, da ihre Forderung auf Herrn Itzig bergegangen sei. Wohl war es zu
spt, an Wohlfart zu schreiben, aber hatte dieser zuverlssige Freund nicht
irgendeinen Bekannten am Orte? - Als Anton den jungen Sturm empfohlen, hatte er
ihm gesagt, der Vater des Amtmanns ist ein sicherer Mann, und nicht ohne einige
Mittel. Vom Vater eines Husars, der im Dienste seiner Familie stand, konnte er
vielleicht das Geld erhalten, wenn der Alte berhaupt Geld hatte. Das war die
Frage. Er forderte das Adrebuch: Johann Sturm, Auflader, Inselgasse Nr. 17. In
einer Droschke fuhr er hinaus. Eilig pochte er an, ein mchtiges Herein war die
Antwort. Der gengstigte Offizier berschritt die Schwelle des Aufladers.
    Vater Sturm sa einsam bei seinem Bierkruge, ein kleines Tageblatt in der
Hand, so klein, da jedermann einsah, es war fr den alten Sturm weder
geschrieben, noch gedruckt, noch ausgegeben worden. Ein Husar, rief Sturm und
blieb vor Erstaunen auf seiner Bank sitzen. Auch der Offizier war betroffen von
der kolossalen Gestalt, die ihn mit groen Augen anblickte; so sahen beide
einander an.
    Richtig, sagte der Riese, es ist ein Husar, vom Regiment meines Karl; der
Rock stimmt, die Schnre stimmen. Seid mir gegrt, Kamerad , und er erhob
sich. Jetzt erst erkannte er das Metall der Schnre. Der Tausend, ein Herr
Offizier!
    Mein Name ist Eugen von Rothsattel, begann der Leutnant, ich bin ein
Bekannter von Herrn Wohlfart.
    Von Herrn Wohlfart und von meinem Sohne Karl, sagte Sturm in Eifer, hier
nehmen Sie Platz, Herr Offizier, es ist mir ausnehmende Freude und Ehre. Er
trug einen Stuhl herbei und setzte ihn in seinem Diensteifer vor Eugen hin, da
die Tr schtterte. Eugen wollte sich setzen. Noch nicht, sagte der alte
Sturm, erst abwischen, die Uniform knnte leiden. Seit mein Karl fort mute,
ist es hier etwas staubig. Er wischte und glttete mit einem Tuche den Stuhl
fr seinen Gast. So mein Herr, jetzt erlauben Sie, da ich mich Ihnen
gegenbersetze. Sie bringen mir Nachricht von meinem Kleinen?
    Keine andere, erwiderte Eugen, als da er sich wohlbefindet und da mein
Vater mit seiner Ttigkeit sehr zufrieden ist.
    So? rief Sturm, ber das ganze Gesicht lachend und klopfte mit seinen
Fingern auf den Tisch, da ein kleines Erdbeben in der Stube entstand; ich
wute, da Ihr Herr Vater mit ihm zufrieden sein wrde. Ich htte Ihnen das
schriftlich geben wollen auf Stempelpapier. Er war schon ein praktischer Junge,
als er noch so gro war, er bezeichnete mit der Hand einen Zustand menschlicher
Kleinheit, welche keinem sterblichen Menschen, auch nicht am ersten Tage seines
sichtbaren Lebens, vergnnt ist.
    Kann er denn aber auch alles machen? frug er ngstlich weiter, wegen dem,
Sie wissen schon! Er hielt dem Leutnant seine groen Finger entgegen und machte
mit diesen vertrauliche Zeichen in der Luft. Mittelfinger und Goldfinger, ach,
das war ein groes Unglck, Herr Offizier.
    Eugen erinnerte sich an den unglcklichen Zufall. Er hat's berwunden,
sagte er verlegen ber die Rolle, zu welcher das Vatergefhl des Riesen ihn
verurteilte. Was mich zu Ihnen fhrt, ist eine Bitte.
    Eine Bitte? lachte Sturm, fordern Sie, Herr Baron! Das ist keine
Redensart. Jeder aus dem Hause, in welchem mein Karl wohnt und Amtmann ist, hat
das Recht, von dem alten Sturm zu fordern. Das ist meine glatte Ansicht. Er
strich mit der Hand ber den Tisch.
    Um es also kurz zu sagen, Herr Sturm, fuhr Eugen fort, ich bin in der
Lage, morgen eine groe Zahlung zu machen, und bedarf dazu Geld. Die Sache ist
pltzlich gekommen, ich habe keine Zeit mehr, meinen Vater zu benachrichtigen.
Ich wei hier in der Stadt niemanden, an den ich mich mit solchem Vertrauen
wenden mchte, als an den Vater unsers Amtmanns.
    Sturm beugte sich vor und schlug den Offizier in seiner Freude heftig auf
das Knie. Das war ehrlich gesprochen; Sie sind ein Herr, der auf sein Haus
hlt, und der nicht zu Fremden geht, wenn er das Ding von seinen Leuten haben
kann. Sie brauchen Geld? Mein Karl ist Amtmann bei Ihrem Herrn Vater, mein Karl
hat etwas Geld, so ist alles in der Ordnung. Wieviel brauchen Sie? Sind's
hundert, sind's zweihundert Taler? Geld ist da.
    Fast nehme ich Anstand, Herr Sturm, Ihnen die Summe zu nennen, sagte Eugen
befangen, es sind neunzehnhundert Taler.
    Neunzehnhundert Taler, wiederholte der Riese erstaunt, das ist ein
Kapital, es ist ein Haus, das ist, was die Leute ein Geschft nennen.
    Das ist es, Herr Sturm, fuhr Eugen bekmmert fort. Und da Sie so
freundlich gegen mich sind, so mu ich Ihnen auch sagen, es tut mir herzlich
leid, da es so viel ist. Ich bin bereit, Ihnen einen Schuldschein darber
auszustellen und das Geld, so hoch sie wnschen, zu verzinsen.
    Wissen Sie was, sagte Sturm nachdenkend, ber die Zinsen wollen wir nicht
reden, das machen Sie mit meinem Karl ab. Was aber den Schuldschein betrifft, so
ist das ein guter Gedanke von Ihnen. Ein Schein ist angenehm wegen Leben und
Sterben. Sie und ich, wir brauchen das nicht gegeneinander, aber ich kann
sterben vor meiner Zeit. Das wrde nicht schaden, denn alsdann sind Sie da, der
von der Geschichte wei. Aber Sie knnten sterben, was ich gar nicht frchte; im
Gegenteil, setzte er begtigend hinzu; aber Sie knnten doch sterben, und dann
mte mein Karl Ihre Unterschrift haben, damit er hervortreten knnte und sagen:
Mein armer junger Herr Baron hat dieses hier geschrieben, folglich zahlt.
    Also Sie wollen die Gte haben, mir das Geld zu leihen?
    Es ist keine Gte, sagte Sturm verweisend, es ist meine Schuldigkeit, da
die Sache ein Geschft ist, und mein Zwerg Ihr Amtmann ist.
    Gerhrt sah Eugen in das lachende Gesicht des Riesen. Aber, Herr Sturm, ich
brauche das Geld schon morgen, sagte er.
    Natrlich, erwiderte Sturm, das ist gerade, was mir recht ist. Kommen
Sie, Herr Baron. Er nahm das Licht und fhrte ihn in die Kammer. Entschuldigen
Sie nur, da es hier so unordentlich aussieht, ich bin ein einzelner Mann und
den ganzen Tag bei meiner Arbeit. Sehen Sie, hier ist mein Geldkasten. Er zog
den eisernen Kasten hervor. Vor Spitzbuben ist er sicher, sagte er mit
Selbstgefhl. Niemand in der Stadt kann ihn von der Stelle rcken, als ich,
niemand kann ihn aufschlieen, denn das Schlo ist ein Meisterstck von dem
Vater meiner seligen Frau. Es knnen wenige den Deckel aufheben, auer mir, und
wenn ihrer viele kommen, so finden sie Arbeit, die ihnen zu hei wird. Glauben
Sie, da das Geld hier sicher ist vor Gaunern und solchem Volk? sagte er
triumphierend. Er war im Begriff, den Schlssel ins Schlo zu stecken. Halt,
unterbrach er sich, noch eins: ich habe ein Vertrauen zu Ihnen, Herr Baron, wie
zu meinem Karl, das versteht sich, aber beantworten Sie mir zuvor diese Frage:
Sind Sie auch der junge Herr Baron?
    Jetzt konnte Eugen lcheln, er griff in seine Tasche und sagte: Hier ist
mein Patent.
    Ah, viel Ehre! rief Sturm, fate das Papier behutsam und las bedchtig den
Namen, dann sah er auf die Zge, die darunterstanden, neigte sein Haupt und gab
es mit zwei Fingern in groem Respekt zurck.
    Und hier, fuhr Eugen fort, habe ich zufllig einen Brief Wohlfarts in der
Tasche. 
    Versteht sich, rief Sturm, auf die Adresse blickend, dieses ist seine
leibhaftige Hand.
    Und hier seine Unterschrift, sagte Eugen.
    Ihr ergebenster Wohlfart, las der Riese; ja, wenn der das schreibt, so
knnen Sie glauben, da es wahr ist. - So, jetzt ist das Geschftliche
abgemacht, fuhr er fort und schlo den Kasten auf. Hier ist Geld. Also
neunzehnhundert Taler. Er hob fnf groe Beutel aus dem Kasten, fate sie
gemchlich mit einer Hand und berreichte sie Eugen. Hier tausend.
    Eugen versuchte vergebens, die Beutel festzuhalten.
    Ja, so, sagte der Riese, ich werde sie Ihnen schon in den Wagen tragen,
das andere mu ich Ihnen in Pfandbriefen geben. Diese sind etwas weniger wert,
als hundert Taler, das wissen Sie natrlich. Es tut nichts, sagte Eugen.
    Nein, sagte der Riese, Sie bemerken's in dem Schuldschein. So ist das
Geschft glcklich abgemacht. Er schlo den Kasten wieder zu und schob ihn
unter das Bett.
    Eugen trat mit leichtem Herzen in das Zimmer. Jetzt trage ich Ihnen die
Scke nach dem Wagen, rief Sturm.
    Noch den Schuldschein, erinnerte Eugen.
    Richtig, nickte der Riese, Ordnung mu sein. Sehen Sie zu, ob Sie mit
meiner groben Feder schreiben knnen. Htte ich gewut, da ich einen so feinen
Besuch haben wrde, so htte ich mir eine bessere von Herr Schrter
mitgebracht.
    Eugen verfate einen Schuldschein, Sturm sa unterdessen neben seinem
Bierkruge ihm gegenber und sah ihm in behaglicher Stimmung zu. Dann begleitete
er ihn zum Wagen und sagte beim Abschiede: Gren Sie mir recht herzlich meinen
Kleinen und Herrn Wohlfart. Ich hatte dem Karl versprochen, zu Weihnachten zu
ihm zu kommen wegen des Christbaums. Aber es geht nicht mehr recht mit meiner
Gesundheit. Neunundvierzig sind vorbei.
    Einige Zeit darauf schrieb Eugen an Anton und zeigte ihm kurz an, da er von
dem Vater Sturm neunzehnhundert Taler gegen einen Schuldschein geliehen habe.
Suchen Sie die Sache zu arrangieren, schlo der Brief, natrlich darf mein
Vater nichts davon erfahren. Ein gutherziger nrrischer Teufel, der alte Sturm,
denken Sie auf etwas Hbsches fr seinen Sohn, den Husar, das ich ihm mitbringen
kann, sobald ich zu Euch komme.
    Emprt warf Anton den Brief auf den Tisch. Es ist ihnen nicht zu helfen,
der Prinzipal hatte recht. In goldenen Armbndern fr eine feile Tnzerin, mit
den Wrfeln unter zuchtlosen Kameraden hat er das Geld vergeudet und bezahlt
seine Wucherschulden mit dem sauern Verdienst eines ehrlichen Arbeiters. Er
rief Karl in sein Zimmer.
    Es hat mir manchmal leid getan, da ich dich in diese Unordnung
hereingezogen habe, heut fhle ich tief, da es ein Unrecht war. Ich schme
mich, dir zu sagen, was geschehen ist. Der junge Rothsattel hat die
Gutherzigkeit deines Vaters benutzt, ihm neunzehnhundert Taler abzuborgen.
    Neunzehnhundert Taler von meinem Alten! rief Karl erstaunt. Hat mein
Goliath soviel Geld zu verleihen? Gegen mich hat er immer getan, als verstnde
er nicht zu sparen.
    Ein Teil deines Erbes ist hingegeben gegen einen wertlosen Schuldschein,
und die Sache wird noch emprender durch die Gleichgltigkeit, mit welcher der
leichtsinnige Borger sie behandelt. Hat dir denn dein Vater gar nichts darber
geschrieben?
    Der! rief Karl, das tut er sicher nicht. - Mir ist nur unlieb, da Sie
sich ber die Geschichte so sehr rgern. Ich bitte Sie um alles, machen Sie
keinen Lrm. Sie wissen am besten, wieviel Wolken ber diesem Hause stehen,
vergrern Sie den Kummer der Eltern nicht um meinetwillen. 
    Hier schweigen, erwiderte Anton, heit sich zum Mitschuldigen eines
schlechten Streichs machen. Du schreib deinem Vater auf der Stelle, er soll in
Zukunft niemals wieder so gefllig sein; denn der Kavalier ist imstande, bei
nchster Gelegenheit wieder zu deinem Vater zu gehn.
    Darauf schrieb Anton an Eugen: Ein Arrangieren Ihrer Schuld ist unmglich,
wenn ich Ihrem Herrn Vater nichts davon mitteilen soll, und selbst in diesem
Fall wei ich wenigstens nicht, wo eine Deckung derselben gefunden werden kann.
Ich verschweige Ihnen nicht, da ich Ihre Anleihe bei dem Vater des Amtmann
Sturm fr sehr unrecht halte. Sie und Ihr Herr Vater haben der aufopfernden
Ttigkeit des Sohnes ohnedies so viel zu danken, da der geringe Gehalt, den
derselbe unter den hiesigen Verhltnissen erhalten kann, nur als eine
ungengende Vergtung erscheint. Deshalb mu ich Sie dringend bitten, dem
Auflader Sturm wenigstens soviel Sicherheit zu verschaffen, als ihm gegeben
werden kann. Diese Sicherheit liegt in der Anerkennung der Schuld durch Ihren
Herrn Vater. Sie werden mit mir einverstanden sein, da am zweckmigsten Sie
selbst dem Herrn Freiherrn die ntigen Mitteilungen machen. Ich bitte dies nicht
bis zu Ihrem Besuch hinauszuschieben, weil mir jede Woche, in welcher diese
Angelegenheit unerledigt bleibt, als Verlngerung einer Tuschung erscheint,
welche Ihrer nicht wrdig ist.
    Und zu Karl sagte Anton: Wenn er seinem Vater kein Bekenntnis macht, so
werde ich am ersten Tage seines Besuchs den Freiherrn in seiner Gegenwart von
dem Schuldschein unterrichten. Sprich nicht dagegen, du bist grade wie dein
Vater. 
    Die Folge dieses Briefes war, da Eugen an Anton gar nicht mehr schrieb und
den nchsten Brief an seinen Vater einige nicht ganz verstndliche Stze
zufgte. Wohlfart sei ein Mann, gegen den sie wohl einige Verpflichtungen
htten, das Schlimme sei nur, da bei solchen Leuten dadurch Dnkel entstehe und
ein Hofmeisterton, der unertrglich werden knne. Am besten sei, sich
dergleichen Menschen mit gutem Anstand vom Halse zu schaffen. Diese Ansicht war
sehr nach dem Herzen des Freiherrn, und er lobte sie hchlich. Eugen hat immer
ein richtiges Urteil, sagte er; auch ich wnsche sehnlich, da der Tag recht
bald kommt, wo ich selbst wieder imstande bin, die Wirtschaft zu bersehen und
unsern Herrn Wohlfart zu entlassen.
    Die Baronin, welche den Brief ihrem Gemahl vorgelesen hatte, entgegnete: Du
wrdest Wohlfart doch sehr vermissen, wenn er je von uns scheiden sollte; dann
legte sie den Brief zusammen und verbarg ihn in die Tasche ihres Kleides.
    Lenore aber war auerstande, ihren Unwillen zu beherrschen, sie verlie
schweigend das Zimmer und suchte Anton in dem Wirtschaftshofe auf.
    Was haben Sie mit Eugen? rief sie ihm entgegen.
    Hat er mich bei Ihnen verklagt? frug Anton zurck.
    Bei mir nicht, erwiderte Lenore, aber er spricht in seinem Briefe an die
Eltern nicht in der Weise von Ihnen, die ihm sonst so gut stand.
    Vielleicht ist's Zufall, erwiderte Anton, oder eine Verstimmung, die sich
wohl geben wird.
    Nein, es ist mehr, und ich will es wissen.
    Wenn es mehr ist, so knnen Sie es nur von ihm selbst erfahren.
    Dann, Wohlfart, rief Lenore, hat Eugen etwas Unrechtes getan, und Sie
wissen davon.
    Was es auch sein mag, entgegnete Anton ernst, es ist nicht mein
Geheimnis, sonst wrde ich es Ihnen nicht verschweigen. Ich bitte Sie, zu
glauben, da ich gegen Ihren Bruder ehrlich gehandelt habe.
    Was ich glaube, kann Ihnen nichts ntzen, rief Lenore. Ich soll von
nichts wissen, ich verstehe nichts, ich kann in dieser angstvollen Zeit nichts
tun, als mich rgern, wenn man ungerecht gegen Sie ist.
    Oft, fuhr Anton fort, fhle ich die Verantwortlichkeit, welche mir durch
die Krankheit Ihres Herrn Vaters aufgelegt wird, als eine gefhrliche Last;
seine Verstimmung richtet sich natrlich auch manchmal gegen mich, der ich ihm
Unwillkommenes mitteilen mu. Das ist nicht zu vermeiden. Ich habe den Mut, auch
peinliche Stunden durchzumachen, solange Sie und die Frau Baronin sich die
berzeugung nicht erschttern lassen, da ich immer in Ihrem Interesse handle,
so gut ich es verstehe.
    Meine Mutter wei, was Sie uns sind, sagte Lenore, niemals spricht sie zu
mir von Ihnen, aber ich sehe es an ihrem Blick, wenn sie ber den Tisch auf Ihr
Gesicht sieht. Sie hat immer zu verbergen gewut, was sie dachte, ihren Schmerz
und ihre Sorgen, jetzt verhllt sie sich noch mehr als sonst. Auch vor mir. Wie
hinter einem weien Schleier sehe ich ihr reines Bild, ihr Krper ist so schwach
geworden, da mir manchmal die Trnen in die Augen steigen, wenn ich sie ansehe.
Sie spricht immer das Gute und Verstndige, aber sie scheint teilnahmslos fr
vieles, und wenn sie bei meinen Reden lchelt, so ist mir, als mache auch die
Heiterkeit ihr innern Schmerz.
    Ja, so ist sie, rief Anton traurig.
    Sie lebt nur noch fr die Pflege des Vaters; was sie innerlich leidet, das
erfhrt niemand, auch ihre Tochter nicht. Sie ist wie ein Engel, Wohlfart, der
nur noch ungern auf dieser Erde verweilt. Ich kann ihr nur wenig sein, und ich
fhle das; ich bin unbehilflich, und mir fehlt alles, was meine Mutter so schn
macht, die Selbstbeherrschung, ihre ruhige Haltung, die reizende Form. - Die
Krankheit des Vaters, der leichte Sinn des Bruders, und meine Mutter bei aller
Liebe verschlossen gegen mich, Wohlfart, ich bin recht allein. Sie lehnte sich
auf den Brunnenrand und weinte.
    Vielleicht mute es so kommen zu Ihrem Besten, trstete Anton mit warmem
Mitgefhl von der andern Seite des Brunnens. Sie sind eine krftige Natur, und
ich glaube, Sie knnen sehr leidenschaftlich empfinden.
    Ich kann sehr bse sein, sagte Lenore unter Trnen beistimmend, und
wieder sehr ausgelassen.
    Sie waren aufgewachsen, sorglos, in glcklichen Verhltnissen, und Ihr
Leben war leicht wie ein Spiel.
    Das Lernen ist mir schwer genug geworden, schalt Lenore ein.
    Ich denke mir, da Sie in Gefahr waren, bei Ihrem Wesen ein wenig wild und
bermtig zu werden.
    Ich frchte, ich war's, rief Lenore.
    Jetzt haben Sie schwere Leiden ertragen mssen, und die Gegenwart sieht
hier recht ernsthaft aus. Und wenn ich das Ihnen sagen darf, liebes Frulein,
ich meine, Sie werden hier gerade das finden, was die Frau Baronin in der groen
Welt gewonnen hat, Haltung und Innerlichkeit. Mir kommt manchmal vor, als htten
Sie sich schon verndert. 
    Ich war frher ein recht unausstehlicher Wildfang? frug Lenore unter
Trnen lachend und sah Anton trotz ihrer Ehrlichkeit mit mdchenhafter
Schelmerei an. Anton mute an sich halten, ihr nicht zu sagen, wie liebenswrdig
sie in diesem Augenblick war. Aber der gute Junge bezwang sich tapfer und sagte
so khl als mglich: Es war nicht so arg, liebes Frulein. 
    Und wissen Sie, was Sie sind? frug Lenore scherzend. Sie sind, wie Eugen
schreibt, ein kleiner Schulmeister.
    Also das hat er geschrieben, rief Anton erleichtert.
    Lenore wurde pltzlich ernst. Sprechen wir nicht von ihm. Als ich seinen
Brief hrte, kam ich her, um Ihnen zu sagen, da ich Ihnen vertraue wie
niemandem sonst auf Erden, wenn es nicht meine gute Mutter ist, da ich Ihnen
immer vertrauen werde, solange ich lebe, da nichts meinen Glauben an Sie
erschttern kann, da ich berzeugt bin, Sie sind der einzige Freund, den wir in
unserer Not haben, und da ich Ihnen auf den Knien abbitten mchte, wenn jemand
sie in der Stille mit Worten krnkt, oder auch nur durch seine Gesinnung.
    Lenore! Liebes Frulein, rief Anton glcklich, - sprechen Sie nicht
weiter.
    Und noch wollte ich sagen, fuhr Lenore fort, wie ich Sie bewundere, da
Sie so sicher unter uns Ihren Weg gehn und mit allen Leuten fertig werden, ohne
sich etwas zu vergeben, und wie Sie allein es sind, der auf diesen Gtern
Ordnung einfhrt und einen bessern Zustand. Das lag mir auf der Seele, und jetzt
wissen Sie's, Wohlfart.
    Ich danke Ihnen, Frulein, rief Anton, Sie machen mir durch Ihre Worte
einen frohen Tag. Aber ich bin nicht so sicher und stark, als sie glauben. Wenn
ich dies Gut ansehe, und was darauf geschehen mu, so fhle ich alle Tage mehr,
da ich's nicht bin, der hier grndlich helfen kann. Wenn ich jemals wnschen
knnte, da Sie nicht die Tochter des Freiherrn wren, sondern ein Mann, so ist
es, wenn ich ber die cker dieses Gutes gehe.
    Ja, sehen Sie, sagte Lenore, das ist mein alter Kummer, unser frherer
Amtmann hat mir das auch schon gesagt. Wenn ich ber meinem Stickmuster sitze
und Sie mit Herrn Sturm auf das Feld gehn sehe, dann wird mir glhend hei, und
ich werfe meinen unntzen Kram beiseite. Ich kann nichts als Brot essen, und
verstehe nichts als Geld fr Spitzen ausgeben, und auch das verstehe ich noch
nicht einmal, wie Mama sagt. Sie aber mssen sich schon die ungeschickte Lenore
gefallen lassen, als Ihre gute Freundin. Dabei sah sie ihm treuherzig in die
Augen.
    Seit vielen Jahren habe ich Ihre Freundschaft in meiner Seele gefhlt als
ein groes Glck, rief Anton bewegt. Immer, bis zu dieser Stunde, ist es
meines Herzens Freude gewesen, mich in der Stille als Ihren treuen Freund zu
betrachten.
    Und so soll es immer zwischen uns beiden bleiben, sagte Lenore. Jetzt bin
ich wieder ruhig. Und jetzt rgern Sie sich nicht mehr ber Eugens dumme
Streiche, ich tu es auch nicht.
    So trennten sich die beiden, wie unschuldige Kinder, die ein ses Behagen
darin finden, einander das zu erzhlen, was die Leidenschaft zu verbergen sucht.

                                       5


Die Feindschaft zwischen Pix und Specht war wieder hell aufgebrannt. Diesmal
stand aber Specht nicht allein, das Quartett war auf seiner Seite, denn Specht
wurde in Gefhlen gekrnkt, welche das Quartett anerkannt und durch seinen
Gesang geweiht hatte. Herr Specht war verliebt. Dieser Zustand war bei dem
lebhaften Herrn nichts Befremdliches, ja, man kann sagen, da der Hauptinhalt
seines Lebens ein ewig flackerndes Liebesgefhl war, welches, wie das Feuer der
Vesta, als poetische Flamme brannte, um welche niemals die praktischen Kochtpfe
des tglichen Lebens, der Gedanke an Heirat und einen eigenen Haushalt,
herumgesetzt wurden. Die Liebe des Herrn Specht war ewig, aber die Gottheit,
welcher sein Feuer loderte, wechselte oft. Alle Damen in seinem Gesichtskreise
hatten nacheinander die Ehre gehabt, von ihm angebetet zu werden. Selbst die
Tante war eine Zeitlang Gegenstand seiner Trume gewesen, damals, als die
schmerzliche Geschichte der erhabenen, aber nicht mehr jugendgrnen Sappho sein
Herz bewegte.
    Diesmal aber hatte die Neigung des Herrn Specht eine solide Grundlage. Er
hatte eine junge Frau entdeckt, eine wohlhabende Hausbesitzerin, Witwe eines
Pelzwarengeschfts, mit runden Bckchen und zwei freundlichen nubraunen Augen.
Er verfolgte sie im Theater und in ffentlichen Grten, strich, sooft er durfte,
bei ihren Fenstern vorber und tat, was seine Erfindungskraft vermochte, ihr
Herz zu erschttern. Er strte die Ruhe ihres resignierten Lebens durch zahllose
anonyme Billetts, in denen ein Unbekannter mit Vers und Prosa die Absicht
aussprach, die Nchternheit dieses Lebens gegen das unbekannte Jenseits zu
vertauschen, wenn sie ihn verschmhe. In dem Anzeigenblatte des Orts erschienen
unter frischem Kaviar, Schellfischen und Dienstgesuchen zum Erstaunen des
Publikums zahlreiche dichterische Kunstgebilde, in denen der Vorname der jungen
Witwe, Adele, bald an dem Anfang der Zeilen, bald an einer Reihe von
Hauptwrtern durch dicke Buchstaben zutage trat. Endlich konnte Herr Specht sich
nicht enthalten, das Quartett zum Vertrauten seiner Empfindungen zu machen.
Zuerst offenbarte er sich Herrn Liebold; an einem Abende, wo die Bsse ihn
brderlich beim Absingen feuriger Liebeslieder untersttzt hatten, wagte er,
auch diesen zu bekennen, da er der Verfasser der vielbesprochenen
Adele-Gedichte sei. Die Bsse erstaunten sehr, da von ihrem Comtoir ein so
epochemachendes Ereignis ausgegangen war. Zwar hatten sie oft mit den andern
Herren ber die Gedichte gelchelt, whrend Specht im stillen ber die Kritik
seines Comtoirs sthnte, aber als sie jetzt erfuhren, da einer von ihnen der
Tter war, erwachte der Korpsgeist, und sie hrten seine Bekenntnisse mit
Wohlwollen an. Der Fall erschien ihnen nicht unpraktisch, die Witwe war hbsch,
besa ein Haus, und, wie verlautete, auerdem ein achtungswertes Vermgen.
Deshalb beschlossen sie, ihren Kollegen bei einem Stndchen die Mitwirkung nicht
zu versagen. Der Nachtwchter vor dem Haus der Witwe erhielt einige
Viergroschenstcke, das Stndchen wurde gebracht, im Schlafzimmer der Witwe
ffnete sich ein Fensterflgel und etwas Weies ward auf Augenblicke in der
Finsternis sichtbar. Specht schwamm in Seligkeit, und da dieser Zustand nicht
geeignet ist, den Menschen schweigsam zu machen, beging er die Unvorsichtigkeit,
auch gegen die andern Kollegen geheimnisvolle Andeutungen zu wagen. So erfuhr
Pix das Sachverhltnis.
    Jetzt entspann sich im Anzeigenblatt des Ortes ein merkwrdiges Spiel von
Katze und Maus. Es erschienen geheimnisvolle Inserate, durch welche ein Herr S.
an alle mglichen entlegenen Orte der Stadt bestellt wurde, um dort jemand zu
finden, der ihm teuer sei. Specht lief regelmig hin und fand niemals die,
welche er suchte, dagegen erfuhr er bei diesen Nachforschungen ernste
Unbequemlichkeit, er litt sehr durch Klte und Sturmwind, er wurde von fremden
Damen, die er anredete, grblich zurechtgewiesen, ein Schusterjunge, den er fr
seine verkleidete Schne hielt, warf ihm ein Zigarrenende ins Gesicht, er ward
in einer Sackgasse wegen seines scharfen Umhersphens fr einen Polizeispion
erklrt und bsartig geschimpft. Natrlich erhob er seinerseits in dem
Lokalblatt verschleierte, aber starke Beschwerden ber die Wortbrchigkeit der
Bestellerin, diese hatten zur Folge, da Entschuldigungen kamen und die
Andeutung neuer Mglichkeiten. Nie aber fand er, die er suchte.
    Das zog sich durch einige Wochen fort, und Specht geriet ber die
unaufhrlichen Schikanen des Schicksals in eine Aufregung, welche selbst den
Bssen unheimlich wurde.
    An einem Morgen stand Pix wie gewhnlich im Hausflur, als eine artige runde
Dame mit nubraunen Augen und einem prachtvollen Pelz in das Haus trat und
zornig nach Herrn Schrter frug.
    Herr Schrter ist nicht zu Hause, sagte Pix. Kann ich Ihnen mit etwas
dienen? Er legte den schwarzen Pinsel beiseite, und da die Fremde zu sprechen
zgerte, forderte er sie durch eine befehlende Handbewegung auf, sich aus dem
Gedrnge der Hausknechte und Fsser in das offene Warengewlbe zu retten. Seine
ruhige Autoritt imponierte der Dame so, da sie eintrat, und jetzt verbeugte
sich Herr Pix ein wenig und wiederholte herablassend: Wnschen Sie etwas von
unserm Geschft?
    Ich wnsche den Herrn der Handlung zu sprechen, begann die Dame aufs neue.
    Ich stehe an seiner Stelle hier, sagte Pix mit seinem Feldherrnblick.
    Die Fremde sah ihn furchtsam an und begann endlich: Ich komme, mich ber
einen Herrn Ihres Comtoirs zu beklagen. Seit lngerer Zeit bin ich der
Gegenstand von Neckereien und Zudringlichkeiten, welche mich in Gefahr setzen,
zum Stadtgesprch zu werden. Ich erhalte von fremder Hand Briefe und Gedichte,
im Tageblatt wird mit meinem Namen ein unwrdiges Spiel getrieben. Ich habe
erfahren, da der Urheber dieser Schndlichkeiten in Ihrem Geschft ist, und ich
verlange seine Bestrafung.
    Pix ahnte den Zusammenhang. Er streckte die Hand in die Weste und frug
weiter: Knnen Sie mir diesen Herrn nennen?
    Den Namen wei ich nicht, sagte die Witwe, er ist gro und hat krauses
Haar.
    Hager von Statur und eine starke Nase? frug Pix. Es ist gut, Madame, Sie
sollen von heut nicht mehr belstigt werden, Sie sollen vollstndige Genugtuung
erhalten, ich brge Ihnen dafr.
    Aber ich mchte doch Herrn Schrter selbst -, begann wieder die Dame im
Pelz.
    Es ist besser, Sie tun's nicht. Der junge Mann hat sich in einer Weise
gegen Sie benommen, fr welche ich keinen Ausdruck finde. Aber Ihr gtiges Herz
wird darauf reflektieren, da seine Absicht gewi nicht war, Sie zu krnken. Er
war ungeschickt und ohne Takt, das ist sein Verbrechen. Aber der arme Mensch ist
im Ernst von einem krankhaften Gefhl fr Sie ergriffen. Seit ich die Ehre habe,
Sie zu kennen, finde ich das in Ordnung. Er verbeugte sich aufs neue. Wie
gesagt, ich verurteile ihn, aber ich finde es in Ordnung. 
    Die hbsche Witwe stand verlegen und wute nicht recht, was sie dem stolzen
Herrn antworten sollte.
    Zu gleicher Zeit, fuhr Pix fort, gebe ich mir die Ehre, Sie im Namen
unsers Geschfts um Verzeihung zu bitten. Unser Haus mu sehr bedauern, Ihnen
auch nur einen unangenehmen Augenblick bereitet zu haben. Es wrde uns glcklich
machen, wenn der freundliche Sinn, welchen ich aus Ihrem Gesicht lese, unserm
Geschft und vor allem dem Schuldigen diese Verzeihung gewhrte.
    Ich habe allerdings nicht die Absicht, andere fr das ungeschickte Benehmen
des einen verantwortlich zu machen, sagte die Witwe.
    Ich danke Ihnen von ganzem Herzen fr Ihre Liebenswrdigkeit, fuhr Herr
Pix siegreich fort, und bitte Sie noch um Entschuldigung, Madame, da ich Sie
hier hereinfhrte; ich wute nicht, wen ich zu sprechen die Ehre habe. Dies ist
das kleine Warenmagazin fr meinen tglichen Bedarf.
    Fr den tglichen Bedarf? wiederholte die Dame erstaunt ber den
groartigen Bedarf des Herrn. Pix griff in ein Kaffeefa und lie eine Handvoll
Bohnen wie einen Goldregen nachlssig in das Fa zurcklaufen. Vielleicht
finden Sie hier einiges, was Ihnen von Ihrem Haushalt her nicht uninteressant
ist, fgte er hinzu und stellte seine Waren mit einer leichten Handbewegung
vor.
    Die hbsche Pelzhndlerwitwe brach in artige Verwunderung ber die Masse des
vorhandenen Kaffees aus, Herr Pix fhrte sie zu einigen Sorten von
ausgezeichneter Gte, machte sie auf die rgerlichen Steine des Domingo
aufmerksam und auf die knstliche grne Farbe einer Sendung Java. Die Dame hrte
erstaunt und gefesselt die wirtschaftliche Belehrung an, welche der Herr so
herablassend aussprach.
    Unser Geschft wrde sich sehr freuen, wenn es Ihnen wenigstens ein kleines
Zeichen der Verehrung bersenden drfte, sagte endlich Pix mit einer sehr
verbindlichen Verbeugung. Sie gestatten mir, Ihnen einige Proben von Qualitten
zu schicken, die Ihnen hier gefielen.
    Ich kann das unmglich annehmen, Herr -, erwiderte die Witwe mit Haltung.
    Mein Name ist Pix. Wegen der bersendung bitte ich keine Worte zu machen,
wir haben das Detailgeschft zwar lngst aufgegeben, indes versteht sich von
selbst, da wir fr einzelne Gnnerinnen der Handlung ein Konto offenhalten.
Wenn Sie in Zukunft einmal einen kleinen Einkauf machen wollten, so wrde ich
sehr glcklich sein, wenn ich Ihnen denselben zu unserm Kostenpreis berechnen
knnte. Und was den erwhnten Herrn betrifft, so wiederhole ich Ihnen, Sie
sollen vollstndige Genugtuung haben, ich selbst werde dafr sorgen.
    Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein Herr, sagte die Dame mit freundlichem
Lcheln und trennte sich in vershnlicher Stimmung von dem Geschft.
    Pix ging in das Comtoir und nahm Specht beiseite. Sie haben schne Dinge
angerichtet, sagte er strenge. Wissen Sie, da Ihnen ein Donnerwetter gedroht
hat, welches Sie leicht von Ihrem Pult herunterwerfen konnte? Die junge Witwe
war hier und wollte Sie durchaus bei Herrn Schrter verklagen, sie ist wtend
auf Sie. Wie konnten Sie wagen, eine anstndige Dame zum Gegenstand so
gewhnlicher Huldigungen im Lokalblatt zu machen? Schmen Sie sich, Specht,
rief er mit groer Mibilligung.
    Specht verlor vor Schreck die Sprache. Sie hat ja im Tageblatt angefangen,
rief er endlich trostlos, sie hat mich bestellt zuerst ins Theater, dann zum
Schwanenhaus auf der Promenade, dann gar auf den Turm, um die Aussicht zu
bewundern.
    Pfui, sagte Pix in tugendhafter Entrstung, merken Sie denn nicht, da
ein Spavogel seinen schlechten Witz mit Ihnen gemacht hat? Die Dame ist sehr
unglcklich ber Ihr Benehmen, ich sage Ihnen im Vertrauen, sie hat ber Sie
geweint. - Specht rang die Hnde.
    Ich habe alles angewandt, sie zu beruhigen, ich habe in Ihrem Namen
versprochen, da Sie sich des Lokalblatts und aller Angriffe auf ihre Ruhe von
heut ab enthalten werden. Richten Sie sich danach: wo nicht, so erfhrt Herr
Schrter die ganze Geschichte. - Ich kann mich dabei nicht beruhigen, rief
der unglckliche Specht, Sie wissen nicht, was ich fhle.
    Fhlen Sie was Sie wollen, sagte Pix mit zermalmender Hrte, aber
unterstehen Sie sich nicht noch einmal eine Zeile an Adele drucken zu lassen,
sonst haben Sie es mit mir zu tun. Dabei ging er zornig hinaus und lie Specht
in einem Zustand zurck, der mit dem Behagen eines Erhngten viel hnlichkeit
hatte.
    Whrend Specht mit dem Quartett beriet, was in dieser Lage zu tun sei,
handelte Pix. Ein Hausknecht trug gegen Abend ein mchtiges Paket mit
verbindlichen Empfehlungen in das Haus der Witwe; und Herr Pix lie gewissenhaft
die Sendung sich selbst zur Last schreiben. An demselben Abend machte er der
Witwe seine Aufwartung und berichtete ihr, da der Schuldige streng
zurechtgewiesen, und die Ruhe ihrer Tage und Nchte wiederhergestellt sei. Am
nchsten Sonntag trank er selbst den Kaffee bei der Witwe, welche eine Freundin
zu ihrem Schutz eingeladen hatte. Vier Wochen darauf hatten die braunen Augen
der Dame und sein tyrannisches Wesen sich so weit genhert, da er in seinem
besten Staat zu ihr ging und ihr einen Antrag machte. Dieser Antrag wurde
angenommen. Herr Pix wurde erklrter Brutigam und fate den Entschlu, trotz
Motten und Haaren das Pelzgeschft aufs neue in Gang zu bringen und sich selbst
zum Mittelpunkt desselben zu machen.
    Zu seiner Ehre mu mitgeteilt werden, da er sich verpflichtet fhlte,
dieses Sachverhltnis zuerst Herrn Specht mitzuteilen und diesem dabei einige
Worte zu gnnen, welche man allenfalls fr eine Entschuldigung halten konnte:
Der Zufall hat es so gewollt, sagte er, seien Sie verstndig, Specht, und
finden Sie sich ruhig drein. Sie mssen daran denken, da es doch wenigstens
einer von Ihren Kollegen ist, der sie heiratet. 
    Aber nicht ich, rief Specht auer sich, es ist mir gar kein Trost, da
Sie es sind, denn ich frchte, Sie haben hinterlistig gegen mich gehandelt.
    Wissen Sie was, Specht, sagte Pix reuevoll, handeln Sie als guter Kerl,
der Sie im Grunde sind, und verlieben Sie sich schnell in eine andere. Ihnen
macht das keine Mhe.
    Sie denken, das geht nur so, rief Specht zornig.
    Freilich geht's, sagte Pix, wenn man nur ernsten Willen hat. Und wir
bleiben die alten. Bei meiner Hochzeit drfen Sie nicht fehlen.
    Auch das noch! schrie Specht.
    Sie sollen mir den Polterabend einrichten, Sie verstehen so etwas
ausgezeichnet, und Sie sollen Brautfhrer sein. Sputen Sie sich nur, eine andere
zu finden, auf die Sie Verse machen knnen, ob die Dame Adele oder Genoveva
heit, ist Ihnen ja gleichgltig.
    Dies aber war Herrn Specht nicht gleichgltig, er zrnte heftig auf die
Treulosigkeit seines Gegners Pix und geno die schmerzliche Freude, da diesmal
das ganze Comtoir seine Partie nahm, und Herr Pix in allen Zimmern des
Hinterhauses als kalter Egoist verurteilt wurde. Allmhlich aber trufelte die
Zeit lindernden Balsam in Spechts Herz. Es ergab sich, da die Witwe eine Nichte
hatte, deren Augen blau und deren Haare rtliches Gold waren, und so machte
sich's, da Specht zuerst die Sommersprossen des Fruleins interessant, dann ihr
Benehmen reizend fand, und sich zuletzt auf seiner Stube mit dem Gedanken
herumtrug, der angeheiratete Neffe von Herrn Pix zu werden.
    Der Kaufmann sa in seinem Armstuhl und sah nachdenkend vor sich hin.
Endlich wandte er sich zu seiner Schwester. Fink ist wieder verschwunden,
sagte er.
    Sabine lie ihren Knuel fallen. Verschwunden? In Amerika?
    Ein Agent seines Vaters war heut im Comtoir. Wie er erzhlt, hat ein neues
Zerwrfnis zwischen Vater und Sohn stattgefunden; und diesmal, frchte ich, ist
Fink in besserm Recht als die Handlung. Er hat pltzlich die Leitung der
Geschfte aufgegeben, hat eine groe Kompagnie, die sein Oheim gegrndet, durch
gewaltsame Maregeln bis zur Auflsung gebracht, hat gegenber dem Vater auf
seinen Anteil an der Erbschaft verzichtet und ist verschwunden. Nach den
unsichern Nachrichten, die von New York gekommen sind, ist er in die Wildnisse
des Innern gegangen.
    Sabine hrte gespannt zu, aber sie sprach kein Wort. Auch der Bruder
schwieg. Es war doch ein mchtiger Stoff in ihm! sagte er endlich. Diese Zeit
braucht eine Schnellkraft wie die seine. - Auch Pix verlt uns. Er freit um
eine Witwe mit Vermgen und will sich selbst etablieren. Ich werde Balbus an
seine Stelle nehmen. Er wird ihn nicht ersetzen.
    Nein, sagte Sabine bekmmert.
    Es wird leer bei uns, fuhr der Bruder fort, und ich fhle, da meine
Kraft nicht zunimmt. Die letzten Jahre waren schwer. Man gewhnt sich an die
Gesichter, selbst an die Schwchen der Menschen. Niemand denkt daran, wie bitter
es oft auch dem Vorsteher eines Geschftes wird, das Band zu lsen, das ihn mit
seinen Gehilfen verbindet. An den Pix war ich gewhnt, wie an wenig andere, es
kommt mir hart an, ihn zu missen. Und ich werde alt. - Ich werde alt und es wird
leer bei uns. In einer finstern Zeit sehe ich dich allein im Hause, wenn ich
dich verlassen mu, bleibst du einsam zurck. Mein Weib und mein Kind sind
dahin. Auf deine blhende Jugend habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt, an
deinen Mann und deine Kinder habe ich gedacht, du armes Herz. Ich bin darber
alt geworden, und ich sehe dich an meiner Seite gehen, mit freundlichem Lcheln
und wunder Seele, ttig, teilnehmend und doch allein, ohne eine groe Freude und
ohne Hoffnung.
    Sabine legte ihr Haupt auf das Haupt des Bruders und weinte still: Einer
war dir lieb, den du verloren hast, sagte sie leise.
    Sprich nicht von ihm, denke nicht an ihn, sagte ihr Bruder finster. Und
wenn er auch von dort zurckkehrte, er wre doch fr uns verloren. Er strich
mit der Hand ber das Haupt der Schwester, ergriff seinen Hut und verlie das
Zimmer.
    Und er selbst denkt immer an Wohlfart, rief die Tante aus ihrer
Fensternische, erst heut hat er den alten Sturm die Kreuz und Quer nach Karl
und dem Gute ausgefragt. Ich verstehe diesen Mann nicht.
    Ich verstehe ihn, seufzte Sabine und setzte sich wieder zu ihrer Arbeit.
Die Tante schmollte: Ihr seid eins wie das andere, mit euch ist ber gewisse
Dinge nicht zu reden , und verlie unwillig das Zimmer.
    Sabine sa allein. Im Ofen knisterte das Feuer, und der Pendel der Uhr
bewegte sich im einfrmigen Schlag. Immer so fort, ja immer so fort, summte
die Wanduhr, leise knisterte die Flamme des Lebens in dem fest eingeschlossenen
Raum dieser Mauern, jeden Morgen aufgezndet, jeden Abend verglhend. In
gleichmtigem Ernst sahen die Bilder ihrer Eltern herunter auf das letzte Kind
des Hauses, ohne Bewegung, seit vielen Jahren. So verging ihre Jugend, ernst,
still, unbewegt, wie die Gestalten an der Wand. Sabine neigte ihr Haupt und
lauschte. Horch, kleine geisterhafte Tritte in den Winkeln der Stube, und horch,
ein frhliches Lachen von Kindesmund, und nher trippelte es an sie heran, und
ein lockiges Haupt legte sich schmeichelnd in ihren Scho, und zwei kleine Arme
streckten sich begehrlich nach ihrem Halse aus. Sie beugte sich herab und kte
die Luft vor ihrem Munde und horchte wieder nach den holden Tnen, die ihr Herz
in Entzcken hoben und freudige Trnen in ihr Auge trieben. Ach, sie fate mit
der Hand in die Leere, und nichts war wirklich, als die Trnen, welche in ihren
Scho fielen.
    So sa sie lange, bis die Dmmerung des Abends in das Zimmer drang. Mder
bewegte sich der Pendel der Uhr, das Feuer im Ofen verglhte, die letzten Funken
verglommen, immer undeutlicher wurden die Umrisse der Bilder an der Wand, ein
Haupt nach dem andern verschwand in der Finsternis; immer dunkler wurde das
Zimmer, einsam, farblos, ohne Licht; immer enger umschlo sie die Nacht, wie
eine Sargdecke verhllte sie ihr Haupt und Glieder.
    Da schlug drauen der Schlegel des alten Sturm lustig an die Reifen der
Fsser. Stark und wuchtig tnte jeder Schlag durch den Hof und die Rume des
Hauses. Sabine erhob sich. Es sollte so sein, rief sie entschlossen. Zweimal
habe ich gefrchtet und gehofft, es war zweimal eine Tuschung, jetzt ist es
vorbei. Er allein, dem ich alles bin, ist meinem Leben geblieben. Ich kann ihm
den Gatten, auf den er gehofft hatte, nicht entgegenfhren, und keine Kinderhand
wird sich um seinen Hals schlingen. Ja, es wird fortgehn bei uns, wie es
geworden ist, immer stiller, immer leerer. Mich aber soll er haben und mein
ganzes Leben. Mein Bruder, du sollst nicht mehr mit Schmerz empfinden, da
deinem und meinem Leben der Frohsinn fehlt.
    Sie ergriff den Schlsselkorb und eilte in das Zimmer des Bruders.
    Unterdes fate die Tante den Entschlu, Herrn Baumann einen Besuch zu
machen.
    Zwischen der Tante und Baumann bestand schon lange ein stilles
Einverstndnis. Das Schicksal hatte gewollt, da er ihr Tischnachbar geworden
war. Wenn die Tante auf die Reihe ihrer Nachbarn bei der Mittagstafel, der
grten Begebenheit des Tages, zurcksah, so kam sie zu der Ansicht, da diese
Reihe nach und nach ebensosehr an lustiger Laune abgenommen, als an christlicher
Frmmigkeit zugenommen hatte. Fink war gottlos, aber sehr unterhaltend gewesen;
Wohlfart hielt in Tugend und guter Laune ein gewisses miges Gleichgewicht;
Baumann war der Frmmste, aber der Schweigsamste. Was man nicht alles erlebt,
dachte dann die gute Tante. Das Gesprch der Tante mit Herrn Baumann war nie
aufregend, aber es war erbaulich, denn auch die Tante hielt viel auf
Gottesdienst, und am Montag tauschten die beiden leise ihre Bemerkungen ber die
letzte Predigt aus. Auer dem theologischen Gesprch gab es aber auch noch ein
anderes Band zwischen der Tante und Baumann, und dies Band hie Anton. Die Tante
konnte sich noch immer nicht in das finden, was sie einen unnatrlichen Abschied
nannte. Sie war unsicher, wem sie die Schuld der pltzlichen Verstrung
beimessen sollte, die ber Anton gekommen war, dem Chef oder seinem
Korrespondenten. Mit Entschiedenheit hielt sie an der berzeugung fest, da
dieser Abgang Wohlfarts unntig, unverstndig und verderblich fr alle Teile
gewesen sei, und sie arbeitete daran, denselben auf Umwegen wieder in das
Geschft zurckzubringen, soweit zarte Winke und weibliches Zureden die
Entschlsse mnnlicher Brummbren zu bestimmen vermgen. Sie hatte deshalb nach
Antons Abreise in der ersten Zeit sowohl gegen den Kaufmann als gegen Sabine bei
jeder Gelegenheit ber Anton gesprochen und denselben gerhmt. Aber sie kam
schlecht an. Der Kaufmann antwortete immer kurz, zuweilen rauh, mit dem war gar
nichts zu machen, und Sabine lenkte das Gesprch ab, oder verstummte ganz,
sobald die Tante ihr Loblied sang. Das tuschte die Tante nicht. Die gestickten
Vorhnge hatten einen blendenden Schein in ihrer Seele zurckgelassen, mit
welchem sie seit der Zeit selbstzufrieden Sabine beleuchtete. Sie wute, da
Herr Baumann der einzige von den Herren war, welcher mit Anton in Briefwechsel
stand, heut beschlo sie, auf der Stelle der Starrkpfigkeit aller Parteien zur
Hilfe zu kommen. Sie ergriff deshalb eine kleine Broschre, welche sie von Herrn
Baumann geliehen hatte, den Jahresbericht ber einen wohlttigen Verein, und
ging gleichgltig nach dem Hinterhause, wo sie im Vorbeigehn an Herrn Baumanns
Tr klopfte und diesem die Broschre hineinreichte. Sehr hbsch, sagte sie auf
der Schwelle, der Himmel wird dem Unternehmen seinen Segen geben, und dabei
steckte sie ihm in einem Papiere einen kleinen Beitrag fr den Verein in die
Hand. Schreiben Sie mich mit dem Betrag auch fr die Zukunft auf. Herr Baumann
dankte im Namen der Armen. Darauf begann die Tante in der Tr: Was hrt man
denn Neues von Ihrem Freund Wohlfart? Er ist wie aus der Welt verschwunden, auch
der alte Sturm wei nichts zu erzhlen.
    Er hat viel zu tun, sagte der schweigsame Baumann.
    Na, ich denke, nicht mehr, als hier. Wenn es ihm um Arbeit zu tun war, so
konnte er ruhig hierbleiben.
    Er hat dort eine schwere Pflicht zu erfllen und verrichtet ein gutes
Werk, fuhr Herr Baumann vorsichtig fort.
    Gehn Sie mir mit Ihrem guten Werk, rief die Tante, trat in der Zerstreuung
ins Zimmer und machte die Tr hinter sich zu. Das war auch ein gutes Werk, was
er hier zu verrichten hatte. Nein, nehmen sie es mir nicht bel, so etwas ist
mir noch nicht vorgekommen. Er luft hier weg, gerade wo ein kluger Mann, der in
alle Geheimnisse der Handlung eingeweiht war, am allernotwendigsten wurde. Dafr
gibt es gar keine Entschuldigung. Wenn er sich selbst etabliert htte, oder wenn
er geheiratet htte, das wre etwas anderes, der Mensch will einen Haushalt, er
will auch ein eignes Geschft haben. So etwas ist Gottes Wille, und in diesem
Fall wrde ich kein Wort verlieren. Aber so aus dem Comtoir fortzurennen unter
Schafe und Khe und unter die Polen und Edelleute, das ist gar nicht zu
entschuldigen; und noch dazu aus einem Geschft, wo man es so gut mit ihm meinte
und wo er liebes Kind war in allen Stuben. Wissen Sie, wie ich das finde, Herr
Baumann? fuhr sie eifrig fort, und die Bnder ihrer Haube wackelten. Ich finde
das undankbar! - Und was soll jetzt hier werden? Es ist ja in diesem Haus eine
vllige Verwstung. Fink fort, Jordan fort, Wohlfart fort, Pix fort, Sie sind
noch der einzige, der im ersten Comtoir von den guten Herren geblieben ist, und
Sie knnen doch nicht alles machen.
    Nein, sagte Baumann betrbt, und ich bin auch in einer schlimmen Lage.
Ich hatte mir vorigen Herbst als den letzten Termin gestellt, bis zu dem ich in
der Handlung bleiben wollte, und jetzt ist das Frhjahr nahe, und ich bin der
Stimme noch nicht gefolgt, die mich ruft. 
    Reden Sie mir nicht solch Zeug! rief die Tante erschrocken; Sie werden
doch nicht auch fort wollen?
    Ich mu߫, sagte Herr Baumann, die Augen niederschlagend. Ich habe Briefe
bekommen von meinen englischen Brdern, die Brder schelten mich wegen meiner
Lauheit. Ich frchte, es ist ein groes Unrecht, da ich nicht schon gegangen
bin, aber wenn ich wieder ins Comtoir komme und die Haufen Briefe und das
sorgenvolle Gesicht von Herrn Schrter sehe, und wenn ich denke, wie schwer die
Zeit ist, und welches Unglck die Handlung mit ihren besten Krften gehabt hat,
da hlt mich's immer wieder hier fest. Ich wollte auch, Wohlfart kme wieder, er
tut der Handlung not.
    Er mu wiederkommen, rief die Tante, das ist seine christliche Pflicht
und Schuldigkeit. Schreiben Sie ihm das. - Freilich ist bei uns gerade kein
lustiges Leben, fuhr sie vertraulich fort, er mag es dort wohl besser haben.
Unter den Polen geht das in Saus und Braus.
    Ach nein, erwiderte Herr Baumann ebenso vertraulich, in Braus lebt er
nicht. Ich frchte, er hat dort Kummer und schwere Tage; was er schreibt, ist
nicht sehr lustig.
    I, was Sie sagen, sagte die Tante sich setzend und sah erwartungsvoll in
Baumanns Gesicht. Baumann rckte seinen Stuhl nahe an die Tante heran, und die
beiden Frommen begannen halblaut ein kleines menschenfreundliches Gekltsch.
    Er schreibt bekmmert, er sieht die Zeit finster an, begann Herr Baumann,
er frchtet neue Unruhen und schlimme Jahre.
    Gott behte, rief die Tante, davon haben wir schon genug gehabt.
    Er lebt in einer unsichern Gegend, fuhr Herr Baumann fort, unter
schlechten Menschen; die Polizei mu dort mangelhaft sein.
    Es gibt dort schreckliche Ruberhhlen, stimmte die aufgeregte Tante bei.
    Und ich frchte, es sieht auch mit seinen Einnahmen schlecht aus, im
Anfange habe ich ihm noch manchmal einige Kleinigkeiten, an die er gewhnt war,
von unserem guten Tee und von den Zigarren hinschicken mssen, in dem letzten
Brief schreibt er mir, er wolle gute Wirtschaft treiben und sich davon
entwhnen. Er mu wenig Geld haben, fuhr Baumann kopfschttelnd fort, nicht
ber zweihundert.
    Er leidet Not, rief die Tante, gewi, so ist es; der arme Wohlfart! Wenn
Sie ihm schreiben, schicken wir ihm eine Kiste mit von dem Pekoetee und ein paar
von unseren Schinken.
    Schinken auf das Land? fragte Baumann zweifelhaft. Ich glaube, Schweine
werden dort noch am ersten zu finden sein.
    Aber sie gehren nicht ihm! rief die Tante. Hren Sie, Herr Baumann, es
ist Christenpflicht, da Sie ihm auf der Stelle schreiben, er soll sogleich
hierher zurckkommen. Die Handlung braucht ihn, sie fordert ihn. Ich wei am
besten, wie mein Neffe sich in der Stille ber diese Zeit kmmert und ber den
Verlust der besten Herren, die wir gehabt haben, und wie sehr er sich freuen
wrde, seinen Wohlfart wiederzusehen. Das letztere war eine fromme Lge der
Tante. - Es sieht mir doch nicht so aus, warf Baumann bedenklich ein. - Erst
heut hat meine Nichte zu ihrem Bruder gesagt, wie lieb Wohlfart uns allen
gewesen ist und was wir an ihm verloren haben. Wenn er dort Pflichten hat, er
hat Pflichten auch hier, und seine hier sind lter.
    Ich will ihm schreiben, sagte Herr Baumann, aber ich frchte, verehrte
Frau, es wird nicht viel ntzen, denn gerade wenn es ihm schlechtgeht, wird er
den Pflug nicht verlassen, an den er die Hand gelegt hat um anderer willen.
    Er ist nicht vom Pfluge, sondern von der Feder, rief die Tante rgerlich,
und er gehrt hierher. Das andere ist alles dummes Zeug. Wenn er hier seinen
feinen Tee trinkt und sein gutes Auskommen hat, so tut er deswegen nicht weniger
seine Pflicht. Und dasselbe sage ich Ihnen, Herr Baumann, da Sie mir nicht
wieder mit Ihren afrikanischen Ideen kommen. Baumann lchelte in stolzer
berlegenheit. Aber als die Tante das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich
doch gehorsam hin und schrieb Anton die ganze Unterredung mit der Tante, und er
schrieb ihm dazu, wie grau und ernsthaft das Leben in der Handlung geworden war,
und wie finster das Gesicht des Prinzipals alle Morgen dareinschaute, wenn er
durch das vordere Comtoir ging.
    Der Schnee auf dem Gut ist weggeschmolzen, im hochgeschwollenen Bach flutet
das Schneewasser, noch liegt die Landschaft still und farblos, der belebende
Saft der Erde beginnt seinen ersten Kreislauf in den Stmmen der Bume und
treibt in den Struchern am Bach die ersten Bltenktzchen. Das Winterwasser hat
die schlechte Brcke abgeworfen, und Anton steht in der Nhe des Schlosses am
Wasser und beaufsichtigt die Arbeiter, welche neue Balken legen und Bohlen
daraufnageln; Lenore sitzt auf einem abgehauenen Baumstamm ihm gegenber und
sieht zu, wie er das Holz mit dem Zollstabe mit und der groen Sge die
Bleistiftzeichen macht. Das rgste ist berstanden, ruft Lenore, das Frhjahr
kommt! Schon sehe ich im Geist die Bume und den Rasen grnen, auch das finstere
Haus soll in dem hellen Frhling lustiger aussehen als heut. Aber Ihnen will ich
das Schlo zeichnen, wie es jetzt ist, Sie sollen sich erinnern, wie der erste
Winter war, den wir in Ihrem Schutz hier verlebten.
    Und Anton sieht mit leuchtendem Auge auf das schne Mdchen vor ihm und
zeichnet mit dem Bleistift das Profil ihres Gesichts auf ein neues Brett. Sie
treffen mich nicht, sagt Lenore, Sie machen meinen Mund immer zu gro und die
Augen zu klein. Geben Sie mir den Stift, das verstehe ich besser, halten Sie
still. Sehen Sie, das ist Ihr Gesicht, Ihr treuherziges Gesicht, ich kann's
auswendig. - Hurra, der Stadtbote! ruft sie, wirft den Bleistift weg und eilt
auf das Schlo zu. Anton folgt ihr, denn der Stadtbote, beladen mit einem
schweren Pack, ist fr die vom Schlosse das Schiff, welches durch den tiefen
Sand steuert, um in das abgeschlossene Eiland die guten Dinge aus der Welt zu
bringen. Am Hause wird dem Manne die Last abgenommen, und Lenore ergreift
vergngt das Zeichenpapier, das sie in Rosmin bestellt hat. Kommen Sie,
Wohlfart, jetzt suchen wir den Punkt, von dem ich das Schlo am besten zeichnen
kann, das Bild soll in Ihrer Stube an Stelle des alten hngen, das mich traurig
macht, so oft ich es ansehe. Einst zeichneten Sie unser Haus, jetzt tu ich's fr
Sie. Ich will mir rechte Mhe geben, Sie sollen sehen, da ich auch etwas kann.
    So spricht sie frhlich in Anton hinein, er aber hrt nicht auf ihre Worte.
Ungeduldig hat er den Brief Baumanns erbrochen, und whrend er liest, rtet sich
sein Gesicht vor innerer Bewegung.
    Langsam, in tiefen Gedanken, geht er in sein Zimmer hinauf und kommt nicht
wieder herunter.
    Lenore ergreift das Kuvert, welches auf den Boden gefallen ist: Das ist
wieder die Hand seines Freundes aus der Handlung, sagt sie traurig, so oft er
einen Brief von dort erhlt, wird er finster und kalt gegen mich. Sie wirft das
Kuvert weit weg und eilt in den Stall, ihren Vertrauten, den Pony, zu satteln.

                                       6


Es war Wochenmarkt in der kleinen Kreisstadt Rosmin. Seit uralter Zeit war der
Markttag fr die Landleute der Umgegend ein Fest von besonderer Bedeutung. Fnf
Tage der Woche mute der Bauer seinen Kohl bauen oder dem gestrengen Herrn
fronen, am Sonntage war sein Herz geteilt zwischen der Jungfrau Maria, seiner
Familie und der Schenke, der Markttag trieb ihn ber die Strenge seiner Feldmark
hinein in die groe Welt. Dann fhlte er sich auch gegenber den Fremden als ein
schlauer Mann, welcher schafft und gebraucht, er sah Bekannte wieder, die er
sonst niemals getroffen, er erblickte neue Dinge aus der Fremde, er hrte von
andern Stdten und Lndern und geno, was andere fr ihn erfunden hatten, in
vollen Zgen. Und am Abend dieses Tages flogen die Neuigkeiten aus der weiten
Welt bis in das entfernte Walddorf, in jede Htte, in jede einzelne
Menschenseele des Kreises. So war es schon damals gewesen, als noch die Slawen
allein auf dem Boden saen, der Bauer leibeigen unter schmutzigem Strohdach, der
Edelmann hoffrtig in seinem hlzernen Palast. Damals war ein offenes Feld
gewesen, was jetzt Rosmin heit; vielleicht stand eine Kapelle darauf mit einem
gndigen Bilde, oder ein paar mchtige Bume noch aus der Heidenzeit, oder das
Haus eines klugen Grundherrn, der weiter sah, als seine langbrtigen Genossen.
Damals war der deutsche Kaufmann zum Markte ber die Grenze gekommen mit seinem
Wagen und Dienern, er hatte unter dem Schutz des Kruzifixes oder eines
slawischen Sbels seine Truhen geffnet und die Werke des heimischen Fleies,
Tuche, buntfarbige Kleider, Zwickelstrmpfe, Halsbnder von Glas und teuren
Korallen, Heiligenbilder und Kirchengerte, aber auch, was den Gaumen erfreut,
se Backwaren, fremden Wein und wohlriechende Zitronen feilgeboten, und hatte
dagegen eingetauscht, was die Landschaft ihm entgegenbrachte: Wolfsfelle,
Hamsterpelze, Honig, Getreide, Vieh und anderes. Nicht lange, so schlug neben
dem Kaufmann auch der Handwerker seine Werkstatt auf, der deutsche Schuster kam,
und der Knopfmacher, der Blechschmied und der Grtler, die Zelte und Htten
verwandelten sich allmhlich in feste Huser, die im Viereck um den groen
Marktplatz aufstiegen, auf dem viele hundert beladene Polenwagen Raum haben
muten. Fest schlossen sich die fremden Ansiedler zusammen, sie kauften den
Grund, sie kauften ein Stadtrecht von dem slawischen Grundherrn, sie gaben sich
ein Statut nach dem Muster deutscher Stdte. Die neuen Brger bauten ihr Rathaus
in die Mitte des groen Vierecks und daran ein Dutzend Huser fr Kaufleute und
Schenken, und der Marktring war geschlossen. Um die Hofrume, die Hintergebude
und Gassen wurde die Stadtmauer gezogen, und ber die beiden gewlbten Tore nach
dem Brauch der Heimat wohl auch die Wachttrme gesetzt, unten hauste der
Zllner, oben der Wchter. Und mit Verwunderung erzhlte man sich drauen in den
Wldern und auf der Heide, wie schnell die Mnner mit fremder Sprache gewachsen
waren, und da jeder Landmann, der durch ihr Tor fuhr, ihnen ein Kupferstck
bezahlen mute als Brckengeld, ja der Edelmann, der allmchtige, mute auch
bezahlen. Manchen Slawen aus dem Umkreise warf sein Schicksal zu den Brgern in
der Stadt, er wurde heimisch unter ihnen, ein Handwerker, Kaufmann, Brger, wie
sie. So war Rosmin entstanden, so viele deutsche Stdte auf altem Slawengrund,
und sie sind geblieben, was sie im Anfang waren, die Mrkte der groen Ebene,
die Sttten, wo polnische Ackerfrucht eingetauscht wird gegen die Erfindungen
deutscher Industrie, die Knoten eines festen Netzes, welches der Deutsche ber
den Slawen gelegt hat, kunstvolle Knoten, in denen zahllose Fden
zusammenlaufen, durch welche die kleinen Arbeiter des Feldes verbunden werden
mit andern Menschen, mit Bildung, mit Freiheit und einem zivilisierten Staat.
    Noch immer ist der Markttag von Rosmin der groe Tag fr die Umgegend. Vom
frhen Morgen an ziehen Hunderte von Korbwagen mit Ackerfrchten nach der Stadt
und hoch auf den Scken sitzt der breitschultrige Bauer und die Buerin; aber
nicht mehr peitscht der Leibeigene die abgetriebenen Gule seines Gebieters, ein
frei geborenes Slawenkind lenkt die stattlichen Pferde, deren Vater sogar ein
Hengst des Knigs ist. Und wenn der Federwagen eines Edelmanns vorbeifhrt, dann
treibt auch der Bursch seine Pferde zu schnellerem Lauf, und wenn er artig ist,
rckt er nur ein wenig an seinem Hut. Auf allen Straen und Feldwegen zieht es
der Stadt zu, die kleinen Leute fahren ihre Gnse auf der Radber, und die Frau
trgt im Korbe die Butter ihrer Kuh, Beeren und Pilze und ganz unten auf dem
Boden vielleicht einen heimlichen Hasen, den ihr Mann durch einen Wurf seines
Stockes gettet hat. Vor allen Gasthusern der Vorstadt stehen Haufen
abgespannter Wagen, an jeder Schenktr drngen sich die ein und aus gehenden
Leute. Auf dem Markt sind die Getreidewagen dicht nebeneinander aufgefahren, der
groe Platz ist bedeckt mit runden Scken und Gespannen, und Pferde von jeder
Gre und in allen Farben stehen nebeneinander, an den guten Pltzen am Rande
auch die Hoffuhren der Edelleute. Und in dem Viereck der hundert Wagen, zwischen
den Knechten, Pferdekpfen und Heubndeln windet sich aalgleich der jdische
Faktor hindurch, Getreideproben in jeder Tasche, in zwei Sprachen fragend und
antwortend. Neben dem weien Kittel und blauen Schnurrocke der Slawen und ihrem
Hut mit der Pfauenfeder zeigt sich das einfrmige Dunkelblau des deutschen
Kolonisten. Dazwischen Soldaten aus der nchsten Garnison, Stadtbewohner,
Wirtschaftsbeamte und feine Herren vom Landadel. An der Ecke des Marktes hlt
auf seinem groen Pferde hoch erhaben der Gendarm, auch er ist heut im Eifer,
und seine Stimme klingt herrisch ber das Gewirre der Wagen, welche die Einfahrt
zur Strae verstopft haben.
    berall in der Stadt sind die Kauflden weit geffnet, und vor den Husern
stellen die kleinen Hndler auf Tischen und Tonnen ihre Ware aus. Bedchtig
schreitet das Buerlein, gefolgt von den Weibern seiner Htte, die Reihen der
Schautische entlang, mit kurzem Befehl hlt er die Frauen zusammen, welche
begehrlich stehenbleiben und die Kpfe zusammenstecken, wo bunter Kattun, Tcher
oder Halsbnder aufgehngt sind, bis auch sein knstlicher Gleichmut von einem
Ausruf der Bewunderung durchbrochen wird, wenn er bei einem Tisch voll
Stahlwaren ankommt, oder bei einem Pferdegeschirr, oder einem groen Schinken im
Fleischladen. Lange wird geprft, bevor der Einkauf geschieht, wohl fnf Minuten
biegt er das gesthlte Blatt der Sge hin und her, bis der Kaufmann ihm
gelangweilt das Stck aus der Hand nimmt, dann erst entschliet er sich zum
Kauf; fast ebensolange klopft sein Weib an den irdenen Tpfen herum, ob nicht an
einer Stelle ein schnarrender Miton den Sprung verrt. Der Genu des Kaufens
wird hier viel strker empfunden, als da, wo Tausende mit einem Wort weggegeben
werden. Immer wird stillgehalten, wenn ein bekannter Mann oder ein Blutsfreund
aus einem andern Dorf den Kaufenden entgegenkommt. Dann entsteht ein lautes
Begren, die Frauen drngen sich heran, die Neuigkeiten fliegen aus einem Mund
in den anderen, bis der ganze Trupp zuletzt gemeinsam seine Warenschau
fortsetzt. Endlich halten die Ermdeten vor dem Tische, wo durchgeschnittene
Wrste durch ihr marmoriertes Fllsel anmutig locken, wo Semmelberge stehn und
wo der ewig wnschenswerte Hering in der Tonne liegt. Hier wird der letzte
Einkauf gemacht und dann in ein Wirtshaus gezogen, die weie Flasche gefllt,
und da kein Platz auf den Bnken zu finden ist, wird in einer Ecke des Hauses
niedergesetzt und ein langsames Mahl gehalten. Die weie Flasche geht im Kreise,
die Wangen werden rter, die Gebrden lebendiger, die Gesprche lauter, die
Mnner fangen an, sich zu kssen, alte Feinde suchen sich auf, miteinander zu
zanken. Weithin auf die Strae tnt aus jeder Schenkstube das Gesumme und
Geschrei. Unterdes, wer andere Gnge hat, besorgt diese, wer eine Klage
anzubringen hat, heut luft er aufs Gericht, wer Steuern abzuliefern hat, heut
pflegt er sie zu zahlen; alle Behrden sind heut in groer Ttigkeit, alle
Schreiber dehnen heut ihre Finger, um die Feder schnell ber das Papier zu
fhren; alle Schulzen erscheinen heut in den mtern, um zu melden und zu hren.
Auch die Weinstuben sind gefllt, und der Weinkaufmann Lwenberg macht heut die
besten Geschfte, er hat neben seinem Wein auch einen groen Handel mit Getreide
und Wolle, er verleiht Gelder und ist der Vertraute vieler Gutsherren. In seiner
groen Vorderstube sitzen die Gste einzeln, deutsche Oberamtleute, ltere
polnische Gutsbesitzer, vielleicht ein reicher deutscher Bauer, der einen guten
Viehhandel gemacht hat. In dem Hinterzimmer aber geht's hher zu, dort sind die
Edelleute des Kreises versammelt, manches wste Gesicht mit stumpfen Zgen, aber
auch der edle Schnitt des polnischen Herrenantlitzes, krftige Mnner von
adligem Wesen. Dort springt der Kork des Champagners zur Decke und neben den
Geschften der Woche wird noch manches andere verhandelt, was fremde Ohren nicht
hren drfen. Ist's nicht Politik, so rollen vielleicht die Wrfel auf dem
Tisch, oder ein Spiel Karten fliegt aus einer Tasche unter die Weinglser,
schnell fhrt dann an der Ecke des Tisches eine Gruppe zusammen, es wird still
in der Stube und nur kurze Ausrufungen in franzsischer Sprache werden gehrt.
So vergeht der Markttag als ein unaufhrliches Anrufen und Handeln, Erwerben und
Genieen, unter Wagengerassel und Pferdelenken, bis der Abend seine graue Decke
ber den Marktplatz breitet, dann zieht die Bauersfrau ihren Mann am Rocke, sie
denkt an die irdenen Tpfe, welche so leicht zerschlagen sind, und an die
kleinen Kinder, die jetzt nach der Mutter rufen. Dann fahren die Wagen wieder
auf allen Straen auseinander, der Bauernbursch trgt einen Strau von Flitter
auf seinem Hut, er klatscht unaufhrlich mit der neugekauften Peitsche, und in
trunkenem Mut treibt er seine Pferde zum rasenden Wettlauf mit andern Gespannen.
Auf allen Feldwegen ziehen die kleinen Leute in ihre Drfer, die Frau hat die
Tpfe auf den Rcken gebunden, ein schnes rotes Tuch und ein Stck
Pfefferkuchen fr die Kinder liegen darin, und neue Kochlffel und Quirle ragen
daraus hervor, und neben ihr schreitet der Mann unsicher und schwer, die
sthlerne Sge auf der Schulter, vergeblich bemht, die Wrde eines Hausherrn
vor den Fremden zu bewahren. Viel spter fahren auch die Wagen der Herren vor
das Weinhaus, die Kutscher mssen lange auf den Aufbruch warten, denn auch den
Herren wird die Trennung schwer von dem Tisch der Trinkstube. Jetzt wird es
stiller in der mden Stadt, der Kaufmann ffnet seinen Ladentisch, zhlt und
sortiert mit seiner Frau das eingenommene Geld und schlgt die falschen
Silberstcke zornig mit einem Nagel vorn an den Ladentisch, zur eindringlichen
Warnung fr alle unsichern Zahler. Jetzt fhrt auch der Gendarm sein Pferd in
den Stall, berzhlt die Vagabunden, die Marktdiebsthle, die Hndel, die er
heut angezeigt, und hofft auf einen gndigen Blick. Endlich macht der
Nachtwchter seine Runde, er achtet heut sorglich auf die Schenkstuben, in denen
noch immer einzelne Schreier sitzen, und sieht beim trben Laternenlicht
erstaunt auf den unsaubern Marktplatz, den sein Besen morgen von allem Schmutz
befreien soll.
    So war der Wochenmarkt von Rosmin immer gewesen. In dem letzten Winter war
der Marktverkehr nicht geringer als sonst, aber es war eine Unruhe sichtbar in
vielen Kpfen, am meisten bei den Herren. Beim Weinkaufmann sah man zuweilen
fremde Mnner von kriegerischem Aussehn in die Hinterstube treten, dann wurde
das Zimmer verschlossen. Auf den Straen sah man junge Burschen in auffallender
Tracht mit roten viereckigen Mtzen durch das Gedrnge schreiten, sie schlugen
zuweilen einem Landsmann auf die Schulter, riefen andere beim Namen und zogen
sie aus dem Gedrnge in eine Ecke. Wo sich ein Soldat sehen lie in seiner
Uniform, sahen die Leute auf ihn wie auf einen verkleideten Mann, manche wichen
ihm aus, viele waren doppelt freundlich gegen ihn, Deutsche wie Polen. In den
Schenken saen die von den deutschen Drfern apart und mischten sich nicht mit
den andern, und die Polnischen von den Gtern des Herrn von Tarow tranken viel
und fingen noch mehr Hndel an, als sonst. Der Vogt vom neuen Vorwerk hatte am
letzten Markte in der ganzen Stadt keine neue Sense finden knnen, und der
Frster beklagte sich gegen Anton, da er neulich in keinem Kaufladen mehr
Pulver gefunden hatte, als ihm auf eine Woche reiche. Es schwebte etwas in der
Luft, niemand wollte sagen, was es war.
    Heut war wieder Markttag zu Rosmin, und Anton fuhr mit einem Knecht nach der
Stadt. Es war einer der ersten Frhlingstage, die Sonne schien warm auf den
Boden, der noch im winterlichen Schlummer dalag. Anton dachte daran, da jetzt
die ersten Gartenblumen blhen mten, und da er und die Frauen im Schlo in
diesem Jahr keine sehen wrden als etwa auf dem Vorwerk im Winkel hinter der
Scheuer. Es war auch keine Zeit, sich an Blumen zu freuen, berall waren die
Herzen aufgeregt, und alles, was durch so viele Jahre fest gewesen war, schien
zu wanken. ber groe Lnderstrecken zog der politische Sturmwind, die Zeitungen
erzhlten alle Tage Unerwartetes und Furchtbares, ein groer Krieg schien im
Anzuge, aller Besitz, alle Bildung schien in Gefahr. Er dachte an die
Verhltnisse des Freiherrn, und welches Unglck fr diesen entstehen mute, wenn
das Geld teuer wurde und der Grundbesitz spottwohlfeil. Er dachte auch an die
Firma in der Hauptstadt, an seinen Platz im Comtoir, den er in der Stille noch
immer als sein Eigentum betrachtete, und an den sorgenvollen Brief, den ihm Herr
Baumann geschrieben, wie finster der Prinzipal sei, und wie znkisch die
Kollegen am Teetisch in Herrn Baumanns Stube.
    Aus solchen kummervollen Gedanken weckte ihn ein Gerusch auf der Strae.
Eine Reihe von Herrenwagen fuhr vorbei, in dem ersten sa Herr von Tarowski, der
im Vorbeifahren artig zu Anton herbergrte. Anton sah erstaunt, da er seinen
Jger auf dem Bedientensitz hatte, als zge er zur Jagd. Noch drei Wagen rollten
vorber, alle mit Herren bis auf das Trittbrett beladen, und hinter den Wagen
jagte ein ganzer Trupp Reiter, der deutsche Inspektor von Tarow mit darunter.
    Jasch, rief Anton dem Kutscher zu, was war das, was die im zweiten Wagen
zudeckten, als sie vorbeifuhren?
    Flinten, antwortete der Kutscher kopfschttelnd.
    Der sonnige Tag nach langem Schnee- und Regenschauer lockte die Leute aus
allen Hfen nach der Stadt, in kleinen Haufen zogen sie eilig vorwrts, wenig
Frauen darunter, es war ein lautes Anrufen der verschiedenen Gesellschaften und
ein Leben auf der Strae, wie sonst am Abend bei der Heimkehr. Vor dem ersten
Wirtshaus an der Strae lie Anton halten. Der Kutscher frug: Es ist von hier
weit nach dem Markte, wie wird es sein mit dem Aufladen des Hafers?
    Bleib bei den Pferden, befahl Anton, und geh nicht nach der Stadt; wenn
ich etwas kaufe, lasse ich's herausfahren zum Umladen. Eilig schritt er durchs
Tor in das Gewhl der Gassen. Die Stadt war mit Menschen berfllt, es wogte
schon vom Tore an in hellen Haufen, kaum da die Getreidewagen durchdrangen. Als
Anton auf den Marktplatz kam, war er betroffen ber das Aussehen der Mnner.
berall erhitzte Gesichter, gespannte Zge, es waren nicht wenige in Jgertracht
unter dem Volke, und hufig sah man auf den Mtzen eine fremde Kokarde. Vor dem
Hause des Weinkaufmanns war das Gedrnge am grten, dort standen die Leute Kopf
an Kopf und sahen hinauf nach den Fenstern, an denen bunte Fahnen hingen,
zuoberst polnische Farben, andere auslndische darunter. Noch sah Anton finster
auf die Front des Hauses, da ffnete sich die Tr, und auf die steinerne Treppe
trat der Herr von Tarow und ein Fremder mit einer Schrpe um den Leib. Anton
erkannte in ihm den Polen, der ihn einst mit Standrecht bedroht und vor einigen
Monaten nach dem Inspektor gefragt hatte. Ein junger Mann sprang aus dem Haufen
auf die unterste Stufe, rief laut etwas in polnischer Sprache und schwenkte die
Mtze: ein lautes Geschrei war die Antwort, dann wurde alles still. Der Tarowski
sprach einige Worte, von denen Anton nichts verstand, hinter ihm rasselten die
Wagen, und die Menge drngte sich hin und her. Darauf begann der Herr mit der
Schrpe eine mchtige Rede. Er sprach lange, oft wurde er durch lautes
Beifallsgeschrei unterbrochen; als er geendet hatte, erscholl ein betubender
Lrm, wilder polnischer Zuruf. Die Tren des Hauses wurden weit geffnet, die
Menge wogte durcheinander wie ein unruhiges Meer. Ein Haufe strzte fort und
verteilte sich auf dem Markte, andere sprangen in das Haus; wer hineingeeilt
war, kam nach wenig Augenblicken mit einer Kokarde an der Mtze, bewaffnet mit
einem Sensenspeer wieder heraus. Im Nu hatte sich ein Haufen Sensenmnner und
ein Trupp mit Feuergewehren vor dem Hause aufgestellt. Die Zahl der Bewaffneten
wurde grer, kleine Abteilungen Sensenmnner, von einzelnen Flintentrgern
gefhrt, eilten von dem Hause weg nach allen Richtungen des Marktes. Hinter
Anton klang Kommandoruf und Befehl, er wandte sich um und sah einzelne
bewaffnete Reiter, welche die aufgefahrenen Wagen mit strengen Worten zur
Abfahrt vom Markt trieben. Der Lrm und das Getmmel wurden immer grer, mit
ngstlichem Zuruf hieben die Landleute auf ihre Pferde, die Verkufer flchteten
mit ihren Waren in die Huser, die Lden wurden geschlossen. Nach wenig
Augenblicken hatte der Markt ein unheimliches Aussehen. Die Wagen waren
entfernt; an den Marktecken standen einzelne Posten von Sensenmnnern, ihre
langen Spiee blinkten hell in der Morgensonne. Auf dem Platze selbst wogte die
unsichere Menge. Betubt, erschttert, emprt eilte Anton in dem Haufen fort, so
kam er auf die andere Seite des Platzes. Dort lag das Steueramt, schon von
weitem kenntlich durch das Wappenbild des Staates, das auf Holz gemalt neben dem
Fenster hing. Dort drngten sich die Massen wieder; ein Posten von Sensenmnnern
stand vor dem Hause, aus der Ferne sah Anton, da ein Mann eine Leiter ansetzte,
zu dem Wappen hinaufstieg und mit einem Hammer auf das Schild pochte, bis es
herabfiel auf die Steine. Als das Wappen auf die Steine schlug, ging durch die
versammelte Menge ein leiser Ton, wie ein Seufzen; es war so still geworden, da
man jeden Laut hren konnte. Eine Rotte von trunkenem Gesindel strzte sich mit
wildem Jauchzen auf das Schild, ein Strick wurde darumgebunden, und mit
Hohngeschrei wurde es in den Rinnstein und ber die Strae geschleift.
    Anton war auer sich, eine Flut von strmischen Leidenschaften drngte nach
seinem Herzen. Ihr Schurken! rief er laut und rannte durch die Umstehenden auf
die Bande zu. Da fate ihn ein starker Arm um den Leib, und eine bebende Stimme
sprach: Nicht vorwrts, Herr Wohlfart, heut ist ihr Tag, morgen kommt unser
Tag. Anton ri sich los und sah neben sich die groe Figur des Schulzen von
Neudorf, er sah sich den Augenblick umgeben von einer Anzahl dunkler
Mnnergestalten. Es waren die blauen Rcke deutscher Bauern, Gesichter voll Zorn
und Kummer, welche ihn wie mit einem Wall einschlossen. Lat mich heraus! rief
Anton noch immer auer sich. Wieder aber legte sich die schwere Hand des
Schulzen auf seine Schulter, und mit nassen Augen sprach der Mann: Schonen Sie
Ihr Leben, Herr Wohlfart, es ist jetzt umsonst, wir haben nichts, als unsere
Faust und sind die Minderzahl. Und von der andern Seite wurde seine Hand umfat
wie von Schrauben, und der alte Frster stand schluchzend neben ihm und sthnte:
Da ich diesen Tag erleben mu, o die Schande, die Schande! Dabei schttelte
er krampfhaft Antons Hand, schlug sich dann mit seinen Fusten vor die Stirn und
weinte laut wie ein Kind. Der wilde Schmerz des Alten gab Anton einen Teil
seiner Ruhe wieder, er umschlang den Hals des Frsters und hielt ihn fest an
sich. Und wieder erscholl in ihrer Nhe mitnendes Geschrei, und eine Stimme
brllte: Durchsucht die Deutschen! Nehmt ihnen die Waffen, niemand darf den
Markt verlassen! Anton sah sich hastig in dem Haufen um und rief: Das drfen
wir nicht leiden, Ihr Mnner, da wir hier in der deutschen Stadt umstellt
werden, wie Gefangene, und da sie unser Wappen beschimpfen, die Schndlichen!
Von fern wirbelte eine Trommel. Es ist die Schtzentrommel, rief der Schulz,
die Brgerschtzen von Rosmin kommen zusammen. Sie haben Gewehre. -
Vielleicht ist noch nicht alles verloren, rief Anton wieder. Ich kenne einige
Leute hier, die zuverlssig sind. Fat Euch, mein Alter, trstete er den
Frster. Die Deutschen vom Lande sollen nicht zerstreut bleiben, so wei
niemand, was wir tun knnen. Wir wollen wenigstens miteinander den Markt
verlassen; hier bei dem Brunnen sammeln wir uns. Jeder geht und ruft seine
Bekannten zusammen. Und jetzt keine Zeit verloren! Ihr dorthin, Schulz; Ihr
kommt mit mir, Schmied von Kunau. Der Haufen fuhr nach zwei Richtungen
auseinander, Anton von dem Frster und dem Schmied gefolgt eilte noch einmal
ber den ganzen Markt. Nie hatte er eifriger gesucht, nie hatte einer den
anderen schneller verstanden. Wo er einen Deutschen fand, ein Blick des Auges,
ein schneller Hndedruck, das flchtige Wort: Die Deutschen versammeln sich am
Brunnen, erwartet uns, das trieb die Unschlssigen schnell zu den Landsleuten.
    Vor dem Hause des Weinkaufmanns hielt er mit seinen Gefhrten in dem dichten
Gedrnge einen Augenblick an. Etwa fnfzig Sensenmnner standen vor dem Hause,
daneben ein Dutzend Gewehre; noch waren die Tren weit geffnet, und einzelne
traten immer noch hinein, sich Waffen zu holen. Die Menge war scheu
zurckgewichen, es wogten hier Polen und Deutsche, Stdter und Landleute
durcheinander, Anton sah, da auch die polnischen Bauern verstrt im Haufen
standen und einander zweifelnd ansahen. Vor dem Hause sprachen einige junge
Herren in die Masse. Whrend der Kunauer Schmied und der Frster den Deutschen
ihr Zeichen gaben, fuhr Anton auf einen kleinen Mann los, der in seinem
Arbeitsrock mit berutem Gesicht in den Haufen drngte, und fate ihn am Arm:
Schlosser Grobisch, Sie stehen hier? Warum eilen Sie nicht zum Sammelplatz, Sie
sind Schtz und Brger, wollen Sie diese Schmach ertragen?
    Ach, Herr Rentmeister, sagte der Schlosser, Anton beiseite ziehend, das
Unglck! Denken Sie, ich arbeite in meiner Werkstatt mit dem Hammer und hre von
gar nichts. Bei unsrer Arbeit kann man wenig hren. Da strzt meine Frau herein
-
    Wollen Sie diese Schmach ertragen? rief Anton und schttelte den Mann
heftig. Gott bewahre, Herr Wohlfart, erwiderte der Schlosser, ich fhre einen
Zug bei den Schtzen. Whrend mein Weib den Rock heraussucht, bin ich schnell
ber den Platz gelaufen, um zu sehen, wieviel ihrer sind. Sie sind grer, als
ich, wieviel sind's, die Waffen tragen?
    Ich rechne fnfzig Sensen, erwiderte Anton schnell.
    Nicht die Sensen, sagte der Kleine, das ist zugelaufenes Volk, nur die
Gewehre. 
    Ein Dutzend vor der Tr, ebensoviel mgen wohl noch im Hause sein.
    Wir sind etwa dreiig Bchsen, sagte der Kleine bekmmert, aber es ist
nicht auf alle zu rechnen.
    Knnen Sie uns Gewehre schaffen? frug Anton.
    Nur wenige, sagte der Schlosser kopfschttelnd.
    Wir sind ein Hauf Deutsche vom Lande, sagte Anton in fliegender Eile, wir
wollen uns durchschlagen bis in die Vorstadt zum Roten Hirsch, dort halte ich
die Leute zusammen, schicken Sie uns um Gottes willen durch eine Patrouille
Nachricht heraus, und was Sie von Gewehren auftreiben knnen. Wenn wir die
Edelleute herauswerfen, luft der andere Haufe von selbst auseinander.
    Aber diese Rache von diesen Polacken! sagte der Schlosser mit aufgehobenem
Zeigefinger, die Stadt wird's bezahlen mssen.
    Nichts wird sie bezahlen, Meister, Sie bekommen morgen Militr, wenn Sie
heut die Wahnsinnigen hinauswerfen. Nur fort, jeder Augenblick vergrert die
Gefahr.
    Er trieb den Schlosser vorwrts und eilte auf die Brunnenseite. Dort fand er
die Deutschen in kleinen Gruppen zusammenstehen, der Schulz von Neudorf kam ihm
entgegen.
    Es ist keine Zeit zu verlieren, rief dieser, die andern werden
aufmerksam, dort stellt sich ein Trupp Sensenmnner gegen uns auf.
    Folgt mir, rief Anton laut, schliet euch dicht zusammen, vorwrts,
hinaus aus der Stadt! Der Frster sprang von Haufe zu Haufe und drngte die
Leute aneinander, Anton schritt mit dem Schulzen voran. Als sie an die Ecke des
Marktes kamen, kreuzten die Sensenmnner ihre Waffen vor der engen Gasse, der
Anfhrer des Postens spannte den Hahn seiner Flinte und rief Anton in
phrasenhaftem Ton zu: Warum wollen Sie fort, mein Herr! Nehmt Waffen, ihr
Leute, heut ist der Tag der Freiheit!
    Er sprach nicht weiter, denn der Frster strzte vor und gab ihm einen
ungeheuren Backenstreich, da er zur Seite taumelte und sein Gewehr im Fallen
losging. Auf dem Markt erhob sich lautes Geschrei, der Frster ergriff die
Flinte und die beiden Sensenmnner, berrascht und ohne Befehl, wie sie waren,
wurden von dem vordringenden Trupp an die Huser geworfen, die Sensen aus ihrer
Hand gerissen und von den zornigen Leuten an dem Steinpflaster zerbrochen. Ohne
verfolgt zu werden, drngte der Haufe bis an das Stadttor, auch dort wich der
feindliche Posten zurck und lie die dichte Masse ungehindert durch. So kamen
sie beim Gasthofe an. Dort trat der Schulz, von Anton aufgefordert, vor die
Leute. Es geht dort drin gegen die Regierung, sagte er, es geht gegen uns
Deutsche. Der bewaffneten Feinde sind nicht viel, wir haben eben gesehen, wie
der Bauer mit ihnen fertig wird. Wer ein ordentlicher Mann ist, der bleibt hier
und hilft den Brgersleuten in der Stadt, die Fremden hinauszujagen. Die
Schtzen wollen einen zu uns senden und uns sagen, wie wir ihnen helfen knnen.
Deshalb bleibt zusammen, Landsleute.
    Nach diesen Worten riefen viele: Wir bleiben hier. Manchem auch kam die
Sorge und er stahl sich um das Haus und auf das Feld. Wer blieb, suchte eine
Waffe, wo er sie fand, schwere Holzknittel, Radstangen, Heugabeln und was sonst
in der Nhe aufzutreiben war.
    Ich kam her, mir Pulver und Schrot zu kaufen, sagte der Frster zu Anton,
 jetzt habe ich eine Flinte, und das letzte Korn soll heut draufgehen, wenn wir
uns rchen knnen fr den Schimpf an unserm Vogel.
    Unterdes waren in dem Schlo die Stunden wie gewhnlich verlaufen bis gegen
Mittag. Der Freiherr ging, von seiner Gemahlin gefhrt, im Sonnenschein um das
Schlo herum; er grollte ein wenig, da die Maulwurfshgel, an welche sein Fu
stie, noch immer nicht geebnet waren, und kam zu dem Resultat, da kein Verla
auf Beamte und Dienstleute sei, und Wohlfart noch vergelicher als alle andere.
Bei diesem Thema verweilte er mit mrrischem Behagen. Die Baronin widersprach
ihm nur soviel als mglich war, ohne seine krankhafte Laune aufzuregen, und so
setzte er sich endlich im Freien auf einen Stuhl nieder, den ihm der Bediente
nachtrug, und hrte friedlich seiner Tochter zu, welche mit Karl den Platz fr
eine kleine Baumpflanzung absteckte. Niemand dachte Arges, jeder war mit seiner
nchsten Umgebung beschftigt.
    Da flog die schlimme Kunde, da etwas Schreckliches vorgehe, mit
Eulenflgeln ber die Ebene. Auch zu der Waldinsel des Freiherrn kam sie heran,
sie flatterte ber die Kiefern und Birnbume, ber Getreidefelder und Anger bis
auf das Schlo. Zuerst kam sie undeutlich, wie eine kleine Wolke am sonnigen
Himmel, dann wurde sie grer, wie ein ungeheurer Vogel, der die Luft
verfinstert, sie schlug mit ihren schwarzen Fittichen die Herzen aller Menschen
in Dorf und Schlo, sie machte das Blut in den Adern stocken und trieb heie
Trnen ber die Wangen.
    Mitten in seiner Arbeit sah Karl pltzlich auf und sagte erschrocken zum
Frulein: Das war ein Schu!
    Lenore sah ihn betroffen an, dann lachte sie ber ihren eigenen Schreck und
erwiderte: Ich habe nichts gehrt; vielleicht war's der Frster.
    Der Frster ist in der Stadt, entgegnete Karl ernst.
    Dann ist's ein verdammter Wilddieb im Walde, rief der Freiherr rgerlich.
    Es war ein Kanonenschu߫, behauptete der hartnckige Karl.
    Das ist nicht mglich, sagte der Freiherr, aber er selbst lauschte mit
gespanntem Gesicht; es steht kein Geschtz auf viele Meilen in der Runde.
    In dem Augenblick rief eine Stimme vom Wirtschaftshofe her: Es brennt in
Rosmin. Karl sah das Frulein an, warf sein Grabscheit zu Boden und lief nach
dem Hof; Lenore folgte. Wer hat gesagt, da Feuer in Rosmin ist? frug er die
Knechte, welche zu ihrer Mittagskost ber den Hof gingen. Keiner hatte gerufen,
aber alle liefen erschrocken aus dem Hof auf die Landstrae und versuchten nach
Rosmin hinzusehn, obgleich jeder wute, da die Stadt ber zwei Meilen entfernt
war und keine Aussicht dorthin.
    Es sind vorhin Weiber gelaufen auf dem Weg nach Neudorf wie in der Angst,
sagte der eine Knecht, und ein anderer rief: Es mu gefhrlich zugehn in
Rosmin, denn man sieht den Rauch ber dem Walde stehn. Alle glaubten einen
dunkeln Schatten ber der Stelle zu sehn, wo die Stadt lag, auch Karl. Immer
grer wurde die Aufregung ohne sichern Grund. Die Dorfleute traten auf der
Strae zusammen. Alle sahen nach der Richtung von Rosmin und erzhlten von dem
Unglck, das ber die Stadt gekommen sei. Die Edelleute sind heut darin, rief
der eine, sie haben die Stadt angezndet, und sein Nachbar hatte von einem
Mann auf dem Felde gehrt, da heut ein Tag sei, an den alle Gutsherren denken
sollten. Der Mann sah feindselig auf Karl und fgte hinzu: Noch kann manches
kommen bis auf den Abend. Der Schenkwirt kam herzugelaufen und rief Karl
entgegen: Wenn nur erst der heutige Tag vorbei wre, und Karl entgegnete in
derselben Gemtsstimmung: Ich wollte das auch. Keiner wute recht, weshalb.
    Von der Zeit kamen immer neue Schreckensbotschaften aus der Welt jenseits
des Waldes. Die Soldaten und Polen liefern einander eine Schlacht, hie es.
Auch in Kunau brennt's, riefen einige Weiber, die vom Felde heimeilten.
Endlich kam die Vogtin vom neuen Vorwerk auer Atem zu Lenore gelaufen: Mein
Mann schickt mich, weil er das Gehft an diesem Angsttage nicht verlassen will.
Er lt fragen, ob Sie nichts vom Frster wissen, es ist Mord und Totschlag in
der Stadt, und die Leute sagen, der Frster schiet mitten darunter. - Wer
sagt das? fuhr der Freiherr auf. - Einer, der ber das Feld lief, hat es
meinem Mann erzhlt, rief die entsetzte Frau, und es mu wahr sein, da dort
alles durcheinander ist, denn als der Frster nach der Stadt ging, hatte er gar
keine Flinte bei sich. Allen kam vor, als ob das Unglck deshalb wahr sein
mte. Und heut nacht hat es einen feurigen Schein gegeben auf dem Feld,
klagte die Frau weiter, unsre Stube wurde ganz hell, und mein Mann ist
aufgesprungen und hinausgegangen. Da zog ein blaues Licht wie eine
Schwefelflamme ber den Wald nach Rosmin zu.
    So schlug das Gercht mit seinen Flgeln auf die Herzen der Menschen. Mit
Mhe brachte Karl die Knechte dazu, da sie mit ihren Gespannen wieder aufs Feld
zogen. Lenore stieg mit Karl auf den Turm, um etwas Neues zu ersehn. Ob eine
Rauchwolke ber der Stadt war, das wollte Karl nicht entscheiden, aber an mehr
als einer Stelle sahen sie hinter den Wldern etwas wie Feuerschein und
Rauchwolken. Kaum waren sie herab, so kam der eine Knecht mit den Pferden
zurckgejagt und meldete, da ihm ein Bauer aus dem andern Kreise, der auf dem
Waldweg im Galopp durchgefahren war, gesagt habe, ganz Rosmin sei angefllt mit
Sensenmnnern und mit Leuten, welche rote Fahnen in der Hand hielten, und alle
Deutschen im Lande wrden erschossen. Die Baronin rang die Hnde und fing an zu
weinen, und ihr Gemahl verlor darber den letzten Schein von Ruhe, den er mhsam
bewahrt hatte. Er schalt heftig auf Wohlfart, der an solchem Tage nicht zu Hause
sei, und lie Karl zu sich rufen, der, nicht weniger erschrocken, sich jetzt um
Antons Schicksal ngstigte. Er befahl ihm, alles im Hofe zu verschlieen; gleich
darauf forderte er ihn wieder, und verbot durch ihn dem Schenkwirt, heut den
Dorfleuten Branntwein zu verkaufen, und immer frug er ihm ab, was man gehrt
hatte. Lenore konnte die schwle Unruhe im Schlo nicht ertragen, sie ging
unaufhrlich zwischen dem Schlo und dem Hofe ab und zu und hielt sich in Karls
Nhe, in dessen treuherzigem Gesicht noch der meiste Trost zu finden war, dabei
sah sie immer wieder auf die Landstrae, ob nicht etwas zu erblicken sei, ein
Wagen, ein Bote.
    Er ist ruhig, sagte sie zu Karl, er wird sich einer so frchterlichen
Gefahr nicht aussetzen, sie wnschte eine trstende Antwort.
    Karl aber schttelte den Kopf: Auf seine Ruhe ist kein Verla; wenn's in
der Stadt so aussieht, wie die Leute sagen, so ist Herr Anton nicht der letzte,
der darunterfhrt. Er wird nicht an sich denken.
    Nein, das tut er nicht! rief Lenore und rang die Hnde.
    So ging es fort bis gegen Abend. Karl hielt die Dienstleute, welche alle vor
dem Hofe standen, streng zusammen, er ergriff seinen Karabiner, er wute selbst
nicht, wozu, er lie sich ein Pferd satteln und band es wieder an die Krippe. Da
kam der Wirt mit einem Knecht aus der Brennerei zum Schlo gerannt, der
gutmtige Mann rief schon von weitem dem Frulein entgegen: Hier ist eine
Nachricht, eine schreckliche Nachricht von Herrn Wohlfart. Lenore fuhr auf den
fremden Knecht zu. Der Mensch machte in polnischer Sprache einen verwirrten
Bericht von den Schrecken des Tages in Rosmin. Er hatte gesehn, da auf dem
Markte Polen und Deutsche aufeinander geschossen hatten, da der Herr
Rentmeister an der Spitze der deutschen Bauern marschiert war. Ich wute das,
rief Karl stolz.
    Dann erzhlte der Knecht, wie er selbst geflchtet sei, gerade als alle
Polen auf den Herrn gezielt htten; ob er tot sei, oder noch lebe, das knne er
nicht genau sagen, denn er sei in groer Angst gewesen; aber er glaube wohl, der
Herr msse tot sein.
    Lenore lehnte sich an die Mauer, Karl fuhr verzweiflungsvoll mit den Hnden
nach seinem Haupt. Satteln Sie den Pony! sagte Lenore mit klangloser Stimme.
    Sie wollen doch nicht selbst bei Nacht durch den Wald, den weiten Weg nach
der Stadt? rief Karl.
    Ohne zu antworten eilte das tapfere Mdchen auf den Stall zu, Karl sprang
ihr in den Weg. Sie drfen nicht! schrie er, die Frau Baronin wird vor Angst
um Sie den Tod haben, und was knnen Sie unter den wtenden Mnnern ausrichten?
    Lenore blieb stehen. So schaffen Sie ihn her, rief sie halb bewutlos,
bringen Sie ihn zu uns, lebendig oder tot.
    Soll ich Sie an diesem Tage allein lassen? rief Karl wieder auer sich.
    Lenore ri ihm den Karabiner vom Arm und rief: Fort, wenn Sie ihn lieben,
ich werde an Ihrer Stelle wachen.
    Karl strzte nach dem Hofe, ri das Pferd heraus und jagte auf der Strae
von Rosmin dahin.
    Der Hufschlag des Pferdes verklang, es wurde wieder still, Lenore eilte mit
hastigen Schritten vor dem Schlosse auf und ab. Ihr Freund war in tdlicher
Gefahr, vielleicht war er verloren! Und durch ihre Schuld, denn sie hatte ihn
hierhergetrieben; sie fhlte eine heie Sehnsucht nach seinem Anblick, nach dem
Ton seiner Stimme. Was er ihr und den Eltern gewesen war, berdachte sie jetzt
in ihrer Verzweiflung unaufhrlich. Es schien ihr unmglich, ohne ihn die
Zukunft in dieser Einsamkeit zu ertragen. Die Mutter sandte nach ihr, der Vater
rief nach ihr zum Fenster hinaus, sie wies die Aufforderungen kurz ab, all ihr
Empfinden war aufgegangen in dem Gefhl der reinen und innigen Neigung, welche
zwischen ihr und dem Verlorenen erblht war.
    In der Stadt stand Anton mit den Landleuten wohl eine halbe Stunde
erwartungsvoll vor dem Roten Hirsch. Immer noch zogen die verscheuchten
Marktleute bei ihnen vorber in die Drfer, flchtigen Fues die meisten, aber
mancher blieb stehen und schlo sich ihnen an, oft auch wurde ein polnischer
Gru gehrt, und mehrere Polen traten zu Anton und frugen, ob er sie brauchen
knne. Endlich kam, nicht auf der Strae, sondern von dem Garten des Wirtshauses
her, der Schlosser in seiner grnen Uniform mit Epauletten, gefolgt von einigen
Brgerschtzen.
    Anton eilte auf ihn zu und rief: Wie steht's?
    Achtzehn Mann sind gekommen, sagte der Schlosser, es sind die sichern
Leute. Das Volk auf dem Markt verluft sich, die im Weinhause sind nicht viel
strker geworden. Sie sind jetzt dabei, die Behrden abzusetzen. Unser Kapitn
hat Courage wie ein Teufel. Wenn Sie ihm helfen wollen, so ist er bereit, etwas
zu wagen. Wir knnen von hinten hinein in Lwenbergs Haus, ich habe das Schlo
zum Hintertor selber gemacht und wei Bescheid, vielleicht ist es gar nicht
verschlossen. Wenn wir's geschickt machen, knnen wir die Anfhrer drin
berfallen, wir knnen sie fassen und ihre Waffen.
    Wir mssen von vorn und hinten zu gleicher Zeit angreifen, entgegnete
Anton, dann haben wir sie sicher.
    Ja, sagte der Schlosser, ein wenig verblfft, wenn Sie mit Ihren Leuten
von vorn kommen wollten.
    Wir haben keine Waffen, rief Anton. Ich will mit Euch nach vorn und der
Frster auch und vielleicht noch einer oder der andere; aber ein unbewaffneter
Trupp gegen die Sensen und ein Dutzend Gewehre, das ist unmglich.
    Sehn Sie, sagte der ehrliche Schlosser, fr uns ist's auch schwer. Wer so
gerade im ersten Schreck von Weib und Kind kommt, der ist auch nicht in der
Verfassung sich gleich als Scheibe hinzustellen. Unsre Leute haben ja guten
Willen, aber die drben sind verzweifelte Menschen. Und deswegen lassen Sie uns
ruhig hintenherum gehn; wenn wir sie berraschen, gibt's weniger Blutvergieen,
und das ist doch auch eine Hauptsache. Gewehre bringe ich nicht, nur einen Sbel
fr Sie.
    Schweigend setzte sich der Haufe in Bewegung, der Schlosser fhrte. Unsere
Schtzen haben sich im Hause des Hauptmanns versammelt, sagte er, dorthin
knnen wir durch die Grten, ohne da die am Tor uns gewahr werden. Durch
Gemsegrten zogen sie vorwrts, einige Male mute der ganze Hauf ber niedrige
Zune klettern, dann kreuzten sie schnell den Weg, der um die Stadtmauer
herumfhrte, berschritten auf einigen Brettern den Bach und drangen durch eine
Mauerpforte, welche sie in den Hofraum eines Gerbers fhrte.
    Hier waren Sie, sagte der Schlosser mit einiger Unruhe. Der Gerber ist
einer von uns Schtzen, aus der Haustr tritt man auf dieselbe Hintergasse,
welche der Eingang zu Lwenbergs Hofraum ist. Ich gehe zum Hauptmann melden, wir
holen Sie ab.
    Nur wenige Minuten standen die Landleute unter dem Haufen Lohe, als der
Frster, der als Wache in der Haustr stand, den Anmarsch der Schtzen meldete.
Auf der Hintergasse stieen die beiden Haufen zusammen, nur kurze Begrungen
wurden ausgetauscht. Der Hauptmann, ein wohlbeleibter Fleischer, forderte Anton
auf, neben ihm zu gehen und seinen Zug den Schtzen anzuschlieen. Schweigend
rckten sie an das Hintertor von Lwenbergs Hause, das Tor war nicht
verschlossen und nicht besetzt, der Schlosser sah durch das Hintergebude in den
leeren Hofraum. Der Trupp hielt einen Augenblick an, der Frster eilte zu den
Fhrern. Wir sind mehr Leute, als in dem Haus ntig sind, sprach er mit
fliegender Eile. Hier daneben ist eine breite Quergasse, die auf den Markt
fhrt. Geben Sie mir den Trommler, einen Zug Schtzen und die Hlfte von den
Landleuten, wir laufen bis an den Markt und besetzen mit Geschrei die ffnung
der Quergasse. Die auf dem Markt werden dadurch gestrt, sie mssen auf uns
sehen, unterdes dringen Sie ein und nehmen die ganze Bande gefangen. Sobald ich
trommeln lasse, springt der Herr Kapitn mit dem Hauptkorps durch den Hof in das
Vorderhaus, die Tr halten Sie besetzt.
    Mir ist's recht, sagte der dicke Hauptmann, echauffiert und in der
Aufregung, welche vor einem Angriff auch dem beherzten Mann die Brust beengt.
Nur vorwrts fort.
    Der Frster raffte sechs Schtzen zusammen, winkte dem Schulz und einem
Haufen der Landleute, und zog sich mit dem Haufen ohne groes Gerusch in die
offene Seitengasse. Auch Anton fhlte das Blut an seine Schlfe hmmern in der
Erwartung der nchsten Augenblicke. Endlich hrte man Trommelwirbel, gleich
darauf ein lautes Hurra. Wie Lwen sprangen die Brger durch den Hof, der
Hauptmann voran seinen Sbel schwingend, neben ihm Anton. So drangen sie in den
Hausflur, bevor jemand auf sie achtete. Alles war im Hause an die Fenster und an
die Tr gestrzt.
    Hurra, rief der Hauptmann, wir haben sie, und ergriff in dem Hausflur
einen der Herrn im Genick. Keiner soll entrinnen. Schliet die Tr! schrie er
und hielt sein Opfer am Kragen fest, wie eine Kuh bei den Hrnern. Durch die
Kraft von zehn Leibern wurde die Haustr von innen zugedrckt und verschlossen,
so da die Eifrigen auch die Feinde, welche in der Tr standen, hinausdrngten.
Darauf strzten die Schtzen in die Stube, ein Teil nach dem obern Stock. Wer
von Herren in der Stube war, sprang zum Fenster hinaus. So kam es, da die
Brger in der Weinstube nichts ergriffen, als eine Namenliste, einen Haufen
zusammengebundener Sensen, und in der Ecke ein halbes Dutzend Gewehre, welche
den Edelleuten gehrten. Der Schlosser fate sogleich die Gewehre und rannte mit
Anton und einigen andern, die er anrief, wieder hinten zum Hause hinaus in die
Quergasse zu dem Zuge, den der Frster fhrte. Sie fanden den Zug in
bedenklicher Lage. Er war mutig hinter dem Frster vorwrtsgestrmt bis an den
Ausgang der Gasse. Die Trommel und das Hurra und gleich darauf der feindliche
Angriff im Hause hatten die Gegner in Verwirrung gebracht. Die Sensenmnner
waren von dem Hause weggeeilt, sie standen in ungeordnetem Haufen mitten auf dem
Markte, der Mann in der Schrpe, selbst ohne Gewehr, war beschftigt, die
Unbehilflichen aufzustellen. Dagegen war der Trupp mit Gewehren, konomen, Jger
und einige junge Herren, den Anrckenden khn entgegenmarschiert und hatte Front
gegen sie gemacht. Vor der bewaffneten Schar stutzten die Brgerschtzen und
drngten an den Ausgang der Gasse zurck, der Frster stand allein mitten
zwischen den feindlichen Parteien. In dieser Verlegenheit fing der Trommler
wieder an aus Leibeskrften zu trommeln, die Polen hielten ihre Gewehre an die
Backen, der Frster kommandierte ebenfalls: Legt an! und beide Haufen blieben
im Anschlage voreinander stehen, jeder auf Augenblicke zurckgehalten durch die
Scheu vor den furchtbaren Folgen, welche das erste Kommando haben wrde. Da
drang der Schlosser mit seinen Begleitern vor, die Gewehre wurden blitzschnell
den Mnnern, welche danach griffen, in die Hand gegeben, Anton und der tapfere
Schlosser sprangen in die erste Reihe der Brgerschtzen. Ein blutiger Kampf auf
dem Pflaster schien unvermeidlich.
    In diesem Augenblick erscholl aus dem Fenster der Weinstube die Stimme des
Hauptmanns laut ber den Marktplatz: Mitbrger, wir haben sie. Hier ist der
Gefangene. Er ist der Herr von Tarow selber! Alles setzte die Gewehre ab und
hrte nach der Stimme. Der Hauptmann hielt den Kopf des Gefangenen zum Fenster
hinaus, der, in sein Schicksal ergeben, keinen Versuch machte, sich aus der
unbequemen Lage zu befreien. Und jetzt hrt auf meine Worte. Alle Fenster
dieses Hauses sind besetzt, alle Straen sind besetzt, wie dort auf dieser Seite
zu sehn; sobald ich einen Finger hebe, werdet ihr Leute alle in Grund und Boden
geschossen.
    Hurra, Hauptmann, rief eine Stimme gerade gegenber von den mittlern
Husern des Marktes, und der Kaufmann, welcher dort wohnte, steckte seine
Entenflinte zum Fenster des ersten Stocks heraus, neben ihm der Apotheker und
der Postmeister, die Pchter der stdtischen Jagd.
    Guten Morgen, meine Herren, rief der Fleischer erfreut hinber, denn eine
khne Sicherheit war auf ihn gekommen. Ihr seht, Leute, fuhr er fort, da
jeder Widerstand nutzlos ist, werft eure Sensen weg, oder ihr seid smtlich
Kinder des Todes. Eine Anzahl Sensen klirrte auf das Pflaster.
    Und Ihr, Ihr Herren Jger, fuhr der Hauptmann fort, Ihr sollt freien
Abzug haben, wenn ihr eure Gewehre abgebt, denn wenn nur einer von euch noch ein
Gesicht schneidet, so soll dieses Mannes Blut ber euer Haupt kommen. Dabei
ergriff er den Kopf des Tarowski, hielt ihn wieder zum Fenster hinaus und zog
ein groes Schlachtmesser aus seiner Uniform. Er warf die Scheide auf die Strae
und schwenkte das Messer so frchterlich um das Haupt des Gefangenen, da der
brave Fleischer in diesem Augenblick wahrhaft grlich und wie ein Kannibale
aussah.
    Da rief der Frster begeistert: Hurra, wir haben sie, vorwrts, marsch!
Der Trommler fing an zu trommeln, und im Sturm drangen die Deutschen vor. Auch
die Schtzen warfen sich aus dem Hause hervor auf die Treppe und die Strae. Der
Haufe der polnischen Flintentrger geriet in Unordnung, einige der Beherzten
schossen ihre Gewehre ab, auch aus den Reihen der Angreifer fielen einzelne
Schsse. Die brigen Sensen fielen zusammen und die Sensenmnner zerstreuten
sich zuerst in wilder Flucht, gleich darauf flohen die mit den Gewehren. Die
Deutschen strmten ihnen nach, noch einige Schsse wurden abgefeuert, die
Flchtigen wurden rund um den Markt gejagt, einzelne versteckten sich in den
Husern, andere liefen zum Stadttor hinaus. Der Trommler schritt um den ganzen
Marktplatz und schlug Alarm. Von allen Seiten kamen jetzt bewaffnete Brger
herzugerannt, auch die sumigen Schtzen erschienen einer nach dem andern. Der
Hauptmann bergab seinen Gefangenen einigen handfesten Leuten und rief, die
Glckwnsche seiner Freunde mit der Hand abwehrend: Der Dienst vor allem, meine
Herren! Das wenigste ist, da wir die Tore schlieen und besetzen. Wo ist der
Kapitn unserer Bundesgenossen?
    Anton trat hinzu. Herr Kamerad, sagte der wackere Fleischer staunend, ich
denke, wir sammeln unsere Leute, wir halten eine Musterung und teilen die Wachen
ein.
    Die einzelnen Korps stellten sich auf dem Markte auf, zuerst die Schtzen,
daneben unter Anfhrung des Frsters die Landleute, auf der andern Seite eine
Schar Freiwilliger, die sich fortwhrend vergrerte. Es war eine lange Reihe,
und mit Stolz sahen die von Rosmin, wie stark sie waren. Der Hauptmann lie
schwenken und in Zgen vorbeimarschieren. Darauf wurde der Wachdienst
eingeteilt, die Tore besetzt und Ehrenwachen vor die mter gestellt, halb
Brger, halb Landleute. Die heruntergerissenen Wappen wurden gesubert, eifrige
Frauenhnde trugen aus den Grten der Stadt die ersten Blumen zusammen und
schmckten die Wappenbilder mit Krnzen und Gewinden. In feierlichem Zuge wurden
sie an das Steueramt und die Post getragen, die ganze Mannschaft marschierte
auf, prsentierte das Gewehr, und der Hauptmann brachte eine Anzahl
patriotischer Hochs aus, welche von vielen hundert Kehlen nachgerufen wurden.
Anton stand zur Seite, und als er die Frhlingsblumen auf dem Wappen sah, fiel
ihm aufs Herz, wie er heut morgen gezweifelt hatte, ob er in diesem Jahre welche
erblicken werde. Jetzt glnzten ihre Farben so lustig auf dem Schildzeichen
seines Vaterlandes. Aber was hatte er seit dem Morgen erlebt?
    Aus seinem Sinnen wurde er durch den Hauptmann geweckt, der ihn auf das
Rathaus in den Ausschu einlud, welcher sich fr die Sicherheit der Stadt
gebildet hatte. So sah er sich auf einmal in der Ratsstube vor dem grnen Tisch
mitten unter fremden Mnnern, als einer der Ihrigen. Bald hatte er eine Feder in
der Hand und schrieb einen Bericht ber die Ereignisse des Tages an die Behrde.
Der Ausschu entwickelte groe Ttigkeit, Boten wurden an das nchste
Militrkommando abgesandt, die Huser Verdchtiger wurden nach Flchtlingen
durchsucht, fr die Landleute, welche sich bereit erklrt hatten, bis zum Abend
in der Stadt zu bleiben, wurde durch freiwillige Beitrge der Brger Speise und
Trank besorgt, Patrouillen wurden nach allen Richtungen ausgeschickt, einzelne
Gefangene verhrt, und die Nachrichten, welche jetzt aus der Nachbarschaft
einliefen, gesammelt. Von allen Seiten kamen Meldungen. Aus mehreren Drfern
waren polnische Banden auf dem Wege zur Stadt, in dem Nachbarkreise war in
hnlicher Weise ein Aufstand versucht worden, und dort war er geglckt, die
Stadt war in den Hnden der polnischen Jugend, die Flchtlinge erzhlten von
Plnderung, von Fanalen, welche durch das ganze Land brannten, von einem
allgemeinen Aufstande der Polen und von dem Gemetzel, das sie unter den
Deutschen anfangen wollten. Die Gesichter der von Rosmin wurden lnger, die
Siegesfreude, welche durch einige Stunden in dem Rathaussaal geherrscht hatte,
wich der Sorge um eine gefahrvolle Zukunft. Einige sprachen davon, da die Stadt
sich mit dem gefangenen Herrn von Tarow verstndigen msse, weil man der Brger
selbst nicht sicher sei, viele polnisch Gesinnte sen innerhalb der Mauern,
auch feindliche Gewehre wren noch versteckt. Doch wurden die Furchtsamen durch
den kriegerischen Mut der Majoritt berstimmt. Es ward beschlossen, die Nacht
ber in Waffen zu bleiben und die Stadt gegen fremde Banden zu halten, bis
Militr hereinkomme.
    So kam der Abend heran. Da verlie Anton, beunruhigt durch die zahlreichen
Gerchte von Plnderungen auf dem offenen Lande, den Sitzungssaal des Rathauses
und schickte den Schulz aus, um die Deutschen aus ihrer Gegend zum
gemeinschaftlichen Abmarsch zu sammeln. Zwischen dem Schtzenhauptmann und dem
Schlosser schritt er unter dem Gerassel der Trommel und einem dreimaligen Hoch
der Brgerschtzen mit seinen Leuten durch das Tor bis zu den letzten Husern
der Vorstadt. Dort an der hlzernen Brcke, welche ber den Bach fhrt, nahmen
die Stdter und die vom Lande brderlich Abschied.
    Ihr Wagen ist der letzte, der heut hinber soll, sagte der Schlosser, wir
brechen hinter Ihnen die Bohlen von der Brcke und stellen einen Posten
daneben. Und der Hauptmann zog seinen Hut und sagte: Im Namen der Stadt und
einer lblichen Brgerschtzenkompagnie bedanke ich mich fr die freundliche
Hilfe bei euch allen. Wenn eine schwere Zeit kommt, wie wir alle frchten, so
wollen wir Deutsche immer zusammenhalten.
    Das Wort soll gelten, rief der Schulz, und die Landleute riefen es nach.
    So zogen die Landleute hinaus auf die dunkle Ebene. Anton lie seinen Wagen
langsam nachfahren und ging mit dem Haufen zu Fu. Der Frster zog einige junge
Burschen, welche die erbeuteten Gewehre trugen, aus dem Trupp und formierte sie
zu einer Avantgarde. Der Schmied von Kunau, der jeden Mann aus dem Kreise
kannte, stellte das vor, was der Frster die Spitze nannte. Alle Gebsche und
unsichere Stellen wurden sorgsam abgesucht, einzelne Leute, die ihnen
aufstieen, wurden angehalten und ausgefragt. Sie hrten vieles Gefhrliche,
fanden aber ihren Weg durch keinen Haufen verlegt. So schritten die Mnner im
ernsten Gesprch vorwrts. Alle fhlten sich gehoben durch ihr Tun an diesem
Tage, aber keiner verbarg sich, da dies erst der Anfang sei, und da noch
Schweres nachfolgen werde. Wie sollen wir vom Lande die Zeit ertragen? sagte
der Schulz, die in der Stadt haben ihre Mauern und wohnen dicht aneinander, wir
aber sind der Rachgier jedes Bsewichtes ausgesetzt, und wenn ein halbes Dutzend
Landstreicher mit Flinten in das Dorf kommt, so sind wir geliefert.
    Es ist wahr, sagte Anton, vor den groen Scharen knnen wir uns nicht
hten, und der einzelne mu in solcher Zeit ertragen, was der Krieg ihm
auferlegt, aber die groen Haufen, welche unter dem Kommando von festen
Befehlshabern stehen, sind fr uns auch nicht das schlimmste. Das rgste sind
die Banden von schlechtem Gesindel, die sich zusammenrotten, die Brandstifter
und Plnderer, und gegen solche mssen wir uns von heut ab zu verteidigen
suchen. Haltet euch morgen zu Hause, ihr von Neudorf und Kunau, und beschickt
mit euren Boten die andern Deutschen in der Nhe, welche zu uns halten. Morgen
bei guter Zeit komme ich zu euch hinber, dort lat uns beraten, ob wir etwas
tun knnen fr unsre Sicherheit.
    So kamen die Mnner an den Kreuzweg, wo der Weg nach dem Schlosse abgeht
durch den herrschaftlichen Wald. Anton stand mit dem Schulzen und dem Schmied
noch eine Weile in Beratung zusammen, dann grten sich die drei wie alte
Freunde, und jeder Haufen eilte nach seinem Dorfe.
    Anton bestieg seinen Wagen und nahm den Frster mit sich, damit dieser zur
Nacht das Schlo bewachen helfe. Mitten im Walde wurden sie durch ein lautes
Halt! Wer da? angerufen.
    Karl! rief Anton erfreut. Hurra, hurra, er lebt! rief Karl auer sich
vor Freude und sprengte an den Wagen. Sind Sie auch unverwundet? - Ich bin
es, erwiderte Anton; wie steht's auf dem Schlosse?
    Jetzt begann ein schnelles Erzhlen. Da ich nicht dabei war! rief Karl
einmal ber das andere.
    Als sie beim Schlo vorfuhren, flog eine helle Gestalt auf den Wagen zu.
Frulein Lenore! rief Anton herunterspringend.
    Lieber Wohlfart! rief Lenore und fate seine beiden Hnde. Sie legte sich
einen Augenblick auf seine Schulter, und die Trnen strzten ihr aus den Augen.
Anton hielt ihre Hand fest und sagte, indem er ihr mit zrtlicher Teilnahme in
die Augen sah: Es kommt eine schreckliche Zeit, ich habe den ganzen Tag an Sie
gedacht.
    Da wir Sie wiederhaben, sagte Lenore, will ich alles ruhig anhren,
kommen Sie schnell zum Vater, er vergeht vor Ungeduld. Sie zog ihn die Treppe
hinauf.
    Der Freiherr ffnete die Tr und rief Anton auf dem Gang entgegen: Was
bringen Sie?
    Krieg, Herr Freiherr, antwortete Anton ernst, den hlichsten aller
Kmpfe habe ich gesehen, blutigen Krieg zwischen Nachbar und Nachbar. Das Land
ist im Aufstand.

                                  Fnftes Buch



                                       1

Die Gter des Freiherrn lagen in einer Ecke des Rosminer Kreises. Nrdlich
hinter dem Walde das deutsche Bauerndorf Neudorf, und weiter ab im Osten Kunau.
Durch einen breiten Strich Sand und Heideland waren diese Orte von polnischen
Gtern getrennt, unter denen die des Herrn von Tarowski die nchsten waren. Im
Westen und Sden des Gutes grenzten Kreise mit gemischter Bevlkerung, die
Deutschen waren dort stark, reiche Grundherren und groe Bauerndrfer saen
unter den Slawen. Im Norden hinter Neudorf und Kunau war ein polnischer Strich,
viele kleine Rittergter, zum Teil tief verschuldet, mit heruntergekommenen
Familien.
    Von dort droht uns die grte Gefahr, sagte der Freiherr am Morgen nach
dem Markttage zu Anton. Die Bauerndrfer sind unsre natrlichen Feldwachen.
Wenn Sie die Dorfleute dazu bringen, einen regelmigen Wachtdienst
einzurichten, so mten ihre Wachen die Kreisgrenze im Norden besetzen, wir
wrden dann versuchen, eine regelmige Kommunikation mit ihnen zu unterhalten.
Vergessen Sie die Fanale und Alarmhuser nicht. Da Sie mit den Bauern schon so
kameradschaftlich verkehrt haben, so werden Sie das am besten besorgen. Mir
lassen Sie anspannen. Ich will in den nchsten Kreis fahren und versuchen, uns
mit den Gutsbesitzern dort in ebensolche Verbindung zu setzen. Den jungen Sturm
nehme ich mit.
    So ritt Anton nach Neudorf. Dorthin waren in der Nacht neue
Unglcksbotschaften gekommen. Einige deutsche Drfer waren von bewaffneten
Banden besetzt, die Huser nach Waffen durchsucht, junge Leute mitgeschleppt
worden. Niemand arbeitete auf dem Felde, die Mnner saen in der Schenke oder
standen vor dem Hause des Schulzen, ratlos, jede Stunde einen berfall
erwartend. Antons Pferd wurde sogleich von einem dichten Haufen umdrngt; als
der Schulze die Mnner in die Gemeindestube rufen lie, war nach wenig
Augenblicken die Gemeinde vollzhlig versammelt. Anton setzte ihr auseinander,
was geschehen knne, ihr Dorf vor dem Schrecken eines pltzlichen berfalls zu
schtzen; Einrichtung einer Bauernwehr, regelmige Wachen an den Dorfwegen
lngs der Grenze, Lrmstangen, Patrouillen, ein Alarmhaus im Dorfe und
Vorsichtsmaregeln hnlicher Natur, wie der Freiherr sie ihm angegeben hatte.
Ihr werdet dadurch, fuhr er fort, unsre, der Nachbarn, Hilfe in kurzer Zeit
herbeirufen, ihr werdet imstande sein, euch gegen einen schwchern Feind
gemeinschaftlich zu verteidigen, gegen einen strkern schnell die Hilfe des
Militrs herbeizurufen. Ihr werdet eure Weiber und Kinder, was euch von eurem
Hausrat am liebsten ist, vielleicht auch euer Vieh vor Plnderung und
Mihandlung retten. Es wird keine kleine Beschwerde fr euch sein, die Wachen
bei Tag und Nacht zu stellen, aber euer Dorf ist gro. Vielleicht wird diese
Einrichtung in kurzer Zeit durch die Behrden befohlen, es ist sichrer fr uns
alle, wenn wir nicht darauf warten. Wir knnen schon in den nchsten Tagen
wehrhaft sein.
    Seine eindringlichen Vorstellungen und das Ansehen des verstndigen Schulzen
brachten die Gemeinde zu einem einmtigen Beschlu. Mit dem Schulzen und einigen
vom Ortsvorstande beritt er die Grenzen und bestimmte die Punkte fr Wachen und
Alarmzeichen. Unterdes entwarf der Schulmeister das Register der Bauernwehr,
verzeichnete die, welche zu Pferde, und die, welche zu Fu Dienst tun konnten,
und lie sich angeben, was von Waffen im Dorfe war. Manche erklrten sich
bereit, ein Gewehr zu kaufen. Die jungen Leute des Dorfes faten die Sache mit
Feuer an, die Hausfrauen packten vorsorglich in Kisten und Bndeln das
Wertvollste ihrer Habe zusammen. Von Neudorf fuhr Anton mit den Huptern der
Gemeinde hinber nach Kunau; auch dort fand er guten Willen, hnliche
Einrichtungen wurden verabredet und zuletzt besprochen, da die jungen Leute aus
den beiden Drfern jeden Sonntagnachmittag auf das Gut des Freiherrn ziehn
sollten, um dort in Gemeinschaft zu exerzieren.
    Als Anton nach dem Schlo zurckkehrte, wurden die Verteidigungsmittel des
Gutes erwogen. Ein kriegerisches Feuer entbrannte in der deutschen Kolonie.
Jeder wurde davon ergriffen, auch die Friedfertigsten, der Schfer und sein Hund
Krambow, welcher durch nchtlichen Vorpostendienst und Patrouillen in einen Zorn
gegen fremde Waden geriet, den er sonst an seinem jngern Gefhrten oft beknurrt
hatte. Aller Gedanken waren auf gefhrliche Werkzeuge gerichtet; was das Gut von
Mordwaffen besa, wurde hervorgesucht. Ach, die Gesinnung war vortrefflich, aber
die Schar war klein, es fehlte an diensttuender Mannschaft. Dagegen war der Stab
ausgezeichnet. Da war zuerst der Freiherr selbst, zwar Invalide, aber fr alle
Theorie schtzbar, dann Karl und der Frster, als Fhrer der Reiter und des
Fuvolks, und Anton, nicht zu verachten in der Intendantur und im Festungsbau.
    Der Freiherr verlie jetzt tglich sein Zimmer, um in der Mittagsstunde
Kriegsrat zu halten, er besprach die Einbung der Bauernwehr, er hrte Berichte
ber die Bewegungen der Umgegend an und sandte Boten nach den deutschen Kreisen.
Ein Schimmer von militrischem Stolz glnzte auf seinem Gesicht, er schalt
gutmtig die Angst seiner Gemahlin, sprach ermunternde Worte zu den Deutschen,
welche ihm nahe kamen, und drohte allen belgesinnten im Dorf, sie sofort bis
auf weiteres einzustecken und auf Wasser und Brot zu setzen. Dem ganzen Hof war
es beweglich anzusehen, als der blinde Herr hoch aufgerichtet mit einer Muskete
in der Hand dastand, um dem Frster einige Griffe zu zeigen, und dann das Ohr
auf ihn zu hielt, um aus dem Anschlag der Hand zu erkennen, ob der andere ihn
recht verstanden. Auch Anton umgrtete sein Herz mit dem Panzer kriegerischen
Zornes; er heftete eine Kokarde auf die Mtze, und seine Rede erhielt einen
Anflug von militrischer Strenge; er trug seit dem Tage von Rosmin ungeheure
Wasserstiefel, und sein Tritt fiel schwer auf die Stufen der Treppe. Er selbst
wrde ber sich gelacht haben, wenn man ihn gefragt htte, zu welchem Zweck er
die Erhebung seines Gemts an den Beinen ausdrcke. Aber es frug ihn niemand,
jeder erkannte, da so etwas notwendig war. Und vollends Karl! Er zeigte sich
nicht anders, als in den berresten seiner Extra-Uniform, die er sorgfltig
aufgehoben hatte, in Mtze, Schnurrock und einem alten Soldatenmantel. Er
kruselte seinen Schnurrbart und pfiff den ganzen Tag seine Soldatenlieder. Da
von den zuchtlosen Menschen des eigenen Dorfes am meisten zu frchten war, so
rief er alle, welche gedient hatten, in der Schenke zusammen und hielt ihnen mit
Hilfe des Frsters, der als Hexenmeister in groem Ansehn stand, eine mchtige
Rede im Kalpak und Dolman, den Sbel an der Seite; er behandelte sie als
Kameraden, schlug auf den Sbel und rief: Wir vom Militr wollen hier unter den
Bauern Ordnung halten. Dann lie er einige Quart Branntwein aufsetzen und sang
mit ihnen leidenschaftliche Kriegslieder. Zuletzt teilte er neue Kokarden aus
und nahm sie als Landsknechte der Gutswehr in Pflicht. So befestigte er die
rhrigsten Leute wenigstens fr einige Zeit und erfuhr durch sie, was von
Verschwrungsgedanken in der Schenke zutage kam.
    Als am Tage darauf die Streitkraft des Guts vor dem Schlosse gemustert
wurde, sahen die Mnner erstaunt einander an. Sie waren alle durch die letzten
Tage umgewandelt. Der Herr Rentmeister sah aus wie ein wilder Mann, der aus
einem fremden Sumpflande heranzieht, wo er tagtglich bis an die Hften im
Wasser sitzt und hchstens mit dem Oberleibe auf Raub ausgeht. Und die vom neuen
Vorwerk kamen angezogen wie Geister aus einer untergegangenen Zeit. Der Frster
mit seinem kurzgeschorenen Haar und dem langen Bart, in einem ausgewetterten
Rock, mit dem finstern Gesicht voll Runzeln und seinen buschigen Augenbrauen,
glich einem alten Sldling aus Wallensteins Heer, der zweihundert Jahr im tiefen
Walde geschlafen hat und jetzt wieder in die Welt schreitet, weil Unheil und
Greuel mchtig werden. Und wenn verzweifelte Gedanken und trotziger Ha gegen
den Feind zu einem Wallensteiner machen konnten, so war er auch, was er schien.
Wie ein frommer Hussit marschierte der Schfer neben ihm. Die breite Krempe des
runden Hutes hing ihm bis auf den Rcken herunter, ein breiter Ledergurt
umschlang seinen Leib, in der Hand hielt er einen Hakenstock, an den er eine
glnzende Eisenspitze geheftet hatte. Sein phlegmatisches Gesicht und der
sinnende Ausdruck seiner Augen machten ihn dem Waldmann so unhnlich als
mglich.
    Alles in allem war die bewaffnete Mannschaft des Gutes nicht strker als
zwanzig Mann. Bei dieser kleinen Zahl brauchbarer Leute war es schwer, einen
Wachtdienst im Schlo und dem Dorfe einzurichten. Jedem einzelnen muten die
grten Anstrengungen zugemutet werden, indes niemand klagte darber, alle, auch
die Gedienten aus dem Dorfe, waren zu jeder Art von kriegerischem Werk bereit.
Nachdem die Mnner zusammengebracht waren, dachte man an die Sicherung des
Schlosses. Um die Hinterseite des groen Gebudes vor nchtlichem Einbruch zu
schtzen, lie Anton einen Zaun aus starken Bohlen von einem Flgel bis zum
andern ziehn. So wurde ein ziemlich groer Hofraum eingeschlossen und darin an
die Mauer des Hauses ein offener Schuppen angelehnt, wo Flchtlinge oder die
Pferde der Einquartierung im Notfall auf kurze Zeit ein Obdach finden konnten.
Da der Unterstock des Hauses sich hoch ber den Boden erhob, die Fenster
desselben durch starke Holzverschlge geschtzt waren, und da alle Eingnge des
Hauses in dem neuen Hofraum lagen, so war der Zugang fr Unberufene soviel als
mglich erschwert. Der Schlobrunnen lag auerhalb dem eingezunten Hofe, mitten
zwischen dem Wirtschaftshof und dem Schlo, deshalb wurde ein groer
Wasserbottich in das Schlo gestellt und alle Morgen neu gefllt.
    Auch von Rosmin kam Nachricht. Der Schlosser erschien nach einigen Tagen auf
wiederholte Bitten, um die Tren in der Turmhalle und im Hofzaun zu beschlagen
und mit starken Riegeln zu versehen. Er brachte kriegerische Gre von dem
Brgerkapitn und die Nachricht, da ein Kommando Infanterie in die Stadt
eingerckt sei. Es sind der Soldaten nur wenige, sagte er, und auch wir
Schtzen haben schweren Dienst.
    Und was habt Ihr mit Eurem Gefangenen gemacht? frug Anton.
    Der Schlosser fuhr sich hinter das Ohr und rckte seine Mtze, als er
kleinlaut antwortete: Also, sie wissen noch nichts? Gleich in der ersten Nacht
kam eine Botschaft von den Feinden, wenn wir ihnen nicht den Edelmann auf der
Stelle wieder herausgben, wrden sie mit voller Macht anrcken und unsre
Scheuern abbrennen. Ich sprach dagegen, und unser Kapitn auch, aber wer eine
Scheuer hatte, fing an zu lamentieren, und so kam's, da sich die Stadt mit dem
von Tarow verglichen hat. Er mute sein Wort geben, da er mit seinen Leuten
nichts weiter gegen die Stadt unternehmen wollte; darauf haben wir ihn ber die
Brcke gefhrt und losgelassen.
    Er ist frei, der falsche Mann! rief Anton entrstet.
    Freilich, sagte der Schlosser, er sitzt wieder auf seinem Gut und hat
einen Haufen junger Herren um sich. Sie reiten mit ihren Kokarden ber die
Felder, gerade wie vorher. Der Tarowski ist ein schlauer Mann, der schliet
Ihnen mit einem Federbart jedes Schlo auf, er wird mit allen Leuten fertig. Dem
ist nichts anzuhaben.
    Natrlich litt die Wirtschaft unter solchen Rstungen. Zwar hielt Anton mit
Strenge darauf, da wenigstens das Notwendigste getan wurde, aber auch er
fhlte, da eine Zeit gekommen war, wo die Sorge um das eigne Wohl und Wehe
schwindet ber der Angst um das Grte, das der Mensch auf Erden besitzt. Die
Gerchte, welche jeden Tag drohender wurden, erhielten ihn und seine Umgebung in
einer fortwhrenden Aufregung und brachten zuletzt einen Zustand hervor, in dem
der Seele die fieberhafte Spannung Gewohnheit ist. Man sah mit einer wilden
Gleichgltigkeit in die Zukunft und ertrug das Unbehagen des Tages als etwas
Natrliches.
    Mehr aber, als die Mnner des Guts alle zusammen, wurde Lenore von dem
allgemeinen Fieber ergriffen. Seit jenem Tage, wo sie den abwesenden Anton
erwartet hatte, begann fr sie ein neues Leben. Die Mutter trauerte und wollte
verzweifeln ber eine solche Zeit, das junge Herz der Tochter schlug krftig dem
Sturme entgegen, und die Aufregung wurde ihr ein wilder Genu, dem sie sich
leidenschaftlich hingab. Sie war den ganzen Tag im Freien, im rauhesten Wetter
lief sie in ihren Halbstiefelchen zwischen dem Schlo und Wirtschaftshof auf und
ab, als Adjutant des Vaters oder als Parteignger auf eigene Faust. An der Tr
der Schenke wurde sie in dieser Zeit so oft gesehen, wie der rgste Schlemmer
des Dorfes, denn tglich hatte sie von dem Wirt und seiner Frau etwas zu hren.
Seit Karl den Husarenrock trug, behandelte sie ihn mit kameradschaftlicher
Vertraulichkeit, und wenn er mit dem Frster verhandelte, so beugte auch
Lenorens Haupt sich zur vertraulichen Beratung. Manche Stunde saen die drei im
Kriegsrat zusammen, in Karls Stube, oder auf dem Hofe; mit Achtung hrten die
Mnner auf den mutigen Rat des Fruleins und verfehlten nicht, ihre Ansicht zu
erbitten, ob es ratsam sei, dem Ignaz, Gottlieb oder Blasius aus dem Dorfe ein
Gewehr anzuvertrauen. Vergebens bat und schalt die Baronin die kriegslustige
Tochter, vergebens suchte auch Anton ihr zu wehren. Denn sosehr Anton selbst im
Eifer war, sowenig gefiel ihm dieselbe Stimmung am Frulein. Wieder erschien sie
ihm zu dreist und heftig, und er deutete ihr das an; dann schmollte sie ein
wenig und suchte ihr kriegerisches Interesse vor ihm zu verbergen, aber sie
nderte sich deshalb nicht. Sie wre so gern mit ihm nach Neudorf und Kunau
gegangen, um auch bei den Nachbarn Krieg zu spielen, aber Anton, sonst ber ihre
Begleitung so glcklich, protestierte jetzt eifrig dagegen, und das Frulein
mute auf seine Bitten am Ende des Dorfes umkehren.
    An dem Tage, wo die erste bung der Gutswehr sein sollte, kam Lenore mit
einer Mtze und einem leichten Sbel aus dem Schlosse, zog ihren Pony aus dem
Stall und sagte zu Anton: Ich reite mit.
    Tun sie das nicht, Frulein.
    Ich will aber, entgegnete Lenore trotzig, es fehlt Ihnen an Leuten, ich
kann so gut Dienst tun, wie ein Mann.
    Aber, liebes Frulein, bat Anton weiter, es ist so auffallend.
    Es ist mir gleichgltig, ob es jemandem auffllt, sagte Lenore. Ich bin
stark, ich halte etwas aus, ich will nicht mde werden.
    Aber vor den Knechten, stellte Anton vor; Sie vergeben sich etwas auch
vor den Leuten.
    Das ist meine Sorge, erwiderte Lenore hartnckig, widersprechen Sie
nicht, ich will es, und damit gut.
    Anton zuckte die Achseln und mute sich's gefallen lassen. Lenore ritt neben
Karl und machte die kriegerischen Bewegungen mit, soviel der Damensattel das
erlaubte, aber Anton sah aus der Reihe des Fuvolks unzufrieden nach der hellen
Gestalt hinber. Sie hatte ihm nie so wenig gefallen. Wenn sie wild mit den
andern vorsprengte, ihr Pferd herumri und mit dem Sbel in die Luft schlug,
wenn ihr helles Haar sich im Winde lste und ihr Auge vor Kampflust strahlte, so
war sie hinreiend schn. Aber was Anton beim leichten Spiel entzckt hatte, das
kam ihm jetzt, wo diese bungen bitterer Ernst waren, sehr unweiblich vor; er
mute an eine Kunstreiterin denken. Einst hatte gerade diese hnlichkeit sein
ganzes Herz gefangengenommen, heut erkltete sie ihm die Seele. Und als die
bung vorber war, und Lenore mit heien Wangen in seiner Nhe hielt, damit er
sie anrede, da schwieg er, und Lenore selbst mute an ihn heranreiten und ihn
lachend fragen: Sie sehen so mrrisch aus, mein Herr, wissen Sie, da Ihnen das
gar nicht gut steht?
    Es gefllt mir nicht, da Sie so wild sind, erwiderte Anton. Lenore wandte
sich schweigend ab, bergab das Pferd einem Knecht und ging rgerlich nach dem
Schlo zurck.
    Seit der Zeit verzichtete sie auf die Teilnahme an den bungen, aber sie
fehlte niemals, wenn die bewaffnete Macht sich versammelte; dann sah sie
sehnschtig von weitem zu. Und wenn Anton nicht zugegen war, suchte sie doch
heimlich mit Karl auf die Nachbardrfer zu reiten, aber sie revidierte wohl auch
auf ihren Spaziergngen aus eigener Begeisterung die Fanale, sie strich allein
durch Feld und Wald, mit einem Taschenterzerol bewaffnet, und war glcklich,
wenn sie einen Wanderer anhalten und ausfragen konnte.
    Auch darber machte ihr Anton Vorstellungen. Die Gegend ist unsicher,
sagte er; wie leicht, da Ihnen ein Strauchdieb etwas zuleide tut. Und ist's
kein Fremder, so sind's vielleicht gar Leute aus dem Dorfe.
    Ich frchte mich nicht, sagte dann Lenore, und die Mnner aus unserm
Dorfe tun mir nichts. Und in der Tat wute sie mit diesen besser fertig zu
werden, als Anton und irgendein anderer. Sie allein wurde von jedem, auch von
den Rohesten, ehrerbietig in polnischer Weise gegrt; sooft ihre hohe Gestalt
durch die Dorfgasse schritt, neigten sich die Mnner herab bis an ihr Knie, und
die Weiber liefen an die Fenster und sahen ihr bewundernd nach.
    Und sie erlebte die Freude, da die Leute selbst ihr in Antons Gegenwart das
sagten. An einem Sonntagabend saen Karl, der Frster und der Schfer als
Wachtposten im Wirtschaftshofe, whrend die Bauern in der Schenke tranken; denn
der Sonntag war fr die im Schlosse am gefhrlichsten. Karl hatte im
Amtmannshaus eine Stube fr militrische Zwecke eingerichtet, einige Bund Stroh
zum Schlafen, einen Tisch, Bnke und Sthle hineingesetzt. Heute trug Lenore mit
eigener Hand eine Flasche Rum und Zitronen aus dem Schlo zu den Wchtern
hinber und gab dem Amtmann den Rat, daraus einen Kriegspunsch zu kochen. Der
Schfer und der Waldmensch zogen beglckt ber diese Aufmerksamkeit den Mund von
einem Ohr zum andern, Karl sprang herbei, setzte dem Frulein einen Stuhl
zurecht, der Frster begann sogleich eine schreckliche Geschichte von einer
Ruberbande aus dem Nachbarkreis, und so machte sich's von selbst, da Lenore
sich auf einige Minuten niedersetzte und ihre Ansichten ber den Lauf der Welt
mit den Getreuen austauschte. Da trat, gerade als der Punsch fertig war und von
dem Frulein selbst in zwei Glser und einen Topf gegossen wurde, auch Anton
herein. Er kam ihr ungelegen, das war wieder nichts fr ihn. Indes, er schalt
nicht, sondern wandte sich zur Tr und winkte einen Fremden aus dem Hausflur
herein. Ein schlanker Bauernbursch in blauem Rock mit hellen Wollschnren, eine
Soldatenmtze in der Hand, die weiten Leinwandhosen in die Stiefel gesteckt,
trat stolz in das Zimmer. Da fiel sein Auge auf das Frulein. Wie der Blitz fuhr
er zu ihren Fen, kte ihr das Knie, und blieb dann mit gesenktem Haupt, die
Mtze in der Hand, die Augen auf den Boden geheftet, vor ihr stehen. Karl trat
zu ihm. Nun, Blasius, was Neues aus der Schenke?
    Oh, nichts, erwiderte der Bursche in dem melodischen Tonfall, mit dem der
Pole sein gebrochenes Deutsch spricht, Bauer sitzt und trinkt und ist lustig.
    Sind Fremde hier, ist jemand von Tarow gekommen?
    Nichts, sagte Blasius. Niemand ist da, als dem Wirt seine Muhme ist
gekommen, das Judenmdel, die Rebekka. Dabei sah er unverrckt Lenore an, als
die Herrin, der er seine Meldung zu machen habe. Lenore trat zum Tisch, go ein
Glas voll und reichte es dem Burschen. Glckselig nahm der schmucke Junge das
Glas, wandte sich zur Seite, trank ohne abzusetzen aus, setzte das leere wieder
auf den Tisch und neigte sich wieder auf Lenorens Knie, alles mit einem Anstand,
um den ihn ein Prinz htte beneiden knnen. Sie drfen keine Furcht haben,
redete er in pltzlicher Begeisterung das Frulein an, keiner im Dorfe tut
Ihnen was, wer sich gegen Sie wagt, den schlagen wir tot.
    Lenore errtete und sagte, auf Anton sehend: Du weit, ich frchte mich
nicht, am wenigsten vor euch, und der Amtmann verabschiedete den Kundschafter
mit dem Auftrag, in einigen Stunden wiederzukommen.
    Beim Herausgehen sagte Lenore zu Anton: Wie gut seine Haltung ist.
    Er war bei der Garde, erwiderte Anton, und ist nicht der Schlechteste im
Dorfe, aber ich bitte Sie doch, sich nicht zu sehr auf die Ritterlichkeit des
ehrlichen Blasius und seiner Freunde zu verlassen. Ich habe heut wieder den
ganzen Nachmittag Sorge um Ihr Ausbleiben gehabt und habe Ihnen gegen Abend Ihr
Mdchen auf den Weg nach Rosmin entgegengeschickt. Denn ein erschrockener
Handwerksbursche kam auf das Schlo gelaufen und erzhlte, er sei auf dem Wege
von einer bewaffneten Frau angehalten worden und habe ihr sein Wanderbuch
vorzeigen mssen. Nach seiner Erzhlung hatte diese Frau einen ungeheuern Hund
so gro wie eine Kuh hinter sich; er klagte, sie htte schrecklich ausgesehen.
Der Mann war ganz auer sich.
    Es war ein Hase, sagte Lenore verchtlich. Als er mich mit dem Pony sah,
lief er davon wie von bsem Gewissen gejagt. Da rief ich ihm nach und drohte ihm
mit meinem Taschenpuffer.
    Unter solchen Vorbereitungen erwarteten die vom Gut tglich den Ausbruch der
Emprung auch auf ihrer Waldinsel. Unterdes verbreitete sich die Glut des
Aufstandes wie ein Waldbrand ber die ganze Provinz. Wo die Polen dicht
aneinander saen, schlug die helle Flamme zum Himmel, an den Rndern flackerte
das Feuer bald hier, bald da, wie der Brand im grnen Holze. An mancher Stelle
wurde gelscht, eine Zeitlang blieb alles still, dann loderte die Flamme
pltzlich wieder auf.
    An einem Sonntagnachmittag war groe bung der verbndeten Drfer. Mit ihren
Fahnen kamen die von Neudorf und Kunau herangezogen, das Fuvolk voran, die
Burschen zu Pferde hinterher, vom Schlohofe ritt die kleine Reihe der Knechte,
von Karl gefhrt, ihnen entgegen, auerdem einige Mann zu Fu, denen der Frster
als Generalissimus der drei Heerscharen voranmarschierte. Auch Anton hatte sich
unter das Kommando des Frsters gestellt. Als Lenore ihn aus dem Hause treten
sah, befahl sie, den Pony zu satteln.
    Ich will zusehen, sagte sie zu Anton.
    Aber nur zusehen, gndiges Frulein, bat dieser.
    Schulmeistern Sie nicht, rief ihm Lenore nach.
    Am Rande des Waldes war der Exerzierplatz. Der Frster hatte sich aus alten
Erinnerungen und nach mehrfachen Beratungen mit dem Freiherrn ein Kommando
gebildet, welches ungefhr ausreichte, die Leute zu dem zu bringen, was er
wollte, und Karl fhrte seine Eskadron mit einem Feuer, welches die Mngel in
der Fhrung und in den Leistungen ersetzen mute. An der Seite war ein Kugelfang
aufgeworfen, und Karl hatte mit dem Rest seiner lfarbe eine Scheibe gemalt, auf
welcher ein Drache mit drei Schwnzen und sechs Beinen zwar rotes Feuer spie,
aber wenn man von dieser Familienunart absah, wieder durch die Gutmtigkeit
vershnte, mit der er sein groes Herz den Schtzen darbot. Es wurde eine
Zeitlang marschiert, geschwenkt, abgebrochen und zuletzt geladen. Lustig
knallten die blinden Schsse in den Wald. Lenore sah den bungen von weitem zu,
endlich konnte sie der Lust nicht widerstehen, die Schwenkungen der Reiter
mitzumachen; sie trabte an die Zge heran und sagte leise zu Karl: Nur ein paar
Augenblicke.
    Wenn's aber Herr Wohlfart sieht? frug Karl ebenso.
    Er wird's nicht sehen, erwiderte Lenore lachend. So stellte sie sich mit
dem kleinen Pferd in die Reihe. Die Burschen sahen neugierig auf die schlanke
Gestalt, welche neben ihnen trabte und als Vedette vorritt, wie sie. Bei der
Bewunderung, mit welcher sie nach dem Frulein schauten, exerzierten sie
schlecht, und Karl hatte viel zu tadeln. Das Frulein macht's am besten! rief
in der Pause einer der Neudorfer, die Bewunderer schwenkten die Hte und
brachten ihr ein Hoch aus. Lenore verneigte sich und zwang den Pony zu einigen
anmutigen Beinbewegungen. Aber die Freude dauerte nicht lange, denn Anton kam
ber das Feld herber und trat neben das Frulein. Es ist wirklich nicht gut,
sagte er leise, im Ernst erzrnt ber ihre kriegerische Ttigkeit, Sie setzen
sich einer dreisten Bemerkung aus, die gewi nicht bse gemeint ist, die Sie
aber doch verletzen wrde. Hier ist kein Ort fr Ihre Reitkunst.
    Sie gnnen mir auch keine Freude, erwiderte Lenore aufgebracht und warf
den Pony zur Seite.
    So tummelte sie ihr Pferd allein, lie es in der Nhe eines groen Birnbaums
Volten machen und grollte in der Stille mit Anton. Wie unzart, da er mir das
sagt, dachte sie, der Vater hat recht, er ist sehr prosaisch. Damals, als ich
ihn zuerst sah, war es auch auf dem Pony, da gefiel ich ihm besser, damals waren
wir beide Kinder, aber sein Wesen war rcksichtsvoller. Der Gedanke scho ihr
durch die Seele, wie glnzend, schn und leicht das Leben frher gewesen war und
wie herb die Gegenwart. Und whrend sie darber trumte, lie sie das Pferd eine
Achte nach der anderen machen.
    Nicht bel - aber mehr Faust, Frulein Lenore, rief eine sonore
Mnnerstimme neben ihr. Erschrocken sah Lenore zur Seite. An dem Baume lehnte
die schlanke Gestalt eines fremden Mannes, die Arme bereinandergeschlagen, auf
dem edel geformten Gesicht ein spttisches Lcheln. Der Fremde schritt langsam
auf sie zu und griff an seinen Hut. Es wird dem alten Herrn sauer, sagte er,
auf das Pferd weisend. Hoffe, Sie kennen mich noch.
    Lenore sah ihm starr ins Gesicht, wie einer Erscheinung, und glitt endlich
in ihrer Verwirrung vom Pferde herunter. Ein Bild aus alter Zeit trat ihr
leibhaftig entgegen, das khle Lcheln, die elegante Gestalt, die nachlssige
Sicherheit dieses Mannes gehrten auch zu der Vergangenheit, an die sie eben
gedacht hatte. Herr von Fink, rief sie verlegen, wie wird sich Wohlfart
freuen, Sie zu sehen.
    Und ich, erwiderte Fink, habe ihn schon aus der Ferne betrachtet, und
wenn ich nicht aus gewissen untrglichen Kennzeichen - hier sah er wieder auf
Lenore - erkannt htte, da er es ist, der dort als geharnischter Mann durch
den Sand watet, ich htte es nicht fr mglich gehalten.
    Kommen Sie schnell zu ihm, rief Lenore, Ihre Ankunft ist die grte
Freude, die ihm werden konnte.
    So schritt Fink neben ihr zu dem Schieplatz, wo jetzt die Mnner sich
anschickten, auf den Drachen zu zielen. Fink trat hinter Anton und legte die
Hand auf seine Schulter. Guten Tag, Anton, sagte er.
    Anton drehte sich erstaunt um und warf sich an den Hals des Freundes.
Heftige Fragen und kurze Antworten flogen durcheinander. Wo kommst du her, du
lieber Wiedergefundener? rief Anton endlich.
    Ziemlich auf geradem Wege von drben, erwiderte Fink, in die Ferne
weisend; ich bin erst seit wenigen Wochen wieder im Lande. Der letzte Brief,
den ich von dir erhielt, war aus dem vorigen Herbst. Durch ihn wute ich
ungefhr, wo ich dich zu suchen hatte. Bei der Konfusion, die unter euch
herrscht, halte ich es fr eine merkwrdiges Glck, da ich dich gefunden. Da
ist auch Meister Karl, rief er, als Karl mit lautem Freudenruf heransprengte.
Jetzt ist die halbe Firma versammelt, und wir knnen auf der Stelle anfangen,
Comtoir zu spielen. Ihr freilich macht euch hier ein anderes Vergngen. Er
wandte sich zu Lenoren und fuhr fort: Ich habe mich dem Freiherrn vorgestellt
und von der gndigen Frau erfahren, da ich die kriegerische Jugend im Freien
finden wrde. Jetzt mchte ich noch Ihre Frsprache fr mich erflehen. Ich kenne
hier diesen Mann ein wenig und wrde gern einige Tage in seiner Nhe zubringen;
ich fhle lebhaft, wie unbescheiden es ist, in solcher Zeit selbst von Ihrem
gastfreien Hause die Aufnahme eines Fremden zu erbitten. Tun Sie um
seinetwillen, der doch im ganzen ein guter Junge ist, ein briges, und gnnen
Sie mir die Freude, hierbleiben zu drfen, bis ich ber die Fasson der
unerhrten Jagdstiefel ins reine gekommen bin, die der Knabe ber seine Knie
gezogen hat.
    Ebenso artig erwiderte Lenore: Mein Vater wird Ihren Besuch stets fr eine
groe Freude halten, in dieser Zeit hat ein guter Freund doppelten Wert. Ich
gehe auf der Stelle, unsern Leuten zu sagen, da sie alle Stiefel von Herrn
Wohlfart in Ihrem Zimmer aufstellen, damit Sie recht lange ber ihre Fasson
nachdenken mssen. Sie verneigte sich und schritt, den Pony am Zgel fhrend,
dem Schlosse zu.
    Fink sah ihr nach und rief: Beim Zeus! sie ist eine Schnheit geworden, die
Haltung ist tadellos, sie versteht sogar zu gehn. Ich bezweifle durchaus nicht
mehr, da sie Verstand hat. Er ergriff Antons Arm und lenkte den Freund von dem
Schieplatz ab bis unter den wilden Birnbaum. Dort schttelte er ihm herzhaft
die Hand und rief: Noch einmal sei mir gegrt, du Treuer. La dir sagen, da
ich vor Erstaunen noch nicht zu mir kommen kann. Wenn mir jemand gesagt htte,
da ich dich als rot und schwarz bemalten Indianer, eine Streitaxt in der Hand
und Skalplocken an der Hosennaht, wiederfinden wrde, ich htte den Mann fr
wahnsinnig erklrt. Dich, den Ruhigen, Bedchtigen, geboren, eine Berlocke zu
tragen, dich finde ich hier auf wstem Heideland mit Mordgedanken im Busen, und,
bei meiner Seele, ohne Halsbinde. Wenn wir uns verndert haben, du hast's nicht
am wenigsten getan. Nun, du kannst dir die Vernderung gefallen lassen.
    Du weit, wie ich hierhergekommen bin, erwiderte Anton.
    Ich denke mir's, sagte Fink, ich habe die Tanzstunde nicht vergessen.
    Antons Auge umwlkte sich. Verzeih, fuhr Fink lachend fort, und halte
einem alten Freund etwas zugut.
    Du irrst, entgegnete Anton ernst, wenn du glaubst, da mich ein
leidenschaftliches Gefhl hierhergetrieben hat. Durch eine Reihe von Zufllen
bin ich mit der Familie des Freiherrn in Verbindung gekommen. Fink lchelte.
Ich gestehe dir, da sie an mir vorbergegangen wren, wenn nicht mein Gemt
sehr empfnglich fr die Eindrcke von dort gewesen wre. Doch darf ich mit
Recht sagen, da ich durch Zufall in die Lage gekommen bin, ein groes Vertraun
zu erhalten. In einer Zeit, wo der Freiherr in schwieriger Lage war, wurde ich
von seinen Angehrigen fr den Mann angesehn, der wenigstens den guten Willen
hatte, ihnen zu ntzen. Sie sprachen gegen mich den Wunsch aus, ich mchte eine
Zeitlang fr ihr Interesse ttig sein. Als ich ihren Vorschlag annahm, ist es
erst nach einem innern Kampfe geschehen, den ich selbst dir zu enthllen kein
Recht habe.
    Das alles ist recht schn, entgegnete Fink, aber wenn der Kaufmann sich
ein Feuergewehr und einen Sbel kauft, so mu er doch wissen, weshalb er diese
Ausgaben macht. Und deshalb verzeihe mir die runde Frage: Was willst du hier?
    Hierbleiben, solange ich das Gefhl habe, da ich hier ntig bin, und mir
dann einen Platz in einem Comtoir suchen, erwiderte Anton.
    Bei unserm alten Prinzipal? fragte Fink schnell.
    Oder woanders.
    Teufel! rief Fink, das sieht nicht aus, wie ein gerader Weg, und auch
nicht wie ein offenes Gestndnis; indes mu man von dir in der ersten Stunde
nicht zuviel verlangen. Ich will ehrlicher gegen dich sein. Ich habe mich dort
drben frei gemacht. Und ich danke dir fr deinen Brief und den Rat, welchen
deine Weisheit mir gegeben. Ich habe, wie du vorschlugst, die Zeitungspresse
benutzt, um meine Westlandkompagnie in die Luft zu sprengen. Natrlich flog ich
mit in die Luft. Fr einige tausend Dollar erkaufte ich ein halbes Dutzend
Federn und lie die Bltter von New York und mehrere andere unaufhrlich mit
haarstrubenden Berichten ber die Nichtswrdigkeit der Gesellschaft anfllen.
Aus jeder Tonart lie ich gegen mich und meine Leute klagen und fluchen. Die
Sache machte Aufsehn. Bruder Jonathan wurde aufmerksam, alle unsre Nebenbuhler
und Konkurrenten stieen in mein Horn. Und ich hatte das Vergngen, mich selbst
und meine Gesellschaft als blutdrstige Schwindler und Schinder tglich in einem
Dutzend Bltter portrtiert zu sehen. Alles fr mein schweres Geld. Es war eine
tolle Hetzjagd. Nach vier Wochen war die Westlandkompagnie so herunter, da kein
Hund ein Stck Brot von ihr genommen htte. Da kamen meine Mitdirektoren von
selbst zu mir und boten mir an, mich auszuzahlen und von ihrer Gesellschaft zu
befreien. Du kannst denken, wie froh ich war. brigens habe ich die Freiheit
teuer erkauft und habe, nebenbei bemerkt, dort drben das Renommee hinterlassen,
der leibhaftige Teufel zu sein. Bah! es tut nichts, bin ich doch frei! - Und
jetzt habe ich dich aufgesucht aus zwei Grnden: erstens, um dich wiederzusehen
und mit dir zu plaudern, und zweitens, um mit dir einiges von meiner Zukunft
ernsthaft zu besprechen. Und, gradeheraus gesagt, ich wnsche dich dafr zu
werben. Du hast mir gefehlt die ganze Zeit. Ich wei nicht, was ich in dir
finde, denn im Grunde bist du ein trockner Bursch, und widerspenstiger, als mir
manchmal recht ist. Aber trotz alledem empfand ich in der Fremde eine gewisse
Sehnsucht nach dir. Ich habe mich auch mit meinem Vater auseinandergesetzt, es
ist nicht ohne heie Kmpfe, und darauffolgende Klte abgegangen. Und jetzt
wiederhole ich dir den alten Antrag: komm mit mir. An die See, nach England,
ber das Wasser, je nachdem. Wir wollen uns zusammensetzen und berlegen, was
wir anfangen. Wir sind jetzt beide frei, und die Welt steht uns offen.
    Anton schlug den Arm um den Hals des Freundes. Mein lieber Fritz, rief er,
nimm an, da alles Herzliche gesagt sei, was ich bei deinem edelmtigen Antrag
fhle. Aber du siehst, ich habe vorlufig hier Verpflichtungen.
    Nach dem, was du mir soeben offiziell mitgeteilt hast, schliee ich, da
sie nicht ewig dauern werden, entgegnete Fink. Das ist wahr, aber wir stehn
doch nicht gleich. Sieh, sagte Anton, die Hand ausstreckend, so reizlos diese
Landschaft ist, und so unangenehm ein groer Teil der Menschen, welche hier
leben, so sehe ich sie doch mit andern Augen an, als du. Du bist viel mehr
Weltbrger als ich, du wirst kein groes Interesse haben an dem Leben des
Staates, von welchem diese Flche und dein Freund Teile, wenn auch kleine,
sind.
    Nein, sagte Fink, verwundert auf Anton blickend, ein groes Interesse
habe ich nicht, und was ich jetzt von der Wirtschaft hier bei euch hre und
sehe, das macht mir den Staat, als dessen Bruchteil du soviel Selbstgefhl
empfindest, durchaus nicht respektabel.
    Ich aber denke anders, unterbrach ihn Anton. Wer nicht gezwungen wird,
soll gerade jetzt nicht das Land verlassen.
    Was hre ich? rief Fink verwundert.
    Sieh, fuhr Anton fort, in einer wilden Stunde habe ich erkannt, wie sehr
mein Herz an dem Lande hngt, dessen Brger ich bin. Seit der Zeit wei ich,
weshalb ich in dieser Landschaft stehe. Um uns herum ist fr den Augenblick alle
gesetzliche Ordnung aufgelst, ich trage Waffen zur Verteidigung meines Lebens,
und wie ich hundert andere mitten in einem fremden Stamm. Welches Geschft auch
mich, den einzelnen, hierhergefhrt hat, ich stehe jetzt hier als einer von den
Eroberern, welche fr freie Arbeit und menschliche Kultur einer schwchern Rasse
die Herrschaft ber diesen Boden abgenommen haben. Wir und die Slawen, es ist
ein alter Kampf. Und mit Stolz empfinden wir, auf unserer Seite ist die Bildung,
die Arbeitslust, der Kredit. Was die polnischen Gutsbesitzer hier in der Nhe
geworden sind - und es sind viel reiche und intelligente Mnner darunter - jeder
Taler, den sie ausgeben knnen, ist ihnen direkt oder indirekt durch deutsche
Intelligenz erworben. Durch unsere Schafe sind ihre wilden Herden veredelt, wir
bauen die Maschinen, wodurch sie ihre Spiritusfsser fllen; auf deutschem
Kredit und deutschem Vertraun beruht die Geltung, welche ihre Pfandbriefe und
ihre Gter bis jetzt gehabt haben. Selbst die Gewehre, mit denen sie uns jetzt
zu tten suchen, sind in unsern Gewehrfabriken gemacht, oder durch unsere Firmen
ihnen geliefert. Nicht durch eine rnkevolle Politik, sondern auf friedlichem
Wege, durch unsere Arbeit, haben wir die wirkliche Herrschaft ber dieses Land
gewonnen. Und darum, wer als ein Mann aus dem Volk der Eroberer hier steht, der
handelt feig, wenn er jetzt seinen Posten verlt.
    Du sprichst so stolz auf fremdem Grund, erwiderte Fink, und daheim bei
euch bebt der eigne Boden.
    Wer hat diese Provinz zu Deutschland gebracht? frug Anton die Hand
ausstreckend. Die Frsten eures Geschlechts, ich leugne es nicht, sagte Fink.
    Und wer hat die groe Landschaft erobert, in der ich geboren bin? frug
Anton weiter.
    Einer, der ein Mann war.
    Ein trotziger Landwirt war's, rief Anton, er und andere seines
Geschlechts. Mit dem Schwert oder durch List, durch Vertrag oder mit berfall,
auf jede Weise haben sie den Boden an sich gezogen, in einer Zeit, wo im brigen
Deutschland fast alles tot und erbrmlich war. Als khne Mnner und gute
Wirtschafter, die sie waren, haben sie ihren Boden verwaltet. Sie haben Grben
gezogen durch das Moor, haben Menschen hingepflanzt in leeres Gebiet und haben
sich ein Geschlecht gezogen, hart, arbeitsam, begehrlich, wie sie selbst waren.
Sie haben einen Staat gebildet aus verkommenen oder zertrmmerten Stmmen, sie
haben mit groem Sinn ihr Haus als Mittelpunkt fr viele Millionen gesetzt und
haben aus dem Brei unzhliger nichtiger Souvernitten eine lebendige Macht
geschaffen.
    Das war, sagte Fink, das taten die Ahnen.
    Sie haben fr sich gearbeitet, als sie uns schufen, fuhr Anton beistimmend
fort, aber wir haben jetzt Leben gewonnen, und ein neues deutsches Volk ist
entstanden. Jetzt fordern wir von ihnen, da sie unser junges Leben anerkennen.
Es wird ihnen schwer werden, gerade ihnen, die gewhnt sind, ihr
zusammengebrachtes Land als eine Domne ihres Schwertes zu betrachten. Wer mag
sagen, wann der Kampf zwischen ihnen und uns beendigt sein wird, lange
vielleicht werden wir den hlichen Erscheinungen fluchen, welche dieser Streit
hervorruft. Wie er aber auch enden mag, davon bin ich berzeugt, wie von dem
Lichte dieses Tages, der Staat, den sie geschaffen, wird nicht wieder in die
Trmmer zerschlagen werden, aus denen er herausgewachsen. Wenn du gelebt
httest, wie ich in den letzten Jahren, in verschiedener Ttigkeit, viel unter
den kleinen Leuten, du wrdest mir glauben. Noch sind wir als Volk arm, noch ist
unsere Kraft schwach, aber wir arbeiten uns herauf, mit jedem Jahr wchst mit
unserer Arbeit Intelligenz, Wohlstand und das Gefhl, da einer zum andern
gehrt. Und in diesem Augenblick fhlen wir in dem Grenzlande uns zueinander wie
Brder. Wenn die weiter drinnen rgerlich miteinander streiten, wir sind einig,
und unser Kampf ist rein.
    Wohlan, sagte Fink Beifall nickend, das war gesprochen, wie ein Deutscher
immer sprechen wird. Je drrer die Zeit, desto grner die Hoffnung. Aus allem
sehe ich, Master Wohlfart, du hast keine Lust, jetzt mit mir zu gehen.
    Ich darf nicht, antwortete Anton bewegt; du zrne mir deshalb nicht.
    Hre, lachte Fink, wir haben seit unsrer Trennung die Rollen getauscht.
Als ich vor Jahren von dir fortging, war ich wie ein Gaul in der Wste, der eine
Quelle riecht, ich hoffte aus dem langweiligen Leben bei euch herauszukommen in
frhliches Grn, und was ich fand, war ein garstiger Sumpf. Und jetzt komme ich
ermdet zu dir und sehe dich keck mit Tod und Teufel Karten spielen. Du bist
frischer, als du warst. Das kann ich von mir nicht rhmen. Vielleicht kam's
deshalb so, weil du eine Heimat hast, und ich keine. Jetzt aber genug der
Weisheit, komm, belehre mich, auf welche Weise du hier deinen Krieg fhrst.
Stelle mich den Squattern vor und zeige mir womglich einen Quadratfu Land auf
dieser reizenden Besitzung, wo man nicht bis an die Knchel in den Sand
versinkt.
    Anton fhrte den Freund zu den Landleuten, dann durch den Wald bis zu den
ausgestellten Posten der Nachbardrfer, er zeigte ihm die Reihe der Lrmstangen
und die Alarmhuser und erklrte ihm die Maregeln, welche getroffen waren, das
Schlo vor einem pltzlichen berfall zu schtzen. Fink ging mit Feuer in die
Einzelheiten ein und sagte endlich: Die Hauptsache habt ihr doch durchgesetzt,
ihr erhaltet Ordnung unter euren Leuten und guten Mut.
    Unterdes rstete man im Schlo fr den fremden Gast. Der Freiherr lie durch
den Bedienten nachsehen, ob ein gengender Vorrat von weiem und rotem Wein im
Keller war, und schalt auf den Knecht, der einen Schaden am Reitzeug nicht hatte
ausbessern lassen; die Baronin lie ein Kleid hervorsuchen, das sie seit der
Ankunft auf dem Gut nicht mehr angesehen hatte; auch Lenore dachte mit geheimem
Bangen an den bermtigen, der ihr schon in der Tanzstunde so grndlich
imponiert hatte, und den sie seit dieser Zeit oft wie ein Traumbild vor sich
gesehen hatte. Im Souterrain war die Aufregung nicht geringer, auer flchtigen
Geschftsbesuchen war dies der erste Gast. Die treue Kchin beschlo, eine
knstliche Mehlspeise zu wagen, dazu fehlten ihr aber in diesem unglcklichen
Lande die wichtigsten Substanzen; sie dachte daran, einige Hhner aus dem
Wirtschaftshof zu schlachten, dagegen aber emprte sich Suska, eine kleine
Polin, die Vertraute Lenorens, sie vergo Trnen ber den entschlossenen
Charakter der Kchin und drohte das Frulein zu rufen, bis die Kchin zur
Besinnung kam und einen barfigen Jungen in der grten Eile nach der Frsterei
schickte, um dort etwas Auergewhnliches zu erlangen. Gegen Spinnenweben und
Staub wurde ein schneller Streifzug angestellt und ein Zimmer neben Anton
eingerichtet. Der kleine Diwan Lenorens, der Samtstuhl und Teppich ihrer Mutter
wurden hineingetragen, um die Familie reprsentieren zu helfen.
    Fink ahnte wenig von der Unruhe, welche seine Ankunft im Schlosse
verursachte, er zog neben Anton ber die Felder in einer heitern Stimmung, wie
er sie lange nicht empfunden hatte. Er erzhlte von seinen Erlebnissen, von den
raffinierten Geldgeschften, und von dem riesigen Wachstum der Neuen Welt. Und
Anton hrte mit Freude, da aus den Scherzen des Freundes eine tiefe Emprung
ber die Schlechtigkeit, die er erlebt hatte, hervorbrach. Es ist ein mchtiges
Leben dort, sagte er, aber ich habe in dem Gewhl erst recht deutlich
empfunden, da ihr hier auch etwas wert seid. So kamen sie in das Schlo
zurck, sie wechselten ihre Toilette, Anton warf einen erstaunten Blick auf die
Einrichtung des Gastzimmers, bald wurden sie durch den Bedienten zur Baronin
hinbergeladen. Jetzt, wo die Sorge der Einrichtung berstanden war und die
Lampen ihren milden Glanz ber die Zimmer breiteten, fhlte die Familie sich
durch den Besuch des reichen Elegants doch heiter angeregt. Es war wieder wie
sonst in ihrem Hause, der leichte Ton der flatternden Unterhaltung, die zarte
Rcksicht, welche jedem das Gefhl zu geben wei, da er das Behagen des andern
erhhe, es waren die alten Formen, die sie gewhnt waren, zuweilen auch derselbe
Gesprchsstoff. Und Fink lste die Aufgabe, welche dem Gast am ersten Abend
eines Familienbesuches wird, mit einer Fertigkeit, die dem Schelm wohl zu Gebote
stand, sooft er wollte. Allen gab er das Gefhl, wie angenehm ihre Huslichkeit
sei. Er behandelte den Freiherrn mit der achtungsvollen Vertraulichkeit eines
jngern Standesgenossen, die Baronin mit Ehrerbietung, Lenore mit einfacher
Offenheit. Gern richtete er das Wort an diese und schnell hatte er ihre
Befangenheit berwunden. Die Familie fhlte, da er einer der Ihrigen war, es
war eine stille Freimaurerei unter ihnen. Und auch Anton frug sich, wie es
mglich sei, da Fink, der neue Gast, ganz als ein alter Freund des Hauses
erscheine, und er selbst als ein Fremder. Und wieder kam etwas von dem Respekt
in seine Seele, den er als Jngling vor allem gehabt hatte, das elegant, vornehm
und exklusiv erschien. Aber diese Empfindung war nur noch ein leichter Schatten,
der ber sein klares Urteil hinflog.
    Als Fink aufbrach, versicherte der Freiherr mit aufrichtiger Wrme, wie gern
er ihn als Gast recht lange bei sich halten mchte, und selbst die Baronin sagte
nach seiner Entfernung, die englische Art kleide ihn gut, und er mache den
Eindruck eines groen Herrn. Lenore dachte nicht ber sein Wesen nach, aber sie
war redselig geworden, wie lange nicht. Sie begleitete die Mutter in das
Schlafzimmer, setzte sich noch auf eine Fubank neben das Bett der Ermdeten und
fing lustig an zu plaudern, nicht von dem Gast, aber von vielem, was sie sonst
interessierte, bis die Mutter ihre Stirn kte und ihr sagte: Jetzt ist es
genug, mein Kind; geh zu Bett und trume nicht.
    Fink streckte sich behaglich auf dem Diwan aus. Diese Lenore ist ein
prchtiges Weib, rief er vergngt. Einfach, offen, kurz ab, nichts von der
weichlichen Schwrmerei eurer Mdchen. - Setze dich noch eine Stunde neben mich,
wie sonst, Anton Wohlfart, freiherrlicher Rentmeister in einer slawischen
Sahara. Hre, du bist in einer so abenteuerlichen Lage, da mir vor Verwunderung
noch immer die Haare zu Berge stehn. Du hast mir frher bei meinen Streichen
manches liebe Mal als verstndiger Schutzgeist beigestanden; jetzt steckst du
selbst mitten in der Tollheit, und da ich gegenwrtig den Vorzug geniee, bei
gesunden Sinnen zu sein, so verbietet mir mein Gewissen, dich in dieser
Konfusion zu verlassen.
    Fritz, lieber Freund, rief Anton freudig.
    Schon gut, sagte Fink. Ich wnsche also die nchste Zeit in deiner Nhe
zu bleiben. berlege, wie sich das machen lt. Mit den Frauen wirst du wohl
fertig werden, aber der Freiherr?
    Du hast gehrt, erwiderte Anton, auch er hlt fr einen gnstigen Zufall,
da gerade jetzt ein Ritter wie du in sein einsames Schlo zieht, es ist nur -
er sah sich bedenklich im Zimmer um, du wirst vorliebnehmen mssen.
    Hm, ich verstehe, sagte Fink, ihr seid genaue Leute geworden.
    So ist es, sagte Anton, wenn ich den gelben Sand im Walde in Scke fllen
und als Weizen verkaufen knnte, ich mte viele Scke verkaufen, um in unsere
Kasse einen kleinen sicheren Bestand zu bringen.
    Da du dich hier als Kassenfhrer eingedrngt hast, konnte ich mir denken,
da die Kasse leer sein wrde, sagte Fink trocken.
    Ja, erwiderte Anton, meine Hauptkasse ist ein alter Toilettenkasten, und
ich versichere dich, es wrde mehr hineingehen, als darin ist. Ich fhle jetzt
manchmal einen unbesiegbaren Neid gegen Herrn Purzel und seine Kreide im
Comtoir. Wenn ich nur einmal das Glck htte, eine Reihe grauleinener Beutel zu
erblicken, an Banknoten und an eine Mappe mit Aktien wage ich gar nicht zu
denken.
    Fink pfiff einen Marsch. Du armer Junge, sagte er. Es sind aber doch
groe Gter und eine geordnete Wirtschaft, sie mssen entweder bringen oder
kosten, wovon lebt ihr denn?
    Das, sagte Anton, ist ein Geheimnis der Frauen, das ich kaum verraten
darf. Unsere Pferde kauen Diamanten.
    Fink zuckte mit den Achseln. Aber wie ist es mglich, da die Rothsattel so
weit gekommen sind?
    Mit Schonung schilderte Anton den Verfall des Freiherrn.
    Dann sprach er mit Begeisterung von den Frauen, von der wrdigen Resignation
der Baronin, der gesunden Kraft Lenorens.
    Ich sehe, sagte Fink, da es noch schlechter steht, als ich annahm. Wie
ist es mglich, da du eine solche Wirtschaft ertrgst? Die Vgel auf den Bumen
sind ja Rentiers gegen euch.
    Wie die Sachen einmal liegen, fuhr Anton fort, gilt es, bis zu ruhiger
Zeit sich durchzuschlagen, zunchst bis zur Subhastation des Familiengutes. Die
Glubiger werden jetzt nicht drngen, und die Gerichte sind fast ganz auer
Ttigkeit. Der Freiherr kann ohne groe Kapitalien diesen Besitz nicht
behaupten, er kann ihn jetzt nicht aufgeben, sonst wird das wenige verwstet,
was einen Verkauf in Zukunft mglich macht, und die Familie hat kein Obdach fr
ihr Haupt. Alle meine Versuche, sie in diesen unruhigen Wochen zur Abreise aus
dieser Provinz zu bewegen, waren vergeblich, sie sind wie Verzweifelte
entschlossen, hier ihr Schicksal zu erwarten. Der Stolz des Freiherrn strubt
sich gegen eine Rckkehr in den Kreis, in dem er einst gelebt; und die Frauen
wollen ihn nicht verlassen.
    So schicke sie doch wenigstens nach einer greren Stadt in der Nhe und
setze sie nicht dem Anfall jedes betrunkenen Bauernhaufens aus.
    Ich habe getan, was ich konnte, in dem Punkte bin ich machtlos, entgegnete
Anton finster.
    Dann, mein Sohn, la dir sagen, da dein kriegerischer Apparat nicht sehr
ermutigend ist. Mit dem Dutzend Leute, das du in diesem Dorf erst zusammenblasen
mut, wirst du schwerlich eine Rotte Spitzbuben abhalten. Du kannst damit nicht
den Hofraum verteidigen, ja nicht einmal die Flucht der Frauen decken. Habt ihr
keine Aussicht, Militr zu erhalten?
    Keine, erwiderte Anton.
    Ein recht gemtlicher, trostreicher Zustand! rief Fink. Und bei alledem
habt ihr Felder bestellt, und die kleine Wirtschaft schnurrt in ihrer Ordnung
ab. Ich habe mir von Karl erzhlen lassen, wie das Gut aussah, als er herkam,
und was ihr bis jetzt gebessert habt. Ihr habt euch respektabel benommen. Das
htte kein Amerikaner und kein anderer Landsmann durchgesetzt, in so
verzweifelter Lage lobe ich mir den Deutschen. Die Frauen sowohl, als eure junge
Wirtschaft mssen besser geschtzt werden.
    Miete dir zwanzig Mnner mit tchtigen Fusten, sie sollen dieses Haus
bewachen.
    Du vergit, da wir zwanzig mige Brotesser ebensowenig bekstigen knnen
wie der Kauz auf dem Turme.
    Sie sollen arbeiten, rief Fink, ihr habt hier eine Bodenflche, bei der
hundert Hnde ntzliche Beschftigung finden. Hast du keinen Sumpf zu entwssern
und Grben zu ziehen? Dort unten breitet sich ja eine Reihe trauriger
Wasserlachen.
    Das ist Arbeit fr eine andere Jahreszeit, erwiderte Anton, der Grund ist
jetzt zu na.
    La einige hundert Morgen Waldland besen oder bepflanzen. Hlt der Bach im
Sommer aus?
    Ich hre, ja, erwiderte Anton.
    So la sie irgend etwas schaffen.
    Vergi nicht, sagte Anton lchelnd, wie schwer es sein wird, zuverlssige
Arbeiter, die noch auerdem kriegerische Anlagen haben, gerade jetzt in unserer
berchtigten Gegend zu werben.
    Zum Henker mit deinen Bedenklichkeiten! rief Fink, schicke den Karl in
eine deutsche Gegend auf Werbung, er schafft dir Leute genug.
    Wir haben kein Geld, du hrst's ja. Der Freiherr ist noch nicht imstande,
eine grere Melioration durchzufhren, die sich erst in einiger Zeit bezahlt
macht.
    Dann la mich's tun, versetzte Fink.
    Du wirst einsehen, Fink, da das unmglich ist; der Freiherr kann von
seinem Gast ein solches Opfer nicht annehmen.
    Ihr zahlt mir's zurck, wenn Ihr Geld habt, sagte Fink.
    Es ist unsicher, ob wir jemals imstande sein werden, die Rckzahlung zu
leisten. - Nun denn, so braucht er's nicht gerade zu wissen, was die Leute
kosten.
    Er ist blind, antwortete Anton mit leisem Vorwurf, und ich stehe in
seinem Dienst und bin verpflichtet, ihm Rechnung abzulegen. Er freilich wird ein
Darlehn von dir nach einigen Kavalierbedenken wohl annehmen, denn seine
Ansichten ber seine Lage wechseln mit der Stimmung. Die Frauen aber machen sich
solche Tuschungen nicht. Du wrdest sie durch jede Stunde deiner Gegenwart
demtigen, wenn sie die Empfindung htten, da sie deinem Vermgen eine
Erleichterung ihres Lebens danken.
    Und das grere Opfer, das du ihnen gebracht, haben sie doch angenommen,
sagte Fink ernster.
    Vielleicht halten sie meine bescheidene Ttigkeit fr kein Opfer,
erwiderte Anton errtend. Sie haben sich gewhnt, mich als Rechnungsfhrer, als
Beamten des Freiherrn in ihrer Nhe zu sehen. Du bist ihr Gast, ihr Selbstgefhl
wird sie veranlassen, dir das Bedenkliche ihrer Lage nach Krften zu verhllen.
- Um dir das Zimmer wohnlich einzurichten, haben sie die eigenen Stuben
geplndert, der Diwan, auf dem du liegst, ist aus der Schlafstube des
Fruleins.
    Fink sah sich den Diwan neugierig an und legte sich wieder zurecht. Da es
mir nicht gefllt, auf der Stelle abzureisen, sagte er, so wirst du die Gte
haben, mir einen Weg anzugeben, auf dem ich mit Anstand hierbleiben kann.
Erzhle mir schnell einiges ber die Hypotheken und Aussichten des Gutes. Nimm
an, ich wre ein unglcklicher Kufer dieses Paradieses.
    Anton berichtete.
    Das wenigstens ist so verzweifelt nicht, sagte Fink; jetzt hre meinen
Vorschlag: In der bisherigen Weise darf das hier nicht fortgehen, diese knappe
Wirtschaft ist zu ungesund fr alle Beteiligten, zumeist fr dich. Die Gter
mgen furchtbar verwstet sein, aber es scheint mir wohl mglich, etwas daraus
zu machen. Ob ihr die Leute seid, das Gut zu behaupten, will ich nicht
entscheiden, wenn du Lust hast, noch einige Jahre deines Lebens dranzusetzen und
dich fernerhin fr die Interessen anderer zu sakrifizieren, so ist auch das
nicht unmglich, vorausgesetzt, da ihr in ruhigerer Zeit das ntige
Betriebskapital schaffen knnt. Unterdes gebe ich einige, vielleicht fnftausend
Taler, und der Freiherr gibt mir dafr Hypothek auf dieses Gut. Diese Anleihe
wird euch nicht viel schlechter stellen, und sie wird euch leichter machen, dies
verrckte Jahr zu berstehen.
    Anton stand auf und ging unruhig in der Stube umher. Es geht nicht, rief
er endlich aus, wir knnen deinen hochherzigen Antrag nicht annehmen. Sieh,
Fritz, im vorigen Jahr, ehe ich diese Menschen hier so genau kannte, als jetzt,
habe ich lebhaft gewnscht, da unser Prinzipal ein Interesse an den
Verhltnissen des Barons nehmen mchte, ich wre damals sehr glcklich gewesen,
wenn du mir dasselbe Anerbieten gemacht httest. Wie ich jetzt den Freiherrn und
seine Lage kenne, halte ich es fr ein Unrecht gegen dich und gegen die Frauen,
deinen Antrag anzunehmen.
    Soll der Diwan aus Lenorens Schlafstube durch die Tabaksasche eurer Gste
beschmutzt werden? Jetzt tu ich's, spter werden es die polnischen Sensenmnner
tun.
    Wir mssen es durchmachen, erwiderte Anton traurig.
    Trotzkopf, rief Fink, du sollst mich doch nicht loswerden. Jetzt mache,
da du herauskommst, halsstarriger Tony.
    Seit dieser Unterredung erwhnte Fink sein Anleiheprojekt nicht weiter,
dagegen hatte er den nchsten Tag mehrere vertrauliche Unterredungen mit dem
Husaren. Und am Abend sagte er zum Freiherrn: Darf ich Sie fr morgen um Ihr
Reitpferd bitten, es ist ein alter Bekannter von mir. Ich mchte ber Ihre
Felder reiten. Zrnen Sie nicht, gndige Frau, wenn ich morgen mittag nicht
erscheine.
    Er ist reich, er kommt her, um zu kaufen, sagte sich der Freiherr im
stillen. Dieser Wohlfart hat seinem Freund gemeldet, da hier ein Geschft zu
machen ist, die Spekulation fngt an, nur vorsichtig!

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Es war ein sonniger Morgen im April. Einer von den schnen Tagen, wo eine
feuchte Wrme die Knospen der Bume entfaltet und das Menschenherz zu
schnelleren Schlgen treibt. Lenore ging mit Hut und Sonnenschirm aus dem
Schlosse nach dem Hofe und schritt in dem Rinderstall die Reihe der gehrnten
Hupter entlang. Mit groen Augen sah das Volk der Khe nach ihr hin, alle
erhoben die breiten Muler, zuweilen brllte eine lustige Kuh und erbat etwas
Gutes aus ihrer Hand. Ist Herr Wohlfart hier? frug Lenore den Amtmann, der am
Stall vorbereilte.
Er ist im Schlosse, gndiges Frulein.
Sein Besuch ist doch wohl bei ihm? frug sie weiter.
Herr von Fink ist schon diesen Morgen nach Neudorf geritten, der hat keine Ruhe
in der Stube, er ist am liebsten zu Pferde. Der wre ein Husarenoffizier
geworden!
Als Lenore so erfahren hatte, wohin Herr von Fink geritten war, ging sie, um dem
Gast nicht zu begegnen, langsam in anderer Richtung ber den Bach und die cker
dem Walde zu. Sie sah nach dem blauen Himmel und auf die sprossende Erde. In dem
klaren Morgenlicht glnzten die Wintersaat und die grnen Spitzen des Grases so
frhlich, da ihr das Herz lachte. Auf den Weiden am Bach lag der Frhling wie
ein durchsichtiger Hauch, die goldgelben Ruten strotzten von Saft, und aus den
geschwollenen Knospen brachen die ersten Bltter hervor. Auch der Sand war ihr
heut kein rger, sie schritt mit leichtem Fu ber den breiten Grtel, der den
Wald umgab, und eilte auf dem Fuwege durch die Kiefern dem Frsterhause zu. Im
Walde tummelte sich mit Geschrei und Brummen die kleine Tierwelt. Wo eine Gruppe
Laubbume unter den Nadeln stand, tnte jedesmal der krftige Schlag des
Finkenhahns, oder das eifrige Gezwitscher eines neuvermhlten Paares kleiner
Waldvgel, welche miteinander zankten, auf welchem Zweig sie ihr Nest in diesem
Jahr erbauen wollten. In ihrem schwarzen Kra schnurrten die Kfer um die
Knospen der Birke, zuweilen summte eine wilde Biene, die frh aus dem
Winterschlaf aufgeflogen war, auch die braunen Schmetterlinge flatterten schon
ber den Beerenstrauch, und wo der Grund tiefer war, leuchteten im Schatten die
weien Sterne der Anemone und gelbe Himmelsschlssel. Lenore nahm den Strohhut
ab und lie die warme Luft um ihre Schlfe ziehn, mit tiefen Zgen atmete sie
den Duft des Waldes ein, der um die jungen Stmme der Fhren schwebte. Oft stand
sie still und horchte auf die Stimmen in ihrer Nhe, sie sah in das zarte Laub
der Bume und schlug mit der Hand auf die weie Rinde einer Birke, sie stand an
dem murmelnden Quell vor dem Frsterhause und fuhr liebkosend in die kleinen
Fichten am Zaun, welche gedrngt und regelmig wie Brstenhaare standen. Ihr
war, als htte sie den Wald noch nie so lebendig gesehen. Die Hunde im Hofe des
Frsters bellten wtend, sie hrte den Fuchs mit seiner Kette rasseln und sah
hinauf zu dem Dompfaff, der in seinem Bauer auf und ab sprang und wie die groen
Herren, die Hunde, zu bellen versuchte.
    Still, Hektor, still, Bergmann, rief Lenore an die Pforte klopfend. Der
strmische Ruf der Hunde verwandelte sich in freundliche Begrung. Als sie die
Pforte ffnete, kam ihr Bergmann, der Dachshund, breitbeinig entgegen und
wedelte unmig mit seinem Schwanz, und Hektor umsprang sie in khnen Stzen und
roch nach ihrer Tasche, selbst der Fuchs kroch in seine Htte zurck, legte den
Kopf lauschend auf seinen Futtertrog und blinzelte sie schlau an. An der andern
Seite des Zaunes aber sah sie einen Pferdekopf ber die Fichten ragen, - gerade
er, den sie vermeiden wollte, war in dieser Einsamkeit. Sie stand einen
Augenblick unschlssig und war im Begriff, sich still wieder zu entfernen, als
der Frster auf die Trschwelle trat und sie begrte. Jetzt konnte sie nicht
mehr zurck; sie folgte dem Alten nach seiner Stube. In der Mitte des Zimmers
stand Fink, hell beleuchtet von dem gelben Sonnenstrahl, der durch die kleinen
Scheiben fiel. Er trat ihr artig entgegen. Ich ging aus, das Handwerk zu
gren, sagte er auf den Frster deutend, und bin gerade dabei, mich ber
Ihren trotzigen Vasallen und seine heimliche Wohnung zu freuen. Der Frster
rckte einen Stuhl, Lenore mute sich setzen, Fink lehnte ihr gegenber an der
braunen Holzwand und sah sie mit unverhohlener Bewunderung an. Sie sind ein
mchtiger Gegensatz zu dem alten Knaben hier und diesem Raume, sagte er sich
umsehend. Ich bitte, winken Sie nicht mit Ihrem Sonnenschirm, alle diese
ausgestopften Vgel erwarten nur Ihren Befehl, um wieder lebendig zu werden und
sich zu Ihren Fen niederzulassen. Dort der Reiher hebt schon seinen Kopf in
die Hhe. - Es ist nur der Schein von der Sonne, sagte der Frster
beruhigend.
    Lenore lachte. Diese Ausreden kennen wir, rief Fink, Ihr seid mit im
Komplott, Ihr seid der Gnom dieser Knigin. Wenn hier keine Zauberei getrieben
wird, will ich alle Tage meines Lebens verschlafen. Ein Zeichen mit diesem
Stabe, und die Deckbalken dieses groen Vogelbauers klappen zurck und Sie
fliegen mit Ihrem Gefolge aus der Htte hinaus in das Sonnenlicht. Es ist kein
Zweifel, in dem Gipfel der Fhren drauen ist Ihre Residenz, die luftige Halle,
in welcher Ihr Thron steht, mchtige Herrin dieser Htte, blondlockige Gttin
des Frhlings.
    Mein Trost ist nur, sagte Lenore etwas verwirrt, da nicht ich es bin,
die Sie zu solchen Erfindungen veranlat, sondern die Freude an der Erfindung
selber. Ich bin nur zufllig der unwrdige Gegenstand Ihrer Laune, Sie sind der
Dichter.
    Pfui, wie knnen Sie mir so etwas nachsagen, rief Fink, ich ein Dichter!
Auer einigen lustigen Matrosenliedern, deren Text ein gtiges Geschick ewig von
Ihrem Ohr fernhalten mge, kenne ich kein einziges Gedicht auswendig. Was ich
von Poesie schtze, sind nur einige Bruchstcke der lteren Schule, zum
Beispiel: Hurre, hurre, hop, hop, hop, in einem Gedicht, welches, wenn ich nicht
irre, Ihren Namen trgt. Und selbst an dieser klassischen Zeile habe ich noch
auszusetzen, da sie mehr den harten Trab eines Bauerngaules, als den
Karrierelauf eines Geisterpferdes ausdrckt. Indes, man mu es mit den Herren
von der Schreibstube nicht so genau nehmen. Auer dieser Zeile wird wenig
Dichterarbeit in mir aufzufinden sein. Etwa noch der ansprechende Reim des
groen Schiller: Potz Blitz, das ist ja die Gustel von Blasewitz. In dieser
Stelle liegt viel Wahrheit.
    Sie spotten ber mich, sagte Lenore gekrnkt.
    Wahrhaftig nicht, beteuerte Fink. Wenn es Ihnen Freude macht, will ich
gern noch einige poetische Kleinigkeiten einiger Dichter gelten lassen,
vorausgesetzt, da ich sie nur selten lesen darf. Wie kann man in unserer Zeit
Gedichte lesen oder gar machen, wenn man alle Tage selbst welche erlebt. Seit
ich wieder in diesem alten Lande bin, vergeht kaum eine Stunde, wo ich nicht
etwas sehe oder hre, woran sich in hundert Jahren die Herren von der Feder
berauschen werden. Gloriose Stoffe fr jede Art von Kunstgeschft. Htte ich das
Unglck, ein Poet zu sein, so mte ich jetzt vor Begeisterung hinausstrzen und
kopfber zum Fuchs in die Htte springen, um dort in sicherer Entfernung von der
Leidenschaft ein leidenschaftliches Sonett zu machen, whrend mich der Fuchs in
die Beine beit. Da ich aber kein Mann von der Feder bin, so ziehe ich vor, das
Schne, das ich hier sehe, zu genieen, und nicht in Reime zu setzen. Und
wieder sah er bewundernd auf das Frulein.
    Lenore, rief eine grmliche Stimme aus der Tiefe des Zimmers. Lenore und
Fink sahen sich erstaunt um.
    Er hat's gelernt, sagte der Frster auf den Raben weisend, er lernt sonst
nichts mehr, und sitzt da, grimmig gegen alle Kreatur, aber das hat er doch
gelernt.
    Der Rabe am Ofen bog seinen Hals und sah mit scharfen Augen auf die beiden
Gste, er bewegte den Schnabel und schien still in sich hineinzusprechen, bald
nickte er mit dem Kopf, bald schttelte er ihn.
    Schon fangen die Vgel an zu reden, rief Fink zu dem Raben tretend, die
Stubendecke wird sogleich in die Hhe gehn, und ich werde allein zurckbleiben
und mit Bergmann und Hektor Ihnen traurig nachsehn. Nun, Hexenmeister, kocht das
Wasser?
    Der Frster sah in den Ofen. Es kocht tchtig, sagte er, aber was tun wir
jetzt?
    Wir bitten das Frulein um Hilfe, erwiderte Fink. Ich habe vor, sagte er
zu Lenore gewandt, mit Ihrem Familientrapper durch den Wald bis nach der
Brennerei zu ziehn und von da weiter; hier habe ich mitgebracht, was mir auf
Reisen als Frhstck und Mittagessen dient. - Er holte einige Tafeln Schokolade
hervor. Wir wollen daraus etwas machen, was einem Tranke hnlich sieht. Wenn
Sie nicht verschmhen, uns bei unserm Unternehmen Gesellschaft zu leisten,
schlage ich vor, da wir diese Schokolade so gut als mglich mit dem Wasser zu
verbinden suchen. Es wre reizend von Ihnen, wenn Sie eine Ansicht darber
aussprchen, wie wir das anfangen sollen.
    Haben Sie ein Reibeisen oder einen Mrser? frug Lenore lachend den
Frster.
    Diese Gerte habe ich nicht, erwiderte der Waldmensch.
    Aber einen Hammer, frug Fink, und einen reinen Bogen Papier? Der Hammer
wurde schnell gebracht, der Bogen Papier fand sich nach lngern Forschungen.
Fink bernahm das Geschft, die Schokolade zu zerschlagen, der Frster holte
frisches Wasser aus dem Quell, Lenore splte einige Glser aus, und Fink klopfte
eifrig auf dem Tisch herum. Dies ist antediluvianisches Papier, sagte er
pochend, lederartig, noch aus der Zeit, wo es keine Papiermaschinen gab; es mu
einige Jahrhunderte in dieser verzauberten Htte gelegen haben. Lenore
schttete die zerstampfte Masse in den Topf mit Wasser und brachte sie durch
einen Quirl in Bewegung. Dann setzten sich alle drei an den Tisch des Frsters
und tranken mit groem Behagen aus den Glsern ihrer Hnde Werk.
    Goldig drangen die Lichtstrahlen in das Zimmer, sie suchten die helle
Gestalt des schnen Mdchens und das krftige Antlitz des Mannes ihr gegenber,
dann fielen sie auf die Wand, wo sie den Kopf des Reihers mit buntem Glanz
schmckten und die Flgel des Habichts. Der Rabe schlo sein Selbstgesprch, er
flatterte von seinem Sitz auf, hpfte vor die Fe des Fruleins und krchzte
dort von neuem: Lenore, Lenore!
    Friedlich unterhielt sich Lenore mit dem Gast, der Frster gab zuweilen ein
kluges Wort dazu. Sie sprachen von der Landschaft und den Menschen darin.
    Wo ich die Polen in fremden Lndern gesehen, sagte Fink, habe ich mich
immer gut mit ihnen vertragen. Jetzt tut mir leid, da die Spannung hier so
schwer macht, sie in ihrer Heimat aufzusuchen, denn freilich lernt man die
Menschen am besten kennen, wenn man sie in ihren Pfhlen sieht.
    Es mu ein groes Glck sein, so vieles Verschiedene zu sehen, rief
Lenore.
    Nur im Anfange fllt das Verschiedene mchtig in die Seele. Wenn man
allerlei Volk beobachtet hat, so ist die letzte Empfindung, da die Menschen
einander berall sehr hnlich sind. Etwas Unterschied in der Hautfarbe und
andern Zutaten, aber Liebe und Ha, Lachen und Weinen findet der Reisende
allerwegen, und diese Dinge sehen berall ziemlich gleich aus. Es sind jetzt
zwanzig Wochen, da war ich eine halbe Erde von hier entfernt in der Holzhtte
eines Amerikaners auf der Grassteppe. Es war nicht anders als hier. Wir saen
an einem dicken Holztisch wie diesem, und mein Wirt sah dem alten Herrn hier so
hnlich, wie ein Ei dem andern. Und gerade wie hier fiel das Licht der
Wintersonne durch die kleinen Fenster. - Und wenn die Mnner noch mehr haben,
was sie unterscheidet, die Frauen vollends sind in der Hauptsache berall
dieselben. Nur in einer Kleinigkeit sind sie verschieden.
    Und was ist dieses? fragte der Frster.
    Etwas mehr oder weniger reinlich, sagte Fink nachlssig, das ist der
ganze Unterschied.
    Lenore erhob sich emprt, mehr ber den Ton, als die Worte.
    Es wird Zeit, da ich zurckgehe, sagte sie kalt und band den Strohhut
auf.
    Da Sie aufstehen, verschwindet der Glanz aus der Stube, rief Fink.
    Es ist nur eine kleine Wolke vor die Sonne gelaufen, sagte der Frster zum
Fenster tretend, diese macht den Schatten.
    Unsinn, entgegnete Fink, der Strohhut macht ihn, der das Haar des
Fruleins versteckt, von den goldenen Locken ging das Licht aus.
    Sie traten aus dem Hause, der Frster verschlo die Pforte, in
entgegengesetzter Richtung entfernten sie sich von der Htte.
    Lenore eilte nach Hause, der Zeisig sang, die Amsel pfiff, sie achtete nicht
darauf. Sie schalt sich, da sie die Schwelle des Frsterhauses betreten hatte,
und doch konnte sie nicht aufhren, daran zu denken. Der Fremde machte sie
unruhig und unsicher. War er frech, weil ihm nichts heilig war? War er nur so
bermtig sicher? Mute sie ihm zrnen, oder war das Gefhl von Angst nur die
Torheit eines unerfahrenen Mdchens: das frug sie sich unaufhrlich, ach und sie
fand keine Antwort!
    Als Anton gegen Abend dem Schfer eine Bestellung auftragen wollte, war
weder Karl noch ein Bote zu finden, und da die Herde in keiner groen Entfernung
vom Schlosse trieb, so ging Anton selbst in dem Wege, welcher nach dem
Brennereigute fhrte, auf den Schfer zu. Er war nicht wenig verwundert, als er
auf den letzten ckern an der Strae seinen Freund Fink zu Pferde entdeckte,
Karl und den Vogt geschftig in seiner Nhe. Fink ritt wie ein Kunstreiter kurze
Strecken im Galopp, die andern trugen sich mit schwarz und wei bemalten
Stangen, die sie in den Boden steckten und wieder herausrissen. Und dabei sah
Karl durch ein kleines Fernrohr, das er ber einer Stange befestigt hatte.
Fnfundzwanzig Galoppsprnge, rief Fink.
    Zwei Zoll Fall, schrie Karl von hinten.
    Fnfundzwanzig, zwei, steht, sagte der Vogt und schrieb die Zahlen in
seine Brieftafel.
    Kommst du auch herangeschlichen? rief Fink dem Freunde lachend zu. Wart
eine Weile, wir sind sogleich fertig. Noch eine Anzahl Galoppsprnge, Blicke
durch das Fernrohr und Notizen in der Brieftafel, dann nahmen die Mnner ihre
Stangen zusammen, Fink ergriff die Brieftasche des Vogts und rechnete eifrig.
Endlich gab er die Tasche mit einem Lcheln zurck und sagte: Komm weiter
herauf, Anton, jetzt will ich dir etwas zeigen. Stelle dich mit dem Gesicht
gegen Norden auf den Bach und das Schlo zu. Dann bildet der Bach, wenn du ihn
als gerade Linie ansiehst, eine Sehne, die von West nach Ost luft, der Rand des
Waldes hinter dir einen Kreisbogen. Wald und Bach begrenzen einen
Kreisabschnitt.
    Das ist deutlich, sagte Anton.
    In alter Zeit lief der Bach anderswo, fuhr Fink fort, hier lngs dem
Walde in der Bogenrundung, das alte Flubett ist noch zu erkennen. Wenn man am
Waldesrand in der alten Wasserrinne hinaufgeht, kommt man dort oben im Westen zu
dem Punkt, wo das alte Bett von dem gegenwrtigen abgeht. Es ist der Punkt, wo
eine schlechte Brcke ber den Bach fhrt, und das Wasser in seinem jetzigen
Bett einen Fall von mehr als einem Fu hat, stark genug, die beste Mhle zu
treiben. Die verfallenen Gebude eines Vorwerks stehen daneben.
    Ich kenne den Punkt gut genug, sagte Anton.
    Unterhalb des Dorfes krmmt sich das alte Flubett vom Walde ab, wieder dem
Bache zu. Es umschliet eine mchtige Flche, ber fnfhundert Morgen, wenn ich
mich auf die Sprnge dieses Gauls verlassen kann. Dieses ganze Terrain hat
seinen Abfall von dem alten Flubett nach dem neuen. Es sind nur einige Morgen
Wiesen und wenig ertrgliches Ackerland darin, das meiste ist Sand und
Weideland, wie ich hre, der schlechteste Teil eurer Gutsflche.
    Das alles gebe ich zu, sagte Anton neugierig.
    Jetzt merke auf. Wenn man den Bach wieder in sein altes Bett zurckfhrt
und ihn zwingt, im Bogen zu laufen, statt in der Sehne, so kann man mit dem
Wasser, das jetzt zu eurer Schande unntz in die Welt fliet, die ganze Flche
von fnfhundert Morgen berieseln und den drren Sand in grnes Wiesenland
verwandeln. - Du bist ein Schlaukopf, rief Anton aufgeregt durch die
Entdeckung.
    Was kostet euch der Morgen im Durchschnitt? frug Fink.
    Dreiig Taler.
    Und ebensoviel hchstens betragen bei diesem Boden die Kosten der
Wiesenanlage. Macht zusammen sechzig Taler, also drei Taler jhrliche Zinsen,
dazu schlage an Unterhaltungskosten, Abgaben usw. fr den Morgen jhrlich zwei
Taler, so hast du fnf Taler Kosten. Rechnest du dagegen vom Morgen zwanzig
Zentner Heu zum halben Taler, so erhltst du vom Morgen fnf Taler Reinertrag,
also bei fnfhundert Morgen zweitausendfnfhundert jhrlichen Gewinn. Um diesen
zu erhalten, ist ein Anlagekapital von hchstens fnfzehntausend Talern ntig.
Das war's, Anton, was ich dir erzhlen wollte.
    Anton stand berrascht. Es war nicht zu verkennen, da die Zahlen, welche
Fink hingeworfen hatte, nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, weder die
Kosten, noch die Ertrge. Und die Aussicht, welche eine solche Anlage dem Gut
erffnete, beschftigte ihn so, da er lange in tiefem Schweigen neben dem
Freund vorwrts schritt. Du zeigst mir in der Wste Wasser und grne Wiesen,
rief er endlich bekmmert, das ist grausam von dir, denn nicht der Freiherr
wird imstande sein, diese Verbesserung zu machen, sondern ein Fremder.
Fnfzehntausend Taler!
    Vielleicht werden's auch zehn tun, sagte Fink spottend. Ich habe dir dies
Luftbild nur vor die Augen gefhrt, um dich fr deinen Trotz von gestern abend
zu strafen. Jetzt la uns von anderem reden.
    Am Abend rief der Freiherr mit wichtiger Miene seine Frau und Lenore: Kommt
nach meiner Schlafstube, ich habe euch etwas mitzuteilen. Er setzte sich dort
in seinem Lehnstuhl zurecht und sagte mit grerem Behagen, als er seit langer
Zeit an den Tag gelegt hatte: Es war leicht zu merken, da dieser Besuch Finks
nicht ganz zufllig war, und nicht durch Freundschaft fr Herrn Wohlfart
veranlat, wie die jungen Mnner sich den Schein gaben. Ihr waret beide klger
als ich; ich habe doch recht gehabt, der Besuch hat einen Grund, der uns nher
angeht, als unsern Rechnungsfhrer. Die Baronin warf einen erschreckten Blick
auf ihre Tochter, aber Lenorens Augen waren so gro auf den Vater gerichtet, da
die Mutter sich wieder beruhigte.
    Und was glaubt ihr wohl, hat den Herrn aus der Fremde hierhergefhrt? fuhr
der Freiherr fort. Die Frauen schwiegen. Lenore schttelte den Kopf; endlich
sagte sie: Vater, Herr von Fink ist von alter Zeit mit Wohlfart eng befreundet,
sie haben einander seit mehreren Jahren nicht gesehen. Es ist so natrlich, da
Fink eine flchtige Bekanntschaft mit dir bentzt, um einige Wochen bei seinem
nchsten Freunde zuzubringen. Wozu wollen wir einen andern Grund fr seine
Anwesenheit suchen?
    Du sprichst, wie die Jugend solche Verhltnisse auffat. Die Menschen
werden weniger durch ideale Empfindungen und mehr durch Eigennutz regiert, als
deine junge Weisheit annimmt.
    Eigennutz? frug die Baronin.
    Was ist dabei zu verwundern? fuhr der Freiherr ironisch fort; beide sind
Kaufleute, Fink hat auch so viel von den Reizen des Handels kennengelernt, da
er nicht umhin kann, ein gutes Geschft zu machen, wo sich eine Gelegenheit dazu
findet. Ich will euch sagen, wie er hergekommen ist. Unser vortrefflicher
Wohlfart hat ihm geschrieben: Hier ist ein Gut, und dieses Gut hat einen Herrn,
der gegenwrtig verhindert ist, die Wirtschaft selbst zu bersehen. Es ist ein
Geschft hier zu machen, du hast Geld, komm her. Ich bin dein Freund, es wird
wohl etwas fr mich abfallen.
    Die Baronin sah starr auf ihren Gemahl, Lenore aber sprang auf und rief mit
der Energie eines tiefgekrnkten Herzens: Vater, ich will nicht hren, da du
so von einem Manne sprichst, der uns nie etwas anderes gezeigt hat, als die
grte Uneigenntzigkeit. Seine Freundschaft fr uns geht so weit, da er die
Entbehrungen dieses einsamen Aufenthaltes und das Peinliche, das seine Stellung
vielen andern verleiden wrde, mit einer grenzenlosen Langmut ertrgt.
    Seine Freundschaft? sagte der Freiherr; auf einen so hohen Vorzug haben
wir niemals Anspruch gemacht.
    Wir haben es getan, rief Lenore in aufloderndem Eifer. In einer Zeit, wo
die Mutter niemanden fand, der uns beigestanden htte, da war es Wohlfart, der
treu zu uns hielt. Er allein hat von dem Tage an, wo der Bruder ihn bei uns
einfhrte, bis zu dieser Stunde fr uns gesorgt und dich vertreten.
    Nun, lenkte der Freiherr ein, ich sage ja nichts gegen seine Ttigkeit,
ich gebe gern zu, da er die Rechnungen in Ordnung hlt und fr einen geringen
Gehalt viel Flei beweist. Wenn du das Treiben der Menschen mehr verstndest,
wrdest du meine Worte ruhiger aufnehmen. Zuletzt ist kein Unrecht bei dem, was
er getan, setzte er gedrckt hinzu. Mir fehlt es gegenwrtig an Kapitalien,
und ich bin, wie ihr wit, auch sonst verhindert. Was ist dagegen zu sagen, wenn
andere mir Vorschlge machen, die ihnen Vorteil bringen und mir keinen Schaden?
    Um Gottes willen, Vater, was fr Vorschlge? Es ist unwahr, da Wohlfart
irgendein anderes Interesse dabei hat, als dein eigenes.
    Die Mutter forderte durch eine Handbewegung Lenore auf, zu schweigen. Will
Fink dir das Gut abkaufen, sagte sie, so werde ich diesen Entschlu als ein
Glck fr dich segnen, als das grte Glck, das dir gerade jetzt widerfahren
kann, geliebter Oskar.
    Von Kaufen war vorlufig nicht die Rede, erwiderte der Freiherr, ich
wrde mich auch unter den jetzigen Aussichten bedenken mssen, das Gut so
schnell wegzugeben. Fink hat mir einen andern Vorschlag gemacht. Er will mein
Pchter werden.
    Lenore sank lautlos in einen Stuhl. Er will mir fnfhundert Morgen von der
Gutsflche abpachten, um dieselben in Kunstwiesen zu verwandeln. Ich kann nicht
leugnen, da er offenherzig und als Ehrenmann mit mir gesprochen hat. Er hat mir
mit Zahlen bewiesen, wie gro sein Vorteil sein wrde, er hat sich erboten, den
Pachtbetrag fr die ersten Jahre auf der Stelle zu zahlen, ja er hat sich
erboten, dies Pachtverhltnis nach fnf Jahren aufzulsen und mir die Wiesen zu
bergeben, wenn ich ihm die Kosten der Anlage zurckerstatte.
    Groer Gott! rief Lenore, du hast diesen edelmtigen Vorschlag doch
zurckgewiesen?
    Ich habe Bedenkzeit verlangt, erwiderte der Freiherr behaglich. Das
Anerbieten ist, wie gesagt, auch fr mich nicht gerade nachteilig, indes wre es
doch unvorsichtig, einem Fremden durch fnf Jahre so groe Vorteile einzurumen,
da Hoffnung ist, da ich selbst in einem Jahre ber Summen verfgen kann, um
diese Anlagen fr unsere eigene Rechnung zu machen.
    Du wrdest sie niemals selbst machen, mein geliebter, armer Mann, rief die
Baronin unter Trnen, sie umschlang den Hals ihres Gemahls und hielt ihre Hand
ber seine Augen. Der Freiherr sank vernichtet zusammen und legte wie ein Kind
sein Haupt an ihre Brust.
    Ich mu wissen, ob Wohlfart von diesem Plane wei und was er dazu sagt,
rief Lenore entschlossen, wenn du erlaubst, Vater, schicke ich sogleich hinber
und lasse ihn holen. Da der Freiherr keine Antwort gab, klingelte sie dem
Bedienten und verlie das Zimmer, diesen vor der Tr zu erwarten.
    Fink sa in Antons Stube, eifrig beschftigt, den Freund auszuschelten.
Seit du nicht mehr Zigarren rauchst, ist dein besserer Genius von dir gewichen,
nachdem er sich alle Haare ber deine Ungemtlichkeit ausgerauft hat. Jetzt ist
er im Himmel unter den psalmierenden Engeln durch eine Tour auffllig, und unser
Herrgott mu von Zeit zu Zeit den Hofmarschall fragen: Wer ist denn dieser
unglckliche Genius mit der Percke? dann antwortet Raphael: Der Kavalier war
frher dem Scheusal Anton Wohlfart zugeteilt. Dann fragt der Herr: Weshalb hat
er ihn verlassen? Und Raphael mu antworten: Weil der Unselige die Trabukos
abgeschworen hat. Und der Herr wird zornig sprechen: Fort mit ihm zur Hlle;
seine Seele soll in ein Rbenblatt eingenht und dort alle Tage von kleinen
Speiteufeln verraucht werden.
    Bist du in Amerika Mitglied einer frommen Gemeinde geworden, da du im
Himmel so genau Bescheid weit? frug Anton von seiner Rechnung aufsehend.
    Schweig! sagte Fink, sonst hattest du doch noch einige Stunden, wo du zu
faulenzen verstandest, jetzt verfhrst du eine ewige Buchrechnung, und beim
Tantalus, um nichts und wieder nichts.
    Der Bediente trat ein und rief Anton zum Freiherrn. Als Anton an der Tr
war, rief Fink ihm nach. Apropos, ich habe dem Freiherrn angeboten, die
fnfhundert Morgen von ihm zu pachten. Zweieinhalb Taler Pachtgeld fr den
Morgen; nach fnf Jahren Rckgabe der Wiesen gegen Erstattung der Anlagekosten,
Zahlung bar oder in Hypothek. Jetzt geh, mein Junge.
    Als Anton bei dem Freiherrn eintrat, sa die Baronin an der Seite ihres
Gemahls und hielt seine Hand in der ihren, Lenore ging unruhig im Zimmer auf und
ab. Haben Sie von dem Vorschlage gehrt, den Herr von Fink meinem Vater gemacht
hat? frug sie. In diesem Augenblick hat er mir davon gesagt, erwiderte Anton.
Der Freiherr verzog den Mund.
    Und was ist Ihre Meinung, darf mein Vater das Anerbieten annehmen?
    Anton schwieg. Fr das Gut ist es vorteilhaft, sagte er endlich mit
innerer berwindung. Die Anlage knnte die beste Hilfe fr diese Besitzung
werden.
    Nicht das will ich wissen, entgegnete Lenore ungeduldig, sondern ob Sie
als unser Freund den Rat geben, diesen Vorschlag anzunehmen.
    Nein, sagte Anton.
    Ich wute, da Sie so sprechen wrden, rief Lenore und trat hinter den
Stuhl ihres Vaters.
    Sie sagen nein, und weshalb? wenn's beliebt, frug der Freiherr. Die
gegenwrtige Zeit, welche alles in Frage stellt, scheint mir wenig geeignet fr
eine so groe Spekulation. Auerdem glaube ich, da Fink bei seinem Anerbieten
durch Rcksichten geleitet wurde, welche vielleicht ihm selbst Ehre machen, die
aber Ihnen, Herr Baron, die Annahme seiner Vorschlge erschweren mssen.
    Sie werden mir erlauben, selbst darber zu entscheiden, was ich annehmen
darf, und was nicht, erwiderte der Freiherr. Das Unternehmen wre als Geschft
fr beide Parteien vorteilhaft.
    Das mu ich einrumen, sagte Anton.
    Und wie man die gegenwrtige politische Lage ansieht, ist Sache der
persnlichen Auffassung. Wer sich dadurch in seinen Unternehmungen nicht stren
lt, verdient doch wohl mehr Lob, als der, welcher in einer unbestimmten Furcht
das Ntzliche zu tun versumt.
    Auch das mu ich zugeben.
    Wrde dies Unternehmen die Folge haben, da Herr von Fink in unserer Gegend
seinen dauernden Aufenthalt nhme? frug die Baronin.
    Das glaube ich nicht, gndigste Frau, die Arbeiten selbst wird er
jedenfalls einem Techniker bertragen; sein lebhafter Geist wird ihn schnell
genug wieder in die Welt treiben. Was ihn bestimmt hat, dem Herrn Baron sein
Anerbieten zu machen, das kann ich nur mutmaen. Ich glaube, da groen Anteil
daran die Verehrung hat, welche er gegen Ihr Haus empfindet, und der Wunsch,
Ihnen und vielleicht auch mir in diesen unruhigen Tagen mit einigem Recht nahe
zu sein. Gerade das, was andern jetzt diese Gegend verleidet, die Gefahr, das
hat fr sein khnes Herz viel Lockendes.
    Und wrde Ihnen nicht lieb sein, den Freund hier zu behalten? frug die
Baronin weiter.
    Ich habe dies bis heut noch nicht gehofft, erwiderte Anton. In frherer
Zeit war zuweilen meine Aufgabe, ihn von schnellen Entschlssen zurckzuhalten,
bei denen er um einer Laune willen vieles auf das Spiel setzte.
    Sie halten es also fr vorschnell, sagte der Freiherr, da Ihr Freund mir
einen solchen Antrag gemacht hat?
    Sein Antrag ist gewagt fr ihn selbst, antwortete Anton nachdrcklich,
und es ist etwas darin, Herr Freiherr, was mir auch in Ihrem Interesse nicht
gefllt, obgleich ich in Verlegenheit kme, wenn ich aussprechen sollte, was es
ist.
    Wir danken Ihnen, sagte der Freiherr, und wollen Sie nicht weiter
bemhen, die Sache hat ja keine Eile. Anton verbeugte sich und verlie das
Zimmer.
    Lenore stand schweigend am Fenster, ein langer Blick folgte dem Abgehenden.
Ich kann nicht aussprechen, was es ist, wiederholte sie Antons letzte Worte,
und ein Heer von ngstlichen Bildern und Ahnungen flog durch ihre Seele. Sie
zrnte der Schwche ihres Vaters, sie war emprt ber Fink, der es wagte, ihnen
Wohltaten anzubieten. Ob der Vater annahm, ob er ablehnte, ihr aller Verhltnis
zu dem Gast war ein anderes geworden. Sie waren ihm verpflichtet, er war ihnen
kein Fremder mehr, er selbst hatte sich als Vertrauter in ihre stillen Leiden
eingedrngt. Sie dachte an das Zucken seines Mundes, an seine zusammengezogenen
Augenbrauen, sie hrte, wie er spottete ber den Vater und ber sie. Keck war er
in ihr Haus getreten und nach wenigen Tagen fate er gleichgltig wie im Scherz
nach den Zgeln, um ihr Schicksal nach seinem Willen zu lenken. Seiner
bermtigen Laune sollten ihre Eltern vielleicht die Rettung verdanken. Heut
hatte sie noch mit ihm, dem glnzenden Mann aus der groen Welt, scherzen
knnen, er war ein Gast, mit dem man auf gleichem Fu steht, wie sollte sie ihn
ansehn von morgen ab? Von morgen war er ein groer Herr fr sie, und ihr Vater
in Wahrheit sein Untergebener. Ihr Stolz bumte hoch auf gegen sein Wesen,
dessen Macht sie in dieser Stunde so lebhaft fhlte; sie nahm sich vor, ihn mit
Klte zu behandeln; sie grbelte ber die Worte, die er zu ihr sprechen knnte,
und ber ihre Antworten, und immer flog ihre Seele um das Bild des mchtigen
Fremden, wie der aufgescheuchte Vogel um den Feind seines Nestes.
    Und was wirst du tun, Oscar? frug die Baronin.
    Der Vater darf nicht annehmen, rief Lenore mit Energie.
    Und was ist deine Meinung? sprach der Freiherr zu seiner Frau gewandt.
    Whle, was dich am ersten von diesem Gute befreit, was die Sorge von dir
nimmt, den Trbsinn, die Unsicherheit, die dich jede Stunde im stillen qulen.
La uns in die Ferne ziehn, wo die Leidenschaften weniger hlich sind, weit weg
aus diesem Lande. In den engsten Verhltnissen werden wir ruhiger sein, als
hier.
    Du rtst also, seinen Vorschlag anzunehmen, sagte der Freiherr. Wer den
Teil gepachtet hat, bernimmt wohl auch das Ganze.
    Und zahlt uns eine Pension, rief Lenore.
    Du bist ein trichtes Mdchen, sagte der Vater, ihr regt euch beide auf,
das ist unntz. Der Vorschlag ist zu bedeutend, um ihn kurz von der Hand zu
weisen, oder im Sprunge anzunehmen. Ich will mir das Nhere berlegen. Dein
Wohlfart wird Gelegenheit haben, die Bedingungen zu prfen, fgte er in
besserer Laune hinzu.
    Hre, mein Vater, auf das, was Wohlfart dir sagt, und ehre auch, was er
verschweigt.
    Ja, er soll gehrt werden, schlo der Freiherr, und jetzt gute Nacht ihr
beiden, ich werde mir's berlegen. - Er wird annehmen, sagte Lenore im Zimmer
der Baronin, er wird annehmen, weil Wohlfart abgeraten hat, und weil der andere
ihm Geld gibt. Mutter, warum hast du ihm nicht gesagt, da wir Frauen diesem
Fremden nicht mehr ins Gesicht sehen knnen, wenn er uns in unserm eignen Hause
die Almosen zuteilt?
    Ich habe keinen Stolz, ich habe keine Hoffnung mehr, sagte die Mutter
leise.
    Als Anton langsam in sein Zimmer zurckkehrte, rief Fink ihm lustig
entgegen: Wie steht's, Prokurist, darf ich Pchter werden, oder wird der Baron
die Anlage selbst machen? Er hatte groe Lust dazu. In diesem Fall erhebe ich
Anspruch auf Finderlohn. Freie Station fr mich und mein Pferd, solange sie hier
Krieg spielen.
    Er wird deinen Vorschlag annehmen, erwiderte Anton, obgleich ich ihm
abgeraten habe.
    Du? frug Fink; ja, das sieht dir hnlich. Wenn eine ertrinkende Maus sich
an ein Holzklotz klammert, du hltst ihr eine Rede ber das Drckende
moralischer Verpflichtungen und schleuderst sie ins Wasser zurck.
    Du bist nicht so unschuldig, wie ein Holzklotz, sagte Anton, wider Willen
lachend.
    Hre, fuhr Fink fort, ich habe keinen berflu an Sentimentalitt, aber
in diesem Fall wrde ich es doch nicht fr freundschaftlich halten, wenn du mich
mit einer Strafrede erbauen wolltest. Ist dir's denn so unangenehm, wenn ich dir
helfe, eine verrckte Zeit durchzumachen?
    Ich kenne dich lange genug, du Schelm, sagte Anton, um zu wissen, da
deine Freundschaft fr mich an deinem Anerbieten viel Anteil hat.
    Wirklich? spottete Fink, und wie gro war dieser Anteil? Es ist eine
nichtsnutzige Zeit, man mag so tugendhaft handeln, als nur irgend mglich, man
wird so lange seziert, bis die Tugend sich unter dem Messer der Bosheit in
Egoismus verwandelt.
    Anton streichelte ihm die Wangen. Ich seziere nicht, sagte er. Du hast
ein groartiges Anerbieten gemacht, und ich bin nicht mit dir unzufrieden, wohl
aber mit mir. In der ersten Freude ber deine Ankunft habe ich dir ber die
Verhltnisse des Freiherrn und ber den stillen Kummer der Frauen mehr
mitgeteilt, als sich mit meiner Pflicht vertrug, ich selbst habe dich in die
Geheimnisse dieses Hauses eingeweiht, und du hast dieses Wissen auf deine
behende Weise in Anspruch genommen. So habe ich selbst dich mit der Familie
verflochten und deine Kapitalien mit diesem unruhigen Lande. Da dies so
pltzlich geschehen, ist gegen mein Gefhl, und da meine Unvorsichtigkeit die
Veranlassung gegeben, das rgert mich.
    Natrlich, lachte Fink; fr dich ist der seste Genu, wenn du dir um
deine Umgebung Sorge machen kannst.
    Zweimal ist mir begegnet, fuhr Anton fort, da ich, dessen Vorsicht du so
oft verspottest, ber die Lage der Familie ohne Beruf mit Freunden gesprochen
habe. Das erste Mal erbat ich Hilfe fr die Rothsattel, sie wurde mir
verweigert, und dieser Vorgang hat mich mehr als etwas anderes aus dem Comtoir
und in dies Haus getrieben; jetzt fhrt meine zweite Indiskretion die nicht mehr
erbetene Hilfe in das Haus, was wird die Folge sein?
    Da sie dich wieder aus dem Hause und in das Comtoir wirft, lachte Fink.
Hat man je einen so spitzfindigen Hamlet in Transtiefeln gesehn? - Wenn ich nur
dahinterkommen knnte, ob du einen solchen logischen Ausgang in der Stille
ersehnst oder frchtest? Er zog ein Geldstck aus der Tasche: Kopf oder
Schrift, Anton? - Blond oder schwarz? - Werfen wir!
    Du bist nicht mehr in Tennessee, du Seelenverkufer! erwiderte Anton wider
Willen lachend.
    Es sollte ehrliches Spiel sein, sagte Fink gleichmtig, das Geldstck
wieder einsteckend. Ich wollte dir die Wahl lassen. - Denke in Zukunft daran.

                                       3


Der Freiherr nahm an. In der Tat war es schwer, dem Anerbieten Finks zu
widerstehn, selbst Anton mute zugeben, da eine Zurckweisung kaum erfolgen
konnte, nachdem es einmal im Ernst ausgesprochen war. Allerdings kam der
Freiherr zu seiner Einwilligung nicht auf der geraden Linie, in welcher der
gemeine Menschenverstand sonst auf irdische Interessen losgeht. Seine Seele
machte mehrere Quersprnge. Immer wieder fiel ihm ein, da er einen ansehnlichen
Gewinn aus seinem Gut auf einige Jahre einem Fremden lassen sollte; und wenn er
sich seufzend die Unmglichkeit eingestanden hatte, diesem Verlust zu entgehn,
so fiel ihm wieder ein, wie zudringlich es von dem Fremden sei, ihm am dritten
Tag nach seiner Ankunft einen solchen Antrag zu machen, und wie Lenorens
fortgesetztes Widerstreben doch einen Grund habe. Dann erschien er sich
armselig, unselbstndig und unter Antons Vormundschaft, und kam erbittert bis zu
dem Gedanken, die Sache aufzugeben. Aber nach solchen Wallungen schwankte er
zuletzt doch immer wieder auf die Strae seines Vorteils zurck. Er wute sehr
wohl, welche Hilfe die vorausbezahlte Pacht fr das laufende Jahr sein mute, er
ahnte, da die Anlage in einigen Jahren den Wert des Gutes um die Hlfte erhhen
konnte. Ja, er gab zu, da Fink selbst in den Unruhen dieses Jahres ein
wnschenswerter Bundesgenosse sei. Gegen die Frauen beobachtete er ein
hartnckiges Stillschweigen, Lenorens wiederholte Versuche, ihn zu bestimmen,
wies er mit einem auffallenden Anflug von guter Laune ab; sein ganzes Wesen war
in dieser Periode der berlegung gehobener.
    Nach einigen Tagen rief er den alten Diener und sagte im engsten Vertrauen:
Gib acht, Johann, ob Herr Wohlfart im Laufe des Tages einmal ausgeht, und Herr
von Fink allein in seinem Zimmer ist, dann melde mich bei ihm und hole mich ab.
Als er ganz in der Stille bei Fink eingefhrt worden war, sagte er ihm in
verbindlicher Weise, da er seinen Vorschlag annehme und ihm berlasse,
gelegentlich mit dem Anwalt in Rosmin den Kontrakt zu entwerfen.
    Abgemacht, rief Fink, ihm die Hand schttelnd; haben Sie aber auch
bedacht, Herr Freiherr, da ich durch Ihre freundliche Einwilligung in die Lage
kommen kann, noch auf Wochen, vielleicht auf Monate die Gastfreundschaft Ihres
Hauses in Anspruch zu nehmen? Denn ich halte meine Gegenwart fr wnschenswert,
wenigstens bis die Arbeit in Gang kommt.
    Es wird mir eine groe Freude sein, erwiderte der Freiherr aufrichtig,
wenn Sie in unserm noch nicht eingerichteten Haushalt vorliebnehmen wollen. Ich
werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen einige Zimmer in diesem Flgel wohnlich zu
machen und ganz zu Ihrer Disposition zu stellen. Haben Sie einen Diener, an den
Sie gewhnt sind, so bitte ich, ihn kommen zu lassen.
    Einen Diener nicht, sagte Fink, wenn Sie Ihrem Johann gestatten wollen,
meine Zimmer in Ordnung zu halten. Aber etwas Besseres habe ich, wovon ich mich
nicht lange trennen mchte, ein Halbblut, das noch im Stall meines Vaters
steht.
    Sollte es nicht mglich sein, das Pferd herzuschaffen?
    Wenn Sie das erlauben, sagte Fink, bin ich Ihnen sehr dankbar.
    So besprachen die beiden im besten Einvernehmen ihre Verbindung, und der
Freiherr verlie Finks Zimmer mit dem Gefhl, da er doch einen klugen Streich
gemacht habe.
    Die Sache ist in Richtigkeit, sagte Fink zu dem eintretenden Anton. Jetzt
lamentiere nicht, sondern finde dich darein, das Unglck ist einmal geschehn. In
zwei Zimmer auf der Ecke dieses Flgels werde ich mich einquartieren, die
Einrichtung besorge ich selbst. Morgen fahre ich nach Rosmin und von dort
weiter. Ich bin einem geschickten Mann auf der Spur, der das Technische der
Anlage leiten soll; den Mann und einige Arbeiter bringe ich mit. Kannst du mir
unsern Karl auf acht Tage berlassen?
    Er ist hier schwer zu entbehren, indes, wenn es sein mu, werde ich ihn zu
vertreten suchen. Lat mir nur ein Bndel mit weisen Lehren zurck.
    Am nchsten Morgen reiste Fink in Begleitung des Husars ab, und die alte
Ordnung im Schlo kehrte zurck. Die kleine Schar Gutswehr hielt regelmig ihre
bungen, Patrouillen wurden gemacht, wie frher; arge Gerchte wurden eifrig
erzhlt und angehrt; einmal kam die Meldung, da auf der nchsten Landstrae
ein Haufe Sensenmnner marschiere, ein andermal betrat ein Trupp feindlicher
Ritter die Feldmark, ritt aber, ohne das Dorf zu berhren, auf dem Waldwege
vorber. Auch Militr erschien als Einquartierung auf einzelne Nchte, kleine
Abteilungen, welche weiter ins Land hineinzogen. Die Offiziere waren willkommene
Gste des Schlosses, sie erzhlten von dem Kampf der Leidenschaften jenseits der
Wlder und beruhigten die Frauen durch das mutige Versprechen, da dem Aufstand
ein schnelles Ende bereitet werde. Nur Anton empfand die schwere Last, welche
selbst durch die kleinen Truppenmrsche auf das Gut gelegt wurde.
    Fast vierzehn Tage waren vergangen, Fink und Karl wie verschwunden. An einem
sonnigen Tage war Lenore bei ihrer Pflanzung beschftigt, sie lie durch einen
Arbeiter Lcher fr die Wurzelballen kleiner Waldbume ausgraben. Schon bildete
ein halbes Hundert von Fichten und jungen Birken ein anspruchloses Gebsch, das
zur Zeit einem Rebhuhn mehr Schatten gab, als einem Menschen. In ihrem Strohhut,
einen kleinen Spaten in der Hand, erschien Lenore dem vorbereilenden Anton so
anmutig, da er sich nicht enthalten konnte, stehnzubleiben und ihr zuzusehn.
    Habe ich Sie endlich, treuloser Herr, rief ihm Lenore zu. Seit acht Tagen
haben Sie sich gar nicht um meine Bume gekmmert, ich habe alles allein
begieen mssen. Hier ist Ihr Spaten, kommen Sie und helfen Sie mir Lcher
graben.
    Anton ergriff gehorsam den Spaten und begann tapfer den Rasen auszustechen.
Ich habe im Walde junge Wacholder gesehn, vielleicht knnen Sie die brauchen.
    An den Rndern, antwortete Lenore vershnt.
    Ich habe in den letzten Tagen mehr zu tun gehabt, als sonst, fuhr Anton
fort, Karl fehlt uns berall.
    Lenore stie ihren Spaten tief in die Erde und beugte sich herab, den
aufgeworfenen Boden anzufhlen. Hat Ihr Freund immer noch nicht geschrieben?
frug sie gleichgltig.
    Ich wei nicht, was ich denken soll, sagte Anton, der Postenlauf ist
nicht unterbrochen, denn andere Briefe sind angekommen. Fast frchte ich, da
den Reisenden ein Unglck zugestoen ist.
    Lenore schttelte den Kopf. Knnen Sie sich denken, da Herrn von Fink ein
Unglck zustt? fragte sie weitergrabend.
    Es ist schwer zu denken, sagte Anton lachend, er sieht nicht aus, als ob
er sich ein boshaftes Schicksal leicht ber den Kopf wachsen liee.
    Das meine ich auch, erwiderte Lenore trocken.
    Anton schwieg eine Weile. Es ist merkwrdig, da wir miteinander noch nicht
ber die Vernderung gesprochen haben, welche durch Finks Hierbleiben entsteht,
sagte er endlich nicht ohne Zwang, denn er empfand undeutlich, da zwischen
Lenore und ihn selbst eine Befangenheit gekommen war, ein leichter Schatten auf
goldgrnem Rasen, von dem man nicht wei, woher er fllt. Sind Sie auch nicht
unzufrieden mit seiner Ansiedelung? Lenore wandte sich ab und lie einen Zweig
durch ihre Finger gleiten. Sind Sie zufrieden? frug sie zurck.
    Ich fr meinen Teil kann mir die Anwesenheit des Freundes wohl gefallen
lassen, sagte Anton.
    Dann tu ich's auch, erwiderte Lenore aufsehend. Aber es ist doch
auffallend, da auch Herrn Sturm nicht geschrieben hat. Vielleicht kommen sie
gar nicht wieder, rief sie aus.
    Fr Karl leiste ich Brgschaft, sagte Anton.
    Aber fr den andern? Der sieht aus, als ob er vernderlich wre, wie eine
Wolke.
    So ist er nicht, erwiderte Anton; wenn er Schwierigkeiten zu bekmpfen
hat, erwacht alle Energie seines Lebens; nur was ihm keine Mhe macht, das
langweilt ihn.
    Lenore schwieg und grub eifrig weiter.
    Da hrte man aus dem Wirtschaftshofe das Gesumm von frhlichen Stimmen, die
Leute liefen von ihrem Mittagstisch auf die Landstrae, Herr Sturm kommt, rief
ein Knecht den Grabenden zu. - Ein stattlicher Zug bewegte sich durch das Dorf
auf das Schlo zu. Voran schritt ein halbes Dutzend Mnner in gleicher Tracht;
sie trugen graue Jupen, breitkrempige Filzhte, die an einer Seite aufgeschlagen
und mit einem grnen Busch verziert waren, auf der Schulter eine leichte
Jagdflinte, an der Seite ein Matrosenmesser. Hinter ihnen kam eine Reihe
beladener Wagen, der erste voll von Schaufeln, Grabscheiten, Hacken und
Erdkarren, welche zu kunstvoller Symmetrie ineinandergesetzt waren, dahinter
andere Wagen mit Mehlscken, Kisten, Kleiderbndeln und eingepackten Mbeln. Den
Zug schlo wieder eine Anzahl Mnner in grauer Uniform und denselben Waffen. In
der Nhe des Schlosses sprang Karl mit einem Fremden von dem letzten Wagen
herab. Karl stellte sich an die Spitze des Zuges, lie die Wagen an der Front
des Schlosses auffahren, ordnete die Mnner in zwei Reihen und kommandierte mit
einigem Erfolg: Prsentiert das Gewehr! Hinter dem Zuge galoppierte Fink auf
seinem Pferde heran.
    Willkommen! rief Anton dem Freunde entgegen.
    Sie bringen eine Armee mit Bagage, lachte Lenore ihn begrend, ziehen
Sie immer mit so schwerem Gepck ins Feld?
    Ich bringe ein Korps, das von heute ab in Ihrem Dienst stehen soll,
erwiderte Fink vom Pferde springend. Es scheinen ordentliche Leute, sagte er
zu Anton gewandt, sie sollen den Stamm bilden fr meine Arbeiter. Doch hat es
Mhe gemacht, sie zusammenzufinden. Hnde sind jetzt rar, und doch wird nichts
gearbeitet. Wir haben in deiner Heimat getrommelt und gelockt, wie
Werbeoffiziere. Zur Arbeit allein wren sie schwerlich gekommen. Die grauen
Jacken und die Jgerhte haben's ihnen angetan. Einige gediente Mnner sind
darunter, dein Husar wei sie zusammenzuhalten, wie ein geborener General.
    Der Freiherr und seine Gemahlin traten in die offene Halle. Die Arbeiter
brachten auf Karls Kommando ein dreimaliges Hoch aus, dann zogen sie auf die
vordere Seite des Hauses und lagerten sich in der Sonne.
    Hier sind Ihre Pioniere, mein Chef, sagte Fink nach den ersten Begrungen
zum Freiherrn. Da Ihre Gte mir erlaubt hat, fr die nchste Zeit Ihr
Hausgenosse zu werden, so habe ich auch das Recht gewonnen, etwas fr die
Sicherung Ihres Schlosses zu tun. Es sieht bedenklich aus in dieser Provinz. In
Rosmin selbst hlt man sich keinen Tag fr sicher. Ihre Einrichtung einer
Bauernwehr ist auch dem Feind nicht entgangen und hat seine Aufmerksamkeit auf
Ihr Haus gelenkt.
    Es ist mir eine Ehre, unterbrach der Freiherr, diesen Herren zu
mifallen.
    Gewi߫, stimmte Fink hflich bei. Um so mehr haben Ihre Verehrer die
Verpflichtung, fr Ihre und Ihrer Familie persnliche Sicherheit zu wachen. Noch
sind Sie kaum stark genug, dies Schlo gegen abgeschmackte Einflle Ihrer
Ortsangehrigen zu schtzen. Das Dutzend Arbeiter, welches ich herbringe, knnte
eine Schutzwache fr Ihr Haus bilden, die Leute haben Waffen und wissen zum Teil
damit umzugehen. Ich habe die Arbeiter auf ein Reglement verpflichtet, welches
so viel militrischen Anstrich hat, da es helfen kann, sie in Ordnung zu
halten. Sie sollen tglich einige Stunden weniger arbeiten und sich in dieser
Zeit einexerzieren, Patrouillen machen und, soweit Ihnen, Herr Freiherr, dies
wnschenswert erscheint, eine regelmige Verbindung mit der Umgegend erhalten.
Unterhalt und Bekstigung der Leute liegen natrlich mir ob, ich habe vorlufig
fr die ersten Wochen gesorgt. Mein Wunsch ist, fr sie ein leichtes Haus auf
dem Felde zusammenzuschlagen; bis dahin aber wird es ntig sein, die Mnner nahe
beieinander zu halten, wo mglich in der Nhe des Schlosses. Und deshalb bitte
ich Sie um vorlufiges Quartier auch fr diese Leute.
    Alles, was Sie wnschen, lieber Fink, rief der Freiherr fortgerissen von
dem unternehmenden Geist des Jngern; was wir von Rumlichkeiten haben, stelle
ich zu Ihrer Verfgung.
    Dann erlaube ich mir den Vorschlag, sagte Anton, im Schlo ein Zimmer des
untern Stocks als Wachstube einzurichten. Dort werden die Waffen und Werkzeuge
der Leute aufbewahrt, und jede Nacht ziehen einige dorthin auf Posten. Die
brigen mssen in dem Wirtschaftshof untergebracht werden. Dadurch werden die
Mnner gewhnt, dies Schlo als ihren Sammelplatz zu betrachten.
    Vortrefflich, sagte Fink, wenn nur die Damen der Unruhe, welche dadurch
auch in das Schlo kommt, nicht zu sehr zrnen.
    Die Frau und Tochter eines alten Soldaten werden die Maregeln, welche fr
ihre Sicherheit getroffen werden, mit dem grten Dank aufnehmen, erwiderte der
Freiherr mit Wrde.
    So wurde von allen Seiten bereitwillig angegriffen, die neue Kolonie
anzusiedeln. Die befrachteten Wagen wurden abgeladen. Der Techniker und die
Arbeiter fanden vorlufig ein notdrftiges Unterkommen auf dem Wirtschaftshofe.
    Die erste Ttigkeit der Arbeiter war, Leinwand und Strohseile von Mbeln
abzuwickeln und diese in die Zimmer ihres neuen Brotherrn zu tragen. Die
Dienerschaft vom Schlosse stand herum und sah neugierig auf den einfachen
Hausrat. Ein Stck aber erregte so laute Verwunderung, da auch Lenore zu der
Gruppe trat. Es war ein kleines Sofa von abenteuerlichem Aussehen. Beine und
Armlehnen waren die Fe eines groen Raubtiers, die Polster waren berzogen mit
dem Fell derselben Katzenart, gelbbrauner Grund mit regelmigen schwarzen
Flecken. Zur Rcklehne und den Seitenkissen waren drei ungeheure Katzenkpfe in
Polster verwandelt, das Gestell war statt von Holz von kunstvoll geschnitztem
Elfenbein.
    Wie allerliebst! rief Lenore aus.
    Wenn das Ding Ihnen nicht mifllt, sagte Fink gleichgltig, so schlage
ich Ihnen einen Tausch vor. In meinem Zimmer steht ein kleiner Diwan, in dem
sich's so bequem ruht, da ich ihn gern behalten mchte. Erlauben Sie den
Leuten, dies Ungetm in einem andern Zimmer des Schlosses niederzusetzen, und
berlassen Sie mir dafr den Diwan.
    Lenore fand bei dieser kurzen Weise nicht sogleich eine Antwort, sie
verbeugte sich zu stummer Einwilligung. Und doch war sie unzufrieden mit sich,
da sie den Tausch nicht im Augenblick ablehnte. Als sie in ihr Zimmer kam, fand
sie das Katzensofa darin aufgestellt. Darber rgerte sie sich noch mehr, sie
rief Suska und den Diener, das Mbel in eine andere Stube zu tragen, aber beide
protestierten und erhoben groen Lrm, als sie behaupteten, das prchtige Tier
stehe nirgend besser als in dem Zimmer des gndigen Fruleins; bis endlich
Lenore, um nicht Aufsehen zu verursachen, beide hinaustrieb und sich leidend in
den Tausch ergab. So ruhte jetzt Lenorens schner Leib auf den Jaguarfellen, die
Fink in fernen Wldern erbeutet hatte.
    Am nchsten Tage begann die neue Ttigkeit. Der Wiesenbauer zog mit seinen
Instrumenten auf das Feld, die Arbeiter wurden an ihr Werk gestellt. Karl suchte
Tagelhner in den deutschen und polnischen Orten, auch im Dorfe waren einige
Leute willig, nach wenig Tagen wurde ein halbes Hundert Arbeiter auf dem
gepachteten Land beschftigt. Nebenbei bemerkt, nicht ohne viele Strung, die
Leute waren unruhig und zerstreut, und die Arbeiter aus den nchsten Drfern
kamen unregelmiger, als wnschenswert war, aber der Stamm hielt doch fest und
Finks Einrichtung bewhrte sich, vielleicht deshalb, weil sowohl er als Karl die
Leute zu bndigen wuten, er selbst durch stolze Energie, Karl durch gute Laune,
mit der er lobte und schalt. Die militrischen bungen zu leiten, kam der
Frster unermdlich aus seinem Walde hervor, das Schlo wurde alle Nchte durch
Wachen besetzt, die Patrouillen nach den Nachbardrfern pnktlich versehen. Der
kriegerische Geist verbreitete sich von dem Schlosse ber die ganze deutsche
Umgegend. Schnell lebte in der Schar mit aufgekrempten Hten ein Korpsgeist auf,
der die Handhabung der Disziplin erleichterte; nach wenig Tagen wurde Fink mit
zahlreichen Bitten anderer Leute berlaufen, sie ebenfalls mit einem Anzuge und
einer Flinte, mit guter Kost und Lhnung zu versehen und in seine Garde
aufzunehmen.
    Die Wachtstube ist in Ordnung, sagte Fink zu Anton, in die
Fensterverschlge des Unterstocks la noch Schielcher schneiden.
    So trug man im Schlo die Lasten der Zeit mit neuem Mut. In das Leben jedes
einzelnen kam durch den Gast ein neuer Zug, auch die Wirtschaft empfand seine
Gegenwart, und der Frster war stolz, einem solchen Herrn die Honneurs des
Waldes zu machen. Fink war viel mit Anton auf dem Felde, und dieser wie Karl
gewhnten sich, ihn um Rat zu fragen. Er kaufte zwei derbe Wagenpferde, wie er
sagte, fr die eigene Bequemlichkeit und fr die Wiesen, aber er lie sie
tchtig in der Wirtschaft arbeiten und lachte den Freund aus, als dieser ein
besonderes Konto fr die beiden Rosse einrichtete und ihnen alle Wochen ihre
Anzahl Pferdetage gutschrieb. Anton selbst war glcklich, den Freund in der Nhe
zu haben. Etwas von der frhlichen alten Zeit war wiedergekommen, jene Abende,
wo die beiden Jnglinge miteinander geplaudert hatten, wie nur junge Mnner
vermgen, bald in kindlicher Tollheit, bald weise ber die hchsten Dinge. In
vielem hatte sich Fink verndert, er war ruhiger geworden und, wie Anton in der
Sprache des Comtoirs sich ausdrckte, solider. Aber er war freilich noch mehr
als frher geneigt, andere Menschen fr seine wechselnden Interessen zu benutzen
und auf sie herunterzusehn wie auf ein Spielzeug. Seine Lebenskraft war noch
dieselbe. Wenn er den Morgen bei seinen Wiesenarbeitern gestanden, mit dem
Frster den Wald durchstreift hatte, wenn er am Nachmittag auf seinem Pferde,
trotz Antons Vorstellungen, meilenweit in das unsichere Land hineingeritten war,
um Nachrichten zu holen, oder Verbindungen anzuknpfen, und wenn er auf dem
Rckwege die Posten des Guts und der Bauerndrfer revidiert hatte, dann war er
noch abends am Teetisch der Baronin ein heiterer Gesellschafter, der unermdlich
aushielt, und oft durch Antons Winke erinnert werden mute, da die Kraft der
Hausfrau nicht so unzerstrbar war, als seine eigene. Den Freiherrn hatte er
bald vollstndig berwunden. Gegen die gallige Laune, welche dem armen Herrn zur
Gewohnheit geworden war, zeigte er nicht die mindeste Nachsicht, er gestattete
ihm keine bittere Bemerkung, keinen Ausfall gegen Wohlfahrt oder gegen die
eigene Tochter, ohne ihm sein Unrecht auf der Stelle fhlbar zu machen. So
setzte er durch, da der Gutsherr wenigstens in seiner Gegenwart sich gewaltig
zusammennahm. Dagegen tat er ihm auch manchen Gefallen, der ihm selbst bequem
war. Er half ihm dazu, eine Partie Whist zu spielen, indem er ihm den Rat gab,
sich in die Karten kleine Zeichen zu stechen, die er mit dem Finger fhlen
konnte; er fhrte Lenore zu dem Whisttisch und brachte ihr die Anfnge des
Spiels bei. Wie von selbst machte sich's, da Wohlfart zur Partie herangezogen
wurde. So half er dem Freiherrn ber langsame Stunden weg und bewirkte, da sein
Freund von jetzt ab fast alle Abende in der Familie zubrachte und noch nicht zu
Bett war, wenn Fink die Laune hatte, ein Nachtgesprch zu halten und in
Gesellschaft ein Glas Kognakpunsch und eine letzte Zigarre zu genieen.
    Nur die Frauen des Schlosses schienen die Vorteile nicht zu empfinden,
welche Finks Anwesenheit allen brigen brachte. Die Baronin erkrankte. Es war
keine heftige Krankheit, und doch kam sie pltzlich. Noch am Nachmittag hatte
sie heiter mit Anton gesprochen und ihm einige Briefe abgenommen, die der
Briefbote fr den Freiherrn gebracht. Am Abend erschien sie nicht am Teetisch;
der Freiherr selbst betrachtete ihr Unwohlsein als vorbergehend. Sie klagte
ber nichts, als Schwche; der Arzt, welcher sich von Rosmin auf das Gut wagte,
wute ihre Krankheit nicht zu nennen. Lchelnd wies sie alle Arznei zurck und
sprach selbst die feste Zuversicht aus, da die Abspannung vorbergehen werde.
Um Lenore und ihren Gemahl nicht an das Krankenzimmer zu fesseln, uerte sie
zuweilen den Wunsch, an den Familienabenden teilzunehmen, sie vermochte dann
nicht auf dem Sofa zu sitzen und legte ihr Haupt auf das Kissen der Lehne.
    So war sie die stille Gesellschafterin der andern, ihr Auge sah dann unruhig
auf den Freiherrn und prfend auf Lenore, bis beide am Spieltisch saen, dann
lehnte sie sich in die Kissen zurck und schien auszuruhen, wie von einer
Arbeit.
    Anton sah mit inniger Teilnahme auf die Kranke. Wenn er im Spiel einen
Rubber zu pausieren hatte, versumte er nie, leise zum Sofa zu treten und nach
ihren Befehlen zu fragen. Es war ihm eine Freude, wenn er ihr ein Glas Wasser
berreichen, oder einen Auftrag ausrichten konnte. Immer sah er mit Bewunderung
in das feine Antlitz, das noch jetzt, bleich und abgespannt, die schnen Umrisse
zeigte. Es war ein stilles Einverstndnis zwischen ihm und der Kranken. Sie
sprach mit ihm noch weniger als mit den andern. Denn wenn sie in der Nhe ihres
Gemahls oft in munterm Ton das Wort ergriff und den Erzhlungen ihres Gastes mit
den Augen und dem Haupt folgte, so bemhte sie sich nicht, vor Anton ihre
Schwche zu verbergen. Sie sank dann in sich zusammen, oder starrte teilnahmslos
in das Zimmer hinein, aber wenn sie ihn ansah, war es mit dem ruhigen Vertrauen,
das man einem alten Hausgenossen schenkt, vor dem man Geheimnisse nicht mehr zu
hten hat. Vielleicht war es, weil die Baronin den Wert seines Gemts vollkommen
zu wrdigen wute, vielleicht weil sie ihn seit dem Tage, wo er ihr seine
Dienste anbot, bis zu dieser Stunde immer als einen zuverlssigen Diener ihres
Hauses angesehen hatte. Aber wre auch diese Auffassung unserm Helden bemerkbar
geworden, sie htte seine ritterliche Treue gegen die Edelfrau nicht
erschttert. So wie sie war, erschien sie ihm fertig und in ihrer Art
vollkommen, als ein Bild, welches das Herz eines jeden erfreut, der ihr
nahetritt. Er konnte den stillen Verdacht nicht loswerden, da eine Einwirkung
von auen, vielleicht eines von den Schreiben, die er selbst bergeben, die
Vernderung ihrer Gesundheit hervorgebracht habe. Auf einem der Briefe hatte
eine zitternde Hand die Adresse geschrieben, der Brief hatte ein bsartiges
Aussehen gehabt, und Anton hatte ahnend empfunden, da er Unwillkommenes
enthalten msse. An einem Abend, als die andern am Spieltisch saen, war der
Kopf der Kranken von dem seidenen Kissen heruntergeglitten. Als Anton das Kissen
zurechtgerckt, und die Kranke ihr Haupt mit Mhe wieder daraufgelegt hatte, sah
sie ihn dankend an und sagte ihm leise, wie schwach sie sei. Ich wnsche noch
einmal allein mit Ihnen zu reden, fuhr sie nach einer Pause fort, nicht jetzt,
aber die Zeit wird kommen, und dabei sah sie mit einem tiefen Ausdruck von
Schmerz in die Hhe, da Anton voll trber Befrchtungen wurde.
    Weder der Freiherr noch Lenore hatten so groe Sorge. Mama hat schon
einigemal an solcher Schwche gelitten, sagte Lenore, immer war die Sommerluft
ihre beste Heilung, ich hoffe alles von der Zeit, wo es wrmer wird. Lenore
selbst war nicht unbefangen genug, ihre Umgebung mit scharfen Augen anzusehen,
auch sie hatte sich verndert. Manchen Abend sa sie stumm am Teetisch und fuhr
auf, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, an andern war sie ausgelassen heiter.
Sie vermied Fink, sie mied aber auch Antons Nhe, beiden gegenber war sie
befangen. Ihre blhende Gesundheit schien erschttert, die Mutter selbst trieb
sie oft aus der Krankenstube ins Freie; dann lie Lenore ihr Pferd satteln und
ritt allein hinaus in den Wald, wo sie stundenlang umhertrabte und zuletzt nicht
darauf achtete, wenn sie der erzrnte Pony, ohne ihren Befehl abzuwarten, nach
dem Hofe zurckbrachte. Anton sah diese Vernderung mit stiller Trauer. Er
fhlte tief, da es anders wurde zwischen Lenore und ihm, aber er vermied, mit
ihr darber zu sprechen, und verschlo in seinem Herzen, was er empfand.
    Es war ein schwler Nachmittag im Mai. ber den Wldern hingen dunkle
Gewitterwolken, und die Sonne warf ihre Strahlen hei auf das trockne Land, da
kam der Mann, der als Patrouille nach den Bauerndrfern ausgeschickt war, eilig
nach der Wachtstube des Schlosses zurck und meldete, fremdes Volk laure im
Kunauer Wald, die Kunauer lieen fragen, was zu tun sei. Fink gab den Arbeitern
das Lrmzeichen und sandte Botschaft zum Frster und nach dem neuen Vorwerk.
Whrend die Arbeiter das Gert nach dem Schlosse trugen und die Knechte mit
ihrem Gespann vom Felde heimritten und sich zum Aufbruch rsteten, jagte ein
Reiter von Kunau mit der Nachricht heran, eine polnische Bande sei in ein Gehft
des Dorfes eingebrochen, die Landleute lieen um Hilfe bitten.
    Alle Mnner waren in der mutigen Aufregung, welche ein Alarm hervorruft,
wenn er die Aussicht auf Abenteuer bringt.
    Behalte einige der Arbeiter zurck, sagte Fink zu Anton, und bernimm die
Wache im Schlo und im Dorfe, den Frster schicke mit der Gutswehr nach Kunau,
ich reite mit dem Amtmann und den Knechten voraus. Er sprang nach dem Stall des
Schlosses und sattelte selbst sein Pferd, whrend Karl neben ihm das Reitpferd
des Barons fr sich herausfhrte. Sehn Sie nach den Wolken, Herr von Fink,
sagte Karl, nehmen Sie Ihren Mantel mit, es gibt ein tchtiges Gewitter. Heut
nacht regnet's Hafer fr das Gut. Fink rief nach seinem Plaid, und die kleine
Schar rasselte auf Kunau zu.
    Als sie in den Wald kamen, merkten sie, wie stickend die Schwle war, selbst
die rasche Bewegung der Pferde vermochte nicht das unbehagliche Gefhl zu
bannen. Sehen Sie die Unruhe in den Tieren, rief Karl, mein Pferd spitzt die
Ohren, es ist etwas im Walde. Die Reiter hielten still. In dem Gebsch trabt
einer, dort rasselt's in den sten. Das Pferd, welches Karl ritt, fuhr mit dem
Kopf auf das Gehlz zu und schnaubte laut.
    Es ist ein Bekannter, einer von uns, sagte Fink auf das Pferd sehend.
    Die Zweige des jungen Holzes fuhren auseinander, auf ihrem Klepper kam
Lenore herausgesprengt und verlegte den Reitern den Weg. Halt, wer da! rief
sie lachend.
    Alle Wetter, das Frulein! schrie Karl.
    Die Losung! rief Lenore martialisch.
    Fink ritt vor, salutierte und sagte leise: Potz Blitz, das ist ja die
Gustel von Blasewitz.
    Lenore errtete und lachte. Passiert, sagte sie, ich reite mit.
    Natrlich, rief Fink, nur vorwrts! Der Pony warf nach Leibeskrften
seine Beine neben dem groen Pferd des Gastes durcheinander. So kamen sie nach
Kunau und hielten vor dem Alarmhause. Dort war die Bauerwehr aufgestellt, der
Schmied als Befehlshaber kam ihnen sorgenvoll entgegen.
    Was in unserm Holze steckt, ist verwettertes Volk, rief er, bewaffnete
Polacken. Heut in der hellen Mittagsstunde ist ein Haufe von zehn Mnnern mit
Flinten an des Leonhard Hof gekommen, der dort hinausliegt auf den Wald zu, sie
haben die Hoftren besetzt, dann ist der Anfhrer mit seiner Bande in die Stube
getreten, wo die Leute gerade um den Tisch saen, und hat Geld verlangt und das
Kalb aus dem Stall. Es war ein schndlicher Kerl mit einer langen Flinte, er
hatte eine Pfauenfeder auf dem Hut, und die roten Schnre auf dem Rock, wie ein
echter Klopiez. Der Bauer hat sich geweigert, das Geld zu geben, da haben sie
ihm ein Gewehr an den Kopf gesetzt, bis sein Weib in der Angst zu dem Kasten
gelaufen ist und den Kerlen einen Sckel mit Geld hingeworfen hat. Darauf haben
sie das Kalb aus dem Stall gerissen und vier Gnse aus dem Hofe, und sind mit
ihrem Raube wieder nach dem Wald gezogen. Vier Schufte mit Flinten haben sie im
Hofe stehnlassen als Wache, so da niemand herauskonnte, bis die andern mit den
gestohlnen Sachen im Walde waren. Zuletzt haben zwei von dem Raubvolk ihre
Gewehre in das Dach abgeschossen, dann sind auch die vier weggelaufen. Das Dach
fing an zu glimmen, aber wir haben's glcklich gelscht.
    Seitdem sind Stunden vergangen, sagte Fink, die Schurken sind ber alle
Berge.
    Ich glaub's nicht, erwiderte der Schmied. Den Leonhard habe ich mit
unsern Berittenen sogleich um den Wald herumgeschickt an die Grenze, damit sie
aufpassen, wenn das Rubervolk sich aus dem Wald schleicht. Und eine Frau aus
Neudorf, die im Wald war, hat noch vor zwei Stunden polnische Leute gesehn, auf
der Grenze von unserm nach dem Neudorfer Wald, grade da, wo der Grenzstein unter
der alten Eiche steht. Sie hatten ein Vieh bei sich, ob es ein Kalb war oder ein
Hund, hat die Frau in ihrer Angst nicht gesehn, wenn's das Kalb war, so haben's
die Hungerleider lieber aufgegessen als fortgetragen. Ich komme eben von
Neudorf, die Neudorfer sind gesammelt wie wir. Wir mchten ein Treiben durch die
Wlder anstellen, wenn Ihre Leute uns von Ihrer Seite helfen, und wenn Sie uns
die Richtung geben wollten.
    Gut, sagte Fink, frisch ans Werk. Er sandte einen Boten dem Frster
entgegen, damit die aus dem Schlo gleich von ihrer Seite das Treiben begnnen,
und besprach mit dem Schmied Aufstellung und Richtung der Kunauer. Karl mit den
Knechten schickte er zu den Kunauer Reitern auf die entgegengesetzte Seite des
Waldes, nach welcher der Trieb zugehn sollte. Machen Sie keine Umstnde mit den
Schuften, rief er dem abreitenden Karl zu und klopfte auf die Pistolen im
Halfter. Vorwrts! sagte er zum Schmied, ich selbst reite nach Neudorf. Wenn
Ihr Euer Vorholz abgesucht habt, erwartet uns, dort soll die Neudorfer Kette
sich an Eure schlieen.
    So zogen die von Kunau aus, den Diebstahl zu rchen. Fink galoppierte von
Lenore begleitet nach dem Nachbardorf. Auf dem Wege sagte er zu ihr: Hier
werden wir uns trennen, Frulein. - Lenore schwieg.
    Fink sah sie von der Seite an. Ich glaube nicht, fuhr er fort, da die
Schelme uns die Freude machen werden, unsern Besuch im Walde zu erwarten. Und
wenn sie weglaufen wollen, der Abend ist nahe, wir werden sie schwerlich
hindern. Aber die Jagd ist eine gute bung fr unsre Leute, und deshalb soll sie
uns willkommen sein.
    Dann gehe ich mit nach dem Walde, sagte Lenore entschlossen.
    Notwendig ist das grade nicht, erwiderte Fink, ich frchte zwar keine
Gefahr fr Sie, aber Ermdung und vielleicht Regen.
    Lassen Sie mich mit, bat Lenore, zu ihm aufsehend.
    Ich habe verstndig abgeraten, mehr ist von einem Menschen nicht zu
verlangen, und im Vertrauen gesagt, mich freut's, da Sie so mutig sind. Galopp,
Kamerad!
    In Neudorf stellte Fink die Pferde in den Hof des Schulzen und fhrte die
Schar der Neudorfer an den Waldrand. Die Linie stellte sich auf, die
Durchsuchung des Forstes begann. In langer Kette betraten die Mnner das Holz,
die Entfernung zwischen den einzelnen Gliedern mute grer sein, als
wnschenswert war, Fink schritt mit Lenore auf dem uersten rechten Flgel, wo
der Anschlu an die Linie der Kunauer geschehen sollte, der Nebenmann Finks
hatte die Richtung anzugeben. Die Jger gingen in tiefem Schweigen vorwrts und
sphten mit scharfem Auge von Baum zu Baum. Als sie den Wald betraten, rauschte
es in den Baumwipfeln, durch die Lcken des Nadelholzes sah man den
bleischwarzen Himmel. Unten aber lag noch die Schwle des heien Tages, die
Vgel saen in die Zweige geduckt, die Kfer waren in die Heidelbeeren
gekrochen.
    Der Himmel selbst kommt den Spitzbuben zu Hilfe, sagte Fink, auf die
Wolken deutend, zu seiner Begleiterin, es wird so finster dort oben, da wir in
einer halben Stunde hier unten nicht zehn Schritt vor uns sehen werden.
    Das Holz schlo sich dichter, das Tageslicht nahm ab, Lenore hatte Mhe, die
Reihe der Mnner zu erkennen. Der Grund wurde morastig, Lenore versank bis an
die Knchel in dem Bruch. Wenn's nur kein Katarrh wird, lachte Fink sie aus.
    Es wird keiner, erwiderte Lenore herzhaft, aber der Zug in den Wald
erschien ihr nicht mehr so harmlos, wie vor einer Stunde.
    Der Mann neben Fink blieb stehn, sein leises Zeichen lief die Kette hinab,
die lange Reihe hielt an, die Kunauer zu erwarten. Immer schwrzer wurde es ber
den Bumen, immer dunkler im Holz. In der Ferne rollte der Donner, wie ein
dumpfer Wirbel klang der Ton unter dem groen Dach von Nadeln. So standen die
Mnner wohl eine Viertelstunde, da tnte von rechts ein leiser Ruf durch die
Dunkelheit, die Treiber aus dem Nachbardorf kamen heran. Die Warnung: Nebenmann
rechts und links im Auge behalten! flog durch die Reihe, dann setzte sich der
ganze Zug in Bewegung, die Fhrer aus den beiden Drfern schritten jetzt
nebeneinander, Fink und Lenore in ihrer Spur. Da fuhr ein starker Donnerschlag
ber den Wald, es pfiff und rasselte in der Luft, der Regen rauschte hernieder.
Zuerst klang der Tropfenfall nur in den sten der Bume, bald drangen einzelne
schwere Tropfen herunter. Immer lauter schlug der Regen auf die Kronen der
Bume, immer strker tropfte es von den sten, endlich rauschte die Wasserflut
von dem Himmel und durch die Zweige herab auf den Boden; jeder Stamm, jeder
Strau Nadeln, jeder herabgebogene Ast verwandelte sich in eine Wasserrinne. Wie
ein Flor verhllten die Wassertropfen die Aussicht. Um jeden einzelnen war ein
enger Kreis gezogen durch Finsternis und strmenden Regen, die Mnner riefen
einander mit gedmpfter Stimme zu, um die Richtung nicht zu verlieren.
    Da stie Lenore, als sie auf Fink sah, mit dem Fue an eine Baumwurzel, sie
unterdrckte einen Schmerzensschrei und sank auf ein Knie; Fink eilte zu ihr.
    Ich kann nicht weiter, sagte sie den Schmerz bezwingend, lassen Sie mich
hier zurck, ich beschwre Sie, und holen Sie mich auf dem Rckwege ab.
    Sie in dieser Lage verlassen, rief Fink, wre eine Barbarei, gegen welche
das Menschenfressen als unschuldige Ergtzlichkeit erscheinen mte. Sie werden
sich schon meine Nhe gefallen lassen. Vor allem erlauben Sie, da ich Sie aus
dieser Baumtraufe fortfhre an eine Stelle, wo der Regen weniger unverschmt
ist. Unsre Vordermnner habe ich ohnedies verloren, ich sehe durchaus nichts
mehr von den breiten Schultern der ehrlichen Knaben. Er richtete Lenore in die
Hhe, sie versuchte mit dem verletzten Fu aufzutreten, aber der Schmerz prete
ihr einen neuen Klagelaut aus, sie wankte und hielt sich an Finks Schulter. Da
schlug dieser seinen Plaid um sie, hob sie vom Boden und trug sie eingewickelt,
wie man ein Kind trgt, auf seinen Armen unter einige Tannen, welche mit ihren
dichten Zweigen einen kleinen geschtzten Raum einschlossen. Wenn ein Mensch
sich beugte, konnte er darunter ertrglichen Schutz finden.
    Hier herunter mssen Sie sich setzen, liebes Frulein, sagte Fink und
setzte Lenore vorsichtig auf den Boden. Ich werde vor Ihrem grnen Haus Wache
halten und Ihnen den Rcken zukehren, damit Sie Ihr nasses Tuch um den unartigen
Knchel binden. Lenore drckte sich unter das dichte Tannendach, Fink stellte
sich mit dem Rcken gegen sie an einen Baumstamm. Es ist doch nichts
beschdigt, frug er, knnen Sie den Fu im Gelenk bewegen?
    Es tut etwas weh, sagte Lenore, aber es geht.
    Das ist brav, sprach Fink hinter sich, jetzt binden Sie das Tuch um, ich
hoffe, in zehn Minuten werden Sie auftreten knnen. Wickeln Sie sich fest in das
groe Tuch, es hlt warm; sonst holt sich mein Kriegskamerad noch das Fieber,
und damit wre die Jagd nach dem gestohlenen Kalb doch zu teuer bezahlt. Sind
Sie fertig mit dem Verband? frug er wieder, darf ich mich herumdrehen?
    Ja, sagte Lenore.
    Dann erlauben Sie mir, Sie einzuwickeln. Vergebens protestierte das
Frulein gegen diesen Ritterdienst, Fink schlang das groe Tuch um den ganzen
Krper der Sitzenden und band es hinten in einen festen Knoten. Jetzt sitzen
Sie im Walde wie das graue Mnnchen.
    Etwas Gesicht lassen Sie mir frei, bat Lenore.
    So, sagte Fink, jetzt wird Ihnen behaglich werden. Bald empfand Lenore
eine wohlttige Wrme; schweigend sa sie unter ihren Zweigen, bekmmert um die
seltsame Lage, in der sie sich befand. Fink hatte wieder seinen Platz am
Baumstamm eingenommen und kehrte ihr ritterlich den Rcken zu. Nach einer Weile
rief Lenore aus dem Gebsch: Sind Sie noch da, Herr Kamerad?
    Halten Sie mich fr einen Verrter, der seinen Zeltgenossen verlt? frug
Fink zurck.
    Es ist hier unten ganz trocken, fuhr Lenore fort, nur auf meine Nase
fllt zuweilen ein Tropfen. Sie aber, armer Herr, werden da drauen ganz
durchnt. Welch furchtbarer Regen!
    Dieser Regen flt Ihnen Schrecken ein? frug Fink achselzuckend, der ist
nur ein schwaches Kind! Wenn er einen Zweig vom Baume gerauft hat, meint er
Wunder getan zu haben. Da lobe ich mir den Regen in solchen Lndern, wo die
Sonne heier brennt. Tropfen wie pfel, nein, keine Tropfen mehr, armdicke
Strahlen, das Wasser strzt aus den Wolken, wie ein Wasserfall. Stehenbleiben
kann man nicht, denn der Boden schwimmt unter einem fort, unter Bume flchten
kann man auch nicht, denn der Sturmwind zerbricht die dicksten Baumstmme wie
Strohhalme. Man luft auf das Haus zu, das vielleicht nicht weiter entfernt ist,
als von Ihnen bis zu der nichtswrdigen Baumwurzel, die Ihren Fu verletzte, und
das Haus ist verschwunden, an der Stelle befindet sich ein Loch, ein Strom, ein
Haufe herangesplter Felsen. Vielleicht fngt dann auch die Erde an ein wenig zu
beben und schlgt Wellen, wie das Meer im Sturme. Das ist ein Regen, der sich
sehen lassen kann. Kleider, die er durchnt hat, werden nie wieder trocken, was
ein Oberrock war, ist acht Tage nachher noch eine schwarze unfrmliche Masse,
welche das Aussehen und die Feuchtigkeit einer Morchel hat. Behlt man einen
solchen Rock auf dem Leibe, so bleibt er fest genug sitzen, die Aufschlge am
Ellbogen, die Taille am Hals, aber nie wird man ihn wieder ausziehn knnen,
auer mit Hilfe eines Federmessers und in schmalen Streifen, die man abschneidet
wie Apfelschalen.
    Lenore mute in ihrem Schmerz lachen. Ich wnsche mir wohl einen solchen
Regen zu erleben, sagte sie.
    Ich bin uneigenntzig, wenn ich mir nicht wnsche, Sie in solcher Lage zu
sehen, erwiderte Fink. Die Frauen sind am schlimmsten daran, alles was sie zur
Toilette rechnen knnen, verschwindet in solcher Strmung vollstndig. Ist Ihnen
das Kostm der Frau Venus von Milo bekannt?
    Nein, antwortete Lenore ngstlich.
    Gerade wie diese Dame sehen alle Frauen aus, die ein tropischer Regen
getroffen hat, und die Mnner wie Vogelscheuchen. Ja, es soll vorgekommen sein,
da Menschen von solchem Regen platt geschlagen wurden, wie Kupferdreier, nur
mit einem Knopf in der Mitte, der bei nherer Betrachtung sich als ein
Menschenkopf auswies und den Vorbergehenden traurig zurief: O ihr Mitmenschen,
das kommt davon, wenn man ohne Regenschirm ausgeht. Wieder mute Lenore lachen.
Mein Fu tut nicht mehr so weh, sagte sie, ich glaube, ich kann jetzt gehn.
    Das sollen Sie nicht, entgegnete Fink, noch lt der Regen nicht nach,
und es ist so finster, da man kaum die Hand vor den Augen sieht.
    Dann tun Sie mir die Liebe und suchen Sie die Mnner auf. Mir ist jetzt
wohler, ich sitze hier wie ein Reh geschtzt vor dem Regen und vor fremden
Leuten.
    Es geht nicht, sprach Fink von seinem Baume zurck.
    Ich bitte Sie flehentlich darum, rief Lenore angstvoll und streckte ihre
Hnde aus dem Tuch, lassen Sie mich jetzt allein.
    Fink wandte sich um, ergriff ihre Hand und drckte sie an seine Lippen, dann
eilte er schweigend in der Richtung fort, welche die Landleute genommen hatten.
    So sa Lenore allein unter den Tannenzweigen. Noch immer rauschte der Regen
herab. Er schlug klatschend an die Baumwipfel und strmte von den sten herunter
auf den Boden. Dazu rollte oben der Donner, das Gewitter kam herauf; zuweilen
fuhr ein grelles Licht durch die Dunkelheit, dann sah Lenore die beleuchteten
Baumstmme in langen Reihen wie goldgelbe Sulen eines unabsehbaren Gebudes vor
sich stehen und darber ein schwarzes Dach, mit hellen Lichtern geflammt. Dann
erschien der Wald wie ein verwnschtes Schlo, das aus der Erde steigt und im Nu
wieder versinkt. Durch den Regen klangen geheimnisvolle Tne, wie sie zur
Nachtzeit durch den Wald gehn. ber ihr schlug es an den Stamm mit regelmigem
Klopfen, als wenn ein schlimmes Waldgespenst an das Holz ihrer Htte anpochte,
sie fuhr zusammen und frug sich gleich darauf, ob das ein Specht sein knnte,
oder ein Baumast. Aus der Ferne tnte der heisere Klageschrei einer Krhe, der
das Wasser in das Nest gedrungen war und den ersten Schlaf gestrt hatte. Neben
ihr lachte es schauerlich: Huhu, huhu! und wieder erschrak Lenore; war es ein
tckischer Kobold aus dem Walde, oder war es nur eine kleine Eule? In hundert
melancholischen Lauten sprach die Natur. Lenore empfand den wilden Reiz dieser
Einsamkeit bald mit Freude und gleich darauf wieder mit Angst. Und dazwischen
zogen andere Gedanken durch ihre Seele, wie tricht sie gehandelt hatte, sich
vom Hause fortzustehlen zu einem Zuge, der ein solches Abenteuer mglich machte;
wie man sie im Schlo suchen wrde, und vor allem, was er von ihr denken msse,
der sie auf ihre Bitten verlassen. Sie zog das Tuch von ihrem Ohr und lauschte,
es war nichts von Menschenstimmen zu hren; nichts war zu hren, als der Fall
des Regens und die Seufzer des Waldes. Aber neben ihr rauschte es an dem Boden,
zuerst leise, dann vernehmlicher, das Regenwasser flo in einer kleinen Rinne
zusammen und murmelte, wenn es an einen groen Busch von Waldbeeren stie, an
einen Wurzelstock oder an die Knolle eines Farnkrauts. Und hinter ihr rasselten
die Bltter und mit eiligem Sprunge kam es heran, sie drckte erschrocken ihr
Haupt an den Baumstamm.
    Etwas setzte sich neben sie nieder, und eine fremde Gestalt rhrte an dem
Plaid, den sie umhatte. Sie fuhr mit der Hand unter dem Tuch vorsichtig nach dem
Nachbar und fhlte das weiche Fell eines Hasen, der, durch das rinnende Wasser
aus seiner Vertiefung aufgeschreckt, unter den Bumen Schutz suchte, wie sie
selbst. Sie hielt den Atem an, um den kleinen Genossen ihrer Htte nicht zu
verscheuchen; und eine Weile kauerten die beiden nebeneinander, der Hase drckte
sich dicht an das Tuch.
    Da klangen in der Ferne durch Regen und Donner einzelne Schsse, Lenore
zuckte zusammen, mit groem Satz fuhr der Hase in die Finsternis hinein. Dort
kmpften Menschen miteinander, dort wurde Blut vergossen auf dem schwarzen
Boden. Ein Geschrei wurde gehrt, es klang noch aus der Ferne zornig und
drohend, dann wurde alles still. War er in einer Gefahr gewesen? So frug sie
sich, aber sie fhlte darum keine Angst und schttelte das Haupt unter ihrem
Tuch. Wo er auch war, fr ihn gab es keine Gefahr. Das Gewehr, das nach ihm
zielte, schlug ein niederfallender Baumast in den Grund; das Messer, das gegen
ihn gezckt wurde, zerbrach wie ein Span Holz, bevor es ihn traf; der Mann, der
gegen ihn eindrang, mute straucheln und fallen, ehe er sein stolzes Haupt
berhrte. Er war fest gegen alle Gefahr, und er war fest gegen jede Furcht; er
kannte keine Sorge, keinen Schmerz, ach, er fhlte nicht, wie andere Menschen.
Frei erhob er sein Haupt, und heiter war sein Auge, wo alle andern gedrckt zur
Erde sahen. Keine Schwierigkeit schreckte ihn, kein Hindernis verlegte ihm den
Weg. Mit einer leichten Bewegung des Fues stie er weg, was andere erdrckte.
So war er. Und der Mann hatte sie jetzt schwach gesehn, vorschnell und hilflos;
durch ihre eigene Schuld hatte er das Recht erhalten, sie mit flchtiger
Vertraulichkeit zu behandeln. Sie zitterte, da er dies Recht benutzen knnte,
durch einen Blick, ein bermtiges Lcheln, ein schnelles Wort. So pochte ihr
Herz, und so flogen ihre Gedanken wohl eine Stunde lang.
    Das Wetter verzog sich. Statt der rauschenden Gsse fiel jetzt ein
dauerhafter Landregen aus den Wolken, leiser gurgelte die kleine Wasserrinne,
und hufiger tnte der Schrei der Eule; auf den Wechsel von schwarzer Finsternis
und feuriger Helle folgte ein mattes Grau am Himmel und in dem Walde. Aus dem
einfrmigen Dunkel hoben sich nur die Sulen der nchsten Bume als dstere
Schatten von dem Hintergrunde ab. Bengstigend stieg das Gefhl der Einsamkeit
in Lenore auf. Da drang wieder der ferne Ton von Menschenstimmen an ihr Ohr, Ruf
und Gegenruf wurden laut, und die Stimme des Amtmanns rief: ber den Bruch sind
sie noch gegangen, dorthin, ihr von Neudorf. Die Tritte der Sprechenden kamen
nher, dicht an den Tannen bewegte sich die Gestalt eines Mannes. Karl setzte
die Hnde an den Mund und johlte laut in den Wald hinein: Hallo, Frulein
Lenore!
    Ich bin hier, rief eine feine Stimme zu seinen Fen.
    Verwundert trat Karl einen Schritt zurck und schrie freudig: Gefunden!
Die Landleute umringten Lenorens Htte mit lautem Ruf. - Unser Frulein ist
hier! rief ein Bursch aus Neudorf und jauchzte in seiner Freude, wie bei einer
Hochzeit. Lenore erhob sich, noch schmerzte der Fu, aber auf Karls Arm
gesttzt, versuchte sie tapfer vorwrts zu gehn. Nur bis an den Bruch, sagte
dieser, dort stehn die Bume dnner. Unterdes brachen die jungen Mnner einige
Stangen ab und legten Nadelzweige darber. Trotz ihrem Struben wurde Lenore von
den Dienstfertigen gentigt, sich auf die kunstlose Trage zu setzen, whrend
einer in den Hof des Schulzen vorauslief, ihr das Pferd entgegenzufhren.
    Haben Sie die Diebe? frug Lenore den Amtmann, der neben ihr ging.
    Zwei, erwiderte dieser. Das Kalb war geschlachtet, wir bringen die Haut
und einen Teil des Fleisches, die Gnse hingen mit umgedrehten Hlsen an einem
Ast, aber das Geld hatten die Schurken schon geteilt. Es ist bei den zweien nur
wenig davon gefunden worden.
    Es sind Leute von Tarow, die wir gefangen haben, sagte der Schulz finster,
die schlechtesten Kerle im Dorfe. Und ich wollte doch, sie wren woandersher,
denn es leben rachschtige Menschen dort.
    Ich hrte schieen, frug Lenore weiter, ist ein Unglck geschehn?
    Uns nichts, antwortete Karl. Sie hatten in ihrem bermut ein Feuer
angemacht, hinten unweit dem Waldrand, wo wir zu Pferd Kette machten. Noch durch
den Regen glimmt der Brand; so haben sie sich selbst verraten. Wir stiegen von
den Pferden, schlichen heran und fielen ber sie her. Sie schossen ihre Flinten
ab und liefen ins Gebsch. Dort verschwanden sie in der Finsternis. Es dauerte
lange, ehe die zu Fu durch den Wald zu uns kamen; ohne die Schsse und den Lrm
htten sie uns nicht gefunden. Herr von Fink hat uns die Stelle beschrieben, wo
wir Sie finden wrden. Er fhrt die Gefangenen auf dem Fahrwege, sie sollen aufs
Gut, morgen schaffen wir sie weiter ins Deutsche.
    Aber da Herr von Fink Sie im Walde so allein gelassen hat, sagte der
ehrliche Schulz kopfschttelnd, das war doch ein gewagtes Stck.
    Ich bat ihn, nicht zurckzubleiben, antwortete Lenore und schlug trotz der
Dunkelheit die Augen nieder.
    Auf halbem Weg zum Dorf kam Lenorens Pony dem Zug entgegen. In Neudorf
empfing Karl das Pferd des Freiherrn aus den Hnden der Knechte zurck und
geleitete das Frulein nach dem Schlosse. Es war spt am Abend, als sie dort
ankamen. Lenorens lange Abwesenheit hatte die Angst der Mutter und die
allerschlechteste Laune des Freiherrn hervorgerufen. Hastig machte sich die
Tochter von den Fragen los, die auf sie eindrangen, und eilte auf ihr Zimmer.
Eine Stunde spter kam Fink mit dem Frster aus Kunau zurck und brachte die
beiden Gefangenen, welche mit ihren gebundenen Hnden trotzig zwischen den
Wchtern daherschritten und ihre Pfauenfeder so hoch trugen, als zgen sie zum
Tanz in die Schenke.
    Ihr sollt's uns bezahlen, sagte der eine von ihnen auf polnisch zu den
begleitenden Mnnern und ballte die gefesselte Faust.

                                       4


Noch immer regnete es. Bei Anbruch des Tages hatte der Himmel eine Pause
gemacht, aber nur, um seine feuchte Arbeit mit doppelter Strke fortzusetzen.
Die Wiesenarbeiter waren am frhen Morgen auf das Feld gezogen und bald wieder
zurckgekehrt. Jetzt saen sie schweigsam in der Wachtstube des Schlosses und
trockneten ihre durchnten Kleider am Ofen.
    Der Freiherr lag im Ledersessel seiner Hinterstube; er lie sich von dem
alten Johann aus den Zeitungen vorlesen, welche am Tage zuvor wieder einmal in
das Schlo gedrungen waren. Die eintnige Stimme des Dieners meldete nur
Unwillkommenes, die Regentropfen klapperten an der Dachrinne, und der Sturmwind
schlug heulend an die Hausecke, sie begleiteten in Mitnen die Worte des
Lesenden.
    Anton war an seinem Schreibtisch beschftigt. Vor ihm lag ein Brief des
Justizrats Horn, er meldete, da der Termin zum gerichtlichen Verkauf des
Familienguts auf die Mitte des nchsten Winters festgestellt sei; gleich nach
Bekanntmachung des Termins seien mehrere Hypotheken des Guts aus einer Hand in
die andere bergegangen, wie er frchte, aufgekauft von einem Spekulanten, der
sich hinter verschiedenen Namen zu verbergen wisse. So berdachte Anton in
trber Stimmung die gefhrliche Lage des Freiherrn.
    In dem Zimmer daneben leistete Fink den Damen Gesellschaft; die Baronin lag
in die Kissen des Sofas gedrckt, zugedeckt mit einem Tuch Lenorens. Sie sah
schweigend vor sich hin, und nur wenn die Tochter mit zrtlicher Frage zu ihr
trat, nickte sie ihr lchelnd zu und sprach beruhigende Worte. Lenore war am
Fenster mit einer leichten Arbeit beschftigt und hrte mit Entzcken auf die
Scherze, durch welche Fink das trbe Grau des Zimmers aufzuhellen wute. Er war
heut trotz dem Regen in der bermtigsten Laune. Zuweilen klang Lenorens Lachen
durch die eichene Tr in Antons Ohr, dann verga Anton Gterkauf und Hypotheken,
sah mit umwlktem Blick auf die Tr und empfand nicht ohne Bitterkeit, da ein
neuer Kampf fr ihn und die Familie heranziehe.
    Drauen aber strmte der Regen, strmte die Luft. Laut rief der Wind vom
Walde her seinen Klageruf nach dem Schlo. Im Kiefernwald knarrten die ste, und
von den Wipfeln der Fhren wogten die Nadelbschel rastlos auf das Schlo zu. In
den Birnbumen auf dem Ackerland fuhren die Bltter und die weien Blten
zitternd durcheinander. Zornig warf der Sturm die Blten herab zur Erde, schlug
sie mit seinen Regentropfen fest auf dem nassen Boden und heulte: Herunter mit
eurem lachenden Glanz, graue Trauerfarbe soll heut tragen, was zum Schlosse
gehrt. - Von den Bumen fuhr der Wilde an die Mauern des Schlosses, er
schttelte die Fahnenstange auf dem Turm, er schleuderte das Wasser der Wolken
in schrgen Linien an die Fensterscheiben, er fuhr sthnend in den Schlot und
donnerte an die Tren. Zu jeder ffnung rief er herein: Wahret euer Haus! So
trieb er es stundenlang, aber die drin verstanden nicht seine Sprache.
    So achtete auch niemand auf den Reiter, der sein ermdetes Pferd im eiligen
Jagen durch das Dorf dem Schlosse zutrieb. Endlich schlug der Hammer an das
Pfahlwerk des Hofes, ungeduldig tnten die Schlge, und Stimmen wurden laut im
Hofe und auf der Treppe. Anton ffnete die Tr, ein bewaffneter Mann, triefend
von Wasser, bespritzt mit dem Kot der Strae, trat in die Stube.
    Du bist es! rief Anton erstaunt.
    Sie kommen, meldete Karl, sich vorsichtig umsehend; machen Sie sich
gefat, diesmal gilt es uns.
    Die Feinde? frug Anton schnell; wie stark ist der Haufe?
    Es ist kein Haufe, den ich gesehn, erwiderte Karl ernst, es ist ein Heer;
an die tausend Sensenmnner, wohl hundert Reiter. Sie sind auf dem Zuge zum
Hauptkorps. Ich hre, sie haben Befehl, alle polnischen Mnner mitzunehmen und
die deutschen Gemeinden zu entwaffnen.
    Anton ffnete die Tr des Nebenzimmers und bat Fink, hereinzukommen.
    Ah, rief Fink eintretend, mit einem Blick auf Karl, wer so die halbe
Landstrae mit sich in die Stube trgt, bringt nichts Gutes. Von welcher Seite
kommt der Feind, Sergeant?
    Vom Neudorfer Birkenwald her zieht sich's in hellen Haufen auf uns
herunter. Die Leute hier im Dorf sind in der Schenke versammelt, trinken
Branntwein und zanken.
    Kein Fanal hat gebrannt, es ist noch kein Rapport von den nchsten Drfern
gekommen, rief Anton am Fenster. Haben die Deutschen in Neudorf und Kunau
geschlafen?
    Sie sind selbst berrascht worden, fuhr der Unglcksbote fort; ihre
Wachen hatten schon gestern am Abend den Feind gesehen, er zog eine halbe Meile
von Neudorf auf der groen Strae nach Rosmin zu. Als er passiert war bei der
Stelle, wo der Weg nach Neudorf von der Strae abgeht, wurden die von Neudorf
guten Mutes. Ihre Reiter folgten von fern den Sensenmnnern, bis ihnen der
letzte Haufe aus dem Gesicht war. In der Nacht aber sind die Banden umgekehrt,
heut morgen haben sie das Dorf berfallen, sie haben gewirtschaftet wie die
Teufel. Der Schulz liegt auf dem Stroh voll Wunden, ein gelieferter Mann, das
Alarmhaus ist in Brand geraten, dort ber den Wald hin mte man den Rauch
sehen, wenn dieser dicke Regen nicht wre. Jetzt haben sich die Feinde geteilt,
sie durchsuchen die deutschen Drfer, ein Trupp zieht nach Kunau, ein Haufe auf
unser neues Vorwerk zu, ein groer Haufe kommt hierher.
    Wieviel Zeit haben wir noch, die Herren zu empfangen? frug Fink. Bei dem
Wetter braucht das Fuvolk eine Stunde bis hierher.
    Ist der Frster gewarnt, frug Anton, und wissen sie's auf dem Vorwerk?
    Es war keine Zeit, sie anzurufen, das Vorwerk liegt von Neudorf weiter ab,
als das Gut, ich wre zu spt hierher gekommen. Unser Fanal habe ich angezndet,
aber bei diesem Wetter ist weder Feuer noch Rauch zu sehn, und jedes Signal ist
vergeblich.
    Wenn sie nicht fr sich selbst ausgesehen haben, sagte Fink beistimmend,
wir knnen nichts weiter fr sie tun.
    Der Frster ist ein Fuchs, erwiderte Karl, den fngt keiner, aber der
Vogt auf dem Vorwerk und des Vogts junge Frau, der Himmel sei ihnen gndig!
    Retten Sie unsere Leute! rief eine flehende Stimme neben Fink; Lenore
stand in der Stube, bleich, mit gefalteten Hnden.
    Anton eilte an die Tr, durch welche Lenore geruschlos eingetreten war.
Die gndige Frau! rief er besorgt.
    Noch hat sie nichts gehrt, erwiderte Lenore hastig; senden Sie nach dem
Vorwerk, helfen Sie unsern Leuten!
    Fink ergriff seine Mtze. Fhren Sie mein Pferd heraus, sagte er zu Karl.
    Du darfst jetzt nicht fort, rief Anton, ihm in den Weg tretend; ich werde
dein Pferd nehmen.
    Um Vergebung, Herr Wohlfart, warf Karl dazwischen, wenn ich das Pferd des
Herrn von Fink reiten darf, - ich bin noch imstande, den Weg zu machen.
    Meinetwegen, entschied Fink. Den Frster und wen Sie von Mnnern
auftreiben knnen, senden Sie hierher, die Weiber, die Pferde und Schafe
schicken Sie nach dem Wald. Der Vogt soll sich mit dem Vieh tief in das Holz
hineinziehn und von den alten Kiefern an der Sandgrube das Schlo beobachten.
Sie aber bleiben auf meinem Pferde, das ich leider Ihren Beinen fr die nchsten
Tage berlassen mu. Reiten Sie auf Rosmin zu und suchen Sie die nchste
Abteilung unserer Truppen, wir lassen dringend um Hilfe bitten, womglich
Kavallerie dabei.
    Unsere Rotmtzen sollen eine Stunde hinter Rosmin stehn, sagte Karl im
Abgehn; der Schmied von Kunau rief mir's zu, als ich bei ihm vorbeiritt.
    Was Sie von Militr in Bewegung setzen, bringen Sie hierher. Whrend Sie
das Pferd satteln, schreibe ich eine Zeile an den Kommandierenden.
    Karl machte militrisch grend kehrt und sprang hinunter, Anton mit ihm.
Whrend Karl am Sattelgurt schnallte, sagte Anton eilig: Im Vorbeireiten rufe
die Leute auf dem Hofe an, ich gehe sogleich hinber. - Armer Junge, du hast
heut noch kaum gefrhstckt und hast wenig Aussicht, in den nchsten Stunden
etwas zu bekommen. Er sprang in das Haus zurck, holte aus der Kche eine
Flasche Likr, ein Brot und berreste eines Schinkens, steckte den Proviant in
einen Sack und reichte diesen mit dem Briefe dem Reiter, der gerade im Begriff
war, den Hofraum zu verlassen.
    Ich danke, sagte Karl, Antons Hand ergreifend, Sie sorgen fr alles.
Jetzt aber noch eine Bitte an Sie, denken Sie auch an sich selbst, Herr
Wohlfart; diese ganze polnische Wirtschaft hier und da drauen ist nicht wert,
da Sie Ihr Leben dafr in die Schanze schlagen; es gibt bei uns daheim Leute,
die es schwer ertragen wrden, wenn Ihnen etwas zustie.
    Anton schttelte herzhaft die Hand des Treuen. Lebe wohl, ich werde meine
Pflicht tun; vergi nicht, den Frster zu uns zu schicken, und rette vor allem
die Frau. Das Militr fhre auf dem Waldwege hierher.
    Keine Sorge, sagte Karl lustig, der vornehme Braune soll heut merken, was
ein Kommischenkel durchsetzen kann. Bei diesen Worten schwenkte er seine Mtze
und verschwand in gestrecktem Galopp hinter den Gebuden des Wirtschaftshofes.
    Anton verriegelte das Tor, dann eilte er in die Wachtstube und zog die
Lrmglocke, er befahl dem Obmann, die Leute antreten zu lassen, das Hintertor zu
besetzen und niemand ohne Anfrage einzulassen, auch die Flchtlinge nicht. Et
reichlich und trinkt mit Ma, wir werden heut zu tun bekommen, rief er ihnen
zu. Oben in seinem Zimmer stand unterdes Fink am Tisch und lud die Gewehre,
Lenore reichte ihm von der Wand, was er forderte, sie war bleich, aber die Augen
glhten ihr in einer Aufregung, welche dem eintretenden Anton nicht entging.
Lassen Sie diese ernsten Spielereien uns allein besorgen, bat er zu ihr
tretend.
    Es ist das Haus meiner Eltern, das Sie verteidigen, rief Lenore, mein
Vater ist auerstande, Sie anzufhren, Sie sollen um unsertwillen Ihr Leben
nicht auf das Spiel setzen, ohne da ich dabei bin.
    Verzeihen Sie, erwiderte Anton, Ihre erste Pflicht ist jetzt wohl, die
Frau Baronin vorzubereiten und in den nchsten Stunden nicht zu verlassen.
    Meine Mutter, meine arme Mutter! rief Lenore die Hnde zusammenschlagend,
legte das Pulverhorn hin und eilte in das Nebenzimmer. Ich lasse die Leute
essen, sagte Anton zu Fink. Von jetzt ab bernimm du den Befehl.
    Gut, erwiderte Fink, hier ist deine Ausrstung, diese Doppelflinte ist
leicht, ein Lauf Kugel, der andere Repost. Der Kugelsack liegt unter deinem
Bett.
    Du gedenkst eine Belagerung auszuhalten? frug Anton.
    Wir drfen uns entweder gar nicht zur Wehr setzen, und mssen uns der
freundlichen Diskretion der heranziehenden Haufen bergeben, oder wir mssen uns
zu halten suchen bis zur letzten Kugel. Auf diesen letztern Fall haben wir uns
immer vorbereitet, vielleicht ist Ergebung das Klgere, ich gestehe, da sie
nicht nach meinem Geschmack ist. Da aber noch ein Hausherr vorhanden ist, so mag
er sprechen, geh zum Freiherrn.
    Anton eilte durch den Korridor nach dem andern Flgel. Schon von weitem
hrte er im Zimmer des Barons heftig mit den Sthlen rcken. Auf ein zorniges
Herein! trat er in das Zimmer. Der Freiherr stand hoch aufgerichtet in der Mitte
der Stube und fuhr ihm entgegen. Ich hre, da etwas vorgeht, ich mu es als
einen unverzeihlichen Mangel an Aufmerksamkeit betrachten, da man mich von
nichts unterrichtet.
    Verzeihung, Herr Baron, erwiderte Anton, vor wenig Minuten ist die
Nachricht angekommen, da ein feindlicher Haufe von Sensenmnnern und Reitern
gegen Ihr Gut heranzieht, wir haben in grter Schnelligkeit einen Boten nach
dem nchsten Militrkommando geschickt, dann haben wir das Tor verriegelt und
erwarten jetzt Ihre Befehle.
    Rufen Sie mir Herrn von Fink, erwiderte der Baron herrisch.
    Er ist in diesem Augenblick in der Wachstube.
    Ich lasse ihn bitten, sich sogleich zu mir zu bemhen, rief der zornige
Herr, mit Ihnen kann ich ber militrische Maregeln nicht sprechen. Fink ist
Kavalier und ein halber Soldat, ihm will ich die ntigen Instruktionen geben.
Was warten Sie noch? fuhr er rauh fort. Glaubt Ihr jungen Leute mit mir
spielen zu knnen, weil ich das Unglck habe, blind zu sein? Wer bei mir in Brot
und Lohn steht, der wenigstens soll meine Befehle respektieren.
    Vater! rief Lenore die Hnde zusammenschlagend auf der Schwelle und sah
mit flehendem Blick auf Anton.
    Sie haben recht, Herr Baron, antwortete Anton, ich bitte Sie um
Vergebung, da ich in der Verwirrung meine erste Pflicht vergessen habe. Ich
werde Herrn von Fink im Augenblick herschicken. Er eilte aus dem Zimmer und
benachrichtigte Fink in der Vorhalle von der gereizten Stimmung des Freiherrn.
    Er ist ein Narr, sagte Fink.
    Geh nur sogleich hinauf, bat Anton, die Frauen mssen von seiner Laune
leiden. Darauf hing Anton die Jacke eines Arbeiters um und sprang durch die
Hinterpforte hinaus in den Regen nach dem Wirtschaftshofe.
    Auf dem Hofe sah er ein wstes Durcheinander. Deutsche Familien aus den
Nachbardrfern hatten sich in das Alarmhaus geflchtet und saen dort mit den
Kindern und einigen Stcken ihrer Habe. Es waren wohl an zwanzig Personen auf
der Tenne gelagert, Mnner, Frauen und Kinder; die Weiber jammerten, die Kinder
weinten, die Mnner starrten finster vor sich hin, mehrere gehrten zum
Landsturm der Drfer, einer oder der andere war mit einer Flinte bewaffnet. Auf
dem Hofraum standen die kleinen Wagen der Flchtigen. Knechte, Pferde und Khe
rannten durcheinander. Anton rief den Techniker zu Hilfe bei der ntigen
Aufsicht. Dem zuverlssigsten Knechte und der deutschen Gromagd bergab er die
Ackerpferde und die Rinderherde. Er nahm den Knecht, einen entschlossenen Mann,
beiseite und besprach mit ihm einige Stellen im Dickicht unweit der Sandgrube,
wo fr Menschen und Tiere Verborgenheit und einiger Schutz vor dem Wetter zu
hoffen war. Dorthin sollte der Knecht die Herde treiben, und fleiig nach dem
Vogt vom Vorwerk aussehen, der im Walde die Aufsicht zu fhren hatte. Dann
befahl er der Magd, eine Kuh zurckzulassen, ffnete der Herde selbst das
Hintertor und sah, wie die Leute, mit Lebensmitteln bepackt, auf den Wald
zutrieben.
    Was aber tun wir mit den Pferden des Barons und der Fremden? frug der
Techniker in Eile.
    Sie mssen mit einigen Wagen ins Schlo, wie es auch gehen mag. Wer wei,
ob wir nicht fliehen, wenn's zum letzten kommt.
    So lie Anton schnell in die neuangestrichenen Wagen Karls einige Scke
Kartoffeln laden, Mehl, Hafer und was von Heubndeln Raum hatte. Auch an die
Feuertonne lie er ein Gespann haken und die Tonne mit frischem Wasser fllen.
Noch immer go es vom Himmel wie mit Kannen und in dem strmenden Regen warfen
die Knechte Scke, Kasten und Bndel auf die Wagen; alles lief durcheinander,
weinte und fluchte in deutscher und polnischer Sprache. Als Anton unter die
Flchtlinge trat, wurde das Geschrei der Frauen noch lauter, die Mnner
umdrngten ihn und fingen an ihr Unglck zu erzhlen, die Kinder hingen sich um
seine Fe, es war ein trauriger Anblick. Anton trstete: Vor allem haltet Ruh,
wir werden euch schtzen, so gut wir knnen. Ich hoffe, da Militr zu unserer
Hilfe kommt, unterdes sollt ihr aufs Schlo in Sicherheit. Ihr habt treu zu uns
gehalten in dieser bsen Zeit, solange wir Brot haben, soll es auch euch nicht
fehlen.
    Nach einer Viertelstunde angestrengter Arbeit trieb Anton nach dem Schlosse.
Die Knechte fuhren mit dem Wagen an der Hintertr vor, der Trupp der Flchtlinge
folgte. Noch immer kamen Leute an, welche sich aus den deutschen Drfern
gerettet hatten, auch der Schmied von Kunau stand mit einem Haufen seiner
Dorfnachbarn vor dem Schlotor. Der ganze Zug wurde jetzt geordnet und der Reihe
nach hereingelassen, die Pferde abgeschirrt, die Wagen entladen. Die Frauen und
Kinder fhrte Anton in zwei Stuben des Unterstocks, welche zwar finster, aber
immer noch behaglicher waren, als die Alarmhuser oder das regendurchweichte
Feld. Die grte Mhe machte das Unterbringen der Pferde; eng aneinandergedrngt
stand ein Dutzend Tiere unter einem offenen Schuppen, notdrftig geschtzt vor
dem Regen und vor anschlagenden Kugeln. In die Mitte des Hofraums wurde der
Wasserbottich gestellt und die Kartoffelwagen an das Pfahlwerk geschoben, um den
Schtzen im Notfall einen Stand zu geben. Darauf wurden die wehrhaften Mnner
durch den Schmied gesammelt, auer dem Wiesenbauer und vier Knechten waren es
noch fnfzehn deutsche Kolonisten, die meisten bewaffnet. Wuchtig tnte ihr
Tritt in dem langen Gange des Schlosses; sie zogen in die Vorhalle und stellten
sich an der Seite der Arbeiter auf. Dort war die streitbare Macht der Festung
versammelt, Fink ging in seinem Jagdrock vor seiner Arbeiterkompagnie ruhig auf
und ab. Anton trat an ihn heran und meldete, was bis jetzt geschehen war.
    Du bringst uns Mnner, erwiderte Fink, das ist in der Ordnung, aber auch
einen ganzen Klan Weiber und Kinder, das Schlo ist voll, wie ein Bienenkorb,
ber sechzig Muler und fast ein Dutzend Pferde, wir werden trotz deiner
Kartoffelwagen noch vor vierundzwanzig Stunden die Steine anbeien mssen.
    Konnte ich sie drauen lassen? frug Anton unwillig.
    Sie wren im Walde ebenso sicher gewesen als hier, sagte Fink die Achseln
zuckend. Mglich, erwiderte Anton, aber die Leute im strmenden Regen nach
dem Walde zu jagen, ohne Nahrung und in der furchtbaren Angst einer Flucht ohne
Ziel, das wre eine Grausamkeit gewesen, die ich nicht verantworten will. Und
meinst du, da wir die Mnner bekommen htten ohne die Weiber und Kinder?
    Die Mnner wenigstens knnen wir brauchen, schlo Fink, sich zu den
Angekommenen wendend; sorge du fr Verproviantierung der Masse. Fink gab den
Unbewaffneten Gewehre und teilte die Mannschaft in vier Sektionen, die eine fr
den Hof, zwei fr den Unter- und Oberstock und eine als Reserve in die
Wachstube. Dann lie er sich durch den Schmied von Kunau und einige andere
genauen Bericht ber den Feind abstatten. Unterdes war Anton in das Souterrain
geeilt, dort bergab er dem Wiesenbauer die Aufsicht ber die Vorrte und lie
durch den Diener des Freiherrn Holz und Wasser zusammentragen. Ein Sack
Kartoffeln und einer mit Mehl wurde in der Nhe des Herdes aufgestellt und der
groe Kessel ber das Feuer gesetzt. Im Herausgehen vertraute er der Kchin, da
eine Milchkuh in den Stall gezogen war, wo das Pferd des Herrn von Fink
gestanden hatte, damit wenigstens die Herrschaft in diesen Tagen die Milch nicht
entbehre. Der alten Babette flogen vor Angst die Hnde. Ach, Herr Wohlfart, was
fr ein schreckliches Unglck, rief sie, die Kugeln werden in meine Kche
fliegen.
    Behte, sagte Anton, das Fenster liegt zu tief, es kann Sie keine
treffen, kochen Sie ruhig fort. Die Leute sind ausgehungert, ich werde Ihnen
zwei von den fremden Frauen zur Hilfe herunterschicken.
    Wer wird essen bei solcher Gefahr! rief die Kchin.
    Wir alle werden essen, beruhigte Anton.
    Befehlen Sie eine Suppe oder Kartoffelbrei? frug Babette in ihrer
Verzweiflung und schwenkte mit dem Lffel fieberhaft hin und her.
    Beides, Mtterchen.
    Die Kchin hielt ihn zurck. Aber Herr Wohlfart, es fehlt an Eiern fr die
Herrschaft, auch nicht ein Ei ist im ganzen Hause. Gott erbarme, da das Unglck
gerade heute kommen mute. Was wird der Herr Baron sagen, wenn er heut abend
kein geschlagenes Ei bekommt.
    Zum Teufel mit den Eiern, rief Anton ungeduldig; es wird heut nicht so
genau genommen.
    Als er zurckkehrte, rief ihm Fink zu: Die Posten sind aufgestellt, wir
knnen jetzt ruhig den Anzug erwarten. Ich gehe auf den Turm und nehme einige
Schtzen mit. Wenn etwas vorfllt, bin ich dort zu treffen.
    So wurde es leer in der Halle und wieder still im Hause. Die Wachen standen
schweigend und starrten auf den Saum des Waldes; in der Wachstube sa die
Mannschaft in leisem Gesprch, nur unten in den Kinderstuben hrte der Lrm
nicht auf; und ein emsiger Verkehr entstand zwischen der Kche und den besetzten
Rumen des Unterstocks. In unruhiger Erwartung schritt Anton auf und ab, von dem
Hause in den Hof und wieder in sein Zimmer, wo er die Papiere des Freiherrn
zusammenband, und durch die Gnge und Stuben, in denen die Bewaffneten standen.
So verstrich eine Viertelstunde nach der anderen, endlich trat Lenore aus dem
Zimmer der Mutter und rief: Diese Ungewiheit ist unertrglich!
    Auch von dem Vorwerk kommt keine Nachricht, erwiderte Anton finster; aber
der Regen hrt auf, und was heut noch geschehen soll, wird im Sonnenschein vor
sich gehen. Dort zerreien die Wolken, der blaue Himmel scheint durch. Wie geht
es der Frau Baronin?
    
    Sie ist gefat, sagte Lenore, gefat auf alles.
    Beide gingen schweigend im Vorsaal auf und ab. Endlich trat Lenore vor Anton
und rief mit leidenschaftlichem Ausdruck: Wohlfart, es ist mir frchterlich,
da Sie um unsertwillen in diese Lage gekommen sind. - Ist diese Lage so
schrecklich? frug Anton mit trbem Lcheln.
    Fr Ihr Gefhl vielleicht nicht, sagte Lenore, aber Sie opfern uns mehr,
als wir verdienen. Wir sind undankbar gegen Sie, Sie wrden in andern
Verhltnissen glcklicher sein. Sie stellte sich an das Fenster und weinte
bitterlich. Erschrocken trat Anton heran, sie zu beruhigen. Wenn Sie die
lebhaften uerungen Ihres Herrn Vaters von vorhin meinen, sagte er, so ist
kein Grund, mich zu bedauern, Sie wissen, was wir ber diesen Punkt bereits
frher gesprochen haben.
    Es ist nicht das allein, rief Lenore weinend.
    Anton wute, wie sie, da es nicht das allein war, er fhlte, da ein
Gestndnis in den Worten lag. Was es immer sein mag, sprach er heiter, wollen
Sie nicht auch mir die Freude gnnen, ein Abenteuer zu erleben? Freilich bin ich
ein ungeschickter Soldat, aber wie es scheint, wollen die Feinde mir auch nur
wenig Gelegenheit geben, ihnen Schaden zu tun.
    Niemand dankt Ihnen, was Sie fr uns ertragen, niemand! rief Lenore
wieder.
    Niemand? fragte Anton. Habe ich nicht eine Freundin hier, welche nur zu
sehr geneigt ist, das zu berschtzen, was ich etwa tun kann? Lenore, Sie haben
mir erlaubt, Ihnen nherzutreten, als in gewhnlichen Verhltnissen mglich
wird. Rechnen Sie fr nichts, da ich einige von den Rechten eines Bruders an
Sie gewonnen habe?
    Lenore ergriff heftig seine Hand und drckte sie. Auch ich bin in der
letzten Zeit anders gegen Sie gewesen, als ich htte sein sollen. Ich bin sehr
unglcklich, rief sie leidenschaftlich aus. Keinem Menschen kann ich gestehen,
was in mir vorgeht, der Mutter nicht, auch Ihnen nicht. Alles Vertrauen habe ich
verloren und alle Fassung. Sie prete ihr Tuch an die Augen.
    Lenore! rief ungeduldig der Vater aus seinem Zimmer.
    Es ist jetzt keine Zeit zu Erklrungen, sagte sie ruhiger, wenn wir
diesen Tag berstanden haben, will ich mir Mhe geben, strker zu sein, als
jetzt. Helfen Sie mir dabei, Wohlfart.
    Lenore eilte nach dem Zimmer des Freiherrn, Anton blieb in trben Gedanken
zurck. Unterdes fiel das helle Sonnenlicht auf den Hofraum des Schlosses, die
Mnner gingen aus der Wachstube und stellten sich auf der Schwelle auf, auch die
Weiber drngten aus den finstern Rumen und muten mit Ernst zurckgewiesen
werden. Nachdem der erste Schreck berstanden war, hatten die Leute wieder Mut
und allerlei Gedanken. Wer wei, ob sie das Schlo nicht vergessen haben,
sagten die einen, oder ob sie den Mut haben, uns anzugreifen, die andern, und
ein kluger Schneider bewies durch geschicktes Zusammenflicken der verschiedenen
Nachrichten, alle polnischen Rcke seien lngst bis hinter Rosmin gezogen. Aber
so eifrig auch jeder die berzeugung aussprach, da die Gefahr vorber sei, so
hrten doch alle ngstlich auf den Tritt der Wachen im Hause und sahen immer
wieder nach dem Turm hinauf, ob nicht von dort ein Signal komme. Auch Anton fand
das Warten unleidlich, er stieg endlich auf den Turm. Dort war auf der Plattform
die befehlende Macht des Schlosses versammelt, der blinde Freiherr sa auf
seinem Sessel, hinter ihm lehnte die hohe Gestalt Lenorens, welche ihren
Sonnenschirm ber die Augen des Vaters hielt; in den breiten Schiescharten
saen vier Bchsenschtzen, oben auf dem Mauerwerk lie Fink die Beine in die
freie Luft hinaushngen und blies die blauen Wolken einer Zigarre in den Wind.
    Nichts zu sehen? frug Anton.
    Nichts, erwiderte Fink, als ein betrunkener Haufe unserer Dorfleute,
welcher dort auf dem Wege nach Tarow abzieht. Er wies auf eine dunkle Masse,
welche gerade im Walde verschwand. Es ist gut, da wir das Gesindel los sind.
Sie haben Furcht vor den grauen Jupen und ziehen vor, woanders zu plndern. Noch
ist jede Stunde Verzgerung ein Gewinn, wir haben eben berechnet, da Hilfe im
besten Fall vor morgen mittag nicht zu erwarten ist. Fr einen Besuch von vollen
vierundzwanzig Stunden sind die Herren hinterm Walde nicht interessant genug.
Ein vortrefflicher Punkt, Herr von Rothsattel, dieses Dach hier. Zu sehen ist
nicht viel, etwas Kiefernwald, Ihre Felder und Sand. Aber eine gloriose Hhe zur
Verteidigung. Da es um das Schlo herum so kahl ist und kein Baum und kein
Strauch steht, ist von gefhlvollen Herzen als unangenehm beklagt worden. Ich
finde gerade das prachtvoll; mit Ausnahme der ersten Scheuer des Hofes, die
immerhin in gerader Linie gegen dreihundert Schritt von diesem Punkt entfernt
ist, gibt es fr einen feindlichen Tirailleur keinen Versteck, der grer wre
als ein Maulwurfshgel. So weit eine Bchsenkugel reicht, beherrscht man hier
die Ebene souvern. Nur das Gebsch dort ist im Wege, ich glaube, es ist eine
Anpflanzung von Frulein Lenore.
    Ich bekenne mich schuldig, sagte Lenore.
    Wohlan, entgegnete Fink nachlssig, dann sollen Sie die Kurkosten
bezahlen, wenn wir getroffen werden. Ein halbes Dutzend Schtzen findet Versteck
darin.
    Es ist Lenorens Lieblingsplatz, sagte der Freiherr entschuldigend, sie
hat dort eine Rasenbank, es ist die einzige Stelle, wo sie im Freien sitzen
kann.
    Ah, sagte Fink, das ist etwas anderes; er sah sich nach Lenore um, sie
war von der Seite ihres Vaters verschwunden. Gleich darauf wurde das Hoftor
geffnet, Lenore eilte, gefolgt von einigen Arbeitern, auf den Busch zu. Fink
rief verwundert herunter: Was wollen Sie, Frulein? Lenore machte mit der Hand
die entschlossene Gebrde des Niederschlagens, sie selbst fate ein
Fichtenstmmchen und hob es mit Anspannung aller Krfte aus der Erde. Die Mnner
folgten ihrem Beispiel. Nach wenig Augenblicken war die junge Pflanzung
ausgerissen. Dann nahm Lenore im Eifer selbst die Hacke und schlug auf die
Rasenbank, diese zu zerstren.
    Anton hatte die Bume mit dem Frulein gepflanzt, beide hatten sich lebhaft
ber die gute Wirkung gefreut, die das Gebsch hervorbrachte, tglich war
seitdem Lenore dort gewesen, jeder von den kleinen Stmmen war ihr ein
persnlicher Freund. Jetzt sah Anton schweigend der Vernichtung zu, zuletzt
konnte er sich nicht enthalten, mit einiger Klte zu sagen: Die schwache
Pflanzung htte uns wenig geschadet, du hast sicher eine unntze Zerstrung
veranlat.
    Ei, erwiderte Fink, Frulein Lenore handelt wie ein vorsichtiger
Festungskommandant. Die erste Bravour solcher Talente ist immer, die Anlagen um
ihre Festung zu rasieren, und dieses Gebsch kann an jedem Frhlingstage wieder
gesetzt werden. - Tragt das Holz weiter ab nach dem Wirtschaftshof, rief er den
Mnnern zu, werft auch die hlzerne Einfassung des Brunnens auseinander,
schafft die Bohlen nach dem Hof und verdeckt die ffnung.
    Als Lenore wieder hinter den Stuhl des Freiherrn trat, nickte er ihr zu wie
ein lterer Genosse dem jngern, nahm sein Fernrohr und untersuchte wieder den
Rand des Waldes.
    So blieb die Gesellschaft wohl eine Stunde lang, niemand hatte Lust zu
sprechen, was Fink gelegentlich scherzte, fiel auf unfruchtbaren Boden. Anton
stieg hinunter, die Leute in Ordnung zu halten, aber es trieb ihn wieder auf die
Zinne, und wie die andern sah er unverwandt nach dem Waldwege. Endlich sagte
Fink nach lngerm Stillschweigen, seine Zigarre wegwerfend: Es wird Abend, wir
erweisen unsern Gsten zuviel Ehre, wenn wir dabei beharren, sie in solcher
stillen Andacht zu erwarten. Als die Nachricht von dem Anmarsch zu uns kam,
waren Wohlfart und ich hier im Hause ntig, und da Karl in der Ferne meinem
armen Pferde die Beine bricht, so hatten wir niemand, den wir als Patrouille zum
Rekognoszieren ausschicken konnten. Jetzt rcht sich diese Unterlassungssnde,
wir sitzen hier im Bau gefangen und die Leute ermden, bevor der Feind kommt. Es
wird unvermeidlich, da sich einer von uns mit ein paar Leuten auf die Gule
wirft und weitere Nachricht ber den Feind einholt. Diese Stille ist
unnatrlich, man sieht auf dem ganzen freien Felde keinen Menschen, keinen auf
all den Feldwegen; es scheint mir seltsam, da seit zwei Stunden keine
Flchtlinge mehr vom Walde herkommen, auch die Rauchwolke auf Neudorf zu ist
verschwunden.
    Anton schickte sich schweigend an, den Turm zu verlassen. Geh, mein Sohn,
sagte Fink, nimm dir die sichersten Leute mit, sieh nach, wie es im Dorfe
steht, und hte dich vor dem Kiefernwald. Halt, noch einen Augenblick; ich will
den Wald noch einmal mit dem Fernrohr durchsuchen. Er sah lange hin,
betrachtete jeden Baum und setzte das Rohr endlich ab. Es ist nichts zu sehen,
sagte er nachdenkend. Trgen die Herren, die wir erwarten, etwas anderes in der
Hand als Bauernsensen, so mte man annehmen, da eine Teufelei im Werk wre. So
aber ist alles Ungewiheit. Hte dich vor dem Walde.
    Anton verlie den Turm, rief den Techniker und zwei Knechte, lie das Pferd
des Barons und drei der schnellsten Ackerpferde losbinden und vom Schmied das
Tor ffnen. Die Reiter ritten zuerst auf den Wirtschaftshof. Alles war still und
im tiefsten Frieden. Die Hhner, welche Karl vor einigen Wochen gekauft hatte,
scharrten auf dem Mist, seine Tauben gurgelten auf dem Strohdach, ein kleiner
Hund, der mit dem Schmied aus Kunau gelaufen war, hatte sich unterdes selbst zum
Wchter des verlassenen Hofes gemacht und bellte die Reiter argwhnisch an.
Geschlossen trabten sie durch das Dorf vor die Schenke, die Schenkstube war
leer, Anton rief nach dem Wirt. Nach einer Weile kam der Mann bleich an die Tr
gestrzt und schlug die Hnde zusammen, als er Anton sah. Gerechter Gott, Herr
Wohlfart, da Sie noch hier sind; ich habe geglaubt, Sie wren lngst mit der
Herrschaft geflchtet nach Rosmin oder unter unsere Soldaten. Gott, ist das ein
Unglck! Der Bratzky ist hier in der Stube gewesen und hat die Leute aufgeredet
gegen die Herrschaft im Schlosse und gegen die Deutschen. Er konnte sie aber
nicht dazu bringen, da sie vor das Schlo rckten. So ist der grte Teil der
Dorfleute auf Tarow zu den Polen gezogen; die zurckgeblieben sind, haben sich
versteckt; ich bin dabei, zu vergraben, was ich in der Eile wegschaffen kann.
    Wo stehen die Feinde jetzt? fragte Anton.
    Ich wei es nicht, rief der Schenkwirt, aber ich wei, da es ist ein
groes Heer, auch Ulanen dabei in Uniform.
    Wit Ihr, ob der Wald sicher ist nach Neudorf zu?
    Wie kann er sicher sein, es ist in den letzten Stunden niemand von Neudorf
hergekommen. Wre der Weg frei, so mte jetzt das halbe Dorf hiersein, in
meiner Schenke oder bei Ihnen auf dem Schlo.
    Ihr habt recht. Wollt Ihr die Banden hier erwarten? frug Anton, zum Abritt
bereit; Ihr seid im Schlosse sicherer.
    Wer wei! rief der Wirt. Ich kann nicht fort, wenn ich gehe, wird mir
verwstet der ganze Kretscham.
    Aber Eure Weiber? fragte Anton, das Pferd anhaltend.
    Ich mu Leute haben zur Hilfe, klagte der verzweifelte Wirt. Wenn sie
auch jung sind, sie mssen es durchmachen. Da ist die Rebekka, meiner Schwester
Kind, sie ist aus einer Familie, die gewhnt ist an den Handel. Sie versteht das
Wesen mit den Bauern, sie wei Geld zu kriegen, auch wenn einer ganz betrunken
ist. Rebekka, rief er zurck, der Herr Wohlfart lassen dich fragen, ob du
willst aufs Schlo, da du sicher bist vor den wilden Mnnern. Das volle
Gesicht Rebekkas, von rtlichem Haar eingefat, tauchte aus dem Kellerloch des
Hauses hervor.
    Was tu ich mit dem Schlo, Onkel? rief sie entschlossen. Was heit wilde
Mnner? Unsre Bauern sind die wildesten Mnner in der ganzen Gegend, wenn ich
mit den fertig werde, werde ich auch fertig mit den andern. Die Muhme hat
verloren ihren Kopf, es mu doch ein Mensch dasein, der mit den Gsten hantiert.
Ich bedanke mich, gndiger Herr, ich frchte mich nicht; die Herren, welche sind
bei den Haufen, werden nicht leiden, da mir einer etwas antut.
    Vorwrts, ihr Mnner! rief Anton. Sie trabten weiter durch das Dorf, alle
Tren waren geschlossen, aus den kleinen Fenstern sah hier und da ein Frauenkopf
verstrt den Reitern nach. So kamen sie auf dem breiten Feldweg bis in die Nhe
des Waldes. Wo der Weg in den Wald hineinluft, sagte der eine Knecht zu
Anton, ist zur linken Hand junges Holz. Dort knnen viele hundert Mann im
Versteck liegen, und wir sehen sie nicht, sie werden uns wegputzen oder den Weg
nach dem Schlosse abschneiden.
    Du hast recht, sagte Anton, wir reiten ber das Feld bis an die hintere
Seite des jungen Schlages, dort stehn die Stmme einzeln, wir knnen hinein und
wieder zurck. Von dort suchen wir zu Fu das junge Holz ab. So lenkten sie von
der Strae, ritten ber das Brachfeld, und ihre Pferde betraten in Schuweite
von der Schonung den Wald. Jetzt herunter von den Pferden, sagte Anton zu den
Knechten. Anton und die Knechte gaben die Zgel dem Techniker, nahmen die
Gewehre in die Hand und schritten vorsichtig an das Buschwerk. Schiet hinein,
befahl Anton, und dann zurck zu den Pferden, so schnell Ihr laufen knnt. Die
Schsse rasselten in das junge Holz, einige Sekunden darauf antwortete ein
unregelmiges Feuer aus mehrern Gewehren, ein lautes Geschrei folgte. Die
Kugeln pfiffen ber den Kopf Antons, aber die Entfernung war nicht gering, und
im schnellen Lauf kamen die Mnner unbeschdigt zu ihren Pferden. Galopp, wir
wissen genug. Sie waren nicht so schlau, ruhig zu bleiben. Flchtig rasselte
die kleine Schar auf der Landstrae dem Schlosse zu, hinter ihnen klang der
laute Ruf ihrer Verfolger. Atemlos kamen die Reiter vor dem Schlosse an, im Hofe
fand Anton alle alarmiert, Fink erwartete ihn am Eingange.
    Du hattest recht, rief ihm Anton entgegen, sie lagen im Hinterhalt, gewi
schon mehrere Stunden, vielleicht war ihnen zumeist daran gelegen, dich oder uns
beide auf dem Wege nach Neudorf zu fassen. Sie htten dann das Schlo ohne Kampf
in die Hnde bekommen.
    Wieviel mgen ihrer sein? frug Fink.
    Du sahst, wir hatten keine Zeit zum Zhlen, entgegnete Anton. Sicher ist
ein Haufe vorgeschoben und die grere Masse liegt weiter hinten im Walde.
    Wir haben sie aufgestrt, entgegnete Fink, jetzt knnen wir ihren Besuch
erwarten. Es ist unserer Leute wegen besser jetzt vor Sonnenuntergang, als bei
Nacht.
    Sie kommen, rief Lenorens Stimme vom Turme herunter.
    Die Freunde eilten auf die Plattform. Als Anton ber die Zinne des Turmes
sah, neigte die Sonne zum Untergang. Der Himmel strahlte in blendender Goldfarbe
und verwandelte das Grn der Wlder in brunliche Bronze. Aus dem Waldwege
trabte ein Trupp Reiter, etwa eine halbe Eskadron, in geordnetem Zuge auf das
Dorf zu, mehr als hundert Mann zu Fu folgten, der erste Zug mit Gewehren, der
andere mit Sensen bewaffnet. Das schne Abendlicht umstrahlte die Gestalten auf
dem Turm. Ein Kfer summte lustig um Antons Ohr, und oben in der Luft klang das
Abendlied der Lerche. Unterdes zog unten die Gefahr heran. Immer nher wand sie
sich auf dem gekrmmten Wege, eine dunkele langgestreckte Masse, unhrbar, nur
dem Auge erkenntlich. Vor dem Ohre summte unterdes der Kfer fort, und die
Lerche sang weiter in ihrem Freudenlied. Endlich verschwand der Zug hinter den
ersten Htten des Dorfes. Es waren Augenblicke lautloser Stille, alle sahen
unverwandt auf die Stelle, wo der Feind wieder sichtbar werden mute; neben
Anton stand Lenore, sie umklammerte mit der Linken ein Gewehr und hielt die
Rechte in einer Jagdtasche, in der ihre Hand, ohne da sie es wute, die Kugeln
klappernd in Bewegung setzte. Als die Reiter in der Mitte des Dorfes sichtbar
wurden, griff Fink an seine Mtze und sagte feierlich: Jetzt auf unsere Posten,
ihr Herren. Du, Anton, habe die Gte, den Freiherrn herunterzufhren. Als
Anton, den Blinden sttzend, die Stufen hinabstieg, wies er zurck auf Lenore,
welche unbeweglich auf den heranziehenden Feind hinstarrte. Auch Sie, gndiges
Frulein, bitte ich, an Ihre Sicherheit zu denken, fuhr Fink fort.
    Ich bin am sichersten hier, erwiderte Lenore trotzig und stie mit dem
Kolben ihres Gewehrs auf den Stein. Sie werden nicht verlangen, da ich jetzt
den Kopf in das Sofa drcke, wo Sie im Begriffe sind, um das Leben zu spielen.
    Fink sah voll Bewunderung in das schne Antlitz und sagte: Ich habe nichts
dagegen. Wenn Sie sich entschlieen knnen, auf diesem Sessel Platz zu nehmen,
so sind Sie hier so sicher, wie irgendwo im Schlo.
    Ich werde vorsichtig sein, erwiderte Lenore mit einer abwehrenden Bewegung
der Hand.
    Und ihr verbergt euch hinter der Mauer, meine Knaben, sagte Fink, htet
euch, eine Schulter oder den Zipfel eurer Mtze zu zeigen; und feuert nicht
eher, als bis ich euch mit diesem Schreihals ein Zeichen gebe, ihr werdet den
Ton auch hier oben hren. Er holte eine breite Pfeife von fremdartigem Aussehen
hervor. Auf Wiedersehen, sagte er, Lenoren mit strahlendem Blick betrachtend.
Auf Wiedersehen, antwortete Lenore ihren Arm aufhebend und sah dem
Herabsteigenden nach, bis die Tr hinter ihm zufiel.
    In der Vorderhalle fand Fink den Freiherrn. Der arme Herr war durch die
Spannung des langen Tages und durch das Gefhl seiner Unbrauchbarkeit, da wo er
ttig zu sein fr ein Vorrecht seines Standes hielt, in einen Wirbelwind von
schmerzlichen Empfindungen versetzt. In frhern Jahren htte er jede persnliche
Gefahr mit der besten Haltung durchgemacht. Wie sehr seine Kraft gebrochen war,
zeigte sich jetzt, wo es ihm nicht gelang, seine Fassung zu bewahren. Seine
Hnde griffen unruhig umher, als suchten sie eine Waffe, und ein schmerzliches
Sthnen drang aus tiefer Brust herauf. Mein gtiger Gastfreund, redete Fink
ihn an, da Ihre Unplichkeit Ihnen noch unbequem machen mu, mit den Fremden
zu verhandeln, so bitte ich Sie um Erlaubnis, dies in Ihrem Namen zu tun.
    Sie haben Vollmacht, lieber Fink, erwiderte der Freiherr mit heiserer
Stimme; in der Tat ist das Befinden meiner Augen nicht so, da ich hoffen kann,
etwas zu ntzen. Ein jmmerlicher Krppel! rief er laut und bedeckte das
Gesicht mit seinen Hnden. Fink wandte sich achselzuckend ab, ffnete einen
Schieber in der eichenen Bohlentr, welche bestimmt war, auf die noch nicht
aufgeschttete Rampe zu fhren, und sah hinaus.
    Erlauben Sie mir, bat Anton den Freiherrn, Sie an einen Platz zu fhren,
wo Sie den Kugeln nicht unntig ausgesetzt sind.
    Bekmmern Sie sich nicht um mich, junger Mann, sagte der Freiherr; es ist
heut an mir weniger gelegen, als an dem rmsten Tagelhner, der um meinetwillen
ein Gewehr in die Hand nimmt.
    Hast du mir noch etwas aufzutragen? sagte Anton zu Fink, sein Gewehr
ergreifend.
    Nichts, erwiderte dieser lchelnd, als da du deine Vorsicht nicht
vergit, wenn du selbst ins Handgemenge kommst. Gute Geschfte. Er streckte ihm
die Hand hin, Anton ergriff sie und eilte in den Hof.
    Jetzt begutachten die Feinde Ihre Wirtschaft, sagte Fink zu dem Freiherrn;
in wenig Augenblicken werden wir die Herren hier haben. Da kommen sie, Reiter
und Fuvolk. Sie machen halt an der Scheuer, ein Reitertrupp avanciert, es ist
der Stab, hbsche Jungen darunter, ein paar elegante Pferde, sie reiten auer
Schuweite um das Schlo. Sie sind vorsichtiger, als ich erwartete. Sie suchen
einen Eingang, wir werden sogleich den Hammer am Hintertor hren.
    Alles blieb still. Merkwrdig, sagte Fink. Es scheint mir Kriegsgebrauch,
die Besatzung vor dem Angriff zur bergabe aufzufordern, dort aber kommen die
Offiziere um das Schlo herum in Karriere zu ihrem Fuvolk zurck. Hat ihnen
Wohlfart solchen Schrecken eingejagt, da sie ventre  terre geflohen sind?
    Das Drhnen der Pferdehufe und der dumpfe Tritt des Fuvolks wurde gehrt.
    Wetter, sagte Fink, das ganze Korps marschiert wie zur Parade auf unserer
Seite des Schlosses auf; wenn sie von dieser Seite Ihre Festung erstrmen
wollen, so mssen sie merkwrdige Begriffe von Berennung eines festen Platzes
haben. Sie machen Front gegen uns, fnfhundert Schritt Distanz. Das Fuvolk zwei
Mann hoch in der Mitte, die Reiter an den Flgeln. Ganz rmische
Schlachtordnung, der reine Julius Csar. Seht, sie haben einen Tambour, der Kerl
tritt vor, das Geklapper, welches Sie hren, ist ein Trommelwirbel. - Ah! der
Anfhrer reitet vor die Front. Er kommt heran und hlt gerade vor dieser Tr.
Die Artigkeit erfordert, da wir nach dem Begehr dieses Herrn fragen. Fink
fate den schweren Riegel der Tr und schob ihn zurck, die Tre flog auf, Fink
trat auf die Schwelle, den Eingang deckend, die Doppelflinte nachlssig in der
Hand. Als der Reiter die schlanke Gestalt im waidgerechten Kostm so ruhig vor
sich stehen sah, parierte er sein Pferd und griff an den Hut, Fink dankte durch
eine leichte Neigung des Kopfes.
    Ich wnsche den Besitzer dieses Gutes zu sprechen, rief der Reiter hinauf.
    Nehmen Sie unterdes mit mir vorlieb, antwortete Fink, ich stehe an seiner
Stelle hier.
    So sagen Sie dem Gutsherrn, da wir einen Befehl der Regierung in seinem
Hause zu erfllen haben, rief der Reiter.
    Mge Ihre Ritterlichkeit mir die Frage erlauben, welche Regierung so
leichtsinnig war, Ihnen einen Befehl fr den Freiherrn von Rothsattel zu
bergeben. Wie ich hre, sind hierzulande die Ansichten ber Regierung in
Unordnung gekommen.
    Das polnische Zentral-Komitee ist Ihre wie meine vorgesetzte Behrde, rief
der Reiter.
    Es ist sehr artig von Ihnen, da Sie einem Zentral-Komitee die Disposition
ber Ihren Hals einrumen; Sie werden uns erlauben, in diesem Punkte der
entgegengesetzten Ansicht zu sein.
    Sie sehen, da wir die Mittel haben, Gehorsam fr die Befehle des
Gouvernements zu erzwingen, und ich rate Ihnen, uns nicht durch
Widersetzlichkeit zur Anwendung von Gewalt zu zwingen.
    Ich danke Ihnen fr diesen Rat, und wrde Ihnen noch mehr verbunden sein,
wenn Sie in Ihrem Diensteifer nicht vergessen wollen, da der Grund, auf dem Sie
stehen, kein ffentlicher Marstall, sondern Privateigentum ist, und da fremde
Pferdehufe ihre Sprnge darauf nur mit Bewilligung des Gutsherrn machen drfen.
Soviel ich wei, haben Sie diese nicht eingeholt.
    
    Genug der Worte, mein Herr, rief der Reiter ungeduldig; wenn Sie in der
Tat das Recht haben, den Besitzer dieses Gutes zu vertreten, so fordere ich Sie
auf, den Zugang zu diesem Schlo ohne Verzug zu ffnen und Ihre Waffen
auszuliefern.
    Ach, mein geehrter Herr, erwiderte Fink, eine solche Forderung, selbst
wenn sie von einem Zentral-Komitee ausgeht, mu von ruhigen Leuten fr sehr
unverschmt gehalten werden.
    Sie verweigern also den Gehorsam?
    Leider, erwiderte Fink, bin ich in der unbequemen Lage, Ihren Wunsch
nicht zu gewhren. Ich fge noch die Bitte hinzu, da Sie, nebst den Herren in
zerrissenen Stiefeln, welche dort hinten stehen, so schnell als mglich diesen
Ort verlassen. Meine jungen Leute sind gerade im Begriff, zu untersuchen, ob sie
die Maulwrfe unter ihren Fen treffen knnen. Es wrde uns leid tun, wenn wir
dabei die nackten Zehen Ihrer Begleiter beschdigen sollten. - Gehen Sie, mein
Herr! rief er, pltzlich seinen nachlssigen Ton verndernd, mit einem so
krftigen Ausdruck von Zorn und Verachtung, da das Pferd des Reiters bumte und
der Mann nach der Pistole im Halfter griff.
    Whrend dieser Unterredung hatten sich die Reiter und einzelne Haufen des
Fuvolkes nher herangezogen, um die Worte des Gesprchs aufzufangen. Mehr als
einmal senkte sich ein Flintenlauf, er wurde aber jedesmal durch einzelne
Reiter, welche ihr Pferd vor die Reihe der Bewaffneten drngten,
zurckgeschlagen. Bei den letzten Worten Finks legte eine wste Gestalt in einer
alten Friesjacke die Waffe an, ein Schu knallte, die Kugel fuhr neben Finks
Wange in die Bohlen der Tr. In demselben Augenblick erscholl in der Hhe ein
unterdrckter Schrei, an der Zinne des Turmes flammte es hell auf, der
vorschnelle Gesell strzte getroffen auf den Boden. Der Parlamentr warf sein
Pferd herum, die Angreifer fuhren zurck, und Fink verschlo die Tr. Als er
sich umwandte, stand Lenore auf dem ersten Absatz der Treppe, das abgeschossene
Gewehr in der Hand, die groen Augen verstrt auf Fink geheftet. Sind Sie
verwundet? rief sie auer sich.
    Durchaus nicht, mein treuer Kamerad, rief Fink. Lenore warf das Gewehr weg
und sank zu den Fen ihres Vaters nieder, ihr Gesicht auf seinem Knie
verbergend. Der Vater beugte sich ber sie, fate ihr Haupt mit den Hnden, und
die nervse Erschtterung der letzten Stunden verursachte, da ein
konvulsivisches Schluchzen ber ihn kam. Die Tochter umschlo leidenschaftlich
die bebende Gestalt des Vaters und hielt ihn lautlos in ihren Armen. So hielten
sie einander umschlungen, ein gebrochenes Leben und ein anderes, in welchem die
Glut des Lebens zu hellen Flammen aufschlug. Fink sah zum Fenster hinaus, die
Feinde hatten sich zurckgezogen, die Fhrer ritten auer Schuweite zusammen,
wie es schien, zur Beratung. Schnell trat er zu Lenore, und die Hand auf ihren
Arm legend, sagte er: Ich danke Ihnen, gndiges Frulein, da Sie so
entschlossen die Strafe an dem Elenden vollzogen. Jetzt bitte ich Sie, mit Ihrem
Herrn Vater diese Stelle zu verlassen. Wir werden uns besser halten, wenn nicht
die Sorge um Sie unser Auge vom Feinde abzieht. Lenore schreckte bei seiner
Berhrung zusammen, und eine heie Rte stieg ihr auf Wangen und Stirn.
    Wir werden gehen, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen, komm, mein
Vater. Sie fhrte den Freiherrn, der ihr widerstandslos folgte, die Treppe
hinauf in das Zimmer der Mutter. Dort rang sie mit Heldenkraft nach Fassung, sie
setzte sich an das Lager der Kranken und erschien den Abend nicht wieder in
Finks Nhe.
    Jetzt sind wir unter uns, rief Fink den Wachen zu, jetzt kurze Distanz
und ruhiges Zielen. Wenn sie an diesen Steinhaufen strmen, so sollen sie sich
nichts als blutige Kpfe holen.
    So stand er mit seinen Genossen und sah mit scharfem Auge auf die Reihen der
Gegner. Dort war groe Rhrigkeit, einzelne Abteilungen zogen nach dem Dorf, die
Reiter ritten auf der Strae hin und her, es war etwas im Werke. Endlich
schleppte ein Trupp dicke Bretter und eine Reihe leerer Wagen herbei. Die obern
Teile derselben wurden heruntergehoben und die Untergestelle in einer Reihe
aufgefahren, die Deichseln vom Schlo ab, die Hinterrder dem Schlo zugekehrt;
dann wurden Bretter auf dem Boden bereinander genagelt und Schirmdcher
gemacht, welche, durch Stangen schrge an dem Hinterteil der Wagen befestigt,
einige Fu ber das Wagengestell vorragten und fnf bis sechs Mnnern
ertrglichen Schutz gaben.
    Bittet Herrn Wohlfart, sich hierher zu bemhen, rief Fink einem der
Schtzen zu.
    Hier wurde geschossen, frug Anton in die Halle tretend, ist jemand
verwundet?
    Diese dicke Tr, und einer von dem Gesindel dort, entgegnete Fink. Sie
gaben vom Turme ohne Befehl Antwort auf den ersten Schu der Feinde.
    Im Hofe ist kein Feind zu sehen. Vorhin kam ein Trupp Reiter an das Tor,
einer wagte sich bis dicht an die Planken und versuchte durchzusehen. Als ich
mich aber ber den Zaun erhob, stob er wie entsetzt davon.
    Sieh dorthin, sagte Fink, sie machen sich ein Familienvergngen, kleine
Barrikaden. Solange dies Abendlicht uns zu sehen verstattet, ist die Gefahr
nicht gro. Aber in der Nacht knnen sie mit diesen Rderdchern nahe genug
heran.
    Der Himmel bleibt klar, sagte Anton, es wird eine helle Sternnacht.
    Wenn ich nur wte, sagte Fink, weshalb sie die Tollheit haben, gerade
die strkste Seite unserer Festung anzugreifen. Es ist nicht anders, dein
friedliches Gesicht hat auf sie gewirkt, wie das Haupt der Gorgo. Du wirst von
jetzt ab als Scheuche verschrieben werden in allen Slawenkriegen.
    Es war dunkel geworden, als das Hmmern an den Wagen aufhrte. Ein Kommando
wurde gehrt, die Befehlshaber riefen einzelne Leute bei Namen an die Deichseln,
sechs bewegliche Dcher fuhren mit groer Schnelligkeit etwa dreiig Schritt von
der Vorderseite des Schlosses auf.
    Jetzt gilt's, rief Fink. Bleibe hier und wahre den Unterstock. Fink
sprang die Treppe hinauf, die lange Reihe der Vorderzimmer war geffnet, man
konnte von einem Ende des Hauses zum anderen sehn. Htet Eure Kpfe, rief er
den Wachen zu. Gleich darauf fuhr eine unregelmige Salve nach den Fenstern des
Oberstocks, der bleierne Hagel rasselte durch die Glasscheiben, klirrend flogen
die Splitter auf die Dielen. Fink ergriff seine Pfeife, ein gellender Ton drang
mit langen Schwingungen durch das ganze Haus, oben vom Turm und aus beiden
Stockwerken antworteten die Salven der Belagerten. Und jetzt folgten von beiden
Seiten unregelmig die knatternden Schsse. Die Belagerten waren im Vorteil,
ihr Schutz war besser und die Dunkelheit in den Zimmern grer, als im Freien.
In den kurzen Pausen hrte man Finks laute Stimme: Ruhig, Ihr Mnner, deckt
Euch! Er war berall, sein leichter Tritt, der helle Klang seines Zurufs,
zuweilen ein wildes Scherzwort, ermutigten jeden Schtzen des Hauses. Sie
erfllten mit Entzcken und Schauer auch die Seele Lenorens, welche das
Frchterliche ihrer Lage kaum empfand und bei den krampfhaften Bewegungen des
Vaters und dem leisen Sthnen der Mutter nicht verzweifelte, denn wie ein Gru
des Heils tnten die Worte des geliebten Mannes in ihr Ohr.
    Wohl eine Stunde dauerte der Kampf um die Mauern des Hauses. Finster lag der
riesige Bau in dem matten Licht der Sterne, kein Licht, keine Gestalt war von
auen zu erblicken, nur der Feuerstrahl, welcher zuweilen aus einer Ecke der
Fensterffnungen herunterfuhr, verkndigte den drauen, da tdliches Leben im
Schlosse war. Wer durch die Zimmerreihe schritt, der konnte hier und da eine
dunkle Gestalt hinter dem Schatten eines Pfeilers erkennen, er sah vielleicht
das Auge in Spannung glnzen und das Haupt sich vorbeugen, um eine Ble des
Feindes zu ersphen. Wohl keiner der Mnner, welche jetzt Kriegsdienste taten,
war an blutige Arbeit gewhnt, vom Pfluge, von der Werkstatt, aus jeder Art von
friedlicher Ttigkeit waren sie hier zusammengekommen, und ngstliche Spannung,
fieberhafte Erwartung war den ganzen Tag ber auch im Gesicht der Strksten
sichtbar gewesen.
    Jetzt sah Anton mit einem dstern Behagen, wie ruhig er selbst und wie mutig
die Leute waren. Sie waren in Ttigkeit, sie arbeiteten; noch bei dem tdlichen
Werke der Zerstrung war die Kraft zu erkennen, die jedes emsige Tun dem
Menschen gibt. Nach den ersten Schssen luden die auf der Vorderseite so
besonnen, als bten sie ihr gewhnliches Tagewerk. Das Gesicht des Knechtes sah
nicht sorgenvoller aus, als wenn er zwischen seinen Ochsen hindurch auf die
Ackerfurche hinsah, und der gewandte Schneider fate Rohr und Kolben seiner
Waffe mit derselben Gleichgltigkeit, wie das Holz seines Bgeleisens. Nur die
Wachen im Hof waren unruhig, aber nicht aus Furcht, sondern weil sie mivergngt
waren ber die eigene Unttigkeit. Zuweilen versuchte ein kecker Gesell sich
hinter Antons Rcken in das Haus zu stehlen, um auf der Vorderseite seinen Schu
abzufeuern, und Anton mute den Techniker an die Hoftr postieren, um das mutige
Entweichen zu hindern.
    Nur einmal, Herr Wohlfart, lassen Sie mich auf das Volk schieen, bat ein
junger Bursch aus Neudorf flehentlich.
    Warte, erwiderte Anton im Laden, auch Ihr werdet darankommen, in einer
Stunde lst Ihr die auf der Vorderseite ab.
    Unterdes stiegen die Sterne herauf, immer hher, auf beiden Seiten wurden
die Schsse sprlich, wie eine Ermdung kam es ber beide Teile.
    Unsre Leute haben die bessere Kraft, sagte Anton zu dem Freunde, die im
Hofe sind nicht mehr zu halten.
    Das Ganze ist nicht viel mehr, als blindes Schieen, erwiderte Fink, sie
versuchen zwar ehrlich zu zielen, aber es ist doch zumeist Zufall, wenn eine
Kugel Unglck anrichtet. Auer einigen leichten Verwundungen ist uns kein Schade
geschehn, und ich glaube, die dort unten haben das Vergngen auch nicht viel
teurer bezahlt. Man vernahm das Rollen der Rder. Horch, sie fahren ihre
Streitwagen zurck. Das Feuern hrte auf, auf der ganzen Linie verschwanden die
dunklen Massen in der Nacht. La ablsen, fuhr Fink fort, und wenn du hast,
gib ihnen etwas zu trinken, denn sie haben sich als brave Mnner gezeigt. Dann
erwarten wir ruhig die Fortsetzung des Werks.
    Anton lie eilig einige Strkungen unter die Mannschaft verteilen und
durchschritt das ganze Haus, die Mannschaft ablsend und die Rume vom Boden bis
zum Keller untersuchend. Als er an die Frauenstuben im Unterstock kam, hrte er
schon von weitem ein klgliches Chaos von Stimmen. Als er eintrat, fand er die
kahlen Wnde durch eine kleine Kchenlampe notdrftig erhellt, der Boden war mit
Stroh bedeckt, und auf der Streu kauerten und lagen in kleinen Hufchen die
Frauen und Kinder neben ihren Sachen. Die Frauen drckten ihre Angst durch jede
Art von leidenschaftlichen Bewegungen aus, manche hoben unaufhrlich die Hnde
in die Hhe und riefen die Hilfe des Himmels an, ohne etwas anderes zu
empfinden, als unendliche Angst, andere starrten verzweifelt vor sich hin, ganz
betubt durch die Schrecken der Nacht; den behaglichsten Eindruck machten noch
die Kinder, welche mit ganzer Seele heulten und sich um nichts weiter kmmerten.
In diesem Jammer lagen drei kleine Kinder, mit den Kpfen auf ein Bndel Betten
gelehnt und schliefen, die Hndchen geballt, so ruhig, wie in ihrer Bettstelle
zu Haus, und eine junge Frau sa in der Ecke, wiegte ihr schlummerndes Kind in
den Armen und schien alles brige zu vergessen. Endlich trat sie, immer auf ihr
Kind sehend, leise zu Anton heran und frug, wie es ihrem Mann gehe.
    Unterdes zndeten die Feinde drauen groe Feuer an, ein Teil der
Bewaffneten sa an den Flammen, man sah, da sie Tpfe an das Feuer trugen und
ihre Abendkost kochten. Auch in dem Dorfe ging es laut her, man hrte dort
schreien und kommandieren, und von der Hhe sah man berall Lichter und ein
starkes Hin- und Herlaufen auf der Dorfstrae. Das sieht nicht aus, wie Ruhe,
sagte Anton.
    In dem Augenblick pochte laut der Hammer am Hintertor; die Freunde sahen
einander an und sprangen schnell in den Hof. Rothsattel und Rebhhner,
murmelte eine Stimme, die Losung improvisierend. Der Frster! rief Anton. Er
schob die Verrammelung zurck und lie den Alten ein. Schlieen Sie zu, sagte
der Frster, sie sind mir auf der Spur. Guten Abend allerseits, ich komme
fragen, ob Sie mich brauchen knnen? - Schnell ins Haus, rief Anton, dort
erzhlen Sie.
    Im Wald ist alles still, wie in einer Kirche, sagte der Frster.
    Auf der Waldwiese am Erlenbruch liegt das Vieh, auch der Schfer ist mit
seinen Kreaturen dort. Der Vogt hlt die Wache. Ich habe mich in der Finsternis
als Schleichpatrouille in das Dorf gedrckt und komme Sie warnen. Da es mit dem
Schieen nicht geglckt ist, wollen's die Schufte mit Feuer versuchen. Sie haben
den Teer und die Wagenschmiere aus dem ganzen Dorf zusammengesucht, die
Kienspne der Bauerweiber aus den Hfen geholt, und wo sie eine llampe fanden,
haben sie diese ber Reisigbndel ausgegossen.
    Sie wollen das Hoftor in Brand stecken? frug Fink.
    Der Frster verzog sein Gesicht. Das Hoftor ist es nicht, vor dem haben sie
eine Hllenfurcht. Weil Sie doch Artilleriewagen und eine Haubitze im Hofraum
haben. - Artillerie? riefen die Freunde erstaunt. Ja, nickte der Frster;
sie haben durch die Schielcher des Zauns blaue Wagen gesehn und eine
Lafette.
    Karls neue Kartoffelwagen und die Bespannung, rief Anton, und die
Feuertonne.
    Diese wird wohl die Haubitze sein, erwiderte der Frster. Auf meinem Wege
hierher guckte ich von hinten in den Hof der Schenke und lauerte, ob ich einen
Bekannten erwischen knnte. Da kam die Rebekka mit Wassereimern in den Hof
gelaufen, ich pfiff leise und rief sie hinter den Stall. Seid Ihr auch da, alter
Schwede? sagte das tolle Ding, nehmt Euch nur in acht, da sie Euch nicht eins
an den Kopf brennen; ich habe keine Zeit, mich mit Euch abzugeben, ich mu die
Herren bedienen, sie wollen Kaffee trinken. Warum nicht gar Champagner, sagte
ich. Sie sind wohl recht artig, die Herren, du hbsches Schicksel, sagte ich,
denn mit Floretten gewinnt man die Weiber. Ihr seid selber ein hlicher
Schekez, sagte das Mdchen und lachte mich an, macht, da Ihr fortkommt. Sie
werden dir doch nichts tun, kleine Rebekka, sagte ich wieder und kniff sie ein
wenig in die Backen. Das geht Euch nichts an, Ihr Hexenmeister, sagte wieder der
kleine Molch, wenn ich schreie, kommt mir die ganze Stube zu Hilfe. Ich will
nichts mit Euch zu tun haben. Sei nicht so widerspenstig, mein Kind, sagte ich,
sei ein gutes Mdel, flle mir die Flasche hier und bringe sie mir heraus. Man
mu in schlechten Zeiten etwas fr seine Freunde tun. Darauf ri mir das Ding
die Flasche aus der Hand und sagte: Wartet, aber haltet Euch still, und rannte
mit ihren Eimern zurck. Nach einer Weile kam sie wieder und brachte mir die
Buddel ganz gefllt, Kmmel und Korn, es ist ein gutmtiges Geschpf. Und als
sie mir die Flasche gab, rief sie mir noch zu: Wenn Ihr zu den jungen Herren im
Schlo kommt, so sagt ihnen, da die dadrin groe Angst vor ihrer Artillerie
haben, sie haben uns ausgefragt, ob es wahr wre, da sie eine Kanone htten.
Ich habe ihnen gesagt, ich wte wohl, da so ein groes Ding auf dem Gut sein
mte. - So schlich ich mich wieder fort und kroch im Graben bei Kerlen mit
Sensen vorbei, die hinter unserm Hof auf Wache stehn. Als ich ihnen an die
hundert Schritt vor war, ri ich aus, sie sakermenterten hinter mir her. So
steht's.
    Das mit dem Feuer ist ein unbequemer Einfall, sagte Fink, wenn sie das
Handwerk verstehn, knnen sie uns ausruchern, wie Dachse.
    Diese Schwelle ist von Stein und die dicke Tr ist hoch ber dem Boden,
sagte der Frster.
    Ich frchte nicht die Flammen, sondern den Rauch und die Helle, entgegnete
Fink; wenn sie unsre Fenster erleuchten, so werden die Leute noch schlechter
treffen. Unser Glck ist, da die Herren auf englischen Stteln, welche den
Feind anfhren, bis jetzt schwerlich andre Festungen eingenommen haben, als
solche, die durch einen Unterrock verschanzt waren. Wir wollen alle Leute ins
Vorderhaus werfen und hinten nur die notwendigsten Wachen halten, und wollen
Rebekkas Lge vertrauen.
    Neue Patronen wurden ausgeteilt und eine neue Einteilung der Mannschaft
vorgenommen, in die Turmhallen des Unter- und Oberstocks und oben auf die
Plattform wurde mehr Mannschaft gestellt, unten kommandierte der Schmied, im
Oberstock Anton, der Frster blieb mit einem kleinen Trupp in Reserve. Und es
war Zeit, denn wieder hrte man in der Ferne ein lautes Gesumm, Kommandowrter,
den Tritt der Heranziehenden und das Rollen von Wagen.
    Haltet die Kugel im Lauf, rief Fink, und schiet nur auf das Volk, das
sich an die Tr herandrngt.
    Die Wagen mit dem Bretterdach fuhren auf, wie vorher, ein polnisches
Kommando erklang und ein heftiges Feuer der Feinde begann, diesmal
ausschlielich auf die verhngnisvolle Tr und die Fenster in der Nhe
gerichtet. Wie mchtige Schlge donnerten die Kugeln an die Tr und das
Mauerwerk, mehr als eine fand ihren Weg durch die Fensterffnungen und schlug
ber den Huptern der Verteidiger an die Decke. Fink rief den Frster: Sie
sollen etwas wagen, Alter, stellen Sie Ihre Leute am Hintertor auf, ffnen Sie
die Pforte, schleichen Sie dicht am Haus herum und fassen Sie die Gesellen
hinter den drei Wagen links, die sich zu nahe an das Haus gewagt haben, von der
Seite. Rcken Sie ihnen nah auf den Leib, Sie knnen die Mannschaft rasieren,
wenn Sie gut zielen. Die Wagen haben keine Deckung, ehe das Gesindel von hinten
herzuluft, sind Sie wieder zurck. Seien Sie schnell und vorsichtig, ich gebe
Ihnen mit der Pfeife ein Zeichen, wenn Sie aus dem Schatten der Mauer
hervorbrechen sollen.
    Der Frster nahm seine Leute zusammen und eilte in den Hof, Fink sprang in
den Oberstock zu Anton. Immer heftiger wurde das Feuer der Feinde. Diesmal wird
es grimmiger Ernst, sagte Anton. Auch unsre Leute geraten in Hitze. Dort
kommt die Gefahr, rief Fink und wies durch die Mauerluke auf eine hohe
unfrmige Masse, welche sich langsam nher schob. Es war ein Erntewagen, breit
und zu mchtiger Hhe beladen, der von unsichtbarer Hand regiert gerade auf die
Mitte des Schlosses zufuhr. Ein Brander! Oben glnzen die gelben Strohschtten.
Ihre Absicht ist klar, sie haben sich an die Deichsel gestemmt und stoen den
Wagen gegen die Tr. Jetzt gilt es zu zielen, keiner der Wichte, welche ihn
heranstoen, darf zurck. Er flog die Treppe zum Turm hinauf und rief den
Leuten, die auf der Plattform postiert waren, zu: Alles hngt jetzt von Euch
ab, sobald Ihr die Leute seht, welche den Wagen dort vorwrts schieben, gebt
Feuer; wo Ihr einen Schdel oder ein Bein erkennt, gebt Feuer. Wer an diesen
Wagen stt, mu gettet werden. Langsam kam der Wagen nher, Fink erhob den
Doppellauf seiner Bchse und prete den Kolben an die Wange. Zweimal zielte er
und zweimal setzte er unzufrieden wieder ab. Der Wagen war so hoch beladen, da
es unmglich wurde, die Gestalten, welche ihn fortschoben, zu erkennen. Es waren
Augenblicke ngstlicher Spannung von beiden Seiten, auch das Feuer der Feinde
hrte auf, alle Blicke hingen an dem friedlichen Wagen, der jetzt den
erbitterten Streit zum tdlichen Ende bringen sollte. Endlich wurde der Rcken
der Hintersten, welche an der Spitze der Deichsel drckten, sichtbar. Ein
Doppelblitz fuhr aus Finks Bchse, zwei gellende Schreie wurden gehrt, der
Wagen bieb stehn, die Stoenden drngten sich dicht aneinander, man erkannte
zwei dunkle Schatten am Boden. Fink lud, um seine Lippen schwebte ein wildes
Lcheln. Ein wtendes Schieen nach dem Turm war die Antwort der Feinde. Einer
der Leute auf dem Turm wurde in die Brust geschossen, sein Gewehr fiel ber die
Mauer hinab und rasselte auf den Boden, der Mann strzte zu Finks Fen nieder.
Fink warf einen halben Blick auf den Gefallenen und schlug die zweite Kugel in
den Lauf. Da flogen einige Gestalten mit Windeseile aus der Dmmerung an den
Wagen heran, ein krftiger Zuruf wurde gehrt, und wieder setzte sich die
Maschine in Bewegung. Brave Jungen, murmelte Fink, sie sind dem Tode
verfallen. Es wurde mehr von den Krpern an der Deichsel sichtbar. Wieder legte
Fink an und dicht hintereinander flogen vom Turm die tdlichen Kugeln an die
Deichsel des Wagens. Wieder ein Wehruf, aber der Wagen bewegte sich vorwrts.
Nicht mehr dreiig Schritt war er von der Tr, es war die hchste Zeit. Da klang
der gellende Ton der Knochenpfeife langgezogen durch die Nacht, aus den Fenstern
des Oberstocks flog die feurige Salve, und von der linken Seite des Hauses erhob
sich ein lautes Geschrei. Der Frster brach vor, ein Haufe dunkler Schatten
strzte gegen das Bretterdach, das der Hausecke zunchst stand, ein Augenblick
Handgemenge, einige Schsse; erschreckt liefen die berfallenen Feinde von den
Dchern zurck in das freie Feld. Zum drittenmal traf der tdliche Doppelblitz
vom Turme die Deichsel des Erntewagens, von panischem Schreck ergriffen strzten
auch aus seinem Schatten die Leute rckwrts nach der rettenden Finsternis.
Nicht zu ihrem Heil. Vom Turme und aus den Fenstern des Oberstocks trafen
verfolgende Kugeln die Schutzlosen. Die im Schlosse erkannten, da mehr als
einer zusammenbrach. Hinten erhob sich zorniges Geschrei, im Schnellschritt
rckte eine dunkle Linie vor, ihre Flchtlinge aufzunehmen. Ein allgemeines
Feuer der Massen gegen das Haus begann. Dann zog sich der Feind mit derselben
Schnelligkeit zurck, mit der er vorgedrungen war, er zog die Gefallenen und die
Bretterwagen mit sich aus der Schulinie. Nur der Brander, eine dunkle Masse,
stand noch einige Schritt von der Tr. Das Feuer hrte auf, auf den tdlichen
Kampf folgte eine unheimliche Stille.
    In der Halle des Oberstocks traf Anton mit Fink zusammen, gleich darauf kam
der Frster. Schweigend suchte jeder der Freunde in dem matten Dmmerlicht zu
erkennen, ob der andere unverletzt vor ihm stand. Vortrefflich gemacht,
Frster, rief Fink, erbitten Sie Einla beim Freiherrn und statten Sie Bericht
ab.
    Und bitten Sie Frulein Lenore, Ihnen die Mittel zu einem Verband zu geben,
wir haben Verluste gehabt, sagte Anton traurig und wies auf den Boden der
Halle, wo an die Wand gelehnt zwei Mnner saen und sthnten.
    Hier kommt noch ein dritter, antwortete Fink, auf einen dunklen Krper
weisend, welcher langsam durch zwei Mnner die Turmtreppe herabgetragen wurde.
Ich frchte, der Mann ist tot, er lag wie ein Stck Holz zu meinen Fen.
    Wer ist es? frug Anton schaudernd.
    Borowski, der Schneider, erwiderte halblaut einer der Trger.
    Welch eine furchtbare Nacht! rief Anton sich abwendend.
    Daran drfen wir jetzt nicht denken, sagte Fink, das Menschenleben ist
nur etwas wert, wenn man den Gleichmut hat, dasselbe bei passender Gelegenheit
zu quittieren. Die Hauptsache ist, da wir uns diese Brandfackel vom Halse
gehalten haben; es ist nicht unmglich, da es den Schelmen noch gelingt, sie
anzustecken, sie wird da, wo sie steht, wenig Schaden tun.
    In diesem Moment glnzte ein heller Schein durch die Schielcher des
Turmes. Alles strzte an die Fenster. Von dem abgewandten Teil des Wagens
flammte ein blendendes Licht auf, und mit einem pltzlichen Ruck krachte die
schwere Masse an die Mauer des Hauses. Ein einzelner Mann sprang von dem Wagen
zurck, ein Dutzend Gewehre flog im Nu gegen ihn in Anschlag.
    Halt! rief Fink mit durchdringender Stimme, es ist zu spt, schont ihn,
er ist ein Braver, das Unglck ist geschehn.
    Merci, Monsieur, au revoir, rief eine Stimme von unten, und der Mann
sprang unverletzt vom Hause weg in die Finsternis.
    Im Nu stand der Wagen in Brand, aus dem Stroh und Reisig, womit er auf der
Hhe beladen war, stiegen zngelnd die gelben Flammen, und durch die lodernde
Glut fuhren prasselnd weie Feuergarben nach allen Richtungen auf. Das Haus war
von pltzlichem Lichte erhellt, der Qualm drang massenhaft durch die
zertrmmerten Fenster.
    Das ist Pulver, rief Fink. Ruhig, ruhig, Ihr Mnner. Wir halten die
Feinde ab, wenn sie wieder eindringen; du, Anton, sieh, ob du das Feuer
bewltigst.
    Wasser! riefen die Leute, dort brennt das Fensterkreuz.
    Und drauen erklang neuer Kommandoruf, die Trommel wirbelte, und mit wildem
Siegesgeschrei rckte der Feind in einer Tirailleurkette an das Haus. Von neuem
begann das Feuer der Belagerer, um das Lschen des Brandes zu verhindern. Aus
dem Wasserbottich im Hofe wurde Wasser heraufgebracht und an die zngelnde
Flamme des Fensters gegossen; es war eine gefhrliche Arbeit, denn die Front des
Hauses war erleuchtet, und auf jede Gestalt, welche sichtbar wurde, richteten
sich die Schsse der Tirailleure, welche immer kecker andrngten. ngstlich
sahen die Verteidiger nach der Flamme und erwiderten nur unsicher das Feuer der
Gegner. Auch die Wachen im Hof sahen mehr hinter sich als nach vorn, die
Unordnung wurde allgemein, der Augenblick der hchsten Gefahr war gekommen,
alles schien verloren.
    Vom Turme lief ein Mann herab: Sie bringen kurze Leitern aus dem Dorf, man
sieht die xte in ihrer Hand.
    Sie wollen ber den Bretterzaun, sie schlagen die Fenster im Unterstock
ein, riefen die Mnner erschrocken durcheinander. Der Frster strzte nach dem
Hof, Fink ri einige Mnner in seiner Nhe fort nach der Seite des Hauses, auf
welche ein Haufe mit Leitern heranzog. Alles schrie durcheinander, selbst Finks
drohender Zuruf drang nicht mehr in das Ohr der Leute.
    Da eilten einige Mnner mit Stangen aus dem Hofe an die Tr der Vorhalle.
Macht Platz! rief eine stmmige Figur, hier ist Schmiedearbeit. Der Mann ri
die Riegel der Tr zurck, die Trffnung war vollstndig geschlossen durch den
brennenden Wagen. Mit der schweren Stange stie der Schmied trotz Rauch und
Flammen aus Leibeskrften in das brennende Holz des Wagens. Helft mir, ihr
Hasen, schrie er im zornigen Eifer.
    Er hat recht, rief Anton, heran, Ihr Mnner! Bretter und Deichselstangen
wurden herzugeschleppt, und in dem Qualm drangen die Mnner unermdlich vorwrts
und drckten und stachen in die glhende Masse. Mehr als einmal muten sie
zurckweichen, aber immer wieder trieb der Schmied in das Feuer hinein. Endlich
gelang es dem Kunauer, als er nach oben stach, einzelne Garben von der Hhe
herunterzuwerfen. Man sah durch die lodernde Flamme am Oberteil der Tr den
dunklen Nachthimmel, ein Luftzug entstand, der Rauch wurde weniger erstickend.
Jetzt haben wir die ganze Bescherung, schrie er triumphierend, ein brennendes
Bund nach dem andern flog auf den Boden; dort brannten die einzelnen
Flammenhufchen unschdlich nieder. Immer schneller wurde der Wagen entladen,
brennende Federbetten und Holzscheite fielen herab. Anton lie die Tr zur
Hlfte schlieen, weil jetzt die feindlichen Kugeln durch die Flammen des Wagens
schlugen, die Arbeiter muten ihre Hebel von der Seite regieren. Die
Wagenleitern fielen verkohlt herunter, und mit einem frohen Ruf setzten die
Arbeiter ihre Stangen nebeneinander an das Wagengerst und schoben die Trmmer
des Wagens einige Schritt vom Tore ab. Die Tr wurde schnell wieder geschlossen
und die Leute, schwarz wie Teufel, mit verbrannten Kleidern, wnschten einander
laut Glck.
    Solche Nacht macht gute Freundschaft, rief der Schmied vergngt und
ergriff in der Freude seines Herzens Antons Hand, die nicht weniger geschwrzt
war, als die seine. - Unterdes schmetterten die xte der Belagerer an den
Verschlag mehrerer Fenster des Unterstocks, die abgelsten Bretter krachten und
Finks Stimme erscholl: Schlagt sie mit dem Kolben herunter! Anton und der
Schmied warfen sich an die Fenster, durch welche die Belagerer einzudringen
suchten. Auch dort war die gefhrlichste Arbeit getan, als sie herzurannten.
Fink kam ihnen entgegen, die blutige Axt eines Insurgenten in der Hand, er
schleuderte die Axt von sich und rief dem Haufen Antons entgegen: Schlagt neue
Bretter an die Fenster, ich hoffe, die Schlchterei ist zu Ende.
    Noch einige Salven von drauen und einzelne Schsse vom Turm, dann wurde es
wieder still im Schlo und auf der Ebene; noch schimmerten die Wnde des Hauses
von rtlichem Licht, aber der Schein wurde matter und grauer. Drauen erhob sich
der Wind und trieb den Rauch, der aus den Fenstern wirbelte und aus den
verbrannten Trmmern vor der Tr aufstieg, die Mauern entlang in die Finsternis.
Die reine Nachtluft fllte wieder den Korridor und die Halle, und ruhig glnzte
das Sternlicht herunter auf die Gesichter der Verteidiger, auf tiefliegende
Augen und bleiche Wangen. Die Krfte der Kmpfenden waren erschpft, im Hause,
wie drauen auf dem Felde.
    Welche Stunde der Nacht ist? frug Fink und trat zu Anton, der durch die
Schielcher der Halle die Bewegungen des Feindes beobachtete. Mitternacht
vorber, erwiderte Anton. Sie stiegen zum Turme hinauf und sahen in der Runde
umher. Der Anger um das Schlo war leer. Sie haben sich schlafen gelegt, die
Guten, sagte Fink, auch die Feuer dort unten verglhn, aus dem Dorf klingen
noch einzelne Stimmen herber. Nur die Schatten dort zeigen an, da wir umstellt
sind. Sie haben eine Postenkette in weitem Bogen rings um das Haus gefhrt, das
sind unsere Nachtwchter. Wir haben einige Stunden Friede vor uns. Und da wir
morgen bei Tageslicht schwerlich ausschlafen werden, mssen unsere Leute diese
Stunden benutzen. La nur die ntigsten Wachen stehn und die Posten in zwei
Stunden ablsen. Wenn du nichts dawider hast, geh auch ich zu Bett. La mich
wecken, sobald sich drauen etwas regt. Die Nachtposten wirst du sehr gut
besorgen, das wei ich. So wandte sich Fink ab und ging in sein Zimmer, wo er
sich auf das Bett warf und nach einigen Augenblicken ruhig einschlief. Anton
eilte in die Wachstube, verteilte mit dem Frster die Posten und bestimmte die
Reihenfolge der Ablsung. Ich schlafe doch nicht, sagte der Alte, erstens in
meinen Jahren und dann als Jger; ich will, wenn's Ihnen recht ist, die
Nachtwache anfhren und berall zum Rechten sehen.
    Noch einmal sah Anton in den Hof und die Stlle, auch hier war die Ruhe
eingekehrt, nur die Pferde schlugen unruhig mit den Hufen auf den harten Boden.
Leise ffnete Anton die Tr der Frauenstuben, dort in dem zweiten Zimmer hatte
man die Verwundeten niedergelegt. Als Anton eintrat, sa Lenore auf einem
Schemel neben dem Strohlager, zu ihren Fen zwei der fremden Frauen. Er beugte
sich ber das Lager der Verwundeten, die farblosen Gesichter und das verworrene
Haar der Armen stachen grell ab gegen die weien Kissen, welche Lenore von ihrem
Bett gerafft hatte. Wie steht's mit ihnen? frug Anton leise. Wir haben
versucht, die Wunden zu verbinden, erwiderte Lenore, der Frster sagt, da
beide Hoffnung geben.
    Dann, fuhr Anton fort, berlassen Sie den Frauen die Pflege und benutzen
auch Sie die Stunden der Ruhe.
    Sprechen Sie mir nicht von Ruhe, sprach Lenore aufstehend, Sie sind in
dem Zimmer des Todes. Sie fate ihn bei der Hand und fhrte ihn in die andere
Ecke, dort zog sie an einem dunkeln Mantel und wies auf eine menschliche
Gestalt, die darunter lag.
    Er ist tot! sagte sie mit klangloser Stimme, als ich ihn mit diesen
Hnden aufrichtete, ist er gestorben. An meinem Kleide hngt sein Blut, und es
ist nicht das einzige, das heut vergossen worden. Ich bin es gewesen, rief sie
mit wildem Ausdruck und drckte krampfhaft Antons Hand, ich habe den Anfang
gemacht mit diesem Blutvergieen. Wie ich den Fluch ertragen soll, wei ich
nicht. Wie ich nach dem heutigen Tage leben werde, wei ich nicht. Wenn ich noch
wohin gehre in der Welt, so ist es in dieses Zimmer. Lassen Sie mich hier,
Wohlfart, und sorgen Sie nicht mehr um mich.
    Sie wandte sich ab und setzte sich wieder auf den Schemel an das Strohlager.
Anton deckte den Mantel ber den toten Mann und verlie schweigend das Zimmer.
    Er ging nach der Wachstube und ergriff sein Gewehr. Ich gehe auf den Turm,
Frster, sagte er.
    Jeder hat seine eigene Art, brummte der Alte. Der andere ist klger, er
schlft aus. Aber es wird frisch dort oben, ohne Mantel soll er nicht bleiben.
Er schickte einen Mann mit einem Bauernmantel hinauf und befahl ihm, bei dem
Herrn oben zu bleiben. Anton lie den Mann zum Schlaf niedersetzen, und wickelte
sich in die warme Hlle. So sa er schweigend und sttzte sein Haupt an die
Mauer, ber welche sich Lenore gebeugt hatte, als sie hinunterscho. Und seine
Gedanken flogen ber die Ebene fort, aus der finstern Gegenwart in die unsichere
Zukunft. Er sah ber den Kreis der feindlichen Wachen und ber den dunkleren
Ring der Kiefernwlder, welche ihn hier gefangenhielten und ihn festbannten an
Verhltnisse, die ihm jetzt so fremd und abenteuerlich vorkamen, als lse er sie
ab aus einem Buch. Seine eigenen Schicksale betrachtete sein mder Blick
gleichmtig, wie ein fremdes; und ruhig konnte er hineinblicken in die Tiefen
seiner Seele, die ihm sonst das wogende Gefhl des Tages verbarg. Er sah sein
vergangenes Leben vor sich vorberziehn, die Gestalt der Edeldame auf dem Balkon
ihres Schlosses, das schne Mdchen auf dem Kahn unter ihren Schwnen, den
Kerzenglanz im Tanzsalon, die traurige Stunde, wo die Edelfrau ihren Schmuck in
seine Hnde legte, alle Augenblicke, wo Lenorens Auge so liebevoll das seine
gesucht hatte, alle diese Zeiten sah er vor sich und deutlich erkannte er den
Zauber, den sie um ihn gelegt hatten, alles, was seine Phantasie gefesselt
hatte, sein Urteil bestochen, seinem Selbstgefhl geschmeichelt, das erschien
ihm jetzt als eine Tuschung.
    Ein Irrtum war's seiner kindischen Seele, den die Eitelkeit grogezogen
hatte. Ach schon lngst war der glnzende Schein zerronnen, der dem armen Sohn
des Kalkulators das Leben der Ritterfamilie stark, edel, begehrungswert gezeigt
hatte. Ein anderes Gefhl war an die Stelle getreten, ein reineres, eine
zrtliche Freundschaft zu der einzigen, die in dem Kreise sich stark erhalten
hatte, als die andern zerbrachen. Und jetzt lste auch sie sich von ihm. Er
fhlte, da es so war und immer mehr geschehen mute. Er fhlte das jetzt ohne
Schmerz als etwas Natrliches, was nicht anders kommen konnte. Und er fhlte,
da er selbst dadurch frei wurde von den Banden, welche ihn hier festhielten. Er
erhob sein Haupt und sah ber die Wlder hinber in die Ferne. Er schalt sich
selbst, da ihm dieser Verlust nicht mehr Schmerzen bereitete, und gleich
darauf, da er einen Verlust fhlte. War im Grunde seiner Seele doch ein stilles
Begehren gewesen, hatte er das schne Mdchen fr seine Zukunft zu erwerben
gedacht, hatte er davon getrumt, in der Familie, fr die er jetzt arbeitete,
heimisch zu werden fr immer? Wenn er in einzelnen Stunden der Schwche dies
Gefhl gehabt hatte, jetzt verurteilte er es. Er war nicht immer gut gewesen, er
hatte im stillen eigenntzig auch an sich gedacht, wenn er Lenore ansah. Das war
unrecht gewesen, und ihm geschah sein Recht, da er jetzt allein stand unter
Fremden, in Verhltnissen, die ihn wund drckten, weil sie nicht klar waren, in
einer Lage, aus der auch sein Entschlu ihn nicht lsen konnte, nicht jetzt, und
schwerlich in der nchsten Zukunft.
    Und doch fhlte er sich frei. Ich werde meine Pflicht tun und nur fr ihr
Glck sorgen, sagte er laut. - Aber ihr Glck? Er dachte an Fink und an das
Wesen des Freundes, das ihm selbst immer wieder imponierte und ihn so oft
rgerte. Wrde er sie wieder lieben, und wrde er sich fesseln lassen in diesen
Verhltnissen? Arme Lenore! seufzte er.
    So stand Anton, bis der helle Schein vom Nordrand des Horizontes herber zog
auf Osten zu, und von dort ein fahles Grau am Himmel aufstieg, der
schauerbringende Vorbote der Morgensonne. Da sah Anton noch einmal auf die
Landschaft um sich herum, schon konnte er die Wachen der Landleute zhlen, die
zu zweien das Schlo umstanden; hier und da blinkte ein Sensenspie in hellem
Licht. Anton beugte sich nieder und weckte den Mann, der neben der Blutlache des
getteten Kameraden eingeschlafen war, dann stieg er herunter in die Wachstube,
warf sich auf das Stroh, das ihm der Frster sorgsam auseinanderschttelte, und
schlief ein, gerade, als die Lerche aus dem feuchten Boden aufflog, um durch
ihren frhlichen Ruf die Sonne herbeizuholen.

                                       5


Nach einer Stunde weckte der Frster den Schlafenden. Anton fuhr auf und sah
verdutzt in die fremdartige Umgebung.
    Es ist fast Snde, Sie zu stren, sagte der ehrliche Alte; drauen ist
alles ruhig, nur die Reiterei der Feinde ist auf dem Wege nach Rosmin
abgezogen.
    Abgezogen? rief Anton, so sind wir frei.
    Bis auf das Fuvolk, sagte der Frster, es kommen immer noch zwei auf
einen von uns. Sie halten uns fest. - Und noch etwas habe ich zu sagen. In der
Tonne ist kein Wasser mehr. Die Hlfte haben unsere Leute ausgetrunken, das
brige ist ins Feuer gegossen. Ich fr meinen Teil mache mir nichts aus dem
Getrnk, aber das Schlo ist voll Menschen, ohne einen Trunk werden sie
schwerlich den Tag aushalten.
    Anton sprang auf. Das war ein schlechter Morgengru, mein Alter.
    Der Brunnen ist kassiert, fuhr der Alte fort, aber wenn wir jetzt eine
von den Frauen an den Bach schickten? Die Wachen wrden den Weibern nicht viel
tun, vielleicht wrden sie ihnen nicht wehren, einige Eimer Wasser zu holen. -
Einige Eimer, sagte Anton, die werden uns wenig ntzen.
    Es ist doch etwas frs Herz, erwiderte der Alte, man mte es einteilen.
Wenn die Rebekka hier wre, die schaffte uns Wasser. So mssen wir es mit einer
andern wagen. Die Sakermenter dort sind nicht schlecht gegen Frauenzimmer, wenn
nmlich diese Dreistigkeit haben. Wenn es Ihnen recht ist, will ich's mit einem
von unsern Blgern versuchen.
    Der Frster rief in die Kche hinunter: Suska! Das Polenkind sprang aus
dem Souterrain herauf.
    Hre, Suska, sagte der Frster bedchtig, wenn der Herr Baron aufwacht,
wird er frisches Wasser verlangen; das Wasser im Schlosse ist zu Ende, zum
Trinken haben wir Bier und Schnaps genug, aber welcher Christenmensch kann sich
in Bier die Hnde waschen? Nimm schnell die Eimer und hole uns Wasser, lauf
hinunter zum Bach, du wirst schon mit den Nachbarn dort fertig werden. Schwatze
aber nicht lange mit ihnen, sonst kriegen wir ein Donnerwetter vom Herrn. - Und
hr, frage die Nachbarn doch, wozu sie noch mit ihren Spieen dastehn, ihre
Reiter sind ja schon abgeritten. Wir haben nichts dawider, wenn die dort unten
sich auch fortmachen.
    Willig ergriff das Mdchen die Wassereimer, der Frster ffnete die Hoftr
und die Kleine trabte dem Wasser zu. Mit unruhiger Erwartung sah ihr Anton nach.
Das Mdchen kam bis an den Bach, ungehindert und ohne sich um den Posten zu
kmmern, der etwa zwanzig Schritt von ihr stand und ihr neugierig zusah. Endlich
ging einer der Sensenmnner auf sie zu, das Mdchen setzte die Eimer zu Boden,
schlug die Arme bereinander, und beide fingen eine friedliche Unterhaltung an.
Zuletzt ergriff der Sensenmann die Eimer, bckte sich selbst zum Wasser hinunter
und reichte die gefllten dem Mdchen. Langsam brachte die Kleine ihre vollen
Eimer zurck, der Frster, ffnete wieder das Tor und sagte schmunzelnd: Brav,
Susanne. Was hat denn die Wache mit dir gesprochen?
    Dumme Dinge, erwiderte das Mdchen errtend, er hat mir gesagt, ich soll
ihm und seinen Kameraden das Tor aufmachen, wenn sie wieder an das Schlo
kommen.
    Wenn's weiter nichts war, sagte der Frster schlau. Also sie wollen
wieder an das Schlo!
    Freilich wollen sie, sagte die Kleine, die Reiter sind gegen das Militr
nach Rosmin gezogen, wenn sie zurckkehren, laufen sie alle zusammen gegen das
Schlo, sagte der Mann.
    Wir werden sie schwerlich hereinlassen, erwiderte der Frster, keiner
soll zum Tor herein, als dein Schatz dort unten. Du hast's ihm doch versprochen,
wenn er allein kommt und bei der Nacht?
    Nein, antwortete Susanne aufgebracht, aber ich durfte doch nicht bse
sein.
    Vielleicht knnen wir's zum zweitenmal probieren, fragte der Frster auf
Anton blickend.
    Ich zweifle, erwiderte dieser; dort reitet einer der Offiziere an den
Posten heran, der arme Bursch wird fr seinen Diensteifer einen rauhen
Morgengru erhalten. Kommt her, wir teilen den kleinen Vorrat. Der erste Eimer
zur Hlfte fr die Herrschaft, zur Hlfte fr uns Mnner, der zweite zu einer
Morgensuppe fr die Frauen und Kinder. Er go selbst das Wasser in die
verschiedenen Gefe und stellte den Schmied als Wchter dazu. Beim Eingieen
sagte er zu dem Frster: Das ist die schwerste Arbeit, die wir whrend der
Belagerung gehabt haben. Noch wei ich nicht, wie wir den Tag aushalten wollen.
    Es geht vieles, erwiderte trstend der Frster.
    Ein heller Frhlingstag begann, wolkenlos stieg die Sonne hinter dem
Wirtschaftshofe herauf, bald erwrmte ihr milder Strahl die Luft, welche feucht
um die Mauern des Schlosses lag. Die Leute suchten die sonnige Ecke des Hofes,
in kleinen Gruppen saen die Mnner mit ihren Frauen und Kindern zusammen, alle
zeigten gute Zuversicht. Anton trat unter sie: Wir mssen uns gedulden bis
Mittag, vielleicht bis Nachmittag, dann kommen unsere Soldaten.
    Wenn die drben nicht mehr tun als jetzt, so knnen wir's ruhig ansehn,
erwiderte der Schmied, sie stehn so hlzern wie eingegrabene Zaunpfhle.
    Sie haben gestern ihre Courage verloren, sagte ein anderer verchtlich.
    Es war Strohfeuer, der Schmied hat ihnen die Bndel vom Wagen geworfen, sie
haben nichts mehr zuzusetzen, rief ein Dritter.
    Der Schmied schlug die Arme bereinander und lchelte stolz, und vergngt
sah seine Frau zu ihm auf.
    Jetzt wurde es in dem oberen Stock lebendig, der Freiherr klingelte und
forderte Bericht. Anton eilte hinauf, ihm und den Damen zu erzhlen, dann trat
er in Finks Zimmer und weckte den Freund, der noch im festen Schlummer lag.
    Guten Morgen, Tony, rief Fink und dehnte sich behaglich; ich komme im
Augenblick hinunter. Wenn du mir durch deine Konnexionen etwas Wasser
verschaffen knntest, wrde ich dir sehr dankbar sein.
    Ich will dir eine Flasche Wein aus dem Keller holen, erwiderte Anton; du
mut dich heut mit Wein waschen.
    Hui! rief Fink, steht es so? Es ist doch wenigstens kein Rotwein?
    Wir haben berhaupt nur wenige Flaschen, fuhr Anton fort.
    Du bist ein Unglcksrabe, sagte Fink seine Stiefel suchend, um so mehr
Bier wird in euern Kellern sein.
    Gerade so viel, als zu einem Trunk fr die Mannschaft reicht; ein Fchen
Branntwein ist jetzt unser grter Schatz.
    Fink pfiff die Melodie des Dessauers. Siehst du wohl, mein Sohn, da deine
Zrtlichkeit fr die Frauen und Kinder ein wenig sentimental war? Ich sehe dich
im Geiste vor mir, wie du mit aufgestreiften Hemdsrmeln die magere Kuh
schlachtest und mit deiner alten Gewissenhaftigkeit dem hungernden Volk
bissenweis in den Mund steckst. Du in der Mitte, fnfzig aufgesperrte Muler um
dich herum. Binde dir nur gleich ein Dutzend Birkenruten, in wenig Stunden wird
ein Geschrei hungernder Kinder zum Himmel aufsteigen, und du wirst gentigt
sein, trotz deiner Menschenliebe die ganze Bande auszuhauen. brigens denke ich,
wir haben uns gestern nicht schlecht gehalten, ich habe ausgeschlafen, und so
mgen heut die Dinge gehn, wie sie knnen. Und jetzt la uns nach dem Feinde
sehn. Die Freunde stiegen auf den Turm, Anton berichtete, was er erfahren
hatte, Fink untersuchte sorgfltig die Postenkette und sah mit dem Fernrohr die
hellen Bnder der Feldwege entlang, bis dahin, wo der dunkle Wald sie verdeckte.
Unsere Lage ist zu friedlich, um trostreich zu sein, sagte er endlich, das
Rohr zusammenschiebend.
    Sie wollen uns aushungern, sagte Anton ernst.
    Ich traue ihnen diese Schlauheit zu, und sie kalkulieren nicht schlecht,
denn im Vertraun, ich habe starken Zweifel, ob wir berhaupt Entsatz hoffen
drfen.
    Auf Karl knnen wir uns verlassen, sagte Anton.
    Auf meinen Braunen auch, erwiderte Fink; aber es ist wohl mglich, da
mein armer Blackfoot in diesem Augenblicke bereits das Unglck hat, das Ges
irgendeines Insurgenten zu tragen. Ob Junker Karl nicht einem der Haufen, welche
sicher in der ganzen Gegend umherschwrmen, in die Hnde gefallen ist, ob er
berhaupt die Regulren aufgefunden hat, ob diese ferner Lust haben, uns zu
Hilfe zu marschieren, ob sie endlich den Witz haben, zu rechter Zeit anzukommen,
und ob sie zuallerletzt stark genug sind, die Schar, welche ihnen den Weg zu uns
verlegt, zu zerstreuen, das, mein Junge, sind alles Fragen, welche wohl
aufgeworfen werden drfen, und ich will lieber alle Brombeeren der Welt
aufessen, als eine frhliche Antwort darauf geben.
    Wir knnten's mit einem Ausfall versuchen, freilich er wrde blutig
werden, erwiderte Anton.
    Bah, sagte Fink. Aber was schlimmer ist, er wrde nichts nutzen. Einen
Haufen werfen wir vielleicht, die nchste Stunde ist ein anderer da. Nur
siegreicher Entsatz kann uns aus der Klemme helfen. Solange wir in diesen Mauern
unser Hausrecht wahren, sind wir stark, auf freiem Feld mit Weibern und Kindern
werden wir von einem Dutzend Reitern berrannt.
    
    Warten wir's also ab, sagte Anton finster.
    Weise gesprochen, der ganze Witz des Lebens ist zuletzt der, da man sich
und andern keine Fragen vorlegt, die nicht zu beantworten sind. Die Sache droht
langweilig zu werden.
    So stiegen die Freunde wieder herab, und so verstrich Stunde auf Stunde,
langsame Stunden bleierner Unttigkeit. Bald sah Anton, bald Fink mit dem
Fernrohr nach den ffnungen des Waldes, es war wenig Auffallendes zu sehn,
Patrouillen der Feinde kamen und gingen, bewaffnete Haufen von Landleuten zogen
dem Dorfe zu und wurden nach verschiedenen Richtungen wieder abgesandt, die
Postenkette wurde regelmig revidiert und alle zwei Stunden abgelst. Es war
richtig, die Belagerer waren beschftigt, die Drfer der Umgegend zu durchsuchen
und zu entwaffnen, um die im Schlo zuletzt mit vereinter Kraft anzugreifen. Die
Deutschen waren in ihrem Steinbau umstellt wie ein wildes Tier in seinem Lager,
und die Jger warteten mit ruhiger Sicherheit die Stunde ab, wo der Hunger oder
Feuer und Waffen die Bezwungenen heraustreiben muten.
    Unterdes versuchte Fink die Leute zu beschftigen, die Mnner muten Waffen
und Armatur reinigen und putzen, sie muten antreten und Fink untersuchte selbst
die einzelnen Gewehre; darauf wurde Pulver und Blei verteilt, Kugeln gegossen
und Patronen gemacht. Die Frauen wies Anton an, Haus und Hof zu reinigen, soweit
dies ohne Wasser mglich war. Das hatte die gute Wirkung, die Eingeschlossenen
durch einige Stunden in Ttigkeit zu erhalten.
    Die Sonne stieg hher und die Luft trug von dem nchsten Dorf das leise
Bimmeln der Glocke herber. Die erste Mahlzeit ist sprlich genug ausgefallen,
sagte Anton zu seinen Kameraden, die Kartoffeln sind in der Asche gebraten,
auch Fleisch und Speck sind zu Ende, die Kchin kann das Mehl nicht mehr
verbacken, es fehlt wieder an Wasser.
    Solange wir die Milchkuh im Stalle haben, erwiderte Fink, besitzen wir
immer noch einen Schatz, den wir dem hungrigen Volk vorzeigen knnen. Dann
bleiben noch die Muse des Schlosses und zuletzt unsere Stiefel. Wer in diesem
Lande verurteilt war, bisweilen Beefsteak zu essen, der kann Stiefelleder fr
kein zhes Gericht halten.
    Der Frster unterbrach das Gesprch mit der Meldung: Ein einzelner Reiter
kommt vom Wirtschaftshof auf das Schlo zu, hinter ihm geht ein Frauenzimmer;
ich wette, es ist die Rebekka.
    Der Reiter nherte sich, ein weies Taschentuch schwenkend, der Tr in der
Vorhalle, er hielt neben den verkohlten Trmmern des Erntewagens und sah nach
den Fenstern des Oberstocks. Es war der Parlamentr vom Tage zuvor. Wir wollen
nicht so unhflich sein, den Herrn warten zu lassen, sagte Fink, schob den
Riegel zurck und trat unbewaffnet auf die Schwelle. Der Pole grte schweigend,
Fink lftete seine Mtze.
    Ich habe Ihnen gestern abend gesagt, begann der Reiter, da ich heut das
Vergngen haben wrde, Sie wiederzusehn.
    Ei, erwiderte Fink, Sie selbst waren der Herr, der uns den Rauch
verursachte. Es war schade um den Erntewagen.
    Sie haben gestern Ihre Leute verhindert, auf mich zu feuern, fuhr der Pole
in deutscher Sprache mit hartem Akzent fort, ich bin Ihnen dankbar dafr und
mchte Ihnen meine Erkenntlichkeit beweisen. Wie ich hre, sind Damen in diesem
Hause, das Mdchen bringt ihnen Milch. Wir wissen, da man hier im Schlo kein
Wasser hat, und ich wnsche nicht, da die Damen durch unsern Streit zu
Entbehrungen gentigt werden.
    Du Racker, murmelte der Frster.
    Wenn Sie mir erlauben, Ihnen fr die Milch einige Flaschen Wein aus unserem
Keller zurckzugeben, so nehme ich Ihr Geschenk mit Dank an, erwiderte Fink.
Ich setze voraus, da Ihnen in der Schenke diese Flssigkeit ebenfalls nicht im
berflu zu Gebote stehn wird.
    Es ist gut, sagte der Pole lchelnd. Rebekka eilte mit ihrem Krug nach der
Pforte des Hofraums, gab die Milch ab und empfing durch den brummenden Frster
die Flaschen mit Wein. Der Pole aber fuhr fort: Wenn Sie auch mit Wein versehen
sind, so kann dieser doch nicht das Wasser ersetzen, Ihre Garnison ist
zahlreich, und wir hren, da Sie viele Frauen und Kinder im Hause haben.
    Ich werde es fr kein Unglck halten, erwiderte Fink, wenn die Frauen und
Kinder einige Tage mit uns Mnnern Wein trinken, bis Sie uns den Gefallen
erweisen, um den ich Sie schon gestern ersuchte, dies Gut und den Brunnen drben
zu verlassen.
    Hoffen Sie darauf nicht, mein Herr, sagte der Pole ernst, wir werden jede
Gewalt anwenden, Sie zu entwaffnen; wir wissen jetzt, da Sie keine Artillerie
haben, und es ist uns jede Stunde mglich, den Eingang in dies Haus zu
erzwingen. Sie haben sich aber als tapfere Mnner gehalten, und wir wnschen
nicht weiter zu gehn, als wir mssen.
    Vorsichtig und verstndig, versetzte Fink beistimmend.
    Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag, der Ihr Ehrgefhl nicht verletzen
wird. Sie haben auf keinen Entsatz zu hoffen. Zwischen Ihrem Militr und diesem
Dorf steht ein starkes Korps unserer Truppen, ein Zusammensto beider Armeen ist
an den nchsten Tagen einige Meilen von hier zu erwarten, und Ihre Kommandeure
sind deshalb auerstande, einzelne Korps zu detachieren. Ich sage Ihnen keine
Neuigkeit, denn Sie wissen das so gut als wir selbst. Und so verbrge ich Ihnen
und allen, welche in diesem Hause sind, bei meinem Ehrenwort freien Abzug, wenn
Sie Ihre Waffen und das Schlo bergeben. Wir sind bereit, Sie und die Damen
durch eine Eskorte in jeder Richtung, welche Sie wnschen, so weit zu geleiten,
als wir das Terrain behaupten.
    Fink erwiderte ernsthafter, als er bis dahin gewesen: Darf ich Sie fragen,
aus wessen Munde das Ehrenwort kommt, das mir soeben gegeben wurde?
    Obrist Zlotowsky, erwiderte der Reiter sich leicht verneigend.
    Ihr Vorschlag, mein Herr, entgegnete Fink, verpflichtet uns zu Dank. Ich
setze keinen Zweifel in die Aufrichtigkeit Ihres Anerbietens und will auch
annehmen, da Ihr Einflu auf die Mnner, welche Sie begleiten, gro genug ist,
um diese Bedingungen aufrechtzuerhalten. Da ich aber nicht selbst Herr dieses
Hauses bin, so mu ich diesem Ihre Vorschlge mitteilen.
    Ich warte, erwiderte der Pole, ritt auf eine Entfernung von dreiig
Schritt zurck und hielt der Tr gegenber still.
    Fink schlo die Tr und sagte zu Anton: Schnell zum Freiherrn! Was ist
deine Meinung?
    Aushalten, erwiderte Anton.
    Sie trafen den Freiherrn in seinem Zimmer, den Kopf in seine Hnde gesttzt,
mit verstrtem Gesicht, ein Bild des Leidens und nervser Unruhe. Fink trug ihm
das Anerbieten des Polen vor und bat um seine Entscheidung.
    Der Freiherr erwiderte: Ich habe bis jetzt vielleicht mehr gelitten, als
irgendeiner der Braven, welche in diesem Hause ihr Leben gewagt haben. Es ist
ein furchtbares Gefhl, hilflos dazusitzen, wo die Ehre gebietet, in der
vordersten Reihe zu stehn. Aber eben deshalb habe ich kein Recht, Ihnen
Vorschriften zu machen. Wer auerstande ist, zu kmpfen, hat auch kein Recht, zu
bestimmen, wann der Kampf aufhren soll. Ja ich habe kaum das Recht, Ihnen meine
Ansicht zu sagen, weil ich frchte, da sie fr Ihren hochherzigen Sinn
bestimmend sein wrde. Auerdem kenne ich Unglcklicher nicht die Leute, welche
mich verteidigen, ich habe kein Urteil ber ihre Stimmung und ber ihre Kraft.
Ich berlasse Ihnen alles, und lege das Schicksal der Meinen vertrauend in Ihre
Hand. Der Himmel mge Ihnen vergelten, was Sie fr mich tun. Nicht fr mich, um
Gottes willen nicht fr mich, das Opfer wre zu gro߫, rief der erregte Mann,
erhob seine gefalteten Hnde und starrte mit den glanzlosen Augen in die Hhe;
denken Sie an nichts als an die Sache, welche wir verteidigen.
    Wenn Sie uns ein so hohes Vertrauen schenken, sagte Fink mit ritterlicher
Haltung, so sind wir entschlossen, Ihr Schlo zu halten, solange wir noch eine
schwache Hoffnung auf Entsatz haben. Unterdes sind ernste Zuflle mglich, die
Weigerung unserer Leute, sich ferner zu schlagen, oder das gewaltsame Eindringen
der Feinde.
    Meine Frau und Tochter bitten, wie ich, da Sie in dieser Stunde auf ihr
Wohl keine Rcksicht nehmen. Gehen Sie, meine Herren, rief der Freiherr, seine
Arme ausstreckend, die Ehre eines alten Soldaten liegt in Ihrer Hand.
    Beide Mnner verneigten sich tief vor dem Blinden und verlieen das Zimmer.
Es ist doch Ehre in den Leuten, sagte Fink auf dem Wege mit dem Kopfe nickend.
Er ffnete die Tr, der Offizier ritt heran.
    Der Freiherr von Rothsattel dankt Ihnen fr Ihr Anerbieten, er ist
entschlossen, sein Haus und das Eigentum derer, welche sich ihm anvertraut
haben, gegen Ihre Angriffe zu verteidigen bis zum uersten. Wir nehmen Ihren
Vorschlag nicht an.
    So tragen Sie die Folgen, rief der Reiter zurck, und die Verantwortung
fr alles, was jetzt geschehen mu.
    Ich bernehme die Verantwortung, sagte Fink. An Sie aber noch eine Bitte.
Es sind auer den Frauen und Kindern der Landleute zwei Damen in diesem Schlo,
die Gemahlin und Tochter des Freiherrn von Rothsattel, wenn ein Zufall Ihnen
doch Gelegenheit geben sollte, die Rume dieses Hauses zu betreten, so empfehle
ich die Wehrlosen Ihrem ritterlichen Schutz.
    Ich bin eine Pole, rief der Reiter stolz, sich auf seinem Pferde erhebend.
Er nahm den Hut ab und ritt in kurzem Galopp nach dem Wirtschaftshof zurck.
    Er sieht aus wie ein khner Bursch, sagte Fink sich umwendend zu den
Leuten, welche aus der Wachstube herzugeeilt waren. Aber meine Mnner, wenn man
die Wahl hat, ob man sich verlassen soll auf die Versprechungen eines Feindes,
oder auf dies kleine Rohr von Eisen, so bin ich allemal der Meinung, da man
lieber dem vertraut, was man in der Hand hlt. Er schttelte sein Gewehr. Der
Pole verspricht uns freien Abzug, weil er wei, da in ein paar Stunden seine
Bande vor unsern Soldaten auseinanderlaufen wird. Wir wren fr ihn ein guter
Bissen, an die dreiig Gewehre! Und wenn die Reiter kmen und uns nicht in dem
Hause fnden, zu dem wir sie gerufen, sondern dies Gesindel mit seinen
Krtenspieen, sie wrden uns ein schnes Donnerwetter nachschicken, und wir
htten den Schimpf fr immer.
    Ob er es ehrlich gemeint hat? frug einer der Leute zgernd.
    Fink fate den Mann vertraulich an der Klappe seines Rockes: Ich glaube,
da er es ehrlich meint, mein Junge, aber ich frage euch, wie weit reicht bei
diesem Volk der Gehorsam? Wir wren noch nicht hinter der Waldecke dort unten,
so km ein anderer Haufe ber uns, und die Weiber und Eure Sachen wrden vor
unsern Augen maltrtiert. Und deswegen kalkuliere ich, tun wir am besten, wenn
wir ihnen die Zhne zeigen.
    Lebhafte Beistimmung der Hrer erfolgte, und einige Hoch! auf die jungen
Herren im Schlosse wurden ausgebracht.
    Wir danken, sagte Fink, und jetzt alle auf Posten, ihr Mnner, denn es
kann wohl kommen, da sie sich wieder blutige Kpfe holen. - Das hlt sie wieder
auf eine Stunde hin, fuhr er zu Anton gewandt fort, bei alledem ist quer, da
die Leute diese Verhandlung angehrt haben. Ich glaube nicht an einen Angriff
bei Tage, aber auf Posten stehn ist besser fr sie, als die Kpfe
zusammenstecken.
    Auch der strenge Dienst, den Fink jetzt einrichtete, vermochte nicht die
Entmutigung aufzuhalten, welche allmhlich, je weiter die Sonne am Himmel stieg,
ber die kleine Garnison kam. Die Worte des Polen waren von vielen gehrt
worden, auch die Weiber hatten neugierig ihre Tr geffnet und sich in die Halle
gedrngt. Leise, nach und nach fiel die Furcht in die Herzen und ansteckend wie
eine Krankheit erfate sie einen nach dem andern.
    In der Frauenstube brach sie aus. Pltzlich empfanden einzelne eine groe
Sehnsucht nach Wasser, sie klagten ber Durst, zuerst schchtern, dann lauter,
sie drngten sich an der Tr der Kche zusammen und begannen laut zu schluchzen.
Nicht lange, so schrien alle Kinder nach Wasser, und viele, die unter andern
Umstnden nicht an Trinken gedacht htten, fhlten sich unsglich elend. Anton
lie die letzten Flaschen Wein aus dem Keller holen, zerschnitt das letzte Brot
in Bissen, tauchte jedem einzelnen einige Bissen in den Wein ein, bis sie ganz
durchgeweicht waren, und verteilte sie mit der ernsthaften Versicherung, dies
sei das beste Mittel gegen Durst, wenn man das in den Mund stecke, sei man einen
ganzen Tag lang nicht imstande, Wasser zu trinken, und wenn man Geld dafr
bekomme. Das half auf eine Weile, aber die Angst fand andere Tren, durch welche
sie sich einschlich. Manche berlegten, was sie denn zu verlieren htten, wenn
sie ein altes Gewehr abgben und dafr die Freiheit erhielten und das Recht,
berall hinzugehn, wohin sie wollten. Diese Ansicht wurde vorlufig durch den
Frster bekmpft, der sich in die Mitte der Wachstube stellte und entschlossen
erwiderte: Ich will Euch sagen, Gottlieb Fitzner, und Euch, Ihr dicker Bkel,
da das Weggeben des Gewehrs fr uns alle eine Kleinigkeit ist, es ist nur der
belstand dabei, da der von Euch, der auf diesen kanailleusen Gedanken kme,
ein ganz gemeiner feiger Schuft wre, vor dem ich alle Tage ausspucken wrde,
sooft ich ihn trfe. Darauf gaben Fitzner und Bkel dem Frster eifrig recht,
und Bkel erklrte, er werde es mit jedem solchen Kerl ebenso machen, wie der
Frster. Und auch diese Gefahr war beseitigt. Aber die abgelsten Wachen blieben
in unruhiger Unterhaltung. Die Streitkrfte des Schlosses wurden mit denen des
Feindes verglichen; endlich wurde die geringe Strke des Pfahlwerks im Hofe der
herrschende Gegenstand einer furchtsamen Kritik. Es war klar, da dort der
nchste Angriff erfolgen wrde, und auch die Beherzten nahmen an, da der
Bohlenzaun nur geringen Widerstand leisten knnte. Sogar der treue Schmied
schttelte mit der Hand an dem Zaun und fand keinen Gefallen an der Art, wie er
zusammengenagelt war. In den Mittagstunden waren diese Anflle von Zaghaftigkeit
noch nicht gefhrlich, denn der grte Teil der Mnner erwartete, das Gewehr in
der Hand, jeden Augenblick den Anmarsch des Feindes. Als sich aber die Sonne von
ihrer Hhe neigte, ohne da ein Angriff erfolgte und ohne da der Posten auf dem
Turm den Entsatz meldete, da wirkten Tatlosigkeit und Abspannung zusammen, das
Leiden allgemein zu machen. Die Mittagskost war ungengend, Kartoffeln mit
verkohlter Rinde und etwas Salz dazu. Natrlich fingen die Leute wieder an zu
dursten, wieder kamen die Frauen jammernd zu Anton und klagten, sein Mittel habe
nur auf kurze Zeit geholfen. Und auch unter den Mnnern flog die Angst um Hunger
und Durst von einem Pfeiler zum andern, aus der Wachstube in den Hof bis hinauf
in den Turm. Anton hatte die doppelte Ration Branntwein ausgeteilt, auch das
half nicht bei allen. Die Mnner wurden nicht aufsssig, es war zuviel gute Art
in ihnen, sie wurden nur kleinlaut und schwcher. Fink sah mit verchtlichem
Lcheln auf diese Symptome eines Zustandes, der seinem elastischen Geist und
seinen sthlernen Nerven unbegreiflich war. Aber Anton, den alle mit Bitten und
Klagen berliefen, fhlte die ganze Verlegenheit dieser Stunden. Etwas mute
geschehen, um grndlich zu helfen, oder alles war verloren. So trat er in den
Hof, entschlossen, die Kuh zu opfern. Er stellte sich vor die Milchkuh, klopfte
sie auf den Hals: Liese, armes Tier, du mut jetzt daran. Als er sie am Strick
herauszog, fiel sein Blick auf die leere Wassertonne, und ihn berkam ein
glcklicher Gedanke. Die Erhebung des Bodens ber das Wasser des Baches betrug
nur wenige Fu, die ganze Gegend war quellenreich, es war wahrscheinlich, da
man in geringer Tiefe Wasser finden wrde. Es war fr die Besatzung eine leichte
Sache, ein Brunnenloch auszugraben. Wenn man die ausgegrabene Erde an das
Pfahlwerk stampfte, so wurde die Festigkeit desselben betrchtlich vermehrt. Und
was die Hauptsache war, die Arbeit setzte alle migen Hnde in Bewegung, sie
konnte stunden-, ja tagelang fortgesetzt werden. Aus frheren Versuchen wute
er, da das Wasser um das Schlo schlammig und in gewhnlicher Zeit nicht zu
brauchen war, aber darauf kam es heut nicht an. Anton sah nach der Sonne, es war
keine Minute zu verlieren.
    Er rief den Techniker in den Hof, und als dieser freudig beistimmte, alle
freien Hnde des Schlosses, auch die Weiber und strkeren Kinder. Das Werkzeug
der Arbeiter wurde herzugeholt, nach wenig Augenblicken waren zehn Mnner mit
Hacke und Spaten beschftigt, in der Mitte des Hofes ein groes Loch mit
schrger Bschung nach unten zu graben, die Frauen und Kinder muten unter
Aufsicht des Technikers die aufgegrabene Erde an dem Pfahlwerk feststampfen.
Einige Mnner, und was von Frauen noch zur Hand war, rief Anton zum Schlachten
der armen Kuh, welche noch einmal dem Volk gezeigt wurde, bevor sie dem
Verhngnis des Tages erlag. Schnell war alles in eifrigster Ttigkeit. Das
Brunnenloch, an der Oberflche viel weiter, als fr eine regelmige Rhre
notwendig gewesen wre, vertiefte sich zusehends, und an dem Bohlenzaun stieg
ein Wall in die Hhe, wie durch die Kraft hilfreicher Gnomen aus dem Boden
gehoben. Die Leute griffen an, wie sie in ihrem Leben nicht getan hatten, im
Wettkampf flogen die Spaten der Mnner, barfige Beinchen sprangen begeistert
ber die Erde, Holzschuhe und Pantoffeln stampften ihre Spuren tief hinein.
Jeder wollte mit angreifen, es waren mehr Hnde zur Stelle, als der Raum zu
bewegen erlaubte. Alle Bangigkeit war verschwunden, lustige Scherze flogen hin
und her. Auch Fink kam herbei und sagte zu Anton: Du bist ein Heidenbekehrer,
du verstehst fr das Seelenheil deiner Gemeinde zu sorgen.
    Die Gemeinde arbeitet, erwiderte Anton frhlicher, als er in den letzten
vierundzwanzig Stunden gewesen war.
    Das Brunnenloch vertiefte sich, da man mit einer kurzen Leiter
hineinsteigen mute, der Grund wurde feucht, die Mnner arbeiteten in einem
Sumpf, zuletzt mute der Schlamm in Kbeln heraufgereicht werden, aber die Leute
drngten sich zum Tragen, die Eimer flogen aus einer Hand in die andere. Mit
lautem Gelchter, wie Kinder, begrten sie jeden Schmutzfleck, der aus den
Eimern auf die Kleider der Ungeduldigen spritzte. Der Wall erhob sich bereits
fuhoch ber das Pfahlwerk, und da es an Rasen fehlte, schlugen die Leute an der
innern Bschung Holz und Steine mit einer Kraft hinein, welche die Masse
festmachte, wie Stuck. Kaum, da Anton die schmale Seitenpforte frei erhielt.
Unter den feindlichen Posten am Bach zeigte sich eine unruhige Bewegung, Reiter
sprengten die Postenkette entlang und sahen auf das neue Festungswerk, zuweilen
wagte sich einer nher heran, zog sich aber zurck, wenn der Frster sein Gewehr
ber den Wall erhob. So verrann Stunde auf Stunde, die Sonne sank hinab, und der
rote Schein der Abendrte flog ber den Himmel. Die Leute im Hof achteten nicht
darauf, unten im finstern Brunnenloch standen die Mnner bis an den Leib im
Wasser. Es war eine gelbe schmutzige Flssigkeit, aber die Leute starrten in die
ffnung, als ob dort ein Schatz von flssigem Gold heraufqulle. Endlich, als
schon die Schatten des Abends dunkel auf der ffnung lagen, befahl Anton den
Arbeitern, aus der Grube zu steigen. Ein groes Tuch wurde gebracht und ber den
Wasserbottich gelegt, man schpfte das Wasser in Eimern herauf und seihte es
durch das Tuch.
    Zuerst meine Pferde, rief ein Knecht und ri die Eimer fr die drstenden
Tiere an sich. Wenn sich der Trank gesetzt hat, wird er so gut wie Bachwasser,
rief der Schmied vergngt, die Arbeiter wurden nicht mde, sich eine Probe
auszuschpfen, und jeder besttigte siegesfroh die Meinung des angesehenen
Mannes. Unterdes lie Anton oben auf dem Wall, der bis zum Fuboden des oberen
Stockwerks heraufgewachsen war, neue Pfhle einschlagen und die starken Bretter
der Kartoffelwagen als Schutzwehr daran befestigen. Als die Finsternis der Nacht
sich ber das Schlo legte, war das Werk vollendet. Die Frauen klrten
unermdlich ber dem Bottich, groe Stcke Fleisch wurden nach der Kche
geschafft, dort knisterte ein groes Feuer, und die anmutige Aussicht auf ein
krftiges Nachtessen zog in die Seele aller Belagerten.
    Da rasselte drauen im Felde wieder die feindliche Trommel, und der schrille
Ruf der Knochenpfeife zitterte durch die Rume des Hauses. Einen Augenblick
standen die Mnner im Hofe erschrocken, sie hatten in den letzten Stunden nur
wenig an den Feind gedacht, dann strmte alles nach der Wachstube und ergriff
die Gewehre. Schnell wurde der Unterstock mit doppelter Mannschaft besetzt, der
Frster eilte mit einer starken Abteilung nach dem Hofe und kletterte auf den
neuen Wall.
    Die Entscheidung naht, sagte Fink leise zu Anton, in den letzten Stunden
sind starke Banden im Dorf eingerckt, im letzten Abendlicht ein Haufe Reiter.
Wir vermgen eine zweite Nacht nicht zu widerstehn. Sie werden auf allen Seiten
zugleich angreifen, mit einem Schock kurzer Leitern dringen sie in das Schlo.
Und sie wissen das, denn sieh, jede Rotte, die aus dem Dorf heranzieht, ist mit
Axt und Leiter versehen. La uns gemtlich durchmachen, was nicht zu ndern ist,
dein ist das Verdienst, wenn wir als Mnner unterliegen, und nicht als Memmen.
Ich war bei dem Freiherrn, er und die Frauen sind vorbereitet; sie werden sich
zusammen in seinem Zimmer halten. Hast du noch einige Worte in der Kehle, wenn
einer von den Messieurs der Bande ber dich wegsteigt, so erinnere ihn an die
Frauen. Gott befohlen, Anton, ich nehme die Hofseite, du die Front.
    Mir ist's unmglich, rief Anton, da wir unterliegen sollen, ich habe nie
so frohe Hoffnung gehabt, als in dieser Stunde.
    Hoffnung auf Entsatz? frug Fink die Achseln zuckend und wies durch das
Fenster auf die feindlichen Haufen, und wenn er in einer Stunde kommt, er kommt
zu spt. Seit Rebekkas Kanone abgefahren ist, sind wir in den Hnden des
Feindes, sobald dieser einen ernstlichen Sturm wagt. Und er wird ihn wagen. Man
mu sich keine Illusionen machen, die nicht lnger glimmen, als eine Zigarre.
Deine Hand, mein lieber Junge, lebe wohl! Er drckte krftig Antons Hand, und
das stolze Lcheln glnzte wieder auf seinem Antlitz. So standen die beiden
nebeneinander, jeder sah liebevoll auf die Gestalt des andern, ungewi, ob er
sie je wieder erblicken werde. Fahre wohl! rief Fink und erhob die Bchse,
seine Hand aus der des Freundes lsend; aber er blieb wie eingewurzelt stehn und
lauschte, denn ber dem Trommelwirbel der Feinde und dem Lrm der anrckenden
Haufen fuhr ein heller Klang durch die Nachtluft, eine frhlich schmetternde
Fanfare, und als Antwort klang von dem Dorfe her der regelmige Sturmschlag
eines Tambours der Linie, darauf eine starke Gewehrsalve und ein fernes Hurra.
    Sie kommen, rief es aus allen Ecken des Schlosses, unsre Soldaten
kommen. Der Frster strzte in die Halle: Die Rotmtzen, schrie er, sie
reiten am Bach herauf zur Brcke, hinten im Dorf strmt die Infanterie.
    Alle in den Hof, rief Fink, zum Ausfall, ihr Mnner, vorwrts! Die
Verrammelung der Pforte wurde weggerissen, die Mannschaft war im Augenblick
auerhalb der Verschanzung, kaum da Anton den Techniker und einige Knechte als
Besatzung des Hauses in den Hof zurcktrieb. Der Frster schritt die Reihe
entlang und ordnete die Leute. Fink sah nach dem Stand des Gefechts. Die
Infanterie-Kolonne drang im Dorfe vor, das unaufhrliche Knattern des
Gewehrfeuers verriet die Erbitterung des Kampfes, aber das Feuer kam langsam
nher, die Feinde wichen, schon rannten einzelne Flchtlinge derselben aus dem
Wirtschaftshof hervor. Unterdes passierte eine Abteilung Husaren gegenber dem
Schlosse den Bach, sie trieb kleine Haufen der Belagerer vor sich her. Fink
fhrte seine Bewaffneten um das Haus herum und stellte sie an der Ecke auf, die
dem Dorfe zunchst lag. Geduld, rief er, und wenn ich euch vorfhre, verget
euren Kriegsruf nicht, sonst werdet ihr in der Dunkelheit berritten und
zerstampft, wie die Feinde. Nur mit der grten Mhe waren die Ungeduldigen im
Gliede zu halten.
    Vom Bache her flog ein einzelner Reiter auf sie zu. Hurra, Rothsattel!
rief er schon aus der Ferne. Sturm! schrie ihm ein Dutzend Stimmen entgegen,
Anton sprang aus dem Gliede auf den treuen Mann zu. Wir haben die Feinde, rief
Karl, der Feind hat die Strae von Rosmin besetzt, ich aber fhrte unsere Leute
auf Umwegen durch den Wald.
    Ein dunkler Haufe wurde an den letzten Husern des Dorfes sichtbar,
Berittene sprengten vor, der feindliche Trupp machte halt und sammelte sich am
Wirtschaftshofe. Dort setzte sich der Kampf, die Fhrer trieben ihre Leute
wieder zurck ins Gefecht. Jetzt gilt's, rief Fink. Im Schnellschritt zog die
Schar ber den Anger, stellte sich seitwrts vom Wege an der ersten Scheuer auf,
und eine Salve aus fnfundzwanzig Gewehren drang in die Seite des Feindes.
Dadurch kam Verwirrung in die gedrngte Schar der Feinde, die Masse lste sich
auf und strzte in wilder Flucht ber die Ebene. Wieder klang hinter denen vom
Schlo die Trompete, im vollen Rosseslauf strmten die Husaren vor und hieben in
einen Haufen ein, der noch standhielt. Karl warf sich zu ihnen und verschwand im
Getmmel. So trieben sie den Feind in die Felder.
    Aus dem Dorf aber sprengten jetzt die polnischen Reiter, ihnen voran der
Parlamentr, der seine Leute mit lautem Zuruf auf die Husaren trieb.
    Rothsattel, rief eine jugendliche Stimme vom Pferde dicht neben Anton, und
vor einem Zug Husaren strmte ein schlanker Offizier den polnischen Reitern
entgegen. Fink richtete seine Bchse gegen den polnischen Oberst.
    Ich danke, rief dieser, auf seinem Pferde wankend, und scho mit letzter
Kraft seine Pistole in die Brust des Husars ab, der auf ihn einritt. Getroffen
sank der Husar vom Pferde, mit dem Krper des Polen jagte das Pferd von dannen.
    Nach wenigen Minuten war die Umgebung des Schlosses von Feinden gereinigt;
die Nacht deckte die Flchtigen, schtzend breiteten die Waldbume ihre ste
ber die Shne des Landes. In kleinen Abteilungen verfolgten die Sieger den
letzten Haufen der Feinde.
    Vor dem Schlosse kniete Anton am Boden und sttzte das Haupt des gefallenen
Reiters mit seinen Armen. Mit Trnen im Auge sah er von dem Sterbenden zu dem
Freund auf, welcher mit einer Gruppe von Offizieren teilnehmend zur Seite stand.
Der Siegesjubel war verstummt, die Landleute umgaben in dsterem Schweigen die
Sttte. Langsam wurde der Regungslose auf den Hnden der Mnner nach dem Hause
getragen.
    In der Vorhalle stand an der Treppe der Freiherr mit seiner Tochter, bereit,
die willkommenen Gste zu begren. Als Lenore den wunden Mann erblickte,
strzte sie unter die Trger, welche schweigend den Krper vor dem Freiherrn
niederlegten, und sank mit einem Schrei zu Boden.
    Wer ist es? sthnte der blinde Mann und griff mit den Hnden vor sich in
die Luft. Niemand antwortete, scheu traten alle zurck.
    Vater, murmelte der Verwundete, und ein Blutstrom quoll aus seinem Mund.
Mein Sohn, mein Sohn! schrie der Blinde wie rasend, und seine Knie brachen
zusammen.
    Den Sohn hatte es aus seiner Garnison fortgetrieben zu dem Heere, welches
sich nahe bei seinen Eltern zusammenzog. Er hatte es durchgesetzt, ein anderes
Regiment zu begleiten, er hatte Erlaubnis erhalten, die Eskadron zu begleiten,
welche dem Vater zu Hilfe entsendet wurde. Er wollte seine Eltern berraschen
und brachte ihnen mit dem Entsatz seine blutende Brust in das Haus und den Tod
in die Herzen.
    Jetzt lag eine unheimliche Stille auf dem hohen Slawenschlo. Der Sturm
hatte ausgetobt, von den Bltenbumen im Felde fielen lautlos die weien Bltter
und lagen im Sternenlicht am Boden, rein, wie ein weies Totentuch. Wo seid ihr,
lustige Plne des blinden Mannes, der gebaut, gesndigt, gelitten hat, um euch
lebendig zu machen? Horche, du armer Vater, mit verhaltenem Atem; es ist still
geworden im Schlo und auf den Gipfeln der Bume, und doch vermagst du nicht
mehr zu hren den einen Ton, an den du immer gedacht hast bei deinen
Luftschlssern, unter deinen Pergamenten, den Herzschlag deines einzigen Sohnes,
des ersten Majoratsherrn der Rothsattel.

                                 Sechstes Buch



                                       1

Traurige Tage kamen ber das Schlo, schwer zu tragen fr jeden, der in seinen
Mauern wohnte. In der Familie des Freiherrn sa das Siechtum, wie der Wurm in
einer Pflanze. Nach der schwarzen Stunde, wo man dem Vater den sterbenden Sohn
ins Haus getragen hatte, verlie der Freiherr nicht sein Zimmer. Das wenige, was
noch von Kraft in ihm gewesen war, jetzt war es zerbrochen, der Schmerz zehrte
an seinem Geist mehr als an seinem Krper, er brtete tagelang still vor sich
hin, und nicht die Bitten Lenorens, nicht die Nhe seiner Frau vermochten ihn zu
beleben. Als der Baronin die Unglcksbotschaft gebracht wurde, zitterte Anton,
da das dnne Band zerreien msse, welches das Leben noch an ihrem Krper
hielt, und wochenlang ging Lenore nicht von ihrem Lager. Aber zur Verwunderung
aller erfolgte das Gegenteil. Der Zustand des Gatten nahm bald ihre Sorge so
sehr in Anspruch, da ihr selbst Schmerz und Schwche zu schwinden schien. Sie
zeigte sich krftiger, als sie vorher gewesen war, nur auf die Pflege des
Freiherrn bedacht, gewann sie ber sich, stundenlang neben seinem Stuhl zu
sitzen. Der Arzt freilich schttelte gegen Anton den Kopf und sagte, da dieser
pltzlichen Erhebung wenig zu trauen sei. Lenore wurde in den ersten Wochen nach
dem Tode des Bruders kaum von jemandem gesehen. Wenn sie einmal auer dem
Krankenzimmer erschien, so waren es fast nur Fragen nach dem Befinden der
Kranken, die sie beantwortete, oder Bitten nach dem Arzt, die sie an Anton
richtete.
    Unterdes zog drauen ein wildes Frhjahr vorber, ein strmischer Sommer
folgte. Zwar die Schrecken des Brgerkrieges hatte das Gut nicht mehr zu
frchten. Aber die schweren Lasten der Zeit legten sich erdrckend auf die
Wirtschaft. In der stillen Waldinsel tnte jetzt tglich der Trommelschlag des
Tambours oder das Signal des Trompeters, Dorf und Schlo hatten Einquartierung,
welche hufig wechselte. Anton hatte mit allen Hnden zu tun, Mannschaft und
Pferde unterzubringen und fr ihre Verpflegung zu sorgen. Bald waren die
geringen Krfte des Gutes erschpft, ohne Finks vorausbezahlte Pachtgelder wre
es unmglich gewesen, diese Zeit zu berstehen. Auch in der Wirtschaft nahmen
die Strungen kein Ende. Mehr als ein Morgen war in den Tagen der Belagerung
durch die Futritte von Rossen und Menschen zerstampft worden, jetzt hielten
requirierte Fuhren die Gespanne auf, die Leute selbst verwilderten in der
unruhigen Zeit und verloren die Lust zu regelmiger Ttigkeit. Aber im ganzen
wurde die Ordnung doch erhalten, die Arbeiten des Jahres nahmen nach dem Plan,
der im Frhjahr gemacht war, ihren Fortgang. Noch besser ging es mit dem
Wiesenbau. Nicht alle Arbeiter, welche Fink auf das Gut gefhrt hatte, hielten
aus, aber sie wurden durch andere Leute ersetzt, die sich in dieser Zeit
bewhrten. Ja, die Zahl der grauen Jacken und schwarzen Hte vermehrte sich, und
die Garde des Herrn von Fink wurde in der ganzen Umgegend als eine trotzige
Gesellschaft besprochen, mit der nicht gut anzubinden sei. Fink selbst war jetzt
oft abwesend, er hatte viele Offiziere kennengelernt, alte Bekanntschaften
erneuert, er fuhr im Lande umher, verfolgte mit Eifer die kriegerischen
Operationen und machte als Freiwilliger das Treffen mit, welches einige Meilen
von dem Gut gegen die Insurgenten gewonnen wurde. Seine Verteidigung des
Schlosses hatte ihn in der Umgegend zu einer gefrchteten Person gemacht,
welcher aller Ha der feindlichen Partei ebensosehr zufiel, als die Bewunderung
der Freunde.
    Es war einige Wochen nach dem Entsatz des Schlosses, als Lenore in die
Hoftr trat, vor welcher Anton mit dem Frster verhandelte. Lenore sah ber den
Hof, in welchem jetzt eine Pumpe stand, und ber den Zaun, von dem der Erdwall
abgefahren war, in die Landschaft, welche jetzt in dem hellen Grn des ersten
Sommers glnzte. Endlich sagte sie mit einem Seufzer: Es ist Sommer geworden,
Wohlfart, und wir merken nichts davon.
    Anton sah ihr besorgt in das bleiche Gesicht. Drauen im Walde ist's jetzt
hbsch, ich war gestern beim Frster; nach dem letzten Regen stehn Holz und
Blten in vollem Saft. Wenn Sie sich nur einmal entschlieen knnten,
hinauszugehen. Lenore schttelte verneinend das Haupt. Was ist an mir
gelegen! rief sie bitter.
    Vor allem hren Sie eine Nachricht, die mir soeben der Frster zugetragen
hat, fuhr Anton fort. Der Mann, den Ihr Schu getroffen, war der elende
Bratzky. Sie haben ihn nicht gettet. Wenn Sie sich darber einen Vorwurf
machen, von diesem Schmerz kann ich Sie befreien.
    Gelobt sei Gott! rief Lenore und faltete die Hnde.
    Schon damals, als der Frster ber Nacht zu uns ins Schlo kam, sah er, da
der Schurke mit verbundenem Arm in der Schenke sa. Gestern wurde er von dem
Militr als Gefangener in Rosmin eingebracht.
    Ja, sagte der Frster dazutretend, eine Kugel tut dem nichts, der denkt
hher hinaus. Er griff mit der Hand an den Hals und machte die Pantomime des
Hngens.
    Es lag auf mir bei Tag und Nacht, sagte Lenore leise zu Anton, wie
verdammt kam ich mir vor; in der Finsternis qulten mich schreckliche
Traumgesichter, da ich aus dem Schlaf auffuhr und schrie; immer sah ich den
Mann vor mir, wie er die Faust ballte, hinstrzte und das Blut aus seiner
Schulter flo. O Wohlfart, was haben wir erlebt! Sie lehnte sich an die Tr und
starrte mit trnenlosen Augen vor sich nieder. Vergebens suchte Anton sie zu
beruhigen, sie hrte kaum seine Worte.
    Der Huf eines Pferdes klapperte auf den Steinen, Finks Brauner wurde
herausgefhrt.
    Wo reitet er hin? frug Lenore hastig.
    Ich wei es nicht, versetzte Anton, er ist jetzt viel auswrts, ich sehe
ihn tagelang nicht.
    Was soll er auch bei uns? rief Lenore, das unglckliche Haus ist kein Ort
fr ihn.
    Wenn er sich nur etwas in acht nehmen wollte, sagte der Frster, die
Tarower sind giftig auf ihn, sie haben geschworen, ihm eine Kugel
nachzuschicken, und er reitet immer allein und bei Nacht. - Es ist umsonst,
ihn zu warnen, sagte Anton. - Sei endlich verstndig, Fritz, rief er dem
Freunde zu, der aus dem Hause trat, reite nicht so allein, wenigstens nicht
ber die Tarower Flur.
    Fink zuckte die Achseln. Ah, unser Frulein ist hier. Wir haben so lange
nicht die Freude gehabt, Sie zu sehen, da es uns hier bereits sehr langweilig
geworden ist.
    Hren Sie auf die Warnung des Freundes, erwiderte Lenore ngstlich, und
hten Sie sich vor den bsen Menschen.
    Wozu? versetzte Fink; eine respektable Gefahr ist nicht vorhanden, und
vor einem dummen Teufel, der hinter einem Baum steht, kann sich in solchen
Zeiten niemand bewahren, das wrde zu viel Zwang auflegen.
    Wenn Sie's nicht um Ihretwillen tun, so denken Sie an die Angst Ihrer
Freunde, bat Lenore.
    Habe ich noch Freunde? frug Fink lachend; manchmal ist mir's, als wren
sie untreu geworden. Meine guten Freunde gehren zu der Klasse, welche sich
pflichtgetreu zu beruhigen wei. Hier unser ehrenwerter Wohlfart wird ein reines
Sacktuch in die Tasche stecken und seine feierlichste Miene aufsetzen, wenn ich
einmal mein Spiel verliere; und ein anderer Waffenkamerad wird sich noch
leichter trsten. Heran mit dem Pferde, rief er, schwang sich hinauf und
sprengte mit kurzem Gru davon.
    Er reitet gerade auf Tarow zu, sagte der Frster, welcher ihm nachgesehen
hatte, mit Kopfschtteln. Lenore ging schweigend in das Zimmer der Eltern
zurck.
    Aber am spten Abend, als die Lichter des Schlosses lngst verlscht waren,
bewegte sich noch lange eine Gardine, und ein Weib lauschte angstvoll auf den
Hufschlag des heimkehrenden Rosses. Stunde auf Stunde verrann, erst gegen Morgen
schlo sich der Fensterflgel, als ein Reiter vor der Pforte anhielt, und eine
Melodie vor sich hin trllernd, das Pferd selbst in den Stall fhrte. Nach einer
durchwachten Nacht verbarg Lenore ihr schmerzendes Haupt in die Kissen.
    So ging es durch Monate fort. Endlich kam der Freiherr, auf den Arm seiner
Tochter und auf einen Stab gesttzt, wieder manchmal herunter ins Freie, dann
sa er entweder schweigsam im Schatten der Schlomauer oder er hrte mit
galliger Laune auf jede Kleinigkeit, die ihm zu schelten mglich machte. In
solchen Stunden bogen die Leute gern in weitem Umweg aus, um ihm nicht zu nahe
zu kommen, und da Anton dies nicht tat, so war er nicht selten das Opfer, ber
dem sich die Verstimmung des Freiherrn Luft machte. Antons Verhltnis zu dem
Kranken wurde bald so lstig, da nur ein ungewhnlicher Grad von Geduld darber
weghelfen konnte. Tglich mute der Freiherr hren, da die Leute bei seinen
Querfragen sich damit entschuldigten, Herr Wohlfart hat es so befohlen, oder,
der Herr Rentmeister hat das nicht gewollt, mit Eifer suchte er die Auftrge,
welche Anton gegeben hatte, durch seine Willensuerung zu stren; aller Groll,
alle Gehssigkeit, die sich in der Seele des Unglcklichen aufgesammelt hatte,
konzentrierte sich in ein schwchliches Gefhl des Hasses gegen seinen
Bevollmchtigten.
    Fink kmmerte sich jetzt wenig um den Freiherrn, wenn er das Geznk mit
Anton bemerkte, verzog er schweigend die Augenbrauen und sagte hchstens: Es
mute so kommen. Am besten kam noch Karl mit dem Freiherrn aus; er nannte ihn
nie anders, als Herr Rittmeister, und schlug kriegerisch mit den Abstzen
zusammen, so oft er ihm eine Meldung machte; das hrte der blinde Herr, und das
tat ihm wohl. Und das erste Zeichen von Teilnahme, welches der Freiherr fr das
Befinden Fremder zeigte, wurde dem Amtmann zuteil. Ein Gartenstuhl war in der
Sonne eingetrocknet und drohte auseinanderzufallen, Karl ergriff im Vorbergehn
den Stuhl und schlug ihn mit der geballten Hand zusammen. Sie schlagen doch
nicht mit Ihrer rechten Hand, lieber Sturm? frug der Freiherr.
    Wie's kommt, Herr Rittmeister, erwiderte Karl.
    Das sollten Sie nicht tun, ermahnte der Blinde, eine solche Wunde will
geschont sein, es setzt sich manchmal nach Jahren eine Krankheit hinein. Sie
sind gar nicht sicher, ob das nicht in spterer Zeit auch bei Ihnen der Fall
sein wird.
    Lustig gelebt und selig gestorben, Herr Rittmeister, erwiderte Karl, ich
sorge nicht um die Zukunft.
    Er ist ein sehr brauchbarer Mensch, sagte der Freiherr zu seiner Tochter.
    Die hren der Halmfrchte blhten ab, die grnen Felder berzogen sich mit
hellem Gelb, das frhliche Gerusch der Ernte begann. Als der erste Erntewagen
in den Hof rollte, stand Anton bei der Scheuer und berwachte das Einbringen. Da
trat Lenore zu ihm: Wie wird die Ernte?
    So weit wir in diesem Jahr ernten knnen, sind die Aussichten nicht
schlecht. Wenigstens mit der Garbenzahl ist Karl zufrieden, sie scheint grer
zu werden, als unser Anschlag war, erwiderte Anton vergngt.
    So haben Sie doch eine Freude, Wohlfart, sagte Lenore.
    Es ist eine Freude fr alle auf dem Hofe, Sie sehen's aus der rhrigen
Geschftigkeit der Leute. Auch der Trge arbeitet jetzt mit doppelter Kraft.
Wenn aber ich mich freue, so ist's auch ber Ihre Frage. Sie sind dem Hofe und
allem, was zum Gut gehrt, so fremd geworden.
    Ihnen nicht, mein Freund, sagte Lenore niedersehend.
    Sie selbst mssen krank werden, fuhr Anton eifrig fort. Wenn ich drfte,
mchte ich Sie schelten, da Sie die ganze Zeit so wenig an sich selbst gedacht
haben. Ihr kleines Pferd ist im Stall steif geworden, Karl mu manchmal darauf
reiten, damit es das Laufen nicht verlernt.
    Mag es dahingehn, wie alles andere, rief Lenore, ich werde mich nicht
wieder darauf setzen. Haben Sie Mitleid mit mir, Wohlfart, mir ist manchmal, als
verlre ich die Besinnung, es ist mir alles auf der Welt gleichgltig geworden.
    Wozu so hart, Frulein? sprach eine spttische Stimme hinter ihr. Lenore
schrak zusammen und wandte sich um. Fink, der lnger als eine Woche verreist
gewesen, trat zu ihnen. Mache, da du den Blasius wegjagst, sagte er zu Anton,
ohne sich weiter um Lenore zu kmmern; der Schlingel ist schon wieder
betrunken, er peitscht in die Pferde, da die armen Tiere mit Schwielen bedeckt
sind. Ich hatte groe Lust, seinen Pferden eine Satisfaktion zu verschaffen und
ihn vor ihren Augen abzustrafen.
    Habe Geduld bis nach der Ernte, erwiderte Anton, wir knnen ihn jetzt
nicht ersetzen.
    Ist er nicht sonst ein gutmtiger Mensch? frug Lenore schchtern.
Gutmtigkeit ist ein bequemer Titel fr alles mgliche Ungesunde, erwiderte
Fink. Bei den Mnnern heit's gutmtig und bei den Frauen gefhlvoll. Er sah
Lenore an. Was hat das arme Geschpf der Pony, verschuldet, da Sie ihn nicht
mehr reiten wollen?
    Lenore errtete, als sie zur Antwort gab: Das Reiten hat mir Kopfschmerz
gemacht.
    Ei, spottete Fink, Sie hatten sonst den Vorzug, weniger weich zu sein;
ich kann nicht sagen, da dies larmoyante Wesen Ihnen zutrglich ist, Sie werden
den Kopfschmerz dabei nicht verlieren.
    Lenore wandte sich gedrckt zu Anton: Sind die Zeitungen angekommen? Ich
kam, Sie fr den Vater darum zu bitten.
    Der Bediente hat sie in das Zimmer der Frau Baronin getragen.
    Lenore wandte sich mit einer Verbeugung ab und ging nach dem Schlosse
zurck.
    Fink sah ihr nach und sagte zu Anton: Schwarz kleidet sie nicht, sie sieht
ganz verstrt aus. Es ist eins von den Gesichtern, die nur gefallen, wenn sie
stattliche Flle haben.
    Anton blickte finster auf seinen Freund. Dein Benehmen gegen das Frulein
war in den letzten Wochen so auffallend, da ich mich oft darber gergert habe.
Ich wei nicht, ob es in deiner Absicht liegt, aber du behandelst sie mit einer
Nachlssigkeit, die nicht sie allein verletzt.
    Sondern auch dich, Master Wohlfart, sagte Fink und sah den Zrnenden gro
an. Ich habe nicht gewut, da du auch die Duenna dieses Fruleins bist.
    Diese Sprache hilft dir nichts, versetzte Anton ruhiger. Ich habe recht,
wenn ich dich erinnere, da du schlimmer als unzart gegen ein ehrliches Gemt
handelst, das jetzt jede Rcksicht mit doppeltem Recht verlangen kann.
    Habe du die Gte, ihr diese Rcksicht zu gnnen, und kmmere dich nicht um
meine Weise, erwiderte Fink kurz.
    Fritz, rief Anton, ich verstehe dies Wesen nicht, es ist wahr, du bist
rcksichtslos -
    Hast du das so oft erfahren? unterbrach ihn Fink.
    Nein, erwiderte Anton, wenn du es gegen andere warst, mir hast du dich
immer gezeigt, wie du im Herzen bist, hochgesinnt und voll Teilnahme, aber eben
deshalb tut mir weh, mehr als ich sagen kann, da du gegen Lenore so verndert
bist.
    Darum la mich, versetzte Fink, jeder hat seine eigene Weise, Vgel
abzurichten. Nur nebenbei la dir sagen, wenn dein Frulein Lenore nicht aus
diesem krnklichen Leben aufgerttelt wird, so geht das Beste an ihr in kurzer
Zeit zum Teufel. Der Pony allein wird's nicht tun, das wei ich, aber du, mein
Sohn, mit deiner wehmtigen Teilnahme wirst's auch nicht tun. Und so wollen wir
den Dingen ihren Lauf lassen. - Ich gehe heut noch nach Rosmin, hast du etwas zu
bestellen?
    Diese Unterredung brachte zwar keine Entfremdung zwischen den Freunden
hervor, aber sie wurde wenigstens von Anton nicht vergessen. Er zrnte in der
Stille der herrischen Weise des andern und beobachtete unruhig jedes zufllige
Zusammentreffen desselben mit Lenore. Fink suchte und vermied das Frulein
nicht. Die Familienabende wurden nicht wieder eingerichtet, auch als der Herbst
herankam. Wenn Fink auf dem Gut war, speiste er mit Anton auf seinem Zimmer, und
nur im Freien traf er mit Lenoren zusammen. Dann sah man ihrem Benehmen den
Zwang an, und Fink behandelte sie seit der Unterredung mit Anton wie eine
Fremde.
    Anton selbst sollte ber seine eigne Stellung Erfahrungen machen. Sosehr er
vermied, dem Freiherrn Unangenehmes mitzuteilen, so gab es doch etwas, was er
ihm nicht lnger ersparen konnte, die Regulierung der Schulden, welche der
verstorbene Sohn gemacht hatte. Denn bald nach dem Tode desselben waren
zahlreiche Briefe mit eingeschlossenen Forderungen auf dem Schlosse angekommen.
Lenore hatte sie Anton bergeben und Anton hatte alle, unter ihnen auch den
Schuldschein Sturms, an den Justizrat Horn geschickt und von diesem redlichen
Mann ein Gutachten und eine genauere Ermittelung der Forderungen erbeten. Das
Gutachten war jetzt angekommen. Der Jurist verbarg ihm nicht, da der
Schuldschein, welchen der junge Rothsattel dem Auflader ausgestellt hatte, in
der Form so fehlerhaft war, da er vor Gericht nur als eine Quittung ber
empfangenes Geld betrachtet werden konnte. Eine gesetzliche Verpflichtung des
Freiherrn, fr den Sohn zu zahlen, war nicht vorhanden. Die Summe der Schulden
war so gro, da eine augenblickliche Tilgung ganz unmglich war. Und Anton
selbst hatte dem jungen Verschwender mehr als achthundert Taler geliehen. Als er
den Schuldschein Eugens aus seinen Papieren heraussuchte, sah er lange auf die
Zge des Verstorbenen. Das war die Summe, durch welche sein eitler Sinn ihn in
das Leben der Familie eingekauft hatte. Und was hatte ihm dieser Kauf gebracht?
Damals war ihm eine Ehrensache gewesen, seinem vornehmen Freund aus der
Verlegenheit zu helfen, jetzt erkannte er, wie vorschnell er es dem
Leichtsinnigen leichtgemacht hatte, Geld zu erhalten. Finster verschlo er den
eignen Schein wieder in die Schublade.
    Mit schwerem Herzen lie er den Freiherrn um eine Unterredung ersuchen.
Schon bei der ersten Erwhnung seines Sohnes geriet der Freiherr in heftige
Bewegung, und als Anton in seinem Eifer den Verstorbenen kurzweg beim Vornamen
nannte, erhob sich die Galle in dem verletzten Vater. Er unterbrach die Rede
Antons durch die heftigen Worte: Ich verbitte mir diese familire Bezeichnung
meines verstorbenen Sohnes, lebend oder tot, ist er fr Sie immer der Freiherr
von Rothsattel.
    Anton erwiderte an sich haltend: Herr Eugen, Freiherr von Rothsattel, hat
bei seinen Lebzeiten etwas ber viertausend Taler Schulden gemacht.
    Das ist unmglich, unterbrach ihn der Freiherr.
    Die beglaubigten Abschriften der Schuldscheine und Wechsel, sowie die
Einsicht in die Originaldokumente, welche Justizrat Horn gefordert hat, machen
die Tatsache selbst unzweifelhaft. Bei neunzehnhundert Talern, dem grten
Posten, ist die Wahrheit der vollen Zahlung um so weniger zu bezweifeln, als der
Vater des Amtmann Sturm, welcher das Darlehen gemacht hat, ein Mann von der
grten Redlichkeit ist. Ein Brief des Verstorbenen an mich erkennt diese Schuld
ausdrcklich an.
    Sie also haben von diesen Schulden gewut, rief der Freiherr in steigendem
Zorn, und Sie haben mir ein Geheimnis daraus gemacht? Ist das Ihre
vielgepriesene Treue?
    Vergebens setzte ihm Anton die nhern Umstnde auseinander, der Freiherr
hatte die Herrschaft ber seine Empfindungen verloren. Schon lngst habe ich
erkannt, rief er laut, wie eigenmchtig Ihr ganzes Verfahren ist. Sie benutzen
meinen Zustand, um die Disposition ber mein Vermgen zu erhalten, Sie machen
Schulden, Sie lassen Schulden machen, Sie ziehen Geld ein, Sie verrechnen mir,
was Ihnen gut dnkt.
    Sprechen Sie nicht weiter, Herr Freiherr, rief Anton mit starker Stimme.
Nur das Mitleid mit Ihrer Hilflosigkeit verbietet mir, Ihnen die Antwort zu
geben, welche Sie in diesem Augenblick verdienen. Wie gro dies Mitgefhl ist,
mgen Sie daraus sehn, da ich mich bemhen will, Ihre Rede zu vergessen, und
da ich Sie jetzt um Ihre Erklrung bitte: Wollen Sie die Schulden, welche der
Verstorbene gemacht hat, anerkennen, und wollen Sie namentlich dem Auflader
Sturm oder seinem Sohn, Ihrem Amtmann, durch diese Anerkennung eine Sicherheit
geben, oder wollen Sie es nicht tun?
    Nichts will ich tun, rief der Freiherr auer sich, was Sie mit solcher
Prtension von mir fordern.
    Dann ist es unntz, jetzt weiter mit Ihnen zu sprechen. Ich bitte Sie, Herr
Freiherr, noch einmal die Angelegenheit zu berlegen, bevor Sie Ihren letzten
Entschlu aussprechen. Ich werde mir die Ehre geben, heut abend Ihre
Entscheidung entgegenzunehmen. Ich hoffe, da bis dahin Ihr Gerechtigkeitsgefhl
den Sieg ber eine Verstimmung davontragen wird, deren Gegenstand ich nicht zum
zweitenmal zu werden wnsche.
    Mit diesen Worten verlie er den Freiherrn und hrte noch, wie dieser im
Zorn einen Stuhl umwarf und an die Mbel stie. Kaum war er in seinem Zimmer
angekommen, so erschien der vertraute Diener und forderte im Auftrage des
Freiherrn die Akten und Rechnungsbcher, welche Anton bis dahin in seinem Zimmer
aufbewahrt hatte. Schweigend bergab Anton die Papiere dem erschrockenen Mann.
    Er war entlassen, in der rohesten Weise entlassen, seine Redlichkeit war
bezweifelt, dieser Bruch war unheilbar. Wohl mochte der Freiherr andern Sinnes
werden, und Anton wute, nach wenigen Stunden wrden die Vorstellungen der
Frauen den kranken Mann umstimmen; aber fr ihn selbst gab es keine Rckkehr, er
mute fort. Welche Pflichten er auch gegen die Baronin und Lenore bernommen,
jetzt sprach die Pflicht, die er gegen sich selbst hatte, lauter als jede
andere. Bitter war diese Stunde. Schon jetzt, wo er zornig in seinem Zimmer auf
und ab schritt, fhlte er, da in der Beleidigung, die ihm zugefgt wurde, auch
eine Strafe fr ihn selbst lag. Rein war sein Wille, und unstrflich sein Tun
gewesen, aber die enthusiastischen Gefhle, die ihn in dieses Haus gefhrt,
hatten nicht vermocht, zwischen ihm und dem Freiherrn ein sittliches Verhltnis,
das des Arbeitgebers und des Arbeiters, zu begrnden. Nicht der freie Wille
beider und nicht verstndiger Entschlu hatte sie verbunden, sondern der Zwang
unklarer Verhltnisse und seine eigene jugendliche Schwrmerei. Diese gaben ihm
selbst Ansprche, die grer waren, als seine Stellung, und dem andern einen
Druck, der ihn einengte und schwcher machte.
    In diesen Gedanken wurde er durch Lenore unterbrochen, welche hastig in sein
Zimmer trat. Meine Mutter wnscht Sie zu sprechen, rief sie. Was werden Sie
tun, Wohlfart?
    Ich mu gehn, sagte Anton ernst. Da ich Sie verlassen mu in dieser
Lage, Ihre Zukunft so unsicher, das htte ich niemals fr mglich gehalten.
Nichts gab es, das mich htte bewegen knnen, von hier zu scheiden, bevor ich
strkeren Hnden die Verwaltung des Gutes bergeben konnte, nichts als eines.
Und dies eine ist jetzt eingetreten.
    Gehen Sie, rief Lenore auer sich. Alles strzt ber uns zusammen, es
gibt keine Hilfe, auch Sie knnen uns nicht retten, gehen Sie und lsen Sie Ihr
Leben von den Sinkenden.
    Als Anton bei der Baronin eintrat, lag die Leidende auf dem Sofa. Setzen
Sie sich zu mir, Herr Wohlfart, sagte sie leise. Es ist die Stunde gekommen,
wo ich Ihnen etwas mitteilen mu, was ich um meinetwillen fr die Zeit
aufgespart habe, wo man am offenherzigsten miteinander spricht, auf die letzte
Stunde des Zusammenseins. Der Freiherr ist durch seine Krankheit so weit
gekommen, da er Ihre treue Hilfe nicht mehr versteht. Ja Ihre Gegenwart
verschlimmert den unglcklichen Zustand, worin er sich befindet, mit jedem Tage.
Er hat in seiner Aufwallung Ihr Zartgefhl so sehr verletzt, da ich eine
Vershnung nicht mehr fr mglich halte. Er wrde durch Ihre Anwesenheit von
jetzt ab nicht in der Einbildung, sondern in Wahrheit gedemtigt werden. Auch
wir wrden das Opfer, welches Sie uns von heut ab bringen mten, fr zu gro
halten, als da wir es annehmen knnten, selbst wenn Sie vergessen wollten.
    Ich habe die Absicht, in den nchsten Tagen dies Gut zu verlassen,
entgegnete Anton.
    Was mein Mann gegen Sie versehen, kann ich nicht gutmachen, aber ich
wnsche Ihnen eine Gelegenheit zu geben, sich an dem Freiherrn in der Weise zu
rchen, welche Ihrer wrdig ist. Der Freiherr hat Ihre Ehre angegriffen; die
Rache, welche ich, seine Frau, Ihnen dafr biete, ist die, da Sie ihm seine
eigene Ehre zu retten suchen.
    Sie hatte ruhig gesprochen, die Worte glitten ihr von den Lippen, wie bei
der Unterhaltung in groer Gesellschaft, jetzt hielt sie an und suchte die
Worte. Er hat vor Jahren sein Ehrenwort gegeben, eine Verpflichtung zu
erfllen, und hat in einem verzweifelten Augenblick sein Wort gebrochen. Die
Beweise, da er das getan hat, sind wahrscheinlich in der Hand gemeiner
Menschen, welche ihr Wissen benutzen knnen, ihn zu verderben. Da ich Ihnen
dies gerade jetzt mitteile, wird Ihnen ein Beweis sein, wie ich Ihr Verhltnis
zu unserm Hause ansehe. Sie zog einen Brief aus den Kissen. Mit diesem Brief
lege ich seine und unser aller Zukunft in Ihre Hand; wenn einer uns davor
schtzen kann, da seine Verfolger diese Waffe gegen ihn gebrauchen, so werden
Sie es tun; wenn es noch mglich ist, seinem verstrten Gemt einigen Frieden
zurckzugeben, so werden Sie es tun. Sie streckte ihre Hand aus und bergab
Anton den Brief.
    Anton trat an das Fenster und sah mit Erstaunen ein Schreiben Ehrenthals.
Zweimal mute er es durchlesen, bevor er den Sinn erriet. Es war eine zitternde
Hand und es war ein ungeordneter Geist, welche die Feder gefhrt hatten. In
einer hellen Stunde war dem kindischen Mann sein Verhltnis zu dem Edelmann in
die Seele gefallen. In der Angst um seine Kapitalien erinnerte er ihn an die
gestohlenen Schuldscheine, er forderte das Geld von ihm und drohte. Und
dazwischen kamen wieder Klagen ber die eigene Schwche und die Bosheit anderer
Menschen. Was der verworrene Brief nicht offenbarte, wurde klar durch die
Abschrift eines Schuldscheins, wahrscheinlich nach einem Konzept, welches
Ehrenthal und der Freiherr zusammen gemacht hatten, denn Ehrenthal erwhnte in
dem Briefe, das Original sei von der Hand des Freiherrn, und er werde es gegen
ihn benutzen.
    Anton faltete den Brief zusammen und sagte: Die Drohungen wenigstens,
welche er an die mitgeteilte Abschrift knpft, drfen Sie, Frau Baronin, nicht
beunruhigen; es ist gar keine Unterschrift des Freiherrn unter dem Entwurf, und
Ehrenthal, so unklar der Brief auch sonst ist, wrde die Unterschrift nicht
vergessen haben. Auch ist die Summe, zu welcher dieser einzelne Schein den
Freiherrn verpflichten knnte, nicht bedeutend.
    Und glauben Sie, da der Brief die Wahrheit erzhlt? frug die Baronin.
    Ich glaube daran, sagte Anton; dies Schreiben erklrt mir manches, was
ich bis jetzt nicht verstand.
    Ich wei, da er Wahres enthlt, sprach die Baronin so leise, da ihre
Worte kaum bis zu Antons Ohr drangen. Wie ich zu dieser Gewiheit gekommen bin,
nach und nach, das gehrt nicht hierher. Ein matter Schimmer von Rot legte sich
auf ihre Wangen.
    Und Sie, Herr Wohlfart, wollen Sie bernehmen, fr uns die gestohlenen
Papiere zurckzuschaffen? frug sie sich aufrichtend.
    Ich will, sprach Anton ernst. Aber meine Hoffnungen sind gering. An die
gestohlenen Schuldscheine hat gegenwrtig der Freiherr noch gar kein Recht, sie
gehren Ehrenthal, und es ist vor allem eine Verstndigung mit diesem notwendig.
Sie wird schwierig sein. Auerdem kann ich noch nicht einmal das Sachverhltnis
genau bersehen, und ich frchte, ich werde auch Sie bemhen mssen, mir alles,
was Sie etwa ber den Diebstahl selbst erfahren knnen, mitzuteilen.
    
    Ich werde versuchen, Ihnen zu schreiben, sagte die Baronin. Zeichnen Sie
mir genau auf in bestimmten Fragen, was Sie wissen mssen, Sie sollen Antwort
haben, so genau ich sie Ihnen geben kann. Welchen Erfolg auch Ihre Mhe haben
mag, ich danke Ihnen im voraus aus voller Seele dafr. Wie gro Ihre Ttigkeit
fr unser Wohl auch hier gewesen ist, die grte knnen Sie uns jetzt beweisen.
Die Schuld, welche unser Haus gegen Sie hat, werden wir Ihnen niemals bezahlen.
Wenn der Segen einer Sterbenden ein freundliches Licht auf Ihre Zukunft werfen
kann, so nehmen Sie ihn mit auf Ihren Weg.
    Anton erhob sich.
    Wir sehen uns nicht mehr wieder, sagte die Kranke, in dieser Stunde
nehmen wir Abschied. Leben Sie wohl, Wohlfart, fr diese Erde sehe ich Sie zum
letzten Male. Sie hielt ihm ihre Hand hin, Anton beugte sich darauf und verlie
bewegt, mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer.
    Ja, sie verdiente eine Edelfrau zu heien. Adlig war ihr Sinn, nicht klein
ihr Urteil ber andere, und vornehm war die Art, wie sie Antons Diensteifer
belohnte. Sehr vornehm! Er hatte in ihren Augen immer eine weie Percke und
silberne Knieschnallen getragen.
    Gegen Abend klirrte Finks Tritt auf dem Korridor, gleich darauf trat er in
das Zimmer des Freundes. Hallo! Anton, was ist hier im Hause los? Johann
schleicht so scheu herum, als htte er die grte Porzellanvase zerbrochen, und
als die alte Babette mich sah, rang sie die Hnde!
    Ich mu dies Haus verlassen, mein Freund, sagte Anton finster, ich habe
heut mit dem Freiherrn eine peinliche Szene gehabt. Er erzhlte ihm, was
vorgefallen, er erwhnte die Unterredung mit der Baronin, so weit er dies ohne
Indiskretion durfte, und schlo mit den Worten: Nie war die Lage der Familie so
verzweifelt, als grade jetzt. Sie braucht jetzt wieder die freie Disposition
ber zwanzigtausend Taler, um ein neues Unheil abzuwehren!
    Fink warf sich auf einen Stuhl. Vor allem hoffe ich, da du diese schne
Gelegenheit, dich zu rgern, so wenig als mglich benutzt hast. ber die Szene
selbst wollen wir untereinander kein Wort verlieren, der Freiherr ist nicht
zurechnungsfhig. Und im Vertrauen gesagt, der Vorfall berrascht mich nicht.
Da so etwas kommen wrde, war vorauszusehn, da du in diesem sentimentalen
Verhltnis nicht bleiben konntest, habe ich den ganzen Sommer erwartet. Ebenso
klar ist, da du als Beichtvater der Frauen und vertrauter Geschftsfhrer der
Familie den Leuten hier unentbehrlich bist. Und da mir dein pltzlicher Abgang
einen dicken Strich durch mehrere Rechnungen macht, brauche ich dir nicht zu
sagen. Zuerst also die Frage: Was wirst du selbst tun?
    Ich reise so bald als mglich nach unsrer Hauptstadt, erwiderte Anton.
Dort werde ich noch einige Monate im Interesse der Rothsattel zu tun haben.
Mein Dienstverhltnis ist vom heutigen Tage gelst; sobald das Familiengut des
Freiherrn verkauft ist, betrachte ich auch die moralische Verpflichtung, die ich
gegen die Familie eingegangen bin, als vllig aufgehoben. - Gut, sagte Fink,
das ist in der Ordnung. Wenn du berhaupt noch eine Feder fr diese Leute
ansetzen willst, so kann das jetzt nur so geschehn, da du ihnen als freier Mann
dein Mitgefhl gnnst. Ein anderer Punkt ist, da Rothsattel durch seine Torheit
auch hier in eine Krisis gekommen ist. Denn ohne dich kann es in der alten Weise
auf dem Gut nicht vier Wochen fortgehn. Jetzt entsteht die Frage, Meister Anton,
was soll hier werden?
    Ich habe den ganzen Tag darber gesonnen, erwiderte Anton, ich wei
nicht. Es gibt nur eine Mglichkeit: da du selbst den Teil meiner Geschfte
bernimmst, den Karl nicht besorgen kann.
    Ich danke, sagte Fink, dir fr das gute Zutrauen, und im brigen fr das
freundliche Anerbieten. Einem Narren, der noch nicht unter Kuratel steht, die
Geschfte besorgen, heit sich selbst zum Narren machen. Nimm mir das nicht
bel. Du bist ein solcher guter Narr gewesen, ich habe nicht das Zeug dazu. Nach
acht Tagen wrde ich in der unangenehmen Lage sein, den Mann maltrtieren zu
mssen. Weit du keinen andern Rat?
    Keinen, rief Anton. Wenn du dich nicht dieses Guts mit aller Kraft
annimmst, so verdirbt, was wir in diesem Jahre eingerichtet haben, und unsre
deutsche Kolonie geht zu Grunde. Das Gut fllt wahrscheinlich den
Seitenverwandten des vorigen Besitzers zu, welche die Hauptforderung darauf
haben, und die alte polnische Wirtschaft fngt wieder an.
    So ist's, sagte Fink.
    Und du, Fritz, fuhr Anton fort, bist durch dein Verhltnis zu mir mit
deinem Geld hier hereingezogen worden, auch du bist in Gefahr, Verluste zu
erleiden.
    Richtig, sagte Fink, gesprochen wie ein Buch. Du lufst weg und lt mich
mit meiner Bande unter den Schlachtschitzen zurck. - Weit du was, erwarte mich
hier, ich will erst einige Worte mit Lenore sprechen.
    Was willst du tun? rief Anton, ihn festhaltend.
    Keine Liebeserklrung machen, erwiderte Fink lachend, verla dich darauf,
mein Junge. Er klingelte dem Bedienten und lie Frulein Lenore zu einer
Unterredung in das Gesellschaftszimmer bitten.
    Als Lenore eintrat, mit verweinten Augen, nur mit Mhe ihre Fassung
behauptend, ging er ihr artig entgegen und fhrte sie zu dem Sofa.
    Ich enthalte mich gegen Sie jedes Urteils ber das, was heut vorgegangen
ist, begann er. Wir wollen annehmen, da meines Freundes Aufenthalt in der
Hauptstadt in Ihrem Interesse noch wnschenswerter ist, als ein Verweilen im
Gut. Nach allem, was ich hre, ist dies in der Tat der Fall. Wohlfart wird
bermorgen abreisen.
    Lenore verbarg ihr Gesicht hinter der Hand. Fink fuhr kaltbltig fort:
Unterdes erfordert mein eigner Vorteil, da ich mich um eine Sicherung der
hiesigen Verhltnisse bemhe. Ich habe mehrere Monate hier gelebt und einigen
Anteil an dieser Besitzung gewonnen. Deshalb bitte ich Sie, der Bote einer
Mitteilung zu werden, die ich in diesem Augenblick am liebsten durch Sie Ihrem
Herrn Vater mache. Ich bin bereit, dem Freiherrn dies Gut fr mich selbst
abzukaufen.
    Lenore fuhr zusammen und stand von ihrem Sitz auf. Mit gerungenen Hnden
rief sie: Zum zweitenmal!
    Haben Sie die Gte, mich ruhig anzuhren, fuhr Fink fort. Ich
beabsichtige durchaus nicht, gegenber dem Freiherrn von Rothsattel die Rolle
eines rettenden Engels zu spielen, ich habe weniger von einem Flederwisch auf
dem Rcken, als unser geduldiger Anton, und vollends jetzt fhle ich mich
durchaus nicht veranlat, Ihrem Herrn Vater etwas anzubieten, was irgendwie als
leichtsinnige Behandlung meines eignen Vorteils erscheinen knnte. Betrachten
Sie in dieser Stunde uns als Gegner, und meinen Antrag, wie er ist, als in
meinem eignen Interesse gemacht. Mein Anerbieten ist folgendes. Der Kaufpreis
dieses Gutes wrde, wenn ihn der Freiherr so berechnen wollte, da er selbst
keine Verluste leidet, jetzt mehr als hundertundsechzigtausend Taler betragen.
Ich biete Ihnen das Hchste, was das Gut nach meiner Ansicht in der
gegenwrtigen Zeit wert sein mag; bernahme der Gutsschulden und Auszahlung von
zwanzigtausend Talern an den Freiherrn binnen vierundzwanzig Stunden; nach
Ablauf dieser Frist wird das Gut an mich bergeben. Bis zu nchstem Ostern
wnsche ich das Schlo in Ihren Hnden zu lassen und wrde, wenn dies ohne
beiderseitige Inkonvenienz geschehen kann, mich bis dahin gern als Ihren Gast
betrachten. Ich werde in der Regel abwesend sein und Ihnen nicht zur Last
fallen.
    Lenore sah ngstlich in sein Gesicht, welches in diesem Augenblick hart
aussah, wie das eines zhen Yankee; der Rest ihrer Fassung fiel zusammen, sie
brach in dem Widerstreit strmischer Gefhle in Trnen aus.
    Fink lehnte sich ruhig in seinen Stuhl zurck, und ohne Rcksicht auf diese
Stimmung fuhr er fort: Sie sehen, ich biete Ihnen einen Verlust, was ich Ihnen
nehmen will, ist wahrscheinlich die Hlfte Ihres Erbes, es ist in der Ordnung,
da Sie das verlieren. Der Freiherr hat zu schnell sein Vermgen an dieses Gut
gewagt; da Ihre Familie diesen Mangel an Vorsicht bezahlt, wird nicht zu
vermeiden sein. Denn hher, als mein Gebot, ist der Kaufwert des Gutes in seiner
gegenwrtigen Verfassung sicher nicht. Ich wrde unehrlich sein, wenn ich Ihnen
verschweigen wollte, da das Gut bei zweckmiger Behandlung in einigen Jahren
das Doppelte wert sein kann, ich habe aber die feste berzeugung, da es unter
Verwaltung des Freiherrn diesen Wert niemals erhalten wird. Wre Anton hier
geblieben, so htte nicht er, aber die Verhltnisse htten es mglich gemacht,
Ihnen dies Vermgen zu erwerben. Jetzt ist auch diese Hoffnung fr Sie dahin.
Ich verberge Ihnen ferner nicht, Wohlfart hat mir soeben die Forderung gestellt,
da ich an seine Stelle treten soll.
    Lenore machte noch in ihrem Schluchzen mit der Hand eine abwehrende
Bewegung.
    Es freut mich, fuhr Fink fort, da wir hierin einerlei Meinung sind; ich
habe dies Anerbieten sehr bestimmt und fr immer zurckgewiesen. So schwieg er
und sah prfend auf das Mdchen vor ihm, welchem seine Worte das Herz zerrissen.
Er sprach so rauh zu ihr, der Mann, fr den sie alles getan htte, um ein
Lcheln, einen freundlichen Blick zu erhalten. Mit schlecht verhehlter
Verachtung redete er von ihrem Vater, seine Worte waren die eines starren
Egoisten. Und doch, als der herbe Ton, in dem er sprach, in der Stube verhallt
war, fiel ihr in die Seele, da sein Anerbieten fr ihre hilflose Lage immer
noch ein Glck sein konnte. Und mit der Sehergabe eines liebenden Herzens ahnte
sie hinter dem Antrag eine Meinung, die sie nicht verstand, die ihr aber wie ein
ferner Hoffnungsstrahl in die Tiefe ihres Schmerzes leuchtete. Wie er sich auch
stellte, es war kein gemeiner Sinn, der aus seiner Weise hervorbrach. Das
krampfhafte Schluchzen lste sich in ein heftiges Weinen, sie versuchte sich vom
Sofa zu erheben und glitt hinunter auf den Boden. So lag sie neben seinem Stuhl
und sttzte ihr Haupt auf die Lehne, ein Bild der leidenden Hingebung. Und unter
strmenden Trnen sprach sie: Sie tuschen mich nicht, machen Sie mit uns, was
Sie wollen.
    Das stolze Lcheln flog ber das Gesicht des Mannes, er beugte sich zu ihr
nieder, schlang seinen Arm um ihr Haupt, drckte einen Ku auf ihr Haar und
sagte: Mein Kamerad, ich will, Sie sollen frei werden. Lenorens Haupt glitt an
seine Brust, sie weinte ruhig fort, er hielt sie in seinem Arm. Endlich fate er
ihre Hand und schttelte sie herzlich. Wir beide wollen von heut ab einander
verstehn. Sie sollen frei werden, Lenore, mir gegenber frei, und frei von allem
andern, was Sie hier einengt. Sie verlieren einen Mann, der die aufopfernde
Zrtlichkeit eines Bruders fr Sie gehabt hat, und mir ist's recht, da er sich
von Ihnen lst. Ich frage heut nicht, wollen Sie als mein Weib sich an mein
Leben binden? Denn Sie haben jetzt nicht die Freiheit, nach Ihrem Herzen zu
entscheiden. Ihr Stolz soll nicht nein sagen, und das Ja soll Ihre Selbstachtung
nicht verringern. Wenn der Fluch gelst ist, welcher ber Ihrem Hause liegt, und
wenn es Ihnen freisteht, bei mir zu bleiben oder zu gehn, dann hole ich mir
Bescheid. Bis dahin ehrliche Freundschaft, mein Kamerad.
    Lenore erhob sich.
    Und jetzt denken wir an nichts, als an unser Gut, sagte Fink in
verndertem Ton; trocknen Sie die Trnen, die ich in Ihrem groen Auge sehr
ungern sehe, und teilen Sie die offizielle Hlfte meines Antrags dem Freiherrn
und Ihrer Mutter mit. Wenn nicht eher, erbitte ich mir morgen um diese Zeit
Antwort.
    Lenore ging zur Tr, dort blieb sie stehn, sie wandte sich noch einmal nach
ihm um und reichte ihm schweigend die Hand.
    Langsam schritt Fink in Antons Zimmer zurck. Er trat zu dem Freund, der mit
verschrnkten Armen am Fenster stand und auf die Felder sah, welche im
Dmmerlicht des Mondes vor ihm lagen. Erinnerst du dich an das, Anton, was du
am Tage meiner Ankunft von deinem Patriotismus erzhlt hast?
    Es war ja seit der Zeit oft die Rede davon, erwiderte Anton trbe.
    Ich habe mir's gemerkt, fuhr Fink fort. Dies Gut soll nicht wieder unter
den Zepter eines Herrn Bratzky kommen. Ich kaufe die Herrschaft, wenn der
Freiherr will.
    Anton wandte sich berrascht um. Und Lenore?
    Sie teilt das Schicksal ihrer Eltern, wir haben das soeben miteinander
abgemacht. Er erzhlte dem Freund von seinem Anerbieten.
    Jetzt hoffe ich, da alles gut wird, rief Anton.
    Warten wir's ab, sagte Fink. Drben brennt jetzt ein Fegefeuer fr den
Snder; es ist mir lieb, da ich seinen Jammer nicht anhren darf.
    Am nchsten Morgen in der Frhe brachte der Bediente jedem der Freunde einen
Brief aus dem Zimmer des Freiherrn; sie waren von Lenores Hand, ihr Vater hatte
in zitternden Zgen unterschrieben. In dem Briefe an Anton bat der Freiherr mit
sorgfltig gewhlten Worten um Vergebung, da er ihn in einer krankhaften
Aufwallung verletzt habe, und sprach seinen Dank fr die treuen Dienste aus, die
er ihm bis jetzt geleistet; in dem Briefe an Fink nahm er das Anerbieten an und
bat ihn, den Schreiber, so schnell als mglich von der Sorge zu befreien, die
ihm die Verwaltung des Gutes bei seiner Krankheit machen msse. Schweigend
tauschten die Freunde diese Zuschriften gegeneinander aus.
    So ist es entschieden, rief endlich Fink; ich bin die halbe Welt
durchlaufen und hatte berall etwas auszusetzen, und jetzt whle ich mich in
diese Sandgrube ein, wo ich gegen die polnischen Wlfe allnchtlich ein Feuer
anznden mchte. Du aber, Anton, erhebe dein Haupt und sieh vor dich, denn wenn
ich jetzt eine Heimat gefunden habe, auch du gehst dorthin zurck, wo der beste
Teil deines Herzens ist.
    Und deshalb, mein Junge, la uns noch einmal deine Instruktion berlegen.
Du hast die Aufgabe, gewisse gestohlene Papiere zu ermitteln. Denke auch an die
zweite. Tu, was du kannst, um der Familie das wenige, was sie hier gerettet hat,
zu sichern. Sieh zu, da das alte Gut der Rothsattel bei der Versteigerung einen
Preis erhlt, der die Ansprche aller Hypothekenglubiger deckt. Du mut fort,
ich fordere dich nicht auf, jetzt noch hierzubleiben, aber du weit, da unter
allen Umstnden da, wo ich wohne, auch du zu Hause bist. - Und noch eins. Ich
wrde den Amtmann ungern entbehren; wende deine Beredsamkeit an, damit dein
treuer Sancho hierbleibt, wenigstens ber den Winter.
    Noch wei niemand, erwiderte Anton aufstehend, da ich dies Gut verlasse,
er mu der erste sein, der das erfhrt. Ich gehe sogleich zu ihm.
    Das unsaubere Zimmer, in dem einst Herr Bratzky der Verrter gehaust hatte,
war durch Karls Hnde in einen wohnlichen Raum verwandelt, der nur an dem einen
belstand litt, da er zu voll von allerlei ntzlichen Dingen war. Karl selbst
hatte die Stube mit schner Rosafarbe angestrichen, an der Wand hing im goldenen
Rahmen ein Bild des alten Blcher und daneben eine groe Sammlung von
Gertschaften des Krieges und des Friedens, Flinte und Pulverhorn, Sge und Axt,
Lineal und Winkelma. Am Fenster war eine kleine Hobelbank aufgestellt, eine
Anzahl Rotkehlchen flatterte hin und her, es roch stark nach Leim. Oft hatte
Anton hier ausgeruht und sich an Karls frischem Mut erholt, wenn ihm in den
letzten Monaten das Leben schwer geworden war. Als er heut auf die bekannten
Wnde sah, fiel ihm mchtig aufs Herz, da er auch von dem anspruchslosen treuen
Mann scheiden msse. Er lehnte sich an die Hobelbank und sagte: Lege deine
Rechnung beiseite, Karl, und la uns ein ernstes Wort miteinander reden.
    Jetzt kommt's, rief Karl, es ist schon lange etwas im Werke; ich sehe an
Ihrem Gesicht, da alle Bomben geplatzt sind.
    Ich gehe fort von hier, mein Freund.
    Karl lie die Feder aus der Hand fallen und sah stumm in das ernste Antlitz
ihm gegenber.
    Fink bernimmt dies Gut, er hat es heut gekauft.
    Hurra! rief Karl, wenn Herr von Fink der Mann ist, welcher - so ist alles
gut. Ich gratuliere von Herzen, sagte er Antons Hand schttelnd, da es so
gekommen ist. In diesem Frhjahr hatte ich schon andere einfltige Gedanken.
Jetzt aber ist's in der Ordnung. Und auch unsre Wirtschaft ist gerettet.
    Das hoffe ich auch, besttigte Anton lchelnd.
    Aber Sie, fuhr Karl fort, und seine Miene wurde pltzlich ernst.
    Ich gehe nach unsrer Hauptstadt zurck, erwiderte Anton; dort habe ich
fr den Freiherrn noch einige Geschfte abzumachen, dann suche ich einen Stuhl
in einem Comtoir.
    Und wir haben hier ein Jahr zusammen gearbeitet, sagte Karl betrbt. Sie
haben die Plage gehabt, und ein anderer wird ernten.
    Ich gehe zurck, wohin ich gehre. Aber, lieber Karl, nicht um mich,
sondern um deine Zukunft handelt sich's jetzt.
    Ich gehe natrlich mit Ihnen, rief Karl.
    Ich komme dich bitten, dies nicht zu tun. Knnten wir beide miteinander
gemeinsam ein Geschft beginnen, so wrde ich dich mit aller Kraft an meiner
Seite festhalten. Aber das ist unmglich. Ich mu mir eine Stelle suchen. Ich
war nie in der Lage, durch mein eigenes Vermgen eine selbstndige Stellung zu
gewinnen. Ein Teil von dem wenigen, was ich hatte, ist daraufgegangen; ich gehe
nicht reicher von hier, als ich hergekommen bin. So wrden wir uns trennen,
sobald wir nach der Heimat kmen.
    Karl sa mit gesenktem Haupt und dachte nach. Herr Anton, sagte er, kaum
wage ich Ihnen von etwas zu reden, wovon ich selbst nichts wei. Sie haben mir
einigemal gesagt, da mein Alter ein Kauz ist, der auf Geldscken sitzt. Wie
wr's? fuhr er zgernd fort und arbeitete mit seinem Stemmeisen in den Stuhl.
Wenn Ihnen nicht zu wenig wre, was in dem eisernen Kasten liegt - Sie nehmen
das, und wenn's etwas mit Produkten sein knnte, - es ist zwar sehr verwegen von
mir - vielleicht knnte ich Ihnen dann als Ihr Kompagnon ntzlich sein. Es ist
nur so ein Gedanke, und Sie mssen mir das nicht belnehmen.
    Anton erwiderte bewegt: Sieh, Karl, da du mir einen solchen Vorschlag
machst, ist ganz in deiner uneigenntzigen Weise; aber es wre ein Unrecht, wenn
ich ihn annhme. Das Geld gehrt deinem Vater, und wenn auch er seine
Einwilligung gbe, und ich glaube, er wrde es tun, so wrde doch deine eigene
Zukunft unsicherer, als sie jetzt ist. Jedenfalls wird dir das Vermgen deines
Vaters in dem Berufe, in dem du heimisch bist, ein besseres Leben verschaffen,
als in einem andern, in den du dich aus Liebe zu mir erst einarbeiten mtest.
Deshalb ist es besser fr dich, mein Freund, da wir uns trennen.
    Karl griff nach seinem Taschentuch und rusperte sich krftig, bevor er
weiter frug: Und Sie allein wollten das Geld nicht benutzen? Sie wrden uns ja
gute Interessen geben.
    Es ist unmglich, erwiderte Anton.
    Dann gehe ich zu meinem Alten zurck und stecke meinen Kopf in einen
Heuboden unserer Gegend, rief Karl rgerlich.
    Das darfst du nicht, sagte Anton. Du hast von diesem Gute mehr
kennengelernt, als ein anderer; es wre unrecht, wenn das verlorengehen sollte.
Gerade Fink braucht jetzt einen Mann wie du, die Wirtschaft kann dich bis zum
nchsten Sommer gar nicht entbehren. Als wir herkamen, zogen wir nicht in das
Land, um uns Gutes zu tun, sondern um etwas zu schaffen. Mein Werk ist zu Ende,
du bist mitten in deiner Arbeit. Du tust ein Unrecht gegen dich und deine
Arbeit, wenn du jetzt scheidest. Karl hing wieder den Kopf.
    Was mir deinen Aufenthalt hier bisweilen ngstlich machte, war der geringe
Lohn, den das Gut geben konnte, das wird jetzt anders werden.
    Reden wir nicht davon, sagte Karl stolz.
    Es ziemt sich davon zu reden, sagte Anton, denn der Mensch tut unrecht,
wenn er sein Bestes, seine Kraft, auf eine Arbeit verwendet, die ihm nicht in
dem Grade lohnt, wie seine Ttigkeit verdient. Das gibt ein ungesundes Leben,
und der Mensch kommt dabei in Gefahr, unsicher zu werden. Mir kannst du das
glauben. Also ich bitte dich, hierzubleiben, wenigstens bis zum nchsten Sommer,
wo bei der groen Ausdehnung, welche die Wirtschaft jetzt erhalten wird, ein
erfahrener Inspektor an deine Stelle treten kann.
    Und dann, frug Karl, soll ich auch gehen?
    Fink wird dich immer festhalten; wenn du aber dann gehen willst, Karl, so
denke an das, was wir in diesem Jahre oft miteinander gesprochen haben. Du hast
dich an das Leben unter den Fremden gewhnt, du hast alle Erfordernisse eines
Kolonisten auf neuem Grunde. Wenn dich nicht eine grere Pflicht forttreibt, so
ist deine Aufgabe, hier im Lande zu bleiben als einer von uns. Wenn du von
diesem Gut fortgehst, so kaufe dich unter den Fremden an. Es wird kein leichtes
Leben fr dich sein, und vieles Behagen wirst du entbehren, aber wir leben nicht
in einer Zeit, wo ein tchtiger Mann sich zur Ruhe setzen soll, um gemchlich
seine Garben zu schneiden. Du hast ein mutiges Herz, du bist nicht gewhnt zu
genieen, sondern zu erwerben. Du wirst mit der Pflugschar in der Hand hier ein
deutscher Soldat sein, der den Grenzstein unserer Sprache und Sitte weiter
hinausrckt gegen unsere Feinde. - Er wies mit der Hand nach Morgen.
    Karl reichte dem Freunde die Hand und sagte: Ich bleibe.
    Als Anton aus der Wohnung des Amtmanns trat, stand Lenore vor der Tr. Ich
erwarte Sie, rief sie Anton hastig entgegen, kommen Sie mit mir, Wohlfart;
solange Sie noch hier sind, gehren Sie mir! - Wenn Ihre Worte weniger
herzlich wren, erwiderte Anton, so wrde ich glauben, da Sie sich in der
Stille darber freuen, mich loszuwerden. Denn, liebes Frulein, seit langem habe
ich Sie nicht so mutig gesehn. Aufgerichtet und mit gerteten Wangen treten Sie
mir entgegen, auch das schwarze Kleid ist verschwunden.
    Dies ist das Kleid, das ich trug, als wir zusammen im Schlitten fuhren,
damals freuten Sie sich darber. Ich bin eitel, rief sie mit trbem Lcheln,
ich will, da der letzte Eindruck, den ich Ihnen hinterlasse, ein frhlicher
sei. Anton, Freund meiner Jugend, was ist das fr ein Verhngnis, da gerade wir
scheiden mssen an dem ersten sorgenfreien Tage, den ich seit langer Zeit
verlebe. Das Gut ist verkauft, heut atme ich wieder. - Was war das fr ein Leben
in den letzten Jahren, immer geqult, gedrckt, gedemtigt von Freund und Feind,
immer etwas schuldig zu sein, bald Geld, bald Dank, es war frchterlich. Nicht
Ihnen gegenber, Wohlfart. Sie sind mein Jugendfreund, und wenn Sie im Unglck
wren oder in Not, so wrde ich glcklich sein, wenn auch Sie mich riefen und zu
mir sagten: Jetzt brauche ich dich, jetzt komm her, du wilde Lenore! - Ich will
nicht mehr wild sein. Ich will an alles denken, was Sie mir gesagt haben. So
sprach sie aufgeregt in ihn hinein, und ihr Auge leuchtete. Sie hing sich an
seinen Arm, was sie nie getan hatte, und zog ihn durch alle Rume des Hofes.
Kommen Sie, Wohlfart, den letzten Gang durch die Wirtschaft, die unser war! -
Diese Kuh mit der Blesse haben wir zusammen gekauft, rief sie. Sie frugen mich
beim Kauf um meine Meinung, das hat mir sehr wohlgetan.
    Anton nickte. Wir wuten beide nicht recht Bescheid, und Karl mute den
Ausschlag geben.
    Ei was! Sie haben das Geld bezahlt, ich habe ihr das erste Heu gegeben,
folglich gehrt sie uns beiden. - Sehen Sie sich noch einmal das schwarze Kalb
an. Es sieht reizend aus. Herr Sturm droht, er will ihm die Ohren rot
anstreichen, damit es ganz aussieht, wie ein kleiner Teufel. Sie kauerte vor
dem Kalbe nieder, drckte es an sich und streichelte es; pltzlich stand sie auf
und rief: Ich wei nicht, warum ich so hbsch mit ihm tue, es ist nicht mehr
mein, es gehrt einem andern. Aber hinter ihrem Zorn klang es wie Schelmerei.
Sie zog ihn weiter. Kommen Sie zum Pony, bat sie. Mein armes kleines Tier! Es
ist alt geworden seit dem Tage, wo ich in unserm Garten hinter Ihnen herritt.
    Anton liebkoste das Tier, und der Pony wandte seinen Kopf bald zu ihm, bald
zu Lenore.
    Wissen Sie, wie es damals zuging, da ich Ihnen auf dem Pony begegnete?
fragte Lenore ber den Rcken des Pferdes herber. Es war gar kein Zufall. Ich
hatte Sie unter dem Strauch sitzen sehen, heut darf ich's Ihnen sagen, und ich
hatte gedacht: Wetter! das ist ein hbscher Junge, den wollen wir uns doch
einmal ansehen. So war es gekommen, wie's kam.
    Ja, sagte Anton, es kamen die Erdbeeren, es kam der See. Ich stand vor
Ihnen und stopfte die Beeren hinein und war etwas weinerlich; aber bei alledem
war mein Herz doch voll Freude ber Sie, so schn und majesttisch standen Sie
vor mir, ich sehe Sie noch im flatternden Gewand mit kurzen rmeln, und an dem
weien Arm ein goldenes Armband.
    Wo ist das Armband hin? frug Lenore ernst und sttzte ihr Haupt auf den
Hals des Pferdes. Sie haben's verkauft, bser Wohlfart. - Die Trnen rollten
ihr aus den Augen, sie fate mit beiden Hnden ber den Rcken des Pony nach der
Hand des Freundes. Anton, wir konnten nicht Kinder bleiben. Dann strich sie
mit der Hand ber seine Wange und rief: Mein Herzensfreund, lebe wohl. Ade, ihr
Mdchentrume, ade, du leichte Frhlingszeit, ich mu jetzt lernen ohne meinen
Schutz durch die Welt laufen. - - Ich werde Ihnen nicht Schande machen, sagte
sie ruhiger, ich werde immer verstndig sein, ich werde auch gute Wirtschaft
treiben. Von morgen fange ich an, ich gehe jetzt zu Babette in die Kche, ich
wei, da Ihnen das lieb sein wird. Und ich werde sparen. Ich will wieder das
Buch machen mit drei langen Strichen auf jeder Seite, ich werde alles
aufschreiben. Wir werden diese Sparsamkeit auch im kleinen brauchen, Wohlfart.
Ach, du arme Mutter! Sie rang die Hnde und sah wieder sehr bekmmert aus.
    Kommen Sie hinaus ins Freie, bat Anton; wenn es Ihnen recht ist, gehen
wir nach dem Walde.
    Nicht in den Wald, nicht in die Frsterei, sagte Lenore feierlich; aber
auf das neue Vorwerk gehe ich mit Ihnen.
    So zogen beide miteinander ber das Feld. Sie mssen mich heut fhren,
sagte Lenore, ich lasse Sie nicht los.
    Lenore, Sie wollen mir den Abschied recht schwermachen.
    Wird er Ihnen schwer? fragte Lenore erfreut und schttelte gleich darauf
den Kopf. Nein, Wohlfart, es ist nicht so, Sie haben sich in der Stille oft von
mir fortgesehnt.
    Anton sah sie berrascht an.
    Ich wei es, rief sie vertraulich und drckte ihn leise am Arm, ich wei
es recht gut. Auch wenn Sie mit mir zusammen waren, Ihr Herz war nicht immer bei
mir. Manchmal, ja; damals im Schlitten wohl, aber hufiger noch dachten Sie in
die Fremde. Wenn Sie gewisse Briefe bekamen, die lasen Sie mit einer Hast - wie
heit doch der Herr? frug sie.
    Baumann, erwiderte Anton arglos.
    Gefangen! rief Lenore und drckte ihm wieder den Arm. Wissen Sie, da
mich das eine Zeitlang sehr unglcklich gemacht hat? Ich war ein trichtes Kind.
- Wir sind klug geworden, Wohlfart, wir sind jetzt freie Leute und deshalb
knnen wir miteinander Arm in Arm gehen, o Sie lieber Freund!
    Als sie auf dem neuen Vorwerk ankamen, sagte Lenore zu der Frau des Vogtes:
Er geht fort von uns. Er hat mir erzhlt, da Sie ihm die erste Freude auf dem
Gut gemacht haben durch den Strau, den Sie fr ihn pflckten. Holen Sie ihm
jetzt den letzten. Ich selbst habe keine Blumen, in meiner Pflege gedeihn sie
nicht. Hier hinter der Scheuer hat alles geblht, was von Gartenblumen auf dem
Gute war.
    Die Vogtin band wieder einen kleinen Strau zusammen, berreichte ihn Anton
mit einem Knicks und sagte dabei wehmtig: Es ist gerade wieder so wie vor
einem Jahre.
    Er aber geht, rief Lenore, wandte sich ab und drckte ihr Tuch in die
Augen.
    Dem Vogt und dem Schfer schttelte Anton herzlich die Hand. Denkt
freundlich an mich, ihr braven Leute!
    Sie haben uns immer ein gtiges Herz gezeigt, rief die Frau des Vogtes.
    Und Futter fr Menschen und Tiere, sprach der Schfer seinen Hut
abnehmend, und berlegung, und Ordnung vor allem.
    Fr Eure Zukunft ist gesorgt, sagte Anton; Ihr erhaltet einen Herrn,
welcher mehr vermag als ich. Zuletzt kte Anton noch den krauskpfigen Knaben
des Vogts, hie ihn seine kleine Sparbchse holen, die in dem Schrank stand, und
steckte ihm ein Andenken hinein. Das Kind hielt ihn am Rock fest und wollte ihn
nicht fortlassen.
    Auf dem Rckwege sagte Anton: Wenn mir etwas die Trennung erleichtert, so
ist es die Zukunft, welche das Gut jetzt hat. Und ahnend hoffe ich, da auch in
Ihrem Leben sich glcklich lsen wird, was noch unsicher ist.
    Lenore ging schweigend an seiner Seite, endlich frug sie: Darf ich mit
Ihnen ber den Mann reden, der jetzt Herr dieses Gutes ist? Ich mchte wissen,
wie Sie sein Freund geworden sind.
    Ich bin es geworden, weil ich mir ein Unrecht, das er mir zufgte, nicht
gefallen lie. Unser Verhltnis ist so fest geblieben, weil ich ihm in allen
Kleinigkeiten gern nachgab, in greren Dingen fest auf meiner eigenen
berzeugung stand. Er hat eine hohe Achtung vor aller Kraft und Selbstndigkeit,
er wird leicht hart, wo ihm Schwche des Urteils und des Willens entgegentritt.
    Wie soll eine Frau Festigkeit gewinnen, gegenber einem solchen Wesen?
sagte Lenore niedergeschlagen.
    Ja, erwiderte Anton nachdenkend, einem Weibe, das sich ihm mit
Leidenschaft ergibt, wird das viel schwerer werden. Alles, was aussieht, wie
Trotz und Eigensinn, wird er mit herber Strenge brechen, und die Besiegte wird
er nicht schonen. Aber wo ihm ein wrdiger und gehaltener Sinn entgegentritt,
wird er ihn ehren. Und wenn ich jemals in die Lage kme, seiner knftigen Gattin
einen Rat zu geben, so wre es der Rat, da sie gerade ihm gegenber sich vor
allem hte, was bei Frauen fr gewagt oder keck gilt. Was ihm eine Fremde
angenehm macht, weil es ihm schnell leichte Vertraulichkeit gestattet, gerade
das wird er an seiner Hausfrau am wenigsten achten.
    Lenore lehnte sich fester an ihn an und senkte ihr Haupt. So kehrten beide
in tiefem Schweigen auf das Schlo zurck.
    Am Nachmittage ging Anton an Karls Seite noch einmal durch Feld und Wald.
Immer hatte er das Leben auf dem Gute als einen Aufenthalt in der Fremde
empfunden, und jetzt, wo er scheiden sollte, erschien ihm alles so vertraut, wie
in seiner Heimat. berall fand er etwas, worber er in dem Jahre gesorgt hatte;
an den Ackerstcken, den Husern, den Tieren und dem Gert haftete seine Arbeit.
Er hatte den Weizen gekauft, der auf diesem Stck stand, er hatte die neuen
Pflge besorgt, womit der Knecht, den er in Dienst genommen, ackerte. Dort hatte
er ein Dach gedeckt, hier eine schadhafte Brcke ausgebessert. Und wie jeder,
der neu in eine Ttigkeit hineinkommt, hatte er auf das frisch erworbene Wissen
gern Plne gebaut, ber allen Teilen des Gutes schwebten Entwrfe, Hoffnungen
und Glck verheiende Projekte. Stets hatte er beklagt, da er zu wenig fr die
Geschfte vorbereitet war, die er so schnell bernommen hatte; jetzt, wo er sich
von ihnen lste, empfand er nur, wie lieb sie ihm waren. - In der Frsterei sa
er noch eine Stunde mit dem ehrlichen Alten zusammen. Drauen warf der Herbst
die Bltter von den Bumen und entfrbte das lustige Grn der Natur. Hier um den
Alten grnte der Wald, und in der vollen Kraft der spten Mannesjahre sa der
trotzige Waldmann ihm gegenber. Beim Abschied an der Pforte sagte der Frster:
Als Sie zuerst die Hand an diese Tr legten, dachte ich nicht, da die Bume
ber uns so fest stehen wrden, und da ich noch einmal anfangen sollte, mit
andern Menschen zu leben. Sie haben einem alten Mann das Sterben schwergemacht,
Herr Wohlfart.
    Die Trennungsstunde kam. Anton suchte den Freiherrn in seinem Zimmer auf und
nahm von ihm einen kurzen und frmlichen Abschied, Lenore war ganz aufgelst in
weichem Gefhl, und Fink herzlich gegen ihn, wie gegen einen Bruder. Als Anton
neben ihm stand und mit Rhrung auf Lenore hinsah, sagte Fink: Sei ruhig, mein
Freund, hier wenigstens werde ich versuchen zu sein, wie du warst. Fink und
Lenore begleiteten den Scheidenden zum Wagen, noch einen Blick warf Anton auf
das Schlo, das an dem grauen Herbsttage so finster auf der den Ebene stand,
wie damals, wo er eingekehrt war. Dann sprang er in den Wagen, ein letzter
Hndedruck, ein Lebewohl; Karl ergriff die Zgel, sie lenkten bei der Scheuer in
den Dorfweg, das Schlo war verschwunden. Die Reihe der schlechten Dorfhtten,
die Brcke am Bach, den Wald, alles sah er zum letztenmal fr lange Zeit. Am
Ende des Waldes, an der Grenze des Gutes, dort, wo der Weg nach Kunau und
Neudorf abgeht, hielt Karl an. Ein Trupp Mnner stand am Grenzstein. Es waren
die Leute vom Gut, der Frster, der Vogt und der Schfer, dann der Schmied von
Kunau mit einigen Nachbarn, und der Sohn des Schulzen von Neudorf.
    Erfreut sprang Anton vom Wagen und begrte noch einmal die Genossen.
    Der Vater schickt mich, Sie zu gren, sprach der Schulzensohn; es geht
besser mit seinen Wunden, aber er darf noch nicht aus der Stube, und der
Kunauer Schmied rief ihm als letztes Lebewohl nach: Gren Sie unsere
Landsleute da drin im Deutschen, und sie sollen unser niemals vergessen.
    Schweigend, wie am Tage seiner Ankunft, fuhr Anton neben seinem Getreuen auf
der Landstrae dahin. Er war jetzt frei, frei von dem Zauber, der ihn
hierhergelockt hatte, frei von manchem Vorurteil, aber er war frei wie ein Vogel
in der Luft. Er hatte ein Jahr rastlos gearbeitet und er mute sich jetzt lsen
von allem, was ihn hier beschftigt hatte; er hatte die gerade Linie seines
Lebens verlassen, um fr andere ttig zu sein, und er ging jetzt, sich selbst
neue Arbeit zu suchen, er mute von vorn anfangen. Ob er seine eigene Zukunft
durch dieses Jahr strker oder schwcher gemacht hatte, das war noch die Frage.
Er hatte kennengelernt, wie hohen Wert ein sicheres, geformtes und gesundes
Leben in selbstndiger Ttigkeit habe, und er fhlte jetzt, da er diesem Ziel
ferner stehe, als vor einem Jahr. Er erkannte, da er mit seiner eigenen Kraft
ein keckes Spiel gewagt, und der Gedanke fiel wie ein trber Hauch auf den
Spiegel, in dem er die Gestalten der letzten Vergangenheit sah. Aber er bereute
nicht, was er getan. Er hatte Verluste gehabt, aber auch gewonnen, er hatte
durchgesetzt, da auf unkultivierter Flche ein neues Leben aufgrnte; er hatte
geholfen, eine neue Kolonie seines Volkes zu grnden, er hatte den Menschen, die
er liebte, den Weg zu einer sichern Zukunft gebahnt; er selbst fhlte sich
reifer, erfahrener, ruhiger. Und so sah er ber die Hupter der Pferde, die ihn
seiner Heimat zufhrten, und sagte zu sich selbst: Vorwrts! ich bin frei, und
mein Weg ist jetzt klar.

                                       2


Unterdes stand Antons Hausgeist, die lederfarbene Katze, traurig auf ihrem
Postament. Ein Jahr voll Grimm und Getse war vergangen, die Katze hatte nichts
davon gemerkt. Mit gesenktem Haupte sah sie in die leere Stube. Die Rouleaus
waren niedergelassen, und kein Sonnenstrahl streifte ihr an die kleinen Ohren.
Nichts regte sich in dem Zimmer, als der Staub, welcher zu den Fenstern
eindrang, eine Weile um die Katze wirbelte und endlich mde dahinsank auf ihr
Gipsfell, auf den Schreibtisch und den Teppich des Fubodens. Es war ein
schlimmes Jahr fr den Gips, und er wre in der Einsamkeit untergegangen, da
man seine schlauen uglein und sein glattes Fell unter mifarbigem Staub
nimmermehr erkannt htte, wenn ihm nicht manchmal ein freundschaftlicher Besuch
zu Hilfe gekommen wre. Denn an stillen Abenden vergoldete der Schein einer
wandernden Lampe das Barthaar der Katze. Dann fuhr eine weiche Hand ihr
liebkosend ber das Fell, die Fenster der Stube wurden auf eine Viertelstunde
geffnet, etwas Mondschein drang in das Zimmer, und einige Schwmme und Brsten
dienstbarer Mdchen fuhren schnell ber den Fuboden. Dann schnurrte die Katze
ein wenig, aber gleich darauf fiel ihr ihre Verlassenheit schwer aufs Herz, und
sie versank wieder in ihren regungslosen Zustand.
    Heut ist eine frische Mondnacht, alles im Hause schlft, in allen Stuben und
Kammern sind die Menschen zur Ruh' gegangen, alles schlft und niemand denkt
daran, da er sich zur Heimkehr bereitet, der schon ein Kind der Handlung war,
als ihn sein alter Vater mit dem Samtkppchen noch auf dem Knie hielt. Kein
Mensch im Hause denkt daran, und wer wei, ob viele es wnschen. Aber das groe
Haus wei es, und in der Nacht rhrt sich's in allen Winkeln. Und es knistert im
Holz, und es summt in den Galerien, und es arbeitet leise in allen
Wandverschlgen, der Mondschein berzieht heut alle Gnge mit mattem Silber, und
in den geheimsten Winkeln zittert ein dmmriges Licht.
    Wer heut nacht die gelbe Katze sehen knnte, der wrde sich wohl wundern.
Sie leckt sich und strhlt sich, sie streckt die steifen Beinchen und hebt den
Schwanz lustig in die Hhe; endlich springt sie vom Schreibtisch herunter und
zur Stubentr hinaus in den Hof. Feierlich schreitet sie durch alle Gnge und
Lcher des Hauses. Und wo sie hinkommt, da wird es lebendig, und alles kleine
Gesindel von Hausgeistern, das in einem solchen Baue unvermeidlich ist, das
rhrt sich und fhrt aufgeregt durcheinander. Graue, schattenhafte Kerlchen
kommen aus den Ofenlchern und unter den Pulten der Schreibstube
hervorgeschlpft, sie fegen die Treppen und die Gnge rein und fahren um den
alten Pluto herum, der neben dem schlafenden Hausknecht die Wache hlt, so da
der groe Hund nicht einschlafen kann und mit Knurren und leisem Gebell auf die
Arbeit der Heimlichen hinblickt.
    Und die Katze kommt bei der Schlafkammer Sabinens vorbei und miaut leise,
fr Menschen unhrbar; aber das Wichtelmnnchen, das dort in der Hhlung von
Sabinens Lampe wohnt, kommt nicht heraus, es schttelt mit dem Kopf und murmelt:
Wir wollen uns nicht freuen; und im Zimmer des Kaufmanns ist auch kein guter
Wille, die Ankunft des Entfernten zu feiern, ja was von dem stillen Volk dort
wohnt, das ist stolz und schimpft durchs Schlsselloch auf die Katze. Aber der
Gips lt sich nicht stren; und das ganze brige Haus lt sich nicht stren.
Und auf der groen Waage sitzt eine zahlreiche lustige Gesellschaft. Was von
Wichtelmnnchen im Hause ist, und es gibt viel solches Zeug in dem fleiigen
Hause, das ist heut zu groer Festfeier versammelt, und in der Mitte sitzt die
Katze, schnurrend und glnzend, und sie leckt sich vor Freude, und die
Lustigkeiten der Soziett klettern hinauf zu dem Balken der Waage und schneiden
von da Gesichter gegen die Stube des Prinzipals, ja auch gegen ihren Liebling
Sabine.
    Kein Mensch wei, da er zurckkommen wird, aber das Haus merkt es, und es
schmckt sich und ffnet seine Tren, den heimkehrenden Freund zu empfangen.
    Es ist den Tag darauf gegen Abend, Sabine steht in ihrer Schatzkammer vor
den geffneten Schrnken, sie ordnet die neue Wsche und bindet wieder
rosafarbene Zettel um die Nummern der Gedecke. Natrlich wei sie von nichts und
sie ahnt nichts. Ihr weier Damast glnzt heut wie Silber und Atlas; der
geschliffene Glasdeckel, den sie von dem alten Familienpokal hebt, gibt einen
frhlichen Klang gleich einer Glocke, und lange noch zittern die Schwingungen in
dem Holz des groen Schrankes nach. Alle gemalten Kpfe auf ihren
Porzellantassen sahen heut ausnehmend lustig aus, Doktor Martinus Luther und der
Schwarzknstler Faust verziehen die Gesichter und lachen, sogar der Schiller
lchelt, und es ist gar nicht zu sagen, wie sehr der alte Fritz lacht. Es blinkt
und schimmert in allen Fchern der Schrnke, jeder alte Glasnapf versprt ein
heimliches Ziehen und Klingen; nur Sabine merkt nichts, die kluge Herrin des
Hauses wei gar nicht, was alle Kleinen wissen. Oder ahnt sie doch etwas? Horch!
sie singt. Lange ist kein frhliches Lied von ihren Lippen geflogen, heut aber
ist ihr leicht ums Herz, und wenn sie auf das glnzende Heer von Glas und Silber
sieht, das vor ihr im Schranke aufgestellt ist, fllt etwas von dem bunten Glanz
in ihre Seele; ihre Lippen bewegen sich, und leise, wie der Gesang eines
Waldvogels, klingt ein Lied aus der Kinderzeit in der kleinen Stube. Und von dem
Schrank tritt sie pltzlich ans Fenster, wo das Bild ihrer Mutter ber dem
Lehnstuhl hngt, und sie sieht das Bild frhlich an und singt vor dem Angesicht
der Mutter dasselbe Kinderlied, das die Mutter vom Lehnstuhl aus einst der
kleinen Sabine gesungen.
    Da gleitet eine verhllte Gestalt durch den Hausflur. Im offenen
Warengewlbe steht Balbus, der jetzt im Kreis der groen Waage befiehlt, er
sieht mit halbem Blick auf die Gestalt und denkt verwundert: Der sieht ein
wenig Anton hnlich. Die Hausknechte schlagen eine Kiste zu, und der lteste
wendet sich zufllig herum und sieht einen Schatten, der durch die Laterne auf
die Wand geworfen wird, und hlt einen Augenblick mit Schlagen inne und sagt:
Das war fast, als wenn's Herr Wohlfart wre. Und hinten im Hofe hrt man ein
lautes Bellen und das Springen des Hundes, und Pluto kommt auer sich zu den
Hausknechten gelaufen und schlgt mit dem Schwanze, bellt und leckt ihre Hnde
und erzhlt in seiner Art die ganze Geschichte. Aber auch die Hausknechte wissen
von nichts, und einer sagt: Es war ein Geist, man sieht nichts mehr.
    Da ffnete sich die Tr zu Sabinens Kammer. Sind Sie's, Franz? fragt
Sabine sich unterbrechend. Niemand antwortet. Sie wendet sich um, ihr Auge
blickt gespannt und ngstlich auf die Mnnergestalt, welche an der Tr steht. Da
zittert ihre Hand und fat nach der Lehne des Stuhls, sie hlt sich fest und er
eilt auf sie zu, und in leidenschaftlicher Bewegung, ohne da er wei, was er
tut, kniet er neben dem Stuhl nieder, in den sie gesunken ist, und legt sein
Haupt auf ihre Hand.
    Das war Anton. Keines sprach ein Wort. Wie auf eine holde Erscheinung sah
Sabine auf den Knienden nieder, und leise legt sie die andere Hand auf seine
Schulter. Und in dem Raume blinkt und klingt es fort; die Lampe wirft ihren
hellen Schein auf die beiden Kinder der Handlung, und das Bild der Hausfrau ber
dem Armstuhl sieht freundlich auf die Gruppe herab.
    Sie frug nicht, weshalb er kam, nicht ob er frei war von dem Zauber, der ihn
fortgetrieben hatte. Als er vor ihr kniete und sie in sein offenes Auge sah, das
ngstlich und voll Zrtlichkeit das ihre suchte, da verstand sie, da er
zurckkehrte zu dem Hause, zum Bruder, zu ihr.
    So lange waren Sie in der Fremde, sagte sie klagend, aber mit einem
seligen Lcheln auf ihrem Antlitz.
    Immer war ich hier, rief Anton leidenschaftlich. Schon in der Stunde, wo
ich von diesen Mauern schied, wute ich, da ich alles aufgab, was fr mich
Friede und Glck heit. Jetzt treibt es mich unwiderstehlich in Ihre Nhe, ich
mu Ihnen sagen, wie es in mir aussieht. Sie habe ich verehrt wie ein geweihtes
Bild, solange ich in Ihrer Nhe lebte. Der Gedanke an Sie war auch in der Fremde
mein Schutz. Er behtete mich in der Einsamkeit, in einem ungeordneten Leben, in
groer Versuchung. Ihre Gestalt stellte sich rettend zwischen mich und eine
andere. Oft sah ich Ihr Auge auf mich gerichtet, wie damals, wo ich bei Ihnen
Hilfe suchte vor mir selbst; oft erhob sich Ihre Hand, sie winkte und warnte vor
der Gefahr, die mich lockte. Wenn ich mich nicht verloren habe, Ihnen, Sabine,
danke ich das.
    Wieder beugte er sich ber ihre Hand. Sabine hielt ihn fest und sprach leise
ber seinem Haupt: Mein Freund, mein lieber Freund! Beide muten wir dasselbe
erfahren, wir haben getrumt, und mit unserem Gefhl gerungen, und wir haben uns
entschlossen, beide haben wir berwunden. Was mssen Sie gelitten haben, mein
Freund!
    Nein, rief Anton, es war nicht dasselbe Leid und nicht dieselbe Kraft.
Ich habe Sie damals gesehen und angebetet, whrend Sie in stiller Fassung sich
selbst vertrauten. Ich war ein schwacher, begehrlicher Mann, und ich wei nicht,
wohin ich gekommen wre, wenn nicht die Erinnerung an Sie in meiner Seele gelebt
htte. In der Ferne wurde die Macht, die Ihr Wesen auf mich ausbt, immer
grer, und nur weil ich an Sie dachte, wurde ich frei.
    Und wissen Sie denn, ob es bei mir nicht ebenso war? frug Sabine und sah
ihn zrtlich an.
    Sabine! rief Anton hingerissen.
    Ja, das ist Ihr ehrliches Angesicht, rief das Mdchen. Ach, auch in Ihren
Zgen finde ich die Spur der eisernen Zeit. - Sie erhob sich. Wir haben von
Ihren Heldentaten gehrt, obgleich Sie in dem langen Jahr nichts fr uns hatten,
als einen kurzen Gru.
    Durfte ich anders? unterbrach sie Anton eifrig.
    Sabine nickte ihm zu. Wie habe ich auf jede Nachricht gelauscht, die uns
durch Ihre Vertrauten kam. Wenn ich in diesen sicheren Mauern an den Freund
dachte, der drauen unter erbitterten Feinden lebte, jedem Angriff der Wtenden
ausgesetzt - Wohlfart, Wohlfart, ich freue mich, da ich Sie wiedersehe!
    Ein anderer hat jetzt das Gut und die Sorge fr die Schutzlosen, erwiderte
Anton.
    Es ist eine Fgung des Schicksals, da es so gekommen ist, rief Sabine und
sah mit holder Freude auf den Wiedergefundenen.
    In dem gleichfrmigen Leben des Hauses hat sie jahrelang eine herzliche
Neigung zu Anton herumgetragen. Seit er von ihr gezogen, wei sie, da sie ihn
liebt, mit stiller Fassung hat sie wieder den Schmerz in sich verschlossen.
Weder ihre Liebe, noch ihre Entsagung ist in dem regelmigen Hause sichtbar
geworden. Kaum durch einen Blick, durch keine Miene hat sie verraten, was in ihr
vorgeht; wie sich fr das Kind einer Handlung schickt, in welcher das Soll und
Haben der Menschen pnktlich und ohne alles Gefhl gebucht wird. Jetzt, in der
Freude des Wiedersehens bricht aus ihrem gehaltenen Wesen die Blte der
Leidenschaft. Sie steht in strahlender Freude vor dem Mann und denkt an nichts,
als das Glck, ihn wiederzuhaben, und sie merkt in ihrer Freude nicht, da in
Antons bleichen Zgen noch eine andere Empfindung zuckt. Er hat sie gefunden,
aber nur, um sie fr immer zu verlieren.
    Noch immer hlt ihn Sabine an der Hand und sie zieht ihn fort durch die
Glasgalerie ber den Flur bis an das Arbeitszimmer des Bruders.
    Was tust du, Sabine? Dies Haus ist ein gutes Haus, aber es ist keins, wo man
poetisch fhlt und sich leicht rhren lt, die Arme schnell ffnet und den ans
Herz drckt, der grade kommt, um hereinzufallen. Es ist ein nchternes,
prosaisches Haus! Mit kurzen Worten wird hier gefordert und verweigert. Und es
ist ein stolzes und strenges Haus! Denke daran! Kein zrtlicher Willkommen wird
es sein, zu dem du deinen Freund fhrst.
    Das empfand auch Sabine, und ihr Fu zgerte einen Augenblick, ehe sie die
Tr ffnete, aber sie entschlo sich schnell, und Antons Hand festhaltend, zog
sie ihn ber die Schwelle, und mit glcklichem Antlitz rief sie dem Bruder zu:
Hier ist er, er kommt zu uns zurck!
    Der Kaufmann erhob sich von seinem Arbeitstisch, aber er blieb am Tisch
stehen, und was er zuerst sprach, ruhig, kalt im Ton des Befehls, das waren die
Worte: Lassen Sie die Hand meiner Schwester los, Herr Wohlfart.
    Sabine trat zurck, Anton stand allein in der Mitte des Zimmers und sah
erschttert auf den Kaufmann. Die krftige Gestalt des Mannes war in dem letzten
Jahr gealtert, sein Haar ergraut, die Zge noch tiefer gefurcht. Nicht klein war
der Kampf gewesen, der ihn so verndert hatte. Da ich auf die Gefahr, Ihnen
unwillkommen zu sein, hier eintrete, sprach Anton, wird Ihnen zeigen, wie
stark meine Sehnsucht war, Sie und die Handlung wiederzusehn. Habe ich einst
Ihre Unzufriedenheit erregt, lassen Sie mich das nicht in dieser Stunde fhlen.
    Der Kaufmann wandte sich zu seiner Schwester: Verla uns, Sabine, was ich
mit Herrn Wohlfart zu besprechen habe, will ich ohne Zeugen abmachen. Sabine
eilte auf den Bruder zu und stand ihm aufgerichtet gegenber. Sie sprach kein
Wort, aber mit hellem Blick, in dem ein fester Entschlu zu lesen war, sah sie
in seine zusammengezogenen Augen, dann verlie sie das Zimmer. Der Kaufmann sah
ihr dster nach und wandte sich zu Anton: Was fhrt Sie zu uns zurck,
Wohlfart? frug er, haben Sie auf dem Lande nicht erreicht, was Ihr
jugendlicher Eifer trumte, und kommen Sie jetzt her, in dem Brgerhause das
Glck zu suchen, das Ihnen einst fr Ihre Ansprche zu leicht schien? Ich hre,
Ihr Freund Fink hat sich auf dem Gut des Freiherrn festgesetzt, hat er sie in
unser Haus zurckgeschickt, weil Sie ihm dort im Wege waren?
    Antons Stirn umwlkte sich. Nicht als Abenteurer, welcher das Glck sucht,
trete ich vor Ihre Augen. Sie sind ungerecht, wenn Sie einen solchen Verdacht
aussprechen, und mir ziemt nicht, ihn zu ertragen. Es gab eine Zeit, wo Sie
freundlicher ber mich urteilten, an diese Zeit dachte ich, als ich Sie
aufsuchte; ich denke jetzt daran, um Ihre krnkenden Worte zu verzeihn.
    Sie haben mir einst gesagt, fuhr der Kaufmann fort, da Sie sich in
meiner Handlung und in diesem Haus fhlten, wie in Ihrer Heimat. Und Sie hatten
hier eine Heimat, Wohlfart, in unseren Herzen und im Geschft. In einer leichten
Wallung haben Sie uns aufgegeben, und wir, trauernd und mit schwerem Herzen,
haben mit Ihnen dasselbe getan. Wozu kehren Sie zurck? Sie knnen uns kein
Fremder sein, denn wir haben Sie liebgehabt, und ich persnlich bin Ihnen tief
verpflichtet. Sie knnen uns der alte Freund nicht mehr sein, denn Sie selbst
haben gewaltsam das Band gelst, das Sie an uns fesselte. Sie haben mich gerade,
als ich so etwas am allerwenigsten erwartete, daran erinnert, da nur ein
einfaches Kontraktverhltnis Sie in meinem Comtoir festhielt. Was suchen Sie
jetzt? Wollen Sie wieder einen Platz in meinem Comtoir, oder wollen Sie, wie es
den Anschein hat, noch mehr?
    Ich will nichts, rief Anton in berstrmendem Gefhl, nichts, als die
Vershnung mit Ihnen. Ich will keinen Platz im Comtoir und nichts anderes. In
der Stunde, wo ich das Gut des Freiherrn verlie, stand in mir fest, da mein
erster Weg in Ihr Haus sein mute, und mein nchster wieder hinaus, um mir
woanders eine Ttigkeit zu suchen. Was ich auch in diesem Jahr verloren habe,
meine Selbstachtung habe ich nicht verloren, und wenn Sie mir so freundlich
entgegengekommen wren, wie mein Herz mich zu Ihnen zog, ich wrde Ihnen in der
ersten Stunde dasselbe gesagt haben, was Sie jetzt von mir hren wollen. Ich
wei, da ich nicht hierbleiben kann. Ich habe es schon in der Fremde gefhlt,
sooft ich an dies Haus dachte. Seit ich diese Mauern betreten habe, und seit ich
Ihre Schwester wiedergesehn, seitdem wei ich, da ich nicht hier bleiben darf,
ohne unehrlich zu handeln.
    Der Kaufmann trat an das Fenster und sah schweigend in die Nacht hinaus. Als
er sich umwandte, war die Hrte von seinem Gesicht verschwunden, er sah mit
prfendem Blick auf Anton. Das war ehrlich gesprochen, Wohlfart, sagte er
endlich, und ich will hoffen, auch ehrlich gedacht; und eben so offen will ich
Ihnen sagen, es tut mir noch jetzt leid, da Sie von uns gegangen sind. Ich
kannte Sie, wie selten ein lterer Mann den jngeren kennenlernt; unter meinen
Augen waren Sie in der Handlung heraufgekommen, ich konnte auf die Reinheit
Ihrer Empfindungen vertrauen, ich wute, da kein unehrenhafter Gedanke in Ihrer
Seele heimisch war. Jetzt, lieber Wohlfahrt, sind Sie mir ein Fremder geworden.
Verzeihen Sie, da ich Ihnen das sage. Ein ungeregeltes Begehren hat Sie in
Verhltnisse gelockt, welche nach allem, was ich davon wei, ungesund sein
mssen fr jeden, der darin lebt. Sie haben in einer Landschaft, wo die Gewissen
oft weiter sind, als bei uns, und die menschlichen Verhltnisse weniger fest
geordnet, die Verwaltung eines zerrtteten Wohlstandes gehabt, Sie sind der
Vertraute eines bankrotten Schuldners gewesen, der manche Eigenschaft eines
braven Mannes bewahrt haben mag, der aber in schlechten Geschften mit
verzweifelten Menschen das verloren hat, was in meiner Handlung Ehre heit. Gern
nehme ich an, da Ihre Redlichkeit sich geweigert hat, dort etwas zu tun, was
gegen Ihre berzeugung war; aber, Wohlfart, ich wiederhole Ihnen jetzt, was ich
Ihnen schon frher gesagt habe: jede fortgesetzte Ttigkeit unter Schwachen und
Schlechten bringt auch den Ehrenmann in Gefahr. Allmhlich und ohne da er es
merkt, erscheint ihm ertrglich, was ein anderer in sicherer Lage von sich
fernhalten wird, und die gebieterische Notwendigkeit zwingt ihn, in Maregeln zu
willigen, die er anderswo mit kurzem Entschlu abgewiesen htte. Ich bin
berzeugt, da Sie geblieben sind, was die Welt einen ehrenhaften Geschftsmann
nennt, aber die stolze Reinheit Ihrer kaufmnnischen Ehre, die leider bei vielen
in unsrer Geschftswelt fr eine Pedanterie gilt, ob Sie die sich bewahrt haben,
das wei ich nicht; und da ich in der Stunde, wo ich Sie wiedersehe, daran
zweifeln mu, und da ich Ihnen das sagen mu, sehen Sie, das macht mir diese
Zusammenkunft schmerzlich.
    Anton wurde bleich wie das Tuch, das er in der Hand hielt, und seine Lippe
zitterte, als er antwortete: Es ist genug, Herr Schrter! Da Sie mir in der
ersten Stunde das Bitterste sagen, was man einem Gegner sagt, ist mir ein
Beweis, da ich unrecht getan habe, dies Haus wieder zu betreten. Ja, Sie haben
recht. In dieser ganzen Zeit hat mich das Gefhl nicht verlassen, da die
Gefahr, die Sie erwhnen, um meine Seele schwebte. In dem ganzen Jahr habe ich
als das grte Unglck empfunden, da die Geschfte, fr welche ich mich
interessieren mute, mir nicht erlaubten, den Mann hochzuachten, fr den ich
arbeitete. Ihnen aber darf ich, nicht weniger stolz als Sie, antworten, da die
Reinheit des Mannes, welche sich ngstlich vor der Versuchung zurckzieht,
nichts wert ist, und wenn ich etwas aus einem Jahr voll Krnkungen und bitterer
Gefhle mir gerettet habe, so ist es gerade der Stolz, da ich selbst geprft
worden bin, und da ich nicht mehr wie ein Knabe aus Instinkt und Gewohnheit
handle, sondern als ein Mann, nach Grundstzen. Ich habe in diesem Jahr zu mir
ein Vertrauen gewonnen, das ich frher nicht hatte; und weil ich mich selbst
achten gelernt habe, so sage ich Ihnen jetzt, da ich Ihren Zweifel sehr wohl
verstehe, da ich aber, seit Sie ihn ausgesprochen, das Band fr zerrissen
halte, welches mich auch in der Fremde an Ihr Haus fesselte. Ich gehe, um diese
Sttte nicht wieder zu betreten. Leben Sie wohl, Herr Schrter!
    Anton wandte sich zum Gehn, der Kaufmann eilte ihm nach, und seine Hand
legte sich auf Antons Schulter.
    Nicht so schnell, Wohlfart, sagte der Kaufmann weich; der Mann, welcher
den Streich des polnischen Sbels von mir abgewandt hat, soll nicht gekrnkt und
im Zorn mein Haus verlassen.
    Erinnern Sie uns beide nicht an die Vergangenheit, sagte Anton, das ist
jetzt unntz. Nicht ich, Sie selbst haben Krnkung und Zorn in unser Wiedersehn
gebracht. Und Sie, nicht ich, haben vernichtet, was uns aus alter Zeit
aneinanderfesselte.
    Nein, Wohlfart, sagte der Kaufmann. Wenn ich Sie durch meine Worte mehr
verletzt habe, als ich wollte, so sehn Sie das meinem grauen Haar nach, und
einem Herzen, welches jahrelang voll schwerer Sorgen war, auch voll Sorgen um
Sie. Wir sehen uns beide nicht so wieder, wie wir uns getrennt haben, und wenn
zwei Mnner etwas gegeneinander auf der Seele haben, so sollen sie das in der
Stunde des Wiedersehens ehrlich aussprechen, damit ihr Verhltnis klar werde.
Wren Sie mir weniger wert, so htte ich mein Bedenken wohl zurckgehalten, und
mein Gru wre hflicher gewesen. Jetzt aber biete ich Ihnen den Willkommen.
Schlagen Sie ein.
    Anton legte seine Hand in die des Kaufmanns und sprach. Leben Sie wohl.
    Der Kaufmann aber hielt die Hand Antons fest und sagte lchelnd: Nicht so
schnell; ich lasse Sie noch nicht fort. - Denken Sie, da es ihr ltester
Bekannter ist, der Sie jetzt ersucht, zu bleiben, fgte er ernst hinzu, als
Anton noch immer an der Tr still stand.
    Ich bleibe heut abend, Herr Schrter, sagte Anton mit Haltung.
    Der Kaufmann fhrte ihn zum Sofa. Manches habe ich von Ihren Abenteuern
gehrt, aus Ihrem Munde mchte ich das vollstndiger erfahren. Und auch Sie
werden Interesse daran nehmen, wie es uns gegangen ist, davon zuerst. Er begann
zu erzhlen, was unterdes in der Handlung geschehen war. Es war kein heiteres
Bild, das er Anton zeigte, aber sein Bericht bannte aus Antons Herzen einen Teil
der Klte, welche der herbe Empfang des Prinzipals angesammelt hatte, denn Anton
verstand, welches Vertrauen der Kaufmann ihm durch seine Worte schenkte. Dieser
erwhnte manches, was der Geschftsmann nur selten seinen Freunden mitteilt,
alle wichtigeren Geschfte, den geringen Gewinn und die groen Verluste des
letzten Jahres.
    Nach und nach zog wieder Friede und ein Schimmer von Behagen durch das Haus,
alle guten Hausgeister, die whrend der Unterredung zwischen den beiden Mnnern
erschreckt in die Mauselcher gekrochen waren, steckten jetzt mutig die Kpfe
hervor, und die unter dem Geheimbuch fingen an, gegen die andern vertraulich zu
werden.
    Unvermerkt war Anton in das Geschft zurckversetzt, schnell machte er alle
Stimmungen des Jahres noch einmal durch, wieder rtete sich seine Wange, sein
erloschenes Auge erhielt Glanz, und unwillkrlich begann er von den Geschften
der Handlung zu sprechen, als gehrte er noch dazu. Da hielt ihm der Kaufmann
wieder mit trbem Lcheln die Hand hin, und jetzt schlug Anton herzhaft ein, die
Vershnung war geschlossen.
    Und jetzt sprechen wir von Ihnen, lieber Wohlfart, fuhr der Kaufmann fort;
Sie haben mir einst ber Ihre Ttigkeit fr den Freiherrn Mitteilungen gemacht,
die ich damals ungeduldig zurckwies, jetzt bitte ich Sie mir zu erzhlen, was
Sie drfen.
    Anton berichtete, was kein Geheimnis war; der Kaufmann hrte gespannt, ja
ngstlich auf alles, was Anton von den Geschften des Freiherrn und seiner
eigenen Arbeit erwhnte. Anton sprach mit Zurckhaltung, denn sein Stolz bumte
in der Stille gegen das Ausfragen auf. Aber er gnnte dem Kaufmann doch manches,
was dazu half, diesen getrosten Muts zu machen.
    Erlauben Sie mir auch ber Ihre Zukunft zu reden, begann der Kaufmann
endlich und erhob sich von seinem Stuhl. Nach dem, was Sie mir angedeutet
haben, fordere ich Sie nicht auf, die nchsten Jahre in meinem Geschft
zuzubringen, so willkommen Ihre Hilfe mir gerade jetzt wre. Aber ich bitte, da
Sie mir berlassen, eine Stellung zu suchen, die fr Sie pat. Wir wollen
gemeinsam prfen und uns darin nicht bereilen. Unterdes bleiben Sie in den
nchsten Wochen bei uns. Ihr Zimmer ist leer, alles darin unverndert. Wie ich
hre, haben Sie in den nchsten Monaten ohnedies noch eine Verpflichtung zu
erfllen. Davon werden Sie sich unterdes befreien knnen. Und wenn Sie Zeit und
Lust haben, mir nebenbei im Comtoir zu helfen, so wird mir das sehr willkommen
sein. - Was Ihr Verhltnis zu meinem Hause betrifft, fuhr er ernster fort, so
vertraue ich Ihnen vollstndig. Es ist mir Bedrfnis, Ihnen das zu beweisen,
auch deshalb mache ich Ihnen diesen Vorschlag.
    Anton sah schweigend vor sich nieder.
    Ich mute Ihnen nichts Peinliches zu, sagte der Kaufmann; Sie wissen, wie
es in unserm Haushalt zugeht, man mu manchmal die Gelegenheit sehr suchen,
miteinander zu sprechen. Fr Sabine und fr Sie wnsche ich auf einige Wochen
das Zusammenleben in der alten Weise, und wenn die Zeit kommt, ein ruhiges
Scheiden. Ich wnsche das auch meiner Schwester wegen, Wohlfart, fgte er mit
Offenheit hinzu.
    Dann, sagte Anton, bleibe ich.
    Unterdes ging Sabine unruhig in ihrem Zimmer umher und lauschte auf einen
Ton aus der Arbeitsstube des Bruders. Aber wie oft ihr traurige Gedanken kamen,
heut vermochten sie sich nicht festzusetzen. Wieder knisterte das Feuer, und
wieder lauschte sie auf den Schlag der Uhr, aber das Tannenholz knackte und
prasselte heut lustig im Ofen und machte einen ungewhnlichen Lrm. Unaufhrlich
fuhren kleine Freudenraketen in der Glut umher, und die Funken flogen durch das
Zugloch der Ofentr mitten in die Stube. Sie konnte nicht traurig werden und sie
konnte sich nicht ngstigen, denn immer wieder tickte die Uhr in ihre Gedanken:
Er ist gekommen, er ist da!
    Die Tr ffnete sich, die Tante trat eilig herein. Was hre ich! rief die
Tante. Ist es mglich? Franz behauptet, da Wohlfart bei deinem Bruder ist.
    Er ist da, sagte Sabine abgewandt.
    Was ist das wieder fr ein geheimnisvolles Benehmen! fuhr die Tante
unzufrieden fort. Warum bringt Traugott ihn nicht herber? Und in seiner Stube
ist noch nichts zurechtgemacht. Wie kannst du so ruhig hier stehen, Sabine? Ich
begreife dich nicht.
    Ich warte, sagte Sabine leise, aber sie selbst fate mit einer Hand nach
der andern und hielt sie am Gelenk fest, denn die Hand zitterte.
    Da nherten sich Mnnerschritte dem Zimmer, der Kaufmann trat mit Anton ein
und rief schon an der Tr: Hier ist unser Gast. Und als Anton und die Tante
einander freudig begrten, sagte der Kaufmann: Herr Wohlfart wird einige
Wochen bei uns wohnen, bis er eine Stelle gefunden hat, wie ich sie fr ihn
wnsche. Hchlich erstaunt hrte die Tante diesen Beschlu, und Sabine rckte
stark mit den Tassen, um ihre Unruhe zu verbergen. Aber keine der Frauen machte
eine Bemerkung, und die eifrige Unterhaltung an der Abendtafel berdeckte die
Bewegung, welche in allen nachzitterte. Jeder hatte viel zu fragen und viel zu
erzhlen, denn fr alle war das letzte Jahr reich an groen Begebenheiten
gewesen. Wohl war ein Zwang bemerkbar auch in Antons Haltung, als er von seinem
Leben in der Fremde sprach, von Fink und von der deutschen Kolonie, die sich auf
dem Gute festgesetzt hatte. Und mit gesenktem Haupt hrte Sabine auf seine
Worte. Aber der Kaufmann wurde immer heiterer, und als Anton sich erhob, um nach
seinem Zimmer zu gehen, da lag auf dem Angesicht des Kaufmanns fast das gtige
Lcheln von ehedem, krftig schttelte er Antons Hand und sagte im Scherz:
Schlafen Sie wohl und achten Sie auf Ihren Traum in der ersten Nacht; man sagt,
ein solcher Traum geht in Erfllung.
    Und als Anton sich entfernt hatte, zog der Kaufmann die Schwester in das
dunkle Nebenzimmer, dort kte er sie auf die Stirn und sprach ihr leise ins
Ohr: Er ist brav geblieben, das hoffe ich jetzt mit ganzer Seele! Und als er
mit ihr wieder in das Helle trat, da glnzte es feucht in seinem Auge, und er
fing an die Tante mit ihrer stillen Neigung fr Wohlfart zu necken, so da die
gute Tante endlich die Hnde zusammenschlug und ausrief: Der Mann ist heut ganz
ausgelassen.
    
    Ermdet und angegriffen warf sich Anton aufs Lager. Freudenleer erschien ihm
seine Zukunft, und der Gedanke an die bittern Empfindungen des Abends und an den
stillen Kampf der nchsten Wochen lag schwer auf seinem Herzen. Und doch lag er
kurz darauf in ruhigem Schlummer. - Und es wurde wieder still in dem
Patrizierhaus. - Es war ein nchternes altes Haus mit vielen Ecken und mit
einigen verborgenen Winkeln. Es war gar kein Ort fr glhende Schwrmerei und
auflodernde Leidenschaft. Aber es war auch ein gutes Haus und es deckte sicher
jeden, der in seinen Mauern schlief. Und wieder waren die kleinen Heimlichen
heut nacht geschftig, sie fuhren durcheinander und schwatzten und lachten, und
in alle Winkel summte die Nachricht, da das Kind der Handlung zurckgekehrt
war, und der Gips auf dem Postamente sah stolz auf den schlafenden Anton nieder,
hob feierlich seinen hbschen geringelten Schwanz in die Luft und schnurrte die
ganze Nacht hindurch.

                                       3


Am nchsten Morgen eilte Anton zu Ehrenthal. Der Kranke war fr ihn nicht zu
sprechen, die Frauen empfingen ihn so feindselig, da er fr schdlich hielt,
ihnen irgend etwas ber die Absicht seines Besuches zu sagen. Er lie deshalb an
demselben Tage dem Anwalt Ehrenthals durch Justizrat Horn anzeigen, da
zwanzigtausend Taler bereit lgen, um die Ansprche Ehrenthals auf diese Summe
zur Stelle zu tilgen, fr die brigen Forderungen, welche Ehrenthal - ohne
Berechtigung - gegen den Freiherrn erhoben hatte, sollte richterliche
Entscheidung abgewartet werden. Der Anwalt des Glubigers weigerte sich, diese
Zahlung anzunehmen. Sofort lie Anton bei Gericht die ntigen Schritte tun, um
Ehrenthal zur Annahme der Summe und zum Verzicht auf die Ansprche, die er
ihretwegen erhob, zu zwingen.
    Es war gegen Abend, als Anton einen alten Comtoirrock anzog und mit eiligem
Geschftsschritt in das Haus von Lbel Pinkus trat. Durch das Fenster sah er in
die kleine Branntweinstube. Er fand den wrdigen Pinkus hinter seinem
Schenktisch und richtete eine kurze kaufmnnische Frage aus: Herr T.O. Schrter
lt fragen, ob Schmeie Tinkeles aus Brody angekommen ist, oder ob er erwartet
wird. Er soll sich sogleich wegen eines Geschfts in der Handlung einfinden.
    Pinkus erwiderte vorsichtig, Tinkeles sei nicht anwesend, und er wisse
nicht, ob und wann derselbe kommen werde. Tinkeles spreche manchmal bei ihm vor,
manchmal auch nicht, die Sache sei unsicher. Er werde brigens den Auftrag
ausrichten, wenn er den Mann sehe.
    Am andern Tag ffnete der Diener die Tr Antons, und Schmeie Tinkeles
schlpfte in das Zimmer. Willkommen, Tinkeles, rief Anton ihm entgegen und sah
mit stillem Lcheln auf den Mann im Kaftan.
    Der Hndler war berrascht, als er sich Anton gegenber fand. ber sein
verschmitztes Gesicht flog ein Schatten, und eine innere Unruhe wurde aus dem
lebhaften Gewirbel sichtbar, womit er seine Freude ber das Wiedersehen
auszudrcken suchte. Gottes Wunder, da ich Sie leibhaftig wiedersehe, ich habe
mich oft erkundigt im Geschft bei Schrter, und habe nicht knnen erfahren, wo
Sie hingereist sind. Ich habe immer gern mit Ihnen zu tun gehabt, wir haben doch
zusammen gemacht manchen schnen Kauf.
    Wir haben auch Krieg miteinander gefhrt, Tinkeles, warf Anton dazwischen.
    Es war ein schlechtes Geschft, sagte Tinkeles ablenkend, es sieht jetzt
traurig aus mit dem Handel, das Gras wchst auf den Landstraen. Es ist gewesen
eine bse Zeit im Lande. Der beste Mann, wenn er sich schlafen gelegt, hat er
nicht gewut, ob er morgen noch wird Beine haben zum Stehen.
    Ihr habt es doch durchgemacht, Tinkeles, und ich nehme an, die Zeit ist
Euch nicht schlecht bekommen. Setzt Euch, ich habe mit Euch zu reden.
    Wozu setzen? frug der Jude mitrauisch, als Anton nach der Tre ging und
diese verriegelte, beim Geschft hat man keine Zeit zum Sitzen. Verzeihen Sie,
was verriegeln Sie die Tr? Man braucht keinen Riegel, wenn man machen will
Geschfte, es strt uns niemand.
    Ich will mit Euch etwas im Vertrauen besprechen, sagte Anton vor den
Hndler tretend, es soll Euer Schade nicht sein.
    So sprechen Sie, sagte Tinkeles, aber lassen Sie offen die Tr.
    Hrt mich an, begann Anton. Ihr erinnert Euch an die letzte Unterredung,
die wir hatten, damals, als wir auf der Reise zusammentrafen.
    Ich erinnere mich an nichts, sagte der Hndler kopfschttelnd und sah
unbehaglich nach der Tr.
    Ihr gabt mir damals einen guten Rat, und als ich mehr von Euch erfahren
wollte, wart Ihr aus der Stadt verschwunden.
    Das sind alte Geschichten, antwortete Tinkeles immer unbehaglicher. Ich
kann mich jetzt nicht erinnern, ich habe auch zu tun auf dem Markt, ich dachte,
Sie wollten mit mir reden von einem Geschft.
    Es ist ein Geschft, von dem wir sprechen, und es kann fr Euch ein gutes
Geschft werden, sagte Anton nachdrcklich. Er ging an seinen Schreibtisch und
holte eine Geldrolle heraus, die er vor Tinkeles auf den Tisch legte. Diese
hundert Taler gehren dem, welcher mir eine Nachricht gibt, die ich brauche.
Tinkeles sah mit einem schlauen Seitenblick auf die Rolle und erwiderte:
Hundert Talerstcke sind gut, aber ich kann keine Nachricht geben, ich wei von
nichts, ich kann mich nicht besinnen. Sooft ich Sie sehe, fangen Sie an von
rgerlichen Sachen, schlo er unwillig, es ist mir kein Glck, wenn ich habe
mit Ihnen zu tun, ich habe immer nur gehabt Not und Kummer.
    Anton ging schweigend zu seinem Pult und holte eine zweite Geldrolle, die er
neben die erste legte. Zweihundert Taler, sagte er, ergriff die Kreide und
schlo die Rollen durch vier Striche ein. So viel ist Euer, wenn Ihr mir die
Auskunft geben knnt, die ich haben will. Die Blicke des Galiziers hefteten
sich sehnschtig auf das Viereck. Anton stand daneben und wies schweigend mit
dem Finger darauf. Der Hndler kmpfte einen schweren Kampf, er sah auf Anton
und verzog sein Gesicht zu einem harmlosen Lachen; er versuchte unbefangen
auszusehen und blickte wie gleichgltig in der Stube herum; aber immer wieder
fiel sein Blick auf Antons Zeigefinger und das weie Viereck auf dem Tische.
Keiner sprach, das stumme Schweigen dauerte einige Augenblicke, und doch war es
eine lebhafte und beredte Unterhandlung. Immer glnzender wurden die Augen des
Galiziers, immer unruhiger seine Gebrden, er zuckte mit den Schultern, hob die
Brauen in die Hhe und rang heftig von dem Zauber loszukommen, der ihn
festbannte. Endlich wurde ihm der Zustand unertrglich. Er griff mit der Hand
nach den Rollen.
    Erst redet, sagte Anton und hielt die Hand ber das Geld.
    Seien Sie nicht so hart gegen mich, bat Tinkeles.
    Hrt mich an, sagte Anton. Ich will nichts Unrechtes von Euch, nichts,
was ein ehrlicher Mann einem andern verweigern drfte; ich knnte vielleicht
Eure gerichtliche Vernehmung durchsetzen und ohne Kosten zu sicheren
Gestndnissen kommen; ich wei aber von frher, welchen Widerwillen Ihr gegen
das Gericht habt, und nur deshalb biete ich Euch das Geld. Verstndet Ihr eine
andere Sprache, so wrdet Ihr mir sagen, was Ihr wit, wenn ich Euch erzhle,
da eine Familie unglcklich geworden ist dadurch, da Ihr mir frher nicht
alles gesagt habt. Diese Sprache aber wrde bei Euch nichts ntzen.
    Nein, sagte Tinkeles ehrlich, sie wrde nichts ntzen. Lassen Sie sehen
das Geld, das Sie haben hingelegt fr mich. Sind es richtig zweihundert
Talerstcke? fuhr er fort, auf die Rollen starrend. Es ist gut, ich wei, sie
sind richtig. Fragen Sie mich, was Sie wollen wissen.
    Ihr habt mir gesagt, begann Anton, da Itzig, der frhere Buchhalter
Ehrenthals, darauf arbeite, den Freiherrn von Rothsattel zu ruinieren.
    Ist es nicht gewesen, wie ich habe gesagt? frug Tinkeles.
    Ich habe Grund, anzunehmen, da Ihr wahr gesprochen. Ihr habt damals zweie
erwhnt, wer ist der andere?
    Der Hndler stockte; Anton griff nach den Geldrollen. Lassen Sie liegen,
bat Tinkeles die Hand bewegend; der andere heit Hippus, wie ich habe
vernommen. Er ist ein alter Mann und hat gewohnt lange Zeit bei dem Lbel
Pinkus.
    Ist er vom Geschft? frug Anton.
    Er gehrt nicht zu unsern Leuten und ist nicht vom Geschft, er ist
vertauft, er ist gewesen Sachwalter.
    Habt Ihr mit Itzig in irgendeinem Geschft zu tun? frug Anton weiter.
    Soll mich bewahren der gerechte Gott vor diesem Menschen, rief Tinkeles.
An dem ersten Tage, wo er ist gekommen in die Stadt, hat er mir wollen
aufmachen den Schrank, worin sind gewesen meine Sachen. Ich habe gehabt meine
Mhe, ihn zu verhindern, da er mir nicht hat genommen meine Kleider. Er nimmt's
von den Lebendigen. Ich mag nichts zu tun haben mit einem solchen Menschen.
    Um so besser fr Euch, antwortete Anton; jetzt hrt mir zu. Dem Freiherrn
ist ein Kasten gestohlen worden, in welchem wichtige Papiere aufbewahrt wurden.
Der Diebstahl ist in dem Comtoir Ehrenthals verbt worden. Habt Ihr zufllig
etwas ber den Diebstahl gehrt, oder habt Ihr Argwohn, wer der Dieb sein
knnte?
    Der Galizier sah unruhig in der Stube umher, auf Anton und die Rollen, und
sagte endlich entschlossen, die Augen zudrckend: Ich wei von nichts.
    Und gerade dies will ich von Euch erfahren; und dies Geld ist fr den, der
mir darber Auskunft gibt.
    Wenn ich also mu reden, sagte der Galizier, so soll es gesagt sein. Ich
habe gehrt, da der Mensch, welcher heit Hippus, als er ist gewesen betrunken,
hat geschrien und hat gesagt: Jetzt haben wir den Rothschwanz, er ist geliefert,
wegen der Papiere ist er geliefert.
    Und weiter wit Ihr nichts? frug Anton in ngstlicher Spannung. -
Nichts, sagte der Galizier, es ist lange her, und ich habe nur wenig knnen
verstehn, was sie haben miteinander gesprochen.
    Ihr habt das Geld, welches hier liegt, Euch nicht verdienen knnen,
entgegnete Anton nach einer Pause, was Ihr mir gesagt habt, ist wenig. Damit
Ihr aber seht, da mir daran liegt, von Euch Auskunft zu erhalten, so nehmt hier
diese hundert Taler; das zweite Hundert ist Euer, sobald Ihr mir irgendeine Spur
des gestohlnen Kstchens oder der entwendeten Papiere schaffen knnt. Vielleicht
ist das Euch nicht unmglich.
    Es ist nicht mglich, sagte der Galizier bestimmt, die empfangene
Geldrolle in der Hand wgend und die zweite betrachtend. Was der Itzig tut, tut
er nicht so, da ein anderer auf seinen Weg sehen kann, und ich bin doch nur ein
Fremder im Ort und mache keine Geschfte mit Spitzbuben.
    Versucht es doch, entgegnete Anton. Sobald Ihr etwas erfahrt, bringt mir
Nachricht, dies Geld hebe ich fr Euch auf. Ich habe nicht ntig, Euch zu sagen,
da Ihr sehr vorsichtig sein und unter allen Umstnden vermeiden mt, dem Itzig
oder seinen Spiegesellen Argwohn zu geben. Verratet gegen niemand, da Ihr mich
kennt.
    Ich bin kein Kind, antwortete Tinkeles beistimmend, aber ich frchte, ich
werde Ihnen nichts dienen in dieser Sache.
    So entfernte sich der Galizier, nachdem er die Geldrolle in die Tasche
seines Kaftans versenkt hatte.
    Anton hatte den Namen dessen erfahren, der vielleicht den Diebstahl verbt
hatte. Es war ihm die Mglichkeit gegeben, an diesen Namen weitere
Nachforschungen zu knpfen. Aber die Schwierigkeit, die fehlenden Dokumente ohne
Hilfe der Behrde wiederzuerlangen, wurde immer grer. Unter diesen Umstnden
fate er den Entschlu, welcher einem Kaufmann nher lag, als einem Beamten. Es
war ein gewagter Schritt, aber er bot die Mglichkeit, in kurzer Zeit und ohne
Aufsehn die Papiere in die Hnde des Barons zurckzubringen.
    Er wollte mit Itzig selbst in Verbindung treten und das wenige, was er durch
den Galizier erfahren hatte, dem Verschlagenen, Gewissenlosen gegenber so gut
als mglich zu benutzen suchen. Wohl fhlte er, wie unsicher der Schritt sei,
und da ein harter Kampf mit Itzig bevorstehe. Htte er alles gewut, was der
unternehmende Geist des Agenten in sich herumtrug, er htte noch mehr Bedenken
gehabt, den Weg zu machen.
    Itzigs verschmitzter Bursch ffnete die Tr. Anton stand seinem
Schulkameraden gegenber. Der Agent wute bereits, da Anton von dem Gut bei
Rosmin nach der Stadt zurckgekehrt war, und hatte sich auf diesen Besuch
vorbereitet. Einen Augenblick betrachteten die beiden Mnner einander, beide
bemht, in Gesicht und Haltung des Gegners zu lesen und sich zu dem beginnenden
Kampf zu rsten. Beiden hatte ein vieljhriger vorsichtiger Verkehr mit Menschen
und den Interessen des Handels einiges Gleichartige gegeben. Beide waren
gewhnt, den Schein kaltbltiger Ruhe zu behaupten und das Ziel, das sie
erreichen wollten, zu verbergen, beide waren gewhnt an schnelle berlegung, an
behutsames Sprechen, an khle Haltung, beide zeigten auch in Sprache und Gebrde
etwas von der Form, welche der kaufmnnische Verkehr dem Geschftsmann verleiht,
beide waren heut in einer groen innern Aufregung, welche die Wange Antons
rtete und die Backenknochen Veitels mit einem hellen Schimmer berzog. Aber dem
klaren Blick Antons begegnete das Auge des Gegners unruhig und lauernd, dem
herben Ernst seiner Haltung eine Mischung von Trotz und Unterwrfigkeit; beide
erkannten im ersten Augenblick, da der Gegner gefhrlich und schwer zu besiegen
sei, und beide sammelten ihre ganze Kraft. Der Kampf begann. Itzig erffnete ihn
in seiner Weise. Es ist mir eine Freude, auch Sie einmal bei mir zu sehn, Herr
Wohlfart, sagte er mit pltzlicher Freundlichkeit; es ist lange her, da ich
nicht das Vergngen gehabt habe, Ihnen zu begegnen. Ich habe doch immer ein
groes Interesse genommen an Ihnen. Wir sind zusammen in der Schule gewesen, wir
sind an einem Tag hierhergekommen, wir haben uns beide vorwrtsgebracht in der
Welt. Ich hatte gehrt, da Sie seien gegangen nach Amerika. Die Leute reden so
vieles. Ich hoffe, da Sie jetzt wieder in der Stadt bleiben. Vielleicht treten
Sie auch wieder in das Geschft des Herrn Schrter, man sagt, er hat sehr
bedauert Ihren Abgang. - So flossen ihm die Worte von den Lippen, aber sein
Blick suchte von allen Seiten durch die Auenseite Antons durchzudringen in das,
was den Besuchenden beschftigte.
    Er hatte sich eine Ble gegeben, als er sich anstellte, nicht genau zu
wissen, wo Anton in der letzten Zeit gewesen war. Denn da er den Namen
Rothsattel zu nennen vermied, gab Anton die feste berzeugung, er habe Grund,
bei Nennung dieses Namens ungewhnliche Vorsicht zu beobachten.
    Anton erwiderte, diesen Fehler Veitels benutzend, so kalt, als ob der andere
seine ganze Rede in die Luft gesprochen htte: Ich komme, Herr Itzig, um in
einer Geschftsangelegenheit mit Ihnen Rcksprache zu nehmen. Sie sind mit den
Verhltnissen des Familiengutes bekannt, welches dem Baron Rothsattel gehrt und
jetzt im Wege der notwendigen Subhastation verkauft werden soll.
    Im allgemeinen bin ich damit bekannt, antwortete Veitel und lehnte sich
entschlossen an die Ecke des Sofas, wie man bekannt ist mit so etwas; ich habe
manches darber gehrt.
    Sie haben im Comtoir von Ehrenthal die Geschfte desselben mit dem Baron,
welche jahrelang verliefen und die Geldverhltnisse des Gutes betrafen,
geleitet, und mssen, wie sich voraussetzen lt, dadurch genaue Einsicht
erhalten haben. Da gegenwrtig mit Ehrenthal selbst seiner Krankheit wegen ein
geschftlicher Verkehr nicht mglich ist, so ersuche ich Sie um einige
Auskunft.
    Was ich etwa in Ehrenthals Comtoir erfahren habe als Buchhalter, sagte
Itzig, das habe ich im Vertrauen erfahren und kann es einem andern nicht
mitteilen. Ich wundere mich, da Sie so etwas von mir verlangen, schlo er mit
einem malizisen Blicke.
    Anton erwiderte kaltbltig: Ich verlange nichts, wodurch das Pflichtgefhl,
welches Sie uern, verletzt werden knnte. Es liegt mir daran, zu erfahren, in
welchen Hnden die Hypotheken gegenwrtig sind, welche auf dem Gute haften.
    Das knnen Sie leicht erfahren durch einen Auszug aus dem Hypothekenbuch,
sagte Veitel mit wohlangenommener Gleichgltigkeit.
    Sie werden vielleicht gehrt haben, fuhr der angreifende Anton fort, da
einige der Hypotheken in den letzten Monaten am hiesigen Platz aus einer Hand in
die andere gegangen sind; die gegenwrtigen Besitzer sind jedenfalls im
Hypothekenbuche nicht eingetragen. Es ist anzunehmen, da die Instrumente
aufgekauft sind, um einem Kauflustigen bei der Subhastation den Kauf entweder zu
erleichtern, oder auch zu erschweren.
    Bis hierher war das Gesprch eine alltgliche Vorbereitung zum ernsten
Gefecht gewesen, etwa wie die ersten Zge im Schach, oder wie der Anfang eines
Wettrennens. Itzigs Ungeduld fhrte durch einen Sprung weiter hinein.
    Haben Sie Auftrag, das Gut zu kaufen? frug er pltzlich.
    Nehmen Sie an, ich habe einen solchen Auftrag, erwiderte Anton, und ich
wnsche mir dabei Ihre Mitwirkung zu sichern. Sind Sie imstande, mir in
krzester Zeit Auskunft zu verschaffen? Und wollen Sie die etwa ntigen
Verhandlungen wegen Ankauf der Hypotheken bernehmen?
    Itzig berlegte. Es war mglich, da Anton nur deshalb kam, um dem Freiherrn
oder seinem Freunde Fink bei der Subhastation das Gut zu sichern. In diesem Fall
war er in Gefahr, das stille Ziel langer Arbeit, gefhrlicher Taten verrckt zu
sehen. Wenn Fink durch sein Vermgen den Freiherrn rettete, so verlor Itzig das
Gut. Dann wurde dem Pinkus sein Kapital ausgezahlt, und er mute einen anderen
Weg einschlagen, sich von dem Baron Geld zu machen. Whrend er dies in
strmischer Bewegung berlegte, sah er, wie forschend Anton auf ihn blickte. Er
schlo daraus mit dem Scharfsinn eines bsen Gewissens, da Anton etwas von
seinen Plnen erraten habe und da er noch anderes von ihm wolle. Wahrscheinlich
war dieser Antrag nur eine Finte. Er beeilte sich daher mit groer Gelufigkeit,
seine Mitwirkung zu versprechen, und uerte die Hoffnung, da ihm wohl gelingen
werde, die gegenwrtigen Besitzer der Hypotheken noch zu rechter Zeit zu
ermitteln.
    Anton sah, da der Schurke ihn verstanden hatte und auf seiner Hut war. Er
nderte den Angriff.
    Kennen Sie einen gewissen Hippus? frug er schnell und sah seinem Gegner
scharf ins Gesicht.
    Einen Moment zuckten die Augenlider Itzigs, und die leise Rte zeigte sich
wieder auf seiner Wange. Zgernd, als suche er den Namen in seinem Gedchtnis,
antwortete er: Ja, ich kenne ihn. Er ist ein heruntergekommener, nichtsnutziger
Mann.
    Anton merkte, da er den rechten Punkt getroffen hatte, er ging deshalb
schnell vorwrts. Vielleicht erinnern Sie sich, da vor einundeinemhalben Jahr
aus dem Comtoir Ehrenthals eine Kassette des Freiherrn mit Papieren und
Dokumenten gestohlen wurde, welche fr den Freiherrn groe Wichtigkeit hatte.
    Itzig sa ruhig, nur seine Augen fuhren unsicher hin und her. Kein Fremder
wrde dieses Zeichen eines bsen Gewissens erkannt haben, aber Anton sah in den
vernderten Zgen deutlich das alte Gesicht des Ostrauer Schulknaben, dasselbe
Gesicht, welches der Knabe Veitel gemacht hatte, wenn ihm der Diebstahl einer
Feder oder eines Bogens Papier vorgeworfen wurde. Itzig wute um die Papiere, er
wute um den Diebstahl.
    Endlich erwiderte der Agent gleichgltig: Ich habe von der Kassette gehrt,
es war kurz bevor ich Ehrenthals Geschft verlie.
    Wohl, fuhr Anton fort, die gestohlenen Papiere konnten fr den Dieb
keinen Wert haben. Es ist aber Grund, anzunehmen, da dieselben auf irgendeine
Weise in die Hnde eines Dritten hier am Ort gekommen sind.
    Das ist nicht unmglich, antwortete Itzig, aber fr wahrscheinlich halte
ich nicht, da jemand wertlose Papiere so lange aufhebt.
    Ich wei߫, fuhr Anton fort, da die Papiere vorhanden sind, ja ich wei,
da sie dazu benutzt werden sollen, von dem Baron auf irgendeine Weise Vorteile
zu erlangen.
    Itzig bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl, er sah vor sich nieder, und die
Flecke auf seiner Wange wurden immer rter, aber er schwieg, auch Anton machte
eine Pause. berlegend standen beide einander gegenber. Endlich wurde dem
Angegriffenen das Schweigen unertrglich, er rckte sich mit festem Entschlu
zurecht, zwang sich, seinen Gegner anzusehen, und frug mit heiserer Stimme. Und
wozu erwhnen Sie gegen mich diese Sache?
    Sie sollen ber das, was ich will, nicht in Zweifel bleiben, sagte Anton.
Ich wei, da die Papiere hier vorhanden sind, ich habe Grund, anzunehmen, da
es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit mglich sein wird, den Besitzer derselben zu
ermitteln, Sie werden durch jenen Hippus die Auskunft erhalten knnen, welche
Sie etwa noch brauchen.
    Warum durch diesen? frug Veitel schnell.
    Er hat in Gegenwart von Zeugen uerungen getan, welche die sichere
berzeugung begrnden, da er mit dem Inhalt jener Papiere genau bekannt ist.
Itzig prete die Zhne zusammen, und nur ein Murmeln wurde vernehmlich, welches,
bis zu Worten verstrkt, ungefhr gelautet htte: Der betrunkene Schuft!
    Anton fuhr fort: Der Freiherr hat die Rechte, welche Ehrenthal an die
gestohlenen Schulddokumente hat, durch gerichtliche Deposition der betreffenden
Summe bereits abgekauft. Die Kassette und ihr Inhalt sind Eigentum des
Freiherrn. Wenn durch Ihre Hilfe die Papiere geschafft und den Hnden des
Freiherrn oder seines Bevollmchtigten bergeben werden knnen, so wrde der
Freiherr, dem weniger an der Verfolgung des Diebes, als an Wiedererlangung der
Papiere gelegen ist, bereit sein, eine Summe an denjenigen zu zahlen, der ihm
die Dokumente wiederschafft.
    Wohl hatte dieser Antrag fr Itzig viel Lockendes, selbst er hatte in der
ganzen Zeit den Druck des Verbrechens gefhlt, mit steigendem Widerwillen hatte
er die Kameradschaft des trunkenen Hippus ertragen. Wenn jetzt fremdes Geld dem
Baron zu Hilfe kam, wenn er selbst die Aussicht, das Gut zu erwerben, aufgeben
mute, so war der Augenblick gekommen, wo er gegen eine gute Summe das
verhngnisvolle Papier in die Hnde des Freiherrn zurckgeben konnte. Aber das
angebotene Geschft war auch gewagt, wenn Anton nach Auslieferung der Papiere
noch an Verfolgung des Diebes dachte. Deshalb frug Itzig: Wenn dem Baron soviel
daran liegt, die Kassette wiederzuerhalten, wie kommt es, da damals, als sie
verschwunden war, so wenig Lrm gemacht wurde, weder von Ehrenthal noch von dem
Baron selbst? Ich habe nicht gehrt, da der Polizei Anzeige zugekommen ist, und
da man Nachforschungen angestellt hat.
    Diese Frechheit emprte Anton. Er antwortete gereizt: Der Diebstahl war von
Umstnden begleitet, welche fr Ehrenthal eine Untersuchung peinlich machen
muten, die Kassette verschwand aus seinem verschlossenen Comtoir, vielleicht
unterblieb aus solchen Rcksichten die gerichtliche Nachforschung.
    Itzig erwiderte: Wenn ich mich recht erinnere, sagte Ehrenthal damals zu
seinen Bekannten, da die Untersuchung unterbliebe aus Rcksicht auf den Baron.
Anton empfand tief diesen Hieb des Gauners, er dachte an Lenore, an die groe
Zahl demtigender Empfindungen, welche die Familie in dem letzten Jahr gehabt
hatte, und vermochte nur mhsam seine Ruhe zu behaupten, als er sagte:
Vielleicht hatte der Baron noch andere Grnde, damals die Sache
fallenzulassen.
    Jetzt war Veitel sicher. An Antons unterdrcktem rger erkannte er, wie
lebhaft dieser die Notwendigkeit fhlte, den Freiherrn zu schonen; sein
Anerbieten war ernstlich gemeint, der Freiherr hatte Angst vor dem Diebe. Und
von diesem Augenblick bekam er alle Ruhe wieder, sein Benehmen wurde so kalt und
sicher, da Anton empfand, er sei in Nachteil gesetzt, und sein schlauer Gegner
entschlpfe ihm unter den Hnden, denn ruhig begann Itzig: Soweit ich den
Hippus kenne, ist er ein unzuverlssiger Mensch, der sich oft betrinkt. Wenn er
im Trunke etwas gesagt hat, so frchte ich, wird es uns nicht viel helfen, zu
den Papieren zu kommen. Hat er Ihnen denn sichere Anzeige gebracht, worauf wir
ihm Anerbietungen machen knnen?
    Jetzt hatte Anton Ursache, auf seiner Hut zu sein. Er hat vor Zeugen
Aussagen getan, welche die berzeugung geben, da er die Papiere kennt, da er
wei, wo sich dieselben befinden, und die Absicht hat, sie zu irgendeinem Zweck
zu gebrauchen.
    Vielleicht ist das genug fr die Juristen, aber nicht genug fr einen
Geschftsmann, um mit ihm zu unterhandeln, fuhr Veitel fort; wissen Sie genau,
was er gesagt hat?
    Anton parierte und schlug auf seinen Gegner, indem er sagte: Seine
Mitteilungen sind mir und mehreren andern Personen genau bekannt, sie sind der
Grund, da ich Sie aufgesucht habe.
    Itzig mute dies gefhrliche Thema verlassen. Und welche Summe will der
Baron daran wenden, die Papiere wiederzuerlangen? Ich will sagen, verbesserte
er einlenkend, ist es ein Geschft, auf welches Mhe und Zeit zu verwenden
lohnt? Ich habe jetzt vieles andere, was mir zu tun macht. Sie werden nicht
verlangen, da ich wegen ein paar Louisdor meine Zeit verbringe, um etwas zu
suchen, was so unbedeutend ist und so schwer zu fassen, wie Papiere, die einer
versteckt hlt.
    Vor Jahren, als die beiden miteinander nach der Hauptstadt zogen, welche
sich jetzt als Feinde gegenberstanden, da war es der Judenknabe, welcher nach
Papieren suchte, von denen er in kindischem Unverstand das Glck seiner Zukunft
abhngig glaubte. Damals war er bereitwillig gewesen, das Gut des Freiherrn fr
Anton zu kaufen. Und jetzt war der andere ausgegangen, geheimnisvolle Dokumente
zu suchen, der andere forderte jetzt das Gut des Freiherrn von ihm, und er war
ein Wissender geworden. Er hatte die geheimnisvollen Rezepte gefunden, er hielt
das Gut des Freiherrn fest in seiner Hand fr sich selbst, und sein Schicksal
nherte sich der Erfllung. Beide Mnner dachten in demselben Augenblick an den
Tag ihrer gemeinsamen Reise.
    Anton antwortete: Ich habe Vollmacht, ber die Summe mit Ihnen zu
verhandeln; ich bemerke Ihnen aber, da die Angelegenheit eilt. Deshalb ersuche
ich Sie, mir vor allem zu erklren, ob Sie geneigt sind, die Dokumente an den
Baron von Rothsattel zu berliefern und bei Ankauf der Hypotheken in unserm
Interesse ttig zu sein.
    Ich werde Erkundigungen einziehen und mir berlegen, ob ich Ihnen dienen
kann, erwiderte Veitel kalt.
    Anton frug ebenso: Welche Zeit verlangen Sie, um sich zu entscheiden?
    Drei Tage, erwiderte der Agent.
    Ich kann Ihnen nur vierundzwanzig Stunden bewilligen, sprach Anton
bestimmt; wenn mir in dieser Zeit Ihre Erklrung nicht wird, so werde ich im
Auftrage des Freiherrn jedes, auch das uerste Mittel anwenden, die Papiere
wiederzuerlangen, oder mich von Vernichtung derselben zu berzeugen. Und alles,
was ich ber die Entwendung und den gegenwrtigen Versteck der Dokumente wei,
werde ich benutzen, um die zu entdecken, welche das Verbrechen verbt haben. Er
zog seine Uhr und wies auf das Zifferblatt: Morgen zu derselben Stunde werde
ich mir Ihre Antwort holen.
    So verlief die verhngnisvolle Unterredung. Als Anton die Tr hinter sich
zuzog, stand Itzigs Entschlu fest. Er warf noch einen Blick auf den
Davoneilenden, einen Blick voll Furcht und Ha. Sein Schulkamerad war sein
gefhrlichster Feind geworden. Er wute jetzt, wie sehr Anton im Interesse des
Freiherrn handelte. Er hatte eine dunkle Ahnung davon, da die Verbindung Antons
mit der Familie des Freiherrn an jenem Tage begonnen hatte, wo die Tochter des
Freiherrn den andern ber den Teich ruderte und er im Staube der Landstrae
zusah. Er war geneigt, anzunehmen, da Anton auf einem ganz andern Wege als er
fr sich nach dem Besitz desselben Gutes strebe. So erwachte aller Trotz seiner
selbstschtigen Seele und machte ihn fest. Noch acht Tage, murmelte er, bis
zur Verlobung mit Rosalie. Den Tag darauf finde ich die Schuldscheine in einem
Winkel von Ehrenthals Comtoir. Dann sollen der Rothsattel und seine Freunde den
Vergleich suchen auf die Bedingungen, die ich ihnen stelle. Durch die einzige
Drohung, da ich die Auseinandersetzung gerichtlich machen lasse und das
Verfahren des Barons unter die Geschftsleute bringe, zwinge ich diesen Wohlfart
zu allem, was ich will. Nur noch acht Tage! So lange halte ich ihn hin und dann
hab ich gewonnen.
    Als Anton nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden an Itzigs Wohnung kam,
fand er die Tr verschlossen. Er kehrte an demselben Abend zweimal wieder, fr
ihn war niemand zu Hause. Am nchsten Morgen empfing ihn der verschmitzte Bursch
und erwiderte auf Antons Frage: Herr Itzig sei verreist, es sei mglich, da er
schon in dieser Stunde zurckkomme, es sei auch mglich, da er erst in einigen
Tagen wieder zu sprechen sei.
    Aus dem gelufigen Geschwtz erkannte Anton, da der Knabe nach Anweisung
redete.
    Von der Tr Itzigs ging Anton zu einem Beamten, welcher in dem Ruf stand,
das ttigste Mitglied der Entdeckungspolizei zu sein. Er teilte diesem mit
Vorsicht das Ntigste ber die gestohlene Kassette und deren Inhalt mit, und bat
um seinen Rat; er uerte seinen Verdacht, da der Diebstahl durch den Advokaten
unter Mitwissen des Agenten Itzig verbt sei, und verschwieg nicht die
unvollstndigen Warnungen, welche der ehrenwerte Tinkeles gemacht hatte. Der
Beamte hrte mit Anteil auf Antons Bericht und sagte endlich: Bei dem
ungengenden Material, welches Sie geben, hat mir der Name Hippus das meiste
Interesse. Er ist ein sehr gefhrliches Subjekt, das ich bis jetzt immer noch
nicht recht habe fassen knnen. Wegen Schwindelei und kleiner Betrgereien ist
er fter bestraft und steht unter polizeilicher Aufsicht. An die andere Person,
welche Sie mir nennen, habe ich allerdings nicht dieselben Rechte. brigens sind
die Indizien, auf welche Sie hinweisen, so gering, da eine amtliche Verfolgung
der Sache kaum tunlich erscheint. Ist doch der Diebstahl selbst, der vor
Jahresfrist verbt sein soll, der Behrde noch nicht einmal offiziell
angezeigt.
    Raten Sie mir, frug Anton, nach dem, was Sie von diesem Hippus wissen,
ihn aufzusuchen, und vielleicht im Wege der Unterhandlung die verschwundenen
Dokumente zu erwerben?
    Achselzuckend erwiderte der Beamte: Von meinem Standpunkt darf ich einen
solchen Rat nicht erteilen, ich frchte aber auch, dieser Schritt wrde keinen
Erfolg haben. Denn wenn der Verdchtige die Dokumente zum Nutzen eines andern
verwendet hat, so werden sie nicht mehr in seinen Hnden sein. Und da er seinen
Mitschuldigen verraten sollte, ist wenigstens vorlufig nicht anzunehmen.
    Und sind Sie unter solchen Umstnden ganz auerstande, mir zur
Wiedererlangung der Dokumente behilflich zu sein? fragte Anton.
    Da die erste Bedingung fr meine Ttigkeit sein mu, da der Diebstahl
angezeigt, und in der Anzeige die gestohlenen Sachen so genau als mglich
angegeben sind, so kann ich Ihnen jetzt noch bei Ihren Nachforschungen keine
direkte Hilfe leisten. Da Sie aber gerade Herrn Hippus, an dem ich ein
persnliches Interesse nehme, zum Gegenstand Ihrer Verfolgung erwhlt haben, so
will ich tun, was ich irgend vermag. Ich will noch heut bei ihm Haussuchung
vornehmen. Ich sage Ihnen im voraus, da wir nichts finden werden. Ich bin
ferner bereit, diese Haussuchung einige Tage darauf zu wiederholen, auf die
Gefahr, meinen guten Ruf in den Augen des wackeren Hippus einzuben. Denn der
Kunstgriff, Diebe durch eine oberflchliche Haussuchung sicher zu machen, ist
zwar bei Neulingen wirksam, aber bei diesem erfahrenen Mann so wenig angebracht,
da er mir deshalb mglicherweise seine Verachtung gnnen wird. Ganz sicher ist,
da wir auch bei der zweiten Haussuchung nichts finden werden.
    Und welchen Vorteil kann diese Maregel fr mich haben? frug Anton
resigniert.
    Einen grern, als Sie glauben. Da Sie den Weg der Verhandlung mit dem
Agenten Itzig bereits eingeschlagen haben, so werden Sie mglicherweise durch
unser Eingreifen leichteres Spiel gewinnen. Denn eine Heimsuchung hat in der
Regel die Wirkung, die Betroffenen zu beunruhigen. Und obgleich ich gar nicht
sicher bin, wie Hippus eine solche Haussuchung aufnehmen wird, so glaube ich
doch annehmen zu drfen, da sie auch ihm ein gewisses Unbehagen einflen wird.
Das kann Ihre Bemhungen untersttzen. Ich will zum berflu dafr sorgen, da
die Haussuchung das erste Mal ungeschickt und mit Ostentation gemacht wird.
Glcklicherweise hat er jetzt wieder eine feste Wohnung, er hat eine Zeitlang
Ruhe vor uns gehabt und ist sicher geworden. Auch hrte ich, da er alt und
krnklich wird, das alles mag Ihnen helfen, den Mann auf irgendeinem Wege zu
fangen.
    Mit diesem Bescheide mute sich Anton entfernen.

                                       4


Es war ein finsterer Novemberabend; der Nebel lag auf der Stadt, er fllte die
alten Straen und Pltze und drang durch die offenen Tren in die Huser. Er
ballte sich um die Straenlaternen, deren Licht in einer rtlichen Dampfkugel
flackerte und nicht drei Schritt weit den Boden erleuchtete. Er schwebte ber
dem Flusse und wlzte sich dort in dicken Massen durcheinander. Eine Schar
langschleppiger, grauer Gestalten zog ber den schwarzen Strom dahin, ber die
alten Wasserpfhle, unter den Brcken durch, eine gespenstige Bande von giftigen
Dnsten! Sie rollten an den Treppen hinauf, hefteten sich an die Holzpfeiler der
Galerien und wogten geschftig durcheinander. Zuweilen entstand eine Lcke
zwischen den Gebilden des Nebels, dann konnte man auf das schwarze Wasser
hinabsehen, welches wie ein unterirdischer Strom des Verderbens an den Wohnungen
der Menschen dahinflo. Die Straen waren leer, zuweilen sah man eine Gestalt in
der Nhe einer Laterne auftauchen und schnell wieder in der Finsternis
verschwinden. Unter diesen dmmrigen Wesen war auch ein kleiner
zusammengedrckter Mann, der mit unsicherem Schritt vorwrtsstrebte und unter
den Laternen fortschlpfte, so schnell ihm dies die wankenden Fe erlaubten.
Durch den Hausflur wankte er in den Hof, in welchem Itzigs Comtoir war, und sah
nach den Fenstern des Agenten hinauf. Die Vorhnge waren heruntergelassen, aber
durch die Ritzen drang ein Lichtschimmer. Der kleine Mann versuchte
festzustehen, starrte nach dem Licht, streckte die geballte Faust nach der Hhe
und schttelte sie drohend; dann stieg er die Treppe hinauf und klingelte heftig
zwei-, dreimal. Endlich hrte man einen leisen Schritt, die Tr wurde geffnet,
der Kleine fuhr hinein und lief durch das Vorzimmer, welches Itzig hinter ihm
abschlo. Veitel sah noch bleicher aus als gewhnlich, und sein Auge fuhr unstet
ber die Gestalt des spten Gastes. Hippus aber war nie ein einladendes Bild
mnnlicher Schnheit gewesen, heut sah er wahrhaft unheimlich aus. Seine Zge
waren tief eingefallen, eine Mischung von Angst und Trotz sa in dem hlichen
Gesicht, und tckisch sahen seine Augen ber den angelaufenen Brillenglsern auf
den frheren Schler. Sicher war er wieder betrunken, aber eine fiebrige Angst
hatte seine Lebensgeister alarmiert und fr den Augenblick die Wirkung des
Branntweins gelhmt.
    Sie sind mir auf dem Nacken, rief er und fingerte mit seinen Hnden
unruhig in die Luft. Sie suchen mich!
    Wer soll Euch suchen? frug Itzig, aber er wute, wer ihn suchte.
    Die Polizei, du Schuft, schrie der Alte. Um deinetwillen stecke ich in
der Klemme. Ich darf nicht mehr zu Hause, du mut mich verstecken.
    So weit sind wir noch nicht, antwortete Veitel mit aller Klte, die ihm zu
Gebote stand; woher wit Ihr, da Euch die Polizeidiener auf der Ferse sind?
    Die Kinder auf der Strae erzhlen einander davon, rief Hippus; auf der
Strae hab ich's gehrt, als ich in mein Loch kriechen wollte. Es war ein
Zufall, da sie mich nicht in meiner Stube fanden. Sie stehn an meinem Hause,
sie stehn auf der Treppe, sie warten, bis ich zurckkomme. Du sollst mich
verstecken, Geld will ich haben, ber die Grenze will ich; hier ist meines
Bleibens nicht mehr; du mut mich fortschaffen.
    Fortschaffen, wiederholte Veitel finster, und wohin?
    Dahin, wo mich die Polizei nicht einholt, ber die Grenze, nach Amerika!
    Und wenn ich nicht will, sprach Itzig feindselig und berlegend.
    Du wirst wollen, Einfaltspinsel. Bist du noch so grn, da du nicht weit,
was ich tun werde, wenn du mir nicht aus der Klemme hilfst, du Taugenichts? Sie
werden auf dem Kriminalgericht Ohren haben fr das, was ich von dir wei.
    Ihr werdet so schlecht nicht sein und einen alten Freund verraten, sagte
Itzig in einem Tone, der sich vergebens bemhte, gefhlvoll zu sein. Seht die
Sache ruhiger an, was ist zuletzt fr Gefahr, wenn sie Euch arretieren? Wer kann
Euch etwas beweisen? Sie mssen Euch aus Mangel an Beweis wieder loslassen. Ihr
kennt das Gesetz ja ebensogut, wie die vom Gericht.
    So? schrie der Alte giftig. Meinst du, da ich ins Loch kriechen werde um
deinetwillen, um eines solchen Hanswurstes willen! Da ich bei Wasser und Brot
sitzen werde, whrend du hier Gnsebraten it und den alten Esel von Hippus
auslachst. Ich will nicht in's Loch, ich will fort, und bis ich fort kann,
sollst du mich verstecken.
    Hier knnt Ihr nicht bleiben, antwortete Veitel finster, hier ist keine
Sicherheit fr Euch und fr mich; der Jakob wird Euch verraten, die Leute im
Hause werden merken, da Ihr hier seid.
    Das ist deine Sorge, wo du mich unterbringst, sagte der Alte, aber von
dir verlange ich, da du mir heraus hilfst, oder -
    Halt Euer Maul, sagte Veitel, und hrt mir zu: Wenn ich Euch auch Geld
geben will und dafr sorgen, da Ihr mit der Eisenbahn nach Hamburg und ber das
Wasser kommt, so kann ich es doch nicht machen gleich und nicht machen von mir
aus. Ihr mt bei Nacht ein Paar Meilen bis zu einer kleinen Station der
Eisenbahn geschafft werden, ich darf Euch die Fuhre nicht mieten, das knnte
Euch verraten, und wie Ihr hier vor mir steht, seid Ihr zu schwach zum Gehen.
Ich mu Euch mit einer Gelegenheit fortbringen, von der ich erst sehen mu, ob
ich sie finde. Unterdes mu ich Euch an einen andern Ort schaffen, wo die
Polizei nicht wei, da ich selbst hinkomme, denn ich frchte, sie wird Euch bei
mir suchen. Wenn Ihr nicht zu Hause kommt, so wird sie Euch suchen bei mir
vielleicht schon heut nacht. Ich will gehn und nachsehn, da ich Euch eine Fuhre
verschaffe und einen Ort, wo Ihr bleiben knnt. Unterdes sollt Ihr bleiben in
der hintern Stube, bis ich zurckkomme. Er ffnete die Tr, Herr Hippus
schlpfte wie eine gescheuchte Fledermaus hinein. Veitel wollte die Tr hinter
ihm schlieen, aber das alte Geschpf klemmte seinen Leib zwischen die Tre und
schrie in voller Entrstung: Ich will nicht im Finstern bleiben, wie eine
Ratte, du wirst mir Licht hier lassen. Ich will Licht haben, du Satan! schrie
er laut.
    Man wird unten sehen, da Licht in der Stube ist; das wird uns verraten.
    Ich will nicht im Finstern sitzen! schrie der Alte wieder.
    Mit einem Fluch ergriff Veitel die Lampe und trug sie in das zweite Zimmer.
Dann schlo er die Tre und eilte auf die Strae.
    Vorsichtig nherte er sich dem Hause des Lbel Pinkus. Dort war alles ruhig;
von dem Hausflur sah er durch das kleine Schiebefenster in den Branntweinladen,
wo Pinkus und einige Gste in der Sorglosigkeit eines guten Bewutseins
zusammensaen. Er schlich die Treppe hinauf nach seiner frheren Stube, holte
dort aus einem versteckten Winkel einige verrostete Schlssel, betrat vorsichtig
den Schlafsaal und sah mit Freude, da dieser nicht erleuchtet und leer war. Er
eilte auf die Galerie. Dort blieb er einen Augenblick stehen und sah auf die
rollenden Nebelmassen und die dunkle Flut. Der Augenblick war gnstig, es war
hohe Zeit, ihn zu benutzen, denn unregelmig strich ein Luftzug ber das
Wasser; schon war am Nachthimmel ein unruhiges Treiben sichtbar, zerrissen
flogen die dunkeln Wogen ber dem Strom dahin, in kurzer Zeit mute der Wind
auch den Strome, die Umrisse der Huser und die Laternen freimachen, welche an
der Straenecke wie rote Punkte glnzten.
    Itzig eilte an das Ende der Galerie und steckte einen Schlssel in die Tr,
welche den Eingang zur Wassertreppe verdeckte. Knarrend flog die Tr auf, er
stieg bis an den Rand des Flusses hinab und untersuchte die Hhe der Flut. Hohl
gurgelte das Wasser und staute sich an den letzten Stufen der Treppe. Der
Fusteig war berschwemmt, welcher lngs den Husern am seichten Rande des
Strombettes fast das ganze Jahr sichtbar war. Aber nur wenige Schritte durfte
man im Wasser gehen, um von dieser Treppe zu der Treppe des Nebenhauses zu
gelangen. Veitel sah starr auf das Wasser und steckte seinen Fu in die eiskalte
Flut, um zu fhlen, wie tief man zu steigen habe, um auf den Grund zu kommen. So
besorgt war er fr die Rettung des alten Mannes, da er die Klte an seinem Bein
nicht beachtete; er empfand sie nicht einmal. Das Wasser reichte ihm bis an die
Knie. Noch einen Blick warf er auf die Huser in der Nhe. Alles war Finsternis,
Dampf, Grabesstille, nur das Wasser und der Wind murmelten klagend.
    Unterdes versuchte Hippus sich in der verschlossenen Stube huslich
einzurichten. Nachdem er den abgehenden Veitel durch gottlose Flche und
geballte Fuste, die er ihm nachschleuderte, auf seinem Gange gesegnet hatte,
wandte er seinen verstrten Geist auf Untersuchung des Zimmers. Er wankte zu
einem niedrigen Schrank, drehte den Schlssel und suchte nach einer Flssigkeit,
die ihm die sinkende Kraft und den trockenen Gaumen erfrischen knnte. Er fand
eine Flasche mit Rum, go ihren Inhalt in ein Bierglas und schlrfte ihn mit so
groer Hast hinunter, als das scharfe Gift mglich machte. Ein kalter Schwei
trat dem unglcklichen Geschpf sogleich auf die Stirn, er zog die Reste eines
Taschentuchs hervor, wischte sein Gesicht eifrig ab und ging breitspurig mit
trunkenen Schritten und mit schnell wachsendem Mut in der Stube auf und ab,
indem er laut dazu phantasierte.
    Er ist ein Lump, ein schuftiger, feiger Hase, ein jmmerlicher Schacherer
ist er; wenn ich ihm ein altes Taschentuch verkaufen will, er mu es kaufen, es
ist seine Natur, er ist ein verchtliches Subjekt. Und mir will er trotzen, mich
will er ins Gefngnis stecken, und er selbst will hier sitzen auf diesem Sofa
und bei dieser Rumflasche, der Hundsfott! Dabei ergriff er die leere Flasche
und warf sie zornig gegen das Sofa, da sie an dem Holz der Lehne zersprang.
Wer war er? fuhr er in steigendem Zorne fort. Ein schachernder Hanswurst.
Durch mich ist er geworden, was er ist; ich habe ihn pfeifen gelehrt, den
Gimpel. Wenn ich pfeife, mu er tanzen, er ist nur mein Lockvogel, ich bin der
Vogelsteller. Dein Vogelsteller bin ich, du ruppiges Scheusal. Hier versuchte
der Alte zu pfeifen: Freuet euch des Lebens, erhob die Beine und machte einen
Versuch, lustig umherzuspringen. Wieder strmte ihm der kalte Schwei von der
Stirne, er zog wieder den Lappen aus der Tasche, trocknete sich das Gesicht ab
und steckte das Tuch sorgfltig wieder ein. - Er wird nicht zurckkommen, rief
er pltzlich; er lt mich hier sitzen, sie werden mich finden. Er rannte nach
der Tr und rttelte heftig daran. Eingeschlossen hat mich der Schuft, ein Jude
hat mich eingeschlossen, schrie das Geschpf klglich und rang die Hnde. Ich
mu verhungern, ich mu verdursten in diesem Gefngnis. Oh, oh! er hat schlecht
an mir gehandelt, niedertrchtig an seinem Wohltter, er ist ein undankbarer
Bsewicht, ein Rabensohn ist er. Dabei fing er an zu schluchzen. Ich habe ihn
gepflegt, als er krank war, ich habe ihn Kunststcke gelehrt, ich habe ihn zu
einem Manne gemacht, und so lohnt er seinem alten Freund. Der Advokat weinte
laut und rang die Hnde. Pltzlich blieb er vor dem Spiegel stehen, auf welchen
der helle Glanz des Lichtes fiel, erschrocken starrte er die Gestalt an, welche
ihm in dem Spiegel gegenberstand. Immer zorniger wurde sein Blick, immer
grausiger der Glanz seiner Augen, er sah von dem Spiegelglas auf den Rahmen,
schob sich die verbogene Brille zurecht und bewegte suchend den Kopf den Rahmen
entlang. Der Spiegel kam ihm bekannt vor. Hatte der Zufall ein Mbel aus seinem
frhern glnzenden Leben in den geheimen Trdel des Pinkus und von da in Itzigs
Wohnung gefhrt, oder tuschte den Trunkenen nur eine hnlichkeit? - aber die
Erinnerung an sein Schicksal erfllte ihn mit Wut. Es ist mein Spiegel, schrie
er laut, mein eigener Spiegel ist es, den der Schurke in seiner Stube hat;
toll fuhr er durch das Zimmer, packte einen Stuhl in wahnwitziger Kraft und
stie ihn mit den Beinen gegen das Spiegelglas. Klirrend zerbrach die Platte in
Scherben, aber immer und immer wieder stampfte der Betrunkene mit dem Stuhle
gegen das Holz und schrie dabei wie rasend: In meiner Stube hat er gehangen,
der Schurke hat mir den Spiegel gestohlen, er hat mein Glck gestohlen, zur
Hlle mit ihm!
    In dem Augenblicke strzte Veitel herein, schon auf dem Vorsaal hatte er
wsten Lrm gehrt und frchtete das rgste. Als der Advokat den Eintretenden
sah, strzte er mit gehobenem Stuhle auf ihn zu und schrie: Du hast mich ins
Elend gebracht, du sollst die Zeche bezahlen! Dabei fhrte er einen Schlag nach
Itzigs Haupt. Dieser fing den Stuhl auf, warf ihn beiseite und fate den Alten
mit berlegener Kraft. Hippus strubte sich zwischen seinen Hnden wie eine
wilde Katze und rief alle Flche, die er finden konnte, auf seinen Bndiger
herab. Veitel drckte ihn mit Gewalt in eine Ecke des Sofas und flsterte, ihn
festhaltend: Wenn Ihr nicht ruhig seid, alter Mann, so ist's um Euch
geschehen. Der Alte sah aus den Augen Itzigs, welche dicht vor den seinen
starrten, da er von dem Emprten das rgste zu frchten hatte, der Paroxysmus
verlie ihn, er sank kraftlos zusammen und wimmerte nur leise, am ganzen Krper
schauernd: Er will mich tten!
    Das will ich nicht, Ihr betrunkener Narr, wenn Ihr ruhig seid; welcher
Teufel treibt Euch, mir meine Stube zu verwsten?
    Er will mich tten, wimmerte der Alte, weil ich meinen Spiegel
wiedergefunden habe.
    Ihr seid verrckt, rief Veitel, ihn schttelnd, nehmt Eure Kraft
zusammen, Ihr drft hier nicht bleiben, Ihr mt fort, ich habe ein Versteck fr
Euch.
    Ich gehe nicht mit dir, wimmerte der Alte, du willst mich umbringen.
    Veitel tat einen grlichen Fluch, packte den schbigen Hut des Alten,
drckte diesen auf den Kopf, fate den Alten am Nacken und rief: Ihr mt
mitkommen oder Ihr seid verloren. Die Polizei wird Euch hier suchen und wird
Euch finden, wenn Ihr noch zgert. Fort oder Ihr zwingt mich, Euch ein Leids zu
tun.
    Die Kraft des Alten war gebrochen, er wankte, Veitel fate ihn unter dem
Arme und zog den Widerstandslosen fort. Er zog ihn aus den Zimmern die Treppe
hinunter, ngstlich sphend, ob ihnen niemand begegne. Alles war still. Der
Advokat gewann in der kalten Luft einen Teil seiner Besinnung wieder, und Veitel
raunte ihm zu: Seid still und folgt mir, ich werde Euch fortschaffen.
    Er wird mich fortschaffen, murmelte ihm der Advokat mechanisch nach und
lief an seiner Seite vorwrts. Als sie in die Nhe der Herberge kamen, ging
Veitel vorsichtiger, zog seinen Gefhrten in den finstern Hausflur und
flsterte: Fat meine Hand und steigt leise mit mir die Treppe hinauf. So
kamen sie in das groe Gastzimmer, sie fanden das Zimmer noch leer, wie es zuvor
gewesen. Erleichtert sagte Veitel: Nebenan im Hause ist ein Versteck, Ihr mt
hinein.
    Ich mu hinein, wiederholte der Alte.
    Folgt mir, rief Veitel und zog den Advokaten auf die Galerie und von da
die bedeckte Treppe hinunter.
    Der Alte wankte unsicher die Stufen hinab und klammerte sich fest an den
Rock seines Fhrers, der ihn halb hinuntertrug. So kamen sie Stufe fr Stufe bis
hinunter zu der letzten, ber welche die Strmung dahinrauschte. Veitel ging
voraus und trat rcksichtslos bis an die Knie ins Wasser, bemht, den Alten
nachzuziehn. Der alte Mann fhlte das Wasser an seinem Stiefel, er stand still
und schrie laut: Wasser!
    Still, flsterte Veitel zornig, sprecht kein Wort!
    Wasser! schrie der Alte; Hilfe! er will mich umbringen.
    Veitel packte den Schreienden und hielt ihm den Mund zu, aber der
Todesschreck hatte noch einmal das Leben des Advokaten aufgestrt, er hob die
Fe auf die nchste Stufe zurck, klammerte sich so gut er konnte an die
Seitenbretter und schrie wieder: Zu Hilfe!
    Verrckter Schuft! knirschte Veitel, durch den hartnckigen Widerstand in
Wut gesetzt, drckte ihm mit einem Schlage den alten Hut bis tief ber das
Gesicht, fate ihn mit aller Kraft am Halstuch und schleuderte ihn hinunter in
das Wasser. Die Flut spritzte auf, das Gerusch eines fallenden Krpers und ein
dumpfes Gurgeln wurde gehrt; dann war alles still.
    Unter den bleigrauen Nebeln, welche mit langen Schleppen lngs dem Wasser
hinzogen, wurde noch einmal eine dunkle Masse sichtbar, welche mit dem Strome
fortzog. Bald war sie verschwunden. Die Gespenster des Nebels bedeckten sie, die
Strmung zog darber hin. Das Wasser brach sich klagend an den Holzpfhlen und
Treppenstufen, und oben heulte der Nachtwind sein eintniges Lied.
    Der Tter stand einige Augenblicke regungslos in der Finsternis, an das
Holzwerk gelehnt. Dann stieg er langsam hinauf. Im Aufsteigen fhlte er an das
Tuch seiner Kleider, um sich zu berzeugen, wie weit er durchnt war. Er dachte
daran, da er sie am Ofenfeuer trocknen msse, noch heut nacht; er sah das
Ofenfeuer in seinem Zimmer brennen und sich im Schlafrock davor sitzen, wie er
gern tat, wenn er ber seine Geschfte nachdachte. Wenn er jemals in seinem
Leben des Gefhls behaglicher Ruhe genossen hatte, so war es in solchen Stunden
gewesen, wo er mde von den Gngen und Sorgen des Tags das Holz in den Ofen
steckte und davor sa, bis ihm die mden Augen zufielen. Er fhlte deutlich, wie
mde er auch jetzt sei, und wie wohl es ihm tun wrde, am warmen Feuer
einzuschlafen. In diesen dmmrigen Trumen blieb er wieder einige Augenblicke
stehen, wie einer, der einschlafen will, und fhlte dabei einen dumpfen Druck
irgendwo in seinem Innern, einen Schmerz, der ihm schwermachte, Atem zu holen,
und seine Brust wie mit eisernen Bndern zusammenzog. Da dachte er an den
Ballen, den er jetzt in das Wasser geworfen hatte, er sah ihn eintauchen in die
Flut, er hrte das Rauschen des Wassers und erinnerte sich daran, da der Hut,
den er dem Manne ber das Gesicht gezogen, noch zuletzt ber dem Wasser zu sehen
gewesen war, als ein rundes wunderliches Ding. Er sah den Hut deutlich vor sich,
abgegriffen, die Krempe halb abgerissen und oben auf dem Deckel zwei alte
lflecke. Es war ein sehr schbiger Hut gewesen. Als er daran dachte, merkte er,
da er jetzt lcheln knnte, wenn er wollte. Er lachte aber nicht. Whrend seine
Seele so in halber Erstarrung um die Stelle herumflatterte, die ihn in seinem
Innern schmerzte, war er heraufgestiegen. Als er die Treppentr herumlegte, sah
er noch einmal in die schwarze Rhre, in welche vor wenig Augenblicken zweie
hinuntergestiegen waren, whrend jetzt nur einer zurckkehrte. Er sah auf den
grauen Schimmer des Wassers, und wieder fhlte er einen dumpfen Druck. Eilig
huschte er durch das groe Zimmer die Treppe hinunter, im Hausflur stie er auf
einen der fremden Gste, welche in der Karawanserei wohnten; beide eilten
schnell, ohne ein Wort zu sprechen, aneinander vorber.
    Diese Begegnung brachte die Gedanken des Heimkehrenden in andere Richtung:
War er sicher? Noch immer lag der Nebel dick auf den Straen, niemand hatte ihn
mit dem Advokaten hereingehen sehen, niemand hatte ihn beim Herausgehen erkannt.
Und wenn man den alten Mann im Wasser fand, dann fing die Untersuchung an. War
er dann noch sicher?
    Alles das dachte der Mrder so gleichgltig, als lse er die Gedanken aus
einem Buche ab. Dazwischen kam ihm wieder die Idee, ob er seine Zigarrentasche
bei sich habe und warum er keine Zigarre rauche. Er grbelte darber lngere
Zeit und kam endlich in seiner Wohnung an. Er schlo auf; als er das letzte Mal
aufgeschlossen hatte, war in der zweiten Stube ein wster Lrm gewesen. Er blieb
stehn und horchte, ob derselbe Lrm nicht wieder zu hren sei. Er wollte ihn
durchaus hren. Vor wenig Augenblicken war er gewesen. O was htte er darum
gegeben, wenn die letzten Augenblicke nicht gewesen wren! Wieder fhlte er den
dumpfen Schmerz, aber strker, immer strker. Er trat in die Zimmer, die Lampe
brannte noch, die Scherben der Rumflasche lagen noch um das Sofa, das
Quecksilber des Spiegels glnzte auf dem Boden wie silberne Taler. Veitel setzte
sich erschpft auf einen Stuhl und sah starr auf die glnzenden Trmmer seines
Spiegels. Dabei fiel ihm ein, da oft seine Mutter eine Kindergeschichte erzhlt
hatte, in welcher silberne Taler auf die Dielen eines armen Mannes fallen. Er
sah die alte Judenfrau am Herde sitzen und sich als kleinen Jungen daneben. Er
sah sich selbst neugierig auf die schwarze Erde blicken und erwarten, ob die
weien Taler nicht auch vor ihm niederfallen wrden. Jetzt wute er, bei ihm in
der Stube sah es gerade so aus, als htte es silberne Taler geregnet. Er fhlte
wieder etwas von dem unruhigen Entzcken, das er als kleiner Veitel bei dieser
Erzhlung der Mutter gehabt hatte, und mitten in dieser Erinnerung kam pltzlich
wieder der dumpfe Druck, den er in seinem Innern merkte, er wute nicht wo.
Schwerfllig stand er auf, kauerte auf dem Boden und suchte die Glassplitter
zusammen. Die Splitter trug er in die Ecke eines Schranks, den Rahmen des
Spiegels lste er von der Wand ab und stellte ihn verkehrt in eine Ecke. Dann
nahm er die Lampe und das Glas, welches er mit Trinkwasser fr die Nacht zu
fllen pflegte, aber als er das Glas fate, berlief ihn ein Fieberschauer und
er setzte es wieder hin. Der, welcher nicht mehr war, hatte aus dem Glase
getrunken. Er trug die Lampe zu seinem Bett und zog sich aus. Die Beinkleider
versteckte er in dem Schrank und holte sich ein Paar andere herzu, deren
Fuenden er an seinen Stiefeln rieb, bis sie schmutzig wurden. Darauf lschte er
die Lampe aus, und als das Docht noch einmal aufflackerte, bevor es verlschte,
da fiel ihm ein, zufllig als etwas Gleichgltiges, da die Leute die Flamme des
Lichtes mit dem Leben eines Menschen vergleichen. Er hatte eine Flamme
ausgedreht. Und wieder fhlte er den Schmerz in seiner Brust, aber undeutlich,
seine Kraft war erschpft, seine Nerven abgespannt, er schlief ein. Der Mrder
schlief.
    Aber wenn er erwacht! Dann wird die Schlauheit verloren sein, mit der sein
verstrter Geist wie im Wahnwitz umhergriff nach allen kleinen Bildern und
Gedanken, die er in der Finsternis auffinden konnte, um den einen Gedanken zu
vermeiden, das eine Gefhl, welches von jetzt ab immer in ihm drckt und pret.
Wenn er aufwacht! Dann wird er schon im Halbschlaf fhlen, wie die Ruhe abzieht
und die Angst, der Jammer wieder einziehen in seiner Seele, er wird noch im
Traume fhlen, wie s die Bewutlosigkeit ist, und wie furchtbar das Denken, er
wird sich struben gegen das Erwachen, aber in seinem Struben wird ihm der
Schmerz immer strker kommen, immer nagender. Bis er in Verzweiflung die Augen
aufreit und hineinstarrt in die grliche Gegenwart, in eine grliche Zukunft.
    Und wieder wird sein Geist anfangen, die Spukgestalt mit feinen Fden zu
berziehen, und alle mglichen Grnde wird er zusammentragen, sich das Ungeheuer
unkenntlich zu machen, er wird daran denken, wie alt der Tote war, wie schlecht,
wie elend, er wird sich vorzustellen suchen, da es nur ein Zufall war, der den
Tod herbeifhrte, ein Schwung seiner Arme, den pltzliche Wut verursacht, welch
unglcklicher Zufall es war, da der Alte mit seinen Fen nicht festen Grund
gefunden! Dann wird ihm pltzlich einfallen, ob er auch sicher sei, und eine
heie Fieberangst wird sein bleiches Gesicht rot frben, der Tritt des Dieners
auf der Treppe wird ihm Entsetzen einjagen, das Klirren einer Eisenstange auf
den Steinen des Hofes wird er fr das Getse der Waffen halten, welche das
Gesetz gegen ihn ausschickt. Und wieder wird sein Geist arbeiten, whrend er
verstrt im Zimmer auf und ab rennt, er wird jeden Schritt, den er gestern tat,
jede Bewegung der Hand und jedes Wort, das er gesprochen, noch einmal
durchleben, und wird bei jedem einzelnen, was geschehen ist, zu beweisen suchen,
da es unmglich entdeckt werden kann. Niemand hat ihn gesehen, niemand gehrt,
der traurige alte Mann, halb verrckt, wie er war, hat sich selbst den Hut ber
die Augen gezogen und hat sich selbst ersuft.
    So wird er auch von dieser Seite um die Gestalt des alten Mannes seine Fden
ziehen. Und immer fhlt er die furchtbare Last, bis er endlich erschpft von dem
inneren Kampfe sich herausstrzt aus seiner Wohnung, in seine Geschfte, unter
die Menschen, voll Sehnsucht, etwas zu finden, was ihn vergessen macht. Wer ihn
auf der Strae ansieht, der wird ihn qulen, wenn er einen Beamten der Polizei
erblickt, mu er schnell in ein Haus treten, um seinen Schreck vor den sphenden
Augen zu verbergen. Wo er Menschen findet, die er kennt, wird er sich in den
dicksten Haufen drngen, er wird berall den Kopf hinhalten, an allem
teilnehmen, er wird mehr sprechen und lachen als sonst, aber seine Augen werden
unruhig umherirren, und seine Seele wird in bestndiger Furcht sein, etwas zu
hren von dem Getteten, und wie die Leute ber den pltzlichen Tod desselben
denken. Er tuscht seine Bekannten, sie werden ihn vielleicht fr besonders
aufgeweckt halten, und zuweilen sagt einer: Der Itzig ist guter Dinge, er hat
groe Geschfte gemacht. Er wird sich an manchen Arm hngen, den er sonst nicht
berhrt, und wird den Leuten lustige Geschichten erzhlen und sie nach Hause
begleiten, weil er wei, da er nicht allein sein kann. Er wird in die
Kaffeehuser eilen und in die Bierstuben, um Bekannte aufzusuchen, und wird sich
zu ihnen setzen und wird trinken und aufgeregt werden, wie sie, weil er wei,
da er nicht allein sein darf.
    Und wenn er am Abend spt nach Hause kommt, ermdet bis zum Umsinken,
erschlafft und abgearbeitet von dem furchtbaren Kampfe: dann fhlt er sich
leichter, er hat durchgesetzt, das, was in ihm ist, undeutlich zu machen, und er
findet ein trbes Behagen an der Mattigkeit und der Bewutlosigkeit, und
erwartet den Schlaf, als das einzige Glck, was er auf Erden noch hat. Und
wieder wird er einschlafen, und wenn er am nchsten Morgen erwacht, werden alle
die Spinneweben zerrissen sein, und von neuem wird die furchtbare Arbeit
beginnen. So soll es gehen einen Tag, viele Tage, immer, solange er lebt. Nicht
mehr lebt er, wie andere Menschen, sein Dasein ist fortan ein Kampf, ein
grlicher Kampf gegen einen Leichnam, ein Kampf, den niemand sieht, und der
doch allein seinen Geist beschftigt. Was er tut, in seinem Geschft, in
Gesellschaft mit Lebenden, ist nur ein Schein, eine Lge. Wenn er lacht und wenn
er anderen die Hand schttelt, und wenn er auf Pfnder leiht und fnfzig vom
Hundert nimmt, alles ist nur eine Tuschung fr andere. Er wei, da er
ausgeschieden ist aus der Gesellschaft der Menschen, da alles leer und
verchtlich ist, was er angreift; nur eines ist es, was ihn beschftigt, wogegen
er arbeitet, weshalb er trinkt und schwatzt und sich unter Menschen umhertreibt,
und das eine ist der Leichnam des alten Mannes im Wasser.

                                       5


Auer dem Gips auf Antons Schreibtisch feierten noch andere lebende Wesen des
Hauses einen stillen Triumph. Wer dieses Haus und die Menschen darin so von
Grund aus kannte, wie zum Beispiel die Tante, der durchschaute die Tuschungen,
welche gewisse Leute sich selbst und andern vorspiegelten. Es war mglich, da
Fremde ber vieles den Kopf schttelten, was jetzt in der Familie vorging; die
Tante tat das ebensowenig, als die brigen guten Hausgeister. Da Anton still,
wortkarg, mit bleichen Wangen im Comtoir sa und auer am Mittag niemals in der
Familie erschien, da Sabine jetzt in Gegenwart ihres Bruders eine Neigung zum
Errten zeigte, die sie frher nicht gehabt hatte, da sie stundenlang, ohne ein
Wort zu sprechen, bei ihrer Arbeit sa und danach auf einmal durch das Haus
fuhr, bermtig, wie ein kleines Ktzchen, welches mit einem Zwirnknuel spielt,
und da endlich der Hausherr selbst immer auf Anton hinsah, mochte dieser
sprechen oder schweigen, und dabei von Tag zu Tag lustiger wurde, so da er gar
nicht aufhrte, die Tante zu necken: das alles schien allerdings sehr seltsam,
aber wer seit vielen Jahren genau wute, was diese Menschen am liebsten aen,
und was man ihnen alle Monate nur einmal auf den Tisch setzen durfte, ja wer
ihre Strmpfe gestrickt hatte und ihre Halskragen eigenhndig strkte, wie die
Tante bei mehreren von diesen dreien tat, der sollte doch wohl hinter ihre
Schleichwege kommen. Natrlich kam die Tante dahinter.
    Die gute Tante schrieb sich allein das Verdienst zu, da Anton zurckgekehrt
war. Sie hatte dem Comtoir den Herrn zurckgeben wollen, der ihr selbst am
liebsten war, weiter hinaus hatte sie nicht gedacht, wenigstens htte sie das in
den ersten Tagen nach Antons Rckkehr jedem abgeleugnet. Denn trotz dem
rosafarbenen Futter der berzge wute sie auch, da das Haus, zu dem sie
gehrte, ein stolzes Haus war, welches seinen absonderlichen Willen hatte und
sehr subtil behandelt sein wollte. Und als sie erfuhr, da der niedergeschlagene
Anton nur als Gast bei ihnen bleiben sollte, da wurde selbst sie auf einige
Wochen recht zweifelhaft. Bald aber erhielt sie das stille bergewicht ber den
Kaufmann und ihre Nichte wieder zurck, denn sie machte Entdeckungen. Der zweite
Stock des Vorderhauses war seit vielen Jahren unbewohnt. Der Kaufmann hatte zur
Zeit seiner Eltern mit seiner jungen Frau dort oben gelebt. Als er kurz
hintereinander die Eltern, seine Frau und den kleinen Sohn verloren, war er
heruntergezogen, und seit der Zeit hatte sein Fu den oberen Stock nur ungern
betreten. Graue Jalousien hingen das ganze Jahr vor den Fenstern, Mbel und
Bilder waren grau berhangen. Ein verzaubertes Schlo Dornrschens war der ganze
Stock, und unwillkrlich wurde der Tritt der Frauen leiser, wenn sie ber den
Flur des schlummernden Reiches gehn muten.
    Jetzt kam die Tante vom Boden herab. Aus dem endlosen Kriege mit Pix hatte
sie nur noch einen kleinen Raum fr das Trocknen der Wsche gerettet. Sie dachte
eben daran, da die brgerliche Stellung den Menschen doch sehr verndert, denn
Balbus, der Nachfolger von Pix, auf dessen bescheidnes Wesen sie groe
Hoffnungen gesetzt hatte, erwies sich in seinem neuen Amt ebenso geneigt zu
bergriffen, als sein Vorgnger. Wieder fand sie einen Haufen Zigarrenkisten
auerhalb der drei Kammern aufgestellt, welche Pix gewaltttig in ihr Gebiet
hineingebaut hatte, und eben war sie im Begriff, Herrn Balbus deshalb eine
Kriegserklrung zu machen. Da sah sie mit Schrecken eine Zimmertr des zweiten
Stocks weit geffnet. Sie dachte einen Augenblick an Diebe und wollte gerade
Hilfe schreien, als ihr der verstndige Gedanke kam, die auffallende Erscheinung
vorher zu untersuchen. Sie schlich sich leise in die verhangenen Zimmer. Aber
sie kam in Gefahr, aus Verwunderung zu versteinern, als sie ihren Neffen selbst
ganz allein in der Wohnung sah. Er, der seit dem Tode seiner Frau diese Rume
nicht betreten hatte, stand jetzt in dem Zimmer, in welchem die Verstorbene
gewohnt hatte. Mit gefalteten Hnden, in tiefen Gedanken, stand der Mann da und
sah auf ein Bild, welches seine Frau als Braut darstellte, im weien
Atlaskleide, den Myrtenkranz im Haar. Die Tante konnte sich nicht enthalten,
mitfhlend zu seufzen. berrascht wandte sich der Kaufmann um. Ich will das
Bild in meine Stube herunternehmen, sagte er weich.
    Aber du hast ja das andere Bild von Marie darin, und dieses hat dich immer
verstimmt, rief die Tante.
    Die Jahre machen ruhiger, erwiderte der Kaufmann, und hierher wird doch
mit der Zeit ein anderes kommen.
    Die Augen der Tante glnzten wie Leuchtkugeln, als sie frug: Ein anderes?
    Es war nur so ein Gedanke, sagte der Kaufmann ausweichend und schritt mit
musterndem Blick durch die Reihe der Zimmer. Stolz und mit innerm Achselzucken
ging die Tante hinter ihm her. Diese Leute mochten sich verstellen, soviel sie
wollten, es half ihnen nichts mehr.
    Und der vorsichtigen Sabine ging es nicht besser.
    Anton hatte am Mittag schweigsam neben der Tante gesessen. Als er seinen
Stuhl rckte und sich erhob, sah die Tante, da Sabinens Auge mit
leidenschaftlicher Sorge auf seinem bleichen Gesicht ruhte und sich mit Trnen
fllte. Nachdem er das Zimmer verlassen, stand auch Sabine auf und trat an das
Fenster, welches in den Hof fhrte. Die Tante zog sich in ihre Nhe und sphte
hinter der Gardine durch. Sabine blickte mit groer Spannung in den Hof,
pltzlich lchelte sie und sah ganz verklrt aus. Behutsam schlich die Tante
nher und sah ebenfalls in den Hof hinab. Dort war aber gar nichts zu schauen,
als Anton, der ihnen den Rcken zukehrte und den Pluto liebkoste. Er gab dem
Hund einige Semmelbrocken, und Pluto bellte um ihn herum und sprang lustig nach
seinem Rock.
    Oho, dachte die Tante, der Pluto ist's nicht, ber den sie in einem Atem
weint und lacht.
    Und kurz darauf, als einmal der Neffe die Tr des Damenzimmers ffnete, sah
die Tante im Vorsaal einen Mann mit einem groen Paket stehn. Ihr scharfer Blick
erkannte den Auslufer der groen Schnittwarenhandlung. Der Kaufmann rief seine
Schwester in die Nebenstube, die Tante horchte. Zuerst sprach der Neffe, dann
Sabine, aber ganz leise, dann hrte die Tante ein Gemurmel, welches groe
hnlichkeit mit unterdrcktem Schluchzen hatte. Was dieses Mdchen weinerlich
wird, dachte sie verwundert. Sie war gerade im Begriff, in das Zimmer
einzudringen, als die Geschwister ihr entgegentraten. Sabine hing im Arm des
Bruders, ihre Wangen und ihre Augen waren stark gertet, und doch sah sie
glcklich und sehr verschmt aus. Als die Tante nach einer lngeren Pause, wie
sie der Anstand ntig machte, in das Nebenzimmer ging, um etwas zu suchen, fand
sie das groe Paket auf einem Stuhl liegen. Sie stie zufllig mit der Hand
daran, und da das Papier nicht zugebunden war, ging es natrlich auseinander,
und sie erblickte prachtvolle Mbelstoffe, und unten noch eine andere Erfindung,
die so heftig auf ihre Nerven wirkte, da auch sie sich hinsetzte und auf der
Stelle einige Trnen vergieen mute. Es war die weie Robe vom schwersten
Stoff, welche das Weib nur einmal in ihrem Leben, an einem feierlichen Tag voll
Andacht und frohen Schauers zu tragen pflegt.
    Fortan behandelte die Tante ihre Umgebung mit der Sicherheit einer Hausfrau,
welche andern verzeiht, wenn sie sich eine Weile nrrisch gebrden, weil sie
recht gut wei, da das letzte Ende von solchem knstlichen Wesen eine starke
Bewegung in ihrem eigenen Gebiet sein wird, heftige Arbeit in der Kche, ein
langer Speisezettel, groartiges Schlachten von Geflgel und ein vernichtender
Angriff auf alle Gefe mit eingemachten Frchten. Auch sie wurde geheimnisvoll.
Alle Tnnchen und Tpfe mit Konfitren wurden pltzlich einer auerordentlichen
Revision unterworfen, und bei der Mittagstafel erschienen zuweilen
ausgezeichnete Versuche von neuen Speisen. Die Tante kam an solchen Tagen mit
gerteten Wangen aus der Kche und war sehr empfindlich, wenn nicht jedermann
das neue Gericht vortrefflich fand, obgleich sie nie verfehlte, hinzuzusetzen:
Es ist nur ein vorlufiger Versuch der Kchin. Und dabei sah sie ihren Neffen
und Sabine mit einem triumphierenden Ausdruck von berlegenheit an, welcher
deutlich sagte: Ich habe alles erraten, so da der Kaufmann die Brauen
zusammenziehen und der Tante einen strengen Blick zuwerfen mute.
    Aber der Kaufmann selbst sah in der Regel nicht strenge aus. Sabine und
Anton wurden mit jedem Tag stiller und verschlossener, er wurde zusehends
heiterer. Er war jetzt gesprchiger als seit Jahren und wurde nicht mde, bei
Tische Anton in die Unterhaltung zu ziehen. Er zwang ihn, zu erzhlen, und hrte
mit Spannung auf jedes Wort, das von Antons Lippen kam. In den ersten Wochen sah
er oft prfend auf Antons Pult, nach kurzer Zeit tat er auch im Geschft, als
wre sein Verhltnis zu Anton noch das alte. Mit munterem Schritt ging er durch
die vordern Comtoire. Noch war im Geschft viel Flauheit, ihn kmmerte das
wenig. Wenn Herr Braun, der Agent, sein belastetes Herz ausschttete, lachte er
dazu und lie einen kurzen Scherz fallen.
    Anton gewahrte diese Vernderung nicht. Wenn er im Comtoir arbeitete, sa er
einsilbig Herrn Baumann gegenber und mhte sich, an nichts zu denken, als an
die Briefe. Die Abende brachte er hufig allein auf seinem Zimmer zu, dann
senkte er sein Haupt in die Bcher, welche Fink ihm vermacht hatte, und
versuchte seinen finstern Gedanken zu entrinnen.
    Er fand die Handlung nicht so wieder, wie er sie verlassen. Durch viele
Jahre war hier alles fest gewesen, jetzt war das Geschft in unruhiger,
schwankender Bewegung. Viele von den alten Verbindungen des Hauses waren
abgeschnitten, mehrere neue waren angeknpft. Er fand neue Agenten, neue Kunden,
mehrere neue Artikel und neue Arbeiter.
    Auch im Hinterhause war es still geworden. Auer den Wrdentrgern des
zweiten Comtoirs, Herrn Liebold und Herrn Purzel, welche niemals aufregende
Elemente der brgerlichen Gesellschaft gewesen waren, traf er von seinen nhern
Bekannten nur noch den treuen Baumann und Specht; und auch diese dachten daran,
das Geschft zu verlassen. Baumann hatte gleich nach Antons Rckkehr dem
Prinzipal gestanden, da er zum nchsten Frhjahr fort msse, und auch Antons
ernstliche Vorstellungen prallten diesmal von dem festen Entschlu des
Missionars ab. Ich kann den Termin nicht verlngern, sagte er; mein ganzes
Gewissen schreit dagegen. Ich gehe von hier auf ein Jahr nach London in die
Missionsanstalt, und von dort, wohin man mich schickt. Ich gestehe, da ich eine
Vorliebe fr Afrika habe. Es sind dort einige Knige, - er nannte schwer
auszusprechende Namen - die ich nicht fr ganz schlecht halte. Dort mu mit der
Bekehrung etwas zu machen sein. Noch ist bei ihnen eine elende Wirtschaft. Den
heidnischen Sklavenhandel hoffe ich ihnen abzugewhnen. Sie knnen ihre Leute zu
Hause brauchen, um Zuckerrohr zu pflanzen und Reis zu bauen. In ein paar Jahren
schicke ich Ihnen ber London die ersten Proben von unserm Plantagenbau.
    Und auch Herr Specht kam zu Anton. Sie haben mir immer gute Freundschaft
gezeigt, Wohlfart. Ich mchte Ihre Meinung wissen. Ich soll heiraten, ein
ausgezeichnetes Mdchen, sie heit Fanny und ist eine Nichte von C. Pix.
    Ei, sagte Anton, und lieben Sie die junge Dame?
    Ja, ich liebe sie, rief Specht begeistert. Aber ich soll auch in das
Geschft von Pix treten, wenn ich sie heirate, und deshalb wollte ich Sie
fragen. Meine Geliebte hat etwas Vermgen und Pix meint, das wrde am besten in
seinem Geschft angelegt. Nun wissen Sie, Pix ist im Grunde ein guter Kerl, aber
ein anderer Kompagnon wre mir doch lieber.
    Ich dchte nicht, mein alter Specht, sagte Anton. Sie sind ein wenig zu
eifrig, und es wird immer gut fr Sie sein, einen sichern Kompagnon zu haben.
Pix wird Sie zwingen, seinen Willen zu tun, und das wird kein Schade sein, denn
Sie werden sich gut dabei stehn.
    Ja, sagte Specht, aber denken Sie, die Branche, die er gewhlt hat. Kein
Mensch htte es fr mglich gehalten, da unser Pix sich zu so etwas
entschlieen knnte.
    Was hat er denn alles? frug Anton.
    Vieles durcheinander, rief Specht, was er vorher niemals angesehen htte;
auer Fellen und Huten jede Art von Pelzwerk, vom Zobel bis zum Maulwurf, und
auerdem Filz und dergleichen, ganz nach seiner Natur, alles, was haarig und
borstig ist. - Es sind gemeine Artikel darunter, Wohlfart.
    Seien Sie kein Kind, versetzte Anton, heiraten Sie, mein guter Junge, und
begeben Sie sich unter die Vormundschaft des Schwagers, es wird Ihr Schade nicht
sein.
    Den Tag darauf trat Pix selbst in Antons Zimmer. Ich habe Ihre Karte
gefunden, Wohlfart, und komme Sie auf Sonntag zum Kaffee einladen. Kuba und eine
Manila. Sie sollen meine Frau kennenlernen.
    Und Sie wollen Specht zum Kompagnon nehmen? frug Anton lchelnd. Immer
hatten Sie einen groen Widerwillen, sich zu assoziieren.
    Ich tt's auch mit keinem andern als mit ihm. Im Vertrauen gesagt, ich bin
in einer Schuld gegen den armen Kerl, und ich kann fr mein Geschft die
zehntausend brauchen, die er sich erheiratet. Ich habe ein Detailgeschft mit
bernommen, verdammte Krschnerwaren, da stecke ich ihn hinein. Das wird ihm
Spa machen. Er kann alle Tage gegen die Weiber artig sein, die in den Laden
kommen, und alle Jahre einen neuen Pelz um sich hngen. Er wird dort brauchbarer
sein, als hier im Comtoir.
    Wie kommt's, da Sie gerade dies Geschft gewhlt haben? frug Anton.
    Ich mute, erwiderte Pix, ich fand noch ein groes Warenlager von meinem
Vorgnger vor; in traurigem Zustand, das versichere ich Ihnen; und ich sah mich
auf einmal in einer groen Gesellschaft von Leuten, welche Hasenfelle und
Schweinsborsten fr preiswrdig hielten.
    Das allein hat Sie doch nicht bestimmt, erwiderte Anton lachend.
    Vielleicht war's auch noch etwas anderes, sagte Pix. Hier am Orte mute
ich bleiben, wegen meiner Frau, und Sie werden einsehen, Anton, da ich, der ich
in diesem Hause Disponent des Provinzialgeschfts gewesen bin, mich nicht an
diesem Platz in derselben Branche auftun konnte. Ich kenne das ganze
Provinzialgeschft besser, wie der Prinzipal, und alle kleinen Kunden kennen
mich besser, als den Prinzipal. Ich htte diesem Geschft geschadet, obgleich
meine Mittel kleiner sind; ich htte leicht gute Geschfte machen knnen, aber
dies Haus htte den Schaden gehabt. So mute ich etwas anderes ergreifen. Ich
ging deshalb zu Schrter, sobald ich mich entschlossen hatte, und besprach das
mit ihm. Ich werde mit Euch nur in einem konkurrieren, und das sind Pferdehaare,
und darin werde ich Euch totmachen. Ich habe auch das dem Prinzipal gesagt.
    Das wird die Handlung ertragen, sagte Anton und schttelte dem
Borstenhndler Pix die Hand.
    Aber nicht im Comtoir allein, auch unter den Arbeitern an der groen Waage
war eine Vernderung eingetreten. Vater Sturm, der treue Freund des Hauses,
drohte die Handlung und diese kleine Erde zu verlassen.
    Eine der ersten Fragen Antons nach seiner Rckkehr war Vater Sturm gewesen.
Sturm war seit einigen Wochen unpa und verlie das Zimmer nicht. Voll Besorgnis
eilte Anton am zweiten Abend nach seiner Ankunft zu der Wohnung des groen
Mannes.
    Schon auf der Strae hrte er ein merkwrdig tiefes Gesumm, als wenn ein
Schwarm Riesenbienen sich in dem rosafarbenen Haus huslich niedergelassen
htte. Als er in den Flur trat, klang das Summen wie das ferne Gemurr einer
Lwenfamilie. Verwundert klopfte er an, niemand antwortete. Als er die Tr
geffnet hatte, mute er auf der Schwelle anhalten, denn im ersten Augenblick
sah er in dem Zimmer nichts, als einen grauen undurchdringlichen Rauch, in
welchem ein gelber Lichtpunkt mit bleichem Dunstkreis schwebte. Allmhlich
unterschied er in dem Rauch einige dunkle Globusse, welche um das Licht herum
wie Planeten aufgestellt waren, zuweilen bewegte sich, was ein Mnnerarm sein
konnte, aber einem Elefantenbein sehr hnlich war. Endlich brachte die Zugluft
der offenen Tr den Dampf in Bewegung, und ihm gelang, durch die Wolken einzelne
Blicke in die Tiefen der Stube zu tun. Nie war eine Menschenwohnung einer
Tabagie von Zyklopen hnlicher. An dem Tisch saen sechs riesige Mnner, drei
auf der Bank, drei auf Eichensthlen, alle hatten Zigarren im Mund, und auf dem
Tisch hlzerne Bierkrge; das drhnende Brummen war ihre Sprache, die so klang,
weil sie leise sprachen, wie sich fr eine Krankenstube schickt.
    Ich rieche etwas, rief endlich eine mchtige Stimme, ein Mensch mu hier
sein, es kommt eine khle Luft, die Tr steht offen. Wer hier ist, der melde
sich.
    Herr Sturm! rief Anton von der Schwelle.
    Die Globusse gerieten in rotierende Bewegung und verfinsterten das Licht.
    Hrt Ihr's, rief die Stimme wieder, ein Mensch ist gekommen.
    Ja, erwiderte Anton, und ein alter Freund dazu.
    Diese Stimme kenne ich, rief es hastig hinter dem Tisch hervor.
    Anton trat nher an das Licht, die Auflader erhoben sich und riefen laut
seinen Namen. Vater Sturm fuhr auf seiner Bank bis auf die uerste Ecke und
hielt Anton beide Hnde entgegen. Da Sie hier sind, wute ich schon durch
meine Kameraden. Da Sie gesund zurckgekommen aus diesem Lande, von diesen
Sensenmnnern und von diesen Schreihlsen, welche ihre Tonne mit Sauerkraut in
der Stube stehn haben, dieses ist mir eine angenehme Freude. Antons Hand ging
zuerst in die Hnde des alten Sturm ber, der sie krftig drckte und dann
wieder zurechtstreichelte, und dann in die Hnde der fnf anderen Mnner, und
kam wieder heraus, gertet, aufgelaufen, im Gelenk erschttert, so da Anton sie
sogleich in die Rocktasche steckte. Whrend die Auflader einer nach dem andern
ihre Begrungen mit Anton austauschten, frug Sturm pltzlich dazwischen: Wann
kommt mein Karl?
    Haben Sie ihm denn geschrieben, da er kommen soll? frug Anton.
    Geschrieben? wiederholte Sturm kopfschttelnd, nein, dies habe ich nicht
getan, von wegen seiner Stellung als Amtmann darf ich es nicht tun. Denn wenn
ich ihm schreibe: Komm, so wrde er kommen, und wenn eine Million Sensenmnner
zwischen ihm und uns aufmarschiert wre, aber er knnte dort ntig sein bei den
Herrschaften. Und deswegen, wenn er nicht von selber kommt, soll er nicht
kommen.
    Er kommt zum Frhjahr, sagte Anton und sah prfend auf den Vater.
    Der Alte schttelte wieder den Kopf: Zum Frhjahr wird er nicht kommen, zu
mir nicht; es ist mglich, da mein kleiner Zwerg dann herkommt, aber zu seinem
Vater nicht mehr. Er setzte den Bierkrug an und tat einen langen Zug, klappte
den Deckel zu und rusperte sich krftig; dann sah er Anton mit einem
entschlossenen Blick an und drckte die Faust als Stempel auf den Tisch.
Fnfzig, sagte er, noch vierzehn Tage, dann kommt's.
    Anton legte seinen Arm um die Schultern des Alten und sah fragend den andern
ins Gesicht, welche ihre Zigarren in der Hand hielten und vor der Gruppe
standen, wie ein griechischer Chor in der Tragdie. Sehen Sie, Herr Wohlfart,
begann der Chorfhrer, der, als Mensch betrachtet, gro, als Riese kleiner war,
denn sein Oberster: das will ich Ihnen erklren. Dieses Mannes Meinung ist, da
er schwcher wird, und da er immer schwcher werden wird, und da in einigen
Wochen der Tag kommt, wo wir Auflader eine Zitrone in die Hand nehmen mssen und
einen schwarzen Schwanz an unsre Hte stecken. Solches ist unser Wille nicht.
Alle schttelten den Kopf und sahen mibilligend auf ihren Obersten. Es ist
nmlich ein alter Streit zwischen uns und zwischen ihm wegen der fnfzig Jahre.
Jetzt will er recht behalten, das ist das Ganze, und unsre Meinung ist, da er
nicht recht hat. Er ist schwcher geworden, dieses ist mglich. Manchmal hat
einer mehr Kraft, manchmal weniger. Was braucht der Mann aber deshalb daran zu
denken, diesen Platz zu verlassen? Ich will Ihnen sagen, Herr Wohlfart, was es
ist, es ist eine Ausschweifung von ihm.
    Alle Riesen besttigten durch Kopfnicken die Worte des Sprechers.
    Also er ist krank? frug Anton besorgt. Wo sitzt die Krankheit, alter
Freund?
    Es ist hier und dort, erwiderte Sturm, es schwebt in der Luft, es kommt
langsam heran, es nimmt zuerst die Kraft, dann den Atem; von den Beinen fngt's
an, dann steigt es herauf. Er wies auf seine Fe.
    Wird Ihnen das Aufstehn sauer? frug Anton.
    Gerade das ist es, erwiderte der Riese, es wird mir sauer, und mit jedem
Tag mehr. Und ich sage dir, Wilhelm, fuhr er gegen den Sprecher fort, in
vierzehn Tagen wird auch das aufhren; dann wird nichts sauer sein, als Eure
Zitronen, und ich hoffe, auch Eure Gesichter, ein paar Stunden, bis zum Abend;
dann sollt Ihr wieder hierher kommen und Euch an dieser Stelle niedersetzen. Ich
werde dafr sorgen, da die Kanne hier steht, wie heut, dann knnt Ihr von dem
alten Sturm reden, als von einem Kameraden, welcher sich zur Ruhe gelegt hat,
und der nichts mehr heben wird, was eine Last ist; denn ich denke mir, da, wo
wir hinkommen, wird nichts mehr schwer sein.
    Da hren Sie's, sagte Wilhelm bekmmert, er schweift wieder aus.
    Was sagt der Arzt zu Ihrer Krankheit? frug Anton schnell.
    Ja, der Doktor, sagte der alte Sturm, wenn man den fragen wollte, er
wrde genug sagen; aber man fragt ihn nicht. Es ist, unter uns gesprochen, auf
die rzte kein Verla. Sie knnen wissen, wie es in manchem Menschen ist, das
leugne ich nicht ab; aber woher wollen sie wissen, wie es in einem von uns ist?
Es kann keiner ein Fa heben.
    Wenn Sie keinen Arzt haben, lieber Herr Sturm, so will ich sogleich
anfangen, Ihr Arzt zu sein, rief Anton, eilte an die Fenster und ffnete alle
Flgel. Wenn das Atmen Ihnen schwer wird, so ist diese dicke Luft Gift fr Sie,
und wenn Sie an den Fen leiden, so sollen Sie auch nicht mehr trinken. Er
trug die Bierkanne auf den andern Tisch.
    Ei, ei, ei, sagte Sturm, dem geschftigen Anton zusehend, die Meinung ist
gut, aber es nutzt nichts. Etwas Rauch hlt warm, und an das Bier sind wir
einmal gewhnt. Wenn ich den ganzen Tag allein sitze auf dieser Bank, ohne
Arbeit, ohne einen Menschen, so ist es mir eine Freude, wenn meine Kameraden des
Abends ihre Bequemlichkeit bei mir haben. Sie reden dann zu mir, und ich hre
doch ihre Stimme wie sonst und erfahre etwas vom Geschft, und wie es in der
Welt zugeht.
    Aber Sie selbst sollen dann wenigstens das Bier meiden und sich vor
Tabakrauch hten, erwiderte Anton. Ihr Karl wird Ihnen dasselbe sagen, und da
er nicht hier ist, so erlauben Sie mir, seine Stelle zu vertreten. Er wandte
sich zu den andern Aufladern. Ich will ihm zu beweisen suchen, da er unrecht
hat, lassen Sie mich eine halbe Stunde mit ihm allein.
    Die Riesen entfernten sich, Anton setzte sich dem Kranken gegenber und
sprach ber das, was dem Vater am meisten Freude machte, ber seinen Sohn.
    Sturm verga seine finstern Ahnungen und geriet in die glcklichste
Stimmung. Endlich sah er Anton mit zugedrckten Augen an und sagte, sich zu ihm
herberlegend, vertraulich: Neunzehnhundert Taler. Er ist noch einmal hier
gewesen.
    Sie haben ihm doch nichts gegeben? frug Anton besorgt.
    Es waren nur hundert Taler, sagte der Alte entschuldigend. Er ist jetzt
tot, der arme junge Herr, er sah so lustig aus mit seinen Schnren am Rocke. So
lange ein Mensch Sohn ist, mu er nicht sterben, das macht zu groes Herzeleid.
    Wegen Ihres Geldes habe ich mit Herrn von Fink gesprochen, sagte Anton,
er wird vermitteln, da man die Schuld an Sie bezahlt. - An den Karl,
verbesserte der Alte auf seine Kammer sehend. Und Sie, Herr Wohlfart, werden es
bernehmen, meinem Karl das in die Hnde zu geben, was dort in dem Kasten ist,
wenn ich selber den Kleinen nicht mehr sehen sollte.
    Wenn Sie diesen Gedanken nicht aufgeben, Sturm, rief Anton, so werde ich
Ihr Feind, und ich werde von jetzt ab mit grter Hrte gegen Sie verfahren.
Morgen frh komme ich wieder und bringe Ihnen den Arzt des Herrn Schrter mit.
    Er mag ein guter Mann sein, sagte Sturm, seine Pferde haben sehr gutes
Futter, sie sind stark und dick, aber mir kann er doch nicht helfen.
    Am andern Morgen besuchte der Arzt den Patienten. Ich kann seinen Zustand
noch nicht fr gefhrlich halten, sagte er, seine Fe sind geschwollen, auch
das mag sich wieder geben, aber das unttige, sitzende Leben ist fr diesen
starken Krper so ungesund, und seine Dit ist so schlecht, da die schnelle
Entwickelung einer gefhrlichen Krankheit leider sehr wahrscheinlich ist.
    Anton schrieb dies sogleich an Karl und fgte hinzu: Unter diesen Umstnden
macht mir der Glaube Deines Vaters, da er seinen fnfzigsten Geburtstag nicht
berleben wird, groe Sorge. Am besten wre, wenn Du selbst um diese Zeit
herkommen knntest.
    Seit Anton dies an Karl geschrieben, war lngere Zeit vergangen, er hatte
unterdes den Kranken tglich besucht. In dem Befinden Sturms war keine
auffallende nderung eingetreten, aber er hielt hartnckig an seinem Entschlu
fest, den Geburtstag nicht zu berleben. An einem Morgen kam der Bediente in
Antons Zimmer und meldete, der Auflader Sturm wnsche ihn dringend zu sprechen.
    Ist er krnker? frug Anton erschrocken, ich gehe sogleich zu ihm.
    Er ist selbst mit einem Wagen vor der Tr, sagte der Diener. Anton eilte
vor das Haus. Dort hielt ein Fuhrmannswagen, ber das Weidengeflecht waren groe
Tonnenreifen gespannt und ber diese eine weie Decke gezogen. Ein Zipfel der
Leinwand schlug sich zurck und der Kopf des Vater Sturm fuhr mit einer
ungeheuren Pelzmtze heraus. Der Riese blickte auf Anton und die Hausknechte,
welche sich um den Wagen drngten, von der Hhe herunter, wie der groe Knecht
Ruprecht auf die erschrockenen Kinder. Aber sein eigenes Gesicht sah sehr
bekmmert aus, dem herantretenden Anton hielt er ein Blatt Papier entgegen:
Lesen Sie dieses, Herr Wohlfart. Einen solchen Brief habe ich von meinem armen
Karl bekommen. Ich mu sogleich zu ihm. - Auf das Gut hinter Rosmin, erklrte
er dem Kutscher, einem stmmigen Fuhrmann, der neben dem Wagen stand.
    Anton sah in den Brief, es waren die ungeschickten Buchstaben des Frsters;
erstaunt las er den Inhalt: Mein lieber Vater, ich kann nicht zu Dir kommen,
denn ein Sensenmann hat mir jetzt abgehauen, was von der Hand noch brig war.
Deshalb bitte ich Dich, sogleich nach Empfang dieses Briefes zu Deinem armen
Sohn zu reisen. Du nimmst einen groen Wagen und fhrst damit bis Rosmin. Dort
hltst Du vor dem roten Hirsch. Im Hirsch wartet ein Wagen und ein Knecht vom
Gut auf Dich. Der Knecht versteht kein Wort Deutsch, ist aber sonst ein guter
Kerl, er wird Dich schon erkennen. Zu der Reise kaufst Du Dir einen Pelz, auch
Pelzstiefel, diese mssen bis ber die Knie gehn und unten mit Leder besetzt
sein. Wenn Du fr Deine groen Beine keine Stiefel findest, so mu der Gevatter
Krschner Dir noch in der Nacht ber Deine Fe einen Pelz nhen. Gre Herrn
Wohlfart. Dein getreuer Karl.
    Anton hielt den Brief in seiner Hand und wute nicht gleich, was er daraus
machen sollte.
    Was sagen Sie zu diesem neuen Unglck? frug der Riese traurig.
    Jedenfalls mssen Sie sogleich zu Ihrem Sohn, erwiderte Anton.
    Natrlich mu ich hin, sagte der Auflader. Das Unglck trifft mich hart,
gerade jetzt, bermorgen sind's fnfzig.
    Anton merkte den Zusammenhang. Sind Sie denn aber auch vorbereitet, wie
Karl will?
    Ich bin's, sprach der Riese und schlug die Leinwanddecke zurck, es ist
alles in Ordnung, der Pelz und auch die Stiefel. Anton sah in den Wagen und
hatte Mhe, ernst zu bleiben. In einen groen Wolfspelz eingewickelt nahm Sturm
die ganze Breite des Wagens ein. Auch seine Fe waren mit einem Wolfsfell
bernht; wenn er jemals einem Ungeheuer hnlich gewesen, so war er es jetzt. Er
stie mit seiner Mtze oben an die weie Leinwand, und die Sulen seiner Fe
fllten den ganzen Wagenraum zwischen Vorder- und Rcksitz. Er sa auf einem
Bettsack und hatte einen Futtersack zur Rcklehne. Das wenige, was noch von
leerem Raum in dem Wagen brig war, wurde in Anspruch genommen durch allerlei
Ballen und Ekober, welche die Kameraden ihrem scheidenden Obersten kunstvoll
zusammengeschnrt und angebunden hatten, kleine Tonnen und Kisten waren um ihn
herum eingestaut und gerade vor ihm hing eine gerucherte Wurst und eine
Reiseflasche von dem Reifen herab. So sa er wie ein Br der Urwelt in seinem
Winterlager. Ein groer Sbel lehnte an seiner Seite: Gegen diese
Sensenmnner, sagte er und schttelte ihn zornig. - Jetzt habe ich noch eine
groe Bitte an Sie. Den Schlssel zu meinem Hause verwahrt der Wilhelm, diese
Kiste bitte ich Sie zu bernehmen, hierin steckt, was unter meinem Bett stand;
heben Sie's auf fr den Karl.
    Ich werde die Kiste Herrn Schrter bergeben, erwiderte Anton, er ist
nach dem Bahnhof gefahren und mu jeden Augenblick zurckkehren.
    Gren Sie ihn, sagte der Riese, ihn und Frulein Sabine, und sagen Sie
beiden, da ich ihnen von Herzen danke fr alle Freundlichkeit, die sie in
meinem Leben mir und dem Karl bewiesen haben. - Bewegt sah er in den Hausflur
hinein. Manches liebe Jahr habe ich dort drinnen hantiert; wenn die Ringe an
Ihren Zentnern glatt sind wie poliert, meine Hnde haben redlich dazu geholfen.
Was dieses Geschft durchgemacht hat seit dreiig Jahren, das habe ich mit
durchgemacht, Gutes und Trauriges; aber ich kann wohl sagen, Herr Wohlfart, wir
waren immer tchtig. Ich werde Eure Fsser nicht mehr rollen, fuhr er zu den
Hausknechten gewandt fort, und ein anderer wird Euch helfen, die Leiterbume an
den Wagen setzen. Denkt manchmal an den alten Sturm, wenn Ihr ein Zuckerfa
anbindet. Es kann nichts ewig bleiben auf der Welt, auch wer stark ist, geht zum
Ende; aber diese Handlung, Herr Wohlfart, soll stehen und blhen, so lange sie
einen Chef hat, wie diesen, und Mnner, wie Sie, und ehrliche Hnde an der
Waage. Dieses ist meines Herzens Wunsch. Er faltete seine Hnde auf dem
Weidengeflecht und Trnen rollten ber seine Wangen. Und jetzt leben Sie wohl,
Herr Wohlfart, geben Sie mir Ihre Hand. Er zog einen groen Fausthandschuh aus
und steckte seine Hand aus dem Wagen heraus. Und Ihr, Peter, Franz, Gottfried,
Ihr Hausknechte alle, lebt wohl und denkt freundlich an mich. Der Hund Sabinens
kam wedelnd an den Wagen und sprang an dem Weidenkorb herauf. Da ist auch der
alte Pluto, rief Sturm und fuhr mit der Hand auf den Kopf des Hundes. Pluto,
adjes. Der Hund leckte ihm die Hand.
    Adjes alle! rief der Scheidende. Nach Rosmin, Kutscher! So zog er sich
in den Wagen zurck. Der Frachtwagen rasselte ber das Pflaster, nach einer
Weile ffnete sich noch einmal die weie Leinwand, der groe Kopf Sturms sah
noch einmal zurck, und seine Hand winkte.
    Anton war durch mehrere Tage in lebhafter Besorgnis um das Schicksal Sturms.
Endlich kam ein Brief von Karls Hand.
    Lieber Herr Wohlfart, schrieb Karl, Sie werden wohl gemerkt haben, weshalb
ich die letzten Zeilen an meinen Goliath schrieb. Er mute fort aus seiner
Stube, und ich mute ihn von seinem Eigensinn wegen des Geburtstages abbringen.
Deshalb erdachte ich in meiner Angst eine Notlge. Es kam also folgendermaen.
    Am Tage vor seinem Geburtstag erwartete ihn der Knecht zu Rosmin im Hirsch.
Ich selber war in die Schenke gegenber geritten, um zu sehn, wie der Vater
ankam und wie er aussah. Ich hielt mich versteckt. Gegen Mittag kam der Wagen
langsam angerasselt. Der Fuhrmann half dem Vater vom Wagen, denn das Absteigen
wurde ihm sehr sauer, so da ich wegen der Beine groe Furcht bekam, es war aber
mehr der Pelz und das Schtteln des Wagens schuld. Der Alte nahm auf der Strae
einen Brief in die Hand und las darin, dann stellte er sich vor den Jasch, der
zum Wagen gelaufen war und der tun sollte, als verstehe er kein Wort Deutsch,
und machte vor ihm verschiedene Zeichen und erschreckliche Bewegungen mit den
Hnden. Er hielt seine Hand zwei Fu vom Steinpflaster, und als der Knecht mit
dem Kopf schttelte, duckte der Alte sich selbst auf die Erde. Dies sollte so
viel bedeuten, als mein Zwerg, aber der Jasch konnte es nicht verstehn, dann
packte der Vater das Gelenk seiner einen Hand mit der andern und schttelte die
Hand heftig vor Jaschs Nase, so da der Knecht, der ohnedies schon ber den
groen Mann erschrocken war, beinahe weggelaufen wre. Endlich aber wurde der
Vater mit seinen Sachen in unseren Korbwagen geschafft, nachdem er noch
einigemal um unseren Wagen herumgegangen war und ihn mit Mitrauen befhlt
hatte. So fuhr er ab. Dem Knecht hatte ich gesagt, er sollte auf geradem Weg
nach der Frsterei fahren, und hatte mit dem Frster alles verabredet. Ich ritt
auf einem Seitenwege vor, und als der Wagen gegen Abend ankam, sprang ich in des
Frsters Bett und lie mir die Hand unter der Bettdecke festbinden, um sie nicht
in der Freude herauszustecken. Als der Alte zu meinem Bett trat, war er so sehr
gerhrt, da er weinte, und es tat mir in der Seele weh, da ich ihn tuschen
mute. Ich erzhlte ihm, da es schon wieder besser wre, und da mir der Arzt
erlaubt htte, am nchsten Tag aufzustehn. Darauf wurde er ruhiger und sagte mir
mit wichtiger Miene, das wre ihm lieb, denn morgen wre fr ihn ein groer Tag,
morgen mte ich an sein Bett. Somit fing er wieder von seinem Unsinn an. Aber
nicht lange, so wurde er lustig, der Frster kam dazu, und wir aen, was das
gndige Frulein mir vom Schlo geschickt hatte. Ich setzte dem Alten Bier vor,
welches er sehr schlecht fand, darauf machte der Frster Punsch, und wir tranken
alle drei recht tapfer, der Vater mit seinen verzweifelten Gedanken, ich mit der
abgehauenen Hand, und der Frster.
    Von der langen Reise, der warmen Stube und dem Punsch wurde der Vater bald
schlfrig. Ich hatte fr eine groe Bettstelle gesorgt, die in des Frsters
Stube aufgestellt war. Er kte mich beim Gutenachtgru noch auf den Kopf,
klopfte auf die Bettdecke und sagte: Also morgen, mein Zwerg. Gleich darauf
war er eingeschlafen. Und wie fest schlief er. Ich fuhr aus des Frsters Bett
und wachte die Nacht bei ihm in der Stube, es war eine bangsame Nacht, und ich
mute immer wieder auf seinen Atemzug hren. Spt am anderen Morgen wachte er
auf. Sobald der Alte sich im Bett rhrte, trat der Frster in die Stube, und
schon an der Tr schlug er die Hnde zusammen und rief einmal ber das andere:
Aber Herr Sturm, was haben Sie gemacht! Was habe ich denn gemacht? frug mein
Goliath noch halb im Schlaf und sah sich ganz erstaunt in der Stube um. Es war
ein groes Geschrei der Vgel, und die ganze Wirtschaft kam ihm so fremd vor,
da er gar nicht wute, ob er noch auf der Erde war. Wo bin ich denn? rief er,
dieser Ort steht nicht in der Bibel. Der Frster aber rief immerzu: Nein, so
etwas ist noch nicht erhrt worden! bis der Alte ganz erschrocken wurde und
ngstlich frug: Na, was denn? - Was haben Sie gemacht, Herr Sturm? rief der
Frster, Sie haben eine Nacht, und einen Tag und wieder eine Nacht geschlafen.
Warum nicht gar, sagte mein Alter, heut ist der dreizehnte, es ist Mittwoch.
Nein, sagte der Frster, heut ist der vierzehnte, es ist Donnerstag. So
zankten die beiden miteinander. Endlich holte der Frster seinen Kalender, in
welchem er alle vergangenen Tage ausgestrichen hatte und auch den gegenwrtigen
Mittwoch mit einem dicken Strich, und hatte zum Dienstag unter seine Bemerkungen
geschrieben: Heut 7 Uhr ist der Vater des Amtmann Sturm angekommen, ein groer
Mann, kann viel Punsch vertragen, und Mittwoch: Heut hat dieser Vater den
ganzen Tag ber geschlafen. Mein Alter sah hinein und sagte endlich ganz
verwirrt: Es ist richtig. Hier haben wir's schriftlich. Dienstag um sieben Uhr
bin ich gekommen, die Gre und der Punsch, alles stimmt, der Mittwoch ist
quittiert, es ist heut Donnerstag, es ist der vierzehnte. Er legte den Kalender
hin und sa ganz betreten in seinem Bett. Wo ist mein Sohn Karl? rief er
endlich. Jetzt trat ich in die Stube, ich hatte meine Hand unter den Rock
gebunden und verstellte mich ebenso wie der Frster, bis der Alte endlich rief:
Ich bin wie behext, ich wei nicht, was ich denken soll. Siehst du denn
nicht, sprach ich, da ich auer Bett bin? Gestern, als du schliefst, war der
Doktor hier und hat mir erlaubt, aufzustehn. Jetzt bin ich schon so stark, da
ich den Stuhl hier mit steifem Arm heben kann. Nur nichts Schweres mehr,
sagte der Alte. Und auch deinetwegen habe ich mit dem Doktor gesprochen,
redete ich weiter, er ist ein kluger Mann und hat uns gesagt, entweder - oder;
entweder er geht drauf, oder er schlft sich durch. Wenn er den ganzen Tag
schlft, hat er's berstanden. Es ist gefhrlich fr ihn, es kommen manchmal
solche Zuflle bei den Menschen vor. Bei uns Aufladern, sagte darauf der
Alte. So brachten wir ihn dazu, da er aus dem Bett aufstand. Und er war recht
munter. Aber ich hatte doch den ganzen Tag groe Sorge und ging ihm nicht von
der Tasche. Er durfte nicht aus dem Hof heraus. Und doch wre am Nachmittag bald
alles verloren gewesen, als der Vogt ankam, mich zu sprechen. Glcklicherweise
hielt der Frster die Hoftr verschlossen, er ging hinaus und unterwies den
Vogt. Als dieser hereinkam, rief ihm mein Vater schon von weitem entgegen:
Welcher Tag ist heut, Kamerad? Donnerstag, sagte der Vogt, der vierzehnte.
Da lachte der Vater ber das ganze Gesicht und rief: Jetzt ist's sicher, jetzt
glaub' ich's. Noch eine Nacht schlief er beim Frster, bis der Geburtstag
berstanden war.
    Am nchsten Morgen lie ich den Wagen kommen und fuhr ihn nach dem Hof und
fhrte ihn in die Stube, gegenber der meinen, wo der Techniker gewohnt hat. Ich
hatte ihm die Stube schnell eingerichtet, Herr von Fink, welcher von allem
wute, hatte handfeste Mbel aus dem Schlo herberschaffen lassen, ich hatte
dem Vater den alten Blcher hereingehngt, hatte die Rotkehlchen hereingelassen,
die Hobelbank hereingestellt und einiges Werkzeug dazu, damit die Stube fr ihn
bequem war. Und jetzt sagte ich ihm: Dies ist deine Wohnung, Alter. Du mut
jetzt bei mir bleiben. Oho, sagte er, dieses geht nicht, mein Zwerg. Es
wird nicht anders sein, sagte ich wieder, ich will es, Herr von Fink will es,
Herr Wohlfart will es, Herr Schrter will es. Du mut dich ergeben. Wir werden
uns jetzt nicht mehr trennen, so lange wir beide noch zusammen auf dieser Erde
sind. Und darauf zog ich meine Hand aus dem Rock und hielt ihm eine tchtige
Strafrede, wie ungesund sein Leben gewesen sei, und da er seiner Einbildungen
wegen mich verlassen wolle, so lange, bis er ganz weichherzig wurde und mir
alles mgliche Gute versprach. Darauf kam Herr von Fink herber und begrte den
Vater in seiner lustigen Weise, und am Nachmittag kam das Frulein und brachte
den Herrn Baron gefhrt. Der blinde Herr freute sich auerordentlich ber den
Vater, seine Stimme gefiel ihm sehr, und er fhlte oft nach der Gre, und beim
Abschied nannte er ihn einen Mann nach seinem Herzen. Und das mu wohl sein,
denn der Herr kommt seitdem alle Nachmittage zum Vater in die kleine Stube und
hrt zu, wie der Vater schnitzt und pocht.
    Noch ist der Vater verwundert ber alles, was er hier sieht, auch mit dem
Tage, den er verschlafen hat, ist er noch nicht ganz im reinen, obgleich er's
wohl merkt, denn er fat mich manchmal mitten in der Unterredung beim Kopf und
nennt mich einen Spitzbuben. Dieses Wort wird er jetzt wohl fr den alten Zwerg
in seiner Rede einfhren, obgleich es fr einen Amtmann noch schlimmer ist. Er
wird sich auf die Stellmacherei legen, er hat heut schon ber Radspeichen
geschnitzt. Ich frchte nur, er wird sehr ins Schwere arbeiten. Ich bin froh,
da ich ihn hier habe, und da alles so abgelaufen ist, wenn er nur erst den
Winter berstanden hat, wird er die Schwche in seinen Fen schon auslaufen.
Das kleine Haus will er verkaufen, aber nur an einen Auflader. Er lt Sie
bitten, dasselbe dem Wilhelm anzutragen, welcher zur Miete wohnt, er soll's
billiger haben, als ein Fremder.

                                       6


Acht Tage nach dem Untergang des Advokaten sa Anton in seinem Zimmer und
schrieb an Fink. Er teilte diesem mit, da man den Leichnam des Advokaten am
Ende der Stadt beim Wehr aus dem Wasser gezogen habe, die Ursache seines Todes
sei nicht klar. Ein Kind aus dem Hause, in welchem der Mann wohnte, hatte
erzhlt, da es ihm am Abende der Haussuchung nahe bei seiner Wohnung auf der
Strae begegnet war; seitdem war der Tote nicht wieder erblickt worden. Unter
diesen Umstnden sei ein Selbstmord nicht unmglich. Der Polizeibeamte jedoch
halte die Ansicht fest, da der herabgeschlagene Hut eine fremde Hand indiziere.
Beim Durchsuchen der Wohnung habe man die Papiere nicht gefunden. Die weitern
Nachforschungen der Polizei seien bis jetzt ohne Erfolg gewesen. Seine eigene
Meinung ber den furchtbaren Zwischenfall gehe dahin, da Itzig auch hierbei
eine Schuld habe.
    Da wurde die Tr geffnet, der Galizier trat hastig in das Zimmer und legte,
ohne zu sprechen, eine alte Brille mit rostiger Stahleinfassung vor Anton auf
den Tisch. Anton sah in das verstrte Gesicht des Mannes und sprang auf.
    Seine Brille, flsterte Tinkeles in heiserem Tone, ich habe sie gefunden
beim Wasser. Gerechter Gott, da man mu erleben solchen Schreck!
    Wessen ist die Brille, und wo habt Ihr sie gefunden? frug Anton; ihm
ahnte, was der Galizier zu sagen nicht die Kraft hatte, und sein Auge sah scheu
nach den trben Glsern. Fat Euch, Tinkeles, und sprecht.
    Es kann nicht bleiben verborgen, es schreit zum Himmel, rief der Galizier
in heftiger Bewegung. Sie sollen hren alles, wie es verlaufen ist. Zwei Tage,
nachdem ich habe gesprochen mit Ihnen wegen der hundert Taler, bin ich gegangen
des Abends zu Lbel Pinkus in die Schlafstelle. Wie ich bin in das Haus
getreten, ist ein Mann im Finstern an mich angerannt. Ich habe gedacht, ist das
der Itzig, oder ist er's nicht? Ich habe mir gesagt, es ist der Itzig; es ist
sein Laufen, wie er luft, wenn er in Eile ist. Als ich bin gekommen hinauf in
die groe Stube, ist alles gewesen leer, und ich habe mich gesetzt zum Tisch und
habe nachgesehen in meiner Brieftasche. Und wie ich sitze, geht drauen der
Wind, und es klopft an das Gelnder, und es klopft immerfort, als wenn einer
drauen steht, der herein will, und kann nicht ffnen die Tr. Ich habe mich
erschreckt und habe meine Briefe eingepackt und habe gerufen: Ist jemand hier,
so soll er sagen, da er hier ist. Es hat keiner geantwortet, aber es hat an der
Tre geklappert ohne Aufhren. Da habe ich mir gefat ein Herz, ich habe
genommen die Lampe und bin gegangen an das Gelnder und habe geleuchtet in alle
Winkel. Ich habe niemand gesehen. Und wieder hat's geklopft dicht vor mir und
hat gegeben einen groen Krach; da ist aufgeflogen eine Tr, welche niemals
offen gewesen ist, und von der Tr hat eine Treppe hinuntergefhrt ins Wasser.
Als ich nun habe geleuchtet auf der Treppe, habe ich gesehen, da ein nasser Fu
hat getreten auf die Stufen und ist heraufgekommen; die Spuren von dem Fue sind
gewesen zu sehen bis in die Stube, nasse Flecke auf dem Boden. Und ich habe mich
gewundert und habe zu mir gesagt: Schmeie, habe ich gesagt, wer ist gegangen bei
der Nacht aus dem Wasser herauf in die Stube, und hat offengelassen die Tr, wie
ein Geist? Es kmmert dich nicht, habe ich mir gesagt, es ist nicht dein
Geschft. Und ich habe mich gefrchtet.
    Und eh' ich zuschliee die Tr, habe ich mit der Lampe noch einmal auf die
Treppe geleuchtet, und da habe ich unten am Wasser auf der letzten Stufe etwas
gesehen, das gefunkelt hat im Licht. Und ich habe mich hinuntergewagt eine Stufe
nach der andern, weh, ich kann Ihnen sagen, Herr Wohlfart, es ist gewesen eine
schwere Arbeit. Der Wind hat geheult und hat geblasen um meine Lampe, und der
Weg die Treppe hinunter ist gewesen so finster wie ein Brunnen. Und was ich
aufgehoben habe, ist gewesen dieses da, - er wies auf die Brille - das Glas,
das er vor seinen Augen getragen hat.
    Und woher wit Ihr, da es die Brille des Toten ist? fragte Anton
gespannt.
    Sie ist zu erkennen an dem Gelenk, das verbunden ist mit schwarzem Zwirn.
Ich habe ihn mit dieser Brille beim Pinkus in der Stube gesehn mehr als einmal.
Darauf habe ich die Brille zu mir gesteckt, und ich habe gedacht, ich will dem
Pinkus nichts sagen von der Geschichte und will das Glas geben dem Hippus selbst
und sehen, ob es mir kann ntzen fr unser Geschft. Und ich habe die Brille bei
mir getragen bis heut und habe auf den Hippus gewartet, und als er nicht
gekommen ist, habe ich den Pinkus gefragt, und dieser hat mir geantwortet: Wei
ich doch auch nicht, wo er steckt. Und heute zum Mittag, als ich gekommen bin in
die Herberge, ist mir der Pinkus entgegengelaufen und hat mir gesagt: Schmeie,
hat er gesagt, wenn Ihr den Hippus noch sprechen wollt, so mt Ihr gehn ins
Wasser; er ist gefunden worden im Wasser. Das ist mir gewesen wie ein Schu in
mein Herz, als er mir gesagt hat: geh ins Wasser und such dir ihn. Und ich habe
mich halten mssen an die Wand.
    Anton eilte an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen an den Beamten, der
erst vor kurzem das Zimmer verlassen hatte, klingelte und gab dem Diener den
Auftrag, das Billett eiligst abzugeben.
    Unterdes war Tinkeles wie gebrochen auf einen Stuhl gesunken, er starrte auf
die Tischplatte und murmelte vor sich in unverstndlichen Tnen.
    Anton ging nicht weniger ergriffen im Zimmer auf und ab. Es war ein
trauriges Schweigen. Nur einmal wurde es unterbrochen, als der Galizier von
seinem Gemurmel zu lauten Tnen berging und fragte: Glauben Sie, da die
Brille wert sein wird die hundert Taler, die Sie fr mich haben in Ihrem
Schreibtisch?
    Ich wei es noch nicht, antwortete Anton kurz und setzte seinen Weg durch
die Stube fort.
    Schmeie verfiel wieder in Abspannung und Seufzen, schlug manchmal seine
zitternden Hnde ineinander und gurgelte vor sich hin. Endlich blickte er wieder
auf und sagte: Aber zum wenigsten doch fnfzig?
    Schweigt jetzt mit Eurem Schacher, erwiderte Anton streng.
    Was soll ich schweigen, rief Tinkeles entrstet, ich stehe aus eine groe
Angst, soll das sein um gar nichts? Und wieder versank er in seinen Schmerz.
    Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft des Beamten unterbrochen. Der
gewandte Mann lie den Hndler noch einmal seinen Bericht wiederholen, nahm die
Brille, bestellte einen Wagen fr sich und den widerstrebenden Tinkeles und
sagte beim Abschiede zu Anton: Machen Sie sich gefat auf eine schnelle
Entwickelung; ob ich meinen Willen durchsetze, ist noch zweifelhaft; fr Sie ist
aber jetzt einige Aussicht da, die Dokumente, welche Sie suchen, aufzufinden.
    Um welchen Preis! rief Anton schaudernd.
    Die Zimmer im Hause Ehrenthals waren hell erleuchtet, durch die
herabgelassenen Vorhnge fiel ein trber Schimmer in den Sprhregen, der aus der
dicken Nebelluft auf die Strae sank. Mehrere Rume waren geffnet, schwere
silberne Leuchter standen umher, glnzende Teekannen, bunte Prozellanschalen,
alles Schaugert war gebrstet, gewaschen und aufgestellt, der dunkle Fuboden
war neu gebohnt, sogar die Kchenfrau trug eine neugeplttete Haube; das ganze
Haus hatte sich gewaschen und gereinigt. Die schne Rosalie stand mitten unter
dieser Herrlichkeit in einem Kleid von gelber Seide mit purpurroten Blten
geschmckt, schn wie eine Huri des Paradieses, und bereit wie diese, den
Auserwhlten zu empfangen. Die Mutter strich ihr die Falten des schweren Stoffes
zurecht, sah triumphierend auf ihr Werk und sagte in einer Anwandlung von
mtterlichem Gefhl: Was du heut schn bist, Rosalie, mein einziges Kind. Aber
Rosalie war zu sehr gewhnt an diese Huldigungen der Mutter, sie achtete wenig
auf das Lob und nestelte unwirsch an einem Armband, welches auf ihrem vollen Arm
durchaus nicht festhalten wollte. Da der Itzig mir Trkise gekauft hat, war
wieder recht unpassend von ihm, er htte auch wissen knnen, da sie nicht in
der Mode sind.
    Sie sind gut gefat, sagte die Mutter beruhigend, es ist ein schweres
Gold, und die Fasson ist nach dem neusten Geschmack.
    Und wo bleibt Itzig? Heut sollt' er doch kommen zur rechten Zeit; die
Familie wird da sein, und der Brutigam wird fehlen, fuhr Rosalie schmollend
fort.
    Er wird zur Stunde kommen, antwortete Itzigs Patronin, du weit, wie er
sich mht und arbeitet, damit du ein glnzendes Haus machen kannst. Du bist
glcklich, schlo sie seufzend. Du trittst jetzt in das Leben, und wirst eine
angesehene Frau. Ihr werdet nach der Trauung zuerst auf einige Wochen nach der
Residenz reisen, wo der Itzig dich vorstellen wird meiner Familie, und wo Ihr
miteinander in aller Ruhe die Flitterwochen verleben knnt. Unterdes werde ich
euch dieses Quartier einrichten, und ich werde hinaufziehn in den obern Stock.
Ich werde den Rest meines Lebens den Ehrenthal pflegen und mit ihm sitzen in der
leeren Stube.
    Soll der Vater heut in die Gesellschaft kommen? frug Rosalie.
    Es mu sein wegen der Familie, da er hereinkommt; er mu als Vater den
Segen ber euch sprechen.
    Er wird uns einen Affront machen und wieder trichtes Zeug reden, sagte
die kindliche Tochter.
    Ich habe ihm gesagt, was er sprechen soll, antwortete die Mutter, und er
hat mir zugenickt zum Zeichen, da er es hat verstanden.
    Es klingelte, die Tr ffnete sich, die Verwandtschaft erschien. Bald
fllten sich die Zimmer. Damen in schweren seidenen Kleidern mit Goldschmuck,
blitzenden Ohrringen und Ketten besetzten das groe Sofa und die Sthle der
Runde. Es waren meist volle Gestalten, hier und da ein brennendes dunkles Auge,
eine imposante Gestalt. Sie saen in getrennter Versammlung wie ein buntes
Tulpenbeet, in welches der Grtner vermieden hat, eine dunkle Blte zu setzen.
Und wieder in Gruppen standen die Mnner, schlaue Gesichter, die Hnde in den
Hosentaschen, weniger feierlich und weniger behaglich. So harrte die
Verwandtschaft des Brutigams, der immer noch zu kommen sumte.
    Endlich erschien er, der gezeichnet war. Argwhnisch fuhr sein Auge umher,
unsicher klang sein Gru an die Braut. Er strengte sich an bis aufs uerste,
nur einige Redensarten zu finden, die er dem schnen Mdchen hinwerfen konnte,
und er selbst htte grimmig lachen mgen ber die Leere, die er in sich fhlte.
Er sah nicht ihr glnzendes Auge, nicht den schnen Hals und die Pracht des
Leibes; als er zu ihr trat, mute er auf einmal an etwas anderes denken, woran
er jetzt immer dachte. Er wandte sich schnell von Rosalie ab und trat in den
Haufen der Herren, der nach seiner Ankunft gesprchiger wurde. Einige
gleichgltige Redensarten der Jngern wurden gehrt, als: Frulein Rosalie
sieht bezaubernd aus und: Ob der Ehrenthal kommen wird? und: Dieser lange
Nebel ist ungewhnlich, er ist ungesund, man mu Jacken von Flanell tragen, bis
aus einem Munde die Worte kamen: Viereinhalbprozentige. Da hrten die Fragen
auf, es war ein Gesprch gefunden. Itzig war einer der lautesten, er
gestikulierte nach allen Seiten. Man redete von den Kursen, von der Wolle und
von dem Unglck eines Geschftsmannes, der in Papieren so viel gemacht hatte,
da er gefallen war. Die Frauen waren vergessen, und an solche Isolierung
gewhnt, hielten sie feierlich die Teetassen in der Hand, strichen die Falten an
ihren Gewndern zurecht und bewegten anmutig Hals und Arm, da ihre Ketten und
Armbnder im Kerzenlicht blitzten.
    Da ward die Unterhaltung durch ein Gerusch unterbrochen, eine Tr ging auf,
allgemeine Stille entstand, ein schwerer Armstuhl wurde in das Zimmer gerollt.
    Auf diesem Armstuhl sa ein alter Mann mit weiem Haar, ein dickes
aufgedunsenes Gesicht, zwei glotzende Augen, welche vor sich hin starrten, der
Leib gekrmmt, die Arme schlaff ber die Lehne herabhngend. Das war Hirsch
Ehrenthal, ein bldsinniger Greis. Als der Stuhl in die Mitte der Versammlung
niedergesetzt war, sah er sich langsam um, nickte mit dem Kopf und wiederholte
die eingelernten Worte: Guten Abend, guten Abend. Seine Frau beugte sich zu
ihm herab und rief mit lauter Stimme in sein Ohr: Kennst du die Herrschaften,
welche hier sind? Es ist die Verwandtschaft.
    Ich wei߫, nickte die Gestalt, es ist eine Soiree. -Sie sind alle gegangen
zu einer groen Soiree, und ich bin allein geblieben in meiner Stube. - Und ich
habe gesessen an seinem Bett. Wo ist der Bernhard, da er nicht kommt zu seinem
alten Vater? Die Anwesenden, welche den Lehnstuhl umringt hatten, traten
verlegen zurck, und die Hausfrau schrie dem Alten wieder ins Ohr: Bernhard ist
verreist, aber deine Tochter Rosalie ist hier.
    Verreist ist er? frug der Alte traurig, wohin kann er doch sein verreist?
Ich habe ihm wollen kaufen ein Pferd, da er kann darauf reiten, ich habe ihm
kaufen wollen ein Gut, damit er soll leben als ein anstndiger Mensch, was er
immer ist gewesen. Ich wei߫, rief er, als ich ihn habe gesehn das letzte Mal,
ist er gewesen auf einem Bett. Auf dem Bett hat er gelegen, und er hat seine
Hand erhoben und hat sie geschttelt gegen seinen Vater. Er sank in den Stuhl
zurck und wimmerte leise.
    Komm her, Rosalie, rief die Mutter, gengstigt durch diese Phantasie des
Schwachsinnigen. Wenn dich der Vater sieht, mein Kind, kommt er auf andere
Gedanken. Die Tochter trat heran und kniete, ihr Taschentuch unterbreitend, vor
dem Stuhl des Vaters. Kennst du mich, Vater? rief sie.
    Ich kenne dich, sprach der Alte, du bist ein Weib. Was braucht ein Weib
zu liegen auf der Erde? Gebt mir meinen Gebetsmantel und sprecht die Gebete. Ich
will knien an deiner Stelle und beten, denn es ist gekommen eine lange Nacht.
Aber wenn sie wird vorber sein, dann werden wir anznden die Lichter und werden
essen. Dann wird es Zeit sein, da wir die bunten Kleider anziehn. - Was trgst
du einen bunten Rock, jetzt, wo der Herr zrnt auf die Gemeinde? -Er begann ein
Gebet zu murmeln und sank wieder in sich zusammen.
    Rosalie erhob sich unwillig; die Mutter sagte in groer Verlegenheit: Es
ist heut rger mit ihm, als es jemals gewesen ist. Ich habe gewollt, da der
Vater gegenwrtig sein sollte beim Ehrentage der Tochter, aber ich sehe, da er
die Pflichten des Hausherrn nicht erfllen kann. So werde ich als Mutter der
Gesellschaft eine frohe Mitteilung machen. Sie fate feierlich die Hand ihrer
Tochter: Treten Sie nher, Itzig.
    Itzig hatte bis dahin stumm unter den andern gestanden und auf den Alten
gestarrt. Er hatte zuweilen mit den Achseln gezuckt und mit dem Kopfe
geschttelt ber den Unsinn des Kranken, weil er fhlte, da das bei seiner
Stellung in der Familie schicklich war. Aber vor seinem Auge schwebte eine
andere Gestalt, er wute besser als die andern, wer jammerte und sthnte, er
wute auch, wer gestorben war und nicht verziehen hatte. So trat er mechanisch
neben die Frau vom Hause, den Blick stier auf den Alten gerichtet. Die Gste
umringten im Kreise ihn und Rosalie, die Mutter ergriff seine Hand.
    Da fing der Alte in seinem Lehnstuhl wieder an zu schwatzen. Seid still,
sagte er vernehmlich, dort steht er, der Unsichtbare. Wir gehn heim vom
Begrbnis, und er tanzt unter den Weibern.
    Wen er ansieht, dem schlgt er die Glieder. Dort steht er, schrie er laut
und erhob sich aus seinem Stuhl. Dort - dort. - Strzt Eure Wasserbecken um und
flieht in die Huser. - Denn der da steht, er ist verflucht vor dem Herrn.
Verflucht! schrie er und ballte die Hnde und wankte wie rasend auf Itzig zu.
    Itzigs Gesicht wurde fahl, er versuchte zu lachen, aber seine Zge verzogen
sich in grimmiger Angst. Da wurde schnell die Tr aufgerissen, sein Laufbursche
sah ngstlich herein. Itzig warf nur einen Blick auf den Knaben, und er wute
alles, was der andere ihm sagen wollte. Er war entdeckt, er war in Gefahr. Er
sprang zur Tr und war verschwunden.
    Lege deinen Brautschmuck ab, schne Rosalie, wirf das goldene Armband mit
Trkisen in die finstere Ecke des Hauses, wo der Moder an den Wnden sitzt und
nie ein Lichtstrahl auf Gold und Edelsteine blitzt. Die Steine sollen
verbleichen und das Gold unscheinbar werden im Laufe der Jahre, die Kellerasseln
sollen in den Gliedern des Armrings ihr Lager aufschlagen und durch das goldene
Kettengelenk schlpfen. Langbeinige Spinnen werden darberkriechen und werden
ihre Rhre daran spinnen, um einfltige Fliegen in der Finsternis zu
berraschen. Wirf das Armband weit weg von dir, denn jeder Gran Gold daran ist
durch eine Schurkerei bezahlt. Zieh dein hochzeitlich Gewand aus und hlle
deinen schnen Leib in Trauerkleider, und von den Blumen in deinem Haar pflcke
die Bltter ab und wirf sie hinaus in die Nacht, dem kalten Nachtwind zum
Spiele. Sieh ihnen nach, wie sie im Lichtscheine des Fensters flattern und in
dem Dunkel verschwinden; sie fallen hinab in den Schmutz der Straen, und der
Fu der Vorbergehenden bedeckt sie mit Schlamm. Du wirst keine Verlobung, kein
Hochzeitsfest feiern mit deinem vielversprechenden Brutigam; du wirst in den
nchsten Tagen mit gesenktem Haupt ber die Straen eilen, und wo du
vorbergehst, werden die Leute einander anstoen und flstern: Das ist seine
Braut. Und wenn die Zeit kommt, wo die Hoffnung der Mutter dich in der Residenz
sah, in lustigen Flitterwochen, da wirst du in einer fremden Stadt sitzen, wohin
du fliehst, um dem Spott der Boshaften zu entrinnen. Du gehst nicht im Schmerz
unter, und deine Wange erbleicht nicht; du hast ein glnzendes Aussehen, und
dein Vater hat viel Geld zusammengescharrt; du findest mehr als einen, der
bereit ist, der Nachfolger von Itzig zu werden. Dein Los ist, einem
heimzufallen, der dein Kapital heiratet und deine Glieder mit vergngtem Lachen
in Kauf nimmt, und du wirst ihn vom ersten Tage deiner Ehe an verachten, und
wirst ihn ertragen, wie man einen Schaden trgt, den der Arzt nicht wegschaffen
kann. Neue Gewnder von glnzender Seide wirst du tragen, und ein anderer
Goldschmuck wird an deinem Arm klirren, und der Inhalt deines Lebens wird sein,
als geschmckte Puppe umherzuwandeln und deinen Mann hhnisch mit andern Mnnern
zu vergleichen. Das Geld aber, welches der alte Ehrenthal durch Wucher und
Schlauheit mit tausend Sorgen fr seine Kinder zusammengebracht hat, das wird
wieder rollen aus einer Hand in die andere, es wird dienen den Guten und Bsen,
und wird dahinflieen in den mchtigen Strom der Kapitalien, dessen Bewegung das
Menschenleben erhlt und verschnert, das Volk und den Staat gro macht und den
einzelnen stark oder elend, je nach seinem Tun.
    Drauen war finstere Nacht, durch die dicke Luft rieselte ein kalter
Sprhregen, und die Haut der Fugnger schauerte unter den dichten
Herbstkleidern. Itzig sprang die Treppe hinab. Er hrte noch auf den Stufen eine
bebende Stimme: Die Polizei ist in der Wohnung, sie stehn im Hofe, sie lauern
auf der Treppe, sie brechen die Stubentr auf. Dann hrte er nichts mehr, eine
furchtbare Angst berschttete seine Seele. Mit rasender Schnelligkeit fuhren
die Gedanken durch sein Haupt. Flucht, Flucht, schrie alles in ihm. Er fhlte
nach seiner Tasche, worin er seit der letzten Woche einen Teil seines Vermgens
herumtrug. Er dachte an die Zge der Eisenbahn, es war nicht die Stunde, wo ein
Zug abging, der ihn zum Meere fhren konnte. Und auf allen Bahnhfen fand er
Verfolger, die auf ihn lauerten. So rannte er hinein in die Nacht durch enge
Gassen in entlegene Stadtteile. Wo eine Laterne brannte, fuhr er zurck. Immer
flchtiger wurde sein Gang, immer verworrener der Zug seiner Gedanken. Endlich
verlie ihn die Kraft, er kauerte in eine Ecke und prete die Hnde an seinen
Kopf, um die Gedanken zusammenzuhalten. Da hrte er das dumpfe Horn des Wchters
in seiner Nhe, wenige Schritte von ihm stand der Mann, und seine Hellebarde
klapperte an den Schlsseln, die er am Grtel trug. Tief zur Erde beugte sich
der Flchtige, die Angst schnrte ihm die Brust zusammen, da er sthnte,
obgleich es sein Leben galt. Auch hier war die Gefahr. Wieder strzte er
zwischen den Huserreihen vorwrts auf den einzigen Ort zu, der noch deutlich
vor seiner Seele stand, vor dem er sich graute, wie vor dem Tode, und zu dem es
ihn doch hinzog, als zu dem letzten Versteck, das er auf Erden noch hatte. Als
er in die Nhe der Herberge kam, sah er einen dunklen Schatten vor der Tr. Dort
hatte der kleine Mann oft in der Dunkelheit gestanden und auf den heimkehrenden
Veitel gewartet. Auch heute stand er dort und wartete auf ihn. Der Unselige fuhr
zurck und wieder nher heran, die Tr war frei. Er fuhr mit der Hand nach einem
verborgenen Drcker und schlpfte hinein. Aber hinter ihm hob sich wieder
drohend der Schatten aus dem Dunkel eines vorspringenden Kellers, er glitt
hinter ihm an die Tr und blieb dort regungslos stehn. Der Flchtling zog seine
Stiefel aus und huschte die Treppe hinauf. Er fhlte sich im Finstern an eine
Stubentr, ffnete sie mit zitternder Hand und griff nach einem Schlsselbund an
der Wand. Mit den Schlsseln eilte er durch den Saal auf die Galerie, wie in
weiter Ferne hrte er die Atemzge schlafender Menschen. Er stand vor der
Treppentr. Ein heftiger Schauer schttelte seine Glieder, wankend stieg er
hinunter, Stufe auf Stufe. Als er den Fu in das Wasser setzte, hrte er ein
klgliches Sthnen. Er hielt sich an die Holzwand, wie der andere getan, und
starrte hinunter. Wieder sthnte es aus tiefster Brust, er merkte, da er es
selbst war, der so Atem holte. Mit dem Fu suchte er den Gang im Wasser. Das
Wasser war gestiegen seit jener Zeit, es ging ihm hoch ber das Knie, er hatte
Grund gefunden und stand im Wasser.
    Finster war die Nacht, immer noch rieselte der Regen durch die schwere Luft,
der Nebel berzog Huser und Galerien lngs dem Flusse, nur undeutlich trat eine
Wassertreppe, ein sttzender Pfeiler oder das Giebeldach eines Hauses aus der
dunkelgrauen Masse hervor. Das Wasser staute sich an den alten Pfhlen, den
Treppen und den Vorsprngen der Huser und murmelte eintnig. Es war der einzige
Laut in der finstern Nacht, und er drang wie Donnergets in das Ohr des Mannes.
Alle Qual der Verdammten fhlte er jetzt, wo er watend, mit den Hnden fhlend,
durch Wasser und Regen seinen Weg suchte. Er klammerte sich an das schlpfrige
Holz der Pfhle, um nicht zu sinken. Er stand an der Treppe des Nachbarhauses,
er fhlte nach den Schlsseln in seiner Tasche, noch ein Schwung um die Ecke,
und sein Fu berhrte die Stufen der Treppe. Da, als er sich wenden wollte, fuhr
er kraftlos zurck, der gehobene Fu sank in das Wasser, vor sich auf dem
Pfahlwerk ber der Flut sah er eine dunkle, gebckte Gestalt. Er konnte die
Umrisse des alten Hutes erkennen, er sah trotz der Finsternis die hlichen Zge
eines wohlbekannten Gesichts. Unbeweglich sa die Erscheinung vor ihm. Er fuhr
mit der Hand an seine Augen und in die Luft, als wollte er sie wegwischen. Es
war keine Tuschung, das Gespenst sa wenige Schritt vor ihm. Endlich streckte
das Schreckliche eine Hand aus nach Itzigs Brust. Mit einem Schrei fuhr der
Verbrecher zurck, sein Fu glitt von dem Wege herunter, er fiel bis an den Hals
ins Wasser. So stand er im Strom, ber ihm heulte der Wind, an seinem Ohr
rauschte das Wasser immer wilder, immer drohender. Er hielt die Hnde in die
Hhe, sein Auge starrte noch immer auf die Erscheinung vor ihm. Langsam lste
sich die fremde Gestalt von dem Balken, es rauschte auf dem Wege, den er selbst
gegangen war, das Gespenst trat ihm nher, wieder streckte sich die Hand nach
ihm aus. Er sprang entsetzt weiter ab in den Strom. Noch ein Taumeln, ein lauter
Schrei, der kurze Kampf eines Ertrinkenden, und alles war vorber. Der Strom
rollte dahin und fhrte den Krper des Leblosen mit sich.
    An dem Rand des Flusses wurde es lebendig, Pechfackeln glnzten am Ufer,
Waffen und verhllte Uniformen blinkten im Schein der Lichter. Der Zuruf
suchender Menschen wurde gehrt, und vom Fu der Treppe watete ein Mann lngs
dem Ufer und rief hinauf: Er ist fortgetrieben, bevor ich ihn erreichen konnte,
morgen wird er am Wehr zu finden sein.

                                       7


Die Herberge des Lbel Pinkus wurde durchsucht, das geheime Magazin im
Nebenhause mit Beschlag belegt; und da man die Beute zahlreicher alter und neuer
Diebsthle darin angesammelt fand, wurde der Herbergsvater selbst ins Gefngnis
gesetzt. Unter den aufgefundenen Gegenstnden war auch die leere Kassette des
Freiherrn; in einem verschlossenen Schrank der geheimen Hhle lagen im Winkel
zusammengepackt die Ehrenscheine des Freiherrn, die beiden Hypothekeninstrumente
ber die ersten und die letzten zwanzigtausend Taler der Gutsschulden. In der
Wohnung des Agenten Itzig fand sich ein Dokument, in welchem Pinkus versicherte,
da Veitel Itzig Eigentmer der ersten Hypothek sei. Der harte Sinn des Pinkus
wurde durch die Untersuchungshaft erweicht; er gestand, was zu leugnen er nicht
mehr groes Interesse hatte, da er nur im Auftrag des Ertrunkenen dem Freiherrn
das Geld gezahlt, und da dieser in der Tat nicht mehr als zusammen ungefhr
zehntausend Taler von Itzig erhalten habe. So erhielt der Freiherr auch sein
Anrecht an die Hlfte der ersten Hypothek zurck.
    Pinkus wurde zu langer Gefngnisstrafe verurteilt. Die stille Herberge ging
ein, und Tinkeles, der das zweite Hundert gleich nach Itzigs Tod von Anton
gefordert hatte, trug fortan sein Bndel und seinen Kaftan in einen andern
Schlupfwinkel. Sein Gefhl fr die Handlung erhielt durch die letzten Ereignisse
eine Wrme, welche die Handlung veranlate, ihm gegenber ungewhnliche Vorsicht
zu beobachten und einige groe Geschfte zurckzuweisen, die er jetzt durchaus
mit ihr unternehmen wollte. Die natrliche Folge dieser Klte war, da Tinkeles
um so hhere Achtung vor der Klugheit des Geschfts erhielt und fortfuhr, dem
Comtoir seine Besuche zu gnnen, ohne da eine neue khne Spekulation das gute
Verhltnis unterbrach. Das Haus des Pinkus wurde verkauft, ein ehrlicher Frber
zog hinein, und von der Galerie, an welcher einst die hagere Gestalt des jungen
Veitel gelehnt hatte, hing jetzt blau und schwarz gefrbtes Garn hinunter bis in
die trbe Flut.
    Nach langen Verhandlungen mit dem Anwalt und der gedrckten Familie
Ehrenthals empfing Anton im Wege des Vergleichs die Ehrenscheine und die letzte
Hypothek gegen Zahlung der zwanzigtausend Taler zurck.
    Unterdes kam der Subhastationstermin des Familiengutes heran. Noch vor dem
Termin suchte ein Kauflustiger Anton auf, und Anton traf mit ihm unter Zuziehung
seines Rechtsbeistands und mit Einwilligung des Freiherrn das Abkommen, da der
Kufer im Termin wenigstens eine Kaufsumme zu bieten habe, welche dem Freiherrn
auch die letzte fr Ehrenthal ausgestellte Hypothek rettete. Bei dem noch immer
niedrigen Gterpreis war eine hhere Verkaufssumme fr das Gut nicht zu hoffen,
und im Termin, dessen Ende Anton in groer Spannung abwartete, erstand der neue
Kufer in der Tat das Gut zu dem vorher besprochenen Preise.
    Am Tage nach dem Termin schrieb Anton der Baronin, er bersandte ihr die
Schuldscheine des Freiherrn und seine Vollmacht. Er siegelte den Brief mit dem
frohen Gefhl, da er aus all der Verwirrung fr Lenore doch ein Erbteil von
ungefhr dreiigtausend Talern gerettet hatte.

Auf dem Dach des Starostenhauses lag wieder der weie Schnee, und die Krhen
drckten die Spur ihrer Fe hinein. Das glnzende Festkleid des Winters war
ber Flur und Wald ausgebreitet, in tiefem Schlaf lag die Erde, kein Schferhund
bellte auf den Feldern, das Ackergert stand unttig in einem Schuppen des
Hofes. Und doch war auf dem Gut ein heimliches Leben sichtbar, und ber den
weiten Hofraum eilten geschftige Arbeiter mit Zollstab und Sge. Der Boden in
dem Wirtschaftshof war uneben, denn der Grund fr neue Gebude war ausgegraben,
und in den Stuben, und sogar drauen im Sonnenschein arbeitete eine Schar
Handwerker aus der Stadt, Zimmerleute, Tischler und Stellmacher. Lustig pfiff
der Gesell sein Lied bei der Arbeit, und die gelben Spne flogen weit in den Hof
hinein. Es war eine neue Kraft auf dem Gut sichtbar, und ein neues Leben, und
wenn das Frhjahr kommt, wird eine Schar Arbeiter sich ber den polnischen Grund
verbreiten und den ausgeruhten Boden zwingen, emsiger Arbeit Frchte zu tragen.
    In seiner warmen Stube sa Vater Sturm auf der Schnitzbank unter
Tonnenreifen und Fadauben, und sein Eisen arbeitete mchtig in das Eichenholz
hinein. Und ihm gegenber auf dem einzigen Polsterstuhl der Stube lehnte der
blinde Freiherr, den Krckstock in der Hand, sein Ohr auf den alten Sturm
gerichtet.
    Sie mssen mde sein, Sturm, sagte der Freiherr.
    Ei, rief der Riese, mit den Hnden geht es noch wie sonst. Das hier wird
eine kleine Tonne fr das Regenwasser, es ist bloe Kinderarbeit.
    Auch er hat einmal in einer kleinen Tonne gesteckt, sagte der Freiherr vor
sich hin. Er war ein schwaches Kind, die Amme hatte ihn zum Baden
hineingesetzt, und er hatte seinen Rcken darin gebogen und vorn die Knie
angestemmt, so konnte er nicht mehr heraus. Ich mute die Reifen der Tonne
abschlagen lassen, um den Knaben aus seinem Gefngnis zu erlsen.
    Der Riese rusperte sich: Waren es eiserne Reifen? fragte er teilnehmend.
Es war mein Sohn, sagte der Freiherr mit zuckendem Antlitz.
    Ja, sagte Sturm leise, er war stattlich, er war ein hbscher Mann, es war
eine Freude, zu hren, wenn sein Sbel rasselte, und zu sehen, wie er seinen
kleinen Bart drehte. - Ach, er hatte dasselbe dem blinden Vater schon oft
gesagt, alle Tage mute er es wiederholen, wenn der Freiherr ihm gegenber sa!
    Es war des Himmels Wille, sagte der Freiherr und faltete die Hnde.
    So war es, wiederholte der alte Sturm, unser Herrgott wollte ihn zu sich
nehmen, grade als er bei seiner besten Arbeit war. Das war ehrenvoll fr ihn,
und kein Mensch kann schner die Erde verlassen. Fr sein Vaterland und fr
seine Eltern zog er in seinem Schnurrock aus, und er war siegreich und jagte die
Polacken in die Felder, als der Herr seinen Namen rief und ihn unter seine
eigene Garde versetzte.
    Ich aber mute zurckbleiben, sagte der Freiherr.
    Und mich freut's, da ich unsern jungen Herrn noch gesehn habe, fuhr Sturm
mit groer Beredsamkeit fort, denn wie Sie wissen, war er damals unser junger
Herr. Sie vertrauten meinem Karl die ganze Wirtschaft an, und so war es fr mich
eine Ehre, auch Ihrem Herrn Sohn ein Vertrauen zu zeigen.
    Es war unrecht, da er zu Ihnen kam Geld zu borgen, sagte der Freiherr
kopfschttelnd. Und er sagte so, weil er die trostvolle Antwort Sturms schon oft
gehrt hatte und sie wieder hren wollte.
    Der Riese legte sein Schnitzeisen weg, fuhr sich in die Haare und bemhte
sich, recht unternehmend auszusehn, als er in leichtsinnigem Ton begann: Wissen
Sie was, man mu mit einem jungen Herrn auch Nachsicht haben. Jugend will
austoben. Es borgt sich mancher Geld in jungen Jahren, und vollends wenn einer
einen so lustigen Rock hat, mit Quasten und Silber. Wir waren auch keine
Geizhlse, Herr Baron, fuhr er bittend fort und klopfte mit seinem Eisen leise
an die Knie des Blinden. - Und der Herr Offizier war sehr artig, und ich
glaube, er war etwas verlegen. Und als ich ihm das Geld gab, sah ich ihm an, wie
leid es ihm tat, da er es brauchte. Ich gab's ihm um so lieber. Und als ich ihm
in die Droschke half und er sich aus dem Wagen beugte, ich versichere Ihnen, da
war er ganz bewegt, er griff mit beiden kleinen Hnden heraus und suchte meine
Faust, um sie noch einmal zu schtteln. Und wie er so da sa, fiel das Licht der
Straenlaterne in sein Gesicht. Es war in diesem Augenblick ein freundliches
liebes Gesicht, etwa wie das Ihrige und noch mehr wie das der Frau Baronin,
soweit ich dieses gesehn habe.
    Auch der Blinde streckte die Hnde aus und suchte die Faust des Aufladers.
Sturm schob die Schnitzbank vor, fate mit seiner Rechten die Hnde des
Freiherrn und streichelte sie mit der Linken. So saen beide stumm
nebeneinander.
    Endlich begann der Freiherr mit gebrochener Stimme: Sie sind der letzte
Mensch gewesen, der meinem Eugen Freundlichkeit bewiesen hat - ich danke Ihnen,
ich danke Ihnen von Herzen. Es ist ein unglcklicher zerschmetterter Mann, der
Ihnen das sagt. Aber solange ich noch auf dieser Erde lebe, werde ich den Segen
des Hchsten fr Sie erflehn. Es sollte nicht sein, da mein Sohn mir in meinen
alten Tagen den wankenden Schritt sttzte, Ihnen aber hat der Himmel einen guten
Sohn erhalten. Was ich von Friede und Glck fr meinen armen Eugen wnschen
wrde, das, flehe ich zu Gott, soll Ihrem Sohn werden.
    Sturm fuhr sich ber die Augen und umschlo gleich darauf wieder die Hnde
des Freiherrn. So saen die beiden Vter wieder stumm nebeneinander, bis der
Freiherr sich mit einem Seufzer erhob. Behutsam fate Sturm den Arm des Blinden
und fhrte ihn ber Hof und Anger bis auf die Rampe des Schlosses. Jetzt ist ein
Weg zu der Turmtr aufgeschttet, er hat eine Vormauer von groen Quadersteinen,
und man kann zu Fu und zu Wagen die Turmtr erreichen. Und Sturm zieht den
Draht einer Glocke, der Diener des Freiherrn eilt herzu und fhrt seinen Herrn
die Schlotreppe hinauf, denn das Treppensteigen wird dem Vater Sturm noch
sauer. - In den Wirtschaftshof fuhr unterdes ein Wagen, Karl eilte respektvoll
aus seiner Stube, der neue Gutsherr sprang herab.
    Guten Tag, Sergeant, rief Fink, wie steht's im Schlosse und in der
Wirtschaft? Was macht das Frulein und die Frau Baronin?
    Alles in Ordnung, meldete Karl, nur mit der Frau Baronin geht's schwach.
Wir erwarteten Sie schon seit vierzehn Tagen. Die Herrschaften im Schlo haben
alle Tage gefragt, ob keine Nachricht von Ihnen gekommen sei.
    Ich wurde aufgehalten, sagte Fink, und ich wre vielleicht noch nicht
zurck, aber seit dem Schneefall ist nicht mehr viel an den Gtern zu sehn. Ich
habe Dobrowitz gekauft.
    Alle Wetter! rief Karl erfreut.
    Mchtiger Boden, fuhr Fink fort, fnfhundert Morgen Laubwald, in dem die
Baumasche fast einen Fu hoch liegt. In dem polnischem Loch daneben, das sie
dort Kreisstadt nennen, fuhr das Schachervolk wie Ameisen durcheinander, als es
erfuhr, da von jetzt unser Sporn tglich ber ihren Markt klirren soll. Sie
aber, Amtmann, werden sich freuen, wenn Sie das neue Gut sehn. Ich habe Lust,
Sie im ersten Frhjahr hinzuschicken.
    Was halten Sie in der Hand? Ein Schreiben von Anton? Geben Sie her.
    Er brach den Brief hastig auf. Ist das Frulein im Schlo? - Ja, Herr von
Fink. - Gut. Heut abend geht ein Bote zum Pastor nach Neudorf. Mit schnellen
Schritten ging er nach dem Schlo.
    Lenore sa in ihrem Zimmer, um sie herum lag zerschnittene Leinwand, sie
nhte. Emsig stach sie mit der Nadel in den harten Stoff, legte zuweilen die
Naht auf das Knie, glttete mit dem Fingerhut und betrachtete dann mitrauisch
die einzelnen Stiche, ob sie auch klein und regelmig waren. Da klang auf dem
Korridor der schnelle Schritt, sie sprang auf, und krampfhaft prete ihre Hand
die Leinwand zusammen. Aber sie fate sich mit krftigem Entschlu und setzte
sich wieder zu ihrer Arbeit. Es klopfte an ihre Tr. Ein tiefes Rot stieg ihr
langsam ber Hals und Wange, und ihr Herein! gelangte kaum bis an das Ohr des
Gastes. Der eintretende Fink sah sich neugierig in dem schmucklosen Raume um; an
der Wand einige Kreidezeichnungen Lenores, sonst nur der unentbehrlichste
Hausrat. Das kleine Sofa aus Pantherfellen stand nicht mehr darin.
    Als Fink sich vor Lenore verneigte, frug sie in gleichgltigem Ton: Hat
etwas Unangenehmes Sie aufgehalten, wir alle machten uns Sorge.
    Ein Gut, das ich gekauft habe, verzgerte die Rckkehr. Jetzt komme ich in
Eile, mich bei meiner Herrin zu melden; zugleich bringe ich Ihnen ein Paket,
welches Anton fr die Frau Baronin gesandt hat. Wenn das Befinden der gndigen
Frau mir erlaubt, sie zu begren, wnsche ich ihr meine Aufwartung zu machen.
    Lenore nahm den Brief: Ich gehe sogleich zur Mutter, verzeihen Sie! Mit
einer Verbeugung suchte sie bei ihm vorbeizukommen.
    Fink hielt sie durch eine Handbewegung zurck und sagte scherzend: Ich sehe
Sie hausmtterlich mit Schere und Nadel beschftigt. Wer ist der Glckliche, fr
den Sie diese keilfrmigen Stcke zusammennhen?
    Lenore errtete wieder: Das ist Frauenarbeit, und ein Herr darf danach
nicht fragen.
    Ich wei doch, der Fingerhut steht sonst nicht in Ihrer Gunst, sagte Fink
gutmtig. Ist es denn ntig, liebes Frulein, da Sie sich die Augen
verderben?
    Ja, Herr von Fink, erwiderte Lenore in festem Tone, es ist ntig und es
wird ntig sein.
    Ei, ei, rief Fink kopfschttelnd und sttzte sich gemchlich auf eine
Stuhllehne. Glauben Sie denn, da ich Ihre geheimen Feldzge mit Nadel und
Schere nicht schon lngst gemerkt habe? Und dazu Ihr ernstes Gesicht und die
wahrhaft glorreiche Haltung, mit der Sie mich dreisten Knaben behandeln. Wo ist
das Katzensofa? Wo ist die brderliche Offenheit, die ich nach unserm Vertrag
erwarten durfte? Sie haben unser Abkommen schlecht gehalten. Ich sehe deutlich,
mein guter Freund ist geneigt, mich aufzugeben, und zieht sich mit bestem
Anstande zurck. Aber gestatten Sie auch mir die Bemerkung, da Ihnen das
schwerlich etwas ntzen wird. Sie werden mich nicht los.
    Seien Sie edelmtig, Herr von Fink, unterbrach ihn Lenore in heftiger
Bewegung, machen Sie mir nicht noch schwerer, was ich tun mu. Ja, ich bereite
mich vor, von hier zu scheiden, zu scheiden auch von Ihnen.
    Sie weigern sich also, hier bei mir auszuhalten? sagte Fink mit gefurchter
Stirn. - Wohlan, ich werde wiederkommen und so lange bitten, bis Sie mich
erhren. Wenn Sie mir entlaufen, reise ich Ihnen nach, und wenn Sie Ihr schnes
Haar abschneiden und in ein Kloster fliehen, ich sprenge die Mauern und hole Sie
heraus. Habe ich nicht um Sie geworben, wie der Taugenichts im Mrchen um die
Knigstochter? Um Sie zu gewinnen, stolze Lenore, habe ich Sand in Gras
verwandelt, und mich selber in einen ehrbaren Hauswirt. Diese Wundertaten haben
Sie verschuldet. Darum, geliebte Herrin, seien Sie gescheit und qulen Sie uns
nicht durch mdchenhafte Launen.
    O ehren Sie diese Launen, rief Lenore in Trnen ausbrechend. In der
Einsamkeit dieser Wochen habe ich jede Stunde mit meinem Schmerz gerungen. Ich
bin ein armes Mdchen, das jetzt die Pflicht hat, fr ihre leidenden Eltern zu
leben. Die Mitgift, welche ich in Ihre Zukunft bringen wrde, heit Krankheit,
Trbsinn und Hilflosigkeit.
    Sie irren, unterbrach sie Fink ernst. Unser Freund hat fr Sie gesorgt.
Er hat zwei Schurken ins Wasser gejagt und die Schulden Ihres Vaters bezahlt;
dem Freiherrn bleibt ein hbsches kleines Vermgen, alle Not ist zu Ende, und
Sie selbst, Trotzkopf, sind gar keine schlechte Partie, wenn Ihnen daran etwas
liegt. Der Brief, den Sie in der Hand halten, ruiniert Ihre Philosophie.
    Lenore starrte auf das Kuvert und warf den Brief von sich weg. Nein, rief
sie auer sich. Als ich von Jammer zerrissen an Ihrem Herzen lag, damals riefen
Sie mir zu, ich sollte Kraft gewinnen auch Ihnen gegenber. Und jeden Tag fhle
ich, da ich Ihnen gegenber keine Kraft habe, keine berzeugung und keinen
Willen. Was Sie sagen, erscheint mir wahr, und ich vergesse, was ich selbst
anders gedacht; was Sie von mir fordern, das mu ich tun, widerstandslos, wie
eine Sklavin. Die Frau, welche neben Ihnen durch das Leben geht, soll Ihnen
ebenbrtig sein an Geist und Kraft, und sicher soll sie sich fhlen in dem
eigenen Kreise. Ich bin ein ungebildetes, hilfloses Mdchen. In trichter
Leidenschaft habe ich Ihnen verraten, da ich um Ihretwillen wagen kann, was ein
Weib nie wagen sollte. Sie finden in mir nichts, was Sie ehren knnen. Sie
werden mich kssen und - werden mich ertragen. - Lenores Hand ballte sich und
ihre Augen flammten. So stand sie vor ihm und ihre Gestalt erbebte in dem Kampf
von Stolz und Liebe.
    Reut Sie so sehr, da Sie fr mich eine Kugel in die Schulter des
Mordgesellen sandten? frug Fink finster. Was ich sehe, sieht nicht aus wie
Liebe, eher wie Ha.
    Ich Sie hassen! rief das Mdchen und schlug die Hnde vor das Gesicht.
    Er nahm ihr die Hnde vom Antlitz, zog sie an sich und drckte einen Ku auf
ihre Lippen. Vertraue mir, Lenore.
    La mich, la mich, rief Lenore sich strubend, aber ihr Mund hing wieder
hei an dem seinen, sie umschlang ihn fest und zu ihm aufsehend mit einem
leidenschaftlichen Ausdruck von Liebe und Furcht, glitt sie zu seinen Fen
nieder.
    Erschttert beugte sich Fink herab und hob sie auf: Mein bist du, und ich
halte dich fest, rief er. Mit Bchse und Blei habe ich dich erbeutet, du
strmisches Herz! - In einem Atem sagst du mir Liebevolles und Hartes. - Alle
Wetter, bin ich denn ein solcher Sklavenvogt, da ein braves Weib frchten mu,
unter mein Joch zu kommen? So wie du bist, Lenore, entschlossen, khn, ein
kleiner Teufel von Leidenschaft, gerade so will ich dich haben und nicht anders.
Wir sind Waffenbrder gewesen und wir werden es in diesem Lande bleiben. Der Tag
kann wiederkommen, wo wir beide in unserm Hause den Kolben an die Wange legen,
und das Volk um uns verlangt einen Sinn, der eher einen Schlag gibt, als einen
ertrgt. Und wrest du niemals die Sehnsucht meines Herzens gewesen, und wrest
du ein Mann, ich wrde dich fr mein Leben zu gewinnen suchen als meinen
Genossen. Denn, Lenore, du wirst mir nicht nur ein geliebtes Weib sein, auch ein
mutiger Freund, der Vertraute meiner Taten, mein treuester Kamerad.
    Lenore schttelte den Kopf, aber sie hielt ihn fest umklammert: Ich soll
deine Hausfrau werden, klagte sie. Fink strich ihr liebkosend ber das Haar und
kte die glhende Stirn. Gib dich zufrieden, mein Herz, sagte er zrtlich,
und finde dich drein. Wir haben miteinander in einem Feuer gesessen, das stark
genug war, um ein groes Gefhl zur Reife zu bringen. Und wir kennen eines das
andere. Unter uns gesagt, wir werden manchmal einen Wirbelwind in unserm Hause
haben. Ich bin kein bequemer Gesell, am wenigsten fr ein Weib, und du wirst
deinen eigenen Willen, dessen Verlust du jetzt beklagst, recht gemtlich
wiederfinden. Sei ruhig, Liebchen, du wirst wieder ein Trotzkopf werden, wie du
gewesen bist, du brauchst dich deshalb gar nicht zu grmen. Also auf einige
Strme mache dich gefat, aber auch auf herzliche Liebe und auf ein frhliches
Leben. Du sollst mir wieder lachen, Lenore. Meine Hemden brauchst du nicht zu
nhen, wenn du das Wirtschaftsbuch nicht fhren willst, so lt du es bleiben.
Und wenn du deinen Shnen zuweilen im Eifer einen Backenstreich gibst, er wird
unserer Brut nicht schaden. Also ich denke, du gibst dich.
    Lenore schwieg, aber sie drckte sich fest an seine Brust.
    Fink zog sie fort. - Komm zur Mutter, rief er.
    ber das Bett der Kranken beugten sich Fink und Lenore. Um das bleiche
Gesicht der Mutter flog ein heller Schein, als sie die Hnde auf das Haupt des
Mannes legte und ihm ihren Segen gab.
    Sie ist weich und noch immer ein Kind, sagte sie zu dem Manne. In Ihren
Hnden, mein Sohn, liegt es, eine gute Frau aus ihr zu machen.
    Sie trieb die Kinder aus dem Zimmer. Geht zum Vater, bat sie, fhrt ihn
dann zu mir und lat uns allein.
    Als der Freiherr neben seiner Gemahlin sa, zog die Baronin seine Hand an
ihre Lippen und sprach leise: Heut will ich dir danken, Oscar, fr viele Jahre
des Glcks, fr all deine Liebe.
    Armes Weib! murmelte der Blinde.
    Was du erfahren und gelitten hast, fuhr die Baronin fort, das hast du
erfahren und gelitten fr mich und meinen Sohn, und beide lassen wir dich allein
zurck in einer freudelosen Welt. - Dir sollte das Glck nicht werden, deinen
Namen in der Familie zu vererben. In deinem Haus bist du der letzte, welcher den
Namen Rothsattel trgt.
    Der Freiherr sthnte.
    Aber der Ruf, den wir hinterlassen, soll ohne Flecken sein, wie dein ganzes
Leben war, - bis auf zwei Stunden der Verzweiflung. Sie hielt die Hand des
Blinden an das Bndel Schuldscheine und ri jeden einzelnen durch, sie klingelte
dem Diener und lie die Papiere Stck fr Stck in den Ofen werfen. Die Flamme
flackerte hellauf und warf ein rotes Licht ber das Zimmer, es rauschte und
knisterte, bis der Brand verglommen. Die Dmmerung des Abends fllte die Stube,
und an dem Bett der kranken Frau lag der Freiherr und drckte das Haupt in die
Decken, und sie hielt ihre Hnde ber ihm gefaltet, und ihre Lippen bewegten
sich im leisen Gebet.
    Im Morgengrau flatterten die Krhen und Dohlen ber dem Schnee des
Schlodaches. Die schwarzen Vgel schweben um die Zinne des Turms, und sie
brechen mit lautem Geschrei nach dem Walde auf und erzhlen ihrem Volk, da im
Hause eine Braut sei und eine Tote. Die bleiche Frau aus der Fremde ist in der
Nacht gestorben, und der Blinde, welcher jetzt zusammengesunken in den Armen
seiner Tochter liegt, hat in seinem Schmerz nur ein trstendes Gefhl, da er
ihr, die endlich Ruhe gefunden, in kurzem nachfolgen wird. Und die Unglcksvgel
rufen in alle Lfte, da auch die fremden Einwanderer dem alten Slawenfluch
verfallen sind, der auf dem Schlosse und auf dem Grunde liegt.
    Aber den Mann, welcher jetzt im Schlo gebietet, kmmert es wenig, ob eine
Dohle schreit, oder die Lerche; und wenn ein Fluch auf seinem Boden liegt, er
blst lachend in die Luft und blst ihn hinweg. Sein Leben wird ein
unaufhrlicher siegreicher Kampf sein gegen die finstern Geister der Landschaft;
und aus dem Slawenschlo wird eine Schar kraftvoller Knaben herausspringen, und
ein neues deutsches Geschlecht, dauerhaft an Leib und Seele, wird sich ber das
Land verbreiten, ein Geschlecht von Kolonisten und Eroberern.
    Mit wenigen herzlichen Worten zeigte Fink dem Freund seine Verlobung und den
Tod der Baronin an. Ein versiegelter Brief an Sabine lag dem Schreiben bei.
    Es war Abend, als der Postbote den Brief in Antons Zimmer brachte. Lange sa
Anton den Kopf auf die Hand gesttzt vor der Botschaft, endlich ergriff er den
Brief an Sabine und eilte nach dem Vorderhaus.
    Er traf den Kaufmann im Arbeitszimmer und bergab diesem den Brief. Der
Kaufmann rief sogleich Sabine herein. Fink ist verlobt, hier die Anzeige an
dich.
    Sabine schlug erfreut die Hnde zusammen und eilte auf Anton zu, aber sie
hielt errtend auf dem Wege an, trug den Brief zur Lampe und ffnete. Es mute
nicht vieles darin stehen, denn sie war im Augenblick zu Ende; sie mhte sich
ernsthaft auszusehen, aber der Mund gehorchte ihr nicht, sie vermochte ein
Lcheln nicht zu unterdrcken, Anton htte zu anderer Zeit diese Stimmung mit
leidenschaftlichem Interesse beobachtet, heut achtete er kaum darauf.
    Sie bleiben doch heut abend bei uns, lieber Wohlfart? frug der Kaufmann.
    Anton erwiderte: Ich selbst wollte Sie bitten, mir einige Minuten zu
schenken. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen. Er sah unruhig auf Sabine.
    Lassen Sie hren! - Bleib, Sabine, rief der Kaufmann der Schwester zu,
welche nach Antons Worten entschlpfen wollte. Ihr seid gute Freunde, Herr
Wohlfart wird an deiner Gegenwart keinen Ansto nehmen. Sprechen Sie, Freund,
womit kann ich Ihnen dienen?
    Anton prete die Lippen zusammen und blickte wieder auf die Geliebte, welche
an den Trpfosten gelehnt vor sich niedersah. Darf ich fragen, Herr Schrter,
begann er endlich mit berwindung, ob Sie die Stelle gefunden haben, welche
Ihre Gte mir vermitteln wollte?
    Sabine bewegte sich unruhig, auch der Kaufmann sah verwundert auf. Ich
glaube, Ihnen etwas anbieten zu knnen, aber eilt das so sehr, lieber Wohlfart?
    Ja, erwiderte Anton feierlich. Ich habe keinen Tag zu verlieren. Meine
Beziehungen zu der Familie Rothsattel sind jetzt vllig gelst, die furchtbaren
Ereignisse, welche noch in den letzten Wochen durch meine Ttigkeit
herbeigefhrt wurden, haben auch meinen Krper angegriffen. Ich sehne mich nach
Ruhe. Regelmige Arbeit in einer fremden Stadt, wo mich nichts mehr an die
Vergangenheit erinnert, ist mir jetzt Bedrfnis.
    Wieder bewegte sich Sabine, ein ernster Blick des Bruders hielt sie zurck.
    Und diese Ruhe, die auch ich fr Sie wnsche, knnen Sie bei uns nicht
finden? frug der Kaufmann.
    Nein, erwiderte Anton mit klangloser Stimme, ich bitte Sie mir nicht zu
zrnen, wenn ich heut von Ihnen Abschied nehme.
    Abschied! rief der Hausherr verwundert. Ich verstehe nicht, weshalb das
so eilig ist. In unserm Hause sollen Sie sich erholen, die Frauen sollen besser
fr Sie sorgen, als sie bisher getan. Wohlfart beklagt sich ber dich, Sabine.
Er sieht bla und angegriffen aus. Du und die Tante, ihr drft so etwas nicht
leiden.
    Sabine antwortete nichts.
    Ich mu fort, Herr Schrter, sprach Anton fest, morgen reise ich ab.
    Und wollen Sie Ihren Freunden nicht sagen, weshalb dies so pltzlich sein
mu? frug der Kaufmann ernsthaft.
    Sie wissen weshalb. - Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Ich
habe bis jetzt schlecht fr meine Zukunft gesorgt, denn ich bin in der Lage, mir
in der Fremde als Dienender erst Zutrauen und gute Gesinnung erwerben zu mssen.
- Ich bin auch an Freunden sehr arm geworden. Von allen Menschen, welche mir
lieb sind, mu ich mich entfernt halten auf Jahre, auf lange Zeit. Ich habe
einige Ursache, mich allein zu fhlen, und da ich mein Leben von neuem gestalten
mu, so soll das so bald als mglich geschehen, denn jeder Tag, den ich hier
verlebe, ist fruchtlos, er macht meine Kraft geringer und die notwendige
Trennung schwerer. So sprach er mit tiefer Bewegung; die Stimme bebte ihm, aber
er verlor nicht seine ruhige Haltung. Er trat auf Sabine zu und fate ihre Hand.
In dieser letzten Stunde sage ich Ihnen, in Gegenwart Ihres Bruders, was zu
hren Sie nicht beleidigen kann, weil Sie auch das schon lngst wissen. - Die
Trennung von Ihnen schmerzt mich mehr, als ich sagen kann. Leben Sie wohl.
Jetzt bermannte ihn die Rhrung, er wandte sich schnell ab und trat an das
Fenster.
    Der Kaufmann begann nach einer Pause. Da Sie so eilig von uns gehen,
lieber Wohlfart, kommt auch meiner Schwester ungelegen. Sabine hatte gerade
jetzt den Wunsch, Sie um einen Ritterdienst zu ersuchen, wie ihn die Schwester
eines Kaufmanns verlangen kann. Auch ich wnsche sehr, da Sie diese Bitte nicht
abschlagen. Sabine bittet, da Sie ihr einige Bltter durchsehen und dabei ihr
Interesse mir gegenber wahrnehmen. Es ist keine groe Arbeit.
    Anton wandte sich mit berwindung um und machte ein Zeichen der
Einwilligung.
    Zuvor aber erfahren Sie einen Umstand, der Ihnen vielleicht noch nicht
bekannt ist, fuhr der Kaufmann fort. Sabine ist seit dem Tode meines Vaters
mein stiller Associe; ihr Rat und ihre Willensmeinung hat in unserm Comtoir
fter den Ausschlag gegeben, als Sie wohl meinen. Sie ist auch Ihr Chef gewesen,
lieber Wohlfart. Er winkte der Schwester und verlie das Zimmer.
    Erstaunt sah Anton auf den Chef im hellen Frauengewande mit schwarzen
Haarflechten. Manches Jahr hatte er, ohne es zu wissen, auch ihr gehorcht und
ihr zu Diensten gehandelt. Und wie in alter Zeit sich der reisige Vasall seiner
jungen Lehnsherrin neigte, so verneigte auch er sich unwillkrlich vor der
jungfrulichen Gestalt, welche jetzt mit gerteten Wangen auf ihn zutrat.
    Ja, Wohlfart, sprach Sabine schchtern. Auch ich habe ein kleines Anrecht
an ihr Leben gehabt. Und wie stolz war ich darauf! - Schon um die
Weihnachtskiste, welche in Ihr Haus kam, wute ich, und mein war der Zucker und
Kaffee, den der kleine Anton trank. Als Ihr guter Vater zu uns kam und eine
Stelle fr Sie suchte, da war ich's, die den Bruder bestimmte, Sie zu uns zu
nehmen. Denn Traugott frug mich Ihretwegen, und er selbst hatte Bedenken, er
meinte, Sie wren zu alt, um noch bei uns zu lernen. Ich aber erbat Sie fr uns.
Seit der Stunde nannte Sie der Bruder im Scherz meinen Lehrling. - Ich war's,
die Ihrem Vater versprach, hier im Hause fr Sie zu sorgen. Ich war selbst noch
ein unerfahrenes Kind, und das Vertrauen des fremden Herrn machte mich
glcklich. Ihr Vater, der wrdige alte Herr, wollte bei uns sein Samtkppchen
nicht aufsetzen, das ihm aus der Tasche guckte, bis ich es ihm herauszog und auf
die weien Locken drckte; damals dachte ich, wird mein Lehrling auch so hbsche
Locken haben? - Und als Sie zu uns kamen und allen gefielen, und der Bruder Sie
den besten unter den jngeren Herren nannte, da war ich so stolz auf Sie, wie
nur Ihr guter Vater htte sein knnen.
    Anton sttzte sich auf das Pult und verbarg seine Augen mit der Hand.
    Und an jenem Tage, wo Fink Sie beleidigt hatte, und damals nach der
Wasserfahrt, da verletzte mich nicht nur, da er sich so gewaltttig benommen
hatte, sondern mein Herzenskummer war auch, da er gerade Sie, meinen getreuen
Lehrling, in solche Gefahr brachte. - Und weil ich immer empfand, da Sie ein
wenig mir gehrten, bat ich den Bruder, Sie auf der gefhrlichen Reise
mitzunehmen; ich wute Sie bei ihm und fhlte mich nicht ganz von ihm getrennt.
Auch fr mich haben Sie in der Fremde gearbeitet, Wohlfart, und als Sie in der
Schreckensnacht unter Feuer und Waffenlrm auf den Frachtwagen standen, da waren
mein die Waren, die Sie retteten. Und deshalb, mein Freund, komme ich auch jetzt
als Kaufmann zu Ihnen und noch einmal bitte ich Sie, eine Arbeit fr mich
abzumachen. Sie sollen mir ein Konto durchsehen.
    Ich will, Frulein, erwiderte Anton abgewandt, aber nicht in dieser
Stunde.
    Sabine griff in den Schrank, sie legte zwei Bcher mit goldenem Schnitt, in
grnes Leder gebunden, auf das Pult. Und Anton bei der Hand fassend bat sie mit
zitternder Stimme: Kommen Sie doch, sehn Sie mein Soll und Haben an. Sie
ffnete das erste Buch. Unter kunstvollen Schnrkeln standen die Worte: Mit
Gott. Geheimbuch von T.O. Schrter.
    Anton trat erschrocken zurck: Es ist das Geheimbuch der Handlung, rief
er, das ist ein Irrtum.
    Es ist kein Irrtum, sagte Sabine, ich wnsche, da Sie es durchsehn.
    Das ist unmglich, Frulein, rief Anton. Nicht Ihr Herr Bruder und nicht
Sie knnen das im Ernst wollen. Verhte Gott, da sich ein anderer an dieses
Buch wage als die Herren des Geschfts. Solange eine Handlung steht, sind diese
Bltter fr keines Menschen Auge, als fr die Augen der Herren, und nach ihrem
Tode fr die nchsten Erben. Wer in dies Buch gesehn hat, der wei, was nie ein
Fremder erfahren darf. Und diesem Buch gegenber ist auch der treuste Freund ein
Fremder. Als Kaufmann und redlicher Mensch darf ich Ihren Wunsch nicht
erfllen.
    Sabine hielt seine Hand fest. Sehen Sie doch hinein, Wohlfart, bat sie,
sehen Sie wenigstens die Aufschrift an. Sie schlug den Deckel zurck. In
diesem Buche steht: T.O. Schrter, sie fuhr mit der Hand ber die Bltter. Es
sind nur noch wenige leere Seiten darin, dies Buch geht mit dem letzten Jahr zu
Ende.
    Sie schlug den Deckel des zweiten Bandes auf und sprach: Dies Buch ist
leer, hier aber steht eine andere Firma. Was steht hier?
    Anton las: Mit Gott. Geheimbuch von T.O. Schrter und Kompagnie.
    Sabine drckte seine Hand und sprach leise und bittend: Und der neue
Kompagnon sollen Sie sein, mein Freund.
    Anton stand regungslos, aber sein Herz pochte laut, und hell stieg die Rte
auf seine Wangen. Noch immer hielt Sabine ihn an der Hand, er sah ihr Antlitz
nahe an dem seinen, und wie einen Hauch fhlte er ihren leisen Ku auf seinen
Lippen. Da schlang er den Arm um die Geliebte und lautlos hielten die
Glcklichen einander umfat.
    Die Tr ffnete sich, der Kaufmann stand auf der Schwelle. Halte ihn fest,
den Flchtling! rief er. Ja, Anton, seit Jahren habe ich diese Stunde ersehnt.
Seit du in der Fremde an meinem Lager knietest und meine Wunde verbandest, trug
ich im Herzen den Wunsch, dich fr immer mit unserm Leben zu vereinigen. Als du
von uns gingst, sah ich mit Zorn meine liebste Hoffnung zerstrt. Jetzt halten
wir dich, du Schwrmender, in den Blttern des Geheimbuchs und in unsern Armen.
Er zog die Liebenden an sich.
    Du hast dir einen armen Kompagnon gewhlt, rief Anton am Herzen des neuen
Bruders.
    Nein, mein Bruder, Sabine hat als kluger Kaufmann gehandelt. Besitz und
Wohlstand haben keinen Wert, nicht fr den einzelnen und nicht fr den Staat,
ohne die gesunde Kraft, welche das tote Metall in Leben schaffender Bewegung
erhlt. Du bringst in das Haus die rstige Jugendkraft und einen geprften Sinn.
Sei willkommen in diesem Hause und in unsern Herzen.
    Und strahlend vor Freude hielt Sabine beide Hnde des Verlobten fest. Kaum
konnte ich lnger ertragen, dich so still und traurig zu sehen. Jeden Mittag,
wenn du den Stuhl rcktest, war mir, als mte ich dir nachfliegen und dir
sagen, da du zu uns gehrst fr immer. - Du hast nicht gesehen, du Blinder, was
in mir vorging, und Lenorens Brutigam hat doch alles gewut.
    Er? frug Anton. Ich habe zu ihm niemals von dir gesprochen.
    Sieh her, rief Sabine und zog den Zettel Finks aus der Tasche.
    Es stand nichts darin als die Worte: Gute Freundschaft, Frau Schwgerin.
    Und wieder schlo der glckliche Anton die Geliebte in seine Arme.
    Schmcke dich, du altes Patrizierhaus, freue dich, du sorgliche Tante,
tanzet, ihr fleiigen Hausgeister im dmmerigen Flur, schlage Purzelbume auf
deinem Schreibtisch, du lustiger Gips! Die poetischen Trume, welche der Knabe
Anton in seinem Vaterhause unter den Segenswnschen guter Eltern gehegt hat,
sind ehrliche Trume gewesen. Ihnen wurde Erfllung, und ihr Zauber wird fortan
sein Leben weihen. Was ihn verlockte und strte und im Leben umherwarf, das hat
er mit mnnlichem Gemt berwunden. Das alte Buch seines Lebens ist zu Ende, und
in eurem Geheimbuch, ihr guten Geister des Hauses, wird von jetzt ab mit Gott
verzeichnet: sein neues Soll und Haben.
