
                               Goedsche, Herrmann

                                   Sebastopol

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                               Herrmann Goedsche

                                   Sebastopol

                 Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart

                                 Erster Theil:

                               Seine und Bosporus

                                  Der Prolog.

Ein heftiger Regenschauer, wie der Mrz sie in Paris hufig mit sich fhrt,
hatte mit der spten Stunde des Abends - die Uhren zeigten bereits ber Zehn -
die bewegliche Masse der Spaziergnger und Flaneurs von den Straen und
Boulevards vertrieben, als an einem Nebenausgang der Gallerie Heinrich's IV. in
den Tuilerieen ein eleganter, aber durch keinerlei Zeichen oder Livree
auffallender Wagen wartend hielt. Endlich gegen halb Eilf ffnete sich die Thr
und zwei in Mntel gehllte Personen, die beide Civilkleidung trugen, kamen
heraus und bestiegen den Wagen, der auf einige dem Kutscher zugeflsterte Worte
sofort ber die Pont Royal, durch die Rue du Bac und de Grenelle nach der
Esplanade der Invaliden seinen Weg nahm. Ein Loosungswort am Thor ffnete ihm
den Eingang und der Wagen rollte durch den Cour Royal nach dem berhmten Dom, an
dessen Seiteneingang er still hielt. Ein Mann in Generalsuniform schien hier den
Wagen erwartet zu haben, ffnete selbst den Schlag und begrte hflich dir
Aussteigenden, von denen der Eine den Mantel dicht und verhllend um sich
geschlagen hielt.
    Sie haben mein Billet bekommen, General, sagte sein Begleiter, und wir
sind Ihnen sehr verbunden fr Ihre Aufmerksamkeit. Ist unser Mann an Ort und
Stelle?
    Er wartet seit einer halben Stunde.
    Ah, dann haben Sie wohl die Gte uns einzulassen und dafr Sorge zu tragen,
da wir unter keinerlei Umstnden gestrt werden. Die smtlichen Eingnge sind
doch geschlossen und Niemand mehr in der Kirche?
    Es ist Alles geschehen, Herr Graf, wie Sie gewnscht, entgegnete der
General. Hier ist der Schlssel zur Pforte, so da Sie zu jeder Zeit von Innen
ffnen knnen. Ich werde die Ehre haben, Sie selbst hier zu erwarten.
    Die beiden Fremden traten in die Kirche und schlossen die Thr hinter sich,
der alte Offizier aber lehnte sich sinnend unter einem Vorsprung der Mauer an
die Wand, um vor dem Regen geschtzt zu bleiben; das Schiff der Kirche war
dunkel, nur vor dem Hochaltar und in der Kapelle zu Hupten des groen
Katafalks, welcher jene sterblichen Reste umschliet, die eine vertriebene
Herrscherfamilie als erstes Siegel der entente cordiale von dem Felseneiland St.
Helena holen lie, zu Hupten des Katafalks Napoleon's I. leuchtete der Schimmer
der ewigen Lampen. Ehe die Mnner den Gang betraten, hielt der Verhllte den
Andern einen Augenblick am Arm zurck. Sie kennen Ihre Instruktionen, Graf,
sagte er, wenn etwas Weiteres nthig, werde ich Ihnen ein Zeichen geben. -
Ihre Schritte hallten im Echo wieder an dem mchtigen Gewlbe, als sie sich der
Kapelle nherten. Ein leiser Luftzug schien die Banner und Standarten in
Bewegung zu setzen, die ringsumher aufgehangen sind. Aber es sind Siegesdenkmale
der neuern Zeit, wehende Roschweise und Prophetenfahnen, welche die Bourbonen
und Louis Philipp dem Vasallen des Groherrn in den heien Kmpfen auf
afrikanischem Boden entrissen; - jene Standarten, die der mchtige Griff des
napoleonischen Adlers einst auf den Feldern von Arkole bis zur Moskwa den
Vlkern Europa's nahm, und die der kaiserliche Soldat im Dom seiner Invaliden
aufhngen lie, sind lngst verschwunden. Joseph Napoleon hatte wenigstens so
viel Achtung vor dem Kriegsruhm seines verrathenen Bruders, da er diese Zeichen
einstiger Siege verbrennen und vernichten lie, ehe die Verbndeten ihren Einzug
in Paris hielten, um sie wieder zu holen.
    Von den zu beiden Seiten des Grufteinganges aufwrts fhrenden Stufen des
Mausoleums erhob sich bei dem Nahen der Beiden ein Mann und blieb sie erwartend
stehen. Dem gegenseitigen stummen Gru folgte eine kurze Pause, in der die
beiden Parteien im Halblicht des Lampenschimmers sich zu mustern schienen. Von
den beiden Eingetretenen hielt sich der Grere auch jetzt mehr im Schatten und
in den Falten seines Mantels verborgen, ohne auch im Gotteshause den Hut
abzunehmen; der Andere trat nher an's Licht; seine Gestalt war mittelgro und
ziemlich schlank, und sein Kopf trug charakteristische Zge, geeignet, die
Erinnerung jedes Franzosen wachzurufen. Ein ergrauender Schnurr- und Knebelbart
bedeckte den untern Theil seines Gesichts, aus dem ein Paar scharfe unruhige
Augen unter starken buschichten Brauen den Dritten forschend vom Kopf bis zu den
Fen maen. Dieser erwiederte ruhig, mit einem etwas matten starren Auge den
Blick. Es war ein Mann in hohem Lebensalter, offenbar den Siebenzig nahe, aber
von ungebeugter, fester Krperhaltung. Haupthaar und Bart waren wei, das
Gesicht auer von zwei tiefen Narben auch von den Runzeln des Alters
durchfurcht. Die dicht beieinander stehenden Augen hatten, wie gesagt, einen
seltsamen starren Ausdruck, der sich nur von Zeit zu Zeit feurig und dann
unwiderstehlich belebte. Eine der Narben lief von dem linken Backenknochen aus
bis auf den Schdel, auf dessen hoher kahler Platte sie endete. Der Greis hatte
den Reitermantel auf den Stufen des Mausoleums fallen lassen und stand vor den
Beiden gekleidet in eine offenbar alte und unscheinbar gewordene Offizieruniform
der poniatowski'schen Lanziers.
    Sie sind der Herr, begann Der, welcher den General am Eingang angeredet
hatte, auch hier das Gesprch, welcher Seiner Majestt dem Kaiser vor drei
Tagen dies Memoir eingereicht hat? Er zeigte ihm hierbei ein ziemlich starkes
Heft und fuhr, als der Angeredete sich zustimmend verneigte, fort: Sie werden
aus dem Besitz dieser Papiere ersehen, da ich von Allem Kenntni gesetzt bin
und Vollmacht habe, mit Ihnen zu verhandeln. Es sind dem Kaiser seit ungefhr
zwei Jahren von Zeit zu Zeit hnliche Denkschriften zugegangen mit - wir mssen
es gestehen, - sehr umfassenden und schtzenswerthen Materialien ...
    Die der Kaiser auch benutzt hat, sonst wre er schwerlich der Kaiser,
unterbrach ihn mit kaustischem Lcheln der Greis.
    Auch das, wenn Sie wollen, wir gestehen es zu, die Thatsachen sprechen.
Selten hat man eine genauere Voraussicht und Combination der politischen
Ereignisse gefunden, als der Verfasser dieser Schriften besitzt, wohl nie eine
umfassendere und tiefere Kenntni aller auch der geheimsten Triebfedern, die
Europa, ja die Welt gegenwrtig bewegen. Es ist unmglich, da diese Kenntni
die Wissenschaft eines einzelnen Mannes sei, der nicht wenigstens einen Thron zu
Gebote hat. Der Kaiser, mein Herr, ist begierig, den Verfasser dieser Winke
kennen zu lernen, und da es heute das erste Mal ist, da Sie eine persnliche
Annherung selbst gewnscht haben, obgleich, wie ich gestehe, an einem seltsamen
Ort und zu seltsamer Zeit, so hat mich Seine Majestt beauftragt, Ihre
Erffnungen entgegen zu nehmen und Sie ntigenfalls, wenn Sie darauf bestehen,
zu ihm zu fhren.
    Das ist unnthig, Herr Graf, bemerkte der Andere, ich wei vollkommen die
Person zu schtzen, mit der ich hier zusammentreffe.
    Der Graf errthete leicht und warf einen Moment lang den Blick auf seinen
Begleiter, der an der zweiten Seitenwand des Mausoleums lehnte. Sie kennen
mich, mein Herr? frug er rasch.
    Der Alte verneigte sich ehrerbietig. Es rollt ein Blut in Ihren Adern,
Excellenz, das ein alter Offizier jenes Kaisers, der nicht zu sagen gewohnt war:
l'empire c'est la paix, sondern l'empire c'est l'pe! nie verkennen wird.
Ueberdies sind wir gewissermaen Landsleute, ich bin Pole von Geburt.
    Sie gehren zu der Confderation des Frsten Ezartoriski? sagte Jener
rasch.
    Der Pole schttelte spttisch das Haupt. Herr Graf, sagte er, ich bin
nicht siebenundsechszig Jahre geworden, ohne gelernt zu haben, da die
Wiederherstellung Polens nicht auf dem Parketboden der Salons von Paris gemacht
werden kann. Ich kenne den Herrn Frsten nur dem Namen nach. Doch lassen wir
das, - es fhrt uns nur von unserm Gegenstand ab. Ich bitte, recapituliren wir
fr einen Augenblick den Stand der Angelegenheiten.
    Der Graf verneigte sich zustimmend und der alte Offizier fuhr fort:
    Im Mai 1850 ging das Kabinet der Tuilerieen aus den ihm von mir anonym
vorgelegten Plan der Initiative in der orientalischen Angelegenheit ein und lie
durch General Aupick von der Pforte den Besitz der heiligen Orte fordern.
    Gerade ein Jahr spter nahm Herr von Lavalette die Frage auf's Neue auf und
brachte im Herbst die Pforte zu einem Zugestndni. Dies hatte, wie wir
vorausgesagt, die Reclamationen des petersburger Hofes zur Folge, der auf die
Vorrechte der griechischen Kirche bestand. Der Divan, von den russischen
Forderungen in's Gedrnge gebracht, verzgerte eine genugthuende Erklrung und
Marquis von Lavalette brach zu Ende des Jahres seine diplomatischen Beziehungen
ab.
    Auch das Jahr 1852 verging mit den angeregten Verhandlungen, die immer
verwickelter wurden. Die Pforte, zwischen den beiden bedrohenden Mchten, suchte
nach beiden Seiten hin einen vergtenden Ausweg. Wie das damalige Memoir der
Regierung voraussagte, spannte bei der Erklrung des franzsischen Gesandten,
zufriedengestellt zu sein, der russische seine Forderungen hher und erlangte
jenen Firman zu Gunsten der Griechen, dessen Auslegung und Proclamation neue
Verwickelungen hervorrufen mute.
    Hiermit war zugleich erreicht, da die weiteren Aggressionen dem
petersburger Kabinet anheim fielen und von Frankreich abgeleitet, so wie, da
die Interessen der englischen Regierung mit dem Auftreten der franzsischen
verbunden wurden. Herr von Lavalette war in der Lage, im November zu drohen, da
bei einem Bruch der an Frankreich gegebenen Zusage er die Flotte herbeirufen
msse.
    England, um weder Frankreich noch Ruland die Oberhand zu gewhren, nahm
Theil an den diplomatischen Verhandlungen und erklrte die beiderseitigen
Ansprche fr zu weit getrieben. Dies war der Augenblick, um Frankreich vollends
herauszuziehen und den Zusammensto jener beiden mchtigen Feinde der
Napoleoniden, Rulands und Englands, vorzubereiten; und in der That, Herr Graf,
ich mu gestehen, da man dies sehr geschickt gethan hat.
    Ah, Sie meinen die Erklrung unseres Gesandten unterm zehnten December, da
Frankreich keinen Anspruch auf ein Protektorat ber die rmisch-katholischen
Unterthanen der Pforte mache, und die Erbtigkeit unsers Ambassadeurs in
Petersburg, sich mit dem russischen Kabinet ber die streitigen Punkte in der
Frage der heiligen Sttten zu verstndigen?
    Ganz recht, Herr Graf. Seine Majestt der Kaiser hatte die Gnade, damals
mein vorletztes Memoir zu empfangen und dessen Versicherung zu vertrauen, da
Kaiser Nicolaus auf dem unbedingten Protektorat ber die griechischen Christen
in der Trkei, das ist bei einem Verhltni von neun zu vier Millionen ber die
Trkei selbst, bestehen und seine Forderung durch eine unberlegte
Waffendemonstration untersttzen wrde. Ruland dirigirte in der That bereits
Truppen aus ganz Bearabien und dem Chersones nach der Grnze der Frstenthmer,
und England ...
    - England, unterbrach die sonore Stimme des Verhllten zum ersten Male mit
dem Tone der Ungeduld die Unterhaltung, England, mein Herr, begann seinen
Rckzug. Die Depeschen Lord John Russel's an den Gesandten in Paris und an
Oberst Rose constatiren, da das Kabinet von St. James die Schuld der ersten
Drohung immer noch auf Frankreich schiebt, die beiderseitige Haltung mibilligt
und sich jeder Einmischung fern halten will!
    Ich werde sogleich die Ehre haben, diese Anschuldigung nher zu erlutern,
entgegnete mit einer Verbeugung nach der Richtung hin, in welcher der Verhllte
stand, der alte Offizier. Diese Haltung war von dem schwankenden Charakter des
Lord John vorauszusehen. Aber sie wurde paralisirt, indem man in Petersburg die
Wahl einer auerordentlichen Mission auf den Frsten Mentschikoff lenkte und
durch die Erklrungen, zu denen sich der Kaiser Nicolaus unvorsichtiger Weise
hinreien lie. Diese sind Ihnen ohne Zweifel bekannt, Herr Graf?
    Ich, wei in der That nicht, was Sie meinen.
    Dann haben Sie die Gte, diese Aktenstcke zu lesen. Es sind die genauen
Abschriften der geheimen Berichte, welche Sir Seymour, der englische Gesandte in
Petersburg, ber vier Privat-Unterredungen eingesendet, die er am 9. und 14.
Januar sowie am 20. und 21. Februar mit dem Kaiser Nicolaus hatte, desgleichen
die eines Memorandums vom letzten Datum, was der Kaiser jenem Gesandten
zustellen lie. Der alte Offizier zndete eine der auf dem nahen Altare
stehenden, geweihten Lampen an und berreichte ein Heft Papiere, das der Andere
hastig ergriff und mit groer Aufmerksamkeit durchflog, whrend auch der
Verhllte nher hinzutrat und ber die Schulter des Grafen mitlas.
    In der That, mein Herr, sagte der Letztere nach einer Pause von etwa zehn
Minuten, whrend welcher ihm beim eifrigen Lesen der Depeschen - jener
Aktenstcke, die spter unter dem Namen der Enthllungen des blauen Buches
bekannt geworden sind - hin und wieder ein Ausruf der Ueberraschung entschlpft
war, in der That, ich kannte zwar im Allgemeinen den Inhalt der Unterredung vom
9., doch diese wichtigen Details sind mir neu. Es scheint, Lord John spielte
eine doppelte Karte, indem er uns die Kenntni so bedeutsamer Entschlieungen
vorenthielt. Sie mssen auf Ehre eine Art Hexenmeister sein, um sich den Besitz
so wichtiger Dokumente verschafft zu haben?
    Dem Golde, Herr Graf, entgegnete der Pole der halben Frage, ist in London
Alles mglich, gerade wie in Paris den Frauen. -
    Ich erlaube mir, bis zu dem Augenblick, in dem wir uns befinden, die
Vorgnge weiter zu resmiren. Die Art und Weise, in welcher Graf Nesselrode
officiell den Kabinetten von London und Paris die Instructionen des Frsten
Mentschikoff bezeichnete, verzgerten den Ausbruch der Differenzen. Danach
sollten diese Instructionen sehr gemigt sein, betrfen nur die Montenegriner
und die heiligen Sttten und htten zum Zweck, ein Aecquivalent fr jedes den
Griechen genommene Privilegium zu erreichen. Trotz der Beweise, die ich Ihnen
eben ber die Absichten Rulands vorzulegen die Ehre hatte, zgerte das
englische Kabinet noch immer mit einer Einmischung, ernannte aber einen
besonderen Gesandten in der Person des Lord Stratford. Sie kennen den Lord, Herr
Graf, und wissen, da bei seinem Ehrgeiz und seinem echt brittischen Charakter
ein Kampf mit der Anmaaung und dem Stolz des Frsten Mentschikoff unmglich
ausbleiben kann, wenn der Letztere Forderungen stellt, die in den Augen des
Lords mit dem brittischen Interesse im Orient nicht vereinbar sind. Das erste
Auftreten des Frsten in Constantinopel haben die Zeitungen gemeldet. Es war
beleidigend und herausfordernd in dem Maae, da die Pforte den brittischen
Gesandten aufforderte, die englische Flotte zu ihrem Schutz herbeizurufen und
Oberst Rose an Admiral Dundas wirklich die Aufforderung gestellt hat, das
Geschwader nach Vourla zu fhren.
    Aber der Admiral hat sich geweigert, der Oberst hat seine Aufforderung
zurckgenommen, die englische Regierung hat, was Sie vielleicht nicht wissen
werden, vorgestern den Obersten desavouirt und uns ihr Bedauern ausgesprochen,
da der Kaiser unserm Geschwader im Mittelmeer gleichfalls den Befehl ertheilt
hat, in die griechischen Gewsser abzugehen.
    Der Kaiser, mein Herr, entgegnete der Greis, ist ein kluger Politiker und
hat sehr Recht gethan, die gute Gelegenheit zu benutzen, die ihm der Schritt des
Obersten Rose geboten hat. Sie werden sich erinnern, da mein Memoir auf eine
solche Gelegenheit speculirte. Nach der Absendung der Flotte Frankreichs bleibt
England Nichts als ber kurz oder lang die Nachfolge.
    Ich gestehe zu, sagte der Graf, da es fr ein groes Interesse haben
mu, England in einen Krieg mit Ruland zu verwickeln und seine ganze Macht im
Orient engagirt zu sehen. Die Forderungen des Frsten Mentschikoff knnen
allerdings den Charakter von Demonstrationen gewinnen, die den Kaiser und das
Kabinet von St. James zwingen wrden, fr eine Krise den Gesandten besondere
Instructionen zu geben.
    Der Pole lchelte. Euer Excellenz trauen mir noch immer nicht. Vorgestern,
am 22., hat Seine Majestt ihrem Gesandten in Constantinopel bereits diese
Instructionen zugesandt. Soll ich Ihnen die vier Flle der Instruction noch
bezeichnen? - Gestern ist die Note an Sie nach London abgegangen, worin die
Regierung die Hoffnung an das englische Kabinet ausspricht, da bei der Krisis
in Constantinopel beide Gouvernements gleiche Haltung beobachten werden. Die
Depesche wird Ihren Weg gekreuzt haben, Herr Graf, da Sie, durch den Telegraphen
berufen, gestern Abend Dover verlassen haben.
    Der Graf trat erstaunt einen Schritt zurck, der Verhllte aber ungestm auf
den Fremden zu, indem er durch die heftige Bewegung den verbergenden Mantel zum
Theil fallen lie. Wer sind Sie, mein Herr? Sie sehen, ich habe ein Recht zu
fragen, und ich will wissen, auf welche Weise die Geheimnisse des Staats in Ihre
Hnde kommen?
    Der alte Mann verbeugte sich ehrerbietig. In Frankreich, sagte er, hat
stets das Wort eines Edelmannes gegolten und ich bin im Vertrauen auf dasselbe
hierher gekommen. Das Recht, nicht gekannt zu sein oder zu scheinen sei ein
beiderseitiges.
    Der Andere hllte sich wieder in den Mantel. Nach Ihrem Belieben, mein
Herr, doch ich glaube, Sie sind uns noch immer das Resultat schuldig.
    Der Pole zog nochmals Papiere hervor und berreichte sie dem wieder
herangetretenen Grafen. Hier finden Euer Excellenz das, was jede englische
Zgerung aufheben wird. Es ist die geheime Instruction des Frsten Mentschikoff
und weist ihn an, auf unbedingte Anerkennung des Protektorats Rulands ber die
griechische Kirche und somit auf Unterwerfung der Pforte unter die russische
Oberhoheit zu dringen und einen Vertrag mit ihr abzuschlieen, der 400,000 Mann
und die Flotte von Sebastopol zu ihrem Schutz gegen die Westmchte stellt.
    Der Mann im Mantel ri ihm die Papiere aus der Hand und durchflog sie eilig.
Das ist genug, mehr als genug! sagte er hastig. Lesen Sie, Graf.
    Der Pole berreichte ein zweites Papier. Hier ist das Verzeichni der
smtlichen Streitkrfte, welche Ruland in diesem Augenblick disponibel hat. Die
Positionen der Truppen und die Dauer der Etappen sind genau verzeichnet, eben so
die Streitkrfte und Vorrthe an den Ufern des schwarzen Meeres.
    Gut, sehr gut! Aber was rathen Sie nun, mein Herr?
    Der Kaiser, von dem unterrichtet, was ich so eben hier vorzutragen die Ehre
hatte, wird seine Vorbereitungen treffen, um im Augenblick der Krisis eine
entsprechende und die brittische Streitmacht berwiegende Landarmee nach
Constantinopel oder an die Ufer des schwarzen Meeres werfen zu knnen. Die
Bildung eines Nord- und eines Sdlagers wrde die Zusammenziehung der Truppen
erleichtern. Whrend Frankreich ohne Mhe 100,000 Mann zum Schutz der Trkei an
das andere Ende des Mittelmeeres senden kann, wird eine solche Anstrengung
England in seinen besten Lebensquellen erschttern. Es wird genthigt sein, die
Truppen aus Indien und den Kolonieen heranzuziehen, und inde seine
unzureichende Armee im Kampf gegen Ruland sich aufreibt, wird Frankreich
krftiger und mchtiger denn je als der wahre Hort Europa's und der Civilisation
dastehen. Dann - ja dann, wenn England und Ruland sich gegenseitig geschwcht
haben, wird es Zeit sein, die Maske fortzuwerfen und die Asche des groen
Todten, der hier ruht, zu rchen an seinen beiden stolzen Feinden. Dann werden
der russische Doppelaar und der brittische Leoparde sich krmmen und beugen
unter den Krallen des napoleonischen Adlers, und das Blut des Kaisers wird
wieder der Herr der Welt sein, wie es ihm und Frankreich gebhrt.
    Aber Oesterreich - Deutschland? - -
    Oesterreich? - Es wird zuerst den Fu des Siegers auf seinem Nacken fhlen,
von zwei Seiten zugleich, an der Donau und am Po bedroht. Deutschland? - Will
der Kaiser den Rheinbund? er wird im Nu zu seinen Fen speichellecken. Und dies
Preuen, hochmthig und abgeschlossen in sich selbst, es wird zaudern und
zaudern, bis ihm nur der Kampf bleibt und die eigene Existenz, und in diesem
Kampfe wird es sich selbst verbluten. An dem wiedererstandenen Polen und Ungarn
und an dem neugeborenen Italien wird das kaiserliche Frankreich drei Sttzen
haben, die ihm die Welt unterjochen helfen.
    Der Mann im Mantel hatte, die Rechte fest auf die Stirn gepret, die
entflammenden Worte des alten Offiziers angehrt, whrend die Linke sich auf den
Vorsprung der Gruft sttzte. Der Mantel war von seinen Schultern gesunken, so
stand er eine Weile stumm und still; dann wandte er sich mit einem stolzen
Ausdruck zu dem Polen.
    Was immer auch Ihr Zweck sein mag, und ich glaube ihn in jenem schnen
Traum von der Wiederherstellung Ihres Vaterlandes zu erkennen, - Sie haben
gesiegt, und ich werde um jenes groen Todten willen Ihre Prophezeihung
erfllen, wenn Gott mir so lange das Leben lt. - Leben Sie wohl, mein Herr,
und nehmen Sie meinen Dank. Es ist hoffentlich nicht das letzte Mal, da wir uns
sprechen und ich bitte Sie, mir recht bald wieder Nachricht zu geben.
    Er grte den Fremden hflich aber vornehm, whrend der Graf ihm den Mantel
wieder umhing, und wandte sich nach dem Ausgang der Kirche. Sie gehen mit uns?
frug sein Begleiter den Offizier und verweilte einen Augenblick bei diesem.
Verzeihen Sie, Excellenz, ich habe hier noch ein Gebet zu verrichten. - In
London werden Euer Excellenz das Weitere von mir hren und ich bitte Sie, jedem
Boten zu vertrauen, der Ihnen zu seiner Beglaubigung dies Zeichen bergeben
wird. Er zeigte dem Grafen ein eigenthmlich geformtes kleines Kreuz von
schwarzem Holz mit Silberstiften geziert. Der Graf neigte bejahend den Kopf,
grte und eilte dem Vorangegangenen nach, um mit dem erhaltenen Schlssel die
Kirchthr zu ffnen.
    Drauen fanden sie den General auf seiner bernommenen Wache. Mit gezogenem
Hut begleitete der Veteran die geheimnivollen Gste bis an den harrenden Wagen
und schlo selbst den Schlag. Der Graf legte zum deutungsvollen Zeichen den
Finger auf den Mund, whrend sein Gefhrte nur mit leichtem Kopfnicken Abschied
nahm, und dahin rasselte die Equipage.
    Der Mann im Mantel wandte sich, als der Wagen das Thor verlassen, zu seinem
Begleiter. Hat Maurepas auch die gehrigen Instruktionen und sind Sie sicher,
da uns dieser Mensch nicht entgeht, wenn er das Htel verlt? Ich mu wissen,
woran ich mit diesem geheimnivollen Treiben bin; eine solche Macht im Staate
ist viel zu gefhrlich, um sie unbeachtet zu dulden.
    Es ist Alles nach Ihrem Befehl geschehen, Sire, entgegnete der Graf, auf
allen Seiten sind die zuverlssigsten Agenten ausgestellt und sie werden dem
Manne auf allen Tritten folgen. Morgen frh Sire, haben Sie den gewnschten
Rapport. -
    Auf den Arm des nach dem Dom, um die Thr zu schlieen, zurckkehrenden
Generals aber legte sich im Schatten der hohen Mauern des Hofes eine Hand und
hielt ihn zurck; es war der Pole. Kennt General Beaupr wohl diesen Ring?
fragte er freundlich. Ein Cadet der groen Armee gab ihn schwer verwundet in
Leipzig dem Soldaten, der ihn aus dem brennenden Hause der Vorstadt und ber die
Brcke der Pleisse trug, wenig Minuten vorher, ehe sie gesprengt wurde.
    Das war ich, sagte erregt der General, wie kommen Sie zu diesem Ringe,
Herr, Sie sind doch nicht - -
    Der polnische Lanzier, der Sie zufllig rettete, allerdings, wenn auch
diese Zge Ihnen wenig mehr kenntlich sein werden. Unter braven Soldaten,
General, bleibt immer Kameradschaft und Sie werden mir gewi eine kleine
Geflligkeit nicht verweigern, um zu verhindern, da Ihr Lebensretter vielleicht
in eine Schlinge der geheimen Polizei fllt. Er nahm den General unter den Arm
und ging mit ihm einige Schritte im Dunkel auf und ab, leise zu ihm sprechend.
Eine Viertelstunde darauf entfernte sich durch eine Seitenthr nach dem
Latour-Maubourg unbeachtet ein Mann in dem Rock eines Aufwrters und schlug die
Richtung nach dem Marsfelde ein.

    In einem der belebtesten Stadtheile von Paris, - die Scene selbst verbietet
natrlich die nhere Bezeichnung - bereitete sich in derselben Nacht ein
geheimnivoller Vorgang. Eine mittelgroe gewlbte Halle von eirunder Form,
anscheinend unter der Erde, denn es fehlten alle Fensterffnungen, war von einer
Lampe und mehreren auf einer rothbehangenen und quer durch die schmale Breite
laufenden Tafel stehenden silbernen Armleuchtern erhellt. Hinter der Tafel, um
welche sieben Sessel sich reihten, verdeckte ein rother Vorhang das Ende des
Gewlbes.
    Sechs der Sessel nahmen Personen in weite rothe Aermelmntel gehllt ein,
deren Capchons hauben-und larvenartig den Kopf bis zum Munde verdeckten. Der
siebente Stuhl war leer, - auf dem Tische selbst lagen mehrere Papiere, mit
deren Verlesung und Eintragung in ein Buch zwei der Mitglieder beschftigt
waren; keines der gewhnlichen Wahrzeichen und Symbole geheimer Gesellschaften
zeigte sich weiter in der Decoration des Gemachs, wenn eine in der Mitte
gebrochene goldne Krne nicht als solches erschien, die oben den Vorhang
zusammenhielt.
    Die Berichte aus Amerika, England und Ungarn sind notirt, sagte der,
welcher dies Geschft vollzogen. Das Mitglied fr Italien hat das Wort.
    Der Vierte in der Reihe an der Tafel erhob sich: General Pepe berichtet aus
Turin. Der Mann bleibt auch im hohen Alter Phantast und ist zu Nichts zu
brauchen, sein Name aber wirbt uns zahlreiche Krfte. Man hat in Turin und Genua
eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen, doch betreffen sie nur untergeordnete
Personen. Auch an andern Orten Italiens, namentlich in Parma, tritt man in Folge
der sterreichischen Interventionen mit auffallender Strenge gegen die
Verbindungen auf. Es ist Zeit, da der miglckte Sto des Ungars Libnyi auf
den Habsburger durch eine festere Hand an anderm Orte corrigirt werde, damit die
Mnner auf den Thronen wissen, da das rchende Verhngni ber ihnen schwebt.
Das Jahr 1853 hat seine Warnung gehabt, ich schlage fr das nchste Beispiel
Ferdinand Karl von Bourbon, den Herzog von Parma vor, unsern erbitterten Feind.
- Unsere Presse hat die Nachricht verbreitet, da Mazzini auf der Retribution
sich nach Malta eingeschifft hat, damit ist vorlufig die Aufmerksamkeit
abgelenkt. Der Aufstand in Palermo ist zwar fehlgeschlagen wie der in Mailand
und Comorn, doch meldet Baron v. Bentivoglio, da die Organisation zur
Verbreitung der Mazzinischen Proklamation vollstndig geordnet ist und groen
Erfolg zeigt. Die Sammlungen haben im Monat Februar ein Resultat von
achtunddreiig tausend vierhundert Livres ergeben, die ich hiermit in Wechseln
abliefere. Mit den Triester Dampfschiffen sind die befohlenen Verbindungen
eingeleitet.
    Der Redner bergab mehrere Papiere und nahm wieder Platz. Whrend seiner
letzten Worte hatte sich eine Seitenthr an der Tafel geffnet, ein Mann, gleich
den Anwesenden in einem rothen Mantel verhllt war eingetreten und hatte den
leeren siebenten Sessel am Ende der Reihe eingenommen.
    Section Deutschland und Schweiz, sagte der Secretair.
    Der dritte Verhllte nahm das Wort. Die Berichte aus Wien lauten wenig
befriedigend. Das Attentat vom 18. Februar hat die zaghaften Gemther geschreckt
und die Polizei doppelt aufmerksam gemacht. Libnyi hat mit heroischer Ruhe den
Opfertod erduldet. Die genauen Berichte ber seine letzten Tage liegen vor. Man
hat selbst die Gewissensbedrohung durch die feile Geistlichkeit erschpft, um
ihn zum Gestndni zu bringen, von wem die Sendung von 600 Gulden herrhrt, die
er kurz vor der That durch Anweisung des Londoner Hauses erhalten hat; der Brave
schwieg. Weniger treu seinem Eide starb in Pesth der Verrther Andraffy, der die
Plne zum Aufstand in Comorn Kossuth's Schwester berbringen sollte und in die
Hnde der Schergen fiel. Er hat die mit Omer Pascha angeknpften Verhandlungen
ber dessen Einrcken in Croatien verrathen, soweit er davon Kenntni hatte, und
dieser Entdeckung ist die augenblickliche Stellung des Wiener Kabinets gegen die
Pforte zuzuschreiben. Man will den Divan um jeden Preis zur Vertreibung der
Flchtigen drngen. Die Finanzverlegenheit jedoch wchst immer rger und man
sucht nach neuen Hilfsmitteln. - In Berlin tritt die Spaltung der Conservativen
immer mehr hervor und man arbeitet unsern Absichten in der kommenden Verwicklung
damit in die Hand. Die Polizei hat eine Verbindung aufgehoben, deren unreife
Organisation ein Kind der eingeborenen Demokratie war. Die Betheiligten wurden
von den Wissenden des Bundes zum Theil bei der Flucht Kinkels benutzt, knnen
aber die hheren Interessen in keiner Weise compromittiren. Es ist hier
vorlufig Nichts zu machen, als die Zerwrfnisse mit Oesterreich mglichst zu
erneuern und die Sympathieen des Heeres fr den bevorstehenden Krieg von Ruland
abzulenken. Dem russischen Gesandten liegt ein Memoir vor ber die Influirung
der Tagespresse - unsere Gegenanstalten sind getroffen. Die Sammlungen haben
uerst geringe Resultate gebracht, - man giebt dort nur ffentlich. - Die
Regierung von Tessin ist im Begriff den sterreichischen Anmaungen zu weichen;
ich habe die Tribune Suisse angewiesen, bei weiterer Nachgiebigkeit mit einer
Revolution zu drohen. - Die Sammlung der Schweiz ergiebt Zwlfhundertzwanzig
Franken; das Gesamtresultat der Sammlung aus Deutschland ist noch nicht
eingegangen.
    Er bergab die Papiere. Der Zuletztgekommene erhob sich nach ihm, ohne die
Aufforderung abzuwarten. Wer der geheimnidollen Zusammenkunft im Dom der
Invaliden beigewohnt htte, wrde leicht in dem Sprecher den alten polnischen
Offizier wieder erkannt haben. Ausfhrlich berichtete er ber den Gang
derselben, das Mitrauen, das man ihm Anfangs gezeigt und den Eindruck, welchen
die bergebenen Abschriften der wichtigen politischen Dokumente gemacht hatten.
Der Kaiser, schlo der Greis seinen Bericht, ist offenbar ein scharfsichtiger
gewandter Politiker, aber wir haben ihn besiegt, indem wir uns an das
verborgenste Geheimni dieses verschlossenen Herzens gewandt haben. Ich mte
mich sehr tuschen, wenn nicht vorher schon die Plne dieses Kopfes von der
Vernichtung Englands und der Weltherrschaft der Napoleoniden getrumt htten, -
unser Beistand hat sie ihm klar gemacht und die Mglichkeit der Verwirklichung
ihm gezeigt. Er wrde den Krieg hervorrufen, selbst wenn er keinen andern Gewinn
davon htte, als die britische Armee und die britische Flotte von seinen
Schpfungen verdunkelt zu sehen. Aber ich warne vor diesem Kopf! Er ist schlau
und thatkrftig genug zu einem Versuch, die Bande, die ihn geheimnivoll
umschlingen, mit eigener Hand zu zerreien. Mge der Augenblick nicht versumt
werden, wo sein Fall uns nthig ist, ehe er uns zuvorkommt.
    Der einmalige scharfe Anschlag einer Silberglocke lie sich hren und
augenblicklich schwieg die Unterhaltung. Der Vorhang im Hintergrnde ffnete
sich ein Wenig und ein Mann, ganz gleich wie die an der Tafel verhllt, nur da
die rothe Maske selbst den untern Theil des Gesichts verbarg, trat hervor. Die
Sieben erhoben sich smtlich.
    Die hchste Gewalt ist zufrieden, meine Herren, mit dem Resultat der
Berichte, sprach der Unbekannte mit einer milden, etwas zischenden Stimme,
namentlich erkennen wir die groe Geschicklichkeit an, mit welcher der
Vertreter der Sektion VII. heute seinen Auftrag fr die franzsische Regierung
gelst hat. Das Geschick Frankreichs ist damit in unsern Hnden und wir knnen
seine Krfte ohne Gefahr benutzen. - Zur rechten Zeit wird jene einschreitende
Hand bereit sein, die strzt, wie sie allein erhoben hat.
    Der zuletzt Gekommene der Sieben verbeugte sich; der Andere fuhr fort: Die
Botschaften fr London, Wien, Berlin, Petersburg und Constantinopel liegen
bereit. Haben Sie die geeigneten Persnlichkeiten dazu ausersehen, je nach dem
Grade der Wichtigkeit, welche die Mission hat?
    Der Secretair des Raths bejahte und berreichte ein Blatt mit den Namen und
den persnlichen Notizen, das Jener genau berlas. Warschau und Petersburg!
sagte er berrascht, - der Vorstand der Section selbst will diese Mission
bernehmen?
    Der Verhllte, welchen der Leser als den Offizier aus dem Invalidendom
erkannt hat, erhob sich. Ich habe diesen Auftrag als Lohn fr die wenigen
Dienste erbeten, sagte er, die ich dem Bunde der Unsichtbaren geleistet. Ich
glaubte, da mir die Mitglieder der hchsten Gewalt das Vertrauen schenken
wrden, ich werde meine schwierige Aufgabe mit allen Krften lsen. Ohnedies ist
hierzu ein Mitglied des siebenten Grades nothwendig, um im Augenblick der
Entscheidung den Befehl in die Hand nehmen zu knnen.
    Sehr wahr, mein Herr, aber wir werden Sie kaum hier entbehren knnen. Auch
sind Sie eine in Warschau sehr bekannte Persnlichkeit und stehen auf der Liste
der Gechteten.
    Der alte Soldat nahm ein Papier aus dem Portefeuille und berreichte es:
Die Begnadigung des Kaisers und die Erlaubni zur Rckkehr! Ich empfing sie
heute von Herrn von Kisseleff.
    Das ist allerdings Viel, doch - eine behandschuhte Hand, die sich aus den
Falten des Vorhangs hervorstreckte, reichte dem Sprechenden einen Streifen
Papier, den dieser las und sofort am Licht einer Kerze verbrannte. Die
Majoritt der hchsten Gewalt ist mit Ihrer Sendung einverstanden. Sie haben
also die Vollmacht zur Reise und werden als Mitglied des Raths bis zur Summe von
fnfzigtausend Rubeln disponiren knnen. Doch ist es Ihnen bekannt, da von
diesem Augenblick an, bis zur Beendigung Ihrer Mission, Sie aus dem Rath selbst
scheiden und unter die Gehorchenden zurcktreten.
    Der Pole verneigte sich. So nehmen Sie die nthigen Papiere in Empfang und
die Sonne der Freiheit leuchte Ihnen nach Osten.
    Er reichte dem Scheidenden die Hand, jeder der Beisitzer that dasselbe und
der Pole verlie den Saal durch die erste Thr, whrend der Verhllte dessen
Sitz einnahm.
    Smyrna und Constantinopel? fhr derselbe nach einem weitern Blicke in das
Papier fort. Nach diesen Notizen hlt der Rath es fr gut, den dahin bestimmten
Gehorchenden von hier zu entfernen und in eine Lage zu bringen, in welcher er
gehrig berwacht, dem Bunde bessere Dienste leisten kann, als hier. Welchen
Grad zhlt der Gehorchende?
    Den vierten.
    Das ist gengend, wir haben sichere Leute an Ort und Stelle. Lassen Sie ihn
eintreten.
    Der Secretair drckte auf eine Feder, die zweite Thr gegenber dem Tisch
ffnete sich, und ein Mann, anscheinend in den ersten dreiiger Jahren, von
offenen mnnlichen Gesichtszgen und festem ruhigen Auge, einfach aber gut
gekleidet, trat ein und nahte mit einer Verbeugung dem Tisch.
    Sie wollen nach der Levante gehen, um als Arzt dort Beschftigung zu
suchen?
    So ist es.
    Seit wann sind Sie Mitglied des Bundes?
    Seit fnf Jahren.
    Gut, Sie werden die Briefe erhalten, die Sie auf Gefahr Ihres Lebens sicher
zu berbringen haben. Die weiteren Instruktionen werden Sie an Ort und Stelle
finden. Die Mittel der Reise sind hier. Er reichte ihm zwei Goldrollen. Wann
reisen Sie?
    Morgen frh.
    Wir werden in Constantinopel von Ihrer Kunst den geeigneten Gebrauch
machen. Bedenken Sie: Willenloser Gehorsam! Leben Sie wohl.
    Der Angeredete nahm mehrere Papiere in Empfang und entfernte sich durch
dieselbe Thr, aus welcher er eingetreten.
    Die Person fr Berlin und Deutschland!
    Ein neuer Druck der Feder ffnete die dritte Thr: eine elegant in schwarze
Seide und Spitzen gekleidete Dame trat mit gracisen Manieren ein. Ein khner
interessanter Kopf blickte aus den umhllenden Falten des kokett um das dunkle
Haar geschlungenen, von einer prchtigen Brillantnadel gehaltenen
Spitzenschleiers. Die dunklen geschwungenen Brauen ber dem feurigen Gluthauge,
die zierlich ppigen Formen von Busen und Hften, der ganze Typus des zwar nicht
mehr in der ersten Jugendfrische prangenden aber beraus interessanten und
anregenden Gesichts lie die Sdlnderin nicht verkennen. Die sieben Mnner
erhoben sich und verbeugten sich artig vor der schnen Erscheinung.
    Sie gehen nach Berlin, Madame, um dort neue Triumphe zu feiern?
    Senjor sind sehr galant, entgegnete die Dame. Ich habe das immer
erfahren, seit ich in Frankreich bin, wenn ich auch leider die mchtigen
Beschtzer nicht kenne, die sich meiner angenommen und mich aus verabscheuten
Fesseln befreit haben. Sie wissen, Senjor, da ich ganz zu Ihren Befehlen
stehe.
    Wir wnschen vor der Hand Nichts, Madame, als da Sie diese
Empfehlungsbriefe in den verschiedenen Hauptstdten, die Sie berhren werden,
abgeben, und die Personen, an die sie gerichtet sind, mit der bekannten Gewalt
Ihrer Reize an sich fesseln. Sie wissen, da wir mchtig sind und namentlich
Schweigen verlangen. Denken Sie immer daran, da selbst die Wnde in unserm
Solde stehen. Vor Allem, Madame, wenden Sie die Geschosse Ihrer Feuerblicke und
die Macht Ihrer Reize gegen die Herren vom Militair und bilden Sie aus diesen
den Kreis Ihrer Sclaven. Ist das besorgt, was fr Madame bestimmt war?
    Der Secretair berreichte ihm ein sammetnes Etui, der Verhllte schlug es
auf und ein prachtvoller Brillantschmuck glnzte in dem Strahl der Kerzen. Die
Augen der Dame funkelten bei dem Anblick in unbezhmbarer Begierde.
    Nehmen Sie, sagte galant der Redner, es ist ein vorlufiges Zeichen
unsers Dankes und seien Sie gewi, da derselbe dabei nicht stehen bleiben wird.
Au revoir, Madame, vielleicht ehe Sie es denken.
    Er erhob sich, whrend die Dame eine ziemliche Anzahl Briefe in Empfang
nahm, und fhrte sie bis an die Thr zurck, die sich hinter ihr schlo. Bei
meinem Eide, sagte der Verhllte zurckkehrend, ein entzckend schnes Weib.
Sie wird uns treffliche Dienste leisten. Doch lassen Sie uns eilen, die Zeit ist
vorgeschritten. Ich sehe, die nchsten fr London bestimmten Personen gehren
den untersten Klassen an?
    Man hat um Persnlichkeiten geschrieben, die weniger als Fhrer und
Wissende, an denen es in London nicht fehlt, denn als geeignet erscheinen,
kameradschaftlich unter den Arbeitern und dem Volk selbst zu wirken. Die beiden
Personen, die wir gewhlt haben, sind sehr zuverlssig und geeignet; der Eine
finster, brtend, jedes Entschlusses und jedes Opfers fhig, ohne Familienbande
und nur fr die Revolution thtig; der Zweite ein Kind derselben, begeistert,
einer jener pariser Proletarier, die mit Beranger's Liedern statt der
Muttermilch gesugt worden sind.
    Ein Zeichen befahl den Eintritt; aus der vierten Thr erschienen zwei
Mnner, sehr verschieden im Aeuern. Der jngere mochte etwa 23 Jahre zhlen,
ein chtes Kind des pariser Pflasters, dem, wenn auch von der Conscription durch
eine glckliche Loosung befreit, doch das soldatische Blut des Franzosen aus
Haltung und Bewegung leuchtete. Ein freies mnnliches Gesicht, von schnem Bart
umschattet, ein etwas wild und hitzig blickendes Auge, die krftige und doch
gelenke Gestalt mit den ausgearbeiteten Hnden, bekleidet mit der reinlichen
Blouse, machte den jungen Mann zum Ideal eines lebensfrischen Reprsentanten der
arbeitenden Klasse. Ganz im Gegensatz zu ihm stand sein Begleiter, anscheinend
fnf bis sechs Jahre lter, nicht gro und dennoch von gebckter Haltung, das
straff anliegende schwarze Haar fast bis zu den buschigen Augenbrauen
herabgehend, unter denen tief liegende unheimliche Augen funkelten; im
gelblichen Italienergesicht, um den kleinen gekniffenen Mund, lagen Zge
unbeugsamer Entschlossenheit.
    Sie gehen nach London und Manchester, redete der Verhllte die Beiden an,
und werden dort der groen und heiligen Sache der freien Arbeiterverbrderung
wichtige Dienste leisten. Ich brauche Sie nicht an das Joch der Tyrannei zu
erinnern, denn Sie fhlten es selbst an jedem Tage, an welchem Ihre Mhen und
Ihr Flei die Geldkisten Ihres Fabrikherrn fllten. Nur die erhabene Fahne der
socialen Republik kann in ihrem Schatten jedem freien Mann seine Geltung
verschaffen. Werben Sie unter Ihren Brdern in England, und bereiten Sie
dieselben vor; denn ich sage Ihnen, der Anbruch des Tages ist nahe, an dem die
Flamme der Vlkerfreiheit ber Berg und Thal, ber See und Land leuchten und zum
groen Kampfe rufen wird fr die ewige Gleichheit!
    Die schwlstigen, wohlberechneten Worte verfehlten ihren Eindruck nicht, der
junge Mann hob begeistert die Hand in die Hhe wie zum Schwur, der Italiener
ballte die Faust, zwischen den zusammengebissenen Zhnen zischte die Drohung:
    Tod den Tyrannen!
    Diese Papiere werden Ihnen sagen, fuhr der Redner fort, an wen Sie sich
in London zu wenden und wie Sie Ihre Instructionen zu erhalten und auszufhren
haben. Im Namen der Freiheit und Gleichheit weihe ich Sie zu dem groen Werke
des Bundes. Gehen Sie.
    Die Beiden wendeten sich nach der Empfangnahme der Papiere zur Thr, an der
der Jngere einen Augenblick zauderte, dann kehrte er rasch um und trat
entschlossen nochmals zu dem Tisch:
    Morbleu, meine unbekannten Herren! Es drckt mir da Etwas das Herz und das
mchte ich gern los sein, ehe ich die befohlene Reise zu den Beafsteaks antrete.
Mein Alter htte das Geld sparen knnen, das er in meiner Jugend darauf
verwendet hat, mich in einer englischen Maschinenwerksttte in die Lehre zu
geben, dann htte doch meine Schwester jetzt einen Nothpfennig. Ich kann das
arme Mdchen wahrhaftig nicht so zurcklassen ohne Schutz und Hilfe, das
Grisettenblut in ihren Adern ist gar zu leicht und die Verlockung oft gro
genug.
    Sie werden vor Ihrer Abreise einen Vorschu von zweihundert Franken
erhalten, den Sie von Ihrem guten Verdienst in England abtragen knnen, sagte
der Rothe. Ihre Schwester wird im Auge behalten werden, gehen Sie unbesorgt.
    Der junge Arbeiter verneigte sich dankend, warf noch einen neugierigen Blick
rings umher und folgte seinem Gefhrten. Ich glaube, der Vorstand der Section
England, sagte der Verhllte, hat da keine besondere Wahl getroffen. Der Mann
gehrte auf die Barrikade, nicht in die Werksttten.
    Er ist ein trefflicher und fr seinen Stand schwungvoller Redner, wandte
der Getadelte ein, und wir finden wenig franzsische Arbeiter, die der
englischen Sprache mchtig sind. Ueberdies ist sein Begleiter der Mann, der
seine Fhigkeiten auf den bestimmten Punkt fesseln wird.
    Sie mgen Recht haben, der Zweite ist eine Physiognomie, aus der sich
Vieles machen lt und der, was er erfat, nie aus den Augen verlieren wird. Ich
kann den Namen nicht deutlich lesen, der Manu heit?
    Pianori. Er focht in Rom, brachte uns die letzten Depeschen von Turin und
hlt sich seitdem heimlich hier auf.
    Lassen Sie den Letzten fr heute erscheinen.
    Die fnfte Thr ffnete sich und ein elegant, ja berladen gekleideter Mann
in mittleren Jahren, von einem gewissen Embonpoint, wie es vielen unserer
Brsencoryphen so behaglich steht, trat unter Verbeugungen ein. Der Schnitt des
Gesichts verrieth die orientalische Abstammung vielleicht aus dem zweiten Grad;
die schmal zulaufende hohe Stirn den gebten Rechner und Zahlenmann, die rastlos
sich bewegenden Finger und die kurz und scharf umherblickenden Augen zeigten den
thtigen Geschftsmann und Speculanten.
    Ohne die Anrede abzuwarten, begann der Eingetretene: Im Begriff, nach Wien
abzureisen, erhielt ich die Ladung des Rathes und beeilte mich, dem Befehl
nachzukommen. Darf ich wissen, welche Angelegenheiten meine Dienste erheischen?
    Der Verhllte nahm ein kleines Buch in rothem Saffian, das der Secretair ihm
reichte und durchbltterte es einige Augenblicke schweigend, dann frug er:
    Haben Sie zufllig unser Conto zur Hand, Herr Baron?
    Gewi, ich steckte es zu mir. Der letzte Abschlu vom vorigen Monat ist,
wie ich ersehe, 75,000 Franken zu meinen Gunsten. Man hatte in dem Monat stark
gezogen.
    Ganz recht, mein Herr, inde die anvertrauten Fonds ergeben eine Summe von
Achtmalhundert dreiundsechszigtausend Francs, - so viel ich wei in Metalliques
und Bank-Aktien?
    Der Geldmann warf einen hastigen Blick auf den Redner. So ist es, ich
machte auch nur die Bemerkung in Beziehung auf das laufende Conto.
    Ich vermuthete das. Doch, mein Herr, der Bund braucht in diesem Augenblick
bedeutende Mittel, und ich wollte Sie ersuchen, die Werthe bis auf
achtmalhunderttausend Francs auf Morgen Mittag 12 Uhr fr uns disponibel zu
halten. Wir brauchen grade sterreichische Papiere und werden sie auf die
gewhnliche Weise in Empfang nehmen lassen.
    Der Banquier erbleichte leicht, fate sich aber rasch. Sie werden zu Ihrer
Disposition sein.
    Ein scharfer durchbohrender Blick sprhte aus der verhllenden Maske. Ist
das auch gewi, Herr Baron, werden wir die Metalliques vorfinden?
    Das Gesicht des Befragten berzog sich mit fahler Blsse, dennoch wankte er
nicht unter dem Schlage, sondern entgegnete mit fester Stirn: Ich werde die
Ehre haben, Ihnen meine Kasse zu ffnen, das Geld befindet sich darin.
    Die Worte waren kaum ausgesprochen, als der Vorhang hinter der Tafel
auseinanderrauschte und in einer dunkel behangenen weiten Nische zwei Mnner
sichtbar wurden, die dasselbe verhllende Kostm trugen, wie ihr Gefhrte. Der
Eine war eine groe breitschultrige Gestalt, der Andere klein, offenbar
schwchlich und verwachsen. Alle Mitglieder der Tafel standen auf, - der
Geldmann vor ihr trat unwillkrlich einen Schritt zurck und beugte das Haupt.
    Einen Augenblick, sagte die ernste drhnende Stimme des Grern der neuen
Zeugen, ich mchte Sie fragen, Gehorchender, ob dieser Auszug ber den
gegenwrtigen Bestand Ihrer Kasse richtig ist? Danach ist dieser Bestand an
Aktien der sterreichischen Bank nur 2000 Gulden, baar vielleicht 40,000 Francs,
die in diesem Moment wahrscheinlich in Wechseln in Ihrer Tasche oder in Ihrem
Koffer sind; aber von den Ihnen anvertrauten Metalliques giebt es in Ihrer
Kassette keine Spur.
    Der Baron war vernichtet. Ich hatte Forderungen zu decken - stammelte er
endlich, das Geld ist nicht verloren - ich habe Speculationen - gnnen Sie mir
nur Zeit.
    Der Groe lachte verchtlich. Armer Narr, wenn wir das nicht wten, lebten
Sie bereits nicht mehr, um hier von Ihrem Verhalten Rechenschaft zu geben.
Merken Sie sich die Lection, der nchste Bruch des Vertrauens wird mit Ihrem
Herzblut geshnt! - Htten Sie uns Ihre Absicht, auf die Escompten-Bank zu
speculiren, mitgetheilt, so wrden wir dem gar nicht widersprochen haben, und
Sie htten nicht auf eigene Rechnung sieben Procent an dem Verkauf der Papiere
verloren. So wie es ist, tragen Sie den Schaden. Sie werden nach Wien reisen und
das Escomptengeschft in Ordnung bringen. Je mehr Aktien Sie erwerben, desto
besser. Es ist nthig, da wir die Majoritt der Stimmen bentzen. - Doch haben
wir noch ein anderes und besseres Geschft fr Sie. Dies Memoir werden Sie,
nachdem Sie es sich zu eigen gemacht, in einer Audienz an Herrn von Bach in Wien
persnlich bergeben und ihm Vortrag darber halten. Es betrifft den Vorschlag
zum Ankauf der sterreichischen Staatsbahnen fr Rechnung einer zu bildenden
Gesellschaft. In diesem Portefeuille finden Sie 2 Millionen Gulden in Wechseln
auf Sina und Eskeles; fnfzigtausend davon werden Sie nthigenfalls fr die
Beamten verwenden, von deren Empfehlung das Geschft abhngt, den Rest stellen
Sie dem Premier sofort zur Disposition als Anzahlung auf den Kauf. Die weiteren
Auseinandersetzungen und Bedingungen finden Sie in den Papieren.
    Der adlige Banquier ergriff erfreut das Portefeuille, prfte aber als
Geschftsmann sorgfltig die darin enthaltenen Anweisungen. Dann steckte er
Alles zu sich und versicherte hoch und theuer, da man volles Vertrauen in ihn
setzen knne.
    Sie werden selbst am besten dabei fahren, sagte der groe Verhllte, denn
ich schwre Ihnen, Ihr Leben ist keinen Schu Pulver mehr werth, wenn Sie im
Geringsten nochmals von der Ihnen vorgezeichneten Bahn abweichen. Jetzt, Herr
Baron, reisen Sie mit Gott und - denken Sie Ihres Auftrags zu jeder Zeit und an
jedem Orte.
    Der Agent verneigte sich dankend und verlie, etwas weniger sicher, aber
leichtern Herzens, als er gekommen, das Gemach.
    Jetzt, meine Brder, nahm der zuerst Eingetretene der Drei das Wort, ist
unser Geschft fr heute beendet. Sie werden die nthigen Anstalten treffen, da
unsere Missionaire gengend berwacht und geleitet werden. Seien Sie thtig in
smtlichen Sectionen, Sie wissen, wie wichtig die Gegenwart ist. Wenn ganz
Europa erst in Krieg verwickelt worden, kommt die Zeit unserer Ernte. Die
Monarchieen schwchen sich durch die Opferung ihrer Armeen; England wird seine
Zuflucht wiederholen mssen, Fremdenlegionen in allen ihm zugnglichen Staaten
zu bilden, deren Kern unsere Gehorchenden sein werden. Ist der Zeitpunkt der
Erschpfung gekommen, haben wir die Kmpfe zu dem Ende geleitet, das wir
bezwecken, dann ist es Zeit, den Boden zu bestimmen, auf dem unsere Siege
erfochten werden mssen, und dieser Boden wird zwei Welttheile umfassen. Wann
die hchste Gewalt im Einzelnen oder insgesamt Ihren Sitzungen wieder beiwohnen
kann, ist leider unbestimmt; darum leben Sie wohl bis dahin.
    Der Verwachsene winkte mit der Hand, einen Augenblick zu warten. Ein leiser
schrillender Ton lie sich hren, und aus dem Druckapparat eines electrischen
Telegraphen, der unter einer entsprechenden Scheibe an der Wand der Nische
angebracht war, schob sich langsam ein Streifen Papier, mit Punktirzeichen
versehen. Er nahm denselben, las die Chiffreschrift und sagte lachend mit
offenbar italienischem Accent: Graf Walewski hat sich an den Tuilerieen
beurlaubt und ist zu Mademoiselle Rachel gefahren. Dem Polizeiminister meldet
man so eben, da die Spione am Invaliden-Hotel keine Spur entdecken konnten. Mit
dem Abendzug ist ein Courier von Petersburg fr Herrn von Kisseleff
eingetroffen, Frst Oczakoff. Da haben Sie die neuesten Neuigkeiten. Buona
notte!
    Die Lichter erloschen, im Dunkel vernahm man mehrere Thren sich ffnen und
schlieen - dann folgte das Schweigen des Todes.

                                Das erste Blut.


Entzckend schn, ber die Beschreibung der Feder, ber die irdischen Farben des
Malers erhaben ist der Sonnenaufgang im Golf von Smyrna!
    Der Egytto hatte whrend der Nacht auf Chios angelegt und eine Menge neuer
Passagiere an Bord genommen. Erst als das Tagesgrauen ber die fernen Berge
Anatoliens herauf dmmerte, erhoben sich die Reisenden vom Verdeck, wo sie ihr
improvisirtes Lager gefunden, oder kamen langsam aus den Cajten und Sabinen zum
Vorschein. Das Verdeck eines Levante-Dampfers bietet, nachdem er von Athen
abgefahren, ein eigenthmlich seltsames Schauspiel, dessen bunte Conturen von
Insel zu Insel an Mannigfaltigkeit gewinnen. Der Capitain lt das Deck der
Schanze mit einer vorbereiteten Bretterlage berziehen, um es vor den Spuren des
Kochens, Bratens und Schlafens suberlich zu bewahren. Eine besondere Abtheilung
fr die Frauen und Kinder wird abgegrnzt; mit Teppichen und Ballen aller Art
und Form nehmen die Ankmmlinge den kleinen ihnen gestatteten Raum ein; Kreise
bilden sich um den Dreifu, auf dem alsbald der Granatapfel schmort oder die
Zwiebel und das Hammelstckchen zischt; die Frauen bereiten den Kaffee oder
holen ihn in kleinen Schlchen von dem alten Moslem, der mitten auf dem Verdeck
seine Bude gleich den Schilderhuschen unserer Obsthker aufgeschlagen hat.
Ueberall strecken sich lange Pfeifen quer ber den schmalen, von dem
hochaufgethrmten Gepck gelassenen Gang; um die Kche drngt sich eine lrmende
Menge, vom Koch glhende Kohlen zum Anznden ihrer Nargilehs oder Schibucks zu
betteln; zwischen den Haufen der plappernden, lachenden, gestikulirenden
Griechen sitzt auf seinen Kissen in ernster Gravitt der Muselmann, von seinem
schwarzen Sclaven bedient; Weiber mit dem wundervoll zarten Teint und den
unzierlichen Gestalten der Frauen der Cycladen schlrfen in ihren klappernden
Holzpantoffeln umher. Das dunkle brennende Auge zwischen den gefrbten Wimpern,
durch die eigenthmliche Schwrzung des untern Augenlides noch flammender
gemacht, mit frei und offen den Fremden, oder blickt neugierig unter dem
Yaschmak hervor, dem Mousselinschleier, welcher die orientalischen Schnheiten
verhllt, und den die Bekennerin des Propheten nur in den vertrauten Gemchern
des Harems ablegt. Dazwischen bewegt sich das Volk der Matrosen, meist sehnige,
sonnverbrannte Figuren von den Ksten der obern Adria, hin und wieder ein
Italiener aus dem Golf von Tarent, stt ohne Unterschied der Person, wer ihm im
Wege steht oder liegt bei Seite: den Armenier, der auf dem Hhnerkorb sein Gold
zhlt und mit einem Andern um den leichten venetianischen Dukaten oder den
beschnittenen Ghazi feilscht, ebenso wie den trkischen Juden, der in seinem
blauen Tuchtalar geschmeidig durch die Menge schlpft. Fr den europischen
Reisenden hrt mit dem Schritt ber Athen hinaus jede Bequemlichkeit und
Gewohnheit der nrdlichen Civilisation auf; der Platz auf dem Hhnerkasten, auf
dem Bogspriet oder den Bnken des groen Decks, von dem aus behaglich
hingestreckt er unterm Schutz des Zeltpavillons die Oliventerrassen der
ionischen Inseln, die dunklen Felsenwnde von Tschernagora und Albanien, den
zauberhaften Golf von Lepanto betrachtet hat, ist besetzt, kaum findet er einen
Raum an der Brustwehr frei, von dem aus er hinaus das trunkene Auge tauchen kann
in die unermeliche Flche der Wsser, deren Lazurblue mit dem im Licht
zitternden Dome des Himmels wetteifert. Das widrige Schauspiel anderer Meere und
Seereisen, die Seekranken, verderben ihm das Bild nicht. Dieses Volk lebt und
stirbt am Strande, das blaue Meer ist sein Element, wie die Luft, - die Fahrt
von einer der prchtigen Cycladen zur andern seine Lebensgewohnheit. Gern opfert
der Reisende sein eignes dolce farniente, um diese Kinder des Sdens das ihre
vertrumen zu sehen.
    Aus den blauen Tiefen des Meeres wachsen Felsen empor, Felsen mit Rosen und
Myrthen, mit dem dunklen Grn des Lorbeers und der Olive, mit dem schlanken
Stamm der Cypresse und der Platane. Smaragden sind es in ihrem dunklen Grn,
Diamanten in dem gelben Strahl ihres Lichts, schaukelnd wie Schmuck auf dem
ppigen Busen einer Lais! Edelsteine sind es, die die tobende Gluth des Vulkans
aus dem innern Gewerk der Erde emporgeworfen an die Oberflche des Tages, da
sie Kunde geben von den Zaubern der Tiefe; die Gtterwelt der Alten bevlkert
sie in der Erinnerung, - weie Segel auf leichten Barken, mchtige
Handelsschiffe und die Flaggen aller Nationen ziehen gleich Tauben und Schwnen
durch ihre Buchten und Labyrinthe. -
    Der erste rosige Strahl der Sonne tauchte am Horizonte empor und zitterte
ber die Flche des Golfs. Glnzend stieg die Knigin unserer irdischen Welt
ber die in den fernen Nebeln noch unsichtbare Knigin der Stdte Anatoliens
empor. Neben dem ernsten etwa vier bis fnfunddreiigjhrigen Mann in einfacher
aber moderner europischer Kleidung mit dem grauen breitrndrigen Filzhut, der
schon seit einer Stunde an dem Bollwerk des Vorderschiffes lehnte, um das
herrliche Schauspiel mit allen seinen hier so wunderbaren Farbenwechseln nicht
zu verlieren, breitete ein Trke seinen Teppich aus und knieete mit dem Antlitz
gen Mekka nieder, sein Gebet zu verrichten. Was an Moslems auf dem Verdeck war,
folgte dem Beispiel; der groe Haufe der Griechen und Franken kmmerte sich aber
wenig um die Andacht der Unglubigen und unterbrach keinen Augenblick seine
Unterhaltung, ja viele der erstern spuckten verchtlich und mit grimmigen
Seitenblicken nach dem Erbfeind ihres Glaubens in's Wasser. - Eine Hand legte
sich auf die Achsel jenes Mannes, der die ihm fremde Andacht beobachtete; als er
sich umwandte, blickte er in ein Gesicht, das ihm wohl bekannt schien, doch lie
die fremdartige Kleidung, der das Haupt bedeckende griechische Fez ihn im ersten
Moment den Andern nicht gleich erkennen. Es ging ihm wie so hufig im Leben, man
findet unter vernderten Umstnden ein Gesicht, von dem man wei, da es uns
bekannt und befreundet gewesen, ohne sich doch gleich zu erinnern, wo der
Besitzer hinzuthun ist, wie zu benennen.
    Erinnert sich Doctor Welland wirklich nicht mehr des Comilitonen, frug der
Grieche, mit dem er vor Jahren die Kollegien unter Dieffenbach gehrt, oder
haben die acht Jahre, die seitdem vergangen, Gregor Caraiskakis so ganz aus dem
Gedchtnisse der Freunde seiner schnen Jugendtage verdrngt?
    Welland warf sich in die geffneten Arme. Die Schulbank des Knaben, die
Aula des Jnglings schlingt ein Band gemeinschaftlicher Erinnerungen, das
wahrlich auch im Mnnerleben sich nicht vergit. Verzeihen Sie mir, Caraiskakis,
da ich 500 Meilen von dem Orte, wo wir zusammen gelebt, und in der vernderten
Tracht Sie nicht wiedererkannte. Glauben Sie mir, ich habe, whrend der Dampfer
mich an den Ksten Ihrer klassischen Heimath vorbertrug, gar oft Ihrer gedacht,
und nur die Krze unseres Aufenthalts in Athen verhinderte mich, nach dem lieben
Comilitonen alter Zeit zu forschen. - Aber, fuhr er fort und sah aufmerksam in
das Antlitz des Universittsfreundes, - warum die Wahrheit verhehlen, gewi,
Sie haben sich auch sehr verndert, Gregor, und diese Falten, diese Blsse,
stimmen wenig mit Ihren Jahren und dem frischen, kecken Lebensmuth, den der Sohn
des Helden vom Pyrus sonst in jeder Bewegung, in jedem Worte zeigte.
    Sie haben Recht, entgegnete der junge Mann, ich fhle es selbst. Aber
zuerst, - wie kommen Sie hierher nach der Levante, in die sich brauenden,
drohenden Gewitter, Sie, den ich in Berlin in der Gewiheit eines brillanten
Examens und einer baldigen guten Praxis oder einer Anstellung im Staatsdienst
zurcklie? - Lassen Sie mich das erst hren.
    Der Mentor, der sich Ihnen gegenber so oft als lter und erfahrener gerirt
hat, wute sich selbst nicht zu leiten. Etwa zwei Jahre, nachdem Sie, lieber
Freund, nach Mnchen und von dort, wie ich hrte, nach Griechenland
zurckgekehrt waren, brach bei uns jene merkwrdige, mir selbst kaum erklrliche
Revolte aus, die man die Mrztage nennt. Sie kennen sie aus den Zeitungen. Ich
war thricht genug, mich daran zu betheiligen, nachdem ich mir bereits seit
einigen Monaten eine kleine Praxis gegrndet hatte. In der Zeit ging Alles
drunter und drber, auch meine Existenz. Meine Familie trennte sich im Zorn von
mir; so packte ich mein Bndel und zog nach Frankfurt, wo das deutsche
Reichsparlament tagte und tobte. Dort blieb ich bis zum Frhjahr 49 und ein
eigenthmlicher Zufall, den ich Ihnen wohl spter erzhle, fhrte mich nach der
Platz und Baden, als der Prahler Miroslanski dort seine Lorbeeren zu pflcken
dachte. Mir war die Sache zuwider, denn ich hatte viel gesehen und erlebt in der
Zeit; aber es stand doch mancher eherne Mann mit aufrichtiger Gesinnung, mancher
Jngling mit glhender Phantasie und ehrlichem Herzen unter den Freischaaren,
und wenn ich auch nicht an ihrer Seite gegen meine Landsleute focht, so widmete
ich ihnen doch meine Kunst und wirkte als Arzt unter den Verwundeten und
Sterbenden. Der Fall von Rastatt trieb mich nach Straburg, von da nach Paris.
Ich htte vielleicht wiederkehren knnen in meine Heimath, da ich nicht
compromittirt genug war, um sie mir fr immer versperrt zu sehen; gewi htte es
nur einer Bitte bedurft; aber theils war ich mit meiner Familie ganz zerfallen
und erhielt nur heimlich hin und wieder einen Brief von den Schwestern, theils
fesselten mich viele Freundesbande an Paris. Das Flchtlings-Comitee
untersttzte mich und ich grndete mir unter den Verbannten aller Nationen eine
Praxis, die wenigstens ihren Mann nhrte. - Aber, ich will es Ihnen gestehen, es
fehlte mir die Befriedigung, ich sehnte mich fort in die Ferne, auf ein Feld, wo
ich mehr wirken und schaffen konnte, aus den erschlaffenden Mauern von Paris mit
seinen tausend politischen und socialen Intriguen hinaus in die frische Natur.
Schon wollte ich nach Algerien gehen, als ein Auftrag von Freunden mir einen
anderen Weg wies. Ich erhielt Empfehlungen nach Constantinopel und an Herrn de
Latour, den franzsischen Gesandten, der mir bei den jetzigen Verhltnissen
gewi leicht eine meinen Absichten entsprechende Stellung verschaffen wird.
Vorlufig werde ich eine kurze Zeit in Smyrna verweilen.
    Da ist unser Ziel dasselbe, sagte freudig der Grieche, dem die etwas
zurckhaltende und vorsichtige Erzhlung vollkommen gengte. Auch ich gehe nach
Smyrna, mgen die Heiligen geben, mit gutem Erfolg. Selbst in anderer Beziehung
hnelt sich unser Schicksal, auch die Familie Caraiskakis ist ausgewiesen von
hellenischem Boden, aus jener Heimath, die ihr Vater mit seinem Blut erkauft
hat!
    Sie sind verwiesen aus Athen? frug erstaunt der Deutsche. Aber Knig Otto
hat Sie und Ihre Brder ja selbst erziehen lassen als eine Dankespflicht fr den
Heldentod Ihres Vaters.
    Wir haben auch ber den Knig nicht zu klagen, er ist gut und will das
Beste. Aber Sie kennen die Parteiungen nicht, die das arme Griechenland
zerreien und es immer am Emporblhen hindern werden. Nur wenn es galt, das
Kreuz gegen unsern alten Erbfeind zu erheben, waren Griechen jedes Stammes
einig, und selbst da noch trieben Neid und Ehrgeiz ihr zerstrendes Spiel. Wenn
der Wille des Knigs auch gut, so ruht die Regierung doch grtentheils in
Hnden, die nur darauf bedacht sind, zur eigenen Bereicherung oder Unterdrckung
der politischen Gegner alle Macht zu verwenden. Die Verwirrung wird gesteigert
durch die Einflsse der mchtigern Staaten Europa's. Wo an anderen Hfen die
diplomatische Intrigue ihr verdecktes Ziel zu erreichen strebt, da tritt bei uns
die offene drohende Forderung auf. Das arme gedrckte Hellas erliegt unter der
Last des europischen Protektorats. Blicken Sie hin nach Jonien, der
proklamirten freien Republik! Der britische Schutz hat es in Fesseln geschlagen,
rger wie die indischen. Ich fhre Ihnen nur die einzige Thatsache an, da auf
allen sieben Inseln nur eine einzige Druckerei ist, die englische
Regierungsdruckerei, und da kein anderes Blatt, als das Regierungsorgan,
erscheinen darf. Der Gouverneur von Corfu ist mehr Herr in unserem Griechenland
als Knig Otto, und seinem peremtorischen Verlangen und der Forderung des
englischen Gesandten verdanke ich die Verweisung vom Festlande, die mich seit
zwei Jahren auf den Inseln des Archipel umhertreibt, weil in einigen Artikeln
der Elpis ich die unterdrckten Brder auf Corfu in Schutz nahm und die
Auflsung des Senats kritisirte.
    Wenn ich mich recht erinnere, frug Welland, so stammen Sie ja wohl
ohnehin von den Inseln?
    Von dem unglcklichen Chios, das trotz seines Mrtyrerthums im
Befreiungskriege der englische Machtspruch unter den Fesseln des Halbmondes
lie. Meine Mutter flchtete mit uns aus den Mrderhnden des Kapudan Pascha
auf's Festland, wo mein Vater bereits fr das Kreuz kmpfte. Die Sehnsucht nach
der Geburtssttte lie vor zwei Jahren meine Mutter mich begleiten, ich brachte
sie nach Chios zu Verwandten und schweifte seitdem umher, von Insel zu Insel,
durch die Klster des Athos, Stambul hinauf und an den Ksten des Pontus.
Ueberall, wo ich weilte, fand ich die Herzen nach Erlsung schlagend, die Faust
sich ballend im ohnmchtigen Grimm. Ueberall mein Volk trotz des Tausimats und
aller Fermans vom Moslem unterdrckt und geschlachtet. Glauben Sie mir, Welland,
was ich gesehen und erlebt, wrde Ihnen das redliche Herz in der Brust umkehren.
Nur in Constantinopel und in den Kstenstdten, wo die europischen Consuln
residiren und ihre Anwesenheit die Pascha's im Zaume hlt, haben die
griechischen Christen geduldete Rechte; im Innern des Landes herrscht der
Jahrhunderte alte Druck noch in seiner vollen Willkhr und Barbarei.
    Aber Ihre Geschwister? Sie erzhlten mir so oft von ihnen.
    Mein lterer Bruder steht im griechischen Heer an der Grnze, mein jngster
ist in diesem Augenblick in Zettinge und hielt die Schluchten der Tschernagora
mit dem tapferen Bergvolk gegen Omer Pascha's Redif's. Beide sind ihrer Vter
wrdig und ich nenne sie mit Stolz meine Brder. Wenn ich sie sehe, werde ich
ihnen den Segen ihrer greisen Mutter bringen, denn ich komme von ihrem
Sterbebett auf Chios, wo ich sie gestern unter den Platanen begrub, die auf den
Trmmern meines vterlichen Hauses wachsen. Mge die blutgetrnkte Erde der
Heimath ihr leicht sein!
    Welland reichte dem trauernden Freunde die Hand. Und Ihre Schwester?
    Des Griechen strmende Augen stammten auf. Ueber sein bleiches Gesicht flog
die Zornesrthe heftiger Erregung und er streckte den Arm aus gegen die Stadt,
die aus dem Duft von Licht und Wasser emporschwamm, berragt von dem Pagus, an
dessen Seiten ber die Kuppeln und Minarets der Trkenstadt sich die
Cypressenwlder der Friedhfe hinaufziehen, whrend hoch von der Spitze die
Trmmer des alten genuesischen Kastells sich gegen den Himmel zeichnen.
    Ich gehe, sie zu schtzen, oder - zu richten! sagte er mit tiefer Stimme
und wandte sich ab. Die drngende Menge umgab sie und verhinderte jedes weitere
Gesprch. -
    Ismir, - wie es die Trken nennen, - Smyrna im Munde der Geschichte, das
Kind Alexanders des Groen - zehn Mal verwstet von der Hand mchtiger Feinde,
und zehn Mal wieder emporgestiegen aus seinen Trmmern, Smyrna, eine der sieben
heiligen Kirchen Kleinasiens, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden an
seinem prchtigen drei Meilen breiten Golf aus. Wie fast alle Uferstdte
Griechenlands und Kleinasiens an der Hhe der Berge terrassenmig
emporsteigend, bietet es einen prchtigen Anblick. Rechts am trkischen Kastell
vorber mit seinen schlfrigen Schildwachen und unbehlflichen Geschtzen fliegt
der Dampfer gegen die Stadt, die von Bergen umgeben nur rechts am Ufer hin sich
nach der Karavanenstrae ffnet, auf der in langen Reihen die gekoppelten
Kameele die kstlichen Frchte und Erzeugnisse des sdwestlichen Asiens zum
Stapelplatz des levantinischen Handels bringen. Rechts im Vordergrund die neue
Kaserne, ihre Hfe in das Meer tauchend; darber empor die Trkenstadt mit ihren
zahlreichen Minarets und Kuppeln, den kleinen zum Terrassenbau so prchtig
geeigneten Husern, dem Grn der Bsche und der Bume, den mandrischen
Windungen der Straen; hher am Berge Pagus das armenische Quartier, links die
Franken- und Griechenstadt mit den Flaggen der Consulate, den Kaffeehusern
Magazinen auf der Marina, - zur Seite einschneidend die Wsser des Golfs
zwischen den Bergen, eine Bucht tief hinein, deren Ufer von den zierlichen
Landhusern des Dorfes Bournabat besetzt sind. Im Hafen und das ist der ganze
Golf, ankern Hunderte von Schiffen aller Nationen, Kriegsfahrzeuge auf dem Wege
von und nach Constantinopel, Handelsschiffe jeder Art und Gre, von der
leichten Kstenschebecke bis zum Fregatten-Dreimaster, der die Erde umkreist und
ihre Produkte sammelt. Dampfer kommen und gehen, von Beiruth und Alexandrien,
von Malta und Athen, aus dem Bosporus her, - - das Meer ist belebt von den
flatternden Wimpeln und Segeln und dem Schlag der Dampfmaschinen.
    Auf der Hhe des Golfs lag eine sterreichische Brigg vor Anker, der Hussar
, und von der Gaffel wehte lustig im Morgenwinde der schwarze Doppeladler im
gelben Felde. Bollwerk und Wandtaue waren besetzt von dem Schiffsvolk, das zur
Begrung des Lloyddampfers die Hte schwenkte; auf dem Hauptdeck standen die
Offiziere um eine gedrungene markige Gestalt, den Commandanten Major Schwarz.
Kaum da der Egytto in einiger Entfernung nher der Stadt Anker geworfen, so
hrte man auch auf der Brigg den schrillen Ruf der Bootsmannspfeife ertnen und
mit der den Kriegsschiffen eigenen Schnelligkeit hob sich ein Boot vom
Schiffsrand und wurde bemannt, um zum Dampfer zu rudern. Roch ehe dasselbe
jedoch anlangte, umschwrmten zahlreiche Uferbarken das Dampfschiff. Die erste
derselben brachte den trkischen Sicherheitsbeamten an Bord, der die Papiere des
Schiffes zu prfen und seine Ueberkunft aus pestfreien Gegenden zu constatiren
hat. Auf seine Erlaubni erst verschwindet die kleine gelbe Flagge vom Mast und
das Schiff tritt in den freien Verkehr.
    Whrend der Beamte noch mit den Papieren beschftigt war, und sein Khawa in
der malerischen weien Tracht, den Leibbund mit einem Arsenal von Waffen
gespickt, im Boote Wache hielt, da kein Unberufener die Schiffstreppe besteigen
mge, drngten sich die Boote, theils zur Aufnahme der Fremden, theils zum
Handel bestimmt, um den Bord, und vielfache Nachfragen und Unterhaltungen in
allen Sprachen des Sdens wechselten hinauf und hinab. Welland sa auf dem Rande
des Bugspriets und seine Blicke schauten mit Neugier auf das malerische
Getmmel, in seiner Hand wehte zufllig oder absichtlich ein Taschentuch von
hellgrner Seide. Nach wenigen Augenblicken bemerkte Caraiskakis, der wieder
neben dem Freunde stand, da in einem der um das Schiff kreuzenden Boote zwei
Mnner scharf auf den Deutschen blickten, und der eine von ihnen nach wenigen
eifrig gewechselten Worten ein eben solches Tuch aus der Tasche zog und wehen
lie. Welland erblickte es und machte mit der Hand ein Zeichen, das rasch
erwiedert wurde, worauf der Nachen mit den Fremden sich an das Schiff drngte
und dabei heftig mit dem Boot der Brigg zusammenstie, das eben heranfuhr. In
diesem Augenblick wandte sich Welland zufllig um und bemerkte, da die Augen
zweier Mnner sein Thun scharf beobachteten. Der Eine war der Grieche, der
Andere ein Passagier, der schon von Triest aus die Fahrt mitgemacht und mit
auffallender Freundlichkeit sich an den Doctor zu drngen versucht hatte. Diesem
aber gefiel des Mannes Wesen nicht, auch machte ihn ein zufllig hingeworfenes
Wort des Capitains aufmerksam und hatte ihn gewarnt. So hatte er sein Benehmen
auf den uerlichen hflichen Verkehr beschrnkt und namentlich den Fragen
auszuweichen verstanden, die der Fremde, seiner Aussprache nach ein Wiener,
obschon er sich fr einen Ungar ausgab, nach Zweck und Ziel seiner Reise
geschickt einzuflechten verstand. Eine leichte Rthe berflog Welland's Gesicht,
als er sich so beobachtet und ertappt sah, doch wurde seine Aufmerksamkeit
alsbald durch einen Streit abgezogen, der sich unten zwischen den beiden Booten
erhoben hatte. In dem des Kriegsschiffs sa ein junger schlanker Schiffsoffizier
in der sterreichischen Midshipman-Uniform, und gebot heftig den beiden Ruderern
des andern Bootes, an der Treppe Raum zu geben. Einer der beiden Insitzenden
jedoch lachte hhnisch zu dem herrischen Befehl und hie in italienischer
Sprache, die in den Kstenlndern des Orients, selbst bis an die Ufer der Donau
hinauf berall gesprochen und verstanden wird, seine Fhrleute ihren Platz
behaupten.
    Der junge Offizier, an Gehorsam gewhnt und ber den Widerstand der
Kahnfhrer erzrnt, erhob sich und ergriff eine neben ihm liegende Speiche,
dieselbe zum Schlag halb gegen die feigen griechischen Ruderer, halb gegen den
trotzigen Passagier erhebend. Wie ein Blitz flammte das Auge des Bedrohten auf
den Oesterreicher und seine Hand fuhr nach der Brusttasche, aber der Zweite,
Besonnenere, derselbe, welcher das Tuch gezeigt, ri ihn zurck und gab den
Ruderern ein Zeichen, zu weichen. Bist Du rasend, Jumagalli? herrschte er dem
Gefhrten zu, Dein Tollkopf wird uns noch verderben. - Der Offizier bestieg
mit dem ziemlich hrbaren Ausdruck Gesindel! die Schiffstreppe, ohne sich
weiter um die Zurckgewiesenen zu kmmern, denn eben war das Zeichen gegeben
worden, da die Revision beendet und das Schiff in freien Verkehr gesetzt worden
und er hrte nicht das. Cospetto, Bursche, wir treffen uns wieder! das der
Italiener hinter ihm her fluchte. Der Andrang der Khne von allen Seiten
berfluthete jetzt die kleine Zwischenscene und bald war das Verdeck frmlich im
Sturm genommen von all den Bootfhrern, Verkufern und Agenten, die das Schiff
umringt hatten. Whrend der junge Offizier von dem Schreiber des Schiffs ein
Packet mit Briefen in Empfang nahm und von dem Wiener angesprochen wurde, hatten
die beiden Mnner mit den scharfgeschnittenen sdlichen Physiognomieen, die in
dem Kahne mit Welland die Zeichen gewechselt, sich diesem genaht und verkehrten
an einer weniger beengten Stelle des obern Verdecks lebhaft mit ihm. Bald
schienen die Drei sich verstndigt zu haben; denn die Fremden winkten ihre;
Kahnfhrer an Bord und diese brachten das wenige Gepck des Deutschen in ihr
Boot.
    Ein Jeder hatte genug zu thun, sich in dem Gedrng um seine Habe zu
bekmmern und die Zudringlichkeiten der trkischen und griechischen Bootsleute
abzuwehren, die mit Gewalt sich der Reisenden zu bemchtigen suchten. Die
Geschwtzigkeit und Unverschmtheit der Griechen trug gewhnlich den Sieg ber
ihre Rivalen davon und bald flogen Boote mit den Reisenden, die theils in Smyrna
bleiben, theils den Tag, whrend dessen das Dampfschiff auf der Rhebe ankerte,
dort zubringen wollten, dem Strande zu.
    Welland trat zu dem gleichfalls beschftigten Jugendfreund und reichte ihm
mit einiger Verlegenheit die Hand. Ich habe bereits Leute getroffen, Gregor,
sagte er, an die ich empfohlen bin und mit denen ich Geschfte habe. Sagen Sie
mir Freund, wo wir uns heute Abend in dem mir fremden Smyrna treffen knnen, wir
haben uns noch so Vieles zu sagen und knnen dann besser unsere weiteren Plne
besprechen.
    Caraiskakis drckte ihm eifrig die Hand. Hten Sie sich vor den fremden
Flchtlingen, sagte er ihm eilig und leise. Es sollen in Smyrna deren jetzt
mehr als fnfhundert sich befinden und das niedere Gesindel ist zahllos und
macht die Stadt und die Gegend unsicher. Mein Weg fhrt mich nach dem
armenischen Quartier, und wenn ich kann, suche ich Sie heute Abend bei
Sonnenuntergang auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses um Hafen auf, das
Ihnen jedes Kind zeigt.
    Damit trennten sich herzlich die Freunde und bald fuhr die Barke der
Italiener mit Welland ber die im Sonnenschein leuchtende und blitzende
Wasserflche zur Stadt. Ihren Weg kreuzte das Boot der Corvette, in dem der
Wiener sa und dem Reisegefhrten vertraulich zunickte. Am Quai des
sterreichischen Generalconsulats sahen sie es landen.

    Smyrna, das wie viele andere orientalische Stdte, aus der Ferne einen so
prchtigen Eindruck macht, bietet im Innern dem Fremden den ganzen Typus des
trkischen Schmutzes, der grnzenlosen Fahrlssigkeit und Unordnung. Nur das
Frankenquartier mit seinen vielen Consulaten und den groen europischen
Handelsmagazinen, deren Durchgnge von der Frankenstrae her sich am
Meeresstrande ffnen, und ein Theil der armenischen Stadt sind nach europischen
Begriffen einigermaen ertrglich. Die Straen aber auch dieser Stadttheile sind
krumm, eng und ungepflastert, doch Promenaden im Vergleich zu den Gchen und
Winkeln der Trkenstadt. Keines der Huser hat mehr als ein Stockwerk auer dem
Erdgescho und die meisten sind nach orientalischer Art, also eng und unbequem
mit flachen Dachterrassen und mauerumgebenen Hfen gebaut. Ein Quai am Hafen
existirt eben so wenig wie in Constantinopel; die Hfe der meisten anliegenden
Huser laufen bis unmittelbar an das Ufer des Meeres und die einzelnen freien
Strecken auf der Marina, welche den Spaziergang der Bevlkerung Smyrna's an der
See bilden, sind kaum 200 Schritt lang. Das Caf anglais, ein Quadrat in die See
hinausgebauter mit leichtem Gelnder umgebener Vorsprung, liegt an der Sdseite
derselben.
    Welland hatte aus verschiedenen Grnden die Einladung seiner neuen Bekannten
nicht angenommen und seine Wohnung bei Madame Giraud aufgeschlagen, der
behaglichen freundlichen Franzsin, die eine weitbekannte Pension - wie man die
Kosthuser im Orient nennt, - in der Frankenstadt hlt. Er hatte eben seine
Sachen geordnet, als seine beiden neuen Bekannten erschienen und einen Dritten
ihm vorstellten, den Ungar Costa. Es war ein Mann von einigen dreiig Jahren,
nicht gro, doch schlank gebaut, dabei von breiten Hften und festen Muskeln.
Sein keck geschnittenes Gesicht, von dunklem Bart umgeben, nahmen fr ihn ein
und Welland fhlte sich von Anfang mehr zu ihm hingezogen als zu den Italienern.
Sie haben, wie ich von meinen Freunden hre, Briefe fr mich von Paris, sagte
der Ungar verbindlich; ich habe so lange der Nachrichten entbehrt, da ich voll
Erwartung bin. Wollen Sie mir dieselben aushndigen?
    Sie werden selbst wissen, da einige Bedingungen vorher zu erfllen sind,
bemerkte Welland und nahm ein sorgfltig verwahrtes Briefpacket aus seiner
Brieftasche. Costa beugte sich zu ihm und flsterte: Die Flamme ist die Mutter
des Lichts. Die Mariannen beten die Flamme an!
    Sie waren zur Seite getreten. Das sind die Worte des dritten Grabes, sagte
Welland, ich brauche die Losung des vierten.
    Costa flsterte noch leiser als zuvor: Flamme und Eisen machen Asche und
Leichen. Asche und Blut dngen den Boden der Freiheit. Die Joseffiten sind die
Bltter des Baumes. - Sind Sie befriedigt?
    Welland bergab ihm die Briefe. Der Ungar betrachtete ihn einige Augenblicke
scharf, dann zog er ein kleines schwarzes Kreuz von Ebenholz aus der Tasche, das
von eigenthmlicher Form dem des Ordens vom heiligen Grabe glich, und in das
fnf breite silberne Stifte eingeschlagen waren; Sie sehen, sagte er leise,
da Sie mir zu gehorchen haben, denn ich setze voraus, da Ihre Mission mit dem
vierten Grade endigt?
    Welland verbeugte sich: Ich stehe zu Ihrer Disposition, Signor Costa.
    Der Ungar winkte die Andern wieder herbei, setzte sich an den Tisch und
schickte sich an, das Couvert zu erbrechen. Ehe er dies that, untersuchte er es
sorgfltig von allen Seiten und betrachtete namentlich aufmerksam das Siegel,
das ein wie oben beschriebenes Kreuz auf guillochirtem Grunde zeigte. Seine
scharfen Augen schienen einen Umstand zu entdecken, der seine Besorgni erregte.
    Auf Ihren Eid als Bundesbruder, frug er, ist dies Packet nie aus Ihren
Hnden gekommen, Signor?
    
    Ich trug die Briefe stets in meinem Portefeuille und dies in der innern
Brusttasche meines Rockes. Des Nachts verschlo ich sie in meine Kasette und
stellte diese in die Kabine', in der ich schlief.
    Costa schttelte den Kopf. Das war zu viel Vorsicht, oder zu wenig, sagte
er, man htte uns einen mit der sterreichischen Polizei vertrautern Mann
schicken sollen. Der Brief ist geffnet worden.
    Er sagte dies mit solcher Bestimmtheit, da Alle erschrocken und neugierig
nher traten, um selbst zu prfen. Welland behauptete, es sei nicht mglich;
doch der Ungar nahm eine Scheere, schnitt rings um das Siegel das Couvert durch,
hob das erste dann in die Hhe und zeigte an seiner Doppellage, da das Papier
mit einer seinen erwrmten Klinge unter dem Rande aufgetrennt gewesen und spter
auf gleiche Weise wieder befestigt worden war. Dann sah er rasch die Papiere
durch. Zum Glck, sagte er, sind die wichtigeren Stellen in Zeichen
geschrieben, deren Lsung wohl dem Dechiffrirbreau in Wien arges Kopfzerbrechen
machen drfte, selbst wenn es gelungen wre, Abschrift zu nehmen. Haben Sie auf
Niemand Verdacht, Signor Wellando? Wer waren Ihre Mitreisenden?
    Welland fiel der Wiener ein. Nur Einer derselben konnte es gewesen sein,
die Andern waren unbedeutende Menschen. Der Mann versuchte sich auffallend an
mich zu drngen, doch wies ich ihn zurck.
    Wo schlief er?
    Jetzt fllt mir auf, da, obschon er auf dem ersten Platz reiste, er
mehrmals sein Nachtlager auf den breiten Bnken unserer zweiten Kajte
aufschlug, unter dem Vorwande, da ihm in den engen Kabinetten die Hitze
unertrglich sei.
    Bassa manelka! verlassen Sie sich darauf, er ist der Spion. Wo ist er
geblieben?
    Er fuhr in einem Boot des sterreichischen Kriegsschiffes, das an unsern
Bord kam, an's Land.
    Ich sah es am Quai des sterreichischen Konsulats landen, flocht einer der
Italiener ein. Ich beobachtete es genau, denn ich hatte ein kleines Rencontre
mit dem Lassen, der es commandirte.
    Sie werden uns sicher noch Unannehmlichkeiten mit Ihrer Hitze bereiten,
Fumagalli, sagte Costa streng. Wir sind zwar augenblicklich die Herren in
Smyrna, und die Autoritt des Pascha's ist Null. Aber wir mssen trotzdem
vorsichtig sein, um die Aufmerksamkeit nicht auf hier zu lenken. - Signor
Wellando, Sie werden in zwei oder drei Tagen mit mir nach Constantinopel gehen
mssen; unsere Gegner sind thtig, und wir drfen ihnen keinen Vorsprung lassen.
Sie Fumagalli mit Bassitsch berufen die Ungarn und Italien auf morgen Abend nach
dem Tempel des Jupiter, denn fr heute bleibt uns keine Zeit. Eine Stunde vor
Sonnenuntergang! Und nun Signor, ruhen Sie sich aus und schauen Sie sich diese
sogenannte Knigin Anatoliens an, Sie werden finden, da sie einer Reinigung
stark bedarf.
    Costa schied, die Italiener folgten ihm, nachdem sie dem Deutschen
versprochen, ihn Einer oder der Andere am Abend zu einem Gange abzuholen, und
ihm gerathen hatten, vor dem Essen ein trkisches Bad zu seiner Erholung zu
nehmen.
    Diese gewhrte es ihm wirklich. Ein trkisches Bad ist einer der Gensse,
die wir Occidentalen leider nicht kennen, - es ist eine Wollust des Krpers, aus
der man wie neugeboren hervorgeht. Stundenlang kann man sich unter der
knetenden, streckenden, drckenden Hand des Badedieners einem behaglichen Gefhl
berlassen, gegen das jenes dolce farniente des Italieners nur ein Schatten ist.
    Am Tisch, der bei Madame Giraud vortrefflich ist und die Gensse des Orients
und Occidents vereinigt, waren Gste aller Zungen. Man sprach und erzhlte von
den Verwickelungen in Constantinopel, von den beginnenden Aushebungen in Syrien
und Egypten und der groen Unsicherheit der Gegend, ja der Stadt selbst, die Jan
Katarchi, der Kameeltreiber, mit seiner Bande in Schrecken zu setzen begann.
Welland vernahm mit Erstaunen, da eine Stadt von 150,000 Einwohnern von einem
Ruber in fieberischer Angst gehalten wurde, der kaum 10-15 Mann zu seinem Gebot
hatte.
    Es war damals eine merkwrdige Zeit in Smyrna. Die Flchtlinge aus Ungarn,
Italien und Frankreich hatten sich in Masse an dieser Sttte uncivilisirter
Freiheit und Nachlssigkeit gesammelt, es mochten ihrer wohl an 5- bis 600 sein.
Dazu kam die abnorme Masse Gesindels, welche von dem griechischen Festland, den
Inseln, dem ionischen Staat und namentlich von Malta und Egypten her sich hier
zusammenfindet. Ruber und Mrder, denen der Galgen und die Garotte auf der
Stirn geschrieben steht; Mnner, die Menschenblut bei dem geringsten Streit oder
fr ihre Zwecke wie Wasser vergieen, fllten die Gassen und die Kaffeehuser
der Stadt. Verworfene Subjecte, deren Handwerk das Verbrechen, namentlich
Malteser, diese Pest des Orients unter englischem Schutz, sprachen jeder
Ordnung, jedem Gesetz Hohn. Lngst hatten der Pascha und die trkischen Behrden
die Aufrechthaltung einer gewissen Sicherheit, wie sie sich im Orient etwa
erwarten lt, aufgegeben. Den Mrder, den Ruber - und deren ergriffen die
Khawassen des Pascha's tglich auf offener That in den Straen der Stadt -
reclamirte sofort der englische Viceconsul; denn der Vertreter der brittischen
Macht lag Tag fr Tag in Rum berauscht, - oder die Consule von Sardinien, von
Griechenland oder sonst ein geflliger Beamter, als Angehrige ihres Staates,
und lieen sie nach einer Haft von kaum 24 Stunden wieder auf die menschliche
Gesellschaft los. Um diesem Allem die Krone aufzusetzen, streiften die freien
Ruber rings um die Stadt, und plnderten die Kravanen und die Reisenden. Ja, es
war allgemein bekannt, da Jan Katarchi, der berchtigste und khnste unter
diesen Bandenfhrern, fast tglich frank und offen in den Straen Smyrna's
verkehrte, und jeder Grieche ihn zum Spion und Freund ward, da er khn erklrt
hatte, nur gegen die Feinde des Kreuzes, gegen die Moslems, die Englnder und
Franzosen seinen Sbel erhoben zu haben. Obschon eine Menge Freiwillige ihm
zustrmten, vermied er doch, die Zahl seiner Bande zu vermehren, mit der er ganz
Smyrna bald der Art in Schrecken setzte, da kein Mensch mehr wagte, die nchste
Umgebung der Stadt allein zu berschreiten. Selbst in dieser hatte der Ruber
schon, von allen Verhltnissen sorgfltig unterrichtet, wohlhabende oder
angesehene Personen aus der Mitte ihrer Familien aufgehoben, in die Berge
geschleppt und schweres Lsegeld fr sie erpret, oder er sandte ihre Ohren,
oder gar ihre Kpfe zum Hohn des Pascha's in die Stadt zurck. -
    Es war am Abend bei Sonnenuntergang, als Welland auf der Terrasse des
englischen Kaffeehauses den Freund seiner Jugend traf. Finsterer Schmerz,
ruhelose Gedanken lagerten auf den Mienen des Griechen. Er drckte schweigend
dem Deutschen die Hand, und Beide setzten sich unter das Zeltdach an das
uerste Ende der niedrigen Barriere, die in die pltschernden Wellen des Golfs
taucht. Sie haben nicht Alles so gefunden, wie Sie gewnscht, lieber Freund,
sagte Welland vertraulich, Sie empfinden Schmerz und Kummer, wollen oder knnen
Sie mir nicht dessen Ursache mittheilen?
    Gregor Caraiskakis sah einige Augenblicke vor sich hin, dann strich er mit
der Hand ber die Stirn und entgegnete: Sie sollen erfahren, was mich hierher
nach Smyrna trieb. Sie wissen bereits aus meinen Erzhlungen von der Heimath,
da meine Schwester und mein jngerer Bruder aus einer zweiten Ehe stammen, die
meine Mutter sechs Jahre nach dem Tode meines Vaters mit einem frheren
Waffengefhrten desselben schlo. Es war ein braver und gerechter Mann, der an
uns beiden Aelteren, die wir im Pdagogium zu Athen auf Kosten des Staats
erzogen wurden, wie ein aufrichtiger Freund handelte, und bei seinem Tode sein
Erbe gleichmig unter uns Vier theilte. Meine Schwester Diona, jetzt ein
Mdchen von 18 Jahren, kam, als man mich aus Athen verbannte und meine Mutter
nach Chios zog, von dort aus zu armenischen Verwandten ihres Vaters nach Smyrna.
Wir Brder liebten das Mdchen innig, das, als ich es das letzte Mal sah,
bereits zur schnen Jungfrau erblht war, wie sie nur dieser milde Himmel
erschafft. Eine Botschaft der erkrankten Mutter rief mich an ihr Sterbebett, und
hier vermite ich mit Staunen die Schwester, sie war von Smyrna nicht
zurckgekehrt. Ihre Briefe, denn sie hat eine gute Erziehung genossen, was
wenigen von unseren Mdchen zu Theil wird, - brauchten offenbar leere Vorwnde
zur Verlngerung ihres Aufenthalts, und verbargen sichtlich Vieles vor den Augen
der Mutter. Ich konnte diese nicht verlassen; wie kurz auch die Entfernung war,
- in wenigen Tagen ging es zu Ende. An ihrem Todestag erhielt ich zugleich einen
Brief von Diona, der verworren und schmerzlich aufgeregt von uns Allen einen
leidenschaftlichen Abschied nahm. Mir ahnte Bses, - als das Grab unter den
Platanen sich ber meiner und ihrer Mutter geschlossen, eilte ich nach Kastron,
und traf am andern Abend Ihr Schiff. -
    Und hier?
    Hier fand ich Diona verloren! - Freund, Sie wissen nicht, was unter diesem
warmen Himmel, der das Blut hei durch die jugendlichen Adern treibt und zur
Nachsicht mahnen sollte, ein Fehltritt des unbewachten Mdchens fr Folgen nach
sich zieht! Bei uns besteht noch die Sitte der Vter, die die Jungfrau rein und
unbescholten in das Haus des Gatten liefert, nicht jene Nachsicht und Vergebung,
die in Ihrem kalten Norden gegen die Snde des warmen Blutes gebt wird. Die
Reinheit unserer Tchter und Schwestern ist ein Ehrenpunkt, der heilig gehalten
wird; das gefallene Mdchen ist verstoen und verflucht von ihrer Familie, wenn
sie nicht die Pistole oder der Dolch des Blutsfreundes in rascher That straft. -
Ja, Fremdling auf dem Boden meiner Vter, die Schwester des Gregor Caraiskakis
ist die Maitresse eines Englnders geworden!
    Er schlug die Hnde vor das Gesicht und barg das Haupt auf der Balustrade.
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, noch ehe Welland ihm zu
antworten vermochte. Caraiskakis? fragte eine tiefe Stimme in italienischer
Sprache, whrend die frhere Unterhaltung deutsch gefhrt worden. Wer spricht
hier von Gregor Caraiskakis?
    Die Freunde blickten erstaunt um. Ein Mann mittlerer Gre, von gedrungenem
krftigem Bau, in frnkischer Kleidung, die ihm offenbar ungewohnt und unbequem
war, stand hinter ihnen und mute whrend der Erzhlung an einem Tisch in ihrer
Nhe Platz genommen haben. Ein krftiges orientalisches Gesicht, von der Sonne
tief gebrunt, wurde von einem ergrauenden Bart umschattet; der Mann mochte
ungefhr 50 Jahre zhlen. Ein Zug kecker Entschlossenheit und eiserner
Willenskraft prete seinen Mund zusammen, dunkle, rastlose Augen glhten mit vom
Alter ungeschwchtem Feuer unter den dicken Brauen. Seine markige Hand spielte
mit der den Orientalen eigenthmlichen Rastlosigkeit an der Stelle des Grtels,
gleich als sei sie gewohnt, dort den Pistolenknauf oder den Handjar zu finden.
    Welland hatte sich zuerst gefat. Was wnschen Sie von uns, mein Herr?
fragte er.
    Verzeihen Sie, Signor, sagte der Fremde, dieser Herr nannte, wenn ich
recht gehrt, so eben einen Namen, den ich lange nicht vernommen habe, der mir
aber lieb und werth ist. Ist ein Gregor Caraiskakis noch unter den Lebenden und
kennen Sie das Kind?
    Das Kind, sagte der Deutsche lchelnd, freilich nicht. Aber den Mann
kenne ich, der aus dem Kinde geworden, und Sie auch. Dort sitzt er, mein Freund
ist Gregor Caraiskakis.
    Der Fremde strzte auf den jungen Griechen zu und fate seine beiden Hnde;
sein Gesicht war lebhaft erregt. Sie sind Gregor Caraiskakis? fragte er
hastig, der Sohn von Michael Caraiskakis und Anastasia Maliolis in Chios
geboren?
    Derselbe! entgegnete erstaunt der Grieche.
    Wo hatte ich auch mein Gedchtni! sagte der Mann, das ist ja sein
Gesicht, das sind ihre Augen! - Herr, fuhr er fort, halten Sie mich nicht fr
nrrisch oder aufdringlich, da ich mich freue wie ein Knabe, Einen Ihres
Geschlechts wiederzusehen. Wenn Sie wten, wie sehr dies Herz noch an ihm
hngt, wenn Sie erfahren, wie nahe ich ihm gestanden - sprechen Sie, Signor, ist
Ihnen dies Gesicht denn ganz unbekannt geworden, haben Sie keine Erinnerung mehr
fr - - Doch nein, fuhr er, sich umsehend auf der Terrasse, die sich mit
Spaziergngern zu fllen begann, und auf der Costa mit mehreren Begleitern eben
sich den Freunden nahte, fort, jetzt nicht, hier nicht, diese Menge ist nicht
fr mich. Leben Sie wohl, Signor, Sie werden von mir hren!
    Damit wandte er sich ohne Gru und ging langsam, wie absichtslos sein
Gesicht mit dem Tuche verbergend, durch die Reihen der Gste, welche hier ihren
Sorbet, ihre Limonade oder Granita schlrften. Unter den zahllosen Barken, die
am Ufer lagen, wurde sogleich eine von zwei Ruderern frei gemacht, als htte sie
auf ihm gewartet. Der Fremde stie einen riesigen Mann in niederer griechischer
Tracht zur Seite, der am Ufer lungernd ihm den Weg versperrte, und stieg in den
Nachen, der sofort sich in Bewegung setzte und davonfuhr, whrend der
Zurckgedrngte ihm aufmerksam noch und bald darauf mit einigen Mnnern in
seiner Nhe sprach, eifrig nach dem bereits entfernten Kahne deutend.
Caraiskakis schien brigens diesen Menschen zu kennen, denn whrend Costa den
Deutschen ansprach und ihm mehrere Begleiter vorstellte, ging er zu dem
Griechen.
    Andrea, sagte er, kanntet Ihr den Mann, der eben in jenem Boot
davonfuhr?
    Excellenza werden das selbst am besten wissen, entgegnete mit
bertriebener Hflichkeit und ausweichend der Angeredete, der Wirth eines
griechischen Speisehauses, in dem Caraiskakis einstweilen wegen dessen Nhe am
armenischen Quartier seinen Aufenthalt genommen. Ich bin ein armer Mann und
lebe und lasse leben. Excellenza haben ja selbst mit ihm geredet, und in Smyrna
mu jetzt Keiner die Augen da offen haben, wo er sie besser schlieen sollte.
Messerstiche sind eine billige Waare in dieser Stadt. Doch Excellenza wollen mir
eine Gegenfrage erlauben. Wer ist der Herr mit dem dunklen kurzen Rock und dem
breiten Strohhut, der eben mit Ihrem Freunde spricht, mit dem sich Excellenza so
lange unterhalten haben?
    Ihr scheint ja genau hier aufzupassen, Andrea, sagte verwundert
Caraiskakis. Wenn ich recht gehrt im Fortgehen, nannte ihn mein Freund Signor
Costa. Kennt Ihr, der halb Smyrna kennt, auch diesen Herrn nicht?
    Bitte um Verzeihung, Excellenza, entgegnete unterwrfig der Wirth, aber
ich war meiner Sache nicht ganz gewi, obschon ich den Signor oft gesehen habe.
Doch kann ich Ihnen gute Nachricht in Ihrer Angelegenheit zu heute Abend
bringen, einer meiner Freunde ist der Sache auf der Spur.
    Desto besser, Ihr wit, es wird Euer Schaden nicht sein. In einer Stunde
bin ich bei Euch.
    Damit kehrte der Grieche zu seinem Freunde zurck; an Andrea, dem
Speisewirth, aber streiften in der rasch auf den Sonnenuntergang folgenden
Dmmerung zwei Gestalten vorber, deren eine Welland's scharfes Auge, wenn er
sie beobachtet htte, leicht fr seinen wiener Reisegefhrten erkannt haben
wrde. Der Zweite, eine robuste Figur mit einem sterreichischen Orden im
Knopfloch, winkte ihn nach einem der Durchgnge und frug:
    Habt Ihr das Wild gefunden?
    Ja, Excellenza!
    So sorgt dafr, - todt oder lebendig, Ihr kennt den Preis.
    Ihr werdet zufrieden sein, Signor Cancellario, wenn nicht heute Abend, so
hoch sicher bis Morgen um diese Zeit, und sollte ich ihn aus einem Bett holen.
    Auch den Andern verget nicht, fgte der Wiener hinzu, es geht in Einem
hin und er wird uns nothwendig sein. Doch bleibt der Erste die Hauptsache.
Lebendig wo mglich - ich lege hundert Piaster zu.
    Verlat Euch auf mich, Excellenz.
    Die Beiden betraten das Kaffeehaus.
    Caraiskakis war unterde zu Welland gekommen, der sich lebhaft mit dem Kreis
um ihn her unterhielt. Ich mu Sie verlassen, lieber Freund, sagte er, als
sich dieser sogleich losmachte, ich habe Ihnen zwar noch viel zu erzhlen und
Ihren Rath, vielleicht auch Ihren Beistand zu erbitten, doch sind mir eben
Nachrichten versprochen, die ich nicht versumen darf. Wenn es Ihnen genehm,
hole ich Sie morgen zu einem Gang nach dem Bazar ab. - Noch Eins. Eben
erkundigte sich ein Mann, der auch Ihnen vorhin am Ufer auffiel, bei mir nach
Ihnen und Ihren Freunden. Er ist mein Wirth gegenwrtig, ein berchtigter Mensch
in Smyrna und ein so verworfenes Subject, wie irgend eines die Erde trgt. Aber
ich brauche ihn augenblicklich und habe deshalb sein Haus vorgezogen. Doch
wollte ich Sie aufmerksam machen, der Schurke frgt nie ohne Absicht.
    Welland zuckte die Achseln. Ich bin noch so ganz unbekannt und deshalb wohl
ungefhrdet. Ich verlasse mich darauf, Sie kommen morgen, gebe Gott, mit
erleichtertem Herzen.
    Er drckte dem Freunde die Hand und kehrte zu dem Kreise zurck; Caraiskakis
aber wandte sich nach dem griechischen Quartier.

    Es war bereits gegen Mittag, die Stunde der Siesta nahete, als Caraiskakis
den Fremd abholte und mit ihm durch die mandrischen Windungen der Straen
hinauf zum Bazar stieg, in dessen weiten Kreuzgngen sich alle Schtze des
Morgenlandes und Abendlandes vereinigen. Zge von Kameelen begegneten ihnen,
Menschen aller Zonen und Farben drngten sich nach dem Weltmarkt. Nach und nach
wurden der Mittagshitze wegen die Gnge leerer. Welland kaufte einige
Gegenstnde in den verschiedenen streng gesonderten Abtheilungen des Bazars,
unter Anderm einen vollstndigen orientalischen Anzug und von einem Turkomannen
einen trefflichen Handjar, und sandte die Sachen durch die Kaufleute in sein
Quartier. Schon whrend des Handelns war es dem Deutschen aufgefallen, da ein
Knabe in zerlumpter trkischer Kleidung sie unablssig verfolgte und aufmerksam
beobachtete. Als sie nun durch die leeren Gnge zurckkehrten, trat ihnen der
Bursche an einer Biegung nochmals entgegen. Welland glaubte, es sei ihm um den
Bakschis - ein Trinkgeld - die gewhnliche Forderung im Orient bei allen
Gelegenheiten, bei denen man mit Trken verkehrt, zu thun und reichte ihm einige
Para's, doch der Knabe schttelte den Kopf und zeigte ihnen ein Stck schmuziges
Papier, auf dem in griechischer, doch kaum leserlicher Schrift der Name
Caraiskakis geschrieben stand. Aha, wohl von Ihrem geheimnivollen Freund,
meinte der Doctor und wies den Boten an den Gefhrten. Gregor, den ganzen Morgen
ber zerstreut und noch dsterer als am Tage vorher, fragte ihn kurz nach seinem
Begehr.
    Ich soll Euch bitten, Effendi, sagte der Junge, Ihr mchtet heute mit
Eurem Freunde die Marina (den Quai) meiden und um Sonnenuntergang an der
Karavanenbrcke sein, dort wrde Jemand Eurer warten.
    Thorheit, entgegnete der Grieche, meine Zeit ist gemessen und ich kann
unbekannten Botschaften keine Folge leisten. Nach der Marina gehen wir eben.
    Sie sollten die Botschaft doch nicht so leicht von sich weisen, sagte
Welland, vielleicht betrifft sie einen Gegenstand, der Ihnen gerade von
Wichtigkeit ist.
    Das ist nur einer, - und von dem kann jener Mann Nichts wissen. Ich bitte
Sie, hren Sie mich weiter, denn ich mu meine Geschichte von gestern vollenden
und Ihre Ansicht hren, um so mehr, als Sie morgen schon, wie Sie mir sagten,
Smyrna und mich wieder verlassen wollen.
    Er legte seinen Arm in den des Freundes und Beide gingen an das Ufer, wo
sie, vom Seewind gekhlt, auf der kurzen Strecke umherwandelten. Spter
begegnete ihnen der Ungar Costa, nickte aber nur, da er sie im eifrigen Gesprch
sah, dem Deutschen zu und setzte sich an einem entfernteren Kaffeehaus am Ufer
nieder, eine Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu schlrfen.
    Ich habe Ihnen bereits gesagt, erzhlte der Grieche, wie meine Schwester
Diona hierher gekommen und welches Unglck uns betroffen hat. Als ich gestern zu
meinen armenischen Verwandten kam, bei denen sie sich aufgehalten, fand ich sie
dort nicht mehr vor. Die Familie war bestrzt ber meine Ankunft und wollte
offenbar nicht mit der Sprache heraus. Erst durch lange Bitten und Drohungen
erfuhr ich endlich, da meine Schwester vor etwa drei Monaten die Bekanntschaft
eines Englnders gemacht, der sich hier aufhielt und da sich das Verhltni
heimlich weiter gesponnen, bis die Familie dahinter gekommen und Diona strenger
bewacht gehalten habe. Vor einer Woche etwa sei sie pltzlich verschwunden, mit
ihr zugleich der Brite, und es sei alle Anstrengung vergebens gewesen, ihre Spur
aufzufinden. Manche Umstnde der Erzhlung schienen mir verdchtig und nach
einem heftigen Auftritt mit der Familie verlie ich das Haus. Ich kannte Smyrna
von frher und wute, da hier fr Gold Alles zu erlangen ist. Nach kurzem
Besinnen nahm ich meine Wohnung bei jenem Speisewirth Andrea, einem berchtigten
Schurken, der aber die Fden der meisten Verbrechen hier in der Hand hat - bei
Gott, unterbrach er sich, da geht der Bursche eben wieder bis an die Zhne
bewaffnet mit Einigen seines Gelichters umher! - Ich nahm also bei ihm meine
Wohnung und schickte sein Weib auf Kundschaft aus. Bald wute ich Alles! Meine
Verwandten hatten, durch das verschleuderte Gold des Briten geblendet, die
Bekanntschaft des Mdchens mit diesem begnstigt, ja, er kam tglich in ihr Haus
und der Jungfrau Ruf war vernichtet, wahrscheinlich eher, als sie es wirklich
verdient hatte. Erst als sie von meiner Ankunft auf Chios Nachricht erhielten,
fanden sie es fr gut, meine Rache frchtend, dem Umgang ein Ende zu machen und
Diona einzusperren. Es war zu spt; in einer Nacht waren Beide, das Mdchen und
ihr Liebhaber, entflohen und meine Kundschafterin betheuerte mir, da die
Kuppler selbst keine Ahnung hatten, wohin. Verschiedene kleine Umstnde,
namentlich da man den Verfhrer noch vor drei Tagen hier gesehen haben will,
lieen mich argwhnen, da das Paar noch in der Nhe sich aufhlt und ich bot
nun alles Mgliche auf, seine Spur zu verfolgen. Der Schurke Andrea war mir
frderlich; gestern Abend fhrte er mir den Mann zu, der das Paar ber den Golf
nach Bournabat in einer Barke gefhrt hatte. Hier bewohnten sie oder bewohnen
sie noch ein wohlverwahrtes Landhaus, das dem englischen Viceconsul gehrt,
einem Mann von schlimmen Ruf, dem fr Geld Alles feil ist und der fr blanke
Dublonen schon die rgsten Schurken vom Galgen gerettet hat.
    Und haben Sie seit gestern Abend bereits Schritte gethan?
    Heute Morgen fhrte mich derselbe Fhrmann hinber nach der Villeggiatura.
Ich forderte Einla am Hause, aber ein englischer Diener weigerte denselben
unter dem Vorwand, da es gnzlich unbewohnt sei. Da dem nicht so ist, sah ich
aus dem Umstand, da sich zwei Khawassen im Hofe umhertrieben. Ich war allein
und konnte den Zutritt nicht erzwingen. Zur Stadt zurckgekehrt, eilte ich zu
dem englischen Consulat und drang bis zu dem Gmeralconsul. Er war wie gewhnlich
gleich einem Vieh betrunken, sein Stellvertreter aber, jener Eigenthmer des
Hauses, der alle Geschfte und alle Macht in Hnden hat, wies mich barsch
zurck, wollte von Nichts wissen und drohte mich verhaften zu lassen.
    Was gedenken Sie zu thun? fragte theilnehmend der Doctor.
    Was ich thun will? antwortete zhneknirschend der Grieche. Sehen Sie hin
auf jenes Boot, das, mit Mnnern besetzt, wie hier Hunderte umherlaufen, eben
dem Strande naht, mit Mnnern, die nicht fragen nach dem Erlaubt und Gestattet,
wenn es eine khne That gilt, - mit einem solchen Boot und einem Halbdutzend
solcher Bursche will ich morgen bei Nacht landen an der verschlossenen Thr, die
die Schande meines Hauses birgt, und dann, bei dem Geist meiner Vter, will ich
Gericht halten ber die Beiden!
    Um Gotteswillen, Gregor, thun Sie keinen unsinnigen Schritt, der Alles
verdirbt und Sie in die grte Gefahr strzen mu, beruhigte Welland. Gehen
Sie zu dem griechischen Consul, er hat die Pflicht, einzuschreiten. Wenden Sie
sich selbst an den trkischen Gouverneur, er mu Ihr Recht schtzen.
    Recht in der Trkei?! hohnlachte Caraiskakis. Wissen Sie nicht, da ich
verbannt bin von den Machthabern in Athen? Meinen Sie, da der feige entnervte
Moslem, der nicht den offenen Meuchelmord aus den Straen seiner Stadt verbannen
kann, Mdchenraub bestrafen wird an einem seiner hundert Herren, an Einem aus
jenem Volke, das die wahre Pest des Orients durch seinen Uebermuth und seinen
Druck ist, gegen die selbst das trkische Joch Milde genannt wird? - an einem
Englnder? Wenn die Hand seines Allah aus den Wolken reichte, wrden sich die
Bekenner des Halbmondes nicht so beugen, als vor der Tyrannei jener gekreuzten
Flagge. Nein, ich selbst - - Heiliger Gott! was geht dort vor - der blutige
Schurke Andrea mordet Ihren Freund!
    Ein wildes Geschrei ertnte von der etwas entfernten Stelle des Quai, an der
sie den Ungar verlassen hatten, - Menschen drngten eilig hinzu, der Ruf nach
Hilfe bertnte aus vielen Kehlen den Lrmen.
    Eine schreckliche Scene hatte sich dort entsponnen. Sie ist historisch
geworden in ihren emprenden Einzelnheiten.
    Wir haben bereits erwhnt, da die Zahl der politischen Flchtlinge zu jener
Zeit sehr bedeutend in Smyrna war, und da sie eine gewisse Herrschaft in der
Stadt ausbten. Nchst London war Smyrna damals der offene Centralpunkt der
Agitation. Oeffentlich gegrndete Comitee's verhandelten die Revolution von
Europa, und die groe Thtigkeit der Einzelnen in der Erlernung der
orientalischen Sprachen, die Bemhungen, unter der griechischen Bevlkerung
sogenannte philharmonische Vereine zu grnden, an deren Spitze sie standen,
wiesen darauf hin, da die Emigration sich in Smyrna und im Orient berhaupt
einen neuen Haltpunkt zu schaffen suche. In keinem Lande der Welt wrden die
Flchtlinge bei einem ruhigen Verhalten weniger gestrt worden sein; denn die
lssigen trkischen Behrden kmmerten sich durchaus nicht um ihre Person, ja,
der englische und amerikanische Consul beschtzte sie bei jeder Gelegenheit. Der
Zusammenhang dieser Agitation mit der mailnder Februar-Revolte war ganz
offenkundig, und man sprach - gerade wie im Jahr 48 von Berlin und Wien, - am
Tage des Ausbruchs in Mailand bereits davon in der asiatischen Handelsstadt. Da
nur hauptschlich alle diese Umtriebe und Angriffe gegen die sterreichische
Regierung gerichtet waren, forderte endlich der kaiserliche General-Consul von
Wexbecker wiederholt von dem damaligen General-Gouverneur von Smyrna die
Ausweisung der ohne Schutz einer Nationalitt sich dort aufhaltenden
Flchtlinge, besonders die mehrerer in Oesterreich schwer gravirter
Persnlichkeiten, die hier die Fhrer bildeten. Zu diesen gehrte auch Martin
Costa, im ungarischen Revolutionskriege Adjutant Kossuth's und einer der
thtigsten und entschlossensten Offiziere des Insurgentenheeres. Er war nach dem
Uebertritt Kossuth's auf trkisches Gebiet mit diesem in Kintaia internirt,
folgte ihm 1851 nach London und ging dann nach Amerika, von wo er unerwartet zu
Anfang des Jahres 1853 nach Smyrna zurckkehrte, wo er alsbald an die Spitze der
Clubs und Verbindungen trat. Die sterreichische Regierung hatte die sichere
Kunde von neuen Bewegungen und da selbst das Einschreiten des Gesandten beim
Divan und ein Befehl des Vezirs Ali Pascha den Gouverneur nicht aus seiner
Unthtigkeit aufzuwecken vermochte, sah sich die sterreichische Regierung
veranlat, selbst einzugreifen und an ihren General-Consul bestimmte Befehle zu
erlassen, auf Grund der ihr tractatenmig zustehenden Rechte die Verhaftung der
Flchtlinge sterreichischer Nationalitt vorzunehmen und sie an die
kaiserlichen Militrbehrden auszuliefern. Wre dies in der geeigneten
offiziellen Weise geschehen: etwa durch die Bemannung der Brigg Hussar, oder
durch die Khawassen des Consulats, so wre trotz der Anwesenheit so vieler
Flchtlinge der Ausgang offenbar ein ganz anderer gewesen und htte einen
bedeutenden Schrecken verursacht. Die ungeschickte und eclatante Weise, mit
welcher der Kanzler des Generalconsulats die Sache aber begann, den ersten
Schlag in Folge besonderer am Tage vorher eingegangener Nachrichten gegen Costa
richtend, kehrte das Resultat gegen die Behrde selbst.
    Der Ungar sa ruhig und Nichts ahnend auf dem Quai, auf dem zu dieser Zeit
nur wenig Menschen der Hitze wegen verkehrten, als der Kneipenwirth Andrea mit
drei bewaffneten Gefhrten seines Gelichters sich ihm nherte. Zugleich kam ein
Boot mit vier berchtigten Gesellen derselben Bande herangefahren und ein
anderes mit zwei Ruderern bemannt hielt sich in der Nhe zur Aufnahme des
Griechen. Andrea, den breiten Bund mit Pistolen und Dolchen gespickt, schlug von
hinten den Lesenden auf die Schultern und frug: Seid Ihr Signor Costa? -
Ueberrascht ber die Frechheit sprang der Ungar empor, und ma den Wirth mit den
Augen. Ehe er aber noch eine Erklrung fordern konnte, strzten sich alle Vier
auf den Erstaunten und suchten ihn zu Boden zu werfen. Ein wildes Ringen
entstand, der Ungar lief Verrath! und so gro war seine Krperkraft, da er
sich aus den Hnden der Angreifer losmachte, zwei derselben packte und rasch
entschlossen sich mit ihnen ber die Balken des Bollwerks ins Meer strzte. In
diesem Augenblicke war es, als Welland und Caraiskakis herbeieilten, zugleich
von mehreren Seiten andere Personen. Aber auch das Boot der Banditen hatte sich
genhert, und von seinem Bort versuchten die Einsitzenden, dem Ungarn, der sich
im Wasser von seinen Angreifern befreit hatte und zum Strande zurckschwamm,
eine Schlinge berzuwerfen. Zwei Mal gelangte Costa an das Bollwerk und
klammerte sich daran fest, um sich empor zu helfen, zwei Mal zerschnitt ihm der
Handjar Andrea's die Finger und Arme, da er blutend zurckfiel, whrend dessen
Genossen mit Messer und Pistolen die andrngenden Menschen zurckhielten.
Verzweifelt rang Welland mit einem der Banditen, einem krftigen Mohren, aber
immer wieder wurde er zurckgestoen und sein Allarmruf erschallte vergeblich.
Whrend dem war es den Mrdern im Kahn gelungen, dem Unglcklichen die Schleife
um den Hals zu werfen, und blutend, halberdrosselt, halbertrunken schleiften sie
ihn an dem Strick durch die Wellen fort. Andrea pfiff dem zweiten Boot und
sprang dann auf Welland zu, diesen hineinzuzerren, doch Gregor warf sich
schtzend vor den Freund und eine kleine Hand, die Hand des Knaben, der vorher
die Freunde angesprochen, schlug zugleich die Pistole zur Seite, die der
Anfhrer der Mrderrotte bereits ergriffen hatte. Bei der Gebenedeiten des
Himmels, rief der Knabe, Andrea, Ihr seid ein todter Mann, wenn Ihr einem der
Herren ein Haar krmmt. Sie stehen unter seinem Schutz! Er sprach dem Banditen
den Namen in's Ohr.
    Andra fuhr zurck. Diavolo, fluchte er, da htte ich mir eine schne
Geschichte auf den Hals geladen! Geht zum Henker, Signor! Damit stie er
Welland von sich und sprang in die Barke, die alsbald das Weite suchte und dem
ersten Kahn nachfuhr. Einige Pistolenschsse knallten hinter ihm drein von
herbeieilenden Gefhrten des Gefangenen, aber er war schon zu fern. Man hatte
gesehen, wie der Ungar endlich in das groe Boot gezogen worden, wie beide zu
der Brigg ruderten und der Gefangene an Deck gebracht wurde; die Aufregung war
entsetzlich. Wie ein Mordio ging der Ruf von der Gefangennehmung Costa's durch
die Straen Smyrna's; von allen Seiten drngte man nach dem Quai. Italienische,
ungarische, polnische und deutsche Flche und Verwnschungen fllten die Luft,
um Gregor und Welland, der mit aufregenden Worten den Hergang schilderte,
drngte sich die Menge. Selbst Caraiskakis hatte ber der emprenden Scene das
eigene Leid fr den Augenblick vergessen. Bassitsch, der Ungar, versammelte
endlich die nchsten Bekannten um sich, und wechselte fliegende Worte mit ihnen,
die das Aergste befrchten lieen, doch Welland drngte sich vor und ermahnte
und bat, alle augenblicklichen Schritte zu unterlassen und von der Berathung
abhngig zu machen, die fr die Stunde vor Sonnenuntergang auf dem Pagus
angesetzt war. Er selbst erbot sich, als am Wenigsten durch seine Person
bekannt, nach der Brigg zu fahren und zu versuchen, bis zu Costa zu dringen.
Dies beruhigte ein Wenig die exaltirten Gemther, rasch verbreitete sich unter
den Flchtlingen die Kunde, da die Versammlung trotz des Geschehenen
stattfinden werde, und whrend noch die Massen auf dem Quai auf und ab wagten,
fuhr Welland, auf sein Bitten von dem Freunde und einem in Smyrna ansssigen
deutschen Kaufmann begleitet, hinaus in den Golf, um sich der Brigg zu nhern.
Seine Bemhung war jedoch vergeblich. Der Anruf der Schildwach befahl ihnen,
sobald man sich auf Kabellnge genhert, beizulegen und als Welland sein
Verlangen kund gab, den Gefangenen zu besuchen, erschien der Commandant der
Brigg, Major Schwarz, ein alter fester Haudegen, auf dem Kastell und drohte
ihnen, beim mindesten weitern Versuch, sich zu nahen, Feuer auf den Kahn geben
zu lassen. Doch war er menschenfreundlich genug, auf ihre Fragen mitzutheilen,
da Costa zwar erschpft und leicht verletzt, doch sonst ungefhrdet an Bord
gebracht worden und dort in strenger Haft sei.
    Als das Boot zum Quai zurckkam, war die Sonne bereits im Abwrtssteigen und
die Stunde der Versammlung in den mchtigen Trmmern des genuesischen Forts auf
dem Berggipfel nahe.
    Sie mssen mich auch dahin begleiten, Gregor, bat Welland den Griechen,
denn das Ungewitter, das wie ich glaube, sich dort oben zusammenbrauen wird,
knnte leicht auch Ihnen behilflich sein zu Ihrem Zweck. Jedenfalls stehe ich
Ihnen dann ganz zu Diensten. So folgte Caraiskakis dem Freunde und diente ihm,
da er hier bekannter war, zum Fhrer.

    Ueber die trkischen und armenischen Begrbnipltze, die sich an den Seiten
des Berges emporstrecken, von Cypressen unk Platanen beschattet, schritten die
Freunde eilig hinauf. Zu jeder andern Zeit wrde sich Welland dem
eigenthmlichen Eindruck und Schauspiel hingegeben haben, das die Friedhfe der
Moslems machen. Sie sind die Spaziergnge von Alt und Jung, Mnnern und Frauen
whrend des Tages, der Aufenthaltsort, oft die Schlafsttte des Gesindels
whrend der Nacht. Zwischen den schmalen und aufrechtstehenden Leichensteinen,
welche die Form umgestlpter Obelisken oder Sulen haben, auf deren Spitze ein
Turban oder Fez den Rang des Verstorbenen anzeigt, whrend blaue und rothe
Farben, Vergoldungen und Inschriften den Stein schmcken, spielen die Kinder,
liegen die Mssiggnger und sitzen klatschend die Weiber. Hin und wieder ragen
aus diesen Begrbnipltzen noch Trmmer der alten hellenischen Mauern hervor,
die sich nach dem Gipfel zu mehren. Pausanias setzt den Ursprung der Stadt in
die Zeit Alexanders des Groen, der sie in Folge eines Traums fr die von
Ephesus gekommenen Smyrner gegrndet haben soll. Unter der Rmerherrschaft kam
sie zur Blthe, Tzachas machte sie im Jahre 1084 zur Hauptstadt seines
neugegrndeten ionischen Reichs; Johannes Ducas, der griechische Admiral,
belagerte sie 1097. Zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts war die Stadt bis auf
die Akropolis ein Trmmerhaufe, Angelus Comnenus aber stellte sie vor seinem
Tode (1227) wieder her. Im vierzehnten war sie hufig der Schauplatz der
blutigen Kmpfe der Ritter von Rhodus mit den Moslems; Tamerlan, als er auf
seinem Zuge von den Kmpfen der Christen und Trken in der Stadt hrte,
belagerte sie 1402 vierzehn Tage lang, nahm sie im Sturm und zerstrte sie auf's
Neue.
    All diese Erinnerungen zogen an den Beiden vorber, als sie den riesigen
Trmmern des Schlosses zueilten. Die Mauern desselben schlieen einen
betrchtlichen Raum ein, in ihrem Mittelpunkt finden sich die Reste einer alten
Kirche, nach den Volksberlieferungen: der alten Kirche Smyrna's. Desgleichen
viele Cysternen, Gewlbe und Gnge, die einen ganzen unterirdischen Bau unter
den Trmmern bilden sollen. Eine weite, herrliche Aussicht bietet sich von
diesen Ruinen ber Stadt und Meer, ber die vom Hermuss durchzogenen Ebenen im
Osten und die Flchen im Sden, die der Meles mit seiner Wasserleitung
befeuchtet. Etwas weiter zur Seite, unfern der in die Felsen gegrabenen Stadien,
wo der heilige Polycarp den Mrtyrertod erlitt, stehen noch einige Trmmer des
Jupiter-Tempels, und hier hatten die Flchtlinge aller Nationen sich zur
Berathung versammelt. Man hatte mit der Erffnung derselben auf Welland
gewartet, und er wurde genthigt, von einem der riesigen Postamente herab
nochmals die Erzhlung der grausames Art und Weise zu wiederholen, in der Costa
verhaftet worden. Welland sah sogleich, da die Exaltation der Menge durch die
Einwirkungen Einzelner auf's Hchste gesteigert worden und da eine besonnene
Vermittelung dringend Noth that. Er knpfte daher sofort an seine Erzhlung den
Vorschlag, da die in der Angelegenheit zu thuenden Schritte einem Comitee
bertragen werden mchten, da dieses von dem sterreichischen Consul die
Freigebung Costa's verlangen, und durch Deputationen die Mitwirkung aller andern
Consuln, namentlich der franzsischen und englischen, in Anspruch nehmen solle.
    Doch das war nur ein Tropfen auf den heien Stein der geweckten
Leidenschaften. Fumagalli mit all dem lodernden Feuer seiner Landsleute, nahm
den Platz des bedchtigen Deutschen ein und reizte mit flammenden Worten die
Menge zu Thaten der Rache. Wie es Costa ergangen, rief er, wird es auch uns
gehen; Einen nach dem Andern werden die feilen Schergen der Tyrannei
hinwegholen, um uns in Ketten in ihre tiefen Kerker auf dem Spielberg und
Kufstein zu werfen, wo so viele edle Shne der Freiheit lebendig vermodern.
Zeigen mssen wir ihnen, da wir Mann zu Mann stehen, Blut mssen wir haben zur
Shne, mit rothen Flammenzeichen wollen wir unser Gericht halten! Brder,
Freunde, edle Mnner der Magyaren! Shne des freien Italiens! - lat uns
hinunterziehen und die steinerne Zwingburg unsers Feindes, des sterreichischen
Consuls, mit gewaffneter Faust strmen. Wenn die Lohe als Warnungszeichen
unserer Rache ber seiner Habe zusammenschlgt, wenn wir ihn und jedes lebende
Wesen in seinem Hause gefangen halten und unsere Dolche ihre Brust bedrohen,
wirb man uns den Verrathenen sicher ausliefern, und haben wir ihn erst zurck,
dann Wehe den Elenden!
    Mit wildem Jubel erwiderte die Menge die Rede. Wahnwitzige Vorschlge aller
Art wurden laut, der Ungar Cricca wollte die am Kastell liegende trkische
Fregatte mit Gewalt nehmen und mit ihr den Gefangenen befreien, ein Anderer
schlug einen Angriff bei Nacht mit Bten vor, ein Dritter gar, die Stadt an
allen Ecken anzuznden. Je abentheuerlicher und entsetzlicher die vorgeschlagene
That, desto strmischer war der sinnlose Beifall. Vergebens suchte in diesem
Tumult Welland zur Ruhe und Ueberlegung zu mahnen; verzweifelnd wollte er sich
abwenden und den Platz verlassen, als er im Gedrnge einen Zettel in seine Hand
gedrckt fhlte. Rasch wandte er sich um, doch unbekannte, nur mit der
aufregenden Versammlung beschftigte Gesichter zeigten sich rings umher. Er
flchtete aus dem Gewhle und las den Zettel. Ein Kreuz, hnlich dem, das Costa
ihm gezeigt, war in flchtigen Zgen mit Bleistift auf das Papier gezeichnet.
Darunter standen die Worte: Keine Gewalt! die Zeit ist noch nicht gekommen.
Gehen Sie morgen zum amerikanischen Consul und verlangen Sie seinen Schutz fr
Costa als amerikanischen Brger. Die Hilfe wird zur rechten Zeit bereit sein.
Gehorsam! - Welland trafen die Zeilen wie ein Blitzstrahl, freudig, da sich
eine Aussicht zeigte, den Gefangenen zu retten, berraschend, da auch hier in
so weiter Ferne eine unsichtbare geheimnivolle Macht seine Handlungen zu
leiten, Alles zu berwachen schien. Er drngte sich mit Gewalt zu Fumagalli
durch und zog ihn bei Seite. Wenn Sie nicht Alles absichtlich verderben und
Costa's Blut ber sich und uns Alle bringen wollen, so stehen Sie von diesen
wahnwitzigen Handlungen ab! sagte er ihm. Gehen Sie meinetwegen mit einer
Deputation zu dem sterreichischen Consulat und fordern Costa's Freigebung, um
die aufgeregte Menge zu beschwichtigen, aber keine Gewaltthat heute! Sie wissen,
da Costa dem Bunde angehrt, im Namen dieses Bundes und als Ihr Vorgesetzter
befehle ich Ihnen, den morgenden Tag abzuwarten. Bis dahin wird Hilfe zur Stelle
sein, die den Ungar schtzen kann, den wir heute nur verderben wrden. - Mit
Widerstreben versprach der Italiener, die Menge zu beruhigen oder wenigstens so
zu leiten, da es bei den Drohungen bliebe und keine offenbare Gewaltthat die
Lage verschlimmere. Von ihm erfuhr Welland auf seine Nachfrage auch, da in der
Wohnung Costa's sich nur wenige und unbedeutende Papiere vorgefunden und diese
bereits in Sicherheit gebracht worden seien. Ein Pa war nicht darunter gewesen.
    Whrend Fumagalli auf's Neue zu dem Kreis der Flchtigen sprach, mit Hilfe
seiner Vertrauten die Wahl eines Comitee's zu Stande brachte und dann vorschlug,
nach der Stadt zurckzuziehen, suchte Welland den Freund auf und fand ihn unter
den Trmmern des Schlosses am Rand einer Cisterne sitzen. Die Sonne verschwand
eben am Horizont und in der beginnenden Dmmerung, die, wie es im Sden der
Fall, rasch zunahm, hrten sie die wilden Revolutionsgesnge der abziehenden
Haufen. Sie waren die Einzigen, die noch zurckgeblieben, und Welland mahnte
trotz des erhabenen Eindrucks, den die Stille des Abends und der einbrechenden
Nacht verbreitete, zum Aufbruch, da ihm die Erzhlungen von der Unsicherheit der
Umgebung einfielen. Aber es schien bereits zu spt. Als sie den Ausgang suchten,
streckte sich ihnen pltzlich ein Gewehrlauf entgegen und eine barsche Stimme
rief sie in griechischer Sprache an. Sie sprangen zurck und griffen nach den
verborgenen Terzerolen, die Beide trugen, doch ein leichtes Lachen machte sie
sich umwenden, und sie erblickten hinter sich, aber in griechischer Tracht und
auf eine lange Flinte gesttzt, den Unbekannten, welcher sich gestern auf der
Marina bei Caraiskakis Namen so ergriffen gezeigt hatte.
    Ich danke Ihnen, Signori, sagte der Fremde mit leichtem Spott, da Sie
meiner Einladung dennoch Folge geleistet. Freilich etwas spt - doch in diesem
Lande kommt alles Gute spt, oft zu spt, meist gar nicht. Wollen Sie mir
folgen, Sie sehen, jeder Widerstand ist unntz, und bei Sanct Procopio, meinem
Schutzheiligen, ich wollte mir eher die Augen ausreien lassen von diesen
trkischen Hunden, ehe ich zugbe, da Ihnen etwas Uebles widerfhrt.
    Welland und der Grieche sahen sich um und sich von neun bis zehn dunklen
Gestalten umgeben, deren Waffen im Sternenlicht funkelten, - Widerstand wre
thricht gewesen - nach wenigen deutsch gewechselten Worten erklrten sich Beide
bereit, dem Fremden zu folgen.
    Dieser - offenbar der Anfhrer der gefhrlichen Schaar - ertheilte derselben
einige kurze Befehle und ging dann voran, von den beiden Freunden gefolgt, denen
sorgsam zwei der Banditen jede unebene und gefhrliche Stelle zeigten. Der Weg
fhrte sie mitten in die Ruinen der alten Akropolis und nach kurzem Gang sahen
sie aus einem der verfallenen Bogen den Schein eines Feuers leuchten. Sie traten
durch die Pforte in einen kleinen von Mauern umgebenen Raum, in dessen Mitte ein
Feuer brannte, von dem Knaben angeschrt, der ein Hammelviertel am Spie briet.
In der Nhe lagen auf riesigen Marmorquadern ein Schlauch voll des schwarzen
aromatischen Brussaweins und andere zur Mahlzeit gehrige Gegenstnde.
    Der Fremde schritt zuerst auf den Stein zu, nahm einen Maiskuchen, bestreute
ihn mit Salz und brach ihn in drei Theile, von denen er einen jedem der Freunde
gab. Nehmt und et, sprach er, der Gast ist dem Wirthe heilig. Gregor und
Welland aen einige Bissen, und Beide, die schne Sitte des Morgenlandes
kennend, fhlten sich beruhigt.
    Jetzt, Mauro, sagte freundlich der Unbekannte zu dem Knaben, entferne
Dich und halte Wache, da uns Niemand strt, ich habe mit diesen Mnnern zu
reden. Das Kind gehorchte; auf einen Wink des Mannes setzten sich die Freunde
auf die umherliegenden Trmmer und harrten gespannt auf die Entwickelung.
    Lange sa ihr seltsamer Wirth auf dem Stein vor ihnen, die braunen
schwieligen Hnde vor dem Gesicht, als zolle er mchtigen Erinnerungen seinen
Tribut. Dann erhob er das Haupt, reichte dem jungen Griechen die Hand, und
sagte: Sei mir willkommen, Sohn des Michael Caraiskakis, meines unvergelichen
Herrn! Sage, ist Einem Deines Geschlechts der Name und das Antlitz Johannes des
Ipsaroten denn so ganz fremd geworden, da er ihn nicht mehr wiedererkennt?
    Janos! rief der Grieche, und sprang empor - Janos, der Mutter und Kind in
der Mordnacht aus den Flammen trug? Janos, unser Retter und Freund! Heilige des
Himmels, wo hatte ich meine Augen! Er umschlang den Hals des Mannes, in dessen
Augen Freudenthrnen glnzten, der aber freundlich ihn von sich drngte.
    Janos! Ja wohl! sagte er, und damit Ihr Alles wit - Janos Katarchi, Jan,
der Kameeltreiber, Jan der Ruber und Mrder, vor dessen Namen jene unglubige
Brut dort unten zittert. Jan Katarchi steht vor Dir und heit Gregor, den
Knaben, den er einst auf den Knieen trug, willkommen, wenn dieser ihn noch
kennen will'
    Gregor warf sich noch einmal an die Brust des treuen Dieners seiner Familie.
Sage, Jan der Palikare, Jan der Rcher, wie Dich jedes wahre griechische Herz
dort unten nennt. Was geht mich Dein Name an, Dein Thun, oder da Du vogelfrei
im Kampf mit den Unterdrckern unsers Volks bist, und an Deinen Hnden Blut
klebt! Ist es nicht auch das Blut, das Du vor einunddreiig Jahren zu unserer
Vertheidigung vergossen, bist Du nicht der Waffendiener meines Vaters, der mit
ihm das Schiff des blutigen Wthrichs gegen die Wolken sprengte, als diese ihre
Blitze vergessen hatten gegen die tausendfachen Greuel! Es ist wahrlich eine
Segnung der Heiligen in meinem Kummer, da ich in diesem Augenblick einen Mann
finde, der der Freund meiner Kindheit war, wie ich den Freund meiner
Jnglingsjahre wieder gefunden! Er reichte Beiden die Hand, die der Bandit
trotz der Abwehr Gregor's leidenschaftlich kte. Dann zog der Mann des Bluts
und der Verbrechen den Wiedergefundenen zu sich nieder an's Feuer und begann mit
einer Hast und Unermdlichkeit der Zunge, die dem Griechen, namentlich der
untern Klassen eigen ist, ihm hundert Fragen ber das Schicksal der Familie
vorzulegen, whrend der Deutsche ein stummer, aber aufmerksamer Zuhrer der
unerwarteten Scene blieb.
    Aber sage mir, Janos, unterbrach endlich Caraiskakis den Strom der Fragen,
- wie kommst Du hierher? Wir glaubten Dich todt nach der letzten Nachricht, die
wir von Dir erhalten, und betrauerten Dein Andenken.
    Du weit, Herr, erzhlte der Ruber, da ich an der Seite Deines tapfern
Vaters am Pirus fiel, als wir fnf Jahre nach dem Blutbad von Chios unter
Richard Church den Ersatz der Akropolis versuchten. Mein Leib deckte den theuren
Leichnam und zeigte noch die Spuren der drei tiefen Wunden, die ich erhielt. Wie
ich gehrt habe, ziert ein Denkmal die Stelle, wo mein Herr fr die Freiheit und
das Kreuz am 4. Mai blutete. Mgen die Heiligen ihm im Paradiese gndig sein!
Als ich erwachte, lag ich nackt und blo auf dem Schlachtfeld. Ein frnkischer
Arzt erbarmte sich meiner, - schon damals im heiligen Kampf des Kreuzes gegen
den Halbmond hatten sich ja Christen unsern Feinden verkauft! - und verband
meine Wunden. Wider das eigene Hoffen genas ich, und mit hundert anderen
Unglcklichen schickte mich Ibrahim Pascha als Siegesbeute seinem Vater nach
Egypten. Dort litt ich fnf Jahre, was ein Sclave leiden kann, bis ich im Krieg
des Viceknigs gegen den Sultan mit nach Syrien geschleppt wurde. In dem Gewhl
des Sieges von Konieh gegen Reschid Pascha gelang es mir, zu entkommen, - ich
bettelte und schlug mich durch, bis ich die blauen Ufer unsers schnen Meeres
mit seinen grnen Inselsternen wieder sah, und kam nach Chios. Zehn lange Jahre
hatten nicht gereicht, die Spuren jener schrecklichen Verwstung zu verwischen.
Die herrliche Insel, des groen Homer Geburtssttte, hatte man in den Hnden der
Unglubigen gelassen, die Inglesi tragen die Schuld daran, wie ich mir sagen
lie, jenes Volk von Kaufleuten, das jetzt wieder auf der Seite unserer
Unterdrcker steht, jetzt, wo der groe Czaar im Norden das ganze Griechenland
frei machen will von der Herrschaft der Unglubigen. Deshalb hasse ich die
Nation, ich speie auf die Grber ihrer Vter; denn Nichts sind sie besser, als
die Moslems selber.
    Hier hren Sie eine Stimme des Volks, winkte Caraiskakis dem Freunde. Wie
aus dem Munde dieses Verbannten und Gechteten, so tnt es berall, wo Hellenen
wohnen und Jeder trumt von einer neuen Aera des byzantinischen Reichs.
    Auf Chios, fuhr der Ruber fort, war meines Bleibens nicht mehr.
Vergeblich forschte ich nach der Familie meines Herrn. Der neue Name Deiner
Mutter verbarg mir die Spur. So ging ich auf's Festland zurck und gewann mein
Brot in Smyrna als Kameeltreiber bei den Karavanen, die aus dem Innern von
Syrien und Turkomannien die Frchte und Teppiche bringen. Ich hatte Weib und
Kind, - eine Tochter von sechszehn Sommer, und bei Sanct Polycarp dem Mrtyrer,
es war ein schnes und gutes Kind. Ich wohnte damals mit meiner Familie in
Tschardak am Tschernek-Su, nhrte mich redlich und friedlich und zahlte
regelmig mein Kopfgeld. Ein junger Mann unsers Glaubens sah mein Kind und
begehrte es zur Ehe. Der Tag der Hochzeit war bestimmt, da reitet der Musselim1
an unserm Hause vorbei und sieht Nausika, die ihm Milch reichen mu. Am andern
Tage lt er mein Weib rufen, - ich war gerade mit den Karavanen nach Smyrna, -
und frgt sie, ob sie ihm die Tochter verkaufen wolle. Mein Weib erschrickt und
bittet ihn, abzustehen, da das Mdchen verlobt sei und man blo meine Rckkehr
erwarte, um sie in das Haus ihres Gatten zu fhren. Der Musselim aber streicht
sich den Bart, spricht, er brauche ein schnes Weib als Geschenk fr seinen
Gnner, den Mehemet Pascha in Stambul, und wenn sie das Kaufgeld nicht nehmen
wolle, werde er das Mdchen umsonst holen. Darauf schickte er nach Vaso, meinem
Eidam, steckt ihn trotz seines Glaubens unter den Nizam2 und sendet ihn noch am
selben Tage mit einer Schaar fort. Am Abend aber holen seine Khawassen das
Mdchen, und als mein Weib stehend folgt bis an die Schwelle seines Hauses,
mihandeln sie die Aermste mit Stockschlgen, da sie krank von den Nachbarn
nach Hause getragen wird. Als ich fnf Tage spter von Smyrna heimkehrte, fand
ich mein Weib am Tode, mein Kind geraubt und den Musselim verreist. Ich raufte
das Haar und begrub mein Weib. Dann that ich einen Eid bei der heiligen
Jungfrau, zndete mein Haus an, die Sttte meines Glcks, und ging davon.
    Aber warum klagtet Ihr nicht, unglcklicher Mann, sagte der Deutsche,
warum wandtet Ihr Euch nicht an die europischen Consuln oder selbst nach
Constantinopel?
    An die Consuln? hohnlachte der Ruber. War ich ein ionischer Dieb oder
ein maltesischer Mrder, da ich auf ihren Schutz Anspruch gehabt htte? Ich war
ja nur ein Ipsarote, Einer der Millionen Christen, die diesen Henkern berlassen
blieben mit Leib und Seele! - Gerechtigkeit in Smyrna oder Stambul gegen den
Musselim, meinen Herrn! - Nein, Signor, ich that Besseres, das Einzige, was dem
Manne bleibt. Ich lauerte am Wege in den Felsen neun Tage lang, bis der Musselim
von seiner Fahrt zurckkehrte, und als er mir nahe war, scho ich ihm die Kugel
in Mitten seiner Khawassen durch das gierige Herz. - Seitdem, Gregor
Caraiskakis, seitdem bin ich ein Ruber!
    Und Deine Tochter?
    Was liegt an meiner Tochter! Sie wird, wie hundert Andere, an das trge
Leben im Harem eines unserer Herren im ppigen Stambul sich lngst gewhnt
haben! Die Heiligen wissen, ob und wo sie athmet - fr den Vater ist sie
gestorben. Ich nahm den Sohn der Schwester meines Weibes mit mir, Ihr habt den
Knaben gesehen, und bald waren einige Gefhrten um mich versammelt, mit denen
ich mein Rachewerk begann. Ihrer Verfolgungen kann ich spotten, denn tausend
Freunde haben Augen und Ohren fr mich in jener Stadt und im ganzen Paschalik.
    Du schmhst auf den Trken, Mann, auf den Erbfeind Deines Glaubens, sagte
Gregor mit finsterem Ausdruck; gehe hin zu Deinen christlichen Brdern, den
prahlenden Beschtzern unserer Freiheit und unserer Religion, den Mnnern, die
von den Rechten des Volks in ihren Parlamenten reden und das Glck der Vlker im
Munde fhren! Der Moslem nimmt offen seinen Raub und sagt: ich bin Dein Herr!
Der Brite aber stiehlt Dir Dein Gut wie Dein Land, wenn es ihm gefllt und macht
Dir noch wei, es geschehe zu Deinem eigenen Besten. Dir ist die Tochter
genommen, mir die Schwester. Ist die Odaliske des Trken, nach seinen Sitten und
seinem Glauben sein Weib, nicht besser als die Metze des reichen Briten?
    Er sprang empor; die Faust des Rubers prete seinen Arm: Was sprichst Du
da?
    Gregor wiederholte das, was er am Mittag dem Freunde erzhlt hatte. Der
Bandit jauchzte hell auf: Ei! steht es so! - Du wrdest das Vglein ausgeflogen
finden, mein Sohn, wenn Jan, der Kameeltreiber, nicht zufllig dafr gesorgt
htte. Unten im Golf liegt eine Felucke vor Anker, die der Inglesi gemiethet
hat, um mit seinem Tubchen morgen in der Frhe auf und davon zu fahren. Ich
habe gute Spione in Bournabat und hatte dem Franken ohnedem heute Nacht einen
Besuch zugedacht, um ihn etwas leichter zu machen. Jetzt wird die Sache ernster.
Wenn wir Deine Schwester nicht heule ihm abnehmen, ist sie verloren fr Dich.
Die Felucke fhrt nach Tenedos, wo in der Troja-Bai3 die Flotten ankern. - He,
Mauro! Er pfiff gellend, der Knabe sprang wie ein Pfeil herbei; Jan befahl ihm,
die Gefhrten zu rufen bis auf die uerste Wache gegen die Stadt. Wir drfen
erst nach Mitternacht aufbrechen und wollen unterde unsere Mahlzeit halten. Ehe
der Morgen graut, Gregor Caraiskakis, sollst Du Deine Schwester hier sehen.
    Das ist mein eigen Geschft, erklrte Gregor, ich nehme dankbar Deine
Hilfe an, aber ich werde Dich begleiten. Und Du, Freund, er reichte Welland die
Hand, wirst uns gewi nicht verlassen?
    Gewi nicht in einer gerechten Sache, entgegnete dieser; aber Eines
beding' ich mir aus, um Ihrer eigenen Ehre willen, Gregor: kein unntzes Blut,
keinen Mord! Sie versprechen mir das Leben des Briten - - hren Sie erst Ihre
Schwester, dann entscheiden Sie und fordern Rechenschaft, wenn es nothwendig
ist. Im Licht des Tages werde ich Ihnen als Freund zur Seite stehen, und so
allein knnen Sie vielleicht die Ehre des Mdchens wiederherstellen. Ich liebe
selbst die Nation des Verfhrers nicht, aber den Muth, dem Gegner sich zu
stellen, wird ihr Feind selbst nicht lugnen. Gregor gab das geforderte
Versprechen, nach einigen Einwnden auch der Ruber. Whrend die wilden
Gestalten seiner Gefhrten von verschiedenen Seiten herbeikamen und Alle um das
Feuer zur Mahlzeit lagerten, besprach man das Unter nehmen und Mauro brachte
Waffen aus den in weiten unterirdischen Gewlben und Gngen der Ruinen
befindlichen Verstecken der Bande fr die beiden Freunde. - -

    Die dunkle Nacht lag ber dem prchtigen Golf, und Ruhe und Stille ber der
groen Stadt, als in der Nhe der Mhlen am diesseitigen Strande zwei Barken
abschoben, in denen sich acht wohlbewaffnete Mnner und ein Knabe befanden, und
ihre Richtung nach Bournabat nahmen. Es waren der Ruber Jan Katarchi und seine
Gefhrten, Gregor Caraiskakis und Doctor Welland. Jan sa mit diesen in einem
der Nachen zusammen, den zwei Mann ruderten, die andern drei mit dem Knaben
fuhren voraus. Alle waren mit Pistolen und Handjar bewaffnet, Gregor und der
Doctor hatten ihre Kopfbedeckung mit einem Fez vertauscht, an dem vorn ein Stck
grnen Schleiers zur Verhllung ihrer Gesichtszge befestigt war. Jan hatte auf
diese Vorsicht bestanden, um spteren Folgen durch ein Wiedererkennen
vorzubeugen. In den Khnen lagen Stricke und Hacken und eine schwere
Eisenstange, um nthigen Falls die Thr zu erbrechen.
    Auf der Mitte des Wassers sahen sie die Felucke ankern, welche am Morgen Sir
Maubridge und die schne Griechin nach Tenedos tragen sollte. Jan gab ein leises
Zeichen, in aller Stille vorbeizufahren; die Ruderer hoben die Riemen, um sich
nicht durch die phosphorleuchtenden Striche einer etwaigen Wache zu verrathen,
und die Boote trieben in einiger Entfernung am Schiff vorber, bis sie weit
genug waren, um durch den Ruderschlag nicht mehr gehrt zu werden; dann griff
man wieder eifrig zur Arbeit, und nach einer Viertelstunde war man an der
Gartenmauer des Landhauses, das Gregor im Dunkel als dasjenige erkannte, an dem
er am Morgen vorher nach der Schwester geforscht. Der Ruber hatte rasch seine
Dispositionen getroffen. Welland und zwei der Banditen wurden im Wasserhof
zurckgelassen, in dem die Khne angeschlossen lagen, mit dem Auftrag, hier den
Bewohnern den Rckzug abzuschneiden. Einen Andern postirte Jan auf den Weg nach
Bournabat, da das Landhaus des Viceconsuls fast das Ende des Dorfes bildete; er
selbst mit Gregor, dem Knaben und zwei seiner Leute bernahm es, durch den
Haupteingang einzudringen.
    An dem Thor angekommen, hob der Ruber den Jungen, der seine Lust an der ihm
gewhrten Rolle durch fast affenartige Behendigkeit und Geschicklichkeit
ausdrckte, auf seine Schultern und lie ihn einen der am Strick befestigten
Haken ber die Mauer werfen und an jener vollends emporklimmen. Oben auf
derselben nderte Mauro blo die Lage des Hakens und lie sich an dem Seil in
den Hof hinab, um von Innen das Thor zu ffnen. Whrend dem hatte Jan seinen
beiden Begleitern Fackeln gegeben, um selbe zum Anznden bereit zu halten.
Gregor fate den Schaft der Pistole in seinem Grtel und spannte den Hahn.
    Capitano, flsterte dee Knabe durch die Spalte, die Thr ist
verschlossen, ich kann sie nicht ffnen und hre das Schnarchen des Khawassen.
    Pesta! fluchte der Sciote, das ndert unser Spiel und wird blutige Arbeit
geben. Sieh, da Du in's Haus gelangst, Mauro, durch eine der Jalousien. Du hast
zwei Minuten Zeit; beim heiligen Prokopio, sei flink, mein Junge!
    Wenige Momente darauf setzte er das Brecheisen zwischen die Fugen des Thors
und warf sich mit seiner riesigen Kraft darauf. Zugleich flammten die
Pechfackeln der beiden Ruber empor.
    Ein trkischer Anruf tnte von Innern.
    Bismillah! Wer ist dort? Was wollt Ihr?
    Jan Katarchi! heulte der Ruf des Rubers durch die Luft und alle Vier
warfen sich mit aller Manneskraft gegen das brechende Thor. Zwei Schsse
knallten ihnen entgegen, von denen der eine den Mann neben Katarchi in die
Schulter traf, da er zu Boden taumelte. Nach der Barke! herrschte ihm der
Fhrer zu, und die Fackel dem Verwundeten entreiend, schleuderte er sie mit
gewaltigem Schwunge hinauf auf das platte Dach des Hauses und war mit einem
khnen Satz ber die Trmmer des Thors mitten im Hof. Im nchsten Augenblick
parirte seine groe Pistole den scharfen Handjarhieb eines Khawassen und er
drckte die Waffe nach dem Trken ab. Aber eingebogen von dem krftigen Hieb
sprang das Rohr bei dem Schu und die eisernen Splitter stoben umher.
    Diona! Diona! schrie Caraiskakis, und ohne des zweiten muthig den Zugang
des Hofes vertheidigenden Khawassen zu achten, sprang er wie ein Panther ber
den Hof und versuchte die Thr des Hauses einzustoen. Eine Kugel, die im
nchsten Augenblick durch seinen hohen Fe fuhr, belehre ihn, da die Bewohner
bereits wach und zur Vertheidigung bereit seien. Emporblickend bemerkte er ein
mnnlich schnes, nur etwas starres Gesicht, das von hochblondem lockigem Haar
umgeben, sich mit furchtlosem Ausdruck aus dem Fenster des ersten Stockwerks
gerade ber der Thr heraus bog, um die Wirkung des Schusses und die weiteren
Vorgnge im Hofe zu ersphen. Ein weier voller Arm schlang sich um den Hals des
Englnders und zog ihn halb mit Gewalt in das Haus zurck.
    Im Hofe schlug sich Katarchi mit den beiden Khawassen, sein Untergebener war
Caraiskakis zu Hlfe geeilt und suchte mit diesem die Thr einzudrngen. Ein Ruf
des Bandenfhrers, der die Augen berall hatte, mahnte Gregor, zur Seite zu
blicken. Aus einem Nebenfenster des Erdgeschosses, nahe der bestrmten Thr,
lehnte sich ein vierschrtiger Englnder in Seenmannstracht bequem heraus und
suchte fr seine Flinte im Anschlag den Kopf des Griechen zu fassen. Die Gefahr
war dringend und fast unabwendbar. Aber im Augenblick, wo der Finger des Briten
den Drcker berhrte, schwankte das Gewehr und der Schu fuhr zur Seite vorbei,
der Englnder aber verlor das Gleichgewicht und an den Beinen in die Hhe
gehoben, strzte er schwerfllig aus dem Fenster auf das Marmorpflaster des
Hofes. Mauro, der gewandte Schelm, war durch eines der Fenster in's Haus
geklettert und zum glcklichen Augenblick erschienen. Im nchsten hatte er die
Thr entriegelt und Caraiskakis, sein Gefhrte und der Ruberchef, der sich des
einen Khawassen durch einen schweren Hieb in die Schulter entledigt hatte,
strzten in das Haus. Zugleich eilte aus dem Oberstock Sir Maubridge, von zwei
anderen Dienern und dem Hausaufseher gefolgt, die Stiege herab, denn oben auf
dem flachen Dache leckten und schlugen bereits die Flammen empor, die Jan's
geschleuderte Fackel an dem trockenen Holzwerk entzndet. In dem linken Arm des
Briten, halb getragen von ihm, hing ein griechisches Weib in wallenden
Nachtgewndern, das bleiche Gesicht umflattert von den fessellosen wallenden
Locken. Diona! wiederholte Gregor und das bleiche Frauenbild zuckte zusammen
bei den bekannten Tnen und streckte die Hnde nach ihm aus, - aber wie von
unwiderstehlicher Macht dahingerissen, klammerte sie sich von Neuem an den
Geliebten und der flammende Stahl trennte die Geschwister, denn khn und gewandt
schwang Maubridge den Sbel in seiner Rechten gegen die Herandrngenden, und die
drei Diener wehrten mit allen Waffen, die in der Eile zur Hand waren, den
Angriff ab und sicherten seinen Rckzug. Zwei Mal hob Gregor die Pistole und
visirte nach dem Verfhrer, zwei Mal lie er sie sinken, denn des Mdchens Brust
deckte opfernd den Geliebten. So tobte, der Kampf von Zimmer zu Zimmer, bis der
hintere Ausgang des Hauses erreicht war und unter der Hand der Diener aufflog.
Hundert Pfund, wenn Ihr fnf Minuten die Thr haltet! bot der Brite und warf
sich mit seiner schnen Beute in's Freie, whrend die drei Englnder wie
grimmige Bulldoggen sich vor den Ausgang stellten und den Gegnern das Weie im
Auge boten. Ein Schu durch den Kopf aus Gregors Pistole streckte den einen der
Diener zu Boden, dem Hauswart traf ein Messerstich des Buben Mauro in die
Weichen, und whrend der dritte Gegner dem Ruberchef einen gewaltigen
Boxerstreich versetzte, der diesen fast zu Boden warf, tnte drauen bereits der
Ruf des Triumph's; Welland trug das ohnmchtige Mdchen auf seinen Armen hinab
zum Ufer, inde seine beiden Gefhrten den zu Boden geworfenen Baronet mit
Stricken zusammenschnrten. Hoch auf schlug die Flamme aus dem Landhause in den
blauen Nachthimmel und beleuchtete die blutige Scene. Da eilte vollen Laufs der
Bandit herbei, den Jan auf Posten gegen das Dorf gestellt hatte und verkndete
das Nahen von Leuten. Im Nu waren Alle an den Booten versammelt, - drei der
Mnner schwer verwundet, auch Jan blutete aus einem Schulterhieb, - die Boote
flott gemacht und besetzt, - in der nchsten Minute stieen sie vom Ufer und
flogen in das bergende Dunkel, whrend hinter ihnen drein noch ein Schu des
entflohenen Khawassen knallte und die jeden Moment sich mehrenden Gestalten am
Ufer hin und her eilten. Welland hatte das noch immer von Ohnmacht befangene
Mdchen dem Freunde auf den Schoo gelegt und arbeitete rstig mit zwei Rudern.
In der Spitze des Kahns stand Jan, um die Bewegungen zu lenken, damit sie nicht
zu nahe der Felucke kommen mchten. In der That war hier Alles wach geworden von
dem wiederholten Schieen und dem Brande, der mchtige Rauchwolken in die
Morgenluft emporqualmte. Man rief sie an, aber der Ruber antwortete gewandt,
da sie vor dem Angriff flchteten und bald waren sie auer Schuweite. Im Hauch
der frischen Seeluft kam Diona wieder zur Besinnung. Zuerst fuhr sie empor und
blickte wild um sich, wie den schtzenden Freund suchend, - dann, indem sie den
Bruder erkannte, warf sie sich in seinen Schoo und weinte heftig. In der Nhe
des Ufers trennten sich die Khne, und whrend der Banditenchef das
Geschwisterpaar weiter hinauf nach seinen Verstecken fhrte, landete der Knabe
den Arzt in der Nhe der Frankenstadt und geleitete ihn durch die noch einsamen
Straen bis zum Eingange seines Hauses. Am nchsten Abend versprach er ihn zu
dem Freunde zurckzufhren.

    In Smyrna selbst war der Abend und ein Theil der Nacht zwar ruhig und
strmisch, aber doch ohne Gewalthat der Flchtlinge vergangen. Der Tiger hatte
noch nicht Blut geleckt. Eine Deputation an Herrn von Wexbecker, den
sterreichischen Consul, war von diesem, der - nachdem die Sache einmal verfehlt
angegriffen war - sich mnnlich und consequent benahm, abgewiesen worden. Die
Flchtlinge und der zahllose Janhagel von Smyrna, der sich ihnen angeschlossen,
tobten durch die Frankenstadt, drohten das sterreichische Consulat zu strmen,
warfen einige Fenster ein und lieen es bei den Drohungen. Noch bis tief in die
Nacht wogte die Bevllkerung auf und ab durch die Straen. Bei der
Alltglichkeit von Feuersbrnsten in den groen trkischen Stdten, wo die
Regierung selbst oft ganze Quartiere abbrennen lsst, um die Bewohner zum
zweckmigeren Neubau zu zwingen, war der Brand jenseits des Golfs zwar bemerkt
worden, aber Niemand achtete darauf, noch weniger fiel es Jemand ein, Hlfe
dahin zu bringen.
    Am nchsten Morgen - Welland hatte von der Erregung der Nacht bis in den
Vormittag hinein geschlafen, - begab er sich sofort zum amerikanischen Consul
und reclamirte der erhaltenen Weisung gem Costa als amerikanischen
Schutzangehrigen auf Grund eines Passes, den der Ungar von den Vereinigten
Staaten erhalten haben sollte. Zu seiner Verwunderung fand der Arzt den Consul
sofort bereit, auf das Verlangen einzugehen. Es schien, als ob er bereits darauf
vorbereitet gewesen und er theilte ihm mit, da am Morgen eine amerikanische
Corvette von Constantinopel angekommen sei und im Hafen Anker geworfen habe, ein
glcklicher Zufall, der ihrer Forderung den nthigen Nachdruck geben mute. Eine
Stunde darauf trat, durch einen Boten herbeigerufen, der Capitain der Corvette
in Begleitung eines seiner Offiziere bei dem Consul ein und begab sich mit
demselben zu Herrn von Wexbecker, um die Reclamation einzulegen. Der
sterreichische General-Consul empfing sie zuvorkommend, und obgleich er die
Begrndung der Ansprche bezweifelte, erklrte er sich bereit, die Amerikaner an
Bord des Hussar zu begleiten, um durch eine eigene Unterredung mit Costa ihnen
genauere Information zu verschaffen. Welland erwartete in aufregender Spannung
im Consulats-Gebude ihre Rckkehr, und als er endlich das Boot von der Brigg
wieder abstoen, zur Corvette rudern und dann zum Lande zurckkehren sah, eilte
er ihm auf die Marina entgegen. Der amerikanische Consul brachte jedoch
schlechte Nachrichten. Costa hatte trotzig sich als Ungar erklrt und zwar
angefhrt, da er sich einige Zeit in Amerika aufgehalten und von dort nach
Smyrna gekommen sei, aber ber seine Schutzangehrigkeit oder das Vorhandensein
eines Passes keine, einigermaen zum weiteren Einschreiten berechtigende Angaben
machen knnen. Unter diesen Umstnden hatten die Amerikaner von der Reclamation
Abstand nehmen und den Ungar seinem Schicksale berlassen mssen, das er
brigens mit ungebeugtem Sinne trug. - Welland war sehr bestrzt ber die
Nachricht, der Consul jedoch fhrte ihn bei Seite und versicherte ihm, da in
der Angelegenheit noch Nichts verloren sei, da Herr von Wexbecker sich weiter
bereit erklrt hatte, vor der Abfhrung Costa's mit dem nchsten Lloyddampfer
nach Triest erst die weitere Entscheidung der beiden Gesandtschaften in
Constantinopel abwarten zu wollen, an die sofort die nthigen Berichte gesendet
werden sollten. Der amerikanische Capitain war bereits angewiesen, sich jeder
frheren Wegfhrung des Gefangenen nthigenfalls mit Gewalt zu widersetzen. Fr
das Weitere, meinte mit schlauem Lcheln der Amerikaner, werde man schon in
Constantinopel sorgen. Beruhigt schied Welland von ihm und wandte sich wieder zu
Marina, um den Fremden Costa's diese trstliche Nachricht mitzutheilen, denn
rasch hatte sich die Kunde von der verweigerten Auslieferung in der Stadt
verbreitetet. Eine Zeitung zur Hand nehmend, setzte er sich am Eingang des
englischen Caf's (Caf Paulo) nieder.
    Es war der Abend des 23. Juni. Das Belvedere des Caffeehauases begann sich
nach und nach mit Fremden und Einheimischen zu fllen. Bald darauf traten Arm in
Arm zwei junge Offiziere von der sterreichischen Brigg auf den offenen Raum,
lieen sich an dem zweiten Tisch von Welland nieder und forderten Eis und
Limonade. Es waren der Schiffslieutenant von Auerhaummer und der Marine-Aspirant
Baron von Hackelberg, der einzige Sohn des Feldmarschall dieses Namens. In dem
Zweiten erkannte Welland den Offizier, welcher am Morgen seiner Ankunft zum
Egytto gekommen und das Boot der Italiener zurckgewiesen hatte. - Die beiden
jungen Leute, keck die allgemeine Mistimmung herausfordernd, lachten und
scherzten ziemlich laut und hatten, wie man spter erfuhr, schon whrend des
ganzen Morgens sich unachtsam durch die Straen Smyrna's umhergetrieben. Viele
Blicke ruhten mibilligend oder ngstlich auf ihnen, dennoch ahnte Niemand die
schreckliche Katastrophe, die folgen sollte.
    Auch Welland hatte mit einer gewissen Unbehaglichkeit und Besorgni die
kecke Haltung der beiden hbschen jungen Mnner bemerkt, und dies um so mehr,
als kurz nach ihrem Erscheinen sein Wiener Reisegefhrte sich fr einige
Augenblicke einfand, heimlich mit den beiden Offizieren sprach und einzelne auf
ihn fallende Blicke zeigten, da von ihm die Rede sei. Er wollte, um dem
widrigen Eindruck zu entgehen, sich eben entfernen, als mit Lrmen und Gerusch,
offenbar sehr erregt, eine neue Gesellschaft den Platz betrat und am Tische
neben Welland, gegenber dem der Offiziere, Platz nahm. Es waren Fumagalli, der
Ungar Bassitsch, dessen Hand fortwhrend in der Brusttasche spielte, Lepicq, ein
franzsischer Fechtmeister, zwei andere lombardische Flchtlinge, Budoli und
Cugini, und der Pole Sczukowski. Aller Blicke hafteten sogleich auf den beiden
Oesterreichern und Fumagalli gellte ein wildes Lachen auf, indem er Bassisch auf
die Schulter schlug und offen auf den Baron wies. Per bacco amico, da haben wir
unser Vglein von vorgestern! Jetzt kann ich Revange nehmen! - Die Offiziere
hatten Besonnenheit genug, die offenbare Beleidigung nicht zu bemerken, und
unterhielten sich leise, whrend die Angekommenen ringsum die Sthle besetzen,
so da kein Ausgang offen blieb, und Welland rasch zu dem in der Nhe
befindlichen Wirth des Caf's, Signor Paulo, trat und ihm einige Worte
zuflsterte.
    Bassa manelka! fluchte Bassitsch. Grogk hierher! Rasch!
    Der Arzt aber nahete sich der Gesellschaft und suchte durch ein geschicktes
Manver die Mitte zwischen den beiden Tischen zu decken.
    Zum Teufel, Doctor, schnob der ersichtlich schon angetrunkene Ungar,
gehen Sie mir da aus dem Wege, Sie geniren mich im Anblick der verfluchten
Rcke, die wir an der Thei und Donau manch liebes Mal geklopft haben. Ein
Kossuth! und der Teufel hole die deutschen Tyrannenknechte!
    Der Wirth, der das Verlangte gebracht, war am Tische der beiden
Marine-Offiziere vorbergegangen, und sich dort ein Geschft machend, flsterte
er ihnen zu:
    Meine Herren, ich rathe Ihnen dringend, sich zu entfernen, es ist hier
nicht geheuer fr Sie und ich stehe fr Nichts.
    Eine kurze und leise Berathung zwischen den jungen Leuten folgte, dann
standen Beide rasch auf und versuchten fortzugehen. Welland hatte in diesem
Augenblicke ihnen den Rcken zugekehrt und war bemht, Bassitsch, der ihm der
Gefhrlichste schien, zu beschftigen. Er gewahrte deshalb nicht, wie das
schwarze Auge des Italieners Fumagalli jeder Bewegung des Aspiranten folgte,
gleich dem Blick der Schlange, mit dem sie die ngstlichen Windungen ihres
Opfers belauert. Fumagalli hielt den Fu weit vorgestreckt, so da er damit den
Ausgang zwischen den Sthlen versperrte. Der Baron von Hackelberg war voran;
obschon er die offenbare Herausforderung des Lombarden erkannte, hatte er
Geistesgegenwart genug, seine Ruhe zu bewahren, fate mit der Linken an die
Mtze und sagte hflich:
    Signor, erlauben Sie, da wir passiren!
    Zur Hlle! gellte die Stimme des Lombarden, der wie ein Raubthier
emporsprang und sich auf den Offizier warf. Einen hellen schlanken Blitz sahen
die Umsitzenden zucken und sich zwei Mal in die linke Brust des jungen Mannes
vergraben, da die Mordfaust gegen die Uniform stie. Der Baron taumelte, wie
von dem Sto auer Haltung gebracht, zurck an das Gelnder, dann fate er es
mit beiden Hnden, stie einen einzigen lauten, kreischenden Schrei aus und
schwang sich mit krampfhaftem Sprung hinber in's Wasser, das ihn spurlos
verschlang. Zugleich waren die umsitzenden Flchtlinge, wie als htten sie auf
dies Mordsignal gewartet, aufgesprungen und strzten sich mit ihren schweren
Stcken und Dolchen aus den Lieutenant von Auerhammer, ehe dieser noch im Stande
war, sein Seitengewehr zu ziehen. Mehrere Hiebe ber den Kopf warfen ihn zu
Boden, drei Dolchste verwundeten ihn, zum Glck nur leicht. Wie ein Rasender
rang Bassitsch mit dem deutschen Arzt, der im Innersten emprt um Hlfe gegen
die Mrder rief. Zu zweien Malen rang der Ungar die Rechte los und scho jedes
Mal ein Pistol gegen den schon am Boden liegenden Offizier ab, zu dessen
Beistand jetzt einige Caffeegste herbei geeilt waren, die mit erhobenen Sthlen
und was zur Hand war, die wthenden Mrder zurcktrieben. Aber die Bemhungen
Welland's machten den Schu unsicher, und nur die zweite Kugel streifte leicht
den Verwundeten.
    Zum Teufel mit Euch! tobte Bassitsch; Ihr seid auch ein deutscher
Verrther, der unsre Feinde schtzt!
    Seid Ihr toll, Signor Dottore? knirschte Fumagalli und ri den Arzt
zurck. Wer ein Freund der Freiheit ist, steht zu uns, nicht zu Jenen!
    Welland stie ihn von sich. Meuchelmrder! Wenn das Euer Kampf fr die
Freiheit ist, wnschte ich Euch nie gesehen zu haben. Fliehet, da es noch Zelt
ist!
    In der That drngte eine immer grere Menge herbei; die blutige That hatte
das bessere Gefhl des Publikums wach gerufen und Drohungen gegen die Mrder
lieen sich hren. Vor der Ueberzahl zogen sich diese zurck, und die blutigen
Waffen schwingend, jubelnd ber die grliche That, zerstreuten sich auf der
Marina, whrend Welland und zwei Smyrnaer Kaufleute den Verwundeten rasch in
eine Barke trugen und hinaus in's Meer rudern lieen, um ihn so vor einem neuen
Angriff zu retten. Hier auf der See verband der Arzt die Wunden des Offiziers
und brachte ihn aus der Ohnmacht zum Leben zurck. Dankbar drckte der junge
Mann ihm die Hand und wurde dann von den Kaufleuten zugleich mit der Kunde des
Mordes nach dem Schiffe gebracht, inde Welland in einem anderen Nachen nach dem
Ufer zurckkehrte. Dort hatten unterde die Nachsuchungen nach der Leiche des
jungen Barons von Hackelberg begonnen. Der sterreichische General-Consul mit
den Khawassen des Consulats und der gesamten bewaffneten Dienerschaft war
herbeigeeilt, bald darauf traf ein Boot mit Marinesoldaten vom Hussar ein und
die Nachforschungen nach dem Unglcklichen dauerten bis spt in die Nacht, aber
erfolglos. Erst am anderen Mittag gelang es, seine Leiche zu finden. Sie lag
genau auf demselben Fleck auf dem Meeresgrnde, an welchem er sich im
Todeskampfe in's Wasser geworfen, mit den Hnden fest an die Steine des Grundes
geklammert. Der zweite Stich des Mrders hatte das Herz durchschnitten.
    Zwei Tage darauf wurde die Leiche beerdigt; die Mannschaft der Brigg und das
Personal des sterreichischen General-Consulats folgten. Von den anderen
Consuln, denen allen Anzeige und Einladung zugegangen war, hatten nur der
sardinische und der preuische, letzterer aus einer jdischen Familie stammend
und in den Jahren 1849 und 50 ein gewandter Agent des Minister-Prsidenten, Muth
und Ehre genug, zu folgen.
    Am Abend des Mordes und whrend der nchsten Tage durchzogen die Banden der
Flchtlinge triumphirend und herausfordernd die Straen in der Nhe des
sterreichischen Consulats und drohten, dieses zu strmen, so da ein Commando
der Marinemannschaft darin Posten nehmen mute.
    Als Welland, an's Ufer zurckgekehrt, nach der nahen Behausung eilte, fand
er dort bereits den Knaben Mauro seiner harren, und eilig trat er mit ihm den
Weg zu dem Freunde nach dem Versteck des Rubers an. Er begann zu begreifen, da
auf diesem Boden und in diesem Kampf der entfesselten Leidenschaften das Leben
des Einzelnen ein werthloses, kaum beachtetes Ding sei, das nicht das Gesetz,
sondern die eigene Kraft schtzen msse. Unter banger Besorgni, auch dort,
wohin er ging, Schlimmes zu finden, nahete er durch die Cypressen der Friedhfe
den mchtigen, aus den Schatten des Abends sich erhebenden Ruinen.

                                    Funoten


1 Besika-Bai.

2 Der trkische Gouverneur einer Stadt.

3 Die Landwehr.


                               Die Doppelgnger.

In den glnzenden Salons der Frsten Lieven, dieses weiblichen Talleyrand's der
letzten Jahre, in der Strae Saint Florentin 2, bewegte sich die glnzende
Versammlung in jener ungenirten Weise, der hchsten Circles von Paris. Es war
der Abend allgemeinen Empfangs, und was die Weltstadt an Notabilitten der
Administration und Diplomatie, der Kunst, der Wissenschaft und der Brse, so wie
von Fremden bot, begegnete sich auf diesen Parkets mit den Lions und Lionnes der
Mode. Die Salons der Frstin hatten in dieser Zeit ihre wichtige politische
Bedeutung; denn alle Parteien fhlten sich hier gewissermaen auf neutralem
Felde, und bei der immer ernster sich gestaltenden Spannung zwischen den Hfen
von Frankreich, England und Ruland bot sich hier eine Gelegenheit zu
Besprechungen und Verhandlungen, die weniger fr den offiziellen diplomatischen
Verkehr geeignet, doch oft tief einschneidend und von weithin tragender
Wichtigkeit waren. Die Frstin, ganz geschaffen fr die politische Intrigue,
wute mit dem ihr eigenen Tact die feindlichen Parteien zu beschftigen und aus
all' dem bunten und wechselnden Verkehr ihre Vortheile zu ziehen.
    Jeder Fremde von durch Geburt, Rang, Reichthum oder Ruf ausgezeichneter
Lebensstellung, der zu jener Zeit in Paris war, wei, da zugleich diese Soireen
die reichhaltigsten und angenehmsten an geselligen Vergngungen waren, die man
finden konnte, und da neben der politischen Intrigue hier manches
geheimnivolle und interessante Band der Herzen sich knpfte, manches Rendezvous
hinter dem Rcken des im Nebenzimmer verkehrenden Gatten oder der wachsamen
Familie gegeben wurde. Bei den in dieser Beziehung ohnehin laxen Sitten und
Begriffen der pariser Gesellschaft, die nur auf gewisse uere Gesetze der
Schicklichkeit basirt ist, sind die Versammlungen der vornehmen Kreise oft der
Kuppler fr Verbindungen und Speculationen jeder Art.
    In einem mit grnem Damast ausgeschlagenen, nur durch die erhobene Portiere
von diesem getrennten Nebencabinet des groen Salons, in dem getanzt wurde,
saen auf einer ppigen Causeuse zwei Mnner. Der Eine von ihnen, einige Jahre
lter als der Andere und etwa sechs- bis achtundzwanzig zhlend, trug die
prchtig-phantasische Uniform eines Capitains der Garde-Zuaven, jenes Elitecorps
aus den gewandtesten und verwegensten Kriegern Algeriens. Sein Gesicht war das
mnnlich-schne, muthige eines chten franzsischen Soldaten mit Zgen, die jene
Aristokratie der Geburt zeigen, welche Namen und Wappen nur besttigen, nicht
verleihen knnen. Auf der breiten Brust mit der silbergestickten blauen Jade
prangte das Ritterkreuz der Ehrenlegion, von dem Janin unter Louis Philipp einst
schrieb: Il est une honte, de l'avoir et de ne l'avoir, das seitdem aber wieder
neue Wrde gewonnen. Neben ihm, mit dem Lorgnon vor dem Auge, sa einer jener
hocharistokratischen Flaneurs in den Modecirkeln von Paris, denen ihr vornehmer
Name und ihre elegante Toilette trotz ihrer ruinirten Verhltnisse berall
Eintritt verschafft, ja die mit einer scharfen und witzigen Zunge begabt, als
Chronik des Tages berall willkommen oder gefrchtet sind. Am Spieltisch eben so
zu Hause wie im Boudoir der Damen, an der Tafel des Ministers wie in den
galanten Soireen der demi monde leben diese Mnner ein rechenschaftsloses Leben
des Genusses, das entweder an einem Degenstich im Gehlz von Boulogne oder an
einer Pistolenkugel endet, die falsche Wechsel und den Arrestbrief des
Glubigers quittirt. Zuweilen auch, denn mit dem alten Namen voll
legitimistischer Bedeutung verbindet sich oft Talent, Geist und Herz, reit ein
unerwarteter Schlag sie aus diesem Leben luxurisen Migganges und wirft sie in
eine Bahn, wo alle Eigenschaften des glnzenden franzsischen Geistes sich
ehrenvoll entwickeln.
    Alfred de Saz, einer der Modeknige des Tages, gehrte zu den Leuten, denen
es nicht an diesen hheren und besseren Eigenschaften fehlte, die aber nur wie
Lichtblicke auftauschen aus dem tdtenden Firni seiner modernen Erziehung.
    Am anderen Ende der Causeuse, auf einen Sessel gesttzt, lehnte ein noch
sehr junger Mann in russischer Uniform, dessen eigenthmlicher, wunderschn
geformter Kopf sofort auffiel, whrend sein Auge unruhig und zerstreut
umherschweifte und er nur hin und wieder auf die pikanten Plaudereien seines
Nachbars zu hren schien. Braunes Haar in wirren Locken umgab ein Gesicht, das
in khnem Oval vorspringend eine beraus schne leichte Beugung der Nase zeigte,
whrend dunkle hochgezogene Brauen das glnzende Auge einrahmten. Die
eigenthmlichste Schnheit dieses Gesichts bildeten jedoch Mund und Kinn, der
erstere, von einer halb aufgeworfenen Oberlippe bedeckt, die in ihrer Mitte das
glnzende Wei der Zhne durchschimmern lie; das Kinn, von krftiger runder
Contour und von jenem seltenen und stets einen energischen unbeugsamen Charakter
voll mchtiger Gefhle oder Leidenschaften verrathenden Schnitt, welcher nicht
im scharfen Winkel gegen den Hals zurcktritt, sondern bei dem die Linie des
Halses am Vorderkinn selbst ihren Anfang zu nehmen scheint und gleichsam gewlbt
nach der Brust zu sich herabsenkt. Das Gesicht, von jenem durchsichtig rothen
Teint gefrbt, den man Blutteint zu nennen pflegt und der z.B. in jngeren
Jahren das hnliche Antlitz der Knigin Victoria auszeichnete, war zu
auffallend, um je wieder vergessen zu werden, und hatte bei dem Mangel jeden
Bartes zugleich ein Aussehen, das den Beschauer an stolze Frauenschnheit
erinnerte.
    Sie sind aber auch der unaufmerksamste Zuhrer, den man sich denken kann,
Frst, sagte lachend der Lion zu dem eben beschriebenen jungen Mann. Seit
einer halben Stunde bin ich bemht, mit einem Pinsel, der dreist mit Hogart oder
Cruickshank wetteifern kann, Ihnen die Silhouetten der werthen Gste Ihrer noch
wertheren Frau Tante zu geben. Was ich Ihnen da erzhle, wrde das Glck eines
Memoirenschreibers machen und von unseren Feuilletonisten verschlungen werden,
aber Sie sind und bleiben zerstreut und scheinen selbst den Vicomte angesteckt
zu haben. Er betrachtet Sie mit Blicken, als wren Sie die Frstin, Ihre schne
Schwester, der er bekanntlich stark den Hof und die sich eben, wie ich sehe, von
Oberst Wassilkowitsch zum Contretanz fhren lt.
    Er unterbrach sich lachend und sah die beiden Nachbarn neckend an.
    Ah, meine Herren, hab' ich endlich den rechten Punkt getroffen? - Sie sind
ja Beide ganz roth und erregt. Wre es wahr, Frst, da Sie eiferschtig sind
auf Ihre Schwester wie ein Trke? und Sie, Mricourt, kann dies starre lauernde
Gesicht, das ich, valga me Dios! wahrhaftig auch nicht liebe, einen berhmten
Krieger, wie Sie, so leicht in Harnisch bringen?
    Der Capitain legte ihm die Hand auf den Arm.
    Keine Scherze, de Saz, sagte er ernst, der Gegenstand ist zu hoch dazu.
    Bon! So wende ich mich zu einem geeigneteren Bilde. Sehen Sie, Frst, dort
jene lange hagere Gestalt mit der hohen fabelhaft weien Cravatte? Da es Einer
unserer neuen Herzensalliirten ist, ein Exemplar, das uns Azincourt und
Waterloo, Malplaquet und St. Helena vergessen machen soll, brauche ich nicht
erst zu sagen. Man wittert den reisenden Briten auf hundert Schritt. Der Mann -
Lord Scherkliffe, Parlamentsmitglied und Besitzer einiger solider Grafschaften -
macht jetzt Aufsehen in unserer guten Stadt Paris, und wenn er das glattrasirte
Kinn in die Loge der italienischen Oper steckt, wenden alle Damen die Glser
nach ihm. Wissen Sie, warum? Er ist ein Othello ganz neuer Art. Lord Scherkliffe
ist einer der ersten Gemldekenner unserer Zeit und beschftigte vor etwa fnf
Jahren einen jungen Maler in Rom, einen Italiener, der bereits durch seine
Bilder auf allen Ausstellungen einen bedeutenden Namen erworben hatte. Der gute
Lord besa neben seinen Millionen eine blonde Lady, der aber der rmische
Knstler besser gefiel, als der langweilige Bildernarr, ihr Gemahl. Erst nach
mehreren Monaten berzeugte sich dieser, da er auch hier den Narren gespielt,
empfahl sich hflich seinem Proteg, dem Maler, und reiste mit der verliebten
Dame nach Hause, wo er sie manierlich ihren Eltern ablieferte, nachdem er ihr
die in Rom gemachte Entdeckung mitgetheilt. Dann ging er auf Reisen und besuchte
Deutschland, Ruland, Italien, und sammelte berall zu enormen Preisen Gemlde.
Mit einem ganzen Wagen voll kam er nach Rom, besuchte seinen alten Freund und
kaufte alten Freund und kaufte ihm die neuesten Werke seines Pinsels ab. Kaum
war er im Besitz derselben, so verlangte er Genugthuung fr seine Hahnreischaft
und forderte den Erstaunten auf Pistolen. Man schlug sich, und mit dem ersten
Schu lhmte der Englnder dem Knstler den linken Arm. Nach einem halben Jahre
kam er wieder und bestand auf einem zweiten Duell. Der Knstler mute sich fgen
und die Kugel des beleidigten Eheherrn traf sein rechtes Handgelenk, so da die
Hand amputirt werden mute. Als die Kur glcklich vorber war, erschien der Lord
am Krankenbett seines Feindes und sagte ihm gelassen: Ich habe jetzt meine Rache
befriedigt. Sie sind als Knstler zu einem lebendigen Tode verdammt. - Sie irren
sich, entgegnete der Unglckliche; meine Werke werden Ihre Bosheit berleben.
Der Ruhm meiner Madonna in Paris, meiner Auferstehung in der Gallerie von
Petersburg und zahlreicher anderer Werke vermgen Sie nicht zu vernichten. Ich
kann nicht mehr malen, aber meine Bilder werden meinen Namen lebendig erhalten.
- Der Lord zeigte ihm ein Papier. Ist diese Liste Ihrer Bilder vollstndig? -
Mit Staunen bejahte der Knstler. - So bin ich im Besitz aller Ihrer Werke,
selbst die Skizzen habe ich nicht vergessen. Es hat mit viel Mhe gemacht und
viel Geld gekostet, aber ich habe meinen Zweck erreicht. Wollen Sie mich nach
Hause begleiten, um sich zu berzeugen? mein Wagen wartet. - Der Unglckliche
begriff und bat um Gnade. - Sie haben meinen ehelichen Frieden gestrt, ich
vernichte den Ihren, sagte Scherkliffe eisig. Sie sollen das Gefhl mit sich
umherschleppen, da keine Spur Ihres Namens und Ihres Talents auf der Welt
zurckbleibt. - Nach einer Stunde brachte ein Diener dem Verstmmelten eine
groe Urne voll Asche, - sie enthielt Alles, was von seinen Werken auf der Welt
brig war.
    Das ist teuflisch! rief der Capitain.
    Ein Mann, der zu hassen und zu lieben versteht! versetzte der junge Russe.
    Halt, mein Frst! plauderte Saz weiter, das verstehen wir wahrhaftig
auch, nur auf andere Weise. Sehen Sie dort Marschall St. Arnaud? Die Fama
bezeichnet ihn bereits als Commandeuer en chef, wenn Ihre Maje Majestt unsern
kleinen Neffen des groen Onkels im Invalidendom zum Aeuersten zwingt. Der
liebe Marschall scheint eine neue Intrigue des Prinzen zu wittern, der gern fr
seine Reputation einige nothwendige erste Lorbeeren pflcken mchte, und hofft
ihr hier auf die Spur zu kommen. Wissen Sie, da dieser unser lieber General vor
kaum Jahresfrist seinem Busenfreund den Sbel durch den gestoen hat, blo weil
dieser ihn bei Madame, seiner Frau, in zarter Situation getrossen und aus dem
Hause geworfen hatte?
    Mricourt lachte.
    Sie sind die boshafteste Zunge, die mir noch vorgekommen Saz, sagte er.
Ich darf die Ehre der Armee durch Sie nicht so gefhrden lassen.
    Eh bien, mein lieber Vicomte, ich bin nicht schwierig. Gehen wir von der
Armee zur Diplomatie ber. Unser getreuer Verehrer der Rachel ist freilich nicht
hier und intriguirt jenseits des Kanals, aber ich kann Ihnen Ersatz geben. Sehen
Sie da den Herrn der eben mit Persigny spricht, Oberst Fleury geht gerade an ihm
vorber. Nun wohl! Der liebe Graf hat krzlich sein diplomatische Probestck
abgelegt und wird sicher Carrire machen. Sie kennen Madame Fontaille, unsere
allerliebste Soubrette? Nicht? Auch gut; sie ist die Schnheit des Tages und
unsere Brsenknige ruiniren sich um sie. Der Graf lie sich ihr im Zwischenakt
der groen Oper vorstellen und bat um Erlaubni, am nchsten Abend eine Tasse
Thee bei ihr tte  tte trinken zu drfen. Madame antwortete ungenirt: Ich
nehme zu einer Tasse Thee ein Pfund Zucker, aber von dem, der zehntausend Francs
das Pfund kostet. So theuren Zucker mchte ich Ihnen freilich nicht umsonst
geben und mir doch auch nicht von Ihnen bezahlen lassen. Mir fllt ein Ausweg
bei! Bringen Sie die zehntausend Francs in Banknoten mit und wir werden mit
diesen die Flamme unter dem Theekessel heizen. Dann beweisen wir Beide gleiche
Uneigenntzigkeit. - Der angehende Diplomat findet im Augenblick keinen
passenden Rckzug und sagt zu, erzhlt aber die Sache einigen Freunden, die
diesen Thee allzu gezuckert finden. Ich selbst sagte ihm: Madame die zehntausend
Francs geben, es ist theuer, aber es passirt! Sie verbrennen, das wre Tollheit!
Sie richten damit Ihre Carrire zu Grunde, denn kein Minister des Aeuern wird
einen Narren zu Ambassadeur machen! - Am anderen Abend begab sich der liebe
Graf, mit dem Pckchen wohlgezhlter Banknoten richtig zu der Schauspielerin.
Man plaudert und erwartet den Thee. Sie bestehen also auf dem Autodafe? - Gewi
und hier sind die Bankbillets. - Der Graf bergiebt ihr zehn chte Billets zu
tausend Francs. Madame griff fieberhaft danach. Nicht wahr, es ist doch schade
darum? - Ei, so verbrennen Sie sie nicht. - Nein, es ist ausgemach, wir bleiben
bei unserem Progamm! und sie legt das Pckchen auf einen Tisch, der mit
hunderterlei Nippsachen bedeckt ist. Der knftige Vertreter des Kaiserreichs
spielt plaudernd mit diesen Kleinigkeiten, nimmt Eines und das Andere in die
Hand und im Augenblick als man den Thee bringt, ist die Escamotage, oder
Prestidigitaton wie Houdin sagt, geschickt ausgefhrt. Die Flamme des
Weingeistes leckt mit ihrer blauen Zunge nach dem versprochenen Opfer; Madame
ist uerst erregt und lebendig, tanzt von einem Ort zum andern, erfat endlich
das Pckchen, schwingt sich im Kreis umher und im Hui - wirft sie ein anderes in
die Flamme, die sogleich die leichten Bltter verzehrt; das Pseudopckchen aber
ist geschickt in einer vorsichtig zwischen Blumen zurechtgestellten Vase
verschwunden. - Kaum hrt sie nach Mitternacht den Wagen des Glcklichen
fortrollen, so eilt zu dem Versteckt, das die geretteten zehntausend Francs
bergen soll und zieht hervor - ein Pckchen jener den Banknoten so zierlich
nachgeahmten Adrekarten! - Es heit, die Dame habe bittere Rache geschworen,
Monsieur le Comte aber ist, wie Sie sehen, auf dem besten Wege.
    Mricourt und Frst Iwan lachten.
    Der Graf ist kein Gentleman, sagte der Letztere. Man tuscht ein Weib
nicht um solche Bagatelle.
    Pah! Bagatelle! entgegnete lustig Saz. Das man Frst Oczakoff sagen, der
seine Silber-und Goldminen im Ural besitzt und auf seinen Steppenlndern die
Bauern nach Tausenden zhlt, aber nicht wir Franzosen, die hchstens im
Brsenspiel noch Millionaire werden knnen. Doch da ist die Quadrille zu Ende,
lassen Sie nher treten.
    Die drei jungen Mnner erhoben sich und traten an den Eingangbogen zum
Salon, durch den eben eine Dame am Arm ihres Tnzers hereinrauschte. Es war die
Frstin, Iwanowna Oczakoff, die Zwillingsschwester des vorhin Beschriebenen. Das
Spiel der Natur hatte eine wahrhaft fabelhafte Aehnlichkeit zwischen beiden
Geschwistern erzeugt. Nicht nur Wuchs und Gesicht, selbst Stimme und Minenspiel
waren an den beiden zusammen erzogenen schnen Erscheinungen ganz dasselbe ja,
man versicherte, da diese Aehnlichkeit sich auf die kleinsten Details des
Lebens, bis auf die Handschrift ausdehnte. Nur ein zarterer Alt-Accord
unterschied die Stimme, das lange, ppige Lockenhaar, auf dem ein goldgestickter
smyrniotischer Fez schwebte, den Kopf der jungen Frstin von dem ihres Bruders.
In den Augen der Dame lag der ganze that- und willenskrftige und dennoch
hingebende Charakter ihres Bruders. Eine kstliche Robe von grnem Moire hob
die volle Gestalt der nordischen Schnheit, die seit vier Monaten die junge
Aristokratie von Paris zu ihren Fen sah.
    Es war in der That wohlthuend in dieser kalten pikanten Modewelt, in diesem
Wogen herzloser Berechnung, politischer Intrigue und ehrgeiziger Gedanken, die
aufrichtige Liebe und Herzlichkeit zu sehen, mit welcher das junge Mdchen den
Arm ihres Begleiters verlie und auf den geliebten Bruder zueilte.
    Warum nicht beim Tanz, Iwan? fragte sie zrtlich. Sie machen sich eines
Vergehens schuldig, meine Herren, indem Sie meinen Bruder von einem Vergngen
abhalten, das er sonst leidenschaftlich liebte. Aber freilich, seit einiger Zeit
scheint er fr alles Vergngen ganz verloren, und ich wei wirklich nicht, ob
die hohe Politik oder welcher Dmon sonst ihn mir ganz verwandelt hat.
    Apoll und Diana mssen doch durch Etwas unterschieden sein, gndigste
Frstin, sagte Saz galant; aber Sie haben Recht, auch mir ist heute seine
Zerstreutheit aufgefallen. Wenn man die Knigin der Schnheit als Schwester
besitzt, so hat man nicht das Recht, sich selbst und seinen Launen anzugehren.
    Marquis, Sie sind und bleiben der unntze Schwtzer. Aber meine
schwesterliche Liebe scheint Sie Alle in einer interessanten Unterhaltung
gestrt zu haben, denn auch der Herr Capitain spielt den Ernsten und ist nicht
einmal so galant, mich an das Versprechen zu erinnern, das ich ihm gegeben.
    Der Offizier blickte sie an, ein rascher verstohlener Wink des Arges
bedeutete ihn und er entgegnete mit einer Verbeugung:
    Ma Princesse thun mir Unrecht, Sie wissen, da Sie keinen aufmerksameren
Sclaven als mich haben.
    Iwanowna, den Arm in den ihres Bruders geschlungen, der mit ihrem Begleiter
sprach, lchelte schelmisch.
    Ich will es fr diesmal glauben, obschon der tapfere Zuavenfhrer und
Lwentdter sich den Rang von einem nordischen Barbaren, wie Ihr Frankreich uns
zu nennen beliebt, hat ablaufen lassen. Aber ich be Gromuth und habe den
nchsten Tanz fr Sie aufbewahrt, wenn nicht Iwan etwa sein Vorrecht geltend
machen will.
    Ich tanze heute nicht, Iwanuschka, sagte der Bruder zrtlich, Du mut
mich dispensiren.
    Da sehen Sie, thut der leidige jngste Attach nicht wirklich, als htte er
das Gleichgewicht Europa's auf seinen zwanzigjhrigen Schultern zu tragen? -
Doch  propos, meine Herren, kann mir Einer von Ihnen Auskunft geben, wer der
wrdige Palikare ist, der heute im Salon meiner werthen Tante Aufsehen macht?
    Wenn Sie als Belohnung Ihrem unterthnigsten Verehrer die Quadrille nach
meinem Freund Mricourt versprechen wollen, Frstin, meinte Saz, so verrathe
ich Ihnen das diplomatische Geheimni seiner Vergangenheit.
    Geschwind, geschwind; Sie sehen ja, ich sterbe vor Neugier.
    Bemerken Sie wohl, gndigste Frstin, plauderte der junge Mann, da
Commandant Kalergis den Fe sorgfltig ber das linke Ohr gezogen und deshalb
trotz seiner franzsischen Sympathieen das griechische Costm trgt. Seine
jetzigen Alliirten, die Trken, schnitten das Ohr ihm ab, als er den Todten
spielte nach der Schlacht am Pyrus, und das briggebliebene kostet ihm baare
12,000 Piaster Lsegeld. Aber er hat die Summe reichlich wieder eingebracht in
verschiedenen Mnzsorten. Denn schon 1843, als Herr Kalergis von der Emeute des
15. September nach Hause zurckkehrte, hatte sich die russische Gesinnung, mit
der das Haus Ihres Gesandten Katakasi verlie, in eine englische verwandelt. Er
hatte wohl begriffen, da er seine Rolle schlecht gespielt; der Zweck der Emeute
gegen Knig Otto war verfehlt, die Rubel waren eingesteckt, es handelte sich
jetzt darum, sich fr englische Pfunde zu verkaufen. Grobritannien machte ihn
zum Militair-Obercommandanten von Athen, aber der 4. August jagte ihn
schmachvoll davon. Als der Lord-Ober-Commissar ihm spter den kleinen Vorschu
von 10,000 Thalern nicht bewilligen wollte, um Coletti's Regierung zu strzen,
warf er sich Frankreich in die Arme. Man sagt, da der Kaiser groe Plne mit
ihm vor hat. Gegenwrtig hat er seinen Sohn hierher gebracht, den der Kaiser auf
seine Kosten erziehen lt.
    Ein echter Grieche, - feil jedem Gebot! sagte Mricourt.
    Entschuldigen Sie, Capitain, bemerkte Wassilkowitsch; Herr Kalergis ist
ein Landsmann unserer schnen Freundin. Er ist Russe von Geburt, aus Taganrog,
wo seine Mutter noch lebt. Seine erste Erziehung erhielt er in Petersburg, wo
ihm noch reiche Verwandte, theils als Kaufleute, theils im kaiserlichen Dienst,
wohnen. Erst im Jahre 1821, beim Ausbruch der Erhebung, kam er nach
Griechenland.
    Also politischer Marodeur; jedenfalls verspricht der Charakter noch viel
fr die Zukunft.
    Und der Herr im Fez mit dem groen Stern des Christusordens auf der Brust,
mit dem Herr Kalergis eben spricht, wer ist das?
    O, Sie irren, mein Lieber, sagte de Saz; das ist nicht der
Christusorden, sondern ein unbekanntes Gestirn aus dem Firmament von Tausend und
Einer Nacht. Haben Sie denn aus unserm Constitutionel noch nicht von Leo, dem
Prinzen von Armenien, dem von Ruland schnde beraubten Thronerben des halben
Vorder-Asiens, gehrt? - Da sehen Sie die mysterise Person in Natura vor sich.
Der Prinz von Korikos, dfenseur de l'Eglise d'Orient, wie er sich in den
Journalen nennen lt, hat krzlich in London eine etwas scandalse Affaire
gehabt, und die Rcksichtslosigkeit der Queens-Bench hat ihn bewogen, London mit
seiner Abreise zu strafen. Ich wei wirklich nicht, - wenn es nicht Herr
Kalergis sein sollte, - wer die Unverschmtheit gehabt haben kann, diesen Herrn
hier im Salon Ihrer Frstin Tante vorzustellen, nachdem er so offenkundig etwas
starke Proclamationen gegen Ihren Czaren und Ihre Regierung durch alle Welt
verbreitet hat.
    Die ersten Streiche des Orchesters erklangen und machten dem Gesprche ein
Ende; Mricourt bot der schnen Frstin den Arm, sie in den Salon zu fhren,
whrend Saz forteilte, noch eine Tnzerin in dem Kreis der Damen zu finden.
Frst Iwan und der Oberst blieben zurck.
    Der Letztere war eine jener hageren Gestalten, die eben durch ihre Magerkeit
gro erscheinen. Er zhlte einige vierzig Jahre, sah aber wie ein Fnfziger aus;
sprlicher, nur durch die Kunst der Toilette gefrbter Haarwuchs ber der
hoch-kahlen Stirn, ein graues, oft in's Grnliche spielendes Auge und ein
aufgeworfener Mund ber massivem glnzendem Gebi machten den Eindruck lauernder
Ruhe bei einem brutal-sinnlichen Charakter. Die Uniform war mit Orden beladen,
da Graf Wassilkowitsch, zugleich durch Reichthum ausgezeichnet, zu verschiedenen
politischen Missionen gebraucht worden. Er war einer der Begleiter des Frsten
Woronzoff, der zu dieser Zeit - im letzten Stadium vor dem Ausbruch des
Zwiespalts - nach Paris gekommen war.
    Die beiden Russen standen am Eingang des Salons und schauten der Quadrille
zu, Beide dasselbe Paar, wiewohl mit sehr verschiedenen Blicken und Gefhlen,
verfolgend. Whrend Iwan trumerisch an der grazisen Schnheit der Schwester
sich weidete, hing das Auge des Obersten verzehrend an der ppig-schnen Gestalt
und wurde zum kalten Giftstrahl, wenn es sich auf ihren Tnzer wandte und die
lebhafte Unterhaltung beobachtete, die Beide pflogen. Endlich kehrte er sich zu
seinem Gefhrten und sagte mit jener Hflichkeit, unter welcher oft der Hohn
schlecht verborgen ist:
    Auf mein Wort, Frst, ein herrliches Paar! Es wird den Kaiser, unsern
Herrn, freuen, zu hren, da die Frstin Oczakoff dazu beitrgt, die Bande
wieder fester zu knpfen, deren Zerreien uns in diesem Augenblicke eben nicht
ganz angenehm wre.
    Wie meinen Sie das, mein Herr? fragte, sich rasch nach ihm wendend, der
junge Mann.
    Ei, mein Lieber, ich meine, was die ganze Welt spricht, da unser
franzsischer Freund auf dem besten Wege ist, Ihren Landsleuten in der Gunst
Ihrer schnen Schwester den Rang abzugewinnen, ja, man behauptet, man drfe der
franzsischen Kaiserstadt bereits zur Gewinnung einer unserer ersten Erbinnen
gratuliren. Der Vicomte soll ein Liebling des Kaisers sein.
    Die Hand meiner Schwester ist kein Gegenstand der Politik, sagte kurz und
rauh der Frst. Die Frstin Iwanowna Oczakoff wird nie ihr Herz einem Franzosen
schenken.
    Wassilkowitsch lachte.
    Da scheint sie nicht den Geschmack ihres Bruders zu theilen. Herr von
Mricourt erzhlt wenigstens viel von der Vergtterung, die Frst Iwan einer
interessanten Grisette des Marais zu Theil werden lt.
    Eine dunkle Rthe berflog das Gesicht des jungen Mannes, als er pltzlich
so unerwartet sein innerstes sorgfltig bewahrtes Geheimni dem Spott Fremder
Preis gegeben sah. Das ist erl - - Der Frst recollirte sich im eisigen Bild
seines Gegners. Das ist nicht mglich! Der Vicomte ist ein Ehrenmann!
    Das kann er immerhin sein und doch den knftigen Schwager gern vor einer
Mesalliance bewahren oder wenigstens der schnen Schwester sich dienstbar zeigen
wollen, die, wie man sagt, eine gewisse Herrschaft ber den Zwillingsbruder
ausbt, blo weil sie die Erstgeborene ist. Doch ohne Scherz, Frst, lassen Sie
uns offen reden, ich bin Ihr Landsmann und uns verbinden gleiche Interessen
gegen diese Fremden. Sie werden auf Ihren Wegen belauert.
    Der junge Mann fate krampfhaft seinen Arm. Beweise, Graf, Beweise!
    Ei, die sollen Sie haben! Sie erinnern sich, Frst, der letzten Soiree, die
Herr von Kisseleff am Dienstag dem Frsten Woronzoff und Herrn von Persigny gab.
Ich war zufllig und ungesehen Zeuge des Auftrags, den Ihre schne Schwester an
Herrn von Mricourt ertheilte, Sie zu beobachten und zu erforschen, woher seit
Kurzem Ihre seltsame Gemthstimmung komme und was Ihre hufigen heimlichen
Abwesenheiten zu bedeuten haben, deren Zweck Sie so sorgfltig zu verbergen
suchen. Sie knnen denken, Frst Iwan, da ein so galanter Verehrer, wie dieser
Franzose, mit Vergngen Alles versprach und Wort gehalten hat.
    Pest!
    Erinnern Sie sich vorgestern nicht eines Ganges durch die Rue Montmartre
zur Ecke der Strae Saint Joseph?
    Sie haben Recht, ich begegnete dem Vicomte und vermochte mich kaum von
seiner verwnschten Hflichkeit loszumachen.
    Nun wohl, Frst, Herr von Mricourt kennt die elegante Einrichtung des
zweiten Stockes im Hause Nr. 10 der Rue Joseph sehr wohl und wei, wer der
vornehme Fremde ist, der die hbsche, nur - wie der Vicomte sagt - allzu
leichtfertige Bewohnerin unterhlt und Tag und Nacht bei ihr ist. Ich hrte ihn
vorhin gegen Saz darber sptteln, ehe Sie erschienen. Blicken Sie hin und
sehen Sie, wie angelegentlich und eifrig der Franzose sich mit Ihrer schnen
Schwester unterhlt. Ich wette tausend Imperials, da er eben seinen Bericht
abstattet.
    Der junge Mann errthete und erbleichte abwechselnd vor innerer Aufregung.
Der schne und ppig geformte Mund zuckte. Der Spion soll mir ben!
    Wissen Sie, was man sogar behauptet, Frst? Sie sollen mit Ihrer kleinen
Grisette verkleidet den bal mabille, ja sogar die grande chaumire frequentiren
und ein flotter Tnzer dort sein.
    Diesmal war der Schlag zu arg, ein dunkler Purpur berzog das schne Gesicht
des jungen Mannes und der Zorn wich der Schaam; er schlug die Augen zu Boden.
    Ei was, lachte der Oberst, wre es wirklich wahr, Jugend mu austoben und
es wre ein Geniestreich, in den sich kein Unberufener zu mengen hat. Kommen
Sie, Iwan, die Quadrille geht zu Ende und wir wrden nur mit unserer Migraine
die Conversation stren.
    Er nahm ihn am Arm und fhrte ihn durch einen Seitenausgang in die
Nebenzimmer. An einem Bffet nahmen sie Champagner und traten dann auf des
Grafen Vorschlag zum Spieltisch im benachbarten Salon. - - -
    Die schne Frstin hatte keine Ahnung von dem Gift, das eben in des
geliebten Bruders Ohr ausgegossen wurde. Dennoch bezog sich auch ihre
Unterhaltung whrend der wechselnden Touren des Tanzes auf denselben Gegenstand.
Das Verhltni zwischen der Frstin und dem tapferen Capitain war ein ganz
anderes, als es die giftigen Worte des Russen angedeutet. Der Vicomte gehrte
allerdings zu den eifrigsten Anbetern der nordischen Schnheit und wurde durch
ihre Achtung und ihr Vertrauen ausgezeichnet vor der zahlreichen Schaar der
Bewerber. Darauf hatte sich jedoch die Gunst der Frstin bis jetzt beschrnkt
und wenn sein dunkles auf ihr ruhendes Auge, oder ein unbewachtes, aber
tiefgefhltes Wort ihr auch lngst verrathen hatten, da seiner Huldidigung eine
wahre Liebe zum Grunde liege, da er um sie werbe als den schnsten Preis des
Lebens, so hatte doch das fragende Wort noch nicht seine Lippe berschritten,
keine ernsteres Zeichen ihm die wohl selbst noch unklaren Gefhle ihres eigenen
Herzens kund gethan. Doch verstanden sich Beide, wie sich krftige und hohe
Seelen immer verstehen.
    Haben Sie Gelegenheit gehabt, meine Bitte zu erfllen, Herr von Mricourt?
fragte die Frstin. Sie verzeihen meiner Besorgni, aber sie ist in den letzten
Tagen nur noch vermehrt worden. Sie selbst haben gesehen, wie verndert der
Frst sich zeigt und nur mit groer Mhe konnte ich ihn bestimmen, mich heute zu
begleiten.
    Vergeben Sie, Frstin, erwiederte der Offizier, wenn ich leider noch
wenig Fortschritte in Ihrem Auftrag gemacht habe. Da es an meinem Eifer nicht
gelegen, werden Sie ohne meine Versicherung wissen. Aber der Frst, Ihr Bruder,
sonst so offen und zugnglich, ist nicht blo fr seine liebenswrdige
Schwester, sondern auch fr seine aufrichtigen Freunde jetzt ein verschlossenes
Buch. Vergebens machte ich ihm meinen Besuch, er war nicht zu Hause, und als ich
ihm vor einigen Tagen in der Strae Montmartre zu Fu begegnete und ihn zu einer
vertraulichen Unterredung zu bewegen suchte, lie er mich fast merken, da ich
ihm lstig sei und entfernte sich so bald als mglich von mir.
    Und wissen Sie, wohin er ging? So viel ich gehrt habe, ist der Stadttheil
kein solcher, wo mein Bruder Geschfte oder Freunde hat?
    Dies ist allerdings mglich, doch kann ich der schnen Besorgten auch
darber keine Auskunft geben, da ich natrlich mit meinen Fragen nicht indiscret
sein wollte und sogleich meinen Weg fortsetzte.
    Hegen Sie denn gar keine Vermuthung, Vicomte, was diese hufige
Abwesenheit, diese stets allein unternommenen Gnge zu bedeuten haben? Selbst
dem treuen Wassili, der ihn von Jugend auf nie verlassen, hat er streng
verboten, ihm zu folgen und ihm befohlen, sein Ausbleiben mir so viel als
mglich zu verschweigen.
    Der Capitain lchelte.
    Ich glaube, Frstin Iwanowna hegt allzugroe Besorgnisse. Paris ist der Ort
so mancherlei Zerstreuungen und es wre leicht mglich, da irgend eine Liaison
das lebenswarme und empfngliche Herz des Frsten gefesselt htte.
    Aber warum denn dies geheimnivolle, ihn aufreibende Treiben? Ich bin
natrlich nicht seine Gouvernante und maae mir nicht an, in das Thun Ihrer
Mnnerwelt zu dringen. Doch wenn er der Schwester gegenber auch schweigt, warum
gegen seine Freunde? Ich habe mir sagen lassen, da in solchen
Herzensangelegenheiten die Herren nur allzu offenherzig gegen einander sind.
    Das mag bei jenen Thorheiten der Fall sein, Frstin, welche die Modewelt
galante Verbindungen nennt, aber nie bei einer ernsten und wahren Neigung des
Herzens. Es sollte mir leid thun, wenn eine solche schon sich seines jungen
Gemths bemchtigt htte, denn bei seinem energischen und feurigen Charakter
wrde er sich ihr mit ganzer Seele hingeben. Und wie schwer eine solche selbst
das erprobte Mannesherz verwunden, welche Schmerzen sie auf starke Seelen legen
kann, das empfinde ich selbst zu tief, um meinen jungen Freund nicht davor
bewahrt zu wnschen.
    Ein rascher wie fragender Aufschlag ihres schnen Auges traf jenes des
Capitains, das mit Innigkeit auf dem schnen Mdchen haftete. Eine leichte Rthe
berflog Wangen und Stirn - - die Wogen des Tanzes unterbrachen das Gesprch.
    Als der Vicomte sie zur Gruppe zurckfhrte, die sich um die Dame des Hauses
gebildet und de Saz nahte, die Frstin an ihr Versprechen zu mahnen, neigte sie
sich vertraulich zu ihm und bat:
    Versuchen Sie noch einmal heute Ihr Heil bei Iwan und sorgen Sie wenigstens
fr seine Zerstreuung. Die Gesellschaft, in der wir ihn vorhin verlassen, - und
ich sehe Beide nicht mehr an dem vorigen Platz, - ist keine, die ich fr ihn
liebe. Gehen Sie, Vicomte, und denken Sie, da ein Ritter der Ruhe seiner Dame
alle Dienste leisten mu.
    Ein anmuthiger Wink des Fchers verabschiedete ihn; er ging, den Frsten
aufzusuchen, whrend Iwanowna sich dem Damenkreise anschlo. - -
    Der nchste Contretanz war vorber, am Arm ihres Tnzers de Saz durchging
die Frstin den zum blhenden Garten umgewandelten Corridor, welcher die
vorderen Salons mit dem hinteren Flgel verband. Pltzlich stockte der zierliche
Fu, kaum vermochte sie, die Hand erhebend, ihrem sie mit Galanterieen
berschttenden Cavalier zuzuflstern: Marquis, sehen Sie - um Gottes willen,
was ist vorgegangen?
    Auf sie Beide zu, durch den Eingang, welcher zum Spielzimmer fhrte, kam der
Zuaven-Capitain. Sein mnnlich schnes Antlitz war dunkel gerthet, das Auge
blitzte, doch zeigte die ganze Gestalt eine ernste ruhige Fassung. Wenige
Schritte hinter ihm aus einer Gruppe von Herren, welche sich um die Thr
versammelten, folgte Frst Iwan am Arme des Obersten, der ihn fest zurckhielt.
Das Gesicht des jungen Russen zeigte jene Wachsbleiche, die leidenschaftliche
Charaktere im Augenblick der hchsten Erregung zu befallen pflegt. Sein Auge
irrte scheu umher, offenbar war er mit sich selbst unzufrieden, wenn auch der
fest gekniffene Mund seine Entschlossenheit bekundete. Nur der Oberst bewahrte
seine gemessene Haltung und ein boshafter Blick leuchtete aus seinen Augen, als
er die Begegnung mit der Dame bemerkte, bei der die Herren an der Thr sich
sofort in's Zimmer zurckzogen.
    Saz begriff im Augenblick, da etwas von Wichtigkeit vorgefallen und fhrte
die Frstin zu einem der Sitze, die unter Rosen- und Camelienbschen versteckt
zu Lauben gestaltet waren. Der Capitain trat auf ihn zu und whrend er mit einer
Verbeugung die Dame begrte und sein Auge sichtlich das ihre vermied, das
fragend und ngstlich auf ihm ruhte, sagte er mit fester Beherrschung der
Stimme:
    Gestatten Sie, Durchlaucht, da ich Ihnen fr einen Augenblick Ihren
Cavalier entfhre, ich habe ihm nur eine kurze Bitte vorzutragen, und er ist
sogleich wieder zu Ihren Befehlen.
    Der Frst war herangekommen und trat zu seiner Schwester.
    Geniren Sie sich nicht, Herr von Saz, sagte er hochmthig, ich werde Sie
bei meiner Schwester ersetzen.
    Er bot ihr den Arm, die junge Frstin jedoch beachtete die Geberde nicht,
sondern wandte sich zu den beiden Franzosen.
    Da der Zweck unseres Ganges erfllt ist und ich meinen Bruder gefunden
habe, sprach sie verbindlich zu de Saz, so wren Sie allerdings Ihrer
Ritterschaft ledig, Herr Marquis. Ich habe dagegen noch die Verpflichtung, Ihrem
Freunde zu danken, der zuerst meinen Auftrag bernommen hat, und bitte ihn, mich
zu der Frstin, meiner Tante, zurckzufhren. Sie mssen mit seinem Vertrauen
sich schon bis dahin gedulden.
    Damit legte sie die seine Hand auf den Arm des Vicomte und ging mit ihm
voran. Saz folgte und begriff rasch die Aufgabe, die ihm geworden, indem er das
Paar von den beiden nachfolgenden Herren trennte. Dennoch waren sie zu nah, als
da die Frstin eine Frage an ihren Begleiter htte thun knnen. Aber das
nervse Zittern ihres Armes fhlte er in dem seinen und den leisen Druck, mit
dem sie sich auf ihn sttzte. Nur als sie durch den Eingang des Salons schritten
und das Gedrnge der Anwesenden sie fr einige Augenblicke von den Folgenden
schied, schlug Iwanowna rasch das Auge empor und flsterte hastig:
    Was ist geschehen, Vicomte? ich mu Alles wissen, ich bin zu jeder Stunde
fr Sie morgen zu sprechen!
    Mricourt aber neigte sich wie dankend zu ihr nieder und entgegnete mit
tiefbewegter Stimme:
    Leben Sie wohl, Frstin, mein Traum ist vorber.
    Einen Moment lang prete er ihren Arm an seine Brust, dann zog er sich mit
einer Verbeugung zurck und grte im Vorbergehen hflich und gemessen die
beiden Russen. Die Frstin sah, wie er auf dem Wege durch den Saal Saz's Arm
nahm und mit ihm am Ausgang verschwand. Als sie sich beklommenen Herzens
umwandte, bemerkte sie den hhnisch lauernden Blick des Grafen Wassilkowitsch
auf sich ruhen.
    Kaum eine Viertelstunde spter ertnte am Portal der Ruf nach der Equipage
der Frstin Oczakoff. Frst Iwan war schon vorher aus der Soiree verschwunden
und allein nach Hause zurckgekehrt, um den Fragen der Schwester auszuweichen.

    Es war in einer fr die pariser Aristokratie noch frhen Stunde des nchsten
Morgens, als in dem von dem Frsten bewohnten Htel der Alle des Veuves vor der
jungen, in weiem Morgenkleide auf der Bergre ihres eleganten Toilettenzimmers
ruhenden Frstin der Diener ihres Bruders, der Leibeigene Wassili, stand,
herbeigerufen von seiner Schwester Annuschka, dem russischen Kammermdchen der
Frstin. Beide Geschwister, der Bruder um fnf, die Schwester um drei Jahre
lter als das Zwillingspaar, das mit ihnen die Milch derselben Mutter getrunken,
ein in Ruland noch beraus heilig gehaltenes Band, hatten demselben von Jugend
auf gedient und dadurch eine entsprechende Erziehung genossen. Mit der
aufopferndsten Treue hingen die Beiden an den frstlichen Geschwistern.
    Wassili, der Leibeigene, war ein hochgewachsener krftiger Mann, wie sie das
Innere von Ruland so hufig hervorbringt. In seinem markigen festen Gesicht
spiegelte sich Zuverlssigkeit und entschlossene Hingebung. Hinter der Frstin,
ihm gegenber, stand seine Schwester, hbsch und blauugig, die langen blonden
Zpfe um den Kopf gewickelt, indem sie ihn mit lebhaften Geberden zur Rede
antrieb, die er nur unwillig zu stehen schien.
    Also Dein Herr ist die ganze Nacht nicht zu Bett gewesen?
    Nein, Mtterchen.
    Und was hat er gethan whrend der Zeit?
    Ich wei es nicht, Mtterchen.
    Glaube ihm nicht, dem schlechten Menschen, Durchlaucht, mengte sich
Annuschka in das Gesprch. Er wre ein schlechter Diener, und das ist Wassili
nicht, wenn er she, da sein Herr unruhig, und seine Augen htten ihn nicht auf
jedem Schritt verfolgt. Er will nicht sprechen, Durchlaucht, er hat mich schon
frher gescholten, wenn ich ihn in Deinem Auftrage fragte, und meint, das hiee
seinen Herrn verrathen.
    Wassili scho einen rgerlichen Blick auf die Schwester, schwieg aber
verstockt. Die Frstin richtete sich auf.
    Hre, Wassili, sagte sie ernst, ich wrde nicht in meines Bruders
Geheimnisse zu dringen suchen, wenn es nicht sein eigenes Wohl glte. Es ist
Wichtiges vorgefallen, Du mut mir Rede stehen und darfst bei allen Heiligen
nicht das Geringste verheimlichen. Ich befehle Dir also, ich, Deine Herrin, mir
zu sagen, was Iwan bis zum Morgen gethan hat.
    Er hat mich zu Bett geschickt.
    Aber Du hast gelauscht?
    Wassili kraute sich verlegen in den dichten Haaren.
    Er schrieb, Mtterchen, sagte er endlich, der Herr hat viel geschrieben.
    Und dann?
    Dann ist er unruhig umhergegangen und ... Er zgerte.
    Wirst Du reden, Wassili! fuhr ihn die Schwester an; siehst Du nicht, wie
Du die Herrin bekmmerst?
    Ja, Annuschka, sagte ausweichend der Russe, ich kann doch bei meinem
Schutzheiligen nicht dafr, da der Frst seine Pistolen aus dem Schrank
genommen hat. Ich versichere Dich, er schlo sie richtig in seinen Schreibtisch
ein, nachdem er sie lange betrachtet hatte.
    Die Frstin winkte mit der Hand.
    Genug, genug! - Ist der Frst jetzt allein?
    Er war es, Mtterchen, aber - -
    Was?
    Ich sollte sagen, er schlafe noch, wenn Du nach ihm fragst, und dann, er
sei ausgegangen.
    Hat er Dir sonst einen Befehl gegeben?
    Ja, Mtterchen. Der Herr erwartet Besuch, und ich soll ihn sogleich in das
Zimmer fhren, wo die vielen Bcher stehen.
    Die Frstin erhob sich.
    Geh' auf Deinen Posten, Wassili, und achte sorgfltig auf Alles, was
geschieht und wer aus- und eingeht bei meinem Bruder. Ich lade die Schuld auf
Dein Haupt, wenn das Geringste vorgeht, das ich nicht sofort erfahre.
    Sie warf einen leichten Mantel um die Schultern, whrend Wassili, von der
Schwester zur Thr gewinkt, mit dem demthigen, aber in seiner Einfachheit
schnen Gru der niederen Russen verschwand. Dann verlie sie durch eine andere
Thr das Zimmer.
    Die Frstin nahm ihren Weg zu den Gemchern ihres Bruders, die, durch den
gemeinschaftlichen Salon und die Nebenzimmer von den ihren getrennt, nach dem
Garten hinauslagen. Eine kleine Tapetenthr, welche direkt in das Toilettzimmer
des Frsten fhrte und zur Unterhaltung des unbelstigten Verkehrs zwischen
Bruder und Schwester bisher gedient hatte, fand Iwanowna jetzt von Innen
verschlossen. Im Begriff, auf einem anderen Wege durch das eben von Wassili
bezeichnete Zimmer zu gehen, hrte sie fremde Stimmen von Auen und sprang rasch
hinter die Portiere eines angrenzenden Kabinets, deren Schnuren sie lste.
    Die Falten bewegten sich noch, als Wassili mit einem Herrn eintrat. Die
Frstin erkannte durch die Oeffnung des Vorhanges den Marquis de Saz, was ihre
Befrchtungen besttigte und sie ihren Platz behaupten lie.
    Wassili ging, den Besuch zu melden, und augenblicklich erschien der Frst
und nthigte seinen Gast, Platz zu nehmen. Er sah berwacht und bla aus,
beherrschte aber vollkommen seine Mienen.
    Sie werden errathen, Durchlaucht, erffnete der Marquis die Unterhaltung,
sobald der Diener sich entfernt hatte, in welcher unangenehmen Angelegenheit
ich Ihnen so zeitig meinen Besuch aufdrnge. Diese Zeilen des Herrn Capitain de
Mricourt ertheilen mir unbeschrnkte Vollmacht.
    Der Frst lehnte mit einer Handbewegung hflich die Durchsicht ab und
verbeugte sich zustimmend.
    Ich mu Ihnen gestehen, Frst, fuhr de Saz fort, ich begreife eigentlich
das Vorgefallene nicht, und mein Freund, der Vicomte, eben so wenig. Wollen Sie
sich herablassen, uns einige Erluterungen zu geben, so wird sich das
Miverstndni gewi aufklren, und Sie werden als Mann von Ehre nicht anstehen,
meinem Freunde in Gegenwart eines der Zeugen der Beleidigung Ihre Entschuldigung
zu machen.
    Ich bedaure, Herr von Saz, sagte der Frst.
    Doch der Andere unterbrach ihn:
    Einen Augenblick noch, Durchlaucht, ehe Sie Ihre unwiderrufliche Meinung
aussprechen. Sie wissen, da es nicht Sitte der Franzosen ist, in einem
Ehrenstreit die Hand zu bieten, und namentlich eine solche Beleidigung, wie dem
Capitain widerfahren, anders als durch Blut zu shnen. Ich bitte, wrdigen Sie
also das wackere Benehmen Ihres Gegners, der in Bercksichtigung der bisherigen
Verhltnisse mit jeder billigen Erklrung zufrieden sein will.
    Der Frst entgegnete steif und frostig:
    Obschon noch sehr jung, mein Herr, bin ich doch vollstndig mit den
Gesetzen eines Edelmannes vertraut und wrde gerade in Bercksichtigung der
Verhltnisse dem Herrn Vicomte nicht zumuthen, mit einer Entschuldigung
zufrieden zu sein, die ich ohnehin nicht zu machen gesonnen bin. Darf ich Sie um
Ihre weiteren Auftrge bemhen?
    Ich habe die Ehre, Ihnen die Forderung des Capitains de Mricourt zu
berbringen.
    Ich bin zum ersten Male in Paris und mit Ihren Gewohnheiten daher noch
einigermaen unbekannt. So viel ich wei, pflegt man dergleichen Angelegenheiten
rasch abzumachen?
    Gewhnlich ehe die nchste Sonne untergeht; sollten Sie jedoch Zeit
wnschen ...
    Der junge Mann richtete sich steif empor.
    Ich bitte, Herr Marquis!
    Also heute, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Ihre Waffen?
    Natrlich Pistolen, ich verstehe mich nur wenig auf Ihre Degen.
    Ich werde die Ehre haben, mit Ihrem Secundanten das Weitere zu ordnen.
Wollen Sie mir Ihre Befehle deshalb ertheilen?
    Sie sind sehr freundlich, Herr Marquis. Graf Wassilkowitsch hat in
Erwartung eines solchen Besuchs meine Vertretung bereits bernommen und wird die
Ehre haben, Sie in seiner Wohnung zu empfangen.
    So bleibt mir nur noch, mich Ihnen zu empfehlen, Durchlaucht. Leben Sie
wohl; ich bedaure, diesmal sagen zu mssen,  revoir!
    Der Frst zwang sich, zu lachen.
    Unter Freunden, Marquis, sollte man sich dergleichen Bedauern eigentlich
bel nehmen. Wollen Sie nicht eine Cigarre? - Sie wissen, ich fhre echte
Manilla.
    Der Marquis nahm die gebotene Cigarre und steckte sie in Brand, Frst Iwan
folgte seinem Beispiele und geleitete ihn nach einigen gleichgltig geplauderten
Worten bis in's Vorzimmer. Als er hierauf rasch in sein Kabinet zurckgekehrt
war und Wassili ihm wenige Augenblicke nachher folgen wollte, fand er in der
Mitte des Zimmers die Frstin, bleich, die Hand auf das klopfende Herz gedrckt.
Sie hob den Finger drohend in die Hhe.
    Bei Deinem Leben, Wassili, keinen Laut, da Du mich hier gesehen!
    Damit verschwand sie.

    Capitain Mricourt bewohnte den Garten-Pavillon hinter dem Hause seines
Schwagers in der Rue Avenue de Bourdonnaye, wenn er sich in Paris aufhielt. Ein
Vorzimmer, ein kleiner Salon, mit Waffen aller Art und Jagdtrophen, darunter
mehreren riesigen Lwenhuten, geschmckt, und zwei Kabinets nebst einem Gemache
fr den arabischen und franzsischen Diener des Vicomte, bildeten das Gela
dieses Hauses, in dessen unmittelbarer Nhe eine Gartenpforte durch die Mauer
nach einer kleinen Seitenstrae fhrte und so den Bewohnern des Pavillons den
ungenirten Ein- und Ausgang gewhrte.
    Es war kaum eine Stunde nach dem obigen Rencontre, als ein Fiaker in der
Seitenstrae vor dem Zugang des Gartens hielt und zwei tief verschleierte Frauen
ausstiegen. Die Eine von ihnen lutete auf das Zeichen der Andern die Glocke und
nach kurzem Harren ffnete Mulei, der junge arabische Diener des Capitains, die
Pforte. Als er zwei Frauen vor sich sah, verneigte er sich nach maurischer Sitte
und nthigte sie, einzutreten.
    Ist Capitain de Mricourt zu sprechen? fragte die Zweite der
Verschleierten, anscheinend die Gebieterin.
    Der Bey befindet sich in seinem Zimmer, Herrin. Wen befiehlst Du, da ich
ihm verknden soll?
    Sage Deinem Herrn, erwiderte die Verschleierte, da eine Dame ihn in
einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wnschte, die keinen Aufschub
gestattet. Ich wrde ihm nur wenige Minuten rauben.
    Der Maure verneigte sich nochmals mit ber die Brust gekreuzten Hnden und
bat die Frauen, ihm in das Vorzimmer zu folgen. Dann verschwand er hinter dem
schweren persischen Teppich, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurck
und nthigte die Fremden in den Salon. Beide traten ein.
    Das Gemach bildete ein nur mittelgroes Achteck und empfing sein Licht von
der Kuppel, von der ein schner Bronceleuchter herabhing. Lwen- und
Pantherfelle bildeten die Teppiche vor den orientalischen Divans, welche die
vier Seitenwnde einnahmen, die nicht durch Thren unterbrochen waren. Prchtige
orientalische Waffen, von der langen Luntenflinte des Arabers bis zum kostbaren
Handjar von tunesischem Stahl, die Keule des Ashanten und der lange Bogen der
Dayaks, mit dem wallenden Burnus und dem verschlungenen Turban des Kabylen,
Antilopenhrner und Bsche von Straufedern, die Schdelketten der Bewohner von
Bornu mit mchtigen Elephantenzhnen, dazwischen Gruppen prachtvoller moderner
und antiker europischer Waffen, trkische Sttel und Zaumzeug mit prchtigen
Teppichen und zahllosen fremdlndischen Gerthschaften bildeten in einzelnen
Gruppen-Decorationen an den Wnden den eigenthmlichen Schmuck des Gemachs. Auf
den Tischen zur Seite standen und lagen zwischen Schaalen und tunesischen
Kunsterzeugnissen trkische Pfeifen, Schibuks und Nargilehs in buntem Gemisch.
    Nach wenigen Augenblicken trat der Capitain aus dem Nebengemach ein. Ein
weites orientalisches Gewand von weier Wolle diente ihm zum Morgenrock und
fiel, von einem mit Gold durchwirkten tunesischen Shawl um die Hfte gehalten,
ber die faltigen Beinkleider von Purpurwolle, whrend ein Burnus von
gleichfalls weier Farbe mit Gold durchwirkt um seine Schultern hing. Das weite
faltige Costm kleidete die Heldengestalt des Offiziers und den krftigen
mnnlich schnen Kopf bewundernswerth.
    Entschuldigen Sie, meine Damen, sagte der Vicomte hflich, indem er sie
einlud, Platz zu nehmen, da ich Sie noch in Morgen-Toilette empfange, ich
wollte Sie jedoch nicht warten lassen und stehe deshalb zu Befehl.
    Die Eine der beiden Frauen hob den dichten schwarzen Schleier, der ihr
Gesicht verhllte.
    Die Frstin! - Mein Gott - Sie hier?
    Iwanowna wandte sich zu ihrer Begleiterin.
    Verla uns auf einige Augenblicke, Annuschka, ich stehe unter dem Schutz
der Ehre des Herrn Vicomte.
    Die Milchschwester der Frstin verschwand in das Vorgemach.
    Mricourt ergriff die Hand der Dame und fhrte sie zum Divan. Die seine
zitterte lebhaft, die Rthe hoher Erregung lag auf seinem schnen Gesicht.
    So viel Glck und so viel Schmerz in einem Moment, Frstin, es ist zu viel,
selbst fr eine Mnnerbrust.
    Das Antlitz des jungen Mdchens war bleich, aber eine aufopfernde feste
Entschlossenheit lag in jeder Miene, selbst ihre Stimme zitterte nicht.
    Sie wissen, Vicomte, warum ich komme.
    Der Franzose beugte sich mit schmerzlichem Lcheln auf ihre Hand, die er
gefat hielt.
    Sie werden sich noch heute mit Iwan, meinem Bruder, schlagen?
    Eine leichte Neigung des gesenkten Hauptes gab ihr die Antwort.
    Mricourt, Sie werden es nicht thun, - um meinetwillen.
    Es ist unmglich, Frstin, mein Leben steht zu Ihren Diensten, nicht meine
Ehre als Edelmann. Ihr Bruder verweigert jede Erklrung.
    Ich wei es, ich war ungesehen Zeuge seiner Unterredung mit Herrn de Saz.
Sagen Sie mir - wie kam es dahin?
    Bei meiner Ehre, Frstin, sagte der Offizier aufathmend und seinen Blick
zu dem Mdchen erhebend, ich bin schuldlos daran, ich wei es selbst nicht, und
da mir noch auf Erden das Glck zu Theil geworden, Ihnen mndlich das sagen zu
drfen, was Sie morgen durch den kalten Buchstaben meiner Abschiedsworte an Sie
erfahren htten, - das erfllt den geheimsten Wunsch meines Herzens. Ein bser
Dmon mu Ihren Bruder regiert haben. Seine Worte, seine Beleidigungen sind mir
unerklrlich. Ich fand ihn mit dem Obersten beim Spieltisch und geselle mich zu
ihm. Der Frst war offenbar sehr aufgeregt und als ich ihn fragte, ob ich ihn am
Morgen zu einem Spazierritt abholen drfe, wie wir frher verabredet, entgegnete
er heftig: er werde allein reiten, er brauche weder einen Vormund, noch - -
    Sprechen Sie!
    - noch einen Spion!
    Mein Gott!
    Ich war im ersten Augenblicke so bestrzt, da mir fast die Fassung fehlte.
Einige Gesichter wandten sich gegen uns - man wei, Frstin, da ich keine Memme
bin und bei Beleidigungen ruhig bleiben darf. Ihr Bild, Iwanowna, stand vor mir.
- Sie reden irre, Frst, sagte ich und fate seinen Arm, Sie haben mich
wahrscheinlich nicht verstanden. Kommen Sie, lassen Sie uns plaudern. - Ihr
Bruder ri sich los. Ich habe Sie sehr wohl verstanden, mein Herr, sagte er
barsch, und wenn Sie meine Worte nicht verstehen wollen, so werden Sie
vielleicht Das verstehen. - Frstin, er - -
    Zu Ende, zu Ende!
    Er hob die Hand gegen mich, einen Moment zwar nur, aber - er hob die Hand!
    Der Capitain war bleich geworden bei der Erzhlung.
    Der Unglckliche!
    Diesmal war es die Dame, die das Haupt vor dem Manne in unsglichem Schmerz
beugte.
    Der Capitain schwieg, das Gefhl der schweren Beleidigung machte dem innigen
Mitleiden Platz bei dem Blick auf das erschtterte Mdchen.
    Ich wiederhole Ihnen, Frstin, sagte er endlich, ich wei noch immer
nicht, was dieses Benehmen Ihres Bruders hervorgerufen hat, nur ein
Miverstndni oder eine Verleumdung kann die Veranlassung sein, doch leider ist
die Sache nicht mehr zu ndern. Sie kennen selbst das Weitere.
    Das ist Wassilkowitsch's Werk! rief die Frstin; jetzt ist mir Alles klar
und mein Widerwille vor diesem Manne hat mich nicht betrogen. Ich wei, Vicomte,
wie edel, wie gromthig Sie gehandelt haben! Ich wei, da nach den Gesetzen
der Ehre unter Militairs eine solche Beleidigung nur durch den Tod des
Beleidigers geshnt werden kann, und dennoch haben Sie dem Unglcklichen die
Hand zur Shne geboten und nur seine Entschuldigung verlangt, Sie, der tapfere
Offizier, der Spiegel stolzen Rufs fr alle Soldaten ...
    Ich bin es nicht mehr, Frstin, unterbrach sie Mricourt. Heute Morgen
habe ich Herrn von Saint Arnaud meine Entlassung eingereicht.
    Wie, Sie haben - -
    Es war nthig, Frstin, der Offizier konnte jene Shne unmglich bieten. -
Es war Ihr Bruder, Iwanowna!
    Und dennoch Alles vergeblich, - ich kenne seinen eisernen Sinn von Kindheit
auf, er wrde sich eher zerreien lassen, als durch eine Entschuldigung selbst
das erkannte Unrecht gut machen.
    Sie hatte sich erhoben und ging leidenschaftlich im Salon umher.
    Der Vicomte schwieg und folgte ihr mit trauerndem Blick.
    Pltzlich blieb die Frstin vor ihm stehen, ihre groen Augen voll und klar
auf ihn gerichtet.
    Das Duell darf nicht vor sich gehen, es darf nicht! - Er ist mein einziger
Bruder, der Letzte aus dem Hause der Oczakoff, einer der neun Familien, die von
Ruriks Stamme sind, edler selbst als die Romanoffs. Ich darf ihn nicht sterben
lassen! - Eugen, es war das erste Mal, da sie ihn bei diesem Namen nannte und
es durchzuckte den jungen Mann wie ein electrischer Strahl, - Eugen, werden Sie
zum Engel des Erbarmens an uns, wie Sie bereits zum Helden geworden sind.
Fliehen Sie das Duell - weigern Sie dem Thoren, ihn zu strafen, kommen Sie,
fliehen Sie mit mir. - Eugen, ich liebe Sie, und jeder Athemzug meines Lebens
soll Ihrem Glck gewidmet sein!
    Der junge Offizier sank vor ihr nieder, er prete sthnend im bittern Kampf
ihre zarten Hnde auf sein brennendes Gesicht.
    Sie verlassen Ihr Frankreich, fuhr Iwanowna fort, Sie gehen mit mir in
das herrliche Land, wo mildere, sere Lfte wehen, als hier, wo der Oleander
blht und die Orange sich in den blauen Fluthen des Meeres spiegelt. Nach
Taurien folgen Sie mir - nicht blos der Kaiser hat dort seine erhabene
Phantasie, das Paradies Orianda, - an den Felsenvorsprngen der Yaila-Alpen
prangen noch viele Sttten eben so herrlich, eben so schn, von deren
Klippenhhe vielleicht Iphigenia einst hinberschaute zum fernen Vaterlande, wo
Orestes die Schwester von der grausen Pflicht befreite. O, mein Freund, werfen
Sie es von sich das Vorurtheil dieser sogenannten Civilisation, die von Ihnen
verlangt, das Blut Ihres Bruders zu vergieen, des einzigen Wesens, was gleich
Ihnen mir theuer ist - -
    Der Vicomte hatte sich emporgerichtet, auf der ehernen Stirn stand der
eherne Mnnerentschlu.
    Sein Sie ruhig, Iwanowna, diese Hand wird nicht gerthet sein von dem Blute
Ihres Bruders!
    Sie gehen mit mir, Sie opfern mir Alles, Alles, Eugen?
    Ich gebe Ihnen Alles, was ich habe, Iwanowna, nur Eines bewahren Sie mir,
das ist, den unbefleckten Namen der Mricourt, den Namen meines Vaters. Es giebt
noch ein anderes Mittel, - bei meiner Liebe zu Ihnen, Ihr Bruder wird unverletzt
von dannen gehen!
    Die Frstin strzte auf ihn zu.
    Was sinnen Sie? - Das ist Mord an Ihnen selbst! Meinen Sie denn, da der
thrichte Knabe Ihren Edelmuth wrdigen wird? Sein Leben wre Ihr Tod - geht das
Duell vor sich, so oder so - sind wir auf ewig getrennt.
    Der Capitain wandte sich ab.
    Es ist kein anderer Weg - Sie haben einen Namen zu vertheidigen, Iwanowna,
auch der meiner Vter ist mir heilig und darf nicht entehrt werden, selbst um
den himmlischen Preis nicht, den Sie mir gezeigt haben.
    Sie warf sich schluchzend am Divan nieder; er setzte sich zu ihr und nahm
ihre Hand in die seine.
    Warum trauern, Iwanowna, sagte er freundlich, nachdem Sie mich so
unaussprechlich glcklich gemacht? Warum trauern, da uns ein persnliches
Migeschick trennt, wo uns das Geschick der Vlker in jedem Augenblick
unwiderruflich zu trennen drohte. - - Denken Sie, wie unendlich leichter es mir
sein wird, jetzt der Kugel Ihres erbitterten Bruders die Brust zu bieten fr
Sie, als wenn das eherne Geschick der Schlachten uns gegenber gestellt und die
kalte Berechnung der Politik Ihres Kaisers und seiner Nesselrode's und
Kisseleff's den Freund dem Freunde, den Bruder dem Bruder den Stahl in's Herz
stoen hiee!
    Die Worte, die Namen, schienen die Frstin berhrt zu haben, - einen
Augenblick schwieg sie wie nachdenkend, dann raffte sie sich rasch empor. Sie
schien ihre volle, eine kurze Zeit von der doppelten Aufregung gestrte Energie
wiederzugewinnen.
    Wann soll das unglckliche Duell vor sich gehen?
    So viel ich wei, gegen Abend, - um sechs Uhr.
    Eugen, wollen Sie mir eine Bitte erfllen? sie hob die Hnde gegen ihn.
    Jede, die sich mit meiner Ehre vertrgt.
    Sie ist auch die meine und wird unverletzt aus Allem hervorgehen. Sie
drngte ihn freundlich zum Seitentisch, auf dem das Schreib-Necessaire stand.
Schreiben Sie an Herrn de Saz, nur einige Zeilen, da das Duell erst morgen
frh um dieselbe Stunde stattfinden knne, - nehmen Sie irgend einen Vorwand -
die Ordnung Ihrer Angelegenheiten -
    Aber ich darf nicht - ich kann nicht - Sie sinnen eine List ...
    Bei dem Grabe meiner Mutter, ich sinne Nichts gegen Ihre Ehre! Ist das
Leben zweier Menschen nicht einen kurzen Aufschub von zwlf Stunden werth? -
Galt Ihnen das Gestndni meiner Liebe so wenig?
    Er reichte ihr die Hand.
    Es ist unnthig, da ich schreibe, - der Marquis hat versprochen, in einer
halben Stunde hier zu sein und ich gebe Ihnen mein Wort, da Ihr Wille erfllt
werden soll, da Arrangement wird sich leicht treffen oder ndern lassen, ohne
aufzufallen. - Frstin, ich ahne Ihren Grund - Sie wollen Ihren Bruder bewegen -
mge Gott seinem Engel zu dem Werke des Friedens helfen. Ich werde glcklich
sein, diese Lsung von Ihrer Hand annehmen zu knnen.
    Sie sah ihm trbe lchelnd in die heiterer gewordenen Augen.
    Meinen Dank, mein Freund, meinen innigen ewigen Dank! - und jetzt - mein
Lebewohl!
    Sie wandte sich rasch nach der Thr, er eilte ihr nach, aber sie selbst
kehrte sich an dieser noch einmal zu ihm. Ihre Hnde faten die seinen - ihre
Augen hafteten auf den seinen, Minuten lang, innig und zrtlich, und doch wie
unter dem Flor einer tiefen Traurigkeit. Er zog sie nher, - unwillkrlich - im
stummen Glck - ruhten ihre Lippen einen Moment auf den seinen voll und hei -
dann rauschte die Portiere hinter ihr zusammen - sie war verschwunden!
    Der Vicomte trat in's Seitenzimmer, die theure Gestalt noch ein Mal zu
sehen; eben eilte sie mit Annuschka, von dem Araber begleitet, durch die Pforte
- im nchsten Augenblick rollte der Wagen davon. -
    Als der Fiaker in die Rue de Grenelle gebogen war, befahl Annuschka dem
Kutscher:
    Nach der Faubourg St. Honor 33, Hotel der russischen Gesandten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Frst Iwan, - durch ein Billet des Grafen Wassilkowitsch von der vernderten
Bestimmung des Rendezvous in Kenntni gesetzt, - hatte eben seinen gewhnlichen
Besuch im Palais und Breau der Gesandtschaft gemacht und wollte sich entfernen,
als Herr von Kisseleff, der damalige Vertreter Rulands in Paris, ihn in sein
Kabinet rufen lie. Etwas beunruhigt folgte er dem Boten, sah sich aber in
seiner Besorgni getuscht, da der Gesandte ihn auf's Freundlichste empfing, mit
keiner Sylbe ein Kenntni des vorgefallenen Zwistes an den Tag legte und ihn
einlud, mit ihm en deux zu speisen, da mehrere geheime Depeschen zu erledigen
wren, wegen deren er fr die nchsten Stunden seiner Hlfe in Anspruch nehmen
msse.
    Im Ganzen war es dem jungen Mann nicht unlieb, einen Vorwand zu finden, der
ihm erlaubte, nicht in sein Hotel zurckzukehren und so den Fragen der Schwester
auszuweichen. Vor Abend hatte er ohnehin keine Bestimmung ber seine Zeit
getroffen, und die Stunden vor einem Duell allein zu verbringen, ist eben fr
Keinen angenehm. So fgte er sich also gern und die Arbeit zerstreute ihn. Aber
Stunde auf Stunde verrann, der Gesandte, der von Zeit zu Zeit das Kabinet
verlie und ihn bei der Arbeit einschlo, hufte immer neue Manuscripte vor ihm,
und die Zeit nahete, zu der er versprochen hatte, an einer anderen Stelle zu
sein.
    Abgespannt und rgerlich warf er endlich die Papiere zur Seite. Die
Depeschen waren vollendet und er nahm seinen Hut, um sich zu entfernen. Die Uhr
im Kabinet zeigte eben halb Zehn, als Herr von Kisseleff wieder eintrat und die
letzten Unterschriften vollzog.
    Ich mu Sie noch einen Augenblick bemhen, Frst, sagte er artig; die
Secretaire haben bereits das Hotel verlassen und ich bitte Sie, die Papiere zu
couvertiren.
    Der Frst gehorchte. Der Gesandte legte noch eine eigenhndige Depesche dazu
und das Briefpacket wurde fertig gemacht. Herr von Kisseleff schellte.
    Ist der Wagen bereit? fragte er den eintretenden Jger.
    Zu Befehl, Excellenz.
    Der Diener trat ab.
    Jetzt, Frst, mu ich Sie darauf aufmerksam machen, da diese Depeschen,
wie Sie sich selbst berzeugt haben, von der hchsten Wichtigkeit sind. Den
Telegraphen knnen wir in dieser Angelegenheit nicht benutzen, die Grnde liegen
auf der Hand. Sie werden daher auf Ihr Ehrenwort dieses Paket nicht von Ihrer
Seite lassen, bis Sie es dem Herrn Staatskanzler selbst bergeben haben.
    Wie? ich - -?
    Allerdings, Sie selbst. Ich bin genthigt, Sie damit als Courier nach
Petersburg zu schicken, da ich augenblicklich Niemand weiter zur Disposition
habe, dem ich so wichtige Interessen anvertrauen knnte. Sie werden mit dem Zug
um eilf Uhr nach Brssel abreisen.
    Aber Excellenz - das ist unmglich! Ich bin nicht im Geringsten
vorbereitet.
    Das ist unnthig, - es ist Alles gethan; die Frstin, Ihre Schwester, hat
fr Alles gesorgt und wird Sie begleiten.
    Er ffnete die Seitenthr, Iwanowna trat ein im Reisekleide.
    Dem jungen Manne schwirrte und dunkelte es vor den Augen. Das Blut scho in
Strmen ihm zum Kopf, er fhlte, da er berlistet worden.
    Ich werde Paris nicht verlassen, mein Herr! Ich habe morgen frh eine
Ehrenverpflichtung und will nicht das Spielwerk einer Intrigue sein, die ich
durchschaue.
    
    Iwanowna eilte auf den Bruder zu, sie hing sich an seinen Hals.
    Iwan, bedenke, was Du thust!
    Der Gesandte trat dicht an ihn heran.
    Frst Oczakoff, ich befehle Ihnen im Namen des Kaisers, ohne Widerrede zu
gehorchen. Sie werden auf der Stelle abreisen. Denken Sie an Sibirien!
    Der junge Mann knirschte. Er wand sich in den umschlingenden Armen der
Schwester.
    Herr von Kisseleff legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in
freundlicherem Tone:
    Es ist unbedingt nthig, da Sie reisen, Frst, um Ihrer selbst willen. Ich
wei Alles; Sie haben eine bittere Uebereilung begangen und wollen dieselbe
durch ein Verbrechen wieder gut machen. Der Kaiser wrde Ihnen nie verzeihen,
wenn in diesem kritischen Augenblick, wo Alles auf dem Spiele steht, Ihre
thrichte Heftigkeit einen Eclat mit dem franzsischen Kabinet herbeifhrte.
Ihre Ehre und Ihr Name mssen gewahrt werden, und deshalb zwinge ich Sie im
Namen des Kaisers, abzureisen. Ihr Secundant hat bereits Stubenarrest; ich
selbst werde Ihre Entschuldigung und Rechtfertigung bei Ihrem ehrenwerthen
Gegner bernehmen.
    Der Frst beugte das Haupt. Er sah, da ihm jeder Ausweg abgeschnitten war
und er sich fgen msse.
    Ich werde reisen, htte aber von Euer Excellenz mehr Rcksicht erwartet.
    Sie sind ein thrichter junger Mensch, sagte der Gesandte achselzuckend.
Danken Sie der Aufopferung Ihrer schnen Schwester, da Sie mit so vieler
Rcksicht behandelt und aus jeder Ihrer unwrdigen Stellung hier mit Ehren
gezogen werden. Er hob warnend den Finger Uebrigens knnten Sie leider bald
Gelegenheit erhalten, Ihre Rauflust vielleicht selbst an Ihrem heutigen Gegner,
den ich achte und schtze, auf einem wrdigeren Felde zu khlen.
    Haben Euer Excellenz noch Etwas zu befehlen oder bin ich entlassen?
    Nichts weiter. Ich habe Ihr Ehrenwort, da Frst Oczakoff diese Depeschen
richtig und ohne Zeitverlust in Petersburg abliefern wird?
    Mein Ehrenwort!
    Frstin! Sie sind mir Zeuge und Brge fr Ihren Herrn Bruder. Ich wollte
Sie erst selbst zum Bahnhof begleiten, verlasse mich aber ganz auf Sie.
    Die Ehre meines Bruders ist die meine. Leben Sie wohl, mein Herr, und
genehmigen Sie nochmals meinen innigen Dank.
    Auf glckliche Reise also, Frst, und ohne Groll. Ich mu Sie verlassen,
denn ich habe Berichte zu empfangen. Es ist etwas Wichtiges vorgegangen; man hat
heute Abend ein Attentat auf den Kaiser Napoleon entdeckt und es sollen viele
Verhaftungen in der komischen Oper vorgekommen sein. - Leben Sie wohl!
    Er reichte Beiden die Hand, die Frst Iwan schweigend und zgernd annahm,
und geleitete sie bis zum Vorsaal. Diener des Frsten standen hier bereit, im
Hofe des Palais harrte eine Chaise.
    Wir finden unseren Reisewagen bereits auf dem Bahnhofe, Iwan, sagte die
Frstin freundlich; Wassili und Annuschka werden uns allein begleiten, die
Anderen folgen.
    Der Frst verharrte noch immer in mrrischem Schweigen, whrend der Wagen
durch die Straen rollte. Pltzlich als er auf den Place de la Madeleine bog,
fate er die Hand seiner Schwester.
    Iwanowna, sagte er zrtlich, ich habe mich in den Willen des Gesandten
und in Deinen Wunsch gefgt, und ich schwre Dir, willig abzureisen, ohne einen
Versuch in Betreff des Ehrenhandels zu machen, den Dein Scharfsinn und Deine
Liebe entdeckt und verhindert hat. Aber ich habe eine Bitte an Dich, von deren
Erfllung mein Leben abhngt.
    So habe Vertrauen zu mir; Du weit, wie das meine nur in dem Deinen
besteht.
    Der Frst zeigte seine Uhr.
    Es ist zehn Uhr, sagte er; um Eilf geht der Zug. Wir haben noch eine
volle Stunde Frist. Gieb sie mir - ich kann nicht scheiden von Paris, ohne eine
andere Verpflichtung gelst, ohne Jemand, wenn auch nur einen einzigen
Augenblick, gesprochen zu haben, der mich zu dieser Stunde bereits erwartet.
    Iwan, Du hintergehst mich!
    Bei dem Grabe unserer Mutter - nein! Aber ich schwre Dir eben so, da
keine Macht der Welt mich lebendig aus Paris bringt, wenn Du mir diese Bitte
verweigerst. Schwester - ich will - ich mu sie noch ein Mal sehen!
    Die Frstin schaute ihn an - ihr Herz gedachte der eigenen Liebe, die sie
vielleicht auf Nimmerwiedersehen verlassen.
    Wann wirst Du am Bahnhof sein?
    Eine Viertelstunde vor der Abfahrt. Bei der Unbeflecktheit unseres Namens!
ich vertraue Dir diese Papiere an, Du kennst ihre Wichtigkeit und was sie mich
kosten. Und jetzt - jede Minute ist verloren. - Dank, Iwanowna, tausendfachen
Dank. Du rettest mich vor Verzweiflung.
    Er rief den Kutscher, der Wagen hielt, Iwan ffnete den Schlag.
    Die Frstin hielt ihn zurck.
    Noch einen Augenblick! Iwan, Du gehst nur zu einer Dame?
    Bei meiner Seligkeit! Meine Ehre ist Dir und dem Gesandten verpfndet.
    Er verschwand im Gedrnge an der Kreuzung der Straen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf dem Nordbahnhof wogte das Leben und Treiben der Reisenden, der
Commissionaire, Beamten und Packtrger.
    Die groe Uhr am Hauptgebude hatte drei Viertel auf Eilf geschlagen. Die
Frstin sa im Coup mit Annuschka, Wassili stand am Schlage, alle Drei schauten
aufmerksam nach den Eingngen, mit jedem anrollenden Wagen den Frsten
erwartend.
    Die Glocke lutete zum ersten Male. Es war zehn Minuten vor Eilf.
    Das schne Gesicht der Frstin begann sich zu verfinstern, in der kleinen
Falte zwischen den Brauen, im Strahl des Auges lag der Unwille, gepaart mit der
ngstlichen Besorgni.
    Wassili und Annuschka bemhten sich, diese durch allerlei Vermuthungen zu
zerstreuen.
    Wagen auf Wagen rollte heran - keiner brachte den Frsten. Die Minuten
schienen mit Windeseile zu entfliehen.
    Es litt die Frstin nicht lnger im Waggon, - sie trat auf den Perron; die
Uhr in ihrer Hand zitterte vor der innern Aufregung.
    Drei Minuten vor Eilf!
    Eine eisige Entschlossenheit, jener Zug unendlicher Willenskraft, der um den
herrlichen Mund lag, verbreitete sich ber das ganze Gesicht. Sie winkte Wassili
heran und legte die Hand auf seine Schulter.
    Hre wohl an, was ich Dir sage. Es handelt sich um Tod und Leben, - um die
Ehre der Oczakoff! - Ich kann nicht glauben, da Frst Iwan sein Wort gebrochen
- ich kenne ihn, sein Wort ist ihm heiliger, als das Leben. Kommt er nicht, so
mu ein unvorhergesehener Zufall, ein Unglck geschehen sein. Der Zug geht ab,
ich mit ihm. Das Wort und die Ehre der Oczakoff mssen rein bleiben im
Vaterlande!
    Ihr Busen hob sich keuchend, sie rang mit der Erregung - Wassili, der
leibeigene Milchbruder, horchte schweigend den Worten.
    Hier ist meine Brse, Wassili - fr's Erste genug. Du bleibst hier und
weichst nicht aus Paris, bis Du Iwan ermittelt und gefunden. Ich kenne Dich,
Wassili, und wei, da sein Leben das Deine ist. Sage ihm, er solle rasch und
heimlich folgen, ich htte unterde seine Ehre gewahrt. Kein Wort im Hotel,
Wassili, von dem Verschwinden des Frsten - bei Deinem Leben! bei dem Leben
Deiner Schwester: Iwan ist abgereist mit mir!
    Die Glocke erklang zum dritten Male - kein Iwan zu sehen! - sie sprang in
den Waggon, - mit gekreuzten Armen stand der Diener vor der Thr, die der
Conducteur eben schlo.
    Lebe wohl! Treu und verschwiegen!
    - Dahin brauste der Zug! - -

                                Die Blutbrder.


Unterhalb Ragusa, wo Richard Lwenherz auf der Rckkehr aus Palstina landete,
um sterreichische Treue zu erfahren, - wo Dalmatien im prachtvollen Golf von
Cattaro endet, hat der Kaiserstaat im Wiener Congre eine schmale Kstenstrecke
bis zur Bucht von Antivari sich vorzubehalten verstanden, die ein tapfres, in
der neueren Geschichte vielgenanntes Heldenvolk - die Montenegriner oder
Czernagorzen - von der natrlichen Grnze seiner Berge, dem adriatischen Meere,
trennt. Die Politik der europischen Staaten hat damit ein Volk, das seit vier
Jahrhunderten den Kampf gegen den Halbmond fhrt, isolirt und von seiner
zeitgemen Entwickelung abgeschnitten: - sein Heldenthum, seinen in dieser Zeit
der Verflachung und des Eigennutzes spartanisch erhabenen Charakter vermochte
sie ihm nicht zu nehmen, und Oesterreich selbst unterlag noch vor wenigen Jahren
im Kampfe gegen das kleine Bergvolk.
    Czernagora, - das Land der schwarzen Berge, - Montenegro in der Sprache der
Italiener und der Diplomatie, bildet mit der Berda das kleine, kaum 80-90
Quadratmeilen groe, Berg- und Felsengebiet, das zwischen der Herzogewina im
Norden, Bosnien im Osten, Albanien und dem Paschalik von Scutari im Sden,
hundert Angriffen der Trken siegreich widerstanden hat und schon seit dem Jahre
1703 als gnzlich von der Pforte losgerissener unabhngiger Freistaat zu
betrachten ist. So nahe den sogenannten civilisirten Staaten Europa's, ist dies
Volk doch in Sitten, Denken und Fhlen ein ganz anderes, verschiedenes. Nur das
corsische hnelte ihm, ehe die franzsischen Prfecturen es um seine
Eigenthmlichkeit und Selbststndigkeit betrogen haben.
    Die Bevlkerung von Czernagora, Uskoken - die Gechteten, - wie sie sich mit
Stolz nannten und noch nennen, stammt von den flchtigen Serben, die dem
Blutbade von Kossowo und auf dem Amselfelde entronnen, mit dem Sultan Amurath I.
am 5. Juni 1389 das groe serbische Reich vernichtete. Seitdem sind die
schwarzen Berge der Zufluchtsort aller khnen Flchtlinge aus Bosnien, Serbien,
Albanien, und nicht blos der gemihandelte Rajah, dessen rchende Hand den
tyrannischen Unterdrcker erschlug, auch der abenteuernde Moslem selbst, der fr
seinen Kopf oder seine Freiheit frchtet, flchtet hierher und findet Schutz und
Aufnahme. So ergnzt sich diese khne Bevlkerung, fortwhrend decimirt durch
ihre inneren und ueren Kmpfe, durch ihre Blutrache und ihre Privatfehden,
immer wieder durch neuen Zuwachs aus den khnsten und krftigsten Elementen des
Slaventhums. Der Nationalzug, das historische Erbe des Volkes, ist der nie
ruhende, fortglhende Ha gegen den Halbmond; seine Historie, welche seine
Piesmen1 besingen, besteht in den Schlachten und Kmpfen mit diesem. Iwo der
Schwarze, von dem das Land den Namen fhrt, schlug schon 1450 den furchtbaren
Mohamed II. bei Keinowska und erbaute den Hauptort des Landes, Cetinje. Von
jener Zeit ab dienten die Czernagorzen dem Norden Italiens als Damm gegen die
Eroberungen des damals so furchtbaren und gefrchteten Halbmondes. Mit ihrer
sicilianischen Vesper, der schrecklichen Blutnacht zu Weihnacht des Jahres 1703
unter dem Vladiken Danilo Petrowitsch Nieguschi, in der alle Moslems im Lande
erschlagen wurden, befreiten sie sich von dem Zeichen der Abhngigkeit, dem
Haradsch oder Kopfgeld. Seitdem wthete der gegenseitige Kampf fast
ununterbrochen fort. Der Aufruf Czar Peters des Groen an die orientalischen
Christen zur Theilnahme am Kriege gegen den Sultan machte das Volk zuerst in
Europa bekannt. Die Czernagorzen allein hatten damals den Muth, sich zu erheben,
und das Heer des Seraskiers Achmed Pascha, an 50,000 Mann stark, wurde von den
tapferen Bergbewohnern bei Czarew-Laz geschlagen. Von jener Zeit her schreibt
sich der russische Einflu und die Sympathie fr das Czarenreich in Montenegro.
Seitdem auch suchte und erhielt der Vladika, das geistliche und politische
Oberhaupt des Landes, seine Bischofsweihe in Petersburg.
    Zwei Jahre nach der eben erwhnten Niederlage berzog Kiuprili Pascha mit
120,000 Mann das Land und verwstete es mit Feuer und Schwert, indem er
verrtherisch den selbstgebotenen Frieden brach und die bergebenen Geieln
mordete. 1727 rchten die Krieger der Berge diesen Verrath durch den Sieg ber
Tschengitschbeck. Am 25. November 1756 schlug der Vladika Wassili Petrowitsch
den Wessier von Bosnien in den Pssen von Brod. - Die franzsische Republik
wurde nach den Siegen in Egypten ber die Trken von allen Griechen-Sclaven als
Befreier begrt; als aber Napoleon I. mit dem Sultan ein Bndni schlo, sahen
sich auch die Czernagorzen in ihren Hoffnungen getuscht und wandten sich auf's
Neue zu Ruland. Dem petersburger Vertrage zum Trotz bergaben die Einwohner von
Cattaro ihre Stadt dem russischen Admiral Seniawin; mit russischen Hlfstruppen
belagerten die Czernagorzen General Lauriston in Ragusa, erlitten aber hier eine
Niederlage. 1813 eroberten sie Budva und am andern Tage, den 12. September,
Troitza durch Sturm von den Franzosen, und obschon im Frhjahr 1814 Kaiser
Alexander, in treuloser Diplomatie vergessend und opfernd die Dienste und
Ansprche seiner tapfern Bundesgenossen, ihren Hafen Cattaro an Oesterreich
abtrat, wollten sie doch von dem alten Schutzherrn nicht weichen, bis die letzte
Patrone verschossen war.
    Im Jahre 1820, als der durch seine Grausamkeit berchtigte Wessier
Dschelaluddin auf's Neue einen Versuch machte, das Bergland zu unterjochen,
errang Vladika Peter I. einen vollstndigen Sieg. Dieser und sein ihm folgender
Neffe, Peter II., der 1830 in Petersburg zum Bischof geweiht wurde und des
Growessiers Mehmed Reschid regelmige Truppen - 7000 Mann - mit 800
Bergkriegern schlug, sind die Regeneratoren Czernagora's und haben Bedeutendes
fr sein Emporblhen und seine Krftigung gethan. 1840 und 41 erfochten die
Montenegriner wiederum zahlreiche Siege gegen den berchtigten Wessier der
Herzogewina, Ali, dann beschrnkte sich der Kampf auf die gewhnlichen nie
rastenden Grnzfehden, bis zur Zeit unserer Geschichte der Serdar von Bosnien,
Omer Pascha, von Norden und Osten, Osmann, der Pascha von Skadar (Scutari), von
Sden aus gegen sie zu Felde zog.
    Das Land ist in vier Nahien oder Bezirke eingetheilt: Czernitza,
Lieschanska, Rietschka und Katunska-Nahia; der letztere ist der nrdlichst
gelegene. Jeder dieser Bezirke oder Grafschaften umfat eine Anzahl Plemen oder
Stmme, deren das ganze Volk vierundzwanzig zhlt. Hierzu kommt noch das Gebiet
der Verdas, der sieben Berge, welche Montenegro umgeben, und deren Bewohner mit
dem Freistaat verbndet sind. Jeder der Stmme besteht aus Familien oder
Brderschaften, Brastwo, die eine Gemeinde bilden, deren Glieder sich alle unter
einander als Verwandte betrachten. Der Vladika, das geistliche Oberhaupt, seit
hundert Jahren aus dem Stamme Njegosch, regiert mit einem Senat von Cetinje aus
das Land, und zwar selbststndig, nachdem Peter II. die neben dem Vladikat
bestandene Einrichtung eines Gobernatore oder Regenten in Civildingen
abgeschafft und die Familie Radonitsch, in der das Amt erblich war, vertrieben
hat.
    Nach dem Tode Peters II. trat sein zum Nachfolger von ihm erwhlter Neffe
Danilo Petrowitsch Njegosch Ende Februar 1852 die gewhnliche Reise nach
Petersburg an, angeblich um die Weihe als Bischof sich ertheilen zu lassen. Doch
schon von Wien aus that er dem Senat kund, da er der geistlichen Wrde zu
entsagen und die Meinung des Volks darber zu hren wnsche, um dann die
Ermchtigung des Czaren zu suchen. Die zum 21. Mai nach Cetinje einberufene
Volksversammlung sprach sich einstimmig fr die vorgeschlagene Trennung der
weltlichen von der kirchlichen Macht und fr die Vererbung der Frstenwrde im
Mannesstamme des Hauses Njegosch aus, und Frst Danilo lie nach seiner Rckkehr
in Cetinje dem versammelten Volke ein Schreiben des Czaren Nikolaus vorlesen, in
welchem dieser, als Oberhaupt der griechischen Kirche, Danilo Petrowitsch zur
Annahme der weltlichen Frstenwrde und zur selbststndigen Ernennung des
Bischofs ermchtigte, der in Zukunft der Kirche in Montenegro vorstehen sollte.
Dies offene Eingreifen des Czaren, das Montenegro fast als eine russische
Provinz erscheinen lie, reizte die Pforte zum Einschreiten, die immer noch
nicht die thatschliche Unabhngigkeit des kleinen Freistaats anerkannt hatte
und die Montenegriner nie anders als Rebellen betrachtete, die nur die
Unzugnglichkeit ihres Gebiets und die geringe Macht der Pascha's vor
Unterjochung schtzte. Die Pforte zog unter Omer Pascha in Bosnien Truppen
zusammen, um die Montenegriner zum Gehorsam zu bringen. Frst Danilo kam ihr
zuvor; er zchtigte mit 1000 Kriegern den abgefallenen Stamm Piperi; 30
Czernagorzen aus dem Stamme Ceklin berfielen am 11. November die kleine
trkische Festung Zabljak und nahmen sie. So entspann sich der Krieg.
    Frst Danilo rumte zwar, auf Anrathen Oesterreichs, am 25. December wieder
die gewonnene Veste und zog sich in die Grnzen seines Landes zurck, aber die
Pforte, die vor Kurzem die ewig revoltirenden Begs Bosniens und der Herzegowina
durch Strme von Blut unter der eisernen Zuchtruthe Omer's zum Gehorsam gebracht
hatte, wollte die Gelegenheit nicht versumen, das unabhngige Montenegro zu
unterjochen, und seine Truppen schlossen es von allen Seiten ein. Eine
Proclamation des Serdars drohte die vllige Ausrottung aller Bewohner und seine
Taktiki's (regelmige Truppen) und Arnauten schienen die Drohung alsbald wahr
machen zu wollen und begingen die scheulichsten Grausamkeiten gegen Frauen,
Kinder und Hilflose. Im kleineren Kriege blieben freilich die leicht
beweglichen, mit allen Schluchten und Schlupfwinkeln ihres Gebirges vertrauten
Montenegriner berall Sieger und brachten den Trken nicht unerhebliche Verluste
bei. Am 10. Januar griffen die Trken die Distrikte Piwa und Zupa an; in der
Nacht zum 16. brachen die Montenegriner in das trkische Lager ein und Frst
Danilo drngte am 18. den Feind aus dem Zetathal wieder zurck. Dagegen
erstrmten am 19. die Trken das befestigte Haus des Wojewoden Jakob Wujatich
von Grahowo und nahmen ihn mit vierzig Gefhrten gefangen, und Omer Pascha
eroberte das tapfer vertheidigte Dorf Martinis unweit Spus am 24. und bedrohte
Cetinje. Doch schon am 27. wandte sich wieder das Kriegsglck. Die Bergvlker
schlugen die Moslems bei Limajani, widerstanden dem Sturme Selim Pascha's auf
die Drfer Boljevice, Limajani und Sotonica am 5. Februar und auf das Dorf
Gedinje in der Czernitza Nahia am 16. Das Lager Omer's selbst war in der Nacht
zum 9. bei der Brcke von Uzicki Most in der Nahia Bielopavelska vom Frsten mit
3000 Kriegern berfallen und das trkische Heer mit groem Verlust in wilder
Flucht bis Spuz zurckgejagt worden, und die Trken muten sich nach Lesine
zurckziehen und am 25. Februar gnzlich Montenegro rumen, da Oesterreich an
der serbischen Grnze Truppen zusammenzog und durch seinen auerordentlichen
Gesandten, Feldmarschall-Lieutenant Grafen Leiningen in Constantinopel, von
Ruland untersttzt, die Einstellung des Krieges, strenge Untersuchung der
Beschwerden der bosnischen Christen und die Entfernung der ungarischen
Flchtlinge aus Omer Pascha's Heer forderte. Die Pforte mute nachgeben und Graf
Leiningen verlie am 14. mit der verlangten Note Constantinopel.
    Zugleich begann die Differenz mit Ruland in der Frage der heiligen Sttten;
der Czar stellte seine Forderungen, Frst Mentschikoff traf damit am 28. Februar
am Bosporus ein und bald war die Pforte in der Nothwendigkeit, ihre Streitkrfte
an andere Punkte verlegen zu mssen. Am 24. Mai ertheilte Omer Pascha in Scutari
dem trkischen Heere den Befehl zum Aufbruch nach der Donau und nur drei
Bataillone verblieben im Paschalik und wurden nach Scutari, Podgoriza und
Antivari vertheilt. Frst Danilo hatte sich, um durch ein nheres Schutzbndni
seine Macht zu strken und verschiedene Veranlassungen zu Grnzstreitigkeiten zu
beseitigen, am 25. April nach Wien begeben und war nach einem beraus
freundlichen Empfang am 7. Mai nach Cetinje zurckgekehrt. Bald darauf auch
verbreitete sich die Nachricht, da ein russischer Emissair, der Oberst Berger,
in Montenegro eingetroffen sei, und whrend die Angelegenheiten in
Constantinopel sich immer drohender verwickelten und bald zum offenen Bruch
fhrten, wuchs in allen griechisch-slavischen Provinzen die Ghrung unter der
christlichen Bevlkerung immer hher und mchtiger, und auch an den Grnzen
Czernagora's brach trotz der bestimmten Befehle des Frsten Danilo der kleine
Plnklerkieg mit seinen gegenseitigen Raub- und Abenteuerzgen auf's Neue aus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wo der prchtige felsenumgrtete See von Skadar (Scutari) sich hinabzieht
gegen das gleichnamige Bollwerk des trkischen Albaniens, noch jenseits der von
den Montenegrinern in Besitz genommenen Inseln Sanct Nicolaus, Stavena und
Morakowitsch, liegt ein Felseneiland, wild und rauh, wie die Gebirge der
Czernitza selbst, gleichsam als Vorposten gegen die trkische Veste, hufig von
einzelnen Streiftrupps der unruhigen Bergbewohner besucht, theils um hier auf
den Oko's2 die schmackhafte Ukljeva zu fangen, theils um von hier aus ihre
ewigen Gegner, die Trken, zu beobachten.
    Ein kstlicher milder Juli-Abend lag auf den blitzenden Wellen des schnen
See's, die der scharfe Wind aus den Schluchten des Sutorman von Sden her in
leichte Bewegung setzte. Unter einer schroff am See emporsteigenden Klippe,
geschtzt durch einen mchtigen Felsblock vor dem Luftzug und den Spherblicken,
lagerte eine bunte Gruppe, aus fnf Personen bestehend, um ein kleines Feuer, an
dem ein Holzspie mit den schmackhaften Weifischen des See's briet, whrend die
zu der Gruppe gehrende Frau das Castradina, das Lieblingsgericht der
Czernagorzen aus geruchertem Fleisch auf serbische Art bereitete. Hoch oben auf
dem Felsen, nach der gewhnlichen Sitte seines Volkes auf Wachtposten, lag eine
sechste Gestalt in den zottigen braunen Mantel des Hochlands gehllt, Auge und
Flinte gegen die Seite von Skadar gekehrt und auf der weiten Flche des See's
jedes kreuzende Boot, ja selbst die dahin streifende die Wellen berhrende Mwe
besphend.
    Das Haupt der Gruppe am Felsen war ein Greis von wahrhaft furchtbarem
Aussehen. Das weiwollene Hemd, Hals und Brust offen lassend und in der Mitte
von einem Grtel zusammengehalten, in dem eine lange Pistole hing und der
sbelgleiche Handjar mit schwer von Silber beschlagenem wohl einen Fu langen
Griff steckte, umschlo einen Krper von wahrhaft riesigen Formen. Um die
Schultern von kolossaler Breite hing die Struka, der braune zottige bis ber die
Hften reichende Mantel der Czernagora. Das Bein war zur Hlfte von einem kurzen
trkischen Beinkleide bedeckt, whrend an den Fen die Opanka befestigt war,
jene leichte elastische Sandale, die sich vorzglich eignet, um Berge hinan zu
klimmen und von Fels zu Fels wie der Gemsenjger zu springen. Das
Charakteristische an der Figur des Alten zeigte der mchtige Kopf, der auf
diesem Riesenleibe sa. Der Scheitel war halb kahl bis auf die Mitte des
Schdels, nicht durch den Mangel an Haaren, sondern nach der Sitte des Volks
rasirt, denn rechts und links und von der hinteren Hlfte fiel mhnenartig ein
starks graues Haar in langen Strngen und Flechten auf den Stiernacken herunter
und vereinigte sich um Mund und Kinn mit einem gleichen rauhen Bart, den der
Alte von Zeit zu Zeit wohlgefllig strich. Stirn und Gesicht bildeten dazu ein
frmliches Gewebe von Runzeln, Falten und Narben, aus dem ber der langen
schnabelartig gebogenen Nase ein dunkles rastloses Auge mit einem Glanz und
einem unstten Ausdruck funkelte, der hufig etwas Wahnwitziges an sich trug.
Das andere Auge war erblindet, von einem Schlag ausgelaufen, und die leere
Hhlung erhhte das Unheimliche des Gesichts, das durch einen breiten Mund mit
glnzenden wolfsartigen Zhnen gleichfalls nicht gewann. Dies Haupt war von der
beim Volke eingebrgerten Kopfbedeckung beschattet, dem tcherumwundenen Fez,
der dadurch die Form eines Turbans gewinnt. Die furchtbarste Beigabe des
Gesichts aber war ein im Rauch gleich den Kpfen der Neuseelnder getrocknetes
Menschenhaupt, das in seiner ganzen Scheulichkeit an einer starken durch den
Schdel gezogenen Schnur gleich einem Amulet oder einer Zierrath um den Hals und
auf der Brust des Alten hing. Hinter dem Greise am Felsen lehnte seine lange am
Schaft reich mit Silber beschlagene Flinte von alterthmlicher Form.
    Der brige Theil der Gesellschaft bestand aus einem neben ihm sitzenden
jungen Mann von 20 bis 21 Jahren, von edler klassischer Gesichtsbildung in
einfacher griechischer Tracht; einem trkischen Arnauten im malerischen, nur bei
dem Individuum stark mitgenommenen, ja zerlumpten rothen Costm des Volksstammes
der Gueguen; und in einem jungen Burschen von etwa 14 bis 15 Jahren, der
gleichfalls die Kleidung der Czernagorzen trug und dessen Zge eine
unverkennbare Aehnlichkeit mit denen des Alten hatten. Dasselbe, nur gemildert
zu den Formen wirklichen Reizes, war bei der jungen Frau der Fall, die sich mit
der Zubereitung des Mahles beschftigte. Ueber den lang herabfallenden mit
Bndern durchflochtenen Zpfen lag zierlich das weie italienische Kopftuch mit
dem herunterhngenden Schleier, dem Zeichen der Zeichen der verheiratheten Frau.
Ein eng und faltenreich um den Hals schlieendes Hemd mit weiten bunt gestickten
Aermeln, die Schrze von rother Wolle, darber das Ueberkleid ohne Aermel von
weiem Tuch mit blauen Schnren geziert, vorn offen, Brust und Schrze mit dem
am Grtel hngenden Einschlagmesser frei lassend, Socken und Sandalen an den
Fen, bildeten ihren charakteristischen nicht unzierlichen Anzug.
    So sagst Du also, Beg, setzte der Arnaut das Gesprch fort, da der
Christensultan in Moskwa das schwarze Hochland frei machen wird von den
Glubigen?
    Du redest, wie es ein Moslem versteht, Khan Hassan Lekitsch, entgegnete
der Greis. Die Kinder der Czernitza sind nie die Sclaven des weien Czaren3 in
Stambul gewesen, seit Iwo's meines Ahnherrn, Zeiten, der unter Obod's4 Trmmern
am Busen der schwarzugigen Wila's5 schlft, die ber ihn wachen und ihn
dereinst auferwecken werden, sobald es Gottes Wille ist, seinen geliebten
Czernagorzen Cattaro und das blaue Meer wiederzugeben. Dann wird der
unsterbliche Held wiederum an die Spitze seines Volkes treten und die Schwabi6
vertreiben, gleich wie er die Bekenner des Halbmondes von unseren Bergen
vertrieben hat.
    Aber Beg, Du weit, da ich selbst zu den Glubigen gehre.
    Was kmmert das Iwo, den Einugigen? sagte der Greis in heiliger Einfalt.
Bist Du nicht unser Gastfreund und hast von unserm Brote gegessen? Was kmmert
mich Dein Glaube, Khan, wenn Du Treue hltst dem Volke der Czernagora.
    Du sprichst es, Beg, und es mu wahr sein. Aber sage mir, wie ist es mit
dem Volk der Moskowiten?
    Hre mich, Khan Hassan, und merke auf meine Worte, denn solche hat mit der
Pope Petrowitsch gesagt. In Stambul, das Deinem weien Czaren gehrt, steht eine
mchtige Kirche, von den Heiligen des Himmels gebaut und darin viele heilige
Dinge, die gehrte den Christen, unsern Brdern. Aber der weie Czar hat sie
ihnen geraubt und lt jene den Haradsch zahlen und viele schwere Steuern. Er
schlgt die Mnner und hlt sie mit dem Antlitz in's Feuer, bis sie ihm sagen,
wo sie ihr Geld verborgen halten, und den Weibern und Mdchen schneidet er das
Gewand ber dem Knie ab und giebt sie seinen Kriegern zur Beute, also da er
jeden Stamm der Rajahbrder vertilgen will von dem Erdboden. Darob ergrimmte der
schwarze Czar, unser Vater in Moskau, und er hat seine Krieger marschiren lassen
in das Land unserer Vter an dem groen Strom, an dem der Heiduck wohnt und der
Serbe und der Bulgare, da der Serdar, unser Feind, eilig unsere Berge hat
meiden mssen und gegen den neuen Feind ziehen. Der schwarze Czar aber, welcher
uns so befreit hat, er verkndet uns, da er unsere Rechte mit denen unserer
Griechenbrder zugleich vertheidigen und den Sultan aus Stambul wieder verjagen
wird weit ber's Meer in's Land, woher seine Vter gekommen sind.
    Aber der Vladika hat Frieden gemacht mit dem Sultan, entgegnete hartnckig
der Trke, und ich habe gehrt, da er ein Verbot an alle Plemen erlie, die
Wassen zu erheben.
    Du redest Thorheit, Khan! Kann denn die Welle der Moratscha rckwrts
flieen? Kann der schwarze Kalogeri7 seinen Kindern verbieten, nicht fr den
Czaren in Moskau zu kmpfen, nachdem er selbst die Weihe von seiner Hand
empfangen hat? Wisse, Khan, ich habe selbst in Cetinje auf dem Markt den
Wojwoden gesehen, den der schwarze Czar an seine Junaks8 in Czernagora geschickt
hat, um sie zum Kampfe zu laden. Sie nennen ihn den Oberst Berger, und dieses
Kreuz hab' ich von seiner eigenen Hand erhalten.
    Er zeigte ihm eine der russischen Denkmnzen, wie deren viele an die
tapferen Krieger des Hochlandes vertheilt werden und die er am Halse neben dem
Schdel trug.
    Meinst Du, fuhr der Greis fort und sein eines Auge leuchtete wild, da
Beg Iwo Martinowitsch in seiner Jugend umsonst Troitza gestrmt und den Helden
Campaniole mit seiner Kugel erlegt habe, oder da er gegen den grausamen
Dschelaluddin vor dreiunddreiig Wintern gefochten und die Taktiki's des Mehemed
bei den Kula's von Martinitsch getdtet habe, um in seinen alten Tagen von Gott,
dem groen Wrger9, auf seinem Lager gefunden zu werden? Sieh dieses Haupt auf
meiner Brust, es gehrte einst dem Pascha des verfluchten Podgoritza,
Namik-Halil, und seit einundzwanzig Jahren trag' ich den Todfeind an meinem
Halse, der mein erstes Weib und meine Kinder in's Feuer des Kula's meines
Stammes warf. Meinst Du, da ein Uskoke, der also hat, je den Sbel ruhen
lassen wird gegen den Trken? Hab' ich nicht mitgefochten wieder bei
Martinitsch, als uns in diesem Jahre der Wrger von Bosnien, Omer Pascha, mit
Krieg berzog? War ich nicht dabei, als wir in der Mordnacht von Plamenzi den
Moslem aus seinem Lager schlugen, und hat mein Schwiegersohn, Gabriel der
Zagartschane10, nicht gefochten und gelitten mit dem tapferen Wojwoden von
Grahowo, dessen Seele die Heiligen gndig sein mgen, und schmachtet jetzt dort
hinter den Wllen des blutigen Skadar?
    Er schaute grimmig umher, wie als suche er nach Einem, der den Widerspruch
wage. Die Frau, von seinen letzten Worten erregt, brach in eine
leidenschaftliche Klage aus.
    Warum sahen meine Augen den Tag, da Gabriel, mein tapferer Gatte, in die
Hnde des Selim Pascha fiel, nachdem Gott ihn aus der Hand des grausamen Derwish
hat entkommen lassen? Wohl sehe ich neben mir den Blutbruder meines theuren
Herrn, der an seiner Seite gestritten und mit ihm gefangen gelegen, aber Nicolas
Grivas der Mainote sitzt ruhig hier im sichern Schatten der Felsen, inde
Gabriel Zagartschani im Thurme von Skadar modert, aus dem uns Hassan der Moslem
allein die erste Kunde gebracht hat.
    Der junge Mann in griechischer Tracht, der bisher stumm und melancholisch
brtend neben dem alten Beg gelegen hatte, fuhr empor bei dem bittern Spott und
eine dunkle Rthe bergo sein schnes offenes Gesicht.
    Was redest Du, Weib? sagte er heftig. Habe ich nicht mein Blut vergossen,
wie Dein Gatte, mein Freund, am Tage des Kampfes? Hab' ich nicht Hunger und
Klte getragen mit ihm, und als wir in's Trkenlager brachen, gefochten an
seiner Seite?
    Das hast Du, Nicolas Grivas, - aber ich sehe Dich nicht liegen auf dem
Schlachtfelde, wundenbedeckt, zur Vertheidigung Deines Bruders! ich sehe Dich
nicht, gefesselt gleich ihm, in dem moderathmenden Kerker von Skadar! Ich frage
Dich nur, wo ist der Bruder, mit dem Du den Blutbund beschworen, und siehe, Du
kannst mir nicht antworten: Frau, da ist er, oder ich bringe Dir mindestens das
Haupt dessen, der ihn erschlagen hat!
    Grivas rckte unruhig hin und her.
    Du thust mir Unrecht, Stephana, und weit sehr wohl, da ich mein Blut
willig opfern wrde fr den Freund. Mein Bruder Andreas Caraiskakis hat wahrlich
keinen Feigling in Euer Land geschickt, da er Euch beistehen sollte mit seinen
geringen Kenntnissen und seiner jungen Hand im Kampfe gegen den Sultan. Kann ich
dafr, da das Gewhl des Ueberfalls mich in dem Dunkel der Nacht vom Freunde
trennte und ich fern war, als er im Eifer der Verfolgung verwundet wurde und von
den treulosen Albanesen nach Scutari gebracht ward? Bin ich nicht mit
Lebensgefahr sofort in die Hhle des Lwen gegangen, als Hassan Khan uns die
erste Nachricht von dem Leben unseres Freundes gebracht hatte, um zu suchen, wie
ich ihn retten knne, und bin ich nicht bereit, in einer Stunde auf's Neue das
Werk zu wagen?
    Die Frau legte freundlich ihre Hand auf seine Schulter.
    Zrne nicht, Nicolas Grivas, ber den Schmerz eines Weibes. Ich wei, Du
bist ein Junak, ein Tapferer, die Helden meines Volkes rhmen den Knaben der
Juganen11, der zu uns kam, mit uns fr den Krieg zu streiten. Aber Du hast nicht
das Auge der Adler von Czernagora, das auch im Dunkeln den Bultbruder bewacht.
Auch ist es trbe und matt, seit Du von Skadar wiedergekehrt bist zu uns, als
lge ein mchtiges Leiden auf Deinem Herzen. Dennoch vertraust Du uns nicht und
mischest Deinen Kummer nicht mit dem meinen.
    Der Grieche sttzte finster das Haupt in die Hand und schwieg. Des Weibes
Blicke ruhten aufmerksam auf ihm, aber sie wagte nicht, weiter zu fragen, bis
Hassan der Arnaut, der mit unendlicher Seelenruhe alle Schmhungen auf seine
Glaubensgenossen mit angehrt hatte, den Rauch seiner Pfeife von sich blies und
die Vermuthung aussprach:
    Ich meine, der Giaur hat in die blauen Augen der Houri's von Scutari
geschaut und sein Herz ist getroffen worden gleich dem Reh der Wlder. Bei
Allah, die Weiber in meiner Heimath sind schn, und viele von ihnen haben den
bsen Blick, der niemals den wieder verlt, den er ein Mal getroffen hat.
Nimmer htte ich das Land gemieden, wenn mich nicht der Zorn bermannt htte,
da ich den Aga Mehemet zu Tode schlug.
    In Grivas Wangen stieg verrterisch das Blut whrend der gemchlichen Rede
des Arnauten, indem er Aller Blicke auf sich gerichtet fhlte.
    Ei wohl, Khan, sagte Stephan, Du magst Recht haben, und wenn der junge
Junasch wirklich einer Taube begegnet ist, die sein Herz gerhrt hat, ei, so mag
er das Recht der Otmitza12 ben, wenn er glcklich heimkehrt, und sich die Braut
holen.
    Der Alte schaute sie finster von der Seite an.
    Die Otmitza hat schon Unheil genug gebracht, denn sie fhrte den Sohn des
Geschlechts, mit dem wir in Blutrache leben, in unsere Brastwo13. Bei den
Gebeinen des heiligen Mrtyrers Basilius in Ostrog14, ich wei nicht einmal, ob
ich Recht daran thue, zuzugeben, da dieser junge Mensch, mein Gastfreund, in
den Rachen des Wolfes geht, blo um einen Mann zu retten, dessen Blut der
Familie Martinowitsch eigentlich verfallen ist und lngst htte von uns
vergossen werden mssen.
    Vater, rief die Frau entsetzt, was redest Du da? Du sprichst von Deinem
Eidam, dem Gatten Deines Kindes!
    Der Greis starrte vor sich hin, die fixe Idee seines Familienhasses schien
in ihm wieder aufzusteigen und seinen Geist zu verdstern.
    Was Kind! murmelte er vor sich hin. Die Blutrache hat seit hundert Jahren
zwischen dem Geschlecht der Zagartschani und der Martinowitsch Zahn um Zahn
genommen, so will es das alte Gesetz, und der Vater Deines Mannes hat unsern
Djewer15 zuletzt erschlagen, ohne da sein Blut bis jetzt gerochen ist.
    Aber es ist das Blutgeld gezahlt und der Streit ist ausgeglichen, als mich
Gabriel heimlich davongefhrt und Ihr auf des Popen Bitte dann Eure Einwilligung
zur Heirath gabt und Gabriel zum Schwiegersohn nahmt.
    Blut ist Blut, sagte der Alte, und der Schatten des Vetters hat mich
manch liebe Nacht gemahnt, wenn die Wila's drauen auf der Livada16 tanzten und
der Vampyr umherging mit den blutigen Augen vor der Hahnenkrh. Iwo ist alt und
hat einen Eid gethan, nur das Blut der Moslems noch zu vergieen, aber er hat
einen Knaben, in dessen Adern das schwarze Blut der Familie rollt, und er wird
die Pflicht seines Stammes nicht vergessen.
    Der junge Mann, sein Sohn, der bisher geschwiegen und nur auf jedes Wort aus
dem Munde der Aelteren gelauscht hatte, richtete sich funkelnden Auges vom Boden
empor.
    Befiehl, Vater Iwo, und Bogdan wird gehorchen, glt' es auch das Blut
seines nchsten Freundes.
    Er zog wie betheuernd den Yatagan in seinem Grtel halb aus der Scheide,
doch die Schwester, wild erregt von der herzlosen Blutgier, die zur Shnung
einer alten Familienfehde selbst das Leben des eigenen Verwandten bedrohen
konnte, sprang wie ein Blitz auf die Flinte des Alten zu und schwang die schwere
Waffe gleich einem Rohr um das Haupt.
    Seid Ihr Wlfe aus dem Epyrus, zrnte sie, oder die grausamen Tiger des
todten Wthrichs von Janina17, da Ihr das eigene Blut schlachten wollt, statt
es zu retten aus Trkenhand? - Bei allen Heiligen im Himmel, wer mir an den
Gatten will, der hat es zuvor mit mir zu thun, und er wird sehen, ob die Tochter
der freien Berge die Waffe zu fhren versteht!
    Grivas war aufgesprungen.
    Gebt Euch zufrieden, Stephana, Vater und Bruder haben es so schlimm nicht
gemeint, und es ist nur der alte bse Geist, der zuweilen ber den tapferen Sinn
des Begs kommt. Du weit, da Keiner eiliger war, als er zur Tscheta18, da uns
die Kunde kam von Deinem Gatten.
    Der Alte strich sich wohlgefllig lachend den Bart.
    So gefllst Du mir, Kind, ich erkenne mein Blut in Dir wieder und wei, da
das Wei seinem Manne anhngen mu. Aber spute Dich jetzt, wenn die Sonne sinkt
hinter die Berge, und wenn die Dmmerung naht, mu der Grieche im Kahn sein, um
zeitig in Skadar zu landen.
    Die Frau stellte die hlzerne Schssel mit der Castradina vor sie hin und
Alle setzten sich um das Mahl und stillten ihren Appetit. Dann lste der junge
Martinowitsch die Schildwacht auf dem Felsen ab, um dem Gefhrten, einem Vetter
der Familie, gleichfalls sein Theil zukommen zu lassen.
    Whrend dessen beriethen die Mnner den gefhrlichen Zug des jungen Griechen
zur Befreiung seines Freundes, mit dem er vor dem Heldenkampf von Grahowo die
uralte Sitte der Blutbrderschaft eingegangen war, ein Band, das zwei Mnner zu
jeder Aufopferung und Hingebung verpflichtet. Die Blutbrderschaft wird nach den
Gebruchen des Volkes entweder fr's Leben oder fr eine gewisse Zeit, z.B. fr
die Dauer eines Krieges oder einer Fehde, geschlossen. Whrend dieser verlassen
sich dann die so Verbundenen keinen Augenblick, Gefahr und Ruhe, Speise und Noth
theilen sie gemeinschaftlich. Ein Lager umfngt sie, Schulter an Schulter stehen
sie im Kampf, und nur der - gewhnlich aber gemeinschaftliche - Tod scheidet den
Einen vom Andern und legt dem Ueberlebenden die heilige Pflicht auf, den
gefallenen Bruder blutig zu rchen und fr seine Hinterlassenen, wenn er Familie
hat, zu sorgen. Unauslschbare Schmach trifft den, der seinen Blutbruder in der
Gefahr verlt oder, ohne ihn gercht zu haben, aus dem Kampfe allein
zurckkehrt.
    In hnlichem Fall war Nicolas Grivas, der jngere Stiefbruder der beiden
Caraiskakis, gewesen. Die heldenmthige Vertheidigung des befestigten Hauses des
Wojwoden Jakob Wujatich von Grahowo gegen die Trken unter Dervish Pascha ist
durch die Zeitungen bekannt. Am 19. Januar erstrmten die Trken das Haus, und
der tapfere Wojwode fiel, nachdem er noch eine Felsengrotte lange gehalten und
nur auf die drohende Gefahr der bereits begonnenen Unterminirung unter dem
Versprechen ehrlicher Kriegsgefangenschaft die Waffen streckte, mit vierzig
Gefhrten - darunter Grivas und sein Blutbruder Gabriel, der Schwiegersohn des
berhmten Beg Martinowitsch - in die Hnde der Trken. Aber die Moslems, treulos
und grausam wie in allen diesen Kriegen gegen die Montenegriner, hielten das
gegebene Wort schlecht und unterwarfen die Gefangenen den furchtbarsten Leiden.
An Pfhle gebunden, der Kleider grtentheils beraubt und bei dem Mangel an
Lebensmitteln im Lager selbst oft die nothdrftigste Nahrung entbehrend, muten
sie die kalten Wintertage und Nchte zubringen. Der Brand trat bei Vielen
alsbald zu den Wunden und endete ihre Leiden. Es ist historisch, da einem
Bruder des Wojwoden das Bein abfror. Der Wojwode selbst starb im Mrz an den
Folgen der erlittenen Behandlung. In einer Nacht war es jedoch vier der
Gefangenen, darunter den beiden Freunden, gelungen, whrend eines furchtbaren
Unwetters zu entfliehen und sie gelangten durch das sterreichische Gebiet
glcklich zu den Ihren, wo ihnen jedoch nur kurze Erholung gegnnt war; denn der
Kampf wthete auf allen Seiten und sie nahmen alsbald wieder Theil an demselben
und rchten die Leiden ihrer Gefangenschaft bei dem siegreichen nchtlichen
Ueberfall an der Brcke Uzicki Most und bei Frutack, wo die Trken ber 500
Gefangene, 400 Todte und eine groe Beute mit der Kriegskasse selbst verloren.
Im Gedrng des Kampfes waren hier jedoch die Freunde von einander gekommen, und
Gabriel der Zagartschane, von seiner heimischen Pleme in der Katunska-Nahia also
genannt, fiel auf der eifrigen Verfolgung der Feinde nach Spuz, am Bein
verwundet, in ihre Hnde und wurde von dem Heere auf dem Rckzug nach Scutari
mitgeschleppt, whrend seine Waffengefhrten glaubten, da er im Kampfe
geblieben. Grivas, dessen Suchen nach der Leiche des Freundes vergeblich
gewesen, brachte die traurige Kunde seiner Frau, die whrend des Zuges nach
Grahowo zu ihrer Familie in der Nahia Rietschka zurckgekehrt war. Nur der Ruf
der bewiesenen Tapferkeit und Aufopferung schtzte den jungen Griechen hier vor
Schmach, da er ohne sichtbare Beweise vom Tode des Blutbruders und der fr ihn
gebten Rache heimgekehrt war. Dennoch sah er sich berall von miachtenden
Blicken angeschaut und kehrte bald zurck nach Cetinje, wo er im Stabe des
Frsten mit seinen auf der Militairschule zu Athen erworbenen Kenntnissen schon
frher Hilfe geleistet. Pltzlich, gegen das Ende des Monats Juni, rief ihn eine
Botschaft der Wittwe des Freundes zurck nach der im unwirthbarsten Gebirge
belegenen Kula19 des alten Martinowitsch. Zu seinem freudigen Staunen vernahm er
hier die Nachricht, da ein aus Scutari wegen eines begangenen Todtschlags
geflchteter Arnaut der Familie, um sich bei ihr die Gastfreundschaft zu
sichern, die Kunde gebracht hatte, da Gabriel am Leben und unter den Gefangenen
in Scutari sei. Die Familie hatte alsbald die heilige Pflicht gebt, dem
Blutbruder als dem Nchstverpflichteten Kunde zu senden, und Grivas war sogleich
bereit, das Werk der Befreiung zu wagen. Eine Tscheta aus den engeren
Mitgliedern der Familie wurde hinab zum See von Skadar beschlossen und man
lagerte bereits seit acht Tagen auf einer der von den Montenegrinern den Trken
entrissenen Inseln des prchtigen Gewssers. Von hier aus hatte der junge Grivas
bereits ein Mal sich nach Scutari gewagt, um das Terrain zu recognosciren, denn
offenbar konnte hier zur Befreiung des Gefangenen nur List, nicht Gewalt helfen.
    In der That war es ihm auch durch die Andeutungen, die der Arnaut und der
Beg ihm gegeben, gelungen, sich ber das Gefngni des Freundes zu orientiren,
und glcklich kehrte er wieder zu den Genossen zurck, um mit ihrer Hilfe die
Befreiung selbst zu versuchen. -
    Nachdem das Mahl eingenommen, waren die Vorbereitungen zur Abfahrt des
verwegenen Abenteurers, der auch dies Mal die Fahrt allein unternehmen sollte,
bald getroffen. Unter der Fustanelle20 trug er einen langen, mit Knoten und
Haken versehenen Strick um den Leib, ein Feile und ein scharfes Messer in den
Gamaschen der Fe eingeknpft, im Grtel die gewhnlichen Waffen der Albanesen.
Whrend der einugige Greis mit dem Moslem hinunter ging zum Ufer, den schmalen
Kahn vom Segelboot zu lsen, in dem die Gesellschaft gekommen war, trat Stephana
zu dem jungen Mann.
    Der heilige Johannes schtze und segne Deine Fahrt und Dein Unternehmen,
Nicolas Grivas, sagte sie feierlich. Gern mchte ich an Deiner Seite stehen,
und wahrlich, ich wollte Dir kein schlechter Beistand sein im Augenblick der
Gefahr, aber ich fhle, meine Gegenwart knnte Alles verderben. Doch hilft List
und Muth oft nicht allein, wirksamer als Kugel und Stahl ist das gelbe Metall.
Hier, Freund meines Gatten, nimm, was mein davon ist. Ohne den Theuren ntzt mir
der Schmuck Nichts; gewinne ich ihn wieder, so ist er mein bester Schmuck.
Nimm!
    Sie drang ihm eine jener Schnuren von zusammengereihten kleinen Goldmnzen
auf, welche die slavischen Frauen so hufig zum Schmuck des Hauptes benutzen und
in die Haare flechten. Grivas fhlte die Wichtigkeit der Gabe fr seinen Zweck
und nahm sie dankend.
    Noch Eines frage ich Dich, fuhr Stephana fort und legte freundlich die
Hand auf seine Schulter. Vertraue mir, der Frau, was Dich sichtlich drckt,
seit Du von Skadar zurckgekehrt bist. Hast Du Etwas Schlimmes von Gabriel,
meinem Gatten, erfahren, oder ist die Vermuthung des Khan wahr und hat die Liebe
Dein Herz getroffen?
    Der junge Mann bedeckte die Augen mit der Hand. Liebe, Stephana? ich wei
es nicht, aber wenn es die Liebe ist, so mu sie etwas Schreckliches sein. O,
da ich Dir diese Augen beschreiben knnte, die ich nur ein einzig Mal geschaut
und die sich fr ewig glhend in mein Gehirn gebohrt haben, da ich nicht mehr
fhlen und denken kann. Kennst Du die grauenvolle Sage Deiner Heimath vom
Vampyr, Frau, der im Mondlicht bleich umherstreift und sich an die Herzen der
Lebenden sangt, jeden Blutstropfen unersttlich verschlingend? So saugt
allnchtlich dies Bild mit den glhenden Augen an meinem Herzen. Stephana - ich
liebe - einen Vampyr!
    Die junge Frau schlug das Kreuz. Um der Heiligen willen, Mann, fasse Dich -
Du redest ruchlosen Wahnwitz!
    Wahnwitzig mcht' ich werden, und der Wahnwitz htte mich gen Skadar
getrieben, auch wenn die Pflicht gegen den Freund mich nicht dahin gefhrt!
    Der Ruf des Alten ertnte vom Ufer herauf - der Nachen war bereit, die Sonne
im Untergehen.
    Bete fr mich - bete fr meine arme Seele! Nur der Himmel kann retten, die
den Unterirdischen verfallen sind!
    Wenige Worte noch mit den Gefhrten, und die krftigen Ruderschlge
entfernten ihn vom Ufer.

    Es war nach Mitternacht, im Silberglanz des Mondes, als Nicolas Grivas eine
halbe Stunde entfernt von den Wllen von Scutari, stlich vom Hafen der Festung,
unter wildem Felsgestein und Gebsch nach angestrengtem Rudern landete und den
Nachen, so gut es die Gelegenheit bot, dort verbarg. Dann ging er eine Strecke
landein, suchte sich einen vor den schdlichen Mondstrahlen geschtzten Platz
und legte sich nieder zum Schlaf. Mit Sonnenaufgang war er munter, nahte sich
vorsichtig der Stadt und schlenderte dann mit den zahlreichen Gruppen der
albanesischen Landleute und Arbeiter sorglos durch das geffnete Thor.
    In einem der trkischen Caffeehuser in der Nhe der Befestigungen des
Hafens, in denen, wie er von Hassan wute, Andreas gefangen sa, nahm er sein
Morgenbrot und verweilte, bis ein regeres Treiben die Straen belebte.
    Die rothe Tracht der Gueguen oder Myrditen mit dem Waffen-Arsenal im Grtel,
oder dem malerischen Harnisch, der an die Ritterzeiten und die Tscherkessen
erinnert; die Toja der Toxiden mit dem Waffenrock, dem Grtel und den Sandalen
aus der Rmerzeit, whrend der schlanke, erhabene Wuchs ihrer Frauen, das rein
griechische Profil und die groen, blauen, seelenvollen Augen unter den lang
herabhngenden, blonden oder kastanienbraunen Haaren ein Bild klassischer
Schnheit giebt; die Frau von den Ufern der Drinna, die Flinte auf der Schulter,
den Handjar im Grtel und den Korb mit den Frchten oder Geflgel, die sie zu
Markte bringt, auf dem Kopf; dazwischen die kleine, dunkle Gestalt des Japis aus
den Schluchten und Felsen am adriatischen Meere; die Mnner von Suli mit dem
Adlerblick und der stolz emporgetragenen Stirn; der trkische Soldat des Nizam
in seiner dunkelblauen unkleidsamen Tracht mit dem flachen Fez; der geschftige
Grieche und Jude und dazwischen der gravittische Moslem, - alle diese hundert
bunten Gestalten mit dem den Griechen-Slaven eigenen lebhaften Drngen und
Schreien gaben ein beraus lebendiges buntes Bild, durch das sich Grivas zum
Khan des Maltesers Girolamo drngte, in dem, nahe am Bazar gelegen, die
Mssiggnger der Festung, die Fremden und die Offiziere der Besatzung zu
verkehren pflegen. Gegenber dem Khan war der Aufgang zur Citadelle, in deren
Ringmauern sich die Gebude des Paschalik befanden. Nicolas nahm vor dem Khan
einen Sitz ein, und statt mit einem oder dem Anderen ein seine Zwecke vielleicht
frderndes Gesprch anzuknpfen, schaute er unverwandt nach dem Thor der
Citadelle, an dem die Wachen mig lehnten.
    So hatte er bereits zwei Stunden gesessen, als durch das Thor zwei Frauen in
trkischer Kleidung die Festung verlieen, die Gestalt in den verhllenden
Feredschi21 verborgen, whrend das Haupt unter dem weien Schleier, Yaschmack
genannt, verschwand, den, aus einem langen Streifen Mousselin bestehend, die
muhamedanischen Frauen, sobald sie ihre Gemcher verlassen, um den Kopf wickeln
und unter dem Kinn befestigen, so da er das ganze Gesicht verbirgt und nur
einen etwa drei Finger breiten Streifen fr die Augen frei lt. An der grnen
Farbe des Mantels war leicht zu erkennen, da die Eine die Herrin, die Andere
eine Sclavin war. Die Gestalt der Ersteren erschien trotz der verhllenden
Kleidung gro und stolz und hatte nicht den durch die doppelten Pantoffeln
gewhnlich hervorgebrachten schleppenden und unsicheren Gang. Die Dame trug
vielmehr unter den weiten trkischen Beinkleidern rothe mit Gold gestickte
Stiefel, und jede ihrer Bewegungen zeigte eine bei den Orientalen ungewohnte
Rastlosigkeit und Energie. Die beiden Frauen gingen allein, aber deshalb nicht
unbegleitet. Ein seltsamer und schauerlicher Gefhrte bewachte jeden ihrer
Schritte, - ein gezhmter Wolf, der gleich einem Hunde, die rothe lechzende
Zunge aus dem Rachen hngend, neben ihnen her trottete.
    Die Erscheinung war zu auffallend, um unbemerkt vorber zu gehen, und
obschon der Grieche eben nur Augen fr sie hatte, konnte er doch wahrnehmen, wie
die Besucher des Caffeehauses sich von ihr unterhielten, und mehrmals hrte er
den Namen Fatinitza aussprechen. Er hatte sich vom Sitz erhoben, als er die
beiden Frauen bemerkt, und stand dicht an der Strae, die sie vorberfhrte.
Schon von Weitem hatte ihn in dieser Stellung der Blick der Trkin getroffen,
der mit einem seltsamen verzehrenden Ausdruck auf ihm haften blieb. Starr und
ruhig, lag doch eine wahrhaft unheimliche Gluth im Hintergrunde dieses schwarzen
Auges, das sich frmlich an ihn festzusaugen schien. Seine ganze Kraft und
Selbststndigkeit schien unter dem Ausdruck dieses Blickes zu schwinden, und
dennoch vermochte er nicht, den seinen davon abzuziehen.
    Wenn das unheimliche Auge dieser Frau wirklich eine Freude auszudrcken
vermochte, so zeigte sie sich bei dem Erblicken des jungen Griechen. Man sah
durch die Oeffnung des Schleiers den sichtbaren schmalen Theil des bleichen
Gesichts lebhaft errthen und ihre Hand lie unwillkrlich den Zipfel des
Mantels fahren, der zurckfallend eine der Tracht der Mirditen hnliche Kleidung
zeigte, in deren Grtel ein leichter Handjar und eine zierliche Pistole von
franzsischer Arbeit steckten. Der Mantel verhllte sie im Augenblick wieder,
und nur ein leises Neigen des Kopfes, als sie dicht an ihm vorberging, und der
Ausdruck des Auges zeigten dem nach orientalischer Sitte stumm und ehrerbietig
grenden jungen Manne, da er wiedererkannt sei. Starr und lange schaute er
nach, als die beiden Frauen im Zugang des Bazars verschwanden, ohne da er zu
folgen wagte.
    Bei Allah! sagte eine Stimme hinter ihm, Du bist ein khner Christ, da
Du Dich unterfngst, der Wlfin von Skadar so keck in die Augen zu schauen. Nur
wenige der Moslems wagen, die Tochter Selim's zu begren.
    Als Grivas sich umschaute, sah er einen greifen trkischen Kaufmann in
rmlicher Kleidung vor sich, der ihm jedoch bekannt schien, denn er begrte ihn
alsbald und lud ihn ein, neben ihm Platz zu nehmen.
    Kennst Du die Frau, Ali Martinowitsch, redete er ihn an, so sage mir, wer
sie ist.
    Der Alte schttelte den Kopf.
    La Dich warnen, Jupane, entgegnete er, da Du nicht in die Klauen dieser
Wlfin fllst. Es ist Fatinitza, die einzige Tochter des Selim Pascha, der in
Skadar gebietet, von einer Mirditin ihm geboren und der Apfel seines Auges. Aber
ihr leibhaftiger Vater ist der Scheitan22, denn sie liebt das Blut, gleich der
Wlfin, die sie selbst in den Schluchten des Sutorman aus dem Nest geholt und
gezhmt hat. Schon viele der jungen Mnner, schn und khn wie Du, haben ihr
Ende gefunden durch diese Frau, und Niemand wei, wo ihre Gebeine bleichen. Man
sagt Bses und Geheimnivolles von ihr, das die Lippe nicht wieder zu erzhlen
wagt. Es sollte mir leid thun um Dich, der mir das Zeichen des Begs, meines
Blutsfreundes, gebracht hat.
    In der That gehrte der Moslem zu dem Stamm des alten Czernagorzen. Als
Stanischa, der Sohn Iwo's des Schwarzen, nach der abenteuerlichen Vermhlung mit
der Tochter des Dogen von Venedig und seiner Rache an dem schnen Wojwoden Djuro
- wie sie die Piesmen so romantisch erzhlen - zu den Moslems floh und zum Islam
bertrat, waren ihm viele Tapfere seiner Heimath gefolgt. Obschon seitdem eine
bittere Feindschaft zwischen den Nachkommen der Abtrnnigen und den christlichen
Czernagorzen herrschte, htte doch Keiner aus der Familie Buschatli - diesen
Namen fhren die Nachkommen Stanischa's in Skadar, wo dieser von den Moslems als
Pascha eingesetzt worden, - einen der alten Blutsfreunde des Hochgebirges an
einen Trken verrathen. Es bestand und besteht vielmehr eine gewisse, man knnte
sagen Gastfreundschaft, die sie verpflichtet, in privaten und Familien-Dingen
sich gegenseitig zu Dienst zu sein, unbeschadet der allgemeinen Feindschaft. So
besa auch der Beg in dem alten Kaufmann einen Stammverwandten und hufig schon
hatten Beide in den gegenseitigen Kriegen sich Dienste erwiesen. An ihn hatte
der Alte daher schon bei der ersten Fahrt nach Skadar den jungen Griechen
gewiesen, und der Kaufmann hatte ihm versprochen, auf Grund der Mittheilungen
Hassan's weitere Nachforschungen und Vorbereitungen zu treffen.
    Nicolas Grivas gedachte der ihm obliegenden Pflichten und ermannte sich aus
seinem Brten.
    Frchte Nichts, sagte er zu dem Alten, dieses Auge machte nur einen
betubenden Eindruck auf mich, gerade wie das erste Mal, als ich es
umherstreifend in der Vorstadt der Grten23 im Schatten der Kastanienbume auf
mich gerichtet sah und ihm unwillkrlich folgen mute, bis die Thore des
Kastells mir den Weg versperrten. Ich bin ein Mann und hier, um den Blutbruder
zu retten. Hast Du erforscht, was ich Dir aufgetragen und wie eine Botschaft zu
dem Freunde gelangen kann?
    Der alte Mann bejahte, forderte aber den Griechen auf, ihm nach seinem Hause
zu folgen, da hier ihr Gesprch leicht belauscht werden knne. Nicolas schien
sich zwar nur ungern von dem Platze zu trennen und die Rckkehr der Frauen aus
dem Bazar abwarten zu wollen, Ali aber, der den scharfen Blick der Trkin
scheute und nicht im Gesprch mit dem von ihr bemerkten Fremdling betroffen sein
mochte, drang auf ihre Entfernung, und so folgte ihm der junge Mann durch die
engen Straen bis zu einem kleinen Huschen, in dem die Familie des Alten
wohnte. Hier theilte derselbe ihm mit, da ihre ersten Nachrichten richtig und
der gefangene Czernagorze in einem Kerker des alten Thurmes eingeschlossen sei,
der als vorspringendes Werk der Citadelle seine dicken Mauern in die Wasser des
Sees tauchte. Gabriel war von seinen Wunden zwar gnzlich wieder hergestellt,
wurde aber streng bewacht und litt Entbehrungen aller Art. Das hatte Ali von
einem der Kerkerdiener erfahren, den er als der Bestechung offenbar zugnglich
schilderte. Seine eigene Armuth hatte ihm jedoch nicht gestattet, diese zu
versuchen, und er stellte nun Grivas das Weitere anheim. Mit Dank erkannte jetzt
dieser den Werth der Gabe Stephana's, und indem er sie dem ehrlichen Gastfreund
einhndigte, bat er ihn, sein Heil alsbald damit bei dem Gefngniwrter zu
versuchen. Der Alte verlie ihn, indem er ihm auf's Dringendste anbefahl, nicht
aus dem Hause zu gehen und durch sein Umherstreifen keinerlei Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen.
    Nach zwei Stunden kam er wieder; er hatte den Mann gefunden und dieser war
bereit, fr die Schnur der Goldmnzen dem Gefangenen zur Flucht zu helfen. Doch
gab es nur eine Weise, diese auszufhren, da die Ausgnge der Citadelle selbst
stets von Wachen besetzt und gefhrlich zu passiren waren. Der Kerker des
Czernagorzen lag im dritten Stockwerke des Thurmes, das Fenster war deshalb nur
leicht vergittert und der Mann hatte es bernommen, dem Gefangenen Feile und
Strick zu bringen, um sich mit deren Hilfe durch die nach dem See zu schauende
Fensterffnung zu retten. Nicolas sollte mit einem Kahn sich um die zwlfte
Stunde der Nacht in der Nhe des Thurmes halten und den Flchtling aufnehmen.
Die ganze Nacht blieb ihnen dann, sich in Sicherheit zu bringen.
    Grivas entledigte sich der scharfen Feile, die er im Leder der Gamaschen
trug, und des Strickes um seine Hften, und der Alte trug Beides gleich
verborgen zu dem Helfer, der die Hlfte der besprochenen Belohnung im Voraus
empfangen hatte und den Rest erhalten sollte, nachdem er seine Aufgabe erfllt.
Gegen Abend sollte Nicolas die Stadt verlassen, wie er gekommen war, und im
Schatten der Nacht mit seinem Kahn dem Thurme nahen, um zur bestimmten Stunde
bereit zu sein. Weitere Hilfe vermochte ihm der Gastfreund unmglich zu leisten,
und das Folgende blieb dem Muth und Glck der beiden Blutbrder berlassen.
    Es war gegen Abend, als Nicolas Grivas von dem Gastfreund Abschied nahm, um
die Stadt vor dem Schlu der Thore zu verlassen und sein Unternehmen zu
beginnen. Mit seinen besten Segenswnschen entlie ihn der Moslem, der jedoch
nicht wagte, in seiner Begleitung weiter sich sehen zu lassen. Der Grieche
wandte sich zum Thor; aber unwillkrlich zog es ihn noch ein Mal hin in die Nhe
der Unheimlichen, die so eigenthmlichen Einflu auf ihn zu ben begann. Er ging
nach Ghirolamo's Khan und setzte sich wiederum dort nieder, nach den Mauern
starrend, welche die seltsame Erscheinung bargen, die man die Wlfin von
Skadar nannte.
    Pltzlich entstand ein Lrmen in seiner Nhe. Ein Tschokadar24 war in Streit
mit einem Albanesen gerathen, im nchsten Augenblick blitzten, wie dies bei
solchen Scenen gewhnlich ist, die Handjar's, und ehe Nicolas den Platz
verlassen konnte, sah er sich mitten in den Knuel gerissen und in den Streit
verwickelt. Tschauschi's25 sprangen herbei, und nach kurzem Geznk ward er
ergriffen und mit zwei andern der Gste zum Thor der Citadelle geschleppt, wo
ihnen die Hnde gefesselt wurden. In Begleitung ihres Anklgers, des
Tschokadars, wurden sie alsbald vor den Pascha gefhrt.
    Durch den Hof, der die Zenanah - die Wohnung der Frauen - von den
ffentlichen Gebuden trennte, gelangten die Gefangenen ber mehrere Stufen in
die Halle, wo Selim-Bey, der Pascha von Albanien, sa. Die Halle selbst bot ein
seltsames Gemisch orientalisch-ppiger Ausstattung mit dem rohen Mangel des
Kriegerlebens, da der Bey ein tapferer Soldat war und sich bereits in seiner
Jugend in dem Kriege gegen die Kurden ausgezeichnet hatte. Spter bekleidete er
mehrere hohe Stellen in Epirus und Macedonien, und seit der Verbannung des
rebellischen Mustapha's, des letzten Pascha's aus der Familie Butschali im Jahre
1833, das Paschalik von Scutari, wo die fast ununterbrochene Fehde mit den
unruhigen Nachbarn seine kriegerischen Talente und seine Thtigkeit in Bewegung
hielt. Die seidenen Kissen der Divans wechselten als Sitzte mit gegerbten Wolfs-
und Brenhuten oder den einfachen Kordgeflechten ab; zwischen den zahlreichen
Dienern und Miggngern aller Art strichen Soldaten des Nizam umher, oder saen
rauhe Krieger der umwohnenden arnautischen Stmme, mit denen der Pascha einen
regen Verkehr unterhielt.
    Es war die Stunde des Abendgebets und der Muezzim hatte vom Minaret herab
den Ezan26 eben ertnen lassen. Alle Moslems verrichteten andchtig ihr Gebet,
whrend die Christen gleichgltig zusahen und kaum ihr Gesprch unterbrachen. Es
ist dies die Zeit, nach welcher ein Muselmann selten noch ein Geschft vornimmt,
sondern sich gemchlich in die innern Gemcher seines Hauses zurckzieht. Als
daher die drei Gefangenen vor den Bey gebracht wurden, befahl er anfangs, sie
bis zum andern Morgen auf der Wache zu behalten und sie dann ihm oder dem Mollah
27 vorzufhren. Nicolas Grivas jedoch, dem es galt, um jeden Preis sich wieder
frei zu sehen, rief laut die Gerechtigkeit des Pascha's an und erklrte, den
Schutz des griechischen Consuls fr die ungerechte Haft in Anspruch nehmen zu
wollen.
    In diesem Augenblick ffnete sich im Hintergrunde der Halle neben dem Sitz
des Bey's eine Thr, und die verhllte Gestalt einer Frau, von dem zahmen Wolfe
begleitet, trat ein und setzte sich auf ein Kissen hinter dem Pascha. Nicolas
erkannte sofort Fatinitza. Obschon es im Orient etwas Ungewhnliches ist, da
sich Frauen in die Berathungen und Gesellschaft der Mnner drngen, schien die
Gegenwart des jungen Mdchens hier doch nicht aufzufallen. In der That war man
gewhnt, sie bei jeder Gelegenheit - selbst unter den Mhseligkeiten der
Feldzge und im wsten Treiben des Lagers - an der Seite ihres Vaters zu sehen,
und theils die den Frauen mehr Freiheit gestattenden Gebruche der
slavisch-griechischen Weststmme, als jene der wirklichen Orientalen, theils die
unbegrnzte Nachsicht und Liebe, die der Bey fr dieses sein einziges Kind bei
jeder Gelegenheit an den Tag legte, hatten jede Schranke fr das Thun und Lassen
des Mdchens aufgehoben. Ihr unbezwinglicher Eigenwille, der dmonische
Charakter, der ihr innewohnte und aus dem dunklen Auge hervorbrach, regierten
das Haus ihres Vaters und hatten lngst jeden Zwang abgestreift.
    Zu den Fen Fatinitza's legte sich der Wolf und leckte mit seiner glhenden
Zunge ihre Hand. Eine seltsame bedrckende Stimmung schien sich mit ihrer
Anwesenheit ber die ganze Versammlung verbreitet zu haben.
    Der Pascha rief die Wachen zurck, welche die drei Verhafteten wieder
fortfhren wollten, und wendete sich zu dem Griechen.
    Du hast es eilig, junger Mann, meine Gerechtigkeit anzurufen, sagte er
ernst. Wer bist Du?
    Der Grieche wollte mit seinem Namen antworten, als er den Finger des
Mdchens erhoben und auf die Stelle gelegt sah, wo der Schleier ihre Lippen
bedeckte.
    Er verstand das Zeichen und sagte daher, ohne seinen Namen zu nennen, da er
ein griechischer Unterthan und auf einer Reise gen Ragusa nach Scutari gekommen
und hier verhaftet worden sei, ohne da er wisse, warum.
    Wo ist der Klger? fragte der Pascha, und wessen sind diese drei Mnner
beschuldigt?
    Der Tschokadar trat vor und verbeugte sich vor seinem Herrn.
    Hoheit, sagte er unterwrfig, Dein Knecht war in dem Caffeehause des
italienischen Wirths vor den Thoren Deines Hauses, als ich pltzlich eine Hand
in der Tasche meiner Jacke fhlte und, danach fassend, gewahrte, da mir ein
Beutel mit fnfzig Piastern28 entwendet worden. Dieser albanesische Dieb stand
dicht bei mir und kein Anderer konnte es gethan haben. Ich ergriff den Mann,
indem ich ihm sagte, ich wolle die Grber seiner Vter verunreinigen, wenn er
mir mein Geld nicht zurckgeben wrde, er aber zog seinen Handjar und bedrohte
mich.
    Bak alum29! bemerkte der Bey, sich den Bart streichend. Habt Ihr das Geld
bei dem Manne gefunden?
    Allah bila versin30! rief der Anklger, verchtlich den Zipfel seiner
Jacke schttelnd. Das sind Leute, Hoheit, welche die ganze Welt in dem Winkel
ihres Auges tragen! Er ist kein Esel, Hoheit, wenn auch sein Vater und seine
Mutter solche waren. Ich habe deutlich gesehen, wie er den Beutel seinen beiden
Helfershelfern dort zugesteckt hat.
    Haif, haif31! Was sagt Ihr dazu?
    Der Erste der Angeschuldigten, ein Albanese aus dem Kstenlande, spuckte
verchtlich aus.
    Er ist der Sohn einer Hndin und lgt wie ein Hund! Ich habe diese Mnner
nie gesehen, und die Hand soll verdorren, die ich nach dem Eigenthum eines
Rechtglubigen ausstrecke.
    Der Zweite war ein Grieche aus der Stadt selbst. Er berief sich auf seine
Bekanntschaft mit vielen der Anwesenden und meinte, der Tschokadar msse sich in
der Person geirrt haben, als er ihn beschuldigte. Er bot Brgschaft an und bat,
da man ihn untersuchen mge.
    Der Pascha wandte sein Auge auf Grivas.
    Und Du? Was fr Koth wirst Du uns zu essen geben?
    Der Mann hat sich versehen, oder er ist ein Narr, antwortete der Grieche
khn, Ich verlange, Hoheit, da Du ihn bestrafst fr seine Frechheit,
unschuldige Leute anzuklagen.
    Allah bilir32! Du redest hohe Worte; aber ein Pascha ist kein Esel, der
sich von jedem hergelaufenen Dschaur33 betrgen lt. Untersucht seine Kleidung
und seht zu, ob Ihr den Beutel bei ihm findet.
    Die Khawassen fielen ber den jungen Mann her, der im Gefhl seiner Unschuld
sich willig der Untersuchung darbot. Zu seinem groen Staunen und Schreck jedoch
brachte der Tschokadar selbst, der bei dem Durchsuchen sehr diensteifrig half,
den Beutel alsbald aus den Falten seines Grtels zum Vorschein und hielt den
Fund mit lautem Geschrei in die Hhe, whrend die Trken ringsum in den
Lieblingsruf: Allah kerim! (Gott ist gro), ausbrachen.
    Was sprichst Du nun, Sohn einer unglubigen Hndin? zrnte der Pascha.
Bringt ihn hinaus in den Hof und gebt ihm fnfzig Stockstreiche zur Strafe fr
seine Frechheit!
    Der Grieche war Anfangs sprachlos gewesen ber den so unerwarteten Beweis,
der sich gegen ihn gefunden. Dann, als er das rasche und schmachvolle Urtheil
vernahm, kehrte seine Besonnenheit zurck und er vertheidigte sich mit aller
Lebhaftigkeit seiner Nation gegen den Verdacht, indem er anfhrte, es msse ihm
im Gedrnge des Streites der ihm unbekannte Dieb den Beutel heimlich eingesteckt
haben, wenn nicht der Anklger selbst etwa aus Bosheit dies bei der Durchsuchung
gethan habe. Ein eigenthmlicher spttischer Strahl in dem Auge Fatinitza's, den
er whrend seiner Worte auffing, bestrkte seinen letzteren Verdacht.
    Als daher der Pascha, ohne seiner Widerrede viel zu achten, nochmals das
Zeichen zu seiner Fortfhrung gab, wehrte er die Khawassen mit Gewalt zurck,
sprang auf den Pascha zu und rief:
    So wahr Du ein Krieger bist, Selim-Bey, halte ein und untersuche die
Wahrheit, oder la mich lieber tdten, als solche Schmach erdulden. Ich bin ...
    Wiederum, mit Blitzesschnelle, sah er das Trkenmdchen das frhere Zeichen
wiederholen. Zugleich neigte sie sich zu dem Ohre ihres Vaters und flsterte ihm
einige Worte zu. Der alte Selim neigte zustimmend das Haupt.
    Awret der!34 sprach er, aber ihr Rath ist gut. Kannst Du einen Brgen
stellen in dieser Stadt, der Dich kennt, Christ?
    Grivas dachte an den alten Kaufmann, aber zugleich fiel ihm ein, da er
durch dessen Nennung leicht ein weiteres Nachforschen und eine Entdeckung
herbeifhren knnte, die den alten Mann in Ungelegenheit und Gefahr bringen
mute. Er verneinte.
    Der Trkin schien dies unerwartet zu kommen. Wieder wandte sie sich zu dem
Pascha und flsterte ihm in's Ohr. Der Bey nickte.
    Es kann etwas Wahres unter dem Unrath sein, den Du sprichst, Grieche.
sagte er dann. Wir wollen die Sache morgen weiter untersuchen. Bis dahin, da Du
keinen Brgen stellen kannst, mut Du im Gefngni bleiben. Geht! - Diesen
beiden unreinen Thieren aber, er deutete auf die zwei anderen Gefangenen, gebt
eine Tracht Schlge, weil sie uns nach dem Gebet belstigt haben und werft sie
vor das Thor. Fort!
    Eine entschiedene Handbewegung lie die Wachen sich schnell der Gefangenen
bemchtigen und vergeblich war alles Protestiren des Griechen; er wurde mit den
Anderen hinausgezerrt. Nur als er am Eingang noch ein Mal den Blick zurck
wandte, sah er Fatinitza zum dritten Male wie beruhigend das Zeichen machen.
    Whrend die Wachen ihn ber den Hof fhrten, kam der Tschokadar, sein
Anklger, ihnen nach und nderte mit einem berbrachten Befehl ihre Richtung.
Ihr Weg wandte sich nun in die Gebude lngs des See's und durch einen gewlbten
Gang wurde der Gefangene in eine ziemlich gerumige Zelle gebracht, deren stark
vergittertes Fenster auf die Gewsser sah. Durch dasselbe erblickte Grivas auch
rechts zur Seite den in die Fluthen vorspringenden Thurm, auf dessen Hhe das
Gefngni des Freundes war, zu dessen Rettung er hierher gekommen. Eine tiefe
Niedergeschlagenheit bemchtigte sich seiner Seele, als er bedachte, wie sein
Unstern, oder diesmal vielmehr die eigene Schuld ihn nthigte, den Blutbruder
auf's Neue ohne Hilfe in der Todesgefahr zu lassen und Nichts fr seine Rettung
thun zu knnen. Seine Phantasie malte ihm das Bild des Czernagorzen vor, wie er
zwischen Himmel und Erde ber den dunklen Fluthen hing, vergeblich nach dem
Waffengefhrten durch die Nacht sphend. Sie malte ihm Stephana's lauten
Vorwurf, die verchtliche Geberde des greisen Huptlings, die Schande, die ein
tapferes Volk auf seinen Namen hufte, - und das Alles um den Blick eines
Weibes, das mit dmonischer Natur alle seine Seelenkrfte gefesselt hielt, ohne
da er noch ein Wort mit ihr gewechselt, wie der Blick der Schlange den Vogel
gebannt halten soll in seinen Zauberkreis, da er nicht die rettenden Schwingen
zu regen vermag, bis der tdtende Zahn ihn erreicht.
    Vergeblich krampfte er in die eisernen Stbe der Fensterffnung, - das feste
Metall aus den riesig dicken Mauern zu reien, htte es der Kraft eines Giganten
bedurft; selbst wenn er die Feile noch besessen, die er dem Freunde gesandt,
htte die Arbeit einer Nacht nicht hingereicht, die dicken Stbe zu
durchbrechen. Verzweifelnd warf er sich auf das Holzgestell, das an einer Wand
zum Lager diente, und brtete ber seinem Schmerz, mit tausend Verwnschungen
sich und die Verlockung beladend, whrend drauen die Nacht immer tiefer und
dunkler ber See und Berge sank.
    So mochte er stundenlang gelegen haben, als er aus seinem Schmerz durch
einen Lichtstrahl erweckt ward, der an der gegenber liegenden Wand seines
Kerkers sich brach. Erstaunt richtete er sich empor und bemerkte, da der Strahl
aus einer kleinen etwa handbreiten Oeffnung in der Wand ber seinem Lager kam.
Zugleich fhlte er seine Sinne befangen durch einen warmen wohlriechenden Duft,
der durch jene Oeffnung zu quellen schien und seinen Kerker erfllte.
    Er stieg auf die Holzwand, sein Auge reichte gerade an die fensterartige,
mit einem feinen Drahtgitter verschlossene Oeffnung und seine Blicke umfaten
trunken und verzehrend das ungeahnte Schauspiel, das sich ihnen bot.
    Der Raum, den sie berflogen, bildete ein mit Marmorflieen ausgelegtes
Badezimmer, jene ppige Anstalt des Orients, die eine wollstige Neugebrung der
Krper ist und aus dessen Pflege einen Cultus schafft. In der Mitte des
Fubodens war ein kleines Bassin mit warmen, wohlriechenden Wssern gefllt,
welchen die Aphrodite dieses Ortes eben entstiegen zu sein schien. In einer
Nische, auf einem Marmorbett, von feinen linnenen Tchern halb verhllt, in
dieser Verhllung tausend Reize verrathend und entdeckend, lag die Herrin der
Gemcher, Fatinitza, die Wlfin von Skadar, bedient von fast ganz entkleideten
schwarzen Mdchen, die ihre Glieder salbten und rieben, und auf Haupt und Busen
den Strahl des warmen, weichen Wassers sich ergieen lieen, whrend Andere das
ppige rabenschwarze Haar kmmten und trockneten, oder mit weichem wollenem
Gewebe Brust und Arme frottirten. Das Haupt zurckgebeugt, den Mund ber den
glnzend weien Zhnen halb erschlossen, die dunklen dmonischen Augen nur in
jener schmalen Spalte geffnet, aus der Verlangen und Sehnsucht zu lauschen
pflegt, lag das Mdchen in den Hnden ihrer Frauen. Zum zweiten Male sah der
Jngling unverhllt dies Antlitz, das einen so gewaltigen Eindruck auf ihn
gemacht hatte. Das Oval desselben war in jenem vorspringenden Bogen gewlbt,
welcher dem Antlitz etwas Adler- oder Geierartiges zu geben pflegt. Dennoch war
jeder ihrer Zge einzeln zart und rein. Unter der fast schnabelfrmig gebogenen
Nase mit den weitaufgeschlagenen Nstern, den Zeichen ungezhmter Leidenschaft,
ffnete sich ein beraus zierlich und willenskrftig geschwungener Mund. Schief
gesenkte starke Brauen, wie bei dem Wolf und Fuchs, senkten sich von den
Schlfen zur Nasenwurzel, und so seltsam und unheimlich der Ausdruck dieses
Kopfes an sich war, so lag doch ein eigenthmlicher fesselnder Zauber in ihm,
eine medusengleiche erstarrende und zugleich entflammende Gewalt. Ueppig
schlanke Glieder von jener matten, brunlich weien Porzellanfarbe, die manchen
Brnetten, namentlich den Maurinnen, eigen ist, trugen diesen Kopf und die
hundert Wendungen und Bewegungen, welche die Sclavinnen im ppigen Spiel diesem
wollustathmenden Krper gaben, enthllten mit jedem Augenblick neue Reize vor
den gefesselten Augen des Jnglings.
    Seine Schlfe glhten, seine Pulse klopften in wildem Schlage, und ghrend
in der unsglichen ungestillten Brausekraft der frischen Jugend tobte das Blut
durch seine schwellenden Adern. Der Odem in seiner Brust schien zu stocken, das
eigene Leben still zu stehen und sich in den Augen allein concentrirt zu haben.
So stand und starrte er lange, er merkte es kaum, da das verlockende Bild sich
nderte und verschwand, da Dunkel wieder die Geburtssttte so verzehrenden
Reizes verhllte; nur die hohe, unbeschreiblich herrliche Gestalt, der halb
aufgeschlagene Blick, der, als die Herrin unter dem den Ausgang verhllenden
Teppich verschwand, verlangend, fragend, verheiend die Stelle streifte, an der
sein trunkenes Auge ruhte, blieb in seinem Gedchtni. Was kmmert den Trunkenen
die Welt rings umher? Erst als an der Pforte seines Kerkers ein Schlssel
rasselte, als der helle Strahl einer Blendlaterne durch die geffnete Thr fiel,
erwachte er aus diesen Trumen und sah ein Mohrenmdchen vor sich stehen, das
ehrerbietig den Salem35 gab und ihm zu folgen winkte.
    Wohin?
    Die Schwarze schttelte das Haupt und legte den Finger auf ihre Lippen -
Nicolas erbebte bei dem Zeichen.
    Nicht von der Stelle gehe ich, bis ich wei, wohin Du mich fhrst!
    Das Mdchen bemhte sich, zu sprechen, - ein stammelnder unheimlicher Laut
zeigte ihm, da sie stumm. Aber ihre Geberden sprachen lebendig, wie sie auf das
Herz deutete, weit, wie empfangend, die Arme ffnete und dann die Hnde flehend
und bittend ihm entgegen faltete.
    Ihm dunkelte und glhte es ahnend vor den Augen und Sinnen, das Blut wollte
seine Kehle ersticken - halb bewutlos winkte er Voran! und mit leisen, kaum
hrbaren Tritten schlich das Paar durch die Gnge der Feste. Ein Schnauben und
Struben erhob sich, wo sie stehen blieben. Im Schein der Lampe sah der Grieche
den Wolf quer vor der Thr gelagert, ihn mit seinen rothen Feneraugen unheimlich
anstarrend. Die Sclavin zog ihn bei Seite und ffnete die Thr.
    Da hinein! winkte ihr Finger.
    Der junge Mann betrat halb taumelnd das Gemach - hinter ihm schlo sich die
Pforte.
    Um ihn her war eine halbe Dmmerung. Er sah sich in einem orientalisch
ausgestatteten Gemach von halb ovaler Rundung, dessen hohe Jalousieen hinaus
nach dem See zu gehen schienen, denn durch die halb geffneten hrte er die
Wellen rauschen. An den Wnden hingen Waffen im bunten Gemisch, zur Jagd wie zum
Kriege. Durch den halb erhobenen Teppich eines breiten Bogens in der Seitenwand
strmte das matte Licht, welches das Vorgemach erhellte. Er stand still, er
fate mit beiden Hnden nach dem klopfenden Herzen - er wagte kaum zu athmen -
und deutlich durch die geheimnivolle duftschwangere Stille klang ihm das
Pltschern der Wellen.
    Dschel36!
    Mit einem Sprunge, wie der entfesselte Tiger nach seiner Beute, war er auf
den leisen Ruf am Zugang des Gemachs und schlug den Teppich zurck.
    Da lag es vor ihm - wei und ppig in seinen rothen Draperieen, ber die das
Milchglas einer Ampel an silbernen Ketten ein weiches milderndes Licht go,
whrend das wohlriechende Oel ihrer Flamme das Gemach mit wollstigen Dften
durchzog. Auf einem Tische von Rosenholz zur Seite glnzten und blitzten in
silbernen und goldenen Schaalen cyprischer Wein, die duftenden Confitren von
Chios, die herrlichen Frchte des Orients.
    Dschel!
    Vor ihm, vor seinen Augen, auf einem breiten Divan, von weichen Wolfsfellen
berdeckt, lag eine Gestalt, in die langen Falten eines groen Feredschi von der
weien zarten Wolle der Thibetziege gehllt, das Haupt auf den sich aus der
Decke hervorstehlenden Arm gesttzt, die unwiderstehlichen Augen auf ihn
gerichtet.
    Er strzte zu ihren Fen nieder.
    Bana bak ai gusum! Ai dschnum, stambul37! bat in tiefen Gutturaltnen die
Stimme der Trkin.
    Der Jngling begrub sein Gesicht in die weichen Falten des Mantels, seine
Lippen glhten auf den Wellenlinien dieser Formen. Durch sein weiches lockendes
Haar spielte die Hand des Trkenmdchens, kosend, verfhrend. Ihre Augen bohrten
sich in die seinen, als sie sein Haupt zurckbog, - sein Gehirn schien zu
brennen unter diesen verzehrenden aussaugenden Strahlen.
    Bser Christ, warum hast Du Fatinitza so lange harren lassen? Hat das Heben
ihres Schleiers Dir nicht damals schon verkndet, als sie Dir zuerst begegnete
im Haine der Grten, da sie Dein war vom ersten Augenblick? - Mute ich Dich
erst fesseln und fhren lassen vor das Antlitz des Bey, meines Vaters, und Dich
werfen in den Kerker, um Dich in se Liebesarme zu holen? Uriel, der Engel der
Finsterni, schwebte ber der Wlfin von Skadar, so lange ihr Junges fern blieb
von der liebenden Brust.
    Ein Strom von Feuer brannte in ihrem Ku auf seinen Lippen, er breitete die
Arme aus nach dem sen, dmonischen Weibe - -
    Da klang es in dem Nebengemach hell und scharf, - eine franzsische Uhr, ein
Geschenk ihres Vaters, schlug die Stunde vor Mitternacht, und wie ein eisiger
Strahl fuhr die Mahnung durch die Seele des Jnglings.
    Habe Erbarmen mit mir! Bei dem Kreuz des Herrn, la mich heute frei!
    Was kmmert mich Dein trgendes Zeichen! lockte wiederum die sonore
schmeichelnde Stimme; was kmmert uns Dein Gott! Hat nicht der Engel der Nacht
eben die se Stunde des geheimnivollen Lebens der Geister verkndet, wo sich
die sonst Getrennten zusammenfinden? Warum denn stt Du mich von Dir, o Christ,
warum willst Du nicht trinken Lippe auf Lippe, Liebe in Liebe, was Fatinitza Dir
bietet?
    Er hatte das Antlitz verhllt, vor seinem Geiste stand noch ein Mal das
bleiche Bild des Blutbruders, hangend zwischen Himmel und Erde in seiner
Todesnoth, oder kmpfend mit den dunklen Wssern des Sees.
    Weib, ich liebe Dich, ich vergehe in Dir! Aber bei der Barmherzigkeit
Deines eigenen Himmels, la mich fort in dieser Stunde, und mein Leben soll Dir
gehren. Ich mu, ich mu!
    Dschel!
    Er warf sich vor ihr nieder auf die Knie.
    Hilf Du selbst mir aus diesem Zauber, der mich umstrickt. Lse Du selbst
mich aus diesen Banden, die meine Sinne hier gefesselt halten? Gieb mir das
Mittel, hinaus zu gelangen aus diesen Mauern, und dann - - Er ruft! - Er ruft!
    Wie ein lang gezogener schneidender Ton schien aus weiter Ferne ein
pfeifender Laut hereinzudringen durch die Oeffnung der Jalousieen..
    Die Augen schlieend, ri er sich los aus den umstrickenden Armen, und
empor, dem Ausgange zustrzend, der hinaus fhrte auf den schmalen Gitterbalkon,
hngend ber den Tiefen des Sees.
    Mit einem Sprunge, wie die Lwin, der man ihr Junges raubt, war die Mirditin
empor und warf sich ihm entgegen quer vor den Ausgang, die Hnde zu ihm
emporgestreckt, das glhende Auge wild auf das seine gebannt. Weithin war die
verhllende Decke geschleudert - wie sie dem Bade entstiegen - in allem
Geheimni des himmlischen Leibes lag sie vor ihm.
    Seine Sinne dunkelten - das Gedchtni, - jede Erinnerung der Mnnerbrust
schwand - nur seine Augen lebten noch -
    Und der starre dmonische Strahl der ihren schien sich aufzulsen in weiche
schmelzende Akkorde, der drohende Tigerblick wurde zum sanften, schmachtenden,
lockenden Frauenauge, und wiederum zischte es sehnschtig, betubend durch die
rothen gehobenen Lippen:
    Dschel! Dschel!
    Da beugte er sich nieder und hob die reizende Gestalt des Weibes empor wie
leichten Flaum und drckte sie an die keuchende Brust und trug sie auf seinen
Armen zurck zum weichen ppigen Lager.
    Ihre Hnde umschlangen ihn, fest, unauflslich, wie fr Leben und Ewigkeit,
und zogen ihn nieder - -
    Ueber die Wellen des Skadarsees strich klagend der Windeshauch aus den
Schluchten des Sutorman - am Thurme von Skadar zwischen Himmel und Wssern stieg
an den Knoten des schwankenden Seils ein bleicher Mann herab und lauschte durch
die Nacht nach dem Hilfe verkndenden Zeichen des Freundes! -
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                                    Funoten


1 Die Heldengedichte und Volkslieder, oft von den Helden, die sie feiern, selbst
verfat. Sie pflanzten sich im Volke fort und sind jetzt meist in dem seit etwa
fnfundzwanzig Jahren erscheinenden Staatskalender von Cetinje: Grlitza
(Turteltaube) abgedruckt.

2 Warme Quellen des See's. Man findet hier die obengenannten kleinen Fische oft
in solcher Menge, namentlich gegen den Winter, da, wenn man das Ruder in eine
solche Fischbank hineinsenkt, dasselbe aufrecht stehen bleibt.

3 Benennung fr den Sultan.

4 Eine im Trkenkrieg zerstrte Veste an der Mndung des Czernojewitsch.

5 Christliche Nymphen, Schutzgeister des serbischen Volkes.

6 Die Deutschen.

7 Die frhere Benennung des Vladika von der schwarzen geistlichen Kleidung, die
er den griechischen Mnchen (Kalogeri) hnlich trug.

8 Junak - ein Tapferer.

9 Der Tod auer der Schlacht wird von diesen Tapferen als das grte Unglck
betrachtet; die Verwandten sagen von einem Kranken, der eines natrlichen Todes
starb, er sei von Gott, dem groen Mrder, getdtet worden (od boga, starok
kronika). Der grte Schimpf, den man gegen einen Montenegriner ausstoen kann,
ist in den einfachen Worten enthalten: Ich kenne die Deinigen, alle Deine
Vorfahren sind in ihrem Bette gestorben.

10 Eine der neun Plemen (Stmme) der Katunska-Nahia.

11 Bewohner des Sdens.

12 des Weiberraubes.

13 Brderschaft, Gemeinde.

14 Eines der drei Klster von Czernagora, im jetzigen Kriege von den Trken
unter Skender-Beg (Graf Jelinski) erstrmt und geplndert.

15 Vetter.

16 Wiese.

17 Ali Tebelin, der berhmte Pascha von Janina.

18 Streifzug.

19 Kula, befestigter Thurm.

20 Der von den Griechen und Arnauten getragene hemdartige Rock, der vom Grtel
bis auf die Kniee fllt und aus einer Menge knstlich zusammengefalteter
Leinenstcke besteht.

21 Der deckenartige weite Mantel, den die trkischen Frauen tragen. Er ist von
leichtem einfarbigem Zeug und gleicht einem groen Tuch.

22 Der Teufel.

23 Die sdliche Vorstadt Scutari's, an deren Auenseite sich eine Reihe
Batterieen befindet, wrend sie durch eine Krmmung des Flusses und eine kleine
Ebene von der Stadt selbst getrennt ist.

24 Diener; ihre Zahl richtet sich nach dem Range ihres Gebieters.

25 Polizeidiener.

26 Ruf zum Gebet.

27 Kadi, Mollah: trkische Richter; Kadi-askar, der Oberrichter; Mufti, ein
Rechtsgelehrter.

28 Ein trkischer Piaster = 20 Pfennigen.

29 Wir werden sehen.

30 Gott sende ihm Unglck!

31 Schande, Schande!

32 Gott allein wei es.

33 Unglubige.

34 Es ist ein Weib!

35 Gru.

36 Komm!

37 Sieh mich an, Licht meiner Augen, o Du meine Seele!


                             Die Wlfin von Skadar.

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    Das leichte Gerusch brechenden Holzes strte die Stille der Nacht - aber
nicht die schweren Athemzge der Schlummernden.
- - -
    Dann wieder Alles lauschende Stille.
    Sein Haupt ruhte an ihrer schwellenden Brust. Der halb geffnete Mund des
schlafenden Weibes mit den spitzen weien Zhnen schien noch Triumph zu athmen
ber den errungenen Sieg. Zwischen den Brauen in der scharf geschnittenen Falte
lag die ganze Leidenschaftlichkeit ihrer Seele. - -
    Ein Schatten glitt unter dem Teppich hervor - wiederum eine lange Pause -
dann legte sich eine kalte Hand auf die glhende Stirn des Griechen.
    Eine unwillige Bewegung der Strung - die Lippen murmelten den Namen
Fatinitza, dann schlief er weiter.
    Eine zweite Berhrung erweckte ihn. Trumerisch schlug er die Augen empor,
in jener schwelgenden Ermattung des Genusses.
    Vor ihm stand Gabriel der Zagartschane!
    Er wollte emporfahren, die dunkle Gluth der Schaam, des gebrochenen
Mnnereides berfluthete sein Gesicht - doch ernst und schweigend winkte der
Czernagorze ihm Vorsicht, auf die lockende Genossin seines Lagers deutend. Dann
trat er zurck in das Vorgemach, leise, unhrbar, wie er gekommen, und winkte
dem Freunde zu folgen.
    Es gelang Nicolas, sich langsam aus den umschlingenden Armen der Trkin zu
winden und vom Lager herabzugleiten auf den Boden, ohne da seine Bewegungen sie
erweckten. Einige Augenblicke darauf huschte er in das Nebengemach, wo der
Flchtling stand und aus dem Arsenal an der Wand sich vorsichtig prfend
bewaffnete. Ein Blick zeigte dem Griechen, wie der Khne hier herein gelangt.
Die Jalousie des schmalen Altans war geffnet, die verdeckenden leichten
Gitterstbe waren an einer Stelle gebrochen.
    Der Czernagorze wandte sich zu ihm.
    Zum zweiten Male ist der Ruf des Blutbruders in der Stunde der Gefahr
vergeblich nach dem Genossen erklungen; zum zweiten Male fehlte Nicolas Grivas,
als Andreas der Zagartschane seiner Hilfe bedurfte. Wird er auch zum dritten
Male seine Stimme nicht hren, wird er seinen Kampf theilen um Leben und
Freiheit, oder will er ruhen in den Armen der Liebe und den Freund allein sein
Heil versuchen lassen?
    Der Jngling beugte sich beschmt.
    Verdamme mich nicht, Gabriel, meine Seele war umnachtet, mein Wille
gelhmt. Ich theile mit Dir Tod und Leben!
    Wohl! ich danke Dir fr die rettende Feile und das Seil, die Du mir
gesendet. Aber es war um ein Stockwerk zu kurz und vergeblich schaute ich mich
um nach der versprochenen Hilfe. Da lenkten die freundlichen Wila's mein Auge
auf diesen Altan, und indem ich mich am Seil hin und her schwang gleich dem
Vogel in der Luft, wie ich oft als Knabe gethan, wenn ich die Felsennester der
Mwen ihrer Brut beraubt, gelang es mir, die Stbe zu erreichen und Fu zu
fassen. Das Uebrige weit Du. Hast Du Deinen Kahn in der Nhe?
    Ich war gefangen wie Du, heute Abend durch meine Unvorsichtigkeit. Nur die
undurchdringlichen Mauern des Kerkers konnten mich fern von Dir halten. Der
rettende Kahn liegt mindestens eine halbe Stunde weit auerhalb der Stadt unter
den Felsen.
    Dann giebt es nur einen Weg fr uns. Wir mssen schwimmend aus dem Bereich
der Festung zu entkommen suchen. Bist Du bereit?
    Ich bin's!
    Diese schweren Waffen ntzen uns Nichts, flsterte der vorsichtige
Krieger, la uns von uns legen, was uns hindert. Suche wie ich einen leichten
Yatagan und birg ihn in Deinem Grtel.
    Indem der Grieche nach der bezeichneten Waffe fate, stie er an eine
zweite, und diese fiel klirrend zu Boden.
    Erschrocken blickten Beide empor - der Teppich vor dem Zugang des
Schlafgemachs wurde zur Seite gerissen, in demselben, wie der Tiger zum Angriff
bereit, kauerte das nackende Weib, die gluthsprhenden Augen auf die Freunde
gerichtet.
    Verrther!
    Der einzige Laut zischte durch ihre Lippen; mit einem Sprunge warf sie sich
nach der Thr, aber der Czernagorze strzte ihr zuvor und umfate mit aller
Kraft ihren Leib. Ein wildes Ringen begann zwischen den Beiden, eine
bermenschliche Strke und Geschmeidigkeit schien die Muskeln und Glieder dieser
Frau zu sthlen, gleich einem Proteus wand sie sich in dem starken Mnnerarm und
rang Brust gegen Brust. Aber kein Laut, kein Ruf der Hilfe entschlpfte ihren
Lippen, nur der keuchende Athem, der zischende Ton der Wuth begleitete diesen
Kampf.
    An der Thr jedoch scharrte und kratzte es wthend und immer wthender. Das
grimmige Raubthier witterte die Gefahr, den Kampf seiner Gebieterin, und
versuchte, ihr zum Beistand zu eilen.
    Mach' ein Ende! komm zu Hilfe! ich vermag diesen Teufel in Weibergestalt
nicht lnger zu bndigen.
    Zwei Mal hatte Nicolas Grivas den Stahl fr den Blutbruder erhoben gegen das
dmonische Weib, das eben noch an seinem Herzen gelegen, - zwei Mal traf ihn
mitten in der Furie des Ringens ein kalter verchtlicher Strahl ihres Auges -
und Hand und Waffe sanken machtlos nieder. Da, wie ein Ausweg des Himmels, fiel
sein Auge auf einen zur Seite am Boden liegenden persischen Shawl, und im Nu
hatte er ihn aufgerafft und schlang ihn um Kopf und Schultern des Mdchens.
Gabriel hob sie zugleich empor, im nchsten Augenblick hatte er sie auf das eben
verlassene Lager geworfen und keuchend umschlangen Beide die wild strubenden
Glieder mit Tchern und Decken, wie die Hand sie erreichen konnte, und zogen die
Knoten um sie fest. Auch jetzt noch entfloh kein Schrei ihrem Munde, nur das
Athmen der Wuth vernahmen sie durch das dicke Gewebe des den Kopf umhllenden
Shawls.
    Aber drauen am Eingange des Gemaches tobte und wthete es fort, mit
gewaltiger Kraft sprang der Wolf an der Thr empor und stie ein klagendes
Geheul aus, da es weit durch die Rume des alten Gemuers scholl.
    Gabriel ri den Freund mit sich fort, der zitternd auf das Werk seiner Hnde
schaute, die gebundene verhllte Gestalt, die jetzt ruhig und bewegungslos,
gleich als erkenne sie das Nutzlose jedes weiteren Strubens, auf den Kissen
lag.
    Sie stirbt! sie erstickt!
    Doch der Czernagorze drngte ihn zum Altan.
    Was kmmert uns ein Weiberleben! Hinunter! Hrst Du nicht, da von dieser
Bestie Geheul schon die halbe Feste in Allarm ist? Mir nach, Blutbruder, und die
Heiligen seien uns gndig!
    An der Pforte donnerten Waffen und Hnde, - unter den gewichtigen Schlgen
sprangen die Riegel - -
    Mit weitgestrecktem Sprunge warf sich der Czernagorze vom durchbrochenen
Altan hinab in die dunkle Fluth, im nchsten Augenblick folgte ihm der Grieche.
    - - -
    Als Beide emportauchten, glnzte heller Lichtschein von der Oeffnung des
Balkons ber die Flche des Wassers - im Umwenden glaubte der Jngling Gestalten
darauf zu sehen, darunter einen weien fliegenden Mantel, einen Moment nachher
blitzte ein Schu, die Kugel fuhr ber ihnen hin in's Wasser.
    Nieder! rief der Czernagorze ihm zu, halte Dich rechts! Und die
Schwimmer sanken auf's Neue fast auf den Grund und strichen weit aus.
    Als sie Luft zu schpfen nochmals emportauchten, waren sie auer dem Bereich
der augenblicklichen Gefahr, aber weit entfernt davon, gerettet zu sein. Die
Richtung, die sie zu nehmen gezwungen worden, fhrte sie hinaus in den See. In
den verlassenen Festungswerken wurde es lebendig, Lichter bewegten sich an den
Oeffnungen hin und her, ehe sie noch zehn Minuten weiter getrieben waren, auch
am Strande, und ein Kanonenschu donnerte ber die Flche des Wassers, Allarm
rufend und die Schildwachen zur Aufmerksamkeit mahnend.
    Mit allen Krften griffen die beiden rstigen Schwimmer aus, denn sie
wuten, da jede Minute Verlust war, und da es um Tod und Leben glte, so rasch
als mglich ber den Rayon der Festungsmauern hinaus zu gelangen, ehe sie auf
dem Wasser verfolgt werden knnten, und den verborgenen Kahn zu erreichen.
    Aber die Kleider, deren sie sich nicht hatten entledigen knnen, zogen immer
schwerer und schwerer und hinderten ihre Anstrengungen, und die Krfte des
Czernagorzen waren durch die Entbehrungen der Haft geschwcht. Rstiger schwamm
der junge Grieche, an der See geboren und Herr des Elements, und ermunterte den
Freund zu neuen Anstrengungen.
    Doch weit rechts noch lag das rettende Ufer und kaum noch war Zuflucht dort
zu hoffen, denn in kurzen Zwischenpausen drhnten die Allarmschsse fort.
    Gabriel war ermattet.
    Rette Dich selbst, Blutbruder, und gre Stephana und die schwarzen Berge!
    Er sank; aber der Grieche war hinter ihm d'rein und hob ihn empor.
    Bei der gebenedeieten Mutter Gottes von Ostrog, flehte er, verliere den
Muth nicht, Hilfe ist nahe - ich hre Stimmen!
    Und gleichsam als Antwort auf den Scheidegru des tapfern Czernagorzen
hallte sein Name durch die Nacht ber die Wellen, und hinterdrein klang der
Schlachtruf der Familie Martinowitsch, ihr heilig' Erbtheil seit der Mordnacht
der Weihnachten von 1703: Sve Oslobod1!
    Hier Czernagora! tnte der Gegenruf des Griechen, wie er sich aus den
Wellen hob. Triumph! Rettung! Durch die Nacht strich ein weies Segel daher -
ein jubelnder Schrei klang vom dunklen Bord, - Arme streckten sich nach ihnen
aus - das waren Freunde.
    Am Steuer stand der alte Beg, Hassan und der Vetter arbeiteten wie rasend an
den Rudern - Stephana's, Bogdan's Arme streckten sich den Schwimmenden entgegen.
    Muth!
    In der nchsten Minute hob Nicolas den erschpften Freund ber den Rand des
Bootes in die Arme seines Weibes und warf sich selbst ihm nach.
    Wendet! Fort!
    Erschpft lagen die Beiden auf dem Boden des rettenden Fahrzeuges, das unter
dem krftigen Druck des Alten sich von der Festung ab- und den Bergen zuwandte.
    Stephana's Angst und Ungeduld hatte die Hilfe gebracht, indem sie den alten
Beg bewog, mit dem Boote whrend der Nacht sich den Festungswerken zu nhern,
statt an der bestimmten Bucht des stlichen Ufers des Kahns mit den glcklich
Entkommenen zu harren. Als der erste Allarmschu ber den See donnerte, wute
die Familie, da die Flucht vollzogen, und der khne Eifer trieb sie vorwrts,
die eigene Gefahr verachtend.
    So war die Hilfe im glcklichen Augenblick erschienen.
    Die Czernagorzenfrau bedeckte den Gatten mit ihren Kssen. Im schwarzen
Hochland sind die Weiber treu und voll aufopfernder Liebe. Obschon sie wegen
ihrer wunderbaren Thatkraft von ihren Mnnern zu den schwersten Arbeiten
gebraucht werden, erleidet ihre Stellung dadurch doch keine Erniedrigung, und
die Frau ist in moralischer Hinsicht keinesweges blo das Spielzeug des Mannes,
wie dies nur zu oft in civilisirten Lndern der Fall ist. In Czernagora ist das
Weib wahrhaft unverletzbar; Flei, Keuschheit und Muth sind die drei schnen
Tugenden, die sie zieren. Darum vertraut sie sich auch ohne Bedenken selbst dem
Fremden, in der Gewiheit, da er sich keine Unziemlichkeit gegen sie erlauben
werde. Wagte er es dennoch, ihre Schaamhaftigkeit zu verletzen, so wrde der Tod
des einen oder des anderen Theils die gewisse Folge davon sein. Ein
czernagorzisches Mdchen liebt nur in der Aussicht auf Heirath, den treulosen
Verfhrer aber trifft der Tod.
    Diese heilig bewahrte Schaam und Sitte des Volkes wird das Furchtbare der
nachfolgenden Scenen charakterisiren.
    Ueber dem Wiedergewonnenen hinweg reichte Stephana dem Griechen die Hand und
konnte nicht enden in lobpreisenden Dankesworten fr seine That. Auch der alte
Beg und die Andern bezeugten ihm Dank und Achtung fr die bewiesene Aufopferung
und Treue, und mehr als ein Mal drohte das Gefhl bitterer Schaam ihn zu
berwltigen. Das war um so lastender der Fall, als der alte Glaware2 den
Hergang der Flucht zu wissen verlangte, und Gabriel, der sich an der Brust des
treuen Weibes erholt hatte, eilig das Wort ergriff, den Freund aus der
Verlegenheit zu ziehen, und der Familie kurz erzhlte, wie Nicolas ihm Feile und
Strick gesandt hatte, wie er verhindert worden sei, mit dem Kahne zu seinem
Beistande zu erscheinen, und nun mit ihm zusammen schwimmend die Flucht versucht
habe, da diese aber durch einen Zufall zu frh entdeckt worden und ihre
Verfolgung nach sich gezogen.
    Die Berathung, wie dieser am besten zu entgehen, nahm jetzt Aller
Aufmerksamkeit in Anspruch. Der alte Beg war der Ansicht, da sie jeder Gefahr
glcklich entgangen seien, da der Pascha von Scutari schwerlich um der Flucht
eines einzelnen Gefangenen willen viel Aufhebens machen und auergewhnliche
Mittel zur Verfolgung in Bewegung setzen wrde. Gabriel und Nicolas jedoch
schauten einander bedenklich an und waren der Meinung, man drfe keine
Anstrengung versumen, um so rasch als mglich die czernagorzischen Ufer zu
gewinnen. Ohne den Namen der Wlfin von Skadar auszusprechen, wute der Grieche
doch seine Besorgni auch Stephana mitzutheilen, und sie gewann um so mehr
Begrndung, als die Gesellschaft bald darauf von der Hhe des Thurmes, dessen
Kerkern Jene so glcklich entronnen waren, ein mchtiges Feuerzeichen
emporlodern sah, ein Signal, das sonst gewhnlich nur bei den Kriegsberfllen
blich war, um den verschiedenen Posten entlang der Seeufer die Anwesenheit des
Feindes zu melden. In Zeit von einer halben Stunde stammten links nach Antivari
hin und rechts gegen das Hochgebirge bereits mehrere hnliche Feuer an den
beiden Ufern und verkndeten die Aufmerksamkeit in den verschiedenen Kastells.
    Der See von Skadar hat eine Lnge von nahe an sieben Meilen bei einer
wechselnden Breite von etwa zwei. Nur das nrdliche und nordwestliche Ende, an
dem sich die Moratscha und der Czernojewitsch in den See ergieen, wird von
Czernagora selbst begrnzt, und zwar im Norden von der Rietschka Nahia, im
Nordwesten von der Czernitza Nahia. Die nrdlich gelegenen Inseln gehren, wie
bereits erwhnt, zwar zum Gebiet von Montenegro, sind aber nur zu Zeiten,
namentlich whrend des Fischfanges, bewohnt. Man beschlo daher, die rechte
Seite des Sees zu halten und die Ufer der Rietschka zu gewinnen, der heimischen
Nahia des Alten, wo sein Ruf im Augenblick die Mnner der zunchst wohnenden
Plemen im Fall der Bedrohung herbeifhren konnte.
    Nachdem man dies gethan, wurden die Wachen bestimmt, um stets mit erneueten
Krften an den Rudern arbeiten zu knnen. Der alte Beg erklrte, das Steuer
nicht verlassen zu wollen, - seine eisernen Muskeln widerstanden jeder
Anstrengung.
    Die erste der Wachen hielten der Grieche, Hassan Lekitsch der Arnaut und der
Vetter, Iowan genannt. Die beiden Letzteren waren an den Rudern beschftigt, der
Erste hielt das Seil des Segels, das sich noch immer lustig im beginnenden
Morgenwinde blhte. Es mochte jetzt zwei Uhr nach Mitternacht, oder die
vierzehnte Stunde des Tages, wie man auch hier nach italienischer Sitte rechnet,
sein, und ber die Bergspitzen begann der erste Schein der Dmmerung zu brechen,
whrend noch die tiefen Schatten der Nacht ber dem See lagen.
    Der Einugige summte leise in jener unangenehmen monotonen Sangesweise der
griechischen und orientalischen Stmme die Piesme vor sich hin, welche den Zug
des Czernojewitsch Iwo zum Dogen des groen Venedigs und die Hochzeit des
falschen Stanischa, des schnen Wojwoden von Dulcigno, Obrenowo Djuro, mit der
Tochter der Inselstadt meldet, wie die Rache des echten Brutigams und seine
Flucht nach Schabljack.
    Grivas dagegen trumte von der schrecklichen Scene, der er entronnen. Vor
seinen geschlossenen Augen stand mit dem flammenden, verchtlichen,
rachesprhenden Blick die Wlfin von Skadar. Dazwischen kehrte in seine
Erinnerung das schwelgende Bild ihres Reizes zurck, und er beugte, im Innern
vernichtet und von widerstreitenden Gefhlen zerrissen, das Haupt.
    Die zweistndige Wache mochte zu Ende sein, - die Sonne war bereits
aufgegangen und ihre Strahlen brachen durch die Schluchten der im Osten sich
emporstreckenden Bergkmme, als Hassan den Hellenen aus seinem Hinbrten weckte
und ihm einen Wink gab, sich umzuschauen.
    Blicke mein griechischer Bruder nach der Seite, wo die Sonne sich in's Meer
senkt, und sage mir, was er ber den leichten Nebeln sieht, die dort noch das
Ufer verhllen. Der junge Falke der Maina hat scharfe Augen!
    Grivas schaute angestrengt nach der angedeuteten Stelle.
    Das ist sicherlich ein dunkler Rauch, welcher sich ber die Nebel bewegt.
Sollten wir so nah' einer der Inseln sein und dort Beistand finden?
    Mein Bruder tuscht sich. Siehst Du nicht, da der Rauch sich bewegt?
    Was habt Ihr? Nach was spht Ihr aus? unterbrach sie der Beg.
    Birschik jok3! wir werden nur verfolgt, entgegnete gleichmthig der
Arnaut. Der Bey hat jenes hllische Schiff uns nachgesandt, das der Scheitan
erfunden und das allein luft, ohne Segel und Ruder.
    Du meinst ein Dampfschiff?
    Ne apalum, was kann ich thun? Der Bey hat von den Franken seit dem Kriege
das Schiff machen lassen, und er hat Leute, die es fhren.
    In der That war in dem letzten Kriege die Nothwendigkeit rascher
Verkehrsemittel immer dringender an den Tag getreten, und die trkische
Regierung hatte auf die Vorstellungen Omer Pascha's eines der kleinen eisernen
Lustdampfboote, welche zwischen dem Bosporus und Constantinopel fahren, nach
Dulcigno gesandt, wo es von franzsischen Maschinisten auseinander genommen und
die Bojana aufwrts bis Scutari transportirt, dort aber wieder zusammengesetzt
worden war. Den Czernagorzen war zwar die Beschaffenheit und Schnelle der
Dampfschiffe nicht mehr unbekannt, da sie von der Hhe ihrer Berge fast tglich
dieselben die schne Adria durchziehen sehen knnen, doch war eben der trkische
Dampfer auf dem nrdlichen Theil des Sees noch zu wenig benutzt worden, um ihnen
weitere Besorgni einzuflen, und der Grieche hatte bei der aufgeregten
Stimmung seines Gemths wenig oder gar nicht auf die Anwesenheit des Schiffes
zwischen den Festungswerken von Scutari geachtet.
    Jetzt wurde ihm jedoch die Gefahr, die sie bedrohte, im Augenblick klar und
er setzte sie dem alten Krieger deutlich und rasch auseinander. Whrend Gabriel
und Stephana, die Arm in Arm im Vordertheil des Bootes schliefen, und der junge
Martinowitsch geweckt wurden, verzogen sich die letzten Nebel und man erblickte
deutlich den Dampfer in Entfernung von kaum noch einer Meile in sdwestlicher
Richtung hinter den Flchtenden, doch offenbar seinen Cours am westlichen Ufer
entlang haltend.
    Grivas und Gabriel begriffen sehr wohl, da man bei der Entdeckung der
Vorbereitungen zu ihrer Flucht auch berzeugt gewesen sein wrde, selbst wenn
man dasselbe spter nicht bemerkt haben sollte, da ein Fahrzeug der Flchtigen
in der Nhe harre, und da ihre Flucht demnach zu Wasser fortgesetzt werde. Wre
es den Beiden gelungen, in der beabsichtigten Weise um Mitternacht zu entkommen,
so konnte die Flucht nicht vor dem nchsten Morgen bemerkt werden, und dann
waren sie auer dem Bereich jeder Verfolgung.
    Jetzt war es freilich anders. Die Richtung des Dampfers, der offenbar mit
voller Kraft fuhr, zeigte die Absicht, die Flchtigen, wenn sie sich nach der
Czernitza Nahia gewandt haben sollten, vorher zu erreichen, oder im
entgegengesetzten Fall sie von diesem nher belegenen Ufer Montenegros
abzuschneiden und nach der andern Seite, dem trkischen Gebiet, zu drngen.
    Offenbar konnte man in dieser Entfernung noch nicht das kleine Boot bemerkt
haben und es galt, dies wo mglich zu verhindern. Eine kurze Berathung folgte,
ob man das leicht verrathende Segel einziehen und sich nur auf die Kraft der
Ruder verlassen, oder den noch immer gnstigen Morgenwind benutzen sollte.
Beides war gefhrlich, denn kaum die Hlfte des Weges war zurckgelegt. Der Beg
entschied sich fr die weitere Benutzung des Segels, da ohnehin die erste der zu
Montenegro gehrenden Inseln, Stavena, bereits vor ihnen lag und man hoffen
durfte, an ihrer Wetterseite der Beobachtung des Feindes zu entgehen. Alle
halfen an den Rudern und bald scho das Boot unter den Felsenufern der Insel
dahin.
    Der Beg wandte das Steuer noch mehr nach Osten und so gelang es ihnen,
anscheinend unbemerkt nach weitern zwei Stunden des Ruderns, whrend dessen der
Morgenwind erstorben war und man das Segel eingezogen hatte, die zweite der
Inseln, Sanct Nicolaus, anscheinend unbemerkt zu erreichen. Das Dampfschiff war
unterde weit heraufgekommen und hatte den Fahrstrich des Bootes bereits
berholt, hielt sich aber immer noch am jenseitigen Ufer. Hier unfern der
nrdlichen Spitze der Insel, in einer kleinen ziemlich geschtzten Felsbucht
beschlo der Beg, Halt zu machen und den Tag zu verbringen; denn da sich ber
die Insel hinaus der See bedeutend verengt, wre es fast nicht mglich gewesen,
der Aufmerksamkeit der Verfolger ferner zu entgehen, whrend wenn diese, wie zu
erwarten stand, ihren Weg fortsetzten, die Flchtlinge ganz ungestrt hier sich
verborgen halten und das schtzende Dunkel der Nacht abwarten konnten.
    Das Boot lag gesichert in der Felsenbucht, in seinem Innern ruhten die
Mnner von der Anstrengung des Morgens und der sich steigernden Hitze des Tages.
So vergingen mehrere Stunden, ohne da sie belstigt wurden. Bogdan, zuerst als
Spher auf eine der Felsspitzen geschickt, hatte berichtet, da das Dampfboot
hinter der letzten der Felseninseln, Morakowitsch, verschwunden sei. Das hohe
Ufer verhinderte ihn, zu bemerken, da der Dampfer, nachdem er einer Barke
begegnet war, von der er die Kunde erhielt, da kein Boot aus dieser Seite des
Sees entkommen sein konnte, an der letzten Insel hielt und Bewaffnete aussetzte,
um dieselbe nach den Flchtlingen zu untersuchen.
    Gabriel hatte jetzt die Wache und war an's Ufer gestiegen; die Gesellschaft
sa nach ihrem einfachen Mahl, aus der trocknen Castradina und Maiskuchen
bestehend, noch immer im Kahn, um jeden Augenblick bereit zu sein. Nur der alte
Beg hatte seltsamer Weise den Antheil an der Speise von sich gewiesen, er sa
still in sich gekehrt, mit starrem Blick, gleich als habe er ein zweites
Gesicht, und summte wieder leise die Piesmen seines Stammes vor sich hin, deren
so manche die Thaten seiner eignen Jugend feierten. Pltzlich fuhren Alle empor
bei dem nahen Knall eines Schusses. Wenige Angenblicke darauf strzte in khnen
Sprngen von Fels zu Fels Gabriel bleich und blutend zur Bucht, noch ehe seine
Stimme sie erreichen konnte, zur Flucht winkend. Im Nu war Alles in Bewegung,
das Boot abgestoen und dem Eingang zugetrieben. Hier, wo die Ufer
zusammentraten, sprang Gabriel in das Fahrzeug.
    Fort, fort, um aller Mrtyrer willen, die Unglubigen sind uns auf der
Spur! Sie sind zurckgekehrt und durchsuchen die Insel; ein Trupp hat mich
entdeckt, als ich nach dem Schiff sphte.
    Mit erneuter Kraft warfen sich Alle auf die Ruder, auch Gabriel, dem die
Kugel nur leicht die linke Hfte gestreift hatte. Das Boot flog in das freie
Gewsser, aber ein wildes Jauchzen, der Knall vieler Gewehre verkndeten ihnen,
da sie auch bereits entdeckt worden.
    Whrend der rasenden Arbeit sich umschauend, erblickte Grivas auf der Hhe
der Felsen die Verfolger, drohend die Gewehre durch die Luft schwingend, deren
Kugeln die Flchtlinge nicht mehr erreichen konnten; unter den Gestalten der
Mnner den wehenden Feredschi einer Frau. Ihr ausgestreckter Arm deutete nach
der Kste, ihre Befehle jagten die Arnauten nach allen Seiten.
    Fatinitza, die Wlfin von Skadar, Fatinitza die Rcherin, war auf ihrer
Spur!
    Die Lage der Verfolgten war noch immer keine so verzweifelte, als es im
ersten Augenblick geschienen hatte. Durch den Zeitverlust, den ihre Gegner
nothwendig beim Wiedereinschiffen auf den Dampfer und das Herumbringen desselben
um die Ausbuchtungen der Insel erleiden muten, war ihnen ein bedeutender
Vorsprung gesichert. Ueberdies ist dieser Theil des Sees wegen der vielen aus
dem Grunde sich erhebenden Felsen und Klippen schwieriger fr grere Schiffe zu
befahren. So gelang es den Verfolgten denn wirklich, die Ostseite der dritten
Insel zu erreichen, whrend die Trken, denen die Schwierigkeiten des
Fahrwassers gleichfalls bekannt waren, an der Westseite des langgestreckten
Eilands hinfuhren, um an dessen Spitze im freien Wasser den Czernagorzen den Weg
zu verlegen.
    Ueber die Felsen der Insel hin konnten die Verfolgten die Rauchsule des
Schiffes bereits in gleicher Linie mit ihrem Boot streichen sehen, als der alte
Glaware das Steuer wandte und quer ber den Seearm nach einem Vorgebirge des
stlichen Ufers abhielt. Auf seinen Wink strengten Alle ihre Krfte an den
Rudern auf's Neue an und das Boot flog ber die Wellen. Die Entfernung der Insel
vom Ufer betrug hier eine starke halbe Meile. Whrend das Dampfboot etwa in
gleicher Entfernung um die Nordspitze der Insel bog und die weitere Flucht nach
der noch anderthalb Meilen entfernten Mndung des Czernojewitsch - dem
sichernden Ufer der Rietschka Nahia - versperrte, war das Boot der Czernagorzen
bereits auf Bchsenschuweite am Ufer und nherte sich einer Einbuchtung, als
aus dem Gestein des Ufers pltzlich leichte Rauchwolken emporkruselten und
Schsse ihnen entgegenblitzten. Zwischen den Felsen zeigten sich die weien
Pferde der Albanesen, Posten erschienen auf den Vorsprngen.
    Das Segel auf! befahl der Beg, dessen eines Auge in dieser von Minute zu
Minute sich mehrenden Gefahr wieder khn und fest umherblitzte. Gelingt es uns,
das Vorgebirge zu umfahren, ehe jenes dem Teufel verschriebene Schiff heran
kommt, so gewinnen wir das Ufer. Diese Kinder des schwarzen Hundes sollen die
freien Shne der Berge nicht fangen, denn um auf jene Seite des Vorsprungs zu
gelangen, brauchen sie Zeit.
    Die Moslems auf dem Dampfschiffe begriffen zwar das Manver der Flchtlinge,
doch war es ihnen nicht mglich, vor diesen das Vorgebirge zu erreichen, und
nach einer rasenden Anstrengung von etwa zehn Minuten scho das Boot gesichert
zwischen den Klippen der nrdlichen Seite hin, um sich eine bequeme
Landungsstelle zu suchen, whrend ohne Resultat mehrere Karonadenschsse vom
Bord des Dampfers nach ihnen abgefeuert wurden.
    Als das Boot das Ufer berhrte, das noch von keiner Wache des Feindes
besetzt war, sprangen Alle eilig heraus, das Fahrzeug seinem Schicksale
berlassend und eilten nun, ihre Waffen mit sich nehmend, in die Schluchten der
Zenta.
    Jowan, dem diese Gegend von frheren Fischerfahrten bekannt war, machte hier
den Fhrer. Sie waren ungefhr eine Viertelmeile diesseits der kleinen Feste
Zabljak gelandet, die in den Kriegen zwischen Montenegro und den Trken von
Alters her eine so bedeutende Rolle gespielt und auch zu Anfang des letzten
Krieges von den Czernagorzen wieder genommen und beim Abzug am 25. December
zerstrt worden war.
    Seit dem geschlossenen Frieden hatte man zwar versucht, die
Befestigungswerke wieder herzustellen, doch war dies erst zum geringen Theil
gelungen und nur ein kleiner Posten hielt sie besetzt, so da man hoffen durfte,
ohne Gefhrdung sie zu umgehen, wenn nicht vorher schon der Befehl zu ihrer
Verfolgung dort eingetroffen. Von der nchsten Hhe, die sie gewonnen, sahen sie
jedoch, da das Dampfschiff jetzt seinen Lauf nach der halbzerstrten Feste
genommen und sie beinahe erreicht hatte. Es galt demnach, sich tiefer in das
Gebirge zu werfen, um auf dem Umweg das von Zabljak noch eine starke Meile
entfernte Gebiet von Montenegro nach Ueberschreitung der Ziewna zu gewinnen.
    Es war bereits hoch am Nachmittag, als sie hier die Fortsetzung ihrer Flucht
begannen und in die Berge stlich von Fabljak drangen, so viel als mglich die
Richtung nach Norden beibehaltend, um sich ihrem Ziel zu nhern. Aber ihre
Vorsicht und ihr Muth waren vergeblich, denn die Furie, die auf ihren Fersen
war, verstand zu wohl ihren Vortheil, um ihnen Zeit und Raum zum Durchbruch zu
gnnen, und fand in einer vor wenigen Tagen von Podgoritza her in die kleine
Feste eingerckten Reiterabtheilung neue Hilfe. Der Offizier ihres Vaters,
welcher mit einem Haufen wilder Albanesen sie auf dem Dampfer begleitet hatte,
war ihrem Willen blindlings gehorsam, und ehe eine Viertelstunde nach der
Landung vergangen war, flogen ihre Boten bereits nach den Reiterposten, welche
durch die schnellen Sendboten des Paschas von Skadar her entlang der ganzen
Kste des Sees noch whrend der Nacht und des Morgens zum Fange der Flchtigen
aufgeboten worden waren, und deren nchster jenseits des Vorgebirges bereits die
Czernagorzen an der Landung verhindert hatte. Zugleich brach ein starker Hause
aus der Feste auf, um das Ufer der Ziewna und Moratscha zu besetzen und so den
Fchtigen den Weg abzuschneiden.
    Die Folgen zeigten sich bald. Als der kleine Trupp der Czernagorzen gegen
Abend, von dem Beg gefhrt, aus den Bergen brach, um den ersten Flu zu
berschreiten, wurden sie vom Ufer her mit Flintenschssen empfangen, und selbst
die tollkhne Tapferkeit des greisen Fhrers mute die Uebermacht der Gegner
anerkennen und ihr weichen. Unter einer alten Steineiche sammelten sich die
Sieben und hielten Berathung, whrend immer drohender das Netz der Verfolger
sich um sie zusammenzog.
    Die Stunde ist gekommen, sprach feierlich der alte Glaware, da wir Bog,
dem groen Wrger, gehorchen mssen. Wir wollen kmpfen und sterben, wie unsere
Vter gethan. Das Haus Iwo's wird untergehen in diesen Bergen.
    Du redest weise und recht, Vater, sagte Gabriel, aber bedenke, ob es
nicht mglich ist, uns hier auf irgend einem festen Punkt zu halten, bis uns
Hilfe kme von unsern Stammverwandten. Der erste Flintenschu eines Moslems
weckt hundert Mal das Echo an den schwarzen Felsen von Czernagora.
    Der Alte schwieg brtend.
    Weiter hinauf im Gebirg, sprach Jowan, steht die Kula, die frher einem
Gliede der Gradjani gehrte, das in's Niederland gezogen war. Wenn wir sie
erreichen, knnen wir einem Angriff widerstehen. Nur den Boten gilt es zu
unseren Brdern zu finden.
    Der Greis blickte ihn finster an. Willst Du den Glawaren der Martinowitsch
lehren, was er auf diesem Felde zu thun hat, das sein Fu hundert Mal im Kampfe
durchmessen, ehe Du den eigenen Namen lallen konntest? Was geschehen soll ist
beschlossen. Hret!
    Alle drngten sich um ihn.
    Der Einugige nahm den schrecklichen Mumienkopf von seinem Halse und
betrachtete ihn. Namik Halil, mein Todfeind, ich sende Dich jetzt, um das Blut
derer zu retten, die Du im Leben gehat und verfolgt hast, denn unvershnlich
ist die Rache der Martinowitsch. - Gabriel, mein Sohn durch den Leib meiner
Tochter, nimm Abschied von Deinem Weibe, denn sie und das Kind - er deutete auf
Bogdan - werden den Gang wagen, um die Krieger der Rietschka zu wecken mit der
Botschaft ihres alten Fhrers.
    Vater! baten Stephana und der Jngling erschrocken.
    Still! die Kinder der schwarzen Berge wissen zu gehorchen, wenn der Glaware
ihres Hauses spricht. Ihr Beide werdet Euch hier unter dem Felsen verbergen, bis
der Schatten der Nacht hereinbricht. Dann werden die Feinde fern sein auf
unserer Spur und Ihr knnt ungehindert davon schleichen. Du, Bogdan, eilst zu
den Kula's der Lubotini und Kozieri und rufst sie zu den Waffen; Du, Stephana,
bringst dies Haupt zu den Wohnungen unserer Brder, der Gradjanen4, an den Ufern
der Czernojewitsch und sagst ihnen, Iwo Martinowitsch sende es zum Zeichen, da
er des Knalls ihrer Flinten benthigt sei in der Stunde der Gefahr. Die Frauen
wandern frei durch diese Berge, selbst der Moslem ehrt ihr Recht, und die Gefahr
ist gering fr Dich. Wre es auch anders - Du bist aus dem Blut meines Stammes.
Sagt den Mnnern der schwarzen Berge, in der verlassenen Kula des Popowitsch
Gradjani wrden sie uns finden, mit unserm schnellen Blei die Unglubigen zu
Boden streckend. Wenn Ihr Euch eilt, kann die Hilfe zur Stelle sein, ehe die
Sonne ihren Strahl ber die Berge der Zenta auf die grnen Wellen des Sees
wirft. Ich habe gesprochen! Die Wila's mgen Euch und uns gndig sein!
    Alle wuten, da gegen die Entscheidung des Beg keine Einrede galt. Auch war
der Auftrag, der den Beiden geworden und bei dem vielleicht dessen selbst
unbewut der Glaware von dem geheimen Wunsch mit geleitet sein mochte, sein Blut
und seinen Namen zu erhalten, offenbar weniger gefhrlich, als die Aufgabe, die
den Mnnern blieb. Stephana, das grausenvolle Sendzeichen des Vaters in ihre
Schrze bergend, und der junge Bogdan knieeten vor dem Familienhaupt nieder,
seine Hand kssend; der Greis machte in jener eigenthmlichen Weise der
griechischen Vlker mit seinem linken Daumen segnend das Zeichen des Kreuzes
ber sie und entfernte sich rasch. Stephana warf sich an die Brust des nur eben
wieder gewonnenen Gatten und schien sich kaum von ihm losreien zu knnen. Aber
die drngende Gefahr gewhrte hier keine Zeit und die Czernagorzenfrau wute
deren Werth zu schtzen. Noch im Arm ihres Mannes reichte sie dem Griechen die
Hand und bat ihn, den Geliebten nicht zu verlassen. Dann verschwand sie rasch
mit dem Bruder in eine ginsterbedeckte Felsenspalte, whrend die Mnner dem Beg
nacheilten.
    Schweigend setzten diese einige Zeit ihren Weg fort, absichtlich an einer
geeigneten Stelle sich einem im Thale unten bemerkten Posten der Verfolger
zeigend, was von diesem mit einigen nutzlosen Schssen beantwortet wurde. Nach
einer weiteren halben Stunde gelangten sie aus eine sich in leichter Abdachung
nach Sden senkende Vergebene, zum Theil mit Gebsch und wilden Kastanienbumen
besetzt, auf der, an eine schtzende hohe Felswand gelehnt, die halbzerstrte
Kula stand, die sie zu ihrem Zufluchtsort erwhlt hatten. Dieselbe war ein
viereckiges thurmartiges Gemuer von Kalksteinen, in der Hauptmauer noch wohl
erhalten und nur das obere Stockwerk mit dem Geblk eingestrzt. Kein Feind war
zu sehen, und rasch nahmen sie von der Ruine Besitz, huften Schutt und Balken
vor den Zugang und machten die schmalen Fensterffnungen in den dicken Mauern
fr die Vertheidigung frei. Der Platz bot fr khne und standhafte Mnner einen
nicht blen Zufluchtsort, und Alle empfanden dies, als sie nach rasch
vollendeter Arbeit sich um den Huptling am Boden lagerten und nochmals ihre
Waffen untersuchten, whrend Jowan an einer der Schiescharten scharfen Auges
Wache hielt ber die Umgebung.
    Die Sonne begann bereits hinter den jenseitigen Bergspitzen zu verschwinden,
als der Czernagorze das Zeichen gab, da die Feinde nahten. Im Augenblick waren
alle Fnf auf ihrem Posten, alle mit den langen Flinten des Hochlands bewaffnet,
da Bogdan die seine, als am raschen Lauf ihn hindernd, an Gabriel gegeben hatte.
Ein ziemlich starker Trupp berittener Arnauten sprengte die Bergebene herauf und
machte etwa zwei Bchsenschsse von dem Gemuer Halt. Offenbar glaubten die
Trken, da sie auf der Spur ihrer Gegner seien, denn sie prften sorgfltig die
ganze Flche, jedes Gestruch, jedes Felsenversteck durchsphend und bald nahte
ein kleiner Haufe den Ruinen der Kula, mitrauisch die Verrammelung des Zugangs
betrachtend, die Waffen zum augenblicklichen Gebrauch in Hnden.
    Der greise Beg lie sie bis auf etwa sechszig Schritt herankommen, dann
stie er mit seiner donnernden Stimme den gefrchteten Schlachtruf seiner
Familie aus und gab Feuer. Gabriel, Grivas, Jowan und auch der Arnaut Hassan
folgten seinem Beispiele, und drei der Reiter strzten von den Pferden, whrend
die Andern erschrocken Kehrt machten und davon sprengten, der Eine gleichfalls
verwundet im Sattel schwankend. In wenigen Augenblicken waren unter dem tobenden
Allahruf die Trken auerhalb der Schuweite unter den Kastanienbumen
versammelt, die Pferde wurden gekuppelt und angebunden, whrend zwei der Reiter
mit der Kunde davon jagten, da die Flchtigen gefunden seien, und der Fhrer
der Schaar vertheilte seine Leute ber die Flche, von allen Seiten das Gebude
im weiten Halbkreise umgebend.
    Whrend die kurze Dmmerung, die im Sden Tag und Nacht scheidet,
hereinbrach, begann das Gefecht, und die Schsse der Plnkler knatterten munter
gegen die Oeffnungen des Gemuers, aus dem hin und wieder ein Schu aus den
langen Flinten der Czernagorzen antwortete, wenn Einer oder der Andere der
Moslems unvorsichtig sich zu weit vorwagte. Der Schein des Vollmonds, der den
ersten Theil der Nacht erhellte, zeigte klar alle Gegenstnde rings umher.
Pltzlich bertnte ein wilder Jubelruf der zurckgebliebenen Trken das
einzelne Knallen der Flinten. An der Spitze eines zweiten Trupps heran jagte
eine Frau im weiten, wei durch die Nachtluft flatternden Mantel, den Schleier
um das Haupt gewunden, die Bchse in der Hand, im Grtel Pistolen und Handjar, -
vor dem weien Araber her in mchtigen Sprngen mit gestrubtem Haar der Wolf,
ihr Begleiter.
    Um das Pferd der khnen Reiterin sammelte sich die Schaar, Befehle flogen
von ihren Lippen nach rechts und links, in drei Haufen theilte sich der wohl an
fnfzig Mann starke Trupp, und langsam, lautlos rckten sie jetzt von drei
Seiten gegen den Thurm.
    Bei Allah! sagte Hassan zu den Kampfgefhrten, wir werden einen schweren
Stand haben. Kennt Ihr den Teufel in Weibergestalt, der sie zum Angriff fhrt?
Es ist Fatinitza, die Wlfin von Skadar, von der das Volk erzhlt, da sie das
Blut ihrer Feinde trinkt. Es ist unser Kismet5, hier zu sterben.
    Der alte Beg grinste in teuflischem Hohnlachen.
    Ist es die Wlfin von Skadar, so will ich sie fllen, wie das Thier, dessen
Namen sie fhrt!
    Die Flinte lag an seiner Wange, der Finger berhrte den Drcker, doch
vergebens schnappte der Hahn auf die Pfanne, das Gewehr versagte, - zum ersten
Male seit langen Jahren.
    Der Greis setzte es erstaunt und aberglubisch zu Boden.
    Bei Bog, dem groen Wrger, - sie ist gefeht.
    Ich sagte es Euch vorher, Beg Iwo! Sie hat den bsen Blick und keine
Menschenhand kann sie verletzen. - Aber zur Wehr, Mnner; die Krieger des
Halbmonds sind ber Euch und Allah will es, da ich gegen die eigenen Brder
fechten soll.
    Der Moslem erfllte wacker die Pflicht des Gastfreundes. Seine Flinte war
die erste, die knallte und einen seiner frheren Kameraden zu Boden streckte.
Der Einugige, Nicolas, Gabriel und Jowan empfingen die auf ein Zeichen der
schnen Megre gegen den Bau Heranstrzenden mit einer Salve. Jede Kugel fand
ihren Mann, aber ber die Leiber der Fallenden sprangen mit wildem Geschrei die
Albanesen vorwrts und das Handgemenge begann an jeder Oeffnung der Mauer.
Pistolenschsse, die Hiebe der Yatagans und der Sbel klangen hin und her; an
den engen Oeffnungen der Fenster mit leichter Mhe von Jowan und dem Lekitsch -
Khan zurckgeschlagen, drngte sich der Hauptangriff zur weitklaffenden Oeffnung
der ehemaligen Thr. Ueber die Balken, Steine und Brandtrmmer versuchten die
blutigen Arnauten in's Innere zu dringen, in ihrer Mitte, Allen voran, keine
Gefahr scheuend, Fatinitza, whrend das Geheul des Wolfes grimmig durch das
Toben des Gemenges scholl.
    Sve Oslobod! klang der Kampfruf des Alten, dessen gewichtige Hiebe, wo sie
niederfielen, Tod und Verderben brachten, da - als seine Faust mit der schweren
Waffe wieder erhoben, warf sich das Mdchen ihm entgegen, ihr dmonisches Auge
traf das seine und ihr Handjarhieb seine Stirn, da er blutig zurcktaumelte.
    Maschallah! Der Sieg ist unser!
    Aber eine Hand erfate ihren Arm, als sie hereinspringen wollte in den
vertheidigten Raum - eine zweite umschlang ihren Leib, Auge blitzte in Auge, der
funkelnde Blick des Weibes und das finstre Auge des Mannes, mit dem sie ihr
Lager getheilt, - und weit hin mit gewaltigem Sto schleuderte er ber die
Trmmer hinweg die Geliebte, da ihr Krper den Boden ma und heulend der Wolf
sich auf die Gefallene strzte.
    Die rasche That des Griechen entschied den Sieg; die Arnauten lieen
bestrzt ab von dem Sturm und eilten zu der Gebieterin, die sie forttrugen; die
Schsse der Czernagorzen, die Luft und Zeit gewannen, jagten die Letzten davon.
    Eine Pause schien auf den blutigen Kampf zu folgen. Alle Vertheidiger des
Thurms mit Ausnahme des Moslem waren verwundet und verbanden jetzt die leichten
Verletzungen, so gut es gehen wollte, sich der auf den Charakter und die Sitte
ihrer Gegner gegrndeten Hoffnung hingebend, da das Milingen des ersten
Anlaufs ihnen fr lange Zeit Ruhe schaffen wrde, in der die Hilfe erscheinen
konnte. Auch drben unter dem ber Schuweite entfernten Haufen der Verfolger
war es still, man sah nur, wie sie Holz an verschiedenen Stellen
zusammenschleppten, um Feuer ringsum anzuznden, damit bei dem frhen Untergang
des Mondes im Schatten der Nacht ihre Beute nicht entweichen, oder im blutigen
Ueberfall ihnen unbemerkt nahen knne.
    Nur das Sthnen, die Seufzer der Verwundeten, die zu schwer verletzt worden,
um sich von der blutigen Sttte des Kampfes fortschleppen zu knnen, unterbrach
die Stille um die Ruinen.
    Der alte Beg, die treue Flinte zwischen den Beinen, sa auf einem Stein; das
Mondlicht, durch eine der Oeffnungen hereinbrechend, berglnzte das
narbenbedeckte wilde Antlitz. Der Hieb Fatinitza's war durch den dicken Bund des
Turbans gebrochen worden und hatte nur schrg seine Stirn getroffen, von der
unter der umgelegten Binde dicke Blutstropfen hervorquollen und das Gesicht
durchfurchten, ohne da er sich die Mhe gab, sie zu trocknen. Sein eines Auge,
von dem berstandenen Kampfe entflammt, blitzte feurig umher.
    Bei den Gebeinen der heiligen Mrtyrer von Ostrog, wir haben diese Hunde
zurckgejagt, wie unsre Vter am Berge Perjnick6 den stolzen Seraskier jagten
drei Sonnen lang. Die Wila's wrden uns sicher zum Sieg verhelfen, wenn der bse
Geist nicht das Weib unter sie gefhrt htte mit dem schlimmen Blick. Mir ahnet
Bses, Khan Hassan Lekitsch!
    Ich spucke auf diese Weiber! sagte der Moslem verchtlich. Mge da Grab
ihrer Mtter besudelt werden, sie haben einem Manne noch nie Gutes gebracht. Es
ist unser Schicksal, Beg.
    Du irrst, Khan, meinte der Glaware, nur die Frauen mit dem bsen Blick
bringen Unheil, die guten haben uns die Wila's zum Segen gegeben und wir ehren
die Mutter unserer Kinder. Die Unglubigen freilich geben ihnen nur halbe
Seelen. Reiche mir das groe Horn, Zagartschane, das meine ist leer und die
Waffen mssen bereit sein.
    Was meinst Du, Vater?
    Das Horn, das groe Horn mit dem Pulver, das Bogdan Dir gegeben hat, der es
trug, sagte der Alte ungeduldig.
    Um Gott, - Bogdan hat mir Nichts gegeben, - ich habe das Horn nicht!
    Der Greis sprang empor. - Das Horn! das Horn! rief er wild. Unser Leben
hngt von dem Pulver ab!
    Alle suchten ngstlich umher und befragten sich gegenseitig - das Stierhorn
mit dem Pulvervorrath des Alten fehlte, - Bogdan, der es getragen, hatte in der
Eile der Trennung vergessen, es mit der Flinte an Gabriel zu geben. Die Mnner,
die noch vor wenigen Minuten dem wilden Feinde khn in das Weie des Auges
geschaut, sahen sich erbleichend an - es ist etwas Furchtbares selbst fr den
Tapfersten, in der Stunde der Gefahr sich der Waffe beraubt zu sehen.
    Wie viel Pulver haben wir noch?
    Man sah nach - zwei der Flinten, die Gabriel's und Jowan's, waren noch
geladen, auch ein Pistol enthielt noch den Schu - die Pulverflaschen des
Griechen und des Moslems waren leer.
    Der Beg sttzte finster das Haupt in die Hand.
    Mein eigen Blut ist mein Verderben, - der greise Adler der schwarzen Berge
hat die Krallen verloren, er ist ein Kind in der Hand seiner Feinde!
    Und wie antwortend hoch ber ihnen klang ein Rabenschrei durch die Luft und
das Echo des Felsens trug ihn nieder.
    Der Beg und Gabriel richteten sich empor, ihre Augen schienen das Dunkel
durchbohren zu wollen, die Nerven ihres Gehrs gespannt, wie sie, dem Wilde
gleich, das den Jger wittert, durch die Nacht lauschten.
    Und wieder - aber leiser und nher klang der Schrei des Raben.
    Gabriel warf sich an die Brust des Freundes, der alte Primore7 schwang
jubelnd die Flinte um das Haupt.
    Stephana! das ist Stephana - das treue Weib! - Sie haben unsere Noth
errathen, sie bringt uns das Pulver!
    Da krachte in der Nhe ein Schu - wildes Geschrei auf allen Seiten - ber
die Berghalde flog eine weie Gestalt in rasendem Lauf nach den Schatten des
Thurmes zu - an dem Eingange harrten die Freunde und rissen mit blutenden
Fingern Balken und Steine zur Seite.
    Stephana!
    Gabriel!
    Aber aus den Schatten rings umher, gleich Gespenstern, tauchten die dunklen
Gestalten der Albanesen auf allen Seiten empor, zwischen ihr und den rettenden
Mauern, - ein wilder verzweifelter Schrei, und in den rohen Armen der Mnner
wand sich die treue Czernagorzenfrau.
    Hinaus! Rettet mein Weib!
    Ueber die eigene Verschanzung empor klimmten die Verfolgten. Ihnen entgegen
donnerte eine Salve der Trken - weit aus breitete der wackere Hassan Lekitsch
die Arme und drehte sich rund um sich selbst, ehe er zu Boden strzte.
    Kismet! - Lebt wohl Ihr Brder - die Houri's des Paradieses winken mir! -
so starb er.
    Der Beg ri Gabriel und den Griechen zurck.
    Ein Weib fr fnf Mnner - und ob es der eigene Saamen ist, das Hochland
bedarf seiner Krieger!
    Er warf sich vor die Oeffnung, die Anderen zurckwehrend. Gabriel verhllte
das Gesicht, vor Schmerz wild aufsthnend. -
    Stephana, das treue Weib, das den Freunden das zurckgelassene Pulver
bringen wollte und das Dunkel des untergehenden Mondes abgelauert hatte, wurde
auf den Armen der Moslems zurckgeschleppt zu den Fen der Wlfin von Skadar.
In ihrem Gewande fand man das Pulverhorn, das sie in die Hnde der Feinde
geliefert.
    Wer bist Du, Weib?
    Stephana Zagartschana, des Mannes Frau, den Ihr schmhlich gefesselt
hieltet in Skadar.
    So bist Du das Weib des Flchtigen, der meinem Vater entronnen?
    Du sagst es, blutige Bula8. Der Mund einer Czernagorzenfrau redet nimmer
Lge.
    Und Dein Mann befindet sich in jenem Thurme mit dem Schndlichen, dessen
Verrath ihn befreit hat?
    Geh' hin und frage selbst.
    Spiele nicht mit der Wlfin von Skadar, Weib, denn wisse. Dein Schicksal
ist ein schlimmes und Dein Blut wird ben fr das, was Jene gethan. Keiner darf
athmen, der sagen mag, er htte Fatinitza's Schmach gesehen. Was wolltest Du bei
den Verlorenen?
    Die Tochter des Iwo Martinowitsch, des groen Beg der Rietschka, frchtet
den Tod nicht. Sie gehrt zum Gatten und Vater in der Stunde der Gefahr.
    Ein wilder Jubelruf brach im Kreise der Arnauten aus, als sie hrten, da
der berhmte Krieger des Hochlands in ihrer Gewalt sei. Trotz der furchtbaren
Lage, in der sie sich befand, schwellte Stolz die Brust der edlen
Czernagorzenfrau, als sie diese Anerkennung fr den Ruf ihres Vaters vernahm.
    Einer der Albanesen zeigte das Pulverhorn, das man bei der Gefangenen
gefunden.
    Bei dem Propheten, Herrin, ich glaube, da diese Tochter eines Hundes den
Mnnern dies Pulver bringen wollte, woran es den unreinen Thieren von jeher
gefehlt hat. Allah bilir, Gott allein wei es.
    Geht und schaut in die Mndung der Flinten meiner Tapfern, sie werden Euch
Antwort geben, entgegnete die Czernagorzin khn. Aber eilt Euch, denn die
Shne der schwarzen Berge nahen, um ihren groen Beg zu suchen und hrten seinen
Ruf nach den Kriegern.
    Die finstre Falte zwischen den Brauen des Trkenmdchens zog sich dunkler
und drohender. Dann ist es Zeit, da Dein Schicksal erfllt werde. Bindet das
Weib!
    Mehrere der Arnauten warfen sich auf die Unglckliche und schnrten ihre
Arme zusammen.
    Mein Pferd!
    Der Schimmel stampfte unter ihrem Druck. Am Sattel sprang lechzend der Wolf
in die Hhe.
    Zu den Waffen, Tapfere von Skadar! Nehmt die Brnde, da sie leuchten zu
dem Fest, das wir Jenen bereiten wollen, auf da man erzhlen mge von
Fatinitza's Rache, so lange die schwarzen Berge stehen. Bringt das Weib.
    Fatinitza voran nahte sich der Zug der Kula, aus der vier Mnner ihm bleich
und finster entgegenstarrten.
    Etwa sechszig bis siebenzig Schritt von dem Thurm entfernt stand ein junger,
weitstiger Kastanienbaum. Vor ihm befahl die Trkin die mitgebrachten Brnde
zusammen zu werfen, da die Flammen hoch aufloderten und einen weiten
Lichtschein umherwarfen, in welchem den Mnnern im Thurm keine Einzelnheit der
furchtbaren Scene entgehen konnte.
    Schnrt sie an den Baum, das Antlitz den Rebellen zu!
    Der Befehl ward vollzogen.
    Reit ihr die Kleider ab, - geschndet soll sie vor Euch stehen! - Wie ich
es vor Jenem stand! setzte die zuckende Lippe leise hinzu.
    Barmherzigkeit, Du bist ein Weib! Es war die einzige Bitte, die dem Munde
der unglcklichen Frau sich entwand. - Barmherzigkeit? - Bei dem Lwen der
Wste, bei dem Tiger der Dschungeln suche Barmherzigkeit, nicht bei den Mnnern
Albaniens.
    Gleich Bestien warfen sie sich auf die Czernagorzin und rissen und schnitten
die Gewnder herunter, da der keusche Leib unverhllt vor den rohen hhnenden
Blicken der Mnner stand. Die Wlfin von Skadar trieb das Pferd bis dicht zu der
entehrten unglcklichen Frau und schaute mit finsterem Blick auf sie nieder.
Dann streckte sie drohend die Hand nach der Kula.
    Da blitzte und krachte ein Schu aus dem dunklen Gemuer.
    - - -
    In der Kula standen die Mnner starren Auges, den Blick unverwandt auf den
herankommenden Zug gerichtet, die Faust um die treue Flinte geklammert, als
wollten die Finger sich in das Eisen krampfen. Nur das tiefe Sthnen des
unglcklichen Gatten unterbrach die unheimliche Stille.
    Das Pulver! das Pulver! murmelte der Greis vor sich hin.
    Man sah Stephana an den Baum schnren; die Flamme zu ihren Fen lie
deutlich jeden ihrer Zge erkennen, fast den Strahl ihres Auges, wie er Hilfe
suchte bei den nahen Freunden.
    Jetzt warfen die Arnauten sich auf ihr Opfer.
    Sie morden sie - hinaus, ihr zu Hilfe! raste der Zagartschane, doch
nochmals ri die Hand des Greises ihn zurck.
    Noch nicht - sie schnden nur das Blut der Martinowitsch. Seine Stimme war
hohl, fast klanglos.
    Gabriel taumelte.
    Verdammni ber den Teufel in Weibergestalt! Fahre zur Hlle!
    Seine Flinte lag an der Wange, der Schu knallte, - doch noch schneller als
sein Finger am Drcker war die Hand des Griechen, die den Lauf in die Hhe
schlug.
    Halt ein! Du tdtest sie!
    Die Kugel schrillte hoch durch die Luft.
    War es Stephana, war es Fatinitza, die Nicolas Grivas mit den Worten und der
That meinte - nur Gott wei es.
    Fluch Dir und ihr Blut ber Dich! Zerrissen sei das Band des unseren!
    Gabriel warf die Flinte zu Boden und wandte sich mit einer erhabenen Geberde
der Verachtung von dem bisherigen Freunde. -
    Nur ein Schu noch blieb in der Hand der Verfolgten. Der alte Beg streckte
die Rechte nach der Flinte aus, die Jowan hielt:
    Gieb!
    - - -
    Die Arnauten waren auseinander gestoben bei dem Schu der waffenlos
Geglaubten. Nur Fatinitza hielt mit eherner Ruhe.
    Seit wann haben die Tapferen von Skadar Furcht vor dem Blei der schwarzen
Hunde? - Hierher, Abdallah!
    Der Mohr, den sie gerufen, nahte dem Pferde. Er empfing ihre Befehle und
fletschte in teuflischer Bosheit die thierischen Zge, indem er langsam das
Messer aus seinem Grtel zog und zu der Gefesselten trat, deren Auge zum Himmel
erhoben war, deren Lippen ein Gebet zum Allmchtigen sprachen.
    Dschidelim! Eile Dich! ...
    Ein wilder Schmerzensschrei ri sich trotz der heldenmthigen
Entschlossenheit von den Lippen der Aermsten - -
    - - -
    Vater! - Sie martern mein Weib zu Tode!
    Der Alte schauerte - sein Auge starrte wie in einer Vision, die seinen Geist
zu umnachten begann.
    Die Engel im Himmel werden dem Blute Iwo's beistehen in seinem
Mrtyrerthum. Einer der Moskowiten, mit denen ich bei Ragusa focht, war im Lande
gewesen, fern ber der groen See, und erzhlte, wie da die gefangenen Krieger
gemartert werden von ihren Feinden und doch ihr Triumphlied singen unter den
Schmerzen des Todes. Ist die Christenfrau aus Iwo's Stamm weniger muthig als die
Heiden der Wlder ber der Salzsee?
    Es ist ein Weib - la mich hinaus, Vater -
    Zurck, Knabe, und vernimm das Todtenlied der Martinowitsch!
    Und mit lauter eintniger Stimme begann der Greis das Heldenlied: Sve
Oslobod. -
    - - - - -
    Giftige Nattern sugte der Busen des Czernagorzenweibes, so mge er weiter
die Bestien der Wildni nhren! D'rauf, Scheitan!
    Der schwarze Henker warf das blutrauchende Fleisch der abgeschnittenen Brust
dem lechzenden Wolfe hin und senkte mit teuflischen Vergngen das Messer zum
zweiten Male in den Leib der Mrtyrerin9!
    Vater! Gabriel! - Um der ewigen Barmherzigkeit willen, den Tod!
    Und wieder krachte ein Schu - der letzte der Czernagorzen! - aber diesmal
taumelte der schwarze Mrder zu Boden und das Haupt der Gemarterten fiel auf die
Schulter nieder - im Tode brechend dankte ihr Auge noch hinber nach der Kula:
dieselbe Kugel hatte Henker und Opfer durchbohrt. -
    Auf das Bollwerk des Thurmzuganges sprang die riesige Gestalt des einugigen
Greises, wahnwitzig schwang seine Hand die noch rauchende Flinte um das Haupt.
    Hierher, blutige Mrder von Skadar! Hierher, feige Shne des falschen
Propheten! Die Mnner der schwarzen Berge rufen nach Euch!
    Und Fatinitza warf ihr Ro gegen die Kula.
    Zum Kampf! Allah il Allah! zum Kampf!
    Von allen Seiten klang das furchtbare Angriffsgeschrei und die Schaar
strmte gegen die kleine Heldenzahl, Schsse knallten, Waffen blitzten, Sthnen
der Wuth und des Schmerzes, ber die Steine und Balken klommen die Albanesen;
hinein in's dichteste Gewhl strzte sich der Zagartschane - wie sein Schatten
hinter ihm drein Nicolas Grivas, whrend am Eingang des Thurmes der grimmige Beg
und Jowan Martinowitsch den Helden- und Todeskampf kmpften und von unzhligen
Wunden durchbohrt, sterbend noch mit dem Blick voll unauslschlichen Hasses den
siegenden Feind bedrohten. Zwei Mal hatte Grivas sich vor den zrnenden Freund
geworfen und den Todesstreich von ihm abgewehrt, jedes Mal wandte der
Zagartschane sich nach einer andern Seite, Beide die Mrderin zu erreichen
strebend. Mit wildem Jubel schwangen die Albanesen schon in ihrem Rcken das
abgeschnittene Haupt des Beg auf einer Flintenspitze, - unwillkrlich wich das
trotzige Weib vor den wthenden Rchern zurck, den Zgel des Rosses anziehend;
an Grivas Hals warf sich die Wlfin, aber ein Handjarsto zerschnitt ihr den
blutigen Rachen und Kehle, - da durchbohrte aus nchster Nhe ein Schu die
Brust Gabriels, da ein dunkler Blutstrom mit dem Athemzug aus seinem Munde
quoll. Ueber dem Strzenden schwang Nicolas den blitzenden Stahl:
    Dies Mal, Blutbruder, lse ich den Eid! und sein Hieb spaltete den Schdel
eines Arnauten, der sich auf den sterbenden Freund warf.
    Lebendig, lebendig fangt ihn! kreischte die Stimme Fatinitza's und ihre
Geberde jagte die Zaudernden dem Kmpfer entgegen.
    Da trachten neue Schsse in geringer Entfernung. Durch die Nebel des
Morgengrauens brachen von der Bergseite her dunkle Gestalten, - die
Czernagorzen, die Junaks der Rietschka Nahia, - eine krftige, militairische
Figur im grauen russischen Capot in ihrer Mitte ertheilte Befehle - Oberst
Berger, den Bogdan in der nchsten Brastwo10 mit mehreren Begleitern
umherstreifend gefunden.
    Vater Iwo! Gabriel! die Kinder der schwarzen Berge kommen! tnte
ermuthigend die Stimme des Jnglings durch das Kampfgewhl und das wste
Geschrei der von allen Seiten flchtenden Albanesen.
    Zu spt!
    Ein schwerer Kolbenschlag traf von hinten des Griechen Haupt und warf ihn,
aus zehn Wunden blutend, zu Boden ber den todten Freund. Das Blut der
Blutbrder vermischte sich - der heilige Eid war geshnt - sein brechendes Auge
traf die Mrderin.
    Das Kreuz! das Kreuz! - Gabriel - Vater - Stephana, wo seid Ihr?
    Die Wlfin von Skadar sprang vom Ro. Mit bermenschlicher Kraft hob sie den
blutenden Krper quer auf den Sattelknopf des Pferdes und schwang sich wieder
hinauf. Im Druck der spitzen Steigbgel hob sich der Renner mit der doppelten
Last zum Sprunge und seine Hufe warfen die Flchtenden zur Seite.
    Weit aus griff der Schimmel. Von den Schssen der Czernagorzen umdonnert,
den blutigen Krper des seiner Liebe Verfallenen auf Sattel und Arm, sprengte
das Trkenmdchen durch den Pulverdampf.
    In den wallenden Nebeln des Morgenlichts verschwand der flatternde Mantel.
    Hinter ihr aber hielt der Tod seine reiche rchende Ernte!

                                    Funoten


1 Ganz befreit! - Zugleich der Name der Piesme, welche jene That besingt.

2 Familienoberhaupt.

3 Es ist Nichts!

4 Die Nahia von Glubotina oder Rietschka - Nahia, der mittlere Theil von
Czernagora, der an der Mndung des Czernojewitsch und der Moratscha das
nrdliche Ufer des Skadar-Sees begrnzt und die wildesten Berggegenden enthlt,
zhlt fnf Stmme: die Lubotini, die Kozieri, die Zeklini, die Dobarski und die
Gradjani. Das Thal der Moratscha zwischen Zabljack bis Podgoritza heit die
Zenta.

5 Schicksal.

6 Czarew-Laz (des Kaisers Abhang), wo 1712 ein Heer von 50,000 Mann unter Achmed
Pascha von den Kriegern der schwarzen Berge fast gnzlich vernichtet wurde.

7 Benenuung aller serbischen Stmme der Kstenlnder.

8 Trkenfrau.

9 Dergleichen Abscheulichkeiten sind - historisch - leider noch im letzten
Kriege vorgekommen. Wir erzhlen - die Feder versagt fast den Dienst -
Thatsachen!

10 Gemeinde.


                             Lorette und Grisette.

Wir haben Frst Iwan auf dem Place de la Madeleine am Abend des 5. Juli
verlassen, indem er der Frstin, seiner Schwester, seine Ehre verpfndete, noch
vor eilf Uhr auf dem Nordbahnhof zu sein.
    Aus den finsteren blutgetrnkten Bergen Czernagora's fhre ich darum den
Leser zurck in das bunte, glnzende, vergoldete Leben der modernen Weltstadt -
nach Paris.
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    In einer jener Straen, welche die Rue Montmartre mit der Rue Montorgueil
und Poissonnire verbinden, in der Rue St. Josef No. 10, enthielt der zweite
Stock eine kleine, aus einem Vorzimmer, Salon und Schlafgemach mit einer
Mdchenkammer bestehende Wohnung, die mit einer gewissen berladenen Eleganz und
jenem Luxus eingerichtet war, welcher mehr als alles Andere beweist, da der
Besitzer oder die Besitzerin nicht in der Gewohnheit des Reichthums geboren
sind, und da es ihnen an jenem guten Geschmack fehlt, der das Erbtheil der
Geburt oder der Erziehung ist, und das Gold des Luxus mit der Noblesse der
Einfachheit zu verbinden versteht. Verschiedenartige und berzahlreiche Mbel,
vielfarbige Teppiche, Spiegel, Kunstgegenstnde und Nippsachen ohne Auswahl
fllten den Salon, in dem in diesem Augenblicke zwei Frauen sich befanden, beide
jung, beide schn, beide Kinder des Pariser Lebens, Tagfalter der Jugend, wie
sie dahin flattern von Lust zu Lust, von Blthe zu Blthe, bis der schne
Farbenstaub der Flgel verwischt und verschwunden ist und sie untergehen und
verschwinden in den Wogen jenes Lebens voll Sorglosigkeit, Leichtsinn und
Vergngen, das zum Ersatz tglich tausend neue Schmetterlinge gleich ihnen
entpuppt.
    Trotz dieser Gemeinsamkeiten herrschte doch viel Abweichendes, Verschiedenes
im Wesen der beiden Frauen.
    Im damastbekleideten ppig weichen Fauteuil ruhte eine Frau von hoher
junonischer Gestalt, etwa zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahre zhlend,
blond, von jener Farbe, die man cendr nennt, der Teint dem entsprechend sein
und leicht gerthet. In dieser Mattigkeit der Farbe und der Augen lag dennoch
eine gewisse Genusucht, eine Unbezhmbarkeit des Verlangens, die sich auch in
der Bildung des Kopfes an den Organen der Selbstliebe und der Eitelkeit
ausprgte. Damit ganz eigenthmlich verbunden schien die Empfindung fr das
Seltsame, Wunderbare und das im Bau des Kinns ausgesprochene Vermgen einer
raschen Entschlossenheit, das mit der gewhnlichen lethargischen Genuliebe der
Schnen einen seltsamen Contrast bildete. Ein schweres Faltenkleid von Rosa
Moire mit schwarzen Spitzen garnirt, und ein weier nachlssig im Sitzen
zusammengedrckter halber Dominomantel von weier Wolle umhllten die schne
Gestalt. Die seinbehandschuhte Hand, ber welcher mehrere kostbare Bracelets den
schnen Knchel umschlossen, spielte mit einer halben Sammetmaske und dem
Fcher.
    Zu ihren Fen auf einem gestickten Tabouret hockte in halb possierlicher
und doch allerliebst graziser Stellung ein junges Mdchen von hchstens
achtzehn Jahren im eleganten doch sehr legere getragenen Kostm der Dbardeurs,
whrend ein dunkler Herrendomino auf dem Sopha zur Seite lag. Die Kleine,
gleichfalls noch ohne Maske, qualmte aus den frischen, beraus keck und heiter
aufgeworfenen Lippen eine spanische Cigarre, deren Dampf ihre groe Gefhrtin
von Zeit zu Zeit widerwillig mit den Federn des Fchers zurckwehte. Es war ein
lustiges keckes Leben in dem zierlichen Gesichtchen, Laune und Eigenwille in den
braunen Augen, dabei das Organ des Mitgefhls und der Anhnglichkeit in der
Rundung des Hinterkopfs stark ausgeprgt.
    Dein Cavalier bleibt lange, Nini sagte nachlssig die Groe. Es wird eilf
Uhr, bevor wir nach dem Jardin Mabille kommen!
    N'import! was machen wir uns daraus! Wir bleiben desto lnger. Weit Du,
Celeste, Du bist recht thricht, da Du immer die Vornehme spielst und so zeitig
fortgehst. Man mu das Vergngen bis auf den Grund studiren.
    Die Lorette warf ihrer Freundin durch die matt geffneten Augenlider einen
halb verchtlichen Blick zu, gleich als wolle sie sagen: Thrichtes Kind, was
weit Du! - Der auf ganz andere Neigungen schlieen lassende Mund aber sprach:
    Das verstehst Du nicht, das ist nicht Sitte in der bessern Gesellschaft,
und ich rgere mich jedes Mal ber Dein ungenirtes Wesen, wenn wir zusammen an
ffentlichen Orten erscheinen.
    Bah! Warum gehst Du da mit uns? Freilich ist's noch nicht lange und erst
seit Dir Dein Protecteur untreu geworden. Weit Du, Celeste, ich habe schon
gedacht, Du httest Dich seit den acht Tagen, da Du mich wieder besuchst, nur
darum zu mir gefunden, um mir Jean zu entfhren.
    Wiederum traf ein hnlicher Blick die Kleine.
    Meinst Du denn, wenn mir's Ernst wre, ich wrde es nicht zu Stande
bringen?
    O, Jean ist treu, er liebt mich wirklich; es ist nicht eine so von Euren
kleinen Liaisons, die Ihr so gern die vornehmen Damen spielen wollt und es doch
nicht seid. - Man hat bei unserer Liebe noch ein Herz.
    Beruhige Dich, Mignonne, sei berzeugt, dazu liebe ich Dich zu sehr aus der
Zeit, da wir Beide noch Kinder waren. Ich freute mich aufrichtig, als ich Dich
wiederfand, auch bin ich nicht undankbar - und Du weit -
    Ah bah, schweige von der Kleinigkeit; Jean giebt mir ja genug, warum sollte
man einer Freundin nicht helfen! Weit Du, Celeste, es ist eigentlich recht
schade, da Du schlecht geworden bist; mein Bruder Franois liebte Dich so sehr
und Du httest eine brave Frau werden knnen.
    Das seine Gesicht der Lorette schien eine Wachsbleiche anzunehmen bei der
Erinnerung, dann flog mit einem leisen Seufzer eine helle Rthe ber Stirn und
Wangen und die Hand drckte krampfhaft den Fcher.
    Erinnere mich nicht daran, er war meine einzige Liebe. Aber was knnen wir
armen Frauen thun - die Armuth ist so drckend und die Arbeit so schwer. Als ich
Herrn de Saz kennen lernte - -
    Ah! das ist Dein erster Verfhrer, nicht wahr? Mein Bruder hat ihm auch
schwere Rache gelobt. Du hast wohl seit den fnf Jahren gar Viele gehabt,
Celeste?
    Du bist eine Nrrin!
    Es mu komisch sein, meinte Nini ganz naiv, so viele Mnner zu lieben,
Einen nach dem Andern oder Alle auf ein Mal. Ich knnte es wahrhaftig nicht; mir
macht der Eine schon genug Kopfzerbrechens.
    Hat er Dir denn noch immer seinen wahren Namen nicht gesagt?
    Er heit Jean und ist, glaub' ich, aus Polen. Mon Dieu, was wei ich, wo
das abscheuliche Land liegt! Ich habe immer gedacht, er mte so ein falscher
Prinz oder so ein verkappter Californier sein, weil er sich gar so wenig aus dem
Golde macht. Er liebt seine kleine Nini, was will ich mehr?
    Du verdientest, da man ihn Dir entfhrte, so einfltig bist Du. Seit drei
Monaten hast Du diesen Crsus nun in Deinen Fesseln und noch nicht einmal eine
eigene Equipage oder eine Kammerfrau.
    Nini lachte wie toll, da sie fast vom Tabouret fiel und die Cigarette
verlor.
    Ich eine Kammerfrau! Bist Du nicht gescheut? Was sollte ich mit einer
Kammerfrau thun? das gehrt fr Damen wie Du. - Nein, mein Schatz, die Portiere
gengt mir, und mit der kann ich ungenirt plaudern, wie mir der Schnabel
gewachsen ist, vor so einer zierlichen Demoiselle aber wrde ich mich geniren
und wte wahrhaftig nicht, ob sie die Herrin oder ich. Aber was willst Du? Bin
ich nicht schn und sein eingerichtet? Ist nicht dies Alles mein, die ich doch
eigentlich nur eine kleine Nhterin war, und kannst Du etwas Hbscheres und
Reicheres sehen, als diesen Salon? He?
    Celeste zuckte mitleidig die Achseln.
    Du knntest drei damit ausstatten, und es wrde drei Mal besser aussehen.
    O, glaube nur, meinte Nini hochmthig, Jean kauft mir Alles, was ich
will. Ich habe auch schon an so ein kleines Pferdchen gedacht und einen hbschen
zierlichen Tilboury mit einem Knirps von Jockey oder Mohrenbalg so hinten
d'rauf, aber Jean meint, das passe sich nicht fr mich, und wenn ich einen Wagen
htte, wrde ich den ganzen Tag auf der Strae umherkutschiren und nicht mehr
fr ihn zu Hause sein. Wenn wir nach den Boulevard - Theatern gehen, oder in's
Freie vor der Barriere, oder zum Ball, ei, da giebt's ja Wagen genug in Paris.
    Wie aber ist's, Nini - sie sprach das Folgende mit einiger Ueberwindung
aus - wenn Franois, Dein Bruder, zurckkehrt? Was wirst Du ihm sagen ber das
begonnene Leben?
    Dem leicht erregten Mdchen traten ein Paar Thrnen in die hellen Augen.
    Das ist freilich bse, aber - warum hat er mich verlassen! Ich liebe
Franois sehr, aber man kann doch nicht ewig in seinem Dachstbchen verkmmern?
- Und hungern kann man doch erst gar nicht, wenn man auch noch so wenig it. Du
weit ja, Celeste, wie glcklich und bescheiden wir waren, als unsere Eltern
neben einander wohnten im Faubourg Antoine, und wir alle Sonntag zusammen
spazieren gingen, Du und Franois und ich, das nrrische Kind. Auch noch aus der
englischen Fabrik kam Franois immer nach Hause, blo um Dich zu sehen, bis vor
fnf Jahren - Du erinnerst Dich -
    Ich wei, ich wei!
    Als Franois im Mrz nach England ging, gab er mir hundertfnfzig Franken,
und damit und mit meiner Nherei htte ich gewi gelangt, obschon ich mich recht
stattlich herausgeputzt hatte, wenn ich nicht so einfltig gewesen wre, das
schne Geld in fnf blanken Louis, die ich noch hatte, immer mit mir
umherzutragen. Ich habe Dir's ja erzhlt, wie man mir's gestohlen hat am ersten
schnen Sonntag im April, als das Gedrnge des Abends auf den Boulevards so gro
war, und wie mich Jean da weinend fand und mich ansprach und trstete. Eh bien,
seitdem kennen wir uns, ich habe, wie die Vgel, mein altes Nest in der Antoine
verlassen und Jean hat mich hierher gebracht, und als ich Dich vor acht Tagen im
Jardin des plantes traf, da ich gerade die nrrischen Bren ftterte, und Du
Dich der kleinen Nini erinnertest, ei, da war ich ganz glcklich, denn mit Dir,
Celeste, kann ich doch von so Vielem plaudern, was ich selbst Jean nicht sagen
mag, obschon er nicht mde wird, mich anzuhren und immer sagt, ich wre seine
Plaudertasche.
    
    Die ltere Freundin wiegte schmerzlich sinnend den Kopf.
    Ich glaube Dir, er liebt Dich von Herzen - doch wie htte Treue und Neigung
bei Mnnern Bestand. Nur der Genu ist das einzige Sichere, und den gilt es
festzuhalten. Du wirst noch manche schlimme Erfahrung machen, Kind! Was soll aus
Dir werden, Dein Starost oder Graf, was er nun sein mag, kann Dich doch nicht
ewig lieben?
    Rede nicht so, was kmmert uns die Zukunft, die ist noch weit! - Jean hat
mir gesagt, er solle eine Prinzessin heiratchen, aber er wolle nicht und werde
mich lieben, so lange er lebe. Wer will ihn auch zwingen; bah! da kennst Du ihn
schlecht. Wenn's uns in Paris nicht mehr gefllt, ei so gehen wir auf Reisen, er
hat mir's versprochen, und weit Du, Celeste, ich nehme Dich mit. Aber wo bleibt
der schlechte Mensch, wei Gott, es ist ja gleich halb Eilf und schon vor einer
Stunde sollten wir auf dem Wege sein.
    Die Thr wurde aufgerissen, bleich und hastig, vom raschen Lauf aufgeregt,
strzte ein junger Mann in's Zimmer, - Iwan, der Frst. Mit einem Sprung war das
Mdchen an seinem Halse.
    Bser Jean, Du sollst nicht einen einzigen Ku erhalten. So lange uns
warten zu lassen und den ganzen lieben Tag nicht ein einziges Lebenszeichen von
sich zu geben. Ich habe mich wahrhaftig gengstigt um Dich, bser Mensch, und
wollte es nur vor Celeste nicht zeigen. Gleich geh' und ksse ihr die Hand fr
Dein unartiges Ausbleiben.
    Der Frst schob sie liebevoll zurck, nachdem er sie auf die Stirn gekt,
dann warf er sich erschpft auf das nchste Sopha. Celeste war aufgestanden und
sah berrascht sein aufgeregtes Wesen, auch Nini, die sich auf seinen Schoo
gesetzt hatte und ihm die Haare aus dem Gesicht strich, bemerkte jetzt seine
Zerstreuung.
    Was fehlt Dir, mein Freund, Du bist so seltsam? - Willst Du den Domino
nicht nehmen, es ist hohe Zeit
    Du wirst allein gehen mssen, Nini, ich kann Dich nicht begleiten.
    Fi donc, was sind das fr Dummheiten? Willst Du mich foppen?
    Der junge Mann drckte sie an sich.
    Gewi nicht! Aber ich kann Dich nicht nur nicht begleiten, Nini: wir mssen
uns auch trennen, - ich frchte, auf lange Zeit, - ich verreise.
    Das Mdchen wurde leichenbla und fuhr mit den Hnden nach dem Herzen. Erst
jetzt fhlte sie, wie theuer ihr der war, den sie bisher wie einen gewhnlichen
Liebhaber betrachtet hatte.
    Jean, ich bitte Dich, mache mir nicht unntze Angst!
    Sie faltete stehend die Hnde.
    Geberde und Worte waren so einfach aufrichtig, so berzeugend bei dem sonst
nur Scherz und Lachen kennenden Mdchen, da der Frst sie in seine Arme ri und
sie ungestm und lange an sein Herz gedrckt hielt.
    Nini! theures liebes Mdchen, liebst Du mich wirklich so innig, da mein
Scheiden Dir solchen Schmerz machen wrde?
    Ihr zierlicher Kopf lag an seiner Brust, sie schaute ihn schluchzend an.
    Jean! - Verla mich nicht!
    Sie prete den Mund an sein Ohr und flsterte errthend, zitternd ein ses
Wort ihn zu.
    Liebe, Glck, Verzweiflung wogten in der Brust des jungen Mannes, wie er die
Geliebte umschlungen hielt. Die Auenwelt um sie her war verschwunden - sie
bemerkten nicht einmal, da sie nicht allein waren, denn Celeste war - die
unerwartete Scene ehrend - zwischen die seidenen Vorhnge des Fensters getreten.
    Da weckte die prchtige Bronce-Uhr auf dem Kamin die Liebenden. Sie schlug
Halb.
    Der Frst raffte sich empor und mit Gewalt aus den Armen des jungen
Mdchens.
    Hre mich, Nini, und ich bitte Sie, Madame, einen Augenblick fr diese arme
Kleine, die zu aufgeregt und unerfahren ist, mir Ihre Aufmerksamkeit zu widmen.
    Celeste trat nher.
    Ich wei, Sie sind ihre Freundin schon aus der frheren Jugend. Darf ich
hoffen, eine aufrichtige?
    Meine Hand darauf. Sprechen Sie!
    Ein ganz unerwartetes, dringendes Geschft zwingt mich, - vielleicht zum
Glck fr uns Beide, - auf der Stelle abzureisen, so da selbst Dispositionen,
die ich fr einen anderen drohenderen Fall bereits getroffen hatte, unntz
werden. Bei Gott dem Allmchtigen, ich liebe das Mdchen unaussprechlich, und
werde sie nie und nimmer verlassen um meines eigenen Glckes willen. Aber ich
wei nicht, ob ich fr lange Zeit oder je werbe nach Frankreich zurckkehren
knnen.
    Nini schluchzte an seiner Brust.
    Beruhige Dich, Kind. Liebst Du mich wie ich Dich, so wird Nichts uns
trennen. Hier in dieser Brieftasche sind einstweilen ungefhr zehntausend
Franken in Bankscheinen, - ich habe augenblicklich nicht mehr bei mir, doch wird
es vorlufig reichen. Nehmen Sie, Madame, fr dieses theure Mdchen. Fort mu
ich - die Zeit drngt und jeder Augenblick - sein Blick flog nach dem
Zifferblatt der Uhr - ist kostbar. Von der ersten Station aus, wo ich einen
kurzen Halt mache, wirst Du meine weiteren Bestimmungen erhalten. Willst Du mir
dann folgen in meine Heimath?
    Kannst Du fragen? - Bist Du nicht das Einzige, was ich auf der Welt habe?
    Ick bin reich, Gott sei Dank, zum ersten Male empfinde ich dessen Wohlthat.
Du wirst mir folgen und jede Freude, jeden Genu theilen, den die Welt bietet.
Sie, Madame, knnen Sie sich entschlieen, Paris zu verlassen und dieses Mdchen
zu begleiten, so bitte ich Sie darum, Sie werden mir willkommen sein und knnen
auf meine volle Dankbarkeit rechnen. - Und jetzt, Nini, la uns scheiden - die
Augenblicke fliegen! Der Fiaker, der vor der Thr wartet, wird kaum noch Frist
haben, mich zur rechten Zeit zum Bahnhof zu fhren.
    Er umarmte das weinende trostlose Mdchen.
    Celeste legte die Hand auf seinen Arm.
    Ich zweifle durchaus nicht an Ihren Worten und an Ihrer Redlichkeit, mein
Herr, aber bedenken Sie, da dies Kind weiter keine Garantie hat als Ihr Wort.
Sie kennt nicht einmal Ihren Namen.
    Hre sie nicht, Jean; was kmmert mich, wer Du bist, wenn Du mich nicht
mehr lieben wrdest. Ich vertraue Dir aus vollem Herzen!
    Dank, tausend Dank, und Sie, Madame, glauben Sie, da nur der Wunsch, mir
ungetrbt mein Glck zu erhalten, mich den Schleier des Geheimnisses ber unser
Verhltni werfen lie. Mein Name ...
    Die Uhr schlug drei Viertel.
    Um Gotteswillen, la mich fort! Meine Ehre ist verpfndet, die Ehre meines
Hauses! Leb' wohl, leb' wohl!
    Er drckte strmisch hei einen Ku auf die Lippen des Mdchens und eilte
in's Vorzimmer. Nini strzte ihm nach, ihn noch einmal umschlingend.
    Jean, verla mich nicht! Nimm mich mit Dir!
    Madame, Barmherzigkeit! helfen Sie mir, ich mu fort, ich mu!
    Er legte sie in ihre Arme und strzte nach der Thr - sie wurde von Auen
geffnet, - eine krftige Mnnergestalt mit Blouse und braunem Calabreserhut
trat hastig ein. Ein Blick auf die Gruppe gengte; der Fremde stie den Frsten
unsanft zurck und schlo die Thr hinter sich von Innen ab.
    Ich sehe, ich bin hier recht. Einen Augenblick, mein Herr; wir haben mit
einander zu reden!
    Zwei leichte Schreie des Staunens und des Schreckens mischten sich mit
einander:
    Franois!
    Ah, Sie hier, Madame! Sehr gut; in solcher Gesellschaft brauche ich
freilich nicht lnger zu zweifeln, was aus meiner Schwester geworden ist.
    Celeste gab keine Antwort.
    Der Frst trat auf den Fremden zu.
    Sie sind Herr Franois Bourdon, der Bruder dieses jungen Mdchens, das vor
Schreck und Schmerz dort halb ohnmchtig liegt. Ich bedaure aufrichtig, da der
Augenblick so ungnstig zu einer Erklrung ist, aber Ihre Schwester und Madame
Celeste werden Ihnen das Nthige sagen. Ich bitte, lassen Sie mich vorber.
    Der Arbeiter - jener junge stattliche Mann, dem wir im zweiten Kapitel in
der Versammlung der Unsichtbaren als Bote nach London schon ein Mal begegnet
sind - lachte hhnisch auf:
    Haben Sie's so sehr eilig diesmal, mein Herr?
    Ich mu - ich mu! ...
    Ich auch, denn auf meinen Fersen, Herr, ist die kaiserliche Polizei, auf
den Ihren nur der Bruder eines verfhrten Mdchens, und dennoch nehme ich mir
Zeit, die Ehre meiner Schwester zu rchen. Zurck!
    Mit krftiger Faust warf er den jungen Mann, der sich mit Gewalt an ihm
vorberdrngen wollte, zurck bis in die Mitte des Zimmers.
    Was unterstehen Sie sich, Herr!
    Unterstehen? Meinen denn die vornehmen Herren noch immer nach den Lectionen
von 1793 und 1830, da das Blut des Arbeiters weniger roth durch seine Adern
pulse, als das ihre? da seine Ehre das Spielwerk ihrer Lste sei?
    Nini warf sich zu den Fen des Zrnenden und umschlang ihn.
    Bruder, Du thust Unrecht.
    Du hast wohlgethan, Tubchen, da Du mir aus dem Wege gegangen bist - erst
heute Abend auf dem Opernplatz vor dem verunglckten Spa erfuhr ich durch einen
Zettel Derer, die Alles wissen, Deine neue Residenz! Ein ehrlicher Arbeiter kann
nur eine ehrliche Schwester brauchen - ich habe an Der da - er wies nach
Celeste, die bleich und aufgeregt zur Seite stand - genug der Erfahrungen
gemacht. Fort, Metze, mit Dir hab' ich nicht zu reden, nur mit Jenem.
    Sie entehren sich und Ihre Schwester; sie ist meine Geliebte, wenn Sie
darauf bestehen, mein Weib. Aber meine Geduld ist zu Ende - geben Sie Raum!
    Zurck! Meinen Sie, einen leichtglubigen Narren vor sich zu haben?
    In dem Frsten kochte die ausbrechende Wuth, Angst, Verzweiflung - seine
Ehre war vernichtet - sein heiliges Wort gebrochen.
    Um der Barmherzigkeit willen, Platz ...
    Die Uhr auf dem Kamin hob aus und der erste Schlag der Stunde klang hell aus
dem Salon.
    Die Zeit achtet nicht auf die Wnsche, die Leidenschaften der Menschen, kalt
und unabnderlich wie das Schicksal schreitet sie ihren gemessenen Gang.
    Der helle herzlose Schlag der Uhr fuhr wie ein glhendes Eisen durch sein
Gehirn - Alles verloren - Ehre - Ruf - Glck -
    Wie ein Tiger sprang er auf den Mann los, dessen Dazwischenkunft ihm Alles
geraubt - ein drhnender Faustschlag, der an seine Stirn von der muskelstarken
Hand des Arbeiters schmetterte - und weit hin auf den Boden rollte der vornehme
Herr, der Frst, der Gebieter von tausend Seelen, kein Glied rhrte sich an ihm.
    Allmchtiger Gott, Du hast ihn erschlagen!
    Retten Sie sich, fliehen Sie, Franois!
    Der Arbeiter stand starr und bla, auf seiner Stirn perlte kalter Schwei,
und er betrachtete wie verwirrt seine Hand.
    Fliehen Sie, Franois, ich beschwre Sie bei Ihrer einstigen Liebe zu mir!
    Es ist vergebens - die Polizei ist hinter mir - ein Complott gegen den
Kaiser, das in der komischen Oper zum Ausbruch kommen sollte - man hat viele
meiner Kameraden verhaftet und verfolgt die Entkommenen. Ich sah, da ich
bereits beobachtet wurde, als ich das Haus betrat.
    Celeste sprang an's Fenster.
    Eine Menge Leute vor der Thr - Soldaten!
    Er lebt! er lebt! tnte dazwischen der jubelnde Ruf des Mdchens. Celeste
- Franois - helft mir!
    Nini, die nach der traurigen Katastrophe sich nur mit dem Geliebten
beschftigt hatte, versuchte ihn emporzurichten, Franois sprang herbei, ihr zu
helfen und setzte ihn auf einen Stuhl. Der Frst erholte sich, er athmete tief
und schwer, und seine Augen waren starr, ohne Ausdruck vor sich hin gerichtet.
    Eilf Uhr! - Der Dampfzug geht fort! - eintnig wiederholte der Mund
mehrere Male die Worte.
    Celeste hatte die Thr zur Treppenflur geffnet und lauschte, jetzt sprang
sie eilig zurck.
    Man kommt - ich glaube, man untersucht die Zimmer des ersten Stocks. Um
Gottes willen, ist kein Ausweg?
    Ihre Blicke flogen suchend umher, whrend sie die Thr verriegelte. Ihre
Entschlossenheit schien ihr jetzt einen rettenden Gedanken einzugeben.
    Rasch, Franois, Ihren Hut, die Blouse herunter!
    Fast willenlos gehorchte ihr der junge Mann.
    Mein Herr, haben Sie wenigstens den Edelmuth, den Bruder Ihrer Geliebten zu
retten. Sie selbst werden sich leicht befreien. Ihren Rock, Ihren Rock!
    Sie zerrte den Frsten empor, - er blieb ruhig, bewegungslos stehen - seine
Augen starrten bewutlos umher.
    Eilf Uhr! - Der Dampfzug geht ab!
    Nini, um Gottes willen, hilf, Du rettest den Bruder und sicherst Dir den
Geliebten. Geschwind, Mdchen, geschwind!
    Der Frst lie sich widerstandslos den Rock ausziehen, den sie Franois
zuwarf, und sich mit der Blouse bekleiden.
    Rasch, rasch in den Salon, den Domino um, die Maske in die Hand, ich hre
sie auf der Treppe!
    Sie ri dem Frsten das Halstuch ab.
    Nini hatte begriffen, - sie ahnte das Schreckliche noch nicht, und in der
Hoffnung, den Geliebten sich zu sichern, flog sie mit weiblichem Instinct dem
Bruder zur Hand. Im Nu war die einfache Verkleidung geschehen, der Domino auf
seinen Schultern, der Hut auf seinem Kopf.
    Celeste drckte den Calabreser auf den des Frsten.
    Gott sei Dank! - Nun, mein Herr, gilt es, sich kurze Zeit zu verstellen!
    Eilf Uhr! - Der Dampfzug geht ab!
    Celeste erhob ein lautes Geschrei und sprang an die Thr.
    Hilfe! Hilfe!
    Gewehrkolben stieen auf den Flur.
    Im Namen des Kaisers, ffnen Sie!
    Die Lorette ri die Thr auf.
    Hierher! hierher! Kommen Sie uns zu Hilfe, meine Herren, ein fremder Mann
ist mit Gewalt hier eingedrungen - der Mensch will uns morden oder bestehlen.
    Der Polizei - Commissair trat ein, hinter ihm Polizeidiener, Wache. In der
Mitte des Zimmers stand der Frst, noch immer regungslos, gleich als wisse und
fhle er nicht, was um ihn her vorging. Im Zugang des Salons stand Nini in ihrem
Masken-Costm, dahinter im Schatten Franois, Beide bla, stumm - der
entschlossenen Freundin Alles berlassend.
    Der Commissair wandte sich zu einem seiner Begleiter.
    Ist es dieser? er wies auf den Frsten.
    Certainement! ich kenne ihn an der grnen Blouse und dem Hut. Lassen Sie
ihn verhaften.
    Mein Herr, Sie sind mein Arrestant, folgen Sie ohne Widerstand. Meine
Damen, ich sehe, Sie sind sehr unangenehm auf dem Wege zu einem vergngten Abend
berrascht worden. Entschuldigen Sie meine Pflicht.
    O, mein Herr, wir sind Ihnen vielen Dank schuldig, - der Schreck und die
Angst waren gro - wir hatten zwar den Schutz unseres Cavaliers - aber -
    Ich verstehe, sagte der Beamte galant und discret mit einer leichten
Verbeugung nach dem Salon. Meine Pflicht zwang mich jedoch, jede Rcksicht bei
Seite zu setzen. Es hat heute Abend bei der Wiedererffnung der Opra comique
ein hchst verabscheuungswrdiges Attentat gegen Seine Majestt den Kaiser
unternommen werden sollen, dem jedoch die Behrden glcklich auf die Spur
gekommen sind. Bei den Verhaftungen in der Strae Marivaux entkamen mehrere
Personen, unter Anderen dieser Mann. Nochmals also meine Entschuldigung und viel
Amsement. - Allons!
    Eilf Uhr - der Bahnzug geht ab! -
    Was sollen die Albernheiten? - fr Bictre1 knnen Sie Ihre Manver spter
machen. Mich tuschen Sie nicht. Marsch!
    Ein leiser Schauer schien durch die Glieder des Frsten zu laufen, als er
von zwei Agenten an den Armen gefat und fortgefhrt wurde. Er folgte willenlos,
- sein starres Auge wandte sich nicht einmal zur Seite, - unter der Thr hrten
die Zurckbleibenden nochmals seine Stimme:
    Eilf Uhr - der Zug geht ab! -
    - - -
    Als die Lorette von der Geleitung des Commissairs erschpft, aufgeregt
zurckkehrte, lag Nini ohnmchtig im Arm ihres Bruders.

                                    Funoten


1 Ein groes pariser Armenhaus, zugleich Irrenanstalt fr Mnner.


                            Die Massacre auf Chios.

Der Mond warf seinen klaren durchsichtigen Schein auf Berg und Meer. Dasselbe
silberbleiche Licht erhellte die Ruinen des genuesischen Forts auf der Hhe des
Pagus von Smyrna, das seinen kalten herzlosen Strahl auf das Mrthyrerthum
Stephana's in den Bergen der Zenta warf.
    Wo die Ruinen sich nach dem Meer zu ffnen, das mit seinem ewig schwellenden
Busen in jenem Silberschein unruhig zu trumen schien, lag die Bande des Rubers
gelagert, der Smyrna beherrschte: auf einer Marmorquader Gregor Caraiskakis; an
seine Knie gelehnt, trauernd aber vertrauend zu ihm emporblickend Diona, in
deren reichen, nur von einer Spange zusammengehaltenem Rabenhaar die Hand des
Bruders spielte. Vor ihnen der Kameelfhrer und Welland, der treue Freund. Nur
wenige Schritte davon schrte Mauro ein kleines thnernes Kohlenbecken, aus dem
er von Zeit zu Zeit seinem Oheim oder dem Doctor eine glimmende Kohle reichte,
mit der sie ihren Schibuk1 in Brand erhielten. Es ist eine der Liebhabereien der
Orientalen, hufig Holzkohlen fr ihren Pfeifenkopf zu nehmen, gleich wie die
Europer wiederholt ihre Cigarren anznden, und Jeder trgt daher im Grtel eine
besondere Kohlenzange in der Scheide bei sich.
    Etwas weiter, rings um die Gruppe, aber doch im Bereich des Gesprchs,
lagerten die Genossen des Rubers.
    Welland hatte bei seiner Ankunft Besseres gefunden, als er nach den
Vorgngen der Nacht und den Mittheilungen des Freundes hoffen durfte. Eine
schwere Beichte des Mdchens hatte stattgefunden, aus der sie jedoch weniger
schuldig, als es geschienen, hervorgegangen war. Sie hielt sich fr Sir
Maubridge's Gattin und nur als solche war sie ihm gefolgt, nachdem in der Nacht
vor der Flucht der britische Viceconsul eine Art von Ceremonie vorgenommen, die
ihr Liebhaber fr gengend und bindend erklrte, und die das Mdchen in ihrer
Unbekanntschaft mit den europischen Gebruchen und von Leidenschaft verblendet,
gleichfalls dafr ansah. Bei der Kenntni, die Gregor bereits von dem Charakter
und Treiben des Beamten erlangt hatte, tauchte freilich sofort der Argwohn in
ihm auf, da die Schwester nur das Spiel eines unwrdigen Betrugs gewesen sein
knne, und er beschlo mit dem Freunde, sich vorerst darber Gewiheit zu
verschaffen und wo mglich Sir Maubridge selbst zur Rede zu stellen. Der
Ceremonie, die, wie Diona ihm mittheilte, einfach nur in Vorlesung und
Unterzeichnung einiger in der ihr unbekannten englischen Sprache abgefaten
Papiere und in dem Tausch von Ringen bestanden, hatte auer dem Schreiber des
Consuls nur ein alter Matrose, derselbe, den Mauro in der Villa so rechtzeitig
aus dem Fenster strzte, bei gewohnt. Auf die Versicherung Gregor's, sich
friedlich und ohne Ha an ihren Gatten wenden und nur die ffentliche
Anerkennung ihrer Ehe erzwingen zu wollen, hatte sie ihm vertraut, da sie Beide
am Morgen mit der Felucke nach Tenedos oder Dardanelli hatten abgehen wollen, um
dort einige Zeit zu verweilen, da Maubridge Freunde und einen Bruder auf der
englischen Flotte hatte. Die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter warf einen
trben Schleier ber die neuen Hoffnungen der jungen Frau und trumend und
stumm, aber vertrauend auf den Bruder, sa sie an dessen Knie und horchte nur
wenig auf das Gesprch der Mnner, an den geliebten Verfhrer denkend, von dem
Mauro die Kunde gebracht hatte, da er nach einer Fahrt nach Smyrna am Morgen,
wirklich am Nachmittag mit der Felucke abgesegelt sei. Der Consul hatte sich
noch am Vormittag zu dem Pascha begeben, um energische Reclamationen wegen des
Ueberfalls und des Niederbrennens seines Landhauses zu erheben und Jan Katarchi
wute durch seine Spione, da Ali Pascha sofort Befehle ertheilt, Streifzge
gegen die Ruber zu unternehmen. Doch Jan spottete derselben, da er einestheils
selbst unter den Khawassen des Paschaliks gute Freunde zhlte, theile sie im
schlimmsten Fall nicht zu frchten brauchte. In der That war die Schaar, die
damals die Polizeimannschaft von Smyrna bildete, nicht viel besser als die
Ruberbande selbst, mit Ausnahme der Khawassen der Consulate, die ernste tapfere
Mnner sind; jedenfalls war sie zerlumpter und schlechter bewaffnet und
disciplinirt als die Ruber und der Khawass-Baschi2 keineswegs sehr geneigt,
sich mit der gefhrlichen Jagd auf den khnen Kameeltreiber stark zu befassen. -
    Die Gruppe an den Ruinen des Forts im Mondlicht gewann durch das schne Bild
der jungen Griechin einen besonderen Reiz. Unter der reichen in den
unterirdischen Gewlben des Forts nutzlos zusammengehuften Beute hatten sich
genug weibliche Kleidungsstcke gefunden, um Diona die Mittel zu geben,
vollstndig in jenem schnen malerischen Costm zu erscheinen, das die
griechischen Frauen und Mdchen, die noch nicht die franzsische Mode nachgefft
haben, so wundervoll kleidet. Diona bot den vollen Typus der griechischen
Schnheit, einer viel andern, als wir Abendlnder gewohnt sind in der Phantasie
uns zu malen. Noch war sie jung genug, um nicht jene weichliche Ueberflle zu
besitzen, welche die griechischen Frauen ber zwanzig Jahre fast durchgngig
auszeichnet, und die nach orientalischer Sitte als schn gilt. Dagegen hatte ihr
Alter - 18 Jahre, whrend unter diesem milden Himmel oft schon Mdchen von zwlf
und dreizehn Jahren heirathen, - ihre Formen gerundet und Wellenlinien ber den
schnen Krper gegossen, die dem ursprnglich seinem und schlankem Wuchs von
Mittelgre einen noch verfhrerischeren Reiz verliehen. Das Gesicht von
rundovaler Form zeigte jenen wunderschnen weien und zarten Teint, der den
Tchtern der Cycladen eigen ist, gehoben durch zarte und knstliche Rthe der
Wangen, welche nicht wie bei der Toilette des Occidents durch mehr oder weniger
feine Schminke, sondern durch Einreibung eines Mittels in die seinen Poren der
Haut, die man durch das Ausreien der kleinen Hrchen ffnet, hervorgebracht
wird, und die wochen-und monatelang ihre zarte Farbe behlt, ohne der Erneuerung
zu bedrfen. Augen von der wollstig schlfernden Mandelform, aus deren Lidern
zwischen den schwarzgefrbten Wimpern ein dunkler Augapfel hervorstrahlt,
whrend ein feiner schwarzer Strich unter der Wimper des unteren Lides die Gre
und den Glanz des Auges erhht; - schn und hochgeschwungene ebenholzfarbene
Brauen unter einer mittelhohen freien Stirn; eine nicht gebogen, sondern grade
in antiker Linie mit einer leichten Wlbung in der Mitte und voller gerundeter
Spitze und starken Flgeln sich senkende Nase und ein etwas groer aber durch
die herrlichsten korallenartigen Lippen eingerahmter Mund mit einem vollen
runden Kinn - das ist der Typus der griechischen Frauen der Inseln und war die
Schnheit Diona's. Die Toilette der orientalischen Frauen, die gewhnlich nur
zum Abend gemacht wird, erfordert fast noch mehr Zeit und Sorgfalt, als die der
Schnen von Paris und Wien. Leider wird der zierliche und reiche griechische
Anzug bei den Frauen Athens und Smyrna's meist schon durch das franzsische
Costm vordrngt, wo aber die nationale Tracht beibehalten ist, da erscheint sie
reizend und hchst kleidsam. Die Frauen Smyrna's, - meist klein von Gestalt, von
einem blagelben Teint mit unheimlich funkelnden, beweglichen, schwarzen Augen,
die fr groe Schnheit gelten, auf den Europer aber den Eindruck des
Rattenauges machen, sind bei ihrer Verheirathung mit letzterm gewhnlich das
Verderben des Mannes. Von jener Putz- und Gefallsucht, die eine Smyrniotin
beherrscht, giebt selbst die Lwin der pariser Salons kaum eine Idee. Alles was
sie an andern Frauen von Schmuck und Kleidern sieht, erregt ihren Neid, und sie
peinigt den Mann um noch Schneres, das - einmal getragen - allen Reiz fr sie
verliert. Dazu ist sie als Frau eigensinnig, launisch, trge und in Miggang
den Tag hinbringend, bis zur Abendzeit, wo sie in voller Toilette sich an die
Thr des Hauses setzt und Besuche annimmt oder macht; und so tugendhaft sie als
Mdchen ist, so selten bleibt sie es nach ihrer Verheirathung. Bei dem
geringsten Widerstand gegen die oft unertrglichen Launen der eingeborenen Frau
hat der europische Gatte den ganzen Schwarm ihrer werthen Verwandtschaft bis
in's zehnte Glied auf dem Hals, und er kann, braucht er sein Hausrecht, von
Glck sagen, wenn er zuletzt ohne einige Messerstiche oder Pistolenkugeln
davonkommt. - Unter den Verhltnissen und bei den Sitten des Orients sind die
moslemitischen Frauen, bei allen sonstigen blen Eigenschaften dem Manne eine
weit bessere und geeignetere Genossin, als die christlichen.
    Diona trug ber dem langen seidenen Gewand von gelber Farbe die reich mit
Gold gestickte offene Aermelweste, welche einen so schnen Schmuck und Theil des
griechischen Costms bildet, whrend das, gewhnlich von einem jener herrlichen
smyrniotischen Fez's oder der lngern griechischen Troddelmtze bedeckte
Haupthaar frei um das schne Gesicht wallte.
    Die Mnner waren in einem ernsten Gesprche begriffen. Welland hatte die
Vorgnge des Tages in Smyrna mitgetheilt und die Rede sich nun auf die
politischen Verhltnisse und Ereignisse berhaupt gerichtet, die den Orient und
Occident zu erschttern drohten, und auf beiden Seiten mchtige Rstungen und
Vorbereitungen aller Art hervorriefen. Constantinopel ward in diesem Augenblick
noch der Centralpunkt der diplomatischen Agitationen, und von hier aus spannen
sich die Fden der Intrigue und Gegenintrigue, deren Auslaufen und Entscheidung
nur Wenige noch berechnen konnten.
    Caraiskakis, durch sein abenteuerndes umherziehendes Leben und die Vorgnge
der letzten Zeit nur wenig und unvollstndig ber den Stand der Angelegenheiten
unterrichtet, hatte den Freund um einen kurzen Umri gebeten, und dieser gab ihm
denselben. Wir sind genthigt, ihn zu wiederholen, um den Leser vom Beginn
unserer Darstellung und jener Recapitulation im Dom der Invaliden zu Paris auf
die Zeit weiter zu fhren, in welcher die gegenwrtigen Scenen spielen, - also
bis zu Ende des Juni 1853. Wir geben hier im Allgemeinen die Historie der
Angelegenheiten und ihre Entwickelung, wie sie sich aus den ffentlichen
Vorgngen und den diplomatischen Aktenstcken dem Auge Europa's dargestellt hat
und darstellen mute, den tieferen Einblick in die Veranlassungen, in die Zwecke
und den Gang fr die weitere Ausfhrung unserer Scenen in Constantinopel selbst
vorbehaltend.
    Man hatte in Wien frohlockt, da der Czar die Forderungen Oesterreichs in
der montenegrinischen Frage so krftig untersttzte, sah aber jetzt, da das
petersburger Kabinet damit einen viel wichtigeren Schlag in Constantinopel
vorbereitet hatte. Ruland, das seit Katharina II. mit mehr oder weniger kurzen
Unterbrechungen einen berwiegenden Einflu in Constantinopel ausgebt hatte,
sah seit einiger Zeit denselben bedeutend geschmlert und bedroht, indem in dem
Divan immer mehr franzsische und englische Sympathieen - offenbar auch in Folge
des erweiterten socialen Verkehrs und der Erziehung junger Orientalen in Paris
und London so wie des Eindringens der liberalen und demokratischen Ideen des
Westens - sich geltend machten. Auch materiell hatten England und Frankreich
durch die Vermehrung von Consulaten, neue Handelsverbindungen etc. in der Trkei
einen festern Fu gefat, und bedrohten von hier aus die russische Macht. Die
Frage wegen der politischen Flchlinge nach dem ungarischen Kriege war durch
Englands Einflu gegen Ruland entschieden worden. Die trkischen Verhltnisse
selbst waren kaum lnger haltbar ohne eine durchgreifende Reorganisation und
Aenderung, das fhlten und sahen mehr noch als die europischen Hfe die
einsichtsvolleren Orientalen selbst, und an solchen fehlte es keineswegs. Denn
der Einflu, welchen alle Staaten Europa's nach und nach sich in der Trkei
erworben, theils durch die Tractate, theils durch ihre Machtstellung und
Handlungen eigener Machtvollkommenheit, war der Art, da von einer Souverainett
der Pforte fast gar nicht mehr die Rede blieb, und deren Schatten einzig durch
die Rivalitt der occidentalischen Staaten bewahrt wurde. Die immer strker
hervortretende Entmannung des Islams in Europa hatte die frhere bedeutende und
gefhrliche aggressive Macht der Trkei nach Auen lngst aufgehoben, und jene
oben erwhnten internen Verhltnisse lassen das, dem Kaiser Nicolaus
zugeschriebene, eigentlich aber schon vom Hofe Katharina's stammende und auch
von Napoleon I. gebrauchte Bild von kranken Mann sehr der Wahrheit
entsprechend erscheinen. Die von Frankreich genommene Aggressive durch den
Streit um die heiligen Sttten3 drohte eine eben solche Wendung zu nehmen, wie
die Flchtlingsfrage. Ruland durfte die Interessen der griechischen Christen
unter keinen Umstnden im Stiche lassen, wenn es nicht die fr seine
traditionellen und historischen Plne so nothwendigen Sympathieen derselben
aufgeben wollte, und so war es zu einem herausfordernden Auftreten und einem
Beginn des Streites gezwungen, den es offenbar erst fr ein Jahrzehend spter
bestimmt hatte und zu dem es noch keineswegs durch seine inneren Einrichtungen,
Eisenbahnen, Marine etc. vorbereitet war. Dennoch hatte man sich in Petersburg
dem Glauben hingegeben, da die russische Machtstellung im europischen
Staatenverband und sein bisheriger dominirender Einflu auf Mittel-Europa
hinreichen wrden, ernste Conflicte zu vermeiden. Dazu kam der blinde Glaube an
die Unmglichkeit einer politischen Alliance Englands und Frankreichs. Kaiser
Nicolaus, einer der ehernsten Charactere der Weltgeschichte, rechnete Vlker und
Lnder zu sehr als Zahlen von seinem erhabenen Standpunkt aus und trug den
tieferen Erscheinungen und Characteren der Gegenwart zu wenig Rechnung.
    Frst Mentschikoff, der russische Marineminister, war am 28. Februar in
Constantinopel eingetroffen und hatte einen feierlichen Einzug unter dem Jubel
der griechischen Bevlkerung gehalten, dir in der Initiative Rulands eine neue
Aera ihrer Jahrhunderte lang bewahrten Hoffnungen und Wnsche aufblhen sah.
Unter den niederen Klassen der Griechen hatte sich faktisch das Gercht
verbreitet, der Frst werde mit den Griechen von Constantinopel das nchste
Osterfest in der Sophien-Kirche, - diesem ehemaligen Palladium des griechischen
Christenthums - feiern. Es ist Thatsache und durch zahlreiche Beweise dargethan,
da dieser Glaube und die Aufregung unter der griechischen Bevlkerung nicht
allein in Constantinopel, sondern auch in Smyrna und Kleinasien hauptschlich
durch die revolutionaire Propaganda, durch die politischen Flchtlinge, genhrt
und verbreitet wurden.
    Der starre Charakter des Frsten war zur Fhrung intriguenvoller
diplomatischer Verhandlungen, in denen die orientalischen Staatsmnner den
feinsten Diplomaten des Westens berragen, wenig geeignet und wir haben bereits
zu Anfang unseres Werkes angedeutet, welchem Einflu es gelungen war, gerade
dieser, dem Charakter des Kaisers so hnlichen Individualitt die Betrauung mit
dieser schwierigen Mission zuzuwenden. Der Frst hatte sich geweigert, dem
Minister des Auswrtigen, Fuad Effendi, der Etikette gem, seinen Besuch zu
machen, mit der Erklrung, da Ruland gerade besondere Beschwerdegrnde gegen
diesen ihm persnlich feindlichen Minister habe, welcher auch die Verhandlungen
wegen der Auslieferung der ungarischen und polnischen Flchtlinge geleitet
hatte. Die Pforte zeigte dem energischen Auftreten des Frsten gegenber sofort
ihre Nachgiebigkeit durch die Enthebung Fuad Effendi's von seinem Portefeuille.
Getuscht durch dieses Resultat ging der Frst weiter. Der vorgeschobene
Beschwerdepunkt: der Krieg gegen Montenegro, war bereits durch die
sterreichische Intervention beseitigt - es blieb also nur die Frage wegen der
heiligen Sttten, hauptschlich ber den Besitz der Schlssel zum heiligen
Grabe, welchen sowohl die Lateiner (Katholiken) wie die Griechen in Anspruch
nahmen.
    Die Unterhandlungen wurden auf das ausdrckliche Verlangen des Divans unter
Zuziehung des Vertreters von Frankreich gepflogen, die Reclamationen des Frsten
in den Noten vom 19. und 22. Mrz und 19. April, in welchen er die Rechte der
griechischen Kirche den Lateinern gegenber in dieser Angelegenheit gewahrt
verlangte, durch Erla eines Fermans erledigt, welcher die Rechte der Griechen
gegen alle Uebergriffe der Katholiken sichern, zugleich aber diesen - also den
Franzosen - die neuerdings durch Capitulationen erworbenen Rechte unverletzt
erhalten sollte.
    Frankreich hatte bei der ersten Nachricht von der Sendung des Frsten
Mentschikoff seine Mittelmeer - Flotte nach den griechischen Gewssern gesandt,
der englische Admiral Dundas sich geweigert, auf die gleiche Requisition des
britischen Vertreters in Constantinopel, Oberst Rosen, dasselbe zu thun.
    Die Frage wegen der heiligen Sttten schien geregelt, war es aber nichts
weniger als das, denn Frst Mentschikoff verlangte jetzt zugleich Brgschaft
gegen knftige Verletzungen der eingegangenen Vertrge, und zwar in Form einer
frmlichen Verpflichtung in seiner Note vom 5. Mai, auf die er Antwort binnen
fnf Tagen forderte. Dies war der Wendepunkt, an dem auf's Neue das Spiel der
politischen Intriguen begann. Die Hauptforderung Rulands ging darauf hinaus,
da die Pforte in einem besondern Sened (Protokoll) der griechischen Kirche in
der ganzen Ausdehnung ihres Gebiets alle von Alters her besessenen Rechte,
Privilegien und Immunitten unverndert auf der Grundlage des bestehenden Status
quo gewhrleisten solle, und da die griechische Kirche berechtigt sei, alle den
begnstigtsten christlichen Nationen eingerumten Vorrechte auch fr sich in
Anspruch zu nehmen.
    Durch die Gewhrung dieser Forderung htte der Czar das Recht erhalten, als
Protektor der orientalischen Kirche, also der griechischen Unterthanen des
Sultans sich bei allen entstehenden Streitigkeiten derselben mit der trkischen
Regierung zum Schiedsrichter aufzuwerfen.
    Das war gewissermaen eine vollstndige Abhngigkeit von Ruland, obschon
auf der andern Seite nicht zu lugnen stand, da die griechische Kirche und
Bevlkerung in der Trkei dringend einer Befreiung und eines energischen
Schutzes ihrer Rechte bedurften.
    Unterm 10. Mai beantwortete der Divan ablehnend dieses Verlangen als
Eingriff in die Souverainettsrechte des Sultans, die geringeren angeschlossenen
Forderungen bewilligend. Zugleich trat durch den Einflu des seit dem 5. April
in Constantinopel wieder eingetretenen britischen Gesandten Lord Stradfort de
Redcliffe eine Vernderung des trkischen Ministeriums im britischen Sinn ein.
Der bisherige Grovezier Mehemet Ali wurde Kriegsminister, Rifaat Pascha
Minister - Prsident und Reschid Pascha trat an die Spitze des Auswrtigen.
    Frst Mentschikoff antwortete am 11. Mai auf die trkische Note und
kndigte, als die neuen Verhandlungen kein Resultat herbeifhrten, am 18. an,
da er seine officiellen Verbindungen mit der Pforte abbrechen msse, weil man
fr Sicherung verbriefter und unbestreitbarer Rechte, und anstatt die Abhilfe
gerechter Beschwerden ernstlich zu leisten, ihn nur mit leeren Ausflchten
hinhalte4.
    Frst Mentschikoff zog sich nach dieser Mittheilung vom 18. Mai an Bord des
bei Bojukdere ankernden Dampfschiffes zurck, das ihn nach Odessa bringen
sollte, setzte aber noch die privaten Unterhandlungen fort. Da die Pforte jetzt
hartnckig alle Modalitten des Ultimatums zurckwies, verlie der Frst am 21.
Mai mit dem russischen Gesandtschafts-Personal Constantinopel, wo nur die
Handelskanzlei zurckblieb.
    Die trkische Regierung zeigte unterm 20. Mai den Vertretern der vier
Gromchte an, da sie sich gezwungen she, gegen die groen Rstungen Rulands
an der Grnze der Donaufrstenthmer offen ihre Gegenanstalten zu treffen.
    Der russische Minister des Auswrtigen, Reichskanzler Graf Resselrode,
schickte im nochmals eine Note an Reschid Pascha, in welcher er die Annahme der
frher gestellten Bedingungen binnen acht Tagen forderte, widrigenfalls Ruland
die Donaufrstenthmer besetzen wrde, erklrte jedoch dabei, da diese
Besetzung eben nur als Pfandnahme und nicht als Kriegserklrung zu betrachten
sei.
    Das Protectorat der Donaufrstenthmer berechtigte brigens Ruland nach dem
Vertrage von Baltaliman nur zu einer gemeinsamen Besetzung derselben mit der
Trkei im Fall innerer Unruhen.
    Eine durch die Bemhungen der Vertreter Preuens und Oesterreichs ziemlich
gemigte Note des Divan, in der man sich bereit erklrte, einen besonderen
Gesandten nach Petersburg zu schicken, lehnte diese Forderung nochmals unterm
10. Juni ab.
    Am 14. Juni war der neue sterreichische Gesandte, Baron von Bruck, in
Constantinopel eingetroffen; die Sendung des Grafen Gyulai nach Petersburg
sollte zugleich dort die Vershnung vermitteln. Frankreich und England, die nach
der Einleitung des Conflicts zwischen Petersburg und der Pforte sich der ueren
Einmischung fern gehalten hatten, riefen jetzt ihre Flotten in die Nhe von
Constantinopel, und dieselben warfen am 15. Juni in der Besika - Bai am Eingang
der Dardanellen Anker. Die Gesandten erhielten jetzt ffentlich Vollmacht, im
Fall einer Kriegserklrung des Sultans gegen Ruland die Flotten nach
Constantinopel zu rufen.
    Zugleich hatte jener diplomatische Notenwechsel zwischen den Kabinetten von
Petersburg, Paris, London, Berlin und Wien begonnen, durch welchen die
streitenden Parteien die Schuld der Zwistigkeiten und deren weitere Folgen sich
gegenseitig aufzuwlzen versuchten. -
    Dies war die Uebersicht, die Welland dem Freunde mittheilte, da er sich,
obschon bereits im Mrz von Paris abgereist, doch bei seinem zweimonatlichen,
durch eine Krankheit veranlaten Aufenthalt in der Schweiz und Oberitalien
fortwhrend von dem Gang der politischen Angelegenheiten in Kenntni erhalten
hatte.
    Mir scheint, Freund, sagte er zum Schlu, der redliche Wille einer
Vershnung und Ausgleichung ist auf keiner Seite sonderlich gro und der
Zwischeninteressen, die in dem Streit spielen, scheinen so viele, da eine
friedliche Lsung kaum zu denken ist. Es scheint gegenwrtig allein das Ziel der
Betheiligten, vor den Augen der Welt die Schuld des Angriffs und des
bevorstehenden Krieges Einer auf den Andern zu werfen. In Frankreich, ja selbst
in Deutschland, hlt man den Krieg fr unvermeidlich und erwartet jeden
Augenblick den Ausbruch. Es ist offenbar, da wir auf einem unterwhlten Boden
stehen, und Niemand kann sagen, nach welcher Seite die Wagschaale sich senken,
wo das gezogene Schwert rasten wird. Alle Verhltnisse scheinen sich umgekehrt
zu haben, Freunde stehen sich feindlich einander gegenber, alte Feinde haben
den Groll im Busen verschlossen und machen gemeinsame Sache, - willenlos folgt
der Einzelne, Unbedeutende diesem Wogenschlag der Vlker, glcklich, wenn er aus
der kommenden Zerstrung sich selbst und das, was ihm theuer ist, in einen
sicheren Port retten wird. Ich frchte, Freund, auch unser Schicksal wird uns in
das volle Wogengebraus hinaus werfen.
    Ja wohl haben Sie Recht, da alle Verhltnisse verkehrt und aus den Fugen
gerckt sind in diesem Streit! entgegnete mit Bitterkeit der Grieche. Steht
nicht das allerchristlichste Frankreich, das streng protestantische England
neben dem ewigen Erbfeind des Kreuzes, um drei Millionen Trken das Recht wahren
zu helfen, zehn Millionen Christen zu unterdrcken, zu tyrannisiren, sie aller
historischen und menschlichen Rechte zu berauben? Zu wem soll das Volk der
Griechen vertrauend aufsehen, zu England und Frankreich, die fr ihre Theilnahme
an Navarin mein armes Vaterland zu Grunde richten? die, Sieger ber unsere
Tyrannen, ihnen den grten Theil des Volkes, dessen Freiheitskampf ganz Europa
damals zujauchzte, wieder unter die Sohlen warfen? - Macht denn der wiener
Vertrag die Weltgeschichte und die Rechte und die Historie der Vlker, oder gab
es ein byzantinisches Reich, das Jahrhunderte Europa voran blhte, und dessen
Verderben die westlichen Staaten durch die Kreuzzge herauf beschworen, whrend
sie es dann hilflos in die Hand der Feinde des Kreuzes fallen lieen?!
    Ich glaube schwerlich, Freund, da Sie es besser haben wrden unter dem
Scepter oder der Knute Rulands, als Ihre Vter es unter der Peitsche des
Moslems hatten. Sie wnschen die Wiedergewinnung und Erhebung Ihrer
Nationalitt. Wohl! aber Ruland, Ihr Beschtzer, ist doch gewi gerade der
Staat, der eine fremde Nationalitt am wenigsten achten wrde, der Staat, der in
seinen eisernen Armen jedes fremde selbststndige Leben zu unterdrcken, zu
tyrannisiren droht. Wo anders her stammt die Furcht und der Ha Europa's und
jedes Einzelnen vor diesem Kolo? Blicken Sie hin nach Polen -
    Meinen Sie denn, unterbrach ihn der Grieche, da mein Volk auch nur den
Gedanken in sich trgt, ein Theil des russischen Reiches zu werden? Keinem
Hellenen kommt die Idee! Frei wollen wir sein auf unserer eigenen Erde, die
getrnkt ist mit tausend groen Erinnerungen der Vorzeit, Herren unseres eigenen
Landes, das zur Wste geworden, dessen Kirchen zerstrt, dessen Kinder
geschndet und geschlachtet sind von einer Handvoll Unglubiger. Das Kreuz soll
herrschen in der alten Hauptstadt unseres Landes, die einst zwei Welttheilen
Gesetze vorgeschrieben, so gut wie Ihr Rom, unsere heilige Kirche gereinigt
werden von der Schmach des falschen Gtzendienstes!
    Sein Auge flammte, seine Hand war erhoben, als er von der Unterdrckung
seines Vaterlandes, von den Hoffnungen sprach, welche die Brust jedes Hellenen
schwellen. Auch Diona, die Tochter Griechenlands, schaute, auf den Knieen
liegend, mit gertheten Wangen und feurigen Augen empor zu dem Bruder.
    Der Ruber hatte sich aufgerichtet aus seiner trgen Stellung.
    Hre mich, Franke, sagte er mit seiner tiefen Stimme. Ich bin nicht
gelehrt wie Du und mein Sohn hier aus edlem Geschlecht; ich bin ein geringer
Mann aus dem Lande meiner Vter, ein Dieb und Mrder, und verstehe Nichts von
dem, was die Knige des Frankenlandes sprechen und wollen. Aber sie sind Staub
in den Augen des groen Czaren, der stets unser Freund war, wie sie Staub sind
in den unsern. Wem sollen wir trauen, auf wen sollen wir hoffen, wenn nicht auf
ihn, dessen Glaube der unsere ist, der der ewige Feind unserer Tyrannen gewesen
und sie bekmpft hat? Sollen wir vertrauen auf den Bruder, der sich uns bewhrt
und uns geschtzt hat, oder auf den Fremdling, der unserer hhnt und spottet,
die Frchte unseres Fleies an sich reit und mit unsern Unterdrckern
gemeinschaftliche Sache macht?
    Da hren Sie die Stimme des Volkes, sagte Gregor; wie dieser denken und
sprechen Tausende, ja Millionen.
    Aber was wollen Sie gegen die Uebermacht? Jeder Versuch zu Rulands Gunsten
wrde Ihren Landsleuten unter trkischer Herrschaft nicht allein das Joch
schwerer auflegen, sondern auch die Westmchte zwingen, ihnen allen Schutz zu
entziehen. Ganz Europa sieht die Parteinahme derselben gegen Ruland als eine
Demonstration der Cultur und Civilisation gegen die Principien der Unterdrckung
und Willkr an, die der stliche Kolo bisher gebt hat und immer weiter
ausdehnen mchte. Die Politik der Staaten Europa's mu die Herrschaft der Pforte
ungeschmlert aufrecht erhalten.
    Die Politik? rief mit Emprung der Grieche. Sie haben Recht, dies
herzlose Wort zu gebrauchen, das einst den Namen Europa's mit Schmach auf den
Blttern der Geschichte beladen wird. Diese Staaten und Knige nennen sich die
christlichen, die Vertheidiger und Beschtzer der Kirche - und sie dulden, da
ein christliches Volk die Fesseln der Moslems trgt! Hatte Spanien ein greres
Recht denn wir, als es ein gesittetes kunstthtiges Volk ber das scheidende
Meer im Namen des Kreuzes zurckwarf? zog der Pole Sobieski nach Wien blo zur
Rettung der Kaiserstadt oder fr den Sieg des Christenglaubens? Schmach ber die
Nationen des christlichen Europa's, die Missionen auf Missionen zu den fernen
Heiden senden und fr ihre christlichen Brder im eigenen Erdtheil kein Gefhl
haben! Schmach endlich ber Ihre Liberalen und Republikaner, die Revolutionen
proklamiren in Lndern, die sich wohl fhlen unterm Schutz der Ordnung und des
Gesetzes, und fr die Befreiung eines Brudervolks von den Ketten hundertfach
rgerer Sclaverei, als je Ruland oder Oesterreich einem Lande auferlegt hat,
kein Wort, keine Waffe haben, ja, die diese Waffen noch Denen zu leihen sich
drngen, welche die Fesseln dieses geknechteten Volkes fr weitere Jahrhunderte
schmieden wollen!
    Unterm Schutz Frankreichs und Englands wird die Civilisation und das Recht
des Einzelnen auch hier den Sieg gewinnen, schon hat der Divan sich zu
bedeutenden Verbesserungen entschlieen mssen und eine neue bessere Aera blht
auch fr die christliche Bevlkerung der Trkei empor.
    Caraiskakis legte die Hand auf seinen Arm.
    Glauben Sie wirklich, da es Vershnung geben kann zwischen dem Opfer und
seinem Henker? da ein Volk, das solche Leiden getragen, so Ungeheures erduldet
hat, wie das meine, je den Unterdrcker ehren und lieben lernen wird? Meinen
Sie, da es ein Vergessen zu geben vermag zwischen einem Hellenen und einem
Bekenner des Propheten? - Dann, Welland, dann haben Sie nie erfahren, was wir
gelitten, dann haben Sie nie bedacht, da seit Jahrhunderten das Blut des Vaters
den Sohn, die Schmach der Schwester den Bruder, das Gewimmer der gemordeten
Suglinge die Mtter zum ewigen unauslschlichen Ha entflammt hat und mein Volk
entflammen wird, so lange noch der Name Moslem das Land jenseits dieses
trennenden Meeres entehren wird. Ihre Zeitungen, Ihre Frsten, Ihre Vlker haben
vergessen, was vor kaum dreiig Jahren auf jenen Bergen, auf jenen Inseln
geschehen - aber wir vergaen es nicht, die wir in den Strmen des vergossenen
Blutes geboren und mit der Verzweiflung gesugt worden sind. Ich ward es,
Welland, ich, der Sohn des unglcklichen Chios, und wollen Sie eine Geschichte
hren, die Sie lehren mag, die Gefhle und Erinnerungen meines Volkes besser zu
beurtheilen, wohlan, hier ist der Mann, der sie Ihnen geben wird: Janos!
    Mein Sohn, Du hast gut gesprochen, und wenn Du willst, da ich die
Geschichte Deiner eigenen Kindheit aus meiner Jugend zurckrufe in mein
Gedchtni und in meinen Mund, so soll sie dieser Franke hren.
    Auch uns gieb sie, Mann, auch uns, Gregor und Diona, den Kindern der Frau,
die Dein Heldenmuth gerettet.
    Der - wir wollen ihn in diesem Augenblick trotz seines Handwerks so nennen -
der Palikare richtete sich auf und setzte sich auf einen nahe liegenden Stein;
um ihn her nher heran drngte sich der ganze Kreis. Als Janos zu seiner
Erzhlung5 das Wort nahm, war in seiner Rede und in seinen Geberden etwas
Poetisches, Schwungvolles, das auch den niedersten Stnden des Sdens eigen zu
sein pflegt und jedes Element des Gemeinen, Unbehilflichen beseitigt, das uns so
oft unter den niedern Volksklassen im Norden anwidert.
    Euer Vater, meine Kinder, begann der Ruber, war ein wohlhabender Mann
auf der Insel Chios und trieb Handel mit Mastix6 nach Constantinopel. Chios war
damals ein blhendes Land, ein Garten Gottes, reich gesegnet mit Fruchtbarkeit
und Schnheit. Was unser Himmel bietet, fand man auf der Insel, der Hafen von
Kastron war gefllt mit Schiffen aller Nationen, und hundertzwanzigtausend
thtige, wenn mit der trkischen Herrschaft und ihrer Willkr auch nicht
zufriedene, so doch ruhige und fleiige Menschen bewohnten die Insel. Das kam,
weil von Constantinopel selbst uns Schutz und Schirm gegen die Tyrannei wurde,
unter der unsere Brder auf den Cycladen und dem Festlande seufzten, denn Chios
gehrte Fatme Sultana, der Schwester des Groherrn, als Eigenthum, und sie bezog
jhrlich nicht weniger denn zwlfhundert Beutel7 von unserer Insel, die den
Mastix erzeugt wie kein anderer Ort in der Levante. Wie bald sollten wir Jene
beneiden lernen!
    Ich war in Ipsara geboren, aber schon als Knabe in das Haus Deines Vaters
gekommen und hatte ihn auf vielen Reisen nach Athen, selbst nach Triest und
Constantinopel begleitet. Der Name Deines Vaters war geachtet und er zhlte zu
den Patrioten, die ber dem Gewinn des Handels und dem Klange des Goldes nicht
vergaen, da der Besitz ihrer Habe, ja ihrer Familie und ihres Lebens nur
Schein und von der Willkr des Muselmannes abhngig war, da unser heiliger
Gottesdienst nur gegen schwere Geschenke an die Machthaber geduldet wurde und
jedes Rechts entbehrte, da die Ehre unserer Frauen und Tchter das Spiel der
Lste unserer Herren blieb und der Moslem verchtlich vor dem eingebornen Sohne
des Landes ausspie und ihn Giaur nannte, wenn er demthig an ihm vorberging.
Wir waren elender, als das von Gott verfluchte Volk der Erde ist!
    Es bestand damals - und man hat mir erzhlt, da er seit mehr als hundert
Jahren unter meinem Volke bestanden - ein geheimnivoller Bund, Elpis8 genannt,
der ber das Festland und alle Inseln, ja weit hinein nach Asien und ber Byzanz
hinaus ging und alle Besseren, Tugendhaften und Tapferen unseres Volkes in
seinen Reihen zhlte. Wo die tausend Felseninseln wie Sterne auf dem blauen
Meere schwimmen, da giebt es kleine Eilande, unzugngliche Berge, auf die sich
freie Mnner geflchtet haben und wohin noch nie der Fu eines Moslems
ungestraft gekommen ist. Hier ist die Wiege der griechischen Freiheit, und aus
diesen Felsenbuchten, in deren Schutz die Hupter der Elpis sich alle vier Jahre
zu versammeln pflegen, ging der ewige Krieg aus, den, von den Franken verlassen,
unser Volk wenigstens im Einzelnen seit Jahrhunderten gegen die Unglubigen
gefhrt hat. Frei wie der Palikare auf den Bergen Livadien's und des Taygetos
war der Capitano, der auf seiner schwarzen Felucke mit khnen Mnnern das Aspri
Thalassa9 durchstrich und leicht, wie die Schwalbe die Lfte durchzieht, hinauf
bis zum weien Lemnos zog oder vor dem Golf von Saloniki kreuzte, und berall
den schwerflligen Moslem, den habgierigen Franken berfiel und besiegte.
    Dein Vater, Gregor, gehrte seit Jahren der Elpis an, und als die Stunde
gekommen war, wo auf dem Festlande die Fahne des Kreuzes gegen den
unertrglichen blutigen Druck erhoben werden sollte, eilte er dahin. Wundert
Euch nicht, da ich, ein schlichter Kameeltreiber, so genau die Geschichte
meines Landes kenne, aber die Namen, die ich nenne, sind mit Blut in die Tage
meiner Jugend geschrieben. Vom Norden, vom groen Czar aus Moskau her kam auch
damals der Ruf unserer Freiheit. Frst Ypsilanti zog in das Land ein, das an dem
groen Strome liegt, der uns von unsern russischen Brdern scheidet10, aber die
heilige Schaar11 fiel unter der trkischen Uebermacht, und der Groherr in
Constantinopel schwor bei seinem Barte, Alles zu vertilgen, was Grieche hie in
diesem Lande12. Auch zu uns kam die Kunde, wie man in Constantinopel, in Smyrna
und Salonichi alle Kirchen zerstrt, wie man unser Volk beraubt und gemartert,
unseren ehrwrdigen Erzbischof, den heiligen Gregorius13, ermordet hatte. Da
entbrannte in den Herzen unseres Volkes die heilige Flamme und berall schlug
das Feuerzeichen der Freiheit empor! Von Achaja aus tnte der erste Ruf, und als
der Erzbischof von Patras14 das Kreuz aufrichtete, da klang es wieder in
Aetolien, wie in Attika, Akarnanien und Livadien; auf Spezzia, Ipsara und Hydra,
auf Samos wie im Epirus und Thessalien, wo die tapferen Sulioten und Agraphen
sich mit dem Lwen von Janina15 verbanden, der lngst schon am trkischen Joche
gezerrt. Der alte Held Kolokotroni zog mit seinen Klephten daher, der edle
Nikitas, Petros Mauromichalis, der Bey der Marina! Mit Wonne hrten wir jede
Kunde, die Schiff um Schiff uns brachte, aber Chios wagte es nicht, laut in den
allgemeinen Jubelruf einzustimmen, denn Vehid Pascha der Gouverneur hatte Zehn
der angesehensten Chioten nach Constantinopel als Geieln geschickt und nahm
jetzt aus jedem Dorfe zwei Primaten16 und warf sie in die Kerker von Kastrone,
um sich gegen einen Aufstand zu sichern.
    Dein Vater, Gregor, war, zeitig gewarnt, auf den Ruf Maurokordatos', seines
Freundes, der auch aus Chios stammte, nach Attika geeilt. Mich, ich war damals
achtzehn Jahre alt, lie er bei seiner Familie zurck, denn Deine Mutter trug
Dich noch an der Brust und selbst Dein Bruder Andreas zhlte erst vier Jahre. In
dem Landhause Deiner Familie, an der Bucht von Volisso, glaubte er sie vor allen
Strmen geschtzt und ich mute ihm auf das Kreuz schwren, sie nie zu
verlassen.
    Gregor reichte dem alten Diener seiner Familie die Hand.
    Vater Michael, sagte er weich, und die Mutter, die jetzt Beide im Himmel
sind, bezeugen dort Oben, wie treu Du Wort gehalten.
    Janos kte die Hand und fhr in seiner Erzhlung fort.
    Die guten Tage fr Chios waren vorber. Veli Pascha und seine Aga's machten
sich die Erbitterung des Divans gegen das griechische Volk zu Nutze und begannen
Unterdrckungen und Erpressungen, die bald allen Grausamkeiten die Waage
hielten, welche unsere Brder auf dem Festlande je erduldet hatten. Dennoch
widerstanden die Bewohner von Chios dem Ruf, der tglich von Samos und Ipsara
her erging, zu den Waffen zu greifen und sich dem allgemeinen Kampfe
anzuschlieen; denn in den Kerkern von Kastrone lagen ihre Vter und Brder,
hundertundzwanzig an der Zahl, darunter die sieben Bischfe unserer Insel, und
jede Familie zitterte bei dem Gedanken an das Schicksal, was die theuren Hupter
in der Gewalt unserer Tyrannen beim geringsten Zeichen des Widerstandes
bedrohte.
    Aber Gott und die Heiligen hatten es anders bestimmt, ihr Geschick sollte
von Auen her entschieden werden. Frst Logotheti17 und General Burnia landeten
am 25. Mrz18 mit zweitausend Samioten auf Chios und pflanzten mit Gewalt das
Kreuz der Freiheit auf der Insel auf. Wie unser Aller Herz ihnen entgegen
schlug! dennoch wagten nur sehr Wenige, sich ihnen anzuschlieen, das ganze
Land, alle Drfer waren thatschlich, als nach achtzehn Tagen das grause Unheil
auf uns einbrach, noch unbewaffnet.
    Die Samioten griffen Kastrone an und erschlugen hundertundfnfzig Trken im
Gefecht. Vely Pascha mit den Seinen flchtete in das Kastell und wurde hier
belagert.
    Das Verderben aber war nahe. Bald erscholl die Nachricht von der Annherung
des grausamen Kapudan Pascha mit der trkischen Flotte. Allgemeines Schrecken
verbreitete sich, und wer da konnte, flchtete sich. Am 12. April schiffte der
Kapudan mit 15,000 Mann von Tschesme nach der Insel ber, die Schiffe von Ipsara
und Hydra kappten die Anker und flohen, zwlftausend Bewohner der Insel mit
ihnen. Sieben der Schiffe fielen in die Hnde der Trken und wurden mit den
Unglcklichen versenkt, - ihr Loos war glcklich gegen das der
Zurckgebliebenen.
    Ein allgemeines Entsetzen hielt diese befangen und unthtig, whrend htten
sie sich mit den Samioten verbunden - sie mit sicherem Erfolg der Macht der
Trken Trotz geboten haben wrden. Doch man verlie sich auf das Versprechen des
sterreichischen und franzsischen Consuls, die mit dem Kapudan Pascha
unterhandelt und die Zusage allgemeiner Amnestie berbracht hatten, wenn man
alle Waffen ausliefere. Dies geschah; nur Wenige hielten sich mit Logotheti und
Burnia in den Batterieen von Turloti, und dort entbrannte ein heier Kampf am
12. und 13. April. Alle Gegenwehr war vergeblich, die Schanzen wurden erstrmt,
die Fhrer retteten sich durch die Flucht, whrend der Ueberrest der tapferen
Schaar sich in das Kloster Yamon warf und Schritt um Schritt, Blut um Blut jeden
Fubreit gegen die anstrmenden Schaaren vertheidigte. Sie wuten ihr Schicksal,
und whrend die Kirche von Turloti in Flammen aufging, whrend die Trken
bereits die Grber aufrissen und die Leichen verstmmelten, fiel einer der
Helden nach dem andern, kmpfend in den Trmmern des Klosters - Keiner entkam -
mein einziger Bruder war unter den Todten.
    Der Erzhler schlug ein Kreuz zum Gedchtni des Gefallenen, andchtig
folgten die brigen Griechen, dann fuhr er fort:
    Am 14. war auf der ganzen Insel kein Widerstand mehr und nun begann eine
Zeit voll Mord und Entsetzen, wie wohl noch keine gewesen ist unter den Vlkern
der Erde. Schaaren von asiatischen Mrdern und Rubern, unzhlig wie
Heuschreckenwolken, strmten von Tschesme und Smyrna her ber die unglckliche
Insel, die der Wthrich jedem Schrecken preisgegeben. Sechs volle Tage lang
dauerte das Morden. Gruel, wie sie die Hlle nicht erfindet, wurden hier
ausgebt; nicht das Kind an der Brust, nicht der wankende Greis verschont. Schon
am anderen Tage gingen vier Maulesel mit Kpfen und Ohren beladen nach Smyrna ab
19. Mgen nimmer meine Augen das Schreckliche wiedersehen, was sie da erblickt!
Frauen und Jungfrauen wurden von den Henkern ffentlich geschndet und dann
grausam verstmmelt und gemordet. Ich sah Frauen, denen die Brste abgeschnitten
waren, entmannte Mnner, Kinder, denen man die Zunge, die Nasen, die Ohren
abgeschnitten. Aber Alles, was hier geschah, berbot die Grausamkeit des Kapudan
selbst. Auf seinem Schiffe, die Siegesfahne geheien, hatte er eine besondere
Folterkammer eingerichtet, um durch die grausamsten Martern das Gestndni
verborgener Schtze zu erzwingen, oder sich an den Qualen der Armen zu weiden.
Ich selbst sollte diese Sttte des Teufels in Menschengestalt kennen lernen!
    Am 19. waren bereits von 65 Drfern, welche die Insel zhlte, 49 fast
spurlos von der Erde vertilgt, darunter 20 Mastixdrfer. Vergebens bemhete sich
der franzsische Consul Digeon, ein frherer Offizier, wenigstens einige zu
retten. Hinter seinem Rcken begannen die aufgestellten Schutzwachen auf's Neue
das Werk der Zerstrung.
    Am 13., nach der Erstrmung von Turloti, war auf der Flotte der Wrger ein
groes Fest. Ein franzsisches Linienschiff lief mit wehender Flagge ein; es
trug den Herrn de la Meillerie, den Befehlshaber der franzsischen Seemacht in
diesen Gewssern, und das unglckliche Chios hoffte von seinem Erscheinen Schutz
und Hilfe. Aber der Franke - merke es, Herr! - kam, um den Kapudan Pascha zu
besuchen, ihm Glck zu wnschen zum Siege ber die Meuterer, und whrend das
unschuldige Blut in Strmen am Lande zum Himmel aufdampfte, berhuften der
Franke und der Trke einander mit Hflichkeiten, und das Geschenk einer reich
mit Diamanten besetzten Dose lie den Franzosen das Herz und die Augen
verschlieen vor dem Jammer seiner christlichen Brder. Fluch ihm und seinem
Gedchtni! Fluch seinem gleinerischen Volke!
    Der wilde Ausbruch des Hasses, der aus den Augen des Griechen sprhte, lie
Welland erbeben. Diona fate die Hand des Mannes.
    Und Du, Janos, wo bliebst Du? was geschah mit unserer Mutter?
    Als das Morden am 14. begann und wir in unserer entfernten Wohnsttte die
erste Kunde davon erhielten, suchte ich eilig ein Schiff, aber alle hatten, wie
ich bereits erzhlt, von Kastron aus die Flucht ergriffen. - In den
Felsenschluchten des Berges Hyas, auf dem der groe Snger unseres Volkes,
Homeros, geboren20, war mir ein Versteck bekannt. Dahin - unter die Trmmer
eines alten Gtzentempels unserer Vter, der weit hinaus schaut auf's blaue Meer
- fhrte ich Mutter und Kinder und verbarg sie vor den Augen unserer Henker.
Acht lange schreckliche Tage brachten wir da zu, whrend deren einige wenige
glckliche Flchtlinge sich zu uns gesellten. Da, als ich die Deinen nicht mehr
allein und verlassen sah, litt es mich nicht lnger in den Bergen, wo wir von
fern den Brand unserer Huser und Grten schauten, ich trat zu Eurer Mutter und
bat sie, mir zu gestatten, nach Kastron zu gehen, um dort zu forschen und nach
Hilfe auszusehen. Nur schwer gab sie die Erlaubni, aber unsere Noth war gro
und ich mute fort.
    Ich ging durch das Gebirge und nahte mich Kastron. Die Spuren, die ich auf
meinem Wege fand, habe ich Euch bereits beschrieben. In einem Hause, das allein
an einem Bergabhange stand, fand ich zwei der Henker, - sie schliefen, berauscht
von dem ihnen verbotenen Chioswein, neben den Leichen der gemordeten friedlichen
Bewohner, neben den entstellten Leichen zweier Mdchen, die sie geschndet. Ich
erschlug Beide im Schlaf - es war das erste Blut, das ich vergo, und wahrlich,
nicht solches, das ich je bereut habe! - In der Kleidung, mit den Waffen eines
der Erschlagenen ging ich weiter und kam nach Kastron.
    Es war am Morgen des 23. April. Das Morden und Brennen in der Stadt und den
nchsten Drfern hatte einigermaen aufgehrt, kaum stand in den Letzteren noch
ein Haus auer denen der Consule. Die Teufel waren vom Blut bersttigt, und was
noch lebte, das trieb man jetzt in Haufen zusammen und zu den Schiffen, um als
Sclaven nach dem Festlande geschafft zu werden. Aber Vehid Pascha hatte sich
noch ein besonderes Fest vorbehalten; es galt den hundertundzwanzig Geieln, die
in seinen Kerkern schmachteten - darunter sechsundachtzig Primaten und sieben
Bischfe, die Anderen angesehene Kaufleute des Landes. Fnfunddreiig von ihnen,
darunter zwei Brder Maurocordatos mit ihren jungen Shnen, Knaben noch, wurden
nach dem Schiffe des Kapudan Pascha geschleppt; die Uebrigen hing man am Morgen
an den Mauern des Schlosses von Kastron auf, und als es den Henkern zu langsam
ging, strzte man sie herab und zerschmetterte ihre Glieder mit Keulenschlgen.
    Ich schlich in der den Stadt unter Trmmern und Leichen umher - als ich
Zeuge ward einer That, die mir noch das Blut im Herzen erstarrt. Unter einem
Haufen von Unglcklichen, die gleich dem Vieh von einem der Mastirdrfer
herbeigetrieben wurden, erkannte ich die Frau und die Tochter eines Mannes, in
dessen Hause ich oft gewesen war, an dessen Tisch ich oft gesessen hatte.
Aphanasia, das Mdchen, war schn, sie zhlte sechszehn Sommer und blhte wie
die Rose ihrer Grten. Ich trug lange schon die Liebe zu ihr im Herzen, aber ihr
Vater war reich und ich ein armer Diener - so schwieg ich. Jetzt fand ich sie
wieder, arm und elend, des Nothdrftigsten beraubt, das ihre junge Schnheit
deckte. Ich kam dazu, wie der Araber, dessen Beute sie war, sie eben an einen
Trken verhandelte, der 300 Piaster dafr geboten. Ein unglcklicher Augenblick
feigen Zgerns, um mich selbst nicht zu verrathen - er war ihr Verderben. Mit
Gold war ich reichlich versehen, denn Eure Mutter hatte mir eine Summe zur
Gewinnung eines Schiffes gegeben, und der Grtel der erschlagenen Mrder
enthielt eine groe Zahl goldener Zechinen, die Frucht ihres Raubes. Ich trat
hinzu, indem ich Aphanasia ein Zeichen gab, mich nicht zu kennen, und bot dem
Aegypter 3000 Piaster statt jener Dreihundert. Die Augen des Schurken funkelten
vor Freude ber den Gewinn, aber der Trke erklrte, da sein Handel bereits
abgeschlossen gewesen, ehe ich mein Gebot gethan, und wollte das Mdchen
davonfhren. Da warf ihm, ergrimmt ber den entzogenen Gewinn, der Mohr die
Kaufsumme vor die Fe, und ehe ich es hindern konnte, ri er die Pistole von
seinem Grtel und scho das Mdchen durch die Brust21. Ihr sterbender Blick fiel
auf mich, der ich erstarrt stand vor der schndlichen That, dann flog mein
Handjar aus der Scheide und schlug den Mrder zu Boden. Aber mein Schmerzensruf,
meine Flche hatten mich verrathen. Ein Gjaur! tdtet den Christenhund! scholl
es um mich her, und kaum vermochte meine Wuth mir Bahn zu brechen durch die sich
mehrenden Verfolger. Ich entkam, wer mhte sich lange in dieser Zeit nach dem
Einzelnen, wo der Opfer so viele zur Hand waren!
    Ich entkam, indem ich mich in einer der nchsten Gassen dem mir
entgegenkommenden Zuge anschlo, welcher die fnfunddreiig Kaufleute aus den
Gefngnissen des Kastells zum Schiff des Kapudan Pascha schleppte. Ein Aga
befahl mir, mit Hand anzulegen an die Gefangenen; ich mute gehorchen, um mich
nicht zu verrathen, so kam ich auf das Schiff selbst und war Zeuge jener Thaten,
deren Gedchtni noch mein Blut in den Adern gerinnen macht.
    Im Mitteldeck des groen Schiffes war ein Raum abgeschlagen, an dessen Ende
ein Divan stand, auf dem der Kapudan, von seinen Offizieren umgeben, ruhte. Ein
groes Kohlenbecken in der Mitte glhte die Eisen und Zangen, ringsum an den
Holzwnden hingen Werkzeuge, wie nur die Hlle sie ausgedacht, Stachelpeitschen,
eiserne Keulen, Schraubenringe, welche die Gelenke zu Brei quetschten, - ich
vermag nicht Alles zu nennen noch aufzuzhlen. Einer nach dem Andern der
Gefangenen wurde hineingefhrt, und der Geruch verbrannten Fleisches, das Geheul
und Rcheln der Gemarterten drang furchtbar zu uns heraus, da selbst manches
Antlitz der an Mord und Blut gewhnten Wchter zu erbleichen schien. Endlich als
zum vierten Mal das Todesrcheln verstummte, wies der Aga auf mich und zwei
Genossen und hie uns, die beiden Gefangenen, die wir an Stricken gefhrt,
hineinbringen. Es war ein Maurokordatos - ein Greis von siebenzig Jahren, - mit
seinem Enkel, einem Knaben. Ich hatte ihn oft frher gesehen bei meinem Herrn.
    Als wir den Verschlag betraten - Herr, ich war selbst mehr todt als lebendig
und htte in dem Augenblick gern mein Leben gegeben, um die Gruel nicht zu
sehen, - strzten die beiden Henker - es waren, hre es, Franke! ein Malteser
und ein nubischer Sclave, Diener des Kapudan! - eben die verstmmelten Reste des
letzten Opfers durch die Stckpforte in's Meer. Zitternd nahten die Beiden dem
Furchtbaren und warfen sich nieder vor ihm auf die Kniee, um Erbarmen flehend.
Es war herzzerreiend, sinneverwirrend, die Bitten des Greises um Gnade fr das
Kind zu hren. Der Kapudan - ruhig auf seinem Lager ausgestreckt, das Nargileh
zwischen den Lippen, frug den Greis, ob er hunderttausend Piaster als Lsegeld
sofort herbeischaffen knne? - Ich wute, die Familie hatte das Zehnfache in
ihrem Vermgen gehabt, - aber wo jetzt, nach dem Raub und der Plnderung ihrer
Habe, whrend sie aus dem Kerker kamen, der sie lnger als ein Jahr umschlossen,
- die groe Summe schaffen? Die Augen des Greises irrten wie wahnwitzig umher, -
berall nur Blutdurst, Grausamkeit - nirgends Hilfe. Ich sehe ihn noch, wie er
auf den Wink des Pascha's zu Boden geworfen und ihm Maa auf Maa des bittern
Seewassers durch einen Trichter in den Mund gefllt wurde, inde man ihm die
Nase zuhielt22, bis der Leib aufschwoll zu entsetzlichem Umfang. Dann warfen die
Henker sich auf ihn und preten und traten den Greis - - was male ich Euch die
Scheulichkeiten, die meine Augen sahen! Als ich den gellenden Jammerruf des
Knaben hrte, der von unseren Blicken entmannt ward, konnte ich es nicht lnger
ertragen, ich drngte mich hinaus auf die Gefahr, selbst das Opfer zu werden;
aber die Augen der Wrger waren mit der Todesqual ihrer Opfer beschftigt - man
achtete meiner nicht.
    Als ich auf dem Deck den sonnig blauen Himmel wieder sah, der sich so
herrlich ber Meer und Land wlbte, da war das Gelbni heiliger, blutiger Rache
mein erster Gedanke, mein heiliger Schwur, - und ich habe ihn gehalten; - denn
diese meine rechte Hand war es, die den Tiger mit seiner Brut zwei Monden darauf
gen Himmel sprengte!
    Der Ruber schwieg wie erschpft von den furchtbaren Erinnerungen seiner
Jugend; - Welland hatte sein Haupt verhllt bei der Beschreibung dieser Gruel,
aus seinen und Diona's Augen flossen Thrnen. Nur Gregor blickte finster und
flammend umher und auf die Trkenstadt zu seinen Fen.
    Mein Vater rchte das Ungeheure mit Dir! Michael Caraiskakis war bei der
groen Shne, die die Heldenschaar des Kanaris dem blutgetrnkten Chios
brachte.
    Wohl, Knabe, aber meine Hand war es, der man die Ehre gab, die rchende
Flamme zu znden. - Hret drum weiter.
    Auf einem der Boote, die fortwhrend zwischen der aus vierzig Segeln
bestehenden Flotte und dem Lande kreuzten, entkam ich glcklich wieder zur
Stadt. Die Siegesfahne zhlte eilfhundert Mann Besatzung, zahllose andere
Banden verkehrten fortwhrend dort, wer sollte mich auch in dem Gewhl
entdecken, da ich gut trkisch sprach? So blieb ich bei den Moslems, bis der
Abend kam, - dann trennte ich mich von ihnen und schlich nach dem Ort, wo am
Morgen Aphanasia ermordet worden. Ich fand sie wirklich unter andern Leichen und
auf meinen Schultern trug ich den theuren Krper fort und begrub ihn unter einem
Feigenbaum. Dann eilte ich zurck in's Gebirge und am zweiten Morgen war ich
wieder bei Deiner Mutter und schlo Euch Knaben mit Dankesthrnen in meine Arme,
da die Heiligen mir gestattet, Euch zu retten.
    Noch zehn Tage lang blieben wir in unserm Versteck, uns kmmerlich von
Frchten und der Milch der in die Berge verlaufenen Ziegen nhrend, denn wir
wagten kein Feuer anzuznden, aus Furcht, uns zu verrathen.
    Am Morgen des eilften Tages endlich sahen wir ein Schiff in der Nhe
kreuzen, dessen Flagge nicht den Halbmond mit den Sternen trug.
    Von den erhabenen Trmmern des Tempels aus gaben wir Zeichen, indem wir
unsere Kleider an Stangen banden und zum ersten Mal Feuer anmachten, um durch
den Rauch ihre Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Es glckte - wir sahen bald ein
Boot abstoen und ich eilte hinab zum Ufer, die Nahenden zu prfen, ob Rettung
von ihnen zu hoffen sei. Heilige des Himmels, der Erste, der den Boden betrat,
war Dein Vater, Gregor!
    Wie soll ich Euch die Freude des Wiedersehens erzhlen, als Michael
Caraiskakis die Seinen unverletzt an's Herz drckte. Ich schlich davon unter die
Trmmer und weinte. Die meinem Herzen gleich theuer gewesen, war im Himmel!
    Das Schiff war die sterreichische Brig Venetia. Auf die erste Nachricht
von der Ankunft der Trken auf Chios hatte sich Caraiskakis aufgemacht zur
Rettung der Seinen. Auf Samos schon hrte er die Kunde von der Verwstung der
Insel und gab die Familie verloren. Dennoch wollte er wenigstens die Insel
betreten, und es gelang ihm, mit seinem Freunde, dem Capitano Valsamachi, der
dem Blutbad von Turloti entronnen, auf dem sterreichischen Schiff
zusammenzutreffen und dessen Fhrer zu vermgen sie nach Chios und Ipsara zu
bringen. In Volisso war er an's Land gestiegen und hatte hier Alles verwstet,
aber nirgends Spuren der Seinen gefunden. Viele Flchtlinge, die sich gleich uns
in den Felsenklften verborgen, hatten bereits glcklich das Schiff erreicht,
das seit mehreren Tagen um die Insel kreuzte, und als wir sein Deck betraten,
fanden wir neue Scenen der Klage und des Jammers, aber auch die zum Himmel
geballte Faust, den Schwur blutiger ewiger Rache an den Mrdern. Selbst das Auge
der Frauen und Kinder glhte in ihrem Durst, als ich die Gruel erzhlte, deren
Zeuge ich in Kastron gewesen war.
    Nach Ipsara ging unser Lauf, wo sich die entkommenen Patrioten der Inseln,
wo sich die Rcher des Frevels versammelten. Dort hrten wir tglich neue Kunde
von dem, was auf Chios geschehen und noch geschah und jede Botschaft schrte das
Feuer in unseren Herzen.
    Der Kapudan Pascha hatte endlich unterm 13. Mai um die Insel nicht ganz zu
entvlkern, durch einen Ferman verboten, noch weiter Sclaven auszufhren, das
Verbot aber rief nur neue Schreckensthaten hervor. Die Moslems, die die
Christenkinder nicht verkaufen konnten, strzten sie in's Meer. Fnftausend
Kinder im zarten Alter wurden an den Bumen aufgehngt, ersuft und von den
Felsen und Husern herabgestrzt. In Tschesme23) band man sie zu fnfzig und
sechszig mit Stricken zusammen und strzte sie in's Meer. Selbst die
geldgierigen Smyrnioten fhlten Erbarmen mit dem Elend und kauften so viel sie
vermochten. Tausende und aber Tausende der Bewohner waren in die Sclaverei
geschleppt, zweihundert der angesehensten Geschlechter der Insel ausgerottet
worden24. - Bald drang auch die Kunde zu uns, da am 20. des Maimonds in
Constantinopel jene zehn Geieln enthauptet worden, die Vehid Pascha schon vor
Jahresfrist dorthin gesandt.
    Wie ein Feuerbrand war die Nachricht von den Gruelthaten auf Chios ber
Meer und Land geflogen, und wo die Fahne des heiligen Kampfes aus
Gleichgltigkeit gegen die gewohnten Leiden oder aus feiger Besorgni noch nicht
erhoben worden, da schlug jetzt die Lohe der Rache fr das Ungeheuere Verderben
bringend den Frevlern in die Hhe. Ein Schrei des Entsetzens und der Wuth
erscholl, so weit die griechische Zunge reicht. Der Kapudan Pascha, der die
Verantwortung in Constantinopel frchten mochte, da er das Eigenthum der
Sultana so gnzlich zerstrt, sandte auf einem englischen Schiffe Botschaft nach
Samos und lie den Aufgestandenen Vergebung und Sicherheit anbieten, wenn sie
die Waffen niederlegen und unter das trkische Joch zurckkehren wollten. Hrst
Du es, Franke, Inglesi waren es, die diese Botschaft der Schmach berbrachten
und die tapfern Samioten berreden wollten. - Mit Hohn und Grimm wurden sie
zurckgewiesen. Von Hydra, Pharos und Spezzia hinauf zu Ipsara und Skyros, der
Brautkammer des groen Achill, scholl ein Ruf empor zu den Wolken: Freiheit oder
Tod!
    Und der Tag der heiligen Rache kam.
    Kanaris der Held fhrte sein blutiges Morgenroth herauf. Mit einer Fregatte
und fnf andern Fahrzeugen erschien er am 10. Juni vor Ipsara und warf Anker.
Ein ernster Rath wurde gehalten unter den Fhrern des Geschwaders und der
Geflchteten. Dein Vater, Gregor, war einer der Ersten im Rath und sa neben
ihm, der die Schiffe der Moslems wie Spreu durch die Meere fegte.
    Die groe That ward beschlossen!
    Am Abend desselben Tages rief mich Dein Vater und befahl mir, ihm zu folgen.
Er fhrte mich in ein Haus, in dem ich viele Mnner versammelt fand, mir
bekannte und unbekannte, es waren die Brder der Elpis, die Mitglieder jenes
Bundes in der Hetrie, dessen Eid lautet ...
    Gregor unterbrach ihn. Das sind Dinge, Janos, die nicht fr das Ohr des
Franken taugen, auch wenn er unser Bruder ist. Vollende Deine Erzhlung.
    Der Ruber schaute erschrocken und aufmerksam seinen jngern Landsmann an,
eine kaum merkliche rasche Bewegung, ein flchtiges Kreuzen ber die Stelle des
Herzens belehrte ihn, - er erwiederte das Zeichen und fuhr fort: Genug! die
Shne der Elpis waren Tapfere, die geschworen, vor keiner Gefahr zu weichen, wo
es galt, die Freiheit des griechischen Volks zu erkmpfen oder zu rchen. An
diesem Abend schlug Dein Vater mich, den armen Diener, zur Aufnahme in den Bund
vor, indem er erzhlte, was ich auf Chios erlebt, und ich leistete den Eid, den
ich treu gehalten, wenn auch lange Jahre seitdem ihn mit der Gleichgltigkeit
des einfrmigen Lebens verwischt hatten, bis auf's Neue das Unrecht und die
Tyrannei mich emporrttelten und den rchenden Stahl mir in die Hand gaben. Dann
theilte er mir mit, da am dritten Tage ein Versuch gegen die Flotte des Kapudan
unternommen werden sollte, die im Hafen von Tschesme ankerte, und da
Freiwillige aufgefordert worden, dem Tode in's Auge zu schauen. Obschon kaum ein
Entrinnen bei dem Wagni zu hoffen stand, hatten sich am andern Morgen doch
bereits zweihundert Mnner gemeldet; das Loos whlte Achtundvierzig aus. Michael
Caraiskakis und Janos der Ipsarote waren unter ihnen; dem Ersten bertrug
Canaris die Leitung der Expedition, ich begleitete ihn.
    Von dem Augenblick an, da das Unternehmen bestimmt war, durfte keine Seele
mehr bei Todesstrafe die Insel verlassen. Whrend die Achtundvierzig durch
Beichte und Gebet sich vorbereiteten und ihre Waffen in Stand setzten, arbeitete
Tag und Nacht die Bevlkerung des Hafens an der Herstellung der Brander. Am
dritten Tage waren sie fertig; drei Schiffe, von der Spitze des Mastes bis zum
Kiel mit Pech und Theer getrnkt, leichtes Werg um Spieren und Taue gewunden,
der ganze Schiffsraum eine wandelnde Hlle von Schwefel, Pulver und
Feuerstoffen, die nur des belebenden Funkens harrte. Die sterreichische Brigg
war bei uns geblieben; ihr wackerer Capitain, emprt von den geschauten und
vernommenen Grueln, hatte uns seine Hilfe zugesagt und versprochen, die
Mannschaft aufzunehmen, wenn sie sich retten knne. Zu dem Ende fhrte jeder
Brander ein groes Boot mit sich.
    Es war am Abend, als Alles zum Auslaufen bereit war und der fromme Bischof
der Insel mit seinen Diakonen am Gestade erschien, uns den heiligen Leib des
Herrn zu reichen und seinen Segen zu spenden. Auf den Knieen lagen die Hunderte
und hrten das Wort des frommen Greises, dann, ehe wir die Hostie nahmen,
schworen wir Alle auf sie einen heiligen Eid, unsere gemordeten Brder zu rchen
oder nimmer zurckzukehren vor das Antlitz eines Menschen. Die Menge umdrngte
uns, als wir zum Schiff gingen. An der Rechten Deines Vaters ging der Seeheld
Canaris, ihm die letzten Anweisungen gebend, an seiner Linken Eure Mutter, Dich,
Gregor, auf dem Arm, Andreas an der Hand. Es war ein Heldenweib, und keine
Thrne, kein Laut der Klage machte das Herz des Gatten schwer. Noch eine
Umarmung, Canaris reichte Jedem die Hand, und die Boote fhrten uns zu den
Schiffen, deren Segel bald lustig der Wind blhte. Durch die Nacht, durch die
Wogen rauschte das Verderben gen Tschesme.
    Uns voran ging die Venetia, wir selbst fhrten die sterreichische Flagge
und Papiere, die uns als mit Taback beladen auswiesen, so gingen wir vor
Thimania vor Anker, whrend die Brigg nher nach Tschesme zu kreuzte, wo das
trkische Geschwader an derselben Stelle ankerte, an der, wie Dein Vater mir
sagte, unter der Moskowiten - Kaiserin Katharina der griechische Capitain
Lampros die ganze Flotte der Moslems verbrannt hatte.
    Zwei Tage lagen wir vor Thimania, der dritte war der 19. Juni, der Vorabend
des Bairamsfestes, das die Trken mit Gelag und Jubel zu feiern pflegen. So war
es auch diesmal. Als der Abend auf See und Land fank, kappten wir die Anker und
liefen auf Tschesme zu. Schon in weiter Ferne konnten wir den Jubel hren, der
von den Schiffen durch die Nacht drang, die Feuer schauen, die am Ufer brannten.
    Das Schiff, auf dem Dein Vater selbst das Steuer fhrte, war mit zwanzig
Mann besetzt, die brige Mannschaft auf die beiden andern vertheilt. Die
strengsten Befehle waren gegeben. Jeder stand auf seinem Posten.
    Am Eingang des Hafens wurden die Segel eingezogen, so lagen wir, wie der
Tiger auf seine Beute lauert, bis nach und nach auf den trkischen Schiffen
Alles verstummt war. Es war zwei Uhr nach Mitternacht, als eine Rakete von
unserm Schiff das Zeichen zum Angriff gab. In wenig Minuten flatterten alle
Segel im Winde und die drei Schiffe fuhren grade auf die Flotte hinein. Zugleich
wurde das am weitesten links in Brand gesteckt und die feurige Lohe, an dem
Tauwerk emporleckend, flammte hoch auf gegen den Nachthimmel.
    Es war ein furchtbar schnes Schauspiel, als wir das brenende, flammende
Schiff auf die dunklen Massen vor uns einstrmen sahen. Whrend ringsum sich der
Lrm der Gefahr erhob, Trommeln wirbelten, der Ruf der Fhrer die trunkene wste
Mannschaft weckte und wildes Geschrei von Bord zu Bord scholl, fuhr das Boot an
uns vorber, das die Mannschaft des entzndeten Branders trug. Sie hatten meiner
Meinung nach zu frh gezndet, ehe sie mitten zwischen den Schiffen waren, sonst
htte das Verderben noch riesiger sein mssen. Jetzt gab Caraiskakis das Signal
fr das zweite Schiff, und in wenig Augenblicken flammte seine Feuersbrunst
empor und der Brander trieb mitten zwischen zwei Linienschiffen, die in kurzer
Zeit von seinen Flammen erfat waren. Das Geheul, das Geschrei war furchtbar und
berdrhnte den Donner der von allen Seiten gelsten Schsse. Die Schiffe hieben
die Ankertaue durch und suchten das Meer zu gewinnen, eines das andere mit
vollen Lagen begrend, wenn man sich gefhrdend zu nahe kam. Vier Linienschiffe
standen in vollen Flammen, eben so mehrere kleine Fahrzeuge. Eine der brennenden
trkischen Galeeren wurde von der Siegesfahne mit einer einzigen Salve in den
Grund gebohrt, als das brennende Fahrzeug dem Admiralschiff zu nahe kam.
    Das aber war die Beute, die wir uns ausgesucht. Wie der Dieb in der Nacht
waren wir im Dunkel herangekommen, dicht an der linken Batterie des Schiffes,
ehe man uns bemerkte und anrief. Caraiskakis stand am Steuer, ich seines Winkes
gewrtig mit der brennenden Lunte an der Hauptluke, die Mannschaft mit Haken und
Seilen im Tauwerk. So fuhren wir auf, und im Nu waren die Enterhaken in dem
Strickwerk des Feindes, die Taue geknpft und eine Kette geworfen und am
Bugspriet befestigt, da wir unauflslich an dem groen Kolo hingen. Zugleich
flammte der Haufen Maisstroh empor, den ich in den Luken und unter den Wnden
des Schiffes aufgethrmt hatte. Wie ein Blitzstrahl leckte die Flamme empor und
lief an den Tauen und Segeln in die Hhe, da bald Alles ein Feuerbogen war. Die
Verwirrung, das Geschrei auf dem Schiff des Kapudana waren furchtbar. Er selbst
war ein tapferer Mann, wenn auch ein Teufel in seiner Grausamkeit. Ich sah ihn
auf der Puppe seines Schiffes stehen, wie er unerschrocken Befehle ertheilte und
die Rasenden, in Furcht Verzweifelnden antrieb, die beiden Schiffe zu lsen.
Caraiskakis und die Mannschaft waren bereits im Boot und riefen mir zu durch den
Hllenlrm ihnen zu folgen, aber ich vermochte es nicht, mein Auge, mein Herz
schien gebannt an das furchtbare Schauspiel, das sich rings um mich entwickelte.
Zwei Mal hob ich das Pistol und zwei Mal traf meine Kugel die Offiziere, die
sich an unsern Bord gewagt, um einen Versuch zum Absteuern der Schiffe zu
machen. Dann sprang ich zur hintern Luke, von der ein Znder gelegt war bis
hinunter zur Pulverkammer. Ich schien mir selbst mehr einer der hllischen
Dmonen, denn ein Mensch. Auf dem Schiff der Moslems wuchs die Verzweiflung mit
jeder Minute, Viele sprangen in das Meer, um sich zu retten, Andere, darunter
der Kapudan selbst mit eigener Hand suchten die Boote auf's Wasser zu bringen;
jede Disciplin, jeder Gehorsam waren geschwunden, - was da auf dem Schiff
athmete, und es sollen ihrer, mit den Fremden zum Fest, zweitausend zweihundert
und sechs und achtzig Seelen gewesen sein, dachte nur an die eigene Rettung.
    Da schien der Augenblick gekommen und meine Hand hielt ohne zu zucken, den
Feuerbrand an die Leitung, die zum Pulver fhrte, dann sprang ich auf der andern
Seite des Schiffes ber Bord und versank in's Meer. Noch ehe ich wieder empor
kam, hrte ich ein dumpfes Drhnen ber meinem Haupte, und als ich auftauchte
aus den Wellen, da stob und regnete es um mich her aus den Lften, Flammen und
Balken, Trmmer, brennende Segelstcke und zerbrochene Spieren. Wie durch ein
Wunder entkam ich der Gefahr, und um mich blickend, sah ich das Admiralschiff,
jetzt ein groer unrettbarer Flammenberg.
    Ich wute die Richtung unseres Bootes und schwamm darauf zu, aber es
kmmerte mich wirklich wenig, ob ich es erreichte oder nicht, so stolz war ich
in dem Gefhl der vollbrachten Rache. Doch die Hand der Heiligen war ber mir -
bald stie ich auf die Freunde, die mit Angst meiner harrten und schon, mich
verloren gebend, davon fahren wollten; nur Caraiskakis, mein Herr, war dem
Drngen nicht gewichen. Erschpft warf ich mich auf den Boden nieder und sah
nach dem in immer furchtbarerer Herrlichkeit sich entfaltenden Schauspiel
zurck, whrend wir eilig entflohen. Unntze Eil' - Niemand dachte an unsere
Verfolgung, Jeder hatte mit sich selbst genug zu thun. Nach allen Seiten stoben
die Schiffe auseinander, wie den Pestkranken die fnf Flammensulen frchtend,
welche die Nacht zum Tage erhellten. Auf zwei Linienschiffen- gelang es zwar,
den Brand zu lschen, zwei andere aber brannten bis zum Spiegel nieder, nachdem
man die Pulverkammer unter Wasser gesetzt. Rechts und links, nach allen Seiten
donnerten die Kanonen der brennenden Schiffe, die sich von selbst entluden, und
bildeten nicht die geringste Gefahr fr die Flotte. Wir waren bereits am
Ausgange des Hafens und nherten uns der Brigg, die uns erwartete, als ein
Krachen die Luft zerri, rger denn zehn Donner. Das Meer schien sich in
Flammenwogen gen Himmel zu wlzen - das Admiralschiff des Kapudana mit all'
seinen geraubten Schtzen, mit den Hunderten blutgetrnkter Mrder war in die
Luft geflogen!
    Das Zischen der Brnde, der durch die Luft fliegenden Gegenstnde, der
Erzmassen, die bis weit in's Meer hinaus niederfielen, und die tiefe unheimliche
Stille der Nacht, die urpltzlich darauf folgte - war grauenvoll. Wir Alle
lieen die Ruder fallen, schlugen ein Kreuz und beteten, dann aber brach
einstimmig ein wilder rasender Schrei durch die Luft, aus der tiefsten Tiefe der
Brust und jubelnd wurde er von den Genossen beantwortet, die bereits am Bord der
Venetia unserer harrten.
    Der Kapudan schien das Schiff erst kurz vor dem Auffliegen verlassen zu
haben, als es unrettbar sich zeigte. Ein brennender Balken hatte das Boot
getroffen und zertrmmert, das ihn zum Ufer fhrte; seine Leute brachten ihn
schwimmend dahin und legten ihn unter einem Felsen nieder - eine lebendige
Leiche, denn seine Glieder waren halb verkohlt! Dort starb er, ohne von der
Stelle gebracht werden zu knnen, am zweiten Tage unter den furchtbarsten
Schmerzen. Von der ganzen Besatzung der Siegesfahne retteten kaum Zweihundert
das Leben.
    Gott ist gerecht!
    Eine tiefe Stille war rings umher, als der Kameeltreiber seine furchtbare
Erzhlung schlo. Der Ruber, der Bandit war vergessen - nur der Held, der
Palikare stand vor ihnen, dessen Hand Chios gercht.
    Das eben ist das Eigenthmliche des griechischen Volkes, die erhabene
Opferung, das antike Heldenthum fr die Freiheit, bei der tiefen sittlichen
Versunkenheit seiner Lebensgewohnheiten und seines Thuns und Treibens! feurige
glhende Diamantenstrahlen unter dem verchtlichen Schmutz der Falschheit, des
Lasters und der Gemeinheit.
    Welland erhob sich und drckte schweigend dem Freund und dem Ruber die Hand
- dann schied er, von Mauro und einem der Mnner zurckbegleitet. Wie anders
trat ihm hier die Idee der Revolution, der Erhebung des Volks zum Kampf fr die
Freiheit entgegen, als dies frher im Vaterlande der Fall gewesen! - Ein
unheimlich beschmendes Gefhl berkam ihn bei der Erinnerung.

    Doctor Welland hatte mehrfache Grnde, die Entwickelung der Costa -
Angelegenheit abzuwarten und wollte unter allen Umstnden seinen Weg nach
Constantinopel nicht fortsetzen, ohne nochmals den Versuch gemacht zu haben,
denselben zu sprechen.
    Da Gregor bei dem, was er beschlossen, der Hilfe des Freundes bedurfte,
verschob er gleichfalls die Verfolgung des Briten bis zur gemeinschaftlichen
Abreise, die nach dem Rache des mit allen smyrnaer Verhltnissen so wohl
vertrauten Rubers mit einem der vielfach kreuzenden griechischen Handelsschiffe
geschehen sollte.
    Die Vorgnge in Smyrna hatten unterde ihren weiteren historisch
merkwrdigen Verlauf genommen. Die mehrfachen Klagen der Consuls und Gesandten
bei dem Divan ber die Unthtigkeit und Unfhigkeit des gegenwrtigen
Gouverneurs von Smyrna, Ali Pascha, hatten in Constantinopel endlich Frchte
getragen, und die Nachricht seiner Absetzung traf in Smyrna ein, vorangehend
seinem Nachfolger Ismael Pascha, der den Ruf eines energischen, zuverlssigen
und wortgetreuen Mannes geno. Das Ende des laufenden Gouvernements sollte aber
noch durch verschiedene Akte der grnzenlosen Schwche und Apathie bezeichnet
werben, welche, verbunden mit Tyrannei und Willkr, die Regierung der trkischen
Provinzen charakterisiert.
    Die Namen der Mrder des jungen Hackelberg waren bereits am anderen Morgen
in ganz Smyrna bekannt; mehrere Tage gingen sie frei und triumphirend mit ihren
Genossen durch die Straen, und als endlich der General-Consul von Weckbecker so
weit sich vor den persnlichen Gefahren gesichert hatte, um die Pflichten seines
Amtes erfllen zu knnen und von Ali Pascha die Verhaftung der Mrder verlangte,
war Fumagalli verschwunden, von Bassitsch aber verlautete, da er in Diensten
des englischen Predigers Louis sich befinde. Der erste Dragoman des Pascha begab
sich daher zur Verhaftung des Ungars zum englischen Consul, der ihm auch den
freien Zutritt in das Haus des Predigers Louis gestattete. Dieser erklrte
jedoch nach vielfach versuchten Ausreden, da sein Diener allerdings noch bei
ihm sei, aber vorgebe, unter amerikanischem Schutze zu stehen, er knne ihn also
nur dem amerikanischen Consul ausliefern. Anstatt sich nun unter allen Umstnden
des Meuchelmrders zu versichern, begab sich der Dragoman zum amerikanischen
Consul, der unbedingt Bassitsch fr einen amerikanischen Brger erklrte,
endlich aber nach vielem Hin- und Herreden seinen Kanzler Griffith zur
vorlufigen Verhaftung des Mannes mit zum Prediger Louis sandte. Dort erhielten
sie die Mitteilung, Bassitsch kleide sich eben um; als man aber dessen Zimmer
ffnete, war es leer. Herr Louis behauptete, das Verschwinden sei ihm
unerklrlich und hchst wunderbar, der Kanzler Griffith stimmte hierin ein, und
der trkische Dragoman zog sich im stolzen Bewutsein seiner Pflichterfllung
zurck.
    Auf gleiche Weise entgingen alle Betheiligten der Strafe. Fumagalli und
Bassitsch suchten auf der amerikanischen Corvette Aufnahme und Ueberfahrt nach,
Capitain Ingraham lie ihnen jedoch sagen, sein Schiff sei nicht fr
Meuchelmrder eingerichtet. Es war ein englisches Handelsschiff, die British
Queen, das sich zu ihrer Aufnahme bereit erklrte und sie vorlufig nach
England fhrte.
    Die sterreichische Brigg Hussar war unterde durch die Ankunft einer
Galeotte verstrkt worden, die sofort Befehl erhielt, sich neben die Brigg zu
legen. Die drei Schiffe ankerten gegenber dem preuischen und sterreichischen
Consulat in der Entfernung von ungefhr 800-1000 Schritt vom Lande.
    Am Morgen des 2. Juli - es war ein Sonnabend - bemerkte man pltzlich
besondere Vorbereitungen auf den Schiffen und vom amerikanischen Consulat aus
verbreitete sich die Nachricht, da es zwischen ihnen zum Kampf kommen werde.
Eine groe Menschenmenge versammelte sich sofort am Ufer und hundert Gerchte
kreuzten sich. Von dem Kanzler Griffith erfuhr endlich Welland Folgendes.
    In Folge einer am Abend von Constantinopel zugleich mit der offiziellen
Besttigung der Absetzung Ali Pascha's eingetroffenen Ordre der amerikanischen
Gesandtschaft hatte Capitain Ingraham dem Commandanten des Hussar mittelst einer
Note angezeigt, da er die sofortige Auslieferung des amerikanischen Brgers
Costa verlangen oder ihn mit Gewalt holen solle. Die Antwort des Majors Schwarz
war die eines chten Soldaten: Sein amerikanischer Kamerad mge das Holen
versuchen, das Nichtabgeben sei seine Sache, es sei denn, da ihm hierber
Ordres seiner Vorgesetzten zugingen.
    In Folge dieser Antwort sah man alsbald die Schiffe sich zum Kampf fertig
machen.
    Die Corvette zhlte ein Drittheil Kanonen und Mannschaft mehr, als die
beiden sterreichischen Schiffe, die Uebermacht war also auf ihrer Seite und
Major Schwarz traf demgem seine Anstalten. Er legte sich mglichst nahe dem
Feind und setzte seine Mannschaft in Bereitschaft, sofort bei dem ersten
Kanonenschu zu entern. Zugleich lie er den Gefangenen aus seiner Haft holen
und erklrte ihm mit mnnlichem Bedauern, da er genthigt sei, sein Schicksal
an das des Schiffes zu knpfen. Costa wurde auf dem Mitteldeck an den Mast
gebunden und eine doppelte Wache an seine Seite gestellt, die den strengen
Befehl erhielt, sobald ein Amerikaner den Bord des sterreichischen Schiffes
betreten werde, dem Ungar eine Kugel durch den Kopf zu schieen.
    Die Amerikaner, welche einsahen, da es einen Kampf auf Leben und Tod glte,
da Major Schwarz zugleich erklrt hatte, da er im Fall des Unterliegens sein
Schiff in die Luft sprengen werde, fertigten ihre Testamente aus und sandten sie
durch ein Boot an das Land.
    Hier wurden unterde die Verhandlungen eifrig betrieben. Der amerikanische
Consul hatte dem General - Consul von Weckbecker ein Ultimatum berbracht,
welches die Entscheidung auf vier Uhr Nachmittags aussetzte. Diese Frist
benutzte der preuische Consul, um zu dem trkischen Gouverneur zu eilen und
hier einen energischen Protest gegen die in einem neutralen Hafen unerhrte und
gegen alles Vlkerrecht verstoende Handlung der Amerikaner einzulegen, welche
die nahe belegenen Theile der Stadt und die Consulate mit bedeutender Gefahr
bedrohte. Ali Pascha that, als hre er jetzt erst von dem ganzen Vorgang, und
schlug vor, bei dem amerikanischen Consul zu protestiren und ihn fr alle Folgen
verantwortlich zu machen. Erst als ihm entschieden erklrt wurde, da es seine
Pflicht sei, in dem eigenen Hafen dergleichen nicht zu dulden und bewaffnet zu
interveniren, erklrte er sich bereit, denjenigen Theil zu schtzen, welcher
sich unter die Kanonen des Kastells legen wrde.
    Mehrere der Consule traten jetzt zusammen und Herr von Weckbecker willigte
darein, um unntzem Blutvergieen und der Gefahr fr die Stadt vorzubeugen, da
bis zur Erledigung des Competenzconflicts durch die beiderseitigen Regierungen
Costa dem franzsischen General-Consulat bergeben werde, das sich zu seiner
Detention innerhalb des franzsischen Lazareths bereit erklrte. Um drei Uhr
Nachmittags wurde die Convention unterzeichnet, um vier Uhr ward Costa
ausgeschifft und nach dem franzsischen, von hohen Mauern umgebenen Lazareth
gebracht. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich am Ufer und in den Straen
versammelt und begrte sein Erscheinen mit lautem Jubel, die Flchtlinge
schienen halb wahnwitzig in ihren Exclamationen und Freudenbezeugungen. Am
selben Abend fand man in einer Strae die Leiche des Schankwirths Andrea, von
vielen Dolchstichen durchbohrt.
    Nach zwei Tagen war die Haft Costa's bereits eine sehr milde und es gelang
Welland, durch Vermittelung des amerikanischen Consuls eine lngere Unterredung
mit dem Ungar zu haben, in Folge deren er den Freunden auf dem Pagus mittheilte,
da er zur Abreise bereit sei.
    Am 6. Juli fhrte sie eine griechische Barkasse nach Tenedos und Dardanelli.

                                    Funoten


1 Lange Rohrpfeife von Weichsel- oder Jasminholz. Nargileh ist die biegsame
Wasserpfeife.

2 Hauptmann der Polizeisoldaten, Khawassen.

3 Die heiligen Sttten sind Kirchen (9 an der Zahl), welche an den Orten, wo die
wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Christi vorgefallen, erbaut wurden. Der
Streit ber den Besitz derselben zwischen der rmischen und griechischen Kirche,
die von Frankreich und Ruland vertreten werden, ist sehr alt. Die von
Frankreich beanspruchen Anrechte datiren von einer im 16. Jahrhundert zwischen
Franz I. und Soliman dem Groen abgeschlossenen Capitulation, von dem
Hattischeriff von 1690 und der Capitulation von 1740; die der griechischen
Kirche grnden sich auf andere Dokumente.

4 Die Schluerklrung seiner Note, die wegen der darauf basirten spteren
Kriegsereignisse wichtig ist, lautet: Da die Verweigerung einer Brgschaft fr
die griechisch-russische Kirche der kaiserlichen Regierung in Zukunft die
Pflicht auferlege, sie in ihrer eigenen Macht zu suchen, und da der Kaiser jede
Verletzung des Status quo der griechischen Kirche als eine Verletzung des
Geistes und des Buchstabens der bestehenden Vertrge und als eine feindselige
Handlung gegen Ruland betrachten werde, welche Sr. Majestt die Pflicht
auferlege, zu Mitteln zu greifen, die er in seiner bestndigen Sorge fr die
Stabilitt des trkischen Reiches und in seiner aufrichtigen Freundschaft fr
Se. Majestt den Sultan und dessen erhabenen Vater stets gewnscht habe,
vermeiden zu knnen.

5 Mge der Leser nicht etwa in der Wahl der nachfolgenden Erzhlung eine
Parteilichkeit, eine Absicht und Tendenz erblicken. Der weitere Verlauf des
Buches wird ihm zeigen, wie weit der Verfasser von jeder einseitigen Auffassung
und Parteinahme entfernt ist und wie er seine Aufgabe darin gefunden hat, nach
beiden Seiten einen tiefen Blick auf die Hhen und Tiefen zu gewhren. Er hat
die hohe Pflicht, Wahrheit zu geben, Thatsachen, welche die Erscheinungen der
Gegenwart erlutern, und die Erzhlung, die hier vorliegt, ist eine solche
Thatsache, ein Stck Historie, das die gegenseitige Stellung der beiden Vlker
gengend charakterisiren und erlutern kann. Wer zweifelt an den Details, der
lese die englischen und franzsischen Zeitungsberichte vom Frhjahr 1822, und er
wird die Wahrheit besttigt finden. - Auf der eben beendeten groen
Kunstaustellung in Paris hat ein mit der goldenen Medaille gekrntes groes Bild
von Delacroix die Schrecken dieser Scenen, Die Massacre von Chios, mit
entsetzender Schilderung in das Gedchtni des Publikums zurckgerufen.
 D.V.

6 Das Harz der Mastixbume, das, mit Zucker versetzt, die beliebteste und in
groen Quantitten consumirte Nscherei der trkischen Frauen bildet. Auf Chios
werden berhaupt die feinsten und beliebtesten Confitren des Orients gefertigt
und in den Handel gebracht, z.B. eingemachte Rosenbltter, Geranium, Weichseln,
Limonen, Cedern, Quitten etc.

7 Silber, ungefhr 60,000 Thlr. Ein Beutel Gold gegenwrtig 10,000 Thlr.

8 Elpis, die Hoffnung, eine Abtheilung der groen Verbrderung der Hetrie,
welche sich ber alle griechisch - slavischen Vlkerschaften erstreckte und
hauptschlich die Erhebung von 1821 vorbereitete.

9 Der neugriechische Name fr das Aegeische Meer.

10 Er meint die Donau. Frst Alexander Ypsilanti, der in der russischen Armee
als General - Major diente, berschritt auf den Ruf seiner Landsleute mit
einigen hundert Mann am 6. Mrz 1821 den Pruth und erhob die Fahne des
Aufstandes in der Moldau und Walachei.

11 Im Treffen bei Dragachan (19. Juni).

12 Es ist Thatsache, da der Divan damals damit umging, die ganze griechische
Nationalitt zu vernichten. Das energische Auftreten des russischen Gesandten
Grafen Stroganoff, der am 31. Juli die diplomatischen Verbindungen aufhob und
mit der Drohung eines Krieges nach Odessa abreiste, unterbrach allein dies
Vertilgungssystem, das bereits die furchtbarsten Grausamkeiten hervorgerufen
hatte. Erst Mitte des Jahres erlangten die europischen Gesandten, namentlich
Lord Strangford, da dem Morden Einhalt gethan und die Muselmnner entwaffnet
wurden.

13 Das Oberhaupt der orientalischen Kirche wurde am Osterfeiertage in seinem
Festgewande vor der Hauptpforte seiner Kirche aufgeknpft.

14 In den ersten Tagen des April.

15 Ali Pascha von Janina, der spter von dem Pascha von Morea, Churschid Achmed,
durch Verrath besiegt und erwrgt wurde.

16 Ortsvorstnde.

17 Er wurde im Juni von der neugebildeten Regierung in Morea deswegen verbannt.

18 1822.

19 Historisch, wie berhaupt alle hier folgenden Angaben.

20 Auch Chios streitet um den Ruhm, die Geburtssttte Homer's zu sein. Auerdem
waren der tragische Dichter Jon, der zur Zeit des macedonischen Philipp lebende
Geschichtsschreiber Theopompus, der Sophist Theokrit und der Arzt Metrodorus
Eingeborene von Chios.

21 Eine historische Scene unter den tausend hnlichen jener furchtbaren
Metzelei.

22 Eine - historisch - vielfach vorgekommene Marter!

23 Ein auf dem asiatischen Ufer liegender nur durch eine Meerenge von Chios
getrennter Hafen.

24 Der Smyrna'er Spectateur oriental vom 24. Mai meldet, da bis zum 20. Mai
schon dreiigtausend Weiber und Kinder als Sclaven zollamtlich ausgefhrt waren.
- Es ist Thatsache, da von einer wohlhabenden Bevlkerung von 120000 Seelen
etwa neunhundert auf Chios zurckblieben.


                                  Die Flotten.

Troja! - welche Erinnerungen, welche Jahrtausend alte Historie knpfen sich an
diesen Namen! Wo ist der gebildete Mensch Europa's, aus dessen Jugendstudien
nicht jene sagenumgrtete Welt herberklingt, der gtterbevlkerte Olymp, die
Peloponiden, Agamemnon, des Atreus Sohn, der lanzenschwingende zornige Held; -
Aias der Telamonier; Nestor, das dritte Geschlecht der Menschen mit seiner
Weisheit beherrschend; - Diomedes, den Kampf mit den Gttern nicht scheuend; -
Odysseus mit seinen wunderbaren Fahrten, und endlich der schnellfige Achill,
unwiderstehlich in der Schlacht und furchtlos im Rath, unbndig in seinem Zorn,
mit dem er Patroklos, den geliebten Jngling, rettet, und zrtlich in der Liebe
zur schnen Sclavin Brises und der gttlichen Mutter, der Nereide.
    Und dort am meerumgrteten Strande das hohe Ilion selbst, - der mchtige
Gipfel des Ida, auf dem Paris die schne Griechin gewann und Aeneas das
Geschlecht der Dardaner beherrschte. Priamos, Hekuba, Kassandra die
Unheilverkndende und der Liebling Apollo's, der mnnerwrgende furchtbare
Hektor, wie er in banger Ahnung von Andromache scheidet zum Kampf mit dem
Peliden! Sind das nicht Namen und Erinnerungen, die jede Phantasie bewegen?
    Doch nicht allein die Erinnerungen des gebildeten Europers sind es, die
diese jetzt de Sttte bevlkern: dem ganzen Volke der Hellenen sind die Gesnge
seines groen Dichters wohl bekannt, und der niedere Grieche der Inseln, der
Matrose, der auf der Tartane das Meer durchstreift, naht mit Ehrfurcht jener
Stelle und fhlt sich in seinem Elend stolz auf die Namen der groen Vorfahren.
    Die Bucht von Troja - in der Zeitgeschichte bekannt unter dem Namen der
Besika-Bai - liegt1 nordstlich gegenber der Insel Tenedos, sich in weitem
Bogen in das kleinasiatische Ufer hineinziehend. Ein Hafen auf der Westseite der
hohen und felsigen Insel wird als derjenige bezeichnet, in dem sich die
griechischen Schiffe nach ihrem Abzug verbargen, um nach des Odysseus gelungener
List im Dunkel der Nacht zurckzukehren.
    Die Meerenge zwischen Tenedos und dem asiatischen Ufer ist an den schmlsten
Stellen etwa eine halbe deutsche Meile breit. Die Nordostseite der Bai wird von
einem breiten Landvorsprung gebildet, dessen nrdliches Ufer den Eingang der
Dardanellen beherrscht. Von der hier gelegenen kleinen, mit starken
Festungswerken versehenen Stadt Dardanelli erreicht das Auge noch die Bai.
    Alexandria Troas, von den Trken Eski Stambul genannt, liegt sdlich an der
groen Bucht und bietet noch, zum Theil mit einem Eichwald bedeckt, eine
interessante und reiche Trmmerwelt. Hunderte von Sulen sind in allen
Richtungen zerstreut um den alten Hafen, eine Reihe davon steht unter Wasser und
schumend bricht sich die Brandung an ihnen. Ungefhr zweitausend Schritt vom
Meere ab erheben sich noch die groartigen Trmmer und schnen Bogen eines
Gebudes, das die Schiffer den Palast des Priamus zu nennen pflegen. Das alte
Troja ist nordstlich von der Bucht landeinwrts gelegen, im Thal des Skamander
(Mendere). Nur wenige Erdwlle und knstliche Hgel geben dem Alterthumsforscher
hier einen Halt. Das Ufer ist am Meeresstrande flach und sanft aufsteigend. Dann
folgen waldige Anhhen, die zu einem Amphitheater von Bergen emporsteigend,
unter denen der schneebedeckte Gipfel des Ida, das Thal des alten Skamander
umkreisen.
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    Wiederum lag, von Westen gekommen, eine Kriegsflotte auf den blauen Wellen
der Trojabai, - nicht jene zwlfhundert Schiffe, die einst von den ionischen und
geischen Ksten die griechischen Helden hierhergefhrt, sondern die riesigen
hlzernen Rosse Alt-Englands, der Stolz des stolzen Grobritanniens, die khn
emporstrebende Seemacht Frankreichs, die alte Rivalin zu berflgeln drohend.
Kinder eines andern Jahrtausends, einer neuen Zeit im Schaffen und Denken! Die
riesigen Kolosse mit den drei- und vierfach bereinander starrenden Reihen von
Feuerschlnden, bewegt durch die dmonische Kraft des Dampfes oder der wallenden
Segel, boten sicher einen andern Anblick als die griechischen Schiffe vor fast
dreitausend Jahren, doch Land und Meer und Himmel und Felsen waren noch
dieselben wie damals, als sie die Achaer getragen und des Protesilaos Blut
zuerst den Sand des trojanischen Ufers frbte.
    Am 23. Juni erschien die englische Flotte auf die Ordre des britischen
Gesandten in Constantinopel, Lord Stratford de Redcliffe, unter Vice-Admiral
Dundas am Eingang der Dardanellen und warf in der Besika-Bai Anker. Sie bestand
aus zwei Dreideckern, vier Zweideckern, einer Segelfregatte und vier
Dampffregatten, nebst einigen kleinen Schiffen. - Bald darauf erschien auch die
franzsische Flotte unter Vice-Admiral La Susse und legte sich im Halbkreis
neben die englische. Sie zhlte acht Linienschiffe, darunter die prachtvollen,
das englische Schiff Sanspareil weit berragenden Schraubendampfer Napoleon und
Charlemagne, und fnf Dampffregatten.
    Das Verhltni war damals zwischen beiden Flotten durchaus kein sehr
freundschaftliches und versprach wenig fr die vielgepriesene entende cordiale
. La Susse war ein bitterer Gegner der Englnder und nur deshalb spter auf dem
Ankerplatz erschienen, um die englischen Schiffe bei ihrer Ankunft nicht
begren zu mssen. Die Stellung der beiden Admirale hatte bereits zu mehreren
Verwickelungen und zur Abberufung von La Susse gefhrt, dessen Dienstzeit
abgelaufen war. In seine Stelle ward zum Commandanten des Geschwaders der
Seeprfect von Toulon, Vice-Admiral Hamelin, ernannt.
    Auf der Rhede von Brest wurde bereits ein zweites groes Geschwader unter
Vice-Admiral Bruat ausgerstet, gleichwie die Englnder in Spithead mit
Anstrengung thtig waren.
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    Die Schiffe lagen in drei groen Gruppen am Ufer der Bai entlang vor ihren
Ankern. Einige Fregatten und kleinere Schiffe kreuzten durch die Bucht, um unter
der leichten Brise ein Segelmanver zu machen.
    Wir fhren den Leser an Bord einer der erstern, der englischen Fregatte
Niger.
    Die Mannschaft der Wache war in voller Thtigkeit beim Manvriren, denn der
erste Lieutenant verstand sie in Athem zu halten und hatte Augen fr jeden
Fehler. - Whrend er auf dem Gangweg auf- und abschritt, Takelwerk und Segel im
Auge, lehnte Capitain Warburne an der Gallerie des Hinterdecks in der Nhe des
Steuers mit einem Herrn in feiner Civilkleidung.
    Warburne war ein alter Offizier, der seine Midshipmanzeit noch im
napoleonischen Kriege gedient und langsam durch eigenes Verdienst ohne
Empfehlung und Protection seinen mhsamen Weg gemacht hatte. Mit dem Aerger
eines alten Seemannes schaute er auf die Neuerungen und Verbesserungen, die die
Zeit gebracht und die alle seine Gewohnheiten ber den Haufen zu werfen drohten.
Vor Allem waren ihm die Vorzge des Dampfes ein Gegenstand ewigen Grolls, und
die Sicherheit eines Segelschiffes ein Lieblingsthema seines Gesprches. Der
Geist des Commandirenden hatte sich so zu sagen auf die ganze Mannschaft
verbreitet, und kaum konnte es ein eigensinnigeres grberes Schiffsvolk in der
ganzen Flotte geben, sobald es mit den Mannschaften der Dampfschiffe
zusammenkam.
    Sehen Sie die franzsischen Halunken an, sagte der Capitain rgerlich,
reiten sie nicht auf ihren Ankern, als htten sie ganz Alt-England schon in der
Tasche? Ich begreife das Ministerium nicht, wie man uns hierherschicken kann, um
mit diesen Crapauds unntz in der Sonne zu braten.
    Sie sind rgerlich, Warburne, aber Sie thun Unrecht, die franzsische
Flotte zu tadeln. Ich habe mich bei den Bootfahrten berzeugt, sie befindet sich
in einem vortrefflichen Zustande, den ich unseren eigenen Schiffen wohl
wnschte. Es ist eine Schmach fr England, da unsere Flotte offenbar gegen die
franzsische zurcksteht.
    Ha, pfeifen Sie auch auf dem Winde, Maubridge, meinte grmlich der alte
Seemann. Der Teufel hole die Froschfresser mitsammt ihren Kohlenschiffen. Alle
Ehre und Reputation auf dem Meere geht zu Grunde, seit der verdammte Dampf auf
blauem Wasser regiert, wie er sich auf dem Lande mausig macht. Gott verdamm'
meine Augen, ich glaubte, ich htte etwas Besseres an Ihnen erzogen, als einen
Bewunderer der schwarzen Rauchfnge. Was ist es fr eine Kunst noch, ein Schiff
zu regieren, seit unten im Bauch der schmutzigste Maschinist den Capitain
spielen kann! Aber die Welt ndert sich; seit Sie Ihren Bruder beerbt haben und
im Unterhause sitzen, sind Sie so nrrisch wie die Andern. - Dampfschiffe statt
der ehrlichen Leinwand und die Franzosen seitlngs von uns, ohne da wir eine
ehrliche Breitseite mit ihnen tauschen drfen, Sie werden's erleben, das bringt
der Flagge mit dem Doppelkreuz kein Glck.
    Maubridge - der Mann in Civil war der Baronet, dessen Bekanntschaft wir im
Landhause zu Bournabat beim Angriff der Ruber gemacht haben - lachte.
    Sie sind und bleiben der Alte, Warburne, sagte er, und werden sich nie in
die Forderungen der Gegenwart schicken, obschon Sie deren Nutzen einleuchtend
vor Augen sehen. Passen Sie auf, es dauert nicht lange mehr, so wird Ihre alte
Fregatte abgezahlt und kommt als Wachtschiff nach Plymouth oder Spithead. Wir
sind viel zu weit hinter den Franzosen zurckgeblieben in der langen
Friedenszeit und sie haben uns in Zahl und Einrichtung der Dampfschiffe
berflgelt, gerade wie die Amerikaner.
    Ja, ja, ich seh's, die alten Eichenbalken, die so lange die britische
Flagge durch alle Meere zum Siege getragen und gefrchtet gemacht haben, werden
aus Halbsold gesetzt. Alles soll Eisen sein, Alles mit bermiger
Geschwindigkeit gehen, - nur die Befrderung eines ehrlichen Mannes geht den
Schneckengang. Es ist keine Dankbarkeit mehr in der Welt, und das rcht sich.
    Ei, Warburne, Sie thun wieder Unrecht. Sehen Sie nicht in mir das
Gegentheil? - Hab' ich nicht gleichfalls meinen jngeren Bruder in Ihre Obhut
gegeben, um einen tchtigen Seemann aus ihm zu bilden, und bin ich nicht schon
seit drei Wochen Ihr Gast und langweile mich mit Ihnen hier, blo um Ihnen meine
alte Anhnglichkeit zu zeigen, nachdem ich in Smyrna schon so viele Zeit
verloren habe?
    Der Capitain schielte ihn von der Seite an.
    Hm! Der alte Adams - den ich wegen der Einkufe in Smyrna zurcklie -
erzhlt ganz kuriose Dinge von der Weise, wie Sie Ihre Zeit verloren haben, und
da Sie wohl thaten, die Sicherheit eines britischen Kriegsschiffs zu suchen.
Hren Sie, Maubridge, ich habe Sie noch immer lieb, weil Sie ein braver Bursche
waren, der im Sturm seinen Mann stand, d'rum warne ich Sie, hten Sie sich vor
den Weiberrcken, sie sind eben so falsch wie die Franzosen und haben noch
keinem Manne Gutes gebracht.
    Sie sind ein alter Hageprunk, Warburne, und Adams ist ein Schwtzer, der
sich von einem Knaben, so hoch, hors de combat setzen lie. Aber sehen Sie, wie
jener franzsische Dampfer auf uns zukommt, es ist, als ob der Bursche uns
verhhnen wollte mit seiner Beweglichkeit.
    Warburne schaute nach der Flotte zurck. Eine der kleineren franzsischen
Dampffregatten hatte ihren Ankergrund verlassen und strich gleich einem Schwan
stattlich hinter ihrem Spiegel durch die Wellen.
    Master Hunter!
    Der erste Lieutenant kam nach Hinten.
    Sir!
    Lassen Sie geflligst das Schiff umlegen und nach Tenedos hinber halten.
Wir wollen dem franzsischen Maulaffen da nicht den Spa machen, uns in ein
Wettfahren mit ihm einzulassen.
    Sehr wohl, Sir!
    Der Lieutenant gab den Befehl an den Offizier der Wache und das Schiff nahm
seinen vernderten Cours im rechten Winkel von seinem bisherigen Lauf und schob
nach der Insel zu. - -
    Am Vorderkastell standen in mehreren Gruppen die Matrosen, die zu den
abgelsten Wachen gehrten, und schauten ber die Brstungen hinaus auf die
manvrirenden Schiffe oder hinauf zu den Segeln, die sich im frischen Landwind
blhten. Die Brise, die durch das Felsenthor der Dardanellen blst, ist oft so
stark und anhaltend, da kein Segelschiff den Eingang gewinnen kann und hufig
hunderte von Fahrzeugen Wochen lang vor der Meerenge liegen bleiben mssen, um
auf das Umsetzen oder Aufhren des Nordwindes zu warten.
    Die Matrosen waren fast durchgngig von jener Bullenbeierfigur, die den
Seeleuten Alt-Englands eigen ist. Man erkannte deutlich jedoch jene Figuren,
welche aus einem andern Lebensberuf durch Zufall oder das schmachvolle Recht der
Pressung darunter gerathen waren, obschon es ein eigenthmlicher Zug der Briten
ist, da mindestens zwei Drittheile dieser Unglcklichen nach kurzer Zeit schon
mit ihrem Loose sich ausgeshnt zeigen, alle frhern Verhltnisse vergessen und
oft die besten Seeleute werden.
    Die Hnde in den Hosentaschen, ging die vierschrtige Gestalt des
Deckmeisters Adams von einem Gangweg zum andern, mit forschendem Blick ringsum
die Ordnung prfend.
    Herunter von dem Hhnerkasten, Sir, wenn's beliebt, Master Hunter sieht
eben hierher. Warte, Hundesohn, kannst Du Deine schmutzigen Pfoten nicht wo
anders hin tragen?
    Ein Hieb mit einem Tauende aus dem Vorrath der weiten Tasche nach einem
unglcklichen Schiffsjungen, der mit einem Eimer vorberhuschte, begleitete die
Worte. Die erste Anrede war jedoch an drei junge Mnner gerichtet, die auf einem
der Vorderdeck-Hhnerkasten hockend, ber Hngemattenwandung hinausschauten.
    Sei nicht so brbeiig, Alter, wir werden Deinem Kasten kein Loch in den
Rumpf stoen. Schau', Gosset, wie sie daher kommt! Ist es nicht eine Schande,
da wir in diesem alten wurmstichigen Segelboot umherkrebsen mssen, wie ein
Hummer am Lande?
    Es ist unverantwortlich von der Krone Grobritannien, da eine
Tischgesellschaft so gescheuter und stattlicher Mid's2, wie die ganze Flotte sie
nicht zhlt, noch immer verurtheilt ist, Raen spleien, die Stagen reffen, Top-
und Vortopsegel ansetzen zu lassen, den ganzen Tag einem ersten Lieutenant zu
Diensten zu sein, je nachdem's ihm einfllt, unter doppelt oder einfach
gerefften Linnen zu segeln, kurz auf einem Segelschiff zu dienen. Hol' der
Teufel all' die Arbeit.
    Der Deckmeister rollte grimmig das Prntjen aus einer Backe in die andere
und spritzte seinen Groll mit der eklen Flssigkeit durch die nchste
Stckpforte.
    Mit Verlaub, Sir, wollen Sie jetzt von meinem Kasten herunter oder nicht?
Aus Ihnen wird im Leben kein ordentlicher Seemann werden, Master Gosset, sonst
wrden Sie nicht solches Wischiwaschi ber ein Schiff zu Markte bringen, das
hundert solche Leute aufwiegt wie Sie und Master Frank.
    Die Midshipman rumten lachend den Kasten. Es waren drei junge Burschen von
14 bis 17 Jahren, von denen der Eine groe Aehnlichkeit in den Zgen mit Sir
Maubridge auf dem Hinterkastell wies. Der Zweite, Gosset, war ein ziemlich
schmchtiger Knabe von affenartiger Beweglichkeit, whrend der Dritte und
Aelteste eine krftige Figur mit einem ziemlich gemeinen stupiden Gesicht
zeigte.
    Segel und Dampf ist die schwache Seite von Meister Adam's, grade wie beim
Capitain selbst, hhnte Gosset. Ich wette, nur unser erster Lieutenant ist
meiner Ansicht und verwnscht diesen alten Segelkasten, weil er ihn schon zwei
Mal bei der Befrderung im Stich gelassen hat. Ich quittire den Dienst, wenn man
den Niger nicht bald abtakelt.
    Vorlufig werden Sie hinunter gehen und das Verdeck rumen, Sie junger
Halunke, sagte eine strenge Stimme hinter ihm. Es war der erste Lieutenant, der
unbemerkt nach vorn gekommen. Kmmern Sie sich um Ihre eigene Carriere, die Sie
hchstens in den Mastkorb fhren wird, und danken Sie Gott, da man einen so
spindelbeinigen affengesichtigen Burschen auf Ihrer Majestt Fregatte in Dienst
genommen hat. Hinunter auf's Mitteldeck, wer nicht den Dienst von Ihnen hat.
    Die Midshipman tauchten eilig durch die Luke, denn Master Hunter verstand
keinen Spa. Auch die Matrosen rings umher drckten sich ihm aus dem Wege, oder
nahmen irgend eine Beschftigung vor. Der dritte Lieutenant, welcher die Wache
hatte, rapportirte vier Glocken. Der erste Lieutenant ging nach hinten und that
das Nmliche, und der Capitain befahl, zum Essen zu pfeifen. Der Befehl lief auf
gleiche Weise zum Hochbootsmann und der Ruf: Alle Mann zum Essen! erscholl
durch die Luken.
    Es ist dies eines der buntesten Bilder selbst auf einem englischen Schiffe.
Die Tischgesellschaften sammeln sich und nehmen ihre Pltze ein, um Heerd und
Kche drngen sich die Maate, die fr jede die Portionen in Empfang zu nehmen
haben und die schwarzen Gehilfen des Kochs haben alle Hnde voll zu thun. Der
Stewart der zweiten Kajte luft eilig hin und her, um den Tisch der Offiziere
zu besorgen, whrend der des Capitains hflich seine Einladung fr die Tafel
desselben macht, die um 3 Uhr beginnt.
    Wer it heute noch beim Capitain? fragte der Zahlmeister den Eilenben.
    Der zweite Lieutenant, Sir, und Master Duncombe, der Doctor. Auch der junge
Maubridge.
    Schn! bringen Sie dem Capitain meinen Empfehl und ich wrde erscheinen.
    Am Bord eines Schiffes weigert man sich selten, die Einladung eines
Capitains anzunehmen.
    Auf dem Hinterdeck trat der erste Lieutenant zu seinem Vorgesetzten.
    Der Dampfer hat gleichfalls gewendet, Sir, und scheint uns absichtlich
folgen zu wollen. Es ist die Veloce, Sir.
    Lassen Sie die Mannschaft ihr Essen nehmen, aber die Mittelwache in
Thtigkeit bleiben. Aendern Sie geflligst von Zeit zu Zeit den Cours und
vermeiden Sie einen Segelstrich mit dem Franzosen. Es ist offenbar, da der Narr
uns seine Schnelligkeit zeigen will.
    Der erste Lieutenant tippte an den Hut und ging, um das Commando an den
zweiten Lieutenant zu bergeben, der die Mittelwache hatte. Capitain Warburne
spazierte mit seinem Gast auf dem Deck weiter umher.
    Die Veloce3 scho unterde nher heran, stattlich und leicht, wie ein
Schwan durch die Wellen streift, einer jener schnen zierlichen Bauten, die
selbst das Auge eines britischen Seemannes entzcken mgen. Es ist bekannt
genug, da zu Ende des vorigen und zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts die
englische Marine ihre besten Schiffe den siegreichen Gefechten mit der
franzsischen Marine verdankte.
    Dicht unterm Spiegel des Niger wendete der Dampfer und scho an seinem
Backbord vorber, so da alle auf den Decks befindlichen Gruppen gegenseitig
vollstndig gesehen werden konnten.
    Wir haben die englische Fregatte bereits beschrieben; versetzen wir uns
einige Augenblicke vor der Begegnung auf das Hinterdeck des franzsischen
Dampfers.
    Alle, die beim Beginn des groen Krieges die Gelegenheit hatten, die
britischen und franzsischen Kriegsschiffe zu besuchen, sind erstaunt gewesen
ber den groen Unterschied, der sich auf den Schiffen beider Nationen
bemerklich machte, und den berwiegend vortheilhaften Eindruck, welchen die
franzsische Marine gewhrte. Whrend Offiziere und Schiffsvolk auf den
britischen Schiffen fast durchgngig etwas Steifes oder Plumpes, ja Brutales an
sich haben, und in dieser Art sich der ganze Dienst kamaschenartig regelt und
abspinnt, erscheint auf den franzsischen Schiffen Alles bei strenger Regelung
und Ordnung frisch, frei und beweglich. Es herrscht statt des drohenden
Gespenstes der neunschwnzigen Katze, welche noch immer und allein das Thier im
britischen Matrosen zhmen kann, ein natrlicher Geist anstndiger Ordnung und
Disciplin unter den franzsischen Seeleuten, der der Individualitt eines Jeden
vollen Spielraum lt. Leben und Heiterkeit, ein Scherz, ein Spa mitten im
regen Diensteifer, kurz ein gewisses point d'honneur, das nicht blo im
Bulldoggenmuth besteht, herrscht auf dem Vorderdeck eines franzsischen
Kriegsschiffs.
    Noch greller tritt der Unterschied in den beiderseitigen Offizier-Corps und
in dem Verhltni der Vorgesetzten zu den Untergebenen hervor. Wenn man
Gentleman's suchen will, so mge man sie auf dem Deck der franzsischen Schiffe
suchen, vom jngsten Aspiranten bis zum Capitain ist es Jeder unbestritten. Ohne
der Achtung und dem Range Etwas zu vergeben, herrscht zwischen den Offizieren
des Schiffes ein beraus freundlicher und kameradschaftlicher Ton. Bei den
zahlreichen Ausflgen mit den Dampfern nach Constantinopel, wie spter, als die
Flotten im Bosporus ankerten, sah man die lteren und jngsten Offiziere stets
in Gesellschaft, Arm in Arm, heiter und plaudernd und berall leicht
Bekanntschaft machend, whrend die Englnder impertinent und abgeschlossen sich
zeigten und das Schiffsvolk, jeder Ausschweifung hingegeben, sich so roh und
brutal gegen die Bevlkerung benahm, da hufig blutige Hndel daraus
entstanden. Whrend die englischen Schiffe am Bosporus lagen, wurden
thatschlich, auf Befehl des Seraskiers, alle Abende und Morgen die betrunkenen
Matrosen von den trkischen Wachen auf den Gassen aufgesammelt und in Bten am
Bord der nchsten Schiffe abgeliefert. Wir finden spter einige Scenen dieses
Treibens. - -
    Auf dem Hinter- und Vorderdeck der Veloce waren Sonnenzelte ausgespannt,
unter deren Schutz Offiziere und Mannschaft in zahlreichen Gruppen versammelt
waren. Der Capitain, ein Mann von einigen dreiig Jahren, unterhielt ein
Gesprch mit zwei Fremden, von denen der Eine die griechische Kleidung trug.
    Als wir uns in Paris trafen, Doctor, sagte er lachend und blies den Rauch
der Papiercigarre in die Luft, htten wir Beide schwerlich geglaubt, da unser
nchstes Wiedersehen am Grabe des Achilles stattfinden werde. Der Kaiser hat uns
seitdem tchtig umhergeschickt und man scheint mir auch hier Adjutantendienste
bei der Flotte aufbrden zu wollen. Wre eine Vacanz auf meinem Schiff und
htten wir hier nicht einen so lieben alten Freund, der vortrefflich mit unserem
innern und uern Menschen umzugehen wei, - er reichte freundlich dem unfern
mit mehreren Offizieren sich unterhaltenden Schiffsarzt die Hand - so liee ich
Sie wahrhaftig nicht wieder fort, am wenigsten zu dem schlimmen Geschft, das
Sie vorhaben.
    Der Mensch kommt und geht, Capitain, Sie wissen das am besten, sagte
Welland, denn er und Caraiskakis waren es, die wir am Bord der Veloce
wiedertreffen. Freilich mchte es schn sein, diese herrlichen Gewsser auf dem
Schiff eines Freundes zu durchstreifen, wenn auch die Freundschaft oder Ihre
Gte sich nur aus der Bekanntschaft im Caf Carozza herschreibt, das wir Beide
besuchten, whrend Sie im Marine-Ministerium antichambrirten. Doch freute ich
mich aufrichtig, Capitain, als ich in Dardanelli die Namen der ankernden Schiffe
erfuhr und darunter den des Ihren, nicht blo weil ich Untersttzung von Ihnen
in dem Zweck, der mich hierher fhrt, hoffte, sondern auch weil es mir Vergngen
machte, Sie wiederzusehen.
    Merci! ich wnschte, ich knnte meine Freundschaft Ihnen nur energischer
beweisen, als durch diese Kreuz- und Querfahrt hinter einem alten englischen
Segelschiff. Doch Sie wissen bereits, Doctor, die Ordres der Admiralitt sind
sehr streng und wir mssen Alles vermeiden, was irgend Veranlassung geben
knnte, die entente cordiale auch im Kleinen zu stren.
    Ich wrde unter keinen Umstnden auch weiter Ihren Beistand annehmen,
Capitain Fontain. Sie haben schon mehr als genug gethan, indem Sie uns Ihren
allgemeinen Schutz gewhren. Ich kann mir nicht denken, da wir gezwungen werden
sollten, uns wirklich um Schutz an die franzsische Ehrenhaftigkeit zu wenden,
worauf ich als Brger Frankreichs dann nicht ohne Anspruch bin.
    Und auf meine Ehre, Sie sollen ihn finden, und sollt' es mein Patent
kosten! - Da sind wir unterm Spiegel der Fregatte. Monsieur Chaleron, haben Sie
die Gte, steuerbord wenden zu lassen und an der Fregatte zu stoppen.
    Der zweite Lieutenant eilte die Treppe ber der Maschine hinauf.
    A dorit! - Halt!
    Die Fregatte schob langsam am Steuerbord des Niger entlang.
    Der franzsische Capitain stand mit dem Sprachrohr in der Hand auf den
Hngemattengittern.
    Bon jour, Herr Kamerad! Ist's Ihnen gefllig, beizulegen? ich habe Besuch
fr Sie an Bord.
    Capitain Warburne salutirte eben nicht besonders freundlich den Gru.
    Zu Diensten, Herr Capitain! Brat die Segel! Steuer umlegen!
    Die Fregatte hielt in ihrem Lauf, whrend vom franzsischen Dampfer bereits
ein Boot heruntergelassen wurde.
    Monsieur Bertaudin, Sie werden diese Herren begleiten und mit meinem Boot
auf ihre weiteren Befehle warten. Adieu, Doctor; ich hoffe, Sie zum Diner wieder
an Bord zu sehen.
    Welland und Caraiskakis, von dem Aspiranten geleitet, bestiegen das Boot und
schoben ab, whrend sich der Dampfer durch einige Raddrehungen weiter von dem
Englnder zurcklegte. Nach einigen Ruderschlgen waren sie seitlngs der
englischen Fregatte und stiegen die Schiffswand empor.
    Sir, ich habe die Ehre, Sie zu begren. Darf ich um Auskunft bitten, ob
Baronet Maubridge sich an Bord Ihrer Fregatte befindet?
    Zu Befehl!
    Sie wrden uns sehr verbinden, Sir, wollten Sie die Gte haben, ihm diese
Karte zu schicken und ihm sagen zu lassen, da wir um eine Unterredung bten.
    Master Hunter lud die Fremden ein, nher zu treten, und schickte den
nchsten Midshipman mit dem Auftrage an den Capitain.
    Der Besuch gilt Ihnen, Maubridge, sagte dieser. Wollen Sie sich meiner
Kajte bedienen, so lassen Sie die Herren dahin fhren.
    Der Baronet hatte die Karte des Doctors gesehen.
    Ich kenne den Herrn nicht, - wenn Sie erlauben, empfange ich den Besuch
hier.
    Wie Sie wollen. Fhren Sie die Herren hierher.
    Einige Augenblicke darauf betraten Welland und der Grieche das Hinterdeck.
Der Capitain lud sie ein, auf den umherstehenden Schiffesthlen Platz zu nehmen,
und trat an das Bollwerk zurck.
    Darf ich Sie bitten, mein Herr, mir zu sagen, was mir die Ehre verschafft
...?
    Wir kommen, Sie um einige Auskunft in Angelegenheiten Ihrer Gemahlin, Lady
Maubridge, zu bitten, sagte Welland laut genug, um von dem Capitain und den
Leuten am Steuer gehrt zu werden.
    Meiner Gemahlin, Sir? - Sie irren wohl! Die Stirn des Baronet frbte sich
dunkelroth.
    O nein, Sir; ich meine Lady Diona Maubridge, geborene Grivas.
    Der Baronet suchte gewaltsam seiner Verwirrung Herr zu werden.
    Ich wiederhole Ihnen, da Sie sich irren; doch bitte ich, mir zu sagen, was
oder welches Recht Sie zu der Anfrage veranlat.
    Sogleich, Sir. Mein Auftrag besteht darin, Sie im Namen der Lady Maubridge
um die Aushndigung des Ehecontracts oder einer vidimirten Abschrift zu bitten.
    Der Englnder schwieg einige Augenblicke.
    Ich mu Ihnen wiederholen, da Sie sich in Betreff einer Lady Maubridge
tuschen. Ich bin nicht verheirathet.
    Der Grieche machte eine heftige Bewegung, doch Welland legte die Hand auf
seinen Arm.
    Sie haben mir versprochen, mir die Angelegenheit zu berlassen. - Er
wandte sich wieder zu dem Baronet. Wir waren einigermaen auf diese Antwort
gefat. Doch erlauben Sie mir eine andere Frage. Sie kannten unzweifelhaft eine
junge Dame im Hause des Kaufmanns Andriarchos in Smyrna, Diona Grivas.
    Ja wohl, mein Herr.
    Was ist aus ihr geworden?
    Diese Frage ist wirklich seltsam, doch mu ich gestehen, da Sie mich
selbst verbinden wrden, wenn Sie mir ber ihr Schicksal und ihren Aufenthalt
Auskunft geben knnten.
    Die Dame wurde in der Nacht des 23. Juni aus dem Landhause des englischen
Vice-Consuls in Burnabat und aus Ihrem Schutz entfhrt, Sir Maubridge.
    Sie sind sehr gut unterrichtet, mein Herr. Um es kurz zu machen, sind Sie
etwa der Sendbote des Banditen, der in meine Wohnung einbrach, und kommen Sie,
um irgend ein Lsegeld fr das junge Mdchen zu fordern?
    Fr Lady Maubridge, Sir. Diesmal inen Sie; wir waren es selbst, welche die
Dame entfhrten.
    Wie, Sir?
    Ja wohl. Die Dame befindet sich gegenwrtig unter unserm Schutz, und in
ihrer Vertretung kommen wir hierher, um Sie ber das Schicksal derselben zu
beruhigen und die weiteren Verhandlungen mit Ihnen zu fhren.
    Ich bin nicht gewohnt, mit den Genossen von Dieben und Mrdern zu
verhandeln. Danken Sie Gott, da ich Sie nicht auf der Stelle wegen eines
Angriffs auf britisches Eigenthum und des Mordes britischer Unterthanen
verhaften lasse. Sie stehen auf diesem Schiff auf britischem Boden.
    Und unter'm Schutz eines guten Freundes da drben. Der Doctor wies kalt
nach dem franzsischen Dampfer. Was das Recht auf die Dame anbetrifft, so hat
Sir Maubridge das Beispiel der Entfhrung gegeben, und mein Freund, Herr Gregor
Caraiskakis, der Stiefbruder der Dame, konnte damals noch nicht wissen, da Sie
dieselbe bereits zu Ihrer rechtmigen Gemahlin gemacht hatten.
    Der Baronet hatte jetzt seine volle Ruhe wiedergewonnen. Um seinen Mund
zeigte sich ein kalter hochmthiger Zug, der von Zeit zu Zeit sein sonst schnes
Gesicht entstellte.
    Ah! also eine der gewhnlichen Familienpressereien, von denen ich in Smyrna
so Manches gehrt! Nun wohl, meine Herren, ich gestehe, da ich einen thrichten
Streich gemacht habe. Ihr Himmel ist hei, aber dergleichen lt sich hier
leicht in Ordnung bringen. Was verlangen Sie fr die Dame, die mich einige Zeit
mit ihrer Gunst beehrt hat und von der ich nur bedaure, da sie sich so frh
schon von mir getrennt hat.
    Sir!
    Nun ja, Sie werden denn doch nicht glauben, da Sie von einer wirklichen
Lady Maubridge sprechen. Ich bin zu jedem Ersatz bereit.
    Sie lugnen, da Sie das junge Mdchen unter dem Versprechen der Ehe
entfhrt haben? da eine Trauung oder eine diese ersetzende Ceremonie im
englischen Consulat stattgefunden hat und Diona Grivas Ihre rechtmige Gemahlin
ist?
    Was vorgefallen, Sir, darber werde ich Ihnen keine Rechenschaft geben. Das
aber mgen Sie und dieser Herr, der wahrscheinlich kein Englisch versteht und
daher die Rolle des schweigenden Bruders spielt, wissen, da ich den Anspruch
auf den Namen meiner Gattin zurckweise und sie in ihrem eigenen Interesse wohl
thun wird, eine so tolle Idee nicht weiter zu verfolgen.
    Sie weigern also bestimmt die Anerkennung.
    Ich werde mich nicht so lcherlich machen, darauf weiter einzugehen; haben
Sie Beweise, so legen Sie Ihre Klage bei dem britischen Gesandten ein. Und nun,
meine Herren ...
    Einen Augenblick noch, sagte der Grieche, indem er auf ihn zutrat. Sie
irrten, wenn Sie glaubten, ich verstnde Ihre Sprache nicht. Ich hoffe, da Sie
eben so gut die Sprache eines Mannes von Ehre verstehen werden, der Ihnen sagt,
da Baronet Maubridge wie ein ehrloser Schurke gegen ein schutzloses Mdchen
gehandelt hat!
    Sir!
    Die Willkr und das Unrecht, welche Ihre Nation dem griechischen Volk
anthut, mssen wir leider tragen, aber Gott sei Dank, noch ist der Einzelne im
Stande, das angethane Unrecht zu rchen. Ich werde Sie zwingen, meiner Schwester
den Namen zu geben, der ihr gebhrt.
    Bah!
    Bestimmen Sie Zeit und Waffen!
    Ich schlage mich mit einem griechischen Banditen nur bei einem Angriff und
Ueberfall, Sie wissen das.
    Wohl, so nehmen Sie dies als Angriff ... er hob die Hand zum Schlage, doch
Maubridge kam ihm zuvor und fate den Arm.
    Halt da - keine Beleidigung, fr die ich Sie todtschieen mte; es sollte
mir leid thun. Dieser Herr wird wahrscheinlich Ihr Secundant sein.
    Ich bin es.
    Wohl. Der meine wird Sie noch heute aufsuchen. Wo findet er Sie?
    Ich werde ihn in Tenedos im griechischen Kaffeehause am Hafen von der
nchsten Stunde ab erwarten.
    
    Well! Auf Wiedersehen.
    Er wandte sich kalt und hochmthig um und trat zu dem Capitain, der ein
stummer Zeuge der ganzen Unterredung gewesen war, inde die beiden Freunde ihr
Boot anriefen und sich entfernten.
    Sie sehen, Warburne, es ist Aussicht da, da Sie auch Ihren zweiten
Midshipman zu Gunsten einer erledigten Baronetschaft verlieren. Lassen Sie uns
zu Tische gehen.
    Sie werden doch nicht toll genug sein, sich mit dem griechischen
Landstreicher zu schlagen?
    Es wird nichts Anderes brig bleiben, da er sich unter den Schutz unserer
guten Freunde, der Franzosen, begeben zu haben scheint, und ich diesen doch
unmglich sagen lassen kann, auf Ihrem Schiff wren ein Paar Pistolenschsse
geweigert worden. Sie werden mir einen Ihrer Offiziere leihen, Warburne, denn
ich mu nun schon die Sache zu Ende bringen.
    Gott verdamm', ich hab' es Ihnen gleich gesagt, es kommt nichts Gescheutes
heraus, wo ein Weiberrock im Spiel ist. Unter uns gesagt, mein Junge, scheinen
Sie in der Geschichte auch nicht besonders viel Recht zu haben.
    Nicht das geringste, sagte der Baronet ruhig, es ist auch sehr leicht
mglich, da ich ganz anders gehandelt haben wrde, wenn die Narren mir nicht
htten Zwang anthun wollen. Die Kleine ist verteufelt hbsch und ich wrde
Aufsehen mit ihr in London gemacht haben. - Doch sprechen wir nicht mehr davon,
- die Burschen mssen ihre Lection haben.
    Der Stewart des Capitains meldete zum zweiten Mal, da angerichtet sei.

    Wo der Skamander aus dem weiten Bergthal tritt, in dessen Hintergrund der
groe Hgel liegt, den man das Grab des Achilles nennt, und sich durch die Ebene
des Ufers zum Meer schlngelt, whrend der Hitze des Sommers oft kaum so gro,
da er einen Kahn zu tragen vermag, liegen im Myrthengebsch einige jener
Sulentrmmer, die am sdlichen Ende der Bucht sich noch so massenhaft zeigen.
Hierher, um nicht zu weit entfernt von Dardanelli zu sein, hatte der Arzt das
Rendezvous fr den nchsten Morgen bestimmt.
    Als die Freunde in der besprochenen frhen Stunde dort mit ihrer Barke
eintrafen, fanden sie bereits den Baronet mit dem zweiten Lieutenant des Niger
vor, der ihm zum Secundanten diente. Der alte Matrose Adams hatte sie mit einem
Genossen hierher gerudert und betrachtete mit Neugier die Kommenden, da
Maubridge ihm mitgetheilt, da sie unter ihren Angreifern in Burnabat gewesen
waren.
    Der Baronet, theilnahmlos fr die weitern Verhandlungen, belustigte sich mit
Pistolenschieen, wobei der Deckmeister die Aufgabe hatte, die Waffen zu laden.
In dem Baronet, von dessen Character wir noch wenig gesprochen haben, lag eine
seltsame Mischung von Eigenschaften, wie sie in der britischen Nationalitt
hufig vorkommen. An und fr sich edelherzig und warmfhlend, war er mit jener
Vorliebe fr das Seltsame, Ungewhnliche ziemlich reichlich begabt, die seine
Landsleute so hufig zu den Excentrics fhrt, die in ihrer Ausartung in's
Abgeschmackte ihnen den seltsamen Ruf durch die ganze Welt verschafft haben.
Damit verband sich jedoch ein unbndiger Starrsinn, ein Eigenwille, der jede
fremde Einwirkung von Auen, selbst bei der Erkenntni des Bessern, beharrlich
zurckwies, und eine Caprice, die durch Hindernisse wach gerufen, kein Mittel
scheute, ihren Zweck durchzusetzen. Zu dem Allen gesellte sich jene gewisse
Klte und scheinbare Gleichgltigkeit, die den Briten der hhern Stnde durch
die Erziehung eingeimpft zu werden pflegt.
    Welland trat zu dem Baronet.
    Sir, sagte er ernst, erlauben Sie mir noch ein Mal, Sie daran zu
erinnern, da Ihre Handlungsweise die Ehre einer Familie trifft, deren Name und
Abkunft sich sicher mit der jedes englischen Pairs messen kann. Aber sie trifft
und bricht auch ein Herz, das in wahrer uneigenntziger Liebe an Ihnen zu hngen
scheint, und das Sie nicht das Opfer einer Handlung werden lassen drfen, von
der wir nicht wissen, ob sie Tuschung, ob sie Wahrheit war. Diona, Ihre Gattin
nach gttlichem Recht, hat mir diese Zeilen an Sie gegeben und das Versprechen
abgenommen, dieselben in Ihre Hand zu legen. Ich htte es bereits gestern
gethan, wenn die Umstnde es erlaubt.
    Der Baronet nahm das Blatt, erbrach und las es. Es schien nur wenige Zeilen
zu enthalten, die inde einen groen Eindruck auf ihn machten. Seine schne hohe
Stirn frbte sich wieder, wie bei der ersten Begegnung auf dem Schiff, mit
fliegender Rthe, und er wandte sich hastig zu dem Deutschen:
    Wo ist Diona, kann ich sie sehen?
    Sie werden es erfahren, Sir, sobald Sie meinem Freunde jenes Papier
ausgeliefert haben, das im Consulat von Smyrna unterzeichnet wurde, oder uns die
Erklrung auf Ihr Ehrenwort abgeben, da Sie die Rechte Ihrer Gattin anerkennen
wollen.
    Der Baronet bi sich in die Lippen.
    Sie tuschen sich in mir und haben selbst Ihr Spiel verdorben. Diona htte
mich besser kennen sollen. Wir wollen die Sache beenden, wegen deren wir uns
hierher bemht haben, erlauben Sie nur, da ich die Pistole entlade. Adams,
auf!
    Der Deckmeister warf eine Citrone in die Hhe, whrend sie in der Luft
schwebte, hob der Baronet blitzschnell die Pistole und scho. Die Frucht stob
auseinander.
    Welland blickte unwillig auf das prahlerische Spiel, und doch zog sich sein
Herz krampfhaft zusammen bei dem Gedanken, da das Leben des Freundes, der im
vollen Recht die Ehre seiner Familie vertheidigte, der sichern Kugel des
herzlosen Mannes verfallen sei. Er wandte sich zu dem Offizier, um die nthigen
Vorbereitungen zu treffen. Dies war bald geschehen, man whlte ein Paar
Schiffspistolen und ma die Entfernung, fnfzehn Schritt, Jeder sollte das Recht
haben, nach Belieben zu schieen.
    Als Welland den Freund auf seine Stelle geleitete, drckte dieser ihm
herzlich die Hand.
    Sollte der Himmel gegen mich sein und mir ein Unglck passiren, so werden
Sie Diona nicht verlassen und sofort an meine Brder nach Athen schreiben. Die
Adressen kennen Sie, und nun mit Gott!
    Maubridge fixirte ruhig den Griechen, es war, als wre er seines Sieges
gewi. Der Lieutenant gab das Zeichen, einige Schritte ging Caraiskakis vor,
dann scho er.
    Schiffspistolen sind eine unzuverlssige Waffe. Die wohlgezielte Kugel
streifte den linken Aermel des Baronets und einige Blutstropfen quollen aus dem
Rock.
    Schade um den Schu! sagte der Brite spttisch. Jetzt ist die Reihe an
mir, doch zuvor hren Sie einige Worte.
    Gregor stand finster vor sich blickend da, er antwortete nicht.
    Wollen Sie mir den Aufenthalt Ihrer Schwester nennen und mich das Weitere
mit ihr allein verhandeln lassen?
    Nein!
    Ueberlegen Sie wohl, ich lasse mir nicht trotzen und schulde Ihnen die
Revange fr Burnabat.
    Schieen Sie, Sir! Wenn ich zehn Leben htte, wrde ich sie an Ihre
Verfolgung setzen und nicht von Ihrer Spur weichen.
    Dann mssen wir freilich dazu thun, Sie daran zu hindern.
    Die Pistole hob sich rasch, ein Blitz zuckte, ein Knall, und Caraiskakis
drehte sich um sich selbst, ehe er fiel.
    Sie haben ihn ermordet!
    Keineswegs, ich mte denn so schlecht schieen, wie mein Gegner. Richten
Sie ihn auf, die Kugel sitzt in der linken Hfte und wird Ihren Freund wohl zwei
Monat von meinem Wege abhalten. Das gengt.
    Welland beschftigte sich mit dem Verwundeten und fand es, wie der Baronet
in seiner kalten Ruhe gesagt. Er ffnete dem Freunde die Kleider und legte einen
vorlufigen Verband an. Gregor kam dabei wieder zu sich und schaute ihm fragend
in's Gesicht.
    Beruhigen Sie sich, ich stehe Ihnen fr die Kur mit aller meiner Kunst.
    Maubridge trat heran.
    Es thut mir leid um Sie, aber Sie zwangen mich. Wollen Sie jetzt - wo Sie
selbst der Hilfe bedrfen, meine Bitte erfllen und mir den Aufenthalt Ihrer
Schwester nennen?
    Caraiskakis machte eine heftige abwehrende Bewegung.
    Sir, stren Sie meinen Freund nicht, der Verband kann leicht aufbrechen und
der neue Blutverlust wrde ihm schaden.
    Kann ich sonst Etwas fr Sie thun? Mein Boot steht zu Ihrer Disposition.
    Eine abwehrende Bewegung.
    So leben Sie wohl und warnen Sie Ihren Freund, sich nicht in meinen Weg zu
drngen. Kommen Sie, Malcolm.
    Er verbeugte sich hflich und ging nach seinem Boot, in dem Beide den Flu
eine Strecke weit hinabfuhren. Adams, der alte Matrose, ruderte sie mit seinen
Gefhrten stillschweigend fort, Maubridge sa in Gedanken, den Kopf in die Hand
gesttzt. Endlich schaute er auf.
    Nun, Alter, Du hast noch nicht einmal ein Wort fr mich, da ich so gut
davongekommen? Ist das Deine alte Anhnglichkeit?
    Der Seemann schttelte den Kopf.
    Ich habe Sie gekannt und Sie jedes Tau, jede Spiere am Bord kennen gelehrt,
als Sie ein Brschchen, lange nicht so gro, wie Ihr Bruder, waren. Aber schon
damals waren Sie ein strrisches Blut. Was haben Sie nun davon, den Bruder
niederzuschieen, nachdem Sie die Schwester unglcklich gemacht? Sie wissen
selbst, da er in seinem vollen Recht war.
    Der Baronet zog die Stirn zusammen und legte seine Hand auf die Schulter des
Matrosen.
    Du bist ein Thor und kennst mich noch eben so wenig, wie alle Andern. Aber
einen Dienst mut Du mir dennoch erzeigen. Rudert hinter jenen Felsenvorsprungs
und lat uns dort aussteigen. Wir werden den Weg ber das Land zu Fu machen.
    Das Boot scho in das Versteck. Als eine Viertelstunde darauf der Kaik
vorberfuhr, welcher den Verwundeten und seinen besorgten Freund trug, folgte
das Boot des Kriegsschiffs ihm unbemerkt in einiger Entfernung die Kste entlang
bis nach Dardanelli.
    Hier hatten die Drei im Hause eines griechischen Kaufmanns ein Unterkommen
gefunden, der mit der Familie Grivas verwandt war. Diona warf sich wehklagend
auf den Bruder und benetzte ihn mit ihren Thrnen. Nur schwer vermochte sie
Welland durch die Versicherung zu beruhigen, da keinerlei Gefahr vorhanden,
sei.
    Beide theilten sich nun in die Pflege des Bruders, doch war es Welland
auffallend, da die Griechin von Tage zu Tage schwermthiger wurde, und in sich
versunken, den Zustand des Kranken wenig beachtete. Ja, er traf sie ein Mal, als
sie weinend und aufgeregt ein Papier las, das sie bei seinem Eintreten eilig
verbarg.
    Er wollte den Freund nicht beunruhigen, dessen Genesung, nachdem die Kugel
aus dem Knochen geholt worden, langsam vorschritt, und schwieg deshalb.
    Seine Briefe hatte er zum Theil nach Constantinopel vorausgeschickt. Zwei
Wochen waren vergangen, als ihm pltzlich von dort ein Fremder, der mit dem
Dampfschiff gekommen, ein Schreiben brachte. Es enthielt nur wenige Worte, aber
mit dem geheimnivollen Zeichen, dessen Unterthan er war.
    Der Brief befahl ihm, mit dem ersten abgehenden Dampfschiff in
Constantinopel einzutreffen und machte ihm Vorwrfe wegen seiner Versumni.
Welland empfand selbst, da das lngere Verweilen in Dardanelli zwecklos war,
und nachdem er sich mit dem Freunde besprochen, fr diesen den Schutz des
franzsischen Consuls und des Capitains der Veloce gewonnen, schied er von den
Geschwistern. Sobald Gregor ganz hergestellt war, wollte er ihm nach
Constantinopel folgen. -
    Drei Tage darauf war Diona spurlos verschwunden. Caraiskakis, noch an das
Lager gefesselt, bot vergeblich alles Mgliche auf, sie zu entdecken. Selbst das
Einschreiten der franzsischen Offiziere hatte keinen Erfolg, denn Capitain
Warburne wies nach, da sein Gast bereits lange vor des Doctors Abreise sein
Schiff verlassen hatte.
    Die Ungeduld, der bittere Aerger verschlimmerten auf's Neue den Zustand
Gregor's und banden ihn an's Krankenlager, so da er nicht einmal dem Freunde
Nachricht zu geben vermochte.

                                    Funoten


1 Auf den meisten Karten falsch oder gar nicht eingezeichnet.

2 Midshipman's.

3 Wir whlen fr das Schiff absichtlich einen falschen Namen.
 D.V.


                               Guckkastenbilder.

                                   I. Berlin.

Die Madrilena rauschte; Sie warf das se entzckende Bein dem Publikum
entgegen, das in Logen und Parket, auf Gallerie und im Proscenium in einen
gelinden Wahnsinn gerieth, sich im Brava heiser schrie und sich die Hnde wund
klatschte. Blumen flogen in Masse rechts und links aus den Theaterlogen, obschon
eine arge kritische Zunge die unhfliche Bemerkung machte, da dieselben Krnze
und Bouquets schon nach dem El Ole figurirt htten. Das war jedoch pure
Verleumdung, denn der Berliner Rentier und Banquier ist vollkommen im Stande, wo
es auf seine Liebhabereien und seinen Enthusiasmus ankommt, es sich auch Etwas
kosten zu lassen.
    Die Kammerfrau sprang zu, den weichen warmen Hermelin um die Schultern der
Tnzerin zu hngen.
    Die Blumen! die Blumen? sagte diese hastig; rechts das Bouquet! Dann
floh sie in ihre Garderobe.
    Bald darauf erschien die Duegna mit den Blumen. Die Senjora, ehe sie noch
sich des Costms entledigte, siel sogleich ber dieselben her und ri die
zierlichen Bouquets auseinander, da die Blthen umherflogen.
    
    Wieder Tuschung! sagte sie, rgerlich mit dem Fue stampfend; ich sah
ihn doch in der Prosceniumsloge und bemerkte ausdrcklich, wie er mir das
Bouquet warf. O, diese Mnner!
    Es war unvorsichtig von Dir, Kind, da Du die zweihundert Thaler beim
Juwelier darauf zahltest. Ich warnte Dich gleich.
    Bah! das verstehst Du nicht. Diese Mnner in ihrem kalten eisigen Lande
sind bloe Zahlen, sie rechnen in der Liebe; es ist nicht wie bei uns, wo der
Caballero sein Letztes opfert fr das Vergngen seiner Geliebten. Fnfhundert
Thaler wren ihm gewi zu viel gewesen, so zahlte ich dem Juwelier zweihundert
im Voraus.
    Es ist aber nun bereits zwei Tage, da er den Schmuck gekauft hat.
    Und seitdem lie er sich nicht sehen. - Hre, ich mu wissen, wer die Dame
ist, die mit ihm in der Loge war. Sie hatte den Schirm vorgezogen, so da ich
sie nicht genau erkennen konnte. Geh' auf die Bhne und frage, Sennor Asher
kennt ja alle Welt. Ich werde mich allein entkleiden.
    Die Dienerin, von der Ungeduldigen fortgetrieben, verschwand. Ehe der neue
Akt begann, kehrte sie zurck; das schlaue Gesicht verrieth eine eigenthmliche
Verlegenheit.
    Nun! bringst Du Nachricht?
    Es ist seine Frau, Senjora!
    Diantre! - Dann konnte er nicht. Was hast Du noch? ich sehe Dir's an;
sprich!
    War der Schmuck nicht von Smaragden? Ohrgehnge in Glockenform und eine
Breche in Perlen?
    Ja, ja; was soll's? Du sahst ihn ja!
    Dann, mein Kind, trgt die Dame selbst den Schmuck.
    Die Tnzerin fuhr empor, als htte sie eine Natter gestochen. Sie warf den
langen Mantel ber das noch nicht befestigte Kleid und sprang aus der Garderobe.
Der Inspicient hatte bereits das Zeichen zur Rumung der Bhne gegeben.
    Monsieur Asher!
    Der Regisseur mit seiner bekannten Coulanz gegen die Damenwelt flog herbei.
    Einen Augenblicken, ich bitten Sie. Sie war schon vorn am Vorhang und
schaute eine Minute lang durch das Guckloch nach der Prosceniumsloge rechts. Es
seind gut. Lassen Sie vorfahren, ich will nach Hause.
    Hinter ihr rauschte der Vorhang in die Hhe und eine der leichten jovialen
Fadaisen, durch welche die Friedrich-Wilhelmsstdtische Bhne seit der Reaction
ihren glnzenden Ruf gemacht hat, begann. Das launische Publikum, das eben noch
dem Aufgebot alles Anmuthigen im Sinnenreiz enthusiastisch gehuldigt, jubelte
jetzt schon eben so laut der unbertrefflich trocknen und doch so gemthlichen
Komik seines Lieblings Weirauch zu, der zuerst verstanden hat, der Schrfe des
Berliner Witzes ein doch lokales Gewand von Humor umzuhangen.
    Sennora haben heute wieder ausgezeichnete Triumphe gefeiert; es war ein
kostbarer Abend.
    Vous vous trompez, Monsieur! non prcieux, mais dispendieux. - Bon soir!
    Der Wagen rollte davon. -
    Im Hotel Unter den Linden sprangen die wohlgeschulten Kellner mit den
Armleuchtern voran die Treppe hinauf zu den drei eleganten Pieen, welche die
Senjora bewohnte.
    Befehlen die gndige Frau zu soupiren?
    Nein! - Thee!
    Ein Herr wartet schon seit lngerer Zeit auf die gndige Frau und bittet um
Erlaubni, noch seine Aufwartung machen zu drfen.
    Ich empfange Niemand, wenn ich getanzt. Morgen.
    Dann soll ich die Ehre haben, der gndigen Frau dies Billet zu bergeben.
    In ihrem Boudoir warf die Tnzerin erschpft Mantel und Capuchon von sich
und setzte sich auf das Sopha.
    Willst Du den Brief nicht wenigstens ffnen?
    Gieb! eine gewhnliche Karte; diese Herren glauben, es bedrfe nur ihres
Namens, der so steif und unbeholfen klingt, da man ihn nicht aussprechen kann.
    Sie hatte das Couvert dabei erbrochen, - es lag allerdings nur eine einfache
Karte darin, aber ein Blick darauf hatte sie schnell aufmerksam gemacht und sie
zog den silbernen Leuchter herbei, um genauer darauf zu sehen.
    Vraiment! Da htte ich bald eine Dummheit begangen! Geschwind, Ines,
schelle!
    Der Kellner erschien.
    Ist der Herr noch unten?
    Ja wohl, gndige Frau.
    Ich liee bitten, in den Salon zu treten. Bestellen Sie ein Souper zu drei
Personen und serviren Sie dann zwei Couverts ...
    Die Senjora warf sich mit Hilfe der Kammerfrau schnell in eine dunkle
spanische Robe, ordnete einige Augenblicke das noch mit Blumen geschmckte Haar
und warf die Spitzenmantille kokett um den schnen Nacken; dann trat sie in den
anstoenden Salon.
    Der Herr erwartete sie bereits hier. Eine nicht groe feste Gestalt, tief in
den Dreiigen, von militairischer Haltung und etwas insolentem brskem Wesen,
das groes Selbstvertrauen verrieth. Ein starker, wohlgepflegter blonder Bart
fllte und umgab den unteren Theil des Gesichts; in den grauen Augen blitzte
eine gewisse kalte Energie und Selbstsucht. Der Fremde trug elegante
Civilkleidung, im Knopfloch das schleswig-holsteinsche Kreuz.
    Herr Major von ...........?
    Ich habe die Ehre, mich als dieser vorzustellen, Madame. Entschuldigen Sie
meinen spten Besuch; doch war ich bereits zwei Mal gestern hier, ohne das
Vergngen zu haben, die Senjora antreffen zu knnen. Madame sind von der
hiesigen kunstliebenden Welt so in Anspruch genommen, da gewi jeder Ihrer
Augenblicke besetzt ist, und ich freute mich, im Hotel zu hren, da Sie fr
heute Abend keine Einladung angenommen.
    Ach ja, ich darf ber meine Aufnahme in Berlin nicht klagen, man fetirt
mich und ich habe zahlreiche Freunde gefunden.
    Leider nur nicht in den Kreisen, in denen man es wnschte. Ihr erstes
Auftreten, Madame, gab den Ausschlag. Sie haben einen groen Kreis von
Verehrern, aber in einer andern Sphre, als in welcher Diejenigen es
beabsichtigten und hofften, - von denen Sie wissen.
    Die Spanierin errthete leicht und beugte zustimmend den Kopf.
    Aber es ist nicht meine Schuld; man ist hier so prde und ich glaubte
wenigstens das Feld behaupten zu mssen, Herr Major.
    Sie haben auch vollkommen recht gehandelt, Madame. Man hatte nur ein
falsches Calcul gemacht, man kennt und wrdigt Berlin zu wenig. Die norddeutsche
Aristokratie, die preuische Armee sind anderer Natur, als man gehofft hat, -
ich widersprach sogleich, aber man wollte den Versuch doch machen. Das
preuische Offizier-Corps, die Armee insbesondere ist ein in sich
abgeschlossenes Ganze, dessen einzelne Glieder keine Individualitten bilden,
den Leidenschaften und der Verfhrung offen. Hier ist zu sehr die Person vom
Soldaten getrennt. Der junge Mann kann vielleicht Fehler und Thorheiten begehen,
und es kommen deren genug vor, aber dieselben werden nie auf den militrischen
Geist Einflu haben. Da kann nicht eine gewhnliche sinnliche Verlockung Bresche
machen in die Phalanx, sondern nur eine groe, anregende, verfhrende Idee,
welche Spaltung in den Gemthern und Ansichten hervorbringt. In dieser Beziehung
sind bereits die nthigen Vorschlge gemacht.
    Ich verstehe Sie nicht, mein Herr, - es fehlt doch nicht an Offizieren und
vornehmen Herren unter meinen Verehrern.
    Ich wei, ich wei! Aber das ist Nichts, - junge Elegants, die der Mode
huldigen und das Extravagante lieben, aber nie Ihnen Einflu auf ihre blinden
Gesinnungen gestatten werden. Auch die nordische Aristokratie ist zu exclusiv
fr solche persnliche Verfhrungen. Der jngere Theil gehrt ohnehin
grtentheils dem Militairstande, und die Aelteren, die von Bedeutung sind,
haben eine Tradition und zu viel kaltes Blut, um einer Tnzerin zu Fen zu
liegen. Die Verhltnisse selbst haben Sie, Madame, auf den Boden gefhrt, wo
allein Sie in Berlin glnzen und herrschen knnen, zu unserer blasirten
Finanzwelt, der Eitelkeit der Brse und dem Enthusiasmus des pflastertretenden
Rentiers.
    Senjor, ich begreife nicht ...
    Der Major lachte leise.
    Sein Sie nicht bse, ich will Ihnen keineswegs Ihre Triumphe schmlern. Sie
sind das Entzcken aller wichtigen Leute, die in Berlin den Ton angeben, bis hin
und wieder einmal ein ernster Wellenschlag der Zeit ihre Meinung auf die
gehrige Nullitt reduzirt. Diese sen Formen, diese nie geschauten
Hftenknste verzcken eine Klasse bis in den dritten Himmel, welche in Berlin
allmchtig geworden und in allen Branchen dominirt, die selbst den Pietismus von
seinem Throne gedrngt hat, ich meine das vergoldete und vergesellschaftete
Judenthum. Aber das gehrt ohnehin zum Liberalismus und zur Opposition, so lange
es keine Opfer und keine Gefahr gilt. Sind Sie nicht auch das Entzcken der
Kritik, so weit es eine solche in Berlin giebt? Freilich ist das, mit wenigen
isolirten Ausnahmen, die jmmerlichste Gesellschaft, die existiren kann, und
jedes Anspruchs auf Beachtung baar. Aber alle diese Triumphe, Madame, so
schmeichelhaft und angenehm sie auch fr Sie sind, ntzen unseren Zwecken Nichts
und werden - so viel ich diesen Enthusiasmus veranschlagen kann - auch nur
schlecht Ihre Kasse und Ihre Toilette fllen.
    Die Spanierin zuckte verchtlich mit dem Munde.
    Ich habe mir allerdings Anderes von Berlin vorgestellt. Bouquets! Bouquets!
Denken Sie, da neulich ein - vornehmer Herr sich zum Souper einlud und fr sein
Couvert einen Fnfzig-Thalerschein zurcklie!
    Sie gedachte der Niederlage, die sie noch am Abend erlitten.
    Ich kenne die berliner Renommagen, man verschwendet hier nur mit Worten.
Wenn ich Ihnen rathen darf, Madame, gehen Sie nach Wien, nach Prag, nach Pesth -
da ist ein glcklicherer Boden, als die norddeutschen Residenzen. Freilich haben
sich seit Achtundvierzig dort auch die Verhltnisse gendert, aber es ist noch
immer reiche Empfnglichkeit da von Oben herab. So tapfer die Armee ist, so ist
sie doch aus zu vielen Ingredienzien zusammengesetzt, um in den Personen nicht
zugnglich zu sein. Es giebt unabhngig von ihr einen lebenslustigen Adel. Sie
werden, wo Sie hier Verehrung und Huldigung fanden, dort Begeisterung und
Aufopferung haben und Mnner finden, die Leidenschaft genug besitzen, sich zu
ruiniren. Ihr Ruf ist jetzt begrndet und Ihnen vorangegangen.
    Die Tnzerin wiegte schlau das Haupt.
    Ich habe bereits meinem Agenten Auftrag gegeben, fr mich in Wien und Pesth
abzuschlieen. In acht Tagen trete ich auf.
    Ah schn! ich sehe, wir verstehen uns. Ich werde dafr sorgen, da Sie in
Wien Empfehlungen vorfinden, die Ihnen mehr ntzen, als die hiesigen. A propos!
Sie zhlen doch noch hier zu Ihren Verehrern den jungen Baron H ..... und Herrn
von M ....?
    Die Herren machen mir ihren Besuch und sind alle Abend im Theater, - aber
sie sind so jung ...
    Es handelt sich nur um eine Geflligkeit. Auch interessiren sie mich
weniger, als ihre Vter und Verwandten, die, wie Sie vielleicht wissen,
besondere Stellungen bei Hofe haben. Ich besitze da zwei Schtzlinge, zwei arme
Bedienten, die unverschuldet auer Brot gekommen sind und neue Condition in
vornehmen Husern suchen. In den Familien der gedachten Herren sollen nun zwei
Dienerstellen vacant sein; Sie wrden mich sehr verbinden, wenn Sie meine
Schtzlinge wie zufllig Ihren Verehrern, Jedem einen, empfehlen wollten.
    Der Major hatte seinen Wunsch mit mglichster Gleichgltigkeit hingeworfen,
der schlauen Tnzerin jedoch entging es nicht, da das gerade die Pointe seines
Besuches war, und um sich fr die frheren kleinen Zweifel in die Macht ihrer
Reize zu rchen, schaute sie ihm fest in's Gesicht und fragte:
    Ist dies ein Auftrag der unbekannten Beschtzer, denen ich zu gehorchen
habe, Senior?
    Der Major bi sich auf die Lippen.
    Sie haben aus dem Zeichen aus meiner Karte gesehen, da ich nicht aus
Galanterie Ihnen meinen Besuch mache, Madame; weiter wird mir dies in Ihren
Augen Vollmacht geben - er nahm aus seiner Brieftasche ein seines schwarzes
Kreuz von jener Form, dir wir bereits mehrfach erwhnt haben, mit fnf
Silberstiften geziert - und ich bitte Sie daher, das, was ich Ihnen vorhin in
Bezug auf Wien und Pesth sagte, als aus gleicher Quelle kommend anzusehen. In
Betreff der beiden Diener werden Sie die Empfehlung so wie zufllig bei den
bezeichneten Herren anbringen; Sie werden sagen, diese Leute wren dienstlos,
Sie htten im Hotel davon sprechen hren und dieselben htten bei Ihnen in
Dienst treten wollen, oder was Ihr Witz Ihnen sonst eingiebt. Morgen frh werden
sich beide Diener bei Ihnen vorstellen; mit guten Attesten sind sie reichlich
versehen, so da sie Ihrer Empfehlung Ehre machen werden. Und nun, Madame,
erlauben Sie mir, Ihnen das Vergngen auszudrcken, bei dieser Gelegenheit die
persnliche Bekanntschaft der gefeierten Schnheit des Tages gemacht zu haben
und mich Ihnen zu empfehlen.
    Wie, Senjor, Sie wollen schon fort? ich hoffte, Sie wrden mir die Ehre
erzeigen, mit mir zu soupiren.
    Ich wei das Glck zu schtzen, Madame, aber meine Geschfte nehmen mich
noch in Anspruch. Ich hoffe, Sie wiederzusehen; ist es nicht hier, doch spter
an einem anderen Ort Ihrer Triumphe. Leben Sie wohl, Senjora.
    Er empfahl sich, und whrend die schne Spanierin sich nachsinnend in die
Ecke ihres Sopha's kauerte, schritt er rasch die Linden entlang, unter denen
noch reges frhliches Leben herrschte, nach dem Brandenburger Thore zu. -
    Nachdem der Major seinen Weg durch verschiedene Straen und Hintergassen
genommen und vielleicht dreifach gemacht hatte, wie als wolle er jeder
Beobachtung entgehen, blieb er vor einer niedern Gartenmauer stehen, zog einen
Schlssel hervor und ffnete die schlecht verwahrte Hinterthr. Dann schritt er
durch die hohen Laubgnge und Parkanlagen bis in die Nhe des Vorderhauses,
eines mchtigen stolzen Gebudes von aristokratischem Typus, das sich vor ihm in
die Nachtluft erhob. Aus dem groen Fenster des ersten Stockwerks im
Seitenflgel, dem einzigen, das nach dem Garten heraussah, schimmerte durch die
Gardinen ein ruhiges Licht. Nach aufmerksamem Umherlauschen und Schauen pfiff
der Major leise aber scharf einige Takte und sogleich erschien der Schatten
einer weiblichen Gestalt an dem offenen Fenster, die Vorhnge wurden fortgezogen
und eine Dame lehnte sich heraus.
    Bist Du es, Ferdinand? Ist Alles sicher?
    Wenn Du oben unbehindert bist, so komm.
    Einige Augenblicke darauf verschwand das Licht, aus dem Fenster rollte, die
dunkle Epheubekleidung der Mauer entlang, eine kurze Strickleiter von schwarzer
Seide herunter, und die Dame schwang sich khn und mit der Sicherheit der
Gewohnheit ber die Fensterbrstung und stieg auf den schwanken Schlingen
herunter, wo sie der Erwartende in seinen Armen auffing und mit einem Ku
begrte.
    Ich glaubte schon, Du wrdest nicht kommen, Ferdinand, sagte die junge
Dame, eine hohe schlanke Figur im dunklen Capuchon und in ein weites kostbares
Shawltuch gehllt; es war so spt und ich hatte mich lngst freigemacht.
    Es ist eilf Uhr vorbei, Marie, und ich habe Dir oft schon gesagt, da die
frhe Stunde uns leicht verderblich werden kann. Ueberdies hatte ich dringende
Abhaltung. Doch nun komm'.
    Er verbarg vorsichtig das Ende der Strickleiter in den Epheuranken und
fhrte dann die Dame, die sich zrtlich an ihn schmiegte, weiter hinein in die
dunklen Bosquets des Gartens bis zu einer Bank unter hohen Ulmen und Kastanien,
wo er sie niedersitzen lie.
    Wie, werden wir heute nicht zu unserm kleinen Engel gehen, Du versprachst
es mir doch das letzte Mal, Ferdinand?
    Du sollst ihn sehen, gewi, Marie, aber ich wiederhole Dir, es ist noch zu
frh, die Straen sind noch zu belebt. Ueberdies habe ich Einiges mit Dir zu
sprechen. Hre mich ruhig an, ich bitte Dich, Marie.
    Sie setzte sich dicht an ihn, Hand in Hand, den andern Arm um ihn
geschlungen und blickte ihm zrtlich in das harte stolze Auge. -
    Du weit, Marie, und wir haben es hundert Mal besprochen, da unter den
jetzigen Verhltnissen keine Aussicht und Hoffnung fr uns ist. Das Glck hat
uns besonders wohlgewollt, da wir vor dem Auge Deines Vaters und Bruders Deine
Schwangerschaft zu verbergen vermochten, ihre hufige Abwesenheit und Dein
Aufenthalt auf dem Lande halfen uns dazu Du verlangtest, da das Kind in Deine
Nhe komme, und es ist geschehen. Aber was soll weiter werden? Du weit, da ich
nicht einmal Zutritt in Deiner stolzen Familie habe, meiner offen
ausgesprochenen Ansichten und meines Bruchs mit dem Herzog wegen.
    Hast Du nicht meine Liebe, Ferdinand? Warum auch bist Du, der doch selbst
von Adel, ein solcher Gegner aller seiner Rechte und Interessen, ein
Vertheidiger des Pbels und seiner Zgellosigkeit? Mein Gott, wie kannst Du mit
solchen Leuten umgehen, die auf zehn Schritt nach dem Handwerk riechen, zu dem
sie geboren sind!
    Der Major schien widrig berhrt.
    La uns nicht mehr streiten, Marie, ber Dinge, ber die wir uns doch nie
einigen werden. Es ist leider eine traurige Wahrheit, da die Lection von
Achtundvierzig und Neunundvierzig in Berlin nur dazu genutzt hat, den Adel
vorsichtiger im Aeuern, aber desto exclusiver und hochmthiger unter sich zu
machen, und im Brgerstand die Zahl der Heuchler zu vermehren. Gehe hin und
frage, welcher Dank denn den sogenannten Getreuen geworden ist, und ob sie nicht
berall zurckgedrngt sind von der speculativen Geheimerathsdemotratie? -
Mnnern wie ich kann man freilich die beiden Jahre nicht vergessen und ich will
sie auch nicht vergessen haben, denn sie sind das Feld meiner und unser Aller
Zukunft. Aber diese untergeordnete Lage, diese Unthtigkeit ertrage ich nicht
lnger. Die Wogen der Zeit brausen vom Sturm bewegt und ein khner Pilot kann da
sein Schiff an's Ziel steuern. Den Mann ohne Dienst und Ruf wrden die Deinen
mit Hohn zurckweisen, dem General, dem Mann von Macht und Bedeutung, wird die
stolzeste Familie dieses Preuens, das vielleicht an der Schwelle seiner
bittersten Demthigung steht, Frau und Kind nicht zu verweigern wagen.
    Was sinnst Du, Ferdinand, was beabsichtigst Du?
    La das, frage mich nicht, ehe ein halbes Jahr vergeht, wirst Du wissen,
was ich meine. Diesen Winter noch bleibe ich in Berlin, das Frhjahr schon fhrt
mich zu einem meiner Kraft entsprechenden Wirkungskreis. Ich wollte Dich
berhaupt nur auf die Trennung vorbereiten, da sie mglicher Weise ber Nacht
kommen kann. Doch es ist Zeit jetzt, da wir aufbrechen, die Straen sind ruhig,
komm'.
    Er hllte sie sorgsam in das weite Tuch und fhrte sie durch das Pfrtchen
aus dem Garten. Durch die einsamen Wege an den Stadtmauern entlang und den
Thiergarten gelangten sie in die neuen Stadttheile jenseits der Spree, nach dem
Neuen und Oranienburger Thor hin. Hier in einer der Querstraen blieben sie vor
einem ansehnlichen Hause stehen, und der Major klopfte an ein Fenster des
Kellergeschosses, in dem Alles dunkel und still war. Aber er klopfte lange
vergeblich, Nichts rhrte sich, nur ein heiserer Kinderhusten und ein stilles
Weinen drang von Zeit zu Zeit hervor und erfllte jedes Mal die Dame mit
Schauern.
    Muth, Marie, Du mut einige Augenblicke hier verweilen, das Weib in
offenbar nicht zu Hause, aber ich wei, wo sie zu finden ist. Stelle Dich hier
in den Schatten des Thrvorsprungs, gleich bin ich wieder bei Dir.
    Kann ich Dich nicht besser begleiten?
    Nein, sagte er hart, das ist Nichts fr Dich!
    Im Grunde war es freundlich von ihm gemeint, er wollte der Armen einen ihr
Mutterherz mit den bngsten Besorgnissen erfllenden Anblick ersparen. Er
verlie sie darum rasch und ging um die nchste Ecke und rasch eine weitere
Querstrae entlang, bis ihm aus dem Sousterrain eines kleinen Hauses in wster
Lrmen, untermischt mit den Tnen einer Ziehharmonika und einer kratzenden
Geige, entgegenklang, welche eine beliebte Polka in berraschem Takt abspielten.
Es war eine jener Kneipen, wie es in den Vorstdten, ja selbst in den innern
Stadttheilen Berlins unter den zahllosen Kellerboutiken noch viele giebt, und
die von der Hefe des Volkes fr ihre Festlichkeiten und Orgien benutzt werden,
ohne da die Polizei dergleichen eben der Gelegenheitsursachen wegen gnzlich zu
verhindern vermag.
    In der Nhe fand der Major den Nachtwchter auf einer Thrschwelle sitzen
und nach der Musik hinhorchen.
    Da geht's lustig her, Herr; das Volk wird Einen bis zum Morgen in Athem
halten!
    Wollt Ihr ein Trinkgeld verdienen, Mann?
    Warum das nicht, Herr, der Magistrat bezahlt ohnehin knapp und hier hat
Jedermann seinen Hausschlssel.
    So seht nach, ob in jener Kneipe sich eine Frau Mllendorfer befindet aus
der .... strae, und bittet sie, einen Augenblick heraus zu kommen. Ich wei,
sie geht hufig hierher.
    Ach, die Engelmacherin? versteht sich, ist die drinnen. Die ist Stammgast.
    Wie nennt Ihr sie?
    Nun, die Engelmacherin, Herr. In's Gesicht mag ich sie freilich nicht so
heien, denn das Weibsstck hat eine gottvergessene Zunge, aber das ganze
Viertel kennt sie unter dem Namen und der Himmel wei es, ich glaube, sie
verdient ihn. Die Charit da drben liefert im Vergleich nicht so viel Leichen
zum Gottesacker, als die Mllendorfer; aber die Kinderhecke bei ihr wird nicht
leer.
    Der Major schauderte und winkte stillschweigend den Wchter hinunter. Dieser
ging und als bald darauf der Tanz aufhrte, ffnete sich die Kellerthr und ein
groes Frauenzimmer keuchte die Stufen herauf und schaute sich mit einigen
lsterlichen Redensarten um, wer sie um diese Zeit wohl in ihrem Vergngen
stre.
    Es war, wie erwhnt, eine Frau von groer, ziemlich robuster Statur und
wohlgenhrt, etwa vierzig Jahre alt. Sie war mit einem grnen Merinokleide und
darber kreuzweis gebunden einem alten gelbseidenen Shawl, bekleidet, auf dem
Kopfe trug sie stark in Unordnung und schief sitzend eine Tllhaube mit
hochrothem fliegendem Bande, doch hing das Haar unordentlich darunter her,
berhaupt hatte der ganze Anzug ein wstes zerzaustes Ansehen. Dieser Charakter
sprach sich auch in dem Gesicht des Weibes aus, das gemein und sinnlich vom Tanz
und starken Getrnken erhitzt, eine fast kupferne Farbe zeigte.
    Tausend Schwerenoth, wat is denn des fr ene Jeschichte, des man nich e Mal
in der Nacht sein Bisken Vergngen haben kann, sagte das Weib in niederm
Dialekt, sich von der Stirn den Schwei trocknend, schreien die verfl .....
Beesters schon wieder, da die Nachbarschaft rebellersch wird! - Na wart't, ich
will sie ...
    Die ernste Stimme des Majors unterbrach ihr widriges Keifen.
    Ich wollte Sie auf einen Augenblick sprechen, Frau Mllendorfer. Es ist
eine Dame bei mir, die Ihr Pflegekind zu sehen wnscht, und wir haben nur spt
am Abend Zeit, darum lie ich Sie von dem Ort herausrufen, wo Sie mir selbst
sagten, da ich Sie in solchen Fllen finden wrde.
    Das Weib erkannte den Redner schnell und nderte im Nu ihr Benehmen zu einer
kriechenden Freundlichkeit, die um so widriger war, als sie dazwischen nicht
ganz den Rausch zu verbergen vermochte, der sie bereite halb erfat hatte.
    Ach, der gndige Herr, sagte sie mit einem tiefen Knix. Bitte recht sehr,
ick stehe gleich zu Diensten. Glauben Sie ja nicht, da ick den lieben Engel
drum vernachlssigt htte, i Gott bewahre, der liegt gut eingepackt in seiner
Wiege ganz aparte von den andern. Sie wissen, gndiger Herr, unsereins mu doch
auch manchmal en Vergngen haben, wenn man so kmmerlich sich durch die Welt
schlgt, und die lange Guste, meine Nichte, hlt heute Hochzeit, das S ..... hat
richtig noch Eenen erwischt.
    So schwatzend, lief sie mit manchem Fehltritt neben dem Herrn her bis zu
ihrer Wohnung, wo der Major die zitternde Geliebte aus ihrem Versteck holte und
an seinen Arm nahm.
    Vorsicht, Marie, ich bitte Dich und halte Dein Gesicht verhllt. Du trgst
doch den Schleier unter dem Capuchon?
    Sie prete, in Aufregung zitternd, bejahend seinen Arm.
    Gleich, gndige Frau, gleich sollen Sie das allerliebste Krabbelchen sehen.
Kommen Sie nur mich nach, ich will gleich Licht machen.
    Die Frau hatte die Hausthr aufgeschlossen und zog das Paar in den dunklen
Flur, von wo ein zweiter Eingang zu ihrer Kellerwohnung hinunterging. Nach
einigem Umhertappen und mehreren halbleisen, zwischen den hflichen Redensarten
gemurmelten Verwnschungen gelang es ihr, Licht zu machen. Der Major und die
junge Dame befanden sich in einem Keller, dessen vorderer Raum zum Grnzeug- und
Gemse-Laden diente. Fsser, Btten und Krbe standen in wster Unordnung umher,
im Hintergrund einige zerbrochene Mbeln und ein groer Waschkorb, aus dem jenes
Husten und Wimmern herkam. Die Dame wollte unwillkrlich dahin, doch das Weib
trat ihr mit der angezndeten Oellampe in den Weg.
    Oh, nich dahin, gndiges Madamken, das ist nur en armer Balg, die Mutter
ist en Dienstmdken, die sich gleich wieder vermiethen mute. Es hat en Bisken
die Masern, und wenn des kleene Jeschpf druf geht, na lieber Gott, es is ooch
keen so groes Unglcke. Ick kriege blo anderthalb Dhaler fr den Wurm alle
Monate und da is freilich nich viel zu machen.
    Mein Kind! mein Kind!
    Sein Sie ganz ruhig, Gndige, darum hab' ick eben das Wurm hier abgesperrt,
da er nur die andern nich ansticht. Kommen Sie hier herein - stoen Sie nich!
    Sie ffnete eine Seitenthr, die zu einer niedrigen, aber ziemlich
gerumigen Kellerstube fhrte, ganz im Geschmack dieser Klasse aufgeputzt. An
der gegenber liegenden Wand stand ein groes breites Himmelbett, in dem ein
etwa eilfjhriges Mdchen schlafend lag, die Tochter der Frau. Rechts zwischen
den Fenstern die Kommode mit den Glsern und Kaffeetassen auf der aus bunten
Zeugcareaus genhten Decke, an der Hinterwand der Kleiderschrank und ein groer,
bequemer und weichgepolsterter Sorgenstuhl vor dem Tisch. In der Ecke hinter der
Thr endlich war eine Art von Pritsche oder kurzem breitem Bett, mit alten
Decken, einigen schlechten Bettstcken und dergleichen gefllt, und hier lagen,
als der Lichtschein darauf fiel, nicht weniger als fnf Kinder von dem zartesten
Alter von kaum einigen Wochen an bis zu etwa drei bis vier Jahren; drftige
kleine Gesichtchen, denen das Elend und der Mangel an wahrer Pflege aus den
hohlen Augen und den magern nackten Gliederchen sah, als der Schein des Lichtes,
das ihre Versorgerin jetzt angezndet und auf den Tisch gestellt hatte, durch
die Schatten des niedern, dumpfen und ungesunden Gemaches auf sie fiel.
    Neben dem Himmelbett an der Wand stand eine Wiege von Kiefernholz, rothbraun
gebeizt, deren Betten von etwas reinlicherem Ansehen waren, als das allgemeine
Lager der unglcklichen Frchte leichtsinniger Stunden oder trauriger
Verhltnisse. Ein Rohrgeflecht mit alter Leinwand berzogen, berspannte das
Kopfende der Wiege.
    Auf diese, vom mtterlichen Instinkt getrieben, strzte die junge Dame zu
und warf sich vor ihr auf die Kniee. Ein junges, etwa fnf Monate altes Kind mit
einem Engelgesichtchen lag schlafend darin. Der Major war ihr gefolgt, auch das
Weib mit der Lampe, deren Schein sie mit der Hand verhllte, whrend sie ihn in
gemeiner Neugier immer so zu wenden suchte, da er das Gesicht der durch Kapuze
und Schleier Verhllten treffen sollte. -
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    Wir mssen einige Augenblicke in der Erzhlung inne halten, um wenige Worte
dem traurigen Verhltni im Allgemeinen zu widmen, das sie uns vorgefhrt hat.
    Es giebt in Berlin eine ganze Klasse von Frauen der unteren Stnde, die den
Namen Haltefrauen fhren und ihren Lebensunterhalt dann finden, da sie mit
obrigkeitlicher Genehmigung verlassene Kinder vom zartesten Alter, oft von ihrer
Geburt an, gegen ein Entgelt in Pflege nehmen. Diese Kinder sind entweder
solche, welche die Armenpflege der Commune die Pflicht hat, unterzubringen, oder
jene armen Geschpfe, deren erstes Lcheln an die Welt mit Thrnen begrt wird,
Kinder der Ueppigkeit, der Verfhrung, des Augenblicks, der Schuld und der
Liebe, - arme kleine Wesen, deren Dasein nach kurzem Rausch meist mit
unsglicher Angst, mit unbeschreiblichen Schmerzen und Demthigungen erkauft
wird, - arme zarte Kinder, die von der Natur den gleichen heiligen Anspruch an
die Sorge und Pflege der Mutter haben, und von der brgerlichen Gesellschaft
doch mit Gewalt von der Brust dieser Mutter gerissen werden zu einem Kampf -
sie, die Unmndigen, Kraftlosen - um Leben und Dasein mit der Barmherzigkeit
oder vielmehr der Unbarmherzigkeit und dem Eigennutz Fremder.
    Es ist unvermeidlich, - wir wollen nicht sagen natrlich, da in einer Stadt
von fast einer halben Million Einwohnern, in der namentlich Massen junger
unverheiratheter und noch heirathsunfhiger Personen zusammengedrngt sind, die
unehelichen Kinder sehr zahlreich sind. In Berlin die Schuld auf eines oder das
andere Geschlecht zu werfen, ist sehr schwer, die Verfhrung ist offenbar gro,
aber auch die Raffinerie von der anderen Seite war bei der frheren, jetzt
genderten Gesetzgebung ein frmliches Gewerbe. Dennoch lie sich noch immer zur
Ehre der menschlichen Gesellschaft und der allgemeinen Moralitt annehmen, da
mindestens die Hlfte dieser armen unschuldigen Wesen die Frucht unbewachter
wirklicher Neigung und schwacher, nicht grade verbrecherischer Stunden ist. - In
vielen Fllen erlauben es, ist das Unglck geschehen, die Verhltnisse und
Einrichtungen der brgerlichen Gesellschaft nun einmal nicht, da die armen
Kleinen die Pflege der Mtter genieen. Gehren diese den hheren Stnden, - und
der Fall ist hier fter, als die Welt erfhrt, - so suchen sie eben den
geschehenen Fehltritt aus alle Weise zu verbergen und das Kind von seiner Geburt
an auer dem Kreise ihres gewhnlichen Lebens zu halten. Gehren sie den unteren
Klassen, Nhterinnen, Dienstmdchen, die von ihrer Hnde Arbeit leben, denen die
Zeit das tgliche Brot ist, so sind diese schon um ihrer selbst und des Kindes
willen gezwungen, dasselbe sofort in fremde Hnde zu geben, um nur mglichst
schnell zum Erwerb wieder zurckkehren zu knnen.
    Wir haben bereits erwhnt, da eine groe Anzahl von Frauen sich mit der
Aufnahme und Haltung dieser Kinder beschftigt. - Auch mit der Pflege - mit der
Aufziehung? -
    Es giebt unstreitig unter diesen Frauen viele brave, rechtliche, die ihre
Armuth redlich mit den bernommenen Pfleglingen theilen, die nach besten Krften
und Wissen ihre Pflichten lsen. Aber auch die Beste unter ihnen ist noch immer
keine Mutter, und fhren wir die Sache auf die Grundidee zurck, so ist diese
doch immer die Speculation: jene Frauen wollen und mssen sich und ihre Familien
von diesen Pfleglingen ernhren. Was diesen entzogen wird, kommt ihnen zu Gute.
Haben sie - wie meist der Fall, - noch Nebenbeschftigungen, so knnen sie sich
unmglich so um die Kleinen kmmern, wie deren Wohlfahrt es verlangt; ist es
nicht der Fall, so leben sie eben speciell nur von ihnen, und die Vergtigungen,
die fr den Unterhalt gezahlt werden - 3, ja bis 11/2 Thaler monatlich, - sind
sprlich genug, um schon fr die Bedrfnisse des Kindes nicht hinzureichen.
Kinder, fr die ber drei Thaler gezahlt wird, werden schon als sogenannte
fette Kinder betrachtet und den Inhaberinnen viel beneidet.
    Ueber den Trunkenen und den Kindern wacht ein Engel, da sie zu keinem
Schaden kommen! - so lautet das Sprchwort und der Glauben des Volkes. Und in
Wahrheit wachen die Engel des Herrn ber der Kinderwelt mit besonderem Schutz,
wie wre es sonst mglich, da auch nur der zehnte Theil jener Kleinen, die der
sorgfltigsten elterlichen Aufmerksamkeit genieen, gro wchse, wie viel mehr
jener Armen, die von ihrer Geburt aus dem Zufall, ja der Feindseligkeit Preis
gegeben sind.
    Die Kinder sind die Lieblinge Gottes!
    Doch die natrlichen Gesetze, nach denen Zeit und Leben geregelt sind, haben
ihren unvernderten Lauf. So ist denn die Zahl der Kinder auch, die aus Mangel
an Pflege und Liebe in ihrer zartesten Jugend zu Grunde gehen, nach den
statistischen Uebersichten der Todesflle sehr bedeutend, wenn freilich auch die
wahre Ursache nur selten zu Tage kommt. Die Behrde thut das Mgliche, strenge
Instructionen schreiben den Haltefrauen vor, wie die armen Kleinen abzuwarten
sind, welche und wie viel Nahrung sie zu erhalten haben. Die Aufsicht der
Behrde selbst kann freilich nur eine geringe sein und hier kommt das
segensreiche Wirken mildthtiger Vereine zu Hilfe, die sich aus
menschenfreundlichen Frauen zu dem Zweck der Beaufsichtigung der Halte- und
Pflegekinder gebildet haben.
    Mit dem besten Willen, mit der grten Aufopferung jedoch knnen auch diese
den Zweck nicht gengend erfllen.
    Auch wenn die eigenen huslichen Pflichten die fortwhrende Controlle
erlauben, liegt in dieser selbst schon die Veranlassung, dagegen zu kmpfen. Wer
die menschliche Natur kennt, wird wissen, da der Niedere jede Aufsicht, die der
Hhere ber ihn bt, als ein Mitrauen, als einen Eingriff in seine natrlichen
Rechte, als eine Feindseligkeit betrachtet, geeignet, ihn zu verderben. Er wird
sie erschweren, sich ihr entziehen auf jede mgliche Weise und geht dies nicht,
sie tuschen. Wir brauchen die Nutzanwendung nicht zu machen.
    Trotz aller Vorsicht der Obrigkeit, trotz aller privaten Wohlthtigkeit und
Menschenliebe, sind bei den gegenwrtigen Einrichtungen in Betreff der
Aufziehung verlassener und hilfsbedrftiger Suglinge und Kinder
Scheulichkeiten in Menge vorgekommen und kommen noch vor, die das Blut im
Herzen erstarren machen!
    Es ist bekannt in ganz Berlin, da es unter den Frauen, die aus der Aufnahme
dieser Kinder ein Gewerbe machen, viele gab, die den Namen Engelmacherin
allgemein fhrten, weil - die Kinder, die ihnen bergeben wurden, nach kurzer
Zeit zu Engeln wurden, das heit starben. Man konnte mit positiver Gewiheit
darauf rechnen, da binnen kurzer Zeit die Kleinen todt waren. Diese Weiber
hatten frmlichen Ruf da, wo man sich eines unglcklichen Kindes entledigen
wollte.
    Sollen wir zur Schmach der menschlichen Gesellschaft glauben, da es
wirklich Eltern gab, welche auf diesen Ruf speculirten? - - -
    Wir wollen einen Schleier darber ziehen, und dennoch klingen uns Reden in
den Ohren, die - -
    Wahr aber ist, da solche Weiber jahrelang ungestrt ihr schndliches
Handwerk betrieben, da sie sich - mit dem offenkundigen Ruf - jedem offiziellen
Verdachte, jeder Untersuchung und Bestrafung zu entziehen wuten. Wer bringt
Dergleichen zur Anzeige, wer beschwert sich ber den Hungertod eines armen
namenlosen Kindes? - Die Eltern, denen es eine Last, die es zu der Engelmacherin
brachten?
    Aerzte und Sachverstndige haben uns schaurige Flle in die ser Beziehung
mitgetheilt. - Eine einzige dieser grauen machte in nicht vollen neun Monaten
sieben Engel.
    In neuester Zeit ist die Sache vielfach von den Aerzten wieder angeregt
worden, ihr Einschreiten, ihre Denunciationen haben die Theilnahme auf's Neue
darauf hingewandt und gezeigt, da eben noch immer Entsetzliches auf diesem
Gebiete zu beklagen ist.
    Ein Criminalproze, der ganz krzlich gegen eine dieser Haltefrauen
verhandelt worden, hat einen tiefen schrecklichen Einblick in die Rohheit
solcher Charactere, in das furchtbare Elend und die entsetzlichen Qualen
gewhrt, denen mitunter die armen hilflosen Wesen ausgesetzt sind. Das
Obductionsprotokoll ber den Befund einer solchen ausgegrabenen Kinderleiche war
wahrhaft haarstrubend. Zu den ueren Mihandlungen, die den zum Scelett
abgemagerten Krper in ihren Spuren bedeckten, war der frmliche Hungertod, der
Tod wegen Entziehung der nthigen Nahrung und ungengender Beschaffenheit
derselben constatirt.
    Welche Leiden mu das arme kleine hilflose Wesen ausgestanden haben? Wie
viele mgen ihm vorangegangen sein?
    Die Kindesmrderin, welche die unglckliche That im Wahnsinn der Erregung,
der Angst, im unzurechnungsfhigen Augenblick vollbracht, mu sie ben mit
langjhriger schwerer Zuchthausstrafe.
    Fr den berlegten langsamen Mord der Engelmacherinnen hat das Gesetz nur
verhltnismig eine sehr geringe Strafe.
    Wir schreiben diese Betrachtung in einer Zeit, wo die Theurung berhand
genommen, wo die Preise fast aller Lebensmittel sich verdoppelt haben. Die
Pflegegelder sind dieselben niedern geblieben - mu da nicht selbst bei
redlichem Willen die eigene Noth den Pfleglingen das Nthigste beschneiden? Wie
viel mehr wird es von den Herzlosen geschehen, die kein Gewissen haben fr die,
deren einzige Klage nur das dumpfe Wimmern des Elends, des Hungers ist!
    Wre es nicht mglich, diese armen, von ihrer Geburt verstoenen hilflosen
Geschpfe zu schtzen, ihre Mtter in eine Lage zu bringen, in der sie den
begangenen Fehltritt leichter verbergen, in der sie die Existenz ihres Kindes
sichern knnen?
    Die Suglingskrippen thun unendlich viel Gutes und sind schtzende Engel fr
viele Kinder. Aber sie schlitzen eben nur das eheliche Kind des Armen vor den
Gefahren, denen es die Verhltnisse der Familie aussetzen.
    Wir meinen das: Findelhaus!
    Warum scheut man sich in Berlin so vor diesem Wort und vor dieser offenbar
menschenfreundlichen Einrichtung?
    Wir haben gehrt, da bedeutende Summen und Vermchtnisse fr die Grndung
einer solchen Einrichtung seit vielen Jahren vorhanden sind, da aber deren
Ausfhrung an einer gegengefaten Meinung noch immer gescheitert ist. Man glaubt
in der Grndung des Findelhauses eine Befrderung der Unmoralitt zu sehen, die
einer christlichen Regierung nicht geziemt.
    Es ist dies ein tiefer und hoher Grund, und wir verkennen keineswegs seine
religise Bedeutung, wie seine materielle Wahrheit.
    Die Leichtigkeit, sich der Last des Kindes zu entledigen, wird Viele dazu
fhren, sich der heiligen Pflicht zu entziehen.
    Aber ist bei solchen Mttern das Findelhaus fr die Neugebornen nicht die
Rettung?
    Giebt es nicht das Gewissen?
    Giebt es nicht die ffentliche Meinung, die selbst in ihrer Ausartung, in
der Klatschsucht, den Nchsten und seine Handlungen bewacht?
    Man hat sich zu etwas weit weniger Gerechtfertigtem, weit Unmoralischerem,
Unchristlicherem entschlieen mssen. Man hat dem Thierischen in der
menschlichen Natur die Concession gemacht, die Bordelle wieder zu erffnen. Nach
unserer Meinung sind diese in ihrer jetzigen Einrichtung nur Befrderungsmittel
der Liederlichkeit und der Vergeudung und stiften keineswegs den sanittlichen
Nutzen, den man von ihnen erwartet und rhmt. Der bessere Gesundheitszustand der
Hauptstadt, die Beschrnkung der Syphilis ist durch die zugleich eingetretene
schrfere Aufsicht der Behrde auf gewisse Zustnde der brgerlichen
Gesellschaft, durch die Aufhebung der Kneipenmamsells, der zuchtlosesten
Prostitution, durch die Beschrnkung der vagabondirenden Liederlichkeit,
keinesweges durch die Bordelle herbeigefhrt, ber deren Verwerflichkeit wir mit
den strksten Eiferern vollkommen einverstanden sind.
    Welche Aehnlichkeit aber hat das Findelhaus mit diesen Oertern der Schande,
die man doch geglaubt hat, den Uebelstnden einer groen Stadt schuldig zu sein?
    Das Findelhaus ist eine Anstalt der Barmherzigkeit, die die Schuldlosen vor
den Folgen der Schuld rettet.
    Sollte man deswegen die Rettungseinrichtungen gegen Feuersgefahr nicht
schaffen und vervollkommnen, Versicherungsanstalten nicht grnden, weil man
frchtet, die Leute werden nun weit weniger vorsichtig mit Feuer und Licht
umgehen, indem sie wissen, da bei einem Unglck sie doch nicht so leicht
verloren sind?
    Die hundert wohlthtigen und barmherzigen Anstalten der Versorgung von
Kranken, Schwachen, Greisen und Armen, die Waisenhuser und Erziehungsinstitute
fr die der Eltern Beraubten - sind sie etwas Anderes als Findelhuser fr die
Unglcklichen und Hilfsbedrftigen?
    Das Findelhaus ist die Waisenanstalt der Suglinge!
    Wir wollen die endliche Einrichtung nicht im Interesse der Mtter fr ein
gutes erhabenes Werk empfehlen - obschon auch hier die Schwche der menschlichen
Natur viel Berechtigung htte, obschon gar manche Rettung damit vollbracht, gar
manches Verbrechen verhindert wrde; nein - wir mahnen daran im Interesse der
unschuldigen hilflosen Kinder, fr die keine andere noch so sorgsame Einrichtung
diese Anstalt der Barmherzigkeit und des Schutzes ersetzen kann.
    In Paris, Wien, London, fast in allen groen Stdten bestehen lngst solche
Anstalten und haben sich berall als segensreich und gut bewhrt. Auch Berlin
zhlt seit Kurzem eine hnliche, private, und die Untersttzung der Behrden,
deren sie sich zu erfreuen hat, zeigt, wie sehr man die Zweckmigkeit derselben
anerkennt. Aber sie ist eben nur fr die Fehler der Wohlhabenden und kann nicht
den erhabenen Charakter tragen, den ein ffentliches Institut der Barmherzigkeit
haben wrde. -
    Berlin besitzt gegenwrtig an der Spitze der entsprechenden Behrde einen
Mann von scharfer durchdringender Einsicht fr gesellschaftliche Uebelstnde und
einem Organisationstalent, wie uns kein zweites je bekannt geworden. Energie
vereint sich in ihm mit Eifer und Hingebung, und er besitzt die Macht in dem
hchsten Vertrauen, das ihm geworden. Berlin und der Staat verdanken ihm bereite
Einrichtungen, die seinem Wirken dauernde Anerkennung sichern werden, welche
Hindernisse auch Unverstand und philistrser Schlendrian seinem Schaffen
entgegenstellen. Das Gute und Zweckmige bricht sich noch immer seine Bahn.
Sollte der hohe Beamte, den wir meinen, nicht auch seinen scharfen Blick, seine
Thatkraft auf diese Einrichtung wenden wollen? Indem er die Grndung eines
solchen Hauses der Barmherzigkeit gegen die seit langen Jahren ihm
entgegenstehenden Hindernisse durchsetzte, wrde er sich ein Denkmal schaffen,
das seinem Namen hundertfachen Segen gebeugter Herzen und jener Hilflosen
sichern wrde, von denen Christus gesagt hat: Lasset sie zu mir kommen, denn
ihrer ist das Himmelreich!
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    Die Dame hob behutsam das schlafende Kind aus dem Bettchen und prete es an
ihre Brust.
    Sehen Sie nur, Gndige, was der Kleine fr Bckschen hat, roth wie
Aepfelchen. Ja, ja, die Kinder haben's bei der Mllerdorfern gut. Schne Nahrung
und Reinlichkeit. Ick sage Ihnen, es geht Nichts ber die Reinlichkeit.
    Sie htschelte mit widerlicher Freundlichkeit das Kind, obschon die Mutter,
die sich damit auf einen Stuhl gesetzt, sich ekelnd vor dem Branntweinodem
abwandte, den das Weib ausstrmte. Davon erwachte das Kind, schlug die Augen auf
und fing an zu schreien. Nach wenigen Minuten antworteten im Chor die andern,
die unter den Lumpen des allgemeinen Bettes zusammengepackt lagen.
    Werdet Ihr still sein, Ihr Blger! Wart', das ist der Schreihals, die Mine
- das Ding ist drei Jahr und wie ein Einjhriges. Na wart', lat mich hinkommen.
- Entschuldigen Sie, Gndige, es sind nur gewhnlicher Leute Kinder und eene
Magistrats-Waisenkrabbe. Ick werde sie aber gleich zur Ruhe bringen.
    Damit nahm sie vom Tisch eine groe Saugflasche, die mit Milch gefllt
schien, und hielt sie den jngsten Kindern vor, die begierig daran sogen und
sogleich wieder in tiefen Schlaf verfielen. Weder der Major, noch die mit ihrem
Kinde zrtlich beschftigte Dame bemerkten die Ste und Knffe, welche die
beiden greren der erwachten Kinder von dem Weibe erhielten und wie sie sich
heimlich wieder in Schlaf weinten.
    Die junge Mutter ging mit dem beruhigten Kleinen durch die Stube auf und
nieder und legte es dann zurck in sein Bettechen. Zufllig siel ihr Auge auf
die Milchflasche, und ehe es noch die Frau hindern konnte, nahm sie dieselbe in
die Hand, zog den Pfropfen heraus und go einige Tropfen aus die Hand. Ein
widerwrtiger Dunst quoll ihr aus der geffneten Flasche entgegen, wie von
saurer verdorbener Milch, mit scharfem Alkohol geschwngert.
    Um Gott, Frau, was haben Sie da? was ist das fr Milch? Ferdinand, ich
bitte Dich!
    Der Major nahm ihr die Flasche aus der Hand und probirte einige Tropfen.
    Da ist ja Branntwein darunter, Frau!?
    Nu freilich, een Trpschen; was schad'ts denn? die Kinder schlafen dann
desto besser. Es ist halt nur fr die Nachtruh'.
    Aber Frau, Sie werden doch einem kaum entwhnten Sugling nicht das
schndliche Getrnk geben?
    I Gott bewahre, Gndige, das ist nur da fr die gemeinen Krabben, die sonst
gar nicht stille zu kriegen sind. Das Engelchen schlft ganz von selber und
kriegt die allerfrischeste Milch, wie sie nur der Charlottenburger Milchmann
frh bringt. Der Kleine knnt's bei Ihnen selber nicht so gut haben, wie bei
mir.
    Die Verlegenheit des Weibes, das rothe Gesicht des Kindes htten freilich
bei einer erfahrenen Mutter bse Zweifel gegen die Ableugnung erweckt. Die junge
Dame warf sich in die Arme des Mannes.
    Fhre mich fort, Ferdinand; diese Lust, dies Alles erstickt mich. O, wie
bin ich so grnzenlos unglcklich!
    Der Major gab der Frau Geld und befahl ihr auf das Strengste an, dem Kinde
nur die reinste Nahrung zu reichen, und sagte, da er alle Woche einen Arzt
hierher senden werde, um sich von dem Zustande desselben zu berzeugen. Das Weib
betheuerte und versprach alles Mgliche, und geleitete so das Paar durch den
Hausflur zurck auf die Strae. Dam - allein - schlug sie verchtlich ein
Schnippchen hinter ihnen drein, steckte dem Kinde in der Wiege wie zum Trotz die
entsetzliche Flasche in den Mund, und als sie den nchtlichen Besuch weit genug
entfernt glaubte, lschte sie rasch die Lampe und eilte auf's Neue zu ihrem
Gelage, ohne das kranke wimmernde Kind im Vorderkeller auch nur eines Gedankens
zu wrdigen. -
    Leise weinend schritt inde die junge Mutter neben dem Major her, der
vergeblich sie zu beruhigen und zu trsten suchte.
    Du hast es selbst gewollt, Marie; das Kind war auf dem Lande gut aufgehoben
bei der armen Frau, aber Du bestandest darauf, es in Deiner Nhe zu haben, um es
wenigstens hin und wieder sehen zu knnen. Ich habe mich nach verschiedenen
Haltefrauen erkundigt, aber man rhmte mir diese immer noch als eine der
zuverlssigeren. Bei vielen andern waren wir auch weniger vor Entdeckung sicher.
Ueberdies brgt uns der eigene Vortheil dieser Person dafr, da sie dem Kinde
die mglichste Sorgfalt widmet; Du hrtest selbst, da es ihr bestes ist. An
andern Orten ist es vielleicht noch schlimmer aufgehoben.
    Aller Trost nutzte Nichts; er mute ihr versprechen, sobald als mglich fr
das Kind einen andern bessern Ort zu ermitteln, es wieder auf das Land
zurckzubringen, indem sie lieber darauf verzichten wolle, es zu sehen. Der
Major versprach Alles, nur um die Erregte zu beruhigen. So brachte er sie wieder
zurck zu dem Garten und nach weiteren Verabredungen fr die nchste
Zusammenkunft, wozu Gelegenheit ihnen durch die obwaltenden Verhltnisse nur
sehr selten gegnnt war, bis zu dem Hause.
    Und nun leb' wohl, Marie, sei stark und muthig, wir werden sicher noch alle
Hindernisse besiegen; vertraue auf meine Kraft, nur mache Dich los von den
Vorurtheilen, die Dich noch mit hundert Banden gefesselt halten. - Zum Henker,
unterbrach er sich, indem er mit der Hand im Epheugelnder umhersuchte, wo
steckt denn die Leiter?
    Sie wird nicht nthig sein, sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen; ich
werde die Comtesse, meine Tochter, auf einem passenderen Wege nach ihrem Zimmer
geleiten.
    Das Paar fuhr wie vom Blitzstrahl getroffen auseinander. Zwischen ihnen
stand ruhig und gemessen ein groer stattlicher Mann mit breiter Brust und
grauen Haaren. Das Sternenlicht der Sommernacht lie freilich die Zge nicht
erkennen, aber Jedes der Beiden wute, wen es vor sich hatte.
    Der Major fate sich alsbald, whrend die junge Dame halb ohnmchtig an der
Wand lehnte.
    Herr Graf, sagte er, es ist eine peinliche Situation, in der ich Ihnen in
diesem Augenblick gegenberstehen mu. Erlauben Sie, da ich Ihnen morgen frh
eine Rechtfertigung gebe, wie sie unter Mnnern von Ehre nthig ist.
    Bemhen Sie sich nicht, mein Herr - der Zufall und Schlaflosigkeit haben
mich hinter die nchtlichen Promenaden dieser jungen Dame gebracht, und ich
werde sie knftig zu verhindern wissen, eben so wie alle unpassenden
Liebschaften. Weiter wei ich Nichts und will Nichts wissen. Gute Nacht, mein
Herr.
    Herr Graf, ich bitte Sie - hren Sie mich an ...
    Mein Herr, zwingen Sie mich nicht, die Bedienten durch meinen Ruf zu
wecken. Mit Leuten Ihrer Art und Ihrer Gesinnung hat ein Edelmann von
unbeflecktem Namen Nichts zu thun. Ich sollte meinen, zum galanten Verfhrer
wren Sie doch schon zu alt. Es ist also die Speculation! - Dieser Garten aber
und dieses leichtsinnige Mdchen sind noch mein Eigenthum, und Gott sei Dank
gelten hier noch nicht die Gesetze der Herren Communisten und Weltverbesserer. -
Entfernen Sie sich, ich befehle es, und lassen Sie sich nicht wieder in dieser
Umgebung blicken.
    Er fate die Comtesse hart am Arm und fhrte sie fort nach dem Hofraum. -
Der Major schlug sich wild vor die Stirn und drohete mit der Faust nach dem
Hause. Dann ging er rasch in die Bsche des Gartens.

    Zur selben Zeit ungefhr, als der Fremde, den wir unter dem Titel Major
nach der Bezeichnung auf seiner Visitenkarte eingefhrt haben, die spanische
Tnzerin verlie, fand eine andere fr das Schicksal Europa's und den Gang
unserer Darstellung bedeutsamere Unterredung statt.
    In dem groen Empfangzimmer eines Hotels der sogenannten Diplomatenstrae
von Berlin sa an dem Tisch ein Mann von einigen fnfzig Jahren und ziemlich
kleiner, wenig auffallender Statur mit legerer, leicht gebeugter Haltung, in
einem geschriebenen Memoire lesend und zuweilen mit dem Bleistift einzelne
Stellen darin bezeichnend. In dem ziemlich faltenreichen, fast viereckigen
Gesicht lag eine gewisse Lethargie, dabei ein Ausdruck von vieler Gutmthigkeit,
doch zuweilen flog es ber die Zge, als se leiser jovialer Spott darin, wie
der Schalk im Nacken. Die hohe volle Stirn verkndete den ruhigen Denker und
Beobachter. Das Merkwrdigste an dem Kopf waren die Augen eben in ihrer
Verborgenheit. Unter matt, fast schlfrig gehobenen Augenlidern, mit hufigem
Zwinkern, gleich als knnten sie das Licht nicht vertragen, oder wren
angegriffen von dem Staub der Aktenstube, verschwnden sie fast ganz hinter der
Brille, als wollten sie unter dem Schutz der Glser nur beobachten und wieder
beobachten. Es lag ber der ganzen Persnlichkeit eine unendliche Ruhe, ein
Zusehen, ein Abwarten, eine Zhigkeit, die einen vollendeten, in sich
abgeschlossenen Charakter bildeten.
    In der That entsprach das bedeutsame ffentliche Leben und in Preuens
Geschichte so wichtige Wirken des Mannes ganz seiner Persnlichkeit. Es war der
Fabius cunctator der modernen Politik und Diplomatie, jener Staatsmann, dessen
merkwrdigen zhen Eigenschaften und unverwstlicher Ruhe unterm Schutz seines
erhabenen Monarchen Preuen seit fnf Jahren die glckliche Leitung seines
Staatsschiffes durch eine Unzahl von Klippen und Brandungen und die
schwierigsten innern und uern Situationen verdankt. Nicht mit jener eisernen
Consequenz erhabener Charactere, aber mit einer Zhigkeit und Ausdauer, die
zuletzt immer ihren Weg macht, wenn sie auch im Augenblick biegsam und
nachgebend erscheint, verfolgte seine Politik ihr Ziel. Von allen Parteien
angefeindet, von Oben und Unten angegriffen, zahllose Anfeindungen und wenn
nicht Niederlagen, so doch Triumphe seiner Gegner erleidend, ist er der Erste,
welcher sie anerkennt und seinen Rckzug nimmt, und dennoch hat er am Schlu
noch immer seine Zwecke erreicht, seine Feinde und Freunde aus dem Felde
gedrngt und seine - wir wollen nicht sagen Macht - aber seine Ntzlichkeit
und Unentbehrlichkeit befestigt. Wenn auch nicht ohne Vorurtheile, so doch ohne
Leidenschaften ist er unbedingt der glcklichste und an Erfolgen reichste
Diplomat seiner Feit, und wre wahrscheinlich ihr grter Staatsmann, wenn er zu
seinen Eigenschaften noch das eigenthmliche Talent groer Mnner zhlte:
raschen und glcklichen Scharfblick in Beurtheilung und Wahl der Personen und
deshalb stets gut bedient zu sein.
    Der im Vorzimmer Wache haltende alte Kanzleidiener ffnete jetzt die Thr
und meldete leise einen Besuch. Der hohe Beamte verlie seinen Sessel, drehte
vorsichtig die Lampe auf dem Tisch um, so da ihr Licht jetzt nach dem Sopha
fiel, und ging dem Eintretenden bis an die Thr entgegen, die er sorgfltig
hinter ihm schlo.
    Nehmen Sie Platz Herr Baron! ich habe Ihr Billet heute Mittag erhalten und
Sie erwartet. Wir werden ungestrt sein.
    Der Eingetretene war eine hohe schlanke Gestalt mit blassem feinem Gesicht
und auffallend breitgewlbter Stirn, in der Mitte der dreiiger Jahre. Er sprach
das Deutsch langsam, sein und ruhig, nur wenn die Unterhaltung lebhafter wurde
oder es ihm auf eine subtile Wendung anzukommen schien, bediente er sich im
Gesprch der franzsischen Sprache.
    Euer Excellenz sind sehr freundlich, sagte er, indem er auf die Einladung
des Wirthes auf dem Sopha Platz nahm. Erlauben Sie, da ich nochmals erwhne -
um jeden Zweifel ber den Character unserer Unterredung zu beseitigen, - da ich
dieselbe von Euer Excellenz nur als eine private und persnliche erbeten habe,
um Ihre Ansichten und Ihren Rath zu hren, bevor ich morgen die Ehre habe, Ihnen
offiziell die neueste von meinem Kabinet eingetroffene Note zu berreichen.
    Unsere Unterredung soll also blo eine rein private, bedeutungslose sein,
von der ich Seiner Majestt dem Knige keinen Bericht zu erstatten brauche?
    Der Andere zgerte.
    Das nicht ganz, - Sie miverstehen mich, Exzellenz. Ich wnsche Ihnen auch
- nicht offiziell - aber unter der Hand - einige Mittheilungen und Vorschlge zu
machen, deren weitere amtliche Kundgebung natrlich von Ihrem Entgegenkommen
abhngen wrde. Auch bin ich beauftragt, in gleicher Weise die Ansichten Ihres
Gouvernements ber gewisse Eventualitten der Zukunst zu erfragen.
    Ein leises diplomatisches Lcheln glitt ber das Gesicht des Kleinen.
    Da Sie unserer Unterredung weder einen offiziellen, noch rein
unterhaltenden Character zugestehen wollen, Herr Baron, so mssen wir sie
vielleicht eine offizise nennen. Das ist ja wohl der Ausdruck, den die Neue
Preuische Zeitung, Ihre Freundin, dafr erfunden hat.
    Der Baron verbeugte sich zustimmend.
    Gestatten mir Euer Excellenz zunchst einen kurzen Rckblick auf die
letzten diplomatischen Verhandlungen, der uns um so rascher auf den zu nehmenden
Standpunkt fhren wird, als Euer Excellenz gewi bereits wissen oder vermuthet
haben, da die Note, welche ich morgen die Ehre haben werde, Ihnen zu
berreichen, die Antwort des Herrn Reichskanzlers auf die alle Chancen der
friedlichen Ausgleichung auf's Neue bedrohenden Amendationen des Divans zu der
vereinbarten und unsererseits angenommenen Note der wiener Conferenz enthlt.
    Ich bin mit dieser Art der Verhandlung ganz einverstanden, Herr Baron, und
bitte Sie, bis auf den beklagenswerthen, und auch von Seiner Majestt dem Knige
tief bedauerten Schritt des Einmarsches Ihrer Armee in die Donaufrstenthmer am
3. Juli zurckzugehen. Sie kennen bereits meine Ansicht, da dieser Schritt, zu
dem sich Ihre Regierung hat hinreien lassen, mir keineswegs durch die
bestehenden Vertrge gerechtfertigt scheint, und da ich in ihm das Hinderni
aller gtlichen Ausgleichung und die nothwendige Ursache kriegerischer
Verwickelungen sehe.
    Aber, mein Gott, was wollen Sie, das geschehen soll? Eine Macht wie Ruland
konnte sich doch von einem so untergeordneten lebensunfhigen Staat wie die
Trkei in ihren gerechten Forderungen nicht Trotz bieten und die gemachte
Androhung unausgefhrt lassen? Und nun, da die Besetzung geschehen, wird der
Kaiser, mein Herr, doch unmglich seiner politischen Ehre so viel vergeben, um
seine Truppen den Rckzug antreten zu lassen, ohne da die Gewhr seiner
Forderungen gesichert ist? - Die geringe Zahl der Truppen, welche den Pruth
berschritten haben, brgt Europa dafr, da es sich nur um eine Pfandnahme,
nicht um ein militairisches Vorgehen gegen die Trkei handelt.
    Sie vergessen, Herr Baron, da die politische Ehre eine Sache ist, die sehr
vielfacher Deutung unterliegt. Vielleicht erinnern Sie sich, da Preuen, von
dem Sie jetzt die Unmglichkeit einer solchen Anschauung verlangen, vor nicht
langer Zeit in der Lage war, auf den dringenden Rath einer befreundeten Macht, -
ich will es nicht anders nennen - in, seine innern deutschen Interessen
betreffenden, Streitigkeiten zwei Mal einen militairischen Rckzug aus seinen
avancirten Stellungen nehmen zu mssen. Ich meine Schleswig-Holstein und Cassel,
und wenn ich nicht sehr irre, wurde uns hier auf der nmlichen Stelle klar
gemacht, da die politische Ehre durch ein solches Rckgehen keineswegs eine
Einbue erleiden knne.
    Der Baron errthete stark, antwortete jedoch nicht auf den Fechterstreich,
den er erlitten, sondern nahm sofort die Darstellung der diplomatischen
Verhandlungen auf.
    Die Pfandnahme der Donaufrstenthmer hatte in Constantinopel einen
Aufstand der Kriegspartei und die kurze Aenderung des Ministeriums Reschid zur
Folge, ein Beweis, wie wenig die alttrkische - im Stillen immer herrschende -
Partei zu einer billigen Nachgiebigkeit geneigt ist. Die Vermittelung der
Gesandten bei Seiner Hoheit dem Sultan hat zwar die sofortige Wiedereinsetzung
des Groveziers und Reschid Pascha's zur Folge gehabt, inde glaube ich, da es
den Vertretern von Frankreich und England mehr darum zu thun gewesen ist, den
gesicherten Einflu sich zu bewahren, als den Krieg zu verhindern; denn wir
wissen sehr wohl, da das Kabinet der Tuilerien bereits unterm 13. Juli das
englische Gouvernement aufgefordert hat, sich ber das weitere Agiren der
Flotten zu verstndigen, wenn die Vermittelung nicht zu Stande kme. Dahin zielt
auch die Note der franzsischen Regierung vom 15., welche uns das Recht der
Besetzung streitig macht, und der Pforte daraus dasjenige vindicirt, den beiden
Mchten die Passage der Dardanellen zu gestatten. Auch das englische Kabinet
antwortete in gleicher Weise unserer Circular-Depesche vom 2. Juli. Whrend
hierauf die Gesandten der vier Gromchte in Constantinopel darber
verhandelten, den Protest der Pforte gegen unser Einrcken in die Frstenthmer
uns mundrecht zu machen, und die Pforte den von Lord Stratfort redigirten
Noten-Entwurf am 23. Juli annahm, hatte am selben Tage der Minister des
Auswrtigen in Wien, Graf Buol, die Reprsentanten Preuens, Englands und
Frankreichs bei sich vereinigt, um in Wien selbst einen Ausgleichungsvorschlag
zu vereinbaren, dem die frhere franzsische Note zur Grundlage diente.
    Es war ein unglckliches Zusammentreffen, da beide Vorschlge gleichzeitig
concurrirten.
    So sehe auch ich es an, Excellenz. Graf Buol fgte der franzsischen Note
zwei Verbesserungen bei, deren eine die Erklrung der Pforte enthlt, den
Vertrag von Kainardji treu beobachten zu wollen. Der englische Gesandte setzte
hierbei die unntze Aenderung durch, da dem ganz klar lautenden Vertrage von
Kainardji von uns nicht eine beliebige Auslegung gegeben werden drfe.
    Ich wei nicht, Herr Baron, ob diese Einschaltung so unnthig war,
unterbrach ihn der Minister; wenigstens hat die Folge gezeigt, da gerade die
Auslegung den streitigen Punkt abgab. Jedenfalls war das preuische Gouvernement
ganz mit dem Vorschlage des Herrn Grafen Buol einverstanden, den unterde von
Constantinopel eingegangenen Noten-Entwurf zurckzubehalten und den der wiener
Konferenz zur Annahme zu empfehlen.
    Die Feststellung desselben erfolgte am 31.; Oberst von Ruff ging mit einem
eigenhndigen Schreiben Seiner Majestt des Kaisers Franz Joseph nach
Constantinopel, um dem Sultan die Annahme des Vermittelungsvorschlages auf das
Dringendste zu empfehlen, und die Regierungen von England, Frankreich und
Preuen - wir wollen vorlufig an die Aufrichtigkeit der beiden ersten glauben -
instruirten ihre Gesandten bei beiden Kabineten, alle Bemhungen darauf zu
richten, da die Note acceptirt werde.
    Graf Nesselrode benachrichtigte bereits am 3. August unsern Gesandten in
Wien, da Seine Majestt der Kaiser die wiener Note angenommen habe, und die
Depesche vom 6. brachte die ausfhrliche Erklrung ber diese Annahme unter der
Voraussetzung, da die Pforte sie auch unverndert acceptire. Wenn nicht, konnte
sich Ruland, das sich der Annahme nur zur Beschwichtigung der Besorgnisse
Europa's unterworfen hatte, nicht weiter fr gebunden halten. Sie werden mir
zugestehen, Exzellenz, da hier die Sachlage und die Verpflichtung ganz einfach
und klar ist. Die vier Gromchte stellen - unabhngig von den streitenden
Parteien - die fr den Frieden Europa's und die Lsung des Zwistes von ihnen
nothwendig gehaltenen Punkte eines Abkommens fest. Ruland acceptirt dieselben
ohne Abnderung und fgt sich dadurch dem Beschlu seiner bisherigen
Verbndeten. Diesen fllt hierdurch die ganz natrliche Verpflichtung anheim,
auch nach der andern Seite hin die Unvernderlichkeit ihres eigenen Werkes zu
vertreten.
    Das ist richtig, Herr Baron; es ist nur zu bedauern, da whrend der
Verhandlungen Ruland die Pforte auf's Neue durch Maregeln reizte, die man
hchstens in einem feindlichen eroberten Lande anwendet. Ich meine den Befehl
Ihres Oberkommandirenden in den Frstenthmern an die Hospodaren, die Verbindung
mit Constantinopel und ihrem rechtmigen Souverain abzubrechen und den Tribut
zurckzubehalten.
    Ich glaube, da dies Zwischenflle sind, die auf die allgemeine politische
Rechtsfrage keinen Einflu haben. - Am 11. August traf die Nachricht in
Constantinopel ein, da Ruland die Wiener Note angenommen habe. Hier,
Excellenz, - ich rede nicht von Preuen - scheint mir die Aufrichtigkeit der
vermittelnden Mchte ihr Ende zu haben.
    Ich verstehe Sie nicht, Herr Baron. Nach dem Bericht unseres Gesandten in
Constantinopel hat Lord Stratford am 13. eine Conferenz mit Reschid Pascha
gehabt, in welcher er dringend von diesem verlangte, den Vorschlag der vier
Mchte sich zu eigen zu machen, obschon derselbe erklrte, es seien mehrere
bedenkliche Punkte darin, die sich der Annahme entgegen stellen wrden. Am 14.
wurde der Vorschlag vor den trkischen Ministerrath gebracht und verworfen,
selbst wenn er amendirt wrde. Lord Stratford, die nochmalige Ablehnung zu
vermeiden, sandte bei dem auf's Neue am 15. gehaltenen Ministerrath einen
Vorschlag an Reschid, die Pforte solle die Note annehmen, indem sie sich
reservire, zu ihren Gunsten die bedenklichen Stellen auszulegen und ihre
Interpretation der Beistimmung der vier Mchte unterbreite, die so den Sinn der
wiener Note sicherstellen wrden. Der Vorschlag wurde nach vieler Mhe
angenommen.
    Aber diese Amendationen geben dem ganzen wiener Entwurf eine neue Fassung.
    Das ich nicht wte, Herr Baron. Die Bedenken der Pforte grnden sich auf
drei Punkte. Zunchst soll der Passus ber die thtige Sorgfalt des Kaisers von
Ruland fr die griechischen Christen in der Trkei zu der Auslegung Raum geben,
als ob die Sultane nur in Folge dieser thtigen Sorgfalt der griechischen Kirche
Rechte und Freiheiten gegeben htten, und damit Ruland einen Vorwand zur
weiteren Einmischung bieten. Danach glaubt die Pforte, da der Passus ber den
Vertrag von Kutschuk-Kainardji die Fragen in Betreff der religisen Privilegien
in einer Weise hineinmenge, die durch jenen Vertrag gar nicht erfordert werde
und die Souverainett der Pforte bedrohe. - Endlich verlangt die Pforte, da in
dem Passus ber die Gleichstellung der griechischen Kirche mit den anderen Riten
ausdrcklich ausgesprochen werde: da dies insoweit gemeint sei, als ihre
Unterthanen zu diesen anderen Riten gehren. Mir scheint, Herr Baron, da
namentlich die beiden letzten Verlaugen ganz gerechtfertigt sind.
    Aber das ndert die ganze Lage und Deutung unserer Forderung. Wir wollen
nicht die Gleichstellung der griechischen Christen mit dem Zustande anderer
christlicher Secten, die Unterthanen des Sultans sind, was lngst gesichert ist,
sondern mit den christlichen Culten unter fremdem Schutz, mit den christlichen
Unterthanen fremder Mchte in der Trkei.
    Zu viel auf ein Mal zu erlangen, Herr Baron, mchte zunchst eine
gefhrliche Sache sein. Mir scheint, da eine solche Auslegung die
griechisch-christlichen Unterthanen des Sultans zunchst unter ein Protektorat
Seiner Majestt des Kaisers von Ruland dringen wrde, das sie in facto aufhren
lt, Unterthanen der Pforte zu sein.
    Der Andere schwieg, er fhlte, da er sich eine voreilige Ble gegeben
hatte.
    Ueberdies, fuhr sein Gegner fort, sind die Verhltnisse der christlichen
Confessionen leider auch in anderen - in christlichen - Staaten noch immer nicht
so geregelt und befreit, da man ganz berechtigt erscheint, einem
nichtchristlichen Souverain aus den obwaltenden Verhltnissen einen Vorwurf zu
machen. Ich beklage gewi tief die Leiden der Christen in der Trkei, aber ich
wei nicht, ob sie rger sind, als z.B. die Verfolgungen der Katholiken und
Protestanten, welche man noch in der neuesten Zeit christlichen Staaten zum
Vorwurf gemacht hat, ohne da eine Rechtfertigung erfolgt ist.
    Der Diplomat bi sich auf die Lippen.
    Euer Excellenz scheinen gegen die Redlichkeit unserer Absichten
eingenommen, sagte er nach kurzer Pause. Was ich vorhin von den Rechten der
griechisch-christlichen Unterthanen der Pforte uerte, ist natrlich nur das
wnschenswerthe Ziel einer Emancipation der orientalischen Christenheit
berhaupt, welche zu erreichen doch wohl die Schluaufgabe aller civilisirten
Staaten ist.
    Sie irren, Herr Baron, wenn Sie mir das geringste Vorurtheil in dieser
Beziehung zuschreiben. Ich habe allerdings unter'm 28. vorigen Monats unseren
Gesandten in Petersburg dahin instruirt, auf alle Weise bei Ihrem Kabinet die
trkischen Vorschlge zu befrworten, aber nur weil ich darin durchaus keine
Beeintrchtigung Rulands sehen kann.
    Aber selbst Graf Buol hat offen diese Aenderungen der Pforte bedauert, da
sie unntz und mehr Wortvernderungen sind. Ich mu Euer Excellenz darauf
aufmerksam machen, da diese neuen Hindernisse weniger von der Pforte
ausgegangen, als von den beiden Vertretern Frankreichs und Englands im Stillen
angeregt und in den Weg geworfen worden sind. Wir sind auf das Beste
unterrichtet und wissen, da Master Alison, der erste Secretair der englischen
Gesandtschaft, whrend dieser ganzen Verhandlungen in dem Hotel der Pforte sein
Breau aufgeschlagen hatte und dem Divan die Antworten und Ausflchte
ausarbeitete.
    Das wei ich nicht, sagte der Minister trocken, meine geheime Polizei
erstreckt sich nicht bis Constantinopel.
    Der Beweis dafr ist die doppelseitige Stellung, die England und Frankreich
sofort angenommen haben. Letzteres drang bereits darauf, da wenn unsere Armee
nicht bis zum 1. October ber den Pruth zurckgezogen sei, - unter den
schwebenden Verhandlungen eine Sache der Unmglichkeit! - die Flotten die
Dardanellen passiren sollten, whrend ffentlich beide Kabinete ihren Gesandten
in Constantinopel schreiben, da sie die Erwiderung der Pforte nur mit grter
Mibilligung htten aufnehmen knnen und Alles aufzubieten sei, da die einfache
Annahme der Note erfolge. Auf der anderen Seite verlangt man in Petersburg die
Annahme der Abnderungen. Dies ist kein redliches Verfahren und kann nur neue
Verwickelungen herbeifhren.
    So weit ich bersehe, Herr Baron, sind wir jetzt auf dem Punkt angelangt,
in dem sich die Verhandlungen befinden und auf dem ich Ihre neueren Erffnungen
erwarten darf.
    So ist es. Ich mag Euer Excellenz nicht verhehlen, da der Kaiser, mein
Herr, keineswegs gewillt ist, auch nur einen Schritt ber die Position
hinauszugehen, die er durch wahrhaft erhabene Nachgiebigkeit in der Annahme der
wiener Note eingenommen. Jede weitere Concession wre eine Schwche. Die an
Baron Meyendorf in Wien gerichtete Depesche vom 7. September, die ich morgen die
Ehre haben werde, Euer Excellenz in Abschrift zu berreichen, erklrt ganz
bestimmt, da Ruland es mit seiner Wrde unvereinbar halten msse, nachdem es
ohne Vernderung und Zustze den Vorschlag der vier Mchte acceptirt, nunmehr
den Forderungen der Pforte sich fgen zu sollen. Das Kabinet von St. Petersburg
verharrt brigens bei seiner frheren Zusage, da wenn ein trkischer Gesandter
die unvernderte Note berbringt, die Donaufrstenthmer alsbald gerumt werden
sollen.
    Ich frchtete das.
    Die Interpretation meiner Regierung ist, wie ich wiederhole, folgende. Die
wiener Note ist nicht Rulands Werk, sondern das Werk der vier Mchte England,
Frankreich, Preuen und Oesterreich. An ihnen ist es nicht allein, in
Constantinopel ihrem Werke, das sie mit der Unabhngigkeit und Souverainett der
Pforte vereinbar gefunden, Achtung, oder besser gesagt, Gehorsam zu verschaffen,
sondern auch Sache jeder einzelnen Macht ist es, die Mitcontrahenten zur
Erfllung dieses Vertrages anzuhalten und sich im Weigerungsfall auf die Seite
Ruland's zu stellen.
    Ich mu gestehen, Herr Baron, da bis hierhin Ihre Regierung in vollem
Recht ist und ich zweifle nicht, da in Folge der Antwort Seiner Majestt des
Kaisers mein kniglicher Gebieter mir ganz bestimmte Erklrungen in
Constantinopel, Paris und London befehlen wird.
    So drfen wir nthigenfalls auf ein Defensiv-Bndni mit Preuen und
Oesterreich rechnen und die weiteren Einleitungen dazu treffen?
    Einen Augenblick, Herr Baron. Ist die kaiserliche Ablehnung der trkischen
Amendationen Alles, was Sie mir morgen zu bergeben haben?
    Der Diplomat stutzte.
    Zu dienen, Excellenz; wie meinen Sie das?
    Der Minister legte schwer und ernst seine Hand auf das Memoire, in dem er
vorher gelesen, und das noch umgekehrt auf dem Tische lag.
    Es ist mir da von unbekannter Hand ein Schriftstck zugegangen, das die
Abschrift einer zweiten Depesche vom 7. September an Herrn von Meyendorf
enthalten soll, in welcher Graf Nesselrode diesem eine genaue Kritik der
Amendationen der Pforte und die Auslegung des russischen Kabinets zu jedem
streitigen Passus giebt. Ich wei nicht, Herr Baron, ob das Aktenstck echt und
ob es Ihnen bekannt ist? Er reichte ihm das Memoire1.
    Das blasse Gesicht des Russen wurde womglich noch durchsichtiger, er
sprang, wie von einem elektrischen Funken getroffen, empor.
    Ein Verrther unter meinen Secretairen?
    Der Minister lud ihn mit einer vornehmen Handbewegung ein, sich wieder
niederzulassen.
    Ich achte zu sehr die Rechte der fremden Gesandtschaften, mein Herr, um
mich auf eine unpassende Weise in ihre Geheimnisse zu drngen. Diese Papiere
sind mir vor zwei Stunden anonym zugegangen und ich stelle sie Ihnen zur
Disposition, um zu beurtheilen, ob sie von einem Ihrer Untergebenen herrhren
knnen, was ich jedoch bezweifle, da in letzterer Zeit mir mehrfach Winke und
Mittheilungen von derselben Handschrift von ganz andern Orten aus zugekommen
sind.
    Ich kann, fuhr er nach kurzer Pause fort, whrend welcher sein Besuch die
uere Ruhe wieder gewonnen hatte und in dem Manuscript bltterte, von diesem,
jedes officiellen Characters entbehrenden Schriftstck natrlich auch keine
amtliche Notiz nehmen und es auch nicht Seiner Majestt dem Knig vorlegen, um
auf die Allerhchsten Entschlieungen einzuwirken. Privatim aber gestehe ich
Ihnen, Herr Baron, da ich es allerdings fr cht, und sein Bekanntwerden ganz
fr geeignet halte, die bereits zweifelhafte Haltung der Kabinete von London und
Paris in eine offene Lossagung von den wiener Beschlssen zu verwandeln,
wenigstens - ich will offen mit Ihnen bereinstimmen - die Gelegenheit dazu zu
geben.
    Und Preuen? - Wir sind der sterreichischen Zustimmung sicher auch nach
der Ueberreichung dieser zweiten Note.
    Wieder berflog ein leichter Zug von Spott das Gesicht des Kleineren.
    Dann gratulire ich Ihnen. - Preuen, Herr Baron, wird so lange ich die Ehre
habe, an der Spitze seiner Verwaltung zu stehen, und so lange Seine Majestt der
Knig mich wrdigt, meinen Rath entgegen zu nehmen, - sich und Deutschland von
einer thatschlichen Betheiligung an der orientalischen Verwickelung und dem -
ich glaube kaum noch zu vermeidenden - Kriege frei halten und nur eine
zurathende, vermittelnde und abwartende Stellung einnehmen. Es ist mein festes
Bestreben, uns durch kein temporres Bndni in dieser Frage nach irgend einer
Seite hin zu verpflichten.
    Da wir auf diesen Punkt der Offenheit gekommen sind, Excellenz, so erlauben
Sie, da ich unverhohlen meine Meinung ber die Zukunft sage. Es liegt in den
ganzen Ereignissen ein gewisser geheimnivoller Faden, dessen Ursprung und Lauf
ich nicht durchschauen kann, der aber offenbar consequent alle Vermittelungen
und Ausgleichungen hindert und beide Theile immer weiter treibt. Da die
Absichten von England und Frankreich ganz wo anders hin zielen, als auf einen
Schutz der Trkei gegen etwaige Uebergriffe unsererseits, ist wohl ganz Europa
klar. Ich bin berzeugt, da ber kurz oder lang die beiden neuen Beschtzer der
Trkei um der ffentlichen Meinung willen von ihr ganz andere Concessionen fr
die christlichen Unterthanen und die Civilisation werden erzwingen mssen, als
Ruland jetzt verlangt. Da die Trkei einer vollstndigen Reorganisation
bedarf, um im europischen Staatenbund fortbestehen zu knnen, ist von allen
Seiten anerkannt. Man sucht uns nur das natrliche Recht der Avance streitig zu
machen. Der sich vorbereitende Zusammensto ist ein Kampf des Westens gegen den
Osten, wie er bereits mit einigen Variationen unter dem ersten Napoleon sich
ereignet hat, und um so mehr drfte es die Aufgabe der alten heiligen Alliance
sein, fest auf der alten Basis zusammenzuhalten. Dies ist der Wunsch und die
Erwartung meines kaiserlichen Herrn.
    Der Minister schwieg nachdenkend einige Augenblicke, dann sagte er ernst und
wrdig:
    Die Zukunft der Reiche und der Ausgang der Kmpfe, die sich vorbereiten,
liegt in der Hand des allmchtigen Gottes. Jeder Staat hat seine erhabene
Aufgabe, und der Knig, mein Herr, erkennt die Seine aus vollem christlichem
Herzen und wohlgeprftem Sinn. Die heilige Alliance ist eine mit dem Heldenblut
der Vlker besiegelte und erworbene Erbschaft, die durch Preuen nicht
leichtsinnig gebrochen werden soll. Die persnliche Liebe des Knigs, die
Sympathieen eines groen Theils der besten Mnner Preuens gehrt Ihrem
erhabenen Monarchen. Aber das Wohl und die Blthe Preuens, seine
eigenthmliche, selbst territoriale Stellung im europischen Staatenbund, an der
zum Theil Ruland selbst die Verschuldung trgt, mssen den Gedanken jeder
Betheiligung an einem Kriege uns fern sein lassen, der - gerade heraus gesagt -
nur um fremde, uns nicht direct berhrende Interessen gefhrt wird. Seine
Majestt der Kaiser hat Unrecht gehabt in dem Hervorruf, er wird das Recht aus
seiner Seite haben in der Fortfhrung. Preuen und Deutschland werden ihm den
besten Dienst erweisen durch eine unbedingte Neutralitt.
    Ruland wrde bedeutende Vortheile fr ein Offensivbndni gewhren. Die
vollstndige Oeffnung seiner Grnzen ...
    Das ist ein Recht, das Deutschland ohnehin aus dem wiener Vertrage her
beanspruchen knnte, wenn sich auch vom russischen Standpunkt die Vortheile der
uns schdigenden Absperrung nicht verkennen lassen. Wenn fr Preuen die
Oeffnung der Ostgrnzen einen Krieg aufgewogen htte, wrde es denselben frher
begonnen haben.
    Wir drfen also wenigstens auf eine bewaffnete Neutralitt im Fall eines
Krieges rechnen? Bedenken Euer Excellenz, da die westlichen Grnzen nicht
gesichert sein wrden. Der Kaiser Napoleon ist Ihr heimlicher Gegner so gut wie
der unsere, und das Rheinland ist eine sehr zugngliche Position.
    Wir werden uns die Rheinprovinz zu schtzen wissen, Herr Baron, gegen
etwaige Gelste danach. Es ist vollkommen Zeit, da Deutschland sich von jedem
uern Einflu, jeder uern Bedrohung emancipirt und endlich seine Grnzen
festhlt gegen alle fremden Dispositionen darber. Das ist der ernste deutsche
Wille Seiner Majestt des Knigs und Seines erhabenen Verbndeten des Kaisers
Franz Joseph.
    Euer Excellenz werden doch nicht an die thrichten Behauptungen der
franzsischen Zeitungen glauben ...?
    Ich glaube in der Politik an Wenig, Herr Baron, am wenigsten an die
Zeitungen. Ich wei, da das Kabinet von St. Petersburg unmglich den Tuilerieen
fr die Zustimmung zu den russisch-trkischen Arrangements das linke Rheinufer
zugesagt haben kann, wie es England Cypern und Egypten versprochen haben soll, -
denn Kaiser Nicolaus ist ein Ehrenmann und die Sache wre nicht nur moralisch
schlecht, sondern auch politisch thricht. Ich wiederhole Ihnen, dergleichen
Geschwtz kmmert mich nicht.
    Der Diplomat kniff leicht die schmalen Lippen.
    Also eine bewaffnete Neutralitt, wie Oesterreich sie bereits so gut wie
zugesagt hat? Es knnte leicht geschehen, ja es ist wahrscheinlich, da man die
Revolution zu Hilfe ruft. In London wird bekanntlich bereits ganz offen von den
Flchtlingscomit's gegen uns propagandirt. Polen und Ungarn sind noch immer
offene Heerde, darum wre es gut, im Vereine mit Oesterreich ...
    Oesterreich, Herr Baron, ist nicht Deutschland. Oesterreich hat seine
slavischen Staaten und Italien zu wahren. Es wrde ein groer Migriff sein, uns
durch eine Demonstration in Verwickelungen zu bringen und in groe Kosten zu
strzen. Was die Revolution betrifft, so sein Sie unbesorgt, wir haben Lehrgeld
gegeben, und Preuen wird sie auch an seinen polnischen Grnzen nicht dulden. Im
Uebrigen: Neutralitt, Herr Baron, Neutralitt, begngen Sie sich damit.
    Der Diplomat erhob sich.
    In jeder Beziehung. Excellenz, auch in der Presse?
    Auch in der Presse, so viel es in der Macht der Regierung steht. Sie
wissen, der Knig ist fr eine anstndig freie Discussion in den gesetzlichen
Grnzen.
    Ich frug und bat nur darum, sagte der Diplomat mit feinem Lcheln, indem
er ein Papier aus der Brusttasche zog, weil auch mir da eine Art von Circular
zugekommen, das an verschiedene Zeitungsredactionen die Freude ausspricht, mm
endlich von dem Druck russischer Suprematie erlst zu sein, und sie auffordert,
ohne weitere Rcksicht der Stimme der ffentlichen Meinung Raum zu geben.
    Diesmal war es der Minister, welcher sich auf die Lippen bi.
    Das ist offenbar eine Dummheit, die hchstens von irgend einer
miverstehenden und tactlosen Voreiligkeit herrhrt. Ich werde der Sache
nachfragen. Im Uebrigen wissen Sie, Herr Baron, da bei uns die Presse
selbststndig ist und wir mit Absicht ein anerkanntes Regierungsorgan vermeiden.
Sie werden daher auch Ihre Vertretung in der Presse selbst suchen mssen.
    Wir berlassen dies dem Gefhl fr das Recht. Leben Sie wohl, Excellenz,
und nehmen Sie meinen Dank fr die freundliche Aufnahme, die Sie mir diesen
Abend gewhrt haben. Wem auch nicht mit Erfllung meiner Wnsche, so doch ber
Vieles beruhigt, verlasse ich Sie.
    Auf officielles Wiedersehen morgen, Herr Baron, sagte lchelnd der
hfliche Wirth, und einen freundlichen Rath noch: lassen sie nie Worte meines
verstorbenen Kollegen, des Frsten Schwarzenberg, aus dem Gedchtni. Sie werden
wissen, welche ich meine. Ich empfehle mich.
    Die Thr des Vorzimmers, bis zu welcher er seinen Besuch begleitet, schlo
sich.
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                                    Funoten


1 Die zweite russische Depesche vom 7. September, welche eine ziemlich weit
gehende Auslegung und Deutung der Stipulationen der wiener Note in Form einer
Kritik der trkischen Amendationen enthlt, wurde der preuischen Regierung erst
spter, am 20. oder 21. September, offiziell bekannt.


                                II. Petersburg.

In einem mittelgroen halb gewlbten Zimmer des kaiserlichen Winterpalastes,
jenes erhabenen Prachtbaues, den der Befehl eines unumschrnkten Gebieters in
Jahresfrist aus der Asche neu hervorzauberte, brannte hinter einem hohen Schirm
eine kleine Lampe, das Gemach nothdrftig erhellend. Die Ausstattung desselben
war eine ziemlich einfache. Vor den beiden groen Fenstern, die nach der Newa
hinausgingen, hingen schwere grn wollene Vorhnge, eben so vor den beiden
Thren. Zwei groe Arbeitstische standen, der eine mitten im Zimmer. Dieser war
mit Papieren und Mappen bedeckt, ein Seitenrepositorium enthielt eben
dergleichen. Der zweite Tisch zeigte auf seiner breiten Platte ein kunstvoll
gearbeitetes Schreibgerth von occidyrtem Silber, Petschafte, Briefbeschwerer
von seltsamem Material und ungewhnlichen Formen, Einzelnes offenbar von groem
historischem oder Kunstwerth, dazwischen ein Lesepult mit einer einfachen
Perlenstickerei und eine kleine Standuhr. Ein Thermometer und ein Doppelkalender
nach alter und neuer Rechnung hingen an dem vorspringenden Pfeiler neben einigen
Papptafeln mit Listen und Notizen. Zwei offene Bcherschrnke rechts und links
zeigten eine Auswahl von Werken in franzsischer, englischer, deutscher,
russischer und italienischer Sprache. Der Inhalt des ersten Schrankes gehrte
der militairischen Literatur an, namentlich waren es Werke ber das Geniewesen.
Auch befanden sich darunter die Jahrgnge der preuischen Wehrzeitung, von der
die beiden neuesten Nummern offen auf dem Tische lagen. Den zweiten Schrank
fllten ernste und schnwissenschaftliche Schriften und einige lexicographische
Werke.
    Neben dem zweiten Tisch stand ein langes, niederes, eisernes Rollbett von
hchst einfacher Construction. Die Unterlage bildete eine Matratze von Maroquin
mit Seegras gestopft, ein eben solches Kissen den Kopfpfhl.
    An den Wnden hingen einige schne groe Gemlde geistlichen Inhalts,
darunter eine Madonna von Murillo, und Portraits; auch zwei kleine
Bleistiftzeichnungen in einfachen Rhmchen. Neben dem schriftenbedeckten
Arbeitstisch befand sich an der Wand mir groe Karte des russischen Reiches,
gegenber die von Europa. Eine groe Ordnung und Regelmigkeit herrschte in der
ganzen Einrichtung des Gemachs und verlieh ihr einen gewissen militairischen
Charakter.
    - - - -
    Auf dem Rollbett, nur von einer wollenen Decke und einem Militairmantel
verhllt, lag ein Schlafender von fast riesiger Krperform.
    Die breite kolossale Brust hob und senkte sich ruhig, das Antlitz war nach
aufwrts gekehrt, ein Arm unter den Kopf gelegt. Eine hohe, glnzende, eherne
Stirn, in der Mitte zwischen den Augenbrauen ber der langen geraden Nase in
einer ernsten halb drohenden Falte zusammengezogen. Das Gesicht lang und in
vollem Oval, das Kinn stark und von groer Willenskraft, fest gerundet, der
regelmige Mund, von einem militairischen Schnurrbart berschattet, ernst
geschlossen. Die ganze Figur des Schlafenden schien wie aus Granit gehauen, so
fest und straff war Alles daran. Es lag etwas Soldatisches, Starres,
Titanenhaftes in ihr.
    Der Zeiger der kleinen Uhr auf dem Tische wies auf 5 Uhr und zugleich lie
sich das scharfe kurze Rasseln eines Weckers hren. Bei dem ersten Tone
desselben ffnete der Schlafende maschinenmig die Augen.
    Diese Augen entsprachen dem Krper, dem ehernen Antlitz. Sie waren ruhig,
fest, klar, gro und von jener Eigenthmlichkeit, da, ohne einen bestimmten
Ausdruck zu haben, ihr Blick doch durchdringend, durchbohrend, niederdrckend
war, wie z.B. das Auge Friedrich's des Groen von Preuen.
    Die Augen waren echt kaiserlich!
    Es war auch der Kaiser, der eben erwachte.
    Europa hat diesem erhabenen Charakter, diesem ehernen Bilde unter den
lebenden Herrschern, an dessen Sterblichkeit zu glauben man sich entwhnt hatte,
- viele nur schwere Vorwrfe an der Schwelle seines Jenseits gemacht; es ist
viel Ha, viel Blut und viel Leiden auf diesen Hnen gewlzt worden. Der da Oden
die Waagschale hlt, richtet auch ber die Knige und Kaiser der Erde, wie ber
den Paria, den Lepero und den Muschik. Aber das Gewicht, womit die Gewaltigen
der Erde gewogen werden, ist ein anderes.
    Wer viel gehabt und viel verleumdet wird, wird auch viel geliebt.
    Kaiser Nicolaus ist geliebt worden, geliebt, wie man das Erhabene liebt.
    Er war eine einsame mchtige Natur auf seinem Piedestal, und dieses
Piedestal war der Thron des grten Reiches der civilisirten Erde. - -
    Der Kaiser warf rasch Decke und Mantel von sich und kleidete sich an ohne
Hilfe mit den Kleidern, die auf einem Stuhle vor seinem Bette lagen. Dann
zndete er an der Lampe die Kerzen der silbernen Armleuchter an, deren je zwei
auf jedem Tische standen.
    Der Selbstherrscher des mchtigen Reiches that das Alles allein; er bewahrte
bis in das Kleinste herab, so viel es sich mit seinem erhabenen Range vertrug,
die militairischen Gewohnheiten.
    Dann trat er einige Augenblicke an das Fenster und schaute die weite
Perspective hinab. Die frhe Morgenstunde des Spt-Septembers hllte unter der
nordischen Breite noch Alles in Dunkel, das an tausend Stellen durch die
Gasflammen unterbrochen wurde, die sich in dem Wasser des breiten Stromes
spiegelten.
    Der Kaiser setzte sich hierauf an den ersten Arbeitstisch und begann, einen
Sto Papiere durchzusehen. Diese mchtige Natur bewahrte eine immense
Arbeitskraft, die durch die strengste Regelung der Beschftigung und der Zeit
vermehrt wurde. Fr gewhnlich stand der Monarch um halb sieben Uhr auf, nahm
schon whrend seiner kurzen Toilette verschiedene Meldungen und Rapporte an,
machte dann einen Gang durch das ganze Palais bis zur Wiege seiner Enkel und
blieb bis um acht Uhr in seinem Kabinet. Von acht bis neun Uhr machte er stets,
und wo er sich auch befand, Sommer und Winter, einen Spaziergang in freier Luft.
Um neun Uhr empfing er regelmig den Kriegsminister Frst Dolgorucki, auf den
er groes Vertrauen setzte. Der Frst ist derselbe, welcher bei der bekannten,
durch fast komische Miverstndnisse und Vorspiegelungen weniger Rdelsfhrer
hervorgerufenen Militair-Emeute gleich nach der Thronbesteigung (am 24. December
1825) als Capitain die treue Wache im Hofe des Winterpalastes kommandirte,
welcher der Kaiser den siebenjhrigen Thronfolger anvertraute, ehe er khn und
allein den Rebellen entgegentrat.
    Um zehn Uhr pflegte der Kaiser sich fr kurze Zeit zur Kaiserin und seiner
Familie zu begeben; nie lie er aber auch dort einen angemeldeten Minister oder
eine befohlene Person warten. Wenn gegen zwei Uhr alle Geschfte im Palais
beendet waren, fuhr er in seiner einspnnigen Droschke oder im Schlitten aus und
besuchte dabei drei bis vier Anstalten der verschiedensten Art. Um vier Uhr
speiste er im kleinen Familienkreise, zu dem nur wenige Auserwhlte zugezogen
wurden. Der Kaiser a stark, trank aber sehr mig. Selbst die Abendstunden
waren meist den Staatsgeschften gewidmet; wenn er im Salon der Kaiserin oder
der Grofrstinnen erschien, sprach er wenig und nahm selten an der allgemeinen
Unterhaltung Theil. In sein Kabinet zurckgekehrt, arbeitete er wieder und begab
sich selten zur Ruhe, wenn noch irgend ein Bericht zu erledigen war. Oft stand
er des Nachts auf, verlie allein das Winterpalais und stattete irgend einem
Institut, namentlich den Cadettenhusern, einen Besuch ab. Sein erster Blick
galt dann stets dem Thermometer, der die vorgeschriebenen 14 Grad zeigen mute,
und seine Untersuchungen erstreckten sich bis in's Detail.
    Der Kaiser hielt sich nach seinen eigenen Worten stets im Dienst und nur
in Peterhof gestattete er sich auch in der Kleidung einige Abweichungen von der
sonst streng ordonanzmigen Uniform und Haltung. Auch im strengsten Winter trug
der Monarch nur den einfachen Offiziermantel, nie einen Pelz.
    Mit dem Beginn der orientalischen Verwickelungen vermehrte sich die
Thtigkeit des Kaisers und er gnnte sich noch weniger Erholungen wie frher. Er
stand fast zwei Stunden frher als sonst des Morgens auf, um zu arbeiten, und
empfing von sechs Uhr ab die Vortrge der Minister und Adjutanten, um spter fr
die militairischen Geschfte, die Besichtigungen etc. frei zu sein. Eine
auffallende Aufregung und Rastlosigkeit hatte sich seines ganzen Wesens
bemchtigt und man sah, wie tief ihn der Gegenstand und das Scheitern vieler
Erwartungen und gehegten Ansichten berhrte.
    - - - -
    Nachdem der Monarch den Sto von Papieren, welche vor ihm lagen,
durchgesehen und die Unterschriften vollzogen hatte, sah er auf die Uhr, die
halb Sechs zeigte, und nach einer der Notiztafeln ber dem Schreibtisch.
    Mittwoch - das ist Nesselrode's Tag, da habe ich noch Zeit, er kommt erst
um sieben Uhr.
    Damit erhob er sich, holte aus dem Ankleidekabinet, zu dem eine Tapetenthr
fhrte, Mantel und Helm und verlie leise das Zimmer.
    Das Vorgemach war erhellt, zwei Pagen saen dann und schliefen in den
Lehnsthlen. Am Tisch wachte der diensthabende Kammerdiener und las; er erhob
sich rasch, als er die Thr gehen hrte.
    Ei sieh, Menger, sagte der Kaiser, bist Du wach? Geh' hinein und ordne
das Kabinet; um Sieben bin ich zurck.
    Er schritt hindurch nach dem uern Vorzimmer, in welchem whrend der Nacht
ein Offizier der Schlowache seinen Aufenthalt hatte, um auergewhnliche
Meldungen entgegen zu nehmen.
    Es war an dem Morgen ein Lieutenant von der Preobraczenski'schen Garde,
diesem Lieblingscorps des Kaisers, das ihn einst gegen die Emprer vertheidigt
hatte. Der noch sehr junge Mann war auf dem Stuhl vor dem Tisch, an dem er die
abendlichen Wachrapporte eingetragen, die der Kaiser sich alle Morgen vorlegen
lie, eingeschlafen; sein Kopf ruhete auf dem aufgesttzten Arm. Es mute erst
spt geschehen sein, denn eine Depesche, die auf dem Tische lag, zeigte den
Prsentationsvermerk einer spten Stunde. Vor ihm lag ein halb vollendeter
Brief, ber dem ihn offenbar die Mdigkeit berrascht hatte, - die Feder war
seiner Hand entfallen.
    Der Kaiser, dessen Schritt der dicke Teppich des Fubodens unhrbar machte,
nahete sich leise dem Tisch.
    Sie haben gestern Morgen scharf exercirt, sagte er wie entschuldigend und
bog sich ber den Schlafenden, die Depesche zu nehmen. Sein Blick fiel aus den
Brief und auf seinen Namen. Er nahm vorsichtig das Blatt in die Hand und las.
    Der Brief war an die Mutter des jungen Mannes gerichtet, die in dem
Gouvernement Nischnei-Nowgorod wohnte und die Wittwe eines frheren Offiziers
war. Der Sohn, in dem Kadettenhause erzogen, schrieb ihr, wie er hoffe, da der
Krieg ihm Gelegenheit zur Auszeichnung geben werde, mit der er dem geliebten
Kaiser fr die Wohlthaten danken knne, die er ihm durch seine Erziehung erzeigt
habe. Er beklagte kindlich, da er sie, die er seit zehn Jahren nicht
wiedergesehen habe, nicht zuvor noch ein Mal umarmen drfe, aber selbst wenn er
- was sehr unwahrscheinlich, - Urlaub erhalten knne, sei es unmglich, da die
Entfernung so weit und er ohne Vermgen nur durch die strengste Sparsamkeit die
kostspielige Stellung bei der Garde bewahren knne, in die ihn der Zufall und
die guten Zeugnisse im Cadettenhause gebracht.
    Das Adlerauge des Monarchen hatte in wenigen Augenblicken den Brief
berflogen und ruhte wie nachdenkend auf dem Schlfer. Dann nahm er vorsichtig
die Feder, schrieb einige Worte unter den Brief und legte denselben wieder an
seine vorige Stelle.
    Mit leichten Schritten, ohne da der Schlfer erwachte, verlie er das
Gemach. Drauen auf dem Corridor standen zwei Grenadiere des Regiments gleich
Statuen auf ihrem Posten. Der Kaiser nickte ihnen zu und schritt die breite
Treppe hinab, die in den Vorhof fhrt. Einen Augenblick blieb er sinnend an der
groen, mit drei Kreuzen geschmckten Steinplatte stehen, welche die Stelle
bezeichnet, auf der er an jenem blutigen 26. December den Grenadieren den
Naslednik (Thronfolger) bergab. Dann hllte er sich in den Mantel und verlie
den Bereich des Palastes.
    Es war noch zu frh, als da die Isworstschiks (Droschkenfhrer), deren sich
der Kaiser bei seinen Besuchen hufig bediente, bereits auf den Haltepltzen
sein konnten, und der Monarch ging daher rasch zu Fu weiter, die
Alexander-Newskoi-Perspective hinauf. Es war sechs Uhr, als er das Corps - wie
die Cadettenhuser und Militair-Erziehungs-Anstalten genannt werden - erreichte,
dessen Besuch er beabsichtigt hatte, die Zeit, um welche die jungen Soldaten
regelmig Winter und Sommer aufstehen mssen. Die Wache schlug eben die
Reveille, als der Kaiser das Thor passirte und sofort nach einem der groen
Speisesle sich begab. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Ankunft des
Kaisers durch alle Gnge des weitlufigen Gebudes, und ehe die fnf Minuten,
welche er bei solchen Gelegenheiten, wie bei Audienzen der Versptung einrumte,
vergangen waren, wirbelten im Hofraum die Trommeln zum Antreten, und der
Gouverneur der Anstalt, Obristlieutenant Moradowitsch, begrte den Monarchen in
dem Saal.
    Die Offiziere, welche vor drei Tagen das Examen bestanden haben, sollen
heute das Corps verlassen und in die Garnisonen abgehen?
    Zu Befehl, Sire.
    Gut. Ich will sie vorher sehen. Spter habe ich keine Zeit. Komm.
    Er ging voran nach dem Hof. Der Gouverneur und die den Unterricht
ertheilenden Offiziere, welche sich vor dem Saale aufgestellt hatten, folgten
ihm.
    Auf dem Hofe standen compagnieenweise in ihren Hausuniformen die jungen
Leute, welche ihre Erziehung in der kaiserlichen Anstalt genossen, um von dieser
aus in die Armee zu treten. Da der Kaiser auf eine mglichst grndliche
Ausbildung fr den Dienst und hohe Klassen hielt, in denen das Avancement bis
zum Lieutenant erfolgen konnte, auch den allzu frhen Eintritt in den activen
Dienst nicht liebte, so war das Alter der Cadetten sehr verschieden.
    Die Offiziere traten an ihre Abtheilungen, der Kaiser ging musternd an den
Fronten vorber. Das Tageslicht war bereits vollstndig eingetreten.
    La die neuen Offiziere und Fhnriche vortreten.
    Der Gouverneur ertheilte den Befehl; einundzwanzig Jnglinge traten aus den
Reihen und stellten sich vor dem Monarchen auf. Zwei derselben, die an der
Spitze standen, waren die Aeltesten und schienen bereits das zwanzigste Jahr
erreicht oder berschritten zu haben.
    Die Zeugnisse!
    Der Obristlieutenant prsentirte sie und der Kaiser nahm sie ihm einzeln ab,
wie er nach der Reihe die jungen Leute musterte. Gleich bei dem ersten blieb er
stehen und betrachtete ihn mit durchdringendem Blick, den der Jngling fest und
unverrckt aushielt.
    Es war ein junger Mann von hoher, schlanker Figur, mit blassem, klassisch
geschnittenem Gesicht von energischem Ausdruck; das Auge dunkel und feurig,
sonst in seinem Wesen einfach und anspruchslos.
    Wir kennen uns. Du bist Djemala-Din, der Sohn des Imam Schamyl?
    Ja, Sire!1
    Dein Vater hat mir in diesem Sommer viel zu schaffen gemacht. Ich wnschte,
er wre so gut russisch wie Du Ich habe Dich lange warten lassen mit einer
Offizierstelle, aber ich wollte, da Du tchtig ausgebildet wrdest, damit es
hafte, was Du gelernt hast. Es freut mich, da Deine Zeugnisse smtlich gut
lauten. Du hast Dir, wie ich sehe, selbst das Uhlanencorps gewhlt und gehst
nach Polen?
    Mit Ihrer Erlaubni, Sire!
    Schn. Du wirst immer an mir einen Freund finden und ich habe fr Deine
Ausrstung bereits gesorgt. In Warschau melde Dich sogleich beim Frsten
Statthalter, er wird Dir das Nthige mittheilen. Nimm die beiden Pferde, die Du
dort findest, als Geschenk von mir und halte Dich brav. Ich habe die Augen auf
Dich gerichtet.
    Er reichte ihm die Hand, und als der junge Mann sich tief gerhrt darber
beugte, kte er ihn auf die Stirn.
    Sire! welche auch meine Zukunft sein mge, ich werde nie Ihrer Gte
vergessen.
    Er trat zurck in die Reihe seiner Gefhrten. Der forschende Blick des
Kaisers traf seinen Nachbar und er sah aufmerksam das Zeugni durch, das der
Gouverneur ihm reichte.
    Der junge Mann war eine mittelgroe gedrungene Gestalt mit intelligentem
Gesicht, aber einem starken Zug von Trotz und Eigenwillen um den Mund.
    Ein Ocholskoi? ein guter Name, aber viel schlimmes Blut in dem Geschlecht.
Du bist zwei Jahre lnger in dem Corps geblieben, junger Mensch, als Deine
Fhigkeiten nthig machten. Warum?
    Man hat mir die Erlaubni zum Examen verweigert, Euer Majestt.
    Ich sehe es. Du bist zehn Mal in einem Jahre wegen Ungehorsam und
Widerspenstigkeit bestraft. Wie ist's mit ihm, Moradowitsch?
    Er ist einer der besten Zglinge des Corps, Majestt, sagte der Gouverneur
entschuldigend, aber er ist schwer zu bndigen.
    Ich werde es bernehmen, entgegnete der Czar. Gehorsam, unbedingter
Gehorsam ist das Erste, was ein Soldat lernen mu. Ohne blindes Gehorchen kein
Befehl. Ich habe gehrt, Du machst Verse, freie Verse, die Du drucken lt. Das
ist keine Beschftigung fr einen Soldaten. Denke an Lermontof2. Ist bereits
ber um verfgt?
    Er wird bei den Felddragonern eintreten.
    Halt da. Lassen Sie die Bestimmung andern. Er soll zu Bodisco gehen nach
Bomarsund, und wenn er dort zwei Jahre sich tadelfrei gefhrt und Gehorsam
gelernt hat, mag er in das bestimmte Corps eintreten.
    Eine fahle Blsse berzog das Gesicht des jungen Mannes. Die Alandsinseln
gelten in der russischen Armee fr eine Strafcolonie, gefrchteter als die
Verbannung nach dem Kaukasus. Er trat unwillkrlich einen Schritt zurck in die
Reihe.
    Halt!
    Der Verbannte stand wie eine Mauer.
    Der Kaiser kte auch ihn auf die Stirn.
    So, - nun tritt zurck und lerne gehorchen!
    Er controllirte eben so sorgfltig die Zeugnisse der brigen Neunzehn, lobte
und tadelte. Als er dann an der Colonne der Cadetten vorberging, trat pltzlich
einer derselben, fast noch ein Knabe, mit schnem, blondgelocktem Haar und
offenem, Zutrauen erregendem Gesicht vor und beugte ein Knie. Der Kaiser blieb
freundlich stehen und sagte zu dem jungen Mann:
    Steh' auf, Kind; was willst Du von mir?
    Euer Majestt danken fr das Glck, da ich meinen Grovater umarmen
durfte, und ...
    Wie heiest Du, mein Sohn? wer ist Dein Grovater?
    Graf Lubomirski, Euer Majestt. Euer Majestt haben den alten Mann
begnadigt und er befindet sich hier.
    Der Czar runzelte leicht die Stirn; er liebte es nicht, an Verurtheilungen
oder Begnadigungen erinnert zu werden.
    Es ist brav von Dir, da Du die Deinen liebst. - Aber Du wolltest noch
Etwas?
    Ich wollte Euer Majestt um die Gnade bitten, da ich den Feldzug gegen die
Trken mitmachen darf. Ich mchte Euer Majestt so gern meine Dankbarkeit und
meine Treue bezeigen.
    Der Kaiser lchelte, so weit in dies eherne Gesicht Lcheln treten konnte,
und klopfte den Knaben auf den Kopf.
    Wie steht's mit ihm, Moradowilsch?
    Er ist ein fleiiger und talentvoller Schler, Sire, aber erst sechszehn
Jahre.
    Nun, so warte noch ein Jahr, die Sache ist noch lange nicht zu Ende fr
Dich und mich. Dann sollst Du als Junker eintreten. - Adieu, Kinder, gehabt Euch
wohl, es wird Zeit fr mich.
    Die Trommeln rasselten, der Kaiser salutirte und verlie den Hof. Am Ausgang
lehnte er mit einer strengen Handbewegung jede weitere Begleitung ab und schritt
allein auf die Strae hinaus eine kurze Strecke, bis ihm ein Isworstschick mit
dem leeren Gespann entgegenkam. Er winkte ihm, umzukehren und warf sich in das
offene Gefhr.
    Na domo! (Nach Hause!) sagte er zerstreut.
    Die Droschke flog davon und hielt in der Nhe des Winterpalastes. Befremdet
stieg der Kaiser, der es ungern sah, wenn man ihn auf seinen frhen Ausgngen
erkannte, aus und fragte den Kutscher:
    Kennst Du mich denn?
    Ein schlaues: Nein, Vterchen! war die Antwort.
    Aber ich habe meinen Geldbeutel vergessen!
    Thut Nichts, Vterchen, Du bezahlst mich ein ander Mal!
    Nein, sagte der Kaiser, ich mache keine Schulden. Warte hier.
    Er verschwand in dem Hofe des Palastes und der Kutscher, der den Kaiser sehr
wohl erkannt hatte, hielt geduldig sein Pferd an. Eine kurze Weile darauf
brachte ihm ein Offizier aus dem Palaste drei Imperials. Das Gesicht des
Kutschers, als er mit dem reichen Fahrgeld davongaloppirte, konnte nicht froher
und glcklicher sein, als das des Offiziers, welcher ihm das Gold gebracht. Es
war derselbe, welcher im Vorzimmer des Kaisers ber dem Briefe eingeschlafen
war. Als er erschrocken durch die zufallende Thr aufwachte, fand er unter
demselben die Worte3:

        Vorzeiger hat zwei Monat Urlaub und aus der Kaiserlichen
        Chatoullen-Kasse 500 Silberrubel zu erheben.
                                                                      Nicolaus.

    Als der Czar zurckkehrte, warf sich der junge Offizier ihm zu Fen. Der
hohe Herr aber sandte ihn mit jenem Geschenk zu dem Isworstschick. -
    Es war fnf Minuten vor 7 Uhr, als der Kaiser sein Kabinet wieder betrat und
Helm und Mantel ablegte. Der Kammerdiener brachte ihm das bereit gehaltene
Frhstck. Whrend er dasselbe geno, schlug die Uhr Sieben und zugleich wurde
der Reichskanzler gemeldet.
    Der Eintretende hat in der neuesten Zeitgeschichte eine so wichtige Rolle
gespielt, da wir seiner Persnlichkeit einige Zeilen widmen mssen.
    Es war ein Greis von 75 Jahren, denn der Graf ist 1780 - als Kosmopolit auf
einem englischen Schiff aus der Rhede von Lissabon - geboren, whrend sein
Vater, aus der rheinisch-bergischen Familie der Grafen von Nesselrode-Ehreshoven
stammend, dort russischer Gesandter war. Bei dem wiener Congre machte sich der
Graf zuerst in der politischen Welt bemerklich und galt auch fr einen der
schnsten Mnner jener zahlreichen und glnzenden Versammlung. Noch zeigen sich
die Spuren der ehemaligen Schnheit in dem ruhigen feinen Gesicht mit der hohen
Greisenstirn. Selbst die hohe Gestalt war nur wenig gebeugt.
    Der Kaiser bewies stets groe Achtung und Rcksicht fr den alten Staatsmann
und legte sehr bedeutendes Gewicht auf seine Meinung. Er kam ihm auch diesmal
beim Eintritt einige Schritte entgegen und lud ihn ein, sich an dem zweiten
Tisch niederzulassen, aus dessen Platte der Minister das mitgebrachte, ziemlich
umfangreiche Portefeuille ffnete.
    Ich bitte, Graf, gieb mir zuerst die auswrtigen Tagesberichte; welche
Neuigkeiten? ich bin seit einiger Zeit begieriger darauf, als es sonst der Fall
war.
    Baron von Brunnow, Sire, hat auf meine Anweisung durch den Telegraphen am
15. Lord Clarendon officiell angefragt, welchen Weg die englische Regierung nun
einschlagen werde, nachdem ihr bekannt geworden, da Euer Majestt die
Vorschlge der Pforte abgelehnt haben. Am 16. sind dem englischen und dem
franzsischen Kabinet durch unsere Gesandten unsere beiden Depeschen vom 7.
mitgetheilt worden.
    Und die Antwort?
    Es liegt erst die des Herrn von Kisseleff vor, die gestern Abend
eingetroffen. Der Gesandte hat von Brssel aus in der geheimen Chiffre
telegraphirt, also das Resultat nur im Geheimen erfahren. Hier ist die
Depesche.
    Lesen Sie, Graf.
    Herr von Kisseleff meldet: Am 17. Depesche nach Wien, da Frankreich nicht
weiter zur Annahme der Note rathe, da unsere Kritik vom 7. anderen Sinn als die
Westmchte unterlege.
    Ein leerer Vorwand, nach dem man gesucht hat.
    Der Gesandte meldet weiter: Vorschlag des Herrn Drouin nach London, wegen
der Unruhen die Flotten nach Constantinopel zu berufen.
    Wieder ein willkommener Vorwand! Und wie lauten die Nachrichten aus
London?
    Sire, es fehlen noch die Depeschen.
    Sie knnten lngst hier sein, wenn man eine Antwort gegeben htte. Lord
Clarendon wird sich besinnen, auf die neuen Whlereien des Herrn Drouin de
L'huys einzugehen.
    Der greise Staatsmann zuckte leicht die Achseln.
    Was denken Sie davon, Herr Graf?
    Sire, Eurer Majestt Vorliebe fr England behindert Ihren sonst so klaren
politischen Blick. Wenn auch im Augenblick der Einflu unseres Gegners Lord
Palmerston beseitigt ist, bleibt England doch unverndert der geheime und
bittere Gegner Rulands und wird die Lockung nie vorbeigehen lassen, unsere
Suprematie im Orient zu brechen.
    Der Kaiser schritt einige Male ungeduldig im Zimmer auf und ab.
    Dieses England! dieses England! - ich meinte es so aufrichtig mit ihm. Der
Osten und das Meer gehrten uns Beiden ohne Eroberung, wenn es ehrlich gehandelt
htte.
    Sire, ich habe Ihnen immer gesagt, Rulands natrlicher Verbndeter ist
Amerika. Ein Reich, das noch eine Zukunft hat, mu sich nie mit einer Macht
alliiren, die bereits auf dem Gipfel steht und nach den Gesetzen der Geschichte
und der Natur nur die absteigende Linie vor sich hat.
    Das hiee aber, sich mit der Revolution, mit der Demokratie verbinden, die
ich hasse und bekmpfe.
    Sire, der Constitutionalismus von England ist die permanente gefhrliche
Revolution, nicht Amerika, das nur damit kokettirt. Nach Euer Majestt Princip
gbe es dann kein loyaleres Bndni als Frankreich.
    Der Kaiser schwieg einige Augenblicke.
    Was schreibt man aus Constantinopel?
    Staatsrath Pisani berichtet ber die revolutionaire Bewegung der
Kriegspartei am 10.4. Was er mittheilt, ist von Wichtigkeit und besttigt meine
Ansichten.
    Geben Sie mir einen Auszug!
    Schon seit Beginn des Monats machten sich in Constantinopel die Bewegungen
der Kriegspartei auffallend bemerkbar. Die zweimalige Verwerfung der Wiener Note
in dem Divan vom 14. und 15. August war offenbar ihr Werk. Euer Majestt wissen,
da der Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze dieser Partei steht und
unser gefhrlichster Gegner ist. Mehemed Ruschdi Pascha5, Mahmud Pascha6 und
Hamik Pascha7 sind seine Anhnger. Wenn auch bei Mehemed nicht, der offenbar von
ehrgeizigen Spekulationen getrieben wird, so doch bei mehreren anderen
Persnlichkeiten, htte meiner Ansicht nach Frst Mentschikoff die zwei
Millionen Silberrubel, die er fr dergleichen Zwecke mitnahm, weit ntzlicher
fr die Interessen Eurer Majestt verwenden knnen, als da er sie unberhrt
nach Odessa wieder zurckgebracht hat. Der tiefe Verfall der Trkei bedingt, da
in Constantinopel Alles fr Geld feil ist.
    Er ist ein Eisenkopf, sagte der Kaiser, und hat die Trken.
    Ein wichtiger Theil der kriegslustigen Partei waren von Anfang an die
Ulema's und Softa's8. Es ist dies natrlich, da sie eigentlich den
Ultramontanismus des Islam vertreten und fr die eigene Existenz kmpfen. Euer
Majestt wissen aus den frheren Berichten, da Sultan Abdul Meschid aller
Energie baar und ein Spielwerk in der Hand seiner Umgebungen ist. Um so mehr ist
die geringe Diplomatie des Frsten Mentschikoff zu beklagen. Reschid Pascha hat
zwar die westmchtlichen Sympathieen, ist aber klug genug, einzusehen, da der
Trkei das unbeschrnkte Bndni mit Frankreich und England mehr Opfer kosten
wird, als alle Forderungen des bisherigen diesseitigen Einflusses. Es lebt ein
tiefes unabweisbares Gefhl in der trkischen Bevlkerung, da eine gewaltsame
Entscheidung zwischen der Herrschaft des Islam nur des Christenthums erfolgen
msse. Selbst die Friedensfreunde suchen sie nur hinauszuschieben.
    Der unheilbar kranke Mann. Meine Gromutter9 hat es schon gesagt.
    Bereits seit Anfang des Monats hat man an verschiedenen Orten
Constantinopels Anschlge gefunden, durch welche der Sultan aufgefordert wurde,
die Fahne des Propheten gegen die Christen zu erheben, oder abzudanken. Die
Softa's und Ulema's hielten geheime Versammlungen, und am 10. berreichte eine
Deputation von ihnen, von einer groen Versammlung auf dem Atmeidan gesandt, dem
Conseil eine Adresse an den Sultan, in welcher durch Sprche aus dem Koran die
Nothwendigkeit des Krieges dargethan wurde. Eine zweite Adresse forderte ihn
auf, bis zum Beginn des Beiram, bis zum 15., seine Entscheidung abzugeben, oder
dem Throne zu entsagen!
    Ha! Advokaten, Pfaffen mich dort!
    Wir wissen ganz bestimmt, Sire, da diese Bewegung im Stillen von Ruschdi
und zwar im Auftrage von Mehemed Ali geleitet wurde. Sowohl Lord Redeliffe, als
Herr de Latour wuten darum, denn nachdem sie auf Grund der bald und mit einem
Dutzend Kpfe der Softa's gedmpften Emeute erklrt hatten, da sie zum Schutz
der Christen am Beiram einige Kriegsschiffe nach Constantinopel rufen wrden,
trafen ohne den Ferman, den der Sultan fr die Flotten beharrlich verweigert,
bereits am Morgen des 15. von den Geschwadern in der Besika-Bai zwei englische
und zwei franzsische Dampffregatten ein. - Dies wre ganz unmglich gewesen,
wenn dieselben nicht bereits vorher Anweisung gehabt htten. Die
englischfranzsische Absicht liegt daher klar am Tage.
    Und der Beiram?
    Die Prozession ist ruhig vorber gegangen.
    Der Kaiser blieb am Tische des Grafen stehen und sttzte die Hand darauf.
    So mgen sie es denn haben, sagte er nach einer Pause; man zwingt mich
zum Kriege. Ist er ein Mal erffnet, so ist sein Ende schwer zu bersehen, und
eine innere Stimme sagt es mir, - ich werde dies Ende nicht erleben. Aber mein
Ruland wird, und wenn halb Europa dagegen in die Schranken treten sollte, - es
wird - es mu siegen! Ich habe es dafr stark gemacht.
    Er ging noch ein Mal gedankenvoll durch das Zimmer.
    Ich habe diesen Krieg nicht muthwillig oder eigensinnig hervorgerufen, bei
Gott nicht! Aber ich und dieses Reich haben unsere Mission zu erfllen. Diese
Mission ist das Erbe meiner Vter, ein politisches und ein religises. Ruland
ist der Damm gegen die Revolutionen, gegen die umstrzenden zerstrenden Ideen
von Westen her; darum, um ihnen Trotz bieten zu knnen, mute es stark und
mchtig sein, und ich habe gethan, was an mir war, selbst auf Kosten des eigenen
Herzens, vielleicht des Rechts, es krftig in seinem Innern, gefrchtet nach
Auen zu machen. Das schwarze Meer ist eine Lebensnothwendigkeit fr Ruland,
und um seiner Existenz und Zukunft willen kann und wird es nie dulden, da am
Bosporus ein anderer Einflu dominirt. - Seine religise Mission, sein Erbe ist
der Schutz unseres heiligen Glaubens im Sden und Osten. Eilf Millionen Christen
sehen aus ihrer Noth, aus der tglichen Bedrngni vertrauend auf mich. - Ich
habe das Werk meines Urgrovaters Peter fortgesetzt, den Russen zum Brger
seines Landes zu machen und ihm seine Menschenrechte zu geben, - und ich sollte
zgern, wo es gilt, unseren unterdrckten Glaubensgenossen zu helfen und endlich
ihre Christenrechte zu sichern!?
    Erinnern Sie sich, Sire, da diese Absicht schon ein Mal an der Rivalitt
von Frankreich und England scheiterte.
    Sie haben Recht, - ich war zu nachgiebig, man soll mich nicht mehr so
finden, wenn man mich denn mit Gewalt herausfordern will.
    Wie denken Euer Majestt ber den Plan, den Vice-Admiral Nachimow vorgelegt
hat?
    Nein, Nesselrode, nein! Ich wei, da er den Erfolg mit einem Schlage
sichern, den Sieg in unsere Hnde geben und einen vielleicht langen und schweren
Krieg vermeiden wrde. Die russische Flotte von Sebastopol unerwartet in den
Bosporus werfen, die Schlsser als Pfand besetzen und Constantinopel mit einer
Armee im Schach halten - der Plan ist militairisch vortrefflich, aber - es geht
nicht!
    Sire - im Fall eines Krieges sichern Sie dadurch allein Ihre Flotte und die
Herrschaft des Meeres.
    Nein - nein! - Sebastopol wird meine Flotte schtzen, man kann mich
hchstens an den Ksten verwunden. Ich aber opferte damit meine ganze
Vergangenheit, die bewiesen hat, da ich kein Eroberer bin. Habe ich nicht im
Frieden von Adrianopel, als die Trkei in meiner Hand war, alle Eroberungen
zurckgegeben? Habe ich nicht die Beleidigung, die Persien mir angethan, mit dem
Erla der Kriegsentschdigung vergolten? Haben meine Schiffe und meine Armee
nicht den Sultan zwei Mal vor seinem rebellischen Vasallen gerettet? Wer, frage
ich, hinderte mich im Jahre 1848, als alle Welt die Hnde voll zu thun hatte, zu
nehmen, was ich wollte? - Statt dessen brach ich die Revolution in Ungarn und
rettete Oesterreich.
    Der Reichskanzler beugte sich, ohne ein Wort zu entgegnen, auf seine Papiere
nieder.
    Ich wei, was Sie sagen wollen; man hat mich vielfach gewarnt. Frst
Schwarzenberg soll mit Bezug auf Ruland noch kurz vor seinem Tode gesagt haben:
Europa wrde binnen wenig Zeit ber die Undankbarkeit Oesterreichs staunen, aber
ich glaube daran nicht. Von Fritz, meinem Schwager, wei ich, da er es ehrlich
meint mit Ruland, wenn ich auch nur passiven Beistand von dort erwarte. Die
heilige Alliance, die Sie selbst mit schlieen halfen, ist ein Erbe unserer
Vorgnger, das uns heilig ist. Ich traue auf den Kaiser Franz Joseph, er ist ein
junger Mann, der die Traditionen Oesterreichs nicht zu Schanden machen wird.
Vertrauen erweckt Vertrauen! - Hier biete ich es! - Der Kaiser nahm einen
versiegelten Brief von seinem Tisch, der dort umgekehrt gelegen, und reichte ihn
dem Kanzler. - Ich schrieb um diese Nacht. Schicken Sie ihn sogleich mit einem
Courier nach Olmtz ab, wo auch mein Schwager Wilhelm bereits eingetroffen sein
wird. Es ist die Anzeige meines Besuchs im olmtzer Lager. - Sie werden mich
begleiten; wir reisen morgen nach Warschau ab.
    Der Graf legte den Brief in sein Portefeuille.
    Und nun, Batuschka10, sagte der Kaiser freundlich nur lehnte ihm die Hand
auf die Schulter, wie denkst Du ber den Erfolg? Werden England und Frankreich
im Fall eines Krieges wirklich auf den Kampfplatz gegen mich treten, wenn man
meine Westgrnzen durch Deutschland gesichert sieht?
    Sire, ich habe bereits Eurer Majestt wiederholt meine Ueberzeugung
ausgesprochen und durch Grnde belegt, da die Verwickelung von Frankreich
veranlat ist und nicht so weit getrieben sein wrde, wenn man nicht von vorn
herein die Absicht eines Krieges zwischen Eurer Majestt und England gehabt
htte. Ich bin noch immer der Ansicht, da unsere Zeit noch nicht gekommen war,
unsere Einrichtungen und Transportmittel sind noch nicht vorgeschritten genug, -
mit einem Wort, Sire, wir sind nicht vorbereitet.
    Dolgorucki steht fr die Armee, ich kenne sie selbst genau und wei, was
Kronstadt und Sebastopol leisten knnen. Kleinmichel hat Zeit und Mittel gehabt,
die Straen im Sden gengend in Stand zu setzen, so da der militairischen
Communication kein Hinderni im Wege steht, wenn wir auch noch keine Eisenbahn
haben.
    Die geringe Anzahl unserer Truppen in den Frstenthmern beunruhigt mich,
Sire. Ist der Krieg unvermeidlich, so mute man ihn mit voller Energie
beginnen.
    Aber ich habe Dir gezeigt, man macht mir die Pfandnahme ohnehin schon zum
Vorwurf, selbst mein Schwager in Berlin. Eine Operationsarme wrde unseren
Gegnern nur Waffen in die Hnde gegeben haben. Uebrigens ist Gortschakoff stark
genug, dem Renegaten Omer die Spitze zu bieten.
    Die franzsische Armee ist in vorzglichem Stand und disponible. Die
verschiedenen Lager sind nicht ohne weitergreifende Absichten gebildet. Wenn
auch die englische Landmacht nicht in's Gewicht fllt, so kann das Bndni doch
binnen kurzer Frist eine sehr bedeutende Macht an den Bosporus werfen, die
entente cordiale wird sich ergnzen und hat die Mittel in Hnden.
    Sie ist unerhrt, diese unnatrliche Verbindung, gegen alle Tradition und
Politik! Und es scheint Ernst damit zu werden.
    Sire, ich glaube, ganz Europa hat sich in Napoleon III. verrechnet. Es ist
offenbar, da England hierbei sein Werkzeug ist. Er hat eine Erbschaft
angetreten, dessen erste Artikel der Ha gegen England und Ruland sind, an
denen sein Oheim unterging. Er hat vor diesem die Erfahrung und die Ruhe voraus.
Ein einziges Wort, das ihm zur Zeit des Staatsstreiches entschlpft ist,
enthllt seine Plne und seinen Charakter.
    Was meinen Sie?
    Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden mu. Die Verbindung mit
England in einem Kriege wird und mu die Schwche desselben vor der ganzen Welt
enthllen. Frankreich, selbst geschlagen, wird der Sieger sein. Der Kampf
zwischen England und Ruland kann durch die Schwchung beider Gegner nur sein
Vortheil werden. In einem einzigen Calcl wird sich hoffentlich der Kaiser
Napoleon irren, in der Spekulation, da Oesterreich und Preuen sich in einem
Kriege durch Theilnahme gegen uns gleichfalls schwchen werden. Diese Beiden,
wenn sie fest bleiben gegen die Verlockung, konnten einst das Paroli bieten;
denn glauben Euer Majestt, man wird versuchen, halb Europa in eine Revolution
gegen uns zu verwickeln.
    Wissen Sie, Nesselrode, sagte der Kaiser vertraulich, da ich anfange,
gewisse Vorschlge an Frankreich zu bereuen?
    Die von Euer Majestt groem Ahnen berkommene Politik und das Interesse
Ruland's geboten den Versuch und gehen ber jede andere Rcksicht.
    Sie berzeugen mich, und dennoch kann ich noch immer nicht glauben, da man
zu einem Angriff gegen mich schreiten wird.
    Ich wiederhole Eurer Majestt, der Angreifende hat den Vortheil. Es ist ein
Krieg und eine Rache der Revolution gegen uns.
    Europa, die Throne sollten das bedenken.
    Leider ist auch in dieser Beziehung zu wenig vorbereitend geschehen. Euer
Majestt sind nun einmal eingenommen gegen die Macht und Bedeutung der Presse.
    Bah, ich verachte sie, es ist hohle Lge und Declamation durch und durch.
Nichts Zuverlssiges. Auf Ihren Wunsch habe ich ja zwanzigtausend Imperials fr
die Zwecke bewilligt, was wollen Sie noch mehr?
    Sire, ich glaube, es war zu spt. Die Presse lt sich in unserer Zeit wohl
beeinflussen, aber nicht mehr kaufen. Wir haben Manches versumt. Ich kann mich
von dem Glauben nicht losmachen, da Euer Majestt der altrussischen Partei zu
schnell nachgegeben haben.
    Wohl - so sei diese Reise der letzte Versuch, den Frieden zu sichern. Ich
werde den Angriff abwarten, - und sie mgen zerschellen an Ruland's Kraft. -
Sind weitere Depeschen und Nachrichten eingegangen?
    Der ausfhrliche Bericht des Staatsraths Fonton ber seine Reise durch
Serbien liegt vor. Die Bevlkerung ist begeistert fr Eure Majestt und das
Auftreten Rulands.
    Das giebt Oesterreich einige Beschftigung und sichert uns vor
Ueberflgelung.
    Oberst Berger befindet sich wieder in Cetinje. Sein Einflu ist durch die
Bemhungen des wiener Kabinets sehr beschrankt. Der Vladika hat neuerdings
strenge Verfgungen gegen die Razzia's in das trkische Gebiet erlassen mssen.
Im Volk selbst aber herrscht die Erbitterung fort und zeigt sich bei jeder
Gelegenheit, namentlich seit einer seiner gefeiertsten Huptlinge, der Beg
Martinowitsch, von den Trken ermordet worden ist.
    Wenn der russische Adler ruft, werden meine wackern Montenegriner nicht
mig sein. Es war ein groer Fehler am wiener Congre, Montenegro zu isoliren
und Corfu aufzugeben.
    Baron von Meyendorf meldet aus Wien, da man dort die bestimmten Beweise
habe, da die Fhrer der revolutionairen Propaganda, namentlich Kossuth und
Mazzini, mit der Kriegspartei des Divan in genauem Rapport stehen.
    Das mte man von Constantinopel aus wissen. Wir sind dort bei Weitem nicht
mehr so gut bedient wie frher.
    In Madrid ist das Ministerium Lersundi gefallen. Der Sieg der
revolutionairen Partei bereitet sich vor.
    Der Fluch des begangenen Unrechts. Es fehlt diesen Bourbonen an
persnlichem Muth, ihr Alles in die Schranken zu werfen, sonst htten lngst die
Dinge im Westen einen andern Gang genommen.
    Der Kriegsminister wird Euer Majestt die Berichte des Frsten Gortschakoff
vorlegen, so wie den Rapport ber den Zustand der Festen am kaukasischen Ufer.
    Es ist bereits beschlossen, ich gebe sie auf.
    Frst Mentschikoff sendet Berichte aus Constantinopel. Der Rest der
trkischen Truppen ist am 10. nach Varna abgegangen. Die trkisch-gyptische
Flotte liegt noch immer unverndert vor Beykos. Der spanische General Prim ist
nach Schumla abgereist, nachdem er in Constantinopel sprliche Beachtung
gefunden hat.
    Der Don Quixote!
    Am Libanon unter den Drusen sind neue Unruhen ausgebrochen, - ich habe
unsere Agenten in Syrien instruiren lassen. An verschiedenen Stellen Rumeliens,
z.B. in Saloniki, haben neue schndliche Mihandlungen der christlichen
Unterthanen ganz ungescheut stattgefunden. Aus Bulgarien ist eine Deputation in
Constantinopel angekommen, welche ber die Scheulichkeiten der Baschi-Boschuks
gegen die Bevlkerung Beschwerde fhren soll.
    Der Kaiser lachte verchtlich.
    Gerechtigkeit und Schutz bei dem Moslem! - Tglich solche Erfahrungen und
dies christliche Europa will mir nicht gestatten, Christen gegen ihre geborenen
Henker zu schtzen! - Haben Sie aus Athen Nachrichten?
    Eine unbedeutende Vernderung im Ministerium. Das Ministerium der Justiz,
das der Minister des Auswrtigen Pajkos bisher verwaltet, ist an den Professor
Gilitza bergegangen. Der englische Gesandte tritt in animoser Weise gegen die
Sympathieen auf, die sich offen unter der Bevlkerung Athens und des Landes fr
uns zeigen.
    Nichts Nheres? - Sie wissen, Graf, seine Macht ist Null, aber ich rechne
viel aus die Sympathieen Griechenlands vor den Augen Europa's.
    Ihre Majestt die Knigin wiederholt unserm Gesandten die gegebenen
Zusicherungen, doch ist Vorsicht nthig und man klagt ber die Intriguen dieses
Herrn Kalergis, der eben aus Paris zurckgekehrt ist. - Alle Vorbereitungen sind
getroffen, im Augenblick einer Kriegserklrung wird Major Caraiskakis sofort an
der Grnze die Fahne des Kreuzes aufpflanzen und den Aufstand nach Epirus und
Thessalien werfen. In Albanien von Montenegro aus wird sein Stiefbruder Grivas
dasselbe thun. Es ghrt berall im Lande und wird die Truppen in Sd-Rumelien
zur Genge beschftigen.
    Die Uhr schlug Acht - mit dem letzten Schlage trat der diensthabende
Adjutant in das Kabinet.
    Sind wir zu Ende, Herr Reichskanzler?
    Ja, Sire!
    Ah, guten Morgen, Mansuroff. Sie werden mich begleiten. Wer hat heute auer
den Befohlenen um Audienz nachgesucht?
    Frst Iwan Oczakoff bittet um die Gnade, sich vor seiner Abreise beurlauben
zu drfen.
    Ist er nicht dem Stabe des Frsten Mentschikoff beibeordert?
    Zu Befehl, Sire, doch hat er zuvor Urlaub, seine auf der Courierfahrt von
Paris in Berlin erkrankte Schwester auf ihre Gter in der Krim zu bringen. Die
Aerzte haben ihr den Aufenthalt im Sden verordnet.
    Wer weiter?
    Graf Lubomirski, den Eure Majestt vom Exil begnadigt haben, will
Allerhchstdenenselben seinen Dank zu Fen legen.
    Lubomirski? - Er hat einen braven Enkel, doch liebe ich die Begegnung mit
alten Rebellen nicht; es ist genug, da ich verzeihe. Es war ja wohl auf Ihre
Empfehlung, Nesselrode?
    Er ist ein alter Mann und hat uns in Paris mancherlei Dienste geleistet.
    Genug; sagen Sie den Herren, ich nhme die Meldung fr empfangen an, aber
meine Zeit wre heute allzubeschrnkt. Herr Reichskanzler, fr morgen frh 6
Uhr. Der Grofrst Nicolas wird uns begleiten, von Warschau aus der Frst
Statthalter.
    Sire, ich werde die Ehre haben, Eure Majestt auf der ersten Station zu
erwarten. Ich beurlaube mich!
    Adieu, Adieu! - Geben Sie mir den Helm, Mansuroff, kommen Sie! - - -
    Der Kaiser verlie das Kabinet. - - -
    Wir werden es in einer schweren Stunde wieder betreten!

                                    Funoten


1 Djemala-Din, der lteste Sohn Schamiy's, war von ihm im Jahre 1839 bei dem
Sturme auf Achulgo, wo er selbst nur wie durch ein Wunder entkam, als ein kaum
7jhriger Knabe dem russischen Gouvernement als Geiel gestellt und er war
seitdem auf kaiserliche Kosten in dem Cadetten-Corps erzogen worden. - Wir
werden spter Gelegenheit haben, sein ferneres Schicksal dem Leser vorzufhren.

2 Derselbe wurde wegen seines Gedichts auf Puschkin's Tod: An Rulands
Schutzgeist, als Soldat nach dem Kaukasus geschickt.

3 Historisch.

4 29. August alten Styls. Um die doppelten Bezeichnungen zu vermeiden, geben
wir, auch wo die Scene in Ruland spielt, nur die Daten des neuen Kalenders, der
mit dem lteren um 12 Tage divergirt.

5 Commandeur der Garden.

6 Groadmiral.

7 Handelsminister.

8 Der Koran - in arabischer Sprache geschrieben, aus welcher er nicht bersetzt
werden darf, - ist nicht allein das religise, sondern auch das brgerliche
Gesetzbuch. Die Ulema's sind die Ausleger des Korans und bilden daher gleichsam
eine Klasse religiser Rechtsverstndiger; Softa's heien die Schler und
Studirenden. Das Haupt der Ulema's ist der Scheik ul Islam (gleichsam
Justizminister). Unter ihm steht an der Spitze der Ulema's jeder Provinz ein
Karaskier, der aber in Constantinopel residirt. Diese bilden einen Rath, an den
sich der Sultan in wichtigen Dingen mit du Frage wendet, was der Koran
entscheidet. Die Erklrung des Rathes heit Fetva. - Der Rath hatte sich fr den
Krieg entschieden.

9 Katharina II.

10 Vterchen.


                                   III. Wien.

Im Hofraum eines jener alten aristokratischen Palais, deren die Altstadt Wien in
ihren krummen, mittelalterlichen Straen noch so viele bewahrt hat, und welche
die hohen Familien wie zu ihrem alten Geschlecht gehrig, sorgsam hegen, hielt
ein reichgallonirter Stalldiener zwei prchtige, ungarische Pferde in schwerem
Silbergeschirr mit rothseidenem Behang und Zgeln vor einen zierlichen Tilbury
gespannt, dessen leichter graciser Bau mindestens das englische Muster
verrieth. Ein Jockey, in Grn und Silber gekleidet, stand daneben, whrend nicht
weit davon ein Reitknecht zu Pferde mit einem schnen halbbltigen Reitpferde
wartete.
    Die Vortreppe des Mittelbaues kamen so eben ein Herr und eine Dame herunter;
die Letztere, eine elegante Schnheit, etwa 24 Jahr, von seinen zierlichen
Formen. Das lnglich schmale, blasse Gesicht mit der seinen gebogenen Nase und
den hoch geschwungenen, aber scharf gezeichneten, schwarzen Brauen ber den
feurigen Augen kndete den sarmatischen Ursprung. Ein tief nach den ppigen
Haarflechten des Hinterkopfes zurckfallender, kleiner Damenhut, ein weiter
weicher Kashmirshawl um das hoch am Hals hinaufgehende, dollmannartig
geschnittene und verzierte Kleid bildeten eine sehr zierliche Tracht und hob den
feinen, kaum die Mittelgre erreichenden Wuchs. Eine groe Lebendigkeit und
Rastlosigkeit that sich in allen Bewegungen der Dame kund.
    Ihr Begleiter trug die Interims-Uniform eines russischen Capitains mit dein
Kasket. Er war ein groer, schlankgewachsener Mann von nahe an dreiig Jahren
und ernster, denkender Gesichtsbildung. Seine Brust schmckte die Miniatre
dreier Orden, eines russischen, eines sterreichischen und eines preuischen.
    Da Ihr Onkel mich fr die Spazierfahrt im Prater zu Ihrem Cavalier ernannt
hat, schne Grfin, sagte der Offizier, indem er die Dame auf den Sitz des
Wagens hob und Zgel und Peitsche aus der Hand des Stallknechts nahm, so
erlauben Sie, da ich Jockeydienste verrichte.
    Nichts da, Capitain; lassen Sie Ihr Pferd meinetwegen folgen und setzen Sie
sich zu mir. Ader von der Brcke ab verwalte ich selbst mein Amt und lasse mir
durch Sie das gewohnte Vergngen nickt schmlern. Sehen Sie, wie Ali und Mi
Baba in die Zgel beien, weil sie die gewohnte Hand vermissen.
    Die Pferde sind in der That heute sehr unruhig, sagte der Capitain, indem
er sich auf den Sitz schwang und der Jockey hinten auf sprang; es wird eine
Mnnerhand erfordern, sie zu bndigen.
    Er nahm ihre Zgel zusammen und ein leichter Schmitz der Peitsche trieb sie
vorwrts und aus dem Thorweg.
    Nehmen Sie sich in Acht, lachte die Dame; ich bin gestern und vorgestern
nicht gefahren und meine Pferde sind heibltig, wie die Shne ihres Landes.
    Der Wagen bog in eine der Gassen, die nach dem Stephansplatz fhren. Hoch
und khn streckte sich dieser schnste und berhmteste Dom Deutschlands in die
blaue Luft. Nach dem rothen Thurmthor ging die Fahrt, whrend deren in den
Straen die Unterhaltung stockte, da die unbndigen Rosse alle Aufmerksamkeit
des Fhrers in Anspruch nahmen; dann ber die schne Donaubrcke durch die
Jgerzeile, aus der des Banus Croaten vor fnf Jahren die Rebellen Haus um Haus
schlugen, nach dem Praterstern. Als sie am Neubau des Renz'schen Circus vorber
in's Freie gekommen, legte die Grfin die Hand auf den Arm ihres Cavaliers.
    Halt da, Herr Capitain, hier endet Ihr Amt. Ist es Ihnen wirklich Ernst,
meinen Jockey zu spielen, ei, so nehmen Sie seinen Platz ein und lassen Sie
meinen Joan Ihr Pferd besteigen, der kleine Bursche reitet vortrefflich. Ich mu
Raum haben fr meine Zgelknste.
    Der Capitain hielt an und schaute ihr einen Augenblick in die dunklen Augen,
auf deren zauberhaftem Grund ihm hinter dem leichten Ton des Scherzes eine
ernstere, verhaltene Stimmung zu begegnen schien. Dann bergab er galant Zgel
und Peitsche, schwang sich auf den Hintersitz und schickte den Jockey zu seinem
nachfolgenden Reitknecht.
    Die Peitsche pfiff durch die Luft, die muthigen Rosse schlugen aus, und im
Galop bog das leichte Fuhrwerk in die groe Prater-Allee.
    Obschon in diesem Augenblick der Hof, alle hheren Militairs und ein groer
Theil des vornehmen Adels und der Diplomatie sich im Lager von Olmtz befanden,
wo eben der Besuch des Kaiser Nicolaus stattgefunden, - war doch, aus den Bdern
zurckgekehrt, vornehme und reiche Welt genug in Wien, um die tgliche
Praterfahrt glnzend zu machen. Es war der erste October, ein prachtvoller
Herbsttag, und Equipagen aller Art, besetzt von Damen in jener elegant
harmonischen Toilette, durch welche die Schnen Wiens berhmt sind, kreuzten
sich in der breiten vierten Allee, die dem Corso der vornehmen Welt vorbehalten
scheint. Dazwischen Reitergruppen oder einzelne Reiter auf schnen Pferden,
durch die sich Wien gleichfalls auszeichnet. Whrend der Tilbury der Magyarin in
raschem Trab oder im Galop des Gespanns dahin flog und die geschickte Hand der
Fhrerin nach rechts und links ausbog oder im wilden Lauf die Vorfahrenden
berholte, erwiederte sie zahlreiche Gre, die ihr von allen Seiten wurden, und
mancher den Capitain um die schne Nachbarschaft beneidende Blick folgte dem
Gefhr.
    Unter den Begegnenden befand sich ein groer schner Mann von militairischem
Aussehen, in eleganter Civilkleidung, der den feurigen Rappen, den er ritt,
krftig im Zgel hielt. Das Gesicht trug die fest geschnittenen, italienischen
Formen, mit dem wachsartigen Teint; um Mund und Nasenflgel lag ein
eigenthmlich scharfer Zug. Er verbeugte sich tief vor der Grfin, die sehr
freundlich, aber mit einiger Verwirrung den Gru erwiederte und zugleich die
Pferde zu noch rascherem Laufe anfeuerte.
    Der Capitain lehnte ber die Wand des Vordersitzes.
    Sie treiben die Pferde zu stark, Grfin; es ist Gefahr, da sie
durchgehen.
    Sie lchelte spttisch.
    Wie kann der tapfere Besieger des Ungarnvolkes von Gefahr sprechen? - Doch
Sie haben Recht, Ali und Baba haben ihre Schuldigkeit gethan und uns aus diesem
Gassen und Begegnen gefhrt. Jetzt mgen sie Ruhe haben.
    Damit bog sie in eine Seitenallee, die fast leer war.
    Indem sie das schne Gespann nachlssig im leichten Trabe voran gehen lie,
setzte sie sich bequem in die Ecke des Sitzes zurck.
    Darf man fragen, warum Capitain Meyendorf nicht, wie halb Wien, mit seinem
Onkel, dein Ambassadeur, in dem glnzenden Lager von Olmtz sich befindet?
    Der Capitain errthete leicht.
    Auer Ihrem demthigen Diener scheinen doch auch andere Militairs und
Verehrer der Schnheit in den Ringmauern Wiens zurckgeblieben, so da mein
Verweilen wohl nicht auffallen kann. Graf Pisani zum Beispiel, von der
sardinischen Gesandtschaft, dem wir eben begegneten.
    Die Dame lchelte.
    Sie sind eiferschtig, Capitain?
    Nein - aber ich frchte!
    Fr mich?
    Ja!
    Und was knnte wohl Ihre Besorgni fr die Grfin Laszlo, die Nichte eines
Esterhazy, rechtfertigen?
    Der Offizier bog sich noch weiter vor, gleich als sollten selbst die Bume
umher seine leisen Worte nicht hren.
    Grfin Helene besucht hufig die Gesellschaften der Frau von Czezani - die
auch Oberst Pisani frequentirt!
    Was mehr, mein Herr?
    Die wiener Polizei ist berhmt, doch, Grfin, entgeht auch ihr so
Mancherlei. Warum soll ich nicht aussprechen, was doch stadtbekannt ist, - da
man in unserm Gesandtschaftshotel besser unterrichtet ist, als selbst Herr von
Bach. - Ich kenne die Berichte ber jene Cirkel.
    Ich htte nie geglaubt, da Capitain von Meyendorf sich mit politischer
Spionerie beschftigen knnte.
    Der Offizier schwieg tief verletzt und lehnte sich zurck. Sie sah, da sie
zu weit sich hatte hinreien lassen und legte mit bezaubernder Freundlichkeit
die Hand auf seinen Arm.
    Ich habe Unrecht - aber bedenken Sie selbst, welche tiefe Erbitterung diese
fortwhrende geheime Polizei unter meiner Nation erregen mu. Frau von Czezani
ist meine Jugendfreundin.
    Ich wei es, und deshalb warne ich so dringend. Ich wei, da unter der
Maske von Soiren der eleganten Welt sich dort offen und geheim zusammenfindet,
was die Hauptstadt an unruhigen revolutionairen Geistern in ihren hheren
Schichten birgt. Die glnzenden geselligen Unterhaltungen, unbeargwohnt von ganz
Wien, decken geheime Zusammenknfte in entlegenen Zimmern, und Plne, die ihre
Fden nach Pesth, wie nach Prag und Mailand senden und ihren Ausgangspunkt in
London, Turin und Paris haben. Von hier aus datirte das geheimnivolle Komplot
im Juni mit dem Vergiftungsversuch und den Verhaftungen in Schnbrunn, dessen
Zusammenhang die Polizei vergeblich zu erforschen suchte. Und mit Schmerz mu
ich es sagen, ratz Grfin Helene, die Zierde Wiens und ihres Vaterlandes, diesem
dunklen Treiben nicht fremd ist, es wenigstens kennt und billigt.
    Die schne Wittwe war whrend dieser Enthllung bleich geworden, ihre
feingeschnittenen Lippen kniffen sich fest auf einander.
    Es ist wahr, - was soll ich es leugnen, sagte sie endlich stolz; ich wei
von jener Abscheulichkeit Nichts, aber ich werde gern eine Mrtyrerin sein fr
mein Vaterland, wie so viele bessere Frauen gewesen sind unter der Staubruthe
des Prangers, wie in dem Moder sterreichischer Kerker. Glauben Sie wirklich,
da das Blut der Bathyani, das in meinen Adern fliet, vergessen kann, da mein
Verwandter den Galgen zierte, da es vergessen kann, Ungarns Rechte und
Freiheiten?
    Aber Ihr Oheim, Ihre Vettern sind auch Ungarn und doch gute Oesterreicher
wie tausend Andere.
    Sie sind Diener und Anhnger des Kaiserhauses. Ich aber habe die Milch
meines Landes getrunken und bin in ihm gro geworden. Doch das sind Anschauungen
des Gefhls und der Entscheidung jedes Einzelnen. Um Vieles nicht mchte ich
Kummer auf das weie Haar meines Onkels bringen und danke Ihnen deshalb fr Ihre
Warnung. Ich werde in drei Tagen auf meine Gter am Maros gehen. Will Capitain
Meyendorf einen Theil der Jagdzeit auf meinem Schlo Bisztra zubringen, das er
kennt, so findet er dort - wenn auch nicht durchgngig angenehme - Gesellschaft
und wird willkommen sein.
    Der Capitain schwieg einige Augenblicke.
    Ich verlasse Wien wahrscheinlich noch frher wie Sie, Grfin.
    Wie das?
    Man erwartet jeden Augenblick von Constantinopel eine entscheidende
Nachricht. Der Kaiser ist gestern, wie Sie wissen, nach Warschau zurckgereist
und wird sie dort in Empfang nehmen. Ist die Pforte wahnwitzig genug, die
Kriegserklrung zu beschlieen, so werde ich wahrscheinlich als Courier zum
Frsten Gortschakoff gehen mssen. Ohnehin ruft mich dann meine militairische
Pflicht in die Reihen der Donau-Armee.
    Wissen Sie, Capitain, da ich Ihnen dort nher sein werde, als Sie
glauben?
    Wie meinen Sie das, Grfin?
    Von der Familie meiner Mutter habe ich zwei Gter am Schyl in der Nhe von
Krajowa geerbt. Sie sehen daraus, da ich schon als gute Unterthanin des
Sultans, meines Oberherrn, Ihre Gegnerin sein mu. Ich denke, noch in diesem
Herbst, sptestens im Frhjahr, meine Walachen zu besuchen.
    Das drfte doch leicht zu gefhrlich sein. Sollte es wirklich geschehen, so
wrde es mir hoffentlich leicht werden, ein Kommando in jener Gegend zu
erhalten, um zu Ihrem Schutz bereit zu sein.
    Sie sind zu galant, Capitain, lchelte die Grfin mit leichter Coketterie;
ich kann kaum annehmen, da meine kleine Person wirklich einen Anspruch auf Ihr
Interesse hat.
    Der Offizier bog sich ber den Sitz weit vor.
    Sollte Grfin Helene in der That nicht wissen, welches Bild in diesem
Herzen lebt, seit ich sie damals auf Schlo Bisztra am Lager Ihres kranken
Gemahls zuerst erblickte?
    Die Grfin schwieg - Zgel und Peitsche ruhten achtlos in ihrer feinen Hand.
    Es in eine eigenthmliche Gelegenheit, es auszusprechen. fuhr der Capitain
mit bewegtem Tone fort, aber Sie wissen, dem Soldaten gehrt der Augenblick.
Seit jener Zeit, seit ich Sie sah, Helene, liebe ich Sie innig und fest, so
lange dies Herz schlagen wird. Als Mann von Ehre darf ich jetzt keine Frage an
Sie richten, da ich im Dienst und bei den drohenden Verhltnissen nicht Herr
meiner Selbst bin; ich mchte es nicht - weil ich in Kampf und Tod wenigstens
die Hoffnung mit mir tragen will, in diesem stolzen Herzen ein Gedchtni zu
finden. - Aber sagen, sagen mute ich es Ihnen, ehe ich scheide - und jetzt,
Grfin von Laszlo, wissen Sie, warum ich in Wien blieb.
    Eine lange Pause folgte dem inhaltschweren Gestndni; auf Stirn und Wangen
der schnen Magyarin zeigte die Rthe ihre innere Erregung. Ein Kampf schien in
ihrer Seele vorzugehen.
    Ich mu und will Ihnen dennoch eine Antwort geben, Herr Capitain. - Wissen
auch Sie, warum ich aus den Reihen der Equipagen in dir einsame Allee einbog?
    Er schaute sie fragend an. Ihr dunkles Auge war zu Boden geschlagen, - sie
achtete es nicht, wie leicht die Zgel ihrer Hand entglitten.
    Ich glaubte, - ich wute, da Sie mir das sagen wrden, was ich eben
gehrt.
    Helene!
    Halt, mein Freund! - Sie wissen, da ich jung einen greisen Gatten erhielt,
den ich kaum zwei Jahre lang als meinen Vater ehrte.
    Ich habe ihn gesehen. Sie pflegten den Greis wie einen beliebten.
    Familienverhltnisse lieen mich seine Gemahlin werden, - er sah den
Ausgang der Erhebung unseres Landes voraus, den sichern Ruin unserer Familie vor
Augen und wollte mich, die er als Kind geliebt, retten und mir eine Zukunft
bereiten. Ich wurde die Erbin aller seiner Gter.
    Grfin!
    Still! was kmmert es uns, ob diese reich oder gering sind, ob diese Hand
eine ihres Goldes wegen so vielbegehrte ist! - Krankheit fesselte meinen Gemahl
an sein Schlo whrend des ganzen Krieges, obschon er an dem Aufstand keinen
Theil nahm und jeden Verkehr mit den Fhrern so viel als mglich vermied. Aber
mein Herz flog mit unsern Fahnen, meine Seele war in den Schlachten, die mein
Volk kmpfte, meine Thrnen flossen mit seinem Blut und meine Pulse jubelten mit
seinen Siegen!
    Und ich, Ihr Feind!
    Da kommen Sie, mit den Armeen des Czaren, die Ungarn auf's Neue in Fesseln
schlugen. Sie, die fremde Nation brachten die Ketten, die den erwachten Riesen
zu Boden warfen. Welche Gefhle meinen Sie, mte die Tochter Ungarns fr den
fremden Unterdrcker haben?
    Er schwieg.
    Doch Sie sind Soldat, Sie der Einzelne, Willenlose. Als solcher waren Sie
edel und gut, - ich danke Ihnen viel, vielleicht Ehre und Leben, als Sie die
Marodeurs unserer eigenen Armee, - den Auswurf der Zerstreuten, Geschlagenen,
bei der Plnderung unseres Schlosses berraschten und zurckschlugen. Sie
schtzten uns gegen alle weiteren Gefahren.
    Auch das war Soldatenpflicht.
    Es waren zwei Bilder, die in meiner Erinnerung blieben, derselbe Gegenstand
und doch so verschieden, der Feind und der Freund.
    Und welchen von beiden sehen Sie jetzt?
    Es wird darauf ankommen. - Ich werde meine Hand nur einem Freunde Ungarns
geben, nie seinem Feinde.
    Wiederum unterbrach ein lngeres Schweigen das Gesprch. Dann sprach er mit
tiefem schwerem Ton:
    Ich bin Soldat - aber ich bin auch Royalist aus fester innerer
Ueberzeugung. Ich werde stets dahin gehen, wohin mein Kaiser befiehlt.
    Sie athmete schwer, ihre Stimme zitterte.
    Die drohenden politischen Strme werden, auch ohne unser Zuthun, in vielen
Lndern Vernderungen hervorbringen, - wie ich hoffe, auch in meinem
Vaterlande.
    Tuschen Sie sich nicht mit solchen Erwartungen und, ich beschwre Sie und
will fr diese Bitte jede Hoffnung opfern, - denken Sie an das Schicksal der
Grfin Teleky. Bricht der Krieg aus, so wird Oesterreich sicher mobil machen und
seine flavischen Provinzen besetzen und niederhalten; denn es wei sehr wohl,
da ihm hier die nchste Gefahr droht. Geben Sie einen Traum auf, der nur zum
Verderben fhrt.
    Die Hnde ruhten gefalten in ihrem Schoo, - so jagten die Pferde, die Zgel
am Boden schleifend - sie merkte nicht, - er merkte nicht auf die Gefahr. -
    So leben Sie wohl - meine Gebete geleiten Sie in den Sturm der Schlacht!
    Helene!
    Sie reichte ihm stumm die Hand, die er an seine Lippen prete. - - -
    Aus einem Seitenweg brachen im Galop drei Reiter, Graf Pisani unter ihnen.
Die Pferde vor dem Tilbury der Grfin scheuten zurck, - die haltende Hand
fehlte, im rasenden Lauf brausten sie dahin.
    Um Gott - die Zgel!
    Die Grfin sa bleich, rathlos in der Ecke ihres Sitzes. Tief von dem seinen
bog sich der Offizier und versuchte vergeblich die Zgel zu haschen, die unter
den Rdern dahin schleiften, und sich in die Fe der Pferde schlingend, diese
nur noch scheuer machten.
    Der leichte Wagen flog von einer Seite zur andern - jeder Augenblick drohte
ihn zu zerschellen. Grfin Helene hielt sich mit Mhe fest auf dem Sitz. Die
pltzliche Todesgefahr hatte die Schwche des Weibes in ihre volle Macht
eingesetzt.
    Allmchtiger Gott - wer hilft?
    Halten Sie fest, Grfin, - ich versuche Alles!
    Whrend des rasenden Laufes, doch mit besonnener Vorsicht, schwang sich der
Offizier, nachdem er seinen Degen von sich geworfen, von seinem Platz an die
Teile des Wagens nach dem Auftritt zum vordern Sitz, darauf Fu fassend. Der
Auftritt war kaum anderthalb Fu hoch vom Boden, und so, mit der Hand sich am
Wagen selbst festhaltend, versuchte er die Leine zu haschen. Die ersten Versuche
miglckten, dann gelang es ihm, die Zgel zu erfassen, aber verwickelt in das
Geschirr, wie sie waren, und durch das Anspringen der Pferde erhielt er von
ihnen einen so gewaltigen Ruck, da er die Balance und den leichten Halt verlor
und schwer zu Boden strzte. Ein lauter Aufschrei der Grfin gellte in seine
Ohren, - einen dunklen Schatten sah er vorberfliegen, whrend er, die Zgel
nicht loslassend, mehrere Schritte fortgeschleift wurde, dann ein pltzlicher
Ruck, da der Wagen erzitterte, und die wilden Renner standen wie eine Mauer.
Als er sich aus der augenblicklichen Betubung emporraffte, hielt Graf Pisani
auf seinem schumenden Renner vor dem Gespann und dessen Kinnketten in seiner
krftigen Faust. Dann den herbeispringenden Gesellschaftern die weitere
Bndigung der Pferde berlassend, sprang der Graf aus dem Sattel und eilte, die
halb ohnmchtige Dame von ihrem Sitz zu erheben, worauf er sie halb schwebend zu
einem nahen Ruhesitz unter den Bumen der Allee trug.
    Gerettet, und durch mich! sagte der Italiener mit Bedeutung. Ein
glcklicher Tag, der mir zugleich die Hoffnung giebt, Sie nochmals zu sehen,
Grfin. Es sind vor einer Stunde hchst wichtige Nachrichten eingegangen - alle
Vertrauten versammeln sich bei der Czezani.
    Sie vermochte, erregt, alle Pulse fliegend, ihm nicht zu antworten, kaum zu
stammeln:
    Mein Begleiter - der Capitain - -
    Ah, sorgen Sie nicht, lachte spttisch der Graf. Ein Bischen Schmuz - das
ist ja ihr Element. Ein Russe macht sich Nichts daraus und kommt immer wieder
auf seine Fe.
    Er beschftigte sich eifrig um sie, die mit Gewalt die Aufregung berwand
und sich schnell erholte.
    Wir rechnen sicher auf Ihr Erscheinen, Grfin, - es ist dringend, ich mu
Sie sprechen.
    Ich werde kommen. - Doch wo ist Herr von Meyendorf?
    Sie wandte umherblickend das schne Haupt, - ihr Auge traf auf den Capitain,
der kaum zwei Schritt von ihr stand, finster die Gruppe messend, beschmuzt vom
Staub des Weges, den Uniformrock an mehreren Stellen zerrissen. -
    Die Grfin stand rasch auf und reichte ihm die Hand.
    Welcher Gefahr haben Sie sich um meinetwillen ausgesetzt, - Sie konnten
sich tdten! - Indem bemerkte sie dunkle Blutstropfen, die seine linke
Manchette frbten und an der Hand herunterrollten. - Mein Gott, Sie bluten -
Sie sind schwer verletzt?
    Nur unbedeutend - das scharfe Eisen ritzte mir den Arm. - Diesmal, fgte
er mit kaltem Lcheln hinzu, blute ich wenigstens fr Ungarn.
    Es ist unser Handwerk, sagte der Graf, und der Herr Capitain achtet
dessen um so weniger, als vielleicht russisches Blut bald in Strmen vergossen
werden wird.
    Vielleicht bietet sich auch die Gelegenheit, die Farbe des sardinischen zu
erproben!
    Ich hoffe, entgegnete der Oberst stolz, da Seine Majestt, der Knig
Victor Emanuel, uns diese durch seinen Beitritt zu den Westmchten gewhren
wird.
    Die Grfin unterbrach die bitteren Worte, die wie Pistolenkugeln herber und
hinber flogen.
    Die Pferde sind beruhigt, Dank Ihrer muthigen Geschicklichkeit, Herr
Oberst. - Ich glaube, ich kann ohne Gefahr meinen Sitz wieder einnehmen.
    Darf ich mir erlauben, meine Dienste anzubieten, da der Herr Capitain
wahrscheinlich vorziehen wird, die Rckkehr seines Dieners mit neuen Kleidern
aus der Stadt zu erwarten?
    So wollen wir das gemeinschaftlich thun; ich bitte, Capitain, senden Sie
rasch.
    Es ist bereits geschehen, sagte der Offizier, der seinem eben
herbeigekommenen Reitknecht den Befehl gegeben und den Zgel seines Reitpferdes
in die Hand genommen hatte. Inde bitte ich dringend, gndigste Grfin, sich
meinetwegen nicht aufzuhalten. Ich werde im nchsten Caf die Rckkehr meines
Dieners erwarten und bedaure mir, da der Unfall mich hindert, die mir vom
Frsten, Ihrem Oheim, bertragene und von mir schwer vernahlssigte Pflicht
besser zu Ende zu fhren. Der Herr Oberst wird sicher aufmerksamere Sorge
tragen.
    Sie sah ihm erstaunt in das Auge, das kalt und gemessen dem ihren begegnete.
Dann ging sie stolz nach dem Wagen, an dem die beiden Begleiter des Grafen noch
hielten. Die Pferde hallen sich vollstndig beruhigt, der Jockey stand an seinem
Platz.
    Darf ich das Glck haben, den Rosselenker zu machen?
    Nein, sagte sie kurz abgestoen, ich will selbst fahren; man wrde sonst
glauben, ich htte mich gefrchtet.
    So erlauben Sie mindestens, da wir Sie zu Pferde begleiten; unmglich
knnen wir Sie allein lassen.
    Sie nickte stumm und lie sich auf den Sitz heben, wo sie die Zgel aus des
Jockey's Hand empfing. Whrend die Cavaliere sich auf die Pferde schwangen,
wandte sie sich noch ein Mal zu ihrem frheren Begleiter, der mit kalter
Hflichkeit an der Seite des Wagens stand.
    Werde ich Sie noch sehen vor Ihrer Abreise?
    Ein eisiger Blick begegnete ihrem fast zrtlich fragenden Auge.
    Die Grfin von Laszlo hat der Freunde so viele, die sie sehen und sprechen
mu, da ich ihre kostbare Zeit nicht beschrnken darf.
    Der Wagen flog dahin, - er sah die Thrne nicht, die sie im stolzen Zorn
zwischen den dunklen Wimpern zerdrckte.
    Aber am Boden sah er es wei schimmern, das Tuch der Grfin, das ihr
entfallen. Das hob er auf und prete es an das heie Gesicht und barg es auf dem
tief verletzten Herzen. - -
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    In der Nhe des Palais beurlaubten sich die Reiter von der schnen Grfin,
und Oberst Pisani kehrte nach seiner Wohnung zurck. Als er dort ankam, fand er
am Hausthor lehnen und auf ihn harren einen Mann von wildem khnem Aussehen. Der
Fremde mochte an zehn Jahr mehr als der Oberst zhlen, der eben das vierzigste
angetreten, doch zeigten nur wenig ergrauende Haare am Scheitel und in dem
krftigen Bart, der den untern Theil des Gesichts bedeckte, das beginnende
Alter. Obschon der Mann in gewhnlichen wenig auffallenden Kleidern steckte,
schien doch sein ganzes Ich nicht hinein zu gehren, und htte ber dem
funkelnden schwarzen Auge der bnderverzierte spitze Calabreser gesessen, wre
die breite gewlbte Brust statt von Rock und Weste von dem rothen
silbergestickten Latz des rmischen Banditen bedeckt gewesen, mit seinen Uhren,
Ketten, Ringen und Amuletten beladen, - um den Leib die neapolitanische Binde
geschlungen mit den Pistolen darin und den Stilets, - das htte der passende
Anzug geschienen fr die sehnige mittelgroe Gestalt, die krftigen Beine, die
den Bergbewohner verriethen, und das ganze Wesen des Mannes, da, die Flinte in
der Faust, den Gegner auf Tod und Leben zu bedrohen schien.
    Ah, Signor, das nenn' ich pnktlich, sagte der Sarde laut zu dem Fremden,
indem er sich vom Pferde schwang. Kommen Sie mit hinauf zu mir, damit wir
unsern Handel abschlieen. Damit klopfte er das treffliche Ro kosend auf den
Nacken. Du hast mir heute einen groen Dienst erwiesen, Diavolo, der mich
meinem Ziele um Vieles nher bringt, und sollst doppelte Ration haben zum Dank.
    Er bergab es dem Stallknecht und befahl ihm besondere Sorgsalt fr das
schne Thier, dann lud er den Fremden nochmals ein, ihm zu folgen und fhrte ihn
hinauf in sein Zimmer.
    Dort warf er sich auf's Sopha, winkte seinem Begleiter, sich niederzulassen
und nderte sofort den Charakter der Anrede.
    Nun, Sta Lucia, sagte der Oberst, indem er ein Cigaretto nahm und dem
Fremden die Bchse derselben zuschob, ich habe, was Ihr braucht, ermittelt, und
es wird gut sein, wenn Ihr Euch bereit haltet, morgen mit dem Frhzug nach Pesth
abzureisen.
    Warum, Signor Conte? - es gefllt mir recht gut hier, ich bin erst drei
Tage in Wien und habe die Fahrt noch in den Knochen.
    Vorerst, mein Bester, entgegnete der Graf, behaglich die Dampfwolke
verfolgend, die er von sich blies, taugt die wiener Luft nicht besonders fr
Leute Eures Schlages, die unter Garribaldi gefochten und auerdem so ein
anderthalb Dutzend Personen ohne Absolution und Vollmacht aus der Welt spedirt
haben, die Andern nicht gerechnet, die nachgekommen und von denen ich Nichts
wei. Wien ist ein heies Pflaster und man liebt uns Italiener nicht gar zu sehr
hier.
    Ich bin Franzose, Signor!
    Ah, ich verga. Das liebe Corsika ist ein franzsisches Departement und
liefert Frankreich seine Kaiser und seine Banditen. Aber abgesehen davon mchte
die Rckreise Euch sonst Schwierigkeiten machen, das nchste Dampfschiff,
welches die Donau hinabfhrt, drfte wahrscheinlich das letzte sein.
    Wie so?
    Das werde ich Euch besser fnf Minuten vor der Abfahrt sagen. Genug, Eure
Rckkehr nach Constantinopel hat Eile, denn es wird dort jetzt reichliche
Beschftigung geben. Hier ist zunchst die Auskunft, die das Comit in
Constantinopel verlangt und wegen deren Ermittelung es Euch hierhersandte, da
Ihr Euer Lebelang nicht hier gewesen, also kein Wiedererkennen zu frchten
hattet.
    Darf ich fragen, Signor Conte, ob sich der Verdacht besttigt hat?
    Das kann ich Euch so bestimmt nicht sagen, und mt Ihr selbst an Ort und
Stelle durch Vergleichung, des Signalements ermitteln. Da der capitano tedesco
Robert Blum in dem bezeichneten Hause sich versteckt hielt und durch einen
Bewohner desselben angezeigt wurde, steht fest. Der Mann ist spter von Wien
fortgezogen, weil er Verfolgungen frchtete, und es ist richtig, da er nach dem
Orient gegangen sein soll. Der Name stimmt freilich nicht, aber das ist kein
Hinderni. Das mglichst genaue, hierbei befindliche Signalement wird
entscheiden, ob die erhobene Anklage des Comit's begrndet ist.
    Giebt sie ein besonderes Kennzeichen an?
    Eine starke Narbe an der linken Schlfe.
    Per bacco! es ist unser Mann!
    So sind wir fertig. Seid Ihr mit einem Anzug versehen, um Euch in eine
Gesellschaft einfhren zu knnen?
    Der Teufel hole die verwnschten Kleider, in denen man sich berall zu enge
fhlt. Was ich auf dem Leibe trage ist Alles, was ich habe.
    So ist hier Geld, Ihr werdet in jedem Kleidermagazin das Nthige finden.
Binnen einer Stunde mt Ihr elegant equipirt bei mir sein, um mich an einen Ort
zu begleiten, wo ich Euch als den Marchese Lucaboni vorstellen werde. Es ist
mglich, da man Eurer dort fr Auskunft und Instruction in Betreff
Constantinopels bedarf.
    Der Corse steckte das Geld ruhig in die Tasche, zndete sich ein neues
Cigaretto an und empfahl sich.
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    Ungefhr anderthalb Stunden nach der vorerzhlten Scene rollte ein elegantes
Coup auf der Strae nach Hietzing, diesem von Villen und schnen Anlagen
gebildeten, beliebten Sommeraufenthalt der Wiener. Obschon die Jahreszeit weit
vorgeschritten, wohnten doch viele vornehme Familien noch hier und die schne
Herbstwitterung erlaubte selbst noch einen groen Theil der Abende im Freien
zuzubringen.
    Der Cirkel, welcher sich an zwei Abenden in der Woche in dem eleganten
Landhause versammelte, das Frau von Czezani, eine geborene Ungarin, in Hietzing
bewohnte, bildete eine interessante Gesellschaft aus den verschiedensten Kreisen
der lebenslustigen Residenz, und man fand hier - so weit die Bder- und
Sommerreisen sie nicht entfhrt - Mitglieder der Aristokratie und Diplomatie,
Koryphen der Geschftswelt, Fremde, Offiziere und Knstler. Ganz natrlich
erschien es dabei, da namentlich Ungarn das Haus ihrer Landsmnnin besuchten.
Ein Vorgarten schied die elegant erbaute Villa von der Strae und diente mit
dein offenen Vestible und dem die ganze Mitte des Gebudes einnehmenden Salon
gewhnlich zum Aufenthalt der Gesellschaft, so da so zu sagen aller Verkehr
ffentlich und vor den Augen des Publikums sich bewegte, und also um so weniger
Aufmerksamkeit oder Verdacht erregen konnte. Rechts und links vom Salon befanden
sich die Spielzimmer, hinter dem Hause schlo sich, wie gewhnlich bei den
Villen, ein ziemlich groer, mit modernen Anlagen gezierter Garten an. Einen
Seitenflgel des Gebudes bildete ein Gewchshaus, an dessen Ende ein groer
gemauerter Pavillon stie, fr Sommer und Winter zum Bewohnen geeignet. Die
Laubgnge und dunklen Boskets des Gartens umschatteten ihn und verbargen auf
diese Weise den uern Zugang.
    Die Gesellschaft war an diesem Abend bereits ziemlich zahlreich anwesend und
hatte sich im Garten um eine fremde Schnheit gruppirt, deren Ruf ihr voran
gegangen und die vor einigen Tagen in Wien eingetroffen und durch einen
Empfehlungsbrief bei Frau von Czezani eingefhrt war.
    Es war die spanische Tnzerin, der wir bereits in Paris und Berlin begegnet
sind.
    Whrend ein Kreis von Verehrern um die Spanierin eine lebhafte Conversation
unterhielt, promenirten einzelne Gruppen im Garten und Salon. Graf Pisani suchte
die Dame des Hauses auf, der er laut seinen Begleiter als den Marchese Lucaboni
prsentirte, worauf er es diesem berlie, sich so gut wie mglich zu
unterhalten oder durchzuhelfen, und sich in der Gesellschaft verlor.
    Er selbst ging durch den Salon nach dem hintern Garten, in dem verschiedene
Paare promenirten. Sein scharfer Blick fand bald Personen heraus, die er suchte
und er folgte zweien, die im eifrigen halbleisen Gesprch vertieft waren. Die
eine war ein kleiner magerer Abb mit fuchsartigem Gesicht und scharfen,
stechenden Augen, Italiener wie der Graf; die andere war der Banquier, dessen
Mission nach Wien im Rath der Unsichtbaren der Leser beigewohnt hat.
    Als der Graf zu ihnen trat, geschah es an einer Stelle des Gartens, an der
sie durch die freie Umgebung vor jedem Lauscherehre gesichert waren.
    Ich erwartete kaum, Sie schon hier zu finden, Baron, sagte der Graf, und
glaubte Sie noch mit der Fluth der Geschfte berhuft, die diese wichtige
Nachricht mit sich bringen mute. Wie haben Sie Ihre Dispositionen getroffen?
    Der Herr Abb war so gtig, mir zu helfen, berdies waren alle
Vorbereitungen getroffen. Um 7 Uhr ist mein erster Commis mit der Eisenbahn
abgegangen und giebt in Brnn die Depeschen nach Berlin, Paris und London zur
telegraphischen Befrderung auf. Man wird sie an allen drei Orten morgen
mindestens zwei bis drei Stunden vor Erffnung der Brsen haben, und die
Geschfte knnen vollstndig vor deren Beginn abgemacht sein. Ein Millinchen,
Herr Graf, ein Millinchen mindestens mu selbst der Schlag eintragen, abgesehen
von den Vortheilen fr die Verbindung.
    Er rieb sich vergngt die Hnde.
    Aber warum gingen Sie nicht lieber selbst bis Brnn? Es wre weit sicherer
gewesen.
    Der Baron, meinte der Abb, mu nothwendig in Wien bleiben, seine Abreise
htte Verdacht erregen knnen, und er allein konnte die Speculation hier
ausfhren.
    Glauben Sie hier noch zu ressiren? Wie hoch rechnen Sie genau den
Vorsprung unserer Nachricht?
    Die Depesche ist darber natrlich sehr unklar, indem sie ihren wahren
Inhalt unter einer gleichgltigen Mittheilung verbergen mute. Danach ist am 26.
die Kriegserklrung im groen Rathe beschlossen worden. Nehmen wir an, da der
Tartar am 26. Mittags Constantinopel verlassen hat. Fnf bis sechs Tage braucht
die Botschaft bis Belgrad. Der Pascha wird sie demnach heute Morgen erhalten und
unserm Agenten ausgehndigt haben, der uns von Semlin aus die verabredete
Actienzeichnung telegraphirt hat. Nach dem Uebereinkommen giebt Hussein Pascha
die Depesche erst zwlf oder achtzehn Stunden nach der Ueberlieferung an uns an
den sterreichischen Consul ab, dies wird also erst morgen frh geschehen, und
die offizielle Nachricht, die verschiedenen Verzgerungen mitgerechnet, nicht
vor morgen Mittag hier eintreffen, wenigstens nicht bekannt werden. In jedem
Fall haben wir an den drei andern Brsen die Avance, wahrscheinlich auch hier;
denn man wird sie nicht eher verffentlichen, als bis Bescheid von Olmtz
eingetroffen1.
    Die Berechnung scheint mir allerdings richtig. Sind Ihre Depeschen nach
auswrts auch der Art abgefat gewesen, lieber Baron, da sie den
Telegraphenbeamten unverstndlich bleiben und arglos weiter befrdert werden?
    Vollstndig. Als ich vor vierzehn Tagen zuletzt in Paris war, ist die
genaue Verabredung getroffen. Die Zahlen der Course bilden die geheime Chiffre
der Worte.
    So mssen wir den Erfolg abwarten. Ich werde Sie jetzt verlassen, um durch
unser Zusammenbleiben keinen Verdacht zu erregen. Sobald die Gesellschaft sich
etwas gelichtet und Sie die Zurckgebliebenen beschftigt sehen, treffen wir uns
wie gewhnlich im Pavillon.
    Whrend er zurckkehrte in den Gesellschaftskreis, wandelte das Paar noch
einige Male in den Gngen auf und ab.
    Wir wurden unterbrochen durch Pisani, sagte der Abb; der Gewinn, die
Habsucht regiert und fllt die Seele dieses Mannes. Auf die Befriedigung dieser
Leidenschaft zielen alle seine Plne. Nebenbei ist er ehrgeizig, schlau und
namentlich khn, - man mu dies anerkennen. - Der Plan also, den Sie mir
entwarfen hat bereits die Zustimmungen in Paris erhalten?
    Er ist in der vollen Ausfhrung begriffen. Gedenken Sie wohl. Der Credit
und das baare Vermgen Europa's sind offenbar gegenwrtig in den Hnden des
Hauses Rothschild. Abgesehen davon, da die Mitglieder desselben dem orthodoxen
Judenthum angehren, also schon dadurch Feinde aller revolutionairen Prinzipien
sind, dringt es die eigenthmliche Stellung, die sie in Europa einnehmen und
welche die einer souverainen erblichen Macht ist, mit sich, da sie nur in der
Aufrechthaltung des monarchischen Systems ihre Sicherung und ihren Vortheil
sehen.
    Aber sie haben eben so gut mit Karl X. wie mit Louis Philipp und Louis
Napoleon Geschfte gemacht.
    Ich sage auch, wohl zu merken, in der Aufrechthaltung des monarchischen
Systems, nicht der Dynastieen. Diese sind ihnen gleichgltig. Die Monarchen aber
sind ihr persnlicher Schutz, auerdem bietet das Knigthum immer mehr
Gelegenheit zur Influirung und Dominirung. Eine social revolutionaire Reform der
Staaten wrde auch sie sofort von ihrem goldenen Thron stoen. Selbst wenn die
Prinzipien allgemeiner Gleichheit und Theilung, die doch nur der Kder fr die
einfltige Menge sind, glcklich an ihnen vorbergingen, wre es aus mit ihrer
Herrschaft im Geschftsleben.
    Die Speculation wrde ber die einzelne Gelbmacht siegen.
    So ist es. Die Rothschilds sind demnach streng conservativ und
royalistisch, und werden dies Princip stets mit ihren colossalen Mitteln
untersttzen. Es gilt nun, eine Macht ihnen gegenber zu stellen, welche die
ihre brechen kann. Das ist: das Kapital Aller gegen das Kapital des Einzelnen.
    Ich verstehe Sie noch nicht ganz.
    Die Staaten, die Privaten besitzen noch immer mehr als das Hundertfache in
reellen Werthen, was die Rothschilds doch zum grten Theil problematisch, das
heit im Credit der Papiere besitzen. Man versucht nun ein Unternehmen zu
grnden, welches einen groen Theil dieser materiellen Werthe concentrirt; der
Credit und die problematischen Werthe, die sich weiter daran knpfen, werden
dann ungeheuer sein. Mit diesen Mitteln in Hnden wird man mit Erfolg gegen die
Rothschilds kmpfen und sie endlich erdrcken.
    Ich begreife das.
    Man wird mit diesen beweglichen Mitteln, mit diesem Crdit mobilier, alle
staatlichen und privaten Unternehmungen an sich bringen und sich zu deren Herren
aufwerfen knnen. Die Eisenbahnen, die Banken, die Bergwerke mssen uns in die
Hnde fallen. Sie haben die Anfnge bereits hier in Wien gesehen. Das Institut
ist ein freies bewegliches, es kann berall in's Leben treten, berall seine
Speculationen verbreiten. Wir richten unser Augenmerk zunchst auf Frankreich, -
in weiterer Folge auf Oesterreich und Spanien, weil das die in ihren Finanzen
bedrngtesten Staaten sind und jede herbeischaffende Speculation begnstigen
werden. In Paris hat das Unternehmen bereits festen Fu gefat. Der Kaiser
Napoleon hat viele tchtige Regenteneigenschaften, aber er ist kein Finanzmann.
Der beginnende Krieg wird enorme Summen und Anlehen absorbiren, die
napoleonische Eitelkeit gegenber dem andern Europa desgleichen.
    Aber der directe Zweck fr uns, die Erfolge fr die Revolution?
    Sie liegen auf der Hand, Abb, und ich begreife nicht, wie ein Mann von
Ihrem Scharfsinn sie nicht sofort bersieht. Zunchst der bedeutende Gewinn, den
die Verbindung aus allen diesen Geschften ziehen mu. Geld ist Macht. Das
Pfand- und Eigenthumsrecht ber die Institute und Nerven des ffentlichen
Verkehrs ist von nicht zu bersehendem Einflu. Das Wichtigste aber von Allem,
was das Schicksal Europa's in die Hnde der hchsten Gewalt legt, das ist -
    Nun?
    Das ist der Staatsbankerutt, der allgemeine Bankerutt der Nationen, der
jeden Augenblick in der Macht der Unternehmer liegt. Denken Sie die kolossalen
socialen Folgen, welche ein solcher unter den jetzigen Verhltnissen haben mu,
selbst wenn er nur nach einer oder der andern Seite hin ausgefhrt wird!
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    An dem Treppenaufgang der Villa traf Graf Pisani auf die Wirthin des Hauses,
etwas erregt mit dem Kammerdiener und der Zofe scheltend.
    So geht es im huslichen Leben, Graf, immer Aerger und Verdru.
    Und was erzrnt Sie, schne Frau?
    Mein zweiter Diener ist schon vor mehr als zwei Stunden nach der Stadt
geschickt, um Allerlei zu holen, und der Mensch lt uns im Stich und kommt
nicht wieder. Ich habe ihm heute Morgen den Dienst gekndigt, weil er mir
ohnehin nicht gefllt, und nun trotzt er wahrscheinlich, weil ich auf seine
dringenden Bitten und Vorstellungen nicht nachgab.
    Ei, gndige Frau, das sind kleine Unannehmlichkeiten, wie sie jeder
Haushalt mit sich fhrt. Darf ich das Vergngen haben, Sie zu begleiten?
    Die Gesellschaft hatte sich mit dem Abend zum Theil wieder entfernt, zum
Theil in den Salon und die Spielzimmer zurckgezogen. Der Graf sah sich mit Frau
von Czezani einige Augenblicke allein.
    Ist die Grfin gekommen?
    Vor einer Viertelstunde. Ich glaube, sie befindet sich bereits im Pavillon
und erwartet Sie.
    Ich darf doch sicher auf den versprochenen Beistand rechnen, schne Frau?
Die Ereignisse drngen sich jetzt, und ich habe heute Mittag einige Bemerkungen
gemacht, die mir Besorgni einflen wrden, wenn der Zufall mir nicht glcklich
zu Hilfe gekommen wre.
    Verlassen Sie sich ganz auf mich. Ich folge ihr nach Schlo Bisztra, und
wenn Sie uns dort besuchen, werden Sie sie fr Ihre Absichten mglichst
vorbereitet finden. - Doch sagen Sie um des Himmels willen, Graf, wer ist dieser
Pseudo-Marchese, den Sie uns heute zugefhrt? Denn da Titel und Namen falsch
sind, sieht man auf zehn Schritt, und ich frchte mich wirklich stark zu
compromittiren, so unheimlich scheint ihm in unserer Gesellschaft, und so
unheimlich wird mir in der seinen.
    Pisani lachte.
    Es ist ein gezhmter Wolf und nicht zu frchten. Sie sehen in dem lieben
Marchese ein vollkommenes Exemplar eines Corsen vor sich, der einige kleine
Unannehmlichkeiten gehabt hat. Sta Lucia schwor, seinen unschuldig von den
Geschworenen auf die Galeere geschickten Bruder an den achtzehn falschen Zeugen
zu rchen, die seine Verrtheilung herbeifhrten. Er hat Wort gehalten; dem
Einen hat er, nachdem er sich mit der Polizei nach der ersten Affaire grndlich
berworfen, eine Kugel in den Leib geschickt, den Andern die Augen ausgedrckt,
noch Anderen furchtbare Verstmmelungen beigebracht. Ein Einziger war noch
brig, der Schuldigste von Allen, der Anstifter des Verbrechens, der in seinem
Hause in Ajaccio sitzen blieb. Als er eines Sonntags zur Kirche ging, warf ihn
am hellen Mittag ein Dolchstich auf der Schwelle der Kirche zu Boden. Sta Lucia
durchschreitet ungefhrdet wie der Engel des Todes die Menge, luft nach dem
Meere und besteigt im Angesicht der ganzen Bevlkerung wieder die Barke, die ihn
hergebracht. Spter schlo er sich der Truppe Garribaldi's an, wo ich um kennen
lernte, und lebt jetzt in Constantinopel.
    Aber mein Gott, - ich habe mein ganzes Silberzeug so offen stehen - er wird
doch nicht -
    Keine Besorgni, schne Wirthin. Unser Freund ist Bandit aus Liebhaberei,
aber kein Spitzbube. Sie knnten Scke Gold offen stehen haben, und er wrde sie
nicht anrhren. Doch ich eile zu unserer kleinen Grfin, der die Zeit lang
werden drfte. Beschftigen Sie mglichst alle Uneingeweihten.
    Er verlie die Dame und begab sich nach kurzem Verweilen in der Gesellschaft
durch das Gewchshaus nach dem daran stoenden Pavillon, der ein achteckiges
Gemach bildete, in dem fr allen Schein ein Spieltisch arrangirt war, whrend
eine Ampel nur im Halblicht das Gemach erhellte und die Lden fest geschlossen
waren.
    Er fand die Grfin Helene Laszlo dort im eifrigen Gesprch mit dem Banquier
und seinem Begleiter und einem alten Herrn, dessen faltenreiches Gesicht den
scharfen sarmatischen Schnitt trug, Haar und Bart aber die Schneefarbe des
Greisenalters.
    Ich sehe, sagte der Oberst zu der jungen Wittwe, unsere Freunde sind mir
bereits zuvorgekommen, und haben Sie von der wichtigen uns heute Nachmittag
zugekommenen Nachricht unterrichtet. Am 26. ist in Constantinopel die
Kriegserklrung beschlossen worden, sie wird natrlich sofort erfolgen und die
Feindseligkeiten an der Donau werden alsbald beginnen. Damit ist auch fr uns
die Zeit eines energischen Handelns gekommen. Erringt der Sirdar, was bei der
Schwche der Russen kaum zu bezweifeln ist, an der Donau Vortheile, so kann
jeder Aufstandsversuch in Ungarn sich auf ihn lehnen, er wird ihm den Rcken
decken.
    Aber die Wunden meines Landes sind noch tief und schwer; so sehr ich es
wnsche, glaube ich kaum, da es schon wieder die Kraft haben wird, dem Feinde
entgegen zu treten.
    Ein Volk verliert nie die Kraft, fr seine Freiheit zu kmpfen, und ob
Strme seines Bluts vergossen werden. Wie aus der Kadmus Saat wachsen aus dieser
geharnischte Mnner. Ich meine auch keineswegs, da die Erhebung sogleich
erfolgen soll. Es ist vorerst nur nthig, da das Volk, und namentlich im Sden,
auf die Bedeutung des orientalischen Krieges, auf diese Gelegenheit, seine
Freiheit zu erringen aufmerksam gemacht, und da die Verbindung mit den Ungarn
in Omer's Armee hergestellt wird. Fr den erstern Zweck hat das Comit in London
entsprechende Proclamationen bereits erlassen. Wir rechnen auf Sie, Grfin, uns
bei der Verbreitung in den Theigegenden behilflich zu sein.
    Ich habe bereits mit der Frau Grfin das Nthige verabredet, unterbrach
der alte Magyare. An einem geeigneten Ort auf einem ihrer Gter wird eine
Druckerei errichtet werden. Der Herr Abb bernimmt es, fr ein zuverlssiges
Personal zu sorgen.
    Sehr gut, Doctor, wir verlassen uns ganz darin auf Ihre alte Erfahrung. Was
den zweiten Punkt anbetrifft, so wird man besondere Vorsicht wegen des
verstrkten Grnzcordons anwenden mssen. Es handelt sich vor Allem um erste
ausfhrliche Besprechungen.
    Ich werde von Bisztra aus meine Gter in der kleinen Walachei bei Krajova
besuchen. Hier kann die Verstndigung leicht erfolgen.
    Das ist der beste Plan. Wenn die Frau Grfin ihre Einladung nicht
zurcknimmt oder mich nicht dringende Geschfte abhalten, werde ich schon Ende
dieses Monats die Ehre haben, ihr meinen Besuch zu machen.
    Mein Retter von heute kann nur willkommen sein.
    Wissen Sie schon, Herr Graf, die Nachricht, die uns hier eben Doctor Todd
aus dem Ministerium des Auswrtigen von Olmtz bringt? fragte der Banquier.
    Nun?
    Kaiser Franz Joseph, statt morgen, wie bestimmt war, hierher
zurckzukehren, reist mit Herrn von Buol nach Warschau; eine Zusammenkunft
zwischen ihm, dem Kaiser Nicolaus und dem Knige von Preuen soll dort
stattfinden.
    Das ist neu und - gefhrlich!
    Ich hoffe nicht, sagte der Abb. Es gilt nur eilig unsere Freunde in
Constantinopel zu benachrichtigen, da alles Mgliche aufgeboten werden mu,
eine Verzgerung im Beginn der Feindseligkeiten zu verhindern. Ist der Krieg
erst im Gange, so sind alle Vermittelungen unntz.
    Whrend des Gesprchs war Frau von Czezani auf einige Augenblicke
eingetreten.
    Zum Glck habe ich die Nothwendigkeit sicherer Botschaft vorausgesehen. Ich
habe den Boten sogar mit hierhergebracht.
    Ich wollte meine Freundin bitten, sagte die Dame des Hauses, mit mir nach
dem Salon zurckzukehren, man hat bereits nach ihr gefragt, und Vorsicht ist
nthig.
    Ich habe Ihnen Allen eine wichtige Mittheilung zu machen, die ich in der
Aufregung des Gesprchs beinahe vergessen, rief die junge Grfin. Wissen Sie,
da unsere Zusammenknste verrathen sind, da man wei, was unsere
Gesellschaften verbergen sollen, - da ich selbst auf das Bestimmteste gewarnt
worden bin?
    Alle traten unruhig nher, mehrere Gesichter, namentlich das der Wirthin,
wurden bleich.
    Unmglich! Woher wissen Sie das?
    Die Wangen der Grfin frbte eine dunkle Rthe.
    Das Woher ist mein Geheimni. Ich kann Sie jedoch heilig versichern, da
dem so ist.
    Aber wenn die Polizei eine Ahnung htte, wurde man bereits eingeschritten
sein.
    Nicht die Regierung ist davon unterrichtet, wenigstens zur Zeit noch nicht,
- andere Personen. Ich glaube, da wir der Gefahr begegnen werden, wenn wir die
heutige Zusammenkunft hier die letzte sein lassen. Ich reise in den nchsten
Tagen und Frau von Czezani braucht nur die Empfangsabende aufzuheben und mir zu
folgen.
    Aber so geben Sie uns doch einen Fingerzeig, damit wir dem Verrther auf
die Spur kommen knnen, sagte der Abb.
    Der Oberst zog die schwarzen Brauen zusammen. Der scharfe Zug um seinen Mund
zeigte entschlossene Hrte und Grausamkeit.
    Der Tod mu nothwendig seinen Mund verschlieen.
    - Ein leises kurzes Aechzen scholl durch das Gemach - Alle sahen sich
erschrocken und fragend an - dann schttelte Jeder verneinend den Kopf.
    Die Augen liefen umher, gleich als knnten sie entdecken, woher der Laut
gekommen man lauschte nach den Fenstern - -
    Da pltzlich wies der Abb stumm mit dem Finger nach dem Kamin.
    Eine hlzerne Vorsatzthr verdeckte das Innere. Das scharfe Auge des
Priesters hatte eine kaum merkliche Bewegung des Holzes erfat.
    Wie ein Tiger sprang der Oberst auf den Ort los und ri mit einem Griff die
Thr heraus - - im Innern des Kamins hockte zusammengekrmmt ein Mensch, mit
bleichem, erschrockenem Gesicht, in Bedientenlivree.
    Die Hand des Grafen ri ihn heraus, mitten in's Zimmer. Dort fiel die
Jammergestalt auf die Knie und streckte stehend die gefaltenen Hnde empor - die
Zunge schien ihm vor Schreck und Angst den Dienst zu versagen.
    Johann - mein Diener!
    Der Oberst erinnerte sich dessen, was er vorhin zufllig von dem Ausbleiben
des Menschen gehrt.
    Wie kommst Du hierher?
    Ach, gndige Frau, verzeihen Sie mir, jammerte der Elende. Bei allen
Heiligen im Himmel, ich kam zufllig herein und versteckte mich, wie ich die
Herren kommen hrte.
    Jeder fhlte, da der Mensch log, - da er der Spion war, welcher sie
verrieth. Die beiden Damen zitterten und waren leichenbla.
    Das lgst Du, Bursche! sagte der Oberst mit kalter Ruhe. Zunchst wollen
wir Dir ein Mal etwas nher auf den Zahn fhlen und Deine Gestndnisse hren,
zuerst uns aber Deiner versichern. Baron, reichen Sie mir den Shawl dort her!
    Gndige Frau - Sie werden mich doch nicht ermorden lassen! - Ich will ja
Alles gestehen! - Zu Hil ...
    Die feste Hand des alten Ungars prete sich auf den Mund des Elenden, da
der Ruf in seiner Kehle erstickte. Zugleich schnrte der Oberst ihm mit Hilfe
des Abb den Shawl um Arme und Leib. Dann zog er aus der Brusttasche ein feines
glnzendes Stilet, dessen Klinge er vor den starrenden Augen des Unglcklicken
auf dem Nagel des Daums probirte.
    Grfin Helene strzte auf ihn zu und fiel ihm in den Arm.
    Allmchtiger Gott, Sie werden den Menschen doch nicht morden wollen?
    Wenn es nthig ist, schne Grfin, warum nicht? Jeder ist sich selbst der
Nchste. Aber beruhigen Sie sich, dies Instrument soll ihn nur ein Wenig
schrecken und die Wahrheit an's Licht bringen. Das ist jedoch keine Scene fr
Damennerven und ich bitte Sie, sich zu entfernen.
    Nicht eher, als bis Sie mir Ihr Wort geben, kein Blut zu vergieen!
    Auf mein Ehrenwort, - es soll kein Blut vergossen werden! Baron Riepre,
ich sehe Sie zittern, wie diese Damen; reichen Sie der Frau Grfin den Arm und
fhren Sie dieselbe zur Gesellschaft. - Ich bitte, nehmen Sie sich zusammen;
unser Aller Freiheit und Leben steht auf dem Spiel.
    Der Banquier beeilte sich, dem halben Befehl Folge zu leisten; er war selbst
so bleich, wie der ertappte Spion.
    Als der Graf Frau von Czezani zur Thr geleitete, flsterte er ihr zu:
    Schicken Sie mir sogleich Sta Luzia hierher und bringen Sie ihn selbst bis
an die Thr.
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    Nach einer kurzen Zeit kehrte die Dame zurck mit dem Pseudo-Marchese, den
der Oberst in das Zimmer schob, dessen Thr er wieder schlo.
    Merken Sie auf und fassen Sie sich, sagte er zu der Zitternden. Wie ich
vorhin hrte, wei keiner Ihrer andern Leute, da der Diener bereits
zurckgekehrt ist?
    Niemand hat ihn gesehen; sie schalten noch vorhin auf seine Saumseligkeit.
    Wo schlft der Mensch?
    Mit dem Kutscher zusammen ber den Stllen.
    Wenn ich nicht in der Lokalitt irre, so fhrt am Eingang des Gewchshauses
eine dunkle Treppe nach dem obern Stock. Luft diese bis zum Boden und sind die
Thren offen?
    Ich glaube ja.
    Dann gehen Sie zur Gesellschaft und suchen Sie den Diener und das Mdchen
in den Zimmern zu beschftigen. Hten Sie die Grfin; bedenken Sie, Freundin, es
geht um Tod und Leben.
    Sie versprach Alles und eilte davon.
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    Auf dem Sopha im Pavillonzimmer lag ausgestreckt und festgebunden, ein Tuch
in den Mund gedrckt, der Diener. - -
    Er hatte gebeichtet, - man wute, was man wissen wollte, da bis jetzt nur
Unbestimmtes verrathen worden und da die Entdeckung von heute Abend sie
gerettet hatte.
    Am Kamin standen die drei Mnner, - auf der andern Seite des Zimmers lehnte
die krftige Gestalt des Banditen in der Fensternische.
    Die Drei wechselten nur wenige Worte, - Alle empfanden die schreckliche aber
unabweisbare Nothwendigkeit.
    Der Oberst trat zu dem Corfen; auch ihre Unterhaltung war kurz.
    Kein Blut und kein Zeichen von Gewalt? sagte der Bandit. Ei, ich wei ein
vortreffliches Mittel; ich habe es bei dem Schuft von altem Advokaten versucht,
der meinem Bruder auf die Galeeren half. Am andern Morgen glaubte ganz Ajaccio,
der Schlag habe ihn gerhrt, bis ich's selbst erzhlte. Verschaffen Sie mir nur
ein Kissen, Signor Conte.
    Der Oberst schaute umher - auf der Lehne der Sopha's lag ein weiches
gesticktes Daunenkissen.
    Gengt dieses?
    Ich denke, ja. Nehmen Sie seine Fe in Acht.
    Der Unglckliche mit weitgeffneten Augen sah die Mrder auf sich zukommen.
Vergeblich waren seine Anstrengungen zu schreien und aus den Tchern, mit denen
er gebunden, sich emporzuwinden. Der Bandit stand jetzt vor ihm und legte ihn
das ziemlich groe Kissen auf das Gesicht. Ich sehe, Signor, Sie sind ein
Geistlicher, sagte er zu dem Abb, ich bitte Sie, sprechen Sie ein Gebet fr
den Snder. Dann schlug er selbst in der furchtbaren Blasphemie seiner
Erziehung und seiner Natur das Kreuz und setzte sich mit der ganzen Wucht seines
schweren Krpers auf das Kissen.
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    Pisani und der Abb traten, im Gesprch begriffen, aus dem Garten in den
Salon. Der Letztere war ein wenig bleich, der Oberst ruhig, wie immer; der tiefe
Zug von grausamer Energie um Nase und Mund war in die gewhnliche Falte
verschwunden.
    An einem der Spieltische stand der Banquier und pointirte zerstreut, die
Grfin sa an dein Klavier, ohne zu spielen, und schien kaum die Worte zu hren,
die zwei Herren der Gesellschaft an sie verschwendeten. Ihre Augen richteten
sich furchtsam, fragend auf die Eintretenden, auch der Baron warf einen haftigen
Blick voll Angst auf sie.
    Es wird khl im Garten, sagte unbefangen der Oberst, und wir sind
wahrlich nicht so vertieft in den schnen Abend, wie der Herr Marchese und ihr
gelehrter Landsmann, gndige Frau, um nicht die Behaglichkeit des Salons
vorzuziehen. - Wie steht's, Baron, ist das Glck wie immer auf ihrer Seite?
    Er trat zu den Spieltischen.
    Diesmal droht es mich zu verlassen, entgegnete der Banquier mit Bezug,
die Chancen wenden sich gegen mich.
    Ei was, man mu bei jeder Bedrohung den Muth nicht verlieren. Mnner wie
wir lassen sich nicht sogleich einschchtern von einer Ungunst der launischen
Fortuna. Ihr Spiel steht am Ende auch gar nicht so schlecht.
    Wollen Sie fr mich eintreten?
    Ich pointire nicht in Karten, ich berlasse nie mein Glck dem Zufall.
    Und sind Sie denn Ihres Erfolges immer gewi?
    Ich habe ihn gesichert.
    Der Banquier athmete tief auf, die Worte wlzten eine Bergeslast von seiner
Brust.
    Grfin Helene wurde noch bleicher als vorher. Ich will nach Hause, mir ist
nicht ganz wohl - der Schreck von heute Mittag hat mich doch mehr angegriffen,
als ich dachte.
    Ihr Aufbruch veranlate weitere Folge. Der Oberst nahm die Gelegenheit wahr,
sich dabei Frau von Czezani zu nhern, deren Augen ihn schon lange befragt
hatten. Gute Nacht, gndige Frau, und - wenn Sie morgen zufllig Etwas vom
Boden Ihres Hauses holen lassen, so versumen Sie die sofortige Anzeige bei der
Polizei nicht. Ich glaube, der thrichte Bursche hat sich in Verzweiflung ber
seine Dienstentlassung aufgehngt.

                                    Funoten


1 Die telegraphische Nachricht wurde in der That erst am 3. in London und Paris
bekannt.


                                  Am Bosporus.

Wo jenes prachtvolle, seit Jahrtausenden berhmte Meeresbecken das Marmorameer -
die Propontis der Alten - im Nordosten wieder seine Ufer zweier Welttheile nher
zusammentreten lt, liegen einige liebliche Eilande, die Prinzeninseln; - nher
und nher drngt sich darber hinaus Asien an Europa, und ein Golf bildet sich,
aus dem zwischen hohen Bergwnden jene weltberhmte Strae, der Bosporus, ber
sechs deutsche Meilen lang sich nach dem Schwarzen Meere in zahlreichen
Windungen streckt. - Rechts aus Asien hervor springt das Cap Chalcedon;
gegenber auf dem europischen Ufer beginnt Stambul, als drohende Warte
gleichsam dem Reisenden von dem Vorsprung des Ufers das berhmte Schlo der
Sieben Thrme mit seinen blutigen Erinnerungen entgegenstreckend.
    Das Meer scheint sich gleichsam hier in drei Arme zu theilen; nach Nordosten
die Bosporusstrae, im Sden der weite Blick auf das offene Marmorameer, gegen
Westen eine prchtige, zwischen zwei Vorgebirgen des europischen Ufers sich
eindrngende Meeresbucht, das Goldene Horn.
    Auf dem Ufervorsprung zwischen diesem und der Buchtung des Marmorameeres
liegt die Sieben- des Ostens, Byzanz, - Constantinopel - Stambul! - Die drei
Namen umfassen ihre Geschichte.
    Gegenber auf der nrdlichen Seite des goldenen Hornes, dessen Ufer sich
hier schroffer und steiler emporheben und als die westliche Felswand des
Bosporus zum schwarzen Meere fortlaufen, liegen die neueren, zum Theil von den
Genuesen und Venetianern gegrndeten Stadttheile: um die uere Spitze Tophana,
daran stoend am innern Ufer des Hornes Galata, ber beiden terrassenfrmig auf
der Berghhe Pera, die Frankenstadt. An Galata schliet sich Tershana, mit dem
groen Schiffsarsenal und den Werften, Chaskii, Piri-Bascha und Sidlische, bis
am Ende der Meeresbuchtung, den sogenannten sen Wassern von Europa, wo sich
einzelne Binnenflchen in den Meeresarm ergieen, die Vorstadt Kara Agatsch die
Verbindung mit Stambul, der Trkenstadt, bildet.
    Auf der Hhe des Berges umziehen die Vorstdte Cassim-Pascha und St. Demetri
die Frankenstadt Pera. Stambul selbst wird auerhalb der groen verfallenen
Ringmauer, die es noch aus der Griechenzeit her einschliet, von den Vorstdten
Ejoub (zunchst am goldenen Horn) und Daoud-Pascha umgeben. Gegenber dem
Eingang des goldenen Horns auf dem asiatischen Ufer liegt in prchtiger, sanft
ansteigender Terrasse Scutari, das gleichfalls als Vorstadt Constantinopels
gilt. Als solche werden auch die fortlaufenden zusammenhngenden Ortschaften
entlang der beiden Seiten des Bosporus angesehen, welche hauptschlich durch die
Palste und Villen der vornehmen Trken und Europer gebildet werden, zunchst
auf dem europischen Ufer: Funduklu, Dolmabaghdsche, Orta-Koi, Kura-Tschesme,
Arnaud-Koi, Rumili-Hissar das berhmte Schlo von Europa, Baltaliman, Jeni-Kioi,
Therapia und Buyukdere, whrend auf der asiatischen Seite an Scutari sich
Beglerbeg, Koi, Kandili, Anatoli-Hissar das Schlo von Asien, Kandtische, Beykos
und Unkiar-iskelessi anreihen.
    Das ist die allgemeine Topographie jener Sttte auf Erden, die ein Paradies
erscheint von Auen, Moder und Verwesung im Innern.
    Doch das ist nur das Menschenwerk! Was Gott auf jenem Fleck seiner schnen
Welt geschaffen, das ist ein unvergnglicher, strahlender Diamant im Kranz ihrer
Herrlichkeiten.
    Ein blauer durchsichtiger Himmel wlbt seinen ewig heiteren Bogen ber die
leicht bewegte Fluth, deren Ultramarin die Orientalen mit dem Namen Gik-su -
das ist: Himmelswasser - getauft haben. Auf mehrere Meilen weit durchdringt das
Auge diese klare, reine Luft so deutlich und sicher, wie in nordischen Landen
kaum auf die Entfernung einer Viertelstunde die Gegenstnde sich ihm zeigen. Am
leicht aufsteigenden Berghange, der sich in sieben Hgel gruppirt, hebt sich die
riesige Stadt, ein Meer von achtzigtausend Husern - Byzanz - Constantinopel -
Stambul - mit jenen tausendjhriqen Erinnerungen des alten Thraciens, des
mchtigen Rmerreiches - der Kreuzzge - des Jahrhunderte langen Kampfes der
Komnenen und Palologen gegen die asiatischen Horden, des Kreuzes gegen den
Halbmond, des Christenreiches gegen die Moslems, fr dessen Hilferuf das
kirchenprahlerische Europa kein Ohr hatte; - mit jenen Erinnerungen an Strme
von Blut, an jene Siege des Halbmondes, der von hier aus Europa bedrngte und
seine Noschweife bis vor die Thore Wiens trug.
    Welche Weltgeschichte thrmt sich vor der Phantasie mit jenen Husermassen
in den blauen Himmelsdom!
    Und da links - ber die Kiosks und Bleidcher von seltsamer Form, die
zwischen Platanen und dunklen Cypressen von der Landspitze des Horns das Auge
fesseln, ber das Serail - eine Stadt in der Stadt - hinweg hebt sich auch ein
Dom, riesig und mchtig, ein Meisterwerk von Menschenhnden, wie die Erde kein
zweites hat: - des groen Justinian heiliger Gedanke an Gott, - die
Sophien-Kirche - jetzt die Aja Sophia, eine trkische Moschee, ber deren
Gigantenkuppel von 180 Fu Hhe und 115 Fu Spannung hoch in die Luft ein
riesiger Halbmond sich streckt, als Wahrzeichen, da Europa ja nicht vergessen
mge seiner feigen Herzlosigkeit, ja nicht vergessen mge, da es hier den
Christenglauben von dem Moslem mit Fen treten lie!
    Aus dem Meer von Husern, alle klein, alle eintnig in ihrer rothbraunen
Farbe, tauchen Palste und die bleiglnzenden Kuppeln der beiden Bazars und
zahlloser Moscheen empor, schieen die schlanken sulengleichen Minarets in die
Hhe, mit den schmalen Rundgngen und den grnen hohen Spitzen, wie tausend
Fingerzeige nach Oben. Dazwischen wechselt das Grn der Platanen, das dunklere
der Cypressen von den Grten und weiten Kirchhfen auf der Hhe der Berge: der
riesige Palast der Hohen Pforte streckt seine lange Front auf dem einzigen
freien Platz zwischen den Huserreihen, der Thurm des Seraskiers, der
Feuerthurm, von dessen Hhe Tag und Nacht Wchter die weite Stadt berschauen,
um alsbald den Ausbruch der gefhrdenden Flamme verknden zu knnen, hebt sich
wie eine Warte des romantischen Mittelalters in die Luft. Und drben auf der
andern Seite des goldenen Horns - Chrysokeras, wie die Griechen wegen seiner
vortheilhaften Lage und seines Reichthums an Fischen diesen schnsten aller
Meeresarme nannten, - da wo die Mauer von Galata Pera abscheidet, hebt sich eine
wirkliche Warte aus jener Zeit, der alte Genueser Thurm, mchtig und frei von
dem Berge ab, zu gleichem Zweck dienend, wie der jngere Gefhrte am Seraskiat.
Von der Spitze Beider weht die rothe Fahne mit dem weien Halbmond und den
weien Sternen.
    Das Bergufer auf der Nordseite des goldenen Horns steigt, wie erwhnt,
steiler empor, als das der Trkenstadt, und hier kann man die Straen und Gassen
leichter verfolgen. Massive Gebude sind hier hufiger, whrend bei den
Trkenhusern nur das Erdgescho von Mauerwerk, der Aufsatz aber von Holz ist.
Die Palste der Gesandten, darunter das groe, nach der Seite von Tophana
abfallende russische Gesandtschaftshotel zeichnen sich aus. Am Ufer des Bosporus
liegt die groe Geschtzgieerei Tophana, von der der Stadttheil seinen Namen
hat. - Zwischen dem europischen und asiatischen Ufer, doch nher an Scutari,
erhebt sich, eine kleine Felseninsel aus dem Meer wie Caub im Rhein, der Thurm
des Leander mit seinem Wasserschlo. Scutari erscheint, selbst aus der Ferne
gesehen, - das Meer ist hier eine halbe deutsche Meile breit, - weit
freundlicher und lichter, als die europische Stadt. Nach dem Marmorameer zu
erstreckt sich dort dicht am Meeresstrand die neu erbaute kolossale Kaserne,
wei und roth angestrichen, die mehrere Regimenter fassen kann. Auf der Hhe des
Berges Burgulu, an dessen Senkung sich die Stadt ausbreitet, dehnen sich die
meilenlangen groen Friedhfe aus, die grten des Orients, denn auch aus
Stambul lassen sich viele Trken hier begraben, um in der heimathlichen Erde der
Mutter der Vlker, Asiens, zu ruhen. Darber hinaus in der Ferne hebt der Olymp
seine Schneegipfel am Horizont.
    Drei groe schne Schiffbrcken fhren ber das goldene Horn, diesen
prchtigen und grten Hafen der alten Welt. Jede enthlt zwei Bogen zum
Durchla der Schiffe, und die Meeresbucht ist so tief, da selbst die grten
Linienschiffe sie durchkreuzen und bis dicht an's Ufer anlegen knnen. Hunderte
und aberhunderte groer Schiffe jeder Art wiegen sich auf den blauen Wellen
dieses Hafens und am Eingang desselben, riesige Linienschiffe, Fregatten.
Kriegsdampfer, dazwischen die Unzahl der Handelsfahrzeuge jeder Form aus allen
Gegenden und Zonen der Erde, die Brigg aus den Hfen der Ostsee, der
Fregattschooner von New-York und New-Orleans, die italienische Barkasse und die
Tartane der afrikanischen Kste, die Nacht und der Prahm, die Galeotte und die
plumpe Sloop; der Handel und Verkehr der Erde scheint sich hier ein Rendezvous
gegeben zu haben. Dazwischen brausen Dampfer eilig hin und her, legen in jeder
halben Stunde an der Brcke an, um Passagiere einzunehmen fr Scutari, den
Bosporus, die Prinzeninseln, oder ankern stolz auf der Rhede, um die weite Fahrt
nach den Ksten des schwarzen Meeres, nach dem sagenhaften Trapezunt, nach
Smyrna, Saloniki, Alexandrien, Triest, Malta, Marseille und noch weiter hinaus
nach den Kreideksten von Alt-England zu machen. Tausende von Kaks, diesen
Schwalben des Bosporus, - leichte, schlanke, schmale, auf beiden Seiten spitze
Boote, - so eng und leicht gebaut, da sie gewhnlich auer dem Fanarioten oder
Moslem, der das Ruder fhrt, nur eine Person tragen, die auf dem Boden des
zierlich mit Schnitzwerk und Teppich gezierten Fahrzeugs kauern mu, kreuzen und
schieen in allen Richtungen umher mit wunderbarer Schnelligkeit, gleich
leuchtenden bunten Pfeilen ber die Fluth. Darin sitzt mit gekreuzten Beinen der
Trke in weiter orientalischer Tracht, den Turban auf dem geschorenen Haupt,
oder in dem neuen unkleidsamen blauen Rock mit dem Fe, - der frnkische
Kaufmann oder neugierige Fremde, - der Armenier in seinem schwarzen fliegenden
Talar, - die Hanum in ihren weien Yaschmal und den bunten Feredschi gehllt -
Alles kreuzt geschftig oder im migen Vergngen von Ufer zu Ufer und in der
Meeresstadt umher, deren Huser und Straen die Schiffe der Nationen bilden. Es
soll dieser Kaks ber 80,000 in Constantinopel geben und der grte Theil
derselben ist fortwhrend in Bewegung. Die Groen und Reichen haben deren in
Menge von den verschiedensten Gren mit reichen Vergoldungen; die zahlreichen
Bootschuppen am Ufer des Hornes zwischen der Moschee der Sultanin Valide und dem
Serail bergen einen groen Theil.
    Ueber die Brcken und durch die Gassen zunchst dem Horn und den Bazars -
Besestan in Constantinopel genannt - wogt fortwhrend ein Gedrng von Menschen,
wie kaum die belebtesten Straen von London es bieten, unvergleichlich in seinem
bunten, immer wechselnden Anblick. Die Vlker des Morgen-und Abendlandes
begegnen sich hier in ihrem nationalen Costm; neben dem Perser mit dem steifen,
blauen Kaftan und der hohen spitzen Mtze von schwarzem Lammsfell der englische
und franzsische Matrose; neben dem Derwisch in seinem zerlumpten wollenen
Mantel mit der, einem umgestlpten Eimer gleichenden Kopfbedeckung von grauem
Filz der frnkische Kaufmann oder Handwerker aus Pera; zur Seite des in seine
braune Decke gehllten Drusen und Kopten die hohe Figur des Tscherkessen, der
Arnaut mit dem Arsenal von Waffen in seinem Grtel, der Baschi-Bosuk aus den
Wsten Syriens oder von den arabischen Horden; der geschftige Grieche, der
Turkomane, der verachtete Jude; - das elegante pariser Frauenkostm neben den
faltenreichen Hllen der trkischen Weiber; - schwarze Sclavinnen - Bettler mit
den widrigsten Gebrechen, die ihr Allah il Allah murmelnd an den Seiten der
Brcke sitzen und reichliche Gaben in ihr Schlchen empfangen; - die Saka's, die
Wasser- und Limonadenverkufer; - Hndler mit Zuckerwaaren; - die Hamals, die
auf gekrmmtem Rcken die schwersten Lasten befrdern; - Eseltreiber mit ihren
Thieren - dazwischen ein einzelner Reiter, ein Offizier oder Beamter der Pforte
auf dem kleinen trkischen Pferde, die Pistolenhalftern und Schabracken mit
breiten Goldborten berladen, rechts zur Seite des Pferdes der Trger der
Waffen, der Mappe oder Tasche, in welcher die Schriften aufbewahrt werden; links
an den Schwanz des Pferdes sich haltend ein anderer Tschokadar mit dem
Tabacksbeutel und Schibuck seines Herrn im langen blauen Sack; - alle
Abstufungen von Farben in den Gesichtern, alle Pracht bunter Gewnder, reicher
Gold- und Silberstickerei auf den Gestalten: - das ist das Bild dieses bunten
Lebens, Treibens und Drngens.
    Dennoch bewegt sich die ungeheure, ewig ab- und zustrmende Masse wenn auch
nicht stiller - denn es herrscht durchgngig durch die zahlreichen Ausrufer und
die Handelsleute ein betubender Lrmen, - doch weit sicherer und geordneter als
bei uns. Kein Wagen, keine Equipage sprengt den Strom der Fugnger auseinander,
nur selten fhrt langsam ein von einem oder zwei vor einander gespannten Pferden
- in den Umgebungen der Stadt auch von Ochsen - gezogener Araba daher. Es ist
dies ein im Rococcostyl des Abendlandes gebauter Wagen mit roth angestrichenem
und reich vergoldetem Kasten von fast dreieckiger Form, die Spitze nach unten,
der in Riemen zwischen hohen Rdern hngt oder fest aufsitzt, und in dem die
Frauen der reichen und vornehmen Trken mit einer oder zwei Sclavinnen durch die
Straen fahren, um ihrer Neugier zu frhnen und die Lden zu beschauen. Ein
Eunuch oder Sclave fhrt das Pferd und wahrt die ohnehin in den abscheulichen
Jaschmal verhllten Frauen vor jeder Berhrung mit den Mnnern. -
    Sobald man das Ufer betritt, schwindet alle Herrlichkeit des schnen Bildes
und die Faulheit, Unordnung und der Schmuz des Orients bieten sich in ihrer
vollen Widrigkeit dem Blick des Europers.
    Diese ganze ungeheure Stadt mte ein Flammenmeer gleich Moskau werden, um
dann neu und herrlich aus den Hnden des gebildeten Europa's an diesen
paradiesischen Berghhen emporzusteigen! - Die jetzigen systematischen
Brandstiftungen, welche in bestimmten Perioden die trkische Regierung ausben
soll, um zu einem zweckmigeren Neubau zu zwingen, gengen nicht und vermehren
nur die traurige Unordnung durch den Anblick wster Brandsttten, die
Jahrzehende lang unbebaut bleiben.
    Und dennoch fragen wir uns unwillkrlich, wrde mit dieser Unordnung, diesem
Gewirr, selbst diesem Schmuz im Eintausch gegen europische Regelmigkeit nicht
auch jene Poesie des Orients schwinden, jener mhrchenhafte Duft von Elend und
Glanz, von Tod und Ueppigkeit, von Traum und Wahrheit, von Blut und Blumen, von
Fanatismus und Lethargie, Liebe und Sclaventhum, Henkern und Houri's, Helden und
Bettlern?
    Wrde die Newskoi-Perspective und der Winterpalast an die Felsenufer des
Bosporus besser passen, als die schlanken Minarets, von deren Hhe der Muezzim
zum Gebete ruft, oder als die geheimnivollen Mauern und Kuppeln des Serails? -
-
    Dennoch lt sich das Widrige, das Enttuschende im Anblick dieses Schmuzes,
dieser Vernachlssigung nicht hinweglugnen. Auer vor dem Arsenal Tershana und
vor dem Hofe der Geschtzgieerei in Tophana giebt es um das ganze so trefflich
geeignete Ufer des goldenen Horns keine Spur eines so nothwendigen und schnen
Quais, wie die europischen Seestdte sie bieten. Wo das Schiff oder Boot an's
Ufer legt, da tritt der Fu in Schlamm oder Schmuz, jedes Gchen, jedes Haus
luft unmittelbar auf den Meeresstrand aus und nicht hundert Schritt kann man
auf demselben entlang gehen. Die Straen sind, wie berall im Orient, eng und
krumm und meistens Gchen, in denen oft kaum ein Fugnger dem andern
ausweichen kann. Selbst in Pera und Galata herrscht diese Bauart und die groe
Perastrae ist nur sechs Schritt breit. Die Straen sind nur zun Theil, und das
so jmmerlich, gepflastert, da es die Unbequemlichkeit erhht. In der Mitte
luft die Gosse - wo eine solche existirt. Die Stadttheile an der nrdlichen
Bergwand, also Galata, Tophana, Pera etc., laufen so steil in die Hhe, da der
Weg ein bloes Steigen und Klimmen ist. Die Huser sind hier meist von Stein
gebaut, mit europischen Einrichtungen, die inde wenig dem Klima entsprechen;
die Htels der Gesandtschaften sind groe prchtige Gebude, ohne doch den
Stadttheil zu zieren, da sie in hohe Mauern eingeschlossen oder durch enge und
finstre Stiegen und Gchen abgesondert sind. Die Perastrae bietet eine Menge
europische Lden, mit dem Kram gefllt, der in Europa als zurckgelegte Waare
betrachtet wird. Galata ist der Hauptplatz des Verkehrs, halb trkisch, halb
frnkisch. Die Kaufleute und zahlreichen Banquiers haben hier ihre Lden und
Gewlbe, ebenso der trkische Handwerker, der in offener Bude an der Strae sein
Geschft bt. Der Verkehr ist hier nach der Hornseite zu enorm.
    Erreicht man ber die erste Schiffbrcke das Ufer von Stambul, so tritt man
alsbald in's volle trkische Leben. Ueber niedere Huser, deren Wnde vom Boden
bis zum Dach mit Hhnerkrben gefllt sind, ragen die Kuppeln und Minarets der
Moschee der Sultanin Valide empor, und man vertieft sich in die zahllosen Gassen
und Gchen, die zum groen Bazar, zum alten Serail, zum Palast der Pforte, zum
Hippodrom, zur Suleimania1 und der Zahl reicher Prachtbauten der andern Moscheen
fhren. Die Bauart der trkischen Privathuser ist ziemlich drftig, ein
Viereck, das nach dem innern Hof oder Garten zu geffnet ist, whrend nach der
Strafe hin entweder die Hofmauer es ganz absondert oder doch nur Erker und
wenige Fenster hinausgehen, die mit grnen Holzjalousieen oder vergoldeten
Stben vergittert und geschlossen sind. Das untere Stock ist von Steinen erbaut,
die obern, hchstens zwei Etagen, gewhnlich aber nur eine, sind von Holz und
Fachwerk und laufen bei der groen Vorliebe der Trken fr Balkons, Erker und
Vorsprnge, in denen sie behaglich sitzen knnen, die eine ber die andere auf
Balkenunterlagen hinaus. Der Anstrich des Hauses ist gewhnlich rothbraun, das
Dach flach, mit niedern Mauern oder Wnden umgeben, so da die Familie ungesehen
von den Nachbarn auf seiner Hhe sitzen kann.
    Das groe Serail - Serai Burnu - das in der Abgrnzung der umgebenden Mauern
einen Flcheninhalt wie etwa die innere Stadt Wien einnimmt, war der eigentliche
Palast und Wohnsitz der ottomanischen Herrscher und der Schauplatz aller jener
Revolutionen und Blutthaten, die so hufig die Thronfolge nderten. Dennoch sind
der gegenwrtige Sultan und seine Shne die direkten Abkmmlinge Ottoman's, des
Grnders der Monarchie, und gehren demnach zu den ltesten
Herrschergeschlechtern der Monarchieen. Der Vater Abdul Medschid's, der
politische Reformator Mahmud II., der die Janitscharen opferte und das Tansimat
gab, verlegte die Residenz aus dem Serail, das noch von dem Blute seines am 28.
Juli 1808 ermordeten Bruders und Sultans rauchte, nach den Bosporus-Palsten, um
mit den Erinnerungen zu brechen, die sich fr sein Geschlecht an jene Mauern
knpften. Er erbaute das Palais von Tschiragan am Ufer des Bosporus, nahe der
Stadt, in dem noch der gegenwrtige Sultan residirt, bis das neue, von ihm
erbaute und unfern, noch nher den Vorstdten belegene Palais vollendet ist.
Zahlreiche Kiosks und Schlsser auf beiden Seiten des Bosporus und seinen
zauberischen Hhen dienen auerdem zum wechselnden Aufenthalt des Sultans. Das
ganze europische Ufer des Bosporus bis Bujukdere hin ist bedeckt von Palsten
und Landhusern, die theils den trkischen Groen, theils den Gesandten und
reichen Kaufleuten Constantinopels gehren, wo dieselben zur Zeit des Frhjahrs,
Sommers und Herbstes wohnen. Whrend die Vorderfront der Huser und Villen die
Wellen des Bosporus besplen, strecken sich auf der Rckseite prchtige
Gartenterrassen an der steilen Bergwand in die Hhe.
    Es kann natrlich nicht die Absicht dieses Buches sein, eine umfassende und
detaillirte Beschreibung Constantinopels zu geben, das durch den gegenwrtigen
Krieg Europa erst nahe gerckt ist. Zahlreiche ltere und neuere
Reisebeschreibungen liefern eine solche weit besser und ausfhrlicher. Der Autor
hatte nur die Aufgabe, dem Leser zur Verstndni der Scenen und der Erzhlung,
die uns hufig in diesen Centralpunkt des groen Kampfes zurckfhren mu, eine
allgemeine Topographie zu geben, die nheren rtlichen und Sitten-Schilderungen
den einzelnen Gelegenheiten berlassend.
    Nur ber das Verhltni der Frauen des Orients bleibt uns noch Einiges im
Allgemeinen zu sagen. Die Lage derselben wird in Europa noch vielfach falsch
aufgefat, und die vage Meinung der Menge glaubt jeden Moslem im Besitz eines
kleinern oder grern Harems und die Frauen des Orients als gnzlich willenlose
untergeordnete, dem Herrn des Hauses knechtisch gehorchende Wesen.
    Dies ist keinesweges der Fall. Die meisten Staats-und Privatintriguen
entspinnen sich im Harem und werden dort geleitet. Der Moslem, bis zum Sultan
hinauf, steht so gut unter'm Pantoffel, wie der Abendlnder, und die Macht und
Freiheit der Frauen ist - wenn auch auer dem Hause ziemlich beschrnkt - in
dessen Innern eine sehr groe. Die Dragomans und die Harems der Wrdentrger
sind die politischen Faiseurs des Orients.
    Es ist dem Mohamedaner erlaubt, vier Frauen zu heirathen, und dieselben
gelten als seine rechtmigen Gattinnen; die Zahl der Frauen des Sultans kam
sich auf sieben belaufen, doch ist es selten, da dieser wirklich auch nur mit
einer die gesetzliche Ceremonie der Heirath vollzieht. Jeder Trke hat dagegen
das Recht, so viele Sclavinnen zu halten, als er will und seine Verhltnisse
erlauben2. Dieselben sind dann die Dienerinnen seiner rechtmigen Frauen, wenn
er solche hat, oder seine Odalisken, und whrend ihre Reize ihm gehren, - wozu
jedoch ihre freie Einwilligung gehrt, - haben sie keinerlei Rechte der
Gattinnen.
    Die Geburt eines Kindes, gleichviel ob Knabe oder Mdchen, von ihrem Herrn
macht die Sclavin und das Kind jedoch frei.
    Dies ist einer der Grnde, weswegen trotz der erlaubten Vielweiberei und des
bermigen Genusses des geschlechtlichen Umganges die Zahl der trkischen
Bevlkerung so gering ist und von Jahr zu Jahr abnimmt.
    Um dem durch die Fruchtbarkeit drohenden Verlust der Sclavinnen zu entgehen,
existiren jene emprenden Geheimnisse der Harems, welche die Frucht im
Mutterleibe ersticken, oder das Weib zu seiner erhabenen natrlichen Bestimmung
unfhig machen.
    Der allgemeine Gebrauch dieser schndlichen Mittel ist theils ein
erzwungener, theils ein freiwilliger. Denn selbst die angetrauten Frauen scheuen
sich dessen nicht, und in den Harems der Reichen wird er hufig als Mittel
betrachtet, den Vorzug ber die Nebenbuhlerinnen zu gewinnen, und gerade hierin
liegt der zweite Grund zu jener Erschlaffung des osmanischen Geschlechts. Da dem
Muselmann die Liebe nur ein sinnlicher Begriff ist, sucht die Frau oder Odaliske
jedes Mittel auf, alle die Sinnlichkeit des Mannes fesselnden Reize so lange als
mglich zu bewahren und benutzt eben dazu jene Mittel, sobald sie ihm ein Kind
geboren hat. Daher kommt es, da, whrend im christlichen Europa die Kinderzahl
in den Familien eine durchschnittlich bedeutende, namentlich bei den unteren
Stnden, ist, in der Trkei bei den Familien der mittleren und unteren Stnde
selten mehr als ein oder zwei Kinder gefunden werden. Selbst der Sultan besitzt
nur zwlf Kinder.
    Es ist eine in politischer und physischer Hinsicht anerkannte Thatsache, da
eine gnzliche Abschneidung der Zufuhr von Frauen aus Georgien und Circassien
und die darauf basirte Regeneration des Blutes der Trkei den Lebensnerv ihrer
gegenwrtigen Einrichtungen abschneiden wrde. Daher jenes vorerwhnte russische
Verbot.
    Wir bedauern, auf diese Details eingehen zu mssen, indessen ist es fr die
Aufgabe der treuen Schilderung, die wir uns gestellt, unbedingt nothwendig. Wir
nehmen daher dieses Recht und diese Entschuldigung auch fr Scenen in Anspruch,
die sonst das sthetische und moralische Gefhl beleidigen wrden.
    Verschiedene Anordnungen des Korans beschrnken die Gewalt ber die
Sclavinnen und Sclaven, deren Verhltni brigens in der Trkei mehr das von zur
Familie gehrenden Hausdienern ist. Ueberhaupt ist der Trke in seinem
gewhnlichen Leben, wenn nicht besondere Leidenschaften ihn erregen, milde und
gerecht. Es kommt hufig vor, da die Sclaven nach einer lngeren oder krzeren
treuen Dienstzeit frei gelassen und von dem Herrn ausgestattet, ja, mit einer
Tochter der Familie verheirathet werden. Viele der ersten trkischen
Wrdentrger selbst der Neuzeit waren und sind solche freigelassene Sclaven3.
    Der Moslem schenkt oder verheirathet oft eine seiner Sclavinnen seinem
Sohne, doch darf sie in einem solchen Fall nicht des Vaters Concubine gewesen
sein und wird durch die Heirath frei. Die durch den Umgang mit den Sclavinnen
erzeugten Kinder werden als legitim betrachtet. Die Scheidung von einer Frau ist
sehr leicht, obschon selten.
    Wir haben bereits erwhnt, da die Herrschaft der rechtmigen Frau im
Innern des Hauses eine eben so groe ist, wie im kultivirten Europa, und sie
duldet eben so wenig eine Nebenbuhlerin in ihrer Nhe. Daher ist denn auch das
Recht zur Heirath von vier Frauen im Allgemeinen ein sehr problematisches und
wird nur von Denen ausgebt, die reich genug sind, ein groes Harem oder jeder
der Frauen eine besondere Wohnung zu halten. Der Neid und die Eifersucht in den
Harems ist beraus heftig und artet hufig in Ttlichkeiten, ja in geheime und
offene Verbrechen aus.
    Die Abgeschiedenheit der Frauen auer dem Hause ist noch immer sehr gro.
Whrend im Haremlik4 ihr Anzug und ihre Sitte eine bertrieben freie ist,
obschon sie auch da nur vor dem Mann, den Kindern, den Eunuchen und
Frauenbesuchen unverschleiert erscheinen, ist jeder Verkehr mit anderen Mnnern
auf das Strengste verpnt. Seit der Regierung des vorigen Sultans haben sie zwar
grtentheils die Freiheit des Ausgehens und Ausfahrens, und man sieht, wie
erwhnt, in den Straen und Lden Constantinopels Frauen in Menge, doch immer
streng verhllt und verschleiert, und kein Muselmann bertritt die Sitte und
schaut ihnen, wie es bei uns geschieht, in das Gesicht. Selbst der Mann wrde es
fr unschicklich halten, wenn er seiner Frau, die ihm begegnet, durch ein
Zeichen merken liee, da er sie erkannt. Da bei der Langeweile des Harems und
des orientalischen Lebens im weiblichen Geschlecht sich auch alle Schwchen
ihrer freien situirten Schwestern oft in erhhtem Grade geltend machen, und
Eitelkeit und Sinnlichkeit sie sehr hufig zum Kokettiren mit fremden Mnnern
und zum gefhrlichen Eingehen von Liebeshndeln fhren, ist natrlich.
Dergleichen Verstndnisse sind in Constantinopel gar nichts Seltenes, sowohl mit
jungen trkischen Effendi's, als mit Franken. Die Eitelkeit der Frauen hat
brigens den garstigen Yaschmak, der frher nur die Augen frei lie, bereits bis
zur Nasenspitze herabgerckt, und wo sich die Gelegenheit findet, fllt derselbe
bei den Jungen und Schnen oft noch tiefer. Die franzsischen Hilfstruppen haben
in dieser Beziehung Wunder gethan.
    Die Verhltnisse im Harem des Groherrn sind natrlich in vielen Beziehungen
verschieden. Der Harem des gegenwrtigen Sultans bestand im Sommer 1853 aus etwa
700 Odalisken, den schnsten Sclavinnen aus verschiedenen Lndern, welche die im
Frhjahr desselben Jahres verstorbene Sultana Valide zum groen Theil selbst
gewhlt. Alles, was an Schnheit und Reiz der weiblichen Formen, auf die der
Asiate so viel giebt, sich in den verschiedenen Abstufungen der Farben findet,
ist hier versammelt: die prchtige Bste der ppigen Georgierin mit den groen
mandelfrmigen Augen und den feingeschnittenen Brauen, die schlanke, ebenmige
Figur der circassischen Schnheit, wie der volle Wuchs und der feine, zarte
Teint der Frauen von den griechischen Inseln, bis zur Ebenholzfarbe und der
groen apollinischen Gestalt der schwarzen Sclavin aus jenen Stmmen des Sennar
und Darfur, die sich durch ihren ebenmigen Krperbau auszeichnen; die feine
zierliche Gestalt der chten Araberin mit ihrer blabraunen durchsichtigen Haut
und den Rehaugen, und selbst die Europerin, namentlich aus den sdlichen
Staaten, Italien, Spanien, Sicilien etc.; denn obschon die Geheimnisse des
Harems ziemlich unzugnglich sind, verlautet doch gar Vieles daraus und es ist
bekannt, da der Harem des vorigen und des gegenwrtigen Sultans viele
Europerinnen enthalten. Die Frauen, die der Sultan aus der Zahl der Odalisken
zur Theilung seines Lagers whlt, heien Kadinen, und die erste derselben, die
dem Padischah einen mnnlichen Erben schenkt, gilt als die Favorit-Sultana und
ihr Einflu ist sehr bedeutend. Sobald ihr Sohn zur Regierung kommt, fhrt sie
den Titel Sultanin Valide. - Der Sultan entlt und wechselt brigens, mit
Ausnahme der Mtter seiner Kinder, seine Kadinen nach Belieben und hufig werden
sie und die Odalisken mit Wrdentrgern des Reichs vermhlt, oder ihnen
geschenkt. Das Salische Gesetz hat in der Trkei volle Geltung, denn die
Thronfolge erbt nie auf die Tchter fort und nur in der mnnlichen Linie weiter.
Ein furchtbarer Gebrauch in der regierenden Familie vom Stamme Osmans und ein
Regierungsprincip ist es, da weder die Brder noch die Shne des Sultans
berhaupt Nachkommenschaft, ihre Schwestern aber mir weibliche haben drfen. Die
Shne derselben werden sofort nach der Geburt erdrosselt.
    Das ist auch eines der dunklen Geheimnisse der Harems!
    Die Kadinen eines verstorbenen Sultans drfen nicht wieder heirathen und
werden nach dem Eski-Serai - dem alten Serail, in der Mitte von Stambul belegen,
- gebracht; der Harem des regierenden Sultans bewohnt gegenwrtig den nrdlichen
Flgel des Palastes von Tschiragan und folgt seinem Herrn ganz oder zum Theil
nach den verschiedenen Schlssern; in welchen er seinen Aufenthalt nimmt.
Derselbe wird bei Weitem strenger berwacht, als der Harem eines Privatmannes.
Die groe Zahl von jugendlich krftigen Frauen bleibt fortwhrend in den
Gemchern eingeschlossen und ihre einzige Erholung in frischer Luft ist, wenn -
was hchstens drei bis vier Mal im Jahre geschieht - der Sultan die Erlaubni
giebt, da sie die kaiserlichen Grten von Dolmabagdsche betreten drfen.
    Diese - von hohen Mauern umgeben und jedem Auge, als dem der Eunuchen
versperrt - sind dann der Schauplatz einer solchen Ausgelassenheit und eines so
unbeschrnkten tobenden Genusses der kurzen Freiheit, da die europischen
Grtner des Groherrn, wenn ihnen ein solcher Besuch angekndigt wird,
sorgfltig alle Frchte und Blumen vorher entfernen, denn kaum ein Blatt bleibt
ungebrochen von dem Muthwillen der entfesselten Lebenskraft. Auerdem besuchen
zuweilen unter strenger und zahlreicher Bewachung der Eunuchen die Kadinen und
Odalisken in kleinerer Zahl die sen Gewsser von Asien und Europa, diese
Lieblingsorte der Frauen von Stambul.
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    Nenn man das erste der sieben Vorgebirge, die auf jedem Ufer mit
entsprechenden Buchten den Lauf des Bosporus bilden, auf der europischen Seite
- Tophana - das alte Metopon, hinter sich hat, fhrt der Kak in die schne
Bucht von Dolmabagdsche ein, an dem Ufer entlang, an dem frher ein Altar des
Ajax und der Tempel des Ptolemus Philadelphus stand, dem die Lateiner gttliche
Ehre erwiesen. Auf dieser Rhede, dem Pentecontoricon: der Rhede fr die
fnfzigruderigen Schiffe, lie der Scythe Taurus auf dem Wege nach Creta seine
Fahrzeuge ankern. Am Ufer liegt die Moschee Anni-Effendi und weiter hinauf am
Ufer gegenber der Stelle, wo er seine Flotten zu sammeln pflegte, um den
Schrecken an die Ksten des mittellndischen Meeres zu tragen, steht das einfach
malerische Denkmal Hairaddins Barbarossa's, des berhmtesten trkischen
Seehelden.
    Am Ufer streckt hier der Palast Tschiragan seine lange Fronte von Stein- und
Holzbau mit Arabesken und Stuckaturen hin. An den hhern Mittelbau schlieen
sich zwei Flgel, die wiederum von vorspringenden Seitengebuden flankirt
werden. Ein schmaler Quai von schnen Marmorquadern, in den das Wasserthor fr
die Kaks des Groherrn einmndet, scheidet das Palais von dem Spiegel des
Bosporus, auf den nach beiden Seiten hin die Fenster und Erker des Gebudes eine
prchtige Aussicht haben. Der nrdliche Seitenflgel enthlt das Haremlik des
Padischah; vergoldete Fenstergitter scheiden es von der Auenwelt und schtzen
es gegen zudringliche Blicke, whrend sie den neugierigen Augen der Frauen volle
Freiheit lassen, umherzuschweifen. - -
    Die Sonne neigte sich zum Untergang und der khle Seewind strich vom Pontus
her durch die Eugen des Bosporus. Die Fenster des Kiosks5 im zweiten Stockwerk
des Haremlik waren geffnet und lieen die trotz der Herbstzeit warme angenehme
Luft in das Gemach. Dasselbe bildete ein groes Quadrat, dem sich am untern Ende
den Fenstern gegenber ein hnliches anschlo, dessen von feinen Hlzern
getfelter Fuboden jedoch eine Stufe tiefer lag, als der des obern Zimmers, und
von diesem auerdem durch ein Gelnder von Cedernholz geschieden war, das in der
Mitte einen Durchgang lie. Das obere Ende des so entstandenen groen Oblongums
enthielt die Fenster, und zwar vier dicht an einanderschlieende auf jeder der
drei Seiten, so da eine Art von Glaspavillon gebildet wurde, aus welchem die
Aussicht nach allen Seiten unbehindert war. Der erhhte Obertheil des Raumes
enthielt rund um die drei Wnde einen etwa anderthalb Fu hohen und vier Fu
breiten Divan von rothem Tuch, dessen Goldfransen auf den Boden niederhingen.
Ueber den Fenstern lief durch das ganze Gemach ein Karnies, von dem faltenreiche
Vorhnge von grner, golddurchwirkter Seide, durch vergoldete Broncehalter
aufgenommen, niederfielen. Ueber diesem Karnies lag eine zweite Reihe von
Fenstern mit doppelten Scheiben von gefrbtem Glase und zwischen diesen und der
Decke war die sonst einfach in weigrauer Farbe gestrichene Wand mit Blumen,
Frchten und Waffenarabesken gemalt. Die gleichfalls schn gemalte und verzierte
Decke war in zwei Theile gesondert, von denen der ber dem untern Raum niedriger
und flacher war, als der erste. Einzelne Koffer und schn gemalte, vergoldete
und ausgelegte Kisten von wohlriechendem Holz standen an den Seitenwnden des
Untertheils, oder an dem Gelnder, welches die beiden Rume schied. Im der Mitte
des Vorgemachs sprudelte aus einem Marmorbecken fortwhrend ein Fontainenstrahl,
zuweilen von den Sclavinnen mit Rosen- oder Orangenwasser vermischt und einen
starken Duft verbreitend. In der Ecke befand sich das Tandur, der in der Trkei
gebruchliche tragbare Heerd, aus einem Holzrahmen bestehend, in dem sich ein
kupfernes Gef mit Holzkohlen befindet, theils fr die alle Augenblicke sich
wiederholende Kaffeebereitung, theils fr das Anznden der Schibuks und
Nargilehs bestimmt.
    Vor dem rechten Ecksitz an den Fenstern, dem Ehrenplatz in trkischen
Gemchern, lag der Schilteh, - das dnne, viereckige Kissen, welches das
Schaaffell des Turkomanenzeltes vorstellen soll, dem die Nation entsprossen.
    Im Untertheil fhrten zwei mit schweren Teppichen verhangene Thren aus der
Querwand und eine eben solche aus der Seitenwand nach dem Gebude hin in die
Divan-Hane, die groe Mittel-Halle des Hauses, welche den freien Zugang zu allen
Gemchern bildet. Ausnahmsweise - da sonst in den trkischen Zimmern nur ein
Eingang zu sein pflegt, - befand sich auf derselben Seite auch eine gleiche Thr
im Obertheil.
    Ein dicker persischer Teppich bedeckte den Fuboden desselben vor den
Fenstern. Obschon viele Personen und Gruppen in dem Gemach versammelt waren,
blieb der Ehrensitz und sein nchster Umkreis doch frei.
    Es befanden sich ungefhr zwanzig Frauen in dem Obertheil des Gemachs,
whrend eine gleiche Anzahl von Dienerinnen den unteren in verschiedenen
Beschftigungen einnahm. Zwei Schwarze von unfrmlich dicker Figur, unglckliche
Geschpfe, die fr die Gebruche des Despotismus schon als Kinder der Mannheit
beraubt worden, in weiten orientalischen Kleidern von schreiend rother Farbe,
standen an den beiden Eingangsthren, theils um Wache, theils um Ordnung zu
halten unter den oft sehr aufrhrerischen Odalisken.
    In der linken Ecke des Kiosk, dem Ehrenplatz gegenber, schien sich die
Hauptgruppe der drei versammelt zu haben, welche das Obertheil einnahmen. Auf
den Kissen des Divans saen zwei Frauen in beraus reicher Kleidung, whrend
eine dritte auf der Decke vor ihnen kauerte, alle Drei im eifrigen, obschon
leise gefhrten Gesprch. Zwei junge Wohrinnen, Mdchen von etwa 12-13 Jahren,
bedienten sie, indem sie von Zeit zu Zeit mit einer silbernen Zange eine frische
Kohle auf den duftenden Tabak von Schiraz legten, der im vergoldeten Kopf des
Nargileh's brannte, dessen zierlich aus Gold- und Silberfden gewundener
Schlauch mit edelsteinbesetztem Mundstck aus dem in der Trkei so
hochgeschtzten weien Bernstein den Rauch durch das mit Rosenwasser gefllte
Krystallgef zu den Lippen der Damen fhrte. Hufig nahm dabei Eine oder die
Andere derselben einen Lffel von dem sen Eingemachten, das aus Rosenblttern,
Mastix, Limonen und Weichseln bestehend, in vergoldeten Schaalen auf einem
gleichen Prsentirbrett von den Sclavinnen ihnen gereicht wurde, und dessen
hufiger Genu, jedes Mal mit einem Schluck Wasser nchst dem Naschen des
Zuckerwerks und dem Kaffee zu den Liebhabereien der trkischen Frauen gehrt.
    Die eine der Damen auf dem Divan war eine hohe und trotz des weichlichen
Lebens ebenmige Figur, zwar ber die Frauenjugend hinaus und anscheinend
bereits im Anfang der dreiiger Jahre, aber keineswegs schon verblht, was so
hufig bei den orientalischen Frauen in einem Alter der Fall ist, dabei uns
Nordlndern erst vollkommen die Frauenschnheit zu entwickeln pflegt. Ihre
Gesichtszge zeigten den reinen klassischen Typus der kaukasischen Rae, belebt
durch ein feuriges Auge, aus dem Stolz und Herrschsucht sprachen. Das dunkle
Haupthaar war in zahllose Flechten gelegt, die, mit Goldmnzen und Perlen
durchwunden, zu beiden Seiten des Gesichts und im Nacken herunterhingen, whrend
ein gelbseidenes Tuch um den Scheitel geschlungen und dort mit groen
Brillantnadeln festgehalten war. Eine dicke, drei Mal umgelegte Perlenschnur
umgab den vollen, ebenmigen Hals und fiel auf den Busen herab, der von einer
aus Goldstoff bestehenden Weste fast gnzlich entblt gelassen wurde. Weite
Beinkleider von Purpurseide aus Brussa, aus denen die nackten, auf den Zehen mit
goldenen Ringen geschmckten Fe hervorsahen, inde die gelben, kaum die Spitze
bedeckenden Pantoffeln vom Divan geglitten waren, bildeten die untere
Bekleidung. Auch die Arme waren fast bis an die Schulter entblt, von der ein
der Weste entsprechender offener Aermel von Goldstoff niederhing. Schwere
Ohrgehnge von jenen groen Trkisen, die allein in den Minen von Nischagur in
Indien gefunden werden, und eine Unzahl goldener Armbnder um beide Handknchel
vollendeten den Putz.
    Eben so reich, obschon weniger frei, waren die beiden andern Damen,
namentlich die zweite, gleichfalls auf dem Divan Sitzende gekleidet. Das reiche
Geschmeide dieser berstrahlte sogar an Glanz und Werth bei Weitem den Schmuck
der Erstern. Diamanten und Smaragden waren sowohl an ihrem turbanartigen
Kopfputz, als an der Stickerei ihres dunkelrothen Mieders verschwendet, ber
welches ein mit schwarzem Pelz verbrmtes kaftanartiges Oberkleid von gelber
Seide fiel. Die gestickten gelbledernen Socken an ihren Fen, welche die
Trkinnen statt der Strmpfe tragen, und die beiden Yaschmacks, welche neben
ihnen lagen, der eine mit goldenen Sternen gestickt, bewiesen, da die Beiden
nicht in den Harem gehrten und nur zum Besuch dort waren. Die Zweite der Damen
war eine trkische Schnheit von etwa 27 Jahren, deren mnnliche Zge stark an
den verstorbenen Sultan Mahmud II. namentlich in den buschigen Augenbrauen und
der vollen, krftigen Bildung des Mundes und Kinnes erinnerten; - die dritte auf
dem Teppich Kauernde dagegen mochte bereits an Vierzig zhlen, und in ihrem
Gesicht sprach sich ein hoher Grad von Verschlagenheit, Lust und Fhigkeit zur
Intrigue aus.
    Etwas entfernt von der Gruppe, nach der Seitenthr zu, die an der Balustrade
des Obertheils zu den innern Gemchern fhrte, befand sich eine zahlreichere
Gesellschaft von jungen und schnen Frauen, im Genre der erst erwhnten Dame
hnlich ppig und wo mglich noch freier gekleidet, obschon nur zwei unter ihnen
durch besondern Schmuck sich auszeichneten und dadurch dem kundigen Auge
bewiesen, da sie unter der Schaar der Odalisken zu Kadinen des Padischah sich
durch die Macht ihrer Reize emporgeschwungen hatten. Alle hockten in den
verschiedensten Stellungen und mit dem Ausdruck einer kindischen Neugier und
Lsternheit um den groen Kasten mit Schmuck- und Bijouteriesachen und
Schnheitsmitteln, den eine Frau von demthiger Haltung aber beraus gewandter
Zunge, in der einfachen Kleidung einer orientalischen Jdin, an dem gelben
Zeichen auf der Brust und den dunklen Strumpfschuhen kenntlich, vor ihnen
ausgekramt hatte. Der Handel war in vollem Gange und der Inhalt des Kastens
wanderte Stck fr Stck durch die an Fingerspitzen und Ngeln mit Hennah
gefrbten Hnde, whrend das wirre Geschnatter und Geschwtz der Beschauerinnen
kaum das eigene Wort verstehen lie.
    Dieser Gruppe gegenber auf der Ecke des Divans, welcher zum Ehrensitz
fortlief, lehnte eine dritte, doch nur aus zwei Personen bestehend, beide der
Typus einer auffallenden und doch sehr verschiedenartigen Schnheit, Herrin und
Dienerin. Die Erste war ein junges Mdchen von kaum siebzehn Jahren, nicht nach
gewhnlicher trkischer Sitte auf dem Divan mit untergeschlagenen Fen hockend,
sondern halb liegend in die weichen Polster gelehnt. Ein zartes, blasses Antlitz
von beraus schner Form, von den im Orient so ungewhnlichen aschblonden Haaren
umgeben, die in einem reichen Lockenwald auf Hals und Brust fielen, erhielt
durch die bei dieser Farbe eben so seltene Zierde schwarzer Augen, in denen eine
gewisse melancholische Schwrmerei lag, einen wunderbaren Reiz. Die Zge dieses
Gesichts waren edel, verstndig und harmonisch, die Figur unter Mittelgre,
zart und schlank, und obschon die Schne, die den Kopf in die rechte Hand
gesttzt, sinnend und theilnahmlos vor sich hin schaute, in orientalische
Gewnder gekleidet war, hatte Alles an ihr doch den Typus einer Zchtigkeit und
Schaam, der offenkundig der Kleidung der anderen Frauen fehlte. Vor ihr knieete,
mit ihren Locken spielend und von Zeit zu Zeit ihr allerlei Erfrischungen
anbietend, eine junge Mohrin von wahrhaft junonischem Wuchs und einem Ebenmaa
der Krperformen, der einem Bildhauer htte zum Modell dienen knnen. Sie war in
ein weies Gewand gekleidet, das die dunkle Broncefarbe noch mehr hervorhob,
whrend breite goldene Reife den nackten Hals, die Anne und Knchel zierten.
Eine fast antike Kopfbildung bewies, da sie zu einem der Stmme Abessyniens
gehrte, die sich durch ihre Krperschnheit von allen Mohren so sehr
auszeichnen, da sie kaum zu den Negergeschlechtern gezhlt werden drfen.
Einige Jahre lter als die Herrin auf dem Divan, schien sie mit einer wahrhaft
mtterlichen Liebe an dieser zu hngen und fr sie zu sorgen, denn selbst der
lockende Anblick des reichen Schmucks, der auf der andern Seite ausgelegt wurde
und das neugierige Zudrngen der Dienerinnen aus dem untern Raum vermochte sie
hchstens, von Zeit zu Zeit die schne Odaliske durch eine Bemerkung aus ihrem
Nachsinnen zu stren und darauf aufmerksam zu machen.
    Im untern Theil des Gemachs um den Springbrunnen waren in ihrem trgen
Schlendrian mehrere Dienerinnen und schwarze und weie Eunuchen beschftigt,
oder pflegten selbst des Kff, jenes dolce farniente der Moslems; denn im Orient
besteht die Sitte, da in einem nur einigermaen zahlreichen Haushalt jeder
Diener und jede Dienerin ein einzelnes bestimmtes Geschft verrichtet und nie
die Hand zu einem andern anlegt. Dazwischen gingen mit jenem unhrbaren Schritt
und jener Ruhe, welche die asiatische Dienerschaft auszeichnet. Einzelne durch
die Teppiche des Eingangs ab und zu.
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    Mashallah, sagte die zweite Dame der Gruppe in der obern Ecke des Gemaches
aufgeregt zu ihrer Gefhrtin, ist der Padischah, mein Bruder, ein Esel oder
bist Du nicht die Sultana seines Harems und die Mutter des Thronerben, da Du
nicht die Macht haben solltest, einen Mann zu dem zu bewegen, was uns das Beste
dnkt?
    Ich ksse Deine Augen, Sultana Adil, entgegnete die Circassierin, Allah
und die Zuflucht der Welt6 haben es gewollt, da ich die erste Frau seines
Herzens bin, aber Dein Bruder ist vernderlich und die Sonne seiner Gunst ist
auf ein Geschpf gefallen, von dem ich glaube, da sie unsere Feindin ist.
    Die Augen der drei Frauen wandten sich bei dieser Erwhnung einen Moment
lang auf die blonde Odaliske am Ende des Divans, die in ihrem Trumen nicht
bemerkte, da von ihr die Rede war.
    Half! Half!7 Eine verkehrte Stunde hat sie hierher und vor den Groherrn
gebracht. Wir werden es Ali Pascha gedenken der sie ihm zum Geschenk gemacht
hat. Sie ist offenbar eine Moskau8. Aber ich mte die Sultana nickt kennen,
wenn ich glauben sollte, sie werde ohne ihre Erlaubni eine Kadine werden und
ihm ein Kind gebren.
    Wallah! Haltet Ihr mich fr eine turkomanische Kub? Ich habe Augen in
meinen Kopf und sie sind offen.
    Ein rascher Blick verstndigte Beide.
    Es ist gut. Doch lat uns von dein Geschft reden, um das Mehemed Ali
Pascha, mein Mann, mich hierher gesandt.
    Allah behte Euch, Ihr redet Wahrheit, Sultana, mengte sich die ltere
Frau in die Unterhaltung, und Mehemed Pascha ist der wahre Hort der Glubigen.
Hier ist das Schreiben meines Herrn, des Sirdar, eines so guten Moslems, wie nur
je einer das Antlitz des Padischah geschaut hat, obgleich sein Vater und seine
Mutter als Unglubige verdammt sind. Omer meldet darin, da er am zwanzigsten
Tage des Muharem9 den Krieg gegen die Unglubigen beginnen wolle. Wir zhlen
heute den gesegneten Tag des siebzehnten, und es gilt vor Allem zu verhindern,
da der Sirdar keinen Gegenbefehl vom Schatten Gottes10 erhalte.
    Du weit, was geschehen ist heute Morgen im Rath, Sultana?
    Mashallah, was werde ich nicht? fr was habe ich Augen und eine Zunge im
Munde? Ist der Kapu Agassi11 ein Mann, der auf die Stimme der Sultanin nicht zu
hren wagt?
    Die Inglis und Franken sind Leute, welche die ganze Welt in dem Winkel
ihres Auges tragen und eine gespaltene Zunge haben. Sie haben den Padischah
gebeten, da er ihre groen Schiffe unter seine Obhut nehme und das Kak mit dem
Rauch ist heute nach Dardanelli gefahren, um sie zu holen. Sie sind Giaurs, aber
sie sind mchtig.
    Jock! Nichts! was sind sie in Rum12? Der Padischah ist Alles.
    Das ist es nicht, was uns den Stein der Sorge auf's Herz legt, fuhr
beharrlich die Gattin Mehemed's, dieses Hauptes der alttrkischen Partei fort.
Aber man hat auf das Verlangen der Christen im Divan heute berathen und
beschlossen, da Dein Mann o Khanum noch zgern solle, den rebellischen Vasallen
in Moskau die Schrfe des Schwertes fhlen zu lassen.
    Fluch ber die Feiglinge, sagte eifrig die Khanum; die das gerathen sind
Shne eines Hundes, ihre Vter sind Hunde und ihre Mtter sind Hndinnen. Sie
verunreinigen mit ihrem Athem den Ruhm des Groherrn.
    Allah bilir, Gott allein wei es! stimmte die Schwester des Padischah bei.
Wer wird unsere Schulden an diese Armenier und Juden bezahlen, wenn es nicht
zum Kriege kommt und unsere Mnner Geld verdienen? Ai gusum, sieh mich an, Licht
meiner Augen, Sultana Fatima, Du mut es verhindern!
    Die Circassierin wiegte schlau den Kopf.
    Der Padischah ist unser Aller Herr. Wie kann ich thun, was Du sagst, ich
bin Nichts als ein Weib.
    Die erste Khanum des trkischen Heerfhrers, eine frhere Dienerin des
Palastes, durch deren Intriguen Omer hauptschlich seine rasche Carriere gemacht
hat, verstand jedoch in ihren Augen zu lesen.
    Allah erbarme sich! wo wre unsere groe Sultana, wenn Sie nicht fr jede
Gefahr ein Mittel htte. Ich wei, was ich wei.
    Wie viel Sonnen braucht ein Tartar13, um zu Deinem Gatten zu kommen?
    Der Sirdar ist in Rustschuk. In drei Tagen macht der Tartar den Weg, wenn
die Balkanpsse offen sind.
    Pek ji, sehr wohl. Wit Ihr, ob die Botschaft schon abgesandt ist?
    Was soll ich sagen? Mein Gatte Mehemed frchtet es.
    Ein Mann ist ein blindes Thier; er sieht bosch, Nichts. Der Padischah hat
sie in der Tasche behalten.
    Adschaid! Wunderbar!
    Beide Frauen hoben die Hnde in die Hhe.
    Ihr seid keine Eselinnen, Euer Witz ist gut; wit Ihr warum?
    Wir sind Staub unter Deinen Fen, liebedienerte die Khanum, wir wissen
Nichts.
    Bak, seht.
    Ihr Finger wies wiederum auf die blonde Sclavin, die in dem Augenblick halb
aufgerichtet aufmerksam auf die Jdin schaute.
    Ne olda14?
    Wenn wir ihn fern von dieser halten knnen, wird auch die Botschaft gar
nicht abgesendet werden. Wir brauchen nur zwei Tage Zeit. Hafiz sagt: Der Wille
eines Mannes ist Wachs in der Hand des Weibes, das sein Lager theilt.
    Die Frau des Sirdars nickte verstehend.
    Wird der Herrscher der Glubigen die Nacht in diesem Harem zubringen?
    Ich glaube es. Es ist unsere Reihe und er hat mir seinen Besuch verknden
lassen.
    Die Macht Deiner Reize ist gro, o Sultana, sie blhen wie die Rosen von
Schiraz. Aber warum hast Du denn diese Schlange hier behalten?
    Du redest Thorheit. Das bse Auge der Buhlerin hat den Padischah bezaubert,
und wenn er sie nicht hier wte, wrde er zu den andern Kadinen gegangen sein,
oder zu ihr allein. Glaubst Du, da Diese da mir schaden werden? sie wies nach
den beiden Frauen in der Gruppe um die Jdin; bah, sie sind der Hauch meines
Odems!
    Die schlaue Circassierin hatte wohlberechnet die beiden jngsten und
schnsten Kadinen in ihre Umgebung gezogen und in die Abtheilung des Harems, die
sie bewohnte. Ebenso hatte sie zu vermitteln gewut, da die junge blonde
Odaliske, die erst seit Kurzem den Harem des Groherrn zierte, von diesem aber
die auffallendsten Beweise groer Zuneigung erhielt, in ihrem Haremlik blieb.
    So wirb die Sultana selbst das Lager der Zuflucht der Welt besteigen und
seinen Willen einschlfern auf den Kissen ihres Busens?
    Nicht ich, Effendi15, auch Jene nicht, obschon ich ihnen vertrauen kann.
Der Padischah soll eine Ueberraschung erhalten, die seinen Geist whrend der
nchsten Tage in den siebenten Himmel des Propheten verseht. Hrt!
    Sie klatschte zwei Mal stark in die Hnde und augenblicklich nherte sich
ihr aus dem Untertheil eine so widerwrtig scheuliche Figur, wie sie eben nur
in dem Harem von Moslems geduldet werden kann, die eine ganz besondere Vorliebe
fr Verwachsene und Zwerge zeigen. Aus einem kleinen breiten Krper mit
Sbelbeinen hockte ein unfrmlicher krbisartiger Kopf mit einem Munde, der
frmlich das Gesicht in zwei Hlften schnitt. Aus den Augen leuchtete Bosheit
und List und die rothe Kleidung bewies, da er zu den Eunuchen des Harems
gehrte, wie die Peitsche an seinem Grtel, da er einer der Aufseher ber die
Sclavinnen war.
    Der Zwerg verbeugte sich tief vor der Sultana und blieb, die Hnde ber die
Brust gekreuzt, in gebckter Stellung vor ihr stehen.
    Hast Du Nachricht fr mich, Sohn eines Zwerges und einer Hndin? fragte
die Sultanin. Ist Neues vorgefallen?
    Ich ksse den Stand Deiner Sohlen; bosch, - es ist Nichts.
    So knnen wir auf den Sir Kiatib16 und seine Versicherung rechnen, da der
Ferman noch nicht abgesandt ist?
    Bei meinen Augen, Herrin. Er lag zur Unterschrift des Padischah bereit,
aber der heilige Scheik ul Islam17 hat das Versprechen des Schatten Gottes, da
die Sache nochmals berathen werden solle. Der heilige Mann und der Saderel Azan
18 haben sich bse Worte gesagt.
    Er ist unser Feind, warf die Schwgerin der Sultana ein; mge seine Leber
schwarz werden.
    Ist Alles geschehen, wie ich befohlen? Sind die Alme'n19 bereit und das
Spiel? Haben die Weiber die Sclavin vorbereitet und sie gesalbt?
    Mge das Licht Deiner Augen auf Deinen Sclaven fallen. Das Mdchen hat so
eben das letzte Bad erhalten und ihre Schnheit strahlt, wie der Abendstern,
neben der Sonne der Sultana.
    Es ist gut. Lat uns das Ende erwarten. Allah mge uns beistehen.
    Der durchdringende helle Klang zweier in einiger Entfernung
zusammengeschlagenen Becken unterbrach das Gesprch.
    Der Padischah!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Whrend am Ende des Obertheils die Weiberintrigue im Interesse der
alttrkischen Partei sich schrzte, um den Ausbruch des Krieges herbeizufhren,
war unsern der Gruppe eine andere geheimnivolle Scene vor sich gegangen.
    Der Leser wird sich erinnern, da in dem Augenblick, als die Favorita auf
die blonde Odaliske deutete, diese mit aufmerksamerem Blick als bisher die
Gruppe gegenber zu betrachten begann, die sich um den Schmuckkasten der
jdischen Juwelenhndlerin drngte. Dir Ursache hiervon war diese selbst, indem
sie in einem Augenblick, als zufllig das Auge des jungen Mdchens auf sie fiel,
ein rasches Zeichen machte und den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen
legte.
    Die Odaliske wandte der Verkuferin nun ihre volle Aufmerksamkeit zu, und
als ein zweiter und deutlicher Wink der Augen ihr gezeigt, da die Jdin ihr
Etwas mitzutheilen habe, aber vor den bewachenden Augen der Sultaninnen sich
nicht selbst ihr zu nahen wage, erhob sie sich langsam und trat wie gleichfalls
neugierig zu der Gruppe ihrer Gefhrtinnen heran und nahm einen oder den andern
der Gegenstnde in die Hand. Die gewandte Jdin ergriff sofort den Moment.
    A, Herrin, sagte sie, indem ihr Blick die Odaliske bedeutete,
aufzupassen; der Gott Abrahams segne Eure Schnheit. Wollt Ihr nicht dieses
Halsband versuchen? es sind reine Amethysten aus dem kalten Lande der
Moskowiten, unserer Feinde, wo der Schnee das ganze Jahr lang auf der Erde
liegt, obschon ich mir habe sagen lassen, da die Sonne die Hlfte der Zeit dort
nicht untergeht und die andere Hlfte Nacht ist20. Nehmt, Effendi, und prft es
an dem Elfenbein Eures Halses.
    Sie drngte der Odaliske das Halsband auf und diese fhlte zugleich, da aus
dem weiten Aermel der Jdin ein anderer Gegenstand mit in ihre Hand glitt.
Besonnen trat sie vor einen der groen Spiegel, die, meist Geschenke
europischer Frsten, in prachtvollen Nahmen an der Wand des Kiosks ohne alle
Regelmigkeit aufgehngt, eine Lebensnothwendigkeit fr die eitlen und
putzschtigen Haremsbewohnerinnen sind, und legte das Halsband wie prfend um,
indem sie geschickt dabei den zusammengerollten Streifen Pergament, den sie
zugleich erhalten, in das se Versteck aller Frauen, den Busen, gleiten lie.
Dann gab sie ablehnend den Schmuck wieder zurck und wandte sich nach ihrem
Platz.
    Noch ehe sie diesen erreicht, erscholl das Zeichen, welches den Besuch des
Groherrn verkndete. Wie mit einem Zauberschlage nderte sich das Bild. Die
Jdin raffte ihre Sachen eilfertig zusammen, warf der Odaliske noch einen
raschen bedeutsamen Blick zu und wurde von den Verschnittenen aus dem Gemach
getrieben. Auch die erste Khanum Omer Pascha's schlug ihren Yaschmak um das
Haupt und barg sich nach einigen rasch mit der Favoritin gewechselten Worten
unter den Dienerinnen im Untertheil des Gemachs. Whrend die beiden Kadinen zu
der Sultana traten, stellten sich die Odalisken in zwei Reihen entlang der
Divans auf, die Hnde ber die Brust gekreuzt und die Augen zu Boden gesenkt,
ebenso die Dienerinnen und Eunuchen im Untertheil.
    In der Bewegung, die dieser Anordnung voranging, gelang es Mariam, der
blonden Odaliske, den Zettel in der hohlen Hand zu lesen. Derselbe enthielt die
Worte:
    An die Khanum Mariam. - Die Verschiebung des Angriffs um zehn Tage ist
heute zwar im Divan auf den scheinbaren Rath des englischen Eltschie21
beschlossen, heimlich aber drngt man den Sultan, die Absendung des Befehls zu
verzgern. Erlange um jeden Preis seine Unterschrift und die Absendung des
Fermans, womglich noch in dieser Nacht, denn morgen wachen die Feinde. Im Namen
des Gottes, den Du im Herzen verehrst. Die Sache ist wichtig.
    Sie bog den Pergamentstreif zusammen und verbarg ihn in dem Gewande, denn
der Zug des Sultans nahete, wie das Zusammenschlagen der silbernen Becken
verkndete.
    Einen Augenblick hielt er vor dem groen Eingang des Gemachs, whrend die
mit entblten Sbeln Wache haltenden Eunuchen den Vorhang zu beiden Seiten
emporhielten.
    Zunchst traten vier Itschoklans22 - schon in ihrer Jugend verstmmelte
Kinder - ein und schritten bis zu dem Aufgang des Obertheils vor. Ihnen folgte
eine gleiche Anzahl schwarzer Eunuchen, die Becken schlagend, und darauf der
Tschannador-Aga23, den groen Pfauenwedel tragend, womit die Pagen dem Groherrn
Khlung zufcheln. Hinter ihm kamen die beiden Schwerttrger des Sultans und
dann dieser selbst auf den Arm des Kislar-Aga gesttzt. Der Kapi-Aga (Agassi)
oder das Oberhaupt der weien Verschnittenen schlo den Zug, an der Spitze von
vier mit blanken Sbeln bewaffneten circassischen Sclaven.
    Der Groherr - Abdul-Medschid-Khan - zur Zeit unserer Erzhlung im
einunddreiigsten Jahre stehend24 - war eine groe Gestalt mit vollem
fleischigem, aber blassem Gesicht, das zwar unverkennbar einen Zug von
Gutmthigkeit trgt, aber - offenbar von dem frhen Genu der Haremsfreuden, zu
denen ihn seine ehrgeizige Mutter verleitete - den Ausdruck des Schlaffen,
Theilnahmlosen hat. Alles innere Leben scheint aus diesem Antlitz verschwunden,
das durch die breite offene Stirn und die edle Form der Nase selbst schn zu
nennen wre, wenn das groe dunkelbraune Auge mehr Feuer und nicht jenen
melancholischen Blick der Seelenapathie zeigte. Es ist gewhnlich zu Boden
geschlagen, oder wenn es erhoben wird, starr und kalt; nur selten sprht ein
Blitz der Leidenschaft oder des Bewutseins der Macht daraus hervor, und dann
wird es dem scharfen wilden Auge seines groen Vaters hnlich.
    Der Sultan trug die halb europische Kleidung: weie Pantalons, darber
einen zugeknpften indigoblauen Rock mit steifem Kragen und den rothen Fe,
statt der gewhnlichen schwarzen lackirten Stiefeln25 jedoch gelbe Pantoffeln.
Die einzige Auszeichnung, die ihn schmckte, war ein mit groen Diamanten
besetztes Brustschild, da wo der Rockkragen sich schlo. Alle seine Begleiter
trugen gleichfalls den abscheulichen Fe, diese unkleidsame und zweckwidrige
Tracht, welche die Reform des verstorbenen Sultans fr die Civilbeamten und das
Militair eingefhrt hat. Mit dem letzten Janitscharen sank die malerische
Kleidung der trkischen Krieger.
    Als der Groherr ber die Schwelle des untern Gemachs trat, fiel die Reihe
der Dienerinnen und Eunuchen knieend zu Boden, mit der Stirn fast die Erde
berhrend, auch die Odalisken beugten sich tief und verharrten, Alle das Selam
Aleikum26 murmelnd, in dieser Stellung, bis der Sultan, der nie den Gru eines
Unterthanen erwiedern darf, durch ihre Reihe hin- und zu dem Ehrensitz in der
Ecke geschritten war, auf dem er Platz nahm. Ein rascher kurzer Seitenblick, als
er an Mariam vorberging, der nicht blos von dieser, sondern auch von den beiden
Sultaninnen sehr wohl bemerkt worden war, bewies, da er trotz seiner uern
Gleichgltigkeit auf seine Umgebung achtete. -
    Der jetzige Groherr hat, wie gesagt, in seinem Wesen keineswegs das
Entschlossene, Gebietende des Despoten, was man wohl an dem unumschrnkten
Herrscher des Orients erwartet und was in den meisten Gliedern seiner Familie
ausgeprgt war. Vielmehr liegt etwas Schchternes, Unentschlossenes in seinem
Wesen und er ist nicht einmal der Gebieter in seinem Harem. Die Erfahrungen
seiner Jugend mgen daran schuld sein, zuerst der Druck seines despotischen,
keinen Willen neben dem seinen duldenden Vaters, und die Erziehung nicht im
Feldlager, sondern im Harem, in dessen Gensse er bereits mit seinem dreizehnten
Jahre eingeweiht wurde. Etwa anderthalb Jahre vor seinem Tode27 schenkte ihm
Sultan Mahmud eine wunderschne Circassierin, zu welcher der Jngling eine
heftige Liebe fate, die bald auch Folgen hatte. Wir haben oben bereits das
unnatrliche Regierungsprinzip erwhnt, da die Shne und Brder des Sultans bei
seinen Lebzeiten keine Kinder haben drfen. Die Circassierin weigerte sich,
eines jener abscheulichen Mittel anzuwenden, welches das Kind unter ihrem Herzen
tdten sollte, und der Prinz konnte sich nicht entschlieen, sie dazu zu
zwingen. Er rechnete auf den Tod des Sultans, der sich bekanntlich dein Trunk
ergeben und schon mehrere Anflle des delirium tremens gehabt hatte, um dann als
Herr und Gebieter die Sclavin und ihr Kind anzuerkennen. Bis dahin suchten Beide
auf alle mgliche Weise die Schwangerschaft zu verbergen. Aber der Neid der
Odalisken brachte sie an den Tag, und der Sultan stellte die grauenvolle Wahl,
da entweder das ungeborene Kind oder die Sclavin geopfert werden msse. Die
Geliebte des Prinzen weigerte auch jetzt noch standhaft das Verbrechen gegen die
Natur, und als der junge Abdul zwei Abende darauf den Harem besuchte - war sie
verschwunden: man hatte sie erdrosselt.
    Vier Wochen nachher starb Sultan Mahmud am Delirium in seinem Kiosk auf den
Hhen von Goksu am asiatischen Ufer des Bosporus.
    Abdul Medschid gelangte mit sechszehn Jahren zum Sultanat, doch hatte er
damit kaum den Herrn gewechselt, denn die Sultanin Valide, seine Mutter, und die
Intriguen des alten Chosrew-Pascha hielten ihn unter ihrem Druck, bis zwischen
Beiden selbst Feindschaft ausbrach. Auch nachher noch gnnte er seiner Mutter
einen groen Einflu auf die Regierungsgeschfte, bis sie im Frhjahr 1853
starb.
    Kurz vorher, ehe sie erkrankte, hatte der Groherr von Ali Pascha, dem
Gouverneur von Brussa, die Odaliske Mariam zum Geschenk erhalten und ihr alsbald
eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da sie seiner gemordeten ersten
Geliebten auffallend hnlich sein sollte. Dieser Vorzug hatte natrlich unter
den Frauen des Harems bedeutende Aufregung und Eifersucht hervorgerufen und ihre
Intriguen und die Herrschsucht der Mutter des Thronfolgers erschwerten den
Umgang des Sultans mit seiner neuen Geliebten auf alle mgliche Weise. Man sah
in ihr nicht nur die gefhrliche Nebenbuhlerin um die persnliche Gunst des
Sultans, sondern auch um den politischen Einflu, und es ging das Gercht im
Harem, da sie eine heimliche Christin und von der russischen Partei in den
Harem gebracht sei. Wir haben bereits angedeutet, da man einer Schwangerschaft
zuvorgekommen war, da sie die Geburt eines Kindes den Sultaninnen mindestens
gleichgestellt htte, whrend die Unfruchtbarkeit der Kadinen fr eine Schmach
gehalten wird und diese ohne Rechte nur in der Lage einer begnstigten Sclavin
verbleiben lt. Selbst der Wille und die Macht des Sultans vermochten sie kaum
gengend gegen die Angriffe ihrer Feindinnen zu schtzen.
    Wir haben oben die eigenthmliche Schnheit der jungen Odaliske beschrieben.
Sie war eine Mingrelierin von Geburt, mit ihrer Mutter - einer Russin - als Kind
in die Hnde kurdischer Ruber gefallen und spter unter den Schutz Ali Pascha's
gekommen, der sie dem Harem seines Gebieters bei passender Gelegenheit zum
Geschenk machte. Nheres wute und erfuhr man nicht von ihr, doch war es bald
offenbar, da sie dankbar fr die Gunst des Groherrn diesem mit ganzem Herzen
anhing und ihn hingebend liebte. -
    Ein Schlag der Silberbecken, die whrend des Ganges durch das Gemach
geschwiegen hatten, verkndete, da der Groherr Platz genommen, und auf dies
Zeichen erhoben Alle das Haupt und es bildete sich eine Gruppe um den Padischah.
Die Favorit-Sultana und die Schwester des Groherrn nahmen auf Kissen am Boden
an seiner Seite Platz und neben ihnen die beiden andern Kadinen, whrend die
Odalisken jenseits der Fenster an den Wnden entlang auf dem Divan sich reihten.
Neben den Kadinen nahmen der Kislar-Aga und der Kapu-Agassi ihre Stelle ein,
whrend der Tschannador alsbald eine mit Edelsteinen reich verzierte Pfeife mit
einem Rohr von Jasminholz, das mindestens sieben Fu lang war, auf dem
Mittelfinger der rechten Hand wiegend, feierlich heranschritt. Ein Offizier der
Eunuchen setzte zugleich eine silberne runde Schaale im richtigen Augenmaa auf
den Boden, so da, als der Tschannador den Kopf der Pfeife auf diesen Teller
setzte und diese nun zierlich herumschwang, das Mundstck gerade zu den Lippen
des Groherrn reichte. Ein anderer Offizier brachte in der silbernen Zange,
welche die meisten Trken in einem Futteral am Grtel tragen, aus dem Tandur die
brennende Holzkohle fr den Taback, und dann erst, als die Pfeife in Brand war
und er mehrere Zge des duftigen Dampfes gethan, inde die Offiziere rckwrts
gehend nach dem Untertheil zurckschritten und dort mit gekreuzten Armen stehen
blieben, wandte sich der Sultan zu seiner Schwester und der Sultana und begann
das Gesprch mit der blichen Formel: Kosch dscheldin28 und der Frage: Kiefiniz
aji me: Ist Eure Laune gut?
    Die Sonne war unterde am Horizont verschwunden, und dies ist die Zeit, wo
die meisten Bekenner des Propheten die einzige oder wenigstens die Hauptmahlzeit
des Tages zu sich nehmen. In den Gngen des Palastes erscholl zugleich der Ezan,
der Ruf des Imaum's zum Gebet, und sofort knieete der Sultan mit dem Gesicht
nach Mekka auf dem Teppich nieder, whrend alle Anwesenden sich zu Boden warfen,
und verrichtete das Abendgebet. Erst als der Padischah wieder Platz genommen,
erhoben sich die Andern. Alsbald wurde der Kaffee dem Sultan gebracht und
whrend sich die Sultana Adil verabschiedete und rckwrts schreitend von ihrer
Schwgerin bis an die Thr der Frauengemcher geleitet, ihren kurzen Heimweg im
Kal nach dem Harem Mehemed-Ali-Pascha's antrat, wurde das Gemach mit einer
Unzahl von Wachskerzen erhellt, worauf die Baltahgies, die Kche des Harems,
eintraten, und auf einem vor den Groherrn gestellten Tisch die zahlreichen
Gerichte ordneten. Dieselben bestanden - wie stets, wenn der Groherr im Harem
speist - aus trkischen Speisen, der Thorba oder Fischsuppe, Dolmas: Reis mit
Fleischkugeln in Weinbltter gewickelt, Kaftas: farcirtem Fleisch, einem
gebratenen Lamm in einem Berge von gekochtem Reis, und Halvas oder
Zuckerfrchten und Eingemachtem, von denen eine Unmasse kleiner silberner
Schsseln aufgesetzt wurden.
    Der Padischah speiste allein, von den Pagen knieend bedient, da es nicht
erlaubt ist, da ein Mann und noch weniger eine Frau seine Mahlzeit theilt. Doch
sandte er hufig durch einen Wink an die Pagen einer oder der andern der Frauen,
darunter auch Mariam eine silberne Schaale mit eingemachten Frchten oder
Leckereien. Whrend der Mahlzeit, die schweigend vollbracht wurde, verrichtete
am Eingang des Obertheils die Massaldschi29 ihr Amt, indem sie in halbem,
eintnigen Gesang eines jener phantastischen Mhrchen erzhlte, deren Anhren in
den Kaffeehusern, auf den Straen und in den Harems einer der grten Gensse
der Moslems ist. Die Erzhlung, mit den ausschweifendsten Farben das Liebesglck
schildernd, wurde fortgesetzt, whrend die Sultana dem Groherrn aus einer
goldenen Kanne Wasser ber die Hnde go, inde einer der Pagen knieend das
Becken von gleichem Metall hielt, in dem der Padischah die vom Koran
vorgeschriebenen Abwaschungen vollfhrte. Alsdann wurde mit gleichen Ceremonieen
wie vor der Mahlzeit dem Gebieter der Kaffee und eine neue Pfeife gebracht30.
    Der Herr der Welt erlaubte jetzt durch seinen Wink den begnstigten
Frauen, gleichfalls ihr Nargileh zu nehmen, da die Unterhaltungen des Abends
beginnen sollten.
    Die Dienerinnen naheten sich ihren Gebieterinnen und Nursdih, die schwarze
Sclavin Mariam's, that dasselbe. Diese Gelegenheit benutzte die Odaliske zu
einem raschen Gesprch mit ihr.
    Ist Dein Bruder Jussuf, der Courier, im Palast?
    Du sagst es, Herrin.
    Wohl. Hre meine Worte. La ihn sich bereit halten zu einer Reise nach dem
Lager des Sirdar. Er soll das schnellste Pferd nehmen, das ihm zu Gebote steht,
und nicht rasten unterwegs.
    Du kennst seine Schnelligkeit, o Khanum. Der Pfeil vom Bogen verfolgt
seinen Weg nicht gerader denn er.
    Der Padischah, mein Gebieter, wird mich zu seiner Kadina whlen an diesem
gesegneten Abend, sein Auge sagte es mir. Nun merke auf. Zu welcher Stunde der
Nacht es auch geschehe, da ich Dich rufe, so sei zur Hand und la Deinen Bruder
den Fu im Bgel halten.
    Auf mein Haupt komme es. - -
    Die Favorit-Sultana klatschte in die Hnde und eine Musik von Zithern und
Triangel erschallte aus dem Untertheil des Gemachs. Mit ihren ersten Takten
traten die Almen, die vor dem Padischah ihre Tnze auffhren sollten, herein.
Die Sultana hatte fr diesen Abend die jungen Mdchen - Kinder sollten wir sagen
- gewhlt, die von zartem Alter an im Harem fr dessen Zwecke erzogen und
ausgebildet werden. Wenn auch nicht im Serail des Groherrn, - wo dessen Person
der alleinige Zweck und Mittelpunkt ist, um den sich Alles dreht - so doch in
vielen andern Harems speculiren die Frauen frmlich in jungen Mdchen, die sie
als Kinder ankaufen, erziehen und in verschiedenen Knsten unterrichten lassen,
um sie dann, wenn sie mannbar geworden sind, oft mit groem Vortheil an alte
Lstlinge zu verhandeln.
    Die Almen der Sultana waren Mdchen von 10-14 Jahren, ein Alter, wo unter
diesem Himmelsstrich bereits die jungfrulichen Formen vollstndig sich
entwickeln. Sie betraten den obern Raum an der Barriere zwischen den Sitzen der
Odalisken und stellten sich - sechs an der Zahl - in einem Halbkreis auf, worauf
sie zugleich auf die Knie sanken und mit der Stirn zum Zeichen des Grues den
Boden berhrten.
    Das Costm oder vielmehr die Ausstellung dieser jungen Geschpfe war so
lstern und schaamlos, wie sie eben nur fr die Zwecke sinnlicher Aufregung
dienen kann. Der obere Theil des Leibes von den Hften aufwrts war gnzlich
unbekleidet, Arme und Hals waren mit Goldspangen und Perlenschnren umgeben, und
nur die ber die Brust gekreuzten Hnde verbargen den emporschwellenden
jugendlichen Busen. Eine Kappe von eigenthmlicher Form aus Goldbrokat bedeckte
das Haupt, von dem wohl in zehn mit Perlen und Bndern durchwundenen Flechten
und Zpfen das Haar herunter hing. Trkische Beinkleider von rother Seide gingen
bis zum Knie, von wo ab das Bein wieder nackt war, inde der Fu in
goldgestickten niedern Schuhen von gleicher Farbe wie die Beinkleider steckte.
    Nach dem eintnigen Takt der Musik begann hierauf der Tanz, indem sie drei
lange Shawls von farbiger Seide zu allerlei Draperieen und Dekorirungen
verschlangen, erst langsam - dann immer rascher und wilder bis zu den ppigsten
Bewegungen der Flucht und der Hingebung. Die jungen kaum erschlossenen Krper
wanden sich in Geberden und Stellungen des Verlangens und der Verfhrung einer
Leidenschaft, die ihnen noch unbekannt war, whrend die nackten Glieder in
hundert Bewegungen und Verschlingungen sich kreuzten.
    Der Tanz dauerte wohl eine halbe Stunde, whrend der die Sultana die Blicke
hufig auf das Antlitz des Groherrn beobachtend gerichtet hielt. Doch vergebens
suchte sie den gewnschten Ausdruck - die Augen des Padischah blieben schlaff
auf das gewohnte Schauspiel geheftet, es vermochte nicht seine Nerven zu
erregen, und als jetzt nach einem Zeichen der Sultana, den Tanz zu enden, die
Aelteste der Almen nher trat und knieend dem Padischah eine silberne Schaale
vorhielt, warf er mit derselben Gleichgltigkeit einige Goldmnzen hinein. Mit
Wuth und Erbitterung nahm die Favoritin wahr, da dabei der Blick des Sultans
immer wieder nach der Stelle sich wandte, wo Mariam auf dem Divan sa.
    Auf ein zweites Zeichen der Sultana lieen jetzt die Eunuchen von der Decke
des Unterraums einen straffgezogenen Leinwandvorhang fallen, die Lichter im
obern Theil diesseits des Vorhangs wurden ausgelscht und die Musik, verstrkt
durch mehrere Tambourins und Handtrommeln, erffnete eine neue Melodie.
    Es folgte nunmehr in Form eines Schattenspiels eines jener scheulichen
Schauspiele, halb Pantomime, halb Dialog, die in Stambul die Stelle unserer
Arlequinaden und Hanswurst-Theater ersetzen. Die Hauptfigur derselben, Karagos
genannt, ist eine Art komischer Don Juan oder frivoler Hanswurst, der in
verschiedene Liebesabenteuer gerth, wobei namentlich Griechen und Griechinnen
fungiren. Der Dialog wimmelt, wozu die trkische Sprache leicht Gelegenheit
giebt, von den infamsten Zweideutigkeiten, die Actionen und Scenen aber sind der
Art, da die Sittlichkeit der europischen Bordelle davor errthen wrde.
    Diese Sorte von Schauspielen ist nicht allein unter dem Volk in Stambul eine
der beliebtesten Unterhaltungen und findet ffentlich argen Entr statt, wobei
ein groer Theil des Publikums aus Kindern besteht, sondern sie sind eben so ein
gesuchtes Amsement in den Harems der Reichen, und viele der Wrdentrger halten
sich besondere Darsteller. Namentlich erpicht sind die Frauen aus diese
Schauspiele und es giebt fr dieselben auch besondere ffentliche Theater, in
denen sie in Gitterlogen sitzen.
    Die Variationen derselben sind sehr mannigfaltig. Was die ausschweifendste,
aller Schaam baare Phantasie erdenken kann, ist durchgngig der Gegenstand nicht
nur der Worte, sondern der Action, um die physische Erschlaffung aufzustacheln.
Unter solchen Verhltnissen wird es der Leser dem Autor erlassen, auf eine
nhere Beschreibung des angedeuteten Schauspiels einzugehen.
    Es hatte wohl eine Stunde gedauert, als der Padischah selbst das Zeichen zu
seiner Beendigung gab. Die Schauspieler und der Vorhang verschwanden, die Kerzen
wurden auf's Neue angezndet und Kaffee und Zuckerwerk gebracht.
    Diesmal sah die Sultana ihre Arrangements von einem Erfolg begleitet. Die
Stirn des Groherrn zeigte eine leichte Rthe, seine Augen hatten sich belebt,
und als der Glanz der Lichter das Gemach wieder durchstrahlte, irrten sie ber
den Reizen seiner Odalisken umher und blieben dann auf Mariam, der Mingrelierin,
mit einem Ausdruck von Zrtlichkeit und Feuer haften, dessen Bedeutung nicht zu
verkennen war und den das Mdchen mit gleicher Sehnsucht erwiederte.
    Der Padischah machte eine Bewegung nach dem Kislar-Aga, zu dessen Vorrechten
es gehrt, der begnstigten Kadine oder Odaliske die ihr zugedachte Auszeichnung
zu verknden, als die Sultana dem Befehl zuvorkam und sich vor dem Groherrn auf
die Knie warf.
    Mge das Licht der Welt, sagte sie schmeichelnd, seiner Sclavin noch
einige Augenblicke seiner kostbaren Zeit gewhren und seine Augen auf ein
Geschenk werfen, das sie fr ihn bereit hlt.
    Der Sultan setzte sich wieder.
    Was ist es, o Khanum? Du weit, da ich der Mutter meines Sohnes ihr Recht
nicht verweigere.
    Die Sultana verneigte sich. Als sie sich erhob, streifte ihr Blick mit dem
Vorgefhl des Triumphes ber die getuschte Nebenbuhlerin hin, die mit einiger
Beunruhigung auf den unerwarteten Zwischenvorgang sah. Dann klatschte sie zwei
Mal in die Hnde und alsbald ffnete sich der Vorhang der untern Seitenthr
nochmals, und von zwei schwarzen Sclavinnen gefhrt, trat eine ganz in einen
weiten Schleier und braunen Feredschi gehllte weibliche Gestalt ein, die
langsam - whrend ihre Begleiterinnen zurckblieben - die Stufe herauf und bis
in die Mitte des Obertheils vorschritt, wo sie sich vor dem Sultan zur Erde
verneigte und dann, in ihre Gewnder verhllt, gleich einer Statue stehen blieb.
    Erstaunt schaute der Groherr auf die ungewohnte Erscheinung und dann
fragend auf die schlaue Sultana.
    Diese zgerte - wie um die Neugier zu reizen - einen Augenblick, dann gab
sie das zweite Zeichen.
    Im Nu flogen die Gewnder und der Schleier zur Seite und ein reizendes Bild
stand vor den Augen des Herrn.
    Es war eine Tnzerin, halb europisch, halb orientalisch gekleidet, in
raffinirter Berechnung auf die Erregung der Sinne, - ein griechisches Mdchen
von wunderbarer Schnheit, - Nausika, die geraubte Tochter des Rubers und
Mrders Janos, des Kameeltreibers, die Tochter des blutigen Feindes der Moslems,
dessen khne That einst die Gruel von Chios gercht hatte!
    Der Leser wird sich erinnern, da der Musselim von Tschardak das
sechszehnjhrige Mdchen kurz vor ihrer Hochzeit aus dem Hause ihres abwesenden
Vaters mit Gewalt geraubt hatte, um sie seinem Gnner, Mehemet Ali, in Stambul
zum Geschenk zu machen, und da dieser Raub es war, welcher Janos auf's Neue zum
Krieg gegen die Moslems trieb und ihn zum Schrecken Smyrna's machte. Mehemet,
dessen Haus die Schwester des Sultans streng beherrschte, hatte die reizende
Sclavin durch seine Frau der Sultana fr den Harem seines Schwagers bergeben
lassen, und diese beschlossen, sich in der Sclavin eine Anhngerin und - beim
Verblhen der eigenen Reize - ein Mittel zu schaffen, auf die Sinne des Sultans
zu wirken und seine Neigung in der Gewalt ihrer eigenen Interessen zu behalten.
    Zugleich war sie klug genug, einzusehen, da hier selbst bei aller Schnheit
des Mdchens das Gewohnte nicht fesseln und reizen knne, da der Harem der
schnen Frauen so viele barg, sondern da es galt, einen auergewhnlichen
Eindruck auf die Sinne des Gebieters hervorzubringen. Sie fiel auf den Gedanken,
die griechische Sclavin whrend ihrer Gewhnung zu den Sitten des Harems durch
einen italienischen Tnzer ausbilden zu lassen, und diesem war es gelungen, in
der Frist eines Jahres aus dem bildsamen Mdchen eine ppige orientalische
Pepita zu schaffen. Zugleich verga in den Lockungen des Ehrgeizes und
Wohllebens die Griechin Familie, Glauben und Vaterland, gleich der ersten Liebe
zu dem entrissenen Brutigam, und whrend ihr Vater auf den Bergen Anatoliens
mit blutiger Hand ihren Raub an den Bekennen, des Propheten rchte, war die
Tochter bereits die gefgige Odaliske des Harems, die sinneberauschende Alme
geworden, die - bisher sorgsam vor den Augen des Groherrn verborgen - heute ihr
erstes Debt machen sollte.
    Mit der Raffinerie der Wollust war die junge Tnzerin gekleidet, verhllend
und entblend - lockend und verheiend! Um das dunkelbraune, fessellos ber den
Nacken fallende Haar, worin lange Schnre von kleinen Goldmnzen eingeflochten
glnzten, war ein duftender Kranz von damascener Rosen geschlungen. Groe blaue
Augen unter dunklen Brauen und der ppig aufgeworfene Mund predigten Lsternheit
und Sinnenrausch. Die antik schne Nase und das Oval des Gesichts mit seinem
reizenden wei und rothem Teint bildeten ein uerst liebliches Bild des Kopfes,
der auf schlankem Hals und ppig geformter Bste sa, die von einem weit bis zur
Herzgrube ausgeschnittenem Mieder von drap d'argent gegen die legre
orientalische Sitte zur schlanken Taille eingeschnrt war. Um die breiten
beweglichen Hften bauschte ein schwarzer spanischer Seidenrock, kaum bis zum
Knie reichend, whrend aus der Hlle der zahlreichen weiten Unterkleider von
weiem Spitzengrund die klassische Form des vllig nackten Beines sich
hervorstahl, dessen zierlicher Fu allein mit fleischfarbenen Seidenschuhen
bekleidet war. Eben so von der Achsel ab, wo sie eine kurze schwarze
Spitzendraperie einschlo, entblt waren die Arme, an den Handgelenken mit
breiten goldenen Bracelets geziert. Ein Strau frischer Blumen, Rosen und
Camelien schmckte und schlo den Ausschnitt des Busens.
    Die rechte Hand mit der Castagnette ber das reizende Haupt erhoben, die
linke stolz auf die breite Hfte gestemmt, stand die Tnzerin in malerischer
Stellung einige Augenblicke vor den erstaunten Augen des Groherrn. Dann
erklangen die rauschenden Tne eines spanischen Tanzes, von Flte und Violinen
vorgetragen, die drauen im Divan-Hane, dem Vorzimmer, postirt waren, durch die
Vorhnge der Thren herein dringend, und im kecken Sprunge flog die Alme auf den
Padischah zu, den einen Fu aus der neidischen Hlle ppig-gracis den von den
unerwarteten Reizen entflammten Augen entgegenwerfend. Dann in jenen Windungen
und Geberden, die so reizend das wollstige Verlangen und Empfinden des
spanischen und italienischen Tanzes ausdrcken, - in denen der Oberkrper
schmachtet und lockt, whrend von der Taille ab der untere Theil in glhendem
Feuer sich zu erschpfen scheint, oder in den Sprngen bacchantischer Lust tobt
und rast, - bald dem Padischah nahend, bald sich wieder von ihm nach dem
frischen, aufregenden Takt der Musik entfernend, schien die Tnzerin alle
Leidenschaften herauszufordern und ihr keckes Spiel mit ihnen zu treiben, bis
zuletzt mit der endenden Musik sie in einer reizend lockenden Attitde am Boden
knieete.
    Der Padischah war bei dem Ende des Tanzes empor gesprungen; seine sonst so
theilnahmlosen Augen flammten mit verzehrendem Blick auf die schne Erscheinung.
Selbst die verachteten Halbmnner an seiner Seite schienen neu ermannte Wesen
voll Verlangen und Erregung: - mit raschem Schritt - vom glhenden, Triumph
strahlenden Blick der Sultana verfolgt - trat er auf die Knieende zu und hob das
seidene Schnupftuch, um selbst mit eigener Hand das Amt des Kislar-Aga zu
vollziehen und ihr Haupt damit zu bedecken, das Zeichen, da die Wahl auf sie
gefallen, an diesem Abend sein Lager zu theilen.
    Da scholl ein schmerzlich gellender Schrei, wie aus zerrissenem Herzen grell
durch das Gemach und fesselte seine Hand.
    Auf dem Divan lag marmorbleich die schne Gestalt Mariam's in Ohnmacht.
    Whrend die Frauen mit Nursdih herbei eilten und sich um die Mingrelierin
drngten, stand der Sultan einige Augenblicke stumm und unentschlossen, - sein
Blick hatte die Geliebte erkannt, - dann legte er die Hand wie sinnend an die
Stirn, die Rthe verlie das Antlitz, die leidenschaftliche Gluth der sinnlichen
Erregung das Auge, und er wandte sich, ohne weiter einen Blick auf sie zu wagen,
von der verfhrerischen neuen Bereicherung seines Harems und trat zu der um
Mariam beschftigten Gruppe, die ihm scheu Platz machte. Es war, als fhlte die
bleiche Odaliske seine Nhe; denn alsbald ffneten sich ihre Augen und ihr Blick
wandte sich zrtlich und flehend auf den des Sultans, whrend sie ihm wie Schutz
suchend die Arme entgegenstreckte. Der Groherr beugte sich zu ihr, flsterte
ihr einige Worte zu und legte der Errthenden das Tuch auf das bleiche Gesicht.
    Auf ein Zeichen des Tschannador schlugen sogleich die Silberbecken wieder
zusammen, und der Kapu-Agassi umgab mit seinen Verschnittenen alsbald die
Glckliche, der sofort ein grner Feredschi ber Kopf und Gestalt geworfen
wurde, whrend der Groherr in Begleitung des Kislar-Aga und der Pagen sich nach
der Thr wandte, die in der Seitenwand des Obertheils in die Schlafgemcher des
Harems fhrt. Aber hier warf sich ihm die Favoritin, von den beiden andern
Kadinen assistirt, in den Weg, wuthblitzenden Auges, die Adern der Stirn vor
Zorn geschwollen.
    Haif! Will der Padischah ein Mann sein, und thut seinen Frauen die Schmach
an, da er auf das Geschrei einer Kuh von Kreuztrgerin hrt? Mashallahl Er ist
ein Lgner in seinen eigenen Bart und ein Weib in seinem Hause, nicht besser als
dies Thier von einem Halbmann! wobei sie verchtlich mit der Flche der rechten
Hand sich auf den linken Ellbogen schlug, das Zeichen der tiefsten
Geringschtzung.
    Haif! Haif!31 schrieen dazu die andern Weiber, sich um ihre Verfechterin
drngend und den Eunuchen die gespreizten Finger in das Gesicht streckend.
    Der arme Sultan schien dergleichen Pantoffelauftritte gewhnt, denn ohne ein
Wort zu entgegnen, suchte er stillschweigend durch ein Manver die barrikadirte
Thr zu gewinnen, whrend der Kislar-Aga und sein Tschannador sich zwischen die
wthende Frau und ihren Herrn warfen. Aber diese Pflichterfllung sollte ihnen
schlecht bekommen, denn die Sultana war eine bse Segnerin und die Schrfe ihrer
Ngel so gut, wie die ihrer Zunge im ganzen Serail bekannt und gefrchtet.
    Bah! schrie die Erbitterte, als der Aga, dessen Gesicht die blutigen Maale
der bsen Finger zeigte, unwillkrlich nach dem Handjar im Grtel griff und die
Augen grimmig rollte; was soll das heien, Du gyptisches Vieh? Meinst Du, ich
frchte mich vor einem Manne, der kein Mann ist? Wallah! der schlechteste Knecht
ist besser als Du, und ich will dem Grabe Deines Vaters anthun, was ihm gebhrt.
Ist dies der Bluttrinker32, oder ist er Deinesgleichen? fr was bin ich seine
Bujuk-Hanum33, wenn er meine Sclavin verschmht? Bana bak, sieh mich an, bin ich
bosch, Nichts? Der Padischah ist eine blinde Kuh und seine Aga's sind Esel!
Haiwan der, es sind Thiere!
    Aman! Aman!34 schrieen die Weiber. Allah bila versin!35
    Die Eunuchen drngten jetzt mit Gewalt die Tobenden zurck, whrend es dem
Sultan gelang, durch die Thr zu entwischen. Sein letztes Wort an den
mihandelten Aga war: Awret der: Es ist ein Weib! Delhi der: Es sind Tolle!
Der hohe Beamte aber war mit dieser Entschuldigung wenig zufrieden, denn kaum
war der Vorhang hinter seinem Gebieter wieder herabgefallen, als er seinem Zorn
freien Lauf lie, nach der Peitsche in seinem Grtel griff und ohne Unterschied
auf die tobenden Frauen losschlug, die alsbald das Feld rumten und sich eilig
auf ihre Divans zurckflchteten.
    Mariam war unterde von den weien Eunuchen der Eifersucht der Odalisken
entzogen und hinausgefhrt worden, um den alten Frauen bergeben zu werden,
welche die Schnen fr das Lager des Sultans vorbereiten, und die Beamten
zogen sich nun eilig zurck, im Stillen ber die Schwche ihres Gebieters
grollend. Zur wuthkeuchenden Sultana aber, die eben das griechische Mdchen, das
ihr nahte, erbittert mit dem Fue von sich stie, eilte die Khanum des Sirdars
trstend und berathend herbei.
    Was nun, o Sultana?
    Fluch ber die Christin! Mgen ihre Augen verdorren und meine Thorheit mir
Unglck bringen, da ich sie so lange geschont. Unser Plan ist ein Rauch, bosch!
- Die hunderttausend Piaster, setzte sie flsternd zur Freundin hinzu, die mir
der Eltschie von Frangistan hat versprechen lassen, sind Wind. Ne apalum! was
kann ich thun?
    Die intriguante Gattin des Sirdar sann nach.
    Mashallah! sagte eine der Kadinen, ich habe da einen Talisman bei der
Moskowitin gefunden, als sie in Schwachheit lag und wir ihr helfen wollten. Was
wei ich? vielleicht ist es der Zauber, den sie gegen den Padischah anwendet.
    Sie brachte den Pergamentstreif zum Vorschein, den sie im Busen der
Unglcklichen gefunden.
    Die Khanum nahm ihn schnell und berflog die Schrift, da sie die Einzige
war, die in der Versammlung lesen konnte.
    Allah kerim! Gott ist gro! rief sie, wir haben das Verderben der Moskau
in dieser unserer Hand. Ich eile zu Fuad-Effendi, er ist ein schlauer Mann und
wird uns rathen!
    Die lebhaft erregte Neugier der Odalisken mute sich jedoch mit diesen
Worten begngen, denn nach einem kurzen heimlichen Gesprch mit der Sultana, das
diese hoch zu erfreuen schien, verlie die Vertraute hastig den Harem. - - -
    Kaum zehn Minuten darauf strich ihr Kak, von zwei Ruderern getrieben, eilig
ber die Fluthen des Bosporus und nahm seinen Weg stromaufwrts nach
Kura-Tschesme, wo das Landhaus des Sirdars liegt. Anstatt aber dort anzuhalten,
befahl sie pltzlich den Ruderern, quer ber den Bosporus die fr die kleinern
Kaks nicht ganz ungefhrliche Fahrt zu machen und nach Kandili am asiatischen
Ufer sich zu wenden. Hier hielt der Kak am Wasserthor einer einfachen, mehr im
europischen Geschmack erbauten Villa, und die Khanum schickte einen der
Kakschi's in das Haus mit einer Botschaft fr dessen Herrn.
    Schon nach wenig Augenblicken erschien derselbe, ein Mann von etwa 30-35
Jahren, groer krperlicher Schnheit und hchst eleganten franzsischen
Manieren. Es war Fuad-Effendi, der junge Staatsmann, der offenbar befhigt und
bestimmt ist, in der Geschichte seines Vaterlandes noch eine hervorragende Rolle
zu spielen, wie jetzt schon beim Beginn der orientalischen Verwickelung seine
Stellung und Thtigkeit von Bedeutung war.
    Schon frher, als Fuad seine Erziehung in den Salons von Paris und auf den
Missionen nach London, Madrid und Lissabon vollendete, richteten sich die Augen
der europischen Diplomaten auf sein Talent, und als er zuerst, damals
Groreferendar des Divans, nach dem Ausbruch der Revolution in Bukarest und der
Vertreibung des Frsten Bibesco im Juni 1848 als Commissarius der Pforte in den
Frstenthmern auftrat, um, untersttzt durch das Besatzungsheer Omer Pascha's,
die Fehler Soliman's wieder gut zu machen und zugleich der russischen
Einmischung die Wage zu halten, entwickelte sich seine sptere Stellung. Weder
den russischen Diplomaten36, - welche die gleiche Mission erhalten, - noch den
russischen Generlen37 gelang es, mit der eleganten, schlangengleichen
Gewandtheit Fuad-Effendi's in die Schranken zu treten, und die Brutalitt
Mentschikoff's, mit der er spter diese Niederlage in Constantinopel selbst
rchte, kann die Thatsache nicht verwischen. Von jener Zeit her, in welcher die
Khanum den damaligen Muschir38 begleitete und, da seine Frauen keineswegs die
gewhnliche orientalische Absperrung erlitten, den Groreferendar persnlich
kennen lernte, schreibt sich die Verbindung desselben mit Omer Pascha, die inde
nur ein Bndni zweier ehrgeiziger Gemther ist, so lange ihre Zwecke
zusammengehen.
    Als spter (1849) Fuad-Effendi als Gesandter nach Petersburg ging, whrend
der Muschir selbst die Verwaltung der Frstenthmer bernahm, lernte das
petersburger Kabinet die volle Gefhrlichkeit des jungen Diplomaten kennen, der
die Lage seines Vaterlandes und die drohende Suprematie Rulands sehr wohl zu
wrdigen verstand, und als spter alle Versuche scheiterten, ihn in
Constantinopel fr die russischen Interessen zu gewinnen, er vielmehr einer der
Hauptbefrderer des englischen und franzsischen Einflusses und zugleich
Minister des Auswrtigen wurde, war seine Entfernung aus dem Cabinet eine der
ersten Bedingungen, die Frst Mentschikoff stellte und durchsetzte.
    Fuad zog sich bei seinem Rcktritt nach Kandili zurck, wo er nahe genug dem
Mittelpunkt der Intrigue war, um tglich in das Spiel eingreifen zu knnen.
    Dies war der Mann, der zu der Khanum an's Ufer trat, worauf diese das Boot
verlie und Beide sich abseits eine kurze Zeit besprachen. Dann fhrte der
Effendi die Dame hflich wieder zu ihrem Sitz zurck.
    Sei versichert, sprach er zum Abschied, ein Geschft, das Fuad bernimmt,
wird er auch zu Ende fhren. Der Ferman soll beim Propheten Deinen Gatten, den
Sirdar, nicht an dem Uebergang ber die Donau hindern! Morgen erhltst Du
Botschaft.
    Whrend der Kak der Dame seinen Weg nach dem europischen Ufer zurcknahm,
gab der frhere Minister der Dienerschaft seine Befehle und ehe zehn Minuten
vergingen, flog er in einem vierrudrigen Boot mit der Schnelligkeit des Dampfers
durch das Dunkel auf Stambul zu. - - -
    Pera und die frnkische Bevlkerung hat zwei ffentliche Vergngungsorte, wo
sie im Freien die Khle des Abends geniet. Der Eine ist die Promenade am
kleinen Campo39 zwischen Pera und Tershana, eine etwa 200 Schritt lange Art von
holpriger Esplanade, 30 Schritt breit, auf der einen Seite durch ein eisernes
Gitter von dem Begrbniplatze geschieden, auf der andern von hohen steinernen
Husern begrnzt, in deren Parterre einige Kaffeestuben und Conditoreien sind.
    Hierhin wandelt Jahr aus Jahr ein jeden Abend der frnkische Kaufmann, der
Fremde, der Beamte, und athmet nach des Tages Arbeit bei einer Tasse Kaffee,
einem Glase Eis oder Limonade die erfrischende Abendluft ein. Alle Sprachen
Europa's sind hier vertreten. Ueber die Cypressen des den Bergabhang deckenden
Campo's hinweg erfat das Auge einen im Sternenlicht glitzernden Streifen des
goldenen Horns und darber hinaus das aufsteigende Husermeer des westlichen
Stambuls mit seinen Minarets und Kuppeln und den zahllosen Lichtern. Zur Zeit
des Beirams gewhrt das einen prachtvollen Anblick am Abend, da die Kuppeln der
Moscheen, wie die Rundgnge der schlanken Nadeln gleichen Thrme dann mit
Krnzen farbiger Lampen illuminirt sind.
    Der andere Vergngungsort ist ein Garten in der Verlngerung der Perastrae,
auf dem Wege zum groen Campo, zwischen Husern und Mauern versteckt und
ziemlich europisch eingerichtet. Hier findet man gegen ein kleines Entree ein
nicht schlechtes Concert von italienischen und deutschen Musikern. Trotz der
verhltnimig groen Zahl der Europer in Pera und Galata ist der Garten doch
nur sehr mig besucht.
    In einer Laube desselben, dem Vortrag der Ouvertre der Lucia lauschend,
saen drei Mnner, in deren Einem wir Doctor Welland wiederfinden. Der Zweite
war eine groe aristokratische Gestalt von den Manieren eines Weltmannes, etwas
Avantrier und gascognirend, aber interessant und beraus gewandt, der seiner
Zelt in zwei Welttheilen und in den verschiedensten Verhltnissen vielbekannte
Baron Oelsner von Montmarquet. Ein ganzes Collier von Orden an seinem Frack
untersttzte den etwas zweifelhaften Titel.
    Der Dritte schien ein Italiener, obschon er in der Unterhaltung gelufig
deutsch sprach, ein herausforderndes, etwas unverschmtes Gesicht, seit 4 bis 5
Jahren in Pera als Banquier und Geschftsmann ansssig und berall zu finden.
Eine breite Narbe am linken Schlaf zeichnete das Antlitz aus.
    Mit beiden Personen war der Doctor durch Briefe, die er an sie berbracht,
bekannt geworden und in hufigem Verkehr, da sein Leben in Constantinopel bisher
ziemlich langweilig und beschftigungslos gewesen war, eine Mue, die er zum
Studium der zahlreichen historischen Merkwrdigkeiten, der trkischen Sprache
und der trkischen Sitten benutzte. Er hatte sich zum Eintritt als Arzt bei der
Armee in Bulgarien im Seraskiat gemeldet, doch durch allerlei Verzgerungen
seine Anstellung bis jetzt hingehalten gesehen.
    Das Treiben des Barons war fr den Deutschen ziemlich rthselhaft, denn
Jener schien mit allen Parteien in Constantinopel aus gleichem Fu zu verkehren
und von allen Vorgngen und Intriguen in der genauesten Kenntni. Die
bedeutenden Geldmittel, ber die er offenbar disponirte, vermehrten diesen
Einflu, und selbst Welland hatte sich ihm nicht ganz zu entziehen vermocht;
denn, nachdem er den Baron von einem jener leichten Uebel durch seinen
rztlichen Rath befreit hatte, die hufig im Orient sich einstellen und nur
durch Vernachlssigung gefhrlich werden, hatte der Genesene ihn mit Diensten
berhuft und war sichtbar bemht, ihn an sich zu fesseln.
    Paduani, der Dritte, gehrte als Lombarde zur liberalen Partei und zeigte
seine Gesinnung mit einer gewissen Ostentation, die namentlich gegen Oesterreich
Partei nahm. Dabei verkehrte er viel mit den Fhrern, der Flchtlinge und
Emigrirten, die jetzt, von jeder Nation, Constantinopel zu berfllen und einen
hnlichen Uebermuth an den Tag zu legen begannen, wie dies im Frhjahr und
Sommer der Fall gewesen war. Offenbar trug dazu der Bruch des russischen und das
Sinken des sterreichischen Einflusses bei, whrend der franzsische und
englische Schutz jetzt allgewaltig waren. Dennoch hatte Welland bald die
Beobachtung gewacht, da man dem Italiener nicht recht zu trauen schien. Da er
jedoch mit den Personalverhltnissen in Constantinopel sehr vertraut war, hielt
sich der Deutsche, der erhaltenen Instruktion gem, in Verbindung mit ihm.
    Das Gesprch drehte sich, wie jetzt berall der Fall, im Kreise der groen
Tagesfragen. Die Kriegserklrung war am 26. September im groen Rath der Pforte,
aus 172 Mitgliedern bestehend, beschlossen worden. Kaiser Nicolaus hatte mit dem
sterreichischen Kaiser am 26. bis 28. eine Zusammenkunft im Lager von Olmtz
gehabt, aus der unter Aegide des sterreichischen Premiers ein neues
Notenproject hervorgegangen war, das zwar das wiener Kabinet in Paris, London
und Wien befrwortete, doch erwies sich die Zeit den Ausgleichungsvorschlgen
keineswegs mehr gnstig und die Forderungen und Gegenforderungen verwickelten
sich immer mehr. Whrend die drei Monarchen der heiligen Allianz am 3. October
noch eine Zusammenkunft in Warschau hielten, erlie der Sultan, von allen Seiten
gedrngt, am 4. October - am 1. Muharem nach trkischer Zeitrechnung - ein
Manifest an sein Land mit der Kriegserklrung gegen Ruland, und Omer Pascha
richtete auf den Befehl der Regierung unterm 6. die Aufforderung an den Frsten
Gortschakoff, den Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen, die
Frstenthmer bis zum fnfzehnten Tage zu rumen, widrigenfalls die
Feindseligkeiten erffnet werden wrden. Der Frst erwiderte in sehr gemigter
Weise, da er keine Vollmacht habe, Krieg zu fhren, Frieden zu schlieen oder
die Donaufrstenthmer zu rumen.
    Whrend noch immer Friedensvorschlge sich von Constantinopel, Wien, Paris
und London her kreuzten und so einer sich im andern aufhob, drangen die
Gesandten der Westmchte in den Sultan, die Flotten aus der Besika-Bai in den
Bosporus zu berufen, und erlangten endlich nach langem Struben des Groherrn am
15. den Ferman dazu. Admiral Dunbas, der Oberbefehlshaber des englischen
Geschwaders, hatte zugleich die Anweisung seiner Regierung erhalten, den Admiral
in Sebastopol zu benachrichtigen, da, wenn die russische Flotte ausliefe, um
Truppen auf trkisches Gebiet zu bringen, oder irgend einen Akt offener
Feindseligkeit gegen die Pforte zu begehen, er den Befehl habe, die Besitzungen
des Sultans gegen jeden Angriff zu schtzen.
    Diese Ankndigung deutete bereits klar auf die Absichten der Westmchte hin,
da der trkischen Flotte keineswegs eine Reciprocitt auferlegt wurde und
trkische Fahrzeuge fortwhrend Kriegsmaterial und selbst Zuzge an die
tscherkessischen Ksten schafften.
    Kaiser Nicolaus machte noch einen persnlichen Versuch, die deutschen
Kabinette fr seine Interessen zu gewinnen, und traf zu diesem Ende am 8.
October in Saussouci ein, seinen erlauchten Gast und Schwager, den Knig von
Preuen, dahin zurckbegleitend. Es war das letzte Mal, da der mchtige Kaiser
die fremde liebliche Sttte sah, von der er einst die Mutter seiner Kinder
geholt hatte. Schon in der Nacht zum 10. trat er wieder die Rckreise nach
Petersburg an. Der Knig von Preuen begleitete ihn - ein treuer Freund! - bis
zum stettiner Bahnhof in Berlin - Augenzeugen berichten, da er mit Thrnen dort
von dem Kaiser schied. Welche Gefhle mgen beide groe Herzen bei jenem
Abschied bewegt haben, wenn sie auch nicht ahnen konnten, da es das letzte
Schauen im Leben war! Zwei treue vielgeprfte und vielbewhrte Freunde auf hohen
Thronen, die letzte Mahnung des kniglichen Paters ehrend - hat nur das Grab ihr
Bndni gebrochen.
    Unter dem Vielen, was das preuische Volk Knig Friedrich Wilhelm IV.
schuldet, sind gewi jene Tage in Sanssouci nicht das Kleinste. Dem Freunde, dem
Schwager, den historischen Erinnerungen und dem eigenen Herzen gegenber blieb
der preuische Knig fest bei seinem Entschlu, sein Volk fern zu halten von dem
sich bereitenden Kampfe, dessen Veranlassung er fr keine gerechte hielt, so
lange nicht die unumgngliche Nothwendigkeit ihm das Schwert in die Hand drngen
wrde. - Wenige wissen es - aber in den Herzen dieser Wenigen ist die
Bewunderung desto tiefer eingegraben, - welche Kmpfe in jenen Tagen der Knig
bestand, welche hohen Lockungen dem Hause Hohenzollern wurden und wie schwer der
gerechte Sinn Friedrich Wilhelm's damals in die Wage der Vlkerschicksale fiel!
- Dagegen hat er eben so treu sein Freundeswort gehalten und durch keine
Drohung, kein Drngen von der andern Seite sich bewegen lassen, sich den Feinden
anzuschlieen. Preuens eherne Haltung hat offenbar Ruland gerettet! - -
    Bereits am 17. hatten die Trken eine Insel auf der Donau zwischen Kalafat
und Widdin besetzt, doch war noch keine Feindseligkeit erfolgt. Omer Pascha
rechnete den 24. als den Ablauf der dem Frsten Gortschakoff gesetzten Frist.
    Am 20. beriefen Lord Stratford und Herr de Latour die Flotten nach
Constantinopel. In diesem letzten Augenblick machte der sterreichische
Gesandte, Baron von Bruck, noch einen Versuch und drang auf Aufschub der
Feindseligkeiten. Lord Stratford interessirte sich scheinbar dafr und in der
That wurde im Divan durch den Einflu der Friedenspartei der Aufschub um zehn
Tage beschlossen und der Ferman an den Sirdar dem Sultan zur Unterzeichnung
vorgelegt.
    Fr Ruland wre dieser Aufschub von groer Wichtigkeit gewesen, da bei der
verhltnimig geringen Zahl des Besatzungsheers in den Frstenthmern wichtige
strategische Operationen und Vorbereitungen noch im Rckstand waren. - -
    Whrend Welland mit Paduani ber die am Tage vorher bei dem englischen
Gesandten stattgefundene Conferenz der Vertreter der vier Gromchte sich
unterhielt, hrte der Baron offenbar zerstreut und mit wichtigen anderen
Gedanken beschftigt der Unterhaltung zu und blickte hufig nach dem Eingang des
Gartens. Auch Paduani schien verstimmt und nachdenkend und lenkte mehrmals das
Gesprch auf Vorbedeutungen und Ahnungen. Es ist heute ein Tag unangenehmer
Erinnerungen fr mich, sagte er endlich, und ich habe mich seit dem frhen
Morgen mit einer seltsamen Unruhe getragen. Glauben Sie an Ahnungen, Doctor?
    Im Allgemeinen nicht, - in einzelnen Fllen: Ja! Der Dnenprinz hat Recht,
wenn er sagt, es ist Vieles zwischen Himmel und Erde, das wir nicht begreifen
knnen. Ueberdies leben wir ja im Lande der Vorbestimmung und drfen also an
einer Ahnung derselben nicht zweifeln.
    Ohne Winkelzge - sagt Ihnen Ihre Erfahrung Ja oder Nein?
    Ich lernte in Paris einen jungen Englnder kennen, Master Morton, Capitain
bei der schottischen Garde. Er ist der jngere Sohn der berhmten schottischen
Familie der Earls von Faulconbridge, in denen das zweite Gesicht seit
Jahrhunderten sich vererbt haben soll. Es wiederholte sich auch bei seinem
Vater. Im Jahre 1835 gegen Ende Novembers kam Lord Faulconbridge von London nach
seinen Besitzungen in Schottland, wo seine Familie, darunter der Sohn, der mir
die Thatsache mitgetheilt, ihn bereits erwartete. Als der vierspnnige
Reisewagen in die breite Ulmenallee einbog, die zum Schloportal fhrte, sah der
Lord dieses pltzlich mit Fackeln erleuchtet und eine Schaar Mnner, welche in
tiefer Trauer einen von der inneren Halle aus kommenden Leichenzug zu erwarten
schien. Zum Tode erschrocken befahl er zu halten, aber schon war die Vision
verflogen. Weder der Postillon noch die Diener hatten Etwas gesehen. Lady
Faulconbridge suchte ihrem Gemahl das Ganze auszureden, aber am dritten Tage um
die Stunde des Gesichts sank der Lord pltzlich zu Boden, als er sich mit den
Seinigen eben zum Diner niederlassen wollte. Ein Nervenschlag hatte ihn
getroffen. Capitain Morton war fest berzeugt, da auch ihm sein Tod vorher
verkndet werden wrde.
    Paduani hatte den Kopf in die Hand gesttzt. Ihnen, Doctor, Ihnen - Ihre
eigenen Erfahrungen?
    Der Arzt sann einige Augenblicke nach. Zwei Erinnerungen aus meinem Leben
sind es, welche mir jene unerklrlichen und doch unleugbaren Fden nahe gebracht
haben, durch welche der Mensch mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen
scheint. Ich erzhle sie Ihnen wohl ein ander Mal.
    Nein, jetzt, ich bitte Sie. Sie mchten sonst keine Zeit mehr dazu haben!
    Welland schaute den Italiener bei den seltsamen Worten aufmerksam an; das
Gesicht desselben hatte eine aschbleiche Farbe angenommen, er befand sich
offenbar in der grten Aufregung, der er mit aller Mhe Herr zu werden suchte.
Der Arzt schttelte den Kopf, doch folgte er seinem Wunsche.
    Ich war, erzhlte er, ein junger Mensch von 16 Jahren, und in Breslau auf
Schulen. Meine Eltern hatten mich bei einem Gelehrten in Pension gegeben, der in
einem frhern Kloster an der Oder wohnte. Die lteste Tochter der Familie,
Amalie, war eine Blondine mit herrlichen Locken, so schn, wie ich sie nie
wieder im Leben gesehen, ein Madonnengesicht, die Stirn von breiten Goldflechten
gleich einem Diadem eingefat, das erste und einzige Weib, in das ich wahrhaft
verliebt gewesen bin. Es war eine halb kindische Leidenschaft, denn das Mdchen
war mehrere Jahre lter als ich und trug den Gram einer unglcklichen Liebe im
Herzen. Ein junger interessanter Maler war von ihr durch die Eltern getrennt
worden und bald darauf in rthselhafter Weise verschwunden - man glaubte an
einen Selbstmord, spter erwies sich, da er im Duell gefallen und von den
Secundanten in die Oder geworfen worden war. Ein einziges Andenken war dem
Mdchen aus der Zeit ihres Umgangs geblieben, ihr eigenes von dem Geliebten
entworfenes aber nicht beendetes Portrait, von dem auffallender Weise nur der
Kranz der goldenen Haare vollendet war, whrend das Gesicht noch in der
Scizzirung der ersten Anlage verschwamm. - Ich war etwa ein Jahr im Hause
gewesen, als Amalie pltzlich an einer nervsen Krankheit starb, - ich fand sie
bei meiner Rckkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untrstlich. Am
Abend vor dem Begrbni, als ich sie noch ein Mal besuchte, schnitt ich ihr eine
der breiten Flechten ihres schnen Haares ab, um dieselbe zum Andenken zu
bewahren. Es war Mitternacht, als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer,
einer ehemaligen Klosterzelle, sa; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild
an der Wand. Zufllig blickte ich vom Buch auf und in den groen Spiegel mir
gegenber. Da sah ich das Portrait sich darin spiegeln, aber - schrecklich! in
vernderter Form: das klar ausgeprgte blasse Leichengesicht, wie ich es eben
verlassen, dagegen mit kahlem, aller Haare beraubtem Scheitel! Ich hatte die
Kraft, mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand und - dasselbe
Todtengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an. Mein Haar strubte sich,
ich glaubte eine Mahnung der Todten zu sehen, da ich einen frevelhaften Raub an
ihr begangen; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare
verweigert, aus die sie auffallend hielt. Ohne das Auge von der schrecklichen
Erscheinung abwenden zu knnen, taumelte ich rckwrts zur Thr meines Zimmers
und ffnete sie; - drben ber dem Gang hrte ich das Mdchen noch handthieren
und rief dasselbe. Sie kam mit Licht, - ich bat sie, noch ein Mal mit mir zur
Leiche zu gehen und - legte still die Flechte wieder in den Sarg, wohin sie
gehrte. - Sie sehen, sagte der Doctor nach einer kleinen Pause, wohin die
aufgeregte Phantasie fhren kann.
    Der Baron war whrend der Erzhlung aufgestanden und nach dem Eingang des
Gartens zu gegangen, wo er mit einem eben Eingetretenen eifrig sprach, der die
Kleidung eines jdischen Handelsmannes trug. Paduani hatte aufmerksam zugehrt,
doch schien ihn die Erzhlung nicht zu befriedigen. Und die andere, Doctor, die
andere?
    Der zweite Fall, ich mu es gestehen, ist mir selbst unerklrlicherer Natur
und beweist mir allen Zweifeln gegenber die Gabe des zweiten Gesichts bei
gewissen Personen. Whrend meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus
Verwandte in Stendal, einer Stadt in der Nhe von Magdeburg. Eines Abends waren
wir in Gesellschaft und man erwhnte einer Dame, die erwartet wurde, und die ich
noch nie gesehen, da sie sich fast von allem Umgang zurckgezogen hatte und nur
einer nicht auszuschlagenden Einladung diesmal gefolgt war. Es schien mit ihrer
Person ein gewisses Geheimni verknpft, obschon Niemand recht mit der Sprache
heraus wollte, die Meisten aber die Sache verspotteten. Endlich erschien die
Dame, eine Frau, bereits im mittleren Alter, wahrscheinlich noch heute lebend,
von blassem seinem Aussehen, ohne alles Auffallende, und die Gesellschaft nahm
ihren gewhnlichen Gang. Pltzlich, mein Auge war grade auf sie gerichtet, sah
ich die Fremde unruhig und ngstlich werden. Sie versuchte offenbar dies Gefhl
mit Gewalt zu unterdrcken, doch schien es ihr nicht mglich, denn sie entfernte
sich bald darauf in ein Nebenzimmer und lie von hier aus um Hut und Mantel
bitten. Ich war grade in dem Zimmer anwesend, als Wirth und Wirthin in die Dame,
eine Verwandte von ihnen, drangen, zu bleiben, oder ihnen wenigstens den Grund
ihres raschen Weggehens zu sagen. Lange weigerte sie sich, endlich sagte sie
zitternd und hchst aufgeregt:
    Sie kennen das unglckliche Geschenk, mit dem mich leider die Vorsehung
ausgezeichnet und das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten
bereitet hat, da ich mich lieber aus allen Kreisen zurckgezogen habe. Whrend
ich vorhin unter den Frhlichen sa, berfiel mich wieder diese schreckliche
Gabe des doppelten Gesichts und ich sah ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche
vor mir auf dem Tische liegen! -
    Der Wirth des Hauses, etwas unglubiger Natur und auch erst seit Kurzem im
Ort, suchte ihr die Grille auszureden und lachte gradezu, als die Dame ihm auf
sein Drngen endlich einen Herrn, einen lebenskrftigen kerngesunden Hagestolzen
von einigen vierzig Jahren als denjenigen bezeichnete, den sie als Leiche
gesehen. Die Dame aber war nicht zu bewegen, wieder zur Gesellschaft
zurckzukehren und ich bat daher um die Erlaubni, sie nach Hause fhren zu
drfen. Unterwegs suchte ich sie mit gleichgltigen Gesprchen zu zerstreuen,
doch blieb sie still und traurig, und nahm an der Hausthr mit Thrnen von mir
Abschied.
    Sie werden leider erfahren, mein Herr, sagte sie, da ich mich nie tusche.
Die traurige Erfahrung hat mich's schon zu oft gelehrt. -
    Als ich in die Gesellschaft zurckkehrte, fand ich, da der Wirth nicht
still geschwiegen, sondern von der Prophezeihung gesprochen hatte, und da man
sich allgemein bemhte, darber zu lachen. Vor Allem war das bezeichnete Opfer
der Unglubigste und Heiterste. Man spielte ein Pfnderspiel und wirklich war
bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen. Da - nach
ungefhr zwei Stunden, whrend ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte, hrte
ich pltzlich lauten Hilferuf, Gekreisch und Geschrei. Alles strzte herbei -
der Herr, den die Seherin bezeichnet, hatte frisch und gesund noch einen
Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit Vieler
dabei auf den Rckbeinen desselben hin- und hergewiegt, als er pltzlich das
Gleichgewicht verlor und mit dem Stuhl hinten berschlug. Man legte eben in der
ersten Angst den Krper auf den nmlichen Tisch, den die Dame bezeichnet: - er
hatte im Zimmer den Hals gebrochen und war eine Leiche, ehe man ihn aufhob.
    Ei, Doctor, was erzhlen Sie da fr Schauergeschichten, sagte lachend der
Baron, der wieder hinzugetreten war, und ich glaube wahrhaftig, Herr Paduani
lt seine italienische Phantasie davon in Schrecken setzen. Doch kommen Sie
einen Augenblick, Freund, ich mchte Sie um eine kleine medicinische Auskunft
bitten.
    Er nahm den Arm des Doctors und fhrte ihn, offenbar sehr aufgerumt durch
eine empfangene Nachricht, in einem Spaziergang durch den Garten.
    Sie haben bereits von der infamen Sitte in diesem Lande gehrt, sagte er
nach einem kurzen Bedenken, den Lebenskeim oft im Mutterschoo zu tdten. Das
geschieht nicht blos durch eigenes Verbrechen, sondern hufig auch durch fremde
Bosheit. Ist es mglich, in einem solchen Falle den Folgen des Verbrechens zu
begegnen, sie aufzuheben und das Opfer wieder zur erhabenen Bestimmung des
Weibes zu befhigen?
    Die Angaben sind sehr allgemein, sagte ernst der Arzt; zunchst mte man
wissen, welche hllischen Mittel hier angewendet sind. Es wrde nthig sein, die
Kranke zu sehen.
    Das geht nicht, erwiderte der Baron ziemlich barsch; auch ist hier von
keiner Kranken die Rede. Ich frage Sie blos, ob es in dieser Beziehung
Gegengifte giebt? Im Orient, mssen Sie wissen, ist man Meister in der
Giftmischerei, und unsere Haremsdamen knnten den Borgia's Etwas zu rathen
aufgeben.
    Die Natur ist unerschpflich, Herr Baron, sagte Welland, etwas verletzt
von dem ungewohnten Ton, und sie reproducirt ewig in ihren geheimnivollen
Werksttten, deren wunderbarste der menschliche Krper ist. Die Erfahrung lehrt,
da selbst jene Unglcklichen, die in den Hhlen des Lasters sich feil bieten
und bei denen jeder Keim der Mutterkraft lngst erstickt scheint, bei geordnetem
Leben mit der Zeit dieselbe wiedergewinnen. Ich glaube, da die Zeit allein
heilen kann - ein Gegengift aber ist nicht mglich, wenn man das Gift selbst
nicht kennt. Ich wrde mich nicht entschlieen, ein solches zu geben, wenn ich
nicht mindestens vorher die Person gesehen habe.
    Das ist nicht mglich, ich wiederhole es. Seine Stirn faltete sich
mimthig. Man mu sie aufgeben und auf andere Mittel denken, murmelte er und
reichte dem Arzt die Hand. Leben Sie wohl, Doctor; ich habe eine Nachricht
bekommen, die mir noch einige Geschfte auflegt. Ich hoffe, wir sehen uns
morgen. Bringen Sie den Italiener nach Hause, der Mann hat heute ein seltsames
Wesen an sich.
    Damit schied er.
    Als Welland zu der einsamen Laube zurckkehrte, fand er den Banquier mit
starren Blicken vor sich hin in die Luft stierend, zuweilen mit der Hand wieder
die Augen bedeckend, als wolle er einer uern Erscheinung entfliehen.
    Sie hatten Recht, Doctor, mit Ihrer ersten Geschichte, sagte er frstelnd;
alle diese Bilder sind mir ein Spiel der aufgeregten Phantasie. - Und doch sehe
ich ihn in diesem Augenblick so deutlich vor mir stehen, - schauen Sie, er wies
in die leere Luft, mit dem ausgelaufenen Auge, wo die Kugel in den Schdel
gedrungen ist, und den zwei blutigen Wunden in der Brust - gerade wie sie ihn
aus dem Glacis zur Morgue gebracht haben!
    Er bedeckte schaudernd wieder die Augen mit der Hand.
    Wen sehen Sie denn dort? fragte forschend der Arzt.
    Wen? - wen anders als den Capitano Blum, den deutschen Revolutionsmann, von
dem sie thrichter Weise sagen, da ich ihn im Gefngni verrathen htte. Die
Narren! als ob ich damals in Wien gewesen wre. Ich heie doch Paduani und nicht
...
    Er ermannte sich.
    Ich rede irre, Doctor, ich glaube, ich bekomme ein Fieber und werde Sie
morgen um Ihren Rath bitten mssen.
    Wollen Sie nicht lieber nach Hause gehen? ich werde Sie begleiten.
    Nein, Signor, lassen Sie uns in frischer Luft bleiben, ich fhle, mir wird
schon besser, es war ein bser Anfall, dem ich manchmal unterworfen bin und ich
menge da tolles Zeug zusammen; achten Sie nicht darauf.
    In der That schien er sich zum Erstaunen des Arztes auch ganz wieder zu
erholen, erwhnte mit keiner Sylbe mehr der wsten Gedanken und nahm das frhere
Gesprch ber die politischen Ereignisse wieder auf. Nur schien er den Heimweg
so lange als mglich zu verzgern, und Mitternacht war bereits nahe und der
Garten lngst menschenleer, als sie auf Welland's Erklrung, da er nun die Ruhe
suchen wolle, sich auf den Weg machten. Beide trugen die in Constantinopel nach
Eintritt der Dunkelheit vorgeschriebene kleine Papierlaterne, da eine
ffentliche Beleuchtung nicht existirt, und scheuchten auf ihrem, bis in die
Nhe des englischen Gesandtschaftshotels zusammenfhrenden Wege hufig jene
eigenthmlichen Straenbewohner, die zahllosen Hunde, auf, die auf allen Straen
Constantinopels bei Tage und bei Nacht ihr Lager halten und die Sanitts- und
Reinigungspolizei der trkischen Hauptstadt bilden.
    Paduani war jetzt ganz verndert und spottete selbst ber seine frhere
Erregung.
    Wissen Sie, sagte er lachend zu Welland, whrend sie an dem Kreuzwege
standen, der sie trennte, was vorhin mir den tollen Spuk durch den Kopf jagte?
Eine dumme Prophezeihung. Als ich heute Morgen eines Geschftes wegen in St.
Demetri war, begegnete mir auf dem Campo eine alte bulgarische Zigeunerin und
bettelte mich an. Ich hatte zufllig keine kleine Mnze bei mir und wies sie
etwas barsch ab. Da hob sie drohend ihre Krcke und schrie mir nach, Azral, der
Engel des Todes, wie die Moslems sagen, halte bereits seine Fittiche ber mir
und ehe der Tag um sei, werde ich Niemandem mehr eine Gabe reichen. Der Tag ist
vorbei und - auf Wiedersehen morgen!
    Er reichte ihm die Hand und bog trllernd in die Seitenstrae, in der sein
Haus sich befand. Welland, der in einer Pension an der Perastrae seine Wohnung
aufgeschlagen hatte, setzte seinen Weg ruhig fort, doch war er noch keine
zweihundert Schritt gegangen, als er pltzlich einen entfernten Hilferuf zu
hren glaubte. Er hielt inne - ein zweiter lauterer Ruf erscholl und lie ihm
ber die Richtung keinen Zweifel: er kam aus der Gegend, in der Paduani's
Wohnung lag. Eilig - im Laufe die lstige Laterne von sich werfend - flog er
zurck und rief nach der nicht sehr entfernt einquartierten trkischen
Schaarwache. Am Eingang der Gasse, die zu Paduani's Haus fhrte und die er im
Fluge erreicht hatte, kamen in vollem Rennen ihm zwei dunkle Gestalten entgegen.
Er rief ihnen sein Halt zu, doch achtlos sprang der Erste an ihm vorber, dem
Zweiten warf er sich in den Weg und hielt ihn mit beiden Armen fest. Diavolo!
fluchte eine wilde Stimme und eine riesige Kraft warf ihn zu Boden. Dennoch
hielt er fest und klammerte sich, laut nach Hilfe rufend, an den Fremden. Die
Klinge eines Dolches blitzte im Mondlicht hoch geschwungen ber ihm und ehe er
selbst zu einer Waffe greifen konnte, glaubte er sie niederfahren zu sehen auf
seine unbeschtzte Brust - da warf sich ein dunkler Krper zwischen ihn und die
morddrohende Faust, eine Hand fate dieselbe und rang mit ihr um die Waffe,
whrend eine jugendliche Stimme neben ihm den Hilferuf schreiend wiederholte.
Der Mrder, eine krftige Gestalt, ri den Arm los, stie den unbekannten Helfer
zur Seite und sprang an der Gruppe der herbeikommenden Schaarwache vorber,
deren schwere eisenbeschlagene Stcke auf dem Steinpflaster rasselten. Ein
Pistolenschu knallte hinter ihm drein, aber die Kugel schlug neben ihm hin in
die Huserwand und er setzte unbehindert seine Flucht fort, alsbald in den
Quergchen, die nach Tophana hinunter fhren, verschwindend.
    Unterde richtete der fremde Retter den Deutschen empor, - die Laternen der
herbeieilenden Wache erhellten die Scene.
    Gregor?!
    Welland?!
    Vor ihm stand Caraiskakis mit dem Knaben Mauro, die so seltsam der Zufall zu
seinen Rettern gemacht hatte. Ein nahes Sthnen und Wimmern verhinderte jedoch
alle Fragen und Errterungen, Alle eilten die Strae hinauf, und vor Paduani's
Thr - den Schlssel zum Oeffnen in der Hand, - auf der eigenen Schwelle im
Todeskampf sich windend, fanden sie den blutigen Krper des Italieners von fnf
Dolchstichen durchbohrt40. - -
    Es war spt in der Nacht, als Welland mit den wiedergefundenen Freuden das
Haus des Ermordeten verlie, nachdem alle Bemhungen zu dessen Rettung sich
vergeblich gezeigt hatten.

    Wenn man von der Perastrae am russischen Gesandtschaftshotel vorber den
Weg nach Tophana zur Moschee Kilidsch-Ali-Pascha und zur Kanonengieerei
treppenartig hinuntersteigt, findet man rechts nach den belebten Theilen von
Galata hin eine Menge wirrer einsamer Quergchen, deren Aussehen schon
keineswegs sehr viel Sicherheit verspricht.
    Hier befindet sich der berchtigtste Schlupfwinkel aller Ruber und Mrder
von ganz Constantinopel, das Malthesergchen, das Hauptquartier des Auswurfs
aller Nationen, der hier ungestrt und sicher sein Wesen treibt; denn nach
Dunkelwerden wagt sich kein ehrlicher Mensch mehr in diese Umgebung und die
trkische Polizei hlt hchstens ein Mal, wenn der Gesandte einer groen Macht
wegen vorgefallener Rubereien oder Mordthaten an Unterthanen derselben Lrm
erhebt, eine Razzia, die gewhnlich zu Nichts fhrt, als da ein oder der andere
gewhnlich unschuldige Vagabond aufgegriffen und einen Kopf krzer gemacht wird.
    Zur Zeit unserer Erzhlung war die Unsicherheit in Constantinopel auffallend
im Wachsen, was offenbar mit dem Zusammenstrmen der Ausgestoenen aus allen
Himmelsgegenden zusammenhing, die bei den Kriegsereignissen entweder eine
Beschftigung oder eine Gelegenheit zu Raub und Plnderung zu finden hofften.
Die Kathegorieen, in die sich diese Gesellschaft verzweifelter Menschen theilte,
waren natrlich sehr zahlreich. Von den Fhrern und Propagandisten der
Revolutionen in Frankreich, Italien, Ungarn, Deutschland und Polen, von den
Offizieren der Schlachtfelder von Novara, Wien, Waghusel und Schburg, die
ehrlichen Dienst im trkischen Heer suchten oder die Zwecke der revolutionairen
Propaganda verfolgten, bis zum malthesischen Banditen und dem tunesischen Ruber
herab, der um Para's einen Dolchsto giebt und um wenige Piaster ein
Menschenleben mordet. Welche furchtbaren Scenen in diesen Spelunken der Schande
und des Verbrechens mit einander wechseln, wrde selbst die Feder des Autors der
Mysterien von Paris nicht gengend zu schildern vermgen, da der Orient in den
Typen des rohen Verbrechens weit ber die Metropole der Civilisation hervorragt.
    In einen leichten Mantel gehllt, schritt eine mittelgroe schlanke
Mnnergestalt in den Eingang der verrufenen Gasse; etwa dreiig Schritt hinter
ihr folgten zwei Kakschi's, krftige Gestalten, die Faust am Kolben der
Pistolen, den Handjar im Grtel. Der kecke Fremde war noch keine drei Huser
weit in der Gasse vorgeschritten, als rechts und links zwei Mnner auf ihn
lossprangen und ihn an den Armen faten. Blanke Messer blitzten im Sternenlicht,
rauhbrtige wilde Gesichter starrten ihn grimmig an.
    Dein Geld her, Bursche, oder wir machen Dich kalt!
    Es ist ein Trke, sagte prfend der Zweite. Soll ich ihn zwischen die
Rippen stoen, Stephano?
    Der Fremde wickelte, ohne ein Zeichen von Furcht, unbefangen die Hand aus
den Falten des Mantels.
    Mashallah - nicht so laut, Freunde, meine Begleiter da hinten mchten Euch
hren und unrecht verstehen. Die Teufelskerle schneiden einen Kopf ab, ehe Ihr
sagen knnt: Kale espera!41 Auch liebe ich's gern, da man mir drei Schritt vom
Leibe bleibt, die Kleinigkeit da ist nicht angenehm in zu groer Nhe.
    Unter dem Mantel hervor blitzte ein sechslufiger Revolver; zugleich nahten
die Schritte der beiden trkischen Diener und das Waffen-Arsenal in ihren
Grteln klang verdchtig zusammen. Verdutzt und mit einer Art von Respect fuhren
die beiden Ruber zurck in das Dunkel der Huserschatten.
    Ah bon, so lieb' ich's, sagte der kleine Moslem; das ist eine respectable
Entfernung. Aber lauft nicht fort, Kerls, ich habe mit Euch zu reden und Ihr
sollt Euer Goldstck diesmal ehrlicher verdienen, als gewhnlich. Wo ist die
Pension des Griechen Palurgos?
    Wir wissen nicht, wer Ihr seid, sagte nach einer Pause die rauhe Stimme
eines der Banditen, und ob man Euch ohne Verrath zu begehen, antworten darf.
Gebt erst ein Loosungszeichen.
    Bestia! - wenn ich einer Deiner Collegen wre, wrde ich nicht so lange mit
Dir die Zeit vertrdeln! Kennt Ihr einen Signor Tomaso, den Magyaren?
    Gewi!
    Wohl! den mu ich sprechen, ich habe Geschfte fr ihn, und wenn ich ihn
recht kenne, wird er's Euch schwerlich danken, da Ihr mich unntz hier
aufhaltet. Bismillah! macht, voran oder ich suche den Weg allein.
    Die beiden Griechen krauten sich verlegen in den Haaren - das moralische
Uebergewicht des Fremden hatte sie besiegt.
    Nun wohl, Effendi, auf Eine Gefahr!
    Sie gingen vor ihm her eine kurze Strecke, dann bogen sie in einen der kaum
zwei Ellen breiten Durchgnge und blieben an einer Mauer stehen.
    Aber Ihr mt allein kommen, Eure Sclaven drfen nicht mit.
    Wohl. Sie bleiben hier, doch Einer von Euch bei ihnen, theils um sie vor
unntzem Angriff zu bewahren, theils als Brgschaft fr mich. Euer Lohn wird
verdoppelt werden, wenn ich unbelstigt zurckkehre.
    Die Banditen besprachen sich einige Augenblicke, dann willigte der Eine in
den Vorschlag, und der Osmanli sagte seinen beiden stummen Begleitern einige
Worte auf Arabisch, worauf er seinem Fhrer andeutete, voran zu gehen.
    Der Bandit klopfte vier Mal in eigenthmlicher Weise mit dem Griff seines
Dolches an die verschlossene Thr, worauf diese sich ffnete und Beide in den
Hof traten. Im matten Schein einer Laterne bemerkte der Fremde, da ein
griechischer Knabe die Pforte geffnet hatte und hinter ihnen sorgsam wieder
schlo, er hatte jedoch keine Zeit zu weitern Betrachtungen, denn sein Fhrer
schritt voran nach dem Hause, aus dem ein wster Lrmen ihm entgegen scholl, und
ffnete die Thr, die sofort in ein groes Gemach fhrte. Die Scene, die sich
hier den Blicken des khnen Orientalen bot, war eine Orgie der schrecklichsten
Art. Rings umher auf schmuzigen breiten Divans lag und sa eine Gesellschaft,
die wrdig gewesen wre, die Hlle auszustaffiren, Schwarze und Weie,
Renegaten, Maltheser, Griechen, Italiener, in dem buntesten reichen oder
zerlumpten Costm, Alle bewaffnet, - theils spielend mit schmuzigen Karten, das
blanke Messer gleich neben sich an den Boden geheftet, zum Angriff und zur
Vertheidigung bei entstehendem Zank, oder das Moro42 haltend, - theils trg
dahingestreckt, Kaffee oder Rakih43 und andere hitzige Getrnke schlrfend,
plaudernd, schwrend, Zoten reiend mit zwei jdischen Mdchen, dem Auswurf der
eklen Hhle. Dazwischen fuhr der griechische Wirth umher, mit Hilfe eines
grern Knabens die lrmenden Wnsche seiner Kunden befriedigend. Die einzelnen
Gruppen zu mustern, blieb dem Effendi keine Zeit, denn die meisten Inhaber des
Gemachs fuhren empor, als sie einen in europischer Weise gut gekleideten Trken
eintreten sahen, der ihnen Allen fremd war; einige Worte des Fhrers beruhigten
sie jedoch und sie setzten achtlos die unterbrochene Beschftigung fort.
    Signor Tomaso, ist er zu sprechen?
    Der Kahvedschi44 wies dienstfertig auf eine Stiege, die nach dem obern
Gemach fhrte.
    Wollen Excellenza belieben, hier hinauf zu spazieren? der General ist in
seinem Zimmer.
    Der Moslem stieg die Treppe hinauf, ffnete am Ende derselben eine Thr und
trat in das Gemach.
    Zwei Personen saen darin, in Wolken von Tabacksdampf gehllt, ein etwa
fnfzigjhriger Mann von mittelhohem Wuchs und militairischer Haltung, hufig
den ergrauenden langen Schnurrbart von ungarischer Form streichend. Den
magyarischen Thyus zeigte auch das Gesicht, die gebogene schmale Nase, die
breiten Stirnknochen und das scharfe blitzende Auge, in dem etwas Finsteres,
Herrisches lag. Der Zweite war ein jngerer Mann in eleganter franzsischer
Kleidung, mit Papieren und Briefschreiben eifrig beschftigt.
    Mon dieu - der Minister!
    Ah sieh, Herr Dechambeau, sagte Fuad - denn dieser war der Eintretende -
mit leichtem Spott zu dem aufspringenden jngern Mann, lassen Sie sich nicht
stren in Ihrer Erholung von den anstrengenden Arbeiten der Redaction. Sie haben
ja gestern einen vorzglichen Artikel im Spectateur geliefert. Ich kam blos, um
meinen Freund, den General, zu besuchen, der auch so stark beschftigt scheint,
da er fr seine alten Bekannten keine Zeit mehr brig hat. Wenigstens ist er
seit lnger als einem Monat nicht bei mir gewesen, und ich kann doch nicht
glauben, da meine gegenwrtige Entfernung aus dem Divan die Ursache sein
sollte.
    Der Militair hatte sich erhoben und dem Ankommenden die Hand gereicht. Das
wissen Sie besser, Hoheit45. Sie haben mich damals in der Walachei vom Strick
gerettet, der mir sicher bei den Oesterreichern geworden wre, und dergleichen
vergit man ohne Noth nicht, wenn man auch Revolutionair von Profession ist. Ich
htte jedoch sicher morgen oder bermorgen Ihnen meinen Besuch gemacht, da ich,
aufrichtig gestanden, Ihres Einflusses fr einige Anstellungen von Schtzlingen
in der Donau-Armee bedarf.
    Er steht Ihnen zu Diensten, General, sagte der frhere Minister hflich.
Sie wissen, wir mssen nur die Form wahren, da wir in der Flchtlingsfrage
gegen den wiener Hof Verpflichtungen eingegangen sind und uns trotz der
englischen und franzsischen Zusicherungen Oesterreich nicht auf den Hals laden
mgen. Uebrigens komme auch ich nicht ohne Absicht in diese abscheuliche
Mrdergrube, wohin Sie sich einmal incognito einquartiert haben. Ich - - sagte
er mit einem leichten Zgern, bedarf Ihrer Hilfe zu einem geheimen und
schleunigen Dienst.
    Geniren Sie sich nicht, Hoheit - Herr Dechambeau ist mit meinen
Angelegenheiten vollkommen vertraut.
    Also zur Sache, sagte der Moslem, der sich auf den Divan niedergelassen.
Sie haben wahrscheinlich schon gehrt, da gestern im Divan der Aufschub der
Feindseligkeiten beschlossen worden ist. Der Befehl dazu wird sptestens morgen
frh nach Schumla und Rustschuk abgehen.
    Der General sah ihn aufmerksam und fragend an.
    Der Tatar mit dem Ferman darf nicht ankommen, mindestens nicht vor dem 25.
Der Sirdar hat seine Instruktionen und die Erffnung der Feindseligkeiten darf
unter keinen Umstnden verhindert werden.
    Ich verstehe, aber wie soll ich das hindern?
    Sie haben geeignete Leute genug zur Disposition. Einer oder Zwei mssen den
Tataren aufhalten und ihm Ferman und Pa mit Gewalt abnehmen. Inshallah, was
kommt es auf so ein Thier an, wo so viel auf dem Spiel steht! Hier ist Gold,
fnfzig Ghazi's46 fr den Mann; eben so viel erhlt er, wenn er den Ferman
bringt.
    Aber wird die Sache nicht vieles Aufsehen machen?
    Die Ordre soll auch keinesweges unterschlagen werden, schon um der
Einmischung der Gesandten willen nicht, sie soll nur zu spt kommen. Am zweiten
Morgen sendet man dann einen andern vertrauten Boten mit Ferman und Pa in
Stelle des Beseitigten ab. Haben Sie die passenden Mnner zur Stelle? - ich
werde sie in meinem Boot noch diese Nacht bis Ktschk-Tschekmedgeh bringen
lassen, wo die beiden Straen nach Adrianopel sich theilen, damit wir keine
Vorsicht versumen. Dort mssen die Leute sich in Hinterhalt legen und warten;
ich denke, der Bote wird erst zwei Stunden nach Sonnenaufgang vorber kommen,
doch mu man auf der Wacht sein, unsere Gegner sind thtig und schlau und werden
sicher einen zuverlssigen entschlossenen Mann senden.
    Der General sann nach. - Ich wte im Augenblick kaum, wem ich als
zuverlssig den Auftrag anvertrauen knnte!
    Der Journalist, der bisher schweigend zugehrt, wandte sich zu ihm. - Sta
Lucia, sagte er, er weicht nie von seiner Aufgabe.
    Ja, aber Sie wissen - -
    Ein Lrmen im untern Gemach unterbrach ihn. Die Treppe herauf strmte ein
schwerer Mnnertritt, und ehe weiter ein Wort gesprochen, stand der Ebengenannte
in der Thr. Er schien erhitzt, athemlos von einem raschen Lauf, seine Kleidung
war in Unordnung und wie Hnde und Gesicht mit Blut bespritzt.
    Was ist geschehen?
    Der Bandit trat langsam bis zu dem Tisch vor und stie mit gewaltiger Kraft
den Dolch, den er in der Faust hielt, dicht vor dem General in die Platte, da
die breite Klinge fast zwei Zoll tief in das Holz fuhr. - Der Schuft wird den
9. November47 nicht mehr sehen! Ich wollte zwar warten bis zum Jahrestage seines
Verraths, aber die Gelegenheit war heute gnstig. Doch mu ich mit Hassan dem
Arnauten fr einige Tage fort, General, man hat uns dabei berrascht und die
trkischen Hunde waren hart auf meinen Fersen.
    Ein Verrther verdient den Tod, sagte der General ernst, und Dieser war
ein doppelter, der sein Spiel lange genug mit uns getrieben. - Es trifft sich
glcklich, da ich Euch sogleich entfernen kann. Der Gefhrte dieses Mannes
kann, wenn es Euch genehm, Effendi, sogar den Courierritt nach Schumla machen.
Er diente frher als Tatar bei der englischen Gesandtschaft und mute gewisser
Vorgnge wegen verschwinden.
    Der Minister, der mit Interesse den Banditen betrachtet hatte, nickte
zustimmend, und nachdem Hassan in das obere Gemach gerufen war, wurde der
Auftrag den Beiden kurz auseinander gesetzt. Der Kak des Effendi mit den vier
Ruderern sollte sie sofort um die Spitze des Schlosses der sieben Thrme bringen
bis in die Bucht von Ktschk-Tschekmedgeh, an deren Ufer die Strae nach
Adrianopel vorberluft. Am Nachmittag, zu einer bestimmten Stunde, sollte der
Effendi oder ein Vertrauter mit dem nthigen Gelde an dem Ufer des Lykus vor dem
Thore von Adrianopel (Edrene-Kapussi) auf den Boten harren, der Nachricht ber
den Erfolg des Unternehmens und womglich den Ferman zurckbringen wrde.
    Die Verhandlungen waren rasch geschlossen, und nachdem die Banditen das
Aufgeld in Empfang genommen, verlieen sie mit dem Minister zugleich die
Spelunke und eilten zu dem harrenden Kak. Derselbe setzte seinen Herrn in der
Nhe des Serails in Stambul an's Land, um sein Haus in der Stadt zu erreichen,
und dann, von acht krftigen Armen getrieben, seinen Weg entlang der Seeseite
fort. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es mochte gegen vier Uhr Morgens sein, als der Teppichvorhang vor der Thr
des innern Schlafgemachs des Groherrn ein Geringes zurckgeschlagen wurde und
das schne Haupt der Odaliske Mariam in der Oeffnung erschien. Ihr Auge schaute
forschend umher, von den beiden Verschnittenen, welche, den entblten Handjar
in der Faust, auf der Schwelle des Gemachs schliefen, nach dem Divan gegenber,
auf dem es Nursdih ruhend erblickte. Ein leiser Ruf erweckte dieselbe und
brachte sie vorsichtig herbei. Die Herrin reichte ihr ein in einen seidenen
Beutel gehlltes Papier und eine Brse mit Gold.
    Jussuf, Dein Bruder, mge sofort den Fu in den Bgel setzen und nicht
ruhen, bis er dies in die Hnde des Sirdars gelegt hat. Der Bujurulteh48 ist
unnthig, seine Erlangung wrde nur die Abreise verzgern und gefhrlich machen;
in dem Beutel ist Gold genug, um berall Pferde zu kaufen. Geh' und - der Gott,
zu dem wir Alle beten, begleite Dich und ihn!
    Der Vorhang fiel zurck. - - - - - - - - -
    Da, wo unfern der ersten tiefen Buchtung des Marmorameers in das sdliche
Ufer der rumelischen Landspitze, auf welcher Constantinopel liegt, - etwa zwei
Stunden von den Thoren der Stadt, die Strae nach Adrianopel sich in zwei
Richtungen, in die ber Silivria und Burgaz, und in jene ber Tschataldscha und
Wisa, theilt, - windet sich der Weg zwischen einem Felsufer hin, dessen Ausgang
ein Gebsch von Feigen und wilden Myrrthen umgiebt. Hier hatten sich seit etwa
einer Stunde die beiden Banditen in Hinterhalt gelebt, ihr Opfer erst im Laufe
des Vormittags erwartend, als pltzlich der nahende Galopp eines Pferdes sie
aufmerksam machte.
    Diavolo! sagte der Corse; ob das am Ende gar schon unser Vogel ist? Leg'
Dich quer in den Weg, Hassan, so mu er einen Augenblick halten, und wir knnen
uns wenigstens der Sache versichern.
    Jawasch49! antwortete der Arnaut, indem er die Waffen in seinem Grtel zur
Hand rckte. Ich bin nicht umsonst Tatar gewesen und kenne einen Kameraden.
Damit legte er sich mitten auf die Strae, whrend sein Gefhrte sich in die
Schatten des Gebsches verbarg.
    Einige Augenblicke darauf erklang der Hufschlag nher und der Reiter ritt in
den Hohlweg ein.
    Hassan fing an, jmmerlich zu sthnen. Im nchsten Moment sprengte der
Reiter heran: es war Jussuf, der Bote Mariam's und des Padischah's.
    Gieb Raum da, da ich vorber kann.
    Aman! Aman! Allah sendet Euch mir zum Beistand, Effendi! Steigt ab und
helft mir, ich bin ein armer Mann, der vom Pferde gefallen ist und das Bein
gebrochen hat.
    Inshallah, ich habe keine Zeit. Des Bluttrinkers Zorn sitzt hinter mir,
wenn ich nicht eile! Mach' Dich zur Seite!
    So seid Ihr ein Bote des Padischah?
    Ich bin sein Tatar! Fort, oder auf Dein Haupt komme es! Der Mohr gab dem
Pferde die Sporen und es setzte zum Sprunge an. Im Nu war der Bandit auf den
Beinen und griff ihm in die Zgel, zugleich knallte aus dem Gebsch ein
Pistolenschu und Jussuf wankte im Sattel.
    Pesevenk50!
    Er strzte schwerfllig zu Boden; whrend Hassan das Pferd bndigte, warf
sich der Corse ber den Blutenden und begann ihn zu durchsuchen. Um den Hals
gebunden, fand er den seidenen Beutel mit dem wichtigen Dokument, im Grtel des
Tataren die schwere Geldbrse. Der Verwundete versuchte vergebens, das
anvertraute Dokument zu vertheidigen, whrend seine groen Augen in Schmerz und
Verzweiflung auf den Mrder rollten.
    Lat mir den Beutel, es ist ein Brief des Groherrn und ntzt Euch Nichts!
sthnte er.
    Sta Lucia lachte. - Das kannst Du nicht wissen, mein junger Rabe! Eben um
den Brief war's uns zu thun. Und nun zum Teufel, wo ist Dein Bujurulteh?
    Der Mohr deutete verneinend an, da er keinen besitze, dann aber wurde er
von dem Blutverlust ohnmchtig. Die Kugel hatte ihn in die linke Seite
getroffen.
    Wir haben, was wir brauchen, sagte der Corse zu seinem Gefhrten, und
mehr als das. Was thun wir mit dem Burschen da?
    Schneid' ihm die Kehle durch und la ihn liegen.
    Nein, das geht nicht, man wrde ihn finden und das knnte unsere Sache
stren. Hilf ihn mir auf's Pferd laden, der schwarze Halunke hat vollkommen
genug und wir wollen ihn in die Schlucht am Meer werfen, an der wir
vorbeigekommen. Dort liegt er ungestrt, bis ihn sein und Dein Prophet erwecken
mag.
    Beide legten Hand an und ber den Sattel geworfen, fhrten sie den leblosen
Krper eine Strecke in's Land mit sich fort. Erst am Rande der Schlucht, als Sta
Lucia ihn in seine nervigen Arme fate, schien dem Unglcklichen noch ein Mal
das Bewutsein wiederzukehren und seine Augen blitzten finster und drohend den
Mrder an, whrend die Hand sich auf die Wunde prete. Ein krftiger Schwung -
und hinunter flog der Krper ber die Klippen und Beide hrten seinen Fall in's
Wasser.
    Sta Lucia schwang das verhngnivolle Papier hoch in der Hand. Hundert
Ghazi's gewonnen, Kamerad, auer diesem Beutel und dem Pferd! Bei allen Teufeln,
das war keine schlechte Morgenarbeit. Fort nach Stambul! - - - - - - -
    Am 23. October wurde gegen russische Kriegsfahrzeuge, welche die Donau
hinauffuhren, von der trkischen Festung Isakscha unterhalb der Pruthmndung das
erste Feuer erffnet. Die Russen erzwangen mit starkem Verlust die Passage.
    Am 25. ging auf Befehl des Sirdars ein trkisches Corps bei Widdin ber die
Donau und setzte sich in Kalafat fest.
    Zu spt traf der Ferman des Padischah am 27. im Hauptquartier ein: der Krieg
hatte begonnen!

                          (Schlu des ersten Theils.)

                                    Funoten


1 Die schnste Moschee Constantinopels, im uern Anblick selbst groartiger und
symmetrischer als die Sophia, 1550-56 von dem Baumeister Sinan erbaut.

2 Zum Verkauf auf dem Sclavenmarkt kommen jetzt nur noch, und auch diese nicht
ffentlich, die schwarzen Sclavinnen. Der Preis fr dieselben wechselt von
1000-6000 Piastern (10-60 Napoleond'ors). Die weien Sclavinnen, die von den
Sclavenhndlern in Circassien und Georgien oft noch als Kinder von den Eltern
gekauft werden, haben gewhnlich schon ihre Bestimmung, ehe sie Constantinopel
erreichen, und werden je nach ihrer Schnheit um ihren buhlerischen Talenten oft
mit 100,000-120,000 Piastern (1000-1200 Napoleond'ors) bezahlt. Sie werden immer
noch in groer Zahl nach Constantinopel gebracht, und da Ruland im Jahre 1842
diesen Menschenhandel aus jenen Lndern verbot und die trkischen Schiffe streng
controllirte, wurde der Transport von Trapezunt aus gewhnlich durch englische
Dampfer vermittelt. England verfolgt bekanntlich aus anderen Meeren den
Sclavenhandel.

3 Z.B. Chosrew Pascha. Selbst Mehemed Ali Pascha, der Schwager des Sultans, war
ein circassischer Sclave.

4 Der Theil des Hauses, in dem die Frauen wohnen; Selamlik: die Wohnung der
Mnner.

5 Diesen Namen fhren die nachbeschriebenen greren Zimmer in den trkischen
Wohnungen.

6 Alem Penah, einer der Titel des Groherrn.

7 Schande, Schande!

8 Moskow, ein Moskowite, Russe.

9 Den 24. October.

10 Zil Allah. Titel des Sultans.

11 Das Oberhaupt der weien Verschnittenen und der Major Domo des Palastes.

12 Die Welt.

13 Trkischer Courier.

14 Was giebt es?

15 Der Titel Effendi wird selbst Frauen gegeben.

16 Der Secretair des Sultans.

17 Der oberste Geistliche und Richter.

18 Titel des Groveziers. Mustapha gehrte zur Friedenspartei.

19 Tnzerinnen.

20 Sibirien, woher die schnsten Amethyste kommen.

21 Gesandter.

22 Pagen des Sultans.

23 Der Zweite unter den schwarzen Verschnittenen. Kislar-Aga, das Haupt
derselben, einer der einflureichsten Posten.

24 Er ist am 23. April 1823 geboren.

25 Diese werden im Orient jetzt trotz des theuren Preises sehr viel getragen.

26 Der trkische Gru.

27 2. Juli 1839.

28 Ihr seid willkommen.

29 Mhrchenerzhlerin.

30 Die Ceremonieen der Ueberreichung, des Kaffee's in den vornehmen Husern auch
bei den Besuchen sind so charakteristisch, da eine kurze Beschreibung nicht
uninteressant sein wird. Nach dem Befehl Cave Smarla erscheint der Kafidschi -
der Kaffeebereiter - im Untertheil des Zimmers, an der Stufe, auf beiden flachen
Hnden in der Hhe der Brust ein schmales Prsentirblech haltend, worauf die von
einer reichen Decke ganz verhllten kleinen Kaffeekannen und Tassen stehen.
Sofort drngen sich die Diener um ihn, die verhllende Decke wird abgenommen und
dem Kafidschi ber Kopf und Schulter gelegt. Wenn jeder Diener - fr jeden Gast
ein besonderer - mit seinen Tassen in Ordnung ist, drehen sie sich zugleich um
und gehen langsamen Schrittes auf die verschiedenen Gste zu. Die kleinen, kaum
wie ein halbes Ei groen Tassen (Flindschan) stehen in silbernen Untertassen
(Zarf) von derselben Form, wie die Obertassen, nur am Boden etwas weiter; sie
bestehen aus durchbrochener Silberarbeit oder Filigrn, auch aus Gold mit
Edelsteinen oder aus seinem Porzellan. Die Diener tragen sie zwischen den
Fingerspitzen und dem Daumen mit leicht gebogenem Arme vor sich her. Sind sie
nahe an die Gste hingetreten, so machen sie eine Sekunde Halt, strecken die
Arme aus und bringen die Tassen mit einer Art leichten Schwunges in die Mundnhe
der Gste, welche so dieselben hinnehmen knnen, ohne Gefahr zu laufen, den
Inhalt zu vergieen oder die Hand des Domestiken zu berhren. So klein und
zerbrechlich auch diese Tassen zu sein scheinen, werden sie doch niemals
verschttet oder zerbrochen. Die Diener gleiten mit so leisen aalgleichen
Bewegungen dahin, da man beim Kaffeeprsentiren, ob gleich lange Pfeifen und
die gewundenen Rhren der Nargileh's den Boden bedecken, niemals einen Unfall
sieht; und dennoch ist die Schwierigkeit noch durch das Rckwrtsgehen vermehrt,
weil die Diener den Gsten immer das Antlitz zukehren mssen. Dem Sultan wird
Alles knieend dargeboten. Wenn Her Kaffee berreicht ist, ziehen sich die Diener
nach dem untern Theil des Gemachs zurck, wo sie mit gekreuzten Armen stehen
bleiben und jeder die Tasse, die er prsentirt hat, beobachtet, bis er sie
wieder zurcknehmen kann. Alsdann hlt, damit nicht die Finger des Dieners
berhrt werden, der Gast die Tasse in der Unterschaale vor sich, der Diener hlt
eine offene Hand darunter, legt dann die andere aus den Rand der Tasse, der Gast
lt los und der Diener zieht sich rckwrts zurck.

31 Schande! Schande!

32 Titel des Sultans.

33 Die erste Frau.

34 Jammer! Jammer!

35 Gott sende ihnen Unglck.

36 General Du-Hamel und Herr von Kotzebne.

37 Das russische Besatzungscorps wurde damals vom General-Adjutanten General
Lders commandirt.

38 Ein Titel, etwa wie Geheimer Rath. Omer erhielt ihn nach seiner Unterdrckung
des Aufstandes im Libanon.

39 Campo santo, Begrbniplatz.

40 Der Mord Paduani's ist historisch, wie - wir wiederholen es - fast alle
Scenen dieses Romans wenigstens ihre historische Basis haben.

41 Neugriechisch: Guten Abend!

42 Das bekannte italienische Fingerspiel.

43 Branntwein.

44 Kaffewirth.

45 Titel, den man hflicher Weise den Pascha's giebt.

46 Trkische Goldmnze, etwa 11/2 Thaler.

47 An diesem Tage wurde an Robert Blum das Urtheil des Kriegsgerichts in der
Brigittenau vollstreckt.

48 Trkischer Pa, offene Ordre fr die Stationen, Pferde zu stellen.

49 So geschehe es.

50 Schurke.


                                 Zweiter Theil:

                            Die Reveille der Vlker

                                 Ein Getreuer.

Um vier Uhr Morgens, am Donnerstag, den 13. October, donnerte eine krftige
Faust an das Thor des Konak Ismal-Pascha's, des neuen Gouverneurs von Smyrna,
und der Klopfende verlangte den Einla.
    Schlaftrunken und scheltend ber den Lrmen erhoben sich die Wache habenden
Khawassen und ffneten die Pforte, durch welche drei in Mntel gehllte Mnner
in den Hofraum schritten, der Eine das Gesicht in die Falten tief verborgen,
Alle bis an die Zhne bewaffnet.
    Weckt zur Stelle den Gouverneur, sagte einer der Fremden; Jani Katarchi
will ihn sprechen.
    Die Khawassen und Tschokadars lachten.
    Du Jani? Mashallah, seht diesen Sohn eines Schweins! Meinst Du, Du knntest
einen Moslem in den Bart lachen? Du bist ein Esel und Deine Vter waren Esel.
Wir spucken aus ihr Grab und sprechen: Delhi der! es sind Tolle.
    Jani, hhnte ein Anderer, wird sich selbst in die Hhle des Lwen
bringen? Woher kommt Ihr, da Ihr solchen Koth redet?
    Da warf der Verhllte den Mantel von sich und mit donnernder Stimme rief er:
    Ich bin Janos! - Geht!
    Zugleich legten alle Drei ihre Waffen auf das Pflaster des Hofes und standen
ernst und unbeweglich da. In die Diener des Pascha's aber kam Leben, als sie
diesen Mann sahen; der Schlaf und der Zweifel wich aus ihren Augen und sie
beeilten sich, die seltsame Kunde ihrem Herrn zu bringen. In kurzer Zeit
erschien der Kiaia-Bey1, bald darauf der Gouverneur selbst.
    Bis dahin hatte Janos auf keine der an ihn gerichteten Fragen geantwortet.
Erst als Ismal-Pascha, ein Moslem von strenger, Achtung gebietender Haltung,
erschien, fate er die Hand eines seiner Begleiter und ging mit diesem auf den
Pascha zu.
    Du hast diesem Manne versprochen, den jungen Griechen, der von Dardanelli
aus auf Verlangen des Inglis-Consul in Deine Haft gebracht worden, freizugeben
und unbelstigt ziehen zu lassen, wenn Janos, der Kameeltreiber, in Deine Hand
gegeben wrde. Wohl! Ich bin Janos und stelle mich selbst. An Dir ist es, Dein
Wort zu halten.
    Der Pascha strich sich den dunklen Bart, indem er aufmerksam den so eifrig
von ihm Verfolgten anschaute. Dann sagte er ruhig: Khosch dscheldin! - Ihr seid
willkommen! - Dschidelim! La uns gehen! und damit wandte er sich nach der Thr
des Selamlik und schritt voran, gefolgt von Janos und seinen beiden Gefhrten.
    In der groen Halle des Konak, die zugleich zu den Gerichtssitzungen dient,
nahm der Pascha Platz auf dem Divan und lud die Fremden ein, ein Gleiches zu
thun, indem er sie fortwhrend als seine Gste behandelte. Auf seinen Befehl
erschien alsbald der Divan-Effendi2 und setzte eine Schrift auf, des Inhalts:
Nachdem Janos, genannt Katarchi, Ruber und Wegelagerer im Gebiet des Paschalik
von Smyrna, Seiner Hoheit dem Gouverneur Ismal-Pascha seinen Leib zur freien
Verfgung angeboten, wenn der in Haft Seiner Hoheit wegen Theilnahme an
ruberischem Ueberfall und Brandstiftung befindliche Gregor Caraiskakis jeder
Strafe frei und ledig entlassen werde, hat Seine Hoheit der Pascha diesen
Vorschlag angenommen und ist darber dieser Vertrag geschrieben und
unterzeichnet worden.
    Der Ruber nickte, als die Schrift verlesen wurde, dann nahm er die von dem
Schreiber ihm gebotene Feder und malte in rohen Zgen zwei sich kreuzende Messer
darunter, als sein Zeichen, wobei er eine Abschrift verlangte, die der
Gouverneur gleichfalls unterschrieb.
    Von diesem Augenblicke an war Janos nach trkischer Sitte fr drei Tage ein
Gast in dem Konak des Pascha. Man brachte ihm alsbald Tschibuk und Kaffee und
der Gouverneur unterhielt sich lange mit ihm ber seine Thaten und die Mittel
und Wege, auf welchen er bisher allen Nachforschungen entgangen war. Der Ruber
erzhlte offenherzig und mit einem gewissen Stolz seine Handlungen, htete sich
jedoch sorgfltig, Namen zu nennen, durch welche seine Anhnger in der Stadt
kompromittirt werden konnten. Er bat den Pascha, den Gefangenen Caraiskakis bis
zur Beendigung seines eigenen Prozesses in Unwissenheit ber das Geschehene und
in Haft zu lassen, und im Fall im Laufe des Tages ein Knabe sich zeigen und nach
ihm verlangen solle, auch auf diesen die Gastfreundschaft auszudehnen. -
    Wie ein Lauffeuer durcheilte am Morgen die Kunde von der That des berhmten
Rubers die Stadt. Das Volk sammelte sich vor dem Thor des Konaks, und eine
Menge der vornehmsten und reichsten Griechen Smyrna's besuchten ungescheut ihren
Helden in seinem Asyl, jammerten ber seinen Entschlu und hielten lange
Unterredungen mit ihm. Janos bewegte sich unterm Schutz der trkischen Sitte
unbehindert in dem Umkreis des Konaks und jeder seiner Wnsche wurde gleich
einem Befehl erfllt. Mehrmals lie ihn der Pascha zu sich kommen, um ihn den
neugierig zum Besuch eingetroffenen fremden Consuln zu zeigen, und Alle
unterhielten sich voll Theilnahme mit ihm. Im Laufe des Tages hatte sich auch
der Knabe Mauro eingefunden und bediente fortan seinen Herrn und Oheim.
    Es ist ein eigenthmlicher Zug im orientalischen Leben, da trotz des
wthenden Nationalhasses zwischen Trken und Griechen Beide heilig auf ein unter
gewissen Bedingungen gegebenes Wort bauen. Ismal-Pascha mute die freiwillige
Ueberlieferung des berchtigten Bandenfhrers um so willkommener sein, als er
sonst wenig Aussicht hatte, seiner habhaft zu werden. Denn obschon er weit
energischer als seine Vorgnger im Amte auftrat und es seinen Maaregeln auch
bereits gelungen war, einen Theil der Bande des Janos von den Khawassen
berraschen und niedermetzeln zu lassen, so zog sich doch ein weit drohenderes
Ungewitter in der politischen Frbung zusammen, welche jetzt diese Banden
anzunehmen begannen. In Smyrna, Sardes und Ephesus organisirten sie offen den
Aufstand und suchten die Unzufriedenen an sich zu ziehen und die griechische
Bevlkerung zur Erhebung der Waffen aufzureizen. Janos galt zugleich als der
verwegenste und gefhrlichste Fhrer, und es war den Trken sehr wohl bekannt,
da gerade zu ihm die griechische Bevlkerung, als zu dem geeignetsten Leiter
einer Emprung, aufsah.
    Da, zu Anfang October, wurde pltzlich auf einem Dampfer der in Dardanelli
an seiner Wunde krank gelegene Caraiskakis in Fesseln an den Gouverneur von
Smyrna abgeliefert, indem den eben Genesenen mitten in seinen Nachforschungen
nach der entflohenen Schwester und deren Verfhrer der dortige englische Consul
durch die trkischen Behrden hatte verhaften lassen. Der Vice-Consul von Smyrna
hatte - offenbar auf Veranlassung des Baronets, um ihn an der Verfolgung
desselben zu hindern, - eine Klage gegen ihn auf Theilnahme an dem ruberischen
Ueberfall und dem Niederbrennen seines Landhauses erhoben.
    Der Banditen-Chef schien seine Spione selbst im Konak des Pascha's zu haben,
denn alsbald hatte er erfahren, da der Sohn seines alten Herrn in dem
trkischen Gefngni lag und wahrscheinlich verurtheilt und in's Bagno nach
Rhodus gebracht werden wrde. Zwei Tage vor dem seltsamen Ereigni, das jetzt
alle Zungen von Smyrna in Bewegung setzte, war daher ein Fremder im Konak des
Pascha's erschienen und hatte diesem das Anerbieten der Selbstauslieferung des
Rubers gemacht. Wir haben den Fortgang der Verhandlungen gesehen.
    Am zweiten Tage, als Janos nochmals zum Gouverneur gerufen worden, machte
dieser ihm den Vorschlag, als Renegat in seinen Dienst zu treten und das Amt
eines Khawa-Baschi zu bernehmen, ein Posten, der - wie man in Frankreich und
selbst in deutschen Lndern die Spitzbuben, Revolutionaire und sonstige
anrchige Personen schon oft mit Erfolg zu Polizeibeamten gemacht hat - in der
Trkei sehr hufig das Ende einer Ruberlaufbahn ist. Aber Janos verweigerte
trotz aller Vorstellungen des ihm sonst drohenden Schicksals standhaft die
Annahme des Vorschlags.
    So verging auch der dritte Tag unter den Vorbereitungen, die der Pascha zu
dem Gericht ber den Ruber treffen lie.
    Am Nachmittag hielt Janos noch eine lngere Unterredung mit mehreren
angesehenen Griechen aus Smyrna und schien an diese seine Verfgungen getroffen
zu haben. Als die Sonne im Westen in den prachtvollen Golf von Vurla verschwand
und ihre letzten rothen Strahlen den Pagus frbten, traten die Khawassen des
Pascha's zu Janos und seinen zwei Gefhrten, die sein Schicksal theilen wollten,
und legten ihnen schwere Fesseln an. Die drei Sonnen der Gastfreundschaft waren
vorber, die nchste sollte ber dem Gericht aufgehen. Zugleich ffnete sich das
Gefngni des Konaks, die noch von dem schweren Krankenlager erschlaffte Gestalt
Gregor's wurde herausgefhrt und der Kiaia-Bey verkndete ihm seine Freilassung
mit dem Bedeuten, da er Smyrna sptestens am morgenden Tage zu verlassen habe.
    Das Wiedersehen des Hellenen mit dem gefesselten Freunde seiner Kindheit war
ergreifend. Er ahnte Nichts von dem heldenmthigen Opfer des Rubers und glaubte
ihn auf einem seiner Streifzge von den Leuten des Gouverneurs gefangen, und mit
keinem Laut verrieth der Bandit sein Geheimni. Gregor warf sich - unbekmmert
um das blutige Handwerk des Mannes - wie ein Freund in seine Arme und beklagte,
des eigenen vergessend, sein Schicksal. Auf den ausdrcklichen Wunsch des
Rubers hatte Ismal-Pascha gestattet, da der Freigelassene bis zur
herannahenden Katastrophe in seiner Gesellschaft bleiben durfte, und Beide
verbrachten die Nacht mit dem Knaben Mauro allein in der Zelle des Gefangenen.
    Hier erst hrte Janos mit stummem Grimm die neue Entfhrung des Mdchens,
das Duell des Griechen mit Sir Maubridge und die Quelle seiner Verhaftung. Aus
seinem Munde dagegen erfuhr Caraiskakis, da bereits am andern Morgen, noch ehe
er selbst Smyrna verlassen werde, das Schicksal des Klephten3 entschieden sein
wrde. Janos tuschte sich keinen Moment ber dasselbe und alle seine Worte
hatten das ernste Geprge des letzten Vermchtnisses an einen Freund vor dem
schweren Gange zur Ewigkeit.
    Seine Rede, der der Mann und der Knabe aufmerksam whrend der Nacht
lauschten, athmete in jedem Laut den tiefen Ha des griechischen Volkes gegen
seine Unterdrcker und Tyrannen. Sie mahnte Gregor an den Heldentod des Vaters,
an die theuren Gelbde, die er der Befreiung seines Volkes und seines Glaubens
beim Eintritt in den Bund der Elpis geschworen, und Mann und Knabe wiederholten
das Gelbni eines nur mit dem Leben endenden Hasses und Kampfes gegen den
Halbmond.
    Erst gegen Morgen legte sich der Palikare zum Schlaf - es sollte der letzte
sein, von dem er auf dieser Erde wieder erwachte.
    Der Khawa-Baschi - dessen Nachfolger zu werden er verschmht - weckte ihn
und fhrte ihn, begleitet von seinen beiden Genossen und Mauro, in die groe
Halle des Konaks, die fr die ffentlichen Gerichtssitzungen diente. Hier waren
bereits der Gouverneur mit seinen beiden Schreibern, sein Kiaia-Bey, der
Kadi-Askar4 Smyrna's und eine Anzahl Mollah's und Mufti's5 versammelt,
desgleichen mehrere europische Consuln und ein zahlreiches Publikum, meist
Griechen.
    Ismal-Pascha prsidirte selbst der Gerichtsverhandlung und es wurden
zahlreiche Zeugen vernommen, die sich theils selbst in der Gewalt der
Wegelagerer befunden, theils Freunde oder Verwandte mit schweren Summen
ausgelst hatten. Auch mehrere Mordthaten wurden dem Gefangenen nachgewiesen und
der englische Vice-Consul beharrte gleichfalls auf seiner Klage wegen Einbruchs
und Mordes. Das Antlitz des Rubers blieb kalt und theilnahmlos bei all den
Anklagen und sich hufenden Beweisen; er versuchte mit keinem Wort, seine Thaten
zu beschnigen, sondern beschrnkte seine Vertheidigung einzig auf die
Erklrung, da er nur gegen die Feinde seines Glaubens und seines Volkes also
gehandelt habe. Desgleichen weigerte er sich auch jetzt, die Namen seiner
Zutrger und Freunde in Smyrna zu nennen und suchte mglichst alle Schuld von
seinen beiden Gefhrten ab und auf sich zu nehmen.
    Unter diesen Umstnden konnte der Ausgang des Prozesses keinen Augenblick
zweifelhaft sein und die Verhandlung wurde nach einer Dauer von kaum zwei
Stunden geschlossen. Der Rath der Mollah's fllte das Urtheil, da Jani -
genannt Katarchi - als berwiesener Mrder und Wegelagerer die Strafe von fnf
Yataganhieben zu erleiden habe. Seine beiden Gefhrten wurden zu
lebenslnglicher schwerer Galeerenstrafe verurtheilt, und nachdem der Gouverneur
das Urtheil besttigt hatte, verkndete es ein Ausrufer von der Schwelle des
Gerichtssaales und in den Gassen der Stadt.
    In der Trkei folgt die Vollstreckung des Urtheils dessen Ausspruch
gewhnlich auf dem Fue, und von den Thauschi's und Khawassen umgeben wurde der
Verurtheilte alsbald nach seiner Zelle zurckgebracht, um sich in der kurzen
Frist, die ihm noch gegnnt war, zum Tode vorzubereiten.
    Eine rasche Vollstreckung des Urtheils hielt der Pascha um so nothwendiger,
als sich bereits whrend der Verhandlungen unter der zahlreichen griechischen
Bevlkerung Smyrna's eine groe Aufregung kund gegeben hatte, die einen
gewaltsamen Versuch zur Befreiung ihres Helden und Palikaren frchten lie. Die
Besatzung Smyrna's war zur Zeit wegen der allgemeinen Truppensendungen nach
Rumelien und zum Heer unter Selim-Pascha bei Tortum und Batum sehr schwach. Der
Gouverneur lie daher das Thor des Konaks schlieen und befahl, die Hinrichtung
im Hofe desselben vorzunehmen, whrend dergleichen sonst in den Straen der
Stadt zur ffentlichen Warnung zu geschehen pflegt. Es ist Gebrauch, die
Leichname der Gerichteten eine Zeit lang am Ort der Hinrichtung liegen zu
lassen, bis sie den Freunden oder Verwandten berlassen werden.
    Als Janos in die Zelle zurckkam, verkndete sein Auge dem harrenden
Freunde, den man wegen der Anwesenheit seines eigenen Anklgers nicht zum
Gericht zugelassen hatte, das Bevorstehende. Obschon ein eifriger Feind des
Glaubens des Propheten, hatte der Wegelagerer doch lngst jene Gleichgltigkeit
gegen das Leben angenommen, welche den Orientalen im Allgemeinen eigen ist, und
er unterwarf sich dem Tode, als dem unvermeidlichen Kismet, mit einer Ruhe und
Wrde, welche das Erhabene seiner Aufopferung noch erhhte. Er selbst beruhigte
den Tieferschtterten und sprach ihm Muth ein, indem er ihm zugleich das
Versprechen abnahm, fr den Knaben Mauro zu sorgen und ihn zu seinem Rcher zu
erziehen. Der Knabe selbst, der ohne eine Miene zu ndern, dem Gericht des
Pascha's zugehrt hatte, hielt stumm die Hand seines Oheims. Nur seine keuchende
Brust und das wild, ja mrderisch flammende Auge, wenn es sich durch die offene
Thr auf die Khawassen richtete, zeigte den Sturm leidenschaftlicher Gefhle in
seinem Innern.
    So war die Mittagsstunde heran gekommen, die bestimmte Zeit, und ein kurzer
Trommelwirbel der aufgestellten Soldatenabtheilung verkndete den Beginn der
furchtbaren Handlung.
    Beim ersten Schlag der Trommel richtete sich der Ruber, der mit Gregor zum
Gebet niedergeknieet war, in die Hhe und schlug das griechische Zeichen des
Kreuzes. Dann trat er auf den Mann zu, den er einst als Kind aus den Hnden der
Moslems gerettet und jetzt wieder von Schmach und Kerker mit dem eigenen Leben
lsen wollte.
    Gregor Caraiskakis, sagte er ernst, der dreieinige Gott mit seinen
Heiligen und den seligen Geistern derer, die fr das Kreuz gestorben, schaut auf
uns herab in dieser Stunde. Auch Dein Vater ist unter ihnen und ich hebe meine
Hand auf zu ihm und hoffe, da er Frbitte einlegen wird fr meine Snden, denn
treu und fest zum Tode habe ich meinen Schwur gehalten, sein Blut zu retten und
zu schtzen. - Ich bin alt - mein Weg ging abwrts, der Deine hinauf - der
morsche Eichbaum sinkt vor den drohenden Strmen, der krftige junge Stamm wird
ihnen trotzen. Lebe wohl, Gregor Caraiskakis, und vergi des gerechten Hasses
nimmer, so wahr Dir und mir der Gott unserer Vter barmherzig sein mge!
    Die Gewehre der Wache rasselten auf dem Pflaster, die Khawassen traten in
den Eingang der Zelle, als sich Gregor mit mnnlichen Thrnen an die Brust des
Verurtheilten warf. Auch ber dessen braune Wangen rollte das feuchte Auge zwei
Tropfen als letzten Scheidegru an das Leben, dann ri er sich krftig los.
    Sollen wir Weiber sein vor diesen Moslems in der Stunde des Todes nach
einem Leben voll Kampf und Rache? Fluch und Ha ihnen bis zum letzten Hauch! Und
Du, Knabe, der Du die Geschichte meiner Jugend mit erregtem Herzen angehrt,
wenn der Todesengel die Hand auf mich legt, gieb mir den Ruf mit hinber, dessen
Erinnerung so oft mir die Brust gehoben: Gott und die Heiligen! - Chios und
Tschesme!
    Der Knabe drckte ihm krampfig die Hand, - keine Thrne stand in dem dunkel
glhenden Antlitz des Kindes; - als Gregor's Blicke auf dieses fielen, schmte
auch er sich des Schmerzes und starr und finster nahm er die andere Hand des
Rubers, der in ihrer Mitte ruhig und stolzen Blickes hinaus schritt in den Hof.
    Wo der Trke den Henker macht, sind der Vorbereitungen wenige nthig - das
furchtbar-feierliche Geprnge, das bei uns die Akte der menschlichen
Gerechtigkeit umgiebt, ist dort gnzlich unbekannt.
    Am Fenster des Selamlik stand der Pascha, umgeben von seinen Offizieren und
ruhig seinen Schibuk rauchend. Wachen der Redifs hatten das Thor und die
Ausgnge besetzt, in der Mitte des Hofes bildeten die Khawassen und Tschauschi's
einen weiten Kreis, in dessen Innerm die beiden zur lebenslnglichen
Galeerenstrafe verurtheilten Gefhrten des khnen Rubers standen; neben ihnen,
in kurze braune Mntel gehllt, die zwei Khawassen, welche das Amt des
Nachrichters versehen sollten.
    Hierher wurde Janos gefhrt - noch ein Hndedruck und der Mann und der Knabe
muten am Eingang des Kreises zurckbleiben.
    Mit festem Schritt betrat der Klephte die Mitte, whrend die letzten
Genossen seines wilden Lebens sich trotz der Fesseln an ihren Gliedern auf ihn
strzten und seine Hnde und Kleider mit Kssen bedeckten. Die Tschauschi's
rissen sie von ihm und auf einen Wink des Khawa-Baschi knieete der Ruber, das
Zeichen des Kreuzes schlagend, auf den Boden nieder, inde einer der
Tschauschi's seine gefesselten Hnde schnell auf dem Rcken zusammen band.
    Ein letzter Blick - ein letzter Gru - streifte Gregor, den Knaben, die
treuen Genossen, die ihrem Fhrer zum Kerker gefolgt waren, und das schne Licht
der Sonne!
    Gott und die Heiligen!
    Die helle Stimme des Knaben rief es schneidend in den stillen Kreis - die
beiden Khawassen neben dem Knieenden warfen die kurdischen Mntel ab, - in ihren
Hnden blinkten die schweren Yatagans mit dem bleigrauen Glanz der chten
Klingen.
    Ein letztes Zeichen des Baschi's, die Trommel wirbelte und der Eine der
Khawassen fhrte den ersten Streich.
    Das Urtheil der fnf Yataganhiebe ist nur eine Formel, - die Henker der
Trkei sind ihres fnften Hiebes sicher. Vier Mal hob sich der Yatagan und fiel
auf den Nacken des Klephten, kaum die Haut blutig ritzend, dann sprang der
Khawa zurck und der Zweite im selben Moment herbei.
    Rache fr Chios! - Flammen von Tschesme!
    Der schrille Ruf der Knabenstimme bergellte laut den Trommelwirbel und das
Zischen des Hiebes - - weit von dem Nacken rollte das Haupt auf den Boden hin.
Krampfhaft ffnete und schlo sich der Hals, Strme von Blut ausspritzend, -
dann fiel der Leib des Gerichteten schwer vorn ber zur Erde.
    Durch den Kreis der Khawassen, der sich rasch loste, brach der Knabe Mauro
und warf sich mit wildem Geschrei auf den blutenden noch lebenswarmen Krper
seines Schtzers und Verwandten. Der khne Trotz war gebrochen, die
leidenschaftliche griechische Natur machte sich geltend in ihrer vollen
Heftigkeit, und Schrei auf Schrei durchgellte die Luft, vermischt mit wilden
Klagen und Verwnschungen gegen die Moslems.
    Neben ihm und der Leiche knieete Gregor Caraiskakis im stillen Gebet.
    Ohne sich um die Thrnen und Verwnschungen zu kmmern, nahmen die blutigen
Diener der trkischen Justiz das Haupt des Gerichteten und befestigten es auf
einer eisernen Spitze ber dem Thor. Zugleich wurden dessen Pforten geffnet und
das Volk strmte unbehindert in den Hof und zur Richtsttte.
    Der Pascha hatte sehr richtig gerechnet, die Vollziehung des Urtheils hob
jede Gefahr auf und brach die Aufregung des Pbels. Wohl erging sich derselbe in
Geschrei und bitteren Verwnschungen, inde auf solche achtet der Trke nicht;
in der Trkei herrscht unbedingte Redefreiheit, und wo der Ha und der Schmerz
Worte findet, wird er selten zur That.
    In dem Gebet an der Leiche des Getreuen strte Caraiskakis eine Hand, die
sich auf seine Schulter legte, eine Stimme sagte ihm leise:
    Im Namen und Auftrag Jani's des Palikaren soll ich Euch mit mir fhren von
dieser Sttte, die Euch Gefahr droht. Ich habe gelobt, fr Eure Sicherheit zu
sorgen.
    Als Gregor emporschaute, sah er einen alten Mann in dem fliegenden schwarzen
Gewand der Armenier vor sich. Fast willenlos gehorchte er der Aufforderung und
erhob sich. Er sah, wie ein anderer Mann den Knaben Mauro an die Hand nahm und
folgte dem Unbekannten, nachdem ihn dieser versichert hatte, da fr die
passende Beerdigung der Leiche bereits gesorgt worden.
    Sein Fhrer geleitete ihn durch die Gassen der Trkenstadt zu dem
frnkischen Quartier und hier in eines der Huser, deren Hof bis an's Ufer des
Meeres stt. Hier wurde ihm eine kurze Erholung gegnnt, und da er jede
Erfrischung von sich wies, bestiegen die Vier alsbald ein Boot, das sie zu dem
auf der Hhe des Hafens ankernden Lloyd-Dampfschiff fhrte, das binnen zwei
Stunden seine Fahrt nach Constantinopel fortsetzen sollte.
    Der Greis in armenischer Kleidung hatte fr Pa und Passagierbillet gesorgt
- Alles schien bereits vorbereitet. Auf dem Verdeck nahm der Alte die Hand des
Griechen und fhrte ihn an eine einsame Stelle des Bollwerks, von der sie
hinberschauen konnten nach der ausgedehnten Stadt.
    Ich bin Ihr Landsmann und Glaubensgenosse, Herr, sagte er, und habe dies
Gewand nur angelegt, um weniger beachtet zu werden. Mein Auftrag ist erfllt und
ich habe Ihnen jetzt nur noch wenige Worte zu sagen und Einiges zu bergeben.
Wenn auf Ihrer ferneren Laufbahn Ihr Gedanke oder Ihr Blick nach jener Stadt
zurckkehrt, dann erinnern Sie sich, da dort ein Grab ist, das fr Sie geffnet
worden. Janos, der Kameeltreiber, ist fr Sie gestorben, und diese Schrift, mit
seinem Lebensblut bespritzt und nach seinem Befehl von der Brust seiner Leiche
genommen, wird Ihnen Kunde davon geben. Janos war von uns zu hohen Dingen
bestimmt, er hat uns auf Sie verwiesen, als jnger und geeigneter fr den groen
Kampf, der sich bereitet. Wir wissen, da Sie mit Ihren Brdern der Elpis
angehren und nie im Kriege gegen unsere Unterdrcker nachlassen werden. Was
Janos besa - kein Tropfen griechischen Blutes, kein Para griechischen Geldes
klebt daran, - hatte er bei uns niedergelegt und zu einem Vermchtni fr Sie
bestimmt, auf da Sie es im Kampfe fr unsere heilige Sache und zur Verfolgung
Ihres Feindes verwenden mgen. Die Griechen der Hetrie von Smyrna haben das
Fehlende hinzugethan, und ich berliefere Ihnen hier hunderttausend Piaster in
drei Wechseln auf Constantinopel, Varna und Odessa. Mge der heilige Demetrius
Sie schtzen und segnen, Sie und diesen Knaben.
    Er reichte dem von der unerwarteten Kunde zu Boden Gedrckten die Hand,
wehrte die strmischen Fragen des Griechen zurck, ihn auf den Knaben
verweisend, und bestieg die Barke, die ihn nach Smyrna zurcktrug.

    Das war es, was Gregor Caraiskakis dem Freunde am Morgen nach der blutigen
That an Paduani erzhlte, indem er ihm zugleich das heilige Dokument seiner
Befreiung zeigte. Eine finstere, entschlossene Ruhe, ein noch strengerer Ernst,
als er schon frher stets gezeigt, schien sich ber das ganze Wesen des Griechen
gelagert zu haben, ganz gegen die Gewohnheiten seiner Nation. Nur zuweilen
funkelte sein dunkles Auge, und in dem Strahl desselben schien ein unheimlich
Leben zu kochen und zu walten.
    Gleich ihm stumm und verschlossen zeigte sich auch der Knabe, Alles
beobachtend was er hrte und sah, und fast nie von der Seite seines neuen
Schtzers weichend. Er schien bereits alle Gefhle und Neigungen des
Kindesalters von sich geworfen zu haben.
    Beide waren am Tage vorher mit dem Dampfschiff von Smyrna angekommen und
hatten in einer der hintern Straen von Pera Quartier gefunden. Gregor hatte
gehofft, in den Kaffeehusern am Campo eine Kunde von dem Doctor zu erhalten, da
er, schon verhaftet, dessen letzte Nachricht in Dardanelli nicht mehr empfangen
hatte. Auch ihn fesselte der schne Abend im trumerischen Sinnen bis zur
Mitternachtsstunde, und so war er zufllig auf dem Heimweg der Retter des
Freundes geworden.
    Mit Recht glaubte er in Constantinopel zunchst am sichersten die Spur des
Briten Maubridge und seiner Schwester erforschen zu knnen, und wollte deshalb
hier einige Zeit verweilen. Fr Welland, der eine immer innigere Zuneigung zu
dem Griechen empfand, war dies eine sehr willkommene Nachricht, und er
versprach, ihn nach Krften in seinem Forschen zu untersttzen.
    In der That gelang es ihm auch, und zwar durch Baron Oelsner, welcher
zufllig den Griechen bei ihm getroffen, schon in den nchsten Tagen zu
erfahren, da Sir Maubridge sich lngere Zeit in Constantinopel aufgehalten
hatte und dann nach Varna gegangen war, um das trkische Lager zu besuchen. Eine
Gewiheit, ob er diesen Weg allein oder in Begleitung einer Dame gemacht,
vermochten auch die reichen Hilfsquellen des Barons nicht zu ermitteln, jede
Spur von Diona schien verschwunden.
    Dagegen bemerkte Welland mit Erstaunen, da sich alsbald ein sehr vertrautes
Verhltni zwischen dem Baron und seinem Freunde entsponnen hatte. Er traf
wiederholt den Erstern in der Wohnung Gregors und Beide in eifrigem Gesprch,
das bei seinem Erscheinen abgebrochen wurde. Auch machten sie hufig Gnge, zu
welchen er nicht abgeholt wurde.
    So waren mehrere Tage vergangen, als an einem Morgen ein Brief im Welland's
Wohnung abgegeben wurde, welcher ihn, mit dem geheimnivollen Zeichen versehen,
dem er zu gehorchen sich verpflichtet hatte, aufforderte, zu einer spten Stunde
des Nachmittags an der Fontaine Mahmud's I. sich einzufinden.
    Es ist dies ein Bauwerk, das Welland seiner eigenthmlichen Schnheit und
Arabesken-Architektur wegen schon oft bewundert hatte, ein viereckiges hohes
Gebude mit plattem, aber hervorragendem und von einem Gelnder umgebenem Dach,
dessen weie Marmorwnde von eingehauenen Devisen und Sprchen aus dem Koran
bedeckt sind. Der Bau erhebt sich mitten auf dem Markt von Tophana und spendet
nach allen Seiten hin den umlagernden Menschen und Thieren kstliche
erfrischende Labung. Der Deutsche hatte erst kurze Zeit hier geharrt, als er die
hohe soldatische Gestalt des Mannes auf sich zukommen sah, den wir als Bewohner
der Herberge im Malthesergchen mit der Benennung General gefunden haben.
Beide schienen bereits Bekannte und grten sich als solche, der Arzt mit
einiger Befangenheit.
    Das ist schn, da Sie pnktlich sind, Doctor, sagte der General, nachdem
ich Sie so lange ohne Nachricht gelassen. Indessen die Zeit ist da, wo Ihre
Thtigkeit in vollen Anspruch genommen werden soll. Sie werden wissen, da ein
Courier bereits die Nachricht von dem Beginn des Angriffs an der Donau gebracht
hat.
    Ich habe gehrt davon.
    Ihr Gesuch um Anstellung beim Seraskiat ist untersttzt und ich hoffe, Sie
werden eine Stelle unmittelbar im Gefolge des Muschirs erhalten. Vorerst aber
sollen Sie uns hier einige Dienste leisten. Haben Sie Ihr Besteck bei sich?
    Der Arzt bejahte.
    So haben Sie die Gte, mich zu begleiten.
    Der General fhrte ihn nach dem Ufer und miethete dort einen vierrudrigen
Kak, der sie schnell ber den Bosporus nach der asiatischen Seite trug, und auf
Befehl des Generals an dieselbe Wassertreppe in Kandili, an welcher in der Nacht
des 21. die Khanum Omer's zu der geheimnivollen Unterredung gelandet war.
    Die Diener fhrten Beide in ein Zimmer des Erdgeschosses und brachten Kaffee
und Pfeifen; bald darauf verlie der General das Gemach und den Doctor darin
allein. Nach kurzer Zeit kam ein Diener, der Welland zu folgen bat und ihn in
ein mit europischem Luxus eingerichtetes Zimmer des obern Stockwerks fhrte.
Hier fand er den General wieder in Gesellschaft des Hausherrn, der ihn hflich
sich zu setzen einlud.
    Auf seinen Wink entfernte sich der Diener und die Drei waren allein.
    Doctor, begann nach einer kurzen Pause der General, ich habe Sie hierher
gebracht, weil der Herr hier, einer unserer Freunde, mich ersucht hat, ihm einen
zuverlssigen europischen Arzt zuzufhren, dem er bei einem traurigen Geschft
vertrauen kann. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, da Ihr Eid Ihnen
unbedingten Gehorsam auferlegt, und Sie wissen bereits, da ich einer Derer bin,
die ihn zu fordern haben. Aber ich theile Ihnen zugleich mit, da von Ihrem
Benehmen und Ihrer Willfhrigkeit Ihre Zukunft und Ihre knftige Stellung in
diesem Lande abhngen wird, die leicht Ihre khnsten Hoffnungen und Wnsche
bersteigen drfte. Die Sache, um die es sich handelt, ist jedoch ernster Natur
und - es werden starke Nerven erfordert, davor nicht kindisch zurckzubeben.
    Und was ist meine Aufgabe dabei?
    Das werden Sie spter erfahren. Vor allen Dingen handelt es sich um Ihr
Schweigen und Ihre Bereitwilligkeit.
    Das Schweigen, entgegnete Welland ernst, wre die Pflicht des Arztes,
selbst wenn ich ohnehin nicht durch meinen, Ihnen, Herr General, bekannten Eid
gebunden wre. Was meine Bereitwilligkeit betrifft, so werde ich meine Kunst
oder meine Thatkraft nie verweigern, wo es irgend mein Gewissen und meine Ehre
gestatten.
    Wir verlangen weder die Prfung Ihrer Ehre, noch Ihres Gewissens, sagte
herrisch der General, sondern einfach Ihren Gehorsam, und haben Mittel in
Hnden, denselben zu erzwingen.
    Welland richtete sich mit mnnlicher Festigkeit auf, der Hausherr selbst
aber kam dem Ausbruch eines Streites zuvor und fate beruhigend die Hand des
Offiziers.
    Ueberlassen Sie mir die Sache, sagte er vermittelnd; ich glaube, ich kann
die Angelegenheit diesem Herrn, da wir seiner einmal bedrfen, von einem
Gesichtspunkt darlegen, der sein Gewissen beruhigen wird.
    Der Doctor verbeugte sich erwartend.
    Sie drfen, fuhr der Effendi fort, die Dinge und Vorgnge, denen Sie
beizuwohnen berufen sind, natrlich nicht von dem Standpunkt der europischen
Einrichtungen und Civilisation beurtheilen. Sie befinden sich hier in der
Trkei, einem, ich gestehe es zu, noch ziemlich wilden Lande, in dem das Leben
und das Blut eines Menschen fast werthlose Dinge sind. Die Sache, um die es sich
hier handelt, ist, einen berwiesenen Verbrecher, der nach trkischen Gesetzen
unbedingt den Tod verdient, in einer hchst wichtigen, fr das Wohl und Wehe des
ganzen Staates wesentlichen Angelegenheit zum Gestndni der Helfershelfer und
der Mittel seines Verraths zu zwingen. Bis hierher, werden Sie zugeben, sind
wir, auch nach europischen Begriffen, vollkommen in unserm Recht.
    Der Arzt verneigte sich zustimmend.
    Bei Ihnen, fuhr der Moslem fort, verliert man viel unntze Zeit mit
geistigen Daumschrauben, - bei uns wendet man ein anderes Mittel an: die
wirklichen. Es existirt bei uns noch die Tortur, von der ich mir habe sagen
lassen, da sie frher bei allen christlichen Vlkern Europa's in Gebrauch war
und selbst jetzt noch von der aufgeklrtesten Nation, den Englndern, hufig in
ihren Besitzungen in Indien angewendet wird. Ich wiederhole es, bei Vlkern, die
sich noch auf einer Stufe der Cultur befinden, wie das meine, sind grausame und
blutige Strafen und Mittel nicht zu vermeiden.
    Welland schwieg - er konnte dem gewandten Unterhndler nach Allem, was er
bereits in diesem Lande erfahren hatte, nicht Unrecht geben.
    Der Dienst, den wir von Ihnen verlangen, besteht nun darin, einer solchen
nothwendig gewordenen Tortur im Nebenzimmer beizuwohnen und sie wissenschaftlich
in der Art zu berwachen, da Sie nach dem Puls der verurtheilten Person das
Stadium angeben, in dem wirklich Lebensgefahr eintritt. Ich bemerke Ihnen, da,
wenn die Person bekennt, sofort inne gehalten und ihr selbst alle weitere Strafe
geschenkt werden soll.
    Der Deutsche war bleich geworden bei dem schrecklichen, mit solcher
gleichgltigen Ruhe ihm gemachten Vorschlag. Dennoch fhlte er, da er als Arzt
und in der eigenthmlichen Stellung, in der er sich befand, schwerlich sich der
schaurigen Pflicht entziehen knne. Den blutigen grausamen Sitten des Landes
mute der Widerwille des menschlichen Gefhls sich beugen.
    Der Verbrecher ist wirklich zum Tode verurtheilt?
    Ich gebe Ihnen mein Wort und schwre es Ihnen auf den Koran, die Person mu
des begangenen Verbrechens halber sterben, das Gestndni ist ihre einzige
Rettung. Ich wnsche sie zu retten - aber - sie mu bekennen, es mu sein, und
wenn jedes Glied ihr stckweis vom Leibe geschnitten werden sollte! Der
Fanatismus des Orientalen durchbrach bei dieser Drohung den falschen Firni der
pariser Tnche, das Auge des vornehmen Mannes flammte wie das des Tigers.
Unsere eingeborenen Aerzte sind Esel und zu Nichts zu brauchen, darum wenden
wir uns an Sie, den hier und, wie ich hre, mit der trkischen Sprache
Unbekannten, denn dies ist, bei der Wichtigkeit des Staatsgeheimnisses, eine der
Bedingungen. Selbst wenn die Person halsstarrig ist und von der Tortur stark
mitgenommen werden sollte, kann Ihre Kunst dazu dienen, ihre Wiederherstellung
zu sichern. Jetzt ersuche ich Sie, zu erklren, ob wir auf Ihre Begleitung
rechnen drfen? Bedenken Sie wohl, die Folterung geht vor sich in jedem Fall,
auch ohne Sie! Ihre Weigerung raubt der Person die Aussicht auf Rettung.
    Der Arzt fhlte, wie der Blick des Generals drohend und finster auf ihm lag;
er empfand ganz das Furchtbare seiner Lage und der Wahl. Nach einem kurzen Kampf
sagte er endlich:
    Ich bin bereit!
    Ihr ewiges Schweigen ist sicher - was Sie auch erblicken, welche
Geheimnisse Sie zufllig auch erfahren mgen?
    Sie haben mein Wort!
    Wohl, so ist unsere Verhandlung geschlossen. Das Dunkel des Abends beginnt
sich auf den Bosporus zu senken, in einer halben Stunde knnen wir abfahren. Er
klatschte in die Hnde. Cave Smarla!
    Die Diener traten sofort ein und Welland schauderte bei der Ruhe, mit
welcher seine beiden Gesellschafter trotz der Gedanken an die bevorstehende
furchtbare Scene den unvermeidlichen Kaffee und Schibuk nahmen. -
    Die Sterne blinkten am Himmel, und Ufer und Stadt waren bereit's in das
rasch einfallende Dunkel gehllt, als der Exminister erklrte, da es Zeit sei,
und alle Drei am Wasserthor der Villa den harrenden Kak bestiegen, der sie mit
der Strmung rasch nach dem Goldenen Horn fhrte. Hier bogen die Ruderer auf
einen Befehl des Herrn nach der Serailspitze, umfuhren dieselbe und landeten auf
der Seeseite an einer Pforte, die aus der rings das Serail umgebenden Mauer zum
Wasser fhrt. Eine Wache stand an der Thr und ffnete dieselbe auf ein
Loosungswort des Ministers zum Eintritt.
    Der General hielt seinen trkischen Freund hier zurck.
    Ich glaube, Hoheit, sagte er mit einem gewissen Schauder, der Welland
nicht entging, es wird nicht nthig sein, da ich das Sera mit betrete. Mein
Geschft ist hier beendet, Doctor Welland wird seine Pflicht thun und - gerade
heraus, ich bin Soldat, aber weder Arzt noch - Moslem. Das Resultat erfahre ich
morgen aus Ihrem Munde.
    Der trkische Staatsmann lchelte.
    Thun Sie ganz nach Ihrem Belieben, General, sagte er, ich habe den
Doctor, und das ist vorlufig genug. Mein Kak steht Ihnen zur Disposition. Auf
Wiedersehen morgen.
    Er fate Welland's Hand und zog ihn durch die Pforte.
    Obschon die Erwartung der Scene, die kommen sollte, das Gemth des Deutschen
einnahm, konnte er doch nicht gleichgltig sein gegen die historischen
Erinnerungen, die sich ihm bei dem seltsamen Eintritt in diesen geheimnivollen
Ort aufdrngten, den Europa noch immer mit einer gewissen Scheu betrachtet und
dessen Namen es mit dem Begriff reizender und furchtbarer Geheimnisse verknpft.
Jetzt sind es freilich nur noch die Erinnerungen, welche diese Mauern mit dem
Schleier aus Tausend und Einer Nacht, mit Glanz und Purpur, und Gold, mit all'
der orientalischen Wunderpracht und den Schatten blutiger Historie umweben; -
der Glanz des Thrones, das Geheimni reizender Odalisken ist verschwunden, seit
Mahmud seine Residenz aus diesen Mauern verlegt hat. Jetzt leben hier, von den
Eunuchen und Kapidschi's6 bewacht, nur noch die abgedankten Kadinen und
Odalisken des Harems des verstorbenen und gegenwrtigen Groherrn, und in den
weiten uern Rumen und Gebuden einige Wrdentrger des Reichs mit ihrer
eigenen und einem Theil der Dienerschaft des Sultans. Dennoch ist das
Sera-Burnu auch jetzt noch nicht ohne seine tief umschleierten Geheimnisse, und
bei Lebzeiten der Sultanin Valide, die hier ihren Wohnsitz hatte, spannen sich
von hier aus gar oft die wichtigsten Fden der Geschichte des Reichs. -
    Durch den rings die Gebude umgebenden, mit hohen Cypressen und Platanen
besetzten, sonst aber den und wsten Garten fhrte der Minister den Arzt nach
dem gegenber liegenden Eingang. Links zur Seite blieben die groen Stlle des
Sultans, die fr 1000 Pferde Raum haben, rechts der Kiosk des Padischah, nach
dem Bosporus hin, auf Bogen gebaut mit vergoldeten Kuppeln; in einiger
Entfernung nach der Stadt zu liegt ein zweiter, die Aussicht auf den Hafen
gewhrend. In dem erstern hielten sich frher whrend des Tages gewhnlich die
Herrscher mit ihren Weibern und Stummen auf. Die Kais um das Serail sind mit
Artillerie ohne Lafetten besetzt, die meisten Geschtze in der Hhe des Wassers.
Bei den ffentlichen Festlichkeiten und das Ende des Ramazan verkndend donnert
diese Artillerie, unter der sich die groe Kanone befindet, durch welche nach
der Sage Babylon gezwungen ward, sich an Sultan Murad zu ergeben. Ein anderer,
von der Historie bewahrter Mrser befindet sich in der Ecke des ersten Hofes -
in ihm sollen die aufrhrerischen Ulemas zu Tode gestampft worden sein.
    Das Sera-Burnu wurde von Mahomed II. erbaut und bildet auf der Landspitze
zwischen dem Horn und dem Marmorameer eine Art Dreieck, dessen lngste Seite
sich nach der Stadt hin erstreckt, nach welcher sich auch die Thore und Hfe des
Zugangs befinden. Es ist ein Conglomerat von zu verschiedenen Zeiten je nach der
Laune der Sultane und Sultana's erbauten Gebuden der verschiedensten
Bestimmung, in deren Innern zum Theil alte orientalische Pracht, das heit
Vergoldung und Stuckatur, eingelegte Arbeiten in Gold und Azur, Marmorbecken,
Bder und Springbrunnen, die unbesorgt auch im ersten Stockwerk angebracht sind,
noch vorhanden ist.
    Die Eintretenden schienen erwartet zu sein, denn zwei Kapidschi's traten
alsbald zu ihnen und gingen vor ihnen her bis zu einer zweiten, in die Gebude
sich ffnenden Thr, an der wieder zwei Schwarze die Wache hielten. Hier
bernahm ein harrender Eunuch, in bunte schreiende Farben gekleidet, ihre
Fhrung und geleitete sie durch einen kleinen Hof und verschiedene gewundene
Gnge, in deren Richtung Welland ganz irre wurde, zu einem hell erleuchteten
Divan-Hane, in der an den Wnden mehrere schwarze Sclaven standen, der Sprache
und der Mannheit beraubte Geschpfe, willenlose Werkzeuge der Willkr ihrer
Gebieter.
    Hier mute Welland auf einen Wink seines Begleiters sich niederlassen,
whrend dieser durch einen Vorhang in das anstoende Gemach verschwand.
    Alles war Schweigen um ihn her, - ein unheimliches Schweigen schon whrend
des ganzen Ganges durch das weitlufige Gebude. Das dauerte auch hier lange
Zeit, bis er endlich eine leise flehende Stimme in einiger Entfernung zu
vernehmen glaubte - schaudernd, denn er fhlte, seine Aufgabe begann jetzt.
    Er lauschte, - doch nur einzelne Laute drangen zu ihm herber, dazwischen
klang es zuweilen wie eine scharfe, krftige Frauenstimme, zuweilen auch glaubte
er die seines Begleiters in einzelnen Worten zu vernehmen. Dann war wieder Alles
still, - die menschlichen Bildsulen um ihn her rhrten sich nicht.
    Pltzlich wurde der Vorhang gehoben und der Minister trat heraus, sein
schnes Gesicht war bleich, das Auge funkelte zornig und der Mund war wie in
festem Entschlu zusammengekniffen.
    Ohne Laut winkte er dem Arzt, ihm zu folgen.
    Welland betrat ein zweites groes Gemach, - fensterlos, nur von einer Lampe
dster erhellt - aber leer - kein Bewohner zu sehen. Im Hintergrunde ffneten
sich durch schwere Vorhnge geschlossen zwei Thren.
    Zu der rechts fhrte ihn der Effendi und hob den Vorhang; das Gemach war
dunkel, nur aus Spaltenffnungen der einen Seitenwand schienen einzelne helle
Lichtstrahlen hervorzubrechen. Als sein Auge sich an das Dunkel gewhnt, sah er,
da sie durch die Oeffnungen eines Vorhanges kamen, der in dicken schweren
Falten einen Eingang zum Nebengemach schlo.
    Nach dieser Seite geleitete ihn der Moslem und deutete ihm an, sich auf den
Divan niederzulassen. Dann hob er ein Tuch von einem Gegenstand, der unter den
Falten des doppelten Vorhanges hervor auf den Divan gestreckt war, und bedeutete
ihn, denselben zu fassen.
    Der Arzt legte die Finger darauf - es war eine warme Menschenhand, - die
Weiche der Haut, die zarte, volle Form zeigte ihm eine Frauenhand, die in der
seinen zuckte, offenbar jenseits des Vorhanges durch eine Einzwngung des Armes
in dieser Lage festgehalten.
    Lassen Sie mich fort, Herr, das ist ein Weib, um keinen Preis der Welt mag
ich Theilnehmer der Handlung sein, die sich hier vorbereitet.
    Der Minister drckte ihn zurck auf den Sitz.
    Schweigen Sie, und thun Sie Ihre Pflicht, sagte er mit verhaltener dumpfer
Stimme, oder Sie sind selbst das Opfer. Die Personen hinter jenem Vorhang sind
nicht gewohnt, mit sich spielen zu lassen. Weib ober Mann, das Verbrechen ist
dasselbe, eben so die Strafe. Hier ist die Klingel, mit der Sie ein Zeichen zu
geben haben, wenn die uerste Gefahr eintritt, - doch nur dann! - Sie wissen,
was allein hier Rettung bringen kann.
    Ehe Welland sich fassen, ehe er antworten konnte, war sein Fhrer
verschwunden, er hrte das Gemach von Auen durch einen Riegel verschlieen.
    Wieder trat einige Augenblicke tiefe Stille ein, dann erklang durch die
Falten des Vorhanges ein tiefer sthnender Seufzer.
    Er hatte die Hand der Unglcklichen gefat, sie war weich und sanft und
mute einem noch jungen, vielleicht so schnen Wesen angehren. Er drckte sie
leise zum Zeichen, da eine theilnehmende Seele in ihrer Nhe sei.
    Der Seufzer schien ein Echo zu wecken; ihm war, als vernhme er ihn
wiederhallen in dem dunklen Gemach, in dem er selbst sich befand, dicht neben
sich.
    Aber er hatte keine Zeit, darauf zu achten!
    Ein leichter Kohlenrauch schien durch die Spalten des Vorhanges zu dringen
und gleich darauf zuckte die Hand scharf in der seinen - - -
    Die Marter hatte begonnen!
    Ein brandiger Geruch wie von verkohlendem Fleisch zog durch die Luft,
rascher und krampfhafter wurde das Zucken der Hand.
    Er hrte im Nebengemach das Flstern mehrerer Stimmen, dann eine lautere
Frage, ein Sthnen zur Antwort - er entnahm daraus, da der Unglcklichen ein
Knebel den Mund verschlo.
    Sie mute durch ein Zeichen verweigert haben, Antwort zu geben, denn der
Brandgeruch dauerte fort und verstrkte sich.
    Kalter Schwei perlte ber die Stirn des Arztes, - zehn Mal wohl griff die
Hand nach der Schelle, um das Halt gebietende Zeichen erschallen zu lassen, aber
die Vernunft sagte ihm, da es der Dulderin nur einen kurzen unntzen Verzug
bringen werde.
    Er lie die Hand los und begrub das Gesicht in die seinen.
    Da strte ihn ein heiseres tckisches Lachen, und ein tiefes jammerndes
Wimmern folgte - dem wiederum jenes seltsame Echo neben ihm zu antworten schien.
    Er fate rasch nach der Hand, sie war krampfhaft geschlossen - er fhlte,
da die Leidende in heroischem Trotz gegen die Martern kmpfte. Sein Finger
suchte den Puls - er schlug rasch und wogend, aber noch immer krftig.
    Ein wildes Kreischen der Wuth schien eine verneinende Geberde der Leidenden
zu erwidern, dann kam der herrische Befehl einer Weiberstimme. Er vernahm die
seines Fhrers dazwischen sprechen, aber der Befehl wurde gleich heftig
wiederholt.
    Pltzlich fhlte er die Hand und den Arm, so weit er vor ihm lag, krampfhaft
erbeben und ringen, wie als wollten sie sich gewaltsam befreien - minutenlang
dauerte diese schreckliche Bewegung - eine grauenhafte, entsetzliche That schien
auf Armeslnge von ihm vor sich zu gehen, und rasch fate seine Hand die
Klingel, um auf jede Gefahr hin der Marter ein Ende zu machen.
    Da streckten sich der Arm und die Hand - das wilde Ringen hrte auf, mehrere
Personen schienen um die Gemarterte beschftigt, die Frauenstimme sprudelte
Verwnschungen aus, wie er nach einzelnen ihm bereits verstndlichen Worten zu
schlieen vermochte. Darunter hrte er wiederholt die Benennung: Moskaw. Eine
zweite Frauenstimme mischte sich drein und zugleich die des Effendi, dann
schwieg der Lrmen und eine schwache, selbst in ihren gebrochenen Tnen noch
se Stimme sagte einige Worte.
    Wiederum fragte der Effendi dazwischen.
    Die Stimme sagte noch Einiges - dann stockte sie und verstummte endlich
ganz.
    Die Frage wurde dringend wiederholt, auch die Weiberstimmen mengten sich
hinein -
    Welland glaubte dazwischen, dicht neben seinem lauschenden Ohr ein
lateinisches Gebet, - das Ave murmeln zu hren. Er spannte alle Nerven an, um zu
hren, sich zu berzeugen -
    Todtenstille!
    Zwei Worte, schneidend, befehlend, unterbrachen sie.
    Diesmal schien der Henker es verschmht zu haben, den Knebel der Leidenden
erst wieder einzuzwngen. Ein Nerven und Mark erschtternder Ton wie von
zermalmenden Knochen - zugleich ein herzzerreiender, wilder Schrei, ein zweiter
- Welland lie wie wahnsinnig die Klingel ertnen, aber die gellende Stimme
eines Befehls fuhr dazwischen und Schrei auf Schrei erscholl fort in
ersterbendem Jammer.
    Mit beiden Hnden hatte der Deutsche die Vorhnge gefat und ri die
befestigten gewaltsam auseinander: das schreckliche Schauspiel bot sich jetzt
seinen zornfunkelnden Blicken dar.
    Auf einem Ruhebett dicht an seiner Seite, lang ausgestreckt und befestigt,
lag die nackende, kaum ber den Hften mit einem Tuch bedeckte Gestalt einer
jungen, selbst in der Entstellung des Schmerzenskampfes noch reizenden Frau.
Aschblonde, wild umherfallende Haare umgaben das blasse Gesicht, aus dem die
schwarzem halbgebrochenen Augen auf ihn emporstarrten.
    Wer sie gesehen, die junge, reizende Odaliske, als sie vor wenig Abenden
noch an der Brust des Groherrn ruhte, Liebe spendend und empfangend - Mariam,
die Beneidete des Harems, die Gebieterin des Gebieters in drei Welttheilen - wer
htte ahnen mgen das schreckliche Schicksal, das ihr der finster schleichende
Ha bereitete!
    Die Anklage auf den gefundenen Brief hatte ihr Ziel nicht verfehlt, der
Groherr hatte die Geliebte aus seiner Nhe verbannt.
    Aber ahnte er wohl, whrend er im selben Augenblick vielleicht in den Armen
Nausika's, der verlockenden Tochter des Rchers von Chios, schwelgte, ahnte er
wohl, wie verstmmelt der se Leib, der sein Lager getheilt, in den Zuckungen
grausamer Schmerzen sich wand?
    Nimmermehr!
    Ein Blick gengte dem Arzt, die furchtbare Marter zu ermessen, die das zarte
Weib mit Heldenmuth ertragen hatte. Von den halb verkohlten Fusohlen stieg noch
der widrige Geruch empor, die Mitte der Brust zeigte ein tiefes Brandmal, in dem
noch die dunkle Asche der verglhten Kohle lag. Die zwei schwarzen Henker -
Stumme mit teuflisch grinsenden Mienen, die dem Winke ihres Meisters gehorchten,
der in der Mitte des Gemachs an einem Tandur die Eisenzange glhte, von
schrecklichen Instrumenten umgeben, - an der Seite der Unglcklichen stehend,
waren eben mit jener einfach hllischen Maschinerie beschftigt, dem Knebel, der
zwischen Holzstcken die Gelenke der Glieder zermalmt. Auf dem Divan gegenber,
Furien, der Hlle entstiegen, saen in ihre Yaschmaks verhllt, zwei
reichgekleidete trkische Frauen, in den Augen grausamen teuflischen Triumph; in
kurzer Entfernung von ihnen mit finsterm bleichem Gesicht, wie einer furchtbaren
Nothwendigkeit gehorchend, der trkische Wrdentrger, die Feder, in der Hand,
das Papier vor sich auf dem Schoos, um die Gestndnisse der Unglcklichen
aufzuzeichnen.
    Mit einem Sprung war der deutsche Arzt ber das Schmerzenslager der
Gemarterten hinweg, und schleuderte die schwarzen Henkersknechte zur Seite. Sein
flammender Blick scheuchte den Tschannador zurck, der nach dem Handjar im
Grtel griff.
    Mrder, blutdrstige Mrder, die Ihr seid! - Seht Ihr nicht, da diese Frau
stirbt in den wahnsinnigen Martern, die Ihr derselben bereitet?
    Nieder mit dem Gjaur! schlagt ihn zu Boden! schrie die Eine der Frauen den
drei Verschnittenen zu, doch der Effendi warf sich zwischen sie und vor den
Arzt.
    Haltet ein, Sultana! Dieser Unglubige wird das Weib vom Tode retten, und
Du weit, da dies nothwendig ist. Ihr Tod knnte uns doppeltes Verderben
bereiten.
    Sein Befehl wies die Henker aus dem Gemach, nach einigem Widerreden fgten
sich auch die Frauen, ihnen zu folgen, whrend Welland bereits mit der
Unglcklichen, Bewutlosen beschftigt war und sie zum Leben zurckzurufen
suchte. Zum Glck hatte er eine jener kleinen tragbaren Apotheken bei sich,
welche die Aerzte auf Reisen mit sich zu fhren pflegen; ein flchtiges Salz
regte die Lebensgeister der Gemarterten wieder auf, und er versuchte alsbald
einen Verband auf ihre Wunden zu legen.
    Seine Erfahrung belehrte ihn jedoch bald, da das Leben des armen Wesens in
hchster Gefahr schwebte und ihre Kraft immer mehr ermattete. Um ihr wenigstens
Ruhe zu sichern, bedeutete er energisch den Effendi, welcher besorgt an dem
Lager stand, die Kranke msse wenigstens einige Stunden ungestrte Ruhe haben
und er selbst werde bei der auf's Aeuerste Gefhrdeten wachen. Nach einigem
Zgern fgte sich der Staatsbeamte mit der Erklrung, er wolle im Vorzimmer
bleiben.
    Der Vorhang der Thr fiel hinter ihm, Welland befand sich mit dem Opfer
grausamer Verfolgung jetzt allein.
    Er betrachtete wehmthig, schmerzlich das schne blasse Gesicht mit den in
Lethargie geschlossenen Augen, auf das der Todesengel bereits seine grauen
Schatten zu verbreiten begann. Die Wunden und Verletzungen, die das Mdchen
empfangen, waren allerdings nicht absolut tdtlich, aber ihr ganzer innerer
Organismus schien so verletzt, so zerrissen, da er den Leiden schwerlich zu
widerstehen vermochte.
    Was konnte dies junge schne Wesen gethan haben, das eine so grausame Strafe
nthig machte? was konnte das schwache Mdchen mit den Geheimnissen wichtiger
Reiche zu thun haben?
    Er hatte sie mit einem Teppich bedeckt und sa im schmerzlichen Nachdenken
an ihrer Seite, ihren Puls in seiner Hand.
    Da erklang wieder der sthnende geheimnivolle Seufzer, den er schon frher
gehrt und fr das Echo des Schmerzenrufs der Dulderin gehalten hatte. Diesmal
berzeugte er sich, da er sich geirrt, da der jammernde Laut von einem andern
Wesen kommen mute.
    Sie schien ihn gleichfalls gehrt zu haben, denn ihre Augen erschlossen
sich, erst irrten sie starr umher, dann fielen sie mit dem Verstndni und dem
Ausdruck des Dankes auf den Arzt, und einige Momente nachher schienen sie ihm zu
winken und auf den zerrissenen Vorhang zur Seite nach dem Nebengemach zu deuten.
    Er sah, wie die Leidende sich anstrengte, zu sprechen, und beugte den Kopf
an ihre blassen Lippen. Er hrte endlich, wie diese in franzsischer Sprache
flsterten: Rettung! - dort!
    War denn noch ein unglckliches Wesen in der Nhe, das seiner Hilfe
bedurfte?
    Er zog rasch sein Taschenfeuerzeug hervor, zndete das Endchen Wachslicht an
und stieg ber das Lager hinweg in das Gemach, in dem er so eben die furchtbare
Scene miterlebt hatte.
    Unfern von seinem Sitz, an den Polstern des Divans, regte und bewegte sich
ein dunkler Knuel, - er hob den bedeckenden Teppich hinweg, - ein schwarzes
Weib lag dort am Boden, zusammengeschnrt gleich einem leblosen Bndel, den
Knebel im Munde.
    Ihre groen Augen starrten ihn an mit unbeschreiblichem Ausdruck!
    Mit einigen raschen Schnitten seiner Lanzette hatte er die Bande gelst und
die Mohrin sprang elastisch mit der Schnellkraft der Jugend empor und strzte
sich dann, wie eine Tigerin auf ihr gefhrdetes Junge, auf die bleiche Gestalt
der Gepeinigten.
    Kaum vermochte Welland, rasch hinzuspringend, sie davon abzuhalten, sich auf
die Leidende zu werfen, und zugleich das Jammergeschrei zu ersticken, das auf
ihren Lippen schwebte und das unfehlbar die Wrger auf's Neue herbeigerufen
htte.
    Mit Zeichen machte er ihr die Gefahr, die sie bedrohte, so gut als mglich
begreiflich. Sie verstand, - sie hatte das Leiden der Gebieterin ja wenigstens
mit dem Sinn des Gehrs mitempfunden, - einem Ballen gleich zur Seite geworfen,
um, wenn das Schicksal der Herrin entschieden war, wahrscheinlich als unntze
und gefhrliche Last in den Fluthen des Bosporus begraben zu werden.
    Es war eine herzzerreiende Scene fr den Arzt, als sich die Schwarze mit
all' dem leidenschaftlichen Wahnsinn des Volkes heier Zone bald am
Schmerzenslager der Herrin das Haar raufte, bald sich vor ihm niederwarf, die
Hnde zu ihm emporgestreckt, wie um Rettung flehend fr die Sterbende.
    Und das Alles ohne Laut, - stumm, still, - aller Schmerz, alle Angst und
Pein in die leidenschaftlichen Geberden zusammengepret!
    Jeder allzu hrbare Laut wre Tod gewesen, - selbst die Gemarterte schien
dies zu empfinden und zu frchten.
    Ihre Augen suchten wieder den Arzt und riefen ihn herbei.
    Bei dem Kreuz des Erlsers, an das ich glaube wie Du, Fremdling, beschwre
ich Dich, rette das Mdchen hier; der Mund einer Sterbenden mu durch sie eine
Botschaft senden, die mit meinem Leben erkauft ist.
    Welland starrte sie an, - wie sollte er helfen, befreien, hier, in den
Mauern des Serails, unter den Augen von hundert Wchtern? - er blickte rathlos
umher.
    Dort - dort - das Fenster nach dem Meer! - ihr Auge deutete nach dem
Seitengemach; - zum dritten Male betrat es der Arzt und schaute prfend und
vorsichtig umher. An der entgegengesetzten Wand befand sich der Kiosk, Fenster
ringsum, mit dichten Jalousieen geschlossen. Es gelang ihm, eine zu ffnen,
durch das vergoldete Holzgitter schaute er hinaus, dicht unter ihm lag das Meer,
der Pavillon reichte bis nahe an die Mauer, die das Serail und seine Grten auch
von der Seeseite einschliet.
    Er strengte alle seine Krfte mit aller Vorsicht an und es gelang ihm, einen
Theil des Gitters ohne merkliches Gerusch mit seinem Dolchmesser
herauszubrechen; - als er den Kopf aus der Oeffnung streckte, bemerkte er zu
seiner Freude, da eine Flucht wenigstens in die den Grten mglich war, denn
wilde Weinreben schlangen sich um die Bogen und Pfeiler, die den abgelegenen
Pavillon trugen, fast bis ber die Fenster hinauf.
    Als er zurckkehrte an das Schmerzenslager Mariam's, sah er die Mohrin neben
der Herrin knieen, das Ohr auf ihre bleichen Lippen geneigt, die leise dringende
Worte zu ihr zu sprechen schienen. Aber die Schwarze schttelte heftig den Kopf,
gleich als verweigere sie, um was die Herrin sie flehte. Da rthete sich deren
blasses Gesicht, das ersterbende Auge schien in Drohung zu funkeln, zwischen den
Brauen faltete sich die Stirn und die keuchende Brust sandte harte, heftige
Worte, dem Arzt unverstndlich, wie die ganze Unterredung, ber die zuckenden
Lippen.
    Die Sclavin beugte das Haupt, groe Thrnen rollten aus ihren Augen und sie
faltete im stummen Gehorsam die Hnde ber die Brust. Als nun Welland herantrat
und leise verkndete, da der Weg zum Versuch der Flucht geffnet sei, strzte
die Schwarze nochmals am Lager ihrer Herrin nieder und bedeckte ihren Leib und
ihr Antlitz mit Kssen. Dann - die Hnde noch ein Mal flehend gegen den Arzt
ausstreckend und auf die Kranke deutend, verschwand sie in dem dunklen Gemach.
Welland sah sie einer Schlange gleich durch die Oeffnung des Fensters schlpfen
und verschwinden.
    Athemlos horchte er auf jedes Gerusch, - nur der Schlag seines eigenen
Herzens ngstigte ihn, - die Flucht schien gelungen!
    Als er, um den Verdacht so lange wie mglich aufzuhalten, den Teppich des
Vorhanges wieder mglichst geschlossen und zurck sah auf die Kranke, schien
eine tiefe verklrende Freude sich ber ihr Gesicht ergossen zu haben.
    Ihr Mund flehte leise zu ihm auf: Beten! Der Mann, der seit Kurzem Gefahr
und Tod in krassen Zgen um sich gesehen, der der blutigen Bestimmung des
Krieges entgegen ging, sank an dem Lager des mihandelten sterbenden Mdchens, -
das er zum ersten Male im Leben sah, - in die Knie, und leise murmelnd strmten
ber seine Lippen die Gebete der Kindheit.
    Wie lange hatte er nicht gebetet, wie lange hatte der Dmon des Zweifels und
der stolzen Freigeisterei seinen Sinn in Fesseln geschlagen, rger als der
krasseste Aberglaube! O, wie wohl that es ihm jetzt, glauben und beten zu knnen
so recht aus vollem Herzensgrunde fr ein vergehendes Leben, am Sterbelager der
fremden Odaliske.
    Er sah, wie ber ihr Antlitz die Schatten des Todes bleicher und bleicher
zogen, - er sah das ersterbende Auge sich umfloren mit den ewigen Geheimnissen
des Jenseits. Mit einer letzten Anstrengung hob sie die unverletzte Hand gegen
ihn empor, streifte einen Ring von ihrem Finger und prete ihn krampfhaft in die
seinen - eine Gabe der Erinnerung. Er fhlte den Puls des Lebens schwcher und
schwcher sich verlieren - immer weiter zum Herzen hin - und faltete seine Hnde
ber den ihren. Dann hob sich die Brust noch ein Mal hoch, ber die Lippen quoll
im Todesseufzer der Name Abdul, des Groherrn Name, der im Arm einer andern
Odaliske ruhte, und das schwarze Auge verging glasig und kalt in der Erstarrung
des Todes.
    Mariam hatte geendet!
    Lange noch betete der fremde Arzt an ihrem Lager; dann bedeckte er das
Gesicht der Todten mit dem Teppich und schritt ruhig und entschlossen, um das
eigene Schicksal unbekmmert, nach der Thr. Auf sein Klopfen ffnete der Wache
haltende Eunuch und vom Divan taumelte ihm sein vornehmer Fhrer entgegen.
    Was bringen Sie uns fr Nachricht?
    Sehen Sie selbst Ihr Werk, mein Herr. Die Dulderin da drinnen hat ein
Hherer, den Sie Allah, den wir Gott nennen, jeder weiteren Qual entzogen. Das
Mdchen ist todt.
    Der Minister trat bleich und erschrocken zurck.
    Inshallah! Es war Gottes Wille! Kommen Sie.
    Er wandte sich mit leichtem Schauder von der Thr ab und winkte dem Arzt,
ihm zu folgen. Mit der Ruhe des guten Gewissens, aber Verderben und
verrtherische Opferung in jedem Augenblick erwartend, folgte ihm Welland stumm
durch das Vorgemach, von wo auf den Wink des Effendi zwei Schwarze ihnen
voranschritten und sie durch mehrere Gnge und ber Terrassen und Hfe
geleiteten, bis der Deutsche sich in dem groen ersten Hof des Serails
wiederfand, in den von der Stadtseite der Pavillon oder die Pforte fhrt, von
der das Reich den Namen hat, Tag und Nacht von fnfzig Kapidschi's bewacht. Hier
blieb der Effendi stehen und reichte dem Arzt einen schweren Beutel.
    Nehmen Sie, sagte er, und schweigen Sie wie das Grab, das Jene bedecken
wird. Die Kapidschi's werden Sie bis zur Brcke geleiten, - Allah behte Sie.
    Der Arzt wies mit einer ernsten Geberde das Geschenk zurck, um keinen Preis
htte er das Blutgeld angerhrt. Dann eilte er rasch durch das Thor, die
Begleitung der Kapidschi's von sich weisend, und in die noch belebten Straen.
Seine Gedanken waren unwillkrlich auf die Flucht der Mohrin gerichtet und ob
sie gelungen.
    Als er seine Wohnung erreichte, war es nahe an Mitternacht.

    Nach einer Nacht voll wilder Trume erwachte Welland ziemlich spt, und die
schrecklichen Erinnerungen, die seine Seele belasteten, mit Gewalt von sich
schttelnd, machte er sich eben bereit, auszugehen und seinen Freund
aufzusuchen, als Baron Oelsner bei ihm eintrat. Derselbe schien etwas
echauffirt, suchte aber einen scherzenden Ton anzustimmen.
    Was lange whrt, wird gut, Doctor, sagte er lustig; ich bringe gute
Nachrichten, eben komme ich aus dem Seraskiat und habe diese Depesche fr Sie
mitgenommen. - Er warf dieselbe auf den Tisch. - Rathen Sie, wohin Ihre
Bestimmung lautet?
    Welland griff hastig danach.
    Man lie mich hoffen nach dem Hauptquartier?
    Falsch gerathen. Sie sind zum Oberarzt in Silistria bestimmt, und ich freue
mich, da - ich darf es sagen - meine Bemhungen fr die Realisation Ihrer
Wnsche nicht ohne Einflu gewesen sind.
    Der Doctor hatte whrend dessen die Depesche geffnet und fand darin die
erwhnte Ernennung mit der Ordre, sich alsbald nach seinem Bestimmungsort zu
begeben, und dem Bujurulteh fr die Stationen der Reise.
    Sind Sie aber auch bereit, noch heute und zwar so bald als mglich
aufzubrechen?
    Welland schaute ihn gro an.
    Davon ist Nichts in der Ordre erwhnt. Sie lautet blo auf Schleunigst.
    Man sagte mir mndlich im Seraskiat, da man erwarte, Sie noch heute
abreisen zu sehen.
    Aber das ist nicht mglich, ich mu doch einige Vorbereitungen treffen; ich
werde sogleich selbst nach dem Seraskiat gehen, um Urlaub auf zwei Tage zu
erhalten.
    Der Baron schien befangen und dann rasch einen Entschlu zu fassen. Nachdem
ein Blick auf die Thr ihn berzeugt hatte, da sie unbelauscht waren, trat er
vertraulich auf den Deutschen zu.
    Sollten Sie nicht vielleicht selbst wnschen, sagte er mit Beziehung,
sobald wie mglich Constantinopel den Rcken zu wenden, um Erinnerungen und
Nachforschungen zu entgehen? Zufllige Ereignisse, wenn sie auch der Schatten
der Nacht birgt, knnen selbst den tapfersten und ehrenwerthesten Mann zur
Vorsicht mahnen.
    Welland blickte ihn erstaunt an - wie konnte er wissen -
    Mein Rath ist, fuhr der Baron fort, Sie sind binnen zwei Stunden
unterwegs, und Sie wissen, ich meine es gut mit Ihnen. Ich erfuhr bereits heute
Morgen die Nothwendigkeit Ihrer raschen Abreise, - das Wie? erlassen Sie mir -
und habe alle Vorbereitungen fr Sie getroffen. Die Pferde bis zur ersten
Station sind bestellt und ich kann Ihnen die gewi angenehme Nachricht
mittheilen, da Ihr Freund Caraiskakis bereit ist, Sie zur Stelle zu begleiten.
    Welland war befangen von dem Unerwarteten, dessen willenloses Spiel er
schien. Er sann vergeblich auf Aufklrung, auf einen Entschlu.
    Wenn Sie Geld brauchen, meine Brse steht Ihnen mit jeder Summe zu
Diensten, sagte Herr von Montmarquet. Doch scheint mir ein solches Anerbieten
fast unbescheiden bei einem Mann, der solche Kostbarkeiten besitzt und sie
achtlos umher liegen lt.
    Er wies auf den Ring, den Welland von der sterbenden Odaliske empfangen und
den er bei der Rckkehr auf den Tisch geworfen, ohne ihn zu beachten. Der Baron
nahm ihn auf und lie das Feuer des groen Solitairs in der Sonne blitzen.
    Der Stein ist unter Brdern mindestens seine zweitausend Imperials werth,
jeder Jude im Bazar wrde sie auf der Stelle zahlen. Ach habe lange keinen
schneren Diamanten gesehen, und selbst die antike Fassung hat bedeutenden
Werth. Wollen Sie den Ring verkaufen?
    Der Deutsche verneinte befangen.
    Wohl! so rathe ich Ihnen wenigstens, ihn sorgfltiger aufzubewahren und
weniger zu zeigen. Der Padischah drfte nicht viele solcher Ringe in seinem
Schatz haben! - Doch um auf etwas Anderes zu kommen; Sie haben noch keinen
Diener und werden doch eines solchen bedrfen. Wollen Sie mir erlauben, dafr zu
sorgen?
    Sie wrden Ihre Freundlichkeit damit noch erhhen. Ich bin auer Stande,
irgend Etwas zu bestellen und wei kaum, wie ich meine Sachen in der kurzen
Frist ordnen soll.
    Wohl, ich bernehme die Besorgung und werde einen passenden jungen
Schwarzen, der etwas italienisch versteht und gelufig trkisch spricht, Ihnen
zufhren. Aber es kann erst am Thor von Edrene geschehen. Jetzt, Doctor, packen
Sie Ihren Mantelsack und arrangiren Sie sich mit Ihrer Wirthin. In zwei Stunden
wird Ihr Freund mit den Pferden und dem Fhrer bereit sein. Ich selbst erwarte
Sie, wie gesagt, am Thor. Nochmals, lieber Freund, den Rath und die Warnung: es
ist am besten fr Sie, wenn Niemand, mit dem Sie etwa hier in Verbindung
gestanden, vorerst erfhrt, wo er Sie zu suchen hat.
    Er nahm seinen Hut und entfernte sich eilig. Welland, von all den Eindrcken
betubt, mute seine ganze Willenskraft zusammen nehmen, um sich eilig mit der
Ordnung seines Gepcks zu beschftigen, da er, ohne eine Lsung fr die ihn
bedrngenden Rthsel zu haben, doch einsah, da der Rath des Barons
bedeutungsvoll war und nicht unbeachtet bleiben durfte.
    Zwei Stunden nachher trat Caraiskakis, zur Reise gerstet, in sein Zimmer,
um ihn abzuholen. Auf die Anweisung des Barons hatte er die Pferde mit Mauro
nach Stambul ber die Brcke vorausgeschickt und nur einen Hamal7 mitgebracht,
das Gepck des Freundes bis dahin zu transportiren, um so durch die Abreise kein
Aufsehen zu machen. Auch wechselten in dieser Zeit in den Pensionen und
Gasthusern Constantinopels die Kommenden und Gehenden so unaufhrlich, da der
Einzelne unbeachtet blieb, wenn er sich nicht selbst bemerklich machte. Welland
mit seiner geringen Habe war bereit, und ehe eine halbe Stunde vergangen, fanden
sie auf dem Platz vor der Moschee Walide Mauro mit den Pferden. Bald war der Weg
durch die Stadt, am alten Serail, der Suleimania und der Moschee Mahmud's
vorber, zurckgelegt und Edrene Kapussi erreicht. Hier am Begrbniplatz kam
ihnen der Baron mit einem jungen schlanken Mohren, wohl beritten und bewaffnet
und mit einem Felleisen versehen, entgegen, in dem sich nach der Mittheilung des
Barons noch verschiedene nothwendige Artikel fr seine Freunde befanden. Er
empfahl dem Arzt, den schwarzen Knaben, den er ihm als Diener berlassen,
freundlich und nachsichtig zu behandeln, da er von gutem Gemth sei und ihm
sicher mit Thtigkeit und Treue lohnen wrde; so wie, wenn sich Gelegenheit
durch einen sichern Boten fnde, ihm Nachricht von seiner Ankunft und seinem
Wohlergehen zu geben, bis das Schicksal sie wieder zusammenfhren werde.
    So schieden sie.
    Whrend die kleine Gesellschaft, jetzt aus fnf Reitern mit einem Packpferd
bestehend, auf der Strae nach Crevatis und Silivria dahin galoppirte, wenn man
diesen kaum der Beschaffenheit unserer Feldwege damals gleichen Pfad eine Strae
nennen mag, hatte der Arzt Gelegenheit, seinen neuen jungen Diener mehrfach zu
beobachten. Derselbe hatte ihn mit einem tiefen demthigen Gru am Thor
empfangen und Welland bemerkte, wie seine groen dunklen Augen oft, wenn er sich
unbemerkt glaubte, mit lebhaftem Ausdruck auf ihm hafteten. Es war ein schlanker
junger Bursche von ausgebildeten, etwas weichen Formen und einem fr einen
Schwarzen auffallend edel und wohl gebildeten Gesicht, dessen Zge ihm sogar
etwas Bekanntes, Gesehenes hatten, ohne da er sich jedoch zu erinnern wute,
wie und wo.
    Er rief ihn an seine Seite und redete ihn italienisch an, was der Knabe
ziemlich gut zu verstehen schien, wenn er sich auch erst drftig in der Sprache
selbst auszudrcken vermochte. Auffallend war es Welland, da der Schwarze so
wenig das heitere sorglose Wesen seines Volkes zeigte, vielmehr eine Art
Schwermuth und Kummer; doch bemerkte er zugleich aus allen Antworten des Knaben,
der sich Nursah nannte, da er aufgeweckten und scharfen Verstandes war und sich
auch hierin von seiner Nation vortheilhaft auszeichnete, die gewhnlich die
grte geistige Stumpfheit zeigt.
    Auch bei Caraiskakis blieb Welland ungewi, ob dieser durch den Baron Etwas
von seinen schauerlichen Abenteuern der vergangenen Nacht wisse. Der Grieche
deutete mit keiner Sylbe darauf hin und erwhnte nur, da ihm die
Benachrichtigung des Barons, Welland werde sofort nach dem Kriegsschauplatz
aufbrechen, sehr willkommen gewesen sei.
    Sie waren bereits ber die Bai von Ktschk-Tschekmedsche gesetzt und nicht
weit von Kumburgas, als sie unfern von einigen Fischerhtten am Meer halten
muten, um die Fhre abzuwarten, die sie ber die zweite Buchtung fhren sollte.
Da dieselbe noch am anderen Ufer war, machte Welland den Vorschlag, zu den
Wohnungen zu reiten und dort die Rckkunft abzuwarten, zugleich um zu versuchen,
Wasser fr sich und die Pferde zu erhalten.
    Als sie den Htten nahten, kamen einige trkische Frauen und Kinder heraus,
und eine derselben brachte auf die Bitte einen Krug mit Wasser den abgestiegenen
Reisenden. Dabei betrachtete sie aufmerksam den Deutschen, der sich durch seine
frnkische Kleidung vor den Uebrigen auszeichnete. Die Trken scheinen den
Glauben zu hegen, jeder Franke ohne Unterschied msse ein Hekim-Baschi, das
heit ein Arzt, sein, und da sie im Ganzen zu den frnkischen Aerzten weit mehr
Zutrauen haben, als zu ihren eigenen, ergreifen sie im Innern des Landes jede
Gelegenheit, von dem europischen Reisenden Hilfe fr ein oder das andere Uebel
zu verlangen.
    Ein solches Anliegen schien auch die Frau, untersttzt von ihren
Gefhrtinnen, die sich um die Gruppe versammelten, zu haben, denn sie sprach
eifrig auf Welland ein, der endlich seinen Freund zu Hilfe rief. Dieser
verdolmetschte ihm das Anliegen der Frau dahin, da in ihrem Hause ein Kranker
liege, der von Rubern berfallen, verwundet und dann in's Wasser geworfen
worden sei, wo ihn durch Zufall ihr zum Fischen dahin, gekommener Mann gefunden
und gerettet habe.
    Welland war sogleich bereit, seine Kunst anzuwenden, und indem er Nursah
befahl, ein bezeichnetes Kistchen aus dem Gepck ihm nachzubringen, folgte er
den Frauen in das Haus.
    Hier, auf einem drftigen Lager, hatte die Menschenfreundlichkeit der armen
Moslems Jussuf, den Courier der unglcklichen Mariam, gebettet; denn dieser war
es, den vor acht Tagen die Fischer, in der Kstenbucht ihre Hafen aufstellend,
auf den Steinen am Ufer der tiefen Schlucht gefunden hatten.
    Die Kugel des corsischen Mrders hatte den Schwarzen in der linken Seite
getroffen, war aber durch den dicken Shawl des Grtels geschwcht worden und
hatte glcklicher Weise kein edleres Gef verletzt. Nur der Schmerz und die
Betubung warfen ihn zu Boden, und selbst der schreckliche Sturz von der Hhe
des Felsens in's Wasser hatte neben mehreren geringeren Contusionen nur einen
Bruch des linken Arms zur Folge gehabt. Die Khle der Wellen hatte zugleich die
betubte Lebenskraft wieder aufgeregt und die Blutung gestillt; so gelang es
ihm, das Ufer zu erreichen, und hier, halb im khlen Wasser hngend, liegen zu
bleiben, bis gegen Abend der Zufall die Fischer herbeifhrte.
    Das Alles wute Doctor Welland freilich nicht, aber es bedurfte dessen auch
nicht, um seine Theilnahme fr den Leidenden zu erregen, und nachdem er sich von
der Beschaffenheit seiner Verletzungen berzeugt, war er eben bemht, mit der
Sonde die Kugel zu suchen, als hinter ihm ein geller Schrei erklang und der
Knabe Nursah, das Gerth des Herrn zu Boden werfend, auf den Verwundeten
zustrzte und ihn strmisch umschlang. Ausrufungen, zrtliche Worte,
Liebkosungen und rascher Austausch des Erfahrenen in fremder, allen Anwesenden
unverstndlicher Sprache wechselten im Fluge, und erst auf sein wiederholtes
Fragen und nachdem Nursah dem Kranken noch Vieles zugesprochen, erfuhr Welland,
da die Beiden Geschwister seien, durch den Zufall krzlich getrennt, so wie das
Schicksal, das Jussuf, den Tataren, betroffen hatte.
    Der Knabe Nursah hatte bereits in dem Arzt ein so lebhaftes Interesse
erregt, da er sich mit doppeltem Eifer des Kranken annahm. Whrend er den
gebrochenen Arm so gut, als es die Umstnde erlaubten, schiente und verband, die
Kugel aus der Seite glcklich herauszog und einen Verband auf die eiternde Wunde
legte, war Nursah mit tausend Hilfsleistungen thtig und schien dabei eben so
eifrig fr seinen Herrn, wie fr den leidenden Bruder.
    Inde Caraiskakis mit den Fhrleuten verhandelte, machte Welland, so
unangenehm es ihm auch war, dem Knaben den Vorschlag, zur Pflege seines Bruders
hier zu bleiben und dann ihm nachzukommen, aber Nursah - nach kurzem Nachdenken
und einigen Worten mit seinem Bruder, und nachdem er von seinem Herrn gehrt,
da Jussuf, wenn er sich ruhig verhalte, in hchstens drei Wochen das Lager
wieder verlassen wrde, - weigerte sich entschieden, zurckzubleiben.
    Der Fhrer der Pferde drngte zur Abreise. So schied denn Welland von dem
Kranken, nachdem er dessen Wirthen einige Anweisungen fr seine Pflege gegeben
und ihm selbst eine kleine Geldsumme zurckgelassen hatte, zu der auch
Caraiskakis eine reichliche Gabe fgte. Noch ehe sie die Fhre erreichten, kam
Nursah, der bei dem Bruder zurckgeblieben, ihnen nachgesprengt und kte mit
leidenschaftlichem Dank die Hand seines Herrn.
    Drei Stunden nachher waren sie in Silivria, dem ersten Haltepunkt auf der
groen Strae nach Adrianopel und Schumla.

                                    Funoten


1 Stellvertreter des Pascha's.

2 Schreiber eines Pascha's.

3 Klephte ist die Benennung der freien griechischen Parteignger, oder eben so
richtig Wegelagerer.

4 Oberrichter.

5 Kadi's und Mollah's heien die Richter, Mufti's berhaupt die Rechtsgelehrten.

6 Thorwchter.

7 Lasttrger. Dieselben schleppen auf dem Rcken die erstaunlichsten Lasten
durch die bergigen Straen.


                                   Oltenitza.

                            I. Des Donners Grollen.

Ein glnzender Ball beim preuischen General-Consul in den Donau-Frstenthmern
hatte eine Anzahl Offiziere des russischen Heeres und die Elite der vornehmen
Welt von Bukarest versammelt.
    Herr von Meusebach, einer der wenigen Glcklichen, die sich fr muthiges
conservatives Auftreten in den Sturmjahren von Achtundvierzig und Neunundvierzig
eines offiziellen Dankes zu erfreuen hatten, wenn auch hors de Berlin durch eine
Mission in's Land der Wilden oder Halbwilden, hat seine gemthliche und
furchtlose Ruhe, mit der er einst der erbitterten Linken das Mene Tekel: Die
Versammlung riecht nach Leichen! von der Tribne entgegen warf, auch unter den
Bojaren bewahrt und vertritt dort die Flagge seines Knigs, wie schon mehrere
Gelegenheiten bekundet haben, wrdig und nicht ohne Glanz. Junggesell, mit
Vermgen und von lebenslustigem Charakter, hat er sich vielfach den
orientalischen Sitten bequemt und bildet einen Centralpunkt fr den geselligen
Verkehr der Fremden und Einheimischen von Bukarest.
    Es ist bekannt, da bald nach der Besetzung der Donau-Frstenthmer das
russische Ober-Kommando seine Macht auch auf die administrative Verwaltung
ausdehnte und am 23. Juli den Hospodaren befahl, die Verbindung mit
Constantinopel abzubrechen und den Tribut nicht mehr nach Constantinopel zu
senden, sondern in der Staatskasse zu belassen. Bereits unterm 25. Juli forderte
demnach Reschid Pascha die Hospodare, die Frsten Stirbey in Bukarest und Ghika
in Jassy auf, die Frstenthmer zu verlassen und nach Constantinopel zu kommen.
Die eigenthmliche Zwitterstellung, welche die Regierung der Moldau und Walachei
seit langer Zeit zwischen der Oberhoheit des Sultans und dem fremden, namentlich
russischen und sterreichischen, Einflu eingenommen, veranlate die Frsten,
dem Befehl durch Zgerung auszuweichen, obschon derselbe am 30. August
wiederholt wurde. Die Stellung der machtlosen Frsten zwischen den beiden
Gewalten lie sich unmglich lnger halten und sie erklrten, die Regierung
niederlegen zu wollen. Frst Stirbey verlie mit Bewilligung des russischen
Oberbefehlshabers am 29. October Bukarest und ging ber Herrmanstadt nach Wien.
Die Regierung blieb einem auerordentlichen Verwaltungsrath bertragen, whrend
bald darauf General von Budberg zum russischen Commissar und auerordentlichen
Civil-Bevollmchtigten in den Frstenthmern ernannt wurde und an die Spitze der
obern Leitung trat. Ebenso verlie der Frst Ghika Jassy, um gleichfalls nach
Wien zu gehen, und der General Frst Usuroff trat dort an die Spitze des
Administrationsrathes. Viele Bojarenfamilien folgten den beiden Hospodaren und
zogen sich nach Oesterreich zurck, andere - die zum Theil von den Verhltnissen
Nutzen zu ziehen hofften - blieben jedoch im Lande.
    Die neue Administration brach allen Verkehr mit der Trkei ab und
benachrichtigte davon die fremden Consuln. Ein Erla versprach den Walachen, die
in die russische Armee treten wollten, verschiedene Vortheile, und die
Einverleibung der moldau-walachischen Contingente wurde vorbereitet.
    England und Frankreich hatten bereits im Juli gegen die Besetzung der
Frstenthmer protestirt und erklrt, da sie eine Dauer derselben nicht dulden
wrden.
    Am 31. October, an demselben Tage, an welchem Kaiser Nicolaus das Manifest
an sein Volk mit der Ankndigung des Krieges richtete, - erhielten die
englischen und franzsischen Generalconsuln und Consuln in den
Donaufrstenthmern den Befehl ihrer Regierungen, das Land zu verlassen.
    Dies war im Augenblick - jenes Fest, das wir zu Anfang dieses Kapitels
erwhnt, fand am 3. November statt, - die administrative Lage in den occupirten
Lndern auf dem linken Donauufer. Es ist nthig, da wir zunchst einen
Ueberblick ber die militairische Lage und die letzten Ereignisse geben.
    Offenbar hatte sich das russische Cabinet ber den Erfolg sehr getuscht,
welchen ein gewaltsames Vorgehen von seiner Seite zur Lsung der schwebenden
Fragen haben wrde. Die Trkei hatte in militairischer Beziehung die Zusage und
den Schutz Frankreichs und Englands hinter sich, an die Kaiser Nicolaus noch
immer nicht glauben wollte, und das andere Europa - wie selbst von Denen nicht
geleugnet wird, die auf russischer Seite in dem groen Kampfe standen, - war des
mit Unvorsichtigkeit und Anmaaung dominirt habenden russischen Einflusses mde.
    Der Glaube an die Macht dieses Einflusses hatte Ruland zu seinem Vorgehen
verfhrt, ohne da gengende militairische Vorbereitungen getroffen waren. In
anderer Beziehung ist diese Unterlassung wieder Brge dafr, da man die Zwecke
ohne Eroberung zu erreichen glaubte.
    Im Ganzen hatten nur ungefhr 77,000 Mann den Pruth berschritten, nmlich
das vierte Corps, eine Division und die Reiterei des fnften, und das war
natrlich eine zu geringe Macht, um damit einen Krieg gegen die Trkei zu
fhren. Eine Division des fnften Armeecorps rckte spter von Odessa nach, und
erst als die Ereignisse zeigten, da die Trken den Kampf aufnehmen wrden,
erhielt das dritte russische Armeecorps, gefhrt vom General von Osten-Sacken,
Befehl, die Armee zu verstrken und rckte in Eilmrschen nach der Moldau, die
sein Vortrab am 14. November betrat.
    Der grte Theil der russischen Occupationsarmee - wie gesagt circa 80,000
Mann - hatte seine Stellung in der Walachei genommen und dehnte sich entlang der
Donau aus. Frst Gortschakoff hatte sein Hauptquartier theils in Bukarest,
theils in Budeschti, einem kleinen Flecken zwischen Bukarest, Giurgewo und
Oltenitza, etwa fnf Meilen von dem ersteren, drei von dem letzten Orte
entfernt, genommen. Der linke Flgel dieser Aufstellung in der Walachei stand
unter dem Kommando des Generals Anrep, auf Kalarasch gesttzt, den Trken bei
Silistria gegenber, whrend General Lders die Moldaugrnze bei Galacz besetzt
hatte. General Dannenberg hielt die Mittellinie an der Donau und Giurgewo,
Rustschuk gegenber, und General von Fischbach den rechten Flgel an der Aluta
bis Krajowa gegen Kalafat, nachdem man thrichter Weise den Trken gestattet
hatte, sich hier festzusetzen. Frst Gortschakoff behielt, wie erwhnt, die
Reserve des Mitteltreffens bei sich, und die russischen Truppen waren durch das
strategische Talent des Generalstabs-Chefs Generals von Kotzebue so geschickt
aufgestellt, da es von dem durch die Natur so berwiegend begnstigten
bulgarischen Ufer doch nicht mglich war, ihre Vertheilung und Bewegungen zu
ersphen, whrend andererseits vierundzwanzig Stunden gengten, um 30,000 Mann
russischer Truppen auf einem der Hauptpunkte zu concentriren.
    Auf trkischer Seite befand sich das Hauptquartier und der Centralpunkt der
Operationen gegen die Donau in Schumla, doch war in diesem Augenblick Omer
Pascha bereits an der Donau im Centrum der Stellung eingetroffen. Den rechten
Flgel sttzte er auf Hirsowa und Silistria, von Izzet-Pascha kommandirt, den
linken, bereits ber die Donau vorgeschoben, auf Widdin und Kalafat.
    Hier kommandirte Sami-Pascha. Der Sirdar befehligte auf dieser ausgedehnten
Stellung ungefhr 100-120,000 Mann, theils Nischam (Linie), theils Redifs
(Landwehr) und Baschi-Bozuks (Irregulre)1. Eine Masse europischer Flchtlinge
aller Lnder befand sich nicht blos in seiner nchsten Umgebung, sondern auch
als Offiziere und selbst als Gemeine in dem ganzen Heer, zum groen Theil
Renegaten, da durch die Bemhungen des Muschirs bei dem Uebertritt der
ungarischen Armee im Jahre 1849 Offiziere und Soldaten in Masse dem
Religionswechsel des greisen Generals Bem gefolgt waren. Es wird fr die Leser,
die nicht gleich eine Karte des damaligen Kriegsschauplatzes zur Hand haben,
wenigstens ein bersichtliches Bild gewhren, nachstehend die einander gegenber
liegenden Hauptpunkte des linken und rechten Donauufers angefhrt zu sehen. Wir
beginnen von der serbisch-sterreichischen Grnze aus, den Lauf der Donau bis
Galatz, also bis zu dem Punkt verfolgend, wo die groe Walachei, die Moldau, die
Dobrudscha und das russische Gebiet von Bearabien an ihren Ufern
zusammenstoen.

Krajowa Bukarest
Kalafat ----- Turnul Simnitza Giurgewo Oltenitza
 - - - - - -
Widdin Rahova Nicopoli Schistowa Rustschuk Tuturkai

Kalarasch Futestie ----- Brailow Galatz
- - - -
Silistria Hassowa Hirsowa Matschin ----- Isaktscha

    Das trkische (bulgarische) Ufer bildet bereits von Matschin aus eine fast
ununterbrochen fortlaufende Bergwand, whrend die walachischen Ufer, mit wenigen
Unterbrechungen flach und sumpfig, den Ueberschwemmungen der Donau ausgesetzt
sind, so da die gewhnlichen Grnz- und Quarantainewachen am Ufer in
Wachthusern kampiren mssen. Die Donau theilt sich an vielen Stellen in mehrere
Arme und bildet grere und kleinere Inseln. Ihre Breite ist demnach sehr
wechselnd.
    Wie bereits erwhnt, hatten die Feindseligkeiten, und zwar von trkischer
Seite, bei Isaktscha2, einer kleinen trkischen Festung in der Dobrudscha,
begonnen. Frst Gortschakoff hatte den Befehl ertheilt, da ein Theil der in den
Mndungen ankernden russischen Donau-Flotille den Flu herauf bis Galatz fahren
solle, um fr etwaige Operationen bei der Hand zu sein. Der Befehl lautete, bei
Nacht an den Festungswerken von Isaktscha und den von den Trken dort angelegten
Schanzen vorber zu fahren; der Kommandant, Capitain Werpakhowsky, und alle
Offiziere der Flotille erbaten jedoch die Erlaubni, die Festung bei Tage zu
passiren, als eine Gnade. Das Geschwader, aus den Kriegsdampfern Pruth und
Ordinarez, jeder vier Kanonenboote im Schlepptau, bestehend, nherte sich um 8
1/2 Uhr Morgens den 23. October Isaktscha und sofort erffneten die Trken das
Feuer aus 27 Geschtzen, worauf sich eine lebhafte Kanonade von beiden Seiten
entspann, die fast anderthalb Stunden whrte. Zwei der Kanonenboote wurden durch
das trkische Feuer so beschdigt, da sie nur bis Reni gebracht werden konnten,
die anderen Schiffe jedoch trafen am Abend in Galatz ein. Ein groer Theil der
Stadt Isaktscha war durch die russischen Bomben in Flammen gesteckt; unter den
dreizehn Todten des kleinen Geschwaders befand sich auch sein tapferer
Kommandant Werpakhowsky. Sechsundvierzig Mann wurden verwundet. -
    Am 25. October hatten die Trken unter Sami-Pascha, dem Gouverneur von
Widdin, den ersten Uebergang ber die Donau unternommen. Die zwischen Widdin und
Kalafat belegene Insel wurde von einem Corps von 2000 Mann besetzt und
befestigt, ohne da die Russen, deren schwache Vorposten in Kalafat standen,
dies im Geringsten zu hindern suchten.
    Selbst als am Nachmittag des 27. von der Insel aus die Trken unter dem
Befehl von Ismal-Pascha das linke Ufer unterhalb Kalafat betraten, sahen die
russischen Offiziere von dem auf der Hhe belegenen Kaffeehause dem feindlichen
Uebergang gemthlich zu, bis es zu spt war, die verlorenen Vortheile wieder zu
gewinnen. Die russische Garnison rumte Kalafat, und nach Mitternacht rckte die
Avantgarde der Trken dort ein. Die Strke derselben betrug damals hchstens
7-8000 Mann. Sofort begannen sie die von Natur uerst feste Position durch
Schanzwerke zu verstrken und es bildete sich jenes ber eine halbe deutsche
Meile lange Vollwerk, an dem der Lorbeer des Frsten von Warschau noch diesseits
des Grabes seine ersten Bltter verlieren sollte.
    Die ziemlich abgesonderte, und strategisch auerdem ganz unntze Position
war von dem Muschir kluger Weise eingenommen worden, um jenem groen Plan der
Russen auf die Verbindung mit Serbien und die Erhebung des serbischen Volkes
gegen die Trkei zuvor zu kommen. Wir werden spter Gelegenheit haben, uns
lnger mit Kalafat zu beschftigen und wenden uns daher zu den nchsten
Ereignissen im Centrum der Stellung.
    Am 1. November waren von den Trken hier gleichfalls mehrere Versuche gegen
das linke Donauufer unternommen worden. Von Rustschuk aus etwas stromaufwrts
bei Tersentschik war ein Corps von 2000 Mann ber die Donau gegangen und
plnkelte jetzt gegen Giurgewo, das Rustschuk gegenber liegt. Hier kommandirte
General Ssoimonoff. Es erfolgte ein Gefecht lngs des Dammes der Stadt ohne
grere gegenseitige Resultate. Am Morgen des 2. hatten die Trken den starken
Nebel benutzt, welcher die ganze Donaugegend bedeckte, und einen Dampfer mit
mehreren Kanonenbten von Rustschuk gegen Giurgewo geschickt. Die Schiffe waren
schon in den Kanal eingedrungen, welcher gegen die Quarantaine fhrt, als sie
von den Russen bemerkt wurden. Es entspann sich alsbald eine lebhafte Kanonade,
die nach mehreren Stunden mit einem Rckzug der trkischen Schiffe endete. Am
nchsten Tage wiederholte sich dies Spiel.
    Von Tuturkai aus wurde der dritte Versuch zur selben Zeit gemacht und hier
beabsichtigten, wie die spteren Ereignisse ergaben, die Trken den Hauptsto.
Tuturkai selbst war in der letzten Zeit stark befestigt worden, und unter dem
Schutz des buschigen und bergigen Ufers war es gelungen, ein Corps von 14,000
Mann zwischen hier und Tschischatscha zu concentriren, durch die nthigen
Reserven gedeckt, ohne da die Russen die drohende Gefahr bemerkten. Am 1.
November setzten die Trken auf die zwischen Tuturkai und Oltenitza, nher am
letztern Ort liegende Insel ber und begannen diese zu befestigen. Von hier aus
faten sie am 2. Position auf dem linken Ufer unterhalb Oltenitza. Am Morgen des
3. standen bereits etwa 5000 Mann auf der Insel. Das Buschwerk derselben
verhinderte jedoch auch hier die Russen, die Zahl und die Vorbereitungen ihrer
Gegner zu erkennen.
    Der Commandeur der II. Infanterie-Division des IV. Armee-Corps,
General-Lieutenant Pawloff, befehligte in Oltenitza, hatte aber nur eine geringe
Truppenzahl bei sich.
    Dies war die gegenseitige Stellung am Abend des 3. November. -
    Frst Gortschakoff mit seinem Adjutanten hatte selbst den Ball des
General-Consuls mit seinem Besuch beehrt, und eine groe Anzahl der Offiziere
des Dannenberg'schen (IV.) Corps befand sich aus den umliegenden Stationen auf
Urlaub anwesend, da die Gefahr an keinem Punkte sehr dringend erschien und man
die Vorposten-Positionen an der Donau fr gengend hielt, jeden Versuch zu
vereiteln, oder die bergegangenen Streifcorps zurckzuwerfen.
    Unter den Gruppen des Balles zog jene die Aufmerksamkeit auf sich, die sich
um die Schnheit des Tages gebildet hatte. Es war die Gattin eines erst seit
wenigen Wochen aus Paris zurckgekehrten Bojaren aus der reichen und angesehenen
Familie der Bibesco, und obschon es sehr gewhnlich ist, da die galanten Damen
von Paris, wenn sie dort ihre Rolle ausgespielt haben oder durch irgend einen
Umstand sich veranlat sehen, Paris zu meiden, sich von ihren slavischen
Anbetern, - und Paris wimmelt in Friedenszeiten von Mitgliedern des reichen
slavischen, magyarischen und romanischen Adels, - zu der wilden Heimath
entfhren lassen, oder auch selbst auf eigene Hand nach Bukarest, Galacz und
Jassy kommen, um dort einen goldenen Fisch zu angeln und mit ihrer Hand zu
beglcken, - so war Madame Bibesco doch wohl geeignet, unter allen ihren
Nebenbuhlerinnen den Sieg davon zu tragen.
    Eine hohe, schlanke Gestalt, das Haar cendr, der Teint sein und leicht
gerthet, ein Bild, das dem Leser nur flchtig am Abend des 5. Juli in der
Strae St. Josef zu Paris von uns vorgefhrt worden ist. Der spttisch verzogene
Mund warf rechts und links seine Wortblitze, whrend das schmachtende Auge durch
die brillanten-besetzte Lorgnette achtlos ber den Kreis hinaus kokettirte, der
sich um sie gebildet hatte.
    Pltzlich erbleichte das schne Gesicht und dann scho eine dunkle Rthe auf
Hals und Antlitz. Frau von Bibesco wandte sich rasch zu einem der Offiziere und
begann ein gleichgltiges Gesprch, whrend dessen sie ihre Aufregung zu
unterdrcken suchte. Alsdann wieder das Lorgnon vornehmend, lie sie ihre Blicke
nochmals wie zufllig durch den Saal schweifen und endlich an einer entfernten
Gruppe lterer Offiziere haften.
    Knnen Sie mir sagen, Herr von Szamarin, wandte sich die Dame an einen
ihrer Verehrer, einen Ulanen-Major vom Regiment Olwiopol, wer der junge
Offizier ist, so viel ich von Ihren Uniformen verstehe, von der Garde, der eben
mit dem Oberbefehlshaber spricht? Mich dnkt, ich mte dies interessante
Gesicht bereits gesehen haben.
    Ich kann Ihnen dienen, gndige Frau, erwiederte der Offizier galant. Mit
Ihren scharfen Augen haben Sie einen Adonis der russischen Armee herausgefunden,
Frst Iwan Oczakoff, und es ist mglich, da Sie ihn bereits gesehen, da er
einige Zeit der Gesandtschaft in Paris beigegeben war. Ich habe die Ehre, den
Frsten und seine schne Schwester, die, wie ich hre, leider krank von Paris
zurckgekehrt ist, von Petersburg her zu kennen. Er steht augenblicklich beim
Stabe des Frsten Mentschikoff und ist gestern als Courier mit Depeschen von
Odessa hier eingetroffen. Befehlen Sie, da ich Ihnen den Frsten vorstelle?
    Sie werden mich verbinden, Herr Major.
    Aber nur unter der Bedingung, schne Frau, da wir dabei nicht zu kurz
kommen, und Frst Oczakoff, der doch nach dem deutschen Reiterliede nur im
Sturme um den Minnesold werben! Kann, Sie uns nicht entfhrt.
    Der Major verlie die Gruppe und nherte sich dem Frsten, der jetzt, von
dem General en chef entlassen, mit mehreren jungen Offizieren plauderte.
    Die Blicke der Dame folgten ihm nicht ohne Unruhe, - nur zerstreut setzte
sie die Unterhaltung mit ihrer Umgebung fort.
    Sie haben eine Eroberung gemacht, Frst, sagte scherzend Herr von Szamarin
zu diesem, ohne da Sie es wissen. Madame Bibesco, die Knigin des Balles,
wnscht, da ich Sie ihr vorstelle.
    Ich habe nicht die Ehre, die Dame zu kennen.
    Eben deshalb will ich Sie vorstellen. Kommen Sie, Frst. Die schne Celeste
Bibesco ist eine Pariserin und wird Sie dort wahrscheinlich gesehen haben,
wenigstens glaubt sie es.
    Halb gezwungen folgte Frst Iwan dem Kameraden, der ihn zu der schnen
Bojarenfrau fhrte.
    Hier, Madame, erlaube ich mir, Ihnen unsern gefhrlichen Nebenbuhler um
Ihre Gunst vorzustellen, Frst Iwan Oczakoff. Er stammt aus dem Lande, wo Achill
einst vor dem trojanischen Krieg verborgen wurde, und ich hoffe, er hat fr die
Pfeile aus Ihren schnen Augen auch nicht einmal die verwundbare Stelle, die
sein berhmter Landsmann besa.
    Man mu nach Ruland kommen, sagte die Dame lchelnd, um die pariser
Complimente noch bertroffen zu sehen. Ich hre, Sie waren noch in diesem Sommer
in Paris, mein Frst? - Ihr Auge lag scharf und deutungsvoll auf ihm.
    So ist es, Madame.
    Und wann verlieen Sie es?
    Am Abend des 5. Juli.
    So bald schon? Ich glaubte, Sie noch spter dort gesehen zu haben. Es
scheint, da der 5. Juli ein wichtiger Tag fr viele Personen gewesen ist, auch
mir war er ein solcher.
    Der Frst wurde aufmerksamer.
    Meine Abreise kam pltzlich, deshalb habe ich das Datum genau behalten,
Madame.
    Ich zweifle nicht daran, mein Prinz. Ungewhnliche Ereignisse haften fest
in der Erinnerung, wie es scheint, fester selbst als Gefhle. Ihr Blick flog
rasch umher - die umgebenden Herren hatten sich rcksichtsvoll einige Schritte
zurckgezogen und plauderten, - sie sah sich unbeachtet und benutzte den
Augenblick. Ich htte kaum geglaubt, Sie glcklich und so bald nach jenem
furchtbaren Abend wiederzusehen.
    Madame - -
    Jetzt wird es mir freilich klar, auf welche Weise es Ihnen gelang, sich zu
befreien. Die arme Nini!
    Der Frst war sehr bleich, in seinem Innern kmpfte sichtlich eine groe
Aufregung.
    Madame - ich verstehe kaum - -
    Ei, mein Gott, warum sich der kleinen Avantre schmen, mein Prinz! Ich
bin, wenn Sie es wnschen, die Discretion selbst, nehme aber natrlich auch die
Ihre in Anspruch. Wenn Sie Lust haben, weiter mit mir zu plaudern, so sage ich
Ihnen den zweiten Contretanz zu. Im Augenblick bin ich engagirt und ich sehe
eben meinen Tnzer nahen. Au revoir, mon Prince!
    Am Arm ihres Cchapeaus rauschte sie in die sich bildenden Reihen, whrend
das Orchester den wilden Mazurka begann.
    Der Frst starrte ihr nach - seine Augen blieben in ernstem Nachdenken auf
die unerwartete Erscheinung gerichtet. Dann legte er die Hand sinnend an die
schne Stirn und suchte eines der Nebenzimmer auf, wo er ungestrt seinen
Gedanken nachhing.
    Erst die Takte, welche zum Antreten der Quadrille riefen, weckten ihn. Er
schien seinen Entschlu gefat zu haben und eilte in den Saal zu seiner
Tnzerin, die ihn bereits mit Ungeduld erwartete.
    Whrend die Touren wechselten, spann sich das Gesprch lebhaft weiter.
    Darf ich fragen, ob Sie Nini wieder gesehen haben?
    Nein, Madame.
    Ich dachte es mir, sagte die schne Frau mit sichtlicher Erleichterung.
Sie haben demnach gleich nach dem entsetzlichen Auftritt Paris verlassen?
    So ist es.
    Es konnte Ihnen natrlich nicht schwer werden, Ihre Identitt zu beweisen.
Doch war es edel und schn von Ihnen, mein Prinz, sich fr Ihren Gegner zu
opfern.
    Der Tanz unterbrach die Unterhaltung.
    Und Nini? fragte der Frst, von der Tour zurckkehrend.
    Mon Dieu! die Kleine begleitete ihren Bruder und war am andern Morgen
spurlos verschwunden. Wir hatten uns alsbald getrennt, um jede Spur zu
verwischen, und ich wagte es erst einige Zeit nachher, unter der Hand mich zu
erkundigen. Aber seltsam, auch die Polizei hatte keine Nachfrage angestellt,
obschon der Mensch schrecklich kompromittirt sein mute.
    Sie schien die Sache mit einiger Verlegenheit zu umgehen. Sie sind mir die
Erzhlung Ihres weitern Abenteuers schuldig, mein Prinz.
    Der Tanz hatte geendet, der Frst fhrte die Dame nach ihrem Platz. Ich
fhle ganz die Pflicht, die ich habe, und sie zu lsen ist fr mich wichtiger,
als es fr Sie von Interesse sein kann, nur scheint hier kaum der Ort dazu.
Wrde Frau von Bibesco nur wohl erlauben, ihr morgen meine Aufwartung zu
machen?
    Frst Oczakoff wird mir stets willkommen und ich werde von zwlf Uhr an fr
ihn allein zu Hause sein. - Doch sehen Sie, Frst, - es mu sich etwas
Ungewhnliches ereignet haben. Ihre Herren Kameraden treten zusammen und ich sah
eben Frst Gortschakoff mit mehreren Generalen durch jene Thr sich entfernen.
Bitte, gehen Sie und erkundigen Sie sich, wir Frauen sind neugierig.
    Auch der Frst bemerkte, da eine besondere Aufregung im Saale stattfand und
die Offiziere in Gruppen zusammentraten. Er beurlaubte sich mit einer Verbeugung
und eilte zu der Menge, die sich namentlich um die Thr zu einem der
Nebengemcher versammelt hatte, aus dem jetzt Baron von Meusebach seinen Gsten
entgegentrat.
    Seine Durchlaucht, sagte der General-Consul mit lauter Stimme, bitten die
werthe Gesellschaft mit mir, sich durchaus nicht zu beunruhigen oder stren zu
lassen. Es sind einige Depeschen eingegangen, die den Frsten fr kurze Zeit in
Anspruch nehmen, aber keineswegs irgend eine Besorgni rechtfertigen. Meine
Herren, ich bitte Sie, in dem Tanz fortzufahren.
    Das Orchester begann auf seinen Wink auf's Neue, doch nur wenige Paare
bildeten die Colonne. Man flsterte in Gruppen oder verkehrte mit den
Adjutanten, die hastig aus den Gemchern, wohin sich der Frst zurckgezogen
hatte, ab und zu gingen und hier und da einem der Offiziere einen Befehl zu
bringen schienen. Man bemerkte, wie alsbald die Angeredeten aus dem Saale
verschwanden, und von der Pforte des Hauses aus klang der Galopp der
Davonsprengenden herauf.
    Frst Iwan wandte sich an einen ihm bekannten Artillerie-Offizier und fragte
ihn nach dem Vorgefallenen.
    Der Teufel ist los! sagte der Capitain. Pawloff hat uns bei Oltenitza die
Trken ber den Hals kommen lassen und ist bereits heute Mittag von ihnen
zurckgedrngt worden. Kommen Sie, Frst, wir hren die sichersten Nachrichten
von dem Boten selbst.
    Er nahm ihn unter den Arm und fhrte ihn durch die Menge zum zweiten Salon,
wo am Bffet eine Anzahl Militairs um einen staub- und schmuzbedeckten
Kosaken-Offizier versammelt war, der, am Tisch sitzend, groe Glser starken
Arracpunsches hinunterstrzte. Die Unterhaltung wurde hier russisch gefhrt und
das andere Publikum hatte sich daher zurckgezogen.
    Nun, Herr Kamerad, sagte Capitain Besutoff zu dem Kosaken, kann man von
Ihnen erfahren, welche Nachrichten Sie gebracht haben, oder ist die Sache
Geheimni?!
    Warum halten hinter dem Berg mit der Sach', die doch sein pblic morgen
frh! radebrechte der Kosak. Wir haben bekommen Schlg', starke Schlg'; die
Herren Muselmann, meine Colleg', waren gekommen zu viel und haben gedrngt uns
zurck. Wir werden haben morgen starke Affair'. Er hob das neugefllte Glas und
betrachtete den Inhalt schmunzelnd durch das Licht. Dieser Punsch sein ser gut.
Auf kuten Erfolg, meine Herren Kamerad'!
    Der Bursche leerte das groe Glas auf einen Zug. Inde die Offiziere sich
bemhten, die Details aus ihm herauszuholen, trat einer der Adjutanten des
Oberbefehlshabers zu der Gruppe.
    Seine Durchlaucht hat den Ball verlassen, meine Herren, und sich in sein
Quartier begeben. Sie werden wohlthun, sich fertig zu machen und mglichst
schnell im Hotel einzufinden, um ewige Befehle in Empfang zu nehmen. Wir brechen
noch diese Nacht auf nach Budeschti. Sie, Herr Lieutenant, er wandte sich zu
Iwan, wnscht der Frst gleichfalls zu sprechen.
    Ein allgemeiner Aufbruch der Gesellschaft erfolgte. Als Frst Oczakoff in
den Ballsaal zurckeilte, um die schne Bojarin noch zu sprechen, fand er, da
sie bereits mit ihrem Gatten das Fest verlassen hatte, das jetzt rasch ein Ende
nahm.
    Die Offiziere eilten theils nach ihren Quartieren, theils nach den Kasernen,
oder direct nach dem Hotel des Oberbefehlshabers. Frst Iwan traf hier bereits
die Vorgemcher voll von Ordonanzen und Offizieren aller Waffengattungen. In dem
Saal des Hauses, wohin er mit mehreren Andern beschieden wurde, fand er den
Frsten mit der Generalitt und den Mitgliedern des Generalstabs um die Karten
versammelt.
    Der Oberbefehlshaber dictirte eben die General-Ordre an den Chef des 4.
Corps, General von Dannenberg, fr die Action des kommenden Tages. Sie lautete:
In der Umgegend von Dobrny und Negoeschti die erste Brigade der 11.
Infanterie-Division mit der Batterie Nr. 3 und die leichte Batterie Nr. 5 der
11. Artillerie-Brigade, 6 Escadronen des Ulanen-Regiments Olwiopol mit 2
Geschtzen der 9. Batterie der donischen Kosaken und 300 Kosaken vom donischen
Regiment Nr. 34 zu concentriren, bei dem Dorfe Mitrni-Fundni Stellung zu
nehmen und mit diesen Streitkrften den Feind von diesem Punkt aus anzugreifen.
    Zugleich wurden Spezial-Ordres an alle diese einzelnen zwischen der Saltscha
und dem Mostische cantonirenden Truppen zum sofortigen Ausmarsch gefertigt und
die Adjutanten und Ordonanzen flogen damit nach allen Seiten davon.
    Der Regen go in Strmen vom Himmel, die wenigen Straen und Wege waren
bereits grundlos.
    In einer Pause der Geschfte wandte sich der Ober-Kommandirende an den
jungen Mann. Ich habe Sie rufen lassen, Herr Lieutenant, um Ihnen mitzutheilen,
da Sie mich nach Budeschti begleiten und der Affaire beiwohnen werden. Sie
haben damit Gelegenheit, sich die Sporen und - fgte er lchelnd hinzu - den
noch mangelnden Bart zu verdienen. Ich hoffe, Sie mit guter Botschaft von Ort
und Stelle an den Herrn Marine-Minister zurcksenden zu knnen. In zwei Stunden
brechen wir auf. Sie werden Pferde aus meinem Marstall nehmen.
    Er winkte zur Entlassung und wandte sich zu einem andern Offizier.
    Der Frst trat ab ziemlich betroffen und milaunig, denn er schien groe
Wichtigkeit auf die Unterredung mit Frau von Bibesco gelegt zu haben und sah
diese jetzt vollstndig vereitelt. Major Szamarin begegnete ihm.
    Ich hre, Sie werden dem Scharmtzel im Generalstabe beiwohnen. Doch wollen
wir uns sputen, da wir mit den lieben Moslems fertig sind, ehe Sie kommen. Gute
Nacht oder guten Morgen, Kamerad, ich mu zu meiner Escadron, die Kerls werden
sich freuen, da endlich der Tanz losgeht.
    Beide reichten sich die Hand und trennten sich, der Major, um mit seiner
Escadron aufzubrechen, der Frst, um rasch noch seine kurzen Vorbereitungen zu
treffen.
    Zwei Stunden darauf wirbelten die Trommeln durch die Straen und eine
Infanterie-Colonne setzte sich bei Sturm und Regen in Bewegung.
    Beim ersten Dmmern des Tages folgte ihr der Oberbefehlshaber mit seinem
Stabe nach Budeschti. -
    Oltenitza, wo der erste grere Kampf dieses Krieges ausgefochten werden
sollte, ist ein kleiner Ort an dem Flchen Argisch, kurz vor dessen Einflu in
die Donau, die hier etwa 630 Schritt breit ist und in deren Mitte, doch nher
dem linken Ufer und Oltenitza gegenber, wie wir bereits erwhnt haben, eine
ziemlich groe, stark bewaldete Insel liegt. Links von dem etwas landeinwrts
gelegenen Stdtchen befindet sich nher am Ufer der Donau das groe steinerne
Quarantainegebude, in dessen Nhe mehrere alte, nach der Landseite offene
Schanzen und Erdwerke vorhanden waren, von den Russen in frheren Kriegen gegen
die Trken aufgeworfen. Der Argisch bildet an seinem Ausflu sich bis an's
Donauufer erstreckende Smpfe, welche die Position beengen und schtzen.
    Hier hatte wegen der geringeren Breite der Donau auch bei dem Feldzuge von
1828 die russische Armee mit 40,000 Mann am 23. Juni ihren Uebergang nach dem
bulgarischen Ufer bewerkstelligt.
    Wir haben bereits angefhrt, da die Trken am 2. im Schutz des Nebels ein
kleines Corps von der Insel aus auf das linke Ufer geworfen und sich dort in
jenen russischen Schanzen festgesetzt hatten. Mustapha-Pascha und der spanische
Abenteurer General Prim von Reu, ein ehemaliger preuischer Lieutenant, der
durch die Weiberwirthschaft in Spanien sich zu solchem Range emporgeschwungen
hat und mit der Speculation nach der Trkei gekommen war, mindestens ein
Oberkommando zu erhalten, - leiteten die Unternehmung. Im Laufe des 3. - es war
ein Donnerstag - hatte sich die Zahl der bergesetzten Truppen bedeutend
vermehrt und drngte die russische Vorpostenlinie auf Oltenitza und die in
Kanonenschuweite hinter dem Ort belegene befestigte Reservestellung zurck. Am
Nachmittag entspann sich ein Gefecht, bei dem die Russen - grtentheils nur
Kosaken - sehr im Nachtheil waren und Oltenitza rumen muten, whrend die
Trken ihre Stellung beraus befestigten, auf der Donauinsel zwei Batterieen
errichteten und das Quarantainehaus zu einer solchen umgestalteten. Fortwhrend
kamen zugleich Verstrkungen vom rechten Donauufer an.
    Diese milichen Umstnde waren es, die General Pawloff dem
Hchstkommandirenden am Nachmittag des Dritten nach dem etwa acht Stunden von
Oltenitza entfernten Hauptquartier gemeldet hatte.
    Am Freitag Morgen - der Freitag ist der Sonntag der Moslems - standen
bereits 14-15,000 Trken3 verschanzt auf dem linken Donauufer in beraus
vortheilhafter Position. Dieselbe lehnte sich rechts an die Donau, links an den
Argisch. Ihr rechter Flgel war berdies durch mehrere terrassenfrmige
Batterieen von zusammen 40 Geschtzen am rechten Donauufer und auf dem alten
Schlo von Tuturkai, ihr linker Flgel durch die beiden bestreichenden
Batterieen auf der Donauinsel gedeckt. Die Front, in deren Mitte das steinerne
mit 6 Kanonen besetzte Quarantainehaus stand, war durch Schanzkrbe und
Pallisaden geschtzt, welche sie vom rechten Donauufer herber gebracht hatten.
    Whrend des ganzen Morgens und Vormittags feuerte die Artillerie gegen
einander, doch in solcher Entfernung, da wenig Erfolg auf beiden Seiten sich
zeigte. Gegen Mittag endlich klrte sich das Wetter auf und zugleich rckten von
Mutrni-Fundni und Szanzowa her die consignirten Truppen des Generals von
Dannenberg in die ihnen bezeichneten Stellungen.
    Dieselben waren, Alles in Allem, 8000 Mann stark4, da die Regimenter alten
Schlages, das heit sehr unvollstndig, waren.
    General von Dannenberg hatte sich mit dem Stabe unfern Oltenitza
aufgestellt. Die Kosaken plnkelten auf beiden Seiten, obschon die Stellung des
Feindes jeden Flankenangriff hinderte. Das Selenginski'sche Infanterie-Regiment
(Nr. 21) unter Oberst Sabatinski, und das Jakutzki'sche Regiment (Nr. 22),
gefhrt vom Oberst Bjalui, standen in Kanonenschuweite in spitzem Winkel
aufgestellt, die Mitte fr die Artillerie freilassend, die General-Major
Wedowitschenko kommandirte. Die Ulanen unter General-Major Kosljaninoff bildeten
die Reserve.
    Da die Stellung der Trken nirgends umgangen werden konnte, beschlo der
General den Frontalangriff. Schon whrend der Aufstellung der Truppen hatte die
trkische Artillerie ihr Feuer aus allen Geschtzen und selbst aus einigen auf
dem rechten Ufer aufgestellten Mrsern begonnen.
    Um ein Uhr gab der russische Befehlshaber das Zeichen zum Angriff und sandte
die beiden Batterieen Nr. 3 und 5 bis auf etwa 13-1400 Schritt Entfernung von
den feindlichen Schanzwerken vor, wo sie abprotzten und sofort das Feuer gegen
die trkischen Verschanzungen erffneten.
    Whrend einer Stunde spielte die Artillerie, auf beiden Seiten trefflich
bedient, wobei es jedoch der russischen gelang, bis auf Karttschenschuweite
vorzugehen.
    Die Trommeln wirbelten nunmehr zum Angriff und vier Bataillone des
Selenginski'schen, nebst zwei des Jakutzki'schen Regiments formirten die
Sturmcolonne, kommandirt von Oberst Sabatinski.
    In diesem Augenblick traf der Oberbefehlshaber, Frst Gortschakoff, mit
seinem Gefolge auf dem Schlachtfelde ein.
    Die Artillerie gab noch eine Salve, dann wandte sie sich zur Rechten und
Linken, und bescho die Schanze und die Insel, whrend die Colonne im
Sturmschritt vorging.
    Der erste Aufsto war frchterlich - der Tod hielt seine reiche Ernte. Die
Geschtze im Quarantainehause schwiegen, bis die Colonne auf hundert Schritt an
die Pallisaden heran war, und begannen dann ihr Karttschenfeuer auf die
dichtgedrngte Masse.
    Die Colonne wankte, doch der Zuruf der Offiziere hielt sie zusammen und
trieb sie vorwrts.
    Eine zweite volle Lage begrte sie, kaum dreiig Schritt von den
Verschanzungen, eine der Kugeln ri den tapfern Veteran zu Boden, der sie
fhrte.
    Dies Mal widerstand die russische Tapferkeit nicht, die Bataillone wichen
und strzten in wilder Flucht zurck; zugleich warf sich die zur Seite des
Quarantainehauses, zwischen diesem und der alten Schanze gedeckt aufgestellte
Kavallerie auf die Weichenden und trieb sie in wilder Flucht vor sich her. Die
russische Artillerie vermochte nicht ein Mal, zum Schutz der Ihren zu feuern, so
dicht geballt in einander waren Freund und Feind.
    Nun, Frst, verdienen Sie sich das Hauptmannspatent. Hinunter zu
Kolsjaninoff, er soll angreifen und den Leuten Luft schaffen.
    Iwan verbeugte sich vor dem Kommandirenden und gab seinem Pferde die Sporen;
in wenig Augenblicken war er bei den Ulanen und hatte die Ordre berbracht.
    Abgeschwenkt, erste, dritte und fnfte Escadron rechts, die zweite und
vierte links, die sechste in Reserve. Galopp! Marsch! Die Kommando's erklangen,
die Trompeten bliesen, und im Galopp sausten die braven Ulanen ber das schlimme
Terrain, whrend durch die Mitte bereits die Spitzen der Fliehenden anlangten.
    Die trkische Kavallerie, aus Husaren und syrischen Baschi-Bozuks bestehend,
erhielt von zwei Seiten den Sto und konnte nur schwer widerstehen. Dieselben
Ursachen, welche die russische Artillerie behindert hatten, dienten auch jetzt
den Gegnern zum Nachtheil. Ein wildes Einzelngefecht entspann sich, namentlich
auf der Seite der Baschi-Bozuks, die mit ihren Lanzen den Ulanen das
Gleichgewicht zu halten vermochten.
    Hier, neben Szamarin im dichtesten Gewhl, befand sich der junge Frst. Sein
Gesicht war bleich, doch die Augenbrauen finster zusammengezogen, wie von einem
festen Entschlu. Seine Rechte hielt den Degen, doch nur zur Verteidigung, -
diese Klinge war noch rein von Blut!
    In solcher Nhe war der Kampf mit den wilden Shnen der syrischen Steppen
furchterregend. Die braunen Gesichter mit den blitzenden Augen, die wilden
ungewohnten Gestalten in der seltsamen oft zerlumpten Tracht, konnten selbst die
Kaltbltigkeit eines alten Soldaten verwirren. Dem Frsten blitzte und wogte es
vor den Augen, bis er einen scharfen Schmerz an seinem linken Arm hingleiten
fhlte, ein Lanzenstich, fr seine Brust bestimmt, hatte ihn leicht verwundet.
Im Augenblick darauf hieb Szamarin den Turkomanen vom Pferde.
    Vorwrts, Kamerad, nicht geschont die ....
    Der schwere Schlag eines Yatagans traf durch den Kalpak hindurch seine
Stirn, zugleich durchbohrte eine Pistolenkugel seine Brust, - der Tapfere
breitete die Arme weit aus - in der Faust noch den Sbel hoch geschwungen - dann
strzte er unter die Hufe der Pferde, die nur den zuckenden Leichnam zertraten.
    Dies Mal war es der jungfruliche Stahl, der den Tod des Kameraden rchte
und sich tief in die Seite des Schtzen begrub. Ein wilder Schreckensruf
erfolgte, als der Trke, offenbar ein Offizier hheren Ranges, fiel, und
zugleich brach von der Seite her die Reserve der sechsten Escadron in den Feind.
Die regulairen Reiter wandten sich zur Flucht, im Augenblick war diese
allgemein; im Carriere nach dem Ufer, bis in's Wasser der Donau hinein, jagte
die trkische Kavallerie, verfolgt von den Ulanen, bis das Flankenfeuer von den
Batterien der Insel diesen Einhalt gebot und sie zurcktrieb.
    Bleich, schwankend auf seinem Ro, den blutigen Stahl noch an der Hand
hngend, kam Frst Iwan in den Reihen der schwergelichteten Escadrons zurck.
Ein alter brtiger Unteroffizier fhrte am Zgel den prchtig geschirrten
Araber, dessen Sattel sein Sto eben gerumt hatte. -
    Sie sind ein Glckskind, Frst, sagte der Cornet an seiner Seite; ich
glaube, es war der Fhrer dieser Horden, den Sie getroffen haben. Vielleicht
findet sich in diesen goldverbrmten Satteltaschen ein Ausweis; schade, da wir
nicht Zeit hatten, den Kerl selbst zu durchsuchen.
    In der That fand man in diesem Reservoir der trkischen Soldaten neben dem
Tabacksbeutel die Ordres des Tages, welche erwiesen, da der Getdtete Hassan
-Pascha, der Fhrer der Kavallerie des Corps, war.
    Der Oberbefehlshaber selbst kam der zurckkehrenden Kavallerie entgegen und
hrte die dem Kommandirenden erstatteten Rapporte an, whrend die Colonnen sich
wieder sammelten und formirten. Hierbei wurden auch die in dem Sattelzeug des
gefallenen trkischen Fhrers gefundenen Ordres und Papiere bergeben, und von
einem der Offiziere, der trkisch verstand, schnell bersetzt.
    Sie schienen von Wichtigkeit, denn whrend die Artillerie von Neuem ihr
Spiel begann, zog sich der General en chef mit dem Kommandirenden des Corps und
einigen der lteren Stabsoffiziere zu einem kurzen Kriegsrath zurck.
    Derselbe war in wenig Minuten beendet, und inde General Dannenberg auf's
Neue seine Befehle fr den Angriff ertheilte, winkte der Oberkommandirende den
jungen Frsten zu sich. -
    Ich gratulire, Herr Capitain sagte er freundlich; Sie haben sich in Ihrer
ersten Affaire ausgezeichnet, wie ich sehe, selbst auf Kosten einer Wunde, und
uns zugleich einen wichtigen Dienst geleistet. Ich breche in diesem Augenblick
nach Giurgewo auf, wo, wie ich aus den gefundenen Papieren ersehe, unsere
Positionen zugleich bedroht sind. Sie bleiben bei General Dannenberg zurck, der
Sie spter mit Depeschen an General Anrep und General Lders senden wird. Von
Galacz aus begeben Sie sich nach Odessa zurck. Ich hoffe, Herr Capitain, wir
sehen uns bald wieder.
    Er galoppirte davon und Frst Iwan schlo sich, nicht ohne geheimen Stolz
und dennoch trbe und ernst, dem Stabe des Kommandirenden an.
    Der Tag neigte sich stark, es war bereits 4 Uhr. General Dannenberg hatte
die Ordre erhalten, noch einen krftigen Angriff zu machen und die Trken
womglich aus ihrer Position zu verdrngen, jedenfalls aber die eigene Stellung
zu halten.
    Die Trommeln gaben das Zeichen zum Antreten, und wiederum gingen die
Batterieen vor und erffneten das Feuer. Dies Mal hatten alle acht Bataillons
das Kommando zum Sturm, whrend die Hlfte der Ulanen mit den Kosaken nachrcken
und die trkische Kavallerie in Schach halten sollte. General-Major Ochterlone,
ein Ire von Geburt, der Commandeur der Brigade, bernahm selbst das Kommando.
    Der Sturmmarsch wirbelte in kurzen Schlgen; die beiden Colonnen setzten
sich in Geschwindschritt, die Eine gegen das Quarantainehaus, die Zweite gegen
die groe Verschanzung.
    Beide gelangten zu gleicher Zeit - ohne da die feindliche Artillerie
feuerte, - an das Ziel, die Erste an die Pallisaden, die Zweite an die mit
Wasser gefllten Grben vor den Schanzen.
    In diesem Augenblick begann auf ein von den letztern aus gegebenes Signal
ein mrderisches Feuer aus den maskirten Batterieen der Schanzen, aus den
Kanonen des Quarantainehauses und von Tuturkai herber. Zugleich erffneten die
auf der Schanze und im Gebude postirten Scharfschtzen - nach dem mehrfach
hrbaren italienischen Kommando meist Piemontesen - ein tdtliches Feuer auf die
Anstrmenden.
    An den Pallisaden wogte der Kampf in wildester Heftigkeit auf und nieder,
die Leichen thrmten sich in Haufen, der Tod hielt seine grliche Ernte unter
den Russen.
    Die finstern verbissenen Mnner sanken ohne Klage, noch im Sterben den Feind
bedrohend.
    Vergebens war der Ansturm; die Pallisaden zwar fielen unter dem Andrngen
der Tapfern, die sie mit den Hnden aus dem Boden rissen und die strzenden mit
ihren Leichen deckten. Hinter der Wand von Holz starrte die Wand der Bajonette,
aus den Fenstern des Hauses regneten die Bchsenkugeln der Scharfschtzen und
die Karttschen der Inselbatterieen schlugen grimmig in die Reserve.
    Drben an den Schanzen tobte der Kampf nicht minder heftig. Von den
Nachfolgenden getrieben, warfen sich die Vorderreihen in die wassergefllten
Grben, deren Fluth ihnen bis an den Hals ging. - Das Gewehr hoch in der Hand
drangen sie vor, wer glitt, wer strzte, war rettungslos verloren, die Fe der
eigenen Kameraden traten ihn in den Grund. An dem Wall klommen sie empor, Zehn,
Zwanzig, Hundert strzten herab in das nasse Grab, aber hier krallte sich Einer
fest auf der Bschung, dort ein Zweiter, ein Dritter, Hundert standen auf dem
Wall:
    Hurrah! die erste Schanze ist erstrmt!
    Die fliehenden Trken warfen sich auf ihre Kavallerie, Verwirrung, Toben
berall, die Reiter setzten in den Strom, um die Insel zu erreichen, selbst die
Infanteristen strzten sich in die Wellen nach den Booten und Schiffen.
    Victoria!
    Aber der Ruf war zu frh. Von der zweiten flankirenden Schanze donnerten die
Karttschenladungen in die Sieger und rissen breite Lcken. Von Tuturkai herber
schmetterten die Pakugeln Tod und Verderben in die Reihen, ein mrderisches
Feuer erhob sich von den Booten.
    Von der Front des Quarantainegebudes wichen die Tapfern, das Kreuzfeuer der
Batterieen war nicht auszuhalten. Zum Glck explodirten, von den russischen
Kugeln entzndet, zwei Pulverkasten in dem Gebude selbst und rissen breite
Spalten in die kugeldurchlcherten Mauern, so da sich die trkische Artillerie
daraus zurckziehen mute.
    Aber am Ufer fate sie neues Posto und bestrich von hier aus den Platz um
das Haus und die eroberte Schanze.
    Ein weiterer Angriff auf die von der Insel und Tuturkai her gedeckten
bermchtigen Massen wre Wahnwitz gewesen. General Dannenberg gab das Zeichen
zum Rckzug.
    Die Ambulancen nahmen unter dem Schutz von Kavallerie-Pikets dicht vor der
trkischen Stellung unbehindert ihre Verwundeten auf. Zwlfhundert Todte und
Verwundete deckten von russischer Seite das Feld, - fast smtliche Majors, beide
Obersten waren verwundet, achtzehn Offiziere unter den Leichen; - die gesicherte
Position hatte den Verlust der Gegner bedeutend geringer gelassen.
    Der Sieg war unentschieden; das Dunkel des Abends lagerte sich ber die
blutgetrnkten Fluren, die Trken campirten am Donauufer und in der greren
Schanze, die sie behauptet hatten, die Russen zogen sich auf Oltenitza zurck.
    Hier - das Stdtchen war verschont geblieben von dem Kampf, - in der Stube
eines kleinen Huschens fertigte General Dannenberg zunchst die Depeschen, mit
denen Boten nach allen Seiten abgingen. Capitain Frst Oczakoff erhielt die
Ordre, zunchst nach Kalarasch zu General Anrep, so wie fr General Lders oder
den Kommandirenden von Galacz, General Engelhard, die Depeschen zu berbringen,
welche eiligst alle disponiblen Truppen requirirten.
    Die Nacht lag mit ihren feuchten Nebeln ber Flur und Strom, als der neue
Capitain mit seinem Diener und zwei Ordonanz-Kosaken durch die Straen des Orts
schritt, um sich eine Strecke unterhalb Oltenitza im Schutz des Dunkels in einem
Fischerboot zur Fahrt nach Kalarasch einzuschiffen.
    Von dem Schlachtfelde her trugen die Windste hin und wieder seltsame Tne
herber. Aus den Husern, die zu Lazarethen eingerichtet waren, drangen die
Klagen und Seufzer des Schmerzes; - ein Zug dunkler Gestalten auf dem Wege zur
Kampfsttte defilirte an ihnen vorber: - die Todtengrber gingen an ihr
Geschft! -

                                    Funoten


1 Baschi-Bozuks, zu Deutsch etwa Wirrkopf.

2 Das alte Aegisus. Auf dem bearabischen Ufer der Donau, tiefer hinein im
Lande, zwischen dem Kilia-Arm und dem Jalpuk-See, liegt die russische Festung
Ismal, berhmt durch Suwaroff's Sieg, auch durch Byron's Don Juan bekannt.

3 Die Angaben der Zeitungen ber die Strke des trkischen Corps waren damals
sehr verschieden und schwankten zwischen 12- und 23,000 Mann (Ostdeutsche Post,
Telegraphische Depesche des Preuischen Staats-Anzeigers aus Bukarest). Das
Journal de Constantinople war sogar naiv genug, seine erste Angabe von 12,000
Mann auf 3700 zu reduziren, whrend es die russische Macht auf 25-30,000 Mann
angiebt. Bis jetzt ist noch keine irgend zuverlssige und brauchbare Geschichte
des Donaufeldzuges bekannt, selbst die offiziellen Rapports sind sprlich und
unvollstndig und die Zeitungsmittheilungen geben, namentlich ber die Treffen
bei Oltenitza, die widersprechendsten Nachrichten. - Unter diesen Umstnden
drfte das vorliegende Buch, da dem Verfasser besondere Privatquellen zu Gebote
standen, zugleich das Verdienst einer ersten bersichtlichen und detaillirten
Geschichte haben. Nach diesen Quellen war das ganze, bei Tuturkai concentrirte
Truppencorps, 14,000 Mann, ber die Donau gegangen und wurde durch Zuzge bis
zum 4. verstrkt. Die Reserven blieben auf dem rechten Donauufer.

4 Nach dem Etat htten die kommandirten russischen Truppen betragen mssen:

Jedes der beiden Infanterie-Regimenter der 11. Division:

4008 Mann Combattanten und
89 Offiziere 8194 Mann,
6 Escadrons  187 Mann
inclusive Offiziere 1122 Mann,
2 Batterieen  178 Mann 356 Mann,
Kosaken 300 Mann,
2 Geschtze 60 Mann,
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 10,032 Mann,

mit 18 Geschtzen. Hierzu die zusammengezogenen Vorposten-Linien der Kosaken.
Die russischen Regimenter waren jedoch, wie erwhnt, damals so unvollstndig,
da schon die Gesammtzahl 8000 eine sehr hochgegriffene ist. Offiziere, welche
die Affaire mitgefochten haben, behaupten, da nur 6000 Mann versammelt waren,
und der Ausgang scheint diese Annahme zu besttigen.


                               II. Die Schlacht.

Von allen Seiten rckten am 6., 7. und 8. die disponiblen russischen Corps nach
Oltenitza heran. Es galt, den Kriegsplan des trkischen Oberfeldherrn in seiner
ersten Entwickelung zu brechen.
    Whrend, wie oben erwhnt, der uerste linke Flgel des Muschirs in der
Stellung von Widdin-Kalafat die Verbindung mit Serbien verhinderte und die
Russen in der kleinen Walachei beschftigte, hatte Omer Pascha seine Hauptmacht
bei Tuturkai und Rustschuk concentrirt und beabsichtigte, von beiden Punkten aus
die russische Position zu durchbrechen und concentrisch gegen Bukarest
vorzudringen. Zugleich sollten ein dritter Uebergang bei Silistria die linke
Flanke der russischen Stellung isoliren und hnliche Versuche an andern Punkten
ihre Donaulinie in Allarm halten.
    Von diesem Plan war bis jetzt nur der Uebergang und die Festsetzung bei
Oltenitza gelungen und auch hier durch den raschen Angriff des Dannenberg'schen
Corps ein weiteres Vorgehen verhindert worden.
    Wir haben bereits zu Anfang des Kapitels mitgetheilt, da auch die Versuche
auf Giurgewo am 1. bis 3. gescheitert waren.
    Dennoch gab der Muschir das Unternehmen nicht auf. Er war jetzt selbst im
Lager von Tuturkai eingetroffen, zugleich mit ihm von Constantinopel der
berhmte Insurgenten-General Klapka, und unter dessen Leitung wurden die
Anstalten getroffen, die Stellung in Oltenitza auf's Neue zu befestigen. Die
fortwhrend seit dem, 4. ber den Strom zugefhrten Verstrkungen hatten es
mglich gemacht, die russischen Vorposten bis hinter Oltenitza und auf ihre etwa
einen Kanonenschu hinter diesem Ort befestigte Reserveposition zurckzuwerfen.
    Am 8. standen 25,000 Mann Trken in den neu befestigten Schanzen und um das
Quarantainehaus in der nmlichen Aufstellung, die bei dem Kampf am 4. so tapfer
vertheidigt worden war. General Klapka, der ausgezeichnetste Artillerist der
ungarischen Armee, kommandirte die Artillerie und hatte zur Herstellung der
Verbindung der Ufer ber die Mndung des Argisch Brcken schlagen lassen.
    Unterde concentrirten sich die russischen Streitkrfte bei Budeschti und am
Morgen des 9. waren in den nchsten Umgebungen von Oltenitza 35,000 Mann
versammelt unter'm Kommando, des Oberbefehlshabers. Zwei berhmte
Artillerie-Generale standen also hier einander gegenber.
    Auch bei Giurgewo hatten die Russen ihre Stellung befestigt und unweit davon
in der Richtung nach Bukarest ein verschanztes Lager von 7-8000 Mann bei
Foreschti gebildet, um die Trken bei einem Uebergange zu verhindern, von hier
aus der russischen Stellung in die Flanke zu fallen.
    Am 8. setzten die Trken von Rustschuk auf die zwischen den beiden Stdten
liegenden Donauinseln ber und befestigten die grere derselben, die
Mokomen-Insel. Die Position war gefahrdrohend, und General-Lieutenant Szoimonoff
, der Kommandirende der 10. Infanterie-Division, dem die Vertheidigung dieses
Theils anvertraut blieb, beschlo, die Gegner von der Insel zu vertreiben, ohne
erst die von Bukarest nach Giurgewo dirigirte, wegen der schlechten
Beschaffenheit der Wege aber noch nicht angelangte Brcken-Equipage abzuwarten.
    In der Nacht zum 9. lie daher der General 24 Stck schweres Geschtz,
dessen Rder, um jedes Gerusch zu vermeiden und auf diese Weise dem Feind die
Annherung zu verbergen, mit Stroh umwickelt waren, an das Donauufer fhren und
am andern Morgen, sobald der den Strom bedeckende Nebel gefallen, aus diesen das
Feuer gegen die Position der Trken auf der Mokomen-Insel erffnen.
    Nach drittehalb Stunden waren die Trken, die hier wegen der Breite des
Flusses vom eigenen Ufer aus nicht gengend untersttzt werden konnten,
genthigt, die Position zu rumen. Dagegen behielten sie ihre Stellung auf einer
nahe gelegenen und durch die Terrain-Formation besser gedeckten Insel.
    Zur selben Zeit befahl Frst Gortschakoff den Angriff auf die Verschanzungen
der Trken in und bei Oltenitza Die Oberbefehlshaber der beiden Heere
kommandirten hier gegen einander.
    Am 9. und 10. bestand der Kampf grentheils in Artillerie-Gefecht, doch
wurde am letztgenannten Tage Oltenitza von den Russen mit dem Bajonet genommen
und wieder verloren. Am Abend des 10. hatte der Muschir noch unverndert seine
Stellung inne.
    Das Wetter war so schlecht, da die Artillerie oft nicht feuern konnte.
Dennoch wurde der Kampf mit geringen Unterbrechungen Tag und Nacht fortgesetzt.
    Frst Gortschakoff beschlo fr den nchsten Tag einen gemeinsamen Angriff
auf alle Punkte der trkischen Position. Die Vorbereitungen wurden whrend der
Nacht in umfassender Weise betrieben.
    Mit dem Schwinden der Nebel am Morgen begann die Kanonade aus mehr als
achtzig Geschtzen, denen die nicht viel geringere trkische Artillerie
antwortete. Der Kanonendonner war deutlich in Bukarest zu hren.
    Um 11 Uhr Vormittags begann der Sturm. Drei Mal wurde Oltenitza von den
Colonnen der Russen genommen, erst zum dritten Mal vermochten sie es zu
behaupten, doch war der Sieg nutzlos; denn alsbald bescho die trkische
Artillerie von den Schanzen den verlorenen Halt mit glhenden Kugeln und die
Flamme jagte die Sieger wieder aus den erstrmten Gassen.
    Am blutigsten tobte jedoch die Schlacht an den Schanzen selbst. Colonne auf
Colonne fhrten die Generale zum Sturm, aber das furchtbare Kreuzfeuer von vier
Punkten aus warf sie immer auf's Neue zurck und ihre Todten deckten haufenweise
den Boden.
    Die Trken hatten Massen von Schanzkrben von Tuturkai herber geschafft und
mit diesem Material die Stellung am Quarantainehause und den Schanzen befestigt.
Die Brcke ber den Argisch ermglichte es der trkischen Kavallerie, mit Erfolg
an den Einzelngefechten auf beiden Seiten Theil zu nehmen.
    Erst Nachmittag um 4 Uhr befahl der Frst den Rckzug; die erschpften
Truppen bivouacquirten um das brennende Oltenitza, neue Kraft zu sammeln fr die
Blutarbeit des nchsten Tages, die wahrscheinlich eben so vergeblich sein
sollte.
    Der Generalstab hatte sich nach dem Dorfe Mitrni-Fundni zurckgezogen und
hielt dort Kriegsrath. Am nchsten Morgen wurde der Ankunft des Generals Anrep
mit seinem Corps von Kalarasch entgegen gesehen und der Kampf sollte dann mit
den frischen Truppen erneuert werden.
    In dem Dorfe selbst herrschte das Leben eines Feldlagers nach der Schlacht;
Truppen aller Waffengattungen kampirten auf den Straen, in den Husern und
Stllen der Tscharan's1, groe Feuer, vom Novembersturm oft in langen Zungen
ber die rmlichen Erdhtten hin gejagt, gaben den umherlagernden Gruppen Wrme
und Nahrung. Geschrei, Lrm, Gelchter und Tne des Schmerzes berall, der Wotka
und der Rakih2 machten die fleiige Runde, Juden, Zigeuner und zerlumptes
Gesindel aller Art, trieb sich zwischen den Soldaten umher, Lebensmittel feil
bietend, oder um Beute schachernd. Hin und wieder klang das Spiel der Cither
oder der Trommelflte, von Zigeunern gespielt, und versammelte die fr Musik
sehr empfnglichen Shne des Nordens in dichten Haufen.
    Vor dem Quartiere des Oberbefehlshabers herrschte nicht weniger reges Leben,
Offiziere aller Grade, Wachen, Ordonanzen, kommende und gehende Boten bildeten
ein buntes Gewhl, durch das sich eben ein junger Mann in reicher, aber jetzt
schmuzbedeckter ungarischer Tracht drngte, eifrig nach Capitain Meyendorf
forschend und fragend. Endlich gelang es ihm, durch das Geschenk eines blanken
Dukatens eine Ordonanz zu bewegen, den Capitain, der als Adjutant im Stabe
stand, aufzusuchen.
    Bald darauf erschien derselbe und schaute sich nach dem Suchenden um. -
    Ah, sieh' da, Herr Aleko Pelin, sagte er freundlich, als er ihn in dem
jungen Mann gefunden, was fhrt Sie hierher aus der glnzenden Gesellschaft von
Bukarest in unsere Reihen, wo der Tod seine Ernte hlt? Dieser Ort ist wahrlich
kein Aufenthalt fr einen der ersten Stutzer der walachischen Hauptstadt, der
nicht an Gefahr, Anstrengung und Entbehrung gewhnt ist, wie sie hier allein zu
holen sind.
    Der junge Mann lchelte einen Moment hhnisch bei dem Spott ber seine
Weichlichkeit, dann aber fate er hastig den Arm des Offiziers und zog ihn bei
Seite.
    Entschuldigen Sie, Herr Capitain, sagte er erregt, da ich die flchtige
Bekanntschaft im Hause meines Vaters, des Gro-Kaminars, benutze, um in einer
dringenden Angelegenheit mich an Ihre Hilfe zu wenden. Ich bin, wie viele
Andere, von Neugier und Theilnahme getrieben hierher gekommen und fand zufllig
hier einen jungen Menschen, den ich kenne, in groer Gefahr, wegen irgend eines
Miverstndnisses von Ihren aufgereizten Soldaten getdtet zu werden. Es ist -
- er zgerte, zwar nur ein Zigeuner, aber ich gestehe, ich nehme groes
Interesse an ihm und wute in meiner Noth nicht, an wen ich mich wenden sollte.
    Der Capitain blickte ziemlich ernst.
    Sie sollten sich hten vor solchen Bekanntschaften, Herr Pelin. Sie wissen
sehr wohl, da der Gro-Kaminar wenig mit Ihrem Treiben zufrieden ist und da
solcher Umgang nicht zu der Stellung pat, die Sie sonst in Bukarest einnehmen.
Doch sollen Sie sich nicht umsonst an mich gewendet haben. Wo ist der Mann?
    Er wird in der nchsten Wache festgehalten.
    Ich hoffe, da er unschuldig ist und ich Etwas fr ihn thun kann. Kommen
Sie.
    Er ging mit dem jungen Bojaren die Gasse entlang, bis sie an das Haus kamen,
wo die Corpswache sich einquartiert hatte. In dem Stbchen fand der Capitain ein
seltsames Paar. Ein junger Mensch von siebzehn bis achtzehn Jahren, in der
zerlumpten Tracht eines Zigeuners, die Hnde auf dem Rcken zusammengeschnrt,
horchte mit bleichem Gesicht, auf dem bereits alle Spuren der Liederlichkeit
sich zeigten und jetzt deutlich die Todesfurcht ausgeprgt lag, in einem Winkel
zusammengekauert, zagend auf die Trostsprche eines Mdchens, das, vielleicht
zwei bis drei Jahre lter als der junge Verbrecher, auf der Erde neben ihm sa,
ohne sich um die Reden und Spttereien der Soldaten zu kmmern.
    Als sie sich bei dem Eintritt Aleko's und des Capitains erhob, zeigte sich
diesen eine jener seltsamen Schnheiten, wie sie die in der Walachei noch sehr
zahlreiche3 Zigeunerrace in all ihrem Schmuz und aller Versunkenheit oft
hervorbringt: eine junonisch schne Gestalt, die selbst das grtellose
walachische Hemd mit der breiten roth- und gelbgestreiften Schrze nicht zu
verbergen vermochte, die Zge des dunkelbraunen Gesichts regelmig, fein,
schwrmerisch; ber den Feuer- und Muth-blitzenden schwarzen Augen die schn
gewlbten Augenbrauen, an der Nasenwurzel einander entgegenlaufend; das ppig
wuchernde schwarze Haar von einem rothen Tuch bundartig zusammen gehalten; - das
war das Wesen, das ihnen mit einer gewissen khnen Haltung entgegen trat und
eifrig den Bojarensohn befragte. Der Capitain glaubte nicht mit Anrecht in dem
Mdchen die Ursache des Interesses zu sehen, das der junge Mann an dem
Vagabonden nahm, und erkundigte sich bei dem Unteroffizier der Wache, was
derselbe verbrochen habe. Zu seinem Bedauern vernahm er jedoch, da die Sache
ernster war, als er gehofft. Der Bursche hatte sich mit Andern seines Gelichters
im Hauptquartier eingefunden, und war am Abend von einer Patrouille mit mehreren
Gefhrten dabei betroffen worden, wie sie einen russischen Soldaten, der sich
verwundet zum Dorfe schleppte, geplndert und ermordet hatten. Der Unglckliche
lebte noch und bezeichnete seine Mrder, von denen es nur gelungen war, den
Zigeuner zu erwischen. Leugnen nutzte nicht, denn der Beweis lag vor und die
Befehle gegen das Gesindel waren uerst streng. Der Oberst des Regiments hatte
kurz entschieden, ihn am andern Morgen vor dem Aufbruch zur Warnung fr seine
Genossen aufzuhngen.
    Als der junge Bojar sich daher wieder an den Capitain wandte, zuckte dieser
bedauernd die Achseln und erklrte, da er gegen das ausgesprochene Urtheil
eines kommandirenden Offiziers nicht interveniren knne und der Bursche sein
Schicksal ohnehin verdient habe.
    Das Mdchen - die Schwester des Verurtheilten - schien an der Miene der
Sprechenden den abschlglichen Bescheid errathen zu haben, denn sie warf sich
heftig dem Capitain in den Weg, der bereits die Htte verlassen wollte.
    Weile, blanker Krieger, bat sie flehend, und hre was Dir Sarscha zu
sagen hat. Mungo ist ihr Bruder und Mungo darf nicht sterben, denn er ist
Zinka's, meiner Mutter, Sohn und ihre Liebe und das Messer in ihrem Herzen. Wer
sollte meinen Vater Tunso rchen, wenn es nicht sein Anblick bei ihr thte? Gieb
ihn frei, blanker Krieger, und die Kinder des Egypterlandes werden Dich segnen
und knnen Dir dienen, mehr als Du denken magst!
    Machen Sie der Scene ein Ende, Herr Pelin, sagte der Capitain, der die
walachische Sprache des Mdchens nur sehr unvollkommen verstand, unwillig zu
seinem Fhrer. Sie werden besser thun, sich mit mir zu entfernen.
    Halten Sie ein, Herr Capitain, erwiederte der junge Mensch, dem Sarscha
einige Worte gesagt hatte, whrend ihr Bruder jammernd zu den Fen des
Offiziers kroch. Sie ahnen nicht, welchen Dienst Sie von sich stoen. Das Leben
dieses Burschen kann Ihrer Armee den Sieg verschaffen, die sich sonst nutzlos
vor den Batterieen der Trken opfern wird. Seine Mutter allein vermag es, wenn
sie will, Ihre Colonnen durch die Smpfe des Argisch und den Feinden in den
Rcken zu fhren.
    Der Capitain horchte auf. Was sagen Sie da? Ist das Ihr Ernst?
    Ich schwre es Ihnen! Die Zigeunerin Zinka ist die Einzige, welche aus
frherer Zeit die geheimen Schlupfwege der Smpfe kennt, und sie wird das Leben
ihres Sohnes gern mit diesem Preis erkaufen.
    Herr von Meyendorf wute, welchen unendlichen Werth das Anerbieten haben
mute, wenn es sich bewahrheitete. Es konnte das Schicksal des Kampfes sofort
entscheiden; denn gelang es dem Feldherrn, Truppen zwischen das Donauufer und
die trkische Position zu werfen, so war diese mit gnzlicher Abschneidung
bedroht und der Feind mute sich eiligst zurckziehen oder war verloren. Er
berlegte einige Augenblicke, dann sagte er:
    Wo befindet sich die Frau, von der Sie sprechen?
    Sie wohnt in den Smpfen selbst, einsam und allein mit ihrer Familie, denn
ihr Stamm hat sie verstoen und jeder Walache geht ihr mit einem Fluch aus dem
Wege.
    Wohlan, ich will Ihnen glauben und mich von Ihnen oder diesem Mdchen zu
dem Weibe fhren lassen, um sie selbst zu befragen. Ist das, was Sie sagen,
wahr, so brge ich Ihnen dafr, da der Verbrecher dort frei und ungestraft
ausgehen soll. Beabsichtigt man jedoch, einen Verrath an mir zu ben, so werden
meine Kameraden mich rchen. Jeden Falls bleibt der Mensch als Geiel hier
gefangen.
    Er ertheilte dem Unteroffizier der Wache seine Befehle, schrieb einige Worte
mit Bleistift an einen Kameraden, um seine Abwesenheit zu rechtfertigen, und
winkte dann, da er bereit sei, sich auf den Weg zu machen.
    Sogleich hllte sich die junge Zigeunerin in ihr Regentuch und verlie das
Haus. Der Capitain und Aleko folgten ihr, nachdem dieser noch den jungen
Vagabonden beruhigt hatte.
    Das Mdchen wandte sich, ohne die Anreden und Spttereien zu beachten, die
ihr von den zahlreichen Soldaten-Gruppen zu Theil wurden, zwischen denen
hindurch ihr Weg sie fhrte, nachdem sie das zum grten Theil aus walachischen
Erdhtten bestehende Dorf verlassen hatten, sofort nach der Richtung der Smpfe,
die etwa 1000 Schritt zur Seite ihren Anfang nahmen. Stumm und ernst schritt sie
vor ihnen her, ohne sich anscheinend viel um die Nachkommenden zu kmmern, auf
einem Wege, der schlangengleich sich durch den Morast und das hohe Schilf und
Rhricht wand. Aleko Pelin schien jedoch ziemlich vertraut damit, denn obschon
die hohe Gestalt ihrer Fhrerin oft im Dunkel verschwand, geleitete er den
Capitain doch sicher und ohne sich zu besinnen den verwickelten Pfad, von dem
der Offizier mit Staunen bemerkte, da er obwohl hin und wieder schwankend, wie
auf elastischem Grund, doch sicher und fest genug war, eine bedeutende Last zu
tragen.
    So mochten sie wohl eine halbe Stunde in diesem Wald von Rohr
fortgeschritten sein, als sie bei einer pltzlichen Wendung ein Licht vor sich
sahen. Es kam aus einer jener walachischen Pfahlhtten, wie sie in den Smpfen
die menschlichen Wohnungen bilden, whrend auf dem trockneren Lande die meisten
Huser oder Htten der Landleute und rmeren Klassen aus groen in die Erde
gegrabenen Gruben, mit Holz und Moos gegen die Feuchtigkeit ausgelegt, bestehen,
mit nur wenig ber den Boden, emporragenden Wnden, auf denen das spitze
Strohdach sitzt.
    Als die Gesellschaft sich der Htte nherte, deutete ihnen die junge
Zigeunerin durch Zeichen an, zu verweilen, stieg dann rasch auf der Leiter
empor, die statt der Treppe zum Aufgang diente, und verschwand im Innern.
    Die Htte stand auf acht Pfhlen, war ziemlich gro und, ihr Fuboden etwa 3
Ellen hoch vom Sumpfboden entfernt, so da man nicht in ihr Inneres blicken
konnte. Sie bestand aus Balken und Flechtwerk von Rohr, das mit Lehm und Mrtel
zu einer ziemlich festen Masse verbunden war. Die Fensterffnungen waren durch
Lden verschlossen bis auf eine, aus welcher der Lichtschein des Feuers in die
dunkle neblige Nacht strahlte.
    Sie erwhnten vorhin, Herr Pelin, da die Mutter des jungen Mdchens von
ihrem Stamm verstoen sei und von den Walachen allgemein gehat werde. Hat sie
sich eines besonderen Vergehens schuldig gemacht?
    Der Jngling trat nher zu ihm heran.
    Haben Sie nie von Zinka, der Zigeunerin und ihrem Geliebten, Tunso,
gehrt?
    Die Namen sind mir unbekannt. Wer ist oder war Tunso?
    Jeder Knabe in Bukarest, ja, in der ganzen Walachei, wrde Ihnen Auskunft
geben knnen, wer Tunso war, obschon fast zwanzig Jahre seit seinem Heldentod
vergangen sind. Tunso war der gefrchtetste und berhmteste General-Einnehmer
der indirekten Steuern der Walachei.
    Was wollen Sie damit sagen?
    Tunso war - was die Leute so nennen, - eigentlich ein Ruber, der Schrecken
der Trken, der Vornehmen und Reichen, aber der Held, der Abgott der Armen. Von
den Reichen, nahm er, den Armen gab er. Die Unterdrcker des Volkes zitterten
vor ihm, die Lieder des Volkes singen seinen Ruhm!
    Ich begreife nicht, wie Sie, der Bojarensohn, ber einen gemeinen
Spitzbuben und Mrder in Enthusiasmus gerathen knnen?
    Tunso hat nie einen Meuchelmord begangen, es war Nichts Niederes an ihm und
er konnte, wenn er wollte, den vollkommensten Cavalier spielen. Die kleinste
Erzhlung seiner Thaten und Abenteuer wird Sie ber seinen Charakter belehren.
Ich will Ihnen nur ein Beispiel anfhren, das Ihre eigene Nation betrifft. In
der Zeit seiner grten Macht, als er am gefrchtetsten war, hatte er in
Erfahrung gebracht, da der damalige provisorische Gouverneur der
Donau-Frstenthmer, General Kisseleff, sich in der Umgegend von Piteschi
aufhielte, um Bder zu nehmen. Sofort beschlo Tunso, ihm seinen Besuch zu
machen. Der General pflegte des Morgens in dem groen Park, der an sein Haus
stie, spazieren zu gehen. Tunso postirte seine Bande hinter der Umfassungsmauer
des Parks, schwang sich in denselben und stellte sich dem General mit dem
artigsten Compliment vor. -
    Herr General, sagte er, ich bin Tunso. Es ist durchaus nicht meine Absicht,
Ihr Geld, Ihre Kostbarkeiten oder gar Ihr Leben zu nehmen, Sie haben also Nichts
zu frchten.
    Was wollen Sie denn?
    Herr General, entgegnete Tunso mit tiefer Verbeugung, meine Braven liegen
dort hinter der Gartenmauer im Schatten, ich brauche Ihnen nur ein Signal zu
geben, und sie sind zur Stelle. Euer Excellenz werden sich selber daraus den
Schlu ziehen, da Sie in meiner Gewalt sind
    Noch ein Mal, was wollen Sie? wiederholte der Gouverneur.
    Nichts als Ihnen meine Aufwartung machen und Ihnen bemerken, da ich auf
Ihre Artigkeit rechne, wenn ich Ihnen in die Hnde geriethe, wie Sie jetzt in
den meinen sind.
    Herr von Kisseleff, der diese Anecdote selbst im Hause meines Vaters
erzhlt hat, kehrte dem Ruber den Rcken, eilte in's Haus und gab Befehl,
strenge Nachforschungen zu halten und Tunso, ohne ihm ein Leides zu thun,
lebendig zu ihm zu fhren. Aber die Jagd blieb erfolglos und Tunso lachte den
General aus.
    Der Capitain lchelte. Er begriff jetzt, welch einen Einflu ein solcher
Charakter und ein solches Leben in einem halbwilden Lande auf einen jungen
erregbaren Mann haben mute.
    Tunso, fuhr Dieser fort - war oft als Cavalier gekleidet in den ersten
Gesellschaften von Bukarest, ja, er hat sogar einen Ball des Frsten Paul
besucht und hndigte dort einer schnen Griechin ein kostbares Medaillon wieder
ein, das seine Leute am Tage vorher ihr bei der Fahrt durch den Wald von
Panthelemon geraubt hatten. Eine Karte, die er ihr zugleich zurcklie,
benachrichtigte sie, da es Tunso selbst war, mit dem sie getanzt hatte. Auch
hier entkam er glcklich der Wuth des Frsten. Er war der Schrecken der
Ehemnner und das Entzcken der Frauen. Begegnete ihm aber ein Armer, ein
Unglcklicher, so half und gab er ihm reichlich. Kam ihm die Kunde, da in Folge
eines Sturmes, einer Ueberschwemmung, eines Feuers eine Kirche oder Moschee, ein
Haus oder Dorf Schaden gelitten oder zerstrt sei, so war er auf der Stelle da
und brachte reiche Geschenke. Die Wittwen und Waisen, die Unterdrckten und
Verstoenen hatten an ihm einen Freund und Beschtzer. Dem Einen half er mit
Geld, dem Andern mit Rath oder mit seiner Rache. Darum hingen Alle an ihm,
berall fand er eine Zufluchtssttte, so viel Arme und Unterdrckte, so viel
Freunde und Spher hatte er.
    Und war der glorreiche Ruber, fragte der Offizier scharf, auch ein
Bojarensohn, wie Sie, der seinen Ruhm so zu beneiden scheint?
    Der Jngling errthete.
    Er war armer Leute Kind, sein wahrer Name Iuwanitza. Er htete die Heerde,
bis die wunderbar schne Stimme des Knaben den Popa4 veranlate, ihn zum
Metropolitan nach Bukarest zu fhren. Gegen seinen Willen wurde er an den
Chorpult der Ober-Bisserika gestellt und blieb dort bis zu seinem
achtunddreiigsten Jahre das Entzcken der Stadt. Erst als die Liebe zu der
Zigeunerin Zinka seine Seele erfate, warf er das Joch von sich und wurde, was
er war.
    Das Mdchen, das uns geleitet, und dem Sie, Herr Pelin, etwas zu tief in
die schnen Augen gesehen zu haben scheinen, und der Bursche, der zum Tode
verurtheilt ist, sind seine Kinder?
    Sarscha ist Tunso's Tochter und, wie die Leute sagen, die ihn gekannt, sein
Ebenbild. Aber ihr Bruder - Doch sehen Sie, unterbrach er sich, das Mdchen
winkt uns, einzutreten. Folgen Sie mir.
    Er klomm die Leiter empor, von dem Capitain gefolgt, und Beide traten in den
Vorraum der Htte, die in zwei Theile geschieden war. Ein drftiges Lager von
trockenem Schilfgras, Angeln und Fischgerth, Schlingen fr das Wild und
dergleichen bewiesen, da hier der Aufenthalt des jungen Burschen war, wenn er
zu Hause, was freilich selten genug vorkommen mochte.
    Du kommst zur bsen Stunde zu uns blanker Fremdling, sagte das Mdchen
indem sie des Capitains Hand fate, um ihn in die zweite Abtheilung zu fhren.
Der glnzende Aldobaran hat nicht geleuchtet auf die Geburt meines Bruders. Im
Verrath ward er empfangen und sein Leben ist Schande. Aber das Mutterherz bleibt
ein unergrndlich Rthsel, dunkler als die Linien Deiner Hand, und der Schatten
meines Vaters wrde ohne das Kind des Verraths in ihrem Sinn erbleichen. Tretet
ein darum und vollbringt Euer Geschft, ehe die Stunde naht, da ber die
Aeltermutter meines Stammes der Geist kommt, der den Schleier der Zukunft hebt.
    Sie zog die alte Decke zurck, die den Eingang verhllte und die Drei traten
in den innern Theil der rmlichen Htte. Auf einem kleinen Heerd von Stein
brannte in der Mitte des Gemachs - wenn man den Raum so nennen kann - ein
Torffeuer, dessen Rauch das Innere fllte, bis er durch die Fensterffnung oder
die Ritzen und Spalten des Daches seinen Ausgang fand. An den Wnden hingen
einige geringe Gerthe, darunter die Guzla und das Tambourin, und rmliche
Kleidungsstcke. Am Feuer auf einem niedern Schemel, die Hnde wie im Schmerz
verschrnkt, sa eine Frau, deren hohe Gestalt und deren noch immer Spuren
groer Schnheit zeigendes Gesicht offenbar das Leiden mehr gebeugt und gealtert
hatte, als die Zahl der Jahre. Ihre groen schwarzen Augen starrten wie abwesend
in die Gluth und schwere Tropfen fielen aus ihnen auf die im Schmerz
verschrnkten Hnde.
    In einem Winkel des Gemachs aus der drftigen Ruhesttte der Familie lag
eine zweite Gestalt, eine alte, von dem Fieber und Rheumatismus der Smpfe
gichtisch zusammengezogene Greisin, in wunderlich bunte Lumpen gehllt, das
lange weie Haar wirr um das verwelkte Antlitz hngend, aus dem die erloschenen
Augen glsern und theilnahmlos auf die Fremden starrten.
    Das Mdchen trat zu der Frau am Heerde.
    Mutter Zinka, hier ist der blanke Soldat, der mit Dir sprechen will.
    Die Frau fuhr empor und betrachtete einige Augenblicke den Offizier, dann
sank sie vor ihm auf die Knie und hob flehend die Hnde zu ihm auf.
    Tdten Sie ihn nicht, o, tdten Sie den Knaben nicht, bat sie in den
gebrochnen Tnen des tiefsten Herzeleids. Der Unglckliche ist ohnehin schon
der Jammer meiner Tage und die Qual meiner Nchte! was sollte ich thun, wenn ich
das Kind meines Jammers noch bleich und todt vor mir sehen mte!
    Euer Sohn hat geraubt, und gemordet einen wehrlosen verwundeten Soldaten
meines Volkes, Frau, der auch eine jammernde Mutter hat, wie Ihr seid. Der
Offizier sagte es finster und streng; dann aber fuhr er milder fort: Es giebt
jedoch vielleicht Gnade fr den Verbrecher, wenn wahr ist, was mir Eure Tochter
gesagt hat. Seid Ihr aus dieser Gegend gebrtig, Frau?
    Nein, Herr, aber ich kenne hier jeden Fubreit in Wald und Feld, in Sumpf
und Moor.
    Giebt es Wege durch diese Smpfe, auf welchen man an das Ufer der Donau im
Rcken der groen Schanzen gelangen kann?
    Es laufen der Pfade viele, aber sie alle fhren in die Irre und keiner zum
Ziel. Einen nur giebt es, aber nur Wenige, die da leben, wissen von ihm und er
ist ein Geheimni, das diese Wenigen Einem, der jetzt todt ist, mit heiligen
Eiden auf die Christenbibel, auf den Koran und auf den groen Stern meines
Volkes gelobt haben, nimmer zu verrathen.
    Und gehrt Ihr zu diesen Wenigen?
    Ich kenne ihn!
    Wohl. Ist der Weg der Art, da nicht blos Menschen, sondern auch Pferde und
Gefhr ihn passiren knnen?
    Ich habe ihn zwanzig Mal gemacht mit den Reitern Dessen, der dahin ist und
der schwerbeladenen Keroutza5, die Waaren brachte und holte vom Donaustrand.
Mein einsamer Fu betritt ihn oft, wenn ich klage um den Verlorenen.
    So hrt. Knnt Ihr uns diesen Weg zeigen und eine Colonne unserer Soldaten
mit Geschtz noch in dieser Nacht an das Ufer der Donau in den Rcken der
trkischen Stellung fhren, so soll Euer Sohn nicht allein frei und jeder Strafe
ledig sein, sondern Ihr selbst sollt noch eine Belohnung von zehn Goldstcken
erhalten.
    Gold? - Blankes Gold? - Ihre Zge belebten sich in der Spannung der
unglckseligen Habgier, die sie einst zum Verrath am Theuersten gefhrt hatte.
Ich habe lange kein Gold gesehen. Zeige es mir, Fremdling, da ich sehe, Du
tuschest die Zinka nicht.
    Der Capitain sah, wie das Mdchen sich mit zornigem Blick von ihrer
Erzeugerin abwandte. Ihn selbst widerte diese Gier, die sogar den tiefsten
Schmerz berwand, an, doch galt es hier Hheres; er zog seine Brse und nahm
eine Handvoll Goldstcke heraus, die er der Frau zeigte.
    Dies wird Euer Lohn sein, wenn Ihr uns den Weg verrathet.
    Das Weib schauderte.
    Verrathen! Ihr sprecht das richtige Wort aus. Ein Mal schon hab' ich seinen
Leib verrathen um blankes Gold, nun soll ich wieder verrathen sein Vertrauen und
den Eid, den ich ihm geleistet. Verderben ber mich, da ich es that!
    Sie begrub das Gesicht schluchzend in ihre Hnde.
    Denkt an Euren Sohn, Weib. Dem Todten ntzt das Geheimni nicht und Ihr
rettet Euer eigen Kind dadurch vom Galgen.
    Sie fuhr empor.
    Du hast Recht, Fremdling. Nur den Athmenden gehrt die Welt. - Bei Azral,
dem Engel der Nacht, ich will Dir den Weg zeigen. Aber zuvor mu ich sicher sein
des Lebens meines Kindes.
    Der Ober-General der Armee selbst wird es Euch zusichern. Ich fhre Euch zu
ihm.
    Die Frau nickte. Dann holte sie aus dem Winkel eine groe Decke, die noch
mit einzelnen Resten goldener Tressen besetzt war, und schlug sie um Kopf und
Schultern. So trat sie zu der Greisin auf dem Lager im Winkel und rttelte sie
auf aus ihrer Lethargie.
    Ich verla Dich Mutter, fr diese Nacht, denn mein eigen Blut ruft mich.
    Die Alte richtete sich auf ihrem Stroh empor.
    Es sind Mnner hier aus anderm Geschlecht als das unsre. Hte Dich,
Tochter; die Blanken bringen den Kindern des wandernden Vaters Unheil, und Du
hast es erfahren.
    Der Blanke bringt uns Gold, Mutter, und Aleko Pelin, den Bojarensohn, der
uns beschtzt, kennst Du.
    Aleko Pelin? fragte die Alte und starrte auf den jungen Mann. La ihn zu
mir treten, ehe Du gehst, und den blanken Mann, der Gold brachte in unsre Htte,
mit ihm. Der Geist unseres Stammes liegt auf mir und ich mu die Worte der
Zukunft reden.
    Ihr Auge belebte sich mit phantastischem Glanz, ihre Lippen murmelten vor
sich hin, whrend der Capitain und sein Begleiter auf den Wink Zinka's nher
heran traten.
    Reiche mir Deine linke Hand, Sohn des Reichen. Die Stunde ist gekommen, wo
ich den Schleier heben darf von Deiner Zukunft. Auch Du, blanker Fremdling, gieb
die Hand, die von Deinem Herzen kommt, aber versilbre sie auf da meine alten
Augen sich ffnen mgen und die Zunge lehren das Schicksal der Zukunft.
    Der Capitain erinnerte sich der Gewohnheit der Zigeuner, da ein Geschenk
ihrer Prophezeihung vorhergehen mu. Er legte eines der Goldstcke auf die
Flche seiner Hand.
    Die Greisin fate hastig danach.
    Gold, flsterte sie, Gold, blanker Junge? Mge das Leben Dir so golden
sein, wie Du freigebig bist. Aber die Linien Deiner Hand lehren mich, da Du das
wahre Gold nicht aus dem dunklen Schoos zu holen verstehst, wo es Dir gewachsen
ist. Da Die, welcher Dein Herz gehrt, Dich allzu sehr liebt, das wird Dein und
ihr Unglck sein! Nur das Ende aller Gefahr ist Deine Gefahr. Hte Dich vor dem
Achten!
    Sie lie die Hand des ber den seltsamen Spruch Betroffenen los und fate
die des jungen Bojaren.
    Der Edelmann gehrt nicht zur Tochter der Verachteten, der Herr soll nicht
sein Blut mit der Sclavin mischen. Wahre Dich vor dem Salz6, Bojarensohn; es gab
nur einen Tunso, und der ist todt, aber der Verrther giebt es viele!
    Der junge Mann errthete tief, indem er ihr ein Silberstck in den Schoos
warf.
    Die Alte ist lngst schon wahnwitzig sagte er; lassen Sie uns
aufbrechen.
    Sie verlieen die Htte, aus welcher der eintnige Gesang des Weibes durch
die Nacht ihnen nachscholl.
    Die Zigeunerin Zinka und ihre Tochter schritten voran auf dem Wege den sie
gekommen waren. Der Capitain folgte mit dem jungen Walachen.
    Sie sind mir noch den Schlu der Erzhlung schuldig, sagte der Offizier.
Wenn ich auch Vieles errathen konnte, mchte ich doch gern Nheres wissen. Was
war das Ende von der Laufbahn des Rubers, den Sie so sehr bewundern?
    Der Tod durch Verrath. Die Frau, die vor uns durch das Moor schreitet, war
Diejenige die Tunso liebte mit aller Kraft seiner Seele. Auch sie liebte ihn,
aber der Teufel blendete sie und fand ihre schwache Stelle in ihrer Gier nach
Gold. Als Tunso aller Nachstellungen spottete und seine Verfolger mit blutigen
Kpfen davon schickte, griff man zum Verrath. Der Aga der Itschoglans7 berckte
die Seele Zinka's mit Bildern von Glanz und Reichthum, und auf das Versprechen
von zehntausend Dukaten verrieth die Zigeunerin den Geliebten ihres Herzens, den
Vater ihres Kindes.
    Er wurde ergriffen und gerichtet?
    Nein, Capitain, dem Henker entging die edle Beute. An der Brcke, die ber
den Argisch fhrt, auf der Strae von Bukarest nach Giurgewo, legten sich auf
den Wink Zinka's die Itschoglans und Slugitori8 in den Hinterhalt. Zur
bestimmten Stunde des Abends rasselte die Keroutza mit Tunso und eilf seiner
tapfern Gefhrten heran. Da sprangen die Hscher hervor und umzingelten die
Khnen. Zehn wurden bei dem Kampf erschossen und in's Wasser des Argisch
geworfen, die beiden Andern entkamen: es waren Tunso und sein Lieutenant. Aber
einer der Slugitori, ein gewandter Lufer, eilte ihnen nach und fand bald die
Spur des Hauptmanns. Dieser glaubte, es sei sein Gefhrte, und lie den
Verfolger heran kommen, bis dieser nahe genug war, um ihm zwei Kugeln durch den
Leib zu schieen. Trotz der tdtlichen Verwundung gelang es Tunso, zu entkommen
und einen Makis9 zu erreichen. Vergebens suchten ihn die Slugitori mit Fackeln
dort. Aber der Schmerz der Wunden war so gro, da Tunso erkannte, seine Stunde
sei gekommen, und selbst die Hscher herbeirief. Sie brachten ihn auf einer
Tragbahre nach Bukarest, wo ihm schneller rztlicher Beistand wurde. Doch die
Wunden waren tdtlich und am dritten Tage starb er.
    Und Zinka?
    Vor seinem Tode beschied er sie zu sich. Die Verrtherin liebte ihn noch
immer und sank wehklagend an seinem Lager nieder, als er sie rufen lie. Er
vergab ihr und starb.
    Aber der Sohn Zinka's?
    Der Aga, um die zehntausend Dukaten zu sparen, lie sie in seinen Harem
bringen. Als er kurz darauf nach Constantinopel zurckkehrte, verstie er das
Opfer seiner Willkr; der Gefangene ist ihr und sein Sohn. Seitdem sie den
Schutz des Moslems nicht mehr geno, war sie von Allem, was Walache heit,
verachtet und verabscheut. Der rmste Bauer schlo vor ihr die Thr und ihr
eigener Stamm verstie sie. So flchtete sie mit ihren Kindern in diese Wildni
und lebt hier seit Jahren in Elend und Verachtung.
    Und Sarscha?
    Sie ist Tunso's echte Tochter, stolz, muthig und entschlossen. Doch das
Gesetz ihres Volkes, das von den Kindern unbedingte Hingebung an den Willen der
Eltern fordert, ist ihr heilig dabei. Der Bauer ffnet ihr gern seine Htte,
jeder Walache ehrt in ihr die Tochter Tunso's. Aber nur der Tapfre, Khne, Freie
wird die Liebe dieser Zigeunerin gewinnen.
    Nehmen Sie sich in Acht, Herr Pelin, sagte der Capitain warnend, da es
Ihnen nicht geht wie Tunso. Die Jugend ist leicht verfhrt und sieht fr
Freiheit und Tapferkeit an, was im Grunde nur Zgellosigkeit und Verbrechen
ist.
    Sie waren an die ersten Vorposten gekommen und das Gesprch verstummte, da
die Gesellschaft jetzt zusammen ging. Capitain Meyendorf fhrte sie direkt zum
Quartier des Oberbefehlshabers, das im Hause des Gutsherrn aufgeschlagen war,
und lie dringend um sofortiges Gehr bitten.
    Hier vernahm er, da auch vom General Anrep eine Meldung angekommen sei.
Derselbe war am Morgen des Tages von Tikodeschti abmarschirt, um dem Befehl zur
Verstrkung der Colonnen vor Oltenitza Folge zu leisten. Sofort machten die
Trken auch hier den Versuch, in seinem Rcken von Silistria aus ber die Donau
zu gehen. Der General erhielt jedoch zeitig genug Kunde, machte Halt und warf
mit seiner Arrieregarde, aus Kosaken und einigen Geschtzen bestehend, die
Trken ber die Donau zurck.
    Die Audienz des Capitains hatte nur kurze Zeit gedauert, als Zinka, die
Zigeunerin, schon in das Zimmer des Oberkommandirenden gerufen wurde. Bald
darauf eilten die Ordonnanzen durch den Ort.
    Kaum eine Stunde nachher marschirte das Ochotzki'sche Jger-Regiment unter
Oberst Bibikoff mit zwei Sotnien Kosaken und der leichten Batterie Nr. 6 in der
Richtung nach den Smpfen ab. An der Spitze des Zuges, neben dem Pferde des
Adjutanten Capitain Meyendorf, schritt, in ihre Decke gehllt, die hohe Gestalt
der Zigeunerin Zinka.
    Jedes unnthige Gerusch war bei harter Strafe verboten; die Posten in der
Richtung nach dem Schlachtfelde von Oltenitza waren verdoppelt, um jeden Verkehr
nach der trkischen Position zu verhindern.
    Als am Morgen die feuchten Novembernebel sich verzogen, erblickte der
trkische Oberbefehlshaber seine ganze Stellung im Rcken bedroht. Die Batterie,
welche die Russen in schnell aufgeworfenen Werken am Donauufer wie durch Zauber
errichtet hatten, bestrich nicht allein die trkische Position an den alten
Schanzen, sondern auch den Rcken des Quarantainehauses und die Brcke ber den
Argisch. Seine Verbindung mit der Insel und dem jenseitigen Ufer war auf das
Hchste gefhrdet, wenn die Russen, worauf die fortwhrend zuziehenden
Verstrkungen an Mannschaften und Geschtzen deuteten, von dieser Seite aus
einen Angriff zugleich mit einem Frontalsturm unternahmen. Die Gefahr erschien
um so dringender, als die fortwhrenden Regengsse den Strom angeschwellt
hatten, so da die Unterhaltung der Verbindung ohnehin mit jedem Tage
schwieriger wurde. Unter diesen Umstnden rieth Klapka selbst zum Rckzug und
der Muschir mute sich der Nothwendigkeit fgen. Nach einigen leichten
Scharmtzeln begannen die Trken am Nachmittag ihren Rckzug, indem sie die
eigenen Verschanzungen, das Quarantainehaus und die Brcke in die Luft sprengten
und anzndeten. Frst Gortschakoff beschrnkte sich auf die strategischen
Operationen und drngte die Gegner nur leicht, da seine Truppen in den
furchtbaren Kmpfen der letzten drei Tage schwer gelitten hatten. Am Morgen des
13. hatten die Trken vollstndig das linke Donauufer bei Oltenitza wieder
gerumt und sich auf Tuturkai zurckgezogen. Der trkische Verlust war
namentlich stark unter den Albanesen und Irregulren, doch verhltnimig bei
weitem geringer, als der auf Seite der Russen. Man schtzt den letztern an den
vier Schlachttagen auf ungefhr 5000 Todte und Verwundete. In den Reihen der
Moslems befanden sich bei dem Treffen, auer General Klapka, die Englnder Lord
Worsley, Capitain Bathurst und Herbert Wilson und Lieutenant Buckley, der
sardinische Genie-Offizier Graf Camieri und General Prim.
    Fnf Tage darauf hatte die trkische Armee auch Tuturkai gerumt und sich
theils auf Schumla zurck, theils stromaufwrts nach Widdin hin gezogen.
    Auch bei Giurgewo hatte am 12. ein Kampf stattgefunden. Mit Hilfe der
eingetroffenen Brcken-Equipagen unternahm General Szoimonoff am Morgen mit acht
Feldgeschtzen, einem Bataillon Tomsk-Infanterie, einer leichten Batterie und
zwei Escadronen Husaren einen heftigen Angriff gegen die auf der Insel Mokan
wieder postirten und von dort aus Giurgewo noch immer beunruhigenden Trken, und
vertrieb sie gnzlich von der Insel. Unter dem Schutz des Feuers und ihrer
schweren Batterieen in Rustschuk auf der rechten Donauseite und des bei der
Insel stationirten Dampfers, das den Russen jedoch nur geringen Schaden brachte,
flohen die Moslems in die Boote und erreichten das sichernde Ufer.
    Die Russen stellten nach diesem Rckzug zur Verhinderung weiterer Versuche
zwei Lager von je 5000 Mann bei Frateschti nchst Giurgewo und bei Sokaritschi
nchst Kalarasch auf, errichteten eine Batterie beim Dorfe Tape, gegenber der
Mokan-Insel, und verstrkten den frheren Posten bei Oltenitza durch 2
Batterieen, 4 Eskadronen Ulanen und 1000 Kosaken, indem sie zugleich auf den den
Uebergang beherrschenden Anhhen bei den Drfern Dobrny und Newgesti Batterieen
aufwarfen.
    Am 15. machten die Trken einen neuen Versuch, bei der Festung Nikopolis
ber die Donau zu gehen und sich Turnuls zu bemchtigen, um von der Mndung der
Aluta aus, welche die Grenze zwischen der kleinen und groen Walachei bildet,
auf Rusweda loszugehen und gemeinschaftlich mit den von Kalafat vorbrechenden
Schaaren Szlatina anzugreifen, - wo General Fischbach mit 15,000 Mann postirt
stand. General Prim fhrte mit Tefik-Pascha die aus 2000 Mann bestehende
Avantgarde des Corps, wurde aber vom Oberst-Lieutenant Schaposchnikoff vom
Kosaken-Regiment (Nr. 37) angegriffen und ber die Donau zurckgeschlagen.
    Somit war das Ufer der groen Walachei wieder vollstndig im Besitz der
Russen und der Plan des Muschirs, ihre Linie zu durchbrechen vereitelt. Nur bei
Kalafat noch standen die Trken diesseits der Donau und verschanzten die von
Natur aus feste Stellung. Doch begngten sich hier beide Theile mit kleinen
Streifzgen und Vorpostenscharmtzeln, deren fast jeder Tag mit abwechselndem
Glck und Erfolg brachte.

                                    Funoten


1 Walachischer Bauer.

2 Scharfer Brantwein aus Pflaumen.

3 Die Zahl der Zigeuner in der Moldau und Walachei betrgt ber 80,000. Sie
ziehen theils frei umher, theils leben sie auf den Gtern der Bojaren als
Sclaven und werden auf das Hrteste behandelt. In neuester Zeit (1856) ist von
dem Gouvernement in Bukarest ihre Emancipation beschlossen worden und sie sollen
- wo man sie nicht freiwillig der Regierung abtritt - aus der Gewalt ihrer
Herren freigekauft werden.

4 Geistlicher, Ortspfarrer; Metropolitan: Bischof.

5 Walachischer offener Wagen.

6 Okna. Aleko Pelin wurde im Januar 1856 vom Divan zu Bukarest als berwiesen,
seit drei Jahren das Ruberhandwerk getrieben zu haben, zu zweijhriger
Kettenarbeit in den Salzgruben (Okna) verurtheilt.

7 Polizeidiener.

8 Landdragoner, walachische Gensd'armerie.

9 Gebsch, Dschungl in den walachischen Smpfen.

                                   Im Pontus.



                                  I. Gefangen!

Strmisches - bses - liebliches Meer! Gefrchtet, seit die Geschichte Deinen
Namen kennt! begehrt, seit Vlker an Deinen Ufern wohnen! Blaue wogende Wellen,
die Iphigenie auf ihrer Verbannung durchschiffte, die Orest durcheilte, als er
die Schwester suchte. Jason mit der Argonautenschaar holte von euren Ksten das
goldene Vlie; der Perserknig Darius sandte seine Schiffe auf eurem Rcken
gegen die trotzigen Scythen und Thracier; Philipp der Macedonier durchschiffte
euch! Die Galeeren der Rmer trugst du; an deinen Ufern, o Pontus, lebte Ovid;
Papst Clemens I. fand hier Schutz in seiner Verbannung; die Rmerkaiser sahen
deine blauen Wellen; die Schiffe der gierigen Genueser und Venetianer
durchfurchten sie; nach dem gold'nen Byzanz sandte Rurik die Shne; ber deine
Fluthen trug der Islam sein Zeichen! - Katharina's Flotten unterjochten sie und
das neue Jahrhundert trug seine Donner hinber nach Varna's weier Feste!
    An deinen Borden liegt eine Historie der Welt! - Dort unten im Sden, wo die
rastlos zusammenschlieende Pforte der Symplejaden erstarrt ist zum
kanonen-gespickten Felsen von Rumili- und Anatoli-Kawak, hielt Knig Phineas
Hof, gepeinigt von den Harpyen, welche die Argonauten verjagten. Jason
errichtete seinen Altar der Cybele an des Bosporus Thor, das sich zur
Kaiserstadt ffnet: Byzanz, Constantinopel, Istambul, der Weltstadt. An
Anatoliens Kste, vom Olymp berragt, das sagenumflossene ritterglnzende
Trapezunt, die Heimath des Agripant, dann das Land der Berge und khnen Helden
ihrer Freiheit, das den Elbros durchstrmt; - Tiflis, die Oase von Orient und
Occident, und der Ararat, auf den die Arche sank! Die Wunderufer der Yalta mit
dem kaiserlichen Traum Orianda! Ssewastopol, das neue Epos in der Geschichte der
Waffen; Odessa, das segensreiche, das eine halbe Welt versorgt; die Mndungen
des deutschen Stroms verkmmernd im Sande gleich der deutschen Herrlichkeit;
Varna, das Odessus der Alten, die weie Moslemsfeste, die das russische Bajonet
zwei Mal mit Blut frbte; die Felsenufer von Burgas, das alte Apollonia und die
Bergkette des Hmus.
    Strmisches - bses - liebliches Meer, ber deine weien Hhen schwellt das
Segel des Kauffahrers, donnert das Geschtz des stolzen Kriegsschiffs, zieht der
Dampfer seine ringelnden Kreise! Aber wehe, wenn der Sturm deine Wellen regt und
in kurzen Sten gegen die Wolken schleudert - wenn die Aequinoctial-Geister
deine Tiefen gegen den Himmel whlen und deine Wsser gegen die starren Felsen
schleudern, die kein Mitleid haben mit Menschenwerk und Menschenleben! Dann bist
du furchtbar in deines Zornes Herrlichkeit, gleich dem Zrnen des Allmchtigen,
dessen Kind du bist, groer, schner - strmischer - lieblicher Pontus, der die
Mutter der Vlker bindet mit der Herrscherin gewordenen Tochter!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Durch die Wogen des Pontus brauste der Wladimir, im langen Strom den
dunklen Dampf des Schornsteins hinter sich d'rein ziehend. Das Meer ging
ziemlich unruhig, in jenen, dem Pontus eigenthmlichen und von Schiffern und
Reisenden gefrchteten kurzen Stowellen, denn am Tage vorher hatte der
Novembersturm ber die Flche gefegt.
    Das Schiff - eine Dampffregatte vom russischen Geschwader des Schwarzen
Meeres - kam von der trkischen Kste und hatte vor Varna gekreuzt. Es geschah
trotz der Kriegserklrung mehr als ein Mal, da russische Schiffe sich bis in
die Bucht von Varna wagten und unter den Batterieen ihre Beobachtungen
vornahmen.
    Auf dem Wladimir, der von Sebastopol1 ausgelaufen, hatte der
General-Adjutant, Vice-Admiral Kornilow, selbst die trkische Kste zwischen der
Sulina und Burgas recognoscirt und wandte sich nun, da keine feindlichen Schiffe
sich blicken lieen, gegen die anatolische Kste, an der die Escadre des
Vice-Admirals Nachimow kreuzte.
    Auf dem Hinterdeck standen und saen um den Kommandirenden,
Capitain-Lieutenant Butakow, die meisten Offiziere des Schiffs Frst
Barjatinski, der Zweitkommandirende, und die Lieutenants Dobrowalski und
Iljinski nebst zwei Schiffs-Fhnrichen2, whrend die nicht im Dienst befindliche
Mannschaft an den Bollwerken in allen Stellungen lungerte oder mit leichten
Arbeiten beschftigt war. Die Wetterseite des groen und Vorderdecks maa mit
langen Schritten der wachthabende Lieutenant Popandopulo, zuweilen am Bugspriet
einen der Hhnerksten ersteigend und hinaus schauend auf die weite Wasserwste,
die im dunkelbezogenen Himmel bleifarben wogte, whrend sie so s und blau
erglnzt im lieblichen Sonnenstrahl.
    Nun, Schelesnow, fragte der erste Lieutenant einen jungen Offizier, der
eben die Treppe des Pavillons heraufstieg, was meint Seine Excellenz, sollen
wir wenden?
    Der Offizier erwiederte die Frage nicht, sondern wandte sich salutirend an
den Kommandirenden.
    Seine Excellenz lassen bitten, nach dem Fahrzeug abzuhalten, dessen Rauch
sich am Horizont zeigt; es wre von hchster Wichtigkeit, Nachrichten aus dem
Bosporus zu erhalten.
    Der Capitain erwiederte den Gru und wandte sich an den Frsten.
    Wollen Sie die nthigen Befehle geben, Herr Lieutenant!
    Damit kehrten Alle unbekmmert zu ihren Cigarren und der begonnenen
Plauderei zurck.
    Steuerbord umlegen! - Halten Sie auf das Fahrzeug ab, das in Sicht ist.
    Die Befehle gingen durch das Schiff und der Lauf desselben wandte sich nach
Sden.
    Wache dort oben! welche Richtung steuert der Dampfer in Sicht?
    West-Nord-West, Euer Wohlgeboren, er kommt auf uns zu.
    Es mu ein Trke sein, sagte der Capitain bedchtig; die Escadre des
Admirals kann unmglich in dieser Gegend sein. Hinauf in den Mastkorb und wohl
ausgelugt.
    Der Fhnrich, dem er den Befehl ertheilt, eilte, das Fernrohr um den Hals,
an der Leiter des groen Mastes empor.
    Der Dampfer giebt ein Signal, lautete nach kurzer Zeit die Meldung.
    Flagge auf! Geben Sie das Privat-Signal, Popandopulo!
    Die wei-blaue Flagge flatterte lustig im Winde, darunter das Fhnchen, das
die Signalfarben zeigte.
    Er zieht die Flagge auf, es ist einer der Unsern.
    Die Offiziere und Mannschaften wandten sich verdrielich ab, - fr einen
Seemann auf blauer Fluth ist der Anblick der feindlichen Farben willkommener,
als der eines Freundes.
    Knnen Sie die Nummer des Signals noch nicht erkennen? Sehen Sie scharf zu,
Bitschesko, Sie haben sonst ja gute Augen.
    Sogleich, Capitain. Schorte wos mi!3 Das Schiff schwankt wie ein wandernder
Kirchthurm. Halt, ich hab' ihn! - Nr. 86.
    Es ist die Bessarabia, ich wei die Nummer auswendig, sagte der Capitain.
Melden Sie es Seiner Excellenz, Herr Adjutant.
    Schelesnow ging hinunter. - Die Schiffe nherten sich jetzt rasch, in Zeit
von einer halben Stunde konnten die Signale deutlich spielen.
    Das Dampfschiff schlug jetzt die Richtung nach Sdost ein und telegraphirte
das Signal: Anschlieen.
    Der Bursche hat offenbar Etwas im Schilde, sagte der Capitain. Er hlt
auf Kap Kerempe ab und das ist zum Glck bis auf zwei Strich im Winde unsere
eigene Richtung. In einer Viertelstunde werden wir Nheres wissen. Whrend die
beiden Schiffe in der angegebenen Richtung ihren Lauf fortsetzten, kamen sie
einander immer nher und waren bereits in Rufweite, als der Lugmann aus dem
Mastkorbe meldete:
    Zwei Dampfer in Sicht!
    Welchen Cours?
    Der Eine Ost zu Sd, der Andere weiter nach Norden.
    Der Admiral war jetzt auf das Verdeck gekommen. Der kleine weie Wimpel am
Flaggentau des Fockmastes zeigte seine Anwesenheit auf dem Schiff und der
kleinere Dampfer setzte bereits sein Boot aus, um den kommandirenden Offizier an
Bord der Fregatte zu schaffen.
    Ah, Sie sind es, Capitain Glasemann, sagte der Admiral, sich ber das
Bollwerk lehnend; kommen Sie geschwind herauf und bringen Sie mir Neuigkeiten.
Diese Herren verlangen sehnlich danach.
    Einige Augenblicke nachher war der Capitain-Lieutenant der Bessarabia auf
dem Deck und begrte ehrerbietig seinen Vorgesetzten. -
    Was haben Sie Capitain? woher kommen Sie? wo befindet sich die Escadre?
    Admiral Nachimow, Excellenz, ist auf der Rckkehr nach Ssewastopol
begriffen. Ich hatte Befehl, zu kreuzen und erfuhr durch Schiffer, da ein
egyptisches Kriegs-Dampfboot den Weg nach der abchasischen Kste genommen hat,
und war im Begriff, ihm zu folgen, als ich Euer Excellenz fand.
    Ist eines der Schiffe, die in Sicht sind, der Egypter?
    Ich hoffe es.
    Haben Sie irgend einen Verdacht, wer der zweite Bursche ist, der nach
Norden steht?
    Ich wte nicht, wenn es nicht etwa das Passagierboot des Lloyd sein
sollte, oder ein Franzose, obschon ich sichere Nachricht habe, da die
englisch-franzsische Flotte noch vollstndig im Bosporus ankert und keines
ihrer Schiffe Rumili-Kawak4 berschritten hat.
    Iop foce mat!5 so weit kommen die Oesterreicher nicht. Aber Du kannst Recht
haben, Shnchen, es mag eines der Transportboote sein, doch ein trkisches. Je
jedem Fall wollen wir uns die Burschen nher besehen. Lassen Sie die Maschinen
ihre Schuldigkeit thun, Capitain Butakow, und zeigen, was der Wladimir kann.
Sie, Capitain Glasemann, werden die Hhe gewinnen und dem Fremden den Rckzug
abschneiden.
    Ein solcher schien jedoch keineswegs in der Absicht der entfernten Schiffe
zu liegen, vielmehr ging diese offenbar dahin, die anatolische Kste zu
gewinnen.
    Das Ufer war bereits in Sicht getreten, man befand sich zwischen dem Hafen
von Amastro und dem Cap Kerempe, als die weiter auf der Hhe befindliche
Bessarabia signalisirte: Flotte in Sicht. Weite in Fernsignal, und gleich
darauf die Frage: Weiter Jagd machen? was offenbar andeutete, da man die
unbekannten Schiffe in dieser Nhe der Escadre unmglich fr feindliche halten
knne.
    Auch auf dem Wladimir machte sich diese Ueberzeugung geltend und schon
wollte der Admiral den Befehl ertheilen lassen, die Jagd aufzugeben und den
Cours nach der Escadre zu richten, als die beiden fremden Dampfer Signale
wechselten, dann pltzlich wendeten und die Richtung nach dem hohen Meere
einschlugen. Dieser schwankende Lauf war jedenfalls verdchtig und konnte nur
durch das Erblicken des Geschwaders veranlat sein. Namentlich war das
Dampfschiff vor dem Wladimir sichtlich bemht, eine Begegnung zu vermeiden, und
nderte jetzt mehrfach seinen Cours.
    Um 91/4 Uhr wurde daher auf der Fregatte das Privatsignal aufgehit und eine
Kanone gelst, es erfolgte jedoch keine Antwort; darauf wurde die russische
Flagge aufgezogen und der Befehl ertheilt: Fertig zum Gefecht!
    Alsbald lste sich die aufregende Neugier, die bisher Offiziere und
Mannschaften auf dem Deck und an den Bollwerken gehalten hatte, in rasche
Thtigkeit; die Kanonen wurden losgemacht, die Pulverksten geffnet, die
Sandscke um die Maschinen gehuft, und alle jene hundert Vorbereitungen
getroffen, welche auf einem Kriegsschiffe dem Kampfe voran gehen und keine
Vorsicht und Nothwendigkeit aus den Augen lassen.
    Die Mannschaft stand bei ihren Geschtzen, auf den Kugelksten saen die
Pulverjungen, der Wundarzt mit seinen Gehilfen im Unterraum, die Deckmeister
machten mit dem Zimmermann die Runde, die Marinesoldaten standen auf den
Gangwegen, und die Offiziere mit gezogenem Degen auf ihren Posten, die Befehle
erwartend.
    Eine Viertelstunde spter richtete das verfolgte Dampfschiff seinen Lauf
gerade gegen den Wladimir und zeigte die trkische Flagge, den Weien Halbmond
mit dem Stern im rothen Felde. Bald darauf nderte es nochmals seinen Lauf; die
Schiffe waren jedoch einander bereits so nahe, da bei der starken Maschine der
russischen Fregatte an ein Entkommen nicht zu denken war. Da Admiral Kornilow
sah, da das feindliche Schiff schwcher war, als der Wladimir, befahl er nach
Seesitte, ihm eine Kugel vor dem Bugspriet vorbeizusenden, als Aufforderung,
sich zu ergeben.
    Der Trke antwortete mit einer vollen Seitenladung, diese jedoch der noch
vorhandenen Entfernung wegen ganz unschdlich blieb.
    Damit war das Gefecht provozirt, und der Befehl, zum: Fertig zum Feuern!
durchlief das russische Deck.
    Unterde dampften die Schiffe parallel mit einander fort und kamen einander
bald so nahe, da die Kugeln und Granaten des fortwhrend seine Breitseite
abfeuernden Trken ber den Wladimir weggingen und die Tackelage desselben
beschdigten. Bereits waren ein Mann gefallen und drei Andere verwundet.
    Da die Kommandirenden jedoch erkannten, da das feindliche Schiff keine
Spiegel-Kanonen fhrte, beschlo man, es von Hinten zu bestreichen und so zur
Uebergabe zu zwingen. Capitain Butakow, welcher das Manver leitete, gab seine
Befehle mit einer Ruhe und Sicherheit, als ob es einer Schiffsbung glte.
    Der Wladimir fiel alsbald ab und in das Kielwasser des trkischen
Schiffes, das er mit seinen Bug-Kanonen der Lnge nach bestrich. Hierdurch wurde
der Gegner genthigt, fortwhrend beizulegen, um eine Salve geben zu knnen und
dann wieder eine neue Richtung zu steuern.
    Die Bessarabia verfolgte unterde das zweite Dampfschiff, das durch die
Anwesenheit der Escadre unter dem Winde verhindert war, seine Richtung nach
Osten zu nehmen, und die hohe See zu halten strebte. -
    Der Kampf hatte auf diese Weise bereits drei Stunden gedauert. Obschon es
dem Wladimir leicht gewesen wre, ihn fortzusetzen, die Bemannung des Gegners
niederzuschmettern und seinen Rumpf zu durchlchern, ohne selbst erheblichen
Schaden zu nehmen, da die Breitseiten des Trken beim Beilegen ber das
russische Schiff hinweggingen, - so beschlo der Admiral doch, nunmehr dem Spiel
ein Ende zu machen und auf Karttschenschuweite heran zu gehen.
    Die Befehle wurden ertheilt, die Fregatte wandte und scho dann mit der
vollen Kraft der Maschine an der Seite, des Feindes auf und gab ihm eine volle
Kugellage.
    Der Erfolg war in dieser Nhe furchtbar und die Maschine des Feindes hrte
sofort auf zu arbeiten.
    Dennoch setzte er sich noch zur Wehr und gab eine neue Salve. Eine Granate
zerschmetterte die Brust des Lieutenants Schelesnow, dem der Admiral eben einen
Befehl ertheilte.
    Der Wladimir umfuhr den trkischen Dampfer. Zwei weitere Lagen, die eine mit
Karttschen, durchlcherten den Rumpf und suberten die Verdecke.
    Jetzt senkte der Moslem seine Flagge; der erste Seesieg in diesem Kriege war
erfochten.
    Das genommene Schiff war der egyptische Dampfer Pervas Bachri, von 220
Pferdekraft und mit zehn Kanonen bewaffnet. Von seiner Mannschaft waren der
Capitain, 2 Offiziere und 19 Matrosen getdtet, 18 verwundet, und 134 Mann
wurden gefangen genommen. Der Rumpf des Schiffes war so durchlchert, da es zu
sinken drohte. Es bedurfte einer vierstndigen Arbeit, um es in Stand zu setzen,
dem Wladimir nach Ssewastopol zu folgen, wo Beide am anderen Tage eintrafen.
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    Das Schiff, das whrend des Kampfes die Bessarabia jagte, war der
Djerid, ein trkisches Passagier-Dampfboot, das von Varna kam und nach Sinope
bestimmt war, Passagiere, Kupfer und Pulver an Bord hatte und eine werthvolle
Beute war.
    Das Schiffsvolk und die Reisenden hatten sich auf dem Verdeck
zusammengedrngt und beobachteten eifrig das sich in der Ferne entspinnende
Gefecht. Auf dem Deck, in der Nhe des Steuers, sa der Capitain auf der Bank,
den Schibuck im Munde, den einer der Schiffsjungen sorgfltig in Brand hielt, um
nicht gepeitscht zu werden: ein dicker behbiger Trke mit grauem Bart. Viel
Sauberkeit und Ordnung war auf dem Schiffe nicht zu finden; einige trkische
Offiziere mit ihren Mannschaften, die nach Anatolien gingen, armenische und,
syrische Handelsleute, mehrere Juden und zwei Kurden mit ihren Sclaven, die
einen Trupp Pferde nach Varna geliefert hatten, diese bildeten die berwiegende
Zahl der Reisenden. An den Radksten des Schiffs waren in langen Reihen die
Knoblauch-und Zwiebelstrnge aufgehngt, mit jenen Gurken und Frchten, welche
die Hauptnahrung der gengsamen Orientalen sind, aber die, Luft keineswegs mit
besonderem Wohlgeruch erfllen. Zuweilen tauchten aus den Luken zu den unteren
Kajten tief verhllte Frauen auf, sich ngstlich umschauend oder ber das
Verdeck zum Heerde des Kochs schlrfend um ihr Tandur mit neuen Kohlen zu
fllen; doch waltete hier offenbar schon die orientalische Abschlieung des
weiblichen Geschlechts in weit hherem Grade ob, als auf den Schiffen im
geischen Meer und im Bosporus. Man befand sich an der Kste Asiens, fern vom
Verkehr der europischen Vlker.
    Einer der Passagiere nur erregte und verdiente besondere Aufmerksamkeit. Es
war ein hoher schlanker Mann von schnem, etwas hartem Gesicht und hochblonden
Haaren. Er trug reiche orientalische Kleidung, doch htte ein aufmerksamer
Beobachter leicht bemerkt, da sie ihm ungewohnt sa. Auch sprach er nur mit
zwei Mnnern, die offenbar seine Diener waren, einem Griechen und einem Mann,
dem die orientalische Tracht noch ungefgiger stand, als dem Herrn. Dieser ging
mit sichtlicher Unruhe auf dem Verdeck auf und ab, hufig nach der Treppe der
groen Kajte blickend, aus der von Zeit zu Zeit eine ltere Frau heraufstieg
und ihm eine kurze Botschaft zu bringen schien.
    Der Passagier war Sir Maubridge, der sich mit Diona, einer Griechin zu ihrer
Aufwartung und zwei Dienern in Varna eingeschifft hatte, um sich nach der
anatolischen Kste zu begeben und dort die Niederkunft seiner Geliebten
abzuwarten, fr die er eine zrtlichere Liebe empfand, als er den Drohungen des
Bruders gegenber zugestanden. Um desto weniger Aufmerksamkeit zu erregen,
hatten Alle die orientalische Kleidung angelegt.
    Sir Maubridge war von lebhafter Besorgni bewegt, weil Diona, schon von der
Seefahrt angegriffen, im Schreck ber die pltzlich hereinbrechende Gefahr
erkrankt war. Unmuthig trat er bereits zum zehnten Male zu dem Capitain, um ihn
zu fragen, ob Aussicht vorhanden, dem russischen Kreuzer zu entgehen. Der
bequeme Moslem aber that, als verstehe er weder das Italienisch, noch die
wenigen trkischen Worte des Englnders, und schttelte nur mit seinem ewigen
Bismillah bedchtig den Kopf.
    Ungeduldig rief der Baronet endlich seinen griechischen Diener herbei, um
mit dessen dolmetschender Hilfe das begonnene Gesprch fortzusetzen.
    Frage dieses Faulthier von einem Menschen, befahl er rgerlich, ob es
nicht mglich sein wird, die Schnelligkeit unserer Fahrt zu verstrken? Mich
dnkt, die Entfernung htte sich schon bedeutend verringert!
    Der Grieche wiederholte die Frage auf Trkisch. Der Capitain aber blies den
blauen Rauch in die Luft:
    Was kann ich thun? - Ein Schiff ist ein Schiff, und diese Russen haben den
Teufel im Leibe. Bak alum, wir werden sehen!
    Aber er sah nicht, sondern blieb ruhig sitzen.
    Der Englnder ballte entrstet die Faust.
    Sie werden uns nach Sebastopol schleppen!
    Inshallah! wie Gott will. Es ist unser Kismet, Effendi mou!
    Frage das trkische Vieh, ob er sich denn nicht zu vertheidigen gedenkt?
Wir haben vier Kanonen an Bord und Hnde in Menge!
    Der Beisdih6 ist toll, meinte der Capitain auf die etwas hflicher
bersetzte Frage. Ich habe den Vtern und den Mttern der Moskows das Nthige
erwiesen; wir sind keine Kriegsleute, um zu sagen: Puf!
    Er hrte mit Gleichmuth, freilich ohne sie zu verstehen, die Ehrentitel an,
die der erzrnte Brite ihm gab, der berzeugt war, da das schne in England
gebaute Schiff bei nur einiger Anstrengung und guter Leitung leicht den Russen
entgehen knne, und der nun einer, wenn auch kurzen, doch unangenehmen
Gefangenschaft entgegen sah.
    Die Bessarabia war unterde immer nher gekommen und ein scharfer Schu an
dem Bug des Djerid vorbei mahnte die Trken, beizulegen. Indessen zeigte sich
auch hier die Zhigkeit und Sorglosigkeit des National-Charakters; denn statt
dem eisernen Winke Folge zu leisten, setzte das Schiff nach wie vor seinen Weg
fort.
    Eine Hand berhrte jetzt den Arm des Baronets, es war das griechische Weib,
Diona's Dienerin.
    Herr, sagte sie, der Schrecken hat ber Eure Dame das Wehe der schweren
Stunde gebracht. Sie windet sich in den Schmerzen, die dem Weibe s sind.
    Maubridge fuhr auf.
    Verstehe ich Euch recht, sie sieht einer Niederkunft entgegen, einer zu
frhen Geburt?
    Die Frau bejahte.
    Ich will zu ihr.
    Halt, Herr! Ihr wrdet das Harem verletzen und die Moslems sind streng
darin.
    Was kmmern mich die Narren, sagte der Brite aufgeregt. Ich will zu
meinem Weibe! Alle die vom Stolz und Trotz unterdrckte Liebe zu dem Mdchen
brach in der vollen Kraft durch die Schranke, die sie so lange eingeschlossen.
    Mit zwei Stzen, whrend ein zweiter Schu des russischen Dampfers donnerte
und die Kugel durch die Tackelage, des Djerid schlug, sprang der Baronet die
Treppe zum Pavillon hinab und wollte die Thr desselben aufreien, als eine
krftige Faust ihn zurckstie.
    
    Bosch! Was willst Du?
    Atsch! - ffne! ich mu hinein!
    Das ist das Haremlik meines Herrn, kein Mann darf ihn betreten!
    Die drohende Geberde, mit welcher der schwarze Sclave sich vor die Thr
warf, zeigte besser als die ihm unverstndliche Sprache das Verbot.
    Zugleich suchte flehend die ihm nachgeeilte Griechin sich zwischen ihn und
die Thr zu drngen.
    Ihr wit nicht, was Ihr thut, Herr; die Trken ermorden Euch!
    Auf den trkischen Schiffen ist eine der Kajten ausschlielich fr die
Frauen bestimmt und wird gleich dem Haremlik geachtet. Kein Mann darf eintreten.
Hierzu kam, da einer der anatolischen Kaufleute, ein strenger Moslem, zur
Sicherung seiner mitgefhrten Weiber den Sclaven an die Thr postirt hatte.
    Der Streit rief Neugierige herbei; wie ein Lauffeuer ging die Nachricht
durch das Schiff: ein Mann verletzt den Schutz des Haremliks. Die Moslems
drngten sich heran; denn der drohende Frevel gegen die geheiligte Sitte bewegte
sie mehr, als die Gefahr von auen, die ja in Allah's Hand stand.
    Wer ist der Hund, da wir ihm das Seine thun? seid Ihr ein Sohn des
Teufels, da Ihr es wagt, uns in den Bart zu speien?
    Wilde Drohungen umtobten den Briten, Waffen erhoben sich gegen ihn und
vergeblich suchte sein englischer Diener sich zu ihm Platz zu machen.
    Auch der Capitain war herbeigekommen.
    Thut ihm Nichts zu Leide, er ist ein Beisdih! Was wissen diese Inglis von
Gott und dem Propheten! Sie sind tolle! sie haben Frauen und Pferde, aber sie
lassen die Einen nackend umherlaufen, und machen die Andern alle zu Bequirs7 und
schneiden ihnen die Schwnze ab, so wahr Allah gro ist.
    Ein Dschaur8 in der Kleidung der Moslems? was will das unglubige Schwein
unter uns? Er ist an allem Unglck Schuld, er hat uns die Moskows ber den Hals
gebracht. Tdtet den Franken!
    Der Baronet der noch immer vergeblich um den Eintritt rang, schwebte in der
grten Gefahr, ein Opfer des unvorsichtig erregten Fanatismus zu werden. Da
donnerte und krachte es ber und neben ihnen, und eine schwere Kugel prasselte,
die Splitter umher stubend, durch das Holzwerk und fuhr durch die
Frauen-Kajte.
    Die Splitter hatten Mehrere verwundet; in Todesfurcht strzten die Frauen
aus der Kajte, Alles floh in blindem Schrecken, sich in die untern Rume des
Schiffes zu verbergen, und im Augenblick sah sich Maubridge allein mit seinem
Diener auf dem behaupteten Kampfplatze. Er drang schnell in die Kajte, die mit
Staub und Trmmern gefllt war. In der hintern offenen Kabine auf dem
Schmerzenslager allein lag Diona. Er strzte an ihre Seite, er verschwendete
tausend Zrtlichkeiten an sie, indem er zugleich seinem Diener befahl, nthigen
Falles mit Gewalt die griechische Dienerin herbeizuschaffen. Dazwischen donnerte
drauen ber die Wogen her Schu auf Schu und die Kugeln fuhren durch Takelwerk
und Rumpf.
    Die Mannschaft hatte den Kopf verloren und vermochte nicht einmal die
feurigen Gre zu beantworten oder die Flagge zu streichen, bis endlich einer
der Maschinisten, ein Italiener, aus dem Raume sprang und das Flaggentau
durchschnitt. Der rothe Wimpel mit dem Halbmond flatterte in's Meer und ein
Jubelruf erhob sich am Bord des russischen Schiffes, das bereits fast seitlngs
lag, und whrend die Maschine des trkischen Schiffes zu arbeiten aufhrte,
seine Haken an den feindlichen Bord warf. Wenige Augenblicke darauf sprangen die
russischen Offiziere, den Degen in der Faust, ber die Bollwerke und im Nu war
das Verdeck des Djerid mit Mannschaften berfluthet.
    Aber Widerstand war nirgends zu finden, die Weiber jammerten und schrieen,
die Moslems krochen geduldig hervor und ergaben sich in das unvermeidliche
Kismet, whrend der Capitain von dem ersten Lieutenant der Bessarabia genthigt
wurde, die Papiere ber Ladung und Passagiere vorzulegen.
    In Angst und Besorgni sa der englische Baronet am Eingange der Kabine, in
der Diona, die arme Getuschte, von der griechischen Dienerin untersttzt, mit
den Schmerzen rang, die das werdende Leben begleiten. Seine ganze kalte harte
Natur schien sich umgewandelt zu haben in zrtliche Sorge um das junge Wesen,
dessen Wimmern und Schmerzensruf wie glhender Stahl sein Herz durchbohrte. Was
kmmerte ihn der Kampf umher, er hatte jetzt nur Augen fr die Geliebte.
    Da legte eine Hand sich auf seine Schulter und eine Stimme befahl ihm
barsch, aufzustehen. Als er emporfuhr und die Angreifer zurckstoen wollte,
fielen diese, zwei russische Matrosen, ber ihn her und schnrten ihm die Arme
zusammen. Ein Offizier mit dem trkischen Capitain trat eben in die Kajte. Auf
den Ersteren sprang Maubridge zu und verlangte mit ungestmen Worten, sofort
freigelassen zu werden, und Schutz fr sich und seine Leute.
    Der Offizier sah ihn gro an.
    Ich bin ein Brite. Unser Gesandter in Constantinopel wird Rechenschaft
fordern fr jede Beleidigung, die mir widerfhrt.
    Der Offizier lchelte malitis.
    Ein Englnder in trkischer Kleidung? Wahrscheinlich ein englischer Spion,
um unsere Hfen zu inspiziren. Ihre Papiere, mein Herr!
    Der Baronet erbleichte vor stolzer Wuth.
    Ihre Leute haben mich gebunden. Lassen Sie mein Portefeuille aus der Tasche
nehmen, meine Papiere befinden sich darin. - Ich hoffe, Sie werden die Banknoten
dabei schonen!
    Der Russe befahl kalt, ihn zu durchsuchen, und ffnete am Tisch die
Brieftasche, whrend Maubridge zhneknirschend daneben stand. -
    Ein Pa fr den Baronet Maubridge und seinen Diener. Das wre richtig.
Sieh' da, Briefe an Churschid-Pascha9 und Selim-Pascha, also in's feindliche
Lager. Und hier, ein solcher an Schamyl. - Das ist kein bler Fang!
    Herr, Sie haben kein Recht, sich an meinen Briefen zu vergreifen!
    Einem Englnder trauen wir Alles zu und mit einem Spion machen wir nicht
viel Umstnde. Bringt den Mann zu den anderen Gefangenen.
    Ein Schmerzensruf erscholl aus der Kabine, deren Thr halb geschlossen war.
    Der Baronet berwand seine Wuth und seinen Stolz.
    Sie werden menschlich sein, mein Herr, und in diesem Augenblicke mich nicht
von der Frau da drinnen trennen die jeden Moment ihre Niederkunft erwartet.
    Wer ist das Weib?
    Eine Griechin. Sie gehrt zu meiner Begleitung.
    Davon steht Nichts in dem Pa. Pflegen die Herren Briten vielleicht auch
schon ihre Harems mit sich zu fhren?
    Sie ist - er zgerte einen Augenblick - ich bitte, die Dame als meine
Gattin zu achten!
    Skotina10, wer's glaubt! - Fort mit dem Burschen, die Weiber werden hier
besser am Platze sein, wie er. Sie knnen in diese Kajte gesperrt werden.
    Die Russen faten den Baronet und zerrten ihn fort. Da an der Thr klang ihm
zum letzten Male der schneidende Wehruf des Mdchens in's Herz - dann ein
anderer Laut, - er war Vater!

                                    Funoten


1 Russisch: Ssewastopol.

2 Midshipman.

3 Hol' mich der Teufel!

4 Das thracische Castell am Meereseingang des Bosporus.

5 Eine unbersetzbare, aber in der russischen Gesellschaft sehr gebruchliche
Redensart.

6 Sohn eines Lords.

7 Walachen.

8 Giaur, Unglubiger.

9 Der frhere Insurgenten-General Guyon, Renegat, mit Selim Kommandirender der
trkischen Truppen bei Batum.

10 Narr! Dummkopf!


                               II. Zwing-Pontus.

Es war am dritten Morgen nachher, als ein einfacher Trauerzug aus dem
Quarantainegebude der russischen Pontus-Festung Ssewastopol sich nach dem
nahen, am Ende des Quarantainehafens befindlichen Kirchhof bewegte.
    Ein russischer Geistlicher ging dem Sarge voran, der nach griechischer Sitte
offen und niedrig getragen wurde. Nur wenige Personen hatten sich dem Zuge
angeschlossen, einige Diener aus dem Hospital der Quarantaine, eine griechische
Frau und ein Mann in orientalischer Kleidung zwischen zwei russischen
Marine-Soldaten.
    Der Mann war Edward Maubridge, der Baronet; im offenen Sarge, den Rosmarin
in den dunklen Locken und auf der Brust, lag Diona Grivas, die Schwester der
Caraiskakis.
    In der Nacht nach der Geburt war sie gestorben - sie hatte das allzufrhe
Leben des Kindes mit dem ihren erkauft. Ihr Verfhrer war fern ihrem Sterbebett,
an dem nur der Pope der Fregatte Wladimir und die in Varna geworbene Dienerin
mit den gefangenen trkischen Weibern stand. Dennoch war sein Namen im Tode auf
ihren Lippen, Vergebung in ihrem Herzen. Sie lie sich das Kind, einen Knaben,
bringen, segnete ihn und bergab ihn dem Geistlichen ihres Glaubens mit dem
Geschmeide, das sie von ihrer Mutter geerbt.
    Erst am anderen Morgen erfuhr der Baronet den Tod der Griechin. Die
Nachricht erschtterte den trotzigen stolzen Mann im Innersten.
    Er lie dem Kommandirenden des Schiffes die dringende Bitte stellen, zu der
Leiche gefhrt zu werden, und als ihr gewillfahrtet worden, verlie er dieselbe
nicht mehr, bis das Schiff in der Nacht auf der Rhede von Sebastopol Anker warf?
Am nchsten Morgen lieferten die russischen Dampfer ihre Beute im
Quarantainehafen ab, und die Gefangenen wurden in ein zu ihrer Aufnahme
bestimmtes Gebude, die Leiche aber zum Hospital gebracht, von wo aus das
Begrbni am nchsten Tage erfolgte. Durch freigebige Anwendung seines Goldes
erlangte der Baronet die Erlaubni, die Todte bis zu ihrer letzten Ruhesttte zu
begleiten.
    In finsterem Brten vergingen ihm die nchsten Tage, das einzige Geschft,
das er unternahm, war, einen Bildhauer aus der Stadt kommen zu lassen und ihm
den Auftrag zu einem einfachen Marmorstein fr das Grab des griechischen
Mdchens zu geben. Er bezahlte reichlich und im Voraus, um das Werk gefrdert zu
sehen. Um sein eigenes Schicksal schien er wenig bekmmert.
    Am fnften Tage nach der Ankunft der Gefangenen war ihre Quarantaine zu Ende
und sie wurden in die Stadt gebracht. Hier ward der Baronet, trotz seiner
Protestationen, von der griechischen Dienerin und dem Kinde getrennt und erhielt
seinen Aufenthalt im Fort Sanct Nicolas angewiesen, wo er in strenger
Absonderung mit seinem englischen Diener gehalten wurde.
    Nur der Grieche durfte ab und zu gehen und sorgte fr ihre Bedrfnisse.
    Durch ihn erfuhr Maubridge, da die Wrterin mit dem Kinde in der Familie
des Geistlichen vom Wladimir, die in Sebastopol wohnte, Aufnahme gefunden hatte.
    Von dem Fenster seines hochgelegenen Gemaches aus bersah der Baronet die
schne Felsenbucht von Sebastopol mit den riesigen Befestigungen der Nordseite,
dem Fort Constantin, dem Catharinen-Fort, der Sukaia-Batterie und der groen
Citadelle, whrend rechts der Blick am Eingang des Militairhafens vorbei, dessen
andere Seite, Fort Nicolaus gegenber, das Fort Sanct Paul beschtzte, bis an's
Ende der Bucht zu den Hhen von Inkermann schweifte, wo die beiden Leuchtthrme
des Nachts dem Schiffer ihr leitendes Feuer zeigten. Links am Artillerie-Hafen
hin, zwischen dem Fort Nicolas und der groen Batterie, reichte seine Aussicht
bis zum Fort Alexander und den beiden Quarantaine-Forts die auf der Sdseite,
Fort Constantin gegenber, den Eingang der Bucht deckten.
    Ein buntes Leben herrschte in der prchtigen Seefestung, und der Brite
schien recht eigentlich diese Wohnung erhalten zu haben, wie als solle er einen
Anblick gewinnen von der Macht und Unbesiegbarkeit dieser Vormauer des
russischen Kolosses im Sden, von der aus seine Flotten das Meer beherrschten
und Constantinopel in ewiger Bedrohung hielten. Die mchtigen granitnen Wlle
der Forts und Bastionen starrten von schweren Geschtzen, die ein Kreuzfeuer
ber die Bucht zu erffnen vermochten, das jeden eindringenden Feind in den
Grund bohren mute. Auf den breiten Quais um die prachtvollen Werfte und Docks
bewegte sich eine dichte Bevlkerung von Seeleuten und Soldaten; kolossale
Marine-und Artillerie-Vorrthe waren berall aufgehuft und wurden durch die
fortwhrend von Odessa und Nicolajew eintreffenden Transportschiffe vermehrt.
Dampfer gingen tglich ab und zu und im Hafen selbst und drauen auf der Rhede
lag zum Auslaufen bereit die prchtige russische Sdflotte, um das riesige
Admiralschiff ankernd, das den Namen des General-Admirals des zweiten Sohnes des
kaiserlichen Herrn, Grofrst Constantin, trug.
    Dies ganze prchtige und groartige Schauspiel lag unter den Augen des
Gefangenen, doch betrachtete er es mit Gleichgltigkeit. Mit dem Tode Diona's
war eine auffallende Vernderung in seinem Wesen und Charakter vorgegangen; er
fhlte, da er das Mdchen mit der ganzen Kraft seiner Seele geliebt hatte, und
da er dennoch unehrenhaft an ihr gehandelt. Das machte seinen hochmthigen Sinn
noch erbitterter, heftiger, abgeschlossener. All' sein Gefhl sein Denken und
seine Entschlsse concentrirten sich jetzt auf das Kind, das er das seine
nannte. Tglich mute der griechische Diener zum Hause des Popen wandern, um ihm
Nachricht von dem Knaben zu bringen, und eine bedeutende Summe sandte er fr die
Pflege desselben.
    So verstrichen mehr als zwei Wochen. All' seine Beschwerden, Anforderungen
und Drohungen, ihn in Freiheit zu setzen, waren von den russischen Behrden
unbeachtet geblieben, er erhielt nicht einmal eine Antwort, und die Offiziere
des Forts vermieden ihn, wenn er die Erlaubni hatte, auf den Wller desselben
spazieren zu gehen.
    Es war am Nachmittage des 26. November, als er am Fenster seiner Zelle sa
und mit finsterem Brten gedankenlos dem Fluge der Mven zuschaute, die ber die
Bucht strichen, mit ihrem ngstlichen Geschrei eine Erneuerung des Sturmes
verkndend, der bereits mit kurzen Unterbrechungen seit zwei Tagen getobt hatte,
als seine Aufmerksamkeit durch ein kleines Dampfschiff erweckt wurde, das von
der Hhe der See, ohne, wie die gewhnliche Vorschrift erheischte, vor den
Eingangs-Forts beizulegen, mit aufgehiten Signalen in die Bucht scho und am
Fort Nicolas beilegte. Sogleich wurde ein Boot herabgelassen und mehrere
Personen fuhren zum Ufer. Es war dem Baronet, als sei ihm eine derselben nicht
unbekannt, doch war die Entfernung zu gro, um Genaueres zu erkennen.
    Die Dmmerung begann unterde einzutreten und mit dem Abend sich der Wind
auf's Neue zu erheben. Regen und Hagel peitschten gegen das Fenster der Zelle,
an welchem der Gefangene noch immer sa, in den beginnenden Kampf der Elemente
hinausstarrend. Pltzlich donnerten rasch nach einander drei Signalschsse von
der vorderen Bastion des Forts und Maubrige konnte bemerken, da Signale mit
bunten Laternen aufgezogen wurden, die bald darauf von den Schiffen in der Bucht
und auf der Rhede am Eingang wiederholt wurden. Ein lebendiger rascher Verkehr
schien sich trotz der unruhigen See zwischen der Flotte und dem Ufer zu erheben,
Boote, schwer mit Mannschaft beladen, gingen und kamen, und die ankernden
Dampfer begannen zu heizen.
    Eine wichtige Nachricht mute eingetroffen sein, das zeigte auch die
Bewegung im Fort selbst und die Unruhe auf den nchstliegenden Straen.
    Es mochte gegen 9 Uhr Abends sein, als Tritte sich seiner Thr nherten und
ein Offizier in Begleitung zweier Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonet
eintrat, whrend vier russische Matrosen an dem Zugang stehen blieben.
    Ich habe Ordre, mein Herr, sagte der Offizier, Sie sofort zum
Kommandanten zu geleiten. Zugleich ersuche ich Sie, Ihren Leuten Anweisung zum
Packen Ihrer Effecten und zur Ueberweisung derselben an diese Mnner zu geben,
die sie befrdern werden.
    So bin ich meiner Haft entlassen und kann abreisen?
    Ich befinde mich auer Stande, Ihnen Antwort zu geben, erklrte der
Offizier; ich erflle die Befehle meiner Vorgesetzten und bitte Sie, sich
fertig zu machen, um mir zu folgen.
    Der Baronet war zu stolz, um weiter zu fragen, und nach einigen Befehlen an
seine Diener alsbald bereit. Der Russe rieth ihm hflich, seinen Regenmantel zu
nehmen, da drauen das Wetter immer heftiger tobte, und fhrte ihn dann in
Begleitung der Wachen durch die Gnge und Hfe des Forts. Zum Erstaunen des
Briten schlug der Offizier den Weg zu dem Thor ein, gab dort die Parole und
verlie mit ihm die Citadelle.
    Auf den Straen war trotz der blen Witterung reges Leben und Treiben, Licht
an allen Fenstern, Matrosen und Marinesoldaten kamen und gingen in Trupps aus
und zu den Magazinen, Offiziere eilten in ihre grauen Schiffsmntel gehllt
dahin, und vor dem groen Eingang des Admiralittsgebudes, der Wohnung des
Oberbefehlshabers Admiral Berg und zur Zeit des Frsten Mentschikoff, brannten
groe Pechfackeln und war ein lebhaftes Gedrnge von Offizieren, Beamten und
schaulustigem Volk in seinen russischen, europischen und tatarischen Trachten.
    Der Baronet wurde in ein Vorzimmer des ersten Stocks gefhrt und nach
wenigen Minuten winkte ihm der begleitende Offizier, in den anstoenden Saal
einzutreten.
    Derselbe war von Offizieren und Marinebeamten gefllt. An einer groen
Tafel, auf der groe Seekarten ausgebreitet lagen, waren mehrere hhere
Flottenoffiziere eifrig beschftigt und in einer Debatte begriffen.
    Der Wind war unterde immer heftiger geworden und gestaltete sich zum Sturm,
der in einzelnen langen Sten durch die Bergschluchten fegte und die hohen
Fenster des Saales erklirren lie.
    Es wird kaum mglich sein, Nowossilsky, da Sie Anker lichten knnen und
die hohe See erreichen in diesem Wetter, sagte ein alter Offizier in der
Admiralsuniform, der in der Mitte des Tisches sa. Warten Sie bis morgen.
    Wir wrden hchstens das Tageslicht zum Gewinn haben, Excellenz, und dafr
eine kostbare Zeit verlieren, entgegnete ein Mann von khnem seemnnischem
Aussehen, der Kommandant der vierten Flotten-Division, Contre-Admiral
Nowossilsky. Sie kennen unsere Strme und wissen, da sie ihre Zeit haben
mssen. Die englisch-franzsische Flotte knnte leicht Nachricht erhalten haben
und aus dem sichern Bosporus herauskommen. Nachimow htte dann das Nachsehen.
    Nun, wie Sie wollen. Capitain Tschigiri, haben Sie die Ordre bereit?
    Der Offizier du jour reichte das Papier und Admiral Berg unterzeichnete es.
    Die Paris und Tri Sswjatitelja liegen bereits auf der Rhede, fuhr der
Contre-Admiral fort. Ich werde mich durch die Bessarabia hinausbugsiren lassen.
Wann erwarten Sie Korniloff zurck?
    Morgen. Sie werden die Bessarabia kommandiren, ihm entgegen zu fahren.
    Nun, ich hoffe, da er nicht mehr zur rechten Zeit ankommt und uns Andern
auch Etwas brig lt. Er hat jetzt bereits drei Dampfer den Trken genommen,
whrend wir kaum das Bugspriet aus dem Nest gesteckt haben. Doch wie steht es
mit dem Passagier, Excellenz, den Sie mir mitgeben wollten? Die Zeit drngt.
    Haben Sie den Englnder hier, Rogula?
    Der zweite Hafen-Kommandant, an den die Frage gerichtet war, sah nach der
Gruppe an der Thr. Der Gefangene soll vortreten.
    Maubridge trat mit finsterm Blick bis zu dem Tisch und sttzte die Hand
darauf.
    Wer von den Herren, fragte er, ohne die Anrede abzuwarten, ist Frst
Mentschikoff? ich wnsche ihn zu sprechen.
    Der greise Offizier winkte.
    Der Frst ist abwesend. Ich bin Admiral Berg, der Oberkommandant der
Festung, und Sie werden sich mit mir begngen mssen.
    Dann lege ich Protest bei Ihnen ein im Namen der britischen Nation, wegen
der unwrdigen Behandlung und rechtswidrigen Haft, die mir hier geworden ist.
Ich werde mich bei unserm Gesandten in Petersburg beschweren.
    Der Admiral schien die Phrase nicht zu beachten.
    Sie heien?
    Edward Maubridge, Baronet.
    Nach dem Bericht des Capitain Juschkin sind Sie am 6. auf dem trkischen
Dampfboot Djerid gefangen genommen worden auf dem Wege nach Sinope. Man hat bei
Ihnen Briefe an die trkischen Befehlshaber in Anatolien und selbst an Schamyl
gefunden, die beweisen, da Sie mit den Feinden Rulands in Verbindung stehen.
    Ich bin Englnder und habe Niemand Rechenschaft zu geben, wohin ich gehe
und mit wem ich in Verbindung stehe. England ist bei Ihrem Kriege eine neutrale
Macht.
    Der Admiral lchelte.
    Wie man's nehmen will! Ich habe jedoch nicht Zeit, mich mit Ihnen in eine
politische Controverse einzulassen. Ich will Sie trotz jener Verbindungen als
Reisenden gelten lassen, und wir werden Sie an den Ort schaffen, wohin Sie gehen
wollten. Sie haben sich demnach nur ber eine Haft zu beklagen, die durch die
Umstnde geboten war. Unser Geschwader geht in einer Stunde nach Sinope ab und
wird Sie dort mit Ihren Dienern an's Land setzen. Treten Sie ab.
    Einen Augenblick, mein Herr - ich will Alles vergessen, aber ich kann diese
Stadt nicht verlassen ohne mein Kind! Lassen Sie mein Kind holen mit seiner
Wrterin.
    Ihr Kind? - Meinetwegen. Doch sehe ich Nichts von einem Kinde in Ihrem Pa
erwhnt. Was ist damit, Capitain Juschkin?
    Der Capitain der Bessarabia trat vor.
    Ein griechisches Weib, Excellenz, ist nach dem Gefecht eines Knaben
genesen, den Popa Alexanowitsch in seine Pflege nahm, da die Frau starb.
    Welches Recht haben Sie an dem Kinde?
    Es ist das meine, die Verstorbene war Lady Diona Maubridge.
    Lgner! gellte es durch den Saal von den Lippen eines bleichen Mannes, der
im Haufen der Umstehenden bis jetzt mit athemloser Spannung dem Verhr und der
Verhandlung beigewohnt hatte, das Auge voll Ha keinen Moment von dem Briten
abwendend. Lgner! Beweise Dein Anrecht an Diona Grivas, die Du gemordet, Dein
Recht, das Du selbst mit Fen getreten und verleugnet hast!
    Der Baronet stand bleich, - ihm gegenber der Bruder und Rcher des todten
Mdchens, Gregor Caraiskakis.
    Euer Excellenz, sagte der Grieche und Schmerz und Zorn erstickten fast
seine Stimme, als er sich zu dem Admiral wandte, wenn der Dienst, den ich Ihnen
geleistet, wenn Eifer und Treue fr die Sache Rulands eine Anerkennung
verdienen, so gewhren Sie mir Gerechtigkeit gegen diesen Mann. Zwei Mal
entfhrte er meine Schwester durch heuchlerische Knste und entehrte sie, indem
er durch ein bbisches Spiel mit der Arglosen sie glauben machte, sie sei seine
angetraute Gattin. Als ich ihr Recht von ihm forderte, leugnete er es, und Diona
Grivas, die Schwester der Caraiskakis, wurde durch seinen Trug zu seiner
Maitresse erniedrigt. In diesem Augenblick erfahre ich, der Bruder, aus seinem
Munde, dessen Spur ich bis Varna verfolgte, den Tod der Unglcklichen und ich
segne ihn, denn er deckt ihre und unsere Schande. Aber das Kind, das Kind aus
dem Blute meiner Schwester, soll der falsche Englnder nimmer besitzen, und
sollte ich es ihm mit dem Leben entreien!
    Die verchtlichen drohenden Blicke der Offiziere ringsum, hafteten auf dem
Briten, der bleich und trotzig im Kreise umher schaute.
    Das Kind ist mein, ich nehme das Recht des Vaters und Englnders in
Anspruch!
    Herr Caraiskakis, sagte der Admiral ernst, indem er sich erhob, wir sind
Ihnen verpflichtet durch den Dienst, den Sie uns erwiesen haben, indem Sie keine
Gefahr scheuten, um Admiral Nachimow und dann uns Nachricht zu bringen von dem
verrtherischen Unternehmen des trkischen Geschwaders. Wir mchten Ihnen gern
Gerechtigkeit gewhren an diesem Mann, doch - das Recht eines Vaters ist ein
heiliges, und als solcher kam er in unsere Gewalt.
    Einen Augenblick, Excellenz, unterbrach der Vice-Admiral Rogula den Greis.
Wenn ich Capitain-Lieutenant Juschkin recht verstanden habe, erfolgte die
Entbindung des Mdchens erst nach der Wegnahme des Schiffs?
    So ist es, besttigte der Capitain.
    Dann, mein Herr, sagte mit Wrde der Admiral, ist das Kind unter
russischer Flagge geboren und geniet russischen Schutz, bis Ihre Ansprche
bewiesen sind, was durch den Tod der Mutter unmglich werden drfte.
    Der Baronet stampfte mit dem Fue auf. Ich will mein Kind!
    Ein Sturmsto erschtterte das Gebude, da es in seinen Grundfesten zu
erbeben schien.
    Hren Sie die Stimme des Allmchtigen, Herr, sprach streng der Greis, der
mit seinem Sturmwind ber jene Wogen fhrt, denen bald Ihr Leben anvertraut sein
wird, und bereuen Sie Ihre Handlungsweise. - Fort mit ihm, und Sie, Nowossilsky,
zu Schiffe, zu Schiffe, damit Sie die hohe See erreichen, ehe der Sturm nach
Sden umsetzt!
    Er reichte dem Contre-Admiral die Hand und die Schiffs-Offiziere verlieen
eilig den Saal und die Admiralitt. Knirschend fgte sich der stolze Brite in
die Befehle, da einige deutliche Winke ihn belehrten, da er sonst mit Gewalt an
Bord geschleppt werden wrde.
    Als er am Quai stand und auf das Boot harrte, legte sich eine Hand auf seine
Schulter, und sich umwendend schaute er wieder in das Ha glhende Auge des
Griechen.
    Ich hoffe, sagte dieser mit zischendem Ton, wir werden uns wieder
begegnen, wo Sie nicht unter'm Schutz der Gefangenschaft stehen. Holen Sie Ihr
Kind, Mylord, wenn Sie den Muth dazu haben!
    Ich werde es holen! Goddam! Er sprang in's Boot und die dunklen Wellen
trennten die Gegner. -
    Whrend der ausbrechende Sturm bereits das Land und Meer peitschte,
remorquirte die Bessarabia das Admiralschiff Grofrst Constantin aus der
Bucht, auf deren Hhe die beiden anderen Linienschiffe es erwarteten. Eine
Stunde darauf waren die Anker gelichtet und das Geschwader stand unter
Sturmsegeln glcklich hinaus in See.

                                  III. Sinope.


Die russische Pontus-Flotte hatte bisher ungehindert auf dem Schwarzen Meere und
bis dicht an die rumelischen und anatolischen Ksten gekreuzt, und bereits
mehrere trkische Dampfschiffe, darunter noch whrend der von Omer-Pascha dem
russischen Oberbefehlshaber in den Frstenthmern gestellten Frist den Medari
Tidjaret, genommen. Die trkisch-egyptische Flotte ankerte whrend dessen noch
im Bosporus in der Bucht von Beykos. Das franzsisch-englische Geschwader war am
8. und 9. vor Constantinopel eingetroffen, wobei wieder verschiedene kleine
Scenen von Rivalitt zwischen den beiden Nationen stattgefunden hatten. Ihre
mchtigen Schiffe lagen jetzt vom Eingang des Goldenen Horns bis Bujukdere
hinauf an dem europischen Ufer des Bosporus und ihre Mannschaften fllten die
Straen von Constantinopel, wobei das anstndige und freundliche Benehmen der
franzsischen Matrosen einen grellen Gegensatz gegen das brutale und rohe
Treiben der englischen Seeleute bildete, die auf den Straen Schlgereien mit
den trkischen Wachen anfingen, Weiber insultirten, die Bevlkerung verhhnten
und sich so viehisch betranken, da tglich Abends die Gassen in Galata und
Tophana voll Sinnloser lagen, die sich im Koth wlzten. Es blieb zuletzt dem
Seraskier Nichts brig, als der Befehl an smtliche Wachen, jeden Morgen die
betrunkenen Matrosen von den Straen aufzulesen und sie in groen Booten an Bord
des englischen Wachtschiffes abzuliefern.
    Die Feindseligkeiten in Asien zwischen Russen und Trken hatten unterde
einen ausgedehnteren Gang und grere Bedeutung gewonnen, so da die
Untersttzung der beiderseitigen Flotten nthig wurde.
    Am 28. October hatte Selim-Pascha, der Oberbefehlshaber der trkischen
Truppen in Anatolien, das Fort Nikolajowst (Scheffekil), den ersten russischen
Posten an der sdlichsten Spitze der Kste von Kaukasien, zwischen Batum und
Redutkale, berfallen und nach siebenstndigem hartem Kampf genommen. Der Posten
war nur durch die groen Proviantvorrthe von Bedeutung, welche hier lagerten.
Der Kommandant der Truppen in Grusien, Oberst Karganow, versuchte zwar denselben
wieder zu nehmen, wurde jedoch zurckgedrngt. Der Verlust auf beiden Seiten war
erheblich. Die trkische Armee berschritt hierauf auch an anderen Punkten die
russische Grnze und nahm einige kleine Posten weg, bis Frst Bariatinsky, der
Chef des Generalstabes der zweiten activen Armee1, dem Feinde in einer
vorteilhaften Stellung bei Gmri2 am 14. November eine bedeutende Niederlage
beibrachte, bei welcher circa 1000 Trken zu Gefangenen gemacht wurden. Bald
darauf, am 26., erfocht Frst Andronikoff einen zweiten glnzenden Sieg ber das
trkische Corps, das Achalzik (Akiska) eingenommen hatte und die Festung
belagerte. Die Trken verloren hier an 5000 Mann, 12 Kanonen, 7 Fahnen, die
ganze Bagage und groe Munitionsvorrthe.
    Es ist eine bekannte Sache, da die tscherkessischen Stmme in ihrem Kampfe
gegen Ruland seit Jahren im Stillen von England untersttzt wurden.
    Bei Beginn der orientalischen Verwickelungen war daher eines der ersten
Mittel, was die sogenannte neutrale Intervention in's Auge fate, die Aufreizung
Schamyl's zu einem Angriff gegen die russischen Forts an der abchasischen Kste
und die ganze Stellung am Kaukasus. Man hoffte dabei offenbar auf einen Aufstand
aller mingrelischen Stmme, um damit eine Schutzwehr fr Anatolien zu erlangen.
Die Politik der Westmchte, die bis zum letzten Augenblicke den Schein einer
abwartenden und ausgleichenden Stellung zu bewahren suchte, schob natrlich bei
Verfolgung dieser Intrigue das trkische Cabinet vor. Es wurde im Divan eine
Expedition an die abchasische Kste beschlossen, um den Bergvlkern Geld, Waffen
und Truppen zuzufhren, und alsbald in's Werk gesetzt. Mit dem Kommando des
Geschwaders ward, auf die Einwirkung des Kapudan-Pascha, dieses zweiten Fhrers
der Kriegspartei, der 61 jhrige Osman-Pascha betraut. Derselbe empfahl sich
wenigstens durch einen 42jhrigen Seedienst, indem er schon 21 Jahre im Dienste
Mehemed Ali's gestanden, bei Navarin eine Brigg, beim Bombardement von St. Jean
d'Acre ein Linienschiff kommandirt hatte und seit 10 Jahren den Titel eines
Admirals fhrte. Die Erfahrung inde hat gelehrt, da auch jetzt eben noch wie
frher die trkische Marine trotz der in England gebauten Schiffe keineswegs den
Ruf verdient, den man ihr mit Gewalt gegenber der russischen beizulegen
versuchte. Mit wenigen Ausnahmen hat die Trkei nie gute Seeoffiziere erzeugt,
und das Kommando sich stets in unfhigen Hnden befunden. Eben so wenig sind die
Trken tchtige Seeleute und die trkische Flotte war bis zum Beginn des Krieges
zum groen Theil mit griechischen Matrosen bemannt, die bei der allgemeinen
fanatischen Stimmung unter der griechischen Bevlkerung ihren Dienst verlieen,
so da nur eine ziemlich undisciplinirte zusammengeraffte Mannschaft auf
derselben zurckblieb. Noch trauriger war es auf der egyptischen Flotte
bestellt, die mit Ausnahme der Dampfschiffe aus so jmmerlichen, alten und
morschen Fahrzeugen bestand, da beim Auslaufen dieser Hilfsescadre aus
Alexandrien im Sommer das Admiralschiff alsbald gesunken war, und die Flagge
schleunig auf einem zweiten Schiffe aufgehit werden mute.
    Das Geschwader, mit dem Osman-Pascha in der ersten Hlfte des Novembers
Befehl erhielt, unter Segel zu gehen, bestand aus 7 Fregatten von 74, 60, 52,
56, 50, 38 und 42 Kanonen, 2 Corvetten, 1 Sloop und 2 Transportschiffen.
    Es hatte ber 5000 Mann Landtruppen unter Kommando Mustapha-Pascha's, zur
Ausschiffung an der tscherkessischen Kste, an Bord, so wie 20 Millionen Piaster
in englischem Golde, nebst bedeutenden Vorrthen von Waffen und Munition.
Mehrere englische Offiziere und Ingenieure, so wie eine Anzahl politischer
Flchtlinge, befanden sich auf den Schiffen.
    Dies war die wichtige Nachricht der russischen Agenten in Constantinopel,
welche Caraiskakis von Varna aus, indem er ein auf der Hhe der Bucht kreuzendes
Schiff erreichte, dem Geschwader des Vice-Admirals Nachimow, des Kommandirenden
der fnften Flotten-Division, und von diesem mit der Bessarabia nach Ssewastopol
berbracht hatte.
    Am 24. erblickte Vice-Admiral Nachimow, in der Aufsuchung des trkischen
Geschwaders begriffen, dasselbe im Hafen von Sinope, wohin sich Osman-Pascha,
der am 16. von Trapezunt abgesegelt war, zurckgezogen hatte, theils um Schutz
vor den Strmen zu suchen, theils um abzuwarten, da die an der abchasischen
Kste kreuzenden russischen Schiffe sich zurckzgen. Die Trken glaubten sich
auf der Rhede von Sinope vollkommen sicher vor jedem Angriff.
    Am folgenden Tage verhinderte ein heftiger Sturm aus Westen den Admiral,
sich Sinope zu nhern, und er sandte sofort die Bessarabia nach Ssewastopol mit
der Nachricht ab, indem er mit den Linienschiffen Kaiserin Maria von 120,
Tschesme und Rosstisslaw von 84 Kanonen und den Fregatten Kagul und
Kulewtschi die Rhede blokirte.
    Die Stadt Sinope, im Alterthum berhmt und als Geburtsort des Philosophen
Diogenes bekannt, liegt auf einer weit in's Meer vorspringenden Landzunge, die
einen sichern Hafen bildet. Von ihren berhmten Tempeln, Lyceen und Porticis ist
Nichts mehr zu sehen, aber die groen Fundgruben alterthmlicher Reste sind die
Mauern, welche die rmlich erbaute neue Stadt und die Citadelle umgeben.
Letztere scheint ein byzantinisches Werk zu sein und ihre Mauern bestehen ganz
aus Bruchstcken von Sulen, Friesen und Kapitlern etc., bunt durcheinander.
Die Stadt zhlt etwa 10,000 Einwohner.
    Die trkische Escadre war bogenfrmig lngs dem Ufer aufgestellt, mit
seitwrts ausgeworfenen Wurf-Ankern, um bei jedem Winde eine Linie bilden zu
knnen. Am Ufer waren, den Zwischenrumen der Schiffe gegenber, doch ziemlich
ungeschickt, fnf Batterieen errichtet.
    In der Nacht zum 28. traf der Contre-Admiral Nowossilski mit seiner
Abtheilung bei dem blokirenden Geschwader ein. Dasselbe bestand nunmehr aus 6
Linienschiffen und 2 Fregatten.
    Am 28. machte der Vice-Admiral Nachimow seine Dispositionen, um beim ersten
gnstigen Winde den Feind anzugreifen. Dies sollte in zwei Colonnen geschehen,
deren rechte der Admiral fhren wollte. Sein Flaggenschiff war die Kaiserin
Maria; die Schiffe Grofrst Constantin und Tschesme sollten ihm folgen.
Die linke Angriffscolonne unter Befehl des Contre-Admirals Nowossilski bestand
aus den Schiffen Paris, Tri Sswjatitalja und Rosstisslaw.
    Die Fregatten Kagul und Kulewtschi sollten unter Segel auf der Rhede
bleiben, um, falls einige feindliche Schiffe sich durch die Flucht zu retten
versuchen wollten, sie daran zu verhindern.
    Die Russen ersehnten eifrig den gnstigen Wind, whrend die Trken unter dem
Schutz der Batterieen an die Unmglichkeit eines Angriffs zu glauben schienen.
    Endlich am Morgen des 30., Mittwoch, setzte der Wind um und es trat ein
leichter gnstiger Ost-Nord-Ost ein. Um 10 Uhr Morgens gab der Admiral das
Zeichen, sich zum Kampfe fertig zu machen.
    Am Tage vorher war Sir Maubridge mit seinen beiden Dienern durch ein Boot in
der Nhe der Stadt an's Land gesetzt worden.
    Whrend sich die beiden Colonnen unter Leesegeln dem Feinde nherten,
herrschte so starker Nebel und Regen, da die feindlichen Schiffe kaum in der
Entfernung einer halben Stunde deutlich sichtbar waren.
    Die Kaiserin Maria ging auf ungefhr 250 Faden weit an zwei trkische
Fregatten heran, deren eine von 74 Kanonen die Flagge des Bahrielivaki
(Vice-Admiral) Osman Pascha zeigte und hinter deren Spiegel am Ufer sich eine
Batterie von 12 Kanonen befand, und warf in dieser Entfernung Anker und
Wurfanker.
    Zugleich legte sich auf dem linken Flgel das Flaggenschiff des
Contre-Admirals Nowossilski, Paris, noch nher an den Feind und die anderen
Schiffe nahmen ihre ihnen angewiesene Stellung ein, der Tschesme aus dem
uersten rechten, der Tri Sswjatitelja auf dem linken Flgel.
    Die russischen Schiffe hatten kaum Anker geworfen, so begannen die
trkischen Batterieen und Fregatten ihr Feuer.
    Admiral Nachimow hatte mit seinen Offizieren auf der Schanze der Maria
seinen Platz genommen und beobachtete mit dem Fernrohr die beginnende Schlacht.
Die Kugeln der Batterieen, namentlich die des Forts von Sinope, thaten dem
Masten- und Spierenwerk des Schiffes groen Schaden, und auch auf dem
Constantin bemerkte man deutlich denselben Uebelstand.
    Lassen Sie die Geschtze der obern Batterie zunchst gegen das Kastell
richten, Capitain Budischtschew, befahl der Admiral, wir mssen dasselbe zum
Schweigen bringen, sonst behalten wir keine Stenge an Bord. Mit den Fregatten
wollen wir alsdann schon fertig werden. -
    Lieutenant Rotilaw fhrte den Befehl auf dem ersten Deck. An seinen
Geschtzen arbeiteten die spter durch ihren Heldentod so berhmt gewordenen
Matrosen Bolotnikow, Schewtschenko und Koschka mit ihren Kameraden, alle bis zum
Grtel entblt, auf den ersten Wink zum Beginn des Feuers harrend.
    Der Capitain ging selbst durch die Batterieen und ordnete die Richtung der
Geschtze, whrend die trkischen Kugeln durch das Takelwerk pfiffen und hin und
wieder in die Wnde des Schiffes prasselten. Nachdem Alles geordnet war,
erfolgte der Befehl zur Erffnung des Feuers, und von diesem Augenblick an spie
die Maria ohne Unterbrechung ihre Breitseiten gegen das Ufer.
    Sehen Sie den Constantin an, Excellenz, bemerkte Budischtew, wie er mit
der Batterie dort umspringt; wahrhaftig, Capitain Rakowskoi rasirt sie, ehe die
Trken drei Mal zum Laden kommen.
    In der That war fnf Minuten nachher die Batterie vllig demontirt und das
Linienschiff konnte unbehindert seine Bombenkanonen des untern Decks gegen die
gegenberstehende Fregatte wenden.
    Das Feuer auf dem linken Flgel scheint heftig, sagte der Admiral; der
Rosstisslaw scheint von den kleinen Schiffen, die sich an ihn gehangen, und den
Batterieen zu leiden. Geben Sie dem Kagul das Signal, sich anzuschlieen.
    Die Bomben der Paris haben die Stadt in Brand geschossen, ich sehe eine
Feuersule aufsteigen, meldete der Lieutenant Birjulew.
    In welchem Theil?
    Nach den Minarets ist es das trkische Viertel.
    Ha! - was ist das? Tscherti tjebie by wsiali! da geht sie wahrhaftig in die
Hh'!
    Ein donnerndes Geprassel berdrhnte das Brllen der Kanonen, - die
Fregatte, welche dem Constantin gegenber gestanden, flog in die Luft, ihre
Trmmer fielen weit ringsum und entzndeten die Flamme an einer zweiten Stelle
der Trkenstadt.
    Lustig arbeiteten die Kanonen auf den drei Decks der Maria, dichter
Pulverdampf hllte sie in fast undurchdringlichen Nebel, da kaum die
Mannschaften der Geschtze neben einander sich sehen konnten. Nur der
ermunternde Zuruf der Offiziere, das Aechzen der Verwundeten unterbrach die
stille Arbeit an den Kanonen.
    Da prasselte es durch das obere Deck und eine Bombe schlug mitten zwischen
die Batterie. Nieder! zu Boden!
    Der Ruf des Lieutenants wurde nur von Wenigen vernommen, die, gewohnt an
blinden augenblicklichen Gehorsam, sich auf das Deck warfen. Einer der Matrosen
des nchsten Geschtzes aber war, mit dem Rcken gegen den Offizier gekehrt,
eben mit der Visirung seiner Kanone beschftigt und hrte den Befehl, oder
achtete der Gefahr nicht.
    Lieutenant Rotilaw, im Begriff, sich niederzuwerfen, bemerkte den Mann. Im
selben Augenblick auch erfate er ihn bei den Beinen und ri ihn schwer zu
Boden, da der Matrose hart mit dem Schdel gegen das Geschtzrad schlug und
sein Gesicht sich mit Blut bedeckte. Im nchsten Moment platzte die Bombe und
ihre Tod und Verderben bringenden Splitter sprhten umher.
    Zehn verstmmelte Leichen deckten den Boden, als der Offizier wieder in die
Hhe sprang, schweres Aechzen belehrte ihn, da noch Mehrere verwundet worden.
    Der Teufel hole die Kugel, sie kostet uns ein Dutzend der besten Leute!
Was, auch mein braver Schwetschenko? - Warum hrtest Du nicht auf meinen Befehl,
Sukiensyn3!
    Hollah, Euer Gnaden, sagte der Matrose, den der Lieutenant eben bedauerte
und welcher derselbe war, den er zu Boden gerissen, die Bombe hat mir Nichts
gethan, Euer Gnaden haben mich nur etwas unsanft angepackt. Aber jetzt wei ich
warum, und schorte wos mi, wenn ich's Euer Gnaden vergesse!
    Ein Adjutant des Admirals sprang die Leiter herunter.
    Vielen Verlust, Rotilaw, von der Bombe?
    Zehn todt, sechs verwundet!
    Teufel, das wird den Alten rgern! An's Werk, Jungens, und richten Sie die
Geschtze jetzt gegen das Admiralschiff. Wir mssen die Flagge haben!
    Die Kanonen donnerten, die Mnner arbeiteten, von Blut, Dampf, Staub und
Schwei bedeckt, wie die Teufel ausschauend, wie die Teufel thtig in diesem
Meer von Donner und Flammen.
    Eine neue Explosion erfolgte: die trkische Fregatte, welche der Paris
gegenberlag, ging in die Luft. Die See weit umher war von Trmmern, Leichen und
Schwimmenden bedeckt.
    Die Wurf-Ankertaue sind durchschossen, lie der im Vorderkastell
kommandirende Offizier der Maria dem Capitain melden. Das Schiff fllt ab.
    Auf der Barkasse den Wurfanker! Herunter mit dem Kabeltau!
    Unter dem heftigsten Feuer wurde das Schiff wieder festgelegt. Der Tri
Sswjatitelja war in gleicher Verlegenheit gewesen.
    Eine Stunde hatte das Feuer in voller Heftigkeit gedauert, als es auf
trkischer Seite zu ermatten begann. Die Boote der Schiffe, die noch See halten
konnten, bedeckten, mit Flchtenden gefllt, den Raum nach dem Ufer. Hunderte
warfen sich in's Wasser, um schwimmend ihre Rettung zu versuchen.
    Um 2 Uhr hrte das Feuer von den trkischen Fahrzeugen fast ganz auf; drei
Fregatten, darunter die des trkischen Admirals, standen in Flammen, und von den
zwei durch die Kugeln durchbohrten und gesunkenen Transportschiffen waren nur
die Masten sichtbar. Eine der Corvetten war gleichfalls von den herbeigekommenen
Fregatten Kagul und Kulewtschi in Grund gebohrt, die andere Corvette und die
Sloop kampfunfhig. Die drei Schiffe hatten dem Rosstisslaw arg zugesetzt.
    Um 21/2 Uhr gab Admiral Nachimow das Signal, das Feuer einzustellen.
Zugleich wurde Lieutenant Birjulew mit der Parlamentairflagge nach der Stadt
gesandt, um den trkischen Behrden anzuzeigen, da, wenn noch ein Schu von den
Batterieen oder vom Ufer aus fallen sollte, der Admiral von Grund aus die Stadt
zerstren und abbrennen werde.
    Der Offizier verweilte fast eine Stunde unbehindert am Ufer, ohne eine
obrigkeitliche Person auffinden zu knnen. Ein panischer Schrecken hatte sich
der Moslems bemchtigt und die trkische Bevlkerung sich smtlich in die
nchsten Drfer geflchtet. -
    Whrend die Schlacht im Hafen von Sinope wthete, hatte sich auf der See
jenseits der einbuchtenden Landzunge eine andere Kampfscene ereignet.
    Am 29., sobald der General-Adjutant, Vice-Admiral Korniloff, den die
Bessarabia aufgesucht hatte, mit seinem Dampfgeschwader, bestehend aus den
Dampfschiffen Odessa, Krimm und Chersones, in Ssewastopol eingetroffen und
die Schiffe zum Auslaufen wieder bereit waren, ging er zur Escadre Nachimow's
ab. Admiral Korniloff befand sich auf der Odessa. Am 30., bald nach 12 Uhr,
bemerkte man auf dem Dampfer, der sich bereits der anatolischen Kste genhert
hatte, ber die Landzunge von Sinope hinweg, da die Schlacht begonnen, und die
Dampfschiffe beschleunigten alsbald ihren Lauf so sehr als mglich, um die Rhede
zu erreichen. Als sie am Vorgebirge von Sinope vorbergingen, wurde ihnen die
trkische Dampffregatte Taf, von 20 Kanonen, sichtbar, die, auf dem linken
Flgel der trkischen Stellung postirt, weniger gelitten und bereits vor Beginn
des Kampfes geheizt hatte und jetzt bemht war, durch die Flucht der allgemeinen
Vernichtung zu entgehen.
    Der Vice-Admiral Korniloff befahl alsbald, seine Flagge aufzuziehen und dem
trkischen Dampfschiffe, das nach der hohen See steuerte, den Cours
abzuschneiden. Der Taf, obschon er fast drei Mal strker war, als die Odessa,
nderte jedoch, sobald er das russische Manvre gewahr wurde, seine frhere
Richtung und lief lngs dem Ufer hin. Als das Dampfschiff Odessa sich bis auf
Kanonenschuweite genhert, erffnete es das Feuer aus dem langen Neunpfnder
auf seinem Vordertheil.
    Bei Gott, sagte der Admiral, die Schurken werden den Kampf nicht
annehmen, sondern verlassen sich auf ihre strkere Maschine. Wir mssen zu dem
letzten Mittel greifen, sie zum Fechten zu zwingen. Lassen Sie die Enterhaken
bereit machen, Capitain Stanilaw, und die nthige Mannschaft an die
Schanzverkleidungen treten. Wir wollen versuchen, ihn im Vorbeikommen
anzulaufen, die Enterhaken an seinen Bord zu werfen und ihm dabei eine Salve zu
geben.
    In wenigen Augenblicken waren die Vorbereitungen getroffen und die Schiffe
nherten sich rasch einander, denn der Capitain des Taf sah ein, da er dem
russischen Dampfer nicht ausweichen knne, ohne auf die Klippen des Ufers zu
gerathen. Die Besorgni einer Enterung oder eines Zusammenstoes war dagegen
eine weit geringere, da, wie erwhnt, das trkische Schiff noch ein Mal so gro
war wie die Odessa, und nur in dem Kampfe mit allen drei Dampfern Gefahr lag,
der beim Gelingen einer Enterung unvermeidlich gewesen wre.
    Die Mannschaften beider Schiffe standen auf den Decks, die Trken mit Rudern
und Stangen bewaffnet, um das feindliche Schiff abzuhalten. Auf den Radksten
und an den Seiten der Odessa waren die Enterer postirt, Capitain Stanilaw auf
der Brcke ber der Maschine, um die Kommando's fr die Bewegungen zu geben.
    Was thun Sie hier, mein Herr? sagte einer der Offiziere zu einem Manne in
einem der grauen russischen Militair-Capots und darunter in Civilkleidung, der,
das Glas am Auge, einen Sbel in der Faust, am Bogspriet des Dampfers auf einer
der gefhrdetsten Stellen sich hielt. Sie gehren nicht zur Equipage und setzen
sich hier unntz der Gefahr aus.
    Der Angeredete verwandte kein Auge von dem heranbrausenden Gegner.
    Bitte, lassen Sie mich hier, sagte er dringend, ich habe von dem Admiral
die Erlaubni erhalten, den Kampf mitzufechten, und bin begierig, Ihnen zu
zeigen, da mein Volk die Gefahren seiner Beschtzer zu theilen wnscht.
    Es war keine Zeit zu langem Streit, denn die Schiffe waren etwa nur noch
20-30 Faden weit aus einander, und Gregor Caraiskakis, - denn er war es, der an
der Brustwehr stand, und welcher, nach dem er in Sebastopol verschiedene
Verfgungen ber das Kind seiner Schwester getroffen hatte, auf seine
ausdrckliche Bitte auf dem Schiff des Vice-Admirals aufgenommen worden war, um
seinem Gegner nach Sinope zu folgen, - behielt seinen Platz.
    Whrend der Taf in grader Linie seinen Lauf fortsetzte, scho die Odessa in
einem spitzen Winkel gegen ihn heran. In der Entfernung von etwa einer halben
Seemeile eilten die beiden andern Dampfschiffe herbei.
    Es war die Absicht des Admirals, das Bogspriet des kleinen Dampfers
womglich in den Radkasten der trkischen Fregatte aufzurennen, die Enterhaken
zu werfen und die Trken so im Kampf festzuhalten, bis die beiden andern Dampfer
herankommen konnten.
    Auf dem trkischen Schiff war diese Absicht offenbar erkannt, denn auch dort
fllten sich die Radksten und alle hheren Stellen mit Mnnern.
    Die Odessa scho wie ein schnaubendes Kampfro heran und ihr Vordertheil
berhrte beinahe die Flanke des Taf, als dieser im selben Augenblick wendete,
so da der Vordertheil des russischen Schiffes an den Radksten vorberscho und
nur das hohe Hinterkastell der Fregatte traf. Die Enterhaken wurden zwar
geworfen, fanden hier aber wenig Halt, und ein kurzer Kampf entspann sich auf
den Decks, whrend der Dampfer von dem Aufsto sich langsam herumschwenkte und
seitlngs der Fregatte legte.
    Einige der russischen Matrosen versuchten an der hheren Brstung des
trkischen Schiffes empor zu klettern, wurden aber zurckgeworfen oder in's
Wasser gestrzt. Unter denen, welche vergeblich sich damit abmhten, befand sich
auch Caraiskakis. Er hatte mit der Linken sich an eine der herabhngenden
Bootketten festgeklammert und war im Begriff, sich ber den feindlichen Bord zu
schwingen, als ein donnerndes Krachen verkndete, da die Odessa die vier
kleinen Kanonen gelst, die ihre Breitseite bildeten. Die Schwere der Geschtze
war zu gering, um selbst in dieser Nhe eine gefhrliche Wirkung auf die
Fregatte auszuben, der Rcksto der Salve bewirkte jedoch, da die Schiffe von
einander prallten und einige Ketten der geworfenen Enterhaken sprangen, whrend
andere von dem trkischen Schiffsvolk gelst wurden. Zugleich scho die Fregatte
mit aller Kraft der Maschinen vorwrts und war im nchsten Augenblick schon
mehrere Schritte an der Odessa vorbei.
    Ein wilder Ruf des Schreckens ertnte von den Lippen Derer, die noch an dem
trkischen Schiff hingen und vergeblich jetzt wieder an den eigenen Bord zu
gelangen suchten. Einige lieen sofort los und vertrauten sich den Wellen an,
Andere wurden von den Trken heruntergestoen.
    Caraiskakis, der zu spt die Schanze des russischen Schiffes unter seinen
Fen weichen fhlte, wurde, ehe er noch einen Entschlu fassen konnte, hart von
einem Trken bedroht, gegen den er sich, so gut er es in dieser Lage vermochte,
mit dem Sbel vertheidigte.
    Schon wollte er den schwankenden Halt aufgeben und sich gleichfalls in's
Meer werfen, als er sich von hinten am Kragen ergriffen und von einer krftigen
Faust emporgehoben und ber Bord geschwungen fhlte. Im nchsten Augenblick, als
er sich emporraffte, starrte er seinem Besieger in's Antlitz, der ruhig die
Moslems von dem Gefangenen zurckwehrte, - es war Sir Maubridge. -
    Die Odessa verlor mehrere Minuten mit dem Auflesen ihrer Leute und dem
Wenden. Als sie die Verfolgung des Taf wieder aufnahm, war dieser bereits eine
ziemliche Strecke entfernt, und obschon die Maschine auf's Hchste angespannt
wurde, zeigte es sich doch bald, da der Lauf der Fregatte zu berlegen war, um
ein Einholen mglich zu machen. Sobald dieselbe daher auer Schuweite gekommen,
befahl der Admiral, die Jagd einzustellen, und die drei Dampfer wandten sich
eilig nach der Richtung von Sinope, um dort ihren Theil am Kampfe zu nehmen.
    Aber sie kamen hier zu spt.
    Auf der Rhede von Sinope war die Schlacht beendet. Die eintreffenden Dampfer
Krim und Chersones erhielten sofort die Ordre, die russischen Schiffe aus der
Schuweite der noch kampffhigen Uferbatterieen zu bugsiren fr den Fall, da es
dem Feinde einfallen sollte, in der Nacht sein Feuer zu erneuern. Die Odessa
aber wurde beordert, die trkische Fregatte Damiette, welche am wenigsten von
den Kugeln gelitten hatte, in Besitz zu nehmen und vom Ufer fortzufhren.
    Dies geschah ohne Widerstand. Man fand auf der Fregatte kaum noch 100 Mann
der Besatzung und etwa 50 Verwundete. Der Commandeur und die Offiziere hatten
das Schiff schon im Anfange der Schlacht verlassen, indem sie sich mit
smtlichen Ruderbooten in schimpflicher Flucht an's Ufer retteten.
    Mehrere der trkischen Schiffe standen noch in vollen Flammen und gewhrten
in dem einsinkenden Dunkel des Abends ein furchtbar schnes Schauspiel, indem
sie aus den glhend gewordenen Geschtzen ihre Kugeln weit hinaus ber die Rhede
versendeten. Als das Feuer die Pulverkammern erreichte, flogen sie endlich in
die Luft und die brennenden Trmmer verbreiteten sich ber die am Ufer entlang
liegende Trkenstadt, so da diese auf's Neue in Brand gerieth. Gegen
Mitternacht stand der ganze, von einer steinernen Mauer umgebene Raum in
Flammen; die Griechenstadt blieb jedoch von dem Feuer verschont.
    Am 1. December bei Tagesanbruch waren von den 12 Fahrzeugen, aus denen die
trkische Escadre bestanden hatte, auf der Rhede nur noch die Fregatte Damiette
im Schlepptau der Odessa, die Sloop und die zweite Corvette ganz zerschossen auf
dem Strande am Sdufer der Bucht zu erblicken. Nach aufmerksamer Besichtigung
erwies es sich, da die Damiette 17 Kugeln unter der Wasserlinie erhalten
hatte; der ganze Rumpf unter dem Wasser, die Masten und die Takelage waren in
dem Grade beschdigt, da ohne bedeutende Reparaturen, die viel Zeit gekostet
htten, es unmglich gewesen wre, sie bis Sebastopol zu bringen. Es wurde
demnach befohlen, sie an's Ufer zu werfen und gleichfalls in Brand zu stecken.
    Mit gleichem Befehl bemchtigten sich die Boote der Fregatte Kagul der Sloop
und der Corvette. Die mit dem Auftrag betrauten Offiziere fanden auf der Sloop
den Kommandanten der trkischen Escadre, den Bahrielivaki (Vice-Admiral) Osman
Pascha, den Capitain der Fregatte Raphael, den Commandeur der Sloop und 80
Matrosen. Osman Pascha war bald nach der Erffnung des Feuers am rechten Bein
verwundet worden, indem eine Kugel den Knochen zerschmetterte. Das Admiralschiff
war das zweite, das von den Bomben der Russen in Brand geschossen worden, und
die zgellose Mannschaft hatte sich alsbald in die Bte geworfen, indem sie
ihren Admiral obenein ausplnderte, ihn seiner Uhr und seiner Kleidung beraubten
und ihn hilflos und entblt auf dem Deck liegen lie. Ein Boot der Sloop, das
der brennenden Fregatte zu Hilfe eilte, hatte ihn aufgenommen.
    Die trkischen Offiziere wurden auf das Dampfschiff Odessa, die gefangenen
Mannschaften auf das Schiff Tschesme gebracht. Am Abend des 1. Decembers fand
sich auf der Rhede von Sinope kein trkisches Fahrzeug mehr auf dem Wasser.
    Die Beschdigungen der russischen Schiffe beschrnkten sich grtentheils
auf die Masten und die Takelage; am meisten hatten in ihrer Armirung die Schiffe
Kaiserin Maria, Tri-Sswjatitelja, Grofrst Constantin und Rostisslaw
gelitten. Die Mannschaften gingen trotz der Ermdung des Kampfes eilig an die
Ausbesserung.
    Am 2. December lichtete die Escadre des Vice-Admirals Nachimow Anker und
verlie die Rhede von Sinope, indem die beschdigten Fahrzeuge von den Dampfern
bugsirt wurden.
    Schon am 4. langten die drei am schwersten beschdigten Schiffe auf der
Rhede von Sebastopol an.
    Der Taf brachte die Kunde von der Vernichtung des trkischen Geschwaders
nach Constantinopel und der Schrecken und die Verwirrung ber die unerwartete
Botschaft waren um so grer, als Niemand an die Mglichkeit eines solchen
Schlages geglaubt hatte. Von den zehn Fregatten und sechs Corvetten der
trkischen Flotte waren sechs und zwei vernichtet, und die Moslems begannen zum
ersten Male bedenklich zu werden ber den vielgepriesenen Schutz der Westmchte.
    Im Rume des Taf langte in Fesseln Gregor Caraiskakis, der einzige
Gefangene, wieder in Constantinopel an.

                                    Funoten


1 Dieselbe operirte getrennt von der Armee am Kaukasus, die unter Befehl des
General-Adjutanten Frsten Woronzow stand.

2 Alexandropol.

3 Hundssohn.


                              Das Blut Schamyl's.

Es war ein trber December-Abend, das Sternengewlbe durch dstere Schneewolken
verhllt, die der Wind am hin und wieder mit mattem Glanz durchbrechenden Mond
vorberpeitschte, - als durch eine lange straenhnliche Lichtung am Saume eines
der ungeheuren Urwlder, welche noch groe Flchen der Ukraine und Volhyniens
bedecken und die Smpfe von Rokitno und Mozyr genannt werden, ein auf polnische
Art bespannter dreispnniger Schlitten ber die Schneedecke flog. Eine drftige
Spur zeigte allein an, da die Reisenden noch auf einem gangbaren Wege sich
befanden, obschon dieser wenig genug benutzt werden mochte und meilenweit den
Fahrenden kein lebendes Wesen begegnet war.
    Im Schlitten saen zwei Personen, ein alter Mann von straffer militairischer
Haltung mit noch jugendlich feurigem Blick trotz des weien Haars, das unter der
dicken Pelzmtze hervorquoll, neben einem jungen Mdchen von liebreizendem
Antlitz, so weit aus den Krgen, Tchern und Hllen, mit denen sie sich gegen
die Klte geschtzt hatte, dieses zu schauen war. Das Gesprch zwischen Beiden
war langst verstummt, theils wegen der Unfreundlichkeit der Witterung, theils
weil sie schon lange mit einander gefahren und kein Gegenstand zur Unterhaltung
nahe lag.
    Auf dem Vordersitz des Schlittens neben dem Postillon sa ein Diener, ein
Mann von mittleren Jahren und khnem verstndigem Aussehen in der polnischen
Tracht, die weie barankenbesetzte Mtze ber die Ohren gezogen.
    Das Wetter will mir wenig gefallen, Herr Graf, sagte, sich umwendend, der
Diener; ehe eine Viertelstunde vergeht, werden wir volles Schneetreiben sehen,
und dieser Wald scheint kein Ende zu nehmen.
    Hast Du den Postillon gefragt, wie weit wir noch bis zum Schlo des Frsten
haben?
    Volle drei Stunden. Wir werden vor eilf Uhr in keinem Fall ankommen, wenn -
wir berhaupt ankommen.
    Wie meinst Du das, Bogislaw?
    Der Diener schwieg einige Augenblicke, dann sagte er auf Deutsch:
    Die Schneeflle sind gefhrlich in diesen Wldern, Herr Graf, auch wre es
leicht, da wir auf Wlfe stoen knnten. Die ganze vorige Woche war harter
Frost und das bringt die Bestien von den Karpathen herauf und aus den Smpfen
her.
    Graf Lubomirski, - der Reisende im Schlitten war der alte Offizier, dem wir
in der ersten Scene unseres Buchs und dessen Namen wir zuletzt in Petersburg
begegnet sind, - beugte sich besorgt vorwrts.
    Ich habe selbst schon bedauert, sagte er in der gleichen Sprache, von der
er wute, da sie der jungen Dame an seiner Seite nicht gelufig war, nicht in
Owrucz geblieben zu sein. Doch hatte ich dem Frsten zu heute meine Ankunft
angezeigt, um morgen mit ihm das heilige Christfest zu begehen. Es bleibt uns
Nichts brig, als so rasch wie mglich vorwrts zu kommen. Frage den Postillon,
ob es denn keinen Halteplatz giebt bis zum Schlo des Frsten?
    Nach einer kurzen Unterredung berichtete Bogislaw, da zwar ein Gehft, ein
Krug fr die Holzfller, eine Meile weiter seitab im Walde liege, doch sei es
besser nach der Meinung des Postillons, den geraden Weg zu verfolgen.
    Was frchten Sie, Oheim? fragte die junge Dame. Sollten wir uns
vielleicht verirrt haben?
    Nein, mein Kind, beruhigte der Graf. Es ist kein Grund zur Besorgni
vorhanden, der Weg fhrt geradeaus durch die Lichtung und ist kaum zu
verfehlen.
    Ein furchtbarer Windsto, der die riesigen Stmme zu entwurzeln schien,
strafte seine Betheuerung der Sicherheit Lgen. Er schien das Signal zu sein zum
Beginn des Unwetters, denn alsbald entluden sich die Wolken in einem dichten
Schneegestber und binnen wenigen Minuten waren die Reisenden und ihr Fuhrwerk
in einen dichten weien Mantel eingehllt. Die Flocken fielen so dicht, da man
rechts und links die dunkle Baumwand nicht zu sehen vermochte. Man mute den
Lauf der Pferde ihrem Instinct berlassen.
    Das tolle Wetter dauerte ungefhr eine halbe Stunde, von einzelnen heftigen
Windsten unterbrochen, dann begann es nachzulassen und sich aufzuklren - es
verzog sich so rasch, wie es gekommen war. Trotz aller Anstrengungen der Pferde
hatten die Reisenden whrend des Wetters doch nur geringe Fortschritte gemacht
und das Schlimmste von Allem war, da nach kurzer Zeit der Postillon erklrte,
er sei nicht mehr ganz sicher, ob sie auch noch auf dem rechten Wege wren, da
das Schneegestber jede Spur eines solchen tief bedeckt hatte.
    Vor ihnen breitete sich im Mondenschein, der wieder klar und hell vom Himmel
strahlte, noch immer eine Lichtung aus, doch war es fraglich, ob es die rechte
sei.
    Dem Zweifel und der Berathung wurde ein kurzes Ende gemacht, - ein
entfernter, klagender, heulender Ton lie sich hren, bei dessen erstem Laut die
ermdeten Pferde die Ohren spitzten und ohne Antrieb von Zgel und Peitsche
sofort sich wieder in Galopp setzten.
    Haben Sie gehrt, Oheim? fragte die Dame. Wir sind den Wohnungen nahe,
das war das Heulen eines Hundes.
    Der Graf antwortete nicht, aber er nahm unter der Decke des Schlittens zwei
dort gesicherte Jagdgewehre hervor und reichte das eine dem Diener.
    Ehe zehn Minuten vergehen, werden wir die Bestien auf dem Halse haben,
sagte dieser, diesmal auf Polnisch.
    Um Gott, Oheim, was giebt es?
    Nichts von Bedeutung, Wanda; einige Wlfe, die vielleicht auf unsere Spur
kommen. Wir werden sie mit blutigen Kpfen zurckschicken.
    Die Dame war eine Polin, und obschon in Warschau erzogen, kannte sie doch
durch Erzhlungen hinreichend die Gefahren der Wlder ihres Vaterlandes.
    Wir sind verloren, Onkel, wenn uns die Wlfe in dieser Wildni erreichen!
    Gleich als sollte ihre Furcht besttigt werden, erscholl dicht zur Seite des
Schlittens, der am Waldrande dahinflog, ein durchdringendes Geheul und ein
dunkler Krper scho pltzlich aus dem Schatten der Bume ber die helle Flche
des Schnees und sprang dem linken Handpferde an die Kehle. Im nchsten
Augenblick erfolgte ein Knall und der Wolf strzte todt zurck: Bogislaw war
beim Anblick der Gefahr vom Schlitten gesprungen und hatte dem Wolf den Kopf
zerschmettert. Vorwrts! vorwrts! rief er, indem er sich schnell wie der
Gedanke auf seinen Sitz zurckschwang, und die Pferde, die scheuend vor dem
unerwarteten Angriff kaum einen Augenblick angehalten hatten, jagten auf's Neue
davon.
    Ein lautes Geheul erklang jetzt hinter ihnen drein, und als der Graf sich
umwandte, sah er in der Entfernung von einigen Hundert Schritten eine dunkle
bewegliche Masse sich auf der Schneeflche hinter ihnen her wlzen. Feurige
hpfende Punkte glhten gleich Johanniskfern aus dem dunklen Knuel.
    Lade schnell das Gewehr, Bogislaw, inde ich sie in Respekt halte, befahl
der Graf. Ich habe so manches Mal in lngst vergangenen Zeiten meine Flinte auf
die Bestien im Bialowizer Walde abgefeuert, da ich wohl auch heute noch mein
Ziel halten werde.
    Die Grfin Wanda barg ihr Gesicht in dem Pelzcapuchon, das ihren Kopf
bedeckte, um die Gefahr nicht zu sehen. Wenige Augenblicke darauf knallte neben
ihrem Ohr die Bchse des Oheims und ein Schmerzensgeheul aus dem Rudel, das sich
auf etwa hundert Schritt schon dem Schlitten genhert hatte, verkndete ihr, da
ein Verfolger weniger war.
    Sie werden einige Minuten anhalten, um ihren Gefhrten zu verzehren, sagte
der Diener. Ich kenne das Geschmei und habe oft mit ihm zu thun gehabt, als
ich noch Bchsenspanner und Jger beim seligen Grafen war!
    Die Voraussage besttigte sich; nach kurzer Zeit waren die Wlfe wieder auf
der Fhrte des Schlittens und jagten kaum fnfzig Ellen entfernt hinter ihm
d'rein.
    Noch zwei Mal scho der Graf mit gleichem Erfolg das Gewehr ab, das der
Jger ihm reichte, aber der Fall der getroffenen Wlfe vermochte jetzt nur wenig
Augenblicke die Verfolger aufzuhalten und zurckzuscheuchen.
    Whrend die Mnner die Blicke und ihre Aufmerksamkeit nach jenen gewandt
hielten, schrie pltzlich die junge Grfin laut auf: Jesus Maria, ich sehe
Licht!
    Wie ein elektrischer Schlag durchfuhr der Rettungsstrahl, die Gefhrdeten.
    Es ist das Schlo oder ein Gehft, in einer Viertelstunde sind wir dort.
Hlle und Teufel, was ist das?
    Der Diener Bogislaw, der es rief, beugte sich vorwrts.
    Die Bestie hat das Pferd dennoch verletzt - es strzt - herunter,
Postillon! rasch, rasch! schneide die Strnge los, ehe sie uns einholen, es gilt
Tod und Leben!
    Er hatte den Zitternden fast mit Gewalt hinabgestoen und ihm das Messer in
die Hand gedrckt, whrend er selbst bemht war, die Zugstrnge des Handpferdes
zu lsen, das, an einer Halsarterie verletzt, nur, von der Furcht getrieben, so
lange ausgehalten hatte und jetzt zusammengestrzt war und wild um sich schlug.
    Den Vordersten, Herr Graf, den Vordersten!
    Wieder knallte die Bchse und der Leitwolf strzte zusammen, aber an ihm
vorbei jagte die Meute, denn sie wute, da in wenigen Minuten ihr die Beute
entgangen sein wrde. Rechts und links am Schlitten vorber sprangen zwei groe
Wlfe und einer derselben am Vordersitz empor. Die wie feurige Kugeln glhenden
Augen, der weit geffnete Rachen mit der lechzenden Zunge, aus dem der giftige
heie Athem dampfte, waren schrecklich anzuschauen.
    Laut auf klang der Schrei des gefhrdeten Mdchens, whrend der Greis mit
dem Bchsenlauf die Bestien vom Rcken des Schlittens zurckzuhalten suchte.
    In diesem Augenblick war es den Beiden gelungen, die Strnge abzuschneiden
und im selben Moment, als sie sich von der hemmenden Last befreit fhlten,
sprangen die beiden Pferde vorwrts und rissen dabei den noch an ihrem
Vorderzeug beschftigten Postillon zu Boden. Bogislaw hatte kaum Zeit, sich auf
die Deichsel zu schwingen und festzuklammern, als der Schlitten zwei schwere
Rucke erhielt, wie ber hindernde Krper hinschnellend, da die Insitzenden fast
herausgeschleudert wurden, und dann wieder ber die Flche dahin sauste.
Zugleich gellte ein wilder Angst-und Schmerzensruf, dem alsbald das wthende
Geheul der Bestien antwortete.
    Die ganze Sache war so gedankenschnell vor sich gegangen, da erst jetzt der
Graf und Bogislaw den Wolf bemerkten, der sich halb erschrocken noch immer an
den Schlitten festklammerte, ohne jedoch durch die rasche Fahrt und seine
hngende Lage zu einem Angriff kommen zu knnen. Die Faust des frheren Jgers,
noch mit dem langen Messer bewaffnet, fuhr im Nu nach dem Rachen der Bestie und
man hrte das Knirschen des Stahls an dem harten Kiefer und den Zhnen; der Wolf
lie los und strzte rcklings in den Schnee.
    Die beiden Pferde jagten wie toll dem rasch sich nhernden Lichtschein
entgegen. Es dauerte eine Weile, ehe es dem tapferen Diener gelang, mit den
Zgeln, die er zum Glck um die linke Hand geschlungen gehabt, ihrer wieder Herr
zu werden.
    Jetzt erst erholte sich die junge Dame so weit von dem Entsetzen der eben
erlebten grausigen Scene, um zu bemerken, da eine der Personen auf dem
Schlitten fehlte. Um Gotteswillen, Oheim, Bogislaw - der Postillon?
    Die beiden Mnner antworteten nicht und Bogislaw peitschte nur wthend auf
die Pferde. Das bebende Mdchen brach in einen Thrnenstrom aus; das
Zurckbleiben der Wlfe, ihr Geheul und Bellen gaben ihr die Ahnung, welchem
entsetzlichen Opfer sie die einstweilige Rettung verdankten.
    Aber diese sollte vollstndig werden; denn von jenem Lichtschein aus, den
sie in der Ferne gesehen, und der, wie sie nher kommend schon bemerken konnten,
aus einem Gehft mitten im Walde kam, bewegten sich mehrere Feuer ber die
dunkle Flche, Kienfackeln, von Menschen getragen, und lautes Geschrei und Rufen
verkndete die Nhe von Helfern in der Noth.
    Einige Augenblicke darauf waren sie in der Mitte einer Gruppe von Mnnern
wilden Aussehens, die mit brennenden Kiensplittern, Stangen und Aexten
bewaffnet, herbeikamen, Bewohner des dsteren Waldes, die auf das wiederholte
Schieen sich von dem wrmenden Heerd in der elenden Waldherberge losgemacht
hatten, an deren Hofthor jetzt der Schlitten hielt.
    Wenige Worte gengten, um das schreckliche Ereigni zu melden; das entfernte
Heulen der Bestien, die sich auer dem Lichtkreise der Fackeln hielten,
verkndete ihre Wuth, da ihnen der grte Theil ihrer Beute entgangen war.
    Es war offenbar ganz nutzlos, Menschenleben zu gefhrden in einem Versuch,
ob der arme Postillon noch zu retten sei. Ehe der Schlitten noch den dritten
Theil des Weges von der verhngnivollen Stelle bis zum schtzenden Hause
zurckgelegt hatte, mute jedes Glied von ihm in tausend Stcke zerrissen sein.
    Dennoch, als der Graf mit seines Dieners Hilfe kaum die noch immer zitternde
Dame in den groen Raum getragen, welcher die Flur und Kche des rmlichen
Gebudes bildete, und sie am Heerde niedergelassen hatte, wandte er sich auf
ihre Bitte sogleich an die Leute, die mit stumpfer Neugier umherstanden, nahm
eine Hand voll Silber aus seiner Brse und bot es ihnen mit der Aufforderung,
sich mit Fackeln und Waffen aufzumachen, um wenigstens die Reste des
Verunglckten zu suchen.
    Als die Mnner das Silber sahen, welches der Graf mit so unvorsichtiger
Freigebigkeit ausstreute, waren sie alsbald zu dem Gange bereit und machten
sich, drei an der Zahl, mit frischen Kiensphnen und ihren Aexten auf den Weg.
Nur der Wirth des Hauses, eine grobe vierschrtige Gestalt mit all' dem finster
tckischen Ansehen der niedersten Slavenrae, blieb im Hause bei den
unerwarteten Gsten.
    Erst jetzt kamen diese dazu, sich in dem Raume umzusehen, der ihnen zu einer
Zufluchtssttte diente.
    Die Htte, ein mit Sumpfbinsen gedecktes einstckiges Gebude von Lehm und
Holz, bot das traurigste Bild von Drftigkeit, Unordnung und Schmutz, wie man es
in den polnischen Provinzen so hufig findet. Sie war ausnehmend lang, der
grte Theil fr Pferde, Rinder- und Schweineheerden eingerichtet, welche die
Hirten der Gegend hierhin zur Sicherung gegen die Klte und Raubthiere trieben.
Fr diese und die Holzschlger, welche die riesigen Buchen und Eichen des Waldes
fllten, ein wstes wildes Geschlecht von Leibeigenen, war ein Theil des Hauses
zum Krug1 eingerichtet. Ein halbverfallener Bretterzaun umgab das Hauptgebude
und ein oder zwei hnliche fr die Aufbewahrung der Futtervorrthe. Der Raum,
welcher die Kche bildete, nahm den grten Theil des einen Flgels des Gebudes
ein und war rechts und links von Verschlgen oder, wenn man sie so nennen will,
Gemchern begrnzt.
    In dem groen Kamin brannten riesige Kloben von Holz und verbreiteten Licht
und Wrme, was um so nthiger war, als der traurige Zustand der Wnde durch
zahllose klaffende Spalten dem Luftzuge freien Eintritt sicherte. Diese trge
Vernachlssigung inmitten aller Hilfsquellen und alles Materials ist eine
charakteristische Eigenschaft der polnischen Rae. Whrend der Deutsche mit dem
zehnten Theil der Arbeit, die Jener darauf verwendet, das Holz zum Brennen
herbeizuschaffen, das Haus dauernd in festen wohnlichen Stand setzen wrde, lt
der Pole ruhig seine Htte verfallen, bis ihr gnzlicher Einsturz ihn endlich
zwingt, eine neue zu bauen. Wie in den unteren Stnden, so herrscht auch in den
oberen eine gleiche Vernachlssigung, ein gleichgltiges Verkommenlassen und von
Ordnungssinn ist keine Spur in dem Volke. In dieser Beziehung unterscheidet sich
scharf der polnische und russische Charakter.
    In einem groen Kessel auf dem Feuer kochte das Abendbrod der Gesellschaft,
Speck und Grtze, und zwei Frauenzimmer, Mutter und Tochter, waren dabei
beschftigt und bequemten sich erst auf eine handgreifliche Ermahnung des Vaters
zum Dienst der Dame.
    Jener war, wie erwhnt, ein finster und trotzig blickender Mann von robusten
Formen, der volle Typus des verkommenden Volkes, im schmuzigen Schafpelz, die
fettglnzende Mtze bis ber die Ohren heruntergezogen. Dennoch lag bei aller
Wildheit und Rohheit seines Wesens eine gewisse kriechende Hflichkeit gegen den
vornehmen Gast darin, ein Belauern jeder Bewegung, die derselbe machte.
    Bogislaw hatte aus dem Schlitten die Decken und Mntel herbeigeschafft und
nach dem durch einen starken Holzverschlag von der Kche getrennten Rume
gebracht, der das Ende des Hauses bildete und der von den Weibern auf das
Verlangen des Dieners schnell von einigem alten Gerth und Holz gereinigt worden
war, denn hier war man wenigstens entfernter von dem Schmuz der Thiere auf der
anderen Seite. An ein Weiterkommen in dieser Nacht war nicht zu denken gewesen,
da die Pferde zum Tode erschpft durch den rasenden Lauf sich zeigten und sie
nach der Versicherung des Wirthes von der rechten Strae ab und auf einen
Nebenweg gerathen waren, von dem aus man im Dunkel der Nacht unter zwei Stunden
das Schlo des Frsten Lubienski nicht zu erreichen vermocht htte, selbst wenn
man der Gefahr durch die umherstreifenden Wlfe htte trotzen wollen.
    Es blieb demnach nur brig, den Tag hier, so gut es gehen wollte, zu
erwarten.
    Whrend die junge Grfin am Feuer sich wrmte, und Bogislaw aus den im
Gepck befindlichen Vorrthen Thee kochte, wobei das glnzende Silbergeschirr
wieder die gierige Aufmerksamkeit der Httenbewohner erregte, suchte der Graf
von dem Manne Nachrichten ber die Bewohner der Gegend, die Ansichten und die
Stimmung des Volkes zu erhalten, stie aber auf ein hartnckiges Ausweichen, von
dem er nicht ermitteln konnte, ob es Trotz und Verstellung oder angeborene
Stupiditt war, so da er endlich die unntze Mhe aufgab.
    Nach einer Stunde etwa kehrten die ausgeschickten Mnner zurck - es waren
zwei Shne des Wirths und ein fremder Holzschlger - und brachten die Nachricht,
da man von dem unglcklichen Postillon nur traurige Knochen- und Kleiderreste
gefunden hatte, so vollstndig war von den Wlfen das grliche Werk gethan.
    Aber die Bchse? ich verlor im letzten Kampf das Gewehr und es mu sich auf
dem Platz gefunden haben? fragte Bogislaw. Die Mnner schauten einander
verlegen an, verneinten aber insgesamt die Frage. Einer meinte, die Wlfe wrden
die Bchse vielleicht unter den Schnee gestampft haben, oder sie sei spter vom
Schlitten gefallen und man werde sie morgen bei Tageslicht leichter finden.
Dieser Meinung trat auch der Graf bei, obschon sein Diener bedenklich den Kopf
schttelte und erklrte, er wisse ganz gewi, das er das Gewehr bei dem
augenblicklichen Halt, den das Strzen des Pferdes nothwendig gemacht, verloren
habe.
    Die Mnner setzten sich in einen Winkel der Kche zusammen, ihr Abendbrod zu
verzehren, zu dem der Graf eine Flasche Rum aus seinem Vorrath gefgt, und
schienen von der Gegenwart der vornehmen Gste bedrckt, denn sie sprachen wenig
und nur flsternd unter einander. Dagegen bemerkte Bogislaw mitrauisch, da hin
und wieder Einer oder der Andere auf einen Wink des Wirths das Haus verlie, und
drauen eine Unterredung mit ihm zu pflegen schien.
    So war eine zweite Stunde vergangen, und die Reisenden machten sich bereit,
ihr improvisirtes Nachtlager aus Pelzen und Mnteln einzunehmen, als pltzlich
am Eingang des Gehftes ein Ruf erscholl und Pferde hrbar wurden. Mit finsterm
Gesicht fuhr der Wirth empor und zur Thr: Niech cie djabli wezma!2 ich kann
keine Leute mehr beherbergen, sie mssen weiter! aber schon waren auch der Graf
und sein Diener an die Thr getreten, und vor derselben, in die Mntel gehllt,
hielten zu Pferde zwei Militairs, ein Ulanen-Offizier mit seiner Ordonnanz. Der
Erstere, ein noch junger Mann von hoher, schlanker Figur mit edlem, stolzem
Gesicht sprang sogleich vom Ro, indem er den Zgel einem der Mnner zuwarf und
mhsam in polnischer Sprache befahl, ihm behilflich zu sein, seinen Begleiter
aus dem Sattel zu heben, der bei einem Sturz den Fu gebrochen habe. Vergeblich
erklrte mrrisch der Wirth, er knne keine Herberge mehr geben, man mge
weiterreiten; der Offizier, an den Umgang mit dem Volk gewhnt, kmmerte sich
wenig darum und drohte mit dem Kantschuh, der statt der Reitgerte an seiner
Faust hing. Zugleich erklrte der Graf menschenfreundlich, da er gern sich jede
Unbequemlichkeit gefallen lassen werde, um Hilfe zu schaffen und die Reiter
nicht dem auf's Neue drohenden Schneewetter auszusetzen, und wenige Worte, aber
derbe Pffe des Jgers Bogislaw brachten den Wirth und seine Shne alsbald dazu,
Hand anzulegen und den Soldaten in den Kchenraum zu tragen, wo er auf einem von
Stroh bereiteten Lager niedergelegt wurde.
    Nachdem er die Pferde sicher untergebracht gesehen und den Schnee vom Mantel
geschttelt, folgte der Offizier gleichfalls und begrte hflich und erstaunt
die junge Dame, die sich bereits mit dem Leidenden zu schaffen gemacht und ihn
mit einer frischen Tasse Thee erquickt hatte. Auf die Einladung des Grafen nahm
der Offizier am Feuer Platz und es entspann sich alsbald in franzsischer
Sprache eine Unterhaltung, in welcher sich ergab, da der Neuangekommene, zur
Garnison des Stdtchens Olewsk gehrend, gleichfalls auf dem Wege zu dem Schlo
des Frsten Lubienski begriffen war, um auf die Einladung des reichen
Grundbesitzers mit einigen bereits vorausgegangenen Kameraden die Festtage dort
zuzubringen. Der Dienst hatte ihn verhindert, eher als am spten Nachmittag
aufzubrechen, das Schneewetter ihn gleichfalls im Walde betroffen, und ein Sturz
ber eine Baumwurzel seinen Burschen so unglcklich vom Pferde geworfen, da
derselbe den Fu gebrochen hatte und der Offizier gezwungen war, nachdem er ihn
mhsam wieder in den Sattel gebracht, ihn langsam weiter zu geleiten, bis er in
die Nhe des ihm vom Ansehen bekannten Kruges gekommen war.
    Mit Verwunderung hrte zugleich der Graf, da dieser gar nicht weit ab von
der Strae zum Schlo des Frsten und deren Vereinigung mit dem Wege von Olewsk
gelegen sei und da sie morgen in Zeit von einer starken Stunde an ihr Ziel
gelangen knnten. Die Wirthsleute des Krugs hatten sie daher absichtlich
getuscht.
    Obschon der fremde Offizier seinen Namen nicht genannt hatte, zeigte ihn
doch das ganze Gesprch als Mann von Bildung und Erziehung und eine zufllige
Bemerkung ergab, da er erst seit etwa drei Monaten hier in Garnison stand. Ein
Zug von Ernst, ja Schwermuth, der ber das ganze Wesen des jungen Mannes
ausgegossen war, erhhte das Interesse, das seine mnnliche Schnheit erregte.
Nur die Begeisterung, mit der er des Kaisers erwhnte, machte die Polen
mitrauisch und zurckhaltend.
    Nach einer lngeren Unterhaltung mute man endlich an die Ruhe fr die Nacht
denken, da die junge Dame offenbar sehr erschpft war. Der Wirth schlug vor, da
der junge Offizier den Verschlag zur Linken der Kche einnehmen sollte; da
dieser jedoch von Schmuz aller Art strotzte, erklrte Jener, da er es vorzge,
in seinen Mantel gehllt, die Nacht am Heerdfeuer zuzubringen, wobei ihm der
Jger Bogislaw Gesellschaft leisten wollte.
    Diese Anordnung schien dem Eigenthmer des Hauses wenig zu behagen, und er
gab sich mehrfach Mhe, den Fremden die Kammer oder den mit Streu und Heu
gefllten Boden anzupreisen, der ber den grten Theil des Gebudes lief. Als
er endlich sah, da sie auf ihrem Willen bestanden, fgte er sich mrrisch und
trieb die Weiber in die Kammer, whrend er, wie er sagte, mit seinen Shnen und
dem fremden Holzhauer die Nacht im Pferdestall zubringen wollte.
    Es war Etwas in dem Wesen der Familie, was dem aufmerksamen Diener nicht
gefiel und sein Mitrauen erregte. Dennoch lag kein Grund vor, dasselbe zu
uern, und nachdem er fr sich und den Offizier, so gut es ging, zu beiden
Seiten des Heerdes ein Lager bereitet, und alle Andern den Raum verlassen
hatten, streckten sich Beide zur Ruhe nieder.
    In wenig Minuten war der junge Offizier im festen Schlaf, Bogislaw aber
blieb, seine Pfeife rauchend, auf dem Lager wach.
    Ein eigentmliches Gerusch hatte seinen Verdacht auf's Neue erregt; ihm
war, als htte er einen Reiter vorsichtig den Hofraum verlassen und drauen,
davonjagen hren.
    Bald darauf ffnete sich leise die Thr der Kammer und die Wirthin des
Hauses streckte vorsichtig den Kopf heraus, um nach den Schlfern zu lauschen.
Sie schreckte eilig zurck, als sie die glnzenden Augen Bogislaw's auf sich
gerichtet sah.
    Noch immer hatte sich Nichts ereignet, was gengend gewesen wre, den
Verdacht des Jgers zu rechtfertigen, und dennoch wurde derselbe von Minute zu
Minute strker, bis Bogislaw endlich beschlo, sich auf jeden Fall Ueberzeugung
zu verschaffen.
    Die Gluth des Heerdes warf nur ein mattes Licht ber den weiten Raum, und da
sein Lager sich im tiefen Schatten des Vorsprunges befand, gelang es ihm leicht,
seinen Plan auszufhren. Indem er den weiten Pelz scheinbar zusammengeballt
liegen lie, als ruhe ein Krper darunter, wand er sich geschickt daraus hervor
und erreichte die Leiter, die an der linken Seitenwand zum offenen Eingang des
Bodenraumes fhrte. Diese stieg er mit katzengleicher Vorsicht hinan, und war
gleich darauf im Dunkel des Raumes verschwunden. -
    Zur selben Zeit saen in dem entgegengesetzten Flgel des Gebudes am Ende
des Stalles, der an fnfzig krftige ukrainer Pferde, auer denen der Fremden,
enthielt, der Wirth mit einem seiner Shne und dem Holzfller um eine drftige
Lampe in eifrigem Gesprch.
    Den zweiten Sohn htte der Blick eines Lauschers vergeblich gesucht. -
    Ich sage Dir, Stenko, sprach der Bauer, Deine Vorsicht wird Alles
verderben. Warum den Segen, den uns die heilige Mutter von Czenstochau in
unserer Armuth geschickt, erst mit den Anderen theilen? Der Kranke zhlt nicht,
und mit den Dreien wren wir allein fertig geworden.
    Du redest, wie Du's verstehst, sobaczy synu!3 entgegnete der Wirth. Der
Teufel knnte sein Spiel haben und Einer entkommen und dann wren wir Alle
verloren. Ueberdies sind sie bewaffnet und wrden sich scharf wehren. Die
Freunde, die Iarkow herbeiholt, werden mit der Heiligen Hilfe hier sein, ehe der
Tag graut, und dann liegen die Edelleute grad' im tiefsten Schlaf. Auch brauchen
wir Jene, um den Schlitten und die Pferde hinweg zu fhren, damit wir Alle zu
Hause getroffen werden und kein Verdacht auf uns fllt.
    Es war gut, Vater, meinte der junge Bursche, da wir die Bchse bei Seite
gebracht haben. Die Narren glauben sie dort unter'm Schnee, whrend sie hier
wohl aufgehoben ist.
    Er brachte das Gewehr zum Vorschein, das er unter der Streu verborgen hatte,
und besah es von allen Seiten.
    Verflucht, da wir's nicht brauchen knnen, grollte der Alte. Es ist
eines von den neuen Dingern, wie sie die Jger des Herrn haben, ohne Schlo und
Stein, aber unsereins versteht damit nicht umzugehen. Schande, da uns der Herr
die Flinten weggenommen, und uns blos die Aexte und Messer zu unserer
Verteidigung gelassen hat.
    Eine Axt ist ein schnes Ding, meinte der Andere, wo sie hinschlgt,
trifft sie sicher. Die Brder sagen, der russische Kaiser habe es befohlen, da
die Armen keine Flinten mehr besitzen sollen. Hei! was war es fr ein ander
Leben, als wir vor vier Jahren Bchse und Sbel hatten und die Schlsser der
Edelleute plnderten mit unsern Brdern in Galizien, und die Kpfe der stolzen
Herrn einschlugen, als wre der Donner des Himmels ber sie gekommen!
    Du warst ein wilder Teufel, Jankowitsch, es war gut, da sie Dich nicht
fingen. Sie htten Dich an den ersten Baum aufgeknpft.
    Ei, ich wei, da Du nicht besser warst, als Du bei den Weimtzen stand'st
unter Uminski. Boris hat mir's oft genug erzhlt.
    Tysiac byci mac mordowalo!4 Sollten wir unser Leben denn fr die Edelleute
opfern, wenn es dabei nicht Etwas zu plndern gegeben htte? Ein Herr ist wie
der andere und drben in Ruland haben sie's wahrlich noch besser als wir hier.
Mssen wir nicht Holz fllen und das Vieh hten in den Smpfen Jahr aus, Jahr
ein? und haben die Wlfe oder Bren ein Stck zerrissen, mu es unser Rcken
nicht entgelten? Ich habe mir sagen lassen, drben aus Weiruland lieen viele
Herren ihre Leibeigene lernen, zu was sie Geschick haben, und sie kamen in den
groen Stdten zu Ehren und Reichthum. Wo ist dies je einem der Unsern
geschehen? Ich war ein Mal mit dem Herrn in Kiew, um Pferde zum Markt zu
treiben, und hab's wohl gemerkt. Die Bauern des Kaisers drben sind reiche Leute
gegen uns!
    Ob Boris mit dem Jungen kommen wird?
    Warum sollt' er nicht? Ein solcher Fang findet sich selten, und er lt
einen Freund nicht im Stich, wenn er auf seine Faust und sein Messer rechnet.
Reich' mir die Wotkaflasche, Michael.
    Der Branntwein machte die Runde.
    Nun legt Euch auf's Ohr und schlaft, sagte der Wirth, vor der zweiten
Hahnenkrh' knnen die Burschen unmglich hier sein, und ich wte nicht,
weswegen wir den Schlaf verlieren sollten. Wir haben morgen in der Frhe viel zu
thun, um alle Spuren zu tilgen und das Gut fort zu schaffen. Iarkow wird uns
schon wecken, wenn er kommt.
    Er warf sich auf die Streu und die beiden Andern folgten alsbald seinem
Beispiel. - - -
    Das Feuer des Heerdes war im Verlschen, der Raum fast dunkel, als eine Hand
leise die Schulter des jungen Offiziers schttelte und dieser, an rasches
Erwachen gewhnt, auffuhr und im selben Augenblick nach dem unter dem Mantel
neben ihm ruhenden Sbel griff.
    Doch die Hand legte sich rasch auf seinen Mund und eine Stimme flsterte an
seinem Ohr:
    Stille, es gilt unser Leben! Der Offizier erkannte im Halbdunkel den Jger
Bogislaw, der sich lang an seine Seite kauerte. Ich sehe, Sie sind von rechter
Soldatenart, flsterte dieser, im Augenblick munter und die Hand an den
Waffen. Wir werden sie brauchen! Bleiben Sie still auf Ihrem Lager und hren Sie
mich an, denn jede Bewegung knnte uns zu frh verrathen, ich traue den Weibern
da drinnen nicht.
    Der Offizier that, wie der Jger verlangte, und horchte aufmerksam auf die
Mittheilung desselben.
    Wir sind einer Bande jener mrderischen Schurken in die Hnde gefallen,
sagte Bogislaw, die bei dem Aufstande von 49 an der galizischen Grnze raubten
und plnderten. Der Wirth hat seinen Sohn nach anderen Genossen ausgeschickt,
uns zu bewltigen. Wie viele ihrer kommen werden, wei ich nicht. Ich habe sie
belauscht und erfahren, da wir Zeit zu unsern Vorbereitungen haben. Sie
gedenken uns erst im Morgenschlaf zu berraschen.
    Es soll den Schuften nicht gelingen, sagte der junge Mann. Sie werden
sich blutige Kpfe holen. Aber was hindert uns, ihnen zuvorzukommen? Wir sind
Drei gegen Drei und gut bewaffnet. Sie vermgen nicht, uns aufzuhalten.
    Sie vergessen den Wald und die Wlfe. Ohne Fhrer wrden wir uns schwerlich
bei Nacht zurechtfinden und den Mrdern vielleicht in die Hnde laufen. Auch
hindern uns die Grfin und der arme Bursche dort an der Flucht, der jetzt im
Wundfieber sthnt und den wir doch nicht ihrem Messer berlassen knnen.
    Aber was ist zu thun? - wir wollen den Grafen wecken.
    Noch nicht, Herr. Wir mssen erst unsern Vertheidigungsplan entwerfen. Ich
wei nicht, ob die Weiber da drinnen schlafen, und jede Bewegung knnte uns
verrathen. Ich sehe, Sie haben Ihre Sattelpistolen bei sich.
    Sie sind geladen und auch die meines Burschen. Aber wir haben keine
Patronen bei uns.
    Thut Nichts. Drinnen beim Grafen liegt Pulverhorn und Kugelbeutel, und die
Jagdflinte des Herrn. Meine Bchse haben die Schurken gestohlen, aber sie ntzt
ihnen nicht, und da sie weiter kein Schiegewehr haben, sind wir im Vortheil.
Ich denke, wir lassen den Grafen und die junge Grfin noch ein Paar Stunden
ruhen und halten abwechselnd Wache. Bis dahin knnen wir berlegen, was wir am
besten thun. Nehmen Sie die erste Wache, Herr, und wecken Sie mich in zwei
Stunden, oder wenn Sie das geringste verdchtige Gerusch hren. Vielleicht
kommt mir im Schlaf ein guter Gedanke.
    Er schlich zurck zu seinem Lager, nachdem er noch vorsichtig die Leiter
abgehoben, die zum Boden fhrte und sie leise quer vor die Kammerthr zur Linken
geschoben hatte; der Offizier, der zu seinem bedchtigen und muthigen Gefhrten
volles Vertrauen gefat, beschlo, sich ganz seiner Einsicht zu fgen. Die
Pistolen im Bereich der Hand, sttzte er den Kopf auf den Arm und versank in
tiefes Nachsinnen.
    Wohin fhrten ihn seine Gedanken? wohin wanderte seine Phantasie?
    Bilder seiner Kindheit erhoben sich umher, der mchtige Felsenhorst, auf dem
der Adler nistet, wilde abenteuerliche Gestalten im blitzenden Silberpanzer, -
Waffen, - brausende Bergstrme, - das Getobe des wilden Kampfes, - Strme von
Blut, - und der Knabe emporgehoben von den Armen eines hohen blassen Mannes mit
langem dunklem Bart und blitzendem Auge! - Dann Nacht um ihn her, gerthet vom
Flammenschein brennender Huser, das wilde Geheul der Strmenden, blitzende
Bajonnete, donnernde Salven, - Dampf, Rauch, Blut, Feuer, - Tod und Gefahr
ringsum! -
    Und wiederum aus der frhesten Kindheit liebliche, seltsame Bilder: Frauen,
in dichte Schleier gehllt, die Brust von dem weichen Leder des Berghirsches eng
umschlossen, blitzende Steine und Geschmeide um Haar und Hals; - am dunklen
Felsenhang die Ziege kletternd, - und von den hohen Bergwllen der Blick des
spielenden Knaben hinabtauchend auf Fels und Thal und weit darber hin die
silberglnzende Flche des weiten Meeres! -
    Dann kamen die Erinnerungen seiner spteren Jahre, die Erziehung im Corps zu
Petersburg, das Bild der Jugendfreunde und Kameraden, die jetzt weit zerstreut
waren ber das unermeliche Reich, - die leuchtende Gestalt des kaiserlichen
Herrn, den er so oft geschaut, dem er Treue geschworen, er, der - -
    Und nun vielleicht hier unrhmlich, ohne Namen, ohne Ruhm zu enden unter dem
Beile eines Mrders; vergessen zu werden unter dem Leichenhgel des Schnees,
zerrissen von den gierigen Bestien des Waldes, die seine Leiche aus der
heimlichen Gruft gescharrt! -
    Dazwischen tauchte ein lichtes schnes Bild auf, seit wenigen Stunden erst
gekannt, und dennoch verlockend, reizend vor seinen Augen stehend, - Wanda, -
die junge Grfin, fr die er sein Blut vergieen, die er zu retten versuchen,
oder mit der er sterben sollte. - -
    Eine wilde, energische Kraft, wie edles Blut vom Herzen strmend, scho
durch seine Adern; er fhlte, da das dunkle schwrmerische Auge des Mdchens
ihn zu jeder That und Anstrengung begeistern knne. - -
    Die Stunden vergingen, es war Zeit, den Jger zu wecken, und er that es. Im
Augenblick war der Pole munter und bat ihn, nun seinerseits unbesorgt eine
Stunde der Ruhe zu pflegen.
    Aber der Geist des jungen Mannes war zu aufgeregt, als da er Schlaf zu
finden vermocht htte. Er berlie zwar seinem Begleiter, ohne sich
einzumischen, alle Vorbereitungen, doch schaute er ihnen wach und aufmerksam von
seinem Lager aus zu.
    Bogislaw horchte erst aufmerksam an dem Eingang, der zu der Kammer fhrte,
in der die Weiber schliefen. Dann untersuchte er sorgfltig die Hausthr.
    Sie war zum Glck ziemlich fest, aber ohne Verschlu, als da ein ziemlich
starker Querbaum in Haspen vor dieselbe gelegt werden konnte.
    Die Thren beider Kammern ffneten sich nach der Kche, sie konnten demnach
verrammelt werden.
    Es blieb noch der Eingang von der Bodenluke her.
    Die Dispositionen des Jgers waren schnell getroffen. Er hing den groen
hlzernen Riegelbaum vor die Thr und begann vor der Kammer der Frauen von den
in der Kche aufgethrmten groen Holzstcken einen frmlichen Wall zu bauen,
der bald halbe Mannshhe erreicht hatte und die Bretter der Thr festhielt.
    Darauf schob er ein neues Scheit in das Feuer und fachte dieses wieder an. -
    Es wird eben so gut sein, sagte er leise nach allen diesen Vorbereitungen,
wenn wir meine Herrschaft schlafen lassen, bis die Gefahr wirklich erscheint.
Der Graf ist ein alter Soldat und wird auf dem Platz sein. -
    Die Uhr des Offiziers zeigte die vierte Stunde, als drauen ein leises
Gerusch sich hren lie und Bogislaw seinem Gefhrten winkte.
    Sie kommen! machen wir uns bereit, sie zu empfangen, und mge die heilige
Jungfrau uns schtzen. Halten Sie die Bodenluke im Auge, ich werde die Thr
nehmen. Nieder mit Jedem, der herein zu dringen wagt!
    Jeder von ihnen hatte ein Paar der Kavalerie-Pistolen an sich genommen; der
Offizier fate an der Wand, gegenber der Bodenluke, Posten, der Jger an der
Thr, an deren beiden Seiten zwei kleine Fensterchen, wie sie in den polnischen
Htten blich sind, sich befanden, eben gro genug, um Licht und Luft
hereinzulassen, aber zu eng, um zu einem Einsteigen, wenigstens bei einiger
Vorsicht der Vertheidigenden, Gelegenheit zu geben. Beide waren von Auen mit
Lden verschlossen, die kleinen Fensterscheiben zerbrochen und mit Papier
ausgeflickt.
    Auch die Oeffnung des Bodenraumes war zum Glck nur so gro, da Mann
gebckt durch sie passiren konnte. Da mit der Seitenwand der Kche der Boden
aufhrte und der Raum ber derselben bis zu den Dachsparren frei war, lag der
Zugang in der Wand ziemlich hoch, von der Erde aus mindestens in doppelter
Mannshhe, die Luke war jedoch offen und ohne Thr.
    Der Jger hatte absichtlich nur sprlich das Feuer wieder aufgefrischt und
ein schwaches Licht verbreitete sich ber den Raum, das jedoch stark genug war,
um den im Innern Befindlichen den nthigen Ueberblick zu gewhren.
    Wenn ich nur wte, flsterte der Diener, wie Viele ihrer sind! Es ist zu
dunkel drauen, um sie zu zhlen und ich darf es nicht wagen, sie nochmals wie
vorhin zu belauern.
    Das Gerusch hatte sich verstrkt, man konnte deutlich hren, da mehrere
Personen, jedoch vorsichtig, in das Gehft eintraten und an dem Hause entlang
schlichen. Der unter den Sohlen ihrer Stiefeln knisternde Schnee verrieth sie.
    Dann war Alles wieder still. - -
    Die khnen Wchter harrten. Ihre Mntel lagen auf den verlassenen
Lagersttten, so da sie in dem matten Lichte in einiger Entfernung leicht ein
fremdes Auge tuschen konnten. Sie selbst standen in den dunklen Schatten
verborgen, so da sie nicht leicht bemerkt werden konnten.
    Wiederum knisterte der Schnee und leise Schritte mehrerer Mnner schlichen
heran und hielten an der Thr des Hauses still.
    Zugleich lie sich ein leichtes Gerusch auf dem Boden vernehmen. Wenige
Augenblicke darauf erschien den scharfen Augen des jungen Mannes ein Gesicht in
dem dunklen Raume, eine Gestalt wurde erkennbar - der Wirth des Hauses, - und
der Offizier konnte sehen, da seine Hand mit einem kurzen schweren Beil
bewaffnet war. Die andere tastete nach der Leiter umher.
    Sie suchte vergeblich. Der Kopf des Mannes bog sich vor aus der Luke, um zu
schauen, ob sie nicht an Ort und Stelle sei. Das Blut des jungen Ulanen
fieberte, seine Hand spannte sich um den Kolben der Pistole. Aber er fhlte, da
Ruhe und Vorsicht hier mehr galt, als Muth und Tapferkeit.
    Przeklecie! Die Hundsshne haben richtig die Leiter weggenommen, flsterte
oben eine Stimme. Bleibe Du hier, die Weiber sollen uns ffnen. Ich sehe, die
Beiden liegen am Feuer.
    Der Kopf verschwand. Wiederum war eine lange Pause. Dann hrte der Jger an
das Fenster der Kammer klopfen und eines der Weiber aufstehen und herankommen.
Es folgte ein kurzes Flstern, darauf machte die Frau den Versuch, ihre Thr zu
ffnen, und als sie dies zu ihrer Verwunderung nicht konnte und die Verrammelung
bemerkte, theilte sie dies eilig den Mnnern drauen mit.
    Ein wilder Fluch, - dann eine kurze Berathung folgten.
    Gleich darauf erschien der Wirth auf's Neue oben an der Bodenluke, schaute
sich um und schickte sich dann an, herabzuklettern.
    Der Augenblick des Handelns war gekommen.
    Zurck da! bleibe dort oben oder ich schicke Dir eine Kugel durch den
Kopf!
    Mgen die Teufel Deine Mutter qulen! Bin ich Herr in meinem Hause oder
nicht? - Setzt die Leiter an, ich mu hinunter!
    Bleibe, wo Du bist, Schurke, sagte ruhig der Jger, wir wissen, was Du
willst und welche Gesellschaft Du bei Dir hast. So wahr ich an Gott und die
Heiligen glaube, Jeder, der diesen Raum vor vollem Tageslicht betritt, ist ein
Kind des Todes! Also troll' Dich und la uns in Frieden.
    Ist's so gemeint, Hundssohn? - Her mit der Leiter, Michael, wir wollen doch
sehen, ob sie, die wir von den Wlfen gerettet, uns aus dem eigenen Hause zu
jagen wagen.
    Eine zweite Gestalt wurde sichtbar und schob eine Leiter durch die Luke. Der
Krugwirth half.
    Jetzt hinunter, Michael; ich will sie von Deinen Pferden zerreien lassen,
wenn sie es wagen, Dir ein Haar zu krmmen. Hinunter, Junge, sag' ich!
    Der junge Mann setzte den Fu auf die erste Stufe der Leiter, ein Dritter
zeigte sich hinter ihnen.
    Ruhig und kaltbltig hob der Offizier, der bis jetzt im Schatten gestanden
und sich bei seiner geringen Kenntni des Polnischen nicht in die Verhandlung
gemischt hatte, die Pistole; im nchsten Moment fiel der Schu, der junge Bauer
ffnete die Arme, stie einen Schrei aus und strzte schwer von der Hhe der
Leiter herab aus die Tenne des Kchenflurs. Gleichzeitig mit dem Schu war mit
einem raschen Sprung der Jger von der Thr her unter der Luke und entri mit
krftigem Griff die Leiter den Hnden, die sie oben fest hielten und die im
Schreck ber die rasche That sich ffneten.
    Verfluchte, Ihr habt mein Kind erschossen!
    Die kurze, schwere Axt, von der Hand des Vaters geschleudert, flog durch die
Luft, aber Bogislaw war auer dem Bereich seiner Hand und der Offizier machte
eine rasche Seitenbewegung, da sie unschdlich an ihm vorbeisauste und an die
Kammerthr zur Rechten schlug, die eben rasch von innen geffnet wurde. Der
Graf, seine Pistolen in der Hand, erschien in derselben, hinter ihm, bleich,
verstrt, aus dem tiefen Schlaf geweckt, die Grfin Wanda.
    Zugleich erscholl das Gekreisch der Weiber in der Kammer, wildes Lrmen der
Mnner drauen, die ihr Werk verrathen sahen, und ihre Axtschlge donnerten
gegen Thr und Lden.
    Stenko, der Wirth, war im Begriff, in seiner Wuth hinabzuspringen, als sich
bedchtig der Arm des jungen Offiziers mit der zweiten Pistole hob und nach ihm
zielte.
    Zurck!
    Der Dritte, der mit dem Kneipenwirth auf dem Boden war, ri diesen von der
Luke zurck:
    Hinunter zu den Andern! Sie verschwanden.
    Die Grfin in der Thr der Kammer wies zitternd, erregt aus den blutenden
Mann, der sich am Boden krmmte.
    Um Gotteswillen, ein Mord! was ist geschehen?
    Mit der Hochherzigkeit weiblicher Natur flog sie zu dem Verwundeten, ihm
Hilfe zu leisten.
    Was bedeutet das Alles, Bogislaw? fragte der Graf. Werden wir
angegriffen?
    Mein Verdacht hat sich besttigt, sagte der Jger rasch und kurz. Wir
sind in diesem Hause in einer Falle und der Wirth hat seine Mordgenossen
herbeigerufen. Wahren Sie uns den Rcken dort nach dem Boden zu, Herr Graf!
Hierher, Herr Lieutenant!
    Die krftigen Abschlge drauen zerschmetterten die Lden der Fenster und
donnerten gegen die zum Glck starke Thr. Stenko hatte den Genossen die
Gewiheit gebracht, da sie entdeckt waren, und ihre Wuth versuchte einen
allgemeinen heftigen Angriff.
    Der junge Offizier war an das Fenster zur Rechten gesprungen. Durch die
zerbrochenen Scheiben langte eben ein Arm nach dem Riegel, um ihn aus den Haspen
zu heben.
    Sparen Sie den. Schu. Den Sbel, den Sbel!
    Der Offizier hatte bereits die Pistole fallen lassen und die eindringende
Faust gefat. Aber die Kraft derselben, die ihn zugleich packte, war strker als
die seine, sie zog seinen linken Arm aus dem Fenster fast bis an die Schulter
hinaus und zwei, drei Hnde faten drauen an den Arm. Er war in einer vllig
wehrlosen Lage.
    In dem Augenblick entri eine Hand der seinen den blanken Sbel und die
Klinge fuhr dicht an seinem Kopf vorbei durch das Fenster auf die Gegner. Der
Sto, den der alte Graf gefhrt hatte, mute getroffen haben, denn ein wilder
Aufschrei erscholl, der Arm des Offiziers wurde losgelassen und schnell zog er
ihn zurck. Zugleich knallte aus dem andern Fenster ein zweiter Pistolenschu
und die Vorsicht und Ruhe des Jgers war Brge, da er ihn nicht ohne sicheres
Ziel abgefeuert hatte. Die wilden Verwnschungen, das Schmerzensgesthn drauen
bewiesen, da der Angriff blutig empfangen worden, - die Tobenden zogen sich
eilig zurck aus dem Bereich der Schuwaffen.
    Jetzt erst gewann der Diener Bogislaw Zeit, seinen Herrn nher von den
Vorgngen zu unterrichten. Die Mnner fhlten, da sie eilig ihre weiteren
Vorbereitungen zu treffen hatten, da offenbar der Angriff wiederholt werden
wrde.
    Bogislaw sprang nach der Kammer, um aus dem Gepck seines Herrn die
Pulverflasche zu holen und neu zu laden.
    Przeklecie! ich kann sie nirgends finden, die Weiber mssen sie gestohlen
haben, als sie in der Kammer handthierten. Doch haben wir noch Ihre Flinte und
Pistolen, Herr Graf, sie sind geladen. Wer nimmt den Posten in der Kammer ein,
um zu verhindern, da die Schurken hier durch das Fenster brechen?
    Es war die wenigst gefhrdete Stelle; Aller Augen wandten sich auf die
Grfin, die in stillem Gebet noch immer an der vorigen Stelle knieete. Das Gebet
galt einem Todten. Der krftige, jugendliche Krper des Verwundeten hatte wild
gegen den Tod gekmpft, den die innerliche Verblutung rasch herbeifhrte, denn
die Kugel hatte quer durch die obere Brust geschlagen, und whrend des Kampfes
an den Fenstern streckte sich zuckend der Leib und lag dann still und starr.
    Der Oheim hob das Mdchen empor und fhrte sie halb tragend zu der Kammer.
Es war keine Zeit zu Errterungen und zur Schonung der Gefhle. Er konnte sie
nur kurz bedeuten, da sie auf das geschlossene Fenster achten und, wenn es
erbrochen wrde, um Hilfe rufen solle.
    Dann trugen Bogislaw und der Offizier den von dem Kampf aus seinem
Fieberschlaf erwachten Soldaten an die Wand gegenber der Bodenluke und befahlen
ihm, fest diese im Auge zu behalten.
    Der Jger stand schon wieder auf seinem Posten und recognoscirte durch eines
der zerbrochenen Fenster. Die Ruber hatten sich zurckgezogen und waren
unsichtbar. Die Nacht lag noch immer finster um das Haus, nur durch die weie
Flche des Schnees gemildert. Auf ihr nahe dein zweiten Fenster erkannte man
eine dunkle Gestalt regungslos ausgestreckt: die Vertheidigung hatte bereits ein
zweites Menschenleben gekostet.
    So verging eine lngere Zeit, whrend der nur wenige Worte gewechselt
wurden. Es schien fast, als ob die Banditen das Grauen des Morgens abwarten
wollten, um ihre Gegner besser zu sehen. Die Weiber in der Kammer, die mehrfach
versucht hatten, die Thr zu ffnen, waren seit einiger Zeit ganz still
geworden. Dagegen vernahm das scharfe Ohr des Jgers ein Gerusch, gleich dem
eines vorsichtigen Arbeitens an einer Wand, und traf danach seine
Vorbereitungen.
    Pltzlich donnerten wthende Artschlge an die Eingangspforte und zugleich
suchten hnliche aus dem Innern der Kammer die Thr derselben zu sprengen; in
wenigen Augenblicken flog sie in Stcke.
    Aber Bogislaw hatte Aehnliches erwartet, die Thr splitterte, aber ffnete
sich nicht, denn vor ihr bis zu Manneshhe lagen jetzt eine Masse schwerer
Gegenstnde aufgehuft, die aller Anstrengung des Fortdrngens spotteten.
    Durch die Zwischenrume der Verschanzung streckte mit der ganzen
Kaltbltigkeit eines alten Soldaten der Graf sein Jagdgewehr und zielte auf die
beiden dunklen Gestalten, die hier den Eingang zu erzwingen suchten, aber der
Hahn fuhr nieder auf das Piston, ohne da ein Schu erfolgte. Er warf die Flinte
zu Boden und drckte eine der Pistolen durch die Oeffnung ab, - der Erfolg war
derselbe. Dem Sto eines durch die Oeffnung funkelnden langen Messers entging er
nur durch eine rasche Seitenbewegung.
    Ein Schrei der Dame verkndete auch auf ihrem Posten Gefahr - der Offizier
war mit einem Sprunge an ihrer Seite und sah die Gestalt eines Mannes, bemht,
durch die enge Fensterffnung einzubrechen. Einige Ste des Sbels trieben ihn
zurck, - fast gleichzeitig knallte der Schu des Jgers durch ein Fenster und
wiederum brach einer der Banditen zusammen und schleppte sich sthnend zur
Seite. Zum zweiten Male wichen die Ruber, doch dies Mal nur aus dem Bereich der
Fenster und eine kurze heftige Berathung wurde gepflogen.
    Wir mssen zu Ende kommen, sagte der Krugwirth unter grulichen
Verwnschungen, der Tag graut und es darf Keiner leben von ihnen, sonst sind
wir verloren. Mein Michael ist erschossen, Stephanowitsch todt, Boris verwundet,
wir mssen Rache haben, und sollte es unser letztes Blut kosten. D'rauf,
Kameraden!
    Er wollte auf's Neue an die Thr, doch Boris, der Verwundete, ri ihn
zurck.
    Zum Boden! Die Garben hinunter und dann ber sie her, ich und Sarko halten
die Thr.
    Die Mrder begriffen, sie eilten nach dein Aufgang, der in den Stllen zum
Boden fhrte.
    Es sind ihrer noch immer sechs mit dem Kerl, den ich gezeichnet, sagte
rgerlich der Jger. Der Bursche wandte sich gerade um und bekam die Kugel nur
in's Fleisch. - Doch, Herr, jetzt, glaub' ich, wird es Ernst und gilt es, fr's
Leben zu fechten!
    Graf Lubomirski hatte das Gewehr und die Pistolen untersucht. Eine aus den
Lufen tropfende Feuchtigkeit belehrte ihn, da die Weiber die Gelegenheit
benutzt haben muten, bei dem Aufschlagen des Nachtlagers in der Kammer Wasser
in die Lufe zu gieen, wobei sie zugleich die Pulverflasche stahlen. Er
bewaffnete sich mit dem Sbel des armen Ulanen, der machtlos dem Kampfe zusehen
mute.
    Das Tageslicht dmmert herauf, sagte der Offizier; wenn wir uns noch eine
Stunde zu halten vermgen, kann ein Zufall uns Rettung bringen. Sie werden es
nicht wagen, den vollen Tag abzuwarten -
    Der Ruf des Soldaten unterbrach ihn - er zeigte nach der Bodenluke. Sie war
gefllt mit einem groen Bunde von Schilf und Schobenstreu, von denen der Boden
voll lag; whrend, das Bund von unsichtbarer Hand herabgestoen wurde, drngten
sich von der Seite bereits ein zweites und drittes schtzend vor die Oeffnung.
    Rasch fuhr die Pistole des Offiziers in die Hhe, der Schu krachte und man
hrte die Kugel klatschen, aber ein wildes Hohngelchter belehrte sie, da die
Ruber das Mittel gefunden, den Schu unschdlich zu machen, und da die Kugel
nicht durch den dicken elastischen Schirm der Garbe zu dringen vermocht hatte.
Wiederum, rasch hintereinander, fielen zwei Bunde herunter und andere drngten
sich oben.
    Die Gefahr war dringend, Alle begriffen den Plan der Elenden und dessen
sicheres Gelingen. Noch einige Bunde und die Ruber konnten sich unbesorgt
herabstrzen und, whrend sie selbst ihre Aufmerksamkeit theilen muten, sie im
Handgemenge angreifen.
    Da, whrend der junge Soldat wie schtzend vor die halb ohnmchtig in der
Thr der Kammer knieende Dame trat, die Faust fester um den Sbelgriff gespannt,
durchfuhr ein glcklicher Gedanke des Jgers Seele. Im Nu war er zum Heerde
gesprungen, sein Fu stie die noch glhende Asche auseinander und seine Hand
suchte einen halb verkohlten Brand. Im nchsten Augenblick war ein Busch der
trockenen Schoben darum gewunden, ein Schwung, durch die Luft setzte die
improvisirte Fackel in vollen Brand, und noch ehe die nchste Garbe den Boden
erreichte, flog sie in die geffnete Luke. Rascher, als das Wort es zu erzhlen
vermag, folgte ein zweiter, gleicher Brand, und der wilde Fluch ihrer Feinde
verkndete, da das unerwartete Auskunftsmittel seinen Zweck erreicht hatte.
Flammen knisterten in der Luke auf, ehe eine halbe Minute verging, schlug schon
die volle Lohe empor, - das Feuer hatte die Schoben und das Gestreu, das die
Banditen gerade um die Luke gehuft, erfat, und vergeblich waren alle
Anstrengungen, die Flamme zu ersticken, die wie eine zngelnde Schlange durch
die trockenen Vorrthe des Bodens hin lohete. Kaum da sie Zeit hatten, sich
eilig ber denselben zurckzuflchten bis zu dem Ausgang, der in die Stlle
fhrte, so fllte schon Qualm und Dampf den langen Raum und hatte die Flamme an
vielen Stellen ihren Weg zum Schobendach gefunden, dessen feuchte Schneedecke
vor der berflssige Nahrung findenden Gluth von Unten her schmolz. Whrend die
Mrder noch flohen, war Bogislaw, die Andern zu Hilfe rufend, schon beschftigt,
die heruntergeworfenen, Streugarben fortzurumen, damit die aus der Luke
sprhenden Funken diese nicht entznden mchten. Es gelang, sie rasch bei Seite
zu schaffen.
    Der frische Morgenwind hatte unterde das Feuer immer weiter verbreitet und
nach kaum einer Viertelstunde stand fast das ganze Dach des langen Gebudes
trotz der Nsse in offenen Flammen. Die Verwirrung und der Lrmen waren gro,
denn die Pferde und das Vieh, die in den Stllen untergebracht waren, rissen
sich bei dem herabfallenden Feuerregen los und strzten durch die von den
Rubern offen gelassenen Thren in's Freie. Sie sprangen im Gehft, vor dem
lodernden Brande scheuend, wild umher, oder durchbrachen die Einhegung und
flohen in den Wald.
    Die Wuth und Verzweiflung der betrogenen Mrder, die sich jetzt verloren
achten konnten, da der Brand Aufmerksamkeit erregen mute und ihnen zugleich die
Beute entri, war gro. Bei dem immer mehr sich verbreitenden Morgenlicht
konnten die Belagerten schauen, wie sie umhertobten zwischen den stampfenden
Pferden, nicht an Rettung denkend, rathlos und nur herber drohend zu den
Verwegenen, die ihrer Ueberzahl so glcklich getrotzt.
    Aber deren eigene Lage wurde jetzt auch immer gefhrdeter und verzweifelter.
Obschon der mit Streu gefllte Boden, wie wir bereits bemerkt haben, nicht ber
den Kchenflur weglief, sondern mit einer Wand abschlo, so war doch diese zu
schwach und selbst brennbar, um lange das Feuer aufzuhalten, und auch der
Dachstuhl ber der Kche gerieth bereits in Flammen, so da nur wenige
Augenblicke noch ohne Lebensgefahr in dem Raume zu verweilen war.
    Unter diesen Umstnden gab es nur einen Entschlu, den: mit gewaffneter Hand
sich Bahn durch die Gegner zu brechen. Die Ausfhrung war natrlich um so
schwieriger, als die drei Mnner, wenn auch khn und tapfer, doch jetzt ohne
Feuerwaffen, einer doppelten Anzahl zur Wuth gebrachter Feinde gegenber standen
und noch die Dame und den armen Kranken zu schtzen hatten. Der Augenblicke der
Ueberlegung waren nur wenige gewhrt, aber jetzt bei hellem Tageslicht bersah
der Ablerblick des jungen Soldaten die Gefahr und erkannte rasch den einzigen
Ausweg, der Hoffnung lie. Gerade ber dem Hause, nahe am Eingange des Gehfts,
lag ein halb offenes Schuppengebude, in dem auch der Schlitten der Reisenden
untergebracht war. Konnte man dieses erreichen, so vermochte man wenigstens,
sich mit grerer Sicherheit weiter zu vertheidigen.
    Der Plan war bald gemacht, wenige Worte gengten zur Verstndigung. Der
Offizier und das junge Mdchen erklrten mit Festigkeit, da sie den armen
Soldaten den Flammen nicht zur Beute lassen wollten. So wurde dieser denn
aufgerichtet und die junge zarte Grfin schlang selbst seinen Arm um ihren
Nacken und sttzte ihn, da er auf dem gesunden Fu und einem improvisirten
Stock sich langsam fortbewegen konnte. Zur Linken des Paars trat der alte Graf,
mit dem Sbel des Soldaten bewaffnet, zur Rechten der Dame der Offizier, - sein
ernster, entschlossener Blick sagte, da nur der Tod die Bahn zu ihr ffnen
werde. Der Jger Bogislaw stand an der Thr, die Hand am schirmenden Holzriegel,
die Bchse des Grafen zur Seite, das Messer, das die Kehle des Wolfes
durchschnitten, im Grtel.
    Ein donnerndes Krachen beschleunigte ihren Entschlu, - hinter ihnen brach
bereits ein Theil des Daches zusammen und die Trmmer begruben die Leiche des
jungen Rubers.
    Wilder Jubel der Mnner und Weiber erscholl drauen, sie glaubten die
Reisenden verloren - -
    Bogislaw ri den Riegel hinweg, die Thr flog auf, ber die Schwelle
sprangen der alte und der junge Soldat, von gleicher Energie beseelt, - hinter
ihnen d'rein schwankte das Mdchen mit dem Kranken und der Jger mit
hochgeschwungener Bchse deckte ihnen den Rcken.
    Das offene Gebude, das sie zu ihrer Zuflucht ersehen, war kaum vierzig
Schritt von dem brennenden Hause entfernt, - dennoch aber war der kurze Weg ein
wilder Kampf fr das Leben.
    Einen Augenblick lang blieben die Ruber bestrzt ber den khnen Streich,
dann, auf Slenko's, des Wirthes, gellenden Ruf strzten sie von allen Seiten
herbei und machten einen wthenden Angriff auf die kleine Schaar. Der Wirth
selbst sprang auf den Offizier los und fhrte einen furchtbaren Schlag mit der
Axt nach ihm, der den Sbel, mit dem dieser parirte, mitten durchbrach, whrend
ein Anderer sich zwischen den Offfzier und seine Schutzbefohlene strzte und
diese von ihrem Begleiter ri, der vergebens einen Schlag mit dem Stock nach ihm
fhrte und zu Boden geworfen wurde. Der Mann, den seine Genossen Boris genannt
hatten und der an der linken Schulter verwundet war, hatte bereits mit einem
Gefhrten den Grafen angegriffen und Bogislaw, der Jger, wehrte sich tapfer mit
dem Kolben gegen die beiden letzten Feinde.
    Von allen Dreien vertheidigte sich der Graf mit dem besten Glck, denn ein
scharfer Hieb seiner alten einst kampfgewohnten Faust hatte im ersten Augenblick
schon den rechten Arm seines zweiten Bedrngers gelhmt und seine scharfen Hiebe
und Ste hielten den riesigen Ruber Boris in Entfernung.
    Zum Teufel, rief der Graf, das Gesicht kenn' ich! - Will ein Pole seinen
Obersten morden, unter dem er bei Grochow und Ostrolenka gekmpft hat?
    Niech cie djabli wezma5 fluchte der Bandit, einen krftigen Streich
fhrend. Ich habe Dich lngst erkannt, aber Verderben ber Euch Edelleute, die
Ihr uns zu unserm Unglck verlockt habt! Nieder mit Dir, alter Rebell!
    Er unterlief den Greis und umschlang ihn, Beide rangen wthend gegen
einander, der Eine geschwcht durch die Zahl seiner Jahre, der Andere durch die
Wunde.
    Weiter hin schlug sich noch immer Bogislaw mit den beiden Mnnern.
    Der Offizier, als seine Waffe zersplitterte, hatte sie von sich geworfen und
sich auf seinen Angreifer gestrzt und ihn umfat. Auch dieser lie das Beil
fallen und rang mit ihm. Ein Todesschrei hielt die fliehende Grfin auf - sie
sah, wie das Beil des jungen Rubers, welcher sie von dem Soldaten gerissen, den
Kopf des Gefallenen spaltete, und sank, die Augen vor dem grauenhaften Anblick
mit den Hnden verhllend, in die Knie. Im nchsten Augenblick war der blutige
Mensch an ihrer Seite und schwang die noch triefende Axt.
    Ein Blick zur Seite hatte dem jungen Offizier die Gefahr gezeigt, in der die
Dame schwebte. Mit einer wthenden Anspannung jeder Muskelfaser schleuderte er
in gewaltiger Kraft den starken Wirth von sich und war mit einem Sprunge, gleich
dem Tiger, der sein Junges vertheidigt, in der Grfin Nhe. Seine Linke fing den
Stiel der Mordaxt auf und hielt sie fest im gewaltigen Griff, inde die Rechte
in die im Kampf aufgerissene Uniform fate und mit Gewalt einen Gegenstand
losri, der darunter um den Hals geschlungen zu hngen schien. Im nchsten
Augenblick flog eine kleine sthlerne Scheide auf den Schnee und eine kaum
handlange blaugraue Klinge tauchte sich im krftigen Sto bis an die haltende
Faust in das Herzblut des Rubers, da dieser lang den Boden maa. Wie ein
Sturmwind hatte der junge Mann die Grfin erfat und sie halb schleifend zu dem
Schuppen getragen, vor dessen Eingang er jetzt wie ein Cherub mit seiner kurzen
unzureichenden Waffe stand.
    Es war der zweite Sohn des Wirths gewesen, den sein Dolchmesser von
gewundener alterthmlicher Form zu Tode getroffen; - heulend, wie der grimmige
Wolf seiner Wlder, strzte der Vater auf ihn zu, rcksichtslos gegen das eigene
Leben. Przeklety! Du hast meine Shne gemordet, Du mut sterben! Der Sto des
Dolches streifte seine Wange und ri sie blutig, aber er achtete der Wunde
nicht, und im nchsten Moment hatte er den jungen Mann gefat und zu Boden
geworfen. Er kniete auf seiner Brust, bestrebt, die Faust der haltenden Hand zu
entreien, die sich bemhte, das lange Mordmesser, mit dein sie jetzt bewaffnet
war, von sich abzuwehren. Alle Furien des Hasses und der Wuth trimuphirten in
den flammenden Augen, in den fletschenden Zhnen. Die losgerungene Faust holte
weit aus zum Todesstoe - -
    Main! Djemala-Din! Retten Sie Herrn Djemala-Din! eine fremde Stimme in
jdischem Dialekt dicht neben den Kmpfenden rief die Worte. -
    Das Messer des Wirthes fuhr nieder - - - eine rasche Bewegung des jungen
Offiziers wendete den Sto, die spitzige Klinge durchbohrte nur den linken
Unterarm - im nchsten Augenblicke spritzte Blut und Gehirn ber den Liegenden
und mit zerschmettertem Schdel strzte der Pole ber sein Opfer weg. Ein
Fusto warf die blutige Leiche bei Seite und eine krftige Hand half dem so
unerwartet Geretteten empor. Neben ihm standen zwei fremde Mnner im weiten
jdischen Talar, unter dem eine seltsame fremde Tracht hervorschimmerte, Beide
lange, mit Silber und Elfenbein eingelegte Pistolen in den Hnden, von denen die
eine noch von dem eben gethanenen Schu dampfte. Starke gebogene Nasen unter
dunkel blitzenden Augen, schwarze sorgfltig gepflegte Brte zierten beide
Gesichter von fremdartigem, aber majesttischem Schnitt - einige Schritte hinter
ihnen stand ein dritter Mann, gleichfalls in jdischer Tracht, deren
Berechtigung jedoch seine Physiognomie und die Angst und Furcht, die sich auf
ihr ausprgten, deutlich verkndete.
    Die Augen der Mnner waren fragend, freudig, begeistert auf den jungen Mann
gerichtet.
    Bist Du wirklich Djemala-Din, des groen Imams Sohn? Die Frage ward in
einer Sprache an ihn gerichtet, die das Ohr des jungen Mannes seit 16 Jahren nur
selten und ausnahmsweise vernommen; dennoch schlugen diese Klnge, in denen er
die ersten Laute gestammelt, die Erinnerungen der Knabenzeit bewahrt hatte,
wohlthuend und verstndlich an sein Ohr und er antwortete sogleich in ihnen:
Schamyl ist mein Vater! - aber seht! - helft! - er eilte trotz der Wunde dem
treuen Jger zu, der hart bedrngt war, - im Nu standen die seltsamen Fremden an
seiner Seite und strzten auf die noch kmpfenden Ruber, die bei der
unerwarteten Verstrkung zu entrinnen suchten. Aber nur dem khnen Boris gelang
die Flucht, indem er sich auf eines der Pferde warf und in dem Gluthregen des
einfallenden Daches auf jenem das Thor und den Wald gewann; die andern Drei, von
denen zwei verwundet waren, wurden nach kurzem Widerstand berwltigt, zu Boden
geworfen und gebunden. Die beiden Weiber schienen sich schon whrend des wilden
Kampfes geflchtet zu haben. - Auch der Graf und der Jger bluteten aus leichten
Wunden und athmeten dankend auf ber die unverhoffte Rettung.
    Whrend der Graf mit des Offiziers und des Juden Hilfe das von den Schrecken
des Abends und der Nacht tief erschtterte Mdchen aus der gefhrdenden Nhe des
brennenden Gehfts geleiteten, war Bogislaw mit den beiden Fremden beschftigt,
die von den Flammen wildgewordenen Thiere abzuwehren, und wenigstens den
Schlitten der Reisenden aus dem Brande zu retten. Auch das gelang nur mit Mhe,
alles Andere war verloren und unter den Trmmern des zusammenstrzenden Hauses
begraben. Da bereits auch die Schuppen und drftigen Nebengebude von den
Flammen ergriffen wurden, mute man die gefangenen Ruber herausschleppen und an
die nchsten Bume binden.
    Die Grfin war zu einem in der Nhe des Gehfts auf dem vorbeifhrenden
einsamen Wege angebundenen Gefhr der Fremden gebracht und in den Schlitten
gehoben worden. Erst jetzt bemerkte sie, da ihr Retter verwundet war und das
Blut stark aus seinem Arm hervordrang und ihn zu entkrften drohte. Whrend sie
ihr Tuch fest um die Wunde schlang und die Blutung zu stillen suchte, kamen auch
der Jger und die Fremden herbei. Die Letzteren strzten sich sogleich auf den
Offizier, kten den verwundeten Arm und bernahmen das Geschft des Verbindens
der Wunde, in dem sie geschickt und erfahren schienen. Dann auch kamen der Graf
und der Jger an die Reihe.
    Whrend dessen fand eine kurze Verathung statt, was man zunchst beginnen
wolle. Der Offizier hatte einige Worte mit den Fremden in ihrer unbekannten
Sprache gewechselt und fhrte darauf den Grafen bei Seite.
    Mein Herr, sagte er, das Schicksal hat uns seltsam zusammengefhrt und
schwere Gefahren gemeinschaftlich bestehen lassen. Der glckliche Zufall unserer
Rettung ist mir selbst noch unklar, aber ich habe eine Bitte an Ihre Ehre, es
ist die, wenn Sie das Schlo des Frsten mit jenem Gespann, das ich zu Ihrer
Disposition stelle, erreichen, Sie in der dort versammelten Gesellschaft nicht
nher der beiden Mnner erwhnen, die unsere Rettung bewirkt haben, und die hier
mit mir zurckbleiben werden.
    Sie mssen mit uns gehen, entgegnete bestimmt der Graf. Sie bedrfen von
uns Allen zuerst besserer Hilfe, und mein Jger und unsere fremden Retter knnen
hier zurckbleiben, bis wir Beistand senden knnen, der vielleicht schon auf dem
Wege ist, da man sicher den Brand bemerkt hat.
    Es ist unmglich, Herr! ich habe mit diesen Mnnern zu sprechen.
    So sind sie Ihnen bekannt? ich hrte Sie in fremder Sprache mit ihnen reden
und einen Namen, der mir nicht unbekannt ist. Sie sind ...
    Ich bin Djemala-Din, des Imam Schamyl ltester Sohn und russischer
Offizier.
    Sie waren noch diesen Sommer im Kadettencorps zu Petersburg? Verzeihen Sie
die Frage.
    So ist es!
    Dann kennen wir Sie schon lange, nicht blo durch Ihr unglckliches
Schicksal, das Sie in die Hnde Ihrer Feinde geliefert, sondern auch durch die
Freundlichkeit und den Schutz, den Sie meinem Enkel, dem einzigen Kinde meiner
einzigen Tochter, erwiesen haben. Der Knabe - Michael von Lasaroff ist sein Name
- war mit Ihnen in dem Corps und hat uns oft von Ihnen geschrieben.
    Er reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand. Der junge Mann nahm sie
zgernd und mit einem Errthen an, das sein vom Blutverlust bleiches Gesicht
frbte.
    Ich kenne den Knaben und liebe ihn, sagte er, aber Sie irren, mein Herr,
wenn Sie sagen, da ein unglckliches Schicksal mich in die Hnde von Feinden
gefhrt hat. Der Czar ist mir ein Vater gewesen, dem ich mehr verdanke, als
meinem Erzeuger in den Schluchten des Elbrus, und nie wird meine Treue und
Dankbarkeit fr ihn enden.
    Er sprach dies mit einer Festigkeit und Energie, die offenbar den bestimmten
Entschlu eines krftigen Herzens zeigen und jede weitere Berhrung dieses
Gegenstandes zurckweisen sollte.
    Miverstehen Sie mich nicht, Herr Graf, fuhr er fort, wenn ich Sie
dennoch bitte, von meiner Zusammenkunft mit jenen Mnnern, von der Sie der
Zufall zum Zeugen gemacht, zu schweigen. Ich spreche zu einem Manne von Ehre,
und sage Ihnen daher unverhohlen, da es Leute meines Volkes sind, die mein
Vater mit einer Botschaft an mich gesandt zu haben scheint. Das Weitere wei ich
selbst noch nicht, - doch ist es oft geschehen, auch in Petersburg, da ich auf
hnliche Weise Kunde erhielt von meiner entfernten Familie. Aber es knnte mir
und Jenen nur von Gefahr sein, wenn unsere Zusammenkunft argwhnischen Sphern
bekannt wrde.
    Der Graf reichte ihm nochmals die Hand.
    Nehmen Sie mein Wort, Herr Lieutenant, fr unser Aller Vorsicht. Bogislaw,
mein Diener, ist ein treuer Mann und wird Sie nicht geniren, indem ich ihn hier
zu Ihrem Beistande zurcklasse. Nach der Versicherung des Juden, der Ihre
Freunde hergefhrt, knnen wir in einer Stunde im Schlosse meines Freundes sein
und Ihnen alle Hilfe senden. Dort sprechen wir mehr von Ihnen. -
    Die weiteren Anordnungen waren rasch getroffen. Der Jude sollte mit seinem
Schlitten, der nur Raum fr zwei Personen bot, den Grafen und die Dame zum
Schlo des Frsten bringen, wohin jetzt beim Tageslicht keinerlei Gefahr mehr
war, und mit dem Gefhr und weiterer Hilfe zur Abholung des Offiziers und der
Gefangenen zurckkehren, Bogislaw aber bis dahin bei den Letzteren bleiben. -
    Als der Offizier sich dem Schlitten nherte, streckte ihm die Grfin die
zierliche Hand entgegen und ihr Auge ruhte mit Innigkeit auf ihm.
    Ich hre von meinem Oheim, mein Herr, sagte sie, da Sie selbst noch
andere Ansprche auf unsere Dankbarkeit haben, als das Blut, das Sie in dieser
Nacht fr mich vergossen. Kommen Sie ja recht bald uns nach, Herr Djemala-Din,
damit ich Ihnen besser sagen kann, als hier, wie tief wir Ihnen verpflichtet
sind. -
    Der junge Offizier beugte sich errthend ber die Hand und kte sie; der
Graf empfahl ihm noch besonders, aus seine Wunde Acht zu haben, und dahin flog
der Schlitten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war eine seltsame Gruppe, die sich jetzt um die dampfenden Trmmer des
Hauses versammelt hatte, deren noch fortglimmender Brand Schutz gewhrte gegen
die Klte des Wintermorgens. - Auf einem halb verkohlten Balken sa - in den
zurckgelassenen Pelz des Juden gehllt - der junge Offizier, bleich von dem
Blutverlust und der Aufregung seines Innern, vor ihm auf dem Boden kauerten die
krftigen Gestalten der beiden Tschetschenzen, der Boten des mchtigen
Huptlings, seines Vaters. In einiger Entfernung hatte sich der Jger Bogislaw
eine warme Stelle gesucht, und bewachte mit finsterm Blick die drei gebundenen
Polen, die Flinte fr jeden Angriff neu geladen zwischen den Knieen, da er an
der Leiche des Wirthes das gestohlene Pulverhorn wiedergefunden hatte. Dicht
daneben lagen die Krper der drei im letzten Kampf Erschlagenen, whrend die
beiden Andern unter den Trmmern des Hauses begraben waren. Ueber dem Allen
wlbte sich der jetzt ungetrbte blaue Winterhimmel, so heiter und rein, als
ahnte er nicht, welche Kunde von Schrecken und Mord der dunkel qualmende Rauch
ihm zufhrte.
    Du hast uns gesagt, o Herr, begann der Aelteste der Tschetschenzen, da
Du Djemala-Din, der lteste Sohn und Erbe des heiligen Mannes bist, der das Volk
der Mrbiden beherrscht und zum Kampf fhrt gegen die Feinde seiner Freiheit.
Kannst Du uns ein Zeichen geben, an dem wir erkennen mgen, da Der, welcher das
Gewand unserer Feinde trgt, wirklich vom Blute Schamyl's stammt?
    Der junge Mann zog ruhig den kleinen Dolch hervor, mit dem er das Herz des
Rubers durchbohrt, und zeigte ihn den Beiden. Auf der blaugrauen Klinge war ein
Spruch des Korans eingegraben.
    Das ist das Einzige, was mein Vater mir gab, ehe er sich von der Felsenwand
Achulgo's in den Strom warf, der ihn aus der Gewalt seiner Feinde trug.
    Die beiden Tscherkessen empfingen mit Ehrfurcht das Zeichen, besichtigten es
genau und drckten es dann an Brust und Stirn.
    Wir sehen die Chiffre des Imam, sagte der vorige Redner, und glauben Dir,
o Jngling. Djemala-Din, Sohn des unbesieglichen Frsten des Kaukasus, nimm den
Gru Muhrad Ben Hassan's und Ali's, des Ossethen.
    Sie neigten Beide knieend das Haupt vor dem jungen Mann und fhrten seine
linke Hand an Stirn und Brust.
    Nach dieser Ceremonie zog der Aeltere der Boten aus dem Futter seines Rockes
ein mit seidenem Band umwickeltes Schreiben, kte dasselbe und legte es in die
Hand des jungen Mannes.
    Der Imam, fuhr er fort, hat zu zweien seiner Tapferen gesprochen: Es ist
Zeit, da der Erstgeborene meines Saamens kehre in das Land seiner Vter und an
der Seite seiner Brder stehe in dem groen Kampfe, der sich bereitet. Geht und
bringt ihn vor mein Angesicht. - Deine Diener sind zur groen Stadt Odessa
gekommen, wo dem Imam ein treuer Mann lebt, der ber der Hoffnung der
Tschetschenzen stets ein offenes Auge gehalten. Von ihm erhielten wir Kunde, da
der Czar der Moskows Dich von seinem Antlitz gewiesen und in dieses Land der
Wlder geschickt hat. Die Mnner des Elbrus bargen sich in fremde Tracht und
wandten sich nach Kiew, wohin uns Briefe wurden an vertraute Mnner aus jenem
verachteten Volk, das bestimmt ist, Handel zu treiben ber die ganze Welt. So
kamen wir gestern heimlich nach der Stadt, in der Du lebst mit Deinen Kriegern.
Aber wir hrten, da Du sie verlassen, und sumten nicht, uns aufzumachen,
lange, ehe die Schatten der Nacht gewichen waren, um Dir nachzufolgen und keinen
Augenblick zu verlieren. Der Prophet hat es gndig gewollt, da der
Flammenschein dieses Hauses uns vom Pfade ab zur Sttte gerufen hat, wo der Sohn
des Frsten in Noth war. Wir segnen den Propheten, da er uns erlaubte,
Djemala-Din aus der Hand der Mrder zu erretten, die seiner Tapferkeit zu Viele
waren.
    Der Offizier reichte bei der Erzhlung Beiden die Hand.
    Ich danke Euch, meine Edlen, und werde dieser Stunde nimmer vergessen,
komme auch, was da wolle!
    Er nahm das Schreiben seines Vaters, lste das Band und entfaltete es.
Dasselbe war in russischer und trkischer Sprache abgefat; whrend er las,
bedeckte eine dstere Falte die mnnlich freie Stirn.
    Mein Vater schreibt mir, sagte er endlich finster, da ich seinen Boten
folgen solle, sobald ich dieses Schreiben erblickt, bei Tag und Nacht. Mein
Vater verga, da sein Wort verpfndet ist dem groen Czaren dieses Reiches.
    Der Imam hat Nichts vergessen, entgegnete der Mrdite, aber der Geist hat
ihm verkndet, da die Zeit um sei, da sein Sohn als Geiel dienen mute dem
fremden Herrn, und da er das Recht habe, ihn an seine Seite zu rufen.
    Dann mge mein Vater seinen Erstgeborenen zurckfordern von dem Czaren.
    Es ist nicht die Zeit und Gelegenheit dazu. Groe Dinge bereiten sich im
Osten und die Herrschaft der Moskowiten an den Ksten unsers gesegneten Meeres
ist ihrem Ende nahe. Dein Vater befiehlt, und es ist an Djemala-Din, zu
gehorchen.
    Wenn der Frst der Mrditen auch sein Wort gelst glaubt, sagte der junge
Mann ernst, so mge er doch bedenken, da Djemala-Din dem Czaren das seine als
Krieger verpfndet hat, und da er es nur als gelst erachten kann, wenn der
Czar selbst ihn seines Schwures entlt. Ich wiederhole es, mein Vater mge mich
von seinem Feinde zurckfordern, wie er mich ihm als Geiel gegeben, und
Djemala-Din wird dem Willen seines Erzeugers freudig gehorchen. Er kann nicht,
wie ein Dieb in der Nacht, sich aus diesem Reiche stehlen, oder wie ein feiger
Verrther seinen Posten verlassen.
    Ali sprang vom Boden empor:
    Beim Barte Schamyl's! rief er wild, Du wirst uns folgen zur Stelle, wie
uns der Imam befohlen. Hier ist Gold, hier ist ein Kleid fr Dich, auf Dein
Haupt komme die Gefahr, wenn Du Dich weigerst!
    
    Der russische Offizier hatte sich gleichfalls erhoben und ri das blutige
Tuch des Verbandes von seinem Arm.
    Beim Blute Schamyl's, das aus diesen Adern rinnt, und das ein hherer
Schwur ist, denn der Deine! ich werde nicht gehen, bis der Kaiser, dem mein
Schwur verpfndet ist, mich selber freigegeben. Bringe dies Wahrzeichen meinem
Vater und sage ihm, sein Sohn sei bereit, alle Bande zu zerreien, die sechszehn
lange Jahre hier geknpft, und in sein Haus zurckzukehren, aber nimmer wolle er
seine Ehre opfern als flchtiger Verrther!
    Der Tschetschenze hatte zornsprhend die Hand an den Handjar im Grtel
gelegt, wie, als wolle er seine Drohung mit der Waffe durchsetzen, doch sein
Gefhrte Muhrad Ben Hassan legte die Hand aus seinen Arm.
    Halte ein, o Ali, mein Bruder, sagte er, denn der Prophet verbietet Zorn
und Streit unter den Kindern eines Volkes. Du aber, Jngling, sage uns, welcher
Eid Dich bindet?
    Ich schwor dem Kaiser der Moskowiten Treue und Gehorsam als Soldat.
    So thust Du Recht, Dich zu weigern, denn der Koran sagt, das ein freier Eid
ein heilig' Ding sein msse dem Glubigen, auch gegen den Feind. Der Imam wute
nicht, da Du schon der Fahne des schwarzen Czaren geschworen. Er wird traurig
sein, da sein Auge den Sohn nicht sieht, aber er wird ein Mittel finden, ihn
aus der Knechtschaft zu lsen. Lebe wohl, Sohn unsers Frstenstammes, - denn
mein Ohr vernimmt das Nahen fremder Mnner und Rosse, und man soll uns nicht in
Deiner Nhe finden. Mge der Prophet Dich schtzen, bis wir uns wiedersehen in
den Schluchten des Elbrus.
    Er legte die Hand an Haupt und Brust im morgenlndischen Gru und barg das
blutige Tuch in seinem Gewande. Dann verlie er mit Ali den jungen Mann und
setzte sich entfernt neben den Jger.
    Sein scharfes Gehr hatte den Bergbewohner nicht getuscht, ehe eine
Viertelstunde verging, nahten Menschen und Gefhr von der Seite her, wohin der
Schlitten des Juden den Grafen und seine schne Nichte gefhrt hatte. Sie waren
auf dem Wege bereits Leuten vom Schlosse begegnet, die der Frst auf den Schein
des Brandes ausgeschickt hatte. Der Graf sandte mit ihnen den Schlitten des
Juden zurck und hatte in einem solchen vom Schlosse die Fahrt dahin
fortgesetzt.
    Djemala-Din verweilte so lange auf der Brandsttte, bis die verkleideten
Tschetschenzen mit dem Juden ihren Rckweg angetreten hatten und seinen Blicken
entschwunden waren. Nicht sein Herz begleitete sie zur fernen Heimath - es flog
den nchsten Stunden entgegen, nach einer anderen Seite hin. Mit dem wackeren
Jger sprengte er gleich darauf, den Schmerz der Wunde nicht achtend, auf den
vom Schlo gekommenen Pferden dahin, den Reitern und ihren Gefhrten
berlassend, die Gefangenen nachzubringen.

    Das heilige Weihnachtsfest war vorber - die Gste hatten das Schlo des
Frsten verlassen, nur Graf Lubomirski mit seiner Nichte war bei dem alten
Freunde, und Lieutenant Djemala-Din bei dem gastfreien Schloherrn gezwungen
zurckgeblieben, da sein Wunde durch die Klte des Wintermorgens und den
scharfen Ritt verschlimmert worden, so da ein heftiges Wundfieber eingetreten
war und er mehrere Tage daniedergelegen hatte.
    Das alterthmliche Schlo des Frsten, noch zur Zeit August's des Starken
erbaut, lag mitten im Walde, entfernt fast von der Civilisation und dem Verkehr
der Welt; nur ein Mal verlie es alljhrlich der Eigenthmer, um in Warschau
oder Moskau einige Wochen zuzubringen. Er beobachtete streng diese Besuche, um
sich dort den Gewalthabern zu zeigen und so jeden Verdacht gegen sich zu
entfernen, da er, als einer der Fhrer des Aufstandes von 1831, nur durch die
Gnade des Kaisers Amnestie und die Erlaubni erhalten hatte, auf seinen Gtern
in Volhynien zu leben. Aus diesem Grunde und mit der dem hohen polnischen Adel
eigenen unbeschrnkten Gastfreiheit, selbst gegen den Unwillkommenen, ja, den
Gegner, unterhielt er auch fortlaufenden Verkehr mit den Offizieren der nchsten
Garnisonstdte, die bei jeder Gelegenheit heitere Gste auf dem frstlichen
Schlosse waren.
    Die kleine Gesellschaft war in der alterthmlichen, ziemlich groen
Speisehalle im Parterre des Schlosses versammelt. Die dunkle eichene Tfelung
der Wnde, die Stuckatur an der Decke, die Waffen und Jagdtrophen an den vier
Wnden und die beiden groen stubenartigen Kamine an den Enden der Halle gaben
ihr ein ehrwrdiges alterthmliches Ansehen. Unter den Waffengruppen befanden
sich selbst mehrere slavische Rstungen frherer Jahrhunderte, als die Zeit der
Erbauung datirte, und eine Menge Trophen und trkischer Waffen aus der
Heldenschlacht Sobieski's vor dem erretteten Wien.
    Eine groe eichene Tafel in der Mitte der Halle lief fast die Hlfte
derselben entlang. Sie war jedoch jetzt, der Abend dmmerte bereits, noch
unbenutzt, und von den Anstalten fr die Abendmahlzeit noch Nichts zu bemerken.
In den beiden Kaminen dagegen flammte und brannte es lustig von mchtigen
Eichenkloben, eine angenehme behagliche Wrme durch den weiten Raum verbreitend.
Von Zeit zu Zeit hob einer der Diener, die am Eingang der Halle sich aufhielten,
den groen, den Zugang verschlieenden trkischen Teppich, schlich mit leisem
katzenhnlichem Tritt durch das Gemach und schrte das Feuer, oder verrichtete
irgend eine andere Hilfsleistung. Das Gesprch in den beiden Gruppen, die den
Saal belebten, wurde franzsisch gefhrt, und sein Gang daher nicht durch das
Kommen der Diener unterbrochen.
    Am Kamin zunchst des Einganges saen der Graf und sein Wirth, Letzterer ein
hoher Fnfziger mit weiem Haar und klugem aufgewecktem Gesicht. Beide waren im
Schachspiel begriffen, whrend dessen sie sich in langen Pausen unterhielten.
    Sie haben mir selbst zugestanden, lieber Graf, sagte der Frst, da in
dem Augenblick der Gefahr, als Sie mit dem Schurken Boris kmpften, nach dem ich
vergeblich habe fahnden lassen, die Verwnschung des Soldaten gegen Sie, seinen
alten Fhrer von Grochow und Ostrolenka her, Sie berrascht, ja, fast gelhmt
hat. Doch ich wiederhole es Ihnen, dies war nicht die Stimme eines einzelnen
Mannes, es ist leider die Stimme des Volkes! Ich habe vielfach Gelegenheit
gehabt, sie zu prfen und hauptschlich durch die Resultate, die ich da fand,
bin ich zu anderen Ansichten in der Politik bekehrt worden. Die Revolution von
1831 hat dem Volk selbst wie dem Adel nur verderbliche Folgen gebracht. Der
gemeine Mann, dem eine einfache, aber scharfe Auffassung selbst auf seiner
niedrigen Kulturstufe nicht abzustreiten ist, meint, er habe sein Blut nur fr
den Ehrgeiz des Adels vergossen, im besten Fall Nichts zu hoffen gehabt und sei
jetzt schlimmer daran denn zuvor. Er giebt - und Sie wissen selbst, nicht mit
Unrecht - dem Adel die Schuld, da wir unterlagen und ist, grade heraus, der
ewigen Aufreizungen mde, die es hindern, an sein materielles Wohl zu denken.
Dem Volk, lieber Freund, ist es ziemlich gleich, ob der Czar sein Herr heit,
namentlich wen es in dem einen Herrn einen Schutz gegen die Vorrechte der vielen
findet. Wir sehen das schlagende Beispiel an den Kronbauern in Ruland. Die
Leute revoltirten dort und lieen sich todtschlagen, weil der Kaiser sie nicht
kaufen wollte oder konnte. Das wahre Element zur Fanatisirung der Massen war
nicht das Nationalgefhl, die russische Tyrannei, die kein Jota harter war, als
sie's frher hatten, sondern die Religion, die Kirche. Wo diese Hand in Hand mit
der politischen Propaganda ging, waren groe Erregungen und Erfolge gesichert.
    Und ist der katholische Glaube weniger gefhrdet in der, Gegenwart, droht
die orthodoxe Kirche weniger mchtig wie vor zwanzig Jahren? Sind nicht vielmehr
grade ihre Uebergriffe und Forderungen ein Fundament dieses Krieges, welcher
bestimmt ist, Europa eine andere Gestalt zu geben?
    Lubienski lchelte bedchtig.
    Ich wei wirklich nicht, Graf, ob ich annehmen soll, da ein Mann wie Sie,
der tief in das Rderwerk des politischen Getriebes und der socialen
Entwickelung geschaut zu haben scheint, fr einen der Hauptfactoren blind
gewesen sein sollte?
    Wie meinen Sie das, Frst?
    Ich meine, da seit zwanzig Jahren sich ein wesentliches Element der
Volkserregung gendert hat, der Glauben an das Heilige. Unsere Revolutionaire
seit 1789 haben ihr eifrigstes Bemhen darauf gerichtet gehalten, die religise
Glubigkeit und Ehrfurcht im Volke mit Fen zu treten und zu vernichten. Der
Liberalismus hat geglaubt, zu seinem Halt zunchst die Geister von den Fesseln
der Religion befreien, seine sogenannte Aufklrung in die Herzen der Jugend
pflanzen zu mssen. Was ist seit 1830 von den Propaganden in Paris und London
anders geschehen, als schonungslose Maltraitirung der religisen Gefhle der
Vlker? Die heranwachsende Generation lohnt dies Bestreben. Mit der Religiositt
des Volkes schwindet unbedingt auch das Nationalgefhl. In Spanien, wo man die
Kirche ihrer Gter und Wrden beraubt hat, wird kein Heldenkampf mehr
stattfinden wie 1809, als die Priester das Kreuz in der Hand dem Volke voran
gingen. Was macht die Unzahl der Rebellionen in Frankreich, die Nichts geschafft
haben, als augenblickliche Gewalt, - als nur die erlangte Unfhigkeit einer
gewaltigen hheren Idee? Woran scheiterten die Bewegungen von 48 in Polen,
Ungarn, Deutschland, Italien? - Doch nur daran, da es an einer erhebenden Idee
fehlte, welche gemeinsam die Masse belebte. Alle Ihre Revolutionen und
Revolutinchen sind im Grunde nur tausend einzelne Intriguenspiele und Kmpfe
der einzelnen individuellen Interessen geworden. Die Fhigkeit zur Revolution
haben unsere Revolutionaire selbst erstickt.
    Sie haben nicht ganz Unrecht, Frst, entgegnete nachdenkend der Graf,
aber wie wollen Sie diese Theorie auf ein Volk wie das unsere anwenden, dessen
Masse die geistige Selbststndigkeit fehlt?
    Um so mehr, lieber Graf. Glauben Sie wirklich, da die Herabwrdigung der
Kirche in Rom, die Vertreibung es Papstes, die sterreichische und franzsische
Occupation des Kirchenstaates so spurlos an der Masse des Volkes, an dem
Priesterthum und selbst an den Gebildeteren vorbergegangen sind? - Ich nicht! -
Die Heiligkeit, das Ansehen unserer Kirche hat grade durch die liberalen
Revolutionen in den durch und durch katholischen Lndern berall verloren. Sie
werden schwerlich mehr die Geistlichkeit an der Spitze einer polnischen oder
franzsischen Revolution sehen! Grade durch das religise Prinzip und das streng
von Oben herab aufrecht erhaltene Ansehen der orthodoxen griechischen Kirche ist
Ruland stark, und wir werden vielleicht Gelegenheit haben, Wunder von
Aufopferungsfhigkeit der Massen diesem Kriege zu schauen, wenn das eintrifft,
was Sie mir mit solcher Bestimmtheit angekndigt haben, die Aufnahme des Krieges
gegen Ruland durch Frankreich und England.
    Die religise Apathie kann aber immer nur ein einzelner Grund sein.
    Sie haben Recht, aber ein wichtiger. Der Liberalismus hat das Volk selbst
denken gemacht. Das Denken fhrt den Zweifel herbei und ist der Tod jedes
Enthusiasmus, dessen Mutter allein das Gefhl ist. Man will jetzt einen Nutzen
sehen, theils individuell, theils im Ganzen. Man traut den Leuten nicht recht,
die sich an die Spitze stellen. Unsere Polen, grade heraus gesagt, trauen dem
polnischen Adel nicht mehr, sie haben keine Lust mehr, um unseres Ehrgeizes,
unserer Interessen willen das zu opfern, was sie sicher haben.
    Pfui, Frst, so gbe es keinen Nationalstolz, kein Volksgefhl mehr!
    Die Revolutionaire in Paris arbeiten ja grade darauf hin, dies auszurotten
in der allgemeinen Gleichmacherei. Ich gehe aber keineswegs so weit, das zu
behaupten, namentlich in unserem Falle nicht. So lange es Ha und Liebe giebt in
der Welt, so lange Sprachen und Gewohnheiten die Vlker scheiden, wird es auch
ein Nationalgefhl, einen nationellen Ehrgeiz geben. Aber er mu richtig
verstanden und geleitet werden. Seien wir aufrichtig, Freund. Sie sagen mir: in
diesem Krieg, der sich bereitet, und der nach Ihren Intentionen ein europischer
werden soll, - ist die gnstige Gelegenheit gekommen, die Selbststndigkeit
unserer Nation wieder zu erlangen. Ungarn und Italien sollen sich gleichfalls
erheben, Frankreich und England werden uns untersttzen. Aber, mein Freund,
wollen wir etwa selbststndig oder, wie Sie es nennen, frei werden, - leerer
Name, der reiche Mann ist es berall! - um uns von Intriguanten und Ehrgeizigen
unserer eigenen Klasse dominiren zu lassen? Selbst damit einverstanden, welche
Aussicht auf Erfolg haben wir? Frankreich und England machen wahrhaftig keinen
Krieg um unserer Nationalitt willen. England will einfach das in Asien und am
Bosporus fr seine eigenen Interessen immer gefhrlicher werdende Ruland
schwchen, und der Kaiser Napoleon hat eine alte Scharte und persnliche
Beleidigung auszuwetzen und auerdem durch einen solchen Krieg Gelegenheit,
seine sehr schwankende Position als Eindringling unter den Frsten Europa's zu
einer befestigten und mchtigen zu machen, so wie sich Heer und Land durch
gloire und Interesse zu sichern. Er hat denselben Ehrgeiz wie sein Oheim, nur
ist er schlauer und versteht seine Zeit. An eine Untersttzung Polens und
Ungarns um ihrer selbst willen, denkt keine der beiden Mchte. Man wird uns
wieder als Soldaten brauchen, als Legionaire, ja als Rebellen, aber man
bekmmert sich um unser Geschick grade so wenig, wie das Recht des Sultans in
Wahrheit die Ursache des Krieges ist. Sie versprechen einen europischen Krieg,
- ich zweifle daran. Er wird einfach ein Turnier einiger Herausforderer sein, -
die in ihrem Interesse nicht gefhrdeten Staaten werben sich frei halten und
dafr sorgen, da das freilich vielleicht etwas blutige Turnier nicht zu sehr
berhand nimmt, sondern in den soliden Grnzen einiger Abzapfung bleibt. - Ich
wiederhole Ihnen meine aufrichtige Meinung, jede revolutionaire Schilderhebung
Polens gegen Ruland bei diesem Kriege wrde zwecklos, nutzlos und ein Unglck
fr unser Vaterland sein!
    Ich finde Sie so verndert und umgewandelt in all Ihren Gefhlen und
Ansichten, sagte der Graf finster, da ich kaum wage, fortzufahren. Sie, einer
der khnsten und bewhrtesten Fhrer der polnischen Armee, der hundert Mal sein
Leben im Freiheitskampfe wagte, - Sie geben Polen, unser Polen auf?
    Der Frst sah ihn gro an.
    Wer sagt Ihnen das, Kamerad? was giebt Ihnen das Recht zu zweifeln, da ein
Lubienski sein Vaterland geringer liebe, wie Sie? Mein Weg, mein Hoffen und
Wnschen sind nur andere geworden, wie die Ihren. Nicht in Rulands Fall,
sondern in Rulands Sieg sehe ich die Hoffnung unseres Volkes. Wer ein echter
Pole ist, sollte nicht mit den Franzosen, den Englndern und Deutschen gegen den
Czaren fechten, sondern mit ihm; - so allein gelingt zuletzt die Grndung eines
groen sarmatischen Reiches, eines Walles und Sieges gegen das Germanenthum, das
uns gefhrlicher und verhater ist, als das stammverwandte Ruland.
    Der Graf ihm gegenber athmete tief auf bei dieser Erklrung, es war, als
sei ihm eine Bergeslast vom Herzen gefallen.
    Das also ist Ihre Meinung, Frst? sagte er nachdenklich und reichte dem
alten Freunde die Hand. Mir war in der That ganz Angst um Ihr polnisches Herz
geworden bei den Sophismen, mit denen Sie die Revolution bekmpften. Zwar,
Aufrichtigkeit gegen Aufrichtigkeit, ist unser Ziel und Zweck nicht derselbe;
denn ich arbeite und wirke fr die Befreiung aller Vlker vom Joche der
Bevorrechteten, und die Erhebung unsers Vaterlandes ist mir nur ein Glied in
dieser Kette. Sie aber wollen seine Erhebung als einziges Ziel und durch die
Benutzung der Macht, die es unterdrckt. Ich mte kein Sohn Polens sein, wenn
ich nicht auch auf Ihrem Wege ihm den Sieg wnschte. - Schach Ihrem Knig! - er
that einen raschen Zug in dem vernachlssigten Spiel.
    Der Frst lachte.
    Ich nehme dafr Ihren Springer und stelle die Ordnung wieder her. Halten
Sie sich an das Reelle, auch im Plnemachen, lieber Graf, prfen Sie das
Erreichbare und die Mittel dazu. Ohne Winkelzug, die Propaganda in Paris, oder
wer sonst Ihnen die Mission an einen alten Freund gegeben, hat sich getuscht.
Ich sehe in einer selbststndigen neuen Schilderhebung Polens kein Glck, wrde
mich unter keinen Umstnden ihr anschlieen und ihr sogar entgegentreten. Die
Ansichten meiner jngern Jahre haben zwanzig Jahre vollstndig umgewandelt. Uns
fehlen alle Aussichten auf Erfolg, ja selbst die Mnner; denn dem Prahler
Miroslawski werden Sie doch wohl keine Rolle zugedacht haben. Unsere alten
Freunde aber sind todt und zerstreut. Bem's Grab ist zur Schmach unserer Nation
auf dem trkischen Friedhofe zu Kutahija6 mit dein Turban geschmckt, Graf Pac
ruht wenigstens auf christlichem Kirchhof zu Smyrna. Wo die Nordstrme sich am
rothen Felsen von Helgoland brechen, schlft unser Freund Pradzynski; Chlopicki,
der uns in's Unglck gebracht, hat das Ende seines Ehrgeizes in der Gruft eines
Freundes bei Kralau gefunden. Szembeck und Chlapowski sind getreue preuische
Unterthanen und grnden Familienfideikommisse, Krasinski macht's wie ich,
Skrzynecki trauert in Brssel, Chrzanowski, Dembinski, Rybinski und Dwernicki
lieen Sie als gebrochene Greise in Paris - wen wollen Sie noch? Gechtet und
zerstreut ber die Erde hat uns die Revolution - ich will mein Haupt wenigstens
im Vaterlande zur Ruhe legen. Ich habe mich mit der Gewalt vershnt und
wiederhole Ihnen, nur in ihr blht die Hoffnung unsers Vaterlandes.
    Und Ihr Sohn?
    Er ist Offizier in des Kaisers Garde mit meiner Bewilligung und denkt wie
ich.
    Der alte Propagandist erhob sich finster, doch sein Wirth zog ihn freundlich
wieder auf den Sessel zurck.
    Ich habe absichtlich vermieden, mit Ihren Plnen nher bekannt zu werden.
Sind wir auch verschiedener Ansicht geworden, so ndert das doch Nichts an der
Freundschaft der alten Schlachtgefhrten. Bedenken Sie, da Ihr einziges Kind
sich gleichfalls einem Russen verband, Ihr Enkel russische Erziehung genossen
hat. Machen Sie den Frieden, den Sie scheinbar mit der Regierung geschlossen, zu
einem wirklichen, und wenden Sie die groen Mittel und Quellen, die Ihnen zu
Gebote zu stehen scheinen, dazu an, mit Rulands Hilfe in diesem Kriege ein
neues Slavenreich erstehen zu lassen, das von der Donau bis zur Ostsee reicht.
    Der Graf hatte das Haupt sinnend in die Hand gesttzt.
    Der Gedanke ist uns nicht neu und, wie ich hier die Verhltnisse finde,
ber die unsere Agenten uns vielfach getuscht, - Adel und Volk gegen eine
Revolution! wohl einer ernsten Ueberlegung werth. - Vielleicht, Frst, da
unsere Wege dennoch zusammentreffen! - Lassen Sie uns weiter spielen. - - -
    - - -
    Am andern Ende der Halle, so entfernt, um nicht zu stren und nicht gestrt
zu werden, wurde eine Propaganda in, verfhrerischerer Form betrieben, als unter
den beiden alten Herren. Grfin Wanda sa dort, mit einer weiblichen Arbeit
beschftigt, am Ruhebett, auf dem der junge Offizier, Schamyl's Sohn, noch
bleich und angegriffen, den Arm in der Binde, lehnte, aus einem Buch der Dame
vorlesend.
    Grfin Wanda hatte sich von der berstandenen Angst und Gefahr rasch erholt,
der elastische schwungreiche Geist, der den Polinnen inne wohnt, hatte sie
leicht darber hingetragen. Ein Eindruck jedoch schien strkere Wurzel in ihrem
Gemth, ja, selbst in ihrem Herzen gefat zu haben: die Theilnahme fr ihren
Retter vor dem Beil des Mrders, und das romaneske seltsame Schicksal, des
jungen Mannes diente nur dazu, den Werth der ritterlichen That noch zu erhhen.
Whrend ein deutsches Mdchen die Gefhle des regen Interesses und der
Theilnahme in der unbewuten Verschmtheit werdender Liebe schchtern und
zurckhaltend gemacht htten, lag ein solches Gebahren dem Wesen der Polin fern.
Ohne Ziererei und Zurckhaltung, aber eben so entfernt von Unweiblichkeit und
Unzartheit gab sie sich frei und ungezwungen ihren Empfindungen hin und zeigte
ganz offen den Vorzug, den sie dem jungen Mann vor seinen Gefhrten gab. Sobald
er das Krankenlager wieder verlassen hatte und im Gesellschaftssaal erschienen
war, hielt sie sich unbefangen in seiner Nhe, und zeigte ihm durch alle jene
zarten Aufmerksamkeiten ihren Dank, durch die ein weibliches Wesen so wohl des
Herzens Empfinden auszudrcken versteht.
    Die junge Grfin war der volle Typus der eigenthmlichen polnischen
Frauenschnheit. Von kaum die Mittelgroe erreichender Gestalt war ihr
Gliederbau voll und zierlich gerundet. Das Gesicht zwischen den schwarzen Locken
zeigte ein lngliches Oval en face wie im Profil, und jene volle Bildung von
Nase und Mund, jene matte seidenartige Farbe, die den polnischen Damen so
eigenthmlich ist. Die sarmatischen braunen und beweglichen Augen, deren Farbe
mit der Seelenregung ein lichteres und tieferes Dunkel anzunehmen scheint,
belebten dies Gesicht. Die kleine Hand und der zierliche Fu sind
Nationalschnheiten der Polinnen.
    Sie sind ermdet, Herr Lieutenant, sagte die Grfin, - brechen Sie ab und
fahren Sie morgen in der Lectre fort. Lassen Sie uns plaudern und erzhlen Sie
mir von Ihrer Heimath.
    Was knnen die Erinnerungen eines Knaben von einem wilden, traurigen, den
Lande, die ihm ohnehin nur dunkel vorschweben, Grfin Zerbona interessiren?
    Liegt nicht in dem Charakter und Kampf unserer beiden Vlker eine gewisse
Aehnlichkeit? Haben sie nicht einen gemeinsamen Feind, gegen den sie fr ihre
Freiheit kmpfen? Sind die Shne beider Lnder nicht geborene Krieger - hngen
sie nicht mit jeder Fiber ihrer Seele und ihrer Hoffnungen an der Heimath, fr
die sie so oft ihr Herzblut vergossen haben?
    Das aufsteigende dunkle Blut frbte die Stirn des jungen Offiziers, die
Grfin bemerkte zu spt, da sie ihn verletzt, und legte ihre Hand freundlich
auf die seine.
    Wir Beide, Herr Djemala-Din, sagte sie, drfen uns nicht miverstehen.
Sie haben nicht selbst ihren Weg gewhlt, und wenn Sie auch gewi gleiche Liebe
zu dem Lande, das Sie geboren, hegen, wie ich zu dem meinen, mu es Ihnen doch
ferner stehen, da sich nur wenige Erinnerungen daran knpfen, da Sie sein Leiden
und Kmpfen nicht selbst geschaut. Mein Volk ist ein gebeugtes, besiegtes, ach -
bei aller Begeisterung im Herzen fhle ich es tief! - unwiederbringlich
gebrochenes - das Ihre ein unbezwungenes freies, im Heldenkampf begriffen, um
die theuersten Gter und siegreich unter der tapferen Hand Ihres Vaters! Sie
brauchen nicht seine Freiheit zu wnschen und zu beweinen, denn es hat sie nie
verloren!
    Der junge Mann lchelte trbe.
    Wissen Sie auch, Grfin, was die Freiheit in einem Lande, wie das meine
ist? wissen Sie auch, was Freiheit im Orient bedeutet?
    Sie sah ihn gro an.
    Frei ist das Volk, das nicht das schimpfliche Joch eines anderen trgt, das
nur dem selbst gewhlten Fhrer gehorcht. Frei ist das Volk, wo Jeder sein Recht
hat, wo das Recht eines Jeden geehrt und nicht von Fremden mit Fen getreten
wird; wo Sprache, Gewohnheit und Glaube Eigenthum des Volkes sind; wo die
Einrichtungen seiner Vter ihm ungekrnkt geblieben; wo der Bewohner nicht der
Sclave des Unterdrckers ist, sondern wo er sein Blut und seinen Schwei fr den
eigenen Heerd vergiet!
    Wissen Sie auch, Grfin, da wir dennoch einen fremden Oberherrn haben, -
den Sultan in Constantinopel?
    Der ist fern - nur ein Schatten!
    Aber er nennt sich unsern Herrn, - auch der Czar wohnt in Petersburg. Ich
habe wenig Erinnerungen an meine Heimath, und doch knnte ich Sie mit dem
Wenigen widerlegen. Der Mchtige, der Reiche, Grfin, herrscht berall, auf den
Hhen des Kuban, wie in den Steppen Ihres eigenen Vaterlandes, wo - wie uns die
Geschichte lehrt, - der Bauer der unterdrckte Sclave des Edelmannes war. Der
Fanatismus schwingt in meiner Heimath seine Geiel blutiger als irgendwo und
verfolgt seine Gegner. Dort giebt es Edle und Knechte, wie hier, und die Kluft
zwischen Beiden ist noch schrfer. Halten Sie das Volk fr frei, das seine
eigenen Tchter und Shne an seine sogenannten Oberherren in Stambul als Sclaven
verkauft, ihren Lsten zu dienen und ihren Befehlen zu gehorchen? Glauben Sie
wirklich trkische Despotie leichter als die Herrschaft des russischen Kaisers?
sollten wir wirklich fr die Eine kmpfen, gegen den Anderen?
    Spricht Das der Frstensohn eines freien Volkes?
    Er spricht es, Grfin - sein Vater gab ihn fort, und sechszehn lange Jahre
hat er keine Heimath gehabt, als das Haus des Kaisers, kein Eigenthum, als das
Kleid des Czaren.
    Und wenn Schamyl, Ihr Vater, Sie wieder forderte, wenn er Sie riefe zum
Kampfe an seine Seite?
    Der junge Mann sah sie finster an.
    Er that es - jene Mnner, die uns Beide gerettet, waren seine Boten!
    Und darf ich wissen, was Schamyl's Sohn dem Ruf eines freien Volkes
erwiedert hat?
    Der Offizier antwortete, was seine Pflicht war, - der Frstensohn, was
seine Ehre gebot. Herz und Seele wrden ja dennoch zurckbleiben.
    Dann ist mir eine groe Freude versagt, lchelte Wanda, ich trumte mir
's so schn, Sie auf jenen Felsenhhen mir gegenber zu wissen, wie der Adler
horstend und herabstoend auf silberumpanzertem Ro. Wie stolz wre ich gewesen,
Ihren Namen tglich zu hren, als den gefrchtetsten Helden des Gebirges.
    Sie, Grfin - wie meinen Sie Das?
    Ei, nun, da ich vergeblich harren werde, da Djemala-Din, der khne Fhrer
der Mrditen, in einer wolken-umdsterten Nacht hervorbricht ber den Kuban nach
unserm armen Schlo und Wanda davonfhrt aus der Gewalt der schmuzigen Kosaken.
    Sie spotten meiner, Grfin!
    Wie, wissen Sie wirklich nicht, da ich nach dem Kaukasus gehe? Sie knnen
mir Empfehlungsbriefe geben an Ihre Vettern und Onkels, da Sie mich doch einmal
nicht selbst beschtzen wollen.
    Grfin Wanda nach dem Kaukasus? Ich beschwre Sie, enden Sie den Scherz!
    Ich scherze nicht und glaubte, mein Oheim htte Sie davon unterrichtet.
Eine so gute Polin, wie ich bin, besitze ich doch noch eine ltere
Stiefschwester, die es nicht ist. Sie ist die Gattin des Obersten, Frsten
Tscheftsawadse, und wohnt mit ihm im russischen Grnzgebiet am Kuban, wo er
kommandirt. Ich bin auf dem Wege dahin, da meine bisherigen Verhltnisse sich
gendert; - mein Oheim begleitet mich bis Odessa, von wo mein Schwager mich
abholen lt. Begreifen Sie nun, da ich hoffte, von Ihnen dort zu hren?
    Der junge Tschetschenze war bleich wie der Tod geworden, - seine gesunde
Hand zuckte krampfhaft nach dem Herzen - sein groes dunkles Auge rollte wie irr
ber das Mdchen, whrend er sich auf dem Sopha emporgerichtet hatte.
    Sie nach dem Kaukasus - und ich hier? - Groer Gott, ich glaubte, Sie
kehrten nach Warschau zurck!
    Was ist Ihnen, mein Freund? - fassen Sie sich - man wird auf uns achten.
    Er blickte wild um sich.
    Was kmmert mich Ihr Oheim - was der Frst! Ich Thor, der ich war - fort,
ihnen nach, da sie meinem Vater sagen: sein Sohn ist bereit! - Und meine Ehre -
mein Eid - -
    Sie sind auer sich - was kmmert Sie ein elternloses Mdchen, das in Ihrer
fernen Heimath, die Sie nicht mehr lieben, eine Zufluchtssttte finden soll?
    Ich, Djemala-Din, mein Vaterland nicht lieben, wo Sie sind, - ich Sie nicht
wiedersehen - Sie, Wanda? er prete krampfhaft die Hnde in einander und gegen
die Brust, da der Verband des Armes sich lste und ein purpurner Strom
herausscho - beim Blute Schamyl's weigerte ich meinem Vater den Gehorsam! Beim
Blute Schamyl's! Wanda, am Elbrus sehen wir uns wieder! und ohnmchtig sank er
zurck auf das Ruhebett. - -

                                    Funoten


1 Benennung der niederen polnischen Schnken.

2 Polnisch: Der Teufel mag Dich holen!

3 Hundssohn.

4 Mgen die Teufel Deine Mutter qulen! - ein gebruchlicher polnischer Fluch.

5 Mge der Teufel Dich holen!

6 Stadt in Kleinasien, 15 Meilen von Brussa. Bem trat bekanntlich in Widdin zum
Islam ber; sein treuer Begleiter und Diener, der Artillerie-Sergeant Janek, der
Wchter seines Grabes, erzhlt den Reisenden, da er als guter Katholik
gestorben.


                                  Der Aufruhr.

Whrend der Schlachtendonner bereits an der Donau und an den Ksten Klein-Asiens
tobte, trieb die europische Diplomatie noch immer ihr listiges Spiel, gleich
als glte es, nicht nur die Vlker, sondern sich selbst zu tuschen. Jeder
Einsichtsvolle in ganz Europa fhlte und wute, da der Krieg zwischen den
Westmchten und Ruland unvermeidlich sei, da er das Ziel aller Einmischung und
aller Intriguen, der Zweck aller Vorbereitungen war, und dennoch flogen tglich
die Couriere nach allen Richtungen, dennoch wurde Project auf Project, Vorschlag
auf Vorschlag gehuft fr Ausgleichung und Frieden, und die Hfe von Berlin und
Wien schwelgten in Vermittelungen.
    Zwei Mnner allein in Europa wuten, was sie wollten: der Kaiser Louis
Napoleon in Paris und Lord Palmerston in London; denn auch dem Giganten des
Nordens, dem Czaren Nicolaus, begannen die Ereignisse ber das hochgetragene
Haupt zu wachsen, sein Glck, sein Stolz und seine Diplomatie hatten ihn
getuscht. Nur das Vertrauen auf sich selbst und sein Volk und der ungebeugte
Muth wankten nicht.
    Wir haben den Gang der politischen Verhandlungen am Schlusse unsers ersten
Bandes bis zum Ende des Monats October gefhrt, und nehmen sie dort zu kurzem
Ueberblick wieder auf.
    Noch immer tagte die wiener Conferenz. - Die englische Regierung hatte am 1.
und 2. November das sterreichische und preuische Cabinet aufgefordert, da
unter Beseitigung der andern Vorschlge die Gromchte sich ber einen von Lord
Stratford am 21. October mit den andern Gesandten in Constantinopel
aufgestellten und abgesandten Notenentwurf vereinigen mchten, da man annehmen
knne, da dieser der Pforte annehmbar erscheinen werde. In der Conferenz der
vier Gesandten in Wien am 3. wurde dieser Entwurf vorgelegt, der
sterreichische, preuische und franzsische Bevollmchtigte erklrten jedoch
diese Vorschlge bei der vernderten Sachlage nicht mehr fr geeignet und
Ruland hielt nach der Kriegserklrung und Erffnung der Feindseligkeiten zur
Beendigung des Streits einen feierlichen Friedensvertrag fr nthig.
    Dagegen lehnte die franzsische Regierung einen vom Grafen Buol am 25.
October gemachten Vorschlag ab, welcher eine Verstndigung zwischen Ruland und
der Pforte ber Wien intendirte.
    Graf Buol schlug nun unterm 6. vor, da die Conferenz eine Note entwerfen
mge auf Grund der olmtzer Verhandlungen. Diese Note wrde die Pforte
auffordern, zu verhandeln und selbst anzugeben, unter welchen Formen und
Bedingungen. Zugleich msse Waffenstillstand verlangt werden. Die englische und
franzsische Regierung ertheilten auch bis zum 11. November ihre Genehmigung zur
Abfassung einer solchen Note. Ehe es aber zu derselben kam, hatte das
sterreichische Cabinet die auf ein frheres Project (vom 6. October) von
Ruland gemachten, von den Westmchten aber nicht genehmigten Gegenvorschlge an
seinen Gesandten nach Constantinopel gesandt, mit der Instruction, sie bei der
Pforte zu untersttzen.
    Unterde that der englische Gesandte das Gleiche mit einem ihm unterm 24.
October bersandten Plan seines Cabinets, dem auch Frankreich zugestimmt hatte.
Reschid Pascha erklrte, da er vor zwei Monaten noch annehmbar gewesen, jetzt
aber nicht mehr.
    Man sieht hieraus, da nicht weniger als vier Ausgleichungsprojecte in
demselben Augenblick sich kreuzten:

        Die russischen Vorschlge vom 17. October von Oesterreich in
        Constantinopel abgesondert untersttzt;
        der Vorschlag des sterreichischen Cabinets vom 6. November;
        der ltere von Lord Stratford (unterm 28. September und - 1. October)
        vorgeschlagene, von den Westmchten unter'm 24. October genehmigte Plan;
        der neue Entwurf von Lord Stratford bei der miglckten Verschiebung der
        Feindseligkeiten unterm 21. October von Constantinopel aus gemacht.

    Sie alle ergingen sich hauptschlich ber die Art und Form der Ausgleichung
und schadeten natrlich einer dem andern, wie viele Kche immer den Brei
verderben.
    Unterde waren die Flotten in den Bosporus eingelaufen und die Schlachten
bei Oltenitza und Gmri geschlagen und ungnstig fr die Trken ausgefallen.
    Frankreich stimmte mglichst Allem und Keinem zu und wartete ruhig des
Augenblicks. An Stelle des franzsischen Gesandten in Constantinopel, de Lacour,
war General Graf Baraguay d'Hilliers seit dem 12. November gekommen.
    Die englische Regierung trat nunmehr mit einem fnften Project vom 16.
November auf, dem die andern Gromchte beistimmten. Die wiener Conferenz
adoptirte dasselbe und die Gesandten in Constantinopel legten die neue Erfindung
vor, welche die wichtige Mittheilung machte: da der Bestand der Trkei
innerhalb der ihr von den Vertrgen bezeichneten Grnzen eine der nothwendigsten
Bedingungen des europischen Gleichgewichts sei! Reschid-Pascha - in Angst
gesetzt durch den Schrecken von Sinope - hatte nichts Eiligeres zu thun, als
unter der Hand seine Zustimmung zu geben.
    Aber gerade das Unglck von Sinope war der Wendepunkt, auf welchen man
lauerte, um in den Augen Europa's mit einigem Anstand und Gewissen den thtigen
Protector der Trkei spielen zu knnen. Gleich am Tage nach dem Eintreffen der
Schreckenskunde - whrend Haufen der griechischen Bevlkerung durch die Straen
von Pera und Galata ras'ten mit dem Rufe: Es lebe unser Kaiser Nicolaus! - am
3., sandten die Vertreter Englands und Frankreichs zwei Schiffe des vereinigten
Geschwaders, die Retribution und den Mogador nach Sinope ab, um weitere
Kunde zu bringen. Sie kehrten mit der Nachricht der vlligen Niederlage und etwa
150 Verwundeten - dem Rest von fast 5000 Mann, zurck. Das trkische Ministerium
hatte bereits am 4. die Gesandten ersucht, die alliirte Flotte in's Schwarze
Meer einlaufen zu lassen. Whrend dieselben auf der einen Seite sich dazu bereit
erklrten, sprachen sie auf der andern wieder ihre Ansicht dahin aus, da die
Trkei das Unglck durch ihr Vorgehen selbst verschuldet habe. Man wute ja noch
nicht, wie man in Paris die Sache aufnehmen werde! Hier aber glaubte man die
Zeit gekommen und eine energische Aufforderung an die englische Regierung (v.
15.) verlangte, da die Admirale dem Kommandanten von Sebastopol erklren
sollten, da jedes russische Kriegsfahrzeug durch die Flotten nach den
russischen Hfen zurckzufahren genthigt, und jeder Angriff auf trkisches
Gebiet oder Truppen mit Gewalt zurckgewiesen werden wrde. Wir werden spter
sehen, welche wichtige Klausel sich das Cabinet der Tuillerieen dabei bewahrte.
    Unterde, da die Beschlsse von Paris und London in Constantinopel noch
nicht bekannt sein konnten, hatten die Gesandten dort nicht umhin gekonnt, auf
Oesterreichs und Preuens Drngen die Verhandlungen ber den letzten
Vermittelungsvorschlag fortzusetzen, und der groe Rath der Pforte beschlo ganz
unerwarteter Weise, da auf Grundlage der von den Gesandten proponirten
Bedingungen die Friedensunterhandlungen erffnet werden sollten. Dies geschah,
wie wir spter sehen werden, am 18. und 19.
    Werfen wir, ehe wir weiter gehen, noch einen kurzen Blick auf die
augenblickliche Stellung auf dem Kriegsschauplatze an der Donau.
    Whrend der Czar die allgemeine Mobilmachung der Armee befohlen, war die
Trkei bereits zur Aushebung des zweiten Aufgebots in Rumelien genthigt. Der
Sultan hatte erklrt, im Frhjahr selbst in's Feld ziehen zu wollen, und es
wurden Anstalten fr ein groes Lager bei Adrianopel getroffen. Aus Egypten und
Syrien, aus Albanien und Bosnien strmten fortwhrend Zuzge irregulrer
Truppen, die sogenannten Baschi-Bozuks, herbei und bildeten in babylonischer
Verwirrung Elemente der trkischen Armee, die kaum durch die eifrigsten
Bemhungen der unteren Fhrer, fast smtlich polnische, ungarische und andere
Renegaten und Flchtlinge, zu einiger Ordnung und Verwendung gebracht werden
konnten. Von Disciplin war natrlich fast gar nicht die Rede und man sah sich
genthigt, die regulairen Truppen mglichst von diesen Freischaaren zu sondern.
    Um die Mitte des December begann sich das Corps des General Dannenberg der
kleinen Walachei zu nhern, und es zeigte sich deutlich, da ein Angriff aus
Kalafat beabsichtigt war.
    Von Bukarest waren zwei Scharfschtzen-Bataillone und die Brcken-Equipagen
gegen Braila abgegangen, um die dort zwischen beiden Ufern befindlichen
Donauinseln zu besetzen.
    Gegen Matschin hatte am 13. ein verunglckter Angriff der Russen mit
Kanonenbten unter General Lders stattgefunden. Desgleichen waren zwischen dem
15., 16. und 17. auch bei, Silistria bereits wiederholt kleine Vorpostengefechte
vorgekommen, indem das russische Feuer die trkischen Transportschiffe an der
Truppenbefrderung nach den Hfen verhinderte. Die Kosakenpikets setzten
wiederholt ber die Donau und streiften bis in die Nhe der Festung.
    Die Stellung der beiden Armeen an der Donau war demnach gegen Ende December
folgende:
    Das Hauptquartier des trkischen Generalissimus befand sich in Rustschuck,
das fleiig verschanzt wurde. Hier concentrirte sich das Centrum des Heeres. Die
Festung selbst, unter Befehl von Said-Pascha, hatte 3400 Mann Besatzung. An
ihrer Sdseite, noch im Bereich der Kanonen, befand sich ein befestigtes Lager
mit 5000 Mann Nizam unter Mahmud-Pascha und 2000 Mann Redifs. Unmittelbar an
diesem Lager campirten 4000 Arnauten unter Selim-Pascha, die Kavallerie auf der
Strae von Rustschuck nach Hesargrad, wo die 29,000 starken Reserven des
Centrums standen. - Den uersten linken Flgel bei Kalafat bildeten circa
50,000 Mann, von denen 20,000 in Kalafat selbst unter Achmet-Pascha, 10,000 auf
der Donauinsel Smurda postirt waren. Selim-Pascha1 befehligte in Widdin.
    Die Communication der Insel mit dieser Festung war lngere Zeit durch das
Treibeis behindert. Die Verbindung zwischen Rustschuk und Widdin bildeten 18,000
Mann in Lom, Rahova und Nicopolis. - Den rechten Flgel kommandirte
Halil-Pascha, von Silistria bis Matschin circa 45,000 Mann. Den Trajanswall von
der Donau bis in's Schwarze Meer vertheidigte Ismael-Pascha.
    Die Strke der Trken auf der weit ausgedehnten Donaulinie betrug somit
circa 123,000 Mann ohne die bei Schumla aufgestellten Reserven.
    Die Russische Donauarmee war zur Zeit unbedeutend schwcher, dagegen Herr
der Situation und zur Offensive bereit. Dem rechten Flgel der Trken stand
jetzt General-Lieutenant Lders in Braila mit 23,000 Mann gegenber und
bedrohete Heu Uebergang bei Matschin. Das Centrum mit 45,000 Mann stand unter
dem Oberbefehlshaber Frsten Gortschakoff, der noch immer sein Hauptquartier in
Bukarest hatte, und den linken Flgel, etwa 34,000 Mann, kommandirte jetzt mit
den Divisionen der Generale Fischbach und Dannenberg von Krajowa aus
General-Lieutenant Anrep, der Kommandant der russischen Avantgarde beim
Einrcken in die Frstenthmer. Somit betrug die russische Macht etwa 112,000
Mann. Das Einrcken des dritten Osten-Sackenschen Corps, um die Positionen in
der Moldau und der groen Walachei einzunehmen, hatte bereits begonnen.
    Diese beiderseitige Situation und Machtentwickelung war offenbar nur die
eines Vorspiels und konnte zu keiner wirklichen Entscheidung fhren. Die
russische Armee war, - wenn ihr das Meer versperrt wurde, - viel zu schwach, um
ber den Balkan gegen Constantinopel vorzudringen, denn die Erfahrungen von 1828
belehrten sie, da ein solcher Sieg zu theuer erkauft werde, und das trkische
Heer befand sich offenbar in einem Zustande, da es auf einer so ausgedehnten
Linie auch die Defensive nur durch die groe Terrainbegnstigung halten, an eine
Offensive aber nicht denken konnte. Der trkische Soldat der Neuzeit ist
trefflich zur Vertheidigung, - schlecht und unbeholfen zum Angriff.
    Wir haben bereits erwhnt, da der groe Rath der Pforte sich fr die
Vorlage der Gesandten ausgesprochen. Derselbe - der Divan oder die Staatskanzlei
(Menacybie-divaniie) steht auerhalb des Ministerraths, der Regierung und des
Reichsconseils, und umfat diejenigen obern und untern Beamten, die man Kalamice
(von der Feder) nennt. Die im Divan sitzenden Beamten zerfallen in fnf
Rangklassen, deren oberste mit dem Ferik (Divisionsgeneral) rangirt. Am Divan
nehmen auch die Exminister und Wrdentrger und die gerade in Constantinopel
anwesenden Pascha's Theil. Er entscheidet nicht, sondern theilt blos seine
Nachschlge mit. - Der Divan hatte im October die Kriegserklrung berathen,
jetzt nach dem Unglck von Sinope und den Nachrichten aus Klein-Asien war er von
Reschid-Pascha berufen, um ber die Friedensunterhandlungen seine Meinung
abzugeben.
    Als Grundlagen derselben wurde von der Note der Gesandten aufgestellt:

        1. Mglichst schnelle Rumung der Donau-Frstenthmer.
        2. Erneuerung der alten Vertrge.
        3. Neue Garantieen fr die erlassenen Firmane in Betreff der
        christlichen Bevlkerung an die Gesamtmchte.
        4. Sicherung der Arrangements ber die heiligen Orte in Jerusalem.
        5. Waffenstillstand und Ernennung eines trkischen Bevollmchtigen zur
        Unterhandlung mit Ruland unter Mitwirkung der Mchte und in einer von
        diesen zu bestimmenden neutralen Stadt.
        6. Wiederholung der Zusicherungen der Mchte bei dem Vertrage vom 13.
        Juli 1841 ber die Integritt der Trkei.
        7. Versprechen der Pforte, ihre innere Verwaltung den Zeitverhltnissen
        und den Rechten ihrer Unterthanen angemessen zu ndern.

    Diese Punkte entsprachen zwar keineswegs den ursprnglichen Forderungen
Rulands, enthielten aber auch Nichts, was der Aufnahme von neuen Verhandlungen
entgegengestanden htte. Das schrfere Auge konnte darin nur die Absicht der
Diplomaten, zu laviren, erblicken. Dies Mittel galt natrlich blos den Augen der
Menge, es war ein Schauspiel, was man Anstands halber auffhrte, um die schwache
schwankende Regierung des Sultans ber die wirklichen Absichten zu tuschen. Die
Rollen in dem Drama waren bereits vertheilt und die bewegenden groen Factoren:
die revolutionaire Propaganda, die persnlichen Plne des Kaisers der Franzosen,
und die englische Eifersucht auf Ruland, reichten einander die Hnde zum
Bndni.
    Der trkische Fanatismus wurde vorlufig zum Mittel bestimmt, die geheimen
Zwecke zu verfolgen und den Sultan gefgig zu machen. Es war dringend nothwendig
geworden, zu einem solchen Eclat zu greifen.
    Der Leser hat am Schlu des ersten Bandes und in den ersten Kapiteln des
gegenwrtigen einen Einblick gethan in die Intriguen des Harems und deren
Wirkung auf den Gang der trkischen Politik. Der Sultan, von Anfang an ein
Gegner, des Krieges und eben nur durch die Einwirkungen des englischen und
franzsischen Gesandten hin und wieder zu einem entscheidenden Entschlu
gezwungen, neigte sich offenbar im Geheimen zur Verstndigung mit Ruland. Unter
seinen Vertrauten war der alte Chosrew-Pascha, dieser in seinem Mannesalter
einst so berhmte Intriguant. Um ihn schlo sich daher jetzt auch fester die
Friedenspartei.
    Reschid-Pascha, dieser Mann aller Fractionen, der franzsirte Trke und das
gefgige Werkzeug der Machthaber im entscheidenden Augenblick, zugnglich allen
Eindrcken und von keinem bestimmten Entschlu und Plan geleitet, hatte auf das
energische Drngen des sterreichischen Internuntius, Freiherrn von Bruck, nicht
vermeiden knnen, den groen Rath zu versammeln, um ber die mehrerwhnte
Vorlage der Gesandten zu verhandeln. Es war dies am 17. geschehen, und die
Kriegspartei, den Seraskier und den ltesten Schwager des Sultans, Mehemed Ali,
an der Spitze, rechnete mit Sicherheit auf einen Beschlu, hnlich dem am 26.
September, welcher sich fr die Kriegserklrung, entschied.
    Baron von Oelsner hatte jedoch seine Zeit nicht verloren.
    Die Sitzung am 18. war strmisch, und der Seraskier fand einen unerwarteten
Widerstand in Chosrew und seinem Anhang.
    Man wirst mir vor, da ich ein Russenfreund sei, rief der alte Veteran des
Kabinets und der Schlachten. Wohl, ich bin fr den Frieden. Aber wenn mein Bart
nach russischem Pulver riecht, so duftet der Eure nach franzsischen Salben!
    Der Divan ging auseinander, ohne zu einem Entschlu gekommen zu sein.
    An diesem Abend warteten die Sultana und Nausika, die Odaliske des Sultans,
die Tochter des Janos, vergebens auf das Erscheinen des Groherrn.
    Es war bereits zehn Uhr Abends, also etwa vier Uhr nach trkischer
Zeitrechnung, als vom goldnen Horn her ein groes Kaik seinen Weg nach
Tschiragan nahm und eine ziemliche Strecke weit ber den Palast hinaus anlegte.
Drei in kurdische Mntel gehllte Personen stiegen aus und schienen von einem
Offizier der schwarzen Eunuchen des Sultans am Ufer erwartet zu sein, denn - ein
solcher verbeugte sich alsbald tief vor ihnen und schritt dann vor ihnen her,
nach den Hhen zu, die sich hinter dem Palais erheben und die Grten desselben
bilden, den einzelnen Wachen ein Loosungswort zuflsternd, das sie ungehindert
passiren lie. Der Weg fhrt hinter Tschiragan auf Arnaudkoi zu terrassenartig
steil in die Hhe, oft geht man zwischen Felswnden, oft zwischen 30 Fu hohen
Mauern, welche die Grten des Sultans vor jedem fremden Blick schtzen. Erst auf
der Hhe kann der Blick sich frei und weit entfalten und umfat den untern
Bosporus bis rechts nach Skutari hin und links zum Thurm von Anatoli Hissar, dem
asiatischen Schlo.
    Auf der Hhe dieses Berggipfels steht ein in italienischem Styl gebautes,
ziemlich groes elegantes Haus. Die Strme des Pontus und die linden Zephyre des
Sdens umspielen seine Mauern, und die feurige Sonne des Orients brennt in seine
Jalousieen und auf seine Balkone. Es liegt auf einer der schnsten Stellen von
Gottes schner Erde und ist die Wohnung zweier Deutschen, des
Obergartendirektors des Sultans und seines Substituten, beides geborene Baiern.
Auch die Posten der Gehilfen und Untergrtner sind meist von jungen Deutschen
bekleidet.
    Das Haus steht in einem gleichfalls von einer hohen Mauer umgebenen, aber
mglichst nach europischer Art eingerichteten Garten, der unmittelbar an den
des Groherrn stt. Eine gleiche Mauer, durch welche ein einziges schmales
Pfrtchen fhrt, zu welchem nur der Obergrtner und sein Stellvertreter den
Schlssel haben, trennt sie.
    In dem Augenblick, wo wir die Vier hier hinauf begleiten, lag freilich nicht
der Glanz hellen Sonnenscheins, des Frhlings oder Herbstes ber jener
herrlichen Aussicht, aber deshalb war sie nicht minder reizend im bleichen
Lichtstrahl des Mondes, der ohnehin die Eigenschaft hat, die Farben aufzuzehren,
und desto groartiger die Formation und Plastik in Licht und Schatten
hervortreten zu lassen. Ein weier Reif, auf den Felsenplateau's selbst eine
dnne Schneedecke, lag ber dem ganzen Bilde, und der schmale Wasserspiegel,
nach Stambul hin sich ffnend, glnzte - wo er aus dem Schatten der Bergwnde
trat - gleich einem Silberband.
    Doch war es nur Einer von der Gesellschaft, der diesem herrlichen Anblick
einige Augenblicke widmete, der bereits mehrfach erwhnte deutsch-franzsische
Baron, der sich auf der Hhe des Plateau's umwandte und, seine Gefhrten weiter
gehen lassend, die Augen ber dies Eden der Nacht schweifen lie. Dann folgte er
ihnen rasch, denn die egoistischen Gedanken des Ehrgeizes, des Interesses und
der Sorge in der eigenen Brust machen den Menschen gleichgltig fr die
Herrlichkeiten des Allmchtigen um ihn her. Der beste Beweis in der schneidend
bittern Weise Larochefaucaulds, da der Mensch alles Erschaffene fr sich
erschaffen glaubt. -
    Das Haus mit seinen Umgebungen war still und de, am Zugang hatte ihnen der
Obergrtner selbst das Thor geffnet, wieder geschlossen und war dort
zurckgeblieben. Der Eunuch fhrte sie quer ber den Platz zu dem Pfrtchen, das
sich in die Grten des Groherrn ffnete und klopfte in eigenthmlicher Weise an
dasselbe. Sogleich wurde es geffnet, sie traten ein und fanden sich dem
Tschannador-Aga gegenber, der sie mit einer schweigenden Verbeugung empfing und
vor ihnen herschritt. Die Pforte wurde von dem Eunuchen wieder geschlossen und
er lehnte sich, den Sbel ziehend, auen an dieselbe, um jede Annherung zu
verhindern.
    Der Aga ging vor der schweigenden Gesellschaft durch die seltsamen
gewundenen Gnge des Gartens her, und sie stiegen mehrere Terrassen hinab.
Obschon der Winter die Vegetation erstarrt, die Bume entblttert hatte, konnte
man im hellen Lichte des Mondes doch die eigenthmliche Ausstattung und
Einrichtung des Ortes um so mehr ersehen, als das sonst so belebende Grn in den
trkischen Grten eben nur Nebensache ist, und der Baron - der zum ersten Mal
diesen sonst unzugnglichen Ort betrat - benutzte die Gelegenheit zum Umschauen.
Auf dem natrlichen Felsen der Bergwand waren vielfach knstliche Felsgruppen in
seltsamen phantastischen Formen angebracht, groe Marmorbecken fingen in der
bessern Jahreszeit Cascaden von Wasser auf, oder bildeten die bei den Trken so
beliebten Springbrunnen. Pagoden und wunderliche in Arabesken und Schnrkel
verlaufende Thiergruppen, bunt bemalt, standen berall. Wo der Wind den Reif und
Schnee von den Gngen und Rabatten hinweggefegt, sah man diese mit bunten
Steinen, Muscheln und Porzellan eingefat; zahlreiche Grotten, Kiosks, Tempel,
chinesische Dcher und Pavillons in den baroksten Formen mit reicher Vergoldung
und Malerei waren berall ziemlich ordnungs- und geschmacklos angebracht.
    Nach einem der letztern von grerem Umfange wendete die Gesellschaft die
Schritte. Zwei Tschannadors hielten die Wache am Eingang, durch welchen jetzt
die Fremden das Innere betraten; hnliche dunkle Gestalten bewegten sich um das
Gebude. Sie befanden sich hier in einem erleuchteten und von Kohlenpfannen
erwrmten Vorgemach, wo sie die Mntel ablegten und sich der Stiefel
entledigten, um nach trkischer Sitte die Fe mit weichen Pantoffeln zu
bekleiden.
    Die beiden Begleiter des Barons zeigten sich jetzt als zwei Moslems, der
Eine ein Greis mit langem grauem Bart, listigen Augen und khn hervorspringender
Nase, der Andere als ein stattlicher Mann von einigen dreiig Jahren mit
geistreichen und lebendigen Zgen.
    Nach kurzer Zgerung fr die Toilette der Eintretenden verschwand der Aga
durch den Vorhang der gegenber liegenden Thr, erschien dann auf's Neue und gab
den Harrenden den Wink, sich zu nhern. Er selbst blieb im Vorgemach zurck.
    Das Gemach, in das sie traten, fllte mit Ausnahme des kleinen Vorzimmers
die ganze Rundung des Pavillons. Es war von einer Krystallkrone erleuchtet und
gleichfalls von silbernen Kohlenbecken durchwrmt, aus denen zugleich der
leichte Duft einer wohlriechenden Essenz durch das Gemach strmte. Die
Jalousiefenster waren sorgfltig mit dicken turkomanischen Teppichen verhngt,
damit kein Lichtstrahl nach auen dringen konnte. Rings um die Wnde liefen
Divans und gegenber der Thr ruhte auf denselben die schlaffe Gestalt des
Sultans, zu seinen Fen ein stummer Mohrenknabe auf dem Boden knieend, der das
Nargileh des Groherrn in Brand erhielt und mit seinen groen braunen Augen auf
jeden Wink des Gebieters lauschte.
    Der Sultan und der stumme Knabe waren allein in dem Gemach.
    Die Hnde auf die Brust gekreuzt, nahten sich die beiden Trken dem
Herrscher, warfen sich in einiger Entfernung vor ihm nieder und verharrten in
dieser Stellung mit zu Boden gehefteten Augen. Der Baron machte eine tiefe
Verneigung und blieb in gebeugter Haltung am Eingang stehen, bis der Groherr
das erste Wort gesprochen.
    Dieser hatte sich halb aufgerichtet auf dem Divan, das kostbare Mundstck
des Rohres zur Seite gelegt und streckte beide Hnde nach dem Jngsten der
Knieenden.
    Khosch dscheldin2, mein Bruder Halil. Ich hoffe, Eure Laune und Eure
Gesundheit sind gut und Ihr werdet es dem Groherrn, Eurem Schwager, nicht
nachtragen, da er Euch noch nicht ffentlich empfangen konnte, wie es Einem
gebhrt, der mit einer Tochter aus dem Hause Omar's das Lager theilt.
    Halil-Pascha, der jngere Schwager des Sultans, durch die Intriguen des
Seraskiers aus Constantinopel verbannt und von jeder Betheiligung an den
Staatsgeschften entfernt, war erst vor zwei Tagen auf eine Botschaft Chosrew's,
denn dieser war sein Begleiter, nach Stambul heimlich zurckgekehrt. Er war als
Russenfreund bekannt, frher lngere Zeit am Hofe von St. Petersburg Gesandter
gewesen und hatte dort viele Auszeichnungen genossen. Er gehrte mit Chosrew zu
den entschiedensten Gegnern des Krieges, und dessen Befrderer hatten ihn daher
auf alle Weise vom Sultan fern gehalten; dem schlauen alten Growessir war es
aber dennoch gelungen, ihm diese heimliche Audienz zu verschaffen.
    Mge Dein Schatten lang sein, o Zuflucht der Welt, und die Sonne Deiner
Gunst neu auf den Getreuesten Deiner Diener fallen, antwortete ehrerbietig der
Pascha, indem er, ohne die Hnde des Padischah zu berhren, den Zipfel seines
Rockes an Stirn und Brust fhrte. Meine Gesundheit ist gut und wird noch besser
sein, wenn sie sich im Strahl Deiner Nhe sonnen kann. Du bist der Herr, Du
befiehlst und unser Wille ist Nichts!
    Ne apalum, was kann ich thun? sagte der Sultan. Ich bin von Verrthern
umgeben, die mich in diesen Krieg strzen. Ich habe so Vieles anhren mssen,
da mein Kopf wirr ist. Wie befindet sich die Fatim Sultana, meine Schwester?
    Die Ksten Asiens erscheinen ihr schwarz, seit sie die Zenanah des
Groherrn nicht mehr betreten darf.
    Desto fter hab' ich den Teufel von Adil dort, murrte der Sultan; ich
bin nicht Herr mehr in meinen eigenen Gemchern und diese Weiber lachen in
meinen Bart. Sei willkommen, Wessir, Du bist einer der Getreuen meiner Mutter
und kennst mein Herz. Nehmt Platz an meiner Seite, ich gestatte es Euch. Wer ist
der Franke?
    Schatten Gottes, sagte der alte Wessir, indem er mit seinem Begleiter
Kissen vom Divan nahm, sie unsern des Sultans auf den Boden legte und darauf
niederhockte, erinnere Dich, da Du mir erlaubt hast, ihn vor Dein Antlitz zu
bringen. Es ist ein treuer Mann und ein Vornehmer in den Lndern der Franken. Er
sehnte sich, Deinen Schatten zu kssen, und ich wollte, wir htten vor acht
Monden sein Anerbieten angenommen, das er vom Czar der Russen brachte.
    Der Sultan rieb sich verlegen die Stirn.
    Was meinst Du, Vater?
    Erinnere sich Deine Majestt, sagte Halil, da es die Flotte von jener
Festung Sebastopol war und hunderttausend Mann guter Truppen, die uns der Czar
zu Hilfe senden wollte, um die Dardanellen zu sperren.
    Ich bin wie ein Ball zwischen zwei Hnden, sagte der Sultan finster. Ist
der Padischah bosch, Nichts, da er das Erbe seiner Familie nicht mehr selbst
vertheidigen kann? Diese Franken machen uns zu Weibern, und sie haben gezittert
vor dem Hauch meiner Vter!
    Die beiden Pascha's schwiegen verlegen, - sie wuten, wie recht der arme
Sultan hatte.
    Lasset den Franken nher treten.
    Auf einen Wink Chosrew's nherte sich der Baron mit ehrfurchtsvollen
Verbeugungen. Der gewandte Abenteurer und Unterhndler war ein Mann von
stattlicher Persnlichkeit und uerst gewandtem Benehmen, was ihm berall einen
guten Empfang sicherte. Obschon der trkischen Sprache ziemlich mchtig, redete
er doch den Groherrn in franzsischer an, die der Sultan jedoch nur sehr
mittelmig spricht.
    Mge Euer Majestt geruhen, meine Huldigung und meinen Dank anzunehmen fr
die Erlaubni, das Antlitz des Groherrn zu sehen. Mge Euer Majestt auch
nachtrglich meinen Dank empfangen fr die Gnade, da Sie aus der Hand eines
Franken durch die Vermittelung meines Freundes Ali-Pascha ein demthiges
Geschenk seiner Ergebenheit nicht verschmhten.
    Der Sultan sah den in ehrerbietiger Haltung vor ihm Stehenden berrascht an.
    Sie sind willkommen, Herr, sagte er freundlich, aber ich verstehe Sie
nicht ganz.
    Euer Majestt wollen verzeihen, wenn ich sage, da ich es war, welcher die
Ehre hatte, eine Sclavin durch den Pascha von Brussa Eurer Majestt als Dienerin
vor etwa Jahresfrist zu bersenden.
    Das Auge des Sultans funkelte.
    Wen meinen Sie, Herr? ihr Name?
    Mariam, eine Mingrelierin.
    Der Schlag war geradezu gefhrt; die Hand des Sultans zuckte unwillkrlich
nach dem Herzen, dann lie er sie kraftlos sinken und erwiederte traurig: Ich
danke Ihnen, mein Herr, fr das Geschenk - die arme Mariam liegt noch immer
schwer danieder an einer ansteckenden Krankheit.
    Mariam ist todt, sagte ernst der Baron.
    Der Groherr beugte sein Haupt.
    Inshallah! Wie Gott will! So ist sie also dennoch gestorben an den
schwarzen Blattern. Es thut meinem Herzen weh, diese Kunde von Ihnen zu
bekommen, wo Sie dieselbe auch her wissen mgen.
    Er wandte das Gesicht nach Mekka und begann ein leises Gebet zu murmeln.
    Verzeihen Euer Majestt, da ich Ihre Andacht unterbreche, aber Mariam die
Mingrelierin ist nicht an den Blattern gestorben, denn sie hat die Krankheit nie
gehabt.
    Der Sultan sah ihn gro und fragend an.
    Mariam, fuhr ruhig und langsam der Baron fort, ist in der Nacht zum 10.
November im Serail zu Stambul grausam durch die Martern der Folter ermordet
worden. Ihr letztes Wort war der Name Eurer Majestt.
    Der Beherrscher der Moslems fuhr mit einem Sprunge gleich dem verwundeten
Lwen in die Hhe. Er verga aller Etikette des trkischen Hofes so weit, da
er, - der nur von den hchsten und vertrautesten Dienern des Harems angerhrt
werden darf, - mit beiden Hnden den Arm des Fremden erfate.
    Dschaur! bei dem Propheten, Du lgst!
    Der Wessir und Halil waren ruhig sitzen geblieben, - Beide waren auf die
Scene vorbereitet.
    Mge die Zuflucht der Welt ihrem Sclaven das Wort gestatten, sagte der
Schwager des Groherrn; der Dschaur ist ein vornehmer Mann in seinem Lande und
sein Mund redet keinen Koth, sondern die Wahrheit.
    Der unglckliche betrogene Groherr sank auf die Kissen zurck und bedeckte
sein Gesicht mit beiden Hnden.
    Wer? wer? stammelte er kaum hrbar.
    Die Bujuk-Sultana3 und meine Schwgerin, Adil Sultana, sagte
Halil-Pascha, haben der That beigewohnt. Sie lieen die Odaliske martern, um
fr ihre Freunde, die Inglis und Franzosen, Geheimnisse des Groherrn zu
erpressen. Unser guter Freund Fuad Effendi, den der Ministerrath vor acht Tagen
als Bevollmchtigten zum Sirdar, seinem Genossen, an die Donau geschickt hat,
leitete die Marter. Ich habe gesprochen - auf mein Haupt komme es.
    Abdul Meschid schaute wild - mit funkelnden Augen umher, und sie fielen auf
den greifen Chosrew.
    Du bist der Todfeind Fuad's und der Sultana, sagte er hastig zu Halil,
ich kann Dir nicht glauben! Rede Du, Chosrew, der Lehrer und Schtzer meiner
Jugend!
    Halil und der Dschaur reden die Wahrheit. Das Weib Deines Herzens ist
gemordet worden, aber sie hat standhaft geschwiegen und sich der Zuneigung des
Groherrn wrdig gezeigt.
    Der Sultan erhob sich; seine Augen flammten, wie einst die seines Erzeugers,
das bleiche Gesicht rthete sich dunkel.
    Beim Barte Mahmud's, meines groen Vaters, ich will nicht umsonst Hunkiar
der Bluttrinker heien, denn sie soll gercht werden an meinem eigenen Blut!
Hinaus, Knabe, und rufe den Aga.
    Der greise Wessir war aufgesprungen und hatte sich dem wthenden Herrn in
den Weg geworfen.
    Halt ein, Padischah! Um des Propheten willen, bedenke, was Du thust und
hre den Rath Deiner Freunde!
    Der Groherr fate die Hnde der Beiden.
    Ich wei es, Ihr seid dem Sohne Mahmud's treu und ich darf auf Euch zhlen.
Sie sollen sterben, sterben alle Drei, die diese That an meinem Herzen
vollbracht haben, das sie liebte. Ein Mal hab' ich es bezwungen, als die Hand
meines Vaters grausam auf mir lag; jetzt bin ich der Herr und wehe den
Schuldigen!
    Er war auer sich, und selbst der intriguenvolle, nur seinen Interessen
folgende Abenteurer sah mit aufrichtigem Bedauern auf den jungen Monarchen, der,
der Herr von Millionen, der Herrscher in drei Welttheilen, mit all' seiner Macht
nicht vermocht hatte, ein schwaches Weib zu schtzen, das er liebte.
    Der Aga war in das Gemach getreten und stand harrend am Eingang, whrend der
Greis und Halil-Pascha den Sultan zum Divan zurckfhrten und ihn auf die Kissen
nthigten. Auf den Wink Halil's war Thifur-Aga, der Chef der schwarzen
Eunuchen, nher gekommen. Die Verbndeten wuten, da er ein bitterer Feind und
Neider des Kislar-Aga war und zu ihrer Partei gehrte.
    Hre mich an, o Schatten Gottes, sagte der greise Staatsmann. Wir Alle
fhlen, da Deiner Macht und Deiner Seele ein Wehe geschehen, aber was gethan
ist, ist gethan und lt sich nicht ndern. Unsere Feinde sind mchtig und wir
mssen mit ihnen kmpfen mit der Klugheit der Schlange, denn diese Franken haben
die Ueberhand.
    Aber der Padischah ist der Herr, warf Halil giftig ein. Soll er sich in
den Bart lachen lassen von seinen Knechten?
    Hrt mich wohl an, sagte bedchtig der Greis, und lat mein Wort nicht in
den Wind fallen. Die Partei des Seraskiers im Ministerrath ist stark und wir
mssen sie schwchen, ehe wir den Streich auf das Haupt aller unserer Feinde
knnen fallen lassen. Der Scheik ul Islam hat sich fr den Krieg erklrt und die
Hlfte der Diener des Palastes hngen Mehemed Ali an, und leicht wrde er das
Volk zu den Waffen rufen knnen. Aber das Volk ist jetzt auch erbittert aus
Mahmud, den Kapudan Pascha, seinen Schtzling, und sagt, da die Vernichtung
unserer Flotte seine Schuld sei. Ihn kann der Groherr ohne Gefahr entfernen.
    Er falle! sagte der Sultan. Wer soll an seine Stelle kommen?
    Mge die Sonne Deiner Gnade Riza Pascha bescheinen.
    So sei es. Fertigt den Ferman aus, da ich unterzeichne.
    Der schlaue Chosrew zog ein Papier aus seinem Busen, das bereits die
Entlassung des Groadmirals enthielt und in das nur noch der Name seines
Nachfolgers eingezeichnet zu werden brauchte. Er nahm das Schreibzeug von seinem
Grtel und der Sultan unterzeichnete hastig seinen Namenszug.
    Es ist nicht mglich, die knftige Sultana Valide zu strafen oder eine
Tochter aus Mahmud's Blut um einer mingrelischen Sclavin willen. Es wrde einen
Aufstand im Palast erregen. Der Kislar-Aga ist ihr geheimer Freund, aber wenn
Thifur-Aga an seine Stelle kommt, wird er die Weiber im Zaume halten und kann
die Sultana nach dem Burnu-Sera fhren und Deiner Schwester den Eintritt in den
Harem weigern. Er wird das Paradies des Groherrn von ihren Geschpfen subern.
    Das breite Gesicht des Mohren glnzte vor freudiger Erwartung, denn der
Posten des Kislar-Aga steht dem Range nach zunchst am Grovezir und ist durch
seine Stellung einer der einflureichsten.
    Der Sultan bedachte sich einige Augenblicke, dann zog er rasch den
Siegelring vom Finger und reichte ihn dem Eunuchen.
    Du bist der Kislar-Aga und mgest treuer als Dein Vorgnger meine Befehle
erfllen.
    Der Schwarze warf sich aus den Boden und berhrte drei Mal mit der Stirn die
Erde. Dann erhob er sich freudestrahlend und blickte auf Chosrew.
    Wenn es dem Padischah gefllt, sagte dieser, so mge die Vernderung im
Palast bis morgen frh verborgen bleiben und erst zur Stunde der Divansitzung
laut werden, damit wir unsere Feinde auch auf allen Seiten berraschen. Die
Artillerie, welche die Brennibors4 gebildet haben, ist treu und mge die Wachen
beziehen. Sie liebt weder den Seraskier, noch Mehemed Ruschdi, den Commandeur
der Garden.
    Der Sultan schttelte das Haupt, - in der Trkei das Zeichen der Bejahung.
    Es ist nothwendig, da wir im Ministerrath mindestens eine gleiche
Stimmenzahl auf unserer Seite haben, fuhr der Greis fort. Wenn der Schatten
Gottes die Verbannung aufheben und den Gatten seiner Schwester wieder in den
Rath berufen will als Beistand, wrde unsere Strke wachsen.
    Er reichte dem Sultan einen zweiten, gleichfalls bereit gehaltenen Ferman
und Abdul-Medjid unterzeichnete; Halil kte den Zipfel seines Rockes.
    Der Groherr blickte sie jetzt Alle der Reihe nach finster an.
    Mashallah, sagte er mit erzwungener Energie, ich habe jetzt allen Euren
Willen gethan, nun will ich den meinen und Rache fr Mariam haben. Die Sclaven
sollen sterben, welche die Hnde an ihren Leib gelegt haben, und das Weib, das
man mir fr sie gegeben, beleidige nicht lnger meine Augen.
    Die Werkzeuge sollten fr die Schuld der Hohen ben, - trkische
Gerechtigkeit, die sich oft genug im civilisirten Europa wiederholt.
    Der alte Chosrew machte das Zeichen der Zustimmung.
    Pek ji! es kann ohne Gefahr geschehen und sie mgen sterben. Wofr ist
Thifur-Aga da? Er mge seine Ohren aufthun und kein Esel sein. Ist es dem
Groherrn jetzt genehm, zu hren, was dieser Franke von unseren Freunden, den
Russen, zu sagen hat?
    Der Sultan, von der vorhergegangenen Aufregung erschpft, war auf dem Divan
wieder in seine frhere apathische Haltung gesunken; die Rthe des Schmerzes und
Zorns hatte der gewhnlichen krankhaften Blsse Platz gemacht und er bejahte
stumm, indem er dem Knaben winkte, ihm das Rohr des Nargilehs wieder zu reichen,
und dem Baron, auf dem Divan Platz zu nehmen.
    Euer Majestt, sagte dieser, sind in einer schlimmen Lage, indem Sie sich
von Ihrem natrlichen Freund und Verbndeten, dem Czaren, abgewandt haben. Ihre
Armee ist an der Donau zurckgedrngt und in Asien besiegt; in Serbien,
Montenegro und Griechenland drngt das Volk zur Ergreifung der Waffen gegen das
Reich Eurer Majestt. Persien rstet zum Kriege. Die Flotte ist zur Hlfte
vernichtet, die Finanzen des Staates sind so erschpft, da ohne eine schwer zu
realisirende Anleihe die nthigsten Bedrfnisse nicht zu bestreiten sind und das
Heer zum Theil seit vierzehn Monaten keinen Sold erhalten hat. Die griechische
Bevlkerung in Anatolien, Rumelien und auf den Inseln ist zum offenen Aufruhr
geneigt, selbst die trkische Einwohnerschaft ist schwierig, man hat den
Fanatismus aufgeregt und erhht auf diese Weise die gegenseitige Feindschaft.
    Inshallah, sagte der Groherr, was knnen wir thun? wir sind nicht schuld
an dem Unheil.
    Euer Majestt mge dem Czaren, Ihrem wahren Freunde, vertrauen. Der Divan
und der Ministerrath mgen sich morgen bereit erklren, auf die
Friedensverhandlungen einzugehen, welche die vier Mchte vorgeschlagen haben,
und man wird den Englndern und Franzosen damit den Vorwand nehmen, sich weiter
einzumischen. Was haben sie bis jetzt gethan, als ihre Flotten hierher gesandt,
die Constantinopel bedrohen, ohne nur eine Kanone zum Schutz der Trkei gelst
zu haben? Ich bitte Euer Majestt, zu bedenken, da wenn die Trkei sich
Frankreich und England bergiebt, ihre Selbststndigkeit auf's Hchste gefhrdet
ist; da sie franzsische und englische Schutztruppen kaum je wieder los werden
wird, welches auch der Erfolg des Krieges sei; da die Kosten eines solchen das
Land vollends ruiniren und wahrscheinlich einiger seiner besten Provinzen
berauben werden; denn Oesterreich wird auch seinen Antheil verlangen und England
ist schon lngst nach Candia, Cypern und Unter-Egypten lstern.
    Er machte eine Pause, - der Sultan - der Beherrscher eines Gebiets von mehr
als 30,000 Quadratmeilen - hatte ihm finster zugehrt, denn er kannte die
Wahrheit dessen, was der Unterhndler ihm aufzhlte, und gedachte traurig der
Macht seiner Vter, vor denen Europa noch vor 150 Jahren gezittert hatte. Aber
mit der, den Orientalen in diplomatischen Verhandlungen eigenthmlichen
Schlauheit und Zhigkeit sagte er:
    Die Inglis und Franzosen haben von mir noch Nichts gefordert und erklren,
mein gutes Recht untersttzen zu wollen. Mein Bruder der Czar aber hat gegen
alle Vertrge zwei meiner Provinzen genommen und mich gezwungen, den Krieg zu
erklren. Es ist nicht das erste Mal, da ein russisches Heer mein Reich
bedroht.
    Der Baron war zu gewandt, um den schlagenden Streich nicht zu pariren.
    Euer Majestt wollen sich erinnern, sagte er, da der Czar sich durch die
Minister der Pforte beleidigt glaubt und die Donau-Frstenthmer nur als Pfand
fr die Erfllung alter Vertrge in Besitz genommen hat. Er wird sich nicht
weigern, sie bei einem neuen und festen Bndni sogleich herauszugeben. Euer
Majestt werden zugeben, da Ruland das natrliche und erste Anrecht auf die
Bundesgenossenschaft der Trkei hat und da es in letzter Zeit am Hofe von
Stambul durch die englische und franzsische Partei sehr verdrngt und
benachtheiligt worden ist. Euer Majestt wollen ferner sich erinnern, da der
Kaiser Nicolaus sich nie als Eroberer gezeigt und im Frieden von Adrianopel
sofort alle Eroberungen herausgegeben, ja die stipulirten Kriegskosten erlassen
hat; - er warf bei diesen Worten einen scharfen Blick auf Chosrew, dessen
groes Vermgen von jener Zeit datirt; - da der Kaiser ferner in dem Kriege
gegen Mehemed Ali und Ibrahim Pascha sich als uneigenntziger Verbndeter
zeigte, gegen dasselbe Egypten, dessen Horden Euer Majestt jetzt gegen Ruland
senden.
    Es entstand eine lngere Pause. Chosrew, dessen schwache und empfindliche
Seite die Erinnerung an Ibrahim Pascha war, der ihn wiederholt besiegt hatte,
brachte geschickt das Gesprch in eine andere Phase.
    Allah bilir, es ist ein Unglck, da die Franken ihre Schiffe vor unsere
Stadt gelegt haben, sonst knnte Alles gut gemacht werden. Was befiehlt der
Padischah?
    Der Groherr blickte rgerlich auf den alten Intriguanten.
    Ich erwarte Rath von meinen Wessiren.
    Wenn es dem Vater aller Herrscher gefllt, meinte Halil, so habe ich
zahlreiche Freunde im Divan, und einige Beutel werden das Uebrige thun, da man
morgen fr die Friedensverhandlungen stimmt.
    Vielleicht hat unser frnkischer Freund einen weiteren Vorschlag, meinte
der greise Growessir mit einem listigen Augenzwinkern nach dem Baron.
    Ich glaube, Euer Majestt die nthigen Vorschlge machen zu knnen, sobald
Allerhchstdieselben ernstlich zu einem Schutz- und Trutzbndni mit Ruland
entschlossen sind. Der Kaiser stellt noch immer seine Flotte und eine Armee von
hunderttausend Mann zum Schutz der Dardanellen zur Verfgung.
    Aber wie wre das auszufhren?
    Durch die Anknpfung der Friedensverhandlungen wrden die Westmchte
jedenfalls verhindert werden, Landtruppen nach dem Orient zu senden. Eine
Scheindiversion russischer Schiffe auf die anatolische Kste knnte Gelegenheit
geben, die verbndeten Flotten in's Schwarze Meer zu locken, wo sie sich bei der
jetzigen Jahreszeit unmglich zusammen halten knnen. Ruland ist bereit, sofort
nach dem Abschlu des geheimen Traktats die Frstenthmer zu rumen, und wird
seine Truppen an der Donaumndung und in Odessa concentriren, von wo sie leicht
nach Varna oder Burgas gebracht werden knnen. Wenn nach der
Bereitschaftserklrung zu Friedensverhandlungen die Flotten nicht sofort aus dem
Bosporus und den Dardanellen entfernt werden, wird Ruland die Forderung
stellen, eine Anzahl von Kriegsschiffen gleichfalls hier stationiren zu drfen.
Entweder sind dann die Flotten der Westmchte in dem Schwarzen Meere abgesperrt
und in unserer Hand ein Unterpfand, oder die russische Flotte in Verbindung mit
der trkischen und egyptischen und den Kastells der Ufer wirb vollkommen
gengen, jene im Zaum zu halten oder zu vertreiben. Euer Majestt Truppen und
drei russische Armeecorps, die der Czar zur Disposition stellt, werden
hinreichen, die Ksten von Rumelien zu sichern.
    Der khne gewaltige Plan, - der so leicht beim Beginn des Kampfes
auszufhren gewesen wre und dem Schicksal Europa's eine andere Gestalt gegeben
htte, wenn Kaiser Nicolaus mehr auf die rasche That als auf seinen politischen
Einflu vertraut htte, - erschreckte den bleichen Groherrn und seine Augen
schweiften verlegen und ngstlich aus Chosrew und seinen Schwager. Der Letztere
legte beistimmend die Hand auf das Herz, whrend der greise Diplomat den
flehenden Blick seines Herrn und Schlers nicht zu bemerken schien und
anscheinend kein Auge von dem Unterhndler verwandte.
    Adschaid! Wunderbar! sagte endlich der Sultan. Ich wei nicht, was ich
thun soll, und bin wie ein Mann zwischen zwei Schwertern. Wenn ich Dir auch
Gehr geben wollte, o Franke, - wie wrden wir uns ausreden knnen vor der Macht
der Unglubigen, ehe die Hilfe des Czars in der Nhe ist, um uns vor ihrem Zorne
zu sichern?
    Chosrew erhob ruhig das Haupt; der alte in tausend Schlangenlisten
bewanderte Diplomat hatte das Mittel lngst vorbedacht.
    Wir werden einen Aufruhr in der Stadt erregen, sagte er gelassen. Der
Rajahpbel von Stambul wird eine Revolution machen und wir werden sagen knnen,
da uns die Christen gezwungen haben zu dem Bndni mit Ruland.
    Der Sultan berlegte, - die trkische Geschichte bietet so viele hnlicher
Scenen und Intriguen, da ihm der Plan keineswegs so unausfhrbar vorkommen
konnte.
    Es ist unser Kismet, sagte er endlich. Wird Alles bereit sein und werde
ich sicher bleiben, oder mu ich mich auf eines meiner Schlsser in Anatolien
begeben?
    Euer Majestt werden ganz sicher sein unter'm Schutz der Artillerie. Auf
mein Haupt komme es. Morgen Mittag ist der Frieden gesichert und am nchsten
Tage wird der Padischah den Fu auf den Nacken seiner Feinde setzen.
    Ich willige ein, sagte der Groherr und gab ermdet und abgespannt das
Zeichen der Entlassung.
    Die drei Verbndeten verabschiedeten sich unter den gebotenen Ceremonieen
und wurden vom neuen Kislar-Aga wieder bis an die Pforte der Gartenmauer
zurckbegleitet. Whrend Halil und der Baron bereits den Garten verlassen,
verweilte der greise Chosrew noch einige Augenblicke bei dem neuen, durch seine
Intriguen eingesetzten Wrdentrger.
    Hre, Freund Thifur-Aga, sagte er mit einschmeichelnder Freundlichkeit,
Du wirst die griechische Sclavin morgen aus dem Harem entfernen?
    Der Padischah hat befohlen. Sie mag das Wasser des Bosporus trinken.
    Ein Weib ist sicher ein groes Uebel, meinte der Pascha; aber warum sie
tdten, wenn sie noch jung ist? Der Padischah hat es nicht ausdrcklich bestimmt
und ich will Dir einen Ausweg sagen. Bana bak! Das Mdchen soll schn sein, -
gieb sie mir, Deinem Diener, fr seinen Harem - sie wird verschwinden fr
immer.
    Der Eunuch schielte ihn von der Seite an. Er wute sehr gut, da es um den
Harem des geizigen alten Intriguanten sehr jmmerlich bestellt war und er das
Mdchen nur aus Habsucht verlangte, um sie mit mglichstem Vortheil zu
verkaufen; aber er wagte nicht, nach dem Dienst, den Jener ihm so eben
geleistet, die Bitte abzuschlagen und antwortete daher:
    Pek ji, sehr wohl; Du redest Weisheit. Das Boot mit dem Weibe wirb morgen
Abend um die fnfte Stunde5 mit den Stummen des Harems gegenber der Moschee von
Auni-Effendi Deines Boten harren. Er mge drei Mal den Namen Allah's nennen und
man wird sie ihm bergeben. Behalte mich in Deiner Gunst, o Pascha.
    Die Beiden schieden, und whrend bald darauf das Boot seinen Rckweg nach
Stambul nahm und Halil mit dem Franken leise und eifrig ber die Vorbereitungen
fr den nchsten Tag verkehrte, berechnete der alte Geizhals bereits den Gewinn,
den er aus dem Verkauf der griechischen Tnzerin zu ziehen gedachte.

    Die Brathung, welche am Montag, dem 19., im Divan, im Gebude der Hohen
Pforte, gehalten wurde, war eine beraus strmische und der Schlag, welcher der
Kriegspartei durch die Verkndung der Absetzung Mahmud Pascha's, des
Groadmirals und die Ernennung Halil's - der frher bereits zwei Mal Marine- und
Kriegsminister gewesen war, - zum Minister ohne Portefeuille mit Stimme im
Conseil, beigebracht wurde, ein ganz unerwarteter. Die alttrkische Partei des
Seraskiers und des Scheich ul Islam war damit ihres Uebergewichts beraubt und in
ihrem Einflu hart bedroht.
    Durch die Bemhungen der Freunde der Growessirs, Chosrew's und Halil's,
zeigte sich im Divan eine Majoritt fr die Friedensunterhandlungen. Nur mit
Mhe vermochten Mehemed Ali und seine Freunde durchzusetzen, da der Endbeschlu
bi zum nchsten Tage verschoben blieb. Smtliche Minister sollten dem Rathe
beiwohnen.
    Es lag eine schwle Stille ber der groen Stadt und Jedermann fhlte das
Nahen einer bedeutenden Krisis. Die Berathung des Divan hatte an beiden Tagen
volle fnf Stunden gedauert und erst am Nachmittag geendet. Eine Audienz, die
der Seraskier bei dem Sultan, seinem Schwager, verlangte, wurde abgelehnt unter
dem Vorwande eines Unwohlseins. Der Groherr hatte sich in die inneren Gemcher
seines Selamlik zurckgezogen. Die Ernennung des neuen Kislar-Aga und die
Verweisung des frheren nach Brussa war erst am Nachmittage bekannt geworden und
hatte den ganzen Harem in Bestrzung gesetzt. Auf die eilige Botschaft der
Sultana war die Schwester des Sultans nach Tschiragan gekommen, aber der
Groherr weigerte sich, den Harem zu betreten und sie mute vor Zorn und Furcht
bebend den Palast wieder verlassen und hatte noch den Aerger, dem Kak des
Growessirs Mustapha und Halil's, ihres Schwagers, zu begegnen und Beide in
Tschiragan empfangen zu sehen.
    Wie der politische Himmel, so begann sich auch der wirkliche zu trben und
schwere Wolkenmassen lagerten am Abend ber dem ganzen Horizont. Der Gang
unserer Erzhlung fhrt uns an verschiedene Stellen und wir mssen eilen, ihn
bei einem Manne wieder aufzunehmen, der seit dem Tage von Sinope die drckende
Last schwerer Gefangenschaft getragen hatte, vermehrt durch das Bewutsein, dem
Todfeinde gerade in der Stunde der Rache erlegen zu sein.
    Gregor Caraiskakis, der einzige Gefangene, der bis jetzt auf dem Meere in
die Hnde der Trken gefallen, hatte auf der eiligen Ueberfahrt der
Dampffregatte Taf alle Schmach und alle Leiden zu dulden gehabt, welche die
Erbitterung der Moslems ber ihre Niederlage auf ihn hufte. Selbst die
Bemhungen des englischen Baronets vermochten nicht, ihn vor der schimpflichen
Last schwerer Ketten und roher Mihandlungen zu schtzen, und nur der Wunsch,
einen Gefangenen den Machthabern in Constantinopel vorzufhren und ihm
vielleicht wichtige Nachrichten zu erpressen, veranlate den Capitain des
Schiffes, wenigstens sein Leben zu schtzen.
    Bei der Ankunft im Bosporus hatte der trkische Befehlshaber seine Hiobspost
sogleich an den Groadmiral berbracht und dabei zwar des Gefangenen erwhnt,
der Schrecken ber die Unglckskunde war jedoch so gro, da man eines einzelnen
Gefangenen wenig achtete, um so weniger, als es nur ein Grieche war und der
Capitain einfach die Anweisung erhielt, ihn vorlufig auf seinem Schiffe zu
bewahren. So lag denn Caraiskakis seit beinahe drei Wochen vergessen und nur von
dem Hasse der trkischen Schiffsmannschaft im Gedchtni behalten, in dem
unteren Deck der Fregatte, die am Schlo von Asien ankerte. Die Leiden seiner
Gefangenschaft verdoppelten die wiederholten Besuche des Briten, dessen
Bemhungen, ihn als seinen persnlichen Gefangenen zu behandeln und in die Haft
der englischen Gesandtschaft zu bringen, zwar an der Hartnckigkeit der Trken
gescheitert waren, der aber fast einen um den andern Tag erschien, um ihn mit
dem Antrage, ja, mit Bitten zu bestrmen, ihm das Kind herauszugeben, fr das er
eine eigensinnige Liebe gefat zu haben schien. Aber vergebens - der Sohn des
Helden vom Pyrus antwortete auf das Anerbieten der Befreiung und des britischen
Schutzes nur mit verchtlichem Schweigen oder dein Ausdruck des tdtlichen
Hasses.
    Im Stillen aber war der Grieche nicht unthtig gewesen. Unter den
Seesoldaten, die den Schiffsdienst verrichteten und in seinem Deck hufig
Geschfte hatten, war ihm ein junger Mann aufgefallen, der ihn hufig mit
Theilnahme betrachtete. Eine Anrede bei gnstiger Gelegenheit, als sie allein
waren, berzeugte ihn, da er einen von den Trken zum Schiffsdienste gepreten
Griechen vor sich habe und er bewog ihn leicht, einen mit Bleistift
geschriebenen Zettel bei seinem nchsten Urlaub an's Land zu bestellen.
    Der Brief war an den Baron Oelsner von Montmarquet und enthielt die
Nachricht seiner Gefangenschaft. - -
    Am Nachmittag des 19. war der Baronet wiederum auf dem Taf erschienen und
hatte den Gefangenen bestrmt, ihm eine schriftliche Vollmacht zur Aushndigung
des Kindes auszustellen, da er jetzt nach England zurckzukehren beabsichtigte.
Er versprach, das Kind zu adoptiren, die Heirath mit Diona anzuerkennen und den
Knaben zum Erben seines Namens und seines Vermgens zu machen.
    Caraiskakis schaute ihn finster an.
    Wenn Sie mir die Schtze der vereinigten Knigreiche bten, sagte er mit
Hohn, und den Sohn Diona's - die Sie feig verleugnet haben - zum ersten
Edelmann des mchtigen Englands machen knnten, wrden Sie den Knaben doch nicht
erhalten, so lange es von mir abhngt. Seine Spur will ich Ihren Augen
verwischen und nie soll er den Namen seines Vaters hren, sondern ein Grieche
werden mit jeder Faser seines Lebens, der nur Ha athmet gegen das falsche Land
seines Erzeugers!
    Der ganze Trotz und Hochmuth des Briten schwoll empor bei dieser Antwort.
    So habe, was Du willst und beklage Dich nicht ber Dein Geschick. Der
Kapudan hat bereits darber bestimmt und mit dem nchsten Schiffe gehst Du auf
die Galeeren nach Creta. Ich aber schwre Dir, Wahnsinniger, da ich nicht ruhen
und rasten will, bis ich mein Kind gewonnen, und Edward Maubridge wird dies Land
nicht verlassen, bevor er seinen Zweck erreicht hat, so wahr er ein Brite ist!
    Caraiskakis lchelte verchtlich, - so schieden sie.
    Die Vorgnge des Tages hatten anders auch ber das Geschick des Griechen
entschieden. Es war am Abend gegen die zehnte Stunde, als von Tophana her ein
Boot an die Seite der Fregatte Taf scho und ein Mann in der Kleidung eines
trkischen Offiziers auf den Anruf der Wache Befehl des Groadmirals
antwortete und an der Schiffswand emporstieg. Auf dem Deck fragte er nach dem
Capitain und hndigte diesem eine versiegelte Depesche ein. Es war die Ordre des
neuen Kapudan Riza-Pascha, den bei Sinope gefangenen Griechen dem Ueberbringer
Angesichts des Schreibens zu berliefern.
    Baron Oelsner hatte die erste Gelegenheit benutzt, den Verbndeten zu
retten. Caraiskakis wurde sofort aus dem Raum geholt und dem Boten bergeben,
indem seine bisherigen Wchter und er selbst nicht anders glaubten, als da er
in ein anderes Gefngni am Lande gebracht oder verhrt werden solle.
    Von seinen Fesseln befreit, statt deren ihm die Hnde auf dem Rcken
zusammengebunden wurden, stieg Gregor in das Boot, der Offizier setzte sich
neben ihn und die schwarze Wand der Fregatte war bald hinter ihnen im Dunkel
verschwunden.
    Nach einigen Minuten, whrend das Boot im Schatten der asiatischen Ufer
hinlief und die zwei Ruderer scharf zu arbeiten hatten, um es bei dem heftigen
Winde und den hochgehenden Wellen im Strom zu halten, schnitt der Offizier die
Stricke von den Armen des Gefangenen und sagte auf griechisch zu ihm:
    Ich bin ein Bote des Signor Oelsner und habe Ihnen mitzutheilen, da Sie
frei sind. Die Ordre zu Ihrer Ueberfhrung nach der Stadt war eine der ersten,
die der neue Groadmiral unterzeichnete, und sobald der Signor Baron sie in
Hnden hatte, war es ein Leichtes, Sie zu befreien. Ich begre in Ihnen meinen
Landsmann, denn diese Kleidung ist natrlich nur angenommen, um den trkischen
Capitain zu tuschen. Der Baron hat in dieser Nacht wichtige und viele Geschfte
und er hat mir daher aufgetragen, Sie in ein sicheres Versteck im
Fanarioten-Quartier zu bringen.
    Caraiskakis dankte dem Landsmann, der sich Geurgios nannte, und hrte von
diesem die wichtigen Neuigkeiten des Tages.
    Sie waren jetzt dem Sommerpalaste von Beschiktasch gegenber gekommen und
wandten sich nun quer ber den Meerosstrom nach dem Grabmal Hayraddins und der
Moschee von Auni-Effendi, um auf der europischen Seite des Bosporus die Fahrt
nach dem goldenen Horn fortzusetzen, als aus dem Schatten des Ufers von
Tschiragan ein groer schwarzer Kak, von sechs weigekleideten Ruderern
getrieben, hervorscho. Geurgios gebot sofort den Seinen, zu halten, um den
fremden Kahn vorbeifahren zu lassen und flsterte dem Griechen zu:
    Die Eunuchen des Harems - bei Ihrem Leben, keinen Laut, Freund, was Sie
auch sehen mgen!
    Zu seiner Verwunderung jedoch kam der Kahn, statt weiter hinaus in den
Bosporus zu fahren, gerade auf sie zu und hielt in kurzer Entfernung von ihrem
Bord. Im Hintertheil des fremden Kaks stand ein bewaffneter Eunuch.
    Eure Loosung? fragte der Schwarze.
    Der Grieche zauderte einen Augenblick, dann, glaubend, da der Frager wissen
wolle, ob er einen Unglubigen vor sich habe, antwortete er rasch mit den Worten
des trkischen Gebets: Allah la illaha illallah. Sogleich gab der Schwarze ein
Zeichen und das dunkle Fahrzeug scho an die Seite ihres Kahns. Schon glaubten
die Griechen sich verloren, denn die berchtigten Haremswchter machen wenig
Umstnde mit den zuflligen Zeugen ihres geheimnivollen Treibens, und die Hand
des Geurgios fate nach den Terzerolen in seiner Brusttasche, - aber zu ihrer
Verwunderung begrte sie der Offizier der Eunuchen mit einem kurzen Khosch
dscheldin! - Nehmt! - zwei der bewaffneten Ruderer hoben vom Boden des Kak
einen groen ungestalteten Gegenstand, gleich einem Sack, und warfen ihn achtlos
in den Nachen der Griechen, da dieser von dem Sto schwankte und umzuschlagen
drohte; im nchsten Augenblick scho das Haremsboot vorwrts an ihnen vorber,
wandte und kehrte zu dem Ufer zurck.
    Die beiden Griechen und auch die Ruderer, - die mit den Geheimnissen
Stambuls sehr wohl vertraut schienen, - athmeten frei auf, als sie auf so
schnelle Weise der Gefahr wieder entgangen waren, und die Ruder senkten sich mit
doppelter Eile in die dunklen Wogen, da der leichte Kahn gleich einem Pfeil
dahin flog und bald in die ruhigeren Gewsser des Horns einbog.
    Noch hatte keiner der Mnner die seltsame Last, die ihnen so unverhofft
geworden war, zu untersuchen sich Zeit genommen, und nur die convulsivischen
Bewegungen der Hlle und ein leises unterdrcktes Aechzen und Sthnen bewies
ihnen, da ein lebendes Wesen darin verborgen war. Erst als sie die zweite
Brcke passirt hatten und am Ufer des Fanarioten-Quartiers hinfuhren, deutete
Geurgios auf den Sack und fragte:
    Was machen wir damit? werfen wir die Last in das Horn? Hier sind wir sicher
vor Sphern.
    Aber Gregor fate abwehrend seinen Arm.
    Um der Heiligen willen, lat uns nicht unmenschlicher handeln, als diese
Moslems. Es scheint ein Weib in dem Sack zu sein und wir wollen die Unglckliche
retten.
    Bah, irgend eine alte Hexe, die im Harem gekeift und sich unntz gemacht
hat! Aber wie Ihr wollt - bei Sanct Demeter, Ihr mgt das Geschenk der schwarzen
Burschen dafr zu eigen nehmen und Euch mit der Last beladen. -
    Unweit der Kirche von St. Basil, zwischen dem Balat-Kapussi (Palastthor) und
dem Haivan-Sera-Kapussi - dem Thor der Menagerie, - von dem benachbarten
Amphitheater so genannt, wo die Kmpfe der wilden Thiere stattzufinden pflegten,
- und berhmt als die Stelle, wo im letzten Heldenkampfe gegen die Osmanlis und
Genuesen Daralla und der Groherzog Notaris fochten, - landete das Boot unter
einem berhngenden Kakschuppen, und Geurgios geleitete den Befreiten durch den
Ausgang, der am Ende desselben hinauf in ein ziemlich groes griechisches Haus
fhrte, wohin die beiden Ruderer auf seinen Befehl das geheimnivolle Bndel
ihnen nachtrugen. Man schien sie erwartet zu haben, denn auf der Veranda waren,
trotz des strmischen kalten Wetters, mehrere Mnner versammelt, und in dem
oberen wohlerleuchteten Gemach, wohin man Caraiskakis fhrte, brannten wrmende
Kohlenpfannen und ein Tisch war mit dem lieblichen Brussawein und dem feurigen
schwarzen Rebensaft vom Olymp, den man selbst in Constantinopel nur selten echt
bekommt, nebst Speisen und Erfrischungen besetzt. Hierhin, in einen Winkel des
Gemaches, legten die Bootsleute auch ihre Last, ber die Geurgios gegen die
Augen der Neugierigen seinen Mantel gebreitet hatte, worauf ihnen derselbe bei
der eigenen Gefahr ihres Lebens anbefahl, auch gegen die Hausbewohner das
strengste Schweigen ber die Art und Weise zu beobachten, wie jene ihnen
aufgebrdet worden. Dann, als sie allein waren, machte er mit Gregors Hilfe sich
daran, den Sack mit einem Dolch aufzuschneiden.
    Der Anblick, der sich ihnen zeigte, war berraschend. Ein junges bildschnes
Mdchen, die in reiche trkische Pracht gehllten Glieder mit einem kostbaren
Shwal zu einem Klumpen zusammengeschnrt, lag vor ihnen. Der Mund war ihr durch
einen Knebel geschlossen, und die Unglckliche offenbar von der lang andauernden
Todesangst in Ohnmacht gefallen. Whrend Geurgios die Knoten des Shwals lste,
befreite sie Gregor von dem Knebel und rieb ihr, nachdem man sie auf ein
Ruhebett gestreckt, Stirn und Schlfe mit Wein. Endlich schlug die Schne die
Augen auf, tiefe Seufzer hoben ihren Busen und ihr Blick fuhr wirr und ngstlich
umher ber die fremden Mnner und die unbekannte Umgebung. Dann schrie sie laut
auf und warf sich auf die Kniee.
    Mordet mich nicht, rief sie; - fr was habe ich meinen Glauben
abgeschworen und Alles hingegeben, was meiner Jugend theuer war, wenn ich so
jung schon geopfert werden soll? Was hab' ich gethan - bin ich nicht die
gehorsame Tnzerin des Padischah, die Gefhrtin seiner Freuden? hab' ich nicht
treu der Sultana gedient, meiner Herrin? O, habt Erbarmen, lat mich leben - es
ist so s und schn, zu leben im Glanz der Herrlichkeit, die ich nie gekannt!
    Die schne Nausika - denn sie war es, die durch den Sultan als Shne fr die
geopferte Mariam aus dem Harem verbannt und von dem Kislar-Aga fr seinen Gnner
Chosrew bestimmt, durch eine zufllige Verwechselung und den Irrthum seiner
Untergebenen in die Hnde der Griechen gekommen war, - sah in der reichen Tracht
der Odaliske und in der Blsse der Todesfurcht, die ihre Wangen bedeckte und das
groe blaue Auge aus dem Antlitz zu drngen schien, kaum weniger reizend und
verlockend aus, wie damals, als wir im kurzen Gazegewand der Tnzerin ihr vor
dem Sultan begegneten. Die weichen feinen Hnde mit den hennahgefrbten Ngeln
ber der wogenden halbentfesselten Brust gekreuzt, lag sie vor den beiden
Mnnern, und flehte fr ein Leben, das strmisch dein Genu in jeder Fiber
entgegenklopfte.
    Erst als Gregor ihr wiederholt betheuert hatte, da sie Nichts mehr zu
frchten habe, da sie gerettet sei vor der schrecklichen Execution des Harems,
- da aber Verborgenheit und Geheimni das Werk der Rettung vollenden und
sichern msse, gewann sie Glauben daran, umfate seine Kniee und beschwor ihn,
sie nicht zu verlassen, indem sie versprach, jedem seiner Winke Folge zu
leisten. Eine kurze Berathung zwischen Caraiskakis und seinem Wirth fhrte den
Beschlu herbei, die Odaliske auch ferner vor den Augen der Hausbewohner
verborgen zu halten, und sie zu dem Zweck in dem Zimmer, in dem man sich befand,
zu lassen, bis es gelungen sei, ihr weniger auffllige Kleidung zu verschaffen,
um sie an einen noch verborgeneren Ort zu bringen. Geurgios erklrte dem
Landsmann, da, da besonders auf seinen Wunsch die Fremde gerettet worden, er
auch die Pflicht bernehmen mge, fr sie zu sorgen, und gern war Caraiskakis
dazu bereit, denn das Mdchen hatte schnell einen so wunderbaren Eindruck auf
sein bisher nur von andern Gefhlen entflammtes Herz gemacht, da er sich jeder
Gefahr fr sie unterzogen htte. Er beschlo, den Baron von Oelsner fr seinen
Schtzling zu interessiren, und als er jetzt auf die Aufforderung seines Wirthes
diesem folgte, nachdem er einige Erfrischungen genommen, versprach er dem
Mdchen, so bald wie mglich wiederzukommen und schlo sie sorgfltig ein.
    Geurgios, ein Mann von einigen vierzig Jahren, fhrte den neuen Bekannten in
den unteren Raum des Hauses, wo mehrere Griechen versammelt waren und geschftig
ab- und zugingen. Geurgios schien ihr Haupt, denn ihm wurden alsbald
verschiedene Berichte erstattet und Botschaften mitgetheilt. Er machte
Caraiskakis mit den Anwesenden bekannt, die er ihm Alle als gute Patrioten und
treue Anhnger des russischen Czaren und Mitglieder der Hetrie bezeichnete, und
Gregor fand bald, da die Stimmung dieser Mnner, von denen er Einzelne schon
frher beim Baron Oelsner flchtig gesehen zu haben sich erinnerte, eben so
aufgeregt und energisch fr den allgemeinen griechischen Traum, die
Wiederherstellung des byzantinischen Reichs, schwrmte, wie die der Griechen auf
den Inseln und dem anatolischen Festlande. Zugleich bemerkte er auch, da sie
smtlich nur untergeordnete Werkzeuge hherer Leitung und fr die Erregung der
Massen thtig waren, denn Alle wuten zwar, da in den nchsten Tagen Etwas von
Bedeutung geschehen solle, ohne doch zu erfahren, wo und was. Bei dem Feuer und
der lebhaften Phantasie des griechischen Characters wogte das Geschwtz darber
hin und her.
    Nur Geurgios wute offenbar mehr und nachdem er verschiedene Mittheilungen
angehrt, nahm er Einzelne bei Seite, sprach mit ihnen eifrig und sandte sie mit
Auftrgen fort, so da bald nur noch drei oder vier Mnner zurckgeblieben
waren. Ihnen befahl er, auf's Neue einen Kak zur Fahrt bereit zu machen, und
wandte sich dann an Gregor.
    Ich habe Sie mit diesen Mnnern nher bekannt gemacht, was der Signor Baron
frher versumt zu haben scheint, damit wenn sich irgend eine Gefahr ereignet,
Sie Hilfe und Beistand haben. Die Leute, die Sie hier gesehen, haben die meisten
Anhnger in der Fanarioten-Stadt und sind in diesem Augenblick bereits bemht,
das Volk fr den morgenden Tag vorzubereiten. So viel ich selbst wei, wird eine
Demonstration zur Untersttzung unserer Freunde im Divan stattfinden. Signor
Oelsner hat mich wissen lassen, da ich ihn in Tophana treffen soll, und ich
gehe sogleich dahin. Sie werden besser thun, hier zu bleiben, bis ich Ihnen
weitere Nachrichten bringe; das Haus ist zu Ihrer Disposition, - die Frauen sind
in ihren Schlafgemchern und wissen, da sie dieselben nicht zu verlassen haben.
Zwei meiner Leute bleiben hier zurck und werden fr Ihre Sicherheit sorgen. Am
besten wird es sein, Sie ziehen sich in Ihr Zimmer zurck, das Sie freilich noch
einige Stunden mit unserer unwillkommenen Gesellschaft werden theilen mssen, da
ich dieselbe der Schwatzhaftigkeit der Weiber nicht anvertrauen mag und erst
geeignete Kleider mitbringen werde, um sie fortzuschaffen. Gegen Morgen bin ich
zurck.
    Damit verlie ihn der Fanariot und bald darauf kehrten zwei der Mnner
zurck und schlugen ihr Lager auf dem Boden des Zimmers auf.
    Caraiskakis beschlo, sich nach dem seinen zu begeben, theils um seinen
seltsamen Besuch zu beruhigen, theils um selbst einen Ort der Ruhe und Erholung
zu suchen. Er fand die Odaliske wach und ganz verndert. Der Schreck und die
Furcht waren von ihrem Antlitz verschwunden, und mit dem Gefhl der Sicherheit
hatte sich auch Leichtsinn und Gefallsucht wieder eingestellt, denn das Leben
des Harems hatte bereits unwiederbringlich die Seele des einst so einfachen und
armen Mdchens umstrickt. Sie hatte die Zeit der Abwesenheit der Mnner benutzt,
um ihren Putz mglichst vortheilhaft wieder herzustellen und ihre Haare zu
ordnen. Als Caraiskakis eintrat, sa sie in trkischer Manier auf den Kissen des
Divans und naschte von den Erfrischungen.
    Der Grieche setzte sich neben sie und begann ein Gesprch mit ihr. Die
Naivett dieser Hingebung, die kein Gefhl der Zurckhaltung und Schaam kannte,
ohne doch niedrig und gemein zu sein, berraschte ihn. Nausika zhlte jetzt
achtzehn Jahre, ein Alter, in dem bei den Frauen des Orients die ppigste Blthe
der Reize eingetreten ist, denn spter werden sie hufig zu voll und
ungeschickt. Ihre Augen und Lippen strahlten Koketterie und Genu, der Busen
athmete ppige Sinnlichkeit. Aus dem armen griechischen Mdchen hatten zwei
Jahre trkischer Erziehung die vollkommenste eitle Odaliske gemacht, die sich
bemhte, jede Erinnerung ihrer Vergangenheit zu unterdrcken.
    Vergeblich fragte sie daher Caraiskakis, durch die ersten flehenden Worte
des Mdchens, die sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht an die Mnner
gerichtet, aufmerksam gemacht, nach dieser Vergangenheit; - die Eitelkeit des
Mdchens lie sie sich fr eine Georgierin ausgeben, und da sie sich von Anfang
an nur der trkischen Sprache bedient und mit Nichts verrathen hatte, da sie
das griechische Gesprch der Mnner wohl verstanden, war es ihr leicht, ihren
neuen Beschtzer zu tuschen, indem sie ihm andeutete, da sie zwar als Christin
geboren, jedoch schon vor vielen Jahren als Sclavin nach Stambul gekommen sei
und den Islam habe annehmen mssen. Ueber die Ursache, die sie so pltzlich aus
der Gunst des Groherrn und in die Gefahr des Sckens gebracht hatte, erzhlte
sie der Wahrheit gem, da ihr dieselbe ganz unbekannt sei.
    Fr die Fragen, welche der Grieche gethan, richtete die Odaliske hundert
andere an ihn. Sie hatte genug von dem Leben des Harems gesehen, um zu wissen,
da sie keine Aussicht habe, je wieder das Serail zu betreten, und die
Todesfurcht, die sie ausgestanden, lie auch einen solchen Wunsch gar nicht
aufkommen. Dagegen ging all' ihr Sehnen und Denken bereits auf die Mittel, sich
auf andere Weise ein Leben voll jener Gensse, die sie kennen gelernt, mit
mglichster Freiheit verbunden, zu verschaffen, und als Caraiskakis ihr die
Versicherung gab, da er sie von Constantinopel wegfhren und fr sie sorgen
werde, schlo sie scharfsinnig, da es ihm auch an den Mitteln dazu nicht fehlen
knne, und setzte alle Knste der ppigen Koketterie in Bewegung, sein Herz zu
erobern und seine Sinne zu bestricken.
    Ihre Hand schenkte ihm den feurigen Wein des Olymp in den Becher, ihr
reizender Mund plauderte ihm von jenen seltsamen lsternen Geheimnissen des
Harems, die das Blut wallen machen. Dem Manne, der, eben dem scheulichen
Aufenthalt eines trkischen Schiffsgefngnisses entronnen, noch die schweren
Fesseln an seinen Gliedern zu fhlen glaubte, der wochenlang Nichts als die
grbste ekle Kost, ihm mit Verwnschungen gereicht, genossen, nur das finstre
Antlitz fanatischer Moslems gesehen, - duchte es wie ein Traut, jetzt hier im
wohlgewrmten, mit Teppichen belegten Zimmer zu sitzen und die Blicke in die
glnzenden Augen der schnen Odaliske zu tauchen, - so schn, - so schn, wie er
noch nimmer ein Weib gesehen! von ihrer weichen Hand berhrt zu werden, den
feurigen Wein aus demselben Becher zu schlrfen, den noch eben die purpurnen
Lippen berhrt hatten.
    Der finstre, ruhige Mann, der Patriot, dessen Herz nur dem Unglck des
Vaterlandes schlug, der so viel fr sein Idol schon gelitten, - wo blieb der
Gedanke, der allein bis jetzt sein Herz gefllt, - wo die Erinnerung an Kampf
und Sieg vor dem vernichtenden, verzehrenden Hauch der Leidenschaft, die sein
Inneres so pltzlich, so gewaltig erfat? Wo blieb die catonische Tugend vor dem
Sirocco des aufgeregten Bluts, das, so lange Jahre unterdrckt, jetzt die Bande
sprengte und tyrannisch durch seine Adern tobte.
    Er erhob sich, - er wollte das Gemach verlassen, um bei den beiden
Fanarioten sein Lager zu suchen, - aber er bedachte, da dies ihre
Aufmerksamkeit und ihren Verdacht erregen msse. Die Odaliske flog nach der Thr
und schob den Riegel vor, sie flehte ihn an, sie in dieser Nacht der Gefahr und
Angst nicht zu verlassen, und Gregor Caraiskakis, der starre, tugendhafte
Patriot, lauschte den Worten des schnen Weibes und blieb. Mit koketter
Geschftigkeit bereitete ihm das Mdchen an einem Ende des Divans das Lager und
fhrte ihn dahin. Dann hufte sie fr das ihre die Kissen und Polster auf der
entgegengesetzten Seite.
    Die beiden Kerzen auf dem Tische lschte ihr Hauch - bald hrte der Grieche
nur noch die schweren wogenden Athemzge seiner Gefhrtin.
    So verging eine Zeit, - trotz der krperlichen Erschlaffung vermochte auch
er nicht die Ruhe zu finden. Ein tiefer, sehnschtiger, leidenschaftlicher Hauch
schwellte seine Brust und drang ber seine Lippen.
    Da fate eine weiche sammetne Hand die fieberglhende seine, ein ppig
runder Arm umschlang ihn, und der se Athem eines heien Mundes flsterte dicht
an dem seinen:
    Warum verschmht mein Herr und Retter seine Sclavin? Soll das Herz allein
ihm gehren und nicht der Leib? Mge mein Gebieter seine Dienerin nicht
verachten!
    Und die buhlerischen Knste des Harems umstrickten ihn, die heien glhenden
Lippen sogen auf den seinen, electrische Funken der Lust sendend durch die
entflammende Berhrung in seinen Krper, weiche ppige Formen drngten und
schmiegten sich an ihn - Vaterland - Freiheit - Alles war vergessen in dem
entzckenden Rausch.
    Der Todfeind der Moslems ruhte wonnetrunken an dem Busen der verbannten
Odaliske des Groherrn, - der Gerettete und Befreite schwelgte in den
wollstigen Reizen der Tochter des Mannes, welcher kaum zwei Monden vorher fr
ihn, fr seine Freiheit und seine Zukunft das Haupt dem Yatagan des trkischen
Henkers geboten hatte, - Gregor Caraiskakis im Arm, am Busen von Nausika, der
Tochter des Janos!
    Auch der Zweite der tapfern, der edlen Brder, die den Heldenkampf begonnen,
war der Versuchung erlegen, der Eine im Harem zu Skadar, der Andere im
Fanariotenhause zu Stambul.
    Was will alle Kraft der erhabensten Empfindungen, alle Begeisterung der
Tugend und Ehre gegen die Katarakten des erregten Bluts und den Samum der
Leidenschaft!

    Das Seraskiat, von dem Thurme berragt, auf dessen Hhe die Feuerwache von
Constantinopel ist (Dschandchin Koskj), liegt in der Nhe der Suleimania und des
alten Serails; unfern davon, tiefer in die Stadt hinein, der Moschee des Frsten
Schekzade gegenber, der Platz, auf dem die alte Janitscharen-Kaserne stand,
deren Hof einst die Sttte des blutigen Gemetzels ihrer Vernichtung war. Der
frhere Wohnsitz des Janitscharen-Aga's ist jetzt der Palast des Seraskiers oder
Kriegsministers, Mehemed Ali's, des Schwagers des Groherrn, whrend Reschid
Pascha, der Minister des Auswrtigen, im Palast der Pforte residirt.
    In einem streng nach trkischer Sitte eingerichteten groen Gemache des
Seraskiats waren an diesem Abend die Mitglieder der Kriegspartei im Ministerrath
und seine Vertrautesten um Mehemed Ali zu einer ernsten Berathung versammelt:
Arif-Hikmet-Bey, der Scheik ul Islam des Reichs, Mahmud-Pascha, der bereits
abgesetzte Groadmiral, Mehemed Ruschdi, Chaireddin-Pascha und Safeli-Pascha,
der neue Finanzminister. Auf einem Ehrenplatz des Divans sa mitten zwischen den
Moslems ein Mann in europischer Kleidung von mittleren Jahren, dessen
langgestrecktes schmales Gesicht, rthlich blondes Haar und wasserblaues, kaltes
und beobachtendes Auge den Briten verrieth. Es war Master Alison, der
orientalische Secretair der britischen Gesandtschaft in Constantinopel, die
rechte Hand des Viscount de Redcliffe, und durch seine Gewandtheit und Kenntni
der orientalischen Verhltnisse zur Zeit eine der einflureichsten Personen in
Constantinopel.
    Jeder, der mit den Geheimnissen der trkischen Diplomatie einigermaen
bekannt war, wute sehr wohl, da bis jetzt smtliche Antworten und Noten der
Pforte aus der Feder Master Alison's gekommen waren.
    Die Berathung war ziemlich strmisch und die Stimmung noch erbitterter, als
der britische Secretair, durch seine Dragomans, - diese unbertrefflichen
politischen Spione und Agenten bei der Pforte, - auf's Genaueste unterrichtet,
ihnen mittheilte, da der Groherr bereits die Fermans unterzeichnet habe,
welche auch Ruschdi-Pascha sofort vom Kommando der Garden und Hayreddin vom Amt
des Polizeiministers enthoben und Letzteren als Inspektor der Armee nach Asien
sandten.
    Der Seraskier sah sehr wohl ein, da der nchste Schlag gegen ihn selbst
gerichtet sein und da sein Todfeind Halil damit nicht sumen werde.
    Von ihm, oder vielmehr durch ihn von der Sultana Adil, war daher auch der
erste Gedanke des bewaffneten Widerstandes und einer gewaltsamen Demonstration
angeregt worden, bei deren Berathung sich Master Alison jedoch jeder Einmischung
enthielt, indem er erklrte, da seine diplomatische Stellung ihm die Billigung
einer Auflehnung gegen den Willen des Groherrn verbieten msse, whrend er auf
der anderen Seite geschickt durch ein hingeworfenes Wort den Gang der Beschlsse
zu leiten verstand.
    Nur als der wilde Mehemed, von seiner Erbitterung hingerissen, von dem
geistlichen Vorstande des Reichs verlangte, da, wenn der Grosultan
Abdul-Medjid bei seiner Neigung zu ihren Gegnern verharren sollte, er ab- und
Abdul-Azig, sein Bruder, an seine Stelle gesetzt werden msse, erklrte der
Brite sehr energisch, da die verbndeten Mchte, denen der schwankende leitbare
Charakter des regierenden Padischah's sehr passend war, die Ausfhrung eines
solchen Planes nicht dulden und die Flotten sofort einschreiten wrden. Eben so
sprach er sich gegen eine Militair-Revolution aus, die Ruschdi-Pascha vorschlug,
indem er sich der Garden versichert erklrte.
    Die Zeit war vorbei, in denen die Janitscharen die Shne Ottoman's nach
Willkr auf den Thron setzten und die Mauern des Serails die Zeugen blutiger
Thaten waren. Vor den Augen Europa's durften die beiden Mchte Handlungen nicht
dulden, die so offen ihre Phrasen von der Vertheidigung des Sultans Lgen
gestraft htten. Zu einer Revolte in Constantinopel gehrte jetzt das Fiat von
London und Paris; das Programm wurde geliefert!
    An eine Palast-Revolution war bei der Stellung der Parteien nicht mehr zu
denken, es blieb also nur noch das Volk, - dessen Demonstration um so
bedeutsamer sein mute. Auerdem hat das Volk einen breiten Rcken und man
konnte der Gerechtigkeit gegen dasselbe spter freien Lauf lassen, ohne sich
selbst zu schwchen, ja im geeigneten Augenblick gegen den erregten Sturm wieder
auftreten und das Verdienst gewinnen, den Thron gerettet zu haben.
    Man beschlo demnach, an das Volk zu appelliren und die Meute in
Bereitschaft zu halten. Das Volk wird vom Fanatismus regiert, und der Scheik ul
Islam erhielt daher den Auftrag, seine Armee, - die Ulema's und Softa's, die
schon am 10. September von der Kriegspartei zu jener Demonstration benutzt
worden, welche die ersten Schiffe der Flotte in den Bosporus rief, - wieder in
Bewegung zu setzen.
    Whrend man noch ber die Art und die Zeit des Aufruhrs stritt, erschien
einer der vertrauten Tschokodars des Seraskiers, um zu melden, da ein Grieche
dringend Hayreddin-Pascha zu sprechen wnsche. Der Polizeiminister verlie das
Gemach und lie den Mann in eines der nchstliegenden bringen, da ein mit
verschiedenen Merkmalen bezeichnetes Goldstck, welches der Grieche der
Botschaft beigefgt, ihm zeigte, da der Fremde einer seiner Spione in der
Hauptstadt war.
    Wenn Gregor Caraiskakis den Mann gesehen, der jetzt mit dem Polizeiminister
sprach, wrde er sicher, trotz der kurzen Berhrung, eine jener Personen erkannt
haben, die er nach seiner Ankunft im Fanariotenhause gefunden.
    Es ist traurig, aber eine Thatsache, da, whrend auf der einen Seite unter
den Griechen die todesmuthigste Aufopferung und Hingebung an ihre National-und
Glaubensinteressen herrschte, auf der andern auch die nichtswrdigste Feilheit
und Gesinnungslosigkeit sich kundgab und schmhlicher Verrath in jeder Weise
gebt wurde. Nur in dieser Entartung des Volkes, der kriechenden Demuth und
Feigheit der Masse ist die Ursache zu suchen, da die trkische, Herrschaft so
drckend seit Jahrhunderten auf diesem Lande lasten konnte.
    Der Polizeiminister hatte seine zuverlssigsten Spione unter der
griechischen Bevlkerung und war von den Vorgngen und Bewegungen unter
derselben stets auf's Beste unterrichtet. Die Kunde, die er so eben empfing,
berraschte ihn jedoch, da sie ganz unerwartet kam und die Verschworenen der
Friedenspartei rasch und vorsichtig zu Werke gegangen waren. Die Nachrichten
waren freilich nur unvollstndig, da Baron Oelsner, als der Letter der
Demonstration, die Unzuverlssigkeit der Griechen zu gut kannte, um seine Plne
vor der Zeit zu enthllen, doch waren sie immer gengend, um ihre Bedeutung und
die drohende Gefahr ermessen zu lassen. Der Pascha sandte den Griechen zurck,
um nach weiterer Kunde zu sphen, und ertheilte dem Khawa-Aga, der ihn zum
Seraskiat begleitet hatte, einen Befehl, ehe er auf's Neue zu der Berathung der
Minister zurckkehrte.
    Mashallah, sagte er, seinen Bart streichend, ich habe wichtige
Neuigkeiten fr das Ohr meiner Freunde. Diese Teufel von Anhngern der Moskows
sind nicht mig und wollen uns zuvorkommen. Die Griechen im Fanarioten-Quartier
und in Demetri werden auf morgen zusammenberufen und sollen sich auf dem
Okmeidan versammeln. Haiwan der, es sind Thiere, aber ihre Zahl ist gro. Wir
wissen nicht, was sie vorhaben.
    Die Nachricht war von Wichtigkeit und rief eine neue Besprechung hervor. Dem
Scharfsinn des Briten und der bedchtigen Schlauheit der Orientalen konnte es
nicht verborgen bleiben, da diese Bewegung der griechischen Bevlkerung gemacht
und bestimmt war, die Maregeln der Friedenspartei zu untersttzen, und da eine
offene Demonstration zu Gunsten Rulands in der Hauptstadt bei den schlimmen
Nachrichten, die tglich aus den rumelischen Provinzen ber die Stimmung der
Bevlkerung eingingen, die Geneigtheit des Groherrn zum Friedensschlu nur
verstrken und seine Besorgni erhhen mute.
    Zum ersten Male mischte sich der englische Secretair direkt in die weitere
Berathung.
    Ich sehe keine Gefahr, sagte er ruhig, wenn rasch gehandelt wird. Was
auch der Divan morgen beschlieen mge, die Sitzung des Ministerconseils wird
allein die Entscheidung geben. Man mge dieselbe nicht im Palast von Tschiragan
oder in der Pforte halten, sondern im Seraskiat. Ich kenne Seine Hoheit den
Seraskier zu gut, um nicht zu wissen, da hier die Entscheidung nach seinen
Wnschen ausfallen wird.
    Der funkelnde Blick des Kriegsministers gab ihm die Versicherung.
    Unserem Freunde Hayreddin-Pascha wird es ein Leichtes werden, die Griechen
einzuschchtern und ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen oder nach einer anderen
Richtung zu leiten. Er wird nicht ohne Freunde sein unter der griechischen
Bevlkerung.
    Hayreddin machte das Zeichen der Zustimmung.
    Wenn man die griechische Bewegung auf das Ufer jenseits des goldenen Horns
beschrnkt, werden die Moslems die Herren in Stambul bleiben. Es liegen vier
unserer Kriegsschiffe vor der Stadt; die Gesandten werden noch einige andere von
Beykos kommen lassen. Das Geschwader wird stark genug sein, um nthigen Falls
die Auflehnung nach jeder Richtung hin in Schranken zu halten.
    Die trkischen Minister schauten einander an; sie begriffen sehr wohl, was
der Brite mit dem Ausdruck: nach jeder Richtung, meinte.
    Die Zusammenrottung der Griechen, fuhr dieser ruhig fort, wird die beste
Veranlassung geben zu einer Demonstration von Seiten der alttrkischen Partei.
Es wird Ihre Sache sein, zu bewirken, da die russischen Sympathieen nicht den
Sieg davontragen, und zu dem Ende wird es gut sein, wenn man sich der geheimen
Agenten versichert, deren Umtriebe man bisher so unverantwortlicher Weise
geduldet hat.
    Allah sende ihnen Unglck, meinte der Polizeiminister; ich habe Nachricht
erhalten, wo meine Leute zwei derselben finden knnen, und wir werden nicht
sumen, so lange der Kopf auf unseren Schultern sitzt. Auf meine Gefahr komme
es!
    Der Englnder entfernte sich hierauf aus der Versammlung, deren Theilnehmern
die weiteren Verabredungen berlassend. Eine Stunde spter schieden auch die
anderen Mitglieder und Hayreddin-Pascha kehrte in seine Behausung zurck, die
unfern der Hohen Pforte belegen war. Dort ertheilte er einige Befehle und
verlie dann, in einen weiten kurdischen Mantel gehllt und nur von einem neben
seinem Pferde hergehenden Diener begleitet, auf's Neue das Haus. Sein Weg fhrte
zur Moschee der Sultana Walide, der nchsten an der Brcke von Galata. Hinter
derselben, nach dem groen Bazar zu, findet sich ein freier mit Platanen
besetzter Platz, an dessen Zugang der trkische Minister vom Pferde stieg, das
er der Obhut seines Dieners anvertraute. Als ein vorsichtiger Mann berzeugte er
sich nochmals, da ihm der Griff zweier Pistolen unter dem Mantel zur Hand war,
und indem er dessen Kapuze ber den Kopf zog, betrat er den Platz und schritt
auf die Terrasse der Moschee zu. Auf den oberen Stufen des Rundganges, im
Schatten der hohen Mauern, fand er zwei seiner harrende Personen, den
Khawa-Aga, den er mit einem Auftrage aus dem Seraskiat abgesandt, und einen
fremden Mann, den der Leser als den Kahvedschi aus dem Malthesergchen in
Galata wiedererkannt haben wrde, in dessen Hause Fuad-Effendi vor etwa zwei
Monaten den ungarischen General aufgesucht. Die Abwesenheit des fhigen und
schlauen frheren Ministers des Auswrtigen gerade in diesem Augenblick der
Gefahr durch seine Mission an der Donau war von den Fhrern der Kriegspartei bei
ihren Berathungen schwer empfunden worden, whrend ihre Gegner dieselbe eifrig
benutzten.
    Der Pascha flsterte seinem Untergebenen einen Befehl zu, worauf dieser, die
Hand am Sbel, in einige Entfernung zurcktrat, so da er das Gesprch nicht
hren konnte. Hayreddin lie sich auf einer der die Balustrade des Aufganges
bildenden Marmorquadern nieder und winkte dem Mann, heran zu treten, bis dieser
in der Entfernung von drei oder vier Schritten von ihm war, wo ihm der Pascha, -
durch die Balustrade von ihm getrennt und gesichert, - befahl, stehen zu
bleiben.
    Du bist Demetrio, der Kahvedschi aus der Maltheser gasse? fragte er.
    Wie Euer Excellenz befehlen.
    Vor drei Tagen sind in Deinem Hause zwei Galiand schi6 von den Schiffen der
Unglubigen, Inglesi, ermordet worden?
    Bei der Seele meines Vaters! schwor der Grieche, Ihr seid falsch
berichtet, o Effendi mou. Ich wei von keiner solchen That.
    Willst Du in meinen Bart spucken, unglubiger Hund? zrnte der Pascha;
ich kenne Dich und Dein Haus, es ist das berchtigste von ganz Stambul und nur
meiner Nachsicht hast Du es zu danken, da die Mordgrube geduldet wird. Aber
thue Deine Augen auf, Mann, und hre, was ich Dir zu sagen habe. Die Inglis sind
eine Nation, die nicht mit sich spielen lassen, und bei der ersten neuen Klage
werde ich Dir den Kopf vor die Fe legen.
    Sen ektiar der - Ihr seid der Herr, was kann ich thun! winselte der
Grieche. Es giebt viele schlimme Huser diesseits des Horns und es fehlt nicht
an Rubern und Mrdern in Constantinopel. Wie soll ich verhindern, da ein
Franke beraubt oder erschlagen wird?
    Bosch! was geht das mich an? In Deinem Hause sind die Galiandschi ermordet
worden, ich habe den Beweis und schicke Dich vor den Kadi, wenn Du nicht thust,
wie ich Dir befehle.
    Der Grieche spitzte die Ohren.
    Ich ksse den Staub Eurer Excellenz, ich bin der Sclave Ihres Worts.
    Wie viel Mnner zhlst Du in diesem Augenblick zu Deiner Bande?
    Euer Excellenz sind im Irrthum ...
    Pesevenk7, antworte!
    Wenn Euer Excellenz es nicht anders wollen, sagte entschlossen der Mann,
es sind ihrer sechsundzwanzig.
    Und wie viel vermagst Du bis morgen Abend zusammenzubringen?
    Das ist nicht schwer, mindestens zweihundert.
    Das gengt. - Es wird morgen eine Versammlung von Griechen auf dem Okmeidan
stattfinden.
    Ich habe davon gehrt.
    Wohl! la Deine Freunde sich nicht in die Sache mischen und ihre Hand fern
davon halten.
    Das wird schwer halten, meinte der Grieche; es sind Teufel, die sich
nicht zgeln lassen.
    Nun, bei meinem Bart, wenn sie Teufel sind, so will ich sie zu Azral dem
Hllenfrsten senden! Ich bin nicht hierher gekommen, da Du mir in den Bart
lachst, Hund von einem Kahvedschi! Du weit, da Du mit Einem sprichst, der die
Macht hat, zu befehlen und Euch Alle aus Stambul zu jagen. Ich habe andere
Arbeit fr Dich und Deine Freunde.
    Das ist etwas Anderes, Excellenz; wir werden gehorchen.
    Du weit in der Fanariotenstadt Bescheid?
    Ich bin dort geboren, Excellenz.
    Bana bak! Du wirst dafr Sorge tragen, da morgen Abend um die zweite
Stunde eine groe Feuersbrunst in dem Quartier entsteht.
    Es ist ein Leichtes. Wie viel befehlen Euer Excellenz, da wir anznden
sollen?
    Der Pascha lachte, indem er sich den Bart strich.
    Ein Hund ist ein Hund, wenn man ihn auf die Fhrte bringt. Es wird gengen,
zwei oder drei Huser anzustecken, der Wind wird das Uebrige thun. Kennst Du das
Haus des Fanarioten Geurgios?
    Ja wohl, Effendi.
    Pek ji, sehr gut. Wenn der Lrmen am grten ist, wirst Du mit einigen
Gefhrten in das Haus dringen. In dem oberen Gemach nach der Wasserseite sollen
sich zwei Personen verborgen halten. Es wird gut sein fr Dich, wenn ich nicht
mehr von ihnen hre.
    Es soll geschehen, wie Ihr befohlen, Effendi.
    Inshallah, ich habe Nichts dawider, wenn Ihr auch einige Huser dieser
Schurken von Fanarioten plndert, aber es mu ein Ende haben. Du verstehst
mich!
    Der Kaffeewirth lachte.
    Lassen Euer Excellenz uns machen. Giebt es Nichts fr uns zu thun in den
Quartieren jenseits des Horns?
    Bakalum, warte. Unter den Schweinen seid Ihr Griechen die klgsten. Ich
erlaube Euch, in Demetri und Cassim-Pascha zwei oder drei Huser zu plndern,
aber bei meinem Bart, ich lasse Deine Eingeweide den Hunden vorwerfen, wenn Ihr
mehr thut als das und einen Brand in den Frankenstdten macht. Die Dschaurs
drfen nicht beleidigt werden. Jetzt kennst Du meinen Willen, Sohn eines Juden
und einer Teufelin. Haltet Euch fern von Allem, was morgen sonst in Stambul
geschieht; Du brgst mir dafr mit Deinem Kopf.
    Der Kahvedschi verbeugte sich.
    Es ist ein bses Stck Arbeit, sagte er, was Ihr mir auftragt. Wer
bezahlt uns dafr?
    Hund, Sohn eines Hundes, was erfrechst Du Dich? schnaubte der Pascha. Ist
es nicht genug, da ich Dein Leben schone, da ich in jedem Augenblick Deinen
Kopf zwischen Deine Beine stellen lassen kann?
    Euer Excellenz mgen ein mchtiger Mann sein, sagte der Grieche demthig,
aber ich kenne Sie nicht. Meine Gefhrten sind nur mit Gold zu leiten.
    Du wirst hundert Ghazis erhalten bermorgen, auf dieser Stelle und zu
dieser Stunde, wenn Du Deinen Auftrag gut erfllt hast. So wahr ich ein
Muselmann bin. Geh'!
    Der Grieche - der Bandit und Ruber - vertraute unbedingt dem Worte des
Moslems und entfernte sich.

    Um eilf Uhr Vormittags am nchsten Tage begann die Divansitzung im Palast
der Hohen. Pforte, in welcher beide Parteien zum letzten Kampf gerstet
erschienen. Bereits am Morgen war dem Seraskier die Absetzung Mehemed Ruschdi's
vom Kommando der Garden und der Befehl zugegangen, seinen Nachfolger
einzufhren; Mehemed Ali verzgerte jedoch unter dem Vorwande berhufter
Geschfte die Ausfhrung der Ordre. Fr Hayreddin-Pascha war unglcklicherweise
ein abwesender Nachfolger (Arif-Pascha) ernannt und er mute bis zum Eintreffen
desselben sein Amt behalten. Die Friedenspartei hielt sich jedoch ihres Sieges
gewi, da sie keine Ahnung von den energischen Vorbereitungen der Gegner hatte
und diesmal auf die Bestndigkeit des Sultans vertraute.
    Bereits bei Beginn des Divans begannen die Griechen des Fanarioten-Quartiers
und der Vorstdte St. Demetri und Ejoub nach den ausgegebenen Ordres auf dem
Okmeidan, dem Pfeilplatz, auf der Frankenseite des Horns in Gruppen sich zu
versammeln. Der Platz, oberhalb des Arsenals und der groen Schiffswerfte von
Terschana gelegen, diente in frheren Zeiten zur Belustigung der Sultane im
Bogenschieen, und hunderte von Steinen zeigen die Stellen, bis zu welchen die
Geschosse der Herrscher getrieben worden. Jetzt ist der Platz de und
vereinsamt, aber ein Lieblings-Versammlungsort der Griechen, die hier sich
freier bewegen knnen, als unter der dichtgedrngten trkischen Bevlkerung von
Stambul selbst. Es war jetzt unter den Griechen kein Geheimni mehr, da nach
dem Siege im Rath ein groer Zug zum Palast des Sultans stattfinden sollte, um
von ihm die Ausfhrung des Divanbeschlusses und den Frieden mit Ruland zu
verlangen. Die Masse der Bittsteller mute dieser Demonstration ein drohendes
Gewicht geben. -
    Im Divan wurde die Berathung strmisch. Da Reschid-Pascha die bestimmtesten
Weisungen erhalten hatte, konnte er nicht anders, als sich der Partei des
Growessirs und Chosrew's anschlieen und fr den Frieden reden. Das Gold und
die Versprechungen Halil's hatten ihre Wirkung gethan, und die Majoritt, welche
sich bei der endlichen Abstimmung nach langem und heftigem Streit fr die
Einleitung der Friedensverhandlungen auf Grund der Note der vier Gromchte
erhob, war eine bedeutende.
    Nur die Ulema's und Karaskier's mit dem Scheik ul Islam an ihrer Spitze und
die persnlichen Freunde und Vertrauten des Kriegsministers stimmten dagegen.
    Das Resultat durch rothe und weie Kugeln war kaum bekannt, als der
Seraskier und mit ihm Arif-Hikmet, der Scheik ul Islam und Gromufti des Reichs,
sich erhoben und in zornigen Reden erklrten, da sie sich dem Beschlusse nicht
fgen, sondern sofort an das Volk appelliren wrden, da der Islam nur durch
einen Sieg ber seine Feinde gerettet werden knne. Sie verlieen sofort mit
all' ihren Anhngern den Divan und begaben sich nach der Aia-Sophia.
    Dies war Nachmittags um fnf Uhr.
    Eine Menge Volks hatte sich um den Palast der Hohen Pforte versammelt und
wie ein Lauffeuer flog die Kunde durch die weite Stadt.
    Die ausgestellten Boten brachten die Nachricht nach dem Okmeidan; sie war
das Signal zur Demonstration. Fahnen mit den Inschriften: Frieden mit Ruland!
Brgerliche Rechte den Rajah's! Es lebe der Kaiser Nicolaus, unser
Beschtzer! - bunte Laternen mit hnlichen Devisen und Carricaturen auf die
Westmchte tauchten berall wie durch Zauberei auf und Redner erhoben sich auf
den Denksteinen umher und redeten das Volk an.
    Der Gang der Bewegung war offenbar genau vorher bestimmt. Die Menge, die
sich aus den griechischen Quartieren hier versammelt hatte, belief sich auf mehr
als zwanzigtausend Menschen und behauptete den Platz und seine Umgebungen trotz
des strmischen Wetters, das bereits den ganzen Tag ber getobt hatte. Unter dem
Grollen des Donners und dem Leuchten der Blitze, - eine in Constantinopel in
dieser Jahreszeit nicht ungewhnliche Erscheinung, - begann sich der Zug zu
ordnen, der noch an demselben Abend seinen Weg nach Tschiragan nehmen und eine
Bittschrift an den Sultan bergeben sollte.
    In diesem Augenblick erst verbreitete sich die Nachricht von der
Gegendemonstration, welche die trkische Bevlkerung auf der anderen Seite des
Horns in Stambul vorbereitete, und erregte schon durch das Unbestimmte der
Nachricht groen Schrecken unter den Griechen.
    Der Scheik ul Islam mit dem Kriegsminister und seinen Anhngern hatten sich,
wie bereits erwhnt ist, in die Aia-Sophia begeben. Mehrere mit ihren Fhrern
darin befindliche Christen, meist Offiziere, wurden hflich ersucht, dieselbe zu
verlassen, und die Moschee ward hierauf abgesperrt. Zu gleicher Zeit
versammelten sich die Softa's, die Studenten der trkischen Theologie und
Rechtswissenschaft, deren Zahl in Constantinopel ber Dreitausend betrgt, in
der Moschee des Sultans Achmed am Hippodrom und das Volk fllte den ungeheuren
Platz.
    Einen dritten Heerd der Bewegung, - gefhrlicher noch als die beiden
genannten Orte, - bildete die Mahmudje, - die Moschee (Dschami) Sultan Mahmud
II., des Eroberers von Constantinopel. Sie steht in der Nhe des
Fanarioten-Quartiers, auf der Stelle, wo einst einer der schnsten Tempel des
christlichen Byzanz prangte: die Kirche der heiligen Apostel. In den
Todtengrften der Letzteren ruhten von Constantin an die Gebeine der meisten
morgenlndischen Kaiser in kostbaren Sarkophagen, bis die Lateiner unter Balduin
und Dandolo sie der heiligen Sttte entrissen. Mahmud baute die Moschee, die
nach seiner Absicht noch die Sophia berragen sollte, und weil sie das nicht
that, lie der Tyrann dem Baumeister Christodulos beide Hnde abhauen. Die
Moschee mit ihren Sulengngen und Vorhfen, in denen unter hohen Cypressen die
Fontaine pltschert, ist die Hochschule der Softa's und hat in ihren Anbauten
ber 360 Zellen als Wohnungen derselben. Von hier aus war die Masse zwar zur
Achmetje8 gezogen, dagegen eine Anzahl vertrauter Schler zurckgeblieben, um
die sich versammelnde Bevlkerung der inneren Stadttheile zu bearbeiten und mit
der erregten die griechischen Quartiere zu bedrohen.
    Die drei Sammelpunkte des Aufruhrs standen durch Boten fortwhrend in
Verbindung und mit Genugthuung hrten die Leiter der Bewegung, wie die Zahl und
Aufregung der Masse in der Mahmudje und auf dem Atmeidan oder Hippodrom
fortwhrend schwoll. Dieser Platz des Kaisers Sever, einst die Schaubhne der
Rennen und Spiele, durch berhmte Kunstwerke geschmckt, ist jetzt eine elende
Sttte von noch kaum 250 Schritten Lnge und 150 Breite, whrend er im Alterthum
wohl vier Mal so gro war. Die Achmetje und schmuzige Huser und Htten haben
ihn beengt, und wo sonst die Statue des Herkules Trihesperus kniete, oder die
Wlfin des Romulus stand, das eherne Nilpferd, Scylla und Charybdis und das
reizende Bild der griechischen Helena, wallenden Haares um den liebepredigenden
sen Leib; - wo einst die Wagen in der siebenmaligen Runde vor dem Csar um den
Platz donnerten und auf dem Thurme die vier goldenen Rosse prangten, die ihren
Weg auf die Marcuskuppel von Venedig gefunden haben, - da hlt jetzt nur ein
schmuziger trkischer Kaffeewirth unter einsamer Sykomore oder Platane seine
traurige Boutike aufgeschlagen. Welche Thaten und Geschicke hat dieser Platz
gesehen, welche Strme von Blut getrunken! Alle Revolutionen des alten und neuen
Byzanz gingen von ihm aus; hier wurde Gratianus Augustus durch die Meuchler
ermordet; Justinianus warf khn den Stab in die Arena zum Beginn der Spiele,
whrend der Rebell Hipatius schon den Hippodrom strmte und Belisar ihm
entgegentrat, inde halb Byzanz in Flammen dem Kampfe leuchtete; hier hielt der
aus dem Vandalenkriege heimkehrende Feldherr seinen Triumphzug mit dem
Schimmelgespann, das sein Augenlicht kostete; - da, an der Achmetje mit ihren
goldenen Kandelabern und smaragdenbesetzten Ampeln, im Todtengarten der
prchtigen Moschee, ruhen neben den Gebeinen ihres jungen Erbauers die Leichen
seiner Shne, Sultan Osman's II., der seine frhe Regierung mit dem Morde des
Bruders begann und nach achtzehn Jahren selbst von den Janitscharen erschlagen
wurde, - die Leichen Murat's IV. und seiner von ihm gemordeten Brder Bajazet
und Suleiman! Auf dem Atmeidan entfaltete der Growessir unter dem vorigen
Sultan die Fahne des Propheten und fhrte die Meute zum Mordsturm auf die
Kaserne der Janitscharen!
    Und dennoch waren es gerade die Manen dieser, die man rachedrohend gegen den
Sohn ihres Vernichters heute heraufbeschwor. Die Pforten der Achmetje ffneten
sich und von den Treppen und Terrassen hielten die Softa's feurige Reden an das
Volk. Ueberall unter der Menge tauchte zugleich der Turban der Janitscharen auf,
das grne Band, ihr gefrchtetes Wahrzeichen flatterte vom Sturm gepeitscht ber
den Kpfen der Menge. Der Ruf nach Krieg mit den Dschaur's, nach Entfaltung der
Fahne von Mekka, nach Absetzung des Sultans, scholl aus hundert Kehlen, und die
Menge heulte es nach und der Name Abdul-Azig, als des neuen Padischah's, klang
trotz der Betheuerungen der Minister gehen Master Alison schon tausendfach in
die drohende Gewitternacht. - -
    Vor Tophana lagen zwei Schiffe der vereinigten Flotten, die Queen von 120
Kanonen und der Zweidecker London, ihre ghnenden Breitseiten gegen die Stadt
gerichtet. In den Decks von Tershana lag auer einer preuischen Corvette, die
durch einen unglcklichen Zusammensto im Bosporus beschdigt worden, die
englische Fregatte Tiger zur Reparatur. Sie war bei der Einfahrt in's
Marmorameer auf einen verborgenen Fels gerathen und hatte ein starkes Leck
erhalten. Eine Menge Offiziere und Matrosen des bei Beykos und Bujukdere
ankernden Geschwaders befanden sich auerdem auf Urlaub in Constantinopel.
    Wir mssen zu einer kurzen Scene am Vormittag des Tages zurckkehren.
    Die Fregatte Tiger hatte zwei Boote nach dem Ufer der Fanariotenstadt
gesandt, um aus einem der griechischen Magazine, die sich dort befinden,
Schiffsvorrthe in Empfang zu nehmen. Whrend der Deckmeister Adams mit den
Matrosen die Gegenstnde abnahm und verlud, trieben sich die beiden den Booten
beigegebenen Midshipman, Frank Maubridge und Gosset, in der Umgebung der
Magazine umher, oder streiften neugierig durch die Gassen, das ihnen neue Leben
und Treiben beschauend. Von Zeit zu Zeit mute freilich einer von ihnen zum
Magazin, wenn der alte Deckmeister eine Ladung zu Schiffe brachte, um whrend
der Zeit die Aufsicht ber Mannschaft und Vorrthe zu halten, im Ganzen aber
waren sie bei dem Willen, den der alte Adams ihnen that, ziemlich frei, wie sich
Midshipman immer zu machen wissen, und der Kaufherr, welchem die Magazine
gehrten, bewirthete sie mit der seiner Nation eigenthmlichen Geschmeidigkeit
reichlich.
    Eben war die Reihe, umherzustreifen, an Frank - einem hochaufgeschossenen
Burschen, der, obschon erst 17 Jahre, doch bereits durch das Seeleben ein
mnnliches Aussehen hatte, whrend der kleine zu jeder Teufelei geneigte Gosset
mit gekreuzten Beinen und einem seine doppelte Lnge messenden Nargileh zwischen
den Zhnen prahlerisch auf einem Teppich im Vorhause des Magazins sa und den
unvermeidlichen Kaffee schlrfte. Frank Maubridge zog in der Nhe des Wassers
umher durch die engen Straen und kleinen bis an's Horn laufenden Hfe. Es war
Mittagszeit und der Stadttheil bereits de und verlassen, denn Alle, die nicht
Geschfte zurckhielten, zogen sich nach dem Okmeidan, und die Kaks kreuzten
mit Zustrmenden fortwhrend ber die Meeresflche.
    Ein griechisches Haus, grer als die anderen und nahe dem Wasser, war dem
jungen Manne schon am Morgen ausgefallen, Thr und Jalousieen waren
verschlossen, aber als er aufmerksam umhersphte, um wo mglich Etwas von den
interessanten Geheimnissen der Frauengemcher zu erlauschen, ffnete sich
wirklich eine der Jalousieen und ein junges Weib in reicher Tracht von
wunderbarer und verfhrerischer Schnheit schaute heraus, - Nausika, die
Odaliske.
    Whrend das schne Mdchen am Morgen noch im trumenden Schlummer auf den
Kissen ruhte, hatte Gregor Ccraiskakis sich erhoben, betubt, unzufrieden mit
sich selbst, und dennoch von Glck und Liebe berauscht, wenn sein Blick auf die
se Gestalt fiel, die an seinem Herzen geruht. Leise, ohne sie zu wecken,
verlie er das Gemach und suchte seinen bereits in der Nacht zurckgekehrten
Wirth auf, den er von den Anstrengungen des Tages und Abends gleichfalls noch in
tiefem Schlaf fand. Als derselbe endlich erwachte, gab er ihm eine Botschaft des
Barons, der ihn eiligst zu sprechen wnschte, und brachte ihn selbst zu diesem,
nachdem Gregor sein Aeueres mit Hilfe des Wirths mglichst verndert und sich
in den weiten schwarzen Talar eines Armeniers gesteckt hatte. Der geheime Agent
freute sich aufrichtig des Wiedersehens und machte ihm alsbald eine genaue
Mittheilung der Vorgnge und Aussichten. Er war bereits durch Geurgios von den
Ereignissen bei der Flucht des Griechen von der trkischen Fregatte unterrichtet
und seine Combination hatte ihm gezeigt, da die Fremde die durch den Zorn des
Sultans aus dem Harem entfernte Odaliske sein msse, wenn er auch das Rthsel
nicht lsen konnte, wie die Stummen des Kislar-Aga dazu gekommen waren, die
offenbar dem Tode Geweihte dem fremden Boote zu bergeben. Es war jedoch keine
Zeit, sich jetzt mit der Lsung dieser Frage zu beschftigen, und da es ihm
wichtig schien, das Mdchen selbst zu sprechen und von ihr vielleicht ber die
Anschlge der Sultana weitere Auskunft zu erhalten, wurde beschlossen, da sie
vorlufig noch in dem Hause des Fanarioten verborgen bleiben und erst spter
ber ihr weiteres Schicksal entschieden werden solle.
    Whrend Caraiskakis bei dem Baron blieb, ihn in seinen Anstalten zu
untersttzen, kehrte Geurgios nach dem Fanar zurck und machte seiner schnen
Gefangenen die Mittheilung, da sie um ihrer Aller Sicherheit willen an ihrem
jetzigen Zufluchtsorte still und einsam verborgen bleiben msse. Er versorgte
sie mit allen Bedrfnissen reichlich und schlo sie dann auf's Neue ein. Dem
leichtsinnigen eitlen Mdchen, das die Todesangst des vorigen Abends lngst
berwunden, war die Gefangenschaft und Einsamkeit wenig willkommen, und je
lnger sie dauerte, um so drckender wurde sie ihr. Die Kenntni des
griechischen Lebens versprach ihr ohnehin wenig Genu und Zerstreuung fr die
Zukunft, wenn sie eingesperrt blieb, und schon dachte sie daran, wie sie sich
von diesen neuen Fesseln befreien knne. Da ihr Retter und neuer Liebhaber ein
Grieche und nicht ein Franke war, wie sie Anfangs gehofft hatte, behagte ihr
wenig, denn von dem freien und genureichen Leben der frnkischen Frauen haben
die orientalischen Weiber einen ausschweifenden Begriff und sind daher auch
stets geneigt, gerade mit Fremden ein Liebesverhltni anzuknpfen.
    Von Geurgios hatte sie erfahren, da ihr neuer Beschtzer vor dem spten
Abend nicht zurckkehren werde, und die Langeweile und das Bedrfni der
Zerstreuung trieb sie daher an die Jalousieen, die nach dem Horn und nach einer
einsamen von Mauern gebildeten Gasse zeigten. Hier hatte sie schon am Vormittag
die umherstreifenden englischen Midshipmans bemerkt, und als sie am Mittag auf's
Neue Frank gewahrte, konnte sie die Eitelkeit und Lust der Intrigue nicht
unterdrcken und zeigte sich ihm an den geffneten Jalousieen.
    Der junge Mann blieb, entzckt von so viel Reizen und seinem Glck, stehen.
    Schne Dame, sagte er galant und mit allem Aufwand orientalischer Poesie,
dessen er fhig war, der Strahl der Sonne ist Nichts im Vergleich mit Euren
glnzenden Augen, Eure Lippen sind wie aufgeblhte Rosen und ich bringe Euch
meine Huldigung ber solche vollendete Schnheit.
    Das Mdchen lachte, obschon sie von der unsinnigen Begrung Nichts
verstanden hatte. Sie machte ihm durch Zeichen deutlich, da sie von seinem
Englisch Nichts begriffe und fragte in der lingua franca, ob er diese oder
griechisch verstehe.
    Der wackere Frank war in Letzterem freilich nicht bewandert, aber da er ein
Jahr lang auf der Station in Malta zugebracht, kannte er genug von der
Sprachenmelange, die man mit der erstern Benennung beehrt, und vom
Italienischen, um sich verstndlich zu machen, und so wiederholte er sein
Compliment in der angedeuteten Mundart, wenn auch nicht ganz so zierlich.
    Wer bist Du? fragte die Odaliske.
    Der Teufel soll den Tiger holen, das alte Rattennest! sagte Frank
wohlgefllig, wenn ich nicht einer seiner Offiziere bin. Jedenfalls aber,
schne Dame, bin ich ein britischer Gentleman.
    Bist Du reich? lautete die weitere Frage.
    Der Midshipman fand sich durch den Zweifel gekrnkt und um den britischen
Ruf zu bewahren, griff er in die Tasche und konnte, da die Gte seines Bruders
ihn noch am Tage vorher reichlich versehen, eine stattliche Hand von Souverain's
und Kronenstcken der Schnen produziren.
    Wenn Du ein Franke bist und reich und ein Offizier, sagte mit einem
beraus zrtlichen Blicke die Kokette, so mchte ich wohl mit Dir entfliehen.
Du wrdest mich beschtzen, nicht wahr?
    Potz Haifisch, murmelte der junge Mann, das geht rasch hier zu Lande! -
Wer bist Du denn eigentlich, schne Dame? fragte er.
    Ich heie Nausika und bin eine Obaliske des Groherrn, erzhlte die
leichtsinnige Schne. Aber ich bin hier eine Gefangene und wer wei, welches
Leid mir noch geschieht. Wenn Du mich retten willst, werde ich Dein Glck
machen. Du gefllst mir - und ich habe immer gehrt, da die Inglis Alles in
diesem Lande thun drfen, was selbst die Trken nicht wagen.
    Eine Odaliske des Groherrn! - Der Gedanke verwirrte vollends das ohnehin
von abenteuerlichen Bildern und Unfug strotzende Gehirn des Mid's und er
beschlo auf alle Gefahr hin, den Ritter bei der Schnen zu spielen.
    Wenn Du mich lieben kannst, reizende Sultana, sagte er emphatisch, so
will ich gekielholt werden, wenn ich nicht Blut und Leben fr Deine Befreiung
d'ran setze. Sage mir nur, wie es zu machen ist, denn der Teufel soll mich
holen, wenn ich es wei!
    Nausika, die an der Bekanntschaft groen Gefallen fand und, ihrer Reize
gewi, ber ihre Zukunft wenig Besorgni hegte, war mit den Vorschlgen gleich
bei der Hand.
    Kannst, Du des Abends, im Dunkel um die dritte Stunde, wieder unter meinem
Fenster sein, schner Offizier?
    Der Midshipman schnitt ein Gesicht; er wute nur zu gut, da auf rechtem
Wege das nicht mglich war, denn die aufgetragene Arbeit am Werft war bald
gethan und er mute mit den Booten an Bord zurck; die Benennung schner
Offizier aber war zu unwiderstehlich, und da ein Mid selten um eine Lge oder
um eine Prahlerei verlegen ist, bejahte er dreist die Frage und verstndigte
sich dann mit der Schnen ber den Unterschied der Schiffsglocken9 und der
griechischen Zeitrechnung.
    Ich werde an diesem Fenster ein Tuch heraushngen, wenn ich allein bin.
Dann gieb mir ein Zeichen, indem Du drei Mal in die Hnde klatschest und ich
werde die Jalousieen ffnen. Hast Du ein Mittel, mir heraus zu helfen?
    Zum Henker, sagte Frank, wofr gb' es denn Strickleitern in der Welt?
    Gut. Geh' jetzt, damit wir nicht Verdacht erregen. Lebe wohl, schner
Franke, ich zhle auf Dich!
    Gott verdamm' meine Augen! schwor der wrdige Midshipman auf Englisch,
indem er die Hand betheuernd auf's Herz legte, - heute Abend bin ich zur Stelle
und entfhre Euch, holde Mi! -
    Den Teufel, werdet Ihr thun! sagte eine grobe Stimme neben ihm. Mid's
Schwre sind keinen Penny werth und Ihr thtet besser, Master Frank, Ihr machtet
Euch zu den Booten, um die Rechnung abzuschlieen, statt hier dem unglubigen
Weibsvolk nachzuspren.
    Mit einem leichten, Schrei flog die schne Odaliske vom Fenster und schlug
die Jalousieen zu, Master Frank aber wandte sich rgerlich zu dem alten Adams,
der in aller Seelenruhe eines britischen Matrosen vor ihm stand und mit dem
einen Auge ihn, mit dem andern das Fenster anschaute, in welchem das schne
Mdchen verschwunden war.
    Die Haifische sollen meinen Leichnam bekommen, sagte der wrdige
Deckmeister, wenn ich nicht geglaubt habe, Ihr wrdet meiner Erziehung mehr
Ehre machen, als der Baronet, Euer Bruder. Aber ich seh', es ist Einer aus Eurem
Geschlecht so toll wie der Andere. Der Unterrock ist eine bse Flagge, Master
Frank, und vollends in diesem Lande, wie ich mir habe sagen lassen.
    La mich zufrieden mit Deinen Predigten, altes Seeungethm, erwiederte
rgerlich der Midshipman, indem er bemht war, den unwillkommenen Aufpasser von
dem Platz fort zu manvriren. Was, zum Henker, bringt Dich in mein Kielwasser?
    Es thut mir leid, meinte der Aeltere, indem er seinen Zgling durch die
Gassen und Gchen, auf die er ein scharfes Auge gerichtet hielt, zu dem Magazin
zurckgeleitete, da Ihr diesmal mein vorgesetzter Offizier seid. Als solchem
hab' ich Euch zu rapportiren, da die Ladung vollstndig ist, und da Meister
Gosset nur auf Euch wartet, um dem Kaufmann zu quittiren und abzustoen. Der
junge Halunke wollte Euch selbst aufsuchen, aber dann htten wir wahrscheinlich
das Nachschauen nach Zweien gehabt.
    Frank antwortete nicht auf die hflichen Redensarten des Deckmeisters, um
die er sich herzlich wenig kmmerte, und brtete ber andere Dinge. So kamen sie
zum Magazin, wo Gosset den Kameraden mit einigen solennen Verwnschungen ber
sein langes Ausbleiben empfing, wegen dessen sie wahrscheinlich des warmen
Mittagsessens an Bord verlustig gehen wrden. Unsere Midshipmen hatten zwar fast
den ganzen Vormittag noch nichts Anderes gethan, als gegessen, getrunken und
umhergelungert, wann aber wrde je der Magen eines echten Mid's, dieses Gamin
der See, gesttigt?
    Nachdem die Rechnungen des Kaufmanns unterschrieben waren, begab sich die
Gesellschaft in die Boote, und zum Aerger des argwhnischen alten Matrosen wute
Frank es so einzurichten, da er mit seinem Kameraden in dem zweiten sa. Der
Verdacht des wrdigen Deckmeisters steigerte sich noch hher, als er sah, wie
die beiden jungen Herren eifrig die Kpfe zusammensteckten, und Frank mit seinem
Busenfreunde eine groe Berathung hielt. Der alte Matrose witterte Unheil, wie
eine Mve den Sturm, denn er kannte seine Leute, aber er war auer Stande, es zu
verhindern.
    Hre, Frank, sagte der liebenswrdige Jngste der Mid's-Kajte, die
Geschichte ist Goldes werth. Auf mein Wort, ich helfe Dir, wir entfhren dem
Sultan seine Geliebte vor der trkischen Nase weg, und wenn wir dabei auch arg
in die Klemme kommen sollten. Sie hat gewi einen ganzen Schatz von Diamanten
und sonstigen Edelsteinen bei sich, und das Beste ist, wir machen uns mit ihr
ganz und gar aus dem Staube und werden irgendwo Pascha's.
    Frank fiel zwar die gierige Frage seiner Schnen ein, ob er reich sei? inde
sein Stolz litt es nicht, die Sultana, von der er geprahlt, selbst
herabzusetzen. Ueberdies hatte er ja die Tasche voll Geld. - Aber wo bringen
wir sie hin? - Die Frage machte den beiden Burschen einiges Kopfzerbrechen,
aber bald wurden sie darber eins, irgend einen beliebigen jdischen
Commissionair, wie sie deren zu Hunderten in Constantinopel umherlaufen, dafr
sorgen zu lassen.
    Das Nchste und Wichtigste vor Allem war, wie sie von dem Schiffe fortkommen
sollten, und Frank bernahm dies Geschft, whrend Gosset versprach, einige
Schiffspistolen und Munition bei Seite zu schmuggeln. Beide wuten sehr gut, da
die scharfen Augen des alten Deckmeisters auf sie gerichtet waren und da sie
vor allen Dingen ihn tuschen muten, damit er ihnen nicht einen Querstrich
durch die Rechnung mache. Sie lieen deshalb nher zum andern Boot hinanlegen
und begannen eine gleichgltige Unterhaltung, bis sie in den Docks des Arsenals
landeten, an deren uerem Eingang die Fregatte bereits ausgebessert lag.
    Whrend der erste Lieutenant die Rechnungen des Kaufmannes abnahm und der
Deckmeister damit beschftigt war, die Ladung an Bord zu bringen, gelang es
Frank, der auf der Lauer lag, an den Capitain zu kommen, der als ein alter
Seewolf es verschmht hatte, auf dem Lande sein Quartier zu nehmen. Der
Midshipman brachte bescheiden sein Gesuch vor um Urlaub fr sich und Gosset fr
den Abend und die Nacht, unter dem Vorwande, da sein Bruder, der Baronet, sie
in das Hotel d'Angleterre zu sich eingeladen, und da der Capitain zufllig
wute, da Frank einige Zeilen von seinem Bruder erhalten hatte, auch die
Geschfte der Midshipmen besorgt waren, gab er dem ersten Lieutenant Anweisung,
sie zu beurlauben.
    Zu dem ganzen Manver hatte, - das Mittagsessen im Stich lassend, - das
wrdige Paar wohlweislich die Zeit gewhlt, wo Meister Adams unter Deck
beschftigt war. Der Alte war daher nicht wenig erstaunt, als er die beiden
Burschen bald darauf in ihre Regenmntel gehllt und offenbar mit allerlei
Vorrath darunter bepackt aus der Midshipman-Kajte kommen und gemthlich in
eines der Kaks steigen sah, die berall zum Gebrauch bereit standen. Er rief
ihnen zu und fragte, wohin sie wollten, die jungen Halunken beeilten sich aber,
den Bord zu verlassen, und als sie erst im Kak saen, spreizten sie wie auf
Verabredung Beide die Finger an die Nase und streckten als Zeichen ihres Sieges
die Zunge heraus, whrend der Kakschi seine Ruder einsetzte und davon fuhr.
    Der Deckmeister brummte verschiedene nicht sehr schmeichelhafte
Verwnschungen hinter ihnen drein, bis der erste Lieutenant, der zufllig in
seine Nhe kam und, wie der Capitain, groe Stcke auf den alten Seemann hielt,
ihn fragte, worauf er denn so rgerlich sei. Der Matrose zeigte ihm die
Davonfahrenden.
    Gott verdamme meine Augen, Sir, sagte er, wenn die Burschen nicht irgend
einen Streich vorhaben. Ich habe so was schon heute Morgen am Ufer gemerkt, und
als sie in die verdammte Nuschaale kletterten, der eines ehrlichen Seemanns
Bein den Boden ausstt, sah ich, wie dem Master Gosset aus dem Mantel eine
Schiffspistole fiel. Er ist der grte kleine Taugenichts auf Ihrer Majestt
Flotte.
    Das wute der erste Lieutenant sehr wohl.
    Gebt ihnen ein Signal zur Rckkehr. Wo ist der Feuerwerker?
    Master Hunter, der Feuerwerker, mute aber erst gesucht werden, und es
vergingen mehrere Minuten, ehe er vor dem Lieutenant erscheinen konnte.
    Haben Sie den Midshipmen Maubridge und Gosset Pistolen gegeben?
    Ja, Sir! Master Gosset bat mich um zwei Paare und sagte, sie htten die
Erlaubni vom Capitain, auf dem Bosporus Mwen zu schieen.
    Er verschwieg weislich, da ein Kronenstck Frank's der Bitte den gehrigen
Nachdruck gegeben hatte.
    Sie sind selbst eine Mwe, Sir, sagte aufgebracht der erste Lieutenant,
da Sie sich von zwei jungen Laffen zum Besten halten lassen. Gehen Sie zum
Henker mit Ihrer Gutwilligkeit, ich werde es dem Capitain melden. Haben die
Burschen beigelegt?
    Daran dachten aber die Beiden nicht, vielmehr hatten sie, als sie den ersten
Lieutenant im Gesprch mit dem Deckmeister sahen, die Gefahr wohl erkannt und
trieben den Kakschi eifrig an, so rasch als mglich sich davon zu machen, indem
sie mit stoischer Ruhe der Fregatte den Rcken kehrten und fr alle Winke blind
und taub blieben.
    Da gehen sie hin, die jungen Halunken, sagte der Lieutenant, als ihm der
alte Matrose berichtete, da alle Bemhungen vergeblich gewesen, und auf den
Kak wies, der bereits zwischen den andern Schiffen verschwand. Es ist zu spt,
um sie einzuholen, und ich wette einen halben Monatsold, da sie irgend ein
Unheil angezettelt haben, ehe sie wieder an Bord kommen. Im Ganzen ist es gut,
da sie wenigstens bewaffnet sind.
    Aber sie sind zu jung, Sir, und knnen ein Unglck haben unter diesem
fremden Volk, wandte der alte Matrose ein.
    Bah! Unsinn, Mann. Midshipmen und Katzen kann man vom Kirchthurm werfen,
und sie kommen immer auf die Fe zu stehen. Auerdem ist Nichts an ihnen
verloren.
    Mit diesem geistreichen Trostspruch, der wirklich viel Wahres an sich hatte,
wandte sich der erste Lieutenant wieder zu seinen Geschften und berlie es dem
alten Matrosen, mit der Sorge um seinen jungen Zgling selbst fertig zu werden.
    Die beiden Mid's hatten sich unterde in Galata landen lassen und in einem
Kaffeehause ihr Quartier aufgeschlagen. Sie bemerkten wohl, da eine groe
Bewegung und Unruhe unter der Bevlkerung herrschte, kmmerten sich aber darum
herzlich wenig, sondern, verfolgten ihre eigenen Zwecke. Das Resultat der
angestellten Berathung war, - da Master Frank Einiges von den Affairen seines
Bruders, des Baronets, in Smyrna hatte munkeln hren und sich dies zum Muster zu
nehmen beschlo, - da man erst eine abgelegene Wohnung in irgend einem fernen
Quartier auftreiben msse, wohin man die Schne am Abend bringen und wo man in
Mue den weiteren Fluchtplan besprechen und einleiten knne. In der That gelang
es auch den Burschen, einen jdischen Commissionair aufzutreiben, welcher fr
eine goldene Guinee versprach, eine solche Wohnung sogleich zu finden und sie an
einer bestimmten Stelle des diesseitigen Hornufers zu erwarten. Durch seine
Vermittelung und ein tchtiges Pfandgeld gelang es ihnen auch, von einem der
griechischen Handelsschiffe ein kleines Boot zu leihen, das sie selbst regieren
konnten. Als diese wichtigen Vorbereitungen getroffen waren, machten es sich die
abenteuerlustigen Midshipmen in einem oberen Gemach des heute leeren
Kaffeehauses bequem, luden ihre Pistolen und warteten schwatzend die bezeichnete
Stunde ab.
    Wir mssen sie dort einige Augenblicke verlassen, gewi, sie am rechten oder
vielmehr unrechten Orte wiederzufinden, und uns wieder zu den politischen
Ereignissen des Tages wenden. -
    Whrend Caraiskakis in der Wohnung des Barons beschftigt und dieser
ausgegangen war, erschien ein trkischer Soldat, der Letzteren sprechen wollte.
Es war derselbe, den Gregor als Boten vom Schiff benutzt und dessen getreuer
Bestellung er hauptschlich seine Befreiung durch den Baron zu danken hatte.
    Der junge Grieche war sehr erfreut, den frheren Gefangenen hier
wiederzufinden, nach dem er, einen Urlaub der Mannschaft benutzend, sich bei dem
Baron erkundigen wollte. Er erzhlte Caraiskakis, da am Vormittag wieder der
Englnder an Bord gekommen und sehr erstaunt und erzrnt gewesen sei, ihn nicht
mehr zu finden. Dabei kam es denn heraus, da er auf einen Gegendienst fr seine
Bemhungen zur Befreiung Gregor's hoffte, und da er beabsichtigte zu
desertiren, indem ihm, gewaltsam zum Dienst gepret, dieser tglich
unertrglicher wurde.
    Eine glhende Sehnsucht schien das Herz des jungen Mannes nach seiner
Heimath zu verzehren, und bittere Thrnen rollten ber seine Wangen, als er sein
trauriges Schicksal erzhlte. Man hatte ihn mit Gewalt und ohne da er eine
Ahnung seines Schicksals hatte, pltzlich aus seinem stillen Leben und von
seinem kleinen Eigenthum in Anatolien gerissen, als er eben im Begriff war, ein
geliebtes Mdchen zu heirathen. Mit Erstaunen ber die seltsamen Fgungen des
Schicksals entnahm Caraiskakis aus der Erzhlung, da der arme Soldat Vaso, der
erwhlte Eidam seines treuen Freundes und Schtzers Jani's des Wegweisers, der
Brutigam Nausika's war, der von der Willkr des Musselim von Tschardak unter
die Redifs gesteckt und spter zum Schiffssoldaten gemacht worden war. Einige
Fragen gaben ihm die volle Gewiheit und der junge Mann umfate weinend seine
Kniee, als er hrte, da der Mann, dem er in seiner Gefangenschaft freundliches
Wohlwollen bewiesen, ein Freund seines Schwiegervaters war und bereits sein
Unglck kannte. Die Theilnahme Gregor's war durch diese Entdeckung natrlich
verdoppelt und er versprach dem Soldaten, ihm auf alle Weise zu seiner Flucht
behilflich zu sein. Da er es fr das Beste hielt, ihm Nichts von dem Geschehenen
zu verschweigen, enthllte er dem Unglcklichen nach und nach auf seine
strmischen Fragen das ganze Unheil, das die Familie seit der Zeit ihrer
gewaltsamen Trennung betroffen hatte. Die Augen des jungen Anatoliers funkelten
vor Schmerz und Rachedurst, als er vernahm, da seine Braut mit Gewalt
hinweggerissen und ihr Schicksal unbekannt war, da Janos ihre und seine Schmach
blutig an dem Musselim gercht und eben so blutig geendet hatte, und ein
gewisser Stolz kam ihm bei seinem Leid zu Hilfe in dem Gedanken, da der
berhmte Ruber, von dem er so viel gehrt, ohne zu wissen, da er ihm so nahe
stand, der Mann war, der ihn zum Eidam gewhlt hatte.
    Caraiskakis berlie den Flchtling seinem Schmerz und als er sich mit der
Leidenschaftlichkeit seines Volkes ausgeklagt, suchte er ihn zu beruhigen und
versprach ihm, da er bei ihm bleiben und ihn in einigen Tagen begleiten solle
auf dem Wege nach Norden.
    Als der Baron zurckkehrte, wurden rasch einige andere Kleider fr den
Burschen herbeigeschafft, und da bereits Nachricht eingegangen war, da die
Griechen sich auf dem Okmeidan versammelten, begaben sich alle Drei dorthin.
    Gregor's Seele hatte keine Ahnung, da die schne Odaliske, in deren Arm er
die Nacht geruht, die geraubte Braut seines neuen Schtzlings, die Tochter
Jani's war, von der jede Spur verloren gegangen schien. -
    Wir haben jetzt die einzelnen Vorgnge des Tages nachgeholt und nehmen die
Erzhlung bei dem Zuge vom Okmeidan wieder auf.
    Es war jetzt Abends um die achte Stunde und die Nacht zu dieser Jahreszeit
bereits eingetreten. Die Blitze zuckten am Horizont und der ferne Donner grollte
ber die Marmora, der heftige sturmartige Wind aber jagte die Wellen in's Horn
und peitschte die Fahnen des langen Zuges, welcher vom Pfeilplatz aus sich durch
Cassim-Pascha und hinter den groen Begrbnipltzen fort nach der Strae wenden
sollte, die zum Ufer von Tschiragan hinunter fhrt.
    Die Natur selbst schien sich gegen die Demonstration der Griechen
verschworen zu haben, und von verschiedenen Seiten war bereits der Vorschlag
gemacht worden, den Zug auf den andern Morgen zu verschieben. Ueberall sah man
angsterfllte Gesichter, als die Kunde sich verbreitet hatte, da auch die
Trken in der Sophia, in der Achmetje und Mahmudje sich versammelt hatten und
die Fortsetzung des Krieges erzwingen wollten. Viele schon hatten sich rechts
und links in die dunklen Seitengassen verloren und nur mit Mhe noch gelang es
den Fhrern, den Zug zusammenzuhalten und vorwrts zu bringen, denn sie
begriffen sehr wohl, da, wenn erst ein Mal die Demonstration heute aufgegeben
worden, schwerlich Aussicht vorhanden war, so bald wieder die feige und uneinige
Bevlkerung zusammenbringen zu knnen.
    Dennoch sollten alle Bemhungen fruchtlos sein. Als die Spitze der Colonne
zu der Hhe von Cassim-Pascha in der Nhe der Artillerie-Kaserne, von wo ein
freier Blick durch die Berghnge sich nach dem gegenberliegenden Stambul
ffnet, emporgestiegen war, brach auf ein Mal ein wilder Schrei des Schreckens
aus hundert Kehlen und verbreitete sich durch die lang dahin gedehnte
Volksmasse. Vom Feuerthurm des Seraskiats erglnzte nmlich das rothe, eine
Feuersbrunst verkndende Licht und deutlich konnte man von der Hhe des Berges
schauen, wie in dem Griechen-Quartier, in der Nhe der Karagumruk-Moschee, deren
schlanke Minarets deutlich im Flammenschein sichtbar waren, eine Feuerlohe in
die Hhe stieg.
    Noch ehe die Erschreckten einen Entschlu gefat, loderte eine zweite
Feuersbrunst am Thor von Edrene in den finstern Nachthimmel empor und das eilig
heraufziehende Gewitter tobte mit langen Blitzstrahlen dazwischen.
    Die Verwirrung, der Schrecken waren unbeschreiblich. An und fr sich sind
die Orientalen gegen die groartigen Kraftuerungen der Natur, wie sehr sie
auch daran gewhnt sein sollten, sehr empfindlich. Der Glaube aber, da ihre
ewigen Feinde, die Moslems, die Gelegenheit der Abwesenheit so vieler Mnner
benutzen und, vom Fanatismus entflammt, mit Feuer und Handjar in ihre Quartiere
einbrechen wrden, verdoppelte diese Schrecknisse fr die Griechen. Im Nu war
der ganze Zug aufgelst, die Fahnen und Laternen wurden fortgeworfen, und die
ganze, noch immer mehrere Tausende betragende Menschenmasse strzte sich in die
engen Gassen, die hinunter zum Horn oder in die diesseitigen Griechen-Quartiere
fhren, schreiend, zeternd - in unbeschreiblicher Verwirrung, Kinder und Frauen
zu Boden tretend, - ein Alles vor sich niederwerfender Sturm. Zum Glck theilte
sich bald dieser Strom nach den beiden Schiffsbrcken am Arsenal und den
Stadtmauern, und Hunderte von Kaks kreuzten in kurzer Zeit trotz des Sturmes
und der hochgehenden Wellen das Horn.
    Aber es war auch Eile von Nthen, die Gefahr dringend, denn ehe die
Fanarioten das jenseitige, Ufer erreichten, gingen bereits noch an zwei anderen
Stellen die Flammenzeichen in die Hhe. -
    Die Verwirrung auch auf dem Horn war schrecklich. Boote rannten auf einander
oder wurden umgeschlagen, Menschen strzten in's Wasser und pltscherten umher,
einen Gegenstand zu erfassen, an dem sie sich wieder empor retten konnten, -
Geschrei, Verwnschungen, Zorn und Schrecken berall.
    Die Fhrer der Friedenspartei hatten bei der pltzlichen Auflsung des Zuges
den Kopf verloren, und waren grtentheils, von der Besorgni um ihr Eigenthum
ergriffen, mit fortgerissen worden. Nur Wenige, darunter Caraiskakis und
Geurgios, fanden sich zusammen und eilten zu dem geheimen Leiter des Ganzen, der
sich natrlich von der offenen Theilnahme an dem Zuge fern gehalten hatte. Der
khne und umsichtige Geist des Barons hatte im Augenblick auch schon nach den
Mitteln gesucht, die so unerwartete Niederlage der versuchten Demonstration
wenigstens noch in irgend einer Weise fr seine Zwecke auszubeuten, und er
erkannte sie darin, den Conflict zwischen den Griechen und den Moslems zu
befrdern und die Ersteren zu einem offenen Widerstande mit den Waffen in der
Hand zu ermuntern. Die Nachricht von einem Kampfe zwischen der christlichen und
trkischen Bevlkerung der Hauptstadt mute im ganzen Lande wiederhallen und
konnte zu allgemeinem Aufruhr fhren, eine Sache, die von den russischen Agenten
mit allen Mitteln angebahnt wurde.
    Dem Baron mit seinen Begleitern gelang es, am Ufer von Galata die Barke
eines Kauffahrers zu finden. Sie warfen sich selbst mit an die Ruder und das
Boot flog durch die dunklen schumenden Wellen nach der Fanariotenstadt.
    Drben in Stambul tnte wster Lrmen, der Platz um den Palast der Hohen
Pforte glnzte im Fackelschein.
    Als sie durch die zweite Brcke fuhren, kamen sie in das Gewhl der noch
immer zum andern Ufer strmenden Menge.
    Der grelle Schein der auflodernden Feuersbrunst, das Flackern der Blitze
erhellte die Gesichter voll Angst und Schrecken, Zorn und Rachedurst rings
umher. Mit Gewalt brachen sie sich Bahn durch die Kaks und das Boot, von
Geurgios Hand gelenkt, scho in den Bootschuppen seines Hauses.
    Geschrei, - Angstgekreisch der Frauen, - das Morrio der wilden Banden von
Mrdern und Mordbrennern, die durch die Straen tobten, - durchheulte die Luft -
eine Scene grauenhafter Verwirrung. Gregor's Herz schlug hoch erregt, indem er
an die Gefahr der Odaliske dachte. Whrend die Freunde sich, nachdem sie sich
berzeugt, da das Haus noch nicht gefhrdet war, in die nchsten Gassen warfen
und die vorbereilenden Fanarioten zu sammeln suchten, um den Flammen Einhalt zu
thun und den Moslems mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten, bernahm es
Caraiskakis, das Haus zu schtzen. Indem er im Dunkel noch vergeblich den Auf-
und Eingang suchte, waren der Baron und Geurgios bereits verschwunden. Pltzlich
erschreckte ihn das Hilfsgeschrei von Frauen und der wilde Ruf von Mnnern, die
gegen die uere Pforte tobten. Das Haus war angegriffen und wenige Augenblicke
darauf sah er den neuen Feuerschein eines nahe belegenen Gebudes rings umher
Alles erhellen. Er hatte den Eingang zum Hause endlich gefunden, stie die
schwache Thr nieder und strmte in das Innere. Vaso, der bei ihm
zurckgeblieben, folgte ihm. -
    Wir mssen fr einige Augenblicke zu Master Frank und seinem Busenfreunde
Gosset zurckkehren. Nachdem die Burschen verschiedene Tassen Kaffee und Glser
Liqueur vertilgt und durch einige Pfeifen des duftenden Tabacks von Latakia den
Zustand ihres Gehirns keineswegs klarer gemacht hatten, schaute Frank auf seine
Uhr und streckte den Kopf aus der Thr des Hauses, um als echter Seemann das
Wetter zu prfen, ehe sie ihre ehrenwerthe Unternehmung begannen.
    Wir werden eine verteufelt schlechte Fahrt haben, meinte er, und unsere
Sultanin wird mit einigem Spritzwasser eingeweicht werden. Der Wind strmt und
berall stehen Gewitter. Man wei in diesem verteufelten Lande nie, wie man
d'ran ist. Allons, Gosset! auf, Faulpelz! wir mssen an Bord unserer Jlle.
    Mit einigen Pffen wurde der Jngste endlich mobil gemacht und Beide eilten
an's Ufer, wo sie an der bestimmten Stelle die bestellte und bezahlte Barke des
Handelsschiffs in Empfang nahmen, wobei der Padrone im Stillen herzlich
wnschte, da sie mit samt den Midshipmen zum Teufel gehen mge, damit er das
gute Pfandgeld in der Tasche behalten knne.
    Die Mid's, die Verstand genug besaen, um es fr besser zu halten, bei einem
solchen Unternehmen keine Bootfhrer in's Vertrauen zu ziehen, ergriffen die
Ruder und arbeiteten sich bald in den freien Strom. Da sie Beide an die See
gewhnt waren, machten sie sich aus Wind und Wellen herzlich wenig und die
Arbeit und das Spritzwasser sie bald vllig nchtern, so da sie in bester
Beschaffenheit endlich am Ufer der Fanariotenstadt ankamen. Dagegen fanden sie
im Aufsuchen einer passenden Landungsstelle und des Hauses, in dem die Odaliske
eingeschlossen war, allerlei Schwierigkeiten, so da eine geraume Zeit verging,
ehe sie die Strae wieder erreichten. Endlich glaubten sie, auf der richtigen
Spur zu sein, und bald berzeugte sich Frank davon, denn an einer der Jalousieen
peitschte wirklich der Wind ein angeknotetes Tuch. Rasch gab der Midshipman das
Zeichen und die Odaliske, die in der Langweiligkeit des Tages vor Ungeduld und
bler Laune fast vergangen war, ffnete die Jalousieen und zeigte sich am
dunklen Fenster. In der Entfernung vernahm man bereits den beginnenden Tumult.
    Schne Sultanin, Perle aller orientalischen Frauen, sagte der Mid in
mglichst hochtrabendem Tone, Dein Ritter und Befreier ist mit seinem getreuen
Schildknappen zur Stelle. Eine Strickleiter haben wir zwar nicht auftreiben
knnen, aber habe die Gewogenheit, einige Augenblicke von diesem Fenster
zurckzutreten, und ich werde sogleich ein Knotenseil hineinwerfen, das Du oben
festmachen willst und an dem ich Dich in meinen Armen herabtragen werde.
    Gosset hrte mit offenem Munde der zierlichen Beredsamkeit seines Kameraden
zu und erhielt jetzt die Anweisung, den vorbereiteten Strick hervorzulangen und
dann in der Strae auf Posten zu bleiben. Mit geschicktem Wurf schleuderte Frank
das Ende des Taues, an dem ein Haken befestigt war, in das Fenster und Nausika
klammerte es fest, worauf der tapfere Seezgling mit der Behendigkeit eines
Affen an dem Strick emporstieg und sich ber die Brstung in's Zimmer schwang.
    Der Teufel soll unsere besten Stengen holen und der Capitain alle Tage
smtliche Mid's mit echtem Portwein regaliren, schwor er, wenn ich Euch in
dieser Kajte sehen kann, so dunkel ist es hier. Warum steckt Ihr keine Lampe
oder kein Licht an, schne Sultanin, damit ich wenigstens Eure Schnheit
bewundern mag? -
    Eine weiche Hand erfate die seine und drckte sie, worauf der Mid seinem
Anspruch auf Mnnlichkeit nicht anders gengen zu knnen glaubte, als, indem er
die Odaliske umfate und ihr einen herzhaften Ku auf die Lippen drckte. Die
Dame hatte jedoch jetzt andere Gedanken, als leere Liebestndeleien, und
wnschte vor Allem, ihren bisherigen Aufenthalt zu verlassen.
    Hast Du Nichts vernommen, schner Franke? - es scheint Tumult in der Stadt,
das Feuerzeichen des Seraskiats leuchtet, und ich frchtete schon, Du wrdest
nicht kommen.
    Bah, sagte der Midshipman, was kmmert mich der Brand von ganz Stambul,
ein Englnder hlt sein Wort. Aber nun lat uns keine Zeit versumen, schne
Sultanin, nehmt Eure Sachen und verget die Diamanten nicht, damit wir uns davon
machen knnen.
    Whrend die Odaliske, die schon bei Tage in dem Zimmer zusammengerumt, was
des Mitnehmens werth und transportabel war, dies in ein Bndel zusammenband und
Frank das Tau im Innern besser befestigte, hrte man pltzlich Lrmen in der
Strae und im nchsten Augenblick erschien der Kopf, dann die schmchtige
Gestalt des Midshipmans Gosset ber der Fensterbrstung und seine werthe Person
sprang gleichfalls in das Zimmer.
    Pest, sagte der hoffnungsvolle Jngling, sich den Angstschwei von der
Stirn wischend, da drauen scheint der Boden fr uns zu hei zu werden und ich
wollte, alle Odalisken und Sultaninnen des Groherrn lgen auf dem Grunde des
Bosporus und wir sen bei Thee und Schiffszwieback in der Kajte des Tiger. Es
ist ein Mordlrmen in der Stadt, Frank, Feuerschein ringsum, und eine Menge
Leute sind auf den Beinen und rennen durch die Gassen, so da ich nichts
Besseres thun konnte, als Dir zu folgen.
    Frank bog sich vorsichtig zum Fenster hinaus und fand die Besorgni seines
Kameraden mehr als besttigt. Das Licht der nahen Feuersbrunst war hinreichend,
die Umgebungen des Hauses wenigstens so weit zu erhellen, da an ein unbemerktes
Entwischen aus dem Fenster vorlufig nicht zu denken war; Frauen und Mnner
liefen schreiend durch die Gasse, berall wurden Lichter angezndet, Thren
geffnet, und Frank war froh, da er das im Winde schlagende Seil, ihre Brcke
zur Flucht, noch geschwind und unbemerkt in das Fenster ziehen konnte.
    Auch im Hause wurde es laut, man hrte mehrere Personen ngstlich
umherrennen und die Thr aus dem Innern des Hauses wurde zu ffnen versucht,
aber durch den Riegel, den die Odaliske vorgeschoben, festgehalten. Der zweite
Ausgang nach dem Flur und der Treppe war von Geurgios von Auen verschlossen
worden.
    Nausika zitterte in Angst und Furcht und war rathlos, und auch den beiden
Midshipmen grade nicht sehr wohl bei der Sache zu Muthe. Sie sahen sich, wie man
zu sagen pflegt, in einer Mausefalle und wuten, da sie sich noch sehr
glcklich schtzen konnten, wenn sie mit einer tchtigen Tracht Schlge davon
kamen.
    Inde ein Mid verliert nie den Muth und die Hoffnung, sich aus der Klemme zu
bringen, in die er sich selbst gesteckt hat, so lange noch Athem in seinem Leibe
ist. Nach kurzer Berathschlagung kamen die Beiden zu dem Resultat, da sie am
besten an dem Ort, wo sie sich einmal befanden, die weitere Entwickelung oder
die Wiederherstellung der Ruhe abwarten knnten. Die Wahl machte ihnen freilich
keine Schwierigkeit, und whrend die Odaliske weinte und klagte, setzten die
jungen Burschen ihre Waffen fr alle Flle in Bereitschaft und recognoscirten
durch Fenster und Schlsselloch. -
    Es war bereits dunkel, als Edward Maubridge, der Baronet, um Neues ber die
Bewegungen in Constantinopel zu hren, sich nach Tershana rudern lie. Er
gelangte eben an Bord des Tiger, als der Capitain mit den anwesenden Offizieren
auf dem Hinterdeck der Fregatte stand, um die auf dem anderen Ufer in der
Fanariotenstadt ausgebrochene erste Feuersbrunst zu beobachten, und wurde auf's
Freundlichste von Allen bewillkommnet.
    Die Gesellschaft der jungen Burschen, meinte der Capitain, scheint Ihnen
nicht lange zugesagt zu haben. Ich hoffe jedoch, Sie haben sie sicher
untergebracht, damit sie in dem Lrmen, den diese Leute auf allen Seiten
erheben, nicht auch ihre Nase stecken und zu Schaden kommen.
    Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Capitain, erwiderte der Baronet. Wo
ist Frank?
    Nun, zum Teufel, wo soll er sein, als bei Ihnen? Er und der junge Schlingel
Gosset. Sie haben ja selbst ihn eingeladen.
    Der Baronet sah ihn gro an.
    Ich verstehe kein Wort davon. Ich kommen eben, um Sie und Frank zu
besuchen, denn im Gesandtschaftshotel steht Alles auf dem Kopf und hat kein
Mensch Zeit zu einem vernnftigen Wort.
    So soll das Wetter doch gleich in meinen besten Mast schlagen, wenn die
jungen Halunken mich nicht da grndlich belogen haben. Ihr Bruder, Sir, wies mir
eine schriftliche Einladung von Ihnen vor und erbat sich darauf fr diese Nacht
Urlaub.
    Ich dachte nicht daran; aber wo mgen die vertrackten Burschen hin sein in
diesem Gewhl? Sie werden ein Unglck haben.
    Da blicken Sie hin, schrie der Capitain, indem er auf den Menschenstrom
wies, der sich von der Hhe der Vorstdte mit wildem Lrmen zum Horn drngte;
die jungen Halunken haben den Tumult gewittert und sind sicher mitten
d'rinnen.
    Der erste Lieutenant erzhlte jetzt, was er von Adams gehrt, und der
Deckmeister wurde eilig herbeigerufen und nher befragt. Seine Erzhlung
erweckte ernstlich die Besorgnisse des Capitains und des Baronets.
    Wenn die Unbesonnenen sich in irgend einen tollen Streich eingelassen
haben, wo Frauen in's Spiel kommen, so sind sie verloren, sagte der Letztere.
Kannst Du den Ort wiederfinden, wo Du den jungen Narren heute Morgen
betroffen?
    Hm, meinte der Alte, ich mte kein Seemannsauge fr eine Landmarke
haben, wenn ich's nicht knnte! Diese Dinger, die sie Huser nennen, sind zwar
hier einander verteufelt hnlich, aber ich witterte gleich Unheil und hab' mir
die Fahrt gemerkt.
    Wollen Sie mir ein Boot geben, Capitain, und einige zuverlssige Leute?
    Die sollen Sie haben, Edward, eine ganze Bootsmannschaft und ihren Offizier
dazu. Den zweiten Kutter in's Wasser und die Leute bewaffnet hinein. Der Teufel
scheint dort drben los, denn ein Feuer nach dem andern geht in die Hhe. Ich
mache mir Vorwrfe, da ich die Burschen so leichtsinnig fortgelassen habe, da
doch schon Tumult in der Stadt war. Fort, Jungens, sputet Euch!
    Der erste Lientenant trieb die Mannschaft an, ehe fnf Minuten vergangen,
war der Kutter bereit und die Matrosen sprangen hinein, mit Enterbeilen und
Kurzsbeln bewaffnet; der zweite Lieutenant sa bereits in dem Boot. Maubridge,
der eilig die Pistolen des Capitains geholt hatte, und der Deckmeister folgten.
    Abgestoen!
    Die sechs Ruder tauchten in die Wellen und das Boot scho in das Dunkel des
Horns. -
    Die Thr des Hauses von Geurgios krachte unter den Schlgen der Brecheisen
in den Hnden der Banditen Geronimo's. Ueber die zusammenbrechende strzten die
wilden Gestalten in das Innere und ihr Mordio gellte durch das Haus hinter den
flchtenden zeternden Weibern drein.
    Nach Oben! nach Oben! herrschte Hassan, der Fhrer, seinen Genossen zu;
Ihr wit, was der Kneipenwirth uns aufgetragen. Dann ist's Zeit zum Plndern.
    Der Arnaut mit vier Gefhrten sprang die enge Treppe hinauf; Schemel,
Sthle, Tische, Alles, was sich werfen lie, flog ihnen jedoch entgegen auf die
Kpfe und trieb sie wieder zurck.
    Lahnet bi Scheitan! fluchte der wste Mrder; hinauf, Memmen! und sein
Pistolenschu knallte die Treppe hinan, die bereits halb gefllt war mit einer
Barrikade von Mbeln und Kissen jeder Art.
    Gieb's ihnen brav, Frank, schrie der kleine Gosset, immer die Vordersten!
Der Grieche kann mir das Pistol zurckreichen!
    Die Kugel des kecken Midshipman traf einen der Banditen in die Schulter, da
er blutend und fluchend zurcktaumelte. -
    Whrend die Mid's noch unentschlossen auf den Lrmen am Eingang des Hauses
gelauscht hatten und Nausika in Todesangst in einem Winkel des Gemachs auf den
Knieen lag, bald christliche, bald trkische Gebete jammernd, flogen rasche
Tritte von Auen zur Thr, ein Schlssel wurde in's Schlo gesteckt, und ehe
noch die Midshipmen Widerstand zu leisten vermochten, ward die Thr aufgerissen
und Gregor Caraiskakis, gefolgt von Vaso, strzte herein.
    Erstaunt und starr blieb er stehen, whrend die Odaliske sich Hilfe suchend
in seinen Arm warf, denn der Schein der nahen Feuersbrunst erhellte jetzt
gengend das Gemach und zeigte ihm die beiden jugendlichen Offiziere, die
Pistolen in der Hand.
    Was soll das heien? wie kommen die Fremden hierher?
    Aber der Sturm drauen an der Hausthr verschlang des Mdchens Antwort und
die verlegene Ausrede der Englnder. Es war keine Zeit zu Nachfragen und
Erklrungen.
    Wenn Sie Mnner von Ehre und Herz sind, rief der Grieche, so helfen Sie
mir dies Haus und die Frauen darin gegen das mrderische Gesindel vertheidigen,
das den Eingang strmt. Ich sehe, Sie sind bewaffnet; lassen Sie uns die Treppe
zum obern Stock halten!
    Ein Sbel, den er in einem der Gemcher gefunden, war seine einzige Waffe,
Frank reichte ihm sogleich eine der Pistolen. Die drngende Gefahr hatte die
peinliche Situation des jungen Mannes aufgehoben und die Aussicht auf den Kampf
im Nu alle Thorheit und allen Leichtsinn verscheucht. Sein Muth und seine
Entschlossenheit zeigten das gute Blut in seinen Adern.
    Vorwrts, Sir, ich helfe Ihnen. Gosset, lade die Pistolen und schtze
unsere schne Sultanin! und eilig schleppte er die Mbel, die er greifen
konnte, zur nahen Treppe, denn eben brach unten die Thr des Hauses unter den
Hnden der Banditen.
    Aber die Odaliske hatte bereits einen anderen Freund und Schtzer gefunden.
Aus weit aufgerissenen Augen hatte Vaso, der trkische Soldat, die ehemalige
Braut einige Momente angestarrt, dann sprang er auf sie zu und ri sie gewaltsam
in seine Arme.
    Nausika, Tochter Jani's, bist Du es wirklich, meine Braut, mein Weib? Du
hier in Byzanz?
    Mit einem, fast mit Entsetzen gemischten Erstaunen hatte Caraiskakis die
Worte des Soldaten gehrt, und ein Blick auf die Verwirrung des schnen Mdchens
berzeugte ihn, da sie wahr. Die Odaliske, die sein Herz und seine Sinne so
zauberschnell umstrickt hatte, in deren Arm er die Nacht verschwelgt, - die
Tochter Jani's, dessen Haupt fr ihn gefallen? Und so, mit dem Schimpf des
Mdchens, hatte er das blutige Opfer vergolten?! Seine Gedanken wirbelten, da
rief ihn der Schu des Banditen und die Stimme des Midshipman zum Bewutsein und
seiner Pflicht zurck und im nchsten Augenblick stand er an dessen Seite und
schleuderte die schweren Gerthe nach den Angreifern.
    Hurrah fr Alt-England! schrie der kleine Mid, whrend er am Fenster die
abgeschossene Pistole lud. D'rauf, Frank, und pfeffere sie tchtig; ich mu
auch einen Schu auf sie thun!
    Und sein Ruf fand ein Echo, denn aus der Gasse herauf donnerte es aus zehn
Kehlen ber den Lrmen der Feuersbrunst und das Geschrei der Griechen: Hurrah
fr Alt-England! und die Matrosen des Tiger, von Adams und dem Baronet gefhrt,
strzten herbei und jubelten hoch auf, als sie die Stimme des Knaben hrten.
    Hurrah, Frank! brav gehalten! Es kommt Ersatz; unsere Tiger sind da, Adams
und Dein Bruder Baronet! Hierher, Mnner! greift sie von vorn an und bringt die
Halunken zwischen zwei Feuer!
    Aber es that auch Noth, da Hilfe kam, denn wie Teufel, der Hlle
entsprungen, strmten die Banditen die Treppe, whrend ihre zahlreichen
Kameraden sich bereits mit dem Volke auf dem Platze vor der Thr umherschlugen.
    Das Seil! das Seil! rief der wackere Frank seinem jungen Kameraden zurck.
Denk' an das Seil, Gosset, und rette das Mdchen!
    Der kleine Mid hrte den Ruf seines Gefhrten und mit Vaso's Hilfe schleppte
er die halb ohnmchtige Schne zum Fenster, schlang den Strick um sie und lie
sie hinabgleiten, wo die Anne des Baronets sie auffingen. Kaum war das Tau am
Boden, so hatte es auch der alte Deckmeister erfat und schwang sich mit der
Gewandtheit eines Seemannes, der im Sturm die Tauwand erklimmt, hinauf in das
Gemach. Andere folgten ihm.
    Hurrah, Master Frank! Die Tiger sind da!
    Aber der Beistand that Noth. Hassan voran strmten die Banditen des
Kahvedschi wie rasend die Treppe, ber die Mbel und Gegenstnde kletternd, mit
denen Frank und Caraiskakis sie gefllt. Einen zweiten der Strmer scho der
Grieche nieder, doch den beiden anderen Kugeln wichen die Mnner aus und zum
Laden war keine Zeit mehr. Ueber die Barrikaden aus Sthlen und Tischen hinweg
wurden sie handgemein, doch auch die schwache Schutzwehr ri die starke Faust
der Strmenden bald zur Seite und ihre Handjars und Dolche klirrten gegen den
Sbel und den Kurzdegen der Vertheidiger. Gregor sprang zur Thr des Gemachs
zurck und rief seinem tapfern jungen Gefhrten zu folgen, aber der Midshipman,
von einem leichten Dolchstich in die Seite getroffen, strauchelte und fiel, und
im Augenblick war Hassan der Arnaut neben ihm und hob den blinkenden Yatagn zum
Todessto.
    Frank war verloren!
    Aber Caraiskakis hatte den Fall des jungen Mannes gesehen - im Nu sprang er
vorwrts mitten unter die Angreifer und sein Sbel fing, zersplitternd am Gef,
den schweren Yataganhieb auf. Dann den Griff dem Banditen in's Antlitz
schmetternd, fate er mit der Linken den Jngling und suchte ihn
fortzuschleppen.
    Brav gemacht, Mann! Heran, Jungens! schrie eine Stimme hinter ihm und der
krftige Schwung eines Enterbeils deckte den Griechen gegen die erhobenen Waffen
seiner Bedrnger. D'rauf auf die Schufte und gebt's ihnen!
    Die krftige Gestalt des alten Deckmeisters sprang in die Gruppe, zwei
Matrosen folgten im nchsten Moment und die unverhoffte Hilfe wendete im Nu den
Kampf. Die drei Banditen strzten Hals ber Kopf die Treppe hinab und aus dem
Hause, an dessen Eingang ihre Kameraden sich mit den Fanarioten und einigen von
dem zweiten Lieutenant des Tiger gefhrten Matrosen schlugen.
    Adams half dem Midshipman empor.
    Da habt Ihr die Bescheerung, toller Bursche, sagte er rgerlich. Kein
Unterrock in der ganzen Welt ist werth, da ein wackerer Seemann sich dafr ein
Loch in den Leib rennen lt, durch das der Wind hineinpfeift. Wie geht's Euch,
Master Frank? redet! ich hoffe, es ist nicht schlimm, und der brave Mann hier
ist nicht zu spt gekommen!
    Ich glaube nicht, murrte der Midshipman, aber Zeit war's. Ich bin in die
Hfte gestochen und der erste Lieutenant wird's vorerst bleiben lassen mssen,
mich in den Mastkorb zu schicken. Aber wo fhrt Dich der Henker zu so
glcklicher Zeit her, alter Seewolf?
    Dazu giebt's nachher Zeit, jetzt lat uns machen, da wir zu unsern
Burschen kommen! entgegnete der alte Matrose, indem er den jungen Mann emporhob
und mit Gregor's Hilfe die Treppe hinabtrug. Goddam! rief er pltzlich, als
unten der Feuerschein hell auf das Gesicht des Griechen fiel und er dieses
erblickte. Ich sollte meinen, wir kennen uns; seid Ihr nicht der Mann von
Smyrna?
    Caraiskakis schaute ihn finster an bei der Erinnerung.
    Ich wei Nichts von Euch.
    Glaub's wohl, meinte der alte Matrose, aber ich kenne Euch desto besser,
und es freut mich um Master Frank's willen, da ich Euch damals mit dem
Schieprgel nicht durch den Kopf geschossen, als Ihr Sir Edward Eure Schwester
abjagtet und uns klopftet. Wir waren auf schlechtem Wege und fochten fr keine
gute Sache; aber es ist brav von Euch, Freundchen, da Ihr des Baronets Bruder
so wacker beigestanden habt.
    Der Grieche lie den Jngling fallen.
    Dies der Bruder des Lord Maubridge? fragte er wild.
    Nun ja, Mann! was thut's zur Sache? ein braver Mann hilft dem Andern gegen
das Gesindel. Hierher, Hodges! Dick! helft mir den jungen Master zum Boote
tragen.
    Der Grieche fate des Matrosen Arm, whrend die Gerufenen herbeisprangen und
den Midshipman aus dem Getmmel schleppten.
    Wo ist das Mdchen, das Weib, das wir im Hause vertheidigten?
    Ei, zum Henker, wo wird die verteufelte Landnixe sein? In die Arme Sir
Edwards fiel sie, gerade aus dem Fenster herab. Schaut, da luft sie in der
Mitte unserer Leute, und die Haifische sollen mich fressen, wenn der Baronet
nicht schon seitlngs von ihr liegt.
    Die Scene umher hatte sich gendert, - die Mordbrenner aus dem
Malthesergchen hatten die Uebermacht der von allen Seiten zum Lschen des
Brandes und zur Vertheidigung ihrer Habe herbeieilenden Fanarioten erkannt und
sich nach allen Seiten durchgeschlagen und zerstreut; die Griechen waren bemht,
das Feuer zu dmpfen, und die Englnder, jetzt Frank und die von dem Baronet
gefhrte Odaliske in ihrer Mitte, drngten sich durch die Menge nach ihrem Boote
hin.
    Nausika - Mdchen - Tochter Jani's! schrie Caraiskakis und warf sich in
die Menschenwoge, die sich wieder um die Matrosen geschlossen. Zu mir, Freunde,
das Mdchen ist die unsere!
    Aber wer kmmerte sich in der eigenen Bedrngni und Noth um das Weib,
dessen trkische Tracht ohnehin gengt htte, jeden Griechen Gefahr und
Verderben in ihrer Berhrung sehen zu lassen. Gosset hatte mit einigen
verwirrten Worten dem Baronet berichtet, da es eine vornehme trkische Dame
wre, die hier gefangen gehalten worden und die Frank habe befreien wollen. Die
Odaliske, von der augenblicklichen Gefahr befreit, begriff schnell ihre Lage und
die gnstige Gelegenheit fr ihre Wnsche.
    O, Effendi, rettet mich aus dieser Noth! ich bin eine Gefangene und ein
armes Weib, verloren ohne Euch, schmeichelte sie in frnkischer Sprache zum
Baronet, dessen Arm sie untersttzte. Sie waren bereits nahe am Boot, in dem
zwei der Matrosen zurckgeblieben waren, als Caraiskakis endlich die Englnder
erreichte und das Auge des Baronets mit Erstaunen und Erbitterung pltzlich
seinen Todfeind vor sich sah.
    Das Weib, Mylord! herrschte der Grieche ihm zu, Sie haben kein Recht auf
sie, das Weib ist das meine!
    Der Baronet stie ihn hohnlachend zurck.
    Ist dies Weib das Ihre, so nehme ich es, wie Sie mein Kind geraubt. Nur fr
dies Lsegeld sollen Sie diese Frau haben! In's Boot mit ihr!
    Gosset zog die willige Odaliske fort; mit einem Sprunge war der Grieche an
dem Baronet und fate ihn an der Kehle.
    Mdchendieb!
    Der Teufel hole das Gewrm, nieder mit dem Schuft! schrie der mit Adams
herbeikommende zweite Lieutenant und der Hieb seines Kurzdegens sauste schwer
auf den Schdel des Griechen nieder, da dieser bewutlos zu Boden strzte, wie
ein gefllter Baum. Fort mit Ihnen, Maubridge, wir haben, was wir wollen, und
hier Nichts mehr zu thun.
    Der Deckmeister hatte sich auf den Niedergestreckten herab gebeugt.
    Ist er todt, der Unglckliche? fragte nicht ohne Theilnahme der Baronet.
    Ich denke! Schabe um den Mann; es war nicht viel besser als ein Mord,
murrte der alte Matrose, und das Alles um eines verdammten Weiberrocks willen.
    Der besonnene Lieutenant zog sie fort zum Boot, denn ein Hause Fanarioten
mit Geurgios an der Spitze strmte herbei.
    Das englische Boot stie hinaus in das Horn - jammernd am Ufer rannte Vaso
umher, den die Matrosen zurckgetrieben, als er der Wiedergefundenen folgen
wollte.

    Es war am dritten Morgen nach den Scenen des Aufruhrs, als Gregor
Caraiskakis aus einem tiefen Schlafe auf rmlichem Lager in einem griechischen
Hause der Vorstadt Ejoub erwachte. Sein Kopf war mit Binden umwickelt, an seinem
Lager sa in trbem Sinnen Vaso, der entflohene Schiffssoldat.
    Der Hieb des Lieutenants hatte ihn absichtlich nur flach getroffen und durch
seine Wucht betubt zu Boden geworfen. Als er wieder zu sich kam, fand er sich
an dem Orte seines jetzigen Aufenthalts, wohin ihn Geurgios hatte bringen
lassen. Doch war ihm Ruhe nthig, und auerdem hatte ihm der Fanariot
Verborgenheit anbefohlen, denn in Constantinopel hatten die Nacht und der
nchste Tag eine neue Wendung der Dinge gebracht.
    Whrend im Fanar die Feuersbrunst, - wie es hie, vom Blitzstrahl entzndet,
- in die Wolken flammte und an 200 Gebude verzehrte, hatte sich der Strom der
fanatisirten Moslems, an der Spitze die Softa's und Ulema's, nach dem Platz der
Hohen Pforte gewendet und umgab drohend und tobend beim Schein der Fackeln und
dem Unwetter trotzend den Palast, die Auslieferung Reschid-Pascha's fordernd.
    Aber Reschib hatte sich bei dem ersten Anzeichen des Sturmes nach Tschiragan
geflchtet, wohin ihm der Growessir folgte. Vergeblich erwarteten die hohen
Wrdentrger hier die Demonstration der Griechen; statt deren brachte jeder
Augenblick Nachrichten von dem Triumph ihrer Gegner und der Aufregung unter der
trkischen Bevlkerung Stambuls.
    Am Morgen erlie der Growessir den Befehl, da alle Moscheen, die
Hauptversammlungsorte des Aufstandes, an denen die Softa's fortwhrend das Volk
bearbeiteten, geschlossen werden sollten. Dem Befehl wurde entsprochen, aber die
Masse versammelte sich jetzt auf den ffentlichen Pltzen und nahm eine noch
drohendere Haltung an.
    Jetzt erhielten die Garden den Befehl, einzuschreiten und mit Gewalt den
Aufruhr zu unterdrcken, der bereits so ausgedehnt war, da Lord Redcliffe eine
Proclamation an die britischen Unterthanen zur Beruhigung erlassen mute, worin
er Aufnahme und Schutz auf den britischen Schiffen verhie.
    Die Garden rckten von ihren Kasernen zwar aus und besetzten das Serail die
Pforte und die Suleimanje, wo die Schtze der ganzen Nation gleich wie in einem
groen Pfandhause in Koffern aufbewahrt werden, aber sie weigerten sich, das
Volk anzugreifen, ohne Befehl Ruschdi-Pascha's, ihres bisherigen Kommandanten.
    Ruschdi-Pascha aber befand sich im Seraskiat, wohin Mehemed einen
Ministerrath berufen, um scheinbar ber die drohende Gefahr zu verhandeln, ohne
da der Growessir oder Reschid hier zu erscheinen wagten.
    An verschiedenen Stellen, wo das Volk versammelt war, begannen die Softa's
whrend des Tages bereits ganz offen die Thronerhebung Abdul-Aziz's zu
proklamiren. Die griechische Bevlkerung - feig und unentschlossen - wagte sich
nicht mehr zu rhren, - sie zitterte seit den Vorgngen des letzten Abends fr
ihr Leben und ihre Habe.
    Die Regierung befand sich buchstblich am Morgen des 22. nur noch im
Seraskiat und in den Hnden Mehemed Ali's.
    Bei dem schwachen und ngstlichen Charakter des Sultans fhlte die
Friedenspartei, da in dein gegenwrtigen Augenblick Nichts zu machen und ein
Nachgeben nthig sei, um nicht allen Einflu zu verlieren. Chosrew-Pascha selbst
rieth dazu, und als daher am Vormittag Adil, die Schwester des Groherrn, nach
Tschiragan kam, fanden ihre Worte beim Sultan ein williges Gehr.
    Am Mittag hatten Lord Redcliffe und General d'Hilliers eine lngere Audienz
bei dem Sultan, in welcher sie ihm zeigten, da nur ein unbedingtes Eingehen auf
die Intentionen Frankreichs und Englands die Trkei und seinen Thron zu sichern
vermchte. Eine Stunde darauf erschien der Seraskier im Palast, seiner Sache so
sicher, da er ohne alle Begleitung kam, und als er nach einer lngeren
Unterredung sich entfernte, geschah es mit dem Schritt eines Triumphators.
    Er verga, da in dem Herzen eines Orientalen das Gefhl einer Beleidigung
nie stirbt und unter der trgerischen Blumendecke der Freundschaft und
Vershnung die Schlange des Hasses ruhig lauert, bis sie ihren Giftzahn in das
Opfer schlagen kann.
    Der Padischah war gedemthigt, - der Padischah wartete seiner Seit.
    Noch an demselben Tage hatte Reschid-Pascha vom Bord der Queen aus, an den
er sich geflchtet, seine Entlassung eingereicht, aber der Sultan dieselbe auf
den Rath des englischen Gesandten nicht angenommen. Dagegen durfte der Seraskier
unbehindert eine scharfe Verfolgung aller Russenfreunde beginnen und eine Menge
Fhrer der Griechenpartei wurden eingekerkert.
    Dies waren die Nachrichten, die am Abend vorher Geurgios, der sich
gleichfalls von seinem Hause entfernt hielt, dem Griechen gebracht hatte. -
    Auf seine Fragen an Vaso hrte Caraiskakis, da der Freund heute noch nicht
in Ejoub gewesen. Als dieser endlich kam, erkannte er leicht, da die
Neuigkeiten, die er brachte, noch schlimmer als die frheren waren.
    Es freut mich, Sie so weit wieder hergestellt zu sehen, sagte der
Fanariot, denn es wird gut sein, wenn wir noch diese Nacht Constantinopel fr
einige Zeit verlassen. Der Baron ist auf Betrieb der englischen Gesandtschaft
von der trkischen Polizei als russischer Agent verhaftet und hat mir selbst
diesen Wink gegeben. Mehemed Ali, um seinen Frieden mit dem Padischah zu machen,
hat nach trkischer Weise verrtherisch an den eigenen Werkzeugen seiner
Intrigue gehandelt und an 400 Softa's aufgreifen lassen, um sie als Rebellen auf
die Galeeren nach Creta zu schicken. Der Todfeind unseres Glaubens unterhandelt
bereits mit den beiden Gesandten wegen der Einschiffung eines Hilfscorps.
    Aber der Baron - sollen wir ihn feig im Stich lassen? fragte der Grieche.
    Signor Oelsnero, lachte der Fanariot, hat der Mittel zu seiner Sicherheit
mehr in Hnden, als wir, und wird sich schon zu befreien wissen. Wir werden ihm
am Balkan bessere Dienste leisten, als hier.
    Und das Mdchen - Nausika - die Odaliske?
    Bei Sanct Demeter, was kmmert sie uns? Wollen wir eines Weibes wegen den
Kopf in die Schlinge stecken? Diese Teufel von Trken haben keine Eingeweide;
sie schneiden einem Christen den Kopf ab und stellen ihn zwischen seine Beine,
ehe er ein Kreuz schlagen kann, wenn es ihre Weiber gilt. Ueberdies ist fr Sie
der Boden von Constantinopel doppelt gefhrlich, wenn Ihr Name entdeckt wrde,
und ich traue meinen eigenen Leuten nicht mehr.
    Wie meinen Sie dies?
    Lesen Sie. Ihr Bruder, der Capitano Caraiskakis, hat die Fahne des Kreuzes
in Thessalien erhoben, und die Griechen strmen von allen Seiten ihm zu. Mgen
die Heiligen ihnen besseres Gelingen geben, als uns hier! Der Fanariot warf ihm
eine Nummer der Elpis und eine Proclamation in griechischer Sprache zu, wie in
diesem Augenblick Tausende als Flugbltter durch Griechenlanb und das sdliche
Rumelien, selbst nach Constantinopel hin verbreitet wurden. Ich habe Beides so
eben durch einen Bundesbruder erhalten.
    Gregor sprang empor; alle Schwche, alle Gedanken an seine eigenen
Verhltnisse waren verschwunden, als er den berhmten Aufruf seines khnen und
tapferen Bruders in der Hand hielt. Derselbe lautete:

 An die geknechteten Griechen von Thessalien, Macedonien, Thracien und Epirus,
                    Klein-Asien, Candia und allen Inseln des
                                 Archipelagus.

    Brder und Landsleute! Zu den Waffen, zu den Waffen! Seit vier Jahrhunderten
seufzt Ihr unter trkischem Joch. Die glckliche Stunde ist gekommen. Erhebt
Euch und verliert keine Zeit; der Halbmond verschwinde vor dem Kreuz! Eure Sache
ist eine heilige, und der Allmchtige wird Euch beistehen. Denkt an den Ruhm
Eurer edlen Ahnen und errthet ber Eure Entwrdigung. Frchtet nicht die
Bluthunde des Sultans, noch seine glaubensabtrnnigen Freunde; es sind wilde,
aber feige Horden, die Ihr schnell besiegen und zerstreuen werdet. Erhebt Euch,
kmpft und lat Euer Schwert nicht einen Augenblick rasten, bis Ihr es dem
letzten Moslem in's Herz gestoen! Nieder mit den Barbaren, den Plnderern Eures
ruhmvollen und klassischen Vaterlandes, den Mrdern Eurer Brder von Scios und
Kydonia. Eure nordischen Glaubensbrder vergieen ihr Blut an den Ufern der
Donau fr Eure Sache. Seid ihnen und ihrem edlen Kaiser dankbar, aber lat sie
nicht allein vollbringen, was zu leisten Eure Pflicht ist. Bald wird jener
mchtige Strom die gnzliche Vernichtung der Trkenschaaren sehen. Euer
Kriegsgeschrei sei religise Unabhngigkeit! und Ihr werdet gewi die
barbarischen Moslems berwinden. Traut den Franken nicht und hofft Nichts von
ihnen fr Eure Freiheit; sie sind Eure bittersten Feinde und die Freunde Eurer
Unterdrcker. Erinnert Euch, da die Englnder Parga an die Trken verkauften.
Bedenkt, da die Kanonen der Englnder wegen des verchtlichen Juden Pacifico
die Huser Eurer Landsleute im befreiten Griechenland bedrohten. Und noch
schlechter als die Englnder sind die lateinischen Franzosen. Verachtet sie Alle
- zielt wohl auf den Feind! Gott ist mit Euch, und bald werdet Ihr frei sein!

    Athen, den 10. (22.) November.

                                                        Anastasius Caraiskakis.

    O, da ich bei ihm sein knnte, da wir Schulter an Schulter unser Blut fr
die Befreiung des Vaterlandes einsetzen drften!
    Seine Kampfsttte ist am Pindos - die Ihre am Balkan. Dorthin ruft Sie das
Vaterland.
    Treffen Sie Ihre Anstalten, sagte mit stolzer Fassung der Sciote, sein
Ruf wird mich immer bereit finden!
    Im Schatten der nchsten Nacht verlie zum zweiten Male mit Geurgios und
Vaso Gregor Caraiskakis die Hauptstadt des trkischen Reichs auf dem Wege zur
Donau.

                                    Funoten


1 Ein anderer Selim als der Kommandant der Arnauten bei Rustschuck. Die
trkischen Namen wiederholen sich sehr oft.

2 Seid willkommen.

3 Die knstige Sultanin Valide, die erste Gemahlin des Sultans durch die Geburt
des Thronerben.

4 Die Brandenburger - die preuischen Instruktoren.

5 Zwischen 10 und 11 Uhr.

6 Matrosen.

7 Schurke.

8 Moschee des Sultans Achmet.

9 Die Schiffswachen sind in je vier Stunden eingetheilt.


                                 An der Donau.

                                 1. Die Fhrer.

Es war in den ersten Tagen des Januar 1854 und die Wintersonne schien glnzend
und heiter auf das prchtige Schauspiel, das sich an beiden Ufern der Donau bei
Widdin, dem Viminacium der Rmer, entwickelt hatte. Unterhalb der Stadt, die mit
ihren 25 Minarets von alten Festungswerken umgeben sich dicht am Flu
dahinstreckt und auf der weiten bulgarischen Ebene, - nur rechts durch die
Wradamnitza-Gebirge begrnzt und links in weiter Ferne durch die dunklen Massen
des Balkan, - einen freundlichen Ruhepunkt bildet fr den Blick, fhrte eine
Schiffbrcke zu der hochgelegenen Smurda-Insel, die jetzt von Batterieen
starrte. Darber hinaus, ber den etwa 300 Schritt breiten, von einer leichten,
aber nicht tragfhigen Eisdecke bedeckten linken Arm des mchtigen Stromes,
verlngerte sich die Brcke bis zum hoch emporsteigenden Ufer von Kalafat, das
gegenwrtig die strkste Stellung der trkischen Armee bildete und den Russen
den Weg nach Serbien sperrte.
    Wir haben bereits erwhnt, da die Russen einen groen strategischen Fehler
begingen, als sie den Uebergang der Trken bei Widdin und ihre Festsetzung in
Kalafat so leichthin duldeten. Der Fehler rchte sich schwer; denn ihm
hauptschlich ist es zuzuschreiben, da die russischen Streitkrfte whrend des
ganzen Winters und Frhjahrs ihr Augenmerk auf die Sicherung der kleinen
Walachei gerichtet halten muten und so dem Gegner auf dem rechten Ufer
Gelegenheit gaben, sich zu krftigen und die Hilfe der Westmchte abzuwarten.
Die Bewachung der Trken bei Kalafat verhinderte fast acht Monate lang alle
Operationen an der untern Donau.
    Die Trken hatten den gnstig gelegenen Ort mit einer Verschanzung von circa
6000 Schritt Lnge umgeben, die an beiden Enden in einem Fort auslief. Die
Verschanzung bildete nach den russischen Stellungen zu einen vorspringenden
Winkel und war von 600 zu 600 Schritt durch eine mit schwerem Geschtz besetzte,
mit Schanzkrben und Faschinen gegen das Feuer bekleidete Bastion oder Lnette
befestigt. Eine innere Linie von vier Redouten zur Aufnahme der Reserven gab
zugleich eine zweite Vertheidigungsfront. Auf einer Anhhe zur Rechten bestrich
auerdem eine sehr gut gelegene Redoute die Flanken und auf der Insel, deren
Zugang durch einen Brckenkopf geschtzt war, befanden sich vier Batterieen,
jede von vier bis fnf Stck schwerem Geschtz, deren Feuer im Nothfall ber die
Verschanzungen hinweg trug.
    Die trkischen Vorposten dehnten sich im Halbkreis um die Verschanzungen auf
die Entfernung von zwei bis drei Wegstunden aus und begegneten hier denen der
Russen in tglichen kleinen Scharmtzeln.
    Es war am Vormittag groe Besichtigung der Truppen sowohl in Kalafat als in
Widdin gewesen, und die verschiedenen Corps rckten eben wieder in ihre
Quartiere, ober trieben sich dienstfrei bereits in Gruppen umher. Der Muschir
selbst mit seinem ganzen Generalstabe war seit drei Tagen in Widdin anwesend und
eben im Begriff, wieder abzureisen. Die Masse des Gefolges und die zahlreiche
militarische Begleitung, welche die Straen um das Konak Said-Pascha's, des
Gouverneurs von Widdin, bei dem der Sirdar sein Quartier genommen, fllten,
erhhte das bewegte bunte Treiben. Eine Menge Pferde, prchtig gesattelt, wurden
im Konak und vor dem Thor umher gefhrt, Araba's mit ihrem weien Ochsengespann
standen zur Seite und die Iastiks in ihrem Innern, wie die Vorhnge, die
snftenartig das Obertheil umgaben, zeigten, da sie zur Aufnahme von Frauen
bestimmt waren, whrend die Arabadschi's mit den Gepckwagen bereits
vorausgegangen.
    In der That fhrte der Muschir whrend des ganzen Feldzugs an der Donau
seine jngste Gattin, eine Deutsche aus Siebenbrgen, und deren Schwester stets
mit sich, inde die Bujuk-Hamnu, die erste Frau, die noch der verstorbene Sultan
ihm gegeben, und deren Hand und Einflu er hauptschlich seine glnzende
Laufbahn und seinen Reichthum verdankt, im Serail und den Harems von
Constantinopel, wie wir bereits gesehen haben, seine Interessen wahrte.
    Der Muschir ist in Bezug auf die Frauen ein arger Glubiger geworden, wenn
er auch nicht gerade die schrankenlose Eifersucht derselben theilt. Da der Leser
hier zum ersten Male auf dem Felde unserer Erzhlung dieser in den letzten
Jahren so berhmt gewordenen Persnlichkeit begegnet, wird eine kurze Skizze
ber sie von Interesse sein.
    Michael Lattas - dies ist der ursprngliche christliche Name des Muschirs -
ist zu Anfang dieses Jahrhunderts in Illyrien geboren. Er trat in seiner Jugend
in den sterreichischen Militairdienst und hatte das Glck, in eine der
militairischen Erziehungsanstalten zu kommen, der allein er seine Ausbildung
verdankt. Als Feldwebel war er in Zengg in das Bureau des Majors Knecicz
kommandirt, der fr ihn vterlich sorgte. Hier verwirrte er jedoch die
Kassengeschfte seines Wohlthters auf die unverantwortlichste Weise, machte bei
einem dem Major nahestehenden Kaufmann in Zara auf seinen Namen Schulden und
entfloh mit dem erschwindelten Gelde nach Banjaluka und Sarajevo, wo er nach
vielfachem Elend Hauslehrer bei dem Pascha wurde. Dort auch trat er zum Islam
ber und kam spter mit dem Pascha nach Constantinopel, wo er auf dessen
Empfehlung als Zeichner in einer trkischen Militairschule angestellt wurde, und
im Auftrag des verstorbenen Sultans geometrische Wandtafeln fr den jungen
Prinzen Abdul-Medjid schrieb. Spter wurde er dessen Schreiblehrer und machte,
von dem guten Herzen des jetzigen Sultans mit Wohlthaten berhuft, die
glnzende und rasche Carriere, die ihn an die Spitze der Armee von Rumelien
brachte. Den ersten Ruf gewann sich Omer-Bei 1842 in Syrien als Befehlshaber im
Libanon und dabei trotz seiner grausamen aber nothwendigen Strenge eine solche
Popularitt, da die Drusen und Maroniten sich ihn sogar von der Pforte als
Huptling erbaten. Hier scheint zuerst sein rastloser Ehrgeiz geweckt worden zu
sein, und verschiedene Anecdoten beweisen, wie er schon damals den ganzen
verschlagenen und dennoch heftigen Charakter des Orientalen sich angeeignet
hatte. Wir whlen eine unter den vielen.
    Omer befand sich zu Deir-el-Kamar, im berhmten Palast des Emirs Bechir:
Betteddin, als er von einem der trotzigsten und mchtigsten Scheiks des Libanons
besucht wurde. Whrend der Unterredung erhlt Omer ein Schreiben des Pascha's,
das ihm befiehlt, eben diesen Scheik festzunehmen und nach Beiruth zu liefern.
Der Bei verlt nach einer Weile das Gemach, um ein Geschft zu besorgen, und
als er zurckkehrt, gewahrt er mit Erstaunen die vernderte und ngstliche
Haltung seines Gastes. Ein Blick auf den Divan belehrt ihn, da er den Befehl
des Pascha's dort liegen gelassen und der Druse, da Zartgefhl eben nicht die
schwache Seite der Orientalen ist, denselben gelesen hat. Der Bei ist schnell
gefat. Indem er mit dem Gast ruhig die Unterhaltung fortspinnt, lt er sich
Schreibgerth bringen, und entwirft auf seinen Knieen einen Brief an den Pascha,
in dem er den Scheik als ganz ungefhrlich und zu einem Freunde der Regierung
bekehrt schildert, den er zu einem wichtigen Amte bestimmt habe. Das Schreiben
wiederum geschickt zurcklassend, entfernt er sich nochmals unter einem Vorwand,
und als er wiederkehrt, findet er seinen Gast aufgeheitert und vollkommen
beruhigt. Der Drusenhuptling, auf die Heiligkeit der orientalischen
Gastfreundschaft bauend, entlt unbesorgt seine starke Eskorte aus dem Konak,
speist mit dem Bei und schlft unter seinem Dach. Am andern Morgen, als er
fortreiten will und schon den Fu im Steigbgel hat, wird er pltzlich von den
Wachen, die Omer ber Nacht gengend verstrkt hatte, festgenommen und nach
Beiruth an den Pascha ausgeliefert, der ihm den Kopf abschlagen lie.
    Wegen seiner Haltung im Libanon zum Pascha ernannt, wurde Omer als solcher
nach Albanien und spter nach Kurdistan geschickt, um die ausgebrochenen
Aufstnde zu unterdrcken. Er that es mit eiserner und blutiger Strenge und galt
von dieser Zeit an am Hofe von Stambul als einer der zuverlssigsten und
geschicktesten Diener. Als im Jahre 1848 die Revolution in Bukarest ausbrach,
Frst Bibesco floh und Soliman-Pascha die Bewegung nicht zu unterdrcken
vermochte, wurde im September der Gro-Referendar Fuad Effendi als
Civil-Commissarius und Omer-Pascha als Befehlshaber des Heeres entsandt, das mit
den Russen gemeinschaftlich die Frstenthmer besetzte.
    Omer-Pascha hatte damals die erste Gelegenheit, die russischen Truppen in
der Nhe zu beobachten. Nur von seinem rastlosen Ehrgeiz gespornt, bot er, ganz
gegen die geheime Politik seiner Regierung, den Russen, als General Lders in
Transsylvanien einrckte, um die ungarische Revolution zu bekmpfen, seine Hilfe
dabei an, und nur die eifrigen Bemhungen Fuad's vermochten ihm das Thrichte
dieses Schrittes endlich klar zu machen. So fort sprang er zum andern Extrem
ber, und whrend er seine erste Gattin nach Constantinopel sandte, um allen
Folgen seiner unberlegten Politik vorzubeugen, begann er ganz offen seine
Feindseligkeit gegen die Oesterreicher und selbst gegen die Russen an den Tag zu
legen. Diese wurde noch mehr durch die Vernachlssigung erhht, welche
Oesterreich gegen ihn zeigte, indem es ihn bei den zahlreichen
Ordensvertheilungen berging. Dafr rchte er sich durch die willigste, ja
ehrenvolle Aufnahme der ungarischen Flchtlinge, als deren Beschtzer und Freund
er sich von jetzt ab ffentlich zeigte. Ungarn, Deutsche und Polen strmten in
Bukarest zusammen und schworen daselbst in dem von Omer bewohnten Palast
ffentlich ihren Glauben ab. Jeder der Neubekehrten erhielt drei Dukaten in dem
Augenblick, wo er den Fez aufsetzte. Aus den gewandtesten Offizieren bildete
sich Omer eine Umgebung, auf die er sicher zhlen konnte und die bald die
Aufmerksamkeit Rulands und Oesterreichs erregte. Wir haben in einem frheren
Abschnitt unseres Buche gesehen, da Oesterreich im Frhjahr 1853 aus der
Flchtlingsfrage die ersten Veranlassungen zu seinem Auftreten in Constantinopel
nahm.
    Dem Skandal in Bukarest, whrend dessen Fuad bereits als Gesandter nach
Petersburg gegangen war, machten endlich die Vorstellungen des franzsischen
General-Consuls ein Ende. Eine Menge Generale und hhere Offiziere aus den
bekanntesten Adelsfamilien Ungarns und Polens hatten den Turban genommen. Omer
selbst gab ihre Zahl auf 72 an - dazu 6000 Soldaten.
    Die sptere Laufbahn Omer's ist bekannt. Zum Muschir (Titel aller
Staatsminister, - Feldmarschall) von Rumelien und im April 1850 zum
Militair-Gouverneur von Bosnien und der Herzegowina ernannt, unterdrckte er mit
der furchtbarsten Strenge und einer Grausamkeit, die mit den lteren Zeiten der
trkischen Herrschaft wetteifert, die nationalen Bestrebungen der
muselmnnischen Bosniaken und Bulgaren, wobei ihm seine Umgebung von dreiig
frheren ungarischen und polnischen Offizieren an die Hand ging, nachdem
Tahir-Pascha, der bisherige Civil-Gouverneur von Bosnien, durch Gift beseitigt
worden. Iskender-Bey - der Pole Ilinski - war dabei einer seiner thtigsten und
glcklichsten Helfer. Nachdem die Rebellion der Bey's von Omer vllig
unterdrckt worden, - die Details wrden ber den Raum dieser Bltter gehen, -
erfolgte im Anfang des Jahres 1852 die Entwaffnung der bosnischen Christen, bei
der die scheulichsten Grausamkeiten verbt wurden. Nach Constantinopel
zurckberufen, wurde der Muschir zwar fr einige Zeit in Folge der gegen ihn
erhobenen Anklagen auer Thtigkeit gesetzt, doch schon das Frhjahr 1853 fhrte
ihn wieder mit vermehrter Macht auf den Schauplatz und gegen die Montenegriner,
wo wir seinem Auftreten zuerst in unserem Buche begegnet sind.
    Es ist unzweifelhaft, da schon seit seinem ersten Zusammentreffen mit den
Russen an der Donau im Jahre 1849 der Muschir fr seinen Ehrgeiz auf einen
groen Krieg mit diesem Erbfeinde seines neuen Vaterlandes rechnete. Von jener
Zeit ab stand er im Divan fortwhrend auf der Seite der Kriegspartei und war
trotz seiner sonstigen sehr liberalen Anschauungen und Gewohnheiten auf das
Engste mit der alttrkischen Fraction verbunden. Die bald nach Beginn des
Krieges in Constantinopel verbreitete Geschichte von einem Vergiftungsversuch
gegen Omer und die wiederholten Drohungen der Alttrken bei den Aufstnden der
Ulema's und Softa's, da der Sirdar mit der Armee gegen Constantinopel rcken
werde, wenn der Krieg nicht seinen Fortgang habe, gehren offenbar mit zu seinen
Intriguen. -
    Im Tschardak1 der Lokanda Alexo's des Slowaken standen zwei Mnner, beide in
trkischer Uniform, der Eine mit den Tressenabzeichen des Offiziers, der Andere
in dem einfachen blauen Rock mit dem Fe, - ein Hekim-Baschi2 der Armee, Doctor
Welland, den die Ordre seiner Vorgesetzten von Schumla aus nach Widdin gefhrt
hatte, um in den schrecklichen Lazarethen von Widdin, in denen whrend des
Winters an 10,000 Typhuskranke von den trkischen Truppen starben, Hilfe zu
leisten.
    Der Offizier war ein Js-Baschi (Hauptmann) vom 3. Bataillon des 4.
rumelischen Ordu's3, ein Pale von Geburt, Makiewicz, der schon mit Bem
bergetreten war und in der trkischen Armee Dienste genommen. Welland hatte ihn
durch seine aufmerksame Behandlung von einem der schrecklichen Wechselfieber
befreit, die Tausende entnervten, und der Pole, der seinen Dienst noch nicht
wieder angetreten, beobachtete mit dem Arzt das eigenthmliche militarische
Schauspiel.
    Wissen Sie, Doctor, sagte der Offizier, da der Muschir gestern den
Ober-Ekmekschi4 und zwei seiner Gehilfen hat erschieen lassen? Die Canaillen
verdienten eine zehnfach hrtere Strafe, als die ehrliche Kugel; denn ihnen und
diesen schurkischen Lieferanten ist es zuzuschreiben, da ein Fnftel des Heeres
in den Lazarethen liegt, aus denen nur fr Diejenigen ein Weg in's Leben
zurckfhrt, welche unter so freundliche und geschickte Hnde gerathen, als die
Ihren.
    Ich habe davon gehrt, und so sehr ich die Sache als Mensch beklage, fhle
ich doch die Notwendigkeit eiserner Strenge und hoffe von der kurzen Anwesenheit
des Muschirs vielfache Reformen und den besten Erfolg. Ich zweifle keinen
Augenblick, da die Armee bis auf die Baschi-Bozuks herab sich tapfer schlagen
wird, aber die Unglcklichen verkommen an der grnzenlosen Unordnung und
Nichtswrdigkeit, die in allen Theilen ihrer Verpflegung herrscht. Ich habe das
Brot gesehen, das fr die Truppen nach Kalafat alltglich transportirt wird, und
mu gestehen, da unser Vieh von solcher Nahrung erkranken, wrde. Das Mehl ist
mit Rinde, Spnen, Erde und hundert andern eklen Materialien verflscht; halb
ausgebacken, im Innern ein reiner Brei, kommt es aus den Bckereien, man wirst
es in die mit schlammigem Wasser halb angefllten Boote oder auf durchnte
Karren und bringt es so in's Lager. Die Wenigsten der Soldaten haben whrend des
ganzen Decembers ein warmes und trockenes Quartier gehabt, die Schuhe faulen an
ihren Fen. Alles, was sie erhalten, und es ist wenig genug, ist von der
schlechtesten Qualitt. Das Lazarethwesen ist in einem so scheulichen Zustande,
da selbst das vielbesprochene Betrugssystem unserer Gegner schwerlich solche
Schrecken hervorzubringen im Stande ist. Von Medikamenten ist fast keine Spur
vorhanden, Calomel oft das Einzige, was zu haben ist. Und das rztliche Personal
- da Gott erbarm'! Ich habe selbst einen Unterarzt und einen Apotheker, die mir
beide gestanden haben, da sie der Eine ein Schneider, der Andere ein
bankerotter Kaufmann in ihrer Heimath waren.
    Der Pole lachte.
    Sie werden noch ganz andere Dinge hier kennen lernen, Doctor. Der Unsinn
mit den Aerzten kommt davon, weil in den Augen der Trken jeder Franke von Natur
aus ein Hekim ist. Und dennoch, trotz der Wahrheit Ihrer Schilderungen, trotz
der Thatsache, da diese Menschen seit mehreren Monaten keinen Sold empfangen
haben, mit dessen Hilfe sie bei der Geringfgigkeit ihrer krperlichen
Bedrfnisse sich einige Erleichterung verschaffen knnten, ist ihre Aufopferung
und ihre Geduld wahrhaft heroisch und erhaben. Sie ertragen alle diese
Uebelstnde mit einer Ergebung, von der unsere europischen Truppen keine Ahnung
haben wrden. Auf dem Schlachtfelde oder auf dem harten Lehmboden des Lazareths,
wo auch der Tod zu ihrem Haupte tritt, sie erleiden ihn ruhig und muthig. Es ist
ihr Kismet, fr den Koran zu sterben, was kmmert es sie, ob es durch die Kugel
oder die Krankheit geschieht!
    Der Arzt hatte die Erfahrung selbst an hundert Sterbelagern gemacht; - es
ist erhaben und emprend, mit welcher Gleichgltigkeit der Orientale das schwere
Geschft des Sterbens betrachtet.
    Doch lassen Sie uns den Weg hinauf zur Festung gehen, unterbrach Makiewicz
ihre Betrachtungen. Der Kriegsrath scheint beendigt und der Zug des Muschirs
sich in Bewegung zu setzen. Sobald er ber die Schanzen der Irregulairen hinaus
ist, wird es hier voll genug werden.
    Die Beiden, denen sich noch einige andere Offiziere anschlossen, verlieen
den Tschardak und gingen durch die traurigen Gassen der Stadt, die bei
schlechter Witterung einer groen Kloake gleichen und von mephitischen Dnsten
erfllt sind, nach der Festung, die durch einen Graben von der Stadt abgesondert
ist und in der das Serai des Gouverneurs liegt. Hier auf einer Erhhung postirte
sich die Gesellschaft und sah den Zug herankommen.
    Eine Abtheilung der trkischen Husaren erffnete denselben, ihnen folgte der
Muschir mit seiner zahlreichen Begleitung zu Pferde, der sich die Fhrer der
Armee von Kalafat und Widdin angeschlossen. Omer-Pascha steht jetzt im Anfang
der Fnfziger. Es ist von mittlerer, etwas gedrngter Gestalt, sein Gesicht ist
nur durch den scharfen unruhigen Ausdruck der Augen von Bedeutung. Seine
Manieren sind leicht und sicher und seine Lebendigkeit durchbricht hufig die
Schranken der orientalischen Ruhe, die er sich anzueignen gesucht. Im Ganzen
lt sein Aeueres den Mann von Bedeutung und Thatkraft nicht verkennen. Er
spricht mit Gelufigkeit trkisch, italienisch und franzsisch und selbst
ziemlich gut das Deutsche.
    Sie wrden mich verbinden, Kamerad, sagte einer der jungen Offiziere, ein
Sardinier, der erst am Tage vorher von Constantinopel eingetroffen war, wenn
Sie mich etwas mit den Persnlichkeiten bekannt machen wollten.
    Sehr gern, Kamerad. Da an der Spitze reitet der Muschir, den Sie bereits
bei der Parade kennen gelemt. Ihm zur Seite, der Alte auf dem schnen Araber,
ist Sami-Pascha, der Gouverneur dieses schmuzigen Nestes. Pferde und Oglans5
sind sein Luxus; er hat Geld genug dazu zusammengescharrt. Er ist ein Grieche
von Morea und kam als Kind nach Stambul, wo ihn Mehemed Ali, der Viceknig, zur
glckseligen Wrde seines Oglan erhob. Als der schlaue Fuchs, den sein Herr zu
allerlei Aemtern verwandte, endlich merkte, da es mit seinem Gebieter zu Ende
ging, brachte er seinen Reichthum in Sicherheit und ging nach London, wo er
lange den Stutzer gespielt hat. Auch in Paris hat er sich durch seine Avantre
mit einer schnen Jdin bekannt gemacht, und als er nach einigen Jahren nach
Stambul zurckkehrte, gewann er sich durch seinen Verrath an Mehemed das
Paschalik von Trapezunt und spter von Larissa. Vor vier Jahren wurde er endlich
hier in Widdin der Nachfolger Hussein's, des Janitscharentdters, und chikanirt
seitdem die Oesterreicher, hlt auf seine alten Tage ein Harem, von dem man
Wunderdinge erzhlt, und ist der schlaueste alte Hund, den ich noch gekannt
habe!
    Sie schildern in scharfen Zgen, lachte der junge Mulassim6. Aber der
General oder Pascha an der Rechten des Muschirs?
    Das ist Achmet-Pascha, Ihr knftiger Oberbefehlshaber, denn der Sirdar hat
seinen General-Stabs-Chef, Allah sei's geklagt, nun einmal dazu gemacht, obschon
wir unter ihm Nichts als Feiertage haben. Er machte seine Studien auf der
Ingenieurschule zu Wien und ist ein ganz einsichtsvoller Trke, versteht aber
vom Feldlager Nichts. Es wre nicht auszuhalten, wenn Ismal-Pascha ihn nicht
manchmal in Bewegung setzte. Ich denke immer, der Muschir hat ihn deswegen an
seine Seite gestellt. Sehen Sie den stolzen Mann da auf dein Rappen, dem
einzigen in der ganzen Schaar, - sein Blick scheint Feuer zu sprhen, und das
tscherkessische Blut in seinen Adern zeigt sich bei jeder Bewegung. Schaut er
nicht aus wie ein Knig unter diesen schmuzigen Moslems?
    Der Doctor lachte.
    Aber Sie sind ja selbst ein solcher geworden, und die halbe Begleitung des
Muschirs besteht aus Mnnern, die den Koran der Bibel vorgezogen haben!
    Bah! Das ist auch der einzige ertrgliche Theil der Gesellschaft. - Da,
gleich hinter dem Muschir, sehen Sie den Ferik7 Mustapha-Pascha, die Livas8
Osman-Pascha und Mehemed-Pascha und Nefwik-Bey, Omer's Neffe, ein kecker Bursche
mit seinen Jgern.
    Und Graf Ilinski - ich wollte sagen Iskender-Bey, der berhmte Anfhrer der
Irregulairen?
    Da kommt er eben hinterdrein gejagt, als se der Teufel hinter ihm im
Sattel oder als glte es, eine Bank von zwanzigtausend Piastern zu sprengen. Er
reitet wie ein Kosak und ist am Ende auch einer, nach seiner tatarischen
Physiognomie und seinen boshaften Augen zu urtheilen. Aber fr das Gesindel, das
er kommandirt, ist er unbezahlbar. Ich mchte wissen, wie wir mit dieser
Sammlung von Spitzbuben, Meuchelmrdern und Fanatikern fertig werden sollten,
wenn wir Iskender-Bey nicht htten, und seine beiden trefflichen Adjutanten,
Hidaet-Aga und den Arnautenfhrer Jacoub-Aga.
    Er wies auf die Reiter.
    Sind sie geborene Trken? fragte, der Sardinier.
    Den Teufel auch! Lassen Sie Beide die Beleidigung nicht hren, sonst mssen
Sie vor die Klinge. Es sind Landsleute von mir, wenn ich auch nur den polnischen
Namen des Einen kenne. Constantin von Jakoubowski aus dem Groherzogthum focht
bei Grochow und Ostrolenka, und lebte dann mit Mickiewicz in Paris. In Lemberg
im Jahre Achtundvierzig gefangen und amnestirt, ging er nach Italien und half
Rom vertheidigen. Vom den Franzosen von dort vertrieben, hatte er gerade noch
Zeit, zu Bem zu stoen, als der alte Held nach der Walachei zog und vor
Halim-Pascha die Waffen streckte. Seitdem steht er in trkischem Dienst und
machte mit Omer die Feldzge in Bosnien und Montenegro mit. Sie sollen ein Mal
sehen, wenn er seine Arnauten mit blanker Klinge in's Gefecht fuchtelt. Die
Russen haben ihr Lebtag nicht so viel Schlge bekommen, und als krzlich ein Mal
bei einem Begegnen der Vorposten Jacoub'a9 den Kosaken zurief, sie sollten zu
den Trken desertiren, bei uns htten sie's besser und keine Schlge, lachten
die Kerls ihn aus und riefen: Du lgst, wir haben selbst gesehen, wie Du prgeln
kannst!
    Die Gesellschaft lachte ber die Anecdote.
    Wer ist Hidaet-Aga? fragte der Doctor weiter.
    O, diesen eben kenne ich nicht und wei nur, da er ans einer vornehmen
polnischen Familie stammt. Er hat so viel von seinem Vermgen aus dem
Schiffbruch der Revolution gerettet, da er sich im Rosengarten Adrianopel einen
ziemlichen Landstrich kaufen konnte und dort in Ruhe lebte. Nur die Freundschaft
fr Iskender-Bey hat ihn wieder unter unsere Fahnen gezogen und er dient ohne
Sold als Freiwilliger, um, wie er sagt, an den Russen eine alte Scharte
auszuwetzen.
    Und der Reiter dort in der rothen Uniform mit dem geschlitzten blauen
Dolman, der Brenmtze und dem Halbmond daran?
    Hei, das ist der Kolassi10 Wersbitzki, der Kommandant der trkischen
Kosaken, des tollen Corps, das unsere Rechtglubigen so sehr verabscheuen. Er
reitet neben Depuis, dem Franzosen, und dem Juden Osman'a, dem Adjutanten des
Muschirs, einem reichen Banquierssohn aus Temeswar, der gestern die Depesche aus
Schumla brachte und den Weg von hundert Stunden in zwei Tagen zurckgelegt hat.
Freilich jagte er zwei Pferde zu Tode und das dritte hat er die Nacht verspielt.
Wersbitzki hat ihm ein Beutepferd auf Wechsel verkauft, da der alte Jude, sein
Vater, noch immer richtig honorirt hat.
    Aber wer ist der Offizier dort in der fremden Uniform, der neben Lord
Worsley und Capitain Bathurst reitet und mit Herbert Wilson spricht?
    Ich kenne ihn nicht, entgegnete der Pole.
    Da kann ich Auskunft geben, denn es ist ein Landsmann, Oberst Graf Pisani.
Ich focht unter ihm bei Novara und seiner Empfehlung verdanke ich die Anstellung
in Ihrer Armee.
    Ist er mit dem Muschir gekommen?
    Nein, er hlt sich seit einigen Tagen bei Sami-Pascha auf, um wichtige
Nachrichten abzuwarten, und wird, wie er mir bei meiner Ankunft sagte, noch
einige Zeit hier bleiben.
    Es scheint, der Muschir lt ihn eben zu sich rufen, er reitet vorwrts.
He, Hussein'a, rief er einen jungen Genie-Offizier an, der eben in ihrer Nhe
vorberritt. Wie steht's mit dem Kriegsrath, ist der Angriff gegen Krajowa
endlich beschlossen?
    Salem, Js-Baschi Mackiewicza, gab der junge Muselmann zur Antwort; ich
glaube, wir werden selbst von den Moskows aus den Schanzen gejagt. Sie rcken
vor und befestigen sich drei Stunden von unsern Vorposten.
    Die Nachricht erweckte allgemeines Interesse, das nur auf kurze Zeit
unterbrochen wurde, als die Araba's11, von schwarzen Sclaven begleitet, mit den
Frauen des Sirdars in einiger Entfernung dem Zuge folgten.
    Voil Madame la Marchale! sagte lachend der Capitain, denn so lie die
jngste Gattin des Muschirs sich nennen, als sie noch nach europischer Sitte
unverschleiert in den Gesellschaften erschien. Omer, der bis auf die
Bujuk-Hanum, die Sultan Mahmud ihm gegeben, seine Frauen schon mehrmals
gewechselt und weggejagt, oder durch den Tod verloren hatte, besa 1849 in
Bukarest ein Tchterchen, Emine, von 5 oder 6 Jahren, das er sehr liebte. Da er
dem Kinde Musikunterricht geben lassen wollte, wurde ihm eine junge Schsin aus
Kronstadt empfohlen und bei ihm aufgenommen. Ohne schn oder interessant zu
sein, verstand sie doch bald, den Muschir zu fesseln, und aus der Lehrerin wurde
seine Frau: Zuerst trat sie wie, wie erwhnt ganz nach europischer Sitte und
mit groem Glanz auf, als sie jedoch whrend des gegenwrtigen Krieges Omer
wieder nach der Donau begleitete, hatte sie bereits vllig die trkischen
Gebruche angenommen und erschien nur tief verschleiert und von Eunuchen
umgeben. -
    Der Zug war vorber und die kleine Gesellschaft kehrte daher nach dem
Tschardak des Gasthauses zurck, wo sich gewhnlich die europischen und selbst
viele trkische Offiziere zu versammeln pflegten, obschon Alexo, der Wirth, im
dringenden Verdacht als Spion des sterreichischen Consuls und der Russen selbst
stand.
    Eine bunte Versammlung hatte bereits das Haus und den Vorplatz eingenommen,
und alle Augenblicke strmten neue Ankmmlinge herbei. Ehe Welland, der in der
Lokanda selbst sein Quartier genommen, noch sein Zimmer betreten, sprengten
zehn, zwanzig Reiter, von der Begleitung des Muschirs zurckkehrend, herbei und
warfen sich vor der Veranda von ihren Pferden. Iskender-Bey war an ihrer Spitze
und strmte in das Haus.
    Der Teufel soll mich holen und der Prophet dazu! schwor der wilde
Reiteranfhrer, wenn mir die Kehle nicht trocken ist wie ein ausgedrrter
Schwamm. He, Alexo, Bursche, Wein her, Karten und Wrfel, wir mssen nach der
Anstrengung im Divan und den Begrungs- und Abschiedsreden eine bessere
Erfrischung haben, als den Kaffee, den der schbige Filz Sami uns vorgesetzt
hat.
    Die Renegaten im Heere scheerten sich herzlich wenig um das Verbot des
Korans gegen den Wein, und der edle Ungar, Bordeaux und Rum flossen in Strmen,
wenn sie nur zu haben waren. In der Lokanda des Alexo fehlte es aber, trotz des
bedeutenden Zuspruchs, nie an dem Rebensaft, da er durch die Vermittelung seines
Gnners, des sterreichischen Generalconsuls, regelmige Ladungen von Orsova
erhielt. Dafr wanderte jede Kunde, die der Wein von den Lippen seiner Gste
gelst, alsbald auch in's Haus des Agenten.
    Mit der edlen Ungenirtheit des Orients und des Lagerlebens war alsbald - da
alle anderen Rume des Hauses gefllt waren, - das groe Gemach, das Welland im
oberen Stock bewohnte, von der wilden Gesellschaft in Beschlag genommen, und
whrend der Wirth hin und her eilte, die Gste mit Getrnken zu bedienen,
klapperten auf dem Tische bereits die Wrfel und flogen nach rechts und links
die Karten im Hazard.
    Iskender-Bey war ein beraus eifriger und wagender Spieler, und seine beiden
Freunde und Adjutanten gaben ihm wenig nach. Die Moslems selbst sind keine
Freunde des Spiels, sie sind zu geizig dazu.
    Whrend die fremden Offiziere den Weinflaschen zusprachen, oder dem
strkeren Rum, hielten sich die geborenen Trken an den letztern, den sie wie
den Slibowitza12 aus Kannen und Bierglsern durch die Kehle gieen. Der Prophet
hat ja nur den Wein verboten, und auch dies Verbot wird jetzt selbst ziemlich
ffentlich miachtet, wie bei uns die Juden den Schinken verspeisen.
    Nun, Doctor, sagte Jacoub-Aga, der die Bank hielt, wollen Sie denn nicht
ein Mal Ihr Glck versuchen? Zum Teufel mit der Kopfhngerei, leben Sie dem
Vergngen, Sie werden der traurigen Beschftigung des Arm- und Bein-Abschneidens
genug haben, ehe zwei Mal vierundzwanzig Stunden vergehen.
    Ich hrte bereits davon, Kolassi, fragte der Arzt. Hat man nhere
Nachrichten?
    Die Russen kriechen endlich aus ihren Mauselchern, lachte der Bey. Ihre
Tirailleurs stehen bereits bei Ezetate und ich glaube, sie haben Lust, sich dort
festzusetzen.
    Werden wir angreifen?
    Versteht sich! Morgen rcken wir aus - aber Sebal cie pies! der heutige Tag
gehrt noch uns. Nur Wersbitzki mu diese Nacht bereits fort, um zu
recognosciren; das hat der Narr davon, da er den Koran verachtet!
    Vorsichtig, mahnte Hidaet-Aga; der slavonische Spitzbube macht sich
fortwhrend hier zu schaffen und lauscht auf jede Sylbe!
    Thorheit! hhnte der Bey; Alexo wei die Sache besser wie wir. - Drei
Dukaten auf die Dame!
    Ein Reiter sprengte unten vor das Haus und strmte die Treppe herauf.
    Osman-Aga? welcher Dmon fhrt Sie zurck?
    Mashallah, Inshallah, Bismillah und alle Allah's daneben, denn ich bin ein
glubiger Moslem und kein Jude mehr, lachte der Wildfang. Der Muschir ist ein
prchtiger Mann, er hat mich wieder zurckgeschickt, um ihm nach dem Angriff
weitere Kunde nachzubringen. Hussah! Wein her! Wer hlt die Bank? ich mu meine
Uhr und meine Ringe von dieser Nacht zurckgewinnen!
    Ich gebe Revange, sagte der Bey und nahm die Karten. Ah, sieh da, Graf
Pisani! willkommen, Herr Kamerad, bei unserer Unterhaltung. Ich frchtete schon,
Sie liebten weder Spiel noch Wein und belagerten nur das Haremlik des wrdigen
Sami's.
    Ich berfhre Sie von Ihrem Irrthum, Graf, entgegnete der Oberst, der eben
eingetreten war, und warf eine Brse mit Gold auf den Tisch. Fnf Doublonen auf
den Buben hier!
    Wahrhaftig, der Bursche hat gewonnen. Was, ein Paroli? ich sehe, Sie
verstehen die Sache.
    Das Spiel nahm seinen Fortgang. In allen Ecken des Zimmers lrmte eine
Gruppe. Franzsisch - Trkisch - Italienisch - Polnisch - Ungarisch und alle
slavonischen Sprachen flossen in der Unterhaltung bunt durcheinander. Welland
hatte sich lngst darin ergeben, fr den Abend und die Nacht auf die Ruhe
verzichten zu mssen, dergleichen kam so oft vor, und unterhielt sich auf der
Gallerie vor den Fenstern mit Capitain Maxwell und Master Godkin, den beiden
Berichterstattern der Daily niews und des Morning Chronicle, ehe er seinen
Abendbesuch im Lazareth machte.
    Alexo, der Wirth, hatte neuen Bordeaux auf den Tisch der Spieler gepflanzt
und dabei war ein bedeutsamer Blick des Sardiniers dein seinen begegnet. Der des
Wirthes bejahte und deutete nach der Thr.
    Geben Sie mir jetzt die Bank, erklrte Pisani und legte seine Uhr neben
sich. Ich bin Ihnen Revange schuldig und werde sie dreiig Minuten halten, aber
keinen Augenblick lnger, denn ich habe noch einige Geschfte. Heran, meine
Herren, faites vtre jeu!
    Die Offiziere spielten eifrig weiter, denn der Sardinier war im Glck und
hatte bereits einen Haufen von Gold und Kamels13 vor sich gehuft. Osman'a, der
Jude, sah mit leidenschaftlichen Blicken und vom Wein erhitztem Gesicht dem
Spiele zu. Er hatte schon Alles bis auf das goldgestickte Sattelzeug seines
Pferdes, selbst seinen mit den schweren Goldschnren pikeschenartig gezierten
Rock der trkischen Husaren, deren Corps er angehrte, verloren.
    Wollen Sie einen Wechsel auf hundert Dukaten von mir annehmen, Herr Graf?
fragte er endlich hastig. Mein Vater ist Banquier in Temeswar und wird ihn
einlsen, wie meine Kameraden mir bezeugen knnen.
    Der Sardinier verneigte sich hflich.
    Ich zweifle keinen Augenblick daran, mein Herr, aber ich mache nie
dergleichen Geschfte.
    Alexo! Schurke, hierher! Zum Henker, wo steckt der Spitzbube?
    Der Slavonier scho herbei.
    Befehlen die Herren frisches Getrnk?
    Unsinn, Koth! Du sollst mir einen Wechsel discontiren; ich wei, Du hast
Geld, wenn Du nur willst.
    Der Slovake wand und krmmte sich wie ein Wurm. Er wute sehr gut, da der
Adjutant ihm sicher war, aber er hatte ihm bereits, wenn auch zu den hchsten
wucherischen Zinsen, am Tage vorher ein Darlehen gemacht.
    O, Aga, sagte er, ich bin ein armer Mann und habe bereits zwei Wechsel
von Euch in Hnden. Wo soll ich all' das Geld hernehmen?
    Schbiger Lump! fluchte der Wstling. Wir Alle wissen, Du kannst halb
Widdin auskaufen, so viel hast Du schon an uns verdient. Ich gebe Dir mein Wort,
Du sollst Dein Geld wieder erhalten, noch ehe ich das Nest verlasse. Ich werde
morgen zu den Juden gehen und Geld schaffen.
    Knnt Ihr mir nicht lieber ein Unterpfand geben, Aga? ich bin ein armer
Mann und mu mich sicher stellen. Seine Hoheit der Vali14 gnnt mir ohnehin kaum
das Leben.
    Bah! ich habe Nichts, meine Ringe sind fort, meine Uhr auch. Willst Du mein
Patent?
    Was thue ich mit Eurem Patent? das lat Ihr im Stich, jeder Mann wei, da
Ihr der Offizier Seiner Excellenz des Muschirs seid.
    Nun, Schuft von einem Slavonier, sagte der Leichtsinnige, in seiner
Brieftasche kramend, hier ist was Besseres, das ich hchstens auf einige Tage
entbehren kann. Die Generalordre des Muschirs zum Durchla auf allen Posten und
zur Lieferung von Pferden. Ohne dies Papier kann ich nicht von der Stelle; ist
Dir das sicher genug?
    Graf Pisani hatte, whrend die Uebrigen, unbekmmert um die gewohnte
Verhandlung, fortpointirten, mit halbem Ohr auf das Gesprch gelauscht. Sein
rascher bedeutsamer Blick traf gedankenschnell den Slavonier und winkte ihm,
zuzuschlagen.
    Bei den heiligen Mrtyrern, an die Ihr nicht glaubt, Aga, schwor der
Wirth, ich mu Euch anvertrautes Gold geben und thue es blo auf Euer ehrliches
Gesicht. Lat das Papier da, Aga, und Ihr braucht Euch nicht zu eilen, ich
verwahre es sicher und hoffe, Ihr werdet mich bei den Zinsen nicht vergessen!
    Der junge Tollkopf folgte dem schlauen Hndler aus dem Gemach. Wenige
Minuten nachher erschien er wieder am Spieltisch, die Taschen voll Gold, und von
den Genossen jubelnd begrt.
    Die Dukaten rollten. Mit beiden Hnden auf den Tisch gestemmt, folgten
Iskender-Bey und Osman-Aga den Chancen des Spiels. Die Augen funkelten - wilde
Ausrufe und Verwnschungen - das triumphirende Lachen des Gewinns klang von
ihren Lippen - nur der Sardinier spielte wie ein Gentleman.
    Osman'a verlor - der khne Fhrer der Baschi-Bozuks triumphirte im Gewinn.
    Fnfzig Dukaten!
    Der junge Verschwender schob den ganzen Rest auf das Coeur-A.
    Schwarz! Auf den Buben, Kamerad! rief der Bey.
    Die Karten fielen rechts und links - Roth hatte verloren, Schwarz gewonnen.
Mit einem grimmigen Fluch hob der Adjutant die nchste Flasche an den Mund und
trank sie bis zum Boden leer, Iskender-Bey aber zog das Gold zu seinem Gewinn.
    Wein, Alexo, Champagner! Noch eine Taille, Kamerad?
    Aber der Graf hatte sich bereits erhoben und hielt ihm die Uhr vor.
    Die Zeit ist um, Herr Graf, ich cedire dem Nchsten. - Viel Vergngen,
meine Herren, mich rufen noch Geschfte; vielleicht find' ich Sie spter noch
hier und gebe dann weitere Revange.
    Er steckte den Goldhaufen, der vor ihm lag, in die Tasche und griff nach dem
Kasket. Aber ein jammerndes Geschrei voll Schmerz und Angst fesselte seinen Fu
und er blieb ein unwillkrlicher Zuhrer der nachfolgenden Scene.
    Die Thr des Gemachs wurde aufgerissen, ein bulgarisches Weib und ein
Mdchen erschienen auf der Schwelle, weinend und zagend, als sie die vielen
Mnner sahen. Aber Doctor Welland, der sie fhrte, zog sie, ihnen Muth
einsprechend, herein und gerade auf Iskender-Bey zu. Nursah, der schwarze Sclave
des Doctors, hatte das Mdchen an der Hand, dessen Gewand zerrissen war, dessen
langes blondes Haar, hufig eine groe Schnheit der bulgarischen Frauen, ihr
wirr herab bis fast auf die Knie niederhing.
    Was Teufel, Doctor, bringen Sie uns da fr Gste? Haben Sie eine Otmitza15
gehalten und Braut und Schwiegermutter zugleich erobert? Herbei mit dem Popen!
    Die ganze Gesellschaft brach in ein tobendes Gelchter aus, Welland aber
fate eifrig des Bey's Arm.
    Helfen Sie den Aermsten, die Schutz bei Ihnen suchen, bat er; sie sind
geflchtet aus ihrem Hause, wo Ihre Baschi-Bozuks Mord und Todschlag ben. Mein
Neger fand die Weiber jammernd vor der Thr der Lokanda und fhrte sie zu mir.
    Bah! was wird es sein? - eine Lappalie - das Volk hier ist an Prgel
gewhnt! Warum geh'n sie den wilden Teufeln nicht aus dem Wege? ich kann mich
nicht mit der Beschwerde jedes Bauern oder jeder Dirne befassen.
    Die Baba16 war vor dem Bey niedergefallen und umfate seine Knie.
    Was giebt's, Weib? herrschte er ihr auf Trkisch zu.
    O Hoheit, sie morden meinen Mann - sie haben meinen Neffen erschlagen und
ermorden sich unter einander!
    Die Stirn des trkischen Guerillafhrers verfinsterte sich.
    Wer bist Du, Frau? wo ist Dein Haus?
    An der Dromoi17, Hoheit, die nach Belgradzik fhrt, dem Adlernest der
Haiducken. Die Zelte Deiner Krieger liegen keine tausend Gnge davon und mein
Mann hlt ein Hane18.
    Auf's Pferd, Jacoub'a, befahl der Bey, und sieh' zu, was es giebt. Meine
Kopfabschneider sollen dem Volke wenigstens nicht an's Leben kommen, sie werden
morgen bessere Gelegenheit finden, ihre Tollheit zu khlen. Jage die Hunde in
ihre Zelte und Du, Weib, stre mich nicht lnger.
    Er wandte sich wieder zu dem Spiel, whrend Jacoub-Aga den Sbel umschnallte
und das Gemach verlie, indem er sich von dem Weibe noch weiter den Schauplatz
des Excesses beschreiben lie. Mehrere der jngeren Offiziere umgaben die
hbsche junge Bulgarin, die weinend und zitternd sich an den deutschen Arzt
drngte, der sie hereingefhrt.
    Im Galopp flog ein Reiter vor das Haus, warf sich aus dem Sattel und man
hrte ihn laut nach dem Bey fragen. Es war bereits dunkel geworden, der
Retraiteschu der Festung jedoch, der die Thore schlo, noch nicht gefallen.
    Der Fhrer der Irregulairen beugte sich aus dem Fenster.
    Was giebt's? wer frgt nach mir?
    Der Js-Baschi der Kosaken, Mahmud-Aga, lt melden, da eine groe Anzahl
der Irregulairen mit seinen Leuten handgemein geworden ist in einer bulgarischen
Mehana19 an der Strae nach Nissa. Der Kolassi ist bereits in Kalafat und der
Aga zu schwach, dem Kampfe zu steuern.
    Tysiac byci mac mordowalo! fluchte der Bey in seiner Muttersprache, das
ist ein Anderes! Zu Pferde, meine Herren, wir mssen die Schufte auseinander
treiben, sonst hauen sie sich gegenseitig in Stcke! Er sprang die Stiege hinab
und rief unter dem Tschardak nach seinem Ro. Mehrere der Offiziere folgten ihm
- andere blieben ruhig sitzen, dergleichen Auftritte ereigneten sich zu hufig,
um ihre Ruhe noch zu stren. Seine On-Baschi's20 voran, jagte der Bey davon. -
    Hierher, Excellenz! flsterte der slavonische Wirth, indem er die Hand des
sardinischen Obersten berhrte. Folgen Sie mir.
    Es ist ein eigenthmliches Zeichen des militairischen Verhltnisses in der
trkischen Armee, da auer dem Dienst es weder Offizieren noch Gemeinen auch
nur einfllt, den Vorgesetzten als solchen und anders, denn als gleichstehenden
Kameraden zu behandeln.
    Die beiden unteren Gemcher, die Kche und die Veranda der Lokanda lagen
voll von Militairs jeder Gattung, zum grten Theil Renegaten; aber auch die
Moslems kmmerten sich nicht um die Durchdrngenden. Zechend und spielend, von
den Leuten des Kahvedschi bedient, war Alles nur mit dem eigenen Vergngen
beschftigt.
    Der Sarde folgte dem Wirth durch den Flur und einen kurzen Gang in ein
anstoendes Hintergebude und zu einem kleinen leeren Zimmer.
    Verzeihen, Excellenz, bat der Slovake, da ich Sie hierher fhre, aber
nirgends im ganzen Hause ist ein Pltzchen, wo man sich ungestrt besprechen
kann.
    Der Oberst warf das Geld, das er gewonnen, auf den Tisch.
    Hier ist Etwas fr den Brief der Grfin, den Du mir gestern sandtest, und
die hundert Dukaten, die Du fr den Ferman des tollen Aga's ausgelegt. Der
Ueberschu ist Dein. Gieb mir das Papier.
    Aber wenn der Aga es einlsen will?
    Bah! - er denkt nicht daran; ich werde dafr sorgen, da er Beschftigung
genug hat. In drei Tagen kannst Du es auerdem zurck erhalten. Wie steht's mit
meinem Auftrag?
    Excellenz Befehle sind erfllt, aber wie ich die Verhltnisse kenne, wird
mein Plan der einzig ausfhrbare sein. Ich habe sichere Kunde, da eine Anzahl
Dorobandschen die Gelegenheit zum Desertiren erlauert. Apollony ist bereit, auf
das russische Gebiet zu gehen und die Leute zu fhren; es wird ihnen dabei ein
Leichtes sein, die Grfin in ihrem Schlo an der Deszneizia aufzuheben und ber
die Donau zu bringen. Apollony brgt mit seinem Kopf dafr, whrend auch die
keckste Schaar der trkischen Truppen nicht die Hlfte des Weges zurcklegen
wrde.
    Der Graf schwieg, einige Augenblicke nachsinnend.
    Ist der Mann treu?
    Wie Stahl und Gold, Excellenz, ich verschwre mein Leben fr ihn. Er fhrt
die meisten Ueberlufer.
    
    Du weit, sagte der Oberst, da, wenn die Entfhrung gelingt, Du 200
Dukaten erhltst und der Walache eben so viel. Betrgst Du mich, - denn ich wei
sehr wohl, da Du den Russen eben so gut dienst, wie mir, - so werde ich dafr
sorgen, da Sami-Pascha Dich eines schnen Morgens an Deiner eigenen Hausthr
aufhngen lt. Fhre den Mann zu mir.
    Der Wirth verschwand und kehrte bald nachher mit einem jungen Manne zurck,
der, obschon in trkischer Offizieruniform, doch nur als Volontair in der Armee
diente, und - ein geborener Walache - durch seine Bestrebungen, seine Landsleute
aufzuwiegeln und auf die trkische Seite herberzuziehen, sich ausgezeichnet
hatte.
    Alexo hat Ihnen von dem Unternehmen bereits gesprochen, sagte der Graf.
Die eingetretenen Umstnde erleichtern die Sache. Das Gut und Schlo der Grfin
Laszlo an der Strae nach Radovan liegt zwar zwei Meilen innerhalb der
russischen Linien, doch wird die Gegend morgen von Truppen entblt sein. Kennen
Sie Schlo Badowitza?
    Sehr gut, Aga!
    Desto besser; also hren Sie! Die russischen Truppen haben eine Expedition
gegen einen Ihnen gewi bekannten Punkt, Czetate, etwa drei Meilen oberhalb
Kalafat, unternommen, und werden sich dort festsetzen. Ich bin durch einen Brief
gestern genau unterrichtet worden, da auch die Detaschements, die in der Nhe
von Tschoroy und der Deszneizia stehen, dahin kommandirt sind, das Gut der
Grfin Laszlo also ohne namhafte Vertheidigung in diesem Augenblicke ist. Alexo,
der Wirth, sagt nur, da Sie der Dorobandschen, die in jener Gegend stehen,
sicher sind. Wir werden morgen die Russen bei Czetate angreifen. Sie mssen die
Zeit benutzen, um die Grfin ohne Aufsehen aufzuheben und nach der Donau zu
bringen. Wie Sie ber dieselbe gelangen, oder zum Lager von Kalafat, ist Ihre
Sache. Die Dame, die so schonend wie mglich behandelt werden mu und gegen die
ich jede Beleidigung auf das Strengste untersage, wird im Konak Sami-Pascha's
hier in Widdin abgeliefert. Ist dies geschehen, so wird Alexo Ihnen sofort die
versprochenen 200 Dukaten auszahlen. Sagen Sie mir nun, ob Sie sich das
Unternehmen auszufhren getrauen?
    Es ist ein Kinderspiel, wenn die Entfernung nicht wre. Ich mu den Strom
hinabgehen und an einer anderen Stelle bersetzen, was schwierig ist, da berall
noch Eis liegt. Der Weg durch unsere Stellung von Kalafat wrde mir einen Tag
ersparen, doch sind die Moslems sehr mitrauisch und ihre Linien stark besetzt.
    Werden Sie durch die Vorposten der Russen nicht gefhrdet sein?
    Der Walache lchelte spttisch.
    Ich besitze gengende russische Papiere - fr Gold ist da drben Alles zu
haben - und kenne berdies die Gegend genau.
    So kann ich Ihnen die Mittel geben, zu jeder Zeit und wie Sie es fr gut
finden, bei den trkischen Posten whrend der nchsten drei Tage aus- und,
einzupassiren, ja berall die nthige Hilfe sich zu sichern. Hier ist eine Ordre
des Muschirs; der Zufall hat mich in ihren Besitz gebracht.
    Apollony untersuchte das Papier.
    Betrachten Sie die Sache als abgemacht, Herr. Sptestens bermorgen Abend
ist die Dame im Haremlik des Gouverneurs, oder ich habe meinen Kopf verspielt.
Aber ich mu etwas Geld im Voraus haben.
    Alexo wird Ihnen fnfzig Dukaten geben. Noch Eins; - die Grfin mu die
Leute entweder fr ein trkisches Streifcorps oder fr Ueberlufer halten. Es
kommt nur darauf an, da ihrer Person Nichts widerfhrt, und Gewalt wird sogar
besser sein. Etwas Schrecken und Angst wird ihr nicht schaden, mit ihrer
Umgebung machen Sie keine Umstnde und betrachten sie als Feinde. Unter keiner
Bedingung darf aber die Dame ahnen, da ihre Entfhrung von hier aus eingeleitet
ist, keine Sylbe von meiner Person, verstehen Sie wohl?
    Ihre Befehle sollen erfllt werden! Auf bermorgen also.
    Der Oberst nickte.
    Gutes Glck! Alexo, gieb ihm das Gold.

                                    Funoten


1 Die offene Veranda vor den meisten trkischen Husern.

2 Arzt.

3 Armeecorps.

4 Bcker.

5 Knaben, Pagen, aber leider auch zu anderen emprenden Zwecken mibraucht.

6 Lieutenant.

7 Divisions-General.

8 Brigade-Generale.

9 Jacoub-Aga; im Gesprch wird dies hufig apostrophirt.

10 Major.

11 Bulgarische Wagen, gewhnlich mit Ochsengespann; Arabadschi, die Wagenlenker,
Ochsentreiber.

12 Weier Fusel aus Pflaumen etc.

13 Trkisches Papiergeld.

14 Gouverneur.

15 Mdchenentfhrung, unter den Haiducken sehr hufig.

16 Bulgarische Hausfrau.

17 Strae.

18 Gasthaus.

19 Schenkwirthschaft.

20 Unteroffiziere, Ordonnanzen.


                                II. Die Vlker.

Die Mehana des Bulgaren Gawra befand sich ungefhr zehn Minuten vor dem
sdlichen Thor Widdins an der Strae nach Nissa und Ternowo, der heiligen Stadt
des Landes. Das Celo1, zu dem sie gehrte, lag weiter ab von der Strae.
Jenseits derselben, hinaus in's Feld nach der Donau zu, erstreckte sich das
fliegende Lager der Baschi-Bozuks, die hier die Reserve fr die Garnison von
Kalafat bildeten.
    Die Hane war nicht nach bulgarischer Art gebaut, die ein rundes, bis auf
etwa zwei Fu vom Boden abstehendes Schobendach zeigt, whrend das Haus selbst
tief in die Erde gegraben ist und man auf Stufen dazu hinuntersteigt. Sie war
vielmehr nach stdtischem Muster eingerichtet, einstckig und mit einer groen
gemeinschaftlichen Hoda2 versehen, die zugleich Kche, Wohn- und Gaststube, bis
auf zwei kleine Kammern den ganzen unteren Raum der Umfassungsmauern einnahm,
und nur die vielen weien, von der Sonne gebleichten und auf Pfhle gesteckten
Ochsen- und Pferdeschdel rings um den Hof verkndeten die bulgarische
Wohnsttte. Ein groer grner Busch ber der Hausthr zeigte die Eigenschaft als
Schnke an, - mehrere nach bulgarischer Weise eingerichtete Stlle - denn jede
Art der Hausthiere hat hier ihre besondere Wohnung - umgaben das Hauptgebude.
    Gawra, der Wirth und Pferdehndler, galt unter seinen Landsleuten fr einen
habschtigen, aber wohlhabenden Mann, wenn er auch den Gebietern gegenber
Letzteres auf alle mgliche Weise zu verbergen suchte und die ganze Wirthschaft
daher uerlich ein verkommenes und liederliches Ansehen zeigte. Der Bulgar
unterscheidet sich im Ganzen sehr zu seinen Gunsten von allen anderen Raen der
Bevlkerung der transsylvanischen Halbinsel. Er ist fleiig, betriebsam, ehrlich
und unverdrossen. Geschickt zu jedem Handel und Gewerk, zu Ackerbau, Viehzucht
und Industrie, wre dies Volk unter einer verstndigen und milden Herrschaft der
grten Ausbildung fhig, und ihr Land - an den beiden Abhngen des Balkans alle
Erzeugnisse des europischen Sdens und Nordens vereinigend - besitzt einen
natrlichen Reichthum, wie kein anderes. Whrend an den Abhngen zur Donau Buche
und Eiche, Platane und Wallnu die mchtigen Kronen aus den ppigen
Buschpflanzen emporstrecken, der wilde Wein sich um ihre Stmme rankt und die
Thler fette Weidentriften in Unzahl bieten, thront hoch darber der Felsengrad
des Hmus mit Schluchten und unzugnglichen Bergwnden, in deren Tiefen Schtze
edlen Metalls verborgen sind. Rasche goldhaltige Wsser springen von Fels zu
Fels hinab, zur Donau drngend oder jenseits hinber zu den Ksten des
herrlichen geischen Meers. Der Br, der Luchs und der Adler hausen auf diesen
Bergen, der Schakal streift hinab zur Ebene und der stattliche Rothhirsch mit
dem sechszehnendigen Geweih streicht in zahlreichen Heerden durch die Wlder.
Der Eber wlzt sich im Sumpf, das wilde Pferd galoppirt durch die Ebene. Sieben
Felsenpsse brechen durch die gigantischen Massen der Berge und fhren zu seinem
sdlichen Hange, - die beiden bekanntesten: das trajanische und das eiserne
Thor, von denen das erste nach Sophia, das andere ber Kasanlik und Schumla nach
Varna und dem Schwarzen Meere mndet, - zur Landschaft Zagora, die sich vom
Meeresstrande bis zum Berge Athos erstreckt, die reichste ppigste Provinz der
Trkei.
    Wie, wenn man aus dem nrdlichen Deutschland kommend, die Felsenmauer der
Alpen bei Botzen berstiegen hat und von Meran hinunterschaut auf die Fluren der
Lombardei - gleich mit einem Zauberschlage eine andere Zone dem Pilger
entgegenweht, so auch an den Felsenpssen des Hmus. Die volle sdliche
hesperische Natur umgiebt den Wanderer, - die Olive mit ihrem dunklen feuchten
Grn, - die Feige, die Cypresse und Platane, - der Oleander aus zackigen
Felsspalten, an deren Wand sich der Wein und die Melone rankt! die Orange duftet
und der Sdwind, der aus der Bai von Enos an der grnen Maritza herauf ber die
thracischen Ebenen streicht, trgt ihm die wonnigen Dfte der weiten Rosenfelder
von Edrene entgegen. Ueber die endlosen Ebenen mit dem hohen Gras und den
goldenen Getreidefeldern - nur unterbrochen von den Hunka's3 der pelasgischen
Vorzeit, dem spitz emporspringenden Minaret oder der byzantinischen Wlbung
einer verfallenden christlichen Kapelle - streift tagelang der Reiter, einsam
und allein mit Alogon4, dem stummen Freunde. Zahlreiche Stdte bevlkern das
herrliche Land, aber auerhalb ihrer schmuzigen Ringmauern ist Alles eine
poetische Wste. Wo der Griechen-Slawe allein wohnt, ist er noch schutzloser der
Willkr seiner Herren preisgegeben.
    Die Thtigkeit und Betriebsamkeit, welche dem Bulgaren innewohnt, hat ihn,
die Maritza entlang bis zu den Ksten des geischen Meeres, bis an die Thore
Constantinopels getrieben. Ueberall ist er Ackerbauer, Viehzchter, Fabrikant,
Handwerker und Kaufmann, und es liegt eine unermeliche Quelle von Civilisation
und Wohlstand in diesem demthigen, sinnenden und empfnglichen Volke. Still
beugt es seinen Nacken unter dem drckenden Joch des Spahi's, der von seinem
Fleie prunkt, seine Tchter entfhrt und seinen Glauben verhhnt, und die
traurige Klage, die seines Herzens tiefsten Kummer dem selten das Land
durchpilgernden Fremdling ffnet, ist der kindlich naive Ruf: Du bist
glcklich, Bruder; in Deinem Vaterlande giebt es Nichts als Bulgaren5!
    Dennoch ist auch dies demthige gutmthige Volk schon hufig durch die
furchtbare Last der trkischen Mihandlungen emporgerttelt und ihm die Waffe
zum krftigen zhen Widerstand in die Hand gezwungen worden. Nur die eigene
Gutmthigkeit und die verrtherische Schlauheit der Gegner hat ihm das Schwert
wieder aus der Hand gewunden und das Joch auf's Neue auf seinen krftigen Nacken
gelegt.
    Die Nation zhlt, - wenn man die wirklich von ihr bevlkerten Landstriche
nimmt und nicht blos das kleine Gebiet des alten bulgarischen Knigreichs, dem
die Trken diesen Namen gelassen, - gegenwrtig vier und eine halbe Millionen
Seelen, und man darf annehmen, da jetzt - wo sich die europischen Mchte
wenigstens dem Massemorden entgegensetzen werden - die Zahl bald derart wieder
sich vermehren wird, da sie die trkische Bevlkerung eben durch ihr Gewicht
still und ohne Kampf zurckdrngt. Da sie trotz der Gruel, welche noch dies
Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten entweihten, trotz der Strme
bulgarischen Blutes, die vergossen wurden, diese Ziffer erreichen konnte,
verdankt sie dem Umstand, da der Osmane die Nation bisher als Christen
verchtlich von seinen Heerzgen ausschlo und da das Wthen der Pest
hauptschlich nur die fatalistischen Moslems danieder mhete, whrend sie die
reinlichen vorsichtigen bulgarischen Landbewohner verschonte. Es ist erwiesen,
da jede groe Pest der Trkei fast eine Million Menschen raubt. Die vom Jahre
1838 tdtete in Bulgarien allein 86,000, fast lauter Trken. Charakteristisch
erzhlen die Bulgaren, da der furchtbare Schwarze Tod damals durch die
schnderische Gier ihrer Herren entstanden sei. Junge Trken in Bajardzik htten
sich ber den kaum erkalteten Leichnam einer schnen Armenierin geworfen und, an
ihm ihre viehische Gier befriedigend, den Krankheitsstoff in sich aufgenommen
und weiter verbreitet.
    Wir haben gesagt, da die Bedrckung des Volkes es von Zeit zu Zeit zu einem
krftigen Widerstand getrieben. Jede Gemeinde hat ihren Spahi oder trkischen
Grundherrn, der sein Spahilik durch den Kiaja oder Stellvertreter verwalten und
durch diesen den Zehenten von allem Besitztum, Getreide, Wein, Frchten und Vieh
erpressen lt. Nur im Herbst besucht der Trke zuweilen sein Landgut und haust
dann in seiner weien Kula6, und der Bulgar empfindet nur an den vermehrten
Lasten, an der greren Gefhrdung seiner Frauen und Tchter die Nhe des
Grundherrn7. Auer dem Zehenten hat der Rajah dem Spahi einen dreitgigen
Erntefrohn zu leisten. Doch sind das nur die geringeren Lasten, - noch
drckendere legt ihm die Regierung auf. Neben den extraordinairen Erpressungen
der Pascha's mu er den Haratsch - die Kopfsteuer - mit 15 bis 20 Piastern
jhrlich fr den Kopf, die Poresa oder Grundsteuer, die sich nach alten festen
Stzen unverndert richtet, und fast fr jeden Gegenstand seines Besitzes Steuer
zahlen. Besitzt der Bulgare Nichts als sein Weib, so mu er fr den Niebrauch
dieses Gutes allein schon mindestens 100 Piaster geben! Auerdem ist der Pascha
berechtigt, ungemessene Frohnen von jedem Bauer zu den ffentlichen Arbeiten zu
fordern, und diese Dienste nehmen in der Regel mehr als 30 Tage vom Jahre in
Anspruch. Hierzu kommt noch der Gazdalik oder die Verpflichtung, jeden Gast, der
auf einen Ferman oder in kaiserlichen Angelegenheiten reist, zu beherbergen und
zu bewirthen. Mit der grausamsten Strenge werden diese Abgaben eingetrieben, und
die Rechte, die der Bulgar dafr gewinnt, sind Null. Seine Dorfkirchen sind
gewhnlich elende Schuppen oder finstere, halb in die Erde versenkte Grfte. Es
ist durchaus untersagt, ein Kloster oder eine den Einsturz drohende Kirche
auszubessern, ohne zuvor fr schweres Geld die Erlaubni des Divans erwirkt zu
haben. Neue zu bauen, ist ganz verboten.
    Auf den Hochebenen des Balkans, zwischen Seres und Sophia, Philibeh und
Ternowo, wohnt eine grere Freiheit, denn die unzugnglichen Schlupfwinkel der
Berge nehmen die Flchtigen auf, und von den Hhen her beherrschen mit dem
Schrecken ihres Namens die freien Shne der Bulgarei, - die Ruber des Gebirges,
- die Haiducken, das Niederland. Es giebt wenige zahlreichere Familien, von
denen nicht einige Glieder unter diese Freischaaren gegangen wren; der Pascha
plnderte mich aus und ich schickte meinen Sohn unter die Haiducken, sagt
gelassen der Familienvater. Die Haiducken sind der Schrecken der Trken und das
Einzige, was ihre Gewaltthaten gegen das Land noch in Schranken hlt. Diese
Freien vertheilen sich in mehr oder weniger zahlreiche Banden unter
Hauptleuten, welche, wie die alten Barone in den Zeiten des Faustrechts, die
Engpsse besetzen, die trkischen Karavanen und die Steuereinnehmer des Landes
entfallen und den Blutegeln den Raub wieder abjagen. Man erzhlt Wunder von
ihrer Tapferkeit und Strke und ihrer Gromuth gegen den harmlosen Reisenden.
Dennoch wagte noch beim Ausbruch des orientalischen Krieges kaum ein Kaufmann
wenige Meilen durch das Binnenland am nrdlichen Abhange des Balkans zu reisen,
und ein sicherer Verkehr fand allein auf der Donau statt.
    Der erste Ausstand der neueren Zeit am Balkan, der die Pforte erbeben
machte, war der Paswan Oglu's, des Bosniaken, mit seinen Kerdschalis im Jahre
1792. Zugleich mit ihm - nach dreihundertjhrigem Hintrumen - - erhoben sich
die bulgarischen Haiducken. Aber whrend Czerni Georg, der Held von Serbien,
1804 sein Land befreite, sahen die Bulgaren unthtig zu und wechselten nur ihren
Herrn, denn der Divan - unfhig, Paswan Oglu, den Vertheidiger der Janitscharen
und Alttrken, zu vernichten - mute ihn als rechtmigen Wessir von Bulgarien
anerkennen. Hoch belebten sich wieder die Hoffnungen durch die Kriege der Russen
1810 und 1811 an der Donau, aber der Vertrag von Bukarest (28. Mai 1812) lie
die zum Theil bereits aufgestandenen Bulgaren im Stich und wehrlos in der Gewalt
der Osmanli's, und Tausende wurden aus Rache zu Tode gemartert. Whrend Frst
Milosch in Serbien herrschte, lag schwer die Hand Hussein-Pascha's auf dem
Lande, und seine Plnderung des armen Volkes hufte jene Schtze zusammen, die
bis zum Jahre 1843 seinen Hofhalt in Widdin zu einem der glnzendsten im Orient
machten. Die bulgarischen Haiducken kamen nicht eher wieder zum Vorschein, als
bis 1821 der griechische Freiheitsruf auf ihren Bergen wiederhallte. Da erhoben
sie sich aus ihrem Schlaf und zogen schaarenweis nach Macedonien und bis zum
Peloponnes, und Bulgaren waren es, welche die Akropolis von Athen im Sturm
nahmen. Der Slawe Botschar aus Wodina, der nach Suli auswanderte, ist der Held
Marco Botzaris, dessen Blut den heiligen Boden von Missolunghi trnkte.
    Als 1829 Diebitsch in den Pssen von Kuleutscha das Heer Reschid's schlug
und am 19. August in Adrianopel einzog, schien der Stern des christlichen
Bulgariens auf's Neue zu glnzen und die ganze Bevlkerung begrte jubelnd die
Befreier. Wiederum tuschte Ruland ihre Hoffnungen, wenn es auch seitdem nicht
aufhrte, im Stillen den erwachten Geist des Volkes zu schren. Die bulgarische
Hetrie, von den Didaskalen, den Dorfschulmeistern, gegrndet, verzweigte sich
ber das Land, und die Sommernchte der Jahre 1834 bis 1838 fanden die
Eingeweihten gar oft auf den Kirchhfen der Klster, auf den Felsenplateau's der
Berge, im wilden Kolo8 sich fr die Stunde der Freiheit begeisternd. Der Verrath
des Neffen Hadji Jordan's, der so vielen wackeren Mnnern das Leben kostete,
brachte den lang vorbereiteten Aufstand zum Ausbruch und 20,000 Mann lagerten um
die Feste Jarko, bis der trgerische Milosch statt der versprochenen Hilfe sie
mit dem Versprechen der Befreiung vom Frohndienst und eigener Stareschinen9 zum
Abzug bewog. Zu spt sahen sie ein, da man sie betrogen.
    Der Raub der schnen Agapia durch den Neffen des Pascha's von Nissa rief im
Frhjahr 1841 auf's Neue das Volk in die Waffen. Unter Miloje erhoben sie sich,
und als erst die Irregulairen Hussein-Pascha's 150 Drfer zwischen Sophia und
Nissa zerstrten, die Mnner spieten, die Frauen schndeten und in die Flammen
ihrer brennenden Htten warfen oder in die Sclaverei verkauften, - strmten die
Landleute von allen Seiten in die Gebirge, und von 2000 Spahi's, die sie zu
verfolgen wagten, kehrten kaum 30 zurck. Miloje hielt Nissa mit seinen Mnnern
belagert und vertheidigte, endlich geschlagen, heldenmthig mit 1500 Streitern
die Kula Kamenitza, bis Alle um ihn gefallen und er selbst sich mit einem
Pistolenschu das Leben nahm, um seinen letzten sechs Gefhrten die Flucht zu
erleichtern.
    Seit jenem Aufstande, bei welchem man wieder vergeblich auf die Hilfe
Rulands und Europa's geharrt hatte, herrschte die Ruhe des Todes in der
Bulgarei - nur der Einzelne, der in die Berge geflchtet und mit seinen Brdern
sich dort vereint hat, kmpft noch trotzig gegen den trkischen Zwingherrn.
    Offenbar hofften die Russen bei dem gegenwrtigen Zug an die Donau auf einen
neuen Aufstand des bulgarischen Volkes und machten auch vielfache Versuche zur
Grndung von Freischaaren. Aber die Kraft des Volkes war in den dreizehn Jahren
noch nicht wieder gengend erstarkt und der Bulgare erinnerte sich, wie drei Mal
seit eines Menschen Gedenken der schwarze Czar, obschon einer seiner ltesten
Titel der eines Frsten der Bulgaren ist, seine Rettung den eigenen Interessen
geopfert und ihn seinem Zwingherrn stets auf's Neue zu noch hrterer
Knechtschaft berlassen hatte. Der Aufstand - der Omer Pascha's Heer htte
vernichten mssen, - unterblieb, und die griechische Erhebung im Epirus und in
Macedonien fand nicht die gehoffte Sttze am Balkan. - -
    Im Hane des Wirthes Gawra ging es lebendig her an dem Nachmittage des Tages,
der uns in der Lokanda des Slowaken Alexo zu Widdin gefunden hat. Der schlaue
Handja10 hatte die Nhe der trkischen Lager benutzt, um einen Handel und
Ausschank von Getrnken anzulegen, und handelte und verhandelte dabei mit Glck
und Gewinn manches Ro, theils aus dem eigenen Stall, theils von der Beute,
welche die Irregulairen und trkischen Husaren von den Streifzgen ber Kalafat
hinaus mit zurckbrachten. So strmten denn auch Viele nach dem Abzug des
Muschirs und nachdem die Truppen von der Besichtigung zu ihren Quartieren in der
Palanka Widdins und dem fliegenden Lager zwischen der Heerstrae nach Nissa und
dem Strom zurckgekehrt, nach der Mehana.
    Das Hane war der gewhnliche Verkehrsort der Irregulairen, seit Kurzem aber
auch ihrer christlichen Nebenbuhler, der trkischen Kosaken, dieses Corps aus
walachischen Freiwilligen und den Flchtlingen jedes Landes Europa's, die aus
irgend einem Grunde sich nicht zu der Annahme des Islams bequemen wollten, denn
diese gehrt unbedingt zum Eintritt in den trkischen Nizam. Die trkischen
Kosaken waren daher von den Moslems nicht nur als Dschaurs verachtet, sondern
offen von ihnen gehat, und wurden auf alle gefhrlichen und verlorenen Posten
gestellt, da ihre verwogene Tollkhnheit keine Hindernisse kannte. Mit Groll und
Aerger sahen die Baschi-Bozuks sich im Hane des Bulgaren seit einigen Tagen von
ihren Gegnern verdrngt, die der Ruf von der Schnheit der beiden Tchter des
Wirthes und einige zufllige Pferdekufe dahin gefhrt hatten, und mit Ingrimm
bemerkten sie, wie der Handja selbst sich weit mehr mit den Dschaurs zu thun
machte, deren Geld leichter rollte und die mehr verzehrten, als die geizigen
Moslems.
    Die Baschi-Bozuks waren heute zahlreicher versammelt als gewhnlich und
fllten nicht allein die grere Hlfte des untern Hauses, sondern strmten auf
dem breiten Tschardak fortwhrend ab und zu. Die bunten wsten Gruppen, auf dem
Boden umherkauernd ober gleich Staten an der getnchten Wand lehnend, boten
einen seltsamen phantastischen Anblick. Neben dem Albanesen von Janina mit der
heute zu Ehren der Besichtigung wieder einmal rein gewaschenen Fustanelle, dem
langbezipfelten Fe und der goldbetreten Jacke, sa der schmuzige Bosniake, der
Arnaut mit den grnen zerlumpten, engen Hosen, die er irgend einem Christen
gestohlen, der offenen rothen Aermel-Weste und dem um den Kopf geschlungenen
Tuch, unter dem die dunklen, unruhigen Augen umherblitzten, - oder gar der
Syrier mit dem bronzefarbenen Gesicht, dem weiten, einst weien, jetzt zu
schmuzigen Fetzen gewordenen Gewande. Daneben das ebenholzfarbene Gesicht des
Mohren aus Derr oder Kordofan; das gelbe Antlitz des Egypters - des armen
Fellah, - der, von Htte und Familie gerissen, hier den ihm gleichgltigen
Streit des Groherrn ausfechten sollte. Der Araber aus den Wsten von Yemen, der
Bewohner der Oeden um Damaskus, der Druse vom Libanon, die Vertreter aller
wilden Stmme Albaniens neben dem breitbackigen Turkomanen mit den
kleingeschlitzten, scharfen Augen! Grausamkeit, Apathie, Fanatismus und
Spitzbberei auf allen den braunen, weien, gelben und schwarzen Gesichtern, ein
Gewirr von Trachten in Farbe und Schnitt, keine der andern gleich, der feine
Seidenshawl um schmuzige Lumpen gewunden, Fez und Turban, Tuch und kurdische
Mtze; der Kaftan und der Ziegenhaarmantel, das entblte Bein und die rothe
albanesische Gamasche; Goldstickerei neben der wollenen, kaum die Ble
verhllenden Decke, der blinkende Sporen an dem einen schleppenden Pantoffel,
die gelbledernen Strmpfe der Trken ober das unbehilfliche Schuhwerk, das die
Regierung geliefert. Dazu ein Arsenal von scharfen Waffen jeder Art, das den
Sammler und selbst den Alterthumsforscher entzckt haben wrde. Der Sbel in
jeder Form und Biegung in Sammet und Lederscheide, im Metall klirrend, oft ohne
alle Hlle - der kostbare bleigraue Damascener Stahl in der einfachsten Scheide,
Handjars jeder Gre und Form, vom handbreiten syrischen Yatagan bis zur
schweren, gewichtigen Waffe des Turkomanen, kurdische Messer, die mehr gerade
Klinge der Stmme des Peloponnes, der gewundene eiserne Dolch, vielleicht noch
aus den Zeiten der Kreuzzge von Vater auf Sohn vererbt - eherne und hlzerne,
fulange Griffe, mit silbernen Buckeln und Stiften beschlagen, - Perlmutter und
Elfenbein, Juwelen und edle Steine an vielen verschwendet. Dazwischen das plumpe
Seitengewehr, das der Nizam trgt, der unvermeidliche Tabacksbeutel berall, die
Feuerzange in ihrer messingenen Kapsel im Grtel - der Schibuk in Aller Munde, -
eine Wolke voll Tabacksqualm und Knoblauchsgeruch ber allen Kpfen; - zwischen
den stillen, ernsten Gruppen mit dem Kaffeebecher oder dem irdenen Krug voll
scharfem Slibowitza, der wie Wasser durch diese abgehrteten Kehlen flo, einige
zerlumpte schmuzige Derwische mit der topfartigen Filzmtze und dem braunen oder
grauen Mantel - das war der Anblick, den die grere Hlfte des ziemlich weiten
Raumes bot.
    Desto tobender und lrmender war die Gesellschaft in dem anderen Theil. Hier
saen und standen um zwei oder drei Tische an Zwanzig der trkischen Kosaken in
ihrer kleidsamen Uniform, dem blauen, mit scharlachrothen Aufschlgen und eben
solchem Futter in den langen aufgeschlitzten Hngermeln versehenen Dolman, dem
Pelztschacko mit dem groen Halbmond von Messingblech daran und den weiten
blauen Pantalons mit breiten rothen Galons. Dazu die Cartouche und der Sbel in
der blinkenden Scheide, obschon auch ihnen die gewhnlichen Feuerwaffen fehlten,
da der strengste Befehl gegeben war, da auerhalb des Dienstes Flinten und
Pistolen nicht getragen werden durften, um mglichst Unheil bei dem heien Blut
der Parteien zu verhten.
    Die Gruppen um die Tische waren mit Trinken und Spielen beschftigt. Whrend
bei den Offizieren in der Lokanda Alexo's das Pharo die Taschen leerte,
klapperten hier die Wrfel unter den Verwnschungen, den wsten Spen und dem
Gelchter der Freiwilligen.
    In der Mitte des Gemaches vor dem groen Kamin war die Kula mit einer ihrer
Tchter eifrig mit der Kaffeebereitung beschftigt. Gawra, der Wirth, und ein
Neffe von ihm, fast noch ein Knabe, bedienten die Gste.
    An dem Tisch in der Nhe des Kamins sa die Hauptgruppe der Spieler um einem
Fremden, der, so sehr er ihnen auch in dem verwegenen und khnen Aussehen glich,
doch keiner der Ihren war und nicht die Uniform trug. Der Leser kennt ihn
bereits - Sta Lucia, den corsischen Banditen, der nach seinem letzten Verbrechen
in Stambul im Heerlager an der Donau Sicherheit gefunden hatte und hier den
Diener des sardinischen Obersten spielte.
    Mashallah! murrte Ali, der Arnaut, zu seinem Nachbar, einem zerlumpten
Asiaten, indem er mit dem Mundstck seines Schibuks nach den Spielern deutete,
sieh diese Shne der unglubigen Hunde, wie das blanke Gold durch ihre unreinen
Hnde rollt. Ein weiser Mann hat mir gesagt, da man durch dieses Spiel aus
einem Beschlich11 im Handumdrehen zwanzig goldene Ghazi's erwerben kann.
    Die Augen des Asiaten funkelten lstern.
    Weit Du, o Ali, wie man das Geld gewinnt?
    Ich habe mir sagen lassen, da man ein Geldstck einsetzt, man wirft die
bleiernen Kugeln und erhlt so viel Geld, als sie schwarze Punkte zhlen.
    Inshallah! - was fr Narren sind diese Christen! Es ist nur ein Gott und
Mahomed ist sein Prophet. Ich mchte ihnen wohl ihr Geld abnehmen.
    Bei meinem Bart, schwor der Arnaut, ich habe die gleiche Lust. Aber mein
Beutel ist leer.
    Abdallah, der Syrier, nestelte an einem solchen von Ziegenhaar.
    Ich fand bei dem Moskow, den wir bei dem Ueberfall erschlugen, auer dem
Golde auf seinen Schultern zehn Stcke in seiner Tasche. Wenn ich wte, da
Allah mein Thun segnen wrde, mcht' ich einen groen Beschlick in diesem Spiel
wagen.
    Hussah, Schurke von Wirth! Istem teremtte! Rum her, Branntwein!
    Bergantre12! Wo steckt der Bursche, da er Caballero's warten lt?
    Villao13! Branntwein her!
    Caballeros, Euer Spiel! - Acht auf der Tafel.
    Pesta! ich werfe mehr! Zehn!
    Psia twoja mac! Hundsmutter die Deinige! Das Geld ist verloren.
    Der Pole griff sich wild in die Haare und starrte mit funkelnden Augen auf
sein verlorenes Geld, das der Spanier ruhig zu dem seinen zog. - -
    Allah sende ihm Unglck! Hast Du es mit Deinen eigenen Augen gesehen?
    Was lachst Du mir in meinen Bart, o Beg? Auf mein Haupt komme es. Bin ich
ein Mann oder bin ich eine turkomanische Kuh? Sind das Augen oder sind sie es
nicht? Ich habe gesehen, wie er ber die Thr seines Hofes die drei Kreuze
gemacht hat, die das Zeichen der Christen sind, und die unsere Brder auf's
Krankenlager werfen, bis die Reihe an uns kommt.
    Der Moslem, an den die Rede gerichtet war, schttelte zur Bejahung sein
Haupt.
    Wir wollen den Derwisch Ibrahim herbeirufen, der dort steht, er wird uns
sagen, ob dieser ausstzige Bulgar dafr an seine eigene Thr genagelt werden
soll!
    Khaweh, Khaweh! Tschibuk, Khaweh dschetir! Bringt Pfeifen und Kaffee
herbei!
    Hre, Freund Gawra, reiche mir die Guzla14 dort von dem Nagel. Wo ist
Marutza, Deine Tochter, da sie mein Lied begleitet? Warum bedient die Moma15
Deine Gste nicht?
    Der Bulgare reichte eifrig dem Italiener die Cither.
    Die Marutza frchtet sich vor der zahlreichen Gesellschaft, Aga, sie
wirthschaftet in den Stllen mit dem Vieh.
    Schaff' sie herbei, pitoccone16! Meinst Du, wir sind hierher gekommen, um
Dein schlechtes Gesicht anzuschauen?!
    En avant, Monsieur Gawra, bringen Sie uns Mademoiselle Maruzza!
    Die Moma! die Moma! heulte der Chor.
    Der Bulgare war bereits demthig verschwunden. -
    Die Moslems schauten finster auf die Lrmer; um Hadschi-Achmet und den
Derwisch hatte sich eine Gruppe gebildet und horchte eifrig seinen Worten.
    Dieses Schwein von einem Bulgaren thut, als ob wir nicht in der Welt wren.
Ich will die Grber seiner Vter besudeln!
    Der Redner schttelte verchtlich den Zipfel seiner Jacke.
    Corpo di Bacco! Ruhe da oben! Ich will mein Lied singen!
    Tomasini, der Venetianer, begann, auf der Guzla klimpernd, Orsino's
Trinklied aus der Lucretia. Seine Stimme war schn und bald sammelten sich
Zuhrer um ihn und klatschen ihm ihren Beifall. Selbst die wilden Kinder der
Wste horchten den bermthigen frischen Klngen.
    An dem Tisch des Corsen stand der Baschi-Bozuk, sein Auge haftete gierig auf
dem Golde, das vor Sta Lucia lag.
    Hei, Kamerad - willst Du auch ein Mal Dein Glck versuchen? Heraus, alter
Beduine, mit den Piastern und den blanken Dukaten und Dublonen, die Du zusammen
gestohlen hast. Er reichte ihm den Becher.
    Der Araber verstand seine Sprache nicht, aber er legte langsam und zgernd
einen Imperial auf den Tisch. Seine langen Finger krampften noch ngstlich
danach, als der Corse das Goldstck nahm und prfte.
    Diavolo! Russisches Gold? Hast Du viel dergleichen, pidocchioso?
    Er warf einen Napoleonsd'or daneben und schob dem gierigen Moslem die Wrfel
zu. Einige Mnner sammelten sich um die Gruppe. -
    Drauen am halb zusammengebrochenen Hofzaun hinter dem Hause, durch den
vorspringenden Stall vor den Blicken verborgen, lehnte Marutza, die lteste
Tochter des Hauswirths. Um das reine ovale Gesicht mit den groen blauen Augen
wallte das Goldhaar bis fast zur Erde hinab, die jungfrulich ppige Gestalt wie
mit einem Mantel umgebend. Auf dem Scheitel fehlte zwar die Ringelblume oder die
Rose, mit der die Bulgarin sich schmckt, denn die Jahreszeit bot nicht die
sinnige Zierde; aber der Mann vor ihr schaute auch nicht nach fremden Blumen
aus, wo die Rosen auf den Wangen der Geliebten ihm glhten und aus ihren treuen
melancholischen Augen alle Blthen der Zrtlichkeit ihm entgegen strahlten.
    Es war ein krftiger junger Mann von trotzig khnem Aussehen, der glnzend
gewichste Schnurrbart lang ber die Mundwinkel niederhngend, auf dem Haupte,
das bis auf den langen, in zwei Flechten getheilten Haarbschel auf dem
Scheitel, kahl geschoren war, einen slavonischen Hut. Von dicker Wolle war seine
ganze Kleidung, die kurze Kutte, der Grtel, die Beinkleider, die Bnder, womit
seine Fe dicht umwickelt waren. Ueber dem Allen war er in einen weiten
filzartigen weien Mantel gehllt, der die Waffen in seinem Grtel verbarg, bis
auf die treue Flinte, die im Bereich der Hand lehnte.
    Ich sage Dir, Marutza, sprach finster der Fremde, ich dulde es nicht
lnger, da Dein Vater Dich den Blicken der Mnner preisgiebt, von denen seine
Habsucht ihren Vortheil zieht, statt Dich, wie es einer Bulgarin ziemt, an der
Spindel oder dem Webstuhl in der Kammer zu halten. Mit Maria, Deiner Schwester,
mag er thun, was ihm beliebt, aber Du bist meine Braut, wenn Du auch den
Schleier oder die Haube nicht trgst, und bei den vierzig Mrtyrern, ich hole
Dich in der Otmitza, wenn Dein Vater der Sache kein Ende macht!
    Du thtest besser, Miloje, entgegnete die Stimme des Alten, der seine
Tochter zu suchen gekommen war, hinter ihnen, Du brchtest Deinen und meinen
Hals nicht in Gefahr, indem Du hier umherstreichst, whrend die Khawassen des
Pascha's und alle Leute in Widdin wissen, da ein Preis auf Deinem Kopfe steht.
    Bah! sagte der junge Mann verchtlich, indem er die Finger seiner Rechten
von sich spreizte. Ich frchte die Schurken nicht. Ich bin ein freier Haiduck,
und Sami-Pascha wei, was er von meinen Brdern zu erwarten hat, wenn er mir ein
Haar krmmt. Mein Vater war ihr Schrecken und, bei der Panagia17! ich werde
diese Trken nicht fr die Tschorbadschia's18 erkennen, so lange ein Athem in
dieser Brust ist.
    Aber was willst Du hier, wo tausend Augen auf uns gerichtet sind?
    Mein Weib, Marutza, meine Braut, wie Du meinem Vater gelobt hast. Ich bin
von den Bergen herunter gekommen, weil ich gehrt habe, da Du, des schnden
Geldes wegen, Deine Tchter gleich Mgden die Krieger des Groherrn bedienen
lt.
    Du bist ein Thor, Michael Miloje! Wem anders fllt einst mein Hab' und Gut
zu, als Dir und dem Mann meiner Tochter Maria? Die Weiber mssen verdienen, so
lange sie im Hause sind. Du kannst Marutza doch nicht mit auf Deine kalten Berge
nehmen, und im Paschalik findest Du kein Celo, wo Du Dich niederlassen darfst,
ehe nicht der Bann von Deinem Haupte genommen ist. Was knnen wir thun, wir sind
die Knechte!
    Ha, bei dem Blute meines Vaters, der im Thurm von Kamenitza fr die
Freiheit der Seinen starb, rief der Haiduck, sind wir nicht Memmen, da wir
diese Fesseln tragen? Sind unsere Freunde, die Moskowiten, nicht jenseits des
Stromes? bereit, uns zu Hilfe zu eilen, sobald nur der Kampfesruf von unsern
Bergen erschallt? Ist der schwarze Czar nicht unser wahrer Vater? Schmt Euch,
Gawra, der Ihr in Eurer Jugend mit dem Popen, Eurem Ohm, bei Jarko gefochten
und vor Nissa gestanden mit meinem Vater, da Ihr so ganz vergessen habt, was
Euer Herz damals entflammte.
    Thrichter Junge, sagte der vorsichtige Bulgar, sich scheu umblickend.
Ist es nicht schon deshalb, weil ich Gawra heie, da ich die Rache der
Osmanli's frchten und ihren Verdacht einschlfern mu? Was weit Du, wie meine
Seele denkt! Doch fort mit Dir jetzt, - das Mdchen mu in die Hoda und ihrer
Mutter helfen und Dich schtze der Gott unserer Vter, bis Du so viel erworben
hast, da Du die Braut heimfhren kannst. In das Haus, Marutza, oder man wird
nach uns sphen.
    Das Mdchen ri sich los und flog ber den Hof zur Tscharda. Der junge
Haiduck aber fate des Alten Arm, der ihn gleichfalls verlassen wollte.
    Ist es nur das, Vater Gawra, das gelbe Metall, dessen ich bedarf, um die
Braut zu erhalten? Schaut her, dessen habe ich genug, mehr als ich brauche, mein
Haus zu bauen und ein stattlich Gut frei zu kaufen.
    Er zog aus dem breiten wollenen Grtel einen ledernen Beutel und zeigte ihn
dem Pferdehndler, - der Beutel wog schwer von Gold.
    Bei dem Blut der heiligen Mrtyrer! fuhr der Alte zurck, wo hast Du das
Geld her, Michael?
    Ei, lat Euch's nicht kmmern, lachte Dieser. Es ist ehrlich erworbenes
Gold, das der schwarze Czar seinen tapfern Kindern, den Haiducken, gesandt hat.
Aber ich kann nicht von hier, Vater Gawra, und ich will auch nicht. Ich mu
Jemand erwarten, der mich innerhalb dreier Tage in Eurem Hane treffen soll, und
Eure Mehana ist ein offenes Haus, ich habe so gut ein Recht, darin zu weilen,
wie jeder dieser Soldaten des Padischah.
    Der Bulgar bedachte sich einen Augenblick, - sein Geiz und der Anblick des
vielen Goldes, das der Haiduck bei sich fhrte, siegten ber seine Vorsicht.
    Sei es denn, sagte er, aber bei der Panagia, bringe mich nicht in's
Unglck fr meine Gte. Die Soldaten kennen Dich nicht und die Khawassen meiden
meine Schwelle, weil sie Schlge von ihnen frchten. Sei vorsichtig, Michael,
und mische Dich nicht in fremde Hndel. Du kennst die Gelegenheit und weit, da
die Stiege neben dem Heerd zu den Bodenkammern fhrt. Dorthin zieh Dich zurck,
ehe sie auf Dich und Deine Gegenwart merken; ich werde die Weiber zu Dir senden.
Gieb mir die Flinte, da ich sie verberge.
    Ich kann die Waffe nicht von mir lassen.
    Narr! Hier wrde sie auch wenig sicher sein, diese Moslems sind Diebe, die
berall umhersphen.
    Er holte aus dem Stall eine Schtte Stroh und steckte das Gewehr hinein.
Dann nahm er es unter den Arm und schritt dem Hause zu, dem jungen Knees19
winkend, ihm in einiger Entfernung zu folgen.
    Drinnen in der Hoda nahm der Lrmen immer mehr berhand, je mehr der feurige
Branntwein, das Spiel und der Streit die Kpfe erhitzten. Auch die Baschi-Bozuks
standen jetzt in einzelnen Gruppen und lebhafterer Verhandlung, und ihre Augen
ruhten finster auf Gawra, als er sich mit dem Stroh durch ihre Mitte wand und es
in die Kammer hinter dem Heerde warf. Um Sta Lucia und die beiden Bozuks hatte
sich ein zahlreicher Kreis gebildet aus Moslems und Christen und schaute
aufmerksam oder hhnisch dem Spiel zu. Der Corse hatte, seinen Gefhrten einen
Wink gebend, dem habgierigen Sohn der Wste bald den einfachen Mechanismus und
den Gang des Spieles begreiflich zu machen gewut, theils durch Pantomimen,
theils durch trkische Worte. Noch deutlicher wirkte das Beispiel, denn mehrere
der Kosaken setzten alsbald das Wrfeln fort und als Sta Lucia den Syrier die
beiden ersten Wrfe gewinnen lie und ihm die Goldstcke zuschob, glaubte der
Bozuk wirklich, sein Kismet wolle es, da er das Geld des Dschaurs zu dem seinen
mache, und mit der Gier eines echten Spielers setzte er das gefhrliche Spiel
fort. -
    Tomasini hatte die Guzla fortgelegt und Marutza, die bei ihm
vorbeischlpfte, am wallenden Gewand ergriffen, whrend Rodriguez, der Spanier,
ihre Hand gefat hielt und fnf, sechs Andere um das gengstete Mdchen sich
sammelten, ihr den Ausweg versperrend.
    Schne Marutza, flsterte der Italiener, her zu mir, trink aus meinem
Glase! Pesta, Du bist so allerliebst, da Tomaso Dich besitzen mu, und wenn es
sein Leben glte!
    Demonio, schrie der Rival, der Mann will die Schnheit allein haben! - An
mein Herz, schne Senjora, Rodriguez ist gleichfalls bis ber die Augen vernarrt
in Dich!
    Putao! zischte ein dritter Nachbar und ri das Mdchen an sich. Halb
Part, Kamerad!
    Wie ein Spielball flog sie durch die Hnde der wsten Gesellen.
    Laut auf kreischte die Jungfrau. - -
    Abdallah, der Syrier, hatte nach wechselndem Verlust und Gewinn bereits
sieben seiner blanken Goldstcke in den Hnden des berlegenen Christen
gelassen. Die Adern seiner Stirn schwollen, krampfhaft zuckten seine Finger nach
dem verlorenen Gelde.
    Nimm Dich in Acht, Kamerad, sagte mit spttischem Lachen der Corse und
seine Rechte spielte am Griff des Dolches, whrend die Linke lustig den
Wrfelbecher schttelte. Du vergreifst Dich an fremdem Eigenthum. Seid Ihr
solche Straccioni's, da Ihr nicht ein Paar Geldstcke fr Euer Vergngen wagen
knnt? - Etwas Ordentliches, Freund Muselmann, setze Deinen Rest, hier ist das
Gold, das ich gegen halte!
    Der Moslem zauderte, - seine Genossen waren stumm, nur die blitzenden Augen
zeigten den gierigen Antheil. Dann langsam und zgernd schob Abdallah den Rest
seiner erbeuteten Imperials auf den Tisch, und der Corse warf klingend und
hochmthig drei dagegen. -
    En avant, mes braves! Bringen wir einen Toast auf die schne Marutza!
    Allah bila versin! Der Bulgare mu sterben fr den Hohn, den er uns
angethan!
    Die Worte kreuzten sich mit dem gellenden Hilferuf des Mdchens; Vater und
Mutter eilten herbei.
    Cenrinegato! donnerte es zwischen das wilde Gelchter und eine krftige
Faust stie den geilen Venetianer zurck, da er den Boden ma, und ri das
Mdchen aus den Armen der Trunkenen. -
    Abdallah hatte seinen Wurf gethan, - mit Hohngelchter wurde die niedre Zahl
begrt. Sta Lucia schttelte mit triumphirendem Lcheln den Becher und lie die
Wrfel rollen.
    Siebzehn! - Nichts fr ungut, Kamerad, die Imperials gehren mir! Er zog
die Goldstcke zu dem Geldhaufen vor sich. -
    Marzocco! Picaro! Filho de puta! Was will der Prostak? tnten in zehn
Sprachen die Flche durch einander und Tomasini sprang vom Boden empor und ri
den Sbel aus der Scheide, da die Klinge blank durch den Qualm und das Dunkel
funkelte, das, nur von drftigem Lampenschein gebrochen, bereits die weite Hoda
fllte.
    Sta Lucia schaute hinber nach dem beginnenden Streit. Diesen Augenblick der
Unachtsamkeit benutzte der Syrier, sein Gold wieder zu erhaschen, und seine
Hnde faten gierig danach; drei, vier Andere nahmen die Bewegung fr einen
Aufruf zum Raub und fielen ber den Geldhaufen des Corsen her.
    Canaglia! Einen Augenblick funkelte das Stilet des Banditen in der
erhobenen Faust, dann fuhr es nieder und nagelte die Hand des unglcklichen
Asiaten fest auf den Tisch.
    Ein wilder Schrei des Schmerzes und der Wuth - gleich einer Schlange wand
sich der Mann an dem gefesselten Arm.
    Wallah! Auf die Dschaurs, Ihr Glubigen!
    Sbel und Handjars blitzten - mitten hinein in den Lrmen knallte ein Schu.
- -
    Der Haiduck hatte den Mantel von sich geworfen, - seine Linke suchte das
Mdchen fortzudrngen und zu schtzen, whrend die Rechte eine lange Pistole aus
dem Grtel ri.
    Zurck da, die Moma ist eine ehrliche Jungfrau und meine Braut!
    In dem wsten Lrmen verklang der Ruf oder wurde mit Hohngelchter
beantwortet; seiner Tracht nach hielten ihn die Christen fr einen der
Irregulairen, daher der wthende Schrei:
    Er hat Pistolen! Nieder mit dem Schuft, Kameraden!
    Der Irrthum war aber zugleich die Rettung des Haiducken. Whrend Monsieur
Louis, der lustige Pariser, und einige Vernnftigere sich zwischen ihn und den
Italiener warfen und einen tollen Streit verhindern wollten, fate der
Portugiese mit frecher Faust die Schulter und das Gewand des Mdchens, ein Ruck,
und das wollene Kleid ri in Stcken und enthllte die weie Brust der Jungfrau.
    Der trunkene Lstling that jedoch jauchzend nur einen Blick auf die
enthllten Reize - der nchste schon zeigte ihm die weite Mndung einer Pistole
dicht vor den Augen und mit zerschmettertem Schdel strzte er auf seine
Gefhrten zurck.
    Der Schu gab das Signal zum allgemeinen Kampf, die Baschi-Bozuks warfen
sich von allen Seiten auf die gehaten Christen, und der lange verhaltene Groll
brach in ungezgelter Heftigkeit aus. Sbel, Handjars, Dolche und Messer
blitzten und frbten sich roth im Blut der Gegner.
    Mit den Schlgen des schweren Pistolenkolbens hatte sich der Haiduck, die
Braut im Arm, Bahn gebrochen durch das Getmmel, keine der Parteien wute recht,
woran sie mit ihm war, und so kam er glcklich bis zu der Treppenleiter, welche
neben dem Heerd zum Dachgescho des Hauses fhrte, in dem auer den
Vorrathsrumen zwei Kammern fr die Tchter und die Mgde des Hauses sich
befanden. Der scharfe Blick des Knees hatte gesehen, wohin der Handja sein
Gewehr verborgen, und indem er das Mdchen nthigte, die Leiter hinaufzusteigen,
hatte er auch bereits die treue Waffe gefat und hielt mit ihr Wache am Fu der
Leiter. -
    Bassa manelka! Sollen wir uns von den trkischen Lumpen erschlagen lassen?
Hierher, Kameraden!
    Die breite krftige Gestalt des ungarischen On-Baschi's hatte sich auf einen
der Tische geschwungen, und whrend die Reiter sich um ihn sammelten, regnete es
Hiebe von seiner breiten Klinge auf die Kpfe und Schultern der Gegner.
    Gawra, der Wirth, an Schlgereien des Gesindels gewhnt, hatte Anfangs die
Sache wenig gefhrlich genommen und war nur herbeigeeilt, um sein Kind aus den
Hnden der Trunkenen zu befreien. Als aber, noch ehe er das Mdchen erreicht,
der Schu fiel und berall die Waffen blitzten, erkannte er die drohende Gefahr
und drngte die Baba und ihre jngere Tochter zur Thr. Geschwind zur Stadt und
hole Hilfe. Die Teufel stecken uns sonst das Haus ber'm Kopf in Brand! Die
Weiber entflohen, whrend sie im Umblicken noch sahen, wie eine Anzahl der
Baschi-Bozuks sich auf den Wirth selbst warf und der Knabe Jowan zu Boden
geschlagen wurde.
    Hinaus mit den verrterischen Hunden! Schlagt sie fort, die asiatischen
Spitzbuben! schrie der Fhrer der christlichen Freischaar, und in geordneter
Phalanx drangen sie auf die wilde Horde ein und ihre gewichtigen Hiebe trieben
diese durch Fenster und Thr, heulend vor Wuth, aus zwanzig Wunden blutend im
Handgemeng. Doch nur eine kurze Zeit war der Sieg auf Seite der Christen. Im
Tschardak faten die Moslems, von den Ihren, die sich drauen umhergetrieben,
untersttzt, festen Fu und begannen auf's Neue den Eingang zu strmen. Wie ein
Zndfeuer lief die Nachricht von dem begonnenen Streit zu dem nahe gelegenen
Lager, und trotz der ausgestellten Wachen begannen bereits neue Banden des
Gesindels durch das Dunkel des Abends herbeizustrmen. Vergebens war das
Erscheinen mehrerer unteren Offiziere, der Christenha und der Groll, der
zwischen den beiden Truppentheilen herrschte, loderte in so vollen Flammen, da
an Gehorchen vorerst nicht zu denken war.
    Die Kosaken unter dem Kommando des On-Baschi Stephan begannen sich in dem
Gemach zu verschanzen, denn bei ihrer geringen Zahl und der greren Entfernung
der Stadt sahen sie sehr wohl die Gefahr ein und da es galt, sich zu halten,
bis Entsatz kam. Mehrere von ihnen waren gleichfalls verwundet, auer der Leiche
des Portugiesen lag ein junger Pole zum Tode getroffen am Boden, der Handjar
Hussein's des Albanesen hatte seinen Schdel gespalten.
    Zwei der Bozuks waren dafr in der Hoda gefallen. Sta Lucia, der Bandit, der
zum groen Theil den Ausbruch des Kampfes mit veranlat hatte, war berall und
legte mit Hand an die Verbarrikadirung der Thr und der Fenster. An den
Haiducken dachte Keiner mehr, man hatte ihn fr einen der Baschi-Bozuks gehalten
und glaubte, da er mit den Andern entwichen. Michael Miloje aber hatte die
Gelegenheit benutzt, whrend der Kampf am Tschardak tobte, und sich mit Marutza
in das Bodengescho geflchtet. Seine starke Faust zog die Leiter ihnen nach.
    Die wilden Gesellen, trotzend der Gefahr, lieen es dann nach der Sicherung
des Eingangs ihr erstes Geschft sein, die Vorrthe der Mehana zu plndern und
alles Getrnk herbeizuschaffen. Ein wstes Bachanal begann, ein Bachanal, das
jeden Augenblick sich in das letzte Todessthnen verwandeln konnte. Durch die
Fenster hinaus die Branntweinkrge schwingend, hhnten sie ihre Gegner.
    Eine kurze Pause des Kampfes war eingetreten - wohl an Zweihundert der
Irregulairen waren jetzt versammelt in der Nhe und auf den braunen dunklen
Gesichtern flammten alle Nancen der erregten Leidenschaften. Offiziere
sprengten neuerdings herbei und versuchten die Leute zurckzutreiben, -
Mahmud-Aga, der Capitain der Kosaken, unter ihnen, - aber vergeblich drohte er,
seine Escadron ausrcken zu lassen, wildes Hohn- und Rachegeschrei antwortete
den Bitten und Befehlen.
    Kiehnfackeln - die Stlle des Rohndlers boten des Vorraths genug -
flammten ringsum, dazu verbreitete der helle Mondschein volle Klarheit. - Die
Baschi-Bozuks schienen ihren Ha und ihr Unternehmen getheilt zu haben, denn ein
starker Haufe hatte den unglcklichen Wirth nach der hintern Seite des Hofes
geschleppt zu dem dort befindlichen Ausgange, und zeigte ihm hier sein
Verbrechen: - drei rothe mit Thierblut gemalte Christenkreuze auf dem Querbalken
des Thores! Die fanatischen Moslems sahen darin eine Verhhnung des Halbmonds
und Ibrahim, der Derwisch, hetzte die Erbitterten. Unterde bereitete die
grere Hlfte vor den Stufen des Tschardaks sich zum neuen Angriff vor.
    Die Bozuks, welche den Bulgarenwirth trotz seiner Protestationen und seines
Flehens am Thor unter den Kreuzen mit ausgespannten Gliedern festgebunden
hatten, begannen nun ein teuflisches Spiel zu treiben, das stark an die Martern
der Indianerstmme Nordamerika's erinnerte. Ben-Bahoui, der Damascener, hatte es
angegeben. Er rief seine Landsleute zusammen, und auf etwa zehn Schritt von dem
Unglcklichen tretend, wog er seinen Yatagan zwischen den Fingern und
schleuderte ihn dann in geschicktem Wurf nach dem Unglcklichen, da die Spitze
etwa in Fuweite von seinem Leibe in das Holz fuhr.
    Kreuzigt ihn! kreuzigt ihn!
    Das gellende Hohngelchter der Wilden verschlang den Hilferuf des
Gefhrdeten.
    Ein Zweiter der Bande - ein groer Schwarzer mit dem stumpfen
Bullenbeiergesicht der Stmme der Nilquellen - trat vor, den Wurf zu versuchen;
die taumelnde Haltung bewies, da er seine geringen Fhigkeiten im Slibowitza
ersuft hatte. Andere strmten hin und her zwischen den beiden Haufen, den Hohn
ihrer Gegner in der Mehana mit der Ladung zu dem blutigen Spiel beantwortend.
    Mashallah! schlagt die Dschaurs todt!
    Die wthende Bande begann jetzt den Sturm gegen die Thren und die Fenster
des Hauses. -
    Der Mohr hob grinsend das schwere Messer zum Wurf - pltzlich warf er auch
den andern Arm wild in die Hhe, drehte sich um sich selbst und strzte zu
Boden. Der Knall, der kruselnde Rauch aus der Dachffnung der Mehana zeigte,
woher der Flintenschu gefallen.
    Die Hunde haben Feuerwaffen! Wallah! Steckt ihnen das Haus in Brand! -
    Die schwache Thr der Mehana brach vor den Schlgen der Strmenden, ber die
Trmmern her wurden die Freiwilligen und die Bozuks auf's Neue handgemein.
    Wthend ber den Tod eines Gefhrten, strzten Mehrere der Asiaten mit
geschwungenem Handjar auf den unglcklichen Wirth zu, whrend Andere sich bereit
machten, das Dach in Brand zu stecken.
    Die Gefahr, der Tumult waren auf's Hchste gestiegen -
    Da hob es sich wie eine dunkle Masse jenseits des fast fnf Fu hohen Zaunes
und sie flog durch die Luft und mitten zwischen die Gruppe der Asiaten: ein
braunes schumendes Ro, das jetzt zitternd von der gewaltigen Anstrengung stand
und schnaufte. Und auf dem Ro ein Mann, die breite Brust von dem
silberbeschnrten schwarzen Dolman umspannt, Todesdrohung im feuersprhenden
Blick, das hliche, aber energische Gesicht vor Aufregung glhend: - Graf
Ilinski, Iskender-Bey, der Oberst der Irregulairen.
    Przeklecie! In Eure Zelte, Ihr Hunde! Fort!
    Seine Rechte spannte den Hahn der Sattelpistole - sie Alle hrten deutlich
das Knacken, - eine solche Stille war um den Grafen her, als sie ihn erkannt -
nach allen Seiten hin verloren viele der Meuterer sich eilig in's Dunkel.
    Wer hat das Aas hier erschossen? - Ihr kennt das Verbot, Feuerwaffen bei
Euch zu fhren. Antwort!
    Sen ektiar der20, o Bey! sagte endlich, sich zu Boden werfend und seinen
Steigbgel kssend, der Damascener; der Schu kam von den Christen her aus der
Mehana. Es ist unser Kismet, Deinem Willen zu gehorchen; wir haben keine
Flinten.
    Was thut Ihr mit dem Mann da?
    Er hat Koth auf unsern Glauben gehuft. Es ist ein bulgarischer Misttrger
- wir wollten ihn strafen.
    O, Aga, rief der Unglckliche, sie warfen mit ihren Yatagans nach mir!
    Der Bey schaute nach dem Thor. Ungeschickte Hunde - nennt Ihr das einen
Wurf? Eine Elle vom Ziel! Er ritt zum Thor und zog den Handjar, der noch neben
dem Leibe des zitternden Bulgaren steckte, aus dem Holz. Halt still, Prostak21
!
    Er ritt auf fnfzehn Schritt zurck und hob sich im Sattel. Einen Augenblick
wog er die schwere Klinge auf der flachen Hand, mit dem Mittelfinger den Knopf
des Griffs berhrend, dann warf er die Waffe, die zischend die Luft durchschnitt
und kaum in Zollweite ber dem Kopf des Wirthes tief in's Holz fuhr.
    Ein donnernder Beifallsruf der Kinder der Wste erschtterte die Luft.
    Das war die Weise, wie Iskender-Bey diese ungezhmten Seelen gebndigt
hatte. Er sagte zu ihnen: Ich schiee besser, wie Du, ich werfe den Djerid
besser, wie Du, ich reite besser, wie Du; und er scho besser, er warf besser,
er ritt besser, und war Allen voraus im Kampf. Der Tiger der Wste beugte sich
vor dem polnischen Wolfe und ward sein Knecht.
    Bindet den Mann los!
    Es geschah.
    Und nun fort mit Euch Schurken und zu Euren Zelten, denn in fnf Minuten
lasse ich Allarm blasen und, Inshallah! - ich spiee den, der nicht in seiner
Reihe steht. Zum Dank fr den Lrmen hier sollt Ihr noch diese Nacht marschiren.
- Du, er wandte sich zu dem Damascener, und zwei dieser Hundsshne - Ihr
bleibt bei dem Mann hier, bis ich nach Euch sende.
    Er wandte das Pferd und ritt nach dem Hause, ohne die Bande auch nur eines
Blickes weiter zu wrdigen. Gleich begossenen Hunden schlichen sie eilig nach
allen Seiten davon.
    Am Tschardak der Mehana hatte unterde eine eigenthmliche, fast komische
Scene gespielt und dem blutigen Gemetzel ein Ende gemacht.
    Whrend der Kampf tobte und das Blut flo, jagten mit verhngtem Zgel die
Adjutanten des Bey's, Jacoub-Aga und Hidat-Aga, in den Hof, und der Erstere,
ohne alle Rcksicht auf die Niedergetretenen, sein Pferd mitten in den
dichtesten Haufen. Im nchsten Augenblick schon regnete es rechts und links,
vorn und hinten Hiebe mit dem schweren Kantschuh, den er in der Hand hatte, auf
die Kpfe und Schultern der Strmenden, whrend das Pferd, von dem tollen Reiter
gespornt, rechts und links die Mnner zu Boden warf. Erschrocken ber den
unerwarteten Gru, stob die Bande, die nicht den Sbel der Christen, wohl aber
die ungezhlten Prgel des Kolassi's frchtete, bei Seite und gerieth hier in
die Hnde Hidat-Aga's, der sie mit einer gleichen Tracht mit der flachen
Sbelklinge empfing. - Jacoub'a! Jacoub'a! Allah beschtze uns're Kpfe!
heulte es berall, und ehe fnf Minuten vergangen, war der Platz unter dem
schallenden hhnenden Gelchter der so eben noch in blutiger tdtlicher
Vertheidigung begriffenen Belagerten von dem Gesindel gereinigt.
    Zugleich hrte man im Lager die langen gewundenen Hrner der Irregulairen in
schweren klagenden Tnen die Signale zum Sammeln blasen, und von Widdin her
schmetterten Trompeten und der Rest der Escadron der trkischen Kosaken unter
Fhrung eines Mulassim trabte heran.
    Iskender-Bey kam ruhig aus dem hintern Theil des Hofes, wo er in so
tollkhner und glcklicher Weise im rechten Augenblick erschienen war, zum
Tschardak geritten, auf den jetzt die Belagerten - fast die Hlfte mehr oder
weniger verwundet - sich herausgedrngt hatten. Ein Baschi-Bozuk lag erschlagen
mit weit klaffender Wunde in der Veranda; die Verwundeten hatten ihre Kameraden
jedoch mit fortgeschleppt.
    Kolassi Jacoub?
    Der Aga salutirte.
    Wie viel Todte?
    Ich hre eben, da Einer der Freiwilligen d'rinnen erschossen, ein Anderer
schwer verwundet ist. Zwei Leichen der Unsern liegen in der Mehana, eine hier.
    Nur? Ein Vierter liegt im Hof; die Sache ist also gut genug abgelaufen.
Js-Baschi Mahmud'a!
    Der Hauptmann der Kosaken, der sich vergeblich bemht hatte, die Kmpfenden
auseinander zu bringen, nachdem er eilige Meldung in die Locanda Alexo's
gesandt, trat vor.
    Ich bin der Hchstkommandirende hier, wenn auch Ihre Leute nicht zu den
Meinen gehren. Lassen Sie die Halunken dort, die den Handel angezettelt,
hervortreten.
    Es geschah.
    Wer von Euch hat die zwei Schsse gethan? - Antwort!
    Einige Augenblicke schwiegen Alle, dann entgegnete der On-Baschi:
    Keiner von uns hat nach dem Tagesbefehl Schiegewehr bei sich gefhrt. Der
Erschossene da drinnen ist einer der Unsern.
    Wer also scho?
    Ein Baschi-Bozuk natrlich, Mir-Alai22.
    Narr! Warum sollte der seinen eigenen Kameraden erschieen? - Ruft den
Wirth der Mehana aus dem Hofe herbei und seine drei Wchter.
    Die Leute wurden gebracht. Der Bey wandte sich zu dem Damascener.
    Woher kam der Schu, der den Mohren niederstreckte?
    Aus dem Hause, Bey! Ich sah selbst den Rauch aus dem Dache steigen.
    Durchsucht das Haus. - Kannst Du uns Auskunft geben, Wirth?
    Excellenz, habe Gnade mit Deinem Knecht. Ich habe viele Gste gehabt, die
ich nicht kenne. Man ri mich sogleich zu Boden und schleppte mich in den Hof.
Ich wei nicht, woher der Schu gekommen, die Angst des Todes war ber mir.
    Die beiden Mulassims, die mit dem On-Baschi das Haus durchsucht hatten,
erschienen wieder, Marutza mit sich fhrend. Der Eine trug die Flinte des
Haiducken.
    Wer ist das Mdchen?
    Meine Tochter, Excellenz; sie flchtete auf den Boden, als der Streit im
Hause begann.
    Habt Ihr Niemand weiter gefunden?
    Niemand, als dies Weib und die Flinte unter dem Stroh verborgen. In der
Hoda liegt ein junger Bursche, der Aufwrter des Handja, aber er ist verwundet.
    Jowan, mein Neffe!
    Still. Mdchen, Du mut es wissen, rede die Wahrheit. Wer scho die Flinte
ab auf den Mohren?
    Der Bulgar zitterte.
    Ich, o Aga, that es. Mein Vater war in Gefahr!
    Der Bey schaute ihr scharf in die schwarzen Augen, die muthig Stand hielten.
Das ritterliche Blut des Polen trug den Sieg davon ber den Moslem.
    So thatest Du brav, Mdchen, wie ich wnsche, da meine Tochter an mir thun
mge. Doch vermag ich Deinen Vater nicht vor Strafe zu schtzen, weil er gegen
den ausdrcklichen Befehl der Regierung Waffen in seinem Hause gehegt hat.
Mulassim Hassan, der Ihr in dem Lager bleibt, Ihr werdet morgen den Mann und das
Mdchen zu Sami-Pascha fhren. Die Todten hier sind meine Sache, versteht mich
wohl, nur das Gewehr geht den Pascha und seine Khawassen an. Gute Nacht,
Mdchen!
    Sie neigte sich demthig und kte den Riemen seines Steigbgels.
    Js-Baschi Mahmud'a, fhrt Eure Leute fort. Nach der Schlacht hren die
Burschen da das Weitere. Und nun, meine Herren, zu unserem Corps und sorgt
dafr, da keiner der Lebendigen unter dem Vorwande einer Wunde in seiner Reihe
fehle. Bei dem Gott Mahomed's und der Christen, ich will den Kerl lebendig
schinden, der es wagt! Vorwrts, Jacoub'a!
    Und dem scharrenden Ro die Sporen in die Flanken pressend, flog der wilde
Graf im Galopp davon - hinter ihm d'rein seine Adjutanten.
    In langen, verhallenden Tnen bliesen die Hrner zum Aufbruch nach Czetate.

                                    Funoten


1 Bulgarisches Dorf.

2 Saal, groes Gemach.

3 Hunnengrbern - 15-50 Fu hohen Grabhgeln aus dem Alterthum; der Moslem nennt
sie Tege.

4 So nennt der Slawen-Grieche sinnig sein Pferd.

5 Christen!

6 Thurm.

7 Sehr bezeichnend fr den Volkscharakter ist das Lob, das man in Bulgarien 1840
dem Pascha von Sophia, Sed, zollte: An dem Pascha ist weiter Nichts
auszusetzen, als da er uns, so viel er kann, Geld abschindet, aber wenigstens
sieht er darauf, da seine Leute unsere Ehre und unsere Weiber nicht antasten.

8 Rundtanz mit fest verschlungenen Armen, als Zeichen der Kraft und Vereinigung.

9 Dorfobrigkeit.

10 Wirth.

11 Ein kleines Goldstck, fnf Piaster an Werth.

12 Hundsfott! - Spanisch.

13 Lmmel! - Portugiesisch.

14 Cither.

15 Mdchen.

16 Schurke! - Italienisch.

17 Heilige Jungfrau!

18 Herren des Landes.

19 Huptling.

20 Du bist der Herr.

21 Lmmel.

22 Oberst. Officiell wurde Iskender-Bey erst nach der Schlacht von Czetate dazu
ernannt.


                           III. Im Gefecht! Czetate.

Der Oberbefehlshaber der russischen Armee hatte beschlossen, die Operationen
gegen den linken Flgel der trkischen zu beginnen und diese aus der kleinen
Walachei zu verdrngen. Zu dem Ende galt es, Kalafat zu cerniren, und
General-Lieutenant Graf Anrep-Elmpt, der bei dem Einrcken in die Frstenthmer
die Avantgarde kommandirt hatte und jetzt in Krajowa befehligte, erhielt die
entsprechenden Ordres. Kalafat liegt, wie ein Blick auf die Karte lehrt, in
einer kurzen Biegung der Donau nach Nord-Osten, ehe sie sich zur serbischen und
ungarischen Grnze wendet. Dem entsprechend bildeten die Bewegungen der Russen
auf der Basis der Donau die zwei Seiten eines Dreiecks, indem zwei mit einander
in Verbindung bleibende Colonnen von Krajowa aus vorrckten. Das Corps des
Generals Dannenberg bewegte sich von Karakal ber den Schyl in den Rayon Radowan
und lehnte seinen uersten linken Flgel an die Mndung des Flusses, ber die
Deszneizia hinaus; die fnfte leichte Division des General-Lieutenants von
Fischbach dagegen besetzte in einem forcirten Marsch die Strae, welche von
Kalafat lngs des Donauufers gegen Orsowa und das eiserne Thor fhrt. Radowan
bildete somit den Winkel der combinirten Position. Diese Bewegungen waren in den
letzten Tagen des December ausgefhrt worden, hatten natrlich die
Aufmerksamkeit der Trken erregt, und es war vor der Rckkehr des Muschirs nach
Nicopolis in Folge der neuerdings durch die Spione ber die Vorwrtsbewegung des
Feindes eingegangenen Nachrichten beschlossen worden, die drohende Festsetzung
der Russen nrdlich von Kalafat bei Czetate um jeden Preis zu verhindern.
    Gegen diesen gnstig zur Vertheidigung und Befestigung gelegenen Ort war die
(erste) Infanterie-Brigade des General-Majors Bellegarde, bestehend aus dem
Jekaterinenburgischen Infanterie-Regiment Nr. 19 unter Oberst Uwasnow-Alexandrow
und dem Tobolskischen Regiment Nr. 20, vorgeschoben worden, und Oberst
Baumgarten nahm mit dem letzteren hier Stellung, nachdem bereits am 31. December
in der Nhe ein heftiges aber erfolgloses Gefecht stattgefunden hatte. Schweres
Geschtz mit Pionieren und Schanz-Arbeitern hatte Krajowa am 2. Januar
verlassen, um die Stellung bei Czetate zu befestigen.
    Diese Nachrichten waren es, welche Oberst Pisani durch die geheime
Correspondenz der Grfin Laszlo erhalten hatte, die trotz der Kriegsgefahr, und
whrend viele walachische Bojaren im Gegensatz nach Ungarn und Siebenbrgen
flchteten, zu Anfang December von ihren nahegelegenen ungarischen Besitzungen
auf einem ihr gehrenden Gute in der Nhe von Radowan und Krajowa in dem von den
russischen Truppen besetzten Gebiet erschienen war. -
    Die Scene, welche wir in dem vorigen Capitel beschrieben, ereignete sich am
Donnerstag den 5. Januar. Obschon der nchste Tag der Sonntag der Moslems war,
hatte man doch nicht zgern wollen, bis die Russen sich strker befestigt
htten, und der Angriff war fr den nchsten Tag bestimmt.
    Um 4 Uhr Morgens verlieen die Trken, 13 Infanterie-Bataillone, 6
Kompagnieen Jger, ein Regiment trkischer Kosaken und zwei starke Abtheilungen
der berittenen Irregulairen mit 28 Geschtzen, im Ganzen etwa 18,000 Mann stark,
die Verschanzungen von Kalafat und rckten gegen Czetate vor. Ismal-Pascha, der
Tscherkesse, kommandirte die Vorhut und das Haupttreffen, unter ihm der Ferik
(Divisions-General) Mustapha-Pascha und der Livas (Brigade-General) Osman
-Pascha. Achmet-Pascha, der Commandeur von Kalafat, befehligte die Reserven.
    Zwei der trkischen Bataillone mit zwei Kanonen wurden auf der Strae in den
Drfern Maglavit und Gunia zurckgelassen, um die Verbindung mit Kalafat
aufrecht zu erhalten. Sieben Bataillone sollten die Reserve bilden. -
    Das Dorf Czetate liegt auf einem Hgel, welcher auf mehrere Meilen hin die
umliegende Flche berragt und auf beiden Seiten von Schluchten eingefat ist.
Die stliche ist von ziemlicher Tiefe, zerklftet und steil und verliert sich in
einen kleinen See, unter welchem sich eine Flche bis zur Donau erstreckt; die
andere, weniger furchtbar, windet sich gegen die Spitze des Hgels hinter dem
Flecken, indem sie eine Art Hohlweg bildet, den man jedoch ohne Schwierigkeit
von einem Ende zu dem andern passiren kann. Die Strae von Kalafat schneidet
mitten hindurch in nordwestlicher Richtung, nachdem sie zwischen den Schluchten
aufgestiegen ist. Auf der Hhe ber dem Flecken, rechts von der Strae, hatten
die Russen eine starke Verschanzung aufgeworfen, die fr den Fall eines Rckzugs
als Zufluchtsort dienen konnte. Vor Czetate und dies deckend, liegt der Weiler
Fonton-Banali, den Oberst Baumgarten mit dem Regiment Tobolsk, einer Schwadron
Husaren des Regiments Frst von Warschau und einer Abtheilung des Donischen
Kosaken-Regiments Nr. 36 mit 6 Kanonen der leichten Batterie Nr. 1 von der 10.
Artillerie-Brigade unter Oberst Sagoskinn besetzt hielt. Die Reserve der
Position unter General-Major Bellegarde stand, da man den raschen Angriff
keineswegs erwartete, fast zwei Meilen zurck in dem Dorfe Motsesse.
    Der Oberkommandirende, General-Lieutenant von Anrep, hatte sein Quartier in
etwa gleicher Entfernung zur Rechten in dem Dorfe Boleschti genommen. -
    Es war bereits spt am Abende, als eine Ordonnanz einen Offizier weckte, der
in einer rmlichen Htte des letztgenannten Dorfes auf seinem Mantel schlief,
und zu dem General beschied. Capitain von Meyendorf, dieser war der Offizier,
war rasch empor und in wenig Minuten bei dem Kommandirenden. Einige Offiziere
waren in dem Gemache versammelt, Kosaken hielten am Eingang einen walachischen
Bauer, dem die Hnde auf dem Rcken zusammengeschnrt waren, am Strick. Der
General selbst war offenbar in groer Aufregung und sah wiederholt Briefe durch,
die auf dem Tische lagen.
    Gut, da Sie kommen, Herr Adjutant, es giebt fr uns Alle zu thun. Wir
werden eher Gelegenheit haben, als wir es hofften, die Befehle des Frsten
auszufhren und mit den Trken anzubinden. Meine Kosaken haben in der Nhe der
Deszneizia diesen Nachmittag bei einer Streifpartie einen Spion aufgegriffen,
den Hettmann Poduroff mir so eben zuschickt. Seine Papiere sind von Wichtigkeit
und zeigen, da unsere Stellung bei Czetate vielleicht morgen schon angegriffen
wird.
    Desto besser, Excellenz.
    Das mag sein, aber nicht besonders erfreulich ist es, zugleich daraus zu
erfahren, da der Verrath nicht mde wird, in unserm eigenen Feldlager sein Nest
zu bauen. Wenn ich mich recht erinnere, kennen Sie die ungarische Grfin Laszlo,
die sich seit Monatsfrist - wie sie angab, um ihr Eigenthum in den
Kriegsdrangsalen mglichst zu schtzen, - auf Schlo Badowitza zwischen Radowan
und Krajowa aufhlt. Ich erinnere mich wenigstens, Sie in Unterhaltung mit ihr
gesehen zu haben, als die schne Dame uns in voriger Woche in Krajowa besuchte.
    Der Capitain verbeugte sich, um die Rthe zu verbergen, die sein Gesicht
berflog.
    Ich habe die Ehre, die Frau Grfin von Wien aus zu kennen und besuchte sie
noch vor einigen Tagen mit mehreren Offizieren. Er verschwieg, da gerade die
Nachricht von ihrer Anwesenheit auf den walachischen Gtern ihn veranlat hatte,
den Frsten um den Auftrag zur Ueberbringung von Depeschen an General Anrep und
zur Einleitung wichtiger Verbindungen mit dem serbischen und bulgarischen Ufer
zu bitten, die ihn jetzt seit vierzehn Tagen im Hauptquartier des westlichen
Corps beschftigten.
    Werden Sie es glauben, Capitain, da gerade diese Dame den Spion bei uns
gespielt und die Mittelperson abgegeben hat, durch welche der schlaue Fuad
fortwhrend mit unsern Bojaren verkehrt und uns so manche Verlegenheit
bereitet?
    Der Offizier erblate, doch suchte er sich rasch zu fassen.
    Unmglich, Excellenz, stotterte er.
    Die Beweise halte ich in der Hand, Herr Capitain. Hier dieses Paket mit
gedruckten Proclamationen an die Bojaren und das Volk trgt die Unterschriften
Omer's und Fuad-Effendi's; dieses Couvert, das man bei dem Boten fand, enthlt
Briefe an verschiedene Bojaren, und ein Blatt, offenbar an die Grfin gerichtet,
in welchem man - der Schreiber ist nicht genannt, - fr die letzten Nachrichten
dankt, die sie nach Widdin ber unsere combinirten Bewegungen gegen Kalafat und
die neuen Zuzge unserer Truppen gemacht hat. Der Brief schliet mit der
Benachrichtigung, da der Muschir zwar heute Morgen Widdin verlassen, aber den
Befehl geben werde, unsere Linien bei erster Gelegenheit zu durchbrechen, und
bittet die Grfin um weitere Kunde ber die Dispositionen. Offenbar hat der
Verkehr meiner Offiziere in ihrem Hause, den ihre tglichen Einladungen so sehr
befrderten, ihr alle diese Nachrichten verschafft.
    Und darf ich fragen, was Euer Excellenz beschlossen haben?
    Ich mu natrlich Bellegarde und Baumgarten benachrichtigen lassen, auf
ihrer Hut zu sein. Sie, Herr Capitain, beauftrage ich, da Ihnen die Person der
Grfin hinlnglich bekannt ist, morgen bei Tagesanbruch sich mit einem Zug
Husaren nach Schlo Badowitza auf den Weg zu machen, die Grfin zu verhaften und
ihre Papiere in Beschlag zu nehmen. Sie liefern die schne Spionin nach Krajowa
ab, wo sie nach meiner Rckkehr ihrer gebhrenden Zchtigung nicht entgehen
soll.
    Euer Excellenz erlauben mir die Bemerkung, die Grfin ist sterreichische
Unterthanin.
    Hier ist sie Walachin, Herr Capitain, und die Oesterreicher selbst haben
uns belehrt, wie man mit diesen ungarischen Damen umspringt. K tschortu1! ich
will sie peitschen lassen, wie die Oesterreicher, und sie mit Kosaken ber die
Grnze bringen, da das Beispiel allen Weibern knftig die Einmischung in die
Politik verleiden soll!
    Excellenz, es ist eine Dame - ich war im Hause ihres Oheims tglicher
Gast!
    Eine Spionin ist sie, Herr, fuhr der General auf, und als solche verdient
sie behandelt zu werden. Was blieb sie nicht in Wien, statt hierher zu kommen
und die Verrtherin zu spielen? - Aber ich sehe, wie die Sache steht, Sie liegen
eben so gut in den Netzen der schnen Rebellin, wie diese Herren hier, die schon
allerlei Ausflchte versucht haben. Ich mu einen weniger galanten Offizier
schicken, wenn ich sicher sein will, da die Dame nicht einen Ausweg findet.
Skolimoff - rufen Sie mir den Capitain der sechsten Ssottnie her - ich wei
nicht, wie der Kerl heit, aber tauglich dazu ist er.
    Chotumofski, Excellenz!
    Bon! Rasch, damit die Sache zu Ende kommt. Sie, Rittmeister Kowaleff,
nehmen den Boten mit sich und lassen ihn an den ersten besten Baum auerhalb des
Dorfes aufknpfen, mit einem dieser Plakate auf der Brust. Es mag den Kanaillen
zur Warnung dienen. Herr Capitain, da Sie die Galanterie dem Dienst vorziehen,
mu ich Ihnen eine andere Beschftigung geben. Sie werden sogleich zu Oberst
Baumgarten aufbrechen und ihm die Nachrichten mittheilen, die Sie eben gehrt
haben, damit er auf seiner Hut ist. Ich werde morgen ihm Verstrkung senden und
wahrscheinlich selbst seine Stellung besichtigen.
    Der Capitain verbeugte sich. Nher zu dem General tretend, fragte er leise:
    Haben Euer Excellenz keine Botschaft von Alexo, dem Wirth in Widdin?
    Nein, und deshalb eben hab' ich mich anders besonnen und sende Sie nach
Czetate, fr den Fall, da eine solche eintreffen sollte, da Sie der Chiffern
kundig sind. Ich wei nicht, ob man dem Menschen weiter trauen kann, nachdem er
uns ber diesen Verrath im Unklaren gelassen, aber vielleicht fehlte ihm selbst
die Kenntni davon. Der Bursche, den ich eben condemnirt habe, kennt den Wirth
nicht. Er ist von dem Gut der Grfin und hatte, nach seinem Gestndni, nur den
Auftrag, am Donauufer vorige Nacht eines Boten von drben zu harren. Wir werden
in den nchsten Tagen von Ihrem Zigeuner Gebrauch machen mssen. Er ist der
Zuverlssigste von Allen, so jung er ist. Und nun Adieu, Capitain, und gren
Sie den Obersten. Er wandte sich zu einem andern Offizier und Capitain
Meyendorf verlie die Htte. Drauen begegnete ihm schon der befohlene
Kosaken-Offizier, ein alter graubrtiger Hauptmann mit rohem finsterm Gesicht.
    Der Capitain schauderte, indem er, in seinen Mantel gehllt, an ihm vorber
ging, dann setzte er eilig und in tiefem Nachdenken den Weg zu seinem Quartiere
fort.
    Als der Capitain in die walachische Htte, die er mit mehreren anderen
Offizieren theilte, zurckkehrte, befahl er der Ordonnanz, sofort seine beiden
Pferde zu satteln. Dann ging er und weckte im Stall einen Mann, der dort
schlief.
    Steh' auf, Mungo, Du sollst mich begleiten.
    Der junge Zigeuner, dem im Lager von Budeschti am Vorabend der Schlacht von
Oltenitza der Offizier das Leben gerettet, sprang sofort empor und schttelte
das Heu, auf dem er gelegen, aus den Haaren. Er hatte seit jener Zeit sich den
Russen angeschlossen und, das gefhrliche Gewerbe des Leichendiebes und
Marodeurs aufgebend, das nicht minder verzweifelte eines Spions angenommen. Da
seine Wanderungen ihn nicht allein durch die ganze Walachei, sondern auch hufig
in das bulgarische Uferland bis zur serbischen Grnze hin gefhrt hatten und er
das Trkische und Bulgarische gelufig sprach, war er von den russischen
Heerfhrern bereits vielfach zu diesen verchtlichen Diensten, die er mit groer
Gewandtheit ausfhrte, benutzt worden, namentlich zur Unterhaltung einer
Verbindung mit den bulgarischen Haiducken und den Resten der alten Hetrie.
Obschon der Capitain wenig Sympathieen fr ihn empfand, hatte der Bursche seit
jener Zeit doch so groe Anhnglichkeit an ihn gezeigt und ihm seine
Dienstleistungen, wenn er eben nicht anderweitig umherschweifte, so unabweisbar
aufgedrngt, da er es sich endlich gefallen lie, den Zigeuner mit seinem
gewhnlichen Reitknecht die Sorge um seine Pferde theilen zu sehen. Da bei den
beschlossenen Bewegungen gegen Kalafat die Anknpfung und Verbindung mit den
russenfreundlich Gesinnten in Widdin und im Hauptquartier des Muschirs von
grter Wichtigkeit war, wurde ausdrcklich der junge Zigeuner mit dem Capitain
nach Krajowa gesandt und hatte von hier aus bereits zwei Mal das trkische Ufer
und Widdin betreten, wo Alexo, der Wirth, als Agent beiden Parteien mit groer
Schlauheit diente.
    Die Pferde standen bereit, der Capitain schwang sich auf, und indem er
seinen Reitknecht zurcklie, befahl er Mungo, das zweite Pferd zu besteigen und
ihm zu folgen.
    Als sie ber die Vorposten hinaus auf dem Wege in der Richtung von Czetate
waren, lie der Capitain sein Ro langsam und achtlos schreiten, in dsteres
Nachsinnen verloren. Endlich schien sein Entschlu gefat, er hielt den Zgel an
und rief Mungo herbei.
    Ich habe gesehen, da Du ein guter und verwegener Reiter bist. In welcher
Zeit glaubst Du, da ich mit meinem Halbblut die Deszneizia jenseits Radowan
erreichen knnte?
    Wenn Du das Pferd anstrengst, Capitain, in fnf Stunden.
    Der Offizier lie seine Uhr repetiren.
    Es ist Mitternacht! Also gegen sechs Uhr. Die Kosaken werden kaum vor
dieser Zeit aufbrechen und vor Mittag das Schlo nicht erreichen - sie hat
demnach, auch wenn ein Hinderni den Boten verspten sollte, Zeit genug zur
Abreise. Steig' ab, Mungo, und wechsle mit mir das Pferd.
    Der Zigeuner gehorchte stillschweigend.
    Du kannst mir jetzt das Wenige, was ich fr die Rettung Deines Lebens in
Budeschti that, wett machen mit einem Dienst, wenn es Dir wirklich Ernst mit
Deinem Dank ist, wie Du mich so oft versichert hast.
    Befiehl, Herr, Mungo wird Dir's beweisen, und wenn es sein Leben kostet.
    Kennst Du das Dorf und das Schlo Badowitza?
    Ich kenne es nicht, aber ich habe davon gehrt in Krajowa. Es wohnt eine
vornehme Dame dort, die der Capitain neulich besucht hat.
    Wohl! Hre mich genau an, denn von Deiner Botschaft und deren Eile hngt
Wichtiges ab. Die Dame ist die Grfin Laszlo, die Herrin des Schlosses. Du
reitest, so rasch Du kannst, nach dem Schlo der Grfin und suchst unter irgend
einem Vorwande, ohne da es ihrer Umgebung und dem Posten, der vielleicht noch
im Dorfe liegt, auffllt, zu ihr zu gelangen.
    Ich werde es.
    Sobald Du sie siehst, verlange ein geheimes Gehr und sage ihr: der Warner
aus dem Prater von Wien lasse sie bitten, noch in derselben Stunde abzureisen
und mglichst rasch die ungarische Grnze zu erreichen. Um Mittag wrde es zu
spt sein. - Hast Du die Worte gemerkt?
    Der Zigeuner wiederholte sie.
    Aber, Herr, die Dame wird fragen, wer ihr die Worte sendet, oder wenigstens
nach einem Beglaubigungszeichen bei einem Boten, wie ich bin.
    Der Offizier hatte bereits seine Brieftafel in der Hand und reichte ihm ein
zusammengeschlagenes, vor dem Abreiten im Quartier geschriebenes Papier.
    Die Vorzeigung desselben wird, wenn die Grfin einen Beweis fordert,
gengen. Zugleich wird es Dir bei den Militairpikets, die Dich anhalten knnten,
als Ausweis dienen. Es enthlt einfach die Worte: Mein Diener Mungo reitet in
meinen Geschften nach Krajowa. - Und nun, Bursche, gieb mir einen Beweis Deiner
Schlauheit und Treue und schone das Pferd nicht.
    Er reichte ihm das Papier und wandte das seine, doch schon nach wenigen
Schritten kehrte er nochmals um und rief den Zigeuner zurck.
    Es ist mglich, da es morgen ein heies Treffen giebt und Du mich bei der
Rckkehr nicht mehr finden knntest. Nimm diese Brse und meinen Dank fr Deine
Dienste, und - wenn Du die Grfin sprichst, sage ihr, sie mge meiner freundlich
gedenken!
    Er wandte kurz das Pferd und sprengte davon, whrend der Zigeuner den Renner
nach der entgegengesetzten Richtung spornte. -
    Der Morgen war klar, der Himmel wolkenlos, nicht ein Windhauch bewegte die
Luft, und als die Sonne aufging, bildeten das friedliche Thal der Donau, noch
stellenweise mit Schnee bedeckt, und der groe Strom, der langsam seine gelben
Wsser dahinwlzte, ein Bild des Friedens und der Ruhe, das die blutigen Scenen
nicht ahnen lie, die so rasch folgen sollten.
    Bald nach 7 Uhr nahte die trkische Avantgarde dem Weiler am Fue des
Hgels, auf dem Czetate stand.
    Ismal-Pascha mit Iskender-Bey und dem Ferik Mustapha befanden sich an der
Spitze der Colonne. Weder in dem Weiler, noch auf der Hhe von Czetate zeigte
sich in dem ersten Licht des Tages eine Spur der Russen.
    Die Colonne machte Halt, der Pascha recognoscirte einige Augenblicke das
Terrain, dann wandte er sich zu seinen Begleitern.
    Halte Deine Bataillone bereit, Mustapha, und lasse Nefwik-Bey mit seinen
Jgern vorrcken und sich ber das Feld verbreiten. Ich werde ihm selbst meine
Befehle geben. Mashallah! ich glaube, die Moskows sind davon gelaufen, ehe wir
gekommen sind.
    Du irrst, Pascha, sagte der Graf; mein Fernrohr zeigt mir, da das Dorf
besetzt ist und Artillerie dort steht. Wenn Du mir gestatten willst, will ich
meine Irregulairen an dem Wasser entlang ihnen in den Rcken fhren.
    Allah sende ihnen Verderben! Es geschehe, wie Du sagst, Freund Bey, auf
Dein Haupt komme es. Wir mssen die Hhe dort gewinnen, wir sind nicht die Esel
der Moskows. Wallah! da ist der Neffe des Muschirs. Hre, Bey, Du sollst die
Ehre des ersten Angriffs haben. Rcke langsam vor und nimm jene Huser.
    Nefwik und Iskender-Bey eilten nach verschiedenen Seiten davon.
    Whrend der Letztere, gedeckt durch das Terrain auf der rechten Seite von
Czetate, mit seinen beiden Regimentern Irregulairer und sechs Kanonen den
kleinen See im Galopp umging, erffnete sich bereits in der Fronte der Kampf.
Die fnf Compagnieen Jger unter Befehl Nefwik-Bey's breiteten sich rechts und
links aus und begannen langsam den Hgel gegen den Weiler hinan zu steigen,
zuweilen en tirailleurs feuernd, jedoch ohne eine Antwort hervorzurufen. Sie
waren etwa noch 400 Schritt von dem Weiler entfernt, als pltzlich ein einzelner
Kanonenschu donnerte und sofort sich noch zwei andere Geschtze demaskirten und
ein scharfes Feuer erffneten. Das Heckenfeuer der Infanterie fiel ein und von
der Spitze des Hgels begannen die vor Czetate aufgefahrenen drei Kanonen mit
Pakugeln und Granaten ihr Feuer, whrend die am unteren Abhang mit Karttschen
schossen. Nur die letzteren thaten Schaden, whrend die ungeschickt gezielten
Schsse der obern Batterie ber die Anstrmenden weggingen und die Granaten in
der Luft platzten, noch ehe sie die feindlichen Colonnen erreicht hatten.
    Den Jgern Nefwik's folgte Mustapha-Pascha mit vier Bataillonen Nizam, von
Hadschi-Mustapha, dem kommandirenden Offizier der Artillerie, untersttzt. Die
trkischen Geschtze - die vorzglichste Waffe der ganzen Armee - schossen
ungleich besser als die russischen, und ihre Pakugeln schlugen fest und sicher
in die Gebude des Weilers.
    Zwei Mal setzten die Jger unter dem Ruf: Allah! Allah! an, zwei Mal
wurden sie von den Chargen der Russen geworfen. Wthend spornte Ismal-Pascha
sein schwarzes Pferd gegen den Nizam und trieb ihn gegen die Gebude, whrend
die trkischen Kanonen der Avantgarde folgten.
    Oberst Baumgarten vertheidigte die bedrngte Position mit groer Khnheit
gegen den berlegenen Angriff. Die Husaren und ein Bataillon des Regiments
Tobolsk waren nach Czetate zurckgesandt und die Uebermacht des Feindes war
daher erdrckend. Der Nizam griff den Weiler mit dem Bajonnet an und an vielen
Punkten focht bereits Mann gegen Mann. Doch noch hielten die Russen tapfer
Stand.
    Den Hgel von Czetate herab jagte ein Adjutant.
    Major Topoltschann meldet, da die Kavallerie des Feindes die Position am
See umgangen hat und mit einer reitenden Batterie das Dorf im Rcken angreift.
Das zweite Bataillon und die Husaren sind bereits im Feuer.
    Die Kunde war entscheidend; die Wegnahme des Dorfes, ehe man sich nach der
Redoute auf der linken (rechte russische) Flanke zurckziehen konnte, htte das
Detaschement des Weilers gnzlich abgeschnitten.
    Der Kommandirende sah die Nothwendigkeit des Rckzuges. Major Kolometseff
erhielt den Befehl, mit dem ersten Bataillon und den Kosaken denselben zu decken
und langsam zu folgen. Der Weiler stand bereits in hellen Flammen, als die drei
Geschtze den Hgel hinauf jagten und dort auf der Hhe ihre Gefhrten ablsten.
An der Spitze des dritten Bataillons durcheilte der Oberst das Dorf und warf
sich auf der hintern Abdachung den Baschi-Bozuks Iskender-Bey's entgegen, von
der Schwadron Husaren flankirt, whrend die Soldaten des ersten und zweiten
Bataillons sich in den Husern zu verschanzen begannen.
    Die Irregulairen, die bereits einige Vortheile errungen, verloren dieselben
und wichen, obschon die Aga's wthend auf die eigenen Leute losschlugen.
    Der gnstige Augenblick war verloren, die Russen hatten das Dorf mit ihrer
ganzen Macht besetzt und erffneten ein furchtbares Musketenfeuer auf die von
zwei Seiten vorrckenden Colonnen.
    Achmet Pascha sandte zwei Bataillone der Reserve zur Untersttzung vor; mit
einer doppelt berlegenen Macht wurde das Dorf angegriffen, whrend die
trkische Kavallerie Ordre erhielt, sich in der Schlucht auf der Linken, durch
welche quer der Weg von Czetate nach Norden fhrt, festzusetzen und so den
Rckzug zur Redoute abzuschneiden.
    Das Gefecht auf den Hgelseiten war beraus blutig; die trkischen Jger
litten furchtbar, und die erste Compagnie derselben wurde buchstblich
vernichtet. Unter dem wthenden Allahgeschrei strmte der Nizam das Dorf.
Schritt um Schritt mute durch Blut erkauft werden. Die Russen machten jede
Mauer, jede Htte zu einer Festung. Zweiunddreiig Offiziere wurden hier
verwundet, eilf davon getdtet! Man sah sie ihre Mtze in die Stirn drcken und,
den Sbel in der Faust, sich in die Massen strzen, um den Tod zu finden, lieber
als da sie wichen.
    Dennoch drangen die Trken siegreich vor - es war zum ersten Male, da im
Angriff der Nizam Lorbeeren errang!
    An der kleinen Kirche des Ortes hielt Oberst Baumgarten mit seinen
Offizieren, darunter der Regiments-Adjutant Zagreba, dem das Blut fortwhrend am
rechten Bein von einem Schu im Schenkel herabflo, ohne da der Tapfere der
Verwundung achtete. Auch Major Kolometseff blutete bereits aus zwei Wunden. Zur
Seite des Obersten befand sich Capitain Meyendorf, der seine Dienste als
Adjutant angeboten.
    Der Oberst wandte sich zu ihm:
    Bellegarde und Graf Anrep lassen lange auf sich warten, Herr; man mu
dieses Schieen in Motsetse gehrt haben, und wir schlagen uns schon drei
Stunden.
    Die Position ist unmglich lnger haltbar, Oberst.
    Ich sehe es und Major Topoltschann hat es mir gleichfalls melden lassen. Es
ist Zeit, da wir unsern Rckzug sichern. Reiten Sie zu Sagoskin und sagen Sie
ihm, da er sich fertig hlt mit den Geschtzen. Die Husaren werden die tte
nehmen, die Kosaken die Geschtze flankiren, und das zweite Bataillon soll
diesmal die Ehre haben, die Arriere zu bilden. In zehn Minuten mssen wir auf
dem Wege sein, und wenn Sie mich das Tuch schwenken sehen, soll Rittmeister
Sszamarin mit seinen Husaren im Galopp die Schlucht forciren. Sie bleiben bei
ihm.
    Der Capitain salutirte, whrend der Oberst bereits dem Regiments-Adjutanten
weitere Befehle gab, und ritt zu der Batterie, die an der andern Seite der
Kirche ber die Huser hinweg, in denen man sich Mann gegen Mann schlug, ein
unregelmiges Feuer gegen die untersttzenden Colonnen des Feindes unterhielt.
    Achtung! Karttschen in die Geschtze! - Die Pferde vor! - Die Befehle
waren in drei Minuten vollzogen.
    Die Trommeln schlugen zum Avanciren. Das zweite und erste Bataillon machten
eine Charge mit dem Bajonnet auf den Feind. -
    Der Oberst schwenkte das Tuch, - die Trompeter bliesen zur Attaque und
gleich einer Windsbraut galoppirte der Rest der Schwadron Husaren vom Regiment
Frst von Warschau die Strae entlang und strzte sich in die Schlucht zur
Linken. Hinter ihnen d'rein jagte die Batterie.
    Hier hatte sich, gedeckt gegen die russische Artillerie vom Dorf und von der
Redoute, die trkische irregulaire Kavallerie aufgestellt mit sechs Geschtzen,
welche die Strae beherrschen sollten. Der Angriff erfolgte jedoch so rasch und
pltzlich, und die Verwirrung war im Augenblick so gro, da die trkischen
Geschtze nicht an's Feuern kommen konnten, und vier derselben von den Russen
genommen wurden. Indem sich die Husaren und Kosaken rechts und links von der
Strae ab und auf die Irregulairen warfen, gelang es der russischen Batterie,
die Schlucht zu passiren und alsbald auf der entgegengesetzten Seite Posto zu
fassen, von wo sie den Aus- und Eingang derselben bestreichen konnte.
    Zugleich warf sich das dritte Bataillon Tobolsk ber die Seiten der
Schlucht, whrend das erste und zweite den Anprall des Nizam, durch dessen
Oeffnung jetzt die trkischen Kosaken zur Verfolgung heransprengten,
zurckhielten und den Rckzug deckten.
    Das Mordio, der Allahruf und das Hurrah der braven Infanterie zwischen dem
Donner der Geschtze und dem Knattern der Flinten war sinnbetubend, das
Gemetzel in der Schlucht selbst und auf dem leicht ansteigenden Abhang zur
Redoute wahrhaft furchtbar, das Blut rann, wie Augenzeugen berichten, in kleinen
Bchen auf der gefrornen Erde herunter.
    Mit scharfen Hieben trieb der Bey seine Arnauten in's Gefecht, um womglich
den Zug der Russen ber die Strae zu durchbrechen.
    Zwei Mal gelang es ihm, zwei Mal wurde er auf's Neue zurckgedrngt.
    Als er zum dritten Mal ber die Strae brach, schlo sich die Colonne hinter
ihm und etwa dreiig Gefhrten. Bereits war das zweite Bataillon auf dem
Rckzug, whrend das erste sich noch heldenmthig jenseits der Schlucht am Rande
des brennenden Dorfes schlug, und die russische Artillerie auf der halben Hhe
der Redoute Stellung genommen und ihr Feuer erffnet hatte.
    Iskender-Bey, der tapfere Argonautenfhrer, schien verloren, - ringsum die
starrenden Bajonnete, whrend die langen Piken der Kosaken und die Sbel der
Husaren seinen kleinen Haufen bedrngten. Ein Hieb hatte bereits seinen linken
Arm gelhmt, doch der verwundete Lwe schien seine Kraft zu verdoppeln und war
berall.
    Aber die starrende Mauer der Bajonnete, gegen die er sein Pferd spornte,
widerstand seiner Tollkhnheit, um ihn fielen die Bozuks, die ihn begleitet, der
On-Baschi Hussein, Abdallah, der Syrier, kaum Zehn noch hielten Stand.
    Da fhrte der Graf, das Verzweifelnde seiner Lage erkennend, gleich wie
Roland im Thal von Ronceval das Horn, die silberne Pfeife, die er zum
Kommandogebrauch an gleicher Kette auf der Brust trug, an die Lippen und drei
gellende, schneidende Tne schrillten durch die Luft, ber alles Kampfgetse
weithin vernehmbar.
    Capitain Meyendorf hatte sich mit den Husaren auf den Trupp geworfen, der
den Bey schtzte, und sein Degen kreuzte sich mit dem Sbel des Fhrers.
    Ergeben Sie sich, Graf, Sie sind gefangen.
    Einem Russen? Niemals! Tysiac byci mac mordowalo! Sein Hieb sauste zur
Seite, doch glcklich parirte der Adjutant, da nur leicht die Spitze des Sbels
seine Wange ritzte. Von der andern Seite umdrngten die Husaren den khnen Polen
und krftige Hnde erfaten ihn.
    Nehmt ihn gefangen - Schonung dem Tapfern! Da brauste und tobte es heran,
gleich einer Sturmesbraut. Allah! Hurrah! und rechts und links flogen die
Russen zur Seite, Ro und Mann bereinander strzend, Lanzen brachen sich Bahn,
Handjars und Sbel blitzten: Hussah, Bey! Jacoub'a ist hier! und die tolle
Arnautenbande mit dem Aga an ihrer Spitze hieb rasend den Fhrer aus der Gefahr!
-
    Die Redoute war glcklich erreicht, die Geschtze derselben und die
Feldbatterie donnerten gegen den Feind und hinber gegen Czetate - sechshundert
russische Krieger deckten den Kampfplatz, ber achthundert waren verwundet.
    Ismal-Pascha sammelte die Bataillone, um sie zum Sturm gegen die Redoute zu
fhren, als ein Adjutant Achmet's herbei jagte und das Anrcken der russischen
Truppen von Motsetse meldete.
    Es war bereits um Mittag. In dunklen Colonnen, kaum noch eine halbe Meile
entfernt, kamen die Russen gegen die rechte Flanke des Feindes an unter
General-Major Bellegarde: das Jgerregiment Odjessa, gefhrt von General-Major
Schigmond, der Rest des Alexandrinskischen Husaren-Regiments Frst von Warschau,
gefhrt vom Oberst und Flgel-Adjutant Alopus, eine Feldbatterie von sechs
Geschtzen und ein Schwarm von Kosaken, im Ganzen zwischen 7- und 8000 Mann. Die
Infanterie bildete das Mitteltreffen, die Kavallerie und Artillerie war auf den
Seiten aufgestellt und ihr Marsch direkt gegen die Kalafater Strae gerichtet,
um den trkischen Truppen den Rckzug abzuschneiden.
    Die Reserven Achmet-Pascha's, aus fnf Bataillonen bestehend befanden sich
am Fu des Hgels, und er lie sie Front gegen den anrckenden Feind machen. Die
trkischen Truppen bewiesen hier groe Standhaftigkeit, denn die Nachricht, da
der Feind die Rckzugslinie bedrohe, ist auch bei den bestdisciplinirten wohl
geeignet, Verwirrung anzurichten.
    An der Seite des Hgels, unter der Schlucht auf der Rechten, war eine Art
von alter Fenz, die einen viereckigen weiten Raum einschlo, der von den
Einwohnern wahrscheinlich zur Schafhrde benutzt worden war, jedoch schon vor
langer Zeit, da der Graben halb angefllt ist. Dennoch gewhrte er noch immer
eine gnstige Position zur Vertheidigung. Die trkische Infanterie unter dem
Livas Osman-Pascha entwickelte sich zur Rechten ber diese Einzunung, drei
Bataillone in Linie, zwei in Reserve, die rechte Flanke durch eine Batterie von
4 Zwlfpfndern, die linke durch 6 Feldstcke gedeckt. Die Kavallerie aus dem
genommenen Czetate wurde zurckgerufen und auf der Linken aufgestellt, das
Regiment trkischer Kosaken vor den Irregulairen.
    Der Anmarsch der russischen Truppen bot einen imposanten Anblick. Nichts
konnte die Festigkeit ihres Marsches bertreffen, jede Linie schritt wie ein
Mann und alle Distancen wurden so genau innegehalten, als ob sie in St.
Petersburg paradirten. Als sie nher herankamen, ritten vier Offiziere vor, um
den Grund zu recognosciren und zogen sich dann wieder zurck. Gleich darauf
nderten die russischen Reservebataillone ihren Marsch und rckten mit zwei
Geschtzen gegen die Schlucht vor, machten aber Halt, als sie diese ungangbar
fanden. Zugleich erffnete die russische Artillerie ihr Feuer, und die trkische
erwiederte dasselbe.
    Es zeigte sich jetzt jener bedeutende Unterschied dieser Waffe in beiden
Lagern, der schon zwei Jahre vorher Kaiser Nicolaus gegen den General Wrangel,
als dieser Petersburg besuchte, zu den Worten hingerissen: Das habe ich Ihnen
(den Preuen) zu verdanken!
    Die russischen Geschtze feuerten viel zu hoch und ihre Kugeln thaten
anfangs wenig oder gar keinen Schaden, bis es ihnen endlich gelang, die Distance
zu finden. Die trkische Artillerie dagegen, von Hadschi-Mustapha kommandirt,
rumte furchtbar auf unter den anrckenden Colonnen und ri weite Lcken in die
lebenden Mauern. Aber mit jener stoischen Haltung, die der russischen Infanterie
eigen ist, schlossen sich im Augenblick wieder die Reihen, und bewegten sich mit
derselben Ruhe vorwrts.
    Ein trkisches Feldgeschtz wurde demontirt, einen Augenblick lie das Feuer
nach. Dies benutzten die Gegner, um sich zu einer dichten Colonne zu schlieen
und zum Bajonnetangriff auf die trkischen Linien vorzubereiten. Die Trommeln
wirbelten den kurzen Sturmmarsch und die Colonnen kamen heran.
    Aber der Karttschenhagel der trkischen Geschtze fegte die Spitzen nieder.
Zwei Mal setzten die Russen an, und zwei Mal siegte die menschliche Natur ber
den Gehorsam des Kriegers, und sie wurden zurckgedrngt unter dem Allahruf der
ermuthigt jetzt vorgehenden trkischen Linien; einige Augenblicke waren die
russischen Geschtze ohne Deckung und fast in der Gewalt der Moslems, als
General-Major Schigmont, selbst verwundet, die Jger zum dritten Mal gegen den
Feind fhrte und die Husaren und Kosaken sich in seine Flanken warfen, ohne da
es den Fhrern der trkischen Kavallerie gelang, den Angriff aufzuhalten.
    Die Trken wurden nach der Strae zurckgeworfen. Zugleich erhielt
Achmet-Pascha die Nachricht, da der General-Lieutenant Graf Anrep mit den
starken Reserven von Boleschti auf Modlavit (Maglawit) anrcke und so ihn im
Rcken bedrohe.
    Zwei Strme Ismal-Pascha's auf die Redoute waren unterdessen von Oberst
Baumgarten zurckgeschlagen worden.
    Achmet-Pascha gab den Befehl zum Rckzug nach einem fast achtstndigen
Kampf.
    So tapfer sich die Trken geschlagen, so traurig zeigten sich jetzt die
schlechten Anstalten ihres Heerwesens. Der grte Theil der Verwundeten, ber
500 Mann, mute hilflos auf dem Schlachtfelde zurckgelassen werden. Die Truppen
unter Bellegarde zhlten eine gleiche Anzahl von Todten und fast das Doppelte an
Verwundeten; die Trken hatten whrend des zwiefachen Kampfes gleichfalls ber
1000 Mann verloren, so da nach der Schlacht an 3000 Todte und Verwundete auf
dem Platz lagen. Der Boden war so mit Leichen bedeckt, da kaum 48 Stunden
hinreichten, sie zu beerdigen.
    Um 3 Uhr traten die Trken unbehindert ihren Rckzug an, denn die Munition
begann beiden Gegnern auszugehen, und sie erreichten Kalafat, ohne von den
Colonnen des General Anrep angegriffen zu werden. Am nchsten Morgen hatte das
letzte Bataillon sein Quartier bezogen. Sie lieen 6 Kanonen in den Hnden der
Russen zurck, und deren anrckende Uebermacht blieb Herr des Schlachtfeldes;
aber der Zweck war erreicht, und die Stellung bei Czetate geworfen. - -
    Es war am andern Vormittag, als den unter der zerstrten Mauer einer Htte
von Czetate im todeshnlichen Schlaf liegenden Capitain Meyendorf eine
schttelnde Hand weckte. Vor dem Auffahrenden stand Mungo, der Zigeuner, bleich,
erschpft, kaum sich aufrecht erhaltend.
    Dein Auftrag? sprich, hast Du ihn glcklich ausgefhrt?
    Der junge Bursche schttelte den Kopf.
    Ich kam zu spt. Die Streifwachen hielten mich auf, erst um acht Uhr
Morgens erreichte ich das Dorf - die Dame war fort - das Schlo in Flammen!
    Es ist unmglich, - die Kosaken konnten vor Mittag nicht eintreffen!
    Nicht die Kosaken, Herr, die verrtherischen Dorobandschen und ein
trkisches Streifcorps berfielen das Dorf, plnderten und fhrten die Dame
gewaltsam mit sich fort. So erzhlten mir die Bauern und Diener.
    Und Du bist ihrer Spur nicht gefolgt?
    Ich that es, Herr. Die Marodeurs, ber 200 Mann stark, schlugen sich durch
die schwachen russischen Posten und erreichten die Donau unweit Kalafat. Ich
kehrte zurck, um Dich zu benachrichtigen. Drei Stunden von hier strzte Dein
Pferd todt von der Anstrengung, - ich machte den Rest des Weges zu Fu.
    Der Offizier athmete hoch auf.
    Gott sei Dank, was kmmert mich das Pferd! - Im nchsten Augenblick
versank er in tiefes Nachsinnen. Die Gefahr ist noch nicht vorber, murmelte
er, sie darf nicht hierher zurckkehren und mu gewarnt werden, und ich - mu
wissen, ob sie in Sicherheit ist! - Er wandte sich laut zu dem Zigeuner: Wann
soll der Knees der Haiducken mit Dir in Widdin zusammentreffen?
    Heute oder morgen, Herr!
    Nimm meinen Mantel, armer Junge, und suche einige Stunden zu schlafen, dann
folge mir nach Boleschti, Du wirst der Beutepferde genug und billig finden. Aber
hre, versieh Dich womglich, ehe Du Dich zur Ruhe legst, mit zwei trkischen
Anzgen von den Gefallenen, wir werden ihrer bedrfen. Auf Wiedersehen, Mungo.
    Der Capitain schritt in tiefen Gedanken davon, sein Pferd zu suchen.

                                    Funoten


1 Zum Henker!


                                 Der Wudkoklak.

In den Thlern der Donau lebt eine grauenvolle Sage und pflanzt sich fort von
Vater auf Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht. Wenn der Vollmond seinen bleichen
Schein ber Fels und Wald giet, dann erhebt sich der Wudkoklak - der Vampyr der
Griechen-Slawen und Moldau-Walachen - aus seinem Grabe, in dem er mit offenen
Augen und starrem Blick schlft. Seine Klauen und Haare wachsen im Todesschlaf,
- warmes Blut rinnt durch die erstorbenen Adern; denn in den unheimlichen
Nchten des Vollmonds frischt er es auf, indem er durch das Land streift, den
Lebenden die Rckenader ffnet und ihr rothes Blut saugt.
    Schaurig ist der Glaube des Volkes! Steht ein Todter in dem Verdacht, auf
diese Weise sein Grab zu verlassen, so wird er feierlich ausgegraben. Hat die
Verwesung ihr Werk gethan, so begngt sich der Pope, ihn mit Weihwasser zu
besprengen; ist er aber roth und blutig, so treibt man ihm den Teufel aus und
stt ihm bei seiner Wiederbeerdigung einen im Feuer gehrteten Eichenpfahl in
die Brust, damit er sich nicht wieder erheben knne. Die hungrigsten Raben
fliehen den Leichnam des Verfluchten schon von Weitem, ohne zu wagen, ihn auch
nur mit der Schnabelspitze zu berhren!
    Aber einen andern Wudkoklak giebt es, vor dem nicht der Segen des Priesters,
nicht der blutige Pfahl durch die Brust zu schtzen vermag: lebendig wandelt er
unter den Lebenden und sucht seine Opfer. Oft wird er vom unwiderstehlichen
Drang nach Schlachtengemetzel ergriffen und verlt bei Tag und Nacht seine
Wohnung und schweift umher, Menschen und Thiere, die ihm begegnen, mit Bissen
zerfleischend. Aber das Blut junger Mdchen und Frauen ist es, worauf er
besonders lstern, - in ihr Herz schleicht er sich ein durch tausend listige
Rnke, und wenn er in der Braut- oder Liebesnacht sie in die Arme pret,
schwindet ihr Bewutsein und das Blut weicht langsam aus ihren Adern, das
Antlitz wird bleich und tglich bleicher, die Quellen des Lebens vertrocknen,
statt frisch zu erschwellen in befruchtender Kraft; - denn allnchtlich theilt
der Vampyr ihr Lager und saugt der Schlummernden das Mark aus dem Gebein, das
frische rothe Blut aus der zitternden Brust, und das junge Leben welkt und
welkt, und ehe der Mond zwanzig Mal seinen Kreislauf vollendet, deckt die Erde
den frischen Leib und das gebrochene Herz, und der Wudkoklak darf nach neuen
Opfern suchen.
    Zuweilen auch paart er sich mit der Wjeschtitza, dem weiblichen Gnomen, dem
Gespenst mit Feuerflgeln, das Nachts sich auf die Brust des schlafenden
Kriegers niedersenkt, ihn in seine Arme pret und ihm seine Wuth einflt.
Alsdann raubt wohl die Wjeschtitza, in Gestalt einer Hyne, kleine Kinder und
schleppt sie fort in den Wald, da die Liebe des Wudkoklak kein Leben zu zeugen
vermag. Das sind dann die klagenden Stimmen, die in Fels und Wald nach den
Eltern rufen, das sind die wankenden bleichen Lichter, die den Wanderer in den
Moder der Smpfe begraben!
    Der Bulgare macht drei blutige Kreuze an seine Thr, um dem Wudkoklak und
der Wjeschtitza den Eingang zu sperren. Doch vergeblich, denn die Wjeschtitza
senkt sich im Ha und in der blutigen Leidenschaft auf jede Menschenbrust, und
ber die Schwelle des Palastes und der Htte, durch die ganze Welt schreitet der
Wudkoklak und heftet den gierigen Mund an Unschuld und Tugend, an Alles, was
schn, vertrauend und erhaben ist, und mstet sich von dem Lebensmark der
Lebendigen, die sich machtlos winden in seinen Schlangenarmen!
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    In einem Gemache des Selamlik von Sami-Pascha zu Widdin lag auf weichen
Polstern die schne Grfin Helene Laszlo am zweiten Morgen nach der Schlacht von
Czetate. Ihre geistige und krperliche Kraft war erschttert von dem
unerwarteten Schreckni, das ber sie gekommen. Jene unerklrliche
geheimnivolle Laune des Frauenherzens, das sich selbst vermeidet, Rechenschaft
zu geben, hatte sie vermocht, den Vorspiegelungen und Aufreizungen des Grafen
Pisani Gehr zu geben, der ihr mit der schlauen, ganz den Interessen der
revolutionairen Propaganda ergebenen Freundin auf ihre Gter nach Ungarn gefolgt
war und hier verstanden hatte, den exaltirten Geist der jungen Frau zu
Entschlssen und Handlungen zu erregen, deren sie sich - htte eben nicht ein
kaum bewuter Wunsch im Grund ihrer Seele sie untersttzt, - sicher enthalten
haben wrde. So wagte sich denn die Grfin auf ihre Gter am Schyl und der
Deszneizia, mitten in die Gefahren und die Wirrni eines occupirten Landes und
auf einen Schauplatz, der jeden Augenblick selbst die Sttte der Schlacht und
des Todes werden konnte, inde der sardinische Oberst sich in's trkische
Heerlager begab. Die Grfin, in steter geheimer Verbindung mit diesem Manne, der
ihre politische Exaltation zu fesseln verstand, ffnete in Krajowa und auf ihrem
Gute ihr Haus der Gesellschaft der russischen Offiziere und hatte die unwrdige
Rolle der Spionin bernommen und seit Wochen durchgefhrt, indem sie zugleich
mit den zurckgebliebenen Bojaren des Frstenthums eine enge Verbindung
unterhielt, unter denen Fuad-Effendi durch seine Intriguen und Versprechungen
eine starke Partei fr die Pforte warb.
    Nur hatte der schlaue Graf ohne das Herz der jungen Frau gerechnet, dessen
Geheimni allein sie zur Uebernahme jener Rolle bewogen. Nach langem und
schwerem Kampf mit dem in Wien so tief verletzten weiblichen Stolz waren dem
Capitain die kurzen Zeilen geworden: Grfin Helene Laszlo hat die Ehre, Baron
von Meyendorf ihre Anwesenheit auf Schlo Badowitza anzuzeigen und wird, wenn
der Dienst ihn in diese Gegend fhrt, den Besuch eines Freundes mit Vergngen
empfangen. - So kalt diese Mittheilung in ihrer conventionellen Form auch war,
so gengte sie doch, wie wir gesehen haben, den Capitain nach Krajowa zu fhren.
    Zwei Mal seither war er der schnen Frau begegnet, in Krajowa selbst und bei
einem Besuche auf ihrem Gute, doch beide Male hatten der zahlreiche Hof, der die
Grfin umlagerte, und der kalte Ernst, der in dem Benehmen des Capitains lag,
jede Verstndigung, ja jede vertraulichere Annherung verhindert.
    So fern standen sich die Herzen, die einander gehrten und die geschaffen
waren, sich zu beglcken - als die Schlacht von Czetate und die Intrigue des
Sarden auf's Neue sie trennte.
    Die Grfin war bei der gewaltsamen Entfhrung von Schlo Badowitza durch die
Dorobandschen1, die mit einer Plnderung und einem kurzen Kampfe gegen den
schwachen russischen Posten verbunden war, zwar von jeder Beleidigung verschont
geblieben, aber es war ihr keiner der Schrecken, keine Gefahr ihrer Lage erspart
worden. Trotz aller Bitten und Versprechungen auf eine Kerutza geworfen, von
Zweien der wilden Shne des Landes bewacht, fhrte die wilde Jagd der Flucht sie
nach den Ufern der Donau, und vergeblich ersehnte jetzt die ungarische Patriotin
Hilfe und Rettung durch die Hand der russischen Unterdrcker, denn die Zahl der
zum Feinde flchtenden Dorobandschen war so bedeutend, da sie die schwachen
begegnenden Pikets leicht in die Flucht schlug.
    So gelang es - whrend wenige Meilen davon die blutige Schlacht tobte -
Apollony, dem Agenten des Sarden, im Rcken der russischen Stellung seine Beute
am Nachmittag glcklich bis an's Ufer der Donau und zu den trkischen Posten zu
bringen. In einem Boote wurde hier die Grfin ber den Strom gefhrt und in die
Festung gebracht. Sie war so erschpft, da sie willenlos Alles mit sich
geschehen lassen mute. In einem abgelegenen Gemache des Selamlik lie
Sami-Pascha seine schne Gefangene einstweilen einschlieen, indem er wegen der
Plne des Obersten seine Grnde hatte, sie in das Haremlik selbst nicht
aufzunehmen.
    Mit Schrecken gewahrte Grfin Helene, da alle Hoffnungen auf sofortige
Befreiung sie tuschten, die sie gefat, als sie sich in die Hnde der Trken
geliefert sah. Sie blieb eine Gefangene, zwischen den den Mauern eines
trkischen Zimmers eingeschlossen, von schwarzen Sclaven bedient, und erst am
Nachmittag erhielt sie eine weie Dienerin, Marutza, die Tochter des Handja's,
die der Pascha, als am Tage vorher Vater und Tochter nach dem Befehl
Iskender-Bey's von den Khawassen vor sein Gericht gefhrt worden, zum Dienst im
Haremlik bestimmt hatte, whrend Gawra mit einer harten Geldbue und dem Verbot
der Hanewirthschaft belegt ward. Das Mdchen verstand ein Wenig italienisch, und
so konnte die Grfin sich wenigstens verstndlich machen und erfuhr, da sie in
den Hnden des Pascha's von Widdin sei.
    Durch Marutza, welche frei aus- und einging, lie die gengstete Frau
alsbald eine Unterredung mit dem Pascha verlangen, aber der Erfolg derselben
hatte nur dazu gedient, ihre Angst und ihre Verlegenheit zu erhhen. Der alte
Moslem fand sich in der That gegen Abend bei ihr ein, von einem seiner Eunuchen
begleitet, und nahm seinen Sitz mit aller Bequemlichkeit eines trkischen
Haremsherrn auf dem Divan des Gemachs, indem er mit lsternen Augen die selbst
noch in dem Zustande der Abspannung fesselnden Reize der schnen Ungarin
betrachtete. Zu ihrem Schrecken erfuhr diese jetzt, da sie nicht blo eine
Gefangene, sondern von den Dorobandschen als Beute an Sami- verhandelt worden,
und da dieser sie als eine Erwerbung seines Harems betrachtete. Vergebens
berief sie sich auf ihren Stand, auf ihre Bemhungen fr die trkischen
Interessen, auf Graf Pisani, dessen Herbeiholung sie verlangte, der alte Moslem
erwiederte ihr, da er sie ehrlich gekauft und bezahlt habe, da er ihren Stand
nicht kenne und dieser ihm auch gleichgltig sei, da er von keinem Anrecht auf
trkischen Schutz wisse, und wich mit groer Schlauheit den Fragen und dem
Verlangen nach dem Sardinier aus.
    Mashallah! sagte der dicke Pascha, sich den Bart streichend, was geht
dieser Dschaur mich an? Ich kenne ihn nicht, und wenn ich ihn kenne, bin ich
nicht der Herr in meinem Haremlik, und was hat er dort zu schaffen? Ich wei
nicht, ob er in Widdin ist, oder in Kalafat, oder in der Schlacht gefallen.
Wallah! was kmmert einen Glubigen ein Kreuztrger?
    Grfin Helene vermochte keine entscheidende Antwort zu erzielen. Der Pascha
verlie sie, indem er ihr nochmals andeutete, da sie sich als ein Mitglied
seines Harems anzusehen habe. Die einzige Hilfe, die der Verzweifelnden beifiel,
war, einen europischen Arzt zu verlangen. -
    Doctor Welland hatte den Morgen nach der Schlacht bis zum spten Nachmittag
im Lazareth zugebracht, Hunderten der armen Verwundeten, die sich zurck zum
trkischen Lager zu schleppen vermocht hatten, Hilfe bringend und die traurigen
Leistungen der ihm beigeordneten Unterrzte und Chirurgen beaufsichtigend. Zum
Tode erschpft, langte er in der Locanda Alexo's an, wo Nursah, der schwarze
Diener, der jeden seiner Wnsche ihm an den Augen abzulauschen schien, ihn mit
bereit gehaltenen Erfrischungen erwartete.
    Nur Einem hatte seltsamer Weise der Sclave sich immer bisher zu entziehen
gewut: seinen Herrn in die trkischen Bder zu begleiten und ihn dort zu
bedienen!
    Der Doctor war noch mit seinem Mahle beschftigt, das von mehreren der
trkischen Offiziere getheilt wurde, und lauschte den Einzelnheiten der blutigen
Schlacht, als ihm von Alexo, dem Wirth, gemeldet wurde, da ein hherer Offizier
ihn zu sprechen wnsche.
    Es war Graf Pisani, der ihn im selben Zimmer erwartete, in welchem er mit
Apollony, dem walachischen Agenten, die fr das Schicksal der Grfin Laszlo so
unheilvolle Unterredung gepflogen.
    Der Arzt kannte den Grafen seit den wenigen Tagen seines Aufenthalts in
Widdin nur von Ansehen. Der innere Instinct seiner ehrlichen Seele warnte ihn
vor dem glnzenden Tiger und er erwartete stillschweigend die Anrede.
    Verzeihen Sie, Signor Dottore, da ich Sie nach den vielen Anstrengungen
noch in Anspruch nehme. Im Selamlik des Gouverneurs befindet sich eine kranke
Dame, die Ihrer Hilfe bedarf. Sie ist durch Schreck und Furcht in groe
Nervenaufregung versetzt und es wird nthig sein, ihr rztlichen Beistand zu
leisten. Darf ich Sie um diesen bitten? Sobald es Ihnen genehm, wird mein Diener
Sie dahin geleiten.
    Der Arzt verbeugte sich.
    Ich werde in einer halben Stunde bereit sein.
    Ich habe bei dem Besuch eine Bitte an Sie, Doctor, bemerkte der Graf. Man
wird Sie nach mir fragen und Sie wahrscheinlich mit einer Botschaft an mich
beauftragen. Ich bitte Sie nun, der Dame gegenber zu thun, als sei ich Ihnen
gnzlich unbekannt. Es versteht sich von selbst, da ich Ihre rztliche
Mhwaltung honoriren werde.
    Die ruhigen ernsten Augen des deutschen Mannes hatten sich finster gefaltet.
    Ich biete gern meine Hilfe, Herr Graf, sagte er gemessen, wo sie verlangt
wird. Zu Intriguen und Lgen bin ich unfhig.
    Der Oberst lchelte verchtlich.
    Wir miverstehen uns, Signor Dottore. Ihre Person und Ihre Vergangenheit
sind mir nicht unbekannt, und ich habe das Recht. Sie zu dem kleinen Dienst
aufzufordern, den ich von Ihnen verlange. Sehen Sie dies! Die Hand, die er in
die Brustffnung seiner Uniform gesteckt, zeigte dem Arzt einen kleinen
Gegenstand.
    Der Doctor fuhr unwillkrlich zurck.
    Immer dies unselige Zeichen! sagte er schmerzlich und unwillig. Wohin ich
mich auch wende, berall verfolgt es mich. Doch, was Sie auch denken mgen, Herr
Graf, ich bin es mde, meine Ehre und mein Gewissen unter einem Zwange zu
beugen, den mir eine Thorheit der Jugend auferlegt hat.
    Sie verweigern den Gehorsam?
    Ich weigere mich, eine Lge zu sagen. Alles, was mir Ehre und Pflicht
gestatten, bin ich bereit, zu thun.
    Der Graf, der offenbar noch andere Auftrge beabsichtigt hatte, bedachte
sich einige Augenblicke.
    Ihre Weigerung, die Sie natrlich zu vertreten haben, kann in meinen
Absichten nur wenig ndern. Es bleibt dabei, da Sie sich zu der Kranken
begeben, die eine in die trkische Gefangenschaft gerathene Dame von jenseits
der Donau ist. Ich will Ihnen nicht weiter wehren, ihr zu sagen, da Graf Pisani
Ihnen bekannt und hier am Orte ist, aber ich habe das Recht, Sie zu ersuchen,
da Sie jedes nhere Eingehen auf meine Verhltnisse und etwaige Auftrge
ablehnen.
    Der Arzt verbeugte sich schweigend.
    Die Dame, fuhr der Graf fort, mag ihre Wnsche mir auf andere Weise
zugehen lassen; ich habe selbst nichts dawider, da Sie ihr meine Adresse geben.
In einer halben Stunde wird mein Diener Sie auf dem Tschardak der Locanda
erwarten. Adieu, Signor Dottore. - - -
    Der Morgen sog die frischen Nebeldfte von der wallenden wogenden Flche des
Stromes. Zu den Fen der Grfin Helene kniete Marutza, die walachische
Dienerin.
    Deine Befehle sind erfllt, o Excellenza, meine se Herrin, berichtete
das Mdchen in schlechtem Italienisch, aber mein Herz ist schwer geworden bei
Bestellung der Botschaft und meine Wange bleich. - Hast Du von dem Wudkoklak
gehrt, o schne Herrin? flsterte sie scheu.
    Ich verstehe Dich nicht, Kind. Wird Graf Pisani mir Hilfe leisten in dieser
eigenthmlichen Noth? wird er kommen? Sprich - gieb mir Antwort.
    Er wird nicht sumen, Herrin, sagte ngstlich das Mdchen; wann htte der
Wudkoklak je gezgert, wenn es galt, auf seine Beute zu strzen? Weit Du auch,
wem ich Dein Blatt gebracht?
    Dem Oberst Pisani, jetzt in trkischen Diensten, einem alten Freunde von
mir. Er allein kann mich retten.
    Was kmmert mich sein Name in der Welt! Er ist ein Wudkoklak - ich sah es
an dem Faltenmaal auf seiner Stirn, an seiner Leichenfarbe und dem hhnischen
Zug um seinen Mund!
    Ich verstehe Dich nicht - wer ist Dein Wudkoklak?
    Das Mdchen blickte sie scheu an:
    Das ist der Vampyr, der als Mensch unter den Lebendigen wandelt und die
junge Braut sucht, die er zum ewigen Verderben umstricken und deren Blut er aus
den blauen Adern trinken mu.
    Die Grfin schauderte.
    Du bist ein thrichtes Kind und hngst an dem Aberglauben Deines Volkes!
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    Der Oberst sa an ihrer Seite, seine Stirn bewlkt, whrend ihr angstvoller
Blick an seinem Antlitz hing.
    Um Gotteswillen, Sie knnen mich doch nicht in der Gewalt dieser Menschen
lassen? Nehmen Sie die Hilfe der sterreichischen Behrden in Anspruch!
    Der Sarde lchelte verchtlich.
    Bei dem langsamen Wege der diplomatischen Reclame wrden Sie dann lngst
verloren sein. Die Sache ist schwieriger, als Sie denken, theure Freundin. Die
Stellung der europischen Offiziere unter diesen halbasiatischen Horden ist eine
ganz andere, als wir sie gedacht haben, unser Einflu durch das Mitrauen gegen
alle Christen uerst gering. Dazu ist Sami-Pascha unbeschrnkter Gebieter in
Widdin und von der Armee ganz unabhngig. Der alte Schuft ist ein
eingefleischter Trke und hat nach den Sitten der Moslems ein unbestrittenes
Anrecht auf Ihre Person. Er hat Sie als Kriegsgefangene gekauft. Es ist ein
Unglck, da es den schurkischen Ueberlufern eingefallen, Sie wahrscheinlich in
der Hoffnung eines reichen Lohnes oder Lsegeldes mitzuschleppen, und ein noch
greres, da ich nicht Kunde davon erhielt, ehe der schndliche Handel
geschlossen war.
    Aber so bieten Sie ihm das Zehn-, das Zwanzigfache dieser Summe!
    Das ist lngst geschehen, doch der alte Lstling weigert sich, die - ich
mu es aussprechen, so hart das Wort klingt - die Christensclavin zu verkaufen.
Es ist eine besondere Gunst und nur seiner Furcht vor meiner Person oder seinem
Trotze auf sein Recht nach dem muselmnnischen Gesetz zuzuschreiben, da er mir
den Zutritt zu Ihnen bewilligt hat. Selbst der Arzt, der, wie ich hre, zu Ihnen
gerufen wurde, mute geloben, tobt und raub zu sein fr Alles, was er innerhalb
der Wnde seines Haremlik erfhrt.
    Die Grfin rang verzweifelnd die Hnde.
    In welche Schmach, in welches Entsetzen habe ich mich verstrickt! Ihr Rath,
Oberst, fhrte mich nach Krajowa und zu der schimpflichen Stellung, die mein
Unglck geworden. An Ihnen ist es, mich zu retten.
    Und ich will es, sagte ernst der Mann an ihrer Seite. Aber hren Sie
mich, Helene, hren Sie meine Betheuerung. Nicht die Selbstsucht eines Mannes,
dessen Ergebenheit und Huldigung wohl Anspruch auf Ihre Gerechtigkeit hat, - die
bittere Nothwendigkeit allein zwingt mich, Ihnen das einzige Mittel zur raschen
Befreiung vorzulegen. Ich mu irgend ein persnliches Recht haben, Ihre
sofortige Auslieferung von dem Pascha zu fordern. Ich mu ein Recht haben, sei
es auch nur scheinbar, auf das gesttzt ich nthigenfalls die Offiziere und
Fhrer des Heeres zu meinem Beistande gegen die Willkr Sami's aufrufen kann! O,
miverstehen Sie mich nicht, Helene, - Ihre Rettung allein legt mir das Wort in
den Mund.
    Die Grfin war noch bleicher geworden, als die Angst sie gemacht, all' ihr
Blut schien zum Herzen zurckgetreten, an das sie die kleine Hand prete, - der
erste giftige Odemzug des Wudkoklaks erstarrte sie.
    Wie meinen Sie dies, Graf?
    Hren Sie mich an, Helene! Sie wissen, da ich Sie liebe, auch ohne da ich
wie ein thrichter Knabe zu Ihren Fen gelegen. Ich bin ein Mann und Soldat und
werbe wie ein solcher um das Weib meines Herzens. Da der Besitz Ihrer Hand das
Ziel meiner hchsten Wnsche ist, fhlten Sie lngst, wenn ich auch vermieden
habe, diese Wnsche Ihnen geradezu auszusprechen, denn ich wei, da Sie Nichts
fr mich empfinden und nur den Freund, den Mann von gleicher politischer
Gesinnung, den Vertheidiger Ihres tapfern und unglcklichen Volkes in mir sehen,
der gegen die Fesseln der Tyrannei und fr den erhabenen Gedanken der Freiheit
kmpft, fr die Sie in diesem Augenblick unwrdig leiden. Ich bin zu stolz, um
von Ihrer Verlegenheit einen Nutzen zu ziehen fr das Erreichen meiner Wnsche,
- aber es ist nothwendig, unbedingt nothwendig zu Ihrer Befreiung, da Sie eine
kurze Zeit fr meine erklrte Braut gelten. Dies allein giebt mir ein Anrecht
auf Ihre Person, und kein Offizier wird sich weigern, Sie, wenn es sein mu, mit
Gewalt dem Pascha abzuzwingen.
    Ihre zarten Hnde bedeckten das Gesicht, - sie schluchzte, - nur das Weib
war von der khnen stolzen Patriotin geblieben.
    Ich wei, fuhr der Graf mit schmerzlichem Tone fort, wie schwer auch nur
dieser Gedanke auf Ihnen lastet, und da das Bild eines Glcklicheren denn ich -
das Bild eines Despotensldners in dem Herzen wohnt, das doch fr die Befreiung
seiner Nation schlgt. Aber hren Sie wohl, Grfin, ich gebe Ihnen hiermit das
Ehrenwort eines Edelmannes und eines Offiziers, da die Erklrung, die Sie zu
meiner Braut macht, nie gegen Sie benutzt werden soll, es sei denn, - er hielt
einige Augenblicke inne - Sie wnschten und verlangten selbst deren Erfllung.
    Die Grfin sah das spttische Lcheln des Triumphes nicht, das sein mnnlich
schnes Gesicht verzog. Seine schwarzen Augen ruhten mit jener magnetischen
Gewalt der Schlange auf ihr, die das Opfer in ihre Kreise bannt. Ein
unerklrliches Gefhl drckender Angst lastete trotz des Versprechens schwer auf
ihrem Herzen; dennoch empfand sie, da sie den Vorschlag annehmen msse, da er
der einzige Ausweg sei aus der schrecklichen Lage.
    Ich thue Ihnen weh, mein Freund, sagte sie abgewandt und reichte ihm die
Hand, und dennoch - ich kann jetzt nicht ber Ihre Bewerbung entscheiden, ich
mu Ihr Wort als Unterpfand meiner freien Entschlieung annehmen.
    Sie willigen ein?
    Wenn ich vor mir selbst frei bleibe - ja!
    Der Graf kte ihre Hand. Dann entfernte er sich fr eine kurze Zeit,
whrend der die junge Frau, mit den bangen Ahnungen ihres Herzens kmpfend, das
Antlitz in den Kissen des Divans verbarg. Pisani kehrte mit Schreibgerth zurck
und legte ein Blatt Papier vor die Grfin.
    Es ist nthig, gndige Frau, da Sie einige Worte zur Besttigung meines
Rechtes niederschreiben. Mit ihnen in der Hand werde ich sofort die nthigen
Schritte thun.
    Ihre Hand zitterte, als sie die Feder ergriff.
    Was mu ich schreiben?
    Erlauben Sie mir, Ihnen die kurzen Worte zu diktiren, Sie sind zu
aufgeregt, um selbst das Zuviel und Zuwenig zu vermeiden.
    Er sagte sie ihr in franzsischer Sprache und ihre Finger schrieben sie
langsam nieder, whrend aus den schnen Augen ein Tropfen auf das Papier fiel.
Die Worte lauteten:

        Helene Grfin von Laszlo bertrgt dem Obersten Grafen Antonio Pisani,
        als ihrem Verlobten, den Schutz und das Recht an ihrer Person und an
        ihrem Eigenthum.

    Die letztere Bestimmung ist nthig, sagte der Oberst nachlssig, um der
Habsucht Sami-Pascha's Schranken zu setzen.
    Die Grfin hatte der Worte kaum geachtet. Sie unterzeichnete und reichte dem
Sarden das Blatt. Als er es berhrte, zuckte es wie ein electrischer Strahl kalt
und schneidend durch ihre Nerven.
    Ich habe Ihr Wort?
    Wie weh thun Sie mir, Helene, mit diesem Rckhalt! Morgen sptestens werden
Sie frei sein!
    Er beugte das Knie vor ihr und kte zrtlich ihre Hand, die sie ihm
schauernd berlie. Dann erhob er sich und verlie sie. Fest trat sein Fu auf,
trotzig hob sich der Kopf und die dunklen Augen funkelten in der Gewiheit des
Sieges, als er die Thr der Gemcher und den Eunuch-Khawa, der an ihr Wache
hielt, hinter sich gelassen. Er bemerkte kaum die Dienerin, die aufgeregt, scheu
an ihm vorber schlpfte und zu der Herrin eilte.
    Das Mdchen war in seltsamer Aufregung, seine schnen blauen Augen glnzten
diesmal freudig, als es in die Wohnung des trkischen Despoten zurckkehrte,
dessen Machtspruch sie den Ihren entrissen. Die Grfin, zu deren Dienst man sie
bestellt, hatte die aberglubische Warnerin am Mittag auf einige Stunden
fortgeschickt, als sie Graf Pisani erwartete, und Marutza kehrte jetzt von dem
Hause ihres Vaters zurck, wohin sie, diese Zeit benutzend, geeilt war.
    Die junge Bulgarin warf sich am Ruhebett der Dame nieder, fr die, obschon
kaum vierundzwanzig Stunden verflossen waren, seit sie sich in ihrer Nhe
befand, doch bereits ihr ganzes Herz mit jener zhen Ergebenheit schlug, die
eine eigenthmliche Tugend dieses Volkes ist.
    Weine nicht, schne Herrin, flsterte sie schmeichelnd, der Unheimliche
ist fort und ich bringe frische Hoffnung. Du sollst frei werden, noch ehe die
Sonne wieder die Minarets von Widdin bescheint.
    Die Grfin prete die Hand der jungen Trsterin.
    Ich wei es, aber Du weit nicht, welches Opfer es mich kostet. Er hat
versprochen und hlt sein Wort.
    Er! - Wen meinst Du, Herrin?
    Nun, Graf Pisani, der mich eben verlie.
    Den Sohn der Hlle? - Unglckliche Herrin - er Dich retten? Er ist der
Wudkoklak und Alles, was er thut, wird Dich nur in den Abgrund ziehen. O, sieh
her! - kennst Du dieses Tuch?
    Sie reichte der Grfin ein feines Kantentuch, das diese forschend und
ngstlich prfte. Es trug ihren Namenszug mit dem Wappen darber in eleganter
Stickerei.
    Mdchen, um der Heiligen willen - woher hast Du dies Tuch? Es ist das
meine, und dennoch brachte ich es nicht hierher?
    Erinnerst Du Dich an die groe Sultansstadt an der Donau, von der die
Schiffe mit dem Rauch hier vorbeifahren?
    Wien?
    Ja, so heit sie. Es ist ein groer Garten darin. Doch habe ich den Namen
in der Eile vergessen.
    Der Prater?
    Es mag sein. Ich soll Dich fragen, ob Du des Tages gedenkst, an welchem in
diesem Garten Deine Pferde mit dem Wagen durchgingen, und des Mannes, der damals
mit Dir war und von Dir schied?
    Marutza! - die Hand der Grfin prete krampfhaft den Arm der jungen
Bulgarin. Mdchen - weiter - - weiter!
    Er nahm dies Tuch damals mit sich als Andenken und trug es in den
Schlachten seines Volkes. Er ist kein Moslem, obschon er die Kleidung der Mrder
trgt.
    Er ist hier?
    Vor einer Stunde gab mir der Fremde das Tuch. Er ist ein Freund Michael
Miloje's, meines Brutigams. Er sagt, er msse Dich sprechen um jeden Preis, und
wenn Dir hier Gefahr drohe, werde er nicht weichen, bis er Dich gerettet.
    Die Grfin rang die Hnde.
    Der Wahnsinnige, in welche Gefahr hat er sich gestrzt! Und ich - in
demselben Augenblick meine Ehre, mein Leben in die Hand eines Andern gegeben, in
die Hand seines Feindes!
    Ich warnte Dich vor dem Wudkoklak!
    Ihre Blicke fielen auf das Schreibzeug, das der Oberst zurckgelassen, und
sie strzte wie auf einen rettenden Ausweg darauf zu.
    Kannst Du zu ihm gelangen?
    Ich soll ihn in der Locanda Alexo's des Wirthes erwarten, wenn der Abend
kommt; in einer Stunde ist die Zeit da.
    Die Grfin schrieb eilig einige Zeilen auf eines der Bltter, die
zurckgeblieben waren.
    Aber wird Dein hufiges Gehen und Kommen nicht Verdacht erregen?
    Marutza lachte schlau.
    Ich habe dem Schwarzen, der dieses Hane bewacht, eine Flasche vom
Feuertrank meines Vaters mitgebracht und ihm das Goldstck gegeben, das ich von
dem Fremden erhielt. Das Eine verschliet seinen Mund, das Andere trbt seine
Augen! Marutza kann frei aus- und eingehen, nur Du, Herrin, bist die Gefangene!
    Die Grfin hatte geendet. Sie faltete das Blatt zusammen und gab es an die
Bulgarin, die es in den Busen steckte, ihr Kleid kte und eilig verschwand.
    Welche Gebete, welche Gedanken Helenens begleiteten sie! -
    - - -
    Am Vormittag desselben Tages hatten zwei Mnner in der phantastischen und
willkrlichen Tracht der Baschi-Bozuks, - wie die Binden um Arm und Kopf
zeigten, Beide nicht ohne leichte Wunden in der Schlacht davon gekommen, - durch
das nrdliche Thor, das nach Negotin und dem Timok fhrt, dem serbischen
Grnzflu, die Stadt betreten. Bei dem fortwhrenden Umhertreiben zahlloser
Nachzgler und dem Leben und Drngen, das berall herrschte, konnte ihre
Erscheinung Niemand auffallen, obschon ein schrferer Beobachter leicht bemerkt
haben wrde, da dem Einen wenigstens das unnachahmliche Phlegma des Orientalen
fehlte, und sein Schritt oft hastig den straffen militairischen Gang zeigte,
whrend sein Auge scheu und aufmerksam umherschweifte. Er trug den linken Arm in
einer alten Turbanbinde, seine Wange aber zeigte die kaum geschlossene Wunde
eines leichten Hiebes.
    Ohne viele Worte zu wechseln, schritten Beide durch die Stadt und auf dem
Wege nach Ternowo hin, bis sie zum Hane des Bulgaren Gawra kamen. Der grne
Zweig vor der Thr war jetzt entfernt und der Wirth sa mimthig auf der
Schwelle seines Hofes unter den Pferde- und Ochsenschdeln und rauchte den
Schibuck.
    Dobar stschast,2 grte der Jngere der beiden Bozuks in seiner eigenen
Sprache den Wirth. Dieser schaute erstaunt deshalb auf, denn er war solcher
Hflichkeit von einem Moslem eben nicht gewhnt.
    Da bog dai!3 lautete seine Antwort. Bist Du denn ein Bulgar, junger
Mann?
    Wir Beide sind Fremde. Aber ich sehe den Zweig nicht auf Deinem Thor, o
Handja. Wir wollen einkehren bei Dir und Deinen Gaourt4 und Rakih5 kosten.
    Wo kommst Du her, Freund, sagte mrrisch der Wirth, da Du nicht weit,
wie drinnen im Hause ein Mulassim sitzt, den ich bezahlen mu, und den Seine
Hoheit der Pascha zur Aufsicht in mein Haus gelegt hat, da ich keine Herberge
mehr halte. Geht Eurer Wege, Freunde, ich bin Nichts als ein Pferdehndler und
in der Ungunst des Herrn.
    Die Beiden rhrten sich jedoch nicht von der Stelle.
    Bist Du Gawra, der Wirth, so wirst Du mir sagen knnen, wo Michael, Dein
Neffe, zu finden ist?
    Der Alte schaute erschrocken auf.
    Was kmmert mich der Landstreicher. Ich bin ein treuer Unterthan des
Sultans, unsers Herrn.
    Der Bozuk schlug rasch mit dem Daumen das griechische Zeichen des Kreuzes
und sein listiger Blick verstndigte den Bulgaren.
    Rede keine Thorheit, Handja, Du hast es mit Freunden zu thun und brauchst
Dich nicht zu verstellen. Der Knees wollte mich bei Dir erwarten, und ich habe
mit ihm nthig zu sprechen.
    Die Gefhle des Wirths in Betreff seines knftigen Eidams schienen sich in
den letzten achtundvierzig Stunden sehr gendert zu haben. Der Haiduck hatte ihm
die Strafe, die der Pascha ihm auferlegt, reichlich ersetzt und Gawra wute, da
er ihm sein Leben zu danken hatte. Ueberdies hielt er, durch die letzten
Ereignisse gewarnt, jetzt selbst fr nothwendig, da der junge Mann bei erster
gnstiger Gelegenheit das schne Mdchen in die sichern Berge mit sich fhre.
Der Haiduck befand sich daher, trotz der drohenden Nhe seiner Feinde, in diesem
Augenblick nicht weit von den Sprechenden. Gawra selbst hatte ihm die Rolle
gegeben, die er spielte.
    Siehst Du den Knecht dort, welcher am Brunnen die Pferde Deiner Brder, der
Soldaten, trnkt, die sie in meine Stlle gestellt haben? - Rede mit ihm,
vielleicht kann er Dir Antwort geben.
    Sein Daumen zeigte nach einem jungen Mann in dem wollenen Kittel des armen
Bulgaren, ohne alles Auffallende in seiner Erscheinung, als seine krftige
Gestalt, der mit zwei andern Knechten im Hofe mit einer Anzahl trkischer Pferde
beschftigt war.
    Die Baschi-Bozuks schlenderten in den Hof, wo bereits mehrere ihres
Gelichters umherlungerten und der Thtigkeit der Bulgaren trge zuschauten. Sie
traten wie von ungefhr zu dem Schimmel, welchen eben der junge Mann striegelte,
den Gawra, der Wirth, ihnen angedeutet.
    Wallah! ein krftiges Pferd - ich mchte es unter den Beinen haben auf
einem Ritt gegen die Moskows. - Ich gre Dich, Knees Michael Miloje.
    Die letzten Worte wurden flsternd zu dem bulgarischen Knecht gesprochen.
    Bei den vierzig Mrtyrern! entgegnete der Bulgare, indem er sich, die Fe
des Pferdes zu reiben, niederbeugte, Du hast lange auf Dich warten lassen, und
ich wre bereits zu dem Hochgebirge zurckgekehrt, wenn mich nicht eine Otmitza
hier gefesselt hielte. - Sprich, was bringst Du fr Hoffnungen fr die Kinder
der Berge vom schwarzen Czar, unserm Vater?
    Mungo, - denn er und der Capitain, der erst nach vielen Vorstellungen vom
General-Lieutenant Anrep die Zustimmung zu dem gefhrlichen Wagestck der
Selbstprfung der Verhltnisse in Widdin erhalten, steckten in den Trachten der
Baschi-Bozuks, - machte sich mit dem Pferde zu thun.
    Schau den Mann an, der mich begleitet, o Knees, er ist einer der vornehmen
Aga's der Russen und herbergekommen, mit Dir und Deinen Brdern zu verhandeln.
Er hat auerdem ein persnliches Geschft und mchte wissen, ob und wie eine
Dame von jenseits des Stromes durch Ueberlufer gestern oder vorgestern in's
Lager gebracht worden ist? Wann und wo kann er Dich sprechen?
    Der Bulgare kraute sich am Kopf.
    Ich wei Nichts von Deiner Dame, als da meine Moma - Fluch dem Pascha! -
seit zwei Tagen eine fremde Christin im Harem oder Selamlik des Gouverneurs
bedienen mu. Bei den Gebeinen der Heiligen! da kommt sie selbst ber die Ebene
von der Stadt her. Nimm dies Pferd und fhre es mit Deinem Gefhrten nach dem
hintersten Stall im Hof. Dort ist ein Verschlag, in den Ihr Euch begeben mgt, -
ich werde in wenig Zeit bei Euch sein.
    Mungo that, wie er gesagt, und gab dem Capitain einen Wink, zu folgen, inde
Michael dem Mdchen entgegen ging.
    Eine Stunde darauf saen die beiden khnen Spher, der Haiduck und die Moma
in einer der Htten, die dem Handja fr seine Hausthiere und Vorrthe gedient,
jetzt aber lngst von den Trken geleert waren und besprachen sich eifrig, indem
Mungo, so weit es nthig, den Dolmetscher machte. Dem Capitain blieb kein
Zweifel mehr, da die Dame im Selamlik des Pascha's die Grfin Laszlo war und
mit Schmerz hrte er von Marutza, die eben jenes Schreiben an den sardinischen
Obersten besorgt, in wessen Hnden die Geliebte sich befand. Die Anwesenheit
Pisani's im trkischen Feldlager machte ihm klar, wie die Grfin zu jenen
Verrthereien bewogen worden, wenn sie auf der andern Seite ihm auch wiederum
die Entfhrung und die jetzige Gefangenschaft der Dame als Rthsel erscheinen
lie. Dennoch lebte das undeutliche Gefhl einer groen ber der geliebten Frau
schwebenden Gefahr in seinem Herzen, und er beschlo, womglich den Versuch zu
machen, sie zu sprechen, und wenn es ihr Wunsch, sie zu befreien.
    Freilich waren die Mittel dazu sehr gering und beschrnkten sich auf die
Hilfe seines Begleiters, des Haiducken und etwa Alexo's, des Wirths, dessen
Zuverlssigkeit erst noch geprft werden sollte. Der junge Knees inde erklrte
das Wagestck ausfhrbar, und da er zugleich die ihm verlobte Braut mit
entfhren und beide Frauen ber die serbische Grnze bringen wolle. Der Haiduck
war in Widdin geboren und kannte daher jeden Theil der Festung, in der das Konak
des Pascha's liegt, auf das Genaueste. Marutza gab ihm die Nachrichten, in
welchem Theil der Gebude das Gemach der Grfin lag und es wurde beschlossen,
da sie beim Anbruch des Abends die Verbndeten nochmals aufsuchen sollte, um
die weiteren Plne zu hren.
    Whrend Miloje mit seinem Schwiegervater Gawra das Nthige verabredete und
diesem das Versprechen abnahm, mit vier Pferden am Thor von Ternowo zu ihrem
Dienst bereit zu sein, hierauf trkische Kleider anlegte und unter deren Schutz
sich keck und frei in die Festung selbst wagte, wandten der Offizier und sein
Gefhrte sich zu der Locanda Alexo's, des Wirths, deren Umgebung stets von
Offizieren und Soldaten aller Art umlagert war. Hier gelang es der Schlauheit
Mungo's leicht, dem Wirth ein Zeichen zu geben und sich mit ihm zu verstndigen.
Durch die hintere Pforte seines Gehfts wurden die beiden Abenteurer eingelassen
und in dasselbe Gemach quartiert, in dem die Entfhrung der Grfin beschlossen
worden.
    Der Slowake, treulos gegen alle Parteien und nur auf seinen Geldgewinn
bedacht, hielt es fr wichtig und nthig, seine russischen Verbindungen
wenigstens nicht durch einen unntzen Verrath preiszugeben, und es gelang ihm
leicht, in Betreff der Spionage der Grfin sich zu rechtfertigen, indem er jede
Kenntni davon leugnete. Da er die Belohnung des Obersten bereits in der Tasche
hatte, war er zu jeder neuen Intrigue gegen goldene Vergtung gern bereit und
schaffte willig Alles an, was man von ihm verlangte. Die Gelegenheit sollte ihm
zeigen, auf welcher Seite sich ihm der meiste Vortheil bot.
    Whrend der Capitain hierauf allein in dem Versteck zurckblieb und Mungo in
der Nhe umherstrich, um Kundschaft und den Haiducken aufzusuchen, hrte der
Offizier es in der von Alexo ihm angegebenen Weise an die Thr pochen und
ffnete. Zu seinem Erstaunen stand ein schwarzer Knabe vor ihm, der eilig in das
Gemach schlpfte und wieder die Thr verschlo.
    Die Brust des Knaben hob sich ngstlich und hastig.
    Signor, sagte er auf italienisch, ich habe Alles gehrt, denn meine
Schlafkammer ist ber diesem Gemach und nur durch eine dnne Bretterdecke von
ihm geschieden. Du bist ein Russe?
    Was willst Du damit, Bursche? fragte der Offizier und fate rasch
entschlossen den Arm des Mohren, um sich seiner zu bemchtigen.
    La mich; Du siehst, ich bin Dir nicht feind, sonst wre ich nicht hier.
Ich komme, Dich zu warnen. - Der Wirth dieses Hauses, dem Du Dich anvertraut,
ist ein Verrther an der Sache Deines Glaubens und Deines Volkes; mitraue ihm!
    Wer bist Du, Knabe?
    Ich bin der Diener eines frnkischen Arztes, Signor, und Deiner Nation
ergeben. Lies hier den Beweis. Er holte aus einem seidenen Beutelchen, das an
einer Schnur unter den Kleidern auf seiner Brust hing, ein Papier. Kennst Du
Signor Oelsnero in Constantinopel?
    Der Capitain las.
    Ich wei, da er einer der Unsrigen ist und sehe, da ich Dir trauen darf.
Aber was soll ich thun?
    Der Wirth ist habschtig. Biete ihm gelbes Gold, mehr als Deine Feinde, und
er wird Dir helfen. Ich wollte Dich nur warnen, ihm nicht zu viel zu trauen.
Lebe wohl, Signor; Nursah wird ber Dir wachen.
    Der Knabe entschlpfte. -
    In tiefem Nachdenken erwartete der Capitain die Gefhrten, die der Wirth mit
Marutza ihm, nachdem die Dunkelheit bereits eingetreten, zufhrte. Das Mdchen
bergab ihm das von der Grfin geschriebene Blatt. Beim sprlichen Schein einer
Lampe las der Capitain die folgenden von einem gengsteten Frauenherzen
diktirten Worte:

    Ich wei, da Sie hier sind, und die Gefahr, in die Sie sich um
meinetwillen gestrzt, erhht die Schmerzen, die mein Herz zerreien. Bei den
Worten der Liebe, die Sie mir einst im Prater von Wien gesprochen, beschwre ich
Sie, verlassen Sie sogleich Widdin und das trkische Gebiet, Sie wissen nicht,
welchem Feinde Sie hier begegnen knnten. Sorgen Sie nicht fr mich, - ich werde
morgen frei sein, - der Himmel wird mich schtzen und ich sehe Sie in Krajowa
wieder. Fliehen Sie, bei Ihrer und - meiner Liebe, fliehen Sie!
                                                                        Helene.

    Die letzten Worte des Blattes lieen ihn alles Andere vergessen und er
prete es strmisch an seine Lippen.
    Um keinen Preis darf sie zurckkehren! Ich mu sie selbst sehen, sprechen,
und weiche nicht eher von diesem Boden. - Hre, Wirth - auf ein Wort mit Dir!
Er zog ihn in eine Ecke. Ich wei, Du bist ein Schurke, und thust, was Du
thust, um Gold, nicht um der Sache willen! Doch hre mich! Bist Du mindestens in
dieser Sache mir treu und ergeben, so sollst Du einen Lohn erhalten, wie Dir
schwerlich ein Verrath einbringen wrde. Hier ist ein gltiger Wechsel auf Sina
in Pesth, den Du durch den sterreichischen Consul prfen lassen magst. Er
lautet auf fnfhundert ungarische Dukaten, und sie sollen Dir ausgezahlt werden,
wenn Du mich in meinem Unternehmen untersttzest und wir ungefhrdet aus Widdin
kommen. Jetzt sprich, ob wir uns auf Dich verlassen knnen?
    Der Slowake prfte sorgfltig den Wechsel.
    Euer Excellenz knnen sich auf Alexo verlassen; ich schwre Ihnen bei der
Seele meines Vaters, da ich Alles thun werde, was mglich ist.
    Gut, wir sind einig. Nun zu Euch. Ich will und mu die Dame sprechen, die
im Konak des Gouverneurs gefangen gehalten wird, denn es droht ihr eine neue
Gefahr. Habt Ihr irgend ein Mittel, dies im Laufe des Abends mglich zu machen?
    Der Weg ber den Festungswall bis zum Hause des Pascha's wird in einer
Stunde frei sein, sagte der Haiduck. Ich kenne einen alten Winkel, durch den
man unbehindert aus und ein gelangen kann.
    Aber die Wachen?
    Es steht eine einzige in der Nhe jenes Theiles des Selamlik, die uns
hindern knnte; ich nehme sie auf mich.
    Das wrde fr die Flucht gengen, wenn diese nthig wird. Aber wie gelange
ich zu der Grfin selbst?
    Wenn wir die Gewnder einer trkischen Frau htten, sagte Marutza, so
wte ich Rath.
    Ich kann sie mit leichter Mhe anschaffen, meinte der Wirth.
    Wohl, so thue es. Ich mu jetzt zum Selamlik zurckkehren, ehe die Thore
geschlossen werden. Ich werde die Kleider in einem Packet mit mir nehmen. Der
Signor Offizier folgt mir in kurzer Entfernung, es kann keinen Verdacht erregen,
wenn ein Baschi-Bozuk in die uern Hfe eintritt, es treiben sich der Mnner
dort fortwhrend umher, bis die Thore geschlossen werden. Nur der Zutritt in das
Selamlik selbst ist gefhrlicher, da dort Wachen stehen, und was geschieht, mu
vor der vierten Stunde (9 Uhr) geschehen, denn nach dieser Zeit kann Niemand das
Selamlik verlassen oder in den Hfen verkehren, ohne von den Wachen angehalten
zu werden. Ich werde vor dem Capitano hergehen bis zu einem dunklen Winkel, wo
er sich ruhig lagern mag. Wenn ich sehe, da der Schwarze, unser Wchter,
trunken oder unaufmerksam ist, werde ich unter einem Vorwand zurckkehren und
ihn holen. In den Yaschmak und den Mantel einer trkischen Frau gehllt, kann er
mir ohne Besorgni folgen, die trben Augen Ali's, unsers Wchters, werden ihn
nicht erkennen.
    Der Plan wurde gut befunden, und whrend Alexo ging, die Gewnder
herbeizuschaffen, machte sich der Offizier fertig zu dem gefhrlichen Wege.
Mungo erhielt den Auftrag, den Wirth mit den Pferden fr alle Flle bereit sein
zu lassen, und der khne Haiduck bernahm es, den Capitain auf dem Schlupfwege
wieder aus der Festung zu schaffen und nthigenfalls die Flucht der Frauen in
derselben Weise zu bewerkstelligen. Marutza trieb zur Eile und der Wirth entlie
die Verbndeten auf demselben Weg, auf dem er sie in seine Locanda geschmuggelt
hatte.
    Das Mdchen schritt eilig voraus durch die bereits dunklen Gassen. In einer
Entfernung von etwa 20 Schritt folgte ihr der Capitain, in den zerlumpten
kurdischen Mantel des Bozuks gehllt. Viele Menschen bewegten sich auf den
Gassen; so waren sie bereits bis zu dem Damm gekommen, welcher auf das Thor der
Festung zuluft, als zwei in Mntel gehllte Mnner, die ihnen entgegenkamen,
auf das Mdchen im Vorbergehen aufmerksam geworden schienen. Der Eine, ein
Offizier, blieb stehen und sah Marutza nach, und so kam es, da er durch eine
rasche Bewegung mit dem falschen Baschi-Bozuk zusammenstie und diesem fr
einige Augenblicke der Mantelzipfel vom Gesicht fiel. Einen Moment lang starrten
beide Mnner sich an, der Capitain erkannte sogleich den Grafen Pisani in seinem
Gegner, dieser jedoch schien durch das matte Sternenlicht, was allein den Platz
erhellte, getuscht zu sein, und wenn ihm in dieser Nhe auch das Gesicht
bekannt vorkam, doch im Augenblick nicht zu wissen, wo er es hin thun solle. Der
Russe hatte Geistesgegenwart genug, um sich nicht zu verrathen, und den Mantel
rasch wieder um sich ziehend sprach er den gewhnlichen trkischen Gru und ging
weiter.
    Der Sardinier blieb nochmals einige Augenblicke stehen und schaute den
Beiden nach.
    War es mir doch, als mte ich den trkischen Lmmel kennen, sagte er zu
seinem Begleiter, dem Banditen und jetzigen Diener Sta Lucia. Sieh, ich glaube
gar, er folgt dem Mdchen in den Konak und - Demonio! - sie macht ihm ein
Zeichen! Er lachte laut auf. Die bulgarische Dirne hat sich einen verzweifelt
zerlumpten Galan ausgesucht! Er wollte eben weiter gehen, als er auf der Erde
etwas Weies blinken sah, grade an der Stelle, wo er mit dem Fremden
zusammengestoen war. Es hatte eine Briefform und, dadurch aufmerksam gemacht,
hob er das Blatt auf und behielt es in der Hand, indem Beide ihren Weg
fortsetzten.
    Wie es so hufig geht, da ein zufllig aufgestoenes Gesicht uns verfolgt
und sich in unsere Gedanken nistet, als knnten wir es nicht los werden, - so
auch hier. Der Oberst hatte noch keine zehn Schritte gethan, so beschftigte er
sich schon wieder mit dem Bilde des Baschi-Bozuks, und selbst ungeduldig darber
und um auf etwas Anderes zu kommen, nherte er sich einem Hause, aus dessen
engem Fenster ein Lichtstrahl fiel, und besah das Papier, das er in der Hand
hielt. Es war ein zusammengefalteter Brief ohne Aufschrift; der erste Blick
jedoch, den er auf seinen Inhalt warf, schien wie ein Blitzstrahl in seinem
Geiste zu znden. - Corpo di bacco! wo hatte ich meine Augen? bin ich blind? -
Er ist es, er mu es sein, diese Worte beweisen es, wenn ich meinen Augen nicht
trauen wollte! - Der Thor wagt sich in die Hhle des Tigers und er soll es
bereuen! - Sie stehen in Verbindung, und in diesem Augenblick schon ist
vielleicht all' meine Mhe umsonst und der glcklich angelegte Plan ist
vergebens!
    Seine Augen funkelten in Wuth und Aerger, dann machte die Leidenschaft
jedoch der gewohnten kalten Ueberlegung Platz und im nchsten Moment schon
zuckte ein Blick teuflischen Triumphes nach der Festung zurck. - Bin ich ein
Thor geworden, flsterte er fr sich, da ich nicht gleich begriffen, welche
Macht damit in meine Hand gegeben ist? - Jetzt, Grfin Helene, bist Du mein und
Dein Stolz soll gebrochen zu meinen Fen liegen! - Lucia!
    Der Bandit, der mit Erstaunen auf das aufgeregte Benehmen seines sogenannten
Gebieters geblickt, sprang herbei.
    Was giebt es, Signor Conte?
    Geschwind zurck nach dem Thor des Konaks und lege Dich in irgend einem
Winkel in Hinterhalt. Du hast den Baschi-Bozuk gesehen, der eben der
bulgarischen Dirne folgte. Habe Falkenaugen, da er nicht wieder aus dem Konak
entwischt, ehe ich bei Dir bin! Der Mann trgt den linken Arm in einer Binde,
als wre er verwundet, und einen hellen Turban. Kommt er, so wirf ihn zu Boden
und ruf' die Wache zu Hilfe!
    Er eilte davon, nach der Locanda Alexo's zu, wo er die Offiziere wute, den
verhngnivollen Brief in seiner Hand, den Brief, den Grfin Helene an den
Capitain geschrieben, den dieser durch einen unglcklichen Zufall bei dem
Zusammensto mit seinem Feinde aus dem Wams verloren hatte.
    Sta Lucia, der Corse, lief zum Eingange des Konaks, vor dem er sich gleich
einem Cerberus lagerte, mit scharfem Blick jeden Ein- und Auspassirenden
musternd. - -
    Es war gegen acht Uhr Abends, - drei Uhr etwa nach der trkischen
Sonnenrechnung, - als aus einem alten Cisternenwinkel des innern Festungshofes
eine lange Gestalt in einem grnen Frauenmantel, den Yaschmak dicht ber den
Kopf gezogen, hinter der schnen Bulgarin herschlich, die Wasser am Brunnen des
Hofes geholt. Aus dem um das Haus laufenden Tschardak fhrte eine Treppe zu dem
Theile, den die Grfin als Gefangene bewohnte, und in einer Art Vorgemach, aus
dem ein Gang in das Innere des Hauses lief, kauerte der alte Mohr, dem die
Bewachung der Dame anvertraut war, neben dem Kohlenbecken, an dem er abwechselnd
Hnde und Fe wrmte. An seiner Seite stand die lngst geleerte hlzerne
Flasche, die ihm Marutza am Mittag mitgebracht, und er war eben beschftigt,
sich seinen Kaffee zu bereiten. Es wrde fr einen krftigen Mann ein Leichtes
gewesen sein, den Alten zu berwltigen, aber der geringste Hilferuf desselben,
jedes ungewhnliche Gerusch htte zwanzig seiner Gefhrten herbeigefhrt, von
denen die Hfe und die meisten Theile des weitlufigen Baues belebt waren.
    Mashallah, Mdchen, sagte der alte Khawa, Du bist zwar eine Christin und
die Tochter einer Hndin, aber unter den Schweinen sind die Bulgaren noch die
besten, und es ist freundlich von Dir, da Du mir diese Flasche da gebracht
hast. Ich wollte, es wre nur mehr darinnen gewesen, und ich hoffe, Du wirst sie
mir auf's Neue fllen.
    Morgen, Ali, wenn ich zur Hane gehe, ich verspreche es Dir. Doch nun halte
uns nicht auf; dies ist die Massaldschi6 aus der Stadt, welche uns den Abend
erheitern soll; Du weit, die Khanum bedarf es, denn sie weinte den ganzen Tag.
Die Massaldschi wurde so lange im Harem unsers Gebieters aufgehalten und ich
fand sie erst jetzt an unserer Thr.
    Der Khawa betrachtete einen Moment die fremde Gestalt mit schlfrigen und
von dem scharfen Rakih verdunkelten Augen, dann wandte er sie wieder zu seiner
Beschftigung.
    Geht hinein, Ihr Weiber, aber bedenkt, da die Thore der Festung schon in
einer Stunde geschlossen werden. Wallah! Auf Euer Haupt komme die Versumni.
    Die Beiden verschwanden in dem Eingang des ersten Gemachs.
    Die Grfin lehnte in dem ihren auf dem Divan, den Kopf in die Hand gesttzt.
Von Marutza hatte sie das glckliche Ueberbringen des Briefes erfahren, das
Mdchen ihr jedoch, nach dem Wunsche des Capitains, noch Nichts von dem Wagstck
verrathen, das dieser unternommen, um sie zu sehen.
    Als die Thr sich ffnete, glaubte die Dame daher nur ihre Dienerin
eintreten zu hren, und sagte, ohne den Kopf zu wenden:
    Setze Dich zu mir, Marutza, und erzhle mir jedes Wort, das er gesagt. Mein
Herz ist schwer von Angst und ich wollte die Welt darum geben, wenn ich den
Unvorsichtigen erst glcklich aus Widdin wte!
    Nicht ohne Sie, Helene! sagte eine mnnliche Stimme neben ihr.
    Erschrocken fuhr sie empor und sah die fremde Gestalt an ihrer Seite;
Feredschi und Yaschmak fielen zwar zu Boden, aber bestrzt fuhr die Grfin trotz
der bekannten Laute zurck, als sie einen Baschi-Bozuk in seiner wilden
seltsamen Tracht vor ihr auf das Knie geworfen und ihre Hand ergreifen sah; ein
zweiter Blick zeigte ihr jedoch die Zge des russischen Capitains und der
Angstschrei erstickte in ihrer Kehle.
    Um aller Heiligen willen, Sie hier? o, fliehen Sie, Sie bringen uns Beide
in's Verderben!
    Ich bin hier, Sie dem zu entreien. O, htten Sie meiner Warnung Gehr
gegeben in Wien und sich von jenem Thun freigehalten, das auer der Sphre des
Weibes bleiben soll! Ich mute Sie sprechen, Grfin Helene, um Ihnen zu sagen,
da die wahren Zwecke Ihres Verweilens auf Ihrem Gute bekannt sind, da einer
Ihrer Boten aus dem trkischen Lager aufgefangen worden ist. Der kommandirende
General hatte in derselben Nacht den Befehl gegeben, Sie zu verhaften, an deren
Morgen Sie von den Dorobandschen entfhrt wurden. Mein Bote, der Sie warnen
sollte vor der drohenden Gefahr, traf leider zu spt ein.
    Die Grfin sah ihm voll in's Gesicht.
    Und Capitain Meyendorf hat wirklich dies gewagt fr Eine, die er so schwer
verletzte, fr die Feindin seines kaiserlichen Idols?
    Er prete ihre Hnde in den seinen.
    Was wog jener Schmerz, den Sie mir bereiteten, jener Sieg meines
Nebenbuhlers gegen Ihre Rettung? was galt die Republikanerin gegen das Weib
meines Herzens? - Als ich nach der blutigen Schlacht das Unglck vernahm, das
Sie betroffen, da zog es mich wie mit tausend Banden Ihnen nach, und ich mute
wissen, welche Gefahr Sie hier bedrohte.
    Aber bedenken Sie auch, da man Sie erkennen und gefangen nehmen kann!
    Der Baron schaute sie ruhig und fest an.
    Werde ich hier ergriffen, sagte er ernst, und bei Gott! es war vor kaum
einer halben Stunde nahe daran, so werde ich ohne Weiteres als Spion erschossen,
und nicht allein mein Leben, auch meine Ehre ist vernichtet.
    Fr mich! fr mich! jammerte die junge Frau; o, fliehen Sie, ich
beschwre Sie bei unserer Liebe!
    Sein Auge glnzte entzckt, als er strmisch ihre Hnde an sein Herz
drckte.
    Dies Wort allein, Helene, bezahlt tausendfach alle Gefahren. Wie habe ich
von diesem Augenblick getrumt unter den Donnern der Schlachten und auf dem
ruhelosen Lager, und ich sollte ihn krzen in jmmerlicher Furcht fr meine
Sicherheit? O, Helene, wiederholen Sie mir das Wort, da unsere Liebe Sie
besorgt macht, da Ihr Herz, Ihr reiches, schnes Herz wirklich das meine ist!
Darf ich's wagen, darf ich's glauben?
    Sie strich ihm lchelnd die braunen Haare aus der Stirn.
    Zweifelten Sie wirklich noch daran nach unserer Fahrt im Prater zu Wien? O,
wie weh Sie mir damals thaten durch Ihr hartes unverdientes Scheiden!
    Aber Pisani - ich hrte zufllig, wie Sie ihm versprachen, zu kommen ...
    Zur Baronin Czezani. Was ist mir der Oberst anders als ein Mann, mit dem
mich politische Meinung verband! Ich habe in diesen Tagen, den schwersten meines
Lebens, einsehen lernen, wie thricht ich gehandelt, wie recht Sie haben, und in
welch' schmhliche Stellung mich dieser politische Wahnsinn verlockt hat. Ich
werfe ihn von mir, das schnde unwrdige Mnnerwerk, und will einzig und allein
dem Frauenherzen seine Rechte gnnen. Morgen bin ich frei - zum letzten Male
will ich mich des Beistandes dieses Mannes bedienen; - ich eile nach Wien und
verlasse das Haus meines Oheims nicht mehr, bis dieser unglckselige Krieg
beendet ist und ...
    O, vollenden Sie!
    Bis Capitain Meyendorf seine Braut fordert.
    Er drckte sie an das entzckte Herz. Tausend Schwre der Liebe quollen ber
seine Lippen, welche die ihren suchten und fanden -
    Da schnitt der scharfe Knall von Pistolen dazwischen, wildes Geschrei,
Waffenklingen, Tumult in den Hfen, das Lrmen und Rufen vieler Menschen:
Haltet den Dschaur! Nieder mit dem Spion!
    Ein Flintenschu fiel dicht unter dem Fenster, der gelle Aufschrei eines
Getroffenen folgte, dann schien eine wilde Hetze durch die Hfe zu beginnen - -
    Aus dem ersten Gemach strzte Marutza herein.
    Heilige Mutter Gottes! sie sind hinter Miloje d'rein - Alles ist verrathen,
die Hfe sind voll Soldaten!
    Die Unvorsichtige hatte aus dem Fenster mit dem Haiducken gesprochen, der
verkleidet im Hofe umherschlich und das verabredete Zeichen gegeben.
    Man hrte, wie der Strom der Verfolger hinter Miloje sich entfernte, den man
wahrscheinlich fr das edlere Wild hielt.
    Im Augenblick hatte die Ungarin alle Energie ihrer Seele wiedergefunden.
Schnell hllte sie selbst den Geliebten in Mantel und Schleier.
    Rasch, rasch, Marutza! fort mit ihm im Schutz dieser Verwirrung, ehe es zu
spt ist. In Wien sehen wir uns wieder!
    Ein Druck der Hand, und die Frauen drngten ihn aus dem Gemach; Marutza
folgte ihm.
    Ali, der Khawa, hatte sich bei dem Lrmen erhoben und stand an dem Ausgang
zur Treppe.
    Mashallah! was wollt Ihr Weiber hier? Geht zurck, das ist keine Sache fr
Euch!
    Schritte eilten den Gang daher, der aus dem Innern der Gebude zur Treppe
fhrte. Es galt einem raschen Entschlu. Mit krftiger Hand hatte in
Gedankenschnelle der Capitain den alten Mohren gefat und schleuderte ihn zurck
in den Winkel, dann sprang er die kurze Treppe zum Tschardak hinunter und aus
diesem in den Hof, von Marutza gefolgt. Schleier und Mantel blieben in der Hand
des Mohren, der ernchtert den ihm gespielten Betrug erkannte und hinter ihnen
d'rein brllte. Das Rufen vieler Stimmen belehrte sie, da im nchsten
Augenblick die Verfolger auf ihren Fersen sein wrden, und die Ueberlegung eines
Moments bewies ihnen, da eine Flucht durch das bewachte Thor in diesem
Augenblick unmglich sei.
    Kaum wissend, was sie that, zog die junge Bulgarin den Offizier, dessen
Rechte ein gespanntes Revolver-Pistol hielt, mit sich fort. Der Hof war im
Augenblick menschenleer, weil Alles auf den Haiducken Jagd machte. So gelang es
ihnen, unbemerkt in den Schatten der Wlle und zu dem halb verfallenen Brunnen
zu kommen, in dessen Winkeln Marutza vorhin den Capitain verborgen hatte.
    Beider Brust hob sich keuchend - sie konnten deutlich die neuen Verfolger
sehen, die - Ali an der Spitze - jetzt aus dem Tschardak drangen und mit
Verwnschungen nach den Flchtlingen suchten.
    Wir mssen in wenigen Augenblicken entdeckt sein, flsterte der Offizier
und seine Hand umspannte fester den Griff des Pistols.
    Still - keinen Laut! sagte leise eine dritte Stimme in bulgarischer
Sprache dicht an ihren Ohren. Marutza erkannte sie sogleich und hielt den Arm
des Capitains nieder, der sich eben gegen den unerwartet nahen Gegner wandte und
auf ihn schieen wollte.
    Ruhig, Herr, es ist Miloje, unser Freund. Um der vierzig Mrtyrer willen,
wo kommst Du her, Michael?
    Der khne Haiduck lachte still fr sich hin.
    Die Knechte des falschen Propheten meinten mich zu fangen. Pah! als ob ich
nicht jeden Stein hier besser kennte, denn sie. Bckt Euch und folgt mir, wir
haben keine Zeit zu verlieren.
    Er kroch ihnen voran durch die Oeffnung eines Kanals, welcher den Abflu der
Cisterne leitete. Einige Schritte weit muten sie sich auf Hnden und Fen
fortbewegen, dann wurde das Gewlbe hher, sie vermochten aufrecht zu stehen und
der Haiduck lie sie durch ein gehobenes eisernes Gitter passiren, das er hinter
ihnen wieder senkte.
    Jetzt mgen sie kommen, sie werden die Vgel ausgeflogen finden! Die
Oeffnung geht durch den Wall dicht am Hauptthor. Vorsichtig, Herr, wir haben den
Graben zu durchschreiten.
    Sie kamen glcklich hinber, und whrend im Konak der Aufruhr der Verfolgung
und Nachforschung tobte, fhrte der Huiduck sie glcklich an den Wachen vorbei,
durch die Lcken der Mauern und Wlle aus der Festung.
    Alle athmeten leichter, als das Wagstck gelungen, whrend dessen nur wenige
Worte gewechselt worden, da der Russe ohnehin sich mit dem Haiducken nicht
verstndigen konnte. Er wandte sich daher auch jetzt an das Mdchen und bat sie,
den Geliebten zu fragen, wohin er sie zu fhren gedchte.
    Bei der Panagia! wohin sonst, als fort aus diesem Nest in die freien
Berge, erwiederte der Sohn derselben. Gawra oder der Zigeuner warten mit den
Pferden und die Verfolger werden uns bald auf den Fersen sein, wenn sie sich
mde im Konak gesucht. Ich habe meine Flinte wieder, die mir Dein Vater fr
schweres Gold von diesen trkischen Hunden gelst hat, und meine Moma - was
brauch' ich mehr!
    Ich mu wenigstens vorher Alexo, den Wirth, sprechen, sagte entschlossen
der Offizier. Er wird Mittel und Wege finden, ber das Schicksal der Dame das
Weitere zu erfahren und mit ihr in Verbindung zu bleiben. Schickt mir Mungo zur
Hinterpforte der Locanda, er wird mich in einer halben Stunde zu Euch geleiten
und ich bin dann bereit, Euch zu folgen.
    Vergebens waren die Einreden des Mdchens - der Capitain bestand auf seinem
Sinn, und da die Gassen durch den Lrmen in der Festung sehr belebt geworden und
man sich nicht aufhalten durfte, trennte man sich eilig und der Offizier folgte
der Richtung, die Marutza ihm gewiesen, auf die Dunkelheit und seine Verkleidung
vertrauend.
    So bemerkte er es nicht, wie aus dem Schatten der Gebude ein Mann, der die
Flchtlinge schon bei ihrem Erscheinen beobachtet, ihm folgte, Sta Lucia, der
Bandit. Glcklich gelangte er an die hintere Pforte der Locanda, deren Tschardak
und Zimmer mit Menschen besetzt war, und, da ihm jetzt die Gelegenheit bekannt,
bis zu dem kleinen Gemach, das ihm vorher zum Versteck gedient hatte, indem er
hoffte, von hier aus leicht dem Wirth ein Zeichen seiner Anwesenheit geben zu
knnen. Kaum jedoch war er eingetreten, als ein lautes hhnisches Gelchter, das
Schlieen der Thr und das Vorschieben eines Riegels ihn belehrte, da er
verrathen und in die Hnde seiner Feinde gefallen sei. -
    Graf Pisani, nachdem er die Anwesenheit des russischen Offiziers in der
Festung entdeckt und leicht den Zweck derselben errathen hatte, eilte, die
Gelegenheit zu benutzen, sich von dem gefhrlichen Nebenbuhler zu befreien, ohne
als der Urheber zu erscheinen. Eine Mittheilung an Iskender-Bey gengte, um
sofort die Verfolger in Bewegung zu setzen, und der Sarde lie alle Anstalten
der Art treffen, da der russische Offizier bei seinem Verlassen des Selamliks
ergriffen werden mute. Der Oberst wollte absichtlich vermeiden, selbst handelnd
aufzutreten, und sein scharfer Verstand hatte ihm bereits die Art und Weise
gezeigt, wie er diese Gelegenheit zur Erreichung seines Hauptzwecks ausbeuten
knne.
    Wir haben bereits gesehen, wie die ausgestellten Wachen Michael Miloje, den
Haiducken, der sich in das Konak geschlichen, fr den Capitain nahmen und ihn
verfolgten. Dennoch, trotz dieses glcklichen Zwischenfalls, sollte der Offizier
der Gefangennahme nicht entgehen, denn Sta Lucia, der sich in der Nhe des
Thores umhertrieb, entdeckte die Flchtlinge, und wir haben erzhlt, auf welche
Weise es ihm gelang, den Capitain gefangen zu nehmen.
    Verdrielich und mit Vorwrfen von Sami-Pascha berhuft, den der Tumult in
der Ruhe seines Haremliks gestrt, waren die Offiziere nach langem Suchen zur
Locanda des Slowaken zurckgekehrt, fanden aber hier einen Gefangenen vor, denn
die trkischen Wachen, aus ihrer Schlfrigkeit erweckt, hatten Mungo, den Spion,
ergriffen, als er um die Locanda schlich und seinen Herrn zu treffen suchte, und
Hidat-Aga war bereits in einem scharfen Verhr mit ihm begriffen. Der Bursche
schwieg jedoch trotzig und Iskender-Bey befahl, ihn, an Hnden und Fen
gebunden, in einen Winkel des Tschardaks zu werfen und dort scharf zu bewachen,
bis man am andern Morgen Mittel finden werde, ihm die Zunge zu lsen. Die
Gesellschaft kehrte hierauf zu der gewhnlichen Beschftigung des Trinkens und
Spielens zurck; Graf Pisani jedoch beschlo, seine Nachforschungen bei Alexo,
dem Wirth, fortzusetzen, dem er in dieser Angelegenheit stark mitraute. Er gab
ihm daher einen Wink, mit ihm zu gehen, und der Slowake, vor der Entdeckung
seiner Doppelzngigkeit besorgt, folgte ihm nach dem abgesonderten Gemach, das
schon mehrfach zu ihrem geheimen Verkehr benutzt worden. Die Nachricht, da der
russische Capitain glcklich entkommen, hatte jedoch seine Furcht einigermaen
beseitigt, und er durfte hoffen, von allem Verdacht sich mit der gehrigen
Portion dreister Lgen rein zu waschen.
    Zu ihrem Erstaunen fanden sie jedoch an der Kammerthr Sta Lucia Wache
halten, der es nicht gewagt, diese Stelle zu verlassen und den etwaigen
Helfershelfern seines Gefangenen Gelegenheit zu bieten, diesen entfliehen zu
lassen. Der Bandit fluchte grulich, da man ihn so lange hier allein gelassen,
und erzhlte dann lachend seinem Herrn, auf welche Weise er den Vogel erwischt.
    Der Graf wandte sich mit finsterm Blick zu dem jetzt ernstlich vor
Entdeckung zitternden Wirth.
    Verrtherischer Hund, sagte er, Du hast offenbar um die Anwesenheit
dieses Spions gewut, sonst wre er nicht hierher geflchtet. Du wolltest am
Ende gar wagen, meine Plne zu durchkreuzen, und solltest morgen hngen, wenn
das Glck Dir nicht wohlgewollt und uns dennoch die Beute in die Hand geliefert
htte. Aber nimm Dich in Acht, Alexo, ich kenne Dich, und bei dem geringsten
weitern Beweis, da Du treulos bist, hngst Du!
    Der Wirth betheuerte mit hundert Eiden, da er von Nichts wisse, da der
Gefangene da drinnen leicht mglich ein russischer Spion wre, da der Graf ja
wisse, da er mit solchen verkehren msse, um Nachrichten aus dem russischen
Lager zu erhalten, da er aber nicht das Geringste gegen die Absichten seines
hohen Gnners unternommen; der Oberst jedoch, dies Geschwtz zur Genge
wrdigend, befahl ihm, zu leuchten, und Lucia, die Thr zu ffnen, indem er sich
die grausame Lust nicht versagen wollte, sich durch den eigenen Anblick zu
berzeugen, da der Gefangene sein verhater Nebenbuhler sei.
    Der Capitain, durch den Aufenthalt bei Tageszeit in dem kleinen Zimmer
belehrt, da dieses nur den einen Ausgang habe und das starke Eisengitter des
engen Fensters jeden Fluchtversuch unmglich mache, hatte sich mit
entschlossener Ruhe auf den Divan gesetzt, der an der einen Wand als Lagersttte
hinlief, und erwartete, die Arme ber die Brust geschrnkt, in finstern Gedanken
das Kommende. Im Augenblick, da er gerade das hchste ersehnte Glck genossen,
das Gestndni des Weibes, das er seit vier Jahren liebte, empfangen, da ihr
Besitz ihm in Aussicht stand, - gab das Schicksal ihn als Gefangenen in die
Hnde seiner Feinde mit der Aussicht auf einen schimpflichen Tod; denn er konnte
nichts Anderes erwarten, als da die Trken ihn als Spion behandeln wrden.
    Der Oberst trat mit dem Wirth, welcher die Lampe trug, in das Gemach,
whrend Sta Lucia an der Thr blieb. Ein Blick berzeugte den Sarden, da der
Gefangene der verhate Feind; dennoch gab er kein Zeichen, da er ihn erkannt.
    Dies ist der Spion, den Du gefangen?
    Ja wohl, Signor Conte!
    Bene! er kann morgen frh mit seinem Kameraden in Gesellschaft sterben.
Bist Du Soldat, Bursche, oder treibst Du Dein Handwerk blos aus Liebhaberei?
    Der Capitain, der bei Erwhnung der Gefangennahme eines seiner Gefhrten -
er wute nicht, ob Mungo's oder Michael's - zusammengefahren, blickte ihn
trotzig und verchtlich an.
    Ich will zunchst wissen, fuhr der Oberst fort, wie Du in dieses Haus
kamst und in welcher Verbindung Du mit dem alten Schurken hier stehst? Da eine
solche existirt, liegt aus Deiner Kenntni dieses Zimmers auf der Hand. Rede,
Bursche, oder ich will Dir die Zunge lsen lassen.
    Der Graf hatte italienisch gesprochen. Ein flehender Blick des Slowaken traf
den Baron, als dieser voll und ruhig sein Auge auf das boshaft funkelnde des
Sardiniers richtete.
    Die Wahl der Sprache, Herr Graf, sagte er stolz, zeigt mir, da Sie mich
kennen. Ein weiteres Verbergen wre unwrdig Ihrer und meiner. Haben Sie die
Gte, diese Leute zu entfernen, ich habe Ihnen einige Worte zu sagen.
    Graf Pisani konnte trotz seiner groen Selbstbeherrschung eine kleine
Verlegenheit nicht verbergen, der ruhige Stolz des Gegners hatte seine Bosheit
geschlagen.
    In diesem Augenblick glaube ich Sie erst zu erkennen und bitte um
Entschuldigung fr meine Worte. Hinaus mit Euch und sorge dafr, Lucia, da
dieser alte Schurke nicht horcht.
    Die beiden untergeordneten Personen entfernten sich aus dem Gemach und
lieen den Grafen und den Capitain allein. Die Gegner standen sich jetzt Aug' in
Auge gegenber.
    Herr von Meyendorf, Capitain in der russischen Armee? wenn mich mein
Gedchtni und die flchtige Bekanntschaft in Wien trotz dieser Kleidung nicht
trgt. Er wies spttisch auf das Costm.
    Der Russe verbeugte sich schweigend.
    Ich bedaure als Offizier aufrichtig, da Sie sich zu dieser Rolle
hergegeben haben, um so mehr, als es auer meiner Macht ist, Sie den Ihnen
bekannten Folgen derselben zu entziehen. Ich stehe in trkischen Diensten und
der Muschir hat die strengsten Befehle in Betreff der Entdeckung von Spionagen
gegeben.
    Die bleiche Lippe des Russen zuckte bei dem beleidigenden Wort.
    Ich habe noch mit keiner Sylbe verlangt, Herr Oberst, da Sie zu meinen
Gunsten Ihrer Pflicht untreu werden sollen und wrde das Geschenk der Freiheit
aus Ihrer Hand auch schwerlich annehmen. Ohne mein Thun Ihnen gegenber
rechtfertigen zu wollen, sage ich Ihnen nur, da der Grund, der mich hierher
gebracht, die Entfhrung einer uns Beiden bekannten Dame aus den russischen
Linien durch Ueberlufer war, - der Grfin Laszlo.
    Meiner Braut, sagte nachlssig der Graf. Ich wei davon, denn ich selbst
habe die Entfhrung veranlat.
    Wie, Sie selbst wren der Urheber jenes Bubenstcks? Sie wagen es, die Dame
Ihre Braut zu nennen? - Das Blut quoll dem Offizier zu Kopf und Herzen, seine
Augen blitzten.
    Migen Sie sich, mein Herr, sagte stolz der Oberst, und bedenken Sie,
da Sie hier als - Spion gefangen sind, und ich Ihnen keine Rechenschaft zu
geben habe. Um meiner Selbst willen, und da ich glaube, da auch Sie zu den
Bewerbern um der Grfin Herz gehrten, werde ich Ihnen meine Worte beweisen. Sie
erinnern sich vielleicht der Handschrift der Grfin Laszlo?
    Der Capitain wurde roth, er zuckte unwillkrlich mit der Hand nach der
Tasche, in der er den Brief der Geliebten noch verborgen whnte. - Ich hoffe,
Herr Graf!
    Pisani hatte ruhig aus seiner Brieftasche das Versprechen der Betrogenen
genommen und hielt es dem Capitain hin.
    Lesen Sie.
    Vor seinen Augen schwammen die verhngnivollen Worte in einander, alles
Blut schien in sein Herz zusammen zu strmen.
    Wiederum getuscht von ihr! Fahre hin, Glauben und Glck! - Er murmelte es
zwischen den Lippen und warf sich auf den Divan zurck.
    Sie sehen, Herr Capitain, sagte mit leichtem Hohn der Graf, da ich ein
Recht hatte, die Dame aus einer Umgebung holen zu lassen, die meinen Absichten
nicht convenirte. Die etwas rauhe Art ist Schuld der Verhltnisse. Ich begreife
brigens wirklich nicht, Herr Baron, mit welchem Recht Sie sich heute Abend in
die Nhe meiner Braut gedrngt haben, wie ich nach den mir zugegangenen
Berichten glauben mu.
    Ich kam hierher, entgegnete hastig der Capitain, um die Grfin vor jedem
Wiederbetreten des russischen Gebiets zu warnen; man hatte am Tage vor ihrer
Entfhrung die Zwecke ihres Aufenthalts entdeckt und ihren Boten aus Widdin
aufgefangen. Der Befehl zu ihrer Verhaftung ist gegeben.
    Ich wei es, ich wei es, sagte, die Nachricht schnell benutzend, der
Graf, und deshalb eben lie ich sie am Morgen der drohenden Gefahr entfhren.
Ihre Absicht war edel, Herr Capitain, und ich hoffe, da sie die Folgen Ihrer
Gefangennahme mildern wird, wenn - Sie mir Ihr Ehrenwort geben knnen, da dies
der einzige Zweck Ihres gefhrlichen Wagstcks war.
    Der schlaue Sarde konnte sehr wohl berechnen, da dies nicht wahrscheinlich
war und der russische Offizier schwerlich fr Privatangelegenheiten die
Erlaubni seiner Vorgesetzten zu dem kecken Unternehmen erhalten hatte.
    Der Capitain schwieg.
    Dann bedaure ich aufrichtig, da ich Sie nicht retten und dem Kriegsgericht
entziehen kann. Verheimlichung ist nicht mglich, da Ihre Gefangennahme bereits
mehreren Offizieren bekannt ist und der Bursche, dem sie geglckt, nicht
schweigen wird. Kann ich Ihnen sonst mit irgend Etwas dienen, Herr Baron?
    Der Offizier verneinte durch ein Zeichen.
    Ich bitte, verlassen Sie mich.
    Ich bin im Stande, wenigstens diese Nacht Sie noch vor den
Unannehmlichkeiten harter Behandlung zu bewahren und werde veranlassen, da Sie
erst morgen nach dem gewhnlichen Gefngni gebracht werden. Alexo wird Sie mit
Erfrischungen versorgen und ich scheide mit dem Wunsche, da Ihre Angelegenheit
einen glcklichen Ausgang nehmen mge, obschon Sie sich die Gefahr Ihrer Lage
nicht verhehlen werden.
    Der Gefangene erwiederte finster die Verbeugung des Obersten, der das Gemach
verlie. Seine scheinbare Frsorge hatte einzig darin ihren Grund, da er erst
noch seine Plne reiflich berlegen wollte, ehe er den Gefangenen aus seinen
Hnden gab. Das Schicksal desselben war ihm dann gewi und er spielte wie der
Tiger mit seiner Beute. Um sie gegen alle Zuflle zu sichern und da er den
widerspenstigen selbstwilligen Charakter Lucia's genugsam kannte, lie er durch
den Wirth noch Apollony herbeiholen und vertraute Beiden die Bewachung der Thr
whrend der Nacht an, Alexo zugleich erklrend, da er selbst ihm mit seinem
Kopf fr den Gefangenen verhaftet bleibe. Beruhigt dann ber die Erfolge, die
der Zufall so glcklich begnstigt, kehrte der Graf nach der Festung zurck, in
welcher er sein Quartier bei Sami-Pascha genommen. - -
    Im engen Zimmer des Gefangenen brannte mit ihrem matten Schein die Lampe;
Speise und Wein, die Alexo in Begleitung Lucia's gebracht, standen unberhrt auf
dem Tisch, und der unglckliche Bewohner der Zelle sa noch immer in derselben
Stellung auf dem Divan, die Arme ber die Brust gekreuzt, die Augen starr vor
sich hin geheftet. Der Schlag, der ihn nach dem beseligenden Gestndni durch
jenes Dokument getroffen, wirkte vernichtend und raubte ihm die ruhige
Ueberlegung, die sonst gar leicht ihm die vielfachen Widersprche in dem
Benehmen des Grafen gezeigt und ihn zu einer genaueren Prfung der Umstnde und
zu wohl begrndeten Zweifeln gefhrt haben wrde. Nur ein Gedanke erfllte ihn:
verloren Alles - Liebe - Leben und Ehre, denn der drohende Tod eines Spions
befleckte ihm selbst den Glanz der letztern.
    Ein - zwei Stunden vergingen, - der flackernde Schein der Lampe zeigte ihr
Verlschen an, - was kmmerte es ihn, ob es Nacht um ihn her ward, - lag doch
eine tiefere, drckendere Finsterni auf seiner Seele, die Nacht der begrabenen
Hoffnungen!
    Da weckte ein Gerusch, das er in seiner Betubung schon lange vernommen zu
haben sich erinnerte, ihn aus dem starren Sinnen. Es klang wie das Schneiden
oder Sgen eines Messers an Holz, um eine Oeffnung zu machen oder zu vergrern.
Er horchte jetzt aufmerksam und machte eine Bewegung. Sogleich hrte das
Gerusch auf, und statt dessen fragte eine flsternde Stimme ber ihm:
    Bist Du wach, Signor? - Antworte leise.
    Wer ist es? was will man von mir?
    Nursah, der schwarze Knabe, flsterte wieder die Stimme. Tritt hierher,
Signor, rechts an die Wand, ich habe Dir viel zu sagen.
    Der Capitain folgte dem Wunsche. Im letzten aufflackernden Schein der Lampe
sah er, da der junge Mohr eine Ritze der Decke mit seinem Messer handbreit
erweitert hatte und durch diese zu ihm sprach. Er trat dicht unter die Oeffnung,
die etwa zwei Ellen ber seinem Kopfe war, so da die Unterredung bequem in
leisem Tone gefhrt werden konnte.
    Die Lampe war erloschen - tiefe Dunkelheit umgab ihn.
    Was willst Du, guter Knabe? mein Schicksal ist besiegelt.
    Verzweifle nicht, Signor, noch hoffe ich, Dich auf irgend eine Weise zu
retten. Kannst Du mir angeben, was ich dazu thun kann und ob Du Freunde in der
Nhe hast?
    Meine Freunde, sagte der Capitain schwermthig, sind fern und knnen mir
nicht helfen. Ich danke Dir fr Deinen guten Willen, aber das Leben hat fr mich
keinen Werth mehr und ich wnsche den Stunden Flgel, damit sie mir sein Ende
bringen.
    Ich wei, Du liebst, sagte die Stimme mit weichem mitfhlendem Klange. Du
liebst die fremde Dame, die von jenseits der Donau entfhrt wurde und im
Selamlik des Pascha's gefangen gehalten wird. Gieb die Hoffnung nicht auf, nur
mit dem Leben darf sie verlschen.
    Armer Knabe mit der schwarzen Haut und dem warmen Herzen, meine Hoffnung
ist erloschen!
    Traue dem Manne nicht, der vorhin Dich besucht, er ist Dein Feind, wie er
der Feind jener Dame ist; denn ich wei, da gerade sein Diener Dich gefangen
nahm und noch in diesem Augenblick in Gemeinschaft mit dem Manne bewacht, der
die Dame stahl. Auch das geschah in seinem Auftrage.
    Ich wei es; Graf Pisani selbst sagte es mir und gab mir den Beweis seiner
Rechte dazu.
    Er ist falsch, wie die Hlle der weien Mnner! Ich hrte ihre Unterredung,
aber ich hrte auch, wie der Raub vor vier Tagen in diesem Zimmer hier
verabredet wurde. Der Conte hat kein Recht auf die Dame; er befahl seinem
Werkzeuge ausdrcklich, mit Nichts zu verrathen, da er die Hand im Spiel habe,
und ich wei vom Dottore, meinem Gebieter, da er auch spter noch sorgfltig
bemht war, sich vor ihr zu verbergen und sie glauben zu machen, da sie die
Gefangene des Pascha's sei.
    Bei allen Heiligen, Knabe! rede die Wahrheit. Ich sah selbst, von ihrer
Hand geschrieben, die Erklrung, die sie zu seiner Braut macht.
    Dann hat der Bsewicht sie ihr abgezwungen, vielleicht unter dem Vorwande,
dieses Papiers zu ihrer Befreiung zu bedrfen.
    Der Capitain erinnerte sich, da das Blatt keinen Datum getragen, er
erinnerte sich der ihm damals unverstndlichen Worte und Besorgnisse der Grfin,
und so Vieles ging im Augenblick durch seine Seele, das ihm klar und deutlich
bewies, wie der Sarde ihn getuscht und da er es sein mute, welcher seine
Verhaftung veranlat hatte.
    Knabe - ich glaube, Du hast recht und ich bin ein Thor, da ich mich
tuschen lie. Zur Hlle mit dem Schurken! warum habe ich ihm nicht eine Kugel
durch den Kopf geschossen, als er mir hier gegenber stand, dann wre sie
wenigstens gerettet gewesen! Und gefangen, widerstandslos in seiner Hand und
einem schimpflichen Tode verfallen! Es ist entsetzlich!
    Hoffe, Signor, und bete zu Deinem Gott, der bald auch der meine sein wird,
denn tglich lehrt mein gtiger Gebieter mich ihn kennen. Auf den Knieen will
ich ihn anflehen, da er mir helfen soll, Dich zu erretten. Das Wie? wei ich
noch nicht, denn ich bin machtlos, aber Allah oder Gott wird mir helfen, Dich
und Deine Liebe zu retten.
    Knabe, Dein Glauben beschmt mich!
    Hast Du Etwas bei Dir, das Dir morgen schaden kann, so vertraue es mir an.
    Der Capitain holte aus dem Leibbund eine dort verborgene Brieftafel.
    Ich gebe sie Dir, obschon Du mir unbekannt. Es sind wichtige Papiere darin,
die Vieler Leben gefhrden knnten, wenn sie in unrechte Hnde fielen. Noch
wollte ich sie nicht vernichten. Bewahre sie wohl auf.
    Es gelang ihm, indem Nursah eine Schnur durch die Oeffnung lie, sie daran
zu binden.
    Bei dem Grabe meiner Eltern an den Quellen des Nil, schwre ich, sie treu
zu bewahren.
    Hier ist meine Waffe und noch ein Brief, so schwer es mir wird, mich jetzt
von ihm zu trennen, - aber es mu sein, denn wenn die Schurken Hand an mich
legen, wrde er eine theure Person compromittiren. - Hlle und Teufel! fuhr er
fast laut auf, indem er vergeblich nach dem Blatt der Grfin in der Tasche
seines Mantels suchte, er ist fort, - ich mu ihn verloren haben! Fahrlssiger
Thor, der ich bin!
    Ruhe - mige Dich, bat der Knabe, noch sind viele Mnner im Hause wach,
denn eben erst ist die siebente Stunde (Mitternacht) vorber, und ich mu fort
jetzt meinen Herrn zu sprechen. Du wirst das Verlorene wohl beim Tageslicht
wiederfinden. Lebe wohl, Signor, und vertraue auf den Gott Deiner Liebe.
    Der Capitain hrte einen leisen Tritt ber seinem Haupt, dann war Alles
still und er wieder allein.
    Er trank jetzt den Wein und nahm so gut es ging im Dunkeln einige Speise,
denn er hatte seit dem Morgen Nichts genossen. Dann warf er sich auf den Divan,
gegen die kalte Nachtluft in den rauhen Mantel gehllt und entschlossen, wachend
den Morgen zu erwarten, um keinen Ruf des schwarzen Schutzengels zu versumen,
an dem allein jetzt sein Hoffen hing. Denn das Leben war ihm wieder theuer,
seine Zweifel wurden Gewiheit, und ber der Nacht des Unheils und des Verraths,
ber dem Blutmeer der Schlachten und Gefahren strahlte gleich einem Stern wieder
der Glauben an ihre Liebe. Goldene Trume von knftigem Glck umgaukelten ihn
und unter ihren Schwingen umfing der heilende Schlaf die erschpfte Natur. - - -
    Das erste Tagesgrauen dmmerte durch die Gitter des Fensters, als die Stimme
des Knaben ihn weckte.
    Wache auf, Signor, es gilt Dein Leben.
    Der Capitain war mit jener, dem echten Soldaten eigenen Beherrschung der
Sinne im Augenblick munter. Dennoch galt sein erster Blick rund um im engen
Gemach dem verlorenen Brief der Geliebten. Dann erst eilte er leise zu der
Stelle, an der der Mohrenknabe ihn erwartete.
    Der Schlaf berwltigte mich, sagte er entschuldigend; sprich rasch,
bringst Du Gutes oder Schlimmes?
    Eine andere Stimme als die des Knaben antwortete ihm, die tiefe, ruhige
Stimme eines Mannes, die er noch nie gehrt.
    Verzeihen Sie, mein Herr, sprach dieselbe, aber es ist nthig, da ich
sogleich fr Nursah das Wort nehme, denn die Zeit drngt, und wir drfen die
Augenblicke, die uns vielleicht zu Ihrem Beistand noch gegnnt sind, nicht
versumen.
    Ich kenne Sie nicht, mein Herr!
    Es ist dies auch nicht nthig, entgegnete der Andere, ich bin ein
ehrlicher Mann wie Sie und bereit, einem solchen gegen die Intrigue und die
Bosheit beizustehen. Nursah, mein Diener, hat mich von Allem in Kenntni
gesetzt, und da Sie nur in Angelegenheiten einer Dame sich thrichter Weise in
das trkische Lager gewagt haben. Dennoch frchte ich, da Ihnen der Tod gewi
ist, denn die Befehle des Muschirs sind streng und ich glaube, da Graf Pisani,
dessen Gefangener Sie bis jetzt sind, Sie sicher den Trken ausliefern und so
sich von einem Nebenbuhler auf die leichteste Art befreien wird. Er mu seine
besondern Zwecke haben, da er dies nicht sogleich gethan, aber ich hrte, wie
er gestern Iskender-Bey sagte, er spare ihm fr heute Morgen eine besondere
Ueberraschung auf.
    Ich kenne mein Schicksal und werde ihm als Soldat begegnen. Nehmen Sie
meinen Dank, mein Herr, fr Ihre freundliche Theilnahme, wenn sie mir auch nicht
helfen kann.
    Der Arzt - Nursah's Gebieter - schwieg einige Augenblicke, dann fragte er
leise:
    Haben Sie Muth?
    Sie sprechen zu einem Soldaten, mein Herr.
    Miverstehen Sie mich nicht. Ich meine nicht den Muth der Schlacht, der im
Pulverdampf Gefahr und Tod khn in's Auge schaut, der nach der Blutarbeit des
Tages sich ruhig auf dem Schlachtfeld neben die Leichen von Freund und Feind
lagert. Ich meine einen hhern Muth, der dem Schrecken des Todes in anderer
furchtbarer Gestalt mit festem Herzen in's Angesicht blicken kann, - dem Tode in
seinem martervollsten Gewande.
    Ich verstehe Sie nicht!
    Ich mu zu Ende kommen, sagte der Arzt, es ist der einzige mgliche Weg
der Rettung, den ich ersonnen. Sie mssen in die Hlle eines trkischen
Typhus-Lazareths.
    Der tapfere Soldat schauderte unwillkrlich.
    Der Vorschlag ist schrecklich und gefhrlich, ich wei es, aber es ist der
einzige, den ich Ihnen machen kann und - Gott hlt seine Hand ber Jedem, im
Krachen der Geschtze, wie im Pestathem des Krankenhauses. Was die menschliche
Kunst thun kann, Sie gegen die Infection zu schtzen, soll geschehen, das Meiste
aber mu der Muth in Ihrer Brust thun, denn Sie mssen mindestens einen Tag und
eine Nacht in dieser schrecklichen Umgebung zubringe, und verlt Sie der Muth,
so ntzen alle Prservative der Medizin Nichts und die Krankheit erfat Sie.
    Uber wie wird man glauben, da ich krank bin?
    Das werden Sie sogleich erfahren, wenn Sie Ihren Entschlu gefat.
    Und glauben Sie, wenn ich mich der Gefahr unterwerfe, mich retten zu
knnen?
    So weit es in menschlicher Voraussicht steht, ja.
    Der Gedanke an Helene berwand den so natrlichen Schauder.
    Ich bin entschlossen; sagen Sie mir, was ich zu thun habe.
    Eine Schnur senkte sich durch die Oeffnung, ein Flschchen und ein Pckchen
hingen daran.
    In dieser Leinwand ist Wolle und dunkelrothe Schminke Sie werden damit sich
das Gesicht an einzelnen Stellen betupfen, namentlich Stirn und Schlfe, auch
die Gelenke der Hnde. Dann trinken Sie den Inhalt des Flschchens und frchten
Sie nicht die Folgen, wenn auch besondere abnorme Symptome eintreten werden.
    Doctor, - ehe ich Ihren Willen erflle, versprechen Sie mir Eines bei Ihrer
Ehre als Mann.
    Bei meiner Ehre!
    Geschehe mit mir auch, was da wolle, Sie werden die Grfin Laszlo von
meiner Rettung oder meinem Tode in Kenntni setzen.
    So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, wie Ihnen in dieser
schweren, - es wird geschehen.
    Dank. Jetzt, Herr, - jetzt liegt mein Schicksal in Ihren Hnden.
    Er nahm die Wolle und Farbe und erfllte das Gehei des Arztes. Dann ergriff
er das Flaschchen und whrend ihm aufgeregt das Herz schlug, betrachtete er den
Inhalt durch das Licht.
    O vertraue ihm, Signor, flsterte die Stimme des schwarzen Knaben, er ist
der beste der Menschen!
    Der Capitain setzte das Flacon an die Lippen und trank es aus. Ein leichter
Schauer rieselte durch seine Adern - einige Augenblicke wallte es wie Nebel vor
seinen Augen und seine Sinne verwirrten sich.
    Mir wird so eigentmlich!
    Es ist die Wirkung der Medizin, sagte der Arzt, der sorgfltig die
Gegenstnde wieder in die Hhe zog. Vertrauen, Herr, es ist das Einzige, was
Sie retten kann. Uebergeben Sie sich den Wirkungen des Laudanums unbesorgt, ich
werde ber Sie wachen.
    Der Offizier, von pltzlicher hinreiender Mattigkeit befangen, war auf den
Divan getaumelt, seine Glieder streckten, seine Augenlider schlossen sich.
    Leben Sie wohl!
    Nur unklar noch hrte er den Scheidegru, seine Sinne versagten den Dienst.
- - - - - - - - - - - - -
- - - -
    Es war noch frh am Morgen, als Oberst Pisani bei der im Selamlik gefangenen
Grfin eintrat. Der Eunuch hatte sie nach dem Lrmen eingeschlossen und ihr auf
keine ihrer Fragen Antwort gegeben, die ohnehin nicht verstanden wurden. In
tausend Aengsten und unter schweren Thrnen hatte sie die Nacht hingebracht, -
Marutza war nicht zurckgekehrt, - das Schieen und der wilde Lrmen der
Verfolgung hatten sie erschreckt und sie mute glauben, da Beide in die Hnde
der Trken gefallen, vielleicht ermordet seien.
    Es war daher eine Erleichterung fr ihr Herz, als sie die Schritte vor ihrer
Thr hrte und den Grafen eintreten sah. Bleich und abgespannt, mit fragenden
Blicken trat sie ihm entgegen; der Graf aber mit ernster schmerzlicher Miene
fate ihre Hand und fhrte sie schweigend zu dem Divan zurck.
    O, sprechen Sie, mein Freund, reden Sie, was ist geschehen?
    Der Oberst lchelte bitter.
    Sie nennen mich Ihren Freund, und im Augenblick, wo Grfin Helene mir die
Ehre erzeigt, sich meinem Schutz anzuvertrauen, hlt sie einen zweiten fr
nothwendig und knpft eine Intrigue an mit meinem Gegner, mit dem Rivalen, der
bestimmt scheint, mir berall in den Weg zu treten.
    Der Unglckliche - Sie wissen Alles?
    Ich wei es, Grfin, ich habe den Verkleideten erkannt, es ist der
russische Capitain, mein Feind von Wien her.
    Allmchtiger Gott - so ist er in den Hnden der Trken?
    Der russische Spion ist gestern Abend gefangen worden.
    Aber da Sie ihn kennen, wissen Sie, da er allein meinetwegen in diese
Gefahr sich gestrzt hat, da Besorgni um meine Person ihn hierhergetrieben,
da er mich warnen wollte vor der Gefahr, die mir in Krajowa droht durch die
Entdeckung meines Thuns, zu dem ich mich durch Sie verleiten lie.
    Ich wei von Nichts, sagte stolz der Oberst, ich wei nach meiner
Soldatenpflicht nur, da ein Mann, der verkleidet in dem feindlichen Lager
ergriffen ist, in der ganzen Welt als Spion behandelt werden wird, die Grnde,
die ihn zu dem kecken Unternehmen bewogen, seien, welche sie wollen. Wenn Grfin
Helene es fr gut findet, ein Opfer, das sie ihrer politischen Ueberzeugung
gebracht, ihrem treuesten Freunde jetzt als Schuld beizumessen, so habe ich
Nichts dagegen zu sagen. Ich kam, um Ihnen, Grfin, anzuzeigen, da Sie frei
sind, Ihre Befehle in Empfang zu nehmen fr Ihr Bleiben oder Gehen, und Ihnen
dies traurige Blatt zurckzugeben, mit dessen Hilfe allein es mir gelang, Ihre
Befreiung aus dieser unwrdigen Lage so rasch zu bewirken.
    Er legte das verhngnivolle Papier auf den Tisch und trat mit einer kalten
Verbeugung nach der Thr zurck. Die Dame strzte ihm nach und erfate
leidenschaftlich seinen Arm.
    Bleiben Sie, - ich mu Alles wissen. Was ist aus Marutza, meiner Dienerin,
geworden?
    Die Dirne mu mit den Helfershelfern des Gefangenen entwichen sein, den
offenbar noch andere Zwecke hierherfhrten, als die Besorgnisse eines
Liebhabers. Das Verschwinden des Mdchens beweist, wie gute Freunde und
Verbindungen der Russe hier hatte. Sie selbst, Grfin, haben ihn in's Verderben
gefhrt, indem Sie ihn in diese Mauern beriefen.
    Ein stolzer Blick antwortete der bittern Rede. Im nchsten Moment jedoch
schon siegte die Angst des Weibes.
    Ich beschwre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, was wird sein Schicksal
sein?
    Der Gefangene, sagte der Oberst langsam und sein Auge betrachtete lauernd
das Opfer, wird heute noch vor ein Kriegsgericht gestellt und - eine Stunde
darauf erschossen werden.
    Sie rang verzweifelnd die Hnde.
    Ich habe seinen Tod veranlat! Allmchtiger Gott! gieb mir das Mittel
seiner Rettung! Graf, ich beschwre Sie, bei Allem, was Ihnen heilig, bei Ihrer
Liebe zu mir, helfen Sie, retten Sie!
    Sie sank auf die Knie und streckte die Hnde flehend zu ihm empor. Er hob
sie auf und fhrte sie zu dem Divan zurck, auf den er sie niederlie.
    Was verlangen Sie von mir - es ist unmglich!
    Nein, es ist nicht unmglich, wenn Sie wollen, flehte die verzweifelnde
Frau. Ich wei, welche mchtige Verbindungen Sie berall besitzen, ich habe oft
genug die Beweise davon gesehen. O, retten Sie mir den Frieden meiner Seele,
retten Sie ihn!
    Um ihn einst glcklich in Ihren Armen zu sehen, sagte bitter der Graf, -
nein, Helene, dieses Opfer wre zu schwer. Er selbst hat sich in dies Verderben
gestrzt, ohne da ich das Geringste dazu gethan, ich lasse nur das Schicksal
seinen Weg gehen und es befreit mich von meinem gefhrlichsten Gegner. Ihn
selbst zu retten wre eine Thorheit.
    Graf, das ist unedelmthig gedacht!
    Ich verachte einen unntzen Edelmuth, wo es sich um Ihren Besitz handelt.
Thoren knnen alle ihre Hoffnungen und Wnsche zum Opfer bringen und selbst
vernichten, ein Mann von Verstand wird es nie thun. Ich mache mich nicht besser
als ich bin vor Ihnen, Grfin, aber den Feind ohne Zweck zu retten, ist ein
Frevel gegen sich selbst.
    Ja, das ist die Lehre des hohlen Egoismus, sagte finster die junge Frau, -
die unser Frevel gegen Alles, was wrdig und heilig war, in die Gemther
gepflanzt! - Ihre Hand hatte unwillkhrlich das Papier ergriffen, das der Graf
vorhin neben sie niedergelegt, und ihre Finger entfalteten es bewutlos, whrend
ihr starrer Blick darauf haftete.
    Pltzlich zuckte sie zusammen.
    Bei Ihrer Ehre und Seligkeit, Graf, so ist er verloren?
    Er ist es - nur auergewhnliche Mittel vermchten ihn zu retten.
    Und - glauben Sie - wenn ich Sie dazu bewege, - ihn retten zu knnen?
    Ich hoffe es.
    Sie war bla aber ruhig und gefat whrend der folgenden Worte, nur ihre
Hand zitterte leicht, als sie ihm das verhngnivolle Papier reichte.
    Nehmen Sie, ich bin bereit, den Inhalt zu erfllen, unter der Bedingung,
da Sie den Unglcklichen retten.
    
    Sie sah nicht den Blitz wilder Freude, der ber das Antlitz des Sardiniers
flog, ihre Augen waren starr auf das Papier geheftet.
    Dennoch nahm er es nicht - mit der Berechnung eines Schauspielers seine
Rolle verfolgend, wich er zurck und sagte leise:
    Grfin Helene wrde es spter bereuen, und ich mag sie nicht an die
Erfllung ihres Wortes erinnern.
    Ihre stolzen Augen blitzten ihn unwillig an.
    Was ich gesagt, werde ich halten. In dem Augenblick, wo Sie mir die
Nachricht seiner Rettung bringen, bin ich bereit, Ihre Gattin zu werden. - Ist
Ihnen dies genug?
    Er beugte sich auf ihre Hand und kte sie zrtlich.
    Ehe der Abend da ist, hoffe ich, den Priester zu Ihnen fhren zu drfen,
der diesen Tag zum glcklichsten meines Lebens macht. - Ich werde sofort das
Nthige anordnen, damit Sie wieder weibliche Bedienung erhalten, obschon ich es
fr das Beste glaube, da Sie vorerst hier noch verweilen, statt da ich Sie
etwa in das Haus des sterreichischen General-Consuls fhre. Ihr Aufenthalt hier
ist nur Wenigen bekannt geworden, und Sie werden auf diese Weise aller lstigen
Neugier der sterreichischen Behrden entgehen. Die Grfin Pisani wird Niemand
mit einer Frage belstigen.
    Ich berlasse Ihnen alle Bestimmungen, nur - eilen Sie! Ihre Stimme klang
gebrochen.
    Leben Sie wohl, Helene - meine Braut! Er drckte ihre kalte Hand an's Herz
und verlie das Gemach, in dessen Mitte sie gleich einer Statue der Resignation
stand, - die Augen ausdruckslos hinter ihm d'rein starrend.
    Dann zuckte ihre Hand nach dem Herzen und mit einem leisen Schrei sank sie
zu Boden. -
    Der Wudkoklak hatte den scharfen Zahn in sein Opfer geschlagen. -

    In der Lokanda Alexo's waren bereits zeitig viele Offiziere versammelt, um
dem Verhr und Kriegsgericht ber den Gefangenen beizuwohnen. Da er in Widdin
ergriffen worden, gehrte die Sache zur Entscheidung Sami-Pascha's, des
Gouverneurs; auf den Betrieb Pisani's jedoch, der die Sache mglichst aus der
Nhe der Grfin zu entfernen wnschte, hatte der Pascha, statt selbst die
Untersuchung zu fhren, nur einige Offiziere abgeordnet, um dem Kriegsgericht
beizuwohnen, und Iskender-Bey um dessen Abhaltung ersuchen lassen.
    Als Pisani die Lokanda betrat, lag zwischen seinen dunklen Brauen eine
tiefe, unheimliche Gedanken verkndende Falte. Es fiel ihm nicht ein, den
verhaten Nebenbuhler entwischen zu lassen, aber es galt List und Schlauheit,
der Grfin den Beweis zu bringen, da er sein Wort gehalten und der Gedanke, da
ihm dazu eine Verwechselung der Person beider Gefangenen helfen konnte, whrend
die Grfin nur an den russischen Offizier dachte, lag sehr nahe. Bei der rauhen
wilden Geradheit des ehemaligen Grafen Ilinski fhlte er brigens, da er
vorsichtig zu Werke gehen mute, um nicht des doppelten Erfolges verlustig zu
gehen.
    Das Kriegsgericht war bereits vorber, man macht in der Trkei nicht viel
Umstnde mit einem Menschenleben, - und Mungo, der bei seinem Leugnen geblieben
war, kauerte zwischen seinen Wchtern im Tschardak, zum zweiten Mal unter dem
traurigen Todesurtheil sich beugend, nur mit dem Unterschied, da ihm dies Mal
die Kugel statt des Stricks zuerkannt worden. Dafr sollte die Execution schon
in einer Stunde vollstreckt werden, und keinen helfenden Freund vermochten seine
sehnschtigen Blicke zu entdecken.
    Der sardinische Graf nahm den Polen, der den linken Arm noch in der Binde
trug, bei Seite.
    Ich habe Sie gestern bereits auf einen bessern Fang vorbereitet, Bey,
sagte er ihm, als Ihre Wachen an dem elenden Kerl dort gethan haben. Der
russische Offizier, auf dessen Fhrte ich Sie gestern brachte, und der sich als
Spion in die Festung eingeschlichen, ist durch einen glcklichen Zufall selbst
in meine Hnde gekommen, und mein Diener bewacht ihn. Ehe ich jedoch denselben
Ihnen berliefere, mchte ich Sie um einen anderen Dienst bitten.
    Sprechen Sie, Freund, sagte der Bey, dessen Augen bei Erwhnung des
gefangenen Russen funkelten.
    Der Bursche, den Sie eben verurtheilt haben, behauptet, wie ich hre, ein
walachischer Zigeuner und nur auf das bulgarische Ufer gekommen zu sein, um hier
Beschftigung und Unterhalt zu suchen. Der Kerl mag immerhin ein russischer
Spion sein, aber er ist jedenfalls sehr untergeordneter Natur und schwerlich den
Strick oder das Pulver werth, das an ihn verschwendet wird. Ich habe wichtige
Grnde, da er am Leben bleibt und bitte Sie, begnadigen Sie ihn und lassen Sie
ihn laufen.
    Zum Henker! was haben Sie mit dem Lump? Sie wissen, da nur der
Oberbefehlshaber oder der kommandirende General dies jetzt noch thun kann.
    Ich werde bei Sami-Pascha das Nthige besorgen. Geben Sie nur den Befehl,
die Execution zu verschieben.
    Das ist leicht, mir liegt an dem Halunken Nichts. Er rief Jacoub-Aga und
ertheilte ihm den Befehl.
    Und nun zu Ihrem Russen!
    In Beziehung auf diesen habe ich Ihnen gleichfalls Einiges zu sagen. Die
Offiziere sind noch versammelt und das Kriegsgericht wird daher keine
Weitluftigkeiten weiter veranlassen und kann im Augenblick stattfinden. Ich
wnsche jedoch, mein Zeugni davon ausschlieen zu drfen, das meines Dieners
wird gengen, und bitte Sie, die ganze Sache mglichst der Oeffentlichkeit zu
entziehen, da Grnde vorliegen, welche das zu frhe Bekanntwerden der
Gefangennahme und des Schicksals des Russen sehr nachtheilig machen.
    Der Bey schielte ihn von der Seite an; er kannte sehr wohl die geheimen
propagandistischen Verbindungen des Sarden, wenn er auch selbst nicht zu den
Eingeweihten gehrte, da seiner rauhen Soldatennatur das Intriguiren im Dunkeln
zuwider war.
    Meinetwegen. Ich sehe Nichts, was Ihren Wnschen entgegenstnde Aber wo ist
der Spion?
    In der Lokanda selbst, - ich lasse ihn in einer der hintern Kammern
bewachen.
    Vorwrts denn, ich will ihn sehen, und dann wollen wir ein kurzes Ende
machen. Meine Aga's, haltet Euch bereit zu einer zweiten Auflage unserer
Justiz!
    Er winkte Hidat und ein Paar Offizieren und folgte mit ihnen dem Sardinier,
der sie mit Alexo, dem Wirth zu dem Anbau des Hauses fhrte, in dessen Gemach
der unglckliche Offizier eimgeschlossen war.
    Sta Lucia und Apollony hielten noch immer hier Wache.
    Diavolo! fluchte der Bandit, es ist Noth, da Sie uns ablsen, Signor
Conte, die Zeit wurde uns verflucht lang. Der Bursche sprt, was ihn erwartet,
und hat in den letzten Stunden gesthnt, als fhlte er bereits den Strick um den
Hals. Jetzt erst ist er ruhig geworden.
    Der Gesellschaft der Offiziere hatte sich wie zufllig Doctor Welland
angeschlossen. Als der Graf den Bericht seines Dieners hrte, empfand er eine
jhe Freude, indem der Gedanke in ihm aufblitzte, Capitain Meyendorf knnte
selbst seinem Leben ein Ende gemacht haben, um der Verurtheilung als Spion zu
entgehen.
    Oeffne die Thr! gebot er.
    Sta Lucia schob die Riegel fort und stie die Thr auf; der Bey, Pisani und
einige Offiziere mit den beiden Wchtern traten ein. -
    Ein unerwarteter schrecklicher Anblick bot sich ihren Augen.
    Auf dem Divan lang ausgestreckt lag der Gefangene, die Hnde krampfhaft
geballt, die Augen starr weit aus den Hhlen hervorgetreten, von blauen Rndern
umgeben, sonst das Gesicht todtenbleich mit einzelnen rothen Flecken auf Stirn
und Wangen. Leichte krampfhafte Zuckungen erschtterten zuweilen die ganze
Gestalt.
    Przeklecie! rief der Bey, hier kommen wir zu spt, der Bursche hat die
Pest oder den Typhus!
    Er blieb schaudernd an der Thr stehen.
    Durch die erschrockene Gruppe drngte sich der Arzt und trat zu dem Kranken,
dessen Puls er alsbald ergriff.
    So hat der Tod seine Beute und erspart Ihnen eine Mhe, sagte der
Sardinier hmisch, indem er die traurige Gestalt seines Opfers aus der Ferne
betrachtete. - Lassen Sie den Leichnam verscharren, ehe er durch Ansteckung
noch Unheil schafft.
    Nein, sagte fest der Bey und trat trotz des Schauders in seiner Brust
einen Schritt nher, ich bin zwar jetzt ein Moslem, aber Niemand soll sagen,
da Ilinski die Christenpflicht gegen einen wackern Feind vernachlssigt. Ich
erkenne ihn wieder trotz der Verkleidung und Entstellung an der Wunde auf der
Wange, die meine eigene Sbelspitze ihm schlug: es ist der tapfere Offizier, der
im Gemetzel des Hohlwegs von Czetate mir Stand hielt, und vielleicht mein Leben
rettete. Doctor, - wie steht's mit dem Mann?
    Ich frchte, er ist ein Kandidat des Todes, das Faulfieber ist bei ihm
ausgebrochen.
    Dennoch soll er nicht sterben wie ein Hund, ohne da ein Versuch zu seiner
Rettung gemacht worden, obschon es das Beste fr ihn wre, statt des Schimpfes,
als Spion zu enden. Sorgen Sie nach Krften fr ihn.
    Dann mu ich ihn in's Lazareth bringen lassen, hier kann er nicht bleiben
ohne Gefahr, Ansteckung zu verbreiten.
    Thun Sie das, Doctor, - ich werde sogleich Befehl geben, da Trger bereit
seien.
    Der tapfere Bey blickte noch ein Mal mitleidig und schauernd auf den Kranken
und verlie das Gemach; Alle folgten ihm eilig, bis auf den Arzt, der - die Hand
des Gefhrdeten in der seinen, - einen dankbaren Blick zum Himmel warf. - - - -
    Stunden waren vergangen, wiederum war der Abend gekommen. -
    In seinen Mantel gehllt, schritt Doctor Welland durch die schmuzigen Gassen
der Stadt hinauf zur Festung. Ein Billet Oberst Pisani's hatte ihn dringend
ersucht, um diese Stunde sich einzufinden - die Ursach war ihm noch unbekannt.
Nur kurze Zeit war er whrend des Tages in seiner Wohnung, in der Lokanda,
gewesen, um Nursah einige Auftrge zu geben; die brige hatte er in dem Lazareth
zugebracht.
    Pisani war anfangs in Zweifel gewesen, ob er die pltzliche Erkrankung
seines Nebenbuhlers fr einen glcklichen Zufall halten sollte, der ihm eine
schlimmere That ersparte; die Meinung des Arztes jedoch, da der russische
Offizier in der hchsten Gefahr schwebe und die Kenntni vom Zustande der
trkischen Heilanstalten lie keinen Zweifel darber aufkommen, da der Tod ihn
von dem Gegner befreien werde, und so richtete er sein Augenmerk allein auf die
Tuschung der Grfin.
    Gleich nach der Fortschaffung des Kanken hatte er sich zurck in's Selamlik
begeben und dort leicht von Sami-Pascha, mit dem er in sehr genauem Verkehr
stand, die Begnadigung des vom Kriegsgericht als Spion Verurtheilten erlangt.
Die Ordre dazu wurde auf seinen Wunsch in trkischer und franzsischer Sprache
niedergeschrieben, und da die Person darin im Allgemeinen nur als der des
Spionirens angeklagte Gefangene bezeichnet worden, war es ihm leicht, sie zu
seinen Zwecken zu benutzen.
    Mit dem Papier in der Hand betrat er das Gemach der Grfin, in dem dieselbe
am Morgen von den zu ihrem Dienst befohlenen trkischen Frauen am Boden gefunden
und mit Essenzen wieder zum Bewutsein gebracht worden war. Stillschweigend
legte er es vor ihr nieder, und als ihre Hand hastig danach griff, ihr Auge den
Inhalt berflog und ein leiser Schimmer von Roth wieder die blasse Wange frbte,
verrieth Nichts in seinem Gesicht die Gefhle von stolzem Frohlocken und bitterm
Groll, die in seiner Brust tobten.
    Sie haben Ihr Wort gelst - vollenden Sie Ihr Werk und geben Sie dem
Unglcklichen die Freiheit wieder. Er mge fern sein, ehe ich - das meine halte.
Ich bin bereit dazu - nur gnnen Sie mir Zeit bis zum Abend und - lassen Sie uns
dann sogleich diesen Ort verlassen.
    Er versprach mit kurzen Worten, ihre Wnsche zu erfllen, und schlug ihr
vor, da sie sich nach der Trauung sofort nach Belgrad auf den Weg machen und
dann auf ihre Gter am Maros begeben wollten, um dort die Verhltnisse zu
ordnen, indem er eines Urlaubs weiter nicht bedrfe. Sie willigte in Alles und
fgte nur die Bitte hinzu, den deutschen Arzt ihr mitzubringen, dessen offenes
redliches Gesicht ihr Vertrauen eingeflt zu haben schien. Der Oberst
versprach, da er einer der Zeugen sein solle. Dann entfernte er sich und
berbrachte die Begnadigung Sami-Pascha's dem Bey, der - kurz gebunden in seinen
Beschlssen, - dem Zigeuner eine gengende Tracht Schlge mit den
Steigbgelriemen aufzhlen und ihn dann durch zwei Soldaten aus der Stadt
transportiren lie mit dem Bedeuten, da, wenn er sich je wieder darin blicken
lasse, ihm Kugel oder Strick gewi sei.
    Nursah - der schwarze Knabe - folgte von fern dem kleinen Zuge. - -
    Der Wind vom Flusse her strich eisig durch die winkligen Straen und ber
die Wlle und Mauern her, als Welland das Konak des Pascha's betrat. Der groe
Hof war durch Fackeln erhellt, eine Anzahl von Soldaten und Dienern des
Gouverneurs auf den Beinen, und der Arzt bemerkte nicht ohne eine heimliche
Freude, eine bespannte Araba, mglichst bequem mit einem Deckschirm eingerichtet
und in ihrer Nhe eine Eskorte von zehn trkischen Kosaken unter einem On-Baschi
haltend, denn er hoffte nicht mit Unrecht, da das Fuhrwerk die ungarische Dame
aus Widdin fhren solle. Noch ahnte er nicht, in wessen Begleitung.
    Es war dem Golde und den Bemhungen des Obersten gelungen, einen bosnischen
Franziskaner-Geistlichen, der sich in Widdin aufhielt, aufzutreiben und diesen
durch ein reichliches Geschenk zu vermgen, die Trauung zu vollziehen; denn er
kannte den Werth des Augenblicks und der gnstigen Gelegenheit zu gut, um sich
durch irgend eine Schwierigkeit zu einem Aufschub bewegen zu lassen.
    Der Doctor wurde auf die Frage nach dem Grafen in das Gebude zur Seite
gewiesen, vor dessen Tschardak die Araba hielt. Als ihn Sta Lucia, - der hier
Wache zu halten schien, - erblickte, eilte er in's Haus und der Oberst kam ihm
alsbald entgegen und fhrte ihn in ein Seitengemach.
    Welche Nachricht, Doctor, bringen Sie von dem Kranken?
    Er ist in diesem Augenblick vielleicht schon verschieden.
    Sie haben mir gestern zwar eine Bitte ziemlich rauh abgeschlagen, ich hoffe
aber, da Sie eine andere aus Rcksicht auf die Nerven einer Dame erfllen
werden. Wenn die Grfin sich nach dem Gefangenen erkundigt, so verschweigen Sie
ihr, in welcher Lage er sich befindet und sagen ihr vielmehr, da er gerettet
sei.
    Ich werde Ihren Wunsch erfllen.
    Haben Sie irgend ein flchtiges Salz, eine Essenz zur Strkung der
Lebensgeister bei sich - die Grfin ist nicht wohl und bedarf Ihres Beistands?
    Der Arzt bejahte.
    Wohl, so bitte ich Sie, mir zu folgen. Doch erinnern Sie sich, da Sie -
wenigstens im Schweigen mir Gehorsam schuldig sind.
    Er fhrte ihn in ein greres Gemach, in dem bereits mehrere Personen
versammelt waren, Iskender-Bey mit seinen beiden Adjutanten und der Kolassi
Wersbitzki, der Kommandant der trkischen Kosaken mit einem seiner Offiziere.
Alle grten ihn freundlich und der Bey erkundigte sich sogleich nach dem
russischen Capitain.
    Der Doctor wiederholte die Worte, die er dem Grafen gesagt.
    Es blieben ihnen nur wenige Augenblicke der Unterhaltung, - dann fhrte der
Oberst, der sich durch eine zweite Thr entfernt hatte, an seiner Hand die
Grfin Helene in das Gemach. Hinter ihnen d'rein kam der Franziskaner; - erst
jetzt bemerkte der Doctor, da in einer Ecke des Zimmers ein weibehangener
Tisch mit Lichtern und einem Krucifix aufgestellt war.
    Die schreckliche Ahnung der Wahrheit berkam ihn.
    Mit fester klarer Stimme nannte der Oberst den Namen der Dame und stellte
ihr die anwesenden Mnner vor, welche sie - die trkischen Manieren abstreifend
- mit aller Courtoisie ihrer Nationalitt begrten und die peinliche Pause der
Vorbereitungen mit einer leichten Unterhaltung zu fllen suchten.
    Helene Laszlo war bleich und ruhig, nur der aufmerksamste Beobachter htte
bemerken knnen, da in dem unruhigen Heben ihres Busens, in dem Zucken der
blassen Lippe der Schmerz kmpfte. Ein feiner trkischer Schleier von dem
Scheitel ausgehend und die zierliche Gestalt fast bis zu den Fen in leichter
Wolke umflieend, war das Einzige, was sie schmckte.
    Pltzlich schien sie einen Entschlu zu fassen - und den Gegenstand der
Conversation abbrechend, wandte sie sich an den Bey und sagte rasch:
    Sie haben heute Morgen ein trauriges Geschft gehabt, Herr, eine
Verurtheilung - ich hre, der Gefangene ist jedoch begnadigt? Ihre Stimme
zitterte bei der Frage.
    Begnadigt und frei, - ein hherer Wille machte, da er seiner Strafe
entging!
    Auf Ihr Ehrenwort also - er ist frei?
    Gewi - wahrscheinlich schon lngst ber die Donau. Aber was interessirt
Sie der russische Spion, Grfin -
    Der Oberst unterbrach ihn, besorgt, da ein Wort zu viel gesagt werden
knne.
    Die Grfin hrte davon und ersuchte mich aus Mitleid um meine Verwendung. -
Doch es ist Zeit - wollen Sie Ihren Zeugen whlen, Helene?
    Die Renegaten traten unwillkhrlich einen Schritt zurck, die Heiligkeit des
verlassenen Glaubens berkam sie, - nur der Major der Kosaken mit seinem
Adjutant und der Arzt waren Christen unter der Gesellschaft.
    Zu dem Letzteren trat die Grfin und bot ihm die Hand. Er stand etwas
entfernt von der Gruppe der Offiziere und hatte die schne Frau mit groer
Aufregung betrachtet, offenbar ungewi, was er beginnen sollte.
    Wollen Sie mir Ihren Beistand leihen, mein Herr, auf diesem - schweren
Gange?
    Um Gotteswillen, Grfin, haben Sie meinen Brief durch meinen schwarzen
Diener nicht erhalten?
    Ich habe Nichts erhalten, mein Herr! - Oder tuscht man mich, ihre Augen
belebten sich, - ist er nicht gerettet, - ist er gemordet?
    Er ist gerettet, Grfin, auf das Wort eines ehrlichen Mannes, aber .....
    Das ist genug, unterbrach sie ihn bitter, - weder Sie noch ich ndern
mein Schicksal, das ich freiwillig gewhlt, - so kommen Sie denn!
    Sie reichte fest und entschlossen dem mitrauisch herantretenden Obersten
den Arm. Im Vorbergehen traf sein dmonisches Auge finster und drohend den
Arzt, der schon den Fu erhoben, die Lippe geffnet hatte, um sie nochmals zu
warnen. Er fhlte, da er hier kein Recht mehr habe, da jedes Wort ihn selbst
und den Mann, der sich ihm anvertraut, verderben konnte.
    Ein bitterer theilnehmender Schmerz whlte in seinem redlichen Herzen,
whrend er die Stimme des Mnchs die Gebete der katholischen Kirche murmeln
hrte. -
    Der Wudkoklak hatte sein Opfer! -

    Ich fhre den Leser in die Hlle auf Erden, an einen so grausigen, so
schauerlichen Ort, da Dante's berhmte Inschrift: Voi ch'entrate, lasciate
ogni speranza! allein ihn wrdig bezeichnen kann, - in ein trkisches
Militairlazareth.
    Es ist Wahrheit - es sind schauerliche Thatsachen, die ich schildere - kein
Gebild einer dmonischen Phanthasie; denn die Wirklichkeit des Lebens ist
schwrzer, furchtbarer, denn alles Reich der Trume!
- - - -
    In einem scheunenartigen Gebude, das frher zu einem Kavalleriestall
gedient, war das Lazareth fr die Truppen von Widdin und Kalafat aufgeschlagen.
Das Gebude bestand aus einem nach der Donau zu offenen Quadrat in der Nhe des
Thores von Negotin. Erst dem energischen Einschreiten des deutschen Arztes war
es gelungen, diese Rume einigermaen zu sichten und in zwei Abtheilungen zu
sondern. Die eine war jetzt fr die Verwundeten - die andere grere fr die
Kranken bestimmt. Ich wiederhole, es ist Thatsache, da in den sechs Monaten der
Besetzung von Kalafat Zehntausend Mann hier am Typhus und anderen schrecklichen
Krankheiten starben!
    Wir haben es mit diesem Theil des Lazareths zu thun - der Faden unserer
Geschichte wird uns leider noch oft genug in jene Hhlen des Schmerzes fhren,
wo Blut die Losung ist, und Messer und Sge ihre schreckliche Melodie knirschen.
-
    Ein Binsendach deckte den wohl hundert Schritt langen Raum, von nackten
Balken getragen, die sich auf die leeren Wnde sttzten. Hin und wieder hingen
an diesen noch die Krippen und Raufen der Pferde.
    Es war kalt - schauerlich kalt in der Januarsnacht in diesem den Raum!
Rechts und links in zwei langen Reihen befanden sich lange Strohlager, mit
Decken und Mnteln berdeckt - hin und wieder einzelne Kissen.
    Aber das Stroh war faul - modrig, - stinkend, es wurde in Wochen kaum
erneuert, und durch Decke und Wnde pfiff der Wind, brach Regen und Schnee
herein. Die Feuchtigkeit rieselte in der Mitte zusammen und bildete modrige
Tmpel.
    Drauen unter dem Sternendach des Winterhimmels lag eine frische
durchsichtig dunkle Luft ber der Erde - im Innern dieser Hhle des Jammers aber
lagerte eine dumpfe schwle Athmosphre, der giftgeschwngerte Dunst des Todes
und der Ansteckung, ein gelbgrauer Nebel, den die zahlreichen Lampen, die im
Innern des Gebudes brannten, nur matt zu erhellen vermochten.
    Man hatte im Anfang den Versuch gemacht, die Einrichtung der europischen
Lazarethe nachzuahmen und ber den Kranken schwarze Tafeln anzubringen, welche
das Stadium der Krankheit und die angewendeten Heilmittel notificiren sollten -
es war jedoch bei dem Versuch geblieben; denn die tglich wachsende Anzahl der
Kranken und die Fahrlssigkeit und Ignoranz der trkischen Aerzte hatte der
Anordnung gespottet.
    Auf diesem Stroh in langer Reihe neben einander lagen in diesem Augenblick
dicht zusammengedrngt an vier- bis fnfhundert Menschen in jedem Stadium der
krperlichen Auflsung. Das Lazareth lieferte durchschnittlich 40 bis 50 Todte.
    Der Schmerz in jedem Ton - vom leisen Wimmern bis zum gellenden Aufschrei
des Unertrglichen; - das Leiden von der Apathie bis zur gotteslsterlichen
Verzweiflung; - das Sterben von dem stillen Hinschwinden aller Krfte bis zum
wthenden Kampf der Muskeln und Nerven gegen den Allesverschlinger, - Alles war
vereint in dieser feuchten, pestschwangern Athmosphre.
    Grtentheils in ihren Kleidern - Lumpen, die vom Leibe faulten, von
Ungeziefer wimmelten, - lagen die Kranken; glcklich, wer eine Decke gewann, in
die er sich hllen konnte gegen den Frost. Vom Leibe des Sterbenden ri sie die
Hand des Nebenmannes, - dem tapfern Kameraden, der vielleicht noch vor wenigen
Tagen in der blutigen Schlacht den toddrohenden Hieb aufgefangen, gnnte der
Gerettete jetzt nicht die - letzte Bequemlichkeit des Sterbens!!
    Da lagen sie mit den hohlen Gesichtern, den dunklen Ringen um die starrenden
Augen, und die gruliche Krankheit frbte alle Nancen der Vlkerfarben - Braun
und Gelb, Wei und Schwarz - mit dem furchtbaren Aschgrau.
    Wo die Flgel des Gebudes, die beiden langen Gnge voll Leiden und
Verwesung zusammenstieen, standen nach jeder Seite hin fnfzig eiserne
Feldbettstellen mit Matratze und Decke. Die trkische Verwaltung mute doch
Etwas thun, und diese hundert Lagersttten waren fr das Lazareth einer Armee
von 40,000 Mann bestimmt, einer Armee, die tglich 500 Kranke hatte auer den
Verwundeten. Was nutzten aber den Gnstlingen der Aerzte, den On-Baschi's und
Mulassim's, die darauf Anspruch hatten, diese Lagersttten bei dem Schmuz und
der Unreinlichkeit des trkischen Wesens? Zwischen die Leinentcher, auf die
feuchte, modernde Matratze, auf der eben der Eine in ekler Krankheit gestorben
war, mute eilig der Zweite gelegt werden, - der Tod hatte keine Zeit fr Wsche
und Reinigung.
    Der Typhus ist eine schreckliche, die Sfte des Lebens zersetzende
Krankheit, aber auf die Seele wirkt er gleich dem Traum der Fata Morgana und das
Delirium fhrt die Phantasie in die unermessenen Rume. Visionen, Wahrsagungen,
erotische Bilder, somnamble Krfte und Erscheinungen wechseln bunt in der Gluth
des Fiebers oder der Abspannung der Nerven.
    Ueber alle diese schrecklichen Erscheinungen siegte jene furchtbare
Resignation des Leidens und des Todes, die der chte Moslem besitzt, denn seine
Religion ist von Jugend auf: Es war mein Kismet! und ruhig - wenn die
Fiebergluth gewichen und die unfreiwillige Exaltation erschpft hat - streckt er
sich zum Sterben. Selbst in dieser Exaltation, in diesen rasenden Phantasieen
schwebt ihm dieser Glaube vor.
    Welcher furchtbare Unterschied in diesem apathischen Hingeben mit dem
verzweifelnden Ringen des Renegaten an seiner Seite, - des Kranken, der Glaube
und Vaterland verlassen, der keinen Trost mehr hat, als die schreckliche
Hoffnung auf das ewige Nichts. - -
    Was sollten unter diesen fnfhundert Kranken hchstens zwei wirklich
wissenschaftlich gebildete Aerzte, von denen noch dazu der eine als Oberarzt die
Station der Verwundeten zu beaufsichtigen hatte? Die Anstrengungen, die Doctor
Welland gemacht hatte, um einige Ordnung in dies Chaos von Leiden und Schmuz zu
bringen, waren riesenhaft, aber sie erlahmten an der gnzlichen Unfhigkeit
seiner europischen Gehilfen und der Gleichgltigkeit und dem Egoismus der
trkischen. Wir haben bereits erwhnt, da die Unterrzte und Apotheker im
glcklichsten Fall aus verlaufenen Barbiergesellen bestanden, da das aber eben
nur Ausnahmen waren und grtentheils Leute aus den verschiedensten Stnden,
ohne alle und jede Kenntni zu Aerzten und Wundrzten geworden waren, blo weil
sie die Eigenschaft eines Franken besaen und der Trke glaubt, jeder Franke sei
ein Hekim-Baschi.
    Dennoch richtete selbst ihre Unwissenheit - und sie starben hin wie die
Fliegen in diesem traurigen Beruf - weniger Unheil an, als die Nichtswrdigkeit
und die Betrgerei der trkischen Lieferanten - zum groen Theil Griechen. Die
Feldapotheken waren auf das Jmmerlichste versorgt. Bis auf einige Brechmittel,
Chinin und Calomel war fast Nichts darin zu haben. Zum Glck war Chinin und
Calomel grade die Arznei, die am besten gegen den Typhus, selbst in der
unkundigen Hand, wirkt; aber das Chinin war pulverisirte Eichenrinde und das
Calomel mit Kreide und Kalk vermischt.
    Ueber die Lieferung der Lebensmittel haben wir bereits gesprochen.
    Man mu es dem Muschir zum Ruhme nachsagen, da er in der Organisation der
Armee, ihrer Bewaffnung und Einbung, Riesenhaftes leistete, aber an der
Verpflegung und namentlich an dem Medizinalwesen, von dem er gar Nichts verstand
und das berhaupt in der trkischen Armee wenig beachtet wird, - was kmmert
sich ein trkischer Heerfhrer um einige tausend Menschenleben! - scheiterte
selbst seine Energie. Von Zeit zu Zeit griff er zwar mit energischer Hand ein,
einige Lieferanten wurden erschossen, andere erhielten fnfzig oder hundert
Stockprgel, aber das Alles nderte Nichts in dem durch und durch corrumpirten
System.
    Weil die Executionen vor der Front der Truppen vollzogen wurden, glaubte der
Soldat an eine rchende Hand ber seinen Peinigern, und stellte in wahrhaft
heroischer Geduld in Ertragung der Leiden das Weitere dem Kismet und dem Muschir
anheim. Wre nicht der Scherz hier ein zu schneidender Hohn, man mchte sich an
die Antwort des berliner Gassenjungen mit den erfrorenen Hnden erinnern: Des
is meinem Vater schon janz recht, warum koft er mir keene Handschken nich!
    - - -
    Die dunklen Gestalten der sogenannten Wrter, - meist Mohren, - huschten
durch das Lazareth. Ihre Ohren waren taub gegen das Flehen des Einzelnen um
einen Trunk Wasser, um irgend eine Erleichterung seines hilflosen Zustandes. Von
Strecke zu Strecke stand ein Btte mit trbem Donauwasser, - die Moslems krochen
still dahin und tranken, wer nicht mehr die Kraft hatte, verdurstete. Aber die
dunklen Wrter waren nicht ohne Beschftigung. Der Tag hatte aufgerumt unter
den Kranken und die Leichen muten entfernt werden, um den neuen Ankmmlingen am
Morgen Platz zu machen. Die Umstnde mit den Todten waren gering. Ein eiserner
Haken in den Bund oder das Gewand - wenn nicht in's Fleisch - geschlagen, ein
Strick daran oder um die Fe gebunden, so wurden sie durch den langen Gang der
Mitte bis zum Ende des Gebudes geschleift, wo ein groer Verschlag zur Aufnahme
der Leichen bestimmt war, bis am andern Morgen die Todtengrber der Armee auf
ihren Karren sie holten und in die weiten Gruben auf dem offenen Felde warfen,
die zu diesem Ende von den bulgarischen Bauern gegraben werden muten.
    Um sie her irrte des Nachts der Schakal, den der Schnee, die Klte und die
Witterung aus den Gebirgen herab in die Ebene fhrte, und sein klagendes Geheul
war das einzige Todtenlied der Begrabenen! -
    Zwei Mnner, ein lterer Moslem und ein blutjunger, kaum achtzehnjhriger
Franke schritten im Gesprch durch die Aristokratie dieses Jammers, die
Abtheilung der Feldbetten. Beide waren in lange talarartige Wachstuchmntel
gehllt und trugen einen Schwamm mit Essig getrnkt in der Hand. Aber ein
besseres, beliebteres Hilfsmittel, die Rum- oder Rakihflasche lugte aus den
Taschen ihrer Srtouts, und der schwankende Gang, das gerthete Antlitz des
Jngeren, wie der starre Blick des Anderen verkndeten, wie hufigen Gebrauch
sie bereits davon gemacht.
    Bei dem vorletzten Bett in der Reihe nach dem allgemeinen Lager hin blieben
sie stehen, - es war durch die Vorsorge des Oberarztes in einem etwas besseren
Zustand als seine Nachbarn. Neue reine Linnen waren ber eine frische
Strohunterlage gebreitet, eine zottige siebenbrgener Decke schtzte den Kranken
gegen die Klte.
    Dieser Kranke war der russische Capitain, Baron von Meyendorf.
    Bald nach seinem Transport in das Lazareth war der Offizier von dem Arzt
durch die Anwendung narkotischer Mittel aus dem krampfhaften Zustand erweckt
worden. Als er zur Besinnung kam, betubt und angegriffen, war der deutsche Arzt
an seinem Lager mit den beiden Mnnern, seinen Gehilfen, die eben jetzt wieder
dem Bett sich nahten. Ein rasches Zeichen der Verstndigung hatte dem Offizier
Schweigen empfohlen, und er hrte mit an, wie der Doctor jenen seine Krankheit
als eines der furchtbaren Faulfieber beschrieb, die namentlich in den russischen
Lazarethen zu wthen pflegten.
    Hier lag nun der Offizier den ganzen Tag, so viel als seine Thtigkeit es
erlaubte von dem Arzte untersttzt, der unter der Form von Medizin ihm hufig
starken Wein zur Erfrischung brachte. Alles Elend der Welt schien sich um ihn
concentrirt zu haben, und wie der Aufenthalt unter den Wahnsinnigen selbst den
gesundesten Geist an sich selbst irre macht, so weckten die wilden
Fieberphantasieen der Kranken und Sterbenden um ihn her zuletzt seine eigene zu
wirren ausschweifenden Bildern, denen er sich mit Aufbietung aller Seelenkrfte
kaum zu entreien vermochte.
    Noch schrecklicher, gespensterhafter wurden diese Umgebung, als der Abend
nahte. Der Doctor hatte ihm angekndigt, da er ihn verlassen msse, um Alles zu
seiner Flucht vorzubereiten, und da er zu einer bestimmten Stunde ein neues ihn
nach und nach betubendes Mittel erhalten solle, das ihn in jenen Zustand
versetzen wrde, den er zur Ausfhrung seines Planes nthig hatte.
    Jetzt war die Stunde gekommen, und die Gehilfen des Doctors, die whrend
seiner Abwesenheit die Aufsicht und Wache hatten, nahten in ihrem an und fr
sich schon schauerlichen Aufzuge, gegen den die Aerzte im Vorgemach des
Lazareths ihre Oberkleidung vertauschten, seinem Lager.
    Es sind ihrer heute nur achtundvierzig gestorben, Brderchen, sagte der
junge Gehilfe mit schwerer Zunge, indem er sich auf den Moslem sttzte. Schade,
da das halbe Hundert nicht voll ist. Aber ich rechne darauf ehe der Doctor
kommt. Schau den da an, - was nutzt ihm die Medizin, die wir ihm noch geben
sollen? - morgen frh tanzt er doch mit Deinen Houri's im Paradiese.
    Was fr Koth sprichst Du da, Freund, erwiderte der Trke. Die Glubigen
sind nicht da um zu tanzen, das berlassen sie den tollen Christen und den
Alme's. Die Glubigen sitzen auf weichen Kissen und lassen sich von zehntausend
der schnsten Houri's bedienen und schlrfen den goldenen Wein von Cypern.
    Das mu hllenmig schn sein! Als ich noch Schneider und Bartkratzer in
Livorno war, htte ich mir's im Leben nicht trumen lassen.
    Unsere berhmtesten Wessire waren in ihrer Jugend Barbiere, entgegnete
andchtig der Trke. Mashallah! was willst Du noch mehr? Ich Habe gesprochen.
    Und diavolo, ich durste ganz verzweifelt in dieser abscheulichen Luft.
Banabak, Freund Ali, gieb mir Deine Flasche her, die meine ist leer. Du hast sie
mir ausgetrunken.
    Eh Gusum, Du thatest es selber!
    Das ist eine Lge! Du hast's gethan!
    Du bist kein Esel, Freund, besinne Dich!
    Hre, Ali, - ich bin Dein Vorgesetzter, gieb die Flasche!
    Ein wilder, verzweifelnder Schrei furchtbaren Schmerzes gellte zwischen den
eklen Zank, - ein junger Soldat vom Corps der trkischen Kosaken, der zwei
Betten von dem Capitain entfernt lag, hatte ihn ausgestoen.
    Wasser - bei der Barmherzigkeit Gottes - Wasser!
    Der ehemalige Barbierbursche stie trunken seinen Gefhrten an.
    Ich kenne das, - erst haben sie Durst, dann kommt das Delirium und dann
holt sie der Teufel. Es ist was Trbseliges, solchen Durst zu haben. Nummer
neunundvierzig!
    Er dachte nicht daran, dem Flehenden die Labung zu reichen.
    Gott will es.
    Der Jammerruf des Soldaten wiederholte sich und verstummte dann in ein
sthnendes, wimmerndes Gurgeln.
    Es ist Zeit, da wir dem Burschen da die Medizin geben, sonst schilt uns
Signor Wellando und sieht uns auf die Finger wegen des verbotenen Rums.
    Ich spucke auf seinen Bart.
    Den Teufel thue ich! - er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich's
gefallen lassen wrde. Gieb mir die schwarze Medizin da her, Ali. Ich mchte nur
wissen, weshalb unser College so viel Umstnde mit dem Lumpenkerl hier macht.
    Du irrst Dich, Effendi, - er soll die Weie haben.
    Manigoldo!7 willst Du ihn mit Gewalt umbringen? Die Weie ist Gift.
    Ne apalum! was kann ich thun? Die Schwarze enthlt das Gift.
    Wirst Du schweigen, babuasso!8 ich sage Dir, die Weie ist's.
    Gott ist gro. Wenn es sein Kerim ist, da sie ihm nicht schaden soll, wird
sie ihm nicht schaden.
    Der Barbier go schwankend die dunkle Flssigkeit in ein Glschen, als einer
der Mohren ihn anstie, der eben mit seinem Gehilfen eine Leiche an ihm vorber
schleppte.
    Marzocco!9 Du hast mich die ganze Medizin verschtten lassen!
    Er schlug ihn mit der Flasche in's Gesicht, da der Schwarze heulend den
Todten fallen lie und die Leiche in dem Gange liegen blieb.
    Delhi der! Nimm die weie Medizin jetzt, o Hekim-Baschi.
    Es wird sich gleich bleiben, sagte der Trunkene. Sterben mu er doch.
    Damit nthigte er dem Capitain die Medizin ein. Zum Glck hatte dieser die
Instruction des Arztes mit angehrt und wute, da es die richtige war.
    Die Trunkenbolde zogen weiter; die Leiche blieb liegen dicht neben dem Lager
des Offiziers, und die groen verglasten Augen schienen ihn in dem Halbdunkel
gespensterhaft anzustarren.
    Erst berkam ihn nach der Medizin ein eigenthmliches Gefhl des
Wohlbehagens, - eine gewisse Ruhe und Apathie legte sich auf seine erregten
Nerven. Nach und nach ging dies Gefhl in eine leichte, jedoch nicht unangenehme
Klte ber. Ihm war wie einem im Schnee Erfrierenden, dessen Glieder langsam und
unmerklich absterben. Dabei aber bleiben einzelne Sinne thtig, ja schrfen ihre
Functionen.
    Sein Gehr vernahm selbst die flsternden Laute der Leidenden in groer
Entfernung. Der verzweifelnde Ruf nach Wasser gellte wie Sturmesbrausen in sein
Ohr.
    Der trkische Kosak ihm zur Linken schien jetzt nicht mehr zu drsten, -
Trume der Heimath umgaukelten sein Sterbelager. Es war ein Deutscher, - ein
junger Mann aus guter Familie, dem an seiner Wiege nicht das schreckliche Loos
gesungen war. Aber die Verderbni einer groen Stadt hatte auch ihn verdorben
von Stufe zu Stufe, bis der Vater nach oft wiederholter Verzeihung ihm endlich
um der andern Kinder willen jeden weitern Beistand entzogen. Die Steckbriefe der
Behrde verfolgten ihn auf der Flucht aus der Heimath, - so war er - ein
Verlorener und verloren - auf den Schauplatz gekommen, der so Viele seines
Gleichen verschlang.
    Es ist nur ein Gott und Mahomed ist sein Prophet!
    Das Gebet Abdallah's, des Damasceners, klang wie eine Gotteslsterung in das
Toben und Reden des Deliriums, in das die sinkende Abendstunde Viele versetzt
hatte.
    Die von dem corsischen Banditen verwundete Hand hatte den Asiaten in das
andere Lazareth gefhrt und dort ihn der Typhus befallen.
    Gold, heiliger Prophet, - rothes blinkendes Gold! Ich sehe das Paradies
offen mit seinen sieben Himmeln, - die Stufen hinauf sind von Gold, von reinem
klarem Gold ...
    Fluche mir nicht, Mtterchen, wimmerte der junge Mann zur Linken, - o,
ich wei wohl, Mutter, da ich Dir das Herz gebrochen, und die Thrnen der
Schwestern und die strengen Augen des Vaters klagten mich an, als Du so wei im
schwarzen Sarge lagst, - o, fluche mir nicht, Mutter, eine Mutter kann dem
Erstgeborenen nicht fluchen, den sie unter dem Herzen trug.
    Auf seinem Lager von moderndem Stroh hatte sich ein Mann emporgerichtet, -
der lange Haarbusch des Albanesen fiel ber sein todbleiches Gesicht, aus dem
nur die schwarzen Augen mit unheimlicher Lsternheit funkelten.
    Heiliger Prophet, Du erfllst meine Sehnsucht. Ich sehe sie vor mir in all'
ihrer Herrlichkeit, Fatinitza, die Wlfin von Skadar, der ich nur ein Mal in's
Antlitz geschaut, wofr meine Fe die Bastonade litten bis sie zu Brei wurden.
Heiliger Prophet, ich sehe Fatinitza, die Houri, und siebentausend Houri's um
sie her. Wie ihre brennenden Augen Wollust strahlen und das Gehirn in meinem
Haupte versengen! Ihre Lippen sind wie die Rosen von Eden, ihr Busen wie der
Marmor von Skyos. Ihr Athem ist Duft und ihre Hften sind wie Kissen, - heiliger
Prophet, la mich ruhen in ihrem Arm!
    Ich sehe das Gold und die blitzenden Steine, - wo ich hinsehe, ist Gold -
rothes Gold, und der flssige Strom kommt auf mich zu, - o, da ich tausend
tausend Hnde htte - -
    Eine singende Stimme wie aus weiter Ferne schlug an sein Ohr, - er konnte
den Kranken nicht schauen, aber er fhlte das Unheimliche dieser Stimme, die
klang wie ein Grabgesang. Der Unbekannte mit dem Traumgesicht sang sein
Todtenlied bald in italienischer, bald in slavonischer Sprache, - unheimlich -
furchtbar klangen die Worte, - eine Piesme, gleich dem Bardensange Ossians, wie
ihn die Snger und Seher mit dem zweiten Gesicht in den Felsenschluchten
Schottlands oder in den Nebelbnken der Orkneys klagen.
    Der Geier schwebt ber dem Lamm, - der Wudkoklak wetzt seine weien Zhne,
um sie in das Blut des lebendigen Weibes zu schlagen. Ich schaue Dich, Frau, wie
Dein weier Krper sich windet in den Krallenarmen des bsen Vampyrs. Aber seine
teuflischen Augen haben Dich berauscht und Deine Kraft vernichtet!
.......................................................
    Und wiederum auf's Neue begann die Stimme:
    Awra, das zarte Weib, liebte Junok, den Tapfern, aus feindlichem Stamm.
Aber Junok fiel in die Hnde der Ihren, und der schwarze Haran Hassan wollte ihn
tdten. Da kam sie in der Nacht zu seinem Lager und sprach: Haran Hassan, Du
hast um mich vergeblich geworben und Geschenke mir gesandt, - hier bin ich, nur
von dem Linnen bekleidet, und will Dein Lager theilen, wenn Du den jungen
Krieger ungefhrdet zu den Seinen lssest. ...
    Der Offizier rang mit den grauenhaften Phantasieen, die auf ihn einstrmten
und seine Sinne verwirrten; aber immer klter und fester legten sich die Bande
der Erstarrung ber seinen Krper und das Leben schien nur noch in seinem Herzen
und seinem Gehirn concentrirt.
    Agnes, flsterte der junge Deutsche, Dein Bild mit dem Kinde steht vor
mir! Wie Du so lieb und rein warst! - kannst auch Du mir vergeben? - Ich werde
zurckkehren zu Dir und dem Kinde, ein treuer Mann werde ich sein, - ich sehe
Dich, mein Weib, mit den goldenen Locken des Knaben - o wie glcklich! -
Allmchtiger Gott im Himmel, der Krampf, der Krampf! Hilfe, Hilfe -
    Und der Unglckliche wand sich in seinen Zuckungen, und die Bilder der
verzeihenden Lieben hatten ihn getuscht und die gebrochenen Herzen schlugen
hunderte von Meilen von seinem Sterbelager, - vielleicht ihn im selben
Augenblick verwnschend, vielleicht ihm vergebend. - Gott der Herr allein wei
es!
    Ai gusum! wie so s Deine Ksse sind gleich dem Honig von Chios. Wie sie
mich umdrngen die Houri's, tausend Beine, tausend Busen, tausend Lippen, alle
auf ein Mal! - o tdtende Lust des Paradieses! - - -
    Gold - Gold! - Der glhende Strom umfliet mich und verzehrt meine Gebeine!
Wie soll ich trinken das flssige Metall! -
    Und wiederum erklang die geheimnivolle Stimme und die Sprache wechselte in
den italienischen Wohllaut:
    Ich sehe vor mir die se Nacht, die Brautnacht, die der Geier hlt mit der
Taube. Nacht rings um, - o wie sie zittert und sich wehrt die arme blutende
Taube; aber der Wudkoklak ist ber ihr. Er hat sie betrogen und Junok, ihr
Geliebter, ist dennoch dem Blutbann verfallen. Er wird sterben, wenn der
Wudkoklak ihr Blut bis zum letzten Tropfen gesaugt.
    Die Kerle machen einen Hllenlrmen. Haltet Euer Maul, Canaillen, oder es
geht Euch schlimm! tobte der trunkene Barbier.
    Delhi der! es sind Tolle, - sie wissen nicht, was sie reden.
    Aia - was das Brautbett schn und s ist, - wie der Vampyr die Moma
umschlingt und die gierigen Lippen auf ihren Busen heftet! Bleich ist ihr
Gesicht in der Stunde der Liebe, und der Segen des Weibes ist ihr Fluch. Die
Moma opferte das Herz und den Leib fr den todten Freund! Fahre wohl, schne
Awra, denn der Tod ist ber Dir, ehe zwanzig Mal der Mond sich gerundet!
    Himmlische Houri, nimm mich auf in Dein Paradies!
    Das Schmerzenssthnen des jungen Deutschen hatte sich in ein leises Rcheln
verwandelt, - nach und nach verstummte auch dieses. Noch ein Mal vernahm das
gereizte Ohr des Capitains den Namen Agnes - dann war Alles still auf jener
Seite.
    Auch der junge Mulassim war zu dem Paradiese Mahomed's eingegangen, wo die
tausend gazellenugigen Houri's seiner harrten.
    Die krampfhaft erregten Zge gruben sich zu starren Furchen unter der
erkltenden Hand des groen Wrgers.
    Nur Abdallah, der Geizhals, konnte nicht sterben, - all' seine zhe
Lebenskraft klammerte sich an das elende Metall und den Jammer, da er es im
Hane des Bulgaren verloren.
    Und fort und fort klang die Todtenklage des Slavoniers aus dem von giftigen
Dnsten erfllten Dunkel des langen Ganges.
    Die beiden Gehilfen des Doctors untersuchten die Kranken, indem sie
dieselben mit Hilfe eines Stockes aufstrten.
    Leuchte hierher, Mustapha, Du schwarzer Hund! sagte der Barbier zu dem
begleitenden Mohren. Da - der ist fr Euch - und hier der On-Baschi auch, der
so viel geschrieen und gejammert hat. Der Kerl geberdete sich wie eine junge
Dirne, die mit einem Alten die Brautnacht feiern soll.
    Mein Bruder schaue den Mann, den der Hekim-Baschi uns empfohlen, - ich
glaube, auch seine Zeit ist gekommen.
    Per bacco - wahrhaftig; da htten wir Einen ber die fnfzig! - He, Freund,
lebst Du oder bist Du todt?
    Er stie den Capitain mit dem Stock an. Der Krper rhrte sich nicht, das
Auge blickte starr wie das einer Leiche.
    Und dennoch wohnte Leben und Bewutsein in dem todten Krper, dessen Glieder
wie durch Starrkrampf oder vollstndige Lethargie gefesselt waren.
    Schleppt das Aas weg, - fort mit ihm in die Todtenkammer. Fr was haben wir
uns nun abgemht mit dem Burschen?
    Allah wollte seinen Tod. Gieb mir die Flasche, mein Bruder.
    Die Neger, die bereits die beiden andern Leichen expedirt, rissen den Krper
vom Lager und zerrten ihn durch die Reihe der Kranken nach dem Verschlag am Ende
des Ganges - der Vorrathskammer der Leichen.
    Dort lieen sie ihn auf dem kalten Boden liegen. -
    Dunkle Nacht rings um, - die Augen, die er nicht zu schlieen vermochte,
schauten nur schwarze Finsterni; auf der Brust, die der Athem nicht mehr hob,
lastete dennoch wie ein schwerer Alp der Ekle Dunst der Verwesung.
    So lag er stundenlang - ber sein Antlitz und seine Hnde huschte die
feuchte Klte der Ratte - um die dnnen Wnde des Verschlages heulte drauen der
Schakal, vom Leichengeruch getrieben, und dem Lazareth sthnte und wimmerte der
Schmerz.
    Dann flimmerte ein matter Lampenschein durch das Gemach, - zwei der Neger
schlichen herein und begannen die Leichen zu durchsuchen. Es ist eine bekannte
Sitte, da der arme trkische Soldat seinen geringen Sold und seine Beute in
jeder Weise zusammenspaart und hungert und drstet, um seinen kleinen Schatz zu
vermehren, den er stets am Leibe verborgen trgt. Der Geiz und die Habsucht sind
hervorstechende Eigenschaften der Trken, neben einer prahlerischen
Verschwendung und Schaustellung auf der andern Seite. Obgleich die Soldaten der
Donauarmee Monate lang keinen Sold empfangen, gab es doch Viele der Nizams und
der Irregulairen, die mehrere hundert Piaster an ihrem Krper in Silber und
Goldstcken mit sich trugen.
    Deshalb durchsuchten - obschon es streng verboten war, - nochmals die Wrter
des Lazareths die Leichen und die eklen Lagersttten. -
    Der Schein ihrer Leuchte fiel auch auf das Antlitz des Capitains und ihre
gierigen Hnde plnderten seine Taschen. Wir wissen, da er seine Habe dem
Knaben Nursah anvertraut, die Leichenruber fanden daher Nichts als einen
kleinen Ring am Goldfinger seiner linken Hand - der Widerstand, den er
unwillkrlich zu leisten suchte, als sie den Reif mit Gewalt abzogen, sprengte
endlich die Erstarrung seines Krpers und whrend sie mit der gewonnenen Beute
sich entfernten, fhlte er wieder Leben und die Fhigkeit der Bewegung in seine
Glieder treten. Es war wieder dunkel um ihn her, als er sich mhsam auf den
Ellenbogen aufrichtete und seine geistigen Krfte zu sammeln suchte, auf denen
es wie ein dumpfer Nebel gelegen, durch den hindurch er alle Vorgnge um sich
bemerkt. Er vermochte wenigstens aus der grlichen Nachbarschaft der todten
Krper sich zu schleppen.
    Der tapfere Offizier fhlte, wie das furchtbar Schauerliche seiner Lage, die
entsetzliche Umgebung, desto mehr auf ihn wirkte, je mehr er zu vollem klarem
Bewutsein zu gelangen suchte, und da, wenn er noch lange in dieser Situation
bliebe, Wahnsinn und Tod sein Loos sein mute. Mit Gewalt kmpfte er gegen die
wsten Bilder, die wieder seinen Geist zu verwirren drohten, gegen die schaurige
Klte, die durch die Glieder herauf an sein Herz griff.
    Da wiederum ffnete sich die Thr des Lazareths und nochmals fiel der
dstere Schein einer Lampe auf die Sttte des Todes. Der Offizier hatte noch so
viel Kraft, sich wieder auf den Boden zurck und in die Lage eines Todten zu
werfen, aber diesmal war es nicht mehr nthig - der Eintretende war Doctor
Welland.
    Ein tiefer schwerer Seufzer lste sich von der Brust des Offiziers, als er
den Retter erkannte und fhrte sogleich diesen an seine Seite. -
    Um Gotteswillen, Capitain, wie fhlen Sie sich? - Die betrunkenen Schurken,
meine Gehilfen, haben Sie, meinen strengen Befehlen entgegen, an diesen Ort des
Entsetzens eher bringen lassen, als es nthig war. Ich wurde verhindert, frher
wieder hier zu sein. Muth! Muth! und raffen Sie Ihre Krfte zusammen.
    Er hatte die Lampe auf den Boden gestellt und hielt ihm ein Flacon mit
scharfen therischen Salzen unter die Nase, die eine heftige Erschtterung der
Nerven hervorriefen. Dann bergo er ihn mit einer Fluth von Eau de Cologne und
wusch ihm Stirn und Schlfe damit.
    Knnen Sie sich erheben, Capitain?
    Ich hoffe es - eine Stunde lnger in diesem scheulichen Aufenthalt wre
mein Tod gewesen.
    Er richtete sich mit Hilfe des Arztes empor, doch mute er sich schwer auf
diesen sttzen, seine Beine versagten ihm fast den Dienst, schwer wie Blei lag
es in seinen Gliedern und auf seinem Gehirn.
    Das ist die Wirkung des Laudanums, die frische Luft wird Ihnen gut thun.
Kommen Sie, Herr.
    Er schleppte ihn nach einer gegenberliegenden, in's Freie fhrenden Thr.
Dort hob er den Holzriegel, der sie von Innen verschlo, lschte die Lampe und
ffnete dann die Pforte; die frische scharfe Winterluft von der Donau her drang
ihnen entgegen.
    Der Arzt zog den Befreiten um die Ecke des Gebudes, wo Nursah, in eine
wollene Decke gehllt, kauerte.
    Verweilen Sie hier und lassen Sie unbehindert die Nachtluft durch Ihre
Kleidung streichen, und riechen Sie von Minute zu Minute an dieser belebenden
Essenz. Ich mu die Spuren Ihrer Flucht vertilgen und dieses Lazarethkostm
ablegen, dann hole ich Sie hier ab.
    Damit verschwand er in der Thr des Leichenhauses und verschlo dieselbe
wieder von Innen.
    Der Russe lehnte erschpft an die Wand des Gebudes, whrend der Knabe
Nursah seine Hand erfate und ihm Muth zusprach. Nach einer Viertelstunde,
whrend der die rauhe Nachtluft den Capitain durchkltet, dagegen auch die
Betubung seines Geistes einigermaen erleichtert hatte, kehrte der Arzt, in
seinen Mantel gehllt, um die uere Seite des langen Gebudes zurck.
    Nun fort, denn ein unglcklicher Zufall knnte hier unsere ganze Mhe
vereiteln. Zuvor noch einen tchtigen Schluck aus dieser Flasche, Capitain, und
dann hllen Sie sich in die Decke Nursah's und sttzen Sie sich auf mich. Voran,
Nursah, Du weit den Weg.
    Damit fate er den Capitain unter den Arm und fhrte ihn mit sich fort,
whrend der schwarze Knabe etwa 200 Schritt vor ihnen her ging, querfeldein von
der Donau und der Strae nach Negotin ab.
    Sie waren an mehrere Posten vorbeigekommen, denen der Arzt die Parole
zurief. Dem Offizier einer entgegenkommenden Patrouille sagte er ruhig, da ein
Baschi-Bozuk ihn zu dem Arnauten-Aga gerufen, der im Lager der Irregulairen
erkrankt sei, und da die Thtigkeit des frnkischen Hekim-Baschi's in ganz
Widdin bekannt war, lie die Patrouille die kleine Gruppe ruhig passiren, die
jetzt im Schatten eines Hohlweges sich von der Stadt abwandte.
    Nach einem halbstndigen Gange, whrend dessen der russische Offizier stumm
alle Krfte angestrengt hatte, um seinen Rettern zu folgen, erreichten sie eine
Gruppe von Bumen, in deren Schatten dunkle Gestalten sich bewegten. Nursah
pfiff leise und das Signal wurde sofort erwiedert. Nher hinzutretend, fanden
sie hier zwei Mnner mit drei Pferden, Mungo, den Zigeuner, und einen
bulgarischen Knecht des Hanewirthes.
    Der Zigeuner geberdete sich wie unsinnig, als er seinen Herrn wiedersah, er
umarmte seine Fe und kte seine Hnde, und Capitain Meyendorf, der jetzt
seine volle Gesinnung wieder erlangt hatte und dem nur ein dumpfer Kopfschmerz
und eine groe Schwche der Glieder zurckgeblieben war, mute sich mit Gewalt
von ihm losmachen, denn der Arzt drngte zur Eile.
    Hier, sagte er, ist Ihre Brieftasche und die Brse zurck, die Sie mir in
der Lokanda Alexo's anvertrauten. Aus der letztern habe ich wiener Banknoten im
Betrage von fnfhundert Gulden genommen, denn ich mute dem Hanewirth den Werth
der Pferde sicher stellen, und ich selbst bin nicht so reich, um das aus eigenen
Mitteln thun zu knnen. Im Uebrigen finden Sie Alles unversehrt; der Knecht
Gawra's kennt alle Schlupfwege und wird Sie durch die trkischen Linien ber den
Timok auf serbisches Gebiet bringen, wo Sie gerettet sind. In drei Stunden
scharfen Rittes, also mit Tagesanbruch knnen Sie dort sein, und ich rathe
Ihnen, im ersten serbischen Dorf, das Sie erreichen, alsbald ein langes
trkisches Bad zu nehmen und Ihre Kleidung mit jeder beliebigen vollstndig zu
wechseln, die dort zu haben ist. Im Uebrigen stehn Sie - wie wir Alle - in des
Allmchtigen Hand, und er wird Ihre Rettung nicht haben gelingen lassen, damit
Sie der Ansteckung jener Pesthhle unterliegen, zu der meine Pflicht mich
zurckfhrt. Leben Sie wohl, Herr!
    Der Capitain erfate seinen Arm und fhrte ihn einige Schritte abseits von
der Gruppe, die sich zum Abritt fertig machte.
    Wie soll ich Ihnen danken fr Das, was Sie fr einen Fremden gethan, der
Sie wenigstens um die Gunst Ihres Namens bittet, um stets sich an seinen Retter
erinnern zu knnen.
    Der Arzt nannte ihn freundlich.
    Und nun noch Eines, Doctor Welland, sagte der Offizier erregt, indem er
die Hand des Deutschen in der seinen drckte. Sie versprachen mir, die Grfin
Laszlo von meinem Schicksal in Kenntni zu setzen und sie in der widrigen Lage,
in der sie sich eben befindet, nicht zu verlassen - -
    Die Grfin, sagte der Arzt - und seine Stimme vibrirte in schmerzlicher
Erinnerung, die Grfin wei, da Sie gerettet sind.
    Und sie selbst?
    Die Grfin hat bereits Widdin verlassen und wird frher die serbische
Grenze in anderer Richtung passiren als Sie - aber -
    Sprechen Sie, Doctor, ich beschwre Sie!
    Der Arzt reichte ihm ein versiegeltes Blatt.
    Ich habe Ihnen hier alles Weitere aufgeschrieben, was Ihnen zu wissen
nthig ist. Ich verlange jedoch Ihr Ehrenwort, da Sie das Blatt vor zwlf
Stunden nicht ffnen und sich bis dahin allen meinen Anordnungen fgen.
    Sie sind mein Retter und ich gebe es, doch warum ...
    So sitzen Sie jetzt auf und machen Sie sich auf den Weg. Leben Sie wohl,
Herr, und ehren Sie die Hand des Allmchtigen in Ihrer Rettung und fgen Sie
sich in seine Wege.
    Der Capitain sa auf dem Pferde.
    Wenn nur Helene Laszlo gerettet ist, ich bin ein Mann und habe die Kraft,
zu tragen und zu kmpfen.
    Nursah's Hand reichte ihm die Revolver-Pistole.
    Nimm Deine Waffe, Signor!
    Behalte sie, Knabe, es ist das einzige Andenken, das ich Dir geben kann.
    Er fhlte schwere warme Tropfen auf seiner Hand. - Du weinst, Knabe?
    Nursah schluchzte und der Offizier schaute wild auf Herrn und Diener.
    Was ist geschehen, Doctor - Sie verschweigen mir ein Unheil ...
    Doch der Arzt hatte Mungo, dem Zigeuner, gewinkt und dieser des Capitains
Pferd bereits am Zgel.
    Leben Sie wohl, Herr, und nun vorwrts.
    Hinweggerissen von seinen beiden Begleitern jagte der Gerettete davon und
die Hufschlge verklangen bald in der Ferne.
    Der Arzt fate seines jungen Dieners Hand.
    Komm', Nursah - er ist gerettet und wir wollen uns einer guten That
erfreuen, die Der dort Oben uns vergelten wird.
    Der Knabe weinte. - Das Leben ist gerettet, Herr - aber er wird es
verachten um den Preis, den es gekostet hat! O da ich nicht zu ihr zu dringen
vermochte, als es noch Zeit war fr sie und ihn!

                                    Funoten


1 Die walachischen Milizsoldaten, eine Art Landgensd'armerie.

2 Gut Glck.

3 Das gebe Gott.

4 Kalte saure Milch, ein bulgarisches Nationalgericht.

5 Schnaps.

6 Mrchenerzhlerin.

7 Schuft von einem Scharfrichter.

8 Schaafkopf.

9 Schurke.


                              Das Ende vom Anfang.

Drei Monate waren seit dem blutigen Kampf bei Czetate vergangen und andere
Kmpfer sollten jetzt auf dem Schauplatz erscheinen.
    Es war der Abend des 27. Mrz, und unsere Geschichte fhrt uns nach einer
kurzen Uebersicht ber den Gang der Ereignisse an die Ausgangssttte unsere
Buches, zurck nach Paris.
    Am 4. Januar war die vereinigte englisch-franzsische Flotte, 34 Segel
stark, in's schwarze Meer eingelaufen. Indem der englische und franzsische
Gesandte dies zur Kenntni Reschid-Pascha's brachten, stellten sie das
Verlangen, da ohne vorgngiges Benehmen mit den Gesandten und Admiralen die
trkische Flotte nicht die Offensive ergreife.
    Die Verlangen und die Zusage mssen als bloes Blendwerk der ffentlichen
Meinung bezeichnet werden, denn die trkische Flotte war nach den Verlusten von
Sinope in keiner Weise zu einer Offensive geeignet. Der Wendepunkt des Krieges
lag vielmehr bereits in den unterm 27. den Befehlshabern der Flotten gegebenen
Instructionen, deren Inhalt am 12. Januar in Petersburg der englische und der
franzsische Gesandte dem Grafen Nesselrode notifizirten.
    Die englische Instruction fr den Gesandten besagte, da die Flotten auch
den Trken nicht gestatten wrden, einen Angriff zur See zu machen, - die
franzsische Instruction enthielt jedoch von dieser Garantie fr Ruland kein
Wort.
    Die Admirale Dundas und Hamelin hatten beim Auslaufen die Fregatte
Retribution mit Depeschen an den Frsten Menschikoff nach Sebastopol
vorausgeschickt, welche dem Frsten-Gouverneur erklren sollten, da die Flotten
nur zum Schutz des trkischen Gebiets sich im Schwarzen Meere befnden, da
dagegen die russische Flotte ihre Hfen nicht verlassen drfe. Die wahre Absicht
der Sendung war aber offenbar eine Recognoscirung von Sebastopol, in dessen
Hafen die Fregatte trotz zwei blinder Schsse der Batterieen einzudringen
suchte. Erst eine Kugel durch ihren Bug nthigte sie zum Beilegen. Sie fand die
gesamte russische Flotte im Hafen versammelt. Die vereinigte Flotte hatte, trotz
jener Erklrung der Admirale, die Gelegenheit benutzt, um einen Convoi
trkischer Dampfer mit Kriegsvorrath nach Batum zu escortiren.
    Whrend in Wien die Conferenz sich abmhte, Project auf Project zu hufen,
ohne da es irgend einem Theil, mit Ausnahme Preuens, wirklich Ernst damit war,
wurden Erklrungen der Hfe von Paris, London und Petersburg gewechselt. Die
russischen Gesandten in Paris und London forderten eine solche ber die
Instructionen der Admirale. Die ihre lautete, da Ruland ein Auftreten der
Flotten nicht als feindseligen Akt betrachten wrde, welches die Gegenseitigkeit
gewhre, da Trken eben so wenig wie Russen angreifen drften, und da, wenn
den Trken der Verkehr zur See zwischen ihren Ksten gestattet wre, dies auch
fr die Russen stattfinden mte. England und Frankreich jedoch antworteten
unterm 31. Januar und 1. Februar ablehnend, da sie die Instructionen, wie sie
seien, aufrecht erhalten wrden, vorauf Baron Brunnow und Herr von Kisseleff den
beiden Kabinetten anzeigten, da sie sich in Folge der verweigerten Reciprozitt
genthigt shen, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und London und Paris
mit den Gesandtschaftsmitgliedern zu verlassen. Dies geschah am 4. Februar. Die
englischen und franzsischen Gesandten erhielten sofort den gleichen Befehl. Der
Erstere wurde - noch ehe dieser eintraf - von Graf Nesselrode unterm 13.
aufgefordert, seine Psse zu nehmen. Der franzsische Gesandte verlangte selbst
die seinen.
    Damit war der diplomatische Bruch entschieden, und die Bitterkeit, welche im
Tone des von Kaiser Napoleon an den russischen Czar unterm 29. Januar
gerichteten, durch die Zeitungen verffentlichten Briefes herrschte, und die
Antwort des Czaren vom 9. Februar zeigte die gereizte Stimmung und was von
gegenseitigen Concessionen zu erwarten war.
    In Wien war am 29. Januar Graf Orloff, der Freund und greise Vertraute des
Czaren, eingetroffen, um mit Baron von Budberg den Versuch zu machen,
Oesterreich und Preuen zu einem unbedingten Neutralittsbndni mit Ruland zu
bewegen. Whrend Oesterreich mit eingehenden Versprechungen hinhielt, lehnte
Preuen offen ein solches Bndni als eine wenn auch unausgesprochene Hilfe fr
Ruland ab, die mit seinen durch die Protokolle bernommenen Verpflichtungen im
Widerspruch stnde. Die Mission des gewandten Staatsmannes scheiterte hiermit
und der Graf verlie am 8. Februar Wien, worauf Oesterreich sich beeilte, in
Serbien und dem Banat ein Beobachtungscorps von 25,000 Mann aufzustellen unter
dem Vorwande der serbischen Erregung und der in den Grnzdistrikten jetzt offen
ausgebrochenen Schilderhibung der Griechen.
    Unterm 9. Februar erlie Kaiser Nicolaus ein Manifest an sein Volk, worin er
erklrte, da die von England und Frankreich ihren Flotten im Schwarzen Meere
gegebenen Befehle eine unter gebildeten Staaten unerhrte Handlungsweise
constatirten, die ihn zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit jenen
Staaten genthigt htten, die sich zu den Feinden des Christenthums stellten
gegen Ruland, das fr die orthodoxe Kirche streite. Ruland werde gegen alle
Angriffe feststehen - wie 1812. Die Westmchte antworteten unterm 27. Februar
mit einem Ultimatum nach Petersburg das die Rumung der Frstenthmer bis zum
30. April forderte; die Verweigerung solle als Kriegserklrung betrachtet
werden, und Lord John Russel hielt seine bekannte Philippika im Unterhause gegen
die unredliche und eroberungsschtige Politik Rulands. Zugleich forderte die
sterreichische Regierung, der an einer Verbreitung und einem glcklichen
Erfolge des griechisch-christlichen Aufstandes sehr wenig gelegen war, die
Westmchte auf, demselben zu Wasser und zu Lande entgegen zu treten, und diese
bedrohten die griechische Regierung mit einer Blokade und jener Occupation,
welche, spter wirklich ausgefhrt, eine Schmach des christlichen civilisirten
Europa's und eine Beschimpfung des Knigthums werden sollte, wie sie sich sicher
einst schwer rchen wird. Der Czar dagegen erklrte, da er dem griechischen
Aufstande seinen Beistand und seine Theilnahme nicht versagen knne, und sollten
die Kmpfe einen hnlichen Charakter wie die Freiheitskmpfe von 1826 annehmen,
so werde er unter keiner Bedingung mitwirken, diese Bevlkerung wieder unter das
trkische Joch zurckzubringen.
    Mit dieser Erklrung von Seiten Rulands am 2. Mrz waren seine Absichten
offen dokumentirt, wie die Plne der Westmchte durchs die Instruction an die
Admirale.
    Zu Ende Februar hatten bereits die Absendungen franzsischer und englischer
Truppen nach dem Orient begonnen. Der Oberbefehl ber das franzsische Heer und
ber die gesamte Armee der Alliirten wurde an den ehemaligen Kriegsminister, den
Marschall Saint Arnaud, bertragen; das englische Corps befehligte Fitzroy
Somerset, Lord Raglan. Ingenieure gingen voran, um bei Gallipoli das Lager fr
die Hilfstruppen auszustecken, und die Westmchte schlossen unterm 12. mit der
Pforte einen Allianz-Tractat ber die Sendung von Hilfstruppen ab, wogegen sich
die trkische Regierung verpflichtete, keinen Waffenstillstand oder Frieden ohne
Bewilligung der beiden Alliirten abzuschlieen. Am 11. war die englische
Ostseeflotte von Spithead ausgelaufen.
    Die Kmpfe an der Donau hatten unterde mit wechselndem Glck ihren Fortgang
genommen, whrend dagegen die Russen in Asien mehrere bedeutende Siege gewannen.
    General Schilder hatte am 26. Januar den General Fischbach in Krajowa
ersetzt und die oberste Leitung der Operationen gegen Kalafat bernommen, die
sich inde bis Mitte Mrz auf eine Cernirung und unbedeutende Gefechte
beschrnkten. Vom 13. bis 19. vertrieben die Russen die Trken wieder aus
Giurgewo, wo es ihnen gelungen war, sich festzusetzen, der Versuch eines
Ueberganges nach Rustschuk wurde dagegen zurckgeschlagen und die Trken
gewannen selbst die zwischen Szistowo und Rustschuk gelegene Donauinsel, gingen
am 4. Mrz bei Kalarasch auf das linke Ufer des Flusses und zerstrten zum Theil
die gegen Silistria dort errichteten russischen Batterieen. Ebenso versuchte
Frst Gortschakoff vergeblich und mit groem Verlust noch ein Mal bei Oltenitza
die zwischen den beiden Ufern liegende Insel den Feinden zu entreien. Die
Russen waren in diesem Augenblick auf allen Punkten an der Donau im Nachtheil
und ihr Fhrer offenbar mit einem neuen Operationsplan beschftigt.

    Ein ziemlich groes Arbeitskabinet, - schwere dunkle Vorhnge vor den
Fenstern, durch welche man auf die glnzende Erleuchtung der Strme von Gas
schaute, welche allabendlich den herrlichen Quai der Tuilerieen mit Tageslicht
erhellen; - das prchtige Bild einer Frau mit aschblonden Haaren und dunklen
spanischen Augen aus dem berhmten Pinsel Dsandr's; - einige Karten an den mit
dunklem Seidenstoff und darein gewirkten goldenen Bienen beschlagenen Wnden; -
in einer Ecke die Uniform- und Waffenstcke der neuen Hundert Garden; - Bcher
und Brochren auf allen Tischen und Schrnke mit einer ausgesuchten
Handbibliothek an den Seitenwnden, in welche drei Thren mndeten; - auf dem
groen Tisch in der Mitte das beraus schn von Stahl und Messing gearbeitete
Modell eines Geschtzes nach neuem noch unbekanntem System; - das ist der Ort,
wohin wir den Leser am Abend des 26. Mrz fhren.
    An dem Tisch in der Mitte sa ein Mann von etwa 46 Jahren mit hoher Stirn
und vorspringenden, energischen und krftigen Zgen, denen wir schon ein Mal zu
Anfang unseres Buches begegnet sind. Der aus hundert Abbildungen bekannte
Schnitt des Bartes, der feste stolze Ausdruck des Gesichtes, aus welchem das
ursprnglich ziemlich matte Auge unter buschigen dunklen Brauen hufig scharf
und durchdringend aufflammte, konnten unmglich die hohe Persnlichkeit
verkennen lassen. Seine rechte Hand ruhte auf der Lehne des Fauteuils, whrend
seine linke ab und zu eine Cigarre zum Munde fhrte.
    Er schien aufmerksam auf den abwechselnden Vortrag zweier Herren zu hren,
die an der andern Seite des Tisches ihm gegenber standen und von Zeit zu Zeit
ihm ein Papier hinber reichten, das der Sitzende alsdann flchtig durchsah.
    Der Eine der Beiden trug die glnzende Uniform eines Marschalls von
Frankreich, sein breites Gesicht sah aufgedunsen und ungesund aus; der Kopf des
Andern in Civil mit dem Grokreuz der Ehrenlegion und zahlreichen auslndischen
Orden am Cordon seines schwarzen Fracks war geistreich und anmaend.
    Colonel de Mricourt hat die Berichte ber die Einschiffung der Truppen bis
zum 22. von Marseille gebracht. In Oran und Algier stehen die designirten
Zuaven-Regimenter bereit und warten auf die Schiffe des Admirals Dufresne. Ducos
sagt mir, da dieselben heute an der afrikanischen Kste sein werden. Das ganze
Contingent wird demnach bis zum 30. auf der See sein und vor Mitte des nchsten
Monats in Gallipoli ausgeschifft. Wann, Sire, werde ich abreisen?
    Es eilt nicht, Marschall, jedenfalls vor den Englndern. Einstweilen gengt
Canrobert. Haben Sie Nachrichten von der Donau, Drouin?
    Sehr wichtige, Euer Majestt, ich erlaubte mir nur, dem Herrn Marschall
Oberbefehlshaber den Vortritt zu lassen.
    Geschwind, geschwind! Depeschen ber Wien? Sie wissen, da ich sie auf der
Stelle erhalten will.
    Beide sind seltsamer Weise wieder zusammen eingetroffen, also offenbar in
Oesterreich versptet worden. Ich habe unsern Gesandten darber bereits
geschrieben, aber er behauptet, da es auer seiner Macht stehe.
    Der Inhalt?
    Ein russisches Corps ist unterhalb Hirsova ber die Donau gegangen und hat
die trkischen Schanzen erobert. Am 23. sollte die Belagerung gegen Hirsova
beginnen. Frst Gortschakoff hat auf die Verschanzungen von Matschin ein starkes
Feuer erffnet und sucht offenbar den Uebergang bei Braila zu erzwingen; ebenso
General Lders bei Galacz und General Uschakoff von Ismael aus nach Tultscha.
    Ah, da haben wir den vollstndigen Operationsplan, den Gortschakoff in der
langen Ruhe vorbereitet hat. Er beugte sich ber eine vor ihm liegende Karte.
Matschin, Isaktscha, Tultscha und Hirsova - sie mssen nach unsern Berichten
von ihrer Strke in ein Paar Tagen genommen werden und damit ist Babadagh und
die obere Dobrudscha in den russischen Hnden. Es handelt sich offenbar um eine
Operation ihres linken Flgels gegen Varna, als den Schlssel zu Rumelien. Aber
es wird seine Schwierigkeiten haben ohne die Untersttzung der Flotte.
    Es ist unmglich, Sire, ohne den Besitz von Silistria.
    Richtig, Marschall - der Muschir kann sonst ber ihre Flanke herfallen.
Doch der Frst ist ein Taktiker und wir werden sicher in den nchsten Tagen von
einem weitern Uebergang oberhalb Silistria hren, das man alsdann von drei
Seiten umschlieen kann. Er verweilte einigem Augenblicke ber der Karte.
Jedenfalls ist der Augenblick zum Einschreiten gekommen. Wir mssen auf dem
Platz sein und die Macht haben, die Ereignisse nach unserm Willen zu lenken. Die
Trken drfen geschlagen, aber nicht besiegt werden und die Balkanlinie mu
unberhrt bleiben, sonst haben die Oesterreicher Veranlassung und Gelegenheit,
sich einzudrngen.
    Silistria wird sich nicht halten knnen, Sire.
    Das ist gleichgltig, wenn es nur so lange geschieht, bis unsere Truppen in
Varna stehen. Wir mssen einige zuverlssige Offiziere in Silistria haben, Sie
werden die nthigen Befehle geben, Marschall. Vaillant wird mir morgen Vormittag
nach dem Conseil ber die Etappen berichten. Alle Maaregeln mssen beschleunigt
werden.
    Euer Majestt erlauben mir die Bemerkung, sagte der Minister des
Auswrtigen, da bei alle dem doch wohl erst der offizielle Schritt der
Erklrung voran geschehen mu.
    Erinnern Sie sich, Herr, wie mein Oheim, der Kaiser, gegen Oesterreich
verfahren ist. Das ist hier aber nicht einmal nthig und wir knnen vor Europa
vollstndig alle Formen wahren. Wir haben volle Zeit. Der Beschlu wird morgen
im Conseil gefat und Fould meine Instructionen erhalten, um sie am Abend im
Senat und der Legislative vorzulegen. Es ist mein Wunsch, da wir den Englndern
damit nicht zuvor kommen. Das Nthige ist hier und in London vorbereitet und der
Telegraph kann uns ber die Stunde verstndigen.
    Die griechische Regierung hat auf das Ultimatum eine ausweichende und
ungengende Erwiderung gegeben.
    Das wird uns Gelegenheit geben zu einer Etappe im Pyrus. Das Weitere mgen
die Briten von Corfu aus thun. Auf Wiedersehen, meine Herren.
    Die beiden Minister zogen sich durch die groe Thr zurck.
    Der Zurckbleibende ging einige Minuten in dem Kabinet auf und ab, die Hnde
auf dem Rcken gefalten. Dann trat er zu einem Bilde Napoleon's des Ersten, das
ber der Bergre an der Wand zwischen der zweiten und dritten Thr hing und
betrachtete es lngere Zeit. Die groen durchdringenden Augen des berhmten
Herrschers und Kriegers, des Siegers in so vielen Schlachten und drei
Welttheilen, blickten starr und ehern auf ihn nieder.
    Seit 1815 zum ersten Male, sagte der Bewohner des Zimmers langsam vor sich
hin. Die Zeit naht ihrer Erfllung und die Demthigung von Moskau wie die
Verzgerung meiner Anerkennung werden ihre Shne finden. Ehe zwei Jahre
vergehen, wird der Thron der Napoleoniden wieder der gefrchtetste Europa's
sein. Das gengt, denn die Erfahrung hat uns das Erreichbare gelehrt. - Vetter
Nicolaus, - ein leiser Hohn spielte um seinen Mund - nicht Ruland oder
Frankreich - ihre Interessen liegen zusammen! - sondern ich oder Du!
    Er trat rasch zu der zweiten Thr, hob den Vorhang und ffnete sie. In
einiger Entfernung in dem Corridor, auf den sie fhrte, stand ein Kammerdiener
in Escapins.
    Andr - fhren Sie die beiden Herren zu mir in's Kabinet.
    Einige Augenblicke darauf traten zwei elegant in Schwarz gekleidete Mnner
ein, der Eine mit spitzig hervorspringender Stirn, etwas vorstehendem Mund und
scharfen grauen Augen, der Zweite von einem gewissen Embonpoint mit hnlichen
den gebten Financier verrathenden Kennzeichen und orientalischem Schnitt -
Baron Riepra, dem wir bereits in Paris und Wien begegnet sind.
    Drei tiefe und ehrerbietige Verbeugungen erfolgten, dann erwarteten sie
schweigend die Anrede.
    Meine Herren, sagte nach einer Pause der Empfangende, die
Finanzoperation, die Sie mir vorgeschlagen, ist zu meiner vollen Zufriedenheit
ausgeschlagen. Ich danke Ihnen.
    Wiederum Verbeugungen.
    Whrend Herr von Rothschild Umstnde machte mit der Anleihe von 250
Millionen, gab Ihr Memoir der Regierung den sinnreichen Plan in die Hand, die
Summe durch Nationalsubscription - was man sonst nur im Fall einer Finanznoth
des Staates thut, - aufzubringen, und den Zeichnungen bis zu zehn Franken Rente
einen bedeutenden Antheil zu sichern. Ich habe sofort neben den Nachtheilen auch
die Vortheile dieses Vorschlags erkannt. Nicht mehr die Banquiers, sondern die
Nation bis in die untersten Schichten ist durch diese Zeichnung an dem
steigenden und fallenden Werth der Rente an der Brse betheiligt. Die Anleihen
der Staaten bei den Financiers machen die Frsten entweder zu ihren Commis oder
im Fall einer gewaltsamen Maaregel zu Rubern; die Anleihe bei Allen aber immer
das Volk zum blinden Anhnger und Vertheidiger der Regierung.
    Euer Majestt erlaubten wir uns eine hohe Ziffer zu versprechen.
    Sie haben sich nicht getuscht, Herr Bineau hat mir heut Morgen die letzten
Berichte aus den Departements vorgelegt, und die Gesammtsumme betrgt 469
Millionen, trotz der kurzen Frist. Rechnen wir auch hierauf die 20 Millionen,
die Rothschild, die 30 Millionen, die Ihr Crdit mobilier gezeichnet, die 25
Millionen der Bank von Frankreich und die 5 Millionen Sina's ab, so bleiben
immer noch 389 Millionen in kleinen Zeichnungen, also 139 mehr als ich haben
will.
    Euer Majestt werden sich erinnern, da hierin gerade der weitere Vortheil
liegt.
    Allerdings, und Das ist der Punkt, wo sich unsere Operationen und unsere
Interessen berhren. Sie sagen richtig, da die Nation die einmal gezeichneten
Summen nur sehr ungern wieder der Speculation entziehen und dafr jede andere
gnstige Gelegenheit benutzen wrde.
    Wir sind dessen gewi, Sire. Durch die Bewilligung der von uns erbetenen
Concessionen fr den Crdit mobilier erhlt unser Unternehmen erst seine wahre
Bedeutung. Die Actien, die augenblicklich nur neun Franken ber pari stehen,
werden einen bedeutenden Cours erreichen und uns so leicht kolossale Kapitalien
zuflieen lassen, da wir jeder sptern Anforderung der Regierung werden gengen
knnen.
    Der hohe Herr lchelte unwillkrlich ber die jdische Bestechung.
    Die Disposition ber Ihre Kasse, sagte er, ist bei der Genehmigung des
Crdits weniger meine Tendenz gewesen. Ihr Memoir nennt vielmehr ganz richtig
die Betheiligung des Volkes an den Brsenspeculationen eine Sicherung der
Regierungen in dieser umwlzungslustigen Zeit. Sagen Sie mir aufrichtig, Baron
Riepra, war der Gedanke aus Ihrem Kopfe entsprungen?
    Euer Majestt wissen bereits, da er das Eigenthum und die Absicht der
revoloutionairen Propaganda ist, mit welcher sie den Gewinn sichern und den
allgemeinen Bankerutt, also den Umsturz Europa's in ihre Hand bringen wollte.
    Ich wei - und Sie haben mir denselben Plan vorgelegt, um im Gegensatz die
Ruhe Europa's und die Consistenz der Throne an meine Person und an die Erhaltung
des Friedens fesseln zu knnen, nachdem Beide durch den gegenwrtigen Krieg die
einflureichste Stellung gewonnen. Aber ich mchte wissen, ob der Gedanke selbst
zuerst von Ihnen ausgegangen ist?
    Der Finanzmann war schlau genug, das Gefhrliche der Frage einzusehen.
    Die erste Anregung, Sire, gab ein italienischer Abb - die finanzielle
Ausarbeitung der Idee war mein Werk.
    Das dachte ich mir - nur ein italienischer Pfaffe konnte eine so furchtbare
Idee aushecken, und sie wird zur socialen Sndfluth werden, indem sie sich mit
der jdischen Speculation verbindet. Genug davon, Herr Baron. Ich habe Ihnen den
Werth gezeigt, den ich auf Ihre Enthllungen lege, indem ich Ihrem Verwandten,
Herrn Pereira, sofort die Concession des Crdit mobilier ertheilt habe. Ich
zweifle nicht an dessen Zukunft, aber merken Sie sich, ich will, da diese
Umwlzung der europischen Credit-Verhltnisse meinem Hause dienstbar bleibe,
oder diese Hand, die ihr die Lebenskraft gegeben, wird sie auch zu erdrcken
vermgen. Sie haben, wie ich hre, heute Ihre Zahlungseinstellung angekndigt?
    Ja, Sire - ich beschrnke mich von jetzt ab auf eine anonyme Theilnahme an
der Leitung des Crdit mobilier.
    Wie hoch beluft sich Ihr Manquement?
    Nur drei Millionen, Sire.
    Und wie viel verlieren die geheimen Gesellschaften dabei?
    Eine Million und achtmalhunderttausend Franken, Sire.
    Wie hoch rechnen Sie das Vermgen derselben?
    Nach den durch meine Hnde gegangenen Summen auf hchstens drei bis vier
Millionen.
    Indem man ihnen also die Operationen und den Einflu an der Brse durch
Ihren Bankerutt aus der Hand nimmt, wird jener Schlag ein sehr empfindlicher fr
die Propaganda sein?
    Ja, Sire, denn die Beitrge flieen mit jedem Jahre sprlicher und ihre
Hauptkraft war jetzt gerade die Speculation an der Brse.
    Aber sie wird andere Vermittelungen dafr finden?
    Mit Eurer Majestt Untersttzung, sagte der Jngere der beiden Financiers,
wird der Crdit mobilier Alles berflgeln. Von der unmittelbaren Einwirkung in
Paris entfernt, wird ihre Kraft gebrochen sein und bei den Nachweisungen, die
mein Vetter mir gegeben, wird es mir leicht werden, der Kasse der geheimen
Verbindungen Schlag auf Schlag beizubringen.
    Das wird Ihre Sache bleiben, Herr Pereire. Die erbetene
Eisenbahn-Concession soll bewilligt werden. - Der Redner wandte sich wieder zu
dem Aelteren:
    Wollen Sie mir aufrichtig sagen, Herr Baron, was Sie zu dieser
Sinnesnderung, zu dem Entschlu gebracht hat, der Regierung jene Vorschlge und
Entdeckungen zu machen?
    Sire - eine groe Nervenerschtterung - ein furchtbarer Schrecken, den ich
noch nicht berwinden kann. Lassen Euer Majestt ber die Spezialitten mich
schweigen.
    Aber frchten Sie nicht, da diese Revolutions-Gesellschaften Sie im
Geheimen fr den Austritt strafen, sich an Ihrer Person rchen werden?
    Der Boden, auf dem ich stand, Sire, war bereits eine Mine, die jeden
Augenblick in die Luft springen konnte. Jener Vorgang, auf den ich angespielt,
zeigte mir, was ich zu erwarten hatte. Ich hielt Euer Majestt fr den einzigen
Mann in Europa, der siegreich den Kampf mit dieser verborgenen Macht fhren
knnte, und wollte lieber unter Euer Majestt Schutz mich begeben, als lnger
jene Lage ertragen. Meine Maregeln sind getroffen; - indem ich Ihr Kabinet,
Sire, verlasse, werde ich fr alle Welt ein unsichtbarer Mann fr ein oder zwei
Jahre, bis ich glaube, mit Sicherheit fr mein Leben mich wieder zeigen zu
knnen. Man wird mich nach Amerika entwichen glauben und dort vergeblich
suchen.
    Im Interesse Ihrer Sicherheit wrde es gut gewesen sein, wenn Sie mglichst
vollstndige Angaben ber diese sogenannten Unsichtbaren und ihre geheimen
Zusammenknfte gemacht htten. Die Notizen, die Sie mir darber haben zukommen
lassen, sind jedoch sehr unvollstndig, namentlich in Betreff des Ortes.
    Sire - es ist Alles, was ich wei; - da ich nur einen sehr untergeordneten
Grad hatte und allein fr die finanziellen Operationen benutzt wurde, kann ich
nicht mehr sagen. Die Mitglieder meines Grades wurden unter ganz besonderen
Vorsichtsmaregeln an den Versammlungsort des Rathes gefhrt, und ich wei nur,
da er sich in der Nhe der Seine befindet.
    Gut; zum Glck bin ich im Besitz anderer Materialien. Leben Sie wohl, Herr
Baron - ich glaube, die Zeit, in welcher Sie aus Amerika zurckkehren drfen,
wird nicht so fern sein.
    Eine leichte Verneigung des Kopfes zeigte den Beiden, da die Audienz zu
Ende; sie zogen sich unter Verbeugungen zu der Thr zurck, durch die sie
eingetreten, und verlieen das Gemach.
    Wiederum verging eine Pause in ernstem scharfem Nachdenken, dann legte der
Gebieter den Finger auf die Feder einer Glocke und ein scharfer durchdringender
Silberton erklang. Der dienstthuende Adjutant trat sofort durch die groe Thr
in das Kabinet.
    Ist Persigny da, lieber Graf?
    Zu Eurer Majestt Befehl. Der Herr Minister wartet seit einer halben Stunde
und berbringt eine wichtige Nachricht, wie er mir sagt.
    Sie htten mir das gewhnliche Zeichen geben sollen; lassen Sie den Grafen
eintreten, Rognet.
    Der Minister des Innern, - jener Gnstling und Anhnger des neuen Gestirns
der Napoleoniden schon bei seinem ersten verunglckten Aufflug, - der Gesandte
von 48 in Berlin, - der Graf aus Recompense, - trat in das Kabinet. Das feine
elegante etwas spitze Gesicht und die zierliche Figur pate zu seiner Haltung.
Dennoch schien die diplomatische Ruhe des Staatsmannes etwas aus dem
gewhnlichen Gleis.
    Was hast Du, Persigny?
    Der Gebieter, der berhaupt fr Jugenderinnerungen sehr empfnglich ist,
pflegt ihn in vertrauten Stunden oft ziemlich cordial zu behandeln.
    Sire - der Telegraph meldet, da der Herzog von Parma heute Nachmittag beim
Austritt aus seinem Palast ermordet worden ist.
    Ein Bourbon!
    Der Ausdruck war fast unwillkrlich den Lippen entschlpft.
    Sire es ist ein politischer Meuchelmord, offenbar ein Werk der
revolutionairen Propaganda. Der Mrder ist entkommen und unbekannt.
    Er blickte ihn wie fragend an. Der Minister verstand seine Gedanken.
    Der Dolch, der sich an den legitimistischen Bourbonen gewagt, kann sich
auch an den absoluten Napoleoniden wagen.
    Du hast Recht, Persigny, und der Sache mu ein Ende gemacht werden. Das
Schwert und das Scepter meines groen Oheims soll regieren ber Europa, nicht
der Dolch alberner Republikaner. Sorge dafr, da morgen im Moniteur die That
mit den schwrzesten Farben gebrandmarkt wird. Ich bin entschlossen, und noch
heute soll der erste Streich fallen.
    Meine Vorbereitungen sind getroffen.
    Wohl - so breche ich denn vollstndig mit der Revolution und der
Vergangenheit. Sie oder ich, nur Einer darf herrschen. Ich habe dieses Netz
geheimer Intriguen, das man seit zwei Jahren um mich gesponnen, von Anfang an
durchschaut und wie Gregor VII. will ich die Krcken zu Boden werfen, denn ich
kann allein stehen. Die Propaganda glaubte ein williges Werkzeug an mir zu
finden, dessen Gngelband in ihren Hnden blieb, aber sie hat sich getuscht und
wird ihren Herrn erkennen. Mein Oheim hat blos die franzsische Revolution von
1793 zu Boden geworfen, - ich werde der Revolution von ganz Europa den Maulkorb
anlegen.
    Wir haben mancherlei Vortheile aus diesem Gespenst der Staaten gezogen,
Sire.
    Das haben wir, Graf, gewi, aber die Stunde des Bruchs mute kommen. Der
Thron Napoleons kann nicht von der Geneigtheit demokratischer Fanatiker oder
Speculanten abhngen. Ich habe sehr wohl begriffen, warum man mich in dieser
orientalischen Crisis so schlau untersttzt, oder vielmehr, warum man von allen
Seiten den Krieg herangedrngt hat. Htte er nicht meinen eigenen Zwecken und
Wnschen entsprochen, alle ihre Knste und Avancen sollten wenig gentzt haben.
Jetzt werfe ich die Maske ab und will die Bewegung in meiner Hand concentriren.
    Euer Majestt wissen, da ein groer Theil des Heeres, namentlich in
Algerien republikanische Gesinnungen hegt, und da viele unserer besten und
beliebtesten Fhrer diese bei der Wahl offen bekundeten. General Pelissier ...
    Pelissier wird thun, was ich ihm befehle. Eben indem ich der Armee
Schlachtfelder, Ruhm und Rache biete, wird sie imperialistisch sein mit jedem
Blutstropfen. Die franzsische Armee gehrt dem Namen Napoleon. Du bist kein
Soldat, Persigny, und begreifst das nicht. Bdeau, Lamoricire und Cavaignac
haben mir ihre Degen anbieten lassen fr den Krieg, aber ich brauche und will
sie nicht, ich verzeihe nie; das Frankreich unter mir soll seine eigenen
Marschlle ziehen. Ich halte in meiner Hand jetzt schon den Credit Europa's,
diese mchtige Waffe des knftigen Friedens. Ich werde die Sieger des Hauses
Napoleon demthigen, und den einzigen Mann in Europa, dessen Stolz und Energie
ich achte, bedauern lassen, da er Ludwig Napoleon beleidigt und ihm sich in den
Weg gestellt hat!
    Es war das erste Mal, da dieser verschlossene Charakter selbst gegen seinen
Vertrauten so offen sich aussprach, und der Graf fhlte die Gefahr des Terrains.
    Der Kaiser von Ruland, Sire, sagte er, drfte es jetzt schon vielfach
bereut haben, da er Ihnen die Anerkennung Anfangs verweigerte. Die geheimen
Anerbietungen in Betreff der trkischen Frage sind Beweise dafr.
    Sie vergessen, Graf, wann sie gemacht wurden, und das ist eben der Umstand.
Durch die Spione jener Propaganda mute ich die erste Nachricht von den
Unterredungen erfahren, die der Czar mit Lord Seymour gehalten und die das
englische Ministerium jetzt in dem blauen Buche vor Europa verffentlicht hat.
Dies Uebergehen Frankreichs oder vielmehr Napoleon's war eine neue Beleidigung.
Ich wei, der Czar hat mich und nennt mich einen Avantrier. Das kann ich
selbst thun - aber kein Anderer! Erst als die britischen Fchse ihn abgewiesen,
kam Nesselrode uns mit seinen Plnen. Sagen Sie, Graf, wie nimmt man in
Deutschland die Enthllungen auf, die der Moniteur und das Journal de l'Empire
ber die neue Auflage des Vertrages von Tilsit gemacht haben?
    Sire, die Zeit zu Aeuerungen ist noch zu kurz - die Artikel erschienen
erst vor drei Tagen.
    Ich denke, man wird sich endlich jenseits des Rheines berzeugen, was man
von der russischen Freundschaft zu erwarten hat. Dieses Preuen ist blind und
strrisch, wie sein Adel. Ich will keine Eroberungen, aber so lange diese
sogenannte heilige Allianz besteht, bleibt sie eine Bedrohung der napoleonischen
Herrschaft. Der Tag, an dem ich hier in Paris in meinen Tuilerieen ein neues
Bndni an ihre Stelle setze, wird der erste meiner wahren Herrschaft sein.
    Der Tag wird kommen, Sire.
    Ich wei es, Graf - ber die Schlachtfelder am Schwarzen Meere dmmert er
bereits. Lassen Sie Moustier in Berlin genau auf die ffentliche Stimmung merken
und verkehren Sie ber die Presse direkt mit ihm. - Haben Sie die Nachweisungen,
die ich Ihnen gab, mit den Ermittelungen Pietri's genau verglichen?
    
    Es ist heute Mittag mit den beiden Prfekten und Herrn Collet-Meygret
ausfhrlich conferirt worden. Wir glauben des Platzes ziemlich sicher zu sein
und unsere Agenten bewachen ihn. Der Schlag kann, wie gesagt, jeden Augenblick
fallen.
    Der Gebieter sah nach der Uhr ber dem Kamin.
    In einer Stunde also - ich mte mich sehr irren, wenn nach dem Bankerutt
Riepra's und der Nachricht aus Parma nicht heute noch eine Sitzung stattfinden
sollte. Sind die Befehle nach den Departements ertheilt? - Lassen Sie besonders
Lyon im Auge halten.
    Smtliche uns bereits bekannte Verbindungen, Sire, die Marianne, die
Militante, der junge Berg und die Joseffiten sind mglichst genau berwacht, -
es fehlt uns Nichts, als ihr Zusammenhang.
    Wir werden ihn heute finden. Sobald die Verhaftungen erfolgt sind, lassen
Sie mir durch Haumann oder Pietri Bericht erstatten.
    Der Minister verbeugte sich.

    Die Yella hatte in der groen Oper getanzt, die schne russische Sylphide,
die spter den Muth bewies, dem franzsischen Kaiser gegenber ihre Theilnahme
an dem Siegesfest ber ihr Vaterland zu verweigern. Das leichtherzige Volk der
Knstler beunruhigte sich nicht ber den drohenden Kriegssturm, - sie blieben in
Paris und Petersburg, denn sie wuten, da Paris und Petersburg, die Ueppigkeit
und das Raffinement, bald wieder einander bedrfen wrde, da Ruland seine
Grnzen gegen die Bedrfnisse der Vlker, aber nicht fr die Schwelgerei der
Reichen auf die Dauer verschlieen kann.
    Aus dem Foyer traten zwei Mnner Ann in Arm und gingen plaudernd durch das
Gedrng der Billethndler, der Ausrufer und Zeitungsverkufer nach dem Boulevard
des Italiens zu. Der Eine trug die Colonel-Uniform der Zuaven, der Andere Civil.
    Kaufen Sie, Messieurs, les Gardes de la Porte, mit schnen Illustrationen,
ein Sou das Stck!
    Der junge Mann in Civil lachte.
    Kaufen Sie, Vicomte, um mit unserer Literatur au fait zu sein. Das
nichtswrdigste und lcherlichste Pamphlet auf den Kaiser Nicolaus. Ich wette,
der Bursche, wenn Sie ihn fragen, hat auch die Revision der Karte von Europa,
obschon die Polizei sie angeblich confiscirt hat.
    Ich sehe, Saz, Sie stehen bereits wieder vollkommen in der
Tagesgeschichte, obschon Sie erst seit drei Tagen aus Poitou zurckgekehrt
sind.
    Ei, mein Lieber, plauderte der frhliche Lebemann, wozu hat man die
Zeitungen, die Correspondenz und seine Freunde? Sie knnen denken, da ich ein
eifriger Correspondent geworden bin und der Post viel eingebracht habe, um den
abscheulich langen Herbst und Winter todt zu machen, den ich im Schlo meiner
alten Tante zubringen mute. Verwandschaftsrcksichten, mein Bester, Verwandte
hat leider jeder Mensch! Zum Glck war es meine letzte und ich kann nun
ungehindert thun, was mir beliebt, in die Diplomatie oder in's Militair treten,
kurz, ein Mann des Staates werden, was die legitimistischen Grillen der
Verstorbenen, von der leider meine besten Aussichten abhingen, mir bisher
verschlossen. Ah, Colonel! - ich gratulire bei der Gelegenheit zum Avancement -
wenn Madame la Marquise geahnet htten, wozu der letzte Sprling der Saz's
unterde all' seine viele Zeit verwandt hat, wie er in den durch das
Bourgeoisieregiment und das neue Kaiserthum entweihten Tuilerieen Hof gemacht,
dem Advocatenadel, der Brsenaristokratie und der Judennoblesse viele seiner
schnsten Abende und Salonstudien zu danken hat, - auf Ehre, Vicomte, die alte
Dame htte mich zu all' ihrem langweiligen Predigten noch gnzlich enterbt.
    Mricourt - denn der wackere und hochherzige Geliebte der schnen Frstin
Oczakoff, die wir so lange aus den Augen verloren haben, war der Begleiter des
Marquis, lchelte ernst.
    Die Verbannung von Paris hat Sie wenig verndert, obschon ich glaubte, da
pariser Luft Ihnen so nothwendig zum Lebenwre, wie dem Fisch das Wasser.
    Da haben Sie Unrecht, Vicomte, ich bin nicht ein einziges Mal whrend der
ganzen Zeit in Paris gewesen, sondern habe alle Landkrnzchen und Blle der
Provinz mitgemacht, wie ein geborener Krautjunker. Sie sehen ja auch aus meinen
Plnen, da ich Paris missen will und in die Fremde gehen. Im Vertrauen kann
kann ich Ihnen freilich sagen, es geschieht, weil nach meinem Arrangement von
dem Erbe meiner Tante, das wegen der leidigen wohlthtigen Legate viel geringer
ist, als ich und meine Glubiger erwarteten, mir nicht so viel brig bleibt, um
das Leben in der frhern Weise hier fortfhren zu knnen.
    Werden Sie Soldat, Saz, Sie dienten ja bereits in ihrer frhern Jugend.
    Gewi, mein Lieber; ein oder zwei Jahre, ich wei nicht mehr - man mu
seine Pflichten gegen das liebe Vaterland erfllen. Auch hat ein Bekannter im
Bureau des Kriegsministers mir bereits das Patent als Lieutenant und zur
Dienstleistung beim Stabe des Prinzen, der die 3. Division kommandiren soll,
zugeschickt, - ich habe aber Lust, es doch wieder zurckzugeben, und die
diplomatische Carriere vorzuziehen.
    Im Augenblick, wo der Krieg vor der Thr ist? sagte der Vicomte
vorwurfsvoll.
    Ah, bah, - ich glaube, Sie zweifeln nicht an meinem Muth, nur ist das Leben
im Felde so - so - unfashionable und ich verspreche mir mehr Spa von den
diplomatischen Operationen in dieser Zeit. Mit den trkischen Harems mchte ich
schon Bekanntschaft machen, wenn wir nur nicht mit den schmuzigen Russen zu thun
htten. Man wird die Handschuh alle Augenblick wechseln mssen im Gefecht! A
propos, Vicomte, haben Sie Nichts wieder von unserm kleinen durchgegangenen
Duellanten gehrt, der den Kamm so gewaltig blhte und dann spurlos verschwunden
war?
    Sie meinen den Frsten Iwan? entgegnete der Colonel ernst. Sie wissen,
Marquis, da kein Flecken auf seiner Ehre haftet und da Herr von Kisseleff, der
russische Gesandte, uns am Morgen offiziel unterrichtete, da er den Frsten
davon abgehalten und zur Abreise als Courier nach Petersburg gezwungen habe.
    Ja, ich wei, und ich begriff damals nicht, warum Sie das heimliche
Anerbieten jenes russischen Obersten, fr den jungen Frsten einzutreten,
ablehnten und sich mit Entschuldigungen des Gesandten begngten. Sie schieen so
wundervoll, Vicomte, und hatten die beste Gelegenheit, sich da von dem widrigen
Tatarengesicht Ihres Rivalen zu befreien, denn verliebt in die schne Frstin
waren Sie doch.
    Der Colonel schwieg.
    Haben Sie Nichts wieder von der Dame und ihrem Bruder gehrt? beharrte de
Saz.
    Frst Iwan ist, wie ich aus den Zeitungen ersehen, in den Stab des Frsten
Mentschikoff gesandt worden. Sein Name hat bereits ehrenvolle Erwhnung in der
blutigen Schlacht von Oltenitza gefunden. Die Frstin ist - wie ich von einem
Attach der Gesandtschaft hrte - gefhrlich in Berlin erkrankt und dann auf
ihre Gter in der Krimm zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit gebracht worden.
Ein seltsames Ereigni erinnerte mich daran, als ich vor einigen Tagen bei
meiner Rckkehr von Algier in Marseille der Einschiffung der ersten Division
beiwohnte.
    Bitte, erzhlen Sie, Vicomte! - Aber was, zum Teufel! verfolgt uns denn
eigentlich fr ein fremdes Subject? Ich habe das confiscirte Gesicht schon beim
Austritt aus dem Theater bemerkt, wie es mich aus der Menge der Flaneurs mit den
Augen eines Wolfes anstarrte.
    Der Colonel sah sich um. In der Entfernung von etwa dreiig oder vierzig
Schritt schlich mit auffallender Beharrlichkeit ein Mann hinter ihnen d'rein von
finsterm verdchtigem Aussehen. Seine Kleidung war die eines Commissionairs, das
Gesicht eingefallen, hohl, so weit es die Entfernung und die Gasflammen zu
erkennen erlaubten, - und von einem dichten Bart zur Hlfte bedeckt. -
    Vielleicht irgend ein Vagabond oder Bettler, sagte der Vicomte, Paris
wimmelt davon. Aber die Zeit ist noch zu frh, kaum eilf Uhr und der Boulevard
zu belebt fr solche Nachtvgel.
    Also Ihre Geschichte, Colonel!
    Ich habe bereits erwhnt, da ich bei dem ersten Einschiffen der Truppen
zugegen war, denn zu der Division des Generals Canrobert wird auch das 3.
Zuaven-Regiment gehren, dem ich mich von der Garde habe zum activen Dienst
attachiren lassen und folgen werde, sobald ich hier meine Functionen beendet.
Bei dem Gedrnge der Einschiffung gerieth ich pltzlich mit einer jungen
hbschen Marketenderin zusammen, die meine Hilfe in Anspruch nahm, weil, wie sie
naiv sagte, ihr Bruder auch jetzt bei den Zuaven stnde. Das wre nun kein
besonderes Abenteuer, denn Sie wissen, Marquis, mit welcher Nonchalance unsere
braven Mdchen aus dem Felde mit Offizieren und Soldaten umzuspringen pflegen.
Aber was mich dabei reizte, war das Aussehen ihres Begleiters, der in irgend
eine zusammengesetzte Uniform, wie sie der Trdel bietet, gesteckt war und nur
dazu zu dienen schien, das Gepck der Kleinen zu bewachen, ohne ihr im
Geringsten sonst an die Hand zu gehen, whrend sie mit einer auffallenden
Sorgfalt jeden Augenblick nach ihm umschaute. Der Bursche war jung, aber hager
und bleich, dabei aber so hbsch, ja schn, wie Frst Iwan Oczakoff, mit dem er
eine so auffallende Aehnlichkeit hatte, da dies eben meine Blicke gefesselt
hielt. Wren die starren todten Augen nicht gewesen, so htte man die
Aehnlichkeit fr erschreckend halten knnen.
    Der Zufall treibt oft sein merkwrdiges Spiel.
    Dast schien auch hier der Fall. Der arme Junge war bldsinnig oder
wahnwitzig, ich wei nicht was. Seine einzige Antwort, als ich ihm befahl, das
Gepck aufzunehmen und ihn die Soldaten hin und her stieen, war der immer
wiederholte Refrain: Eilf Uhr - die Bahn geht ab! und ein Lachen, das sogleich
mir seinen Zustand verrieth, auch wenn die kleine Marketenderin nicht
hinzugesprungen wre und mir gesagt htte, ihr armer Vetter sei geistesschwach
und sie sorge fr ihn. Ich gab der Kleinen meine Karte, notirte mir ihren Namen,
Nini Bourdon, und empfahl ihr, mich spter in Gallipoli aufzusuchen, wenn ich
ihr gefllig sein knne.
    Die Freunde setzten plaudernd ihren Weg fort, das Wetter war schn und der
Marquis begleitete den Freund eine Strecke auf dem Wege nach seiner Wohnung,
die, wie wir aus dem ersten Theil unseres Buches wissen, jenseits der Seine lag.
Sie waren ber den Platz de la Concorde und bis zum Cours la Reine am Quai
gekommen, auf welchem spter die Nebengebude des Industrie-Palastes erbaut
wurden. Der Colonel trat in einen der Lden, um sich eine nothwendige
Kleinigkeit zu kaufen, whrend der Marquis langsam auf den breiten Quadern am
Flu hinschlenderte.
    Der Ort war jetzt verhltnimig einsam, wenn man dies in Paris so nennen
kann, wo es zu keiner Stunde der Nacht an Flaneurs auf den Boulevards und Quais
fehlt. Mricourt verweilte einige Augenblicke lnger in dem Magazin, und als er
sich nach dem Freunde umsah, konnte er ihn im ersten Augenblick nicht bemerken,
bis, weiter gehend, der Schall von Stimmen ihn aufmerksam machte.
    Im Licht der Gasflammen bemerkte er den Marquis und dicht vor ihm, mit
wilden Gesten zu ihm sprechend, den Fremden, der ihnen von der Oper her ber die
Boulevards gefolgt war.
    Der Colonel beeilte seine Schritte, denn die Sprache des Fremden klang rauh
und drohend, obschon er die Worte noch nicht verstehen konnte.
    Er mochte etwa noch dreiig Schritte von der Gruppe entfernt sein und
bemerkte, da auer ihm noch andere Vorbergehende aufmerksam geworden, als er
sah, da der Unbekannte sich auf seinen Freund strzte und ihn mit wilder
Erbitterung an der Brust fate und schttelte. Zugleich hrte er die Worte: Sie
sind sein Mrder, Herr; Ihr Blut fr das seine!
    Im Nu war der Colonel an der Seite des Freundes, aber er kam zu spt, um
eine unglckliche That zu hindern. Alfred de Saz war von schlanker Gestalt,
verbarg aber unter dem schmchtigen Aeuern eine starke Muskelkraft. Im ersten
Augenblick wankte er unter dem Angriff des Rasenden, dann aber hatte er ihn
rasch an den Hften gefat und schleuderte ihn mit Gewalt von sich. Der
Unglckliche taumelte zurck, schlug an das Gitter, das den Quai nach der Seine
hin abschliet, und von der gewaltigen Schwingung des Wurfs die Balance
verlierend, rckwrts ber die obere Stange des Gitters, und ehe die
umherfassende Hand einen Halt zu ergreifen vermochte, in die Tiefe.
    Ein lauter Schrei ertnte von mehreren Lippen, denn verschiedene Personen,
durch den raschen heftigen Wortwechsel herbeigelockt, hatten die That mit
angesehen. Alles strzte nach den Gittern.
    Um Gotteswillen, de Saz, was gab es? was ist geschehen?
    Der Marquis stand bleich, zitternd, odemlos, sein Gilet und seine Cravatte
zerrissen von dem Griff des Fremden. - Ich wei nicht - ich verstehe es selbst
nicht - retten Sie den Menschen, es ist ein Wahnsinniger!
    Er sprang an den Rand des Stromes, an die Unglcksstelle, an der bereits das
Publikum mit dem Rufe: Ein Mord! haltet den Mrder! sich drngte.
    Er ist auf den Kahn gestrzt! rief eine Stimme.
    So war es in der That, aber wie sich erwies, zum Unglck des Mannes. Dicht
unter dem Quai lag eines der greren Seineschiffe; der Strzende war auf das
Bugspriet desselben geschlagen, jedoch so unglcklich, da er mit dem Hinterkopf
auf die Schaufel eines Ankers traf. Als die von dem Tumult herbeigerufenen
Schiffer ihn aufhoben und ber die schwankende Bohlenbrcke auf den Quai trugen,
zuckten die Glieder bereits im Todeskampf, die Augen rollten wild, ein Strom von
Blut ergo sich aus dem Munde und wenige Augenblicke darauf war der Unbekannte
eine Leiche.
    Im hellen Licht der Gaslaternen lag dieselbe auf den Quadern des Quais,
umdrngt von der Menge; der Colonel untersuchte den Puls des Unglcklichen und
bat einige Umstehende, rztliche Hilfe zu holen - der Marquis starrte
regungslos, verwirrt auf das bleiche Todtenantlitz.
    Der Offizier erhob sich endlich. - Jede Hilfe ist vergebens, der Mann ist
todt. Es ist ein Unglck, Saz, aber Sie sind auer Schuld.
    Ein Polizei-Agent drngte sich heran. - Man bezeichnet Sie mir als den,
welcher diesen Mann im Streit in die Seine gestrzt. Ich verhafte Sie und Sie
werden mir folgen.
    Der Colonel entfernte ruhig die Hand des Agenten von dem Arm seines
Freundes. - Menagiren Sie sich, mein Herr. Sie sehen, da ich Stabs-Offizier
bin und dieser Herr ist gleichfalls Offizier, wenn er in diesem Augenblick auch
nicht Uniform trgt. Er wurde von dem Manne angefallen und thtlich beleidigt,
hatte also das volle Recht, ihn zu todten. Sie werden im Publikum leicht die
Zeugen finden, einstweilen sind hier unsere Karten: Colonel Vicomte de Mricourt
und Lieutenant Marquis de Saz. - Wollen Sie mir morgen weitere Nachricht geben
ber den Verunglckten, so werden Sie mich verpflichten; einstweilen haben wir
hier Nichts weiter zu schaffen. Kommen Sie, de Saz.
    Er zog den Arm des Freundes durch den seinen und ihn aus dem Gedrnge, den
nchsten Nachtwagen anrufend, der sie schnell von dem unglcklichen Schauplatz
hinwegfhrte.
    Der Mensch wollte Sie offenbar berauben, und doch kann ich die Worte nicht
damit zusammen reimen, die ich hrte?
    Der Marquis hatte seine Fassung immer noch nicht wiedergewonnen und war auf
das Heftigste angegriffen von dem unglcklichen Ausgang. - Ich glaube nicht,
sagte er hastig. Hren Sie den Hergang. Sie hatten mich eben verlassen,
erzhlte er, und ich nherte mich dem Trottoir am Strom, als ich hinter mir
rasch Schritte hrte. Ich glaubte zuerst, Sie wren es, und drehte mich um,
erblickte aber zu meinem Staunen den Mann, der uns von der Oper aus lange
verfolgt hatte und der jetzt rasch auf mich zustrzte mit den Worten: Endlich
habe ich Dich gefunden - wo ist mein Herr, mein Bruder? - Was wollen Sie von
mir? ich kenne Sie nicht! - Dies war in der That wahr, und dennoch schwebt mir
dies Gesicht dunkel vor, als htte ich es bereits gesehen, ohne da ich wei, in
welcher Verbindung. Seine Augen rollten wie im Wahnwitz. Du warst es, Du warst
bei ihm an jenem Unglckstage; ich weiche nicht von Deinen Fersen, bis Du mir
Rechenschaft gegeben ber meinen Gebieter. - Ich glaubte, der Mensch sei
verrckt, und wollte weiter gehen, da sprang er mir wie ein wildes Thier an die
Kehle, und das Andere wissen Sie und - ich bin der Mrder eines Wehrlosen.
    Das berraschende Unglck schien den leichtsinnigen Dandy bis in's Innerste
seiner Seele erschttert zu haben. - Ich kann dies Gesicht nicht los werden,
wiederholte er schaudernd, und dennoch wei ich nicht, wo es mir zufllig schon
begegnet.
    Sie werden sich vielleicht spter dessen besser erinnern und die
Untersuchung der Polizei ber den Unglcklichen wird uns dabei untersttzen. Die
Entscheidung Ihrer Wahl hat eine hhere Hand bernommen, denn es kann jetzt
natrlich keine Rede von einer Rckgabe des Patentes sein; als Offizier kann man
Sie nicht mit einer langwierigen brgerlichen Untersuchung behelligen. Beruhigen
Sie sich daher, denn Sie tragen an dem Geschehenen keine Schuld. Hier sind wir
an Ihrer Wohnung, und wenn Sie erlauben, begleite ich Sie hinauf, um unsere
nothwendigen Schritte fr morgen noch zu besprechen.
    Der Marquis lie sich willenlos geleiten; Mricourt blieb bis zum Morgen bei
ihm. - -
    In der Morgue, dieser letzten Sttte des Elends, der Verzweiflung und des
Verbrechens von Paris, lag kalt und starr die Leiche Wassili's, des treuen
Dieners des frstlichen Geschwisterpaars. Die Polizei hatte bei ihm nur einen
Brief in russischer Sprache gefunden, der die rthselhaften Worte enthielt: Den
letzten Bericht erhalten; fahre fort zu suchen und zu forschen und melde auch
das Geringste eilig nach Sebastopol auf dem bekannten Wege ber Berlin. Ein
Wechsel liegt bei; spare kein Geld. - Der Wechsel vom Banquierhause Stieglitz
in Petersburg auf das legitimistische Bankhaus Leroy Chabrol in Paris und auf
2000 Franken lautend, lag bei - das Bankhaus hatte zwei Tage vorher jenen
Bankerutt gemacht, der die Credite der Hauptstadt erschtterte.
    Die Polizei lie, nachdem alle weiteren Nachforschungen sich vergeblich
erwiesen, den Leichnam des so zufllig entdeckten russischen Spions begraben
und Herr Moustier, der Gesandte Frankreichs in Preuen, erhielt den Wink, da
die Fden einer feindlichen Spionage von Berlin aus geleitet wrden und man
daher kein Bedenken tragen drfe, sich in hnlicher Weise zu revangiren.

    Der Leser folgt uns zur Schluscene der ersten Abtheilung unseres Buches, -
in jene geheimnivollen Rume, welche den Versammlungsort des Bundes der
Unsichtbaren bildeten.
    Ein Jahr und ein Tag waren vergangen, seit die Scene darin erffnet worden.
Wiederum saen um die rothbehangene, von Ampeln erleuchtete Tafel die
geheimnivollen Sechs in ihren rothen Capuchons - keine Zeit schien zwischen
damals und jetzt zu liegen, und dennoch waren unterde die europischen
Geschicke aus ihren Angeln gehoben, Strme von Blut waren bereits geflossen und
die Kriegsfurie drohte ber ganz Europa.
    Der schwere rothe Vorhang vor dem hintern Theil des Gemaches war
geschlossen. Die Mitglieder des Rathes verkehrten bereits einige Zeit mit leiser
Stimme und ordneten verschiedene Papiere, als der feine scharfe Anschlag einer
Glocke sich hren lie und gleich darauf aus den Falten des Vorhanges die kleine
verwachsene Figur schlpfte, welche wir bereits als eines der Mitglieder der
hchsten Gewalt haben kennen lernen.
    Die Sechs erhoben sich; der Verwachsene dankte mit einer kurzen Verneigung
und trat zu dem siebenten leeren Stuhl.
    Der Vorstand der Section VII. ist noch immer nicht zurckgekehrt, sagte
die scharfe schrille Stimme mit italienischem Accent unter der Maske hervor;
ich werde seinen Platz einnehmen, meine Brder und den Vorsitz der Verhandlung
fhren. Setzen Sie sich und lassen Sie uns rasch die Tagesgeschfte erledigen.
Wer vertritt in Stelle des Abwesenden den Bericht fr Petersburg und Warschau?
    Das nchstsitzende Mitglied des Rathes erhob sich. - Der Graf Lubomirski
berichtet aus Volhynien, wo er sich gegenwrtig aufhlt. Die Aussichten in Polen
fr eine Schilderhebung der Revolution sind in diesem Augenblick ungnstig.
Oesterreich und Preuen sind vollkommen gerstet und wrden sie sofort
bekmpfen. Selbst unter den polnischen Patrioten ziehen sich Viele zurck. Die
Garden sollen in Polen einrcken, um das Corps des Generals Osten-Sacken zu
ersetzen. Der Graf legt den khnen Plan vor, Ruland die Hilfe der Propaganda
gegen die Trkei und die Westmchte anzubieten, unter der Bedingung der spteren
Herstellung einer groen slavisch-magyarischen Republik zwischen der Weichsel,
der Moldau und der Donau. Die Ausfhrung wrde hunderttausend tapfere und
kriegsgewohnte Soldaten dem Czaren zufhren und den Russen sofort den Weg nach
Constantinopel ffnen.
    Der Plan wird circuliren und Sie werden smtlich ihre Meinung beifgen. Ich
bin der Ansicht, da bei den Gefahren, die ich spter errtern werde, der
Versuch gemacht werden mu. Fahren Sie fort.
    Der Graf begiebt sich nach Odessa und der Krimm, wo hauptschlich die
polnischen Regimenter stehen. Er glaubt unter diesen bedeutende Propaganda
machen zu knnen. In Petersburg ist das Terrain beraus gnstig. Man fhlt
bereits, da man sich in einen Krieg verwickelt, dem das Land noch nicht
gewachsen ist. Der Eigensinn und die persnliche Krnkung, die der Tyrann
erlitten, hat ihn verblendet. Zugleich macht sich der Drang nach liberalen
Zugestndnissen berall geltend. Der Krieg wird Ruland gnzlich niederwerfen,
wenn wir auf der Seite seiner Gegner bleiben.
    Es handelt sich jetzt bereits darum, meine Herren, wer unser gefhrlichster
Feind ist, der Czar, oder Louis Napoleon. Ich werde dem Grafen selbst antworten.
Berichten Sie rasch aus Berlin und Wien.
    Der Vorstand der Section Deutschland und Schweiz erhob sich. - Man hat
die spanische Tnzerin genau beobachtet. In Berlin ist ihre Mission, was unsere
Hauptzwecke anbetrifft, gnzlich milungen. Selbst der jngere Adel und
Offizierstand zeigt eine Hartnckigkeit und ein starres Festhalten an den alten
Ideen und Gewohnheiten, das einer gnzlichen Abschlieung gleicht. Es tritt dies
neuerdings in festem Zusammenhalten gegen die Eingriffe der Civilbehrden
hervor. Wir werden einst einen harten Stand haben mit der preuischen Armee,
doch hilft auf der andern Seite die immer mehr wieder hervortretende Absonderung
des Adels vom Brger. Die katholische Fraction in den Kammern bereitet stets
neue Zerwrfnisse und ihre Oppositionsgelste verleiten sie selbst zur
Vertheidigung communistischer und liberaler Fragen. Das arbeitet uns in die
Hnde. Man protegirt jetzt das Rheinland auf alle Weise zum Verdru der lteren
Provinzen. - Von den Anwerbungen aus der Armee und dem Volke fr Freicorps ist
wenig zu hoffen - nur was dort nicht fortkommen kann. Die Jugend ist zu
abstrakt, zu wenig empfnglich und abenteuerlustig. - Dagegen sind wichtige
Verbindungen angeknpft, welche die diplomatischen Geheimnisse fortlaufend in
unsere Hnde legen werden. Man geht unvorsichtig zu Werke.
    Der Baron erstattet ausfhrlichen Bericht und verlangt dafr die
versprochene Empfehlung seines Memoirs in England.
    Und Wien?
    Abb Cavelli sendet nur den Finanzbericht. Unsere Operationen haben den
besten Fortgang. Der Graf hat sich mit ihm in Verbindung gesetzt und jenen Plan
mitgetheilt, in Folge dessen der Abb bis auf den Eingang weiterer Befehle die
politischen Agitationen eingestellt hat. Oberst Pisani befindet sich mit seiner
Gattin augenblicklich wieder in Wien.
    Italien werde ich selbst bernehmen, sagte der Vorsitzende, da meine
Nachrichten neuer sind, als der Bericht Mazzini's von Parma. Ferdinand Carl von
Bourbon, genannt Herzog von Parma, ist heute Nachmittag unter dem Dolch der
Unsern gefallen.
    Alle erhoben sich. - So mgen alle Feinde der wahren Freiheit sterben!
    Und der Tapfere? fragte eine Stimme.
    Die Anstalten scheinen vortrefflich, er ist glcklich entkommen. - Ich wei
die Sache vorlufig nur durch die Regierungs-Depesche. Doch zu Wichtigerem. Sie
sind hier zusammen berufen, um ber die hchsten Interessen des Bundes zu
entscheiden. Sehen Sie!
    Er ri den Vorhang hinter sich auf, - der Raum war leer.
    Ich habe die Verantwortlichkeit allein bernommen, wie Sie sich berzeugen,
denn meine beiden Collegen in der hchsten Gewalt sind augenblicklich von Paris
abwesend. Der Bund hat in den letzten Tagen einen schweren Verlust erlitten. Sie
wissen, da wir bereits im vorigen Jahre dem Baron Riepra zu mitrauen
Veranlassung hatten, der unsere Geldangelegenheiten verwaltete. Es ist ihm
gelungen, bei einem wichtigen Plan, der die ganze Zukunft der Verbindung
enthielt, dem Crdit mobilier, einen seiner Verwandten unterzuschieben und, wie
ich frchte, die Sache uns geradezu aus den Hnden zu spielen. Heute Morgen hat
er, den Fall des legitimistischen Hauses Leroy Chabrol benutzend, seine
Zahlungseinstellung erklrt und ist seitdem unsichtbar geworden. Die Kasse des
Bundes verliert mindestens eine Million, die Verluste lassen sich noch nicht
bersehen.
    Tod dem Verrther! klangen die sechs Stimmen.
    Ich stimme dem bei, - doch dieser Verrther ist schlau, er war gewarnt
durch unsere Nachsicht und wird seine Maregeln genommen haben. Unsere Agenten
verfolgen ihn bereits. Doch, Brder, das ist nicht das Wichtigste und die grte
Gefahr, die dem Bunde droht. Louis Napoleon, der sich Kaiser der Franzosen nennt
und es allein durch unsern Willen geworden ist, droht die leitenden Bande zu
zerreien, mit denen der Bund ihn bisher seinen Zwecken unterthan gemacht hat.
Er ist ein Tyrann, schlimmer noch, als die auf dem Throne geborenen, und der
Todfeind der Revolution, die ihn auf den Thron gehoben, weil er frchtet, da
sie ihn wieder herabstrzen kann. Er ist schlau und khn und hat unsere Plne
und unsere Hilfe benutzt, um den orientalischen Krieg zu einer neuen und festen
Sttze seiner Herrschaft zu bilden. Unter dem Vorwand, fr die Rechte und die
Freiheit der Vlker zu kriegen, schlgt er die Freiheit in Fesseln. Er hat die
Maske, die er schlau uns gegenber getragen, abgeworfen und verfolgt unsere
Brder. Die strengsten Befehle sind an seine Schergen gegeben, Delescluze und 45
Angeklagte des jungen Berges wurden noch im Laufe dieses Monats durch seine
Richter in die Kerker geworfen, und die Proclamation Manin's in der Presse dient
ihm als Vorwand der Verfolgungen.
    Er sterbe! hallte es durch das Gewlbe.
    Er scheint dem Bund auf der Spur und beabsichtigt seine Vernichtung in
Frankreich. Es giebt einen Kampf auf Tod und Leben und ich habe den Rath
versammelt, weil wir in Gefahr sind, jeden Augenblick durch einen
unvorhergesehenen Schlag getroffen zu werden, Unsers Bleibens in Paris ist unter
diesen Umstnden nicht lnger und unser nchster Versammlungsort wird London
sein.
    Er sterbe! hallte es wiederum.
    Seine Zeit ist gekommen. Ein Kampf auf Leben und Tod mit dem Tyrannen, Er
oder Wir! Die Herrschaft des franzsischen Adlers ber Europa, oder der Sieg der
communistischen Revolution. Sammelt die Stimmen, Brder!
    Zwei Urnen machten eilig die Runde. Als die zweite geleert wurde, zeigten
sich vier schwarze und zwei weie Kugeln.
    Der Verlarvte warf drei schwarze dazu.
    Im Namen der hchsten Gewalt: Sieben gegen Zwei - die dreifache Majoritt
ist erreicht und dem Artikel zehn unseres beschworenen Statuts Genge geschehen.
Er ist verurtheilt.
    Wer soll das Urtheil vollziehen?
    Die Section Drei ist an der Reihe. Er nahm ein kleines Notizbuch und
bltterte darin. Bereiten Sie jenen Gehorchenden zu der That vor, den Sie im
vorigen Jahre nach England sandten. Sein Gesicht fiel mir schon damals auf und
er scheint die geeignete Person. Ein Rmer glaube ich?
    Pianori!
    Ich glaube. Sondiren Sie ihn sofort.
    Und die gegebene Zeit?
    Die gewhnliche: ein Jahr, ein Monat und ein Tag, wie bei Franz von Parma.
Lassen Sie uns ......
    Jener leise schrillende Ton lie sich hren, der die Thtigkeit des
electrischen Telegraphen verkndete, welcher von unbekannten Orten her zu dem
geheimsten Schlupfwinkel der communistischen Propaganda fhrte.
    Der Verwachsene stand hastig auf und eilte zu der Scheibe, unter der sich
der schmale Streifen Papier hervordrngte, auf dem die Nadel der Maschine ihre
ominsen Punkte gemacht.
    Sein Blick berflog rasch die Zeichen, whrend an der ersten der vier, der
Nische gegenberliegenden Thren ein leichter Hammerschlag erklang.
    Demonio! wir sind verrathen! Hinauf der Chef der Section Eins, das Zeichen
benachrichtigt uns von Gefahr.
    Der erste Verhllte strzte aus der Thr, an der der Hammerschlag das Signal
gegeben.
    Manigoldo! fluchte der Verwachsene, er soll uns ben. Der Draht meldet
mit dem verhngnivollen Wort der hchsten Noth: Polizei beordert.
Versammlungsort entdeckt. Eiligste Flucht.
    Die Verschworenen rannten durcheinander, an der zweiten, dritten und vierten
Thr klangen kurz nacheinander die Signalschlge.
    Der Verhllte sprang auf einen Sessel - seine schwchliche verwachsene
Gestalt schien im Augenblick zu wachsen, seine Stimme schwoll, als sie die Worte
donnerte:
    Ruhe! - Gehorsam!
    Alle wandten das Auge auf ihn.
    Section Zwei und Drei, die Ksten mit den Correspondenzen. Das Mitglied
Vier reit jenen Knopf aus der Wand, er sprengt den Drath des Telegraphen. Das
Mitglied fr Ungarn nehme die Kassette mit sich.
    Der Verschworene, der sich auf den ersten Hammerschlag entfernt hatte,
strzte herein:
    Das Magazin ist umgeben von Gensd'armen, alle Ausgnge sind besetzt!
    Meine Herren, auf Wiedersehen heut ber vier Wochen in London! sagte ruhig
die scharfe Stimme des Verwachsenen. Der krftige Griff seiner Faust ri die
rothen Behnge von der Hinterwand des Gewlbes, eine schwarze rohe Mauer kam zum
Vorschein und er zog mit beiden Hnden an einem massiven Ring, der aus den
Quadern hervorhing. Der mchtige Stein drehte sich um eine eiserne Angel und
zeigte eine schmale ghnende Oeffnung, gerade breit genug, um einen Mann
hindurchzulassen.
    Fort mit Ihnen! der Chef der ersten Section kennt den Weg - nehmen Sie die
Lampe mit, so weit es geht - das Boot wartet wie am Abend jeder Versammlung -
benutzen Sie die nchste passende Stelle des Ufers und senden Sie es an den
Ausgang der Leitung zurck - in zehn Minuten bin ich am Gitter! Fort! fort!
    Sie drngten durch die Oeffnung - nur eine Lampe blieb zurck und erhellte
den den geheimnivollen Raum. Der Kleine sprang an die Thren und ffnete sie,
dann drehte er rasch den Knopf einer Rhre auf, und alsbald pltscherte ein
Wasserstrahl auf den Boden der Gewlbe.
    Wasser und Feuer in unserm Dienst, murmelte er, wir spotten ihrer Macht.
    Seine Rechte fate nach einer ziemlich starken Rhre, die in Mannshhe an
der Wand hinlief, whrend er die Lampe ergriff und nach dem geffneten geheimen
Ausgang sich wandte.
    Es ist Zeit, ich kann den Schall vieler Tritte hren.
    Sein Hauch verlschte die Lampe, whrend seine Hand den Hahn aufzog.
Sogleich verbreitete sich der scharfe widrige Geruch ausstrmenden Gases durch
das jetzt dunkle Gewlbe. Im nchsten Augenblick hrte man die groe Quader in
ihre Fugen zurckklappen -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Prfect selbst leitete die Arbeiten. Gensd'armen mit Fackeln standen auf
dem groen gepflasterten Hofe umher, der von Lagerhusern umgeben und mit
Hlzern und Waarenballen bedeckt war.
    Mehrere Arbeiter waren beschftigt, eine gewichtige mit Eisen beschlagene
Kellerthr zu erbrechen.
    Nehmen Sie Fackeln, Herr Commissair, und durchsuchen Sie die Souterrains.
    Die Thr war geffnet, mehrere Polizei-Agenten, Fackeln voran, drangen in
das Gewlbe, in dem groe Stckfsser Wein lagerten. Einige Minuten nachher
hrte man die Brecheisen gegen eine zweite Thr im Innern schlagen - dann
erfolgte eine Explosion unter den Fen der Obenstehenden, die an einzelnen
Stellen das Pflaster des Hofes spaltete - die Fackeln verloschen mit einem
grellen Aufflammen und ein widriger Dunst drang aus der Erde und fllte die
Luft.
    Whrend man die Fackeln auf's Neue anzndete und zu dem halb zerstrten
Eingang des Kellers eilte, hrte man in der Tiefe Rauschen von Wasser. - - -
    Am andern Tage enthielt der Moniteur die Nachricht, da in den Lagerkellern
eines Magazins der Rue ......, in der Nhe der Seine, das aus den beschdigten
Leitungsrhren ausgestrmte Gas eine bedeutende Explosion verursacht und dabei
die Wasserleitung des Viertels gesprengt habe. Zwei Personen seien bei der
Explosion verunglckt, mehrere beschdigt.
    Ein anderer Artikel des Moniteur benachrichtigte das Publikum von Paris, da
die Regierung neuen revolutionairen Umtrieben der geheimen Gesellschaften auf
der Spur sei.
    Der Minister des Kaiserlichen Hauses, Fould, berbrachte am Abend dem Senat
und der gesetzgebenden Versammlung die Botschaft ber die Kriegserklrung gegen
Ruland.

             (Schlu des zweiten Theils und der ersten Abtheilung.)


                                 Dritter Theil:

                          Von Silistria bis Sebastopol

                            Der Aufstand im Epirus.

Whrend noch der Winter mit seinen Strmen tobte, die Gipfel und Schluchten des
Pindus und Balkan mit tiefem Schnee bedeckt waren, die Gebirgsbache mit
brausenden Wssern berfluthet, die Thler in Ebenen und Seen verwandelt,
loderte die Flamme des Christenaufstands in Epirus, Albanien und Thessalien
bereits in voller Gluth empor.
    In diesem Lande, der Heimath glhender Geister und tapferer Krieger, hatte
die Perfidie des Divans seit Beginn dieses Jahrhunderts alles Mgliche gethan,
nach Vernichtung der freien albanesischen Begs, durch gegenseitige Bekmpfung
der griechischen, lateinischen und trkischen Stmme die Energie und die Kraft
eines Volkes zu vernichten, das seit Jahrhunderten in blutigen Kmpfen immer
wieder dem Joch von Constantinopel getrotzt. Diese fortwhrenden Kmpfe und
Aufstnde fr die Unabhngigkeit waren nicht blos von der christlichen
Bevlkerung, sondern noch hufiger von den mohamedanischen Stmmen selbst
ausgegangen. Seit 1850 - nachdem der Verrath Mehemed-Reschtd's 500 albanesische
Begs, an ihrer Spitze den tapferen Pascha von Zeituni, Arslar und Weli-Beg beim
Gastmahl zu Monastir gemordet und die Kpfe der Klephten eingesalzen nach
Constantinopel geschickt hatte, so, gleich Saturn, die eigenen Kinder
vernichtend; - nachdem die Griechen den Erbschmuck ihrer Weiber geopfert, um dem
Wessir gegen ihre Stammfeinde bei Prilipe beizustehen, und 300 epirotische
Palikaren die Verschanzungen von Babussa erstrmt hatten, was das ganze Heer der
Taktikis zu unternehmen nicht wagte, - lie die Pforte zum Dank fr die
christliche Untersttzung gegen die Aufstndischen das Land wieder in die
grauenvollste Anarchie versinken und fhrte ein Unterdrckungssystem ein, das
die beklagenswerthen Bewohner Die glcklichen Zeiten Ali-Tebelin's, des
Pascha's von Janina zurckwnschen lie. Wenigstens hatten wir doch damals nur
einen Tyrannen, sagten die Tosken, der Himmel gebe ihn uns wieder und wir
wollen den Staub von seinen Fen kssen. -
    Epirus - Albanien - zerfllt in vier Gebiete. Das nrdliche oder rothe
Albanien bewohnen die Ghegen, deren christliche, - lateinische, - Stmme die
Mirditen sind. Sdlich von den Roth-Albanesen in Gebiet der Partheni
(Ur-Albanesen) wohnen die Tosken, deren muselmnnische Stmme die berchtigten
Arnauten bilden und in Ali von Janina ihr Musterbild fanden. Der dritte Stamm,
die Ljapis oder Japiden, durch seine krperliche und geisuge Hlichkeit
unvortheilhaft von dem andern Volk unterschieden, bewohnt die acroceraunischen
Felsen lngs der Adria und lebt von Raub auf Land und See. Seine Name ist ein
Schimpf unter den andern Albanesen. Der vierte Stamm, die Schamiden, hat das
Reich Pluto's inne, die acherontische Landschaft Adonien, zwischen Arta, Suli,
Janina und dem Pindus. In den heiligen Eichenwldern von Dodona scheint ein
ewiger Frhling zu grnen. Die Frste Rumelien's, die Heuschreckenschwrme
Macedonien's, der Brand, der in Morea das Getreide verwstet, das Gewrm, das
die griechischen Weinberge zerstrt, sind in Schamurien und den sonnigen
Landschaften von Epirus, die der Meerbusen von Preresa begrnzt, unbekannt. Die
Sonnengluth wird durch frische, sanfte Lfte gemildert, die vom Meer, von den
Schneegipfeln des Pindus und den tausendjhrigen Wldern, mit Wohlgerchen
geschwngert, in die Thler herniederwehen. Die unterirdischen Feuer, welche das
Land zuweilen erschttern, machen dasselbe nicht ungesund; die unzhligen
Bergseen strmen keine schdlichen Dnste aus, und der furchtbare Acheron
selbst, der sich zwischen vulkanischen Thlern und erloschenen Kratern
dahinwlzt, der Mauropotamos, bringt nicht mehr den Tod. Denn neben dem Orkus,
dem Reiche der Schatten, und dem Chaos, von dem finstern Erebus und Cocytus
durchstrmt, neben den acherontischen Smpfen, deren phosphorische Dnste den
feuerfluthenden Phlegethon der Alten bildeten, neben dem Abgrund von Zalongas,
bei den Ruinen von Cassiopea, in welchen sich die Heldenfrauen Suli's vor den
verfolgenden Trken strzten, liegen die elyseischen Gefilde am Fue des Pindus,
duftend von Myrthen, Qnendel, Salbei und Thymian, vom hohen Lorbeer und
Rosmarin, von Melisse und Orange, dem Citronenwald und der Narcisse, aus der die
griechische Jungfrau ihre Krnze windet; und mit Mairosen geschmckt zieht die
epirotische Buerin in das duftende Gehlz, um noch immer die Hochzeit der Flora
und des Frhlings mit Tnzen zu feiern!
    Hierhin, in die elyseischen Gefilde, verlegen wir den Schauplatz unserer
Geschichte.
    Die trkische Provinz Epirus wird von ungefhr 312,000 Christen und 65,000
Moslems bewohnt. Der Druck aber, welchen die Ersteren wiederum in der letzten
Zeit von der Willkr des Pascha's von Janina, der Begs und Aga's und von ihren
Werkzeugen, den trkisch-albanesischen Truppen auszustehen gehabt, wor furchtbar
und brachte die Bevlkerung zur Verzweiflung, und die tgliche Vermehrung der
Steuern und die grausame Art der Eintreibung derselben, bei welcher mit dem
letzten Groschen auch hufig das Leben des Mannes und die Ehre der Frauen und
Tchter genommen wurde, drngte zum Ausbruch der lange verhaltenen Rache. Der
Pascha von Janina hatte auf drei Jahre im Voraus die Abgaben von Korn und
trkischem Weizen [120 Grosch1, fr ein Zagt des Ersteren, 100 des Anderen],
verlangt, desgleichen 20 Drachmen fr jede Feuerstelle des Hauses. Dieselbe
Steuer wurde auf jede Schlafstelle, also auf jeden Kopf gelegt. Man rechne, da
das nur die auergewhnlichen Lasten, wobei der Haradsch oder die Kopfsteuer mit
24 Drachmen fr den Erwachsenen und 12 fr das Kind, und die Zehnten von allen
Erzeugnissen in Feld, Garten und Hausthieren fortgezahlt werden muten, und man
wird begreifen, welche unerschwingliche Last dem Volke aufgelegt worden. Nachdem
der Pascha im August 1853 die Steuern hatte einsammeln lassen, kamen die
Arnauten im December auf's Neue, dieselbe Steuer auf das Jahr 1854 fordernd. Ja,
der Derbend-Aga Frassari ging noch weiter und verlangte auer den Steuern auch
noch den Sold fr 2400 Soldaten, welche die trkische Regierung ihm zu halten
befahl, whrend er in Wirklichkeit deren nur 800 hielt und sie fr ihren
Unterhalt auf Raub und Plnderung anwies.
    Die Grausamkeit, mit der diese furchtbaren Lasten eingezogen wurden, war
unbeschreiblich; tglich wurden Mnner und Knaben gemordet und verstmmelt,
Frauen und Mdchen, geschndet. Da endlich brach jener Aufstand der griechischen
Christen im Epirus aus, den die Westmchte - die Franzosen und Englnder - den
unsterblichen Ruhm gewannen, mit Gewalt unterdrckt zu haben, da er ihnen nicht
zum Krieg gegen Ruland pate!
    Im Flecken Radobitzi griffen die verzweifelnden Bewohner zuerst zu den
Waffen und vertrieben die Arnauten und trkischen Aufseher. Die hervorragendsten
Mnner des Ortes erlieen den 27. Januar eine Proclamation2, welche noch am
selben Tage von 400 streitbaren Mnnern unterzeichnet wurde. Dieser Erhebung
schlossen sich den folgenden Tag die Laka3 von Suli, Lamara Campoti und Zoamerka
an, alle reich an jungen, waffengebten Mnnern, und sofort entbrannten an
zwanzig Orten kleine Kmpfe, und obschon die Christen bei Peta, - der
Schlachtsttte im ersten Freiheitskampf, wo die Philhellenen-Schaar ihren
Untergang fand, - von den Arnauten des Derbend-Aga zersprengt wurden, sammelten
sie sich sofort auf's Neue und warfen die Trken auf Arta zurck. -
    Wir haben bereits im vorigen Bande gemeldet, da Anastasius Caraiskakis
schon zu Ende November von Athen aus einen Aufruf an die Griechen von
Thessalien, Macedonien, Thracien, Epirus, Anatolien und den Inseln zur
allgemeinen Schilderhebung erlassen hatte. Zugleich reichte er sein Gesuch um
Entlassung aus den griechischen Diensten, er war Offizier im 9. Bataillon, ein
und ging mit einer Anzahl Soldaten ber die thessalische Grenze, wo er zuerst
die blaue Fahne mit dem weien Kreuz erhob. Kaum erreichte ihn die Nachricht von
dem Aufstande in Schamidien, als er mit seiner tglich wachsenden Schaar den
Sulioten zu Hilfe eilte.
    Wie ein Blitzstrahl lief die Nachricht von den begonnenen Kmpfen durch das
ganze von der offen und im Stillen fortwirkenden Hetrie lngst vorbereitete
Griechenland. Am Grabe des Sohnes des griechischen General-Lieutenants Tzavellas
zu Athen schlo Panajoti Sutzo mit den feurigen Worten:
    Tod oder Freiheit, Tod oder griechisches Kaiserthum ist unsere Loosung.
Schwret bei der Leiche dieses Jnglings, da Ihr Alles unternehmen wollt, was
in Euren Krften steht, um das griechische Kaiserthum herzustellen! -
    Lieutenant Spiridion sammelte in Thessalien 1200 Krieger; der General
Theodor Grivas, der Bruder des Helden aus dem ersten Freiheitskampfe, sandte
seine Entlassung ein und eilte ber die Grenze. Mit ihm die Obersten Stratos4,
Zerbas, Banakiotis, Tzamis, Karatassos, Hadschi Petro, Sacho Mylios. Zeno Melios
, der Bruder des Knigl. Adjutanten, schlug sich mit 700 Mann nach dem Epirus,
Temeli folgte ihm mit 300 Mann und 4 Feldgeschtzen; 1000 Mainoten unter
Kolokotroni, dem jungen Palastmarschall des Knigs, Petimenzanis und Plaputos
zogen herbei; auch der Viceprsident der Deputirtenkammer, Chourmonsy, eilte in
den Kampf.
    Die Mittel zur Erhaltung der Freiwilligen lieferten den Aufrhrern die
Vereine, die sich mit Blitzesschnelle nicht allein in Athen, sondern in allen
griechischen Stdten bildeten. Die Epiroten, die Thessalier, die Macedonier, die
Cretenser, die Samioten hielten Sammlungen, die Griechen in London zeichneten an
einem Tage 25,000 Pfund Sterling, die Kaufleute in Syra 20,000 Pfund, eine
einzige Provinz des Peloponnes 40,000 Drachmen. Der Eid der christlichen Krieger
lautet:

    Ich schwre auf das Evangelium und die Dreieinigkeit und auf den Namen
Jesus Christus: da ich die Waffen, die ich in die Hnde nehme, nicht eher
niederlegen will, ehe nicht die Tyrannen aus meinem Vaterlande vertrieben sind,
so da dasselbe gnzlich befreit ist; ich schwre auch bei dem allwissenden
Gott, da ich die griechische Fahne mit meinem Blute vertheidigen will.

    Dieser in allen Gegenden Griechenlands aufflammenden Begeisterung gegenber
erklrten am 23. Februar die Gesandten Frankreichs und Englands dem Knig Otto,
wie ihre Regierungen fr nthig hielten, da Griechenland strenge Neutralitt
beobachte und boten ihm die Hilfe ihrer Truppen gegen die Ungehorsamen an. Der
Knig, von seiner hochherzigen Gemahlin getrieben, entgegnete, da er stets die
Neutralitt beobachtet habe und beobachten werde, da er aber die Sympathieen
seines Volkes theile und die Einzelnen nicht hindern knne, ihren
Glaubensbrdern zu Hilfe zu eilen. Eine hnliche Antwort gab in Constantinopel
der griechische Gesandte General Metaxa auf die Anfrage der trkischen Minister.
    Die Abreise des trkischen Gesandten Nesset-Bey aus Athen, die sptere
Besetzung des Pyrus und der Akropolis und das schmachvolle Regiment des
Ministers Kalergis waren die westmchtlichen Consequenzen jener Antwort, und
whrend der englische und franzsische Gesandte in Athen noch zu Neutralitt
riethen, segelten drei englische Schiffe bereits in den Golf von Prevesa und
boten den trkischen Kommandanten der Forts ihre Hilfe gegen die Christen an.
    Unterde schlugen sich die Freischaaren mit abwechselndem Glck. Die Trken
wurden bei Demorio, Domoti und an dem berhmten Engpa der fnf Brunnen (Pente
pegadia), dem Zugang von Arta nach Janina, bei Salaora und Zuros geschlagen, auf
Peristera zurckgeworfen, und Zervas befestigte jenen Pa, whrend dessen
tapferer Vertheidiger Zambra Ziko sich nach Paramythia und gegen Janina wandte.
Arta fiel in die Hnde der Griechen, aber sie muten die Stadt, von den Kanonen
des Kastells bedroht, wieder rumen und sich auf ihre Cernirung beschrnken. In
Thessalien schlugen sich Zacas und Hadji Petro gegen Abbas-Pascha und den
Dervent-Aga Phrassari.
    Dagegen siegten die Trken bei Sanct Dimitri, verbrannten zehn griechische
Drfer und machten glckliche Ausflle aus der Citadelle von Arta. Grivas, mit
seiner Schaar geschlagen, mute mit 40 seiner Anhnger in ein Kloster flchten
und vertheidigte dasselbe heldenmthig gegen die Albanesen. Zweitausend Mann
gyptischer Truppen landeten in Prevesa und eine grere Zahl war in Anzug.
Zugleich erhielten die Pascha's der umliegenden Provinzen den Befehl zum
Anmarsch. Zu Anfang Mrz war auch der General Tzavellas, ein geborener Suliote,
zu den Aufstndischen bergegangen und hatte bei Louros 1500 Trken geschlagen.
Viele Fhrer ordneten sich ihm unter und bertrugen ihm den Oberbefehl des
Aufstands, der sich bereits ber die ganze Pinduskette bis Metzowo erstreckte.
Grivas dagegen, aus dem Kloster befreit, wandte sich gegen Janina und nahm 500
Arnauten im Dorfe Kufovo gefangen. Sie ergaben sich nach dreitgiger Gegenwehr
unter der Bedingung, nicht wieder die Waffen gegen die Griechen zu fhren, und
Grivas lagerte vor Janina und besetzte die Inseln des Sees.
    Die trkische Regierung hatte unterde die diplomatischen Verbindungen mit
Griechenland abgebrochen und den zahlreichen in Constantinopel und den Provinzen
sich aufhaltenden Griechen befohlen, das Reich binnen 15 Tagen zu verlassen. Nur
die katholischen Griechen wurden auf Verwendung des franzsischen Gesandten
davon ausgenommen. General Metaxa verlie am 3. April Constantinopel. Mit der
berechnenden orientalischen Schlauheit, die ihre meisten Erfolge herbeigefhrt,
hatte die Pforte nunmehr Fuad-Effendi, den gewandten Unterhndler, an die Spitze
der Truppen gestellt, die sie zur Dmpfung des Aufstandes nach dem Epirus und
Thessalien sandte und whrend Abbas-Pascha, Abbi-Pascha, der Dervent-Aga
Phrassari und Zeinel-Pascha mit jetzt zahlreichen Truppen die Griechen von Arta,
Janina und Laritza her angriffen, hatte der schlaue Exminister mit Hilfe der
obern griechischen Geistlichkeit, die, um ihren Einflu und ihre Privilegieen
besorgt, schndlicher Weise eifrig fr die trkische Regierung Partei ergriff,
Uneinigkeit und Eifersucht zwischen die Fhrer der Freicorps geset. Tzavellas
und Grivas standen sich bereits feindlich entgegen und weigerten einander
gegenseitig die so nthige Untersttzung. Zugleich erlieen die Capitains der
englischen Schiffe, welche die Kste von Epirus blokirten, drohende
Proclamationen an die Fhrer und drohten mit dem Einschreiten der englischen
Truppen. - -
    Es war am Nachmittag eines sonnigen Apriltages und der leichte Wind, welcher
von den grnen bis zu den schneeigen Gipfeln des Pindus aufsteigenden Bergen
wehte, kruselte leicht die Fluthen des Sees Labchistas, dessen Lagunen unter
den Felsen des Tomoros verschwinden. Auf der Hochebene am See dehnten sich die
weiten Ringmauern von Janina aus, jetzt nur noch die Trmmer der unter Ali so
mchtigen Festung umschlieend, die jedoch noch immer stark genug sich zeigte,
die aufstndischen Griechen abzuhalten.
    Auf dem Felsenplateau des Klosters der beiden geldlosen Heiligen, Cosmas
und Damianus, an dem der Bergstrom Dobra-Woda (frisches Wasser), auf den Hhen
des eisigen Berges Matzikeli entspringend, vorberrauscht, lagerte eine Schaar
von Griechen und Albanesen unter den Platanen, die das Kloster umgeben, krftige
Gestalten, christliche Schipetaren5 vom Stamme des Tosken, Hirten des Pindus und
Mnner aus den griechischen Grnzprovinzen und der Morea, wie von den steilen
Hhen des Taygetos. Da saen die Bulukbaschi's6 mit ihren Buren7 des
heimathlichen Phis8, die den Brokovalas9 gegen ihre ewigen Feinde, die
trkischen Stmme, angestimmt. Zwischen den schlanken albanesischen Kriegern mit
dem Phistan (Fustanelle) bekleidet, deren weites Gewebe aus 122 Stcken ihre
Lenden umflattert, ber der Flokota, dem rothen Unterkleid, den Djeferdane
(Karabiner) in der Faust; - Soldaten der regulairen Armee von Griechenland mit
Wehr und Waffen, wie sie aus den Garnisonen desertirt waren; oder die wilden
zgellosen Bewohner Sparta's, die auf den ersten Ruf mit Maurokordato ber den
Golf von Patras gekommen und keinen andern Herrn kannten als den eigenen Willen,
keinen andern Zweck als das Blutvergieen. Um den Kotsche gelagert, das ganz
gebratene Schaaf, hren sie dem Kaloatri zu, dem wundersamen Heilknstler aus
dem Bezirk Zagori, der ihnen von der Kraft seiner Heilkruter erzhlt, bei
welcher der Verwundete ungestrt seinen Branntwein trinken darf, damit das
Fleisch lebendig bleibe, oder dem Pliak10, der die mirditische Laute spielt und
von den Tnzen seiner Palikaren singt.
    In einiger Entfernung am Rande der Schlucht gingen zwei Offiziere, beide in
der reichen Tracht der Palikaren, in eifrigem Gesprch auf und nieder. Der Eine
war ein Mann von 36 bis 37 Jahren, der Andere um 10 Jahre lter, von wilder
finsterer Miene, Grausamkeit und Zorn in dem blitzenden Auge: Theodor Grivas,
der General der Aufstndischen und Fhrer der Truppen vor Janina, ein Stiefohm
seines Begleiters, des khnen und edlen Anastasius Caraiskakis, dessen Zge
unverkennbare Aehnlichkeit mit seinem Bruder zeigten, den wir zuletzt auf der
Flucht aus Constantinopel verlassen haben.
    An ihrer Seite ging ein Knabe in zerlumpter griechischer Kleidung, Mauro,
der Pflegesohn des unglcklichen Rubers auf dem Pagus von Smyrna.
    Bei der Agia-Glykis, der sanften Heiligen11, sagte Caraiskakis, wir
werden meinem Bruder Gregor nur Trauriges zu berichten haben, wie er uns bse
und trbe Kunde gesandt. Fr den Tod Diona's den Tod meines Bruders Nicolas. Der
Name Grivas lebt in Dir allein noch fort.
    So mge er mit mir sterben, ehe je wieder diese meine Heimath das trkische
Joch trgt. Aber auch der Deine, Anastasius Caraiskakis, ruht nur auf vier
Augen. Du und Dein Bruder Gregor Ihr habt kein Weib genommen.
    Unser Leben, Theodoros, gehrt dem Vaterlande und dem Kampf fr die
Freiheit.
    Das meine nicht minder, und Weiberliebe ist ein erschlaffend Ding fr den
Mann. Ich wollte, Du httest Dich immer fern davon gehalten, statt Dein Herz an
jenes Mdchen von Messolonghi zu hngen, das die Seeruber Dir entfhrten. Was
wirst Du meinem Neffen Gregor antworten?
    Die Wahrheit - es steht nicht gut mit uns, ich wollte, es wre anders.
Deine Feindschaft mit Tzavellas, Oheim Theodoros, ist es, was unsere Sache
schlecht macht und die Herzen der Unsern spaltet.
    Bei dem Kakodmon dieser Berge, fuhr der wilde Klephtenfhrer auf, soll
ich mich dem Sulioten unterthnig zeigen, der erst von Athen gekommen, als
bessere Mnner, denn er, bereits die blaue Fahne erhoben und die Osmanli bis zu
den Thoren Arta's gejagt hatten? War ich nicht der Erste, der zum Epirus eilte
und hat mich nicht der freie Wille der Klephten zu ihrem Fhrer gewhlt?
    Das hat er, Oheim, Niemand leugnet Deine Verdienste. General Tzavellas aber
ist in den europischen Kriegsschulen gebildet, ein Fhrer des kniglichen
Heeres, und sein Name steht in groem Ansehen durch ganz Griechenland.
    Mag er; die Namen Grivas und Caraiskakis sind besser als der seine, denn
Heldenblut hat sie geweiht. Ich bin ein Sohn des Pindus und nicht so gelehrt wie
er, aber weinen Muth und meine Vaterlandsliebe stelle ich nicht unter die
seinen. La uns nicht streiten, Neffe, Theodoros Grivas und seine Freischaar
wird noch immer Raum zum freien Kampf gegen die Trken finden, auch wenn die
Mnner von Suli mir und meinen Leuten ihre Thore verschlieen.
    Ein Anruf der Wache unter ihnen im Hohlweg, das albanesische kum phis?
(we Stammes?) und der Gegenruf Wla! (ein Bruder!), unterbrach ihr Gesprch.
    Gleich darauf wurde von einem der eingeborenen Krieger ein Jngling auf das
Plateau und vor den Fhrer gebracht, um den sich alsbald der ganze Haufe mit
jener Ungezwungenheit sammelte, die den freien Krieger der Berge von den
geschulten Soldaten der europischen Armee unterscheidet.
    Der Fremde war ein junger Mann von etwa 16 Jahren, hoch und schlank
gewachsen mit einem Adlergesicht. Ueber dem Gunjatz, dem wollenen Untergewand
der Czernagorzen, trug er die Struka, den braunen zottigen Mantel, an den Fen
die Opanka und von dem bis zum Wirbel rasirten Schdel fielen die Flechten
schwarzen Haares, welche das Vorrecht eines Kriegers bilden, auf seinem Nacken,
obschon noch kein Bart Lippe und Kinn beschattete. Die Hand des Jnglings fhrte
eine lange reich mit Silber beschlagene Flinte und an seinem Hals hing neben
einem groen Pulverhorn an einer seidenen Schnur ein getrocknetes Menschenhaupt.
Seine Miene war ernst, ja finster, sein Wesen gemessen und schweigsam.
    Wer von Euch, sagte der Fremde, indem er in die Mitte der Krieger trat,
ist der Beg Grivas, der Fhrer der tapferen Mnner von Schamidien?
    Ich bin es, Fremder, sage uns Deinen Namen!
    Bogdan, der Sohn Iwo's, des Einugigen, des Begs der Martinowitsch.
    Caraiskakis sprang auf ihn zu und fate seine Hand.
    So bist Du der Sohn des Helden, dessen Brod mein Bruder vor seinem Tode
gebrochen? Du bringst uns Kunde von dem Ende Nicolas Grivas's?
    Dein Bruder fiel an der Kula des Popowitsch Gradjani, an der Seite meines
Vaters und des Gatten meiner Schwester, Gabriel des Zagartschanen, seines
Blutbruders, den er gerettet hatte aus dem Thurme von Skadar. Der Knabe Bogdan
ist jetzt der Glaware der Martinowitsch, die Moslems nahmen das Haupt Iwo's des
Tapferen mit von dannen, und auch der griechische Gastfreund ruht nicht in
geweihter Erde.
    So hat man den Leichnam meines Bruders nicht gefunden? ich hrte doch, da
Ihr die Trken geschlagen.
    Die blutige Wlfin von Skadar trug den Krper davon auf dem Sattelknopf
ihres Rosses. Was nutzten die Kugeln der Shne der schwarzen Berge gegen ihr
gefeytes Leben? Ich allein habe Schuld an dem Verderben der Meinen, denn ich
trug das Pulver, das sie retten konnte, mit mir davon und zur Shne seitdem das
Unglckshorn und das Wahrzeichen meines Vaters, bis da ich sein eigenes Haupt
von den Thoren Skadar's gelst habe.
    Und was bringt Dich hierher, Czernagorze? fragte Grivas.
    Eine Botschaft und meine Rache. Die Botschaft soll ich zu den Huptlingen
der freien Griechen bringen, von Danilo, dem Vladika der schwarzen Berge; Rache
aber suche ich im Kampf gegen die, Mrder von Skadar, die dem Pascha von Janina
zu Hilfe gezogen.
    Der junge Czernagorze wickelte aus einem seidenen Tuche das Schreiben des
Frsten Danilo, worin dieser den gliechischen Fhrern seine Proclamation vom 16.
Mrz sandte, die das Volk von Montenegro zu den Waffen gegen die Trken rief,
und einen Einfall im nrdlichen oder rothen Albanien, dem Lande der Mirditen,
verhie. -
    So ist die Nachricht wahr, da Selim-Bey von Scutari mit tausend Arnauten
dem Pascha von Janina zu Hilfe gekommen?
    Ihr mt sie von dieser Stelle in die Thore der Stadt haben einrcken
sehen.
    Sei uns willkommen, Bure Bogdan, und mgen Deine Thaten Deine Jugend
vergessen machen.
    Grivas reichte ihm die Hand und fhrte ihn zu der Platane, unter welcher die
Schaar sich gelagert hatte.
    Nimm Theil an unserm Mahl und erfrische Dein Herz an unserm Wein.
    Caraiskakis setzte sich an seine Seite und reichte ihm die groe hlzerne
Kalebasse. Sein Herz drngte ihn, Nheres von dem Schicksal des geliebten
Bruders zu erfahren, den er selbst im Auftrage der Elpis nach Czernagora
gesandt. Als daher Bogdan seinen Hunger und Durst gestillt hatte, wandte er sich
mit neuen Fragen an ihn und wollte zunchst wissen, ob wirklich der Krper des
jungen Mannes von dem Schlachtfelde entfhrt worden.
    Bogdan erzhlte ihm, was er selbst und seine Krieger geschaut.
    Sie ist eine Zauberin, sagte er mit allem Aberglauben seines Volkes, und
die Bewohner von Skadar sagen, da sie ein Vampyr sei. Zum Mindesten hat sie den
bsen Blick und Niemand kann sie anschauen, ohne ein Leid davon zu tragen.
    Aber warum soll sie den Krper meines Bruders entfhrt haben, wenn er
wirklich todt war?
    Die Wila's mgen es wissen! Schlimme Gerchte erzhlen sich die Weiber von
Skadar seitdem von einem weiblichen Vrokoklak, den sie bei sich hat. Der bse
Geist, der sie so lange als Wolf begleitet hatte und dessen Leib wir auf der
Schlachtsttte fanden, ist seitdem in den Krper einer Sclavin gefahren, von der
sie sich Tag und Nacht nicht trennt. Bei den sieben Heiligen von Ostrog! ich
wei, was ich rede, Beg, meine Augen haben das Gespenst geschaut, als ich ihrem
Zuge folgte, zehn Tage lang bis zum See von Janina. Es wurde in einer Snfte von
zwei Maulthieren getragen.
    Die Erzhlung des aberglubischen Czernagorzen klang so seltsam, da
Caraiskakis nicht wute, was er daraus machen sollte. Auffallend war es ihm, da
der Krper seines Bruders von der Kampfsttte durch die Arnauten bei ihrer
wilden Flucht mit fortgeschleppt sein sollte, ohne da sie einen gewissen Zweck
damit verbanden, und er schlo daraus, da sein Stiefbruder nur verwundet und
als Gefangener davongefhrt worden sei. Fr das Weitere, ob er am Leben oder
nicht, ob er spter der trkischen Rache zum Opfer gefallen oder noch in den
Gefngnissen von Skadar schmachte, bot freilich die Erzhlung des jungen
Glawaren keinerlei Anhalt, und dennoch berkam es ihn wie eine geheimnivolle
Ahnung, als ob sie mit dem Schicksal seines Bruders in Zusammenhang stnde.
    Er suchte Grivas auf und theilte ihm seine Hoffnungen und Zweifel mit. So
unbestimmt sie auch waren, zeigte sich der General der Aufstndischen doch
alsbald damit einverstanden, da sie die Gelegenheit der Anwesenheit der Mnner
von Skadar benutzen wollten, um auf irgend eine Weise von ihnen zu erforschen,
was ber das Schicksal des jungen Griechen etwa bekannt geworden war. -
    Die Verstrkung Abdi-Pascha's, sagte Grivas, lt mich vermuthen, da er
bald einen Ausfall aus Janina machen wird, und es wird gut sein, wenn wir die
Capitano's davon in Kenntni setzen, und da die Trken uns berlegen sind, uns
der Psse nach Mezzovo versichern, wo wir den Weg nach Thracien und Macedonien,
nach Larissa und Salonichi in unserer Hand haben. Dann mag Tzavellas von Arta
her die Verbindung mit Janina bedrohen, whrend wir uns mit Chatzi vereinen und
Zeinel-Pascha am Pindus aufhalten. Begleite mich bis Dervendzista, Neffe, dort
will ich die Nacht zubringen, da ich Botschaft an die Primaten von Metzovo
gesandt und ihre Antwort daselbst erwarte.
    Und mein Bruder - Dein Neffe?
    Wir werden sicher im nchsten Gefecht einige dieser Hunde von Ghegen
gefangen nehmen, und ich lasse sie lebendig verbrennen, wenn sie nicht sagen,
was sie wissen.
    Wre es nicht besser, einen Spion an unsere Freunde in Janina zu schicken
und diesen die Nachforschung anzuvertrauen?
    Es mag sein - inde die Trken halten jetzt scharfe Wache und es wird ein
schwieriges Unternehmen sein.
    Ich habe mein Auge auf den Knaben gerichtet, den uns Gregor, mein Bruder,
von Varna hergesandt hat. Er rhmt uns seine Schlauheit und die Weise, wie er
sich durch ganz Rumelien zu uns durchgeschlagen, ist Beweis genug dafr. Ihn
will ich zu meinem Boten machen; der Knabe spricht fertig trkisch und ist klug
und besonnen genug, da er uns wichtige Dienste leisten kann.
    So mache den Versuch, sagte der General, ich treffe unsere Anstalten zum
Aufbruch.
    Mauro zeigte sich sogleich willig und nachdem er von einem der eingeborenen
Albanesen eine Beschreibung der Stadt erhalten, die in den Strahlen der
Abendsonne in der Entfernung von etwa anderthalb Meilen vor ihnen lag, machte er
sich auf den Weg. Caraiskakis geleitete ihn eine Strecke und kehrte dann zu
seinen Leuten zurck.
    Der General mit etwa zwanzig Griechen war zum Abmarsch bereit und
Caraiskakis, indem er seinem Lieutenant den Befehl des Postens anvertraute,
begleitete ihn. Es war bereits am Sptabend, als sie in dem Dorfe Dervendzista
nach einem scharfen Marsch anlangten. Hier quartirten sich die Fhrer bei dem
Primaten des Orts ein, offenbar sehr gegen dessen Willen, doch mute er der
Nothwendigkeit sich fgen. In ihre Aba's12 gehllt, lagen sie bald, nachdem eine
Wache ausgestellt worden, in tiefem Schlaf.
    Es war am andern Mittag, als der Bote von Metzowo eintraf, der Papa oder
Priester des Ortes, und einen Brief an Grivas berbrachte; whrend sie ihr Yahni
- ein Ragout von gekochtem Fleisch mit trockenen Erbsen - verzehrten.
    Die Primaten, meldet mir der Agent, sagte der General, sind geneigt, uns
die Thore zu ffnen. Metzowo ist ein reicher Ort, und wir knnen dort unsern
Leuten Sold und alles Nthige verschaffen, whrend wir hier Noth leiden. Zuvor
will ich Janina anznden, da sein Brand uns auf dem Weg leuchten soll.
    Es wre eine unntze Grausamkeit, wandte Caraiskakis ein, Du weit, wie
viele Griechen dort wohnen und Handel treiben.
    Was kmmert's mich, tobte der wilde Grivas. Bei der Panagia, dann htten
die Schufte uns lngst die Thore ffnen sollen, ehe diese Hunde von Ghegen in
die Festung gezogen sind, vor denen wir jetzt weichen mssen. Der Agent des
Czaren, unsers Vaters, wnscht eine Zusammenkunft mit mir in dieser Nacht und
schlgt mir die Palanka am Fue des Mitzikeli auf dem Weg nach Gozista vor, eine
Stunde von hier. Der Papa, den ich befragt, nennt sie ein festes Gebude.
    Das Antlitz des Mannes gefllt mir nicht, so wenig wie das unseres Wirthes.
Gott zeichnet in die Mienen der Menschen ihre Seele.
    Der Pliak ist ein Japide, wie er selbst mir erzhlte, und hat sich aus den
acroceraunischen Felsen flchten mssen, wegen einer Tscheta13 seines Phars14.
Es sind Christen, weiter brauchen wir Nichts. Der Primat scheint von dem
Strandrecht Beute genug zusammen gescharrt zu haben, weil sie ihn in diesem
Dorfe zum Primaten gemacht, aber mitunter noch an den trkischen Gebruchen zu
sehr zu hngen. Hast Du nicht bemerkt, Anastasius, da sein Weib noch nicht vor
uns erschienen?
    Vielleicht ist sie krank.
    Bei den Unterirdischen, nein, ich habe sie vor einer Stunde ber den Hof
gehen sehen. So wahr ich die vierzig Mrtyrer verehre, ich will nicht miachtet
sein von diesem Schurken von Japiden, bei dessen Namen ein wahrer Albani
ausspeit. Sie hat uns das Brot und das Salz nicht gebracht beim Eintritt, wie es
ihre Pflicht gewesen wre, so soll sie uns wenigstens den Becher bringen beim
Scheiden. Du gehst von hier zurck auf Deinen Posten am Kloster und ich denke
morgen bei Zeiten wieder bei Dir zu sein.
    Wie viele der Gefhrten nimmst Du mit, Oheim?
    Sieben der Mainoten; es sind ihrer genug zur Aufstellung der Wachen. La
uns aufbrechen, Anastasius, und mgest Du bald Kunde erhalten von dem
anatolischen Knaben aus Janina.
    Whrend die Klephten sich zum Abmarsch anschickten, kam der Hausherr herbei,
auf einer silbernen Platte die alterthmliche Trinkschaale mit dem rothblauen
Wein der Hhen des Tzumerka-Gebirges, um den Abschiedstrunk seinen Gsten zu
bringen. Der wilde Grivas jedoch warf ihm mit einem Schlage seiner Faust Becher
und Platte aus der Hand.
    Rudiger Hund von einem Lapen, fuhr er ihn an, glaubst Du, einem freien
Griechen die Ehre und Sitte Deines Hauses verweigern zu drfen? Schaffe Dein
Weib zur Stelle, da sie uns, wie der Gebrauch es heischt, den Abschiedstrunk
auf der Schwelle des Hauses kredenze.
    Die Hand des Primaten, eines wildaussehenden Mannes mit niederer Stirn und
von jener abschreckenden Hlichkeit, welche seinen Stamm charakterisirt, fuhr
nach dem Pistolenknauf in seinem Leibbund, ein Blick auf die Mnner umher aber
lehrte ihn Vorsicht. -
    Mein Weib ist krank, Herr, mein Gebieter mge sie entschuldigen.
    Du lgst, Primat. Es liegt uns wenig daran, ihre Hlichkeit zu schauen,
die der Deinen gleichen mag, aber ein Japide soll uns nicht Hohn sprechen. La
Dein Weib den Becher bringen, oder Deine Fusohlen sollen es entgelten.
    Der Hausherr schlich mit finsterm Blick davon. Einige Augenblicke nachher
trat aus dem Innern des Hauses, von einer Dienerin begleitet, die Frau, zum
Staunen der Krieger, welche die Hlichkeit einer Lapin zu sehen erwartet, eine
Schnheit von antiker griechischer Form, auf deren edlem Antlitz nur die Blsse
geistigen Leidens die schne Sammetfrbung und den Glanz der dunklen Augen
milderte. Das schne Haupthaar fiel in drei Zpfe getheilt und mit Piastern
durchwunden ber den Nacken, die Halsbnder von den rothen Corallen Corfu's, die
silbernen und goldenen Armspangen und Grtel, das reiche mit seidenen Troddeln
gezierte Hemd und die im Luftzug der Veranda fliegenden vier um den Leib
gebundenen bunten Schrzen zeigten die wohlhabende albanesische Hausfrau. Mit
der edlen griechischen Verneigung, der Bewegung der Rechten an Brust und Stirn,
ergriff sie die silberne Kanne, welche das Mdchen auf gleicher Platte ihr
nachtrug, und war im Begriff, die Pflichten der Wirthin zu erfllen, als ihr
groes Auge auf Caraiskakis fiel, der bei ihrem Eintritt, zufllig mit einem der
Krieger sprechend, ihr den Rcken gewandt hatte, und sie jetzt gleich einer
Bildsule anstarrte.
    Der Krug entfiel ihrer zitternden Hand und der rothe Strom des Weines ergo
sich ber die Steinplatten des Bodens.
    Anastasius! das einzige Wort entquoll ihrem hochathmenden Busen, dann sank
sie bewutlos in die Arme des herbeispringenden Griechen.
    Aphanasia! schrie der Offizier wild auf und prete die Ohnmchtige an
seine Brust. Geliebte meines Herzens, Du das Weib dieses Mannes!
    Der Primat strzte sich zwischen die Beiden, seine boshaften Augen funkelten
in eiferschtiger Wuth, als er sie mit Gewalt zu trennen suchte.
    Zurck, Beg, es ist mein Weib, mein Eigenthum! Achtet Ihr so die Sitte des
Landes, das Ihr befreien wollt? Lat sie los, sag' ich, oder, bei dem Gott
meiner Vter! ich sto' Euch dieses Eisen durch die Rippen!
    Eine starke Faust jedoch erfate den Wthenden und schleuderte ihn den
umstehenden Kriegern zu.
    Haltet ihn fest und schlagt ihn zu Boden, wenn er sich rhrt, befahl
Grivas. Was ist's mit dem Weibe, Neffe, woher kennst Du sie?
    Das Mdchen von Messolonghi, Aphanasia Dulanyi, die vor zehn Jahren die
Piraten entfhrten! Er suchte mit Hilfe der Dienerin die Frau in's Leben
zurckzurufen.
    Die Tochter meines Waffengefhrten am Asprospotamos? So ist dieser Hund von
Japiden der Pirat, der sie raubte. Bindet ihn, Kameraden; der Schurke hat eine
griechische Jungfrau gestohlen, um sein schmuziges Blut mit ihr zu mischen. Es
soll strenges Gericht gehalten werden ber ihn, und wehe ihm, wenn er schuldig
ist!
    Die Mainoten, die sich auf den Primaten warfen, schnrten dem Tobenden die
Arme zusammen, Mnner und Weiber des Phars sammelten sich um die Scene, und wie
wenig auch der von den Trken eingesetzte Primat beliebt sein mochte,
schttelten sie doch bedenklich die Hupter, denn Haus und Weib sind auch dem
christlichen Orientalen so heilig, da ein Eingriff in diese Rechte bei ihm
stets etwas sehr Bedenkliches und Gefhrliches bleibt.
    Aber Grivas war nicht der Mann, sich um das Mifallen einer Dorfschaft zu
kmmern oder seinem Willen deshalb Zgel anzulegen. Den Bemhungen seines Neffen
war es unterde gelungen, die Frau zum Bewutsein zu bringen, und er trug sie in
das Gemach zur Seite des Flurs und legte sie auf die Bank von Rohrgeflecht
nieder. Mit der glhenden Leidenschaft des Sdens kniete er vor ihr und kte
ihre Arme und ihre Stirn, mit hundert sen Worten die schne Zeit ihrer Liebe
an den blauen Gewssern des Golfs von Patras zurckrufend.
    Sie erzhlte ihm ihr Geschick. Der Primat selbst, frher einer der
berchtigsten jener Seeruber der acroceraunischen Felsenschluchten an den
Abhngen des Chimra-Gebirges, zwischen Cap Linguetta und Delvino, - die mit
ihren schnellen Tartanen an den griechischen Ksten umherschweifen bis hinber
nach Calabrien, Ufer und Meer unsicher machend und vor den Verfolgungen sich in
ihre unzugnglichen Skaloma's flchtend, - hatte sie bei einem Spaziergange am
Meeresstrande mit zwei anderen Mdchen gefangen genommen und in die wilden Berge
Ljapuriens geschleppt, wo er sie durch Mihandlungen zwang, ihn zu heirathen.
Spter durch seine Seerubereien reich geworden, hatte er seine Heimath
verlassen und, durch ein Geschenk den Schutz des Pascha's von Janina erkaufend,
sich in Schamurien niedergelassen, wo jener Schutz ihm zu Amt und Ansehen
verhalf. Aphanasia, die bei dem Raube eine sechszehnjhrige Jungfrau gewesen,
hatte dem aufgezwungenen Gatten zwei Kinder geboren, von denen nur das jngste,
ein Mdchen von drei Jahren, noch lebte und der einzige Trost der Frau war, die
noch immer argwhnisch von dem ehemaligen Piraten bewacht wurde.
    Das war es, was die nunmehr sechsundzwanzigjhrige Frau ihrem frheren
Geliebten und dieser dem General jetzt mittheilte. Grivas sprach ein kurzes
Urtheil, obschon dergleichen Gewaltthaten, wie der Seeraub von Frauen, an den
Ksten Griechenlands eben nichts Seltenes sind: der Japide sollte erschossen
werden; aber Aphanasia warf sich zu seinen Fen und bat fr das Leben des
Vaters ihres Kindes.
    Auch Caraiskakis erklrte sich auf das Bestimmteste gegen die blutige That.
- Kenamon15, sagte der wilde Fhrer, Ihr wit nicht, was Ihr bittet, denn ich
wollte Euch von Eurem Tyrannen mit gutem Blei befreien. Der Capitano Delanhi mag
selbst ber Euch bestimmen, denn Eurem Vater mu ich Euch zufhren, das fordert
meine Ehre, obschon er es mit Tzavellas hlt und bei Arta steht. Mein Neffe wird
Euch nach dem Kloster der armen Heiligen bringen, bis ich Euch weiter geleiten
lassen, kann. Fr Euer Eigenthum aber wollen wir selbst sorgen, es ist gerecht,
da der Gatte seine Frau ausstatte.
    Der General duldete keinen Widerspruch weiter, und um eine blutige That zu
verhindern, mute sich Caraiskakis darein finden, da die Klephten die Wohnung
des Primaten plnderten und die werthvollsten Gegenstnde, nachdem die eigenen
Taschen bedacht waren, auf einen Esel luden, als das Eigenthum der Frau, die der
Machtspruch des Fhrers geschieden. Dann wurde sie selbst mit ihrem Kinde auf
eines der kleinen griechischen Pferde gesetzt und Caraiskakis fhrte es am
Zgel, von dem Rest der Truppe umgeben, zurck nach dem Posten am Kloster,
whrend der General mit den sieben Mainoten sich nach dem Gebirge wandte. Keiner
der Bewohner wagte, ihrem Abzug Widerstand zu leisten, denn die langen Flinten
der Klephten hatten die friedlichen Schamiden in ihre Wohnungen vertrieben, wo
sie sich versteckt hielten.
    Zu dem wuthknirschenden Japiden, der noch immer gebunden in der Veranda
seines Hauses lag, schlich der Papa.
    Es ist Dir schlimm gegangen, Freund Petros. Die Vorsicht, mit der Du Dein
schnes Weib verborgen, hat Dir wenig gentzt, und der griechische Capitano wird
diese Nacht an ihrem Busen ruhen.
    Mache mich nicht wahnsinnig, boshafter Kalorgi. Was kmmert mich das Weib,
wenn ich mich rchen kann an dem Hunde, der mich bestahl! Lse meine Bande,
Papa, denn meine Seele drstet nach seinem Blut.
    Der Pfaffe nahte ihm vorsichtig. - Haben die Griechen Dir Alles genommen,
Petros?
    Hltst Du mich fr einen Esel, Papa, da ich mein Geld offen den Rubern
hinlege? Sie haben mir viel gestohlen, aber es bleibt mir genug, um ihr
Verderben zu erkaufen. Ich gehe zu Abdi-Pascha nach Janina, und meine Zechinen
sollen eine Schaar von Burschen zu meiner Rache sammeln, die gleich den
Pagania's16 ihrer Spur folgen sollen. Er streckte ihm die gefesselten Arme
entgegen zur Befreiung.
    Wenn Ihr mir zwanzig Zechinen gebt, Petros, sagte der schurkische
Priester, indem er langsam die Stricke zu lsen begann, so will ich Euch ein
Geheimni vertrauen, das Euch volle Rache an Euren Feinden sichert und Euch
wieder zu Eurem Weibe und Eurer Habe verhilft.
    Du sollst sie haben.
    Schwrt bei der Panagia!
    Bei der Panagia und bei allen Heiligen, die Du willst.
    Wohl; ich wei, da Ihr in Gunst steht bei dem Pascha, aber die Nachricht,
die Ihr ihm bringen knnt, wird diese Gunst noch erhhen. Ihr wit, da ich fr
den Griechen in Metzovo war, ich mute den Weg machen, denn der Diakon des
Klosters hatte mir den Auftrag gesandt und ich wurde bezahlt dafr. Aber ich
habe unterwegs den Brief gelesen, den mir der verkleidete russische Offizier in
Metzovo gab, und wei, was ich wei. Ihr gebt mir die zwanzig Zechinen, Petros,
und theilt den Lohn mit mir, den Euch der Pascha dafr giebt, da Ihr die Feinde
in seine Hnde liefert?
    Du sollst es haben, Papa, ich schwre es Dir mit sieben Eiden!
    So lat uns Beide eilig auf den Weg machen nach Janina, denn jeder
Augenblick ist kostbar!

    Durch den Hain duftiger Citronen und rother Granaten, der den sdlichen
Abhang von Janina bedeckt, schlenderte der Knabe Mauro hinter einigen
Seidenarbeitern d'rein, deren kunstvolle Webereien noch heute eine
Haupterwerbsquelle der seit Ali's Tode auf die Hlfte ihrer Einwohnerzahl
heruntergekommenen einst so blhenden Stadt bilden. Sie kamen von den Plantagen
der Maulbeerbume, die mit Citronen und Oliven den sdlichen Grtel der Stadt
auerhalb der Ringmauern bilden. Denn wenn auch die griechischen Insurgenten
kaum anderthalb Meilen von der Stadt lagerten und bereits mehrfache Angriffe auf
diese gemacht, ja sogar ein Mal innerhalb der Mauern sich festgesetzt hatten,
betrieb doch die griechische Bevlkerung ungestrt ihren Handel und ihre
Industrie. Diese Gleichgltigkeit bei der Gefahr, diese ungestrte Thtigkeit
und Beweglichkeit neben dem Abgrunde ist einer der eigentmlichen Zge des
orientalischen Lebens.
    Ein groer Molosserhund, eine jener kolossalen epirotischen Doggen, in deren
Begleitung unbesorgt die mirditischen Jungfrauen durch die deste Wildni
schreiten, sprang an der Strae daher und warf den Knaben zu Boden. Aber Mauro
klammerte sich an den vergoldeten Sammetreif, der den Hals des Hundes zierte,
und lie sich furchtlos von ihm fortziehen. Das gefhrliche Spiel weckte die
Aufmerksamkeit der Reiter, die der Dogge folgten.
    Die hervorragendste Gestalt war eine trkische Frau zu Pferde, gleich den
Mnnern in den weiten seidenen Beinkleidern im Sattel sitzend, die goldglnzende
Toka - den Flgelharnisch der Ghegen, aus leichten Goldschuppen gebildet - um
Brust und Schultern, auf dem Haupte den Turban mit hoher Reiherfeder, von dem
ein leichter, halb durchsichtiger Schleier statt des unfrmlichen Yaschmaks ber
Kopf und Gesicht niederhing, der die Trgerin am freien Umherschauen nicht
behinderte, whrend er gengte, sie als Bekennerin des Propheten zu zeigen,
obschon in vielen Gegenden Albaniens die Frauen auch der mohamedanischen - meist
schiitischen - Stmme17 unverschleiert gehen.
    Auf der Hand der Dame sa in seiner Kappe der Falke, whrend ihre Linke das
muthige weie Ro an den aus rothem Sammet und breiten Goldtressen gebildeten
Zgeln bndigte.
    Ihr zur Rechten, dem Ehrenplatz der Mohamedaner, ritt eine zweite
Frauengestalt, die Erste noch an Gre berragend, quer auf einem Maulthiere,
nach europischer Sitte. Sie war jedoch vom Scheitel bis zur Sohle in einen
weiten Feredschi und Yaschmak von grner Farbe, der heiligen der Moslems,
gehllt, aus dem allein die Augen hervorblickten. Selbst die Hnde verschwanden
unter den weiten Falten des Mantels. Die dritte Person der Reitergruppe bildete
ein junger, in weite weie, nur von einem rothen Shawl zusammengehaltene
Gewnder gekleideter arabischer Scheik. Das bronzefarbene Gesicht mit den groen
dunklen Augen und der schn geformten Adlernase ber den schmalen Lippen schaute
khn und trotzig aus der weien capuchonartigen Umhllung hervor. Seine Hand
fhrte die lange schlanke Lanze der Araber, whrend die mit Silber und
Perlmutter eingelegte Luntenflinte ber seinem Rcken hing.
    Etwa hundert Schritt hinter der eben beschriebenen Gruppe folgte bunt durch
einander ein Haufen arabischer und albanesischer Krieger als die Schutzwehr der
Reiter, die an den sumpfigen Lagunen, in welche der See Labchistas verschwindet,
den Reiher gejagt hatten.
    Die grne Reiterin berhrte leicht den Arm der glnzenden Dame an ihrer
Seite und ihre verhllte Hand deutete nach dem gefhrdeten Knaben, nur dem der
groe Molosserhund wie der Lwe mit seiner hilflosen Beute sich balgte.
    Ruhe, Scheitan!
    Die groe Dogge, die den erschlagenen Wolf bei Fatinitza, der Tochter des
Pascha's von Skadar, ersetzt hatte, folgte gehorsam dem ersten Ruf ihrer Stimme
und sprang an der Seite ihres Pferdes empor, ihre Fe und die
entgegengestreckte Hand liebkosend. Der Knabe Mauro aber lief, als habe ihn das
gewaltttige Spiel des Hundes gar nicht erschreckt, neben den Reitern neugierig
her, obschon von dem Fall auf den Boden das Blut von seiner Stirn rann.
    Wende das Licht Deiner Augen auf dies Kind, dunkle Rose des Sees, sagte
der Emir mit der blumenreichen Sprache seiner Heimath. Der Prophet sagt: Wenn
Dein Sclave, oder Dein Ro, ober Dein Hund den Unschuldigen verletzt hat, bist
Du schuldig, den Schaden zu vergten.
    Inshallah! kann ich mich um jeden Bettler kmmern? - - Was geht der
schiitische Bube nicht meinem Thiere aus dem Wege?
    Es ist Gerechtigkeit in der Wste, sagte der Araber, lasse sie mich nicht
vermissen an der stolzen Blume der Felsen. Dein Hund hat diesem Knaben ein
Leides gethan.
    Wiederum legte sich die Hand der Verhllten auf den Arm der, wilden Schnen
und die Bewegung schien eine merkwrdige Macht ber sie zu ben, denn sogleich
bezwang sie ihre Heftigkeit.
    Du redest weise, Araber, und ich habe Unrecht, sagte sie mit mglichster
Milde ihrer Stimme. Bist Du ein Knabe aus Janina, Kind?
    Mein Vater war ein Tapferer aus Rumili und ist im Kampfe gegen die
Unglubigen gefallen, berichtete Mauro, nebenher trabend. Ich habe keine
Angehrigen und bin eine Waise, die vom Thau der Barmherzigkeit lebt, den Allah
mir sendet.
    Ich habe gesehen, da Du muthig bist, Knabe, sagte die Tochter des
Pascha's, und Du sollst mein Oglan sein, bis Du ein Mann wirst. Gehe mit den
Reitern dort und sage ihnen, Fatinitza habe es befohlen.
    Whrend der Knabe zurckblieb, galoppirten die Drei weiter durch das Thor
der Ringmauer und in's Innere der Stadt.
    Janina, vom Sebastokrator Michael Lukas gegrndet, im zwlften Jahrhundert
bereits durch die Normannen von Neapel aus zerstrt, dann von den serbischen
Knigen wieder aufgebaut und durch franzsische Ingenieure unter. Ali Pascha zur
starken Festung gemacht, zeigt seit seinem Fall innerhalb der weitlufigen
Ringmauern nur wste Sttten und verdete Straen. Eine Kaserne des Nizam steht
an der Stelle des einst ber der Stadt thronenden Schlosses Litharitza, von dem
nur ein kolossaler fnfstckiger Thurm noch brig ist. Der Platz des Castro, das
mit seinen Trmmern und seinen unbrauchbaren Geschtzen den ganzen in den See
vorspringenden Hgel einnimmt und ber welchen die Gesellschaft jetzt zu dem
schmalen Damme ritt, der die Insel Kulia mit dem berhmten Serail und dem Turbeh
18 des Lwen von Janina einnimmt und auf dem Ali die zahllosen Opfer seiner
Grausamkeit hngen, spieen, schinden und lebendig verbrennen lie, bot jetzt
ein buntes Lager der mirditischen und arabischen Hilfstruppen in tausend bunten
Bildern und Gruppen. Ueber den Raum hinweg folgte der Knabe Mauro den Reitern
bis in den uern Hof des Serails, wo Abdi Pascha gleichfalls seine Residenz
aufgeschlagen hatte. Hier blieb er bei den Arnauten zurck, denen er die Rosse
fttern und die Waffen putzen half, und der schlaue Knabe verstand es bald, das
Gesprch auf ihre Heimath und ihre Thaten gegen die Mnner der schwarzen Berge
zu bringen.
    Whrend so der junge Spion geschickt seine Zwecke verfolgte, betraten
Fatinitza und ihre Begleiter das Turbeh - jenen schauervollen Ort, an dem Ali
dem Verrath des Franzosen erlag, und den Abdi-Pascha seinem Collegen Selim zur
Wohnung angewiesen. Der junge arabische Scheich, der seit der Ankunft der
Mirditen am vorigen Morgen, von dem freien und seltsamen Wesen Fatinitza's
angezogen auf allen Tritten, wo sie sich auerhalb des Haremliks nach ihrer
gewhnlichen allem Zwang Hohn sprechenden Sitte zeigte, ihr gefolgt war,
benutzte die Gelegenheit, als die grne Khanum - wie sie die Begleiter der
Wlfin nannten, - vom Pferde stieg, um sich dieser zu nahen.
    Weise Frau, sagte er eilig zu ihr, auch in das gesegnete Arabien kommen
die Zauberinnen von Oman, die die Zukunft verknden und mit dem Reich der
geheimnivollen Geister verkehren, und Abdallah ben Zarugah hat sie stets geehrt
und geschtzt. Der Sohn der Hedja's ist reich an dem Goldsand seiner Heimath und
den Perlen des Meeres von Persien. Bei der heiligen Kaba von Mekka! Du sollst
den zehnten Theil seiner Schtze haben, wenn Du die Purpurrose des Gebirges mit
Deinen Worten bewegst, oder ihm einen Liebestrank bereitest, da sie ihr Ohr
seinen Wnschen ffnet.
    Die Verhllte neigte das Haupt und folgte der Herrin, die bereits nach ihr
rief, whrend Abdallah seine Schritte zurck zu seinen Kriegern wandte, die auf
dem Platz des Castro ihr Lager aufgeschlagen.
    Im innersten Gemach des Haremliks warf Fatinitza den Schleier und den Kaftan
von sich, und nahte der grnen Verhllten.
    Lege Yaschmak und Feredschi von Dir, o Licht meiner Augen; Du weit,
Aejischa, der Einzigen, die unser Geheimni kennt, ist der Mund auf ewig
geschlossen.
    Sie wies auf die schwarze Sclavin, die auf eine Matte im Gemach khlenden
Sherbet, Wein, die Frchte der Jahreszeit und jenes se Backwerk und
Eingemachte zum Mahl stellte, in dessen Bereitung die Bewohner Janina's berhmt
sind.
    Die Verhllte warf Schleier und Mantel zu Boden und sich mit gekreuzten
Armen und allen Zeichen finsterer Ungeduld auf den Divan. Es war eine sonderbare
Gestalt, die sich nach der Entledigung der weiten Hllen zeigte, halb Mann, halb
Frau, in deren Gewndern. Ein bleiches schnes Mnnergesicht mit sorgfltig
rasirtem Bart unter dem frauenmig geringelten Haar, quer ber der Stirn eine
breite tiefe Narbe, den Krper in ein seidenes Oberkleid, wie es die trkischen
Weiber tragen, gehllt, eben solche weite Beinkleider und gelblederne Strmpfe
an den Fen, das dunkle Auge stammend vor Unwillen ber die unpassende
Verkleidung, so lehnte er finster auf dem Kissen - - Nicolas Grivas, der schne
Grieche, der Erschlagene von der Kula des Popowitsch Grabjani an den Ufern der
Moratscha.
    Gleich einem schchternen bittenden Kinde hatte sich das wilde Mdchen auf
ein Kissen zu seinen Fen geworfen.
    Will mein Herr nicht Speise und Trank genieen?
    Der Grieche schwieg finster.
    Stern meines Lebens, bat das Mdchen, was hat Fatinitza gethan, da Du
ihr zrnst? Thue ich nicht, was der Odem Deines Mundes will? Bin ich nicht ein
verndertes Weib, das sein eigener Erzeuger kaum wieder erkennt? Hab' ich nicht
das wilde Blut, das durch meine Adern tobt, gebndigt, und die Schmach, die Du
mir angethan im Thurme von Skadar, vergolten mit Deiner Rettung?
    Fluch ber sie, rief wild der junge Mann, httest Du mich sterben lassen
an der Seite meiner Gefhrten, die Deine Grausamkeit erschlug, blutige Wlfin
von Skadar, es wre mir besser, als da ich lebend in der unwrdigen Mummerei
eines Weibes der Sclave eines solchen bin und mich verbergen mu gleich einem
Ausstzigen.
    Die Trkin sah ihn finster an.
    Undankbarer Christ, sagte sie, ist das der Lohn fr das Herz Fatinitza's,
der Du hundert Mal Gehorsam und Treue gelobtest, als Du aus zehn Wunden blutend
im Kiosk am See ruhtest, wohin sie Dich mit eigener Gefahr gebracht, und Azral,
der Engel des Todes, an Deiner Seite stand? Deine Wunden habe ich verbunden und
mit heilendem Balsam gesalbt, und bin tglich zu Deinem Lager auf flchtigem Ro
geeilt, oder auf dem Kahn mit schwellendem Segel, zu Dir, der Fatinitza
verrathen hatte in der Stunde der Liebe, der schmachvoll das Heiligthum ihres
Leibes den Augen des hndischen Czernagorzen preisgegeben, da ich sie Alle
rchend erschlagen mute! Als ich den Genesenden dann zu mir fhrte im sen
Geheimni, das der Tod der Sclaven erkaufte, die Dich so lange bedient, - als Du
wohntest in meinen Gemchern und allnchtlich mein Arm Dich umschlang, und Dich
prete an dies heie wilde Herz - hast Du mir nicht geschworen, da Du die
Freuden der sieben Himmel des Paradieses verschmhen wrdest an meiner Brust?
Undankbarer Christ, Deine Liebe ist flchtig wie die Wolke, die ber den See
zieht und die Rose, deren Bltter der Wind zerstreut.
    Ich liebe Dich, Fatinitza, bei dem Kreuz meiner Vter! sagte in milderem
Tone der Gefangene. Aber ich bin ein Mann und diese Mummerei ist unertrglich.
    Du weit, o Licht meiner Seele, flehte das Mdchen, da es das einzige
Mittel war, Dich in meine Nhe zu bringen. Die weise Frau, die ich in das
Haremlik meines Vaters fhrte, ist sicher vor jedem Argwohn, und ihr stilles
Leben fordert den Lauscher nicht heraus. Die Diener und Krieger des Pascha's
scheuen Deine Nhe, denn sie schreiben Dir Macht ber die Geister zu und
frchten Dich, wie sie mich gefrchtet haben. Selbst ich jedoch vermchte Dich
nicht zu schtzen vor dem Zorn Selim's, meines Vaters, und der Blutrache seiner
Arnauten, wenn sie ahnten, da Du einer der verrtherischen Czernagorzen bist.
    Aber dies Spiel mu ein Ende haben, ein Zufall kann Alles entdecken. Und
warum, Fatinitza, hast Du mich hierher gefhrt in die Mauern von Janina? Ich
habe die Fahne meines Volkes wehen sehen auf den Bergen jenseits der Stadt und
kaum wei ich noch, da Dein Volk im Kriege mit dem meinen. Warum enthltst Du
mir jede Kunde vor?
    Das wilde Mdchen sa schmeichelnd auf seinem Schoo, den Arm um ihn
geschlungen, mit der andern Hand einen Becher des feurigen griechischen Weins an
seine Lippen fhrend.
    Habe ich nicht geschworen, Dich nie zu verlassen, und ist nicht Deine
Sicherheit allein in meiner Nhe? Was kmmert uns der Kampf zwischen Deinem und
meinem Volk? - sieh', Fatinitza, die Wlfin, ist eine Taube geworden auf Dein
Gehei und zieht nicht mehr in die Schlacht, wenn auch noch die Toka ihre Brust
bedeckt. O, liebtest Du mich hei und glhend, wie Fatinitza Dich liebt, Du
httest lngst den verhaten Glauben der Christen mit der Lehre des wahren
Propheten vertauscht und wenn Azral seinen schwarzen Fittig breitet ber das
Haupt meines Vaters, wrest Du der Herr von Skadar und Fatinitza Deine Khanum.
    Er schwieg, dem liebeglhenden Weibe gegenber hatte er nicht die Kraft,
ihre Trume von Glck und Glanz zu vernichten. Der verzehrende Hauch dieser
leidenschaftlichen Gluth betubte sein bassres Selbst und entflammte stets auf's
Neue die Gewalt seiner Sinne. Der dmonisch-glhende Blick ihres Anges unter dem
Flor sehnschtigen Schmelzes bte noch immer seinen goheimnivollen Zauber auf
ihn und tief im Herzen fhlte er, da nur ein unerwartetes Ereigni ihn aus
diesen Banden zu befreien vermchte, wie einst die Hand des Blutbruders ihn vom
Lager der Syrene zu Skadar gerissen.
    Sie zog ihn nieder zu sich auf die weichen Kissen und Teppiche, und
umstrickte ihn mit ihren Armen. Unter den glhenden Kssen des Trkenmdchens
war sein Herz doch bei den Fahnen seiner Glaubensbrder auf den Hhen vor
Janina, von denen so lange ihm nur dunkle Kunde geworden. - - -
    Die Liebenden weckte am spten Nachmittag der Eintritt der stummen Sclavin
Aejischa, die, den Teppich des Eingangs hebend, durch Zeichen der Herrin
verkndete, da der Pascha, ihr Vater, im Haremlik erschienen sei und sie zu
sprechen verlange. In Eil wurde der junge Grieche wieder in Mantel und Schleier
gehllt und nahm seinen Sitz im Winkel des Divans, die Kugeln des Rosenkranzes
durch seine Finger gleiten lassend, whrend Fatinitza die Spuren des
schwelgerischen Mahles schnell verbarg.
    Selim-Bey, der Pascha von Skadar, dem wir bereits in seiner Gerichtshalle
begegnet sind, nahm nach der Begrung der Frauen in der Ecke des Divans Platz,
und auf den Wink Fatinitza's brachten ihm die eintretenden Sklavinnen den
Tschibuk und frischen Kaffee.
    Ich komme, Tochter meiner Liebe, sagte der greise Pascha, um Dir zwei
Dinge zu sagen. Mge Dein Ohr und Dein Herz geffnet sein, sie zu vernehmen.
    Ich hre.
    Grivas erhob sich, um Vater und Tochter allein zu lassen; der Beh aber
winkte ihm zu bleiben:
    Der Rath einer weisen Frau ist niemals von Uebel. Mge Deine Weisheit
Einflu haben auf das Herz Deiner Freundin. Ich bitte Dich, bleib.
    So aufgefordert mute der Grieche gehorchen und nahm stillschweigend seinen
Platz wieder ein.
    Du bist die Einzige, die mir geblieben von vielen Kindern, sagte der Bey,
und meine Liebe hat mich verfhrt, Deinem Willen keine Schranken zu setzen.
Inshallah - es war gottlos und ich bin ein gestrafter Vater dafr, der seinen
Nacken beugen mu unter den Pantoffel seiner Tochter.
    Du redest unklug, Vater, entgegnete das Mdchen unwillig, Fatinitza liebt
Dich!
    Ich wei es, sagte der Alte sich den Bart streichend, was wre ich sonst!
Aber die Weiber knnen nicht immer im Haremlik des Vaters bleiben. Sie sind
bestimmt zur Freude des Mannes. Du hast der Bewerber so viele ausgeschlagen, o
Kind, da meine Haare grau geworden vor Alter und Sorge.
    Was kann ich thun? antwortete die trotzige Tochter, Fatinitza mag nicht
die Hndin eines Mannes sein, den sie nicht liebt. Sie ist das Kind der freien
Berge.
    Bana Bak, ai gusum - er ist ein schner Mann!
    Wer - von welchem Manne redest Du, da er es wagt, seine Augen zu mir zu
erheben?
    Mashallah! es ist Zeit, da Du einen Mann whlst, denn Du lufst seit
Jahren umher, wie eine wilde Ghegin, den Geboten des Korans zum Trotz. Der Emir
Abdallah ben Zarujah ist ein Frst im Lande Hedja's, er hat Dich in sein Herz
geschlossen und begehrt Dich zum Weibe.
    Die gehorsame Tochter spreizte verchtlich alle zehn Finger aus. -
    Kommst Du nur hierher, Bey, um Deinem Kinde in's Gesicht zu lachen? Bosch,
er ist Nichts, er ist ein wilder Araber, ein verachteter Sohn Ismael's!
    Du hast so viel bessere Heirathen verweigert, sagte unwillig der Alte,
da Du froh sein magst, wenn ein Tapferer Dich begehrt. Der junge Mann gefllt
mir, wenn er auch ein Araber ist. Ich hre, er ist reich in seinem Lande und hat
Schlsser im Lande Yemen. Du weit, ich bin alt und das Leben in diesen rauhen
Bergen gefllt mir nicht mehr. Ich will meine Fahrt nach Mekka machen, zur
heiligen Kaba, bevor ich sterbe, und ich werde Dich begleiten, wenn der Sultan,
unser Herr, diese Unglubigen in den Staub getreten und den Krieg beendet hat.
    Hai! hai! ich aber will dies Land nicht verlassen.
    Der Emir ist tapfer - ich habe Freunde in Stambul und bin reich,
schmeichelte der Bey; wenn Du ihm nicht folgen willst, und es sei fern von mir,
Dich zu zwingen, so wird es mir mit Allah's Hilfe leicht sein, ihn zu meinem
Kaimakan19 und Nachfolger im Paschalik von Skadar oder Janina machen zu lassen,
da Abdi, mein Freund, nach Rumelien geht, wenn die aufrhrerischen Griechen
gezchtigt sind.
    Wallah - was sind das fr Trume? Bin ich eine Kuh, die man verhandelt auf
den ersten Blick? Meint der Emir, die Frauen von Albanien seien wie die
Mohrinnen der Wste, die man auf dem ersten besten Markte kauft; oder denkt er,
ich sei eine ffentliche Tnzerin, weil ich mein Gesicht nicht unter dickem
Schleier zeige?
    Delhi der! die Weiber sind toll! es ist Unsinn, was Du sprichst, - ich will
meinen Willen haben oder ich sperre Dich ein.
    Die wilde Schne lachte hell auf bei der Drohung, deren Werth sie vollkommen
durch die Gewohnheit kannte.
    War meine Mutter eine Mirditin oder nicht? stamme ich vom Blute des groen
Begs von Ak-Serai20 - oder bin ich eine verachtete Japidin, da Du so mit mir
sprichst? Geh - Du hast graue Haare und redest Thorheit. Fatinitza wird sich
eher von den schwarzen Felsen in die Wellen des Meeres strzen oder zu dem Volk
ihrer Mutter zurckgehen und eine Kreuztrgerin werden, ehe sie einen Mann
heirathet, den sie nicht selbst gewhlt hat.
    Der glubige Moslem strich sich zornig den Bart ber die jeder andern Frau
den sichern Tod bringende Drohung, aber er wagte, so tapfer und streng er im
Felde oder unter seinen Tschokodars und Arnauten war, Nichts zu erwidern, und
lie diesen, Punkt des Gesprchs fallen.
    Wir werden diese Nacht gegen die Feinde ziehen, sagte der Pascha, und sie
schlagen. Abdi wendet sich gegen Rapsista und das Kloster, wo der Grieche
Caraiskakis steht. Mir und dem Emir hat der Prophet einen wichtigen Fang in die
Hand gegeben. Ein griechischer Imam und der Primat eines Dorfes haben uns Kunde
gebracht, wo der Aga der Griechen mit wenigen seiner Gefhrten die Nacht
zubringen wird. Die Feinde des Islam sind unter unsern Sohlen.
    Wie heit der Aga der Christen?
    Ich habe es vergessen; aber er ist der blutige Feind der Moslems - Fluch
ber die Grber seiner Vter; ich werde sein Haupt nach Stambul senden, wie ich
mit dem Kopf des einugigen Begs der Czernagorzen gethan, und die Roschweife
sind mir sicher. Wirst Du mich begleiten, Tochter des Propheten, um die
Niederlage der Feinde unsers Glaubens zu schauen?
    Eine heftige Bewegung der Verhllten auf dem Divan machte Fatinitza erbeben.
    Die heilige Frau, die die Stimme der Engel Allahs hrt, sagte sie eilig,
hat mich belehrt, da die Weiber dem Kampfe der Mnner fern bleiben sollen. Ich
werde fr Euern Sieg beten.
    Gesegnet sei der Rath dieses Weibes, rief erfreut der Pascha, sie redet
weise wie Lokman, obschon sie nie zu uns Mnnern spricht. Die Frau gehrt in das
Haus und der Mann in die Schlacht; Dein wilder Sinn, o Kind, nach dem Treiben
der Mnner hat mir oft bittern Gram und mich zittern gemacht fr Dich. Nimm
diesen Ring zum Dank fr Deine Lehre, Frau, und mgen die Perlen Deiner Worte
noch, lange fallen in das Ohr dieses Kindes.
    Der alte Krieger warf der Fremden ein Juwel zu, das sie achtlos zur Erde
rollen lie, kte das Mdchen auf die Stirn und verlie das Gemach.
    Kaum war der Vorhang hinter ihm gefallen und sein Schritt verhallt, so ri
der Grieche den Schleier vom Haupt und sprang auf die Geliebte zu.
    La uns dabei sein, Fatinitza, ich kann hier nicht still verweilen, inde
die Shne meines Landes geopfert werden.
    Unmglich - was kmmern mich die Kinder Deines Landes? - sie sind Christen,
Fluch ber sie! Du allein sollst leben fr Fatinitza.
    Hre mich, Weib; - unter jenen Kriegern sind meine Blutsverwandten,
vielleicht gelingt es uns, sie zu retten und - bei der Gttin der Liebe, der
meine Vorfahren Altre bauten - ich will Dir ewig dafr danken!
    Die Verwandten Deines Blutes? Betrgt Fatinitza, nicht den eigenen Vater um
Deinetwillen? setzt sie sich nicht tglich hundert Male dem Tode aus bei der
Entdeckung, da ein Christ, ein Feind, ihr Haremlik entweiht hat und ihr Lager
theilt?
    Ich wei es, ich fhle es und dennoch beschwre ich Dich! Die Ungewiheit
wrde mich todten, ich verlange Nichts als die Deinen zu begleiten, vielleicht
findet sich eine Gelegenheit, wo Deine Hilfe, Deine Frsprache meinen Freunden
ntzen kann.
    Die seinem Volke - selbst den edleren Charakteren - eigenthmliche
Verstecktheit und Hinterlist lie ihn fast unbewut die Worte wgen, - sein Herz
sann bereits auf mehr.
    Das Trkenmdchen schaute ihn fest und prfend an.
    Ich will Dein Verlangen erfllen, sagte sie endlich, aber bei der
lodernden Gluth, die fr Dich durch meine Adern strmt, tusche mich nicht zum
zweiten Male, denn Fatinitza's Liebe wrde zum blutigen Ha werden. Ich will mit
Dir gehen zur Kampfsttte, doch nur unter der Bedingung, da wir Beide dem
Kampfe fern bleiben. Mge die Schlacht walten und ihre Opfer nehmen, Allah
entscheide! Fallen die Freunde Deines Blutes lebendig in die Hnde der Meinen,
wird Fatinitza sie schtzen. Ich gehe zu meinem Vater!
    Sie hllte sich in den leichten Schleier und verlie das Gemach. Kaum hatte
sie sich entfernt, so ergriff der Grieche den seinen und sein Haupt darin
verbergend, folgte er ihr. Die Angst, die unbestimmte Hoffnung, irgend etwas fr
die gefhrdeten Kmpfer des Kreuzes thun zu knnen, litt ihn nicht in dem engen
Gemach und trieb ihn hinaus auf die Terrasse, von der im Strahl der sinkenden
Sonne der Blick ber die Stadt und die umliegenden Hhen schweifte.
    An der Mauer des mit Blumen geschmckten Vorsprungs lehnte der neue Oglan
der Paschatochter, der Knabe, den ihr Hund am Vormittag zu Boden geworfen und
der mit diesem jetzt kameradschaftlich spielte. Der Befehl Fatinitza's hatte ihn
bereits mit einem neuen Gewande versehen.
    Der Grieche trat, ohne darauf zu achten, da der Knabe ihn aufmerksam
betrachtete, hastig zu der Balustrade und schaute hinber zu den Bergen, auf
denen die Schaar seiner Freunde lagerte.
    Mge die Panagia sie retten, ich vermag es nicht! sagte er unwillkrlich
in griechischer Sprache vor sich hin.
    Einen Augenblick darauf trafen Laute in derselben Sprache sein Ohr. Es war
ein leiser Gesang, den der Knabe ohne jetzt aufzublicken vor sich hin summte,
dennoch war jedes Wort verstndlich und Grivas hrte mit Staunen seinen eigenen
Namen darin. Es war eine wilde Erzhlung seines Kampfes in Montenegro, so weit
Bogdan sie hatte geben knnen, in Form einer Piesme.
    Wer bist Du, Knabe, fragte der junge Mann hastig, bist Du von
griechischen Eltern oder aus den Bergen Czernagora's?
    Der Knabe schaute ihn schlau an.
    Man fragt Keinen, ohne selbst Antwort zu geben, sagt das Sprchwort.
Gefllt Dir mein Lied?
    Sprich, wer lehrte es Dich?
    Ich hrte die Erzhlung von Bogdan, einem Knaben der Hochlande, der bereits
ein Krieger ist. Man nennt Dich die weise Frau, - kannst Du mir bessere Kunde
geben von dem Tode dessen, von dem ich sang? ich hre gern Geschichten.
    Knabe, sagte hastig und tief bewegt der Grieche, Du verstellst Dich und
bist ein Anderer, als Du scheinen willst. Bei den Grbern Deiner Vter, bei dem
Kreuz, wenn Du ein Christ bist, - rede die Wahrheit. Was suchst Du im Lager der
Trken?
    Mauro blickte hastig um sich, - sie waren allein auf der Terrasse.
    Nicolas Grivas, den Bruder des Gregor Caraiskakis und den Neffen des
tapfern Generals der Krieger des Kreuzes.
    Die leidenschaftliche Erregung erstickte fast das Wort in der Brust des
Griechen.
    Ist mein Bruder Gregor im Lager der Griechen? Knabe, rasch, ich selbst bin
Nicolas Grivas!
    Dann hat meine Ahnung mich nicht getuscht, sagte der Bursche, die die
Heiligen mir zugeflstert bei den seltsamen Erzhlungen der Arnauten von der
mirditischen Zauberin, die seit der Tdtung ihres Wolfes die unzertrennliche
Gefhrtin der Herrin von Skadar geworden. Sie meinen, der bse Dmon habe nur
seine Gestalt gewechselt.
    Rasch, rasch, was kmmert mich das Geschwtz der Thoren. Sage mir schnell
Deine Botschaft.
    Bogdan, der Czernagorze, ist gestern in's Lager gekommen und hat von Deinem
seltsamen Verschwinden erzhlt. Das weckte die Hoffnung Deines Bruders, Herr,
da Du in Skadar gefangen gehalten wrdest und ich ward auf Kundschaft
ausgesandt.
    Ist Gregor - dessen Namen Du nanntest - im Lager der Griechen?
    Mein Herr ist in Varna - ich bin ein smyrniotischer Knabe und als Bote von
ihm zu den Hellenen gesandt. Auf jenem Berge dort, in dem Kloster der armen
Heiligen, weilt Anastasius Caraiskakis, Dein zweiter Bruder, der mir den Auftrag
gab.
    Ich wei es; hast Du von meinem Oheim Grivas gehrt?
    Er zog gestern mit wenigen Leuten nach Dervendzista. Dein Bruder begleitete
ihn und sollte heute zurckkehren.
    Allmchtiger Gott, dann ist Grivas, die Hoffnung des Kreuzes der Mann, den
der verrtherische Papa in die Hnde der Trken liefern will. Wie viel Krieger
stehen bei meinem Bruder?
    Dreihundert. Die Hauptmacht des Generals lagert an der Arta gegen
Fuad-Pascha, der mit 9000 Mann in Prevesa steht. General Tzavellas liegt in
Suli, aber es ist Feindschaft zwischen ihm und Deinem Oheim!
    Fluch ber diese Uneinigkeit, sie wird Alles verderben. Jetzt begreife ich
den Plan der Trken, sie wollen sich zwischen die Abtheilungen drngen und sie
einzeln vernichten. Wer befiehlt im Lager an der Arta in Stelle meines Oheims?
    Der Oberst Stratos.
    Mein Bruder mu benachrichtigt, Grivas mu gerettet werden. Ein Engel hat
mir es eingegeben, auf meiner Theilnahme am Zuge zu bestehen. Knabe, ist es Dir
mglich, die Stadt zu verlassen?
    Ich hoffe es.
    Es gilt die Rettung Deiner Glaubensbrder. Suche das Kloster zu erreichen
und sage meinem Bruder, im Dunkel der Nacht rcken Abdi-Pascha und der Pascha
von Skadar aus, der Erste auf Rapsista zu, der Andere, ihnen den Weg in's
Gebirge zu sperren und Grivas zu vernichten, der sich unvorsichtig vorgewagt
hat. Wenn es eine Mglichkeit ist, soll er den General retten und Stratos
benachrichtigen von der Gefahr. Lebe wohl, Knabe, und die Panagia schtze Dich!
    Er hllte sich in den Yaschmak und eilte ber die Terrasse zurck, auf der
Aejischa, die Mohrin, ihn bereits zu suchen, erschien. - -
    Die Pascha's warteten das Dunkel ab, um mit ihren Truppen die Festung zu
verlassen. Sie bestanden aus 2500 Mann Nizam und Arnauten, 150 arabischen
Reitern und 4 Kanonen. Ein Bote war bereits am Nachmittag nach der Kste
abgegangen, um Fuad-Effendi von dem beabsichtigten Ausfall in Kenntni zu setzen
und sein Vordringen zwischen die Stellung der beiden griechischen Generale
anzurathen. Abdi-Pascha mit dem Nizam und zwei Geschtzen wandte sich gegen die
Arta und die Stellung des Hauptcorps, Selim-Bey mit den Reitern und zwei Kanonen
in das Thal zwischen dem Kloster und dem Fu des Mitzikeli, so den Posten bei
dem erstern zwischen zwei Feuer bringend und den verwegenen Fhrer der Griechen
gnzlich von den Seinen abschneidend.
    Dem Unwillen ihres Vaters trotzend und unter dem Vorwand, da sie sich nicht
von ihm trennen wolle, begleitete die Amazone von Skadar den Zug, an ihrer Seite
die Verhllte, vor der die von Aberglauben erfllten Krieger scheu zur Seite
wichen. Der verrtherische Primat machte den Fhrer und ritt an der Spitze der
Abtheilung, von Abdallah, dem arabischen Emir, bewacht. So gelangte der aus etwa
600 Kriegern bestehende Zug im Schatten der Nacht bis auf die Entfernung von
etwa 2000 Schritt in die Nhe seines Ziels und machte hier, von einer Schlucht
gedeckt, Halt. Nach dem Rath des Verrthers sollte der Ueberfall in der
Morgendmmerung erfolgen.

    Wo die Quellen der Arta zwischen dem Tzumeria-Gebirge, dem Mitzikeli und den
Hhen des Pindus entspringen, in einer der an Romantik und Lieblichkeit
reichsten Gegenden der Welt, erhebt sich auf einem khn vorspringenden, von drei
Seiten fast unzugnglichen Felsen die Palanka oder die Kula von Protopapas. Auch
der Abhang der vierten Seite ist durch Erdspalten zerklftet, so da nur ein
schmaler Weg fr Fugnger und Reiter offen bleibt, an dessen Seite jh der
Felsenabhang hinabfllt. Citronenbume und der hohe Oleander zieren die Hhen,
wilder Wein rankt an den Stmmen empor und Bsche von Rosen, von denen das
unsern gelegene Rhodostopos seinen Namen hat, fllen die Lfte schon im Frhling
mit Wohlgeruch, whrend die Hnge und Grnde vom dunklen Grn der Olive gefllt
sind.
    Dies war die Stelle, wo Grivas mit seinen sieben Mainoten den russischen
Agenten von Metzowo erwartete.
    Der Ort war noch unter Ali-Pascha eine kleine Feste mit geringer Besatzung,
seitdem aber gnzlich verlassen und nur von den Kolbaus, den Hirten des
Gebirges, benutzt. Ein eingesunkener Wall umgab im engen Kreis einen viereckigen
starken Thurm, von massiven Quadern zwei Stockwerke hoch aufgefhrt, dessen
Mauern und Zinnen Zeit und Verdung nur wenig zu schaden vermocht hatten. Durch
ganz Epirus und an der Kste entlang, selbst in den acroceraunischen Gebirgen
finden sich noch, zum Theil d und verlassen, zum Theil als abgeschlossene
Posten der Khawassen dienend, viele solche feste Thrme, gleich den Trmmern,
der alten Feudalburgen in Mitteleuropa. -
    Die trkenfreundliche Presse hat Zeter und Wehe geschrieen ber die
Plnderung, die der Fhrer der aufgestandenen Epiroten an dem Hause des Primaten
von Dervendzista begangen, nachdem er die Nacht dort zugebracht und sich alle
Mhe gegeben, die gleich darauf folgende an Thermopil und die heldenmthigsten
Thaten des Alterthums erinnernde Vertheidigung der Kula zu verdchtigen und in
den Staub zu ziehen. Der Schriftsteller jedoch, der die Geschichte jener Tage in
den bunten Kaleidoscopen des Romans schildert, kmmert sich nicht um den Streit
und Neid der Parteiungen, sondern malt mit khner Feder die Thaten und Menschen,
wie sie sind.
    Die Namen der sieben Gefhrten des General Grivas im Thurm von Protopapas
sind dem Andenken erhalten: Hassan Stavro, Demetrios, Andunah Vati, Constantin
Comodouro, Panayotti Zanetacchi, Andreas Zanet und Georg Mauromichalis, der
Namensvetter und Neffe des Klephten, der 1831 den Prsidenten Capodistrias
erscho, - alle Sieben Shne der Maina - Wlfe des Taygetos.
    Nicht mit Unrecht fhren die Bewohner von Bassa-Maina, des alten Gebiets von
Sparta, den letztern Namen. Rauh und hart wie das Felsgestein des Taygetos,
scheint ihr Sinn allen milderen Freuden des Lebens unzugnglich. Das Land,
dessen Schoos keine Quelle entrinnt, zeugt Kinder, die an Wildheit, aber auch an
Khnheit und Tapferkeit alle Stmme der Erde bertreffen. Raub und Mord ist ihr
Gewerbe, der Ha und die Blutrache erben unter den Geschlechtern grimmiger,
unvershnlicher, als selbst auf den schwarzen Felsen Czernagora's und den Bergen
Corsika's, und wenn ein Mann eines natrlichen Todes stirbt, so beklagen sie
ihn, weil er nicht erschlagen wurde und daher keiner Rache bedarf.
    Ruber zur See und zu Land, unbezwungen und ungebndigt, im wilden Kampf
unter einander, seit sie nicht tglich mehr mit ihren Feinden, den Trken,
kmpfen knnen, war noch in den vierziger Jahren, und ist es zum Theil noch,
jedes Haus der Maina eine Feste und jeder Zugang durch eine Schiescharte
beherrscht, die man so genau bewacht, da Nachts nicht einmal Licht gebrannt
wird, um dem Feinde nicht die an den Oeffnungen vorbeigehenden Gestalten als
Ziel zu verrathen. Das ganze Gebiet ist ein Land von Thrmen; die meist auf
felsigen Anhhen stehen, so da sie den benachbarten District berblicken
knnen. Die unteren Stockwerke werden als Stlle benutzt, whrend nach den
oberen Gemchern eine so niedrige Thr fhrt, da man nur gebckt eintreten
kann.
    Nur die Weiber gehen zum Arbeiten aus, die Greise und Knaben bleiben zu
Hause auf der Wache und es giebt Flle, da Mnner in zwanzig Jahren nicht die
Schwelle ihres Thurmes berschritten haben, um nicht der Blutrache zu verfallen.
Die baierschen Truppen, welche im Jahre 1834 auf Befehl der Regierung in Athen
diese Festen zerstren sollten, wurden von den Mainoten zurckgeschlagen und
alle Anstrengungen der Regierung scheiterten an dem Trotz der wilden Klephten, -
ihre Thrme blieben unzerstrt.
    Erst in der letztern Hlfte der vierziger Jahre hat die Civilisation
einigermaen Wurzel in dem wilden Lande geschlagen. Viele unserer Leser werden
uns bei dieser Schilderung der Uebertreibung beschuldigen, aber wir knnen nicht
oft genug wiederholen - wir geben Thatsachen im Gewand des Romans. Noch im Juni
1843 schreibt ein griechischer Correspondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung:
Die Blutrache wird so weit ausgedehnt, da sie von einem sterbenden Vater
testamentarisch den Kindern vermacht wird. Die Erben berblicken mit eben
solcher Begier die Anzahl der aufgezhlten Morde, welche zu rchen sind, wie das
brige Eigenthum, und haben sie durch Blutvergieen die Anweisungen des
Testaments vollkommen erfllt, so begieen sie das Grab des Vaters mit Wasser,
zum Zeichen, da jetzt seine Leidenschaft abgekhlt sein knne.
    Die wilden Shne des Taygetos gehorchten dem Sohne des Pindus. Grivas, der
mit den Mainoten 1827 die Akropolis von Corinth erstrmt, konnte sicher bauen
auf die Treue und den Muth dieser Krieger.
    In ihre Aba's gehllt, lagen die Tapfern um das verglimmende Feuer im Innern
der Kula; denn die Nchte des Orients sind oft kalt und schneidend, whrend am
Mittag hei der Sonnenstrahl brennt.
    Comodouro und Demetrios hatten die Wache auf dem Thurm und dem Wall, bis die
Sonne sich erhoben ber die schneeigen Gipfel des Pindus und Dodona's heilige
Eichenhaine.
    Aus den Schluchten und Thlern ballten in formlosen Massen die Morgennebel
empor, gleich als ahnten und frchteten sie den nahenden Strahl der Sonne. Auf
den Wolken ber dem See von Janina malten sich die purpurnen und violetten
Strahlen des noch hinter den Bergen verborgenen Tagesgestirns.
    Da drhnte es von Westen her in langsam auf einander folgenden Schlgen -
ferne Kanonenschsse.
    Die Hand der Wache legte sich auf die Schulter des Fhrers - im Augenblick
war der General empor und gleich darauf auf der Plattform des Thurmes, um ihn
sammelten sich die Mainoten. - Es war die hchste Zeit - ein seltsames
abenteuerliches Schauspiel entwickelte sich phantastisch aus den ballenden
Nebeln am Fue der Hhe, auf welcher der Thurm steht: - gleich Gespenstern, die
der Hahnenruf des Morgens von ihren nchtlichen Wegen auf und davon jagt,
strmten durch die Schatten des Thales drei Reiter - voran auf windschnellem
arabischen Ro eine Frauengestalt in fliegenden grnen Gewndern - hinter ihr
d'rein ein alter Moslem, den Sbel in der Faust, offenbar bemht, der Fliehenden
den Weg abzugewinnen und zuerst am Eingang des schmalen Felsensteiges
anzukommen, der den Weg zum Plateau der Palanka bildete; - den Beiden in der
Entfernung von 60 bis 100 Schritt folgend, eine zweite trkische Frau in
prchtigen Gewndern, den goldglnzenden Panzer des Tosken um Brust und
Schultern, den hohen Reiherbusch ber dem Turban. Und hinter ihnen d'rein in der
Ferne, aus dem Nebel und Dunkel, hoben sich im Morgengrauen Lanzenspitzen,
blitzten Bajonnette und wogte es heran in dunklen Massen.
    Zu den Waffen, Kameraden, die Moslems sind vor der Palanka! und zu dem
Eingang des Walls strzten Grivas und seine Maini's.
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    Der Halt, den die Trken gemacht, war, wie gesagt, kaum eine Viertelstunde
Weges von der kleinen Feste entfernt, und der Bey sandte von hier aus seine
Spher, die bald mit der Nachricht zurckkehrten, da die Griechen zwar Wachen
ausgestellt htten, sonst aber keine Ahnung von der Gefahr und der Nhe des
Feindes zu haben schienen.
    Es wurde nun beschlossen, da die Kula durch Tirailleurs berrascht werden
sollte, die sich im Schatten der Klftungen auf das Plateau schleichen und
pltzlich auf das Zeichen eines Schusses eindringen sollten, whrend die
Hauptmacht ihnen langsam folgte. Der Emir Abdallah mit seinen Arabern erbot
sich, den Versuch zu wachen. Er stieg von seiner Stute, deren Zgel er um den
Schaft seiner in den Boden geschlungenen Lanze schlang, und seinem Beispiel
folgten sofort alle seine Leute. Dann untersuchte der Emir sein langes
Luntengewehr, ertheilte den Arabern einige Befehle und verschwand mit ihnen nach
verschiedenen Seiten in den Nebeln, in denen ihre weien und grauen Gewnder
verschwammen.
    Der Bey mit Fatinitza und dem verkleideten Griechen waren jetzt die einzigen
Reiter, die in der Nhe hielten, und er hie sie ihnen folgen, um von einem
nher liegenden Hgel den Erfolg des Ueberfalls zu beobachten und dort whrend
des Gefechts, auerhalb jeder Gefahr, zu verweilen. Im Gesprch mit ihrem Vater
bemerkte das Trkenmdchen Anfangs nicht, da ihre Begleiterin zgerte, zu
folgen, und einige Augenblicke zurckblieb, bis der Vorsprung des Felshgels sie
verdeckte.
    Pltzlich verkndete ein Schrei der Ueberraschung ein ungewhnliches
Ereigni. - -
    In der Brust des jungen Griechen hatte ein wilder Sturm getobt - Qual und
Angst um die Blutfreunde, und Liebe und Dankbarkeit zu dem wilden Trkenmdchen.
Dennoch war er von Anfang an entschlossen gewesen, jede sich bietende gnstige
Gelegenheit zu ergreifen, um seinen Oheim und dessen Gefhrten zu retten. Der
drngende Augenblick war jetzt gekommen, denn er fhlte, da, wenn die
ahnungslosen Griechen nicht gewarnt wrden, der Ueberfall der Araber gelingen
msse.
    Er wute aus den Erzhlungen des Emirs an Fatinitza, da das Ro desselben
eine Stute aus jenem berhmten Geschlecht der Nedjhi war, einer durch ganz
Arabien wegen seiner Schnelligkeit und Muskelkraft berhmten Race, und als daher
der Emir den Sattel verlassen und die Pferde fast unbewacht zurckgelassen
wurden, war sein Entschlu rasch gefat. Er drngte, zurckbleibend, sein
Maulthier an die Seite der Stute und den Augenblick entschlossen ergreifend,
wechselte er den Steigbgel und sprang in den Sattel des arabischen Pferdes,
zugleich die Lanze aus dem Boden reiend und die scharfen, statt der Sporen
dienenden Spitzen der Bgel in seine Flanken pressend.
    Wie ein Pfeil scho die Stute vorwrts, und im nchsten Augenblick an
Fatinitza, dem Pascha und den ihnen zum Hgel gefolgten Kriegern vorber.
    Im ersten Moment fesselte Ueberraschung und Verwirrung jede Lippe, da auer
Fatinitza Keiner die Bedeutung der seltsamen Handlung sich zu entrthseln
vermochte, bis der Ruf derselben: Verrtherischer Christ! Allah verderbe Dich!
und ihr wthendes Anspornen des Rosses hinter dem Fliehenden d'rein pltzlich
das Staunen mit einem anderen lste. Ein unterdrckter Wuthschrei brach von den
Lippen Aller und dann folgte der ganze Haufe der wilden Jagd.
    Diese ging mit Windesschnelle durch den Thalgrund, auf dessen anderer Seite
das Felsenplateau der Palanka sich erhob. Da der Pascha und seine Tochter die
einzigen Berittenen in der Gruppe gewesen, unternahmen diese auch allein mit
einiger Aussicht die verzweifelte Verfolgung. Das Pferd des Pascha's war ein
Thier von edlem Berber Blut, das nur wenig dem schnellen Ro des Flchtlings
nachstand, und der greise Moslem, sobald er sein erstes Erstaunen berwunden,
sprengte wthend hinter dem Griechen d'rein, denn der Ruf seines einzigen Kindes
hatte ihm im Augenblick gezeigt, wie grausam er betrogen worden.
    Die ganze Hoffnung des jungen Mannes lag darin, da er zuerst den Felskamm
erreichte, welcher den einzigen Weg zum Plateau der Palanka bildete, und die
Augen auf die Feste geheftet, jagte er durch das Thal. Doch hatte er, um der
Gruppe am Hgel zu entgehen, schon beim Fortstrmen die gerade Richtung
verlassen mssen, und wurde auch auf dem weiten Ritt wenn auch nur Augenblicke
lang aufgehalten. Zwei Mal trat ihm aus dem Nebel die weie Gestalt eines
arabischen Kriegers entgegen und versuchte, sich ihm in den Weg zu werfen. Aber
die Lanze des Emirs warf den Einen, der Sprung des Pferdes den Andern zu Boden,
und Keiner wagte es, auf das wohlbekaunte Ro seines Huptlings zu feuern.
    So gelang es dem Griechen, fast gleichzeitig mit dem Bey, den Aufgang des
Felsenkammes zu erreichen, und ein Sprung des prchtigen Pferdes brachte ihn
voran auf denselben. Er hatte den Schleier von seinem Haupte gerissen und
schwang ihn durch die Luft. -
    Zum Kampf, Oheim Grivas, zum Kampf! die Moslems sind Euch nahe!
    Verfluchter Ghrist! Schnder meines Harems! stirb!
    Eine rasende Anstrengung seines Pferdes hatte auf einer breitern Stelle den
greifen Bey an die Seite des Griechen gebracht, und er lehnte sich zurck auf
den Sattel, den Hieb von hinten zu fhren, denn er befand sich zu seinem Unglck
auf der rechten Seite des Flchtlings. Ein Blick zeigte diesem die Gefahr und
da nur das Verderben des Einen den Andern zu retten vermge. Der Trieb der
Selbsterhaltung war rascher als alle Ueberlegung, und mit aller Kraft seiner
Hand und seiner Schenkel sein Pferd parirend, drngte er es nach dem Gegner,
indem er den rechten Arm nach ihm ausstreckte, den Hieb aufzufangen.
    Ein wilder Schrei klang an seine Ohren - die Stimme der Geliebten: Schone
meinen Vater! - aber im selben Augenblicke schon stie sein Knie an den hohen
Sattel des Gegners, seine Hand fate den erhobenen Arm - ein Sto - und ber die
Seite der Felsenkante strzten Ro und Reiter!
    Im nchsten Moment flog das Araberpferd weiter und dem offenen Eingang des
Walles zu, auf dem jetzt, die Flinten schugerecht in der Hand, die sieben
Mainoten lagen. Hinter ihm d'rein gellte in seine Ohren der schneidende Zeterruf
des Trkenmdchens, das Klagegeschrei der herbeieilenden Arnauten, und vor ihm
am Eingang des Walles lag eine breite Kluft, ber die eine einzige Bohle fhrte,
welche die Mainoten liegen gelassen und in der unerwartet andrngenden Gefahr
noch keine Zeit gehabt, hinwegzurumen. Aber sie war zu schmal, selbst im
Schritt ein Pferd zu tragen; noch ein Mal prete er die spitzen Bgel dem seinen
in die Flanken, und mit langem Sprunge gewann es den jenseitigen Rand und stand
zitternd und schaumbedeckt zwischen den wilden Gestalten der Griechen.
    Nicolas Grivas sprang herab, sprachlos - Entsetzen auf dem bleichen Antlitz
- deutete er hin nach dem gefhrlichen Wege, den er so eben zurckgelegt hatte.
- -
    Dort jagte die Wlfin von Skadar heran, - der Schleier fliegend im Zug der
Luft, gluthroth das Antlitz, rachesprhend das dunkle Auge - in der erhobenen
Hand die Pistole. -
    Kaum sah sie den Abhang, der sie von dem Verrther trennte, noch weniger ihn
achtend in der wilden Leidenschaft, die jede ihrer Fibern spannte, - der Schu
knallte, indem das Pferd sich zum Sprunge erhob, aber seine Kraft war diesem
nicht gewachsen und die Hand der Reiterin hatte es nicht untersttzt, es
erreichte kaum den jenseitigen Rand und brach zusammen ber der Planke, welche
ber die wenn auch nicht tiefe doch gefhrliche Felsspalte fhrte. Einen
Augenblick hingen Pferd und Reiterin ber dem Abgrund und dieser Augenblick
gengte dem ltern Grivas, um vorzuspringen. Seine krftige Faust erfate das
Trkenmdchen und ri es empor, und ein Futritt schleuderte die schwankende
Brcke und das Ro auf ihr in die Tiefe.
    Die Flinten der Mainoten krachten zu beiden Seiten und das Allah Akhbar21!
der Araber erschtterte die Luft. Abdallah an der Spitze, versuchten die wilden
Asiaten, das Plateau, an den Felsen und Steinen emporkletternd, zu erstrmen, -
aber die Kugeln der sechs wachsamen Spartaner warfen die kleine Zahl, die
emporzuklimmen vermochte, todt oder verwundet von dem Felsrand zurck - kein
Schu fehlte bei dem leichten Ziel, und der Ruf des khnen griechischen Fhrers
belebte den Widerstand. Seine weitreichende Bchse schlug zugleich auf dem
Felskamm in die Schaar der dort Anstrmenden und trieb sie zurck.
    Die Sonnenstrahlen brachen glnzend ber die Berge, und die Palanka
vergoldend, zeigten sie sicher den Schtzen ihr Ziel.
    Nach ihrer gewhnlichen Kampfweise, hnlich der der nordamerikanischen
Wilden, lieen die Asiaten nach dem ersten Sturm vom Angriff ab, sobald sie sich
berzeugt, da die Ueberraschung milungen und der Gegner zum Empfange bereit
war.
    Die Araber und die unterde herbeigekommenen Arnauten zogen sich unter
wildem Geschrei aus der Schuweite der Kugeln zurck. Von der Hhe des Walls sah
der General noch, wie sie den Krper ihres greifen Fhrers aus der Schlucht, wo
hinein ihn und das Ro der Arm seines Neffen gestrzt, davon trugen, doch
vermochte sein Falkenblick nicht zu erkennen, ob der Verunglckte noch am Leben.
    Der General wute, da er vorerst Ruhe und Zeit haben werde, die Anstalten
zur weiteren Vertheidigung zu treffen, und jetzt erst wandte sein Blick sich
wieder auf seinen Neffen und seine schne Gefangene.
    Wir haben gesagt, da sechs Flinten der Mainoten dem Angriffsgeschrei der
Araber geantwortet hatten; - Andunah Vati, der Siebente, lag, die Hand auf die
rechte Seite gepret, an der Mauer der Kula und durch seine Finger quoll in
dicken Tropfen das rothe Blut, whrend sein Auge finster und drohend auf das
Trkenmdchen geheftet blieb. Die Kugel ihrer Pistole hatte bei dem Sprunge das
Ziel ihrer Rache, den meineidigen Geliebten, gesehlt und den Mainoten
niedergeworfen. Der schreckliche Vorgang und der Angriff der Araber waren aber
so rasch auf einander gefolgt, da keiner der Vertheidiger Zeit gehabt, auf den
Verwundeten zu merken oder sich um ihn zu kmmern.
    In einiger Entfernung von ihm, auf einer der Quadern, sa Fatinitza; der
Turban war ihr vom Haupte gefallen und das dunkle glhende Auge starrte finster
und gleichgltig durch die Oeffnung des Walles auf die ferne Schaar der Ihren.
Sie schien den treulosen Freund nicht zu bemerken, der, nur wenige Schritte von
ihr entfernt, an dem Ro des Arabers lehnte. Ein einziges Mal whrend des kurzen
Kampfes hatte er gewagt, ihr nher zu treten, aber ein wilder stolzer Blick des
Mdchens scheuchte ihn zurck, und stumm, mit niedergeschlagenen Augen blieb er
in seiner Stellung. So traf die stumme lautlose Gruppe der General, der mit
mehreren seiner Gefhrten jetzt in das Innere der Umwallung sprang, whrend
andere derselben die Wache auf dem Wall behielten.
    Andunah ist verwundet, seht nach ihm, befahl der Fhrer, und jetzt,
Neffe, nachdem die erste Blutarbeit gethan, sei willkommen trotz Deines
seltsamen Aufzugs. Wer ist dies Weib?
    Fatinitza, die Tochter des Pascha's von Skadar, meine Lebensretterin. Lat
sie zum Dank dafr, da es mir gelang, Euch noch im letzten Augenblick zu retten
und auf die Nhe der Feinde aufmerksam zu machen, unbeleidigt zu den Ihren
zurckkehren.
    Sie ist die Mrderin meines Vetters Andunah, sagte bei der Bitte wild der
Mani Comodouro. Ihre Kugel traf, ihn - sie mu sterben! Er hob die Pistole
gegen die Unglckliche.
    Der General jedoch stellte sich vor sie. - Zurck, Mann! Andunah Vari wurde
im ehrlichen Kampf erschossen und die Trkin ist meine Gefangene. Wer es wagt,
die Waffe gegen sie zu erheben, hat es mit mir zu thun. Du aber, Neffe, irrst,
wenn Du glaubst, ihre Freiheit dafr in Anspruch nehmen zu knnen, da Dein Ruf
uns gerettet. Der Donner jener Kanonen ber das Gebirge her, den Du hrst und
der uns die Schlacht unserer Brder verkndet, hatte uns bereits in die Waffen,
gerufen. Dieses Mdchen, deren Namen und blutigen Ruf wir Alle kennen, hat die
Jungfrau vielleicht zu unserer Rettung in unsere Hand gegeben. Bindet ihre Hnde
und nehmt ihr ab, was sie an Waffen noch bei sich trgt.
    Oheim! flehte der junge Grieche.
    Der General schttelte finster das Haupt. - Sie ist die Gefangene meiner
Hand und es mu sein! Deine Rettung ist vergolten durch die ihre von jenem
Sturz.
    Zwei der Mainoten fesselten mit einem Riemen die Arme der Trkin und nahmen
ihr den Dolch, der in ihrem Grtel steckte. Ohne Widerstand lie es das Mdchen
geschehen, nur ein stolzer verchtlicher Blick fiel auf den jungen Grivas, der
sein Gesicht in die Hnde verbarg.
    Bringt sie in den hintern Raum der Kula und fesselt ihr dort noch die Fe,
damit sie keinen Versuch der Flucht machen kann, befahl der Fhrer. Euer Leben
brgt mir fr das ihre. Legt Andunah gleichfalls dahin und leistet ihm Hilfe, so
gut es sich thun lt. - Wie hoch schtzest Du die Zahl unserer Feinde, Neffe?
wandte er sich an diesen, whrend die Maini's22 seinem Befehl Folge leisteten.
    Nicolas gab die Auskunft, so weit er vermochte.
    Du magst die Stelle Andunah's einnehmen, sagte der General, und Dich mit
seinen Waffen versehen; der Kampf, den wir zu bestehen haben werden, wird ein
harter sein. Und jetzt lat uns vor Allem daran gehen, den Zugang zu sperren, so
gut es uns mglich ist, denn, verlat Euch darauf, wir werden bald von ihnen
hren.
    Sie begannen alsbald Steine und Trmmer vor dem Zugang des Walles
aufzuhufen. Zwei der Mainoten bestiegen auf des Generals Gehei das flache Dach
der Kula und lagen an den Schiescharten. Die andern vier mit dem General und
dem Flchtling, der sich der Frauengewnder, so weit es thunlich, entledigt
hatte, behaupteten den Wall, huften Steine und Holzwerk im Innern der Kula
zusammen zur Verpallisadirung des offenen schmalen Zugangs und durchfpheten die
Umgegend.
    Das Erdgescho des Thurmes war in zwei Theile geschieden. Im zweiten nach
dem schroffen Felsenabhang zu lagen auf Lagern von Zweigen und Blttern, wie
sich die Hirten des Gebirges sie bereitet hatten, einander gegenber Fatinitza
und der verwundete Krieger, dessen Waffen und Munition der junge Grivas an sich
genommen.
    Der Letztere hatte noch einen Versuch gemacht, sich der verrathenen
Geliebten zu nahen, um ihre Lage mglichst zu erleichtern und sein Thun zu
rechtfertigen, die Trkin jedoch ihm verchtlich und ungeduldig den Rcken
gewandt und kein Wort war ihren Lippen zu entlocken. Mit von widerstreitenden
Gefhlen zerrissenem Herzen verlie er sie endlich.
    Dir Sonne war nunmehr ber den Gipfeln des Pindus und ihre Strahlen hatten
die Nebel vertrieben und zeigten den Bedrngten klar und deutlich die Gefahr,
von der sie umgeben waren. Am Eingang des Felsengrates auer Flintenschuweite
lagerte die Hauptschaar der Trken, und eine Gruppe von Feigenbumen schien
ihren Mittelpunkt und das Lager ihres todten oder verwundeten Fhrers zu bilden,
denn man konnte vom Thurme aus bemerken, da Shawls und Decken dort ausgebreitet
waren. Kleine Abtheilungen schlossen bereits im Grunde das Platean auf allen
Selten ein und die Mannschaft der beiden Feldgeschtze bemhte sich eben,
dieselben am Zugang des Felsendammes zum Wall, in der Entfernung von sieben- bis
achthundert, Schritt von diesem, aufzustellen, da es zum Glck fr die Griechen
nicht mglich befunden worden, sie auf dem Felsdamm selbst durch die Bespannung
weiter vorwrts zu bringen.
    Zu ihrem Staunen sahen die Mainoten jedoch statt des Beginns des Sturmes
einen einzelnen Reiter, den Zweig eines Olivenbaumes in der Rechten - das
Zeichen des Friedens oder Waffenstillstandes - heran nahen. Es war der Emir, der
khn und unbesorgt bis zur Felsspalte vorritt, welche den schmalen Weg vom
Felsplateau der Palanka trennte, und dort den Zweig als Zeichen ber dem Kopfe
schwang, da er eine friedliche Unterredung wnsche.
    Der General mit Nicolas, indem er den Uebrigen gebot, im Anschlag zu
bleiben, erschien sofort auf dem Wall.
    Hunde und Shne von Hunden, begann der Emir die friedliche Anrede, Ihr
seht, da Allah Euch in die Hand der Glubigen gegeben hat, die zahlreich sind,
wie der Sand am Meere, und da kein Entrinnen fr Euch ist. Bist Du Grivas, der
Anfhrer der aufstndischen Griechen?
    Nimm Dich in Acht, Freund Araber, mit Deinen Worten, entgegnete der
General in trkischer Sprache. Meine Mainoten und ich selbst sind nicht
gewillt, geduldig die Schmhungen eines Gtzendieners zu ertragen. Wer bist Du
und was willst Du?
    Ich bin Abdallah ben Zarugah, das Haupt meines Stammes und der Freund des
Pascha's von Skadar, Selim Beh's, eines Tapfern, dem die Hand eines Verrthers
Unglck gebracht hat. Ich rede in seinem Namen und fhre seine Krieger gegen
Euch zum Kampf.
    Sage mir, Emir Abdallah, bei Deinem Haupte beschwre ich Dich, unterbrach
Nicolas Grivas das Gesprch, ist der Pascha bei dem Sturz umgekommen, oder
glcklich der Gefahr entgangen?
    Ich erkenne Dich an Deiner Stimme, Pferdedieb, entgegnete der Araber, und
Fluch ber Dich, denn Du hast Verrath gebt an dem, dessen Brot Du gegessen.
Allah hat seine Hand ber dem Pascha gehalten, er ist schwer verwundet und sein
Schenkel gebrochen aber er lebt Euch zum Verderben.
    Ein unwillkrliches Den Heiligen sei Dank! entfloh den Lippen des jungen
Mannes. Dann verlie er hastig den Wall und eilte in das Gefngni Fatinitza's,
um ihr die Nachricht zu verknden.
    Sie nahm sie schweigend auf, kein Laut, kein Blick des Auges verkndete ihre
Gefhle.
    Unterde nahm die Unterhandlung drauen ihren Fortgang.
    Weshalb kommst Du, Emir? - Ich bin Grivas, der General der freien
Griechen.
    Deine Krieger, sagte der Araber, werden in diesem Augenblick von dem
Pascha von Janina vernichtet, Du hrst den Donner der groen Bchsen. Schaue auf
die Zahl meiner Tapfern und Du siehst, da ein Entrinnen unmglich ist. Es ist
keine Schmach fr den Khnen, der Macht zu weichen. Gieb Dich gefangen mit
Deinen Lecken, und das Urtheil des Pascha's wird milde sein.
    Bin ich ein Kind oder ein Weib, da Du so mit mir redest? Mir haben Kugeln
in unsern Flinten und Blut in unsern Adern.
    Du bist ein Tapferer, ich wei es, und Abdallah, der mit den Rothjacken vor
Aden gefochten, ehrt die Tapfern, auch wenn sie seine Feinde sind. Gieb mir mein
Pferd Eidunih und Fatinitza, die Tochter des Pascha's, nebst dem Verrther
heraus, der sie beide entfhrt hat, und liefert Eure Waffen ab, so will der
Pascha Dir und den Deinen den Abzug erlauben, wenn Ihr bei dem Koran der
Christen schwren wollt, nie wieder gegen das Licht der Welt zu kriegen.
    Der Mann, den Du einen Dieb nennst, sagte der General, ist mein Reffe und
ein Krieger des Kreuzes, dessen Blut nicht fr die trkischen Henker bestimmt
ist. Das Weib und das Pferd kannst Du erhalten, aber nicht unsere Waffen, die
wir brauchen wollen, so lange ein Moslem auf griechischer Erde steht. Ueberdies,
was brgt uns fr die Erfllung des freien Abzugs? wir kennen die Treue der
Trken.
    Mein Wort, entgegnete der junge Araber stolz, der Eid Abdallah's ben
Zarugah, und die Sterne wrden eher in ihrem Lauf zurckgehen, als da ein Hauch
des Eides bei seinem Bart nicht gehalten wrde.
    Der griechische General lachte verchtlich.
    Du magst redlich genug sein fr einen Araber, aber die Trken, Deine
Brder, sind Pesevenks, Schurken. Wir verlassen uns auf die Jungfrau und unsere
Flinten, wenn Du keine bessern Bedingungen giebst. Zieht Euch zurck nach
Janina, lat die Berge frei, und ich will Dir Pferd und Weib unbeschdigt
zurckgeben. Willst Du nicht, so mache, da Du fortkommst.
    Hund! Sohn eines Juden und einer Hndin, willst Du Abdallah in den Bart
lachen? rief der Emir wild, indem er sein Ro wandte und den schtzenden Zweig
hinwegwarf. Dein Blut komme ber Dich! Allah Akhbar - zum Kampf!
    Eine Kugel pfiff dicht an seinem Haupt vorbei, aber die Bewegung des Pferdes
rettete ihn und er jagte unverletzt davon, - die Griechen sparten ihr Blei fr
den Kampf auf Tod und Leben, der, wie sie wuten, jetzt folgen mute.
    Kaum war der Emir zu der Gruppe unter den Feigenbumen zurckgekehrt, so
wurde auch das Zeichen zum Beginn des Kampfes gegeben, und die beiden leichten
Feldgeschtze erffneten ihr Feuer gegen die Palanka.
    Die Geschtze waren jedoch zu schwach, um auf diese Entfernung hin von
energischer Wirkung zu sein, und sie beunruhigten und gefhrdeten kaum die
Personen du Vertheidiger. Die Kugeln bten gleichfalls nur geringe Zerstrung an
den dicken Marmorquadern des Thutmes und whlten den ohnehin halb zerstrten
Wall auf, - die Einnahme der Palanka konnte allein von dem Sturm mit gewaffneter
Hand erwartet werden.
    Dieser lie denn auch nicht lange auf sich warten. Die Maini's sahen den
jungen khnen Fhrer gleich einem Pfeil von einem der Posten zum andern jagen,
welche das etwa 50 bis 60 Fu ber das Thal emporragende Plateau umgaben, und
ihnen seine Befehle ertheilen. Sie bestanden grtentheils ans seinen berittenen
Arabern, und diese rckten jetzt bis auf Schuweite ihrer langen Luntenflinten
heran und begannen ein scharfes Feuer auf alle Oeffnungen des Thurmes und auf
den drei ihnen zugekehrten Seiten des Walles, whrend eine Abtheilung des Nizam
an den Seiten des Felsendammes und auf diesem selbst vorrckte.
    Sobald sie auf etwa 200 Schritt heran gekommen, gab der General das Zeichen
zur Erffnung des Feuers, und Schu auf Schu aus den sichern Flinten der
Mainoten schlug in die Reihe der Strmenden, und zwlf Todte oder schwer
Verwundete deckten den Weg, ehe sie bis an die Spalte herankamen, welcher jetzt
die verbindende Brcke fehlte. Die Untenstehenden versuchten zugleich, an der
hier etwa vierfache Manneshhe haltenden Felswand heraufzuklimmen, whrend ihre
Gefhrten vom Damm aus ein heftiges Feuer auf die kleine Schaar der Vertheidiger
unterhielten; aber Grivas hatte drei seiner besten Schtzen eilig nach dem
zweiten Stockwerk der Kula gesandt und ihre Kugeln schlugen Tod bringend in das
Gedrnge der Trken auf dem Wege oder warfen Mann um Mann zerschmettert von der
mit Mhe erklommenen Felswand zurck in die Tiefe, whrend die beiden auf dem
Dach des Thurmes postirten Krieger unter gleichem Erfolg mit den herandrngenden
Trupps der Araber im Thale Kugeln wechselten.
    Die Offiziere der Trken sahen ein, da sie ohne andere Vorbereitungen
nutzlos ihre Leute dem tdtlichen Feuer der Griechen aussetzten und befahlen den
Rckzug.
    Ueber zwanzig Todte lagen bereits auf dem Kampfplatz, zahlreiche Verwundete
schleppten sich zurck aus dem Gefecht.
    Man sah die Offiziere des abgeschlagenen Nizam und die Buluk-Baschi's der
Arnauten Selim's um das Lager des verwundeten Pascha's sich versammeln und
Kriegsrath halten. Inmitten der Phistans, der bunten Kleidung der Albanesen und
der dunkelblauen Rcke der Offiziere, wehte der weie Burnus des Arabers, und
seine heftigen Gestikulationen zeigten, mit welchem Feuer er sprach.
    Sein Rath schien Beachtung gefunden zu haben und ein Beschlu gefat zu
sein, denn whrend seine Boten den grten Theil der Reiter um ihn versammelten,
wurden die Artilleristen und eine Anzahl Nizams an die Kanonen kommandirt, und
man versuchte eine derselben durch Menschenhnde auf dem Felsendamm vorwrts und
nher dem Eingange der Palanka zu bringen. Mit vieler Mhe und nach langer
Arbeit gelang es, eine Kanone bis auf 300 Schritt heran zu bringen. Noch in
dieser Entfernung trafen die Kugeln der Griechen und namentlich aus der Bchse
des Generals oft ihr Ziel, und die Trken hielten es daher fr rthlich, hier
ihren Halt zu machen.
    Unterde hatten die um den Emir Abdallah versammelten Araber sich auf die
erhaltenen Befehle nach allen Seiten hin zerstreut. Der Fhrer der Mainoten
hatte alle diese Anstalten der Feinde eifrig und nicht ohne Besorgni
beobachtet. Der entfernte, fortdauernd von Zeit zu Zeit rollende Donner des
Geschtzes benachrichtigte ihn, da in der Ferne gleichfalls ein harter Kampf
geschlagen wurde gegen seine Truppen, die des Fhrers durch seine eigene
Unvorsichtigkeit beraubt waren.
    Mit einem kleinen Fernrohr, das er bei sich hatte, verfolgte er die Araber,
die sich in die Berge zwischen die Bume und Bsche verloren - er konnte sehen,
wie sie mit ihren Yatagans leichte Zweige und Aeste abhieben und zu starken
Bndeln zusammen banden.
    Im Augenblicke stand die Absicht der Gegner vor seinen Augen - sie machten
Faschinen, um die Schlucht, die sie vom Platean trennte, zu fllen.
    Seine Augen flogen umher, um ein Gegenmittel zu suchen und fanden es.
Zwischen dem Wall und dem Thurme lag ein ziemlich groer Vorrath von trockenen
Reisern, Rhricht und Binsen aus den Smpfen, den die Hirten hier zu ihrem
Gebrauch aufgehuft.
    Dasselbe Mittel, das ihr Verderben bereitete, sollte die Gegner schlagen.
    Whrend zwei der Mainoten fortwhrend auf dem Thurme Wache hielten, traf der
khne Palikarenfhrer seine Vorbereitungen.
    Stunden waren mit dem ersten Angriff und mit diesen beiderseitigen
Vorkehrungen seither vergangen - der Mittag nahte und die Zeit, da die Kranken
und Verwundeten in die Hand des schwarzen Engels gegeben sind.
    Eine furchtbare - entsetzliche Scene hatte im Thurm der Palanka, im Kerker
des Trkenmdchens, begonnen, den weder Grivas noch sein Neffe wieder betreten.
    Die Feder weigert den Dienst, jene Thaten niederzuschreiden, mit der die
Krieger des Kreuzes die heldenmthige Vertheidigung der Palanka von Protopapas
entweihten; doch der Schriftsteller hat die Pflicht der Gerechtigkeit, und mit
Grauen ber die Bestialitt in der menschlichen Natur, mu er Scenen schildern,
wie sie zwischen Vlkern vorkommen, welchen seit Jahrhunderten Tyrannei und
Fanatismus, Rohheit und Ha das Entsetzliche zum Gewhnlichen gemacht haben.
    Zu dem General kam der Mainot Constantin Comodouro und meldete ihm, da der
Engel des Todes an das Lager seines Verwandten getreten sei, und da dieser
wnsche, von ihm Abschied zu nehmen und zum Sterben eingesegnet zu werden.
    Die rauhen Krieger der Maina, deren Religion noch immer ein phantastisches
Gemisch von altem Aberglauben und den Lehren der griechischen Kirche ist,
whrend sie seit Jahrhunderten bereits muthig fr das Kreuz in den Tod gehen, -
hngen fanatisch an ihren Priestern. Wenn der Tod sie fern von denselben ereilt,
ist es der Capitano, der das Recht hat, jenen zu ersetzen und ihnen die
Absolution und den letzten Segen zu ertheilen.
    Ein sterbender Krieger verlangte ihn, und der wilde Palikarenfhrer zgerte
nicht, den Wunsch zu erfllen, so lange die Waffenruche es erlaubte. -
    Ein Halblicht, durch zwei enge hochangebrachte Schiescharten der Mauer, zu
denen steinerne Stufen fhrten, hereinfallend, beleuchtete das ziemlich groe
Gemach, an dessen einer Wand halb aufgerichtet der Sterbende ruhte, whrend auf
der andern Seite auf dem Lager von Binsen und Laub das gefesselte Trkenmdchen
lag, mit dem Gesicht - nach dem Krieger gekehrt, dem ihre Kugel den Tod
gebracht, und ein Zug hohnlchelnden Frohlockens war in ihren dmonischen Augen
und um den festgeschlossenen Mund.
    Der General betrat allein das Gemach und setzte sich auf einen Stein an die
Seite des Verwundeten. Es war ein Kakavouniot, der wildeste und grausamste Stamm
der wilden und grausamen Mainoten, ein Mann, lngst ber das mittlere
Lebensalter hinaus und ein Huptling seiner Familie, der bereits mit dem General
in mehreren Schlachten des ersten Befreiungskrieges gefochten. Die Natur von
Eisen, die an vierzig Jahre lang den blutigsten Kmpfen getrotzt, unterlag jetzt
der Kugel eines Mdchens.
    Grivas reichte dem Getreuen die Hand und verkndete ihm die Stellung des
Gefechts und die Vorbereitungen, die der Feind und er selbst getroffen, - das
war sein Trost zum Tode, und die Augen des alten Klephten funkelten bei der
Erzhlung des Empfangs, den seine Gefhrten den Trken bereiteten.
    Lebt wohl, Capitano, sagte er, und mgen die Heiligen Euch beschtzen und
die Unterirdischen Euch helfen! Ich gehe zum Acheron und die Panagia mge mir
gndig sein. Habt Ihr die Zeit, so lat ein Grab fr mich bereiten, damit die
Moslems, wenn der Teufel ihnen den Sieg giebt, nicht meinen grauen Kopf nehmen.
Gebt mir den Segen, Capitano, denn mein Athem ist kurz und ich habe noch von den
Kindern der hohen Maina zu scheiden.
    Der General sprach ein kurzes Gebet und machte das Zeichen des Kreuzes ber
ihn. Dann fragte er, ob er vielleicht das Trkenmdchen entfernen solle, damit
ihr Anblick seine letzten Augenblicke nicht stre. Der Klephte aber machte
heftig das Zeichen der Verneinung, und noch ein Mal ihm die Hand reichend schied
Grivas von dem Krieger.
    Drauen befahl er dem Neffen, am Eingang des Walles Wache zu halten; er
selbst bernahm den Posten auf der Hhe des Thurmes, die sechs Mainoten zu ihrem
sterbenden Genossen sendend. -
    Die wilden Gestalten der Krieger knieten um den Gefhrten, den Comodouro,
sein leiblicher Vetter, untersttzte. Der sterbende Klephte sprach in leisen
Worten zu ihnen, er sprach von dem Kampf, in den sie gehen wrden, und von der
Tapferkeit, die er von ihnen erwartete. Dann sprach er von den Seinen in der
Heimath und von den Tscheta's, - den Blutfehden, - die er seiner, Familie
zurckgelassen. Er gab ihnen Allen die Gre an die Heimath und seine letzten
Bestimmungen, damit, wenn Einer von ihnen den Trken entrinne, dieser sie den
Seinen berbringe. Zuletzt sprach er von seinem Tode und von der Pflicht der
Rache, die er ihnen hinterlasse.
    Ich sterbe von der Hand eines Weibes, Fluch ber ihr Geschlecht! Der Tod
durch Weiberhand ist kein Tod im Kampf, und das Gesetz unserer Vter verlangt,
da er gercht werde.
    Der General ist kein Sohn der Maina, sagte Constantin, er kennt nicht das
Gesetz der Blutrache. Das Weib wird sterben von meiner Hand!
    Der Verwundete winkte abwehrend mit der seinen. - Der Capitano hat
befohlen, da ihr Leben geschont werde. Sie ist seine Gefangene - und wir sind
freie Krieger, die ihm Gehorsam geschworen. Das Weib darf nicht sterben, - es
wrde der Tod eines Tapfern sein!
    Der Deine mu dennoch geshnt werden, Andunah Vati, oder Dein Schatten wird
die Unterirdischen verlassen und Fluch bringen ber die Schwelle unserer
Huser.
    Er soll es!
    Der Sterbende warf einen Blick wilden Hasses auf das Mdchen, das bisher
gleichgltig dem schaurigen Auftritt beigewohnt. Er flsterte mit dem Auge auf
ihr ein Wort.
    Der Klephte nickte stumm.
    Alle - Alle! Fluch und Schmach ber sie!
    Sie neigten Alle das Haupt.
    Ich danke Euch, Brder. - Das Auge wird dunkel - lebt wohl, Maini's, und
verget Euren Schwur nicht! - Heilige Jungfrau, bitte fr mich und vernichte die
Moslems - -
    Die Sechs begannen einen Gesang zu murmeln - eintnig, mit jener plrrenden
unangenehmen Weise der Griechen, die sich einzig in zwei Tnen bewegt - den
Sterbegesang eines Kriegers - halb Psalm, halb Hymnus!
    Die Augen des Sterbenden ruhten mit glhendem Ha auf dem Trkenmdchen,
starrer und immer starrer, whrend seine Hnde ber die Brust gefaltet waren.
Dann begannen seine Glieder sich zu strecken - ein unheimliches Gurgeln quoll
die Kehle herauf und ein Zucken erschtterte die Glieder.
    Der Wolf des Taygetos hatte geendet!
    Die Wlfin von Skadar schauderte unwillkrlich zusammen, - eine furchtbare
unbestimmte Ahnung berkam die wilde Amazone der Berge. Starr, wie das des
Todten, haftete ihr Auge auf der Gruppe um denselben.
    Fort und fort murmelten die Maini's den Sterbegesang.
    Dann erhoben sie sich Alle zusammen und schlugen das griechische Kreuz,
whrend Constantin Comodouro der Leiche die Lider ber die groen starren Augen
drckte und sie lang auf das Bltterlager ausstreckte. Der Blutsfreund des
Todten leitete die Leichenceremonieen - dazu gehrte die Rache!
    Er winkte nach der Gefangenen, die noch immer mit aufmerksamen Blicken jede
seiner Bewegungen beobachtete, den Tod erwartend. Sie that es trotzig und
furchtlos - ihr Auge zeigte nur Verachtung und Ha.
    Er nahm aus der Tasche seiner Jacke zwei Wrfel und alle Sechs kauerten sich
im Kreise neben den Todten.
    Sie wrfelten - Comodouro begann! Sollte das Spielerglck entscheiden, wer
ihr den Todessto gab?
    Comodouro warf Sechs!
    Hassan Stavro - Acht!
    Georg Zanet - Eilf!
    Panagotti Zanetacchi - Vier!
    Georg Mauromichalis - Fnf!
    Demetri-Bey - Zwlf!
    Das Loos fiel auf ihn - aber seltsam - was sollte das bedeuten? - er begann
seine Waffen von sich zu legen, - die Waffen, die der Klephte nie von seiner
Seite lt, auer -
    Die Fnf zogen ihre Yatagans und nahten sich der Thr. Ein hhnisch frecher,
faunenartiger und gehssiger Blick fiel auf das trkische Mdchen und den von
den Wrfeln Erwhlten.
    Der Mainote Demetri-Bey, ein Mann von wildem Aussehen und riesigen
Krperformen, von etwa dreiig Jahren und in der Flle seiner Kraft, begann ein
seidenes Tuch knebelartig zusammenzudrehen.
    Dann nickte er den Gefhrten. Sie verlieen schweigend die Halle - hinter
ihnen fiel die Thr zu. Sie gingen, drauen am Wall mit ihren Yatagans ein Grab
zu schaufeln.
    Der Maini - der Todte - und die Trkin waren allein!
    Die Blicke der beiden Lebenden begegneten sich - die des Mainoten bohrten
sich frech auf das blasse, aber dmonisch schne Antlitz des Weibes und die
Wellenformen ihrer gefesselten Gestalt -
    Die Blicke des Weibes sprachen Ha, Verachtung, aber zugleich Entsetzen.
    Die Augen des Todten sagten Nichts - sie waren geschlossen fr dieses Leben
und geffnet fr das furchtbare Jenseits, wohin er seinen sndigen Ha mit
hinber genommen und wo er gewogen wurde von der Schale des ewigen Richters, der
keinen Ha kennt, nur Gerechtigkeit!
    Die Trkin sah den Mainoten auf sich zukommen, seine Linke hielt den Knebel!
Schritt um Schritt - jetzt war er an ihrer Seite!
    Ihre Hnde rangen sich wund, die ledernen Bande zu sprengen.
    Noch kam kein Laut von ihren Lippen.
    Dann - - - -

                                    Funoten


1 Gleich 48 Drachmen oder circa 17 Gulden, 1 Drachme = 100 Lephtas oder 21
Kreuzer.

2 Dieselbe lautete:

 Wir Unterzeichnete, Bewohner der (Trkischen) Provinz Arta, sehr unterjocht
und mit Abgaben berhuft, Unsittlichkeiten und Gewaltthtigkeiten gegen unsere
Jungfrauen erduldend von diesen wilden und barbarischen Trken, setzen fort den
gemeinschaftlichen Krieg von 1821 und schwren auf den Namen Gottes und des
geheiligten Vaterlandes, da wir unsere Waffen nicht eher niederlegen wollen,
bis wir unsere Freiheit errungen haben. Wir hoffen bei dieser Fortsetzung des
Kampfes von 1821, da nicht nur alle freien, sondern auch die noch unter der
Knechtschaft der Trken senfzenden Griechen die Fahne der Freiheit erheben
werden, um den Kampf fr Glauben und Vaterland fortzukmpfen. Dieser unser Kampf
bleibt ein heiliger, ein gerechter, begrndet im Nationalrecht, deshalb wird uns
Niemand unser Vorhaben verdenken. Wohlauf denn, Brder in Griechenland, Epirus,
Macedonien, Thessalien und Anatolien, erhebet auch Ihr die Fahne und steht uns
bei im Kampf fr Freiheit und Glauben. Gott und die Heiligen mgen unser
Beginnen segnen.

3 Kreise.

4 Sein Gesuch lautete:

 Majestt! Mein engeres Vaterland grenzt an den Schauplatz des Krieges, welchen
die Nachbarn und Landsleute, die Epiroten, gegen die trkische Tyrannei
begannen. Was der gehorsamst Unterzeichnete zuerst bei seiner Ankunft hier
vernahm, war der Waffenlrm der fr Glauben und Vaterland kmpfenden Brder und
das Echo einer fernen Stimme, welche mich selbst wieder auf das Schlachtfeld
rief. Diese Stimme ist die des Vaterlandes, die Niemand unbeachtet lassen kann,
ohne Verrther an der Heimath und sich selbst zu werden. Indem ich auf diese
Stimme meines unterdrckten Volkes horche und ihm zu Hilfe eile, bitte ich Ew.
Majestt, mein Gesuch um Entlassung von meiner Stelle als Militair-Oberst,
welche Ew. Majestt mich wrdigten, zu bekleiden, gndigst anzunehmen. In
tiefster Ehrfurcht Ew. Majestt gehorsamer Diener und Unterthan
                                                               Sotiris Stratos.

5 Allgemeine Benennung der Bewohner von Albanien.

6 Die Fhrer der Freischaaren.

7 Tapfere.

8 Klan oder Stamm.

9 Kriegsgefang.

10 Familienhaupt, Hausherr.

11 Griechische Benennung der heiligen Jungfrau.

12 Mntel von Ziegenhaaren.

13 Fehde.

14 Stammes.

15 Madame.

16 Wehrwlfe.

17 Secte des Ali, im Gegensatz zu den Suniten, den gewhnlichen Trken.

18 Mausoleum.

19 Stellvertreter des Pascha's oder Gouverneurs.

20 Georg Kastriota, genannt Scanderbeg; seine Nachkommen, zum Islam
bergetreten, regierten drei Jahrhunderte lang die Landschaft Toskarien oder
Mutasche.

21 Der Kampfruf der Araber.

22 Mainoten.


                       Das Bombardement der Civilisation.

Es war am Nachmittag des 21. April, am Charfreitag des russischen Osterfestes,
als auf der schnen Strae von Kiew her nach Odessa eine der gewhnlichen
russischen Courier-Kibitken mit dem Dreigespann, der Troitza, eilig daher
rollte. Der Insitzende, ein Mann in Civil, zwischen Vierzig und Fnfzig, durch
das Begegnen zahlreicher Estafetten und Ordonnanzen whrend des ganzen Tages
aufmerksam gemacht, hatte bereits auf der vorletzten Station die sich mit
Blitzesschnelle verbreitende Nachricht erhalten, da das vereinigte
franzsisch-englische Geschwader unter Vice-Admiral Hamelin und Admiral Dundas
am Tage vorher auf der Hhe der berhmten Handelsstadt erschienen sei und da
man jeden Augenblick ein Bombardement erwartete. Zahlreiche Militair-Kommando's,
die in Eilmrschen, von Depeschen requirirt, auf Odessa zurckten, hatten
whrend des Vormittags die Strae gesperrt, und nur der Umstand, da der
Reisende, dessen Aussehen zwar den Militair verrieth, der aber nur wenig
Russisch sprach, einen vom Kriegsminister selbst unterzeichneten Courier-Pa und
Befehl zur Pferdestellung besa, und auf der vorletzten Station einem der
ausgesandten Ordonnanz-Offiziere des General-Adjutanten Baron von Osten-Sacken,
der in Odessa kommandirte, hflich die Mitfahrt angeboten, hatte ihm die Mittel
zur Fortsetzung der Reise verschafft. Der Offizier, vom Tschugujeff'schen
Lancier-Regiment Graf Nikitinn, verstand in russischer Manier die Pferde zu
erzwingen und gab unterwegs seinem Begleiter, den er durch den kaiserlichen
Befehl als gengend legitimirt fr das russische Interesse ansah, einen Bericht
ber die Ereignisse der letzten Tage.
    Am 8. April war die englische Dampffregatte Fourious auf der Rhede von
Odessa erschienen und hatte unter Aufhissung einer Parlamentairflagge ihren Weg
in den Hafen fortgesetzt, bis die Abfeuerung von zwei blinden Schssen von der
Hafenbatterie ihr Halt gebot. Sie zeigte hierauf die englische Flagge und hielt
sich auerhalb der Schuweite, ohne jedoch Anker zu werfen, indem sie ein Boot
mit weier Fahne nach dem Molo absandte. Dies wurde von dem diensthabenden
russischen Offizier empfangen, dem der Parlamentair, Lieutenant Alexander,
erklrte, da er den englischen Consul sprechen - wolle. Der Russe erwiderte,
da beide Consuln - da die Kriegserklrung bereits am 27. Mrz erfolgt sei -
schon vor drei Tagen Odessa verlassen htten. Verschiedene andere Fragen nach
der Anwesenheit englischer und franzsischer Unterthanen und Schiffe, mit denen
der Parlamentair offenbar einige Zeit hinzubringen suchte, wurden mit der
endlich determinirten Erklrung abgeschnitten, da man jede weitere Auskunft
verweigern msse und das Boot sofort zu seinem Schiff zurckzukehren habe.
    Dies geschah; - das Boot jedoch, statt den direkten Weg nach der Fourious
einzuschlagen, beschrieb einen halben Bogen entlang den Hafenbatterieen.
Zugleich hatte der Capitain der Fourious, William Loring, obschon allerdings
die Maschine des Schiffes auer Thtigkeit war, die Nordwestbrise benutzt, um
sich von derselben nach der Seite der Rhede, dem innern oder Quarantainehafen,
hintreiben zu lassen, und befand sich bereits innerhalb der Kanonenschuweite.
    Es lag demnach absichtlich oder unabsichtlich dasselbe Manver vor, welches
von der Retribution im Januar auf der Rhede von Sebastopol versucht worden,
und der Kommandant der Batterie des Molo, dessen Befehl lautete, kein
feindliches Kriegsschiff innerhalb Kanonenschuweite herankommen zu lassen, lie
daher auf die Fourious, die, vergeblich durch die blinden Schsse gewarnt, sich
zu nahe herangewagt hatte, ohne auf ihr Boot zu warten, von der Batterie Feuer
geben. Es fielen sieben Schsse, ehe die Fregatte sich auer den Bereich der
Kanonen legte1 und fortsegelte.
    Am 14. erschienen bereits die drei Dampffregatten Retribution, Tiger
(englisch) und Descartes (franzsisch) vor der Rhede und kndigten noch vor
der Forderung einer weiteren Erklrung ihre Ankunft mit mehreren scharfen
Schssen gegen die Hafenbatterieen an. Auf die hiernach gestellte Anfrage, warum
man auf das Parlamentairschiff geschossen, gab Baron von Osten-Sacken eine
schriftliche, die Anschuldigung zurckweisende Erklrung des Vorganges, indem er
zugleich in einer Proclamation die Bewohner von Odessa aufforderte, im Angesicht
der Gefahr einer Blokade oder selbst einer Beschieung der Stadt ihre Habe
landeinwrts in Sicherheit zu bringen. Die feindliche Schiffsdivision hatte sich
unterde auerhalb des Bereichs der Hafenbatterieen aufgestellt und fing alle
nach Odessa gerichteten russischen Schiffe auf. Whrend der Nacht gab sie
mehrere volle Lagen auf die am Hafen befindlichen Magazine, von denen eins in
Flammen aufging. Am andern Tage ging sie mit 14 Prisen zurck in der Richtung
von Varna.
    Am Freitag den 20. waren hierauf die am 17., ohne die Antwort des
Gouverneurs von Sebastopol abzuwarten, von Kavarna aus unter Segel gegangenen
vereinigten Geschwader auf der Rhede vor Odessa erschienen und warfen etwa 3
Seemeilen stlich von der Stadt Anker. Erst hier, am 21., erhielt nach dem
eigenen Bericht der Admiral Dundas das Antwortschreiben des General-Gouverneurs
von Osten-Sacken durch die nachkommende Retribution. - Bis hierher lautete der
Bericht des Offiziers, den der russische Gouverneur an die in der Umgegend
stationirten Truppen zur Herbeiholung von Verstrkungen abgesandt.
    Zahllose Fuhrwerke mit Habseligkeiten der Bewohner und diesen selbst
begegneten ihnen, je nher sie der Stadt kamen. Von der niedern Hhe, auf
welcher die Stadt in einiger Entfernung vom Hafen liegt, berblickten sie das
Meer und die feindliche Flotte. Sie zhlten 28 Segel, darunter 6 Dreidecker, 13
Zweidecker und 9 Dampfschiffe.
    Am Eingang der Stadt und in den Straen war das Gedrng so stark, da der
Wagen oft lngere Zeit still halten mute. Der Offizier benutzte eine solche
Pause, um einen vorbergehenden ihm bekannten Militair um weitere Nachrichten zu
fragen. Es war ein junger Mann von etwa 24 Jahren in der Fhnrich-Uniform der
Artillerie, der mit einem Studenten Arm in Arm daher kam.
    He, Schtschegolew, rief der Offizier, Gott gre Dich und Herrn Poel an
Deiner Seite, die Ihr wie Castor und Pollux stets bei einander zu finden seid.
Komm hierher und sage mir, was seit gestern geschehen ist, da alle diese Leute
so in Aufregung sind?
    Der Fhnrich mit dem characteristisch russischen Gesicht, der breiten
gepreten Stirn und einer Muth und Entschlossenheit verrathenden Kinnbildung,
trat zu der Kibitke.
    Der Himmel erhalte Dich, Gospodin2 und Euer Wohlgeboren. Wir werden morgen
harte Arbeit bekommen. Die Admirale haben einen groben Brief an Seine Excellenz
heute geschrieben und wollen eine Entschdigung, wie sie es nennen, dafr haben,
da wir vom Molo auf ihre Fregatte geschossen. Sie verlangen blos, da ihnen
alle franzsischen, englischen und russischen Schiffe, die bei der Festung oder
den Batterieen von Odjessa liegen, bis Sonnenuntergang ausgeliefert werden,
auerdem sie Gewalt brauchen wrden. K tschortu3! Als ob wir eine Festung
htten! wir wollten's ihnen alsdann zeigen4.
    Ist Artillerie eingetroffen?
    Nur wenig. Mehr kann vor morgen Nachmittag nicht hier sein, wie ich mir
habe sagen lassen. Die leichte reitende Batterie Nr. 11 mit Oberst Galitzin ist
angekommen, aber wir zhlen auerdem nur 48 Geschtze.
    Das ist schlimm. Hat Seine Excellenz schon eine Antwort gegeben?
    Ich hre nein, sagte der Student, Krusenstern hatte eine derbe bereit,
aber Seine Excellenz der General-Gouverneur hlt es fr schicklicher, gar Nichts
zu erwidern.
    Ich werde meinen Weg zu Fu fortsetzen, denn das Gedrng hlt mich zu lang
auf und Oberst Baschkirzoff wartet nicht gern, sagte der Offizier, aus der
Kibitke springend. Entschuldigen Sie mich, mein Herr, und nehmen Sie meinen
Dank fr die Gesellschaft. Fhnrich Schtschegolew, Du wirst mich verbinden, wenn
Du diesen Herrn nach dem Htel Imprial weisest, wo er absteigen will. Sie
kommen zu einer blen Zeit nach Odjessa! Adieu! Damit verschwand er eilig in
der Menge, der Fhnrich aber gab dem Postillon Anweisung, weiter zu fahren,
indem er mit seinem Freunde vorangehend dem Gefhr Bahn machte. So kamen sie
bald bis zum Htel, wo gleichfalls groe Verwirrung herrschte und der Fremde die
beiden Herren und den Postillon verabschiedete. Nur mit Mhe konnte er des
Wirthes Herr werden, der ihm Zimmer anweisen lie und auf die Frage, ob Graf
Lubomirski hier logire, bejahend antwortete und ihn in die Wohnung desselben im
zweiten Stockwerk zeigte.
    Der Fremde traf jedoch blos die Nichte des Grafen, die Grfin Wanda Zerbona,
zu Hause, der er sich als einen Freund ihres Oheims vorstellte. Von ihr hrte
er, da sie sich bereits seit lnger als einer Woche in Odessa aufhielten, indem
sie gehofft, fr sie hier noch eine Gelegenheit zur Ueberfahrt nach dem
kaukasischen Ufer zu finden und so den Landweg zu sparen, da aber das
Bekanntwerden der Kriegserklrung der Westmchte dazwischen gekommen sei.
Bogislaw, der wackere Jger des Grafen, wurden eiligst ausgeschickt, um seinen
Herrn zu suchen, der ein Fuhrwerk zu ermitteln gegangen war, mit dem sie die
bedrohte Stadt verlassen knnten.
    Mit Erstaunen fand der zurckkehrende alte Pole den unerwarteten Gast, zu
sehr aber Herr seiner Selbst, um sich in Gegenwart Anderer zu verrathen, nahm er
ihn alsbald bei der Hand und fhrte ihn in ein zweites Zimmer, wo Beide
ungestrt sich unterhalten konnten.
    Um des Himmels Willen, General, wie kommen Sie hierher in eine russische
Stadt und in diesem Augenblick? Ich glaubte Sie nach den letzten Nachrichten in
Constantinopel oder mindestens an der Donau. Wo kommen Sie her?
    Direct von Petersburg, sagte lchelnd der Fremde, den der Graf mit dem
Namen General bezeichnet und dem der Leser bereits in verschiedenen Scenen und
Unterhandlungen mit dem trkischen Exminister des Auswrtigen begegnet zu sein
sich erinnern wird. Direct aus dem Kabinet des Kaisers Nicolaus.
    Sie scherzen!
    Dazu haben Leute unsers Schlages wenig Zeit. Aber in der That - ermangeln
Sie denn der Nachrichten aus Paris und ist es Zufall, da ich Sie noch hier
treffe?
    Seit drei Wochen fast bin ich auer Rapport und erwartete hier
Mittheilungen, die wahrscheinlich durch die nthigen Umwege versptet sind. Mein
Aufenthalt war fr den April in Odessa angemeldet.
    Das wute ich, und darum fragte ich auf gut Glck nach Ihnen. Demnach ist
Ihnen der Schlag, den Louis Napoleon am 26. Mrz gegen den Bund zu fhren
versucht, auch noch unbekannt?
    Vollstndig.
    Der General gab ihm eine kurze Mittheilung des Geschehenen. Am andern Tage
bereits ging ein Bote an mich ab, fuhr er fort, der mir Ihr Memoir mit dem
Auftrag berbrachte, die Vorschlge sofort an geeigneter Stelle zu machen. Ich
war zum Glck an der Donau. Der Beschlu kam mir am 3. zu, ein russischer Pa
ist leicht beschafft und am 5. war ich bereits unterwegs nach Petersburg, was
ich fr das Beste hielt, nachdem ich mit dem Frsten unterhandelt hatte.
    Und der Erfolg?
    Ich hatte zwei Unterredungen mit Nesselrode und eine mit dem Kaiser selbst.
Alle unsere Plne und Vorschlge scheitern an dem Worte Republik. Es scheint ihm
so verhat, da er selbst den handgreiflichen Vortheil dagegen opfert.
    Aber haben Sie ihm denn nicht bewiesen, da dies mit einem Schlage die
Trkei in seine Hnde geben, da es all' seine Gegner und zweideutigen Freunde
vernichten, und da es Ruland allmchtig machen wrde?
    Mehr als dies; ich bewies ihm klar, da eine magyarischslavische Republik
der zuverlssigste Freund und Bundesgenosse Rulands sein und da das
Lndergebiet ihm doppelt und dreifach ersetzt werden wrde, ja da wir von dem
grten Theil Polens ganz abstrahiren wollten. Seine Antwort war: Jede Republik
wre ein Fluch fr Europa und der Kaiser von Oesterreich sei sein Freund und
Bundesgenosse. Er wolle nur sein Recht und keine Machtvergrerung.
    Der Graf lachte bitter.
    Das ist die Einbildung, mit der sich dieser Mann von Granit selbst tuscht.
Ich habe soviel gesehen und gehrt hier und auf dem Wege hierher, da ich wei,
er mu unterliegen, wenn er unsere Hilfe verschmht. Oesterreich spekulirt
bereits auf die Frstenthmer und Preuen wird ihn unter keinen Umstnden
untersttzen, denn auer der franzsischen giebt es dort bereits eine wichtigere
englische Partei, zu der sich selbst viele Ultraconservative neigen.
    Persien, sagte der General, auf das die russische Intrigue sicher
rechnete, hat gleichfalls alle Rstungen wieder eingestellt. Ich wei bestimmt,
da von England bereits mit Sardinien wegen Theilnahme an dem Kriege
unterhandelt wird, um durch dessen Contingent ein gewisses Gleichgewicht gegen
Frankreich herzustellen. Ich begreife brigens den Kaiser nicht; bei aller
seiner Consequenz und seinem Ha gegen die Revolution sttzt er sich doch
hauptschlich auf eine solche der Griechen und sein Kabinet sucht durch ganz
Anatolien die Vlkerschaften gegen den Halbmond aufzuregen.
    Die religise Anschauung dieses Mannes beherrscht seine politische, er hat
den Islam und bildet sich in der That ein, einen Religionskrieg fr die
Befreiung der griechischen Kirche zu fhren, whrend seine Umgebung von
Nesselrode an sehr wohl wei, da der Krieg ein rein politischer ist. Ebenso
tuscht er sich ber die Institutionen, die er geschaffen. Er hielt sie fr
gengend zu dem Kriege und wute nicht, wie wir, da er um zehn Jahre zu frh
begonnen. Doch wie sind Sie mit ihm auseinander gekommen, und hierher mach
Odessa?
    Ich habe ihm mein Ehrenwort als Soldat geben mssen, Ruland ohne weitere
Verhandlungen und Schritte auf dem geradesten Wege, fr mich also, da ich nicht
durch Oesterreich und Preuen gehen konnte, ber Odessa und in der krzesten
Frist zu verlassen. Er ist Soldat und wir verhandelten wie zwei sich
gegenberstehende Feldherren mit einander. Er hat ausdrcklich jede Begleitung
meiner Person verboten, sich auf mein Wort verlassend,5 und ich bin daher durch
Ehrenpflicht gebunden.
    Haben Sie Etwas von Bakunin erfahren?
    Er ist noch in Schlsselburg, geniet aber grerer Freiheit. Ich hrte,
da sein Onkel Murawieff sich fr ihn zu interessiren beginnt.
    Er htte uns den Weg zu der slavischen Republik bahnen knnen; es war ein
Unglck, da er sich in das nutzlose Spiel in Dresden mengte. Was haben Sie nun
nach der Scheiterung unseres Vorschlags beschlossen?
    Es bleibt uns Nichts brig, als vorlufig an den alten Plnen festzuhalten.
Es strzt Europa wenigstens fr Jahre hinaus in Verwirrung und ermattet es. Wir
haben noch immer den Vortheil, die gnstige Gelegenheit ergreifen zu knnen, und
da Ruland nicht mit uns sein will, mssen wir mit allen Krften zu seiner
Niederlage beitragen. Die hchste Gewalt richtet ihr Hauptaugenmerk jetzt auf
Sardinien. Ich mu um jeden Preis sofort nach Constantinopel, um dort jeden
Verdacht zu vermeidend.
    Das wird schwer sein, meinte der Graf, der General-Gouverneur hat das
Embargo auf alle Schiffe gelegt und kein Boot darf den Hafen verlassen.
    Glauben Sie an ein Bombardement?
    Ich erwarte es, vielleicht schon morgen.
    Sind keine der Unsern in Odjessa?
    Ich habe zufllig den Capitain eines Marseiller Kauffahrers, des Antilles,
aufgefunden. Er gehrt dem zweiten Grade. Sein Schiff liegt im Quarantainehafen
mit voller Getreideladung, aber unter Embargo und unter den russischen Kanonen.
    Wir mssen auf jede Chance vorbereitet sein. Lassen Sie uns ihn aufsuchen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es unterliegt keinem Zweifel, da das Bombardement, von Odessa eine von
London her befohlene Revange fr die Schlappe von Sinope war. England konnte es
nicht ertragen, da Ruland einen, Seesieg erfochten haben sollte, und die
englischen und franzsischen Journale wetteiferten mit einander, den offenen und
ehrlichen Angriff auf die feindliche, in feindlichen Handlungen beschftigte
trkische Flotte, wobei durch die Stellung derselben ein Theil der nahen
Trkenstadt nothwendiger Weise von den russischen Kugeln bestrichen werden
mute, fr eine Handlung der Barbarei auszugeben, wie sie in der Kriegsfhrung
civilisirter Nationen unerhrt sei!
    Durch diese - gegenber dem spteren Verfahren, namentlich der englischen
Flotte im Schwarzen Meere und der Ostsee, mehr als verchtlichen - Rodomontaden
suchte man sich zu einem Rcher der beleidigten Civilisation zu stempeln, eine
Phrase, die in dem orientalischen Kriege berhaupt zum Ueberdru albern
gebraucht worden ist, um unter dieser Firma eine Reihe von wirklich bisher in
der Kriegsfhrung civilisirter Nationen unerhrter Handlungen zu begehen, indem
man neben einem Raub- und Plnderungssystem zur See alle irgend zugangbaren
unbewaffneten und unbeschtzten Orte und Vorrthe nutzlos zerstrte, die
Hunderttausenden htten Nahrung geben knnen!
    Die englischen Schiffe betrachteten es, wie gesagt, offenbar als ihre
Hauptaufgabe, die russischen Handels-Etablissements zu vernichten, und mit
welchem Ruhm auch die Landheere Frankreichs und zum Theil auch Englands vor
Sebastopol sich bedeckt haben, die Thaten der Flotte bleiben schmachvoll
aufgezeichnet im Buche der Geschichte.
    Der erste Schlag sollte gegen Odessa gefhrt werden, die Handelsknigin des
Schwarzen Meeres, die Kornkammer eines groen Theils von Europa. Die
Veranlassung war leicht gefunden in der muthwillig herbeigefhrten Beschieung
des Parlamentairschiffes, das offenbar den Auftrag des Spionirens oder des
Zankapfels hatte. Da das Bombardement bereits vor allen Errterungen mit den
russischen Behrden beschlossen war, zeigen die einzelnen Daten der Operationen
und die bereits am 14. und 15. vorgenommenen Probebeschieungen.
    Unsere Leser wissen, da wir uns im Laufe dieses Buches auf einem mglichst
unparteiischen Standpunkte gehalten haben, aber wir glauben auch dadurch
berechtigt zu sein, nach unserer Ueberzeugung ein hartes und scharfes Urtheil an
bestimmten Orten auszusprechen.
    Wir haben bereits erwhnt, da das Bombardement schon beschlossen und die
Correspondenz der Vice-Admirale daher nur eine Sache der Formalitt war. Die
Auslieferung der Schiffe wre eine Feigheit gewesen, deren sich kein Soldat
schuldig gemacht htte, die angemessene und der militairischen Ehre
entsprechende Consequenz der angedrohten Gewalt aber blieb das Herausholen der
geforderten Schiffe.

    Auf beiden Seiten wurde die Nacht mit den Vorbereitungen des Angriffs und
des Widerstandes verbracht.
    Am Sonnabend den 22. Morgens 61/2 Uhr gingen nach den Dispositionen der
beiden Vice-Admirale die zum Angriff bestimmten acht Dampffregatten - fnf
englische und drei franzsische - gegen den Hafen vor. Zunchst legten sich die
beiden franzsischen Fregatten, Vauban von 16 Kanonen (Capitain d'Herbinghen)
und Descartes von 16 Kanonen (Capitain Darricau), mit den beiden englischen
Fregatten, Tiger von 16 Kanonen (Capitain Giffard)6 und Sampson von 16
Kanonen (Capitain Jones), etwa 5-6000 Fu weit von der Pratika, den Batterieen
gegenber.
    In zweiter Linie standen die englischen Dampffregatten, Terrible von 21
Kanonen (Capitain Claverty), Furious von 6 Kanonen (Capitain Loring), und
Retribution von 26 Kanonen (Capitain Drummond), so wie die franzsische,
Mogador von 24 Kanonen (Capitain de Wailly). Das englische Linienschiff
Sans-Pareil nebst der Dampfcorvette Highflyer hielten sich an der uersten
Grnze der Tragweite der Batterieen, um nthigenfalls den Fregatten zur
Untersttzung zu dienen. Auerdem stand ein Detaschement von Kanonenbten unter
Commandeur Dixen in der Kampflinie.
    Der russische Molo und die Verteidigungslinie der beiden Hfen zhlten 6
Batterieen mit zusammen 48 Kanonen, die im Augenblick des Angriffs in Odessa
concentrirten Truppen an 25,000 Mann.
    Die Zahl der Geschtze, welche gegen einander feuerten, betrug daher
ungefhr 150 gegen 50. In den obigen Angaben der Schiffsarmirung sind nur die
schweren Geschtze  la Paixhans begriffen, und das Kaliber derselben bertraf
durchgngig das der russischen Geschtze in kolossalem Verhltni, wodurch es
den Schiffen mglich wurde, sich in einer groen Entfernung zu halten, so da
z.B. die Hafenbatterieeu Nr. 3 und 5 gar nicht thtig am Kampf Theil nehmen
konnten, whrend sie dem feindlichen Feuer doch ausgesetzt blieben.
    Auf der rechten Seite der Rhede lag die Batterie Nr. 1, und die Batterieen
liefen bis zu der Vorstadt Perecop, wo sie mit Nr. 6 schlossen.
    Wenige Minuten vor 7 Uhr feuerte die Sampson den ersten Schu gegen die
Batterieen vor dem Pratikahafen - den die Berichte der Admirale den
kaiserlichen nennen - ab, und hiermit begann der Kampf, indem die feindlichen
Schiffe fast durchgngig das Manver brauchten, unter Dampf zu fechten und einen
beweglichen Kreis von etwa einer halben Meile Durchmesser zu bilden, so da im
Vorberfahren jedes Schiff seine Breitseite gab, was natrlich das Ziel der
Russen neben der Entfernung - zuerst circa 5000 Fu, spter etwas ber 3000 Fu
- noch erschwerte.
    Dennoch antworteten die Kanonen auf dem Molo krftig und nicht ohne Glck.
Nach dem Verlauf von etwa anderthalb Stunden mute der Vauban die Kampfreihe
verlassen, von drei glhenden Kugeln getroffen, wovon die eine mehrere Speichen
seines Schaufelrades zertrmmert und die anderen seine Windwand in Brand gesetzt
hatten. Eine dieser letzteren war zwischen die Radlcken eingedrungen und
verglhte inwendig die Wand. Die Feuerpumpen der Fregatte spielen, um den Brand
zu lschen, aber vergeblich - und der Vauban mu sich zurck- in die Mitte des
Geschwaders flchten, wo ihm von allen Seiten Hilfe kommt, so da er endlich um
12 Uhr wieder zu dem Gefecht stoen kann.
    Unterde hatten die Admirale der zweiten Division das Signal zur Theilnahme
gegeben und die vier Fregatten rcken gegen 10 Uhr in den Gefechtskreis und
beginnen ihr Alles niederwerfendes furchtbares Feuer, einen Hagel von Bomben und
Granaten auf den Hafen und die anliegenden Stadttheile, grtentheils Magazine,
schleudernd.
    Dennoch war Anfangs der angerichtete Schaden verhltnimig nicht bedeutend
und die aufflammenden Feuersbrnste waren bald wieder gedmpft, bis die sechs
englischen Kanonierschaluppen den Versuch machten, am nordwestlichen Theil des
Dammes, wo keine Batterie errichtet war, mit Mannschaften zu landen, indem sie
zugleich eine Masse 24pfndiger Raketen aus die Schiffe des Hafens und die
umliegenden Gebude warfen.
    Bald standen dadurch sechs Magazine in vollen Flammen und die Dampffregatten
nherten sich, um das Werk der Zerstrung krftiger zu betreiben und die im
Freihafen eingeschlossenen Schiffe noch schneller zu verbrennen. Unter denselben
befand sich ein einziges kaiserliches Dampfpacketboot, der Andi, das von dem
Capitain sofort versenkt und so gerettet wurde. Das Gleiche geschah mit mehreren
anderen russischen Kstenschiffen. Acht derselben und ein sterreichisches
Schiff, die Santa Caterina, verbrannten. Der schne Woronzow'sche Palast wurde
durch Bomben in Brand geschossen, das Palais-Royal mit der Statue Richelieu's
zerstrt; mehrmals verlieen einzelne Linienschiffe das Geschwader und legten
sich gegen den Strand, um aus der Ferne das auf der Hhe befindliche Landhaus
des Generals Lders zu beschieen.
    In diesem gefhrlichen Augenblick erschien aus der Hhe des sandigen
Strandes in der Nhe der Vorstadt Perecop eine Feldbatterie von 6 Geschtzen mit
6 Compagnieen Infanterie zur Deckung, um die Landung der Schaluppen zu hindern,
und erffnete gegen diese mit solchem Erfolg das Karttschenfeuer, da die
Schaluppen sich mit Verlust zurckziehen und mehrere der Fregatten das Feuer
aufnehmen muten. Ein Theil der Vorstadt Perecop ging hierbei in Flammen. -
    Unter der Menschenmenge, welche den Quai am Morgen vor dem Beginn des
Bombardements fllte, befanden sich auch der General und sein Freund. Der Hafen
war bedeckt von hin- und herfahrenden Bten.
    Sie wollen also dennoch den Versuch wagen?
    Wenn der Capitain seine Schuldigkeit gethan, sagte der General, und
whrend des Bombardements nicht unglcklicherweise eine Kugel gleich das Schiff
segelunfhig macht, hoffe ich, den gnstigen Augenblick benutzen zu knnen.
Leben Sie wohl, Freund, und fahren Sie fort in Ihrem Wirken. Sind Sie Ihrer
Nichte ledig, werden Sie sich ungenirter bewegen knnen. Die Verbindung durch
das griechische Handlungshaus haben wir besprochen und Sie erhalten von
Constantinopel aus weitere Nachricht, wo ich das Eintreffen des franzsischen
Prinzen abwarten werde. Halten Sie die russischen Lieferanten im Auge, diese
haben den Krieg in Hnden. Und jetzt - wo ist das Schiff? ich erkenne es in
diesem Gewirr nicht.
    Der Antilles ist das dritte vom Ausgang des Hafens, sehen Sie dort, ein
anderer franzsischer Kauffahrer, Adle, liegt hinter ihm. Hier ist das Boot und
so leben Sie wohl - die Zeit drngt.
    In diesem Augenblicke donnerte bereits der erste Schu der Sampson und der
General sprang nach einem kurzen Hndedrucke in die Barke. In dieser Zeit der
Verwirrung fragte Niemand nach Legitimation oder Berechtigung, und der Quai
leerte sich rasch von Menschen.
    Schu auf Schu krachte von der Rhede her und vom Molo entgegen, whrend das
Boot an die Seite des franzsischen Kauffahrers flog und der Fremde an Deck
sprang. Dort war Alles voll Aufregung. Der russische Embargo-Beamte hatte das
Schiff verlassen und der Capitain sofort seine Leute versammelt und ihnen den
Vorschlag gemacht, die Verwirrung eines bevorstehenden Angriffes zu dem Versuche
zu benutzen, aus dein Hafen und somit aus der drohenden russischen
Gefangenschaft zu entfliehen. Seine feurigen Worte hatten die khnen Matrosen
willig gefunden, und Alle erklrten sich bereit, dem doppelten, Kugelhagel zu
trotzen. Als der General an Bord kam, war bereits Alles in voller Thtigkeit,
das Schiff segelfertig zu machen. Ein Boot hatte den Capitain des zweiten
Schiffes von dem Vorhaben benachrichtigt, und in dem Augenblick, als durch die
Demonstration der Kanonenbte die Aufmerksamkeit der Vertheidiger abgelenkt
wurde, verlieen beide Schiffe, indem sie ihre Anker kappten, den Hafen, sobald
sie auerhalb des Einganges waren, die franzsische Flagge aufziehend. Der
Antilles kam glcklich ohne erhebliche Beschdigung seiner Wnde und Masten
durch das furchtbare Kreuzfeuer und erreichte das Geschwader und das
franzsische Admiralschiff Stadt Paris, wo Admiral Hamelin dem Capitain den
Rath gab, sofort nach Constantinopel weiter zu gehen. Am 29. ankerte es mit
seiner Ladung von 3500 Tschetwert Getreide glcklich im Bosporus. Das andere
Schiff, Adle, erhielt zwar einige Kugeln im Wind und erlitt einige Havarie
der Takelage, gewann jedoch gleichfalls bei dem ziemlich heftig whrend des
ganzen Kampfes wehenden Winde die hochgehende freie See. -
    Die Batterie Nummer 6 am Ende des Molo war es, die den feindlichen Schiffen
den meisten Schaden that, und auf welche dieselben daher bei ihrem Kreislauf ihr
concentrirtes Feuer richteten. Bereits zu Anfang war eines der vier Geschtze
der Batterie demontirt und dabei der kommandirende Offizier schwer verwundet
worden. Der Artillerie-Fhnrich Schtschegolew bernahm sofort das Kommando, da
jedoch der Feind auerhalb des Bereiches der dritten Kanone stand, so konnten
nur die beiden Kanonen der linken Seite operiren, und mit diesen beiden
Geschtzen hielt der tapfere junge Offizier sechs Stunden hindurch Stand gegen
die feindlichen Dampfboote, zuletzt gegen acht Dampfer und die Segel-Fregatte
Arethusa.
    Der Pulvervorrath bei der bereits halb demontirten Batterie wurde jedoch
durch eine Rakete in Brand gesteckt und flog in die Luft. Der Artillerist,
welcher den neuen Pulverkarren herbeifhrte, fiel tdtlich verwundet und der
Kugelregen ber den Weg war vernichtend - die Batterie lngere Zeit ohne
Munition. Da ergriff der herbeikommende junge Freund des tapfern Kommandanten,
der Student Poel, die Zgel des Gespanns, und den eisernen Hagel nicht achtend,
fhrte er glcklich den Pulverkarren in den Schutz der Batterie. Seinen Rock
abwerfend, blieb er hier bei dem Freunde, der nur von sechs Artilleristen noch
untersttzt war, in der Bedienung der Kanonen helfend und die Kugeln
herbeitragend. Auch die dritte Kanone wurde zum Schweigen gebracht, mit ihr
fielen zwei Mann!
    Unerschrocken setzten Schtschegolew und seine Tapferen das Feuer mit der
vierten fort. Erst Nachmittags 2 Uhr, als die von der Batterie gedeckten Schiffe
smtlich in Flammen aufgegangen und die Batterie selbst in Brand gerathen war,
verlie der Fhnrich mit dem Studenten und den letzten drei Artilleristen sein
letztes Geschtz und gelangte glcklich zu den Seinen7.
    Die Bomben, welche die Schiffe von Zeit zu Zeit auf die Stadt geworfen,
hatten auer dem bereits bezeichneten wenig Schaden gethan, da die Entfernung zu
gro und die zurckgebliebene Einwohnerschaft, die sich whrend des Kampfes sehr
gut genommen hatte und unter dem Feuer den kmpfenden Artilleristen Lebensmittel
brachte, mit Lschanstalten bereit stand. Nach 4 Uhr stellte die angreifende
Division, der noch die franzsische Dampfcorvette Caton sich angeschlossen
hatte, ihr Feuer ein und kehrte zu dem Gros der Flotte zurck, vier ihrer
Schiffe, den Descartes, Vauban, Mogador und die8 Terrible im Schlepptau,
wovon die Havarie zweier das Werk der Batterie Schtschegolew's war. Die Verluste
an Mannschaften auf der Flotte waren verhltnimig sehr unbedeutend, kaum
nennenswerth, in Folge der weiten Entfernung, die Russen jedoch hatten 200 Todte
und etwa 300 Verwundete.
    Sechszehn Schiffe und die Magazine und Etablissements des Freihafens
grtentheils waren zerstrt, keines der geforderten Schiffe dagegen genommen.
    Solches war die erlangte Genugthuung der civilisirten Westmchte, deren
amtlicher Bericht meldet:
    Es konnte uns nicht in den Sinn kommen, der Stadt Odessa das geringste Leid
zuzufgen, eben so wenig wie ihrem Handelshafen.
    Am andern Tage, am griechischen Ostersonntag, erwartete man die Wiederholung
des Bombardements. Whrend der Nacht hatten die Russen so viel als mglich ihre
Batterieen wieder hergestellt, neue Verschanzungen aufgeworfen und starken Zuzug
erhalten.
    Es nherte sich aber blos die Dampfcorvette Fury zur Recognoscirung des
Hafens, an dem mehrere Gebude noch brannten, und warf einige Granaten auf den
Strand, wurde jedoch mit einem starken Feuer empfangen, das ihren Capitain
verwundete. Ein Dampfboot, welches auf der Hhe von Sebastopol zur Beobachtung
der russischen Flotte mit acht anderen Kriegsschiffen kreuzte, brachte dem
Admiral Dundas die Nachricht, da an den russischen Schiffen, vor Sebastopol
eine ungewhnliche Bewegung bemerkt werde, und ein Auslaufen derselben mglich
sei. Die vereingte Flotte legte sich auf diese Nachricht weiter hinaus auf die
See.
    Am 26. Morgens 8 Uhr verlie die Escadron auch diese Stellung, indem drei
der havarirten Damffregatten und ein Linienschiff die Richtung nach Varna
einschlugen, der Rest der Flotte nach Sd-Osten sich wandte. Um Mittag waren die
letzten Schiffe auer Sicht.

                                    Funoten


1 Die Erklrung des englischen Capitains Loring vom 21. April 1854 sagt, da der
erste Schu gegen das Boot gerichtet gewesen, aber 180 bis 210 Fu von der Barke
abseits (also nicht auf dieselbe gezielt!) in's Meer gefallen sei, und lt die
Wirkung und Entfernung der andern ganz unberhrt. Auch aus dem weitern Wortlaut
geht hervor, da das Schiff dem Molo damals nher war, als das Boot. - Der
englische Capitain mute wissen, da es einem feindlichen Kriegsschiffe nicht
gestattet werden konnte, auf Kanonenschuweite in den Hafen zu kommen, und es
ist den Admiralen auch nicht eingefallen, die gleiche Behandlung der
Retribution am Eingang des Hafens von Sebastopol - zur Zeit, als der Krieg
noch nicht einmal erklrt war! - fr Bruch des Vlkerrechts auszugeben und dafr
Sebastopol zu bombardiren. Hiernach ist die nachfolgende Handlungsweise
rechtlich zu beurtheilen.

2 Herr; die zweite Anrede bezieht sich auf den Fremden.

3 Zum Henker!

4 In der That sprechen die Schreiben und Blletins der westmchtlichen Admirale
immer von einer Festung und einem Kriegshafen von Odessa, whrend weder die eine
noch der andere dort existirt. Die Hfen sind beide lngst nur Handelshfen und
zwar ist der eine - der frhere Kriegshafen - der jetzige Pratika- oder
Freihafen, welcher die Handelsschiffe nach berstandener Quarantaine aufnimmt,
der andere der Quarantainehafen. Beide werden nur von sechs Batterieen
geschtzt; im Uebrigen ist Odessa eine ganz offene Handelsstadt.

5 Es ist Thatsache, da whrend des Donaufeldzugs von den Huptern der
revolutionairen Propaganda der russischen Regierung ein solcher Vorschlag
gemacht wurde, aber an der Abweisung des Kaisers scheiterte.

6 Dasselbe Schiff, das am 12. Mai in der Nhe von Odjessa auf den Strand gerieth
und im Kampfe von den herbeigeeilten russischen Batterieen trotz der Hilfe
zweier heranfahrender groer Schiffe gezwungen wurde, die Flagge zu streichen
und sich zu ergeben. Nachdem die Mannschaft gelandet, wurde es in Brand
geschossen.

7 Baron von Osten-Sacken begrte bei der Rckkehr den Tapfern als Ritter des
Militair-Verdienstordens. Der Kaiser befrderte ihn zum Stabs-Capitain und die
Batterie, die er so tapfer koimmandirt, erhielt seinen Namen.

8 Die Franzosen nennen gewhnlich ihre Schiffe mit dem mnnlichen Artikel, die
Englnder mit dem weiblichen.


                          Aug' um Auge, Zahn um Zahn!

Wir kehren zurck in die Kula von Protopapas.
    Ein grauenhafter - schrecklicher Kampf hatte sich dort entsponnen, um so
schrecklicher, als er schweigend von beiden Theilen gefhrt wurde, und der
einzige Zeuge, auer Gott - stumm war.
    Der riesige Klephte warf sich auf die Trkin - den ersten ungehrt
verhallenden Auffschrei der weiblichen Angst, - den Ruf: Nicolas, herbei!
benutzte er, um den seidenen Knebel ihr zwischen die Zhne zu pressen.
    Von dem Augenblicke an sprachen nur ihre Augen - eine furchtbare, jeden
Anderen, als den wilden Sohn des Taygetos entsetzende Sprache.
    Der Kampf des gefesselten Mdchens, whrend die rohe Hand des Maini's ihre
Kleider in Stcken ri, war lang - schrecklich! Die Brust keuchte in dem
vergeblichen Widerstand unter der riesigen Kraft des Mannes, verdoppelt durch
die wilde Erregung aller Nerven und Sehnen.
    Dann unterlag sie endlich - ruhig, still - mit der Gleichgltigkeit der
Verzweiflung. Nur in den dunkeln, krampfhaft starren Augen lag es wie ein
furchtbarer Schwur.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zu den fnf Gefhrten, die mit ihren Yatagans das Grab des erschossenen
Maini's gruben, trat Demetri-Bey und nickte schweigend mit grauenhaft frechem
Blick an Georg Zanet, indem er ihm den Yatagan aus der Hand nahm und selbst zu
schaufeln begann.
    Der Mainot George Zanet hatte eilf Augen geworfen, er ging nach der Kula.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nach Georg Zanet kam Hassan Stavro - acht Wrfelaugen!
    Ihm folgte der Vetter des Erschlagenen - Constantin Comodouro - Sechs!
    Ohne ein Wort zu sprechen, lsten sich die sechs Mainoten an der Gruft ab.
    Als der Letzte - Panagotti Zanetacchi - zurckkehrte, war das Grab fertig.
    Jetzt entfernten sich Alle Sechs nach dem Thurm, den Todten zu holen. Sie
warfen keinen Blick nach dem Opfer der furchtbaren Rache, sondern faten stumm
den Krper und trugen ihn hinaus.
    An der Wand lag die Trkin, der Knebel war lngst aus dem Munde gefallen -
aber kein Laut hatte mehr die grimmige Resignation unterbrochen, mit der sie
nach dem erschpfenden Kampf Alles geduldet. Gleich einer Todten lag sie da -
das Auge geschlossen, geisterhafte Blsse auf dem Antlitz, und ihr langes,
dunkles Haar flo wirr auf den Boden. Die mitleidigere Hand des Letzten hatte
die leichte Decke ihres Mantels ber die Unglckliche geworfen - darunter lag
sie und nur ein krampfhaftes Zucken, das von Zeit zu Zeit ber ihre Glieder
schauerte, verkndete das Leben in der sonst regungslosen Gestalt.
    Mit demselben eintnigen Gesang, der den Tod des Kriegers begleitet,
begannen sie jetzt ihn in sein Grab zu legen.
    Da scholl der Ruf des Generals von der Platform des Thurmes und Nicolas
Grivas sprang von seinem Posten auf der Hhe des Walles herunter in die
Umringung.
    In demselben Augenblicke zischte es durch die Luft und prasselte es zwischen
die Erde und die Steine des Walls und die einschlagende Kugel streute sie weit
umher.
    Ein schwerer Stein traf die Leiche, gleich dem rchenden Donnerstrahl des
Himmels, und warf sie aus den Hnden der Trger kopfber in das Grab.
    Alle Sechs waren von leichten Splittern leicht verwundet, - Schrammen nur, -
wenige Blutstropfen, die kein Mann achtet, am Wenigsten der wilde Krieger der
Maina.
    Doch - sie waren gezeichnet!
    Zu den Waffen, Kameraden, an Eure Posten! befahl der General, von der
Stiege des Thurmes herabeilend. Die Feuer angezndet und dann deckt Euch hinter
den Wllen.
    Zwei schon vorher bereitete Feuer von Reisig und Gerhr im Innern des
Zuganges und mglichst gedeckt, qualmten alsbald empor.
    Um dieselbe lagen Bndel von trockenen Zweigen, Laub, Binsen, Gras, mit
Streifen leichten Zeuges durchwunden, in welche der Mantel und Schleier der
Verkleidung des jungen Griechen zerrissen worden war.
    Kugel auf Kugel schlug jetzt in kurzen Pausen an Thurm und Wall und endlich,
als die Artilleristen das Ziel gefunden, in die Stein- und Holzbarrikade des
Einganges.
    Den Vertheidigern der Palanka schadeten die Kugeln wenig, sie lagen theils
im Thurm versteckt, theils wohl geschtzt hinter dem Wall; die Wachen aus den
Schiescharten des Thurmes beobachteten ungefhrdet die Gegner.
    Die Kanonade hatte eine halbe Stunde gedauert und die Barrikade des
Einganges am klaffenden Felsenspalt war jetzt zerrissen.
    Dann schwieg das Feuer und von der Hhe des Thurmes tnte der Ruf der Wache:
    Sie kommen.
    Die Griechen sprangen empor aus ihren Verstecks und sammelten sich um den
Fhrer, der bereits Jedem seinen Antheil am Kampfe bezeichnet hatte.
    Nur Einer - Panagotti Zanetacchi - wurde als Wache auf den Thurm
zurckgesandt, die Anderen machten sich zum Kampf bereit, Jeder untersuchte
sorgfltig das Schlo seiner Flinte und der langen Pistolen und lftete den
Handjar.
    Frische Reisigbndel wurden auf die Feuer gelegt, die anderen nher zur
Gluth geschoben; dann nahm Jeder seinen Posten am Wall ein, so gut gedeckt als
mglich und doch mit freiem Blick auf den nahenden Feind.
    Und er kam heran - diesmal waren es die Arnauten Selim-Bey's, gefhrt in
Stelle des Pascha's, von Abdallah, dem jungen Emir. Auf dem Felsenwall und zu
beiden Seiten desselben drngte es wieder heran in dichten bunten Haufen, jeder
Mann vor sich ein oder zwei groe Reisigbndel tragend, die seinem Krper
zugleich Schutz gewhrten gegen die Kugeln der Griechen.
    Aber die Kugeln der Mainoten blieben aus; der General hatte ihnen streng
befohlen, den Schu zu sparen, bis der Feind in grter Nhe und jede Kugel
ihres Zieles sicher war.
    Als die Anrckenden etwa die Hlfte des Dammes zurckgelegt hatten, gab der
Emir, den Sbel schwingend, mit dem arabischen Kampfruf: Allah Akhbar! das
Signal zum Angriff und die ganze Masse, etwa Dreihundert an der Zahl, von denen
die Hlfte in dichten Gliedern den Damm einnahm, strzte in wildem Lauf
vorwrts.
    Sie waren zwanzig Schritt vom Felsspalt, als die Bchse des Generals das
Zeichen zur Salve gab. Fast gleichzeitig knallten die sechs Flinten und die
Kugeln warfen die Vordersten zu Boden oder hinab vom Felskamm auf ihre
Kameraden. Einige Kugeln hatten in dem dichtgedrngten Haufen Mehrere verwundet,
- keine gefehlt, aber die Arnauten hielten sich nicht auf mit einer Erwiderung
des Feuers, sondern strzten mit jener Todesverachtung vorwrts, die den Moslem
auszeichnet. Ueber Todte und Verwundete drngten die Krieger zum Rande des
Felsenspaltes, auf dessen Grund zu beiden Seiten bereits die Kameraden ihre
Reisigbndel emporthrmten.
    Zugleich warfen sie die ihren in den Grund, und viele Leiber, von den
Pistolenkugeln der Mainoten in dieser Nhe durchbohrt, halfen den Spalt fllen.
    In wenig Augenblicken war die Fllung bis auf einen Nest von Mannshhe
geschehen, und die wilden Krieger strzten sich, von den Folgenden gedrngt,
reihenweise hinab und begannen an der anderen Wand empor zu klimmen, an den
Zacken des Gesteins sich haltend oder Einer auf des Andern Schultern.
    In der Bresche standen jetzt Grivas, sein Neffe und drei der Maini's, mit
dem Sbel, der Kolbe und dem Yatagan die Heraufstrmenden abwehrend, whrend die
beiden anderen Mainoten fortwhrend die Pistolen luden, und Panagotti Schu auf
Schu von der Hhe des Thurmes in den dichten Haufen sandte.
    Das Allahgeschrei, der Kampfesruf der Anstrmenden war furchtbar,
sinnebetubend; schweigend - jeden Athemzug zu einer Kraftanstrengung sparend,
kmpften die Griechen. Herber, hinber knatterten die Pistolenschsse, die
Gegner schauten einander in's Weie der Augen!
    Und immer hher thrmte sich die Fllung des Spaltes, Reihe auf Reihe
strzte sich hinab und klomm empor, und fr den zerhauenen Schdel, die vom Arm
getrennte Faust, die zerschossene Brust, drngten zehn Andere empor!
    Allah Akhbar! Zum Kampf! Zum Kampf!
    Der wilde Ruf des Fhrers spornte sie zu immer neuen Anstrengungen.
    Die Griechen waren smtlich verwundet bis auf den jungen Grivas, der
vergeblich im Handgemenge den Tod zu suchen schien - ihn floh der finstere
Gesell mit jener schneidenden Koketterie des Grabes, das den Begehrenden von
sich stt.
    Demetri-Bey lag, zum Tode getroffen, am Boden; Georg Zanet kmpfte, an den
Wall gelehnt, aus zwei Wunden Strme von Blut vergieend, gleich dem sein Ende
fhlenden Eber.
    Zwlf Augen! - Eilf Augen! Ein Teufel schttelt die Wrfel! -
    Da erscholl ber das Toben des Kampfes hin ein schneidender Pfiff des
Generals, der im Handgemenge wie jeder seiner Krieger focht.
    Die beiden Schtzen am Wall sprangen zu den Feuern und rissen die flammenden
Bndel heraus, mit dem Fue neue hinein schleudernd.
    Wie qualmende rauchende Ballen flogen sie im nchsten Augenblick hinunter in
die Masse der strmenden Trken.
    Die leichten Gewnder erfaten die sprhenden Funken - die Strzenden
theilten das Feuer den aufgehuften Faschinen, der Bekleidung der Erschlagenen
mit - und von der Hand der Mainoten flog Bund auf Bund, in Flammen gehllt,
hinab in den Menschenknuel.
    Ein furchtbares Geschrei stieg zum blauen wolkenlosen Himmel, eine Mauer von
Rauch und Qualm wlzte sich aus der Felsspalte empor - in sie zurck warfen die
Kolbenschlge und Yataganshiebe der Mainoten die verzweifelnd Emporklimmenden.
    Noch wenige furchtbare Augenblicke, dann verstummte der Kampfruf vor dem
wahnsinnigen Geschrei des Schmerzes und die Arnauten wandten sich auf allen
Seiten zur wilden Flucht.
    Vergebens waren alle Anstrengungen des jungen Fhrers. Die Flucht der
orientalischen Vlker ist nie zum Stehen zu bringen.
    Sie fhlten sich erst sicher im Schutz ihrer Kanonen; - zahlreich waren die
Opfer an Todten und Verwundeten. Acht Griechen hatten den Sturm von dreihundert
tapfern Kriegern abgeschlagen, die Palanka seit neun Stunden vertheidigt.
    Htten jetzt die Moslems auf die zum Tode Erschpften einen neuen Sturm mit
den frischen Krften gewagt, die ihnen zu Gebote standen, so wre der Sieg ihnen
sicher gewesen. Doch mit jener Langsamkeit, welche sie charakterisirt, muten
sie erst den erhaltenen Schlag berwinden und sich auf's Neue vorbereiten. -
    Sehnschtig wandte General Grivas vor der Hhe der Kula den Blick nach
Westen, wo seine fernen Tapfern gestanden und gefochten. Der Geschtzdonner
hatte aufgehrt und die Befrchtung lag schwer auf seiner Seele, da der Angriff
der Trken seine Schaar zersprengt habe. Zum Wahrzeichen und als trotzige
Herausforderung seiner Gegner lie der General zugleich an einer Stange auf der
Brstung des Thurmes eine aus Stcken von Bekleidung der Gefallenen roh
gebildete blaue Fahne aufstecken, an welche die Mainoten von Fetzen der
Fustanellen die Form des griechischen Kreuzes geheftet hatten.
    Ein wildes Geschrei der Trken und das wiederholte Feuern aus ihren Kanonen
antwortete dieser Herausforderung. - -
    In dem den Kugeln am wenigsten ausgesetzten Gefngni Fatinitza's hatten
Demetri-Bey und Georg Zanet, Beide schwer verwundet, die Stelle des jetzt
begrabenen Andunah eingenommen. Die Hilfe, die ihre Kameraden ihnen leisten
konnten, war gering, der Krug mit Wasser, den die Maini's am Abend von der
Quelle im Thalgrunde geholt, lngst erschpft, und doch ist der Durst nach
Wasser bekanntlich gerade das, was die Verwundeten am meisten qult. Der Wall
war von den Kugeln der Trken jetzt so demolirt, da an ein Halten desselben
nicht mehr zu denken war, und Grivas vereinigte seine verringerten Streitkrfte
in dem zweiten Stockwerk und auf dem flachen Dach der Kula, nachdem die Steine
und Balken, welche zur Barrikadirung des Wallzugangs gedient hatten, zur
Befestigung der schmalen Pforte verwendet worden, welche in das Innere des
Thurmes fhrte und die zum Glck durch ihre Seitenrichtung nicht den Kugeln der
Geschtze ausgesetzt war.
    Zu wiederholten Malen hatte es Nicolas Grivas versucht, sich zu dem
verrathenen Trkenmdchen zu begeben, doch immer wieder war er am Eingange
zurckgekehrt, von dem niederdrckenden Gefhl seines Verraths und dem Gedanken
an ihre verchtliche Behandlung zurckgetrieben. Fatinitza, von dem Kampfgetse
aus ihrer Erstarrung erweckt, sa jetzt, den Mantel um sich gezogen, aufrecht an
der Mauer. Ihr Antlitz war noch immer todtenbleich, doch ihre Zge waren jetzt
finster und entschlossen, gleich aus Marmor gehauen wie die der Medeia! Die
dunklen Augen, starr und unbeweglich auf die beiden verwundeten Maini's
gerichtet, funkelten und glhten doch in dmonischem Feuer.
    So sa sie bereits stundenlang, ohne sich zu rhren, und die wilden Shne
des Taygetos schauderten vor dem Auge des geschndeten Trkenmdchens und
kehrten ihr Gesicht nach der Wand des Thurmes, um ruhiger zu sterben.
    Es war am Nachmittag gegen vier Uhr, als ber die Berge von Westen her von
Neuem der ferne Donner groben Geschtzes an das Ohr der Mainoten schlug - bald
darauf konnten sie selbst die Salven des Kleingewehrs undeutlich hren.
    Zugleich sahen sie, da die Trkeit vor ihnen sich zu einem neuen Angriff
rsteten.
    Der General versammelte die fnf noch kampffhigen Vertheidiger um sich. -
Kameraden, Brder des heiligen Kreuzes, sagte er, unsere Freunde sind uns
nahe, ob Sieger oder geschlagen, wir wissen es nicht, aber wir werden uns mit
ihnen vereinen knnen, wenn es uns gelingt, die Fahne dort oben aufrecht gegen
den Sturm zu erhalten, der uns droht. Unsere Bedrnger werden dann genug zu thun
haben, sich selbst zu wehren. Lat uns daher den Thurm vertheidigen bis zum
letzten Blutstropfen, es ist die einzige Aussicht auf Rettung und unsere Pflicht
als Shne Griechenlands. Nur die Flinte kann uns in diesem letzten Kampfe
ntzen, zielt fest, lat keinen Schu vergebens fallen und uns jetzt noch ein
Mal unsere Hilfsmittel prfen.
    Whrend Zanetacchi wieder als Wache zurckblieb auf dem Dache des Thurmes,
stieg der General mit den brigen Vier hinab in das zweite, und untere Gescho,
ihnen Anweisungen zum Kampfe ertheilend. Das obere Stockwerk ragte auf breiten
steinernen Trgern etwa anderthalb bis zwei Fu ber das Erdgescho hinaus, und
die Seitenwnde waren mit schiefen trichterfrmigen Schiescharten versehen, so
da von hier aus die nhere Umgebung des Thurmes unter wirksamem Feuer gehalten
werden konnte. Die Schiescharten der untern dicken Mauern waren dagegen, wie
bereits erwhnt, so hoch angebracht, da von Auen nicht dazu zu gelangen war.
Der schmale Eingang der Kula war vollstndig mit Steinen und Balken verrammelt
und durch die Schiescharten ber ihm gedeckt. Grivas beschlo daher, seine
wenigen Vertheidigungsmittel in dem zweiten Stockwerk zu concentriren, das den
Wall und den innern Ring bestrich, und in dessen Schutz sie am wenigsten den
Kugeln der Gegner ausgesetzt waren. Um die Verwundeten dahin bringen zu lassen,
betrat er die hintere Abtheilung - Nicolas und die drei Maini's folgten ihm.
    Der junge Mann vermied, das Auge auf das Mdchen zu richten, und trat mit
dem Oheim zu den beiden Verwundeten. Die Verblutung war inde so stark gewesen
und die Beschaffenheit ihrer Wunden so gefhrlich, da ein Transport in das
obere Stockwerk ihnen unzweifelhaft groe und nutzlose Schmerzen verursachen
mute; der General entschied daher, da sie gelassen werden sollten, wo sie
waren, da sie hier fast eben so sicher sich befanden. Auch die Trkin mag hier
bleiben, befahl er, sie ist hier am wenigsten im Wege.
    Jetzt erst wagte der junge Mann einen hastigen verstohlenen Blick auf das
Mdchen, aber so kurz er auch war, zeigte er ihm doch die Zerstrung in ihrem
Aeuern, und er sprang wie vom Blitz getroffen auf sie zu mit dem Ruf:
Fatinitza - was ist geschehen? - um der Panagia willen, sprich!
    Mit einer rachschtigen Gleichgltigkeit gegen das Heiligste des Weibes warf
das Mdchen durch eine Bewegung den Mantel von ihren Gliedern, und die um Brust
und Hften hngenden Fetzen ihrer Kleidung zeigten der Schaam Hohn sprechend den
furchtbaren Kampf, den sie bestanden, und verriethen das schndliche Verbrechen,
das an ihr verbt worden war.
    Selbst der wilde Fhrer der Klephten schauderte zurck.
    Die Stirnadern des jungen Mannes schwollen zu rothen Strngen an, nachdem
Todesblsse einen Moment lang sein Gesicht bedeckt. Dann drehte er sich wild zu
dem Kreise seiner Gefhrten und seine Augen schienen Blitze zu sprhen, whrend
seine Hand die Pistole aus dem Grtel ri und den Hahn spannte.
    Verfluchte! - Ihr!
    In diesem Augenblick vernahm er das erste Wort von den Lippen des Mdchens,
seitdem er sie verrathen. Sie schnellte empor auf ihre gebundenen Fe, und die
gefesselten Arme von sich streckend, warf sie sich zwischen ihn und die Maini's,
die bereits gleichfalls zu den Waffen gegriffen. Ihre Augen sprhten Ha und
Verachtung, der Ton, mit dem sie ihm ihr Halt ein, Verrther! zuherrschte,
schien von den Steinmauern wieder zu gellen.
    Nicht Du! sagte sie mit bitterer Verachtung, nicht Du, meineidiger
Christ! Dein eigen ist Fatinitza's Schande, und verflucht und verfolgt sei'st Du
dafr bis zum Ende der Tage, das Dein Prophet verkndet hat!
    Dann sank sie zurck auf das Lager und blieb in finsterm Vorsichhinstarren
gleichgltig gegen ihren Zustand liegen.
    Der junge Mann hatte das Gesicht in seine Hnde verborgen, denen die Pistole
bei den vernichtenden Worten entfallen.
    Der General schaute finster aus die Maini's. Wer hat das gethan gegen
meinen Befehl?
    Wir Alle, sagte trotzig Comodouro. Dein Befehl, General, lautete, uns
nicht am Leben der Trkin zu vergreifen! Was wir gethan, war das Vermchtni
unsers sterbenden Bruders - sein Tod ist gercht worden an seiner Mrderin.
    Ein halb mitleidiger Blick des wilden und grausamen Huptlings streifte die
Unglckliche; dann wandte er sich schweigend nach dem Eingang und fhrte seinen
Neffen hinaus.
    Zur selben Zeit klang von der Hhe der Allarmruf Panayotti's: Zu den
Waffen! Die Moslems kommen! und die Mainoten strzten an ihre Posten. -
    Fatinitza war mit den Verwundeten allein - mit wildem Frohlocken haftete ihr
Blick auf der geschlossenen Thr und hrte sie den drohend nher drhnenden
Schlachtruf ihres Volkes, das Allah il Allah! das wild an allen Seiten der
Palanka empor zu gellen schien.
    In der That rckten die Trken diesmal von allen Richtungen gegen die kleine
Feste, nur Wenige zurcklassend zum Schutz des verwundeten Pascha's und der
Geschtze. Die Flintenschsse der Araber, der Arnauten und des Nizams krachten
vereint gegen den Thurm, und von den vier Seiten suchten die Moslems das
Plateau, zu ersteigen.
    Kugel auf Kugel aus den Schiescharten der Kula traf unter die Strmenden, -
jede Kugel warf ihren Mann von der erstiegenen Felswand, aber den Strzenden
folgten Andere, und die sechs Flinten der Vertheidiger konnten die Ueberzahl
nicht zurckhalten, der jubelnde Ruf der Arnauten und der Ansturm gegen die
Barrikade des Eingangs verkndeten bald der Trkin, da die Ihren Meister des
Plateau's geworden.
    Hierhin an die Schiescharten, welche die Pforte bestrichen, warf der
General jetzt seine besten Schtzen, whrend die Uebrigen fortwhrend die
abgeschossenen Flinten luden. Ein Wall von Todten lag bald vor dem Eingang.
    Das wilde Getmmel der Schlacht war der Augenblick, den die Wlfin von
Skadar ersehnt. Das mihandelte Mdchen erhob sich aus die Knie, - auf den
Knieen rutschte sie langsam den beiden Verwundeten nher - die Augen mit
teuflischer Freude auf diese geheftet.
    Die sterbenden Mainoten sahen sie auf sich zu kommen, - nher und nher,
gleich dem finstern Engel des Todes.
    Sie blickten dem groen Wrger furchtlos und trotzig in's Angesicht, aber
sie begannen sich zu frchten vor dem dmonischen Auge des rchenden Weibes.
    Vergeblich versuchten sie zurckzuweichen, - ihre Glieder waren machtlos,
die Arme bleischwer von dem vergossenen Blut; bei dem Bemhen, sich zu erheben
und der Feindin zu begegnen, lsten sich die leichten Verbnde, und auf's Neue
quoll der rothe Lebenssaft aus den geffneten Wunden.
    Jetzt versuchten sie zu schreien, - der wste Demetri-Bey rief angstvoll
nach seinen Gefhrten.
    Ihr schwacher Ruf verklang unter dem Krachen der Flinten hoch vom Thurm,
rings um den Thurm.
    Jetzt war das Trkenmdchen am Nchsten - Demetri; - langsam, unter
dmonisch befriedigtem Lcheln ihrer scharfen Zge erhob sie die gefesselten
Hnde und fate das. Messer, das in dem Grtel des Mainoten steckte.
    Er vermochte nicht zu hindern, da sie es hervorzog.
    Dann beugte sie sich ber ihn, - das Auge des Dmons haftend auf dem bangen
starren Blick des Sterbenden. - -
    Die gefesselte Hand stie das Messer ihm zwischen die Zhne und bohrte es
tief und immer tiefer bis zum Griff in den Hals des Maini's, die Zunge
zerschneidend, die Rhren und Arterien des Lebens zerreiend.
    Ein Strom dunklen Blutes quoll den zerschnittenen Hals herauf und flo ber
die Lippen; - auf diese bleichen und kalten Lippen, die frech und frevelnd die
ihren entweiht, heftete der Dmon in Weibergestalt - der Vrokoklak - die seinen
und trnkte sie mit dem Blute.
    Dann erhob sie sich blutig und finster wieder auf die Knie und kroch zu
ihrem zweiten Opfer.
    Andreas Zanet hatte mit stierem Auge das Ende seines Gefhrten geschaut -
der Todesschwei der Angst perlte auf seiner Stirn, denn er zweifelte keinen
Augenblick, den bsen Geist, den Vampyr vor sich zu sehen, der das Blut trinkt
und die Seelen dem, ewigen Pfuhl berliefert. Aller Aberglauben seiner Religion
fllte seine Seele und verzweifelnd sah er sich diesseits und jenseits verloren.
    Die Vrokoklak war ber ihm - sein Schicksal erfllt - -
    Lautlos, nur von den Schssen der Strmenden umdonnert, wiederholte sich die
schreckliche Scene.
    Dann kroch sie zurck, die junge schne Megre, das Pistol, das der
verrtherische Geliebte von sich geworfen, unter ihrem Lager verbergend.
    Fort und fort hrte sie die Schsse um sich her krachen - dann erhob sich
pltzlich auf der Hhe des Thurmes ein lautes wildes Triumphgeschrei, das ber
den Lrm des Kampfes hinausgellte. Denn auf den Berghhen im Westen zeigten sich
starke Schaaren griechischer Krieger und begannen herabzustrmen. In ihrer Mitte
flatterte die blaue Fahne mit dem weien Kreuze.
    Wie aus Verabredung schwieg fr Minuten lang der Kampf an und aus der Kula.
    Man konnte jetzt in grerer Nhe ber den Bergen die Salven eines heftigen
Gefechts hren, das die auf dem Rckzug begriffenen Schaaren des Generals Grivas
an Abdi-Pascha lieferten.
    Immer neue Abtheilungen quollen ber die Bergkuppen, - von der Kula aus
konnte man sehen, wie sie sich zum Angriff sammelten.
    Deutlich konnte der General durch sein Fernrohr die Seinen erkennen -
Anastasius Caraiskakis, den Czernagorzen Bogdan.
    Vom Schmerzenslager des Pascha's her jagte Bote auf Bote, dem jungen Fhrer
der Strmenden den Befehl zum Rckzug zu bringen. Die steinernen Mauern der Kula
trotzten seinem Zorn - die melancholischen Tne der gebogenen Hrner des Nizams
gaben endlich das Signal zum Sammeln, und zhneknirschend fhrte der Emir die
Seinen zurck zum Lager des Bey's, wo ihre Colonnen gegen die anrckenden
Griechen Position nahmen.
    An hundert Todte und Verwundete hatten die Trken in den drei Strmen aus
die Palanka verloren; zwlf Stunden lang hatte Grivas mit seinen acht Kriegern
dieselbe gehalten! -
    Aus Aesten und Lanzen war schon frher eine Tragbahre gefertigt worden fr
den schwer verletzten Pascha. Auf dieser wurde er jetzt weiter geschafft, und
langsam traten die Trken ihren Rckzug nach der Richtung des See's vor den
andrngenden Griechen an und waren bald im Rcken der Palanka. In einiger
Entfernung nahmen sie eine gnstige Stellung ein und begannen von hier aus mit
ihrer einen Kanone die Griechen ziemlich unschdlich in dieser Weite zu
beschieen. Das andere Geschtz fiel in die Hnde der Feinde, da es den
Topschi's1 nicht mglich war, es so rasch von dem Felsengrate zurck zu
schaffen, doch konnte es von jenen nicht benutzt werden, da es ihnen an Minition
fehlte.
    Jubelnd warfen sich die verwundeten Mainoten auf die Barrikade, die sie
gegen die Feinde geschtzt, und noch ehe ihre Befreier den Felsenaufgang
erreicht hatten, waren die Balken und Steine fortgerumt, von den erstern der
Uebergang ber die Felsspalte hergestellt, in der noch die Leichen der Arnauten
lagen, und Grivas mit den Mainoten eilte den Befreiern entgegen.
    Es war wenig Zeit zu verlieren, denn Abdi-Pascha, der im Lauf des Morgens
Verstrkungen aus Janina an sich gezogen, bedrngte hart den Rckzug der
Griechen. Er hatte am Morgen den Posten des Capitani Caraiskakis angegriffen,
als dieser eben erst durch den Knaben Mauro die Kunde von dem Leben seines
Bruders und der Gefahr des Generals erhalten und eilig Boten nach dem Obersten
Stratos gesandt hatte. Dieser bald darauf von dem Nizam Abdi-Pascha's und den
Aegyptern von Arta her bedrngt, ohne da General Tzavellas ihm zum Beistand
eilte, schlug sich durch die Erstern, vereinigte sich mit der stark gelichteten
Schaar des Caraiskakis, der bis Mittag sich am Kloster tapfer gehalten, und
setzte mit ihm den Rckzug gegen Metzovo fort, Beide kaum noch hoffend, den
General unter den Lebenden anzutreffen.
    Um so grer war der Jubel und der Feuereifer der Griechen, als sie die
improvisirte Fahne von der Brustwehr der Kula wehen und zugleich die Bedrngni
der Ihren sahen, und Caraiskakis hatte alsbald zum Angriff gerstet, whrend
Oberst Stratos noch auf den Berghhen die Trken in Respekt hielt.
    General Grivas bernahm nach einer kurzen freudigen Bewillkommung seines
Neffen sofort den Oberbefehl; und als ihm Anastasius und Bogdan sagten, da sein
Stiefneffe Nicolas in Janina am Leben, theilte er ihnen zu ihrem Staunen mit,
da derselbe den Heldenkampf der Verteidigung der Palanka mitgefochten und in
wenigen Augenblicken sie selbst begren werde. Ein Wink von ihm jedoch wehrte
sie von der Palanka ab mit dem Bedeuten, da Jener dort noch einen Auftrag
allein zu vollziehen habe.
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    Whrend der General und seine vier verwundeten Mainoten zu den Freunden
eilten, trat der junge Grieche in das Gefngni Fatinitza's. Ein kurzer Blick
auf die Maini's berzeugte ihn, da sie todt, und nher tretend, kniete er an
ihrem Lager nieder und durchschnitt schweigend die Bande an ihren Hnden und
Fen.
    Fatinitza, sagte er dann weich und stehend zu ihr, hre mich, denn wenige
Augenblicke nur sind mir und Dir zur Entscheidung vergnnt. Was ich gethan -
meine Flucht, die Warnung an die Meinen - ich will es jetzt nicht verteidigen.
Mein Bruder, mein Oheim waren unter den Bedrohten. Bei dem ewigen Gott, zu dem
Christen wie Trken beten, ich konnte, ich durfte nicht anders, aber ich bin
schuldlos an der Schmach, die Dich betroffen hat und bereit, sie mit meinem
Herzblut zu shnen oder zu rchen.
    Das Mdchen verharrte in ihrem verchtlichen Schweigen, ihr Blick war von
ihm abgewandt.
    Hre mich, Fatinitza - wir sind Beide jetzt frei und im Schutz meines
Oheims - folge mir nach Chios, wo meine Mutter ein kleines Eigenthum mir
hinterlassen, fern von dieser Sttte und diesen blutigen Menschen. Folge mir und
sei mein Weib.
    Dasselbe Schweigen.
    Fatinitza, - flehte er verzweifelnd, - so la mich Dir folgen - ich will
Dein Sclave sein, - Dich lieben - ich - will den Glauben Deines Propheten zu dem
meinen machen, nur gegen mein Volk kann ich nicht kmpfen!
    Die Mirditin schaute ihn durchdringend an.
    Du brauchst den Glauben Deines Kreuzes nicht zu verrathen, meineidiger
Christ, sagte sie finster, - Dein Weg geht dorthin - der meine dahin! Verla
mich!
    Fatinitza - hre mich!
    Er lag zu ihren Fen.
    Kannst Du vergessen, unterbrach sie ihn mit finsterm Hohn, auf ihre
zerrissenen Kleider deutend, - Fatinitza, die man die Wlfin von Skadar nennt,
und die eine Taube war gegen Dich, wird es nie! Ein Mal verzieh ich Dir den
Verrath, denn ich liebte Dich! Jetzt hat meine Seele nur Ha fr Dich und Deine
Christenbrder! Sieh hin - nicht an den Kugeln der Meinen starben die Beiden,
Fatinitza's Hand sandte sie zur Hlle, ihre Lippen tranken ihr Blut, wie sie
geschworen beim Grabe ihrer Mutter in furchtbarer Stunde. - Geh'! - Vier leben
noch - Du bist der Fnfte, und wir sehen uns wieder!
    Er schauderte unter ihrem Auge und barg das Gesicht in den Hnden. Endlich
erhob er sich - berzeugt, da jedes seiner Worte vergeblich wre.
    So lebe denn wohl - Weib ohne Herz und ohne Vergebung - lebe wohl und mge
Allah Dir gndig sein, wie Gott meine Schuld mir an Dir vergeben mge. Ein Dmon
hat mich in Deine Arme gefhrt, und ein Dmon, Du selbst, treibt mich von Dir. -
In dem Vorderraum der Kula steht das Pferd des Arabers, - Nicolas Grivas ist
kein Dieb an fremdem Eigenthum, - nimm es und kehre zu Deinem Vater zurck. In
einer Stunde ist der Weg frei - ich werde sorgen, da bis zu unserm Abzug Keiner
den Thurm betritt, denn Bogdan, Dein Todfeind, ist unter den Meinen.
    Sie sah ihn kalt und verchtlich an und deutete nach der Thr, - noch einen
Blick warf er auf sie, dann entfloh er.
    Sie war wieder allein mit den Leichen.
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    Allein war sie noch am Abend, als die ersten Sterne am Himmel zu funkeln
begannen, denn Nicolas hatte sein Wort gehalten und jede Annherung der Seinen
an die blut- und fllichbeoeckte Kula verhindert. Ohnedies blieb den Griechen
wenig Zeit dazu, denn der General Grivas setzte eilig den allgemeinen Rckzug
nach Metzovo hin fort, wo er die Fhrer in Thessalien an sich zu ziehen und so
verstrkt auf's Neue, den Trken die Spitze zu bieten hoffte, die ihn noch eine
Strecke weit verfolgten. - -
    Von der Hhe der Kula hatte sie den Abzug der Griechen und der Ihren
verfolgt. Mit jenem raschen Uebergang des Tages zur Nacht, den die sdlichen
Lnder bieten, wlbte sich ber ihr bereits der dunkle Himmelsdom mit tausend
blitzenden Sternen.
    Sie fhrte das Ro des Arabers hinaus aus dem Thurm und ber den Felsendamm,
auf dem noch die Leichen der Ihren der bergenden Erde harrten, in's Freie. Dort
stand sie, an die Kruppe des Pferdes gelehnt, und schaute hinauf in die helle
schne Nacht, gleich als suche sie da mit den groen brennenden Augen Trost und
Frieden, und die strmisch schwellende Brust saugte gierig die khle Luft des
Abends, die Orangen- und Myrthendfte, die der Windhauch der Gebirge von den
elysischen Grten herbertrug.
    Aber in dieser Brust blhte kein Paradies, schwarz und schwer wogte das Meer
der Gedanken und Gefhle gleich dem acherontischen Strom, und in ihrem Herzen
herrschten die Eumeniden, deren grauenvoller Altar einst wenig Meilen davon im
pelasgischen Tempel von Paleassa, dem Paleste der Alten, an den acroceraunischen
Ksten stand.
    Einsam war sie und allein - sie wute wohl, da keine Heimkehr war zu den
Ihren und da selbst die Liebe des Vaters ihr nicht verzeihen durfte gegen die
Sitten des Volkes, die streng und unnachsichtlich jeden Fehltritt des Weibes mit
dem Tode bestrafen. Einsam und allein - verrathen von dem Geliebten, alle
dmonische Gluth - allen dmonischen Ha allein im Busen tragend - kein Wesen
auf der weiten Welt, das jetzt zu ihr stand, der Verlassenen, das Theil nahm an
ihrem Kampf. - -
    Und dennoch irrte sie sich! - Was raschelte durch die Oleander- und
Myrthenbsche und kam daher in langen Sprngen und kos'te mit der lechzenden
Zunge ihre Hand? - Scheitan, der Molosserhund, die treue Dogge, die den Wolf ihr
ersetzt hatte, den Nicolas Grivas im Kampf fr den Blutbruder ihr erschlagen.
    Wenn der Albanese eine lange Reise antritt, wenn er auszieht, der
Landsknecht des neunzehnten Jahrhunderts, der Schweizer des Morgenlandes, als
Sldner zu dienen in den Corridors des Vatikans, im Schlo von Neapel, wie in
den Serails von Bagdad, Cairo und Marocco, auf den Kreidewllen Malta's und in
den Hallen der moldau-walachischen Bojaren, nht ihm sein Weib in seine Kleider
einige Stcken von ihren eigenen Gewndern, so wie sie ihrerseits das, was ihrem
Gatten am theuersten ist, bei sich behlt. Diese Gegenstnde hat sie immer unter
den Augen, um daraus eine Vorbedeutung zu entnehmen. Bellt dann des Nachts ohne
besondere Veranlassung sein Hund, so ist sie in bangster Sorge, denn sie wei,
da er die Wehklagen seines Herrn erwiedert, der eben in der Sandwste von Tunis
oder Palmyra gefangen genommen, oder vielleicht gar ermordet wird!
    Um die Mittagszeit des Tages hatte die Dogge, die im Castro von Janina bei
der stummen Sclavin Aejischa zurckgelassen worden, ein jammervolles Geheul
erhoben, wie die Hunde thun, die den Sterbenden wittern, und ihre Pfoten hatten
an den verschlossenen Thren gekratzt. Da hatten die Wache haltenden Arnauten,
das Omen achtend, die Thren geffnet, und hinaus und davon in mchtigen
Sprngen scho die Dogge.
    Als sie zu ihren Fen sich schmiegte, mit jedem schmeichlerischen Zeichen
der Treue und Anhnglichkeit, da wurde es zum ersten Male wieder warm um das
Herz des wilden, verrathenen und geschndeten Mdchens, und sie beugte sich ber
den Hund und erwiederte seine Liebkosungen.
    Dann bestieg sie das Ro und ritt langsam, von der Dogge gefolgt, das Thal
entlang in der Richtung, wohin ihre Krieger gezogen - - - - - - - - - - - -
    Die Truppen der Pascha's von Skadar und Janina hatten die Griechen noch eine
kurze Strecke aus dem Wege nach Gozista und Metzovo hin verfolgt und sich dann
nach Dervendzista zurckgezogen. Es war in der Nacht, als Fatinitza die Nhe des
Dorfes erreichte, und an den weien Gewndern erkannte sie, da die Araber des
Emirs die ueren Posten hielten.
    Sie nherte sich dem Einen und auf seinen Anruf antwortete sie, ohne sich zu
erkennen zu geben und verlangte, den Emir zu sprechen. -
    Bist Du ein Kind des Propheten, sagte der Araber, so bleibe an jenem
Feigenbaum und versuche nicht, Dich zu nhern, denn unsere Befehle sind streng.
Der Emir wird in einer Stunde hier vorberkommen, denn sein Haupt kennt den
Schlaf nicht, wenn er auf den Fersen der Feinde ist und seine Seele ist traurig
um den Verlust seiner geliebten Stute Eidunih.
    Ich kann sie ihm wiedergeben.
    Gesegnet sei alsdann Deine Hand. Aber bleibe, wo Du bist.
    Die Mirditin verweilte, in ihren Mantel gehllt, stumm an der angewiesenen
Stelle. Nach einer Stunde erschien in der That Abdallah ben Zarugah, und als ihm
der Araber verkndet, da ein Bote in der Nhe, der ihm seine Stute
zurckbringe, eilte er hastig dahin.
    Im ersten Augenblicke erkannte er Fatinitza nicht, die ihr Antlitz in ihrem
zerrissenen Schleier nach trkischer Sitte verborgen, und die Freude ber das
Wiederfinden seines geliebten Pferdes beherrschte ihn ganz.
    Du gehrst sicher zu den guten Geistern dieses Landes, Frau, sagte er,
da Du mir zurckgiebst, was ich verloren glaubte fr immer. Wie kann Abdallah
Dir danken dafr?
    Sage mir, Sohn der Wste, entgegnete leise Fatinitza, wie es Selim-Bey,
meinem Vater ergeht?
    Fatinitza?! rief der Krieger erstaunt, denn auch er hatte mit den Andern
in der Ferne die Gestalt Aphanasia's, der Frau des Primaten, unter den
abziehenden Griechen fr Fatinitza gehalten.
    Still, Araber - der Name sei todt fr Deine Lippen. Ich gab Dir Dein Pferd,
beantworte meine Frage.
    Unglckliche, sagte der junge Mann, ein Zauber hat Deine Sinne verwirrt
und Dich in die Arme der Christen gefhrt. Dein Vater ist zwar noch am Leben,
aber tdtlich verwundet von jenem unglcklichen Sturz. Wir haben ihn nach Janina
gebracht und ihn einem weisen Helim bergeben. Aber er hat einen Eid gethan bei
seinem Bart, da sein Auge die Reuige nicht wieder schauen will.
    Das Mdchen lachte grell aus. - Die Reuige? - Kennt Selim-Bey die Tochter
seines Fleisches so wenig? - Ich erwartete den Fluch meines Vaters und dennoch
htte Selim nicht also handeln sollen an seinem Blut. Lebe wohl, Araber, und
wenn Du den Pascha noch lebend wiedersiehst - sage ihm: Fatinitza, die Wlfin
von Skadar, Selim's Tochter, habe das Toskenblut ihrer Mutter in den Adern und
werde leben, um sich und ihn zu rchen.
    Sie wandte sich zu gehen, doch der Araber hielt sie am Mantel zurck. Der
Herabfallende zeigte im Mondlicht das Mdchen im Mnnergewand der griechischen
Krieger; die Todten in und vor der Palanka hatten ihr Kleidung und Waffen zur
Genge geliefert.
    Harre noch einen Augenblick, sagte der Emir. Kann Abdallah ben Zarngah
Etwas thun fr Dich? Sein Herz ist bei Deinem Unglck.
    Sie nickte verneinend2, dann, sich besinnend, deutete sie auf den Hund.
Nimm Scheitan zu Dir, sagte sie, und bewahre ihn mir, bis ich ihn fordern
lasse. Er ist treu, aber mir hinderlich auf dem Weg, den ich jetzt gehe. Werdet
Ihr die Christen verfolgen?
    Wir erwarten die groen Bchsen von Janina, berichtete der Emir. Wenn die
Sonne zum zweiten Mal ber jene Berge kommt, werden wir auf ihren Fersen sein.
Nimm diesen Ring, Mdchen, er ist geweiht an der schwarzen Kaba von Mekka und
ein Kleinod der Zarugah. Wenn Du ihn Einem meines Stammes zeigst, wird er Dir
beistehen bis zum Tode.
    Sie nahm den Ring. Lebe wohl! - als er von dem letzten Gru wieder empor
schaute, war sie verschwunden. -

    Am nchsten Mittag stand Grivas mit seiner stark geschmolzenen Schaar, die
kaum noch Zweitausend zhlte, vor den Thoren Metzovo's. Hier hatte nach lngerem
Streit der trkisch und griechisch gesinnten Partei die letztere die Oberhand
behalten und ffnete dem General die Thore, der sich alsbald zum Oberherrn der
Stadt machte und der Bevlkerung eine Steuer von 200,000 Piastern (10,000 Thlr.)
auferlegte, die auch willig bezahlt wurde. Die grern Opfer jedoch, die Grivas
nach zwei Tagen ihnen fr die Sache des Freiheits-Kampfes ansann, indem er von
den Notabilitten und Reichen der Stadt die Darbringung ihrer silbernen und
goldenen Luxusgegenstnde als freiwillige Gabe verlangte, erregten
Unzufriedenheit unter den Bewohnern.
    Unterde rckte Abdi-Pascha auf die Nachricht von der Besetzung Metzovo's
mit frischen Truppen und einer ziemlich zahlreichen Artillerie gegen die Stadt,
und die Uneinigkeit unter den griechischen Fhrern sowohl in Albanien als
Thessalien lie sie den General nicht in der Behauptung dieses Knotenpunktes der
Straen nach dem Epirus, Macedonien und Thessalien untersttzen.
    Am 18. April kam es vor Metzovo zu einem harten Treffen und Grivas wurde
vollstndig geworfen und gewann kaum Zeit, sich nach der Stadt zurckzuziehen,
der fr den nchsten Tag schon ein ernster Angriff drohte. Der General sah ein,
da er sich hier nicht lnger zu halten vermge, und er beschlo die Verwstung
der bisher blhenden und wohlhabenden Stadt und den Rckzug gegen die Quellen,
des Asprospotamos - des Achelaus der Alten, und Radartzi.
    Es war am Abend des Schlachttages, als der General in den Straen der Stadt
das Schicksal derselben und den Befehl verknden lie, da die Einwohner sich in
der Hauptkirche versammeln sollten, die zugleich zur Aufnahme der Verwundeten,
ber 200 an der Zahl, gedient hatte. In Zeit von einer Stunde waren mehr als
4000 Personen in der Kirche und deren Umgebung versammelt, mit bleichen,
angsterfllten Gesichtern des Kommenden harrend.
    In der Kapelle der Kirche, auf den Stufen des Altars lag in den Armen einer
Frau ein schwer verwundeter Krieger, Anastasius Caraiskakis, der tapfere
Capitano des Postens am Kloster der armen Heiligen. Eine Kanonenkugel hatte ihm
im Treffen des Tages das Bein unter dem Knie zerschmettert und bei dem Mangel an
rztlicher Hilfe war die Amputation des Beines, die allein ihn htte retten
knnen, unterblieben. In seiner Nhe lagen zwei der tapfern und wilden Maini's
die den Thurm von Protopapas vertheidigt: Hassan Stavro und Georg Mauromichalis,
und im Kreise umstanden ihn seine tapfern Kmpfer, an seiner Seite Grivas und
der junge Czernagorze, der mit Lwenmuth die Schlacht mitgeschlagen.
    Kummer und Schmerz lag auf dem strengen Antlitz des Fhrers, als er sich
niederbeugte zu dem verwundeten Neffen.
    Deine Krieger, Anastasius, sagte er leise, haben mich um die Erlaubni
gebeten, Dich auf ihren Schultern mit sich fortzutragen beim Aufbruch.
    Wozu? fragte ruhig der Kranke, hast Du Thiere und Karren genug
aufgetrieben, um alle unsere verwundeten Brder mit mir fortzufhren?
    Du weit, da es unmglich ist; nicht den zehnten Theil Derer, die uns
nicht selbst folgen knnen, vermag ich fortzuschaffen. Unser Rckzug mu eilig
sein und in sptestens zwei Stunden beginnen.
    Du kennst alsdann, was wir beschlossen, sagte der Verwundete ernst, und
Du wrest nicht wrdig, der Fhrer freier Mnner zu sein, wenn Du schwanken
wolltest in diesem Entschlu, weil Anastasius Caraiskakis Dein Neffe unter denen
ist, welche Euch vorangehen.
    Der General schaute ihn schmerzlich an.
    Dein Bruder Nicolas hat mich verlassen, nachdem die Jungfrau ihn uns kaum
zurckgegeben. Er weigerte sich, zu kmpfen in unsern Reihen und ich lie ihn
ziehen. Du bist der Letzte meiner Anverwandten, der stets zu mir gestanden, und
ich kann Dich nicht missen. Es ist noch Rettung fr Dich, wenn wir den
frnkischen Arzt erreichen, der den Capitano Chatzi begleitet.
    Kann ich gehen? fragte der Kranke.
    Nein.
    Ist ein Krieger des Kreuzes besser denn der Andere?
    
    Nein - aber
    Willst Du mich lebend in die Hnde der Moslems fallen lassen, die ihre
Schmach von Protapapas zu rchen haben?
    Bei der Panagia - eher will ich selbst sterben.
    So geh', Oheim Grivas, und thue, was wir beschlossen. Diese elenden
Feiglinge von Metzovo, die, wenn sie und die verrtherische Schaar von
Hadschi-Petros tapfer zu uns gehalten, uns den Sieg verschafft htten, mgen
wenigstens die Mittel geben, den heiligen Kampf des Kreuzes fortzufhren. Geh!
    Der General erhob sich; in den Falten seiner Stirn lag jener kalte
Entschlu, der vor Nichts mehr zurckbebt und dem ebenso die richtende Stimme
der Mitwelt gleichgltig ist.
    In der That haben auch selbst die griechischen Zeitungen3 fr die
nachfolgend beschriebenen Handlungen - die wir keineswegs auch nur entschuldigen
wollen, die aber eine furchtbare Nothwendigkeit veranlate - den General auf
alle Weise angegriffen und herabzuziehen gesucht, wie viel mehr erst die
westmchtliche Presse!
    Der General trat in die Kirche auf die Stufen des Hochaltars, nachdem er
einigen Capitani's Befehle gegeben. Ohne da sie es merkte, wurde die in und vor
der Kirche versammelte Menschenmasse von einer Chaine der griechischen Krieger
umgeben. Mit wenigen Worten verkndete Grivas den ngstlich harrenden
Einwohnern, da er in zwei Stunden die Stadt verlassen werde, da es aber seine
Sicherheit erfordere, diese zum Theil zu zerstren. Dabei wiederholte er das
Verlangen der Auslieferung alles Goldes und Silbers, da der Kampf fr die
Freiheit ein solches Opfer auf dem Altar des Vaterlandes fordere. Zugleich
wurden Tcher und Teppiche auf den Stufen ausgebreitet zur Empfangnahme dieser
Gaben.
    Dennoch flossen diese nur sprlich. Da, auf einen Wink des Generals,
begannen die Klephten die Kirche zu rumen, indem sie die unglcklichen
Einwohner, die natrlich bei der Nachricht von der drohenden Zerstrung der
Stadt Alles, was sie an werthvollem, tragbarem Eigenthume besaen, mit sich
genommen, in kleinen Abtheilungen herausholten, sie alles Schmucks und aller
Gold- und Silbersachen beraubten, und sie dann in die Stadt jagten, unbekmmert
um das Zetergeschrei, das diese Gewaltthat verursachte.
    Die Beute war ungeheuer. Bei der Fingerfertigkeit und Uebung der
ruberischen Klephten war dieser erste - wir mchten sagen merkantile - Akt des
furchtbaren Drama's in einer Stunde abgespielt. Dann begann der zweite, blutige.
    In vollen Pontifikalibus, mit den Diakonen voran, bleich und zitternd vor
dem schrecklichen Auftrag, der ihm geworden, aber gezwungen von den ihn mit den
geladenen Gewehren umgebenden Kriegern, trat der Bischof von Metzovo aus der
Sacristei und schritt zum Hochaltar. Hinter ihm drein wurden der verwundete
Caraiskatis und die beiden Mainoten getragen und auf die Stufen zwischen die
Haufen von Kostbarkeiten niedergelegt.
    Eine lautlose Stille trat ein, dann sprach der General mit fester tiefer
Stimme:
    Brder des Kreuzes, die heute mit mir in der Schlacht gestanden gegen die
ewig verfluchten Moslems, und verwundet in diesen Hallen liegen, ich fordere
alle Die auf, die Kraft genug in sich fhlen, unserem Ausmarsch sich
anzuschlieen, ohne uns hinderlich zu werden, jetzt die Kirche zu verlassen und
an das Thor von Larissa sich zu begeben.
    Mehrere, die leichter verwundet, oder von einer bangen Ahnung getrieben
waren, erhoben sich und schwankten den Thren zu. Die Reihen ffneten sich vor
ihnen, ohne ihnen Hilfe zu leisten; Einhundertfnfundsechszig Verwundete blieben
zurck. Auf einen Wink des Generals wurden sie smtlich im Halbkreis um den
Hochaltar gelegt.
    Dann begann der Bischof eine Messe zu lesen. - Viele schauten sich befremdet
an - es war eine Todtenmesse.
    Mit feierlicher leiser Stimme sprach der Geistliche ein ehrwrdiger Greis im
Silberhaar mit langem weiem Bart, am Schlu den Segen ber die Versammlung.
    Brder! sagte hierauf der General mit dumpfer zitternder Stimme, unsere
Zeit ist gekommen! Es ist unmglich, Euch fortzuschaffen - mit blutendem Herzen
verknde ich's Euch - Ihr mt hier zurckbleiben.
    Ein tiefes schmerzliches Aechzen ging durch die traurige Versammlung.
    Wollt Ihr den Feinden Eures Glaubens, den Tyrannen Eures Vaterlandes
lebendig in die Hnde fallen?
    Nimmermehr! rief mit festem Tone Caraiskakis. Niemals! wiederholten die
beiden Mainoten an seiner Seite und Niemals! klang es von verschiedenen
Seiten.
    Was wollt Ihr dann? - sprecht - meine Augenblicke sind gezhlt!
    Den Tod! - Den Tod von Bruderhand! - Den Tod fr die Freiheit statt der
Martern der Barbaren!
    Keine Stimme wagte den festen stolzen Worten des sterbenden Capitani's zu
widersprechen, - der Stolz des Kriegers unterdrckte bei Vielen die bleiche
Furcht.
    So sei es denn, und mgen Euch Gott und die Jungfrau gndig sein und Eure
unsterblichen Seelen in das Himmelreich aufnehmen. Amen!
    Und wiederum winkte er mit abgewandtem Gesicht dem Bischof und der Greis
stieg herab, das Allerheiligste in der Hand, und begann mit seinen Diakonen die
Reihen der Blutenden zu durchwandeln und ihnen die Sterbesakramente
auszutheilen.
    An der Seite seines Neffen kniete der General, Abschied von ihm zu nehmen
fr dieses Leben. An dessen andern Seite war Aphanasia, die Griechin, bleich und
ruhig, die Hand des dem Tode sich weihenden Helden in der ihren. Mit Befremden
blickte der General sie an, als sie nach dem Freunde gleichfalls die Hostie aus
der Hand des Priesters empfing und ihre Lippen das heilige Blut berhrten.
    Was thust Du, Frau? es ist Zeit, da Du scheidest von dieser furchtbaren
Scene. Entferne Dich - ich werde fr Deinen Schutz Sorge tragen.
    Die Frau sah ihn trbe lchelnd an. Das heilige Sakrament, sagte sie ruhig
und ernst, das uns einst fr das Leben vereinigen sollte hat uns wenigstens zum
Tode verbunden. Trenne die nicht nochmals von dem Manne ihrer Liebe, Grausamer,
die Du von dem Manne ihrer Pflicht getrennt hast. Aphanasia Delanyi hat keine
Wahl mehr, als zu sterben mit Anastasius Caraiskakis!
    Wahnsinnige - denkst Du nicht an Dein Kind?
    Du nahmst ihm den Vater - mge es auch die Mutter vergessen lernen. Bring'
es an meiner statt den Meinen und mge die Jungfrau es segnen.
    Vertraue mir das Mdchen, Frau, sagte eine jugendliche Stimme an ihrer
Seite, ich werde es schtzen mit meinem Leben, wie ich es auf dem Wege hierher
geschtzt.
    Es war Bogdan, der junge Czernagorze, der gesprochen und die unglckliche
Griechenfrau nahm eine Perlenschnur von ihrem Hals und reichte sie ihm.
    Gieb sie dem Kinde und Gott lohne Dir, was Du an der doppelten Waise thust,
denn ihr Erzeuger liegt unter den Todten vor der Palanka von Protopapas, wie ich
vernommen habe.
    Bei dem Haupte meines Vaters, das auf den Wllen von Skadar bleicht,
schwor der junge Mann, Dein Kind soll einst das Weib des Hauptes der
Martinowitsch werden, wenn mein Haus ihr gengt!
    Die Griechin nickte ihm freundlich zu und schlo den kranken Freund dann in
ihre Arme, sich und ihn mit dem Chlamis umhllend, und deutete dann nach dem
Bischof.
    Unsere Zeit ist gekommen, sagte sie, mgen die Heiligen fr Euch bitten,
wie sie es fr uns thun.
    Der greise Bischof wankte zurck nach der Sacristei, nochmals stehend die
Hnde gegen den General ausstreckend.
    Vergeblich!
    Lebe wohl, Anastasius! lebt wohl, meine Brder!
    Noch ein Mal strzte er an seine blutende Brust, dann ri er sich empor.
    Die dunklen Schatten der Nacht hatten sich whrend der heiligen Handlung auf
das Gewlbe gesenkt, nur die ewige Lampe brannte in ihren silbernen Ketten und
von dem Hochaltar leuchteten matt die heiligen Kerzen. Dicht zusammen gedrngt
in Gruppen hatten sich die dem Tode Geweihten.
    Griechenbrder, fragte die helle Stimme des verwundeten Capitani's, seid
Ihr bereit?
    Wir sind es! - Die Worte klangen dumpf und hohl.
    Heilige Jungfrau, erbarme Dich unser! Kreuz und Griechenland - Feuer!
    Die Salve der Klephten donnerte durch das Gewlbe der Kirche und zersprengte
die Fenster - drei Mal wiederholte sie sich - dann ward Alles still - der letzte
Schrei des irdischen Schmerzes war verstummt - einhundertsechsundsechszig
Leichen mit der todten, ihrer Liebe gestorbenen Frau deckten die Marmorflieen
der Kirche von Metzovo4. -
    Lngst hatte der General sie verlassen und die wilden Klephten, die sich vom
Tode seiner Opfer berzeugt, waren ihm gefolgt. Aus dem Pulverdampf, der das
weite Gewlbe erfllte, schlich eine einzelne Gestalt vom Altare her, ein junger
Krieger in griechischer Tracht mit krausem entstellenden Bart, die Flinte in der
Hand. -
    Die ewige Lampe warf ihren falben Schein auf ihn, als er unter ihr
hinschlpfte, und wurde zurckgespiegelt von dem blitzenden dunklen Auge. -
    Seine Lippen waren roth von Blut. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das brennende Metzovo leuchtete dem Rckzug des griechischen Generals -
viele Bewohner der unglcklichen Stadt, die Rache der siegenden Trken
frchtend, die entsetzlich wtheten in den christlichen Phistans des Gebirges,
hatten sich ihm angeschlossen.
    Ein griechischer Krieger, am Fu verwundet und auerdem den rechten Arm in
ein Tuch gebunden, war zurckgeblieben von dem Hauptzug und schwankte, auf die
Schulter eines jungen Kameraden gesttzt, langsam hinterdrein. Schon am Thor von
Metzovo hatte dieser sich zu ihm gefunden und ihn hilfreich untersttzt. Es war
derselbe, der zuletzt die Kirche verlassen.
    Das Gehen hatte die Schmerzen der Wunde arger gemacht, nur langsam kam das
Paar vorwrts. Dennoch verlie der menschenfreundliche Helfer den verwundeten
Mainoten nicht.
    Bei der Panagia, schwor dieser, ich wollte, ich lge bei den erschossenen
Brdern in der Kirche von Metzovo, so sehr schmerzt mein Bein und so sauer wird
mir der Weg. Die Heiligen mgen Deine Hilfe lohnen, Panagotti Zanetacchi aber
wird ewig Dein Freund sein.
    Gieb mir Deine Waffen - sie belasten Dich, sagte der Andere. Zugleich nahm
er ihm die Flinte ab und hing sie um, ebenso die Pistole und den Handjar.
    Wiederum wandelte das Paar lngere Zeit dahin, nur von den einzelnen
Schmerzenslauten des Verwundeten ward das Schweigen unterbrochen.
    Wohin fhrst Du mich? - wir sind von der groen Strae abgekommen und
keiner der Nachzgler ist mehr zu sehen. Wir werden den Trken in die Hnde
fallen.
    Ich bin in diesen Gebirgen zu Hause, tapferer Maini, und dieser Pfad krzet
die groe Strae und fhrt ber jenen Hhen uns wieder mit dem General zusammen.
Sttze Dich auf mich.
    Eine halbe Stunde waren sie gewandert, dann warf der Mainote sich erschpft
auf den Boden.
    Du thust wohl daran, es ist Zeit, da Du ausruhst.
    Der Mond schien hell auf den Berghang zwischen den dichten Bschen von
Thymian, wildem Wein und Oleander - durch eine Oeffnung leuchtete in der Ferne
noch immer das brennende Metzovo.
    Bis hierher, sagte der Fhrer. Es ist Zeit, zu enden.
    Wie meinst Du das? - Willst Du mich hier verlassen?
    Nicht ich, Mainote - aber Du mich.
    Ich verstehe Dich nicht. Gieb meine Waffen zurck!
    Der Fhrer lachte hell auf, dann schleuderte er behende Flinte und Handjar
in die dichten Bsche und trat, die Pistole in der Hand, vor den Erschrockenen,
der sich auf den gesunden Arm aufrichtete.
    Kennst Du mich?
    Wer bist Du? - sprich - bin ich in die Hnde eines Verrthers gefallen?
    Wieder lachte der vermeintliche Grieche hhnisch auf, dann ri er mit einem
Griff sich den falschen Bart voll Lippen und Wangen, den Fe vom Haupt, und die
schwarzen Flechten eines Weibes rollten hernieder, Fatinitza's dunkle dmonische
Augen blitzten schadenfroh den verwundeten Krieger an.
    Weib - Teufel - was willst Du von mir?
    Frage Dein schwarzes Herz, Maini, und es wird Dir Antwort geben. Ich habe
geschworen, Dein Blut zu trinken.
    Dmon der Unterwelt - weiche von mir!
    Du mut sterben, Maini, wie Deine Brder gestorben sind von der Hand der
Wlfin von Skadar. Zwei in jenem Thurme von Protopapas, auf der Sttte meiner
Schmach - Einer im Schlachtgewhl vor Metzovo und Zwei in der Moschee des
Christengottes. Fluch ber sie! - Du warst der Letzte und bist der Letzte -
bereite Dich zum Tode!
    Er wollte empor, doch sie hielt die Pistole ihm entgegen. Du hattest
wenigstens Mitleid mit meiner Schmach und warfst den Mantel ber meinen
entehrten Leib. Darum hab' ich Mitleid mit Dir und gnne Dir ein Gebet zu Deinem
Propheten. Aber Keiner darf leben, der sich rhmen darf der Schmach Fatinitza's.
Eile jedoch, die Geister Deiner Brder erwarten Dich.
    Der Maini, jung und noch lebenskrftig und muthig, warf sich pltzlich empor
und fate die drohende Feindin. Einige Augenblicke dauerte das ungleiche Ringen,
aber es gelang ihm nicht, ihre Hand zu erfassen. Whrend er ihren Leib noch
umklammert hielt und sie zu Boden zu reien suchte, fhlte er die kalte Mndung
der Pistole an seiner Schlfe, - im nchsten Augenblick zerschmetterte der Schu
seinen Schdel, da sein Gehirn das dmonische Weib bespritzte.
    Diesmal schien sie selbst zu schaudern vor dem grauenhaften Anblick und
wandte sich von ihm, ohne den Todten zu berhren.
    Sie sind dahin, sagte sie dumpf, und Fatinitza's Schmach ist gercht! -
Jetzt, Vater, der Du bereits im Schoo des Propheten weilst, gilt es die Shne
Deines Blutes und den letzten Kampf. Wehe dem Verrther!
    Sie wandte sich nach der Heimath.

    Der Verrath Tzavellas's an der gemeinsamen Sache und die Eifersucht
Hadschi-Petros's, von dem eine Schaar von 1000 Mann nahe dem Kampfplatz von
Metzovo unthtig gestanden, weil sie sich dem Befehl des Generals Grivas nicht
unterordnen wollte - rchten sich schwer. Am 25. April erlitt Tzavellas mit 3000
Mann durch Osman Pascha bei Peta eine vollstndige Niederlage und mute sich
nach Griechenland zurckziehen. Fuad-Effendi zog in Janina ein; 8000 Gewehre,
welche die russische Negierung fr die Griechen in belgischen Fabriken hatte
anfertigen lassen, und die bereits glcklich den grten Theil des Weges
zurckgelegt, wurden an der sicilianischen Kste von einem englischen Kreuzer
aufgefangen und nach Malta gebracht; die albanesische Kste war von englischen
Schiffen blokirt, im Golf von Volo an der thessalischen Kste scho eine
franzsische Dampffregatte mehrere, mit Freiwilligen besetzte griechische
Schiffe in den Grund, und Damoko wurde von Salim-und Schiakir-Pascha entsetzt.
Theodor Grivas mit 400 Kriegern hatte sich nach Agrapha zurckgezogen und gab
den Kampf auf. Im ganzen Epirus waren die Trken Sieger.
    Einen neuen Zuzug zwar erhielt der griechische Aufstand durch das
Herbeistrmen der aus dem trkischen Gebiet ausgewiesenen Griechen, von denen
allein 20,000 von Constantinopel und Smyrna auswanderten. Von Athen aus
angefeuert und mit neuen Fhrern versehen, - Spiro Milio und Vlakopulos an der
Grnze, Grizanos, Priovos, Giakas und dem khnen Papakosta in der Provinz
selbst, - stand ganz Thessalien bald wieder unter Waffen und mit 12,000 Kriegern
dem neu ernannten Gouverneur, Ali Rizza Pascha und seinen 16,000 Mann gegenber.
    Doch alle Anstrengungen des kleinen Griechenlands scheiterten an der
drohenden Stellung der Westmchte, die sich nicht entbldeten, selbst ber die
Abdankung des Knigs Otto zu verhandeln. Frst Danilo von Montenegro, der auf
seine khne Proklamation vom 10. Mrz5, von dem russischen Agenten Oberst
Kowalewski angefeuert, 8000 Krieger des Hochlands in Cettinje versammelt hatte,
und ebenso Serbien, das bereits in voller Rstung stand, wurden von Oesterreich
gezwungen, neutral zu bleiben, und so der ganze groe Aufstand der slavisch
christlichen Vlker, sdlich der Donau, unterdrckt, der offenbar sonst der
trkischen Herrschaft in Europa ein Ende gemacht und Ruland den Sieg gesichert
htte. Wir haben bereits gezeigt, wie Kaiser Nicolaus die Verbindung mit der
Revolution im Norden der Donau und Save zurckgewiesen, sowohl um der eigenen
Grundstze, als um Oesterreichs Willen, das auf diese Weise seine Rcksicht
lohnte. Die Karte von Europa htte sonst sicher - nicht von der Seine, sondern
von der Donau aus - eine andere Gestaltung gewonnen.

                                    Funoten


1 Trkische Artilleristen.

2 Wir haben bereits erwhnt, da unser Zeichen der Bejahung bei den Trken die
entgegengesetzte Bedeutung hat.

3 Der Spectateur de l'Orient, Observ. Triest etc. etc.

4 Wir wiederholen es, die furchtbare That ist Wahrheit!

5 Der Aufruf lautet:
 Von uns, Danilo Petrowich, Frst der Czernagora und der Brda, Gru dem
Capitain. Ich wnsche, da auch wir Czernagoren jetzt, wie auch sonst immer, uns
tapfer und heldenmthig zeigen, gleich den Griechen und andern Nationen, gleich
unsern stets siegreichen Gros- und Urgrovtern, die uns als ihr Vermchtni die
Freiheit hinterlieen, auf welche wir jetzt vor der Welt stolz sind. Darum will
ich jene Soldaten kennen, welche frher conseribirt wurden, da ich wei, ob ich
mich auf sie verlassen kann, und befehle Euch, Capitaine, da jeder seinen Stamm
versammle. Jeder Soldat sage freiwillig, ob er mit mir kmpfen will gegen den
Trken, den verfluchten Feind unsers Glaubens und unserer Gesetze. Der Capitain
verzeichne jeden solchen Freiwilligen und berichte mir darber nach Cettinje.
Das aber sage ich Jedem im Voraus, wer nicht beabsichtigt, mit mir des Todes
gewrtig zu sein, den beschwre ich bei dem groen Gott, er mge zu Hause
bleiben, und wer mit mir dann ziehen will, der vergesse Weib, Kind und Alles,
was er auf dieser Welt besitzt, und sage dies dem Capitain, da er ihn
einschreibe. Ich sage Dir, meine wackere Nation, und Euch, meine lieben Brder,
wer nicht mit mir sterben will, bleibe unbehindert zu Hause, denn ich wei sehr
wohl, da ein Einziger, der freiwillig und muthig in's Feld zieht, besser ist,
als Fnfzig, welche furchtsam von mir herziehen; darum fordere ich jeden wackern
Mann, der ein muthiges und kein Weiberherz hat, und welcher nicht ansteht, fr
das heilige Kreuz, die rechtglubige Kirche und das Vaterland sein Blut zu
vergieen, auf, da er mit mir theile Ruhm und Ehre. Sind wir denn nicht, theure
Brder, Shne jener alten czernagorischen Sieger, welche drei trkische Veziere
auf einmal bewltigen, welche franzsische Truppen schlugen und des Sultans
Festungen mit Sturm nahmen? Sind wir keine Vaterlandsverchter, miachten wir
nicht den Ruhm unserer alten Helden, so versammeln wir uns und schlagen los im
Namen Gottes! - Bleibt gesund.
 Cettinje, 16. Mrz 1854.


                                    Madara.

Man kann sich unmglich darber tuschen, da die, durch die politischen
Verhltnisse hervorgerufene und von Petersburg befohlene schwankende Haltung der
Russen in den Donau-Frstenthmern und ihre anfnglich viel zu geringe
Machtaufstellung das Schicksal des Donau-Feldzuges herbeigefhrt haben. Erst
nachdem die Absichten der Westmchte selbst der politischen Naivett klar sein
muten, erhielt am 10. Mrz Frst Gortschakoff von Petersburg die Weisung, sich
nicht lnger auf die Vertheidigung des genommenen Pfandes zu beschrnken,
sondern die Offensive gegen das rechte Donauufer zu ergreifen und diejenigen
Punkte auf demselben zu besetzen, welche allenfalls bei dem weiteren
kriegerischen Vorgehen auf feindlichem Boden zu Pivots dienen knnten.
    Die Wahl dieses Vorgehens hatte ihre besondere Schwierigkeiten, und man hat
den erwhlten Weg dem Frsten Gortschakoff - indem man ihm nur das Talent eines
tchtigen Taktikers und Artilleristen lt - zu einem groen strategischen
Fehler gemacht. Es lt sich inde Vieles zu seiner Rechtfertigung sagen.
    Mit einem Uebergang an der Grnze der kleinen Walachei, zwischen Rustschuk
und Widdin, htte die russische Armee die trkische allerdings zu einer
allgemeinen Schlacht zwingen und durchbreche knnen. Es stand ihr dann, da die
feindlichen Festungen dieser Operationslinie (Sistowa, Nikopolis, Rahowa) nur
unbedeutend waren, die Hauptstrae im Isker Thal nach Adrianopel offen, und ein
Monat htte sie vielleicht dahin gebracht. Abgesehen aber davon, da die Trken
mehr denn doppelt so stark waren als 1828, und mit einer Artillerie versehen,
die sich mindestens mit der russischen messen konnte, war damit der Rcken und
die rechte Flanke der schon damals sehr bedenklichen Haltung der Oesterreicher
und ihrem angedrohten Einrcken in Serbien Preis gegeben, und die Verpflegung
einer so bedeutenden Armee bei den grundlosen Straen aus dem langen Landwege um
so schwieriger. Die Ksten des schwarzen Meeres muten auch hierbei von einem
starken Corps besetzt gehalten werden, um eine Operation der Trken und ihrer
Alliirten von dieser Seite zu verhindern. Der Aufstand in Griechenland und der
erwartete in Montenegro waren noch nicht so weit gediehen, um davon bedeutende
Hilfe hoffen zu knnen.
    Der andere Weg war der schon in den frhern Feldzgen gewhlte durch die
Dobrudscha. Der strategische Plan des trkischen Oberbefehlshabers erleichterte
sogar den Angriff auf diesen Punkt, indem Omer, auf die Flotten der Westmchte
bauend, sein Hauptaugenmerk und seine Kraft nach der oberen Donau und
Widdin-Kalafat geworfen, um die Verbindung mit Serbien und Rumelien zu hindern,
und Mustapha-Pascha zur Besetzung der untern Donau und der Dobrudscha nur 10
Bataillone Nizam, 8 Bataillone Redifs, 3000 Baschi-Bozuk's und 4000 Reiter mit
48 Kanonen zur Disposition gestellt hatte. Bei dem Sto gegen die Dobrudscha
behielten zugleich die Russen stets ihre Basis an der Moldau und dem eigenen
Gebiet.
    Freilich fehlte ihnen diesmal gegen die frheren gleichen Feldzge die
Untersttzung ihrer Flotten und die Beherrschung des Meeres.
    Dennoch wurde dieser Angriffspunkt gewhlt und zunchst der Uebergang an
vier Stellen bestimmt.
    Mustapha-Pascha erhielt durch die zahlreichen Spione, die sich auch im
russischen Lager befanden, bereits am 22. Nachricht von den beabsichtigten
Operationen, konnte sie jedoch, obschon er aus sein dringendes Verlangen 6000
Mann Verstrkung erhalten, nicht hindern, da die russische Hauptarmee hier eine
Macht von 90,000 Mann hatte1.
    Am 20. ging Oberst Suroff mit einem Detachement von 2000 Mann durch die
Donaufurt, 2 Meilen unterhalb Hirsowa, und setzte sich gegen die zum Schutze der
Feste errichteten Schanzen in Bewegung. Sein rascher Angriff wurde durch das
Feuer von Kanonenbten untersttzt, mute aber, da die Trken wthend kmpften,
drei Mal erneuert werden. Am 21. waren die Schanzen genommen, am 22. begann die
Cernirung, am 23. die Belagerung der Citadelle Hirsowa's. Am 30. Morgens wurde
sie mit Sturm genommen, nachdem ein Theil durch das Bombardement ein Raub der
Flammen geworden war.
    Am 23. lie der Oberbefehlshaber, Frst Gortschakoff, nachdem am 22. bereits
ein lebhaftes Feuer auf die bei Matschin errichteten trkischen Verschanzungen
vom linken Ufer aus erffnet worden, unter dem Schutz von 24 Zwlfpfndern und 6
Achtzehnpfndern eine Pontonsbrcke nach birago'schem System bei Ibraila ber
die Insel vor Gedschid an das rechte Donauufer, schlagen und setzte mit einem
starken Corps ber. Die Trken zogen sich nach Matschin zurck.
    Gleichzeitig schlug General Lders eine zweite Brcke von Galacz aus das
rechte sumpffreie Ufer zwischen Matschin und Isaktscha und berschritt unter
Kanonendonner den Strom mit dem Lublin'schen und Samoszki'schen Jger-Regiment
und den Infanterie-Regimentern Modlin und Bragasch, nebst Kavallerie und
Artillerie.
    An demselben Tage erzwang auch auf dem vierten Punkte General Uschatoff nach
blutigem Kampf den Donaubergang von Ismal aus, dessen weie Mauern durch
Byron's Don Juan gefeiert sind, oberhalb Tultscha, und nahm die trkischen
Redouten mit Sturm.
    Am 24. wurden bereits Matschin, Isaktscha und Tultscha belagert. Die
Besatzung von Matschin, das mit bedeutenden Proviant und Munitionsvorrthen
versehen war, - etwa 6000 Mann - ergab sich am Morgen des 27., nachdem die
Festung zwei Tage lang beinahe ununterbrochen mit Bomben beworfen und zwei Mal
gestrmt worden.
    Am selben Tage fielen Isaktscha und Tultscha, - die Russen befanden sich
also am 30. im Besitz smmtlicher festen Punkte an der Donau unterhalb des alten
rmischen Trajanswalles, der an dem schmalsten Punkt von der Donau zum Meere
fhrt und an der Erstern von Tschernawoda und Karassu, an der See von
Kstendsche flankirt wird.
    Mustapha Pascha mute daher die Verteidigung von Babadagh - der Position im
Innern der jetzt eingeschlossenen Halbinsel Dobrudscha, - so eilig aufgeben, da
smtliche Vorrthe in die Hnde der Feinde fielen, und sich auf den Trajanswall
zuzckziehen.
    Nachdem in den ersten Tagen des Aprils auch die Operationen gegen Silistria
von Kalarasch aus begonnen, rumte der trkische General vom 6. bis 11. auch
Tschernawoda und Karassu, und zog sich auf der Strae nach Basardschik zurck,
so da sich die Russen im vollen Besitz der obern Dobrudscha befanden. -
    Kaiser Nicolaus hatte unterde den Veteran seiner Schlachten, den
General-Statthalter von Polen, Feldmarschall Frsten Paskiewitsch, auf den
Kampfplatz beordert und diesem die obersten strategischen Anordnungen
bertragen.
    Der Frst traf in den ersten Tagen des Aprils in den Frstenthmern ein und
nahm die einzelnen Stellungen der russischen Streitkrfte in Augenschein,
zunchst vor Kalafat, das General Liprandi jetzt nher cernirt hielt, und wo in
den letzten Tagen des Mrz einige blutige Gefechte vorgekommen waren.
    Aus dem Helden von Eriwan war aber auch ein Diplomat geworden - es galt
nicht mehr, Schlachten zu schlagen, sondern auch zu fragen, ob sie geschlagen
werden drften?
    Der Allianztractat zwischen Oesterreich und Preuen mute dem Ersteren eine
drohende Stellung in Bezug auf die Frstenthmer geben, und obschon der
preuische Kriegsminister, General Bonin, der offene Gegner der russischen
Interessen, seinen undiplomatischen Erklrungen bei Berathung der
Creditbewilligung auf die Beschwerde Rulands bald darauf zum Opfer fiel, war
damit die freie Hand Oesterreichs nicht beseitigt. Von den Tractat-Verhandlungen
und der verabredeten Somnation gegen die fortdauernde Occupation der
Frstenthmer, hatte natrlich die russische Diplomatie zeitige Kunde und diese,
so wie die Unterdrckung der Aufstnde in Czernagora und den
trtisch-griechischen Provinzen bewogen ihn, schon am 16. dem General Liprandi
den Befehl zu ertheilen, die Cernirung Kalafat's aufzugeben und seine
Streitkrfte auf das Ufer des, die kleine von der groen Walachei trennenden
Flusses Aluta zurckzuziehen. Sofort wurden die Spitler aufgehoben und der
Belagerungspark in Sicherheit gebracht. Am 23. sammelten sich bereits die
Truppen in Krajowa und setzten am 25. ihren Marsch gegen die Aluta fort. Die
Trken drangen sofort von Kalafat nach, setzten an mehreren Punkten ber die
obere Donau, und es kam, namentlich am Schyl, zu blutigen Gefechten, in denen
meist die Trken Sieger blieben.
    Am 16. hatte ein bedeutendes russisches Streifcorps die Donau bei Oltenitza
passirt, wurde aber gleichfalls durch die Bajonnetangriffe der Trken
zurckgeworfen.
    Auch in der Dobrudscha war es zu harten Kmpfen gekommen, und General Lders
wurde in einem blutigen Gefecht bei Tschernawoda am 20. nach einem
sechsstndigen Kampf geschlagen und verlor an 500 Todte, 250 Gefangene und 15
Kanonen. Doch muten die Sieger vor der anrckenden Hauptcolonne der Russen
wieder weichen. An der oberen Donau schlug Sali-Pascha die Gegner bei Turnul und
Nikopoli, Suliman-Pascha erstrmte Radowan, so da Ende des Monats die Trken
Herren des grten Theils der kleinen Walachei waren. -
    Am 27. April war Frst Paskiewitsch in Kalarasch eingetroffen und die
Bewegungen zur Cernirung von Silistria, in der letzten Hlfte des April von
General von Schilder begonnen, concentrirten sich. Nachdem die Verbindung
zwischen Kalarasch und den Donauinseln hergestellt worden, beschossen die Russen
die trkischen Uferbatterieen und die trkische Flotille vor Silistria. Die
Festung, die zwar 179 Geschtze, aber keine Feldbatterie zur Disposition hatte,
wurde von Mussa-Pascha anfangs mit mir 9000 Mann vertheidigt. Der Sirdar eilte
daher, Verstrkungen von Schumla her hinein zu werfen und ein Theil der Corps
aus Kalafat und Widdin wurde zum Ersatz eilig herangezogen.
    Am 3., 4. und 5. waren bereits Truppen der Westmchte in Varna eingetroffen.
    Nachdem wir hiermit die Kriegsereignisse im Allgemeinen bis zum Mai
nachgetragen, nehmen wir den Faden unserer Erzhlung wieder auf.

    Es war in der ersten Hlfte des kstlichen lieblichen Mai, des Wonnemonds,
von dessen Wonne und Kstlichkeit wir Nordlnder gewhnlich Nichts erfahren und
von dein wir allein die Erinnerung haben, da der Hexentag auf dem Blocksberg
ihn erffnet.
    Anders ist es im Sden - da quellen die Wonnen wirklich aus Busch und
Strauch, von Matte und Baum, von Thal und Berg, da ffnet die Natur in voller
Milde und Lieblichkeit den Busen, und der balsamische Hauch des neuen
Blumenlebens, die milde Luft des blauen Himmels schwellt die Herzen.
    Der helle Mondschein go sein Licht ber eine rauhe wilde Gegend am Pa nach
Ternowo aus der Hhe des Gebirges. In tiefen Uferwnden sprudelte ein lebendiger
kleiner Gebirgsflu, - ppiges Rankengewchs berdachte die springende von Stein
zu Stein fallende klare Fluth, kolossale Felsblcke rahmten das Ufer ein und
zogen sich bis zur hohen Basaltwand, die, mit dichtem Gestruch bekleidet,
emporstieg. Ahorn-, Wallnu-, Feigen- und Maulbeerbume, umrankt und verbunden
durch den kleinblttrigen wilden Wein fllten mit ihrem frischen Laub die
Umgebung, und ihre Bltter zitterten und spielten in phantastischen Effecten,
bald im Mondstrahl, bald im langen Lichtschein, der von einer Stelle zwischen
zwei mchtigen Feldstcken hervorbrach. Dort lagerte um ein Feuer eine bunte
Gesellschaft, wie sie die wilden Verhltnisse des Gebirges und der Zeit
zusammengefhrt - eine Anzahl Mnner und zwei Frauen, letztere hinter dem Kreis
der Mnner mit einem jungen Mohren an den Resten des Mahles beschftigt, das
ihre Herrn und Gebieter eben gehalten.
    Acht oder neun der wilden Gestalten, die um das Feuer saen, behaglich den
Schibuk im Mund und von Zeit zu Zeit die Rakihflasche im Kreise umhergehen
lassend, gehrten offenbar ihrer Kleidung und Bewaffnung nach zu den freien
Bewohnern der Berge, den khnen und unermdlichen Feinden der Trken, den
Haiducken, mit den weien wollenen Rcken und dem in zwei lange Flechten
geheilten Haar des Hinterkopfes. Um so mehr fiel zwischen ihnen, und
augenscheinlich ihnen befreundet, die Gestalt eines greisen Moslems auf, in
blauen weiten Halbbeinkleidern und rothen Strmpfen, blauer Aermeljacke und
einer hohen, oben breiten, weien Mtze, mit dem langen rothen Sack. Wer vor dem
Juni 1826 Constantinopel besucht, kannte die Tracht sehr wohl, - es war die der
Ienethtschjeri oder Janitscharen, der alten gefrchteten Krieger des Reiches.
    Zur Seite des Buluk-Baschi's oder Capitains der Haiducken, saen zwei
Europer, Doctor Welland, der Arzt des Lazareths von Widdin, und ein
franzsischer Genie-Offizier, Capitain Depuis, aus der Begleitung des
Seraskiers, der in letzter Zeit wieder nach Kalafat gekommen war, um die
Verschanzungen gegen die vorrckenden Russen zu verstrken.
    Beide waren, bei dem Rckzug der Russen von Kalafat und der Auflsung der
dortigen trkischen Stellung, auf dem Marsch nach der ersten Bestimmung des
Arztes, nach Silistria, begriffen und hatten den Weg durch die Gebirge auf
Schumla eingeschlagen. Ihre heutige Tagereise hatte jedoch bereits am Nachmittag
ein unerwartetes Ziel gefunden, denn der Saptieh, jene Sorte trkischer
Spitzbuben von Gensd'armen, die als bewaffnete Wachen und Wegfhrer den
Reisenden von Station zu Station begleiten, gewhnlich aber, wenn ihnen nicht
ein grerer Vortheil durch die Ehrlichkeit in Aussicht steht, mit den Rubern
des Gebirges zur Plnderung ihrer Schutzbefohlenen im besten Einvernehmen
stehen, hatte sie auf Nebenwege gefhrt, eine Sache, die bei dem Zustande der
Straen in der Trkei leicht genug ist, und bei dem Erscheinen eines kleinen
Truppes von Haiducken spurlos verlassen. Ein Widerstand der beiden Mnner und
ihrer zwei Diener gegen die wilden Shne des Gebirges htte nur nutzlos ihr
Leben gefhrdet, und so machten sie sich bereits auf eine vollstndige
Ausplnderung gefat, als zu des Arztes Verwunderung der Mohrenknabe Nursah den
Anfhrer der Haiducken anrief und nach einer kurzen Besprechung in trkischer
Sprache zu seinem Herrn fhrte.
    Du bist der frnkische Hekim-Baschi, der in der Lokanda des Slowaken Alexo
zu Widdin gewohnt hat? fragte der Capitano.
    Ja. Kennst Du mich?
    Ich habe Dich oft gesehen, wo Du mich nicht sahest, und wei, da Du ein
Bulgare und unser Freund bist. Ich bin Michael Miloje, der Schwiegersohn des
Handscha Gawra vor dem Thore Widdin's, und wei, da Du der Mutter meines Weibes
beigestanden in schwerer Krankheit, und fr den Handscha gesprochen hast bei dem
Vali2 von Widdin. Sei mir gegrt, Bruder, Du und die Deinen, Ihr seid sicher
unter dem Schutz Miloje's und werdet seine Gastfreundschaft nicht verschmhen.
    Obschon der Arzt sich des Haiducken nicht erinnerte, war die unerwartete
Umwandlung desselben in einen Freund doch viel zu willkommen, um sie nicht mit
beiden Hnden zu ergreifen, und wiewohl die Reisenden gern ihren Weg fortgesetzt
htten, muten sie sich doch bequemen, die gebotene Gastfreundschaft des
Haiduckenfhrers anzunehmen und ihn in das Innere des Gebirges zu begleiten.
    Die kleine Karavane wandte sich demnach unter Fhrung Miloje's auf
ungebahntem Weg zwischen Felsen und Gestrpp nach der Hhe der Berge und kam
nach einem Marsch von etwa einer Stunde auf dem prchtigen Felsenhang an, auf
dem die Schaar ihr fliegendes Lager aufgeschlagen und von wo sie in einzelnen
Streiftrupps die jetzt sehr belebte Strae durch die Psse belstigte und hufig
selbst greren Abtheilungen der Trken ernste Scharmtzel lieferte.
    Da fast alle Mitglieder der Gesellschaft auf solchen Streifereien nach der
Niederung entfernt waren, fanden sie unter den von Strauchwerk, Fellen und
Stangen flchtig errichteten Htten nur Marutza, jetzt die Frau des Fhrers nach
der khnen Entfhrung, und das Weib eines anderen Haiducken, nebst dem oben
beschriebenen alten Janitscharen und einem anderen Mann.
    Alsbald wurden Anstalten zum Mahle gemacht, das aus dem unvermeidlichen
Nationalgericht, dem Gaourt (geronnener saurer Milch) und der Hlfte eines in
einer Grube zwischen Steinen gersteten Schafes bestand. Hier, in den Oeden des
Gebirges, hrten die Reisenden die neuesten Nachrichten von dem augenblicklichen
Schauplatz der Kmpfe.
    Mit Triumph erzhlte der Bulgar von der Uebergabe Matschins mit einer
frischen Garnison von 6000 Mann und guten Wllen an seine Freunde, die Russen.
Im ganzen Volke und selbst in der Armee war damals die Fabel verbreitet, da
Omer-Pascha eine ungeheure Belohnung von den Russen bekommen, um Kalafat an sie
zu verrathen, und da eben deshalb Achmet-Pascha, sein Freund, so trge und
thatenlos sich in den groen Verschanzungen gehalten habe. Der Plan sei aber
dadurch vereitelt worden, da man auerhalb der Schanzen einen Brief Achmet's an
den russischen General gefunden, worin er diesem die Stunde angab, in welcher
ihm Kalafat berliefert werden sollte. Stender-Pascha, Mustapha-Pascha und
Ismal-Pascha htten sich dein Verrath widersetzt, und so sei Omer genthigt
worden, seinen Freund Achmet im Kommando durch Halim-Pascha zu ersetzen und ihn
als Generalstabschef zu sich nach Schumla zu berufen, worauf er alsbald die
Russen am andern Ende der Donau bei Matschin in's Land gelassen habe. In dieser
Weise wurde die kluge Defensive des Muschirs in der ganzen Trkei ausgelegt und
von seinen vielen Feinden in der alttrkischen Partei selbst in Constantinopel
verbreitet. Es ist bekannt, da sein erbitterter Gegner Riza-Pascha auf die
Nachricht von der Einnahme Matschins ein Gastmahl gab und sie seinen Gsten mit
den Worten verkndete: Ich habe es immer gesagt, der Dschaur wird uns die
Dschaur's in's Land herein lassen! -
    Da Welland whrend des Jahres seines Aufenthalts in der Trkei bereits
ziemlich gut die trkische Sprache erlernt hatte und auch der lustige
franzsische Capitain das Kauderwlsch der Lingua Franca einigermaen handhabte,
ging die Unterhaltung ziemlich gelufig von Statten. Der Arzt und der Franzose
muten von den fernen Lndern erzhlen, denen sie angehrten, und der Erstere
benutzte die Gelegenheit, mglichst viel von den Sitten und Gebruchen des
Volkes zu erfahren, unter welches das Schicksal ihn gefhrt.
    Ihm gegenber sa ein Mann im mittleren Alter, dessen keckes, mit mehr als
einer Narbe bedecktes Gesicht von dem abenteuerlichen Leben zeigte, das er
gefhrt, und den die Fremden bei ihrer Ankunft im Lager dort und im Gesprch mit
dem alten Janitscharen gefunden hatten. Er sprach fertig italienisch und seine
Reden zeigten, da er weit in der Welt umher gekommen. Auf sein Befragen erfuhr
der Doctor, da er einer jener Kiradschia's sei, gewhnlich geborene Bulgaren,
die als Agenten, Hausirer oder Spediteure der Grohndler alle Provinzen
durchstreifen und bis nach Syrien, ja bis zum Kaukasus hin Waaren an bestimmte
Handlungshuser befrdern und von da auf ihren kleinen Balkan-Pferden oder
Kameelen neue Ladung mitbringen, hufig auch Hausirgeschfte auf eigene Hand
machen. Diese Menschen zeichnen sich durch eine erprobte Ehrlichkeit aus; eher
knnte man die Sonne von ihrer Bahn ablenken, als die Kiradschia's von dem Wege
des Rechts, das heit jenes Rechts, das unter diesen Vlkern als solches gilt,
denn sie kaufen und vertreiben eben so gern die ehrlich erworbene Beute der
Ruber, was freilich nach unsern Begriffen fr Hehlerei angesehen werden wrde.
Als weit gereiste Leute haben sie immer hchst interessante Abenteuer zu
erzhlen: bald serbische, walachische und moldauische Hofintriguen, bald
Klatschereien von den Hfen zu Cairo, des Pascha's von Bagdad und der Drusen-
und Maronitenhupter; bald wilde Ruberzge und Kmpfe am Kuban oder aus den
Oeden der arabischen Wste; kurz, sie sind das Orakel der Dorfbewohner und die
Vorsehung der umherstreifenden Freien im Balkan wie am Libanon. Sie kaufen zu
ehrlichen Preisen ihren Raub und liefern ihnen Pulver, Waffen und alle sonstigen
Bedrfnisse.
    Paswan, der Kiradschia, war seit einer Woche bei der Bande des Michael
Miloje, und seine Vertraulichkeit mit allen Mitgliedern zeigte, da er hier ein
hufiger, sein wohlgeflltes Gepck, da er ein willkommener Gast sei. Er wollte
am andern Morgen zugleich mit den Fremden aufbrechen und diese bis Schumla
begleiten, und erzhlte jetzt bei dem Keff3 um das Feuer von seinen
Wanderschaften.
    Ein zuflliges Lften seiner Kopfbedeckung hatte den Fremden gezeigt, das;
er sein linkes Ohr eingebt, und der Blick danach war den scharfen Augen des
Kiradschia's nicht entgangen.
    Ihr mt nicht denken, Franken, ich sei aus eine schlimme Weise darum
gekommen, sagte er. Es ist ein Andenken an diese Berge und meine Knabenzeit,
und wenn's Euch gefllt, will ich Euch erzhlen, warum ich Paswan der Einohrige
heie.
    Der Arzt und der Offizier baten um das Abenteuer und der Hausirer begann:
    In den Felsenklften des Balkan wohnt neben dem Eber, dem Hirsch und dem
Wolf auch der Br, und er ist fr die zahlreichen Hirten unseres Landes das
gefhrlichste Thier. Er ist der Feind des Bulgaren, denn wenn er ein Rind oder
ein Pferd zu Boden reit, so mu der Bulgare es dem Spahi ersetzen. Schon von
meiner frhesten Jugend an half ich meinem Vater die groen Heerden hten, die
seiner und eines seiner Vettern Aufsicht von dein Kiaja anvertraut waren. Unser
Vetter hatte einen Knaben, der in meinem Alter war, - ich hatte dreizehn Winter
gesehen, - wo er jetzt ist? Gott allein wei es, und wir Beide hteten
gewhnlich gemeinschaftlich eine Heerde von Pferden an dem nrdlichen Abhange
des Gebirges, von dem der Osma herabstrmt, eine Tagereise von Ternowo, der
heiligen Stadt unseres Landes, wo die Grber sind unserer letzten Krals.
    Seit einiger Zeit hatte eine Brenfamilie, die in der Tiefe des Gebirges ihr
Lager zu haben schien, den Heerden unseres Celo arg zugesetzt und bereits
mehrere Pferde zerrissen. Vergeblich waren alle Streifzge, welche die Mnner
der Gegend nach den Schluchten unternommen hatten; eines Abends aber kam,
whrend ich mit meiner Heerde am Fue der Berge weidete, Weliko, mein junger
Vetter, aus seinem besten Schimmel angejagt und ich konnte schon an seinem
frohen Aussehen merken, da er eine besondere Kunde auf dem Herzen habe. Er war
am Morgen in's Gebirge geritten, um eine entlaufene Stute wieder aufzusuchen. -
Paswan, sprach er zu mir, indem er vom Pferde sprang, wenn Du Muth hast, so
knnen wir das Schugeld fr einen Bren verdienen. Aber Du mut mir
versprechen, da Du keiner menschlichen Seele davon ein Wort sagst, sonst
behalte ich fr mich, was ich gesehen habe. - Ich schwor ihm dies bei der
Sweta-Horata hoch und theuer, und der Junge, er war kaum ein halbes Jahr lter
als ich, erzhlte mir nun, da er ganz nahe an unseren Weidepltzen zufllig auf
einem Felsen das Lager eines Bren entdeckt habe, das unsere Jger so weit im
Gebirge gesucht hatten.
    Er hatte bei dem Suchen des Pferdes den Bren gesehen und war ihm gefolgt,
bis er sich sicher berzeugt, da das Thier sein Lager gefunden. Aus die Klauen
eines erwachsenen Bren waren damals von der Regierung des Paschaliks 50 Piaster
gesetzt, auf die der Jungen die Hlfte; auerdem hatte das Fell einen guten
Preis, und wir Burschen glaubten in unserer Dreistigkeit, uns das Geld so gut
verdienen zu knnen, wie ein alter Jger, und machten danach unseren Plan, indem
wir beschlossen, am anderen Tage das Lager aufzusuchen.
    Die Heiligen seien mir gndig, aber ich war damals ein wilder Bube. Mein
Vater hatte eine alte Trombole in seiner Htte - er ist lngst im Paradiese, wie
mir der Popa gesagt, der mich schwere Dukaten dafr zahlen lie! - und Niemand
achtete mehr darauf. Weliko, mein Vetter, bernahm es, seinem Vater Pulver und
einige Kugeln zu stehlen, whrend ich das Gewehr bei Seite zu bringen versprach.
Nachdem wir Alles auf's Beste verabredet, trennten wir uns; ich trieb meine
Pferde in den Pferch und es gelang nur glcklich, die Trombole wegzubringen und
in der kleinen Htte von Weidengeflecht zu verbergen, in welcher ich gewhnlich
mitten unter den Pferden die Nchte zubrachte. Als ich am andern Morgen mit
Hilfe meines Vaters die mir berwiesene Heerde ausgetrieben und dieser sich mit
der seinen nach der andern Seite entfernt hatte, kehrte ich rasch zurck und
holte mir das Gewehr. Es war um Mittag, als Weliko zu mir stie, der einen
andern Buben beredet hatte, whrend unserer Abwesenheit die Pferde zu
beaufsichtigen und sie ntigenfalls heimzutreiben. Wir machten uns daher sofort
aus den Weg nach der Richtung, in der Weliko das Lager des Bren wute, ohne da
eine menschliche Seele weiter von unserem Anschlag erfahren hatte. Unterwegs
luden wir das Gewehr mit dem ganzen Pulver, das mein Vetter gestohlen, und zwei
Kugeln, und fllten die Mndung auerdem bis an den Rand hinauf mit
Kieselsteinen an. Triumphirend schleppten wir die Waffe auf unseren Schultern
und stiegen so die Berge und Felsen hinauf. Die Sonne war bereits stark im
Sinken, als wir uns endlich dem von Weliko bezeichneten Platze nherten. Der
Felsen, auf dem er sich befand, war ziemlich hoch und mit dichtem Gestrpp und
Buschwerk bewachsen. In diesem krochen wir fort, bis wir eine ziemlich freie
Stelle erreichten, wo mich Weliko festhielt und, nach dem Hintergrund zeigend,
an dem eine hohe Felswand den Platz abschnitt, mir zuflsterte, da dort das
Lager der Bren sei. Wir lauschten eine Weile, ohne inde eine Spur von der
Brin zu merken, und faten endlich Muth genug, uns naher an das Lager zu wagen.
Hier trafen wir richtig in einer Vertiefung des Felsens und in einem von
Buschwerk und Gras frmlich zusammengebauten Nest zwei junge Bren, etwa sechs
Wochen alt, die munter wie Ktzchen mit einander spielten. Wir beriethen, ob wir
nicht lieber mit diesem Fang uns begngen und eilig das Weite suchen sollten,
und waren schon dazu entschlossen, als uns ein leises Brummen vom Fue des
Felsens herauf die Gewiheit gab, da die Brin in der Nhe und uns also der
Rckweg abgeschnitten war. Es blieb uns demnach Nichts brig, als an unserm
ersten Plan festzuhalten und nach der Brin zu schieen. Wir sahen uns zunchst
nach einer geeigneten Stelle um, von der wir unbemerkt das Thier belauschen und
unseren Schu anbringen knnten, und glaubten eine solche hinter einem Felsblock
gefunden zu haben, an dessen Seiten ein junger Wallnubaum in die Hhe wuchs.
Schon vorher war groer Streit zwischen uns gewesen, welcher von uns Beiden den
gefhrlichen Schu thun solle; ich behauptete, das Anrecht darauf zu haben, weil
ich das Gewehr geschafft, Weliko dagegen, weil er Pulver und Blei geliefert und
der Aeltere war. Trotz unserer wenig sicheren Lage zankten wir uns daher jetzt
auf's Neue, als pltzlich ein lautes Brummen, eben nicht mehr sehr weit von uns
entfernt, dem Streit ein Ende machte, und ich erschrocken das Gewehr fahren
lie, das in Weliko's Hnden blieb. Wir waren kaum hinter das Felsstck
gekrochen, als wir von der anderen Seite die Brin herauftraben sahen, die
zuerst nach ihren Jungen ging, gleichwie eine Baba besorgt nach den Kindern
schaut, dann aber schnffelnd auf unsern Versteck zukam. Ich rief Weliko zu,
fest zu zielen und sich nicht zu bereilen; doch die Furcht mochte ihn in diesem
Augenblicke auch wohl stark erfat haben, und die Trombole entlud sich alsobald
mit einem groen Knall und mit einem durch die unvernnftige Ladung so heftigen
Sto, da er uns Beide, die wir dicht an einander kauerten, zu Boden warf. Der
Br zuckte zusammen und hob sein linkes Vorderbein in die Hhe, das von dem,
Schu ganz zerschmettert war; auerdem hatten wir ihn aber auch nicht weiter
verletzt. Zugleich sprang Weliko auf, warf die Flinte von sich und begann so
eilig als mglich das Felsstck und den jungen Wallnubuam hinaufzuklettern; ehe
ich aber noch aufstehen und ihm folgen konnte, war das Thier bereits zur Stelle
und hob sich an den Hinterfen an dem Baum empor. Sie knnen denken, da dies
nicht wenig dazu beitrug, die Schnelligkeit meines Vetters zu vermehren, der
mich so klglich im Stiche lie. Meine Lage war in der That schlimm genug, denn
jede Bewegung mute sofort die Aufmerksamkeit der Bestie aus mich ziehen. Der
Br gab auch bald den Versuch auf, den Baum zu erklettern, wahrscheinlich, weil
er mit seiner zerschossenen Pranke nicht fort konnte, und er wandte sich nun
gegen mich. In diesem Augenblicke, Gott allein wei es, wo ich ganz rath- und
hilflos war, fuhr mir pltzlich die oft gehrte Erzhlung durch den Sinn, da
der Br nie einen todten odemlosen Menschen berhren soll, und indem mich das
Thier bereits mit der Schnauze anstie, beschlo ich, mich todt zu stellen und
hielt den Athem an. Die Bestie stellte sich nun quer ber mich und begann mich
von oben bis unten zu beschnffeln. Ich konnte, indem ich die Augen geschlossen
hielt, den heien Athem des Thieres und seine feuchte kalte Schnauze auf meinem
Gesicht fhlen, und mir mit Anstrengung aller Willenskraft gelang es mir, die
Augen geschlossen zu halten. Schon fing die Kraft, den Athem zu halten, an, mir
auszugehen, als ich mich pltzlich von der gesunden Tatze der Bestie gestoen
und mich um und um gerollt fhlte. Dies wiederholte sich mehrere Male, bis mir
die Luft vllig ausging und ich es nicht lnger auszuhalten vermochte. Ich
ffnete daher zugleich Mund und Augen und sah mich zu meinem Entsetzen dicht am
Abhange des Felsens, der hier in einer fast senkrechten Wand wohl ber 50 Ellen
tief in eine Schlucht fiel. Das boshafte Thier hatte, keinen Athem an mir
sprend und dennoch mitrauisch, versucht, mich mit seiner gesunden Tatze an den
nahen Abhang zu rollen und gab mir eben den letzten Sto, der mich hinunter
werfen sollte. In der Todesangst fate ich zu und ergriff im Fallen glcklich
die wunde Klaue der Brin. Der Ruck meines Falles war so heftig, da ich meinen
dicht am Abgrund stehenden Feind mit hinunter ri und er nur noch Zeit hatte,
sich mit der rechten gesunden Klaue an einer vorlaufenden Wurzel des Randes
festzuklammern. Er brllte grimmig vor Schmerzen in dem wunden Bein, an dein ich
mich festhielt, und versuchte vergeblich, nach mir zu schnappen, oder mit seinen
Hinterfen an der glatten Felswand einen Halt zu fassen; whrend dem gelang es
mir, mit den Beinen und Armen den Rcken des Bren zu umklammern, und so einen
bessern Halt zu gewinnen. Ich rief Weliko aus allen Krften zu, mir zu Hilfe zu
kommen, sah ihn aber nur von dem Wipfel seines Baumes herunterrutschen und hrte
ihn dann eilig davonlaufen, ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, mir
in meiner gefhrlichen Lage beizustehen. Der Br bemhte sich nun, mit seiner
linken Pfote gleichfalls den Felsrand zu fassen, doch lie ihn der Schmerz der
zerrissenen Muskeln nicht dazu kommen. Dagegen sah ich, da seine Kraft
unmglich lange die doppelte Last an einer Tatze wrde tragen knnen und glaubte
uns Beide in wenig Augenblicken schon zerschmettert auf dem Grunde der Schlucht.
Meine Augen rollten in der verzweifelten Lage hilfesuchend umher, als sie
pltzlich etwa 6 Fu unter mir und etwas zur Seite auf einen dort aus der
Felsenritze hervorgewachsenen, jedoch vom Sturm wenige Fu ber dem Boden
abgebrochenen jungen Baum fielen. Ich begriff im Augenblick, da hier die
einzige Mglichkeit der Rettung lag, und ohne mich weiter zu bedenken, lie ich
mich an dem Krper des strampelnden und arbeitenden Thieres hinunter gleiten.
Whrend ich den nach der Seite des Baumes hin gerichteten Hinterfu umklammert
hielt, suchte die Bestie mich mit dem anderen von sich abzustreifen und ri mir
dabei mit der Klaue das linke Ohr vom Kopfe, verletzte mich auch sonst im
Gesicht und an den Armen, da meine Kleidung ganz zerfetzt war, und das Blut aus
vielen Wunden und Schrammen herausflo. Dennoch gelang es mir, mit meinem Fu
den Stamm des Bumchens unter mir zu erfassen und, mich allen Mrtyrern
empfehlend, lie ich den Bren los und mich rittlings auf den neuen Sttzpunkt
niedergleiten. Der Stamm war glcklicher Weise zhe und fest genug, um den Sto
und meine Last zu tragen, und ich fand mich auf ihm reitend in einer, wenn auch
nicht sehr bequemen, doch wenigstens vorlufig gesicherten Lage. Ich schaute nun
nach meinem Feinde hinauf und bemerkte bald, da, obschon von meinem Gewicht
befreit, seine Kraft doch nicht mehr zureichte, ihn lnger zu halten. Nach einem
letzten verzweifelten Versuch, empor zu klimmen, lie die Tatze los, und der Br
strzte dicht neben mir und mich im Falle berhrend, in den Abgrund, aus dessen
Tiefe sein Aufschlagen dumpf emporschallte. Gott gab es, da ich mich in dem
verhngnivollen Augenblick fest an meinen Sitz geklammert hatte, so da mich
die streifende Masse nicht aus dem Gleichgewicht brachte. So war ich nun zwar
meines grimmigen Feindes los, doch meine Lage wahrlich nicht um Vieles besser;
denn vom Blutverlust und von der Angst ermattet, sa ich hier zwischen Himmel
und Erde auf einem schwankenden Baumstamm, der jeden Augenblick nachgeben
konnte, und ohne fremde Hilfe war es mir unmglich, den Felsenrand zu gewinnen,
der mehr als fnf Ellen ber mir lag.
    Der lose Mund der Weiber hat Dir also mit Unrecht nachgesagt, meinte
Miloje, indem er gleichmthig den Schibuck aus dem Munde nahm, da die Moslems
Dir in Constantinopel das Ohr abgeschnitten, weil Du ihnen falsches Gewicht
verkauft!
    Fluch ber sie! murrte der Kiradschia rgerlich, indem er nach dem Handjar
in seinem Grtel fate. Ich wollte, es wagte es ein Mann, um ihm die
Lsterzunge auszureien.
    Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des alten Janitscharen, lachte bei dem
listigen Augenzwinkern des Anfhrers, aber Capitain Depuis, der sich fr die
Geschichte als Jger interessirte, bat eifrig den Gekrnkten, fortzufahren.
Nachdem er ein Paar lange beruhigende Zge von Dampf aus Mund und Nase von sich
geblasen, erzhlte er weiter:
    Gott wei es, mir war schlimm zu Muthe, aber ich hoffte, da Weliko,
obgleich er mich so feig verlassen, bald mit herbeigeholter Hilfe zurckkehren
werde, um mich aus meiner verzweifelten Lage zu befreien, und suchte unterde
eine mglichst bequeme Stellung anzunehmen, das Blut zu stillen und den Kopf mit
einem Lappen meiner Kleider fest zu umbinden. Aber Zeit auf Zeit verging, die
Sonne war schon versunken und der Mond warf bereits sein Licht ber die Felsen,
ohne da sich von Weliko oder, einer menschlichen Hilfe etwas sehen lie, und
mein Geschrei verhallte ungehrt im den Gebirge. Dagegen kam es mir vor, als
hrte ich ein leises Brummen immer nher und nher kommen, und bald konnte ich
mich nicht lnger tauschen; der Br, an den wir gar nicht, oder ihn nach seiner
Gewohnheit entfernt, auf eigene Hand jagend, gedacht hatten, befand sich in der
Nhe und kehrte zu seiner Familie zurck. Das Brummen erscholl jetzt laut und
als ich empor blickte, sah ich ber den Rand des Felsens den Kopf des Thieres
hervorragen, das mich mit grimmigen Blicken und die Zhne nach mir
hinunterfletschend, betrachtete. Es war der Blutwitterung seiner Gefhrtin
gefolgt und fand mich hier in meiner hilflosen Lage; freilich war ich auerhalb
des Bereichs seiner Klauen und Zhne, aber schon der grimmige Anblick des
Thieres, wie es so auf mich herunterstarrte, war hirnverwirrend und ich mute
alle Kraft aufbieten, um meinen Verstand zu behalten. Ich schlo die Augen und
blieb lange Zeit so sitzen; wenn ich aber unwillkrlich, ja, halb gezwungen,
wieder emporblickte, sah ich stets ber mir den Rachen des Bren, und seine
grnlich, gleich leuchtenden Kfern, funkelnden Augen. Stunde auf Stunde verging
so in dieser entsetzlichen Lage, ohne da mein Feind wich; endlich tauchte das
erste Morgengrauen ber die Felsen und Wlder auf. Mit allen Gebeten an Gott und
die Heiligen, die ich irgend auswendig wute, begrte ich das Licht und
schpfte neue Hoffnung, als ich das Thier jetzt sich bedchtig zurckziehen sah.
Aber es geschah nur, um einen so boshaften als wohlberlegten Plan
vorzubereiten, und es sage mir Keiner, da der Br nicht Verstand hat,
mindestens so viel wie ein Trke. Es dauerte nmlich nicht lange, so kam mein
Gegner zurck und trug in seinen Vordertatzen einen Stein, den er ber den
Felsrand nach mir herunterstie. Das wiederholte er mehrere Male, zum Glck aber
waren die Steine entweder klein, oder es gelang mir, durch Bewegungen nach
rechts und links ihnen auszuweichen, so da ich nur unbedeutend beschdigt
wurde. Jetzt aber hrte ich deutlich, wie die Bestie sich bemhte, ein greres
Felsstck zu der Stelle zu schieben und in meiner Angst schrie ich laut auf, als
pltzlich ein Schu und ein Freudengeschrei diesem Hilferuf antwortete, worauf
noch ein zweiter Schu und ein Schmerzensbrllen des tdtlich getroffenen Bren
folgte, und mein Vater mit mehreren Nachbarn an den Rand des Felsens geeilt kam
und mich so unverhofft in meiner freilich klglichen Lage wieder erblickte.
Sofort wurden mir Stricke zugeworfen, die ich um mich knotete und an denen man
mich in die Hhe zog. Ich war so schwach, da ich nicht stehen konnte, und man
mute mich die Felsen hinunter bis dahin, wo die Pferde hielten, tragen.
    Alle hatten mich lngst verloren und hchstens meine Gebeine zu finden
geglaubt, fuhr der Kiradschia nach einer kleinen Pause und einem tchtigen
Schluck Rakih fort, aber Gott und die Heiligen hatten es anders gewollt. Weliko
hatte sich nach seiner Flucht still nach Hause geschlichen und dort, ohne ein
Wort zu sagen, voll Angst ber das angestiftete Unheil, versteckt. Erst als ich
bei Einbruch der Nacht noch nicht wieder erschienen, wurde mein Vater
aufmerksam. Er ging nach dem Pferch und fand zwar die eingetriebenen Pferde,
aber mich nicht. Erst spter gelang es ihm, zu ermitteln, wer diese
zurckgebracht und der Bursche erzhlte nun, da er mich und Weliko mit einer
Flinte habe nach den Felsen gehen sehen. Weliko wurde endlich aus seinem
Versteck hervorgeholt und eine tchtige Tracht Schlge brachte ihn bald zu dem
Bekenntni unsers Unternehmens und des ganzen Vorganges, wobei er denn angab,
da er erst dann geflohen sei, als er mich bereits von der Brin htte zerreien
sehen. Mein Vater und die Nachbarn brachen alsbald auf und schleppten ihn mit
sich, bis zu der bezeichneten Stelle, wo sie so glcklich noch zur rechten Zeit
eintrafen. Den mit so vielen Gefahren verdienten Preis fr die beiden Bren und
die drei Jungen erhielten nun freilich weder ich noch Weliko, sondern den
steckten wohlweislich unsere Vter ein. Dafr aber wurden wir Beide, nachdem
erst mein Kopf geheilt war, noch weidlich ausgepeitscht zur Warunug, da es uns
nicht wieder einfallen mge, auf eigene Hand zur Brenjagd zu gehen. - So bin
ich auch um mein Ohr gekommen!
    Und zu einer Tracht Schlge, sagte Miloje. Schade, da Du nicht ein Jger
geworden bist!
    Gott wollte es so! meinte der Erzhler seufzend. Ich habe spter manchen
Bren geschossen, aber es hat mir keiner so viel Angst gemacht, und bei jedem
dachte ich an die Prgel, die mir mein Vater gegeben. Er war ein chter Bulgare,
mgen die Heiligen gut mit ihm sein.
    Wallah! sagte der Janitschar, was hilft es, zu klagen, wir mssen Alle
sterben. Mir ist der Tod nher wie Dir gewesen, und ich bin ihm entgangen. Das
Schicksal wollte es und da sitze ich auf meine alten Tage, der ich ein
Lnderbesitzer war und ein Haus in Constantinopel hatte, und rauche mit den
Djaurs!
    Erzhle es uns, Effendi, bat der franzsische Capitain. Meinst Du Dein
Entwischen aus der Niedermetzelung der Janitscharen? - Ich wnschte schon lange,
den Hergang etwas umstndlicher zu erfahren, als damals die Zeitungen meldeten
und die Bcher erzhlen.
    Mashallah, entgegnete der alte Trke melancholisch, was ich Euch erzhlen
will, Fremdlinge, regt eine Wunde in meinen Eingeweiden auf, die das Alter und
fast dreiig Sommer nicht haben schlieen knnen. Allah sende ihm Unglck, der
dies gethan - es liegt Staub auf dem Grabe des Groherrn Mahmud und die Inglis
und Franken wren nimmer nach Stambul gekommen, wenn die heiligen Orta's nicht
vertilgt worden aus dem Strahl der Sonne! - Der Prophet zrnt mit den Glubigen
und hat ihr Land in die Hnde der Dschaur's gegeben.
    Wit Ihr, wer mit Euch spricht, Fremdlinge? Melek-Ibrahim, der Oda-Baschi4
der Zagrandschi's von der 64. Orta5 des heiligen Stambul.
    Ich hatte ein Weib genommen und zwei tscherkessische Sclavinnen, denn mein
Einkommen war reichlich und der Tschor-Baschi6 mein Freund. Wir wohnten in einem
eigenen Hause in Cassi-Pascha7 und nur im Sommer zog ich alljhrlich nach dem
Balkan auf mein Spahilik, das ich von Selim, meinem Bruder, geerbt im Ejalet8
von Widdin. Mein Weib und die Sclavinnen vertrugen sich anscheinend gut bis auf
kleine Znkereien, denn ich fhrte krftig den weien Stab und litt es nicht,
da die Frauen mir in den Bart lachten. Zwei Kinder erfreuten mein Herz, ein
Knabe und ein Mdchen, die mir beide meine Lieblingssclavin geboren, denn mein
Weib war unfruchtbaren Leibes. Irene, die Mutter meiner Kinder, war schn wie
die guten Geister, die den Glubigen umschweben. Ihr Antlitz war wie die
Mandelblthe und ihre Lippen glichen den rothen Granaten.
    Aber das Kismet lt sich nicht abwenden. Schwarze Wolken zogen auf am
Himmel der Ienethtschjeri und das Antlitz des Groherrn verdunkelte sich gegen
seine tapfersten Kinder vor den Einflsterungen falscher Franken, und man nahm
uns unsere Rechte und wollte uns zwingen, zu fechten gleich den Christen.
    Der Bluttrinker hatte den Nizam gemacht und die Topschi's9, die unsere
Feinde und Neider waren von Anfang an. Es kam damals viel Unheil ber die
Msselmans, denn Alles sollte anders werben, als es die Vter hinterlassen, und
der Groherr hate uns, weil wir dem widerstanden und man ihm flschlich
hinterbracht, da Viele aus den Orta's der Buluk10 den Glauben des Propheten
schmhten und heimliche Christen wren.
    Fluch ber die Grber der Lgner!
    Ich wohnte, wie ich gesagt, im eigenen Haus, wie viele meiner Brder, und
nicht in der Oda11 unsers Corps. Aber tglich war ich bei meiner Orta und wute,
was vorging. Es war im selben Mond, den wir jetzt schreiben, im Jahre
Zwlfhundertundvierundvierzig der Hedjira12, als der Bluttrinker die neuen
Krieger machte, die man Askeri-Muhammedije nannte. Wir sollten unsere Kaserne
hergeben oder Alle in ihr wohnen, keine Reikuchen mehr vor den Thoren des
Divans erhalten, und andere Fhrer haben, als die wir selbst erwhlt.
    Der Aga der Ienethtschjeri war ein Verrther, ohne da wir es wuten, unb er
hatte uns dem Hunkiar lngst verkauft, bevor wir es ahnten. Aber der
Kjetchuda-Bey13 Mohamed und sein Kul-Kjetchuda14 waren treue Ienkridschari's und
standen zu uns mit ihrem Blut. Es war am Abend des dreizehnten Tages im Monat15,
als ich zu meiner Oda vor dem Thore von Pera kommend, das nach Therapia fhrt16,
die kupfernen Kessel ausgehngt und die Mnner des Buluk in wilder Aufregung
fand17. Ein Hat18 war verkndet worden, worin uns Hussein-Aga befahl, die
Waffen, die wir schon lngst nicht mehr tragen durften in den Straen Istambols,
abzuliefern in's Arsenal, und da ein Jeder sich einschreiben lassen solle in
die Bataillone der Askeri-Muhammedije, oder keinen Sold empfangen werde, wie
Sultan Orkan seligen Andenkens doch bestimmt hat. Da zerrissen wir unsere Jacken
und schwuren bei den Kesseln, da wir den Schimpf und die Unterdrckung nicht
lnger dulden wollten. In allen Oda's Constantinopels waren die Koridschi's19
diese Nacht versammelt und es gingen und kamen Boten von einer zur andern. Als
der groe Halbmond der Aya20 gerthet war vom ersten Sonnenstrahl, da zogen von
allen Seiten herbei die Orta's: die Zagrandschi's oder Aufseher ber dir Hunde,
die Samsondschi's, die Aufseher ber die Bullenbeier, die Tumandschi's, die
Wchter der Windhunde und Falken, und die Orta's der Sumangs, der Schtzen. Am
Platz der Oda, welche der gesegneten Moschee des Frsten Schekzade gegenberlag,
stieen die Orta's zusammen und die Straen waren von mehr als zwanzigtausend
Ienethtschjeri's gefllt. Dann erhob sich eine Stimme aus der Menge und rief uns
auf, zum Palast des Hussein-Aga zu ziehen, der uns verrathen, und von ihm unsere
Rechte zu fordern. Der Palast lag unsern des Thurmes der Feuerwchter und wir
zogen dahin und zerstrten ihn, bis er der Erde gleich war. Dann nahmen wir den
Weg gegen das Serail und lagerten vom Horn bis zur goldenen Pforte und forderten
Gerechtigkeit von dem Groherrn.
    Wir waren die Herren von Constantinopel, aber wir waren Kinder in unserm
Willen und Staub vor dem Hauch der Verrther. Die Boten des Sultans erschienen
vor uns und verkndeten uns, da alle Beschwerden untersucht und abbeholfen
werden sollten, wenn die Orta's sich in ihre Kaserne zurckziehen und dort
verhandeln wollten. Wir glaubten den Versicherungen lind gingen, die Becken
schlagend, nach unseren Oda's zurck, obgleich Viele von uns ein bedenkliches
Gesicht machten, denn wir wuten, da die Topschi's, unsere Feinde, bereit
standen, und die Schiffe des Kapudan, mit dessen Galiondschi's wir stets in
Streit lagen, hatten sich vor die Stadt gelegt. Dennoch gehorchten wir dem
Befehl unserer Fhrer; Fluch dem Teufel, der uns blendete, es war unser
Verderben. Das Schicksal wollte den Untergang der Ienethtschjeri's.
    Whrend wir in den groen Hfen der Oda's lagerten, kamen Boten des
Groherrn zu uns und redeten mit uns, Bismillah! Einer so und der Andere anders,
Alles Wind, was von ihren Lippen kam. Sie sollten uns nur hin halten, bis die
Mrder bereit waren: was kann ich sagen, - sie brachten uns einen Sack voll
Lgen und auf dein Grunde war der Tod.
    Auf dem Atmeidan hatte der Sultan inde die geheiligte Fahne des Propheten
erhoben gegen die Ienethtschjeri's, und das Volk glaubte der Verlumdung, da
wir heimliche Christen wren, und war gegen uns. In groen Haufen zogen sie
heran, an ihrer Spitze die Topschi's mit den Kanonen, und der Scheik ul Islam
schleuderte seinen grimmigsten Fluch gegen unsere Hupter.
    Zu spt sahen wir ein, da wir Thoren gewesen und wir beschlossen,
wenigstens als Mnner zu sterben. Ich habe nicht das Verderben meiner Brder in
Stambul geschaut, wie sie niedergemetzelt wurden, gleich einer Heerde von
Schlachtvieh, aber wir hrten das Geheul der Schlchter bis zu uns dringen auf
den Hhen der Griechenstadt. Durch die Straen Stambuls sto das Blut in rothen
Strmen und auf dem Atmeidan, der so oft unsere Spiele gesehen, lagen die
Leichen der Tapfern hoch bereinander, und das Volk spie sie an und
verunreinigte die Grber ihrer Vter.
    Inshallah! es war um die Stunde, da der Imam am Abend den Azam vom Minaret
singen soll, - aber es dachte Niemand der heiligen Pflicht, - als die Wrger
sich gegen uns kehrten. Wir hatten selbst das groe Thor der Oda verrammelt und
hielten uns in den Gemchern und auf dem Hof, als sie vier Kanonen herbeifhrten
und vor dem Thor aufstellten. Schande, Schande! es waren ihrer Viele und sie
umgaben das ganze Haus mit einer langen Reihe.
    Wir hatten zwar Waffen, die Pistolen in unseren Grteln, die Flinte auf
unserm Nacken - aber das Pulver hatte man lngst aus den Oda's geholt und es
blieben uns wenige Schsse zur Vertheidigung des Lebens.
    Man forderte uns auf, einzeln herauszukommen und die Waffen abzulegen. Viele
von uns glaubten ihnen und gingen heraus, aber als sie entwaffnet unter ihnen
standen, fielen die Topschi's ber sie her und schnitten ihnen die Kpfe ab.
    Da beschlossen wir zu sterben - tausend tapfere Krieger, tausend Mnner voll
Kraft und Muth!
    Wir schlugen auf die Becken und huften Koth auf die Grber ihrer Vter.
Darauf befahl Hussein-Aga, der Verrther, der selbst herbeigekommen, Feuer
anzulegen an die Oda des Buluk.
    An vier Seiten wurde das Feuer gehuft und die rothe Flamme stieg lustig in
die Hhe, wie grimmig wir auch gegen die Mordbrenner kmpften. Viele versuchten,
aus den Fenstern zu entkommen, aber die Kugeln und die Bajonnete unserer
wachsamen Feinde tdteten sie. Immer unertrglicher wurden die Hitze und der
Qualm, und die Flammen fllten jeden Raum. Gar viele tapfere Ienethtschjeri
gingen im Feuer in des Propheten Schoo.
    Dann rumten wir selbst die halbverbrannten Balken fort, mit denen wir das
Thor verrammelt, und ffneten weit die Pforte. Ein dichter Haufe von Kriegern
ergo sich hinaus, um den Weg der Rettung mit dem Sbel in der Faust sich zu
bahnen. Drei Mal versuchten wir es, drei Mal warf der Strom der Karttschen aus
ihren Geschtzen den Strom der Menschen zurck und hohe Wlle von Leichen
thrmten sich vor dem Thore.
    Ein altes Gesetz heit die Ienethtschjeri drei Mal gegen den Feind anrennen.
Als wir es zum dritten Male vergeblich versucht, ohne da Allah uns Sieg und
Rettung gegeben, fgten die Meisten sich in das unabnderliche Schicksal und
erwarteten ruhig das Ende.
    Denn die Mrder wollten uns nicht lebendig, und whrend die Mauern umher
brannten, sandten fort und fort die Kanonen ihren eisernen Hagel durch das Thor
und die zngelnden Flammen.
    Aman! Aman! In Bergen lagen die Leichen umher und der Gestank der
verbrennenden Leiber und die Hitze waren frchterlich! -
    Was soll ich noch sagen? - Wir waren unserer an Zwanzig, die sich im Schutz
einer Mauer im Innern des Hofes zusammengefunden, Viele, darunter auch ich, zu
Pferde, wie wir in die Kaserne gekommen. Wir beschlossen, fechtend zu sterben
oder uns durch die Feinde zu schlagen, und als das Feuer der Kanonen einen
Augenblick schwieg, brachen wir durch ein Seitenthor ber Leichenhaufen und
Trmmer hervor. Rauch und Qualm umgab uns und wir waren mitten unter ihnen, ehe
sie es wuten. Was soll ich Euch erzhlen von dem Schlachten, das erfolgte, -
Mashallah! es war ein Meer von Blut, von blitzenden Sbeln, von Bajonneten und
pfeifenden Kugeln um mich her, - was kann ich sagen? als ich wieder von mir
selbst wute, jagte ich ber die Felder von Demetri mit einer tiefen Wunde in
der Schulter, ohne Mtze und Waffen, und um mich war Nacht, nur in der Ferne
erhellt durch die Feuerstrme gen Himmel, in denen der Groherr die alten
Sttzen seines Reiches verbrannte. Auf dem Campo zwischen den weien Grbern
strzte mein Pferd - Bismillah! - es war ein treues Thier und hatte mich aus der
Gefahr getragen. Ich setzte den Weg zu Fu fort nach meinem Hause - und es war
mein Glck, da Angst und Furcht noch alle Thren und alle Fenster verschlossen
hielt. Der Morgenstern begann bereits zu erlschen, als ich in die Nhe meiner
Wohnung kam, aber ich war so schwach, da ich auf einen Stein niederfiel. In der
Ferne hrte ich wilden Lrmen durch die Straen und meine Eingeweide
erzitterten. Da stand pltzlich ein Mann vor mir und rief meinen Namen. Ich
wute, da ich verloren und beugte mein Haupt dem Todesstreich. Aber eine
freundliche Hand half mir empor und zog mich fort. Es war Paswan, der
Kiradschia, der jetzt an meiner Seite sitzt. Sein Haar war damals schwarz, seine
Haut jung und glatt, und obschon er ein Dschaur war, hatte er doch das Herz
eines Glubigen.
    Der greise Janitschar unterbrach seine Erzhlung und nickte freundlich mit
dem Haupt nach dem Genannten.
    Dann fuhr er fort:
    Zwei Jahre vorher hatte das Kismet es gewollt, da ich dem Kiradschia
begegnete und ihn aus der Hand schlimmer Albanesen befreite, die seine Waaren in
Beschlag genommen und ihn tdten wollten eines Zankes halber. Seitdem waren wir
Freunde geblieben und er kam zu mir, so oft seine Geschfte ihn nach Stambul
fhrten.
    Unglcklicher, wo willst Du hin? fragte mich mein junger Freund, weit Du
nicht, da Tod fr Dich lauert aus jedem Schritt? - So will ich Abschied nehmen
von den Meinen und sterben. Der Zorn des Wrgers ist ber uns. - Komm, sagte
Paswan, ich werde Dich retten. Man wird die Huser aller Ienethtschjeri
durchsphen und Dein und der Deinen Verderben wre dann sicher. Ich war bereits
an Deinem Hause, um Dich zu warnen, und will Dir jetzt helfen, da Gott Dich
bewahrt hat. -
    Er verband, so gut es ging, an der einsamen Stelle, an der wir uns befanden,
meine Wunde, hllte mich in seinen Mantel und setzte mir seine Mtze auf. So
fhrte er mich in die engen Gassen des Griechenquartiers bis zu dem Schuppen
eines Handelsfreundes. Dort verbarg er mich zwischen Ballen und Koffern.
    Es war ein bser Tag, den ich da zubrachte, und wohl zehn Mal wollte ich
mich herausstrzen, um das Verderben meiner Brder zu theilen, das noch immer,
gleich dem schwarzen Engel, seine Flgel ber Stambul breitete. Ich hrte das
Umherziehen der Wrgerschaaren, wie sie die Huser erbrachen, um die versteckten
Ienethtschjeri aufzusuchen, und das Geschrei der Weiber und Kinder. Christen, an
diesen drei Tagen, denn ich blieb zwei Tage und zwei Nchte in meinem Versteck,
waren achtzehntausend Ienethtschjeri im Kampf umgekommen und hingerichtet
worden. Der Scheik ul Islam hatte durch einen Fetwa den Fluch aus unser
Geschlecht geworfen.
    Zwei Mal im Laufe der zwei Tage erschien Paswan in meinem leichten Versteck,
aus dem er ohne Gefahr mich doch nicht fortfhren konnte, wusch meine Wunden und
brachte mir Nahrung. Mein Herz drstete aber nur nach Kunde von den Meinen.
Endlich am dritten Morgen kam er und sein Auge war trbe, sein Antlitz bleich.
    Freund Ibrahim, sagte er zu mir, die Stunde ist da, wo Du zeigen mut, da
Du ein Mann bist. Ziehe diese Kleiner an, frbe Deine Arme und Dein Gesicht mit
dieser Schwrze und la mich Deinen Bart abschneiden. Die Soldaten des Groherrn
halten scharfe Wache und ein Zucken Deines Auges kann mich verderben, wenn Du
nicht genau meine Worte erfllst.
    Aber meine Frauen und meine Kinder! Ich schwre bei meinem Bart, da ich
Stambul nicht verlassen will, wenn ich nicht zuvor mein Haus wieder gesehen. -
    Wenn Du bei den Kesseln der Orta gelobst, entgegnete Paswan, da Du damit
zufrieden sein und erst weiter forschen willst, wenn wir Stambul im Rcken
haben, soll Dein Verlangen erfllt werden. -
    Ich gelobte und litt geduldig die Schmach, da der Christ meinen Bart
abschor und mir die Kleidung eines schwarzen Sclaven anlegte. Dann fhrte er
mich heraus aus meinem Versteck und bis zu einem entfernten Hofe, in dem zwei
beladene Pferde standen, nebst zwei anderen fr uns bestimmt. Wir schwangen uns
in die Sttel und nahmen Jeder den Zgel eines der Packthiere; so ritten wir auf
die Strae.
    Es war ein schlimmer Anblick fr mich. Auf den Pltzen, ber die wir kamen,
sah ich berall die abgeschlagenen Kpfe meiner Brder aufgesteckt und hrte die
Verwnschungen des betrogenen Volkes gegen uns. Meine Eingeweide zitterten, als
mein Freund zur Strae einbog, die zu meinem Hause fhrte. Ein Blick von ihm
mahnte mich zur Vorsicht, aber obschon ich ein Mann war und in Schlachten
geprft, schrumpfte mein Herz zusammen, als ich von Ferne vieles Volk um die
Sttte versammelt sah, da mein Haus gestanden hatte. Denn meine Augen suchten
vergeblich nach ihm, es war von der Erde vertilgt und nur eine Brandsttte noch,
von der der Dampf empor qualmte. Zwischen den rauchenden Trmmern stand auf
einer Stange eine Tafel mit den Worten:
    Melek-Ibrahim, der Oda-Baschi der verfluchten Ieuethtschjeri, ist verflucht
mit Allen seines Geschlechts!
    Das Kismet hatte mich schwer getroffen und ich wollte mich herabstrzen vom
Pferde und die Asche meines Glckes streuen auf mein Haupt, aber Paswan war an
meiner Seite und mahnte mich an mein Gelbni, und seine Hand fate die Zgel
meines Pferdes und fhrte mich davon. Inshallah! es war mein Schicksal und das
Unglck ber mir. Erst als wir die sen Gewsser hinter uns hatten und auf der
Strae von Edrene davonritten, die wir bald wieder in's Land hinein verlieen,
um aller Verfolgung zu entgehen, erzhlte mir der Bulgare von dem Schicksal der
Meinen. Die Khanum, die ich an meinem Herzen gehabt, mein rechtmiges Weib, war
der Teufel gewesen, der mein Glck zerstrt hatte. Schon lange hatte sie still
in der Brust, ohne da ich es bemerkt, Eifersucht und Ha getragen gegen die
griechische Sclavin, die mir zwei Kinder geboren, und als die Verfolgung der
Jenethtschjeri begann und sie wute, da sie Nichts von mir zu frchten hatte,
da war sie davongegangen und hatte mich angeklagt als heimlichen Christen und
die Wrger selbst in mein Haus gefhrt. Die Mutter meiner Kinder hatten die
Henker als Sclavin verkauft, meine Diener waren verjagt und meine Kinder
verschwunden, verkauft vielleicht auf einem fernen Slcavenmarkt, trotz des
Propheten Gebot, und Keiner wute ein Wort von ihnen zu sagen, ich war ein
entbltterter Stamm.
    Was soll ich weiter sagen - mein Schicksal ist besiegelt. Mein Retter fhrte
mich glcklich durch den Balkan und ich fand Schutz bei Mollah-Pascha, dem Vali
von Widdin, der den Jenethtschjeri heimlich Freund war und gegen die Neuerungen
des Groherrn kmpfte. Aber der Wrger meines Stammes selbst kam in's Land,
Hussein ward vom Sultan zum Dank fr die Vernichtung meiner Brder zum Pascha
von Widdin gemacht und ich mute nochmals fliehen aus meinem Spahilik vor meinem
grimmigsten Feinde. Wiederum war es Paswan, der mir die Kunde der Gefahr brachte
und mich zu seinen Verwandten in's Gebirge fhrte. Mein Schicksal wollte es, ich
habe mit ihnen gefochten gegen die Krieger des Groherrn, bis ich alt geworden
bin und das, was Ihr von mir sehet. Ich werde bald eingehen zum Paradiese des
Propheten, denn siebenzig Winter liegen auf meinem Haupte, aber, wenn ich ihrer
noch siebenhundert lebte, das Herz Ibrahim's, des Jenethtschjeri, wrde dankbar
bleiben fr Paswan, den Bulgaren.
    Der alte Janitschar schwieg melancholisch und dampfte groe Wolken aus
seinem Tschibuk. Er war vielleicht der Einzige, der noch brig geblieben von
jener einst so furchtbaren Schaar, dem Schrecken Europa's. Sein Freund, der
Kiradschia, noch im krftigen Mannesalter und wohl fnfzehn Jahre jnger als er,
reichte ihm die Rakihschaale. - Es war Dein Kismet, Freund Ibrahim, - wer kann
es ndern?
    Und hast Du auch spter keine Kunde erfahren, was aus Deinem
verrtherischen Weibe und den Kindern geworden ist? fragte theilnehmend der
Arzt.
    Allah bilir - Gott allein wei es. Ich habe vernommen, da vor einiger Zeit
ein altes Weib in Madara gestorben ist, deren nachgelassene Habe die Zeichen der
64. Orta der Jenethtschjeri und den Namen Ibrahim trgt. Ein altes Weib ist ein
groes Uebel, aber dennoch wird es Paswan nicht versumen, nachzuforschen, wenn
er morgen mit Euch in Madara bernachtet.
    Das Ziel unserer nchsten Tagereise ist das berhmte Dorf Madara? fragte
der franzsische Capitain.
    So ist es. Es liegt abwegs im Gebirge, aber Ihr werdet sicherer reisen in
meiner Begleitung, sagte der Kiradschia.
    Ei, Ventre bleu! lachte Depuis, ich wrde auch einen strkern Umweg nicht
scheuen, um das berhmte Amazonennest zu besuchen. Sie kennen seine Geschichte,
Doctor?
    Ich bin nicht so glcklich.
    Dann rsten Sie sich, Doctor, und schicken Sie vorlufig alle Prderie und
Keuschheit zum Henker. Madara ist das Paradies der trkischen Frauen in dieser
Welt und die Opfersttte der Mnner. Es ist der einzige Ort in der ganzen
Trkei, wo die Frauen Frauen sein drfen und lieben, wen sie wollen, ohne gleich
frchten zu mssen, dafr gesackt und gekpft zu werden. Madara ist das
Capadocien der alten Amazonen und die Wlaskaburg der bhmischen Mgde. Wei der
Teufel, ob seine Rechte sich noch, aus der alten Heidenzeit herschreiben, so
viel aber ist sicher, da weder Christ noch Trke die Vorrechte dieses seltsamen
Asyls je zu brechen versucht. Es ist ein Weiberstaat im Kleinen. Hierhin
flchten sich alle Frauen und Mdchen aus der ganzen Trkei, die irgend einem
grimmigen Vater oder Mann entlaufen sind. Wenn sie die Grenze dieses kleinen
Reiches berschritten haben, sind sie freie Brgerinnen desselben bis zu ihrem
dreiigsten Jahre. Kein Mensch, selbst der Sultan nicht, darf sie zurckfordern,
aber eben so wenig drfen sie vor jener Zeit freiwillig das Asyl wieder
verlassen. Mit ihrem dreiigsten Jahre hrt die Zeit des Vergngens und der
Freiheit auf, die Aelteren mssen, wollen sie den Ort nicht verlassen, dann die
Geschfte der Dienerinnen versehen und fr ihre jngeren Schwestern putzen,
waschen, kochen, braten und backen, sen und ernten, was wei ich! Kurz, so viel
ist sicher, da es junge Schnheiten und alte Weiber zur Genge in Madara
giebt!
    Und sind die Mnner ganz daraus verbannt?
    Ei, mit nichten! Das ist eben das Vortreffliche an der Sache. Man munkelt
darber hchst seltsame Geschichten, die meine Neugier auf's Aeuerste gespannt
haben. Ventre bleu! Man wird mich beneiden in der ganzen franzsischen Armee,
wenn ich eine Nacht wirklich und wahrhaftig in Madara zugebracht habe. Effendi
Paswan, Ihr zernarbtes Spitzbubengesicht, wit gewi mehr von den Geheimnissen
des Amazonendorfes zu erzhlen. Heraus damit!
    Der Kiradschia lchelte.
    Als ich noch jnger war, sagte er, fhrte mein Weg mich wohl fter dahin,
ich will es nicht lugnen. Ich war gern gesehen unter den Frauen und bin es
noch, denn ich bringe ihnen Seide von Brussa, Stickereien von Constantinopel,
die Wohlgerche von Edreneh und die Leckereien von Chios. Nicht Jeder darf ber
die Grenze der Frauen, aber wer mit einem Freunde kommt und ein freier Mann ist,
ist ihnen willkommen.
    Aber die Bedingungen? die Bedingungen des Eintritts, Alter? forschte
eifrig der Capitain.
    Was soll ich sagen - Ihr werdet es selbst schauen. Wer eintritt in Madara,
mu sich den Gesetzen des Dorfes fgen - Ihr seid Beide noch jung und werdet
schwerlich ein Nachtlager auf dem Grase der Berge vorziehen. Doch es ist nthig,
da wir das unsere halten, denn wir mssen aufbrechen, ehe die Sonne die Gipfel
der Berge rthet. Schlaft wohl, Franken!
    Er hllte sich in eine groe wollene Decke und sttzte sein Haupt auf eines
seiner Waarenpackete. Wenige Minuten darauf war er in tiefem Schlaf, inde
Ibrahim, der greise Janitschar, unverndert an seiner Seite sitzen blieb und
Wolke auf Wolke hinaus in die Nachtluft qualmte.
    Miloje, der Capitano der Schaar, lud gleichfalls seine beiden unfreiwilligen
Gastfreunde ein, die Ruhe zu suchen und fhrte sie nach einer der leichten
Htten, die er ihnen allein zu ihrer freilich sehr geringen Bequemlichkeit
berlie. Bald war das Feuer erloschen und heilige Stille um die Schlfer her,
nur unterbrochen von den pltschernden Wellen des Gebirgsbaches oder dem Schrei
eines Nachtvogels. - - -
    Mit dem ersten Tagesgrauen weckte der Kiradschia seine Reisegefhrten. Ehe
sie ihre Htte verlieen, hatte er bereits seine zwei Packpferde mit ihrer Last
versehen und Nursah und die Haiducken hatten die Pferde gesattelt. Paswan
drngte zum Aufbruch, das Frhstck, aus Kaffee und hartem Brot bestehend, war
bald verzehrt und nach wenigen Augenblicken saen sie im Sattel.
    Miloje und einige seiner Gefhrten begleiteten sie zurck bis in die Nhe
der groen Strae, dann schieden sie mit herzlichem Hndedruck. Die kleine
Gesellschaft war auf dieser erst eine kurze Zeit vorgegangen, als ihr Fhrer sie
wieder verlie und einen kaum erkennbaren Seitenweg einschlug. Doch schien er
mit dieser Gegend auf das Genaueste vertraut, denn die wilden Pfade, die er sie
fhrte, wurden von ihm ohne die geringste Zgerung gewhlt und waren, wenn auch
mhsam, doch gangbar fr die Pferde. Unter verschiedenen Gesprchen, zu welchen
die eigentmlichen Sitten ihrer nchsten Lagersttte nicht den wenigsten Stoff
abgaben und die vielfach durch die Erzhlung eines Abenteuers des Kiradschia's
in den verschiedenen Lndern gewrzt wurden, kamen sie vorwrts, und als die
Sonne sich zu neigen begann und die trkische Tagesrechnung ihrem Ende nahte,
sagte der Fhrer ihnen, da sie nahe am Ziel wren.
    Obschon die wilde oft Grausen erregende Natur des Hochgebirges, rauhe
Felsenmassen, abwechselnd mit ppig grnen Matten, seine Aufmerksamkeit
vollstndig in Anspruch nahmen, war es doch dem Arzt nicht unbemerkt geblieben,
da sein Diener Nursah wieder whrend des ganzen Tages ein unruhiges, seltsam
befangenes Wesen zeigte. Bald ritt er trumerisch dahin, in tiefe Gedanken
versunken, bald drngte er sich hastig und auffallend an seinen Herrn, und seine
Blicke hingen ausdrucksvoll und doch mit einer gewissen Scheu an diesem.
    Sie hatten den Gipfel des Balkans berstiegen und befanden sich bereits -
wenn auch im Hochgebirge, auf den sdlichen Abhngen desselben, die schon von
den milden Winden des geischen Meeres bestrichen werden und auf denen die Rose,
der Wein, die Myrthe und die Feige in ppiger Fruchtbarkeit gedeihen. Zwischen
rauhen Felsenmassen dahin reitend, dem Zug eines Gebirgsbaches folgend, ffnete
sich pltzlich vor ihnen ein weites Gebirgsthal mit aller ppigen Vegetation der
tiefer liegenden Landschaft Zagora. Von hohen Bergen umschlossen und geschtzt
vor den rauhen Strmen des Hochgebirges lag es da in seiner grnen Pracht, die
Prairie mit ihrem fast mannshohem Grase, ppige Getreidefelder von Myrthen- und
Feigenhecken eingehegt, an den Platanen und Eichen die Ranken des Weins
emporstrebend, weite Grten von Rosen und wohlriechenden Krutern, ein Hauch
wollstigen Duftes und lieblicher Schnheit ber dem ganzen Eden!
    Madara!
    Es war die Colonie der trkischen Frauen, jenes so selten erreichte
Zauberland der Reisenden im Balkan.
    Von der Hhe, wo sie hielten, konnten sie das aus zahlreichen Grnen
versteckten und zierlich gebauten Husern bestehende Dorf und die seltsamen
Bewohnerinnen in Gruppen versammelt sehen - in dem klaren Gebirgsstrom ihre
Abendwaschungen verrichtend, auf munteren Pferden umherjagend durch das Thal,
oder durch die Felder schweifen, Krnze windend von duftenden Blumen - alle
bunten Trachten des Orients, wallende farbige Gewnder, die Schnheit unverhllt
prangend im Strahl des Lichts.
    Reizendes Madara! Oase im Frauen- und Liebesleben des Orients!
    Sie lenkten ihre Pferde zum Thal, bezaubert von dem wunderlieblichen
Anblick, aber schon waren auch sie bemerkt, und die Gruppen der Frauen und
Mdchen in der Tiefe begannen sich zu sammeln. An den Trmmern eines Thurmes,
der weit ber das Thal ragte, sprengte ihnen eine Gruppe von Frauen entgegen,
Frauen, die, obschon theilweise noch schn und frisch, doch offenbar schon jenen
Wendepunkt berschritten hatten, den die Erzhlung des Kiradschia, als die
Trennung von ungezgelter Freiheit zum Leben der Arbeit und der Mhen des
kleinen seltsamen Staates, angegeben hatte. Ihre Hand fhrte keck den Zgel, die
Flinte hing am hohen Sattel, im Shawl, der die Hften umschlang, steckten blanke
Feuerwaffen. Schon von ferne ertnte ihr Haltruf.
    Als sie nher heran kamen, ritt ihnen Paswan, der Kiradschia, entgegen, und
kaum, da sie ihn erkannt, erhob sich ein gellendes Freudengeschrei in die blaue
Mailuft, denn wo in den Lndern wre der wandernde Kaufmann nicht willkommen,
der Kunde bringt von dem Leben drauen hinter den Bergen oder den Wldern, der
Putz und Zier, Schmuck und alle jene hundert Gegenstnde mit sich fhrt, die
Frauenaugen lieben und bewundern.
    Seid gegrt, Kiradschia Paswan, Du und Deine Gefhrten, sagte die
Fhrerin des Zuges. Mgen sie eintreten in Mdara's geheiligte Grnzen und Brot
mit uns brechen, wenn sie unseren Gesetzen sich fgen wollen. Sage uns, ob Deine
Freunde freigeborene Mnner sind, die allein Anspruch haben auf die Rechte
unserer Gste?
    Sie sind es, o Khanum, bis auf einen armen nubischen Sclaven.
    Mge er zur Bedienung seines Herrn mit ihm gehen. Die Weiber von Madara
werden ihm ihren Leib, aber nicht ihr Brot verweigern. Deine Freunde sind
bereit, unser Gesetz zu erfllen?
    Der Kiradschia blickte nach seinen Reisegefhrten lchelnd um.
    Sie werden es, Licht meiner Augen!
    So seid uns willkommen und mge Euer Eingang gesegnet sein!
    Sie scho ihre Flinte in die Luft ab und wandte ihr Ro; ihre Gefhrtinnen
folgten dem Beispiel und Alle jagten den Abhang hinab, whrend die Fremden
langsam folgten, mit gespannter Aufmerksamkeit auf das nun kommende Schauspiel.
Bald darauf verkndete ihnen ein lautes Freudengeschrei, wie die Wchterinnen
des Thales dessen Bewohnerinnen wahrscheinlich die frohe Nachricht gebracht, da
ein Kiradschia mit seinen Waaren komme, sie zu besuchen; denn von allen Seiten
sah man die Frauen zu dem Eingang des Dorfes eilen.
    Als die Reisenden um ein dichtes Gebsch bogen, das ihnen einige Zeit die
Aussicht auf das Dorf benommen hatte, kam ihnen von dessen Eingang her ein
seltsamer, berraschender Zug entgegen, eine Anzahl junger und schner Frauen
oder Mdchen, einige das Tambourin oder Becken schlagend, andere aus zierlich
geflochtenen Krben mit Rosen den Weg bestreuend, und Alle ein bulgarisches Lied
singend, das mit seinen eigenthmlich melancholischen Klngen sie, willkommen
hie.
    Die Frauen umringten die Pferde der Reisenden und, Blumenkrnze durch ihre
Zgel schlingend, fhrten sie die Gste im Triumph in ihr merkwrdiges Dorf, und
bis in die Mitte desselben, die einen freien Platz bildete. Es kam dem Arzt ganz
eigenthmlich vor, sich hier umgeben von mehr als drei- oder vierhundert schner
Frauen zu sehen, die sie umdrngten, alle redend, durcheinander schnatternd,
alle ihn mit offenen Blicken musternd, unverhllt durch den hlichen Yaschmak,
ihren Putz und ihre Schnheit zur Schau tragend, beweglich, froh und frei, statt
der trbseligen bewachten Gestalten, die er seit Jahresfrist fast allein zu
schauen bekommen hatte.
    Der franzsische Capitain wute sich vortrefflich in die Lage zu finden und
kauderwelschte und scherzte bereits nach allen Seiten hin, so gut es ging. Auf
dem Platz, an dem der Zug hielt, stiegen sie von den Pferden, und alsbald wurden
diese, nachdem sie des Gepcks entledigt worden, nach einem offenen Schuppen
gefhrt und mit reichlicher Nahrung versehen. Wie die Beiden von dem Kiradschia
erfuhren, waren sie, obschon in der Kriegszeit das Thal hufiger besucht, als
sonst, ja ein Mal sogar mit Einquartirung belegt wurde, doch heute die einzigen
Gste, und der Eifer, sie zu bewirthen und zu unterhalten, daher desto grer.
    Es schien zur Aufnahme der Fremden eine Anzahl zierlicher Wohnungen in
dieser seltsamen Republik in Bereitschaft gehalten zu werden, denn der
Kiradschia, der Arzt und der Capitain, so wie dessen Diener, wurden Jeder
zunchst in ein abgesondertes Huschen gefhrt, um von demselben Besitz zu
nehmen, und dann eingeladen, ein trkisches Bad zu nehmen, in dem alte Frauen
sie bedienten. Nur der schwarze Sclave Nursah durfte das Haus seines Herrn
theilen, da die orientalischen Frauen das Princip haben, das hufig auch in der
civilisirten Welt zur Anwendung kommt, den Sclaven oder Diener nicht fr einen
Mann anzusehen.
    Als sie, von dem Bade nach dem langen Ritt gestrkt, wieder auf dem Platz
erschienen, waren Teppiche fr sie ausgebreitet, und whrend der Kiradgia seinen
Waarenballen ffnete und dessen Inhalt vor den funkelnden Augen der Menge
enthllte, die Waaren und Geschmeide Hand in Hand gingen und der Kauf- oder
Tauschhandel geschlossen wurde, umgaben andere Frauen den Arzt und den Offizier,
ihnen Kaffee, Sherbet und Frchte vorsetzend, die Nargileh's in Brand haltend
und sie mit tausend neugierigen Fragen bestrmend.
    Zugleich wurden von den lteren Frauen Anstalten fr die Abendmahlzeit
gemacht. Jeder Franke gilt im Orient fr einen Hekim-Baschi oder Arzt, und als
der Kiradschia verrathen hatte, da der Eine seiner Begleiter ein berhmter
Doctor der Armee sei, wurde der Sturm der Fragen, die fr allerlei eingebildete
Uebel Heilmittel verlangten, immer grer, theilte sich aber komischer Weise auf
den Capitain und den Arzt, denn da beide militrische Kleidung trugen, schien es
den schnen Hilfesuchenden ziemlich gleich, welcher von ihnen der Rechte sei.
    Der Schlag auf ein groes Becken schaffte ihnen endlich Ruhe, indem er den
Beginn der Abendmahlzeit verkndete, und die schnen Bewohnerinnen des seltsamen
Dorfes lagerten sich in Gruppen und Kreisen um die Gste, whrend alte Frauen,
die allein das Gesicht in trkischer Weise verhllt trugen, die Platten und
Schsseln mit Pillaw und gekochtem und gewrztem Geflgel oder den mit gehacktem
Fleisch gefllten Gurken herbeitrugen.
    Die zierlichen, oft eben nicht allzu reinen Finger der Schnen fielen nach
trkischer Sitte alsbald ber die Gerichte her und fr einige Zeit herrschte
Stille in der sonst so lebendigen und lauten Gesellschaft, da die ewig
beweglichen Zungen und Lippen mit der Mahlzeit beschftigt waren.
    Die Fremden, reichlich und mit dem Besten bedient, lieen es sich
gleichfalls schmecken und Welland beobachtete mit Vergngen, wie der
martialische Capitain von zwei schnen, ihm rechts und links sitzenden Frauen,
deren offene Kleidung seine lsternen Augen in Bewegung hielt, gleich einem
sybaritischen Pascha sich fttern lie.
    Die beiden Frauen rollten die Kugeln des Pillaw in der Flche der Hand und
stopften sie mit groen Fleischstcken und Oliven ihm unbarmherzig in den Mund,
und der galante Franzose warf dankbar-verliebte Blicke nach rechts und links,
whrend er fast erstickte.
    Als die Mahlzeit vollendet war und man wieder Pfeifen und Kaffee zur Hand
nahm, wobei der Kreis der Frauen den Mnnern Gesellschaft leistete, begann der
Tanz. Aus den Reihen um sie her traten blumengeschmckte schne Mdchen hervor,
faten einander an weien Tchern an und tanzten den Rundtanz um die in der
Mitte stehende Koripha oder Vortnzerin, indem sie in trkischer, griechischer
und bulgarischer Sprache improvisirte Lieder sangen und Andere das Tambourin
oder eine kleine Trommel dazu schlugen. Dann ergriff Eine oder die Andere die
Guzla, lagerte sich im Kreise ihrer Gefhrtinnen und sang in monotonem
Declamiren ein Gedicht voll Sehnsucht und Liebe, voll Schwermuth und wollstigem
Hauch, in das der Schlag der Nachtigal einstimmte, die aus den Wipfeln der
berall einzeln oder in Gruppen durch das Thal verstreuten Kastanienbume,
Eichen und Cypressen ihre lockenden Tne fltete. Die Rosen hauchten ihren Duft
durch die wrzige Abendluft, leuchtende kleine Kfer funkelten durch die
Gebsche und schwebten umher gleich beflgelten Sternen.
    Dazu klang das heitere Lachen silberner, jugendlicher Frauenstimmen aus den
zahlreichen Gruppen und Kreisen auf dem groen Platz, leichte Gestalten eilten
umher, bald dem eintnigen Vortrag einer Massaldschi oder Mrchenerzhlerin
lauschend, bald eintretend in die Kreise der Tanzenden, oder neugierig sich
herandrngend in jene, die sich um die Fremden gebildet hatten. Und wenn ein
Tanz oder ein Lied beendet war, dann traten die Tnzerinnen und Sngerinnen
nher zu den Gsten, knieeten nieder vor ihnen und breiteten ein weies Tuch vor
ihnen aus, in das Jene einige Piaster warfen; oder sie boten ihnen knieend
Blumen zur Auswahl, und wenn die Hand der Whlenden glcklich die Blume
getroffen, die sich die Darbietende zum Sinnbild erwhlt, klatschte sie frhlich
in ihre Hnde und ihre schnen Gefhrtinnen sandten ihr neidische Blicke zu.
    An der Thr des bescheidenen aber zierlichen Hauses, das dem Deutschen zum
Aufenthalt bestimmt worden, stand der schwarze Knabe Nursah und schaute eifrig
nach der Gruppe um seinen Herrn.
    Sein Auge leuchtete mit einer gewissen Angst und Gluth, - die Blume, die
sein Herr zog, - das Jauchzen der Frauen, wenn er - was zwei Mal geschah, die
richtige getroffen, schien wie ein scharfer Stahl durch sein Herz zu dringen, so
zuckte die ganze Gestalt zusammen, und die kleine Hand prete fest in der ihren
die welke des alten Weibes, das neben ihm stand und mit Luchsaugen die Vorgnge
beobachtete, und bald anregende, bald beruhigende Worte dem Mohrenknaben in's
Ohr flsterte. Dazu klimperten die Finger der Alten lustig und gierig in ihrer
Tasche und der helle scharfe Klang verrieth die Goldstcke.
    Immer lustiger, immer munterer wurden die Kreise auf dem Platz. Der Capitain
leerte seine Brse, um Putz und Schmuck sachen fr die tanzenden und singenden
Schnen zu kaufen, und die Mdchen und Frauen drngten ihm jubelnd die Blumen
auf, ihm selbst die symbolischen Blthen in die Hand drckend, da der galante
Franzose mit den duftigen Frhlingskindern wie berschttet war. Die weien
Hnde der jungen Frauen und Mdchen kredenzten Wein in Schaalen und Bechern, den
goldenen, sen, milden Wein, der an den Hhen des Balkan und drben auf den
Hgeln der Walachei wchst, das dunkle Purpurblut von Gallipoli, den schwarzen
Traubensaft vom Olymp, den milden Duft von Brussa oder das glhende Feuer von
Chios und den Vulkanen Santorins.
    Und immer hher schwoll und stieg die Lust - bacchantisch rasten die Frauen,
durch die schwarze Nacht summten leuchtend die glhenden lsternen Kfer, aus
dem Platanengipfel schlug die Nachtigal girrende, verlangende Tne, das
Tambourin klang zum lustigen Tanze, die Dfte der Rosen, der Myrthen und der
hundert wrzigen Kruter verdichteten die Luft, - die bunten Papierlaternen, die
den Gruppen geleuchtet, verloschen, - der Kiradschia war in sein Haus gegangen,
- zwei Mdchen im Arm, das Kind eines Pascha's und das junge entwichene Weib
eines alten Griechen, jubelte der Capitain und brllte franzsische Opernarien
und lockere Grisettenlieder, - stiller und stiller wurde es auf dem weiten
Platz, - auf die ausgebreiteten Teppiche, in ihre Decken und Schleier gehllt,
lagerten die sen Amazonen von Madara, oder legten ihr Haupt in den Gemchern
und den Tschardaks auf weichen Polstern oder dem harten Holze zur Ruhe - stiller
und stiller wurde es ringsum - nur einzelne verhllte Gestalten nahten in der
duftigen, warmen, ppigen Mailuft den vier Huschen, die den Fremden zur Wohnung
angewiesen waren.
    O, Madara, ses phantastisches Madara, poetische Oase im Schmuz des
Orients!
    Lange schon hatte der Deutsche sich in sein Gemach zurckgezogen und
ausgekleidet auf die weichen Kissen geworfen, die sein Lager bildeten. Er hatte
es kaum bemerkt, wie sorgfltig die Jalousieen geschlossen waren, wie tiefes
Dunkel rings um ihn herrschte, als er die Lampe ausgelscht.
    Er wute, was folgen wrde, er kannte jetzt die Gesetze und Gebruche der
seltsamen Republik und er war kein prder, engherziger Tugendprahler, der sich
den Sitten und Gebruchen des Landes entzog. Durch seine Adern rollte feurig und
krftig das unverdorbene Blut, die Phantasie malte ihm se kstliche Bilder des
Naturgenusses und vor ihm gaukelten die dunkeln, feurigen, mandelfrmigen Augen,
die schmachtend in die seinen gesehen, die Reize, die zum ersten Male ihm
unverhllt erschienen waren.
    Leise Schritte schlrften heran, ein Flstern vor der Thr ward laut, dann
hrte er, wie der Besuch die klappernden Pantoffeln als Zeichen der Anwesenheit
vor der Thr stehen lie und hereinschlpfte in das mysterienvolle Gemach.
    Die Thr ward verschlossen, alles dichte Finsterni, dichtes Geheimni
ringsum.
    Ein betubender Rosenduft erfllte die Luft des Gemachs - ihm war, als hrte
er das wogende Athmen eines Busens, den leisen sehnschtigen und dennoch
ngstlichen Seufzer, der ber halbgeffnete Lippen quoll.
    Er hatte sich halb aufgerichtet auf dem Lager - seine Pulse wogten
fieberisch!
    Sein halb erstickter Ruf verkndete seine Erregung, - im nchsten Augenblick
warf sich ein voller, weicher, warmer, ppiger Krper an seine Brust, zrtliche
Arme umfingen ihn, heier Odem mischte sich mit dem seinen und glhende trunkene
Lippen preten ihm den Mund.
    Dazwischen aber klang es wie leises Weinen und ngstliches Schluchzen.
    Aber der Sturm der Leidenschaft, der erregten Sinne lie ihn Nichts achten
und hren, als deren glhende Befriedigung; Brust an Brust, Lippe auf Lippe
sanken sie in die Kissen.
    Er verwnschte das Dunkel der Nacht, das ihn hinderte, die leuchtenden
Augen, die sen Zge zu sehen, aber er wute, da sie jung und schn war, denn
nur Jugend und Schnheit tragen den Hauch und Duft der Liebe. Voll glhender
Zrtlichkeit umschlangen ihn ihre Arme und dennoch fhlte er, wie er sie in den
seinen hielt, da sie zitterte in Schaam und Angst.
    So vergingen die Stunden - wie Minuten flogen sie ihm dahin. Zwei Mal im
Laufe der Nacht hrte er, wie drauen an der Thr Schritte trippelten, Stimmen
flsterten; erst leise, dann erregt und zornig, dann wieder beruhigt und sich
verloren im geheimnivollen Schweigen der Nacht, und jedes Mal fhlte er, wie
das Weib in seinem Arme heftiger zu zittern begann, wie ihre Brust sich in
ngstlicheren Athemzgen hob und sie das Gesicht furchtsam an seiner Brust
verbarg, ihn umschlingend, gleich, als wolle und knne sie nicht von ihm und ihn
einer Anderen lassen.'
    Mit Schmeichelworten suchte er sie zu beruhigen, und als ihr Mund in
trkischer Sprache ihm zuflsterte, da sie ihn liebe, da diese Nacht ihr
hchstes Glck sei, da sie seiner gedenken werde immer und ewig, so lange sie
lebe, da war es ihm, als wehten ihn bekannte Klnge an, als ffne sich ein lange
verschlossener Schrein in seinem Herzen, als sei ihm diese Liebe und Wonne, die,
wie die Rose sich entfaltet im wollstigen Hauch der warmen Abendsonne,
entsprossen war aus dem Sturm der Sinne, aus den unsichtbaren, mystischen Reizen
der dunklen Nacht, - etwas lngst Vertrautes und Bekanntes und Empfundenes. Die
Stimme des Weibes in seinem Arm war leise und zagend, aber s und wohllautend,
und ihre Worte zeigten von tiefem natrlichen Gefhl und einem Denken und
Empfinden, das gewhnlich den jeder Bildung des Herzens und Geistes
ermangelnden, in launenleerem Geplauder sich ergehenden trkischen Frauen fehlt.
    Wer bist Du, seltsames Wesen, fragte der Deutsche in diesem seligen
Rausch, Du, die mir Liebe so zrtlich betheuert, und mir dennoch erst vor
wenigen Stunden zum ersten Mal begegnet ist im Leben, die mein Auge nicht ein
Mal unterschieden hat im Kreise ihrer Gefhrtinnen, die ich nicht wieder kennen
wrde, wenn der Morgenstrahl mir nicht Deine Zge verriethe, und die dennoch ein
Gefhl in mir weckt, wie es der ruhige, verstndige Mann, ber die Jahre der
Leidenschaft hinaus, noch nie empfunden?
    Sage mir, flsterte die Stimme, bist Du glcklich, o Franke, an meinem
Herzen?
    Ich bin es - aber ....
    Forschest Du dem milden Hauch der Abendluft nach, der Dein Gesicht khlt?
Kannst Du den Duft schauen, der Deine Sinne erfreut?
    Und dennoch sehne ich mich, Dir in's Auge zu sehen, Deine Zge in mein Herz
zu prgen fr immer. Ich werde es, wenn der erste Sonnenstrahl dies Gemach
erhellt.
    Sie antwortete nicht.
    Nimm diesen Ring, Mdchen, sagte er, indem er einen einfachen Granatreif
von seinem Finger zog und an den ihren steckte, er ist ein Geschenk meiner
Schwester und mir lieb. Ich mchte, da, wenn ich fern von Dir bin, Du Dich
meiner erinnern mgest, wie ich es thun werde.
    Er fhlte, wie sie die Hand emporhob und den Ring an ihre Lippen drckte,
und zog sie an seine Brust.
    Lange vorher, ehe das erste Morgengrauen durch die Jalousieen des Gemaches
schimmerte, lag er in tiefem festen Schlaf.
    Als der Ruf des Kiradschia ihn spter aus wilden aber sen Trumen weckte,
streckte sein Arm sich vergeblich nach der Gefhrtin der wonnigen Nacht aus -
sein Lager - das Gemach waren leer.
    Er sprang empor - sollte denn Alles ein Traum gewesen sein? Unmglich - er
war in Madara - dort auf den Kissen noch der Eindruck des Hauptes der seltsamen
Geliebten, - er kannte jetzt die Rechte der Republik, er wute, da eine Frau
bei ihm gewesen.
    Die Mahnung des Kiradschia hie ihn sich beeilen. Er rief nach Nursah,
seinem Diener, aber erst auf wiederholten Ruf erschien dieser, und es war, als
scheute sich der sonst so zutrauliche, auf jeden Wink merkende Knabe vor seinem
Herrn.
    Bald saen sie auf; Capitain Depuis mit seinem Diener kam von dem Hause her,
in dem er die Nacht zugebracht. Sein Aussehen war erschlafft, matt und zeugte
von den Schwelgereien der Nacht; sein Faunenblick traf den deutschen Arzt und
jagte diesem das Blut in das Mnnerangesicht.
    Aber man hatte wenig Zeit zur Verstndigung - der Kiradschia drngte zur
Abreise, denn sie muten am nchsten Tage Schumla zu erreichen suchen, und aus
den Htten und Husern des seltsamen Dorfes strmten bereits wieder die heiteren
Bewohnerinnen zusammen und umgaben mit jubelndem Morgengru die Reisenden.
Vergeblich schaute der Arzt nach irgend einem Erkennungszeichen seines
nchtlichen Besuches sich in der Menge um, berall schne, heitere, neckende
Gesichter, aber nirgends ein seiner Frage begegnender Ausdruck, nirgends ein
Bild, das zu dem seiner aufgeregten Phantasie pate. Zu fragen scheute er sich,
denn er frchtete den Spott des Offiziers und des Kiradschia's, und so mute er
denn mit ungestillter Neugier sich ihnen zur Abreise anschlieen.
    Ein hnlicher Zug wie der, welcher sie empfangen, geleitete sie bis zum
Ausgang des Thales, wo das Gebiet des seltsamen Weiberstaates endete und die
Reisenden schieden hier, nachdem sie die Begleitung nach ihren Mitteln reichlich
beschenkt hatten. Die Frauen schossen wiederum ihre Pistolen und Flinten in die
Luft und jagten davon.
    Nun, Doctor, sagte lustig der Capitain, als sie einen Augenblick auf der
Hhe des Bergpasses hielten und zurckschauten auf das ferne Thal, was denken
Sie von unserm Abenteuer und wie haben Ihnen die Gebruche der hchst ehren- und
achtungswerthen Republik gefallen? Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht,
aller Censur zum Trotz, eine verlockende Beschreibung in den Moniteur einrcken
lasse. Ich bin berzeugt, die Sitte findet in Frankreich Nachahmung.
    Gut fr Ihre orientalischen Hilfstruppen, Capitain, da es nur ein Madara
in der Trkei giebt. Sie knnte sonst ihr Capua finden, nach Ihrer eigenen Miene
zu urtheilen.
    Pah - es sind wahre Teufelsweiber, eine pariser Grisette ist eine Vestalin
dagegen. Aber sorgen Sie nicht, Doctor, unsere Soldaten werden aus den
wohlverbarrikadirten Harems unserer werthen Bundesgenossen Madara's genug zu
machen verstehen, trotz aller Tagesbefehle des Marschalls. Tausend Donnerwetter,
ich denke mir ein Regiment unserer Jger oder der Zuaven in unser eben
verlassenes Nachtquartier einmarschiren. He, Monsieur Kiradschia, alter Snder -
wie ist's Euch ergangen in dieser Nacht?
    Hast Du Etwas erfahren in Betreff des Auftrags Deines Freundes, des
Janitscharen-Baschi's? fgte der Arzt hinzu.
    Wenig genug, Signoris, sagte der Fhrer, und dennoch hat uns das Gercht
nicht getuscht. Das alte Weib von dem wir hrten, da es in Madara gestorben,
mu in der That das verrtherische Weib Melek Ibrahim's, meines Freundes,
gewesen sein. Sie war seit lnger als zwanzig Jahren in Madara und mu mich oft
dort gesehen haben, wenn ich sie auch nicht wieder erkannte; denn der Oda-Baschi
hielt streng auf das Geheimni seines Haremliks und ich habe sein Weib nur in
dichtem Schleier geschaut.
    Woher schlieest Du dies Alles?
    Hre weiter, Signor. Das Weib hatte einen bsen Ruf, selbst in Madara, und
war znkisch und boshaft. Die jungen Frauen frchteten sie wie den Teufel. Sie
war schwer erkrankt und mochte ihr Ende fhlen, obschon sie zwanzig Jahre
weniger zhlt, als der Jenethtschjeri, ihr Gatte. Ich wei nicht, ob sie je
erfahren hat, da er gerettet wurde aus dem Gemetzel zu Constantinopel, aber ich
vermuthe es jetzt, da sie Kunde bekommen von unseren spteren Nachforschungen
und deshalb sich nach Madara geflchtet hat. Als der Tod ihr auf der Zunge sa,
hat sie einen Schreiber aus der Nachbarschaft kommen und ihn einen Brief
schreiben lassen. Diesen und ein Paket hat sie den Aeltesten des Dorfes
bergeben, die sie mir aushndigen sollten, wenn ich wieder nach Madara kme.
Also ist es geschehen.
    Zum Donner! die Sache wird ja ordentlich romantisch. Und was enthlt der
Brief, Freund Kiradschia?
    Gott wei es, wie die Moslems sagen, entgegnete der Alte, ich habe ihn
noch nicht geffnet, es hat Zeit, bis unsere Pferde Rast halten in der
Mittagsstunde. Die Botschaft eines Unheils kommt immer noch frh genug, und was
kann ein altes Weib anders bringen als Schlimmes!
    Mit diesem Trost muten seine beiden Gefhrten sich denn auch begngen bis
zu der festgesetzten Zeit. Als sie in der brennenden Mittagssonne im Schatten
riesiger Kastanienbume an einer Quelle die Pferde ftterten und, im Grase
ausruhend, ihr einfaches Mahl verzehrten, ffnete der Kiradschia sein in ein
Lammfell gebundenes Paket.
    Es enthielt auer dem erwhnten Briefe ein Kstchen von jener Art, wie sie
in Constantinopel so vorzglich gemacht werden. Der Schlssel lag in dem Brief,
dieser aber lautete:

An Paswan, den Kiradschia, einen Bulgaren und in Ewigkeit verfluchten Christen!

    Vernimm meine Worte, o Paswan, der Du ein Freund meines Gatten warst und,
wie ich vor Jahren gehrt habe, ihn gerettet hast vor dem Zorne des Padischah
und der Vernichtung der verfluchten Jenethtschjeri. Auf Dein Haupt komme es. Ich
wei nicht, ob der Hllensohn noch lebt, aber ich glaube es nicht und setze Dich
darum zu meinem Erben ein, statt dieser alten Weiber, die mich schlecht
behandelt haben und nun nur behalten mgen, was werthlos ist. Ich habe
Melek-Ibrahim, den Oda-Baschi gehat und dies mit Recht, denn er hat mir viel
Uebels gethan, und die schlechte Sclavin war ber mir in seinem Hause, blos weil
sie ihm Kinder geboren hat. Wah! war ich nicht seine rechtmige Freude? Er hat
meine Rache empfunden. Nun aber will der Prophet, da man Bses gut mache vor
seinem Tode und ich habe mich dazu entschlossen, da Eblis, der schlimme Engel,
hinter mir sitzt. Ich habe den Kindern meines Gatten Uebles gethan, aber das
Schicksal wollte es so. Sie sind verkauft worden als Sclaven, Jussuf, der Knabe,
der zehn Sommer zhlte, auf ein maltesisches Schiff, das die Rosalba hie, und
ich wei nicht, wo er geblieben ist. Aber der Wille Allah's kann Dich ihn finden
lassen und ich sage Dir, da er ein Kennzeichen hat, die Anfangsbuchstaben des
Namens seines Vaters auf der linken Schulter, eingezeichnet mit einer Nadel und
eingerieben mit Pulver und Salz, da sie fortwachsen mit seinem Leben. Das
Mdchen, Zuleika, zhlte erst vier Jahre, und ich hrte, da sie gestorben sei.
Was aus ihrer Mutter geworden ist, wei ich nicht, - Fluch ber sie und die
Grber ihrer Eltern. Aber die Habe, die ich mitgenommen, gehrte nach dem Gesetz
den Kindern meines Mannes, und so gebe ich sie Dir, o Kiradschia, von dessen
Redlichkeit die Leute Groes erzhlen, obgleich Du ein Dschaur bist, damit Du
sie dem Knaben wiedererstattest, wenn er sich finden sollte. Gott ist gro und
in seiner Hand ruht Alles. Ist Deine Mhe vergeblich, so siehe das Erbe als das
Deine an. Besser in den Hnden eines Dschaurs, als dieser tollen Weiber, deren
Dienerin ich geworden bin. Allah beschtze Dich und gebe mir ein gutes Ende. Am
fnften Tage des Monats Zilkad, im Jahre Zwlfhundertundneunundsechszig21.
Unterschrieben von Zulmah, der Frau des Melek-Ibrahim.

    In dem Kstchen lagen ein Menge sehr werthvolles Geschmeide, Rosenkrnze und
Amulets, nebst einer nicht unbedeutenden Anzahl Goldstcke.
    Beim Henker! sagte der Capitain, ich mchte der Erbe der alten
Verrtherin sein. Schade, da meine Abkunft auf der Mairie registrirt ist! Was
wollt Ihr nun thun in der Sache, wrdiger Kiradschia?
    Was ich thun will, Signor Capitano? fragte erstaunt der Bulgare. Was kann
ich anders thun, als meinem Freunde Ibrahim sein Eigenthum zustellen. Es kann
Sonnenstrahlen werfen auf die Tage seines Alters. Mgen die Mrtyrer mir
beistehen, da ich ihm von seinem Sohne einst Kunde bringen kann!
    Das mchte etwas schwer werden, alter Freund, nach achtundzwanzig Jahren
und in dieser Vlkerwanderung dreier Welttheile. Wer wei, an welchem Galgen der
Bursche lngst hngt, oder wo er gespiet worden. Ich rathe Dir, mach' Dir keine
vergebliche Mhe und Kosten, sie sind weggeworfen.
    Wie Gott will, sagte der Kiradschia treuherzig und fromm. Die Wege der
Heiligen sind wunderbar, und ich werde sein Erbe bewahren. Lat uns aufbrechen,
Freunde.
    Nach wenig Augenblicken waren sie in den Stteln und auf dem Wege nach
Schumla.
    Hinter dem filmenden Gebieter ritt der Knabe Nursah und sein Auge hing mit
seltsamem, fast zrtlichem Ausdruck an der Gestalt seines Herrn.

                                    Funoten


1 Unsere Leser, denen nicht gleich eine Karte zur Hand ist, wollen sich
erinnern, da die in der Aufwrtsbiegung der Donau von Silistria zwischen dieser
und dem Meer liegende Dobrudscha von Silistria ab durch folgende befestigte
Punkte vertheidigt wurde:
 Rassowa, Tschernawoda, Hirsowa, Matschin, Isaktscha, Tultscha.

2 Gouverneur.

3 Das trkische dolce farniente.

4 Lieutenant.

5 Die Janitscharen zerfielen in 4 Hauptabtheilungen, deren jede eine Anzahl
Orta's oder Unterabtheilungen zhlte.

6 Suppenkoch - der Hauptmann der Orta, so genannt, weil er die Suppe vertheilte.

7 Eine Vorstadt Constantinopels auf der nrdlichen Seite des Horns.

8 Gouvernement.

9 Artilleristen.

10 Die Hauptabtheilung, bei der der Groherr selbst als Janitschar
eingeschrieben war.

11 Kaserne.

12 1826.

13 Der zweite Befehlshaber.

14 Sein Lieutenant.

15 Am 13. Juni.

16 Die Artillerie-Kaserne steht jetzt an dieser Stelle.

17 Die kupfernen Kessel, zum Kochen des Pillaw dienend, wurden zum Zeichen einer
Versammlung der Janitscharen ausgestellt und ihr Verlust durch den Feind galt
als Schimpf.

18 Befehl.

19 Name der Janitscharen, die in Constantinopel standen.

20 Aya-Sophia.

21 1. Juli 1853.


                            Der Kampf um Silistria.

Das Schluspiel an der Donau sollte das zitternde Europa auf die
Schreckenstragdie in der Krimm vorbereiten.
    Silistria war das blutige Morgenroth der Tage von Sebastopol.
    Wir haben die Uebergnge der Russen ber die untere Donau nach der
Dobrudscha und das Andringen der einzelnen Corps gegen Silistria unsern Lesern
bereits gezeichnet. Einen kurzen Aufenthalt gewhrten die fr die Trken nicht
blos glcklichen, sondern selbst glorreichen Gefechte von Kastelli, Kstendsche
und Tschernawoda, das Letztere am 25. April; aber wie gro auch die Verluste und
Opfer der Russen bei ihrer Besetzung der Dobrudscha waren, der fast allmchtige
Wille, der dies Volk beherrscht und als bloe Masse fr seine Zwecke verwendet,
fragte nicht nach diesen Opfern, und die Massen drngten, den Tod in den eigenen
Reihen, vorwrts bis zum Trajanswall.
    Die Anstrengungen und die Preise, welche die Besetzung der Dobrudscha
forderte, waren kolossal. Ein ungeheurer Train von Kibitken und schweren
Lastwagen mute den Truppen in dies wilde, nur vom flchtigen Tataren und
Kosaken, den Adlern, den Trappen, den wilden Gnsen und Schwnen bewohnte Land
folgen, auf dessen 200 Quadratmeilen kaum 20,000 Einwohner kommen, dem trotz der
Smpfe und Morste das belebende Element des Wassers fast ganz zu fehlen
scheint. So weit das Auge trgt, sieht man nirgends einen Baum oder Strauch; die
stark gewlbten Hgelrcken sind mit hohem, von der Sonne gelb gebranntem Grase
bedeckt, das der Steppenwind in Wellen schlgt; weite Strecken reitet man ber
die einfrmige Wste, bevor man ein elendes Dorf ohne Grten, ohne Bume, in
einem wasserlosen Thal entdeckt. Der Mensch hat den Menschen aus jenen
unwirthbaren Gegenden verscheucht, und sie sind dem Reich der Thiere
anheimgefallen.
    In ungeheuren Zgen kam und ging dieser Train, neue Provisionen holend und
Hunderte von Verwundeten, Tausende von ruinirten Waffen, Monturen und Rstzeugen
zurckschleppend. Die Zahl der Verwundeten und Kranken berstieg zu Ende April
bereits 2600, bei Karassu allein gab es ber 500 Blessirte; die Zahl der Todten
betrug ber 3000. In Braila, Gallacz und Reni wurden zu den bereits bestehenden
sieben Lazarethen neue improvisirt, so gut es gehen wollte. Die Amblancen
fllten sich Tag fr Tag dermaen, da die Transporte nach Hirsowa, Matschin und
zum linken Donauufer tglich zwei Mal erfolgen muten. Aber nicht blo der
Verlust an Menschenleben war ungeheuer, die Erfordernisse an Pferden, Bagage und
Munition waren noch kolossaler.
    Auf den Befehl des Feldmarschalls rckte zu Anfang Mai das Corps des General
Lders, am 6. Rassowa nach hartem Kampfe nehmend, aus der Dobrudscha gegen
Silistria vor. Am 12., 13., 14. und 15. kam es zu heftigen Gefechten, und die
Generale Engelhardt und Grotenhjelm, die Avantgarde des Corps bildend, drngten
die Trken in die Festung zurck und schlossen diese von der Ostseite ein.
    Die Operationen von jenseits der Donau gegen Silistria hatten bereits am 5.
April begonnen; General-Lieutenant Chruleff, der tapfere Fhrer der fliegenden
Corps in Polen und Ungarn, der im Sommer 1855 sich noch berhmt machte durch den
Zug in die Kirgisen-Steppe gegen die Kotanzen und den Sturm auf die Feste
Ak-Metschet, leitete die Belagerungsarbeiten. Nachdem sich die Russen der drei
Donauinseln Olbina, Tarbaneki und Rakinski bemchtigt hatten, erffnete der
General am 22. aus den auf dem linken Ufer und den Inseln errichteten
Brustwehr-Batterien mit 70 Kanonen ein heftiges Feuer gegen die Donaufront der
Festung, die Batterieen auf den noch im Besitz der Trken befindlichen drei
andern Inseln und die vorgeschobenen Werke am rechten Ufer. Da aber die Kanonen
der Letzteren den hier etwa 1000 Schritt breiten Flu beherrschten, konnte der
beabsichtigte Uebergang nicht stattfinden, bis die bereits oben erwhnte
Operation des Lder'schen Corps von der Dobrudscha her vollstndig erfolgt war.
Ein langandauerndes heftiges Regenwetter hatte diese Operationen verzgert, am
14. Mai erst stand die russische Avantgarde in Ktschck-Kainardscha, auf der
Strae nach Basardschik und Varna, die Festung von dieser Verbindung
abschneidend und die Trken in ihre stlichen vorgeschobenen Werke
zurckdrngend.
    Am 15. unternahmen Frst Paskiewitsch und Frst Gortschakoff eine
persnliche Recognoscirung am linken Ufer und der Letztere ertheilte nach der
Rckkehr nach Kalarasch alsbald den Befehl, mit dem Schlagen der Brcke
vorzugehen.
    Unter einem heftigen Bombardement der Stadt vom linken Ufer und den Inseln
her vollzog General Chruleff den Auftrag, und zum ersten Male hatte hier der
Ingenieur-Capitain Tottleben Gelegenheit, durch die zweckmige Anlage der
Brcke unterhalb der Stadt, zwischen dieser und dem Dorfe Ostrow und auer dem
Bereich der trkischen Batterien sich auszuzeichnen. Am 18. Mai war die Brcke
vollendet. Sie bestand aus zwei Abtheilungen fr Kavallerie und Infanterie, mit
einer Ueberfuhr fr Geschtze. Frst Paskiewitsch ging an demselben Tage mit
seinem Generalstab ber die Donau. Ihm folgten 20 Infanterie-Bataillone (die
ganze 8. Infanterie-Division unter General-Lieutenant Silvan und das
ochotzkische Jger - Regiment von der 11.), drei Compagnieen Sapeure, das
wonessenskische und olviopolskische Ulanen-Regiment von der 4. leichten
Cavallerie-Division, drei Sotnien donische Kosaken, 6 Batterieen Fu Artillerie
und zwei berittene, im Ganzen 88 Geschtze mit dem Belagerungstrain. Das Corps
des General Lders auf der Sdostseite der Stadt zhlte 35
Infanterie-Bataillone, (die 9. Infanterie-Division und Abtheilungen der 11. und
15.), das lithauische Ulanen - Regiment Erzherzog Albrecht und das
vollhynische Grofrst Constantin, 2 Kosaken-Regimenter und 104 Geschtze.
    Sofort begannen die Russen die Tracirung der Belagerungslinie von der
Landseite und das Aufwerfen der Trancheen.
    Zugleich sollten nach dem Plan des Feldmarschalls 30,000 Mann bei Oltenitza
auf einer dort geschlagenen Brcke nach Tuturkai bersetzen und gegen Rasprad
vorrcken, somit die Verbindung Silistria's mit dem 10 Meilen entfernten
Schumla, dem Hauptquartier des Sirdars, unterbrechend. Diese Operation
miglckte, denn der Uebergang wurde von den Trken glcklich gehindert und die
Brcke gesprengt. Ungefhr 60,000 Mann cernirten demnach jetzt Silistria auf
drei Seiten und nur die Verbindung im Sdwesten und Westen der Stadt, nach
Schumla und Rustschuk, war noch frei.
    Bereits bei dem Uebergang am 16. hatte der Feldmarschall einen Parlamentair
an Mussa-Pascha, den Kommandanten Silistria's, geschickt, ihn zur Uebergabe
aufzufordern. Die Trken wiesen dieselbe zurck und am 19. begann von der
Landseite aus die Beschieung der Festung aus den zwischen den Weinbergen gegen
die stlichen Vorwerke vorlaufenden Trancheen. In der Nacht zum 22. wurde die
zweite Linie derselben erffnet und General Schilder sprengte mit Glck von der
Donauseite eine gegen die Mftiereh-Bastion gerichtete Miene, obschon das Fort
selbst wenig Schaden nahm.
    Noch ein Mal wurden jetzt Unterhandlungen erffnet, und Mussa-Pascha, um
Zeit zu gewinnen, verlangte eine Frist bis zum 26., die jedoch nur bis zum 24.
bewilligt wurde. An diesem Tage strmten die Russen die stlichen Werke, wurden
jedoch mit bedeutendem Verlust zurckgeworfen. Seitdem dauerte die heftige
Kanonade ununterbrochen fort.
    Wir mssen Silistria selbst und den Vertheidigungsanstalten der trkischen
Festung noch eine kurze Beschreibung widmen.
    Silistria bildet die Spitze eines fast gleichschenklichen Dreiecks, dessen
Basis die Linie Schumla-Barna vorstellt, und dessen Ostseite Front gegen die
Dobrudscha und die Strae ber Basardschik nach Varna macht, wie die Westseite
gegen Rustschuk und die von da an die Balkan-Psse ziehenden Wege. Die
Entfernung nach Tschernawoda betrgt 10, nach Varna 18, nach Schumla 12, nach
Rustschuk 15 Meilen, ein Terrain, das vollstndig innerhalb der Wirkungssphre
einer starken Garnison wre. Hierdurch begreift sich die Bedeutsamkeit
Silistria's fr die russichen Operationen, die ohne den Besitz der Festung der
Sicherheit ermangelt htten. Diese Wichtigkeit der Position wurde auch in allen
frheren Kriegen anerkannt. Im Jahre 1809 wurde die Festung vergeblich belagert,
1810 aber nach nur fnftgigem Widerstand von General Langeron erstrmt. Damals
wurde Silistria von den Russen geschleift, spter von den Trken aber wieder
aufgebaut und bedeutend vergrert. Im Feldzug von 1828 fesselte es die Russen 4
Monat vor seinen Mauern, ohne da sie es zu erobern vermochten, und auch nachdem
Varna gefallen, bildete es ein wichtiges Hinderni, und der Feldzug des Jahres
29 mute mit einer Belagerung des an und fr sich nicht starken Platzes begonnen
werden, die auch damals General Schilder leitete und welche 43 Tage dauerte.
    So wichtig die Lage Silistria's in strategischer Beziehung, so ungnstig ist
sie es in fortificatorischer, indem die Sdseite durch das 200 Fu hohe
Balkanplateau beherrscht wird, das bis auf 1500 Schritt an den Hauptwall
herantritt und dem Belagerer zur terrassenfrmigen Aufstellung seiner Geschtze
Gelegenheit giebt. Man bersieht von hier aus das ganze Innere der Stadt. Die
drei stlichen und zwei westlichen Fronten werden von dieser Hhe aus
bestrichen, und da, wie bereits erwhnt, das Donaubett nur 1000 Schritt breit,
kann auch die Wasserfront von dem gegenberliegenden Ufer beschossen werden. Die
Stadt selbst bildet einen Halbkreis von etwa 2000 Schritt Lnge in Form eines
Zehnecks, jede der Fronten ist 550 Schritt lang, und zwar befinden sich vier
Bastionen auf der Donauseite, drei auf der stlichen, zwei auf der westlichen.
Das stliche Thor ist von den Auenwerken Tschengell- und Limn-Labiassi
gedeckt. Zur Sicherung der zwei Thore auf der Landfront nach Schumla und
Basardschick wurde bei Beginn des Krieges die bisher sehr unvollstndige, aus
unbedeutendem Erdwerk bestehende Vertheidigung durch Anlegung eines festen Forts
auf der Hhe Oskardscha zwischen beiden Straen vermehrt, das zugleich die
Gefahr der Beherrschung vom Plateau aus paralysiren sollte. Unter Leitung eines
frheren preuischen Offiziers, des Artillerie-Capitains Grach ward diese durch
dreifaches Mauerwerk aus Felsengestein hergestellte Nebenfestung, die den Namen
Abdul Medjid erhielt, binnen 8 Monaten hergestellt, indem man Tag und Nacht
daran arbeitete.
    Durch zwei Thrme - Arab-Tabia und Yania - flankirt und mit 60 Kanonen
bewaffnet, bildete das Fort jetzt mit dem festen Stadtschlo die
Hauptvertheidigung der Festung, nach welcher der Besatzung die Rckzugslinie vom
Fort durch eine Reihe von Batterieen gedeckt war, von deren letzter ein
unterirdischer Gang zur Festung fhrte. Die Ringmauern der Stadt sind ziemlich
niedrig, das Glacis hinter dem 12 Fu tiefen, 30 Fu breiten Graben wird von der
20 Fu starken Brustwehr des Hauptwalls nur um 8 Fu berragt. Dies wann die
Hilfsmittel der tapfern Vertheidigung von Silistria.
    Am 25. Mai endlich erhielt General-Lieutenant Pawloff, der, wie erwhnt, von
Oltenitza aus bisher vergeblich den Uebergang versucht und nur eine zwischen
beiden Ufern liegende Insel besetzt hatte, die Nachricht, da die Trken sich
von Tuturkai zurckgezogen, und bewirkte am 26. seinen Uebergang, so da nunmehr
auch die Verbindung mit Rustschuk abgeschnitten werden konnte.

    Es war am Mittag des 28. Mai - eines Sonntags - als die Geschtze der
russischen Batterieen, die whrend des ganzen Morgens gespielt und einen wahren
Hagel von Bomben und Vollkugeln auf die Werke der Ostseite und bis in die Stadt
geschleudert hatten, eine kurze Pause machten. Von dem Babadagh-Thor her, vor
dem die hart bedrngten, vorgeschobenen Forts Tschengell-Labiassi und
Limn-Labiassi1 liegen, kam in eifrigem Gesprch eine Gruppe von Offfzieren, von
denen mehrere auch ihrer Kleidung nach Europer waren. Der Eine von ihnen trug
die Uniform der Zuaven, jenes berhmten Corps, das in diesem Augenblick auf den
blauen Wellen des mittellndischen Meeres seine Ueberfahrt nach Gallipoli und
Varna vollendete, - eine hohe prchtige Gestalt von soldatisch-khnem ernstem
Gesicht; - zwei Andere waren offenbar Englnder, der Eine in der Uniform eines
Capitains der schottischen Garde, der Andere in Civil.
    Hussein-Aga, sagte der ltere Trke zu seinem Begleiter, schwrt beim
Propheten, da er die Schanzen gegen den nchste Sturm der Moskaws zu halten
vermag. Sage mir Deine Meinung, Js-Baschi.
    Ich vermag Dir nur zu wiederholen, Mehemed-Bey, was ich bereits dem Pascha
berichtet und was mir diese Herren besttigen. Der Aga kann die Forts nicht
lnger als einen Tag noch halten. Die Trancheen des Generals Schilder sind uns
bis auf halbe Bchsenschuweite nahe.
    Wir werden sie heute oder morgen mit Allah's Hilfe zerstren.
    Ich zweifle nicht an unserm Sieg, Bey, aber er kann uns Nichts ntzen.
Unsere Hilfe mu von Schumla oder Rustschuk her kommen.
    Wallah! sagte rgerlich der alte Trke, Du weit, o Brennibor2, was uns
gestern dieser Hund von Jude gemeldet hat. Die Russen sind bei Tuturkai ber die
Donau gegangen. Was thun wir mit diesen Franken, wenn sie mig stehen in Varna
und Gallipoli. Ich spucke auf ihre Hilfe und bin selbst ein Mann.
    Der Capitain lachte.
    Lasse solche Worte die Herren an unserer Seite nicht hren, Bey, und
bedenke, da gerade die Franken, meine Landsleute, diese Wlle und Forts gebaut
haben, mit deren Hilfe wir jetzt den Russen widerstehen, zu Deinem eigenen
Ruhme, der Du doch Genie-Director von Silistria bist, whrend Du recht wohl
weit, da Du kein Dreieck von einem Quadrat zu unterscheiden verstehst.
    Wissen Sie, Herr Kamerad, fragte der franzsische Offizier in seiner
Sprache, was die Botschaft des Pascha's bedeuten soll?
    Einen Ausfall, hoffe ich, es ist unbedingt nthig, da wir uns Luft auf
dieser Seite verschaffen. Ich wnschte, wir htten dazu einige Compagnieen Ihrer
Zuaven hier, von deren Tollkhnheit wir so viel gehrt haben.
    Sie werden zur Stelle sein, wenn es gilt und der Kaiser befiehlt, Herr
Capitain. - Da ist der Pascha.
    Die vier Offiziere nherten sich dem Kreise, der sich auf dem Platze an der
Moschee der Barmherzigkeit um Mussa-Pascha, den tapferen Kommandanten von
Silistria, gebildet hatte. Er bestand aus fast allen oberen Offizieren der
Besatzung, die in diesem Augenblick der Dienst nicht auf den Wllen gefesselt
hielt, und schien mit einer Art von Kriegsrath beschftigt. Neben dem Pascha
standen der uns bereits bekannte Capitain Depuis, Muglis-Bey, der Anfhrer der
Redifs, und Kiriki-Pascha, der Fhrer der Baschi-Bozuks.
    Der franzsische Offizier, der so eben von den Schanzen hinzu kam, nahm
offenbar eine geachtete Stellung ein, denn man machte ihm und seinen Begleitern
sogleich Platz.
    Der Pascha hielt eine Depesche in der Hand, ihm zur Seite stand ein
trkischer Knabe von klugem, verschmitztem Aussehen, dessen Lebhaftigkeit jedoch
durch den Anschein von Gleichgltigkeit unterdrckt wurde.
    Monsieur le Colonel, sagte der Kommandant hflich zu dem Franzosen, ich
habe Sie bei der Unterbrechung des Feuers hierher bitten lassen, weil mir vor
einer Stunde eine Depesche von Schumla berbracht worden ist, welche auch ein
Schreiben fr Sie enthlt und die unsere ernste Erwgung fordert. Ihre
Nachrichten stimmen wahrscheinlich mit den meinen berein?
    Der Zuaven-Colonel - Vicomte de Mricourt - hatte seine Depesche geffnet:
    Man trgt mir auf, dahin zu wirken, da die Garnison sich so lange als
mglich hlt. Eine combinirte Bewegung zum Ersatz der Festung ist vor Mitte des
nchsten Monats nicht mglich, da Ihre Truppen zum Theil an der Aluta engagirt
sind, und Rustschuk selbst noch fortwhrenden Angriffen ausgesetzt ist. Fr jene
Zeit wird jedoch eine Diversion zugesagt.
    Ich mu noch eher Beistand haben wenigstens eine Verstrkung der Besatzung
und eine Zufuhr von Proviant, sagte mimuthig der Pascha. Sie kennen die
unglcklichen Verhltnisse und da unsere Vorrthe in Cadassia lagern.
    Es war eine Thorheit ohne Gleichen, warf Capitain Depuis ein.
    Was soll ich sagen, - es ist nun ein Mal so und wir haben kaum noch fr 20
Tage Lebensmittel in der Stadt. Man meldete mir, da die vorgeschobenen Werke am
Babadagh-Kapussi nicht lnger gehalten werden knnen, trotz der Alles
vernichtenden Tapferkeit unsers Aga's. Mein Genie-Director, Mehemed-Bey, ist
jedoch anderer Meinung.
    Dein Genie-Director, Pascha, sagte brsk der englische, Offizier, ist ein
Esel! Die Meinung des Capitain Grach hier ist vollstndig die unsere. Die Werke
sind kaum 24 Stunden mehr zu halten.
    Der alte Bey schaute hchst gleichmthig zu der Artigkeit des Englnders
d'rein und strich sich den Bart. Die Trken begannen bereits dieser Art der
Behandlung seitens ihrer Verbndeten gewohnt zu werden.
    Inshallah, wie Gott will! Mein Freund Mehemed kann sich irren, und der
Himmel hat Euch Franken ein scharfes Auge in solchen Dingen gegeben. Was rathet
Ihr mir zu thun?
    Ich habe bereits ber den Fall mit den kommandirenden Offizieren der Forts
gesprochen, sagte der Colonel, und unserer Aller Meinung ist, da durch einen
krftigen Ausfall in dieser Nacht die Arbeiten der Russen gestrt werden knnten
und Hussein-Aga Zeit erhlt, morgen die vorgeschobenen Schanzen ohne Verlust zu
rumen und sie unbrauchbar zu machen. Der Herr Capitain hat so vortreffliche
Werke in der Nhe des Thores vorbereitet, da der Besitz der beiden Forts den
Feinden nur wenig helfen wird.
    Ich frchte nicht die Beschieung oder die Sturmangriffe, sagte Capitain
Grach - der trkische Artillerie-Offizier - sondern die Minen des Generals
Schilder, es ist seine Lieblingswaffe.
    Darum mssen wir ihn mglichst fern halten. In unverhofften Ausfllen liegt
die Gelegenheit, seine Arbeiten zu stren. Ich stimme fr einen solchen in
dieser Nacht.
    Der wilde Kiriki - dem die franzsische Sprache der Berathung fremd war-
errieth aus den Umstnden, um was es sich handle und schaute mit dem Ausdruck
eines Bullenbeiers auf den Kommandanten.
    Mashallah - es sei, wie Ihr sagt, ich habe auch daran gedacht. Wir wollen
einen Ausfall machen diese Nacht auf die Flanke des Feindes an der Donau.
Hussein-Aga soll ihn leiten und Kiriki mit seinen Bozuks und einer Tabor des
Nizams ihn ausfhren. Werdet Ihr Theil daran nehmen, Effendi's?
    Meine Befehle beschrnken mich auf die Stadt, entgegnete der Colonel.
    Ich werde Hussein-Aga begleiten, bemerkte der englische Offizier.
    Pek ji - es komme auf Dein Haupt, - ich bin nicht verantwortlich fr Dich.
Ich werde meine Ordres ertheilen. Dennoch mu ich Nachricht senden an den Sirdar
- unsere Lage ist schlimm.
    Der kleine Halunke, der die Depeschen herein geschmuggelt, bemerkte
Capitain Depuis, kann sie wahrscheinlich auch wieder hinausbringen. Wo ist der
Bursche? -
    Alles sah sich nach dem zerlumpten Jungen um, der beim Beginn der
Unterredung hinter dem Pascha gestanden, doch vergeblich, denn der Bursche hatte
die Gelegenheit benutzt, sich zu entfernen, bis der trkische Offizier, welcher
ihn von den Auenposten zum Kommandirenden gefhrt, berichtete, der Knabe habe
ihm gesagt, da er frher im Dienst des Frankenarztes gestanden, der krzlich
von Widdin und Schumla gekommen sei, und da er zu diesem seinem Herrn
zurckkehren wolle.
    Das ist Doctor Welland, der Oberarzt des Hospitals und mein Freund, meinte
Capitain Grach. Ich bin im Begriff, ihn zu besuchen und werde mich nach dem
Boten erkundigen.
    Knnen Sie mir sagen, Sir, fragte der englische Offizier, ob dies
derselbe Doctor Welland ist, ein geborener Preue, der vor zwei Jahren sich in
Paris aufhielt?
    Ganz derselbe, Sir. Ich lernte ihn in den dreiiger Jahren kennen, als ich
bei der Garde-Artillerie in Berlin stand, und traf ihn zu meiner Freude
unerwartet hier in Silistria und in unserem Dienst wieder.
    Er kam im vorigen Sommer von Paris.
    Dann erlauben Sie mir, Sir, da ich Sie begleite, ich habe seine
Bekanntschaft in Paris gemacht und es wird mir Vergngen bereiten, sie zu
erneuern. Begleiten Sie uns, Maubridge?
    Der Baronet, denn dieser war der Brite in Civil, verneigte sich nachlssig,
und die kleine Gesellschaft nahm, als die Dienstgeschfte beendet waren und die
Offiziere sich nach allen Seiten zerstreuten, um die Vorbereitungen des Sturmes
zu treffen, ihren Weg nach dem groen Khan, in dem ein Lazareth fr die
Verwundeten eingerichtet worden und Doctor Welland eine kleine Wohnung
angewiesen erhalten. Es waren whrend der Belagerung fr die ganze, ber 15,000
Mann betragende Besatzung nur acht Feldrzte vorhanden, von denen noch dazu drei
bloe Chirurgen, und die Anstrengungen, denen sie unterworfen, daher
erschpfend.
    In der drftigen Behausung des Arztes, die am Eingang des schlechten Khans
gelegen war, saen in eifrigem, stillen Gesprch drei Personen zusammen, der
Knabe Mauro - denn der kleine listige Teufel war es, welcher nach seiner
Rckkehr aus dem Epirus durch den Einflu der in Varna und Schumla wirkenden
Hetristen zum Ueberbringer der Depeschen an Mussa-Pascha benutzt worden, -
Nursah und sein Bruder Jussuf, der Tatar der unglcklichen Mariam, den Welland,
von der Kugel des corsischen Banditen verwundet in den Fischerhtten an der Bai
von Kumburgas getroffen und dort bis zu seiner Genesung zurckgelassen hatte.
Bei der Ankunft von Widdin hatte er ihn in Silistria wiedergetroffen, wohin der
Mohr, sobald er seine Krfte wiedergewonnen, den Weg genommen, da die Festung
der Ort war, wohin die erste Bestimmung des Arztes lautete und wohin er den
Genesenen bestellt hatte.
    Der Leser wird sich erinnern, da der Knabe Mauro den beiden Geschwistern
oder wenigstens Nursah von ihrer gemeinschaftlichen Flucht aus Constantinopel
her bekannt war und es schien ein geheimes Band vorhanden, was die sich
Wiedertreffenden mit einander vertraut machte. Der junge Spion hatte bei seinem
Erscheinen in der Wohnung des Arztes diesem einen Brief seines Freundes Gregor
Caraiskakis aus Varna gebracht, in welchem er ihm, von seiner Versetzung nach
Silistria benachrichtigt, die Neuigkeiten des Tages schrieb und da er
einstweilen noch in Varna, das durch das Eintreffen der westmchtlichen Truppen
zum groen Heerlager geworden war, von seinen Interessen und Geschften
zurckgehalten werde. Um sichere Kunde von dem Freunde zu erhalten, habe er den
Knaben Mauro einem befreundeten trkischen Oberoffizier zum Boten angetragen.
Doctor Welland, ohne auf diesen Zusammenhang viel zu achten, freute sich der
Ankunft des Knaben, weil er durch ihn Nachricht von dem Freunde erhielt, hatte
jedoch erst wenige Augenblicke seinen Erzhlungen widmen knnen. So bemerkte er
nicht, wie der junge Spion, nachdem er mit den Geschwistern allein war, noch
einen zweiten sorgfltig in seinen Lumpen verborgenen Brief hervorsuchte und ihn
an Nursah gab, der - obschon das Schreiben gleichfalls an seinen Herrn adressirt
war - dasselbe ffnete und mit groer Aufmerksamkeit las, worauf die Drei
alsbald jene eifrige Berathung begannen.
    Durch den Eintritt der beiden Capitains und des Baronets hierbei gestrt,
rief Nursah seinen Herrn aus dem Lazareth herbei.
    Sie werden Arbeit bekommen heute, Doctor, mehr als gewhnlich, sagte, ihm
die Hand schttelnd, der Artillerie-Capitain, und ich komme, Sie davon zu
benachrichtigen und mir Ihre Anwesenheit in den Forts am Babadagh-Thor zu
erbitten. Wir machen diese Nacht einen Ausfall auf die Russen und bei so
blutiger Arbeit mag man wohl wnschen, die geschickte Hand eines Freundes in der
Nhe zu haben. Zugleich will ich einen Kameraden bei Ihnen einfhren, der
bereits das Vergngen hat, Sie zu kennen. Capitain Morton ...
    Ich hoffe, Sie erinnern sich meiner aus Paris, Doctor. Ich habe nie die
Hilfe vergessen, die Sie mir in dem Duell mit dem franzsischen Spitzbuben
leisteten, der mich am Roulette geplndert.
    Mein theurer Sir, sagte der Arzt erfreut und Jenem herzlich beide Hnde
drckend, seien Sie mir bestens willkommen, wenn ich Sie im eigenen Interesse
auch weit weg von diesem Ort wnschen mchte. Es scheint, als sei der heutige
Tag dazu bestimmt, Nachricht von alten lieben Freunden, zu erhalten.
    Erlauben Sie mir, Ihnen einen der meinen vorzustellen, sagte der britische
Offizier mit einer Bewegung nach seinem Gefhrten. Sir Edward Maubridge,
Baronet, schon lnger im Orient als wir.
    Der Arzt der bisher den Fremden nicht beachtet, wandte sich bei diesen
Worten zurckfahrend nach dem Vorgestellten und begegnete dem hhnisch-kalten
Blick desselben.
    Ich habe die Ehre, sagte der Baronet ruhig, den Herrn bereits von Smyrna
zu kennen. Ich traf ihn dort in interessanter Gesellschaft.
    Es war nicht das letzte Mal, Sir, da Sie mich gesehen, sprach bitter der
Arzt.
    Richtig, Sir, ich verga! Sie secundirten am Scamander einen Freund, den
Bundesgenossen von Wegelagerern und Banditen!
    Den Bruder Ihrer rechtmigen Gattin, Sir!
    Lassen wir das, wir wollen darum nicht streiten. Es wre besser fr uns
Alle gewesen, Sie htten damals meinem erstem Wunsch entsprochen. - Haben Sie
von Herrn Caraiskakis gehrt? Ich glaube, er ist in dem letzten Aufstand zu
Constantinopel ein Opfer seiner Leidenschaftlichkeit geworden.
    Der Arzt schaute ihn finster an.
    Mein. Freund, Sir, hatte als Mann von Ehre seine Schwester zu rchen.
    Ein unbestimmtes Gefhl verhinderte ihn, zu erwhnen, da er so eben von ihm
Nachricht erhalten habe, und er hatte noch nicht Zeit gehabt, die Einzelnheiten
seiner Mittheilungen zu lesen.
    Die Sache ist vorbei, lassen Sie uns nicht streiten darber, sagte der
Baronet. Wir sprechen vielleicht spter noch ber Dinge, die mich interessiren.
Ich sehe, Morton und Capitain Grach werden ungeduldig.
    In der That, meinte der Letztere, meine Zeit ist gemessen und ich habe
der Vorbereitungen noch viele zu treffen. Ich werde Sie um 9 Uhr abholen in die
Festungswerke. Halten Sie Ihr Verbindezeug bereit, Doctor, und nehmen Sie einen
Gehilfen mit. Es wird einen harten Tanz geben. Wie viel Verwundete hat man Ihnen
von dem gestrigen Bombardement gebracht?
    Dreiundsechszig, Capitain. Wir zhlten vierzig Todte.
    Einen Verlust von Hundert - Das passirt, aber ich frchte, es wird
schlimmer werden.
    Mit wie viel Mann greifen Sie an, Capitain.
    Zwei Bataillone Nizam und die Boschuks. Etwa dreitausend Mann!
    Und die Stunde?
    Eilf Uhr - bei Aufgang des Mondes. Depuis und der franzsische Offizier
bleiben in den Forts am Basardschik-Thor. Auf Wiedersehen, Doctor, vor dem
Kampf, ich mu zu meinen Arbeitern. Hren Sie - der Feind beginnt wieder seine
Kanonade.
    Das dumpfe Drhnen des schweren Belagerungsgeschtzes erschtterte auf's
Neue die Luft und die Offiziere entfernten sich eilends, wobei der Capitain ganz
verga, nach dem Knaben weiter zu fragen, den er beim Eintritt flchtig gesehen.
    Nursah war allem in dem Gemache ab- und zugegangen whrend. Besuchs, inde
sich Jussuf und Mauro entfernt hielten. Diese suchte er jetzt eilig auf, whrend
sein Herr sich mit dem Briefe des Freundes beschftigte und ber das
Zusammentreffen mit dem Briten nachsann.
    Nursah zog die Beiden in einen Winkel.
    Eine Stunde vor Mitternacht, berichtete er hastig, werden dreitausend
Trken einen Ausfall gegen das Lager an der Donauseite machen. Unsere Freunde
mssen benachrichtigt werden.
    Kannst Du dem Winde die Botschaft geben? fragte rgerlich Jussuf. Olmas!
Es ist Nichts - die Wlle werden zu gut besetzt sein und der Zigeuner, Eblis
verdamme, ihn! hat sich seit Tagen nicht blicken lassen.
    Ich sage Dir, es mu geschehen, die Nachricht mu hinaus, sagte der
jngere Bruder mit einer offenbaren Autoritt, die er ber den lteren bte.
Wofr wre dieser Knabe uns zu Hilfe gesandt, wenn er uns in solchen Fllen
nicht ntzen sollte?
    Wird das Blut der verfluchten Moslems flieen, wenn ihr Unternehmen den
Russen bekannt wird? fragte mit einer teuflischen Neugier der kleine Spion.
    Haben sie Zeit, ihre Vorbereitungen zu treffen, dann kann die ganze Colonne
abgeschnitten werden und ein Sturm die Wlle erobern, Kind.
    Die Augen des Knaben blitzten.
    Viele, viele! Ein ganzes Meer von Trkenblut fr meinen gemordeten Oheim!
sagte er giftig. Bringt mich nur hinaus und gebt mir Euren Auftrag, Mauro ist
schnell und was er will, das thut er.
    Von der Schnelligkeit Deiner Fe, Knabe, wird mehr als von Deinem Muthe
abhngen. Wir werden wie gewhnlich die Wlle an der Abendseite zu bewachen
haben und ich vermag Dich nicht eher hinaus zu lassen, als bis die Nacht
eingetreten ist. Du hast dann einen weiten Weg bis zum Luger der Russen.
Schreibe Deinen Brief, Nursah, der Prophet sieht zwar bel auf mein Beginnen,
aber ich habe geschworen, Dir zu gehorchen, bei Einer, die nicht mehr ist.
    Der Ruf des Arztes, der nach dem Knaben verlangte, um durch ihn von dem
Freunde zu hren, trennte sie.
    In einzelnen Interwallen dauerte whrend des ganzen Tages das Geschtzfeuer
der Belagerer fort, von den vorzglich bedienten Kanonen der Festung erwidert.
Der Capitain Grach war berall und in der That die Seele der artilleristischen
Vertheidigung, die um so hher anzuschlagen ist, als sie einem so alten und
berhmten Genie-Offizier wie General Schilder gegenber geschah.
    Die Tapferkeit der Trken in Vertheidigung fester Pltze, ja, Schanzen, ist
unbestritten und oft erprobt, sie bewhrte sich ebenfalls wieder glnzend hinter
den Mauern von Silistria.
    Es war am Abend gegen 10 Uhr, als die zum Ausfall bestimmten Colonnen sich
am Babadagh-Thor zu sammeln begannen. Still und geruschlos hielten die Reihen
der Irregulairen auf ihren meist weien Pferden hinter den Wllen, whrend die
Bataillone des Nizams wie dunkle Schlangen durch das geffnete Thor in die
beiden vorgeschobenen Forts strmten.
    Mussa-Pascha, der whrend seines Kommando's eine den Trken sonst sehr
ungewhnliche Thtigkeit und Einsicht an den Tag gelegt hatte, die ihn auch dem
Einflu und Rath der europischen Offiziere zugnglich machte, war berall,
seine letzten Befehle ertheilend. Hussein-Aga, der Kommandeur der beiden Forts,
ein wilder aber tapferer Offizier, sollte den Ausfall befehligen, den Capitain
Morton mitzumachen beschlossen hatte. Die Mftirieh-Batterie, welche allein von
den Schanzen an der Donau die rechte Flanke der russischen Stellung bestreichen
konnte, wurde von Mehemed-Bey kommandirt, inde hier und an den vorgeschobenen
Werken die wahre Leitung dem On-Baschi Grach berlassen blieb.
    Der Kommandant selbst wollte durch eine Kanonade von den sdlichen Thoren
und dem Abdul-Medjid-Fort her die Aufmerksamkeit des russischen Centrums und der
linken Flanke beschftigen, nachdem er vom Fort aus durch eine Rakete das
Zeichen zum Angriff gegeben.
    An dem hohen Bogen des Thores, durch das sich jetzt im geruschlosen Marsch
die wilde Reiter-Colonne drngte, standen die Fhrer, Kiriki-Pascha, ungeduldig,
an die Spitze seiner Bozuks zu eilen, der franzsische Colonel nochmals an den
Kommandanten fr die Infanterie-Attaque einige Rathschlge ertheilend, und
Capitain Morton, die Zgel des Pferdes in der Hand, da er unter den Reitern den
Angriff mitmachen wollte, noch einige Worte mit den beiden Preuen wechselnd.
    Sie setzen sich unntz einer Gefahr aus, Capitain, sagte der Arzt, von
der Sie im besten Fall wenig Ruhm ernten knnen. Sie sollten Ihre Mission an des
Pascha's Seite bedenken und Ihr Leben nicht zwecklos auf's Spiel setzen.
    Sie sind und bleiben ein alter Moral-Prediger, Doctor, lachte der
Offizier, vordem am Spieltisch und jetzt wieder bei der Lust des Kampfes. Ich
habe eine fr die andere eingetauscht und es ist Zeit, da ich die russischen
Truppen kennen lerne. Das Corps, dem wir gegenber stehen, trgt doch nicht etwa
hellblaue Uniformen?
    Wie so? - die Uniform ist grn.
    Dann werden Sie mich unzweifelhaft unverletzt wieder erhalten. Gefahr droht
meinem Leben nur von einem hellblauen Feind. Hellblau und Wei - Sie wissen,
Doctor - ich bin ein Faulconbridge, die ihre Ahnungen haben, und auch ich habe
von dem Familienvorzug profitirt.
    Sie meinen die Erscheinung des Lords, Ihres Vaters, - was ist Ihnen
begegnet?
    Ein ander Mal davon, Doctor - der Pascha scheint fertig - leben Sie wohl,
meine Herren! Er schwang sich auf's Pferd. Zugleich wandte sich der Kommandant.
    Es ist Zeit, Effendi's, - Alle auf Eure Posten, in einer Stunde erwartet
das Signal. Allah gebe uns Sieg.
    Das Gedrnge der Davoneilenden verschlang den letzten Gru. Jeder nahm
seinen Posten ein und nach wenig Minuten, als der Galopp des Kommandanten und
seiner Begleitung verklungen war, lag tiefes Schweigen auf den Werken.
    Der Pascha nahm seinen Weg innerhalb der Wlle um die Stadt, um noch ein Mal
die Wachsamkeit der Mannschaften zu prfen, ehe er seinen Posten auf den Werken
an der Sdseite einnahm. Die Wlle der Westseite waren von den Compagnieen
besetzt, die der Kommandant bei den geringen Hilfsmitteln der Vertheidigung als
eine Art Freicorps aus den Bewohnern Silistria's und dem Tro von Gesindel
gebildet hatte, das mit und ohne Herrn, so wie aus Deserteuren, Abenteurern,
Flchtlingen und entlaufene Sclaven bestehend, sich in die Festungen eingedrngt
hatte, und da er wenigstens auf diese Art nutzbar zu machen suchte. Auch
Jussuf, der ehemalige Courier, gehrte hierzu und stand jetzt auf einem der
ueren Posten des Walls in der Nhe des Thores von Schumla.
    Es war zehn Uhr, der Mond noch nicht aufgegangen und ein leichter Sprhregen
fiel von Zeit zu Zeit. Zu seinen Fen im Schatten des Walles lag es wie ein
Ball zusammen gerollt, jedem zuflligen Blick verborgen, - Mauro, der
anatolische Knabe, gewhnt an solche Unternehmungen und erst vor wenig Tagen mit
Nicolas Grivas aus den blutigen Bergen Metzowo's zurckgekehrt zu dem Mann, dem
ihn der sterbende Oheim zugewiesen, zu Gregor Caraiskakis nach Varna.
    Allah mge mir vergeben, wenn ich Unrecht thue, murmelte der Courier vor
sich hin, aber es ist mein Schicksal, Mariam zu gehorchen. Was gehen mich,
diese Trken an - puf, - sie sind Hunde, ich bin ein Abyssinier und meine Vter
waren Christen! Jawasch - wir wollen es thun! steh' auf, Knabe, es wird Zeit fr
Dich!
    Der Junge sprang rasch auf die Fe:
    Ich bin fertig, Jussuf.
    Hast Du den Weg gemerkt, den man Dir beschrieben?
    Wie von der Hand zum Mund! ich kreuze die Strae von Schumla eine
Viertelstunde von der Festung und gehe dann immer nach Aufgang, bis ich an die
Vorposten der Russen komme.
    Du hast den Brief?
    In den doppelten Sohlen meiner Pantoffeln und diese im Grtel.
    Und Du weit, nach wem Du fragst?
    Nach dem General selbst. Sorge nicht, ehe der Morgen graut, bin ich wieder
an dieser Stelle.
    Zwei Stunden nach Mitternacht stehe ich wieder auf diesem Posten. Allah
oder der Gott der Christen geleite Dich. Du kannst doch schwimmen?
    Ich tauche wie die Ratten.
    Desto besser - eile Dich.
    Er hatte dem Knaben eine starke Seidenschnur um den Leib geschlungen und hob
ihn ber die Brustwehr. Halb rollend glitt der Junge ber den Wall bis zu der in
den Graben sich senkenden Mauer. Dort angekommen, gab er seinem Helfershelfer
ein leises Zeichen, auf welches dieser die Schnur loslie. Mauro zog sie an
sich, suchte, mit den Hnden tappend, seinen der vorspringenden. Steine aus und
befestigte hier sorgfltig das eine Ende des dnnen Strickes, da er ihm zur
Rckkehr dienen sollte; dann lie er sich leicht an ihm in's Wasser und
durchschwamm die geringe Breite, bis er eine Stelle fand, auf welcher er an der
anderen Seite mit Hilfe der Ngel und Zehen emporklimmen konnte, was ihm durch
den hier hohen Wasserstand bedeutend erleichtert wurde. Ehe zehn Minuten
vergangen waren, vernahm der Mohr das verabredete Zeichen, da der gewandte
kleine Spion in Sicherheit sei.

                                    Funoten


1 Die Werke sind grtentheils durch den Schpfer der trkischen Artillerie, den
ehemaligen preuischen Major von Kuczkowski (Muglis-Pascha) und Lieutenant Bluhm
gebaut.

2 Brandenburger, Preue.


                                   Der Sturm.

Der Kriegsrath, den der Frst von Warschau mit den Fhrern des Belagerungscorps,
es waren sechsundfunfzig Generale vor der Festung versammelt, - an diesem
Nachmittag im Dorfe Kanara, dem Hauptquartier des Frsten Gortschakoff,
gehalten, war vorber, und der Frst machte sich eben bereit, nach Kalarasch
zurckzukehren, wie er alle Abende that.
    Vor der Thr der durch flchtige Anbauten von Holz und Zelttuch vergrerten
Bauernbaracke standen die Generale, Adjutanten und hhere Offiziere in eifrigem
Gesprch ber die eben berathenen Gegenstnde, die einzelnen Ansichten und
Vorschlge nochmals errternd, da eine Entscheidung noch nicht erfolgt war. Die
beiden Frsten und Fhrer der Armee dagegen waren noch in dem Gemach, in dem die
Berathung stattgefunden und an dessen Eingang von Auen zwei Unteroffiziere
Wache hielten.
    Der greise Feldmarschall sa in der straffen Haltung, die er trotz seiner
zweiundsiebenzig Jahre noch immer beobachtete, in einem Feldstuhl, und seine
hohe, wenn auch magere, dnne Figur machte noch immer eine imposante Wirkung.
    Ihm gegenber stand der ihm jetzt untergebene bisherige Ober-Befehlshaber
der Donauarmee, Frst Gortschakoff, die Hand auf die Tafel gesttzt, das von der
tiefgesenkten Stirn etwas zusammengedrckte Auge nachdenkend auf den Feldherrn
gerichtet.
    Sie sind zwanzig Jahre jnger als ich, Frst, sagte der greise Krieger,
und haben noch eine Zukunft vor sich. Gott allein wei, welchen Ruhm Sie in
diesem Kriege noch erwerben mgen. Mein Ruf, mein Besitz ist die Vergangenheit,
und ich mchte sie nicht gern auf's ungewisse Spiel setzen in diesem Feldzuge,
in dem wir an Hnden und Fen gefesselt sind. Du Franzosen und Englnder stehen
bereits vor uns und haben das Meer; sie verstrken sich mit jedem Tage und
bilden schon eine nicht zu verachtende Zahl. In unserm Rcken lauert unser alter
Freund Oesterreich mit seiner perfiden Politik; - selbst die Proklamation an die
Bulgaren hat uns getuscht und ich habe eine bittere Erfahrung mehr gemacht! Die
griechischen Aufstnde knnen uns nicht mehr ntzen - meine Ansicht, die ich
noch heute unserm Herrn, dem Kaiser, melden werde, ist, da wir Eile haben
mssen, uns mit Ehren aus diesen unglcklichen Frstenthmern zurckzuziehen.
    Die Strae nach Schumla ist frei - der Muschir nicht im Stande, uns
aufzuhalten.
    Ich wei es, Frst - aber - der Fehler dieses Krieges von seinem Beginn!
wir haben nicht die Macht zur Disposition, die nthig wre. Sie selbst wissen am
Besten, wie viele Russen den Pruth berschritten haben.
    Hundertundsechszigtausend Mann!
    Wir sind unter uns, Frst - wir machen keine Berichte fr die europischen
Zeitungen. Wie hoch rechnest Du unsere Verluste in diesen neun Monaten?
    Der Frst beugte traurig das Haupt.
    Fnfundsechszigtausend, Durchlaucht! Kalafat hat uns allein an
Fnfzehntausend gekostet: die Krankheiten haben furchtbar gewthet.
    Heiliger Andreas! mehr als der dritte Mann! - Wenn wir das Lders'sche
Corps - und Lders liegt noch immer krank in Kalarasch - und Chruleff hier
zurcklassen, behielten wir noch nicht vierzigtausend Mann, um den Balkan zu
forciren. Es geht nicht.
    Ich habe oft genug um Verstrkungen und Zufuhr gebeten, inde - -
    Der Kaiser tuscht sich ber den Zustand der sdlichen Provinzen, die
Communikationsmittel sind erbrmlich
    General Kleinmichel hat seit Jahren Millionen darauf verwandt.
    Der greise Frst sprang heftig empor, alle diplomatische Ruhe schien mit
einem Schlage ihn verlassen zu haben.
    General Kleinmichel ist ein - - und der Teufel hole die Millionen, die in
seinen Bchern stehen. Ich wei, was ich von seinem System in Polen zu leiden
habe und bin wahrlich nicht der Mann, der so geduldig zusieht. Was, Frst,
willst auch Du hier den Hofmann spielen, unter vier Augen, und diesem
fluchwrdigen System des Truges noch den Mantel halten? - Er ging hastig auf
und ab in dem kleinen Gemach. - Es geht nicht - ich sehe es deutlich und klar,
die Mistnde sind zu gro und zu tief mit dem ganzen System und dem Volk
verschmolzen, als da selbst ein Riesenwille, wie der des Kaisers, sie in einem
Menschenleben ausrotten knnte. Ich frchte, ich frchte, die Schuld der
Einzelnen knnte sich ein Mal schwer an dem Ganzen rchen. - Doch wir mssen
wenigstens zu Ende kommen mit diesem Nest, das sie eine Festung nennen. Was
meinst Du zu Schilder's Vorschlag?
    Wir haben bereits vier Mal gestrmt, sagte ausweichend der Frst, und an
zweitausend Mann geopfert.
    Ich wei, ich wei, Sie sind Artillerist, Durchlaucht, und trauen zu viel
auf die Macht der Kanonen.
    Ein flchtiges Lcheln des Stolzes zuckte ber das Gesicht des berhmten
Artillerie-Generals - er hoffte, noch ein Mal Gelegenheit zu haben, die volle
Gewaltigkeit seiner Waffe bekunden zu knnen.
    Lasse Dir sagen, Kamerad, sprach der alle Frst und legte vertraulich die
Hand auf die Achsel seines jngeren Gefhrten, es bereitet sich eine Revolte in
dem Befestigungssystem vor und Du wenigstens wirst es noch erleben, da der
Stein ganz dem Spaten und der Erde weicht. Ich habe da eine vortreffliche Arbeit
eines Deiner jngeren Offiziere gelesen - Tottleben heit er und ich empfehle
Dir den Mann. Ruland, Frst, hat schon eine Menge seiner Siege dem ruhigen
Wirken der Hacke und des Spatens zu danken!
    Die beiden Forts der Ostseite knnen sich nicht lnger halten, die
Batterieen haben sie zusammengeschossen.
    Ich habe mich bereits berzeugt - senden Sie morgen frh dem General
Schilder zehntausend Mann Verstrkung und lassen Sie um Mittag, wenn das
Geschtz seine Wirkung gethan, strmen. Wir mssen sie haben, aber sie werden
uns wenig ntzen. Die Strke des Feindes liegt in der neuen Citadelle, die sie
nach dem Sultan nennen. Haben wir die Auenwerke, dann mag Schilder seinen
Minenkrieg beginnen. Jetzt aber leben Sie wohl, Durchlaucht. Ich habe noch meine
Berichte zu machen und will morgen zeitig wieder bei Ihnen sein.
    Der Frst geleitete ehrerbietig den greisen Feldherrn bis zum Wagen, die
Adjutanten und Offiziere der Suite warfen sich auf die Pferde und der Zug
rasselte davon, der zweiten Pontonbrcke zu, die man eben weiter unterhalb der
ersten ber den Strom vollendet hatte.
    Whrend des Gesprchs der Fhrer hatte vor dem Quartier die Unterhaltung in
den Gruppen fortgedauert, die von Offizieren jeder Charge und Waffe gebildet
waren.
    Eine solche stand in der Nhe einer alten halbverwitterten Kastanie und
schien mehrere Personen von Bedeutung zu enthalten; denn um zwei durch ihre
Uniform als kommandirende Generale ausgezeichnete Mnner hatte sich ein groer
Kreis von Offizieren versammelt. Der Aeltere von Beiden, ein Mann von 68 bis 70
Jahren, nahm wenig Theil an dem Gesprch und lie, - an den Baum gelehnt, - die
Blicke ber den Kreis hinausschweifen in die rothen Abendwolken, welche die
unter den Horizont sinkende Sonne hinter den Werken von Silistria gleich
blutigen Streifen ber den Himmel scho. Es war eine hohe Greisengestalt, hager
wie der Frst von Warschau, aber keineswegs von dessen stattlichem Aussehen. Die
reiche goldbeladene Genie-Uniform hing unordentlich und aller militairischen
Accuratesse entbehrend um die drren Glieder und ber der ganzen Figur lag etwas
Trumerisches, Unheimliches, gleich als gehre sie nicht dieser Welt an. So mag
man sich Swedenborg denken, oder einen der alten Seher des schottischen
Hochlandes, mit dem doppelten Gesicht begabt. Namentlich war es der Kopf und das
Auge, was diesen unheimlichen, aber nicht wrdelosen Eindruck machte: eine jener
Adlerbildungen des haarlosen, nur an der Seite mit sprlichen weien Locken
versehenen Schdels, wie wir sie zuweilen so scharf ausgeprgt finden; - beraus
tief in den Hhlen liegende Augen, mit buschigen weien Brauen darber, so tief,
da es nur wie ein Feuerstrahl daraus hervorfunkelte und die Farbe der Pupille
ganz unsichtbar blieb; unter der groen schnabelartig gebogenen Nase ein dichter
grauer Schnurrbart: - das war der General-Adjutant, Ingenieur-General Schilder,
einer der berhmtesten und sowohl durch seine militairischen Talente als durch
seine Seltsamkeiten bekanntesten Soldaten Rulands, der nun zum zweiten Mal vor
der trkischen Festung lag.
    General Chruleff an seiner Seite unterhielt sich eben mit dem
General-Lieutenant Selwan, dessen Division den linken Flgel der Aufstellung
gegen Silistria bildete und die Trancheen gegen das Fort Abdul-Medjid fhrte.
Der Stabschef des General-Lieutenants, Oberst Graf Orloff, der Sohn des
berhmten Freundes des Kaisers, stand dabei, mit einem Adjutanten des Frsten
und einem jungen Genie-Capitain sprechend, und ab und zu mengten sich Andere des
zahlreichen Offizier-Kreises in die Unterhaltung.
    Erinnern Sie sich unsers Wirthes, Capitain, von dem Abend in Bukarest, als
wir vom Ball zu dem blutigen Tanz von Oltenitza geholt wurden? fragte einer der
Offiziere den Adjutanten.
    Des preuischen General-Consuls von Meusebach?
    Richtig, Baron - er besuchte uns heute Morgen whrend des Bombardements in
den Schanzen und erkundigte sich auch nach Ihnen.
    Was hat Herrn von Meusebach hierher gefhrt?
    Ei, die Neugier - er war bereits bei dem Schlagen der ersten Brcke
gegenwrtig, als der kleine Kotzebue fiel - und wollte sich von unsern
Fortschritten berzeugen. Wir konnten ihm leider den gehofften Sturm nicht
auffhren, denn es fehlten die Ordres, aber er hat eine recht hbsche Kanonade
mit angesehen. Kennen Sie seinen Pudel Caro?
    Ich habe nicht die Ehre, sagte lchelnd der Adjutant, doch habe ich von
den Bren des Herrn von Meusebach gehrt.
    Ei, liebster Meyendorf, wahrhaftig, da verlieren Sie viel. Es ist ein
ausgezeichnetes Vieh und apportirt wunderbar. Glauben Sie wohl, da der Preue -
der wirklich ein Soldat zu sein verdient, denn er spazierte ganz ruhig im Feuer
umher und lie die Cigarre nicht ausgehen, - die Pakugeln durch seinen Hund
appportiren lie? Das Thier wute die Bomben und Granaten dagegen ganz
vortrefflich zu unterscheiden und hielt sich stets aus ihrem Bereich. Karamsin,
der an der Aluta steht, lehrte ihn das Kunststck in Bukarest.
    Herr von Karamsin, sagte eine dumpfe Stimme neben ihnen, wird keine Hunde
mehr das Apportiren lehren.
    Wie knnen Sie das behaupte, General? warf der Graf ein.
    Oberst Karamsin, sagte der alte Ingenieur-General - denn dieser war es,
der die eigenthmliche Prophezeihung in den Kreis geworfen, - hat von den
Trkenhunden heute genug bekommen. - Isral ist ausgezogen den Philistern
entgegen in den Streit. Die Philister aber hatten sich gelagert zu Aphek und
rsteten sich gegen Israel. Und der Streit theilte sich weit; und Isral ward
von den Philistern geschlagen und sie schlugen in der Ordnung im Felde bei
viertausend Mann.
    Ei was, Kamerad, sagte halblachend der General-Lieutenant Selwan,
verderben Sie uns mit solchen dsteren Gedanken nicht die Laune. Der Kaiser
Alexander, allen Respekt vor ihm, wird diesmal hoffentlich falsch berichtet
sein.
    Der alte General wandte sich zu ihm und sah ihn starr an.
    Und es kam ein Gericht ber die Sptter und sie wurden zu Schanden in ihrer
Weisheit. - Gehe heim, Mann, und bereite Dich vor, denn Du wirst eher vor Dem
stehen, der Himmel und Erde gemacht, als Einer von diesen Allen - jenen dort
ausgenommen.
    Der magere Finger des Generals zeigte vor sich hin, und mit einem
unwillkrlichen Schauder wichen Alle zur Seite, bis nur ein entfernterer
Offizier - der Oberst-Lieutenant eines Jger-Bataillons - ihm gegenberstand,
der gar nicht wute, von was die Rede war und deshalb nher hinzu trat.
    Herr Kamerad, sagte der General-Lieutenant mit einem gewissen Unwillen,
fr wen von uns auch die Stunde kommen mag, sie wird uns als Mnner und
Soldaten finden, auch wenn wir nicht an Kartenschlagen und Wahrsagen glauben.
    Er verlie den Kreis.
    Eine tiefe unheimliche Stille hatte sich ber denselben verbreitet - Jeder
kannte die Seltsamkeiten des alten Generals und seine Visionen, die ihm
namentlich in der Dmmerung und in den einsamen Stunden der Nacht das Erscheinen
des verstorbenen Kaisers Alexander vormalten, obschon selten Jemand darber zu
spotten wagte. -
    Der Abend hatte seine stillen melancholischen Dinten rings umher auf die
Flur gesenkt - nur von den Donauschanzen her donnerte in langen Pausen ein
Schu. In dem sinkenden Lichte stand die hohe schmale Gestalt des Generals und
sein geisterhaftes Auge starrte dem Fortgegangenen nach. Ringsum im Kreise
herrschte ein auffallendes Schweigen, das um so schauerlicher abstach gegen die
lachende, lrmende Unterhaltung der entfernten Gruppen.
    Der Thor! - da geht er hin in seinem stolzen Muth, sprach die hohle Stimme
des Greises, - und schon ist er Nichts als Staub und Asche. Als ob mein todter
Freund und Herr sich irren knnte - sein Auge schaut das Unglck, das
heraufzieht ber das heilige Ruland. So wahr mir der Dreizehnte Gefahr und Tod
bringt, so wahr wird jener Uebermthige im Staube liegen vor der Hand des Herrn,
noch ehe die Sonne wieder die Gipfel der Berge vergoldet.
    Kommen Sie, Freund, sagte zutraulich und teilnehmend General Chruleff,
wir wollen aufbrechen, unser Weg bis Girlitza ist nicht der krzeste.
    Die Pferde, Herr General?
    Der alte Krieger, noch immer mit seiner Vision kmpfend, legte die welke
Hand auf den Arm des jungen Obersten, der die Frage gethan.
    Schau' Dich um, Graf Orloff, damit Du die schne Welt siehst und jene
Wolken, auf denen der Gott Israels thront. Schau um Dich das Land, das er
gemacht hat und die Himmel, die seiner Hnde Werk! Wo ist Dein Auge, Graf, - die
Hhle ist leer - Deine Hand ist voll Blut - wehe ber Jerusalem!
    Die hohe greise Gestalt schauerte unwillkrlich zusammen - - auch der junge
Graf - - da wirbelten die Trommeln und die Wache trat in's Gewehr, die beiden
Oberstkommandirenden erschienen im Eingang des zeltartigen Quartiers.
    Guten Abend, Gortschakoff! - Guten Abend, meine Herren und gute Wache!
    Dahin rasselte die Equipage - nach allen Seiten zerstreuten sich die
Mitglieder des Kriegsraths mit ihren Suiten. - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Halb Eilf! - Der General-Lieutenant Selwan hielt eben, von dem Chef seines
Stabes begleitet, eine Nachtrunde durch die Trancheen und die Postenkette
entlang, als ihm ein zerlumpter trkischer Knabe zugefhrt wurde, - Mauro, der
junge griechische Spion. -
    Oberst Daragan, meldete der begleitende Unteroffizier, zeigt an, da der
Bursche an den uersten Posten nach dem kommandirenden General gefragt hat und
eine eilige Nachricht berbringt.
    Wer bist Du?
    Der General wandte sich zu dem Knaben.
    Mauro schttelte mit dem Kopf, er verstand kein Russisch.
    Spricht Einer von Euch Trkisch oder Griechisch oder die Lingua franca -
die Zeit ist kostbar!
    Graf Orloff redete ihn auf Italienisch an, das der Junge leidlich verstand.
    Bist Du der General?
    Dieser Herr hier.
    Dann la uns im Geheimen reden, ich habe einen Brief fr ihn.
    Die Offiziere und Soldaten traten zurck - im Schatten der Brustwehr hatte
einer der Sappeure rasch eine Laterne angezndet und an die Lafette gehngt.
    Den Brief, den Brief, Bursche!
    Der Junge brachte ihn sorgfltig aus dem Schuh zum Vorschein. -
    Man hat mich so lange an den Vorposten aufgehalten, Herr - die Zeit mu
bald da sein, um eilf Uhr greifen die Trken an.
    Der Graf lie die Uhr repetiren, whrend der General-Lieutenant den Brief
durchflog.
    Drei Viertel auf Eilf! Schorte wos mi! auf welcher Linie soll der Angriff
erfolgen?
    Der General sprang empor. -
    Lassen Sie, ich wei genug! wir knnen heute einen tchtigen Schlag thun,
Orloff, und vielleicht das ganze Nest nehmen! - Ein Kosackenoffizier!
    Ein Kosack sprang vor.
    Dein Pferd?
    Kaum hundert Schritt von hier, Vterchen!
    Carriere zu den Schanzen des Generals Schilder an der Donau - die Trken
werden um eilf Uhr einen starken Ausfall vom Babadagh-Thor machen. Eine Rakete
von der Citadelle das Signal. Pascholl und schone das Pferd nicht. Pepotoff!
    Ein zweiter Offizier stand bereit.
    Du hast gehrt -: fort mit gleicher Meldung nach Girlitza zu Schilder und
Chruleff.
    Wohl, Excellenz!
    Der Galopp des Kosacken klang bereits ber die Ebene.
    Orloff!
    Excellenz!
    Welche Truppen haben wir auf den Umkreis einer Viertelstunde zur
Disposition?
    Nur das dritte Bataillon des poltawskischen Regiments, das dritte des
alexopolskischen und das erste der samoszkischen Jger.
    Es gengt. Michalowitsch!
    Zu Befehl.
    Zu Oberst Daragan in die vorderste Linie - er soll das Bataillon zum Sturm
sammeln.
    Der Offizier schwang sich ber die Brustwehr und sprang querfeldein.
    Du, Komajeff, zu Boussaye - das Bataillon mu in fnfzehn Minuten an der
letzten Tranchee sein. Fort! - Lieutenant von Mller gleiche Ordre dem
General-Major Golowaschewski!
    Aber der Brief, Excellenz, der Brief - er mu zum Frsten!
    Du hast Recht, Graf. Hier, - er warf dem Knaben seine Brse zu, - sieh',
wo Du bleibst. La ihn zurck ber unsere Posten, wenn er will. Frst Braginski
- schnell zu Pferde und nach Kanara zum Oberstkommandirenden diesen Brief und
sage ihm, wenn der Ausfall sich bewahrheitet, was wir in zehn Minuten wissen
werden, wrde ich einen Sturm versuchen auf die sdstliche Front, die dann
sicher nur schwach besetzt ist -
    Excellenz - bedenke -
    Ich wei, was Du sagen willst, Orloff, aber die Gelegenheit ist zu gut, um
zu zaudern. Ein Armee-Corps oder eine Kugel - Beides ist zu gewinnen. Sorge, da
Popoff mit den anderen vier Bataillonen in Reserve nachrckt und nicht zu spt
kommt. Ich gehe voran nach dem Platz - zehn Minuten nach dem Aufsteigen des
Signals beginne ich den Sturm.
    Der General eilte davon - nach allen Seiten flogen die Boten und
Ordonnanzen.
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    Gleich dem dmonischen Reiter, der in den Sagen der Vlker durch Nacht und
Sturm braust, flog die graue Gestalt des jungen Kosacken-Offiziers auf dem
kleinen wilden Pferde mit der langen Mhne und den feurigen Augen ber die
Ebene, jedes Hinderni im rasenden Anlauf berspringend, ber Stein und Sumpf,
Graben und Buschwerk - nur ein Kosakenpferd konnte solchen Lauf unternehmen, nur
ein Reiter der Steppe ihn ausfhren! - Immer in gerader Linie fort auf die
Trancheen zu, die sich in zweiter Linie bereits zwischen der Stadt und den
Weinbergen weit in's Land ber die Strae nach Rassowa und bis zu dem Punkt
erstreckten, wo der Oberst Graf Oppermann, der die Arbeiten in den Trancheen
leitete, den Bau der Redoute begonnen, von der man das Fort Abdul-Medjid im
Rcken beschieen wollte.
    Pltzlich that das Pferd des Ordonnanzoffiziers einen furchtbaren Sturz, es
war in eine der im hohen Grase angebrachten Schtzengruben mit den Vorderbeinen
gestrzt und hatte beide morsch gebrochen. Der Offizier flog aus dem Sattel ber
den Kopf des Pferdes hinweg, raffte sich aber, nur wenige Augenblicke betubt,
wieder empor; das hier mannshohe Gras versperrte ihm die Rundsicht, der bedeckte
Himmel gestattete ihm nicht einmal, sich nach den Sternen zu orientiren.
    Da knisterte und zischte es links in der Ferne vor ihm in die Hhe - hoch in
den dunklen Nachthimmel stieg von der Citadelle der majesttische
Strahlenschweif einer Rakete und streute auf dem Zenith seine glnzenden
Leuchtkugeln in das Dunkel ringsum - auf Augenblicke Tageshelle verbreitend.
    Heiliger Iwan, schtze sie! Der Lichtstrom hatte ihm die Lage der Forts
gezeigt, wie ein gejagter Hirsch brach er sich Bahn zur Rechten durch das
Gestrpp und Gras -
    Kaum zweihundert Schritt weit -
    Stai! - die Parole!
    Victoria - er war an der Tranchee! - Constantin und die Flotte! - Allarm,
Allarm! Zu den Waffen - die Trken machen einen Ausfall! -
    Ein Musketenschu, dann eine Salve links in der Entfernung eines halben
Wersts krachte bereits die Antwort, in der nchsten Minute brach der Allahruf
der Moslems durch die Luft und eine Kavallerie-Attaque donnerte quer ber das
Feld.
    Festgestanden! - Fertig! - Feuer! - Drauf mit dem Bajonnet!
    Die Sbel und Handjars der Irregulren blitzten zwischen dem kleinen Posten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In dunklen Massen, unter wthendem Allahruf brachen die Kolonnen des Nizam
auf die vorderen Linien der Trancheen und die errichteten Batterieen, im ersten
ungeahnten Anlauf die Postenkette ber den Haufen werfend und unaufhaltsam bis
zur ersten Linie vordringend. Erst hier, an den Abhngen der Weinberge und
unterm Schutz der russischen Batterien am Donau-Ufer gelang es dem Obersten
Grafen Oppermann, die Seinen zum Stehen zu bringen und die Truppen zu sammeln.
    Die Verwirrung und der nchtliche Lrmen waren furchtbar, das Schlagen der
Trommeln, die Allarmsignale der Hrner auf allen Seiten, der Ruf der Offiziere,
das Knattern der Flinten und Pistolenschsse - das wilde Geschrei der Trken,
dem nur das grimmige Zhneknirschen des Feindes, die lautlose aber desto
verzweifeltere Gegenwehr antwortete, das Alles war sinnverwirrend, betubend,
der Hlle entstiegen!
    In der ersten Viertelstunde war der Kampf ein Knuel gegenseitigen Ringens
und Wrgens, Faust gegen Faust, Mann an Mann - ja Zahn gegen Zahn, denn der
Fallende fate rasend mit seiner letzten natrlichen Waffe oft noch den Gegner,
und am Boden wrgten sich die Feinde unter den Fen der Kmpfenden.
Siegesjubelnd gellte das Allah der Trken und immer weiter und weiter drngten
die Massen vor, whrend im Rcken bereits die Geschtze der erstrmten Schanzen
vernagelt, die Laufgrben von hundert rstigen Hnden verschttet wurden und die
Hynen der Schlachtfelder, die regellosen Marodeurs und die privilegirten, trotz
aller Befehle des Muschirs von den Pascha's geschtzten und geduldeten
Kopfabschneider der Tabors oder Compagnieen ihr gruliches Geschft an den
Leichen und Verwundeten der Russen begannen.
    Dazu strmte Zug auf Zug aus dem geffneten Thor, zur Untersttzung von dem
vorsichtigen Mussa-Pascha beordert, und strzte sich in den Kampf.
    Kiriki-Pascha mit den berittenen Bozuks hatte sich zur Rechten geworfen, um
die Verbindung mit dem Centrum zu durchbrechen und dem ungestmen Angriff war es
im ersten Augenblick gelungen. Cavallerie kmpfte hier mit russischer Infanterie
und den Artilleristen, die wthend mit den Ladestcken und Hebebumen sich
verteidigten, und sich einzeln an den Kanonen erschlagen lieen, ehe sie von dem
anvertrauten Gute wichen. Mitten in den Reihen der Bozuks befand sich der
englische Garde-Capitain, das wilde Gemetzel betrachtend und nur hin und wieder
den am Faustgelenk hngenden Sbel zur Abwehr schwingend. Den Jgern, die diesen
Theil der Trancheen hielten, war es jetzt gelungen, an einer eben erst
angelegten Batterie Posto zu fassen unter dem Commando eines jungen
Artillerie-Offiziers, des Lieutenant Potemkin, und zwei Geschtze gegen den
Feind zu richten. Whrend sich an der Kehle der Batterie die orloffskischen
Jger wthend gegen die Reiter schlugen, krachte der Karttschenhagel in den
dichten Haufen der Feinde, Reiter und Pferde zerreiend und zu Boden
schmetternd, die ersten Kanonenschsse, die von russischer Seite in diesem
furchtbaren Kampfe fielen.
    Rat - tat - rat - tat - tat! Der kurze Schlag des Sturmmarsches schien den
Hllenlrmen des Kampfes zu durchbrechen und mit dem grollenden Donner des
Himmels zu wetteifern, den die immer hher heraufziehenden Gewitterwolken, schon
mit Sonnenuntergang drohend, jetzt mit dem Leuchten der Blitze durch die Nacht
warfen. Gleich einer Strahlengarbe fuhr es von den Donauschanzen jetzt hinauf in
die dunklen Wolkenschichten, eine Garbe groer Raketen, die Gegend ringsum auf
eine Minute weithin mit Tageshelle berglnzend.
    In dem hellen Schein sah man das Anrcken der russischen Kolonnen, das
zweite Jger-Bataillon vom Regiment Frst von Warschau unter Anfhrung seines
tapfern Obersten Kloot von Jrgenburg eilte seinen bedrngten Kameraden zu
Hilfe, ihm zur Seite im Sturmmarsch dicht schon an den wilden trkischen Reitern
General-Major Inseroff mit dem zweiten Bataillon des Jeletzkischen Regiments.
    Das Hurrah! der Russen berdonnerte den Donner, von Kanara her gellte das
Kuli! des Tamanskischen Kosacken-Regiments, das der Oberfeldherr zu Hilfe
sandte - von den Weinbergen herab drngte in dunklen Massen mit den im
Blitzstrahl blitzenden Bajonnetten die Infanterie-Colonnen General Chruleffs.
    Das rollende Hurrah mischte sich mit dem wthenden Allahruf, mit dem Donner
des Himmels - der zuckende Blitz - das blendende Licht der Raketen und
Leuchtfeuer - zeigte den grimmigen Gegnern das Weie im Auge, glnzte auf dem
blinkenden Stahl, spiegelte blutroth im strmenden Blut. Dazu schien der Himmel
seine Schleusen zu ffnen und vom sich erhebenden Wirbelwind gepeitscht, strzte
ein dichter Gewitterregen herab.
    Alle Schrecken der Hlle schienen vereint auf diesem blutigen Flecke von des
Allmchtigen lieblicher Erde!
    Rat - tat - rat - tat - tat! Neue Regimenter der Russen im Sturmschritt
herbei - durch die engen Wege der auslaufenden Donausmpfe von Girlitza
schmetterten die Trompeten der Prinz-Friedrich-Carl-Husaren heran zum Angriff.
    Hussein-Aga gab das Zeichen zum Rckzug; ber die Kmpfenden hinweg zischten
bereits die Pakugeln des Capitain Grach aus dem Tschengell-Labiassi in die
russische Stellung, und die Mftirieh-Batterie donnerte mit schweren Kanonen.
    Kiriki's Reiterei hatte lngst den Rckzug begonnen. Schritt um Schritt
schlug man sich jetzt mit dem drngenden Feinde; Muchlis-Pascha am Commando -
Kiriki durch den Leib geschossen, vom Arm des englischen Capitains untersttzt,
whrend seine Bozuks sich Bahn hieben, nahte man schon den Forts!
    Hier ist der Hekim-Baschi - Allah sei gepriesen und sein Prophet!
    Goddam! Das ist ein Glck, da Sie hier sind, Doctor. Ich frchte, der
Pascha ist schwer verwundet!
    Er hob mit Hilfe einiger Mnner den Verletzten vom Pferde, das selbst von
einem Bajonnetstich blutete.
    Es ist in diesem Getmmel wenig zu machen, sagte Welland, den der Eifer
seines Berufs aus dem Schutz der Forts und den Truppen nachgetrieben hatte. Wir
wollen ihn forttragen; fat an, Bursche. Wie steht die Schlacht, Capitain?
    Nennen Sie's ein Schlachten, ein Gemetzel. Hell and damnation! Selbst in
Indien hab' ich ein solches Blutbad nicht gesehen, und dazu Finsterni und Regen
statt des versprochenen Mondscheins. Wir mssen eilen, uns zurckzuziehen,
Doctor, die Russen gewinnen jetzt das Feld.
    Schon war es zu spt. Das Hurrah und Kuli der Kosacken brauste heran wie ein
Bergstrom und trennte sie von den Ihren und drngte sie fort - wen kmmerte
jetzt der verwundete Pascha unter den Hufen der Pferde und den Fen der
Menschen, wo Jeder genug an sich selbst zu deuten hatte. Capitain Morton, wieder
zu Pferde, an dessen Mhne sich der Arzt hielt, focht fr das Leben wie jeder
der Reiter, hin und her drngte der Sto der Massen.
    Herauf, Doctor, hinter mir auf die Kruppe, oder Sie werden erdrckt!
    Welland schwang sich mit Turnergeschicklichkeit empor - in dem Augenblick
warfen Blitze und Raketen ein neues Licht und er sah die zum Sto gehobene Lanze
eines Kosacken und dicht neben sich einen feindlichen Offizier.
    Heiliger Gott! Doctor Welland - Sie hier?
    Der Sbel des russischen Offiziers schlug die Lanze des Steppenreiters in
die Hhe.
    Capitain Meyendorf!
    Fort, fort mit Ihnen - Gott schtze Sie - da hinaus!
    Der englische Capitain, mit zwei Gegnern beschftigt, hatte sich kaum
umgesehen, doch die franzsisch gesprochenen Worte gehrt, und benutzte den
Rath, das Pferd zur Seite werfend - der Chock herbei eilender trkischer
Infanterie machte Luft, nach einigen Augenblicken hatte sich die trkische
Kavallerie herausgehauen, und whrend sie selbst nun gegen den Feind ansetzte,
von Beiram-Pascha gefhrt, flchteten die Doppelreiter in den Schutz der Forts
und gewannen den Eingang, inde die Karttschen ber ihre Kpfe hinweg in die
anstrmenden Colonnen der Russen hagelten. Der Rckzug war blutig, frchterlich,
so blutig und verderblich wie der Ueberfall selbst, und nur die Nacht und das
wohl gezielte Feuer des Capitain Grach wahrte die tapfern Truppen vor der Rache
der Gegner.
    Kaum wuten die Fhrer auf den Bastionen am Babadagh-Thor, da im selben
Augenblick eine zweite Schlacht auf der Sdseite der Stadt geschlagen wurde.
Unter dem Toben des Kampfes vermochte Keiner den entfernteren Kanonendonner zu
unterscheiden.
    Dennoch wthete dort der Kampf fast eben so blutig. Wir haben bereits
gesehen, da der auf der linken Flanke kommandirende General-Lieutenant Selwan -
der Commandeur der 8. Infanterie-Division - ohne die Befehle des
Ober-Kommandirenden zu erwarten, beschlossen hatte, den Ausfall zu benutzen, um
das gegenber liegende und die Sdseite deckende Fort Arab-Tabia zu strmen,
indem er der Ansicht war, da die Trken in diesem Augenblick dort nur eine
schwache Besatzung zurckgelassen haben wrden.
    Wir mssen auch diesem Kampfe folgen, da in seinem Schein von Feuer und Blut
zwei Begegnungen stattfanden, die fr die Personen unserer Geschichte
bedeutungsvoll sind.
    Im Dunkel der den Mond verbergenden aufsteigenden Gewitterwolken reihten
sich die Bataillone an dem uern Rand der Laufgrben mit mglichster Stille:
drei Compagnieen des dritten Bataillons des poltowskischen Infanterie-Regiments,
das dritte Bataillon des alexandropolschen und das erste Bataillon des
samoszkischen Jger-Regiments, begleitet von einer Sappeur-Compagnie und der
Mannschaft einer Feldbatterie.
    Es war wenige Minuten vor 11 Uhr, als noch eine Anzahl in der Nhe
bivouacquirender oder zufllig benachrichtigter Offiziere herbeikam und sich dem
General zur Disposition stellte, darunter der Oberst Kostanda von der reitenden
Artillerie der Leibgarde.
    Aller Augen hafteten auf den dunklen Massen des Abdul-Medjid-Forts, von dem,
wie sie wuten, das Signal kommen mute. Links zeichneten sich am Horizont die
schwarzen Linien des Arab-Tabia aus; - kein Gerusch - kein Laut von drben her,
Nacht und Schweigen bis auf das melancholisch herbertnende La illah-Allah il
Allah! einer Schildwache als Gru an die Ronde, und als Zeichen ihrer
Wachsamkeit. Auch diesseits Alles Schweigen, nur leises Flstern in den Reihen,
die Offiziere auf die Degen gesttzt, die Soldaten das Gewehr im Arm - die
Sappeure vorn mit Faschinen, Aexten und Leitern.
    Pltzlich - mit dem Minutenzeiger auf Eilf scho der feurige Strahl der
Rakete vom Fort in die Hhe.
    Also Wahrheit - die Botschaft des jungen Spions hatte nicht gelogen, und
manches Herz, das noch immer gezweifelt, wappnete sich fester bei der Gewiheit
der nun bevorstehenden blutigen Stunde, jedes Ohr lauschte gespannt -
Todtenstille ringsum -
    Der Oberst Kostanda hatte sich auf den Boden geworfen, um besser zu hren -
zehn Minuten darauf lie sich undeutlich in der weiten Entfernung der Schall
einer Gewehrsalve vernehmen.
    Sie sind an einander, Excellenz - Gott lasse die Unsern bereit sein!
    Pascholl! Bei Todesstrafe kein Schu ohne Befehl!
    Schweigend - ein gespenstiges Ungeheuer, Tod und Verderben in seinen Ringen
- drngten die Reihen vorwrts. - Um den Horizont zuckte das Wetterleuchten und
mit den dunklen Menschenwolken zusammen zogen die Wolken des Himmels gigantisch
gegen einander zur Feuerschlacht der Elemente.
    Jetzt waren die Tirailleurs bis auf 200 Schritt an die uere
Circumvallation heran, die hinter einem - bei der hheren Lage des Forts nach
dem Bergplateau zu - trotz des hohen Wasserstandes der Donau kaum drei Fu tief
mit Wasser gefllten Graben lag. Keine Ahnung noch schien die Moslems vor der
drohenden Gefahr zu warnen.
    Der grelle Schein des Blitzes enthllte jetzt pltzlich die Bataillone der
Russen.
    Mashallah, die Moskows! Zu den Waffen! zu den Waffen!
    Sturmschritt! - Vorwrts! Die russischen Trommeln schlugen den kurzen
Appell und ehe die Bataillone heran kamen, waren die Glacis vor dem Graben durch
die Bajonnette der Tirailleurs von den trkischen Wachen gerumt und die
Colonnen, die Sappeurs voran an der Brcke und dem Graben, und ihr Hurrah
donnerte herausfordernd durch die Lfte. Die Faschinen flogen in das Wasser, die
Leute sprangen und strzten die Bschungen hinunter und begannen mit der den
russischen Soldaten eigenen Halsstarrigkeit und Gleichgltigkeit gegen den Tod
bis steilen Wnde des Walles emporzuklimmen. Das Heckenfeuer der Jger bestrich
krftig die Wlle, und der Zuruf, die Todesverachtung der Offiziere ermunterte
die Leute zu riesenhaften Anstrengungen.
    Aber der Angriff scheiterte an der Wachsamkeit der Artillerie und dem
Umstande, da Mussa-Pascha es fr rthlich gehalten hatte, gleich in einer
Ahnung des Kommenden und in der Absicht, whrend des Ausfalls die Krfte des
linken russischen Flgels durch eine Erffnung des Feuers zu beschftigen, die,
seine Sdseite und die Strae nach Schumla deckenden Forts, Arab-Tabia und
Yania, mit einer starken Besatzung zu versehen, und da sich - eben jener
Demonstration wegen - die fremden Offiziere, die nicht am Ausfall Theil
genommen, in den Forts befanden. Der Pascha, nachdem er das Zeichen zum Ausfall
gegeben, war mit seiner Umgebung noch in der Nhe der Batterieen, welche die
neue Citadelle, Abdul-Medjid, mit Silistria verbinden, als der Angriff des
General-Lieutenants Selwan begann, und umsichtig und entschlossen warf er alle
disponiblen Krfte dahin, whrend die Citadelle ein Flankenfeuer gegen den
russischen Angriff erffnete.
    In diesem Augenblick war es, als das Gewitter mit Sturm und Regen in seiner
vollen Heftigkeit ausbrach. Ein Flammengrtel schien pltzlich rings um den Wall
der Arab-Tabia sich zu ffnen und sprhte seinen Karttschenhagel gegen die
Strmenden. Der Donner des Geschtzes rollte mit dem des Himmels, mit der Fluth
der Wolken go sich der eiserne Strom ber die Feinde.
    Der franzsische Colonel, - Capitain Depuis - auch der Baronet Maubridge,
der sich der Begleitung des Pascha's angeschlossen, - befanden sich unter den
trkischen Offizieren auf dem Fort und warfen sich in den Kampf. Die Tabor's1
der in der Stadt gebildeten Freischaaren, die unberittenen gyptischen
Baschi-Bozuks hielten standhaft die Wlle.
    Dennoch gelang es dem samoszkischen Jger-Bataillon wirklich, auf dem groen
Wall Fu zu fassen und es entspann sich hier ein wthender Kampf. Mann gegen
Mann, - die Jger ihre Hirschfnger auf die Bchsen gesteckt, die Bozuks und
Freiwilligen mit Sbel, Pistole und Handjar oder den Flintenkolben. In der Nahe
dieses Getmmels kmpfte am Wall auch der englische Baronet mit seinem Diener
gegen das Andrngen der Strmenden. Der Diener des Briten, den er erst in
Schumla angenommen, eine wilde, breitschultrige, verwogene Gestalt in
Arnautentracht, lud und scho kaltbltig seine Pistolen auf die heraufklimmenden
Russen ab. In seiner Nachbarschaft, durch den Kampf dahin gedrngt, focht
Jussuf, der schwarze Courier, schon vor einer Stunde abgelst von seinem Posten.
    In diesem Moment gelang es dem Obersten Grafen Orloff, auch hier mit einer
Abtheilung der alexopolskischen Infanteristen den Wall zu erklimmen und er griff
mit dem Sbel in der Hand die Verteidiger an. Ein Pistolenschu des vorhin
erwhnten Dieners fuhr ihm von der Seite quer ber das Gesicht und ein grober
Schrootkorn durchbohrte sein Auge, dennoch kmpfte der Tapfere weiter. Aber auch
der Arnaut hatte keine Zeit mehr, die lange Pistole am Riemen ber den Rcken zu
werfen und sich der blanken Waffe zu bedienen, denn zwei Infanteristen strzten
ber ihn her und der Kolbenschlag des Einen warf ihn blutend zu Boden, und schon
sprang der Zweite gegen ihn und hob das Bajonnet zum Todessto.
    Sukiensyn2! Geh' zu Deinem falschen Propheten!
    Ein krftiger Yataganhieb traf Waffe und Arm des Russen, da beide machtlos
niederfielen, ein zweiter spaltete ihm das Gesicht bis tief in den Hals hinein,
und ber dem zu Boden Gestreckten stand der Mohr, den Kameraden gegen den
anderen Feind krftig verteidigend und schtzend, wenige Hiebe und Ste, und,
obschon aus einer leichten Wunde blutend, die das streifende Bajonnett ihm in
die Seite gerissen, hatte doch seine grere Gewandtheit auch diesen Gegner
gefllt.
    Der Kampf hatte nur wenige Augenblicke gedauert, Jussuf hob den Gefallenen
empor.
    Diavolo! - Das ging hart her - Dank, Kamerad!
    Das Auge des Mohren fiel bei dem Klange dieser Stimme aufmerksam auf das
Gesicht des Geretteten und die Feuer des Himmels, wie die Blitze aus
Menschenhnden, die fortwhrend das Dunkel erhellten, lieen ihn trotz der
Blutbefleckung das Gesicht des Andern klar und deutlich erkennen. Es schien wie
ein electrischer Schlag durch die Glieder der groen krftigen Gestalt zu zucken
und die Muskeln krampften sich zusammen, wie zum gewaltigen Sprung, seine Augen
blitzten wie die des Tigers, der sich auf seine Beute werfen will. Aber nur
einen Moment lang - dann schien ein gewaltiger Entschlu jede Fiber zu
beherrschen, ein Entschlu, der sich in den leise zwischen den Zhnen zischenden
Worten kundgab: Von meiner Hand - allein; erst soll er mich kennen! und den
vom gewaltigen Kolbenschlag noch Halbbetubten - - der Nichts von dem grimmigen
Triumphe des ihm ganz fremden Helfers gemerkt - umfassend, zog er ihn schtzend
aus dem gefhrlichen Gewhl.
    Die kaum errungenen Vortheile der Russen waren gegen den Andrang der von
Mussa-Pascha herbeigerufenen Verstrkungen nicht zu halten; von einem
Handjarsto durchbohrt, strzte der tapfere Fhrer der samoszkischen Jger,
Oberst-Lieutenant Gladysch, - kaum vermochten seine Krieger den Sterbenden den
siegreichen Vertheidigern zu entreien; in den Graben zurckgestrzt, mit
Karttschen berschttet, war der Kampf der Russen nur ein Kampf der Ehre und
der Verzweiflung, und ihr allzukhner Fhrer, der selbst bis an den Graben
vorgedrungen, konnte sich der Ueberzeugung des Miglckens nicht lnger
verschlieen.
    Popoff lt uns im Stich, sagte er zu dem neben ihm stehenden
General-Major Wesselinski, geben Sie den Befehl zum Rckzug. Ich selbst bin
verloren, ich - - -
    Er lie den Sbel fallen, hob die Arme in die Hhe und drehte sich um sich
selbst, ehe er schwer zu Boden strzte - eine Krttschenkugel hatte ihm den
Leib aufgerissen und das Kriegsgericht erspart.
    Um Gotteswillen, Excellenz - ermannen Sie sich - ich hre den Sturmmarsch
unserer Reserven - Popoff rckt an -
    Zu spt - der Rckzug - - Gott sei mir gndig!
    Ehe sie den Krper aufhoben, war der tapfere Offizier bereits eine Leiche
und die unheimliche Prophezeiung des Generals Schilder erfllt, wie in Betreff
der Anderen.
    Khn und frisch rollte der Trommelwirbel des Sturmmarsches durch Wetter und
Kampf, unter dem General-Major, Popoff mit vier Bataillonen als Reserve von der
rechten Seite jetzt herbeistrmte und sich todesmuthig gegen das Fort warf. Aber
die Besatzung desselben war jetzt dermaen verstrkt, da sie den
heldenmthigsten Anstrengungen trotzen konnte. Der General-Major, Frst Urusoff,
mit dem ersten Bataillon des alexopolskischen Jger-Regiments strzte sich in
den Graben und eilte den Kameraden zum Beistand - der Fhrer selbst einer der
Ersten, die den Wall erstiegen.
    Oberst Wassilkowitsch, vor mit Deinem Bataillon - wir mssen diese Kanonen
zum Schweigen bringen.
    Das graugrne Auge des Offiziers funkelte, indem er den Degen hob, als
Zeichen zum Angriff. Der galante alte Rou aus dem Salon der Frstin Lieven zu
Paris, die kriechende, im Verborgenen ihr Gift in die jungen Herzen ergieende
Schlange, - der reiche, an jede Ueppigkeit des Lebens gewhnte Graf war
verschwunden und dem grimmig-tapferen Offizier gewichen, der seine Bataillone,
wetteifernd mit dem jungen Frsten, zum Sturm fhrte. Die ersten Reihen fllten,
von den Nachdrngenden achtlos gegen das billige Menschenleben in die Tiefe
gestrzt, den Graben, - ber dem Damm von Leibern erklommen die Strmenden den
Wall - breite Lcken rissen die Karttschen in ihre Reihen, aber neu und neu
fllten sich die blutigen Breschen und das siegreiche Hurrah der Russen donnerte
auf der Hhe der Embrasren.
    Aber die Augenblicke des Sieges konnten nur kurz sein - von rechts und links
schmetterten die wohlbedienten Geschtze der Besatzung das Verderben in die
russischen Glieder, und in der Front drangen mit jubelndem Triumph die Moslems
auf die Haufen, die die Brustwehr erklommen, ein franzsischer Offizier khn und
ermunternd voran.
    Die minutenlange, fast Tages-Helle zeigte klar und deutlich die kriegerische
Gestalt, das edle feurige Antlitz des Vicomte de Miricourt. -
    Feuer auf sie! Feuer auf den Offizier! Hundert Rubel dem, der ihn trifft!
    Die Gewehrsalve krachte, - aber unverletzt und glorreich stand unter den
pfeifenden Kugeln der brave Zuaven-Offizier und strmte auf die Gegner.
    Ha - Graf Wassilkowitsch! Heran zu mir!
    Die Sbelklingen kreuzten sich, - Schritt vor Schritt wichen die Russen, bis
an den Rand der Embrasren, jeden Zollbreit des gewonnenen Bodens nur mit ihren
Leichen, mit ihrem Blute den grimmigen Gegnern zurckverkaufend.
    Drben vom Glacis her lieen die Hrner in bringender Weise den Befehl zum
Rckzug ertnen - auf den anderen Stellen hatten die Russen bereits den Wall
gerumt und klommen in wilder Flucht aus dem Graben empor, von den Karttschen
der Artillerie haufenweise zu Boden geschmettert!
    Ergeben Sie sich, Graf Wassilkowitsch, - Sie sind verloren!
    Der Hlle eher, als dem Todfeind!
    Ein mit aller Kraft des erbittertsten Hasses gefhrter Sbelhieb galt dem
Haupte des Vicomte, aber die geschickte Hand desselben parirte ihn, da die
Klinge des Russen am Griff zersprang, dann war der khne, in den Kmpfen
Algerien's mit allen Knsten der Wehr vertraute Zuavenfhrer an ihm und hatte
ihn an Hals und Lenden gepackt und im nchsten Augenblick ber die Brustwehr
hinunter in den Graben gestrzt. Wem es nicht gelang, eilig zu fliehen, der fiel
ohne Barmherzigkeit auf dem Fleck, auf dem er gekmpft; - die Flucht der Russen
war allgemein, blutig, verderblich, - der voreilig und ohne die nthige
Untersttzung unternommene Sturm glnzend abgeschlagen. Nicht das Armee-Corps,
sondern den Tod hatte er dem trotzigen Fhrer gebracht.
    Der Verlust der Russen in dieser Episode des blutigen Kampfes war beraus
schwer; sie selbst geben ihn auf 250 Todte, und 39 verwundete Offiziere, und 548
Soldaten an - in Wahrheit betrug er weit ber tausend Mann. Unter den
Verwundeten befanden sich auer dem schwer am Aug' und in der Schulter
getroffenen Obersten Grafen Orloff - der Commandeur der Reserven selbst,
General-Major Popoff und Oberst Kostanda. Todt am Wall von Arab-Tabia lagen -
wie der greise Geisterschauer es ihnen verkndet - General-Lieutenant Silvan und
der Fhrer der tapferen Jger, Oberst-Lieutenant Gladisch.
    Diese Nacht kostete den Russen ber zweitausend Mann. Auch der Verlust der
Trken war bedeutend.

                                    Funoten


1 Abtheilungen.

2 Hundssohn!


                            Auf und unter der Erde.

Auf einem Rohr-Divan mit schlechten Polstern lag Doctor Welland, ausruhend von
den Strapazen und Mhen der Nacht, die er - es war mehrere Tage nach dem
blutigen Ausfall - an der Seite der Kranken und Verwundeten zugebracht.
    Nursah, der schwarze Knabe, schaute durch den gehobenen Vorhang herein, ob
sein Gebieter wach sei, und als er sich davon berzeugt, kam er nher und legte
demthig einen klein zusammengefalteten und schwarz gesiegelten Brief vor ihm
nieder, der statt der Adresse den bloen Namen des Arztes trug.
    Woher der Brief?
    Jussuf fand ihn am Morgen auf der Schwelle der Thr.
    Der Doctor betrachtete das Blatt, das offenbar keine dienstliche Mittheilung
enthielt, von allen Seiten, wie wir wohl zu thun pflegen bei Briefen, von denen
wir nicht wissen, woher? obschon das Oeffnen uns jedes Nachdenken leicht
ersparen wrde, und sagte:
    Ich sah Deinen Bruder gestern in Gesellschaft eines Menschen, der jetzt der
Diener des Englnders zu sein scheint, welcher mich neulich mit seinem Landsmann
besuchte. Ich mte mich sehr irren, oder wir haben Beide den Mann schon in
Widdin gesehen bei Handlungen, die keineswegs fr seinen Charakter sprechen.
Warne Deinen Bruder.
    Er hat dem Italiener bei dem Sturm auf Arab-Tabia das Leben gerettet und
Signor Lucia beweist ihm seitdem groe Dankbarkeit.
    In dem Auge des Mannes liegt Tcke und Verbrechen - ich wiederhole es:
warne Deinen Bruder.
    Ein leichtes kaum merkliches Lcheln flog ber das dunkle Gesicht des jungen
Dieners, als er sich verbeugte und zurckzog, whrend Doctor Welland den Brief
erbrach.
    Der Brief war vom Capitain Meyendorf geschrieben und lautete:

    Bei unserer Begegnung im Sturm der Schlacht erst erfuhr ich mit Gewiheit,
da mein Befreier aus der trkischen Gefangenschaft zu Widdin in Silistria
weilt. Nur wenige Augenblicke bleiben mir heute, da ich wieder im Stabe des
Frsten bin und die Folgen des Ausfalls noch alle Krfte in Anspruch nehmen, um
Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihr Schuldner bin. Erhhen Sie diese Verpflichtung,
indem Sie mir Weiteres mittheilen und jede Nachricht ber den Gegenstand geben,
der uns Beide verbndet, - es ist fr mich von Werth, das Geringste zu erfahren.
Wie schwierig auch der Verkehr sein mag, ich werde Mittel finden, ihn zu
unterhalten, und wenn Ihnen eine Person den Namen nennt, der unsere Loosung ist,
knnen Sie ihr sicher jede Botschaft auftragen. Leben Sie wohl und mge der
Himmel Sie schtzen. Ihr
                                                       Alexander von Meyendorf.

    Der Arzt las den Brief, mit einer tiefen Rhrung des traurigen Schicksals
jenes wackern edlen Kriegers gedenkend, der auf der Seite der Feinde stand und
fr den er doch so viel Theilnahme empfunden. Er steckte das Blatt zu sich und
beschlo, noch genauere Nachforschungen anzustellen, wie es in seine Wohnung
gekommen, da es offenbar bewies, da die Russen ihre Spione in der belagerten
Festung hielten.
    Der Eintritt der Capitaine Grach und Morton, wiederum begleitet von Sir
Maubridge, machte seinem Nachdenken ein Ende.
    Wir haben uns nur wenige Augenblicke seit der Nacht des Ausfalls und dem
groen Sturm gesehen, den die Russen am Tage darauf unternahmen. Indem wir dem
Feind die zerstrten Vorwerke am Babadagh-Thor berlassen haben, knnen wir
unsere Mittel concentriren, und auch ich habe dadurch mehr Zeit gewonnen. Wie
geht's mit Ihren Verwundeten und Kranken, Doctor?
    Es ist mir lieb, Sie zu sehen, entgegnete der Arzt, und ich bitte um Ihre
Untersttzung beim Pascha. Ich bin mit meinen Collegen darber einig, da fr
die Rettung unser Aller ein Waffenstillstand von einigen Stnden unbedingt
nothwendig ist, wenn nicht der Typhus, ja noch Schlimmeres, Alles verschlingen
soll.
    Wie meinen Sie das? fragte der Capitain.
    Sie selbst mssen bereits die Verpestung der Luft durch die zahllosen
Leichen von Thieren und Menschen empfunden haben, die um die Forts aus den zwei
letzten Strmen und den tglichen kleinen Gefechten liegen geblieben sind. Ich
habe alles Mgliche gethan, um im Innern der Stadt die sofortige Beerdigung
aller unserer Leichen durchzusetzen, aber Sie kennen zur Genge die
Fahrlssigkeit und den Schmuz der Moslems, und die Cadaver der Thiere bleiben
unbeachtet auf den Straen. Hier haben wir nicht die Hilfe der Hunde, wie in
Constantinopel. Ueberdies geschieht auch das Begraben der menschlichen Leichen
uerst sorglos, und die groen Gruben, die zu ihrer Aufnahme dienen, werden nur
mit einer dnnen Schicht von Erde bedeckt. Die Hitze ist im Steigen und es
entwickeln sich auch in der Festung Miasma's, die mit dem Pesthauch von auen
vereint zehnfach tdtlicher wirken mssen, als alle feindlichen Batterieen. Die
Cholera ist bereits stark im Zunehmen!
    Goddam! meinte der englische Offizier, es ist eine verteufelte Aussicht,
wie ein Hund zu sterben.
    Aber die Russen, warf der Baronet ein, haben denselben Nachtheil wie
wir.
    Darauf eben grnde ich meinen Vorschlag. Unsere Kanonen verhindern sie,
ihre zurckgelassenen Leichen zu begraben. Ein vorgeschlagener Waffenstillstand
zu diesem Zweck wird als eine Noblesse unsererseits angesehen werden und ihnen
sehr willkommen sein. Wir aber ziehen den besten Vortheil davon.
    Der Capitain hatte aufmerksam und nachdenkend zugehrt.
    Sie haben Recht, Doctor, und wir werden Ihren Vorschlag ernstlich bei dem
Pascha untersttzen. Es wird am besten sein, wenn Sie ihn sofort und in unserer
Gesellschaft anbringen. Mussa hat mir auerdem einen Auftrag an Sie gegeben. Ich
glaube, der Knabe, der uns am Sonntag die letzten Nachrichten und Depeschen aus
Schumla in die Festung schmuggelte, befindet sich bei Ihnen.
    So ist es.
    Master Welland, sagte spttisch der Baronet, scheint eine ganze
orientalische Familie in seiner Begleitung zu haben.
    Ich besitze einen einzigen Diener, Sir, entgegnete der Arzt ruhig, der
hier seinen Bruder gefunden hat. Ueber Beide bin ich meinen Vorgesetzten jede
Auskunft zu geben bereit. Was den Knaben betrifft, so ist er das Vermchtni
eines treuen, aber mileiteten Mannes an einen theuern Freund. Daher kenne ich
ihn.
    Etwa des Rubers Jan Katarchi fr Herrn Caraiskakis? fragte spitzig der
Englnder.
    Capitain Grach unterbrach ihn unwillig.
    Was geht das uns an, Sir! Wollen Sie hier im Orient den Stammbaum eines
Jeden prfen, ehe Sie mit ihm verkehren, so mchten Sie seltsame Geschichten zu
hren bekommen. Hier ist die Frage, ob Sie den Burschen fr geschickt genug zur
Ausfhrung eines Auftrags halten und ob er ihn bernehmen will?
    Das Erstere beantwortet sein Hiersein, da Zweite ist leicht zu
entscheiden, indem wir ihn rufen.
    Nehmen Sie ihn mit, Doctor, und begleiten Sie uns zum Pascha. Es handelt
sich darum, Briefe nach Schumla zu bringen und Nachricht von dort zu holen ber
die beabsichtigten Bewegungen zu unserm Entsatz, damit wir vielleicht eine
untersttzende Diversion aus der Festung machen knnen.
    Mauro wurde gerufen und der Arzt begleitete mit ihm die Offiziere, um den
Kommandanten aufzusuchen.
    Sie fanden ihn auf der nmlichen, zu einer Art Paradeplatz der Truppen
dienenden Stelle, auf der wir ihm zuerst begegnet sind. Das Bombardement der
Stadt hatte den ganzen Vormittag gedauert und Mussa-Pascha denselben auf den
Wllen zugebracht, mit Anordnungen und Ermunterungen beschftigt. Hussein-Aga
und die beiden franzsischen Offiziere waren wieder in seiner Begleitung. Der
Knabe wurde sogleich dem Pascha vorgestellt.
    Bismillah, sagte Mussa, der Bursche sieht aus, als trge er die ganze
Welt in dem Winkel seines Auges. Getraust Du Dich, sicher nach Schumla zu
kommen, ohne den Moskows in die Hnde zu, fallen, wenn ich Dir zwanzig goldene
Ghazi's verspreche und eben so viel bei der Rckkehr?
    Ich bin ein Kind, Hoheit - die Moskows achten nicht auf mich.
    Ai dschnum! das ist eben der Grund, weshalb wir Dich whlen. Wie heiest
Du, Knabe?
    Mauro.
    Du bist im Glauben an den heiligen Koran erzogen? Wer sind Deine Eltern?
    Mge Dein Schatten lang sein, Hoheit, und der Ruhm Deiner Tapferkeit ber
dem des Sirdars. Ich bin ein Grieche von Geburt, aber habe seit meiner Jugend
keine Eltern mehr und diene den Mssilmnnern.
    Der Pascha fhlte sich durch das Compliment zu geschmeichelt, um Mitrauen
zu zeigen.
    Sprich zu einem Griechen von Gold und er verkauft seine Seele! Dieser Knabe
wird zuverlssig sein, er hat bereits seine Probe abgelegt und es ist
gefhrlich, einen andern Boten zu schicken. Geh' mit Selim, meinem
Divan-Effendi, er wird Dir die Briefe einhndigen und die Hlfte des Geldes,
denn es ist nothwendig, da Du zur Stelle und ohne weiter mit Jemand in der
Stadt zu verkehren, die Wlle verlassest. Es fehlt den Moskows leider nicht an
Spionen in Silistria, und unsere besten Unternehmungen werden oft vereitelt.
Selim wird Dich dem Offizier des sdlichen Thurmes Yania bergeben und Allah
mge Deine Augen, Deine Ohren und Deine Fe strken, damit Du den Feinden
glcklich entkommst. Geh', denn wir haben noch mehr zu thun.
    Der Knabe ward auf seinen Wink fortgefhrt, nachdem er demthig den Rock des
Pascha's berhrt und die Hand des Arztes gekt hatte. Capitain Grach machte
hierauf den Commandanten mit den schweren Besorgnissen der europischen Aerzte
und dem Vorschlag des Doctor Welland bekannt. Alle in der Umgebung des Pascha's
befindlichen europischen Offiziere stimmten sofort den erhobenen Bedenken bei
und erkannten die Nothwendigkeit und Dringlichkeit der Abhilfe an. Nur
Hussein-Aga machte einige Einwendungen.
    Bei meiner Seele, sagte er, diese Dschaurs werden sich einbilden, wenn
sie die weie Fahne auf unsern Wllen sehen, wir dchten an Uebergabe.
    Desto bitterer werden sie sich getuscht fhlen, widerlegte ihn der
Capitain. Ich dchte, die Russen htten die Kraft Deines Armes und die
Unbezwingbarkeit Deines Muthes bei dem letzten Ausfall genug kennen gelernt,
tapferer Aga, um zur Genge zu wissen, was sie zu hoffen haben.
    Du hast Recht, Js-Baschi1 Grach, entschied der Pascha, und Dein Rath ist
immer weise gewesen, wie Dein Muth gro. Ich habe noch heute Gutes von Dir
geschrieben an den Sirdar. Wir wollen die Fahne des Waffenstillstandes
aufstecken auf dem Thurm der Citadelle und einen Unterhndler senden in das
Lager der Moskows. Wen rthst Du, zu whlen?
    Der Pascha hatte - whrend die Zwischenreden unter den trkischen Militairs
und die Instruction des kleinen Spions in trkischer Sprache gefhrt worden -
bei der die europischen Offiziere interessirenden Frage sich wieder des
Franzsischen bedient und war daher Allen verstndlich gewesen. Der Baronet,
welcher der ganzen Verhandlung mit groer Aufmerksamkeit gefolgt war, nahm die
Gelegenheit wahr, eine Bemerkung zu machen, die er offenbar schon lange
anzubringen wnschte.
    Vielleicht wrde Doctor Welland selbst der beste Bote der Vermittelung
sein, da er, wie ich von Capitain Morton vernommen, besondere Freunde unter den
russischen Offizieren zhlt.
    Aller Augen wandten sich bei der unerwarteten, einer Anklage hnlichen
Bemerkung auf den deutschen Arzt, der in der That von der Bosheit des Gegners
berrascht, einige Augenblicke verlegen und unsicher blieb. Das Gefhl, wie
nthig es sei, keinen unwrdigen Verdacht aufkommen zu lassen, gab ihm inde die
Fassung zurck und er erwiderte ruhig und fest dem Angreifer in's Auge schauend:
    Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen, Sir, und was berhaupt das
Bekmmern um meine Person und meine Angelegenheiten bedeuten soll?
    Der Baronet, sagte scharf Capitain Morton, scheint auf die zufllige
Aeuerung von mir hinzudeuten, da in dem Augenblick, als Sie, mein Freund, bei
dem Ausfall am Sonntag so aufopfernd uns in's Kampfgewhl folgten und wir in
groer Gefahr waren, von einer Abtheilung der Kosacken niedergemacht oder
gefangen zu werden, ein russischer Offizier unser Beider Entkommen ermglichte,
weil er in Ihnen wahrscheinlich einen Bekannten frherer Zeit wiedersah, ebenso
wie wir selbst uns schon im frheren Leben getroffen haben.
    So ist es, Sir, und ich glaube nicht nthig zu haben, mich darber zu
verantworten.
    Der Zuaven-Colonel hatte mit sichtlichem Unwillen der Wendung des Gesprchs
zugehrt.
    Das ist eine Sache, die sich von selbst versteht und die einzig wir
Offiziere zu beurtheilen haben, fgte er mit unverhehlter Verachtung gegen den
versteckten Anklger bei und indem er dem Arzt die Hand reichte. Ich habe
Gelegenheit gehabt, diesen Herrn trotz meiner erst kurzen Anwesenheit in seiner
Pflichterfllung zu beobachten, und mchte wnschen, da die trkische und die
verbndete Armee viele Mnner seiner Ehrenhaftigkeit in ihren Reihen besitze.
Ich selbst zhle viele liebe Bekannte in der feindlichen Armee und werde mit
Vergngen auch auf dem Schlachtfelde die Erinnerung frherer Zeiten anerkennen.
    Doctor Welland verbeugte sich erfreut gegen ihn.
    Ich danke Ihnen, mein Herr; Sie haben mir nur Gerechtigkeit widerfahren
lassen.
    Der Vorschlag war berhaupt unpassend, bemerkte Capitain Grach, whrend
sich der Baronet mit einer hochmthig hhnischen Miene, als verachte er die
Kritik seines Benehmens, zurckzog, da zu der Sendung nur ein Offizier
verwendet werden kann. Die Sache ist jedoch dringend, Hoheit, und Du wirst gut
thun, sofort die nthigen Befehle zu geben.
    Lasse die Fahne ausstecken, und Du, Hussein-Aga, sende zwei Offiziere ab an
die Posten der Moskows. Mashallah! Wir mchten gern, wie es tapfern Soldaten
ziemt, im Kampf gegen unsere Feinde und auf den siegreich behaupteten Wllen
sterben, nicht auf dem Krankenlager an der scheulichen Pest.
    Der Ruf des Muezzims vom Minaret: La Illa illa Allah, we Muhammed Resul
Allah2! unterbrach seine Worte. Der streng seine religisen Pflichten ausbende
Pascha wandte sich sofort gegen die Moschee.
    Der Azam ruft uns zum Assar, (das dritte oder Nachmittags-Gebet,) lat
uns das Heiligthum betreten und Allah und dem Propheten danken, da sie uns
bisher den Sieg gegeben. Mge Azral, der Engel des Todes, uns ...
    Der Tapfere sprach die Worte nicht aus; durch die Luft ber ihnen knisterte
und zischte es, und es krachte nieder mit gewaltigem Schlag tief in den
Erdboden.
    Eine Bombe! Nieder mit Allen!
    Capitain Grach rief's, indem er sich zu Boden warf und Alle - bis auf den
ziemlich starken und etwas unbeholfenen Pascha - seinem Beispiel folgten oder
wenigstens zur Seite sprangen. Fast im selben Augenblick, als die Bombe den
Boden berhrte, platzte sie auch schon und die Eisenstcken sprhten rings
umher. Doctor Welland war der Erste wieder empor, und sein Auge fiel sogleich
auf den unglcklichen Kommandanten. Der Brave stand aufrecht, aber wankte wie
ein Mann, der einen harten Sto erhalten, und seine beiden Hnde preten sich
auf die linke Seite und den Leib, whrend zwischen den Fingern durch ein Strom
dunklen Blutes hervorquoll. Der Arzt sprang auf ihn zu und umfate ihn, im
Augenblick waren auch Capitain Grach und die andern Offiziere ihm zur Seite.
    Um Gottes willen, Hoheit - bist Du schwer getroffen?
    Der Pascha machte einige Versuche zu sprechen - Blut quoll mit jedem
Athemzug ber seine Lippen.
    Es ist mein Kismet! - Der Tag des Todes ist gekommen - mgen Munkir und
Nekir3) gndig mit mir verfahren! - Freunde, gebt mir die Kiblah4!
    Mehrere der trkischen Offiziere hoben ihn empor und trugen ihn in die
Vorhalle der Moschee, wo sie ihn an einen Pfeiler lehnten, mit dem Antlitz gen
Mekka. Der Arzt war eifrig um ihn beschftigt und untersuchte die schreckliche
Wunde.
    Ist Hoffnung vorhanden?
    Der Capitain frug es auf Deutsch - Doctor Welland antwortete in derselben
dem Sterbenden unverstndlichen Sprache.
    Keine, sagte er hastig, in wenigen Augenblicken steht er vor dem
allmchtigen Richter. Das Eisenstck hat die Lebensarterien getroffen und steckt
noch in seiner Seite. Jeder Versuch wrde ihm nur unntzen Schmerz machen.
    Alle standen um den sterbenden Kommandanten bestrzt und stumm und das mit
Blitzesschnelle sich verbreitende Gercht fllte schnell die Halle der Moschee
und den Platz vor derselben mit Menschen an. Der Verwundete athmete mhsam, aber
er blieb bei voller Besinnung.
    Der Padischah hat mir diese Stadt vertraut, aber Gott bestimmt es anders.
Hussein-Aga, Dir bergebe ich den Schlssel des Thores, vertheidige ihn wie
Deinen Bart und achte auf den Rath dieser Franken. Mge der Prophet Eurer
Tapferkeit den Sieg geben!
    Der Arzt, der neben ihm kniete und seinen Puls mit den Fingern bewachte,
winkte mit den Augen den Umstehenden. Hussein-Aga legte seinen Tisbeh oder
Rosenkranz ihm zwischen die Hnde und einige Augenblicke hrte man zwischen dem
entfernten Donner der Kanonen und dem Krachen der einschlagenden Kugeln keinen
Laut, als die rchelnden und immer krzer werdenden Athemzge mit jenem
schauerlichen Gurgeln in der Kehle, das bei Bluterstickung den Tod verkndet.
Dann quoll ein schwarzer Strom dieses Blutes aus dem Mund, die krftige Gestalt
des Pascha's zuckte zusammen und streckte sich - her tapfere Krieger hatte
geendet.
    Er ist zum Barzakh5 eingegangen, sagte Hussein-Aga ernst, die Mizam6 des
Barmherzigen wird seine Thaten wgen und ihm das Dschennet7 der sieben Himmel
ffnen. Bei Eblis, dem finstern Geiste, wir wollen seinen Schatten rchen mit
dein Tode von tausend Moskows!
    Mge der Sieg Dich begleiten, Bey, Du bist unser Kommandant nach dem Willen
des Todten, und der Sirdar wird sicher Deine Tapferkeit ehren.
    Die trkischen Offiziere machten dem neuen Befehlshaber ihren demthigen
Gru.
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    Den russischen Generalen war der Antrag eines Waffenstillstandes zur
Beerdigung der Leichen nur willkommen gewesen, da ihre Truppen noch mehr wie die
Trken von dem Miasma litten und die Krankheiten bereits in ihren Reihen
wtheten. Die weie Fahne, die auf den Bastionen Silistria's wehte, lie die
Nachricht von der Uebergabe der Festung die Runde durch Europa machen, aber
schon am andern Tage - am 3. Juni - nachdem beide Theile ihre Todten begraben
hatten und auch der Kommandant von Silistria seine Ruhesttte unter den so
tapfer vertheidigten Wllen gefunden hatte, entbrannte der Kampf auf's Neue und
mit verdoppelter Energie. Die Russen unternahmen an diesem Tage einen
allgemeinen Sturm und griffen die Forts an, whrend ihre Flotille die Stadt
bombardirte. Der Kampf war mrderisch, aber ohne Erfolg fr die Angreifer. Gegen
Abend war es diesen zwar gelungen, eine Mine unter der ersten Batterie von
Arab-Tabia herzustellen, aber die Capitaine Depuis und Grach hatten rechtzeitig
eine Gegenmine geschlagen, und diese sprengte an 400 Mann der Angriffs-Colonne
in die Luft, als diese auf das Sprengen einer Bresche harrten. In der durch die
unerwartete Explosion entstandenen Verwirrung machten die Trken einen Ausfall
und zerstrten die nahe liegenden Schanzen.
    Von diesem Tage an ruhten kurze Zeit die Sturmangriffe und es begann der
furchtbare Krieg unter der Erde, jener Krieg mit der Bussole und dem Spaten, der
Krieg der lebendig Begrabenen - der Bergleute des Blutes und des Todes!
    Das war der unheimliche gespenstische Kampf, zu dem man wie zum Orkus aus
dem hellen Sonnenlicht hinabstieg und in dem General Schilder, der gespenstische
Seher der Zukunft, ein Meister war.
    Die Russen drngten Tag um Tag, Stunde vor Stunde ihre Laufgrben vorwrts
gegen die schwer bedrohte Stadt, und in der Heimlichkeit, in dem Schutz der
aufgeworfenen Erde whlte der General gleich dem Maulwurf seine Gnge gegen die
Wlle und Bastionen.
    Es war ein Glck fr die Festung, da der neue, noch jungkrftige und kecke
Kommandant doch die Manen seines Vorgngers dahin achtete, die Talente und
Kenntnisse der europischen Rathgeber zu ehren. Whrend er den Krieg der
Ausflle und offenen Vertheidigungen leitete, berlie er den beiden
Genie-Offizieren die unbestrittene Leitung der Befestigungsrenovationen und der
Gegenarbeiten. Trotz der verdoppelten Thtigkeit der Vertheidiger konnte man
sich dennoch nicht verhehlen, da die Fortschritte der Belagerung, wenn auch
langsam, doch jeden Tag bemerklicher wurden. Es war bereits mehrfach zwischen
den Minirern und Gegenminirern zum erbitterten unterirdischen Gefecht gekommen.
Am 8. hatten die Russen eine Sappe aus Schanzkrben, mit Baumwolle gefllt,
bereits bis an den Rand der sdstlichen Contreescarpe getrieben, hinter welcher
sich die Minirer mit dem Ausgraben zweier Schachte beschftigten. Die Fhrer
entwickelten dabei eine unablssige Thtigkeit. Was der fortwhrende
Karttschen- und Granatenhagel der Trken bei Tage niederwarf, zeigte sich am
anderen Morgen wieder aufgebaut.
    Am 7. und 8. hatten kleine Ausflle und Gefechte mit wechselndem Glck
stattgefunden. Der 9. Juni war ein blutiger Tag gewesen. Nachdem des Morgens
eine Mine gegen zwei der Wasserforts gesprengt worden, versuchten die Russen die
Breschen zu nehmen, wurden aber mit bedeutendem Verlust von den neuen
Hilfstruppen, denen es, 3000 Mann stark, unter Rifat-Pascha am Tage nach Mussa's
Tode gelungen war, von Rasgrad her sich in die Festung zu werfen,
zurckgeschlagen. Zu gleicher Zeit machte Paskewitsch selbst mit einer
bedeutenden Truppenzahl - 31 Bataillonen Infanterie, 32 Schwadronen Kavallerie
und 8 Sotnien Kosaken mit 12 Feldbatterieen - eine groe Recognoscirung um alle
Befestigungen bis zu dem Flecken Kalopetra auf der sdstlichen Seite. Hier
stie die Colonne auf trkische Kavallerie aus der Festung und zwang dieselbe,
sich in das Fort Abdul-Medschid zurckzuziehen, das nunmehr ein heftiges Feuer
erffnete. Eine matte Kugel, die zu den Fen des Pferdes des Frsten von
Warschau niederfiel und dasselbe zu Boden ri, fgte dem greifen Fhrer selbst
eine Contusion an der rechten Hfte zu. Der Feldmarschall achtete jedoch nicht
darauf und blieb bis zum Ende der Kanonade zu Pferde. Wir fhren den Leser an
demselben Abend wieder in's russische Lager.
    Es ist in Kalarasch selbst, dem Hauptquartier des Frsten, wo wir die Scene
wieder aufnehmen. Der greise Statthalter lag in dem frhern Quarantainegebude,
das zu seinem Quartier eingerichtet worden und mit Stabs- und
Ordonnanz-Offizieren berfllt war, auf einem freistehenden Feldbett in halb
sitzender Stellung, neben sich einen niederen Tisch mit Papieren bedeckt. Das
Gemach war ziemlich rmlich ausstaffirt, aber glnzend erhellt, indem groe
Kerzen auf silbernen Leuchtern berall umherstanden. Der Leibarzt des Frsten,
der schon bei seiner Rckkehr in's Lager bedeutende Schmerzen gefhlt und nur
mit Anstrengung nach Kalarasch gelangt war, - hatte so eben die Verletzung
untersucht und ihm erklrt, da sie zwar nicht gefhrlich sei, ihn aber mehrere
Wochen hindern werde, zu Pferde zu steigen. Whrend der Arzt fortfuhr, lindernde
und frische Umschlge auf die verletzte Stelle zu legen, hatte der Frst bereits
sich zu wichtigen Geschften gewendet. Es befanden sich auer dem Arzt und dem
Stabschef General-Major Wranken, der eben auf die Nachricht der Verletzung
eingetroffene Frst Gortschakoff und General-Lieutenant Chruleff mit einem
dritten hohen Offizier im Gemach, der, am Ruhebett stehend, dem Frsten eine
Depesche berreicht hatte, mit deren Durchsicht dieser eben beschftigt war. So
sehr der alte Krieger und Staatsmann auch Herr seiner Mienen sein mochte, war es
doch allen Anwesenden sichtlich, da der Inhalt des Briefes, dessen grnes
Couvert und Siegel ein Handschreiben des Kaisers erwiesen, von groer
Wichtigkeit sein mute und einen tiefen Eindruck auf den Frsten machte. Er
faltete endlich das Papier langsam zusammen, steckte es wieder in das Couvert
und schien einige Augenblicke in schwere Gedanken verloren. Dann - sich ihnen
entziehend - wandte er sich zuerst zu dem Arzt:
    Kann ich Deiner Hilfe auf eine Stunde entbehren, lieber Tschetukin?
    Ich frchte, nein, Durchlaucht - mu ich Sie jetzt verlassen, so kann ich
fr die Folgen nicht stehen - die Contusion ist vernachlssigt und die
Geschwulst bereits eingetreten.
    Und wenn ich Dich gewhren lasse, in welcher Zeit bin ich fhig, das Lager
zu verlassen?
    Ich verlange nur fr morgen Ruhe, Durchlaucht - zu Wagen sollen dann Ihre
Bewegungen unbehindert sein.
    Gut, Staatsrath, - ich kenne Dich und wei, da ich mich auf Deine
Verschwiegenheit verlassen kann. Kmmere Dich nicht um uns und fahre fort mit
Deinen Mitteln, da die Erhaltung dieses alten Krpers in den nchsten Wochen
vielleicht unserm Herrn, dem Kaiser, noch einigermaen ntzlich sein mag. Wir
sind smtlich hier treue und bewhrte Shne des heiligen Rulands und ich kann
daher ungescheut sprechen, wie es die ernsten und schweren Umstnde erfordern.
Nimm Platz, Schebesky, und Du Wranken, wir haben eine ernste und lange Berathung
vor uns. Ihre Ankunft, Frst, hat mir erspart, Sie rufen zu lassen. Der Tag hat
wichtige Nachrichten gebracht.
    Auch ich habe dergleichen, Durchlaucht.
    Gut. Einer nach dem Andern. Hast Du vielleicht auch Nachricht von dem
Gesandten aus Wien?
    Mein Bruder benachrichtigt mich von dem Ausgang der Zusammenkunft des
Kaisers von Oesterreich und des Knigs von Preuen in Tetschen.
    Verdammni ber die sterreichische Dankbarkeit, - ich wollte, wir htten
Ungarn den Rebellen gelassen. - Es ist, wie ich gefrchtet, Oesterreich wird in
die Donau-Frstenthmer einrcken und hat sich den Rcken gedeckt durch das
Garantie-Cartell mit Preuen.
    Es sind Differenzen entstanden zwischen den beiden Herrschern ber die
Auslegung des Cartells.
    Ich wei, ich wei, - aber der Nutzen ist nur passiv. Preuen hlt das
wiener Gelst in Schranken, aber nur, wenn wir auf unserm eigenen Gebiet stehen.
Oesterreich kann nicht offen operiren, aber sein Druck zwingt uns zurck.
Dennoch ist das nicht das Schlimmste. Ich habe heute wichtige Berichte ber die
Zusammenkunft in Varna erhalten.
    Die Rapporte unserer Agenten ber den Kriegsrath am 19. liegen seit acht
Tagen vor.
    Das ist es eben, Frst, was uns getuscht hat. Die Halunken taugen Nichts,
- Marschall Arnaud und Lord Raglan wissen sehr wohl, da sie von unseren Spionen
umgeben sind, und was mit den Trken berathen wird, in der krzesten Zeit uns
bekannt ist. Ich sage Dir, Frst, Deine Agenten in Schumla sind Dummkpfe und
haben nur erfahren, was alle Welt wei. Wie lautete doch der Bericht?
    Frst Gortschakoff, einigermaen pikirt, nahm aus seinem Taschenbuche ein
Papier und entfaltete es:
    Hier ist die Abschrift der Chiffern: Der Zusammenkunft am 19. in Varna
wohnten der Marschall St. Arnaud, Lord Raglan, Omer Pascha, die Admirale Dundas
und Hamelin und der Kriegsminister Riza-Pascha bei. Oberst Tignir machte den
Dolmetsch, auch Aguiah-Pascha, der neu ernannte Pforten-Commissair im Lager des
Muschirs, war zugezogen. Das Resultat war, da Herrn von Saint-Arnaud die
Leitung der Kriegsoperationen smtlicher am Kriegsschauplatz aufgestellter
Streitkrfte bertragen worden ist. Der Muschir erstattete ber die Lage
Silistria's Bericht und der Ersatz wurde beschlossen. Die beiden Generale sind
vollstndig auf die Plne Omer's eingegangen und die Dampfboote mit den Ordres
nach Skutari und Gallipoli abgegangen, um einen Aufbruch in Masse anzuordnen. -
Die Berichte gingen uns allerdings spt zu, da die unglckliche Verhaftung
unserer Hauptagenten in Constantinopel einige Verwirrung in die Sache gebracht
hat.
    Sind das alle Ihre Nachrichten, Frst?
    Bis auf die neuen Meldungen ber die Ersatzoperationen, die ich eben
empfangen und spter vorzutragen die Ehre haben werde, ja.
    Der alte Feldmarschall lchelte.
    Sei nicht rgerlich, Kamerad, Deine Nachrichten sind gut, aber ich habe
wichtigere. Nach der Rckkehr der Generale nach Varna hat eine zweite Berathung,
aber diesmal ohne die Trken, auf dem franzsischen Flaggenschiff stattgefunden,
und die Expedition gegen Sebastopol ist beschlossen worden.
    Ein leises Lcheln, gedmpft durch die Ehrfurcht vor dem greifen Haupt des
Frsten-Statthalters ging durch den kleinen Kreis der Generale, doch blieb es
von jenem nicht unbemerkt.
    Du hast Unrecht, Frst, und glaubst, weil Du ein Artillerist bist, da es
eine Unmglichkeit sei, die furchtbaren Batterieen von Sebastopol zu berwinden.
Ich bin kein Seemann und wei nicht, was Schiffe gegen Granitwlle ausrichten
knnen, aber ich sage Dir, ich wnschte, Frst Mentschikoff verliee sich nicht
allzusehr auf sie, - ich kenne diese Franzosen und sie werden irgend ein
Auskunftsmittel finden, ihren Zweck zu erreichen.
    Darf ich etwas Nheres von den Nachrichten Eurer Durchlaucht erfahren?
fragte einlenkend der Zweitkommandirende.
    Der Versuch gegen Sebastopol ist ausdrcklich beschlossen, aber man wird
mindestens zwei Monate mit den Vorbereitungen zubringen. Diese sollen mglichst
geheim betrieben und die Truppen in Varna unter dem Anschein concentrirt werden,
zum Entsatz von Silistria zu dienen. Die Aufgabe bleibt aber dem Muschir selbst
berlassen. Die Uebertragung des Gesamt-Oberbefehls an Herrn von Saint-Arnaud
ist eine leere Comdie und Omer-Pascha nicht sehr gesonnen, sich unterzuordnen.
Er trifft umfassende Anstalten zum Entsatz durch seine eigenen Truppen.
    Das Letztere stimmt mit meinen Nachrichten berein. Sie knnen Ihrem
Berichterstatter vollkommen trauen, Durchlaucht?
    Er hlt sich bereits zwei Monate in Varna auf und ist mir von Bodinianoff
in Constantinopel, als volles Vertrauen verdienend, empfohlen. Er ist ein Bruder
des Fhrers der Griechen im Epirus, Caraiskakis ....
    Ich kenne den Namen und habe bereits selbst Beweise seines Eifers fr die
russische Sache erhalten. Ich glaube, da auch unsere Verbindungen in Silistria
unter seinem Einflu stehen.
    Ehe wir zu einem Resultat kommen, sage mir Deine eigenen Nachrichten.
    Der Knabe, berichtete der Frst, der am 28. die Nachricht von dem Ausfall
an Selwan und spter die Depeschen Mussa-Pascha's an den Muschir uns zur
Durchsicht brachte, ist aus Schumla diesen Abend zurckgekehrt.
    Hat man ihn wieder als Boten benutzt? fragte hastig der Feldmarschall.
    Man scheint blindes Vertrauen in ihn zu setzen und Nichts von der Erffnung
der Depeschen gemerkt zu haben. Hier sind die neuen.
    Er legte mehrere Briefe auf den Tisch. Die Siegel waren durch das
gewhnliche Mittel heier Dmpfe nach Abformung des Petschafts in Staniol
geffnet.
    Der Inhalt, Frst?
    Hier ist der Auszug. Der Muschir besttigt Hussein-Bey im Kommando, setzt
ihm jedoch Rifaat-Pascha als ltern Offizier zur Seite. Ein vollstndiger Plan
des Entsatzes durch eine combinirte Truppenbewegung und einen Ausfall der
Garnison ist fr den 13. und 14. bestimmt. Said-Pascha in Rustschuk hat 30,000
Mann zum Aufbruch bereit, und Iskender-Bey von Widdin, der den Angriff von
dieser Seite leiten soll, ist bereits ber Nicopolis eingetroffen. Die Vorposten
des Corps stehen bei Baba und Turkosimich. Zugleich wird Giurgewo angegriffen
werden. Im Hafen von Rustschuk liegen zwei trkische Dampfschiffe und an achtzig
Boote bereit, um die Expedition zu untersttzen. Der Muschir selbst wird mit
Mehemed-Pascha von Schumla her in zwei Colonnen eine Diversion unternehmen. Sein
rechter Flgel lehnt sich an die Anhhe des Taiban-Dereh, - seine linke Flanke
an den Dristra, das Centrum steht bereits bei Erekli an der Strae von Schumla
nach Silistria.
    Wer fhrt die Vorhut und wie stark ist der Muschir? unterbrach der
Feldmarschall.
    Der Renegat Czaikowski mit den sogenannten trkischen Kosacken. Die
Depesche giebt die Strke des Sdcorps auf 70,000 Mann an, also mit Said-Pascha
an Hunderttausend. Am 13. soll das gemeinsame Vorrcken beginnen. Am 14. werden
die Corps in der Nhe von Silistria stehen und am Morgen des 15. angreifen,
indem Hussein-Pascha zugleich auf drei Stellen an den Wasserforts, aus dem
Babadagh-Thor und Abdul-Medjid einen Ausfall machen soll.
    Wie stark sind wir in diesem Augenblick hier?
    Mit Pawloff nur 64,000 Mann. Wir haben vor Silistria bereits ber 6000
gelassen.
    Das Gesprch, das bisher allein zwischen den beiden Fhrern gepflogen
worden, verstummte jetzt ganz, - der greise Feldmarschall war in ernste
Betrachtungen versunken und seine Hand fate unwillkrlich zwei Mal nach dem
Briefe des Kaisers.
    Wir mssen zu einem Entschlu kommen. Recapituliren wir die Sachlage. Auf
der einen Seite Bessarabien und die Krim ber kurz oder lang bedroht; - unsere
Stellung in der groen Walachei nicht lnger haltbar - kaum noch in der Moldau;
- Silistria fast noch eben so fest wie beim Beginn der Belagerung, und ein
starkes Entsatzcorps in der Nhe. Die Truppen kaum gengend, den Gegnern die
Spitze zu bieten, - an einen Uebergang ber den Balkan nicht mehr zu denken und
keinerlei Vortheil im lngern Beharren auf dieser Seite der Donau. Wgen Sie
selbst ab, meine Herren.
    Was wrde man in Petersburg dazu sagen!
    Schebesky kommt von dort. Er kann uns den besten Bescheid geben.
    Der angerufene General zuckte die Achseln.
    Ich glaube, man hlt dort die Donau-Besetzung jetzt selbst fr einen
Fehler. Man htte am Bosporus stehen oder innerhalb der russischen Grnzen
bleiben mssen.
    Sehr wahr. Aber wir drfen Silistria nicht aufgeben ohne des Kaisers
ausdrcklichen Befehl, sagte ziemlich heftig General Chruleff.
    Der Feldmarschall nickte ihm zu und zog dann langsam den Brief seines
kaiserlichen Herrn aus dem Couvert.
    Wollen Sie des Kaisers eigene Worte hren?
    Alle schwiegen ehrfurchtsvoll.
    Hast Du, Frst Iwan Feodorowitsch, las der Feldmarschall, bei Empfang
dieses Briefes die Festung Silistria genommen, so wollen wir Gott und den
Heiligen fr diesen Sieg Rulands danken. Weht der Halbmond noch auf ihren
Mauern, so will ich Dir berlassen, was Du das Beste zu thun hltst. Bedenke
jedoch, da Rulands Ehre nur in Ruland selbst liegt. Ich wiederhole die
Vollmacht, die ich Dir bei der Uebernahme, des Kommando's ertheilt habe.
    Der Frst-Statthalter schwieg; General Chruleff war der Einzige, welcher
eine rasche Antwort hatte:
    Wir knnen unmglich von hier gehen, ohne wenigstens noch einen Schlag
versucht zu haben.
    Der alte Frst lchelte.
    Nein, tapferer Chruleff, sagte er freundlich, das sollst Du auch nicht.
Ich sehe, da wir einig sind ber die Nothwendigkeit des Rckzuges, doch darf er
natrlich nicht bereilt werden. Es gilt zunchst, die Combination des Muschirs
zu vereiteln.
    Wir haben die Depeschen in unserer Hand.
    Ganz recht, aber ich halte es fr zweckmiger und weiser, sie richtig in
die Hand des neuen Kommandanten gelangen zu lassen, um nicht sein Mitrauen
wachzurufen. Es handelt sich blos darum, Zwiespalt und Verwirrung in ihre
Beschlsse zu bringen.
    Man knnte den Datum um zehn Tage ndern! sagte General Schebesky
kaltbltig.
    Der Frst von Warschau lchelte sein.
    Das war meine Meinung; im Kriege ist jede List erlaubt. Sobald dies mit der
nthigen Vorsicht geschehen, womglich noch diese Nacht, Frst, lasse den Boten
nach Silistria laufen, triff aber Anstalten, da wir genau von allen Vorgngen
in der Stadt unterrichtet bleiben. Ich bin entschlossen, wie ich in Warschau
beabsichtigte, mein Hauptquartier bis zum Eintreffen weiterer Befehle des
Kaisers nach Jassy zu verlegen. Es ist der geeignetste Punkt - 32 Meilen von
Silistria, 20 von Kamienecz und 22 von Odessa, - wir bersehen da das Feld. Du,
Frst Gortschakoff, bernimmst von diesem Augenblicke an wieder den Oberbefehl
der moldau-walachischen Truppen. Lasse morgen das Bombardement gegen die Festung
von den Inselbatterieen wieder beginnen, fange aber an, Dein anderes schweres
Geschtz auf das linke Ufer zu bringen. Schilder mu so weit fertig sein, da am
13. ein Versuch gegen die Citadelle gemacht werden kann. Beordere Pawloff, von
Tuturkai aus sich dem Zuzug von Rustschuk entgegenzuwerfen, inde Chruleff den
Renegaten Mehemed8 und den Muschir angreift. Dadurch wird der ganze
Operationsplan der Gegner zerstrt und wir erhalten Zeit, zu sehen, was sich mit
der Festung noch beginnen lt.
    Ich werde die Befehle noch diese Nacht ertheilen. Ich hre, Lders befindet
sich auf dem Wege der Besserung?
    So ist es. Gott und den Heiligen sei Dank; dafr werden wir den braven
Orloff verlieren. Ich bedaure seinen Vater, meinen alten Freund! - Verdammt,
Doctor, ich glaube, die Schmerzen nehmen wieder zu!
    Wenn Euer Durchlaucht sich nicht sofort einige Ruhe gnnen, stehe ich fr
Nichts, am wenigsten fr die Mglichkeit, abzureisen.
    Die Generale verabschiedeten sich.
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    Es war am Morgen des 13. - Dienstag -, in der seit zwei Tagen durch ein
unaufhrliches Bombardement schwer bedrngten Festung erwartete die Besatzung
jeden Augenblick einen Sturmangriff der Russen, sobald die Minen des Generals
Schilder ihr Werk gethan, deren bereits einige von den Russen in den letzten
Tagen gesprengt worden, ohne da sie jedoch mehr als leicht wie
derherzustellende Mauer- und Erdrisse zu Wege gebracht hatten. Jedermann wute,
da sie hauptschlich gegen das Fort Abdul-Medjid gerichtet sein muten, und da
hier die Entscheidung des Tages und des Schicksals der Stadt lag. Die Capitaine
Grach und Depuis und selbst der alte Chef des Geniewesens, Mehemed-Bey, so weit
seine Fhigkeiten reichten, waren inde nicht mig gewesen und der Spaten unter
der Erde arbeitete rstig an den geheimen, furchtbaren Gngen, bestimmt, die
eindringenden Feinde in die Luft zu schleudern. Schon zwei Mal waren unter der
Erde die feindlichen Mineurs aufeinander gestoen und das blutige Wrgen hatte
das schauerliche Grab im wahren Sinne begraben. Das Sprengen der Minen war das
Einzige, wovor die trkischen Soldaten, zum Theil aus ihrem bewuten Ungeschick,
zurckbebten, whrend der passive Gehorsam der Russen darin bekannt war, und die
Bewachung und Sprengung der trkischen Minen blieb daher einer Anzahl
Freiwilligen anvertraut, die aus den kecksten und jedem Wagstck Trotz bietenden
fremden Abenteurern gewhlt waren und durch reichen Lohn gelockt wurden.
Hussein-Aga oder, wie er jetzt bereits hie, Hussein-Pascha, und sein Gefhrte
im Kommando, der Ferik Rifaat hatten am Tage vorher fr den Morgen des 13. -
auch ohne Kunde von den Demonstrationen der Ersatzcorps zu haben, - einen
allgemeinen Ausfall beschlossen, und die Truppen standen daher, kampfgerstet,
innerhalb der Wlle und Thore.
    Auch diesmal hatten die Russen keine Ahnung davon - wir werden im Verlauf
der Geschichte hren, durch welche Ursache, - und der Sturm gegen die Festung
war erst fr den Nachmittag 3 Uhr festgesetzt, nachdem drei groe Minen, welche
die Russen gegen die Forts Abdul-Medjid, Arab-Tabia und Yania gerichtet hatten,
gesprengt sein wrden. - - -
    Eine finstere undurchdringliche Nacht fllte wieder den etwa drei Fu
breiten, langen, winkligen Gang, der aus dem Souterrain der Bastion von
Arab-Tabia unter dem Graben gegen den uern Wall fhrte und dort in einer
Kammer von etwa zehn Fu Quadrat und Mannshhe endete. Die schwarze Finsterni
dieser Kammer wurde gebrochen durch das matte Licht einer sorgfltig verwahrten
Laterne von dickem Glase, die auf dem Fuboden am Eingang des Ganges stand und
ihren Schein auf mehrere, an den feuchten Seitenwnden aufgestellte Fsser und
zwei Mnnergestalten warf, die in der Mitte des engen Raumes in der gewhnlichen
trkischen Stellung auf dem Boden kauerten.
    Die Deckel der Fsser waren aufgeschlagen, schwarz, wie die Umgebung rings
umher, war der Inhalt derselben - ein starker Zndsack lief von einer der
Oeffnungen zu der andern. Am Eingang der Erdkammer hing an einem in die
Seitenwand gestoenen Querholz eine groe Klingel, von deren Griff eine Schnur
sich in das Dunkel des Ganges verlor.
    Die beiden Mnner waren die Wchter der Mine, - in der Tiefe des
einmndenden Ganges, um die Ecke des Winkels biegend, verlor sich eben der
letzte Lichtschein einer sich entfernenden Laterne, - Capitain Grach mit seiner
Ordonnanz, der eben die Minengnge nochmals revidirt hatte.
    Die Runde schien ein inhaltschweres Gesprch der beiden der Todesgefahr keck
trotzenden Wachen gestrt zu haben, denn als kaum jener letzte Lichtschein
verschwunden war, begann es auf's Neue. Obschon in dieser Tiefe der Erde, weit
entfernt von der Ausmndung der Gnge, selbst der lauteste Schrei von keinem
menschlichen Ohr weiter gehrt werden konnte, wurde das Gesprch doch leise,
fast flsternd gefhrt, - gleich als verbten die Schauer des grabhnlichen
Ortes jeden lauten Ton.
    Der Schein der Laterne fiel auf die beiden Gesichter, wie sie manchmal in
seinem Dunstkreis sich vorwrts beugten - auf das dunkle Antlitz des Mohren
Jussuf mit den groen gelbweien Augen, die er gedankenvoll auf den Zweiten
gerichtet hielt, auf seinen neuen Freund und fast unzertrennlichen Gefhrten -
Sta Lucia, den ehemaligen corsischen Banditen.
    Der Hekim-Baschi vermit seit zwei Tagen einen wichtigen Brief, sagte
langsam der Mohr. Bak - sieh - er glaubt, da Du ihn gestohlen hast, whrend Du
bei mir warst, denn er hat mich und meinen Bruder gewarnt vor Dir. Doch der
Prophet wei es, ich kann nicht von Dir lassen, und darum bin ich mit Dir in
dieser Hhle der Schrecken, wo Eblis herrscht, der Frst der Finsterni.
    Der Corse lachte.
    Barbuasso! bekommen wir nicht glnzendes schnes Gold dafr, da wir den
gefhrlichen Posten bernommen, der nur Gefahr droht den Feigen und
Ungeschickten, und htten wir die Zechinen des Pascha's Andern lassen sollen? -
Aber genug, ich hatte noch eine andere Ursache, Dir den Posten vorzuschlagen, um
unbelauscht hier sprechen zu knnen.
    Er griff in seinen Grtel, zog einen ledernen Beutel heraus und ffnete ihn
im Licht der Laterne.
    Kennst und liebst Du das?
    Der Beutel enthielt etwa 30 bis 40 Goldstcke.
    Bismillah! Kamerad - wie kamst Du dazu?
    Hre mich an, Jussuf, sagte der Andere, indem er den Beutel wieder
einsteckte, Du sollst halb Part haben und noch mehr als dies. Antworte mir
aufrichtig bei Deinem Propheten: Hltst Du groe Stcke auf den Hekim-Baschi, Du
und Dein Bruder?
    Was soll ich sagen, Freund - es ist so und es ist anders. Nursah, mein
Bruder, it sein Brot; aber er ist ein Franke, ein Dschaur. Was geht ein
Unglubiger mich an?
    Der Corse sah den schlauen beobachtenden Blick nicht, den sein Gefhrte bei
den Worten auf ihn scho.
    Per bacco! das ist Recht, - ich konnte es mir denken. Jussuf, es ist wahr,
ich habe den Brief.
    Wallah! ich dachte es mir! Ein Brief ist ein Brief und eine Erfindung des
Teufels. Ich spucke auf alle Briefe und ihre Vter und Mtter. Was thust Du mit
dem Briefe?
    Ei zum Teufel! Mir selbst ist wenig an dem Wisch gelegen, aber desto mehr,
wie es scheint, dem Englnder, der die Ehre hat, mich jetzt als eine Art
Leibdiener und Khawa in seinen Diensten zu haben!
    Dem Inglis?
    Ja. Ich will Dir Etwas sagen - der Hekim-Baschi, Dein - oder vielmehr
Deines Bruders Herr, ist ein Spion der Russen, er verkehrt mit ihnen und sendet
ihnen Botschaft aus der Festung.
    Er sah den dunklen, blutigen Blick nicht, der auf ihn scho.
    Ich wei nicht, ob Du mit zu dem Complot gehrst, fuhr der Corse ruhig
fort, aber ich mchte es fast glauben. Du weit, was einem Verrther nach dem
Kriegsgesetz droht?
    Inshallah! wohl wei ich es! Aber Du wirst nicht von hier gehen, um es
weiter zu erzhlen.
    Narr! la Deinen Handjar ruhig im Grtel stecken. Ich frchte Dich nicht;
wenn ich nicht eine gute Absicht mit Dir htte, wrde ich mit Dir nicht hierher
gegangen sein und Dir jetzt nicht offen meinen Verdacht oder vielmehr meine
Gewiheit in's Gesicht gesagt haben.
    Was konnte ich thun? - ich bin ein armer Sclave und meine Haut ist
schwarz.
    Der Hekim-Baschi hat Dich und Deinen Bruder mit Gold bestochen, aber Du
sollst mehr verdienen und ohne Gefahr, alle Tage eine Kugel durch den Kopf zu
bekommen. Ich bin Dir Dank schuldig, denn Du hast mein Leben gerettet vor dem
verfluchten Russen und Du sollst sehen, da Sta Lucia kein undankbarer Schuft
ist, wenn auch sonst mein Gewissen sich gerade nicht viel Kummer macht.
    Meine Ohren sind offen.
    Mein Herr hat den Deinen - das Warum? geht uns Nichts an, ich wei es auch
nicht. Kurz und gut, er sinnt auf sein Verderben oder will ihn wenigstens in
seine Gewalt bekommen, um irgend einen Zweck von ihm zu erpressen. Am Tage, da
der Zufall gerade Dich zu meinem Lebensretter gemacht hat - er unterbrach sich
und beugte sich horchend nach vorn. Was ist das fr ein Gerusch, - mir ist,
als hrte ich es neben uns?
    Du irrst, Freund, - vielleicht ein Posten, der ber die Mine geht. Fahre
fort, in des Propheten Namen.
    Also an diesem Tage hatte mein Herr den Doctor zufllig hier wieder
gefunden, und als er hrte, da Du, der mich so sorgfltig in den beiden ersten
Tagen pflegte, im Dienst seines Feindes stndest, oder doch unter seinem Dache
wohntest, gab er mir den Auftrag, mich an Dich zu machen und mit Dir gute
Freundschaft zu halten.
    Die Zhne des Mohren glnzten wei zwischen den dicken Lippen hervor.
    Ich wei nicht, woher er gleich den Verdacht eines Verkehrs des
Hekim-Baschi mit den Russen hatte, aber genug, er hatte ihn und ich htte nicht
Sta Lucia sein mssen, wenn ich nicht, ehe acht Tage vergingen, gewut htte,
da sein Verdacht Wahrheit sei. Der Brief ist in seinen Hnden.
    Wah! was ist ein Brief! der Hekim-Baschi hat Freunde!
    Ich sage Dir, er und Ihr Alle seid in unsern Hnden. Meinst Du, wir wrden
es bei einem Beweise gelassen haben? - Der trkische oder griechische Knabe, den
Dein Herr zu seinen Botschaften gebraucht, ist in unserer Gewalt; wir fingen ihn
gestern Abend auf, als er am Wall umherschlich. Der Bursche kam geduldig, als
ich ihn rief, und merkte Nichts eher, als bis ich ihn in meinen Hnden hatte,
aus denen kein Entrinnen ist. Wir haben die Briefe, die er bei sich trug,
gefunden.
    Der Mohr war bei der Nachricht erschrocken zurckgefahren, hatte sich aber
bald gefat.
    Und was habt Ihr mit dem Knaben gemacht?
    Wir haben ihn eingesperrt in des Beisdih's9 Wohnung.
    Es ist ein Unglck - was kann ich dafr? Was beabsichtigst Du, mit uns zu
thun?
    Hab' ich Dir nicht gesagt, da Du Nichts zu frchten hast? - Es soll kein
Haar der Wolle auf Deinem Schdel in Gefahr sein, wenn Du meinem Rath folgst.
Der Beisdih hat mich beauftragt, mit Dir zu sprechen. Der Junge, den wir
bereits in der Hand haben, wird festgehalten bis zu der Zeit, da der Lord fr
nthig hlt, die Anzeige zu machen. Bis dahin beobachtest Du den Hekim-Baschi
genau und theilst mir Alles mit, was er thut und treibt, dann treten ich und Du
als Zeuge gegen ihn auf. Nursah, Dein Bruder, erhlt des Doctors Habe und wir
einen reichen goldenen Lohn von meinem Herrn. Er kennt mich und wei, da er
sein Versprechen halten mu. Jetzt rede und sage Deinen Entschlu.
    Schon seit einiger Zeit hatte der Mohr wiederholt den Kopf vorgebeugt und
whrend er mit dem einen Ohr der Rede des wrdigen Genossen zu lauschen schien,
angestrengt nach der andern Seite hin gehorcht. Jetzt machte er eine Bewegung
mit der Hand, wie um dem Anderen Schweigen zu gebieten, und warf sich dann lang
auf Boden, das Ohr auf die Erde pressend.
    Was hast Du? - Demonio! - jetzt hr' ich auch ....
    Jussuf war bereits wieder auf den Fen.
    Bismillah! Ich glaube, die Moskows arbeiten neben uns, berzeuge Dich
selbst, o Freund.
    Der Bandit schlich zu der Wand, aus deren Richtung sehr entfernt und
undeutlich und nur durch den dumpfen Wiederhall des Erdbodens hrbar ein
einfrmiges Gerusch herber drhnte. Er kniete auf dem Boden nieder, weit
vorgebogen und den Kopf horchend unten an die Erdwand gedrckt, das andere Ohr
mit der Hand hohl bedeckend, wie man zu thun pflegt bei Anstrengung der
Gehrnerven. In dieser Stellung konnte er nicht sehen, was hinter ihm vorging.
    Hre genau, Freund!
    Zum Teufel! - schweig'!
    Hinter ihm stand, wie lauschend, gleichfalls gebckt, die Gestalt des
schwarzen Couriers, aber seine Rechte hatte leise den Handjar aus dem
Grtelshawl gezogen und hielt die graue mattglnzende Klinge hinter dem Rcken
verborgen.
    Es war eine jener wunderbaren, unscheinlichen Klingen, wie sie Damascus in
frheren Zeiten aus zusammengeschweiten Drhten gehrtet, ein matter
schwarzgrauer Stahl mit wirren Damastfiguren, der in der Hand eines Moslems -
und selbst von diesen verstehen ihn nur noch Auserwhlte zu fhren - nicht mit
dem Schlag und der Kraft des Armes, sondern durch die rasche und sichelfrmige
Fhrung und seine unglaubliche Hrte und Schrfe Eisen und Daunen
durchschneidet.
    Die Moskows sind - - Marzocco! was thust Du?!
    Er wollte empor springen, doch es war zu spt. Der Mohr hatte ihn mit der
Linken am Genick gefat und drckte seinen Kopf zu Boden, whrend seine Rechte
rasch und gewandt mit der Schrfe des Handjars einen anscheinend nur leichten
Schnitt ber die ihm zugekehrte innere Seite der Beine seines Gefhrten fhrte.
Dann lie er ihn los und sprang zurck, zugleich den neben der Laterne liegenden
Handjar des Verwundeten aufhebend und die Waffe in den Gang schleudernd.
    Der Bandit, der nur eine geringe Verletzung empfunden hatte, wollte wthend
sich erheben und auf den verrtherischen Freund werfen. - Hund von einem Neger!
Du mut sterben!
    Aber die Beine versagten ihm den Dienst, er fiel kraftlos zusammen, gleich
als wren die Fe ihm am Knie amputirt - der Handjar des Mohren hatte mit einem
Schnitt die vier Kniemuskeln, welche innerhalb des Kniees Schenkel und Bein
verbinden, durchschnitten, er war unheilbar in einem Augenblick zum machtlosen
Krppel geworden und die Wahrheit durchfuhr bei dem zweiten vergeblichen Versuch
seine schwarze Seele.
    Manigoldo10! Noch habe ich meine Arme, um Dich zur Hlle zu senden! Er
griff nach den Pistolen in seinem Grtel, lie aber die Hand alsbald mit einem
wilden Fluch kraftlos sinken: er erinnerte sich, da nach strengem Verbot
Niemand eine Schuwaffe in die Minengnge mitnehmen durfte und schon aus eigener
Besorgni nicht mitnahm.
    Der Mohr hatte die Bewegung gesehen und lachte spttisch.
    Warum hast Du mir das gethan, schwarzer Teufel, nachdem Du selbst mir das
Leben gerettet?
    Bana bak, ai gusum! - Schau' mich an, Licht meiner Augen! - ffne den
Brunnen Deiner Gedanken, und Du wirst es wissen, sagte hhnend der Schwarze.
Du hast ein schlechtes Gedchtni, Freund Lucia, und mich hat Allah mit einem
vortrefflichen gesegnet. Aber es ist Zeit, da wir unsere Rechnung schlieen,
Eblis, der Engel des Unheils, knnte uns die Moskows auf den Hals schicken und
mich um meine Rache betrgen.
    Komm' mir nicht zu nahe, Schurke! - Zu Hilfe, Kameraden!
    Der Mohr machte eine verchtliche Bewegung, die das Nutzlose des Rufs an
menschliche Hilfe zeigen sollte, dann zog er aus der langen Seidenbinde um seine
Hften eine dort verborgene starke Schnur und warf sich damit auf sein Opfer.
    Es erfolgte ein langer heftiger Kampf, bei dem Keiner der Kmpfenden einen
Laut hren lie. Der Corse wehrte sich verzweifelt und mit riesiger Kraft. Aber
der Blutverlust, der Schmerz seiner Wunden und die Unbehilflichkeit, in die er
durch dieselben versetzt worden, muten ihn bald unterliegen machen. Er fhlte
seine Brust und Arme von der verhngnivollen Binde zusammengeschnrt und in
wenig Minuten sich eine hilflose, fast regungslose Masse, die wie ein Stck Holz
am Boden lag.
    Der Schwarze betrachtete spttisch sein Werk und rollte mit dem Fu den
Krper rundum. Htten die wuthfunkelnden Augen des besiegten Feindes ihn
durchbohren knnen, sie wren wie tausend Dolchste gewesen!
    Schwarzer Teufel - sprich - was habe ich Dir gethan? - was willst Du von
mir? keuchte der Corse.
    Was Du mir gethan hast, Brderchen? fragte langsam der Courier. Bei den
sieben Thoren des Paradieses, Du sollst es hren. Zuvor aber will ich mir die
Freiheit nehmen, Deine Taschen zu untersuchen. Bei der Reise, die Du nun bald in
Gesellschaft jener Moskows antreten wirst, deren Nhe Du hrst, bedarfst Du des
Gepcks nicht.
    Er begann ruhig die Taschen und den Leibbund des Hilflosen zu plndern.
    Hre mich, Jussuf! Wenn es Gold ist, was Dich reizt, ich will Dir Alles
lassen, was mein ist - ich schwre Dir bei der heiligen Jungfrau, ich will mich
nicht rchen an Dir und Dir vergeben, da Du mich zum Krppel gemacht hast, nur
bringe mich an das Licht des Tages!
    Du sollst dahin kommen, verla Dich d'rauf!
    Er hatte seine Plnderung beendet und das Gold und mehrere Schlssel, die er
bei dein Banditen gefunden, zu sich gesteckt; dann setzte er sich neben ihn.
    Wenn Deine Laune gut ist, o Effendi Lucia, so la' uns plaudern. Wir haben
noch einige Minuten Zeit. Erinnerst Du Dich eines Abends im Monat Schewal und an
ein kleines Geschft, das Du an einem schwarzen Mann auf der Strae nach
Silivria verrichtetest, dem Du hundert Zechinen und einen Brief stahlst? - Du
scheinst das Briefstehlen zu lieben!
    Ein kalter Schwei begann die Stirn des gefesselten Banditen zu bedecken. Er
fing an, zu begreifen, da er einem mitleidslosen Rcher in die Hand gefallen.
    Du - der Courier - wo hatte ich meine Augen!
    Was wei ich! Allah hat die meinen besser gemacht. Als Du meinen wunden
Krper auf Deinen Armen zu jener Schlucht von Tschekmedsche trugest und ihn in
die blauen Wellen des Meeres versenktest, traf mein Auge Dein Antlitz und, wenn
ich Ibrahim's11 Alter erreicht htte, ich wrde es nimmer vergessen haben.
    Erbarmen, Jussuf - ich habe Gold - viel Gold - -
    Weit Du, wer meine Wunden heilte? wer mir das Wasser des Lebens gab, von
dem meine Glieder wieder ihre alte Kraft bekommen, jene Kraft, die Dich
gebndigt hat? - Der Hekim-Baschi war es, den Du verfolgst und den der
frnkische Hund, Dein Herr, bedroht!
    Erbarmen, Jussuf - ich will Alles thun, was Du willst - ich will den
Englnder tdten, wenn er die Papiere nicht herausgiebt oder dem Doctor
Schlimmes thun will.
    Narr! Du bist zu Nichts mehr gut, selbst nicht zu Deinem Handwerk, dem
Meuchelmorden. Du bist wie ein Klo Erde und wirst Erde werden. Wisse, da der
Hekim-Baschi, den Du verderben wolltest, nicht einmal Schuld und Ahnung hat von
dem Verrath an die Moskows. Selbst hier warst Du auf falschen Wegen, und Allah
wird nur die Mittel geben, das gut zu machen, was Du bse gemacht. -
    Man hrte in der Pause, die Jussuf seinen Worten folgen lie, jetzt dumpf
aber deutlich das Arbeiten, Hacken und Schaufeln zur Seite der Minenkammer in
einiger Entfernung.
    Die Moskows sind uns nahe - kaum zehn Schritt breit Erde trennen sie von
uns - Du wirst in ihrer Gesellschaft zu Ladha12 fahren, wo Du die Teufelskpfe
von Zakhum fressen wirst, die Deine Eingeweide zerfleischen werden,
verrtherischer Christ!
    Verfluchter! Die Moskows werden mich retten! Zu Hilfe!
    Er begann mit aller Kraft seiner Lunge zu schreien, doch im Nu hatte sich
der Mohr aus ihn geworfen und prete ihm ein Tuch in den Mund.
    Thor - Du beraubst Dich selbst des Trostes, Dein letztes Gebet sprechen zu
knnen!
    Er lauschte - die Arbeit der Russen schien fr einige Augenblicke
eingestellt, sie hatten den gewaltigen Ruf vielleicht als dumpfen Klang zu sich
dringen hren und horchten. - Als Alles stumm blieb, setzten sie bald die Arbeit
fort.
    Mit fast aus den Hhlen dringenden Augen folgte der machtlose Bsewicht den
Vorrichtungen, die sein Todfeind jetzt begann. Jussuf schleppte eines der
Pulverfsser an die Oeffnung des Ganges und stellte es dort auf. Dann zog er den
Banditen in die Mitte des Raumes und warf ihn dort achtlos hin, mit dem Gesicht
dem Eingange zugekehrt. Er hob die Laterne, leuchtete seinem Opfer in's Gesicht
und hielt sie dann vor sein triumphirend grinsendes Antlitz, gleich als wolle er
Jenem dessen Zge fr die letzten Augenblicke noch schreckensvoll einprgen.
    Dann nahm er sorgfltig das Licht aus der Laterne, putzte es mit den Fingern
und trat in den Gang zurck vor das Pulverfa. Sorgfltig die Flamme mit der
Hand umhllend, steckte er die Wachskerze in das Pulver - langsam tiefer und
tiefer - bis die Flamme kaum noch einen Zoll von der Pulverschicht entfernt war.
    Sein schwarzes Antlitz mit den groen gelbweien Augen und den glnzenden
Zhnen schien dem Verlorenen das Haupt des dunklen Engels Eblis im rothen Schein
des Lichts, der darber fiel.
    Dann richtete sich sorgfltig, vorsichtig der Mohr wieder auf. Er hob wie
zum Abschied den Finger in die Dunkelheit empor.
    Gedenke Jussuf's des Couriers und der Strae von Silivria! -
    Er verschwand gebckt und langsam im Dunkel des Ganges, jeden Luftzug
vermeidend.
    Mit ihm sank des Corsen letzte Hoffnung. Der Mrder, der reuelos das Blut so
Vieler vergossen, sa jetzt, halb aufgerichtet - in dem eigenen Grabe, in der
Gewiheit des Todes, des furchtbaren Todes, dessen Nhe auch der verhrtetsten
Seele Alles in einem andern Licht erscheinen lt.
    Kalter Schwei drang Tropfen aus Tropfen aus seinen Poren, wirre Gedanken
zuckten durch sein Hirn, wie er das Schreckliche wenden mchte. Der Knebel im
Munde erlaubte ihm kaum das Athmen, - aber nur leben! den Schmerz der Wunden
fhlte er nicht - nur leben! - ob er es als jammervoller Krppel msse, - was
that es? - nur leben, ach, nur leben! -
    Seine Augen hafteten stier auf dem brennenden Licht - mit Todesangst
beachtete er jede Bewegung der Flamme, wenn sie ein Luftzug aus dem Minengang
zur Seite trieb.
    Er versuchte, sich dem Pulverfa nher zu wlzen, sich aufzurichten -
vergeblich, die zerrissenen Sehnen hielten ihn an den Boden gefesselt. Dann kam
es ihm in den Sinn, da jede Bewegung das Licht erschttern und umfallen machen
knne, da seine Hnde gefesselt, um es zu ergreifen, da sein Mund verschlossen
sei, um die Flamme in seinem Innern zu begraben.
    Seine Anstrengungen, die Bande der Arme zu zerreien, waren furchtbar.
Pltzlich traf ein Laut sein Ohr - die Klingel am Eingang war in Bewegung
gesetzt, - sie schellte - - -
    Heilige Jungfrau, Mutter des allshnenden und vergebenden Heilands, er war
gerettet, - Menschen waren nahe - - -
    Nein - die Schwingungen des Glckchens verhallten - kein Laut lie sich
hren! Mit teuflischer Bosheit der Rachgier hatte der Mohr beim Austritt aus dem
Minengang die Schnur in Bewegung gesetzt, durch welche den Wachen im Innern der
Erde die Befehle signalisirt werden sollten.
    Der erste Zug der Schnur bedeutete: Fertig zum Znden!
    Des Unglckliche fhlte den schneidenden Hohn - ein Hauch konnte das
furchtbare, immer tiefer und tiefer brennende Licht verlschen und er war
gerettet! aber dieser Hauch - er war eine Unmglichkeit fr ihn.
    Nochmals verdoppelte er seine Anstrengungen, die Arme, die Hnde, die Zunge
loszuringen - das Blut schien ihm aus den Augen dringen zu wollen vor der
gewaltigen Anspannung aller Nerven! -
    Vergeblich!
    Da versuchte er, zu beten! zum ersten Mal vielleicht wieder seit seiner
Kindheit - seit jener Zeit, da er den schwarzen Lockenkopf in den Schoo der
Mutter gelegt, da sie ihn zum Kirchlein gefhrt auf der Felsenhhe von Capo
Calvi, von wo der Blick des Kindes hiuausschweifte ber das blaue, sonnige,
liebliche Meer, ber Fels und Thal - -
    Und er sollte Meer und Thal und Fels nie wieder schauen?
    Um ihn schwarze Finsterni - das Grab - das ewige furchtbare Grab -
    Die Gebete seiner Seele wurden zu Lsterungen - entsetzlihe Bilder tanzten
und tauchten aus der Finsterni um ihn her -
    Lauter und lauter schallte durch die dicke Erdwand das Arbeiten der
russischen Minirer zu ihm herber. Ihm duchte, er knne schon die einzelnen
Ste der Spaten, das Murmeln der Stimmen, das Commando des Ingenieurs vernehmen
- -
    Ein Blick auf die Kerze - er hatte sie eigentlich nie aus den Augen gelassen
- belehrte ihn, da jede Hoffnung vergeblich sei - kaum linienbreit noch
schwebte die Flamme ber dem Pulver.
    Da begannen bleiche drohende Gestalten vor ihm sich zu erheben, die er so
lange zurckgedrngt; die blassen Todten von Ajaccio - die geschndeten Mdchen
und gemordeten Greise aus den Schreckenstagen Roms - Paduani in der Strae von
Pera - das schreckensbleiche Gesicht, die starrenden Augen des armen Dieners in
der Villa zu Hietzing vor den Thoren Wiens - auch dessen Augen allein hatten
Sprache, auch dessen Zunge fesselte der Knebel -
    Jahre der Angst und der Furcht vor dem Ewigen lagen in den wenigen Minuten,
die seit dem Verschwinden des Mohren doch erst vergangen, und doch waren sie so
kurz, so kurz - -
    Nher und nher drhnten die Spatenstiche der Russen - er hrte es deutlich,
sie hatten die Richtung nach ihm eingeschlagen, von dem dumpfen Klang der
Hhlung geleitet - er hrte das versuchende Pochen - deutlich den Befehl des
Offiziers - kaum wenige Fubreit noch - -
    Allbarmherziger Gott - Rettung - Rettung - -
    Da - da -
    Es knisterte an der Flamme des Lichts - es zischte - ein, zwei Krner
sprhten -
    Dann - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Mit der fahlen Bleiche, welche die schwarze Farbe annimmt, durch welche der
grelle Sonnenstrahl des Aequators die Wesen jener glhenden Lnder gezeichnet
hat, strzte Jussuf, der Courier Mariam's, mit hastigem Schritt aus den Gewlben
der Bastion, die zu den Minen fhrten.
    Er sah das goldene Mittagslicht, den blauen Himmel ber sich - der Sonne
Strahl blendete sein Auge, das aus der Nacht des Grabes kam.
    Der On-Baschi - der On-Baschi - wo ist er?
    Man trug ihn halb den Capitainen entgegen, die auf die Meldung eilig herbei
kamen.
    Fasse Dich, Mann! - Was ist geschehen? - wo ist Dein Gefhrte?
    Der Mohr stand vor den Offizieren, deren Kreis sich mit jedem Moment
vermehrte; er hatte alle seine Fassung wieder erhalten.
    Die Moskows, o Aga, sind in der Nhe der Minenkammer, wir hrten deutlich
ihr Arbeiten - vielleicht keine zehn Ellen uns zur Seite -
    Ich will mich berzeugen!
    Capitain Grach eilte nach der Kehle der Bastion.
    Der Mohr warf sich ihm in den Weg.
    Wallah! es ist zu spt - mein Kamerad wird znden, so bald er die Russen
nahe genug hlt, - er mu jeden Augenblick erscheinen; ich eilte voran, es zu
verknden.
    Das Glck ist fr uns! rief der franzsische Capitain, dem rasch die Worte
bersetzt worden. Eilen Sie zu Hussein-Pascha, Herr Kamerad, damit er die
Truppen zum Ausfall bereit hlt. An die Geschtze, meine Herren, und fertig zum
Feuern! Er sprang die Bschung hinauf, auf die Wlle der Bastion - Capitain
Grach war davon geeilt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Durch die vorderste Linie der gegen Arab-Tabia vorgeschobenen Trancheen kam
mit seinem Adjutanten der greise Chef des russischen Geniewesens. Sein
kalt-graues aufmerksames Auge prfte genau jede Linie, die Hhe der Brustwehr,
die Anlage der Embrasren, die Arbeiten zum Aufstellen der Kanonen, die Richtung
der fertigen Geschtze, die bereits in vollem Feuer gegen die Bastionen waren.
Zuweilen aber machte er eine pltzliche unheimliche Bewegung, wandte das weie
Haupt zurck, gleich als wolle er Jemand sehen, der ihm folgte, und schien, in's
Leere starrend, auf Worte zu horchen, die nicht gesprochen wurden.
    An der Kehle der Sappe rief er den kommandirenden Artillerie-Offizier. -
Lieutenant Potemkin! - es war derselbe, welcher so khn und umsichtig in der
Nacht des groen Ausfalls die ersten Geschtze in's Feuer gebracht - welche
Nachricht von den Minirern?
    Capitain Ochalski hat vor fnf Minuten melden lassen, da er das Bett des
Grabens bis zur Mitte erreicht hat. Man beginnt das Pulver hinabzuschaffen.
    Gut! Sobald die Sache beendet, schnellen Rapport. Er findet mich an der
zweiten Mine gegen die Citadelle. Er brach pltzlich ab und wandte sich hastig
um, als she er Jemand hinter sich stehen. Zum Henker! kann ich des Kaisers
heute denn gar nicht los werden? Gespenster passen nicht zum Dienst! - Was winkt
der Schatten fortwhrend mir und raunt mir in's Ohr, als ob ich nicht wte, da
heute der Dreizehnte! - Der Frst lt mir melden, Lieutenant, da in einer
Stunde die zum Sturm bestimmten Truppen in die Linien rcken werden. Vergessen
Sie die Botschaft an Ochalski nicht, da ich schleunigen Rapport haben mu; -
ich hoffe, ehe die Sonne sinkt, dort drben die Fahne mit dem Adler flattern zu
sehen!
    Er wandte sich, um nach den Pferden zurckzukehren, die in einiger
Entfernung ihm langsam nachgefhrt wurden.
    Der General hatte kaum zwei Schritte gethan, als die Erde unter ihm zu
rollen begann, wie bei einem Erdbeben - dann erfolgte ein gewaltiger Sto, der
ihn und alle in der Nhe Befindlichen zu Boden warf; - die Erde schien sich
zwischer der Sappe und der letzten Batterie zu ffnen und hoch in die Luft sich
zu erheben; ein ohrzerreiender Knall - ein dichter Regen von Erde und Steinen,
menschlichen Leibern und Gliedern fllte fast minutenlang Alles rings umher,
Geschtzstcke selbst flogen weit ber die Trancheen hinaus und fielen
zerschmetternd nieder - die Wnde der Laufgrben waren weithin eingestrzt, die
Sappe ein hohler Krater, die nchste Batterie in die Luft gesprengt, - ein Theil
der diesseitigen Bschung des Grabens in diesen zusammengestrzt.
    Ein Jammerruf - ein wildes schmerzliches Gewimmer drang zugleich aus den
dicken Pulver- und Staubwolken, die rings umher fast wie dichte Nacht die Luft
fllten.
    Der junge Artillerie-Offizier, der den General zurckgeleitet, war erst
wenige Schritte wieder entfernt und der Erste, der - wunderbar allen
Verletzungen entgangen - aus der Erde der Brustwehr, die ihn berschttet, sich
emporraffte.
    Excellenz, wo sind Sie? sind Sie verwundet?
    Er sprang durch den Dampf und Rauch nach der Stelle zu - der General stand
bereits aufrecht, bleich, aber ruhig.
    Die Grber ffnen sich und bringen die Todten zurck - mein kaiserlicher
Herr und Freund - ich seh' Dich licht und hehr aus den Wolken der Finsterni
daher schreiten - sprich - ist die Stunde Deines Dieners gekommen?
    Um der Heiligen willen, Excellenz, fassen Sie sich! - der junge Mann wagte
es, seinen Arm zu ergreifen - ein unglcklicher Zufall mu die Mine Ochalski's
zu frh gesprengt haben.
    Der Name des einem grlichen Schicksal erlegenen Offiziers fhrte den
greifen General in die Wirklichkeit zurck.
    Tscherti tjebie by wsiali! Hinauf auf die Brstung! Du hast junge Augen -
was siehst Du?
    Der junge Mann stand schon oben, ein Adjutant des Generals folgte ihm.
    Das Fort ist unbeschdigt - ich sehe Nichts von unseren Arbeiten - Alles
scheint verschttet - der Dampf -
    Herunter, Bursche! - nicht uns're Mine ist es; die Trken haben eine gegen
uns gesprengt und wir werden gleich mehr von ihnen hren.
    Eine Karttschensalve, die von der Bastion ber das Glacis daher prasselte,
besttigte die Befrchtung des Generals.
    Die Pferde! die Pferde! Die Tlpel vor dem Abdul-Medjid sind thricht
genug, ihre Mine zu sprengen in dem Glauben, da ich hier das Signal gegeben.
Verdammt sei der Tag!
    Er eilte mit jugendlicher Kraft zurck ber die Trmmer und Erdstrze,
welche die Trancheen fllten, bis zu der Stelle, wo die Pferde zurckgelassen
worden.
    Gott geleite Sie, General!
    Narr! Deine Batterie ist Atom - hierher zu mir; es ist keine Schande fr
den Krieger, in solchem Fall sich zu retten!
    Noch ehe sie die Pferde erreichten, gellte bereits der Allahruf der Trken,
den Ausfall verkndend - -
    Die Pferde waren glcklich verschont geblieben - der General stieg mit
Potemkin's Hilfe auf das seine und jagte querfeldein davon, den russischen
Werken vor der Citadelle Abdul-Medjid zu. Er hatte den Hut verloren, sein langes
graues Haar flatterte im Winde.
    Wer eines Rosses habhaft geworben, folgte ihm.
    Ein Hagel von Kugeln peitschte ber die offene Flche - mehrere Reiter
strzten - das Pferd des Generals ward von einer Pakugel am Hintertheil
getroffen und schleuderte, zusammenbrechend, den alten Offizier weit von sich,
da er zum zweiten Male niederstrzte. An vier Stellen brachen die
Ausfallscolonnen der Trken aus den drei Forts - die egyptischen Truppen -
Kavallerie - im hellen Sonnenstrahl blitzten die hochgeschwungenen Waffen der
anstrmenden Geschwader. Aber schon war der junge Artillerie-Offizier, dem es
geglckt, in der Verwirrung eines der Pferde zu nehmen, an der Seite des
Generals, sprang aus dem Sattel und half ihm hinein. - Vorwrts, Vterchen; was
ist an einem Lieutenant gelegen! Erhalte Du Dich dem Kaiser! Er sprang neben
dem Pferde des Generals her, der auf's Neue den russischen Schanzen zu
galoppirte; da berschlugen sich pltzlich Ro und Reiter - eine Kanonenkugel
hatte des alten Offiziers linkes Bein dicht unter'm Knie zerschmettert - -
    Kaiser Alexander - Kaiser Alexander -!
    Wieder stand im Nu der junge Lieutenant neben ihm, den Sbel in der Faust,
bereit, in seiner Vertheidigung das Leben zu lassen - kaum tausend Schritt weit
jagte trkische Kavallerie bereits daher - aber sie warf sich zum Glck rechts
hin gegen die Trancheen - Offiziere sammelten sich auf Potemkin's Ruf um den
verwundeten General - von der naheliegenden Schanze eilte ein Kommando herbei -
im Augenblick war er von der Last des schlagenden Pferdes befreit und auf
mehrere Gewehre gelegt, auf denen laufend die Soldaten ihn zurcktrugen aus dem
blutigen Gemetzel, das sich auf allen Punkten der langen Linie entspann.
    Der Erfolg des Ausfalls war ein vollstndiger, alle Erwartungen
bertreffender, denn die Russen, in keiner Weise auf den Angriff vorbereitet und
den ihren auf die vorhergehende Sprengung von Breschen basirend, wurden
vollstndig berrascht und bis hinter ihre ersten Linien zurckgeworfen. Das
Donauufer entlang der Festung fiel in die Hnde der Belagerten und blieb darin.
Auf der Ost- und Sdostseite wurde der grte Theil der Belagerungsarbeiten der
Russen zerstrt, mehrere Fahnen und eine Mrser-Batterie blieben in den Hnden
der Trken, die dritte Mine, die nach der voreiligen Sprengung der gegen das
Abdul-Medjid-Fort noch brig blieb, wurde verschttet - - die Belagerung mute
auf's Neue begonnen werden. Tausend Todte lieen die Russen in den zerstrten
Laufgrben - der Verlust der Trken war nur wenig geringer, denn heldenmthig
hatten in ihren Werken sich die Posten gewehrt, ehe die Hilfe herbeikam.
    Schon beim Beginn des Kampfes hatte Jussuf, der Mohr, sich eilig und still
aus dem Fort entfernt, und whrend die Schlacht tobte, eilte er mit beschwingtem
Fu durch die engen Straen, bis er an der Hofmauer des Hauses anhielt, das, wie
er wute, der Englnder Maubridge bewohnte. Mit Hilfe der Schlssel, die er dem
Todfeind abgenommen, der jetzt bereits vor dem ewigen Richter und Rcher stand,
gelangte er leicht in das Innere, wo jetzt nur ein altes, ngstlich dem
Bombardement lauschendes Weib zugegen war, und dieses, durch sein grimmiges
Aussehen und die Todesdrohung erschreckend, fhrte ihn bald in die einsame und
wohlverwahrte Kammer, wo er den Knaben Mauro eingesperrt fand. Er nahm ihn an
der Hand und fhrte seine Beute glcklich davon. Durch die zum Ausfall
geffneten Thore und im Gewirr der ein- und ausdrngenden Truppen gelangten
Beide rasch in's Freie, und whrend zu ihrer Linken noch donnernd und blutig der
Kampf ras'te, schlugen sie eilig die Strae nach Schumla ein. - -
    Am 13. war Mehmed-Pascha - der Renegat Czaikowski - mit den bei Erekli
stehenden Truppen vorgerckt und traf am 15. mit dem Chruleff'schen Corps bei
Baldakidi zusammen. Gleichzeitig hatte Said-Pascha die bei Turkossimich auf der
Strae von Rustschuk stehenden Truppen unter Iskender-Pascha gem dem
allgemeinen Operationsplan vorrcken lassen, whrend er selbst Giurgewo und die
Mokan-Insel angriff. Aber Pawloff's Division, rechtzeitig benachrichtigt, warf
sich den Truppen des ehemaligen Grafen Ilinski in den Weg und verhinderte ihre
Vereinigung mit Silistria und dem trkischen Sdcorps. Bis in die Nacht hinein
dauerte die Kanonade.
    General Schilder ward noch im Lager amputirt und dann nach Kalarasch
gebracht. Aber der Brand trat in die Wunde und es mute eine zweite Amputation
am obern Schenkel vorgenommen werden.
    Doch auch diese rettete den greifen Krieger nicht. Seine Stunde war am 13.
gekommen, wie das Traumbild seines verewigten Kaisers ihm verkndet: - er starb
am 23. in den Armen des jungen Artillerie-Offiziers, der ihn vor der trkischen
Gefangenschaft gerettet und den er nicht wieder von seiner Seite lie. Er starb
- indem er noch das Leid hatte, die Aufgabe der Belagerung und den Rckzug der
Russen vom rechten Donauufer zu erfahren.
    Beides erfolgte in den letzten Tagen des Monats, nachdem schon seit dem 15.
jeder active Angriff aufgehrt und die Belagerung sich auf eine theilweise
Cernirung durch das Corps des Generals Grotenjhelm auf den von Jassy angelangten
Befehl des Frsten-Statthalters beschrnkt hatte. Frst Gortschakoff und die
Generle Lders und Chruleff trafen schon am 19. wieder in Bukarest ein, alle
Drei leidend und krank. Das Einrcken der Oesterreicher in die
Donau-Frstenthmer wurde bereits ganz offen proclamirt. Im Angesicht der
sterreichischen Truppenmrsche, welche den ganzen Raum von der serbischen
Grnze an ber Siebenbrgen bis zur Bukowina bedeckten und Flanken und Rcken
der russischen Armee bedrohten; bei der Aufstellung neuer Truppen an der Grnze
bei Krakau und der Bildung eines Reservecorps in Mhren war auch die Stellung in
der Moldau bedroht und es erfolgte der Befehl zum Rckgang ber den Pruth. Damit
endete der erste Akt des groen orientalischen Drama's.
    An zehntausend Todte lieen die Russen allein vor Silistria zurck, darunter
sechs Generle und fnf Obersten.
    Der Donau-Feldzug hatte sie mit der furchtbaren Verheerung der Krankheiten
an achtzigtausend Menschen gekostet.

                                    Funoten


1 Hauptmann.

2 Es giebt keinen Gott als Allah, und Muhammed ist Allah's Prophet.

3 Die Folterengel, die den Begrabenen befragen.

4 Die Richtung nach Mekka, die stets beim Gebet und in der Sterbestunde jeder
Mahommedaner nimmt.

5 Nach dem Koran der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung.

6 Die Waage, auf der die Thaten der Guten und Bsen gewogen werden.

7 Das Paradies.

8 Czaikowski.

9 Sohn eines Lords - Benennung vornehmer Englnder.

10 Schuft von einem Scharfrichter!

11 Abraham's.

12 Hlle.


                                 Kaleidoscope.

Bunte Bilder - bunte Gestalten - ein flchtig' Schattenspiel in Farben - Berg
und Meer - Nord und Sd - Mann und Weib - Blut und Blumen - Liebe und Ha -
    Schtt'le das leichte Glas, Leser, das all' die tausend wirren Gestalten
enthlt - die Zeit drngt - die Erzhlung fliegt, und dennoch htt' ich Dir noch
so gar Vieles zu sagen, so gar Vieles zu malen.
    Einen Sto an das Glas - welches Bild wird seine Lichtmosaik zuerst Dir
bringen? - das Auge an die Loupe - hinein den Blick - was ist's, was Du siehst?
wohin hat der Zaubermantel der Phantasmagorie Dich gefhrt?! - - -

                               Auf der Rennbahn.


Der vierte Tag - Dienstag, der 20. Juni - der so rasch im Sporting berhmt
gewordenen Berliner Rennen nahte sich bereits dem Ende. Obschon der Hof bald
nach den Festlichkeiten zur Feier der silbernen Hochzeit des Prinzen und der
Prinzessin von Preuen, an der das ganze Land so patriotischen Theil nahm, sich
nach der Provinz Preuen begeben hatte, war doch noch immer viel hohe und
vornehme Gesellschaft in der preuischen Knigsstadt versammelt und namentlich
das diplomatische Corps vollstndig geblieben, da jeder Tag jetzt neue wichtige
Botschaften und Verhandlungen brachte.
    Ein leichtes Gewitter war gegen Abend heraufgezogen, der kurze dnne
Regenschauer hatte jedoch nur dazu gedient, den Staub des weiten Sandfeldes, auf
dem die Bahn ausgesteckt ist, zu mildern, ohne die zahlreichen Sportsmans vom
innern Turf zu vertreiben oder die farbenreichen Toiletten der Damen - denn die
Berlinerinnen lieben das Bunte - zu verderben, welche in groer Zahl und etwas
pikanter Mischung die Tribnen rechts und links von der erhhten Hofloge
fllten, whrend das Publikum zu Vier-Groschen, das man bereits zum Volke zhlt,
seine Stehpltze auf den Flanken behauptete, untersttzt von den nie fehlenden
fliegenden Marketenderinnen in Kmmel und Schinkenstullen.
    Der Platz im Innern zeigte ein lebhaftes Treiben - sehr viele Offiziere, die
mit groer Vorliebe an den Aufregungen der Bahn hngen, die Mitglieder des
Rennvereins und des Jockey-Clubs, viele Aristokratie aus den Provinzen, die
Wollmarkt und Rennen hierher gefhrt, hohe Beamte, Attach's, pferdeverstndige
Banquiers, jene zahlreiche Sorte berliner Flaneurs, theils Juden, theils
Christen, die berall sind, ohne da man wei, wer sie sind, berall unverschmt
und absprechend - des Morgens in irgend einem vornehmern Weinlokal, zur
Caffeezeit auf der Kranzler'schen Rampe, Abends im Foyer des Opernhauses oder im
Kroll'schen Garten, aber niemals an einem Mittagstisch. Da waren die vornehmen
Industriellen in Gold, Edelsteinen, Seide und Bronce, die, weil der Hof bei
ihnen kauft, glauben, sie gehrten dazu, die im Mrz 1848 auf's Schleunigste das
Hoflieferanten-Wappen bei Seite brachten, in der Vossischen Zeitung mit einem
anstndigen Beitrag fr die Hinterbliebenen der Mrzhelden zeichneten und jetzt
ber den Undank die Nase rmpfen, da sie noch nicht das Hohenzollern-Kreuz
erhalten haben, einstweilen aber keine Galla-Vorstellung im Opernhause und keine
Gelegenheit versumen, wo das Entree ihnen erlaubt, sich unter Hof und Adel zu
mischen. Da fehlten auch nicht die markirten Physiognomieen, die ein Conto gegen
150 Prozent offen halten fr die Ehrenscheine junger Sprossen aus Preuens alten
Familien, jene Blutegel am groen Grundbesitz der Aristokratie. Die berliner
Brse endlich in ihren ltern und jngern Prachtexemplaren, die junge Litteratur
und die Hotelbesitzer, die ihre Fremden zum Rennen fahren, wenn die Frau
Gemahlin nicht etwa die Equipage mit Groom und Bedienten fr sich selbst gepret
hat.
    Kurz Alles Bewegung, Alles Glanz, Alles Sehen und Gesehenwerden.
    Das Hrden-Rennen um den von des Knigs Majestt gesetzten Preis war eben im
Gange; die vier Pferde, von den adligen Besitzern oder Offizieren geritten,
hatten das letzte Hinderni dicht zusammen genommen und es entwickelte sich nun
ein interessanter Kampf. Selbst auf den Tribnen hatte sich Alles erhoben und
war in Bewegung, die Linien im Innern des Platzes drngten mglichst weit vor
zum Aerger des Flanken-Publikums, das seine Rechte mit lautem Rufen
vertheidigte, und die Aufregung und Theilnahme hatte selbst Mnner erfat, die
sonst herzlich wenig um den Turf sich zu kmmern pflegen.
    Caurire siegt - Breidbach ist eine Lnge voraus! Hundert Friedrichsd'ors
Par! Haben Sie Lust, Baron?
    Angenommen, Hoheit - ich wette auf den Shakespeare. Lttwitz wei, wann es
Zeit ist.
    Sie kommen - sie kommen! - Trial und der Emperor bleiben zurck! -
    Sie werden galant sein und mich zwei Louisd'ors gewinnen lassen, flsterte
es aus der ersten Reihe der Tribne zu dem Herrn mit starker Nase und
Backenbart, Frack von Heymann unter den Linden, der an der Linnenwand der
Tribne auf die Bank gestiegen, mit allerlei schwedisch-gymnastischen
Krperverdrehungen dem Lauf der anstrmenden Pferde folgte, gleich wie die
Kegelschieber die edle Gewohnheit haben; - ich wette auf die Blaukappe - die
Equipage an den Renntagen ist so theuer!
    Avec plaisir, reizende Amanda! Was werd' ich nicht thun! - Wollen Sie zwei
Friedrichsd'ors auf den Shakespeare halten, Herr von Walther? - Der galante
Verlust der Wette war so gesichert.
    In des Teufels Namen, stehen Sie doch ruhig, Herr Wolf. Sie werfen noch die
Bank um. Ich wette nie!
    Ein lauter Jubel begrte die jetzt am Pfosten vorber strmenden Pferde -
Shakespeare voran, Caurire als Zweiter.
    Das macht mit den gestrigen Wetten vierhundertundzwanzig Friedrichsd'ors,
Hoheit!
    Ich wei, ich wei! - wir haben morgen noch das Jagdrennen, - der Brin
d'Amour siegt gewi!
    Heute Abend, holder Engel, bringe ich's! flstert Herr Wolf und springt
von der Bank, sich unter das Gedrnge mischend, das wieder den Platz fllt und
die dampfend zur Waage zurckkehrenden Pferde umgiebt. Wissen Sie, lieber
Freund, wie viel ich eben hab' verloren auf die Caurire? - Zwanzig baare
Louisd'ors! Aber 's schadet nischt - 's ist an eene vornehme Dame!
    Alles drngt durcheinander, die Freunde den Sieger begrend, Andere mit den
Besiegten jeden Satz der Pferde discutirend.
    Sind Sie heute Abend zu Hause, Herr Meyer?
    Zu unterthnigstem Befehl. Wie viel? - Es ist schwer, Geld aufzutreiben -
die Cln-Mindener und Ludwigshafen-Bexbacher nehmen Alles in Anspruch - 115
Procent heute!
    Ein verchtliches Achselzucken. - Das ist Ihre Sache - ich kann mich hier
nicht mit Ihnen aufhalten; um neun Uhr schicke ich. -
    Die jugendliche Bettelgeneration mit Blumenstruchen macht ihren letzten
Angriff - einzelne Equipagen nehmen bereits ihre Besitzer auf - die Prinzen
haben die Knigliche Loge verlassen und bewegen sich freundlich plaudernd ber
das eben beendete Rennen unter der Menge - die neuen Nummern werden aufgezogen
und sechs Jockey's machen sich fertig zum nchsten Handicap.
    Zwei Herren gehen aus und ab in der Bahn, an den Tribnen entlang - beide
offenbar keine Sportsmans, doch den gebildeten Klassen angehrend; der Eine in
Reiserock und Mtze.
    Ich wute Sie wirklich all keinen Ort zu fhren, lieber Doctor, sagte der
Andere, der Ihnen, da Sie zum ersten Male in Berlin sind, rascher und
prgnanter ein Bild unseres Lebens und der Klassen, Snden und Annehmlichkeiten
der Berliner Gesellschaft gegeben htte. Sie finden in der That hier Alles, was
auf diesen Namen Anspruch macht, und ein buntes ple-mle ist es in der That.
    Bitte, bezeichnen Sie mir einige pikante oder hervorragende
Persnlichkeiten.
    Da sehen Sie unsern preuischen Premier; Sie kennen ihn bereits. Er
unterhlt sich eben mit dem Chef unserer Polizei.
    Herr von Hinckeldey hat in der That sich bereits einen europischen Ruf
erworben.
    Ich frchte, er wird an diesem und seiner Energie scheitern. Bei der Macht
ist es schwer, die richtige Grnze zu treffen.
    Die ffentliche Stimme nennt Ihre Finanzen, Ihr Postwesen und Ihre Polizei
vortrefflich.
    Ich erkenne an, da ohne einige kleine Snden gegen die Paragraphen ber
die persnliche Freiheit nicht Ordnung zu halten ist. Dennoch lieben wir auch
hier manche Neuerungen aus dem Jahre 1848 nicht.
    Sie haben wenigstens in Preuen den Vorzug, da zu Ihren Sicherheitsbeamten
stets nur Personen von unbescholtenem Ruf und bewhrter Treue, keine Vidocq's
gewhlt werden.
    Der Preue zeigte nach einem Herrn, der im seinen Reitfrack vorberging, den
weien Bibi auf dem etwas kahlen Kopfe und einen groen Brillant im Chemisett. -
Wissen Sie, da der Mann dort, der rechts und links grt, zehn Jahre in
Spandan gesessen hat und einen der berchtigsten Gaunernamen der Residenz
trgt?
    Und er kommt hierher?
    Warum nicht! Sie werden noch ganz andere Dinge auf unserer Runde erfahren.
Der Mann ist reich und man antichambrirt bei ihm unter den Linden. - Sehen Sie
den kleinen Herrn dort - er trgt einen vornehmen Namen, ist ein rastloser
thtiger Geist und hat Vieles geleistet auf dem Felde der politischen Intrigue
in den bsen Jahren. Er hat manchen knftigen General-Consul gemacht. Man htte
ihn zum Diplomaten creiren sollen, wenn er nur nicht eben so gut im Hause der
Wucherer, als im Hotel der Minister bekannt wre.
    Der Herr, um den er eben einen Umweg macht?
    Ein ehemaliger Schulkamerad von mir; vor ihm und seinem Bruder liegt viel
Zukunft, obschon ihn die Gegenwart in eine schiefe Stellung gebracht hat. Die
Majestt soll 1849 von ihm gesagt haben: Der ..... will wohl gar Minister
werden? - Und dennoch, Freund, wird er's einst sein und ich wnsche es ihm, denn
er ist vielleicht am meisten von der conservativen Partei mit Undank behandelt
worden. Ich wei, welche zhe Thtigkeit er im Jahre 1848 entwickelt hat! Es
sind Viele in den Reihen unserer Kammeropposition, die damals Mnner voll Treue
und Aufopferung waren.
    Man sagt im Auslande, das Princip der preuischen Regierung nach dem Jahre
48 sei mehr darauf gerichtet gewesen, die Nichtbewhrten an sich zu ziehen, als
das Verdienst der Bewhrten anzuerkennen?
    Das Gesicht des Andern wurde ernst. - Das Gleichni vom verloren gegangenen
Lamm, sagte er mit einem gewissen Hohn, ist christlich, aber nicht politisch.
Die Treue ist kein Verdienst, aber die Untreue ist eine Schmach; das ist ein
ewig geltender politischer Satz, und fr das Rechtsgefhl treuer und ehrlicher
Herzen ist es eine tiefe Verletzung, Leute sich jetzt brsten und blhen und
berall mit ihrem Patriotismus fr Knig und Thron sich in die vordersten Reihen
drngen zu sehen, die, als die Wogen hoch gingen, nicht blos feig den Posten
verlassen, sondern die zu den offenen Gegnern und Schmhern des Thrones
gehrten.
    Sie haben zwei Stnde in Ihrem Lande, deren Gesinnung sich unverbrchlich
bewhrt hat: den Adel und das Heer.
    Sie sprechen da eine schwere Beschuldigung aus, die ich auf meinem
Vaterlande nicht haften lassen kann. Das ganze Land ist treu dem Throne und
ehrlich conservativ - der Graf wie der Bauer, der Soldat wie der Brger. Was
schlecht und faul war und ist, das sind zwei Dinge: der Schachergeist des
christlichen und orientalischen Judenthums und der rabulistische Advokatengeist
von Westen. Beide sind Frchte der gepriesenen Neuzeit.
    Ihr Adel -
    Unser Adel - sehen Sie hin da auf jene zahlreiche Gesellschaft, markige
frische Gestalten und Gesichter - ich liebe die geborene Noblesse des Krpers!
Unser Adel hat sich brav bewhrt und ich gnne ihm selbst seine stark wieder
hervortretende Exclusivitt. Aber der Schachergeist nagt leider auch an ihm,
schmuziger Rost an gutem Stahl, die Spiritusspeculation und der Handel ruinirt
mir den noblen Eindruck. Der berliner Wechselwucher hat schon manchen berhmten
Namen fallen machen.
    Es sind dies leider Corruptionen, die Sie berall finden - die Sucht, reich
zu werden, die Brse, die sogenannte Geldaristokratie, sind Uebel, die nicht
allein demoralisiren, die auch materiell untergraben.
    So mge man den kaufmnnischen Geist, den sogenannten Segen des Handels,
nicht allzusehr poussiren. Ich bin kein Feind des Judenthums als solches,
Freund, aber ich hasse das Judenthum als sociale Macht aus tiefster Seele, und
unser ganzes Ringen, unser ganzer Kampf ist hauptschlich mit ihm. Wollen Sie
materielle Beweise? - Berlin bietet sie in reichem Maae. Seit 1848 sind erst
sechs Jahre verflossen. Gehen Sie durch den Thiergarten - mehr als die zweite
prchtige Villa ist jdischer Besitz. Sehen Sie unsere Etablissements, unsere
Banquiergeschfte, den Getreidehandel, die glnzenden Waarenbazars, die
Schneider- und Tischlermagazine, - Handel und Wandel - Besitz und Arbeitgebung
an - zwei Drittheile befinden sich in den Hnden der Juden. Der Handwerkerstand
ist durch die Speculation der Geldmacht frmlich ruinirt. Das Judenthum herrscht
in der Kunst - unsere ersten Schauspieler sind fast smtlich Juden! - wie in der
Litteratur und Wissenschaft. Ich wiederhole es Ihnen, ich bin kein Feind der
Juden als Juden, und habe liebe, geschtzte Freunde unter ihnen, - aber ich
hasse das speculative zersetzende Judenthum, das Alles unter die Herrschaft der
Zahlen bringt.
    Der fremde Arzt lchelte. - Sie werden eifrig in Ihrem Thema. Das sind
Fragen, ber die Staatsmnner und Zeitungen verhandeln mgen.
    Entschuldigung fr die Abschweifung, und dennoch wird sie Ihnen auch
einigermaen hiesige Verhltnisse characterisiren, die Factoren des jetzigen
berliner Lebens: den Hof, den Adel und das Militair, - das Geheimerathsthum, -
die jdische Geldherrschaft und zuletzt - das brgerliche Philisterthum.
    Sie vergessen Ihre Presse, zu der Sie ja selbst gehren und die immer eine
Macht ist.
    Der Berliner lchelte. - In Berlin nicht. Es giebt in der ganzen Residenz
zwei Bltter von journalistischer Wrde und Gesinnung: die Kreuzzeitung und die
Nationalzeitung. Die Presse? Wissen Sie, aus was unsere Presse besteht? Aus
einem kleinen Hufchen anstndiger und gesinnungsvoller Mnner, aus einigen
wenigen Talenten, aus einem Schwarm politischer Apostaten und aus einer
ziemlichen Anzahl unfhiger Judenjungen, die in andern Geschften nicht vorwrts
kamen. Bewhrte Republikaner redigiren conservative Organe, von Eitelkeit
geplagte Krmer fabriciren Leitartikel, Frauen und Narren machen die Kritik,
ehemalige Bnkelsnger und durchgefallene Referendarien die Politik und
naseweise Jungen die Correspondenzen. Es giebt verteufelt Wenige, zu denen man
mit Anstand sagen kann: Herr College! und die Collegenschaft der Anstndigen ist
so jmmerlich, da sie noch niemals den geringsten Gemeingeist gezeigt hat,
selbst gegenber der polizeilichen Zuchtruthe des Herrn von Hinckeldey.
    Sie waren Beide stehen geblieben im Gesprch und schauten dem Abritt der
Jockey's zum neuen Rennen zu, als zwischen ihre Kpfe sich der eines
hochbeinigen, strrigen Gaules streckte. Vergebens zerrte der jugendliche
Sonntagsreiter, in einen jener duftigen Gummircke gehllt, die das Grauen der
Damennerven sind, an den Zgeln, um der Rosinante eine andere Richtung zu geben,
der Gaul wollte nicht, und eine Gruppe lachender, junger Offiziere und
Sportsmans bildete sich um den Unglcklichen.
    Verehrungswrdiger James, sagte der Journalist spttisch, verschiedene
Thiere aus dem alten Testament waren auch hchst strrischer Natur, also rgern
Sie sich im neuen nicht; fr den Aufkauf der Billets zum Auspfeifen meines
letzten Stckes will ich Ihnen den Gefallen thun, Ihren alterthmlichen Fuchs
gleich einem Hirsch in's Feld galoppiren zu machen.
    Er gab lachend dem Gaul einen Hieb mit dem Spazierstckchen, und der
unglckliche junge Orientale galoppirte wirklich zum Gelchter der Tribnen -
deren stndische Flanken ihn mit dem Rufe: Pietsch kommt! begrten - ber die
Bahn. -
    Ein Sprling jener Aristokratie, die Sie vorhin so sehr anfeindeten?
fragte lachend der Arzt.
    Ein Candidat des knftigen berliner Lwenthums. Der Vater ein verstndiger
Geschftsmann, der junge Narr ein Affe, der noch nicht begreift, da
Lcherlichmachen das grte Uebel. Er hatte ein pikantes Vorbild an seinem
Oheim, der viel Geld an die Schreier von Achtundvierzig verlieh und natrlich
Nichts wiederbekam. Ich sah ihn an einem Ballabend im Gesellschaftshause das
Champagnerglas zwei Mal mit blanken Dukaten fllen und es einer Phryne fr seine
Wahl bieten, das Mdchen, schlug sie lachend aus und whlte ihren Louis - Sie
kennen doch die Benennung von Herrn Arago her, gesandtschaftlichen Andenkens!
    Wer ist der Herr dort, der mit der Gruppe von Offizieren spricht und Sie
vorhin grte?
    Ah - das Embonpoint Ueberall und Nirgends? Seine Familie ist vor Kurzem
geadelt worden und zeugte Knstler, Banquiers, Diplomaten und Bummler. Der Herr
da ist der stereotype Flaneur aller ffentlichen Orte, eine gutmthige Haut und
seit seiner verunglckten theatralischen Carriere in Dessau von der Familie als
amsanter Miggnger unterhalten. Da drben sitzt seine Schwester ohne von, und
das ist ein trber Kummer, der sich vielleicht durch eine vornehme Heirath
redressiren lt. Papa gab zur Feier seiner Adelung einen prchtigen Ball, zu
dem nur pure Aristokratie geladen war. Das Frulein vom Hause tanzte mit einem
unbekannten, durch seine noblen Manieren ausgezeichneten Cavalier und amsirte
sich an seinen pikanten Bemerkungen ber die Toilette der Gste. Vraiment,
Monsieur le Baron, Sie machen hchst scharfsinnige Bemerkungen ber die
Garderobe der Herren! - Meine Gndige, warum sollte ich auch das nicht
verstehen? ich arbeite doch schon drei Jahre bei Heymann unter den Linden! - Sie
knnen den Eclat denken!
    Beide lachten. Der Journalist erwiederte mit kaltem Nicken den Gru eines
Vorbergehenden. Der Mann rhmte sich, am 18. Mrz den Lieutenant von Zastrow
vom Pferde geschossen zu haben. Doch seine Kche ist gut.
    Ein groer Herr mit kahler Stirn grte im Vorbeigehen.
    Sie haben meinen Artikel noch immer nicht gebracht, Doctor?
    Es ist unmglich, auch nur zwei Worte zu lesen. Ich besitze keine
Dechiffrir-Anstalt. - Ein schmuziger Geizhals, sagte er im Weitergehen,
obschon einer der ersten Spiritusbrenner und einst der Vorstand einer ganzen
Provinz. Jetzt hat er das Verdienst, jedes Mal mit seinen Reden die Bnke der
Kammer zu leeren. - Doch sehen Sie da die beiden Herren - sie sind in der That
aus dem Herrenhause und Beide Trger erster Namen Preuens, der Eine der
Nachkomme eines berhmten Generals, der Andere der Sohn eines energischen
Ministers. In diesen beiden Gestalten liegt wahre Aristokratie und Noblesse.
    Die dunklen runden Augen des Zweiten haben einen ergreifend melancholischen
Ausdruck.
    Sie meinen den, der eben mit dem Polizeiprsidenten eine Verbeugung
wechselt - vom Scheitel bis zur Sohle ein Edelmann. Der Offizier, mit dem er
spricht, machte in Paris Aussehen durch seine Reiterknste. Es fliet hohes Blut
in seinen Adern und er ist einer unserer bekanntesten Cavaliere. Die
Knstlerinnen wissen davon zu erzhlen. Ah! - da - sehen Sie die stolze Figur
dort, die Donna Diana unserer Bhne? Ihr Bett soll einen frmlichen Pavillon
abgeben, grer als das der Knigin von England, das ein besonderer Courier im
Schlosse von Brhl einrichtete.
    Sie haben eine bse Zunge.
    Man lernt dergleichen in Berlin; es gilt, sich zu wehren. Der Angreifer hat
den Sieg. Die Glocke hat uns von der Bahn gejagt, lassen Sie uns im Vorbergehen
die Schnheiten der Tribnen mustern.
    Die Damen da dicht an der Kniglichen Loge?
    Es sind die einzigen Pltze, die sich die hohe Aristokratie und die
Reprsentation der Westmchte zu bewahren vermocht hat. Und dennoch werden auch
diese bereits blokirt. Sehen Sie die vierschrtige Gastwirthin dort, die sich
gar zu gern in die zweite Reihe drngen mchte? Sie wusch einst fr einen
gutmthigen Rentier, und seit ihr wrdiger Gemahl in patriotischen Concerten
machte, fiel sie whrend der Bade-Saison auf allen Wegen den hchsten Damen
durch ihr Knixen zur Last, bis Beide endlich, um sie los zu werden, ihren Zweck
erreicht haben.
    Und Jene dort mit dem blassen orientalischen Gesicht?
    Wahrhaftig, diesmal nur in der zweiten Reihe? - die Mama mit der ganzen
Familie von sieben hoffnungsvollen Sprlingen ist zu spt gekommen. Die junge
Dame trgt nur Unterrcke von Valencienner Kanten, hat damit einem reichen
jungen Handlungsherrn durch ihren Papa blo 60,000 Thlr. als Abstandsgeld einer
Heirath abgegaunert, tanzt ziemlich schlecht und lt mit dem Gelde
Wuchergeschfte machen. Die Familie ist ganz vorzglich auf hnliche
Speculationen dressirt und ausgezeichnet geachtet.
    Ich mu Ihnen gestehen, ich begreife die Mglichkeit einer so gemischten
Gesellschaft nicht.
    Ich auch nicht, mein Lieber, aber wie gesagt, das Geld gewinnt bei uns alle
Tage mehr Boden. Reines Blut ist wahrhaftig bald nur noch in den Vierflern von
Race zu finden. Sehen Sie - da kommt die Carriere an, Graf Reichenbach's Despair
voran.
    Die Aufregung im Turf war gro, denn der Sieg blieb lange unentschieden.
Despair, Brandenburg und des Frsten Sulkowski Renner Exhibition rangen wacker
Kopf an Kopf.
    Zum Henker! der Pole hat wahrhaftig gesiegt!
    Das Gedrng' hatte sie hinter zwei Personen gebracht, deren Aeueres einen
scharfen Contrast bot. Die Eine breit und aufgeschwemmt mit einem
nichtssagenden, gedunsenen, fast bleifarbenen Gesicht, aus dem allein die runden
Augen Schlauheit und Bosheit leuchteten, zeigte in allen Bewegungen groes
Phlegma und Sicherheit; die Andere von ziemlicher Gre, schlanker Statur und
einem gewissen aristokratischen Aussehen wies jene unruhige Bewegung und
Rastlosigkeit, die auf den Sanguiniker oder ein schlechtes Gewissen schlieen
lt.
    Die Hinterstehenden hrten unwillkrlich einige Worte des Gesprchs.
    Was sagte Ihnen der Franzose? fragte der Dicke.
    Nichts als das Loosungswort und die Bestellung auf heute Abend 11 Uhr in
den Thiergarten.
    Dann knnen wir das gelbe Tuch einstecken, es hat seine Dienste gethan.
Wird Ihr Mann auch sicher kommen?
    Um 10 Uhr mit der Bahn von Potsdam. Sie wissen, der Eine wenigstens
begleitete den Knig und -
    Die beiden Mnner wandten sich im Fortgehen und das Auge des Dicken
begegnete dabei dem finstern und festen Blick des Journalisten. Er zuckte
sichtlich zusammen und sein fahles Gesicht wurde fast noch aschbleicher, whrend
er seinen Gefhrten fortzog.
    Ein fatales Gesicht!
    Und ein Schurke im Innern durch und durch. Ich war einst thricht und
unvorsichtig genug, ihn zu benutzen und durch seine Eigenschaften als
vortrefflicher Gesellschafter bestochen, viel mit ihm umzugehen. Er lohnte mir
zahllose persnliche Wohlthaten mit einer ffentlichen Verleumdung.
    Und was thaten Sie?
    Was konnte ich thun? Ich ohrfeigte ihn, als ich ihm das erste Mal wieder
begegnete, auf offener Strae, und damit war die Sache abgethan. Er ist jedoch
einer der gefhrlichsten Menschen Berlins und ich mchte wohl wissen, zu welcher
Nichtswrdigkeit er seinen Begleiter dort verlocken will - denn er selbst als
Winkeladvokat ist schlau genug, sich stets zu sichern. Am 19. Mrz sa er bei
der Fahrt der Polen neben dem Fanfaron Mieroslawski.
    Wer ist der Andere?
    Ich glaube, ein ehemaliger Polizei-Officiant, ein Herr von Hassenpflug oder
dergleichen, ich kenne ihn nur vom Sehen.
    Man bricht auf; ich dchte, auch wir suchten unsern Wagen.
    Die Hof-Equipagen mit jenen prachtvollen Gespannen preuischer Zucht, die
selbst in England Staunen erregt haben, waren bereits abgefahren, Reiter und
Wagen fllten den Weg, betrete Lakaien suchten ihre Herrschaften, Herren und
Damen ihre Equipagen, berittene Constabler die Ordnung aufrecht zu erhalten. Das
Gedrnge und die Verwirrung waren trotzdem ziemlich gro.
    Sehen Sie, Doctor, da fhrt eben der russische Gesandte ab, dem Sie morgen
vor der Abreise nach Warschau Ihre Aufwartung machen wollen, der hagere blasse
Herr.
    Sein Einflu und seine Thtigkeit hier scheinen bedeutend zu sein?
    Der Journalist lchelte.
    Sie haben keinen Begriff von der Apathie der Russen - sie waren der
Ansicht, sie htten Deutschland im Sack und das ist ihr Unglck. Glauben Sie
wohl, da mir neulich noch ein angehender russischer Diplomat, als ich mit ihm
ber die Stimmung der deutschen Presse sprach, im vollen Ernst sagte: Wir werden
ihnen mit unsern Kanonen antworten!
    Ich glaube selbst, da ich manche Erfahrungen in Ruland machen werde.
    Ich erinnere mich beilufig einer guten Anekdote, die mir dieser Tage
erzhlt wurde. Bei der vorletzten Anwesenheit des Kaisers Nicolaus wollte dieser
einem von ihm sehr geschtzten und stets sehr freundlich behandelten hiesigen
Knstler ein Zeichen seines Wohlwollens zurcklassen und es sollte in Form einer
werthvollen goldenen Uhr geschehen. Einige Tage darauf kommt der Hofmaler zu
einer hohen Person und diese sagt ihm: Ich gratulire, mein lieber X., zu der
schnen Uhr, die Sie vom Kaiser erhalten haben. - Der Knstler zieht dieselbe
lchelnd hervor und frgt: Wollen Eure Hoheit sie sehen? - Die hohe Person nimmt
das mohnblattartige Fabrikat in die Hand, besieht es staunend und sagt
entrstet: Das ist wohl kaum mglich, da mu ein Irrthum stattgefunden haben.
Ich bitte, lassen Sie mir die Uhr, der Kaiser kommt morgen zurck und ich mchte
sie ihm zeigen. - Das geschieht, und der Kaiser, als er die Uhr sah, antwortete
lachend: Voil que je connais mon Prince de ...... off!
    Sie mssen in Ihrem bewegten Leben einen Schatz von Anekdoten gesammelt
haben.
    O ja - so ziemlich. Meine Memoiren sind so reich, wie die meines kleinen
pikanten Freundes, den wir heute Morgen trafen. Doch - was geht da vor? - welche
Unverschmtheit!
    Es hatte sich dicht neben ihnen eines jener kleinen Dramen entsponnen, wie
sie oft so hohnneckend einschneiden in glnzende Scenen und glnzendes Leben.
    Eine noch junge, elegant gekleidete Frau, sichtlich den hchsten Stnden der
Gesellschaft angehrend, war mit ihrem Gatten die Stufen der Tribne
heruntergestiegen und dieser hatte sie einen Augenblick allein gelassen und sich
entfernt, um seine Equipage zu suchen.
    Die Dame war gro und schlank, aber von blassem, leidendem Aussehen. Wer ihr
damals unter das verhllende Capuchon und den Schleier geschaut htte, wie jenes
dicke, vom Branntwein und der Vllerei gerthete Weibsstck es einst gethan, das
jetzt bei dem fliegenden, von einem Hunde gezogenen Marketenderkarren stand und
kein Auge von der blassen Dame schlug, der htte leicht darin die Grfin Marie
wiedererkannt, die wir im ersten Bande unseres Buches mit dem heimlich Geliebten
zu der Wiege ihres armen verstoenen Kindes begleiteten.
    Eines Jahres Gram und Schmerzen vermgen im glnzenden Sommer des Lebens die
Zge noch nicht so zu verndern, da sie nicht wiederzuerkennen wren - das ist
den Herbststrmen aufbehalten!
    Pltzlich lie das Weib die Karre stehen und sprang auf die Dame zu, mit der
schmuzigen schwieligen Hand die seidene Robe derselben erfassend und
festhaltend, gleich als solle die Beute ihr unter keiner Bedingung entwischen.
    Donnerwetter! - der Teufel soll mich holen, oder dat is ja des gndige!
Madamken von de Jhre, des Marieken, das ick jepeppelt habe. Se werden mir doch
noch kennen, de Mllendorfern aus de Luisenstrae?
    Die Blsse der Dame ging in's Leichenhafte ber, als ihr Blick auf das Weib
fiel, und ein Schauder berlief ihre Glieder bei der Berhrung. Dennoch hatte
sie Muth und Fassung genug zu dem leisen Versuch, ihr Kleid loszumachen: Ich
kenne Sie nicht, Frau.
    Das Weib, dem man ansah, da sie whrend des Nachmittags ihrem eigenen
Verkaufsartikel reichlich zugesprochen hatte, bekam jetzt ein ganz rothes
Gesicht, stemmte den Arm in die Seite und schrie, ohne die Dame loszulassen:
    Wat - Sie kennen mir nich, mir, de Mllendorfern, die Ihren Bankert sieben
Monate lang jepeppelt? Na, det sollt' mir fehlen! Meenen Sie, ick htte keene
Augen nich? Eenen eenzigen Blick - und ob Sie zehn Schleiers htten, ick kenne
meine Leute wieder.
    Die Gengstigte stammelte:
    Was wollen Sie von mir? - gehen Sie!
    Aha! schluchzte das Weib, die in ihrem Rausch jetzt anfing, die Gekrnkte
zu spielen; sehen Sie, nu kommt man die Erinnerung. Der arme Wurm, ick hatte
ihn so lieb und htt' ihn niemals nich von mir jejeben, wenn mir nich der Neid
anjeschwrzt bei die Polizei von wejen die Jhre mit die Masern, Sie wissen's
schon, da im Korbe, und der Kummissarius mich die Kinder verboten htte. Aber
ich habe noch eene Rechnung fr Extra-Milch und Medicin - die Zeiten sind
schlecht - Drei Thaler und zehn - nee, zwanzig Iroschens - Ihr Amant war mir
wegjeblieben und ick halte mir an Sie!
    Die Dame war mehr todt wie lebendig, fliegende Rthe und Blsse wechselte
mit Gedankenschnelle auf ihrem schnen Gesicht, whrend ihr Auge ngstlich in
der Ferne suchte.
    Um Gotteswillen, Frau - ich habe kein Geld bei mir - Sie sollen mehr als
das haben, nur machen Sie jetzt kein Aufsehen.
    Nee, ick kenne die Vornehmen - daruf lt sich die Mllendorfern nich
fangen.
    Heute Abend - 10 Uhr, am potsdamer Thor links - ich komme bestimmt.
    In dem Augenblick drngte sich der Journalist durch einige Neugierige, die
sich bereits um die Scene sammelten, deren Schauplatz zum Glck etwas abseits
und durch einen Vorsprung vom Menschenstrom gesondert war.
    Gndige Grfin, ich bitte, meinen Schutz zu genehmigen.
    Befreien Sie mich von dieser Frau, mein Herr - um Gotteswillen - beruhigen,
befriedigen Sie sie, oder ich bin verloren! Mein Gemahl kommt ...
    Der Journalist winkte dem Freunde.
    Geben Sie schnell dieser Frau das Geld, was sie verlangt, lieber Koch.
    Er bot der Dame den Arm und fhrte sie dem herbeikommenden Grafen entgegen.
    Dieser war eine groe, hagere Gestalt, schon ber die Mitte des Lebens
hinaus - ein kaltes graues Auge - ein hochmthiges, etwas abgespanntes Gesicht.
    Was hatten Sie da, meine Liebe? ich sah Sie von Leuten umringt und beeilte
mich - dieser Herr ...
    Dieser Herr, sagte die Grfin mit gewaltsamer Fassung, hat mich aus einer
groen Verlegenheit befreit, in die Sie mich durch Ihr Alleinlassen gebracht.
Eine unverschmte Bettlerin belstigte und insultirte mich.
    Der Graf verbeugte sich mit slich kaltem Lcheln gegen den
Zurckgetretenen und griff nach seiner Brse.
    Ich bin Ihnen sehr verbunden - Sie haben fr meine Gemahlin eine Auslage
gemacht - darf ich bitten -
    Die Grfin legte errthend rasch die Hand auf den Arm ihres Gemahls und der
Schriftsteller, dem bereits eine spitzige Antwort auf der Zunge sa, hrte, wie
sie ihm das Wort: die Karte! zuflsterte.
    - um Ihren Namen? beendete der vornehme Herr seine Rede.
    Jener nahm schweigend die Karte aus dem Portefeuille und bergab sie mit
einer kalten Verbeugung. Der Graf hielt die Lorgnette an's Auge und las den
Namen.
    Ah! Herr Walther, es freut mich, bei der Gelegenheit Sie kennen zu lernen,
habe von dem Namen viel gehrt; gehren ja gewissermaen zu uns. Ich hoffe, Sie
bei mir zu sehen. Leben Sie wohl inde, mein Lieber.
    Die Grfin sa bereits in der glnzenden Equipage - ein flehender dankender
Blick der schnen Frau traf ihn, whrend ihr Gemahl einstieg, und deutete dann
rasch nach der Gegend, wo sie jenes drohende Weib verlassen hatte. Der
Journalist verstand, seine Augen senkten sich zusagend, eine wiederholte
Verbeugung und dahin rollte der Wagen.
    Als er zurckkam zu der Gruppe um den Marketenderkarren, sah er voll Verdru
und Besorgni, da der Winkelconsulent mit dem bleigrauen Gesicht sich
herangemacht hatte und mit dem Weibsbild eine Unterhaltung pflog. Sein
Hinzutreten scheuchte Jenen zwar hinweg, aber er bemerkte wohl, wie er fortfuhr,
sie aus der Ferne zu beobachten, und von dem Freunde erfuhr er, da der
Bleifarbene, whrend jener dem Weibe fnf Thaler gab, auf die sie ihre offenbar
aus der Luft gegriffenen Ansprche steigerte, unter dem Vorwande, einen Kmmel
zu trinken, hinzugetreten war und allerlei neugierige Fragen ber ihr Gesprch
mit der Dame an sie gerichtet hatte.
    Seine Schurkenseele, sagte verstimmt der Journalist, wittert ein
Geheimni, durch dessen Kenntni er eine Familie bedrohen und im Trben fischen
zu knnen hofft. Es mu hintertrieben werden.
    Ich stelle mich gern zu Ihrer Disposition. Die arme Frau that mir in der
Seele leid.
    Gut, so nehme ich Ihre Gte fr einen Weg zu Fu in Anspruch, statt da wir
fahren. Ich kenne zufllig Einiges aus dem Leben jener vornehmen Dame, und dies
giebt mir ein trauriges Licht zu der erlebten Scene.
    Darf ich das Einige wissen?
    Warum nicht? Sie sind ja fremd hier und vergraben morgen schon die kurze
Mittheilung in die weiten Steppen Rulands. Die Dame ist die Tochter einer
unserer ltesten Familien, ihr Vater war ein vielgenannter Staatsmann, aber die
Lenkung der ffentlichen Angelegenheiten lie ihm wenig Zeit, sich um das
Vertrauen seines einzigen Kindes zu kmmern. Stolz und Koketterie lieen ihn und
die Tochter in der Jugend manche Partie ausschlagen, vielleicht suchte sie auch
Besseres, als eine Convenienz-Heirath. Die Jahre vergingen - sie kam darber in
jene, deren Zahl unverheirathete Damen ein Decennium lang nicht berschreiten -
sie kam an die Dreiig. Zu dieser Zeit scheint das Herz seine Rechte gefordert
zu haben und man flstert von einer geheimen Liebe mit einem Abenteurer - einem
fremden Offizier - der sich einige Zeit hier aufhielt und auf irgend eine Weise
Carriere zu machen suchte, nachdem er vergeblich den Liberalismus und die
Revolution zur Leitersprosse benutzt hatte. Seiner ehrgeizigen Speculation
scheint jetzt eine Chance sich zu bieten - man nennt seinen Namen als Zugabe zum
orientalischen Feldzug. Ich kenne das Nhere jener tendre liaison nicht und wei
nicht, wie sie zum Abbruch gekommen, sondern nur, da die Grfin im letzten
Winter von ihrem Vater genthigt wurde, ihren jetzigen Gatten, den Typus
steifer, hohler Form und geistlosen Hochmuths und ihr an Jahren weit berlegen,
zu heirathen. Einen Monat darauf starb ihr Vater, das neue Ehepaar aber ist erst
vor zwei oder drei Wochen von seiner Reise zurckgekehrt.
    Aber das Verhltni zu jenem Weibe, das doch den untersten Volksklassen
angehrt?
    Das, lieber Freund, kann ich vielleicht frchten, mag ich aber nicht
wissen, ehe mir die Kenntni nicht von anderer Seite aufgedrngt wird. Glauben
Sie mir, man lernt in Berlin manche trbe Blicke in das Leben der Familien thun,
die allen Schimmer und allen Glanz zum Moder machen und zeigen, wie selten das
Hemd des Glcklichen zu finden ist. Es ist so viel Schein, so viel Trug und
Elend in der groen Stadt, die dort vor uns sich hinstreckt, da dem scharfen
Beobachter bange wird um's Herz, wenn er ein solches hat. Wahre Humanitt
fehlt.
    Ich habe stets gehrt, da Berlin eine so groe Anzahl wohlthtiger
Anstalten und Stiftungen besitzt, wie keine andere protestanische Stadt.
    Sie haben Recht; die Knige und Kniginnen Preuens haben mit offener Hand
und weiser Umsicht wahrhaft Erhabenes fr die Leiden und unermelich mehr
geschaffen, als diese Stadt ihnen je gedankt hat, weil sie sich einbildet, vor
dem ganzen Lande ein Recht darauf zu haben. Da drben das Gehlz verhindert uns,
eine der erhabensten Stiftungen frommen Wohlthuns zu sehen: Bethanien. Auch die
Privatwohlthtigkeit thut unendlich viel und giebt bei allen Gelegenheiten gern
und viel. Ich erinnere Sie an den Brand von Hamburg. In neuerer Zeit jedoch
fngt an, die Eitelkeit des Gebens berhand zu nehmen. Man beginnt mit zwei
gefhrlichen Dingen ein bses Spiel, das leicht das wahre Gefhl abstumpfen
kann, man macht in Wohlthtigkeit und in Patriotismus, eine Art Annoncen- und
Prahlerei-Geschft gleich den sich berbietenden Kleiderhndler-Affichen. Es ist
wahr, der Berliner hat gern zu Allem sein Stck Vergngen, und wenn er liest:
Der groe Knstler X.X. wird sich zum Besten der und der Ueberschwemmten beide
Beine abschneiden lassen und dann auf dem Kopf eine Polka tanzen, so steuern
Tausende und aber Tausende zu dem guten Zweck hchst neugierig bei. Inde es ist
ie Pflicht der Volkserziehung hier, das Ne quid nimis zu halten und namentlich
die hufig im Hintergrunde lauernden eigenntzigen oder ehrgeizigen
Speculationen der Einzelnen zu beschrnken, sonst untergrbt das vorhin
besprochene christliche Judenthum selbst uns diese beide schnen und ehrenden
Gefhle1. Auf der, einen Seite das fortwhrende Gift des Liberalismus und
Materialismus, auf der andern das Lcherlich- und Widrigmachen - das gengt, um
auch den Granit eines im Ganzen noch braven Volkssinnes zu untergraben.
    Sie sehen finster!
    Das beilufig; - es ist traurig, da man immer wieder auf das politische
Feld hinberschweift, whrend ich Sie doch blos von socialen Gebrechen
unterhalten wollte. Doch dort eben bietet sich mir ein geeignetes Bild zur
Rckkehr. Sehen Sie dort die Equipage, den Herrn mit dem starren Aktengesicht
und der hochnsigen, breiten, wohlhbigen Miene darin, mit Frau und drei
Tchtern - alle Toilette von Gerson. Der Geheimerath - es steht zwischen dem
Geheimen und dem Rath freilich noch ein Wort in der Mitte, aber es ist in Berlin
Styl, hier zu abbreviren, und die Gesellschaft wimmelt von Geheimerthen und
Doctoren (selbst Ihr Ergebenster par courtoisie), gerade wie von Dresden von
Baronen, Wien von Herren Von's und die rheinischen Fremdenlisten von Mhlady's! -
also der Geheimerath hat ein ganz anstndiges Einkommen, gerade so viel wie acht
wackere Subalternbeamten in seinem Breau, und dennoch petitionirt er beim
Minister alljhrlich um Gratification zur Badereise und Zulage zu Weihnachten,
und wo irgend ein Diten-Extraordinarium in der Luft schwebt, schnappt er es den
Untergebenen vor der Nase weg. Dabei lebt der Mann fr gewhnlich zu Hause viel
schlechter, als ein Subalternbeamter in der Provinz. Warum? Um im Winter seine
Empfangsabende und Soiren zu geben, bei denen ein jammervoller Thee, ein dnn
gestrichenes Butterbrot mit durchsichtigen Schinkenscheiben, ein Punsch oder
Cardinal mit zwlf Theilen Wasser und einem Theil Rum oder Wein, aber unendlich
viel Toilette, Musik, Gelehrsamkeit, Singakademie und lebenden Bildern gereicht
wird; um alle Concerte und Opern mitzumachen, dazu nie die werthe Familie zu Fu
gehen, sondern beim trockensten Wetter vorfahren zu lassen u.s.w. u.s.w.
Glcklich und ehrlich, wenn er noch mit den huslichen Entbehrungen davon kommt
und sich nicht auf's Schuldenmachen legt!
    Die allgemeine Genusucht ist berall im Steigen
    Das ist's, was ich sagen wollte. Eine bescheidene Lebensfgung schwindet
immer mehr. Ich wei in der That nicht, wie viele Subalternbeamten- und andere
Familien, deren Einkommen man doch ziemlich genau berschlagen kann, in der
Gegenwart das Alles mitmachen knnen, was man sie mitmachen sieht. Die
zufriedenen Leute werden immer seltener. Sehen Sie den darauf folgenden
eleganten Miethswagen - ein unbekannter ungarischer Jude, der mit sehr gutem
Gehalt an der Bhne engagirt zu werden das unverhoffte Glck hatte. Er war noch
kein halbes Jahr im Engagement, so hatte er die Unverschmtheit, bei einer
Hchsten Person um einen Pump von zweitausend Thalern zu bitten - weil er nicht
auskommen konnte! Und nun sehen Sie die Dame in dem nchstfolgenden Wagen, die
mit dem pariser Hut, den der Staub der Rennbahn und des Weges an dem einen Tage
verdorben, mit dem Kinde auf dem Rcksitz. Ein Kind ist jetzt Mode bei unsern
Loretten! Neben ihr die Mutter - die Tochter ernhrt sie und sie speculirt
bereits darauf, sich von ihrer Tochter einst wieder ernhren und kleiden zu
lassen. Pfui ber den Schacher mit dem Mdchenleib!
    Es geht in Paris, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, leichtsinniger
und frivoler zu, als hier, aber selbst dort ist die Speculation nicht so
raffinirt ausgebildet. Sie werden nie sehen, da diese Hermaphroditen zwischen
Frau und Mdchen Knaben haben - immer wieder Mdchen! Die Schande speculirt in
die Zukunft, der Fluch unserer Zeit, die Speculation auch in diesem Genre. Da
zwischen dem Wagen durch drngen sich mehrere junge Mdchen - wissen Sie, was
sie verdienten, ehe sie das Seidenkleid, das sie tageweise leihen, auf dem Leibe
trugen? Drei und vier Silbergroschen in Strohhutfabriken, sechs mit Hemdennhen,
denn verhltnimig sehr wenige bringen es zur Selbststndigkeit einer
Schneidermamsell mit zehn Silbergroschen tglich und der Kost, - wenn sie
Bestellungen haben. Aber jene armen Geschpfe wollen auch leben mit ihren vier
Groschen, - sie wollen Frhstck, Mittag- und Abendessen, sie wollen bekleidet
sein und ein Kmmerchen haben, - wo das Alles hernehmen von dem Verdienst? Jedes
Dienstmdchen ist besser daran, als diese armen Geschpfe mit dem warmen Herzen
und dem leichten Blute in den Adern. So fallen sie! Es ist ein sehr
beachtenswerthes Zeichen fr die berliner Mdchenwelt, da sich selten Eines
entschliet, sich in einem jener abscheulichen Huser als Sclavin zu begraben.
Die Meisten auch der Gefallenen arbeiten lange Zeit noch ehrlich whrend des
Tages, und nur der Abend ist die Zeit des Leichtsinns und - des Verderbens. Hier
ist der Krebsschaden, auf den ich vorhin deutete, hier sollte mit allen Krften,
allen Mitteln geholfen werden. Je mehr man dem weiblichen Geschlecht ermglicht,
ein ehrliches und zchtiges Mdchen zu bleiben, desto besser wird es mit der
Gesellschaft berhaupt stehen.
    Knnen Sie es tadeln, da man zum Beispiel die sogenannten Biermamsells
abgeschafft hat?
    Ja und Nein. Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschttet. Es gab viele Orte
hier, die sogenannten Polkakneipen, die schaamloser waren, als das gemeinste
Bordell. Die Polizei wrde weit wohlthtiger wirken, wenn sie sich weniger mit
dem einzelnen Individuum zu schaffen machte, als mit der Beaufsichtigung und
Controlle der ffentlichen Vergngungsanstalten, und die Concessionen dazu nur
den moralisch Gewhr leistenden Personen gbe. Das Ueberbieten der Wirthe mit
unsinnigen Plakaten und Anzeigen fngt bereits an, in gefhrlichem Maae
zuzunehmen. Hierbei wre eine Censur ganz am Ort. Man htte jene nichtswrdigen
Kneipen schlieen sollen, die zum Scandal so lange bestanden, man htte die
Wirthe fr Zucht und Ordnung mit der Concessionsentziehung verantwortlich machen
sollen, wie man doch Buchdrucker und Buchhndler, trotz der Prefreiheit, damit
zu nthigen wei. Aber man hat durch jene Maaregel auch Hunderten von Mdchen
die Gelegenheit genommen, auf eine ehrliche Weise ihr Brot zu erwerben. Wenn man
nichts Besseres an die Stelle setzen kann, mu man das Mindest-Gefhrliche oder
Schlechte lassen, das ist einmal eine, wenn auch traurige, doch nothwendige
Maxime des gesellschaftlichen Zustandes.
    Sie waren unter diesen Gesprchen - immer in einiger Entfernung hinter dem
Marketenderkarren jenes Weibes hergehend und sie beobachtend - ber den Berg
gekommen, auf dessen Hhe nach Westen das prchtige eiserne Denkmal der
neuerschtterten heiligen Alliance steht, zu dem 6. August 1848 die Bauern von
Tempelhof her, Chorle singend, mit ihren schwarz-weien Fahnen zogen, whrend
aus der Metropole bereits sich der lange Zug berliner Gewerke, fliegender
Buchhndler, demokratischer Tribunalsrthe und Abgeordneter, der versammelten
Lindenclubbs und Zubehr mit allen jenen Harlequinszeichen der berliner
Revolution wlzte, um am Fu des Denkmals preuischer Ehre vom Reformator Held
die Huldigung an den Reichsverweser empfehlen zu lassen. Lngst schon hatten sie
den Mann, dessen Zusammentreffen mit dem Weibe der Journalist eben vermeiden
wollte, mit seinem Gefhrten in einem Thorwagen an sich vorberkommen sehen, und
Jener glaubte die Gefahr vollends zu beseitigen, indem er am Fu des Berges, wo
der Weg sich rechts und links abzweigt, der Frau nochmals ein Geldgeschenk unter
der Bedingung machte, da sie zu einem der andern Thore ihren Weg nehmen sollte.
Die Vorsicht erwies sich bei'm Weitergehen nicht als unntz, denn die Freunde
bemerkten spter in einem der zur Seite der Strae liegenden Lokale das
spionirende Auge des Consulenten.
    Dennoch sollte die Bosheit durch die unglckliche Begnstigung des Zufalls
ihr Ziel erreichen.
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    Es war schlechtes Wetter geworden bei der Rckkehr von der Rennbahn, und der
Abend finster und abwechselnd regnerisch. Es war gegen 10 Uhr, als unter dem
Schutz ihrer Schirme in der Nhe des potsdamer Thores zwei Mnner umherstrichen,
auf die Ankunft des Bahnzugs wartend.
    Sie wollen also bestimmt nicht bei der Zusammenkunft zugegen sein? fragte
der Grere, Elegantere der beiden Mnner, in dem man im Licht der stdtischen
Gaslaterne leicht jenen Gefhrten des Winkelconsulenten von der Rennbahn
wiedererkennen konnte.
    Warum auch, lieber Freund? entgegnete der Andere. Sie wissen, ich
verstehe wenig Franzsisch und die Gegenwart eines. Dritten knnte berhaupt nur
geniren. Wir haben es ja ausgemacht, da ich ganz aus dem Spiel bleibe und Sie
nur mit meinem guten Rath und meiner Gesetzkenntni untersttze. Ich will weder
wissen, was der Inhalt dessen ist, was Sie von der dritten Person erhalten,
noch, was Sie damit thun. Ich kann Ihnen nur sagen, da Privatgeheimnisse, mit
Ausnahme der Beichte und des Arztes, von keinem Gesetz geschtzt werden.
    Sie sind sehr vorsichtig! sagte der Erste bitter.
    Vorsicht ist die Mutter der Sicherheit; meine Lage ist ziemlich precair und
ich habe Familie, Sie aber stehen so gut wie frei und es wre Thorheit, wenn Sie
den Vortheil und die Gelegenheit nicht benutzen wollten. Ueber einfltige
Scrupel sind Mnner wie wir doch wohl hinaus. Da tnt das Signal, der Zug kommt
eben an, - ich wnsche ein gutes Geschft und Sie wissen, wo Sie mich bis um 11
Uhr treffen. Nur keine Unvorsichtigkeit vor den Leuten.
    Er lie den Gefhrten, ohne seine Antwort zu erwarten, allein und ging die
Strae an der Mauer entlang. Dann aber wandte er sich rasch links nach dem
Thiergarten. Er war kaum einige Schritte gegangen, als er vor sich her ein
Frauenzimmer gehen sah, das manchmal, wie halbtrunken, einzelne Worte vor sich
hinmurmelte. Ein Etwas in der Gestalt schien ihm nicht unbekannt, der Schein der
nchsten Straenlaterne, der auf das rothe gemeine Gesicht fiel, belehrte ihn,
da er das Weib vor sich hatte, das am Nachmittag auf der Rennbahn die Dame
attaquirt - im Augenblick bersah er den Zweck des Ganges, und sein schlechtes
Herz jubelte ber den glcklichen Zufall. Er migte seine Schritte, ging auf
die andere Seite des Weges und behielt sie scharf, aber vorsichtig im Auge. So
gelang es ihm, an dem Kreuzweg der Bellevue-Allee zeitig genug eine
Frauengestalt zu sehen, die dort, tief verhllt, zu warten schien, und noch ehe
das Weib diese erblickte, unbemerkt in den dunklen Gang zur Rechten zu gelangen,
wohin er mit teuflischer Schlauheit berechnete, da sie ihren Weg nehmen wrden.
    Als nach einer Viertelstunde die beiden Frauen sich trennten, wobei in der
Hand der ehemaligen Haltefrau schwer eine Rolle von Thalern blieb, folgte der
Lauscher eben so gewandt und schlau der arglosen Dame, die mit einem Dank zu
Gott fr die glcklich abgewandte Gefahr muthig ihren einsamen Weg durch die
dunkelsten Gnge zum Thore whlte.
    Die schlimmere, drohendere schlich hinter ihr - die Schlange, welche aus dem
Geheimni ihres freudenlosen Lebens einen Quell der perfidesten Erpressungen
machen wollte. Der graue Winkelconsulent rieb sich die Hnde. - Die Politik
entluft mir nicht, sagte er abgebrochen vor sich hin, sie sind heute sicher
vor mir, hier ist ein besserer und leichterer Gewinn. Aufgepat also! -
    Kein schtzendes Auge, das diesmal ber der armen Frau gewacht htte, -
keine schirmende Hand, die den lauernden Schurken zu Boden geschlagen htte! -
wenige Minuten darauf sah er sie in eines der glnzenden aristokratischen Hotels
der Wilhelmsstadt eintreten. - - - - - - - - - - - -
    Der Zug von Potsdam war eingetroffen, Droschken und Fugnger drngten sich
durch das Thor. An der ersten der halb verkommenen Bildsulen zur Linken des
Leipziger-Platzes lehnte der Gefhrte des Consulenten wartend. Nach wenigen
Augenblicken schon kam ein Mann, in den Mantel gehllt, aus dem Strom der
Fremden und wandte sich nach der Stelle, wo Jener stand. Der Ankommende war ein
alter Mann, etwa siebenzig, wie sein weies Haar zeigte, von groer magerer
Statur, das Gesicht faltenreich, spitzig und schlau.
    Am Briefkasten bei'm Thore hielt er einen Augenblick still, sah sich rasch
um und steckte dann schnell zwei Briefe hinein. Die Adresse des Einen lautete an
einen britischen Namen in einem der Hauptstationsorte der Bahn nach dem Rhein,
und es lag offenbar eine Absicht zum Grunde, da der Fremde, der von Potsdam
kam, den Brief in Berlin zur Post gab. Der zweite Brief war nach Helgoland
adressirt. Gleich darauf schaute der Alte sich nach dem Harrenden um, und als er
ihn bemerkt, trat er zu ihm.
    Guten Abend, Lieutenant! Sie sehen, ich bin prompt.
    Bringen Sie Nachrichten?
    Einige. Lassen Sie uns hier zur Seite gehen nach der Verbindungsbahn, wir
sind dort ungestrt. Haben Sie die Verhandlung angeknpft?
    Es ist geschehen und Alles geordnet; man rechnet auf meine regelmigen
Mittheilungen. Ich habe mir, wie Sie mich angewiesen, ausdrcklich bedungen, da
man nicht forscht, wie und woher.
    Und die Bezahlung?
    Die Frage wird heute noch geordnet werden und gewi zu Ihrer Zufriedenheit.
Was bringen Sie fr Berichte?
    Die Kabinetsordre zur Realisirung der Hlfte der Anleihe ist am 17.
unterzeichnet worden. Am selben Tage war Graf Mnster von Petersburg in
Gumbinnen und hatte eine zweistndige Audienz. Der russische General Grnwald
hat ein Handschreiben berbracht.
    Haben Sie Nichts ber den Inhalt erfahren?
    Noch nicht. Der Kabinetsrath hat unsern Mann mitgenommen und zu schreiben
an mich habe ich ihm verboten. Der Andere hat mir heute Morgen jedoch die
Abschrift eines frheren Briefes aus Petersburg gebracht, der wichtige Details
ber die wahren Verluste an der Donau, die Strke der russischen Truppen bei'm
Rckgang ber den Pruth und die gegenwrtigen Aufstellungen und disponiblen
Mittel in den sdlichen Gouvernements in sehr genauen Zahlen enthlt. Der Brief
ist etwas werth!
    Geben Sie her - mein Wort! ich werde daraus zu machen suchen, was mglich
ist, und Sie sollen redlich Ihre Hlfte erhalten.
    Mit einem habschtigen Zgern reichte ihm der Alte einige Papiere.
    Wollen Sie mich nicht vielleicht selbst mit der Person zusammenbringen?
    Das geht vorlufig unter keinen Umstnden, denn ich selbst spreche sie zum
ersten Male, entgegnete der Andere entschieden. Die Einleitung hat mich viel
Mhe gekostet, da man selbst von jener Seite mit groem Mitrauen verfhrt; Sie
mssen sich also vorlufig auf meine Ehre verlassen. Ich bekmmere mich nicht um
Ihre ursprnglichen Auftraggeber und Ihre kleinen Nebengeschfte, aber was ich
in die Hand genommen, will ich auch selbst durchfhren. Sie hatten das Vertrauen
zu mir, mich zum Mitwisser zu machen, haben Sie es also auch ferner. Unser
Vortheil geht Hand in Hand.
    Meinetwegen denn - wir werden ja sehen, ob man sich honorig zeigt, und
haben die Fortsetzung oder das Abbrechen der Verbindung ja in Hnden. Geben Sie
sich nur keine Ble und nennen Sie keine Namen. Noch Eins, wenn man's noch
nicht wei. Der Minister-Prsident wird bermorgen nach Bromberg entgegen
reisen. Der Telegraph hat ihn citirt.
    Meine Ansicht ist, wir geben mglichst wenig Nachrichten ber hiesige
Vorgnge.
    Mir recht! Nun adieu, Kamerad, denn ich mu jetzt zur Stadt und mein altes
Quartier aufsuchen. Machen Sie gute Geschfte - wir treffen uns also bestimmt
morgen frh um Neun, ehe ich zurckfahre?
    Bestimmt! Gute Nacht, Lieutenant!
    Die Beiden trennten sich - der Alte ging, nachdem er seinen Gefhrten hatte
aus dem Thor gehen sehen, die Strae entlang und wandte sich links; der Andere
richtete seinen Weg nach dem Thiergarten.
    Viele Gedanken schienen ihn zu bestrmen - Zweifel - Bedenken - vielleicht
Gewissensbisse. Er blieb wiederholt stehen und murmelte einzelne Worte vor sich
hin - - - mehrmals auch wischte er sich den Schwei von der Stirn. - Zeigten
sich ihm ahnungsvoll die verdienten Schrecken der Zukunft? - sandten
giftgeschwngerte Dnste der Smpfe des glhenden Guyana, die furchtbaren den
Sandksten des Aequators ihre warnenden Schatten in seine Seele?
    Es ist Nichts, sagte er leise; was geht mich Ruland an? mag es seine
Geheimnisse selbst wahren! - Es ist nicht mein Vaterlands - ich bin kein
Verrther an diesem - es giebt kein Gesetz - ein bloer Handel, wie jeder
andere! - Er schien entschlossen und wandte sich nach den dunklen Laubgngen.
    Auf einer der Steinbnke sa ein Mann, in einen Paletot mit hohem Kragen
gehllt.
    Bon soir, Monsieur!
    Quelle heure de la nuit?
    Les comdies ont finies et le spectacle commence.
    Ah, le mot! - Je vous attends dja une demi heure.
    Der Rubikon war berschritten.

                                    Funoten


1 Eine Befrchtung, die leider sich immer mehr nur allzu gegrndet zeigt.
                                                     Anmerkung des Uebersetzers.


                                 In der Steppe.

Hui! Hui!
    Vterchen, halte Dich gut, mein Liebling! Denke, da wir in drei Stunden
die Station erreichen mssen. Pfui, Brauner, wer wird stolpern, wo der Boden so
fest und das Gras so weich ist! Strenge Deine Muskeln und Sehnen an, Nrrchen,
die gndige Herrschaft will es, die gndige Herrschaft zrnt mit dem armen
Jmschtschick1, wenn wir vor Nacht die Stanzia nicht erreichen.
    Es war auf der Steppe - gegen Abend, - ein schwler Abend, der auf die
glhende Tageshitze des Juli-Anfangs gefolgt war. Der heie Sommer lag schon auf
der nogaischen Steppe, die sich vom Dniepr bis zum Asowschen Meere hinzieht und
den Zugang der Krimm von der Landseite bildet. Zwei Straen, wenn man die Bahn
durch die trockene Wste so nennen kann, laufen nach dem Eingangspunkt der
Landenge von Perekop, welche die taurische Halbinsel mit dem Festland verbindet:
westlich von Odessa und Cherson her in der Nhe des Meeres ber Aleszki und
Kalanczig, - vom Norden, dem Wege von Czarkow und Jekaterinoslaw sich
anschlieend, die Strae von Berislaw ber Czaplynka.
    Kennst Du die Steppe? - Nein - Du kennst sie nicht, Leser, diesen Anfang
einer groen Zukunft, diese Hoffnung Rulands im Sden. Die mchtigen weiten
Strecken, die sich von den Donaumndungen um den Pontus bis zu den Felsenwnden
des Kaukasus hindehnen, auf der Karte wie in der Wirklichkeit nur unterbrochen
durch die groen Strme Don, Dniepr, Bug, Dniestr und wenige Stdtenamen; auf
den Karten nur bezeichnet durch die Namen: Kosackenlinie, nogaische Steppe,
Steppe von Otschakow, Taurien. Unermeliche Grasfelder unter der schattenlosen
Gluth der Sonne, die im Sommer breite Erdspalten in den braunen Boden reit,
ber die im Winter der eisige Orkan braust. Weite endlose Ebenen, aus denen sich
nur die Mogilen, die geheimnivollen Grabhgel vergangener Vlkerschaften,
erheben, - die nur das schilfbedeckte tief eingeschnittene Fluthal der groen
Strme oder der sumpfigen Limans unterbricht, - oder die jhe Regenschlucht,
vielleicht das seit Jahrhunderten ausgedrrte Bett eines Nebenstromes.
    Das Land der Scythen, - das so lange unbekannte Gebiet, von dem einst die
Strme wilder Barbarenhorden sich ber das gesittetere Europa ergossen, nach
Sden bis zu den Mauern des goldenen Byzanz, nach Westen bis in die Fluren des
sonnigen Italiens und Frankreichs, nach Norden hinauf bis zum blutigen
Lechfelde, bis zu den Thrmen Merseburgs, bis zum Felde von Wahlstatt, wo der
Sohn der heiligen Hedwig mit seinen Rittern fiel; von dem aus Pugatscheff den
Thron der Czaren bedrohte.
    Seit Peter der Groe das erste russische Kriegsschiff aus dem Don in's
Asowsche Meer gleiten lie, seit Catharina ihren Gemahl am Pruth losgekauft mit
ihrem Schmuck aus den Hnden der Trken, seit ihre groe Nachfolgerin und
Namensschwester durch den Frieden von Kainardschi2 die Krimm und das schwarze
Meer eroberte, ist Unendliches schon geschehen fr diese Lnderstrecken. Groe
Handelspltze entstanden, wo sonst nur der Tartar seine wilden Rosse getummelt,
die Oede der Steppe wurde zum Garten an ihrem Rande, Oasen blhenden und
fruchtbaren Landes tauchten auf aus diesem endlosen Gebiet, hervorgerufen durch
den Flei fremder Colonisten, die religise oder politische Unduldsamkeit aus
ihrer Heimath vertrieben und die hier Schutz und Reichthum fanden; blhende
Militair-Colonieen entstanden, weite Strecken trugen das goldene Korn und die
de Graswste wurde zur Fruchtkammer des halben Europa's, das an den Molo's von
Odessa sein Brot holt.
    Dennoch ist es noch immer die Steppe, die sich hier ausdehnt, und alle jene
Stdte, Grten und fruchtreichen Colonieen sind eben nur Oasen in der grnen
Wste. Tagelang findet der Reisende, der sie auf der Britschka durchfliegt, nur
die einsame Militair-Station, wo er die Pferde wechselt, die aus der Steppe oft
meilenweit erst geholt werden, oder die Rasenhtte des Tabunschik3 und selten
die freundlich weie Colonie des deutschen Menoniten.
    Die Steppe ist schn in ihrem Frhlingsschmuck, so weit das Auge trgt ein
bunter duftiger Teppich von Blumen und Grsern, von frischen Quellen bewssert,
die der Winterschnee genhrt hat. Aber es sind nur wenige Monate. Wenn der
Sommer kommt, verdorren Blumen und Grser - die Quellen vertrocknen - der Boden
wird zur harten Rinde, von tausend Falten und Rissen durchzogen, die Heerden der
mchtigen Rinder, der wilden Rosse und geduldigen Schafe drngen sich zusammen
und suchen das letzte trbe Schlammwasser der Cisterne; eine dumpfe, staubige
Hitze ruht auf dem braunen Erbreich und die wunderbaren Bilder der Fata Morgana
tuschen den verschmachtenden Reisenden.
    Denn der Mensch trotzt auch hier der Natur und ihren Schrecken; durch die
weite drre Wste marschirt die Colonne, die der Wink des Kaisers von weiter
Ferne her zum Sden sendet, fliegt der Wagen, der den eilenden Courier, den
unermdlichen Reisenden trgt.
    Die Rosse, die der eingeborene Jmschtschik mit Schmeichelworten antrieb,
waren vor einen ziemlich eleganten pariser Reisewagen gespannt und zogen ihn
rasch ber die de Flche. Die Reisenden, welche anfangs die Strae von Aleszki
am Meere entlang gewhlt, hatten dieselbe schon nach dem ersten Drittheil auf
den Rath des Postmeisters verlassen, der sie versicherte, da sie auf keiner
Station weiter Pferde bekommen wrden, da dieselben fr die Regierung in
Beschlag genommen, und sie versuchten daher, quer durch die Steppe reisend, die
groe Strae von Berislaw nach Perekop zu erreichen.
    In dem gegen die Hitze fest verschlossenen Wagen sa ein russischer
Offizier, den gebrochenen linken Arm in der Binde, und auch am Kopfe Spuren
tragend von durch Quetschungen oder einen heftigen Fall erlittenen Verletzungen.
Sie waren gewi nicht im Stande, das hagere Gesicht mit der hoch-kahlen Stirn,
dem aufgeworfenen Munde und dem grnlich grauen Auge zu verschnern.
    Die Dame war gro und schlank, das Haar cendr, der Teint und das Auge matt
und dennoch voll Lsternheit, das fest geformte Kinn Entschlossenheit
ausdrckend.
    Sie war voller Ungeduld und Ermattung. Bald brauchte sie heftig den Fcher,
bald das Flacon, oder ffnete und schlo das Glas der Wagenthr, ohne auf ihren
Nachbar viel Rcksicht zu nehmen.
    Lassen Sie das Fenster ruhen, Celeste, sagte dieser endlich in
franzsischer Sprache; Sie verbessern das Uebel der Hitze dadurch nicht und
lassen unntz den Staub herein.
    Abscheulich! rief die Dame; nennen Sie das ein Land, in dem man athmen
kann, Graf? Was versprachen Sie mir Alles in Bukarest? - den Himmel Italiens
oder der Provence, Orangendfte und die prachtvollsten Scenerieen, und hier sind
wir, eingeschlossen in einem Wagen, in einem Meer von Staub und erstickender
Hitze, kein menschliches Wesen zu sehen, als hchstens ein Mal des Tages einige
Halbwilde und eine Baracke, die Sie ein Posthaus zu nennen belieben.
    Warten Sie! sagte der Russe gleichgltig.
    Warten! Geduld! rief die Franzsin heftig; das mgen Sie Ihren
Leibeigenen empfehlen, nicht einer Dame. Warum lieen Sie mich denn nicht lieber
in Bukarest, wo doch noch ein Schimmer von Civilisation und Gesellschaft
herrscht, statt mich solchen Fatiguen auszusetzen?
    Sie sind unverstndig, Celeste. Herr Bibesco, Ihr sogenannter Gemahl ...
    Mein Herr, unterbrach ihn heftig die Dame, keine Beleidigung!
    Nun, Ihr wirklicher Gemahl, verbesserte sich spttisch der Offizier,
sitzt im Gefngni und wird fr seine Correspondenz mit den trkischen
Ministern entweder erschossen oder wenigstens ber den Pruth mitgenommen werden.
Ueberdies wissen Sie sehr wohl, da sein Vermgen hin, der Rest mit Ihrer
freundlichen Hilfe verschwendet ist und da Sie von seiner Familie Nichts zu
erwarten haben. Als ich nach meiner Verwundung beim Sturm auf Silistria - der
Teufel gesegne es dem franzsischen Schurken! - in Ihr Haus nach Bukarest
gebracht wurde und Sie die Gte hatten, sich meiner krperlichen und -
Herzenspflege anzunehmen, wofr ich Ihnen dankbar die Hand ksse, waren die
Verhltnisse zwar noch nicht zum Eclat gekommen, inde geschah es doch bald
darauf, und ich glaube, ich war damals Ihre Hauptsttze.
    Man hat es mir bitter zum Vorwurf gemacht.
    Bah! - ich wei es, da der grere Theil der Bojaren gerade nicht sehr
russisch gesinnt ist, aber ich wiederhole Ihnen, von der Familie Ihres Gatten
htten Sie ohnehin wenig zu erwarten gehabt, und Sie htten mit Ihren
Eroberungen, an deren Erfolg ich keineswegs zweifeln will, von vorn beginnen
mssen. Unter diesen Umstnden konnte der Vorschlag, meine Begleiterin und
Freundin zu sein, als ich zur Erholung von meinen Verletzungen einige Monate
Ruhe oder wenigstens leichten Dienst in dem schnen Klima der taurischen Kste
genieen sollte, Sie nur verschiedenen Verlegenheiten entreien.
    Ihr Antrag war nicht der einzige, Graf, ich hatte die Wahl, sagte die Dame
mit jenem schaamlosen Hochmuth der pariser demi monde, der aus solchen
Verhltnissen ein gesellschaftliches Recht macht.
    Ich wei das, schne Celeste, erwiederte der Russe halb galant, halb
apathisch, und da Sie mir den Vorzug gaben, ist mir sehr schmeichelhaft. Aber
Sie mssen sich doch auch in das Unvermeidliche fgen. Der Weg, den wir
gezwungen sind zu machen, hat allerdings sein Unangenehmes und seine
Beschwerden, namentlich fr Damen. Aber sie sind unvermeidlich, um an unser Ziel
zu gelangen, da der Seeweg fr die Dampfboote gesperrt ist.
    Warum haben Sie uns dann nicht wenigstens den Weg an der Kste fortsetzen
lassen? beharrte die Dame eigensinnig. Ich htte dort doch weniger von der
Hitze und dem Staub zu leiden gehabt, auch sollen die Stationen zahlreicher
sein, als in dieser Wste.
    Sie haben selbst in Kostogrysowo gehrt, Celeste, da auf der ganzen Tour
keine Pferde mehr zu haben waren und da auch die Reisenden, - gleichfalls eine
Dame, - die eine Stunde vor uns abgefahren sind, vorgezogen htten, die
Hauptstrae zu erreichen. Noch einige Stunden, und wir sind auf der Station und
werden die Nacht dort zubringen.
    Es dunkelt bereits, sagte furchtsam die Dame; sehen Sie dort drben die
dstre Wolke, die so rasch am Horizont emporgestiegen ist? Diese de Gegend ist
doch sicher?
    Bah! - Es lebt des Gesindels genug hier, denn alle entlaufenen Leibeigenen
flchten in die Steppen und alle Verbrecher lassen sich hier nieder, weil
Niemand frgt, wer und woher? Aber selten finden sich hier Leute genug zusammen,
um eine Gefahr besorgen zu lassen. Doch - die Wolke da drben ist seltsam - die
Sonne mu noch hoch ber dem Horizont stehen und dennoch ist kein Schein mehr zu
sehen - Skotina4! warum hlt der Wagen? was ist's mit den Jmschtschiks, Ossip?
    Er hatte das Fenster geffnet und fragte den auf dem Bock neben dem einen
Postillon sitzenden Leibdiener.
    Dort hlt ein Wagen, Erlaucht, die Telege, die uns vorangegangen ist, aber
mehrere Reiter sind um sie her.
    Paschol! Vorwrts, Tlpel - die Leute haben vielleicht ein Unglck gehabt -
je eher wir hinkommen, desto eher werden wir es erfahren.
    Der Wagen, aus dem man die etwa anderthalb Werst noch entfernte Gruppe am
Rande der immer tiefer und nher sich senkenden Wolke bemerkt hatte, rasselte
auf's Neue ber das drre Erdreich - aber die Pferde schienen wild und unruhig
und wurden es mit jedem Augenblicke mehr. Auch die Postillone schien eine
bestimmte Besorgni zu erfassen, sie riefen sich in tatarischem Idiom mehrfach
zu und fuhren sichtbar nur mit Widerwillen weiter.
    Um sie her schien sich jetzt die Steppe zu beleben. Die zierlichen Gestalten
der Erdhasen huschten an ihnen vorber oder suchten ihre Lcher. Zwei groe
Trappen mit erhobenen Flgeln und vorgestreckten Kpfen rannten scheu an ihnen
vorber, hoch aus der Luft tnte das scharfe Geschrei eines Adlers, der ber
ihnen weite Kreise zog und sich ber die immer nher und nher kommende Wolke
empor zu schwingen schien.
    Wiederum, etwa noch einen starken halben Werst von jener Gruppe entfernt,
hielt der Wagen. Schon seit einigen Augenblicken hatte ein leises
eigenthmliches Summen und Schwirren in der Luft begonnen. Die Rder schienen
ber weiches knirschendes Gras zu gehen, das halb verdorrte Gestrpp der weiten
Steppe schien sich, obschon kein Lufthauch zu spren war, zu regen und lebendig
zu werden.
    Was giebt's?
    Erlaucht, sagte der nchste Jmschtschik, mge der heilige Iwan Dich
segnen - aber es sind die Heuschrecken!
    Tscherti tjebie by wsiali! was geh'n die Heuschrecken uns an? - vorwrts!
    Nur Einer, der diese furchtbare Landesplage noch nie in der Nhe gesehen,
konnte so sprechen, und noch ehe die Equipage jene Gruppe erreicht hatte, wurde
der Oberst inne, da er sich hier in ein Uebel gestrzt, das keine Macht und nur
Geduld zu beseitigen vermochte.
    Nicht Tausende, sondern Millionen und aber Millionen dieser widrigen
seltsamen Insekten fllten den Boden und schwirrten zum Theil durch die Luft;
dennoch bildeten diese Massen offenbar nur die Flanke des fliegenden Stromes,
denn wie die Reisenden jetzt deutlich bemerkten, bestand die groe Wolke, die
nun massiv an ihrer Seite hing, die Strahlen der sinkenden Sonne gnzlich
verbergend und zu Anfang von ihnen fr eine Wetterwolke gehalten, nur aus
Myriaden ziehender Heuschrecken.
    Sie waren jetzt dicht an der frher bemerkten Gruppe und die Jmschtschiks
hielten zum dritten Male an, diesmal offenbar mit dem Willen, nicht weiter zu
fahren. Die Pferde schnoben und schlugen um sich her und waren kaum zu bndigen.
Der Oberst, um nicht genthigt zu sein, die Scheiben lnger geffnet zu halten,
ffnete auf der dem Anzuge der Insekten entgegengesetzten Seite die Thr fr
einen Augenblick und sprang heraus. Sein Fu zertrat mit jedem Schritt Hunderte
des Gewrms und er stand sofort bis an die Knchel in dem widerlichen Strom.
    Vor ihm hielt eine halb offene, aber durch einen ausgespannten Leinenschirm
vor den Sonnenstrahlen geschtzte und mglichst bequem eingerichtete Telege, in
der zwei Damen saen, die Eine jung, zart und schn, offenbar den vornehmen
Stnden angehrend, die Andere anscheinend die Zofe, Beide eifrig beschftigt,
sich von dem Gewrm mglichst frei zu halten, welches, theils durch die Luft
fliegend, theils an den Rdern emporkriechend, den Wagen, die Kleider, ja Hnde
und Gesicht der Reisenden bedeckte. Zur Seite des Wagens, dessen Bespannung
verschwunden war, stand ein krftiger Mann in der Halblivree eines Jgers, ohne
auf sich zu achten, bemht, die junge Dame vor der lstigen Plage zu schtzen,
die sie brigens mit groer Fassung ertrug.
    Um die Telege hielten auf ihren kleinen mit Feldgepck belasteten Pferden
ruhig fnf Kosacken, deren Kleidung und Ausrstung zeigte, da sie nicht zu den
regulairen Truppen, sondern zu den freien Contingenten gehrten, welche die
nomadisirenden oder Steppenvlkerschaften stellen. Vier waren noch jung, der
Fnfte jedoch ein Greis von riesiger Figur, das braune asiatische Gesicht von
Narben und Furchen durchzogen und mit einem Auge - das zweite war durch eine
quer ber das ganze Gesicht laufende und dasselbe spaltende Wunde verletzt und
geschlossen - versehen, das wie ein Feuerstrahl unter den buschigen weien
Augenbrauen funkelte. Langes weies Haar und ein eben solcher Bart faten sein
durch die groe Narbe wirklich Furcht erregendes Antlitz ein. Bei einer Bewegung
des Greises, die seinen grauen Militair-Mantel ffnete, sah der Graf, da er
unter diesem eine alte mit drei oder vier Orden und Medaillen dekorirte Uniform
trug. Alle Kosacken rauchten, wie die Jmschtschiks, aus kurzen Pfeifen einen
eben nicht sehr duftigen Taback, der jedoch den Vortheil hatte, das fliegende
Gewrm wenigstens von ihrem Gesicht abzuhalten; um das Andere kmmerten sie sich
wenig.
    Das Alles hatte der Graf mit einem Blicke aufgefat; denn die zwar
keineswegs wirkliche Gefahr mit sich fhrende, ja halb lcherliche, aber um so
widrigere Lage erlaubte kein langes Besinnen. Indem er an die Telege trat, sagte
er hflich:
    Ich bin der Oberst Graf Wassilkowitsch und ein Reisender durch die Steppe
gleich Ihnen. Sie scheinen sich jedoch in einer noch schlimmeren Lage als wir zu
befinden, und ich erlaube mir die Frage, in wiefern ich Ihnen ntzlich sein
kann?
    Ehe noch die Dame antworten konnte, nahm der Jger das Wort:
    Unsern Dank, gndiger Herr! - die Grfin Wanda Zerbona ist meiner Frsorge
anvertraut und auf dem Wege nach der Krimm, um von Kertsch aus ihre Verwandtin,
die Frstin Tscheftzawade im Kaukasus, zu erreichen. Die Halunken von Postillons
haben, als die Heuschrecken nahten, die Strnge abgeschnitten und sind auf- und
davongeritten.
    Wie kommen diese Kosacken hierher?
    Die braven Leute sind uns begegnet und auf unsere Bitten und das
Versprechen einer Belohnung bei uns geblieben. Wir befinden uns bereits fast
eine Stunde in dieser unangenehmen Lage.
    Der Oberst wandte sich zu dem alten Kosacken.
    Wer bist Du?
    Iwan, der Steppenteufel, Batuschka!
    Skotina! - Woher Du kommst? ob Du Soldat bist?
    Zweiundfnfzig Jahre war ich's, Vterchen, theils fr den Czar, theils auf
eigene Hand. Der Czar ist mir gndig gewesen, ich bin der Ataman meines
Stammes.
    Er wies auf die Dekorationen seiner Brust.
    Bist Du hier zu Hause? - sprich rasch!
    Der alte Kosack lachte, wenn das Grinsen dieses verwitterten Gesichts ein
Lcheln zu nennen war.
    Die heilige Mutter von Kasan beschtze Dich. Ich bin kein Tatar, sondern
ein ehrlicher Kosack vom Don. Das sind meine Enkel, und zwei habe ich
fortgeschickt, die spitzbbischen Jmschtschiks fr diese armen Leute
zurckzuholen. Wir hrten, da der Czar im Sden Soldaten brauche und da sind
wir.
    Der Offizier sah, da er von dieser Seite keine Auskunft erhalten knne, er
wurde aber in den weiteren Nachforschungen durch seine Begleiterin unterbrochen,
die mit weiblichem Takt und Theilnahme ihm zurief, die fremde Dame in ihren
Wagen bringen zu lassen, der mehr Schutz gegen die Belstigung gewhrte, als die
offene Telege. Das geschah augenblicklich durch den Jger Bogislaw und den
Diener des Grafen.
    Wie weit sind wir hier noch von der groen Strae entfernt, oder ist irgend
ein Ort in der Nhe, wo wir Schutz vor diesem abscheulichen Gewrm finden
knnen?
    Die Strae ist noch fnfzehn Werste entfernt, Erlaucht, sagte der lteste
Postillon, und die Stanzia5 noch weiter. Aber auf der Hlfte des Weges zur
Rechten ab liegt eine Colonie der Frommen.
    Wahrscheinlich Menoniten, erluterte Bogislaw.
    Zum Henker! mgen sie sein, wer sie wollen, wir mssen sie zu erreichen
suchen. Wir mssen den Strom dieser Armee von Heuschrecken durchbrechen, denn
umzukehren wrde nunmehr Nichts ntzen. Bringt rasch die werthvollsten Sachen
aus der Telege nach meinem Wagen und dann mssen zwei von Euch den Mann hier und
das Mdchen zu sich auf die Pferde nehmen, denn im Wagen ist kein Platz.
    Unser Gepck ist vorausgesandt, wir sind fertig.
    Desto besser - die Sache wird unertrglich. Zehn Rubel Jedem von Euch
Trinkgeld, wenn Ihr uns glcklich durch diese Wolke von Gewrm bringt.
    Er sprang in den Wagen zurck.
    Der Jger hatte die sich strubende Zofe beruhigt und, den Plan des Grafen
verbessernd, zu Ossip auf den Kutschbock gehoben, whrend der Jmschtschik, der
diesen Platz bisher eingenommen, sich auf das linke Pferd des hinteren
Dreigespanns schwang und Bogislaw selbst das rechte Seitenpferd bestieg.
    Vorwrts, Kamerad, rief er dem alten Kosacken zu, - es bleibt bei der
Belohnung. Brich uns die Bahn.
    Der Alte pfiff seinen Enkeln. Fest aneinander jagten die fnf Reiter in die
dunkle Wolke von Gewrm hinein, die Jmschtschiks gaben ihren Pferden den
Kantschuh und zwangen die sich bumenden und schnaubenden Thiere, im Galopp den
Reitern zu folgen.
    Einige Minuten lang vernahm man Nichts als das Schnauben der Thiere und das
weiche zermalmende Knirschen der Rder, denn selbst der ermunternde Zuruf der
Mnner war verstummt, weil jedes Oeffnen des Mundes diesen sofort mit den eklen
Geschpfen gefllt htte.
    Ringsum war die Luft von ihnen verdichtet, der Boden mehrere Zoll hoch
bedeckt - jedes Gestrpp, jeder Halm, auf den sie niederfielen, war im Nu
verzehrt und auf ihrem Wege durch's Land die de Steppe in wenig Augenblicken
noch der geworden.
    Wenn die Gluth des Sommers kommt und die Sonnenstrahlen hei und giftige
Dmpfe entwickelnd auf die sumpfigen Gegenden fallen, dann erheben sich aus den
endlosen Morsten der Dobrudscha die Myriaden jener hlichen Insekten und
nehmen, gleich Gewitterwolken vom Winde getrieben, ihren Weg nach dem Sden oder
ber das schwarze Meer hinber nach Bessarabien und der Krimm und ziehen oft
weit hinein in die Steppen des sdlichen Rulands. Millionen und aber Millionen
dieser Geschpfe verschlingt das Meer, - doch was ist das in der Menge - wo sie
niederfallen, da sind sie dichter wie die Tropfen des Regens, verwstender wie
der gewaltige Orkan, und nur selten vermag der Mensch mit allem seinem Witz
seine Ernte gegen sie zu schtzen.
    Die Glieder der Pferde, die Rder, der ganze Bau des Wagens, die Krper der
Reiter waren mit den Insekten bedeckt, die selbst die Stoffe der Kleider
anfraen. Das Mdchen und der Diener des Obersten hatten ihre Kpfe, so gut es
ging, in Tcher verhllt und lieen alsdann den kriechenden Strom ber sich
ergehen. Selbst die in der durch Glasscheiben geschlossenen Kutsche Sitzenden
litten auer der drckenden widrigen Atmosphre von dem Gewrm, denn Hunderte
waren bei dem Oeffnen eingedrungen und krochen durch alle Ritzen zu, so da sie
fortwhrend in einem Kampf bleiben muten. Die Franzsin war fast ohnmchtig,
nur Grfin Wanda unterwarf sich ruhig und thtig dem berkommenen Migeschicke.
    Der Zug hatte sich geradezu in den Strom der Heuschrecken geworfen, um ihn
an seiner schmalen Seite zu durchbrechen. Die Eingeborenen wuten, da er auch
hier wohl eine Viertelmeile breit, aber gewi das Doppelte und Dreifache lang
sein konnte. Man war bereits ziemlich weit gekommen, als ein Augenblick
wirklicher Gefahr zu drohen schien. Der Zug der Heuschrecken vernderte aus
einer noch unbekannten Ursache pltzlich seine Richtung und erhob sich; das
Tageslicht, ohnehin schon geschwcht durch den sinkenden Abend, schien auf
Minuten lang gnzlich verfinstert, denn die Luft umher war buchstblich gefllt
mit schwirrenden fliegenden Insekten, die Pferde, die anfangs schnaubend und
wild sich in dem Schwarm geberdet, standen nunmehr zitternd und ruhig, und
selbst die Mnner der Steppe hatten jetzt, so gut es ging, ihren Kopf verhllt
und berlieen sich gleichgltig dem Kommenden.
    Selbst das Athmen wurde immer schwieriger - die franzsische Dame im Innern
des Wagens war leichenbla vor Furcht und Erschpfung.
    O, dieses verwnschte Land - Wasser, Wasser! - ich ersticke! -
    Zum Glck dauerte dieser Zustand nur wenige Minuten. Wir haben bereits
bemerkt, da ein den Reisenden noch unbekannter uerer Einflu auf den Zug der
Insekten einzuwirken schien. Sie erhoben und drngten sich immer mehr und
erhielten eine Eile, die ihnen nicht erlaubte, sich an Gegenstnde zu hngen.
Nach kurzer Zeit wurde es lichter, das Gewirre in der Luft umher hrte auf und
Menschen und Thiere vermochten freier zu athmen.
    Das erste Geschft, was Alle vornahmen, gleichgltig gegen alle sonstigen
Beobachtungen, war natrlich, sich von den Ueberresten des widrigen Abenteuers
zu reinigen, und die Nstern und Ohren der Pferde von einzelnen
zurckgebliebenen Insekten zu befreien. Die Jmschtschiks mit dem Jger waren
eifrig damit beschftigt, denn sie wuten, da jetzt die Pferde, nachdem ihre
Angst berstanden, durch das kleinere Uebel scheu und unbndig gemacht werden
konnten.
    Die Gesellschaft im Wagen war jetzt auch im Stande gewesen, die Fenster
niederzulassen, um frische Luft zu schpfen. Die Postillone saen auf und waren
bereit, auf's Neue davon zu fahren, doch zgerten sie noch einige Augenblicke,
da sie unschlssig schienen, nach welcher Richtung sie sich wenden sollten.
    Die Aussicht war nmlich, obschon der furchtbare Schwarm sich immer mehr und
immer rascher verlor, noch immer gesperrt. Eine graubraune Wolkenwand schien den
ganzen Horizont zu bedecken und die Sonnenhitze des Mittags auf's Neue mit sich
zu bringen. Die Reisenden befanden sich eingeschlossen wie in einem Thale, ohne
selbst die Richtung der Himmelsgegenden beurtheilen zu knnen.
    Diese Thiere scheinen einen widrigen brandigen Geruch zurckzulassen,
sagte die junge Grfin; es ist noch immer so schwl und drckend. Bedienen Sie
sich meines Flacons, Madame!
    Der Oberst, ohne sich um die Frauen viel zu kmmern, lehnte aus dem Fenster.
    Was soll das Zaudern? Vorwrts, Tlpel! - Was soll's?
    Die letzte Frage war an den alten Kosacken und den Jger Bogislaw gerichtet,
die nach einer kurzen Besprechung auf den Wagen zukamen.
    Vterchen, sagte der Kosack mit jener, den gemeinen Russen so
eigenthmlichen Manier, einer directen Antwort auszuweichen, - die Heiligen
haben Dich und die Frauen zu keiner guten Stunde die Reise antreten lassen.
    Um es kurz zu machen, Herr Graf, fiel der entschlossene Jger ein, - denn
die Augenblicke sind kostbar - diese mit dem Lande vertrauten Leute meinen, es
drohe uns eine grere Gefahr, als die vergangene: die Steppe stehe in Brand!
    Die beiden Damen hatten zum Glck die russisch gesprochene Meldung nicht
verstanden, doch sahen sie an dem Zurckfahren des Obersten, an der Blsse, die
unwillkrlich sein Gesicht berzog, da eine groe Gefahr im Anzuge sein mute,
und die verwhnte pariser Lorette, die entfhrte Bojarendame, fate laut
aufschreiend seinen Arm.
    Mein Himmel! Graf, was giebt es? was spricht der Mann? ich will es wissen!
    Der Oberst machte sich ungestm frei.
    Zum Henker, Madame! das ist kein Augenblick fr Ihre Narrheiten. Unser
Leben steht auf dem Spiel. - Woraus schlieest Du das?
    Der Jger wies auf die Wolkenwand ringsum, die immer dichter emporstieg und
in der einzelne hellweie Wolken emporzukruseln schienen. Ruhig hielt der alte
Kosack an der Seite des Wagens, whrend seine Enkel beschftigt waren, den
Jmschtschiks im Bndigen und Festhalten der fnf Pferde zu helfen.
    Athmen der Herr Graf nur die Luft, die Sinne werden Sie bereits
berzeugen.
    In der That wurde der brandige Geruch immer schrfer, die Schwle immer
drckender.
    Wie ist das Feuer entstanden - woher kommt es?
    Gott wei es! - Die Colonisten oder Hirten haben es wahrscheinlich zum
Schutz vor den Heuschrecken angezndet. Ich mu gestehen, da ich selbst rathlos
bin, da ich nicht einmal die Richtung des Himmels anzugeben vermag. Euer
Erlaucht wrden am besten thun, diesem alten Mann zu vertrauen.
    Der Oberst wandte sich zu diesem:
    Du siehst, da ich Stabsoffizier bin und da es Deine Pflicht ist, mir zu
gehorchen. Wo ist die Gefahr fr uns?
    Der Alte deutete ruhig ringsum im Kreise.
    Ueberall? - Sollen wir umkehren?
    Der Kosack schttelte mit dem Kopfe.
    Es ntzt Nichts, Vterchen. Unter den Heuschrecken wrdest Du desto
schneller verbrennen.
    Weit Du einen Ausweg - kannst Du uns fhren, uns retten? denn ich hoffe,
Du wirst uns nicht verlassen.
    Nein, Vterchen, Iwan wird bei Dir ausharren. Du bist ein vornehmer Herr,
aber Du verstehst Nichts von der Steppe. Willst Du mir die Anordnung
berlassen?
    Es sei! Hundert Rubel fr Dich und Jeden der Deinen, wenn Du uns rettest.
    Der Alte hielt sich, nachdem er auf diese Weise das Recht, zu befehlen,
erlangt hatte, mit einer Erwiederung nicht auf, sondern wandte sich sofort an
seine Enkel:
    Wanka, jag' dem Feuer entgegen und sieh', welche Richtung es nimmt. Alexei
Petrowitsch, fort, nach Mittag zu und schau', ob dort ein Ausweg. Olis, mein
Liebling, wende Dich gegen Abend. Mge der heilige Iwan ber Euch sein, Ihr hrt
unser Pulver. Fort!
    Die drei jungen Kosacken sprengten nach verschiedenen Richtungen in die
Wolkenwand hinein.
    Whrend der Alte mit dem seltsamen6 Namen dem Jger Bogislaw, den er rasch
als den Thtigsten und Geeignetsten der ganzen Gesellschaft erkannt, einige
Instructionen gab, deren Inhalt sich bald dadurch zeigte, da Bogislaw von Zeit
zu Zeit eine Pistole in die Luft scho und wieder lud, - suchte der Graf die
Damen zu beruhigen, denen die Natur der Gefahr lngst nicht mehr verborgen war.
Celeste war auer sich, bald weinte sie zaghaft, bald stie sie mit
franzsischem Wortschwall die bittersten Vorwrfe gegen ihren Beschtzer aus,
bald wieder bat und flehte sie, da man die Pferde antreiben und dem Feuer
entfliehen mge. Auch der Oberst war mehrere Male im Begriff, den Befehl zu
geben, die Rosse, die nur mit grter Mhe festgehalten werden konnten,
loszulassen, doch gab ihm ein Blick auf die ruhige Haltung des Kosacken und die
Ueberlegung die Ueberzeugung, da man der Erfahrung und dem Instinkt des greifen
Eingebornen der Steppen am besten vertrauen und jede Anordnung berlassen werde.
    Die Hitze war fortwhrend gestiegen, die umgebenden Rauchwolken begannen
bereits eine rthliche Farbe anzunehmen. Durch den Wolkennebel hatten sie hufig
dunkle Gestalten in vollem Lauf vorberhuschen sehen - die Wlfe, die wilden
Hunde und anderes Gethier der Steppe - aus der Luft herab hrten sie das
ngstlich kreischende Geschrei groer Schwrme wilder Enten und anderer
Wasservgel, die von der Gluth aufgescheucht, hoch ber dem Brand weg zu ihren
sumpfigen Nestern eilten. Die Minuten, die sie in der qulenden Ungewiheit
zubrachten, schienen Stunden.
    Der Kosack Wanka war der Erste, der im vollen Carriere seines kleinen
zottigen Pferdes, dem Mhne und Hufhaar verbrannt waren, zurckkam.
    Fort, Djeduschka, - das Feuer ist hinter mir - kaum drei Werste entfernt
und nimmt die Richtung hierher.
    Haltet die Pferde bereit, Lieblings! Schlie' die Fenster Deiner Karosse,
Vterchen. - Auf!
    Aus dem Nebel zur Rechten jagte Alexei Petrowitsch.
    Hierher! hierher! es ist eine Lcke in der Wand von Rauch und der Boden nur
von den Heuschrecken verwstet.
    Schiet Eure Pistolen zusammen los, da Olis uns hrt. Der heilige Andreas
schtze den Jungen! Feuer! - Und nun vorwrts, dort hinein!
    Die Pferde wurden zur Seite gerissen und im Galopp jagte die Kutsche, von
den Reitern umgeben, in die Rauchwand - von Zeit zu Zeit feuerte der wackere
Jger noch einen Schu ab.
    Der Wagen war etwa zweihundert Schritt vorgedrungen, als die Dunst- und
Wolkenwand sich lichtete und sie in eine verhltnimig freie Atmosphre kamen.
Es zeigte sich, da ein leiser Luftzug die Dampfwolken vor sich her trieb und
die klare, helle Gluth schlug zu ihrer Linken in die Hhe und knisterte ber die
weite Ebene.
    Die Rosse jagten wie toll ber die Flche und rissen den Wagen in wilden
Sprngen ber die Risse und Unebenheiten des Bodens. Zngelnd liefen die Flammen
ber diesen, wenn auch der Luftstrom sie in bestimmter Richtung vorwrts trieb,
und an vielen Stellen jagten geradezu die Pferde durch die bereits
emporschlagende Lohe.
    Celeste lag ohnmchtig im Wagen, die Grfin athmete schwer, das Gesicht an
das Wagenfenster gepret, dessen Scheiben in der Gluth bereits zersprungen
waren, whrend der Graf mit finsterer Entschlossenheit die schreckliche Scene
beobachtete.
    Pltzlich sperrte ein breiter Erdspalt die Fahrt und die Postillone hielten
still. Der vordere Jmschtschik sprang sogleich aus dem Sattel und begann die
Strnge seiner zwei Pferde zu lsen.
    Was thust Du, Canaille?
    Wo der Tod uns vor Augen, hast Du uns Nichts zu befehlen, Vterchen. Diese
Pferde hindern nur den Wagen, die Heiligen werden uns durchhelfen, wenn wir
allein sind!
    Sukiensyn! - Eine Pistolenkugel pfiff dicht am Ohr des ungehorsamen
Postillons vorber.
    Gnade, Excellenz, ich bin Dein gehorsamer Knecht!
    Den Ersten, der uns zu verlassen wagt, schrie der Oberst durch das
geffnete Fenster, schiee ich nieder! Iwan - wo bist Du?
    Hier, Erlaucht, entgegnete der alte Kosack, ich untersuchte die
Erdspalte. Wiederholt das Schieen! Pascholl!
    Wiederum donnerte der Wagen davon, rechts und links von ihnen schlugen am
Gestrpp die Flammen bereits in die Hhe - die Fesseln, die Mhnen, die Schweise
der Rosse waren abgesengt, kaum noch vermochten die Menschen zu athmen.
    Heilige Mutter Gottes, vergieb mir Snderin! jammerte Celeste in der Angst
des Todes. Das ist die Strafe dafr, da ich die arme Nini um ihr Eigenthum
bestohlen, welches mir der Russe gab, da ich nun mit diesem Manne so elend
verderben mu.
    Grfin Wanda hatte die Hnde gefaltet, sie betete still - vor ihrer Seele
stand in dieser letzten Stunde das Bild des jungen Tschetschenzen-Offiziers, des
Imams Sohn, der einst mit ihr die hnliche Stunde der Todesnoth getheilt.
    Heilige Mutter von Kasan! - das war ein Schu aus der Ferne, ein Signal, das
nicht von den Mnnern um die dahin fliegende Equipage kam!
    Kuli! Kuli! Olis - hierher! donnerte die Stimme des alten Atamans.
    Ein zweiter Schu -
    Dann brach aus der Rauchwand vor ihnen ein kleiner Reitertrupp, fnf Mnner
zu Pferde: zwei junge russische Offiziere und ein lterer Mann in braunem
langschigem Rock, die weie weite Halsbinde trotz der Hitze sorgfltig um den
Hals geknpft, einen dreieckigen Hut von altmodischer Faon auf dem, mit langem
schlichtem Haar umgebenen Kopf. Mit ihnen zwei Kosacken.
    Zu Hilfe! zu Hilfe! Hierher! schrie der Oberst - im nchsten Augenblick
waren die beiden Offiziere am Wagen - -
    Ein gellender Schrei erscholl aus diesem.
    Da ist er! da ist er! Vergebung, Frst, einer Sterbenden! ich lie sie im
Elend!
    Schorte wos mi! Frst Iwan Oczakoff, Sie in dieser Hllengluth?
    Oberst Wassilkowitsch, so wahr ich lebe! Wir wagten uns in die Gefahr, um
eine Dame zu retten.
    Sie ist hier - doch sprechen Sie rasch, giebt es einen Ausweg aus dieser
Hllengluth, die uns lebendig rstet?
    Fr den Wagen schwerlich. Hesekiah, wissen Sie Rath und Hilfe?
    Der Menonit wandte sich zu ihm.
    Es mu ein Tabun hier in der Nhe sein, ich kenne den Tabuntschik, obschon
er ein finsterer, menschenscheuer Greis ist. Aber es ist unmglich, mich in
diesem Rauch zu orientiren und es giebt hier berall gefhrliche Erdspalten.
    Halt! schrie der Kosack - still, Vterchen, so lieb Euch Euer Leben ist,
ich hre einen Ton - ein Signal!
    Die Jmschtschiks hatten auf einer vom Feuer noch nicht erfaten Stelle die
Pferde angehalten. Alle lauschten gespannt, einige Augenblicke lang war Nichts
zu hren, wie das Knistern und Zischen der Flammen, die fast ringsum empor
schlugen - dann klang es erst leise und immer lauter, wie der Ton einer
metallenen Glocke, - bald war eine Tuschung unmglich.
    Das ist die Glocke des Tabuns fr die Heerden, sagte ruhig der Menonit, -
Gott vergebe es mir, da ich dem Manne kaum diese Menschenfreundlichkeit
zugetraut habe. Der Herr ist mit uns - wir drfen nur dem Schall der Glocke
folgen, doch rathe ich Dir, Freund Offizier, die beiden Gespanne zu trennen.
Diese Frauen werden sicherer fahren mit der Troika.
    Der Rath war bei der rissigen Beschaffenheit des Bodens zu gut, um nicht
befolgt zu werden. Im Nu waren die Strnge der zwei Vorderpferde vom Jger
Bogislaw und den Kosacken abgeschnitten, und der Erstere befahl dem
Jmschtschik, voran zu reiten nach dem Schall der Glocke, um zugleich den
Zustand des Weges zu prfen. Die Todesgefahr war so gro, da der junge
Postillon, kaum die Mglichkeit der Rettung vor sich sehend, und von der
drohenden Pistole des Obersten befreit, wie blind und toll davonjagte. Hinter
ihm her flog, von den Reitern umgeben, der Wagen durch Rauch und Flammen.
    Links! links, Freund! so lieb Dir Dein Leben ist! schrie der junge
Menonit, whrend schon nher und nher der Schall der Glocke erklang und sie
bereits den Zuruf einer menschlichen Stimme zu hren vermochten.
    Es war zu spt -
    Ein wilder, furchtbarer Schrei des Entsetzens - und vor ihren Augen
verschwanden im Nebel und Rauch, kaum zehn oder fnfzehn Schritt vor ihnen, die
Gestalten des Jmschtschiks und seiner zwei Pferde, wie von der Erde
verschlungen.
    Links! links! Gott sei Seele und Leib gndig!
    Der Menonit hatte sich mit seinem Pferde quer vor das Gespann geworfen,
Bogislaw ri mit Aufbietung all seiner Kraft das rechte Sattelpferd, das er
bestiegen, zurck und drngte das Gespann nach Links - so flogen sie davon dem
Rufen und Luten entgegen, ohne da Einer von dem schrecklichen Schicksal des
jungen Postillons Kunde nehmen konnte; wenige Augenblicke darauf war das Luten
vor ihnen -
    Pat auf, Brder, rief der Menonit, der Graben kommt - hopp!
    Er setzte mit seinem Pferde hinber, Iwan folgte - dann der Jmschtschik mit
dem Dreigespann - ein Ruck, Angstgekreisch, - der Wagen strzte um, aber war
glcklich ber den rettenden Graben, den die Hirten zur Sicherung ihres Tabuns
gegen das Feuer aufgeworfen.
    Die Voransprengenden hatten jenseits desselben noch den jungen Kosacken Olis
gesehen, wie er eifrig eine kleine Glocke schwang, die zum Herbeirufen der
Heerden zu dienen schien, und neben ihm eine hohe Greisengestalt in wildem
Costm, theilnahmlos die Arme bereinander geschlagen und den Anstrengungen des
jungen Mannes zuschauend.
    Im nchsten Augenblick waren Alle - mit Ausnahme des seltsamen Greises - um
den umgefallenen Wagen beschftigt, um den Insitzenden herauszuhelfen. Der
Oberst war der Erste, der durch die geffnete Thr sich herausschwang, sein
kranker Arm schmerzte ihn durch den Sto heftig und schien auf's Neue
beschdigt. Er rief nach seinem Leibdiener und befahl, sogleich aus dem
geretteten Gepck ein Arzneinecessaire zu suchen, whrend die Damen
herausgehoben, in her Nhe eines gegen die Hitze verdeckten Brunnens
niedergesetzt und von den beiden jngeren Offizieren mit Wasser benetzt wurden.
Grfin Wanda, die erst bei dem Todesruf des Jmschtschiks die whrend, der
ganzen furchtbaren Scene bewahrte Fassung verloren und ohnmchtig geworden,
erholte sich zuerst und leistete nun mit dem Kammermdchen der Franzsin Hilfe.
    Sie schlug die Augen auf, - ihr erster Blick fiel auf den jungen Frsten,
den sie auf dem Ball des General-Consuls von Meusebach sich hatte vorstellen
lassen, und der sie mit sichtlichem Interesse betrachtete
    Eine dunkle Rthe - bei der Erinnerung an Worte, die sie in der Todesangst
ausgestoen - berzog das Gesicht der ehemaligen Lorette.
    Whrend diese kurze Erkennungsscene unter der Gruppe der vornehmen Reisenden
spielte, die sich so eigenthmlich zusammengefunden, war ein noch seltsamerer
Auftritt unfern von ihnen vorgegangen.
    Der Tabuntschik hatte sich von der zahlreichen, so pltzlich auf sein Gebiet
eingedrungenen Gesellschaft zurckgezogen. Die Scene umher gewhrte einen
eigenthmlichen Anblick. Obschon das Feuer, so schnell wie es gekommen, sich
nach dem raschen Verzehren des trockenen Grases entfernte und den Tabun - die
Niederlassung der Rohirten - ganz unberhrt, gelassen hatte, da derselbe - auf
der einen Seite durch die tiefe, jhe Regenschlucht, auf der andern durch einen
von den Hirten aufgeworfenen und mit befeuchteter Erde abgedmmten Graben
gesichert worden, so sah man doch an einzelnen, dichter mit Gestrpp bewachsenen
Stellen in der Nhe noch immer die Flammen emporschlagen, und Rauchwolken
ballten sich ber die freigebliebene und abgebrannte Sttte hin. Wo sie sich
ffneten, sah man groe Heerden Viehes - Pferde und Schaafe dicht
zusammengedrngt auf der gesicherten Oase, von den Hirten oder den Knechten des
Tabuntschiks bewacht, und ein eigenthmliches Schauspiel gewhrte es, als diese
jetzt zwischen den Schaafen zwei Wlfe hervorzerrten, die sich in der Angst vor
dem Feuer unter die Heerden schmiegsam verkrochen hatten, und die sonst so
gefhrlichen Bestien ohne Widerstand todtschlugen.
    Der Tabuntschik stand in der Nhe seiner Semlanke - der kaum mannshoch aus
dem Boden hervorragenden, grtentheils in diesen gegrabenen aber gerumigen
Htte, - deren Dach nach beiden Seiten hin in den Rasen selbst auslief. Er war
eine hagere aber krftige Gestalt, fast nur Sehnen und Muskeln, das von einem
weien krausen Bart umgebene Antlitz lederfarben geworden von der Gluth der
Sonne und den eisigen Wettern des Winters. Ein dunkles unruhiges Auge lag unter
den buschigen Brauen, die linke Wange zeigte eine tiefe querber laufende Narbe.
Die ungebeugte krftige Haltung, durch den fortwhrenden Aufenthalt im Freien,
die Art seiner Beschftigung und die einfache Nahrung ber die gewhnliche Zeit
des Menschen hinausgebracht, lie das Alter des Mannes nicht erkennen, dennoch
mute es hoch und selbst ber die Jahre des greisen Kosacken reichen. Er war
ganz in gegerbtes Fohlenleder gekleidet; eine eng anschlieende Jacke,
Beinkleider, an denen die Haarseite nach auerhalb gekehrt war, und derbe
hochhinaufreichende Stiefeln von Roleder mit starken Sporen bildeten seine
Tracht. Eine lederne Kaputze mit eingeschnittenen Oeffnungen fr Augen, Ohren
und Mund hing ihm ber den Nacken; in dem breiten Grtel, auf den er die Hand
sttzte, staken ein kurzes Beil und verschiedene Zangen, Werkzeuge und Bchsen,
die er in seinem Beruf als Besitzer groer Roheerden brauchte; die Hand hielt
die derbe kantschuhartig geflochtene Peitsche.
    Der alte Kosack, der um die Geretteten genug Personen beschftigt sah, hatte
sich von ihnen gewandt und nherte sich dem einsam stehenden Tabuntschik.
    Die Heiligen mgen Dich segnen, Vterchen. Wir sind gekommen, bei Dir Hilfe
und ein Nachtlager zu suchen, Du wirst uns nicht von Dir weisen.
    Ich lade Niemand zu mir, sagte finster der Rohirt, doch weigere ich auch
Niemand mein Brod und Salz. Du bist mein Gast. - Weshalb starrst Du mich so an,
alter Mann?
    Das Tageslicht war zwar dem Erlschen nahe, aber seine letzten Strahlen
brachen eben noch scharf durch die sich theilenden Rauchnebel und fielen auf das
Antlitz des greifen Rohirten.
    Der Ataman sprang auf ihn zu und fate seinen Arm:
    Dies Gesicht kenne ich und wenn es Methusalem's Alter htte - schau' diese
Narbe auf meinem Gesicht an, Kaisermrder, und erinnere Dich an die Nacht des
23. Mrz!
    Seine Rechte fate nach der Pistole in seinem Grtel.
    Das Antlitz des alten Tabuntschik war fast schwarz geworden, seine
tiefliegenden Augen schienen Blitze zu schieen.
    Tschort w twaju Duschu!7 Du bist verrckt.
    So wahr die Heiligen an meinem Sterbelager stehen und die finstern Geister
verscheuchen mgen - ich kenne Dich, Frst Michael, und Gott der Herr hat dem
armen Kosacken der Steppe das Leben erhalten, um noch an der Pforte des Grabes
seinen Todfeind zu finden.
    Der Tabuntschik lchelte blos verchtlich.
    Lege den Finger auf Deine eigene Wange und Du wirst das Zeichen finden, mit
dem der Degen des Czaren Dich gebrandmarkt. Du mut sterben von meiner Hand!
    Er zog den Hahn des Pistols - doch die Hand des Rohirten drckte es jetzt
zur Seite:
    Ich wei nicht, wer Du bist und welchen Anspruch Du an mich hast, sagte
derselbe finster. Aber bedenke, da Du mein Gast bist und ich Dein Wirth, und
Fluch auf den Russen, der die heilige Sitte der Vter verletzt. Wenn die erste
Stunde eines neuen Tages da ist, wirst Du, ein Greis wie ich, mich ber der
Grnze dieses Tabuns finden, bereit, Dir Rede zu stehen.
    Er wandte sich unerschttert von ihm und verschwand in die Semlanke.
    Der alte Kosack blieb in tiefem Sinnen, auf seinen Sbel gesttzt, zurck.

                                    Funoten


1 Postillon.

2 21. Juli 1774.

3 Rohirt, Heerdenbesitzer.

4 Tlpel, Narr.

5 Station.

6 Historischen.

7 Der Teufel in Deine Seele!


                                     Varna.

Das Geschick der Stdte und Orte wechselt wie das der Menschen; Metropolen
versanken in Schmuz und Trmmer; wo der Handel der Welt einst sein Gold streute
und Tausende fleiiger Hnde thtig waren, herrscht ein Jahrzehend darauf
Einsamkeit und Elend. So auch umgekehrt - die de Sttte, die kaum genannt wird
unter den Namen, lt ein pltzlicher Umschwung zum wichtigen Stapelplatz
werden. Eine halbe Welt versammelt sich an der Einsamkeit der Grber und Glanz
und Leben vergolden schmuzige Baracken.
    Nirgends mehr zeigt sich dieser pltzliche Wechsel, diese zauberhafte
Vernderung, als gerade im Orient, jenem seltsamen Gemisch von Lethargie und
flammender Leidenschaft.
    Wenn der Schiffer aus dem Bosporus an den felsigen, seltsam schroff
geformten Westksten des Pontus Euxinus mit gnstigem Wind hinaufstreift, an der
Sttte des alten Apollonia vorber, wo jetzt das Dorf St. Nicol seine
Fischerhtten ausgestreut, gelangt er mit dem milden Hauch des Sdens zu einem
breiten schnen Golf, der sich so weit hineinstreckt in's Land, da die Flotten
der Welt hier stattlich, wenn auch eben nicht sehr sicher vor Anker liegen
knnten. Der Golf wird von dem Ausflu des Dewno-See's in's Meer gebildet, oder
der See bildet eine Fortsetzung des Golfes, wie man will. Im Sden erheben sich
begrnzend die Felsen des Galata-Vorgebirges, die Nordseite steigt in leichter
Hebung plateaufrmig bis an den Fu des mchtigen Hmus, dessen breiter Kamm mit
unzhligen Auslufen vom Schwarzen Meere bis zu den Felsenwnden der Adria die
bulgarischen und slavischen Provinzen der Trkei durchschneidet. Zwischen dem
Gebirge und dem Golf, seine Wlle und Mauern unmittelbar in die blauen Wellen
des Letzteren tauchend, liegt Varna, das Obessus der Alten.
    Stets ein wichtiger militairischer Vorposten Constantinopel's in den seit
140 Jahren andauernden russisch-trkischen Kriegen, war Stadt und Festung,
nachdem ihre Wlle bei der letzten Eroberung durch Diebitsch und bei dem
Bombardement durch Admiral Greigh im Jahre 1828 zerstrt worden, in Schmuz und
Unbedeutendheit versunken, bis pltzlich die rollenden Donner des orientalischen
Krieges sie mit einem Zauberschlag zum wichtigsten Stapel- und Sammelplatz
zuerst der trkischen Donau-Armee, dann selbst der westmchtlichen
Expeditionscorps machten. Durch das Verdrngen der russischen Flotte aus dem
Schwarzen Meere concentrirte sich der ganze Transport auf Varna; Truppenmassen
wandten sich von hier aus nach dem Feldlager des Krieges, Schumla, oder bildeten
in weiten Lagerungen um die Stadt eine neue; kolossale Vorrthe aller Art wurden
hier aufgehuft und der breite Golf wimmelte von Kriegs-und Transportschiffen
jeder Gattung.
    Vom April bis zum Ende August 1854 war das sonst kaum 16,000 Einwohner
zhlende Varna eine Weltstadt, in der sich drei Welttheile - Europa, Asien und
Afrika - ihr kriegerisches Rendezvous gegeben hatten. Es wird nthig sein, einen
kurzen Rckblick auf die militairischen Operationen der Schutzmchte der Trkei
zu werfen, ehe wir zur Beschreibung der vorliegenden Scenen bergehen.
    Wir haben am Schlu des zweiten Bandes erwhnt, da bereits zu Ende Februar
die Sendungen franzsischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen
hatten. Am 20. Mrz wurden auch die ersten afrikanischen Truppen eingeschifft;
General Canrobert traf mit Bouat und Espinasse zu Anfang April in Gallipoli ein,
was zum ersten Sammelpunkt der anglo-franzsischen Armee bestimmt war. Der
Marschall St. Arnaud, der am 22. April mit einer Proclamation in Marseille den
Oberbefehl bernommen, folgte im Mai; Prinz Napoleon, der Vetter und prsumtive
Thronerbe des Kaisers, hatte sich, mit einem Divisions-Commando betraut, am 1.
April eingeschifft, war nach Beseitigung der ber die Ausweisung der Griechen
zwischen dem franzsischen Gesandten und der Pforte entstandenen Differenzen in
Constantinopel eingetroffen und hatte den Palast von Defterdar-Burnu bezogen.
Von englischer Seite folgten im Mrz Lord Raglan, der britische
Oberbefehlshaber, und der Herzog von Cambridge, dem vom Sultan das Palais
Tschiragan eingerumt wurde; - in der Mitte des April standen bereits 40,000
Mann englisch-franzsischer Truppen auf trkischem Boden.
    Schon in Gallipoli zeigte sich der groe Nachtheil, in dem die englische
Armee durch die jammervolle Fahrlssigkeit ihrer Intendanzen und
Verpflegungs-Commissariate gegen ihre kriegerischen und gewandteren Rivalen
stand. Die Franzosen hatten rasch die besten Quartiere fr sich genommen,
whrend es dem ersten englischen Detachement, das ankam, selbst an Booten zur
Landung fehlte. Es klingt unglaublich, aber es ist wahr, da der englische
Consul in Gallipoli nie Befehl erhalten hatte, fr die Unterbringung der
erwarteten Truppen Vorkehrungen zu treffen. Wenige Tage frher waren zwei
Verpflegungs-Offiziere, die kein Wort trkisch verstanden, angekommen, um
Proviant einzukaufen, das war aber auch Alles, was fr die Expeditions-Armee
geschehen war. Schon damals fingen daher die auf's Trefflichste bedienten
Franzosen an, mit Spott und Achselzucken auf die Englnder zu schauen und John
Bull zu hnseln, was hufig zu ernsten Hndeln fhrte.
    Mitte April begannen auch die ersten Translokationen der Truppen nach
Scutari, Adrianopel und Varna. Durch die strategischen Operationen der Russen
gegen die Dobrudscha und Silistria beunruhigt, sahen die Alliirten ein, da sie
zum Schutz Constantinopels eine Position einnehmen mten, um das bereits
ziemlich lau gewordene Vertrauen der Trken zu strken, und Varna wurde als
Operationsbasis fr alle weiteren Zwecke gewhlt. Anfangs Mai trafen englische
Sappeurs und Mineurs in Varna ein und steckten ein Lager am Sdende der Bucht
ab. Am 18. kamen Marschall St. Arnaud und Lord Raglan in Varna an, wo der
bereits frher erwhnte groe Kriegsrath ber den Entsatz von Silistria gehalten
wurde. Die Feldherren begleiteten Omer-Pascha nach Schumla und in der am Bord
des Agamemnon, des Flaggenschiffs des Vice-Admirals Sir Edmond Lyons, nach ihrer
Rckkehr gehaltenen Verathung wurde zuerst auf die Instruction des Kaisers die
Expedition nach der Krimm berathen und beschlossen.
    Tiefes Geheimni sollte diesen Beschlu begleiten, dennoch war er bald den
gewandten griechischen Spionen kein Geheimni mehr. Freilich hatten sie das
Schicksal Kassandra's, die auch bei der modernen Iliade nicht fehlen sollte, -
die Russen glaubten sich sicher und Sebastopol uneinnehmbar - von der Seeseite.
Eine Belagerung zu Lande hielt man fr eine Unmglichkeit.
    Im Juni trafen die erste und dritte Division der franzsischen-Hilfs-Armee,
die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon, zur See in Varna ein. Die
Divisionen Bosquet und Forey (die zweite und vierte) folgten auf dem Landwege
ber Adrianopel.
    Mitte Juli standen mit den Trken und Egyptern ungefhr 100,000 Mann in
Varna. Die Englnder hatten ein festes Lager bei Dewno an der Strae nach
Schumla und auf der Sdseite des Golfes bezogen, die Egypter und Baschi-Bozuks
lagerten neben den Zuaven auf dem Campo und das Hauptcorps der Franzosen hinter
dem alten Wall der Festung.
    Ein Treiben, wie die bewegteste Phantasie es sich nicht zu malen vermag,
herrschte am Nachmittag des 20. Juli in den Straen, Gassen und Gchen von
Varna und auf dem Spiegel des Golfs. Eine starke Escadre der ankernden
Kriegsschiffe machte sich offenbar fertig, in See zu gehen und nahm Munition und
Wasser ein. Am Dewno-Kai wimmelte es von Matrosen und Mariniers, Soldaten und
trkischen Lasttrgern, Pferden, Kameelen und Maulthieren. Bergehoch waren hier
die Munition, die Tornister, die Brotscke aufgethrmt. Angebundenes
Schlachtvieh brllte und blkte, betrunkene Matrosen standen und lagen berall
im Wege, Jeden mit Grobheiten tractirend, der in ihre Nhe kam, schreiende
Griechen, plaudernde und lachende militairische Flaneurs, marschirende Kolonnen,
Araber und Lastthiere aller Art. In den Straen, die zum Staunen der glubigen,
ber solche Neuerungen die Augen zu den sieben Himmeln des Propheten schlagenden
Muselmnner von den Franzosen rasch mit Namen und Nummer versehen worden, war
die Bewegung und das Gedrnge nicht minder gro. Der Spahi mit seinem
abenteuerlichen afrikanischen Costm und dem wehenden Mantel, der Araber mit
seinem schmuzigen Burnus, den nackten Beinen und dem gelben, durch einen Strick
um den Kopf befestigten Tuch; die englischen Uniformen roth mit blauen
Pantalons, den steifen erstickenden Halsbinden und den hohen Brenmtzen; die
Franzosen mit den leichten Kaskets, die sie auf Befehl des Marschalls schon in
Gallipoli gegen die schweren Tschako's vertauscht hatten, auf den Kopf gestellte
Englnder, blau oben, roth unten; der Gamin der Armee: der Zuave mit den weiten,
trkischen, rothen Pantalons, dem koketten Jckchen und bloen Halse und dem
langen blauen Schweif am groen Fe; Marketenderinnen in ihrer kecken,
zierlichen Tracht; griechische Kaufleute und bulgarische Ochsentreiber mit den
quietschenden und knarrenden Wagen; Staabsoffiziere zu Pferde; die irregulren
Aegypter in ihren Hosen und Jacken von gelb, roth oder wei gestreiftem Kattun,
die wie ein wandelnder Bettberzug aussahen; Juden und Maulthiere, Jger von
Vincennes und Bergschotten, faule Moslems, die Hnde auf dem Rcken, den langen
Tschibuk hinter sich her schleifend; Baschi-Bozuks in ihrer malerisch wilden
Tracht; Matrosen in den Rinnsteinen, lachende Midshipman, Mohren, Araber,
Europer, Nord- und Sdlnder, der Hut neben dem Turban, der Helm neben der
braunen bulgarischen Pelzkappe, Filz und Seide, Gold, Tuch, Silber, blinkende
Waffen, Pferde, Esel, Kameele, zwanzig Sprachen durch einander - das war das
Babylon von Varna!
    Welche Feder vermchte die bunten Scenen zu malen! Dort die beiden Zuaven,
die lachend, den Fe schief auf dem Ohr, da eine wahre Kunstfertigkeit dazu
gehrt, ihn auf seiner Stelle zu balanciren, zum Thor hereinschreiten, jeder in
der Hand ein groes Huhn, whrend hinter ihnen schreiend und gestikulirend der
Grieche herrennt, mit den vierzig Sons nicht zufrieden, die sie ihm als Kaufgeld
octroyirt haben; - vor einer der zahllosen, rasch in den Straen voll
Knoblauchsgeruch, Staub und Schmuz etablirten offenen Schenken ein halb Dutzend
franzsischer Offiziere und Unteroffiziere mit dem Frhstck aus freier Faust,
der Wurst, dem Zwieback und dem Glschen Absynth oder Wermuth; - ein betrunkener
englischer Matrose mit einem Soldaten der irlndischen Brigade zusammenrennend
und Pat im nchsten Augenblick im derben Handgemenge, whrend die Franzosen
einen Kreis um Beide bilden lassen; - der trkische Philister, neugierig
zuschauend, bis er bei einer falschen Bewegung des Trunkenen selbst einen
heftigen Faustschlag in's Gesicht bekommt, worauf beide Kmpen gemeinsam ber
ihn herfallen und das lange Nohr seines Schibuks auf seinem Rcken zerschlagen;
- auf eine Araba, die nicht durch das Gedrnge kann, klettern vier Chasseurs
d'Afrique und ziehen ein schmuziges Spiel Karten hervor, mit dem sie, trotz
aller Protestation des Fuhrmanns, eine Spielparthie dort etabliren; - um die
Garkche des Trken, der mit seiner einfachen Dampfmaschine Hammelschnitte am
hlzernen Spie brt, eine Reihe Rothjacken, hungrigen Blickes auf das Garwerden
des Bratens harrend, denn das Brot, was die englische Bckerei liefert, ist nur
halb gebacken und ungeniebar; - die Menge pltzlich rechts und links
auseinander drngend: eine Kolonne, die vom Exerciren kommt, - eine Wache des
Profo mit zwei gefangenen, franzsischen Voltigeurs, die mit Gewalt in ein
bulgarisches Haus eingedrungen sind, hinter dessen Jalousieen sie ein Paar
Mdchenkpfe bemerkt haben, ein seltener Artikel jetzt in Varna; - oder gar vier
Krankentrger mit zwei verhllten Bahren, von Schildwachen begleitet, auf dem
Wege zum Lazareth.
    Fi donc! La Cholera! - De quelle troupe les malheureux, mon brave?
    Des huzards!
    Merci! Place, Messieurs, pour les malades!
    Der Zuave stt den langen Englnder bei Seite, der sich mit einer gewissen
Unbehaglichkeit den Leib hlt.
    Dam your eyes!
    Beliebt, Herr Kamerad?
    No!
    Lachend, tobend drngt die Menge hinter dem Krankenzug wieder zusammen, der
nahe Tod ist vergessen, so lange voll das Leben pulsirt. Auf dem Tschardak eines
Hauses kramt ein armenischer Handelsmann sein Bndel aus, Pfeifenkpfe, Rosenl,
Filigranarbeiten, Wundpflaster und schlechte Seidentcher. Seine gewandte Zunge
preist sie in einem Gemisch aller Sprachen den umdrngenden Flaneurs an. Ein
englischer Dragoner, der seinen letzten Sold noch in der Tasche hat, kauft fnf
Flaschen von der Rosenessenz, die Adrianopel nie gesehen. Die vergoldeten, in
Bhmen gefertigten Flacons verlocken ihn und er will sie nach Hause schicken.
Einstweilen vermehrt er sein Gepck damit, das ohnehin 82 Pfund wiegt. - Ein
Srdschi, mit dem Courier von Schumla sich Bahn brechend durch das Gedrnge.
Wo ist der Konak des Pascha? - Bilmem! - ich wei nicht - mit Olmas - es
giebt Nichts, kann nicht sein - die ewige Antwort der Trken! - an einer Ecke
eine Gruppe Moslems und Englnder, auf das Schauderhafteste die beiderseitigen
Sprachen in aller Hflichkeit mihandelnd, das Bono Johnny oder Francis bono
an allen Enden und wo es ungehrt geschehen konnte, ein Pesevenk Giaurs oder
ein giftiges Ausspucken hinterdrein - das war Varna im Sommer 54, und Sacristi!
Marschall Saint Arnaud mit seinen pomphaften Proclamationen von knftigen Siegen
oder Nimmer-Heimkehr hielt verdammt wenig Ordnung in diesem Gewhl!
    Im Tschardak des Restaurant des officiers, wie sich pomphaft mit langen
Buchstaben eine der schnell etablirten Garkchen in der groen Corso-Strae
nannte, drngte es sich von ab- und zugehenden Offizieren aller Waffengattungen.
Eben so im Innern, wo vor ziemlich schmuzigen, rings umher laufenden Rohrbnken
Tische standen, die mit franzsischem Luxus servirt und von zwei gewandten
Garons bedient waren, wenn auch die Speisekarte fast so mangelhaft als die
Speisen selbst blieb.
    Die Unterhaltung flog von Tafel zu Tafel und jeder der Neueingetretenen gab
ungenirt seinen Theil dazu.
    Eine laute lrmende Gesellschaft sa in der Mitte des Zimmers.
    Erzhlen Sie, Ducru. Also ein Kleeblatt von Jeanne d'Arcs in Constantinopel
und wir werden sie hier sehen?
    Wie heien sie? Wer ist die Dritte? Das Journal de Constantinople spricht
ja Wunderdinge von ihr.
    Von der Grfin Zamoyska haben Sie bereits gehrt. Parbleu - vor zwanzig
Jahren mochte sie passiren, jetzt ist sie in der Zeit, wo das
Todtgeschossenwerden ein Glck fr sie sein knnte.
    Lassen Sie das den Capitain Wisimski nicht hren, Vantourin, er war in
Galizien einer ihrer alten Courmacher.
    Bah - sie ist eine aufblhende Rosenknospe gegen den Drachen, die
Prinzessin Kirajia Dscheladulha, eine alte kurdische Hexe, die mit 200
Spitzbuben vom Ararat gekommen ist und sich berufen glaubt, das Reich Mahomed's
zu retten. Sie trgt nicht einmal einen Schleier, so sicher ist sie ihrer
Tugend, und sitzt auf dem Pferde wie ein kranker Affe.
    Aber die Dritte - sie soll jung und schn sein, und Gott verdamm' meine
Augen, wie unsere lieben Alliirten zu sagen pflegen, wir leiden hier
abscheulichen Mangel an Damen.
    Der junge Souslieutenant kruselte sich schwermthig dabei den Bart.
    Sie knnen eben so gut einer mit Karttschen geladenen Batterie in die
Mndungen sehen, Villard, lachte der Erzhler, als in die Augen dieses kleinen
Teufels, das Einzige, was aus der Umhllung des widerlichen Jaschmaks zu sehen
ist.
    Aber woher wei man da, da sie jung und schn?
    Alle Welt in Constantinopel sagt es. Sie war erst acht Tage vorher mit
ihren hundertundfnfzig Arnauten eingetroffen. Sie soll die Tochter eines
verstorbenen Pascha's sein und sehr reich, denn sie erhlt ihre Schaar aus
eigenen Mitteln.
    Ihr Name?
    Sie nennt sich blo die Rcherin!
    Bah - eine Komdiennrrin! Und sie kommt hierher?
    So hrte ich.
    Da ist der Adjutant. Willkommen, Bertholin - was Neues?
    Der Briefsack ist mit dem Roland eben angekommen, der die Dritten von den
Zuaven gewacht hat. Hier, einige Briefe fr Sie.
    Geben Sie her. - Peste - das ist von der kleinen, Clairon im Varit, sie
schreibt immer mit gelbem Couvert.
    Mir den Charivari!
    Eine Nummer des Moniteurs - will Niemand?
    Ah, bah - wir lesen der offiziellen Albernheiten genug in den
Proclamationen des Marschalls.
    A propos - ist es unehr, da eine Ordre wegen der Brunnenvergiftungen
erlassen ist? Das Wasser ist so verteufelt schlecht, da man wahrhaftig daran
glauben sollte.
    D'rum trinken Sie auch nur Bordeaux, Commandant.
    Der ziemlich corpulente Bataillonschef fate sich an die rothe Nase.
    Diantre, er ist nur so abscheulich theuer in diesem verfluchten Nest!
    Hat Jemand von Ihnen den Capitain de la Tremouille gesehen? fragte der
Adjutant, hier ist ein Brief fr ihn.
    Er ist heute Morgen an der Cholera gestorben, sagte eine Bastimme vom
Nebentisch. Lieutenant Walton machte ihm Platz im Lazareth.
    Peste - diese Lazarethe, man bekommt das Fieber, wenn man daran denkt.
    Neuigkeiten von Paris? Leblanc, ich beschwre Sie, was sagt man im Foyer
der Oper?
    An den Krieg, an den bevorstehenden Feldzug dachte kein Mensch.
    Es ist allerdings der Befehl gegeben, erzhlte der Adjutant, da kein
Grieche oder Trke sich den Brunnen im Innern der Stadt nhern darf.
Schildwachen sind ausgestellt und haben Ordre, in der Nacht auf Jeden zu feuern,
der nicht zu den Truppen gehrt. Man hat in dem einen an der kleinen Moschee
Choleraleichen gefunden.
    Pfui! - Mir wird bel werden, wenn ich noch ein Mal Wasser ansehe.
    Roqueplan1 hat in der That mehr Glck als Verstand - der Kaiser bezahlt
nochmals die Schulden und er soll Direktor bleiben. Das hat er der Cruvelli zu
danken, die mit Fould gut steht.
    Hren Sie - Barthelemi hat wirklich vom Sultan eine Dose mit Brillanten
bekommen fr das jmmerliche Gedicht im Constitutionnel: Das Bombardement von
Odessa.
    Ich wnschte, wir htten den Versemacher hier, um vor Sebastopol die
Melodie zu seinem Opus pfeifen zu hren.
    Der Moniteur dementirt hier die Nachricht, der Marschall sei zum
Generalissimus ernannt. Omer soll in Constantinopel seine Demission fr den Fall
verlangt haben.
    Btes! - diese trkischen Dickkpfe begreifen nicht einmal die Ehre, unter
den Adlern der groen Nation zu fechten!
    In der Ecke des Gemaches, an einem kleinen runden Tische, sa der
Lieutenant-Colonel Vicomte de Mricourt mit einem Offizier in Husarenuniform bei
einer Flasche Bordeaux. Der Colonel fhrte sichtlich zerstreut das Gesprch,
seine Miene war ernst und nachdenkend, und seine Blicke musterten hufig
forschend die Eintretenden, gleich als erwarte er Jemand.
    Graf Branicki, erzhlte der Husarenoffizier, reist morgen nach
Constantinopel ab, um mit dem ersten Dampfer nach Marseille zu gehen. Der Prinz
sendet ihn, um dein Bericht des Marschalls das Paroli zu bringen.
    Ich hrte von den neuen Zwistigkeiten, aber nicht den Grund, Saz.
    Bah, Freund, lachte der frhere Flaneur, was wollen Sie noch fr einen
Grund? Seit der Marschall Constantinopel betreten, zanken sie sich. Der Empfang
des Sultans mag ein solcher Grund sein. Der Prinz ist bequem, und der Marschall
chicanirt ihn.
    Aber die Veranlassung der neuen Scene?
    Der Prinz nahm sich Bosquet's an bei einem Widerspruch und es soll zu sehr
anzglichen Worten gekommen sein. Er kam mit rothem Kopf zurck und lie selbst
das Diner stehen, was bei ihm viel sagen will. Er schlo sich sofort mit dem
Grafen ein und die Reise desselben ist das Resultat.
    Haben Sie Etwas ber den heutigen Kriegsrath gehrt?
    Er kann erst jetzt zu Ende sein - offenbar die Expedition von Canrobert und
Sir George Brown. Ich frchtete schon, man htte Sie mit commandirt.
    Es gehen nur regulaire Truppen; aber die geringe Zahl ist auffallend.
    Zwlftausend Mann - Regimenter der Division Bosquet und Englnder.
    Damit kann man unmglich einen Angriff gegen Sebastopol wagen?
    Alle Welt sagt's - es ist ein lautes Geheimni.
    Bon jour, Commandant! grte ein hinzutretender Ingenieur-Capitain. 
Diantre! ich habe heute Morgen Ihre orientalischen Spahi's exercieren sehen, wie
der Marschall unsere metamorphosirten Bozuks benennt, und ich mu Ihnen das
Compliment machen, Sie haben Merkwrdiges in den zwei Wochen geleistet.
    Der Mann, der Ihnen bei Arab-Tabia die Mine sprengte, Capitain Depuis, ist
einer meiner besten Unteroffiziere oder On-Baschi's, wie es heit. Ich verdanke
seinem Eifer viel.
    Ich erinnere mich - ein Mohr - sein Gefhrte verunglckte in der Mine. Das
ist eine schwarze Krhe unter den Geyern. - Sie werden des Gesindels genug haben
fsiliren lassen, ehe sie gehorchen lernten.
    Sie erinnern mich mit dem Worte an ein trauriges Thema - haben Sie von dem
deutschen Arzt gehrt?
    Doctor Welland - mein Reisegefhrte von Widdin? - was ist's mit ihm - an
der Cholera gestorben? ich hrte eben von Santerre aus dem Bureau des
Oberstaabsarztes, da wir tglich an fnfzig Todte zhlen.
    Die Englnder fnfzig Prozent mehr, warf ein Capitain der Artillerie ein,
der dicht daneben ein Huhn verspeiste. Eine Schlacht mit den Russen knnte kaum
so aufrumen, wie wir in der letzten Woche decimirt worden sind.
    Schlimmer als das, Depuis - Sie scheinen also nicht zu wissen, da in
diesem Augenblick Kriegsrecht ber ihn gehalten wird?
    Fichtre! Warum? ich komme vor einer Stunde erst von Baltschik, wo ich fnf
Tage Gurken mit Hammelfllsel gefressen.
    Eine unglckliche Denunciation - man behauptet, er habe in Silistria mit
dem Feinde correspondirt - es sollen Briefe mit seiner Adresse aufgefangen
sein.
    Ce serait bien le diable! Ich kann es kaum glauben.
    Ich auch nicht - ich sah den Mann in seiner Pflichterfllung und lernte ihn
achten. Aber ein unglckliches Zusammentreffen von Umstnden verbndet sich
gegen ihn.
    Wer bildet das Kriegsgericht?
    Leider die Trken - er steht in trkischem Dienst. Es sind zwar ein
franzsischer und ein englischer Beisitzer zugezogen auf Bestimmung des
Marschalls, sonst aber blieb Alles Sali-Pascha berlassen und dieser ist ein
eingefleischter Trke.
    Wer bestimmte den franzsischen Offizier?
    Bosquet. Ich bat ihn persnlich, mich zu commandiren, da ich in Silistria
gewesen. Aber er schien seltsamer Weise ein Vorurtheil gegen den Angeklagten zu
haben, denn als er sein Notizbuch nachgesehen, schlug er es rund ab.
    Kennen Sie die politische Gesinnung des Deutschen?
    Wie so?
    Der General, so heit es, ist Republikaner.
    Das sind auch Andere, aber der Arzt ist zu unbedeutend, um irgend
politische Antipathieen auf sich gezogen zu haben. Ich wei nicht, wie. -
Endlich, Capitain Morton!
    Der Englnder, dem dieser Zuruf galt, und dem wir in Silistria schon
begegnet sind, war hastig in das Haus getreten und hatte sich suchend
umgeschaut. Sein Blick war finster, sein Gesicht zeigte deutlich Aufregung. Er
trat hastig zu dem Tisch.
    Nun, Herr Kamerad - welche Nachricht?
    Er ist verurtheilt und soll morgen frh erschossen werden. - Er strzte
ein groes Glas Rothwein hinunter. - Goddam! mein eigenes Zeugni hat den
Ausschlag gegeben.
    Ich bitte, erzhlen Sie!
    Verdammt! da ich es sagen mu, aber wir haben dem Doctor den Anklger
selbst zugefhrt. - Sie erinnern sich meines Landsmannes, des Baronet Maubridge,
Vicomte. Er ist es, der aus einer mir unbekannten Ursache den Mann verfolgt und
denuncirt hat. Er hat Briefe bergeben, die unzweifelhaft beweisen, da eine
verrtherische Verbindung aus Silistria mit den Russen unterhalten und der Feind
vielfach von dem Zustand der Festung und den beabsichtigten Ausfllen
unterrichtet worden ist.
    Aber das ist noch kein Beweis, da der Doctor darum gewut hat. Da es an
Spionen in Varna nicht fehlte, ist eine bekannte Thatsache.
    Der Baronet behauptet, da er die Briefe am Abend des 13., - Sie erinnern
sich der Minensprengung am andern Tag und des groen Ausfalles, bei dem General
Schilder fiel - selbst dem Knaben abgenommen habe, der fr Mussa Pascha mehrfach
Spionendienste verrichtete. Der Knabe ist entflohen oder befreit worden, - aber
Sie wissen, da er sich whrend der Anwesenheit in der Festung bei Welland
aufhielt.
    Spione dienen hufig beiden Parteien, bemerkte Depuis.
    Der Hauptbeweis ist leider ein Brief, der an den Doctor selbst gerichtet
und von einem Offizier aus dem Stabe Gortschakoff's unterzeichnet ist. Er
spricht ganz klar von einer frheren Befreiung des Schreibers aus trkischer
Gefangenschaft durch den Arzt, von einem fortbestehenden Einverstndni, und der
Angeklagte hat ihn anerkennen mssen.
    Der Unglckliche!
    Er weigert jede nhere Auslassung ber das Verhltni, in dem er zu dem
Schreiber steht, betheuert aber mit seinem Ehrenwort, da er nie eine seine
Pflicht verletzende Mittheilung gemacht und da der Brief auf unbekanntem Wege
ihm zugegangen und durch seinen Diener auf der Schwelle seiner Wohnung
vorgefunden worden sei.
    Hat man den Diener befragt?
    Der junge Mohrenknabe ist seit der Verhaftung seines Herrn verschwunden und
nicht aufzufinden. Es wurde leider durch Zeugen bewiesen, da der Doctor nach
seiner Ankunft von Silistria in Varna mit Griechen verkehrt hat, die in
gegrndetem Verdacht der Verrtherei stehen und von der Polizei des Pascha's
verfolgt werden.
    Aber Ihre eigene Aussage, Capitain?
    Sie erinnern sich des Wortwechsels mit meinem Landsmann kurz vorher, ehe
Mussa-Pascha fiel. Ich mute zugeben, da bei dem nchtlichen Ausfall am 28.
Mai, als ich Kiriki-Pascha aus dem Getmmel brachte, und die Russen uns
berfielen, ein feindlicher Offizier, derselbe, der den Brief geschrieben, den
Doctor und mich aus den Hnden seiner eigenen Leute befreite und entkommen lie.
    So wre der Unglckliche wirklich verloren - ich wei nicht, es strubt sich
ein Gefhl in meinem Innern, an seinen Verrath zu glauben.
    Dasselbe ist bei mir der Fall. Ich schulde ihm eine Freundlichkeit von
Paris, die Rettung in jener Nacht und es grollt mich, da ich seinem Feinde
selbst die Gelegenheit geboten. Ich habe dem Baronet meine Erklrung gemacht und
erwarte seine Botschaft.
    Ich stehe in jeder Beziehung zu Diensten. Wohin hat man den Doctor
gebracht?
    Er wird im Hause Sali-Pascha's gefangen gehalten, nahe an dem groen
Magazin. Man hat mir den Zutritt verweigert.
    Wre, Canrobert nur hier! - doch er ist bereits nach Baltschick
aufgebrochen. Vor Allem mssen wir Aufschub der Vollstreckung erlangen, - eilen
Sie Beide zu Ihren Freunden, ich werde den Prinzen fr den Unglcklichen zu
interessiren suchen.
    Zum Henker, Kommandant, sagte eine Stimme neben ihnen, ich suche Sie seit
einer Stunde. Ordre im Dienst!
    Zu Ihren Diensten, Capitain Marcell!
    Soll mich freuen, Kommandant, denn ich habe gern brave Kameraden neben mir.
Aber sputen Sie sich, unsere Brigade ist die erste. Wir sollen dem Prinzen um
zwei Etappen voraus sein und Oberst Bourbacki mit seinen Zuaven ist schon
aufgebrochen. Sie wissen, der tolle Afrikaner duldet keine Versptung. Au revoir
unterwegs, Kamerad!
    Der Vicomte hatte unterde die Ordre gelesen.
    Heiliger Gott! - ich mu in einer Stunde mit meinen Spahi's auf dem Marsch
sein. Der Aermste - Doch halt, Saz, Sie mssen meine Stelle vertreten und dem
Prinzen die Bitte vortragen - es gilt ein Menschenleben.
    Ich bin zu Ihrer Verfgung und werde thun, was ich vermag.
    Kommen Sie eilig, Capitain Morton und Depuis begleiten uns; ich mu meine
Befehle geben und unterwegs hren Sie das Weitere.
    Sie verlieen hastig den Restaurant, doch war es kaum mglich, von dem
Tschardak sich durchzudrngen. Die Corsostrae herauf von dem Dewno-Kai her
wogte es in dunklem Gedrnge - Militairmusik, das donnernde Vive l'empereur! aus
tausend krftigen und durstigen Kehlen. Dann klang es lustig, trotz Staub und
Hitze:

As-tu vu
La casquette,
La casquette?
As-tu vu
La casquette
Du pre Bugeaud!2

- das berhmte Marschlied der Zuaven - das erste Bataillon, des dritten
Zuaven-Regiments aus Algier, so eben ausgeschifft, rckte in die Festung, um
jenseits derselben das Lager zu beziehen.
    Das Interesse des Kommandanten wandte sich unwillkrlich dem militairischen
Schauspiel der stattlichen Truppe zu, in deren Reihen er selbst seine Sporen
verdient, als Lieutenant unter Canrobert bei der Belagerung von Zaatcha und im
Aurasgebirge gefochten hatte.
    Der Leser erinnert sich, da der Vicomte am Morgen jenes Tages, an welchem
er den Besuch der Frstin Iwanowna empfing, seinen Abschied eingereicht hatte
und da dieser durch das Verschwinden des jungen Frsten unnthig gemacht
worden. Bei Beginn des Krieges hatte der Vicomte um seine Versetzung aus dem
Stabe des Kaisers zur activen Armee gebeten, und war zum Kommandanten des
zweiten Bataillons des dritten Zuaven-Regiments ernannt worden. Verschiedene
Kommando's beim Einschiffen der Truppen, nach Silistria und zuletzt zur
Organisation der Baschi-Bozuks durch die Generale Yussuf und Beatson, hatten
jedoch bis jetzt seinen Eintritt in das Regiment verhindert und er begrte es
jetzt zum ersten Mal auf trkischem Boden.
    Die Stabsmusik voran, das Trommlercorps seinen Marsch schlagend, Gamains von
den Straen der Hauptstadt, denen selbst das freie Leben im Antoine noch zu
ruhig gewesen und die den Eltern und Lehrherrn davon gegangen, jetzt dem Stabe
des brtigen riesigen Tambourmajors folgten. Hinter der Musik die vier
Marketenderinnen des Bataillons, drei junge frische Frauen mit kecker
Grisettenmiene, und eine ltere, den Fe der Zuaven auf dem braunen
kurzgeschnittenen Haar, blanke Tressen auf dem coquetten blauen Jckchen, das
lose um die Brust sa, und um den kurzen Rock von gleicher Farbe, unter dem die
rothen Beinkleider hervorbauschten, - Jede das bekannte Fchen auf dem Rcken,
die Freudenspenderin der Soldaten. Und hinter den kecken Dirnen, die so oft im
blutigen Schlachtgewhl zwischen Pulverdampf und dem Pfeifen der Kugeln ihren
Freunden den letzten Labetrunk gereicht, der Oberst des Regiments mit seinen
Adjutanten zu Pferde, die Offiziere, die lange Reihe brtiger lustiger Gestalten
in der kecken Nonchalance der franzsischen Marschhaltung, den Fe hinten auf
das Ohr geschoben, das Gewehr leicht im Arm, den hellblauen Shawl mit
unbeschreiblichem Aplomb um die Hften geschlungen, an der Seite Scheersack und
Proviantbeutel, auf den Rcken den Tornister, auf dem, mindestens ein Mal in
jedem Zuge, die berhmte Katze kauerte, Mademoiselle Minette, der Liebling und
Vorkletterer der Compagnie, der bissige, boshafte, Wache haltende, kleine
Teufel, der die Kabylen auf 500 Schritt zu wittern verstand.
    Der Vicomte sprang an das Pferd des Obersten, ihn zu begren.
    Willkommen, Kommandant! Ich habe Ihr Bataillon offen gehalten und Sie
knnen eintreten, sobald es morgen uns folgt. Du Moulin fhrt es unterde.
    Nichts wre mir lieber, Oberst, berichtete eilig der Offizier, aber ich
bin noch kommandirt zu General Yussuf und seinen trkischen Spahi's und in einer
Stunde marschiren wir nach der Dobrudscha.
    Fatal! - vielleicht, da wir Ihnen folgen mssen. Auf Wiedersehen also vor
den Russen, Mricourt.
    Dieser trat zurck.
    Bon jour, Commandant! Avez-Vous oubli la petite vivandire de Marseille?
fragte eine freundliche Stimme neben ihm.
    Es war die Marketenderin vom Quai der Hafenstadt.
    Nini Bourdon?
    C'est a, mon Commandant. Ich sehe, Sie haben meinen Namen behalten. Mein
Bruder marschirt in der zweiten Compagnie.
    Und der arme Irre, Dein Vetter?
    Er bewacht mein Gepck im Nachtrab. Au rvoir, Monsieur - ich mu in meine
Reihe.
    Sie sprang davon. Der Vicomte mit seinen drei Gefhrten eilte weiter.
    Merken Sie auf, Saz, das war die Marketenderin, von her ich Ihnen sprach.
Der Mensch, der eine so seltsame Aehnlichkeit mit Frst Iwan hat, folgt ihr, wie
sie sagt. Auf meine Ehre, dort ist er - blicken Sie hin, der blasse Bursche da
auf dem Maulthier, ein zweites fhrend.
    Wahrhaftig, - die Aehnlichkeit ist erschreckend!
    Die Zeit drngt - lassen Sie uns eilen.
    Einen Augenblick noch, bat Depuis. Ich hre so eben, da eine Abtheilung
Tunesen und die beiden Amazonen folgen, die in Constantinopel mit ihren
Freischaaren Aufsehen gemacht haben.
    So leben Sie wohl, der Dienst ruft mich. Sie wissen, was zu thun ist und
der Himmel mge Ihren Schritten Erfolg geben.
    Der Vicomte drngte davon durch den Menschenstrom, den die Neuigkeit von der
Ankunft der Freischaar herbeizog. Die anderen Drei verweilten, um das Schauspiel
zu sehen, und den Zug vorber zu lassen: - zunchst die Mohren von Tunis, die
ersten Hilfstruppen, die der Bey gesandt und deren man sich in Constantinopel so
bald als mglich entledigt hatte, wilde Gestalten, die Mordlust und
Zgellosigkeit in den gelben Augen, auf den schwarzen, braunen und gelben
Gesichtern, eine Horde, die die Hlle selbst losgelassen zu haben schien. - Dann
das wilde Spiel der Zinke und der Trommel, eine gedrngte Schaar prchtig
ausgestatteter Reiter in der bunten albanesischen Tracht, die lange Flinte auf
dem Rcken oder die Lanze in der Faust, khne stolze Gesichter. Und zwischen den
bunten Albanesen die finsterblickenden dunkeln Shne eines andern Welttheils,
die Kinder des Ararats: die Kurden, broncefarbene Gesichter und Krper, eine
rothe Jacke, welche die sehnichten Arme fast blo lie, dunkle Beinkleider bis
zum Knie, die hohe Mtze von schwarzem Lammsfell auf dem Kopf, den dunklen
Filzmantel um die Schultern, mit Flinte, Yatagan und Lanze bewaffnet.
    Vor diesem gemischten seltsamen Haufen zog eine Gruppe her, welche aus drei
Personen bestand und die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, die sich bei den
Franzosen sofort in mancherlei spttischen Acclamationen kund gab.
    Die Mitte nahm, auf einem Kameel reitend, ein alter schmuziger Derwisch ein,
in grauer Kutte mit nackten Beinen, nach der nselnden Manier der Orientalen
Sprche aus dem Koran laut hersagend, whrend er die Kugeln seines Rosenkranzes
mit rapider Schnelligkeit durch die Finger gleiten lie. Ihm zur Linken ritt die
kurdische Prinzessin, deren Fanatismus die Prophezeihung von einer Jungfrau, die
das trkische Reich und den Islam erretten werde, in Bewegung gesetzt hatte.
Aber die Jungfrau war lngst zur runzlichen alten Jungfer geworden, und ihre
etwas buckliche Figur und der ziemlich komische Aufzug, in dem sie auf ihrem
Pferde sa, erregte das Gelchter der europischen Truppen. Die reine Jungfrau
trug wahrscheinlich in dem Glauben, da die Russen vor der Holdseligkeit ihres
Antlitzes davon laufen wrden, dasselbe unverhllt, schien sich aber gewaltig
ber die frechen Blicke der Mnner zu rgern, die von allen Seiten auf ihr
ruhten. Sie mochte bereits einige fnfzig Jahre zhlen, war klein und mager und
nie ohne ihren Adjutanten, den alten schmuzigen Derwisch, zu sehen. Spter, da
sie allerlei Ansprche machte und den trkischen Behrden lstig zu werden
begann, schoben diese sie bei Seite, ja, man erzhlt, da Omer Pascha die alte
Nrrin ohne Weiteres auf ein Schiff packen und in Trapezunt an's Land setzen
lie, ihre rstigen Krieger aber weislich unter seiner Reiterei behielt.
    Ein hheres Interesse fesselte die Zuschauer jedoch an die dritte Figur der
Gruppe, die geheimnivolle Reiterin, von der Capitain Ducru erzhlt. Ihre Figur
war schlank und ebenmig und sa fest und sicher im Sattel, nicht hockend und
plump, wie die trkischen Frauen gewhnlich zu reiten pflegen. Ein Yaschmak von
feiner schwarzer Spitzengaze verhllte zwar ihr Gesicht nach muselmnnischer
Sitte, doch wies der sichtbare Theil der Nase und Stirn und das feuersprhende,
dmonisch dunkle Auge, da die Fremde jung und schn sein mute. Sie fhrte mit
sicherer Hand das feurige arabische Ro, das sie ritt; ein halb offenes
Oberkleid von braunem Tuch mit dunklem Pelz besetzt und weite Beinkleider, von
gleichfarbiger Seide bis auf die zierlichen Knchel herabfallend, bildeten ihren
Anzug. Ein reich verzierter Sbel hing an ihrer Seite, Pistolen waren in ihrem
breiten Shawlgrtel.
    An der Seite des Pferdes schritt unbekmmert um das Menschengewhl ein
groer Molosserhund.
    Das spttische Gelchter, der hhnende Zuruf, der zuerst ihre beiden
Gefhrten begrt hatte, verstummte, als sich Aller Augen auf die dunkle
Reiterin wandten. Bald murmelte es durch die Menge: La Vengeresse! la
Vengeresse! und je weniger die Zuschauer von der Benennung verstanden, desto
hher schwoll das Interesse daran und brach alsbald in einen strmischen
Hurrahruf aus.
    Die Trkin schien mit derselben Gleichgltigkeit und Verachtung auf die
Beifallrufenden zu schauen, mit der sie vorhin ihren Hohn und Spott aufgenommen.
Pltzlich aber zuckte es wie ein electrischer Funke durch ihren ganzen Krper.
Sie prete ihrem Ro die scharfen Spitzen der Bgel in die Flanken, da es sich
hoch bumte, drehte es sicher auf den Hinterbeinen um und setzte mit einem
Sprung auf die Menschenmauer zu, die erschrocken auseinander stob.
    Das Pferd mit seiner wilden Reiterin hielt dicht vor zwei Armeniern, die in
ihre weiten schwarzen Talare gehllt, das Barett tief in die von dunklen Brten
halb verdeckten Gesichter gedrckt, zuschauend unter der Menge gestanden. Mit
einem seltsamen Gemisch von Entsetzen und Aufregung blickte der Jngere auf die
Amazone, whrend der Aeltere ihn fortzuziehen sich bestrebte.
    Nur einen Augenblick dauerte die Scene. Das Weib auf dem Pferde hob wie
warnend die Hand und sagte langsam und deutlich: Die Reihe ist an Dir, hte
Dich, Nicolas Caraiskakis! und im nchsten Moment schon lenkte sie ruhig zurck
in die Reihe und ritt weiter, gleich als sei Nichts geschehen und als habe ihr
Ro nur durch Zufall gescheut, und der Menschenstrom schlo sich alsbald wieder
um sie her.
    Die Hand des ltern Armeniers aber zog den Erkannten mit sich fort aus dem
Gedrng in die nchste enge Quergasse, durch einen kaum mannesbreiten Durchgang,
und weiter, bis sie in die Griechenstadt kamen und zu der halbverfallenen Mauer
eines Hofes. Auf ein eigenthmliches Klopfen wurde die Thr von Innen geffnet
und Beide traten in den engen Hof, aus dem sie durch einen langen Gang in das
von der Strae gleichfalls durch Mauer und Thor abgesonderte Vorderhaus
gelangten.
    In einem Gemach zu ebener Erde, das an den Fenstern stark vergittert war,
hielt endlich der Aeltere an und wandte sich zu dem Mann, der ihm geffnet.
    Rufe Geurgios und wer sonst von den Brdern im Hause ist.
    Dann, whrend der Diener sich entfernte, wandte er sich an seinen Gefhrten.
    Das Weib erkannte Dich trotz der Verkleidung. Wer ist sie?
    Fatinitza - die Wlfin von Skadar - die Tochter Selim-Bey's, des
verstorbenen Pascha's von Skadar.
    Ich habe von dem Knaben Mauro Manches gehrt von dem Character dieser Frau
und Deinem Verhltni zu ihr, whrend Dein Mund gegen den eigenen Bruder
verschlossen blieb. Du hast sie zu frchten?
    Sie hat mir Verderben geschworen - in der Kula von Protopapas.
    Sie mge ihre Macht probiren, - ehe die Sonne aufgeht ber den Golf, wirst
Du auf den Wellen des Mavri-Thalassa3 schwimmen.
    Er legte das Barett, die falsche Haartour mit den langgewickelten dunklen
Locken und den Bart ab, - es war Gregor Caraiskakis, der mit dem Bruder
gesprochen.
    Zugleich traten Geurgios der Fanariot und zwei andere Griechen in das Zimmer
mit dem Knaben Mauro.
    Ist Nursah in seinem Gemach?
    Der Knabe bejahte.
    Der Bursche hngt mit Fanatismus an seinem Herrn und hat gedroht, Alles zu
verrathen, ehe er ihn in Gefahr liee. Die Nachricht, da der Doctor verurtheilt
ist und morgen erschossen werden soll, mu ihm verborgen bleiben.
    Es klang wie ein leiser Schrei durch das Gemach, und Caraiskakis blickte
sich um, aber es war Nichts.
    Die Zeit des Handelns fr uns ist gekommen. Hhere und wichtigere
Interessen haben mich gezwungen, den Freund in die Gefahr zu bringen, die ihn
jetzt bedroht. Fluch diesem Inglis, der ihn und uns verrathen. Meine Pflicht ist
es jetzt, ihn zu retten und sei es mit meinem Blute.
    Was gedenkst Du zu thun? fragte Geurgios.
    Zuerst die Interessen unsers Glaubens und unsers Vaterlandes. Ich bringe
schlimme Botschaft: Hadji Petros ist von Fuad, Zeinel-Pascha und Abdi geschlagen
worden. Der General stand mit 4000 tapfern Hellenen bei Kalambaka, - Zacco und
Katarachia deckten die uneinnehmbaren Psse von Syrakos. Da sandten die Franken
ihre Commissare zu Zacco und der Verrther gab ihren Lockungen und
Versprechungen nach und rumte die Schanzen. Am andern Tage standen die Moslems
vor Kalambaka. Hadji vertheidigte es mit viertausend Getreuen fnf Stunden lang
gegen Eilftausend, - kaum da er verwundet selbst dem Gemetzel entkam.
Sechshundert Christenkpfe schickten die Paschas auf Pferden nach Larissa4. Das
Kreuz ist in Thessalien gefallen, wie es im Epirus fiel!
    Und der Knig? - die Knigin?
    Sie liegen in den Banden der Franzosen und Englnder. Ihre Soldaten, stehen
im Pyrus, ihre Schiffe kreuzen vor unsern Hfen und durchsuchen unsere
Fahrzeuge. Spiro Milios ist arretirt und mach Napolis gebracht, weil er dem
Schurken Kalergis und den frnkischen Schergen nicht Rechenschaft geben wollte,
woher das Geld ihm gekommen, mit dem er unsere Brder besoldet. Kalergis und
Maurocordato rtteln am Thron, die Macht ist in ihren Hnden, unsere Freunde
werden in den Kerker geworfen, der Knig, bis Knigin werden offen beschimpft
und verhhnt, unsere Presse ist unterdrckt und der britische und der
franzsische Gesandte gebieten an der Akropolis.
    Christen gegen Christen! Fluch ihnen, die uns bei Navarin gekdert, nachdem
unsere eigene Kraft die Fesseln gebrochen hatte.
    Ein trauriges Schweigen folgte den Mittheilungen. Gregor nahm zuerst wieder
das Wort.
    Das Unglck darf uns nicht entmuthigen, - wir sind Kinder des Schmerzes und
mit dem Kampf gegen die Tyrannei grogesugt. Unsere Hoffnung richtet sich nach
Norden, und ob Strme von Blut flieen, die Shne der Hetrie, die Kinder der
Elpis werden nicht ermden in dem Kampf. In dem heutigen Kriegsrath unserer
Bedrcker, denn der Franzose und der Englnder sind jetzt so gut der Feind
unsers Volkes und Glaubens wie der Moslem selbst - ist Wichtiges beschlossen
worden. General Epinasse mit drei Divisionen wird einen Zug nach der Dobrudscha
unternehmen. Die Fhrer sind auer ihm der Araber Yussuf, General Bosquet und
der Prinz selbst. General Lders mu sofort durch einen Boten benachrichtigt
werden, denn ein Theil der Truppen ist bereits auf dem Marsch.
    Mauro soll sich bereit machen.
    Die Flotte segelt morgen ab, 12 Linienschiffe und 6 Fregatten. Sie wird in
Baltschik anlegen, um den General Canrobert und Sir George Brown einzuschiffen.
    Aber das Geheimni ihrer Bestimmung - so gilt es wirklich Sebastopol? und
der Frst, der sich auf uns verlassen, hat keine Nachricht?!
    Gregor nahm die Hand seines Bruders:
    Er wird sie ihm bringen und so zugleich diese Stadt verlassen, in der die
Ankunft eines Dmons in Frauengestalt ihm Verderben droht. Die Flotte ist nicht,
obschon dies allgemein verbreitet wird, zu einer Expedition gegen Sebastopol
oder Balaclawa bestimmt, sondern wird nur eine Recognoscirung des Ufers
vornehmen und die russischen Schiffe herauszulocken suchen, indem man sich den
Anschein giebt, in Balaclawa landen zu wollen. Sie geht an die Ksten von
Colchis mit Munition und Waffen fr die Bergbewohner.
    Wie wird Dein Bruder nach Sebastopol gelangen?
    Die smyrniotische Felucke Maria liegt auf der Rhede mit englischer Ladung
fr Batum, bereit, jeden Augenblick in See zu gehen. Capitano Felicio hat bis
diesen Abend gezgert, die Psse zu holen. Er wird bis Mitternacht in der Stadt
verweilen - Nicolas kennt den Ort, wo er uns erwarten wird; er und der deutsche
Arzt werden ihn in der Kleidung von Galiandschi's begleiten. Die Felucke wird
vierundzwanzig Stunden vor der Flotte das Cap Aya passiren. Nicolas versteht mit
einem Boote umzugehen, und wird mit einem solchen die Kste erreichen.
    Der Weg ist sicher, meinte Geurgios. Welche Aussicht hast Du, den Franken
zu retten?
    Der Schlag, den wir erst in drei Tagen zu fhren gedachten, mu schon in
dieser Nacht erfolgen. Vor Mitternacht mu das franzsische Arsenal und das
groe Lazareth in Flammen stehen, und mge diese Brandfackel das Verderben des
Halbmonds und seiner Freunde beleuchten.
    Aber die Unsern sind noch nicht bereit - die Brander nicht fertig.
    Wir haben sechs Stunden Zeit, darin lt sich der Untergang von ganz Varna
bereiten. Ich will es an allen Ecken anznden, ehe ich zugebe, da der Freund
ihr Opfer wird.
    Und Dein Plan, ihn aus dem Konak des Pascha's zu befreien?
    Wir wissen durch Vaso - Vassili, wie er im Dienst des Pascha's heit, - da
er in demselben Seitenflgel des zweiten Hofes gefangen gehalten wird, den der
Inglese mit dem griechischen Mdchen bewohnt. Wir werden Eingang finden zu
ihnen, ich und mein Bruder, das Wie? und Warum? kmmert Euch nicht, es ist eine
Rechnung unter mir und dem Briten. Wenn die Flammen des Arsenals in den
Nachthimmel emporschlagen, wird der Konak lebendig werden, und Alles zu dem
nahen Feuer strmen. In der Verwirrung wird es uns leicht sein, den Gefangenen
zu befreien und mit ihm bis in die Khandschia am Hafen zu gelangen, in der uns
der Capitano erwartet. Die Thore der Wasserseite bleiben wegen der Flotte die
ganze Nacht geffnet. - Ist Jussuf, der Mohr, hier gewesen?
    Vor kaum einer halben Stunde, um Abschied zu nehmen von dem Bruder. Die
trkischen Spahi's, wie diese Franken die Ruberschaar genannt haben, verlassen
die Stadt.
    Ich, wei es - und nun an unsere Geschfte. Die Heiligen mgen uns
schtzen.

                                    Funoten


1 Der damalige Unternehmer der groen Oper.

2 Seit 1844 das Lieblingslied dieses eigenthmlichen und berhmten Corps. Sein
Ursprung schreibt sich von folgender Anecdote: In einer Nacht berfielen die
regulairen Truppen Abdl-Kaders das Lager des Marschalls Bugeaud und waren mitten
darin, ehe die erstaunten Soldaten die Gefahr ahnten. Die Offiziere muten sie
mit ihrem Beispiel ermuntern. Der Marschall war einer der Ersten auf dem Platz
und tdtete mit eigener Hand zwei Feinde. Bald war die Ordnung wieder
hergestellt, die Zuaven, welche dies eine Mal so schlechte Wache gehalten,
sammelten sich, rckten an und verjagten den Feind. Nach beendigter Schlacht
bemerkte der Marschall bei der Helle der Bivouacfeuer, da Alle, die ihn
ansahen, verstohlen lachten. Er fhrt mit der Hand nach seinem Kopf und findet
diesen mit einer solennen - Nachtmtze bedeckt. Als er hierauf nach seiner
Feldmtze ruft, erheben sich tausend Stimmen und schreien nach der Mtze des
Marschalls. Am andern Morgen circulirte bereits das Lied und hat sich seitdem
bei dem Corps erhalten.

3 Neugriechische Benennung des Schwarzen Meeres.

4 Historisch!


                                   Im Tabun.

Die Erdhtte des Tabuntschik bildete ein gerumiges Gemach mit zwei Ausgngen,
deren einer auf mehreren Stufen hinauf in's Freie fhrte, whrend die zweite
Thr nach einem anschlieenden Vorrathsraum ging. Die Wnde, von in der Sonne
getrockneten Lehmsteinen aufgemauert, waren mit Wolfs- und Pferdehuten
bekleidet und mit einer Unzahl von bunten Heiligenbildern der schlechtesten
Qualitt beklebt. In einer Ecke brannte vor einer mit allerlei Flitterwerk
ausstaffirten grobgeschnitzten und bemalten Holzfigur der Jungfrau mit dem
Christuskinde und darunter vor dem Bilde des Schutzheiligen des Besitzers, eine
Lampe. Grne Zweige von Ginster und Wermuth waren an den Wnden aufgesteckt,
Binsen deckten den Fuboden.
    Die Gesellschaft der Reisenden hatte beschlossen, die Nacht in dem Tabun
zuzubringen und mit der erwachenden Sonne, wenn die Steppe abgekhlt und jede
Gefahr beseitigt war, ihre Reise fortzusetzen. Der Tabuntschik hatte es
bernommen, nach der verlassenen Telege der Polen zu sehen und dieselbe, wenn
das Feuer sie nicht verzehrt, nach der Zufluchtssttte holen zu lassen.
    Die eben berstandene Gefahr warf noch ihre Schatten ber die Geretteten.
Das furchtbare Ende des jungen Postillous, der zerschmettert mit den beiden
Pferden auf dem Grunde der tiefen Schlucht gefunden worden, hatte ihnen das
Schicksal gezeigt, dem sie so leicht ohne den Schutz des Hchsten und die
Aufmerksamkeit des Menoniten verfallen gewesen wren.
    An dem Heerd in einem Winkel des Gemaches brodelte der Theekessel, dieses
Labsal der Russen. Die beiden Damen saen auf einem von den getrockneten Grsern
der Steppe und Thierhuten gebildeten Lager, unfern von ihnen die Dienerin,
whrend die Mnner um einen roh zusammengezimmerten Tisch, als Bnken sitzend,
von den Kriegsereignissen sprachen.
    Am Feuer selbst kauerte der greise Tabuntschick, den brodelnden Kessel
beachtend. Der Reisevorrath des Obersten hatte Rum und die nthigen
Ingredienzien des Mahles hergegeben, dessen Hauptbestandtheil ein vom
Tabuntschik gekaufter Hammel bildete, von dem der grere Theil den Dienern und
Kosacken berlassen worden war.
    Der Frst-Gouverneur, erzhlte der junge Frst Iwan, hatte mich in die
Steppe beordert, um an Hetman Kassalap die Aufforderung zum Sammeln der
irregulairen Esotnieen zu berbringen. Ich war auf der Rckkehr und hatte in
Uroczczerna den Lieutenant Potemkin getroffen. Wir verweilten auf der Colonie
der Eltern jenes braven Menoniten, als die Gefahr der Heuschrecken ihre Felder
bedrohte und man mit den gewhnlichen Mitteln des Rauchs sie verscheuchte. Ich
wei nicht, ob hierbei durch Unvorsichtigkeit die Steppe in Brand ging.
    Verzeih' Bruder, bemerkte der Menonit, das Feuer kam von der Kste her
und brannte bereits seit gestern.
    Gut! Die wackern Landleute hatten ihre Felder durch Aufwerfen von Grben
gesichert. Noch ehe die Gefahr uns so nahe, kamen die zwei Kosacken in die
Colonie und erzhlten von der Noth, worin die treulosen Jmschtschiks die
polnische Dame gelassen. Die Ritterpflicht erforderte, ihr zu Hilfe zu kommen,
und so machten wir uns auf den Weg durch das Feuer. Hesekiah fhrte uns.
    Wir danken Ihren Bemhungen unsere Rettung, sagte der Oberst.
    Weniger uns, als den zweckmigen Maregeln Ihrer Kosacken und dieses
Rohirten. Iwan Oczakoff, Vterchen, wird stets bereit sein, Dir seinen Dank zu
beweisen.
    Der Tabuntschick, der sinnend in das Feuer gestarrt, wandte forschend seine
Augen auf ihn:
    Du bist ein Oczakoff?
    So ist es, Vterchen. Mein Vater war der Gouverneur von Kasan. Meine
Mutter, eine Frstin Wolkonski. Kennst Du meine Familie?
    Ich habe gehrt von ihr, denn der Wolkonski Gter liegen zum Theil in
Taurien.
    Schlo Aya an den von Myrthen und Orangen bekleideten Felsenksten der
Yalta ist mein Erbe. Meine Schwester weilt dort und ich hoffe, Oberst, da, wenn
Sie die Luft und die Milde des Sdens genieen wollen, Sie ber meine
Besitzungen verfgen werden.
    Ein echtes russisches Blut, murmelte der Rohirt. Deine Mutter, Frst,
lebt sie noch?
    Sie starb bei unserer Geburt. Iwanowna und ich sind Zwillingskinder.
    Der Tabuntschik schlug ein Kreuz:
    Die Heiligen seien ihr gndig. Deine Mutter, Frst, hatte drei Oheime,
Brder ihrer Mutter.
    Der junge Mann sah ihn mitrauisch an.
    Wenn Du ihre Namen weit, kennst Du auch ihre Schuld und ihr Schicksal. Sie
sind todt.
    Alle Drei - auch der Jngste?
    Ja!
    Der alte Tabuntschik versank in Schweigen, dann erhob er sich und ging
hinaus; bald darauf folgte ihm der Menonit.
    Der junge Frst sa, den Arm auf den Tisch gesttzt, in Nachdenken.
    Die Erinnerung an Deine Familie hat Dich betrbt, Frst Iwan, sagte der
junge Artillerie-Offizier. Was vergangen ist, ist vergangen.
    Ich dachte der Thrnen, die meine sanfte Mutter oft ber den Fluch der
grausen That geweint, die auf ihrer Familie lastet, Sie wissen wahrscheinlich,
da meine Gromutter eine geborene Frstin Zuboff war.
    Was kmmert uns die Vergangenheit, meinte der Oberst. zwei Menschenalter
liegen dazwischen und zwei Kaiser haben verziehen. Lassen Sie uns diese Damen
bitten, jetzt an unserm Mahle Theil zu nehmen und den Thee zu bereiten.
    Die Damen erhoben sich und nahmen Platz, die Bojarenfrau, die ihre
Verwirrung ber die Erkennungsscene bereits berwunden und bemht war, die
etwaige Eifersucht des Obersten zu zerstreuen, konnte sich trotzdem nicht
enthalten, nach dem Frsten zu kokettiren.
    Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, Furst Iwan, woher Sie Madame Bibesco
kennen?
    Ich hatte die Ehre, ihr in Bukarest vorgestellt zu werden.
    Ein Blick der schnen Bojarenfrau hatte ihm Vorsicht geboten.
    Aber Graf Wassilkowitsch hatte den Blick gleichfalls aufgefangen und
begriffen, da irgend ein ihm noch unbekannter Bezug zwischen diesen beiden
Personen bestehen mute. Die ihm nchstliegende Erinnerung war Paris und der
Cyniker lchelte, weit entfernt, eine Eifersucht zu fhlen oder zu verrathen,
spttisch, als er den Jngling betrachtete. Es lag in seinen Plnen, ihn sich
unterthan zu machen und ihn zu umstricken.
    Whrend der Artillerist die beiden Damen unterhielt, nahm er die Gelegenheit
wahr, mit dem Frsten allein sich zu besprechen.
    Wissen Sie, Frst, wem ich diesen gebrochenen Arm, eine gebrochene Rippe
und diese Narben am Kopfe verdanke? fragte der Graf. Ihrem Freunde, dem
Vicomte, dem ich auf den Wllen von Silistria begegnete, als der tolle Selwan
uns zum Angriff fhrte.
    Eine dunkle Rthe frbte das schne Antlitz des jungen Mannes.
    Blieb der Vicomte unverletzt? fragte er hastig.
    Da ihn der Teufel hole - ich lie auf ihn schieen, aber der Bursche
schien gefeyt gegen unsere Kugeln, und eh' ich ihm selbst zu Leibe konnte, lag
ich unten im Graben, von seiner Hand hinuntergestrzt. So viel wissen wir jetzt,
da wir ihn in den Reihen unserer Feinde uns gegenber haben. Wir knnen das
gestrte Duell jetzt hoffentlich auf dem Schlachtfelde nachholen. Vielleicht
befreit uns die Cholera oder eine Kugel von dem Schleicher und Verrther.
    Die dunkle Rthe lag noch immer auf der Stirn des jungen Mannes, um seinen
Mund zuckte es wie zu einer bittern Antwort, doch bezwang er sich.
    Ich glaube, Sie thun dem Vicomte Unrecht, Graf.
    Den Teufel auch! Ein Offizier und Edelmann darf, auch wenn er der Anbeter
einer Dame ist, sich nicht zum Kltscher und Spion herabwrdigen. Er hat Ihre
Liebschaft in der Strae Saint Josef an die Frstin, Ihre Schwester, und wer
wei an wen sonst verrathen. A propos! was haben Sie bei der schnellen Abreise
mit der kleinen Grisette angefangen? Die Sache schien Ihnen wahrhaftig Ernst und
die Kleine war hbsch. Sie wrde Unterhaltung whrend des Feldzugs gewhrt
haben.
    Htte er in diesem Augenblick das Gesicht des jungen Mannes schrfer
beobachten knnen, als es der dunkle Schein der Lampe im Tabun zulie, so wrde
er das Zucken des Mundes, das scharfe Aufhorchen des schnen Gesichts bemerkt
haben.
    Ich wei nicht, was aus ihr geworden, sagte derselbe schchtern.
    Ich erkundigte mich aus Interesse fr Sie nach Ihrer erzwungenen raschen
Abreise nach dem Mdchen.
    Bitte, Graf, theilen Sie mir Alles mit, was Sie wissen.
    Es ist wenig und selbst das Wenige Ihnen schwerlich angenehm. Inde,
Frst, ein junger Mann von Welt mu auf dem Gebiet der Liebe seine Erfahrungen
machen. Diese pariser Frauenzimmer sind geborene Coquetten. Was ich gehrt, ist
brigens eine Art pikantes Abenteuer. Sie erinnern sich, da am Abend Ihrer
Abreise ein Attentat auf den Kaiser Napoleon vor der komischen Oper verbt
wurde; schade, da es nicht gelang, die Frazosen htten dann schwerlich ihre
Finger in unsere Angelegenheiten gesteckt. Die Polizei war auf den Beinen und
verhaftete mehrere Personen. Es scheint, da sie die Flchtigen bis in die
Strae Saint Josef verfolgt und dort Haussuchungen gehalten hat. Mein
frnzsischer Kammerdiener berichtete mir, da dies auch bei Mademoiselle Nini
geschehen und da man zwei Mnner dort gefunden, von denen der Eine der
Liebhaber der Grisette war, der sie eben zum Ball fhren wollte, der Andere der
eingedrungene Mensch, den man als Theilnehmer an dem Attentat verhaftete.
    Und der Liebhaber des Mdchens?
    Ah, Sie sind eiferschtig, Frst, gewhnen Sie sich den Fehler bei Zeiten
ab. - Der Liebhaber hat Ihre kleine Flamme zum Mabille oder in den Jardin des
fleurs gefhrt - am andern Tage aber war Mademoiselle Nini spurlos verschwunden
und hatte selbst ihre elegante Einrichtung im Stich gelassen. Da ich keine
Indiscretion mehr begehen konnte, ging ich selbst hin und beschaute sie mir. Ich
mache Ihnen mein Compliment ber Ihren Geschmack.
    Wo knnen sie hin sein - wer war der Liebhaber? - - wer - -
    Der junge Mann brachte nur mhsam die Worte heraus.
    Ja, das wissen die Gtter, Frst. Meine Meinung ist, das Mdchen hat
gesehen, da nach der Scene mit der Polizei die Doppelrolle, die sie gegen Sie
gespielt, zu Ihrer Kenntni kommen wrde, und hat Ihren Rivalen vorgezogen.
    Frst Iwan wandte sich ab. Seine Hnde rangen krampfhaft in einander, seine
Lippen preten sich. Unhrbar fr den Andern tnten die Worte aus seinem Munde:
    Wiederum jede Spur verloren!
    Der Oberst wandte sich auf's Neue zu ihm:
    Es wird gut sein, Freund, wenn Sie der Frstin, Ihrer Schwester, Nichts von
der Anwesenheit des Franzosen in Silistria sagen wollen. Die tendre Inclination
wird hoffentlich im Nationalgefhl lngst untergegangen sein. Befindet sich die
Frstin noch immer auf Ihrem Schlosse an der Yalta und darf ich zu ihrer
Herstellung gratuliren?
    Meine Schwester, Graf, ist allerdings noch dort, zwar wiederhergestellt,
aber noch so leidend, da sie die Einsamkeit vorzieht und nur wenig Besuche
erhlt. Doch das Schlo ist weitluftig, der Theil, den meine Schwester bewohnt,
auf einem abgesonderten Felsen erbaut und ich wiederhole daher meine Einladung.
    
    Aber was soll ich mit Madame Bibesco anfangen? Wir Mnner unter uns machen
allerdings aus solchen Verhltnissen Nichts, doch ich kann sie unmglich mit
in's Schlo zur Frstin nehmen.
    Der junge Frst war leicht errthet.
    Ich habe das bedacht, sagte er mit einiger Verlegenheit und einem Blick
auf die Franzsin, allein ich hoffe, es wird sich machen lassen, und ich darf
Sie Ihrer schnen Pflegerin nicht berauben. Ich werde meiner Schwester sagen,
da Madame Bibesco als eine Anhngerin unserer Sache aus Bukarest vor den Trken
geflchtet ist und auf meine Einladung nach Schlo Aya kommt.
    Sie sind sehr galant, Frst, und ich nehme es dankbar an, verspreche Ihnen
auch, so wenig eiferschtig als mglich zu sein. Doch wenn wir noch einige
Stunden Ruhe genieen wollen, so ist es die hchste Zeit, an unser Lager zu
denken. Ich werde die Nacht in meinem Wagen zubringen und fr Sie und den
Lieutenant ist Raum in jener Kammer. Lassen Sie uns die Diener rufen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Whrend die vornehmen Mitglieder der Gesellschaft in dieser Weise ihre
Nachtruhe bereiteten, sa am andern Ende des Tabuntschiks im Schatten einer
jener kleinen Mogilen, die gleich Maulwurfshgeln an tausend Stellen aus den
Ebenen des sdlich en Rulands auftauchen, der alte Kosackenhuptling mit seinen
sechs Enkeln. Sie hatten eine Grube in den Boden gegraben, diese mit Steinen
ausgelegt, Feuer darin gemacht und zwischen die erhitzen Platten dann die
vordere Hlfte des Hammels gelegt, die ihnen berlassen worden. Auf den Befehl
des Obersten hatte sein Leibdiener ihnen eine Flasche Rum gegeben, und sie
hatten so eben ihr Mahl unter sich, abgesondert von den Hirten, beendet.
    Der greise Kosack sa, den Kopf auf die Hand gesttzt und aus einer alten
silberbeschlagenen Reiterpfeife von Meerschaum rauchend, die er vor vierzig
Jahren aus Deutschland mit zurckgebracht, in Gedanken versunken am obern Ende
des Kreises, den seine Enkel bildeten. Selbst sein Liebling Olis, der neben ihm
kauerte, wagte nicht, ihn darin zu stren. Nur flsternd tauschten die Brder
und Vettern ihre Meinung aus.
    Die Heiligen seien ihm gndig, murmelte Wassili zu seinem Nachbar, ich
glaube, der bse Geist nimmt wieder Besitz von ihm, her ber ihn kommt beim
Neumond von seiner schlimmen Wunde her.
    Schweig still, gebot Wanka, Du siehst, Djeduschka will reden.
    In der That erhob der greise Kosack das Haupt, dessen weie Haare der
bleiche Mondschein versilberte und schaute mit verstrten Blicken auf die Gruppe
umher. Die breite Narbe, die zerfetzend quer ber das Gesicht lief, verlngerte
sich bis ber den rechten Vorderschdel hin, und ihr rother Streif war deutlich
sichtbar. Das eine Auge des Greises schien jeden Einzelnen der Gruppe zu
durchbohren und starrte dann unheimlich hinaus in's Weite.
    Gieb Acht, Alexei, flsterte sein Bruder, jetzt erzhlt er uns eine der
seltsamen Geschichten, die ihm in seinem langen Leben begegnet - von dem
Franzosenkrieg oder den Fahrten nach dem kalten Lande am Eispol, wo mitten im
Sommer der Hauch des Mundes gefriert; von der schnen Czarin selbst oder von den
Zgen gegen die Moslems, da unsere Vter jung waren. Wenn der Geist ber ihn
kommt, pflegt er es zu thun.
    Ein krftiger Rippensto des Nebensitzenden brachte den Schwtzer Demetri
zum Schweigen. Der Alte hatte den Mund geffnet - er schien eine eintnige
Melodie vor sich hin zu summen. Dann begann er pltzlich zu sprechen, Niemand
wute, ob zu den Shnen, oder in's Unbestimmte hinaus zu unsichtbaren Gestalten.
    Strme von Blut, - Strme von Blut, heilige Jungfrau von Kasan! Frbitterin
der Shne aus Ruriks Stamm, barmherzige Mutter Gottes, wende das Unheil ab vom
heiligen Ruland. Ich sehe die Strme des Landes und das weite Thor der
Gewsser, die Gott der Herr mit Salz getrnkt, roth schimmernd von Feuer und
Blut. Mein Ohr hrt ein Rollen und Getse, mchtiger als das Krachen Deiner
Donner in den Bergen, und die Erde hat sich aufgethan und speit die Schrecken
der Hlle aus. Heiliges Ruland, heiliges Ruland, erwache und rste Dich gegen
die Legion Deiner Feinde!
    Nach einer kurzen Pause begann der Unkensang des Greises auf's Neue, whrend
die jungen Mnner stumm und befangen auf jedes seiner Worte horchten.
    Wehe mir, da ich zum zweiten Mal das Gericht ber Dich erleben mu,
heiliges Ruland! Wohl erinnere ich mich aus den Tagen, da ich ein Mann ward,
wie diese Narbe brannte im Mondlicht und ich vor mir sah die Schrecken, die da
kommen sollten - die weiten Schlachtfelder und die Schneegefilde, bedeckt mit
den starren Leichen, und wie die Flammen hoch emporschlugen aus der Stadt des
heiligen Iwan. Und wie ich's gesehen, so kam's! Blut trnkte die russische Erde
und des Franken Ro trank aus dem Weihkessel unserer Kirchen. Aber der Herr
wandte sein Angesicht gndig wieder zu unserm Volk und die Gebeine der Feinde
bleichen auf den Feldern Rulands.
    Schweigen lag rings umher auf der weiten Steppe, der weie Mondstrahl sog
und lastete auf dem kahlen Schdel des Alten - sie sahen es nicht, wie hinter
ihnen an der Mogile, dem alten Heidengrab, langsam ein Schatten emporstieg.
    Was kommen mu, wird kommen, fuhr der Alte fort, Blut und Tod, Schrecken
und Verderben. Drei von den Shnen deckt das Grab, aber Einer lebt noch von
seinem Saamen - und der Todesschrei des gemordeten Vaters gellt in seinen Ohren.
Er war ein Kind, als sich die Mrderhand gegen das geheiligte Haupt des Czaren
erhob, aber der Fluch will sein Recht und trifft die Schuldlosen wie die
Schuldigen. Und also wird sich's erfllen, bis ein gekrntes Haupt sich selbst
zum Opfer gebracht fr das blutige Vaterland, das seinen Vater gemordet hat.
    Der Greis lie sein Haupt sinken und barg es in die Hnde. Als er es nach
einiger Zeit erhob und im Kreise der stummen Enkel umherschaute, halte sein
Auge, wiewohl noch immer traurig und finster, doch den unheimlichen Ausdruck der
Geistesstrung verloren. Er sammelte sich einige Augenblicke und begann dann
auf's Neue die Rede.
    Ich habe Euch eine Geschichte zu erzhlen und Ihr selbst sollt das Urtheil
fllen. Ost, als Ihr noch auf meinen Knieen schaukeltet oder ich Euch reiten
lie auf meinem Sattelknopf vor mir ber die Haide, legtet Ihr Eure kleinen
Finger an diese Narbe und frugt mich, woher sie gekommen, da die Mnner der
Stmme mich Iwan den Einugigen oder den Steppenteufel heien. Ihr sollt jetzt
erfahren, wem ich dies Zeichen danke, das mich begleiten wird in's Grab.
    Ich war ein junger Mann, schlank und glatt wie Ihr, wenn ich auch mehr schon
erfahren, denn als Knabe schon war ich den Fahnen des groen Hetmann Suwarow
gefolgt, in das Land, das sie Italien nennen. Wenn der General erwachte, stellte
er sich vor sein Zelt und krhte gleich dem Hahn, seine Krieger zu wecken, aber
die Krieger hielten fest zu ihm und vollbrachten manche groe That unter seiner
Fhrung.
    Der General hatte mich dem jungen Czaren gegeben, dem Sohn der groen
Katharina, da er noch Grofrst war, und ich kam mit ihm von Schlsselburg nach
dem Winterpalast in der Nacht, da die Kaiserin starb, und wurde einer seiner
Leibkosacken. Der Czar Paul war ein wunderlicher Herr, bald gerecht und gut,
bald aufbrausend und jhzornig; aber mir war er ein Wohlthter und ich war sein
getreuer Knecht. Gegen die Vornehmen war der Czar hart und streng, und vergalt
ihnen das Leid, das sie ber den Armen brachten, dessen Leib und Seele ihnen
gehrt, d'rum ward er gehat von ihnen bis auf's Blut. Aber das Volk liebte den
Czaren.
    Es war im Michaelspalast, am Abend des 23. Mrz im Jahre Gottes
achtzehnhundertundeins - vor lnger als dreiundfnfzig Jahren. Ich zhlte damals
zweiundzwanzig Jahre und war ein Liebling des Herrn. Ich hatte an dem Abend die
Wache im Vorzimmer seines Schlafgemachs, und der Czar, der seine Feinde unter
den Frsten und Grafen frchtete, vertraute auf uns gemeine Leute. Der Nordwind
pfiff drauen um den Palast und ich stand mit blankem Sbel auf meinem Posten,
als der Czar aus seinem Gemach kam, die Wachskerze in der Hand, und mir in's
Gesicht leuchtete.
    Bist Du es, Iwan? sagte der Herr, wenn Du wachst, wei ich, kann ich ruhig
schlafen.
    Er probirte Schlo und Riegel der Corridorthr und leuchtete an den
verriegelten Fenstern umher, wie es seine Sitte war, denn er glaubte schon
lange, da sie ihm einmal an's Leben wollten. D'rauf, an der Schwelle der Thr,
wandte er sich nochmals zu mir und sprach:
    Iwan, ffne keinem Menschen und unter keiner Bedingung. Das Leben des Czaren
beruht auf Deiner Treue.
    So nickte mir der Herr und ging, ohne sein Zimmer zu schlieen. Ich habe ihn
nie wiedergesehen. Gott der Herr mge der Seele des Czaren gndig gewesen sein!
    Er schlug mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes und fuhr dann fort:
    Ich stand mit meinem Sbel an der Thr und hielt als guter Soldat und
treuer Russe meine Wache. Es mochte Mitternacht sein, als pltzlich die Krhen,
die in den Gipfeln der Lindenbume im Garten um den Palast nisteten, sich
krchzend erhoben und mit vielem Geschrei durch die Nacht umher flogen, gleich
als wollten sie eine Gefahr verknden.
    Gleich darauf hrte ich Schritte und man pochte an die uere Thr, die mit
Eisenblech berzogen war und deren Schlssel ich hatte. Ich fragte, wer da sei,
und die mir bekannte Stimme des deutschen Generals antwortete:
    General Benningsen und Graf Pahlen, der Vertraute des Czaren. Es ist Feuer
ausgebrochen im Palast und wir mssen den Kaiser augenblicklich wecken.
    Noch zgerte ich, - aber ich kannte die Stimme des Generals und das Feuer
konnte mglich sein und mein Herr verbrennen durch meine Schuld. Der Teufel
verblendete mich - ich drehte den Schlssel und zog den Riegel. Die da
eintraten, waren der General und der Frst Valerian Zuboff, der Begleiter des
Grofrsten Alexander. Sie eilten in das Gemach des Kaisers und ich hrte
alsbald den Herrn heftig reden.
    Pltzlich ertnte seine Stimme laut und krftig:
    Ich unterzeichne nicht! Fluch Euch! Ihr seid Verrther!
    Da fuhr es mir wie ein Stich durch's Herz, da ich seine Feinde zu ihm
gelassen htte und ich fate den Griff meines Sbels fest, um fr ihn zu
sterben.
    In dem Augenblicke kam der Frst wieder heraus und eilte durch die
Vorzimmerthr davon - ich hrte jetzt wieder ruhig sprechen und wartete.
Pltzlich rief der Czar: Niemals! fort mit Dir! und der General strzte mit
blankem Sbel durch das Gemach, der Czar aber stand halb bekleidet auf der
Schwelle seines Schlafzimmers und sagte:
    Schmach ber Dich, Iwan, da Du die Verrther zu mir lieest!
    Ich warf mich zu seinen Fen, denn ich war schuldlos. Da wurde die Thr
aufgerissen und herein strzten die drei Brder Zuboff mit dem Deutschen, die
Generle Talizin und Tartarinoff und viele Offiziere und wollten in das Gemach
des Czaren dringen, der bei ihrem Anblick zurckgeflohen war. Aber ich warf mich
vor die Thr und rief ihnen Zurck! zu und wehrte mit meinen Hnden den
Frevlern, denn meine Waffe hatte ich am Boden gelassen, als ich vor dem Herrn
kniete. Sie wollten mich fortziehen, aber ich klammerte mich fest an sie und
rief mit lauter Stimme:
    Verrath! Rettet den Czaren!
    Ihre Sbel und Degen blitzten, ich sah ihre blutigen Augen und hrte ihre
drohenden Worte und dann traf ein furchtbarer Hieb meinen Schdel und schnitt
quer ber Auge und Gesicht, da das warme Blut hervorspritzte aus hundert
Quellen und ich zu Boden strzte.
    
    Wie im Traum hrte ich ein Getmmel um mich her, dann die Stimme des Czaren
- zum letzten Mal! - einen wilden Fluch - Gott und die Heiligen mgen ihn
vergeben, und dann wurde es finster um mich und ich verlor das Bewutsein.
    Die Russen hatten ihren Vater ermordet! Zwei Mal hintereinander schlug die
Mrderfaust an den Thron Rurik's und zwei Mal lastete Fluch auf dem heiligen
Ruland!
    Der Greis schwieg und murmelte leise ein Gebet, auch die Andern thaten es.
Dann erzhlte er weiter:
    Seit der Schreckensthat liegt Blut auf Ruland, bis die Shne, so da
lebten, um sich auf den blutigen Thron zu setzen, neben ihm ruhen in der
Kaisergruft von Alexander-Newskoi, und kein Blut mehr klebt an der Krone Dessen,
der sie trgt. Von der Zeit an, da ich die Mrder zu meinem Herrn gelassen und
ihr Sbel diesen Schdel spaltete, wohnt ein zweiter Geist in diesem Krper,
ber den ich nicht Herr werden kann. Ich konnte nicht sterben fr den Czaren,
den meine Unvorsichtigkeit in die Hnde seiner Mrder geliefert. Als ich
erwachte, lag ich in einer Klosterzelle, wohin mitleidige Kameraden mich
gebracht. Ehrwrdige Mnche pflegten mich, und als ich gena, sa lngst der
neue Czar auf dem Thron seines Vaters. Zum Glck fr mich achtete Niemand auf
den armen erschlagenen Kosacken und mein Mund blieb verschlossen ber die
Schrecken der blutigen Nacht.
    Aber mein Leben schuldete ich dem todten Czaren, und wenn der Neumond kam
und sein bleiches Licht auf mein wundes Gehirn brannte, da wurde es lebendig um
mich von blutigen Gestalten, und ich ras'te in der Schlacht, oder in der Steppe
auf wildem Ro, und sie nannten mich Iwan, den Steppenteufel, weil mein Antlitz
gezeichnet war, wie das eines Teufels.
    Ich schlug die Schlachten des heiligen Ruland's alle, aber keine brachte
mir den Tod, den ich dem todten Czaren schuldete. Ich sah das erste Mal das
Gericht heraufziehen ber das Land und die Feinde ihre Rosse tummeln auf seinen
Fluren! Die Hand Gottes schlug sie, denn die Hand des Herrn verlt Ruland
nicht, selbst in seiner Erniedrigung.
    Drei der Shne des Czaren liegen in der Kaisergruft und der vierte hlt mit
mchtiger Hand die Krone auf seinem Haupte. Er war ein Knabe zwar, als die
Blutthat geschah und schuldlos daran; aber er ist von seinem Saamen, und zum
zweiten Male seh' ich die Wetterwolken druen ber den Shnen des Gemordeten.
    Der Aelteste der Enkel, Boris, unterbrach die kurze Pause.
    Erzhle uns, Djeduschka1, was aus den Mrdern wurde, die Hand gelegt an den
gesalbten Leib des Czaren.
    Das Gericht des Herrn wandelt sichtbar auf Erden. Der Erbe des Thrones
wandte sein Angesicht von ihnen, nachdem die blutigen Hnde ihn mit der Krone
geschmckt. Die Einen starben in der Verbannung, die Andern fern an den Grnzen
des Reiches unter den Schwertern der Feinde und dem schwarzen Odem der Seuche,
Alle von den Menschen verachtet, von Gott verflucht.
    Und der Mann, der Dich verwundet, als Du den Czaren vertheidigtest? fragte
Olis.
    Er ist der Einzige, den Gott brig gelassen hat, auf da ich sein Gericht
an ihm vollziehe. Wie ich fr meine Snden als schlechter Wchter meines
Dienstes, ist er von dem Herrn durch den Degen des gemordeten Czaren gezeichnet
worden fr's Leben. Und wenn er lnger als fnfzig Jahre die Kainsstirn vor der
Welt verborgen, - das Gericht sollt' ihn dennoch ereilen und der heilige Iwan,
mein Schutzpatron, hat ihn am Ende meiner Tage in meine Hand geliefert, auf da
Iwan, der Steppenteufel, zu Iwan, dem Rcher werde! - Ihr, die Ihr jung seid und
weder Ha noch Liebe habt fr die vergangene Zeit, - Ihr sollt sein Urtheil
sprechen.
    Den Tod, sagten Wanka und Alexei.
    Wir wollen Jeder mit Deinem Feinde kmpfen, sprach Wassili.
    Er mu ein Greis sein, wie Du, Djeduschka, bemerkte Olis. Sag' uns seinen
Namen und wo wir ihn finden mgen?
    Es waren drei Brder, die das Frstenhaus der Zuboff gebar, sprach der
Alte. Zwei der Mrder ihres Czaren ruhen im Grabe, der Dritte und Jngste,
derselbe, der mich zu Boden schlug, lebt! - es ist - - -
    Ein dunkler Schatten schien zwischen ihnen dahin zu gleiten, eine breite
Hand legte sich auf den Mund des Atamans. Die hohe Gestalt des greisen Rohirten
stand unter ihnen - seine Linke wies nach dem Mond:
    Die Stunde ist da - komm!
    Die gebieterische Geberde des Tabuntschiks halte Alle verstummen gemacht.
Schweigend erhob sich der alte Kosack und nahm aus den neben ihm liegenden
Halftern des Sattels seine Reiterpistolen, die er in den Grtel steckte. Dann
wandte er sich zu seinen Enkeln und deutete mit dem Finger auf die Mitte des
Kreises.
    Bleibt und schweigt! befahl er kurz.
    Der Tabuntschik schritt voran - er war ohne alle Waffen, mit Ausnahme des
kleinen Beils in seinem Grtel; der Ataman folgte ihm eben so stumm.
    So berschritten sie den Graben, der den Tabun von der Steppe schied, und
wandten ihre Schritte nach der tiefen Regenschlucht, in der wenige Stunden
vorher der arme Jmschtschik mit seinen Pferden den Tod gefunden hatte. Die
Knechte des Tabuntschik hatten an derselben Stelle bereits ein Grab gegraben und
die Leiche versenkt, die formlosen Massen der Pferde aber lagen noch zur Seite.
    Unfern des Grabhgels, auf den der Mond durch den Eingang der Schlucht seine
bleichen Strahlen warf, blieb der Tabuntschik stehen und wandte sich, die Arme
ber die Brust gekreuzt, zu seinem Begleiter.
    Diese Stelle, sagte er ruhig, liegt auer den Grnzen, die Dir
Gastfreundschaft gewhrt. Die freie Steppe ist Jedermanns Eigenthum und der Tag,
da Du mein Salz gegessen, ist vorber. Was willst Du von mir?
    Dein Leben, Vterchen, wenn Du Frst Michal Zuboff bist.
    Was sollte ich es leugnen, da Du der Einzige warst, der mich seit den
dreiig Jahren erkannt hat, da ich diese Steppe bewohne.
    Dann mut Du sterben!
    Ich habe Dir bereits gesagt, Mann, sprach der Tabuntschik finster, ich
kenne Dich nicht. Wenig liegt mir am Leben und ich hoffte lngst auf die Ruhe
des Grabes, die nicht kommen will fr den Schuldigen. Aber wer giebt Dir das
Recht, mich zu richten?
    Erinnere Dich, Vterchen, der Nacht des 23. Mrz, entgegnete der alte
Kosack, indem er langsam die Pistolen aus seinem Grtel zog und ihre Schlsser
prfte.
    Der Greis lachte wild und gellend auf.
    Skotina! meinst Du, da ich je Dessen vergessen knnte, was wie hllisches
Feuer hier brennt?
    Er deutete mit dem Finger auf seine Stirn.
    Gedenkst Du des jungen Leibkosacken des Czaren, dessen thrichte Unvorsicht
den Mrdern die Thr ffnete? erinnerst Du Dich, als der leichtglubige Diener
seine Thorheit gut machen und die Schwelle seines Herrn mit seinem Leibe decken
wollte, da Dein Sbel ihn zu Boden schlug? - Schau' her, das Zeichen von Deiner
Hand, das er dreiundfnfzig lange Jahre mit sich getragen durch die Welt.
    Ich erkenne Dich jetzt.
    Iwan, der Kosack. fuhr der Alte fort, will nicht morden, wie die
Vornehmen thun. Nimm diese Pistole, Frst, und la uns kmpfen als Mnner. Die
Heiligen werden meine Hand leiten.
    Der Gechtete hatte sich auf einen Stein gesetzt.
    Ich werde die Meine nicht mehr gegen Dich erheben. Tdte mich, aber
verschweige Denen, die da oben schlafen, meinen Namen.
    Ich habe auf meinem Schmerzenslager einen Eid geleistet bei dem heiligen
Andreas, dem Mrtyrer, sprach traurig der alte Kosack, doch Du warst
verschwunden damals, als ich Dich suchte. Jetzt bin ich ein alter Mann, aber ich
mu ihn dennoch halten. Es thut mir leid, Frst Michael, da Du sterben sollst
wie ein Hund in der Steppe, nicht wie ein Mann im Kampf, denn Du warst in Deiner
Jugend ein Tapferer, bis die Blutschuld auf Dich kam. So la uns denn beten, da
sie Dir vergeben werden mge, denn der Augenblick der Rache ist gekommen.
    Er spannte den Hahn seiner Pistole; - bewegungslos, das Haupt auf die Hand
gesttzt, sa der Tabuntschik, den finsteren Blick zur Erde gerichtet.
    Gott und die Heiligen seien Dir gndig!
    Der Alte erhob die Pistole .......
    Aber eine dritte Hand legte sich abwehrend auf seinen Arm und eine milde
Stimme ertnte:
    Die Rache ist mein, spricht der Herr.
    Es war der Menonit, welcher gesprochen, dann fuhr er mit sanftem, in die
Seele dringendem Tone fort:
    Wer bist Du, da Du es wagst, die Hand gegen Deinen Bruder zu erheben? -
Was dieses Mannes Vergehen auch sei, ich kenne es nicht, so wenig wie Dein Recht
zum Richten, aber Gott, der Herr, hat mich noch zu rechter Zeit hierher gesandt,
um Dir eine Todsnde zu ersparen. Wenn Gott vergiebt, wie viel eher mssen wir
Menschen nicht vergeben, die von seiner Gnade gemacht sind? Lege das Werkzeug
des Mordes von Dir, alter Mann, der Du selbst bald vor Deinem ewigen Richter
stehen wirst, und bete zu ihm um Vergebung fr den Frevel, den Deine Hand
begehen wollte.
    Der alte Kosack sah den Prediger unwillig von der Seite an, steckte aber die
Pistole in seinen Grtel.
    Du bist Einer von den Frommen, die hier wohnen, wie ich gehrt habe, sagte
er, dem eine ehrliche Kriegswaffe ein Greuel ist und die nicht einmal fechten
wollen fr Gott und die Heiligen. So bete Du denn zu Gott fr uns Beide, denn
was ich mit dem Manne dort abzumachen habe, kann weder Deine Hand noch Dein Wort
zurckhalten. Unser Beider Leben ist dem heiligen Ruland verfallen. Wenn Du ein
Mann bist, Tabuntschik, so folge mir.
    Der Angeredete erhob sich, doch der Menonit hielt sie zurck.
    Eure Schuld mag schwer sein, Brder, da Ihr also sprecht, sagte er, aber
wre sie tief wie das Meer und hoch wie der Ararat, Gottes Gnade und Vergebung
ist hher und unergrndlicher, so ein Snder Reue fhlt. Wir lieben das Handwerk
des Krieges nicht und unser Glaube verbeut uns, die eigene Hand zum Kampf gegen
Mitmenschen zu bewaffnen. Aber wir achten die Tapfern, die fr das Vaterland
kmpfen. So Ihr Euer Leben schuldig zu sein glaubt, so weiht es Eurem Vaterlande
und opfert es auf den Wege der Pflicht, denn auch die Hand des Alten und
Schwachen vermag Mchtiges, wenn Gottes Schutz und das Recht mit ihr ist.
    Der Tabuntschik zuckte empor.
    Du hast Recht, Mann - das ist, was meiner Seele fehlte. Noch fhl' ich
Kraft genug in diesem alten Leibe, um gegen die Feinde Ruland's zu stehen. La
mich mit Dir ziehen, einen Greis, lter als Du, Iwan, und Beide unser Leben
weihen auf dem Opferaltar, der Ruland heit. An Deiner Seite will ich fechten,
Mann, und Du wirst mich sterben sehen zur blutigen Shne der Vergangenheit.
    Der alte Kosack schwieg einige Augenblicke, dann fhrte er den Tabuntschik
zur Seite.
    Du kannst nicht fechten neben mir und meinen Shnen, Frst Michael, sagte
er fest, denn Deine Hand raucht von Blut, und der Fluch wrde bei den
Unschuldigen sein. Aber ich wei, da ich Deinem Worte trauen darf. Willst Du
schwren auf das heilige Kreuz, da Du sterben wirst fr Ruland gegen seine
Feinde?
    Ich schwre es!
    So geh' - vergeben kann ich Dir nicht, aber die Shne lege ich in die Hand
des Herrn. Auf Wiedersehen vor dem Richterstuhl Gottes.
    Er wandte sich von ihm und verlie mit dem Menoniten die Schlucht, in der
einsam am Grabe des Jmschtschiks der alte Kaisermrder die Nacht verbrachte.
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    Als nach Tagesanbruch die Gesellschaft zur Abfahrt sich anschickte, trat der
alte Tabuntschik zu Frst Iwan Oczakoff.
    Ich habe vernommen, sagte er, da der Gouverneur von Taurien sich gegen
die Franzosen und Moslems rstet und Pferde braucht. Sage ihm, da Michael, der
Tabuntschik, mit dreihundert krftigen Rossen in Baktschiserai sein wird, ehe
der Mond sein letztes Viertel geendet. Du aber, junger Mann, gestatte einem
Greise, da er dann mit zehn rstigen Knechten in Deine Dienste tritt, und unter
Deinen Augen seine letzten Tage dem heiligen Ruland weiht.

                                    Funoten


1 Grovterchen.


                                    Uursah.

Die Hitze des Tages, des nmlichen, dessen Ereignisse in Varna wir in der
vorigen Scizze zu erzhlen begonnen, hatte schwere Gewitterwolken von Sden
heraufgefhrt, die, an der Bergkette des Balkan hinziehend, ihr fernes
Wetterleuchten ber Meer und Land gossen.
    Der Konak von Sali-Pascha, dem trkischen Gouverneur von Varna, demselben,
dessen Proze wegen Ermordung seiner griechischen Sclavin zwei Jahre spter1 die
Aufmerksamkeit Europa's auf sich lenken sollte, war der Einquartierung so wenig
wie jedes andere Gebude Varna's entgangen, und es hatten in seinen vordern
Hfen zwei Compagnieen der schwarzen schottischen Schtzen gelagert. Dieselben
waren jedoch am Nachmittag auf den Schiffen der Expedition eingeschifft worden
und ihre Stelle hatten die eingetroffenen kurdischen und arnautischen
Freischaaren eingenommen.
    Die Hfe standen voll Pferde, an den Mauern, unter jedem Vorsprung, unter
jedem Dache lagerten die Gruppen der Reiter, nach ihren Landsmannschaften
getrennt, whrend die Diener, Khawassen und Soldaten des Pascha's ab- und
zugingen.
    Selbst der hintere Theil der Wohnung des Pascha's war seinem eigenen
Gebrauch nicht allein vorbehalten geblieben. Du eiferschtige Moslem hatte sein
Harem nach Constantinopel entfernt, um jede Berhrung mit den Christen zu
verhindern, und das Haremlik mit Sir Edward Maubridge getheilt, der der
persnlichen Protection des englischen Oberbefehlshabers geno und auerdem mit
Sali-Pascha bekannt war, welcher vor dem Kriege zur Gesandtschaft in London
gehrte und, - gleich vielen andern vornehmen Moslems - eine gewisse europische
Tnche des Aeuern sich zu eigen gemacht hatte.
    In einem wohl erleuchteten Gemach dieses Haremliks, in dem mehrere
Gegenstnde, zur Reise gepackt, umherstanden, befanden sich am spten Abend noch
drei Personen, zwei Mnner und eine Frau; die Erstern waren der Baronet und
Sali-Pascha, ein schner, noch ziemlich junger Mann, dessen Antlitz jedoch in
seiner matten Farbe und in den dunklen Ringen um die dunklen Augen die
Erschlaffung der Haremsgensse verrieth, - die Frau war Nausika, die Begleiterin
und Maitresse des Baronets, seit er ihr Rendezvous mit dem Midshipman gestrt.
Die Schlaue, die Gefahr ihrer frheren Erinnerungen einsehend, hatte jedoch
ihren Namen gendert und nannte sich seitdem Nedela.
    Whrend die beiden Mnner nach europischer Weise bei den Resten des Mahles
am Tisch saen, zwei Flaschen des milden Brussaweins vor sich, den der Pascha,
sich wenig um die verbietende Satzung des Korans kmmernd, mit Genu schlrfte,
lag Nausika-Nedela auf den Polstern des Divans, und ihr feuriges, beobachtendes
Auge wanderte von dem Einen zum Andern. Da der Baronet mit finsterer Miene, das
Haupt auf die Hand gesttzt, am Tisch sa, begegnete es hufig den
leidenschaftlichen Blicken des Moslems mit einer aufreizenden Koketterie und
einem Ausdruck, der auf ein Einverstndni zwischen Beiden schlieen lie.
    Zu dem Wesen des Baronets war eine gewisse Unruhe, ein Kampf seiner Seele
bemerklich, den er durch hastiges Trinken zu betuben suchte.
    Es waren am Abend zwei frnkische Offiziere hier, sagte der Pascha, die
den Gefangenen sprechen wollten. Sie sind abgewiesen auf meinen Befehl.
    Ich danke Dir.
    Der verrtherische Giaur wird morgen sterben in der zweiten Stunde. Es
vermag ihn Nichts zu retten. Wann schiffst Du Dich ein, Beisdih?
    Mit Sonnenaufgang. Unsere Sachen sind grtentheils bereits an Bord der
Brigg, deren Cajte ich gemiethet habe. Doch Du kennst unsern Vertrag, Freund
Sali?
    Inshallah! was werd' ich nicht! Ihr Franken habt zwei Augen im Kopfe und
Eure Zunge ist gespalten. Du hast den Hekim-Baschi unter das Schwert unserer
Gerechtigkeit geliefert, der ihn alle Franken-Pascha's nicht entreien sollen.
Aber er mag entfliehen, wenn Du es so willst. Was ist an einem Hunde gelegen!
    Er hat den Tod verdient, sagte der Baronet, denn ich wei, da er ein
Verrther ist. Aber er besitzt ein Geheimni, das sein Leben retten kann. Ich
mu den Versuch mit ihm machen.
    Was willst Du von ihm, o Beisdih?
    Nur den Namen und den Aufenthalt eines Mannes, der mein Feind ist und dem
ich ein Leben entreien mu, das mir gehrt. Meine Anstalten sind getroffen. Ich
kann mich auf Deine Leute verlassen? denn ich mag die Hilfe meiner Landsleute
nicht in meine Angelegenheiten mischen.
    Arnud-Mustapha, der Fhrer meiner Khawassen, frchtet den Scheitan nicht,
und Hussein-Aga, mein Verwalter, ist mir treu ergeben. Sie harren mit
Yaver-Mehemed Dein bei der Wache des Thores und werden Dir berall hin folgen.
Vassili, mein griechischer Diener, wird Euch zu ihnen geleiten, sobald Du
befiehlst.
    Der Zugang zu dem Gefangenen ist also frei?
    Bismillah! Ich habe ihn in das bestimmte Gemach fhren und die Wache von
seiner Thr entfernen lassen, da Du es wnschtest. Der Hof ist voll von Kriegern
und seine Flucht unmglich. Hier ist der Schlssel zu seinem Kerker.
    Gut! - So will ich den Versuch machen, - es ist eine Stunde vor Mitternacht
und Zeit, da Du Dich zur Ruhe begiebst, Nedela. Wir mssen mit Sonnenaufgang zu
Schiffe.
    Das Mdchen wechselte rasch einen Blick des Unwillens mit dem Moslem.
    Ich fhle mich unwohl, Herr, und mchte, da Du mich auch diesmal
zurcklieest.
    Es geht nicht oder Du mut berhaupt auf meinen Schutz verzichten. Meines
Bleibens ist in Varna nicht, auch wenn meine Absicht milingt, und
Constantinopel ein besserer Aufenthalt fr Dich, als dies Heerlager.
    Der Pascha hatte sich erhoben.
    Mge der Himmel Deinen Wnschen gnstig sein, Franke, sagte er, dem
Englnder die Hand reichend. Ich werde Dich morgen vor Deiner Abreise sprechen
und erfahren, was das Kismet gewollt hat.
    Er neigte sich hflich vor der Griechin, deren Augen ihm bedeutsam winkten,
und verlie das Gemach.
    Noch kurze Zeit schritt der Baronet auf und nieder, dann nahm er aus einem
Kstchen zwei Terzerole, prfte die Schlsser und steckte sie zu sich. Er warf
einen Offiziermantel um seine Schultern, setzte eine Militairmtze auf und trat
so zu dem Mdchen, das stumm bisher seinen Bewegungen gefolgt war.
    Ich mu Dich verlassen, Nedela, fr diese Nacht, sagte er, denn ich habe
Wichtiges vor. Du wirst Dich nicht frchten, allein zu bleiben?
    Warum sollte ich mich frchten, entgegnete mrrisch die Schne. Ich bin
gewohnt, da Du mich allein lssest und all' die schnen Dinge unerfllt
bleiben, die Du mir versprochen hast, als Du mich aus Constantinopel fhrtest,
wohin ich nicht zurckkehren mag. Bin ich eine Sclavin, die man einsperrt, oder
bin ich ein griechisches Mdchen, das seine Freiheit hat, zu thun, was es
will?!
    Du bist thricht, Nedela! Dieses Heerlager von Soldaten eignet sich nicht
fr ein Weib.
    Und warum nicht? Ich bin jung, ich bin schn und werde Freunde finden in
Menge, die mich mehr lieben, als Du, und weniger finster sind. Denn ich wei,
Herr, Du liebst mich nicht. Du ziehst rastlos umher und ich bin nur das
Spielwerk Deiner Laune und Dir lngst zur Last. Ich mag nicht nach
Constantinopel.
    Du bist ein Kind, Nedela, und weit nicht, was Du willst. Nachdem ich mich
Deiner angenommen, kann ich Dich nicht hilflos verlassen. Ich will Dich zu
Deinen Verwandten im Fanar zurckbringen, von denen Du mir erzhlt, und Dich
reichlich versorgen, wenn Du mich nicht ferner begleiten willst. Ueberlege
Deinen Entschlu wohl bis morgen.
    Er verlie sie. Das eitle und gefallschtige Mdchen, das whrend der
Abwesenheit des Baronets bereits ein Verstndni mit Sali-Pascha angeknpft
hatte und dessen Favoritin zu werden hoffte, sann unruhig auf Mittel, wie sie
sich der Aufsicht ihres Beschtzers entziehen knne, denn der vorsichtige Pascha
hatte sich streng geweigert, einen Streit oder Bruch ihrethalben mit dem
Gastfreund herbeizufhren.
    In diesem Sinnen strte sie ein leises Kratzen an der Thr des Gemaches. Sie
klatschte in die Hnde, zum Zeichen des Eintritts und Vassili, der griechische
Diener, erschien sofort auf der Schwelle und hob den Teppichvorhang.
    Der arme verliebte Soldat, den Caraiskakis, unter Vernderung seines Namens
Vaso in Vassili, in den Dienst des Pascha's gebracht hatte, war durch die
Frbung seiner Haare, das Wachsen seines Bartes nach trkischer Sitte, whrend
die Griechen das Kinn glatt geschoren tragen, und ein Pflaster auf einem Auge,
vllig unkenntlich geworden. Selbst seine Stimme hatte der Wunsch, immer in der
Nhe der frheren Braut zu sein und die Furcht, sobald er erkannt worden, von
ihr gewiesen zu werden, zu verndern gewut. Die Ergebenheit und der
Diensteifer, den er bei jeder Gelegenheit fr die Leichtsinnige zeigte, waren
auch von ihr nicht unbemerkt geblieben und sie benutzte ihn fr alle vertrauten
Dienste.
    Dennoch lag in diesem feigen zertretenen Herzen eine heftige Leidenschaft,
eine glhende Eifersucht verborgen, die einst zur blutigen That werden sollte.
    Herrin; flsterte der Diener, bist Du allein?
    Ich bin's, Vassili, was hast Du?
    Ein Armenier, der in das Konak gekommen, bittet Dich dringend, ihn zu
sprechen. Er sagt, er brchte Dir Botschaft von Deinem Vater.
    Das Mdchen sprang empor, wie von einer Feder geschnellt.
    Von Janos, meinem Vater? Es ist unmglich!
    Vaso hatte die Thr geffnet, der Armenier in Barett und Bart schlpfte
herein. Durch die Oeffnung sah man zugleich neben Vaso die Gestalt eines jungen
trkischen Matrosen.
    Wer bist Du? woher kommst Du? fragte hastig Nedela.
    Der Fremde nahm Barett und Bart ab.
    Du bist Nausika, die Tochter Jani's, des Kameeltreibers, sagte Gregor
Caraiskakis, erkennst Du mich, Mdchen?
    Die junge Smyrniotin hatte sich einige Schritte zurckgezogen, ihr Antlitz
zeigte den schnellen Wechsel der Farben.
    Heilige Maria! Du bist der Mann, der mich Aermste aus dem Bosporus rettete,
der im Fanar ... -
    Sie vollendete nicht, das Bild jener Nacht stand vor ihrer Seele, wenn auch
mit einem unbehaglichen Gefhl der Erinnerung, denn die Erscheinung und die
Ansprche eines alten Liebhabers harmonirten keineswegs mit ihren Plnen.
    Aber Gregor, von einem doppelten Gefhl erfllt, der Erinnerung an den alten
Freund, der mit seinem Blut die Treue besiegelt, und den Schwren jener Nacht
voll Wollust, Vergessen und Liebe, unterbrach sie.
    Hre mich an, Nausika, sprach er hastig, die Minuten sind uns gezhlt,
ich komme, Dich zu retten aus diesen unwrdigen schmachbedeckten Fesseln, in die
Deine bedachtlose Jugend Dich gefhrt. Ich komme, um gut zu machen eine theure
Schuld an Deinem Vater, eine Schuld an Dir. Welche Vergangenheit auch an Dir
klebt, Gregor Caraiskakis wird Dich zu seiner Gattin machen und sein Namen wird
jeden Flecken von Dir nehmen.
    Er breitete die Hnde nach ihr aus, die ehemalige Odaliske schien jedoch
wenig beeilt, sich seiner Sorge anzuvertrauen.
    Du kommst von Janos, meinem Vater - es sind Jahre vergangen, da ich nicht
von ihm hrte und ich bin seine Tochter nicht mehr.
    Du bliebst es, denn Du warst ein willenloses Opfer des Frevels. Er hat ihn
gercht, aber er ist selber hinber gegangen zu den Gefilden der Glckseligen.
Ich vollziehe sein Erbe, indem ich Dein Retter und Schtzer werde fr's Leben.
    Selbst die Nachricht von dem Tode ihres Erzeugers, schien nur wenig Eindruck
auf das in den Intriguen und Gelsten des Harems verdorbene Herz der Schnen zu
machen.
    Wohin willst Du mich fhren, wenn ich Dir folge? fragte sie.
    Ich werde Dich an einen sichern Ort geleiten, wo Du bleibst, bis diese
Kriegsstrme ausgetobt. Du wirst mit Nicolas, meinem Bruder, nach dem russischen
Gebiet fliehen.
    Das Mdchen schttelte verchtlich den Kopf.
    Wozu? ich habe Freunde hier - der Beisdih ist mein Beschtzer.
    Fluch ber den Verrther! Sein falsches Herz hat das Leben meiner eigenen
Schwester gebrochen, und er wird Dich eben so verstoen, wie er sie verstoen
hat. Die Rache ist auf seinen Fersen.
    Du bist sein Feind?
    Bis ber das Grab hinaus. Drei Dinge fhren mich hierher: Dich zu holen,
den gefangenen Freund vor dem schimpflichen Tode zu retten und mich an dem
Inglis zu rchen. Wo ist er?
    Die Odaliske sah ihn mit einem seltsamen, forschenden Blick an.
    Meinst Du den deutschen Arzt, den der Inglese hat zum Tode verurtheilen
lassen?
    Denselben. Er kannte Deinen Vater - er ist fr uns're Sache in Gefahr.
    Und Du willst ihn retten vor seinen Feinden und diese verderben?
    So wahr mir die Mrtyrer helfen mgen, ja!
    Sie fate seine Hand, - ihr Hauch blies die Lampe aus, da er in dem Dunkel
des Gemaches die frohlockende Miene nicht sehen konnte:
    Bist Du bewaffnet?
    Er legte ihre Hand auf seine Brust, sie fhlte unter dem Gewand die Knufe
der Pistolen und den Griff eines Dolches.
    So komm'!
    Sie zog ihn hastig durch mehrere Gemcher; die Matten und Teppiche dmpften
das Gerusch ihrer Schritte. Dann auf eine letzte Thr deutend, deren Spalt
einen hellen Lichtschimmer ausstrmen lie, flsterte sie: Dort! ich erwarte
Dich! und entfloh.
    Gregor Caraiskakis nherte sich der Thr, durch die ihm zwei bekannte
Stimmen entgegenschallten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In einem Gemach des steinernen Hauptgebudes des Pascha-Konaks, wohin er
nach dem Kriegsgericht gebracht worden, sa der deutsche Arzt, bemht, mit
mglichster Fassung und Ergebung das traurige Schicksal zu erwarten, das ihm fr
den nchsten Morgen zuerkannt worden.
    Er vermochte nicht zu entscheiden, ob seine Vertheidigung mehr an dem bsen
Willen oder der Gleichgltigkeit der Beisitzer des Gerichts gegen ein
Menschenleben gescheitert war, aber bei dem vollen Bewutsein seiner Unschuld
blieb er doch gerecht genug, anzuerkennen, da die Beweise gegen ihn schwer und
erdrckend gewesen. -
    Die Nacht vor einem Duell, - die Nacht vor der Hinrichtung, - les derniers
heures d'un condamn, - sind eine Zeit, die der Dramatiker und Romanschreiber
wohl mit Redensarten von Ruhe und Heroismus ausfllt, deren Furchtbarkeit aber
selbst fr das bestgeordnete Gewissen nur Der zu fassen versteht, der Aehnliches
erlebt. -
    Sterben - diese groe Schluscene des Lebens, auf die man sich niemals
vorbereitet! - Sterben - dieses unsgliche und undurchdringliche Geheimni des
Daseins, mit dessen Lsung das grte Elend uns zufriedengestellt sehen wrde,
mit dessen unheimlichem Rthsel alles Glck und alle Gter der Erde uns schwarz
erscheinen! - Sterben - jene Hoffnung der Liebe und des Unglcks, jene Marter
des Gewissens und des Genusses! - Sterben - jene heilige Phantasie des Glaubens
und jene schreckliche Leugnung der Selbststndigkeit des electrischen Funkens,
Leben genannt durch die Aerzte und Philosophen! - Sterben - auf welchem
denkenden Herzen lastete die furchtbare Aussicht nicht!
    Thoren erzhlen von dem Heroismus, mit dem Mnner zum Tode gegangen. Thoren
sehen nur die uere Hlle, nur die gttliche Stolzeskraft der Seele, die den
Krper aufrecht erhlt - nicht die Gefhle des Herzens.
    Sein Leben rollte Bild auf Bild an ihm vorber, - die Kinderjahre im Hause
des Vaters, auf dem Straenpflaster der preuischen Residenz - die
Universittsjahre, der Eintritt in das wogende unverstandene politische Leben.
Noth und Leichtsinn, Kummer und Stolz in Paris - die drckenden Fesseln des
politischen Bundes, - die farbenhellen Bilder des Orients, Ruhe und Kampf,
Jammerschrei und pulsirendes Leben - Blut neben Gold - Schlacht und Seuche - und
jene Nacht! jene Nacht mit ihren geheimnivollen Rthseln und Freuden - - -
    Fare well!
    Die Riegel an seiner Thr rasselten, durch die geffnete trat eine Gestalt,
in den Militairmantel gehllt, herein und blieb vor ihm stehen. Langsam
entfernte sie die bergende Hlle, - der Baronet, Edward Maubridge, stand vor dem
Verurtheilten. Sein Gesicht war bleich, sein Auge entschlossen.
    Sie hier? - was wollen Sie? - Sie haben Ihr Werk vollendet.
    Hren Sie mich, sagte der Baronet, hren Sie mich ruhig an, wie es dem
Mann zum Manne ziemt. Dann fassen Sie Ihren Entschlu.
    Er hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er, als habe er diesen Auftritt,
jede Sylbe seiner Erklrung, durch seinen Entschlu festgestellt, ruhig fort:
    Das Schicksal hat uns zusammengefhrt, die wir der Wege verschiedene
wandelten. Es warf Sie in den meinen, als Gefhrten eines Mannes, den ich htte
lieben knnen und den ich hassen und verfolgen mute, und diesem Ha sind auch
Sie zum Opfer gefallen.
    Ich bin ein Englnder, - das heit hartnckig und stolz. Die Frauen sind
meine Leidenschaft oder meine Schwche. Ich sah in Smyrna die Schwester Ihres
Freundes, Diona, und liebte sie. Bei dem Normannen-Blut meiner Vter! ich liebte
sie! Nur die teuflische Einflsterung des Schurken von Consuls in Smyrna lie
das Recht mich in Hnden behalten, die Gltigkeit unserer Ehe je nach meinem
Willen anzuerkennen oder zu verweigern. Bei Gott - htten nur ihre Augen
gesprochen, das Kind unter ihrem Herzen, mein besseres Ich htte gesiegt und ich
sie nach England gefhrt als meine Gattin.
    Wozu mir das, einem Sterbenden?
    Sie werden es sogleich erfahren, Sir. Als Sie mit dem Banditen Janos in
unser Asyl einbrachen und Diona mir nahmen, fhlte ich erst recht die Strke
meiner Liebe; als Ihr Freund auf dem Verdeck des Niger mir jedoch die Rechte
seiner Schwester abtrotzen wollte, da stieg der Teufel meines Trotzes und
Stolzes in voller Strke in mir empor, und es begann ein Kampf zwischen mir und
ihm, der vielleicht nur mit unserm Leben endet. Ein freundliches Wort htte am
Grabe des Achill, als ich die Pistole gegen ihn hob, wahrscheinlich unser Aller
Schicksal gewendet.
    Das Wort auszusprechen, Sir, war an Ihnen.
    Es ist mglich, - ich will nicht streiten darber, es geschah nicht und der
Kampf war begonnen. Sie wissen wahrscheinlich, da mein Weib auf der See bei
Geburt ihres Kindes starb, da ich als Gefangener nach Sebastopol gefhrt wurde,
da Ihr Freund mich von meinem Kinde trennte und geschworen hat, es mir nie
zurckzugeben. Schwur gegen Schwur, ich mu meinen Sohn haben und setze mein
Leben daran. Caraiskakis war in meinen Hnden, er wurde mir entrissen und ich
glaubte ihn bei einer Scene des Aufstands im Fanar von Constantinopel
erschlagen.
    Ich wiederhole die Frage, - wozu mir das? einem Sterbenden?
    Sie waren der Freund, der Vertraute des Mannes, den ich verfolgte. Sie
wuten vielleicht um das gegen alle meine Spione wohlverwahrte Geheimni des
Kindes. Ihre Spur fhrte nach Silistria und ich ging dahin. Dort erhielt mein
Verdacht die Besttigung, da Diona's Bruder, mein Gegner, am Leben, denn mit
dem Briefe des Russen, den Ihnen mein Diener stahl, fiel ein solcher jenes
Mannes in meine Hnde: Er ist in Varna.
    Es ist mglich.
    Es ist gewi; ich wei es, aber es ist all' meinen Anstrengungen unmglich
gewesen, ihn aufzufinden. Sie kennen seinen Aufenthalt. Ihr Verrath in Silistria
in Verbindung mit Ihrem Freunde ...
    Der Gefangene legte die Hand auf den Arm des Baronets.
    Halten Sie ein, Sir, und thun Sie einem Sterbenden nicht ein Unrecht. Sie
wissen, da ich unschuldig bin, da von dem politischen Fanatismus des Mannes,
den ich Freund nannte, mein Name, meine Diener gemibraucht sind zu der
entehrenden Spionage, da ich selbst aber keinen Theil daran habe.
    Ich wei nicht, ob Sie unschuldig sind, oder schuldig, sagte der Brite
heftig, die Beweise sind gegen Sie und Sie sind auf mein Zeugni verurtheilt,
das ich gegeben, wie ich es als Mann verantworten kann. Jedenfalls hat Sie Ihr
Freund, in diese Lage gebracht, und Sie haben keine Rcksicht mehr auf ihn zu
nehmen. Ihr Leben, Sir, Ihre Rettung liegt dagegen in meinen Hnden.
    Wie das?
    Ich habe die Mittel, Sie noch in dieser Stunde aus Varna zu fhren.
Antworten Sie mir als Mann von Ehre: kennen Sie den Aufenthalt meines Kindes?
    Ich wei nur, da es in der Krimm von seinem Oheim zurckgelassen worden
ist, Nichts mehr.
    Sie kennen den Aufenthalt des Herrn Caraiskakis hier in Varna? - Sir, es
gilt Ihr Leben.
    Ich glaube ihn zu kennen.
    Wenn ich Sie aus diesem Kerker noch in dieser Stunde befreie, wollen Sie
mich und einige der Meinen zu ihm fhren, da ich mich seiner Person bemchtigen
kann? - Merken Sie Wohl, ich will ihn nur zwingen, mein Kind mir auszuliefern,
und Goddam! diesmal soll er mir nicht entrinnen. In dem Augenblick, wo er mir
seinen Besitz abtritt, soll er frei sein.
    Sir, ich bin kein Verrther - auerdem, ich kann mein Leben nicht durch
Flucht retten.
    Sie sind ein Thor! Er hat Sie betrogen und zum Werkzeug seiner Zwecke
gemacht, wie Sie sagen, - er selbst hat das Band der Freundschaft, des
Vertrauens gebrochen ...
    Er ist hier, es einzulsen! sagte eine leidenschaftliche Stimme, Du aber,
doppelter Feind und Verrther, nimm Deinen Lohn!
    In der Thr stand der Armenier, seine Augen funkelten ... ...
    Caraiskakis - Goddam, er selbst - ich verhafte Sie ...
    Gleich dem Tiger sprang der verkleidete Grieche auf ihn zu, das Messer
blitzte in seiner Hand und sein Sto warf den Baronet zu Boden ...
    Hell and damnation - zu Hilfe ...
    Sein Blut berstrmte den Boden, mit der Linken hielt Caraiskakis seinem
Opfer den Mund zu.
    Rasch, Nicolas, rasch - das Bndel mit den Kleidern.
    Was haben Sie gethan, Gregor!?
    Der Arzt kniete zu dem Verwundeten und beschftigte sich mit ihm. Der starke
Blutverlust hatte den Baronet bereits ohnmchtig gemacht.
    Bei der Panagia, Freund, eilen Sie, wir haben keinen Augenblick zu
verlieren - legen Sie diese Kleider an! Nicolas, bewache die Thr!
    Lassen Sie mich, Herr - ich besudle meine Ehre nicht mit einer
schimpflichen Flucht.
    Um aller Heiligen willen, - Freund, - Bruder, keinen falschen Stolz! Ich
habe mein Leben gewagt, Sie zu retten - Sie mssen entfliehen!
    Der Deutsche achtete nicht auf ihn - er zerri sein Tuch, um die Wunde des
Englnders zu verbinden.
    Pltzlich erhob sich in der Ferne ein furchtbares Geheul, das immer hher
und hher schwoll - Trommeln wirbelten, Signalhrner bliesen, ganz Varna mit
seinen Heermassen schien aus dem Schlaf der Nacht zu erwachen.
    Jangin-war! - Jangin-war2!
    Der Feuerruf scholl in zehn Sprachen durch die Nacht, durch alle Straen
Varna's - im Konak wurde es lebendig, Menschen liefen umher, Geschrei, Fragen -
-
    Um des Himmels Willen, ich beschwre Sie, Welland, werfen Sie die Kleider
ber und fliehen Sie mit uns - jeder Augenblick Zgerung ist Verderben.
    Der Deutsche erhob sich, der Verband war angelegt.
    Entfernen Sie sich, Herr Caraiskakis, sagte er streng. Die Bande, die uns
verknpften, hat Ihr Trug zerrissen. Ich entschuldige Sie mit dem Fanatismus fr
Ihr Vaterland und vergebe Ihnen meinen Tod. Aber ich bin ein Preue, Herr, und
das graue Haupt meines Vaters werde ich nicht beschimpfen, indem ich durch feige
Flucht die Anklage des Spionenhandwerks besttige.
    Ewiger Gott - - hren Sie mich ...
    Gehen Sie - sichern Sie sich selbst, oder ich rufe um Hilfe. Gehen Sie und
lassen Sie mich versuchen, dieses Opfer Ihres Thuns zu retten.
    Er beugte sich, gleichgltig gegen die Beschwrungen des frheren Freundes,
wieder zu dem Verwundeten und begann mit der Sorgfalt des Arztes seinen Puls zu
prfen und die Wunde nher zu untersuchen, whrend drauen durch die Straen der
Stadt immer lauter der Feuerruf hallte, die Trommelwirbel schlugen, die
Kommandoworte der hin- und herjagenden Offiziere ertnten.
    Durch die dunklen Gnge des Konaks rannten die Khawassen und Diener des
Pascha's, die Wachen heulten ihr Jangin-war, die Pferde bumten und rasten - der
ganze weite Konak war auf den Beinen.
    In der Thr der Gefangenzelle erschien das bleiche Gesicht Vassili's,
mahnend an die Flucht, Nicolas strzte herein und ri mit Gewalt den Bruder
fort. - Das Vaterland gilt mehr, als ein Leben, und sei es das kostbarste! -
so schleppte er ihn davon, denn aus allen Thren strzten Menschen, die Stimme
Sali-Pascha's rief nach den Wachen, die treulose Nedela schrie jetzt Hilfe und
Mord, Lichter erhellten die Vorpltze, ber die Hfe go die Feuersbrunst, deren
Gluthwolken man hoch in den Himmel wirbeln sah, Tageshelle. Eine
unbeschreibliche Verwirrung herrschte hier und Menschen und Pferde drngten
durcheinander. Mitten im uern Hofe sah Nicolas Grivas mit einem Blicke die
Wlfin von Skadar auf dem schwarzen Ro halten und Befehle ertheilen, ihre
Arnauten um sich sammelnd; von dem Balkon des Tschardaks heulte der Derwisch der
Kurdin seine Sprche in's Getmmel, den Untergang Varna's verkndend, weil der
Schatten Gottes sich mit den Dschau'rs verbunden.
    Einen Moment glaubte der junge Grieche sich von dem Auge der Rcherin
gestreift und tauchte unter in dem Gewhl von Menschen; im nchsten waren sie
auerhalb des Thores des Konaks und in dem Strom, der sich nach der nahen Sttte
der Feuersbrunst ergo.
    Das Gedrnge hier, der Lrmen waren wahrhaft frchterlich. Die anrckenden
Compagnieen der Pionire und Sappeure muten sich mit Hieben ihrer Axtstiele Bahn
brechen. Wer unter die Fe getreten wurde, war verloren, ein jmmerlicher Tod
wartete seiner. Araber, Franzosen, Englnder, Trken - zehn Nationen bunt
durcheinander. Einzelne Griechen suchten sich eilig durch die Menge zu winden
und zu entfliehen, denn schon hatte sich das Gercht verbreitet, da Griechen
die Feuersbrunst angestiftet und mehrere beim Anznden des Magazins ergriffen
worden seien. Wilde Rufe nach Rache ertnten und die Erbitterung steigerte sich
immer hher, als man bemerkte, da die Huser, in denen Griechen wohnten, fest
verschlossen waren und kein Bewohner sich zeigte.
    Unfern des Konaks, wo die Strae zum sogenannten Corso und den Seethoren
sich wendet, drckte Gregor dem Bruder die Hand. - Fort mit Dir und erreiche
das Schiff. Du weit, wohin Du mir Nachricht zu geben hast. Die Heiligen
schtzen Dich! - Er warf sich - whrend Nicolas seinen Weg verfolgte - in die
Lcke, welche das rcksichtslose Dahersprengen mehrerer Generale in die
Menschenmauer ri, und gelangte so zu dem Platz, auf dem die Feuersbrunst
wthete.
    Ein nchtlicher Brand in der Trkei ist ein schreckliches Ding, so hufig es
auch vorkommt. An vernnftige, einigermaen wirksame Lschanstalten ist selbst
in Constantinopel nicht zu denken. Das, was vor Allem bei dem Lschen fehlt, ist
Wasser! man mte es geradezu kaufen. Die Bauart der Straen und Huser ist so
eng und gefhrlich, da man sich meist damit begngen mu, das brennende
Quartier abzusperren und das Weitere dem Himmel anheimzustellen.
    Das thut der Trke berhaupt immer - es ist sein Kismet.
    Die Feuersbrunst auf dem brigens ziemlich freien Platze war nicht weniger
schrecklich, als wenn sie in dem engsten Quartier stattgefunden, furchtbarer
noch durch die Sttten, die sie ergriffen.
    Auf der einen Seite stand das Lazareth in vollen Flammen; auf der andern war
ein groes Gebude, das zum Militair-Magazin diente und an das sich gleich
Schwalbennestern lange Reihen jmmerlicher Htten klebten, zwar bereits von dem
Feuer ergriffen, doch wurden die franzsischen Sappeurs, die rasend arbeiteten,
denn in den untern Rumen lag eine bedeutende Quantitt Pulver, - offenbar hier
der Flammen Herr.
    Desto furchtbarer, ber alle Beschreibung, war der Anblick des brennenden
Lazareths, das von den Mordbrennern an mehreren Orten angesteckt worden und
durch seine leichte Bauart mit vielem Holzwerk der Verbreitung der Flamme
weniger Widerstand entgegen gesetzt hatte, als das grtentheils aus Stein
errichtete und nur von groen hlzernen Anbau's gefhrdete Magazin.
    Das Militair, namentlich ein franzsisches Linienregiment, das zum Aufbruch
am andern Morgen bestimmt und daher marschfertig consignirt war, hatte bereits
begonnen, eine Chaine um die Brandsttte zu bilden. Wasser war nicht zu haben,
denn der nchstliegende Brunnen war bald erschpft und das Meer zu weit
entfernt; man mute das Gebude den Flammen berlassen und nur noch versuchen,
die einem schrecklichen Tode verfallenen Kranken zu retten.
    Aber es fehlte an Leuten, an allen Hilfsmitteln, die nicht die braven
Truppen selbst herbeischaffen konnten. Durch die eingeschlagenen Thren und
Fenster des Erdgeschosses schwangen sich unbekmmert um Feuer und strzende
Balken, die Tapfern in den Flammenpfuhl und trugen auf ihren Rcken die Kranken
heraus, gleichgltig gegen die Ansteckung der Seuche. Der ganze Boden umher,
grell beleuchtet von der Flamme, war bedeckt mit jammernden halbnackten
Gestalten, oft schon in der Agonie des Todes, den Flammen entrissen, um im
nchsten Augenblick doch dem unbarmherzigen Wrger in die Arme zu fallen. Die
Soldaten riffen ihre Mntel vom Gepck, um die Armen zu bedecken.
    Dennoch fanden mindestens sechszig Menschen, Kranke und kecke Wagehlse, die
sich in die Unmglichkeit strzten, ihren Tod in den Flammen, und wenn einer der
Unglcklichen fr Augenblicke an einer der obern Oeffnungen oder beim Einstrzen
einer Wand erschien und die Arme vergeblich hilfesuchend nach Unten streckte,
bis das strzende Balkenwerk, der Flammenwirbel ihn verschlang, brach ein
Gebrll der Wuth und des ohnmchtigen Grimms aus der Menge, als wren tausend
Tiger auf dem engen Raume versammelt.
    Der Marschall Saint Arnaud mit dem Prinzen, den Generlen Bosquet und
Epinasse und einem zahlreichen Stabe hielt auf dem Platz mitten im Gedrnge und
ertheilte seine Befehle, whrend um den englischen Oberbefehlshaber erst wenige
Offiziere versammelt waren, da die meisten Truppen der Briten weit auerhalb der
Festungswerke lagerten. Lord Raglan wandte alle Aufmerksamkeit der Rettung des
Magazins zu, das Werk der Menschenliebe seinen Alliirten berlassend.
    Pltzlich brach ein Geheul wilden Frohlockens ber den Platz, Alles
bertubend, als jubelte eine Legion von Teufeln durch die Luft. Les
incendiaires! les incendiaires! und wie ein Sturmwind flog die Nachricht ber
die Menge, da in den Htten am Magazin eine Bande der dahin geflchteten
Brandstifter, Griechen, entdeckt und ergriffen worden sei.
    Das Getmmel wurde frchterlich, unbeschreiblich.
    Zum Marschall! zum Marschall! In's Feuer mit ihnen! heulte der Ruf. Mit
Kolbensten, ja, mit Bajonnetstichen mute die starke Escorte, welche die
Gefangenen umgab, sich Bahn brechen durch die Menge und die Unglcklichen
vertheidigen.
    Tausend Hnde waren gegen sie erhoben, tausend wuthflammende Gesichter
umdrngten sie, ihnen hundertfachen Tod drohend. Einige der Gefangenen, - es
waren ihrer sechs - muten von Soldaten der Wache geschleppt werden, denn die
ersten Mihandlungen der wthenden Franzosen hatten sie des Gebrauchs ihrer
Glieder, beraubt oder betubt - Einer dagegen, das bleiche Gesicht Blutstropfen
berperlt, die aus einer Stirnwunde flossen, ging fest und aufrecht; seine Hnde
waren mit einer Offizierschrpe auf den Rcken geschnrt.
    Ein Blick gengte fr Gregor Caraiskakis - er erkannte Geurgios, den
Fanarioten. Hinter den Gefangenen, den bloen Degen in der Hand, den Offizier
der Escorte untersttzend, schritt der Capitain Depuis, an seinem Arm hing ein
schwarzer Knabe, ngstlich sich zusammenschmiegend, - Nursah, der Diener des
verurtheilten Arztes, und an seiner Seite Paswan, der Kiradschia.
    Der Blick auf Geurgios und Nursah hatte dem Fhrer der Elpis alle drohende
Gefahr enthllt; dennoch konnte er sich nicht entschlieen, nach dem
Schlupfwinkel zu eilen, in dem die griechische Verschwrung das Netz ihrer Fden
concentrirt hatte, um zu sehen, ob hier noch ihre wichtigen Papiere zu retten
seien; auer der Mauer von tobenden Menschen fesselte ihn das Interesse an dem
Bundesbruder.
    Die zaudernde Wahl sollte jedoch bald und schrecklich entschieden werden.
    Kaum zehn Schritt noch von dem Marschall entfernt, brach pltzlich durch die
finstern Blicke des Fanarioten voll Ha und Todesverachtung gereizt, eine Woge
von Menschen, heulend, brllend, durch die Escorte und ri den Unglcklichen aus
ihren Reihen. Vergeblich waren alle Anstrengungen der Offiziere und Soldaten,
ihn wieder zu befreien, man vernahm kein Kommando mehr, selbst die Befehle des
Marschalls blieben unbeachtet in dem wthenden Geschrei: Zum Feuer! zum Feuer!
- Minuten lang sah man in der Gluth der noch immer hoch in die Luft schlagenden
Lohe den Krper des Fanarioten ber den Kpfen der Menge, wie er von Hand zu
Hand weiter gelangt wurde, dann verschwand er einen Augenblick, um im nchsten
wieder zu erscheinen, hoch durch die Luft geschleudert, hinein in den kochenden
Heerd von Flammen.
    Ein einziger gellender Schrei - dann folgte eine lautlose pltzliche Stille
auf dem ganzen Platz. - -
    Fllt das Bajonnet! Nieder mit Jedem, der sich an den Gefangenen vergreift.
- In das Pascha-Konak mit ihnen zum Verhr!
    Des Marschalls eigenes Kommando klang weithin ber die Menge, das Klirren
der Gewehre verkndete, wie die Reihen sich um die Bedrohten schlossen; von
drben her antwortete das Krachen der letzten einstrzenden Balken und Wnde;
der Marschall, einem der Generle das Kommando bergebend, wandte sein Pferd,
gefolgt von seiner ganzen Umgebung.
    Gregor Caraiskakis, in die Menge gekeilt, hatte stumm den Tod des
Bundesbruders mit angesehen. Im Augenblick, da Bewegung und Luft in die Masse
kam, verschwand er im Gedrnge.
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    Es war gegen 11 Uhr gewesen, als die Schaar von Caraiskakis und Geurgios mit
den verschworenen Griechen das Haus verlassen hatte, das ihnen zum
Hauptschlupfwinkel diente, weil es ziemlich unbemerkt lag mitten in dem
Griechenquartier und mehrere Ausgnge hatte. Da alle Hnde gebraucht wurden fr
die Ausfhrung ihrer Beschlsse, blieb die Bewachung des Hauses und des Sclaven
Nursah einem alten Griechen berlassen.
    Doch Nursah hatte sich mde geweint, er lag auf den Matten und schlief.
Caraiskakis selbst hatte die Thr des Gemaches von Auen verschlossen.
    Aber kaum war eine Viertelstunde vergangen und kein Gerusch mehr im Hause
zu hren, so richtete der schwarze Knabe sich von seinem Lager empor, schlich
auf den Zehen an die Thr und die Jalousieen und horchte hinaus. Da Alles ruhig
blieb, ffnete er behend und leise die Letzteren und blickte hinaus. Das Gemach
lag eine Treppe hoch und das Fenster war von einem Vorsprung des Hauses
beschattet. Mit der Schnelligkeit einer Katze hatte Nursah die leichten Decken,
die sein Lager bildeten, zerrissen und aneinander geknpft und befestigte sie an
den Jalousieen. Dann lie er sich an ihnen hinab gleiten und gelangte glcklich
in Hof und Garten, dessen Mauer er berstieg.
    In dem Gchen angelangt, das die Mauer begrnzte, blieb er einige
Augenblicke stehen, um einen Entschlu zu fassen. Er wute, da Eile Noth that,
wollte er seinen Herrn retten, denn er hatte bei der Rckkehr der beiden
Caraiskakis an der Thr gelauscht und, obschon er das Neugriechische nur sehr
mangelhaft verstand, doch erfahren, da Jener zum Tode verurtheilt war und am
nchsten Morgen erschossen werden sollte. Ebenso wute er, da Gregor einen
Versuch zu seiner Rettung machen wollte, indem er die Magazine in Brand setzte.
Schon als nach der Verhaftung des Arztes der junge Mohr zu dem Freunde seines
Herrn geflohen war, hatte er ganz bestimmt erklrt, da er sich lieber selbst
opfern und ein offenes Gestndni ber die Art und Weise, wie er in Silistria
den Spion gemacht, ablegen wollte, ehe er seinen Herrn in Gefahr liee.
Caraiskakis hatte ihn zwar durch die Versicherung beruhigt, da eine solche
nicht vorliege und der Arzt hchstens eine kurze Haft zu bestehen habe, da ihm
Nichts erwiesen werden knne, aber er hatte es doch seitdem fr nthig gehalten,
den Knaben nicht mehr aus dem Hause und auch dort unter Aufsicht zu lassen.
    Das erregte Mitrauen hatte den Mohren jedoch wachsam gemacht und einige
Worte des Bruders beim Abschied hatten seine Aufmerksamkeit erhht. So gelang es
ihm, die Wahrheit zu entdecken.
    Im Augenblick stand auch sein Entschlu fest, da er sich nicht auf die
Mittel der Griechen verlassen knne, sondern koste es sein Leben, selbst Alles
aufbieten wollte, den Herrn, den er mit einer seltsamen Hingebung liebte, zu
befreien, zu retten.
    Jetzt stand er, um diesen Entschlu auszufhren, von seinen Htern befreit,
in der Strae, aber zugleich auch fiel die Schwierigkeit seines Unternehmens ihm
auf die Seele. Er wute, da nur wenige Stunden noch zwischen jetzt und dem Tode
lagen, und kannte nicht ein Mal die Namen der Richter seines Herrn, an die er
sich zu wenden hatte. Ebenso fiel ihm die Unmglichkeit bei, jetzt in der Nacht
bis zu einem der Befehlshaber zu gelangen, wenn dies fr den armen schwarzen
Knaben berhaupt mglich war.
    Er gedachte, wie wenig man sich berhaupt um ein Menschenleben kmmerte.
    Der Name des Capitains fiel ihm bei, der ihr Reisegefhrte gewesen auf dem
Wege durch den Balkan nach Silistria. Er war ein gutmthiger lustiger Mann und
hatte oft mit dem jungen Mohren launig geradebrecht.
    Aber wo ihn finden unter den Tausenden? - war er berhaupt noch in
Silistria? - wie ihn suchen, da er nicht einmal der fremden Sprachen dieser
Krieger mchtig war?
    Er war hastig immer vorwrts geschritten und so in die belebteren
Stadttheile gekommen, wo die Schenkhuser und Restaurants noch immer geffnet
waren und Ab- und Zugehenden Erholung von den Beschwerden und dem Lrmen des
Tages boten.
    Trostlos sah der Knabe sich um und dann hinauf zu den Sternen. Er wute ein
groes Geheimni, das vielleicht Hunderten das Leben retten konnte und wollte es
verkaufen fr das eines Einzigen, aber wem konnte er es bieten?
    Der Himmel selbst schien ihm Antwort zu geben auf sein Flehen. Indem er an
dem Tschardak des Restaurant des officiers vorberschlich, hrte er eine
bekannte Stimme - - ein Mann mit einem Diener, der ein Pack trug, kam die Stufen
herunter, er hrte, wie er diesem den Auftrag gab, die Packete nach her
Karawanserai zu tragen und die Maulthiere fertig zu halten fr den Aufbruch mit
dem ersten Sonnenstrahl.
    Der Mann war Paswan, der Kiradschia.
    Mit einem Freudenrufe sprang der Knabe auf ihn zu - er verstand seine und
der Fremden Sprache, er konnte helfen.
    Nursah fate seine Hand, seine Worte berstrzten sich anfangs so, da der
Hndler ihn nicht zu verstehen vermochte, bis er ihn in den Lichtstrahl aus
einem der offenen Fenster zog und erkannte.
    Armer Bursche, sagte er mitleidig, das traurige Schicksal Deines Herrn
hat Dich wahrscheinlich auf die Strae geworfen und ohne Nahrung und Obdach
gelassen. Du kannst mich begleiten, bis sich etwas Besseres fr Dich finden
wird. Heute Abend noch hrte ich vom Capitain Depuis, dem Franken, da er morgen
erschossen wird.
    Der Capitano? - Wo ist er? - wo verlieest Du ihn?
    Vor wenig Augenblicken dort im Kaffeehause. So lustig er sonst ist, so sehr
geht ihm das Schicksal des Hekim-Baschi nahe und da er trotz aller Bemhungen
es nicht zu wenden vermochte.
    Der Knabe warf sich ihm zu Fen.
    Bei dem Christus, den er mich erkennen gelehrt, o Paswan, habe Erbarmen mit
mir. Ich, ich vermag ihn zu retten. Ich kann seine Unschuld entdecken, ich kann
diese Franken hier retten groem Unglck. Habe Mitleid mit ihm und la mich mit
dem Capitano sprechen!
    Der Kiradschia war erstaunt, doch er war ein Mann von gutem Herzen und
versprach, den Wunsch des Knaben zu erfllen. Er hie ihn warten und ging zurck
in das Kaffeehaus.
    Bald kam er wieder mit dem franzsischen Capitain.
    Frage ihn, sagte hastig der Knabe, ob es meinen Herrn retten kann, wenn
ich beweise, da er Nichts von dem Verrath in Silistria gewut und ich allein
die Nachrichten an die Moskows gegeben und die Boten gesandt habe?
    Der Kiradschia wiederholte die Worte des Mohren auf franzsisch, aber der
Capitain schttelte traurig den Kopf.
    Es wird wenig helfen und der Beweis Dir schwer sein. Der Spruch des
Kriegsgerichtes ist gefllt und jeder Aufschub der Vollstreckung selbst der
Empfehlung des Prinzen von dem Pascha abgeschlagen. Du wrdest Dich unnthig
selbst in Gefahr bringen, wackerer Bursche; denn ich glaube, da Dein Vorgeben
blos ein freiwilliges Opfer Deiner Treue ist.
    Nursah hatte mit glhenden Augen an dem Munde des Offiziers gehangen und aus
seinen Bewegungen die Antwort gelesen.
    Er fate krampfhaft den Arm des Kiradschia's.
    Frage ihn, sagte er mit glhendem Gesicht, und er bediente sich der Lingua
franca, gleich als wolle er den Kiradschia mglichst an einer Verheimlichung
seiner Worte hindern, frage ihn, ob sie ihn freigeben wollen, wenn ich ihnen
ein wichtiges Geheimni entdecke, eine Verschwrung, noch diese Nacht die Stadt
in Flammen zu setzen?
    Der Kiradschia blickte erschrocken auf den Knaben - der Capitain jedoch, der
einzelne Worte verstanden hatte, war aufmerksam geworden; so wiederholte Jener
denn wrtlich die Frage.
    Diantre! Ist dies Wahrheit oder lgst Du, Bursche?
    Der Mohr hatte den Zweifel auf seinen Lippen gelesen.
    
    Bei der heiligen Mutter Gottes, an die ich glaube! bei den Grbern meiner
Eltern! betheuerte er.
    Rhrt Euch Beide nicht von der Stelle, befahl der Capitain, ich wei, Du
verstehst italienisch. Im Augenblick bin ich wieder bei Euch! - Er sprang
zurck in das Caf, wenige Momente nachher kam er zurck mit einem Offizier. -
Erzhle diesem Herrn, was Du weit, er spricht italienisch.
    Nursah berichtete mit fliegenden Worten, ohne den Zusammenhang mit der
Rettung Welland's zu erwhnen, da die Griechen um Mitternacht die Magazine der
Franken in Brand stecken wollten, von dem Lazareth hatte er selbst nur
Ungewisses verstanden.
    Capitain Depuis hielt bereits die Uhr in der Hand, whrend ihm sein Kamerad
die Nachricht bersetzte. Einige Worte gengten den Offizieren, um sich ber die
nthigen Schritte zu verstndigen. Whrend der Zweite in das Caf zurck eilte,
um Lrm zu machen und Meldung nach allen Seiten zu senden, zog Capitain Depuis
den Degen.
    Du weit den nchsten Weg zu dem Magazin? fragte er den Kiradschia.
    Ja, Herr!
    Vorwrts denn und rasch, Ihr Beide weicht nicht von meiner Seite! Ist es,
wie Du sagst, und kommen wir zeitig genug, so brge ich Dir fr sein Leben.
    Halb rennend verfolgten sie den Weg. Dem Unteroffizier einer Patrouille, die
ihnen begegnete, befahl der Capitain, sich ihnen anzuschlieen, - so, im vollen
Lauf zuletzt, betraten sie den Platz und eilten nach der dunklen Masse des
Gebudes. Pltzlich strauchelte der Capitain.
    Morbleu! hier liegt ein Mensch!
    Er bckte sich, ihn zu fassen, zog aber schnell die Hand zurck. - Es ist
die Schildwache, sie ist ermordet!
    In demselben Augenblicke scho eine Flammengarbe in die Hhe, das Lazareth
an der anderen Seite des Platzes stand in Feuer. In dem hellen Schein, der sich
weithin ergo, huschten einzelne dunkle Gestalten an den Mauern und zwischen den
Baracken hin.
    Hll' und Teufel! Die Mordbrenner haben das Lazareth angesteckt. Dort
fliehen sie! hinter ihnen dr'ein!
    Der Kiradschia hielt ihn zurck.
    Das Magazin! das Magazin!
    Ein Blick belehrte die Franzosen, da auch hier das bbische Werk im Gange
sei: zwei, drei Flmmchen schlugen aus den Dchern eines angebauten kleinen
Huschens.
    Der Flintenschu eines Soldaten knallte hinter einer jener dunklen Gestalten
d'rein, die an ihnen vorberhuschen wollte; mit geschwungenem Degen sprang der
Capitain auf eine zweite los, indem er dem Unteroffizier zuschrie, die Ausgnge
des Platzes zu besetzen.
    Zugleich rollten entfernte Trommelschlge durch die Straen und fanden bald
ihr hundertfltiges Echo. Menschen kamen in vollem Lauf herbei, mit jedem
Augenblicke mehrte sich ihre Zahl.
    Der Verfolgte war dem Capitain unter der Hand verschwunden. Whrend der
Hilferuf Nursah's und des Kiradschia's bald Menschen genug herbeifhrte, um fr
die Rettung des Magazins zu wirken, forschte der Capitain nach den Mordbrennern,
da er berzeugt war, da sie noch irgend wo in der Nhe verborgen sein mten.
    Wir haben bereits gesehen, wie sie entdeckt worden. Geurgios und fnf seiner
Gefhrten, von den Franzosen berrascht, hatten sich in eine der Baracken
geflchtet, gewi, in dem folgenden Gedrnge zu entkommen. Die Aufmerksamkeit
des Capitains verhinderte ihren Plan.
    Auf Befehl des Marschalls waren die Gefangenen nach dem Pascha-Konak, als
dem nchsten sich eignenden Platz, gebracht worden, der sofort wieder von
franzsischen Wachen besetzt wurde, indem man ohne Weiteres die albanesischen
und kurdischen Freischaaren hinausjagte und die aus dem Lazareth geretteten
Kranken hier einquartirte. Obschon das trkische Regiment in der von den
Alliirten besetzten Stadt eine Null geworden, machte doch der Marschall
Sali-Pascha die bittersten Vorwrfe ber die schlechte Polizei, die er be und
dieser htete sich daher wohl, von dem Vorfall im eigenen Hause zu sprechen, um
so mehr, als er ihn zu seinen besonderen Zwecken auszubeuten suchte.
    Als nmlich durch das Geschrei Nausika's, der Nedela, - das sie erst erhob,
nachdem sie die beiden Griechen hatte entfliehen sehen, und durch den Feuerlrm
der Pascha herbeigefhrt worden, hatte die Schlaue ihm allerlei Lgen von dem
pltzlichen Erscheinen bewaffneter Mnner bei ihr erzhlt, um sich so gegen ihn
und den Baronet sicher zu stellen, ohne jedoch ihre Bekanntschaft mit
Caraiskakis zu verrathen, und die Aufmerksamkeit nach dem Gemach des Gefangenen
gelenkt. Man fand die Thr von diesem selbst geschlossen und den Arzt noch immer
mit dem Baronet beschftigt.
    Die Moslems haben einen unbegrnzten Glauben an die Geschicklichkeit der
frnkischen Aerzte, und der Pascha berlie daher den Verwundeten, nachdem er
erfahren, da ihn einer der eingedrungenen Diebe oder Mrder verletzt, der
weitern Hilfe des Doktors, indem er zwei Khawassen als Wache dazu stellte,
whrend er selbst sich mit jener trkischen Ruhe zur Brandsttte begab, die
Alles Gott anheimstellt.
    In dem Audienzzimmer des Pascha's war sofort ein Kriegsgericht gebildet
worden, das die gefangenen Mordbrenner verhrte; - Adjutanten eilten hin und
her, den Oberbefehlshabern ihren Rapport zu bringen, der Konak schien pltzlich
zum Hauptquartier geworden.
    Die Thatsachen lagen so klar, da das Verhr der fnf Griechen nur kurz war.
Das Zeugni des Capitains bekundete, da man sie in der Nhe des Arsenals und
der ermordeten Schildwache und noch verschiedenes Material zur Brandstiftung in
ihren Taschen gefunden hatte; die Aussage Nursah's, da der Plan ein
verabredeter gewesen. Vier der Angeklagten leugneten auch weder die Absicht,
noch die That, weigerten sich aber entschieden, ihre Freunde und Helfer und
deren Verstecke zu verrathen. Nur Einer, von der wthenden Menge bel
zugerichtet, bezeichnete das Haus, in dem die Fhrer sich aufzuhalten pflegten
und man die Beweise ihrer Verbindung finden wrde, und dessen Lage der Knabe
Nursah nur unvollkommen anzugeben vermocht hatte.
    Vergebens hatte er whrend seiner kurzen Aussage versucht, auf die Unschuld
seines Herrn zurckzukommen, der Vorsitzende des Kriegsgerichts, nur mit der
Feststellung des vorliegenden Verbrechens beschftigt, verwies alles Weitere auf
spter - oder an das trkische Gericht, das den Arzt verurtheilt.
    Whrend das Kriegsgericht zur Fllung des Urtheils sich zurckzog, war
Capitain Depuis mit einem trkischen Offizier kommandirt worden, mit Hilfe
Nursah's den Schlupfwinkel der Griechen aufzusuchen und zu durchforschen. Als
das Kommando sich auf den Weg machte, begann bereits die helle Nacht des Orients
sich in die Klarheit jener wunderbaren Morgenrthe zu verwandeln, die Meer und
Land mit ihren Farbendinten berschttet.
    Die Zeit wartet nicht - die Zeit fliegt.
    Die Straen waren noch gefllt von dem Trubel der Nacht, die erbitterte
Menge wich nicht von den Thren des Konaks, sie verlangte die Hinrichtung der
Mordbrenner, die ihre schutzlosen Kameraden geopfert. An andern Stellen machte
sich die Bewegung bemerklich, die dem Aufbruch groer Truppenmassen vorangeht.
    Mit dem Aufgang der Sonne sollten die noch zurckgebliebenen Colonnen nach
der Dobrudscha aufbrechen, im Laufe des Morgens die Escadre unter Segel gehen.
    Beim Licht des Tages gelang es Nursah, sich leichter zu orientiren und das
Haus, aus dem er entflohen, zu finden. Eine unsgliche zu Angst spannte alle
seine Geisteskrfte, beflgelte seine Schritte.
    Aber das Haus war leer - Gregor Caraiskakis und die brigen Verschworenen
hatten Zeit gehabt, es zu rumen und Alles mitzunehmen, was ihnen Gefahr bringen
konnte.
    Die sorgfltigste Durchsuchung ergab keine Spur; indem sie das Haus besetzt
lieen, kehrten die Offiziere mit der Meldung zurck.
    Aber die durch die Straen ziehenden Colonnen verzgerten ihren Weg - die
Sonne war aufgegangen und warf ihre klaren Strahlen ber Stadt und Meer.
    Je nher sie dem Konak kamen, desto grere Angst durchbebte das Herz des
jungen Mohren; sein flehender Blick wandte sich jeden Augenblick vorwurfsvoll
auf den Capitain, der ihm das Leben seines Herrn versprochen, und der ihn
vergebens in seiner ihm unverstndlichen Sprache zu beruhigen versuchte.
    Schon auf dem Wege hatte sie das Gercht erreicht, da die Griechen zum Tode
verurtheilt worden und auf Befehl des Marschalls sofort auf dem Glacis der
Festung erschossen werden sollten, um die Erbitterung der Soldaten zu beruhigen.
    Ein wildes tumultuarisches Geschrei voll bitterer Verwnschungen verkndete
ihnen, als sie nher kamen, da die Verurtheilten bereits ihren Todesweg
angetreten.
    Als sie den Eingang des Konaks erreichten, kam ihnen eine Gruppe englischer
Matrosen entgegen, die eine Krankensnfte trugen; daneben ging ein alter
englischer Schiffscapitain, von Zeit zu Zeit sorgsam nach dem Kranken sehend.
Mehrere trkische Diener begleiteten den Zug und machten Platz fr ihn.
    Der Offizier war der Capitain des Niger, der Kranke, den er an Bord
transportiren lie, Edward Maubridge.
    Nach der Feuersbrunst in der Nacht war der Capitain mit anderen
Flottenoffizieren zur Stadt gekommen und hatte den Baronet aufgesucht. Er fand
ihn unter den Hnden des Arztes, der die letzten Stunden seines Lebens mit einem
Werke der Menschenfreundlichkeit fllte. Dieser gab ihm die Versicherung, da
fr das Leben des Baronets unter der Hand eines kundigen Chirurgen Nichts zu
frchten sei, indem der Sto des Dolches keine Lebensarterien verletzt und nur
starken Blutverlust zur Folge gehabt hatte, der den Kranken auch grtentheils
bewutlos lie. Da zugleich der Befehl des Marschalls bekannt wurde, da alle
entbehrlichen Rume des Konaks sofort zum Lazareth in Stelle des abgebrannten
Gebudes eingerichtet und benutzt werden sollten, beschlo Capitain Warburne,
den Verwundeten an Bord zu bringen und ihm dort die nthige Pflege zu widmen,
statt ihn unter Fremden und in der Ansteckung eines Lazareths zurckzulassen.
    Sali-Pascha htete sich wohl, diesem Einrichtung zu widersprechen, und
Nedela sah damit ihre Absichten erfllt, da sich Niemand um ihr Zurckbleiben
kmmerte.
    Capitain Depuis hatte mit seiner Begleitung den Eingang des Konaks erreicht
und lie hier Nursah, im Schutz einer Wache zurck, um seine Meldung zu machen
und zugleich nochmals fr den Arzt zu sprechen und des jungen Mohren
Eingestndni vorzulegen. Aber er traf weder den Marschall, noch den Prinzen
mehr im Konak. Dem Zurckkehrenden strzte Nursah entgegen, den Kiradschia mit
sich fortziehend. Die wilden verzweifelten Bewegungen des Knaben zeigten ihm
sogleich, da etwas Ungewhnliches vorgegangen.
    Was ist geschehen - rasch! denn wir mssen eilen, den Befehl zum Aufschub
der Execution zu erhalten, die um 6 Uhr vollstreckt werden soll.
    Es ist zu spt! jammerte Paswan, alle Mhe ist vergebens, der Pascha hat
die Gelegenheit benutzt, das Urtheil an dem Hekim-Baschi zugleich mit den
Griechen vollstrecken zu lassen, ich sah den Unglcklichen vorber kommen.
    Diantre! fluchte der Capitain, sie knnen noch keine fnf Minuten
Vorsprung haben, - wir holen sie ein! Ha - die Hilfe sendet uns Gott!
    Ein Reitertrupp kam die verhltnimig geleerte Strae herauf, General
Espinasse mit seinem Stabe, der Kommandirende der Expedition nach der
Dobrudscha, um seiner Brigade zu folgen.
    Der Capitain sprang an sein Pferd und salutirte.
    Monsieur le Gnral, retten Sie die verpfndete Ehre eines franzsischen
Offiziers!
    Der General hielt einen Augenblick an.
    Was wnschen Sie, Capitain?
    Mit fliegenden Worten, whrend er neben dem Pferde des Generals herging,
berichtete der Offizier die Vorgnge, das Wort, das er dem Knaben verpfndet fr
die Entdeckung des Complotts, die Gestndnisse und die Selbstanklage desselben
in Bezug auf die Spionage in Silistria; endlich den tckischen Streich des
Pascha's, der die Stunde der Execution verfrht. Der General sann einige
Augenblicke.
    Ich habe von dem Verurtheilten gehrt und da man Zweifel an seiner Schuld
hegte. Aber die Sache betraf die Herren Trken allein und ging uns nicht an.
Jetzt steht es anders. Sie verpfndeten Ihr Wort im Namen des Kommandirenden und
das mu gehalten werden, wenn es noch Zeit ist. Wo soll die Hinrichtung
vollstreckt werden?
    Auf dem Glacis am Thor von Baltschick, auf Ihrem Wege, Excellenz.
    Vorwrts, meine Herren! Sehen Sie zu, wie Sie nachkommen, Capitain, lassen
Sie aber den jungen Spion nicht von der Seite, damit wir die Sache spter
untersuchen knnen.
    Der General setzte sein Pferd in Trab. Nursah lief neben ihm her, der
Capitain folgte, so gut es ging.
    Als sie am Thore ankamen, knallte eben eine Salve.
    Rechts, rechts, Herr! schrie der Kiradschia, der mit dem angstkeuchenden
Knaben neben den Pferden herrannte, das waren die Griechen! - ich sehe das
trkische Kommando dort!
    Der General sprengte im Galopp nach dem bezeichneten Ort durch die Platz
machende Menge, die der Execution der Mordbrenner beigewohnt, an dem
franzsischen Kommando vorber, das um die Leichen der fnf Erschossenen
aufmarschirt war - sein weies Tuch winkte nach einer entfernteren Gruppe - -
    Dort stand aufrecht am grnen Wall neben einer offenen Grube ein Mann,
bleich, aber fest und muthig - -
    Zehn Schritt von ihm traten eben zwlf trkische Nizams an, die Kolben ihrer
Gewehre rasselten aus den Boden.
    So rasch der General geritten - Nursah, der schwarze Knabe, war dennoch
frher zur Stelle, als er, und strzte sich zwischen die Soldaten und seinen
Herrn, diesen umklammernd und mit seinem Leibe schtzend.
    Rettung, Herr! Rettung! Du wirst leben!
    Aber der Arzt stie ihn verchtlich von sich.
    Ich mag keiner Gnade ein ehrloses Leben verdanken. Js-Baschi, kommt zu
Ende!
    Bei diesem aber hielt bereits der General.
    Sprecht Ihr franzsisch, Herr?
    Du sagst es, Excellenz.
    Was wollt Ihr mit dem Mann da thun?
    Inshallah! Wie Gott will! Er soll erschossen werden. Er ist ein Spion und
das Kriegsgericht hat ihn verurtheilt.
    Dummheiten! sagte der General. Wir knnen unsere Aerzte besser brauchen,
als sie von Euch Trken erschieen zu lassen. Der Mann ist unschuldig und
auerdem - packt Euch zum Teufel!
    Der Js-Baschi glotzte ihn gro an.
    O meine Seele! was soll ich sagen - der Mann, Excellenz, ist mir vom Pascha
bergeben und ich mu ihn erschieen lassen.
    Der General wandte sich kaltbltig zu seiner Suite, die eben herankam.
    Montaigne, reiten Sie nach dem Thore zurck, das, wie ich sehe, eben das
erste Regiment verlt. Beordern Sie eine Compagnie hierher und lassen Sie den
Platz mit dem Bajonnet rumen, wenn diese schmuzigen Schufte sich nicht bis
dahin aus dem Staube gemacht haben.
    Ohne sich weiter um den erschrockenen Moslem zu kmmern, ritt er zu dem
Verurtheilten, der staunend die unerwartete Scene mit angehrt hatte.
    Sie sind frei, Herr, sagte der General freundlich, aber es wird gut sein,
wenn Sie fr einige Zeit ohne Zgern Varna verlassen. Doctor Maineville von den
dritten Zuaven ist erkrankt und zurckgeblieben. Sie werden den trkischen
Dienst quittiren und seine Stelle einnehmen.
    Der Uebergang von dem Gefhl des sicheren Todes zum frischen gesicherten
Leben war zu pltzlich, zu berraschend, um nicht selbst das krftigste Herz zu
erschttern. Einige Augenblicke wankte der Arzt, wie ein Betubter, unter dem
Schlage, dann raffte er sich auf und streckte beide Hnde nach dem General aus.
    Excellenz - tuschen Sie einen Unglcklichen nicht - mein Name ist
beschimpft, meine Ehre verloren! ich bin als Spion verurtheilt!
    Ich wei, ich wei, sagte ungeduldig der General. Wir wollen das spter
in Ordnung bringen. Ihre Rettung danken Sie dem Capitain hier und dem Gestndni
dieses schwarzen Burschen da, der, wie ich hre, die ganze Spionage geleitet
hat.
    Der Mohrenknabe sah aus den Augen und Geberden, da von ihm die Rede war. Er
umfate demthig die Fe seines Herrn. -
    O Vergebung, Effendi! Du, dem ich so viel verdanke, Dein Zorn wre
bitterer, als der Tod.
    Aber der Arzt stie ihn emprt und heftig von sich, da er weithin zu Boden
taumelte.
    Verrther! Du hast meine Liebe und Gte mit Verrath Deines Herrn gelohnt, -
geh' aus meinen Augen, fr immer, Bube!
    Nehmen Sie eines meiner Handpferde, Doctor, bis wir zur Colonne kommen,
befahl der General. Capitain Depuis, nehmen Sie den schwarzen Burschen da mit
zurck und bergeben Sie ihn dem Commandant de Place zur weiteren Untersuchung.
Und nun, meine Herren, vorwrts, denn wir mssen die Versptung einholen.
    Der Arzt sa bereits im Sattel des Pferdes, das ein Reitknecht ihm
zugefhrt. Depuis und der Kiradschia waren mit dem schwarzen Knaben beschftigt,
den die Hand des deutschen Arztes von sich geschleudert und der, betubt, mit
blutender Stirn, am Boden lag.
    Der mitleidige Offizier hatte ihm Jacke und Tuch geffnet und versuchte, ihn
zum Leben zurck zu bringen.
    Pltzlich sprang er erstaunt empor.
    Ein Weib, Excellenz, - es ist ein Weib!
    Der General blickte schlau und lchelnd bald auf den Arzt, bald auf die
Gruppe. Es konnte kein Zweifel sein, - die Gestalt, die schwer athmend und eben
erwachend vor ihnen lag, gehrte einem Weibe. Der volle ppige Busen in seiner
Ebenholzschwrze quoll aus dem zerrissenen Obergewande den Blicken entgegen.
Eine Schnur schlang sich um den festen krftigen Hals und schien auf der
wogenden Brust etwas Glnzendes, gleich einem Ringe, zu halten. -
    Parbleu! sagte spttisch der General, das Abenteuer wird immer
interessanter. Doch, Weiber, Capitain, haben stets das Privilegium des Verraths
und deshalb lassen Sie die schwarze Schne laufen, sobald sie wieder zu sich
gekommen. Galopp, meine Herren!
    Dahin sprengte die Cavalcade. Einen Blick nur hatte der Arzt auf das
ohnmchtige Mdchen geworfen und dieser eine ihm das Rthsel gelst, das in dem
Knaben ihm schon beim ersten Begegnen bekannte Zge gezeigt hatte.
    Nursah - Nursdih!

                                    Funoten


1 1856.

2 Es ist Feuer!


                                Cholera morbus!

Whrend bereits von Paris her die Krimm-Expedition im Geheimen beschlossen war
und Marschall St. Arnaud seine Vorbereitungen in Varna traf, ergab sich die
Nothwendigkeit, theils, um die Aufmerksamkeit der Russen von diesen
Vorbereitungen abzulenken, theils, um dem weitern Umsichgreifen der Krankheiten
zu steuern, die Truppen in weitern Distancen zu dislociren oder auf Expeditionen
auszusenden. Die ungeheure Anhufung von Menschen auf einem Punkte, die
unertrgliche Hitze und die Ausdnstungen der Unreinlichkeiten aller Art,
welche, trotz der strengsten Verbote, nach orientalischer Gewohnheit die Straen
und den Hafen Varna's fllten, hatten - wie wir bereits gesehen - die Cholera
mit gefhrlicher Heftigkeit ausbrechen lassen. Der Marschall sandte daher einen
groen Theil der Flotte mit einer embarkirten Truppenzahl unter Canrobert und
Sir George Brown mit geheimen Instructionen an die Ksten der Krimm ab.
    Diese Instructionen gingen, wie die griechischen Spione richtig ahnten,
nicht auf eine Landung und einen Angriff Sebastopol's aus, sondern Lauf eine
mglichst genaue Recognoscirung der Ksten und ihres Fahrwassers.
    Eine solche war um so nothwendiger, als die Russen das schlaue Manver
gebraucht hatten, Seekarten ber die Ufer des Schwarzen Meeres zu verbreiten,
welche absichtlich falsch und darauf berechnet waren, jeden Feind zu tuschen.
    Zugleich mit der Expedition zur See war eine Landexpedition gegen die
russischen Truppen beschlossen worden, welche die Dodrudscha noch besetzt
hielten. Diese Expedition erfllte, wie bereits erwhnt, den doppelten Zweck,
das durch die Unthtigkeit bei der Belagerung von Silistria bereits erschtterte
Vertrauen der Trken auf ihre Alliirten wieder zu krftigen und die Truppen zu
trennen.
    Oberst Desaint, welcher die Dobrudscha durchstreift, hatte die Nachricht
berbracht, da zwischen Matschin, Tultscha und Babadagh noch 10,000 Mann
russische Infanterie mit 2 Husaren-Regimentern sich befnden. 1200 Kosaken
standen als Vorhut in der Nhe von Kstendsche.
    General Yussuf, der berhmte afrikanische Partheignger, hatte mit Oberst
Beatson eben die Organisation der Baschi-Bozuks, unter dem Namen der
orientalischen Spahi's vollendet. Der Marschall vertraute ihm das Geheimni
der Krimm-Expedition und wie nthig es sei, die Russen durch eine Diversion in
anderer Richtung zu fesseln. Er erhielt demgem die Ordre, mit seinen 3000
umgeschaffenen Reitern und zwei Bataillonen Zuaven, unter Bourbaki in die
Dobrudscha vorzudringen und die Russen zu beunruhigen. Zu seiner Untersttzung
wurden staffelweise drei Divisionen aufgestellt, deren erste unter General
Espinasse, dem Commandant en chef der Expedition, der leichten Avantgarde folgen
sollte, whrend die Divisionen des General Bosquet und des Prinzen Napoleon als
zweite und dritte Linie aufgestellt blieben.
    Am 4. August sollten die Truppen wieder eintreffen, um sich am 5. zur
Krimm-Expedition einzuschiffen.
    Man hatte nur Eines in diesem Plane vergessen.
    Dies Eine war - die Cholera.
    Das Ziel des Marsches fr die Division Espinasse war Kstendsche, wo der
General sein Lager aufschlagen sollte, um von hier aus die fliegende Colonne
Jussuf's zu untersttzen.
    Es ist ein trauriges Land, die Dobrudscha, und eine Armee, die es
durchzieht, hat mit unsglichen Mhseligkeiten zu kmpfen, die sich steigern, je
nher man dem Donau-Delta kommt. In der nchsten Umgebung Varna's, bis auf etwa
6 Meilen, durchwandert man waldiges Terrain; bald darauf aber sieht man keinen
Baum, keine Schlucht mehr, nur von Entfernung zu Entfernung Senkungen des
Erdreichs, in denen sich das Sumpfwasser sammelt. Das Auge schweift ber die
Flchen, ohne einem Gegenstande zu begegnen, der das geringste Interesse fesseln
kann; nicht ein Bach frischen Wassers bewssert jenes trostlose Gelnde. Am
dritten Tag schlug die Division ihr Bivouac in Kavarnac auf. Von da an bestand
das, was man Drfer nannte, aus elenden Htten von trockenen Steinen, aus denen
sich die bulgarischen Familien bei der Ankunft der Franzosen geflchtet hatten,
auf ihren Armen oder ihren zerbrochenen Araba's davontragend, was sie ihr
sprliches Besitzthum nannten.
    Am 25. Juli kam die Colonne in Mangalia an - es lag in Trmmern. Schon am
andern Nachmittag verlie sie wieder den Ort und wanderte durch trostlose
Haiden, auf welche die Sonne ihre glhenden Strahlen sandte. Man nahte dem
Trajanswall, ber den hinaus bereits Yussuf mit seiner mobilen Colonne
schwrmte, und schlug das letzte Bivouac vor Kstendsche, zwischen zwei
Hhenzgen, auf. Der Boden hob sich hier wellenfrmig, die Oede war hin und
wieder belebt, aber es waren nur Trupps wilder Pferde, die sie durcheilten.
Schwrme wilder Gnse, die aus den Smpfen mit lautem Geschrei aufflogen bei der
Annherung des Zuges, oder das Gekreisch der Adler, die in den Lften ihre
Kreise zogen und so wenig an eine Strung gewhnt waren, da sie die Soldaten
dicht an sich herankommen und mit den Gewehren nach sich schlagen lieen, ehe
sie sich erhoben.
    Wenn die Nacht kam, dann umkreiste der wilde Hund oder der Schakal mit
seinem klagenden Geheul das Lager und die Schildwachen sahen ihre formlosen
Schatten ber die Flche stieben.
    In dieser Nacht brach ein furchtbares Gewitter aus, das einen
sinnbetubenden Eindruck auf die ermdeten Soldaten machte. In wenig
Augenblicken war das ganze Lager durch hundert Giebche unter Wasser gesetzt.
So kam man na und erschpft unter dem Strahl der glhenden Sonne am anderen
Morgen in Kstendsche an, aber man fand einen Trmmerhaufen, dessen Ruinen zum
Theil noch rauchten, so da General Espinasse eine Stunde davon sein Lager
aufschlagen mute.
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    Es war am Abend des 28., als eine ziemlich starke Abtheilung der
orientalischen Spahi's und zwei Compagnieen des ersten Zuaven-Regiments unter
Lieutenant-Colonel oder Colonel, wie er unter den Organisirten genannt wurde,
Vicomte de Mricourt, durch die de, wellenfrmige, zum Theil schon hier in
Sumpf auslaufende Steppe vordrang. Die Tirailleurs hatten dem Commandanten
angezeigt, da in der Entfernung von einer Viertelstunde ein tartarisches oder
bulgarisches Dorf zu liegen scheine, und der Vicomte, abseits des Yussuf'schen
Corps detaschirt, hatte die Stelle zum Bivouac bestimmt.
    Bei der Ankunft fanden sich in der That mehrere halb zerstrte, von Lehm und
Binsen errichtete Erbhtten, die sonst den Aufenthalt jener wenigen aber
gengsamen Menschen bilden, welche Gegend bewohnen.
    Die Htten waren leer, nur in einer derselben fand man - was seit vielen
Meilen nicht geschehen war - drei der gengsteten Bewohner des Landes in
rmlicher Tracht.
    Es war ein Mdchen von hoher schlanker Figur, schnen Zgen und braunem
Teint, das ruhig und zurckhaltend an dem rmlichen Lager eines Kranken sa, der
in Schaaffelle gehllt auf getrockneten Binsen lag. Ein noch ziemlich junger
Mensch mit verschmitztem Aussehen kam den Offizieren kriechend entgegen und
erzhlte in ziemlich verstndlicher Lingua Franca, da sie eine arme bulgarische
Zigeunerfamilie und hier, als die Bewohner vor den Moskows flchteten,
zurckgeblieben wren, da ihr Bruder vom Fieber ergriffen, zu krank gewesen sei,
um mit ihnen fortzuwandern.
    Auf weiteres Befragen berichtete der Zigeuner, da die letzten Russen vor
vier Tagen an der Stelle gewesen, ein vereinzeltes kleines Commando Kosacken,
und dann nach Isler zu abgezogen seien, wobei er aus den Reden der Reiter gehrt
habe, da das ganze russische Corps, das noch die Dobrudscha besetzt hielt, auf
dem Rckzug begriffen sei.
    Zugleich kam die Meldung, da die Soldaten in der Nhe das nothwendigste
Bedrfni des Kriegers auf dem Marsch, Wasser, in einem jener Brunnen gefunden
htten, die mehr aus Cisternen bestehend, uerst sprlich ber das traurige
Land verstreut sind und jetzt noch grtentheils von den Russen verschttet
waren. Menschen und Thiere hatten sich sofort um den Rand der Cisterne
zusammengedrngt, um mit dem Lebenselement die vertrockneten Gaumen zu netzen.
    Die erhaltenen Nachrichten bestimmten vollends den Obersten, an dieser
Stelle das nchtliche Bivouac aufzuschlagen. Sofort begannen, whrend die
trkischen Reiter sich trge neben ihren Pferden lagerten und ihr hartes Brot
verzehrten, die Zuaven jene fliegenden Gezelte aufzuschlagen, die ihre Erfindung
sind, indem sie ihre Lagerscke auftrennen und sie, je zwei und zwei
zusammenbindend und durch Stbe sttzend, Windschirme daraus machen, in deren
Schutz sie ihre Feuer anznden. Die Erfahrung hat den Nutzen dieser Einrichtung
erwiesen, und Bedeau, der ehemalige Oberst der Zuaven, regelte sie und fhrte
sie bei dem ganzen Regiment ein. Whrend die Fouriere die Vertheilung der
geringen Lebensmittel vornahmen, machte ein Theil der Mannschaften aus dem
trockenen Dnger der Steppenthiere und Binsen Feuer an, um an der Flamme den
Kaffee zu kochen, der im Nothfall die sonst beliebte Abendsuppe ersetzen mu,
indem man das Zwieback in den Kaffee reibt und so eine Art von Pastete macht.
Der Zuave hat das Talent, berall etwas zu finden, wo kein anderer Soldat das
Geringste entdecken wrde, und so sah man denn auch bald mehrere der lustigen
Krieger daher kommen, in ihren Mtzen jenes der trkischen Steppe eigenthmliche
Thier, die kleine Landschildkrte tragend, die ihnen zu einer krftigeren Speise
verhelfen sollte. Kaum war die Entdeckung gemacht, als die halbe Compagnie sich
auf die Jagd begab, um Schildkrten zu fangen, und da bei jedem Zuge dieser
eigenthmlichen Soldaten sich wenigstens Einer befindet, der sich rhmt, ein
halber Vatel zu sein, so waren in Zeit von einer halben Stunde wenigstens zehn
verschiedene Zubereitungen des Thieres im Gange.
    Der Oberst hatte seine Lagersttte in der Nhe der Htte aufgeschlagen, in
welcher er die Familie gefunden, es vorziehend, durch das Bivouacquiren unter
freiem Himmel dem widrigen Schmuz und der dumpfen Atmosphre dieser kaum fr
Menschen geeigneten Lcher zu entgehen. Dabei leitete ihn auerdem die Absicht,
das wirklich in ihrer Racen-Eigenthmlichkeit schne Mdchen vor den
Zudringlichkeiten der franzsischen Soldaten zu schtzen, die in diesem Punkt
ein sehr weites Gewissen haben.
    Nachdem der Colonel selbst die Posten revidirt, kehrte er zu seinem offenen
Bivouac zurck, wo sich bereits die Offiziere der kleinen Schaar versammelt
hatten und ihren Antheil an den gersteten Schildkrten nahmen. Einer der
Burschen hatte dazu in dem Wasserkessel mit einer Flasche Rum einen Grogk
gebraut.
    Die Gesellschaft debattirte eben ber den abscheulich schlechten Geschmack
des vorgefundenen Wassers trotz des Zusatzes von Rum, als der Colonel mit dem
Capitain-Adjutanten Feverrier dazutrat.
    Pardioux! schwor Capitain Brice de Ville, dessen gascognischen Ursprung
das Wort verrieth, die Fiebersmpfe am Auri-Gebirge enthalten wahrhaftig
besseres Zeug als diese stinkende trbe Flssigkeit. Prfen Sie selbst, Colonel,
unsere Leute mssen krank werden, wenn sie das Zeug genieen.
    Was sollen wir machen? lachte Lieutenant Lesorier, knnen Sie wie Moses
eine andere Quelle in der Wste schaffen? Unsere Wasserschluche sind bis auf
den letzten Tropfen geleert.
    Der Vicomte hob den ihm dargebotenen Becher und prfte mit Auge und Nase das
Getrnk. Es roch so abscheulich, da er es ohne weitere Probe auf den Boden go.
Sein Auge fiel dabei zufllig auf den jungen, zerlumpten Zigeuner, der am
Eingang der Htte kauerte und die Gruppe der Offiziere neugierig beobachtete,
nachdem er sich zu verschiedenen Dienstleistungen eifrig hinzugedrngt hatte.
    Er winkte ihn heran.
    Dein Bruder ist wahrscheinlich vom Genu des schlechten Wassers dieser
Gegend erkrankt?
    Ich bin Dein Sklave, sagte der Zigeuner demthig. Wir trinken von keinem
Brunnen in diesem Lande, unsere Nahrung ist der Thau des Himmels, den wir
auffangen.
    Also sind die Quellen dieses Bodens gefhrlich?
    Es giebt gute und schlechte, wie sie Gott gemacht hat. Unser Gesetz
befiehlt uns, das Wasser des Himmels aufzufangen.
    Du kennst diese Gegend?
    So ziemlich. Wir sind zwar auf der Flucht vor den Moskows hierher gekommen,
aber ich habe sie in diesen Tagen viel durchstreift.
    Du sollst uns morgen frh zum Fhrer dienen und gut dafr bezahlt werden.
    Das Kind Aldobarans wird dem Befehl des tapfern Franken gehorchen. Welchen
Weg befiehlst Du, da ich Euch morgen fhre?
    Wir werden den Russen nach Isler zu folgen. Wie weit entfernt ist die See?
    Kara Irman ist eine Tagereise von hier.
    Der General, wandte sich der Colonel zu den Offizieren, wird auf der
Hlfte des Weges zu uns stoen.
    Wissen Sie, Vicomte, wie weit Yussuf Befehl hat, vorzudringen? fragte der
Major, welcher die beiden Compagnieen kommandirte.
    Ich wei nur, da die Colonne am 5. in Varna zurck sein soll.
    Sie glauben also an eine Einschiffung?
    Alle Zeichen deuten darauf hin, doch ist Zweck und Zeit Geheimni der
Oberbefehlshaber.
    Cap de Bious! Was kann es anders sein, als Sebastopol. Wir werden
Sebastopol nehmen und gegen Moskau marschiren.
    Der Weg mchte etwas weit sein, Capitain, sagte lchelnd der Colonel.
    Der letzte Theil des Gesprches war zwar franzsisch gefhrt worden, dennoch
horchte der Zigeuner eifrig darauf, gleich als knne er es verstehen.
    Die Offiziere hatten ihre Zuflucht zu den Feldflaschen genommen, und das
unvermischte Getrnk - Rum, schlechter Cognac oder Wermuth-Liqueur - machte
fleiig die Runde. Es war bereits finster geworden und die Soldaten begannen
sich zu lagern.
    Pesth! sagte der Gascogner, es ist doch eine verfluchte Gegend, und mir
ist immer, wenn ich mich umschaue, als mte ich hier meine Gebeine lassen. Wenn
die Herren Russen uns nur wenigstens noch einige Motion verschaffen wollten. He,
Bursche! er wandte sich zu dem jungen Zigeuner, la die junge Hexe, Deine
Schwester, uns wahrsagen, oder uns etwas vorsingen und tanzen, Ihr Zigeuner
versteht ja allerlei Teufelsknste.
    Die Offiziere fielen im Chor ein mit jener Ungenirtheit, die im
franzsischen Dienst auer unter'm Gewehr zwischen den Offizieren aller Grade,
ja selbst zwischen diesen und den Mannschaften herrscht, und die sich in ihrem
Vergngen wenig um die Gegenwart des Obern kmmert.
    Der Zigeuner war in der Erdhtte verschwunden und kam gleich darauf mit dem
Mdchen an der Hand wieder zum Vorschein. Der rothe Glanz des Feuers beleuchtete
die in phantastische Lumpen gehllte Gestalt, aus dem Kopftuch, das ihr
schwarzes Haar umhllte, schauten die dunklen Augen kalt und finster auf die
Gesellschaft. Ihre Hand hielt die kleine, der Balaleika hnliche Cither der
Bulgaren.
    Der Colonel wandte sich freundlich zu dem Mdchen.
    Willst Du uns eines Deiner Nationallieder vorsingen, so soll ein Geschenk
Dir die Mhe lohnen.
    Der Zigeuner sprang dazwischen.
    Sarscha versteht die Lingua Franka nicht, blanker General. Sie spricht nur
Trkisch und Bulgarisch.
    Dann, meine Herren, sagte lchelnd der Vicomte, werden wir auf das
Vergngen eines nationellen Concerts als Nachtisch wohl verzichten mssen, denn
mit unserm Trkisch ist es noch schlecht bestellt.
    Nicht doch, Colonel. Wir rufen Franconville von Ihren Spahi's, der kann uns
dolmetschen. Er spricht Trkisch wie Wasser.
    Nach wenig Augenblicken schon kam der Gerufene herbei, einer jener
franzsischen Abenteurer, die sich seit vielen Jahren im Orient aufhielten und
jetzt vielfach als Dolmetscher von den Truppen verwendet wurden. Er war
Unterlieutenant bei den neu organisirten orientalischen Spahi's und erklrte
sich bereit, jeden Vers der Sngerin auf Franzsisch zu wiederholen.
    La Deine Schwester beginnen. Dieser Herr wird uns jeden Vers bersetzen.
    Das Mdchen sah mit einem seltsamen Blick auf die Gruppe, die neugierig und
schweigend lauschte. Dann griff sie in die Saiten, da die Dissonanzen widerlich
hinaus schallten in den Kreis, der sich immer zahlreicher um sie bildete, und
begann mit einer eintnigen und dennoch weithin dringenden Stimme jenen
furchtbaren Gesang, in dem der apathische bulgarische Charakter alle jene
Jahrhunderte alten Klagen gegen den Halbmond in der Geiel der Gegenwart
zusammendrngt:

Ueber das Gebirge kam die Pest,
Hinter Stambul ist ihr schwarzes Nest.

Grn war das Gebirg' und schn bethaut,
Aber es verdorrten Baum und Kraut.

Und das Heilkraut ist zuerst verdorrt,
All' die kleinen Vglein flogen fort.

Dann vom Berge schritt die Pest in's Thal,
In Pravadi fing sie an die Qual.

Klopfend ging sie dort von Haus zu Haus,
Leichen warf man auf das Feld hinaus.

Erst nur Trken traf ihr schwarzer Hauch,
Spter traf er fromme Christen auch.

Auch die Raben flogen fort vom Schmaus,
Nur der Storch blieb auf dem leeren Haus.

Auch der Treue fiel zuletzt vom Dach,
Und es fielen ihm die Jungen nach.

Schwarz vor Aerger ist die Pest zu seh'n,
Einen schwarzen Schleier lt sie weh'n.

Sie ist eine stumme, alte Frau,
Welk ist ihre Brust, ihr Auge grau.

Nur wenn Jesus Christ in Schlummer fllt,
Steht sie auf und wandelt durch die Welt.

Als der Nordwind unsern Herrn geweckt,
Floh sie ber's schwarze Meer erschreckt.

    Der Lieutenant der Spahi's wiederholte Vers um Vers die Worte den Zuhrern.
    Je weiter er kam, desto stiller wurde es im Kreise, desto unheimlicher
lagerte sich das Grauen rings umher.
    Der Gascogner sprang auf.
    Cap de Bious! - Halte ein mit diesem Unkensang, der Einem das Mark in den
Adern erstarren macht. Es ist Zeit genug fr den Soldaten, an die Krankheit zu
denken, wenn sie uns beim Schopf hat.
    Ein einzelner, lauter, langgedehnter Schrei vom Ende des Bivouacs her schien
ihm zu antworten.
    Der Doctor! wo ist der Doctor?
    Ein Zuave kam mit der Nachricht gelaufen, da zwei Kameraden pltzlich bei
ihrem Nachtmahl erkrankt seien.
    Die beiden Chirurgen, die sich bei der Truppe und in dem Kreis der Offiziere
befanden, erhoben sich ziemlich langsam und gleichgltig, bis ein ernster Blick
des Colonel sie zur Eile mahnte. Der Gang der heitern Unterhaltung war durch das
Lied und die Meldung gestrt, und man traf daher allseitig Anstalten zum
Nachtlager, whrend der Vicomte unruhig mit dem alten Major auf und ab schritt,
bemht, seine Besorgni zu verbergen.
    Die Zigeunerin war nach dem unheimlichen Liede wieder verschwunden, Niemand
dachte mehr an die Possen, die man zur Unterhaltung mit ihr vorgehabt. Ein
leichter Nebel, wie diese Sumpfgegenden stets bei Nacht aushauchen, hatte die
weite Flche eingenommen und gab den Gestalten und Gegenstnden etwas
Verschleiertes, Gespensterhaftes.
    Pltzlich hrte der Vicomte in seinem Rcken eine Stimme sich anmelden:
    Monsieur le Colonel!
    Sich mit seinem Begleiter umdrehend, sah er den einen der beiden Chirurgen
vor sich und das blasse erschrockene Gesicht des jungen Mannes schien ihm nichts
Gutes zu verknden.
    Was giebt es, Fremont? fragte der Major. Was fehlt den Leuten?
    Ich rapportire, sagte der Wundarzt mit leiser Stimme, da die beiden
Leute von der Cholera ergriffen sind. Drei Andere zeigen gleichfalls Symptome.
    Die beiden Offiziere fuhren erschrocken zurck.
    Morbleu! rief der Major, das fehlte uns in dieser Wste noch! Sie werden
ein gewhnliches Uebel gleich fr die Seuche halten.
    Weder mein College noch ich knnen uns darber irren, Herr Major, sagte
der Chirurg. Wir haben in den Lazareths in Varna Dienste geleistet und
verstehen, wenn wir auch keine promovirten Aerzte sind, doch genug von der
Krankheit, um zu wissen, da die vorliegenden Flle der rapidesten Art sind.
    Der Vicomte nahm den Major am Arm.
    Schweigen Sie, Herr, ber die Meldung, die Sie uns gemacht und den
Charakter der Krankheit, auch wenn sich noch weitere Flle zeigen sollten. Gehen
Sie zurck und lassen Sie die Kranken absondern, ich werde sogleich zur Stelle
sein.
    Whrend der Chirurg zu dem Lager zurckkehrte, fhrte der Vicomte den Major
eine Strecke seitwrts.
    Der Zug nach der Dobrudscha, sagte er, ist hauptschlich unternommen, um
die Truppen der Krankheit wegen abzusondern, die in Varna furchtbarer wthet,
als die Blletins zugestehen. Ich habe bestimmte Ordres fr den Fall, da die
Krankheit ausbricht. Wir werden vier Stunden den Mannschaften Ruhe gnnen und
uns dann auf den Weg machen. Gebe Gott, da die Seuche sich nicht weiter
verbreitet, denn - - -
    Er schwieg.
    Der alte benarbte Major, der funfzehn Jahre lang in Afrika gefochten, sah
ihn starr an.
    Denn - - - was dann?
    Es ist unmenschlich, - aber die Befehle sind peremtorisch, - ich soll die
an der Cholera Erkrankten auf dem Wege sich selbst berlassen.
    Fluch dem, der diesen Befehl gegeben! rief der alte Soldat entrstet.
Mge er selbst nicht auf dem Felde der Ehre, sondern auf dem schlechten
Krankenlager enden wie ein Hund. Geben Sie Ihre Befehle, Lieutenant-Colonel;
Major Estolles wird zu gehorchen wissen, wenn er auch den Befehl fr eine
Schande der franzsischen Armee hlt.
    Der Vicomte fate seine Hand.
    Sie wissen, wie ich selbst darber denke und wie sich mein eigenes Herz
emprt. Lassen Sie uns vereint alles Mgliche thun, um dem Uebel zu begegnen.
    Sie begaben sich sofort zu dem Bivouac, wo statt des Schlafes bereits groe
Unruhe herrschte. Trotz aller Vorsichtsmaregeln hatte sich die Nachricht von
dem Ausbruch der Cholera bereits verbreitet, und die unerschrockenen,
leichtherzigen Krieger, die ohne Bedenken den Feuerschlnden einer Batterie
entgegen gingen, steckten die Kpfe zusammen und zitterten bei dem Gedanken an
den Tod durch die Seuche.
    Die Befrchtungen waren leider nicht unbegrndet. Von den dreihundert Zuaven
waren, als die Offiziere an die Stelle kamen, die sofort durch Wachen isolirt
wurde, bereits vierzehn Mann von der Krankheit ergriffen; vier davon rangen in
Todeskmpfen und starben whrend ihrer Anwesenheit.
    Der Aeltere der beiden Chirurgen erklrte, da das Wasser des Brunnens den
rapiden Ausbruch herbeigefhrt haben msse.
    Der Colonel lie Schildwachen an den Brunnen stellen und befahl, ihn bei dem
nchsten Tageslicht zu untersuchen.
    Auer den abseits lagernden und um die drohende Gefahr unbekmmerten Moslems
schlossen nur Wenige in dieser Nacht die Augen. Die Rapports der Aerzte
wiederholten sich von Stunde zu Stunde; als die Morgendmmerung anbrach, waren
bereits vierunddreiig Erkrankungen unter den Zuaven, drei unter den Spahi's,
gemeldet.
    Der Vicomte befahl den Aufbruch, und - indem er es nicht ber sich gewinnen
konnte, die Kranken ihrem Schicksale zu berlassen, - deren Aufnahme in die
nachfolgenden Araba's. Whrend er nach der Htte der Zigeuner schickte, um den
Fhrer holen zu lassen, - entstand ein wthendes Geschrei in der Gegend des
Brunnens.
    Mit aschbleichem Gesicht trat der alte Major zu ihm; bei dem Tapfern, der
vor keiner Gefahr gebebt, malte sich Abscheu und Entsetzen in allen Zgen.
    Die Hllenbrut! sagte er, meine Leute haben so eben auf dem Grunde dieser
Cisterne, deren Wasser wir getrunken, drei Leichname russischer Soldaten
gefunden. Der Schurke von Zigeuner mute darum wissen, die ganze Familie soll
baumeln!
    Aber die Ordonnanz brachte die Nachricht, da die Htte leer war. Selbst der
Kranke war verschwunden. Eine Nachfrage bei den Wachtposten ergab, da schon im
Anfang der Nacht der Zigeuner und seine Schwester mehrmals hin und her gegangen
waren, was die Wachen, da der ausdrckliche Befehl des Colonel lautete, die
Familie nicht zu belstigen, nicht beachtet hatten. So war es ihnen leicht
geworden, auch ber die Linie der ausgestellten Vorposten zu entwischen.
    Der Eindruck, den der schauerliche, Ekel erregende Fund machte, war kaum zu
bewltigen. Schon whrend der kurzen Anstalten des Aufbruchs mehrte sich die
Zahl der Kranken. Als die Colonne sich ber die de Flche beim ersten
Sonnenstrahl bewegte, blieben mehrere Soldaten auf dem Wege zurck - alle
Ermahnungen der Offiziere halfen Nichts, - die Krankheit machte bei Einzelnen so
rasche Fortschritte, da schon nach kurzer Zeit das Delirium eintrat.
    Man war noch keine zwei Lieues marschirt, als der Major der Zuaven den
Colonel rufen lie, der sich bald bei dem Vortrab der Spahi's, bald bei dem
Nachzug der Kranken-Escorte aufhielt, berall anordnend, antreibend.
    Freund, sagte er ihm, meine Stunde ist gekommen, der Ekel wird mich
tdten. Ich fhle die Krankheit in meinen Eingeweiden; es bleibt keine Rettung
fr Sie und die Colonne, als da Sie streng den Befehl des Generals befolgen.
Lassen Sie mich mit den Andern zurck und suchen Sie das Corps Yussuf's zu
erreichen, wo wenigstens Feld-Apotheken zur Hand sind. Ich empfehle Ihnen meine
Braven, Kamerad, - retten Sie, was Sie knnen, davon. Dieser Feldzug wird viele
franzsische Leben kosten.
    Der tapfere Veteran war vom Pferde gestiegen und sa an einem der
Steppenhgel; schon zeigten sich die Vorboten der Krankheit, doch wollten ihn
seine wackern Krieger unter keinen Umstnden verlassen. Der Vicomte am
wenigsten. Es mute ein rascher Entschlu gefat werden; Mricourt lie die
Vorhut der Spahi's Halt machen.
    Fnfzig Mann des ersten Tabor's sitzen ab und schicken ihre Pferde fr die
Kranken zurck, die sie zu Fu escortiren! In gleicher Weise wird mit den
Kranken der Reiterei verfahren.
    Der Mulasim1 bersetzte die Ordre; ein rebellisches Geheul der befehligten
Abtheilung folgte.
    Fluch ber die Dschaur's! Wir wollen ihre Mtter verdammt sehen, ehe wir
den unglubigen Hunden unsere Pferde geben! Mgen sie umkommen, es ist ihr
Schicksal!
    Das Rebellenblut der alten Baschi-Bozuks drohte in vollen Flammen
auszubrechen, doch der Colonel verstand es zu behandeln.
    On-Baschi Jussuf!
    Der riesige Mohr, Nursdih's Bruder, ritt vor. Er verstand genug die Lingua
franca, um die Befehle des Kommandirenden zu begreifen und war ein Liebling
desselben, der sich, wie einst seine gemordete Gebieterin Mariam, auf seinen
blinden Gehorsam verlassen konnte.
    La' den Burschen dort absitzen und sein Pferd zurckfhren! - Bei der
geringsten Weigerung weit Du, was Du zu thun hast.
    Pek ji, Beh!
    Der Mohr wandte sich zu dem nchsten Reiter:
    Inshallah! ist es Dir gefllig, von Deinem Pferde zu steigen, mein Bruder?
    Olmas!
    Der Halunke starrte gemthlich hinaus in die Luft, als sei der militairische
Gehorsam ihm trotz der zahlreichen Prgel bei der Organisation ein unbekanntes
Ding geblieben.
    Ohne ein Wort zu sagen, schlug der Mohr ihn mit dem Knauf seiner Pistole so
gewaltig an den kahlen Schdel, da er aus dem Sattel zu Boden strzte. Dann
wandte er sich mit der gleich hflichen Frage an den Zweiten, der, so schnell es
sein Phlegma erlaubte, dem Befehle gehorchte. Die Mulasim's machten es auf der
anderen Flanke eben so und in fnf Minuten waren die Sttel gerumt und die
Pferde zum Transport der Kranken bereit. So wie die Sache einmal durchgesetzt
war, hrte man keinen Laut des Widerspruches mehr, und die Bozuks leisteten
willig den Kranken alle Hilfe.
    Trotz alles Beistandes jedoch kam der Zug nur langsam vorwrts und eine
immer mehr anwachsende Zahl von Leichen bezeichnete seinen schaurigen Weg, je
hher die Sonne stieg, je heier ihre Strahlen ber die Flche brannten.
    Aber Seuche und Oede sollten nicht ihr einziger Feind bleiben!
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    Die Angabe des Zigeuners, da Krankheit des Bruders die Familie in dem
Tartarendorf der Dobrudscha zurckgehalten, war insofern Wahrheit, als eines der
Mitglieder der kleinen Gesellschaft allerdings am Fieber litt, doch war die
Krankheit bereits den Heilmitteln der Kinder der Steppe gewichen und htte sie
nicht an der Flucht gehindert. Das Zurckbleiben geschah vielmehr absichtlich,
denn der junge Zigeuner war Mungo, der russische Spion, mit Sarscha, seiner
Schwester und deren Liebhaber, Aleko Pelin, dem Bojarensohn, und streifte im
Auftrage der russischen Befehlshaber durch die sdlichen Steppen der Dobrudscha,
um nach der Kunde, die der Knabe Mauro von dem Aufbruch der Expedition gebracht,
den Weg der franzsischen Truppen zu belauern.
    Als Sarscha ihr Unglck verkndendes Lied gesungen, schritt sie einsam und
finster in den Abendnebeln davon, ohne in die Htte zurckzukehren. Sie
verachtete das Gewerbe des Bruders, ja, sie achtete wohl selbst nur wenig der
leidenschaftlichen Liebe des jungen Bojaren, dennoch trieb sie die Vereinsamung,
die auf ihrem Stamm lag, aus den Kreisen des Volkes und lie sie dem Manne sich
anschlieen, der ein Herz fr sie zeigte. Ueberdies lastete in der Heimath das
Gercht auf ihr, da die Familie den Russen den Weg durch die Smpfe von
Oltenitza verrathen, und wenn auch Zinka, ihre Mutter, vor jeder Gefahr durch
den Ruf des bsen Auges gesichert und in ihrer einsamen Sumpfhtte unbelstigt
blieb, warfen die walachischen Bauern doch schlimme Blicke auf Sohn und Tochter.
Darum hatte Mungo nach seiner Rckkehr von Krajowa Sarscha und ihren Liebhaber
beredet, ihm auf das rechte Ufer der Donau in's Lager der Russen zu folgen.
    Der junge Zigeuner stand durch die Schlauheit und Khnheit, die er bei jeder
Gelegenheit an den Tag gelegt und die durch Capitain Meyendorf gebhrend gerhmt
worden, bei den russischen Oberoffizieren in dem Rufe eines ihrer besten und
zuverlssigsten Spione, und es fehlte ihm daher nicht an reichen Belohnungen,
deren Ertrag er in der einsamen Htte seiner Mutter verbarg. Umsichtig, keinen
Laut verlierend, beobachtete er unter der Maske der kriechenden Angst und Demuth
jetzt den Kreis der franzsischen Offiziere und die Aufregung, die bei der
pltzlichen Kunde von dem Ausbruch der Seuche sich bald durch das ganze Bivouac
verbreitete. Der gnstige Augenblick der Flucht schien ihm gekommen, und indem
er in die Htte zurckkehrte, hie er den Bojarensohn, sich der
Krankenvermummung entledigen und sich dagegen in ein altes Gewand und Tuch
Sarscha's verhllen. Dann ffneten sie in der Rckwand der Htte ein mit
getrocknetem Schilf verstopftes Loch und krochen in's Freie. Der Nebel und die
allgemeine Unruhe erleichterten ihr Entkommen, und zwischen dem hohen Gras der
Steppe gelangten sie bald auerhalb der Postenkette. Hier fanden sie Sarscha und
alle Drei eilten nun ber die de Flche einer etwa eine Meile entfernten Stelle
zu, wo zwischen zwei Hgeln die halbverfallene steinerne Umfassung eines
cisternenartigen Brunnens sich erhob, der gutes Wasser enthielt, dessen Dasein
aber der Spion sorgfltig den Franzosen verschwiegen hatte.
    In der Vertiefung des Bodens ruhten hier fnf jener kleinen Steppenpferde,
auf denen der Kosack die Ebenen der Dobrudscha, wie die des Dnjepr und Don
durchschweift. Auf der Mauer des Brunnens sa eine dunkle Figur, die lange
schlank am Nachthimmel sich abzeichnende Lanze zeigte den Kosacken; ein zweiter
lag schlafend am Boden.
    Stoi! - Wer da?
    Gutfreund, Brderchen, lachte der Zigeuner. Wecke rasch den Lieutenant,
wir bringen Nachricht. Die Franzosen sind in der Falle.
    Der Ruhende sprang empor; es war der junge Kosackenoffizier, der die Meldung
des unglcklichen aber tapferen Selwan in der Nacht des groen Ausfalls vor
Silistria zu den Schanzen an der Donau hatte bringen sollen.
    Gott und die Heiligen mgen Deinen Weg segnen, Bursche. Was bringst Du fr
Nachricht? - Du hast mich lange warten lassen!
    Mungo berichtete, whrend Sarscha und ihr Liebhaber sich an dem Wasser des
Brunnens erfrischten.
    K tschortu! fluchte der Kosack, es wird unmglich sein, sie diese Nacht
zu berfallen, denn der General ist zurckgegangen und steht ber zwanzig Werste
von hier entfernt. Gleichviel, er mu die Nachricht erhalten, und wenn Du die
Richtung ihres Marsches gut verstanden, sind wir ihnen zur rechten Zeit auf den
Fersen. Zu Pferde, Freunde! zu Pferde!
    Wenige Minuten darauf jagte die kleine Schaar nach Norden zu durch die
einsame Steppe.
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    Es war um Mittagszeit, als die Franzosen und Spahi's auf ihrem traurigen
Rckzug an einer Hgelkette angelangt waren, die sich nach dem Trajanswall
hinzog. Hier lie der Lieutenant-Colonel die Colonne rasten, denn selbst die
Gesunden vermochten in der brennenden Hitze nicht mehr vorwrts zu kommen. Die
Krankheit wthete furchtbar in den Reihen, das heitere Gelchter, der
bermthige Gesang der Zuaven war verstummt, - von den beiden Compagnieen
fehlten bereits sechsundsiebenzig Leute, darunter der tapfere Major, der, eine
Lieue von dem Halt entfernt, sein aus zehn blutigen Schlachten gerettetes Leben
ausgehaucht. Eine tiefe Niedergeschlagenheit, ja Muthlosigkeit hatte sich der
franzsischen Soldaten bemchtigt, whrend die Moslems jetzt die Zhigkeit ihres
Charakters bekundeten und sich gleichgltig in alles Ungemach und alle Leiden
des Zuges fgten.
    Der Vicomte hatte verschiedene kleine Trupps zur Recognoscirung und zu
Nachforschungen nach Wasser ausgesandt und sich eben finster und erschpft auf
den Boden gesetzt, um einige Augenblicke auszuruhen, whrend unsern von ihm
mehrere Soldaten eine breite Grube in den drren Boden schaufelten, bestimmt,
die Leichen des Majors und der nach der Ankunft auf dem Lagerplatz gestorbenen
Krieger aufzunehmen. Ringsum zeigte die Gegend den eigenthmlichen Charakter
dieser Wste. Auf den uralten Hnenhgeln saen und flatterten mchtige Adler,
gleich als begleiteten sie Tod und Beute witternd den Zug. Zahllose Vlker von
Rebhhnern strzten schwirrend unter den Hufen der Pferde aus dem drren Grase
hervor, wenn einzelne Wachen von Hgel zu Hgel ritten. Groe Heerden von
Trappen strichen durch die Ebene, gleichsam zur Jagd verlockend - aber den
Jgern fehlte die Lust und die Kraft, denn auf ihren Fersen sa selbst ein
grimmer Feind, - der Tod in seiner furchtbarsten Gestalt! - Rechts und links und
hinter ihm die stummen Gruppen der Soldaten, auf das glhende Erdreich geworfen,
in finsterer Apathie erwartend, da der Drache der Krankheit auch sie erfassen
und verschlingen werde; - nur die Schildwachen, dem Gebote der militairischen
Disciplin gehorchend, auf und ab gehend, oder mit bleichem Gesicht, auf das
Gewehr gesttzt, nach dem Hintergrund des Lagers hinhorchend, von wo der
Leidensruf, das Todessthnen so manches tapfern Kameraden klang. Und ber dies
Bild von wilder Natur und menschlichem Elend, menschlicher Schwche und
Ohnmacht, der helle klare Himmel, der glhende, versengende Strahl der
Julisonne! Der Vicomte schauderte bei der Betrachtung dieses
seltsam-schrecklichen Bildes, als pltzlich der On-Baschi Jussuf mit zwei
Begleitern mit verhngtem Zgel ber die wellenfrmige Ebene dahersprengte.
Zugleich vernahm das scharfe Ohr des Offiziers den entfernten Knall von
Pistolenschssen, und von mehreren Punkten her sah man die einzelnen Patrouillen
zurckgejagt kommen.
    Noch ehe der On-Baschi die Schildwachen der kleinen Lagersttte erreicht
hatte, war der Commandant auf den Fen und lie Allarm schlagen. Der Ruf: Die
Russen! die Russen! ging mit Gedankenschnelle durch die Gruppen, und gleich als
htte das Wort, das ihnen einen neuen Feind verkndete, den Bann des Grauens und
der verzweifelnden Apathie von Aller Glieder gelst, kam Bewegung in die Menge,
ordneten sich die Reihen rasch auf das Wort der Offiziere.
    Die Ankunft des Mohren, der vor dem Colonel sein Pferd parirte, brachte die
Besttigung:
    Die Kosacken, Bey! sie sind zahllos wie die Heuschrecken!
    Der Vicomte hatte kaum Zeit, seine Anordnungen zu treffen, die mit raschem
Ueberblick der Gefahr dahin gingen, die Seite des Hgelrckens zu halten.
Whrend die Kranken sich selbst berlassen blieben, warfen die Offiziere die
Zuaven vor als Postenkette rings um die Stellung. Ihnen schlossen sich die
abgesessenen Spahi's an, die ihre Pferde zum Transport der Wagen und Kranken
gestellt hatten; im Kreise dieser Kette ordneten sich die Reiterhaufen der
Spahi's.
    Es war das erste Mal, da die Franzosen in diesem Kriege ihre alten Gegner
von 1812 und 1813 wiedersahen, die Shne der Steppe, wie ihre Feinde in Algerien
die Shne der Wste waren. Es bedurfte kaum des Zurufs, der Ermunterung der
Offiziere, um die Leute, die sich auf die Knie in dem hohen drren Grase
geworfen, auf einen tapfern Empfang des Feindes vorzubereiten.
    Noch whrend die Spahi's in der Formirung ihrer Reihen begriffen waren, sah
man ber den Kamm der gegenberliegenden Hgel die kleinen, hurtigen,
beweglichen, grauen Gestalten auf unansehnlichen, aber lebendigen Pferden jagen,
die schlanken, spitzen Lanzen in der Faust, diese gefrchtete Waffe, die einst
die Franzosen von Moskau bis Paris gejagt hatte. Das Kuli! Kuli! der
halbwilden Steppenkrieger schallte durch die klare dnne Luft Unheil drohend
herber, und im nchsten Augenblick erschien die dunkle Phalanx eines
Kosacken-Regiments auf den Hgeln.
    Kaum fnf Minuten lang hielt der Feind an, um sich zu sammeln und die Front
zu bilden. Man sah die Offiziere hin und her sprengen, auf die sichtbaren
Schwadronen der orientalischen Spahi's deutend und dann diesen Wald von Lanzen
sich senken und an den Hals der kleinen Pferde pressen. Ein gellender
langgezogener Schrei erfllte die Luft, dann kam, gleich einer Schwalbe im Sto,
die ganze dunkle Reihe im Galopp daher gejagt.
    Der Tod bringende Empfang belehrte jedoch die russischen Offiziere bald, da
sie hier auf andere Gegner gestoen, als auf ihre gewohnten Erbfeinde, die
Moslems.
    Der Chok des Kosacken-Regiments ging im vollen Galopp bis auf ungefhr 100
Schritt vor den ruhigen Colonnen der Spahi's. Da pltzlich entwickelte sich auf
den Wirbel der Trommeln ein Feuer auf der ganzen Vertheidigungslinie, kaum 30
Schritt von den Anstrmenden, das mit sicheren Schssen Pferde und Reiter zu
Boden warf. Im Nu sprangen zugleich die Zuaven empor und bildeten eine Phalanx
von Bajonneten, an denen die Wenigen zurckprallten, die das tdtliche Feuer
noch so weit halte vordringen lassen.
    Die Reihen des anstrmenden Regiments lsten sich rechts und links in wilder
Flucht.
    Vive l'Empereur!
    En avant, mes braves!
    Der Sbel des Colonel winkte. Im Carriere brachen die halbcivilisirten
trkischen Reitermassen vorwrts und jagten die Kosacken weit hinber ber das
Thal.
    Erst der langgedehnte Ton der Hrner rief die Bozuks zurck. Das Auge des
tapfern und umsichtigen Fhrers umfate das Schlachtfeld. Da links debouchirten
dichte Massen von Feinden ber die Hgelreihe herauf: ein zweites Regiment
Kosacken und eine Colonne Infanterie, auf den Pferden der Steppenreiter mit zur
Stelle befrdert, kam ber die Anhhen.
    Die Signale hatten die franzsisch-trkische Reiterei zurckgefhrt. Die
Zuaven sammelten sich in Gliedern zur khnen Vertheidigung des Platzes, auf dem
sie vielleicht dennoch bald ihr Leben der schrecklichen Seuche zum Opfer bringen
sollten. Der Colonel war berall und ermunterte die Seinen.
    Es that Noth, denn jeder Blick rckwrts lehrte, da die ekle widrige
Krankheit unaufhaltsam ihre Opfer forderte.
    Der leichtherzige gascognische Capitain wankte an ihm vorber, die Faust,
die noch den tapfer geschwungenen Sbel hielt, auf den Magen gepret.
    Das hllische Wasser whlt mir im Leib! Ich mu zum Doctor, leben Sie wohl,
Colonel - die Lanze eines Russen mge Ihnen ein besseres Ende geben, als
meines!
    Er strzte nach wenigen Schritten in Zuckungen zu Boden; der Vicomte lie
ihn aufheben und zu den Chirurgen tragen. Die zurckkehrenden Leute meldeten,
da nur der Eine noch seinen Dienst erflle, der Zweite aber sich gleichfalls in
den Schmerzen der Krankheit winde.
    Einen traurigen verzweifelnden Blick warf der brave Commandant hinauf zu dem
lichten, klaren Mittagshimmel, der so viel Elend berwlbte. Nicht die
Ueberzeugung entmuthigte ihn, da hier ihr Aller Grab gegraben - nur die bittere
Empfindung, da hie Krankheit ihr Sieger und Wrger werde und die tapfere Schaar
fast widerstandslos in die Hand des Feindes gegeben habe.
    Und dieser lie nicht warten. In aufgelsten Reihen plnkelte die Hlfte der
Kosacken und die Infanterie rings gegen den Lagerplatz der Franzosen, whrend
das neu angekommene Regiment in geschlossenen Sotnien den gnstigen Augenblick
abzuwarten schien, um sich auf die Bedrngten zu werfen. Der Colonel lie im
Rcken, wo das fliegende Lager sich an die hintern Hgel lehnte, so gut es in
der kurzen Zeit ging, durch das Aufwerfen eines Grabens und die Aufstellung der
Araba's, welche das Gepck und die Kranken bisher gefhrt, eine Art Verschanzung
bilden, welche wenigstens von dieser Seite gegen einen Choc der Reiterei sichern
konnte, und sandte die Hlfte seiner Spahi's gegen die Plnkler, die andern und
die geschmolzenen Glieder der Zuaven gegen einen Massenangriff zurckbehaltend.
    Ueber die von hohem Steppengras bedeckte Ebene, die zwischen den zwei
niedern Hgelzgen sich dehnte, entspann sich jetzt ein lebendiges
Reitergefecht, in dem die Chancen ziemlich gleich waren, da beide Theile auf
dieses Plnkeln und diesen Einzelnkampf gewhnt und gebt waren. Nur hteten die
Kosacken sich, nachdem die Kugeln der Zuaven mehrere Sttel gerumt hatten, der
Stellung dieser Gegner zu nahe zu kommen.
    Eine Stunde mochte so vergangen sein, als der militairische Blick des
Colonels bemerkte, da ein neuer Impuls unter die Russen zu kommen schien.
Reiter sprengten auf dem Hgelrcken hin und her, die Signale riefen die
Plnkler zum Sammeln und offenbar bereitete sich ein allgemeiner Angriff vor,
der bei der Ueberzahl der Russen vernichtend wirken mute.
    Dennoch wollte er Leben und Sieg so lange als mglich vertheidigen und traf
alle Anstalten zu einem krftigen Empfange der Gegner. Das frhere Manver
konnte jetzt nicht mehr glcken und es galt, die Lanzenreiter festen Fues zu
empfangen. Der Colonel lie die Zuaven die Mitte und die Spitze des Halbkreises
einnehmen, und die Spahi's die Seiten bilden.
    Der Sturm kam und das zweite Kosacken-Regiment in vollem Galopp heran,
whrend zwei Sotnien des andern rechts und links angriffen. Der Sto war rasch
und blutig, aber das regelmige Feuer, die kecke sichere Haltung der Franzosen
schlug noch einmal den Ansturm ab, whrend an den beiden Flanken der Stellung
ein wildes Handgemenge entstand. Hierhin warfen die russischen Offiziere ihre
Infanterie und der Vicomte sah, da in wenigen Momenten der Kampf sich zu seinem
Nachtheil entscheiden mute.
    In diesem Augenblicke vernahm er den unerwarteten Knall eines Feldgeschtzes
und das Pfeifen einer Kugel ber ihren Kpfen hinweg. Ein zweiter und dritter
Schu folgten rasch dem ersten, bevor er noch Zeit hatte, sich aus dem
Kampfgewhl los zu machen und von einer freien Stelle sich umzuschauen.
    Die Kugeln waren gegen die vier Sotnien der Russen gerichtet, welche als
Reserve vor den jenseitigen Anhhen aufgestellt waren.
    Von der Hgelwand ber und hinter ihnen in einiger Entfernung qualmte der
Rauch der Geschtze und blitzte das Feuer aus dem Pulverdampf, und auf den
Anhhen entlang jagten trkische Spahi's.
    Hilfe in der Noth - das konnten nur franzsische Feldgeschtze, die
Avantgarde des Generals Yussuf mute in der Nhe sein - die Russen wuten davon
und hatten einen letzten Coup versucht!
    Haltet Euch! Haltet Euch, meine Braven! Franzsische Hilfe rckt an!
    Aber es war zu spt - in demselben Augenblick durchbrach die russische
Infanterie die gedehnte schwache Vertheidigungslinie, die Kosacken folgten, und
einige Minuten lang war das ganze so tapfer vertheidigte Gelnde eine wirre
Masse von Kmpfenden, so dicht gedrngt, da oft nur der Sto des Sbelgriffs
gegen den Feind gebraucht werden konnte. Pferde strzten und traten ihre Herren
unter die Hufe, ber Kranke und Sterbende ging das Gewhl schonungslos hinweg,
Reiter und Infanteristen kmpften neben- und miteinander, oft nicht den Freund
vom Feind unterscheidend, Weh- und Wuthgeschrei, der donnernde Siegesruf der
Russen, das herausfordernde Kampfgeschrei der Franzosen, der Jammer der
Sterbenden und Zertretenen, dazwischen die zum Rckzug rufenden russischen
Signale - -
    Mit Mhe gelang es endlich den russischen Offizieren, ihre Mannschaften aus
dem Gewirr zu lsen und sie zurckzufhren. Aber der Rckzug lste sich bald in
wilde Flucht, denn in Masse schwrmten jetzt die Spahi's des franzsischen
Generals heran und von den nher gekommenen Geschtzen hagelten Karttschen und
Granaten ber den Steppengrund. Erst auf den jenseitigen Hhen, wo die vier
Sotnien die Reserve bildeten, sammelten sich die Regimenter und traten, von der
trkischen Reiterei umschwrmt, einen langsamen Rckzug an.
    Auf der Sttte des kurzen aber blutigen Kampfes lagen die Leichen,
Verwundeten und Kranken wst durcheinander, Menschen und Pferde, die
verstmmelten, von den Hufen der Pferde zertretenen Opfer der Seuche neben den
Opfern des Sbels und der Lanze, Zuaven, Spahi's und Russen. Wer verschont
geblieben von dem blutigen Gemetzel, selbst die Verwundeten und Kranken,
schleppte sich jubelnd den Rettern entgegen, die jetzt in geschlossenen
Colonnen, den General mit seinem Stabe voran, ber die Hgel daherkamen.
    Der Sbelhieb eines Kosacken hatte den Colonel ber die Stirn getroffen und
eine blutende, wenn auch nicht gefhrliche Wunde zurckgelassen. Der starke Arm
des On-Baschi Jussuf hieb einen Zweiten vom Pferde, dessen Lanze den Vicomte im
Rcken bedrohte. Von dem Mohren und einigen Offizieren begleitet, sprengte der
Vicomte jetzt dem berhmten Namensvetter seines Lebensretters entgegen.
    Ah ciel, Monsieur le Colonel! Sie bluten, die Russen haben Ihnen scharf
zugesetzt; wir kamen, von dem Schieen geleitet, zur rechten Zeit!
    Der Vicomte rapportirte das Geschehene. Der weltberhmte khne Abenteurer,
der frhere Gouverneur von Constantine und franzsische Brigade-General, der
einst der Kabburha, der Tochter des Bey von Tunis Zunge, Hand und Auge des
verrtherischen Mohren sandte, der ihre Schferstunde belauscht, war, obgleich
ber die erste Blthe des Mannesalters hinaus, doch noch immer ein Mann von
khner schner Haltung, klein und zierlich von Wuchs, aber ein vollendeter
Reiter. Sein scharf und ausdrucksvoll geschnittenes Gesicht verdsterte sich
merklich, als er von dem Ausbruch der Cholera in dem Detachement vernahm.
    Das ndert meinen Vorsatz, sagte er, und lt diese Spitzbuben da drben
ungeschoren entkommen, deren Gros bei Babadagh ich mit einem Nachtmarsch
berfallen wollte. Ich kann es nicht mibilligen, Lieutenant-Colonel, da Sie
Ihre kranken Leute nicht im Stich gelassen, und scheere mich selbst den Henker
wenig um die unmenschliche Ordre des Marschalls. Mit unserm Vordringen aber
ist's vorbei und wir mssen unsere nchsten Lazarethe oder wenigstens bewohnte
Gegenden wieder zu erreichen suchen. Sir folgen uns, Vicomte, mit dem Rest Ihrer
Leute; ich werde ihnen sogleich Aerzte senden. Die Kranken und Verwundeten
mssen auf die Bagagewagen vertheilt werden.
    Ehe eine Stunde verging, waren die Grber zur Beerdigung der Gefallenen
gegraben und das Corps auf dem Rckmarsch.
    Es ist nicht unsere Aufgabe, die schrecklichen Leiden der einzelnen
Abtheilung der Expedition weiter zu verfolgen. Der Tod, der in ihren Reihen
wthete, verbreitete sich bald auch unter die Truppen des Generals.
    Um 8 Uhr Abends hatte man bereits 150 Todte und 350 Sterbende. Es war ein
schreckliches Schauspiel, das die muthigsten Herzen mit Grauen erfllte. Es
handelte sich nicht mehr darum, einen Feind zu verfolgen, der stets vor den
Blicken am unermelichen Horizont der Steppe verschwand, sondern einer Geiel
Gottes zu entrinnen. Nur die Energie des tapfern Afrikaners trieb die Truppen
auf dem Wege nach der Kste vorwrts, wo man hoffen konnte, Schiffe zu finden
und durch die frische Seeluft die Krankheit gemildert zu sehen.
    Die Colonne des Generals Espinasse war bis Kergeluk vorgedrungen, und der
Todesengel hatte sie mit gleicher Wuth getroffen. Das brave Infanterie-Regiment,
das die Kranken aus dem brennenden Lazareth in Varna getragen, hatte den
Giftstoff der Ansteckung in seinen Adern mit in die Wste gebracht und die
Anstrengungen des Steppenmarsches lieen ihn bald zur vollen Wuth ausbrechen.
Todte und Sterbende lagen haufenweise unter den Zelten. Man hatte keinen Feind
gesehen und dennoch bedeckten Leichen den Boden, wie nach einer Schlacht; man
grub Grber, um die gestorbenen Gefhrten zu begraben, aber bei dem Aufwerfen
der Schollen entquollen pestilenzialische Dnste dem Boden; so Mancher, der dem
Kameraden ein Grab grub, legte die Schaufel nieder, ehe das Werk vollendet war,
und warf sich schweigend an, den Rand der halboffenen Gruft, um nicht mehr
aufzustehen. Die noch Lebenden wurden auf die Pferde gehoben oder von den
Kameraden getragen, sogar auf die Fahrzeuge der Artillerie mute man die Kranken
laden. Diese verhngnivolle Nacht war die zum 30. Juli. An dem andern Tage
vereinigten sich die Colonnen der beiden Generale, und man konnte deutlich
sehen, wie die Furcht vor einem ruhmlosen Ende auch die Hupter der
Unerschrockensten zu Boden drckte. Da gegenseitige Hlfe nicht denkbar war, so
galt es, jede grere Anhufung von Menschen zu vermeiden. Die Yussuf'sche
Colonne ging ohne Aufenthalt an den Kampfgefhrten vorber und bewegte sich
gegen Mangalia, indem sie auf ihrem Wege als verhngnivolle Etappen zahlreiche
Grber zurcklie, die den Pfad anzeigten, den sie gewandert. Bei diesem Marsch
war es, da der Vicomte durch ein kurzes Wiedersehen des deutschen Arztes die
erste Nachricht von seiner Rettung erhielt. Doctor Welland war in voller
Thtigkeit und lohnte mit energischer Aufopferung das edelherzige Einschreiten
des Generals. So schrecklich die Verhltnisse waren, unter denen man sich
wiederfand, so herzlich war die Begrung im Leben von beiden Seiten, und mit
Vergngen hrte der Vicomte, da, wenn der schwarze Tod sie verschonte, sie bei
seinem eigenen Regiment sich wiederfinden sollten.
    Die Espinasse'sche Division erreichte mittlerweile ihr ehemaliges Bivouac
bei Pallas, wo sie ein Bataillon mit den Tornistern der Infanterie, eine Section
der Ambulancen und ihr anderes Gepck zurckgelassen hatte. Da es unmglich
wurde, alle Kranken noch weiter zu schaffen und die Fhrer darber einig waren,
der grausamen Anweisung des Marschalls so lange als mglich keine Folge zu
geben, so lie man hier bei der Ambulance einen Theil der Kranken zurck und
zugleich zwei Bataillone zu ihrem Schutze. Die Seuche wuchs an Heftigkeit und
jede Minute vermehrte sich die Chiffre der Sterblichkeit. Am 31. war die
Division vereinigt und entledigte sich ihrer Kranken nach Kstendsche, wo der
Pluto sie aufnahm. Bisher waren die Zuaven am meisten heimgesucht, obwohl alle
Corps ohne Ausnahme viel zu leiden hatten. Warten war hier gleichbedeutend mit
Sterben. Der General bestimmte daher, da den anderen Morgen um halb 5 Uhr der
weitere Rckmarsch nach Varna angetreten werden sollte - aber noch denselben
Abend um 10 Uhr traf unerwartet der General Canrobert von seiner Argonautenfahrt
vor Kstendsche auf dem Cazique ein. Von allen Seiten erhoben sich bei dem
Anblicke des geliebten Fhrers in diesem durch die schrecklichste aller
Krankheiten decimirten Lager die lebhaftesten Zurufe, Aller Arme streckten sich
ihm entgegen; die Sterbenden erhoben sich, um ihrem General entgegen zu gehen;
denn dem Unglcklichen erscheint jede Vernderung seiner Lage als eine
Besserung, und nicht bald war ein General so von den Seinigen geliebt, wie
Canrobert. Welches Schauspiel entrollte sich aber seinen Blicken. Auf allen
Seiten lagen unter dem Schutze der Zeltdcher die Fieberkranken ausgestreckt.
Ueberall hrte man Gesthne, und der Tod mhte mit unbarmherziger Sichel in den
Reihen der erschpften Krieger. So fand Canrobert seinen schnen, stolzen,
kriegslustigen Heerhaufen wieder, den er voll Leben und Kampfesdurst verlassen
hatte. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er seiner Umgebung die Hnde und man sah
Thrnen seinen Wangen entrollen. Dann durchschritt er die Zeltgassen, hatte ein
Wort des Trostes fr alle Leidenden, belebte den Muth der Gesunden durch die
Hoffnung auf nahen ruhmvollen Kampf, und beugte sich mitfhlend ber jene herab,
die im Begriffe waren, eine Beute des Todes zu werden. Mittlerweile wuchs die
Sterblichkeit in der schreckbarsten Weise. In der Nacht und an dem folgenden
Morgen wurden alle disponiblen Pferde der Artillerie, so wie die Packmaulthiere
der Offiziere, requirirt, um 800 Neuerkrankte nach Kstendsche zu schaffen. Am
1. August verlie man Pallas und am 2. war die Zahl der Erkrankungen wieder so
gro, da die Snften und Araba's nicht mehr gengten, um die von der Seuche
Ergriffenen fortzuschaffen; man mute endlich zu den Pferden der Offiziere und
Generale seine Zuflucht nehmen. Zu allem Ueberflusse begannen
unbegreiflicherweise die Lebensmittel zu fehlen. Canrobert gab einem von
Kstendsche mit Cholerakranken abgehenden Schiffe die Weisung mit, von Varna
Lebensmittel als Rckfracht nach Mangalia zu bringen. Zugleich wurde in der
Nacht der Capitain Marcel zu Yussuf geschickt, der um einen Tagesmarsch voraus
war, mit der dringenden Aufforderung, den General mit Transport- und
Lebensmitteln zu versehen. Glcklicherweise hatte eben ein Schiff in Mangalia
Lebensmittel ausgeladen; Offiziere und Soldaten halfen 600 Pferde beladen und
machten zu Fu, die Pferde am Zgel, 6 Lieues, um ihren leidenden Brdern Hilfe
zu bringen. - General Espinasse, von der Cholera ergriffen und von seinem
Geretteten treulich gepflegt, blieb mit einem Regimente zurck, um die nicht
transportirbaren Kranken zu bewachen. Der Rest setzte sich in Marsch und stie
endlich auf die 600 Packpferde Yussuf's. Die braven Baschi-Bozuks gingen nun mit
den leeren Pferden noch weiter zurck, um Espinasse's Regiment abzuholen, da
aber die meisten Kranken kein Pferd mehr besteigen konnten, requirirte Canrobert
Araba's, um sie zu befrdern. Endlich kamen, als man Mangalia erreicht hatte,
welches am Meere gelegen ist, Schiffe in Sicht, die 2000 Cholerakranke nach
Varna schafften.
    Das war das schaurige Ende der ersten franzsischen Expedition gegen die
Russen!

                                    Funoten


1 Lieutenant.


                               Die Almaschlacht.

Der Roman hat den allgemeinen Gang der Begebenheiten so lange verlassen, da wir
den Leser mit einem kurzen Ueberblick derselben bis zu der Katastrophe fhren
mssen, die sich jetzt im Sden bereitete.
    Wir haben die Resultate der Verhandlungen der europischen Kabinette ber
die orientalische Frage am Schlu unseres zweiten Bandes, also bis zum Frhjahr
1854, berichtet.
    Auf Grund des zwischen Oesterreich und Preuen geschlossenen Allianztractats
zum Schutz der deutschen Interessen richtete das wiener Kabinet nach Petersburg
Sommation auf Rumung der Frstenthmer. Unter'm 29. Juni antwortete Graf
Nesselrode mit der Erklrung, da die Stellung in den Frstenthmern nur noch
eine militairische Position sei, die gerumt werden wrde, wenn man Sicherheit
habe, da die Feindseligkeiten andererseits nicht fortgesetzt wrden. Ruland
stimme den Grundstzen des Protokolls vom 9. April bei und wolle darauf den
Frieden unterhandeln: Integritt der Trkei - Rumung der Frstenthmer -
Consolidirung der Rechte der Christen in der Trkei gemeinsam durch die Mchte.
    Diese Note der russischen Regierung erwiderten die Kabinets von London und
Paris mit folgenden vier Forderungen: 1) Europische Garantie fr die Rechte der
Donau-Frstenthmer; 2) Sicherung der freien Schifffahrt an der Donaumndung; 3)
Revision des Vertrages von 1841 im Interesse des europischen Gleichgewichts und
im Sinne einer Beschrnkung der russischen Macht auf dem Schwarzen Meere; 4)
gemeinsame Frderung der Emancipation der Christen, aber nur in einer mit den
Souverainettsrechten des Sultans vereinbaren Weise.
    Diese Forderungen waren offenbar so anmaend und politisch gefhrlich fr
Ruland, als unwrdig christlicher Staaten! Dennoch machte sie auch Oesterreich
zu den seinen, whrend Preuen sich auf eine Vorlage in Petersburg und den
Versuch beschrnkte, sie mit den von Ruland vorgeschlagenen Grundbedingungen in
Einklang zu bringen. Unter'm 26. August verwarf Graf Nesselrode die bersandten
Bedingungen, die offenbar den Zweck der Demthigung und Schwchung Rulands zum
Ziel htten und hchstens einem durch langen Kampf geschwchten Reich geboten
werden knnten. Zugleich erklrte er, da aus strategischen Grnden die Truppen
hinter den Pruth zurckgezogen seien und Ruland sich fortan vllig auf der
Defensive halten werde.
    In Asien waren whrend dieser Zeit die russischen Armeen fortwhrend
siegreich gegen die Trken gewesen. General Wrangel hatte ein feindliches Corps
unter Selim-Pascha bei Bajazid vernichtet und beherrschte den Carawanenweg.
Frst Bebutoff schlug Zarif-Pascha bei Kurukdere auf's Haupt; aber die
englischen Intriguen und englisches Gold, welche Schamyl bis unter die Mauern
von Tiflis fhrten, nthigten die Sieger, sich gegen diesen Feind zu wenden.
    Im Norden hielt unterde die englisch-franzsische Flotte die Ostsee
occupirt und englische Schiffe begannen jene Plnderung und Zerstrung
unbeschtzter Kstenstdte, die als eine ewige, aber keineswegs vereinzelte
Schande auf der britischen Kriegsgeschichte haften wird. Wir fhren als einziges
Beispiel der englischen Humanitt an, da die Mannschaft einer Fregatte vierzig
Frauen und Mdchen von einer der Alandsinseln auf ihr Schiff brachte, acht Tage
lang sie zur Frhnung ihrer Gelste mit umher schleppte und dann die
Unglcklichen fern von ihrer Heimath wieder an's Land setzte.
    Aber es waren ja blo Russen, gegen die man sich dergleichen schon erlauben
darf!
    Am 16. August bombardirte die vereinigte Flotte das einem solchen Angriff
keineswegs gewachsene Bomarsund und die franzsischen Landungstruppen unter
General Baraguay d'Hilliers zwangen den Kommandanten, General Bodisco, zur
Uebergabe. Man zog diese einer spartanischen Aufopferung vor. - Die
Befestigungen der Alandsinseln, offenbar von der russischen Politik bestimmt,
spter ein Zwingpontus der Ostsee zu werden, waren noch im Entstehen begriffen;
die Station dieser Inseln aber, wie wir bereits bei einer frheren Gelegenheit
bemerkten, galt fr die Truppen in Petersburg als der nordische Kaukasus, das
heit, als eine Art Exil. Es mu anerkannt werden, da die Zerstrung Bomarsunds
und die sptere Friedensclausel, welche die Befestigung der Alandsinseln
verbietet, die nordeuropischen Staaten vor einer groen politischen Gefahr oder
wenigstens Bevormundung befreien kann.
    Am 20. August war eine sterreichische Armee in die Walachei eingerckt,
Halim-Pascha schon am 8. mit einem trkischen Corps in Bukarest angekommen.
Omer-Pascha folgte ihm mit 25,000 Mann am 22., und Frst Gortschakoff, der nach
der Abreise des greisen Frsten von Warschau wieder allein das Obercommando
fhrte, rumte zu Ende des Monats vollstndig die Moldau.
    Durch die Besetzung der Walachei nach dem Abzug der Russen verfolgte das
wiener Kabinet unter all' diesen politischen Wirrnissen eine eben so
selbststndige als schlaue Politik, die bei dem Streit der drei groen Nationen
fr die eigenen Interessen so viel als mglich im Trben fischte. Am 6.
September zogen die Oesterreicher in Bukarest ein. Oesterreichs Verlangen an den
deutschen Bundestag, ihm auch bei einem weiteren aggressiven Vorgehen den Rcken
zu decken und seine Besetzung der Donau-Frstenthmer als eine deutsche
Angelegenheit und fr Deutschland unternommen zu schtzen, scheiterte jedoch an
der klaren und redlichen Politik des Knigs von Preuen, der sich weigerte, den
unter'm 20. April geschlossenen Allianztractat zu einer deutschen Mobilmachung
gegen Ruland ausbeuten zu lassen, um von dessen Bedrngni Zugestndnisse fr
Oesterreich zu erzwingen, und der die Frsten des deutschen Bundes bewog, allen
Verdchtigungen Oesterreichs, allen Drohungen der englischen und franzsischen
Presse gegenber sich seiner strengen Neutralitt anzuschlieen.
    Preuens Ehrlichkeit rettete Ruland - das ist eine Thatsache, die erst die
sptere Geschichte wrdigen wird. Den Dank - -
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    Goldener Sonnenschein lag ber dem Pontus, dessen Wogen sich gleich der
Brust eines Riesen hoben, bedrckt von einer, ungewohnten Last.
    Auf dem Hinterdeck der Fregatte Niger, nahe dem Steuer, stand ein bleicher
Mann, die Hand auf die Wandtaue gesttzt, und schaute auf das Gewhl ringsum,
das den Spiegel des Meeres bedeckte, - auf die flache Kste, die sich von hohen
Bergplateau's im Osten und Sden her hier in Steingerll in das blaue Meer
verlief.
    Es war der dreizehnte September, der Jahrestag der Schlacht an der Moskwa; -
eine Armada, zahlloser und stolzer als die des spanischen Philipp's, bedeckte
das Meer; - die Kste vor den Augen des Mannes war die Kste von Eupatoria, die
Bai von Kalamita, und der Mann mit dem kranken bleichen Gesicht der englische
Baronet Edward Maubridge.
    Das Verdeck des Niger war dicht gefllt mit Offizieren und Soldaten des
42. englischen Infanterie-Regiments von der Brigade des Generals Campbell. Das
Feldgepck lag an den Seitenwnden hoch aufgethrmt, zwischen den dichten
Gruppen der Soldaten bewegte sich oft nur mhsam das Schiffsvolk und nahm sich
wenig in Acht, bei Gelegenheit durch einen Tritt oder Sto seinen Groll an den
verachteten Rothjacken und Landratzen auszulassen, die seine Decke ungangbar
machten. Einzelne Weiber, dieser unvermeidliche Balast englischer Truppen,
befanden sich im Vorderschiff.
    Um den kranken Baronet drngte und lrmte es von Offizieren, die mit
Capitain Warburne ber die Mittel ihrer Ausschiffung verhandelten und seinen
Porter tranken.
    Der Adjutant des Generals, der Befehle wegen der Ausschiffung gebracht und
dessen Boot unten an der Falltreppe auf den blauen Wellen schaukelte, trat zu
dem Baronet.
    Ich freue mich, Vetter, sagte er, Sie so weit wieder hergestellt zu
sehen, da Sie Zeuge unserer ersten Operationen sein knnen. Wie ich hrte,
wurden Sie durch das Messer eines griechischen Banditen in der Nacht des
Lazareth-Brandes in Varna verwundet?
    So ist es, Capitain Waller. Zum Glck glitt der Sto an den Rippen ab, nur
das dazu getretene Fieber hat mich sechs Wochen an's Krankenlager gefesselt. Es
ist das erste Mal, da ich das Verdeck ohne Hilfe betrete, und wahrlich, der
Anblick um mich her mu ein englisches Herz beleben.
    Er war in der That groartig. Die schwimmende Stadt bedeckte, in drei Linien
formirt, so weit das Auge sah, das Meer: Segel an Segel, die wirbelnden Sulen
von Rauch, die Flaggensignale, die tausend kreuzenden Boote gewhrten ein ewig
wechselndes Bild.
    Haben Sie noch einige Augenblicke Zeit, Vetter, so wrden Sie mich durch
eine kurze Uebersicht unserer Operationen verbinden. Bei dem Treiben im Schiff
war in den letzten Tagen zu keinem vernnftigen Wort zu kommen.
    Oberst Lofter schreibt seine Antwort und das dauert sicher noch eine
Viertelstunde, die ich Ihnen sehr gern widme. Ich war zufllig gestern an Bord
des Agamemnon, des Flaggenschiffs des Sir Edward Lyons, und hrte da ausfhrlich
die Dispositionen.
    Vor Allem, wie steht's mit der Gesundheit der Truppen?
    Im Augenblick ziemlich gnstig; es war aber die hchste Zeit, da wir in
Bewegung kamen. Bis Ende Juli waren von Portsmouth, Southampton, London,
Marseille und Toulon 80,000 Mann bis Varna gebracht, aber die Cholera und die
schlechte Verpflegung hatte uns im August auf 65,000 reduzirt. Die unglckliche
Expedition nach der Dobrudscha hat die Franzosen allein 6000 Mann gekostet.
    Ich hrte davon. Sie begann am Tage meiner Verwundung.
    Der Zug nach der Krimm war zum August schon beschlossen, nur war man ber
die Landungspltze und die Operationen selbst noch nicht einig. Sie wissen, da
am 5. die Einschiffungen begannen, am 9. trafen wir die vorausgegangene
franzsische Flotte an den Schlangeninseln und das Gros ist seitdem vereint
geblieben, 150 Kriegsschiffe einschlielich 32 Linienschiffe1 und 80 Dampfer,
dazu 600 Transportschiffe.
    Wer hat die Letzteren geliefert?
    Alle Welt, wir haben allein 73 Oesterreicher darunter.
    
    Kennen Sie die Strke unserer Truppen?
    Ganz genau. Wir zhlen 32 Bataillone, 10 Schwadronen und 24 Geschtze, etwa
26,000 Mann2; die Franzosen 38 Bataillone, 4 Sappeur-Compagnieen und 72
Geschtze, dagegen an Kavallerie nur eine halbe Schwadron Spahi's, im Ganzen3
32,000 Mann; doch ist, wie ich hre, gestern schon ein Dampfschiff nach Varna
zurckgegangen mit dem Befehl fr den Aufbruch der Reserven. Unsere wrdigen
Schutzbefohlenen, die Trken, sind 7000 Mann stark. Die Armee fhrt 5000 Pferde,
Belagerungsgeschtze, auf 39 Tage Proviant fr 65,000 Mann und 1000 Schu fr
jedes Geschtz mit. Wenn Sie bedenken, da jede dieser 14 bis 16 Batterieen mit
ihrer Schmiede und ihrer Munition 30 oder 31 Wagen zhlt, so ergiebt dies schon
an 450 Wagen mit fast 2000 Pferden Bespannung. Rechnen Sie dazu die Wagen mit
Ingenieur-Gerthschaften, die Munitionswagen, die Lazarethwagen, das Gepck und
die Kavalleriepferde, so werden Sie sich einen Begriff dieses ungeheuren
Transports machen, wie die Welt noch keinen zweiten gesehen.
    Ich frchte nur Unglck und Verwirrung.
    Seien Sie unbesorgt, die Anstalten sind vortrefflich geordnet und, ich mu
es gestehen, unsere jetzigen guten Freunde, die Franzosen, Meister in
Arrangements. Die Oberbefehlshaber der Flotte, die Admirale Dundas und Hamelin,
sorgen nur fr die Sicherheit der Landung. Kriegsschiffe sind daher nach allen
Punkten detaschirt, von denen eine Strung stattfinden knnte, selbst gegen
Odessa. Vor Sebastopol kreuzen seit dem 10. die Vengeance, die Retribution und
die Fury. Jedes Dampfschiff hatte zwei Transportschiffe in's Schlepptau
genommen. Sie sehen die drei Linien, welche die Schiffe drei (englische) Meilen
lang bilden, links bis zum Cap Baba, rechts nach der Bai von Kalamita hin bis zu
den Trmmern jenes alten genuesischen Forts, das Sie ber dem tatarischen Dorf
auf der Spitze des Hgels erblicken und das morgen der Mittelpunkt der Landung
sein wird. Die Avisoschiffe trafen schon vorgestern auf den Stationen von Cap
Baba bis zum Cap Lukull ein, und Lyons, der die Ausschiffung leitet, untersuchte
selbst die Ksten. Die erste Linie der Schiffe bestreicht mit ihrem schweren
Geschtz das Ufer weit hin und fhrt den grten Theil der Infanterie an Bord.
Auf der zweiten befindet sich die Kavallerie, auf der dritten die Artillerie und
das Gepck.
    Wann wird die Landung beginnen?
    Der Offizier sah nach seiner Uhr.
    Es mu sogleich geschehen, und wenn Sie ein ertrgliches Fernrohr haben,
werden Sie von hier aus sie vollstndig beobachten knnen. Doch sollen heute nur
so viel Truppen an's Land gesetzt werden, um festen Fu in Eupatoria fassen zu
knnen, das nicht stark besetzt scheint. Die Hauptlandung beginnt morgen weiter
sdlich und man hofft, jede Stunde 6-7000 Mann landen zu knnen.
    Wann wird sich Lord Raglan ausschiffen?
    Morgen. Er hat das genuesische Fort zu seinem Hauptquartier ausersehen.
Marschall St. Arnaud jedoch, der sich dort an Bord der Ville de Paris befindet,
wird erst am nchsten Tage folgen. Man sagt, er sei nicht ungefhrlich krank.
Der Herzog von Cambridge ist bei dem Lord, Prinz Napoleon und General Canrobert
sind auf dem Valery und Montebello.
    Wie weit ist der Ausschiffungspunkt von Sebastopol entfernt?
    Sieben franzsische Meilen in gerader Linie, doch wird er von zahlreichen
Wasserscheiden durchschnitten.
    Werden die Russen unserer Landung keinen Widerstand entgegen setzen?
    An dieser flachen Kste wre er unmglich. Die Wahl, die Sir George Brown
und Canrobert auf ihrer Recognoscirung im Juli getroffen, ist vortrefflich.
Sehen Sie, Edward, da gehen die Signale vom Flaggenschiff des Admirals in die
Hhe und da kommt auch meine Depesche. Werden Sie mit an's Land gehen, Vetter?
    Ich werde vorlufig bei Capitain Warburne bleiben.
    So leben Sie wohl und beeilen Sie sich mit Ihrer Genesung, um unserem Siege
beiwohnen zu knnen.
    Er sprang in's Boot. Aller Augen und Aller Interesse an Bord war jetzt von
der beginnenden Ausschiffung auf dem linken Flgel in Anspruch genommen.
    Man konnte deutlich durch das Fernrohr die Operation verfolgen. Die
Ausschiffung des bestimmten Corps von 10,000 Mann erfolgte zwischen Cap Baba und
der kleinen Stadt Eupatoria. Zwei franzsische, zwei englische Regimenter und
3000 Trken wurden in der Zeit von zwei Stunden an's Land gebracht. Die Boote
und Fhren lagen seitlngs der Schiffe, die ungefhr 1600 Ellen sich vom Ufer
befanden und an deren Bord die Mannschaften in Abtheilungen geordnet standen,
wie sie mit ungeladenen Gewehren in vollem Marschgepck die Boote betreten
sollten. Sobald ein solches seine Ladung hatte, setzte es sich gegen den Strand
in Bewegung, bis auf die Entfernung von etwa 50 Ellen, wo die Mannschaften in's
flache Wasser traten und nach dem Ufer wateten, auf dem sofort die Aufstellung
erfolgte. Die Pferde wurden an den Schiffswinden aus dem Raum gehoben, in See
gelassen und dort von den Gurten befreit, um nach dem Ufer zu schwimmen oder zu
waten, wo man sie auffing.
    Das Ganze - das Vorspiel des nchsten Tages - gewhrte ein beraus belebtes
Schauspiel. Ein franzsisches Jger- und ein englisches Rifle-Bataillon waren
die Ersten am Lande, Zuaven und Trken folgten. Sobald ein Bataillon festen Fu
gefat, wurden Tirailleurs vorgeschickt, aber nirgends zeigte sich ein Feind,
bis auf einige vereinzelte Kosacken, die sich in angemessener Entfernung
hielten. Man glaubte, da sich die russische Besatzung in Eupatoria zum
energischen Widerstand rste, und General Yussuf ging mit 4000 Englndern,
Franzosen und Trken vor, um dir Stadt zu strmen, als die Plnkler die
berraschende Nachricht brachten, da sie so gut wie verlassen war.
    Auf die Meldung hiervon wurde beschlossen, nur ein zur Besatzung gengendes
Corps, das sofort zugleich die Befestigung der Stadt beginnen sollte, hier
zurckzulassen und die weitere Ausschiffung sdlicher vorzunehmen. Whrend der
Nacht lichteten die Schiffe die Anker und segelten an der Kste hinab in die Bai
von Kalamita. Die Ville de Paris legte sich um 7 Uhr Morgens dem alten Fort
gegenber und die ganze Flotte in der vorher bestimmten Ordnung um sie her. Um 8
Uhr gab der franzsische Admiral das Signal zur Ausschiffung, um halb 9 Uhr
wehte die erste franzsische Flagge am Ufer; General Canrobert und der
Contre-Admiral Bouet-Villaumez pflanzten auf der Kste die drei Flaggen auf,
welche die Ausschiffungspunkte fr die drei Divisionen bezeichneten. Eine halbe
Stunde darauf war die ganze erste Division gelandet; die Feld-Artillerie wurde
dabei in Barken ausgeschifft. Um Mittag war die ganze franzsische Armee mit 20
Feldgeschtzen am Ufer, am Nachmittag wurden Pferde, Kanonen und Gepck an's
Land gebracht. Sobald die Colonnen sich formirt hatten, schickten sie
Tirailleurs voran und debouchirten das Ufer hinauf.
    Die Englnder begannen ihre Ausschiffung um 93/4 Uhr und setzten sie mit
Bequemlichkeit fort, so da am Abend erst die Infanterie gelandet war.
    Es war der Jahrestag des Einzugs in Moskau. Wie am Tage vorher lie sich
kein Feind sehen, um die Landung zu verhindern. Nur ein einzelner Offizier, von
einigen Kosacken gefolgt, hielt ruhig und beobachtend am Strande, schien sich
ausfhrliche Notizen zu machen und zog sich erst zurck, als die ersten Truppen
landeten. Auch da noch sah man ihn mit groer Khnheit und Ruhe in der
Entfernung etwa eines Mini-Schusses verweilen und seine Beobachtungen
fortsetzen. Da man noch keine Kavallerie am Ufer hatte, wurde kein Versuch zu
seiner Gefangennahme gemacht.
    Wir haben erwhnt, da die Englnder ihre Landung erst begannen, nachdem
bereits ein Theil der franzsischen Infanterie ausgeschifft war. Einer der
Ersten am Ufer war General Brown und er begann sofort mit seiner gewhnlichen
Furchtlosigkeit und Gleichgltigkeit gegen Gefahr die Schlucht hinauf zu
steigen, welche den Bach in's Meer fhrte, und die in verschiedenen Wendungen in
das sich nach und nach hebende Land hineinlief.
    In seiner Begleitung befand sich allein der General-Quartiermeister Airey
und Beide waren so eifrig in ihrem Gesprch, da sie nicht bemerkten, wie weit
hinaus sie die Linie der Vorposten berschritten.
    Die Flanke der franzsischen Position nahm an dem Klippenhgel, auf dessen
Hhe die Ruinen des genuesischen Castells sich befanden, zunchst der englischen
Ausschiffung, das dritte Zuaven-Regiment ein. Die Mannschaften hatten ihre
Gewehre zusammengestellt, jedoch die Ordre, beisammen zu bleiben. Plnkler waren
durch die Ebene zerstreut und drangen langsam vor.
    Auf der halben Hhe des Hgels, der mit Offiziergruppen jeder Waffengattung
besetzt war, stand der Stab des Regiments um Oberst Polkes versammelt, theils
ber die Ausschiffung und die nchsten Schritte der Armee verhandelnd, theils
dem Landen der Englnder zuschauend; unter ihnen der Lieutenant-Colonel Vicomte
de Mricourt.
    Haben Sie ber die Operationen Nheres gehrt, Labrousse?
    Der Commandant des ersten Bataillons zuckte die Achseln.
    Ihr Freund Saz wird Besseres wissen. Ich sehe ihn dort den Hgel herauf
kommen.
    Der Ordonnanz-Offizier des Prinzen benutzte in der That einen freien
Augenblick, um den Freund aufzusuchen, da nur wenig Pferde erst gelandet waren
und er daher keinen Dienst that.
    So viel ich gehrt, sagte er auf die nach der Begrung an ihn wiederholte
Frage, liegen zwei verschiedene Systeme vor. Nach dem ersten soll die Armee
nach der Landung eine Schwenkung nach links machen, nach der Landenge von
Perecop marschiren, den Russen eine Schlacht liefern und dann, gegen die
anrckenden Hilfskrfte gesichert, die Belagerung von Sebastopol vornehmen. Nach
dem zweiten sollen wir uns rechts wenden, unverzglich auf Sebastopol losrcken
und es durch einen raschen Angriff nehmen, ehe Entsatz und Hilfe herbeizukommen
vermag.
    Was werden wir thun?
    Das wird in dem Kriegsrath beschlossen werden, der nach der Landung der
Englnder beim Marschall stattfindet.
    Sehen Sie da, meine Herren, sagte ein groer hagerer Offizier mit
spanischem Gesichtsschnitt, der Russe hat wahrhaftig den Teufel im Leibe. Ich
glaube, er hat es auf den englischen General abgesehen.
    Wo - was giebt's?
    Seit einer Stunde schon, antwortete der Capitain, beobachtet der Offizier
dort, nebst seinen sieben Kosacken, der einzige Russe, der sich bis jetzt hat
blicken lassen, unsere Ausschiffung. Da drben den Hohlweg hinauf stiegen vor
zehn Minuten zwei englische Generle, die Klippen verhindern sie, die Nhe der
Feinde zu bemerken und sie knnen leicht hier vor unsern Augen niedergestochen
werden. Sehen Sie - der Russe hat sie bemerkt, und trifft seine Anstalten. Er
scheint ein noch sehr junger Offizier, das Gegenstck zu dem Fratzengesicht an
seiner Seite, - ich kann seine Mienen deutlich erkennen.
    Erlauben Sie mir einen Augenblick Ihr Glas, Capitain de Lara.
    Mit Vergngen.
    Der Spanier reichte dem Vicomte das kurze Feldperspectiv; deutlich, mit
bloen Augen, konnten Alle der Scene folgen. Man sah, wie der Kosack neben dem
Offizier mit der Lanze nach der Schlucht wies, in der man die Federhte der
beiden Generle von Zeit zu Zeit zwischen dem Gestein sich nhernd erblickte,
wie dann die Russen von den Pferden stiegen, die Einer hinter die vorspringenden
Felsen fhrte, und wie sie zwischen diesen sich verbargen. Nur der junge
Offizier blieb den Augen in seiner beobachtenden Stellung noch sichtbar.
    Pltzlich prete die Hand des Vicomte fest den Arm seines Freundes.
    Nehmen Sie das Glas, Saz - blicken Sie hin - erkennen Sie ihn?
    Die Cholera soll mich haben, wenn das nicht der Frst ist. Die Aehnlichkeit
ist brigens merkwrdig - eben kam ich an dem Bivouac Ihrer kleinen
Marketenderin vorbei und betrachtete mir das blasse Gesicht ihres verrckten
Gehilfen.
    Die Gefahr der beiden englischen Oberoffiziere schien brigens auch von
vielen Andern bemerkt worden zu sein, als von der Gruppe der Zuaven-Offiziere.
Ein Adjutant des Generals d'Autemarre flog den Hgel hinunter und einige
Augenblicke darauf hrte man die Hornsignale des Bataillons der afrikanischen
Jger, welches am weitesten voran stand, wie sie die Tirailleurs zum Avanciren
commandirten.
    Whrend die Bewegung ausgefhrt wurde, sah man die beiden britischen
Generle auf dem Plateau erscheinen, pltzlich Halt machen und dann in vollem
Lauf zurckfliehen. Zugleich knallten mehrere Flintenschsse und der Rauch
kruselte sich ber die Felsstcke her.
    Mit athemloser Spannung hing jedes Auge an dem Punkt, um die Lsung der
kleinen Scene zu erkunden. Dann sah man aus dem Schutz der Steinwnde den
russischen Offizier mit seinen sieben Kosacken hervorjagen und quer ber die
Ebene auf der Strae nach Sebastopol zu an der Kette der franzsischen Plnkler
hinsprengen, die erfolglos den kecken Reitern mehrere Schsse nachsandten.
    Wahrhaftig! der Bursche verdient, zu entkommen! Sehen Sie, wie er auf
unsere Kugeln hflich salutirt - und da lst sich das Rthsel! -
    Aus der Schlucht kamen verfolgend etwa ein Dutzend britische Infanteristen
hervor, die unbeachtet den Generlen nachgegangen und im glcklichen Augenblick
zur Stelle gekommen waren, um mit ihrem Feuer die Kosacken zurckzujagen. Einer
der Letztern - Olis, der Enkel des alten Huptlings - wurde leicht in's Bein
getroffen, - das war das erste Blut, das auf dem Boden der Krimm in diesem
Kriege vergossen ward. Strme sollten folgen!4 - - -
    Die Franzosen hatten am Nachmittag ihre smtlichen Pferde und ihre Bagage
an's Land gebracht, die Englnder aber gefeiert. Dieser Verzug der
Bequemlichkeit rchte sich alsbald, denn schon am Abend nderte sich pltzlich
die Witterung und von Mitternacht bis zum Morgen wtheten Windste und heftige
Regengsse. Die englische Armee mute diesen Vorschmack des Kommenden unter
freiem Himmel, ohne Obdach, ohne Zelte, zubringen. Die an hundert
Bequemlichkeiten gewhnten alten Generle, Lords und jungen Offiziere lagen im
Platzregen am Ufer in durchweichten Decken, statt der Kopfkissen
Salzwasserpftzen, ohne Feuer, ohne Grogk, ohne Aussicht auf ein warmes
Frhstck, auf einen wohlthtigen Kleiderwechsel. Und rings umher zwanzigtausend
pudelnasse Bursche, die sich in ihren Schiffsrumen von der Bescheerung Nichts
hatten trumen lassen. Sir George Brown kampirte die Nacht unter einem
umgestrzten Karren; der Herzog von Cambridge hatte einen hnlichen Schlafsalon,
denn die Franzosen hatten alle Rume des kleinen Dorfes und der Ruine in
Beschlag genommen. Die Verzgerung rchte sich aber noch bitterer, indem das
Wetter am 15. und 16. fortdauerte, und mit der Brandung der Wellen am Ufer die
Ausschiffung der Pferde und Artillerie sehr erschwerte. Viele schne Pferde
gingen dabei verloren. Das nasse Bivouac bte seinen Einflu auch auf den
Gesundheitszustand aus und einzelne Choleraflle begannen sich wieder zu zeigen.
    Der Kriegsrath am 15. hatte sich fr den directen Marsch nach Sebastopol,
dessen Nordbefestigungen man im Sturm zu erobern hoffte, entschieden. Vier Tage
waren jedoch durch die Zgerung der Englnder nthig, um die brige Artillerie,
die Pferde, das Gepck und die Proviantvorrthe an das Ufer zu schaffen, und um
die Vorbereitungen zu dem Marsch zu treffen. Diese Zeit wurde zugleich benutzt,
um aus Eupatoria eine feste Stellung zu machen, in deren Schutz man
nthigenfalls die Wiedereinschiffung bewirken konnte.
    Dann setzte sich das Gros der Armee gegen den Almaflu in Bewegung, auf
dessen Hhen, wie die tatarischen Spione die Nachricht brachten, Frst
Menschikoff seine Stellung genommen.
    Die Armee rckte langsam und vorsichtig vor - die Flotten begleiteten sie
zur Seite. -
    Der General-Gouverneur von Taurien, Marineminister Frst Menschikoff gebot
in jenem Augenblick in der Krimm, auer der Flotte von Sebastopol und geringen
Garnisonen in Kertsch, Baktschiserai und Perecop, nur ber eine disponible Armee
von 42 Bataillonen, 16 Schwadronen Kavallerie, 11 Sotnien5 Kosacken, 72 Fu- und
24 reitenden Geschtzen, im Ganzen etwa 35,000 Mann. Es wre ein schwieriges,
ja, unmgliches Unternehmen gewesen, mit diesen geringen Krften eine
ausgedehnte Kste gegen die Landung einer so bermchtigen Armee und Flotte
vertheidigen zu wollen oder gar die Offensive zu ergreifen. Der Frst beschlo
daher, zur Vertheidigung Sebastopols an der ersten Wasserscheide des Weges an
dem Flchen Alma auf den vortheilhaft gelegenen Hhen eine Defensivstellung zu
nehmen, den Rckzug nach Sebastopol und zur Rechten nach den Hhen von
Baktschiserai auf diese Weise sich sichernd.
    Es ist ein unaufgeklrtes Rthsel geblieben, warum man, nach den langen
Vorbereitungen der Alliirten fr die Krimm-Expedition, die sich vom Anfang
August nach der Rckkehr des franzsischen Corps aus der Dobrudscha nochmals bis
zum September verzgerte, die Krimm nicht strker besetzt hatte, als mit einer
Anzahl, die in keiner Weise siegend dem Feinde die Spitze bieten konnte.
    Man mu als Erklrung Folgendes annehmen. In Petersburg herrschte zunchst
der Glaube, da wenn ein Angriff auf Sebastopol versucht wrde, derselbe von der
Seeseite aus erfolgen werde. Hier kannte man die Strke der Festung und wute,
da sie gleich Kronstadt den vereinigten Flotten Trotz bieten knne.
    Einen Landangriff erwartete man hchstens in Bessarabien.
    Auerdem glaubte der Kaiser den Zustand der Communicationsmittel der Art,
da leicht bedeutende Truppenmassen rasch nach der Krimm geworfen werden
knnten; er glaubte, nachdem er seit drei Jahren nicht in Sebastopol gewesen
war, die Landbefestigungen der Stadt, fr die gleichfalls ungeheure Summen
verwendet worden, der Art, da sie eine Belagerung aushalten knnten; er glaubte
die Festung fr ein halbes Jahr vollstndig verproviantirt.
    Dieser Glaube des Kaisers tuschte ihn, - all' seine Strenge hatte das
Trugsystem des russischen Beamten und Lieferanten theils nur vorsichtiger zu
machen, nicht zu unterdrcken vermocht.
    Hierzu kam, da in diesem Augenblick die russischen Behrden in den
Heerlagern der Feinde schlecht bedient waren.
    In Constantinopel war, wie wir frher gemeldet, der Hauptagent der
russischen Interessen, Baron Oelsner, entdeckt und unschdlich gemacht worden,
nachdem der Sieg der Partei des Seraskiers seine Beschtzer verdrngt hatte. Ein
italienischer Arzt, Aska, den der Baron gewinnen wollte, verrieth ihn. Baron
Oelsner, der, um die trkische Polizei zu tuschen, deren eigenen Agenten
spielte und dafr ein Gehalt von 1000 Piastern monatlich bezog, hatte den Plan
eines allgemeinen Aufstandes der Christen und einer Massacre der Moslems in
einer bestimmten Nacht entworfen. Den militairischen Theil des Aufstandes sollte
der Englnder Planta, genannt Harrison, leiten, jener Mann, der im Norden
Deutschlands eine seltsame und rthselhafte Rolle gespielt hat. Ein griechischer
Schiffscapitain, Konstantin, ein Verwandter des griechischen Gesandten Metaxa,
hatte es bernommen, vierzig andere Schiffscapitaine fr die Sache zu gewinnen,
auf ihren Schiffen Waffen und Munition nach Constantinopel zu bringen und mit
smtlichen Matrosen der vierzig Schiffe bei dem Aufstande Hilfe zu leisten.
Oelsner stand durch Vermittelung des russischen Obersten Bodinianoff in
Verbindung mit dem Frsten Gortschakoff und dem Grafen Orloff, dem Freund und
Gnstling des Kaisers.
    Wir haben gesehen, wie der Ausbruch dieser Plne durch die Gegenwirkungen
der alttrkischen Partei scheiterte; durch den Verrath des italienischen Arztes
wurden die Umtriebe des Barons entdeckt und er im Serail gefangen gesetzt. Nur
der Schutz mchtiger Freunde sicherte sein Leben.
    Eben so haben wir gezeigt, wie der Hauptagent des Barons und der russischen
Interessen in Varna, im Heerlager der Verbndeten, Gregor Caraiskakis, durch die
Verkettung der Umstnde aus Varna vertrieben wurde. Die Nachrichten, die seitdem
das russische Gouvernement erhalten, waren schwankend und unsicher, und der
trotzige starre Sinn des General-Gouverneurs von Taurien hatte die durch Nicolas
Grivas ihm berbrachte Warnung unbeachtet gelassen. - - - -
    Daher kam es, da 65,000 Mann ohne Kanonenschu, ohne Schwertschlag an der
Kste der Krimm landen konnten, da 65,000 Mann, von einer mchtigen Flotte
flankirt, an den Hhen der Alma jetzt 35,000 Russen gegenber standen.
    Das Einzige, was die Russen bei dem Nahen der alliirten Flotte gethan, war
die Rumung der Gegend zwischen Eupatoria, Baktschiserai und Sebastopol von
allen Hilfsmitteln, und die Alliirten fanden nicht nur wenig frischen Proviant,
den ihnen einige muhamedanische Tataren der Bevlkerung zuschleppten, sondern
litten auch groen Wassermangel.
    Am 19. begann das Vorrcken der Verbndeten, die Englnder auf dem linken,
die Franzosen auf dem rechten Flgel, die Trken in der Reserve. Die Kavallerie
des Lords Cardigan drngte die Vorposten der russischen Stellung zurck und es
entstand ein kurzes Plnklergefecht, worauf die Verbndeten Halt machten und an
dem kleinen Flchen Bulganak, sieben Wersts6 von der Alma entfernt, fr die
Nacht bivouacquirten.
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    An einem Bivouacfeuer der englischen Linie saen gegen 11 Uhr Nachts noch
mehrere Offiziere der schottischen Garde-Fsiliere und von Goldstream, im
Gesprch ber die Vorbereitungen zur Schlacht die Rckkehr ihres Fhrers von dem
groen Kriegsrath erwartend, der in dem Hauptquartier des Marschalls, einem
tatarischen Hof, gehalten wurde. Andere lagen, in ihre Mntel gehllt, am Boden
und schliefen - vielleicht den letzten Schlaf.
    Am Bivouac entlang im Nachtnebel kam eine Reitergruppe.
    Da sind die Schotten, Herr Kamerad, hrte man eine tiefe Stimme sagen;
der Capitain mu dabei sein; Mac-Griffin wird Sie fhren. Gute Nacht; auf
glckliches Wiedersehen morgen auf jenen Hhen dort.
    Die Offiziere waren aufgesprungen, sie hatten die Stimme ihres
Befehlshabers, Lords Bentink, erkannt und salutirten, whrend er vorber ritt.
Drei Offiziere, die sich von der Begleitung des Generals getrennt, kamen nher;
zwei Franzosen waren darunter.
    Befindet sich Capitain Morton von den Fsilieren bei Ihnen, meine Herren?
fragte der Adjutant.
    Ah, Sie sind's, Griffin! willkommen; da werden wir hoffentlich Neuigkeiten
hren.
    Da liegt der Capitain schon seit einer Stunde und schlft, wie es scheint,
ziemlich unruhig.
    Goddam! wie kann man so faul sein, wenn ein Dejeuner von Kanonenkugeln und
kaltem Stahl uns erwartet. Der Angriff auf die Russen ist beschlossen, ich
bringe bereits die Dispositionen fr die Garde. Aber wecken Sie den Capitain,
hier sind zwei franzsische Bekanntschaften von ihm, die ihn zu sprechen
wnschen.
    Die beiden Fremden waren zu Fu und grten hflich die Gesellschaft; es
waren der Vicomte und der deutsche Arzt. Aber es war nicht nthig, Capitain
Morton zu wecken, denn pltzlich fuhr er, der etwas abseits lag, aus dem Schlafe
empor, sprang auf und schlug mit dem Degen in der Scheide, den er im Arm gehabt,
heftig in die Luft.
    Die Offiziere umher brachen in ein lautes Gelchter aus.
    Sie trumen, Capitain; wir fechten erst morgen mit den Russen!
    Der Eine schttelte ihn am Arm; der Schein des Feuers beleuchtete das blasse
Gesicht des Briten, der mit wirren, offenbar noch von den Phantasieen des Traums
erregten Blicken um sich starrte.
    Wo ist der Hellblaue hin? ich - sah ihn deutlich, wie er das Pistol hinter
mir hob - -
    Sie haben getrumt, Capitain, und sind hier unter lauter ehrlichen
Rothjacken, bis auf die beiden Herren da, die Sie zu besuchen kommen. Selbst
unsere Feinde tragen grne Uniformen.
    Der Offizier fuhr mit der Hand ber das Gesicht, wie um seiner Sinne wieder
vollstndig Herr zu werden.
    Es schttelte mich auf aus dem Schlaf - ich sah ihn so deutlich vor mir,
da es kaum mglich ist, da ich getrumt. - Ah! Sie, Vicomte, und Sie, mein
alter Freund! Willkommen im Leben, das Sie fr alle Leiden und Gefahren, die Sie
bestanden, entschdigen mge.
    Ich komme, sagte der Arzt, da bis jetzt mich immer Amt und Entfernung
hinderten, Sie aufzusuchen, um Ihnen am Vorabend eines Tages, der uns leicht fr
immer trennen kann, meinen Dank zu sagen fr die freundliche Theilnahme und
Hilfe, die Sie, wie ich erfahren, meinem Schicksal gewidmet haben.
    Der Capitain reichte ihm beide Hnde.
    Ich war gewissermaen schuld an Ihrer Verurtheilung und htte es mir nie
vergeben knnen, wenn jenes schmhliche Urtheil vollzogen worden wre, von
dessen Unrecht ich von Anfang an berzeugt war.
    Der Proze unseres Freundes, fgte der Colonel ein, ist auf Betreiben des
Generals Espinasse revidirt und er ist vllig freigesprochen worden. Sein
Hauptanklger weigerte sich, nochmals gegen ihn aufzutreten.
    Ich danke das eben Ihrer freundlichen Bemhung, Vicomte, sagte der Arzt,
so gut wie die Besttigung meiner Anstellung in Ihrem Regiment durch den
Marschall.
    Im Kreise der Offiziere wurde zugleich der Name genannt. Der Adjutant
erzhlte, da der Obercommandant alle Vorbereitungen zum Kampf seinem
Generalstabe habe berlassen mssen. Lord Raglan und General Martimprey htten
in Gegenwart des Marschalls die Gefechtsdispositionen entworfen, wobei derselbe
kaum im Stande war, durch Zeichen an der Berathung Theil zu nehmen.
    Im Kriegsrath, fuhr er fort, ist beschlossen worden, durch einen
gleichzeitigen Frontalangriff beide Flanken des Feindes zu umgehen. Die
Franzosen werden gegen den linken Flgel, wir gegen den rechten operiren. Unsere
Truppen werden in doppelten, aneinander stoenden Colonnen vorgehen, die Front
aus zwei Divisionen wird von Tirailleurs und reitender Artillerie gedeckt. Die
zweite Division unter Lach Evans bildet, wo wir jetzt lagern, unsern rechten
Flgel und schliet sich an die Division Napoleon's. Sir George Brown nimmt den
linken Flgel, Evans sttzt sich auf Sir Richard England, Brown auf die Division
des Herzogs von Cambridge und Sie werden morgen mit Tagesanbruch in diese
Stellung rcken, meine Herren. Cathcart und die Kavallerie unter General-Major
Graf Lucan bleiben in der Reserve, um Sie gegen die feindlichen Reiter zu
decken. Das sind die Dispositionen und nun - gute Nacht, Gentlemans.
    Ferne Schsse unterbrachen das Gesprch.
    Ich glaube, unsere Vorposten werden handgemein.
    Man vernahm Nichts weiter - erst am anderen Morgen verbreitete sich die
Nachricht, da der franzsische Oberst-Lieutenant de la Gondie bei der Rckkehr
vom Herzog von Cambridge zum Prinzen im Nebel in die Hnde der Kosacken gefallen
war.
    Auch wir mssen scheiden, sagte der Vicomte, denn einige Stunden Ruhe
werden uns nthig sein fr die morgende Anstrengung. Leben Sie wohl, Capitain;
ich hoffe, Sie besuchen uns morgen Abend auf den erstrmten Hhen.
    Sir Morton hatte sie einige Schritte begleitet.
    Ich danke Ihnen fr Ihren Wunsch, Kamerad, sagte er ruhig und gefat,
inde lassen Sie mich Ihnen Lebewohl sagen, Beiden, fr immer! Ich werde den
morgenden Abend nicht sehen.
    Was machen Sie sich fr Gedanken, Capitain! Niemand wei den Fall der
blutigen Wrfel einer Schlacht, aber der Soldat darf sich nicht damit den Muth
schmlern, sondern mu khn auf Glck und Sieg vertrauen.
    Mein Muth, Vicomte, sagte der Englnder ruhig, wird hoffentlich ber
jeder Probe stehen. Doch, Freund, ich stamme aus dem Hochland und Sie werden
vielleicht gehrt haben, da in einigen unserer alten Familien die Gabe des
zweiten Gesichts den Mitgliedern eigen ist.
    Ich habe gehrt davon!
    Vielleicht erinnern Sie sich, Doctor, was ich Ihnen von dem Ende meines
Vaters erzhlte.
    Der Arzt nickte - er gedachte der Vorbedeutung, die er vor kaum einem Jahre
dem Italiener Pisani im Peragarten zu Constantinopel mittheilte.
    Wohl - vor einer Stunde ist auch mir die Kunde meines Todes geworden. Der
Blaue wird mich erschieen.
    Sie haben lebhaft getrumt, Capitain. Selbst die Farbe kann Sie beruhigen;
unsere Gegner tragen bekanntlich die grne Uniform.
    Sir Morton schttelte mit schmerzlich ernstem Lcheln das Haupt.
    Ich tusche mich nicht und kann meinem Schicksal nicht entgehen. Doch das
ist Soldatenloos. Leben Sie wohl, meine Freunde, und gedenken Sie meiner.
    Er reichte Beiden die Hand und verlie sie eilig. Sie kehrten zu ihrer
Division zurck, die am Meeresufer bivouacquirte.
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    Der anbrechende Morgen zeigte einen heitern klaren Himmel, sonnig und hell
lag er ber Berg, Thal und See.
    Die verbndeten Truppen verlieen um 6 Uhr ihre whrend der Nacht inne
gehabte Stellung und begannen den Vormarsch in der bereits angedeuteten Ordnung.
Auf der Ebene, die sich vor der russischen Position ausbreitete, formirten sie
ihre Schlachtordnung. Um 8 Uhr hatten die franzsischen Divisionen bereits ihre
Stellung eingenommen und begannen den Angriff, whrend die Englnder mit ihrem
gewhnlichen Phlegma erst im Aufmarsch begriffen waren. Smtliche Dampfboote
hatten sich dem Vorgebirge Lukull genhert und machten sich fertig, das Feuer zu
erffnen. -
    Die Position, welche der Frst Menschikoff gewhlt, lag auf dem linken Ufer
der Alma, etwa 12 Wersts von der Nordseite Sebastopols entfernt. Die Hhen
treten dort hart an den Flu heran und erheben sich ber denselben um mehr als
100 Fu. Bei dem im Grunde gelegenen tatarischen Dorfe Burliuk fhrte eine
hlzerne Brcke ber den Flu, die einzige auf der ganzen Lnge desselben. Zwar
konnte er an mehreren Stellen mittelst Furthen von allen Truppengattungen leicht
berschritten werden, doch ist das Fluthal durch die Abhnge und Weinberge so
beengt, da man bei einem solchen Unternehmen offenbar mit groen
Schwierigkeiten zu kmpfen hatte.
    Obschon diese vertheidigende Stellung durch die gnstig gelegenen Hhen
manchen Vortheil gewhrte, hatte sie doch auch in taktischer Beziehung ihre
besonderen Nachtheile. Vorerst war die Position zu ausgedehnt, um hinreichend
von der geringen Anzahl der russischen Truppen besetzt werden zu knnen, und
weiter konnte sich der linke Flgel nicht an das Meer sttzen, da er hier unter
dem Kreuzfeuer der alliirten Flotte gestanden htte.
    Der Frst hatte daher den linken Flgel 2 Werst vom Meer entfernt aufstellen
mssen. Hier standen in Compagnie-Colonnen formirt die 4 Reserve-Bataillone des
Bialystok'schen und Tarutinski'schen Jger-Regiments mit der leichten Batterie
Nummer 4 des 17. Artillerie-Regiments. Die Reserve des Flgels bildete auf einer
rckwrts gelegenen Hhe das Moskau'sche Infanterie-Regiment und das 2.
Bataillon des Minski'schen.
    Im Centrum standen die leichten Batterieen 1 und 2 der 16.
Artillerie-Brigade links von der Strae von Eupatoria, hinter ihnen das
Borodin'sche Jger-Regiment; rechts von der Strae die Batterie Nummer 1 in
vortheilhafter Stellung, dahinter das Jger-Regiment Grofrst Michael
Nicolajewitsch und das Wladimir'sche Infanterie-Regiment.
    Den rechten Flgel bildete das Susdali'sche Infanterie-Regiment mit 3
leichten Batterieen, weiter rckwrts das Uglitz'sche Jger-Regiment mit 2
Batterieen. Die Haupt-Reserve stand an der Strae, aus dem Wolinski'schen und 3
Bataillonen des Minski'schen Regiments mit 1 leichten Batterie gebildet.
    Rechts davon hielt die Husaren-Brigade der 6. leichten Kavallerie-Division
mit 1 leichten reitenden Batterie. Eilf Sotnien Kosacken befanden sich auf dem
rechten Almaufer, das 6. Schtzen-Bataillon und das combinirte halbe
See-Bataillon hielten die Weinberge und die Grten der tatarischen Drfer
Burliuk und Alma-Tamak besetzt; die Sapeur-Compagnieen standen an der Brcke.
    Der Marschall St. Arnaud war, trotz seiner Krankheit, am Morgen des
Schlachttages zu Pferde gestiegen und hielt 13 Stunden im Sattel aus.
    Von dem rechten Flgel der Verbndeten drang die Division Bosquet auf dem
beschwerlichen Uferweg vor. Die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon rckten
mit ihrer Artillerie gegen das Dorf Alma-Tamak; ihnen folgten als Reserve die 4.
Division unter Forey, die Artillerie-Reserve unter Roujoux und die trkischen
Truppen. Eine dichte Plnklerkette aus Zuaven, den Jgern von Vincennes und
algierischen Schtzen ging der Schlachtlinie voraus.
    Erst um 101/2 Uhr Morgens begannen auch die Englnder das allgemeine
Vorrcken. Die Division Evans, von einer mit Stutzbchsen bewaffneten
Schtzenlinie gedeckt, marschirte gegen das Dorf Burliuk; ihr zur Linken die
leichte Division Brown. Die Division Cathcart und die Kavallerie-Brigade des
Lord Cardigan folgten dem linken Flgel als Reserve.
    Es war gegen Mittag, als sich an den Hhen am Meere ein lebhaftes Gefecht zu
entfalten begann, indem die Franzosen die Position zu strmen suchten. Zugleich
begann die Flotte ihr Feuer, und wider Erwarten der Russen erreichten die Kugeln
aus den schweren Geschtzen ihre Truppen.
    Unterm Schutz dieses Feuers berschritt die Brigade d'Autemarre, das 3.
Zuaven-Regiment an ihrer Spitze, die Alma nahe ihrer Mndung und warf sich in
die Schluchten, die steil von der Hhe abfallen.
    Das erste Bataillon unter Commandant Labrousse versuchte, die Hhen zu
erklimmen - das Feuer der vier russischen Bataillone warf es zurck.
    Oberst de Bonnet ritt an das zweite Bataillon heran.
    Lieutenant-Colonel Mricourt, Sie haben da Gelegenheit, das Patent des
Kaisers einzuweihen und zu zeigen, was die Herren von der Garde knnen.
    Der Vicomte salutirte stumm. Dann wandte er sich zu den Reihen seiner
Tapfern, die unaufhaltsam im Sturmschritt vorgingen.
    Die freiwilligen Kletterer!
    Zwlf Mann sprangen vor - zwei davon groe Katzen im linken Arm, in dem
zugleich das leichte Gewehr ruhte; Franois Bourdon, das Mitglied der Marianne,
unter ihnen.
    Der Fhrer zeigte mit der Sbelspitze nach oben; die steile schroff
abfallende Wand schien unerklimmbar. Einige Augenblicke standen die khnen
Wstenkrieger und starrten die 100 Fu hohe Felswand an, whrend die Kugeln der
Russen in das Regiment schlugen. Ein brtiger Corporal wandte sich zu dem jungen
Pariser:
    Einen Ku von Deiner hbschen Schwester, wenn ich dir den Weg zeige?
    Sapristi! Sie wird mich auslsen! Zeige Deine Kust.
    Der Corporal streichelte im Kugelregen seine Katze:
    Madame Minette, Sie werden mich nicht um einen Ku von Mademoiselle Bourdon
bringen. En avant, meine Theure!
    Er warf sie gegen die Bergwand; einen Augenblick besah sich die Katze die
Wand und versuchte hinauf zu klettern, dann rannte sie an den Abhang entlang
nach dem Meer zu. Ein heiteres Gelchter der ganzen Reihe und verschiedene
ermunternde Zurufe begrten sie. Dann liefen in gebten Sprngen die zwlf
Vorkletterer ihr nach und verschwanden um eine Felswand. Gleich darauf erschien
die Gestalt des jungen Parisers am Vorsprung und schwang den Fe.
    Sie haben den Weg, rief Capitain Parguez.
    Vorwrts, meine Braven! kommandirte der Oberst. Lalanne, nehmen Sie die
Spitze. Vorsicht, meine Herren; Ruhe!
    Er war vom Pferde gesprungen, das Bataillon bereits an der Felswand, die
nach der See abfiel. Einige tiefe Gerinne, die das Regenwasser seit
Jahrhunderten hinein gerissen, gingen bis zum Plateau. Das war der Weg, den die
Katze genommen. Auf der Hlfte der Hhe sah man bereits die zwlf Zuaven
klettern - einen Augenblick nachher war die ganze Felswand mit den rothen Fe's,
den blauen Jacken der khnen Mnner bedeckt.
    Das erste Bataillon hatte sich wieder gesammelt; das dritte versuchte eben
den Aufgang, als sein Commandant fiel.
    Capitain de Lara, Sie nehmen das Commando! - Vorwrts! befahl der General
d'Autemarre. -
    Wie die Katzen selbst kletterte die tolle Schaar an der Felswand hinauf,
jeden Strauch, jeden Spalt benutzend, oft Einer auf den Schultern des Andern:
    Erst das Vive l'Empereur! das von der Meeresseite her donnerte, belehrte
die Russen, da der unersteigbare Wall erstiegen, das Unmgliche mglich
geworden war.
    Die Brigade Bouat sollte die Zuaven und afrikanischen Jger d'Autemarre's
untersttzen, aber sie konnte das Terrain nicht so rasch berwinden und verlor
ihre Verbindung. Das dritte Zuaven- und das fnfzigste Linien-Regiment und das
Bataillon der afrikanischen Jger, welche die Hhe gewonnen, befanden sich jetzt
abgeschnitten und in schlimmer Gefahr, denn das Moskauische Regiment und zwei
leichte Batterieen eilten der linken Flanke der russischen Stellung zu Hilfe und
die Geschtze nahmen, trotz des heftigen Feuers der Schiffe, Stellung am Rand
des Plateau's und erffneten ihr Feuer gegen die Franzosen, whrend der Sto der
Infanterie-Colonnen sie in den Abgrund zu strzen suchte.
    Der Marschall sah die Gefahr seiner linken Angriffs-Colonne und sandte die
Brigade Lourmel zur Untersttzung nach. Zugleich brachten die Adjutanten dem
Prinzen und Canrobert den Befehl, das Dorf Alma-Tamak und die anschlieenden
Hhen nach dem Meere zu zu nehmen. Die Brigade d'Aurelle rckte zur
Untersttzung Canrobert's heran, welcher die Anhhen bereits zu ersteigen begann
und die Artillerie-Reserve Roujoux begann ihr Feuer.
    Das schaffte den Verwegenen auf dem Plateau Luft, denn das Tarutinski'sche
Regiment und die Reserve-Bataillone der Bialystok'schen und Brestk'schen
Infanterie muten sich gegen den Frontalangriff wenden. Vier starke franzsische
Divisionen, untersttzt von siebenzig Geschtzen, kmpften jetzt gegen den
linken russischen Flgel. Dennoch wichen die Tapfern nur Schritt um Schritt.
Drei Bataillone des Minski'schen Regiments, das Husaren-Regiment Groherzog
Sachsen-Weimar und drei Batterieer eilten ihnen zu Hilfe, doch vergeblich; jeder
Fubreit wurde mit dem Bajonnet vertheidigt - vergeblich! Die Uebermacht drckte
die Tapfern zurck und die Bomben der See-Artillerie fielen Verderben sprhend
mitten in ihre Haufen. Oberst Prichodkyn, der Commandant des Minski'schen,
General-Major Kurtianoff , der Fhrer des Moskauischen Regiments, sanken in ihr
Blut - fast smtliche Bataillons- und Compagnie-Commandanten beider Regimenter
wurden in diesem wthenden Kampfe verwundet.
    Auf der Hhe an der Strae von Eupatoria hielt der Frst mit seinem
Generalstabe, die Schlacht beobachtend. Das finstre, trotzige Gesicht blieb den
Englndern zugewandt, die er persnlich hate und deren Intriguen er all' sein
Milingen in Constantinopel zuschrieb. Das Dorf Burliuk, von den Russen
angezndet, stand in vollen Flammen und der breite Flammengrtel verhinderte die
Briten am geraden Vordringen. Zwei Regimenter der Brigade Adams forcirten eine
Furth zur rechten Seite, whrend General-Major Pennefather mit dem 30., 55., 95.
und 49. Regiment links das Dorf umging, von dem Feuer der russischen Schtzen,
des See- und Sappeur-Bataillons empfangen. Das Krttschenfeuer der englischen
Artillerie warf die russischen Schtzen aus dem Dorfe und den Weingrten und
zurck auf das linke Almaufer. Jetzt sandte der Frst den Befehl zum Abbruch der
Brcke. Die Stabs-Capitaine Ananitsch und Janizin fhrten ihn unter dem
heftigsten Kugelregen in 32 Minuten aus.
    Whrend so die Division Evans das Centrum strmte, warf sich die leichte
Division General Brown's auf den rechten russischen Flgel. General Codrington
suchte eine Redoute zu nehmen und wurde zurckgeworfen. Das 7., 23. und 33.
britische Infanterie-Regiment verloren fast die Hlfte ihrer Leute; General
Buller mit der zweiten Brigade rckte zur Untersttzung - aber ohne Erfolg; da
sendet Lord Raglan die Division des Herzogs von Cambridge und sie berschreitet
den Flu. Die Garden unter Bentink ersteigen unter dem Karttschenfeuer von 36
Geschtzen die Hhen; vergeblich wirft der General der Infanterie, Frst
Gortschakoff, welcher hier commandirt, Jger und Artillerie in das Gefecht, die
englischen Jger besetzen die Weingrten, die Garde formirt sich in Front auf
der Hhe und erffnet ein verheerendes Bataillons-Feuer und die Brigade
Pennefather und die Highlanders7 drngen das Centrum zurck.
    Vergeblich auch strzen sich das Jger-Regiment des Grofrsten Michael
Nicolajewitsch und das Wladimir'sche Infanterie-Regiment drei Mal mit dem
Bajonnet auf den Feind; die Englnder bewahren in dieser einzigen Schlacht des
orientalischen Feldzugs ihren alten Ruhm, und von den Kugeln ihrer Jger fallen
die russischen Offiziere und die Kanoniere an ihren Geschtzen.
    Dem Frsten Gortschakoff werden zwei Pferde unter'm Leibe getdtet, sein
Mantel ist von Kugeln durchlchert, der Commandant der 16. Division,
General-Lieutenant Kwizinski, beide Brigade-Commandeure, zwei
Regiments-Commandanten sind gefhrlich verwundet, fast smtliche Bataillons- und
Compagniefhrer sind getdtet oder kampfunfhig; das Wladimir'sche Regiment
allein hat 49 Offiziere und 1500 Mann verloren, die Artillerie mu wegen Mangel
an Bedienung ihr Feuer einstellen.
    Auch der Verlust der Englnder ist gro. Unter der tdtlichen Kugelsaat,
unter den wthenden Bajonnetangriffen der Russen bleibt Capitain Morton von der
hochlndischen Garde unberhrt, - die Russen weichen, seine Kameraden spotten
ber sein zweites Gesicht.
    Die Uebermacht der Alliirten durch die Zahl und die bessere Bewaffnung an
Bchsen mute den Sieg erringen. Frst Menschikoff, welcher frchtete, von
Sebastopol abgeschnitten zu werden, befahl General Gortschakoff, das Centrum und
den rechten Flgel nach der zwei Werst sdlicher gelegenen Position an der
Katscha zurckzufhren. Hier stie auch der linke Flgel dazu, der bis zum
Augenblick des allgemeinen Rckzugs, also fast vier Stunden lang, den Sto der
smtlichen vier franzsischen Divisionen ausgehalten hatte.
    Das Jger-Regiment des Grofrsten Michael und die Trmmer des
Wladimir'schen Regiments deckten den Rckzug der Artillerie. Obschon fast alle
Artilleriepferde erschossen worden, blieben nur zwei Geschtze von der Batterie
Nummer 1 der 16. Artillerie-Brigade in den Hnden der Feinde. Der tapfere
Commandant der russischen Artillerie, General-Major Kischinski, nahm auf dem
nchsten Hhenrcken mit 24 Geschtzen neue Stellung; das Wolinskische
Infanterie-Regiment marschirte in Schlachtordnung auf und die Kosacken und
Husaren warfen sich gegen die englische Kavallerie, die fast noch gar nicht am
Kampfe Theil genommen. Ebenso waren die Trken und die Division Cathcart in
Reserve geblieben.
    Bei jener neuen Bewegung machten die Alliirten in ihrer Verfolgung Halt und
der Frst konnte seine Truppen bis an den Katschaflu zurckziehen. Whrend der
Nacht berschritt die russische Armee den Flu, bezog Bivouaks, ohne vom Feind
beunruhigt zu werden, und passirte am Morgen die Brcke von Inkerman. Die Russen
hatten 1892 Mann an Todten - darunter 1 General und 46 Offiziere, 2698
Verwundete, darunter 3 Generale und 84 Offiziere, im Ganzen mit den
Contusionirten und verwundet auf dem Schlachtfelde Gebliebenen fast 6000 Mann
verloren. Der Verlust der Alliirten kann eben so hoch geschtzt werden, obschon
ihn der officielle Bericht nur auf 4301 Mann angiebt, denn der Moniteur
berichtete einige Wochen spter, da sich noch 2060 verwundete Englnder in den
Hospitlern von Constantinopel befnden, und der Herzog von Cambridge schrieb
nach der Schlacht in einem seiner Briefe nach London, da, wenn die Englnder
noch einen solchen Sieg erfechten wrden, England keine Armee mehr habe. - - - -
- -
    Die Schlacht war zu Ende, auf den Hhen, die die britischen Garden genommen,
lagerten, nahe den blutgedngten Weingrten, die Garden des Brigade-Generals
Bentink.
    Es war Abend, die Gefahr vorber, und Capitain Morton hatte bereits seiner
Compagnie den Befehl gegeben, die Gewehre zusammenzustellen und das Bivouac zu
bereiten. Mac-Griffin, der Adjutant des Generals, gratulirte eben spottend dem
Capitain, da dieser so glcklich dem Blutbade entkommen, glcklicher als er
selbst, der den Arm in der Binde trug.
    Pltzlich fiel ein Pistolenschu aus einem nahen drren Ginsterbusch und
Capitain Morton, gerade durch das Rckgrat getroffen, sank leblos zu Boden.
    Soldaten der Compagnie strzten erbittert hinzu - sie fanden im Ginsterbusch
einen schwer verwundeten russischen Husaren in hellblauer Uniform. Er lag im
Sterben und schien mit letzter Kraft das Pistol auf den verhaten Feind
abgefeuert zu haben. Zehn Bajonnete durchbohrten seine Brust.
    Das zweite Gesicht hatte sich erfllt!8

                                    Funoten


1 15 franzsische, 10 englische und 7 trkische.

2 Die englischen Truppen waren folgendermaen zusammengesetzt: Leichte Division
des Generals Brown. 1. Brigade General Codrington, 3 Bataillone vom 7., 23. und
33. Infanterie-Regiment. - 2. Brigade General Buller, 3 Bataillone vom 19., 77.
und 88. Infanterie- und das 2. Jger-Regiment. - I. Division unter dem Herzog
Cambridge: 1. Garde-Brigade unter General Bentink, 3 Bataillone
Garde-Grenadiere, Coldstream und Schottische Garde-Fsiliere; 2. Brigade unter
General Colin Campbell, 3 Bataillone vom 42., 79. und 93. Infanterie-Regiment. -
II. Division unter General Lacy-Evans: 1. Brigade unter General Pennefather, 3
Bataillone vom 30., 55. und 95. Infanterie-Regiment; 2. Brigade unter General
Adams, 3 Bataillone vom 41., 47. und 49. Infanterie-Regiment. - III. Division
unter General England: 1. Brigade unter General George Campbell, 3 Bataillone
vom 1., 38. und 50. Infanterie-Regiment; 2. Brigade unter General Eyre, 3
Bataillone vom 4., 28. und 44. Infanterie-Regiment. IV. Division unter General
Cathcart: 1. Brigade unter General Goldie, 3 Bataillone vom 21., 46. und 57.
Infanterie-Regiment; 2. Brigade unter General Torrens, 3 Bataillone vom 20., 63.
und 68. Infanterie-Regiment. - Die Feld-Artillerie bestand aus 1 reitenden und 3
Fubatterieen zu je 6 Geschtzen. - Die leichte Kavallerie-Brigade des Lord
Cardignan zhlte 10 Schwadronen.

3 Die franzsische Armee zhlte bei der Landung folgende Truppentheile: I.
Division unter General Canrobert: 1. Brigade General Espinasse, 4 Bataillone vom
1. Zuaven- und 7. Linien-Regiment und 1. Jger-Bataillon; 2. Brigade General
Vinoy, 4 Bataillone vom 20. und 27. Linien-Regiment und das 9. Jger-Bataillon.
- II. Division unter General Bosquet: 1. Brigade General d'Autemarre, 4
Bataillone vom 3. Zuaven- und 50. Linien-Regiment und 1 Bataillon afrikanische
Jger; 2. Brigade General Bouat: 4 Bataillone vom 6. und 82. Linien-Regiment und
das 3. Jger-Bataillon. - III. Division unter Prinz Napoleon: 1. Brigade General
Monet, 4 Bataillone vom 2. Zuaven- und 3. See-Regiment und das 19.
Jger-Bataillon; 2. Brigade General Thomas, 4 Bataillone vom 95. und 97.
Linien-Regiment. - IV. Division unter General Forey: 1. Brigade General Lourmel,
4 Bataillone vom 19. und 26. Infanterie-Regiment und das 5. Jger-Bataillon; 2.
Brigade General d'Aurelle, 4 Bataillone vom 39. und 74. Linien-Regiment. - Zu
jeder Division gehrten 1 Sappeur-Compagnie und 12 Geschtze. Die
Artillerie-Reserve unter Oberst Roujoux bestand aus 4 Batterieen zu 24 Kanonen.

4 Der Vorgang bei der Landung ist historisch.

5 Abtheilung von 100 Mann.

6 Eine deutsche Meile.

7 Hochlnder.

8 Der Vorgang ist verbrgt.


                                  Ssewastopol

Wir haben den Leser bereits ein Mal in den Conferenz-Saal der neuen Admiralitt
auf der Sdseite von Ssewastopol gefhrt und verlegen unsere Scene wiederum
dahin.
    Wie damals fllten Offiziere aller Grade und Waffengattungen den Vorplatz
und die Rume des groen Gebudes. Nur sah man diesmal eine groe Anzahl der
Versammelten die Spuren des furchtbaren Kampfes an der Alma in Binden und
Pflastern tragen. Die alte Admiralitt war zum zweiten Marine-Hospital
eingerichtet und dort lagen die langen Reihen der zerschmetterten Kranken im
Wundfieber.
    Frst Menschikoff war nach der Schlacht, ohne die Defensiv-Stellungen an der
Katscha und dem Beljbek weiter zu beachten, um die Bai von Sebastopol und ber
die nachmals so berhmt gewordene Traktir1-Brcke von Inkerman hinter die
Tschernaja nach der Sdseite Sebastopol's zurckgegangen, eine mglichst starke
Garnison in den nrdlichen Festungswerken zurcklassend. Wir haben bereits
erwhnt, da die alliirte Armee wegen der starken Verluste in der Almaschlacht
jede Verfolgung aufgegeben. Erst am 22. September brach sie auf und rckte nach
dem Beljbekflu und nahm am Abend dieses Tages eine Stellung auf den Hhen
dieses Flusses im Angesicht der Nordforts.
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    Unter dem Sulenaufgang des Admiralittsgebudes wimmelte es von Soldaten,
Matrosen und Einwohnern, welche begierig auf Nachrichten lauschten, denn es
hie, da die Stadt von den Bewohnern gerumt werden solle. Boote von den im
Hafen und der Bai ankernden Kriegsschiffen legten fortwhrend am Quai an und
brachten obere Flotten-Offiziere; ber die Schiffsbrcke vom Fort Nicolas her
drngte und wogte es von Kommenden und Gehenden. Ein weiter Halbkreis von
Neugierigen fllte den Platz um die Admiralitt, Muschiks; Kaufleute,
Schiffsvolk, Tataren, - Handwerker und Beamte, Soldaten und Civilisten, Allee
bunt durcheinander.
    An eine der Sulen gelehnt stand Frst Iwan Oczakoff mit mehreren Offizieren
der Landarmee und Marine. Unfern von ihm befand sich die Gruppe des alten
Kosacken mit seinen sechs Enkeln, die der junge Frst gleichsam als Freizgler
in seinen persnlichen Sold und Dienst genommen hatte und als Ordonnanzen
verwandte. Zwei der jungen Mnner trugen die Spuren leichter Verwundungen aus
der blutigen Almaschlacht.
    Sehen Sie, Barjatinski, sagte der junge Capitain zu einem Offizier in
Marine-Uniform mit den Abzeichen eines ersten Lieutenants, da kommt Einer, der
Ihnen die Belohnung fr Sinope vorweg genommen hat. Wahrhaftig, ich htte es
ebenso gut haben knnen, wenn mich der Frst nach Petersburg geschickt htte.
    Sie wrden schwerlich die Courierfahrt in fnf Tagen ausgehalten haben,
lieber Freund, sagte lachend der Offizier des Wladimir. Ueberdies hatten Sie
sich ja erst bei Oltenitza die Capitains-Epauletten geholt und mssen Anderen
auch Etwas gnnen. Der Podpolkavnik2 Konzaroff ist ein wackerer Offizier.
    Ist die Anecdote wahr, die man von seiner Befrderung erzhlt? fragte ein
junger Fhndrich vom lithauischen Jger-Regiment.
    Gewi, Drunewitsch, und weil Sie sich an der Alma-Brcke so brav geschlagen
haben, will ich Ihnen, was ich als zuverlssig davon wei, erzhlen.
    Sie werden mich verbinden, Herr Capitain.
    Als die Nachricht von der Schlacht von Sinope in Odessa eintraf, befand
sich Konzaroff unter den Ordonnanz-Offizieren in der Umgebung des Frsten.
Menschikoff fragte, in welcher Zeit man den Weg bis Petersburg zurcklegen
knne, und Alle nannten die gewhnlichen sechs Tage, nur Konzaroff erbot sich,
es in fnf mglich zu machen. Der Frst vertraute ihm die Depeschen an und der
Capitain warf sich, wie er ging und stand, nur mit Geld versehen, in eine
Britschka und jagte unterwegs zehn Pferde todt. Am fnften Abend war er im
Winterpalast, halb erfroren, halb zu Tode geschttelt, so erschpft, da er sich
kaum aus dem Schlitten erheben konnte. Er wurde unmittelbar nach der Ankunft dem
Kaiser vorgestellt, der ihn mit in sein Cabinet nahm, wo er sich niederlie, um
die freudige Botschaft mit Mue durchzulesen. Als er damit fertig war und sich
nach dem Boten wandte, fand er, da dieser auf einen Sessel an der Thr gesunken
und eingeschlafen war. Der Kaiser befahl, ihn zu wecken, aber es war durch die
gewhnlichen Mittel bei der ungeheuren Uebermdung des Mannes total unmglich.
Da rief der Kaiser mit dem ihm eigenthmlichen raschen Verstndni der
menschlichen Natur, dicht zu ihm tretend, pltzlich in barschem Tone aus: Heda!
Ihre Pferde stehen bereit! und der eifrige Courier, der sich noch unterwegs
glaubte, sprang rasch empor, um dem Gebote der Pflicht zu gehorchen. Der Kaiser
fragte ihn nun, welchen Rang er habe. - Capitain, war die Antwort. - Nun denn,
sagte der Kaiser zu einem Adjutanten, bringen Sie ein Paar Epauletten! und
setzte, an den Courier sich wendend, hinzu: Ich befrdere Sie auf der Stelle zum
Podpolkavnik; umarmen Sie mich und dann gehen Sie schlafen.
    Es lebe der Kaiser! Tschorte wos mi! Ich wei, da Konzaroff sich bei der
ersten Gelegenheit fr ihn tdten lt.
    Das wird, glaub' ich, auch Andern passiren, wenn sie so eigensinnig alle
Vorbedeutungen verschmhen. - Frst Barjatinski deutete dabei auf eine eben
eintretende Gruppe hoher Marine-Offiziere, indem er salutirte.
    Alle Offiziere grten ehrerbietig. Es waren die Vice-Admirale Nachimoff und
Korniloff, der tapfere Istomin, der Vice-Admiral Rogula, zweiter Commandant des
Hafens von Sebastopol, und die Contre-Admirale Ssinitzinn und Zebrikoff.
    Schau', Djeduschka, sagte der junge Kosack Ohlis, der auf einen Stock
gesttzt wegen des verwundeten Beines, neben dem Alten stand, der dort kommt,
das ist der Mann, der die trkischen Schiffe drben ber der See verbrannt hat.
Frst Iwan zeigte mir ihn diesen Morgen, und der Andere da neben ihm ist auch
dabei gewesen.
    Ich sehe ihrer Drei, murmelte der greise Kosack, aber alle Drei haben
keine Kpfe. Es sind lebendige Leichen -
    Dein armes Haupt war heute der bsen Mittagssonne wieder ausgesetzt,
beruhigte der Knabe, Du hast Deine bsen Trume davon bekommen, Grovterchen,
und siehst Bilder, die nicht vorhanden sind.
    Der Alte sah ihn starr an. - Meinst Du, thrichtes Kind! Ich sage Dir, mein
Mund redet die Wahrheit, wenn ich Leichenberge ringsum verknde, und dieses
Wasser zu unsern Fen gerthet von Strmen Blutes. Der Geist zeigt mir nicht
das Schicksal meines Fleisches, aber ich sage Euch, von Denen, die Ihr um Euch
schaut, werden nur Wenige diesen Tag wieder erleben, wenn das Jahr gewechselt
hat.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der groe Conferenzsaal des Admiralittsgebudes war gefllt mit hheren
Offizieren, welche die Tafel in der Mitte umstanden, an der sieben oder acht der
oberen Befehlshaber sich in eifriger Berathung befanden.
    Die Mitte nahm der Oberst-Kommandirende Frst Menschikoff ein. Der Ausdruck
dieses Kopfes pate ganz zu dem starren, stolzen, unbeugsamen Character, den er
als Staatsmann und Feldherr bewiesen. Das kleine, sarmatisch geschlitzte, graue
Auge funkelte mit einer unbezwingbaren Willenskraft unter den buschigen weien
Brauen so tief aus der Kopfhhle hervor, da oft seine Form und Farbe kaum zu
erkennen war. Die hohen Backenknochen zeigten die mongolische Abstammung, der
festgezogene Mund mit dem breiten eckigen Kinn Kraft und unbndigen Stolz. Nur
um die Winkel lag zuweilen eine Falte voll sarkastischen, in Augenblicken selbst
gutmthigen Humors.
    Um den General-Gouverneur von Taurien saen und standen der General Frst
Gortschakoff I.3, der Gouverneur der Stadt General Lermontoff, die Commandeure
der Bezirks-Artillerie General-Major Pichelstein und des Ingenieur-Corps, der
Festungsbaumeister General-Lieutenant Pawloffski, die Chefs der 16. und 17.
Infanterie-Division, die in der Almaschlacht gefochten, General-Lieutenants
Kwizinski und Kirjakoff, der General-Major Trubnikoff von der 16.
Artillerie-Brigade und die Commandanten der Festung und des Hafens,
General-Lieutenant Kismer, Vice-Admiral Rogula und Vice-Admiral Stanjukowitsch
mit vielen Andern.
    Die drei Commandanten des Geschwaders standen am Ende der Tafel. Vor dem
Frsten lagen die Festungsplne und eine Land- und Seekarte der Gegend.
    Die ersten Hilfstruppen, sagte er, knnen selbst aus Kertsch und Feodosia
kaum vor Mitte October hier sein, aus Nicolajef und Odessa drfen wir sie erst
zu Anfang November erwarten. Es gilt daher, so lange uns selbst zu helfen. Sie
behaupten also, meine Herren, da die Nordforts stark genug sind, der Belagerung
zu widerstehen?
    Ich brge dafr, Durchlaucht, erwiederte der erste Commandant.
    Wie viel Mann brauchen Sie, um sich zu halten?
    Zehntausend Mann.
    Ich werde Ihnen 8 Bataillone der Reserve-Brigade der 15. Division in
Sebastopol lassen. Nachimoff, wie hoch rechnen Sie das gesamte Matrosen-Corps
aller Schiffe in der Bai?
    Mit den Hafen- und Arsenal-Arbeitern Zwlftausend, Durchlaucht.
    Gut. Sie werden nthigenfalls fr die Sdseite und zur Untersttzung der
Forts gengen. So behalte ich ungefhr achtzehntausend Mann, um gegen die
Belagerungsflanke des Feindes zu operiren.
    Alle sahen den Frsten erstaunt an.
    Euer Durchlaucht wollen die Stadt verlassen? fragte General-Lieutenant
Kismer.
    Es ist das Beste, was wir thun knnen, General. Ich denke noch diese Nacht
ber die Brcke von Inkerman zurck zu gehen. Ich wre am Besten gleich jenseits
der Tschernaja geblieben. Hier wre die Armee abgeschnitten, in der Stellung
zwischen Baktschiserai und dem Beljbeck jedoch kann ich fortwhrend die linke
Flanke der Belagerer bedrohen.
    Der tapfere Fhrer der 16. Division, General-Lieutenant Kwizinski, der, am
Arm und Kopf verwundet, sich in den Kriegsrath hatte tragen lassen, nickte
zustimmend.
    Wenn der Feind die Forts nimmt, ist die Flotte verloren, sagte mit harter
Stimme der Vice-Admiral Korniloff.
    Der Frst sah ihn finster und spttisch an. - Sie ist es auf jeden Fall.
Gegen die viertausend Kanonen des alliirten Geschwaders knnen unsere Schiffe
nicht aufkommen; wir mssen sie anderweitig so gut zu benutzen suchen, als es
geht.
    Die Augen der Offiziere wandten sich auf die drei Admirle. Jeder konnte
sehen, whrend der Frst sich ber die Karten beugte, wie Admiral Nachimoff das
Blut in das Gesicht trat, als er die Hand auf den Tisch legte.
    Wie meinen Euer Durchlaucht dies?
    Sie sollen sogleich meinen Plan hren. Wie gro ist die Entfernung zwischen
Fort Constantin und Fort Alexander, Herr Hafen-Commandant?
    Zweihundertvierzig Faden,4 berichtete der Vice-Admiral Stanjukowitsch.
    Dann werden wir freilich mindestens sieben Schiffe brauchen. Es gilt vor
Allem, meine Herren, der alliirten Flotte den Eingang in die Bai unmglich zu
machen und wir mssen dafr ein Opfer bringen. Ich beabsichtige, sieben unserer
groen Schiffe noch heute zwischen den Forts versenken zu lassen und so die Bai
zu sperren.
    Das ist unmglich, Durchlaucht!
    Warum, Herr Vice-Admiral?
    Weil ich Euer Durchlaucht als Admiral und Marineminister bitte, sagte
Nachimoff mit sichtlich unterdrckter Bewegung, der russischen Marine nicht die
Schmach anzuthun, da man von ihr sagen knne, sie frchte, mit irgend einer
Flotte der Welt sich zu messen. Ich habe fnfundsechszig Segel hier versammelt,
Durchlaucht, und meine Matrosen brennen vor Begier, mit jenen bermthigen
Franzosen und falschen Englndern zu kmpfen. Ich bitte Sie im Namen der Flotte
des Schwarzen Meeres, wenn Ssewastopol belagert wird, die alliirten Geschwader
angreifen und ihnen eine Schlacht liefern zu drfen.
    Und was glaubst Du damit zu erzielen, Peter Nachimoff? fragte der Frst.
    Wir werden auf Leben und Tod kmpfen. Wir werden uns durchschlagen und das
Asow'sche Meer erreichen. Wenn nicht, so wird die russische Flotte nicht die
einzige sein, die in diesem Kampfe vernichtet wird. Frankreich und England
werden zugleich den Verlust der ihren beklagen.
    Ein strmischer Ruf aller See-Offiziere ging durch den Saal, sie Alle hoben
die Hnde auf zum Zeichen der Uebereinstimmung.
    Du bist ein tapferer Mann, Freund, sagte der Frst ruhig, Niemand, am
wenigsten der Kaiser, zweifelt daran. Aber mit Deinem Opfer wrde der Sache
unsers Herrn wenig gedient sein. Du und die Deinen, Ihr mt Ssewastopol fr
Ruland bewahren.
    
    Ich bin fr das Meer erzogen, auf ihm allein verstehe ich zu fechten.
    So wirst Du es auf dem Lande lernen, Freund. Gehorsam ist das erste Opfer,
was wir bringen mssen. - Der Frst nahm ein Verzeichni vom Tisch. - Hier ist
das Verzeichni der Schiffe5, die ich zum Versenken bestimmt habe. Die Capitaine
haben sie sofort zu rumen und nur die Kanonen der oberen Decks und die
Pulvervorrthe an's Land zu schaffen. General-Major Hartung wird die Stelle
bezeichnen, an der die Versenkung am besten auszufhren ist.
    Eine tiefe Stille hatte sich ber den Saal gelagert, die Marineoffiziere
schauten finster und stumm vor sich hin; ihre Kameraden von der Landarmee sahen
mit Theilnahme auf die entwaffneten Tapfern.
    Die Batterieen der Forts und die versenkten Schiffe werden gengen, uns
gegen die Flotte der Feinde zu sichern, fuhr der Frst fort. Fr die Nordseite
brgt mir Kismer; die Sdseite ist nicht gefhrdet, darum wird es am Besten
sein, die Schiffe smtlich dahin zu bringen und die Mannschaft am Lande in Corps
zu formiren, welche die Vertheidigung der Stadt bernehmen und die Nordforts
untersttzen. Die Feinde haben unsere strkste Position vor sich und sie werden
daran scheitern. Wenn man uns von Sden angegriffen htte, wrde unsere Lage
schlimmer sein.
    Sehr schlimm!
    Die Worte schienen einem der Anwesenden unwillkrlich entfahren, denn Alle
blickten sich verlegen an, als der Frst sich im Kreise nach dem Sprecher
umschaute.
    Wer von Ihnen machte die Bemerkung, meine Herren?
    Aus dem Kreise der Stabsoffiziere trat ein Ingenieur-Offizier mit den
Capitains-Epauletten. Wir sind ihm bereits vor Silistria begegnet.
    Verzeihen Euer Durchlaucht, die Bemerkung ist mir unwillkrlich
entschlpft.
    Sie sind der Capitain Todleben?
    Zu Befehl, Durchlaucht.
    Ich will Ihre Einmischung entschuldigen. Doch, wie kommen Sie zu der
Behauptung?
    Ich habe heute Morgen die Befestigungen der Landseite besichtigt,
Durchlaucht, und -
    Nun, heraus!
    Und jene Ueberzeugung gewonnen.
    Der Frst hatte aus seiner Brusttasche ein Notizbuch gezogen und bltterte
darin.
    So glauben Sie, da, wenn die Festung auf der Sdseite angegriffen wrde,
sie sich nicht halten knne?
    Unzweifelhaft, Durchlaucht.
    Der Frst blickte nach dem General-Lieutenant Pawloffski, dem
Festungsbaumeister. - Was meinst Du dazu, Excellenz?
    Der alte General war schon lngst unruhig hin und her gerckt. - Der Herr
Capitain bertreibt, sagte er. Wir haben sehr starke Werke an der Sdseite.
    Aber sie sind ohne Deckung, unterbrach der Genie-Offizier. Es giebt
verschiedene Punkte der Umgegend, welche den Hafen und die Zugnge beherrschen,
wenn sie nicht mit vorgeschobenen Werken versehen werden.
    Zum Glck kommen wir nicht in die Verlegenheit, sagte der Frst, berdies
wre es zu spt, groe Werke anzulegen.
    Ich bitte um Entschuldigung, Durchlaucht, sagte khn der Capitain, aber
das ist es nicht. In fnf Tagen kann eine uere Linie geschaffen sein.
    Knnen Sie Mauern und Bastionen aus der Erde stampfen, Herr?
    Das nicht, Durchlaucht, aber ich habe die Erde selbst. Der Wall und die
Sappe mten Ssewastopol vertheidigen, wenn es von Sden her angegriffen wrde.
    Der Frst schaute ihn fest und nachdenkend an und dann nochmals in das
Notizbuch, in dem er gefunden zu haben schien, was er suchte. - Frst
Gortschakoff hat Sie mir mit vorzglicher Empfehlung gesendet, Capitain, sagte
er, und Schilder hat auf dem Todtenbett von Ihnen gesprochen. Ich habe den
Ingenieur vom Platz noch nicht ernannt und will Ihnen die Stelle anvertrauen,
wenn Sie leisten, was Sie versprochen. Sie mgen Ihre Plne General Pawloffski
vorlegen. Doch mu ich mich jetzt zu dem Nthigeren wenden. General Kwizinski
ist mit meinem Plan der Einnahme einer Flanken-Position einverstanden, wie ich
gesehen. Was denken Sie dazu, Kirjakoff, und Sie, Welitschko?
    Ich mte kein Kavallerist sein, Durchlaucht, wenn ich Anderes vorziehen
knnte.
    Auch der Kommandant der 17. Division stimmte zu.
    So treffen Sie Ihre Anstalten, meine Herren, denn wir brechen diese Nacht
noch auf. - Der Frst erhob sich und trat im Vorbeigehen zu den beiden
Vice-Admiralen. - Ich bin ein Seemann, wie Du, Petrowitsch, sagte er, aber
der Kaiser hat Ssewastopol mir anvertraut und die Flotte ist nur ein Theil von
ihm. Wir drfen den Englndern keinen Seesieg weder hier noch in Kronstadt
gnnen.
    Der Vice-Admiral verbeugte sich kalt. - Euer Durchlaucht werden mir
gestatten, nach Petersburg zu berichten?
    Wie Sie wollen, Herr Vice-Admiral, bis zur Entscheidung des Kaisers aber
werden Sie meine Befehle befolgen.
    Keine Muskel zuckte in dem harten, ehernen Gesicht, als er sich von ihm
wandte.

    In dieser Nacht, der Nacht vom 24. zum 25. September, berschritten die
Truppen die Tschernaja auf der Traktir-Brcke, schlugen den beschwerlichen Weg
nach der Meierei Mekensi ein und gelangten am Morgen des 25. nach einem
mhevollen Marsche auf die Strae nach Baktschiserai, wo der Frst bei dem Dorfe
Otarkioi eine solche Stellung einnahm, da er die Verbindung mit Perekop
unterhalten und die Verbndeten im Rcken bedrohen konnte, sobald diese gegen
die Nordforts Etwas unternahmen.
    Der Tag war trbe und strmisch gewesen, erst am Abend klrte sich das
Wetter auf. Es war 8 Uhr, als durch das Thor an der Mastbastion Frst Iwan
Oczakoff mit seinen sieben Kosacken die Stadt verlie und auf dem Wege, der nach
Balaclawa fhrt, vorwrts trabte.
    Whrend des Tages hatte sich in der Stadt die Nachricht von einem Gefecht
verbreitet, das zwischen der Kavallerie der Alliirten und der Nachhut der
Colonne des Frsten Menschikoff vorgekommen sein sollte, doch fehlten nhere
Nachrichten darber. Gegen Abend glaubte man vereinzelten Geschtzdonner in der
Richtung nach Sden gehrt zu haben, doch achtete man dessen nicht, da dort
unmglich ein Feind stehen konnte, auch war der Schall bei dem starken und
ungnstigen Wind zu undeutlich.
    Der Capitain war von dem Frsten zurckgelassen worden, um ber die
Ausfhrung der befohlenen Maregeln Rapport zu bringen und der Kommandant
beorderte ihn am Abend, nach dem zwei Meilen entfernten Balaclawa zu reiten, um
den Obersten Manto, den Kommandanten der kleinen halbverfallenen und nur von 110
Mann und 4 kleinen Mrsern vertheidigten Festungswerke zu erinnern, auf seiner
Hut zu sein, da man im Laufe des Tages mehrere Schiffe der Alliirten hatte nach
Sden sich dirigiren sehen.
    Die Nacht war eingetreten ber dem Ritt des Capitains, der eine besondere
Vorliebe fr den alten Kosackenfhrer gefat hatte, und sich von ihm Abenteuer
seiner Jugend erzhlen lie. Die Reiter begannen eben von dem hohen Plateau
herabzusteigen, das sich etwa eine halbe Meile von der Kste nach Ssewastopol zu
erhebt, und aus einem Hohlweg hervorkommend, hatten sie Ufer und Meer vor sich.
    Alsbald fate der greise Kosack den Zgel des Frsten und sein Arm deutete
auf die felsige Ebene hinunter, von der breite Schluchten sich in das Meer
senkten. In einer derselben lag Balaclawa. Ein Kranz von Feuern schien sich
rings umher zu ziehen.
    Um der Heiligen willen, Gospodin - keinen Schritt weiter - was bedeuten
diese Feuer?
    Der junge Mann starrte erstaunt auf das seltsame Schauspiel, das sich etwa
eine Viertelstunde entfernt vor ihm zeigte. Man konnte deutlich mit bloen Augen
bemerken, da die Feuer von Menschenmassen umlagert waren. Balaclawa selbst, am
Eingang der Schlucht liegend, schien in Licht zu schwimmen.
    Und dort! - Der Kosack wies nach dem Meere - auf der Hhe ber die Felsen
der Ufer hinweg sah man zahlreiche Lichter in schwankender Bewegung.
    Vorwrts - wir mssen uns berzeugen, was dort vorgeht!
    Der Capitain gab seinem Ro die Sporen - aber eine krftige Faust fiel ihm
in die Zgel und vor ihm richtete sich wie aus der Erde gestiegen eine lange
dunkle Gestalt empor.
    Zurck, Frst Iwan Oczakoff! sagte der Fremde mit dumpfer Stimme, Dein
Leben gehrt dem Vaterland!
    Mensch, wer bist Du, der Du mich kennst? - Seine Hand griff nach der
Pistole.
    La stecken, Kind - Du wenigstens hast kein Recht auf mich, wenn auch
Michael der Tabuntschik aus der Steppe von Borislaw nicht sein Brot mit Dir
getheilt htte.
    Der Rohirt - so wahr ich lebe! Wie kommst Du hierher, Alter - was geht
dort vor - was bedeuten die Feuer um Balaclawa?
    Sie leuchten Gefahr, Knabe! die Englnder und Franzosen lagern dort unten,
Balaclawa ist in ihren Hnden, ich, ich habe sie dahin gefhrt durch die
Gebirge, und zum zweiten Male ruht der Fluch jedes Russen auf dem Haupt des ewig
Verdammten! - Eil' nach Ssewastopol, Frst, denn der Feind steht vor seinen
Mauern!

                          (Schlu des dritten Theils.)

                                    Funoten


1 Wirthshaus.

2 Oberst-Lieutenant.

3 General der Infanterie, der in der Almaschlacht unter Mentschikoff focht,
nicht zu verwechseln mit dem nachherigen Oberbefehlshaber, General der
Artillerie, Frst Gortschakoff II.

4 Etwa 1350 Schritt.

5 Es waren die Schiffe: Heilige Dreieinigkeit von 120, Rostislaff von 84,
Siseboli von 40, Zagosdich von 84, Uriel von 80, Silistria von 80 und
Kulewtscha von 40 Kanonen.


                                 Vierter Theil:

                                  Ssewastopol

                             In des Meeres Tiefen.

Wir haben am Schlu des vorigen Bandes die Alliirten auf der Sdseite von
Sebastopol, im Besitz von Balaclawa, verlassen und nachzutragen, wie sie aus der
Lagerung am Bjelbeck, bereit zum Sturm der Nordforts, dahin gekommen.
    Verlegen wir den Gang unserer Darstellung daher um vierundzwanzig Stunden
zurck auf den Nachmittag des 24. September, nachdem wir fr Diejenigen unserer
Leser, welchen nicht ein Plan der Umgegend von Sebastopol zur Hand ist, eine
kurze aber nothwendige Scizzirung des Terrains und der Festung gegeben haben.
    Sebastopol liegt, wie frher erwhnt, vierzehn Stunden sdlich von Eupatoria
an einem vorspringenden, durch eine tief einlaufende, nach rechts und links sich
in Arme verzweigende Meeresbucht gespaltenen Vorgebirge. Die Bucht ist auf der
Nord- und Ostseite von ziemlich hohen Bergen gebildet und umgeben, auf der
Sdseite erhebt das Ufer sich am Eingang gleichfalls schroff und hoch, weiterhin
aber bildet es mehr einen Kessel, von Schluchten durchschnitten, der sich nach
und nach zu einem amphitheatralischen Plateau erhebt. In das stliche Ende der
Bai ergiet sich der aus dem Sdosten kommende in seiner ganzen Lnge durch ein
Bergthal laufende Tschernajaflu. Nahe dem Ausflu desselben liegen die Ruinen
von Inkerman und der nrdliche und stliche Leuchtthurm. Zwei Brcken fuhren
ber den Flu unterhalb der Bai, die Strae nach Baktschiserai und Symferopel,
den beiden Hauptorten der Krimm inmitten der Gebirge, bildend. - Diese Strae
durchkreuzen, nach der See im Norden Sebastopols mndend, die Flsse Alma,
Katscha und Beljbeck. Von der Nordseite luft gleichfalls eine Strae nach
Baktschiserai, der alten Hauptstadt der Tartaren-Khane.
    Das nrdliche Ufer Sebastopols geht in einer gegen die Bai einspringenden
Landspitze aus, auf der das starke Fort Constantin seine Granitwlle in die See
senkt, den Eingang der Bai deckend. Hierauf folgen nach dem Innern zu auf den
vorspringenden Punkten das Fort Catharina und die Batterieen von Sukaia. Auf der
Hhe der Bergwand nach dem Beljbeck zu deckt die groe Citadelle oder das
nrdliche Fort die genannten Seeforts und die Strae nach Eupatoria.
    Auf der Sdseite bildet die uerste Bucht nach der Seeseite zu die
Quarantaine-Bucht, von dem Innern her durch die groen und kleinen
Quarantaine-Batterieen beherrscht. Es folgt, dem Fort Constantin auf der
Nordseite entsprechend, das Fort Alexander; eine Batterie, dann der Handelshafen
und auf dessen stlicher Seite das bedeutende Fort St. Nicolas. Zwischen diesem
und dem folgenden Fort St. Paul buchtet tief in das ansteigende Bergland hinein
der Kriegshafen, sich wieder abzweigend stlich in das Bassin zur Ausbesserung
der Schiffe, die sogenannte Schiffsbucht am Arsenal, westlich in den groen
Militairhafen, der fast bis zu den uersten Befestigungen der Stadt in's Land
hineinluft. Ueber das Fort Paul und die Ringmauern hinaus erstreckt sich die
Karabelnaja oder Schiffervorstadt. An der stlichen Seite des Militairhafens
liegen die neue Admiralitt, Kasernen, das Arsenal, prchtige Docks und das
groe Hospital, an der westlichen die alte Admiralitt und die Promenade mit dem
Denkmal Kazrky's.
    In dem ber die Quarantaine-Bucht hinaus sich scharf in das Meer
hineinziehenden und dann nach der Sdspitze der Krimm zu wieder einbiegenden
Lande liegen, auerhalb der Vertheidigungslinie von Sebastopol, zunchst die
Schtzenbucht (Streletzka-Bucht), die Kamiesch- und Kasatsch-Bai. Die uerste
Spitze des Landes nach Westen bildet das Cap Chersones. Grade unterhalb des
Kriegshafens im Sden dieses, die Halbinsel Sebastopol bildenden Vorsprungs der
Krimm liegt die ziemlich enge, aber vollkommen geschtzte Bucht von Balaclawa.
Eine Strae geht von dort nach Sd-Sebastopol, eine andere ber die Tschernaja
nach der Nordseite und rechts in das Innere nach Baktschiserai.
    Diese kurze Uebersicht wird vorlufig gengen. - -
    Am Bjelbeck-Ufer, im Angesicht der Citadelle und der Nordforts lagerte die
alliirte Armee, die Franzosen den rechten Flgel an der See bildend, die
englische Kavallerie bis zum Ende der Bucht ihre Pikets vorschiebend. Die Trken
bildeten die Reserven und hielten die Strae nach Eupatoria besetzt.
    Es war um Mittag, als man von den Hhen des Ufers einen kleinen Dampfer von
Westen her die See durchschneiden und mit dem franzsischen Admiralschiff
Signale tauschen sah, worauf das Dampfschiff seinen Weg gegen das Ufer so weit
als mglich fortsetzte, ein Boot in See lie und nach dem Ausflu des Beljbeck
sandte. Der landende Marine-Offizier fragte nach dem Marschall und eilte,
zurechtgewiesen, nach dem Zelt desselben, das in einiger Entfernung unter einer
Gruppe von Korkbumen aufgeschlagen war. Die berbrachten Depeschen schienen
Wichtiges zu enthalten, denn trotz des seit der Almaschlacht bedeutend
verschlimmerten Zustandes des Marschalls, eilten bald darauf Adjutanten nach
verschiedenen Seiten davon, die Fhrer der Armee zum Kriegsrath zu berufen.
    In einem jener Thler, die sich schluchtenartig zur Bai von Sebastopol auf
der Nordseite hinziehen, weit ber die russischen Befestigungswerke hinaus
lagerte ein englisches Dragoner-Regiment: die Vedetten und Posten auf den Hhen,
einzelne Patrouillen ab- und zureitend, im Grunde die Pferde zusammengekoppelt,
an den sen Grsern und Krutern, dem Laub der wilden Feigenbume und
Rankengewchse nagend - die Soldaten in Gruppen umherlagernd, Kaffee kochend,
ihre Waffen putzend, oder mit jener stoischen Ruhe des echten Briten um einen
lustigern Kameraden versammelt, den das grne Irland geboren, und der der
Gesellschaft ein heiteres Lied oder eine wunderbare Geschichte zum Besten gab.
Im Vorbergehen lauschte selbst mancher der Offiziere der lustigen Geschichte
Pad's, ehe er zu seinem Kreise zurckkehrte.
    Das Bivouak und Feldleben hatte, nach den kurzen Unannehmlichkeiten der Tage
und Nchte der Landung noch nicht jene rauhen Seiten gezeigt, die spter die
Armee in vollem Maae kosten sollte. Man hatte, allerdings mit schweren
Verlusten, einen groen Sieg erfochten, man hoffte auf weitere leichte Triumphe,
man lagerte in einem der schnsten Klima's der Welt, unter Sonnenschein und
Pflanzenduft, und das Auge, an die grauen Dinten des Nordens gewhnt, schweifte
ber das Grn der Weinberge, der Feigen und Olivenwlder, die schlanken
Cypressen und breiten Platanen auf die blaue glnzende Flche des Meeres. In
einiger Entfernung unter ihnen lag die Russenstadt Sebastopol, mit den Forts und
Bastionen, welche die klare durchsichtige Luft dieses Himmelsstriches deutlich
und klar zeigte, - die sichere Beute der nchsten Tage, der Triumph vor ganz
Europa, der neue Zeuge fr die unersttliche Habgier des stolzen Inselreichs!
    Auch fr jenes Hauptbedrfni aller Armeen der Welt und der britischen
insbesondere, den Proviant, war noch leidlich gesorgt und die Offiziere
entbehrten selbst eines gewissen Comforts nicht, da sie Flaschenkasten und
Menagen von den Schiffen mit gebracht, ihre Garderobe noch nicht verdorben war
und der rauhe Wintersturm noch nicht die ermatteten Glieder erstarrte.
    Die Menagen hatten ihren Dienst erfllt, die Beafsteaks und Hammelcotelettes
waren verzehrt und die Flasche machte in dem lagernden Kreise die Runde, whrend
die Cigarre oder die leichtgefertigte spanische und orientalische Cigarette ihre
Rauchwirbel in die Luft schickte.
    Der arme Wellesley, sagte der Capitain Tysdale, whrend er den silbernen
Feldbecher mit Claret fllte. Er hat Sebastopol nicht einmal zu sehen
bekommen.
    Der Major starb am Tage nach der Schlacht, wie ich gehrt?
    Ja, an der verdammten Cholera, und Brigade-General Tylden auch. Bisher
haben die Franzosen allein Generle daran verloren und ihr Marschall selbst wird
schwerlich davon kommen.
    Es bringt Avancement in die Armee, die Stellen werden billig werden,
bemerkte ein junger Fhnrich.
    Bah, O Malley, speculiren Sie nicht vergeblich. Ihr Onkel in Tipperara hat
noch an dem Wechsel zu bezahlen fr Ihre Ausrstung und die irischen Kartoffeln
gerathen dies Jahr schlecht.
    Was wissen Sie von den Verhltnissen meiner Familie, Lieutenant Halkett,
rief der Ire hitzig, wollen Sie mich beleidigen?
    Dummheiten, O Malley, sagte der Doctor, ein behbiger, rothnasiger
Walliser. Wissen Sie nicht, da an der Regimentstafel, wenn das Tischtuch
fortgenommen ist, keine Rede bel genommen werden darf? Nun haben wir nicht
einmal ein Tischtuch gehabt, also senken Sie Ihren Kamm, mein Streithhnchen,
Sie werden noch Gelegenheit genug haben, ihn bei den Kosacken anzubringen.
Ueberdies hat Halkett Recht, Ihr nchstes Geld, wenn wirklich welches aus Irland
kommt, was Sie nun schon ein Jahr lang uns vorerzhlen, verwenden Sie auf Ankauf
eines Gauls, denn der Ihre hat den Spath und ist eine Schande fr das Regiment.
    Der lustige Kreis lachte.
    Ich nehme das nchste Beutepferd! prahlte der Fhnrich.
    Der Doctor zwinkerte listig mit dem rechten Auge.
    Vielleicht eines von den beiden Vollbluts, die unsere Pikets gestern
eingefangen und die mit ihren wrdigen Besitzern da drben der Entscheidung des
Earls harren? Sie mten sich prchtig machen, zwei solche Kracken mit
struppigen Mhnen und Rattenschwnzen unter den Normannen des vierten
Dragoner-Regiments Ihrer Majestt!
    Der graubrtige Major blickte nach den beiden Pferden.
    Gott verdamm' Eure Augen, Fhnrich O Malley, ich glaube, das Eine hlt mit
Euren langen Beinen jedes Wettrennen aus. Die Ohren sind kurz, und Augen und
Nstern verrathen Feuer.
    Pah, Major - es sieht abscheulich aus! Da Sie aber meinen, so will ich es
nehmen.
    Der junge Mann erhob sich, um hinzuschlendern, der alte Offizier aber
schttelte lachend den Kopf.
    Das Ansehen haben Sie umsonst. Doch mit dem Nehmen ist es Nichts, Sie
mten das Pferd denn dem Eigenthmer abkaufen.
    Zum Henker, es ist ja Kriegsbeute.
    Die beiden Leute sind von unsern Patrouillen ergriffen und in's Lager
gebracht worden, weil wir Nachrichten ber das Land brauchen, aber keineswegs
als Feinde. Der Tagesbefehl des Lord-Generals bestimmt auf das Strengste, da
alle Eingebornen, mit denen wir verkehren, mglichst gut behandelt werden
sollen.
    Die Offiziere nherten sich den beiden Gefangenen, die neben ihren Pferden
am Fue einer Platane saen, im ernsten Gesprch vertieft. Die Pferde gehrten
zur Zucht der kleinen langhaarigen Steppenthiere, doch htte ein Kenner der
donischen Race das Eine leicht an den sehnigen und schlanken Beinen und kurzen
Fesseln, den aufgeworfenen Nstern und den feurigen rothen Augen fr ein
treffliches Thier erkannt, wie unschn auch sein Aussehen sein mochte. Die
Herren dieser Pferde waren ein groer krftiger Greis von finsterm und stolzem
Aussehen, grtentheils in Roleder gekleidet, die Mtze von Wolfsfell auf dem
kahlen Haupt, dir schwere Peitsche am Grtel, so wie ein junger Mann von antiker
Schnheit, welche der einfache kaftanartige Rock noch mehr hervorhob: Michael,
der Rohirt aus den Steppen des Dniepr und Nicolas Grivas, der junge Palikare,
der in der Nacht des Lazarethbrandes aus Varna entflohen war, um die Nachricht
von den Beschlssen des Kriegsraths der Alliirten nach Sebastopol zu bringen.
    Wir haben gesehen, da auch sein Bruder Gregor Caraiskakis nach der
Entdeckung des griechischen Complotts sich flchten mute. Er war der Armee des
Frsten Gortschakoff gefolgt und befand sich mit diesem zur Zeit in Odessa.
Dorthin hatte er den jngern Bruder beschieden, um mit ihm und mehreren andern
der griechischen Flchtlinge den Plan zur Grndung einer griechischen Freischaar
zu berathen.
    Mit den Vorbereitungen dazu beauftragt und mit neuen Warnungen der durch
fortdauernde Verbindungen in Varna wohl unterrichteten Griechen an den Frsten
Menschikoff kehrte Nicolas Grivas nach der Krimm zurck, als er auf dem Wege
ber die Landenge von Perekop auf den alten Tabuntschik traf, der einen
Transport von dreihundert Pferden, den Reichthum seiner Zucht, als freiwillige
Gabe auf dem Altar des Vaterlandes anzubieten kam und sie dem Oberbefehlshaber
von Taurien zufhren wollte. Der junge Mann schlo sich dem Zuge an und die
Nachrichten, die er vom Kriegsschauplatze brachte, die Erzhlung seiner
griechischen Kmpfe hatten ihm das Vertrauen des finstern Greises erworben.
    Schon auf dem Wege nach Symferopol gelangte die Kunde zu ihnen von dem
Erscheinen der alliirten Flotte in der Bay von Kalamita, und whrend der
Tabuntschik seine Rosse mit den Knechten auf der Strae nach Baktschiserai
weiter sandte, wandte er sich selbst mit dem jungen Griechen nach der Kste, um
Nheres von der Landung der Feinde zu ersphen. Mit Staunen bemerkte Nicolas
Grivas an seinem alten Begleiter einen hohen Bildungsgrad und eine groe
Kenntni in militairischen Dingen, die auf seine Frage der sonst ber seine
Vergangenheit sehr wortkarge Greis dahin erklrte, da er den Franzosenkrieg
mitgemacht. - Von fliehenden Tataren hatten sie die Nachricht der Almaschlacht
gehrt und von dem Rckzug der Russen nach Sebastopol. Auf dem Wege dahin war
es, da sie von einer vorgeschobenen Reiterpatrouille der Englnder berrascht
und festgenommen wurden, da der Befehl der Oberstkommandirenden dahin ging,
einige Bewohner des Landes in's Lager zu bringen, um von ihnen Nachrichten ber
die Bewegungen der Feinde und die Festung zu erhalten.
    Whrend die britischen Offiziere sich, wie oben erzhlt, unterhielten, lag
der greise Tabuntschik auf den Arm gesttzt unter der Platane und betrachtete
mit finsterm Blick bald die Feinde seines Landes, bald die weit hin sich
dehnende Aussicht auf die Bay und die bedrohte Stadt.
    Die Heiligen mgen ihre Augen verblenden, sagte er endlich in spttischem
Ton in griechischer Sprache zu seinem jungen Begleiter, da sie sich an diesen
ehernen Citadellen der Nordseite ihre Schdel einrennen und die Schwchen der
Festung im Sden nicht merken. Dennoch wollte ich mein altes Leben darum geben,
wenn man diese hochmthigen Englnder und franzsischen Windbeutel dahin locken
knnte. Der Marsch durch die Defileen von Inkerman und das Tschernaja-Thal
brchte sie bei richtiger Benutzung des Augenblicks in einen Sack, aus dem
keiner Mutter Sohn lebendig wieder heraus kommen sollte, und Menschikoff ist der
Mann dazu.
    Kennt Ihr diese Gegend so genau?
    Der Alte fuhr sich mit der Hand ber die Stirn.
    Ich brachte in meiner Jugend einige Zeit hier zu und durchstreifte auch in
den letzten Jahren mehrfach die Krimm bei meinem Pferdehandel. Blicke dorthin,
Grieche, links an dem Leuchtthurm vorber jenen dunklen Punkt - siehst Du ihn?
    Es scheint mir ein Thurm.
    Es sind die Ruinen von Inkerman. Dort theilt sich der Weg, der nach Osten
fhrt nach Baktschiserai; zwei andere berschreiten die Tschernaja und fhren
nach dem Sden auf Balaclawa zu, der eine unter den Augen und den Kanonen der
Festung vorber, der andere hinter jenem Felsenzug verborgen - er luft zwischen
Bergen und Schluchten und wre ein Thermopyl, in dem die Hunderttausende eines
Darius verderben mten, da der Rckzug leicht gesperrt werden kann. Ich wollte,
ich htte zwanzigtausend Mann Russen unter meinem Kommando und diese
fnfzigtausend Englnder und Franzosen in jenen Schluchten!
    Was meint Ihr, da aus uns werden wird - werden sie uns als Kriegsgefangene
auf die Schiffe bringen?
    Der Teufel in ihre Seele! Htte man uns nicht berrascht, als wir an der
Quelle saen und unsere Sttel verlassen hatten, ein Regiment ihrer Kavallerie
htte mich wenigstens nicht einholen sollen. - Er streichelte freundlich die
Nstern des zottigen Pferdes an seiner Seite, das den Kopf zu ihm niederbeugte
und seine Hand leckte. - Htte ich Buruk unter mir gehabt und ihm mein Pascholl
Liebling zugerufen, ich htte jeder Verfolgung spotten knnen, und wenn sie
tagelang gedauert; denn Buruk ist an jede Anstrengung der Steppe gewhnt und
wrde die neunzig Wersts von Eupatoria bis Sebastopol in sechs Stunden zurck
legen. Doch beruhige Dich, Sohn - ich glaube, man wird uns frei geben, so wie
die Operationen gegen die Werke begonnen haben. Die Thoren ahnen nicht, da ich
Englisch verstehe und die Kenntni ihrer Sprache hat mich hren lassen, da
strenge Befehle gegeben sind, gegen die Bewohner des Landes mit mglichster
Schonung zu verfahren.
    Aber ich bin ein Grieche und man wird Verdacht schpfen.
    Nicht, wenn Du vorsichtig bist. Du bist mein Enkelsohn - der Enkel eines
einfachen Tabuntschik, wie wir verabredet, alles Andere berlasse mir. Da kommen
diese verrtherischen Briten auf uns zu - russische List soll ihnen die Spitze
bieten.
    Whrend die Offiziere zu den Gefangenen traten, um ihre Pferde nher zu
betrachten und ein Gesprch anzuknpfen, sah man einen Adjutanten rasch ber die
Bergflche daher galoppiren und nach dem Bivouac der Dragoner einlenken.
    Du hast da ein ziemlich boshaft aussehendes Pferd, Alter. sagte der Major
auf Franzsisch, doch scheint es krftig und rasch zu sein. Ist es Deine eigene
Zucht?
    Es ist ein Kind der Steppe Gospodin, antwortete der Tabuntschik; seine
Eigenschaften sind so so - bald gut, bald schlecht - man mu mit unsern Pferden
umzugehen verstehen.
    Du bist ein Rohndler, wie Du angegeben?
    So ist es!
    Dann wird es Dir lieb sein, zu hren, da dieser Herr hier Dein Pferd Dir
abkaufen will.
    Du scherzest, Gospodin; ein solches Pferd wrde sich fr einen Offizier
nicht passen.
    Goddam! Wir haben in Varna noch schlechtern Schund fr unsern Abgang
annehmen mssen, und Dein Pferd ist gegen die Kracke, die Fhnrich O Malley
erhalten, ein Bucephalus.
    Was verlangt der Kerl fr den Gaul? fragte der junge Mann, der kein
Franzsisch verstand, ungeduldig. Ich hoffe, er macht keine Umstnde - mit zwei
Pfund ist die Mhre bezahlt.
    Ich habe bereits gesagt, Herr, beugte der Tabuntschik vor, da meine
Knechte mit einem Transport Pferde auf dem Weg sind, zum Handel mit der Armee.
Es sind bessere Pferde dabei, als dies hier, das nur gut ist fr einen alten
Tabuntschik, und das ich nicht verkaufen mchte, weil ich an seinen Gang gewhnt
bin.
    Dem Handel, dem der Rohirt sich, trotz alles Widerspruchs, schwerlich auf
die Dauer htte entziehen knnen, wurde durch das Herbeisprengen des Adjutanten
ein Ende gemacht.
    Wo ist Major Ewelyn?
    Hier, Herr!
    Oberst Kennedi lt Sie bitten, die beiden Gefangenen, die Franzsisch
sprechen, auf das Schleunigste zu ihm in's Hauptquartier zu schicken. Ich werde
sie begleiten.
    Hier sind die Beiden. - Besteigt Eure Pferde, Mnner, und folgt diesem
Herrn. Ich hoffe, da Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet, denn ringsum
stehen unsere Leute und Ihr wrdet auf der Stelle niedergeschossen werden. - Ist
etwas Neues los, Sir? wandte er sich auf Englisch wieder zu dem Offizier,
whrend der Tabuntschik und sein Begleiter ihre Pferde zumten und bestiegen.
    Der Adjutant beugte sich zu dem Major nieder.
    Es sollen wichtige Mittheilungen von Paris eingelaufen sein. Man munkelt
von einer Bewegung der Armee nach der andern Seite der Festung.
    So leise er gesprochen, so hatte das scharfe Ohr des Tabuntschik die
Nachricht doch vernommen und es zog wie ein Wetterleuchten ber das alte
verwitterte Gesicht. Er sa im Sattel:
    Wir sind fertig, Gospodin!
    Vorwrts denn! befahl der Adjutant.
    Leben Sie wohl, meine Herren.
    Sie trabten davon. Der Tabuntschik unterhielt sich unterwegs mit dem jungen
Griechen in seiner Sprache.
    Ich habe eben gehrt, sagte er, da diese Englnder von einem Angriff auf
der Sdseite sprachen. Mgen die Heiligen geben, da wir ihnen entwischen, um
dem Frsten diese wichtige Nachricht bringen zu knnen.
    So kamen sie zum Gezelt des Marschalls St. Arnaud, in dem der Kriegsrath
versammelt war. Der Adjutant lie seine Begleiter am Eingang, wo eine groe
Anzahl von Offizieren und Ordonanzen versammelt war, unter dem Schutz der
Wachen, um seine Meldung zu machen. Der scharfe Blick des Greises bemerkte
mehrere gleich ihnen gefangene Eingeborne des Landes, die von Wachen
herbeigebracht worden, offenbar, um befragt und verhrt zu werden. Er winkte mit
einer bezeichnenden Geberde seinem jungen Gefhrten, denn trotz der Menge, die
sich um das ziemlich groe, aus drei Abtheilungen bestehende Zelt bewegte,
herrschte eine groe Stille, nur durch das Klirren der Waffen und die Schritte
der Schildwachen und der Ab- und Zugehenden unterbrochen.
    Sie hatten noch nicht lange gewartet, als Lord Cardigan, der Befehlshaber
der englischen Cavallerie, in Begleitung des Obersten Kennedi aus dem Zelt trat
und der Letztere sich suchend umschaute.
    Ah, da sind meine Leute, Mylord, sagte er, als sein Blick auf den
Tabuntschik fiel. Hierher, Alter mit Deinem Sohn, und folge uns.
    Lassen Sie den jungen Mann zurckbleiben, Sir, sprach der Lord. Es wird
gut sein, wenn man Jeden einzeln befrgt.
    Auf einen Wink des Generals mute Grivas bei den Pferden zurckbleiben,
whrend der Rohirt den Offizieren in das Innere des Zeltes folgte.
    Die erste Abtheilung war von mehreren Adjutanten und Stabsoffizieren
eingenommen, die auf Feldtischen Depeschen schrieben, whrend von Zeit zu Zeit
der Chef des Generalstabs, Brigadegeneral de Martimprey, aus dem Innern kam,
Befehle ertheilend.
    Lord Cardigan schlug den dicken Teppichvorhang zurck, welcher den Eingang
in die mittlere groe Abtheilung des Zeltes bildete, und trat hinein, von dem
alten Tabuntschik gefolgt, der auf seinen Wink am Eingang stehen blieb.
    Rasch, gleich dem Blitz, berflog sein Auge die Versammlung.
    Am andern Ende des Raumes oder Gemaches lag auf einem mit Kissen bedeckten
Feldbett, in einen Soldatenmantel gehllt, der Marschall Saint Arnaud, der
Obercommandirende des Landheers. Die Seuche hatte tiefe Spuren auf das
bleifarbene Antlitz des Generals gegraben, in tiefen dunklen Ringen lagen die
matten Augen, und mit Mhe hatte er den Kopf auf einen Arm gesttzt, whrend der
Generalstabsarzt Dr. Bernielle seine Linke in den Hnden hielt und von Zeit zu
Zeit dem Kranken einige Tropfen einer strkenden Medizin reichte, oder ihn
ermahnte, sich nicht anzustrengen. Vor dem Bett des Marschalls stand ein groer
Tisch, auf dem eine Karte der Krimm und ein ziemlich unvollstndiger Plan der
Festung Sebastopol lag. Zur Linken des Tisches saen der Prinz Napoleon und die
Generle Canrobert, Bosquet und Forey, whrend auf der andern Seite Lord Raglan,
der Obercommandant der britischen Armee, kenntlich an dem fehlenden Arm, mit dem
Herzog von Cambridge und den englischen Generlen Brown, Lacy-Evans, England und
Cathcart, nebst den Admirlen Dundas und Lyons Platz genommen. Eine groe Anzahl
franzsischer und britischer Generle standen um den Tisch her.
    Mein Urtheil, sagte Lord Raglan eben, kann hier nicht entscheiden, Sie
mssen wissen, Herr Marschall, wie weit Sie den Nachrichten, die der Kaiser
Ihnen sendet, trauen knnen. Wir stehen hier vor den Forts und ich kann mich von
dem Gedanken nicht trennen, da ein rascher Angriff von der Land-und Seeseite
die Sache zur Entscheidung fhren wrde.
    Die Nordforts sind stark, Mylord, sagte der franzsische Oberkommandant
mit matter Stimme, wir wrden unsere Truppen vergeblich opfern, wenn wir nicht
erst durch schweres Belagerungsgeschtz Bresche gelegt. - Unser Spion in Berlin
scheint vortrefflich unterrichtet; wir haben es in der Zahl der Truppen gesehen,
die uns an der Alma gegenber standen.
    Der Herzog von Cambridge nahm ein Papier vom Tisch. Die Depesche ist so
verteufelt kurz, da sie nur wenig Anhalt bietet. Der Angriff ist auf die
Sdseite zu verlegen - zuverlssige Nachrichten ber Berlin melden, da dort die
Schwche der Festung ist. Napoleon. - Voil tout.
    In diesem Augenblick beugte sich Lord Cardigan ber den Tisch und sagte
einige Worte. Aller Augen wandten sich nach dem Eingang des Zeltes, wo der Greis
ruhig und anscheinend theilnahmlos stand.
    Der dicke Prinz Napoleon klemmte das Lorgnon in's Auge.
    Ist das Ihr Gefangener, der Franzsisch spricht, Mylord Cardigan?
    Er ist es, Kaiserliche Hoheit, und ein so vorzgliches Franzsisch, wie Sie
nur in den Salons von Paris hren knnen.
    Ah, diese Russen sprechen alle sehr gut die Sprache der civilisirten Welt.
Aber der Kerl dort sieht mir keineswegs aus, als gehrte er zu den bevorzugten
Stnden.
    Treten Sie nher, Mann, sagte der General Bosquet rauh. Wir haben keine
Zeit zu Betrachtungen, sondern wollen ihn befragen. Wollen die Herren es
vielleicht thun, deren Gefangener er ist?
    Lord Raglan antwortete hflich ablehnend mit einer Handbewegung, und der
franzsische General wandte sich sogleich wieder zu dem Rohirten, der
unbefangen durch den Kreis der glnzenden Offiziere bis zu dem Tisch getreten
war.
    Wie heit Ihr, Freund, und was seid Ihr?
    Michael der Tabuntschik, General; wenn Sie den russischen Ausdruck nicht
verstehen, ein Rozchter und Rohndler.
    Seid Ihr hier zu Hause? Es ist seltsam, da Ihr bei Eurem niedern Stande so
fertig Franzsisch sprecht.
    Ich bin ein Franzose, wie Sie, General!
    Diantre - und hier in Ruland? Ihr mt ein alter Mann sein, Freund.
    Achtzig Jahre, Herr. Ich war Sergeant bei Manson's Krassieren, wurde 1812
gefangen genommen und lebte seitdem in den Steppen oder den Gebirgen dieses
Landes, zuerst als Sclave, nach dem Tode meines Herrn auf eigne Hand.
    So seid Ihr bekannt mit der Umgegend von Sebastopol?
    Ich wrde jeden Weg mit verbundenen Augen finden. Ich kenne jeden Stein des
Gebirges.
    Das wre vortrefflich, meinte der Prinz. Wenn Sie Franzose sind, mein
Herr, werden Sie wissen, was Sie Ihrem Vaterlande und Ihren Landsleuten schuldig
sind und sich nicht weigern, uns einen wichtigen Dienst zu erzeigen.
    Ich bin ein alter Mann, Herr, und habe lnger als vierzig Jahre in diesem
Lande gelebt, meinte der Greis, aber ich freue mich doch, am Rande des Grabes
unter Franzosen zu stehen und werde gern thun, was ich kann. Was wnschen Sie
von mir?
    Wir verlangen die Beantwortung einiger Fragen, sagte General Bosquet.
Zunchst, knnen Sie beurtheilen, welcher Punkt im Sden von Sebastopol sich
fr unsere Schiffe zu einer Landung eignen wrde?
    Ei General, ich bin nicht Seemann, nur ein einfacher Soldat, aber da kann
wenig die Frage sein. Da wre zuerst die Kamiesch-Bai.
    Sie liegt zu nahe fr unsere Zwecke an der Festung!
    
    Nun, Parbleu! dann ist Balaclawa der rechte Ort, und ein verteufelt guter
Platz ist er, gegen die Strme gedeckt, freilich ein Bischen eng -
    Ist der Ort stark vertheidigt, unterbrach der General ungeduldig die
anscheinende Geschwtzigkeit des Alten. - sind die Festungswerke stark?
    Ei was denken Sie, General, lachte der Greis, da kennen Sie unsere Russen
schlecht. Als ich das letzte Mal dort war, sah ich vier eiserne kleine Kanonen,
und mit einer Compagnie Ihrer Grenadiere jage ich die ganze Besatzung zum
Teufel.
    Die Generle beugten sich ber die Karte, um die Lage des bezeichneten Orts
zu prfen, und Lord Raglan wechselte leise einige Worte mit dem Marschall. Dann
wandte er sich selbst zu dem Rohirten.
    Wie weit ist Balaclawa von Sebastopol entfernt?
    Dreizehn Werst oder drei Lieues, wenn Sie das lieber wollen, Herr.
    Wie ist das Terrain beschaffen?
    An der Kste Felsen und Schluchten, Herr, dann hebt es sich zum Plateau und
senkt sich, von Hhlungen durchschnitten, nach Sebastopol hin.
    Ist es mglich, um das Ende der Bai von Sebastopol mit einer Armee bis
Balaclawa vorzudringen, ohne mit der Festung in Berhrung zu kommen?
    Er herrschte lautlose Spannung auf diese Frage. Ein Blitz von Hohn und
Freude zuckte in den Augenwinkeln des Alten, doch nur einen Gedanken lang. Dann
lachte er heiter und sagte:
    Ei General, wir Hirten der Gebirge kennen die Wege. Ihr knnt, wenn Ihr die
Leuchtthrme umgeht und die Gebirge zwischen Mekensyr und den Ruinen von
Inkermann durchschneidet, an der Tschernaja-Brcke die Thalschlucht gewinnen und
vor Balaclawa stehen, ohne da eine Katze in der Festung Euren Marsch bemerkt,
wenn sie hier nicht aufmerksam gemacht werden.
    Wiederum wurden leise einige Worte zwischen den beiden Ober-Commandirenden
gewechselt, dann befahl Lord Raglan, den Tabuntschik fr einen Augenblick
abtreten zu lassen, aber sorgfltig zu bewachen, da er mit Niemand ein Wort
wechsele.
    Die Berathung der Generle war jedoch nur kurz und der Tabuntschik wurde
bald wieder herein geholt.
    Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz Napoleon, sagte General Bosquet, hat
Sie bereits an Ihre franzsische Abstammung und die Pflichten derselben
erinnert. Was Sie thun, thun Sie dem Erben des groen Kaisers. Es liegt uns
daran, die Armee nach der Sdseite der Festung zu fhren, womglich nach
Balaclawa. Wollen Sie uns als Fhrer dienen, Mann, so soll Ihnen eine reiche
Belohnung zu Theil werden. Im andern Fall mssen Sie in strenger Haft bleiben,
denn Sie haben zu viel gehrt, um Sie gehen lassen zu knnen.
    Der Tabuntschik schttelte den Kopf.
    Ihre Drohung kann mich nicht schrecken, Herr, so wenig wie Ihre Versprechen
mich reizen. Ich bin ein alter Mann, Herr, und hnge nicht am Leben. Aber ich
habe nicht vergessen, da Frankreich mein Vaterland ist, und bin bereit, Ihnen
auf Gefahr meines Kopfes den Weg durch die Gebirge nach Balaclawa zu zeigen,
wenn Sie mir gestatten wollen, zugleich meine Interessen zu besorgen, damit ich
nicht zu Schaden komme.
    Wie meint Ihr das, Freund? fragte der Herzog von Cambridge.
    Ich bin ein Pferdehndler, wie Sie wissen, sagte der Alte, und komme aus
der Steppe jenseits Perecop mit 300 muthigen Thieren, dir um eine Tagereise
hinter mir zurck sind. Wenn ich Ihnen den Weg zeige, fallen die Thiere in die
Hnde der Russen, und ich mchte dann nicht wagen, bei diesen mein Eigenthum
fordern.
    Wir werden sie Ihnen abkaufen oder den Werth vergten.
    Ich bin ein Kaufmann, General, und lebe vom ehrlichen Handel. Wenn Sie
wollen, da ich Ihnen diene, so lassen Sie mich meinem Eigenthum entgegensenden
und meinen Leuten Anweisung geben, die Pferde in Ihr Lager zu bringen.
    Das geht unter keinen Umstnden, sagte Bosquet rauh; der Mann darf mit
Niemand mehr verkehren.
    Der alte Rohirt lchelte spttisch.
    Dann, General, erlauben Sie mir, da ich mir wenigstens den Markt bei
meinen neuen Landsleuten, den Russen, nicht verderbe.
    Es entstand eine kurze Pause. Der Greis hatte das Ansehen eines so
entschlossenen Charakters, da ein Jeder begriff, Drohungen wren hier
vergeblich.
    Fragen Sie den Mann, sthnte der Marschall, wie er die Sache ausfhren
will.
    Der Tabuntschik trat einen Schritt nher zu dem Tisch.
    Ihr Mitrauen sollte mich krnken, sagte er ruhig und ernst, doch ich
will Ihnen selbst ein Mittel vorschlagen, unsere Interessen zu vereinigen.
Drauen steht mein Enkelsohn, der mit mir gefangen wurde. Er versteht unsere
Sprache, wei aber natrlich Nichts von dem Dienst, den ich Ihnen leisten soll.
Lassen Sie ihn herein kommen, geben Sie ihm sicheres Geleit durch Ihre Posten
nach Eupatoria hin bis zum Weg nach Symferopol, und ich werde ihm hier in Ihrer
Gegenwart seinen Auftrag ertheilen. Sie selbst mgen hren, ob ich ihm mit einem
Wort das Geheimni verrathe. Ueberdies bleibe ich ja in Ihren Hnden und Sie
mgen mein Leben nehmen, wenn ich Sie tusche.
    
    Nach einer kurzen Berathung der Fhrer willigte man in den Vorschlag und
lie den Griechen herein fhren.
    Kennst Du diesen Mann?
    Er ist mein Grovater, Herr.
    Wohl, sagen Sie ihm Ihren Auftrag.
    Der Tabuntschik wandte sich zu dem jungen Mann und sah ihn fest und ruhig
in's Gesicht. Zu seinem Staunen bemerkte Nicolas, da der Greis langsam und ohne
aufzufallen das Erkennungszeichen der Hetrie machte und begriff im Augenblick,
da die Unterredung eine doppelte Bedeutung haben werde und seine hchste
Aufmerksamkeit fordere.
    Du weit ungefhr, wo Du unsere Pferde treffen wirst, Sohn?
    Ja, Grovater.
    Wohl. Du sollst ihnen entgegen gehen, inde ich bei diesen Herren
zurckbleibe. Sie haben die Pferde gekauft und Du sollst sie zu ihnen fhren. Du
mut Dich eilen, damit die Knechte sie nicht nach Baktschiserai bringen, denn
dort wren sie fr uns verloren. Morgen frh, wenn Du Deine Sache gut machst,
knnen die Rosse bei uns sein.
    Welchen Weg mu ich nehmen, Grovater?
    Geh' ber die Katscha zurck und wende Dich rechts in die Berge. Erinnere
Dich der Stelle, die ich Dir heute Morgen bezeichnete. Dort warte, sie mssen da
vorberkommen oder rasten, wie wir ausgemacht haben.
    Aber, Du Grovater, wo bleibst Du? Es lag aufrichtige Besorgni in dem
Auge des jungen Mannes.
    Um mich kmmere Dich nicht, Kind, ich werde diese Herren nicht verlassen,
und wir treffen, so die Heiligen wollen, morgen wieder zusammen. - Ich bin
fertig mit meinem Auftrag. Sind Sie zufrieden damit, so geben Sie dem Knaben
sein Geleit.
    Der franzsische General, der dem Marschall zunchst sa, unterzeichnete
einen Pa durch die Vorposten.
    Lassen Sie den Burschen durch einen Offizier bis ber die Posten jenseits
der Katscha begleiten und ihn sogleich sich auf den Weg machen, General Vinoy.
    Der Genannte trennte sich von der Gruppe und winkte der verkappten Griechen,
zu folgen.
    Noch Eines, sagte mit unbefangenem Ton der Tabuntschik. Nimm den Buruk,
Kind, er hat einen guten Gang durch die Gebirgswege.
    Grivas machte das Zeichen des russischen Grues. Einen Moment lang streifte
verstehend sein Blick das feste, klare Auge des Greises, dann folgte er dem
General aus dem Zelt.
    Der kranke Marschall erhob sich mhsam und mit Untersttzung des Arztes in
sitzende Stellung.
    So ist es denn beschlossen, wir gehen nach der Sdseite, und ich schlage
Ihnen vor, um Mitternacht aufzubrechen, sagte er mit Anstrengung seiner Stimme.
Es wird nthig sein, da ein Theil der Armee hier zurckbleibt, um die Russen
ber unsere Bewegung zu tuschen und sich hier mit allem Gepck einzuschiffen.
Ich werde den Zug mit Ihnen machen, meine Herren - aber - ich fhle bei aller
Anstrengung, da ich nicht im Stande sein werde, den Pflichten meines Commando's
zu entsprechen und bin gezwungen, es - einstweilen niederzulegen. Ich schlage
Ihnen - - -
    Der General an seiner Seite, der vorhin den Pa unterzeichnet hatte, legte
leise die Hand auf seinen Arm.
    Erlauben Sie, Herr Marschall, da ich Sie unterbreche, sagte er
aufstehend. Seine Majestt der Kaiser Napoleon hat in weisem Vorbedacht eines
so unglcklichen Falles, der uns Ihrer Fhrung beraubt, die Gnade gehabt, mich
unverdienter Weise mit dem Oberbefehl der Armee zu beauftragen.
    Sie haben also eine geheime Ordre, General Canrobert? fragte der Kranke
heftig.
    Einen Kaiserlichen Handbefehl, entgegnete der General, indem er ein Papier
aus seinem Portefeuille nahm und auf den Tisch legte. Hier ist er.
    Der Marschall griff krampfhaft danach und sah das Dokument einige
Augenblicke an, dann schweifte sein Blick zu dem Prinzen hin, whrend seine
schlaffen Mienen eine gewaltige Anstrengung sich zu beherrschen ausdrckten.
    Parbleu! flsterte er mit halb erstickter Stimme. Ihr Oheim, Monseigneur,
ist ein vorsichtiger Herr! Er sank in die Kissen zurck.
    Mein Gott! rief der Herzog von Cambridge, der Herr Marschall ist
ohnmchtig!
    Whrend sich der Arzt mit dem Kranken beschftigte, wandte sich General
Canrobert mit hflicher Verbeugung zu dem britischen Oberbefehlshaber:
    Wenn es Ihnen gefllig ist, Mylord, treffen wir sogleich die Bestimmungen
und Anstalten fr den Aufbruch der Armee.

    Der junge Grieche hatte vollkommen die Worte seines greifen Gefhrten
begriffen und den Grund, aus welchem er ihm sein eigenes Pferd zuwies. Er mute
dasselbe sogleich bei seinem Austritt aus dem Zelt besteigen und unter
Begleitung eines Offiziers der Spahi's seinen Weg antreten. Obschon er mit dem
Lande selbst wenig bekannt war, hoffte er doch bald, wenn er erst aus dem
Bereich der Postenkette der alliirten Armee war, auf einen russischen Posten
oder wenigstens auf Eingeborne zu stoen, die im Stande wren, ihm den Weg zu
zeigen. Auf die vom Tabuntschik ihm gerhmten Eigenschaften des Steppenpferdes
vertrauend, berechnete er, da selbst von jenseits der Katscha ein scharfer Ritt
ihn um Mitternacht nach Sebastopol bringen konnte. Wohl dachte er daran, sich
schon frher seines in echt franzsischer Manier schwatzenden und ihn ziemlich
verchtlich behandelnden Begleiters zu entledigen, und es htte ihm auch
keineswegs an Muth zum Versuch der That gefehlt, doch lehrte ihn ein Blick auf
die kriegerische gewandte Gestalt und Haltung des afrikanischen Cavalleristen,
da er keinen geringen Gegner zu bekmpfen haben wrde, und er berlegte, da
ein Miglcken des Versuchs, ja selbst ein unberechenbarer Zufall beim Siege
einen der zahlreich umher verstreuten und auf der Strae nach Eupatoria hin- und
herpassirenden Trupps feindlicher Krieger herbeifhren und die Ausfhrung seiner
wichtigen Mission verhindern konnte. Er fhlte, da nur kaltes Blut und List ihm
helfen msse, und da sein Leben der Aufgabe gehre, der er sich gewidmet hatte.
    Der Abend dunkelte bereits, als sie die Katscha berschritten hatten. Hier
erklrte der Grieche seinem Begleiter, da er sich zur Erreichung seines Zweckes
rechts auf die Strae nach Aramkoi wenden msse, und da der Offizier nur Ordre
hatte, ihn ber den Flu hinaus zu bringen, auch an dem schweigsamen Mann wenig
Gefallen fand, bergab er ihn einer trkischen Patrouille, die ihn bis ber die
uersten Linien der Vedetten nach Osten hin bringen sollte und wandte sein
Pferd zur Rckkehr.
    Nicolas Grivas, indem er neben seinen neuen Begleitern herritt, bemerkte,
da er hier im Bereich der trkischen Reserven war, die zum Theil noch an der
Alma lagerten. An zwei Stellen mute er den Passirschein des Generals vorzeigen,
und obschon die trkischen Offiziere, die ihn anhielten, kein Wort davon lesen
konnten, hielt der franzsische Adler auf dem Papier sie doch in Respekt und man
sandte den Reiter von Posten zu Posten weiter.
    Es war ein groes Bergplateau, auf dem, nach der Aussage des ihn
begleitenden On-Baschi's, der letzte Reiterposten der Trken stand und mit
ungeduldig klopfendem Herzen sah Nicolas Grivas ihn jetzt vor sich.
    Es war einer jener milden September-Abende, die in der gemigten Zone
berall schn, in diesen Himmelsbreiten etwas unbeschreiblich Kstliches haben.
Von dem hohen Bergplateau aus berflog der Blick den im Sternengefunkel, jener
so eigenthmlich prchtigen Erscheinung der Sdlnder, ruhenden unendlichen
Meeresspiegel, an dessen fernem Horizont noch einzelne jener roth violetten und
blulichen Farbentne auftauchten, die den Sonnenuntergang begleitet hatten,
Farben, wie wir sie im Norden niemals auf Himmel und Erde schauen. Im Westen des
Plateau's erhoben die Bergketten, in deren Mitte die alte Tartarenhauptstadt
liegt, ihre dunklen Wnde, - der Duft des Thymian und Lavendels, welcher den
Boden bedeckte, aus dem hier und da sich ein wilder Feigenbaum oder die
Korkeiche mit ihren breiten Aesten erhob, flog mit dem frischen Seewind ber die
Ebene; in weiter Entfernung von einander leuchteten, gleich riesenhaften
Glhkfern, die Feuer der Posten und Wachen bis zur Alma hin.
    An einem solchen Feuer am Eingang einer Schlucht, die von Olivenbumen
bewachsen war, lagerte der uerste Posten der Moslems, und an den wilden
phantastischen Gestalten, ihrer Kleidung und Bewaffnung erkannte der Grieche,
da die Krieger zu jenen trkischen Freischaaren gehrten, deren Wiedersehen in
seiner Erinnerung mit einem dmonischen und dennoch so schnen Bilde sich
verknpfte.
    Wilde Blicke starrten ihn an und manche nervige Faust fate beim Anblick der
verhaten russischen Tracht nach dem Pistolenkolben oder dem Handjar im
Leibbund; doch des On-Baschi's Benachrichtigung, da der groe Pascha der
Franken den Fremden unter seinen Schutz genommen und dieser in seinem Auftrag
reise, zhmte die rachschtigen Begierden und die Bozuks warfen sich wieder am
Feuer nieder.
    Der junge Mann hatte eben dem On-Baschi, welcher ihn hierher geleitet, den
verlangten Baktschis gegeben und wandte sein Pferd, um durch die Schlucht davon
zu galoppiren, denn er frchtete mit Recht, da ihm einer oder der andere der um
ihn lagernden Halunken, die bei der Ertheilung des Trinkgeldes mit lsternen
Augen seinen Geldbeutel angesehen, im Dunkel eine Kugel nachsenden mchte, als
von dorther selbst Hufschlag erscholl und er eine herauskommende Reitergruppe
bemerkte, die sich rasch nherte.
    Ein groer Molosserhund, den vergoldeten Sammetreif um den Hals, sprang der
Gruppe voraus, die aus einer trkischen Frau und etwa zwanzig arabischen und
albanesischen Kriegern bestand. Neben der Trkin ritt, in lange weie Gewnder
gehllt, auf prchtigem weiem Pferd ein arabischer Scheik, wie der hohe
Reiherbusch auf seinem Turban zeigte.
    Pltzlich hielt der Molosserhund in seinen Sprngen an, hob die Nase in die
Luft und stie ein lautes Gebell aus, indem er mit weiten Stzen auf den
Griechen zustrzte, an dem Pferde emporsprang, dem Reiter die Fe leckte und
sich wie toll geberdete.
    Der Ruf Scheitan! hierher! scholl aus der Gruppe, ohne da der Hund darauf
hrte.
    Bleich wie der Tod sa der Grieche im Sattel, er hatte den Hund erkannt, er
hatte die trotzige Stimme vernommen, die se oft schmeichelnd und demthig in
unsglicher Liebe seinen Namen genannt.
    Fatinitza war dort - Fatinitza, die Rcherin - la Vengeresse!
    Er sah, wie sie mit dem Emir Abdallah nher und nher kam, erstaunt ber das
Gebahren des Hundes, - er hrte, wie sie die Mnner der Wache nach ihm fragte, -
er fhlte, wie sich die Augen des Mdchens auf ihn richteten, - seine Sinne
wirbelten, seine Besonnenheit, fast sein Bewutsein verlie ihn, er beugte den
Kopf bis auf die Mhne seines Pferdes und prete ihm die Sporen tief in die
Seiten, da es in weitem Satz davon sprang und wie rasend durch die Reitergruppe
hindurch die Schlucht hinunter scho.
    Einen wilden Schrei hrte er hinter sich und den Ruf des Weibes: Ihm nach,
Abdallah, bei Deinem Ring! Lebendig! lebendig bringe ihn! Dann donnerten die
Hufe der wilden Schaar hinter ihm drein, dann hrte er das gellende
Kampfgeschrei der Shne der Wste, die Befehle, welche die Reiter rechts und
links von der Schlucht zur Seite jagten, um ihm den Weg abzuschneiden. Als er
wieder das Freie gewonnen, schien das ganze weite Plateau hinter ihm und um ihn
lebendig geworden zu sein. Hundert dunkle Schatten strmten gleich Gespenstern
ber die Flche daher - das wilde Geschrei der Verfolger heulte wie der Jubelruf
von tausend Dmonen um ihn.
    Er gedachte der Wichtigkeit, die sein Leben, seine Freiheit in diesem
Augenblick fr eine groe Nation, fr die Hoffnung und Errettung seines eignen
Volkes hatte; - er schauderte bei dem Gedanken, in die Hnde der Eumenide zu
fallen, die sich an seine Fersen geheftet; - er betete zu Gott und den Heiligen,
da sie seinem Pferde die Flgel des Windes verleihen, die Augen seiner
Verfolger mit Nacht bedecken mchten, und in dem Allen, in dem tobenden Aufruhr
seiner Seele, von Furcht, Hoffen und Verzweiflung, fielen ihm die Worte des
greisen Tabuntschiks ein, und er beugte sich zu dem Ohr des Pferdes und
flsterte: Pascholl, Liebling!
    Und das Ro der Steppe griff in weiten Sprngen aus, und ber Fels und Stein
flog mit ihm wie der Sturmwind der wilde Hengst, seine Verfolger weit hinter
sich lassend.
    Aber Einer war da, - den das Ro der Steppe nicht zu besiegen vermochte:
Abdallah mit der weien Stute Eidunih aus dem Geschlecht der Nedjhi - mit
Eidunih, die an Schnelle mit dem Flgelro des Propheten zu wetteifern
vermochte, und als der Grieche das Haupt wandte und das weie arabische Pferd
hinter sich d'rein kommen sah, da wute er, da er verloren war; hatte er es
doch selbst erprobt bei der Flucht zu der Kula von Protopapas!
    Er fate das Pistol, das er in der Brusttasche unter dem Kaftan trug und
spannte den Hahn, um seine Freiheit so theuer als mglich zu verkaufen. Aber der
Emir, sein Verfolger, schien nicht gewillt, den Vortheil zu benutzen, vielmehr
bog er zur Seite ab, und dann erst lie er seinem Renner die Zgel schieen, der
ihn in wenig Augenblicken weit ber den Verfolgten hinausbrachte. Dadurch zwang
er ihn, von der graden Richtung abzuweichen und sich zur Seite zu wenden; dies
Manver wiederholte der Sohn der Wste einige Male, und ehe sich's der Grieche
versah, war er ganz von seinem Wege entfernt und in einen weiten Kreis seiner
Verfolger zurckgedrngt.
    Vergebens kmpfte das muthige Steppenpferd um den Sieg, von allen Seiten
tauchten die Gegner empor und sprengten gegen den jungen Mann. Noch einen
Versuch machte er, das Gebirge zu gewinnen, indem er durch den Ring hindurch zu
brechen versuchte und sein Pistol auf den Araber abscho, der sich ihm
entgegenwarf - im nchsten Augenblick aber sah er einen weien Burnus, ein
weies Ro an sich vorberschieen, eine Lanze wirbelte, von krftiger Hand
geschwungen, durch die Luft und traf ihn mit so groer Gewalt, da er bewutlos
vom Pferde strzte.
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    Als Nicolas Grivas wieder zu sich kam, empfand er durch die Art seiner Lage
und der Bewegung, da er ber ein Pferd geworfen, von diesem fortgetragen wurde.
Seine Hnde und Fe waren gebunden, sein Kopf mit einem Tuche bedeckt, so da
er nicht sehen und selbst nur mit Mhe athmen konnte. Dennoch fhlte er an dem
schrfern Hauch des Seewindes, da der Zug, der sich stumm und rasch vorwrts
bewegte, seine Richtung nach dem Gestade des Meeres nahm.
    Die Verzweiflung des jungen Mannes war grnzenlos - zu seiner Ehre mssen
wir sagen, da die Vereitelung seines wichtigen Auftrags, welcher die Rettung
Sebastopols, die Vernichtung der alliirten Armee in sich schlo, ihn tiefer
bewegte, als die eigene persnliche Gefahr. Dennoch war auch diese nicht gering,
er kannte den Character und die Energie des wilden Trkenmdchens und machte
sich bereit, zu sterben.
    Das vermehrte Gerusch von Pferden und der Ton von Stimmen, die sich
unterredeten, benachrichtigte ihn, da der Trupp sich einer groen Schaar
angeschlossen hatte. So ging es noch eine kurze Strecke weiter, dann machte der
Zug pltzlich Halt und er wurde hart, gleich einer leblosen Masse, auf den
Felsboden geworfen.
    Einige Augenblicke noch dauerte das Gerusch fort, dann entfernten sich die
Reiter, doch fhlte er, da der Hund in seiner Nhe geblieben war. Vergeblich
blieben all' seine Anstrengungen, seine Hnde zu befreien und die Hlle von
seinem Gesicht zu entfernen, die Bande waren fest und nach mehreren Versuchen
ergab er sich in sein Schicksal.
    Zwei Stimmen in seiner Nhe unterredeten sich, er erkannte die klaren
scharfen Tne des Weibes, dessen Vertrauen er getuscht, in dessen Hnden er
sich jetzt befand, und die tiefe wohllautende Gutturalsprache des jungen
arabischen Scheiks.
    Was willst Du mit dem verachteten Dschaur thun, Tochter des Propheten?
hrte er den jungen Krieger sagen. Bei der schwarzen Kaba von Mekka! la' mich
einen Sto mit dieser Klinge nach dem Herzen des Moskows thun und er hat, was
ihm gebhrt. Der Aga des groen Frankenmuschirs hat uns den Befehl gebracht,
vorwrts zu gehen und wir mssen ihm gehorchen!
    Geh'! ich halte Dich nicht!
    Die Worte des Arabers hatten dem Griechen gezeigt, da die Wlfin von Skadar
das Geheimni seiner Person bewahrt, und frische Lebenshoffnung schwellte auf's
Neue seine Brust.
    Ich kann Dich nicht hier zurcklassen am Strande des tckischen Meeres,
blutige Blume von Skadar, sagte der Emir. Deine Mnner harren auf Deinen
Befehl, da Du sie gegen die Unglubigen fhrst - Gehorsam ist die Zierde des
Kriegers und die Fahne des Propheten ist entfaltet. La' uns den Mann tdten und
weiterziehen.
    Kennst Du diesen Ring, Emir Abdallah Ben Zarujah?
    Mashallah! bei dem Bart meines Vaters, dessen Gebeine in der Wste von
Yemen ruhen, - wie sollte ich ihn nicht kennen? Er ist ein Talisman meines
Stammes und ich gab ihn Dir fr Eidunih, mein Lieblingspferd, unter dem
Feigenbaume von Dervendzista. Jedes Glied des Stammes der Zarujah wird gleich
dem Blinden dem Willen Dessen gehorchen, der diesen Ring ihm zeigt.
    Wohl, Emir Abdallah - so gehorche Du selbst und lse mit diesem Gehorsam
den Ring aus, den meine Hand Dir hier zurckgiebt.
    Der Araber, den Ueberlieferungen seines Volkes getreu, beugte sein Haupt,
indem er den Talisman aus den Hnden des Mdchens nahm.
    Was befiehlst Du, da ich thue?
    Dieser Mann ist Dein Gefangener, Deine Lanze warf ihn vom Pferde. Gieb mir
ihn und das Recht ber sein Leben.
    Der schmuzige Moskow ist ein schlechtes Geschenk - nimm ihn und thue mit
ihm, wie Dir gefllt. Bei dem Sarge des Propheten, der zwischen Himmel und Erde
schwebt, - was kann der fremde Mann Dich kmmern?
    Emir Abdallah, sagte das Mdchen mit tiefem Ton, - das Geschft mit
diesem Mann ist mein. Du hast mir Gutes erwiesen, als Asche auf meinem Haupte
und der Fluch meines Vaters ber mir war. Mge er in den Freuden des Paradieses
wandeln! Du hast Dein Antlitz mir freundlich zugekehrt, als wir uns wiederfanden
auf den Schiffen, die uns von Varna an dies Gestade fhrten, und Fatinitza,
Selim's Tochter, ist Deine Schuldnerin. Jetzt, bei der Mutter, die Dich gebar,
hre meine Bitte: besteige Dein Ro Eidunih und fhre Deine Schaar und die
meine, wohin uns geboten ist. Das Geschft, das ich mit diesem Gefangenen habe,
duldet keine Zeugen.
    Der Emir bestieg schweigend sein Pferd.
    Du wirst uns folgen, schwarze Rose des Epirus?
    Ich - folge Dir!
    Dieser Sclave knnte Dir gefhrlich werden, wenn Du allein bist. La einige
Deiner Krieger bei Dir bleiben.
    Das Weib lchelte verchtlich.
    Bin ich Fatinitza oder nicht? Ueberdies ist Scheitan bei mir - doch hegst
Du Besorgni, so lasse fnf meiner Albanesen dort unten auf mich harren, da sie
den Knall meiner Pistole hren knnen, ohne da ihr Auge mich zu besphen
vermag. Emir Abdallah, geh' - und der Prophet begleite Dich.
    Der Araber schwenkte die Hand zum Zeichen seines Gehorsames und seines
Grues, dann wandte er sein Pferd und galoppirte davon.
    Jetzt wute Nicolas, da er mit Fatinitza allein war! - -
    Nach einer Pause von einigen Minuten wurde das Tuch von seinem Haupte
entfernt. Er erhob sich auf die Knie und schaute um sich.
    Es mochte nahe an Mitternacht sein nach dem Stande der Sterne, die bleiche
schmale Sichel des Neumonds erhob sich eben ber die Gebirge im Osten und warf
ihr gespenstiges Licht ber Fels und Meer.
    Das Letztere brandete in weiem Schaum zu seinen Fen Er fand sich auf
hohem Felsenufer am Ausflu der Katscha - kaum drei Schritt von ihm entfernt
fiel die Klippe fast senkrecht zum Meere hinab.
    Er wandte sein Auge nach der andern Seite, - dort stand die schlanke Gestalt
des Weibes, das ihn einst so hei geliebt, und der Nachtwind spielte mit ihren
weiten dunklen Gewndern, und der bleiche Mondstrahl lag auf ihrem noch
bleicheren Gesicht, von dem sie den Yaschmak aus schwarzen Schleiern abgerissen.
So stand sie, die Arme gekreuzt, das dunkle dmonische Auge auf ihn gerichtet,
und zu ihren Fen kauerte Scheitan, der riesige Molosserhund.
    Fatinitza!
    Der Name entfloh seiner keuchenden Brust, - ein Klang der alten Liebe, - die
Angst - das Grauen mischten sich in den Ruf.
    Die Trkin neigte verchtlich den Kopf.
    Du irrst, Nicolas Grivas - nicht Fatinitza, die Wlfin von Skadar, steht
vor Dir - sie starb im Thurme von Protopapas - die Rcherin ist es, wie jene
Franken sie nennen, die vor Dir steht.
    Fatinitza, hre mich an ...
    Zwei Mal, Nicolas Grivas, habe ich Dich gewarnt, in den Kreis meiner Augen
zu treten. Das erste Mal in jener Kula an den Leichen Deiner Gefhrten, - das
zweite Mal in Varna, als Du verkleidet standst unter Tausenden der Meinen. Jetzt
kommst Du zum dritten Mal in den Bereich meines Athems - Du mut sterben!
    Hre mich, Fatinitza, sagte mit milder Stimme der junge Mann, ich bin
nicht feig, ich frchte den Tod nicht, und er soll mir willkommen sein von
Deiner Hand, die ich schwer gekrnkt, die um mich gelitten, obschon - so wahr
ein Gott ber uns ist in dieser Stunde - ich nach Glaube und Pflicht nicht
anders handeln konnte. Ich will sterben, aber ich flehe Dich zuvor um Eines -
bei der Wonne, die ich einst an Deinem Herzen getrunken - bei den Tagen voll
Glck, die ich an Deiner Seite verlebt - bei Deiner Liebe zu mir, deren
Gedchtni keine Schmach und Rache verlscht in dem klopfenden Herzen - um Eines
flehe ich Dich - -
    Das Weib sah ihn starr an.
    Was willst Du von mir?
    Meine Ehre ist verpfndet, mein Name gebrandmarkt, wenn ich diese Nacht
nicht Sebastopol erreiche. Noch ist es Zeit - noch kann die verdoppelte Eile das
Versumte ersetzen - Weib - Teufel - Dmon - Ewiggeliebte - sende mich nach
Sebastopol, und ich schwre Dir bei meinem Seelenheil, ich stelle mich morgen
Dir freiwillig als Dein Opfer.
    Er rutschte auf den Knieen zu ihr, er streckte die gefesselten Hnde zu ihr
empor, er lag vor ihr - verzweifelnd, flehend - von dem Hauch ihres Mundes
Gewhrung heischend - der krftige Mann ein verchtliches Rohr in der Hand des
Weibes, der Staub unter ihrer Sohle.
    Denkst Du an den Thurm von Skadar, Nicolas Grivas, und wie Fatinitza's
Liebe Dich aus Deinem Kerker geholt?
    Er beugte das Haupt:
    Ich gedenke dessen, o Fatinitza!
    Als die Kugeln sausten und die Schwerter blitzten vor der Kula des
Popowitsch Gradjani - gedenkst Du der Stunde, als die Wlfin von Skadar, die
Tochter des Propheten, den Feind ihres Volkes und ihres Glaubens aus den Armen
Azrals gerettet, des Todesengels und gefhrt zu der Insel im See?
    Barmherzigkeit, Weib - mit Flammenschrift ist es eingegraben in diesem
Herzen!
    Kennt Grivas, der Grieche, den Kiosk am See von Skadar, wo Fatinitza seine
Wunden geheilt? die dunklen Wellen des See's, auf denen der Verrther einst
geflohen und die das Geheimni zu wahren jetzt ber den Leichen der drei Sclaven
fluthen, die den Kranken bedient im Kiosk!?
    Nur das Sthnen des Mannes antwortete ihr.
    Wie der Pelikan mit seinem Herzblut das Junge nhrt, fuhr die Trkin
eintnig fort, also nhrte Fatinitza an ihrem Herzen die Schlange, deren Gift
sie verderben sollte. Tausend Eide schwor er ihr, whrend sie mit Gefahr ihres
Lebens den greifen Vater hinterging und seinen Bitten trotzte; - und als die
Stunde der Prfung gekommen, da warf er sie fort wie ein geknicktes Rohr und
floh zu seinen Freunden und lud den Fluch und den Tod des Vaters auf ihr
verbrecherisches Haupt.
    Dein Bild, Fatinitza, hat mich aus dem Lande meiner Vter ber Land und
Meer gejagt!
    Sie liebte ihn - und er stie den Dolch des Undanks und der Schande zwei
Mal in ihre Brust! Sie liebte ihn und gab ihr Leben fr ihn, und er erschlug ihr
den Vater und warf ihren Leib, der sein eigen geworden, den Lsten seiner
Krieger vor! - Fluch - Fluch - dreifacher Fluch ber Dich, Nicolas Grivas! die
Stunde ist da, es ist Zeit, unsere Rechnung zu schlieen!
    Stumm - lautlos - lag er vor ihr im Staube.
    Du mut nach Sebastopol, Nicolas Grivas? fragte pltzlich die Trkin.
    La mich dort hin, oder tdte mich zur Stelle! Meine Ehre ist verpfndet.
    Sie blickte kalt und ruhig auf ihn herunter und ein leichter Hohn zuckte um
ihren Mund. Ich will Deine Bande durchschneiden, wandere durch die Gebirge zu
der Stadt Deiner Freunde - auf Dein Haupt komme die Gefahr.
    Sie bckte sich und hatte, ehe er es noch bemerken konnte, die Fessel an
seinen Fen durchschnitten.
    Geh - Du bist frei!
    Er versuchte aufzustehen, aber taumelte; die Stricke hatten seine Fe so
fest zusammengeschnrt, da sie ohne Empfindung waren. Auch fhlte er, da der
Schlag des Lanzenschafts, der ihn zu Boden gestreckt, seinen Kopf noch immer
betubte.
    Allmchtiger Gott - ich kann nicht! Wie vermchte ich Sebastopol zu
erreichen ohne Pferd - ohne Mittel durch die Schaaren der Deinen zu dringen!
    Wiederum stand sie vor ihm mit gefalteten Armen und schaute mit Hohn auf den
Griechen.
    Nicolas Grivas - die Geschndete, Verfluchte will Dich bis vor den Ort
bringen, wohin Du verlangst, wenn Du ihr folgen willst - sie will Dich zur
Stelle fhren, noch ehe der erste Morgenstrahl ber jene Gebirge dmmert. Willst
Du ihr folgen?
    Fatinitza - Retterin in der Noth - Du giebst mir doppelt das Leben zurck!
    So harre meiner hier - inde ich die Vorbereitungen treffe. Zu dem Ziel,
das wir zusammen erreichen wollen, liegt dort der Weg!
    Ihre Hand deutete nach dem Meer - dann glitt sie gewandt und leicht den
Abhang hinunter und war im Augenblick verschwunden.
    Der junge Mann hatte sie begriffen. Konnte er an der Kste hin in einem Boot
den Eingang der Bai von Sebastopol oder eines der Forts erreichen, und das
konnte in zwei, hchstens drei Stunden geschehen - so war keine Zeit verloren,
sein Auftrag erfllt und die Armee der Feinde in den Schluchten der Tschernaja
verloren.
    Es verging eine Viertelstunde, die dem jungen Mann zur Ewigkeit wurde. Er
versuchte auf dem Felsplateau hin und her zu gehen, doch wenn er sich dem Abhang
nherte, an dem Fatinitza verschwunden war, fand er Scheitan, den Molosserhund,
ihm den Weg versperrend.
    Endlich erschien die Trkin wieder und winkte ihm schweigend zu folgen. Sie
fhrte ihn hinunter zum Strand, der einsam und verlassen war und in dem in einer
Buchtung des Flusses ein Ruderboot schaukelte. Der kleine Mast war eingesetzt,
leicht flatterte das Segel daran im Nachtwind.
    Steig' ein, Nicolas Grivas, sagte das Mdchen, unsere Zeit ist gemessen.
    Er hielt ihr die noch gefesselten Hnde entgegen.
    Willst Du die Bande nicht lsen, Fatinitza? - ich verstehe mich auf das
Rudern.
    Sie neigte verneinend das Haupt.
    Du bist der Feind meines Volkes und ich ein Weib und allein. Am See von
Skadar hat mein Ruder mich oft zu Dir getragen, als Du verwundet lagst im Kiosk
unter den Myrthengebschen - diese Hand ist stark genug, uns auch jetzt durch
die Brandung zu fhren.
    Auf ihren Wink nahm er im Vordertheile des Bootes Platz, whrend sie die
Ruder ergriff. Scheitan, der Hund, hockte am Segelbaum, zwischen ihm und ihr,
mit klugem Auge den Gefangenen bewachend und zuweilen seine Fe leckend, dann
aber wieder, wenn er eine Bewegung machte, sich zu nhern, das scharfe weie
Gebi gegen ihn fletschend. Mit krftiger Hand nahm die Trkin das Ruder, - so
stieen sie hinaus in die schumende Brandung.
    Mit den rckprallenden Wellen scho das Boot ber den weien Rand dahin und
befand sich nach wenigen Minuten im verhltnimig ruhigen Wasser. Eine frische
Brise wehte jetzt gegen Morgen von Nord-Osten her, und die Trkin legte die
Ruder nieder, spannte das Segel und setzte sich an das Steuer. So saen sie an
beiden Schiffsenden einander gegenber, whrend das Boot wie ein gespornter
Renner durch die Wogen dahin flog, hinein in Nacht und Meer.
    Du entfernst Dich zu weit vom Lande, Fatinitza, sagte der Grieche, wir
werden sicherer sein im Schutz des Ufers, als auf der freien See.
    Das Weib lachte - aber dies Lachen klang heiser und wild.
    Ich habe versprochen, Dich nach Sebastopol zu fhren; den Weg berla mir.
Am Ufer kreuzen die Khne, welche die Franken zu ihren Schiffen fhren. Die
Mndung des Bjelbek, wo unsere Krieger lagern, ist belebt von den
feuerschnaubenden Booten der Isauri's.
    Der Grund schien gengend. In der That sah man in den Schatten des Ufers den
Feuerschein mehrerer kleiner Dampfschiffe, welche dort kreuzten und zwischen der
Flotte und dem Lande hin und herglitten. Dennoch konnte der Grieche sich einer
unbestimmten Angst nicht entschlagen, als das Boot immer weiter auf die Hhe des
Meeres trieb. Mit Geschick wich die Trkin den dunklen Schiffskolossen aus, die,
an den von ferne leuchtenden Gaffellaternen kenntlich, weithin das Meer
bedeckten. Endlich lste sie das Tau, welches das Segel hielt, hob den Baum aus
seiner Fuge und warf ihn ber die Seite des Bootes.
    Um der Heiligen willen, was thust Du?
    Er war aufgesprungen und haschte mit den gefesselten Hnden nach der dahin
treibenden Leinwand.
    Bleibe auf Deinem Platz, Nicolas Grivas, sagte ruhig das Mdchen, das
Segel wrde uns verrathen, wenn wir an jenen Schiffen vorber kommen. Die Ruder
werden gengen.
    Aber es ist Zeit, Fatinitza, da wir wenden. Wir sind auf der Hhe der See
und der Eingang der Bucht ist fast eine Stunde ostwrts von uns entfernt. Wenn
wir nicht eilen, bricht der Tag herauf und wir wren verloren.
    Ein Pltschern, - der Fall beider Ruder in's Wasser antwortete ihm.
    Wir sind es, Nicolas Grivas - wir sind auf der Hhe von Sebastopol - ich
habe gehalten, was ich Dir versprach. Jetzt, Nicolas Grivas, der Du ber den See
von Skadar schwammst, um Fatinitza zu entfliehen - versuche Deine Kraft, um Dein
Ziel zu erreichen.
    Wahnsinnige - selbst wenn diese Arme nicht gefesselt wren, vermchte ich
nicht den dritten Theil dieser Entfernung zurck zu legen.
    Es ist eine Sage in Deinem Volk, von der Du mir selbst erzhlt hast im
Kiosk am See und in den goldenen Gemchern des Harems meines Vaters, da ein
Grieche zu der Geliebten schwamm ber die Gewsser, die dieses Meer mit dem
Deiner Heimath verbinden. Abydos nennt man die Stelle, wenn mein Gedchtni
Deine Worte behalten. Was Deine Vter um der Liebe zu einem Weibe willen
vermochten, wird ein Grieche doch thun, um die Verrathene zu verlassen.
    Ein finsterer Hohn lag in den Worten, - er achtete nicht auf ihn, - aufrecht
stehend im Boot verfolgten seine Augen die auf den Wogen davon schaukelnden
Ruder, die er in der Dmmerung noch zu erkennen vermochte, welche sich im Osten
ber die Felswnde von Sebastopol zu erheben begann.
    Fatinitza - rasch, rasch - lse diesen Strick von meinen Hnden, da ich
den Rudern nachschwimmen und sie zurckholen kann!
    Er streckte ihr die Hnde entgegen, whrend sein Auge nicht die Ruderstangen
verlie, an deren Wiedergewinn ihre Rettung hing; noch hatte seine Seele nicht
die furchtbare Absicht des Mdchens begriffen.
    Thor - denke an Dein Leben - nicht an jene gebrechlichen Ruder; dort ist
Sebastopol, Nicolas Grivas - und hier werden wir sterben!
    Er starrte sie an, wild, verworren - wre ihm der Tod gekommen im
Schlachtgewhl von ihrer Hand, - htte sie ihn erschlagen, als er gefangen vor
ihr lag - er htte ihr Recht begriffen und wre muthig gestorben. Jetzt aber,
hier, so nahe dem Ziel, in dem Glauben gerettet, frei zu sein, bumten alle
Pulse des Lebens in ihm gegen das Gespenst des Sterbens sich auf, das in den
Worten der Wlfin vor ihm empor stieg.
    Du bist der Letzte von den Shnen des Isauri, fuhr das Weib fort, die den
Leib der Tochter Selims geschaut und berhrt? - Jene Frechen, denen Dein Verrath
mich vorwarf gleich der Beute den wilden Thieren des Waldes, sind gestorben von
dieser Hand, wie ich es geschworen in jener Stunde. Dich hat Fatinitza geliebt,
darum bist Du der Letzte und magst sterben in Frieden mit Deinem Gott! -
    Ihre Hnde zogen die beiden Pistolen aus dem Grtel und spannten die Hhne.
    Tigerin - Du willst mich kaltbltig morden?
    Er sprang auf sie zu, doch im Nu richtete die riesige Dogge vor ihm sich auf
und legte drohend die Pfoten auf seine Schultern, Fatinitza aber lchelte
verchtlich.
    Nicht meine Hand soll den Tod Dir geben, Hellene, der Gott unserer Vter
richte ber uns Beide.
    Und die Lufe der Pistolen auf den Boden des Bootes richtend, wo die Fugen
der Hlzer sich zusammenbinden, berhrten ihre Finger die Drcker und die Kugeln
schlugen dicht neben einander ein Loch, durch das im Augenblick das Wasser
hereinquoll.
    Halte ihn, Scheitan!
    Sie warf die Pistolen ber Bord und erweiterte mit drei krftigen Sten
ihres Handjars die Oeffnung - und dann fiel die letzte Waffe in's Meer.
    Fatinitza, halt' ein - Du bereitest Deinen eigenen Tod!
    Auf der bleichen Stirn des Trkenmdchens, um die frei von den Schleiern der
Morgenwind die dunklen Flechten trieb, lag die Majestt der Opferung.
    Der Mann, der in meinen Armen geruht im warmen Leben, wird darin liegen
auch in jener Tiefe. Der Tod shnt Deinen Verrath und Fatinitza wird sterben mit
Dir!
    Er fiel auf die Kniee, er prete die gefesselten Hnde vor die Augen,
whrend Liebe, Reue, Verzweiflung und Schrecken seine Seele bestrmten, - dann
wieder sprang er empor und schaute wild umher auf das Weib im Spiegel des
Bootes, das jetzt ein Spiel der Wellen dahin trieb, - auf die Wasserwste umher
- auf Himmel und Land; - seine Hnde wanden sich verzweifelnd gegen die Bande,
die sie fesselten, und seine Blicke begegneten voll Angst und Wuth den traurigen
Augen des Mdchens.
    Ueber die Felsenhhen von Sebastopol, das etwa eine halbe Meile entfernt
lag, zog dmmernd der Morgen - und jener liebliche Stern - der Begleiter der
Nacht, die Poesie aller Vlker - wer ahnet seine Deutung, wer wei es, welche
seligen Geister von ihm niederschauen? - begann zu erbleichen in jenem Licht,
dessen Nahen er verkndet.
    Heilige Ruhe lag ber Wolken und See und im Dunkel ruhte noch das Land, das
bald erbeben sollte Nacht und Tag im Flammenschein von tausend Geschtzen.
Deutlich in der hereinbrechenden Dmmerung waren der Eingang der Bai und die
riesigen Felsenforts zu seinen Seiten zu erkennen. Nach Norden und Westen zu
hoben sich aus den Nebeln, die leise ber das Meer hinballten, dunkle Kolosse,
die Schiffe der Alliirten.
    In der Entfernung von kaum dreihundert Faden erblickte der verzweifelnde
Mann eines derselben, das nchste von allen. Er hob die Hnde winkend empor,
sein Ruf um Hilfe, um Beistand scholl mit aller Anstrengung der Lungen ber die
See, bis seine Stimme heiser ward, bis er erschpft auf die Bank des Bootes
zurckfiel.
    Das Wasser, das langsam und still in das Boot eindrang, stand bereits ber
den Kncheln seiner Fe.
    Das Mdchen lchelte traurig bei den wahnsinnigen Anstrengungen des Mannes.
Sie wute, da der Wind jetzt hinein in die Bucht stand und kein menschlicher
Ruf jene Schiffe erreichen konnte, da mit jedem Augenblick, dem Strom des
Meeres zur Bai folgend, der Todeskahn sich immer weiter von jenen Schiffen
entfernte und sinken mute, ehe die schnellste Rettung sie zu ereilen vermochte.
-
    Soll Fatinitza, die Wlfin von Skadar, einen Feigling geliebt haben? Willst
Du sie beschimpfen noch in ihrer letzten Stunde, da Azral seinen schwarzen
Fittig niedersenkt auf ihr Haupt?
    Er blickte starr auf sie - in seinen Zgen kmpften gewaltig der
Mnnerstolz, die Schaam vor dem schwachen Weibe, seiner Mrderin, die mit ihm
sterben wollte, mit der menschlichen Schwche und Furcht.
    O, das Leben - das Leben das nur ein Mal verloren geht! - verloren? - oder
sollte es eine Wiederkehr geben - einen Kreislauf der Leben - ein Wiederkommen
zur schnen Erde - ohne Wissen - in anderer Gestalt?! - Wre jene dunkle
Erinnerung von gleichen Scenen, Bildern und Gestalten, die oft wie ein Blitz
durch unsere Seele zuckt und wie ein Blitz vergeht, das Zeichen einer
Seelenwanderung?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wer lst die nchtigen Rthsel? - Gott allein!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Hher und hher schwoll die Fluth im Kahn - ngstlich, keuchend sprang der
Hund auf den Bnken des Bootes hin und her, von Einer zum Andern - tiefer und
tiefer sanken die Planken, die allein noch waren zwischen ihnen und der
Ewigkeit.
    La uns beten, Geliebter - Du zu Deinem Gott, wie ich zu Allah und dem
Propheten. Mein Ha ist dahin wie meine Schande, der Gott der Christen und der
Moslems wird fr die Gereinigten nur ein Paradies haben!
    Und ber die Berge zuckte ein lichter Strahl der noch verborgenen Sonne, die
Meereshhe vergoldend, und vom Fort Constantin donnerte der Reveilleschu ber
Land und See.
    Der Kahn begann zu schwanken und sich zu drehen - laut heulte der Hund -
    Dschel! - Dschell und sie erhob sich.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Bis ber die Kniee reichte die Fluth, in der sie jetzt stand, und ber die
Bnke hin mit ausgebreiteten Armen auf ihn zuschritt.
    Dschel! - Dschel!
    Das war jenes Wort, das erste, das er von ihren Lippen gehrt - das
Syrenenwort, das im Thurm von Skadar ihm entgegen scholl, sinnverwirrend, von
dem weichen Lager von Wolfsfellen, hinter dem Teppich des stillen Gemachs - -
    Dschel!
    Und rascher und rascher drehte sich das Boot im Wirbel und die See gurgelte
herauf durch das Leck!
    Sie hatte ihn erreicht und dann - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am Bord des Niger, der am Abend das 42. Regiment eingeschifft und jetzt auf
den Dampfer wartend, der ihn nach Sden bugsiren sollte, auf der Hhe des Meeres
vor Sebastopol lag, hatten Master Malcolm, der zweite Lieutenant und der
Midshipman Maubridge die letzte Nachtwache. Der Lieutenant schritt auf dem
Gangweg auf und ab, zuweilen einen Blick nach dem Tauwerk oder unwillig nach den
Soldatengruppen werfend, die berall im festen Schlaf umherlagernd ihm den Weg
versperrten.
    Die Morgendmmerung kam ber die Berghhen jenseits der Festung und fiel
lichter und lichter auf die Flche des Meeres. Der Lieutenant blickte nach der
Sanduhr, die ihm zeigte, da in wenigen Minuten seine Wache zu Ende war, und sah
sich nach dem Midshipman um, der dem Mann im Vorderkastell den Befehl bringen
sollte, aufzupassen auf die Glocken.
    Master Maubridge war jedoch nirgends zu schauen und rgerlich stieg der
Lieutenant zum Hinterdeck hinauf und ging nach dem Steuer. Neben dem
Steuermannsmaat vom Dienst sa der alte Deckmeister Adams, der bereits seine
Koje verlassen hatte und heraufgekommen war. Der Alte erhob sich sogleich, da er
nur Offizier des Vorderkastells war und kein Recht an dem Platz auf dem
Hinterdeck hatte.
    Guten Morgen, Sir, sagte der Deckmeister. Ich glaube, wir werden bei
Sonnenaufgang eine Brise von Osten haben, und das hat mich heraufgetrieben noch
vor den Glocken, damit Alles in Ordnung ist. Je eher wir die Landkrebse wieder
los werden, desto besser fr die Ordnung auf dem alten Niger.
    Haben Sie den Midshipman der Wache gesehen?
    Master Maubridge, Sir?
    Ja wohl - Ihren Zgling. Gott verdamm' seine Augen! er macht Ihnen wenig
Ehre.
    Es ist junges Blut, Sir; aber vor einer Viertelstunde noch traf ich ihn an
der groen Luke, wie er die Schildwacht den kleinen Gosset wecken hie, der nach
ihm die Wache hat.
    Meister Gosset wird sich hoffentlich bedanken, eher seine Hngematte zu
verlassen, als das Glockenzeichen gegeben ist, denn wenn die jungen Halunken
zusammen sind, treiben sie Nichts wie Unheil. Goddam! ich glaube, da giebt es
schon welches?
    Ein Lrmen auf dem Vordercastell hatte sich erhoben und man hrte eine laute
Stimme eine Reihe von glischen Flchen, untermischt mit den wildesten
Drohungen, hervorsprudeln.
    So wahr meiner Mutter Sohn Angus-Mac-Mahor ist, ich schneide dem jungen
Hunde die Kehle ab. Halte ihn fest, Evan Dhu, den jungen Schnder, bis dieser
Brut mein hochlndisches Messer die Ohren vom Schdel geschnitten hat.
    Ein frchterliches Gebrll des kleinen Gosset und der Hilferuf des Master
Frank Maubridge lie den alten Deckmeister rasch die Treppe hinunter springen
und ber die Beine und Tornister der Soldaten stolpernd nach dem Vorderschiff
eilen. Der Lieutenant folgte ihm, und die Scene, die sie hier erblickten, war,
so lcherlich auch der Anblick blieb, nicht ohne Gefahr.
    Ein riesiger Hochlnder hatte den kleinen Gosset an der Kehle und hob und
schttelte ihn wie ein Rohr, im vollen Ernst bemht, dem jungen Taugenichts mit
seinem langen Messer die Ohren abzuschneiden, wogegen dieser natrlich mit
Hnden und Fen sich wehrte, von Zeit zu Zeit, wenn die Eisenfaust des Soldaten
ihm dazu Luft lie, ein Zetergeschrei ausstoend. Frank wehrte sich verzweifelt
in den Hnden eines zweiten Soldaten; ein Blick gengte dem Lieutenant, die
Ursache des Streites zu entdecken, denn beide junge Burschen hatten noch groe
Schiffspinsel in der Hand und Master Frank sogar noch den Blechtopf mit Farbe,
dessen sie sich bedient; die Physiognomieen der beiden erbitterten Hochlnder
und mehrerer Andern, die sich, von dem Lrmen aufgeweckt, rings erhoben, aber
sahen wahrhaft scheulich aus, indem die Midshipmen ihren festen Schlaf benutzt
hatten, die Gesichter ihnen mit den Querstreifen der Farben ihrer Plaids Roth
und Schwarz zu bemalen.
    Ein Faustschlag des alten Deckmeisters warf den Hochlnder zurck, der Frank
in seinen Hnden hatte, und befreite den jungen Mann, der wie ein gejagter Hund
durch die sich bildende und Gefahr drohende Gruppe scho, auf den nchsten
Hhnerkasten und von dort in das Takelwerk sprang und mit der Behendigkeit eines
Affen an der Tauwand zum Mastkorb des Vordermastes emporrannte, denn mehrere der
erbitterten Soldaten hatten ihre langen Dirks gezogen, als sie Einer den Andern
so schndlich verunstaltet sahen, und Evan Dhu, ein Mann von den Inseln, den
Adam zu Boden geschlagen, machte sich bereit, dem Deckmeister ernstlich zu Leibe
zu gehen.
    Eine grere Mhe hatte der Lieutenant gehabt, den Knaben Gosset aus der
Faust seines erbitterten Gegners zu befreien, was ihm nur mit Hilfe einiger
herbeikommenden Matrosen der Wache gelang, die den halb erwrgten Midshipman
nach der Konstablerkammer brachten, wo einige Rippenste des eben sich zur
Uebernahme der Wache rstenden dritten Lieutenants und ein ihm in's Gesicht
gegossenes Waschbecken voll Wasser ihn wieder auf die Beine brachten.
    Die hochlndischen Soldaten, die sich anfangs der Rettung der beiden
Verbrecher mit Gewalt hatten widersetzen wollen, wurden durch den Sergeant-Major
ihrer Compagnie und das Versprechen, da die Midshipmen streng bestraft werden
sollten, zur Ruhe gebracht. Sie legten sich jedoch nicht wieder zum Schlaf,
sondern setzten sich, da sie noch kein Wasser zur Reinigung ihrer
liebenswrdigen Physiognomieen erhalten konnten und die schadenfrohen Matrosen
ihnen die Eimer verweigerten, in ihre Plaids gehllt, im Kreis zusammen und die
verdchtigen Blicke, die sie nach dem Mastkorb warfen, weissagten Master Frank,
der nach berstandener Gefahr sie, die Hnde in den Taschen, ber die Brstung
seiner sichern Stellung von oben herunter angrinste, nichts Gutes.
    Lieutenant Malcolm, der selbst ein Schotte war, rgerte sich natrlich
gewaltig ber den nichtsnutzigen Streich der beiden Burschen, hatte aber den
jungen Maubridge doch zu gern, um ihn einer Gefahr auszusetzen, und als die zwei
Schlge auf die Schiffsglocke die Ablsung der ersten Morgenwache verkndet
hatten und die Frmlichkeiten der Uebergabe des Schiffes an den dritten
Lieutenant erfllt waren, der mit Gosset heraufkam, rieth er, den Letzteren auf
dem Hinterdeck zu behalten und befahl Frank ber die Verbindungstaue nach dem
Mastkorb des Hauptmasts sich zu begeben.
    Sobald Master Hunter auf Deck kommt, Erskine, sagte er zu seinem
Nachfolger, zeigen Sie ihm die Sache an. Ich lasse ihn bitten, den jungen
Halunken da oben den ganzen Tag im Mastkorbe zu lassen, damit ihm die Sonne die
Haut so roth brt, wie er sie den ehrlichen Kerlen dort gemacht hat, und diesen
kleinen Tagedieb dazu. Schade, da die beiden Burschen wie Gentlemens behandelt
werden sollen, whrend ein Tauende ihnen das Dienlichste sein wrde. Gute Wache,
Erskine.
    Ich danke Ihnen, Master Macdonald, fr die wohlwollende Absicht, sagte
Frank, der von dem untern Korb des Hauptmastes die Worte gehrt, mit echter
Midshipmen-Frechheit, jedenfalls habe ich schon deshalb auf die Behandlung
eines Gentleman's Anspruch, weil ich als solcher meine Wirthshausrechnungen
selbst bezahle.
    Der zweite Lieutenant rannte wthend die Luke hinunter, whrend Erskine
lachte, denn es war bekannt, da Malcolm, der der Sohn eines Werftaufseherin
Glasgow war, bei solchen Gelegenheiten sehr gern die besser gefllten Brsen
seiner Kameraden benutzte.
    Sie werden sich noch in ernste Ungelegenheiten bringen, Master Frank,
sagte Erskine, indem er die Treppe zum Hinterkastell emporstieg, und alle
Vorliebe des Capitains wird Sie diesmal vor strenger Strafe nicht schtzen
knnen. Benutzen Sie die Zeit da oben, einen Ausguck zu halten.
    Halt, Sir, rief der junge Mann, das hab' ich schon gethan, seit ich hier
oben bin. Ich bitte Sie, Erskine, lassen Sie mir durch Gosset das Nachtglas
reichen. Ich sehe dort in der Entfernung einer halben Meile einen dunklen
Gegenstand auf der See - zwischen uns und dem Ufer - aber das Licht ist noch
nicht scharf genug, es zu erkennen, und James hier sagt mir, da er schon seit
einer halben Stunde das Ding beobachtet hat.
    Auf einen Wink des Lieutenants brachte Gosset seinem Freunde das Nachtglas
nach oben.
    Was ist es, Maubridge? - wahrscheinlich ein Recognoscirboot von der Foury,
die einen Kanonenschu von uns liegt.
    Es ist ein Boot, Sir - aber keines der unsern. - Warten Sie - jetzt hab'
ich den Burschen und der Tag kommt. - So wahr der Baronet, mein Bruder, mir die
schnste Odaliske in ganz Constantinopel gestohlen hat - das Ding ist seltsam -
zwei Personen sitzen in dem Boot, das ohne Ruder und Segel auf den Wellen treibt
- in der Mitte ein groer Hund - die Eine scheint russische Kleidung zu tragen -
die Andere ein Weib, ihre langen Zpfe fliegen im Winde - -
    Zum Henker - was bedeutet das Alles?
    Ich wei es nicht, - aber das Boot kentert und scheint leck - jetzt erhebt
sich das Weib und breitet die Arme aus - Goddam, da kommt der erste Sonnenstrahl
ber die Gebirge und blendet mich - -
    Es werden Unglckliche sein, die von einem Schiffe abgetrieben und in Noth
sind, sagte der wackere Erskine. Herunter, Frank, und in die Ylle, ihnen zu
Hilfe. Master Adams - vier Matrosen von der Wache - rasch!
    Ueber die Felsen und die Bai von Sebastopol schossen glnzend die ersten
Strahlen der Knigin des Lichtes empor, weithin Land und Meer vergoldend - in
ihrem Glanze lie Frank Maubridge, der leichtherzige, lecke Midshipman des
Niger, seine Blicke ber den Spiegel des Meeres irren, das Boot suchend - -
    Er suchte vergebens! - Einen Augenblick schien es ihm, als she er eine
dunkle Gestalt, gleich einer groen Dogge, krftig gegen die Wellen kmpfen, in
ihren Zhnen ein Gewand - doch die Entfernung war zu gro - und die nchste Woge
verschlang die Erscheinung. Weithin unterbrach Nichts - Nichts den wogenden
Spiegel der goldglitzernden Wellen.
    Zu spt - das Boot ist versunken - keine Spur mehr zu sehen!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da ruhen sie, der Sohn des geknechteten Hellas von den Armen des
Trkenmdchens umschlungen, und in ihre Gewnder verbissen der treue
Molosserhund; - da ruhen sie auf dem Felsengrund des Pontus: - Nicolas Grivas,
der Bruder der Caraiskakis, und Fatinitza, die Wlfin von Skadar, und der erste
Sonnenstrahl ber die Felsen von Taurien war ihr Grabbegleiter.
    Da ruhen sie - die Donner von tausend Geschtzen sangen eilf Monden ber
ihrem Grabe das Todtenlied wie nie in der Weltgeschichte ein zweites erklungen
ist; und die Trmmer von Sebastopol sind ein riesiges Monument, das dieselben
Vandalenhnde zusammengehuft, welche unfern ihres Grabes die Reste von
Iphigeniens Tempel zerstrten!
    Da ruhen sie - der Delphin zieht seine Kreise ber der ewig bewegten Gruft,
das Handelsschiff durchfurcht die Wellen, der Sturm thrmt sie zu emprten
Gebirgen, und Morgen um Morgen kt der erste Sonnenstrahl ber die Hhen des
Tschadirdagh her ihren riesigen Sarg!
    Da ruhen sie - wiedervereint in des Meeres Tiefen, und die brennende Schmach
der Palanka von Protopapas ist erloschen in den Wellen des Pontus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Also geschah's, da die Armee der Alliirten durch die Schluchten der
Tschernaja am 25. September ungehindert die Sdseite von Sebastopol erreichte
und Balaclawa nahm.

                              Des Kampfes Beginn.



                                 I. Der Catar.

Die spanische Tnzerin war wieder in Berlin und hatte zur Captatio benevolentiae
ihrer Hftenexperimente eine Gastvorstellung zum Besten der schlesischen
Ueberschwemmten ankndigen lassen. Das schne und interessante Weib hing an
Berlin wegen der ersten Triumphe, die sie hier gefeiert, und kehrte daher von
allen Kunstreisen immer wieder zum comfortablen Hotel Unter den Linden zurck,
wenn sie sich auch manchmal mit dem galanten und aufmerksamen Wirth berwarf;
denn sie verstand es zu schtzen, da er an seiner Table-d'hte mit ihrem
Atlasschuh fr den wunderkleinen dazu gehrigen Fu Propaganda machte. Diesmal
hatte sie ein Brief mit dem bekannten geheimnivollen Zeichen nach Berlin
beschieden, und einstweilen, da die Vorbereitungen zu der neuen Posse des
beliebten berliner Humoristen Kalisch: Die Bummler von Berlin ihr Auftreten
verzgerten, langweilte sich, weiterer Nachrichten harrend, die Donna und
spielte darum die Amazone, indem sie im Hermelin die Peitsche schwang und mit
dem eleganten Brougham durch die Straen der Residenz kutschirte.
    Die Sennora hatte, bis auf jenen pltzlichen Ruf, Nichts wieder gehrt von
ihren geheimen Beschtzern und gedachte kaum noch des kleinen Dienstes, den sie
ihnen durch die Empfehlung zweier unbedeutender Diener vor lngerer Zeit
erwiesen, als sie zufllig in einem Journal den Namen des Fremden zu Gesicht
bekam, der ihr damals seinen Besuch gemacht. Er figurirte jetzt als fremder
Condottiere und der rothe Felsen von Helgoland gab das Echo mancher Verwnschung
zurck, die betrogene Erwartung und getuschte Hoffnung dort seinen Lockungen zu
spt erschallen lieen.
    Dennoch hatte die Erfllung jenes Auftrags, so gering die Masche auch schien
in dem Netze ereignischwerer Verwickelungen, das sich ber Europa spann,
unberechenbare Folgen gehabt. Wenige nur ahnten und wuten, da die preuische
Residenz der Knotenpunkt einer geheimen Spionage geworden war, die ihre
Nachrichten nach Paris, London und Turin, in die Heerlager der Despotie, des
constitutionellen Lieberalismus und der republikanischen Propaganda verkaufte.
Merkwrdigerweise war es gerade das eheliche Preuen, dessen erhabener Frst in
den politischen Wirren ein edles Bild der Festigkeit und Gerechtigkeit gegenber
den verschiedensten Verlockungen gab, wo politische Intrigue im Stillen mchtige
Hebel in Bewegung setzte und den schmuzigsten Verrath verchtlicher Hausdiebe
benutzte.
    Wir haben bereits angedeutet, auf welche Weise ber Berlin wichtige
Nachrichten aus den Kreisen der angegriffenen Macht in die Hnde ihrer Gegner
gelangten. Neben diesem Getriebe der Habsucht ging, wie gesagt, noch manches
Spiel verdeckten Ehrgeizes und politischer Gegnerschaft seinen unterminirenden
Gang und es bedurfte in der That einer spteren ffentlichen Beschmung und
eines blutigen Todes, um jener egoistischen Intriguenwirthschaft vor dem reinen
Throne Preuen's Halt zu gebieten und ein Ende zu machen, welche zur
Demoralisirung der Staaten fhrt und dem Brgerknig sein Exil bereitet hat. -
    Seit vierundzwanzig Stunden jedoch beschftigte der lebhafte Geist der
Spanierin sich angelegentlich mit der Ankunft mehrerer interessanter Fremden,
die das Hotel gewhlt. Drei darunter, die sie flchtig bei der Ankunft am Tage
vorher gesehen, schienen ihr nicht unbekannt und das Fremdenbuch, das der
gefllige Hotelier ihr prsentirte, gab ihr wenigstens ber das erste Paar
Auskunft und sie erinnerte sich, den Herrn und die Dame ein Mal in Gesellschaft
in Wien vor Jahresfrist gesehen zu haben: den sardinischen Obersten, Grafen
Pisani, der, wie die Nachricht auswies, mit seiner Gattin von London kam. Der
Dritte, dessen Gesicht ihr nur flchtig bekannt schien, war ein kleiner magerer
Mann mit fuchsartigem Gesicht und bereits vor zwei Tagen von Wien eingetroffen.
Der Fremdenzettel nannte ihn Banquier Thomas.
    Mehr aber als diese Persnlichkeiten, deren sie sich nur unbestimmt
erinnerte, interessirte sie eine Vierte, welche die schne Donna noch nicht zu
Gesicht bekommen, obschon das ganze Hotel voll von ihren Sonderbarkeiten und dem
Rufe ihres unermelichen Reichthums schien. Es war ein noch junger russischer
Bojar, den einige bermthige Streiche schon im Sommer aus Petersburg verwiesen
hatten und der, da Paris und London ihm durch die Kriegsverhltnisse verboten
waren, in den deutschen Bdern und Residenzen umherzog und Geld mit vollen
Hnden verschwendete.
    Es war gegen Mittag des Tages, als die Spanierin, das Ponnygespann mit
gewandter Hand lenkend, auf der Rckkehr von der Spazierfahrt vor der Thr des
Hotels wieder vorfuhr und bemerkte, da sich ein ungewhnlicher Auftritt eben
zugetragen haben mute. Mehrere der Gste standen lachend auf der Treppe oder
vor den Zimmern, zwei Constabler im Flur, und von dem Corridor des ersten
Stockes hrte man eine laute Stimme allerlei Verwnschungen auf Deutsch,
Franzsisch und Russisch hervorsprudeln. Whrend einer der nahestehenden Herren
der Tnzerin die Hand reichte, an der sie leicht aus dem Wagen sprang und die
Stufen hinaufeilte, kam ein junges hbsches Mdchen in einfacher, aber netter
Kleidung ihr entgegen, das Gesicht freudestrahlend, obschon auf den jugendlichen
Wangen noch die Spuren von Thrnen zu sehen waren. Ihre Hand hielt eine kleine
Brieftasche sorgfltig wie einen Schatz und damit wollte sie hastig aus der Thr
eilen, als einer der Constabler sie rauh am Arme fate.
    Halt, Mamsell, Sie gehen mit uns!
    Lassen Sie die Dirne zum Henker laufen, sagte unwillig eine Stimme hinter
dem Mdchen, und kommen Sie fort. Der Russe ist ein Narr mit seinem Gelde und
wenn unsere Berliner Loretten davon hren, strmen sie Ihr Hotel.
    Der Wirth, zu dem der Beamte, der ziemlich verdrielich aussah, die letzten
Worte sagte, lchelte etwas spttisch, schwieg jedoch mit dem Tact des klugen
Mannes, der es mit der Polizei nicht gern verdirbt, und fhrte die Spanierin die
Treppe hinauf; von deren Hhe aber bernahm die schon frher gehrte scheltende
Stimme die Antwort.
    Wenn ich mich von der Polizei belstigen lassen wollte, Skotina! schalt
dieselbe, dann konnte ich in Ruland bleiben. Zum Henker mit solcher Qulerei,
ich mag von Ihrem Berlin Nichts mehr wissen; Herr Wirth, schicken Sie mir meine
Rechnung! ich reise in einer Stunde.
    Der Hotelier lie erschrocken die Tnzerin stehen und sprang zu dem reichen
Gast.
    Euer Durchlaucht werden mich doch die Ungeschicklichkeit der Polizei nicht
entgelten lassen? Der gndige Herr haben in Berlin noch so viel zu schauen - und
sehen Sie da, eben kommt eine seiner interessantesten Erscheinungen, die
spanische Donna, von der ich Ihnen schon gesprochen.
    Der Bojar wandte sich zur Seite und kniff das Lorgnon in's Auge. Die
Tnzerin stand vor ihm und betrachtete den schnen Mann mit feurigem festem
Blick. Im Moment verschwand das brske, bermthige Wesen des Russen, er machte
eine hfliche Verbeugung indem er zurcktrat und die Spanierin vorberrauschte.
Seine Hand hielt den Wirth, der ihr folgen wollte, einen Augenblick zurck. -
Dinirt die Donna an Ihrer Table-d'hte?
    Zuweilen, Durchlaucht, ich glaube, da sie es heute thun wird.
    So benachrichtigen Sie mich davon und belegen Sie ein Couvert neben ihrem
Platz. Man braucht mir nicht in meinen Zimmern zu serviren. -
    An der Thr ihres Salons empfing die Tnzerin bereits den aufmerksamen
Wirth.
    War das der Russe, Monsieur?
    Gewi, Sennora, und Sie haben bereits eine Eroberung an ihm gemacht. Der
Frst fragte, ob Sie die Table-d'hte beehren wrden?
    Ah - bah! wir wollen sehen! Was war das fr eine Scene, als ich kam? bitte
erzhlen Sie!
    Der Hotelier lachte.
    Das Abenteuer ist wirklich pikant und wird Aufsehen machen. Der junge Frst
besuchte gestern den letzten Sommernachtsball bei Kroll und scheint da mit einer
kleinen Grisette soupirt zu haben, denn er kam spt nach Hause. Vor einer halben
Stunde, whrend er noch schlft, erscheint ein Polizei-Agent, erkundigt sich
nach dem Russen und verlangt, gemeldet zu werden. Ich mu nachgeben und der
Frst erscheint sehr verdrielich im Schlafrock. Die Scene war Goldes werth! ich
will versuchen, sie Ihnen dramatisch wieder zu geben!
    Allons, Monsieur, ich warte!
    Der Agent bittet sehr hflich um Entschuldigung fr die Strung und frgt,
ob Seine Durchlaucht gestern den Ball bei Kroll besucht? - Ja, mein Herr. Darf
man das etwa in Berlin nicht? - O, doch - nur erlauben Sie mir die Frage, ob
Sie nicht dort bestohlen worden sind? - Der Frst sieht ihn gro an, dann seine
Pretiosen nach, die auf dem Tische liegen, und sagt: Ich denke nein. Jedenfalls
vermisse ich Nichts! - Ich frchte, doch! - Der Agent legt eine russische
Banknote von hundert Rubeln auf den Tisch. - Was soll das? - Entschuldigen,
Durchlaucht, die Indiscretion - soupirten Sie mit einer kleinen Grisette? - Ja
wohl, mein Herr, aber ich begreife wahrhaftig nicht - - Der Agent ffnet die
Thr und fhrt die junge Schne herein, der Sie im Hausflur begegnet sein
mssen. - Ist es diese? fragt er triumphirend. - K tschortu! - allerdings -
warum weinen Sie, Kind? - Die Dirne hat Sie bestohlen, Durchlaucht. Man
verhaftete sie heute Morgen, als sie bei einem Banquier diese Banknote von
hundert Rubeln wechseln wollte. Das Frauenzimmer log, sie htte dieselbe von
einem unbekannten Cavalier geschenkt bekommen und beschrieb die Person, aber wir
kennen das! Unserer Aufmerksamkeit gelang es, zu ermitteln, da der Fremde Euer
Durchlaucht waren, und ich habe die Ehre, das gestohlene Gut zurckzustellen und
nur ein kleines Protokoll zur Anerkennung der Person aufzunehmen. - Das Mdchen
weint und schluchzt und betheuert, da sie keine Diebin sei; der Frst aber wird
ganz roth im Gesicht vor Aerger und schaut die Polizei an, als wolle er sie mit
einem Bissen verschlingen. - Zum Teufel mit Ihrer Dienstfertigkeit! Geht Sie
das was an, wenn ich diesem Mdchen Etwas schenke? - Nein - aber - wenigstens
liegt ein Irrthum vor - man giebt einer Grisette doch nicht hundert Rubel - -
So? - nun - der Frst ffnet ein Portefeuille, holt noch fnf gleiche Scheine
heraus und giebt sie dem Mdchen: Da haben Sie Etwas fr den Schreck, Kleine,
und Sie, Herr, stren Sie die Leute wegen solcher Lumpereien nicht in ihrem
Morgenschlaf. - Sie htten das Gesicht sehen mssen, Sennora, es war zum
Malen!
    Beide lachten.
    Der Russe ist also sehr reich?
    Sein italienischer Kammerdiener erzhlt, da er eine Million jhrliche
Einknfte hat.
    Demonio! - Nun, Sennor, ich habe mich besonnen - ich werde heut in Ihrer
Gesellschaft diniren.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In dem Salon des zweiten Stockwerks fand zur selben Zeit eine andere
interessante Unterredung statt zwischen zwei uns bekannten Personen, der achtlos
im Nebenzimmer die Grfin Pisani beiwohnte.
    Noch kannte Helene Laszlo den Betrug nicht, dessen Opfer sie geworden. Aus
den Zeitungsblttern hatte sie und zu seinem Erstaunen auch der Oberst erfahren,
da Capitain Meyendorf im Stabe des Frsten Gortschakoff der Belagerung von
Silistria beigewohnt hatte. Sie erfllte die Pflichten der Gattin stumm und
still, in ihr Schicksal und ihr erhabenes Opfer ergeben, aber ihr Leben war
freudlos und bleicher wurde tglich die Wange, trber das sonst so trotzige,
feurige Auge und an dem Herzen nagte der giftige Wurm. Denn wenigstens wute sie
jetzt, wie tief und bitter sie sich in dem Manne getuscht, dem sie in jener
unglcklichen Stunde angetraut worden; sie hatte seinen Character voll Habgier
und Ehrgeiz sich vor ihr entlarven und sich jener geschickten Maske liberaler
Principien und der Begeisterung und Thtigkeit fr die Revolution entkleiden
sehen. Nur der Egoismus waltete in ihm und leitete seine Schritte und seine
trgerischen Handlungen. Schon der erste, den er nach der Heirath gethan, war
eine Verstndigung und Ausshnung mit der sterreichischen Regierung, die ihn,
somit den Besitz des bedeutenden Grundvermgens seiner jungen Gattin sicherte.
Es ging das Gercht, da er seitdem zu mehreren diplomatischen Missionen
verwandt worden sei, deren Character stark das Gegentheil seiner frheren
Tendenzen zeigte. -
    Die Grfin sa in dem durch die Thr geschlossenen Nebenzimmer, mit einer
weiblichen Handarbeit beschftigt, am Fenster, whrend der Graf, in der Bergre
lehnend, eine Cigarette rauchte und mit bald hochmthigem, bald scharf
beobachtendem Blick seinen Gast betrachtete. Dies war die als Banquier Thomas
aus Wien im Fremdenbuch verzeichnete Person. - Der sorgfltig arrangirte
Haarwurf verdeckte die Tonsur auf dem Scheitel und nur die spitze schlaue
Physiognomie rief das Bild des kleinen hagern Abb zurck, dem wir im Salon der
Frau von Czezani in Wien begegneten.
    Der Abb oder Pseudo-Banquier sa in einem Fauteuil, halb hinter der breiten
Lehne verborgen; das Manver, sein Gesicht mglichst im Schatten zu halten,
hatte ihm aber wenig gentzt, denn der Graf war ein zu erfahrener Kmpe, um
nicht auch seinerseits diese Vorsicht zu beobachten. So saen die beiden
Intriguanten einander gegenber, gleich zwei gewandten, sich ihrer Kraft
bewuten Gegnern, Jeder bemht, eine Ble des Andern zu entdecken. -
    Der Zufall oder das Glck wollten mir wohl, Graf, sagte der Abb, da ich
Sie gerade jetzt in Berlin treffen mute. Man erwartete, wie ich hre, in Turin
Ihre Rckkehr von London erst im nchsten Monat.
    Es schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen, denn der Graf nahm
die Cigarette aus dem Munde und warf einen raschen Blick nach ihm.
    Bitte - wer erwartete mich?
    Ei - Graf Cavour und die Brder La Marmora!
    Der Schlag war direct und eine leichte Rthe berzog das Gesicht des
Getroffenen, der unter einem erknstelten Lcheln seinen Aerger zu verbergen
suchte.
    Unsere Obern, lieber Freund, sagte er endlich, sind zwar immer sehr gut
unterrichtet, aber seit sie gezwungen wurden, Paris zu verlassen und in den
Canton Tessin berzusiedeln, scheinen sie doch einige Fden aus der Hand
verloren zu haben.
    Unsere Obern? - der Abb blickte ihn schlau von der Seite an. - Wir
drften also hoffen, in dem knftigen General noch immer ein eifriges Mitglied
des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen?
    Diesmal wurde der Graf dunkelroth, dennoch berging er die Pointe der
Antwort und sagte mglichst unbefangen:
    Wie mgen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln, wenn ich auch in
letzterer Zeit weniger Gelegenheit gehabt habe, thtig zu sein. Sie wissen so
gut wie ich, wenn Sie mich auch wenigstens vorlufig nicht daran erinnern
wollen, da uns auer unserm Eide manche Dinge der Vergangenheit unauflslich
verbinden -
    Auch seitdem - zum Beispiel: Parma und der 26. Mrz!
    Still um Gotteswillen! - was ich sagen will ist, da ich unverndert der
Ihre bin, so weit es meine anderweiten Verhltnisse mir gestatten.
    Die sich durch die Heirath mit der schnen Nichte des Frsten Esterhazy
allerdings bedeutend verndert haben. Wir sind gewi nicht unbillig, lieber Graf
und ehren nicht blos das Recht der Flitterwochen, sondern selbst des
Flitterjahres, tragen auch den Verhltnissen alle Rechnung und wnschen nur, da
unsere ehemaligen Mitglieder - wenn sie uns nicht mehr brauchen - unsere Plne
wenigstens nicht durchkreuzen.
    Wie meinen Sie das?
    Der Abb schien die Frage zu berhren, wenigstens antwortete er nicht
direct.
    A propos, Graf, wie hoch beluft sich jetzt die active sardinische Armee?
als jetziger Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen?
    Diesmal schaute der Oberst Jenen von der Seite an.
    Fnfundvierzigtausend Mann, Abb. Seit wann beschftigen Sie sich mit
militairischer Statistik? - Doch, fuhr er, rasch zu einem andern Gegenstand
bergehend, fort, da ich mich seit zwei Monaten auf Reisen befinde, weih ich
wenig von dem Stande der Verbindung und bitte Sie um einige Mittheilungen.
    Sehr gern, Herr Graf, um so mehr, als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafr in
Anspruch genommen htte. Sie werden sich erinnern, da am 26. Mrz die
Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Fhrer genthigt waren,
wenigstens vorlufig Paris zu verlassen.
    Es war zu der Zeit, wo wir uns zuletzt in Wien trafen.
    Richtig! Sie brachten damals Ihre junge Gattin dahin zurck und machten
Ihren Frieden mit der sterreichischen Regierung.
    Der Graf rckte unbehaglich auf dem Sessel.
    Knnen Sie mir das verdenken? Das ganze Vermgen meiner Frau liegt im
Kaiserstaat. Ich habe in Sardinien Nichts als meinen Sold.
    O, sicher nicht, und Sie haben gesehen, wie wir es vermieden, Sie mit
unsern Angelegenheiten zu behelligen. Die hchste Gewalt war damals zweifelhaft,
wohin man den Rath verlegen sollte, ob nach London oder Piemont; zuletzt
entschlo man sich fr Tessin. Man wnschte Sardinien und Frankreich mglichst
nahe zu sein. Der Tod des Bourbons in Parma hat in Ober-Italien einen tiefen
Eindruck gemacht.
    Er hat uns mehr geschadet, als gentzt.
    Ich wei es. Wir unter uns knnen uns offen gestehen, da wir seither eine
groe Niederlage erlitten haben. Die jetzigen europischen Verwickelungen sind
von uns ausgegangen, indem wir bei dem allgemeinen Sturm oder der allgemeinen
Erschpfung hofften, einen durchgreifenden Schlag thun zu knnen. Diese Hoffnung
scheint sich nicht zu verwirklichen. Zunchst hlt sich Deutschland fern von dem
Kampf durch die zhe Politik dieses verhaten Preuens, das wir auf Rulands
Seite zu sehen hofften. England weigert sich demnach Polen, Ungarn und Italien
zu revolutioniren und begngt sich mit der lassen Bildung elender
Fremdenlegionen, die fr uns eine gute Hilfe gewesen wren, aber ein
unzureichendes Mittel sind. Der Kaiser Napoleon endlich, unser Zgling und jetzt
unser bitterster Gegner, hat die Maske abgeworfen, er hat die Leitung der
europischen Angelegenheiten uns aus der Hand gerissen und in der seinen
concentrirt. Er wei, da er um die Herrschaft in Europa allein mit uns zu
kmpfen hat und - er hlt die Revolution bereits unter seiner Faust, wie die
Maregeln in Paris und die politischen Prozesse durch ganz Frankreich jetzt
zeigen.
    Bis einer jener Zuflle eintritt, welche so oft die Geschichte gendert
haben.
    Der Graf sah seinen Gefhrten bedeutsam bei diesen Worten an.
    Wir wollen darauf hoffen. Unsere Sttze gegen die erschpften und
decimirten Soldaten der kriegfhrenden Mchte wird dann die von dem jetzigen
Krieg unberhrte und gekrftigte sardinische Armee sein, das wissen Sie. - Sein
Blick fixirte dabei den Grafen, der eine gewisse Verlegenheit nicht zu
bemeistern vermochte. - Selbst unsere geniale Finanzspeculation hat dieser
Usurpator an sich gerissen. Sie wissen, da Baron Riepra zum Verrther
geworden?
    Ich hrte den Argwohn bei seinem Bankerott; man hat lange Nichts von ihm
vernommen?
    Er hlt sich gut verborgen mit Hilfe seiner Million, die ihm damals der
Coup in Wien eingetragen, aber wir erkennen in Vielem seine Hand und es ist kein
Zweifel, da er uns an Napoleon verrathen hat. Die Grndung des Credit mobilier
ist sein Project, die Pereire's sind seine Verwandten. Nach den
achtzehnmalhunderttausend Franken, die wir bei seinem gut gespielten
Fallissement verloren, sind uns wiederholt harte Schlge beigebracht worden, die
beweisen, da eine mit unseren Geldgeschften ganz vertraute Hand dabei geholfen
hat.
    Aber was kann den Baron zu dem Verrath bewogen haben?
    So viel ich wei, eine Lection, die er vor dem Rath des Bundes erhielt und
- ich glaube, jener Vorgang im Landhaus der Frau von Czezani. Er war eine Memme,
der dergleichen Schrecken einjagt. Doch genug von ihm, wir werden ihn zu finden
wissen, trotz seines neuen Beschtzers. Mein Aufenthalt hier in Berlin jedoch
ist nicht ohne Bezug auf seinen Verrath. Wir wollen versuchen, unsern damaligen
Verlust wieder zu gewinnen.
    Der Oberst horchte hoch auf.
    Sie gewannen bei unserm wiener Geschft mit der Nachricht von der
Kriegserklrung der Trkei auf Ihren Privatantheil zwanzigtausend Gulden. Ich
glaube, Ihnen das Doppelte dieser Summe versprechen zu knnen, wenn Sie mich
untersttzen wollen.
    Wie das?
    Ich befinde mich seit drei Tagen hier, seit die Nachricht von der
Almaschlacht hier bekannt ist, um den Augenblick fr einen Coup abzupassen, der
von uns von Wien aus dort, hier und in Paris an den Brsen vorbereitet wird.
Inde - ich fhle mich hier genirt; irgend ein Mitrauen hat mir einen der
verschmitztesten sterreichischen Polizeiagenten nachgeschickt und ich sehe mich
von dem Menschen auf allen Tritten und Wegen beobachtet. Er logirt dort in dem
Hotel gegenber und belauert mich. Im entscheidenden Augenblick - und dieser ist
heute - knnte er mir einen unangenehmen Streich spielen und aus dieser
Verlegenheit zieht mich Ihre Ankunft. Sie sind durch Ihre Heirath ein Verwandter
des sterreichischen Gesandten geworden und es wird Ihnen ein Leichtes sein,
eines der jngeren Mitglieder der Gesandschaft zu bewegen, mit Ihnen heute die
Brse zu besuchen, unter dem Vorwande, das Treiben daselbst kennen zu lernen. -
    Ich begreife aber noch nicht, was Sie eigentlich bezwecken?
    Ueberlassen Sie mir die Ueberraschung; - die Presse ist in eine Falle
gegangen, ber die man Jahre lang lachen wird. Noch Eines - haben Sie Credite
auf Berlin?
    Auf Mendelssohn und Compagnie tausend Ducaten.
    Das wird fr Sie gengen, auerdem garantirt leicht die sterreichische
Gesandtschaft Ihr Vermgen. - Wissen Sie, da wir im Hotel noch einer bekannten,
gewissermaen zu uns gehrenden Persnlichkeit begegnen?
    Sie meinen die spanische Tnzerin, welche an jenem Abend im Salon zu
Hietzing zugegen war?
    Ja. Sie ist hierher bestellt. Sobald unsere finanzielle Aufgabe in Ordnung,
werde ich sie nach Petersburg dirigiren. Wir haben zwar ber Berlin Nachrichten
von dort, doch scheint unser Spion hier nicht ehrliches Spiel mit uns zu treiben
und das Wichtigere fr Paris und London aufzusparen. Man will einen Versuch mit
der verfhrerischen Schnheit unserer Donna an gewissen Personen machen. - Doch
still - hier kommt die Grfin!
    Die Grfin trat in das Zimmer.
    Der Kellner des Hotels meldet den Herrn von Treumund - ich wei nicht, ob
Sie den Mann haben rufen lassen?
    Der Abb fiel ein:
    Ganz recht, lieber Graf - ich habe mir erlaubt, ihn hierher zu bestellen,
ich bitte, lassen Sie ihn eintreten.
    Die Grfin winkte nach der Thr zurck, dann wandte sie sich nochmals zu
ihrem Gemahl:
    Ich beabsichtige, einen Besuch bei meiner Cousine abzustatten - werden Sie
mich begleiten?
    Ich habe Geschfte, die mich daran hindern und werde spter dem Herrn
Gesandten meine Aufwartung machen.
    Die Dame entfernte sich. - Wer ist der Herr? fragte der Graf.
    Er ist oder wird einer der gewandtesten Courtiers Berlins. Als
Correspondent mehrerer franzsischen und deutschen Journale ist er nicht ohne
Einflu, durch seine Thtigkeit in allen Kreisen bekannt, durch das schlaue
Geschft seiner Adoption von einem alten Bummler adligen Namens fr die gute
Gesellschaft mglich gemacht - ist er zwar augenblicklich von Schulden und
Wechseln gedrckt, aber fr unsere Absicht vortrefflich geeignet, und ich
zweifle keinen Augenblick daran, da er sich bald glnzend in die Hhe bringen
wird, um so mehr, als er eben mit einem der ersten deutschen Speculanten zur
Benutzung der Presse in Verbindung getreten ist. Kennen Sie das Brsentreiben?
    Ich habe noch nie einen Fu dahin gesetzt.
    So ist er gerade der Mann, um Sie in die Geheimnisse dieser Coulissen
einzuweihen. Ich bitte, lassen Sie ihn kommen.
    Er nahm einige Papiere aus der Tasche, whrend der Kammerdiener des Grafen
durch die Hauptthr einen Fremden in den Salon entfhrte. Es war ein junger
hbscher Mann mit blondem Haar und Bart, bemht, aristokratische Manieren zu
zeigen, dem jedoch seine groe Beweglichkeit entgegen war. Die Augen waren
klein, blinzelnd und gutmthig.
    Der Abb - oder vielmehr Banquier Thomas - stellte den Fremden vor und
nthigte ihn zum Sitzen.
    Graf Pisani, sagte er, ist vollkommen eingeweiht in das Geschft und wird
uns bei unserer heutigen Operation untersttzen. Die Zeit drngt und so bitte
ich sogleich um Ihren Bericht. Welchen Eindruck haben die gestrigen
Abend-Nachrichten von Wien gemacht?
    Das telegraphische Correspondenz-Bureau hat sie noch am Abend verbreitet.
Die heutigen Morgenbltter und die Abendzeitungen durch Extrabltter melden zwar
nur unbestimmt: Westmchte im Besitz eines Forts von Sebastopol; Russen 15,000
Mann verloren; Frst Menschikoff sechs Stunden Bedenkzeit erhalten. Heute Morgen
ist aber bereits von Paris eine telegraphische Besttigung eingetroffen und man
erwartet heute bei Beginn der Brse die ausfhrliche Nachricht.
    Und die Course?
    Sie gingen in der gestrigen Abendversammlung der kaufmnnischen Ressource
rapid in die Hhe, und werden offenbar heute um drei bis vier Procent steigen.
    Sie haben russische und Schatzobligationen in verschiedenen kleinen Posten
angeboten?
    Ich habe nach Ihrer Bestimmung verfahren, aber Niemand will sie, selbst zu
72 nicht.
    Der Abb rieb sich vergngt die Hnde. - Es war vorauszusehen. Lassen Sie
uns berblicken, wie unsere Geschfte stehen.
    Der Berliner Courtier ffnete das Portefeuille, das er in der Hand hielt,
und nahm eine Note heraus.
    Recapituliren wir. Auf Grund der Creditive von Eskeles und Sina kaufte ich
an der Sonntags-Brse bei unsern drei ersten Bankhusern 115,000 Gulden
Metalliques zu 723/4.
    Richtig, sie standen gestern bereits 751/4 und werden heute noch mehr in
die Hhe gehen.
    Ich hoffe es, inde ist das schon ein Gewinn von 2775 Gulden. Ferner
300,000 Gulden Nordbahn zu 173.
    In diesem Augenblick 1791/2.
    Oberschlesische 180,000 Thlr. zu 921/2, 120,000 Gulden Neueste Anleihe zu
961/4 und 200,000 Thlr. Cosel-Oderberger zu 1631/4. Sie stehen bereits 205.
    Der Schlag ist bedeutend. Die Kufe betrage nach meiner Berechnung also
1,060,000 Thlr.
    Und der Gewinn in diesem Augenblick ber 90,000.
    Nun merken Sie wohl auf, lieber Freund, was ich Ihnen sage. Die Course
werden heute und morgen noch rapid steigen und die Nachfrage wild sehr bedeutend
sein. Glauben Sie, da Sie heute smtliche Papiere, ber die wir disponiren, zum
heutigen Cours fr den 15. verkaufen knnen.
    Unbezweifelt - wenn wir so thricht sein wollten.
    Ueberlassen Sie das mir; ich habe meine Grnde dazu, und Sie sollen an
Ihrer Courtage nicht zu kurz kommen. Doch wird es gut sein, wenn Sie mit dem
Verkauf mehrere Agenten beauftragen, denn so bedeutende Summen aus einer Hand
wrden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und leicht die Hausse stren. Ich
werde auf der Brse zugegen sein, um nthigen Falls Ihnen meine Bestimmungen
geben zu knnen. Im Uebrigen aber wird es zweckmig sein, wenn Sie viel mit dem
Herrn Grafen hier und seinem Begleiter verkehren, so bald diese an der Brse
erscheinen, und geschickt das Gercht verbreiten, da von diesen bedeutende
Aufkufe gemacht wrden.
    Der Agent verbeugte sich schlau lchelnd.
    Ich verstehe und werde nicht verfehlen, dies zu thun. Doch erlauben Sie
mir, auf einen Umstand Sie aufmerksam zu machen, da es mir scheint, da Sie neue
telegraphische Nachrichten erhalten haben. Man argwhnt an der Brse seit
einiger Zeit, da viele der eingehenden Depeschen auf irgend eine noch
unerklrte Weise verrathen werden. Einer unserer Brsenmatadore scheint die
Course und Auftrge von auerhalb frmlich zu riechen und berflgelt alle mit
seinen Combinationen - oder seinen Nachrichten. Es wre fatal, wenn er uns in
die Quere kme.
    Herr Thomas lchelte. - Beruhigen Sie sich auch hierber, auch der Herr
wird kaufen.
    Der Courtier empfahl sich. - - - - - - - - -
    Der Neubau einer Berliner Brse gehrt zu den Seeschlangen ohne Ende, die
fortwhrend auftauchen und niemals erlegt werden. Zwischen der Dampfmaschine der
groen Fontaine und den Ruinen des neuen Doms, fr dessen Camposanto-Entwrfe
Cornelius die bescheidene Forderung von hunderttausend Thalern macht, liegt oder
lag die Villeggiatura des Berliner Handelsstandes und seit drei oder vier Jahren
des Berliner Geld- und Creditschwindels. Ein wenn auch nicht unstattliches, doch
sehr beengtes Gebude mit einem von Bumen besetzten kleinen Vorplatz nimmt
tglich von zwlf bis drei Uhr eine Anzahl von mindestens 2000 Personen auf, die
den groen Handel und Geldverkehr der Hauptstadt ursprnglich vermitteln sollen
zur Befrderung und Vertheilung des Wohlstandes und der Industrie des Landes.
    Seit den letzten drei Jahren jedoch ist das Berliner Brsenleben zu einer
Pest des Landes ausgeartet, verwerflicher, hundertfach gefhrlicher, als die von
der ffentlichen Meinung und der Regierung gechteten Spielbanken, die nur
Einzelne verderben, whrend die Brse auf alle Klassen demoralisirend oder die
Zustnde verschlimmernd wirkt.
    Der frhere Brsenverkehr steht zu der jetzigen Brsenwirthschaft wie die
gediegene kaufmnnische Berechnung zu dem Delirium der Speculation, wie die
Waare zur Ziffer, wie der Handel zum Diebstahl. Vielleicht characterisiren, wenn
auch nur schwach, die nachfolgenden Crayons einigermaen dies Treiben. -
    Es war Mittag gegen ein Uhr, als Graf Pisani Arm in Arm mit einem Attach
der sterreichischen Gesandtschaft auf dem Vorplatze der Brse erschien und
langsam durch die versammelten Gruppen wandelte, dem Treiben des Verkehrs
zuschauend. Die handgreiflichen Differenz-Ausgleichungen einiger Mitglieder
hatten damals noch nicht die Eintrittskarten eingefhrt und jeder Fremde betrat
ungenirt das Sanctuarium des Zahlenschwindels. Der Attach war mehreren der
groen Banquiers bekannt, die ihn begrten und ansprachen, und wunderbar
schnell verbreitete sich die Nachricht auf der Brse, da ein Mitglied der
Gesandtschaft mit einem vornehmen Fremden anwesend sei. Offenbar hatte dabei der
Agent Treumund die Hand im Spiele, der alsbald bei dem Erscheinen der beiden
Herren sich dem Grafen anschlo und den Cicerone nachte, von Zeit zu Zeit sie
verlassend und bald hier, bald dort neue Geschfte abschlieend.
    Dies Verfahren konnte nicht verfehlen, Aufmerksamkeit zu erregen, um so
mehr, als bald bekannt wurde, da die Auftrge, welche der Agent machte, ber
groe Summen lauteten und die Brse ohnehin in hchster Erregung war. So eben
waren die telegraphischen Depeschen des Correspondenz-Bureau's von Wien und
Paris ber die dortigen Course eingegangen und der Agent des Hauses Oppenheim
verlas nach der getroffenen Einrichtung von einer Erhhung dieselben mit lauter
Stimme. Die Boten des Staats-Telegraphen-Bureau's durchbrachen mit
Privatdepeschen suchend die Menge. Das Geschft schien in vollem Gang und die
vereideten Makler wurden bestrmt mit Anmeldungen.
    Der Graf mit dem Gesandschafts-Cavalier, der zu unerfahren und zu sehr
Edelmann war, um so rasch zu begreifen, da er hier zur Folie diente - hatte
endlich am Eingang des Hauses einen Platz gefunden, von wo Beide das Treiben
innen und auen beobachten konnten. Der Agent stand bei ihnen.
    Die Scene umher war wirklich charakteristisch und fr einen Unbetheiligten
an Stoff zu Beobachtungen berreich. Eine Wirrni von Geschwtz und Geschrei -
oft dem eigenthmlichen Idiom einer polnischen Juden-Synagoge gleichend - lag
auf dieser sich drngenden, stoenden, sammelnden und hin und her eilenden oder
fest auf gewissen Stellen ansharrenden Menge, in der die gebogene oder kulpige
Nase als Typus in hundert Variationen des Alters vorherrschend war. Die
gewhnliche Hflichkeit und Rcksicht groer Gesellschaften schien aus dieser
verbannt und Jeder im Schreien, Stoen und Drngen nur auf seine eigenen Zwecke
Bedacht zu nehmen. Ein Notizbuch in der einen, den Bleistift in der andern Hand,
mauschelnd, rufend, fragend, horchend, betheuernd und wegwerfend, die
gespannteste Aufmerksamkeit in der lauschenden Miene oder mit verchtlichem
Achselzucken, schmeichelnd und scheltend, kriechend und hochmthig - berall die
Ohren, berall die Augen - hier ein Wort wechselnd, dort ein Opfer in den Winkel
drngend, lgend und belogen, tuschend und getuscht, jede Spannung, jede
Heuchelei auf den Gesichtern, bedchtig und hastig, schnde und freundlich,
lrmend und schweigend, so wogte das Chaos der Geldintelligenz, das sich den
Reichthum und die Intelligenz des Landes nennt!
    Staats1! wer kauft?
    Zehn2! Wie steht?
    Wer hat Clner - Enkel3? Achtundachtzig drei Viertel? Ich kaufe.
    Herr Lion, Herr Lion, wo ist Herr Lion?
    Franzosen4! Hundertsiebenundsiebzig ein Halb!
    Schreiben Se mer ein, Zwanzig zum Ersten. Wollen Se handeln mit
Wittenberger? Herr Friedemann, brauchen Sie Rheinische Kinder?
    Sechsundachtzig - haben Se gehrt, Herr Hertel? Notiren Sie den Cours -
Sechsundachtzig bezahlt5.
    Hren Se zu - Meyer is am Kaufen - Nordbahn und 1854er Loose, lassen Se uns
eilen, sonst kommen mer zu spt.
    Dazwischen schellt die Glocke als Signal um Abschlu.
    Die Zahl Ihrer groen Kaufleute und Banquiers, die an der Brse Geschfte
machen, scheint sehr bedeutend, bemerkte der Sardinier.
    Der Schein tuscht, - von der ganzen Zahl, welche die Brse fllt, verdient
kaum der vierte Theil, hier zu sein. Vielleicht die Hlfte ist nicht einmal der
Kaufmannschaft incorporirt und besteht aus den sogenannten Wilden. Wenn es Ihnen
Vergngen macht, will ich Ihnen die Einrichtung und das Treiben unserer Brse in
kurzen Worten schildern.
    Ich bitte darum.
    Man kann die Brsenleute etwa in vier Kategorieen eintheilen. Zuerst die
groen Banquiers, jene Sulen des groen Geldmarkts, die traditionelles Vermgen
und Geschfte, die eine Vergangenheit haben und einen europischen Ruf, wie z.B.
Magnus, Jterbock, Schickler, Mendelssohn, Anhalt und Wagner, Robert Warschauer
u.s.w. Diese Koryphen des Geldmarkts machen fast nie eigene Speculationen, sie
betheiligen sich an Anleihen oder sind die Commissionaire derselben. Ihre
Reprsentanten erscheinen hier nur um der Gewohnheit des Hauses willen und
fhren nur die Geschfte ihrer Committenten aus. Sehen sie da die stabilen
Posten dort auf den Bnken und an dem Gitter? Das sind unsere Geldfrsten oder
ihre Vertreter. Das wohlbehbige runde Gesicht dort sthnt ber die Unmasse der
Geschfte und seine ganze Arbeit besteht am Tage darin, sich zwei Stunden lang
Herr-Von nennen zu lassen und die andere Zeit zu flaniren! - Sehen Sie da das
Paar prchtige Waden in den eng anliegenden Beinkleidern am Gitter dort im
Winkel nach dem Dome zu? Diese musculse Kraft ohne besondere geistige Capacitt
ist der Brsen-Reprsentant einer unserer nobelsten Firmen, so wie jener junge
jdische Aristokrat mit den in beliebter Wastelart bis an die Achselhhlen
zurckgeschlagenen Rockpatten, die Frucht eines unserer berhmtesten jdischen
Huser. Einstweilen lt er sich von Minna schrpfen und der achtbare Papa dort
in der Banknische an den Sulen neben ihm schlgt mit stiller Behaglichkeit die
Beine bereinander, neigt den Kopf zur Seite und harrt der Coursnotirungen, wie
Jeremias auf den Trmmern von Jerusalem. So einfach der Mann aussieht, sein
Vermgen wird mit zwei Millionen taxirt, denn hier, Herr Graf, hat Alles seine
Taxe.
    Sie erzhlen pikant!
    Journalistenmanier. Kommen wir zu der zweiten Kategorie, den kleinen
Banquiers und groen Spekulanten. Diese sind die Hauptfaiseurs der Brse, sie
machen die Course und treiben einen Umsatz in Ziffern, der in's Kolossale geht.
Man kann die Summen, die jetzt an der Berliner Brse umgeschlagen werden, auf
durchschnittlich zwei eine halbe Million tglich rechnen. Ein Theil dieser
Mnner macht noch Banquiergeschfte, ein anderer Theil bloe Spekulationen.
Sehen Sie den groen hagern Herrn dort mit der halben Glatze und dem verlebten
Gesicht? In jeder dieser Falten sitzt eine verzehrende Leidenschaft. Der Mann
hat in Sachsen schon fnfmal auf Nichts gestanden und seine Spekulationen haben
ihn immer wieder auf den Gipfel des Reichthums gehoben. Er kommandirt in diesem
Augenblick wieder ein paarmalhunderttausend Thaler, ist unser grter
Baisse-Spekulant und seine polnische Maitresse holt ihn alle Nachmittage in
glnzender Equipage von seinem Tummelplatze ab, bis - -
    Es liegt etwas Unheimliches in seinen Manieren; jetzt schiet er wie ein
Stovogel durch die Menge.
    Das ist so seine Manier, - er hat sein Opfer. Dort steht sein Gegenmann -
ich meine jenes durchsichtig blasse Gesicht mit der eigenthmlichen Farbe der
Wasserleichen, denen man einen Zoll tief durch's blutlose Fleisch zu sehen
whnt.
    Das Gesicht ist interessant, das Auge scharf und voll Verstand, der
Ausdruck ruhig.
    Und dennoch ist sein Besitzer voll rastloser Beweglichkeit, und es duldet
ihn kaum einen Augenblick schweigend auf demselben Platz. Er ist unser
bedeutendster und glcklichster Spekulant und ausgezeichnet durch ein so enormes
Gedchtni, da er zu seinen Geschften, obschon er ihrer tglich 50 bis 60
schliet, nie ein Notizbuch braucht. Man fngt brigens an auf der Brse, ihn
mit einem gewissen Argwohn zu betrachten, denn er scheint fast allwissend in
Betreff aller ankommenden Nachrichten, so glcklich sind seine Combinationen.
Ich habe schon vorhin gegen Ihren Freund meine Besorgnisse geuert.
    Der Herr scheint fortwhrend umlagert von einem Schwarm, Alles drngt sich
um ihn.
    Die Ursach' werd' ich Ihnen gleich in einer weiteren Kategorie erklren.
Erwhnen will ich nur noch, da die fnfzehn oder zwanzig Mitglieder der eben
bezeichneten jhrlich durch ihre Spekulation sechs-bis achtmalhunderttausend
Thaler verdienen.
    Die also das Publikum zahlt, bemerkte der Attach.
    Ganz recht; und noch rgere Blutegel sind die beiden letzten Kategorieen.
Die dritte besteht zunchst aus den privilegirten Jobbern, der eigentlichen
kleinen Mauschelei, welche die beiden hheren Stufen schon abgeschliffen haben.
Hier findet man die kleinen Geschfte und den jdisch nselnden Jargon, den
ausgehungerten Jobber neben dem behbigen gemachten Geldmann, wie jenes Exemplar
dort zeigt, das vorzglich in Magdeburg-Wittenberger macht und die orientalische
Abstammung durch einen wohlgehegten Schnurrbart zu cachiren sucht. Das Studium
dieses Genres ist wirklich interessant. Blicken Sie einmal dorthin auf den alten
grauen Kerl, der so schmuzig aussieht, als km' er aus einem Trdelladen vom
Mhlendamm, und dann wieder die stattliche ruhige Figur dort, der man die hhere
Intelligenz ansieht und wie sie ihre Umgebung dominirt. Der Herr dort ist der
Hauptautor der berhmten Inserate der Vossischen und man hrt sie tglich bei
den Geschftchen sans gne berathen.
    Aber zu welchem Zweck, wenn man doch wei, woher sie stammen?
    Fr's Publikum, lieber Herr; denn es giebt nichts Dmmeres, als das
Publikum im Allgemeinen. Es ist eine Hammelheerde, die angeleitet werden mu,
das sauer oder glcklich erworbene Geld rasch wieder los zu werden. Die Klasse
der Makler und kleinen Banquiers macht nur geringe eigene Spekulationen, indem
sie in die Nhe der groen Tonangeber sich drngt, ein Wort aufschnappt und sich
mit einigen Tausenden in der Spekulation betheiligt. Freilich bekommen sie dabei
oft die rgsten Ohrfeigen; denn es ist eine alte Regel, da ber kurz oder lang
die kleinen Spekulanten der Brse von den groen aufgefressen werden. Die Groen
verstehen ihr Handwerk. So wird es dem Brsenknig nicht einfallen, wenn er
verkaufen will, dies auf der Brse zu thun. Im Gegentheil, dort kauft er
einzelne Posten des Papiers und streut den Leuten damit Sand in die Augen,
whrend in allen Ecken seine lange vor Beginn der Brse instruirten Agenten die
wahren Geschfte fr ihn machen. Im Uebrigen zahlt ihre Existenz das Publikum
durch die Courtage und die Kunst des Schneidens. Bitte, wenden Sie das Auge dort
auf jenen Mann. Der Schacher ist ihm jedem Zuge ausgeprgt und der Mensch ein
originelles Exemplar der Jobberei. Er hat immer eine Parthie Uhren, Brochen,
Brillanten und dergleichen zur Hand, die er frmlich als Prmie fr ein Geschft
ausbietet. Sehen Sie, eben ist er wieder daran, ein Geschft zu machen, lassen
Sie uns den Spa haben, einen Augenblick nher zu treten und ihm zuzuhren.
    Der alte Mann, den das charakteristische Zeichen orientalischer Schlumperei,
die ber den fettigen Rock heraushngenden Kragenbnder und eine fast in den
Mund sich krmmende Nasenspitze kenntlich machte, hielt einen jungen Kaufmann
beim Rockknopf fest. Woll'n Se mer liefern acht Mecklenburger zu Einundvierzig
en Viertel, Herr Lehmann? Wissen Se was, ich geb' Sie diese gold'ne Uhr mit de
dicke Berlocks zu. Wie, Se wollen nich machen den Rebbes? Aach gut. Se sollen
haben vier Nordbahn-Kinder, Fnfundvierzig drei Viertel und diese Busennadel.
    Der Werth der beiden Pretiosen, sagte lachend der Courtier, ist mit einem
kleinen Profitchen dem der Procente gleich, um welche der Alte die Papiere hher
oder niedriger schachert. Doch lassen Sie uns zu Ende kommen mit der allgemeinen
Charakteristik. Die vierte Kategorie besteht aus dem Tro, der neben den beiden
andern herluft und den Vermittler und Pfuschmakler spielt: die sogenannte
Coulisse, alte bankerotte Ganner und junge unverschmte Bengels von fortgejagten
oder fortgelaufenen Commis, eine Rotte von Tagedieben, zu faul, um wirklich zu
arbeiten, aber schlau genug, um sich hier berall aufzudrngen und tglich ein
oder zwei kleine Geschftchen zu erluchsen, die ihnen durchschnittlich vier,
fnf Thaler, hufig auch noch Besseres abwerfen, jedenfalls weit mehr, als der
ehrliche Commis bei angestrengter Arbeit verdient. Wenn sie am Ultimo nicht
zahlen knnen, bleiben sie eine kurze Zeit fort oder lassen sich hinauswerfen.
Die Sorte ist wir die Schmeifliegen, zu jeder List und jeder Gannerei bereit;
es laufen ihrer ber Hundert umher, und das Publikum mu sie tglich mit fast
tausend Thalern ernhren, um die ihm die Pariere vertheuert werden. Zum Glck
ist wenigstens unsere Brse noch ziemlich rein von dem Besuch der Privaten; das
Publikum, das bereits in allen Stnden massenhaft speculirt, liegt noch in den
Hnden der groen und kleinen Banquiers, und nur Wenige kommen selbst. Da ist
ein Exemplar. Sehen Sie da an dem Baum links den langen schwarzgekleideten
Herrn, welcher mit einem meiner Kollegen spricht?
    Den mit der Brille? ja.
    Er ist Hauslehrer bei dem *** Gesandten. Bei der trkischen
Kriegserklrung, die er von seinem Prinzipal erfahren, wagte er sich auf das
Glatteis der Brse und gab mir einen Auftrag. Er gewann, indem er sein ganzes
Erbtheil, 400 Thaler, wagte, damit das Doppelte und speculirt seitdem
fortwhrend, bis - - Da drben am Gitter des Museums neben Piefke mit seinen
weien Musen und Inseparables, die nur zusammenleben und die er einzeln
verkauft, - steht ein Bild von dem gewhnlichen Ende solcher Privatspeculanten.
    Der Mensch in dem desolaten Aufzug, der so unverwandt hieher schaut?
    Vor zwei Monaten noch hatte er Credit fr Tausende, obschon er lngst
ruinirt war. Der Mann besa zwei Huser in der Friedrichsstrae und ein gutes
Geschft. Als der Actienschwindel bei uns begann, wollte er mit Gewalt seinen
Wohlstand zu Reichthum machen und lie sich, obschon er nicht das Geringste
davon verstand, mit einem Spiritusspeculanten ein. Spter, um sich
herauszureien und die erlittenen Schlappen zu decken, machte er in rheinischen
Actien und verlor in Zeit eines Vierteljahrs 75,000 Thaler. Er ist jetzt ein
Bettler, aber so auf das Brsenspiel versessen, da er tglich wenigstens
hierher kommt, um von ferne zuzusehen. Seine Familie hat jetzt oft kaum das
trockene Brot.
    Solche Beispiele werden durch die entgegengesetzten aufgewogen, es fehlt
gewi auch hier nicht an Leuten, die rasch reich geworden.
    Im Gegentheil, sie schieen wir Pilze aus der Erde und Niemand wei oft,
woher die Mittel zu der Verschwendung kommen, die sie so pltzlich entwickeln.
Der Herr im grnen Reitfrack, der sich dort rechts nach Kalau drngt, -
entschuldigen Sie, Sie verstehen den Kunstausdruck nicht, jener Fleck heit bei
uns Kalau, und die groe Gesellschaft der beschriebenen dritten Kategorie, die
sich dort zu postiren pflegt, heit man Kalauer, - also jener Herr hatte, wie
unsere meisten Kleiderjuden, bereits zwei Mal Bankerott gemacht, sich aber damit
im Gegensatz zu ihnen vllig ruinirt, so da er, um den Executoren zu entgehen,
nirgends eine bleibende Wohnung hielt. Seit vier Wochen fhrt er mit einem
eleganten Tilbury, nimmt im Opernhaus nur Fremdenloge, trgt tglich vier Paar
strohgelbe Handschuhe und fhrt Signora Caspari in den Pariser Keller. Bis zu
einer Tnzerin hat er es freilich noch nicht gebracht, so gern er auch den Baron
spielen mchte.
    Welche Papiere haben ihn denn so pltzlich reich gemacht?
    Reich - Brsenpapiere? Beides weniger. Er ist Commissionair geworden und
makelt in Rittergtern; auf die Brse kommt er nur so nebenbei.
    In Rittergtern? - ich denke, der preuische Adel conservirt sein
Grundeigenthum?
    Die Gtercommissionaire sind jetzt ein coulantes Geschft und vermehren
sich tglich. Die Zeitungen wimmeln von ihren Anzeigen, in denen sie
herrschaftliche Gter jeder Art und Gre zum Verkauf anbieten, und wenn auch
drei Viertel dieser Annoncen notorisch erlogen sind, so verstehen sie doch bei
dem bleibenden Viertel die beiden Parteien so grndlich zu schrpfen, da der
Wucher, der mit dieser Erscheinung eng zusammenhngt, daneben eine Tugend ist.
Nun, Herr Levi, - er sprang rasch zu einem Vorbergehenden, - wollen Sie noch
eine kleine Post Nordbahn-Vter?
    Der kleine dicke Mann, den er angeredet, rieb sich innerlich lachend die
Hnde.
    Was soll ich thun damit, Herr von Treumund? Einstweilen wollen wir abwarten
die Besttigung von die Nachrichten von die Tataren und von die Schiffscapitaine
von's Schwarze Meer. Sie wissen, Freund, ich bin vorsichtig.
    Das ist ein schlimmes Zeichen, flsterte zurckkehrend der Courtier zu dem
Grafen. Der Mann ist der Geldfaiseur hchst einflureicher, ja hoher Personen,
die rechte Hand von Leuten, die am Staatsruder sitzen, und in vielen Beziehungen
ein hchst scharfsinniger Patron. Eine Hand wscht die andere und Geldgeschfte
und Lieferungen haben ihn zum reichen Mann gemacht. Gewi sinnt er dafr schon,
welchen Patriotismus er am Knigs Geburtstag an's Lampenlicht stellen oder
welche neue finanzielle Denkschrift er fr einen seiner Mcens vom Stapel lassen
wird. Der Mann wirft Hunderte fort fr eine seiner rastlosen Launen und schlgt
dafr einen jungen Handwerksmann halb todt, weil dieser sich nicht ein Viertel
seiner Rechnung krzen lassen will. Aber ich mu ihm nach und ihn zu einem, wenn
auch noch so kleinen Geschft bewegen. Hier auf der Brse achtet man auf Alles.
    Er scho davon.
    Aus dem Menschenstrom, der aus dem Brsensaal nach dem Vorplatz und zurck
wogte, drngte sich ein kleiner noch ziemlich junger Mann mit gebogener
orientalischer Physiognomie und etwas Kreuzfeuer in den Augen voll zuckerser
Aufdringlichkeit zu dem sterreichischen Cavalier.
    Ganz gehorsamster Diener, Herr Baron, freut mich, die Ehre zu haben, Sie
wiederzusehen. Sagen Sie mir, Sie mssen's wissen, Sie sind Diplomat, ist es
wahr, da gedonnert haben die Kanonchens am Invalidendom? Wie kme der Tatar
dazu, zu bringen eine falsche Nachricht an Omer-Pascha, er mu es wissen wenn
auch versiegelt geblieben ist die Depesche; 22,000 Russen gefangen, der Kaiser
Napoleon ist bei Gott ein groer Mann! Was sagt der Herr Gesandte dazu?
    Der junge Diplomat betrachtete mit einem gewissen vornehmen Mibehagen den
kleinen Hebrer.
    Ich habe nicht das Vergngen -
    Herr Baron, Sie werden mir kennen, - ich habe die Ehre gehabt auf dem
groen Ball bei Herrn von Magnus; unsere Firma ist unter den Linden - was meinen
Sie, knnte man einen Schlag wagen? ich werde Sie betheiligen mit zehn Prozent.
    Der Atach verbeugte sich ablehnend.
    Bemhen Sie sich nicht, ich spiele nicht an der Brse.
    Schade! - Auf ein Wort, Herr Meyer! Was denken sie? die sterreichische
Gesandtschaft ist hier auf der Brse, sie hat mir eben eine wichtige Mittheilung
gemacht; lassen Sie uns kaufen, Dreiundachtzig ein Halb, das Geschft ist gut.
    Das Gedrnge entfhrte ihn. In seinem Schutz war der Abb zu dem Sardinier
getreten.
    Sehen Sie dort die beiden Mnner, die eben mit unserm Courtier sprechen?
    Der Eine sieht hierher?
    Richtig; es ist der wiener Polizei-Agent, der Andere ein hiesiger Beamte.
    Der Mensch hat eine vertrackte Physiognomie, so schmuzig und tckisch.
Unser wrdiger Bandit Sta Lucia, der wer wei wo ein Ende genommen haben mu,
war ein Apollo gegen dies Galgengesicht. Wie heit das Subject?
    Heller. Er ist ein verdorbener Advokat von wenig ehrenvollem und
moralischem Ruf, machte schon vor 48 den Polizeispion in Pesth und lieferte
manchen Patrioten nach dem Spielberg. Bei der Revolution spielte er pltzlich
den Republikaner, half das Zeughaus strmen, wenigstens rhmt er sich dessen,
drngte sich bei allen Demonstrationen vor und vertheidigte die Hochverrter und
Majesttsbeleidiger. Spter, nachdem das Handwerk der Demokratie nicht mehr
ging, wute er sich wieder in den Polizeidienst zu bringen und nimmt zur Schande
des Kaiserstaats und zum Aerger aller ehrlichen Leute eine hohe Stellung darin
ein, ja man hat sich so weit vergessen oder mit ihm eingelassen, da man ihm
sogar Orden des Landes aufgehngt hat.
    Und wie nimmt er sich jetzt gegen die Demokratie?
    Er verfolgt sie als Renegat auf das Bitterste, obschon ich berzeugt bin,
er wrde gern Cartel mit uns machen, wenn wir dazu geneigt wren. Im Uebrigen
erlaubt er sich jede Willkr und Dinge, die jeden Andern vor die Schranken des
Kriminalgerichts bringen mten. Man hat ihn entweder zu tief in die Karten
schauen lassen oder braucht ihn zu nothwendig. Wir knnen dabei nur gewinnen,
denn sobald das monarchische System erst zu dem Grundsatz kommt, die sogenannte
Treue und die Ehrenhaftigkeit und Moralitt des Standes einer Ntzlichkeit der
Person zu opfern, untergrbt es selbst das vielgepredigte Rechtsbewutsein im
Volk, entkleidet seine Aemter und Auszeichnungen des Nimbus, und das Gewissen
des Volkes fllt uns in die Hnde. - Vorlufig aber mssen wir uns der Macht des
Augenblicks fgen und ich bitte Sie daher, da Sie mich in einer nicht
auffallenden Weise mit Ihrem Begleiter bekannt machen und in's Gesprch bringen.
Das wird vorlufig jenen irritiren und uns vor Belstigungen oder Nachfragen
sichern.
    Der Gesandtschafts-Cavalier hatte sich eben wieder nach dem kleinen
Intermezzo zu seinem Begleiter gewendet, der ihm rasch den Gefhrten als seinen
Banquier und Geschftsfhrer vorstellte und beide in ein Gesprch verwickelte.
    Mon Dieu! Diese Leute scheinen mir alle den Kopf verloren zu haben ber die
gestrigen und heutigen hchst unzuverlssigen Nachrichten, sagte der junge
Diplomat. Wer wird einer trkischen Depesche glauben und noch dazu einem bloen
Gercht! Aber berall, wo man sich hinkehrt, hrt man von Nichts als von diesem
merkwrdigen Tataren und der Schiffernachricht.
    Ich bitte Sie, Baron, flsterte der Graf, stren Sie die Leute nicht in
ihrem Glauben. Die erste Regel in der Diplomatie ist, keine eigene Meinung zu
haben. Wir sind hier, um uns an diesem Treiben zu amsiren und zu belehren, und
da kommt auch unser geflliger Cicerone zurck.
    Ein Blick verstndigte den Abb mit dem Courtier, da die Geschfte im
vollen Gange. Der Attach wollte die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, sich
ber preuische Verhltnisse zu unterrichten. - Ich habe gehrt, da Ihrem
Hypothekenwesen jetzt in gefhrdender Weise die Kapitalien entzogen und der
Speculation zugewendet werden, sagte er. Auf meinen Gngen durch die Straen
bemerkte ich, da sich die Zahl Ihrer Banquiers bedeutend vermehrt!
    Der Courtier verzog den Mund.
    Wer ist heutzutage nicht Banquier? Nicht Jedermann ist so bescheiden, wie
die hbsche kleine Frau eines dicken Freundes von mir, die, vor Kurzem bei ihren
Verwandten in Schlesien zum Besuch, von diesen in einem Kaffeeklatsch als Frau
Banquier Langsam aus Berlin vorgestellt wurde und zum Entsetzen der Familie
spttisch berichtigte: Mit Erlaubni, wir machen vor der Hand blos kleinen
Wucher! -
    Der Baron lachte.
    Was die Zahl dieser sogenannten Banquiers betrifft, fuhr der Courtier
fort, so vermehrt sie sich allerdings, wie die Fliegen, und geht unter dieser
Firma frei aus vor der Staatsanwaltschaft. Denn alle Geschfte dieser kleinen
Meute des Geldmarkts gehrten eigentlich vor deren Forum.
    Wie das?
    Es ist leicht erklrt. Jeder angehende Handelsagent, der ein Bischen Witz
und Credit hat und die Anfertigung einer eleganten Firma nebst einer
Prnumerandomiethe in einer noblen Verkehrsstrae bezahlen kann, etablirt sich
jetzt als Banquier, sucht Bekanntschaften und offerirt seine Dienste zu
Geldgeschften. Bei der Art, wie sie diese Geschfte dem Publikum gegenber
ausbeuten, mssen diese Leute smtlich reich werden, wenn sie eben nicht wieder
auf eigene Hand speculirten. Ich will Ihnen einmal vorrechnen, wie das Publikum
von den Banquiers in die Scheere genommen wird. Ein Besitzer, der kaufen oder
verkaufen will, giebt z.B. einem Banquier den Auftrag, 6000 Thaler
Berlin-Hamburger Actien ihm zu verkaufen. Der Banquier berechnet dafr an
erlaubten Vortheilen zunchst halbe Courtage fr den Makler, whrend er
wahrscheinlich das Geschft selbst gemacht hat, da heit 1/2 per mille, also
hier 3 Thaler, Provision fr die Besorgung 1/6 Prozent, also hier 10 Thaler. Sie
werden mir zugeben, da 13 Thaler fr ein ganz kleines mheloses Geschft schon
ein recht hbscher Verdienst wren. Aber man ist weit entfernt davon, sich damit
zu begngen! Es gilt, den Committenten nach dem Kunstausdruck zu schneiden, und
das geschieht in folgender Weise. Der Agent schlgt die Papiere an der Brse fr
1091/2 los und berechnet seinem Auftraggeber 109, hchstens 1091/4 dafr,
vielleicht auch gar nur, wenn's ihm bei den Notirungen glckt, 1081/2. Das ist
demnach ein kleiner Extraprofit von 15, 30 oder 60 Thalern bei dem einzigen
unbedeutenden Geschft, ohne das geringste Risiko, und im Grunde doch nichts
Anderes als Betrug.
    Aber kann derselbe nicht nachgewiesen werden?
    Das ist fast unmglich. Sie werden bereits bemerkt haben, da zu gewissen
Personen hier fortwhrend die Leute sich herandrngen und ihnen eifrig
zusprechen. Es sind dies die vereideten Makler, welche die Course zu notiren
haben, oder die Brsen-Berichterstatter der Zeitungen. Diesen Personen, wenn sie
nicht selbst betheiligt sind, was bei der Presse sehr hufig der Fall ist, wei
man auf alle mgliche Weise die Notirungen nach dem eigenen Vortheil
aufzudrngen. Man sagt ihnen, hier hab' ich eben zu dem und dem Cours gekauft
oder verkauft, und auf ein Vierteloder ein halb Prozent ist die Sache oft gar
nicht zu unterscheiden. Deshalb auch finden Sie erstens in den ffentlichen
Notirungen die bezahlten Course oft in verschiedenen Steigerungen notirt, und in
den fnf oder sechs Courszetteln, die hier an der Brse herauskommen und zum
Theil auf diese Spekulation gegrndet sind, die Course sehr hufig ganz
verschieden angegeben. Der Banquier hlt nun die smtlichen Courszettel,
vielleicht von jedem ein Dutzend im Abonnement, er sucht sich fr das
bezeichnete Geschft gerade den Courszettel heraus, der ihm zum Schneiden am
vortheilhaftesten pat, legt ihn bei der Berechnung seinem Committenten bei, und
dieser schwrt noch darauf, wie solide der Mann ihn behandelt, whrend er
schndlich ber's Ohr gehauen ist. Das, meine Herren, nennt man Brsen-Usance,
und diese Usance herrscht nicht etwa blos bei den Jobbers und Kalauern!
    Die groe Presse knnte hier viel dagegen thun.
    Die Presse, Herr Baron, wird im Gegentheil auf das Schndlichste mibraucht
und verbreitet die Tuschung im ganzen Lande. Die Redacteure der groen
politischen Zeitungen verstehen fast durchgngig Nichts von den Brsengeschften
und mssen diesen Theil ihres Blattes den engagirten Berichterstattern
berlassen. Nun ist es leicht zu begreifen, wie die auftauchenden groen
Geldinstitute bedacht sind, die Notirungen ihrer Papiere zu treiben. Wir haben
Scandalflle gehabt, nicht blos in Wien, sondern auch hier, da die
Brsen-Berichterstatter der politischen Zeitungen mit 20, 30, 50,000 Thaler
Actien betheiligt werden, blos um ihr Interesse dafr zu gewinnen. Das Manver
ist ganz gewhnlich; die geheimen Akten der Institute in Braunschweig,
Darmstadt, Dessau etc. knnten Wunderdinge davon erzhlen. In den meisten Fllen
bleibt die Sache natrlich diskret, nur zuweilen bei widerwrtigen
Brsenznkereien platzt die Bombe, es kommt ein frmlicher Handel mit den
Notirungen und Poussirungen zum Vorschein, wie es vor einiger Zeit mit einer
groen hiesigen Zeitung passirte; man wechselt die Berichterstatter und - die
Sache bleibt beim Alten! Zum Theil auch - wie jener kleine Orientale dort, der
so eifrig umherschiebt - spekuliren die Herren auf eigene Hand. Mundus vult
decipi - es kommt Alles nur auf das Air an, mit dem es geschieht!
    Aber den groen Banquiers kam diese Pfuschbrse doch unmglich recht sein?
    Es ist Nichts dagegen zu machen; das Einzige, was sie thun knnen, ist,
manchmal Einem oder dem Andern einen Genickschlag beizubringen, der ihm eben so
rasch zum Bettelstab hilft, wie er reich geworden. Bemerken Sie den groen Mann
da? - er ererbte ein Vermgen von 200,000 Thalern und eines der brillantesten
Geschfte; das Vermgen ist durch die Spekulation in Spiritus und Getreide
binnen zwei Jahren verloren gegangen. Sehen Sie dort die orientalische
Physiognomie? - der Besitzer kam reich von Breslau hierher, spekulirte
vortrefflich und verzehnfachte sein Vermgen. Seit drei Monaten aber fllt ihm
jede Spekulation an der Brse gegen, es ist, als ob er mit Blindheit geschlagen
wre. Ich gebe nicht 1000 Thaler mehr zu Gunsten seiner Bilance, und fhrt er
noch vierzehn Tage so fort, so ist die Pleite unausbleiblich.
    Aber warum strzt sich der Mann in sein Unglck?
    Ein Jeder ist der Schmied seines Schicksals und seines Goldes. Es ist das
Brsenfieber, das ihn ergriffen, und das so gut existirt, wie das Fieber am
Roulet. Er wird daran verbluten, denn er ist ein ehrlicher Jude, dem der
ehrliche Name ber das Leben geht, und statt Bankerott zu machen, wie hundert
Andere thun wrden, wird er es mit dem Leben zahlen. Der Fall ist noch krzlich
mit einem reichen Banquier vorgekommen, der des Wuchers angeklagt war. Glauben
Sie mir, meine Herren, das Spiel an der Brse ist verfhrerischer und zeigt
rgere Leidenschaften ruft krasseren Jammer hervor, als der verpnte grne Tisch
in Homburg oder Baden-Baden! Nicht Alle wissen und wollen aus dem Bankbruch
ihrer Habe oder ihres Rufs hervorgehen, wie jener Herr dort mit der ruhigen
gemessenen Physiognomie, der vor einiger Zeit auf der Leipziger Messe den
englischen Fabriken, die ihm Hunderttausende anvertraut, seine
Zahlungseinstellung anzeigte, aus gesicherter Ferne 20 Procent bot und, nachdem
dies Arrangement geschlossen war, sich jetzt Palast ber Palast baut. Da, da -
laufen zwei Spekulanten, die, der Eine zwei Mal, der Andere drei Mal, Bankerott
gemacht haben und die jedes Mal reicher aus den Arrangements hervorgingen, wie
sie gewesen waren. Fr Jenen dort schossen vor vier Wochen, als er pleite war,
seine guten Freunde an der Brse 1000 Thaler zusammen und heute hat er bereits
wieder 20,000 erspekulirt. Und hier, - sehen Sie den Wicht im blauen Frack mit
goldenen Knpfen? - der Mensch hat mehr als ein Mal wegen Diebstahls in Spandau
gesessen und in seinem Vorzimmer antichambriren jetzt Barone und Grafen.
    Ich habe gehrt, bemerkte der Attach, da sich der norddeutsche Adel
mehr mit Geldspekulationen beschftigt, als der unsere.
    Warten Sie, bis Sie die gehrige Anzahl Spiritusbrennereien haben, und es
wird eben so sein. Der Spiritus und das Korn ist jetzt ein Spekulationsartikel,
so gut wie die Eisenbahn-Actien. D'rum hat man die Brsen auch zusammengeworfen.
Dort am Fenster rechts steht ein Stettiner Jude, der jhrlich hier an der
Berliner Brse in Zahlen gerade noch ein Mal so viel Getreide in Zeitkufen
verhandelt, als ganz Europa produzirt. Er hat zu gewissen Zeiten tausend Wispel
fortwhrend unterwegs von einem Brsenort zum andern, blos um die Lieferungen
fingiren zu knnen. Noch vor einigen Tagen machte er einen kolossalen Schlag,
indem er ber Nacht smtliches Bahnhofsfuhrwerk miethete, so da die Verkufer
nicht im Stande waren, die herbeigeholten Vorrthe, wie Brsen-Usance, von den
Bahnhfen in die Stadt zu schaffen und deshalb Tausende als Differenz zahlen
muten. Kaufmann und Produzent spekuliren jetzt mit dem tglichen Brot des
Unbemittelten. Jener Mann, der hier vorbeigeht, hatte an einem der letzten
Lieferungstage alles Korn aufgekauft und war so bescheiden, den Preis von blos
hundert Procent fr vierundzwanzig Stunden zu verlangen. Die Differenz wurde
diesmal mit den Fusten ausgeglichen und die Zahlungsart scheint jetzt
Brsengebrauch zu werden.
    Graf Pisani, der nur wenig auf die Redseligkeit seines Comissionairs gehrt,
sondern sich leise mit dem Abb unterhalten hatte, wandte sich zu ihm. - Die
beiden Herren, mit denen Sie vorhin sprachen, sind Polizeibeamte? Was thun sie
hier?
    Der hiesige Beamte, der bei dem andern dasselbe Geschft, wie ich bei
Ihnen, das des Cicerone, versieht, scheint die Geschfte eines unserer
Hauptfaiseurs zu beobachten, den ich Ihnen bereits bezeichnete. Der Fremde
scheint Sie, Herr Thomas, zu kennen, er erkundigte sich besonders nach Ihnen und
dem Herrn Grafen und ob Herr Thomas mit dem Herrn Attach bekannt sei?
    Und Sie bejahten?
    Versteht sich; es standen gerade einige unserer Fixer in der Nhe und
hrten jedes Wort. Die Vormundschaft eines unserer Privattheater ist in jener
Ecke stark vertreten. Des Abends erscheinen die Herren als Protektoren der
Kunst, obschon sie zum Theil nicht in besonderem Geruch stehen, des Vormittags
gehren sie zur Kategorie Nummer Zwei an der Brse. Der ltliche Herr dort, der
auch dazu gehrt, ist mir einer der Liebsten der ganzen Brse, solid und nobel;
dem kleinen Orientalen an seiner Seite ist neulich ein Gastwirth mit 20,000
Thalern durchgegangen und es schwebt ein interessanter Proze ber die Sache. -
Doch in fnf Minuten ertnt die Schluglocke und ich mu die Notirungen von
meinen Geschftsfreunden sammeln. Da wird die telegraphische Depesche eben
verlesen, die seit einer Stunde kein Geheimni mehr ist. Wenn es Ihnen Vergngen
macht, hren Sie zu.
    Der bereits erwhnte mit der Verffentlichung der Brsen-nachrichten
beauftragte Makler stand, von der Menge umdrngt, auf einer Erhhung und verlas
eben jene Depesche, mit der sich damals ganz Europa blamirte.
    Sie lautete:

        Paris, vom 3. Morgens. Der heutige Moniteur bringt eine aus Wien
        datirte Depesche des dortigen franzsischen Gesandten Baron Bourqueney
        mit der Meldung, da am 30. vorigen Monats in Bukarest ein Tatar mit
        Depeschen fr Omer Pascha eingetroffen, welche wegen dessen Abwesenheit
        nicht geffnet worden sind. Nach dem mndlichen Berichte des Tataren ist
        Sebastopol eingenommen, 22,000 Russen sind gefangen, 18,000 getdtet,
        das Fort Constantin ist in die Luft gesprengt und sechs russische
        Linienschiffe sind untergegangen.

    Die geheimen Faiseurs, deren Intrigue und Mittel wir angedeutet, machten
damit die glnzendste Spekulation. Nachdem die Course durch ihre wohlberechneten
Manver bedeutend im Steigen waren, verkauften sie enorme Summen zu diesen hohen
Stzen fr die nchste Abrechnung, gewi, da schon in den folgenden Tagen das
Ausbleiben der Besttigung und die entgegengesetzten Nachrichten die Course
wieder herabdrcken wrden. Die Profite, die damit an den Brsen von Wien,
Berlin und Paris in demselben Augenblick gemacht wurden, betrugen ber eine
Million.
    Der Abb war den darauf folgenden Tag mit den Bilancen beschftig. Als er am
zweiten der spanischen Tnzerin seinen Besuch machte und ihr eine Reise und ein
Gastspiel in Warschau und Petersburg vorschlug, fand er jedoch unerwartete
Ausflchte, ja zuletzt vllige Weigerung.
    Zwei Tage nachher war die Spanierin verschwunden, - wie es hie, in
Begleitung des russischen Frsten Jaboleff. Erst im Frhjahr kam sie unter'm
Schutz ihres neuen Mcens in den bhmischen Bdern wieder zum Vorschein. Man
sagt - so unwahrscheinlich es bei einer Tnzerin lautet - da sie den Frsten
wirklich geliebt, wenigstens sprach dafr, da die eigensinnige Donna in alle
Launen ihres Geliebten sich mit sclavischer Hingebung fgte. Wie es auch sei,
Liebe oder Weiberlaune hatte das Band gesprengt, das sie bisher den geheimen
Plnen dienstbar gemacht.

                                    Funoten


1 Brsenausdruck fr Staatsschuldscheine.

2 Statt Zehntausend, nach dem Brsengebrauch.

3 Kinder und Enkel werden die neuen und neuesten Actien-Emissionen genannt.

4 Franzsisch sterreichische Staatsbahn-Actien.

5 Die Brsenbezeichnungen auch in den Courszetteln sind: Brief (ausgeboten zu
dem Cours von ..., ohne Nehmer zu finden); Geld (gesucht zu dem Cours von ...,
aber nicht zu haben); bezahlt (wirklich gekauft zum Cours von ...).


                              II. Die Feuertaufe.

Der Morgen des 17. October zog heiter und lieblich herauf, denn in diesem Klima
ist der October gewhnlich der schnste Monat des Jahres. Der Himmel war
wolkenleer und auf dem Meer herrschte vollkommene Windstille.
    Unsere Erzhlung hat uns nach Sebastopol zurckgefhrt, nach Ssewastopol,
dessen Sdseite drei Wochen der Unthtigkeit des Feindes und der titanenhaften
Anstrengung seiner Vertheidiger zur furchtbaren Festung umgeschaffen hatten. Es
ist hier an der Zeit, einige Anfhrungen ber die Befestigungswerke zu geben, an
denen der khne Muth von Tausenden verbluten sollte.
    Die Befestigungswerke Ssewastopols vor der Krim-Expedition hatten offenbar
nur den Zweck, die Flotte des schwarzen Meeres und die ungeheuren Arsenale und
Vorrthe dieses Zwingpontus zu sichern und waren daher auch nur auf der Seeseite
stark. Ein Angriff von der Landseite durch die Trken, whrend die russische
Flotte das schwarze Meer beherrschte, schien undenkbar, und wir haben gesehen,
da man in unbegreiflicher Verblendung selbst damals, als die verbndeten Armeen
schon in Varna lagerten, ihn noch fr kaum mglich hielt.
    In den letzten Jahren der Regierung des Kaisers Nicolaus war zwar ein Plan
zur Befestigung auf der Landseite entworfen, aber nur theilweise ausgefhrt
worden. Die Festungswerke in einer Lnge von 6 Werst sollten sowohl die
eigentliche Stadt, als auch die Schiffer-Vorstadt (Karabelnaja decken und sich
von der Mndung des Kilen-Grundes1) um die Schiffer-Vorstadt herum bis an die
uerste Spitze der Sdbucht, von hier um die Stadt ziehen und an das
Quarantaine-Fort anschlieen.
    Diese Vertheidigungslinie bestand zur Zeit der Landung der Verbndeten auf
der grten Strecke nur aus einer einfachen Steinmauer, durch unvollendete Werke
und an einigen Stellen durch zur Vertheidigung eingerichtete Kasernen
(Defensiv-Kasernen) gedeckt. Ganz vollendet war nur der Theil auf der westlichen
Seite der Stadt von dem Seefort Alexander an, und auf der Ostseite der Sdbucht
(des groen Kriegshafens) der Thurm auf dem Malachof-Hgel (die
Kornitowski-Bastion).
    Die Annherung von der Seeseite wurde durch die bereits zu Anfang dieses
Bandes detaillirten Seeforts mit 700 Kanonen groen Kalibers vertheidigt, die in
zwei und drei kasemattirten Etagen placirt waren2).
    Der Mann, den General Schilder von seinem Sterbebett dem Frsten gesandt,
Totleben, dessen Patent als Oberst-Lieutenaut zum Dank fr die vor Silistria
geleisteten Dienste bald nach ihm in Ssewastopol, vom Kaiser unterzeichnet,
eingetroffen, hatte sein khnes Anerbieten gegen den Frsten wahr gemacht.
Whrend der vierzehn Tage der Waffenruhe entstand wie durch Zauberschlag ein
Grtel von Festungswerken um die Sdseite der Stadt. Mit jedem Tage wuchsen neue
Bastionen und Batterieen aus der Erde, fr deren Armirung das Arsenal und die
Schiffs-Artillerie unerschpfliche Quellen boten. Die Matrosen, die Sappeurs,
die Truppen, die Einwohner - Mnner, Weiber, Kinder selbst arbeiteten und lsten
sich Tag und Nacht ab, Jeder bot willig seine Habe, seine Krfte, sein Leben zur
Vertheidigung der Vaterstadt und des Bollwerks Rulands im Sden, und nach
Verlauf der zwei Wochen - die der Feind mit seinen Einrichtungen verbracht -
starrten mehr als 200 Geschtze schweren Kalibers von trefflich angelegten
Wllen ihm entgegen, bereit, ihn mit Geschossen aller Art zu begren, und
hinter diesen Geschtzen harrten todesmuthig die tapfern Land- und Seesoldaten.
    Whrend dieser kurzen Zeit entstanden die Bastionen Nr. 2, 3 und 4, beendigt
wurde der Bau der Bastionen Nr. 5 und 6 und der Batterieen vor der projectirten
Bastion Nr. 1 und bei dem Thurm auf dem Malachof-Hgel. Den Raum zwischen den
Bastionen deckten neuerbaute Batterieen, die unter sich mittelst Trancheen
verbunden waren. Am Ende der Sdbucht lag das Schiff Jehudil, dessen
Artillerie den Savandanakina- und Laboratornaja-Grund bestreichen konnte3).
    Zugleich war die Garnison, die am Tage nach dem Abzug des Frsten
Menschikoff und der Besetzung Balaclawa's durch die Alliirten thatschlich nur
aus 11,000 Mann Seesoldaten und Matrosen und 8 Bataillonen der Reserve-Brigade
der 13. Infanterie-Division bestand, bedeutend verstrkt worden. Am 28.
September schon trafen von Baktschiserai in den nrdlichen Festungswerken 29
Bataillone in der Strke von 23,000 Mann ein. Das Offensivcorps, mit dem sich
der Frst jenseits der Tschernaja nach dem Mekensiewaja-Berg zurckgezogen,
betrug zu dieser Zeit nur 25,000 Mann.
    Htten die Verbndeten gleich am Tage nach der Besetzung Balaclawa's eine
Recognoscirung gegen die Festung unternommen, so wrden sie unfehlbar die
Schwche der Sdseite erkannt und einen Sturm unternommen haben, der sie auch
bei der heldenmthigsten Vertheidigung in den Besitz der Stadt gesetzt htte.
Wie jedoch die Gefangennahme und der Tod seines Boten die Verbndeten vor einem
verderblichen Angriff auf dem Marsch nach Balaclawa bewahrte, also rettete
wiederum die Flucht des greifen Tabuntschik

nach jener Fhrung, die eine Opferung sein sollte und ein Verrath wurde, die
Stadt, denn die Generle der Feinde glaubten ihre Plne und ihre Schwche
entdeckt und waren in den ersten Tagen nur darauf bedacht, sich gegen jeden
Angriff von russischer Seite zu schtzen.
    Hierzu trug noch bedeutend der Wechsel des Oberkommando's und die Eifersucht
zwischen den Fhrern der beiden Nationen bei. Der Marschall Saint-Arnaud hatte,
bereits zum Tode krank, den Marsch nach Balaclawa in einer Snfte begleitet - er
wollte durchaus vor Sebastopol stehen. Schon vor Balaclawa jedoch trat das
Delirium ein und gnzlich entkrftet wurde er am 29. Mittags an Bord des
Berthollet gebracht, der sofort nach dem Bosporus absegelte. Kaum
eingeschifft, kam der Kranke wieder zu sich und unterhielt sich zuweilen mit
seinem Schwiegersohn und seinen Offizieren bei vollem Bewutsein. Augenzeugen
erzhlen, da er dabei wiederholt auf den schrecklichen Zug der franzsischen
Colonnen in die verpestenden Smpfe der Dobrudscha zurckkam. Um 41/4 Uhr wandte
er sich pltzlich in seinem Bett um und verschied - an derselben Krankheit, der
er zwei Monat vorher Tausende nutzlos und hilflos geopfert. Am Abend des 30.
warf der Berthollet in Therapia mit gestrichener Flagge seine Anker und setzte
die Leiche an's Land. -
    Am 1. October erst unternahmen von Balaclawa aus die verbndeten Generle
mit 4 Bataillonen eine Recognoscirung gegen die Festungswerke von Sebastopol und
fanden diese bereits so weit vorgeschritten, da sie sich berzeugten, ein
starkes Bombardement msse einem Sturm vorhergehen. Man beschlo demnach, die
Trancheen zu erffnen, und begann mit den Arbeiten am 4. October.
    Zunchst galt es, sich die Rcken- und Flankenlinien der Belagerungsarbeiten
zu sichern. Auf der Seite nach Westen deckte das Meer die Belagerer. Die
Franzosen hatten an der Kamiesch-Bai4) eine feste Stellung genommen und
schifften hier ihr Belagerungsmaterial und ihre Verstrkungen aus. Am 7. October
trafen bereits die 5. und 6. franzsische Division unter den Generlen
Levaillant und Pat und die afrikanischen Jger hier ein. Die Operationsbasis
und der Hafen der Englnder und Trken blieb Balaclawa und hier schifften sich
die von Constantinopel eintreffenden Verstrkungen aus.
    Die rechte Flanke der Verbndeten, beim Beginn der Belagerung hauptschlich
von den Englndern eingenommen, war von der Bodenbeschaffenheit beraus
begnstigt. Zunchst trennte das tiefe Thal der Tschernaja mit den steilen
Thalrndern auf eine weite Strecke nach Sden hin die Aufstellung der Alliirten
von der auf dem gegenber liegenden Ufer, dem Mekensiewaja-Berg und den
Inkerman-Hhen befindlichen Operationsarmee des Frsten Menschikoff. Dieser
Terrainschutz, den die beiden feindlichen Armeen genossen, erklrt auch, da
ungeachtet der zahlreichen Streitkrfte die Operationen im Felde keinen groen
Einflu auf den Gang der Belagerung und Vertheidigung Sebastopols haben konnten.
    Zwischen der Tschernaja und Balaclawa bildeten die unzugnglichen Schluchten
des Sapunberges den Schutz der Verbndeten, die hier 16 Feldschanzen aufgeworfen
hatten, um diese natrliche Mauer noch zu verstrken.
    In der Nacht vom 9. zum 10. October erffneten die Belagerer ihre erste
Parallele, die Franzosen mit 1600 Arbeitern unter dem Schutz von 8 Bataillonen
gegen die Mast-Bastion (Nr. 4 in einer Entfernung von 400 Saschen5). Die
Parallele sollte sich bis zur Quarantaine-Bucht erstrecken und mit 5 Batterieen
die russischen Werke auf dieser Seite beschieen. Die Englnder erbauten ihre
Parallele in der greren Entfernung von 600 Saschen gegen die Bastion Nr. 3 und
verlngerten sie an den folgenden Tagen gegen den Malachof-Hgel und die
stliche Seite der Schiffer-Vorstadt. Die Nacht war dunkel, ein starker
Nordostwind jagte schwarze Wolken daher, welche den ganzen Horizont bedeckten
und es der Garnison unmglich machten, den Beginn der Belagerungsarbeiten
sogleich zu bemerken und zu stren. Als der Tag anbrach, erffneten die
russischen Batterieen ein starkes Feuer, doch konnte dasselbe den Fortgang der
Arbeiten nicht mehr hindern. Am 13. bereits fhrten die Franzosen 53 Geschtze
in ihre Batterieen ein, die Armirung der englischen mit 73 Geschtzen groen
Kalibers, darunter 4 Lancaster-Kanonen, war erst am Abend des 16. beendet. Eine
zahlreiche Artillerie stand in Reserve.
    Am 15. October versammelten sich die verbndeten Generle und Admirle zu
einem Kriegsrath. Der Kommandant der englischen Escadre, Dundas, erklrte sich
entschieden dagegen, mit den Kanonen seiner Flotte die Landbatterieen durch
einen Angriff auf die Seeforts zu untersttzen, wurde aber berstimmt.
    Am Morgen des 17. sollten die Flotten in zwei Linien gegen die Rhede
vorrcken. Von der franzsischen Escadre, welche den rechten Flgel gegen das
Quarantaine-Fort, die Batterie Nr. 10 und das Alexander-Fort bildete, waren dazu
bestimmt in erster Reihe die Schiffe: Charles Magne, Montebello, Friedland,
Ville de Paris, Valery, Heinrich IV. und Napoleon; in zweiter: Algier, Marengo,
Marseille, Souffrant, Bayard und Jupiter. Das englische Geschwader, gegen das
Fort Constantin gerichtet, bestand aus der: Queen, Vengeance, Albion, Britannia,
London, Aretusa, Bellerophon, Rodney, Trafalgar, Agamemnon, Sanspareil, Terible
und Samson. In der Mitte, zwischen den englischen und franzsischen Schiffen,
standen 2 trkische - demnach 28 Schiffe mit ungefhr 500 Geschtzen ihrer
Breitseiten gegen die drei mit 260 Kanonen besetzten Seeforts. Tausend Geschtze
harrten somit am Morgen des 17. des Signals zum gegenseitigen Feuer.
    Wir haben gesagt, da der Octobermorgen hell und friedlich ber die
Berghhen im Osten empordmmerte; die aufgehende Sonne warf ihre ersten Strahlen
auf das Meer so leuchtend und glnzend, wie an jenem Morgen, als sie das Grab
Fatinitza's und ihres Geliebten vergoldete.
    Die Luft war rein, ein leichter Sdostwind, welcher den ganzen Vormittag
anhielt und die Bewegungen der Flotte erschwerte, strich ber die
Felsenplateaus. Aus dem Morgendunst tauchten die langen weien Huserreihen der
heiligen Stadt empor, die Schiffe lagen noch trge und regungslos auf den
spiegelglatten Fluthen des Meeres und der Rhede, da man sie fr todte Bilder
auf einem gemalten Ocean zu halten versucht war. Terrassenfrmig steigt hinter
der crenelirten Mauer auf dieser Seite die Stadt mit ihren Kirchen, stolzen
Gebuden aus weiem oder rothem Sandstein, ihren Grten und Baumgngen am Hgel
empor, der sich auf der Sdwestseite an 200 Fu hoch erhebt und sich dann zu der
Rhede, der Bucht und den Sdforts hinabsenkt.
    In einer Embrasre der Kapitale der Mast-Bastion sa der junge Frst
Barjatinski, der wackere erste Lieutenant des Wladimir, mit mehreren seiner
Kameraden plaudernd, whrend um ihn her die Matrosen die schweren
Schiffsgeschtze in Stand setzen, Kugeln huften, und die Werkzeuge der
Vernichtung von dem Thau polirten, der sich ber Nacht auf das blanke Metall
gelegt. Der 30. Flottenequipage nebst der Mannschaft des Wladimir unter dem
Oberbefehl des Vice-Admirals Novossilski war die Vertheidigung der wichtigen
Mast-Bastion anvertraut worden.
    Der Frst legte das Fernrohr, das er einige Augenblicke am Auge gehabt, aus
der Hand, glttete die gelben pariser Glac-Handschuhe schrfer ber die Hand
und holte aus der Tasche seines grauen Paletots den goldgestickten Tabacksbeutel
mit dem duftenden Latakia, um sich eine neue Cigarre zu drehen.
    Reich' mir die Lunte, Koschka, sagte er nachlssig, wir werden noch zu
verschiedenen Rauchwolken Zeit haben, ehe wir die ihren da drben aufsteigen
sehen. Willst Du Dich bedienen, Birjulew?
    Er warf einem in seinen Paletot auf dem Boden liegenden Offizier den Beutel
zu, whrend der riesige Matrose, den er angesprochen, mit der brennenden Lunte
eines Geschtzes herbeisprang.
    Ich bin neugierig, sagte der Offizier am Boden, ob sie ihre Schiffe in's
Gefecht bringen?
    Bah - vielleicht versuchen sie's, aber die Quarantaine und Constantin
wrden ihnen eine Lection geben, die sie fr knftig in gehriger Entfernung
hielte. Wie steht der Wind, Kusmenko? Der junge Aristokrat war zu blasirt, um
den Wolkenzug eines eigenen Blicks zu wrdigen.
    Sd-Sd-Ost, Euer Gnaden!
    Ein trefflicher Strich, um nach Odessa zu fahren.
    Was giebt es Neues in Petersburg? fragte der Lieutenant Birjulew. Ich
sah, da Sie gestern einen Brief erhielten.
    Gagarin von der Garde hat mir geschrieben. Der liebe Junge wute noch
Nichts von unserer Affaire an der Alma und glaubt mich schwerlich hier mein
Nachtlager auf dieser verteufelten Maner halten. Der Kaiser hat ein Witzwort
gemacht, und das luft durch die Stadt, weil es ziemlich selten passirt.
    Erzhlen Sie, Frst.
    Der Kaiser begegnet nach den neulichen Unterhandlungen mit Wien - Sie
wissen, da He, unser erbitterter Gegner, das Kommando der Invasionstruppen
erhalten hat - dem General Frst Radziwil. - Du bist ein Pole, Frst, sagt der
Kaiser, und wirst die Geschichte Deines Vaterlandes kennen. Kannst Du mir sagen,
welches die beiden dmmsten Regenten von Polen gewesen sind? - Der General
schaut ihn verlegen an und stottert: Nein, Sire! - Dann will ich es Dir sagen.
Sobieski ist der Eine, weil er Wien entsetzte, und ich bin der Andere, weil ich
Oesterreich rettete.
    Der Lieutenant lachte. - Ich meinte eigentlich, welche Neuigkeiten man vom
Kriegsschauplatz im Norden meldet?
    Ei so, ich dachte, Du verlangtest Petersburger Hofgekltsch. Nun, da sich
Bodisco in Bomarsund gefangen gegeben, statt sich und das Nest in die Luft zu
sprengen, ist keine Neuigkeit mehr - die Flotten haben seitdem einige
Plnderungen an der finnischen Kste verbt und beziehen ihre Winterquartiere in
Kiel, whrend die unsere in Kronstadt fault. Der Teufel hole das Glck zur
Marine zu gehren, ich habe es immer dem Grofrsten Constantin verdacht. A
propos, weit Du, da die Englnder das Schlo meines Onkels Woronzoff an der
Yalta geplndert haben?
    Massandra?
    Gewi. Auch des Grafen Potozki himmlische Besitzung Livadja und des Frsten
Dundukoff Gut Korjakoff sind von den Halunken unter dem Vorwand einer
Fouragirung vllig geplndert worden. General-Lieutenant Rischef hat jetzt eine
starke Recognoscirung nach dem Baidarthal gemacht und die Feinde knnen nur an
den Ksten fouragiren. Ich wrde Iwan Oczakoff rathen, seine schne Schwester
von Schlo Aya in Sicherheit zu bringen, so fest es auch auf den Klippen am Meer
gelegen ist. Wie ich hre, befindet sich berdies eine zweite Dame da, eine
Freundin des Obersten Wassiltschikoff, und das Beispiel der Frstin
Tschestsawadse lehrt uns, da es gefhrlich fr Damen ist, in der Nhe der
Feinde allzusehr auf die Sicherheit der Wohnung zu trauen.
    Hat man von den Unglcklichen Nichts weiter gehrt?
    
    Ei freilich! Schamyl hat die Damen - Du weit, da auch die Frstin
Orbelion und eine Verwandte der Tscheftsawadses, eine junge polnische Grfin,
die erst kurz vorher in der Kachetie eingetroffen war, ehe die Tschetschenzen
sie berfielen, mit gefangen genommen wurden, - in das Innere der Berge nach
seiner Felsenveste Pokhalski geschleppt und fordert ein unverschmtes Lsegeld.
Er will vierzigtausend Rubel und seinen Sohn Djemala-Din zurck.
    Wenn ich recht wei, ist dieser ja Offizier?
    Er steht bei den Ulanen in Podolien. Der Frst hat sich an den Kaiser
gewandt und ihm das Verlangen des Imams vorgelegt. Man kennt die Entscheidung
noch nicht. Schorte wos mi! Da regen sich die Franzosen und da drben auf der
Batterie des Krhennests geben die Unsern Signale. Wir wollen den Admiral
benachrichtigen lassen. - Heda, Fhnrich Bitschesko, meldet Seiner Excellenz,
da der Feind sich rhrt.
    Da kommt er selbst und Korniloff mit ihm.
    Das Ravelin herauf kamen langsam mehrere Reiter mit nebenhergehenden
Offizieren sprechend. Es war der Admiral Korniloff, der mit seinem Collegen
Novossilski herankam. Seit dem Tagesgrauen war der General-Stabschef des Frsten
Menschikoff, dem die Vertheidigung der Festungswerke anvertraut war, zu Pferde
und beritt die einzelnen Theile. Ein Urrah der Matrosen begrte den geliebten
Fhrer.
    Nun, Kinder, sagte der Admiral, ich frchte, es wird heute hei her
gehen, aber ich kenne Euch und wei, was Ihr leisten knnt. Bei Euch wird der
Lrmen zuerst anbrechen, deshalb bin ich hierher gekommen. Sieh' da,
Barjatinski! Guten Morgen, Kamerad!
    Er reichte dem Frsten die Hand. - Ah, meine Wackern von der Maria - toller
Koschka und Du, Bolotnikow, und der alte Schewtschenko. Wo ist Rostislaw, Euer
Batteriefhrer?
    Ich habe ihm die Batterie dort drben anvertraut, welche die Leute das
Krhennest nennen.
    Charoscho. Er wird seine Schuldigkeit thun. Was starrst Du mich so
trbselig an, Frst Petrowitsch, da wir doch zum Tanz gehen?
    Der junge Mann trat an den Admiral und deutete mit der Hand auf eine seltsam
geformte breite Waffe, die derselbe als Seitengewehr angeschnallt trug. Es war
eine Schaschka6 von alterthmlicher Arbeit, die breite Scheide mit groen
Stahlbuckeln belegt, der Griff von knstlich ciselirter Arbeit.
    Excellenz, sagte der Frst, es betrbt mich, da Du die Waffe heute
trgst. Ich bitte Dich, lege sie ab und nimm meinen Sbel.
    Nrrchen! kommst Du wieder mit der alten Geschichte. Ich hatte die
Schaschka zufllig zur Hand, aber da sie an meinem Gehenk ist, mag sie daran
bleiben. Wir haben keine Zeit zu Ammenmhrchen und vor den Kugeln der Feinde
steht der Admiral wie der Lieutenant. Leih' mir Dein Glas, Shnchen, und la
mich sehen, was die Franzosen beginnen.
    Er stieg vom Pferde und setzte sich an den Posten dem Signalmanns auf die
Blende, das Fernrohr am Auge, whrend seine Begleiter und die Offiziere der
Bastion ihre Blicke gleichfalls nach den Batterieen der Feinde richteten.
    Wir werden das Feuer der drei Batterieen dort auszuhalten haben, sagte der
Admiral, ich zhle 27 Enceinten, und wenn mich das Auge nicht tuscht, dort in
der rechten sechs stattliche Mrser. - An die Geschtze, Kinder - ich glaube,
sie beginnen ihr Feuer!
    Von dem Thurm der Kathedrale schlug es eben halb Sieben. Die Glockenschlge
waren noch nicht verklungen, als aus der dritten franzsischen Batterie eine
Rauchsule sich emporkruselte und ein dunkler Punkt im Bogen mit jenem
prasselnden Zischen durch die Luft kam, das den Bomben eigen ist. Der Knall
hallte durch die Luft und zwei weitere Schsse folgten unmittelbar darauf.
    Im nchsten Moment schien die Erde zu erbeben, die Luft zu erzittern. Ueber
dreihundert Geschtze schweren Kalibers hatten gleich als htten sie auf das
Signal gewartet, von beiden Seiten auf dem ganzen Halbkreis von der
Quarantainebucht bis zum Kilengrund ihr furchtbares Feuer begonnen und
schtteten einen Hagel eherner Todesboten rings umher.
    Korniloff beobachtete unbeweglich auf seinem ausgesetzten Posten die Wirkung
des Feuers, whrend der Unteroffizier, der mit der Signalisirung beauftragt war,
ungeduldig und besorgt daneben stand.
    - Deine Kugeln schlagen zu niedrig, Birjulew, sagte der Admiral, lasse
etwas weniger Pulver nehmen, oder visire hher - da - der Schu that seine
Wirkung, der Mrser ist demontirt!
    - Er sprang von der Brustwehr herunter und reichte dem Mann das Glas, der
alsbald den gefhrlichen Posten einnahm. - Und jetzt, Lieblinge, da ich Euch in
voller Arbeit sehe, will ich Euch verlassen und weiter. Gott schtze das heilige
Ruland!
    Der Ruf, wie ein Donnerrollen sich ber die ganze fernerspeiende Bastion
fortpflanzend, bertnte das Krachen der Geschtze. Nur einen Blick konnten die
an den Kanonen arbeitenden Leute auf den geliebten Fhrer werfen, der mit der
Hand winkend sie verlie und am Eingang des bedeckten Weges noch einige Momente
bei den auf den Tod oder die Verwundung ihrer Kameraden harrenden
Ersatzmannschaften verweilte. Dort drckte er Novossilski die Hand, bestieg den
harrenden Schimmel und ritt unter dem Regen der Kugeln nach der Bastion III. am
jenseitigen Ende der Sdbucht.
    Frst Barjatinski hatte den Admiral mit den Augen verfolgt, so weit er ihn
sehen konnte. Mit einem trben Kopfschtteln wandte er sich zu dem neben ihm
kommandirenden Birjulew. -
    Der heilige Andreas mge ihn schtzen, aber ich frchte, wir sehen ihn
nicht wieder. Die verfluchte Schaschka!
    Fragend schaute ihn der Offizier an. Aber die Antwort blieb der Befragte ihm
schuldig unter dem Donner der Geschtze. -
    Eine Bombe fr uns - sie ist bitterbse! Aufgepat links! schreit der
Signalist und das Krachen der einschlagenden gewaltigen Hohlkugel in die
Batterie selbst mahnt zur Vorsicht. Man wirft sich zur Seite, dennoch reit die
platzende Bombe sechs Mann zu Boden. Einige sind todt, Anderen hat sie Arme und
Beine abgerissen, Blut und Fleisch spritzen umher - aber die Geschtze sind zum
Glck unversehrt. Man hrt kein Sthnen, keine Klage; die Trger springen herbei
und bringen die Verwundeten nach dem Verbandplatz im Schutz der Kasematten.
Andere Leute treten an das Geschtz - Eins! - Zwei! - Sechs! - Feuer! - und
die Kugel fliegt wieder gegen den Feind. Matrosen schleppen ein Reservegeschtz
herbei fr eine von einer Vollkugel getroffene Kanone oder bringen frische
Cartouschen. Eine Granate schlgt in die Brustwehr ein, platzt und nimmt ein
Stck Erde mit hinweg. Leute nach oben! ertnt die Stimme des Kommandeurs der
Batterie. Eine Bombe ist in die Blendung geschlagen. - Ja, Euer Gnaden. -
Die Todesmuthigen springen nach der Decke der Wlbung und in einem Augenblick
ist der gewaltige Trichter mit Erde und Steinen verschttet. Da saust eine
zweite Bombe durch die Luft und das unglckliche Geschick fhrt sie auf dieselbe
Stelle, die Decke wird durchschlagen, die gewaltige fnfzigpfndige Kugel
springt und zerschmettert ein Dutzend Tapferer!
    Es ist 10 Uhr. Dicker Pulverdampf erfllt die Batterieen. Die Bastion
gleicht dem speienden Krater eines Vulkans, die Mnner an den Geschtzen, bis an
die Hften entblt, von Schwei, Erde und Pulver mit einer dicken Kruste
berdeckt, aus dem schwarzen Gesicht nur das Auge wei und grimmig leuchtend,
arbeiten wie die Teufel; die Offiziere gehen auf und ab und dirigiren das Feuer.
Vollkugeln, Granaten, Bomben fliegen, pfeifen, zischen, schlagen ein, platzen,
ricochettiren nach allen Richtungen. Jeder ist nur mit dem Zerstrungswerk
beschftigt, Niemand achtet auf die eigene Gefahr!
    Ein donnerndes Urrah! erschttert das Gewlbe der Batterie. Aus der ersten
Schanze der Feinde ist ein mchtiger Feuerstrahl durch den Pulverdampf
emporgestiegen, ein gewaltiges Krachen bertubt den Donner der Geschtze auf
der meilenlangen Feuerlinie: das Pulvermagazin der franzsischen Batterie ist in
die Luft geflogen; - drei Viertelstunden vorher hat die vierte feindliche
Batterie dasselbe Schicksal gehabt und mehr als 50 Mann wurden dabei getdtet
und verwundet. Die brigen drei franzsischen Batterieen waren jetzt nicht mehr
im Stande, das frchterliche Feuer der drei Ssewastopoler Bastionen und der
zahlreichen Batterieen krftig zu beantworten und der General Canrobert berlie
es dem Kommandanten der Artillerie, Thiry, den Kampf nach eigenem Ermessen
einzustellen. Um 11 Uhr schwiegen smtliche franzsische Batterieen. Von den
fnf war die eine durch das explodirende Pulvermagazin gnzlich vernichtet, in
den anderen waren 19 Geschtze demontirt. An 400 Todte und Verwundete blieben in
der franzsischen Parallele.
    Aber auch der Verlust und die Zerstrung in den russischen Werken war nicht
unbedeutend. Auf dem Kampfplatz, von dem wir den Leser der Erffnung des Feuers
haben beiwohnen lassen, lagen zwischen Blut und Trmmern, keuchend von der
gewaltigen Anstrengung, die erschpften Kmpfer an ihren Kanonen, die frische
Luft in die erhitzten Lungen saugend, die der Wind durch die breiten, von den
Kugeln der Feinde erweiterten und zerrissenen Schiescharten herein wehte.
    Auf der Blendung standen die Offiziere, die dem Kugelregen glcklich
entgangen, oder doch nur leicht verwundet worden waren, und schauten nach der
feindlichen Flotte, deren letzte Schiffe merkwrdiger Weise eben erst von den
Dampfern in die Schlachtlinie bugsirt worden waren und die jetzt ihre
Breitseiten gegen die Rhede-Forts und die drei stlichen Bastionen kehrten, zum
Gefecht fertig. -
    Der Spektakel, sagte Novossilski, wird sogleich wieder auf's Neue
angehen; es ist gut, da wir Luft haben von der Landseite. Ich begreife nicht,
warum die hlzernen Rosse Alt-Englands uns so lange Ruhe gelassen.
    Ich wette fnfzig Rubel, der Admiral befindet sich in der Quarantaine und
wartet dort auf den ersten Gru, sonst htten wir ihn lngst wieder hier
gesehen.
    Ich glaube eher, sagte Barjatinski, er ist auf der andern Seite der
Bucht, das Feuer ist dort noch sehr heftig und er mag die Englnder nicht
leiden.
    Was meintest Du vorhin mit der Schaschka, Kamerad? fragte der Lieutenant
Birjulew.
    Der Frst blickte nach den feindlichen Schiffen. - Ihre Signale fangen an
zu spielen, wir haben also noch fnf Minuten Zeit und ich kann Ihnen die
unheimliche Geschichte erzhlen, die mir das Herz schwer macht. Der Teufel hole
die Schaschka!
    Was hat der Teufel mit der Schaschka zu thun, die mir eine schne alte
Waffe zu sein schien?
    Vorzglich; der Stahl der Klinge ist wundervoll. Sie gehrte dem armen
Schelesnow, den vielleicht Einige von Ihnen gekannt haben. Er war als Courier
nach Tiflis geschickt worden und hatte sie auf der Reise von dort nach
Suchum-Kale fr dreiig Rubel gekauft.
    So billig?
    Das meinte ich auch, doch Schelesnow erwiederte mir, da sie Niemand htte
kaufen wollen eines Aberglaubens wegen. - Die Schaschka hatte unter den
Tschetschenzen den Ruf, Jeder, der mit derselben in den Kampf ginge, wrde
unfehlbar umkommen oder tdtlich verwundet.
    Und er kaufte sie dennoch? Ich meine, die Seeleute sind gerade sonst
aberglubisch.
    Schelesnow spielte den Freigeist und lachte ber die Sage, als er sie mir
erzhlte. Es war am Bord des Wladimir, als wir mit Admiral Korniloff von Varna
kamen. Wir stieen auf das trkische Dampfschiff Pervas Bachre und unsere
Kanonenkugeln begrten es. Wir fuhren auf Karttschenschuweite heran und
unsere Mannschaft machte sich fertig zum Entern. Ich sah, wie Schelesnow den
kaukasischen Sbel umschnallte. - Haben Sie die verhngnivolle Eigenschaft
vergessen? fragte ich ihn. Er antwortete: Gott bewahre, aber ich glaube nicht
daran, und eilte auf das Verdeck. Der Karttschenschwarm sauste uns ber die
Kpfe, als ich zur Batterie kam, um die Anordnungen zur Abordage zu treffen. Da
sehe ich, wie die Matrosen einen verwundeten Offizier aufheben, aus dessen Brust
sich das Blut stromweise ergiet: es war Schelesnow, eine Kugel hatte ihn in die
Brust getroffen, fnf Minuten spter, nachdem er die Schaschka angeschnallt, und
nun klirrte sie, von der Leiche nachgeschleppt, gegen das Verdeck7. Ich ergriff
die verhngnivolle Klinge und wollte sie in meiner ersten Aufwallung ber Bord
werfen; aber unwillkrlich erfate mich ein unberwindliches Gefhl, dieselbe
zum Andenken an den gefallenen Kameraden aufzubewahren, und ich that es.
    Aber wie kommt die Schaschka in den Besitz des Admirals?
    Er befahl mir, den Nachla Schelesnow's aufzunehmen und er wurde, wie es
Sitte, vor dem Mast versteigert. Dem Admiral gefiel die unglckliche Waffe und
er berbot mich.
    Und sagten Sie ihm Nichts von ihren schlimmen Eigenschaften?
    Ich that es, aber er lachte mich aus und meinte, er glaube nicht an
Vorurtheile und ich wre eben so gefhrdet wie er. Sie haben es vorhin nochmals
mit angehrt. Mir war weh um's Herz, als ich ihm die Schaschka berreichte und
ich zrnte mit mir selbst, da ich nicht dem unbegreiflichen Wunsch, sie
aufzubewahren, statt sie in's Meer zu schleudern, widerstanden. Der Admiral aber
scheint eine besondere Liebhaberei an der Waffe zu haben, denn schon mehrfach
sah ich sie ihn tragen.
    Ohne da sie ihm geschadet hat? lachte der Sappeur-Capitain.
    Der Admiral ist seitdem noch in keinem Gefecht gewesen, sagte
kopfschttelnd der Seemann. Ich wnschte, es wre Abend, wie es jetzt - er sah
nach der Uhr - Mittag ist. - Und da kommt Arbeit fr uns!
    An der Signalleine der Queen flatterte das Signal Fertig zum Feuern! und
die Breitseite des riesigen Dreideckers hllte sich in Feuer und Rauch. In der
nchsten Minute legte sich ein Flammengrtel ber die ganze Breite der Rhede,
Land und See war in Dampf gehllt, die Bomben kreuzten hoch durch die Luft und
schmetterten auf die Stadt und hinber ber die Bucht bis zum Malachof-Hgel und
der furchtbare Kampf begann auch auf dieser Seite auf's Neue.
    Whrend die Batterieen der Westseite der Stadt, das Constantin-, Alexander-
und Quarantaine-Fort mit einem furchtbaren Feuer der vereinigten Flotte
antworteten, dauerte der Kampf auf der Ostlinie gegen die englischen Batterieen
ununterbrochen fort. Dieselben waren zweckmiger als die franzsischen in der
Entfernung von 600 Schritt von den russischen Werken erbaut und litten daher
weniger von dem Feuer. Zahlreich mit schwerem Geschtz - dreiundsiebenzig 68-,
46-, 32- und 24pfndigen Kanonen und zehnzlligen Mrsern bewaffnet und mit
einem Ofen fr die glhenden Kugeln versehen, erzielte die englische Artillerie
bei diesem ersten Bombardement grere Resultate als die franzsische. Dennoch
widerstanden auch hier die Russen mit Glck. Die Erde zitterte wie bei einem
Erdbeben von der gewaltigen Erschtterung der Atmosphre, der Luftzug war von
dem heftigen Feuer erloschen und der Pulverdampf bedeckte so dicht die Umgegend,
da man nur nach dem Blitzen der feindlichen Schsse die Geschtze richten
konnte.
    Es war 12 Uhr, als der tapfere Leiter der Vertheidigungs-anstalten,
Vice-Admiral Korniloff, nachdem er wiederholt die Linien beritten, sich auf dem
Malachof-Hgel befand. Er hatte sich eben von seinen Freund und Kameraden
Nachimoff getrennt, der mit riesenhafter Thtigkeit die Vertheidigung auf der
Bastion III. leitete, deren Geschtzbedienung bereits drei Mal hatte ersetzt
werden mssen. Als er eben vom Thurm bis zur Brustwehr gehen wollte, um sein
Pferd zu besteigen, traf ihn eine Kanonenkugel und ri, die unheilkndende Waffe
8 zerschmetternd, ihm das linke Bein am Unterleibe weg.
    Heulend vor Schmerz und Wuth warfen sich die treuen Matrosen auf den
geliebten Fhrer und trugen ihn zur nchsten Verbandanstalt. Nur noch bis zum
Abend lebte der tapfere Kommandant der Matrosen des schwarzen Meeres. Als man
ihm kurz vor seinem Tode die Nachricht mittheilte, da die feindlichen
Batterieen zum Schweigen gebracht worden, rief er ein Hurrah! und starb.
    Um drei Uhr Nachmittags begannen die Schiffe, eines nach dem andern mit
Hilfe der Dampfer sich aus der Kampflinie zurckzuziehen, um 6 Uhr war die ganze
alliirte Flotte aus dem Schubereich der russischen Batterieen und steuerte
theils der Rohr-Bai, theils der Mndung der Katscha zu, um Havarie auszubessern.
    Diese war sehr bedeutend - namentlich hatte das Feuer des Fort Constantin
furchtbar gewirkt. Auf dem franzsischen Admiralschiff - Ville de Paris - war
der ganze Stab Hamelin's verwundet, nur er selbst blieb in dem Regen der Bomben
wie durch ein Wunder verschont. Auch der Montebello, Friedland, Napoleon
und Karl der Groe hatten schwer gelitten. Von den englischen Schiffen, die
dem Fort Constantin gegenber gestanden, waren die Agamemnon, Albion und
Queen bedeutend beschdigt. Bei keinem spter Bombardement wagten die Flotten
wieder, den Forts so nahe zu kommen.
    Aus den englischen Batterieen hatte sich das Feuer hauptschlich gegen die
Bastion III. gerichtet, deren Geschtze um die dritte Nachmittagsstunde fast
smtlich demontirt waren. Doch war auch der Schaden in den britischen Linien
bedeutend; um 4 Uhr flog dort gleichfalls ein Pulvermagazin in die Luft und am
Abend erwiderten nur noch zwei Geschtze das Feuer.
    Mit einbrechender Dunkelheit schwieg das Feuer der Kanonen gnzlich und die
Stille der Erschpfung, des Todes lagerte sich ber die Stadt und ihre Umgebung.
    Der Verlust der Alliirten betrug auf den Flotten allein nach den offiziellen
Berichten 527 Mann, in den Trancheen mindestens eben so viel. Die Russen zhlten
gleichfalls 1200 Todte und Verwundete.
    Ssewastopol hatte seine Bluttaufe siegreich bestanden!

                                    Funoten


1 Die stlichste kurze Einbuchtung der Rhede von Sebastopol auf der Sdseite.
Zwischen dem Kilen-Grund und der groen Sdbucht mit der davon an der Mndung
abzweigenden kleineren Schifferbucht liegt die Schiffer-Vorstadt.

2 Hiervon am Eingang sdlich das Quarantaine-Fort mit 60, Fort Alexander mit 90
Geschtzen, nrdlich Fort Constantin mit 110 Kanonen. Diese 260 Geschtze
konnten gegen die Flotten auf der Auenrhede operiren.

3 Den geehrten Lesern, die bei der Lectre einen Plan Sebastopols nicht zur Hand
haben, kann die nachfolgende typographische Situationsangabe wenigstens dazu
dienen, die Reihefolge und Stellung der Bastionen fr spteren Gang der
Erzhlung in der Erinnerung zu halten.

4 Kamischewaja-Bai - Rohr-Bai.

5 Etwa 1400 Schritt.

6 Ein tscherkessisches Schwert.

7 S. die Scene Band II., Seite 87.

8 Die Stcken der Waffe befinden sich im Besitz der Familie des Admirals.


                            Balaclawa und Inkermann.

Die Namen stehen blutig eingezeichnet im Buch der Weltgeschichte!
    Das erfolglose Bombardement vom 17. October, dem sie nicht einmal den
Versuch eines Sturmes folgen lassen konnten, nthigte die Alliirten zu einer
regelmigen Belagerung der Festung. Wir haben bereits ausgefhrt, wie ihre
erste Sorge dahin gegangen war, durch Befestigung des Sapunberges und der
Zugnge nach Balaclawa ihre Operationsbasis zu sichern. Hierhin richteten sich
natrlich auch die Blicke des Oberkommandanten der russischen Armee.
    Einstweilen erwarteten beide Theile die Ankunft neuer Verstrkungen. Die
Alliirten, auf ihre bedeutenden Hilfsmittel und ihre Ueberlegenheit an Zahl
vertrauend, hofften, durch eine regelmige Belagerung die Stadt bis zum
Einbruch des Winters zu erobern. Die Englnder setzten ihr Feuer aus 68
Geschtzen fort und am 19. waren auch die franzsischen Batterieen so weit
wieder hergestellt, um das ihre beginnen zu knnen. Die Beschieung wurde
fortgesetzt, ohne da der eine oder der andere Theil wesentliche Nachtheile
davon hatte. Die Russen, die durch das Bombardement tglich etwa 300 Mann
verloren, besserten ber Nacht regelmig ihre Schden wieder aus, ersetzten die
zerstrten Mauern durch zweckmige Erdwerke und errichteten neue unter der
rastlosthtigen Leitung der Ingenieur-Arbeiten durch Totleben, der nach dem
ersten Bombardement zum Obersten ernannt worden. Die Linie der Befestigungswerke
war zur besseren Oberleitung der Vertheidigung in vier Abtheilungen getheilt,
welche zu dieser Zeit der General-Major Asnalowitsch, Vice-Admiral Novossilski,
Contre-Admiral Panfilof und Contre-Admiral Istomin befehligten.
General-Lieutenant Kirjakof kommandirte die Reserven, Kommandant der gesamten
Truppen, die aus 57 Bataillonen bestanden, war der General-Lieutenant Moller,
Hafen-Gouverneur der Vice-Admiral Staujukowitsch, Kommandant der 13
See-Equipagen der Vice-Admiral Nachimof.
    Die englischen Batterieen warfen zahlreiche Raketen in die Stadt, doch ohne
viel Erfolg; dagegen litten die Vertheidiger durch das Bchsenfeuer der Zuaven
und Jger von Vincennes bedeutend. Die Franzosen waren bis zum 25. mit ihren
Trancheen bis auf 750 Schritt an die Festung herangekommen und die Besatzung
unternahm seit dem 20. allnchtlich kleine Ausflle gegen sie oft mit bestem
Erfolg.
    Die Operationsarmee der Russen war nach der Almaschlacht, wie bereits
erwhnt, zu schwach, um etwas Entscheidendes gegen die Belagerungsarbeiten der
Verbndeten unternehmen zu knnen. Der Frst, der seitdem nur durch 12
Schwadronen Reiter unter General-Lieutenant Rischof und einige Bataillone aus
Kertsch und Feodosia verstrkt worden, mute die Ankunft des 4. Infanterie-Corps
abwarten, das in Eilmrschen aus Bessarabien nach der Krim beordert war. Leider
fr den Erfolg der Russen vermochte er seine Ungeduld nicht zu zgeln und
beschlo, als am 22. in der Nhe von Ssewastopol die 12. Infanterie-Division des
General-Lieutenants Liprandi eingetroffen war, ohne die brigen Abtheilungen des
Corps abzuwarten, die Operationsbasis der Verbndeten anzugreifen und sie von
Balaclawa abzuschneiden.
    Das Centrum der Russen befand sich in dem Dorfe Tschorgun auf dem rechten
Ufer der Tschernaja. Zwei Wege fhrten von hier nach Balaclawa, der eine rechts
durch das stark verschanzte Dorf Kadikoi, im Thal zwischen dem Sapunberg und den
Bergen sdstlich von Balaclawa gelegen, und der linke nher den letzten Bergen.
Beide liefen quer ber die groe Woronzoff-Strae, welche sich von Sebastopol
nach der Yalta zieht. In dem Thal um Balaclawa und Kadikoi standen die
englischen Truppen, durch eine doppelte Reihe von Redouten und Verschanzungen
gedeckt, deren vorderste an der Woronzoff-Strae von den Trken besetzt war.
Hinter Kadikoi lag die englische Kavallerie. Jenseits des Sapunberges standen
auf den Hhen desselben in gesicherter Stellung als Observations-Corps gegen die
an der Rhede sich hinwindende, von Sebastopol zunchst nach Inkermann fhrende
Strae die beiden franzsischen Divisionen des Generals Bosquet.
    Die Leitung des Angriffs am 25. October war dem General Liprandi bertragen.
17 Bataillone, 22 Schwadronen mit 10 Sotnien Kosacken und 52 Geschtze sollten
denselben von drei Richtungen unternehmen. Der Frst lie auerdem, um die
rechte Flanke des Angriffs zu decken, eine Brigade mit 10 Geschtzen unter
General-Major Schabokritski in der Nacht die Tschernaja berschreiten und sich
gegen den Sapunberg aufstellen. Die Dispositionen waren, nach dem Urtheil aller
Militairs, vortrefflich, aber das zur Ausfhrung kommandirte Corps zu schwach,
um einen dauernden Erfolg zu sichern. General-Lieutenant Rischof fhrte von der
Traktirbrcke1 her die rechte Colonne, General-Major Semiakin die mittlere
direkt auf Kadikoi los, General-Major Gribbe die linke gegen Kamari zur Umgehung
der feindlichen Stellung. Schon bei Tagesanbruch waren die russischen Colonnen
auf dem Marsch, um 6 Uhr gelangte das mittlere Corps an die ersten Redouten,
erffnete das Feuer und nahm sie im Sturm. Die Trken verlieen sie zum Theil in
wilder Flucht und um 71/2 Uhr wehte die russische Fahne auf allen vier Schanzen.
Die Geschtze wurden vernagelt oder unbrauchbar gemacht, die Vorrthe zerstrt
und die russische Artillerie begann von dieser Position aus die bei Kadikoi und
Balaclawa aufgestellten englischen Truppen und das Lager zu beschieen. Die
linke russische Colonne hatte sich gleichfalls glcklich des Dorfes Kamari
bemchtigt.
    General-Major Colin-Campbell eilte mit dem 93. schottischen Regiment zur
Untersttzung der Trken herbei, die Kavallerie der Englnder unter Lucan schlo
sich ihm an und die flchtigen Trken sammelten sich unter ihrem Schutz. Um 8
Uhr erschienen Lord Raglan und Canrobert auf dem Schlachtfelde und beorderten
eilig von Balaclawa her starke Reserven, um die verlorene Stellung wieder zu
gewinnen.
    Die vierte englische Division Cathcart und die erste Garde-Brigade des
Herzogs von Cambridge rckte gegen die Woronzoff-Strae vor. Zugleich lie
Bosquet einen Theil der 1. Division und einige Schwadronen reitender
afrikanischer Jger in das Thal vorgehen.
    General Liprandi ertheilte jetzt dem General-Lieutenant Rischof den Befehl
zum Kavallerie-Angriff und die Husaren-Brigade mit den uralskischen Kosacken und
zwei reitenden Batterieen strzten sich im Galopp auf die Hochlnder Campbell's
und die Dragoner des General Scarlett, die Wagenburg, welche die Schotten vor
ihrer Stellung aufgefahren, attakirend. Aber festen Fues - Schulter gegen
Schulter, wie das berhmte Kommando der Hochlnder sagt, - empfing sie die
Infanterie und eine Batterie der Brigade Scarlett begrte die kecken
Steppenreiter mit ihren Karttschenladungen. Die russische Kavallerie wurde
geworfen und hinter ihr drein donnerten die schweren Dragoner der Briten, bis an
die eroberten Redouten. Hier jedoch wandte sich das Glck - ein vernichtendes
Feuer der russischen Batterieen brach die Reihen der Dragoner und brachte sie in
Unordnung. Mit groem Verlust zogen sie sich zurck.
    Lord Raglan sah mit Groll die Niederlage seiner Reiterei unter den Augen der
Franzosen und wollte um jeden Preis die englischen Geschtze wieder haben,
welche die Russen mit den Redouten erobert hatten. Der stolze Somerset2, der
Adjutant und Neffe des eisernen Herzogs, der seine Sporen beim jammervollen
Siege von Kopenhagen geholt, aber sie dann auf den blutigen Schlachtfeldern von
Fuentes d'Onores, Badajoz und Salamanka verdient hatte, der bei Quatre Bras
gegen Kellermann's schwere Reiter mit dem tapfern 42. Regiment gekmpft und vor
Waterloo den rechten Arm gelassen, - hatte in dem siebenundzwanzigjhrigen
Kamaschendienst voll Unthtigkeit und militairischer Pedanterie, welche die
englische Armee zur schlecht organisirtesten Europa's hat werden lassen, - die
Ritterthaten seiner Jugend nicht vergessen. Seine Adjutanten flogen zu dem
Kommandanten der Kavallerie, dem Grafen Lucan, und berbrachten ihm den Befehl,
die russische Stellung durch Lord Cardigan's leichte Kavallerie-Brigade, welche
den linken Flgel bildete, attakiren und die zurckgehenden Husaren und Kosacken
verfolgen zu lassen.
    So unfhig sich beide britische Reiterfhrer auch im Fortgang des Feldzugs
gezeigt haben, so hatten sie doch Einsicht genug, zu sehen, da die Ausfhrung
dieses Befehls mit groer Gefahr verbunden war. Selbst wenn die englische
Reiterei die russische Schlachtlinie durchbrach, konnte sie leicht in das
Kreuzfeuer der Artillerie zweier Corps gerathen.
    Der Adjutant des kommandirenden Generals harrte daher, nachdem er dem Grafen
den Befehl berbracht, vergeblich einige Minuten auf Antwort, whrend dieser
ngstlich sich mit seinem Stabe berieth. Ungeduldig fragte er endlich: Wollen
Euer Herrlichkeit dem General-Feldzeugmeister eine Antwort senden?
    Mein Herr - sagte der Graf, ich gestehe Ihnen, ich glaube den Befehl des
Lords miverstanden zu haben. Er kann unmglich verlangen, da Kavallerie die
verlornen Redouten wiedernimmt?
    Ich habe Euer Herrlichkeit nur meine Befehle zu berbringen, das Weitere
ist Ihre Sache.
    So haben Sie die Gte, sagte der Graf hochmthig, die Ordre in Gegenwart
dieser Herren nochmals langsam und deutlich zu wiederholen.
    Der Adjutant that es.
    Jetzt, mein Herr, melden Sie dem General, da wir thun werden, was
englische Kavallerie thun kann, da es aber nicht meine Schuld ist, wenn heute
Abend die britische Krim-Armee keine Kavallerie mehr besitzt. Vorwrts, Mylord
Cardigan! lassen Sie die 4. und 13. leichten Dragoner die Hhe der Redoute links
umgehen und den Angriff beginnen, whrend das 14. Regiment und die Husaren als
zweites Treffen nachrcken.
    Die Trompeten bliesen und die leichten Dragoner trabten mit jenem
todesverachtenden Trotz gegen die Batterieen, welcher immer den
Bulldog-Charakter der englischen Soldaten ausgezeichnet hat. Die Regimenter
umgingen die Hhe und attakirten die russischen Husaren und Kosacken trotz des
Karttschenfeuers zweier russischen Batterieen in beiden Flanken und ohne auf
das Heckenfeuer des Odjessa'schen Jger-Regiments zu achten. Das 14.
Dragoner-Regiment und die beiden Husaren-Regimenter 8 und 11 drangen nach und
warfen sich auf eine donische Batterie, deren Bedienung sie in Stcken hieben.
Das blutige Handgemenge wogte gleich einem Knuel zwischen den Hgeln hin und
her und das Feuer der russischen Batterieen mute inne halten, um nicht Feind
und Freund zugleich zu vernichten. Der Kommandant der 2. Brigade der russischen
Kavallerie, General-Major Ghalezki, fiel; nur mit Anstrengung behaupteten die
Husaren und Kosacken das Gefecht.
    In diesem Augenblick strzte sich der Oberst Jeropkin mit seinem
Ulanen-Regiment, das so eben erst auf dem Schlachtfelde eingetroffen war und
hinter den Odessaer Jgern eine verdeckte Aufstellung genommen hatte, auf die
rechte Flanke der englischen Kavallerie. Der Sto war furchtbar und von dem
glnzendsten Erfolge begleitet. Die ganze Reiterbrigade wurde vollstndig
geworfen, gerieth in die grte Unordnung und wandte sich zur wilden Flucht,
verfolgt von den Ulanen, niedergeschmettert von den Karttschen der Batterieen
auf den Hgeln und des Schabokritski'schen Corps. An fnfhundert Reiter lieen
die Englnder auf dem Kampfplatz.
    Die Flucht war so ungestm und unaufhaltsam, da sie selbst die schwere
Dragoner-Brigade Scarlet's, welche Lord Raglan seiner leichten Kavallerie zu
Hilfe gesandt, mit sich fortri - die englische Reiterei verschwand vom
Schlachtfeld. Vom Sapunberg aus hatte man die Vernichtung der leichten
britischen Kavallerie beobachtet. Der franzsische Obercommandant lie daher -
freilich etwas spt - drei Schwadronen seiner afrikanischen Jger einen Angriff
auf die Batterieen Schabokritski's am Abhang der Pedjuhinni-Berge machen; die
herbeieilende Infanterie jedoch warf sie zurck.
    Um 9 Uhr hatten die Verbndeten bereits 20,000 Mann im Thal von Kadikoi
vereinigt und verstrkten sich fortwhrend. Aber die unglckliche Attake der
englischen Kavallerie hatte einen solchen Eindruck auf die Generle und die
Truppen gemacht, da man nicht wagte, nochmals gegen die von den Russen
besetzten Hhen vorzugehen. Htten diese zu Anfang des Treffens mit einer
gengenden Macht ihre Vortheile verfolgen knnen, so ist wohl kein Zweifel, da
es ihnen gelungen wre, Balaclawa zurck zu erobern, ein Sieg, der die
Verbndeten zur Wiedereinschiffung in der Kamiesch-Bai gezwungen htte.
    Die Artillerie setzte von beiden Seiten die Kanonade bis zur vierten
Nachmittagsstunde fort, dann zogen die Alliirten ihre Truppen in's Lager zurck;
die Russen behaupteten das Schlachtfeld.
    Die englische leichte Kavallerie war fast zur Hlfte vernichtet - was davon
brig, machte bald die grnzenlose Unordnung der Verwaltung und die
Fahrlssigkeit der Fhrer kampfunfhig.
    Die Belagerung der Stadt schritt nur langsam vorwrts, da die Stellung der
Russen bei Tschorgun und gegen Balaclawa die Alliirten nthigte, hierhin alle
ihre Krfte und all' ihre Aufmerksamkeit zu richten. Die Gegner verschanzten
sich Aug' in Aug' in ihren festen Stellungen.
    Unterdessen waren auf beiden Seiten bedeutende Verstrkungen eingetroffen.
In den ersten Tagen des November zhlte die franzsische Armee wieder 49
Bataillone, 8 Schwadronen und 96 Feldgeschtze, die englische 32 Bataillone, 20
Schwadronen und 24 Geschtze, die trkische Division bestand aus 8 Bataillonen,
- so da die gemeinsame Strke etwa 70,000 Mann betrug: 35,000 Franzosen, 23,000
Englnder und 12,000 Trken.
    Die russischen Landtruppen in Sebastopol und der Umgegend bestanden jetzt
aus 103 Bataillonen, 58 Schwadronen, 22 Sotnien Kosacken und 282 Geschtzen, im
Ganzen aus 82,000 Mann, waren also strker als die Verbndeten, aber getheilt in
die Vertheidigung der Stadt und das Observations-Corps.
    Unter diesen Verhltnissen beschlo der Frst Menschikoff, jene Offensive zu
ergreifen, die eine bleibende und ruhmvolle Stelle in der Geschichte der
blutigen menschlichen Kmpfe mit dem Namen der Schlacht von Inkermann bewahren
wird.
    Der strategische und taktische Plan dieser Schlacht ist einer der
vorzglichsten, die je gefat wurden, und wrde dem Genie Friedrich des Groen
und Napoleon's nicht zur Unehre gereicht haben. Was ihn scheitern lie, waren
Dinge, die auer der Berechnung des Feldherrn lagen.
    Die Brcke von Inkermann fhrt ber die Tschernaja nahe ihrem Ausflu in das
Ende der groen Bucht von Sebastopol. Die neue Sappeurstrae und die alte
Poststrae laufen, von der Festung kommend, an ihr zusammen, die erste in der
Nhe des Buchtufers hinfhrend, die andere zieht sich eine Strecke durch den
Kilengrund und windet sich dann in engem Defilee durch die Hhen, wobei auf der
Seite nach der Tschernaja das Thal so morastig ist, da die Strae mehr als
tausend Schritt ber enge Faschinendmme luft.
    Whrend die Franzosen auf dem sdstlich liegenden Sapunberg mit zwei
Divisionen unter Bosquet sich stark verschanzt hatten, war den Englndern die
Deckung des Terrains zwischen dem Sapunberg und dem Kilengrund, durch welches
eben die beiden Straen von der Tschernaja her fhren, berlassen. Sie hatten
jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Belagerungsarbeiten gerichtet, ohne an
die Deckung der Wege zu denken, und erst Ende October wurden drei Redouten zum
Schutz des rechten englischen Flgels und des Lagers hier flchtig aufgeworfen,
von denen die erste, auf der Hhe ber der alten Poststrae gelegen, diese
vollstndig beherrschte, whrend die beiden andern weiter rckwrts lagen.
    Diese Umstnde waren dem Frsten Mentschikoff wohl bekannt und er beschlo
daher, die Englnder durch die gefhrlichen Defileen anzugreifen. Durch die
Besitznahme der Hhen, welche sich auf beiden Seiten des Kilengrundes befinden,
wre das russische Offensiv-Corps in unmittelbare Verbindung mit der Garnison
Sebastopols gekommen; es konnte seine berlegene Kavallerie gegen den Feind
verwenden und dieser wre gezwungen gewesen, die Belagerung des stlichen
Stadttheils aufzuheben, welche spter eben den Sieg entschied.
    Wir haben bereits erwhnt, da die Disposition des Frsten eine
ausgezeichnete war. Der Angriff sollte, um die Feinde zu tuschen, von
verschiedenen Seiten her geschehen. Zunchst sollte eine starke Colonne von 29
Bataillonen und 38 Geschtzen unter General-Lieutenant Ssoimonoff aus der Stadt,
und zwar von der Bastion II. hervorbrechen und die Hhen des Kilengrundes in
Besitz nehmen; eine zweite Colonne mit 20 Bataillonen und 96 Geschtzen unter
General-Lieutenant Pawloff, dem wir gleich Ssoimonoff bereits bei dem Kampfe um
Oltenitza und Giurgewo begegnet sind, sollte ber die Inkermann-Brcke durch die
Schluchten und auf der alten Poststrae vordringen und das englische Lager
angreifen. Zugleich aber sollten das Corps des Generals der Infanterie, Frsten
Gortschakoff (I.), von Tschorgun sdwestlich her einen Scheinangriff mit 20,000
Mann gegen die franzsische Stellung auf dem Sapunberg unternehmen, und aus der
Ostseite der Festung selbst zwei Regimenter der Garnison unter General-Major
Timofjef einen Ausfall aus der Bastion VI. gegen die franzsischen
Belagerungslinien machen. Die Russen fhrten somit an 60,000 Mann mit 234
Geschtzen in's Gefecht, wovon jedoch nur etwas mehr als die Hlfte fr den
wirklichen Kampfplatz bestimmt war, gengend, die Englnder zu erdrcken, wenn
die Zuflle der Schlacht es nicht anders gewendet htten.
    Der Abend des 4. November, Sonnabend, war von hchst widrigen Wetter
begleitet. Es regnete ununterbrochen in Strmen, die Wege und Schluchten waren
grundlos von Wasser und Schmuz und ein dichter Nebel lagerte ber Thlern und
Bergen, kaum im Umkreis von zehn Schritten die Gegenstnde erkennen lassend; die
ganze Natur hatte ein trbseliges Aussehen und die Schildwachen suchten unter
den Vorsprngen des Gesteins, an den Stmmen der Berge und den Erdhngen jeden
kleinen Schutz gegen die Unbilden des Wetters.
    In der englischen Redoute Nr. 1, welche eine Compagnie des 95. Regiments von
Lach-Evan's Division besetzt hielt, war eine Baracke fr die Offiziere
aufgeschlagen, die, auf einer Seite offen, kaum den strmenden Regen abhielt;
inde die armen Soldaten dem Unwetter ohne allen Schutz als ihre Mntel und die
drei Feuer, die sie auf der Leeseite der Baracke angezndet hatten und mhsam
unterhielten, preisgegeben waren. Es fehlte am Nthigsten fr die Ueberwinterung
der englischen Armee und man war notorisch in Besitz von hchstens einem fr 10
und 15 Mann berechneten Zelte auf 100 Kpfe.
    In der Baracke lagen drei Offiziere in ihre Mntel oder englische
Reisedecken gehllt, der Eine sogar in einen prchtigen persischen Teppich, der
die Zierde eines fashionablen Salons gewesen wre, und jetzt hier in Schmuz und
Regen umher gewlzt wurde. Die Offiziere sahen sehr mimthig aus und das
Einzige, woran sie sich trsten konnten, waren die trkischen Papiercigarren,
denn durch die Vorsorge der englischen Proviant-Commissaire fehlte es an nichts
weniger, als an Allem!
    He, Mickey! rief der Capitain Armstrong, indem er sich halb auf den Armen
emporrichtete und nach dem Feuer hin schnffelte, es riecht verteufelt gut, ich
glaube, Du brennst Kaffee, Schurke, und lt Deinen Herrn hier ohne
Gewissensbisse verschmachten!
    Der Angeredete, ein rothhaariger Irlnder, dem selbst die Beschwerden des
Wetters und Mangels die angeborene Laune nicht zu verderben vermocht hatten,
warf beide Arme in die Luft. O, Du grundgtige Mutter aller Schmerzen, was sind
Seine Gnaden ungerecht gegen den armen Mick! Hab' ich darum diese gesegnete
sechspfndige russische Kanonenkugel ganze zwei Meilen weit unter diesem meinem
Arme mitgeschleppt, um nun beschuldigt zu werden, ich trnke den schlechten
Kaffee, den der Commissair geliefert, und liee meinen Herrn verdurften? Nein,
mein ses Augenlicht, Mick macht Kaffee fr seinen Herrn und dessen Freunde und
begngt sich mit einem Tropfen Whiskey.
    Die Offiziere sprangen wie von einer Feder geschnellt in die Hhe und
Capitain Armstrong vor die Baracke, wo er eben noch zeitig genug ankam, um
seinen wrdigen Diener eine ziemlich umfangreiche Lederflasche nach einem
tchtigen Zug absetzen zu sehen. Der Capitain war mit einem Schritt seiner
langen Beine bei ihm und hatte die Flasche dem Verduzten aus der Hand gerissen,
dem die Unvorsichtigkeit, die er begangen, klar wurde. - Hllenhund! Du hast
ein Getrnk, das besser ist als Wasser, und sagst mir Nichts davon?
    Ach, Euer Gnaden, winselte Mickey ein so vornehmen Gentleman wird einen
armen Kerl, wie ich bin, nicht der kleinen Erfrischung berauben wollen. Bei
meines Vaters Seele, die Pater O'Donnoghue, der Schurke, noch immer im Fegefeuer
brennen lt, weil ich ihm keine Messen mehr bezahlen wollte, - ich habe mich
nur versprochen, es ist schlechter trkischer Branntwein, den die vermaledeiten
Schurken von Kameelmist brennen sollen! - Mgen sie dafr ewig schmoren, wo das
hllische Feuer am schrfsten brennt!
    Der Capitain hatte jedoch, ungeschreckt von diesem wenig empfehlenden
Pathenbriefe, die Flasche an den Mund gesetzt und, einen tchtigen Schluck
gethan. - Den Teufel auf Deine lgnerische Zunge, Schuft, sagte er, indem er
die Flasche an Lieutenant Cavendish, einen etwas gelb aussehenden, schmchtigen
Offizier, weitergab - es ist guter Rum!
    Gott verdamm' meine Augen, rief der Fhnrich O'Malley, ein Landsmann des
armen Mick, der mit trbseligen Blicken den Inhalt seiner Flasche sich
vermindern sah, der Kerl mu den Lord Ober-Commissair zum Freunde haben, oder
eine ganz besondere Quelle. Woher hast Du den Rum, Mick, mein Jngelchen?
    Ich hab' ihn gekauft, Euer Gnaden, jammerte der Bursche, ehrlich bezahlt,
oder ich will in meinem Leben nicht wieder Betty Flanagans runde Waden ansehen,
wenn sie den Rasen von Mulingapatna im Zweitritt stampft. Ein Tatar, wie sie die
Juden hier zu Lande nennen, hat mir die Flasche fr baare zehn Schilling und
sechs Pence verkauft.
    Das ist billig genug in Betracht der Umstnde, sagte der Capitain, und Du
sollst um Dein Geld nicht kommen. Hier hast Du Deine zehn Schillinge und dafr
berlt Du uns die Flasche, von der Du bereits Deinen redlichen Antheil
geschluckt haben wirst. Sollte der Jude oder Tatar sich wieder blicken lassen,
so will ich Dir wohlmeinend rathen, ihn festzuhalten und zu mir zu bringen,
damit sein Vorrath nicht in andere Hnde fllt. Solche Lieferanten mu man sich
zu Freunden halten.
    Wenn Euer Gnaden Nichts dawider haben, schmunzelte der Ire, ich habe ihm
wohl so einen kleinen Wink gegeben, da wir seiner bedrfen, aber dem
vermaledeiten Juden ist das Wetter zu schlecht gewesen.
    Er wrde auch nicht durch die Posten kommen und mein Befehl galt blo fr
das Lager. Jetzt mach' uns den Kaffee, mit dem Zusatz von Rum wird das schlechte
Zeug gut thun und Lieutenant Stuart mu gleich von der Ronde zurckkehren.
    Schickt das Commissariat denn noch immer den fatalen grnen Kaffee?
lispelte Lieutenant Cavendish.
    Mchten die Halunken daran ersticken, schimpfte der Capitain. Was denken
sie in Alt-England, da wir nichts Anderes zu thun htten, als Kaffee zu
brennen!
    In der That war der Unwille in der ganzen britischen Armee neben den hundert
andern Ursachen auch darber allgemein, da als Proviant der schlechteste grne
Kaffee geliefert wurde. Die Soldaten hatten endlich die Erfindung gemacht, ihn
in ihren Feldkesseln zu rsten und in Ermangelung von Kaffeemhlen mit
Kanonenkugeln auf Steinen zu zermalmen, so da die russischen Kugeln zu diesem
Zweck sogar ein gesuchter Artikel waren.
    O'Malley, sagte der Capitain, ehe sie wieder unter ihrem Zelt sich
einrichteten, gehen Sie geflligst und wecken Sie Lieutenant Lundgreen und
fragen Sie ihn, ob er an unserer Schlemmerei Theil nehmen will. Der arme Bursche
hlt hier seit fnf Tagen aus und wird selten genug was Warmes gehabt haben.
    Gleich darauf gesellte sich der Artillerie-Offizier, der die zwei Geschtze,
mit denen die Redoute armirt war, kommandirte, zu ihnen und Alle harrten des
Kaffee's, den Mickey jetzt in dem Kessel ber dem Feuer hatte. Der Regen begann
aufzuhren, aber der dichte dampfende Nebel aus dem feuchten Boden verstrkte
die Finsterni.
    Es wundert mich, Kamerad, meinte der Capitain, da die vorgeschobene
Schanze nur mit Ihren zwei Sechspfndern versehen ist, da sie doch eigentlich
die Hauptposition an der Strae bildet. Ohnehin scheint sie mir nicht besonders
zweckmig eingerichtet.
    Ein Kind kann das sehen, brummte der alte Artillerie-Lieutenant, und sie
ist auch von Kindern und Narren angelegt. Erst auf dringendes Verlangen
Lach-Evan's bequemte man sich dazu und was denken Sie, als ich hierher kam, wie
die Coldstreams, welche die Wache hatten, die Schanze erbaut? Ich will verdammt
sein, wenn so ein Muttershnchen aus einer Lordsfamilie, dem das Patent gekauft
worden, ohne da er einen rechten Winkel zu nehmen versteht, die Schiescharten
nicht mit der breiten Seite nach Innen eingeschnitten hatte!3
    Die Offiziere lachten. - Wissen Sie nicht, wie dieser moderne Vauban hie?
    Lieutenant Elliot, ich glaube ein Vetter oder Neffe des Herzogs von
Norfolk!
    Das kommt von dem System unserer Militairverwaltung. Wr' die Nation und
jeder Einzelne nicht an und fr sich so brav, die schmachvolle Einrichtung mte
uns lngst zur schlechtesten Armee Europa's degradirt haben! - Ich meine das im
Allgemeinen, fuhr der Capitain zu seinem ersten Lieutenant gewendet fort, der
die Wendung des Gesprchs mit offenbarer Verlegenheit angehrt hatte. Was
knnen Sie fr die Einrichtungen Ihres Vaterlandes, und berdies haben wir bis
auf den braven Stuart, der es am Cap unter mir erwarb, Alle unsere ersten
Patente bezahlen mssen!
    Wenn ich nicht irre, Kamerad, sagte der Artillerist zu Lieutenant
Cavendish, sind Sie erst vor Kurzem zu unserer Armee gestoen?
    Ich diente in Indien.
    Ost oder West?
    In Bombay, Herr Kamerad! Doch befand ich mich nur zwei Jahr im Regiment.
    So konnten Sie das Klima nicht ertragen?
    O, sagte der Lieutenant, daran hatte ich mich bereits so ziemlich
gewhnt. Es ist gerade nicht ganz schlecht leben in Indien fr uns Englnder.
    Hren Sie, Cavendish, sagte der Capitain, Sie sind kein bler Bursche,
wenn Ihnen auch mitunter noch die Manieren des Hofdienstes etwas ankleben. Wir
haben Sie nie gefragt darum, wie es kam, da Sie Indien verlieen und das Patent
in unserm Regiment eintauschten, wodurch Stuart um die erste Aussicht auf die
Compagnie gekommen ist. Ich sollte meinen, Sie htten warten knnen, bis sich
eine Gelegenheit bei der Garde bot. Kommen Sie, wir sind unter uns, erzhlen Sie
uns die Grnde, wenn es angeht, und ich glaube, Ihr Vertrauen wird gerade Ihre
Stellung bei uns nicht verschlechtern.
    Der junge Offizier zgerte einige Augenblicke, dann sagte er: Wenn Sie es
wnschen, bin ich bereit, obschon das Gestndni Ihnen keine besondere Meinung
von mir beibringen wird. - Ich - ich frchtete mich in Indien!
    Was zum Henker! - ich hoffe, doch nur vor der Cholera oder den
Klapperschlangen? Das ist erlaubt.
    Nein, Sir - ich frchtete mich - vor einem Braminen.
    Das ist seltsam. Ich habe Sie bei dem Angriff auf Kamiesch tapfer im Feuer
stehen sehen und kann daher nicht glauben, da es Ihnen an Muth fehlt. Es mssen
also ungewhnliche Ursachen im Spiel sein. Sie machen mich neugierig, bitte,
wickeln Sie uns Ihr Gespinnst ab, wie unsere Freunde auf den Schiffen zu sagen
pflegen; bei dem Becher Kaffee, den Mickey eben bringt, wird es uns die Wache
verkrzen helfen.
    Der Irlnder reichte die blechernen Trinkschaalen mit dem Kaffee umher, in
den die Offiziere zu seinem Aerger den Rum schtteten.
    Sie wissen, erzhlte Cavendish, da der Herzog von Norfolk mein Oheim ist
und ich Page am Hofe war. Theils um mich fr einige sogenannte schlechte
Streiche zu bestrafen, theils damit ich dem Lord, meinem Bruder, und meinen
werthen Verwandten nicht zu sehr auf der Tasche liegen, sondern eine mglichst
rasche Carriere im Diesseits oder Jenseits machen mge, gab man mir vor zwei
Jahren ein Lieutenantspatent bei unserer Armee am Ganges - der Teufel hole sein
Gedchtni!
    Sie dienten Alle, so viel ich wei, nie in Ostindien, fuhr er fort, die
Asche von seiner Cigarre klopfend, es ist ein seltsames Land und namentlich die
malabarische Kste, die noch lange nicht so europisirt ist, wie Calcutta. Ich
stand mit meiner Compagnie in der Nhe von Bombay in einem der kleinen
Hafenorte, und da ich ein Neuling war, interessirten mich tausend Dinge, an
denen meine Kameraden, die lnger im Lande waren, gleichgltig vorber gingen.
Stellen Sie sich einige Schritte von dem flachen sandigen Ufer eine frische
grne Ebene vor, die von Kanlen bewssert wird. Diese, mit eleganten
phantastischen Holzbrcken berbaut und mit unzhligen Booten bedeckt, verlieren
sich in die Tiefe der Wlder. Ueberall an ihren Ufern liegen alle Arten von
Wohnungen zerstreut: die buntbemalten, mit kunstreichem Tfelwerk bekleideten
Magazine, die die schnsten Arbeiten der indischen Industrie vor den Blicken
entfalten; - ungeheure Lagerhuser, die in weitem Umkreis die Luft mit dem
betubenden durchdringenden Duft der Gewrze erfllen; - daneben die elendesten
Htten von Palmblttern, von dem ppigen Pflanzenwuchs beinahe verdeckt. Keine
Pltze, keine Straen, nur eine Menge Fupfade, die sich durchkreuzen oder in
einem Cocuswald verlieren. Rings um den Hafen, wo den ganzen Sommer ber eine
groe Menge arabischer Fahrzeuge liegt, die von Mascat oder Dindad kommen,
bewegen sich ungeheure Elephanten, welche die Balken herbeischleppen, die jene
einladen wollen. Braune, gelbe, schwarze Gesichter, von dem Olivengrn der
Bronze bis zur feinen Hautfarbe des Chinesen, ein wirres Geschnatter von hundert
Dialecten und Sprachen; die schlanke Gestalt des Hindu, der tckisch-trotzige
Blick des Malayen; die bewegliche Figur des Chinesen neben dem ernsten Araber;
der Parse, welcher das Feuer anbetet, neben dem Moslem von dem Ufer des rothen
Meeres und dem geduldigen Sohne des Lotos - Bramine und Paria, der reiche
Kaufmann zwischen der Schaar der Bettler und Gichtbrchigen, die sich auf den
Hnden fortschleppen! Armenier von Trapezunt, Juden von Aleppo und Bassora,
Perser und Kurden; hundert bunte schillernde Farben, Gold und Seide, - die
Gazellenaugen und schlanken Glieder der Tnzeriunen neben Ausstzigen, deren
Haut mit weien Flecken bedeckt ist, und anderen Elenden, die von Krankheiten
geplagt werden, fr welche unsere Sprache keinen Namen hat: das ist Indien!
    Wir wohnten in einem Palast von Holz, einer alten Residenz der Rajah's,
hatten aber bald herzliche Langeweile und sehnten uns nach der Promenade von
Bombay zurck, wo allabendlich die schne Welt Europa's und Asien's sich am
Klang der britischen Militairmusik ergtzt, denn Bombay ist der Stapelplatz des
Orients. So machten wir denn tglich, um die Zeit todt zu schlagen, ziemlich
weite Ausflge in die Umgegend, bald allein, bald in Gesellschaften, denn die
Jagd gewhrte in diesem Theil des Landes wenig Interesse.
    Auf einem dieser Ritte, den ich mit dem ltesten Lieutenant unsers
Bataillons machte, kamen wir in die Nhe einer indischen Pagode am Meeresstrande
und fanden unter einem groen Feigenbaume mit hngenden Zweigen, von dessen
Wipfel ein ganzer Wald faseriger Wurzeln auf die Erde herab hing, die Htte
eines Braminen. Der Mann hie Nikalanta, wie ich spter erfuhr, und hatte im
Dienst seines Gtzenbildes seinen Unterhalt gefunden, bis zu seinem Unglck sich
Missionaire in seiner Nhe festsetzten und die Glubigen von dem Bilde mit dem
Elephantenkopf fortlockten. Seitdem war er Schreiber bei einem reichen Babon
(Banquier) geworden, der die Europer hate. Als wir um den Baum kamen, sahen
wir den alten Mann mit seiner Tochter, einem wunderschnen Hindumdchen, vor der
Thr sitzen. Unser Anstarren verscheuchte das Mdchen in das Innere des Hauses,
der Bramine aber blieb unbeweglich sitzen, mit den Augen in die Luft starrend,
obschon ich ihn mehrmals anrief. - Der alte Narr, sagte Staunton, befindet sich
in dem Zustand religiser Verzckung, eine Kanone vor seinen Ohren wrde ihn
nicht wecken! - Das wre! ich will ihn schon zum Antworten bringen! - und ich
klatschte mit der Peitsche dicht vor seinem Gesicht, aber er rhrte sich nicht.
- Wir haben die Eitelkeit des scheinheiligen Hindu herausgefordert, meinte mein
Begleiter, er thut, als ob er uns nicht hrte, aber ich kenne dennoch ein
Mittel, woran seine Geduld scheitert. Soll ich es anwenden? - Versteht sich! -
Er sprang vom Pferde, ergriff die Pantoffeln, die der Bramine in die Nhe der
Thr gestellt und legte sie mit dem indischen Gru: Mgen Deine Wege leicht und
angenehm sein! auf seinen Kopf gerade ber der dreifachen rothen und blauen
Linie, die seine Stirn schmckte. Ein wilder, herzzerreiender Schrei machte
mich in diesem Augenblick erbeben, es war das junge Mdchen, welches jammernd
hinzustrzte, aber es war zu spt, - der leichtsinnige Streich, von dem ich
damals noch nicht wute, was er bedeutete, war geschehen, und Staunton bereits
wieder zu Pferde. Der Alte rhrte sich noch immer nicht, nur sein schwarzes Auge
ruhte mit einem furchtbaren Ausdruck auf uns, whrend auf das Geschrei des
Mdchens mehrere Hindu's, die in der Nhe beschftigt waren, herbeieilten und
als sie den Braminen mit seinem seltsamen Kopfputz erblickten, gleichfalls ein
Wehklagen erhoben. Auf ein Zeichen Staunton's gaben wir unsern Pferden die
Sporen und waren bald weit entfernt von der seltsamen Scene, deren Erklrung ich
vergeblich von meinem Kameraden verlangte. Er schien vielmehr rgerlich ber
sich selbst und sagte mir endlich, da ich ihn zu einer thrichten Handlung
verleitet htte, die uns Beiden Gefahr bringen knne.
    Aber was sollten die eigenen Pantoffeln denn dem alten Judier fr Schaden
thun? warf O'Malley ein.
    Dieselbe Frage that ich am Abend, den wir bei einem reichen Kaufmann
zubrachten, ohne jedoch weiter die Namen zu nennen, und erfuhr, da durch die
Berhrung eines unreinen Gegenstandes jeder Bramine der Rechte seiner
geheiligten Kaste verloren geht und zu einer niedern degradirt wird. - Wer
auch dem Uebermuth verbt, sagte mir der erfahrene Mann, er kann ihm theuer zu
stehen kommen. Vielleicht berlebt der Bramine seine Schande nicht, wenn er aber
lebt, wird er leben, um sich furchtbar zu rchen. -
    Ich gestehe Ihnen, mir wurde bei dieser Erklrung nicht ganz wohl zu Muthe
und ich begriff jetzt, warum Staunton rgerlich auf sich und mich war und in der
nchsten Zeit unser Quartier mglichst selten nach der Dmmerung verlie. Inde
es erfolgte Nichts und wir vergaen die Geschichte um so rascher, als wir bald
darauf nach Bombay zurckbeordert wurden. Der Winter war uns dort uerst
angenehm verflossen und wir bereiteten uns Beide, einen Urlaub, den wir
erhalten, zu einer Reise nach Bengalen zu benutzen, um an den groen Tiger- und
Elephanten-Jagden Theil zu nehmen, als am Tage vor unserer Abreise, an welchem
wir mit einigen Freunden zusammen speisten, gegen das Ende der Mahlzeit ein Kuli
- ein Hindu-Commissionair - eintrat und ein sauber eingeschlagenes Packet
brachte, das an Staunton, der unterde zum Capitain vorgerckt war, und mich
selbst adressirt sich ergab. - Von wem? fragte ich. - Nouloum mahin Sahib,
(Ich wei es nicht, Herr,) antwortete der Kuli und verschwand. Staunton ffnete
das Packet an einer Seite und ich sah, wie er beim Erblicken des Inhalts
erblate. Sein Wink bedeutete mich, keine Frage zu thun, als wir aber allein
waren, gab er mir das Packet mit den Worten: Ich wute es wohl, der thrichte
Scherz wrde seine Folgen haben! - In dem Packet waren die alten Pantoffeln des
Braminen, die Staunton diesem auf meinen Wunsch auf die Stirn gelegt.
    Wir schifften uns am andern Morgen in einem Boot ein, das uns von Bombay
nach dem Festland bringen sollte, wo wir die vorausgesandten Pferde zur
Weiterreise treffen wollten. In dem Augenblick, als wir das Ufer verlassen
wollten, drngte sich einer jener indischen Heiligen zu uns, die in fanatischem
Wahnsinn sich selbst oft die grlichsten Martern bereiten. Der Sanniassy war
ein alter Mann, sein Haar in Unordnung, seine Ngel lang und gekrmmt, wie die
Krallen des Greif, der Krper beinahe nackt und ganz mit Asche berschmiert. Auf
dem Rcken trug er ein kleines Kupfergef, unter dem Arm die Antilopenhaut, auf
die er sich zum Beten setzt und in der Hand den aus drei Zweigen schlangenfrmig
gewundenen Stock. Als er uns nahe war, blitzten seine Augen von wildem Ha,
whrend er mit einem seltsam ergreifenden Tone uns die Abschiedsworte zurief:
Geht, wohin Eure Wnsche Euch rufen und mgen Eure Wege leicht und angenehm
sein! - Ich sah, da er die Mnze, die Staunton ihm zuwarf, im Staube liegen
lie, und als das Boot durch die Wellen schob und der Fakir nur noch wie ein
dunkler Punkt auf dem weien Sande des Ufers zu erkennen war, hrte ich die
Laskaren den Namen unter sich flstern: Nikalanta!
    Der Erzhlende erfrischte sich durch einen Trunk aus seinem Becher und fuhr
dann fort: Zwei Mal noch fand ich die unheimliche Erscheinung auf unserm Wege,
wenigstens glaubte ich sie zu erkennen, das eine Mal in einem alten Schwrmer,
der auf einem indischen Markt, auf dem wir verweilten, sich mit dem eignen
Fleisch an der Spitze eines Eisenhakens aufgehangen, an dem er von einer
wagerecht auf dem Gipfel einer Sule sich drehenden Stange in der Luft schwebte;
das andere Mal in der Gestalt eines Bettlers, als wir mit Abscheu in einem
indischen Dorfe die Folterqualen betrachteten, welche die gierigen
Steuereinnehmer der armen Bevlkerung bereitet hatten.
    Der Capitain nahm die Cigarre von den Lippen. Sagen Sie ehrlich, Cavendish,
ist das Geschwtz der Journale wahr?
    Hren Sie, was wir mit eigenen Augen erblickten. - Das Dorf war zwei Jahre
nach einander hart durch Wolkenbrche und andere Plagen Indiens, wie ich mir von
einem alten Manne erzhlen lie, mitgenommen worden und hatte nur sehr klgliche
Reisernten gemacht, so da die Bevlkerung die Steuern der Regierung seit einem
Jahr schuldig war. Gerade am Tage vor unserer Ankunft waren zwei Steuereinnehmer
mit einem Kommando Seapoy's eingerckt, um die rckstndigen Steuern zu
erpressen. Und in der That - man erprete sie. - Wir fanden die Bevlkerung,
Mnner, Weiber, Kinder und Greise, auf dem Platz vor der Pagode jammernd und
wehklagend. An vielen der Mnner, ja selbst an Greisen war das nichtswrdige
Anundal angewendet, eine Folterart, die darin besteht, da den Unglcklichen der
Kopf an die Fe, oder ein Bein an den Kopf gebunden wird, kurz da sie in die
verrenkteste Stellung gebracht werden, in der sie unter bittern Qualen in der
glhenden Sonnenhitze tagelang zubringen mssen. Andere waren an den Ohren, an
den Haaren oder am Bart aufgehngt - -
    Unmglich - Sie bertreiben!
    Auf meine Ehre - ich schildere Gesehenes und wei, da dies in diesem
Augenblicke noch ein ganz gewhnlicher Vorgang ist. Ja, was ich Ihnen bisher
gesagt, ist nur Spielwerk gegen die Martern, welche im Namen und unterm Schutz -
ich will zu ihrer Ehre nicht sagen, mit Kenntni und Zustimmung - der Regierung
des freien Grobritanniens verbt werden. Nicht selten geschieht es, da man dem
armen Opfer eine Schlange oder irgend ein ekelerregendes Insekt in den
empfindlichsten Theil des Krpers steckt und den Mann so lange martern lt, bis
er zahlt. Eine andere hufig angewendete Martermethode besteht darin, da man
den armen Hindu's Pfeffer in die Augen, in die Nase oder - in die Schaamtheile
bringt und ihnen die entsetzlichsten Schmerzen verursacht. Die Folterart, die
wir neben dem Anundal hier angewendet sahen, war das abscheuliche Kitten.
    Bei Sanct Patrik, sagte Fhnrich O'Malley, die Leute haben ja ein ganzes
Wrterbuch von Kunstausdrcken. Bitte, worin besteht das Kitten?
    Es hnelt der frheren Tortur in Europa und besteht aus einer hlzernen
Zange, in welcher die Hnde, Fe und bei den Frauen auch die Brste, Ohren und
andere empfindliche Krpertheile so lange gekneipt werden, bis der Gefolterte
das Bewutsein oder auch den Gebrauch des gemarterten Organs verloren hat. Oder
die Henker knackten die Finger des Opfers, bis der Schmerz unertrglich wurde -
    Hren Sie auf, Kamerad, sagte der alte Artillerist mit Ekel, und erzhlen
Sie lieber von Ihren eigenen Abenteuern.
    Die Fortsetzung wurde jedoch durch den Anruf der Schildwache am Eingang der
Redoute unterbrochen und dann hrte man die Stimme des von der Ronde
zurckkehrenden Lieutenant Stuart, die mit frhlichem Ton nach dem Capitain
rief.
    Der Herankommende, ein Schotte von Geburt, war eine hohe schlanke Gestalt,
etwa 30 Jahre alt, mit sonnverbranntem hbschem Gesicht. - Der Teufel soll mich
holen, sagte er lachend, indem er sich wie ein nasser Pudel schttelte, da von
der Feuchtigkeit des Mantels die Flamme hoch aufspritzte, wenn ich in diesem
Augenblick nicht der willkommenste Lieutenant im ganzen Lager bin. Aufgeschaut,
meine Herren - Lord Raglan sollte mich zum General-Proviantmeister machen, denn
kein anderer als Ronald Stuart von Kinrose wrde es in dieser verwnschten Nacht
fertig gebracht haben, zwischen Schlamm und Regen Proviant fr eine
Generalstafel aufzufischen!
    Was, zum Henker, meinst Du, Ronald, mein Junge? fragte der Capitain, und
was sind das fr ein Paar Schurken da hinter Dir? Hast Du Gefangene gemacht?
    So wahr Pater O'Donnoghue den hbschen Dirnen lieber Beichte hrt als alten
Weibern, mischte sich Mickey ungerufen in's Gesprch, ich glaube, 'r Gnaden,
das da ist der kosackische Jude, unser Rumlieferant, von dem ich 'r Gnaden
gesagt habe.
    Der Fremde wurde herbeigewinkt. Es war seiner Kleidung und seinem Aussehen
nach ein tatarischer Bewohner der Gegend, wie er in einigen radebrechten
englischen Worten erzhlte, aus dem Dorfe Kadikoi. Er hatte einen Knaben, seinen
Bruder, bei sich und beide trugen in Krben allerlei Mundvorrath, mit dem sie
nach ihrer Angabe Handel trieben. Das Wetter hatte den Leuten offenbar hart
zugesetzt, und Lieutenant Stuart erzhlte, da er beim Rckweg im Nebel auf sie
in der Nhe der Redoute gestoen und aus ihrem Kauderwlsch vernommen htte, da
sie dahin wollten.
    Es war zwar sehr gewhnlich, da sich die tatarischen Einwohner im Lager
umhertrieben, dennoch war Capitain Armstrong unzufrieden, da sein Offizier die
beiden Fremden in die Verschanzung gefhrt. Inde die Gelegenheit, in diesem
Wetter ungehoffte Erfrischungen erhalten zu knnen, berwog alle
Bedenklichkeiten, und der Capitain gestattete, da die Tataren einige Flaschen
ziemlich guten einheimischen Branntweins unter Mickey's Vermittelung an die
Soldaten verkauften, whrend die Offiziere noch eine Flasche Rum und ein
Hammelviertel von ihnen erhandelten.
    Der Irlnder erhielt den Auftrag, alsbald so gut es die Umstnde erlaubten,
Fleischschnitten zu braten, und Fhnrich O'Mailley bereitete einen warmen Grogk.
    Und nun, Kamerad, sagte Lieutenant Lundgreen, erzhlen Sie uns Ihre
Geschichte zu Ende, ehe die Reihe der Nachtrunde Sie trifft.
    Ich habe bereits erwhnt, fuhr der Erzhler fort, da wir auf dem Wege zu
den Elephanten- und Tigerjagden waren, die im Innern Bengalens um diese Zeit
stattfanden. Eine eigene Scheu hatte mich abgehalten, Staunton von dem
Wiedererscheinen des Braminen zu sagen, theils weil ich die unangenehme
Erinnerung nicht wieder zur Sprache bringen wollte und uns Mannes genug wute
gegen alle Angriffe des alten Schwrmers, theils auch weil ich glaubte, ich
knne mich in der Person geirrt haben. Ueberdies fesselte die Aufregung der
wechselnden Scenen und Umgebungen, in die wir jetzt gekommen, alles Interesse.
    Wir waren in der Nhe von Hyderabad und mit einer Gesellschaft Offiziere
und Gentlemen von Madras zusammengetroffen, mit der wir vereint in die groe
Dschungelwste eindrangen. Acht Tage hatten wir an ihren Grnzen schon mit der
Elephantenjagd zugebracht, ohne doch das gefrchtete Wild Bengalens, den
Knigstiger, zu Gesicht zu bekommen. Mehrere Treiben, zu denen die Bauern der
nchsten Dorfschaften aufgeboten worden, hatten in dem District, den wir
betreten und der von einem Tiger verheert werden sollte, zu keinem Resultat
gefhrt. Das Lager wurde nicht aufgesprt und wir bekamen selbst den schlauen
Feind nicht einmal zu Gesicht, obschon fast an jedem Morgen neue Rubereien
erzhlt wurden, die er im Schatten der Nacht verbt. Wir hatten uns deshalb auf
eine ziemliche Strecke hin vertheilt und lagen Nacht um Nacht auf dem Anstand in
Htten von Bambusstben, die man uns zwischen den Aesten der Bume erbaut hatte.
Es war eine ziemlich hohe Wette zwischen den Mitgliedern der Jagdgesellschaft
geschlossen worden, wer den Tiger erlegen wrde, und Staunton setzte eine
besondere Ehre darin, den Sieg fr unser Regiment zu gewinnen.
    Eines Morgens, nachdem ich der Reihefolge nach vergeblich auf dem Anstand
zugebracht und mich an den Wundern der Tropenmacht entschdigt hatte, kam
Staunton hastig zu mir und weckte mich aus dem Schlaf, in dem ich im Schatten
einer riesigen Palme lag. - Die Wette ist unser, Cavendisch, sagte er
aufgeregt, wenn Sie den Muth haben, ein Wagestck mit mir zu unternehmen. Ein
junger Indier hat sich erboten, uns fr eine gewisse Summe das Lager des Tigers
zu verrathen, das er zufllig entdeckt. Er schlgt vor, uns in dieser Nacht
dahin zu fhren, whren der Tiger auf Beute umherstreicht, und uns in der Nhe
ein Versteck zu zeigen, aus dem wir ihn bei der Rckkehr in der Morgendmmerung
erlegen knnen.
    So verwegen der Versuch auch war, unsere Jagdlust war erregt, dazu unser
Stolz und ich erklrte mich, wiewohl mich eine unheimliche Ahnung beschlich, die
ich als ein Gefhl von Furcht unterdrckte, zu dem Abenteuer bereit. Wir trafen
whrend des Tages so heimlich unsere Vorbereitungen, da Keiner von unsern
Jagdgefhrten, ja nicht einmal unsere Diener das Vorhaben ahnten, und statt beim
Anbruch der Nacht den Lauerposten in der Bambushtte einzunehmen, bestiegen wir
unsere Pferde und ritten, mit unsern Doppelbchsen bewaffnet, nach der Stelle am
Rande des Dschungelwaldes, an der uns der Indier erwarten wollte. Der junge
Mann, fast halb ein Knabe noch und mit weichen schnen Gesichtszgen, die mir im
Sternenlicht selbst nicht ganz unbekannt schienen, harrte unser und lief alsbald
im Trabe vor unsern Pferden her, so da wir, je weiter wir in das Dickicht
kamen, ihm kaum mit gleicher Schnelligkeit zu folgen vermochten.
    Wir ritten sichtlich auf einem breiten Elephantenpfade dahin, den die
riesigen Thiere auf ihrem regelmigen Wechsel durch Wald und Gestrpp
gebrochen. Es war eine wundervolle Nacht, der Sternenhimmel funkelte ber uns
wie ein Gewlbe von goldgesprenkeltem durchsichtigem Glas, Myriaden grn-und
goldleuchtender Feuerfliegen bedeckten die Bsche und die Bltter und fllten
die Luft. Das Geschrei der Rohrdommel und das Quaken der riesigen Ochsenfrsche
schallte aus den Smpfen, der Duft der Magnolien und der narkotischen Pflanzen,
die bei Nacht ihre Kelche ffnen, erfllte die Luft. Wenn wir uns einem jener
Sumpffelder nherten, in denen die Eingebornen ihren Reis bauen, erhoben sich
groe Schaaren weier Reiher mit eintnigem Geschrei in die Nachtluft.
    Pltzlich erzitterten unsere Pferde und blieben wie angewurzelt stehen. Ein
leiser Pfiff scholl von vorn her zu uns, und unser jugendlicher Fhrer fate die
Zgel der Pferde und drngte sich zwischen sie. Ein gurgelnder sthnender Laut
bertnte all' das seltsame mannichfaltige Gerusch einer indischen Nacht und
dann folgte ein heulendes Schnauben, das den Wald ringsum zu erschttern schien
und vor dem das Gekrchze der Hyne, der klagende Ton des Schakals, die uns im
Walde begleitet, verstummten. Der Knabe, unser Fhrer, drngte sich an uns und
flsterte: Der Tiger! es ist der Tiger! - Im Nu waren unsere Bchsen von der
Schulter und wir schauten nach der Seite, von welcher der Laut gekommen - aber
nur einen Moment lang sahen wir zwei grne rollende Feuerpunkte etwa 50 Schritt
von uns entfernt funkeln, dann scho es wie ein dunkler Streif ber die Lichtung
und war verschwunden. - Vischnu beschtzt uns! flsterte der Indier, und hat den
groen Wrger geblendet, da er seinen Weg verfolgt. Eilen wir uns, der Pfad ist
jetzt sicher!
    Es war mir whrend des Rittes schon wiederholt vorgekommen, als she ich
hin und wieder durch die Bsche eine graue Gestalt vor uns hingleiten, nach
deren Gang sich unser Fhrer richtete. Doch hielt ich die Erscheinung immer
wieder fr ein Thier, oder einen Schatten und merkte nicht weiter darauf. Jetzt,
nachdem wir dem Tiger glcklich entgangen, sah ich sie wieder mehrmals ganz
deutlich, und als wir nach einem halbstndigen Ritt auf einen freien Platz
gelangten, stand sie an ein Felsstck gelehnt vor uns. Als wir nher kamen,
zeigte es sich, da es ein Hindu war, tief in sein weies Lenden- und
Schultertuch gegen die Nebel der Nacht eingehllt.
    Wir befanden uns hier auf einem ziemlich hohen und freien Felsplateau, an
dessen Fu wir eine groe sumpfige und morastige Dschungel sich ausdehnen und in
dem giftigen Broden, der aus dem Boden emporstieg, verschwinden sahen. Der junge
Hindu erklrte uns, da unsere Pferde hier bleiben mten, die er in Obacht
nehmen werde, und da wir nur zu Fu unter Fhrung seines Vaters unsern Weg zu
dem Lager des Tigers fortsetzen knnten. Nachdem wir uns einmal so weit gewagt,
wre es Feigheit gewesen, zu zgern, und wir nahmen daher unsere Waffen,
empfahlen dem Knaben unsere Pferde, die auf dem hohen und freien Felsplateau
sicher waren vor dem Angriff der Raubthiere, und befahlen dem alten Indier,
voran zu gehen.
    Seine gebckte hagere Gestalt, in das weie Tuch gehllt, glitt im
Sternenlicht vor uns hin auf einem durch Binsen und Dornen vielfach gewundenen
Pfad, der unsern Augen nicht einmal erkennbar war und der mitten durch den Sumpf
in hundert Krmmungen enge sich wand, so da wir nur Einer nach dem Andern ihn
passiren konnten, wobei wir oft auf den Zuruf des Indiers genthigt waren, von
einer festen Stelle zur andern ber den trgerischen Grund zu springen. Ich kann
nicht sagen, was Staunton dachte, ich aber gestehe offenherzig, da ich bereits
sehr bereute, mich auf das Abenteuer eingelassen zu haben.
    Ich kann mir die Lage lebhaft denken, Kamerad, sagte Lieutenant Stuart,
whrend der Erzhler eine Pause machte und dem Grogk zusprach, und htte kaum
geglaubt, da Sie sich schon in so ernsten Gefahren befunden haben. Im
Kaffernkrieg unter Sir George Cathcart ist es mehrfach passirt, da wir die
hllischen Dschungeln der Erogi-Gebirge bei Nacht durchziehen muten, von wilden
Feinden auf beiden Seiten bedroht, und bei der Distel von Schottland! die
Hassagayen der Kaffern waren nicht minder zu frchten als die Klauen Ihrer
Tiger!
    Es scheint, jede unserer Kolonieen hat ihre Annehmlichkeiten, sagte der
Offizier. Wir waren kaum zehn Minuten, die Bchse im linken Arm, durch dies
furchtbare Dickicht vorgedrungen, als der Mond aufging und seine Strahlen die
Gegend ringsum erhellten. Vor uns aus dem Grau der Nebel stiegen riesige seltsam
geformte Massen empor, bald schlanken Sulen, bald riesigen Kuppeln und
Felswnden gleich. Wir riefen unserm Fhrer zu halten und uns zu sagen, wo wir
uns befnden, doch er sprang, ohne Antwort zu geben, von Stelle zu Stelle immer
weiter und es blieb uns Nichts brig, als ihm zu folgen, bis wir endlich
athemlos auf festem Grund und in der Gegend jener phantastischen riesigen
Gebilde anlangten, die wir jetzt als die Ruinen Jahrtausende alter indischer
Tempel und Bauwerke erkannten. Wir befanden uns in den sagenhaften
unzugnglichen Ruinen von Bidjeagur, die, wie ich wute, etwa acht Meilen
entfernt von dem Dorfe Anagundy liegen muten.
    Der Hindu, unser Fhrer, schien in dieser Trmmerwelt, aus der unser Nahen
mehr als ein Mal den Schakal und die Hyne aufstrte und riesige Vampyre durch
die Nachtluft scheuchte, wohlbekannt, denn er fhrte uns, noch immer wortkarg
auf unsere Fragen, ohne zu zaudern, durch diese modernden Tempel und Palste bis
zu dem Eingang einer halb verfallenen, von riesigen Marmorwnden umgebenen
Pagode, an deren Sulen und Mauern wir im Mondlicht hundertfach wiederholt die
Verwandlung des Gtzen Vischnu erkennen konnten. - Der Tiger hat da darinnen
sein Lager, sagte er leise, als frchtete er selbst die Schauer der Umgebung,
eine Stunde vor Sonnenaufgang kehrt er von seinem Raub zurck. Ihr werdet am
besten thun, Saib's, zwischen diesen Steintrmmern Euch zu verbergen und ihn zu
belauern. - Eine kurze Berathung zwischen uns Beiden lie uns denselben
Entschlu fassen. - Und Du, Sudners, denn zu dieser Klasse glaubten wir, da der
Fhrer gehre, was willst Du thun? fragte Staunton. - Ich bin ein Ausgestoener,
Saib, ein Paria, sagte der Mann. Bei den vier Kpfen dessen, den ich nicht
nennen darf, mein Leben gehrt Euch! - Wir beschlossen, den Ort nher zu
untersuchen und legten unsere Bchsen und Schietaschen, die uns am Klettern
hinderten, auf die nchsten Quadern, sie unter der Obhut des Hindu's lassend,
worauf wir aus unserm Jagdvorrath ein Windlicht anzndeten, ber die Trmmer
stiegen und in das Innere des Tempels eindrangen. Der Schein der Fackel
scheuchte auf's Neue einige Fledermuse auf, sonst jedoch schien das Gewlbe
frei von allem Gethier, was dafr sprach, da hier das Lager des Knigstigers
sein mute. Wir erhielten im nchsten Augenblick auch die Gewiheit durch eine
Menge von Knochen, die theils glatt und gebleicht, theils noch mit Fleischresten
rings umher zerstreut lagen. In diesem Augenblick hrten wir aus einem Winkel
ein Mianen und Winseln, und als wir den Schein unsers Lichtes dahin wandten,
sahen wir etwas sich regen und bewegen, wie zwei kleine unbehilfliche Thiere.
Drei Schritte brachten uns nahe heran - es war das Lager des Tigers und darin
lagen zwei kaum vier Wochen alte junge Tigerkatzen!
    Da waren Sie ja doppelt glcklich bei Ihrer Jagd, sagte der Fhnrich.
    Den Teufel auch! Wie ein Blitz fuhr der Gedanke durch unsere Seelen, da
wir nicht in dem Lager eines Tigers, sondern einer Tigerin uns befanden und
daher wahrscheinlich zwei furchtbare Feinde zu erwarten hatten. Staunton gab
zuerst diesem Gefhl Worte. - Das geht selbst ber britische Nerven,
Cavendish, sagte er. Ich denke, wir nehmen die jungen Katzen hier als Beweis
unsers Abenteuers, erreichen unsere Pferde und attakiren morgen bei Tage mit der
ganzen Jagdgesellschaft dies Nest. Ein Tigerpaar fr zwei Mann liegt auer
unserer Wette.
    Damit hatte er eine der Katzen am Hals gepackt und schnitt ihr die Kehle
durch. Ich machte es mit der zweiten eben so und wir kletterten dann hastig ber
die Steintrmmer des Ausgangs zurck.
    Der Hindu war verschwunden!
    Im ersten Augenblick, da unsere Gewehre und Taschen auf den Steinen lagen,
glaubten wir, er habe seinen Posten blo zufllig verlassen und befinde sich in
der Nhe, und wir riefen nach ihm, um ihm die drohende Gefahr und unsern
Beschlu mitzutheilen. Unser Ruf weckte das Echo der Ruinen, ohne den Fhrer
herbeizubringen. - Wo zum Teufel, sagte Staunton, mu der Schurke stecken. Er
kann unmglich aus Furcht davongelaufen sein, denn seine Angabe, da die Tiger
erst mit dem Morgengrauen zurckehren, ist, wie ich aus Erfahrung wei, richtig.
Ich schlage dem Schuft das gelbe Fell zu Mus, da er uns hier unntz aufhlt. -
Ein wildes Hohnlachen antwortete diesem Ausbruch der Besorgni und Ungeduld;
dann sahen wir auf der Hhe der Tempelruine eine menschliche Gestalt wie durch
Zauberei erscheinen, am Nachthimmel sich abmalend, und wie aus den Wolken klang
eine unheimliche hhnende Stimme mit dem Ruf:
    Zwei Saib's - zwei Tiger! - Mge Euer Weg leicht und angenehm sein!
    Im Augenblick war mir das Geschehene klar - der Fhrer war Nikalanta, der
entweihte Bramine, und wir unwiderbringlich die Opfer seiner Rache. Der Gedanke
hatte kaum Zeit gehabt, mir durch das Gehirn zu fahren, als auch schon die
Bchse an meiner Wange lag, gegen den Verrther erhoben, und mein Finger den
Drcker berhrte.
    Das Zndhtchen sprhte, ohne da das Gewehr sich entlud. Ein neues
Hohngelchter antwortete meinem Versuch.
    Bestrzt schaute Staunton mich an und dann auf die Stelle, von der die
Gestalt unseres unvershnlichen Feindes jetzt verschwunden war. - Was soll das
heien? was thun Sie, Cavendish? - Meine fliegenden Worte verkndeten ihm die
furchtbare Lsung. Er blieb einige Zeit finster und nachsinnend, dann sagte er:
Ich glaube, Sie haben Recht, und auch mich wollte es bednken, als htte ich das
Gesicht des Knaben schon gesehen, der uns zu dem Gange verlockte. Es war die
Tochter des Braminen, die wir damals an der Htte fanden. Die Lage, in die uns
jener Teufel versetzt, ist wahrhaft furchtbar, und wir werden ihr schwerlich
entrinnen. Indessen lassen Sie uns als Mnner thun, was wir vermgen, und komme
dann, was da wolle. Zuerst bringen Sie Ihr Gewehr in Ordnung, damit es im
Augenblick der Noth nicht nochmals versagt. - Ich hatte es bereits aufgenommen,
aber zu meinem Entsetzen bemerkte ich jetzt, da es feucht war, - Nikalanta
hatte Wasser, das er in der hlzernen Flasche an seiner Seite trug, in den Lauf
gegossen. Dasselbe war mit Staunton's Bchse geschehen. Unser erster Gedanke war
jetzt an das Pulverhorn, das an meiner Jagdtasche hing - es war leer, wir waren,
fast waffenlos, den Tigern Preis gegeben.
    Sprachlos setzten wir uns auf die Quadern und schauten uns an. Wir wuten
nicht, ob unser Feind noch in der Nhe weilte, und welches neue Unheil er
brtete, aber unsere Lage schien kaum schrecklicher, gefhrlicher werden zu
knnen; denn wir fhlten Beide, ohne es auszusprechen, da an einen Versuch zur
Rckkehr durch den Dschungelsumpf ohne Fhrer und vor vollem Tageslicht nicht zu
denken war, und da das Gelingen auch dann noch sehr zweifelhaft blieb. Bis
dahin aber waren die Tiger lngst zu Stelle. Ohnehin machte allem Zweifel ber
diesen Weg ein aus der Entfernung schwach herberdringender eigenthmlicher
Schrei ein Ende, dem gleich darauf ein zweiter folgte. Ich hatte nie in meinem
Leben den seltsam klagenden, die Nerven erregenden Ton vernommen, doch Staunton,
der die Schlachten gegen die Shiks mitgeschlagen, belehrte mich darber: Es sind
unsere edlen Pferde, denen der blutdrstige Schurke sein Messer in's Herz stt,
um uns jeden Weg der Flucht abzuschneiden.
    Endlich hatten wir uns so weit gefat, da wir unsere Lage ruhiger
besprechen konnten. Es war Mitternacht vorber, also etwa noch zwei Stunden
Zeit, bis die Morgendmmerung begann. Verschiedene Plne wurden gefat und
verworfen, endlich beschlossen wir, uns in dem Tempelgemuer selbst, welches zum
Lager der Tiger diente, so gut zu verbarrikadiren als mglich, da es nur an
einer Stelle einen offenen Eingang zeigte. Wir schleppten mit aller Anstrengung
Steintrmmer heran, die Oeffnung zu verengen, und arbeiteten, da uns der
Schwei von der Stirn lief. Als wir keine leichten, fr unsere Krfte geeigneten
Steine mehr fanden, setzten wir uns hinter die leichte Brustwehr. Kamerad, sagte
der Capitain, ich bin ein lterer Jger wie Sie und wei, da die Tigerpaare nie
zusammen jagen. Es ist wahrscheinlich, da nach ihrer Gewohnheit die Tigerin
zuerst und weit frher, als der Tiger zurckkehrt. Unser Leib mu hier die
Spalte, durch welche die Bestie in unsere Festung eindringen kann, vertheidigen.
Uns Beide auf den Tiger zu strzen, hiee wahrscheinlich Beide kampfunfhig
machen. Lassen Sie uns also loosen darum, wer zuerst dem Thier sich
entgegenstellt; der Zuflle und Schickungen sind so mancherlei und irgend ein
glcklicher Umstand knnte vielleicht wenigstens Einen von uns retten, wenn es
dem Andern gelingt, mit seinem Leben die erste Bestie abzuschlagen. Nach einigem
Bedenken willigte ich ein, indem wir berein kamen, da Der, den das Loos
getroffen, den vordersten Posten einnehmen und von seinem Kameraden nur
untersttzt werden sollte. Ein Geldstck sollte entscheiden. Staunton wechselte
ein in beiden Hnden - wer die Guinee traf, hatte den ersten Kampf zu bestehen;
ich whlte - die Hand war leer, der Capitain sollte der Tigerin entgegen treten.
    Ich wei nicht, wie ihm zu Muthe war; mir wollte fast das Herz und der Kopf
zerspringen, whrend er seinen Jagdrock ablegte und sich ihn von mir um seinen
linken Arm wickeln lie. Indem ich dies that, fhlte ich einen harten Gegenstand
- ich zog ihn heraus - allmchtiger Gott! - es war ein sechslufiger Revolver,
den er in der Tasche bei sich trug und den er in der Aufregung gnzlich
vergessen. Schon glaubte ich uns bewaffnet und gerettet, aber der Capitain
benahm mir den Wahn. Htte ich eher daran gedacht, sagte er, so wre es
vielleicht mglich gewesen, unsere Bchsen zu reinigen und das Pulver aus den
Pistolenlufen zur Ladung zu benutzen. Doch wre es immer nur ein Vielleicht,
und die geringste zurckgebliebene Feuchtigkeit wrde den Schu verloren machen.
Ueberdies ist es jetzt zu spt - mich dnkt, ich sehe bereits die ersten Boten
der Dmmerung. Nehmen Sie das Pistol, und wem Sie kaltes Blut genug besitzen, so
warten Sie den Augenblick ab, wenn ich mit der Hefte handgemein bin und setzen
es ihr an das Auge. - Er weigerte sich auf das Bestimmteste, das Pistol selbst
zu nehmen, indem er erklrte, da es in meinen Hnden ihm ntzlicher sein wrde.
Ich band ihm eben das lange scharfe Jagdmesser mit dem Taschentuch in der
rechten Hand fest, whrend die linke in der dicken Umhllung des Armes frei
blieb, als wir pltzlich in einiger Entfernung das Rhrich knistern und brechen
und zugleich ein wildes Schnauben hrten. Mit den Worten: Da ist sie! - nun Gott
befohlen, Kamerad, und vor Allem kaltes Blut! ri er sich von mir los und sprang
an die Oeffnung.
    Er hatte Recht, - es war die Tigerin, die mit langen Stzen, ein Reh im
Rachen, von der Dschungel her durch die Trmmer sprang. Die Dmmerung hatte im
Osten bereits begonnen und wir konnten das Thier, eines der grten seiner Art,
deutlich sehen. Pltzlich hielt es in seinem raschen Lauf an und schnubberte
umher, - es hatte die Witterung seiner todten Jungen empfangen, die wir
auerhalb der Pagode an der Stelle, wo wir so unglcklicher Weise zuerst unsere
Bchsen zurckgelassen, hatten liegen lassen. Im nchsten Augenblick war die
Tigerin bei den kleinen Leichen und ein so wildes Geheul erschtterte die Luft,
da ich fhlte, wie mir das Blut in den Adern gerann. Jetzt - sie hatte ihre
Feinde gewittert und flog mit gewaltigem Satz gegen den Eingang, ihre Pranken
rissen wie Spreu die Steine zur Seite und ihr Oberkrper fllte die Oeffnung.
Zum Glck erlaubte die kletternde Stellung ihr nicht die Anwendung ihrer vollen
Kraft, wie ein Sprung diese entwickelt, und ehe sie sich durch die Steine
zwngen konnte, sah ich, wie Staunton sich ihr entgegen warf. Die Scene, die
jetzt folgte, ging rascher vor meinen Augen vorber, als ich es hier zu erzhlen
vermag. Ich sah, wie der linke Arm meines tapfern Kameraden in den offenen
Rachen der Bestie stie und seine Hand wahrscheinlich ihre Zunge fest packte,
ich hrte das Knirschen der Zhne in den brechenden Knochen, ich sah, wie die
Tatze des Thiers in seine Brust schlug und zugleich seine rechte Hand zwei -
drei Mal zustie, wie jedes Mal ein dicker Blutstrahl sich ber das Tuch ergo -
dann war es mir, als ob meine Sinne in dem betubenden Odem des Thieres sich
verwirrten, als hrte ich den Ruf: Zu Hilfe, Cavendish! zu Hilfe! - ein Knall -
ein zweiter - ich fhlte, da ich geschossen, das Wie? wute ich nicht - und
dann verlor ich das Bewutsein.
    Der Erzhler machte eine Pause; kein Laut unterbrach die athemlose
Aufmerksamkeit, mit welcher die Offiziere der erregenden Beschreibung zugehrt
hatten.
    Meine Schwche, fuhr der junge Mann fort, wird in Ihren Augen vielleicht
verchtlich erscheinen; aber bedenken Sie, da ich, auf dem Parketboden von
Windsor erzogen, noch nie Gelegenheit gehabt, meine Nerven fr solche furchtbare
Scenen zu sthlen. Dennoch konnte meine Ohnmacht nur wenige Augenblicke
gedauert haben, als ein schmerzliches Sthnen an meiner Seite und mein leise
ausgesprochener Name mich zum Bewutsein und zu meiner Pflicht zurckrief. Ich
war entschlossen, mich auf das Unthier zu strzen, aber - der Kampf war zu Ende:
kaum zwei Fu von mir lag die Tigerin mit durchschnittener Kehle und das eine
grne Auge rollte noch im Verscheiden, whrend das andere, von den Schssen
zerschmettert, blutig aus der Hhle hing und Wellen schwarzen Blutes aus Hals
und Rachen quollen. Ich schaute mich nach Staunton um, er knieete neben mir -
entsetzlich anzuschauen. Sein linker Arm war bis an die Schulter zermalmt und
hing schlaff, ein Gemisch von zerrissenen Sehnen, Fleisch und Kleiderfetzen,
herunter, whrend die Brust eine breite, bis auf den Knochen gehende Wunde
zeigte, wie die Pranke des Ungethms sie gerissen hatte. Es ist vorbei mit mir,
Cavendish, flsterte er sthnend, die Klauen des Tigers hatten die
Lebensarterien schon getroffen, als Ihr Schu sein Gehirn zerri. - Ich hob ihn
in meinen Armen auf und schleppte ihn einige Schritte weit fort von dem blutigen
Thier. Ich sah, jeder Versuch, ihn zu verbinden, selbst wenn ich die Mittel dazu
gehabt htte, wre vergeblich gewesen. - Lassen Sie mich ruhig sterben,
Cavendish, sagte er, und denken Sie an Ihre eigene Rettung. Der Tiger kann
jeden Augenblick kommen, aber mir ist ein Mittel eingefallen, - er sprach mit
Anstrengung in abgebrochenen Stzen - das uns Beide gerettet htte, wenn ich
eher daran gedacht. In meiner Tasche ist Feuerzeug - Sie mssen die Dschungel in
Brand stecken - unter diesen Steingewlben sind Sie sicher. Aber eilen Sie -
eilen Sie! - -
    Die Ueberzeugung fuhr mir durch den Kopf, da das Mittel vortrefflich sein
mute, dennoch wollte ich den Sterbenden nicht verlassen. - Fort, fort - eilen
Sie, rief er mit aller Anstrengung, jede Minute ist unwiederbringlich - Sie
finden mich noch lebend! - Ich sprang ber die Leiche des Tigers und die Steine
und eilte zum Rande der Dschungel. Das Morgenroth zeigte bereits seine ersten
Dinten und ein leichter Luftzug wehte ber die Flche. Rasch war einiges drre
Gestruch zusammengerafft und in Brand gesteckt, ich warf es in das Rohrdickicht
und im nchsten Augenblick schon quollen Rauch und Flammen in die Hhe.
    Nach kaum fnf Minuten war ich wieder bei dem Verwundeten. Er hatte sich
zur Leiche der Tigerin geschleppt und betrachtete sie mit einem gewissen Stolz.
- Lassen Sie mich auf ihr sterben, Cavendish, sagte er, es wird nicht viele
Mnner geben in der britischen Armee, die sich rhmen knnen, eine Tigerin mit
dem Jagdmesser bekmpft zu haben. - Hren Sie - wie die Flamme knistert - mein
Rath war gut, aber er kam zu spt! - In der That zeigte ein Blick mir, da das
ganze Dickicht bereits in Flammen stand, die, von dem Wind angefacht, mit
rasender Schnelle ber das drre Gerhr flogen. Thiere aller Art, wilde
Kaninchen, Schlangen, Eidechsen, Schakals und schwarze Eber flchteten, von dem
Feuer aufgejagt, aus ihrem Lager im Sumpf und nach den hher und frei gelegenen
Ruinen. Staunton fate meine Hand; an dem starren, glsernen Ausdruck, den seine
Augen annahmen, konnte ich sehen, da der Tod ihm nahe war. - Cavendish,
flsterte er, wenn Sie entrinnen, verlassen Sie Indien sogleich - denn der
braune Satan wird Sie verfolgen bis - Er fuhr pltzlich empor, die Sinne des
Sterbenden waren, wie dies hufig der Fall sein soll, merkwrdig geschrft und
er hrte durch das Zischen und Knistern der Flammen ein Gerusch, das mein Ohr
noch nicht unterscheiden konnte. - Gott erbarme sich Ihrer, Kamerad - der Tiger
kommt - der Tiger - Ich hatte kaum Zeit gehabt, empor zu springen, da
erschtterte ein wthendes entferntes Brllen die Luft und schien mit
Sturmeseile nher und nher zu kommen. Durch das Prasseln der Flammen hrte ich
das Brechen des Rohrs und der Gebsche und dann -
    Stop! klang der Anruf der Schildwache vor der Brustwehr. - Werda? -
Feldgeschrei? - Parole?
    Abukir und Waterloo! sagte eine Stimme. General Codrington zur
Visitation!
    Ehe noch die Schildwache ihr Passirt hatte entgegnen knnen, waren die
berraschten Offiziere schon emporgesprungen und eilten dem Hals der
Verschanzung zu. Auerhalb derselben hielt in der That der Brigade-General mit
einer kleinen Begleitung. Einige Nachrichten, die ihm am Tage vorher von
Bewegungen der Russen zugekommen waren, hatten ihn besorgt gemacht, und er
beritt die britischen Linien, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu
berzeugen.
    Wer kommandirt die Batterie?
    Lieutenant Lundgreen, Excellenz. Die erste Compagnie des 95. Regiments,
Capitain Armstrong zur Deckung.
    Gut, meine Herren, ich sehe, das Hllenwetter hat keinen Einflu auf Ihre
Wachsamkeit gebt. Doch mchte ich Ihnen rathen, Capitain, obschon ich nicht Ihr
kommandirender General bin, einen Offizier mit einem Piket whrend der
Dunkelheit die Strae zwischen den Hhen bis zur Wasserleitung hin patrouilliren
zu lassen. Die Russen stehen, wie wir wissen, in bedeutender Strke am andern
Ufer des Flusses.
    Zu Befehl, Excellenz. Lieutenant Cavendish, nehmen Sie einen Sergeanten und
zehn Mann, verstrken Sie unsern Posten auf der Strae nach der Tschernaja und
senden Sie Patrouillen bis an den Thalrand.
    Der Lieutenant salutirte mit etwas saurer Miene. - Zum Henker! flsterte
O'Malley, da kommen wir um den Schlu Ihrer Geschichte. Ich htte gar zu gern
erfahren, wie Sie noch davongekommen.
    Gedulden Sie sich bis wir uns wiedersehen, entgegnete Cavendish ebenso. -
Er eilte, sich fertig zu machen, denn der General zgerte offenbar, um den
Abmarsch der Patrouille zu sehen.
    Beide ahnten nicht, da zwischen dem Jetzt und dem Wiedersehen die Ewigkeit
lag.
    Fertig, Capitain. Gewehr auf! Marsch! Das Kommando verlie die Schanze.
Als Cavendish bei General Codrington vorbeimarschirend salutirte, klang von der
Festung her ein fernes melodisches Summen durch die schwere Nebellust. Der
Lieutenant blieb stehen - auch die andern Offiziere horchten aufmerksam auf die
Klnge, die offenbar von der Festung herkamen. Lord Codrington lachte. - Stren
Sie sich nicht daran, meine Herren, ich habe es vorhin schon vernommen, als ich
meine eigene Brigade visitirte. Die Russen luten zur Nachtmesse in der Stadt,
es ist morgen Sonntag und sie feiern wahrscheinlich irgend einen ihrer hundert
Heiligen. Gute Nacht oder - Guten Morgen und gute Wache, Gentlemen! - Der
General ritt grend weiter nach der Richtung der andern Redouten.
    Als er fort war, wurden die Wachen abgelst und dann hllten sich Offiziere
und Soldaten in ihre Mntel und suchten eine wenigst nasse Stelle fr die Ruhe
einiger Stunden. Auf seine Frage erfuhr Capitain Armstrong, da der Tatar und
sein Knabe zugleich mit der Patrouille die Verschanzung wieder verlassen hatten,
was ganz gegen seine Absicht geschehen, aber nicht mehr zu ndern war.
    Der Tatar hatte brigens nur eine kurze Strecke weit bis zur alten
Poststrae das britische Detaschement begleitet, dann verlie er die Soldaten
unter dem Vorgeben, nach Kadikoi zurckkehren zu wollen. Die Patrouille war kaum
im Dunkel des Hohlwegs verschwunden, als er auch die Strae verlie und an den
Hgelseiten emporkletterte. Jetzt wissen wir, was wir wollen, Mauro, sagte er,
Du kennst die Parole und das Feldgeschrei fr den Nothfall, wenn Du auf
Soldaten stoen solltest. Also rasch nach der Stadt und General Ssoimonoff
entgegen. Ich schlage den Weg durch die Steinbrche ein und bin in einer Stunde
an der Brcke. Die Narren haben uns alle ihre Vertheidigungs-Anstalten sehen
lassen und ich denke, Mungo's Probestck auf diesem ihm fremden Boden wird der
Empfehlung Deines Herrn keine Schande machen. -
    Der Spion verlor sich in den dunklen Schatten der Berge, whrend der Knabe
nach der Richtung der Stadt schlich.
    Als General Codrington von seiner Inspection der britischen Linie, die er
bis gegen den Sapunberg hin ausgedehnt hatte, zurckkehrte, - der Tag brach
bereits an - fielen pltzlich auf dem linken Flgel der Vorpostenlinie vor der
Division Brown einige Schsse und bald darauf hrte man von der Seite von
Inkermann ein heftiges Gewehrfeuer.
    Codrington lie seine Brigade unter Waffen treten.
    Das Glockengelut in der Nacht von den Thrmen Sebastopol's hatte nicht der
Sonntags-Frhmesse gegolten, sondern die Einwohner zusammengerufen zum Gebet fr
den glcklichen Ausgang der Schlacht. Die Truppen standen bereits auf den
Sammelpunkten.
    Als die Morgenrthe sich am Himmel zeigte, whrend auf den Bergen und in den
Thlern dichter Nebel lag und im englischen Lager noch Alles ruhig schlief, ohne
an die nahe Gefahr zu denken, begannen die russischen Truppen auch von den Hhen
des rechten Tschernajaufers herabzusteigen, und von der Stadt her nherte sich
die Spitze der Colonne Ssoimonoss's.
    In diesem Augenblick schon war es, wo das Geschick der Schlacht durch den
Fehler eines ihrer Fhrer entschieden wurde, der die Folgen selbst nicht durch
die heldenmthige Opferung seines Lebens abwenden konnte. Die Disposition fr
die Colonne des General-Lieutenants Ssoimonoff, die von der Bastion Nr. 2 aus
gegen die Englnder vorbrechen sollte, lautete: auf der linken Hhenseite des
Kilengrundes vorzugehen und die Englnder anzugreifen. Der Frst hatte damit die
westliche Seite des Kilengrundes gemeint, bei der Bestimmung von rechts und
links den Lauf des Thalgrundes nach seinem Ausgang zum Meere annehmend.
    General Ssoimonoff that das Gegentheil - er rechnete in der Richtung, nach
welcher er marschirte.
    So berschritt seine Colonne denn gleich beim Austritt aus der Stadt die
Mndung des Kilengrundes und rckte auf dem Plateau des stlichen Randes vor,
statt sich auf dem breiten Terrain des westlichen zu entfalten und hier den
linken Flgel der englischen Stellung anzugreifen, nach dem Centrum hin
aufzurollen und so zwischen die englischen Trancheen und das Lager einzudringen,
das am Anfang des Kilengrundes lag. Dies war jedoch nicht der einzige
berwiegende Nachtheil. Durch die Irrung des Ssoimonoff'schen Corps schob es
sich vor den von der Inkermann-Brcke her vordringenden rechten Flgel der
Angriffs-Colonne des General-Lieutenants Pawloff, der von dieser Seite gegen das
englische Lager vordringen sollte, whrend sein linker Flgel auf der alten
Poststrae und durch die Schluchten die englischen Redouten und den rechten
Flgel der Feinde angriff. Die Russen verloren damit ihr numerisches
Uebergewicht, da sie nicht aufzumarschiren vermochten. Die russischen Regimenter
muten in Compagnie-Colonnen zum Angriff gehen, auf welche die englischen
Bataillone in Front zu zwei Gliedern aufgestellt, mit ihren vorzglichen
Gewehren schon in weiter Entfernung ein sicheres, vernichtendes Feuer
erffneten. -
    Der dichte Nebel und die graue Farbe der Platschtsch's4 der Russen machte es
neben der Ermattung der englischen Schildwachen den feindlichen Tirailleurs
mglich, unbemerkt dicht heran zu kommen. Das Tarutinskische Jger-Regiment
unter seinem Commandeur General-Major Wolkow rckte auf der alten Poststrae
vor, whrend das Borodinskische Regiment parallel die Schluchten hinan stieg.
    Lieutenant Cavendish, der kaum eine halbe Stunde vorher von einer
Recognoscirung bis an die Tschernaja zurckgekehrt, sah sich pltzlich im Rcken
und in den Flanken von russischen Jgern umgeben und ein Offizier rief ihm auf
Englisch zu, er solle sich ergeben. Der junge Mann jedoch, dem es durchaus nicht
an Muth fehlte, erwiderte mit einem Schu seines Revolvers, um die nchsten
Schildwachen zu allarmiren, und versuchte dann an der Spitze seiner kleinen
Truppe sich durchzuschlagen. Ein Bajonnetstich in die Brust warf ihn verwundet
zu Boden, inde gelang es ihm, aus dem wthenden Kampfe, der jetzt folgte, zu
entkommen, und auf dem Boden sich hinschleppend, den Schutz des nchsten
Gebsches zu erreichen.
    Binnen wenig Minuten war jetzt Allarm auf der ganzen Linie. Der Angriff
zeigte sich aber so ausgedehnt, das Kanonen und Kleingewehrfeuer krachte von so
verschiedenen Seiten, da die englischen Generale anfangs vollstndig in Zweifel
waren, woher der Angriff sie bedrohe. Von der linken Seite her donnerten die
Batterieen der Stadt und untersttzten die Artillerie Ssoimonoff's, die mit 38
Geschtzen sich auf den rechten Kilenhhen aufgestellt hatte. Die Spitzen des
Pawloff'schen Corps erstiegen bereits die Hhen der Poststrae, von Sdosten
verkndeten Kanonenschsse die Diversion des Frsten Gortschakoff gegen den
Sapunberg.
    Zuerst glaubten die Englnder, es glte auf's Neue einen Angriff gegen
Balaclawa, und hielten das Vordringen von Inkermann fr eine Scheinattake. Die
blutige Wirklichkeit belehrte sie bald eines Andern. General Pennefather, der
wegen Krankheit Lach-Evans die Division fhrte, erschien zuerst auf dem
Kampfplatz und sandte die drei Regimenter der Brigade Adams zum Schutz der
Redoute Nr. 1, mit der eigenen Brigade links gegen Ssoimonoff Stellung nehmend.
Buller und Codrington setzten mit ihren Brigaden die Schlachtlinie fort, und
hinter diesem ersten Treffen gelang es den Englndern, ihre weitere Stellung zu
bilden.
    Noch im Schutz des Nebels drngten das Borodin'sche und Tarutinski'sche
Jger-Regiment von der Colonne Pawloff's, nachdem sie die Hohlwege erstiegen,
die Brigaden Pennefather's zurck und griffen die Redoute Nr. 1 an. Das
Tomski'sche und Koliwanski'sche Regiment, untersttzt durch das Regiment
Catharinenburg, warfen sich trotz des furchtbaren Flankenfeuers der vier
englischen Brigaden Codrington, Buller, Campbell und Gordon, mit dem Bajonnet
auf die Brigaden Adams und Pennefather. Der Ruhm, den die Englnder sich stets
angemat, da keine Truppen der Welt sich mit ihnen im Bajonnetkampf messen
knnen, wurde hier vernichtet. Die russischen Bataillone drangen mit
unwiderstehlicher Macht vor, obschon die Krfte auf diesem Theil des
Schlachtfeldes ganz gleich waren. Das Gemetzel war entsetzlich, fast jeder Sto
der Bajonnete brachte eine tdtliche Wunde, aber ber die Fallenden und
Sterbenden strmten neue Kmpfer in die Reihen. Das Urrah der Russen, wie sie
in dem Thalgrund in geschlossenen Colonnen vordrangen, klang wie der Donner
einer Lawine, und gleich einer solchen rollten sie die englischen Bataillone
auf. Die Artillerie Ssoimonoff's sandte zugleich von der Hhe ihre Kugeln bis in
die Zelte des englischen Lagers, ein Bataillon des Tomski'schen und zwei
Bataillone des Koliwanski'schen Regiments strmten die Redoute Nr. 2.,
vernagelten zwei Lancaster-Kanonen und drangen bis in's Lager der 2. Division.
Zwei Bataillone Catharinenburg unter ihrem tapfern Oberst Uwaschnow Alexandrow
umgingen sogar das obere Ende des Kilengrundes, gelangten so auf das Terrain,
das die Colonne Ssoimonoff von Anfang htte occupiren sollen, strzten sich hier
auf das Lager und vernagelten die Geschtze.
    Doch sie blieben ohne Untersttzung; - General-Major Wilboa, der
Kommandirende der drei Regimenter, fiel, von einer englischen Kugel getroffen,
die Minibchsen der Schtzen der leichten Division Brown rumten furchtbar
unter den Russen auf und die tapferen Bataillone muten ihre Vortheile wieder
aufgeben und, fast aller Offiziere beraubt, bis an den Hohlweg zurckgehen, der
die Steinbrche an dem Kilengrund bildet.
    Hier war es, wo der unerschrockene Ssoimonoff mit seinem Blute den
begangenen Fehler shnte. Der Kommandant seiner Artillerie, Oberst Saghoskin,
fiel - die Artillerie-Bedienung, die Zugpferde wurden von den weithin treffenden
Kugeln der Englnder niedergeworfen, erst unter'm Schutz der vom General-Major
Schabokritski in vortheilhafter Stellung aufgefahrenen Batterieen gelang es den
russischen Regimentern, sich wieder zu formiren. Sie hatten furchtbar durch den
Heldenkampf gelitten und muten aus der Schlachtlinie zurckgezogen werden. In
den drei Regimentern waren nur noch zwei Stabs- und fnfzehn andere Offiziere
ohne schwere Wunden. Neue russische Regimenter nahmen hinter den Batterieen
Stellung und eine Kanonade begann. - Auf der Hhe hinter diesen Batterieen der
ersten Linie hielt der Oberbefehlshaber der russischen Angriffscolonnen, General
Dannenberg, und der Tod um ihn her mhte eine reiche Erndte. Offiziere des
Generalstabes, Adjutanten und Ordonnanzen wurden ringsum getdtet, dem General
selbst zwei Pferde unter dem Leibe erschossen.
    Whrend dieses wilden Kampfes an dem obern Ende des Kilengrundes hatten die
beiden Regimenter des Pawloff'schen Corps, die sich gegen die Redoute Nr. 1 und
die Brigaden Adam's und Pennefather's gewendet, dieselben zurckgedrngt und
strmten wiederholt die Redoute, in welcher sich Capitain Armstrong mit den
erhaltenen Verstrkungen mit Lwenmuth schlug. Dem muntern O'Malley schlug eine
Kugel durch den Mund und schlo ihn auf ewig; der treue Mickey schleppte seinen
tapfern Herrn schwer verwundet aus dem Kampf; die Russen drangen wiederholt bis
an die Mndungen der Karttschen-sprhenden Geschtze Lundgreen's vor, und fr
die Todten, die Bajonnet und Kolbe der Englnder von den Brustwehren
schleuderte, klommen mit jener zhen Gleichgltigkeit gegen Gefahr und Leben
neue Schaaren empor. Schon waren Einzelne in das Innere der Batterieen
gesprungen und kmpften mit den Artilleristen, da - - -
    Vive l'Empereur! - -
    Frh 7 Uhr war Lord Raglan mit seinem Stabe auf dem Schlachtfelde
eingetroffen, wo bereits, mit Ausnahme der Brigaden Colin-Campbell und Eyre, die
in den Trancheen und bei Balaclawa standen, die ganze englische Macht im Feuer
war. Um den Gang des Gefechtes besser zu berwachen, ritt er in die
Schlachtlinie vor - an seiner Seite fiel hier der Chef seiner Artillerie,
General Strangway's, der bei Leipzig als Kommandant einer Raketen-Batterie
ruhmvoll seine Laufbahn begonnen.
    Bald nach Beginn des Angriffs schon eilte General Bosquet, der Kommandant
des franzsischen Observations-Corps auf dem Sapunberg, in das britische Lager,
gefolgt von 4 Compagnieen Vincenner Jger, 2 Bataillonen Infanterie und 2
reitenden Batterieen. Er bot den Generalen Cathcart und Brown seine Hilfe, doch
die hochmthigen Briten, noch nicht gedemthigt von der Decimirung ihrer
Regimenter, lehnten den Beistand ab und erklrten, noch Truppen in Reserve zu
haben. Nur wenn die Redoute Nr. 1 in die Hnde der Feinde fiele, wrden sie um
Untersttzung ihres rechten Flgels bitten. Bosquet, weit verstndiger, als die
Englnder, sandte ohne Weiteres die mit ihm gekommenen Truppen der Redoute zu
Hilfe und kehrte nach seinem Posten auf dem Sapunberg zurck, um sich selbst von
der Wichtigkeit des Angriffs zu berzeugen, der dort von Tschorgun her drohte.
Sein Scharfblick erkannte sofort, da hier nur von einer Scheinattake die Rede
war, um ihn zu beschftigen. Er traf demnach seine Vorbereitungen, um auf die
erste Botschaft der Englnder nach dem Schlachtfelde eilen und mit seinen
Truppen das Schicksal des Tages entscheiden zu knnen.
    Aber der beleidigte General wartete auf die Bitte der Briten, die, wie er
sah, kommen mute. Der tapfere Republikaner, der mit seiner ganzen Division keck
gegen das Kaiserthum gestimmt, der, als Liebling der Armee, nur auf Frsprache
Canrobert's beim orientalischen Kriege wieder eine Division erhalten und seitdem
durch sein Organisationsgenie bei der Landung in Gallipoli die Englnder in
Staunen gesetzt, die faulen Trken mobil gemacht, der an der Alma schon durch
den Sturm auf die Hhen am Meer die Schlacht entschieden hatte, - er hate als
echter Franzose die anmaenden Verbndeten seines Kaisers, die natrlichen
Feinde Frankreichs, und beschlo, sie zu demthigen.
    Seine ersten Bataillone waren es, welche im letzten Augenblick den tapfern
Vertheidigern der Redoute zu Hilfe kamen und sie befreiten, whrend zugleich
General Bentink mit der Garde-Brigade der geworfenen zweiten Division zu Hilfe
eilte und die Russen zurcktrieb.
    Es war 9 Uhr, der erste Akt des blutigen Drama's war beendet.
    Doch nur auf kurze Zeit. Auf's Neue rollte der Vorhang empor und lie das
Spiel beginnen, in dem der Kanonendonner die Rede, der Tod die Action war.
    Die drei hintersten Regimenter der Colonne Pawloff's, das Ochotski'sche
Jger-, das Jakutski'sche und Selenginski'sche Infanterie-Regiment, die nach
Ueberschreitung der wieder hergestellten Inkermann-Brcke rechts auf der
Sappeurstrae vorgerckt waren, trafen um 8 Uhr auf dem Schlachtfelde ein, zur
Zeit, als die vorderen Truppen Ssoimonoff's nach dem Fall ihres Fhrers zum
Steinbruchgrund zurckgedrngt wurden.
    Neben General Dannenberg hielten zu Pferde zwei junge Offiziere, mit den
Abzeichen hohen Ranges unter dem bei ihren Bewegungen sich ffnenden Mantel
geschmckt, der Eine etwa 23 Jahre alt, mit ernsten, gestreckten Gesichtszgen,
die an ein majesttisches Bild erinnerten, in der Uniform des Genies; der
Zweite, wenig jnger, aber von freundlichen, rundern Zgen und dennoch
unverkennbarer Aehnlichkeit, die Abzeichen der reitenden Garde-Artillerie
tragend. Die drei Regimenter, das Ochotski'sche an der Spitzte, marschirten eben
zwischen den Hgeln auf und formirten sich in Angriffscolonnen und der Brigade-
und die Regiments-Kommandanten sprengten zu dem Befehlshaber.
    Wir mssen die Redoute unter allen Umstnden haben, General Ochterlone,
sagte der Kommandirende, indem er sein Glas vom Auge nahm. Ich sehe, die Garden
halten sie jetzt; lassen Sie Bibikof links abschwenken und die Hhen strmen;
Ihrer Majestt Coldftreams werden auf den nchsten Almacs nicht so stark
vertreten sein, wie ich hoffe.
    Whrend der greise Kommandant des Regiments salutirte und davon sprengte,
wandte General Dannenberg sich wieder zu dem Kommandeur der ersten Brigade. Sie
mssen ber den Hohlweg der Strae, um die Hhe zu gewinnen, ehe jene Colonnen
dort - wenn ich nicht irre, ist es die vierte Division unter Cathcart - sie
besetzen. Capitain Kowaleff, reiten Sie zu Pawloff und sagen Sie ihm, was ich
ber die Regimenter bestimmt, er soll die Reserven nachrcken lassen und die
Batterieen so nahe als mglich bringen. Vorwrts, meine Herren, und Gott segne
Ruland!
    Eine Hand fate seinen Arm; es war der eine junge Offizier an seiner Seite,
whrend der Andere verschwunden war. General, sagte der junge Mann, mit Ihrer
Genehmigung werde ich mich Oberst Sabatinski anschlieen.
    Unmglich, Kaiserliche Hoheit, entgegnete der General hflich, aber
bestimmt; ich kann es unter keinen Umstnden gestatten. Euer Kaiserliche Hoheit
und Grofrst Michael sind bereits hier - - - er sah sich erstaunt um - wo ist
der Prinz?
    Mein Bruder, sagte der Grofrst Nicolaus, denn dieser war der Offizier
und mit seinem jngsten Bruder am Abend vorher zum Jubel der Armee in
Ssewastopol eingetroffen; mein Bruder ist bereits Oberst Bibikof dahin gefolgt,
wohin Ehre und Pflicht ihn rufen, und ich bitte Sie, Herr General, zu bedenken,
dich der Kaiser, unser Vater, uns nicht hierher geschickt hat, um Schlachten
schlagen zu sehen, sondern sie mit unsern braven Soldaten zu schlagen.
    Der General verbeugte sich. Diese Herren sind Zeuge, da ich meine Pflicht
gethan. Ich kann Eure Kaiserliche Hoheit nur bitten, Ihr kostbares Leben nicht
unntz auszusetzen.
    Das kann nie geschehen, wo es Rulands Ehre gilt. Auf Wiedersehen, Herr
General!
    Der Prinz, dem sein Vater auf den Antrag des Frsten Menschikoff nebst
seinem Bruder fr ihr tapferes Benehmen spter den Sanct Georg-Orden 4. Klasse
verlieh, sprengte mit seinem Adjutanten den Regimentern nach und verlie sie
whrend des folgenden Gefechts im heftigsten Feuer nicht.
    Mit Ungestm warfen sich die russischen Jger auf die Redoute, die jetzt von
den Coldstreams - der berhmten englischen Garde - vertheidigt wurde, und ein
Kampf, frchterlicher, blutiger, denn zuvor, entspann sich. Die Briten, gnzlich
von den Ihren abgeschnitten und zugleich von der russischen Artillerie auf den
gegenberliegenden Hhen beschossen, schlugen sich mit Heldenmuth. Vier Mal
drangen die Ochotsker bis zu den Schiescharten, und vier Mal wurden sie von dem
Bajonnet und dem Feuer wieder zurckgeworfen. Zweihundert Mann des kaum
Siebenhundert starken Regiments waren bereits gefallen, da gab endlich die
Hoffnung auf, die Redoute halten zu knnen, warf sich heraus und bahnte sich mit
dem Bajonnet den Rckweg durch die Feinde.
    Das Gemetzel war furchtbar, mehr als ein Drittel des Regiments fiel, aber
auch der Sieg der Russen wurde theuer erkauft. Ihr tapferer Oberst Bibikof
strzte tdtlich verwundet, beinahe alle Stabs- und Ober-Offiziere des Regiments
lagen auf dem Kampfplatz.
    Aber von der Redoute wehte die russische Fahne! -
    Die Brigade Ochterlone warf sich auf die Reste der zweiten englischen
Division und trieb sie zurck. Da eilten Cathcart - der Liebling Wellington's -
mit seiner Division und Lord Bentink mit den brigen zwei Garde-Regimentern und
dem wieder gesammelten Rest der Coldstreams zur Untersttzung und zum Angriff
herbei. Whrend die Grenadiere und die tapfern schottischen Garde-Fsiliere
unter den wilden Klngen des Pibroch von Donald Dhu und dem Ruf: Schottland fr
immer! die Redoute wieder erstrmten und die Ochotski'schen Jger warfen,
strzte sich Cathcart mit dem 29. und 63. Regiment in den Hohlweg, um der
russischen Brigade den Rckweg abzuschneiden. Oberst Bjalui mit den
Jakutzki'schen Jgern strmte, unbekmmert auf die Gefahr im Rcken, gegen die
Garden - Lord Bentink wurde verwundet, zwlf britische Offiziere waren gefallen,
die Redoute auf's Neue den Garden entrissen und diese zurckgetrieben. Die
Englnder im Hohlweg sahen sich durch die besonnenen Befehle General
Ochterlone's von dem Selenginski'schen Regiment umringt. Das Blutbad war hier
entsetzlich, ein Kampf der Verzweiflung von Seiten der Briten, die mit dem
Bulldoggen-Grimm fochten, der noch im Tode sich an den Feind klammert; - ein
Kampf wthenden Hasses von Seiten der Russen, deren Erbitterung whrend des
ganzen Krieges in allen Stnden weit grer gegen die Briten, als gegen die
Franzosen sich zeigte. Vergeblich war alle Tapferkeit, alle persnliche
Aufopferung des tapfern Cathcart, der in ihren Reihen kmpfte. In seine Ohren
drhnte verzweifelnd der Ruf der Soldaten: Wir haben keine Patronen mehr! -
Nun, so habt Ihr Bajonnete! rief der General. Also vorwrts fr den Ruhm von
Alt-England! Und vorwrts strzten die Compagnieen, aber sie zerstoben an den
russischen Phalanxen und eilten in Unordnung den Hhen zu. Hier jedoch empfing
sie das Jakutzki'sche Regiment mit einem Kugelhagel. Cathcart, durch den Kopf
geschossen, fiel - Goldie, Torrens, seine beiden Brigade-Generale, wurden
verwundet, dichter Pulverdampf umhllte das Todesfeld.
    Auf allen Punkten begannen die Englnder sich zurckzuziehen; die zweite
Redoute war in den Hnden der Russen, und zum zweiten Male drangen sie in das
britische Lager.
    Neben Lord Raglan befand sich whrend des ganzen Gefechts der franzsische
Oberkommandant Canrobert, ohne der Wunde an der Hand zu achten, die er erhielt.
Gegen 10 Uhr Morgens brachten ihm die Adjutanten die Nachricht, da dir Russen
unter Timofjef aus der Bastion Nr. 6 auf der Westseite der Festung einen Ausfall
gegen die franzsischen Approchen gemacht hatten und mit der Brigade Lourmel im
Kampf waren. Die drei franzsischen Divisionen der Westseite waren in Allarm und
warfen die Russen zurck, dort hatte man also Nichts zu besorgen, und der
kleine, bewegliche Oberkommandant der franzsischen Armee blieb auf seinem
Posten, den Augenblick erwartend, in dem sich der englische Stolz beugen mute.
    Und er beugte sich. Lord Raglan, die ganze englische Position verloren
sehend, wenn nicht schleunige Hilfe eintrfe, verlangte die franzsische
Untersttzung und erlitt die Demthigung, da er, auf Canrobert's Wunsch, seine
eigenen Adjutanten zu dem frher abgewiesenen Bosquet schicken und um rasche
Hilfe bitten mute.
    Durch den Donner der Geschtze und das Rollen des Gewehrfeuers vernahm man
den hellen Klang der langen Hrner der Zuaven, der algierschen Schtzen und der
Jger von Vincennes. Bosquet, der General Kaiser Napoleon's, spielte diesmal die
Rolle der Preuen bei Waterloo und kam mit seinen drei Brigaden im
Geschwindmarsch vom Sapunberg heran, sie rechts von den Englndern in die
Schlachtlinie werfend auf den linken Flgel der Russen. -
    So wechselt die Geschichte - so wechseln die Freundschaften der Einzelnen
und der Reiche!
    Der dritte und letzte Akt der blutigen Tragdie von Inkermann begann!
    Das eigenthmliche Marschexercitium der Zuaven - der Trab oder vielmehr das
springende Laufen in Compagnie- und Bataillons-Colonnen - brachte sie mit
berraschender Schnelligkeit herbei. Die Brigade Monet folgte den beiden anderen
als Reserve.
    Einen Augenblick war General Dannenberg unentschlossen, ob er nicht die vier
Regimenter, die noch nicht in den Kampf gekommen waren und von denen das
Uglitz'sche und Butinski'sche die Artillerie gedeckt hatten, das Wladimir'sche
und Susdali'sche als Reserven zurckbehalten worden, dem neuen Sto
entgegenwerfen und um den Sieg ringen sollte, inde die Ueberlegung, da bei
einem Milingen sein ganzes Corps, das gefhrliche Defile von Inkermann im
Rcken, verloren sein mute, entschied und er beschlo den Rckzug. Whrend die
Artillerie den Befehl erhielt, nach der Inkermann-Brcke abzufahren, flogen die
Adjutanten zu den bedrohten Regimentern mit dem Befehl zum Rckmarsch.
    Der General schaute sich suchend um, es galt, eine persnliche Ordre
auszufhren, nachdem die Pflicht des Feldherrn erfllt worden. Ein junger
Offizier vom Generalstabe des Frsten Menschikoff, der, wie viele seiner
Kameraden, sich dem Stabe des Generals Dannenberg angeschlossen, hielt mit
mehreren Kosacken in der Nhe.
    Capitain Iwan Oczakoff!
    Der Offizier salutirte.
    Sie kennen den Grofrsten Nicolaus persnlich. Er begleitet, wie Sie
gesehen haben, das Selenginski'sche Regiment, das in diesem Augenblick sich in
der grten Gefahr befindet. Suchen Sie Seine Kaiserliche Hoheit auf und sagen
Sie ihm, ich liee bitten - nein, ich liee ihm als kommandirender General
befehlen, Sie auf der Stelle hierher zu begleiten.
    Der junge Frst beugte sich ber den Sattelknopf seines Pferdes und flog
davon, indem ein Wink seiner Hand seine Begleiter ungeduldig bei der Suite des
Generals zurckhielt. Ihre ngstlichen Blicke sahen ihn in dem Meer von
Pulverdampf verschwinden, welcher in der Richtung der genommenen Redouten Berg
und Thal bedeckte.
    Oberst Sabatinski, der Kommandirende des Selenginski'schen Regiments, hatte
bereits die Ordre zum Rckzug erhalten; das Ochotski'sche Regiment war schon auf
demselben begriffen und somit das seine dem vollen Sto der frischen
franzsischen Truppen preisgegeben. In drei Bataillons-Colonnen formirt, dicht
geschlossen erwarteten die Russen den Sto. In diesem Augenblick gelangte Frst
Iwan zum Regiment und erkannte in der mittelsten Colonne den Grofrsten.
    Er war an seiner Seite, als die franzsischen Hrner dicht vor den Fronten
im Pulverdampf erklangen und unter dem donnernden Kaiserruf das dritte
Zuaven-Regiment auf die Russen strzte, whrend rechts und links die
afrikanischen Jger attakirten.
    Der erste tolle Anlauf der Franzosen prallte an der Unbeweglichkeit der
russischen Massen ab. Die Glorie der Zuaven ist der Einzelnkampf. General
Saint-Pol, welcher sie fhrte, sammelte in kurzer Entfernung das Regiment zur
neuen Attake, whrend die Russen langsam zurckgingen. Die franzsischen
Plnkler unterhielten ein scharfes Feuer aus ihren kurzen Bchsen.
    Der Grofrst weigerte sich, das bedrohte Regiment zu verlassen - erst die
bestimmte Erklrung des Obersten Sabatinski nthigte ihn dazu, als ein Schu
sein Pferd traf. Du siehst, Frst, sagte der junge Kaisersohn, da ich nicht
fort kann. Ich werde zu Fu mit den Braven kmpfen! Frst Iwan war bereits vom
Pferde gesprungen. Eure Kaiserliche Hoheit kennen meinen Befehl und werden mein
Pferd nehmen! Nur mit Mhe verstand sich der Grofrst endlich dazu und verlie
unter dem Kugelregen die Colonne. Er war kaum entfernt, als der zweite Ansturm
der Franzosen in die Reihen der Russen brach und sie diesmal zu sprengen drohte.
Die ersten Glieder wurden zu Boden geworfen, ein blutiges Handgemenge mit
Bajonnet und Kolben begann. Von zwei Seiten drangen die Zuaven in die russische
Stellung. -
    Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der verrckte Jean ist, welcher
der hbschen Hexe, Deiner Schwester, davon gelaufen sein mu, sagte mitten im
Gewhl des Angriffs ein brtiger Zuaven-Sergeant zu seinem Nebenmann, einem
krftigen, muthigen Krieger, der eben wieder sein Gewehr lud.
    Wo, Papa Fabrice? - Der junge Russe im Mantel? - Parbleu! es ist Jean und
wir mssen ihn wiederhaben, den bldsinnigen Burschen! Damit warfen sich die
Zuaven in eine Lcke des Getmmels und schlugen sich nach der Stelle durch, wo
sie den jungen Offizier bemerkt hatten. Ein Degensto empfing den Bruder der
Marketenderin, so da er ihn nur mit Mhe zu pariren vermochte. - Der Bursche
ist verrckt wie ein Mrzhase oder ein wirklicher Ueberlufer, schalt der
Sergeant und schleuderte den jungen Mann zu Boden, der sich verzweifelt wehrte,
inde Bourdon mit zwei russischen Infanteristen vollauf beschftigt war, die ihn
angriffen. - Der Tlpel ist schlimmer, als ich dachte, und mir lang' im Weg
gewesen! Zum Teufel mit ihm! Der Sergeant, erbittert ber den Pistolenschu,
den der Offizier, schon am Boden, nach ihm abfeuerte und der seine brtige Wange
streifte, hob das Gewehr, um dem Gefangenen einen Kolbenschlag auf den Kopf zu
geben, als ein Sbel schtzend dazwischen fuhr, der Sbel eines franzsischen
Offiziers. Quartier, Canarade, pour cet enfant! Zugleich wurde der Zuave von
der Seite her angegriffen und das Gewhl trennte ihn im Augenblick von der
Gruppe. Der franzsische Offizier aber, der die Uniform eines
Bataillons-Kommandanten trug, bog sich vom Pferde und ri den jungen Russen in
die Hhe. Vous tes mon prisonier, mon Prince, mais sauvez vous-en! - Vite! -
Der Vicomte, denn dieser war es, der Frst Iwan erkannt, warf sein Pferd nach
einer anderen Richtung des Gefechts, durch diese Bewegungen die Flucht seines
Feindes deckend. Als er sich noch ein Mal umsah, war der junge Frst glcklich
in den Reihen der Seinen, die, von der zweiten Bataillons-Colonne untersttzt,
sich wieder gesammelt hatten und den Franzosen im langsamen Rckzug die Spitze
boten.
    Der kurze Zwischenfall des Kampfes war an dem Vicomte wie eine Erscheinung
vorbergegangen und nur die Wunde am linken Arm, die er bei der edlen Sicherung
des Entkommens seines Feindes durch einen Bajonnetstich erhalten, bewies ihm
materiell die Wirklichkeit der Begegnung. -
    Die Regimenter Pawloff's, durch den fnfstndigen Kampf erschpft,
vermochten der Uebermacht, welche jetzt durch die Ankunft der Franzosen auf
Seite der Alliirten war, obschon die Englnder nicht mehr als 8000 Mann noch zum
Gefecht disponible hatten, nicht zu widerstehen und rumten das Schlachtfeld. Es
galt nur noch, den geordneten Rckzug zu decken, und dies geschah mit
heldenmthiger Aufopferung. Whrend die Artillerie nach der Inkermann-Brcke
abfuhr, schlugen sich das Jakutski'sche und Selenginski'sche Regiment an den
Abhngen der Hhe und Bosquet mute wiederholt die Reihen seiner Brigaden auf's
Neue ordnen.
    Nachdem die Artillerie in Sicherheit war, bewerkstelligte die russische
Infanterie ihren Rckzug, indem die Regimenter Wladimir und Susdal denselben
deckten, den Boden mit ihren Leichen besend unter den wiederholten Angriffen
der Franzosen. Erst das Feuer der am Ausflu der Tschernaja postirten
Dampfschiffe Wladimir und Chersones machte der Verfolgung ein Ende. Die Russen
zogen sich theils ber den Flu, theils auf der Sappeurstrae nach der Stadt
zurck. Um halb drei Uhr Nachmittags war die Schlacht zu Ende.
    Dreitausend russische Leichen deckten die Wahlsttten, auerdem fast ein
Drittel der Verwundeten, deren Zahl an sechstausend betrug.
    Der Verlust der Verbndeten war nur wenig geringer. Lord Raglan hat, wie die
eigenen Fugestndnisse der englischen Correspondenten beweisen, ganz einfach
gelogen, indem er offiziell den Verlust der Briten auf 464 Todte und circa 2000
Verwundete angiebt. Der Verlust der Englnder betrug in der That 5000 Mann und
die Franzosen verloren 2000 Todte und Verwundete.
    Nach den Briefen des franzsischen Brigade-Chefs Bourbaki befanden sich im
englischen Lager nach der Schlacht nur noch 10,000 Kampffhige; die 2. Division
war bis auf 300 Mann zusammengeschmolzen, das 95. Regiment der Brigade
Pennefather zhlte nur 64 Mann. Einunddreiig Offiziere der Garde waren
gefallen.
    Das Schlachtfeld bot einen grlichen Anblick - die Hohlwege und Abhnge
waren bedeckt mit Haufen von Todten und Sterbenden. Achtundvierzig Stunden
dauerte nach dem geschlossenen Waffenstillstand das Suchen und Fortbringen der
Verwundeten.
    Das war das Drama von Inkermann, ein Gemetzel ohne Sieg, ein Kampf ohne
Erfolg. Glcklich, die der Ehrentod auf dem Schlachtfelde den furchtbaren Leiden
und Schrecken entzogen hatte, welche der nahende Winter ber beide Armeen hufen
sollte!

                                    Funoten


1 Wirthshausbrcke.

2 Fitzroy Somerset, Lord von Raglan. Das Stammhaupt der Somersets fhrt den
Titel: Herzog von Beaufort.

3 Historische Anecdote, wiewohl kaum glaublich!

4 Die von Kaiser Nicolaus eingefhrten Militairmntel.


                        Des Meeres und der Liebe Wogen.

Es war am Morgen des 17. November, als ein kleiner Reitertrupp sich von dem
Innern des Landes her den Felsenabhngen nherte, welche das berhmte Ufer der
Yalta vom Cap Aitodar bis zum Golf von Kaffa bilden. Nicht prangte jene
kaiserliche Phantasie Orianda, welche das Genie Schinkels getrumt, jetzt in den
warmen duftigen Farbentnen eines orientalischen Frhlings; Livadia, Nikita und
Alushta - die zauberhaften Felsenhhen, hatte das Nahen des Winters ihrer
Orangendfte und Rosenfelder entkleidet; - das in seiner Ruhe so durchsichtige
Meer war kein Spiegel von Licht und Azur, der Himmel kein Gewlbe unendlicher
Klarheit, unbeschreiblich duftiger Farben mehr! - Durch die Schluchten des
Jaila-Gebirges, ber die bleigraue Flche des Meeres, durch den Wolkendom fegte
der Sturmwind, Hagel und Regen, die bsen Vorboten des Winters, vor sich her
peitschend; in wilden Bergen wlzte sich seit vierundzwanzig Stunden die See
gegen das Felsenufer, an dessen Wnden sie zu weiem Gischt und Schaum
emporbrandete.
    Wehe dem Schiffe, das in diesem Wetter nicht vom sicheren Hafen umschlossen
und geschtzt war, oder wenigstens die offene See zu halten vermochte.
    Die kleine Reitergruppe nherte sich rasch auf der Strae von Kirsuff her
und hatte offenbar ihren Weg nach einem alterthmlichen phantastischen Bau
gerichtet, der sich auf der Hhe des Vorgebirges Aju-Dagh von den Wolken
abzeichnete und einen weiten Rundblick ber Land und Meer gewhren mute. Es war
ein Felsenschlo, halb Ruine, halb durch prchtige Neubauten zur Villa
umgeschaffen, aber offenbar sehr unzugnglich gelegen und leicht gegen jeden
Angriff zu vertheidigen, da es auf der Landseite Wlle und Mauern fhrte. Der
Ban bestand aus zwei Theilen, auf den breiten Gipfeln zweier Klippen errichtet
und durch eine Kluft geschieden, ber die eine hngende Brcke fhrte. Der Theil
zur Linken war mehr Veste als Landhaus, und einzelne riesige Mauertrmmer
deuteten darauf hin, da sein Ursprung den ltesten Zeiten, vielleicht noch dem
Pontischen Reich und der Regierung des Mithridates angehrte, von der sich so
zahlreiche und erhabene Trmmer an dieser Kste bis nach Kertsch, dem Panticapea
der Alten, hinauf finden. Wenigstens sprachen dafr die prchtigen Sulenschafte
und Capitle, die in dem groen viereckigen Mittelthurm eingemauert waren, der
offenbar von den Genuesen errichtet war. Einige Anbauten im Styl des
Mittelalters, Wall und Ringmauer mit einer wieder in Stand gesetzten Zugbrcke,
die ber einen tiefen Felsspalt fhrte, zeigten, da der Ort den ritterlichen
Handelsleuten einst zur Beste gedient hatte.
    Der gegenberliegende Theil des Seeschlosses wies einen modernen Bau aus der
Zeit des Glanzes jenes mchtigen Gnstlings, dessen Intriguen und Feldzug
Taurien zu den Fen seiner kaiserlichen Herrin legten, Potemkin's, dessen Wink
Zauberschlsser aus dem Boden stampfte und Wsteneien bevlkerte fr die
Aussicht einer flchtigen Stunde. Eine nicht weitlufige, aber prchtige Billa
im Rococo-Geschmack mit breiter Veranda, marmornen Bassin's und Arcaden hllte
sich, jetzt dem Sausen des Sturmwindes freigegeben, whrend der schnen
Jahreszeit in den prchtigen Mantel von Cypressen und wilden Feigenbumen. Auf
einer Felsspitze in der Nhe standen die ziemlich wohlerhaltenen Ruinen eines
unverkennbar antiken Tempels. Von beiden so verschiedenartigen Theilen des
Schlosses senkten sich breite wohlerhaltene Terrassen mit Wein- und
Feigenspalieren und mit jetzt gegen die rauhen Strme wohl umhllten prchtigen
Orangenbumen besetzt, bis zum Strande des Meeres, das hier eine kleine,
ziemlich geschtzte und durch zahlreiche Klippen am Eingang nach Auen hin
verwahrte Bucht bildete.
    Die acht Reiter trugen smtlich die grauen russischen Militairmntel, und
die hohen schlanken Lanzen erwiesen wenigstens sechs von ihnen als Kosacken von
der Armee. Von den drei Vorausreitenden zeigte sich der Eine als ein schner
junger Mann mit dunkelblonden jetzt vom Regen feuchten Locken unter der
Militairmtze, der Andere als ein rauher finsterer Greis - Michael, der
Tabuntschik, aus der Steppe von Berislaw, der Unglckliche, der die Verbndeten
nach Balaclawa gefhrt.
    Der junge Frst, der an seiner Seite ritt, hatte mit sorgsamer Pflege ihn in
sein eigenes Quartier in der Stadt bringen lassen und ihn, als er dieselbe
verlassen mute, treuen Hnden anvertraut. Auf seinen Befehl blieb Iwan, der
alte Jessaul1, mit einem seiner Enkel bei ihm und pflegte ihn whrend des
hitzigen Fiebers, das sich seiner bemchtigt und das ihn die wildesten Irreden
ausstoen lie. Erst auf dem Rckzug von der Inkermann-Schlacht betrat der Frst
wieder die Stadt und nahm den Greis, den seine riesige Natur die Krankheit hatte
berstehen lassen, mit sich nach Baktschiserai. Eine noch finstrere Melancholie
als frher hatte sich des Alten bemchtigt, er vermied den Umgang mit Menschen
und sein einziger Verkehr mit dem alten Kosackenhuptling bestand in
Nachrichten, die er sorgsam ber den Stand der Vertheidigung und der Gefechte
von diesem einzog. Als er wieder so weit gekrftigt war, um ausgehen zu knnen,
strich er, unbekmmert um die feindlichen Kugeln, in den Straen der Stadt und
in den Vertheidigungslinien schweigend umher, oft an den gefhrlichen Stellen
sich gleichgltig aussetzend, um die feindlichen Batterieen zu beobachten. Nie
aber legte er eine Hand an irgend eine Arbeit der Vertheidigung, und das hohe
Greisenalter, das sein Aussehen zeigte, ersparte ihm jede Aufforderung, whrend
Iwan und sein Enkel berall sich thtig zeigten.
    In einem Punkt nur begegneten sich die Sympathieen der beiden alten Mnner,
in der Zuneigung zu dem jungen Frsten, und nur der Befehl, den derselbe ihnen
gesandt, seine Ankunft in der Stadt abzuwarten, hinderte sie, ihm in das Lager
zu folgen. Nachdem dies nach dem Tage von Inkermann geschehen, war es brigens
auffallend, welchen Einflu der greise Tabuntschik trotz seines einsylbigen
finstern Wesens ber den Jngling gewann und den, gleichsam sich hherer
Autoritt und Berechtigung beugend, auch der alte Jessaul anerkannte. Mitleid
mit dem Greise, dessen patriotische Absicht so groes Unheil herbeigefhrt, und
von dem Alles, was er gesehen, und gehrt, ihn nicht zweifeln lie, da er einst
bessere Tage gekannt, hatte den jungen Mann zuerst bewogen, sich seiner
anzunehmen und diese Theilnahme dauerte in gesteigertem Maae fort, obschon alle
seine Fragen nach den frheren Schicksalen des Greises von diesem ohne
Erwiederung gelassen wurden. Auch Iwan, der Kosack, verrieth mit keiner Sylbe,
da er die furchtbare Vergangenheit und den gechteten Namen des Mannes kannte.
Er bewachte blos aufmerksam den jungen Frsten, in dessen Dienst er getreten,
gleich als frchte er, da die Nhe des Tabuntschik ihm Unheil bringen werde.
    Es ist seltsam, Djeduschka, sagte der Frst, indem er sich zur Anrede an
seine beiden alten Begleiter des gemthlichen russischen Schmeichelwortes
bediente, es ist seltsam, wie sicher Du uns gefhrt und wie genau Du die ganze
Gegend selbst in diesem Unwetter wieder erkennst. Warst Du schon auf Schlo Aju
selbst?
    Es sind dreiig Jahre, sagte der Alte ausweichend, seit mich der
Pferdehandel zum letzten Mal bis Kertsch gefhrt hat. Felsen und Meer bleiben
aber dieselben, nur die Menschen verndern sich.
    Mich ducht, wandte sich der junge Mann an den Jessaul, ich sehe, trotz
des Regens und obschon uns der Sturm den Gischt der See in die Augen treibt,
Leute auf dem Wall der Burg und am Thor. Olis, Dein Enkel, den wir
vorausgesandt, hat also den Weg gefunden und unsere Ankunft gemeldet.
    Die Heiligen haben ihn beschtzt in diesem Unwetter. Er ist ein treuer und
eifriger Knabe.
    So lat uns die Pferde antreiben, da wir die Hhe erreichen und unter Dach
kommen. - Da ziehen sie die russische Fahne auf der Spitze des Thurmes auf.
Seht, wie der Sturmwind sie peitscht! - Er gab seinem kleinen an die
Anstrengungen solcher Ritte besser als ein Racepferd gewhnten Steppenro den
Kantschuh und Alle ritten in scharfem Trabe den Klippen zu, auf deren beiden
Plateau's sich eine Schaar von Dienern und Leibeigenen versammelt hatte. Nach
einem beschwerlichen Steigen auf dem vielfach gewundenen Pfade den Felsen hinan,
der zu dem linken Theil des Schlosses fhrte, erreichten sie die
heruntergelassene Zugbrcke und den Platz vor dem Thore. Ein dreimaliges
Urrah!, mit zahlreichen Segenswnschen und Anrufungen verschiedener Heiligen
gemischt, begrte sie, und whrend der alte Kastellan des Schlosses ehrerbietig
sich fast bis zur Erde beugend, zu dem Pferde seines Herrn trat, diesem auf
einem hlzernen Teller Brod und Salz zum Zeichen des Willkommens berreichte,
und dann den Gaul am Zgel in den Schlohof fhrte, umdrngte ihn das
Schlogesinde, leibeigene Tataren und Russen, seinen Mantel, seine Stiefeln oder
die Decke seines Pferdes kssend.
    Whrend Frst Iwan vom Pferde sprang, fragte er den Kastellan: Wie geht es
der Frstin, meiner Schwester, und wie befindet sich die fremde Herrschaft?
    Die Gospodina, Herr, berichtete der Verwalter, erwartet Dich, die
Heiligen haben ihr leider noch immer nicht volle Gesundheit verliehen und wir
sehen sie selten. Seine Erlaucht, der Graf, haben tglich nach Deiner Ankunft
gefragt, da er wieder wohlauf ist. Gott erhalte ihn, er ist ein freigebiger
Herr.
    Der Frst nickte. - Sende zu ihm, Alter, und la ihm sagen, da ich ihm
sogleich meinen Besuch machen wrde, wenn ich meine Schwester gesehen. - Dann
fragte er leise: Du hast meine Instructionen erhalten und treu befolgt?
    Der Verwalter legte die Hand auf die Brust und verbeugte sich besttigend.
    Habt Ihr hier in letzter Zeit Etwas von den Feinden gefehen?
    Seit die Schurken Livadja geplndert, sind sie an der Kste nicht wieder
gelandet, Durchlaucht, nur auf der hohen See sahen wir ihre Schiffe. Schorte wos
mi! - ich wei nicht, warum der Czar es duldet. Gestern aber kam Ibrahim, der
Tatar, und brachte Nachricht, da sie im Baidar-Thale fouragiren und ein Haufen
selbst bis zur Jaila vorgedrungen ist. Der heilige Andreas mge sie verderben.
    Sie waren in das Innere der Gebude eingetreten, nachdem der Frst Befehl
ertheilt, auf's Beste fr seine Begleiter zu sorgen; und er stieg eilig jetzt zu
dem obern Stockwerk des groen Thurmes, das die Frstin bewohnte.
    Eine Dienerin empfing ihn am Eingang und geleitete ihn zu einem innern
Gemach, dessen Portire sie hob. - Hier Gospodina, ist Dein Bruder!
    In der Mitte des Gemachs, dessen Fenster auf die wilder regte See schauten
und das, in einen Erker eingebaut, keinen Ausgang weiter zu haben schien, stand,
in ein weiches Gewand von persischer Seide gehllt, aber das Gesicht mit einem
dichten Mousselinschleier fast nach orientlischer Sitte ganz bedeckt, die junge
Dame, offenbar sehr erregt und zitternd. Bei den Worten der Dienerin sprang sie
dem Eintretenden entgegen und ihren Lippen entfloh fast unwillkrlich der Ruf:
Wassili!
    Der Frst legte bedeutsam einen Finger auf den Mund, whrend er mit dem
andern Arm die Schwester umschlang. Dann winkte er der Dienerin, sich zu
entfernen und verschlo selbst sorgfltig die Thr des Vorgemachs und des
Zimmers.
    Als er zurckkehrte, fand er die Schwester schluchzend am Fu des Ruhebettes
knieen, und sich darauf setzend, nahm er ihren Kopf zwischen beide Hnde und
kte, den Schleier entfernend, ihre Stirn. - Muth! sagte er traurig, Muth,
meine Theure! ich bringe weder Nachricht von dem Einen, noch von dem Andern,
sondern komme, sie hier zu holen.
    Das Gesicht, das aus den Schleiern ihm weinend entgegenschaute, und das
seine Hand jetzt mit Kssen berdeckte, war jung und schn, aber - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In einem mit allem orientalischen Luxus und europischem Comfort
ausgestatteten Gemach des rechten Theiles des Felsenschlosses sa Graf
Wassilkowitsch auf einem der prchtigen Divans, offenbar in tiefem Nachdenken,
whrend er mechanisch von Zeit zu Zeit einen Zug aus dem Nargileh that, dessen
Bernsteinspitze zwischen seinen festgeklemmten Lippen hing. Ihm gegenber, in
unruhiger Hast und Beweglichkeit, anscheinend das tobende Unwetter auf dem Meer
beobachtend, stand die Franzsin, in Wahrheit aber schweiften ihre Blicke
fortwhrend hinber nach dem lteren Theil der Gebude. - Eine Stunde schon
da, sagte sie endlich rgerlich mit einer halben Wendung zum Grafen, und noch
immer nicht hier. Ich mu gestehen, besonders artig ist unser Wirth gerade
nicht. -
    Der Graf achtete so wenig auf ihren Mimuth, da er ihr nicht einmal eine
Antwort gab. Er sah krank und angegriffen aus, wie damals, als wir ihm in der
Steppe von Berislaw begegneten; sein stechender, nachdenklicher Blick ruhte auf
seinem Leibdiener, der in knechtischer Haltung vor ihm stand.
    So hat also die Frstin ihren Bruder nicht bei der Ankunft begrt und Ihr
habt sie nicht gesehen?
    Nein, Erlaucht. Nur die tatarische Dienerin erwartete den Herrn und fhrte
ihn nach dem Thurm. Die Gospodina mu krank sein.
    Krank und immer krank - der Teufel soll mich holen, wenn es nicht eine
Ausflucht ist, um jeden Verkehr mit uns fern zu halten.
    Es ist im hchsten Grade beleidigend fr mich, warf die Dame ein. Ich
habe Ihre hochmthige Prinzessin oft genug auf der Zinne des Thurmes oder der
Terrasse gesehen, um zu wissen, da diese Krnklichkeit nicht gefhrlich ist und
sie nicht hindern kann, eine ihres Geschlechts zu empfangen. Ich mchte in der
That wissen, welches Mittel diese Dame gegen die Langeweile besitzt, denn ich,
mein Bester, finde den Aufenthalt hier unertrglich.
    Sie werden sich inde fgen mssen, Madame, sagte der Oberst kalt, denn
ich wte wahrhaftig nicht, wo Sie eine bessere Versorgung finden wrden. - Ein
Zeichen entlie den Diener. - Lassen Sie uns ein ernstes Wort sprechen,
Celeste, fuhr er fort. Sie sind eine ziemlich schlechte Krankenpflegerin
diesmal gewesen, als ich, statt Genesung an dieser herrlichen Kste zu finden in
Folge jener abscheulichen Aufregungen in der Steppe bei unserer Ankunft hier im
August auf's Neue schwer erkrankte und gefesselt hier vier Monate lang liegen
mute, whrend meine Kameraden fr Ruland kmpfen. Ich entschuldige Ihr
franzsisches Blut und wir brauchen uns gegenseitig keine Comdie vorzuspielen
ber Liebe und Treue. Inde, weibliche Gesellschaft und Ihr Umgang ist nur
Bedrfni geworden und ich verspreche Ihnen, auch spter fr Sie reichlich zu
sorgen, wenn Sie Ihre Launen meinem Willen und meinen Absichten zu fgen
verstehen.
    Sie sind allzugtig, Graf, meinte die Franzsin hhnisch. Darf ich
fragen, was dieser Wille befiehlt und wohin diese Absichten gehen?
    Es war von vorn herein auffallend, sagte der Oberst, da der Frst keinen
Anstand genommen hat, uns hierher einzuladen, obschon ihm unser Verhltni klar
sein mute.
    Die Bojarin errthete lebhaft.
    Ich sollte doch meinen, man ist bei Ihnen in Ruland nicht allzu prde.
    Da haben Sie Recht, wenigstens was gewisse Angewohnheiten und Redensarten
betrifft. Inde ist immer ein Unterschied und die junge Frstin Oczakoff eine
Dame, die Rcksichten verlangt. Ich wei in der That nicht einmal, in welcher
Form ihr Bruder. Ihre Anwesenheit dargestellt hat.
    Dieses Zweifels wird Sie der Besuch des Frsten entledigen.
    Ich hoffe es und wnsche, wenn es irgend mglich ist, die Gelegenheit zu
benutzen, um Sie mit der Frstin in Berhrung zu bringen.
    Mich? - nach dieser beleidigenden Vernachlssigung?
    Meine Liebe, vergessen Sie nicht, die Frstin ist eine geborene vornehme
Dame und Sie - -
    Ich bin die Frau des Bojaren Bibesco, als solche haben Sie mich kennen
gelernt und ich wte nicht, da ich Sie zum Beichtvater meiner Vergangenheit
gemacht htte! - Der scharfe entschlossene Zug um ihre Brauen prgte sich hart
und tief aus.
    Erzrnen wir uns nicht auf's Neue, schne Freundin. Herr Bibesco brachte
Sie von Paris und das gengt. Beantworten Sie mir lieber die Frage, ob Ihnen das
ganze Thun und Treiben der Frstin Iwanowna nickt berhaupt etwas Seltsames,
Geheimnivolles hat, ein Rthsel, das Ihre Neugier zur Lsung herausfordert? -
    Sie kam zu seinem Divan und lehnte sich auf die Kissen. - Sie haben Recht,
Graf. Man sagt, die Frstin soll schn sein und sehr ihrem Bruder hneln.
    Zum Verwechseln! - Doch das ist eben der Punkt, ber den ich Ihre Ansicht
hren mchte. Sie haben der Frstin selbst mit Hlfe meines scharfen Opernglases
nie in's Gesicht gesehen?
    Wie sollte ich. Sie ist, wenn Sie auch auf den Terrassen erschienen ist,
stets in dichte undurchsichtige Schleier gehllt gewesen.
    Man sagt, sprach der Graf lauernd, da sie diese selbst im Innern der
Wohnung vor der Dienerschaft nicht ablegt?
    Meinen Sie, mein Herr, da, um diesen Umstand zu erfahren, weibliche
Neugier erst Ihre Erlaubni oder Ihren Wink abgewartet hat?
    Der Graf lachte. Ich dachte mir's, Mutter Eva verleugnet sich nie! Hren
Sie, Celeste, wenn der Frst kommt, hoffe ich, ihn auf irgend eine Weise zu
nthigen, selbst wenn der Verwand der merkwrdigen Krankheit seiner Schwester
fortdauern sollte, da er Sie mit ihr in Berhrung bringt. Ich bitte Sie, dann
aufzumerken, ob die Aehnlichkeit so gro ist.
    Aber wenn die Frstin verschleiert bleibt?
    So suchen Sie wenigstens ihr Haar - die auffallende Form ihres Kinnss -
irgend ein Kennzeichen zu sehen.
    Was soll das bedeuten? Hegen Sie Mitrauen gegen die Identitt der Dame?
    Der Oberst sann eine Weile nach, dann sagte er entschlossen: Ihr Interesse,
Celeste, ist trotz aller Ihrer Launen mit dem meinen so eng verbunden, da ich
Ihnen vertrauen kann. Ich glaube, der Frst tuscht uns, uns und die Welt.
    Wie meinen Sie das?
    Ich meine, da die Frstin Iwanowna gar nicht hier, - da sie todt oder
wenigstens weit von hier entfernt ist.
    Sie trumen!
    Das passirt Mnnern, wie ich bin, selten. Sie mssen wissen, Celeste, da
ich aus Familienverbindungen einigen Anspruch auf die Hand der jungen Dame habe
und da auch der Kaiser, unser Herr, der Verbindung seine Zustimmung nicht
versagen wrde. Ihr Eigensinn - meinetwegen ihre Abneigung hat jedoch bisher
alle meine Bewerbungen zurckgewiesen, und ihr Charakter, der den schwachen,
wankelmthigen ihres Bruders beherrscht, ist der Art, da er jeden Entschlu
durchsetzt.
    Das wrde inde noch immer nicht diese Comdie erklren.
    Hren Sie erst aus. In Paris hat die Frstin Iwanowna einen franzsischen
Offizier auffallend ausgezeichnet und - ich tusche mich nicht darin - sie liebt
ihn.
    Warum nicht? - die Franzosen verstehen, den Frauen zu gefallen.
    Der Henker hole die Weiberknechte! Ich habe den Bruder und den Galan zwar
entzweit, aber ich kenne den Charakter dieses stolzen, eigensinnigen Mdchens,
und wenn ich nicht selbst erfahren, da der Franzose bei der Orient-Armee ist,
wrde ich glauben, sie sei in Paris in seiner Nhe geblieben.
    Celeste lachte. Das ist ein sehr unwahrscheinlicher Roman, Graf. Ihr Ha
oder Ihre Eifersucht - Sie sehen, wie anspruchslos ich bin - fhren Sie irre.
Viel wahrscheinlicher ist es, da die Schne in ihrer Liebe zu dem Gegner Ihres
Volkes blos die Einsamkeit gesucht, um - sie machte eine Verbeugung - lstigen
Bewerbungen aus dem Wege zu gehen.
    Warum lud uns der Frst aber gerade hierher ein?
    Der Zufall der Begegnung hatte vielleicht sein Spiel - vielleicht wurde die
Gelegenheit benutzt, Sie sicher zu machen. Whrend Sie krank lagen, ist die
Frstin ber alle Berge, und alle die Vorsichtsmaregeln galten nur einer
Stellvertreterin.
    Das ist eben der Argwohn, der mir durch den Kopf geht - aber ich denke, ich
will bald klar sehen.
    Sie werden in wenigen Augenblicken die Gelegenheit haben, sagte die Dame,
die wieder am Fenster stand. Die verzauberte, bisher so sorgfltig
verschlossene Pforte zu der Verbindungsbrcke ffnet sich - es ist der Frst.
    Wre der Graf nicht mit seinen eigenen Plnen so vollstndig beschftigt
gewesen, er htte die dunkle Rthe und Aufregung bemerken mssen, die sich der
schnen Franzsin bemchtigt hatte.
    Soll ich mich entfernen?
    Ich bitte darum, Celeste. Ich werde nach Ihnen schicken.
    Whrend sie in ein Nebengemach verschwand, meldete Ossip den jungen
Capitain.
    Nach den ersten Begrungen und nachdem der Frst auf dem Divan Platz
genommen, betrachteten sich Beide einige Augenblicke, wie als snne Jeder ber
die beste Art nach, das Gesprch von den bisher gegebenen militairischen
Nachrichten auf das Feld persnlicher Interessen zu ziehen. Frst Iwan erffnete
es.
    Ich vernahm mit Bedauern, lieber Graf, sagte er, da, statt Erholung und
Genesung in den schnen Monaten des Jahres hier zu finden, Sie auf's Neue einem
Rckfall ausgesetzt und ernstlich krank waren. Ich hoffe, da meine Leute es an
keiner Aufmerksamkeit und den wenigen Bequemlichkeiten haben fehlen lassen, die
an diesem abgelegenen Ort zu erreichen sind.
    Ich bin Ihnen den grten Dank schuldig, Frst, entgegnete hflich der
Graf, und vermite Nichts. Die Frstin, Ihre Schwester, versah Ihre Stelle und
ich habe nur das Bedauern, da ich bis jetzt nicht Gelegenheit finden konnte,
ihr meinen Dank auszudrcken.
    Das Benehmen Iwanowna's mu Ihnen in der That sogar unartig erschienen
sein, Graf, meinte mit einem Anflug von Lcheln um den schn geformten Mund der
junge Mann. Meine Schwester hat, einer ihrer eigensinnigen Launen folgend, die
unsichtbare Burgfrau gespielt. Zu ihrer Entschuldigung mu ich sagen, da sie
sehr leidend war.
    Lassen Sie uns aufrichtig sein, Frst; ich glaubte, da die Anwesenheit der
Frau von Bibesco ...
    Der junge Mann fiel ihm rasch in's Wort. Ich habe Madame Bibesco meiner
Schwester als eine Verwandte von Ihnen bezeichnet, die Sie sehr unglcklichen
Verhltnissen in Bukarest entrissen haben.
    Sie beruhigen mich da ber einen mir bisher sehr peinlichen Punkt.
    Ich komme zugleich, fuhr der Frst fort, um der Dame die Entschuldigungen
meiner Schwester zu berbringen und sie zu ihr zu fhren, wenn Frau von Bibesco
es mir erlauben will.
    Der Graf sah ihn verduzt an. Sie wollen Madame Bibesco der Frstin, Ihrer
Schwester, vorstellen?
    Wenn Sie Nichts dawider haben, lieber Graf, nur die Dame einwilligt, ja.
    Dies pltzliche Zuvorkommen in seinen eigenen Absichten frappirte den
Obersten, weil es das Fundament seines Verdachts und seiner Beobachtungen
erschtterte. Werde ich die Ehre haben, der Frstin gleichfalls meinen Besuch
machen zu drfen?
    Morgen, lieber Graf, so lang' Sie wollen; fr heute, oder vielmehr fr die
wenigen Stunden, die ich ihr widmen kann, hat sie mich ganz in Beschlag
genommen. Ich mu noch vor Anbruch des Abends Sie wieder verlassen, hielt es
aber fr Pflicht, wenigstens die Bekanntschaft der Damen zu vermitteln.
    Sie wollen fort? - in diesem Unwetter?
    Soldatenpflicht, Oberst, Sie kennen das. Als Sie in's Hauptquartier
meldeten, da Sie wiederhergestellt und der Arzt, der von Alushta Sie besucht,
Ihnen gestatlet habe, sich dem Heere wieder anzuschlieen, schrieb ich Ihnen,
da ich selbst kommen wrde, Sie abzuholen und meine Schwester zu besuchen;
inde haben einige Umstnde meinen Plan verndert.
    Ich bin bereit zur Abreise, und nur dies furchtbare Wetter und Ihr
Schreiben verzgerten dieselbe seit gestern.
    Sie wird vielleicht nicht so eilig sein nach dem zu schlieen, was ich
gehrt habe, und Sie knnen die Pflicht mit den Rcksichten fr Ihre kaum
wiederhergestellte Gesundheit vereinigen.
    Wie meinen Sie das?
    Ich habe Depeschen nach Kaffa und Kertsch zu berbringen, war in Nikita und
mu auch Alushta besuchen. Frst Menschikoff beabsichtigt, an einzelne feste
Punkte der Kste kleine Kommando's zu legen gegen die Landungen der Verbndeten,
und ich bringe die Ordres fr die Truppen. Schlo Ayu ist einer dieser Punkte.
    Nun, und - -?
    Man hat mir im Hauptquartier diese Ordre fr Sie mitgegeben.
    Der junge Mann nahm aus dem Portefeuille ein Dienstschreiben und bergab es
dem Obersten.
    Sie haben mich in der That durch diese lange Vorbereitung neugierig
gemacht. Er erbrach das Schreiben; Ueberraschung, Verdru und Befriedigung
wechselten auf seinem Gesicht. Wie? - ich soll das Kommando hier in diesem
Schlo bernehmen? Was bedeutet das?
    An der ganzen Kste von der Yalta bis Alushta, sagte ruhig der Frst. Ich
habe dem Oberbefehlshaber Schlo Ayu zur Disposition gestellt und es soll, so
viel mir gesagt worden, Ihr Hauptquartier bilden.
    In der That - so sagt die Ordre. Ich wei nicht, Frst, ob ich Ihnen danken
soll oder nicht, denn offenbar ist es Ihr Borschlag, der mich zur Unthtigkeit
hier verdammt.
    Sie sind ungerecht gegen sich selbst, Graf. Die Franzosen fouragiren
bereits bis an die Yaila und die Englnder werden sicher die Plnderung von
Livadia und Yalta zu wiederholen suchen. Man frchtet sogar einen Angriff auf
Kaffa und Kertsch; Ihre Thtigkeit wird also hier volle Gelegenheit finden,
whrend bei uns im Felde nothgedrungen durch den Winter eine erzwungene
Waffenruhe mit allem Elend des Leidens und der Krankheiten eintreten wird. Ich
glaubte berdies, als ich Sie in Vorschlag fr das Kommando brachte, Sie einer
Verlegenheit in Betreff der Sorge um Ihre schne Schutzbefohlene zu entheben.
Sie brauchen sich jetzt weder von ihr zu trennen, noch sie den Mhseligkeiten
und Gefahren eines Feldlagers auszusetzen.
    Ich bin Ihnen in Wahrheit Dank schuldig und werde denselben beweisen durch
meine besondere Sorge fr die Sicherheit beider Damen.
    Wie so?
    Die Frstin, Ihre Schwester, wird jetzt unter'm Schutz der Truppen und
meiner Frsorge weniger exponirt sein, als dies bisher der Fall war.
    Der junge Capitain spielte einige Augenblicke mit dem Portefeuille in seiner
Hand. Es war dies anfnglich auch meine Absicht, Oberst, sagte er endlich
leichthin, inde Iwanowna hat mir ihren Entschlu mitgetheilt, mich bei meiner
Rckkehr in drei Tagen von Kertsch nach Baktschiserai und Ssewastopol zu
begleiten.
    Sie scherzen - die Frstin in den tausend Gefahren der belagerten Stadt?
Seine blasse Stirn hatte sich dunkel gerthet ber der unerwarteten Nachricht,
er fhlte sich berlistet oder geschlagen.
    Der Frst hob ruhig den Blick zu ihm empor. Sie kennen den eigenwilligen
Charakter meiner Schwester. Kaum selbst genesen, reit das Beispiel der
barmherzigen Schwestern, die von Kiew und Moskau im Lager eingetroffen sind, um
sich der Pflege unserer Kranken und Verwundeten aufopfernd zu weihen, sie zur
Nachahmung hin, und sie erklrt, da, wenn der Platz des Bruders auf den Wllen
Ssewastopols oder in den Reihen des Heeres ist, der seiner Schwester am
Siechbett der tapfern Krieger sei.
    Sie wren wahnsinnig, Frst, wenn Sie eine solche extravagante Phantasie
untersttzten. Zu solchen Opfern ist das Volk da, nicht die Damen der hchsten
Aristokratie. Der Typhus mit all' seinen furchtbaren Gefhrten wird sich bald
der Armee bemchtigen, denn ich kenne unser Verpflegungssystem. Tausende werden
seinem Pesthauch zum Opfer fallen, abgesehen von dem hundert anderen Gefahren.
    Der junge Offizier sah ihm mit stolzem Lcheln in's Auge. Auf Ihrem
Krankenlager hier, Graf, sagte er begeistert konnten Sie freilich den
Enthusiasmus nicht kennen lernen, der ganz Ruland fr diesen heiligen Kampf
bereits erfllt. Der Kaiser sandte seine Shne, und meine eigenen Augen haben
gesehen, wie die Grofrsten neben dem gemeinen Soldaten fr das Vaterland und
unseren Glauben fochten. Es war der Gehorsam im Volke und seine stets willige
Opferung, mit der wir an der Donan kmpften, jetzt aber ist der Russe in seinem
eigenen Lande angegriffen und das Jahrhundert hat bereits gezeigt, was er dann
zu thun vermag. Die Kaiserin selbst beschftigt sich mit der Sorge fr die
Verwundeten. Die Druschinen der Reichswehr sollen aufgeboten werden und bereiten
sich durch das ganze Reich, der Bauer, der Leibeigene verlt Pflug und Htte
und heftet das weie Kreuz auf Hut und Kutka. Der Edelmann bietet sein Blut, der
Kaufmann sein Geld, fromme Frauen pilgern nach der bedrngten Stadt; - tausend
Andere, die zu fern und von den Verhltnissen gebunden sind, bilden Vereine in
jedem Gouvernement, in jedem Kreis, und arbeiten und sammeln Tag und Nacht fr
die Pflege der Kmpfer. Selbst der friedliche Menonit - erinnern Sie sich jenes
sanften und muthigen Mannes, der uns durch den Steppenbrand fhrte? - sendet
seine Erndten als Geschenk fr das Heer. Und glauben Sie, da Iwanowna Oczakoff,
die so nahe der Sttte des Ruhms und der Opferung ist, zaudern wrde, ihr Opfer
auf den Altar des Vaterlandes zu legen und mit ihrem Beispiel voran zu gehen? -
Nein, Oberst - Iwanowna ist ihre eigene Herrin und Nichts soll sie hindern, dem
Vaterlande und der Ehre ihres Namens ihr Leben zu weihen!
    Der junge Mann war aufgesprungen und stand in erregter Haltung vor den
ltern kaltherzigen Mann, dessen graue Augen finster zu Boden sahen. Der Oberst
fhlte, ba er, ohne sich blozustellen, Nichts auf diesen Ausbruch der
Begeisterung erwidern durfte, dennoch lag Hohn und Aerger in den tiefen Falten
um seinen Mund. In der That, mein junger Freund, sagte er nach einer Pause mit
unverhehltem Spott, ich hielt die Frstin, Ihre Schwester, nicht fr so
begeistert in diesem Kampf und glaubte eher an gewisse Sympathieen fr unsere
Gegner.
    Der junge Offizier schaute ihn zornig an. Iwanowna Oczakoff ist eine
Russin. Wollte Gott, jeder Russe fhlte so patriotisch wie sie!
    Der Oberst ging, unzufrieden mit sich selbst und mit der Wendung der
Ereignisse, einige Male in dem Zimmer auf und ab. Sein Mitrauen lie neue
Zweifel in ihm emporsteigen, und um Zeit zur Ueberlegung und zu weiteren Plnen
zu gewinnen, richtete er das Gesprch auf einen anderen Punkt. Die Ordre
besagt, ba mit dem Eintreffen der Truppen meine Function beginnt.
    Die Befehle zum Marsch sind zugleich mit mir abgegangen, Sie knnen sie
also in zwei bis drei Tagen erwarten: zwei Compagnieen Jger, eine halbe
donische Batterie und zwei Sotnien Kosacken. Eine derselben wird vielleicht
schon in Alushta eingetroffen sein, und wenn Sie Befehle mitzugeben haben, werde
ich sie berbringen.
    So wollen Sie wirklich fort?
    Nach dem Diner und einer kurzen Ruhe. Ich werde jedoch nur zwei meiner
Kosacken mitnehmen und lasse die Andern meiner Schwester zurck, um ihre
Anstalten zu treffen. In drei Tagen bin ich von Kertsch zurck und bitte Sie,
bis dahin die Frstin in Schutz zu nehmen und mir jetzt zu erlauben, Madame
Bibesco zu ihr zu fhren.
    Es war dem Oberst lieb, da der Frst selbst auf diesen Besuch zurckkam,
und er beeilte sich, die Dame zu holen.
    Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als der junge Frst schwer aufathmete,
wie nach einem harten Kampf, und die Hand auf die Brust prete. Es ist
gelungen, sagte er leise, und jeder Argwohn beseitigt. Ich war ein Thor, da
ich ihn hierher fhrte; denn was bis jetzt gethan ist, ist Spiel gegen das, was
mir zu thun bleibt. Aber es war das einzige Mittel, zu ihrem Umgang zu kommen
und die Spur zu verfolgen. Jetzt also - an sie! Er hrte die Nahenden und ging
ihnen entgegen.
    Die ehemalige Lorette, die der Graf jetzt herein fhrte, war, trotz aller
Anstrengung, es zu verbergen, dem jungen Manne gegenber verlegen und aufgeregt.
Mit dem feinsten Takt und groer Artigkeit jedoch verstand er, ihre Verlegenheit
zu negligiren, wiederholte die Entschuldigung der bisherigen Zurckhaltung der
Frstin und seine Einladung, die von der Dame mit einem bezeichnenden Blick
angenommen wurde.
    Der Regen, der bisher in einzelnen Intervallen fiel, hatte aufgehrt, desto
frchterlicher jedoch tobte der Sturm. Whrend die Franzsin sich in Mantel und
Capuchon hllte und der Graf ihr dabei half, wiederholte er leise die Mahnung:
genau auf Alles zu merken.
    Der Frst bot der Dame den Arm. - Wir wollen ber die Brcke gehen, statt
des langen Weges durch die Thore.
    Ist es nicht gefhrlich?
    Ich brge dafr. - Mit dem Versprechen, vor seiner Weiterreise den
Obersten noch zu besuchen, fhrte er sie fort.
    Als das Paar aus der Villa und auf das Plateau trat, fhlte es die ganze
Macht des Sturmes, der sich mit jedem Augenblick mehr und mehr zum Orkan
gestaltete. Bleigrau und schwer hingen die Wolken fast auf den Spitzen der
Felsen von weien, lichten Nebeln durchzogen. Das Meer whlte zu ihren Fen in
bergetiefen Schlnden, schwarz und undurchsichtig, bis es, an den Klippen
emporschumend, in weiem Gischt und Millionen Tropfen sich lste.
    Die Franzsin schmiegte sich angstvoll an den Arm ihres Begleiters, whrend
er einige Augenblicke an dem eisernen Gelnder der Brcke stehen blieb und auf
das furchtbar schne Schauspiel hinausblickte. Die Brcke selbst schien bei dem
Heulen des Sturmes unter ihren Fen zu beben.
    Sie haben diese Flche im Gold und Azur der Sommermorgen geschaut, schne
Frau, sagte der Offizier, in all' der Herrlichkeit dieser lieblichen Ksten,
und ahnten damals wohl schwerlich, welche Schrecken dieselbe Natur bergen kann.
Und dennoch hat das Menschenleben so hnliche Wechsel; in jedem Herzen wohnt der
Sturm neben dem Sonnenschein des Glcks und des Friedens.
    Ich beschwre Sie, fhren Sie mich fort, ich kann es nicht ertragen! Die
Unglcklichen, die in diesem Augenblick auf dem Meere sind!
    Der Sturm verwehte die Hlfte ihrer Worte. Er fhrte sie rasch ber die
schwankende Brcke und ffnete die schtzende Pforte, die sich so lange vor ihr
verschlossen hatte. Durch gewlbte Corridore und mehrere Gnge fhrte er die
Dame nach jenem Erkerzimmer im Thurme, in dem die Frstin ihn erwartet hatte und
wo er sie bat, auf einem Divan Platz zu nehmen.
    Bevor ich die Ehre habe, Sie der Frstin, meiner Schwester, vorzustellen,
sagte der junge Mann ehrerbietig, aber mit einer Aufregung, die der seiner
schnen Gefhrtin nicht nachstand, wird es vielleicht Ihnen nicht unlieb sein,
wenn wir uns verstndigen.
    Die Bojarin nickte hastig imb zustimmend. - Sie wissen, da ich Sie
sogleich wiedererkannte.
    Die Umstnde, fuhr der Frst fort, und ein aufmerksamerer Beobachter als
die Franzsin htte bemerken knnen, da er sorgfltig jedes Wort wog,
verhinderte uns beide Male an einem lngeren Austausch unserer Erinnerungen.
    Er schwieg. - Als Sie mir auf dem Ball im Hause des preuischen
General-Consuls in Bukarest vorgestellt wurden, sagte Celeste, begriff ich
erst die Weigerung, Ihren Namen an jenem schrecklichen Abend zu nennen.
    Am 5. Juli?
    Richtig - der Datum ist auch mir unvergelich geblieben. Nini und ich
harrten schon so lange auf Sie, um uns nach dem Mabille zu fhren. Ich kann mir
auch jetzt den Grund Ihrer pltzlichen Abreise deuten. Sie standen damals bei
der Gesandtschaft?
    So ist es!
    Und auf den verfehlten Bahnzug bezogen sich wahrscheinlich damals Ihre
Worte. Ich wiederhole Ihnen, Frst, es war edel von Ihnen, da Sie Nini's
Bruder, der so unglcklich dazu kam, schonten, obschon der rohe Mensch sich an
Ihnen vergriffen hatte. In der That, der Gedanke, sich wahnsinnig zu stellen und
sich nach Bictre fhren zu lassen, um einer Antwort berhoben zu sein, war
magnifique.
    Sie war im Plaudern und bemerkte die Todtenblsse des jungen Mannes nicht. -
Bictre - wahrhaftig - der Gedanke kam mir zufllig! - Er schien mit Gewalt
die Worte hervorzuwrgen und sein Geist entfernt von der Unterredung zu sein.
    Wie lange, Frst, brachten Sie in dem abscheulichen Gefngnisse zu, um uns
nicht zu compromittiren und Bourdon's Flucht zu sichern?
    Wie lange? - ich entsinne mich nicht genau - vier Stunden - ich fuhr mit
dem Morgenzuge ab!
    Es war ein Opfer, das die Kleine kaum werth war. Sie sagten mir bereits,
da auch Sie Nichts wieder von ihr gesehen?
    Nein.
    Sie war spurlos verschwunden mit ihrem tollen Bruder. Ich hatte natrlich
mich sobald als mglich von ihnen entfernt, nachdem ich - sie wandte scheu das
Auge ab - das reiche Geschenk, das Sie zurcklieen, ihr eingehndigt; aber die
Aermste war in der That ganz auer sich und - es sollte mich nicht wundern, wenn
der Bsewicht, ihr Bruder, in diesem Zustand - die groe Summe -
    Sie haben also Nichts von dem Mdchen wieder gehrt? unterbrach sie der
Frst.
    Sie begreifen, ich konnte mich nicht compromittiren mit einem Complotteur.
Ich hielt einige Tage darauf unter der Hand Erkundigungen, aber Beide waren fort
und die glnzende Einrichtung, die Sie ihr gegeben, durch einen Commissionair
schon am Morgen nachher verkauft worden.
    Also die Wohnung in der rue ...
    Saint Josef Nr. 10 - Sie sind vergelich, wie alle Mnner, mein Frst,
sobald sie uns verlassen haben. Die Wohnung war gerumt und so jede Spur
verloren. Sie wuten das nicht?
    Ich habe, wie ich bereits erwhnte, aus der Haft befreit, noch am frhen
Morgen Paris verlassen mssen, sagte der Frst hastig. Meine Schwester war
bereits vorausgereist.
    So erklrt sich Alles. Ich habe Ihnen also nur meinen Dank zu sagen fr die
Discretion, mit der Sie meine Vergangenheit bewahrt, und bitte Sie, dies auch
ferner zu thun, namentlich auch gegen Graf Wassilkowitsch. - Sie reichte ihm
mit einem koketten Blick die Hand, die der junge Mann zerstreut kte.
    Lassen Sie uns Verbndete sein - ich kann Ihnen meine Freundschaft gleich
durch eine Warnung bethtigen. Der Graf glaubte sich von Ihnen und Ihrer
Schwester getuscht, er meinte, da die Frstin lngst nicht mehr hier; Ihre
Ankunft jedoch hat ihn wieder irr an seinem Argwohn gemacht, obschon er mir
aufgetragen, ihm genau ber meinen Besuch zu berichten.
    Das sollen Sie, schne Freundin, sagte aufstehend der junge Mann, whrend
sein Auge mit einem leichten Ausdruck von Spott auf ihr ruhte. Ich denke, wir
sind einig, und Graf Wassilkowitsch soll seine Ruhe wieder erhalten. Erlauben
Sie, da ich meine Schwester benachrichtige und einstweilen mich bei Ihnen
beurlaube, da ich noch Vieles zu ordnen habe.
    Er kte nochmals ihre Hand und verlie das Zimmer, in dem sich Celeste
jetzt prfend umschaute, um nach Frauen Art aus den Umgebungen auf Character und
Beschftigung der Bewohnerin zu schlieen. Sie bltterte in einem franzsischen
Album, als ein leichtes Gerusch in ihrem Rcken sie umschauen machte. Eine
bisher unbemerkte Tapetenthr in der Wand hatte sich geffnet und eine junge
Dame war in's Zimmer getreten. Der weite Morgenrock von schwerer persischer
Seide umhllte die schne Gestalt, die neidischen Schleier waren
zurckgeschlagen und zeigten jene merkwrdige Aehnlichkeit des schnen und edlen
Gesichts mit ihrem Bruder: - Celeste stand vor der Frstin.
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    Es war am Spt-Nachmittag; eine Pause, die der Orkan gemacht, als wolle er
sich von seinen Anstrengungen erholen und zu neuer Wuth rsten, hatte den
Bewohnern des Schlosses am fernen Horizont ein groes Schiff im Kampf mit den
erregten Wogen gezeigt. Man konnte natrlich nicht wissen, ob es ein
Kriegsschiff oder einer jener zahlreichen Kauffahrer war, die der lockende
Gewinn der Geschfte damals in groer Zahl nach dem Schwarzen Meere fhrte.
    In dem bereits mehr erwhnten Gemach stand der junge Frst, zum Aufbruch
gerstet, am Fenster sa die Frstin, wieder in ihre dichten Schleier gehllt.
Iwan, der alte Ataman, mit seinem jngsten Enkel Olis standen an der Thr des
Zimmers.
    Ich habe Dich zu meinem Begleiter gewhlt, Iwan, sagte der Frst, weil Du
Gehorsam kennst von Deinem langen Soldatenleben und weil ich mich auf Deinen
Scharfsinn und Deine Treue verlassen kann. Auf dem Wege, den wir vorhaben, ist
jedoch noch eine andere Eigenschaft nothwendig. Ich mu das Gelbni
unverbrchlicher Verschwiegenheit von Dir und Deinem Enkel erhalten.
    Olis ist zum Gehorsam erzogen. Was mich betrifft, so frage den Tabuntschik,
Herr, ob Iwan, der Steppenteufel, zu schweigen wei.
    Ich verstehe nicht, worauf Du Dich beziehst, aber ich vertraue Dir. Deine
andere fnf Enkel bleiben hier mit dem alten Tabuntschik zum Dienst der Frstin,
meiner Schwester. Du suche Dir fr zwei oder drei Tage Lebensmittel fr einen
Mann und zwei Pferde zu verschaffen. Mache Alles zum Aufbruch bereit und fhre
die Pferde nach dem Thor des neuen Schlosses. Ich mu von Oberst Wassilkowitsch
Abschied nehmen und werde dort aufsteigen. Geht jetzt, schweigt ber meine
Befehle und schickt dan Kastellan zu mir.
    Die Kosacken entfernten sich und nach einigen Augenblicken, die der Frst im
Gesprch mit seiner Schwester zugebracht, erschien der alte Verwalter des
Schlosses. Er war ein ehemaliger Leibeigener von den Gtern des Frsten in einem
innern Gouvernement, dem schon der Vater desselben die Freiheit geschenkt und
dies Amt gegeben. Er hatte ein wrdiges, ehrliches Ansehen und war der Familie
seines Herrn treu ergeben.
    Sergei Popotoff, sagte der Frst, ich wei, Du bist ein treuer Diener
unsers Hauses und hast alle die Befehle, die ich Dir in Betreff meiner Schwester
gab, genau erfllt, ohne zu fragen wie oder warum.
    Es war meine Pflicht, Herr. Kein Fremder hat die Schwellen des alten
Schlosses berschritten, Niemand die Zimmer der Herrin betreten, als das
tatarische Mdchen, das sie mitgebracht.
    Ich wei es und bin zufrieden mit Dir. - Der alte Mann kte demthig
seine Hand. - Jetzt fordere ich einen andern Dienst von Dir, bei dem Du, was Du
auch sehen und hren magst, eben so wenig fragen darfst. Von meiner Mutter wei
ich, da ein geheimer Gang aus diesem Schlo an den Fu der Klippen zum
Meeresstrand fhrt, schon von den alten Erbauern dieses Thurmes angelegt. Du
kennst ihn?
    Er ist ein Geheimni, das zu meinem Amte gehrt, Herr. Du allein hattest
das Recht, danach zu fragen. Hier ist der Schlssel. - Er nestelte ein schweres
Bund von seinem Grtel.
    Wo mndet er im Schlo?
    Der Kastellan ging nach der Wand des Gemachs, die der Tapetenthr gegenber
lag und in deren Mitte ein groer Spiegel in schwerem Eichenrahmen von alter
Schnitzarbeit angebracht war. - Sieh' diesen Knopf, Herr, unter der Ecke des
Glases. Ein Druck ffnet die Thr. Der Gang ist seit langen Jahren nicht benutzt
worden, seit die Frstin, Deine Mutter, todt ist, die, wenn sie hier war, wohl
ein Mal in schnen Nchten auf den Stufen zum Rande des Wassers hinunterstieg,
statt den Weg ber die Terrassen zu nehmen; aber es gehrt zu meinem Amte,
Alles, was mir berliefert worden, im Stande zu erhalten.
    Oeffne!
    Der Kastellan drckte auf den Knopf, man hrte eine Feder springen, der
groe Spiegel drehte sich in seinen Angeln und der dunkle Zugang einer
Wendeltreppe, in der Dicke der Mauer angebracht, ffnete sich. Ein scharfer,
kalter Luftzug drang aus der Tiefe empor.
    Der Frst untersuchte die ffnende Feder im Innern. - Wo und wie ist der
Zugang von unten?
    Die Treppe mndet in der Steingrotte, Durchlaucht, vor der Du viele Male
als Knabe am Strande gespielt hast, whrend die Frau Frstin sorgsam von dem
Steinsitz im Innern Dich htete. Der Sitz ist noch da und links von ihm am Boden
ein eiserner Ring in der Wand, den man nur zu ziehen braucht.
    Es ist gut. Schliee die Thr und erinnere Dich an Alles, was ich Dir
gesagt. Triff alle Anstalten zur Abreise der Frstin in drei Tagen, wenn ich von
Kertsch zurckkehre, und zur Aufnahme der kaiserlichen Soldaten. Du hast alsdann
Graf Wassilkowitsch zu gehorchen, wie mir selbst. Und jetzt, Iwanowna, ist es
Zeit zu scheiden; begleite mich bis zur Brcke.
    Er schlang den Arm um die Frstin und fhrte sie hinaus in's Freie, wo er an
der Pforte, die auf die Brcke zum neuen Schlotheil fhrte, Abschied von ihr
nahm. Auf beiden Seiten des Schloplateau's hatte sich die Dienerschaft in
zahlreichen Gruppen versammelt, theils um der Abreise des Herrn beizuwohnen,
theils um das in der Ferne kmpfende Schiff und das Aussehen des Himmels und
Meeres zu beobachten. Alle sahen, wie der junge Offizier von der Schwester
schied und dann ber die Brcke schritt, whrend sie, von ihrer tatarischen
Dienerin begleitet, in ihre Gemcher zurckkehrte.
    Eine halbe Stunde spter bestieg der junge Capitain, von dem Grafen bis zum
Ausgang der Villa geleitet, sein harrendes Pferd und ritt mit den beiden
Kosacken langsam und vorsichtig den Felspfad hinab.
    Der Sturm, der eine Stunde geruht, begann sich auf's Neue zu erheben und
brauste mit seinem Donner ber das bewegte Meer. Im Sdosten zog es dunkel und
schwer herauf und breitete die nchtigen Fittige ber den Horizont.
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    Die englische Fregatte - eine alte Bekannte von uns - der Niger, kmpfte mit
all jenem Trotz, den der Muth und die Geschicklichkeit britischer Matrosen den
Eichenplanken einzuhauchen scheinen, gegen Sturm und Wogen. Das Schiff war in
der letzten Zeit hufig zum Transport von Verwundeten nach den groen
Hospitlern gebraucht worden, welche die Englnder und Franzosen in Skutari und
am europischen Ufer des Bosporus angelegt hatten und kehrte von einem solchen
eben von Constantinopel zurck, als es schon am Tag vorher der Sturm von seiner
Richtung ab und hoch hinauf nach Nordost verschlagen hatte.
    Eine Abtheilung britischer Reconvalescenten befand sich an Bord: auch zwei
franzsische Offiziere und ein Arzt. Dieser und einer der Offiziere hatten einen
Transport Verwundeter aus der Inkermann-Schlacht nach Constantinopel gebracht,
der andere Offizier kehrte aus dem Lazareth zurck. Da im Augenblick kein
franzsisches Schiff Gelegenheit zur Ueberfahrt bot, hatten sie diese auf dem
britischen benutzt: Colonel Mricourt, der Ingenieur-Capitain Depuis und Doctor
Welland. Im Vordercastell hatte die Gutmthigkeit oder Bestechlichkeit der
Matrosen Handelsleute und allerlei Volk eingeschmuggelt, whrend eine englische
Dame, deren Gatte vor Sebastepol stand und die mit dem letzten Dampfer von
Southampton eingetroffen war, auf Empfehlung des Gesandten die hintere Cajte
inne hatte.
    Die Nacht und den Tag ber hatte das Schiff mhsam unter den Sturmseegeln
gegen das Unwetter ausgehalten. Es war eben jene kurze Ruhe eingetreten, deren
wir bereits bei den Scenen am Lande erwhnt haben, und die Mannschaft stand,
nachdem alles Mgliche geschehen war, um die Fregatte vom Lande abzurichten, in
Gruppen auf den Decks umher, whrend die Offiziere auf dem Hintercastell bald
die Wolken, bald die versuchsweise aufgesetzten Seegel beobachteten.
    Auf der Bank am Lee saen die beiden Franzosen, Mricourt, noch den linken
Arm in einer leichten Binde tragend, und Capitain Depuis, und sprachen mit
Welland und dem Schiffsarzt, die sich an den Wandungen festhielten. Nher dem
Steuer, wo Capitain Warburne mit dem ersten Lieutenant stand, klammerte sich an
die Gallerie eine hagere, krankhafte Gestalt, der selbst in diesen Stunden der
Gefahr die franzsischen Offiziere ganz unverholen ihren Widerwillen und ihre
Miachtung zeigten: Edward Maubridge, der Baronet. Erst als das Schiff bereits
unter Seegel war, hatten sie erfahren, da er, krank und leidend, noch immer ein
Gast auf dem Fahrzeug seines alten Freundes war, der ihn nach jener Mordnacht in
Varna an seinen Bord hatte bringen lassen, um ihm dort eine Pflege zu widmen,
die er in einem Lazareth oder unter Fremden nicht gefunden htte. Ein hohler
trockener Husten erschtterte von Zeit zu Zeit den siechen Leib und zeigte, da
der Dolch des Griechen edle Theile getroffen hatte. Trotz der Mahnungen des
Arztes und des Capitains war der Baronet auf Deck gekommen und weigerte sich, es
zu verlassen, obschon seine Kraft ihn kaum gegen den Wind aufrecht erhalten
konnte und die Sturzseen, die ber das Verdeck schlugen, wenn das Schiff in eine
tiefe Hhlung der Wogen sank, ihn bis auf die Haut durchnten.
    Auf allen Gesichtern lag Ernst und Besorgni, denn die Gefahr, in welcher
das Schiff schwebte, war selbst den Laien bekannt, und der finstere Blick des
alten Capitains kndete neues Unheil.
    Der Fockmast trgt die Seegel kaum lnger, Capitain Warburne, sagte der
erste Lieutenant, indem er unruhig nach diesen schaute. Die Stengen biegen sich
wie die Peitschenstiele und die Wanten sind wie Eisen gespannt. Lassen Sie uns
wenigstens das Vormars- und das Vorbram-Seegel einziehen.
    Der Capitain wies statt aller Antwort nach Sdosten, wo schwrzer und
schwrzer die dunkle Wand zugleich mit den Schatten des Abends heraufstieg.
    Ich sehe das Alles, Sir, sagte ehrerbietig der Lieutenant, aber die
Gefahr, da der Mast ber Bord geht, ist uns nher.
    Es ist unmglich, Sir, da wir die hintern Seegel benutzen knnen. Der alte
Bau liegt so schwer im Wasser und die Wellen auf diesem verteufelten Meer sind
so kurz und schnell hintereinander, da wir nur mit dem Fock uns einigermaen
stetig halten knnen. Wie hoch schtzen Sie die Entfernung jetzt vom Lande?
    Der Offizier sah prfend nach der Kste hinber, die im zunehmenden Dunkel
zu verschwinden begann. - Wir hatten um Mittag vier Seemeilen und werden
vielleicht eine gewonnen haben.
    Ich frchte, flsterte der Capitain, das Schlimmste kommt erst nach. Wenn
wir an einer befreundeten Kste wren und Warnungsfeuer uns die Richtung angeben
wrden, knnten wir entkommen. Inde, wir mssen das Mglichste thun. Lassen Sie
Adams das groe Seegel bereit halten, Master Price, damit, wenn Gefahr ist, es
im Augenblick gehit sein kann.
    Ja, ja, Sir! - Der Befehl lief weiter nach dem groen Deck. Price, der
Schiffer, ging selbst nach dem Fu des groen Mastes, um die Anstalten zu
beaufsichtigen.
    Hast Du das schwarze Frauenzimmer bemerkt, Frank, fragte der Midshipman
Gosset seinen lteren Kameraden, die durchaus nicht hinunter wollte, als die
Lukenklappe wieder geschlossen wurde? Ich glaube, sie ist verliebt in einen von
uns und voll zrtlicher Besorgni, da uns eine dieser Wellen ber Bord spielen
mchte.
    Ich glaube eher in den Capitain oder Master Hunter, denn ihre Augen waren
fortwhrend nach dem Hinterdeck gerichtet, als ob das Ersaufen fr sie keine
Gefahr htte. Der groe Mohr, der den franzsischen Offizier bedient, ist ihr
Bruder.
    Der Teufel hole die Weiber und die Franken! Es ist ein Unglck, da wir sie
an Bord haben.
    Der Hochbootsmann ging eben vorber. - Wenn Sie je ein wahres Wort gesagt
haben, Master Gosset, und das ist bei Ihnen eine seltene Sache, so war's in
diesem Augenblick. Es ist Freitag heut, denken Sie daran.
    Aufgepat auf Ihren Dienst, Ihr Herren, sagte der dritte Lieutenant, nach
vorn kommend. Geben Sie dem Klver etwas mehr Luft, Clinton! - - -
    Ich wnschte, College, sagte Welland zu Duncombe, dem Wundarzt der
Fregatte, Sie knnten den Mann dort bewegen, das Deck zu verlassen. Dieses
Peitschen des Novembersturmes ist Gift fr seine Brust. Ich habe, Gott wei,
keine Ursach, ihm Gutes zu erweisen, aber meine Pflicht als Arzt fordert, da
ich es sage.
    Er ist ein so eigensinniger Bursche, da jede Mhe vergeblich ist. Ich habe
bereits bei der Abfahrt aus dem Bosporus bemerkt, da Sie ihn mieden, und mir
ist es vorgekommen, als htte ich Ihr Gesicht bereits frher mit ihm in
Verbindung gesehen, nur wei ich nicht gleich wie und wo.
    Der Sturm erhebt sich auf's Neue, sagte Capitain Depuis; es ist so
finster, da man bald nicht zwanzig Schritt weit sehen kann. Wollen wir hinunter
gehen, Mricourt?
    Es ist zu spt, die Luken sind geschlossen und wir mssen hier aushalten.
Ueberdies sehe ich der Gefahr lieber in's Auge.
    Sie scheint nahe genug zu sein. Horch'! was ist das?
    Eine augenblickliche Todtenstille lag in der Luft, die dichte Wolkenbank zur
Seite, die jetzt weit ber die Hlfte des Horizonts umzogen, schien sich in der
Mitte zu spalten und ein weies fahles Licht schob sich schnell nach dem Zenith
empor.
    Herunter mit dem Vormars! Rafft das Vorbram-Seegel! donnerte die Stimme
des Capitains durch das Sprachrohr. Der erste Lieutenant war in zwei Sprngen
die Treppe des Hinterdecks hinunter und im Vorderschiff. Rasch, rasch, Leute!
Es gilt Euer Leben! Nehmt Eure Messer - herunter um Himmelswillen mit dem
Seegel!
    Es war zu spt, obschon zehn, zwanzig Matrosen im Nu in den Wanten und an
den Schooten hingen.
    Ueber die See her kam es wie ein dumpfes brllendes Sthnen. Dann erscholl
ein ferner Schlag, hoch in der Luft, wie ein hundertfacher Kanonenschu - ein
zweiter - und im nchsten Augenblick brach der Orkan mit einer Wuth los, gegen
die alles bisherige Toben sanfte Musik gewesen zu sein schien. Der rasende Sturm
fate die beiden oberen Seegel des Vordermastes - einige Augenblicke schwankten
die Stengen hin und her, und es war zweifelhaft, ob sie brechen oder die Seegel
reien wrden; aber der nchste entschied. Whrend das Vorbram-Seegel in Fetzen
zersprungen durch die Luft peitschte, konnte die Vormars-Stenge dem furchtbaren
Druck nicht lnger widerstehen und sie brach ber den Eisenringen des Fockmars
mitten durch und strzte mit dem ganzen Takelwerk ber Bord, Klber und
Sturmfock mit sich in die schumenden Wellen reiend.
    Ein durchdringender gellender Angstruf, ein Schrei aus der Brust zwanzig
tapferer verlorener Mnner bertnte selbst das Brllen des Orkans.
    Mannschaft ber Bord! - Setzt die Boote aus! - Master Bully, der dritte
Lieutenant, fehlt!
    Die Mannschaft eilte durch einander - selbst der Mann am Steuer achtete
einen Augenblick nicht aus seinen Dienst und die Spanne Zeit gengte, um das
Unglck zu vollenden.
    Klammern Sie sich fest, Colonel! Um Gotteswillen - die Woge!
    Die Warnung des braven deutschen Arztes war kaum gegeben, als eine groe
Welle das Schiff, das von seiner Richtung abgewichen, am Wetterbug fate und auf
die Seite warf, da die Spitzen der Masten fast in der tiefen Hhlung des
Wassers verschwanden, indem es hinunterscho.
    Ein Theil des obern Bollwerks war fortgerissen, mit ihm Duncombe, der
englische Arzt und der Gehilfe des Steuermanns. In den Leegatten hing die fast
leblose Gestalt des Baronets; Mricourt und Depuis hielten sich mit wahnsinniger
Anstrengung festgeklammert an den Tauen des Besanmasts.
    Der alte Bau der Fregatte richtete sich jedoch sthnend in allen Fugen aus
dem Grabe der Wsser wieder empor. Der Capitain selbst hatte mit Hand angelegt
an das Steuerrad und es gelang, das Schiff vor den Wind zu bringen.
    Lassen Sie kappen, Hunter, so rasch als mglich!
    Alle Mann auf ihren Posten! - Haut die Taue durch!
    Whrend Welle auf Welle das Schiff hob und in den Abgrund senkte, gelang es
der Mannschaft, sich von den Trmmern zu befreien.
    Dreiundzwanzig Mann fehlten! - Sie sind unwiederbringlich verloren, sagte
der Capitain auf eine Bemerkung des Schiffers; es ist unmglich, in dieser See
und bei unserer Havarie auch nur den geringsten Versuch zu machen zu ihrer
Rettung.
    Sir! - der Steuermann berhrte ehrerbietig selbst in dieser furchtbaren
und bewegten Scene den Hut, den er sich auf dem Kopf festgebunden.
    Was wollen Sie, Mr. Sporschill?
    Ich frchte, Sir, es ist etwas an dem Steuer beschdigt - das Schiff
gehorcht ihm nicht mehr.
    Das wolle Gott verhten - es wre unser sicheres Verderben! Der Capitain
griff selbst in die Speichen und einige Versuche berzeugten ihn, da der
Steuermann Recht hatte. Es bleibt Nichts brig, wir mssen den Versuch machen,
es fest zu legen.
    Aber es ist unmglich, Sir, jedes menschliche Glied wrde zehn Mal
zerschmettert, und wir drfen nicht vom Winde weichen.
    Ich wei es, aber dennoch mssen wir Gewiheit haben; Kinder, - er wandte
sich zu den nchsten Mannschaften - das Steuer ist beschdigt, es ist
vielleicht mglich, den Schaden zu bessern, aber ich mu wissen, wo er sitzt.
Wer wagt sein Leben an die Untersuchung?
    Eine augenblickliche Pause folgte, dann traten von zwei Seiten der alte
Deckmeister Adams und Frank Maubridge, der Midshipman, vor und es klang wie aus
einem Munde: Ich, Sir!
    Ich danke Ihnen, sagte der Capitain, aber ein Leben zu wagen ist genug
und Adams steht die grere Ruhe und Erfahrung zur Seite. Nimm alle
Vorsichtsmaregeln, Alter, und dann rasch, denn jede Minute ist kostbar. Frank,
sehen Sie nach Ihrem Bruder.
    Das Schiff, von den rasenden Wellen gejagt, trieb pfeilschnell vor diesen
hin, bald auf dem Gipfel der Wogen, bald in den tiefen Abgrnden. Das noch immer
gespannte Fockseegel hielt es allein im stetigen Lauf, da der Klber jedoch fort
war, blieb jede Wendung unmglich und es wurde von dem Sturm, wie jeder Seemann
am Bord recht gut wute, gerade auf die gefhrliche Kste zu getrieben.
    Whrend der alte Deckmeister mit Hilfe einiger Matrosen sich zu dem Wagstck
bereit machte, indem er blos ein leichtes Tau um seinen Leib schlingen lie und
eine Kette mehrfach um seinen linken Arm schlang, hatte Frank Maubridge sich zu
dem Baronet gewandt. Er fand ihn, von Doctor Welland untersttzt und auf der
Bank im Lee, festgebunden an einem Tauring, um gegen jede bersplende Welle
geschtzt zu sein, wie er unter den Bemhungen seines edelmthigen Gegners eben
wieder zum Bewutsein zurckkehrte.
    
    Der Capitain war selbst an's Steuer getreten, whrend Lieutenant Hunter die
Leitung des Schiffs bernahm. Mit vieler Mhe und durch Hilfe des Fockseegels
fiel es einen Strich vom Wind ab und diesen Augenblick benutzte der alte
Deckmeister, um sich ber das Bollwerk zu schwingen und an den Galerieen des
Sterns hinabzusteigen.
    Er hielt sich mglichst frei von dem sichernden Tau, nur auf die Kraft
seiner athletischen Arme sich verlassend. Eine athemlose Stille herrschte am
Bord, nur von dem Toben des Sturms und der Wellen unterbrochen; Jeder, den nicht
seine Pflicht an eine andere Stelle fesselte, suchte die Bewegungen des khnen
Kletterers zu verfolgen. Unter'm Schutz der halben Wendung des Schiffes stieg
der Deckmeister anfangs glcklich an den Galerieen und Simsen des Hintercastells
hinab. Wir mssen bemerken, da der ganze Vorgang rascher verlief, als unsere
Erzhlung ihn wiederzugeben vermag! Er war am Steuer und man konnte ber die
Brstung bemerken, wie er die Kette, deren Ende er um den Arm getragen, zu
befestigen versuchte. In diesem Moment erschtterte ein neuer furchtbarer
Sturmsto das Schiff - das Fockseegel ri aus seinen Schlingen mit einem Knall,
der einem Kanonenschu glich, und flog wie eine weie Wolke dann ber das
Bugspriet hinaus. Die Fregatte fiel zurck in den Wind, - einige Augenblicke sah
man den braven allen Seemann im dunkeln Schlunde der Wsser an der Leine hngen,
dann, ehe sie noch gehit werden konnte, kam eine dunkle schumende Woge daher
und schleuderte ihn mit aller Gewalt gegen die Balken.
    Hit das Tau! Rasch - rasch, Jungens!
    Die Matrosen arbeiteten mit rasender Kraft, die Offiziere legten Hand mit
an, denn der alte Deckmeister war bei Allen beliebt; das Tau flog durch die
Hnde, im nchsten Augenblick erschien die krftige Gestalt in der Hhe und zehn
Hnde erfaten sie, um sie ber das Bollwerk zu heben.
    Der Kopf des alten Mannes, aus einer Stirnwunde blutend, hing bleich auf die
linke Schulter, die mchtigen Glieder waren schlapp und kraftlos; als die
Matrosen sie anfaten, fhlten sie die Knochen an mehreren Stellen
zerschmettert.
    Man legte den Verletzten auf das Deck am Compahaus; Frank Maubridge knieete
neben ihm und suchte das Blut unter lautem Wehklagen zu stillen.
    Er kommt zu sich, sagte Capitain Warburne. Alter Freund, wie geht es
Dir?
    Der Deckmeister hob den Kopf, von dem Doctor untersttzt, der auf der
anderen Seite neben ihm war und seinen Puls hielt. Sein erster Blick fiel auf
Frank und ein mattes Lcheln verbreitete sich ber seine gefurchten Zge. Das
war keine Arbeit fr Euch, Master Frank, flsterte er, Ihr werdet deren noch
heute schwer genug haben. - Capitain Warburne, - er wandte sich zu diesem -
die Steuerkette ist gerissen und das Steuer aus seinen obern Pinnen gehoben, es
ist keine Mglichkeit der Befestigung da, die Fregatte ist verloren, wenn Ihr
sie nicht durch andere Mittel rettet.
    Ich frchtete es. - Fhlst Du Dich schwer verletzt, Mann?
    Es ist aus mit mir! Dreiig Jahre, Capitain, sind wir zusammen geseegelt,
zwanzig davon in diesem Schiff - die Planken wollen nicht mehr zusammenhalten
und mit mir ist's eben so. Ich fhl' es - der Sturz hier auf die Brust - -
    Muth - Muth! Die Wunden sind nicht gefhrlich!
    Ich wrd' ein Krppel sein und besser, ich gehe, wohin der alte Niger geht.
- Capitain Warburne - der verteufelte Dampf hat uns doch berflgelt!
    Der sterbende Seemann schwieg erschpft; - die Untersuchung hatte Doctor
Welland gezeigt, da der Brustkasten zerschmettert und jede Hoffnung vergeblich
war. Whrend Frank, der Midshipman, und der Baronet, der sich wieder erholt
hatte, mit dem Leibenden sich beschftigten, ohne auf die Gefahren ringsum zu
achten, richtete der Capitain wieder sein ganzes Augenmerk auf die furchtbare
Lage des Schiffes.
    Oeffnen Sie die Luken, Master Keane, befahl er dem Hochbootsmann, wir
haben kein Recht mehr, die Leute dort unten zu halten und mssen ihnen jede
Chance zur Rettung gewhren. - Untersuchen Sie die Boote, Pearson.
    Der Zimmermann berichtete, da der zweite Kutter von der Sturzsee
fortgerissen, das Ghig zertrmmert, der erste Kutter und das Langboot aber noch
seetchtig wren.
    Das Schiff trieb jetzt, dem Steuer nicht mehr gehorchend und whrend die
Mannschaft versuchte, an dem Stumpf des Fockmastes ein neues Seegel zu
befestigen, mit furchtbarer Geschwindigkeit vor Wind und Wellen, zuweilen sich
auf die Seite legend und dann von einem Wasserberg berschttet. Fast jede neue
Welle, die ber die Bollwerke schlug, ri in die Menschenmenge, die, aus dem
Raum voll Angst und Jammer emporsteigend, auf den Verdecken sich drngte, eine
Lcke, und die Unglcklichen, die sich nicht verstanden festzuhalten oder zu
sichern, in die dunkle Tiefe hinab, aus der keine Wiederkehr ist, auer an jenem
Tage, der uns Alle wieder vereinen soll zur Wgung von Schuld und Thorheit!
    Am Besanmast stand ein riesiger Mohr in der Uniform eines orientalischen
Spahi's, den rechten Arm um den Mast gelegt, whrend die linke Hand ein
schwarzes, tief in den Yaschmak und Feredschi verhlltes Weib umschlang, deren
Augen fest auf die Gruppen des Hintercastells gerichtet waren. Mistre Duberly,
die englische Dame, die ihrem im 8. Husaren-Regiment dienenden Gatten, den
Verboten Lord Raglan's und Lord Lucan's zum Trotz, nach dem Lager folgen wollte
und in dem Niger die Ueberfahrt machte, war gleichfalls auf das Deck gekommen
und die franzsischen Offiziere suchten so gut als mglich die Zitternde zu
sichern.
    Der alte Deckmeister hatte dem Baronet gewinkt, sein Ohr nher zu seinem
Munde zu bringen, denn das Gebrll der Wogen und des Sturmes machte kaum in
nchster Nhe die Worte verstndlich. Eins liegt mir schwer auf der Seele,
sagte er mit Anstrengung, und lt mich bangen vor dem groen Admiral dort oben
- das griechische Weib, das ich Euch verbergen half am Golf zu Smyrna. Ich
kannte Euch als Knaben, Sir Edward - erleichtert meine Sterbestunde durch das
Versprechen, gut zu machen an ihr, was Ihr verbrochen habt. Sucht die Lady auf,
Ihr wit, da sie Euer rechtmig Weib ist - ich war Zeuge davon, und der
wackere Bursche, ihr Bruder, den der zweite Lieutenant in der Fanariotenstadt
erschlug, als Ihr mit einer trkischen Metze davon lieft, hatte ein Recht, Euch
zur Rechenschaft zu ziehen.
    Das bleiche, kranke Gesicht des Baronets verzog sich zu wildem Ha. Diona
ist lngst todt und ruht auf dem Kirchhofe von Sebastopol. Der Grieche aber, den
Du erschlagen whnst, lebt und seinem Dolche verdank' ich's, da diese Brust den
Keim des Todes in sich trgt!
    Es war das erste Mal, da der Baronet gegen seine englischen Freunde Diona's
Tod und seines Mrders erwhnte, ber dessen Person er bis jetzt hartnckig
geschwiegen.
    Der Alte seufzte schwer auf. Ich sagte es Euch wohl, es kommt nichts Gutes
von den Unterrcken. Vergebt dem Manne, wie der Herr dort oben Euch vergeben
mge, und htet Master Frank vor dem Weibervolk. Es ist der Letzte Eures Stammes
und ein wackerer Junge bis auf die schlimme Klippe.
    Licht vor uns! unterbrach der schallende Ruf vom Vorderkastell die
verschiedenen Scenen und fesselte alle Augen auf den Horizont. Hoch ber
demselben, gleich wie mitten aus den schwarzen Wolken heraus flammte ein Licht,
erst klein und schwach, aber rasch sich zur groen, lodernden Flamme
ausbreitend, die vom Sturm emporgewirbelt wurde.
    Es mu ein Leuchtthurm in der Nhe sein, Sir! meinte der Schiffer.
    Es ist viel eher ein Leuchtfeuer oder Signal auf der Kste, entgegnete der
Capitain, das uns zeigt, wie nahe wir derselben sind. Das groe Seegel, Hunter,
es ist die einzige Aussicht, uns abzuarbeiten. An die Geitauen und
Bauchgardingen, Jungen - steigt auf die groen Schooten! - lat die
Stockgardingen los, Bursche! - Eingeholt! es gilt Euer Leben!
    Das groe Seegel bauschte im Sturm.
    Brandung am Wetterbug! Der Ruf erschtterte wie ein electrischer Strom die
Menge.
    Halfen Sie das Schiff, Master Price, sagte der Capitain zu dem Schiffer,
ich hoffe, wir haben noch Raum dazu. - Seine Kaltbltigkeit verlie ihn in
dieser furchtbaren Gefahr keinen Augenblick.
    Der Schiffer befahl den Leuten am Steuer den Versuch, whrend der erste
Lieutenant die Richtung des groen Seegels dirigirte. Trotz der Havarie am
Steuer gelang es, die Fregatte abfallen zu lassen, und sie ging weiter vor, als
sie pltzlich einen erschtternden Ruck erhielt - sie war auf einen Felsen unter
dem Wasser gestoen.
    Ein durchdringendes gellendes Geschrei erscholl durch das ganze Schiff und
dann drngten Mannschaft und Passageire nach hinten, gleich als wollten sie bei
dem Capitain und den Offizieren Schutz suchen. Eine anstrmende riesige Welle
fate die Fregatte am Spiegel und man fhlte, wie sie wieder in's Wasser gehoben
wurde.
    Sie ist flott, Sir!
    Durch das Gewhl strzte der Zimmermann nach hinten. Sein Gesicht war
bleich, Todesschreck in dem Auge des bewhrten Seemannes. Das Schiff ist leck,
Sir, es fllt sich rasch mit Wasser - wir knnen kaum noch zehn Minuten es flott
erhalten!
    Die furchtbaren Worte waren trotz des Sturmes fast von Allen gehrt worden
und ihre Wirkung zeigte sich augenblicklich in dem Aufhren jeder Ordnung und
Disciplin.
    Das Geschrei: Das Schiff geht unter! bertnte das Brllen des Orkans.
Whrend Jeder seinen bisherigen Haltpunkt verlie und verzweifelnd umher rannte,
rissen die berschlagenden Wellen Leben auf Leben hinunter in den dunklen
Abgrund.
    Eine feste Mnnerhand fate den Arm des Capitains in diesem furchtbaren
Augenblick. Umblickend sah er in das bleiche, aber entschlossene Gesicht des
franzsischen Colonels. Dort ist ein zweites Feuer, Herr, sagte der Offizier.
Vielleicht kann es uns ntzen!
    Sie haben Recht, Sir - es ist noch eine Hoffnung, wenigstens fr Sie! Eilen
Sie Alle in's Vorderschiff und suchen Sie sich dort so gut als mglich
festzuhalten - verlassen Sie es um keinen Preis, denn Boote sind in diesem
Wogendrang unntz. - Fort, fort, Alle, die nicht hier ihren Posten haben! - Er
ergriff das Sprachrohr. Ruhe auf dem Deck! Jeder Mann auf seinen Posten! Fort
da aus den Booten!
    Eine Anzahl Matrosen hatte sich der Boote zu bemchtigen gesucht und war
beschftigt, sie zu lsen. Der kalte Muth des Capitains brachte sie zum Gehorsam
und sie verlieen die Boote bis auf einen langen Schottlnder, der ruhig
fortfuhr, die Krabber los zu machen.
    Heraus aus dem Boot!
    Gott verdamm' mich, wenn ich's thu'! Jetzt ist Jeder hier Herr!
    Die Worte wurden von dem Capitain nicht gehrt, aber die Geberden
bezeichneten zur Genge ihren trotzigen Sinn. Sie waren kaum ausgesprochen, als
Warburne stumm und energisch dem ersten Lieutenant, der in der Nhe des Bootes
stand, mit dem Finger nach dem Ungehorsamen deutete. Eine Handspeiche wirbelte
durch die Luft und fiel mit schwerem Schlag auf den Schdel des Mannes. Der
Unglckliche taumelte, griff nach den Tauen und fiel rcklings in's Meer.
    Die kaum einen Augenblick whrende Scene erregte keine Theilnahme, auer da
sie die Zaudernden desto schneller zum Gehorsam brachte. Mnner, sagte der
Capitain und seine Stimme schien das Brausen der Brandung zu beherrschen,
zwanzig Jahre kommandire ich dies Schiff, und so lange eine Planke davon brig,
werde ich Gehorsam zu erzwingen wissen. Alle Mann nach vorn, wer nicht auf dem
Hinterkastell Posten hat. Legt Kutter und Langboot mit Tauen am Stumpf des
Fockmastes fest und dann - Gott schtze Euch, Leute!
    Alle drngten sich nach vorn bis auf die Mnner, die diesseits des
Besaumasts ihren Posten hatten. Der erste Lieutenant stand neben dem Capitain.
Darf ich Sie fragen, Capitain Warburne, was Sie mit dem Schiff beabsichtigen?
    Sehr gern. Sehen Sie dort die Oeffnung in dem Felsenwall des Ufers, in der
das Feuer brennt?
    Ja, Sir!
    Es mu eine Bucht sein und das Feuer ist von mitleidigen Feinden
angezndet, um uns den Weg zu zeigen. Ich will versuchen, das Schiff dort hinein
zu fhren oder wenigstens in dieser Richtung auf die Felsen auflaufen zu
lassen.
    Es wird in diesem Fall dem Wogendrang nicht zu widerstehen vermgen, Sir!
    Ich wei es, aber ich hoffe wenigstens das Vorderschiff festzukeilen und
deshalb habe ich Alles nach vorn beordert.
    Ich sehe, Sir, da es der einzige Ausweg ist. Erlauben Sie mir also, hier
meinen Posten einzunehmen, Ihre Befehle sollen erfllt werden.
    Der Capitain machte ein abwehrendes Zeichen. - Nein, Hunter, so war es
nicht gemeint. Dieser Ehrenposten steht dem Kommandirenden zu. Eilen Sie in das
Vorderschiff und sorgen Sie, da Alles vorbereitet ist; vielleicht wird ein oder
das andere Boot erhalten.
    Aber, Sir - -
    Ordre im Dienst, Herr! - Leben Sie wohl, Hunter, und Gott segne Sie Alle! -
Was wollen Sie hier, Frank?
    Der Midshipman, der seinen Bruder in's Vorderschiff geleitet, war
zurckgekehrt und stand in seiner Nhe. Was wollen Sie hier?
    Bei Adams bleiben und Ihnen, Capitain Warburne!
    Nichts da - der Deckmeister ist bereits dort, wo sein Capitain bald sein
wird. Nehmen Sie den Knaben mit fort, Hunter.
    Es wagte Keiner mehr, zu widersprechen, seine Gestalt, der Ausdruck seines
Gesichts hatten etwas Feierliches. Der erste Lieutenant zog den Midshipman mit
sich fort, den ein Blick auf den alten Adams belehrte, da der Capitain Recht
hatte.
    Warburne beobachtete, auf der Bank an der Wetterseite stehend und den
rechten Arm fest um das nchste Tau gepret, die dunklen Massen des Ufers vor
ihnen. Seine krftige Gestalt trotzte dort der vollen Wuth des Sturmes, der sein
ergrautes Haar und seine Kleider peitschte.
    Quartiermeister - herum mit dem Steuer, so gut es geht! Bringt die Fregatte
voll vor den Wind!
    Die Mnner am Steuer, an den Wanten, an den Zugleinen des groen Seegels,
das, bis zum Aeuersten gespannt, das Schiff fast mit der Geschwindigkeit der
Wellen vorwrts ri, standen wie eherne Statuen auf ihren Posten.
    Halten Sie grad' aus auf das Feuer, Master Price!
    Ja, ja, Sir!
    Die Worte waren kaum heraus, als die Fregatte, statt in jene Bucht unterhalb
des Schlosses Aju-Dagh einzufahren, bereits mitten in der rckschumenden
Brandung auf die Felsenreihe stie, welche den Eingang der Bucht umgab und ihn
fr jeden Unkundigen unmglich machte.
    Der Sto warf fast Alle im Vorder- und Hinterschiff zu Boden und wiederum
erhob sich ein furchtbares Geschrei zum Nachthimmel, von den Flgeln des Sturmes
nach dem nahen Lande getragen. Die beiden noch stehenden Masten, der groe und
der Besanmast, aus ihren Fugen gerissen, wankten zwei Mal hin und her und
strzten dann krachend ber Bord, eine Anzahl Menschen mit fort reiend.
Zugleich berfluthete eine riesige Welle gleich einer Lawine und hob das Schiff
noch tiefer zwischen die Felsen.
    Es folgte ein zweiter, ein dritter Anprall der wthenden Wellen und der
letzte entschied das Schicksal des Schiffes. Die Fregatte brach mitten durch und
whrend das Vordertheil zwischen Felsen festgeklemmt und gewissermaen gesichert
war, ri die schwarze Woge das Quaterdeck und Hintertheil zurck. Einen
Augenblick sah man es auf dem Gipfel der schumenden Wellen schweben und dann
verschlang es die dunkle Tiefe.
    Der letzte Jammerruf der Ertrinkenden, der Heldenmuth, mit dem der Capitain
und die Halboffiziere am Steuer, bis zum letzten Augenblick ihrer Pflicht
getreu, den Opfertod erlitten, - das Alles bedeckte die Nacht und das Brllen
der Brandung. Auch von den Vielen, die nach dem Befehl des Capitains auf dem
Vordercastell Schutz und Sicherheit gesucht, hatte mindestens die Hlfte das
Verderben erreicht und von den mehr als vierhundert Menschen, welche am Morgen
noch das Schiff getragen, waren jetzt kaum hundert noch am Leben, und jede
Minute, jede Welle ri ein neues Opfer aus der Reihe.
    Die beiden franzsischen Offiziere, Doctor Welland und der Baronet, die Lady
und das schwarze Geschwisterpaar befanden sich unter den bis jetzt erhaltenen
Passagieren; von den Offizieren des Schiffes waren auer dem ersten Lieutenant
und dem Hochbootsmann noch drei Midshipmen auf dem Wrack, jene drei, denen
unsere erste Scene am Bord des Niger begegnet ist.
    Sobald das erste Entsetzen ber den Untergang ihrer Kameraden vorber war,
suchte Master Hunter ihre Lage zu berschauen. Die Stellung des Vordercastells
gewhrte einigen Schutz gegen den Andrang der Wogen und jenseits der Felsen in
der Bucht zeigte sich verhltnimig ruhiges Wasser. Sie waren ungefhr 80 bis
100 Faden vom Lande entfernt und konnten deutlich um das dort brennende Feuer
Gestalten von Menschen sich bewegen sehen. -
    Jetzt zeigte sich, wie glcklich und zweckmig der Befehl Capitain
Warburne's gewesen war, die Bte durch lange Taue an dem Stumpf des Fockmastes
zu befestigen. Die Lantsche war zwar bei dem Anprall und dem Bruch des Schiffes
fortgerissen und auf einem Felsen zerschmettert worden, zu seiner Freude aber
erblickte der Lieutenant den zweiten Kutter an seinem Tau glcklich innerhalb
der Bucht schwimmen. Dieselbe Woge, die das andere Boot vernichtet, hatte das
leichtere glcklich ber die Felsen hinweggeschleudert.
    Frank sa bei seinem Bruder und untersttzte diesen; die anderen Passagiere,
dicht zusammengedrngt, hielten sich an die Taue, die mehrere der Matrosen an
den Kovein-Ngeln und anderen Theilen des Vordercastells festgebunden, nur dem
Arzt war es nicht gelungen, eine gengend ihn sichernde Stelle zu erreichen, er
sa auf dem uern Ende eines der abgebrochenen Balken und hielt sich dort mit
Mhe fest. Ihm zunchst kauerte Gosset, der Midshipman, unter dem Bollwerk
gesichert und berdies an einer langen Bugleine sich festhaltend. Der
selbstschtige Character des Menschen zeigt sich nie schroffer, als gerade in
Augenblicken gemeinsamer Gefahr, wenn die Bande der Ordnung gelst sind und
Jeder nur an sich selbst denkt. Der Schiffbrchige, der mit einer Spanne Platz,
mit einem Ausstrecken seines Armes seinen Kameraden retten knnte, weigert sich,
das geringste Opfer zu bringen, weil es ihn selbst vielleicht gefhrden knnte!
    Jede neue anstrmende Welle drohte den Arzt von seinem Balken
hinwegzuschwemmen und nur mit der Kraft der Verzweiflung, die fr das Leben
ringt, klammerte er sich noch an. Seine Geberden, sein Ruf baten den Midshipman,
ihm zu helfen, was dieser leicht von seinem sichern Standpunkt durch Zuwerfung
des Taues htte thun knnen. Aber der junge Taugenichts dachte an Alles eher,
als das Geringste von seinen Vortheilen aufzuopfern, zumal er den Arzt fr einen
Franzosen hielt.
    Lieutenant Hunter hatte eben den auf dem Wrack befindlichen Matrosen durch
Zeichen und Worte den Befehl ertheilt, vorsichtig das Tau einzuholen, an welchem
das Boot trieb, als eine Welle, strker als die andern, den Bord bersplte und
im Zurckprallen den Arzt mit in die Tiefe ri. Ein durchdringender gellender
Schrei erschtterte die Herzen, dann sahen die Erstaunten eine helle in weie
Gewnder gehllte Gestalt auf den Planken entlang fliegen, dem Midshipman die
Leine entreien und sich in die Brandung strzen. Zugleich sprangen der Mohr und
Frank Maubridge nach der Stelle, wo der Deutsche verschwunden war, und Gosset,
von Beiden zur Seite gestoen, erhielt fr sein Schelten einen derben Futritt.
Ueber das Bollwerk gebeugt, schauten der Mohr und der Knabe mit Angst in die
schumende Fluth. Ein Freudenruf erhob sich aus Beider Brust, als ein weies
Gewand emportauchte, eine Gestalt, die in ihren Armen festumschlossen eine
zweite hielt, und der junge Seeoffizier Griff um Griff die Leine einholte, die
sie aus der Nacht des Todes zum Leben zurckfhrte, whrend Jussuf, der Mohr,
sich weit ber das Bollwerk lehnte, die Schwester und ihren frhern Gebieter vor
dem zerschmetternden Anprall zu bewahren.
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    Es mochten zwei Stunden seit der Abreise des Frsten verflossen sein, als
Sergei Popotoff, der Kastellan im neuen Schlo, erschien, um Namens seiner
Gebieterin die franzsische Dame einzuladen, den Abend bei ihr zuzubringen, wenn
sie das Unwetter nicht scheue, um den Weg zu wagen. Es lag dem Obersten zu viel
daran, jede Chance der Annherung an die Frstin festzuhalten, als da er
Celesten nicht sofort htte senden sollen. Die Frauen saen in dem Erkergemach
am Kamin, whrend der tobende Sturm die kolossalen Grundmauern des Schlosses zu
erschttern schien, und die Franzsin fhlte sich bald beruhigt und erging sich
in dem lebhaften Geplauder ihrer Nation, da auch nicht die leiseste Anspielung
der jungen Frstin darauf deutete, da ihr ihre frheren Verhltnisse bekannt
seien.
    Mein Bruder, sagte Iwanowna auf eine Bemerkung der Franzsin, ist der
Strapazen der Witterung gewhnt und die hohen Felsenwnde des Ufers brechen die
Wuth des Orkans, so da der an ihrem Fu hin fhrende Landweg nach Alushta
verhltnimig sicher ist. Nur wen der Sturm auf dem Meere getroffen, schwebt
in groer Gefahr, denn diese See, so lieblich und ruhig im Sonnenschein, ist
furchtbar und tckisch in ihrer Emprung, und wir werden sicher nach dem Sturme
von vielen Unglcksfllen hren.
    Es war am Nachmittag ein Schiff zu sehen am Rande des Horizonts.
    Ich sah es gleichfalls, als ich meinen Bruder geleitete, doch scheint es
glcklich davon geseegelt und das freie Meer gewonnen zu haben. Diese Kste wre
sein Verderben.
    Graf Wassilkowitsch zweifelt daran, er meinte, da es dem Ufer nher
gekommen und glaubte, noch vor einer halben Stunde seine Signallaterne auf der
See erkannt zu haben.
    Mein Gott, dann mten die Unglcklichen in der hchsten Gefahr schweben
und bedrften eines Zeichens, sie vor der Annherung an diese Felsen zu warnen.
- Sie schlug an eine Glocke und sandte die eintretende Dienerin, den Kastellan
zu holen.
    Ich mchte wissen, welcher Nation das Schiff gehrt - man hat die Flagge in
der weiten Entfernung nicht erkannt, meinte die Franzsin ngstlich.
    Vielleicht Ihrer eigenen, Madame; doch das ist gleichgltig, es sind
Menschen in Lebensgefahr. - Hat man, wandte sie sich zu dem eingetretenen
Kastellan, - von dem Schiff, das sich gegen Abend auf dem Meere zeigte, seitdem
Etwas wahrgenommen?
    Der Sturm treibt es auf die Kste zu, Durchlaucht, man kann von der Hhe
aus deutlich seine Lichter sehen.
    Ist das Feuer auf der Plattform des Thurmes angezndet, das bei solchem
Unwetter die Schiffe vor den Klippen warnen soll?
    Nein, Durchlaucht.
    Und warum nicht?
    Der Graf drben befahl es zu unterlassen. Er meint, es knne nur ein
feindliches Schiff sein und unsere Pflicht fordere es, seinen Untergang zu
befrdern.
    Das wren die Grundstze tscherkessischer Strandruber, sagte die Frstin
zornig, nicht civilisirter Nationen. Hinauf auf den Thurm, ehe fnf Minuten
vergehen, mu das Signalfeuer brennen. Die Heiligen geben, da es nicht zu spt
sei.
    Sie trat aufgeregt an das hohe Bogenfenster, das nach dem Meer schaute, und
Celeste folgte ihr ngstlich. Mit einem scharfen Opernglase durchforschten sie
durch die halb geffneten Jalousieen die wilderregte dunkle Flche, nachdem sie
das hindernde Licht im Gemach entfernt hatten.
    Dort sehe ich Lichter - eins, zwei - sie schwanken auf den Wellen, rief
die Franzsin, jetzt sind sie verschwunden, doch jetzt, - dort wieder -
    Die Frstin nahm ihr das Glas ans der Hand und sah scharf hinaus. - Ich
glaube das Schiff zu erkennen, wie ein schwarzes Gespenst malt es sich auf dem
Kamm der Wogen gegen den Horizont.
    Das Feuer auf dem Thurm brennt, sie knnen jetzt die Kste erkennen und
sich retten.
    Das steht allein in Gottes Hand. Hat der Sturm sie schon zu nahe getrieben,
so kann nur Er helfen.
    Dort unten zndet man ein zweites Feuer an - man ist auf die Rettung der
Unglcklichen bedacht!
    Die Frstin ri die Glasthr auf und strzte auf den Altan, der sich vor dem
Fenster ffnete. Der Sturmwind fegte in das Gemach und schmetterte klirrend die
Scheiben aus ihren Rahmen. - Das ist teuflisch - das heit die Unglcklichen
unrettbar in's Verderben locken! - Sie eilte zurck und ihr Ruf nach den
Dienern scholl durch den Corridor - doch Niemand war zu sehen, - die
Zimmerflucht der Frstin ein verbotener Theil, dem nur Wenige zu nahen wagten.
    Erst das wiederholte Rufen fhrte Sergei Popotoff herbei. - - Hinunter zur
Bucht, herrschte ihm die Frstin zu. Man soll das Feuer dort unten
augenblicklich lschen! Die Bsewichter wissen allzuwohl, da die Einfahrt in
die Bucht unmglich ist!
    Der Alte eilte davon. Mit Angst und Entsetzen beobachteten unterde die
beiden Frauen den Horizont der Brandung, an dem man jetzt den Rumpf des groen
Schiffes sich hufig deutlich emporheben sehen konnte, denn der Nachthimmel
hatte, obgleich von dunklen Sturmwolken umzogen, doch der Stellung des Mondes
halber eine gewisse Durchsichtigkeit angenommen, die ihn von den schwarzen
Gewssern sonderte, und von Zeit zu Zeit zeigten sich breite hellere
Streiflichter in dem Gewlk.
    Es hat die Richtung hierher, die Unglcklichen glauben in den Schutz einer
Bucht einzulaufen. Sie sind unrettbar verloren!
    Durchlaucht, sagte keuchend der in vollem Lauf zurckkehrende Kastellan,
man weigert mir den Gehorsam dort unten. Das Schiff sei ein feindliches und
msse in die Felsen gelockt werden. Der alte Mann, der mit dem Frsten kam, hat
den Rath gegeben und Oberst Wassilkowitsch den Dienern gesagt, da ihm von dem
Frsten-Statthalter der Befehl an dieser Kste vertraut sei.
    Einen Augenblick stand das junge Mdchen unentschlossen, die Hand an die
Schlfe gepret, dann richtete sie sich mit krftigem Entschlu empor. Mit zwei
Schritten war sie an der Tapetenthr und hatte den Schlssel derselben umgedreht
und abgezogen; dann warf sie einen kurzen Pelz um die Schultern und barg das
Lockenhaupt in ein gleiches Capuchon. - Ich mu hinunter, Madame, an's Meer,
sagte sie erregt und hastig um Unglck oder Verbrechen zu hindern, so viel in
meiner Macht steht. Haben Sie Muth, so thun Sie wie ich und folgen Sie mir.
Sergei, sende alle unsere Leute an die Bucht mit Seilen und Stangen! - Sie
verlie eilig das Gemach; Celeste, in dem Kampf zwischen der Furcht, allein zu
bleiben und der, sich dem Unwetter auszusetzen, wurde bald von jener allen
Frauen eigenen Lust am Abenteuerlichen bewogen und eilte, in ihren Mantel
gehllt, der Frstin nach. -
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    Unterhalb der Terrassen, wo die Bucht zwischen breiten Felsenwnden am Fu
der Schloberge sich ffnete, brannte ein mchtiges Feuer. Wilde, erregte
Gestalten standen umher, die Blicke nach dem gescheiterten Schiffe gekehrt, das
drauen zwischen den Felsenriffen hing.
    Auf einen halbverbrannten Ast gesttzt, schaute mit satanischer Freude der
greise Tabuntschik hinaus in die Nacht. - Pat auf, Erlaucht, - ich wette
meinen Kopf, da ich Recht hatte, es sind Englnder, welche dir Heiligen in
unsere Hand geben, auf da wir ein Opfer bringen dem gesegneten Ruland!
    Sie haben ein Boot gesichert, entgegnete der Oberst, das Glas vor die
Augen geklemmt, sie machen den Versuch, zu landen!
    Mgen sie verflucht sein in alle Ewigkeit! Es wre ihnen besser, sie lgen
bereits auf dem Grunde des Meeres. - Pat auf, Mnner! So wie sie das Ufer
berhren, ber sie her und zurck mit ihnen in die Wellen!
    Der wilde Haufe der Leibeigenen und Diener begrte voll grimmigen Hasses
mit Jubelgeschrei den unmenschlichen Befehl.
    Das Wasser in der Bucht, durch die Felsenkmme von dem sturmfluthenden Meere
getrennt, war verhltnimig ruhig, wenigstens gefahrlos, wenn auch die Wellen
hoch an der Uferbank emporschumten. Die Schiffbrchigen hatten das Boot
glcklich an sich gezogen, ein kleiner Leck im Boden war rasch gestopft und auf
des Lieutenants Befehl unternahm der Midshipman Maubridge mit der englischen
Dame, den beiden Franzosen, dem Arzt, dem Baronet und sechs Matrosen die erste
Ueberfahrt.
    Die Hoffnung der Rettung sthlte die Arme der Mnner und ihre krftigen
Ruderschlge fhrten das Boot glcklich an's Ufer, obschon trotz des Zurufs
keine Hand sich regte, ihnen ein Tau zuzuwerfen. Kaum aber hatte der Kutter
angelegt und die Schiffbrchigen sprangen an's Land, als mit wildem Geheul die
Rotte auf sie zustrmte, Waffen und Pfhle in der Hand, sie zu Boden zu
schlagen.
    Morbleu! Kamerad, fluchte Capitain Depuis, die Bestien sind rger, als
der Sturm drauen auf dem Meere. Es gilt um unser Leben zu fechten! - Mit einem
Bootshaken wehrte er tapfer die Andringenden ab.
    Der Colonel sah in dem Obersten einen Mann von Stande, ohne ihn in den
ersten Augenblicken, von dem Spritzwasser und dem Feuer geblendet, zu erkennen.
- Mein Herr, rief er mit lauter Stimme in franzsischer Sprache, wir sind
Schiffbrchige und ergeben uns als Gefangene. Schtzen Sie uns vor diesem
Gesindel.
    Der Ton der Stimme weckte das Echo des Hasses in der Brust des russischen
Offiziers, der sich bisher wenigstens fern von dem feigen meuchlerischen Angriff
gehalten hatte. Mit einem Sprunge war er in der Nhe des Ufers. - Vicomte de
Mricourt?
    Graf Wassilkowitsch -?
    Ein gellendes Hohnlachen des Russen gab die Antwort. - Zurck mit den
franzsischen Spitzbuben in's Wasser! Keinen Pardon fr die Feinde des heiligen
Ruland's! - Und er selbst, den Sbel hochgeschwungen, fhrte die wilde Schaar
gegen die Unglcklichen, die sich zu wehren suchten, so gut es ging.
    Auf Depuis strzte der alte Tabuntschik ein. Der brave Capitain so vielen
Gefahren des Feldzugs an der Donau glcklich entronnen, von der Seuche genesen
und aus dem Toben des Meeres gerettet, schwang muthig den Bootshaken zur
Vertheidigung, als ihn die schwere, noch Funken glimmende Keule des Rohirten
mit gewaltigem Schlage traf und in die Kniee schmetterte. - Mricourt, zu Hilfe
- man mordet mich!
    Der Colonel lie die britische Dame von seinem Arm und war im Sprunge neben
dem blutenden, betubten Freund. Er fhrte keine Waffe, mit der Kraft seiner
Arme allein warf er sich den Blutdrstigen entgegen.
    Zu Boden mit ihm, Michael! Tod dem Franzosen! - Es bedurfte des anregenden
Zurufs des russischen Obersten nicht, der Tabuntschik schwang seine riesige
Keule wild um das Haupt zum Todesstreich.
    Da fuhr es dazwischen wie ein Sonnenstrahl - wie ein Engelsbild aus
Himmelshhen zwischen den blutigen grausamen Mord: Iwanowna, die Frstin, die
Kapuze zurckgeworfen, die Hand drohend erhoben, das flammende Auge zrnend auf
die Mrder gerichtet. Zurck mit Euch! - wage Keiner, sie anzurhren, so lieb
ihm sein Leben ist! sie stehen in meinem Schutz!
    Der Tabuntschik starrte sie erstaunt an. Was haben Frauen zu thun bei dem
Mnnerwerk? - Sie mssen sterben zur Shne fr das heilige Ruland!
    Sie werden nicht sterben, grausamer alter Mann! Ruland fhrt mit
feindlichen Soldaten, nicht mit Schiffbrchigen Krieg! - Zurck da, Ihr Sclaven
- ich lasse Den zu Tode peitschen, der noch eine Hand zu erheben wagt! - Graf
Wassilkowitsch, schmen Sie sich dieser That gegen Hilflose!
    Ich begreife, sagte der Oberst, durch die alle seine Plne durchkreuzende
unglckliche Begegnung zum Vergessen aller Vorsicht aufgereizt, da die Frstin
Oczakoff ihre Bewunderer von Paris nicht als Feinde betrachten will. Inde mu
ich ihrer Menschenfreundlichkeit Einhalt thun; ich fhre seit heute Morgen das
Kommando an der Kste und bin verantwortlich -
    Die Frstin, die bisher die Schiffbrchigen nicht nher beachtet hatte,
sondern blos auf ihre Rettung bedacht gewesen war, schaute sich bei den
boshaften Worten des Obersten fragend nach ihnen um und ihr Blick begegnete dem
feurigen festen Auge Mricourt's, der seit ihrem unerwarteten Erscheinen sich
mit dem blutenden Freunde beschftigt hatte.
    Vicomte de Mricourt - Sie hier?!
    Er beugte sich auf die Hand, die sie ihm unwillkrlich reichte. Es ist eine
traurige Begegnung, Frstin. Lassen Sie mich, um frherer glcklicherer
Erinnerungen willen, meine Schicksalsgenossen und jene Unglcklichen, die noch
dort auf den Klippen um ihr Leben ringen, Ihrem Herzen empfehlen. Helfen Sie, so
lange noch menschliche Hilfe mglich ist! Wenn Sie hier gebieten, sind wir Ihre
Gefangenen!
    Ich kann in Ihnen nur Schiffbrchige sehen, nicht Feinde, Herr Vicomte. Und
wre dies, so htte ich fr meinen Bruder den Tag von Inkermann zu lsen.
Verfgen Sie ber meine Diener.
    Sie befahl mit strengem Ton dem herbeigekommenen Schlovogt und jedem der
Anwesenden, Hand anzulegen zur Rettung der Gefhrdeten. Whrend eine Tragbahre
geholt wurde, um den schwer verwundeten Genie-Capitain zu transportiren, hatte
der Midshipman Frank und seine Matrosen das Boot zurckgefhrt und mit einem
langen Seil das Wrack mit dem Ufer verbunden. Es war, als ob der Orkan mit dem
Untergang des Schiffs den Gipfel seines Tobens erreicht gehabt, denn von Minute
zu Minute lie jetzt seine Gewalt nach und vor der Wuth der Wogen schtzte die
Reihe der Klippen. Vier Fahrten des Kutters hatten jetzt alle noch am Bord
Lebenden an's Ufer gebracht: - siebenundfnfzig Menschen, die von der Bemannung
und der Passagierzahl brig geblieben waren; mehr als Dreihundert hatten ihr
Grab in den Wellen gefunden.
    Lieutenant Hunter war der Letzte, der das Wrack verlie. Jetzt standen sie,
in Gruppen zusammengedrngt, durchnt, frierend und trostlos, an jenem Feuer,
das ihr Verderben, wenn nicht herbeigefhrt, doch beschleunigt hatte, und
harrten der Entscheidung ihres Schicksals.
    Schweigend und mit gewaltsam zurckgedrngtem Zorn hatte Graf Wassilkowitsch
die Anstalten des jungen Mdchens und die Landung der Schiffbrchigen
beobachtet. Die Furcht vor der Herrin hatte all' die Diener und Leibeigenen, die
seine Befehle und Anreizungen gegen die Feinde aufgestachelt, von ihm abfallen
gemacht bis auf den Tabuntschik, welcher in finsterer Haltung, auf seine Keule
gesttzt neben ihm stand. Erbitterung, die geweckte Grausamkeit und der Ha
gegen seinen persnlichen Feind kmpften in seinem Innern mit der Besorgni,
seinen Wnschen und Absichten bei der Frstin durch ein schroffes Entgegentreten
zu schaden. Dennoch siegte die Eifersucht und er beschlo, seiner neuen Stellug
Gehorsam zu verschaffen. Mit diesem Entschlu nahte er sich der Dame, als diese
eben den Befehl ertheilt hatte, die Geretteten hinauf nach dem alten Schlo zu
fhren.
    Ich bedaure, sagte der Oberst ernst, meine Gegenwart in diesem Augenblick
der Frstin Oczakoff aufdringen zu mssen, doch wei sie selbst, da ich nicht
eher Gelegenheit hatte, meine Ehrfurcht zu bezeigen. Darf ich fragen, was ihre
Absichten in Betreff dieser Gefangenen sind?
    Die Frstin sah ihn ruhig und kalt an. Diese Leute, Herr Graf, entgegnete
sie, sind fr mich unglckliche Schiffbrchige, nicht Gefangene, bis der
General-Gouverneur, an den ich sofort Nachricht senden werde, ber sie
entschieden hat. Diese Herren aber hier - sie wies nach den Offizieren -
werden vorlufig meine Gste sein, wie Sie, Herr Graf.
    Der Oberst konnte ein hhnisches Lcheln nicht unterdrcken. Ich bedaure,
sagte er, diesen Edelmuth nicht theilen zu knnen. Diese Herren gehren zu den
Feinden des Landes, sind auf einem Kriegsschiff an unserer Kste in
Gefangenschaft gerathen und ich will sie sofort als Gefangene behandelt wissen.
    Mit welchem Recht maen Sie sich an, auf meinem Eigenthum so zu handeln?
    Mit dem Recht, das mir die Ordre des Generall-Gouverneurs als Kommandant
dieser Kstenstrecke giebt. Ihr Bruder selbst, Frstin, berbrachte heute Morgen
diese Ordre und Ihr Schlo steht unter meinem Schutz und meinem Befehl.
    Die Frstin schaute ihm trotzig in das tckisch blickende Auge. Die
Blutfarbe ihres Gesichts frbte sich mit hherem Roth, die schn geformte
Oberlippe schwellte sich im Gefhl zornigen Widerstandes. Sie irren, Graf
Wassilkowitsch; noch bin ich die Herrin!
    Zwingen Sie mich nicht, sagte der Oberst erbittert. Ihren Dienern diesen
Befehl, der im Namen des Kaisers lautet, zu zeigen. Sie werden nicht wagen, ihm
als Rebellin zu trotzen. Er hielt ihr die Ordre entgegen.
    Ich werde es! entgegnete sie stolz und gebieterisch. Diese Ordre ertheilt
Ihnen ausdrcklich, wie ich von meinem Bruder wei, den Befehl in unserem
Eigenthum von dem Augenblick an, wo die Truppen zur Besetzung eintreffen, -
nicht eher. Bis dahin, Oberst Wassilkowitsch, erinnern Sie sich, da Sie allein
die Eigenschaft eines Gastes meines Bruders fr mich haben, und wagen Sie nicht,
diese zu mibrauchen!
    Ich wrdige ganz das Unwillkommene derselben, sagte der Russe hhnisch,
diesmal in franzsischer Sprache, um von den fremden Zeugen dieser Scene
verstanden zu werden, um so mehr, als ich Personen hier sehe, welche der
Frstin Oczakoff willkommener zu sein scheinen, obschon sie die Feinde ihres
Landes sind. Ich werde meine Maregeln danach nehmen.
    Der franzsische Colonel trat einen Schritt vor gegen den Grafen, doch die
Hand Iwanowna's hielt ihn mit einer Bewegung zurck. Ihr schnes Gesicht flammte
in edlem Stolz, ihr groes, volles Auge schien Feuer zu sprhen. - Das Haus
meiner Vter schtzt den Gast, selbst wenn er nicht besser als ein Strandruber
und Meuchelmrder wre, sagte sie fest. Hten Sie sich, Graf Wassilkowitsch,
da ich diesen Mnnern nicht sage, wer dieses Feuer angezndet und auf bbische
Weise Hunderte von ihnen in's Verderben gelockt hat! - Ich bitte um Ihren Arm,
Herr Vicomte, meine Diener werden fr Ihren Freund sorgen!
    Sie wandte sich mit einer unnachahmlichen Geberde verachtenden Stolzes von
dem Grafen ab zu den Fremden und reichte dem Vicomte die Hand.
    Der Oberst sah sie knirschend die Terrassen emporsteigen. Sein dmonischer
Blick voll Ha und Groll verfolgte sie, bis sie im Eingang verschwanden, dann -
whrend Sergei, der Kastellan, die Geretteten von den Dienern des Schlosses
hinauf fhren lie und vier derselben die Trage mit dem Verwundeten so sorgsam
als mglich aufnahmen, - stieg er selbst auf der andern Seite hinan, nur von
Michael, dem Tabuntschik, und der Pariserin begleitet.
    An dem Feuer, das die Fregatte in die Bucht gelockt, das so vielen Tapferen
das Leben gekostet, blieben nur einige in Htten zerstreut umher wohnende
Eingeborene zurck, um das entfernte Wrack mit gierigen Blicken zu berwachen,
und zu erwarten, was der finstere Wellengott bei seiner Zertrmmerung an die
Kste fhren wrde.
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    Der Sturm hatte ausgetobt, nur die Trmmer, welche rings die Brandung an's
Ufer geworfen, und ein Theil des noch immer zwischen den Felsen festgeklemmten
Vorderkastells der einst so stattlichen Fregatte zeigte von den Verheerungen,
die er angerichtet. An der ganzen Kste entlang hatte er mit gleicher Heftigkeit
gewthet, so da die ltesten Leute sich nicht eines hnlichen erinnern konnten.
Die Ufer der Krimm waren mit den Trmmern zu Grunde gegangener feindlicher
Schiffe bedeckt. Bei Eupatoria waren zwei Linienschiffe, darunter der Heinrich
IV., zwei Dampfer und dreizehn kleinere Schiffe gestrandet; bei Sebastopol
vierzehn und auerdem mehrere bei Balaclawa und an den Felsenksten der
Ostseite. Aehnlich war die Verheerung im Lager der Alliirten; die Zelte waren
umgestrzt, die Htten zerstrt worden, eine allgemeine Verwirrung und Betubung
herrschte und die franzsische Armee dachte bereits an jene Schrecken der Natur,
die vor zweiundvierzig Jahren so furchtbar fr Ruland aufgetreten waren.
    Der Sturm hatte sich zwar in der Nacht gnzlich gelegt, aber ein
unfreundliches Wetter war eingetreten und der Winter hatte begonnen. Es schneite
und regnete fortwhrend. Im Schlosse Aju waren die Schiffbrchigen, so gut es
ging, untergebracht und Alles war zu ihrer Verpflegung und Untersttzung gethan,
wie die Herrin befohlen. Im Uebrigen aber zeigten die Diener und Eingeborenen
eher mrrischen Groll ber den Zwang, dem sie sich beugen muten, als
Theilnahme, und mancher Blick des Nationalhasses ward getauscht, als die
Erschpften erst sich wieder zu fhlen begannen.
    Die britischen Matrosen und Soldaten, die von der Fregatte gerettet worden,
standen whrend des Tages in einzelnen Gruppen in den Hallen und dem Hofe des
Schlosses umher, betrachteten mit Mimuth die hohen Mauern und die aufgezogene
Zugbrcke und besprachen mit einander ihr Schicksal. Es war offenbar, da, wenn
sie irgend das Land gekannt und gewut htten, wohin sie sich wenden sollten,
sie den Versuch gemacht haben wrden, das Lager der Alliirten zu erreichen.
Dasselbe Thema wurde mehrfach in dem groen Gemach abgehandelt, in dem die
Offiziere ihren Platz und reichliche Brwirthung gefunden hatten. Bei aller Gte,
welche die schne Herrin des Schlosses fr sie bewies, konnten sie sich doch
nicht verhehlen, da sie so gut wie Gefangene waren, und die Nachricht, da
vielleicht schon am andern, jedenfalls zweitfolgenden Tage ein russisches
Detaschement erwartet wurde, machte dies Loos gewi. Das Schicksal der Besatzung
des Tiger bei der Strandung am Ufer von Odessa war unzweifelhaft auch das ihre,
und wahrscheinlich ein hrteres und mit greren Unannehmlichkeiten verbunden,
da seitdem durch die Belagerung Sebastopols die Erbitterung unter den Russen
bedeutend gestiegen war.
    Auch die Frstin empfand das Schwierige ihrer Lage. Sie hatte am Morgen
einen der Kosacken mit der Anzeige des Strandens der Fregatte in das
Hauptquartier nach Baktschiserai geschickt, doch wute sie, da die Truppen von
Kaffa und Symferopol, welche dem Obersten untergeordnet worden, eher eintreffen
muten, als die Bestimmung des General-Gouverneurs, und da Graf Wossilkowitsch
dann das Recht und die Mittel in Hnden hatte, seinen Absichten Gehorsam zu
erzwingen. Der Verkehr zwischen dem alten und neuen Schlo schien whrend des
Tages ganz abgebrochen, doch hatte sie theils selbst bemerkt, theils war ihr von
Sergei und der tatarischen Zofe berichtet worden, da drben groe Thtigkeit zu
herrschen schien. Boten hatten zu Pferde das Thor der Villa verlassen und die
Richtung nach Yalta und Alushta eingeschlagen. Eine neue Gefahr drohte von
anderer Seite. Der Schiffbruch hatte, sobald sich die Nachricht verbreitete,
eine Menge Bewohner der Gegend herbeigezogen, Fischer, Tataren, Leibeigene
anderer Grundherren und eine der zahlreichen Zigeunerhorden, wie sie
umherziehend einen Theil der Bevlkerung der Krimm bilden. Wohl an zweihundert
wilde, ihrer Botmigkeit, die sich auf das kleine Gebiet des Schlosses
erstreckte, nicht unterthane Mnner lagerten, der Witterung trotzend, am
Meeresstrand und theilten sich in die Beute, die theils das Meer an's Ufer
geworfen, theils sie selbst aus dem Wrack plndernd geholt hatten. In Allen
lebte offenbar Ha gegen die geretteten Feinde, durch die grausame Plnderungen,
welche kurz vorher englische Schiffe an der unbeschtzten Kste verbt hatten,
zur grimmen blutdrstigen Erbitterung gesteigert. Der alte Tabuntschik ging
wiederholt unter ihnen umher, und schien die Leute zu einem unbekannten
Unternehmen anzuspornen und zu bereden, wie die hufig nach dem Schlo
gerichteten Geberden bewiesen. Die Frstin hatte daher strengen Befehl gegeben,
alle Ausgnge des Schlosses sorgfltig zu schlieen, und die gefhrdeten nach
der Terrasse hin zu verrammeln, so da kein Ueberfall zu besorgen war. Am
Vormittag hatte sie die Vornehmeren der Geretteten und die englische Dame
empfangen, der sie Kleider und Wsche gesandt und jede Hflichkeit erzeigt
hatte, die ihr Geschlecht forderte. Seitdem hatte die Frstin vermieden, mit den
mnnlichen Gsten zusammenzutreffen - sie frchtete, ihn wieder zu sehen. Die
Lady war bei ihr geblieben.
    Es war am Nachmittag, als der Colonel in einem kleinen gewlbten Gemach am
Lager seines verwundeten Kameraden sa, an dem er den Arzt abgelst. Doctor
Welland hatte die Nacht und den Vormittag bei dem Patienten zugebracht, der im
wilden Fieberwahnsinn ras'te, bald sich noch von den Wellen umbraust, bald sich
im Getmmel der Schlacht whnend. Die Lebenskraft, der frische Muth, die den
Gefahren und dem Elend des Donau-Feldzugs, dem Tode in den Laufgrben vor
Sebastopol und den Schrecken der Cholera getrotzt hatten und glcklich entgangen
waren, die ihn eben noch gerettet aus dem Toben des Orkans - sie lagen gebrochen
jetzt von dem hinterlistigen Schlag eines Greises, und in wildem Gehirnfieber
verzehrte sich Leben und Geist.
    Doctor Welland hatte alle mgliche Hilfe seiner Kunst aufgeboten, dem Manne,
der ihn vor wenigen Monaten noch vor dem Tode des Verbrechers gerettet, jetzt
selbst das Leben zu erhalten, und darber noch nicht ein Mal Zeit gefunden, an
die wunderbare neue Bewahrung des seinen zu denken und die beiden Schwarzen
aufzusuchen, denen er sie verdankte. Er wute, es war Jussuf, der On-Baschi, der
den Colonel begleitete, und er mochte vielleicht ahnen, wer die schwarze
Verhllte war, die sich ihm in das tobende Meer nachgestrzt, obschon er ihre
Gegenwart auf dem Schiffe erst nach dem Ausbruch des Sturmes bemerkt hatte. Seit
sie auf dem Schlosse waren, schien sie auf's Neue verschwunden oder ihn
wenigsten sorgfltig zu meiden, und mannigfache widerstrebende Gefhle hinderten
ihn, den On-Baschi nach seiner Begleiterin zu fragen.
    Jetzt hatte der Arzt erschpft sich einige Ruhe gegnnt, nachdem es ihm
gelungen war, die wilde Aufregung des Fieberkranken zu besnftigen, der jetzt in
apathischem Schlaf lag. Mricourt hatte bereits zwei Stunden an seiner Seite
gesessen, fast eben so bewegungslos als der Kranke selbst - seine Gedanken waren
bei dem unerwarteten Wiederfinden der Geliebten, seine Trume bei ihr, so nah'
und doch so fern, kaum durch Schritte getrennt, und doch durch Vlkergeschicke
geschieden.
    Er dachte an sie! - Wenn des erprobten Mannes geharnischte Seele die Liebe
erfllt, geschieht es mit ihrer ganzen urewigen Gewalt, mit jener unermelichen
geheimen Kraft des Lebens, die eine Brgschaft ist fr das ewige auf den
Sternen.
    Blut, Ehrgeiz, Menschenha - selbst die Phantome mit jenen edlen Namen der
Ehre, des Ruhms und des Vaterlandes - bauten Wlle zwischen ihren Herzen; -
Wlle und Mauern aber sind menschliche Erfindungen und scheiden nur Krper,
nicht Seelen! Er wute, da sie ihn liebte - was thut es, ob sein Arm sie
umschlingt? - Herzen lassen nicht von Herzen!
    Ein leises Gerusch erweckte ihn aus seinen Trumen. Als er die Thr
ffnete, stand das tatarische Mdchen vor ihm, das ausschlielich die Frstin
bediente. Ihre zitternde Hand hielt ein Billet, dessen Adresse sie ihm wies.
    Die Adresse lautete an ihn.
    Er ri es auf - es enthielt nur wenige Worte, Iwanowna unterzeichnet:
Folgen Sie der Ueberbringerin - ich mu Sie sprechen! - Er sah auf den
schlafenden Freund. Dann winkte er der Tatarin, der er sich durch die Sprache
nicht verstndlich machen konnte, zu harren und ging, Jussuf zu holen, den er
auch glcklich in der Nhe traf und zu dem Kranken sandte. Ein zweiter Wink an
das Mdchen, da er bereit sei, und sie ging voran bis zu jenem Erkerzimmer, dem
Aufenthalt ihrer Gebieterin. Sie hob die Portiere und lie ihn eintreten.
    Er fand sich getuscht in seinem Hoffen, die Frstin war nicht allein, die
englische Dame, seine Reisegefhrtin auf der gestrandeten Fregatte, bei ihr.
    Iwanowna Oczakoff stand in der Mitte des Gemachs, ihre gewhnliche und
ruhige Haltung war einer Erregung von Auen gewichen, verschiedenartige Gefhle
schienen in ihr zu kmpfen, whrend sie stumm und mit niedergeschlagenen Blicken
die ehrerbietige Begrung des Offiziers erwiederte; inde die fremde Dame mit
dem gemessenen zurckhaltenden Wesen, das den vornehmen Englnderinnen eigen
ist, Beide beobachtete. Htte der Vicomte Zeit oder Lust gehabt, dieselbe nher
zu betrachten, so wrde er gefunden haben, da auch auf ihrem Gesicht sich
Unruhe und Besorgni hufig zeigten.
    Ich wrde es nicht gewagt haben, die Zurckgezogenheit unserer gromthigen
Retterin zu stren, sagte der Vicomte, nachdem er auf den Wink der Dame Platz
auf einem Fauteuil genommen hatte, so sehr ich auch wnschte, ihr besonders
meinen Dank abzustatten, - Ihre Erlaubni mu mich daher entschuldigen.
    Die Frstin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Wir haben keine
Zeit zu Einleitungen, noch zu Formen der Hflichkeit, Herr Vicomte, sagte sie.
Der Krieg unserer Monarchen kann uns wenigstens die frheren freundlichen
persnlichen Erinnerungen nicht vergessen machen; Iwanowna grt Sie wie damals,
als sie Ihnen an jenem unglcklichen Tage ihre Hand zum Dank fr das Opfer
reichte, das Sie ihrer Schwesterliche gebracht. Iwanowna Oczakoff, mein Herr,
trgt das Gedchtni an jene Stunde noch unverndert in ihrem Herzen.
    Frstin - er beugte sich verwirrt, betubt von dem sen Gestndni ber
die Hand, die sie ihm reichte und bedeckte diese mit Kssen.
    Still, mein Freund - jene Dame dort darf wohl hren, da die Tochter der
wilden Steppen des Ostens offen und frei die Liebe zu dem Edlen und Wrdigen
gesteht, aber sie mu auch sehen, da die Russin die Pflicht fr ihr Vaterland
kennt und fr den Feind desselben nur die Erinnerung des Herzens hat. Diese
allein gehrt uns - fr das Uebrige hat das Schicksal, dem wir uns beugen
mssen, Meere von Blut und Unglck zwischen uns gedrngt.
    Er senkte das blitzende Auge und lie langsam und traurig die schne Hand
los, die ihn willkommen geheien.
    Sie haben den Grafen Wassilkowitsch erkannt, gestern bei jener furchtbaren
Scene?
    Er bejahte.
    Er hat Sie - noch bitterer, wie damals, als er das unselige Miverstndni
zwischen Ihnen und meinem Bruder hervorrief. Vieles ist mir deutlich geworden
erst seit Kurzem. Sie wissen, - eine dunkle Rthe berzog ihr schnes Gesicht -
warum er Sie hat, und Sie wurden jetzt, wie mein Bruder mir erzhlt, noch sein
Sieger bei Silistria, was eine Bitterkeit vermehrt.
    Ich kmmere mich wenig darum, Frstin!
    Frchten Sie Alles von ihm. Leider reicht wahrscheinlich schon morgen meine
Macht nicht mehr hin, Sie zu schtzen. Er ist zum Befehlshaber an dieser Kste
ernannt und jeden Augenbild knnen die kommandirten Abtheilungen unserer Truppen
eintreffen.
    Dann mssen wir ausfhren, was wir beschlossen haben. Ihre Gromuth,
Frstin, hat es verweigert, uns als Kriegsgefangene anzusehen. Wir sind demnach
durch Nichts gebunden. Wir sind sechsundfnfzig rstige Mnner und wollen
versuchen, zu Lande Balaclawa zu erreichen.
    Es ist unmglich - lesen Sie! Deshalb eben lie ich Sie holen, denn die
Lady hier hatte mir gleichfalls Ihre Absichten mitgetheilt. Sie reichte ihm das
Blatt, das ihre Hand bei seinem Eintritt gehalten. Es ist von einer
Landsmnnin, einer franzsischen Dame, geschrieben, sagte sie mit einer
leichten Verlegenheit, die, so viel ich wei, einen Verwandten des Obersten
geheirathet und nach jenes Tode oder Verbannung von Bukarest ihn hierher
begleitet hat.
    Der Offizier las; das flchtig mit Bleistift geschriebene Billet lautete:

        Meine Frstin!

    Ihre Freundlichkeit durch eine Warnung zu vergelten, ist mir Pflicht. Auch
bin ich Franzsin und kann unmglich meine Landsleute mit kaltem Blute morden
sehen. Finstere Plne gegen die Schiffbrchigen sind im Werk - ich wei nur so
viel, da Boten abgegangen, um die Ueberkunft der Truppen zu beschleunigen. Das
Landvolk der Gegend, voll Erbitterung gegen die Alliirten, ist aufgeboten und
ein Haufe Gesindel, mehr als Zweihundert, bewacht die Wege vom Schlo, um Ihre
Schtzlinge zu verhindern, zu dem franzsischen Streifcorps zu gelangen, das
kaum drei Stunden von hier im Gebirge diesen Morgen sich gezeigt hat. Aber ich
frchte, man hat Schlimmeres noch mit den Unglcklichen vor, als sie gefangen zu
nehmen; der Graf hat ihr Verderben geschworen. Ich hoffe, einen der Diener zu
bestechen, da er diese Zeilen Ihnen bringt und flehe, vollenden Sie das
begonnene Werk der Rettung.
                                                                             C.

    Einige Augenblicke sann er stillschweigend nach, dann sagte er aufblickend:
    Es bleibt uns demnach nur brig, den gefaten Plan festzuhalten und uns
durchzuschlagen, wenn wir Waffen bekommen knnen. Vielleicht finden sich deren
genug hier im Schlo?
    Es wird an ihnen nicht fehlen, wenn es die Vertheidigung meiner Gste
gilt, erwiederte die Frstin streng, nie aber werde ich Ihnen Waffen geben, um
Russen, meine Landsleute, anzugreifen.
    Er schwieg.
    Hren Sie mich an, mein Freund. Der Ha des Oberst Wassilkowitsch richtet
sich vorzglich gegen Sie. Sind Sie entfernt und gerettet, so werden Ihre
Kameraden Nichts zu frchten haben und man wird sie in ehrenvoller
Gefangenschaft halten, wie die Mannschaft, die in Odessa in unsere Hnde fiel.
Sie mssen fliehen, Vicomte, Sie allein.
    Das ist unmglich!
    Ich habe die Mittel in Hnden, Sie unentdeckt aus diesem Schlosse zu
bringen. Pferde harren zwei Werst von hier in einem Versteck am Ufer der See;
ein sicherer, mir ergebener Mann ist dabei und kann Sie geleiten. Verkleidet
werden Sie leicht durch das Land und bis zu einem Posten der Ihren kommen,
whrend eine grere Zahl entdeckt und angegriffen werden wrde. Sie werden
diese Flucht noch diese Nacht antreten und morgen gerettet sein.
    Er schttelte den Kopf. - Ich danke Ihnen, Iwanowna, aber ich wiederhole
Ihnen, es ist unmglich. Ich darf meine Kameraden im Unglck nicht feig
verlassen, um mich selbst zu retten, und Sie tuschen sich, wenn Sie glauben,
Graf Wassilkowitsch wrde an ihnen nicht mein Entkommen desto grausamer rchen.
Ich theile unter allen Umstnden ihr Schicksal.
    Die Frstin wute ihm Nichts zu erwiedern, denn sie fhlte die Richtigkeit
seiner Bemerkung und kannte die Grausamkeit des Volkes, wo seine Leidenschaft
geweckt und kein strkerer Wille da war, der sie zgelte. Sie prete unruhig die
Hnde an die pochenden Schlfe. Aber ich kann, ich darf Sie nicht der Gefahr,
dem sichern Verderben berlassen.
    Vielleicht knnte man sich in diesem Schlo halten, bis unsere Truppen, die
so nahe sein sollen, uns entsetzen, sagte Mistre Duberly die mit
Aufmerksamkeit bisher dem Gesprch zugehrt hatte, ohne sich einzumischen.
    Sie haben Recht, Mylady - dies wre der einzige Weg. Wir mssen auf Hilfe
von Auen bauen. Wenn die franzsischen Streifcorps nur drei Stunden von hier
entfernt sind, so knnen sie benachrichtigt werden.
    Aber ich darf unmglich Feinde gegen meine Landsleute zu Hilfe rufen!
    Ich verbrge mich mit meiner Ehre, Frstin, da - wer auch die
franzsischen Truppen kommandirt, - keine Waffe wider unsere Gegner erhoben
werden soll, wenn man uns nicht zur Nothwehr zwingt. Es handelt sich blos um
eine Diversion bis in die Nhe dieses Schlosses, unter deren Schutz wir frei
abziehen knnen. Graf Wassilkowitsch hat noch keine Truppen hier und das
Gesindel, das mordlustig uns belagert, wird bei dem Erscheinen franzsischer
Soldaten von selbst das Feld rumen.
    Die Frstin sann einige Augenblicke nach. Sie knnten sich verbrgen, da
kein Angriff von Seiten Ihrer Truppen erfolgt, und da kein feindlicher Versuch
gegen uns bei dieser Gelegenheit gemacht wird? Man hat bereits frher mehrere
unbeschtzte Orte der Kste geplndert und Gefangene weggefhrt.
    Das thaten die Englnder, Frstin. Unsere Rettung beim Schiffbruch ist Ihr
Werk und jeder Franzose wird diese That der Menschenfreundlichkeit ehren und die
Waffen nicht gegen unsere Retterin kehren. Aber was geschehen soll, mte rasch
geschehen, um jedes Zusammentreffen mit russischen Truppen zu vermeiden.
    Wer soll versuchen, Ihre Freunde herbeizuholen - Sie selbst Vicomte?
    Der Colonel lchelte ber die neue Bemhung, ihn zu entfernen. Meine Ehre
gebietet mir, zu bleiben. Aber freilich mte es Jemand sein, der franzsisch
spricht, und auer dem Arzt, der Depuis nicht verlassen kann, wte ich Keinen
unter meinen Unglcksgefhrten -
    Vergessen Sie mich? - ich bin bereit zu dem Abenteuer.
    Sie, Mylady?
    Warum nicht? Wenn die Frstin mich mit den nothwendigen Erfordernissen
versehen kann, - ich bin eine ziemlich gute Reiterin, wie ich Ihnen beim
nchsten Wettrennen im Lager zu beweisen hoffe, und auerdem gelingt es
vielleicht einer Frau, desto eher durchzukommen.
    Das ist wahr - aber dies Wetter - es dunkelt bereits.
    Ah bah! ich bin die Frau eines Soldaten, und war auf Strapazen und Gefahren
aller Art gefat, als ich hierher kam. Wie knnte ich mir besser die Erlaubni
des Lords zum Bleiben erkaufen, als mit diesem Abenteuer? Htte ich nur Bob,
mein Lieblingspferd, bei mir2, alle Ihre Kosacken sollten mich nicht einholen.
    Die Frstin hatte sich entschlossen. Was Sie thun wollen, Mylady, ist
allerdings nicht ohne Gefahr, inde der Mann, dem ich Sie bergeben wrde, treu
und zuverlssig
    Wann soll ich aufbrechen?
    Je eher - je besser - sogleich! die Dmmerung begnstigt uns jetzt.
    Ich bin bereit - aber - sie wies auf die Kleider, die sie von der Frstin
erhalten.
    Sie finden Alles hier - selbst das nthige Reitzeug. Wollen Sie uns auf
eine Viertelstunde verlassen, mein Freund? Sie finden in dem vordern Zimmer
Schreibzeug, wenn Sie einige Worte fr die Lady nthig halten.
    Der Vicomte entfernte sich.
    Als er nach kurzer Zeit wieder herein gerufen wurde, fand er die englische
Dame in einem passenden Reitrock und einen Regenmantel mit Kapuze verhllt. Ein
eleganter Damensattel log in ihrer Nhe.
    Auer den beiden Damen war noch eine dritte zugegen, ganz gleich gekleidet
mit der Frstin, das Haupt in einen trkischen Yaschmal verhllt.
    Haben Sie Mylady noch einen Auftrag zu geben, Vicomte?
    Hier sind einige Zeilen, die ich Sie dem kommandirenden Offizier zu
bergeben bitte. Sie enthalten die Verpflichtung meines Ehrenworts, das jeder
Kamerad achten wird. Wie es auch kommen mge, Mylady, es macht mich glcklich
und erleichtert unser Migeschick, da Sie wenigstens Gelegenheit finden, ihm zu
entrinnen.
    Du weit Alles, was Du zu thun hast. In einer Stunde werden wir zurck sein
- Du ffnest unter keinen Umstnden, ehe wir wieder hier sind. - Und jetzt,
Vicomte, nehmen Sie diesen Platschtsch hier und das Reitzeug, - ich bin im
Begriff, Sie in die Maschinerie meines Zauberschlosses blicken zu lassen. - Sie
hllte sich selbst in einen kurzen Pelz und zog das Capuchon ber das
Lockenhaupt, dann zndete sie ein Windlicht an und trat an den Spiegel der
Seitenwand. - Merken Sie auf und folgen Sie mir unbesorgt.
    Die geheime Thr ffnete sich unter ihrem Druck.
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    Die britischen Offiziere halten am Abend vergeblich nach dem franzsischen
Colonel gefragt - er blieb verschwunden, und als Jussuf, der Mohr, der noch
immer die Krankenwache bei dem Verwundeten hielt, berichtete, da eine Dienerin
des Schlosses ihn geholt, sorgte man nicht weiter um ihn. Der Einzige, der ihm
nher stand, der deutsche Arzt, lag noch immer im tiefen Schlaf, die erschpfte
Natur hatte ihre Rechte gefordert. -
    Es war zehn Uhr; in der groen Halle im Seitengebude des alten Genueser
Thurmes standen auf einer langen Tafel die Ueberreste der Abendmahlzeit, fr
welche der Kastellan im strengen Auftrage seiner Herrin gesorgt. Flaschen mit
dem feurigen griechischen Wein oder dem mildern Rebensaft der taurischen Kste
und der Donau, Rum und Branntwein bedeckten den Tisch, und die Gruppen der
Mnner, schwatzend, lachend, lrmend, das kaum berstandene Elend bereits
vergessen, oder schon in tiefem Schlaf an den Wnden umher liegend, zeigten, da
sie dem Getrnk wacker zugesprochen.
    Am obern Ende der Tafel saen Hunter, der Hochbootsmann, die beiden
Midshipmen und der Baronet, im ernsten Gesprch begriffen.
    Es ist schlimm, Sir, sagte der Letztere, da Sie den Leuten gestattet
haben, des Guten wahrscheinlich zu viel zu thun. Es werden ihrer nur Wenige
fhig sein, die nthige Wache zu halten, und ich traue dem Gesindel um uns her
wenig.
    Lassen Sie gut sein, Sir Edward, meinte der erste Lieutenant; nach den
berstandenen Leiden durfte ich nicht so streng sein mit den Mnnern. Sie knnen
eine Strkung brauchen, denn ich frchte, wenn wir morgen unseren Weg antreten,
werden wir all' unseren Muth und unsere Krfte von nthen haben, um uns einen
Angriff abzuwehren.
    Ich wnschte, brummte der Hochbootsmann, wir wren heute Morgen
aufgebrochen - wir haben zu viel Zeit verloren.
    Sie wissen, Keane, da es unmglich war; wir waren zu erschpft und unfhig
zu einem Entschlu.
    Ist es mglich gewesen, einige Waffen zusammenzubringen?
    Den Teufel auch! - einige Beile und ein alter Spie - weiter Nichts! ich
habe schon alle Tischmesser in Beschlag genommen. Der Kerl von Schloverwalter
oder was er vorstellt, versteht mich nicht oder will mich nicht verstehen.
    Lady Duberly, sagte Hunter, hat es bernommen, der Frstin unseren
Entschlu mitzutheilen und sie um Waffen zu bitten; aber sie scheint sich dort
so wohl zu befinden, wie der Franzose, da Beide das Wiederkommen vergessen
haben.
    Wir wollen nach ihnen schicken, sagte der Hochbootsmann.
    Ich habe es bereits gethan, aber die vier Kosacken, die an der Treppe Wache
halten, weigern sich, Jemand hinauf zu lassen, und der Kastellan erklrt in den
paar Worten Franzsisch, die wir Beide verstehen, da die Frstin verboten, sie
zu stren.
    Wenn es sich blos darum handelt, uns zu bewaffnen, sagte der Midshipman
Gosset, dessen Ansprche die Erinnerung an die berstandenen Gefahren nicht
wenig vermehrt hatten; ich wei deren genug zu finden!
    Wo, Bursche? hast Du spionirt?
    In dem Gewlbe ber dem Thor sind alte Waffen genug, es scheint eine alte
Rstkammer aus wer wei welcher Zeit. Ich sah's heute Morgen durch das
Schlsselloch und auch Gewehre darin, als ich in den Gngen umherstrich.
    Ei, so nehmen wir sie mit Gewalt morgen, wenn man sie uns verweigert,
sagte heftig der Baronet, dessen Lebensgeister die Spannung ihrer gefhrlichen
Lage auf's Neue geweckt zu haben schien. Auch was an Pferden sich vorfindet.
    Aber das wre Raub und eine schlechte Vergeltung fr die uns gewordene
Aufnahme, meinte edelmthig Frank. Der franzsische Colonel versprach
ausdrcklich heute Morgen der Frstin, da wir uns ihrem Willen unterwerfen
wrden!
    Gott verdamm' mich, Master Frank, wenn ich's thue, murrte Keane. Was geht
uns des Franzosen Versprechen an? Es ist ein Unglck, da wir die Kerle bei uns
gehabt.
    Capitain Warburne wrde anders ber sein Wort denken, sagte der Midshipman
trotzig.
    Die Erinnerung an den braven Capitain, der so muthig fr ihre Rettung in den
Tod gegangen, berhrte Alle tief und einige Augenblicke wagte Niemand, dem
Einwurf des Midshipman zu begegnen. Dann aber sagte Hunter entschlossen: Wir
Alle haben gehrt, wie die Herrin dieses Schlosses uns erklrt hat, da sie uns
vorlufig nicht als Gefangene betrachten knne und die Bestimmung darber dem
russischen Oberbefehlshaber berlassen wolle. Niemand kann es uns verdenken,
wenn wir einen Versuch machen, der Gefangenschaft zu entgehen, und wir knnen
dabei nicht allzu krittlich sein. Weigert man uns Waffen, so mssen wir nehmen,
was wir bekommen knnen. Morgen machen wir den Versuch, und bis dahin mag Jeder
sich Ruhe gnnen. Ich gesteh', ich brauche sie selbst. Sind die Mnner, die wir
zur Vorsorge am Thor postirt, an ihren Stellen?
    Die Zugbrcke ist aufgezogen, an jedem Eingang Einer von unsern Leuten,
berichtete Frank. Ich berzeugte mich, eh' ich hierher kam.
    Wer von Ihnen Beiden wird die erste Wache halten? Clinton oder Sie? denn
ich und Gosset thaten es in voriger Nacht.
    Ich denke, meinte der Hochbootsmann, Master Frank bernimmt die erste
Nachtwache und weckt mich dann.
    Gut, so sei es! Und jetzt legt Euch nieder, Mnner, und Sie, Frank, halten
Sie die Leute auf den Posten wach. Kommen Sie, Sir Edward.
    Whrend der Lieutenant, nachdem so alle ihm mglichen Vorsichtsmaregeln
getroffen waren, sich nach einem anstoenden Gemach begab, wo das Lager fr ihn
aufgeschlagen, blieb Gosset noch einige Augenblicke bei seinem Kameraden. Ich
hoffe, Frank, Du wirst kein Narr sein und Schiffsdienst thun, sagte er
leichtherzig. Ich habe die ganze Morgenwache geschlafen, bis Clinton mit einem
Futritt mich weckte, der grobe Halunke. Es hat nicht die geringste Gefahr und
ist eine Bosheit von Hunter, da wir uns den Schlaf selbst am Lande entziehen
sollen. Gute Nacht, Frank!
    Schlaf wohl, Gosset!
    Sie schttelten sich die Hnde.
    An der Thr des Gemachs, das den Offizieren angewiesen war, blieb der
Baronet, wie von einer pltzlichen Anregung ergriffen, stehen und kehrte zu
seinem Bruder zurck.
    Hre, Frank, sagte er, Du hast nur wenige Stunden geschlafen und bedarfst
der Ruhe. Lege Dich nieder, ich werde die Wache fr Dich bernehmen.
    Die ziemlich seltene Freundlichkeit und Beachtung des lteren Bruders rhrte
das Herz des jungen Mannes. Ich danke Dir, Edward, sagte er innig, aber ich
wrde einen schlechten Offizier abgeben, wenn ich meinen Posten einem Andern
anvertrauen wollte. Du selbst bist noch immer leidend und wrdest Dich krnker
machen. La mir die Freude, Deinen Schlaf zu bewachen.
    Der ltere Maubridge fate mit der Hand nach der kranken Brust, die ein
trockener Husten erschtterte. Ich wei nicht - warum ich besorgt um Dich bin,
nachdem die Gefahr berstanden! Du bist der Letzte unserer Familie - wenn nicht
- - die fixe Idee an Diona, an sein verlorenes Kind erfllte auf's Neue seine
Seele und er starrte dster vor sich hin.
    Lege Dich nieder, Bruder, ich bitte Dich. Ich wollte, Du frgst den
franzsischen Arzt um Rath, der so wacker Dir auf dem Schiffe beigestanden hat.
    Der Baronet machte schaudernd ein Zeichen der Abwehr. Gute Nacht, Frank!
Er schwankte davon.
    Der Jngere schaute betrbt ihm nach und dann auf die Gefhrten, die sich
alle, so gut es ging, ringsum in der Halle gelagert. Eine Stunde wohl sa er im
Nachsinnen ber das Geheimni, das offenbar seines Bruders Seele belastete und
von dem er nur sehr Unvollstndiges aus den Andeutungen des alten Deckmeisters
wute, die diesem im Aerger ber das Treiben des Baronets und sein neues
Verhltni zu der im Fanar geretteten Odaliske entschlpft waren. Das Schnarchen
seiner Unglcksgefhrten ringsum bte einen schlfernden Eindruck auf seine
Sinne aus, er versank in einen Zustand zwischen Traum und Wachen, aus dem ihn
erst ein krftiger Entschlu wieder emporschttelte. Er sah nach der Uhr - es
ging bereits auf Mitternacht, und obschon er allein war, frbte doch eine dunkle
Schaamrthe sein Gesicht, da er so lange seine Pflicht versumt hatte.
    Der Knabe machte sich fertig, seine Runde anzutreten, und nachdem er einen
Schluck Wein genommen, verlie er die Halle, schlo die Thr und trat in den
Hofraum.
    Der Regen, der den ganzen Tag ber gefallen, hatte aufgehrt und zwischen
den rasch dahin ziehenden Wolken trat zuweilen sogar der Mond hervor und warf
seinen bleichen Glanz ber die Gebude und den Hof. - Ich frchte, murmelte
Frank vor sich hin, die Bursche haben kaum besser gewacht, als ich. Hier ist
das Thorgewlbe, wo Sannders postirt war. Der Halunke ist untergekrochen und
schlft - wahrhaftig, da liegt er! Er beugte sich zu dem dunklen Krper, der im
Schatten der Mauer zu seinen Fen lag, und schttelte ihn, zuerst am Arm, dann
an der Brust, - als er pltzlich zurck in den Mondschein sprang und seine Hand
emporhielt. Eine noch warme, dunkle Flssigkeit tropfte davon nieder. -
Barmherziger Gott, Blut! Der Mann ist ermordet - zu Hilfe!
    Er hatte den Ruf kaum ausgestoen, als er wilde, brtige Gesichter vor sich
auftauchen sah, erhobene Hnde, blitzende Beile und Messer - -
    Tschort w twaju duschu! Schlagt ihn zu Boden!
    Ein Hieb ber den Kopf warf ihn in die Knie. Im Fallen noch sah er, wie
dunkle Haufen von Mnnern aus einer Thr in der Mauer des groen Thurmes
hervorstrzten, die zu den Kellergewlben fhrte. Ein schmerzhafter Stich, fr
seine Brust bestimmt, fuhr durch eine Waldung in seine linke Schulter; dann, wie
von einer Feder geschnellt, sprang der wackere Knabe wieder empor und scho
durch den Kreis seiner Feinde - -
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    In dem groen Gemach, im neuen Theil von Schlo Aju, in dem Oberst
Wassilkowitsch am Tage vorher den Besuch des jungen Schloherrn empfangen, stand
der Graf in einem dichten Kreis wilder Gestalten, deren grimmige, von
blutgierigem Ha erregte Mienen und funkelnde Augen sie entschlossen zu jeder
furchtbaren That verkndeten. Es waren Fischer, Muschiks, Zigeuner in den
verschiedenartigsten Trachten der niedersten Volksklassen, Alle mit Aexten,
Spieen und Messern bewaffnet, Einige mit Sbeln und Pistolen, und Drei oder
Vier in Jgerkleidung mit Gewehren. Der Graf selbst trug ber dem kurzen
Pelzrock im Grtel Pistolen, in der Hand seinen Sbel; sein Gesicht war bleich,
aber entschlossen, sein hliches Auge funkelte Rache und Grausamkeit.
    Ein Leibeigener von der Dienerschaft des alten Schlosses stand vor ihm. -
Also der franzsische Offizier und die englische Dame haben den ganzen Abend
bei der Frstin zugebracht und ihre Gemcher noch nicht verlassen?
    Ja, Erlaucht! So wahr die Heiligen mich segnen mgen. Ich stand die ganze
Zeit auf der Lauer, wie Du mich geheien, und Boris, mein Kamerad, hat jetzt
meine Stelle eingenommen.
    Wie viel Wachen haben sie ausgestellt?
    Zwei Mann am Hauptthor, zwei an der Thr nach der Terrasse und einen an der
kleinen Pforte zur Brcke. Als ich ber die Mauer stieg, lagen sie bereits fast
Alle im Schlaf. Im Thurm wachen die vier Kosacken, die der Frst
zurckgelassen.
    Der Henker hole die Schufte! Ist die Terrasse besetzt, da sie auf dieser
Seite nicht entwischen knnen?
    Sei unbesorgt, Graf, sagte der Tabuntschik. Seit dem Abend lagert eine
hinreichende Zahl dort und auch am Strande sind Wachen genug. Wir knnen das
Werk beginnen.
    Wohlan! Ihr kennt meinen Willen. Die Wachen werden zunchst unschdlich
gemacht und dann Alle gefangen genommen. Nur wer sich widersetzt, wird
niedergestoen.
    Der Tabuntschik lchelte mit blutdrstigem Spott zu dem Befehl des Obersten.
- Sei zufrieden, Gospodin - wir wissen, was wir zu thun haben! Sein Auge
winkte im Einverstndni den Umstehenden.
    Es ist seltsam, Alter, fuhr der Graf fort, da Du allein von der
Verbindung wutest, in welcher die Kellergewlbe der beiden Felsenseiten stehen.
Wie nun, wenn sie von drben den Durchgang gesperrt oder verschttet htten?
    Es weilt Keiner mehr auf Erden, sagte der Greis finster, der von den
Oeffnungen dieser unterirdischen Gewlbe wei. Woher ich die Kenntni habe, mag
Dir gleich sein. Genug, ich habe versprochen, Euch mitten in das Schlo zu
fhren, trotz ihrer Mauern und Riegel, und ich werde mein Wort halten. Ich habe
mich bereits berzeugt, da der Durchgang frei ist. Mgen die Feinde Rulands
alle verderben, wie diese in unsere Hand gegeben sind!
    Einen Augenblick noch, sagte der Graf eilig, ich mu mich von Einem
berzeugen. Er nahm eine Kerze und ging durch das nchste Zimmer bis zum
Schlafgemach der Franzsin. Er horchte an der Thr, dann ffnete er sie leise
und leuchtete hinein: - Celeste lag auf ihrem Lager, sie schlief. Vorsichtig,
wie er gekommen, verschlo er wieder die Thr und ging zu den Harrenden. Kaum
aber waren seine Schritte verklungen, als die Franzsin die Decken von sich warf
und vollstndig angekleidet vom Lager sprang. Ihr Gesicht war sehr bleich und
aufgeregt. - Bald htte er mich entdeckt, murmelte sie; jetzt, Glck und
Muth, steht mir bei! Auf den Zehen schlich sie hinter ihm d'rein, auf's Neue zu
lauschen.
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    Es wird fr die Darstellung des Folgenden nthig sein, noch eine kurze
Erluterung des Schauplatzes zu gewhren. Der groe Thurm aus der Genneser Zeit
bildete mit zwei anschlieenden kurzen Flgelgebuden die Front nach der See und
den Felsenterrassen. Zwei lange Gebude stieen im rechten Winkel an beiden
Enden an, das linke die Wohnungen der Dienerschaft und der Fremden enthaltend,
das zur Rechten nach der Villa hin jetzt zur Aufnahme der Schiffbrchigen
benutzt. Die vordere Seite des viereckigen Hofes schlo eine breite,
mittelalterlich krenelirte Mauer, in deren Mitte ein niederer Thurm das
Thorgewlbe bildete. Vor dem Thor vermittelte die jetzt in ihren Ketten hngende
Zugbrcke den Uebergang ber eine Felsspalte. -
    Es war dem jungen und khnen Midshipman gelungen, dem ersten Angriff der
nchtlichen Feinde sich zu entreien; halb betubt von dem Schlage, hatte er nur
ein Bewutsein, das - wie von ihm die Rettung aller seiner Kameraden abhing, und
mit dem durchdringenden Geschrei: Alle Mann ahoii! Verrath! Verrath! floh er
ber den Hof nach der Thr, die zu der Halle fhrte, in der seine Gefhrten
schliefen. Zwei Pistolenschsse knallten hinter ihm d'rein, die eine Kugel
schlug in seinen Arm, aber es gelang ihm, bis zum Eingang zu kommen. Doch zu
seinem Unglck hatte er die Thr selbst verschlossen, und ehe er mit dem
verwundeten Arm sie zu ffnen vermochte, waren die Verfolger bei ihm. Keinen
Augenblick war sein Warnungsruf verstummt und schon hrte er Lrm im Innern, als
eine Faust ihn von hinten an den Haaren erfate und zurckri. Er sank in die
Kniee: Edward! Bruder Edward! zu Hilfe - zu - -
    Hundssohn! Zur Hlle mit Dir! - Die breite Klinge eines Messers
durchschnitt seinen Hals, - aus hundert Quellen sprudelte das junge Lebensblut.
    Der brave, tapfere, hochherzige Knabe wand sich im Todeskampf, als die Thr
aufflog und seine Freunde, mit Allem bewaffnet, was ihnen im Augenblick zur Hand
gewesen, herbeidrngten.
    Auf sie! aus sie! Nieder mit allen Feinden des heiligen Rulands! heulte
die Stimme des Tabuntschiks, indem er ber die Leiche des jungen Mannes auf die
Gegner sprang. Ein wildes, blutiges Handgemenge verstopfte den Eingang. - - -
    Eine Hand fate den Schlafenden und schttelte ihn. - Bei dem weien
Christ, den Du mich kennen gelehrt, erwache, Herr, erwache! - Der deutsche Arzt
fuhr aus dem Schlummer empor - das Geschrei eines wilden Kampfes drauen in den
Gngen, auf dem Hof drhnte in seine Ohren und verwirrte ihn im ersten
Augenblick, whrend er von dem Lager sprang. Dmmerung umgab ihn, die Lampe, die
in dem Gemach gebrannt, war verlscht, eine zitternde Hand hielt seinen Arm,
eine zweite dunkle Gestalt sah er undeutlich mit dem Rcken gegen die Thr
gelehnt, diese gegen das Toben Anstrmender von Auen halten.
    Was geht vor? was ist geschehen?
    Still - um des Lebens willen! Folge mir! Die Russen morden Deine Brder!
    Barmherziger Gott - Capitain Depuis - -
    Ihre Wuth hat ihn erschlagen! - Fort, fort - Bruder, er ist das heilige
Erbe, das uns Mariam hinterlassen!
    Der Schwarze an der Thr winkte: Mge Allah Euch helfen! Jussuf sichert
Eure Flucht!
    Sie zog ihn mit sich fort. - -
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    Die britische Wache an der Pforte, welche zur Verbindungsbrcke mit dem
neuen Schlosse fhrte, war unter dem Mordmesser der Schaar gefallen, die, vom
Tabuntschik geleitet, den Ueberfall durch die unterirdischen Felsgewlbe
ausgefhrt hatte. Durch die geffnete Thr drang der Rest der wthenden Schaar
unter des Obersten Fhrung und strzte nach dem Hauptgebude des Thurms, whrend
die Diener und Leibeigenen des Schlosses sich theils aus Furcht, theils aus
Sympathie fr ihre Landsleute in dem Seitengebude verbergen hielten, das ihnen
zur Wohnung angewiesen war.
    Am Fu der groen Treppe, die zu den Gemchern der Frstin fhrte, fand der
Graf den Gefhrten des treulosen Dieners, welcher dessen Spionsdienst
fortgesetzt. - Ist der Franzose fort? - Nein, Gospodin, keine Seele hat die
Gemcher der Herrin verlassen! - Der Graf lchelte grimmig mit der Gewiheit
des Triumphes: Dann sind sie mein! Folgt mir und besetzt alle Ausgnge und
Verbindungsthren! - Er sprang die Treppe hinan und wollte die Gemcher der
Frstin betreten, als vier Lanzen sich ihm und dem mordlustigen Haufen entgegen
kreuzten. Die vier jungen Kosacken, Iwan's Enkel, hielten treu an ihrer Wache.
Zurck, Gospodin, hier darf Niemand passiren! - Seid Ihr toll? Seht Ihr
nicht, wer ich bin? Fort mit Euch! - Wir drfen nicht, Gospodin! Nur die
Frstin darf uns fortschicken! - Hundsshne, so habt, was Ihr wollt! - Er
feuerte die Pistole aus Wanka ab und der junge Mann strzte zusammen. Wollt Ihr
gehorchen, Tlpel!? - Wir drfen nicht, Herr, es ist unser Posten! - Der
starre russische Gehorsam lie sie nicht weichen von ihrer Pflicht, ohne da sie
doch den Angriff erwiderten. - So nehmt, was Ihr verdient! Euer Blut komme ber
Euch! Nieder mit ihnen! - Du wilde Haufe strzte sich ber sie und die drei
Kosacken fielen auf der Schwelle, die sie mit ihrem Leben vertheidigt. Die Thr
war nicht verriegelt, wer auch htte es gewagt, die Zimmer der Herrin zu
betreten und dem Verbot zu trotzen, als die Fluth der Emprung wilder
Leidenschaften? - Bleibt zurck und haltet Wache, da Niemand entrinne! befahl
der Graf und klopfte an die innere Thr. Es gilt Ihre eigene Rettung. Frstin
Iwanowna - geben Sie die Gefangenen heraus! - Keine Antwort erfolgte. - aus dem
Hofe herauf tnte allein das Geschrei des wilden Kampfes.
    Ich beschwre Sie, Frstin, zu ffnen! Diese Rasenden lassen sich nicht
bndigen! - Wieder keine Antwort. Hhnisch und bedeutsam winkte der Graf seinem
Haufen nach der Thr. Im Nu war diese gesprengt, aber selbst die wilde
mordlustige Bande wagte nur mit Scheu ber die Schwelle zu dringen. Vor einem
Betpult kniete die Gestalt der Frstin, schluchzend, die Hnde ringend: - sie
war allein.
    Der Graf nahte ihr zgernd. - Ich vermochte diese Schreckliche nicht zu
wenden, Frstin, die Volkswuth ist entflammt durch den Schutz, den Sie den
Feinden gewhrt. Ich beschwre Sie, um unserer eigenen Rettung willen, geben Sie
die Versteckten heraus und Niemand wird wagen, Sie zu beleidigen. Mein Leben
brgt fr Ihre Sicherheit? - Er beugte sich zu ihr und versuchte sie
aufzurichten - pltzlich fuhr er zurck und ri die Knieende dann mit rauher
Faust empor. - Hllischer Betrug - das ist die Frstin Oczakoff nicht! - Seine
Hand entfernte roh die verhllenden Schleier - ein bleiches angsterflltes
Gesicht zeigte sich seinen Blicken, nicht die stolzen Zge Iwanowna's.
    Was bedeutet der Betrug? Wo ist die Frstin? - sprich, Unglckliche! -
Annuschka, die treue Dienerin, in der Frstin Gewndern, rang die Hnde, doch
kein Laut des Verraths kam ber ihre Lippen! - Rede, Dirne, oder Du bist des
Todes! - Er schlug sie mit der geballten Faust in das Gesicht, da das Blut ihr
hervordrang und die Unglckliche auf den Boden strzte. Schaum der Wuth stand
dem Offizier vor dem Mund, als er sich so getuscht sah. - Sie sind verborgen!
Hundert Rubel dem, der ihre Spur findet! Durchsucht jeden Stein des Hauses!
    Ein wilder Hurrahruf unterbrach seine Befehle - das war nicht das
Siegesgeschrei der Seinen. - Old England for ever! donnerte es durch die
Nacht, das Kampfgewhl schien nicht mehr in Hof - ber die Krper der treuen
Wchter hinweg sprang er die Treppe hinunter: die kleine Schaar der Englnder
hatte sich durchgeschlagen und den unbesetzten Ausgang zur Villa erreicht, sie
kmpfte an der schwanken Brcke, die schon ein Theil berschritten. Drben am
Felsenrand kommandirte der britische Lieutenant ruhig und fest wie im tobenden
Seesturm, und der Andrang der rasenden Barbaren, die als blutige Mordtrophen
die Kpfe des Midshipmans und des Capitains auf ihren Piken trugen, brach sich
an dem unerschtterlichen Muth und der Krperhaft der Matrosen. Einer der
Letzten der khnen Vertheidiger war Jussuf, der Mohr.
    Brecht das Geblk ab, Jungens! scholl die klare Stimme Hunter's. Besetzen
Sie das Haus, Maubridge. Teufel - da haben die Burschen ein Gebude bereits in
Flammen gesteckt. Nieder mit der Brcke, Keane, es wird uns Zeit schaffen zu
unserer Vertheidigung.
    In dem Augenblick, als der Mohr, der Letzte vor der Brcke unter den Hieben
der wilden Feinde zusammensank, ri sich aus den Armen des deutschen Arztes im
Haufen der Englnder mit gellendem Wehgeschrei die schwarze Sclavin, seine
doppelte Retterin, los und strzte durch die erhobenen Waffen hinber nach dem
jenseitigen Felsen und warf sich auf den Krper des Bruders. Die
auergewhnliche That hielt selbst die erhobene Hand der blutigen Mnner zurck,
die berdies glaubten, das Weib gehre zur Dienerschaft des Schlosses, und ihre
Aufmerksamkeit wurde zugleich anders gefesselt, denn dicht hinter dem Mdchen
strzte das leichte Geblk der Verbindung in den Abgrund.
    Aus dem Thal aber schmetterten Trompeten, Fanfaren, whrend der Feuerschein
des brennenden Seitengebudes die Scene ringsum beleuchtete. - God damn! unsere
Arbeit ist umsonst, rief der Lieutenant da kommen die russischen Soldaten und
wir sind in der Klemme!
    Halt! schrie der Baronet. Um des Himmels willen - das sind franzsische
Signale! ich kenne sie! Ein Hurrah, Ihr Burschen, da sie uns hren! Ein
donnerndes Vive l'Empereur! antwortete dem Hurrahruf der Briten, Waffen
blitzten im Feuerschein am Fu der Felsen, Reiter sprengten den Pfad herauf,
franzsische Husaren - ein Offizier an ihrer Spitze, neben ihm Colonel de
Mricourt!
    Ein Jubelruf begrte die Ansprengenden. - Das ist brav, Herr, da Sie uns
nicht verlassen, wie wir gefrchtet, sagte der Schiffslieutenant, dem Vicomte
die Hand reichend. - Wie war es Ihnen mglich, die Hilfe zu finden?
    Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, Herr Kamerad, sagte der
Kommandant der Husaren auf Englisch. Sammeln Sie schnell Ihre Leute und fhren
Sie sie den Weg hinunter in den Schutz meiner Escadron. Wir mssen auf der
Stelle fort, denn wir haben sichere Nachricht, da russische Truppen noch vor
Tagesanbruch hier sein werden. - Sacristi! was ist das? - Er sprengte nach dem
Hause, aus dem mehrere englische Matrosen eine Dame schleppten, die in
kreischenden Tnen um Hilfe rief und in franzsischer Sprache betheuerte, da
sie keine Russin sei. Lat die Frau los, Mnner, und macht, da Ihr fort kommt!
Parbleu, tuschen mich meine Augen oder ist dies Madame Celeste?
    Himmel! Alfred de Saz! Ich beschwre Sie, Marquis, nehmen Sie mich unter
Ihren Schutz! - Der Offizier war galant vom Pferde gesprungen und erkundigte
sich, wie die ehemalige Geliebte, die seine Verfhrung zur Lorette gemacht, in
das Felsenschlo an der Yaila gerathen, als der Vicomte ihn auf die drohende
Gefahr aufmerksam machte, und wie jeder Augenblick Zgerung Alles verderben
knnte. - Eh bien, sagte der leichtherzige Franzose, wir wollen den Russen
eine doppelte Niederlage beibringen. Wollen Sie Ihren russischen Liebhaber
aufgeben, Madame, und mit uns kommen, so verspreche ich Ihnen ein Lagerleben, so
gut es sich haben lt. Es fehlt uns teufelsmig an schnen Frauen! - Celeste
reichte ihm die Hand. Ah bas! Wenn wir uns vertragen wollen - ich bin der
vergoldeten Gefangenschaft bei diesen Barbaren herzlich mde! - Der Offizier
gab ihr den Bgel und schwang sie vor sich in den Sattel. - Wohlan, das nenne
ich mir einen glcklichen Streifzug, und nun, Messieurs so rasch als mglich auf
und davon, Jeder, so gut er kann! Der Trompeter blies, der Colonel, Hunter und
de Saz trieben, so rasch es ging, die Leute vor sich her, dem Thor und dem
Felsenwege zu, whrend von drben her einzelne Schsse der wthenden Gegner
herber knallten; - mit Kummer und Schmerz schaute der deutsche Arzt nach dem
Felsenplateau des alten Schlosses, wo das Gewhl der Feinde die Gestalt des
heldenmthigen Mdchens ihm verbarg, und schwankte, ob er bleiben oder fliehen
sollte, dann trieb der Zuruf des Vicomte und das Gedrnge ihn hinab und nur die
dstre Flamme allein, die in den Nachthimmel emporloderte, belebte noch, sich
rasch verbreitend, die Sttte, whrend unten im dunklen Thal die Signale
schmetterten und die Colonne sich eilig in Marsch setzte, verfolgt von den
Flchen der Russen, die nicht wagen konnten mit dem feindlichen Detachement sich
zu messen. - -
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    Am Vormittag, der der Nacht des Ueberfalls folgte, hatte Schlo Aju ein sehr
verndertes Aussehen. Eine Ssotnie Kosacken war in der ersten Morgendmmerung
eingetroffen und von dem Grafen sofort zum grten Theil zur Verfolgung des
feindlichen Streifcorps abgesandt, das so glcklich fr die Schiffbrchigen
seinen Zug bis ber das Yaila-Gebirge ausgedehnt hatte; bald darauf eine
Compagnie russischer Jger und diese hielt jetzt das Schlo und die Kste
besetzt.
    Drben auf dem nachbarlichen Felsenplateau dampften noch die Ruinen der
Villa, die der Brand ganz in Asche gelegt. Die Spuren des nchtlichen Kampfes
zeigten sich noch auf verschiedenen Stellen, aber die Leichen waren bei Seite
geschafft. Aus der Flurhalle im Erdgescho des Thurmes schallte ein leiser
monotoner Gesang, die Todtenklage der Krieger der Steppe um die vier gefallenen
jungen Landsleute, deren Leichen sie hier gefunden und auf dem Steinflur der
Halle neben einander gelegt hatten, von Leichtern umstellt.
    Auf der untersten Stufe der breiten Steintreppe sa Nursdih, das schwarze
Mdchen, das Haupt des schwer verwundeten Bruders in ihrem Schoo und jede
Pflege ihm widmend, die sie ihm gewhren konnte. Mit den Stcken ihres
zerrissenen Yaschmals hatte sie seine Wunden verbunden, Niemand leistete ihr
Hilfe, Niemand kmmerte sich auch um sie, als das tatarische Mdchen, das
mitleidig ihr Wasser gebracht.
    Der Graf schritt finster und unruhig mit dem Capitain der Jger im Hofraum
auf und ab, diesem seine Dienstanordnungen ertheilend. Er schien mit sich selbst
zu grollen ber die nchtliche That und vermied so viel, als mglich davon zu
sprechen. Das Verschwinden der Frstin hatte ihn nicht weniger beunruhigt, denn
die sorgfltigste Nachforschung in dem ganzen Gebude hatte keine Spur von ihr
gegeben und das Rthsel, wie der franzsische Offizier entkommen und zu der
raschen Hilfe gelangt, blieb ungelst. Die Flucht der Franzsin war ihm
gleichgltig.
    Pltzlich erhoben sich am Thor streitende Stimmen, wie als wollten sie
Jemand am Eintritt hindern. Dann kam durch die Pforte ruhig und ernst auf seinem
kleinen Steppenpferde Iwan, der greise Jessaul, und blieb erst in der Mitte des
Hofes halten, als der blutige Tabuntschik hastig hinzutrat und die Zgel seines
Pferdes ergriff.
    Die Blicke der beiden Greise, als sie sich kreuzten, waren, finster, doch
drckten die des Rohirten eine gewisse trbe Theilnahme aus, die des Kosacken
Zorn und Mitrauen.
    Kehre um, Iwan, sagte der Tabuntschik, und verla diese Mauern. Deine
Augen sind alt und ich mchte sie nicht getrbt sehen von dem Anblick, der Dich
bedroht.
    Der Jessaul lchelte dster. - Wann ist Iwan, dem Zaporoger, den sie den
Teufel nennen, Gutes geworden, wo der Herr der Finsterni in Deiner Gestalt ihm
entgegentrat? - Wo ist Wanka, mein Enkel, und Alexis und die Andern, da sie
ihrem Ataman das Ro halten?
    Seine Augen suchten im Kreise, doch Niemand antwortete ihm. Die Offiziere,
die Soldaten und die Leute vom Schlo waren nher getreten und bildeten einen
Kreis um den Alten.
    Du bist der Kosack des Frsten Oczakoff? fragte der Oberst, whrend der
Greis vom Pferde stieg. Was bringst Du fr Botschaft - wo ist der Frst?
    Der Alte, statt ihm zu antworten, neigte horchend den Kopf - die Tne des
Todtengesanges schallten leise aber deutlich aus der Halle des Thurmes her ihm
entgegen. Sein benarbtes, durchfurchtes Gesicht erbleichte bei ihrem Anhren. -
Was ist das? bei den heiligen Mrtyrern, das ist die Todtenklage vom Ufer des
Don - -
    Er wollte vorwrts, der Graf vertrat ihm den Weg. Antworte mir zunchst,
welche Botschaft bringst Du?
    Ich will die Frstin Oczakoff sprechen! La mich vorbei, Herr, in meinem
alten Haupte brennt es, wie jene Flammen der Steppe, aus denen ich Dich mit
meinen Enkeln einst rettete. Jane Klage - -
    Sie gilt der gerechten Strafe von Rebellen gegen den Befehl des Kaisers,
sagte der Oberst mit der ganzen Gefhllosigkeit der russischen Aristokratie
gegen den niedern Mann. Die Frstin Oczakoff befindet sich nicht mehr im
Schlo, darum - -
    Iwanowna Oczakoff ist hier, sagte eine klare, feste Stimme, und
zurckprallend erblickte der Graf auf der obersten Stufe des Thurmportals die
edle Gestalt der Frstin, in dunkle Gewnder gehllt, auf den Arm ihrer gleich
gekleideten Dienerin gesttzt. Das schne Gesicht war bleich, um den Mund lag
ein Zug tiefen Schmerzes, auf der gewlbten Stirn und in den dunklen Augen aber
unbeugsame Entschlossenheit.
    Die Frstin schritt langsam und ernst die Stufen herab, ohne den Obersten
eines Blickes zu wrdigen, und durch die sich ehrerbietig ffnenden Reihen zu
dem greifen Krieger, dessen Hand sie ergriff. - Vater Iwan, sagte sie
feierlich, der Allmchtige, der ber uns Alle gebietet, hat vier Deiner Enkel
nicht im Kampf fr das heilige. Ruland, dem Du sie geweiht, aber im Kampf fr
Treue und Ehre lassen durch die Hand bser Menschen. Der Wille des Herrn, sei
gelobt!
    Amen! Es klang wie der Ton der Schollen, die auf den Sarg fallen. Der
Greis hatte sein Haupt gebeugt und folgte, vor sich hinstarrend, der Hand, die
ihn zu den Leichen der Seinen fhrte. Zu ihren Hupten kniete er nieder und
vereinigte seine tiefe Stimme mit der Klage der Steppenkrieger, die die seltsame
Todtenfeier bildeten.
    Unterm Bogen der Pforte war die Frstin stehen geblieben und hatte Sergei
Popotoff gewinkt. - Bereite Alles zu meiner Abreise, befahl sie ruhig und
gemessen, in einer Stunde la den Wagen bereit sein.
    Der Graf hatte das Gefhl von Scheu und Grauen, das ihn bisher
zurckgehalten, trotzig berwunden und nherte sich bei diesen Worten der jungen
Herrin. - Die Frstin Oczakoff, sagte er finster, wird mir als Kommandant
dieser Truppen erlauben, eine Escorte zu ihrer Disposition zu stellen und die
Frage an sie zu richten - -
    Die Frstin richtete sich empor, ihr vernichtender Blick streifte mit dem
Ausdruck verchtlichen Widerwillens den hochmthigen Mann. - Wagen Sie nicht,
mich anzureden, Herr, sagte sie stolz und kalt. Iwanowna Oczakoff hat Ihnen
keine Antwort zu geben. Ich werde in Baktschiserai mein Thun rechtfertigen. -
Sie wandte ihm den Rcken. - - -
    Zwei Grnden spter verlie ein verschlossener Wagen den steilen Felsweg und
schlug die Strae nach dem Innern der Halbinsel ein. Drei bewaffnete Diener
folgten ihm.
    Ehe die Frstin das Schlo verlassen, hatte sie Sergei, dem Kastellan, auf's
Strengste befohlen, das arme Mohrenmdchen, das ihren verwundeten Bruder nicht
verlassen wollte, in seinen Schutz zu nehmen und ein reiches Geldgeschenk an den
Wundarzt der Jgercompagnie diesen vermocht, Jussuf alle Sorgfalt seiner Kunst
angedeihen zu lassen. Der Graf hatte alsbald nach jener Zurckweisung
zornknirschend sein Pferd bestiegen und eine Recognoscirung der Kste angetreten
- er wnschte weder der Frstin, noch ihrem Bruder jetzt zu begegnen.
    Als der Wagen den Fu des Felsenkammes erreichte, fand sich der greise
Jessaul zu den Begleitern und kte schweigend die Hand, die die junge Frstin
ihm reichte. Er kam von dem breiten Grab, das die Kinder der Steppe am Ufer der
Bucht gegraben und in das sie seine vier Enkel unter den Gebruchen ihres Volkes
eingesenkt. - Am Abend scharrte man unfern von ihnen in eine weite Grube die
verstmmelten Leichen der gemordeten Schiffbrchigen; jene die von ihrer tapfern
Hand bei der Verteidigung gefallen, hatte das Voll mit sich hinweggeschleppt.
    Da ruhen sie in unbekanntem Grabe, der heldenmthige wackere Jngling, der
tapfere verdiente Offizier. Kein Denkstein, wie sie auf den Leichenfeldern vor
Sebastopol an Kampf und Glorie mahnen, erinnert an sie. Die rauschenden Wellen
flstern dem britischen Knaben im khlen, Felsengrabe den Gru von seinem
tapferen Fhrer auf dem khlen Grunde des Meeres! - - - - - -
    Wenige Worte werden gengen, die versptete Rckkehr der Frstin in das
Schlo Aju-Dagh zu erklren. Als sie und der franzsische Offizier von der
Begleitung der englischen Dame zu der entfernten Htte in den Uferfelsen
zurckkamen, in der aus Grnden, die wir hier noch nicht zu erwhnen haben,
Iwan, der Jessaul, mit zwei Pferden harrte, fanden sie die Grotte, welche den
Zugang zu der geheimen Treppe des Thurmes bildete, von Leuten des wilden Haufens
eingenommen, den der Graf fr seine Zwecke aufgeboten. Vergebens harrten sie in
einem nahen Versteck des Abzugs der Mnner, aus deren Reden die Frstin den
Anschlag entnahm, welcher die Schiffbrchigen bedrohte. Es wre Wahnsinn
gewesen, sich der Entdeckung Preis zu geben, und der franzsische Offizier wurde
durch die Sorge fr seine schne Beschtzerin nun dennoch gezwungen, in der
Stunde der Gefahr, die jene ihm sorgfltig verbarg, sein zu sein von seinen
Unglcksgefhrten. Im Schutz der Nacht wandte sich, als die Bande am Ufer von
ihrem Posten nicht wich, das Paar nach dem Innern, und umging die Felsen, um auf
dem gewhnlichen Wege das Thor des Schlosses oder sonst eine Zufluchtssttte zu
erreichen. Hierbei war es, wo der franzsische Offizier auf das Streifcorps
unter de Gaz stie, das Mistre Duberly und der Jessaul so glcklich schon
diesseits des Yaila-Gebirges gefunden. Unter dem Schutz des alten Kosacken
kehrte die Frstin zu dessen verborgenen Aufenthalt zurck, whrend der Colonel
mit den Husaren zur Befreiung der Englnder eilte.

                                    Funoten


1 Fhrer einer kleinern Abtheilung Kosacken.

2 Die Dame spricht in ihrem spter verffentlichten Tagebuch: Journal kept
durind de Russian War etc. sehr viel von ihrem Pferde, aber sehr wenig von
ihrem Manne!
                                                                            D.V.


                              Whrend des Winters.

                           I. Wiederum in der Steppe.

Es war ein frostheller Nachmittag im Januar, gegen Ende des Monats, als ein
Schlitten vor einer Stanzia1 auf dem Wege nach Perecop hielt, in der nmlichen
Gegend, die wir im Sommer in den Gefahren des Steppenbrandes gesehen. Die
unermeliche Eintnigkeit der Steppe war geblieben und schien nur die Farbe
gendert zu haben. Das in Myriaden Krystallen glitzernde Eistuch des Schnees
spannte sich ber die weite Flche, nur an einzelnen Punkten des Horizonts
unterbrochen durch die lichten Schatten einer der aufsteigenden Moginen2. Im
Schlitten, in den dunklen Brenpelz gehllt, sa ein junger Offizier in
Ulanenuniform, seine Waffen und sein Gepck fllten den Vordertheil, auf dessen
Brett der Fhrer des Gespanns gesessen.
    Der Wirth und Aufseher der Stanzia stand bereits an der Thr, vor der sich
auch viele andere Personen versammelt hatten: Knechte, Muschiks und Tataren,
darunter einige Kosacken, die hier zu Depeschendienst stationirt waren. Die
Leute beeilten sich, mit der Unterthnigkeit des niedern Russen gegen Jeden, der
Offiziere-Uniform trgt, herbeizuspringen, die Pferde abzuschirren und dem
Reisenden herauszuhelfen.
    Ich wnsche Ihnen Gesundheit, Euer Wohlgeboren, sagte der
Stationsaufseher, die Pelzmtze in der Hand. Wenn Sie weiter wollen, so mu ich
Ihnen gehorsamst melden, da keine Pferde auf der Station sind. Aber ich hoffe.
Euer Gnaden werden die warme Stube nicht verschmhen und einen Napf Blinh und
Kascha3 oder ein Glas warmen Getrnkes.
    Dem jungen Offizier schien die Nachricht, da keine Pferde zu haben seien,
hchst gleichgltig, denn er kannte die auf allen Stationen sich wiederholende
Ausrede, dagegen die Aussicht auf die warme Stube nicht unangenehm, weil ein
eisig scharfer Wind ber die Steppe zog und die Klte fortwhrend zunahm. Ohne
zu antworten, trat er in die Kche und durch deren erstickenden Rauch in die
wohlgewrmte, fr den Aufenthalt der Reisenden bestimmte Stube, denn das
Stationshaus war auf kaiserliche Kosten erbaut und hatte die vorgeschriebenen
Einrichtungen. Er setzte sich auf die Bank am Ofen, zog die Uhr und sagte
einfach zu dem ihm gefolgten Aufseher:
    In einer Stunde, Brat4, lasse die Pferde auspannen. Einstweilen gieb mir,
was das Haus vermag.
    Aber ich versichere Euer Wohlgeboren, es ist ein Huf im Stalle ...
    Mir gleich. In einer Stunde! Dienst des Kaisers! Er hielt ihm die offene
Ordre entgegen.
    Der Postmeister krmmte sich wie ein Wurm. - Der heilige Michael mge mir
beistehen, - wo soll ich die Pferde hernehmen? Der Dienst ist jetzt
unaussprechlich schlimm seit dem Kriege. Die letzten sind heute Mittag mit dem
Herrn fort, der das Bataillon begleitete.
    Sein flehender Blick traf auf eine sehr unempfindliche Miene; der Offizier
hatte seine kleine Kabardiner Pfeife auf's Neue gefllt und sich bereits auf die
Bank gestreckt. - Was giebt es Neues von Ssewastopol?
    Die Heiligen mgen es schtzen! entgegnete der Wirth. Es kam heute Morgen
ein Courier hier durch, dem Sie vielleicht begegnet sind. Er ging auf der groen
Strae nach Petersburg.
    Ich komme nicht von dort. Welche Nachrichten?
    Schlimm genug. Die Arbeiten der Feinde in den Laufgrben haben wieder
begonnen und die Feinde viele Verstrkungen erhalten. General Osten-Sacken, der,
wie Euer Wohlgeboren wissen werden, jetzt das Kommando in Ssewastopol fhrt,
soll viele nchtliche Ausflle machen, bei denen sich unsere Truppen mit Ruhm
bedecken.
    Sind die Grofrsten noch in Ssewastopol?
    Ja, Euer Wohlgeboren. Ich habe gehrt, da Seine Kaiserliche Hoheit, der
Grofrst Nikolaus Nikolajewitsch, die Vertheidigung der Nordforts kommandirt.
Euer Vohlgeboren werden sich selbst davon in einigen Tagen berzeugen knnen?
    Der Offizier schttelte den Kopf. - Ich gehe nicht nach Ssewastopol.
    Der Aufseher schante ihn erstaunt an - das war in diesen Tagen eine seltene
Antwort. - Darf ich mir die Freiheit nehmen, Euer Wohlgeboren zu fragen, wohin
Ihr Weg fhrt?
    Ich will nach dem Kuban und gehe daher nach Kertsch. Hat unsere Armee in
der letzten Zeit Verstrkung erhalten?
    Es kommen tglich Truppen, trotz der strengen Klte. Das dritte
Infanterie-Corps ist seit Weihnacht auf dem Durchmarsch. Fast tglich kommen
Abtheilungen vorbei, noch heute Mittag passirte ein Bataillon.
    Sie werden einen schlimmen Tag haben. Wie weit ist die nchste Stanzia?
    Acht und zwanzig Werst, Herr! Es ist die Colonie der Frommen5.
    Zum Henker! Ein schlimmer Marsch - es wird nicht viel weniger sein, als 24
Grad.
    Der Wirth zuckte bedenklich die Achseln. - Wenn es nur das Schlimmste
wre!
    Wie meinst Du das?
    Die Tataren, die das Wetter kennen, frchten einen Sturm, und ein
Schneesturm ist ein bs Ding in der Steppe. Die Heiligen mgen uns bewahren!
    Der Offizier, der einen tchtigen Schluck von dem heien, stark mit Rum
versetzten Thee genommen, der eben herein gebracht worden, sah ihn lchelnd von
der Seite an. - Du meinst wegen der Pferde? es hilft Dir Nichts, Brderchen,
ich bleibe doch nicht.
    Die Heiligen sollen mich vergessen, wenn ich Euer Wohlgeboren nicht die
Wahrheit sage. Der Graf, welcher dem Bataillon sich angeschlossen, um des jungen
Fhnrichs, seines Enkel willen, hat die letzten Pferde genommen und sie doppelt
bezahlt. Die armen jungen Leute. Ich glaube, die Hlfte der Offiziere ist kaum
aus den Anstalten in Petersburg gekommen.
    Der Reisende wurde aufmerksamer. - Waren es neue Truppen? Wer fhrt sie?
    Poltawskische Infanterie, Herr. Podpolkawnik6 Galizin kommandirt das
Bataillon. Es mu Noth haben vor Ssewastopol, denn die Truppen haben Ordre,
doppelte Tagemrsche zu machen, und der Kommandant ist nicht der Mann, sie ihnen
zu schenken.
    Er legte das Stationsjournal vor den Reisenden, um seinen Namen zu erfahren:
die Lieutenantsuniform und der Mangel aller Bedienung hatte ihm nicht besondern
Respect eingeflt. Der Fremde zog das Buch zu sich, bltterte darin und las
gleichgltig die letzten Namen. Pltzlich sprang er hastig empor und den Finger
auf die letzte Einzeichnung, fragte er: Graf Ludomirski? - wer ist das?
    Der letzte Reisende, der Pferde erhalten: ich erzhlte Euer Wohlgeboren
bereits davon. Er folgt schon von Kiew aus dem Bataillon, bei dem, wie mir der
Jger sagte, sein Enkel eingestellt ist, aus Besorgni fr den Knaben. Als ob
nicht jeder russische Vater so gut wie er seine Shne fr den Dienst gegeben!
    Der Graf ist ein aller Mann? - kannst Du mir ihn nher beschreiben?
    Warum nicht, Vterchen, er ist kenntlich genug: zwei tiefe Narben im
Gesicht, die eine bis ber den kahlen Schdel. Den Jger kenne ich - er kam im
vorigen Sommer hier durch bei dem groen Steppenbrande mit einer Dame.
    Er ist's - unbezweifelt! - Hre, Brat, die Ausflucht mit den Pferden mu
aufhren; ich mu auf der Stelle weiter. Ich will die Post nicht zur Krontaxe,
sondern gebe Dir doppelte Bezahlung, wenn ich die Pferde binnen einer
Viertelstunde habe, und ein gutes Trinkgeld obend'rein.
    Das Versprechen half - Furcht und Geld sind die Mittel, durch die bei den
Russen Alles zu ermglichen ist. Wenige Augenblicke darauf sprengte ein Kosack
davon, um Pferde aus der Stepphe herbeizuschaffen. Dennoch schien der erweckte
Diensteifer mit Besorgni zu kmpfen, der Aufseher stand mit den Bauern und
Knechten in lebhaftem Gesprch vor der Thr und schaute oft nach dem Himmel, den
Worten und Zeichen eines alten Tataren horchend.
    Die Sache war aber schwerlich zu ndern, das Geld, das der Offizier so
freigebig geboten, lockte und ber die Flche galoppirte bereits der Kosack mit
einem jungen Burschen und den drei zur Befrderung des Schlittens bestimmten
Pferden. Der Offizier stand trotz der strengen Klte in der Thr des Hauses, um
mit seiner Gegenwart die Vorbereitungen zu beeilen.
    Der Posthalter trat wieder zu dem Offizier. - Ich halte es fr Pflicht,
Gospodin, Sie darauf aufmerksam zu machen, da Ihnen Gefahr in der Steppe droht
Muhamed, der Tatar, ist der beste Wetterkundige fnfzig Werst in der Runde, seit
Michael, der Tabuntschik, zur Krimm gezogen, und er meint im Ernst, da wir
leicht einen Schneesturm haben knnen.
    Der Ulan lachte ihm in's Gesicht. - Schau Dich nur mn, Alter - es ist ja
kein Wlkchen am Himmel. Hier ist Dein Geld und etwas darber fr die Kosacken
und nun la mich ungeschoren mit Deiner aufrichtigen oder erfundenen Besorgni.
    Das ist es ja eben, Euer Gnaden, sagte, demthig dankend, der Mann, da,
wer nicht ein Leben lang in der Steppe zugebracht hat, ihre Zeichen und Tcken
nicht kennt. Ich habe gar schreckliche Strme auch bereits bei heiterm
Sonnenschein erlebt und die Heiligen mgen Euch vor einem hnlichen behten.
Folgt meinem Rath und nehmt wenigstens einen der Eingeborenen noch zur
Begleitung mit, denn der Abend kommt rasch herbei und die groe Spur, welche die
Soldaten gemacht, knnte leicht verweht werden.
    Der Offizier willigte nach einigem Bedenken ein, wenn die Sache ohne
weiteren Zeitverlust geordnet werden knne, und der alte Tatar selbst war nach
verschiedenem Hin- und Herreden gegen das Versprechen eines Trinkgeldes bereit,
den Schlitten zu begleiten. Der Reisende, welcher daraus schlo, da die ganze
Warnung nur auf diesen Zweck hinausgegangen, befahl ungeduldig die Abfahrt, und
die Troika galoppirte nach wenigen Minuten unter dem Schreien und Rufen des
Postillons hinaus in die weite Schneeflche, whrend der Posthalter und seine
Leute besorgt ihnen nachschauten.
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    Die Dunkelheit war bereits eingetreten - die Sterne funkelten und blitzten
vom Himmelsgewlbe, scharf und eisig in einzelnen heftigen Sten fuhr der Wind
ber die unermeliche weie Oede, durch die sich langsam der dunkle Zug des
Bataillons fortschleppte. Die Leute waren seit dem Morgen marschirt und zum Tode
ermdet; das schwere Gepck, mit dem sie belastet, vermehrte die Erschpfung,
denn die Bagagewagen waren mehrere Mrsche zurckgeblieben, um die angestrengte
Eile des Zuges nicht zu stren, und nur wenige Schlitten und Karren mit den
nthigsten Bedrfnissen und Vorrthen begleiteten den Zug.
    Der Marsch der groen Colonne geschah stumm und still, kaum da sich hier
und da ein halb unterdrckter Fluch ober ein Scheltwort der Offiziere und
Unteroffiziere, ein Antreiben der Fhrer der Gespanne hren lie. Man fhlte die
unheilschwere Ermattung, die ber dem Ganzen lag, die Furcht vor einer drohenden
Gefahr, obschon nirgends ein Anzeichen davon zu blicken war.
    Der russische Soldat ist ein eigenthmlicher Mensch: bis zu einer gewissen
Grnze, und diese ist meistentheils die Grnze des Lebens, das Urbild passiven
Gehorsams ohne Empfinden und eigenen Willen, sowohl im Ertragen aller Arten von
Leiden und Gefahren, als im Widerstand gegen dieselben und im Handeln. Es fehlt
ihm durchaus nicht an Vaterlandsliebe, an Gefhl und Opferungsfhigkeit fr alle
jene Gter, fr welche der Mensch Blut und Leben einsetzt, aber selbst in seinem
Angriff liegt eine gewisse Passivitt, ein Fatalismus. Er nimmt sich nur selten
die Mhe, sich Rechenschaft zu geben, und liebt es nicht, auf seine eigene
Entscheidung sich verwiesen zu sehen. Wenn ihm das Kommando ertheilt worden ist,
Etwas zu thun, wird er es ausfhren, mit Gewalt oder mit List, die ihm
keineswegs fehlt, und er bleibt dabei gleichgltig gegen alle Folgen fr ihn
selbst; wenn ihn der Kaiser ruft, wenn der Pope ihm das Kreuz zeigt, wird er mit
einem zhen Fanatismus in jede Gefahr gehen, dessen aufflammende Energie nicht,
aber dessen Ausdauer eine Welt in Erstaunen setzt. Dieser Eigenschaften wegen
ist der russische Soldat, wenn auch nicht der geschickteste, der glorreichste,
so doch - in der Masse wenigstens - vielleicht der beste der Welt.
    Obschon die Colonne mglichst dicht geschlossen blieb, marschirten die
Soldaten doch zwanglos und mit den blichen Erleichterungen. Jeder hatte sich,
so gut es ging und die Mittel ihm erlaubten, gegen den erstarrenden Hauch des
eisigen Ostwinds zu schtzen gesucht und war bemht, in fortwhrender Bewegung
zu bleiben, und die Offiziere sorgten dafr, da Keiner die Reihen verlie; denn
Zurckbleiben war in der Schneewste und der von Minute zu Minute sich
steigernden Klte der Tod.
    Neben einem jungen Unterfhnrich, der in Wahrheit noch Knabe war, schritt
ein alter, aber rstiger Mann, in einen Militairmantel gehllt, der beim
Aufwehen des Windes Civilkleidung zeigte. Seine Aufmerksamkeit war offenbar
allein mit dem Jngling beschftigt, dessen Krfte schwer erschpft waren, der
aber mit aller geistigen Energie dagegen kmpfte, die Spuren dieser Schwche zu
zeigen. - Armer Junge, sagte der Greis, es ist unmglich, da ein Knabe wie
Du dieser furchtbaren Anstrengung widerstehen kann. Lasse mich mit dem
Oberst-Lieutenant sprechen, er mu Dir einen Platz auf dem Schlitten bewilligen,
den ich bereits fr die Kranken hergegeben. Du hast das erste Recht daran.
    Der junge Mann hielt ihn am Arm zurck. - Ich beschwre Dich,
Grovterchen, mach' mir die Schande nicht. Was wrden meine Kameraden in
Petersburg sagen, die mich beneideten um die mir gewordene Auszeichnung, wenn
ich schon auf dem Marsch unterlegen wre! Lieber sterben.
    Du wirst es und ich mit Dir, wenn Du eigensinnig beharrst. Du hast noch
nicht die Kraft eines Mannes, und selbst Mnner werden nicht lange mehr der
Ermdung und der Klte widerstehen, wenn wir nicht bald das Ziel erreichen. Es
war Wahnsinn von Dir, in Deinem Alter Dich zur Einstellung zu melden, und
unverantwortlich, da man Deinem kindischen Enthusiasmus gewillfahrtet.
    Der Unterfhnrich versuchte, mit Aufbietung aller seiner Krfte einen festen
Schritt anzunehmen. - Sage das nicht, Grovterchen, entgegnete er. O, wenn
Du zugegen gewesen wrst, als der Kaiser unsere Schule vor dem heiligen
Weihnachtsfest besuchte, wenn Du gesehen httest, wie die Knaben den mchtigen
Herrn baten, er mge ihnen erlauben, in die Arme einzutreten und fr das
Vaterland zu kmpfen, wie der Kleinste sich gro, der Jngste lter zu machen
suchte, welcher Jubel sich erhob, als der Kaiser bestimmte, da dreiig der
Besten das Patent erhalten sollten - o, Du wrdest begreifen, wie stolz
Diejenigen waren, auf welche die Ehre fiel.
    Der alte Mann blickte finster vor sich hin. - Ich hatte andere Plne mit
Dir - es traf mich wie eine Todesnachricht, da Du so pltzlich und so jung in
die Armee eingestellt worden. Sebastopol, Knabe, ist das unersttliche Grab.
    Und wre es das, fuhr der Jngling fort, ich fhre den Namen Lasaroff und
werde ihm keine Schande machen. Ich will dem Czar beweisen, da ich bis zum Tode
dankbar bin fr die Gnade, die Dich wieder zu mir gefhrt. Wie gern htte ich
schon damals mein Blut fr ihn vergossen, und seine Huld gab mir ja das Recht
auf die Ehre, jetzt unter den Erwhlten zu sein.
    Sttze Dich auf meinen Arm, Michael, sagte der Greis, ohne auf die
Begeisterung des Jnglings zu antworten. Der Sturm nimmt zu und Dein Schritt
schwankt - Du reibst Deine letzten Krfte auf.
    Ein Stocken in der Colonne entstand. Der Podpolkavnik kam langsam an der
Seite herab geritten, hinter ihm trugen vier Soldaten einen Mann.
    Wenn noch ein Raum ist in Ihrem Schlitten, Herr, sagte der Kommandant, so
bitte ich Sie, dem Lieutenant Timotscheff ihn zu gnnen. Der Mensch ist vllig
erschpft und ohnmchtig und ich mchte ihn nicht gern zurcklassen.
    Das mte natrlich sein Tod sein, erwiderte der Graf bitter. Versuchen
Sie selbst Ihr Heil; ich und mein Diener gehen bereits zu Fu und das Gefhr ist
so berladen, da die Pferde es kaum noch fortzubringen im Stande sind.
    Der Offizier berlegte finster einige Augenblicke, dann sagte er heftig:
Die Jugend wird immer entarteter, Herr, und vermag Nichts mehr zu ertragen. Ich
kann ihm nicht helfen - legt ihn zu Boden, Leute, und mag er erfrieren. Mein
Befehl lautet: Vorwrts!
    Nicht an der Jugend Ihrer Soldaten liegt es, Herr, entgegnete der Graf,
aber der Doppelmarsch in diesem Schnee und gegen den Sturm erschpft jede
Kraft. Wie weit rechnen Sie noch die Entfernung?
    Der Teufel wei es in dieser hllischen Steppe. Ich hoffe, es sind keine
sieben Werst mehr, aber es ist unmglich, sich in dieser Flche zu orientiren,
und ich wnschte, wir htten landeskundige Fhrer mitgenommen. Ihr Postillon ist
der Einzige, der uns Auskunft geben knnte, der Bursche versteht aber kaum ein
Wort reines Russisch.
    Hren Sie, wie es in den Lften braust!
    Bei Gott - es erhebt sich ein Wirbelwind, der uns den Schnee aufrhren
wird. Fest an einander geschlossen, Leute, und vorwrts! Wer fllt, mag liegen
bleiben.
    Er wollte davon sprengen, der Graf fiel ihm in die Zgel. Der Himmel stehe
uns bei, ich frchte, es kommt ein Schneesturm! Formiren Sie Quarr-Colonnen, es
ist unsere einzige Rettung und der Rath eines alten Soldaten!
    Die Kommandorufe der Offiziere erschollen in dem Heulen und Brausen, das
sich ringsum erhob, das in den Lften sauste, aus der Erde empor zu wirbeln
schien, von allen Seiten, gleich einem hllischen Concert von tausend
Teufelsstimmen. Die ganze Steppenflche rings umher schien lebendig zu werden
und sich in die Lust zu erheben, der Schnee wirbelte in so dichten Massen, da
kaum zu athmen war und die ganze Umgebung eine einzige groe Lawine schien.
    Michael, mein Kind! mein Sohn! halte Dich fest an mich! Hierher! hierher!
    Einen Augenblick versuchten die Trommeln zu wirbeln dumpf und hohl; -
Kommandorufe tnten zwischen dem Toben der Natur halb erstickt, aber das Geheul
des entfesselten Orkans, vermischt mit hundertfachem Jammerruf und
Hilfsgeschrei, berwltigte jeden einzelnen Laut. Die Bespannungen der wenigen
Gefhre, welchder der Colonne folgten, standen schnaubend und zitternd, dann
versuchten sie wie toll ihre Banden zu sprengen und strmten in rasendem Lauf,
die dichten Menschenhaufen zur Seite schleudernd, davon.
    Nach dem ersten furchtbaren Sto schwieg minutenlang der Sturm, gleichsam
als schpfe er neuen Athem, und in dem hellen winterlichen Sternenlicht, das
noch immer die Steppe erhellte, sah man weie Massen sich bewegen und einzelne
Gestalten nach allen Richtungen hin zerstreut ber den Schnee flchten.
    Halt! - Still gestanden! - Zum Quarr! klang die mchtige Stimme des
Fhrers und gehorsam selbst in der Todesgefahr ordneten die noch nicht
niedergeworfenen oder zersprengten Zge sich um den Befehlenden.
    Das Quarr war noch nicht geschlossen, als der Sturm auf's Neue losbrach und
im Nu die ganze Flche ein unermelicher Schneewirbel war.
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    Der Schlitten des jungen Offiziers war kaum zwei Werst hinter dem Bataillon,
wie der Sturm losbrach. Im Augenblick, als der erste heulende Ton durch die Luft
fuhr, strzte sich der alte Tatar von seinem Sitz und warf sich vor die Pferde,
diese in die Nstern packend und dem Postillon zuschreiend, aus allen Krften
sie festzuhalten. Hierdurch gelang es, sie auf einer Stelle zu fesseln und die
so nothwendige Richtung zu behalten. Denn selbst die sonst so sichern Thiere
verlt hufig bei so pltzlichen und schrecklichen Naturerscheinungen ihr
Instinct. Unwillkrlich seitwrts sich neigend, suchen sie der fessellosen Wuth
des Orkans auszubeugen, lenken von der rechten Strae ab und kommen oft, ohne
da der von dem wirbelnden Schnee betubte und geblendete Reisende es merkt, mit
kreisfrmiger Wendung in eine gerade entgegengesetzte Richtung, je nachdem der
Wirbel sie irre leitet. Unsicher, ohne Pfad, scheu vor den emprten Elementen,
weichen sie zuletzt willenlos jedem Impuls des umspringenden Sturmes, bis sie
entkrftet im tiefen Schnee stecken bleiben oder in eine der Regenklfte
strzen, welche den Steppenboden durchfurchen.
    Es ist nicht selten, da Reisende am Eingange der Drfer elend umkamen, weil
sie nicht wuten und nicht sahen, wie nahe sie dem Rettungshafen waren.
Schrecklich ist das Schicksal der Heerden, die auf offener Steppe von einem
solchen Schneesturm berrascht werden, besonders wenn er von der Richtung, des
Hofes her weht, dem sie angehren. Die Pferde springen wild auseinander, rennen
meilenweit, es ist unmglich, sie zusammen zu halten. Die Schafe drngen sich
dicht an einander und folgen trotz aller Anstrengung der Hirten den leitenden
Thieren in der Richtung des Sturmes. Die Hirten, selbst der Wuth des Orkans
preisgegeben und vor Klte erstarrt, geben endlich das fruchtlose Bemhen des
Widerstandes auf und folgen der von der dmonischen Gewalt fortgetriebenen
Heerde, so lange es ihre Krfte gestatten oder bis sie selbst von den wandelnden
Lawinen verschttet werden.
    Die Kirgisen der nogaischen Steppe verloren vor einigen Jahren in einem
solchen Sturm Tausende von Pferden, Schafen und Kameelen.
    Als der erste Sto des Orkans vorber war, lie der Tatar den Pferden die
Zgel schieen und sie jagten mit rasender Schnelle ber die Flche dahin. Zwei
Mal wiederholte sich dies Spiel, der Schlitten schnellte bereits hin und wieder
ber einen unter der Schneedecke liegenden Gegenstand, ohne da die Fahrenden in
ihrer rasenden Eile sich von der Natur desselben berzeugen konnten. Der
Offizier glaubte mehr als ein Mal Rufen und menschliche Stimmen durch dies Toben
der Elemente zu vernehmen, Gestalten und Schatten durch die Schneewirbel
schwanken zu sehen - aber vergeblich war sein Haltruf, denn der alte Tatar trieb
die ohnehin rasenden Rosse zu immer neuer Eile. Jetzt - dort - ganz deutlich
hrte er den Hilferuf - gleich darauf eine schwache Salve von Gewehren -
Gestalten taumelten um ihn her. - Haltet ein - das ist unser Schlitten! Halte
ihn fest, Bogislaw. Das Erbarmen mu der eigenen Rettung weichen! Ein krftiger
Mann warf sich vor die galoppirenden Pferde und lie sich von ihnen
fortschleifen, ein Zweiter, eine schwere Last auf den Armen, schwankte hinter
dem Schlitten d'rein. Schie' ihn nieder, Gospodin! schrie der Tatar; nieder,
oder wir sind verloren, wenn sie sich an uns anhngen! Aber der Offizier hatte
bereits selbst in die Zgel gegriffen und die Pferde zum Stillstand gezwungen.
Wenn Gott Ihnen barmherzig sein soll in Ihrer Todesstunde, so ben Sie selbst
Barmherzigkeit! flehte eine tiefe Stimme neben ihm. Nehmen Sie meinen Enkel,
einen Knaben, in Ihren Schlitten und retten Sie ihn, ich will gern hier sterben
und Sie segnen in meiner letzten Noth! - Graf Lubomirski? - ich kenne die
Stimme - herein, herein! jeder Augenblick ist Todesgefahr - aber ich lasse Sie
nimmer im Stich! Der alte Pole, noch ungewi, wer sein Retter sei, warf den
leblosen Knaben in den Schlitten und sich darber hin. Wenn Du noch einen
Augenblick zgerst, Gospodin, so sind wir geopfert! jammerte der alte Tatar.
Dort kommen sie und sie werden uns Schlitten und Pferde nehmen - die Last ist
ohnehin fr die Thiere zu gro! Massen schneebedeckter Gestalten strzten
herbei, wildes Geschrei ertnte, jeder der Unglcklichen drngte nach dem Mittel
der Rettung. - Vorwrts! - vorwrts, ohne Erbarmen! rief der treue Jger,
indem er hinten auf die Kufen des Schlittens sprang und mit gewaltigem
Faustschlag einen der Elenden in den Schnee schleuderte, der sich bereits dort
angeklammert. Durch die halb betubten, erstarrten Soldaten flog das Dreigespann
mit der Doppellast davon querfeldein - hinter ihnen her Flche und
Verwnschungen, das Geheul des neu emporwirbelnden Sturmes - rings um sie ein
fliegendes Meer von Flocken und spitzen, schneidenden Krystallen, da oft kaum
die Hand vor den Augen zu sehen war. Von Strae, von Pfad keine Spur, die hatte
lngst der wirbelnde Schnee begraben. Zum Glck vermochte der greise Fhrer in
den Pausen des Sturmes nach den Sternen die Richtung zu finden, und obschon die
Pferde von Schnee und Wind ermattet und durch die schwere Last gehemmt wurden,
kamen sie doch rasch vorwrts und lieen die unglckliche Schaar weit hinter
sich in dem weien Grabtuch des Schnees. Die Hand des Herrn, die aus
Flammengluth und Wogendrang errettet, war ber ihnen und fhrte sie glcklich
aus der eben so schrecklichen Gefahr des eisigen Todes unter den wandelnden
Schneebergen. Nach zahlreichen Gefahren und Leiden hielten, etwa eine Stunde
nachdem der Schlitten das Bataillon verlassen, die Pferde vor der offenen Fenze
eines groen Gehfts, in die sich zahlreiche Heerden schon beim Beginn des
Sturmes glcklich geflchtet hatten und wo sie jetzt im Schutz der langen,
niedern, ein weites Viereck bildenden Stall- und Scheunengebude kauerten. Der
alte Tatar fhrte die Pferde in das Gehft und auf den Ruf der Reisenden eilten
die Bewohner und die versammelten Hirten aus dem Schutz des Hauses den
Erschpften zu Hilfe.
    Zwei Stunden darauf saen, wie in jener Winternacht in dem Krug der
polnischen Wlder, Graf Lubomirski und der junge Offizier, in dem Jener zu
seinem freudigen Staunen Djemala-Din, den kaukasischen Prinzen, wiedergefunden,
am warmen Heerdfeuer des Mennoniten Hesekiah zusammen. Der wackere Jger
Bogislaw, der so manche Gefahr mit ihnen und fr sie treulich bestanden, wachte
jetzt bei Michael Lasaroff, dem jungen Unterfhnrich, den sie starr und leblos
in das Haus getragen und der endlich durch die angestrengte Anwendung aller
Hilfsmittel wieder in's Leben zurckgerufen, sich in diesem Augenblick unter der
Obhut der Frauen des Hauses und unter hoch aufgethrmten Betten im tiefen
Schlafe befand.
    Drauen tobte der Schneesturm noch immer mit gleicher Heftigkeit und die des
Landes Kundigen erklrten, da er mindestens vierundzwanzig Stunden in derselben
Weise anhalten werde, whrend welcher Zeit es unmglich sei, den Schutz des
Gehftes zu verlassen. Selbst die aufopfernde Menschenliebe der Mennoniten hatte
es daher nicht wagen knnen, den im Schneegefilde dem Verderben preisgegebenen
Truppen irgend eine Hilfe zu bringen und vergebens hatten der Graf und der junge
Kaukasier eine bedeutende Summe fr Den geboten, der als Fhrer zum rettenden
Hort die Unglcklichen aufsuchen wollte. Die Klte war zur Nacht so heftig
geworden, das Schneetreiben so wthend, da selbst das khnste Herz verzagte vor
dem gewissen Tode. Man hatte sich begngen mssen, am Eingang des Dorfes Wachen
aufzustellen, die alle Viertelstunde abgelst werden muten, und von Zeit zu
Zeit Gewehre abschossen. Aber man wute, da bei der Macht des Sturmes der
Schall kaum ber den nchsten Umkreis dringen konnte, da Alles vergeblich und
das Schicksal der Unglcklichen wahrscheinlich lngst entschieden war: - ein
Grab unter dem Leichentuch der Schneelawinen, - ein Riesengrab fr tausend
muthige, treue Kriegerherzen, die noch vor wenigen Stunden auf dem Wege zur Ehre
und Pflicht so lebenswarm geschlagen.
    Diese Gewiheit warf die Schatten trber Stimmung ber alle Mitglieder der
Versammlung, selbst ber die sonst fr das Schicksal ihrer Zwingherren ziemlich
gleichgltigen Tataren. Die Mennonitenfamilie hatte im gemeinsamen Gebet die
Unglcklichen dem Schutz und Erbarmen des Hchsten empfohlen und die Mnner
saen still in den groen Kchenraum umher, dem Wthen des Orkans lauschend.
Djemala-Din hatte dem Grafen mitgetheilt, da er auf dem Wege zum Kaukasus sich
befinde. Der Emir Schamyl hatte, wie wir bereits aus der Unterhaltung der
russischen Offiziere auf der Mastbaftion am Tage des ersten Bombardements
wissen, neben der Summe von 40,000 Rubeln die Kurckgabe seines ltesten Sohnes
als Lsegeld fr die Frstinnen Tscheftsawadse und Orbelian verlangt, und der
Kaiser dem jungen Manne freigestellt, ob er dem Verlangen seines Vaters Folge
leisten wolle oder nicht. Was Djemala-Din von sich gewiesen, als die Boten
seines Vaters ihn zur heimlichen Flucht zu bewegen suchten, erschien ihm jetzt,
wo er die Grfin Wanda am Kaukasus wute, in einem anderen Lichte, und er hielt
es fr eine Pflicht der Ehre und Liebe fr sie, sich selbst zur Befreiung ihrer
Verwandtinnen zu opfern. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, von ihren Lippen den
Dank fr das Opfer zu empfangen und im Hintergrunde der unbestimmte Traum, sie
dennoch dort auf dem Felde wilder Abenteuer fr sich zu gewinnen, wie sie selbst
ihn durch ihre Phantasieen angeregt, machten ihm den Entschlu leicht. Erst
hier, am Heerde des Mennoniten in der wilden Steppe, wo das Schicksal ich so
wunderbar mit dem Verwandten der Geliebten zusammengefhrt, vernahm er zum
ersten Male, da auch sie selbst in den Felsennestern seiner Heimath als
Gefangene schmachte. Die Aufregung, in die ihn diese Nachricht versetzte, war zu
sichtbar und gro, um von dem Greise miverstanden zu werden, der bereits auf
dem Schlo in Volhynien die entstehende Liebe des jungen Mannes beobachtet hatte
und ihn achtete und schtzte. Obschon Grfin Wanda ihm Nichts vertraut,
beurtheilte er doch die hochherzige romantische Richtung ihres Geistes und
Herzens zu richtig, um zu zweifeln, da sie die Gefhle des jungen
Tscherkessenfrsten erwiederte, und das tiefe Nachdenken, in das er so eben
versunken, galt zum groen Theil der seltsamen Schicksalsverkettung des jungen
Paares und seiner Zukunft.
    Ihre Lage, Prinz, sagte er endlich, wird eine uerst schwierige sein.
Sie wissen, da der Kampf zwischen den freien Bergvlkern und den Russen auf's
Neue heftig entbrannt ist. Sefer-Pascha und Beisched-Pascha haben ihnen schon im
Sommer bedeutende Hilfsmittel zugefhrt, die russischen Festungen am Schwarzen
Meere sind smtlich zerstrt oder in den Hnden Ihrer Landsleute und die
Schlacht am Ingur hat auch dort die russische Macht gebrochen. Ich wei, da von
den alliirten Flotten nach dem Beginn der besseren Jahreszeit eine groe
Expedition an die stlichen Ksten des Schwarzen Meeres ausgefhrt werden wird
und da England Ihren tapfern Vater untersttzt. Er wird von dem Erden seiner
Macht mit Recht fordern, da er in dem neuen und gnstigen Kampf fr die
Freiheit an seiner Seite steht, da er sich wrdig zeigt der groen Aufgabe, die
Unabhngigkeit der Stmme, die ihm einst gehorchen werden, gegen die Tyrannei zu
vertheidigen. Ich bin ein Greis, Freund, und fhle, da dieser Krieg der
Frsten, von dem wir so viel fr die Sache allgemeiner Freiheit hofften in einer
Vershnung ihrer Interessen und ihrer Vortheile auslaufen wird, denn manche
bittere Erfahrung hat mich belehrt, da Zwiespalt und Eigennutz noch nicht die
Vlker zu einer gemeinsamen Erhebung gegen die Unterdrckung reif gemacht. Aber
es giebt Wehrfesten des glorreichen Kampfes, die, wenn der Sieg uns hier
entrissen wird, diesen ewigen Streit fortfhren und an denen die entarteten
Vlker Europa's sich immer auf's Neue ermuthigen. Eine solche stolze Feste ist
der Kaukasus und sein Kampf - wollen Sie sich ihm weihen, wie Ihre Vter thaten,
werden Sie eintreten in den Krieg gegen Ruland, das Sie bisher mit hundert
Lockungen verfhrt und Sie jetzt verstt und verhandelt gleich einer Waare um
zwei werthloser Weiber und adliger Namen willen?
    Der junge Offizier sah einige Augenblicke ernst vor sich nieder, er fhlte,
da von seiner Antwort die Meinung des fanatische Greises, vielleicht die
Hoffnung seiner Zukunft abhngig sein wrde. Aber er empfand zugleich, da jedes
Ausweichen, jede Tuschung seiner selbst und seiner Liebe unwrdig sei. -
Djemala-Din, sagte er fest und bestimmt, wird nie sein Schwert im Kampf gegen
den Czaren Nicolaus, seinen Freund und Wohlthter, ziehen.
    Der alte Pole schaute finster und halb verchtlich auf ihn. So werden Sie
ein Zwittergeschpf sein zwischen Krieger und Sclaven, mitraut von den Ihren,
mitraut von Ihren bisherigen Freunden. Sie werden untergehen in diesem Kampf,
wo Sie ein Held Ihres Volkes sein knnten. Ich hatte es anders gehofft und
gewhnt, da die Tochter eines unglcklichen und dennoch forthoffenden und
ringenden Volkes in dem Sohne des glcklicheren die Flamme seines Rechts durch
ihre eigene Begeisterung geweckt habe.
    Der Tscherkesse sah ihn erstaunt und zweifelnd bei dieser offenen Anspielung
an. - Darf ich Ihre Worte deuten, wie mein Herz es mchte? - ich beschwre Sie,
Graf - - -
    Der Pole unterbrach ihn. - Hren Sie mich an, Djemala-Din, des Imam's Sohn
und vielleicht die Hoffnung der Zukunft eines ganzen Volkes. Die Vorsehung hat
uns eigenthmlich hier zusammengefhrt und es ist eine seltsame Stunde und
Umgebung, in der ich Ihnen hier meine Seele erffnen will. Drauen der tobende
Sturm, der die Sldner Rulands unter seiner eisigen Last begraben, um uns seine
demthigen Sclaven, wir selbst kaum dem Tode entgangen und durch Sie Alles
gerettet, woran das Herz eines Greises mit den Banden irdischer Liebe gekettet
ist. In meine Knabenzeit drang der Donner des Heldenkampfes von Dubienka7 und
des unglcklichen Rufs von Maccieiowice, wo mein Vater an der Seite von Polens
grtem Helden verwundet wurde. Mit der Muttermilch hatte ich den Ha gegen die
Unterdrcker meines Vaterlands gesogen, und als ein neuer Stern seiner Hoffnung
in Frankreichs Kaiser ihm aufging, stand der Jngling unter seinen Adlern und
focht seine Schlachten vom Ebro bis zur blutgetrnkten Moskau und auf
Deutschlands und Frankreichs Fluren, immer vertrauend und getuscht von dem
trgerischen Geschlecht der Napoleoniden, die aus den Freiheitshoffnungen der
Vlker nur eine Staffel ihres Ehrgeizes machen. Nach dem Fall des Kaisers lebte
ich theils in meinem Vaterlande, das unter dem russischen Druck seufzte, theils
auf Reisen durch England, Amerika und Italien, und trat hier in den Bund jener
groen Gemeinschaft, die ber die Welt verbreitet und deren Aufgabe ist, die
Freiheit der Vlker zu erringen und ihre Fesseln zu zerbrechen.
    Er schien eine Antwort von seinem jungen Gefhrten zu erwarten, doch dieser
begngte sich, ihm schweigend zuzuhren, und der alte Revolutionair fuhr fort:
In jener Zeit, whrend die Mnner, die fr die Freiheit standen und wirkten,
gleich den gehetzten Thieren durch alle Lnder Europa's verfolgt wurden, starb
mein Weib, das ich mit meinem einzigen Kinde im Vaterlande zurckgelassen. Meine
Tochter wurde von Fremden erlogen. Das Jahr 1830 kam, von den Barrikaden von
Paris, die uns nur ein Knigthum in anderer Gestalt erkmpft, eilte ich, ein
Mann bereits in der Neige der Jahre, zum Vaterlande, das noch ein Mal seine
Fahne erhoben zum blutigen Kampf. Ich focht in den Schlachten von Ostrolenka und
Grochow und an meiner Seite Wanda's Vater, der Gatte meiner jngeren Schwester;
auch Lubienski, in dessen Schlo in Volhynien wir jene Weihnachten zubrachten,
war unser Waffengefhrte. Sie wissen, wie auch damals Polens Stern durch die
Uneinigkeit seiner Fhrer und die Wortbrchigkeit Frankreichs den russischen
Bajonnetten erlag. Aber noch ein anderer tiefgreifender Verlust traf mein
alterndes Leben. Ludmilla, mein einziges Kind, das einzige Vermchtni einer
geliebten und hochherzigen Frau, die bei meiner Schwester lebte, in den
Grundstzen und Gefhlen ihrer ganzen Familie erzogen, hufte Schmach auf das
Haupt ihres Vaters. Ein russischer Offizier, der im Schlo meines Schwagers im
Quartier gelegen, der Vater Michael's, gewann ihr Herz, und als ich Polen
verlassen mute und sie mit mir nehmen wollte nach Frankreich, weigerte sie
sich, mich zu begleiten, sie trotzte dem Vaterfluch und folgte dem Feinde ihres
Vaterlandes, dem Offizier des Czaren.
    Der alte Mann sttzte das Haupt in die Hand und starrte in die Kohlen des
Heerdes. - Ich war einsam in der Welt - kein Kind, kein Vaterland, ein
gefhrdeter verbannter Wanderer auf dem Rundkreis der Erde, gehetzt im Kampf mit
ihren Gewaltigen. Dieser Kampf allein war jetzt meine Liebe, mein Kind! Sie,
noch vor wenigen Tagen der Offizier eines jener Gewaltigen und bald vielleicht
wie ich ein Kmpfer fr die Freiheit - Sie ahnen nicht, auf welchem Vulkan die
Throne Europa's stehen, wie unterwhlt der Boden unter ihren Fen ist und wie
mchtig und blutig von Stunde zu Stunde als Mene Tekel die Hand der Unsichtbaren
an ihre Pforten klopft und an die Forderungen der Vlker mahnt. Es ist ein Kampf
auf Tod und Leben, der seit drei Jahrzehnten zwischen den Kmpfern der Freiheit
und den Mnnern der Throne gefochten wird, mit tausend Waffen und Mitteln, im
Dunkel der Nacht und der Verborgenheit, und gleich den Vulkanen und Erdbeben
ausbrechend in hellen Flammen, wann und wo die Gegner es am wenigsten geahnt.
Hundert Mal besiegt von den Schergen der Gewalt, hundert Mal fruchtlos durch
Verrath und Zwiespalt der eigenen Glieder, findet die Sache der Freiheit gleich
dem Proteus im Blut der Niederlagen neue Kraft und neuen Muth zum Kampf und sie
erzieht die Vlker fr den dereinstigen Sieg.
    Und was verstehen Sie unter diesem? - was ist die Tendenz jenes groen und
geheimen Bundes, von dem wir selbst in der Abgeschiedenheit einer Garnison
gehrt haben?
    Die Selbstherrschaft der Vlker, ihre Befreiung von dem Joch der einzelnen
Tyrannen, die allgemeine sociale Republik.
    Der Offizier legte die Hand auf das Knie des Greises. Das ist es, wo unsere
Wege sich scheiden, Graf Lubomirski, sagte er mit edler Ruhe. Ich bin ein
junger Mann und habe nur wenig beobachten knnen im Vergleich zu Ihrem langen
und reichen Leben, aber ich fhle, da das edle Wort Freiheit und Kampf fr sie
gar oft mibraucht wird. Ich bin kein so entarteter Sohn meiner heimathlichen
Berge und meines Volkes, da ich nicht tief im Herzen sein heiliges Recht
erkennen sollte, mit Blut und Gut seine Unabhngigkeit gegen den fremden
Herrscher zu vertheidigen. Die Selbststndigkeit der Nationen und ihr heiliges
Recht der Geschichte, des Glaubens und der Sitten - das ist die groe Sache der
Freiheit, und wo diese ihr Banner erhebt, ob an der Weichsel oder am Kuban, sie
wird immer alle edlen Herzen fr sich begeistern, - nicht das hohle Geschrei der
Republik und des Socialismus.
    Wie Sie es nennen mgen - es ist gleich, die Streiter der Freiheit sind
Alle Brder einer groen Sache! Ich habe mich nickt getuscht, und Sie werden
dennoch einer der Unsern sein im Kampf gegen Ruland, den gefhrlichsten Feind
der Umgeburt der Welt.
    Niemals, so lange Kaiser Nicolaus lebt, niemals wird Djemala-Din, Schamyl's
Sohn, gegen den Mann das Schwert erheben, der sein Freund und Wohlthter war.
Erst wenn Dessen Augen geschlossen, dem er den Fahneneid geschworen, obgleich
der Kaiser ihm diesen gelst, wird den Sohn des freien Tscherkessiens Nichts
mehr hindern, fr die Unabhngigkeit seines Volkes gegen das russische Volk zu
kmpfen. Bis dahin wird Schamyl, mein Vater, die Ehre seines Sohnes selbst
ehren.
    Der greise Agent und Kmpfer der revolutionairen Ideen war von der einfachen
und edlen Erklrung und Auslegung des jungen Mannes ergriffen. Das Bewutsein,
da auch ihn selbst im Grunde doch nur die Begeisterung fr die Befreiung des
eigenen Vaterlandes in die Reihen der revolutionairen Propaganda getrieben, bis
das nationelle Streben in jenen socialen Tendenzen und dem alles Edlere und
Selbststndigere zersetzenden Demokratismus untergegangen, war ihm noch nie so
klar und deutlich vor die Seele getreten, als bei der schlichten Deutung des
jungen Tschetschenzen ber das, was er unter Kampf fr die Freiheit begreife.
    Was Sie unter socialer Republik, unter Demokratie verstehen, fuhr der
junge Mann fort, ist mir nicht ganz klar - ich kenne und ehre die Einrichtungen
im Lande meiner Vter und in dem, das mich erzogen. Wie soll ich Begeisterung
hegen fr Etwas, das mir unbekannt und ungewohnt ist. Jedes Land hat seine Sitte
und fr ihre Bewahrung opfert das Volk sein Blut. Die Edlen und Mchtigen werden
immer Edle und Mchtige bleiben und ihre Stimmen im Rathe gehrt werden, wie der
Knecht ein Knecht. Die Frsten sind die Statthalter Gottes auf Erden und ein
heiliges Erbe der Vlker. Ich bin ein Frstensohn und werde, da mich Allah
berufen, das Erbe meiner Vter zu wahren wissen.
    Sie sind Moslem?
    Ich habe nach der Bestimmung des Kaisers die Religion meiner Vter nicht zu
wechseln brauchen. Auch ohne den Namen eines Christen sind die heiligen und
milden Grundlehren Ihrer Religion die meinen. In den Thlern des Elbrus und des
Kuban, ist der Glaube der Nazarener kein Fremdling, sondern besteht seit
Jahrhunderten, und meine Mutter war eine Christin. Aus meiner Knabenzeit wei
ich, da Maria und der weie Christ selbst von unsern mohamedanischen Stmmen
heilig gehalten werden. Doch was sprechen wir von mir, dem Unbedeutenden, dessen
Namen und Gedchtni auch unter seinen Freunden bald verschollen sein wird - Sie
selbst haben Ihre Erzhlung noch nicht geschlossen, der Name zweier theurer
Wesen fehlt darin und ich habe aus dem Munde Michael's den Namen seines
Grovaters nur mit Liebe nennen hren.
    Das lange von dem politischen Fanatismus und seinen Intriquen verschlossene
Herz des alten Mannes ffnete sich wider Willen bei dem Namen seines Enkels, des
Letzten aus seinem Blut. - Die Hrte gegen mein Kind, sagte er traurig, hat
manche Nacht den Schlaf von meinem Lager gescheucht, obschon ich wute, da ich
Recht gethan. Lasaroff, ihr Gatte, war ein eingefleischter Russe, aber sonst ein
wackerer Mann, und seinen Bemhungen allein ist es zu danken, da das Besitzthum
meiner Schwester nicht confiscirt wurde und ihrer Familie erhalten blieb. Erst
acht Jahre nach Polens Besiegung traf mich der letzte Gru meines Kindes von
ihrem Sterbebett, auf dem sie Michael das Leben gegeben. Der Vaterfluch hatte
ihre frheren Kinder dem Tode geweiht, und sie bat mich sterbend um meinen Segen
und meine Vergebung fr das letzte. Der Tod shnt alle Schuld, und dies alle
Herz ffnete sich einer unendlichen Liebe fr den ungekannten Enkel. Lasaroff,
sein Vater, starb wenige Jahre nach seiner Gattin und Michael wurde nach seiner
Bestimmung in einem der Corpshuser in Petersburg erzogen.
    Und Ihre andere Familie? Ihre Schwester?
    Sie blieb bis zu ihrem Ende eine treue Tochter Polens, whrend ihr Gatte,
der an meiner Seite gefochten, mit Ruland seinen Frieden machte, und ihr Sohn
spter im russischen Kriegsdienst stand und mit dem Gatten seiner lteren
Stiefschwester wie - ich mu es zu unserer Schande sagen - so viele Polen im
Kaukasus zur Unterjochung Ihrer freien Nation unter dem Doppeladler focht. Er
fiel vor fnf Jahren als ein Opfer der Cholera und seine uns fremde Frau und
seine Kinder sind die Erben der Guter in Polen. Aber meine Schwester hatte ein
zweites jngeres Kind, eine Tochter, Wanda, die Sie kennen, und in der ihr
Geist, ihr Herz, ihre Vaterlandsliebe fortleben. Sie sah ich in Berlin und
Paris, sie liebte ich und durch sie erhielt ich Nachricht von dem Letzten meines
Blutes, von meinem Enkel, und blieb in Verbindung mit ihm. Es wird Sie nach dem,
was Sie ausgesprochen, wenig kmmern, aus welchen Grnden ich vor fast zwei
Jahren, durch eine frhere Bekanntschaft mit dem russischen Staatskanzler
untersttzt, die Amnestie des Czaren annahm und nach Polen und Ruland kam.
Nicht einer der geringsten war die Sehnsucht nach meinem Enkel und die Liebe zu
ihm, die noch einmal das welke Herz des Greises erfllte und belebte.
    Und darf ich fragen, welche Absichten Sie mit ihm hegen?
    Ich will Ihnen nicht verhehlen, da die politische Aufgabe, die mich in
dieses Land gefhrt, milungen ist. Die Ereignisse sind uns aus den Hnden
gewachsen, andere und gefhrlichere Gegner als Czar Nicolaus sind unserer
heiligen Sache entstanden und haben unsere Plne durchkreuzt, und wir knnen
augenblicklich nur die welterschtternden Ereignisse beobachten und so viel als
mglich die einzelnen Phasen fr uns benutzen. Ich glaubte Michael, da er nur
ein Knabe ist, noch nicht siebzehn Jahre, gesichert vor den Strmen der Zeit in
jener Anstalt zu Petersburg, wohin ihn das Testament seines Vaters bestimmt; ich
bedachte und ahnte nicht, da er den Geist desselben und seine Gesinnung geerbt.
Am Rande meines Lebens mu ich sehen, wie das Kind meines Blutes von mir abfllt
und ein fanatischer Anhnger meines Feindes ist. In Odessa, wo ich grtentheils
mich aufgehalten, seit ich meine Nichte bis dahin auf dem Wege zu ihrer
Stiefschwester am Kaukasus begleitet, berraschte mich der jubelnde Brief des
thrichten Knaben, da sein Abgott, der Czar, ihm gestattet, in ein Regiment fr
die Krimm einzutreten, und da er bereits auf dem Marsch hierher sei. Die
Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag und machte das alte Herz erbeben. Ich
eilte ihm entgegen, ich versuchte durch alle meine Verbindungen das Geschehene
rckgngig zu machen - vergebens! er weigerte sich, seinen Dienst zu verlassen
oder zu vertauschen, ja, ich vermochte ihn nicht einmal dazu, die Strapazen, die
seinen jungen Krper aufreiben mssen, sich zu erleichtern. So folgte ich, von
Angst getrieben, schon von Kiew den Mrschen seines Bataillons.
    Und nun?
    Gott selbst hat entschieden! Das Bataillon, zu dem er gehrt, ist durch
seinen Rathschlu in diesem Augenblick wahrscheinlich vertilgt aus der Reihe der
Bestehenden - er vielleicht das einzige Leben, das von tausend mit Ihrer Hilfe
gerettet ist durch mich. Seine Pflicht gegen den Kaiser und sein Vaterland ist
erfllt, sein neues Leben gehrt mir, seinem Retter und einzigen Verwandten. Ich
werde ihn mit fortnehmen aus diesem Lande, wo der Mensch nur die Zahl ist in den
Augen seines Herrn, und ihn, fern von hier, nach einem ruhigern fhren, wo meine
letzten Tage seinem Glck geweiht sein und ihn Besseres kennen lehren sollen,
als die Opferung fr Zwingherrschaft und Tyrannei.
    Aber Wanda, Ihre Nichte?
    Sie lieben sie?
    Eine dunkle Gluth berzog das edle Gesicht des jungen Tschetschenzen. -
Warum soll ich leugnen, wessen ich mich nie zu schmen brauche? Es wird das
Glck meines Lebens sein, da ich nur einen Dienst ihren Freunden zu leisten
hoffen durfte und jetzt sie selbst auslsen kann aus der Gewalt Derer, die fr
sie Fremde und Barbaren sind. Ehe der Mond noch ein Mal seinen Kreislauf
vollendet, wird Grfin Wanda in den Armen der Ihren sein.
    Und verloren fr Dich, Thor, sagte der Greis hastig. Halte fest, was das
Glck Dir bescheert, Du bist wrdig, sie zu besitzen.
    Djemala-Din sah ihm erstaunt, bestrzt in's funkelnde Auge. Warum wollen
Sie eine Hoffnung wecken, die nie verwirklicht werden kann?
    So liegt es an Dir allein, Mann! Keinem mchte ich Wanda lieber gnnen, als
Dir, dem knftigen Fhrer eines freien und edlen Volkes, das Polen mit Strmen
von Blut und unvergnglichem Ha rcht an den stolzen Unterdrckern, das allein
Ruland's Macht bisher widerstanden hat. Nimm sie hin, die Tochter Polens, die
Du Dir gerettet unter dem Mordmesser der Raubgesellen und die Dich liebt mit
allem Feuer ihrer edlen Seele. Wanda denkt zu gro und hochherzig, um nicht dem
Manne ihrer Liebe zu folgen auch ber die Grnzen der hohlen Civilisation, und
an ihrem Geist, ihrem Heldenfeuer und freien Sinn wird Deine eigene Seele und
Begeisterung erstarken zum Kampf fr die Freiheit.
    Glnzender Traum - hoch ber dem Glck der Sterblichen, wie der Adlerhorst
meiner Ahnen ber den niedern Thlern der Kabardah! - Er prete die Hnde auf
die strmisch klopfende Brust. - Welches Bild zeigst Du mir, o Vater - sie, die
Tochter milderer Sitten und Knste, die Gattin des Nomaden? - sie die Schne und
Zarte das Weib des Kriegers der wilden Berge, die Christin das Weib des Moslems
- -
    Was kmmert das die Liebe?! Deine Sache, Frstensohn der Abchasen, ist es,
dem Polenkinde den Willkomm und das Haus zu bereiten unter Deinem Volke; Deine
Sache ist es, die Braut zu gewinnen, indem Du sie zurckbehltst in Deinen
Bergen oder mit dem Sbel in der Faust aus dem Lager der Russen holst. Der Segen
und die Einwilligung eines Greises, ihres liebsten Verwandten, sei mein
Abschiedsgeschenk an Dich fr ihre und Michael's Rettung. - Er schrieb eifrig
beim Licht des Feuers auf ein Blatt seiner Brieftafel, siegelte es und gab es
dem ehemaligen Offizier. - Das Wort des Bruder ihrer Mutter wird ihr weibliches
Zaudern beseitigen, wo es die Erfllung eines hohen Lebenszieles gilt. Mge der
Himmel Euch schtzen und Polens Tochter durch ihre Liebe shnen, was Polens
Shne in den Reihen Rulands gegen ein freies Volk gefrevelt haben. Danke mir
nicht, Djemala-Din, mein Sohn - Dein und Wanda's Glck liegt in Deiner eigenen
Mnnerhand. Von Deinen Bergen sende mir mit ihr den Gru der Freiheit - und nun
la uns ruhen nach dem Sturm der Natur und der Seelen, denn die Ruhe thut diesem
alten Krper noth!
    Er drckte ihn innig an seine Brust - dann schlich er nochmals zum Bett
seines schlummernden Enkels und theilte mit dem Tscherkessenfrsten das Lager,
das die Gastlichkeit der Mennoniten ihnen bereitet.
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    Der wilde Schneesturm dauerte mit gleicher Heftigkeit, wie die Tataren es
voraus gesagt, bis zum Nachmittag des andern Tages. Jeder Versuch, whrend des
Morgens in's Freie zu dringen zur Aufsuchung der Verunglckten, scheiterte an
der Wuth des Orkans und der grimmigen Klte. Erst mit der beginnenden Dunkelheit
legte sich der Aufruhr der Natur eben so vollstndig und eben so pltzlich, als
er entstanden, und konnte die Verbindung mit den nchsten Gehften wieder
hergestellt werden. Aber nirgends fand sich eine Kunde von dem unglcklichen
Bataillon und die ganze mnnliche Bevlkerung der Kolonie und der in ihrer
unmittelbaren Nhe liegenden Stanzia machte sich noch am Abend auf, beim Schein
des hellen Sternenlichts die Spuren der Vermiten zu suchen.
    Djemala-Din und Bogislaw begleiteten sie, whrend der Graf bei dem von den
ausgestandenen Leiden erkrankten Knaben zurckblieb. Eine Stunde weit von der
Kolonie, mitten in der den Steppe, fand man die Besttigung des grlichen
Unglcks, nachdem man schon lange vorher in einer tiefen Regenschlucht das
zerschmetterte Gefhr des Grafen und mehrere Bagagewagen, so wie rings auf der
weiten Schneeflche zahlreich Leichen Erfrorener vereinzelt entdeckt hatte. Ein
Berg von Schnee, von dem Sturm zusammengewirbelt, wlbte sich hier gleich einer
mchtigen Tumule, aus dessen Grund menschliche Glieder und Waffen hervorragten.
Die Steppenwlfe umheulten den riesigen Grabeshgel und flohen bei der
Annherung der Lebenden. Mit rstiger Kraft, von Stunde zu Stunde sich ablsend,
ging man daran, die Lawine zu ffnen - je weiter man kam, desto schrecklicher,
herzzerreiender wurde das Schauspiel, das sich den Blicken bot. Haufen von
Leichen bereinander liegend, starr und eisig, da bei den Sten der Schaufeln
und Hauen die Glieder wie Glas absprangen, enthllten sich den Augen. Als der
Morgen tagte, stie man auf das Schrecklichste. In dichtem Haufen gedrngt,
aufrecht, fest an einander gepret und durch ihre Masse sich haltend, viele noch
die Gewehre in den erstarrten Hnden, standen mehr als dreihundert Leichen, -
ein Quarr von todten Kriegern, in ihrer Mitte der Podpolkawnik, ihr Fhrer,
gleich als erwarteten sie den Feind.
    Und der Feind war ber sie gekommen, aber nicht der, dem Menschenkraft und
Menschenmuth widerstehen konnte im ehrlichen Kampf. Die grause Klte hatte ihre
Kraft gebrochen, die Grabeslast des Schnee's ihren Muth mit dem Leben getdtet.
In den starren Augen schien noch der Trotz des Kriegers zu funkeln, die Reihen
schienen nur des belebenden Kommando's zu harren, um sich neuem Leben zu
entfalten. - Aber der Kommandoruf, der sie weckte, sollte nur die Posaune sein
des ewigen Weltgerichts, die die Grber ffnen wird und die Todten laden zum
Gericht des Herrn!
    Der junge Tschetschenze floh schaudernd von der schrecklichen Grabsttte.
Noch am selben Tage schied er von dem Grafen und seinem frhern Schulgenossen
und setzte die Reise nach Perecop und Kertsch fort; denn der Gedanke, die
Geliebte schutzlos unter seinen tapfern aber wilden Landsleuten zu wissen,
drngte ihn zur fieberhaften Eile. Ende Februar langte er in Chassaw-jurth an,
wo der Frst Tscheftsawadse sich aufhielt, und seine eigene Ungeduld
beschleunigte die Verhandlungen.
    Der 22. Mrz war der Tag, den der Emir selbst zur Auswechselung der
Gefangenen an den Ruinen des Forts von Schoib-Kapu an der Grnze der groen
Tschetschnia bestimmt hatte.
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    Die Krankheit des jungen Unterfhnrichs, des Einzigen, welcher aus jener
furchtbaren Nacht von dem Bataillon das Leben gerettet, fesselte ihn wochenlang
an das Haus des menschenfreundlichen Mennoniten und mit ihm den alten Grafen,
seinen Grovater und dessen treuen Diener. Nur langsam ging die Krftigung des
Jnglings wieder vor sich und sehnschtig sa er am Fenster des kleinen
Stbchens, das ihre Wirthe ihm eingerumt, und schaute den Kolonnen nach, die
Tag um Tag vorber nach dem Sden zogen zu Kampf und Ruhm.
    Der alte Revolutionair sorgte mit der Aufmerksamkeit und Liebe einer Mutter
fr jedes Bedrfni, fr jede Pflege des Enkels, whrend jedes seiner Worte ihn
fr seine Plne zu gewinnen berechnet war. Das Schweigen des Jnglings galt ihm
als Zugestndni fr die Erfllung seiner Wnsche, und schon bereitete er ihre
Abreise nach Odessa vor, um von dort nach Frankreich oder der Schweiz zu gehen,
als an einem Morgen der Unterfhnrich pltzlich verschwunden war. Ein
zurckgelassener Zettel zeigte ihm die Tuschung, in die er sich gewiegt, die
Worte lauteten: Tausend Dank und Segen fr Deine Liebe, Grovater, aber Michael
Lasaroff hat das Herz eines Russen und sein Platz ist in Ssewastopol!

                                    Funoten


1 Station.

2 Tumulen, alte mongolische Grabhgel.

3 Kohlsuppe und Grtze.

4 Brderchen - hufige Anrede gegen Untergebene.

5 Menoniten.

6 Oberst-Lieutenant.

7 Unter Kosziusko am 17. Juli 1792. Das Finis Poloniae! in der zweitgenannten
Schlacht gegen Suwaroff am 10. October 1794 ist bekannt.


    II. Nicht auf den Schlachtfeldern allein stirbt man den Heldentod fr's
                                   Vaterland!

Wir haben unsern Lesern im ersten Band unseres Buches, das sich seinem Ende
naht, versprochen, sie noch ein Mal in das Kabinet des mchtigen Monarchen zu
fhren, gegen den in diesem Augenblick das halbe Europa in Waffen stand.
    Der Kaiser war seit mehreren Tagen leidend - die in Petersburg mit groer
Heftigkeit herrschende Grippe hatte auch ihn ergriffen, und die Rastlosigkeit,
mit der er seine Thtigkeit fortsetzte, die Aufregung, der er sich ber die
politischen Ereignisse innerlich hingab, und die geringe Schonung seiner
Gesundheit hatten das Uebel von Tage zu Tage gesteigert. Obschon bis jetzt noch
keine Gefahr vorhanden war und sein Leibarzt Dr. Mandt dies auch anerkannte,
hatte dieser doch um Erlaubni gebeten, einen zweiten Arzt zuziehen zu drfen
und der Kaiser die Berathung seines gewhnlichen Leibarztes auf Reisen, des Dr.
Karell, bewilligt. Am Tage vorher hatten beide Aerzte dem kaiserlichen Herrn
ernste Vorstellungen gemacht und erklrt, da, wenn er nicht eine grere
Vorsicht eintreten lasse, sie fr die Folgen nicht stehen knnten.
    Trotz der Bitten der Aerzte und seiner Familie hatte der Kaiser sich
geweigert, sein gewhnliches Kabinet zu verlassen, das fr seinen Zustand durch
die Ecklage und die groen Fenster, auf die der Wind von zwei Seiten stie, sehr
unvortheilhaft war. Es herrschte in dem Zimmer kaum 10 bis 12 Grad Wrme,
whrend drauen der Thermometer auf 20 bis 23 Grad unter Null zeigte.
    Der Kaiser hatte eine schlaflose Nacht gehabt, nachdem er den ganzen Abend
vorher mit dem Staatskanzler Graf Nesselrode gearbeitet und nachher noch mehrere
geheime Berichte und Depeschen durchgesehen. Er hatte sich am frhen Morgen
ankleiden lassen und schon um 7 Uhr nach seinem alten Freunde und Vertrauten,
dem General-Adjutanten Grafen Orloff gesandt.
    Der riesige Graf - er war einer der grten und strksten Mnner Rulands
und tdtete im Jahre 1851, nach Staraia-Russia gesandt, um einen Aufstand in den
Militair-Colonieen zu dmpfen, mit einem einzigen Faustschlag einen jungen
Soldaten, der aus dem Gliede hervortrat - sa seinem kaiserlichen Herrn
gegenber an dem groen Arbeitstisch, der mit Papieren bedeckt war. Sein Antlitz
war ernst und sorgenvoll, das des Kaisers bla, nur von Zeit zu Zeit durch die
Anstrengungen des Hustens oder die innere Aufregung mit fliegender Rthe
bedeckt.
    Einhundertdreiundzwanzigtausend Mann - es ist nicht mglich, sagte der
Monarch heftig. Dolgorucki mu sich irren!
    Der Graf reichte ihm das Memoir, das er in der Hand hielt. Der Feldzug an
der Donau kostet uns 60,000, - Silistria allein den sechsten Theil. Die
Almaschlacht zhlt mit 6000, Balaclawa und Inkermann 9000, - in Ssewastopol sind
in den drei Monaten 18,000 gefallen, mehr als eben so viel sind dem Typhus und
der Cholera unterlegen oder untauglich.
    Es ist schrecklich - aber unsere Gegner haben fast eben so viel verloren.
Welches furchtbare Resultat und fr was?
    Der General schwieg. Ich mu der Sache klar in's Auge sehen, fuhr der
Kaiser fort, ich habe gestern bis 11 Uhr mit Nesselrode gearbeitet, um nochmals
alle unsere Aussichten zu prfen.
    Euer Majestt reiben sich auf mit dieser rastlosen Thtigkeit bei Ihrem
Unwohlsein. Ihr Leben ist das schtzbarste Gut Rulands.
    Wer wei - wer wei, alter Freund! Wir sind Beide Soldaten und wissen, wie
leicht jede Lcke sich schliet. Htte nur Kleinmichel mich nicht mit den
Straen im Stich gelassen, die Sache stnde anders. Wer htte von Oesterreich
Das gedacht!
    Ich habe Euer Majestt stets gewarnt, sich nicht von Meyendorf tuschen zu
lassen. Er ber Wien - Nesselrode ber London. Er war Metternich nicht gewachsen
und verlie sich blind auf seine Verwandtschaft.
    
    Ich wei, da Du die deutsche Partei nicht liebst, sagte kopfschttelnd
der Kaiser, Meyendorf trifft keine Schuld, Du selbst hast bei diesen
undankbaren Oesterreichern Nichts ausgerichtet. Was geschehen ist, lt sich
nicht ndern.
    Euer Majestt erinnern sich, da ich im Jahre 49 gegen die Hilfe ohne
Bedingungen war. Gromuth in der Politik ist immer ein Fehler und das Mglichste
zu fordern nie ein Schade!
    Der Monarch lchelte bitter. Das ist das Prinzip, nach dem Du beim Vertrag
von Adrianopel1 gehandelt. Und was ntzen uns jetzt diese Zugestndnisse? Hab'
ich nicht auf den undankbaren Allianztractat vom 2. December, den Oesterreich
mit Frankreich und England geschlossen, mich bereit erklrt, alle jene alten
Rechte zu opfern? Ich will Dir sagen, Alexei Feodorowitsch, wie es ist. Man will
in Wien den Frieden nicht, man glaubt die Gelegenheit gnstig, die Donau zu
gewinnen und schmt sich nicht, dafr die Liberalen Deutschlands in Bewegung zu
setzen.
    Sire, Ihr Schwager hlt fest! Er ist ein Ehrenmann auf dem Thron.
    Ich wei es und vertraue auf ihn. Oesterreich's Intriguen am Bundestag
scheitern an Preuens Festigkeit, und die franzsischen Noten werden ihre
Abfertigung finden. Ruland ist in der Schuld Preuens und mge es nie
vergessen, wenn die Zeit kommt, wo die andern Mchte sich fr seine jetzige
Neutralitt zu rchen suchen2!
    Der alte General schwieg - es war offenbar, da er erwartete, der Kaiser
solle ihn um einen Gegenstand befragen, und dieser zauderte ganz gegen seine
Gewohnheit damit. Er legte wiederholt die Hand auf den Tisch und ballte sie,
gleich als bemhe er sich, einen Entschlu zu fassen. Endlich wie erzrnt ber
sich selbst, heftete er seine Augen fest auf den Grafen und sagte mit leiser,
kaum hrbarer Stimme: Ich habe Dein Billet von gestern Abend erhalten. Der
Agent ist zurckgekehrt?
    Ja, Sire!
    Und er bringt die Antwort auf unsere Vorschlage?
    Der General nickte stumm.
    Heraus damit, Mann - man hat in Paris abgelehnt - man fordert grere
Vortheile? - Heraus damit, Orloff, fuhr er heftig fort, als der Graf trbe das
Haupt schttelte - Du kennst mich und weit, da ich Alles ertragen kann.
    Euer Majestt sind noch so angegriffen und aufgeregt -
    Gehrst auch Du zu Denen, die unter dem Vorwand, mich zu schonen, Glied um
Glied martern knnen? Nicht den Diplomaten verlange ich, sondern den Freund und
seine Wahrheit. Sprich denn, - er lchelte seltsam - vielleicht hab' ich wenig
Zeit mehr, sie zu hren.
    Sie wissen, Sire, da mein Bote ein zuverlssiger und gewandter Mann ist.
Er hat mit - dem Kaiser selbst verhandelt.
    Nun, und?
    Er hat eine vollstndige Zurckweisung erfahren.
    Die Hand des Monarchen ballte sich krampfhaft: Weiter - die Details!
    Sire - sie sind eine Beleidigung; ersparen Sie einem treuen Diener den
Schmerz, sie zu wiederholen.
    Nichts da - ich mu Alles wissen, jedes Wort, jede Sylbe! Die Stimme klang
ungeduldig.
    Die Instruction ist an Boucquenai3 bereits abgegangen, sich jetzt mit
unserm Zugestndni der Auslegung nicht mehr zu begngen - es sei zu spt.
    Was verlangt man?
    Sire - der Kaiser Napoleon kann Euer Majestt nicht vergeben, da Sie so
lange mit seiner Anerkennung gezgert - er hat Sie!
    Ich wei es - ich wute es lngst!
    Euer Majestt verletzten vielfach seinen Ehrgeiz - er will jetzt der erste
und wichtigste Mann in Europa heien, und das kann er nicht, so lange Euer
Majestt da sind.
    Will er mich vielleicht tdten lassen? sagte der Kaiser spttisch.
    Das nicht, Sire, dem das Leben der Monarchen gehrt Gott. Aber er will
Rulands Schande fr den Frieden - er verlangt -
    Sprich! - Die Augen des Herrn waren mit unwiderstehlicher Majestt auf den
Grafen gerichtet, der finster die seinen niedergeschlagen hielt.
    Sire - dieser Mann stellt eine Alternative, die Moskau und Paris vergessen
machen soll und von Ruland nicht angenommen werden kann, so lange noch ein
Tropfen russisches Blut in uns lebt. Er verlangt die Uebergabe Ssewastopols und
der Sdflotte an seine Armee oder -
    Das Auge blieb fest auf ihm haften.
    - oder Ihre Thronentsagung. Er knne und wolle sich nur mit einem andern
Regenten Rulands verstndigen, weil Euer Majestt wohl wten, da Sie ihn
persnlich beleidigt htten, - die Hand der Grofrstin -
    Still - kein Wort mehr! Er winkte gebietend mit der Hand, sttzte die
mchtige Stirn auf die Linke und versank in ein kurzes Nachdenken.
    Der Aufruf der Reichswehr, sagte nach einer Pause der General, wird uns
noch eine halbe Million Soldaten geben. Euer Majestt werden zwei Drittheil
Ihrer Armee im Sden concentriren knnen. Preuen und Kronstadt sichern
Petersburg - Ssewastopol wird sich halten, bis unsere Operations-Armee gengend
stark ist, um alle Feinde mit einem Schlage zu vernichten.
    Der Kaiser lchelte matt. - Du weit es besser, Orloff! Wir haben zehn
Jahre zu frh unser Werk begonnen - aber ich wollte es noch selbst thun. Ich
glaubte Ruland vor jenem Fluch der spekulativen Civilisation noch schtzen zu
knnen und unterliege ihm. Eine Eisenbahn nach dem Sden - und Europa htte
bereits eine andere Gestalt. Der Traum der Wiederherstellung der christlichen
Macht am Bosporus ist zu Ende - ich glaubte, das Testament meines Ahnen durch
erhabene Absichten adeln zu knnen, aber ich bin an den Mitteln gescheitert.
    Wir werden einen ehrenvollen Frieden erzwingen.
    Hre mich an. Wir haben drei Schlachten verloren, weil unsere Krfte den
Gegnern nicht gewachsen waren. Das war unser Fehler und unser Unglck beim
Beginn und es ist nicht wieder gut zu machen. Die Feinde haben das Meer als ihre
Strae, - die unsere braucht die vierfache Zeit, sie werden uns also immer
voraus sein im Ersatz ihrer Lcken und Hilfsmittel. Hier liegt der Vertrag
dieses nur durch seine Schmach mchtigen Englands mit Sardinien -: es lauft
15,000 frische Soldaten, wes es einst die Deutschen fr die Urwlder Amerika's
gekauft hat. Einem Palmerston ist das erlaubt. Ich aber durfte den Plan der
revolutionairen Propaganda, den der ungarische General mir brachte, nicht
annehmen, denn ich htte mit dem Geist meines ganzen Lebens gebrochen. Kampf
gegen die Revolution, so lange diese Hand den Degen halten kann.
    Ssewastopol wird den Feind ermden!
    Es wird und mu fallen. Totleben und meine braven Soldaten haben das
Unglaubliche geleistet, aber alle menschliche Kraft hat ihre Grnzen. Dolgorucki
hat Dir zwar die amtlichen Rapporte vorgelegt - dies geheime Memoir, das mir der
Grofrst Nicolaus gesandt, den ich selbst zum Ingenieur gebildet, giebt mir das
wohlgeprfte Urtheil bewhrter Mnner - Totleben's selber. Ssewastopol ist mit
der Sappe vertheidigt worden und wird durch die Sappe fallen. Die Feinde kannten
seinen schwachen Punkt nicht, weil weder Raglan noch Canrobert Ingenieure und
Feldherrn sind, und deshalb bat es sich gehalten. Sobald der Angriff auf die
Schiffervorstadt und die Korniloffski-Bastion concentrirt wird, ist das
Schicksal der Festung entschieden.
    Die Englnder haben diesen Posten und sie sind weder geschickt noch krftig
genug, um sie den dort frchten zu mssen. Die bersandten Plne des Barons
Osten-Sacken fr das System vorspringender und deckender Contre-Approchen und
Feldschanzen sind vortrefflich.
    Sie knnen die Vertheidigung verzgern, aber nicht den Fall hindern. Der
Korniloff-Hgel beherrscht die Sdseite und die Rhede.
    Euer Majestt sagen selbst, da der Feind falsch operirt.
    Aber er wird seinen Fehler verbessern. General Niel ist bereits in den
letzten Tagen des Januar im Lager angekommen, und er ist der beste Ingenieur,
den die Franzosen haben. Dieser Bericht der Spione hier meldet, da er bereits
vorgeschlagen hat, die Angriffsfronte zu ndern.
    So mu man die Entscheidung auf einen Wurf setzen. Lassen Sie Menschikoff
nochmals mit seiner Gesamtmacht angreifen, von der ganzen Garnison untersttzt.
Mgen sie sterben, sie Alle fr Ruland, wenn sie nur den Feind mit vernichten.
    Der Kaiser war aufgestanden - er trat jetzt um den Tisch und legte dem
riesigen alten Krieger die Hand auf die Schulter. Das kannst Du rathen, Freund!
ich habe andere Pflichten. Hundertachtundzwanzigtausend Mann tapferer Soldaten
stehen in und um Ssewastopol - sie mgen fr ihr Vaterland sterben, aber sie
drfen nicht leichtsinnig geopfert werden und Rulands Existenz am Pontus mit
ihnen. Oesterreich und dem Halbmond mssen wir dort auf alle Chancen gewachsen
bleiben und hier knnen wir keine Truppen mehr entbehren, denn Frankreich
agitirt unaufhrlich in Stockholm, und Finnland ist jeder Invasion offen.
    Aber was beschlieen dann Euer Majestt?
    Ich will den Frieden mglich machen!
    Der Graf sah den Czaren starr und offenbar ihn nicht verstehend an. -
Wollen sich Euer Majestt nher erklren?
    Spter - wir wollen ausfhrlicher berathen - ich wei ja jetzt Deine
Antwort von Paris.
    Snnen Sie sich Ruhe, Sire - Sie bedrfen derselben. Ich beurlaube mich.
    Der Kaiser winkte ihm freundlich; er hatte ihm den Rcken gekehrt und stand
vor dem Regal, das seine Handbibliothek enthielt. Ich werde Dich rufen lassen,
wenn es Zeit ist!
    Der General entfernte sich - unter der Thr rief ihn der Kaiser nochmals
zurck. - Welcher von den Flgeladjutanten4 ist an der Reihe fr die
Depeschen?
    Oberst Tettenborn, Sire.
    La ihn bereit sein, nach Baktschiserai abzugehen. - Ich halte es fr das
Beste, wenn Menschikoff auf seine Enthebung antrgt; - er ist ohnehin leidend
und es wrde unserm alten Freunde doch gar zu wehe thun, wenn gerade er, der den
Kampf so tapfer begonnen, unterliegen sollte.
    Der Graf wagte nicht, Etwas zu sagen; er verbeugte sich nochmals beklommen
und verlie das Gemach.
    Der Kaiser ging einige Male, die Hnde in einander verschlungen, auf und
nieder - ein heftiger Hustenanfall nthigte ihn, stehen zu bleiben. Dann trat er
wieder zu dem Bcherschrauk und nahm ein Buch heraus, mit dem er sich an den
Tisch setzte.
    Es war Stokes, des berhmten englischen Arztes Werk ber die Brust- und
Lungen-Affectionen.
    Der Kaiser las lnger als eine halbe Stunde aufmerksam darin - seine
mchtige Stirn hatte sich finster zusammengezogen, zuweilen perlte ein groer
Schweitropfen darauf.
    Das Rasseln der Gewehre der ablsenden Schildwachen drauen vor dem Palast
unter seinen Fenstern weckte ihn aus den tiefen Gedanken, mit denen er ber dem
Buche sa. Sein Auge traf auf die Madonna von Murillo und von ihr auf das
einfache Crucifix von Ebenholz mit dem bleichen weien Christusbilde, das
darunter hing; seine Hnde falteten sich, sein Haupt sank auf sie nieder - der
Kaiser betete.
    Als er sich erhob, ruhte sein Blick wenige Momente ruhig und traurig auf dem
Bildni der Kaiserin und seiner Lieblingstochter, der verstorbenen Grofrstin
Alexandra, das er selbst nach dem schnen Portrait von Brllow in der Kapelle
von Sarskoj-Slo copirt, denn der mchtige Herrscher beschftigte sich oft in
den wenigen Erholungsstunden, die er sich gnnte, mit der schnen Kunst der
Farben. Dann, den Kopf erhebend, sprach er fest sein Lieblingswort aus: Und
jetzt - im Dienst!
    Seine Hand drckte auf die Feder der kleinen Glocke - der dienstthuende
Kammerherr trat ein.
    Wollen Sie so gut sein, lieber Baron, sagte der Kaiser freundlich, und
Befehl geben, da mein Schlitten vorfhrt?
    Euer Majestt wollen ausfahren? stammelte dieser erschrocken.
    Warum nicht? - Die Garde-Reserven der Regimenter fr Litthauen sind zur
Revision in der Reitbahn kommandirt; ich bin nicht gewohnt, auf mich warten zu
lassen. Thun Sie also nach meinen, Wunsch.
    Der Kammerherr entfernte sich - wenige Minuten darauf kehrte er zurck, um
anzuzeigen, da der Befehl ertheilt worden. Der Kaiser hatte bereits den Helm
aufgesetzt und den Mantel umgenommen. - Majestt, sagte der treue Diener, im
Vorzimmer warten der Geheime Rath Mandt und Staatsrath Karell. Sie bitten,
vorgelassen zu werden. - Er hatte die Augenblicke benutzt, die beiden harrenden
Aerzte von der Absicht des Kaisers in Kenntni zu setzen.
    Ich wei, ich wei! sagte dieser ungeduldig, aber ich habe jetzt keine
Zeit, spter - am Abend oder morgen!
    Er ging an dem Kammerherrn vorbei durch die Reihe der Vorzimmer nach der
groen Treppe zu. Im zweiten fand er die beiden Leibrzte.
    Entschuldigen Sie, meine Herren, sagte der Kaiser, halb scherzend, im
Vorbergehen, aber ich bin in groer Eile. Nachher stehe ich Ihnen mit Puls und
Athem zu Diensten. - Sein erster Leibarzt, Dr. Mandt, ein geborener Preue, dem
er stets groes Wohlwollen und Vertrauen bewiesen, trat ihm jedoch khn in den
Weg. - Euer Majestt wissen vielleicht nicht, da drauen eine Klte von mehr
als 23 Grad herrscht. Wenn Euer Majestt meine Bitten auch nicht beachten, so
flehe ich Sie wenigstens an, das Urtheil meines Collegen Dr. Karell anzuhren.
Es ist meine Pflicht, darauf zu dringen.
    Der Kaiser war stehen geblieben, - ein Hustenanfall erschtterte heftig den
krftigen Krperbau trotz aller Anstrengungen, die er machte, ihn zu
unterdrcken. Zwei scharf begrnzte rothe Flecken zeigten sich auf seinen
Wangenknochen - er sah die beiden Aerzte ernst aber nicht mibilligend an.
    So reden Sie!
    Sire, sagte Dr. Karell mit fester Stimme, kein Militairarzt in der ganzen
Armee wrde einem Soldaten, der so krank wie Euer Majestt ist, erlauben, das
Hospital zu verlassen, weil er sicher ist, da der Patient es nur krnker wieder
betreten wird.
    Ich kann dem Urtheil des Dr. Karell nur beistimmen, fgte Mandt hinzu,
und wiederhole als Arzt die Forderung, als Unterthan die ehrfurchtsvolle Bitte,
da Euer Majestt in Ihr Zimmer zurckkehren.
    Das Schweigen des Kaisers war nur kurz - seine Stimme ruhig und den
unbeugsamen Entschlu verkndend, der keine Widerrede mehr duldet, als er sagte:
Ich danke Ihnen, meine Herren; Sie haben Ihre Pflicht gethan, lassen Sie mich
nun auch die meine thun. Damit ging er an den sich ehrerbietig Verbeugenden
hastig vorber. Sie sahen sich erstaunt und schmerzlich betroffen an. - - -
    Der Kaiser blieb zwei Stunden, nur in seinen Mantel gehllt - er besa nicht
einmal einen Pelz, - in dem kalten Exercierhause, und war trotzdem bei seinem
Fortgehen ganz in Schwei gebadet, denn er war sehr angegriffen, hatte stark
gehustet und fortwhrend ausgeworfen. Dennoch fuhr er, als er das Exercierhaus
verlassen, noch zu dem kranken Kriegsminister, Frsten Dolgorucki, ermahnte
diesen, nicht zu frh auszugehen, und kehrte dann erst in das Winter-Palais
zurck.
    Die Klte auf den Straen war schneidend!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Vormittag des 2. Mrz - in den Vorgemchern des kaiserlichen
Kabinets waren die obersten Palastdiener, die Minister, die Generle und hohen
Hofchargen zahlreich versammelt, und dennoch herrschte eine fast lautlose
Stille, nur zuweilen von einer leisen Frage an die langsam und traurig ab- und
zugehenden Kammerdiener unterbrochen. In den Augen ernster Staatsmnner,
schlachtengewohnter Krieger hingen Thrnen, finster und sorgenschwer falteten
sich die Stirnen, die Augen befragten sich stumm und ngstlich - gespannt
lauschte das Ohr auf jeden Laut aus dem Krankenzimmer.
    In allen Kirchen der groen Kaiserstadt lag das Volk auf den Knieen mit
seinen Geistlichen vereint im Gebet um das Leben des Czaren.
    Seit dem Abend des unglcklichen 22. Februar, an dem er noch darauf
bestanden, den Gebeten der ersten Fastenwoche beizuwohnen, hatte der Kaiser sein
Arbeitskabinet nicht mehr verlassen. Dort ertheilte er, auf dem Sopha liegend
und nur mit dem Mantel zugedeckt, am andern Tage dem Obersten und
Flgel-Adjutanten von Tettenborn noch Audienz und fertigte ihn mit Instruktionen
nach Baktschiserai ab. Am Abend lie er den Grofrsten Thronfolger zu sich
kommen und schlo sich mit ihm ein. Als nach zwei Stunden der Erbe Nulands das
Kabinet seines Vaters verlie, bemerkte man, da er auffallend bleich und erregt
aussah. Von diesem Augenblick an bernahm der Grofrst alle
Regierungsgeschfte.
    Vom 24. bis 27. Februar steigerten sich nur langsam die Erscheinungen der
Krankheit - erst in der Nacht zum 1. Mrz verschlimmerten sie sich reiend und
am Abend dieses Tages gaben die Aerzte die Hoffnung auf. Auf ihren Wunsch baten
die Kaiserin und der Thronfolger den Kranken, das heilige Abendmahl zu nehmen.
    Die Kaiserin hatte die ganze Nacht am Lager ihres Gemahls mit seinem
Leibarzt zugebracht. Es war 3 Uhr Morgens, als dieser dem Kaiser erffnete, da
seine Lunge in starke Mitleidenschaft eingetreten und eine Zhmung derselben zu
befrchten sei. Der Herr von Millionen von Menschenleben verstand, da der
Grere seine Zeit beschlossen habe. Keine Muskel in dem thernen Antlitz zuckte,
als er sich mit der Frage an seinen Arzt wandte: So mu ich sterben?
    Drei Mal setzte der treue Diener an, das verhngnivolle Ja auszusprechen,
- die Stimme versagte ihm, erst beim dritten Mal kam es ber seine Lippen.
    Der Kaiser faltete ruhig die Hnde - sein groes Auge wandte sich nach Oben
- das Ohr des Arztes allein vernahm das leise Wort, das er flsterte - es hie:
Ruland!
    Mit freundlichem Blick wandte sich der dem Tode geweihte Herrscher dann zu
dem Verkndiger der furchtbaren Botschaft und sagte, ihm die Hand reichend: Ich
danke Ihnen. Woher haben Sie den Muth gehabt, mir dies zu sagen?
    Dr. Mandt erwiederte, da er nur ein Versprechen erfllt habe, was er ihm
frher gegeben; da er es fr seine Pflicht gehalten, weil er wisse, da Er die
Wahrheit hren und ertragen knne.
    Der Kaiser nickte. Dann verlangte er das heilige Abendmahl und empfing es
ruhig und gefat - sein starker Geist hatte mit dem Himmel seinen Frieden
geschlossen, wie er ihn jetzt mit der Erde schlo. Er nahm Abschied von der
Kaiserin, den kaiserlichen Kindern und Kindeskindern, segnete und kte jeden
Einzelnen mit fester Stimme dabei den Segen sprechend und ihnen Gre auftragend
fr die beiden entfernten Shne auf den Schlachtfeldern von Ssewastopol. Die
Familie mute sich dann entfernen, er behielt nur die Kaiserin und den
Thronfolger bei sich.
    Das geschah 4 Uhr Morgens.
    Gegen sechs Uhr bat er die Kaiserin, sich etwas zur Ruhe zu legen. Ihre
Antwort war: La mich bei Dir, ich mchte mit Dir heimgehen, wenn es mglich
wre! - Der Kaiser sagte darauf: Nein, Du mut noch hienieden bleiben; sorge
fr Deine Gesundheit, damit Du der Mittelpunkt der ganzen Familie sein kannst.
Gehe nur, ich werde Dich rufen lassen, wenn der Augenblick herannaht.
    Jedes Wort bei diesem erhabenen Sterben war einfach und erhaben wie der
Scheidende selbst.
    Die Kaiserin verlie still weinend das Gemach - als sie die Schwelle
berschritten, muten ihre Kammerfrauen sie forttragen.
    Der sterbende Herrscher lie dann die Grafen Orloff und Adlerberg, den
Minister des kaiserlichen Hauses, und den Kriegsminister Frsten Dolgorucki
eintreten - diese drei Mnner aus seiner Jugend, die ein ganzes Menschenleben
neben treuen Unterthanen ihm treue Freunde gewesen waren.
    Der Kaiser dankte ihnen fr diese Treue und nahm Abschied von ihnen. Sein
Auge begegnete ruhig und fest dem unruhigen vorwurfsvollen Blick Orloff's.
Spter lie er seine spezielle Dienerschaft kommen, segnete sie und nahm
Abschied von ihr. Der ersten Kammerfrau der Kaiserin, von Rohrbeck, dankte er
besonders fr ihre Pflege dieser und trug ihr einen Gru auf an sein liebes
Peterhof.
    Der Kaiser, schon schwer athmend, befahl hierauf selbst, seinen nahen Tod
nach Moskau, Warschau und Berlin zu telegraphiren und traf mehrere Anordnungen
fr sein Begrbni, das er mglichst einfach wnschte. Dann - es war gegen 10
Uhr - wandte er sich mit der Frage an den Arzt, wie lange der Proze der
Auflsung zu dauern pflege.
    Weinend antwortete ihm Dr. Mandt: Zwei Stunden.
    
    Jetzt trat eine schreckliche Stille ein - die Sprache hatte den Kranken
verlassen - er betete still, sich oft bekreuzend, nachdem er die Hand seiner
zurckgekehrten Gemahlin in die des Ober-Presbyter Bajanow, seines Beichtvaters,
gelegt.
    Diese Zeit der Stille war erhaben furchtbar. Die Hand der Gattin trocknete
zitternd von Zeit zu Zeit mit ihrem Tuch die Perlen des Todesschweies von der
bleichen Stirn des Sterbenden5. -
    Bald nach eilf Uhr wurde der Thronfolger abgerufen und entfernte sich leise.
Als er zurckkehrte, hielt er zwei Briefe in der Hand - die der so eben
eingetroffene Sohn des Frsten Menschikoff nebst den Depeschen ber den
Reiterangriff Chruleff's auf Eupatoria berbracht hatte.
    Der Blick des durch das Gerusch aufmerksam gemachten Leidenden traf den
Thronerben. Dieser beugte sich ber ihn und flsterte: Briefe von meinen
Brdern aus Ssewastopol - willst Du sie lesen?
    Der Kaiser winkte verneinend - er hatte die Sprache wiedergefunden und sagte
laut: Es wrde mich wieder auf die Erde zurckfhren! Gre meine tapfern
Soldaten von Ssewastopol und danke ihnen in meinem Namen!
    Einige Minuten nachher sprach er mit eben so krftiger Stimme:
    Ditez  Fritz, de rester toujours le mme pour la Russie, et de pas oublier
les paroles de Papa!
    Es war sein letzter Gru an die Erde - sein Testament fr Ruland!
    Der letzte Todeskampf begann - lange noch ruhte sein brechendes Auge auf den
beiden Grofrsten, den jngern Gliedern der Familie und auf der Kaiserin, deren
Hand er in der seinen behielt und wiederholt drckte. Alle Anwesenden lagen auf
den Knieen - das leise Murmeln der Sterbegebete von den Lippen des Priesters
klang allein durch das Gemach.
    Sie beteten fr ihn - er betete mit ihnen, da Gott der Herr sein
unsterblich Theil barmherzig empfangen mge. - - -
    Um 12 Uhr 10 Minuten verkndete Dr. Mandt, da der Herrscher von Ruland so
eben verschieden sei.
    Nach dem Urtheil der Aerzte ist selten ein Mensch so leicht und schmerzlos
gestorben, wie Kaiser Nicolaus!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Von Berlin brachte der Telegraph - zum ersten Mal shnend jene
unheilschwangere drngende Eile der Neuzeit - des Kniglichen Freundes und
Bruders frommes Trosteswort der heiligen Offenbarung:
    Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben. Ja, der Geist spricht, da
sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach!

                                    Funoten


1 1829 von Graf Orloff geschlossen.

2 Neuenburg!!!

3 Der franzsische Gesandte in Wien.

4 Das Institut der zahlreichen General- und Flgel-Adjutanten des Kaisers
bildete gleichsam seine Executive. Als Vollstrecker seiner persnlichen Befehle
flogen sie nach allen Richtungen des weiten Reichs, Strafe, Reform und Belohnung
bringend.

5 Dies Tuch wurde spter von der Kaiserin einem der treuesten Verehrer und
Freunde ihrer Gemahls, dem bekannten Vorleser seiner Majestt des Knig von
Preuen, Hofrath Louis Schneider, als erhabenes Andenken an den groen Todten
bersandt.


                        III. Lagerbilder. Die Englnder.

Mit dem Orkan am 14. November hatten die furchtbaren Leiden der englischen Armee
vor Sebastopol begonnen. Der wolkenbruchartige Regen hatte dazu die ganze Gegend
von Balaclawa bis zur Front in einen Sumpf verwandelt und die Verwstungen, die
er angerichtet, waren ber alle Beschreibung. Von smtlichen ohnehin uerst
schlecht construirten Zelten blieben nur drei im ganzen Lager stehen, - der
Sturm war so heftig, da er ganze Gefhrte umwarf, Tische und Balken
fortschleuderte, da sich die Menschen am Boden festhalten muten, um nicht
fortgerissen zu werden, und da die Soldaten verzweifelt danach riefen, zum
Sturm gegen die russischen Batterieen gefhrt zu werden, weil sie wenigsten
durch die Karttschen umkommen wollten und nicht durch den Orkan. Die fliegenden
Lazarethe, welche die mehr als jmmerliche Sanittsverwaltung in Zelten
eingerichtet hatte, wurden in den ersten Stunden schon zerstrt, der Sturm brach
die Sttzen, ri die Zeltdecken fort und die Kranken wlzten sich in dem
fuhohen Schlamm, berstrmt von dem Regen. Stabsoffiziere und Gemeine krochen
mit den notdrftigsten Kleidungsstcken, die sie aus der umherwirbelnden
Zerstrung gerettet, in den Schutz von Hgeln, Erdwrfen und Feldmauern; selbst
die kommandirenden Generale unterlagen dem allgemeinen Elend, Lord Lucan z.B.,
der Befehlshaber der Kavallerie, mute stundenlang bis an die Kniee im Schlamme
zwischen den Trmmern seiner Htte sitzen. Gegen Mittag war Schneegestber
eingetreten und die Berge ringsum waren bald in eine weie Decke gehllt. Viele
Soldaten fand man am Morgen vor Klte und Nsse umgekommen. Mitten in der Nacht
- whrend aller Schrecken der Natur - berbrllte eine furchtbare Kanonade von
den Batterieen Sebastopols die Wuth des Sturmes, und die Bomben zischten und
prasselten in weiten Bogen durch die zrnenden Lfte.
    Aber die schwersten Folgen des Orkans kamen erst nach. Whrend in der
Kamiesch-Bucht, dem franzsischen Ausschiffungpunkt, unter der Kriegs- und
Transportmarine die grte Ordnung herrschte, war in Balaclawa eine Verwirrung
und Willkr, wie sie keine Feder beschreiben kann. Eine groe Anzahl von
Transportschiffen, mit Lebensmutteln, Fourage und Lagerbedrfnissen belastet,
hatte auf Befehl drauen vor dem Hafen auf einem felsigen Meeresgrund von 35-40
Faden Tiefe vor Anker geben mssen, von 1200 Fu hohen Felsen umgeben, obgleich
es bekannt war, da die Rhede in dieser Jahreszeit heftigen Strmen ausgesetzt
ist. Bei dem Orkan gingen diese Schiffe mit vielen Mannschaften elendiglich
unter, sie zerschellten an den frchterlichen Klippen, deren Anblick allein
schon das Herz des khnsten Seemanns mit Entsetzen fllen kann. Dadurch entstand
Mangel an Lebensmitteln und Fourage. Man hatte berdies versumt, den Weg von
Balaclawa nach dem Lager whrend der trockenen Witterung auszubessern, und er
befand sich jetzt durch das Regen- und Schneewetter in einem Zustande, da er
einer tiefen Kloake glich und der Transport fast unmglich wurde.
    In der Nacht des 28. November war berdies die Cholera ausgebrochen und ihre
Verheerungen steigerten sich von Tage zu Tage. Schon zu Anfang December starben
im englischen Lager durchschnittlich tglich 80 bis 90 Menschen. Auerdem
wtheten der Scorbut und bse Fieber. Von den 20 Schiffslieutenants der
Marine-Brigade konnten am 1. December nur noch fnf Dienste thun. - - -
    Es war am Nachmittag des 13. Januar. - Die vor den englischen Linien gegen
den Malachof angelegten Schtzengruben waren mit Scharfschtzen von
verschiedenen Regimentern besetzt. Jede der Gruben, mehr als 100 Schritte vor
den uersten Linien, fate 10 Mann incl. eines Offiziers und war fr beide
Parteien eine der gefhrlichsten Waffen. Sie bildeten frmlich vorgeschobene
Redouten, verlorene Posten, allnchtlich den Angriffen des Feindes ausgesetzt,
aus denen aber whrend des Tages durch die Lcken der den Rand umgebenden
Erdscke ein scharfes Bchsenfeuer auf Alles unterhalten wurde, was sich
auerhalb des Schutzes der Wlle oder der Laufgrben sehen lie. Wer den Kopf
ber die Brstung neugierig erhob, konnte sicher sein, im nchsten Augenblick
ein halbes Dutzend Kugeln um seine Ohren pfeifen zu hren, wenn er sie berhaupt
noch hren konnte.
    Die Mannschaften in den Laufgrben wurden nur alle 24 Stunden abgelst und
die Schwche der englischen Armee war bereits so gro, da die Soldaten
wchentlich drei bis vier Mal diesen anstrengenden Dienst hatten. Eben so
erfolgte die Ablsung in den Gruben nur alle 24 Stunden und jedes Mal bei Nacht,
da whrend des Tageslichts die Batterieen des Feindes das Terrain nach allen
Richtungen bestrichen.
    Wir fhren den Leser in das Innere einer solchen Grube, um ihm eine Probe zu
geben von den furchtbaren Schrecken, welche die englische Armee nicht
decimirten, sondern bereits fast vernichtet hatten.
    Ein Offizier vom 95. Regiment, der uns bereits bekannt ist, jetzt in Folge
der Inkermann - Schlacht Capitain Stuart, befand sich in der mittleren Grube.
Auer ihm waren ein Fhnrich und sieben Mann darin, - der Zehnte fehlte, man
hatte seine Leiche vor einer Stunde ber den kleinen Erdwall geworfen, der die
gefhrliche Stellung gegen den Feind hin decken sollte.
    In dem engen Raum herrschten Elend und Noth in vollem Maae. Es gehrte ein
scharfes Auge damals dazu, die britischen Offiziere von ihren Untergebenen zu
unterscheiden. Eine rothe Uniform war fast nur noch bei den fortwhrend
eintreffenden und dennoch die Lcken nur sprlich fllenden Ersatzmannschaften
zu erblicken und bald genug war ihr Glanz im Schlamm und Koth verschwunden. Der
junge Mann, der neben dem Capitain auf einem Stein kauerte, die Fe bis ber
die Knchel in dem Schlamm und Schneewasser, das den Boden der Grube bedeckte,
trug freilich noch eine solche unter dem Soldatenmantel, aber eine alte
Pelzmtze von tatarischer Form, die ihm sein entfernter Verwandter Stuart
geliehen, hllte bereits den Kopf ein. Darunter sah ein feines aristokratisches
Gesicht hervor; - der arme Bursche, der nene Fhnrich der Compagnie, der
O'Malley's Stelle eingenommen, war der jngere Sohn eines englischen Peers und
im Glanz des Reichthums erzogen, bis ihn der Familiengebrauch mit 50 Pfund
Zuschu hinausstie in die Welt und Alles fr ihn gethan zu haben glaubte, indem
er ihm eine Offiziersstelle in einem Infanterie-Regiment kaufte. Fhnrich
Ellisdale war erst vor sechs Tagen mit den letzten Ersatzmannschdaften
eingetroffen und sein Traum von Ruhm und Ehre war in der kurzen Frist bereits
klglich zusammengeschmolzen.
    Sein lterer Vetter, in dessen Compagnie er glcklicher Weise gekommen, war
als bewhrter Soldat besser geschtzt gegen die Klte und Nsse. Hohe
Matrosenstiefel, damals ein sehr gesuchter Artikel und in Balaclawa mit dem
fnffachen Preise bezahlt, reichten bis ber die Mitte der Schenkel. Ein
tatarischer zerrissener Pelz, starrend von Schmuz und Fett, von dem
bergeschnallten Sbelgurt zusammengehalten, bildete die Hauptbekleidung,
whrend die Mtze mit einem dicken rothen Tuch umwunden worden. Aehnlich waren
die meisten Soldaten bekleidet, - Flicken von allen mglichen Farben und Stoffen
zierten als Ausbesserung Jacke und Beinkleider, - drei von den armen Teufeln
aber hatten ein jmmerliches zerrissenes Schuhzeug, und die Lappen und Binden,
mit denen sie ihre Knchel und Fe umwunden, waren nur geringer Schutz gegen
die Feuchtigkeit und Klte.
    Aber noch nicht genug dieses Elends, - auch Krankheit und Schmerz herrschten
in der schrecklichen Hhle. Der eine der Soldaten litt frchterlich an der
rothen Ruhr, einem andern hatte eine russische Bchsenkugel den linken Arm
zerschmettert, als er unvorsichtiger Weise beim Zielen ihn ber die Deckung
hinausgestreckt. An wundrztliche Hilfe war nicht zu denken, bevor die Ablsung
in der Nacht erfolgt war. Der Capitain hatte den armen Menschen, so gut es gehen
wollte, verbunden, aber das schmerzliche Sthnen des Mannes unterbrach oft das
Gesprch der Andern, das mit der Gleichgltigkeit gefhrt wurde, zu welcher die
unbeschreiblichen Beschwerden bereits gegen die Leiden des Nchsten fast jedes
Herz verhrtet. An der einen Ecke der Brustwehr, den Kopf hinter derselben
verborgen und das Mini-Gewehr durch eine Oeffnung im Anschlag stand der Soldat,
an welchem die Reihe des Postens war, whrend an der andern kaum 6 Fu
entfernten Seite Mick der Irlnder, der wackere und heitere Diener des frhern
Fhrers der Compagnie, die Sphwache hielt nach dem Artilleriefeuer der Russen.
    Capitain Stuart fhrte die Aufsicht ber die drei Schtzengruben, die vor
diesem Punkt der englischen Linien angelegt waren und hatte ein kurzes
Schneegestber um Mittag benutzt, um, auf dem Bauch fortkriechend, von seinem
Standpunkt in der mittelsten die zur rechten Seite zu besuchen. Das rasche
Aufhren des Schnees und das scharfe Feuer der Feinde fesselten ihn jetzt in
dieser.
    So haben Sie also Cavendish gesehen, Ellisdale, sagte er, die kurze Pfeife
aus dem Munde nehmend und im Gesprch fortfahrend, wie geht es dem Burschen?
    Um vieles besser, als da Sie ihn selbst besuchten, Vetter. Die Wunde in der
Brust ist geschlossen, das russische Bajonet hat keinen der edlen Theile
verletzt und er hofft in hchstens vier Wochen wieder beim Regiment zu sein.
    Beim Regiment - er wird sich verteufelt wundern, was davon noch brig ist.
Mickey und ich und drei oder vier Andere sind so ziemlich Alles, was Inkermann,
die Cholera und die Klte von der Compagnie im Dienst gelassen haben, die in
jener hllischen Redoute unter dem tapfern Armstrong focht.
    O Akushla, mein Liebling, warf Mickey ein, es ist brav von Ihnen,
Capitain, wenn Sie auch nur ein Schotte sind, da Sie so gut sprechen von meinem
seligen Herrn. Ich habe mir immer Vorwrfe gemacht, da ich ihn um vier
Schillinge betrog bei dem Verkauf der Rumflasche in jener gesegneten Nacht.
    Ich sah, wie Du ihn aus dem Kampfe trugst, Bursche, und das wiegt manche
Deiner Snden auf, sagte gutmthig der Offizier. Es ist mir lieb, da
Cavendish davonkommt, da ich jetzt nicht mehr auf seinen Tod zu warten brauche,
um meinen Rang zu erhalten; auerdem kann der Bursche uns jetzt seine famose
Tigergeschichte zu Ende erzhlen. Aber wie gesagt, er wird sich wundern, obschon
es dem 95. nicht allein so gegangen. Das 63. Regiment hatte gestern noch 7 Mann
diensttchtig und Goldies 46. noch 30. Die schottischen Garde - Fsiliere, die
1562 Mann stark nach der Krim kamen, zhlen jetzt einschlielich der
Offiziersbedienten und Corporale noch 210 Mann, - und in den meisten Brigaden
steht es eben so1.
    Es sind 12 Regimenter seit vierzehn Tagen eingetroffen, drei von Corfu,
eins aus Athen, drei von Malta, das 17., 39. und 89. von Gibraltar und zwei aus
England, Sir, sagte ein Corporal, ich hrte es gestern in Balaclawa, als ich
mit dem Fhnrich dort war.
    Ja, aber sie werden kaum ausreichen, den Ausfall der Divisionen zu
ergnzen. Der Lord hat, nach dem vorgestrigen Tagesbefehl, ihre Zahl ohnehin
schon auf vier auer der leichten reduciren mssen. Doch erzhlen Sie mir,
Lionel, wie es Ihnen in Balaclawa ergangen ist. Der Major beklagt sich, da Sie
kaum ein Drittheil des Proviants mitgebracht.
    Eine Kugel aus der dritten Schiescharte. schrie Mickey dazwischen.
Muscha - sie zielten wahrhaftig hierher!
    Rechts oder links vorbei, Bill, sagte der Corporal zu seinem Nachbar, es
gilt eine Pfeife Taback!
    Grade aus ber den Kopf! rief ein Anderer. In demselben Augenblick duckten
Mick und der wachhaltende Schtze in die Grube nieder und zugleich berschttete
die in den niedern Erdwall einschlagende und ber ihre Kpfe hin ricochettirende
Vollkugel die ganze Gesellschaft mit einer Menge Erde und Schlamm.
    Damned! - Du hast wahrhaftig Glck, sagte ruhig der Verlierende, es ist
wirklich meine letzte Pfeife.
    Sie stehen in der Blendung so dicht wie die Sperlinge, schrie der
Irlnder, schon wieder auf seinem Posten; schie, Jenkins, mein Junge! Eine
Kugel fr den Burschen, der so toll wie ein Mrzhase auf der Brstung steht!
    Der Schu krachte bereits. Mick, als er den russischen Offizier fallen sah,
hob sich mit halbem Leibe ber den Grubenrand und schwang jubelnd die Mtze.
Aber sogleich ri eine Kugel aus dem nchsten russischen Versteck sie ihm aus
der Hand, als Lection fr die eigene Unvorsichtigkeit. Zugleich brachte von der
andern Seite her ein ziemlich derber Rippensto des Capitains, verbunden mit
einer wenig verbindlichen Verwnschung, ihn zur Ruhe. Beschmt und ziemlich
trbselig beschaute der Irlnder seine Hand. Heiliger Patrik! sagte er
rgerlich, eine so schne Kappe! ich habe sie Lieutenant Egerton vom Kopf
genommen, als er am letzten gesegneten Freitag im Laufgraben von der Bombe
zerrissen wurde und htte sie mein Leben lang tragen knnen. Das hat man davon,
wenn man sich darber freut, da so ein russischer Spitzbube an einer ehrlichen
Kugel stirbt, statt an seinen verdammten Fiebern zu krepiren! Die Andern
lachten ihn aus, whrend der Kranke in seinem Winkel noch jmmerlicher sthnte,
und Mick kraute sich in den Haaren, deren dicke Wirrni ihm ziemlich die
verlorene Kopfbedeckung ersetzte.
    Stuart wiederholte seine Frage nach Balaclawa, hauptschlich um den jungen
Mann, dessen Krper und Seelenkrfte sichtbar unterlagen, von seinem Brten
abzuziehen.
    Der Teufel hole das Nest, das eine wahre Hlle ist, und den Weg dahin,
sagte der Angeredete. Dieser Weg ist Nichts, als ein Sumpf, in den mich Ihr
elender Gaul nicht weniger als drei Mal warf, da ich von oben bis unten mit
einer faustdicken Kruste bedeckt war. Gott! wenn mich Cousine Ella oder auch nur
die Grfin, meine Mutter, in dem Aufzuge gesehen htte - sie wren des Todes
geworden. Pferdeleichen am Rande dieses Tmpels alle zwanzig Schritt weit. Viele
Thiere so erschpft, da sie unterwegs zu Boden fallen und die Rationen, welche
sie schleppen, vollends ungeniebar werden.
    Goddam! warf der Capitain ein, es fallen tglich an fnfzig Stck; es
sollen keine dreihundert dienstbare Pferde mehr im ganzen Lager sein!
    Menschen wateten und stolperten durch diesen Schlamm uns entgegen, oder
setzten sich mit furchtbaren Flchen auf einen hervorragenden Stein, Bilder von
Schmutz und unaussprechlichem Jammer. Siechthum und Entbehrung fast in allen
Gesichtern - manche der unglcklichen Soldaten sah ich, bei denen die Krankheit
eben zum Ausbruch gekommen, in ihren Leiden am Rande des Weges sich winden -
ohne Hilfe, denn Jeder denkt hier nur an sich selbst. Dazwischen eine Escorte
mit dem halb durchweichten Schiffszwieback beladen, das hier fast die einzige
Nahrung scheint; - Mnner, die man eher fr Straenruber nach ihrem Aussehen
halten sollte, als fr britische Offiziere, auf einem rattenschwnzigen Pony,
mit Reihen von Zwiebeln oder einem Sack Kartoffeln und ranzigen Wrsten behngt,
vorn auf dem Sattel ein Paar magere Hhner oder ein Stck Salzfleisch - ber das
Alles ein Regen, der bis auf das Mark der Knochen erkltet und nur aufhrt, um
sich in stechenden Hagel zu verwandeln.
    Ich wei es, der Weg ist furchtbar! meinte der Capitain; es war schon im
December unmglich, nachdem man seine Ausbesserung versumt, die Htten fr das
Lager herauf zu transportiren. Alles Gefhr wurde ohnehin damals fr die Kanonen
und die Munition in Beschlag genommen, statt Magazine im Lager anzulegen, und
man bekmmert sich den Teufel darum, was aus den Soldaten wrde. Der Lord sitzt
in seiner warmen Htte wochenlang beim Schachspiel und denkt nicht daran, durch
die Laufgrben zu kriechen, wie Canrobert thun soll. Sie wollen eine Eisenbahn
bauen, wie ich hre, aber sie wird fertig werden, wenn die Armee erfroren und
verhungert ist. Doch erzhlen Sie von Balaclawa und wie es kam, da Sie so wenig
zurckbrachten.
    Der Fhnrich schauderte. - Mir ist so unwohl - die Klte dringt mir
ordentlich an's Herz. Wenn ich nur einen einzigen Schluck Rum htte!
    Der Capitain schttelte vergeblich seine Flasche. - Ich gab den letzten
Tropfen an Mac-Mahon, den kranken Sergeanten, der dort in der Grube links mit
sechs Andern liegt. Warum brachten Sie auch nicht wenigstens ein Fchen von dem
schlechten Commissariatszeug?
    Wir hatten drei Fa bei uns und ich trug selbst eins mit an der Stange,
klagte der junge Offizier, da ein betrunkener Matrose Ihr Pferd gestohlen und
damit auf und davon galoppirt war. Den Corporal hatte ich nach dem Matrosenlager
geschickt, weil mir gesagt worden, da alle verschwundenen Pferde dort
anzutreffen sind. Wir legten es einen Augenblick nieder, als die Axe an der
Karre brach, auf der die Brotscke und die anderen Fsser lagen, um Hilfe zu
holen, und ich sprach die Zuaven darum an, die an der Marschlinie Wache halten.
Der Teufel hole sie! -wie das Rudel Aasgeier, die rings umher auf den todten
Pferden und Ochsen saen, fielen sie ber die Karre her, im Nu waren die
Brotscke zerschnitten, die Zwiebeln gestohlen, die Fsser aufgeschlagen und der
Rum vertheilt. Nur das Fchen, das ich selbst fr die Compagnie mitgeschleppt
und auf das ich mich zum Schutz setzte, konnte ich retten. Nicht einmal das Holz
an der Karre lieen sie uns; die Halunken meinten spttisch, sie brauchten es,
um den Grogk dabei zu kochen, mit dem sie auf unsere Gesundheit trinken
wollten.
    Ja, ja - es sind prchtige Kerle, unsere Freunde, die Zuaven - immer
lustig, gesund und wohlgenhrt, ob von Katzenfleisch oder von englischem Speck,
ist ihnen gleich. Aber verteufelte Spitzbuben sind die Burschen. General Bosquet
lieh uns neulich ein halbes Regiment von ihnen und 500 Pferde und Maulthiere, um
Munition und Mundvorrath herauszuschaffen, und wahrhaftig! die Sacrs arbeiteten
wie die Bren trotz aller Tollheiten A propos - haben Sie schon gehrt, Vetter,
wie wir um 200 Maulthiere gekommen sind, die wir in Varna gelassen und mit dem
Jason erwarteten?
    Nein, es ist mir auch gleich, da sie doch nicht da sind und wir ihre Stelle
vertreten mssen.
    Hren Sie zu, mein guter Gesell, es wird Sie wenigstens zerstreuen. Man mu
sagen, unsere Verbndeten, die Trken, haben eine eigenthmliche Art, ihre
Rechnungen zu schlieen. Der Jason brachte also am 30. nur 100 Pferde und
Maulthiere, von denen mehr als die Hlfte schon wieder den Hunden und Geiern zur
Nahrung dienen, und einen dicken Trken, unter dessen Obhut sie in Varna
zurckgelassen worden. Als er auf das Commissariat kam, trugen zwei Mnner einen
groen Sack ihm nach Von den Dreihundert, die Du mir anvertraut, sagte der
wrdige Sohn Mahomeds, sind Zweihundert gefallen. Da hast Du den Beweis; zhle
nach! - Dazu schtteten die Mnner den Sack aus, und 400 Pferde- und Eselsohren
lagen vor dem erstaunten Ober - Commissair. Ich htte das lange Gesicht sehen
mgen! Aber ich wette, der Mashallah hatte uns ber unsere eigenen Ohren gehauen
und in Varna die von allem krepirten Vieh fr einige Piaster zusammengekauft.
    Stop, Capitain! Der whistling Dick kommt!
    Der pfeifende Dick war der Beiname, den die englischen Soldaten kolossalen
Kugeln von 16 Zoll im Durchmesser gegeben hatten, die 18 Pfund Pulver enthielten
und aus einem bestimmten Mrser von einem Flo im Binnenhafen geschleudert
wurden. Sie hatten bei ihrem Niederstrzen eine Kraft von wohl 500 Centnern und
verbreiteten Tod und Verstmmelung rings um sich her.
    Man hrte deutlich das Pfeifen der Bombe, wie sie nher kam, ihr
Aufschmettern in dem Boden und dann ihr Zerplatzen. Alle in der Schtzengrube
hatten sich unwillkrlich so tief als mglich niedergebeugt.
    Der Henker hole das Ungethm, wo es hinschlgt, wchst kein Gras mehr.
Fahren Sie fort, Vetter, in Ihrem Berichte. Sie werden sich doch wenigstens das
Rumfa nicht unter'm Leibe haben wegstehlen lassen? Dennoch sitzen wir hier im
Trocknen.
    An Versuchen fehlte es nicht, - inde ich zeigte den Burschen meinen
Revolver, und spter kam ein franzsischer Offizier dazu, bei dessen Anblick sie
verschwanden, als htte die Erde sie aufgenommen. Als ich aber in's Lager kam
und meinen Unfall rapportirte, meinte Oberst Jea, es sei billig, da unser
Bataillon den Verlust trge, und confiscirte das Fa zur Theilung an die beiden
anderen.
    Das ist fatal und gegen den alten Burschen lt sich keine Einrede wagen.
Seit man ihn fr die Alma und Inkermann schmhlicherweise bei der Befrderung
bergangen, obschon er der Klgste und Tapferste in der ganzen Armee war, ist
ohnehin kein Auskommen mit ihm. Wie fanden Sie es in Balaclawa selbst?
    Sehen Sie Dante's Aufschrift zur Hlle darber, und Sie behandeln das Nest
noch unverantwortlich gut. Keine Worte knnen seinen Schmuz, seine Greuel, seine
Hospitler, die Begrbnisttten, die todten und sterbenden Trken, die
vollgedrngten Gassen, die stinkenden Schuppen, die ganze suische Umgebung und
den Verfall beschreiben. Alle von Pest und Seuche entworfenen Schilderungen, von
der Bibel an bis zu Boccac, Defo und Moltke, erreichen noch lange nicht die
einzelnen Bilder von Seuche und Tod, die man auf einem einzigen Gange durch
Balaclawa dutzendweise sieht. Die sterbenden Trken haben jedes Gchen und jede
Strae zu einer Cloake gemacht, und die schrecklichsten Formen des menschlichen
Jammers, die in der ersten Stunde das Herz erschttern, lassen bald
gleichgltig, da man ihnen auf jedem Schritt begegnet. Ich hob die Bastdecke,
die vor dem Thorweg einer elenden Htte hing, in welcher ich Jammer und Sthnen
und Gebete zum Propheten hrte, und sah auf einer Stelle und in einem Augenblick
eine Anhufung von Leiden und Greueln, die mein ganzes Leben lang meine Trume
vergiften wird. Die Leichen lagen noch auf derselben Stelle, wo die
Unglcklichen gestorben waren, mitten unter den Lebenden, und die Letzteren
boten einen ber alle Vorstellungen der Phantasie gehenden Anblick. Die
gewhnlichsten Einrichtungen eines Hospitals fehlen, der Gestank ist entsetzlich
- die faule Luft findet nur durch die Ritzen in Wnden und Dchern Abzug, durch
die der Regen und Wind seinen freien Einzug erhlt, und so weit ich beobachten
konnte, sterben diese Menschen hier, ohne da man den geringsten Versuch macht,
sie zu retten2.
    Sie waren in unserm eigenen Lazareth - wie fanden Sie es dort?
    Nicht besser, als in den fliegenden Baracken, die man zu gleichem Zweck im
Lager hlt. Ich sprach mit Cavendish darber, die Aerzte sind Dummkpfe oder
reichen nicht aus.
    Wir kennen das. An der Alma fanden sich Chirurgen, die in ihrem Leben noch
keine Arterie unterbunden hatten und einen armen Teufel als unheilbar verbluten
lieen, der einfach durch den Arm geschossen war.
    Die Luft ist auch hier verpestet, erzhlte der Fhnrich weiter; nicht
einmal hinreichend Stroh war vorhanden und die Commissaire weigerten sich, neue
Verband- und Medicinvorrthe herauszugeben, obschon ein Transportschiff im Hafen
sie an Bord hatte, blos weil das Sanitts - Departement in London noch keine
Ordre dazu gegeben hat.
    Verdammt sei das schndliche System in unserer Armee! meinte der Schotte.
Diese Legion von Protokollen und Schreibereien lastet wie ein Fluch auf uns. Da
haben wir das Zeugamts-Departement, das Sanitts - Departement, das
Commissariats-Departement und das eigentliche Militair - Departement, und alle
diese Departements haben ihre eigenen Chefs und keines kmmert sich um das
andere, sondern geht seinen Schlendrian fort.
    In der That, es geht toll und verrckt her auf den Werften, wenn man diese
Kothberge so nennen mag. Capitain Keen von den Ingenieuren hat 4000 Tons Bretter
und Balken zum Httenbauen nach Balaclawa gebracht, aber er kann Niemand finden,
der sie bernimmt oder aus den Schiffen ausladet. Unterde erfrieren unsere
Soldaten unter freiem Himmel oder den leichten Zelten. Ein Theil der Vorrthe an
Winterkleidern ist mit dem Prince auf der Rhede untergegangen, ein Schiff mit
Winterkleidern fr die Offiziere, wie ich hrte, bei Constantinopel verbrannt.
Dennoch wre immer noch genug vorhanden, wenn man es nur vertheilen wollte. Man
hat wochenlang offene Lichterschiffe mit warmen Ueberrcken und Handschuhen fr
die Mannschaften im Hafen allem Regen und Schnee preisgegeben, und als man die
Sachen an's Land brachte, wollte Niemand sie in Empfang nehmen, ohne durch
Befehl ermchtigt zu sein.
    Der Erzhler, dem die Bewohner des traurigen Aufenthalts mit Ingrimm
lauschten, machte unwillkrlich eine Pause und prete die Hnde gegen den Leib.
Sein Gesicht verzerrte sich und er wand sich einige Augenblicke in heftigem
Schmerz, der jedoch zum Glck bald wieder vorber zu gehen schien, denn er fate
sich gewaltsam und fuhr fort:
    Ich selbst sah auf dem Werft im Regen und Schnee neben den aufgetrmten
Kugeln und Bomben Berge von warmen Filzstiefeln, Rcken und anderen
Kleidungsstcken, von Brot und Salzfleisch, Theekisten und hundert anderen
Dingen. Eine Schildwache stand dabei und man sagte mir, da sie dort seit zehn
Tagen lagerten, whrend wir hier - keine Stunde davon - Noth an Allem haben.
    Und erzhlten Sie dies dem Obersten Yea?
    Ich sagte ihm Alles und er schwor, wenn er binnen drei Tagen nicht Proviant
und Kleidungsstcke habe, wolle er mit den Schotten nach Balaclawa marschiren
und mit dem Bajonnet sich das Seine holen.
    Bei der Distel von Schottland - er ist der Mann, Wort zu halten.
    Die Sterblichkeit unter den Trken in Balaclawa und auch unter unseren
Leuten ist furchtbar, man trgt die geschwollenen Leichen halb nackend whrend
aller Stunden des Tages durch die Straen und scharrt sie wenige Zoll tief in
groe Gruben am Abhang des Hgels - ich sah ihrer in den wenigen Stunden mehr
als siebenzig an mir vorber bringen. Sturm und Regen splen die leichte
Erddecke bald herab und die verwesenden Gebeine der Todten ragen aus den
Hgelseiten und verbreiten neues Miasma, und nicht blos whrend der Nacht halten
die Geier und wilden Hunde hier - - - er unterbrach seine Rede mit einem
schmerzlichen Aufschrei und prete die Hnde fest auf den Leib.
    Was ist Ihnen, Lionel? - halten Sie sich wacker, mein armer Bursche, wir
haben ja nur noch wenige Stunden in diesem Hllennest auszuhalten.
    Der junge Mann wand sich in bitteren Leiden. - Ich werde die furchtbare
Krankheit bekommen, sthnte er, man wird mich in jene schrecklichen Lazarethe
bringen und das ist mein Tod. O, wenn ich nur etwas Warmes erhalten knnte!
einen einzigen Becher heien Kaffee's! - es knnte mich retten.
    Sein Verwandter sah rathlos umher. - Wir haben wohl Kaffee bei uns, aber
keinen Span von Holz, wir mten denn unsere Bchsenschfte verbrennen. Armer
Junge, das war kein Land fr Sie! und solche Burschen schicken sie uns
duzendweis.
    Der Irlnder hatte mit Theilnahme die Noth seiner Offiziere gesehen. -
Muscha, sagte er, das Dings da schaut aus wie eine Axt von einem der Kerle
mit den langen Brten, und das da drben ist, wenn ich richtige Augen mit auf
die Welt gebracht habe, ein umgehauener Baum oder ein Balken von den
Schanzgrbern. Holz woll'n wir schon kriegen, Sir, wenn nur der Capitain einen
Augenblick meinen Posten einem Andern zutheilen will. Damit begann er, sein
Gewehr zurcklassend, bereits ber den Rand der Grube zu klettern.
    Capitain Stuart wollte ihn zurckhalten. - Kerl, Du bist rasend! Du bist
durchlchert wie ein Sieb, ehe Du zwanzig Schritt zurckgelegt hast.
    Aber Mickey war bereits aus der Grube und wackelte langsam und ohne seine
Pfeife ausgehen zu lassen, auf den Baum zu, nachdem er mit einer -
unbeschreiblichen Geberde nach den russischen Schanzen hin seine Verachtung
aller Gefahr ausgedrckt hatte.
    Lassen Sie ihn gewhren, Sir, sagte der Corporal, es ist ohnehin zu spt
und ich habe oft gesehen, da Tollheit und Uebermuth am besten gegen die Kugeln
fest machen. Wir wollen lieber die Burschen auf den Wllen und in den Gruben im
Auge behalten.
    In der That erwies es sich so, wie der alte Soldat prophezeiht. Des tollen
Irlnders Uebermuth war sein bester Schutz, denn whrend er gemchlich begann,
einen Vorrath von Spnen abzuhauen, schienen die Russen zuerst ganz erstaunt
ber dies kalte Blut. Bald genug iedoch knatterte ein bleierner Platzregen um
den seltsamen Holzhacker her, der aber noch ganz ruhig eine Zeit lang
fortarbeitete. Die Russen, dadurch noch wthender gemacht, feuerten nun um so
leidenschaftlicher, und selbst drei Mal mit einer Kanone, deren Vollkugel kaum
zwlf Schritt zur Seite ber die Ebene schlug, ohne da sich Mick deshalb im
Geringsten beeilte. Offenbar rettete ihn nur die Leidenschaftlichkeit der
Feinde, die sie nicht zum ruhigen Zielen kommen lie, auerdem aber unterhielten
die besten Schtzen der seinen und der nchsten Grube, sobald man den khnen
Streich des Mannes bemerkt, ein scharfes Feuer auf Alles, was sich vom Feinde
blicken lie, und Capitain Stuart scho selbst einen der Kanoniere in der
Schiescharte nieder, aus der man die Kanone auf den Irlnder gerichtet. Dennoch
schtzte ihn eben nur der Zufall, whrend seit diesem bald in der ganzen Armee
bekannten Vorgang riele seiner Kameraden den Irlnder als kugelfest verschworen.
    Der Verwegene sah sich endlich die abgehackten Spne an, schien zu
berlegen, ob es genug seien, kauerte dann nieder und sammelte das Holz in
seinen groen Feldmantel, latschte zurck durch die ununterbrochenen Salven und
sprang unversehrt mit seinem Schatze wieder herab, nachdem er den Russen noch
mit der Faust gedroht. Man sah's ihm an, er hatte in seiner echt nationellen
Sorglosigkeit keine Vorstellung davon, welcher Gefahr er sich eben ausgesetzt,
denn kaum da er im Schutz der Grube sich befand, traf eine vierte Kanonenkugel
des Feindes, der jetzt die Richtung gefunden, den Stamm und zerschmetterte ihn.
    In einem kleinen Feldkessel wurde das Feuer angemacht, da der Boden zu na
war, um zur Unterlage zu dienen, und eine groe zinnerne, lngst geleerte
Feldflasche diente dazu, mit den Schneewasser starken Kaffee zu bereiten, wovon
lieber nach wiederholten Auflagen seinen Antheil bekam, denn Mickey war
frsorglich gewesen und hatte auch an etwas Warmes fr sich gedacht. Die
Leiden des jungen Offiziers linderten sich, obschon hufig Fieberschauer durch
seine ohnehin vor Klte bebenden Glieder fuhren; dagegen starb bald darauf unter
schrecklichen Convulsionen der Soldat, den die Ruhr berfallen. Man hob die
Leiche zu seinem Kameraden ber den Grubenrand.
    Die Schrecknisse und Gefahren der kleinen Besatzung in der Schtzengrube
sollten mit diesem zweiten Todesfall jedoch noch nicht ihr Ende erreicht haben,
obschon bereits der Abend Hereinzubrechen begann. Die Russen feuerten jetzt
hufig mit Karttschen ber die Flche, theils um Wagnisse, wie das
vorhergegangene, unmglich zu machen, theils um den Rckzug an den
Schtzengruben zu verhindern. Dazwischen zischten von Zeit zu Zeit Bomben ber
ihren Kpfen und schlugen mehrmals unfern von ihnen in den Boden, sich dort im
Zerspringen ein trichterfrmiges Loch whlend.
    Capitain Stuart sah nach seiner Uhr. - Ich mu Sie verlassen, Vetter,
sagte er, und auf alle Gefahr versuchen, die Grube links zu erreichen, um von
dort die Signale fr die ganze Linie steigen zu lassen, denn verschiedene
Anzeichen beweisen mir, da die Feinde sich bereit machen, bei eingetretener
Dunkelheit einen Ausfall zu machen, und wir mssen auf unserer Hut sein. Halten
Sie - er vollendete nicht, denn das Krachen einer einschlagenden groen Bombe
unterbrach ihn und ein gellender Angst- und Hilferuf bertnte selbst den Donner
der Geschtze.
    Heiliger Patrik - es ist der pfeifende Dick!
    Wo - wo? - die Kugel mu in die Trancheen gefallen sein.
    Nein, nein - da links - sehen Sie - die Grube - unsere Kameraden!
    Die Mnner hatten sich bereits ber den Rand der ihren erhoben, unbekmmert
um die Gefahr; - in der Richtung, in der die mittlere Schtzengrube lag,
wirbelte eine Erd- und Dampfwolke in die Hhe - im Dmmerlicht glaubten sie eine
menschliche Gestalt zu schauen, die auf den Rand der Grube emporsprang, zwei Mal
mit den Armen wild durch die Luft schlug, im nchsten Augenblick aber in einem
aufzischenden Feuerstrahl verschwand - sie meinten die zerrissenen Glieder
umherfliegen zu sehen, - ein Krachen, ein Zifchen, einzelne Eisenstcke der
springenden Bombe flogen durch die Luft - dann war Alles bis auf die Rauchwolke
ber dem unglcklichen Platz verschwunden und nur ein vereinzeltes Feuer der
Geschtze aus den russischen und englischen Batterieen unterbrach in
regelmigen Intervallen die furchtbare Stille.
    Die Mnner in der Grube waren zurckgetaumelt in deren Inneres bei dem
Anblick, dessen Schrecken die Blitzesschnelle und Undeutlichkeit noch vergrert
hatten. Der Capitain hatte die Augen mit der Hand bedeckt. - Der Allmchtige
sei ihren Seelen gndig! - sieben wackere Bursche, wie sie die Ksten Englands
nur jemals in Kampf und Tod gesandt, sind in einem und demselben Augenblick zur
Ewigkeit abberufen.
    Wie, Capitain, sagte der Fhnrich, sie sollten Alle getdtet sein?
Vielleicht sind Einzelne nur verwundet - -
    Die Bombe mu mitten unter sie geschlagen sein, selbst der Mann, der sich
trotz des Luftdrucks zu retten versuchte, mute zu Atomen zerrissen werden. Das
Schreckliche kommt glcklicherweise nur selten vor, aber der traurige Fall vor
uns ist nicht der einzige und wird nicht der einzige bleiben. Lassen Sie uns ein
Vaterunser beten als gute Christen fr Sergeant M'Mahon und seine Tapfern, und
dann leben Sie wohl, denn die Russen haben eine Pause gemacht mit ihren
hllischen Karttschen und ich mu sie benutzen. - In zwei Stunden werden Sie
abgelst, wenn wir dann noch am Leben sind.
    Es war finster geworden whrend der letzten Scene und Capitain Stuart schien
im Schutz der Dunkelheit glcklich auf seinem Stationsposten angekommen zu sein,
denn etwa eine halbe Stunde nach seiner Entfernung, die er grtentheils auf dem
Boden fortkriechend bewirkt hatte, sah man von dort eine blaue Leuchtkugel
emporsteigen als Zeichen fr die Laufgrabenwachen, auf ihrer Hut zu sein.
    Die Russen schienen jedoch an Nichts weniger zu denken, als an einen
Ueberfall. Das Feuer war nach und nach schwcher geworden und hatte endlich ganz
aufgehrt. Der Wind hatte sich nach Sden gewendet und es trat Thauwetter ein.
Von den Tschernaja - Hhen und der Nordseite der Festung leuchteten groe
Wachfeuer, - die ffentlichen Gebude in der belagerten Stadt schienen
illuminirt, selbst in den Batterieen sah man Lichtreihen hin- und herziehen. Und
jetzt klang durch die eingetretene Stille majesttisch von der Stadt her, wie in
jener Nacht vor Inkermann, das volle Gelut aller Glocken, das die Bewohner und
die Besatzung zur Wladimir - Kathedrale und den andern Kirchen der Stadt rief.
    Die Englnder wuten sich anfangs die Erscheinung nicht zu erklren, bis der
Fhnrich sich erinnerte, da der gregorianische Kalender um zwlf Tage
zurckdatire und die Russen daher an heutigen Abend erst ihr Neujahr feierten.
    Der Schein der Freudenfeuer machte einen traurigen Eindruck auf die armen,
halb verhungerten und erfrorenen Teufel in den britischen Laufgrben und
vorgeschobenen Posten, und sie harrten mrrisch und nur selten ein Wort
wechselnd, von Krankheit und Gefahren zum Tode erschpft, der Ablsung, die nun
bald im Schutze der Nacht kommen mute.
    In der That hrte man, als die Zeit herannahte, Tritte - doch das
krieggewohnte Ohr des Corporals wollte darin nicht den Schritt der Patrouillen,
sondern das compacte Marschiren einer groen Masse erkennen. Der Fhnrich hatte
erst bei dem eingetretenen Thauwetter empfunden, da einer seiner Fe erfroren
war und nur mit Mhe bewegt werden konnte. - Mick, der Irlnder, sphte fr ihn
am Rande der Grube.
    So wahr ich im Fegefeuer schwitzen werde, wenn mich nicht irgend eine Seele
herausbetet, sagte der sorglose Bursche. Ihl habt Unrecht, Corporal. Ich hre
deutlich das Kommando von den Laufgrben her kommen und meine Ohren sind gro
genug, um so eben ein gesegnetes Goddam zu verstehen.
    Dann kommt Freund und Feind zugleich, flsterte der alte Soldat, denn von
der Bastion her naht eine dunkle Reihe und ich hre ihren Tritt! - Feuer,
Kameraden, da wir die Unsern warnen! - Er scho sein Gewehr in die Nacht
hinein ab. Ein donnerndes Urrah antwortete dem Schu und verkndete, da er
Recht gehabt. Dann strmte unter wildem Kampfruf eine breite, festgeschlossene
Reihe ber die Flche daher und gegen die Gruben und die erste Linie - - -

                                    Funoten


1 Offizielle Zahlen.

2 Wir benutzen zu diesen Schilderungen die wrtlichen Berichte der Times, um uns
gegen den Vorwurf der Uebertreibung zu sichern!


                          IV. Der Ausfall. Die Russen.

Die Nachricht von dem Tode des Kaisers hatte zunchst dumpfen Schrecken und
Schmerz - dann das Gefhl erbitterter Rache in den Herzen der braven Besatzung
von Ssewastopol hervorgerufen.
    Man hatte die erste Kunde durch einen Ueberlufer aus dem Lager der
Alliirten erhalten - das electrische Fluidum ber Wien und Varna lief rascher,
als die Couriere ber Moskau und Perecop.
    Jeder Zusammensto mit dem Feinde ward seitdem noch blutiger, mrderischer,
denn zuvor. Das Testament des Kaisers, sein letzter Gru an die Tapfern hatte
die Begeisterung, den Fanatismus zum wildesten Ha gesteigert.
    Wir haben bereits erwhnt, da seit der Uebernahme des Kommando's in
Ssewastopol durch den General-Adjutanten Baron Osten - Sacken das
Vertheidigungssystem ein anderes geworden. Man war aus der Defensive in die
Offensive bergegangen, und in der That waren whrend fast dreier Monate die
Belagerer mehr die Belagerten, als die Garnison der Festung.
    Seit der Nacht zum 11. December hatten die Ausflle der Besatzung mit
wechselndem Glck, aber mit stets gleicher Khnheit ununterbrochen die Feinde in
Allarm gehalten und sie gezwungen, zu allen Stunden eine zahlreiche Menge
Truppen in den Trancheen zu halten, was die durch Krankheit, Mangel und
Witterung erschpften Armeen noch mehr aufrieb. Die Namen Golowinski, Birjulew,
Titof, Actachof, Sawalischin, Rudakowski und andere mehr, werden als die khner
Fhrer gewagter Unternehmungen immer glnzen auf den Blttern der russischen
Kriegsgeschichte jener Tage.
    Doch nicht auf solche Ueberflle allein beschrnkte sich die Taktik der
Kommandanten. Wir wissen aus dem Munde des Kaisers selbst, wie gut man den
gefhrdetsten und wichtigsten Punkt der Festung auf russischer Seite kannte, den
Malakoff - Hgel (weien Hgel) mit seinem Thurm - jetzt zum Andenken an den
gefallenen Helden die Kornilofski - Bastion genannt. Daher galt es, hier die
Vertheidigungswerke auf das Mglichste zu strken.
    Totleben war rastlos thtig im Entwerfen neuer Plne und das tapfere Genie -
Corps der Festung unermdlich in ihrer Ausfhrung. Mit zauberhafter Schnelle
wuchsen ber Nacht neue Werke empor und die erstaunten Feinde sahen am Morgen
Wlle und Schanzen, wo sie vielleicht schon am nchsten Tage ihre Pakallelen zu
ziehen gehofft hatten.
    Gegen die unterirdischen Arbeiten der Franzosen, namentlich vor der
Mast-Bastion, wurde mit Erfolg ein System von Contreminen gefhrt. Contre -
Approchen und Feldwerke wurden zur Deckung des linken Flgels vergeschoben. Das
Selenginski'sche Regiment erbaute in der Nacht zum 23. Februar auf der rechten
Seite der Kilenschlucht, also auf seither dem Gegner preisgegebenem Gebiet, die
nach ihm benannte Redoute, so berraschend und pltzlich, da der verduzte Feind
den Bau nicht einmal zu stren suchte. Erst in der folgenden Nacht versuchte
General Monet mit 5 Bataillonen die Russen aus den noch unvollendeten und noch
nicht armirten Werken zu vertreiben, wurde aber mit furchtbarem Verlust durch
das Bajonnet und das Feuer der auf der Rhede ankernden Dampfschiffe Wladimir,
Chersones und Gromouosz zurckgetrieben.
    In der Nacht zum 1. Mrz wurde noch weiter vorgeschoben ein zweites Werk
erbaut, die Wolinski'sche Redoute. Beide, durch Trancheen verbunden und
Schtzengruben vor sich, deckten jetzt den linken Flgel der russischen
Stellung, die Bastione I. und II. bis gegen den Malakoff hin. Auch bei diesem
kamen die russischen Ingenieure den Arbeiten der Franzosen zuvor, welche in
Folge des drch General Niel angerathenen neuen Angriffssystems jetzt den Posten
der Englnder auf dem rechten Flgel (also gegen Bastion I., II. und III.)
[Malakoff] eingenommen hatten, und erbauten in der Nacht zum 11. Mrz auf einem
etwa tausend Schritt vor der Kornilofski - Bastion liegenden und dieselbe
bestreichenden wichtigen Hgel die Lnette Kamtschatka.
    Von diesen drei so khn vorgeschobenen Werken aus bedrohten die Russen die
Belagerungsarbeiten durch fortwhrende neue Ausflle, whrend der Feind
wiederholte Strme auf diese Werke unternahm, die Strme von Blut kosteten, aber
tapfer zurckgeschlagen wurden, so namentlich der Sturm auf die Lnette am 17.
Mrz.
    Am 20. Mrz war der neuernannte Ober - Befehlshaber der Krimm - Armee. Frst
Gortschakoff, in Ssewastopol eingetroffen - er kam, um den Tod eines der Helden
von Ssewastopol, des jungen Contre - Admirals Istomin, zu betrauern, der am Tage
vorher bei dem Bombardement, das die Verbndeten gegen die Schiffer - Vorstadt
und die Werke des linken russischen Flgels gerichtet, deren Kommandant er war,
in der Kamtschatka - Lnette getdtet worden.
    Am 22. Mrz endlich hatten die Franzosen die Schtzengruben vor der Lnette
erobert; - die Englnder hatten die Aufmerksamkeit fr den Bau der neuen
russischen Werke benutzt, um ihrerseits vom sogenannten grnen Hgel aus, der
Chapman - Batterie zwischen dem Labordonaja- und Sarakandina - Grund, eine
dritte Parallele gegen den Redan - die Bastion Nr. III. - vorzutreiben. Sofort
beschlo der Frst, die Gegner aus diesen Stellungen zu werfen.
    Es war am Nachmittag des 22. Mrz; - die Mast-Bastion, von deren Hhe wir
der Erffnung der Kanonade auf die bedrngte Stadt beigewohnt, war nebst ihren
Aufgngen und bedeckten Wegen gefllt mit Soldaten, die, in Gruppen
umherlagernd, ihre Waffen in Stand setzten, kochten oder schliefen.
    Es sind Jger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotski'schen
Jger-Regiments und des 6. Wolinski'schen Reserve-Bataillons auer der
Besatzmannschaft der Bastion; das Feuer, das mit den gegenberliegenden
franzsischen Batterieen gewechselt wurde, ward von beiden Seiten nur schwach
und in Intervallen unterhalten. Schrfer und rascher donnerte es von dem
stlichen Ufer der Sdbucht herber.
    Eine ernste feierliche Stimmung schien in der ganzen zahlreichen Besatzung
vorzuherrschen und das Gesprch der Offiziere belehrte alsbald ber die Ursache.
    Vor einer der Erdhtten, die am Eingang der Bastion zahlreich zum Schutz
gegen die feindlichen Kugeln gegraben waren, sa eine Gruppe von Offizieren, in
ihre grauen Mntel gekleidet, rauchend und sprechend. Das Werk bot jetzt
freilich einen sehr verschiedenen Anblick gegen damals, als die Belagerung
erffnet wurde. Der Platz ist schmuzig, von allen Seiten mit Schanzkrben,
frischen Erdaufschttungen, Kellern, Plattformen, Erdhtten umgeben. Groe
eiserne Geschtze stehen umher und Kugeln liegen in unregelmigen Haufen dabei.
In der Mitte, halb versunken in den Koth, liegt ein demontirter Mrser, der noch
nicht fortgeschafft werden konnte. Der Infanterie-Soldat, der als Schildwacht an
der Batterie auf-und abschreitet, zieht nur mit Mhe die Fe aus dem klebrigen
Schlamme hervor - berall sieht man Splitter, nicht gesprungene Bomben,
verdorbene Waffen. Die Tranchee, die an dem Innern des Berges hinauf luft zum
Eingang der Bastion, wird von den Leuten fast gar nicht mehr benutzt, sie setzen
sich lieber den Gefahren des daneben her laufenden offenen Weges aus, statt bis
an die Knie in dem dnnen Schlamm zu waten. Auch die Russen haben entsetzlich
gelitten whrend des Winters durch das Schwert der Feinde und die grulichen
Lazarethfieber - aber ihr Muth, ihre Hingebung ist ungebrochen, und selbst das
Matrosenweib in ihrer alten Schubeika und den Soldatenstiefeln schreitet keck
und unbekmmert um die feindlichen Kugeln nach der Bastion, ihrem Manne eine
Suppe oder einen wrmenden Trnk zu bringen.
    Bei Lieutenant Birjulew, durch die grne Marineschrpe kenntlich und durch
viele khne und glcklich geleitete Ausflle whrend der letzten Zeit bei den
Soldaten sehr beliebt, saen mehrere Kameraden von verschiedenem Rang und
verschiedenen Corps: Capitain Thonagel vom 4. Sappeur-Bataillon, dessen Brust
das Georgen-Kreuz schmckt fr die Ingenieurarbeiten in der Mast-Bastion1,
Oberstlieutenant Sazepin, Lieutenant Tokarew von den Ochotsker Jgern und der
Fhnrich Ssemenski.
    Sie waren in der Stadt bei dem Begrbni, Sazepin, sagte der
Sappeur-Capitain, und es kann uns also nicht wundern, Sie heute so auffallend
traurig zu sehen. Fhlt doch der geringste Matrose und Soldat gleich uns den
Schmerz um den braven Istomin. Ich bitte Sie, erzhlen Sie uns von dem Begrbni
des Wackern.
    Der Podpolkawnik hatte Kopf und Arm auf das Knie gesttzt in tiefes Sinnen
verloren gesessen und fuhr jetzt aus diesem empor. Ich wei nicht, sagte er
verstimmt, was mit mir vorgeht, aber diese Bestattung mahnt mich unwillkrlich
daran, wie bald auch mir die Stunde schlagen mag!
    Bah - dafr sind wir Soldaten und mssen jeden Augenblick zum Abmarsch
bereit sein, meinte Birjulew, seine Papiercigarre drehend. Ueberdies haben Sie
vorlufig keinen gefhrdeten Posten, da Woschtschenski an Achbauer's2 Stelle
getreten und die Trancheen von der Redoute Schwarz bis zu uns vollendet sind.
    Der Oberstlieutenant strich mit der Hand ber sein Gesicht und entgegnete:
Sie haben Recht, - ich dachte nur einen Augenblick an Frau und Kinder, aber
Jurkowski's Beispiel leuchtet uns vor, der jetzt am Malakoff kommandirt und
erklrt hat, da nur das Grab oder schwere Verstmmelung ihn von dort entfernen
wrden. Als man ihm gestern die Botschaft von seiner Frau aus Simpheropol
brachte, die das erste Bombardement hochschwanger mit sechs Kindern hier mit uns
erlebt, da sie von der Cholera ergriffen dem Tode nahe sei und ihn bitten
lasse, nur auf einen Tag hinber zu kommen, antwortete er: Nicht auf eine Stunde
kann ich meinen Posten verlassen!
    Echt spartanisch! brummte der Jgerlieutenant.
    Ja, spartanisch - spotten Sie immerhin. Tokarew! Die Thaten des klassischen
Alter hums reichen nimmer an diese Aufopferung, die wir tglich hier von dem
Geringsten sehen, whrend er wei, da sein name spurlos in der Menge
verschwinden wird. Oder wgt die Forderung der spartanischen Mutter: Mit dem
Schilde oder auf dem Schilde! etwa hher, als gestern die Antwort Ihres
Kameraden Wickhort, da er schwer verwundet fortgetragen wurde und der General
ihn fragte, welche Belohnung er wnsche, ob das Georgen-Kreuz oder Befrderung:
Lassen Sie eine neue Bombenkanone auf die vierte Bastion bringen!? - Doch Sie
wollen von Istomin's Begrbni hren? In der Wladimir-Kathedrale liegt er
begraben gleich neben Korniloff, und Nachimoff, der Dritte im Bunde unserer
Seehelden, beugte sich ber die Gruft und ich sah seine Thrnen fallen auf den
Sarg. Aber er seufzte nicht nach dem gefallenen Waffenkameraden, sondern nach
dem Loos, das jenem gestattete, die Entehrung der russischen Seeflagge nicht
lnger mit anzusehen, die Mentschikoff ihr auferlegt. Denn gleich darauf, als
General Osten-Sacken ihm vorstellte, da er ihm in seiner Eigenschaft als
Truppenkommandant der Festung verbieten msse, sich der Gefahr noch lnger
ebenso tollkhn auszusetzen, wie der Gefallene gethan, da sein Leben fr Ruland
unschtzbar sei, - da antwortete der Admiral ihm trotzig: Euer Excellenz wrden
dasselbe thun, wenn man Ihnen den Sbel ander Hand nhme und Sie mit einer
Fuchtel bewaffnen wrde.
    Der Marinelieutenant reichte dem Erhler die Hand: Er hat Recht - Gott mge
ihn wenigstens uns erhalten. Aber dennoch meine ich, hat die Marine auch hier
auf dem Lande ihre Schuldigkeit gethan.
    Das hat sie - und der Ruhm der Vertheidigung Ssewastopols gehrt ihr zur
groen Hlfte. Jetzt schmlert sie uns Soldaten ihn noch bei den Ausfllen, bei
denen sie immer voran!
    Haben Sie Ihre nheren Instructionen schon erhalten fr heute Abend, Herr
Kamerad?
    Birjulew halte sich leicht fr das Compliment verneigt. Noch nicht, Herr
Oberstlieutenant. Ich kenne nur im Allgemeinen den Zweck und wei allein, da
unsere Diversion zur Untersttzung der Hauptattaquen unter Generallieutenant
Chrulef von der Kamtschatka-Lnette und der griechischen Freiwilligen des
Frsten Morusi von der Bastion III. dienen soll. Aber ich erwarte sie jeden
Augenblick.
    Man mu gestehen, der General en chef hlt ein gutes Entree. Ich wnsche
nur, da er so fortfhrt.
    Man hegte eigentlich kein besonderes Vertrauen auf seine Energie, sagte
vorwitzig der Fhnrich. Er soll beraus vorsichtig und schwer von Entschlssen
sein.
    Das ist es, was man dem Frst-Admiral eben nicht zum Vorwurf machen
konnte, fiel der Sappeur ein, inde ist es eine wichtige Eigenschaft fr den
Feldherrn. Etwas mehr Vorsicht htte uns Inkermann nicht verlieren machen.
    Ssoimonof's Versehen trug die Schuld. Der Frst war einer jener Kolosse von
Erz, fr die es Zuflle und Mglichkeiten nicht giebt. Es ist merkwrdig, da
diese harte Natur mitunter so viel Laune und Gemthlichkeit bewies. Ist er
bereits abgereist?
    Gestern Morgen. Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein. In Petersburg
galt er frher als Witzbold. Barjatinski hat uns manche hbsche Anekdote von ihm
erzhlt.
    Richtig! Sein Epigramm auf den Herzog von Leuchlenberg und dessen Georg
brachte ihn ja eine Zeit in Ungnade. Aber er war stets ein tapferer Soldat. Die
Eroberung von Anapa begrndete seinen Ruf.
    Bei Varna, fgte der Podpolkawnick bei, rollte ihm eine matte Kanonenkugel
ber den Fu, whrend er eine Prise Schnupftaback nahm. Ader nicht ein Krnchen
ging ihm verloren, whrend er sagte: Htte der Bursche so viel Pulver mehr
gehabt, wie ich hier zwischen den Fingern halte, so htte ich ein Bein weniger.
    Die Anekdote mit dem Knopf ist kostbar und soll durch alle europischen
Zeitungen die Runde gemacht haben.
    Bitte, lassen Sie hren, Birjulew, ich kenne sie nicht, bat der
Jger-Offizier.
    Ei sie in bald erzhlt. Capitain Beaufort von den britischen leichten
Dragonern war bei Balaclawa gefangen genommen und zur Heilung einer Wunde nach
Simpheropol gebracht worden. Bald darauf gingen durch Gelegenheit eines
Parlamentairs Briefe fr ihn ein, und da es Vorschrift, da alle Schreiben an
und von Kriegsgefangenen vor der Uebergabe gelesen werden, geschah dies auch mit
den Briefen des Capitains. Einer davon - der Englnder gehrt zur Peerage - -
war von einer Dame. Sie bat ihn. Ssewastopol so bald als mglich einzunehmen,
damit er zu den Almaks noch in London sei, aber auch Frst Mentschikoff in
Person nun Gefangenen zu machen und ihr zum Beweis seiner Tapferkeit einen Knopf
von des Frsten berhmten Paletot mitzubringen. Als dem britischen Capitain
dieser Brief bergeben wurde, fand er einen andern dabei von des Frsten eigener
Hand, der in englischer Sprache und mit groer Hflichkeit ihm schrieb, er habe
den Brief der jungen Lady gelesen, bedaure, ihrem Verlangen weder mit
Ssewastopol noch mit seiner Person entsprechen zu knnen, schtze sich aber
glcklich, mit dem beiliegenden Knopf das gewnschte Andenken ihm fr die Schne
zustellen zu knnen.
    Die kleine Geschichte verbreitete einige Heiterkeit in dem Kreise, erst die
Ankunft eines Offiziers vom Stabe, von einem Unterfhnrich gefhrt, unterbrach
dieselbe.
    Ordonnanz-Offizier von Seiner Durchlaucht dem Frsten Oberbefehlshaber an
den Lieutenant Birjulew, meldete der Fhnrich.
    Zu Diensten, mein Herr! Der Marineoffizier war aufgesprungen und empfing
den Boten in militairischer Haltung. Ich hoffe, Sie bringen mir die nheren
Instructionen fr den Ausfall.
    So ist es. Ich bin der Stabscapitain von Meyendorf und beauftragt, den
Erfolg des Ausfalls hier abzuwarten. Die Herren sind wahrscheinlich Offiziere
Ihres Detaschements und ich kann daher in ihrer Gegenwart ohne Weiteres diese
schriftliche Instruction mit den mndlichen Anweisungen vervollstndigen?
    Birjulew stellte die Offiziere vor. Oberstlieutenant Sazepin ist in diesem
Augenblick der kommandirende Offizier der Bastion und Capitain Thonagel der
Ingenieur vom Platz. Setzen Sie sich zu uns, Herr Stabscapitain, und lassen Sie
uns berlegen, wie wir unsere Aufgabe am besten ausfhren mgen.
    Der Hauptausfall, berichtete der Capitain, indem er auf einer demolirten
Lafette Platz und die angebotene Cigarre nahm, geschieht mit dem
Dnjprowski'schen Infanterie-Regiment, das erst gestern Abend eingetroffen, den
Kamschatkaischen Jgern, 2 Bataillonen des Wolinski'schen und 2 Bataillonen des
Uglitz'schen Regiments nebst der 44. Flotten - Equipage. General - Lieutenant
Chruleff wird damit von der Kamschatka-Lnette um 10 Uhr Abends die
franzsischen Logements angreifen. - Zugleich rckt Capitain Budischtschef mit
zwei Flotten-Equipagen, einem Bataillon Minsker und den griechischen
Freiwilligen gegen den uersten rechten Flgel der britischen Trancheen
zwischen dem Dekavaja-und Laboratornaja-Grund. Welche Truppen gehren zu Ihrer
Expedition, Herr Kamerad?
    Ich habe 475 Jger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotski'schen
Regiments und des Wolinski'schen Reserve-Bataillons, nebst einem Kommando meiner
altenn Matrosen vom Wladimir und der Maria.
    Ich bin noch zu kurze Zeit hier, sagte hflich der Baron, um Ihnen zu
solchen Gefhrten gratuliren zu drfen, obschon ihr Ruf auch lngst bis zu uns
gedrungen. Welche Offiziere werden Sie begleiten?
    Lieutenant Tokarow kommandirt die Ochotsker, Fhnrich Ssemenski die
Reserven, auerdem ist der junge Mann, der Sie hierher gebracht, Unterfhnrich
Lasaroff, bei dieser Abtheilung.
    Er scheint, bemerkte der Capitain, ein echt russisches Herz in der
Knabenbrust zu tragen. Als ich ihn im Gesprch fragte, wie es ihm hier gehe,
sagte er milaunig: Verteufelt schlecht, es ist nicht zum Aushalten. Ich
glaubte, er meine die Bomben und Kugeln und trstete ihn, da nicht alle trfen.
Der Bursche aber blickte mich gro an und erwiderte: Verzeihen Sie, ich meinte
den Schmuz, vor dem man gar nicht zur Batterie kann, ohne die Stiefeln zu
verderben3
    Die Offiziere lachten. - Er ist erst vor sechs Tagen zu unserm Bataillon
gekommen. Das seine erfror im Januar in der Steppe in einem Schneesturm und ich
glaube, er ist der Einzige, der durch Zufall entkommen. Er war lange krank und
die Kommandantur, bei der er sich dann meldete, hat ihn einstweilen bei uns
eingestellt. Fhnrich Ssemenski berichtete dies.
    Ich selbst, fuhr der Marine-Lieutenant fort, fhre meine Schiffskameraden
und habe genug alter gedienter Leute dabei, die mich untersttzen. Haben Sie
vielleicht zufllig schon den Namen des tollen Koschka gehrt?
    Koschka, den Liebling des seligen Admirals? ei, wer htte das nicht, der in
den letzten drei Jahren am Schwarzen Meer stand! Ist es nicht derselbe Bursche,
der bei Sinope eine Fregatte in Brand steckte und im geischen Meere den Kampf
gegen fnf griechische Seeruber bestand? Ich mchte ihn wohl sehen.
    Derselbe, Herr, Sie knnen seine Bekanntschaft leicht machen. Er liegt dort
oben in der Schiescharte auf seiner Kanone und schlft, weil Beide gerade Ruhe
haben. - Der Offizier setzte die silberne Seemannspfeife an die Lippen und lie
einen langgezogenen Ton erklingen, worauf man eine Menge krftiger Mnner
aufmerksam die Kpfe erheben sah und auch der Schlfer bei dem Wiegenlied der
Kanonenschsse den seinen erhob; der einzige sogar nur halblaut gesprochene Name
brachte ihn sofort auf die Beine und er kam mit dem langsamen, schwankenden
Schritt, der den Seeleuten eigen ist, auf die Gruppe der Offiziere zu, zog seine
fettglnzende Haarlocke ber die Stirn und machte einen tiefen Kratzfu.
    Es war ein Mensch von riesigem und dennoch groe Behendigkeit verrathendem
Gliederbau, das Gesicht mit den scharf ausgeprgten Zgen der mongolischen Race,
doch von groer Gutmthigkeit: nur das schmal geschlitzte Auge blitzte
Scharfsinn und Keckheit.
    Euer Gnaden haben mich gerufen?
    Wohl, tapferer Koschka. Ich hrte mit Vergngen, da Du Dich zu der Zahl
der Matrosen gemeldet, welche uns heute Nacht begleiten werden. Du sollst die
Vorhut fhren, wenn Du versprichst, der Ordre die strengste Folge zu leisten und
Dich nur dann auf ein Schlagen einzulassen, wenn ich es befehle.
    Der groe Matrose wiegte sich etwas verlegen auf seinen Hften. - Ah, Euer
Gnaden sticheln wegen der dummen Geschichte in den franzsischen Tranchirungen,
oder wie sie das Ding nennen. K tschortu! Aber ich mchte, wenn's Euer Gnaden
Nichts verschlgt, gern erst hren, mit wem wir diese Nacht zu thun haben
sollen, ehe ich leichtsinnig so ein Versprechen gebe.
    Der Marine Offizier lachte. - Ja, Bratka, das wei ich selbst noch nicht so
recht, da mut Du diesen Herrn befragen.
    Ist er von den Unsern? fragte der Matrose vertraulich.
    
    Wenn Du meinst von der Marine, entgegnete der Bezeichnete, so habe ich
allerdings nicht die Ehre und werde nicht einmal den Ausfall mit machen. Aber
ich bin Offizier vom Stabe des Frsten und war mit ihm an der Donau.
    Ah, sagte der Matrose mit wenig verhehlter Geringschtzung, das sind,
glaub' ich, die Herren, die immer reiten mssen. Nun, - es mu auch solche geben
und ich mchte wohl auch ein Mal auf einem Pferde sitzen, blos um zu sehen, ob
es wahr ist, da so ein Ding beim Laufen gerade so stt, wie die Sturzwellen in
der See bei Nordost. - Er zog die Hosen in die Hhe und fuhr sich verlegen
durch die Haare. - Weit Du, Vterchen. fuhr er halblaut zu seinem Offizier
fort, ich traue dem Neuen noch nicht so ganz, er gehrt zu dem Landvolk, doch
denke ich so bei mir, unser Vater Nachimoff wird wohl das Beste fr ihn thun.
Aber der Teufel soll meine Mutter kriegen, wenn ich auf Deinen Vorschlag nicht
lieber gleich die Wahrheit sage. Wenn's gegen die Inglischen geht, stell' mich
lieber hinten hin, denn ich habe einen Zahn auf die Burschen, der noch nicht
ausgeglichen ist, und ich mchte da vielleicht verlauter sein, als erlaubt wird.
Gieb Bolotnikow meine Stelle - Du kannst Dich auf ihn verlassen. Gott und die
Heiligen wissen es.
    Was hast Du mit den Englndern, Koschka?
    Das ist doch klar - alle Welt wei es, sie haben den Kaiser durch den
Telo-Grafen, den Hundssohn, vergiftet, weil er nicht trkisch werden und die
Factoria zur zweiten Frau nehmen wollte. Als ob ein rechtglubiger Mann nicht an
einem Weibsen genug htte, wenn sie auch eine Knigin sein thte. Auerdem hat
das Szbrod4 mir vor drei Tagen eine so gute Kanone zerschossen, wie nur je eine
noch ihren Schnabel durch die Luken gesteckt hat.
    Das Lcheln der Umstehenden prallte an der gengsamen Ueberzeugung des
Meerwolfs ab. Er sah sie Alle ziemlich scheel von der Seite an und knurrte
einige unverstndliche Hflichkeiten in den Bart, denn als Liebling der Admirale
nahm er sich manche Freiheit heraus. Dann seinen plumpen Gru wiederholend,
wollte er sich eben entfernen, als sein scharfes Seemannsauge auf die zwischen
der Mastbastion und der Bastion V. vorgeschobene Redoute Schwarz fiel. Der
Admiral wird sogleich hier sein, Vterchen, sagte er zu dem Lieutenant. Seine
Flagge ist fort und ich sah sie noch an ihrer Stelle, ehe ich hierher kam.
    Ein Blick berzeugte den Offizier, da das Privatsignal eingezogen war,
welches den Truppen den Ort des Verweilens des Abtheilungskommandanten jedes Mal
anzeigte, und bald darauf sah man auch in dem gedeckten Trancheeweg eine kleine
Gruppe von Mnnern eilig heran kommen.
    Es war der Vice-Admiral Nowossilski, der seit fnf Monaten den Befehl der
zweiten Vertheidigungsabtheilung (von der linken Flanke der Bastion V. bis zum
Labordonaja - Grund) fhrte und whrend der ganzen Zeit den ihm zugetheilten
Rayon nicht verlassen, ja nicht ein einziges Mal sich entkleidet hatte. Er
bewohnte ein Erdloch, wie die meisten Soldaten der Batterieen, und war
unermdlich thtig, bis er drei Monate spter und nachdem er wochenlang nur
einzelne Stunden geschlafen hatte, gnzlich zusammenbrach und fr todt nach
Ssewastopol gebracht werden mute, wo er wieder zu sich kam und zu seiner
Herstellung nach Odessa geschickt wurde.
    Hinter dem Befehlshaber bemerkte man auf einer Trage einen
Schwerverwundeten. Die entgegen gehenden Offiziere erfuhren bald, da es der
Major Woschtschenski, der Kommandant der Redoute war, der in Gegenwart des Vice
- Admirals schwer blessirt worden.
    Es ist mir lieb, Sazepin, Dich gleich zu treffen. sagte Jener. Du mut
auf der Stelle hinber und den Befehl bernehmen. Capitain Lawroff ist zwar ein
ausgezeichneter Offizier und glcklicher als seine Vorgnger, die in den
Trancheen immer nur wenige Tage aushalten konnten, aber er hat damit vollauf zu
thun und bereits zwei starke Contusionen am Kopf, die ihn fast blind machen.5 Er
ist zu jung noch, um vorsichtig zu sein; eile Dich also, da Du hinberkommst.
Ist ein Arzt auf der Bastion?
    Nur zwei Chirurgen waren augenblicklich zur Stelle in dem zum vorlufigen
Verband - Lokal eingerichteten Kasemattenraume. Ihnen wurde der Verwundete
bergeben, da er sich, wieder zu sich gekommen, beharrlich weigerte, sich nach
der Stadt schaffen zu lassen. Der Admiral schickte einen Boten nach dem nchsten
Lazareth ab, um einen erfahrenern Arzt herbeizuholen, inde Oberstlieutenant
Sazepin mit ernster Miene von seinen Gesellschaftern Abschied nahm, ihnen einen
glcklichen Ausgang ihres Unternehmens wnschte und sich dann auf den Weg
machte.
    Baron Meyendorf hatte sich dem Vice - Admiral vorgestellt und in seiner
Gegenwart dem kommandirten Fhrer der Expedition die speziellen Instruktionen
wiederholt. Es galt die Stellung der Englnder auf dem grnen Hgel zwischen dem
Labordonaja- und Saranda - Nakina - Grund zu allarmiren und zu beschftigen, um
hierdurch den Angriff des Capitain Budischtschef von links zu untersttzen.
Zugleich sollten die vorgeschobenen Schtzengruben genommen und gegen den Feind
gekehrt werden. Die Richtung von der Bastion her mute entlang der franzsischen
Schildwachen genommen werden und es bedurfte daher groer Vorsicht. Die
Offiziere besprachen noch dies Unternehmen, als ein lauter Jubelruf der Matrosen
und Soldaten sie strte. Der Admiral sah sich zornig um, aber seine Miene wurde
sogleich wieder freundlich, als er zwei Frauen auf sich zukommen sah, umringt
von einer Anzahl der tapfern Vertheidiger, die mit fast kindischer Freude und
einer Verehrung wie fr Heilige die Beiden begrten.
    Es waren zwei sehr verschiedene Erscheinungen, eine alte drftig gekleidete
kleine Frau, aber beraus beweglich und rhrig, das saltige Gesicht mit dem
immer geschwtzigen Mund voll Heiterkeit aus der weien Haube hervorlachend; -
die Andere eine edle jugendliche Gestalt mit ernstem, von dunklem Schleier
umhllten, von Luft und Anstrengung gertheten Gesicht, dessen interessantes
Profil auf den ersten Blick fesselte. Ein junger Kosack trug hinter ihr einen
groen Handkorb mit Verbandleinen, Charpie und verschiedenen Linderungs- und
Strkungsmitteln gefllt.
    Ganz Ssewastopol kannte bereits die beiden Frauen: Prasskowja Iwanowna
Grasoff, die kleine Alte, die zu Anfang des Jahres pltzlich ihrer Familie in
Petersburg entwichen war und in Ssewastopol erschien, um die letzten Tage ihres
Lebens den Vertheidigern zu widmen, und Iwanowna Frstin Oczakoff, ein Engel des
Lichtes fr die Leidenden und Verzweifelnden.
    Sie gehrten nicht einmal zu dem Orden jener barmherzigen Schwestern von der
Gemeinschaft zur Kreuzes - Erhhung, die seit dem 1. December unter der
Anleitung des berhmten russischen Anatomen und Operateurs Pirogoff in den
Lazarethen und auf den Kampfsttten selbst eine furchtlose Menschenliebe und
eine Thtigkeit entwickelten, die in den erhabensten Aufopferungen der
Menschengeschichte nur dem ewigen Vorbild des gttlichen Erlsers nachsteht. Die
beiden Frauen, die so eben die Bastion betreten, die eine alt und gebrechlich,
die andere jung, schn, mit allen Gtern des Lebens gesegnet, kamen ohne das
kirchliche Gelbde nur aus dem Gesicht der reinsten Vaterlandsliebe auf die
Sttte der Schmerzen und weihten ihre Krfte, ihr Leben den Unglcklichen.
    Iwanowna Oczaloff war mit ihrem Bruder, der, wie es hie, seine Stelle im
Stabe des Frsten - Admirals aufgegeben, um sich als Freiwilliger den
Vertheidigern Sebastopol's anzuschlieen, zu Ende December in der belagerten
Stadt eingetroffen, begleitet von einer schwarzen Dienerin und dem alten Jessaul
nebst seinen zwei ihm gebliebenen Enkeln. Sie hatten auf der Sdseite in der
Nhe des Denkmals Kasarski's, das so merkwrdig verschont blieb in all' den
furchtbaren Bombardements, welche die Stadt erlitt, ein Haus bezogen, in dem im
Herbst der junge Frst den wahnwitzigen Tabuntschik pflegen lie und das der
Familie gehrte. Hier theilten sie alle Schrecken und alles Elend der
furchtbaren Belagerung unter hundert Handlungen des Heldenmuths und der
Nchstenliebe, sonst aber in vollstndiger Abgeschlossenheit lebend. Frst Iwan
hatte verschiedenen Ausfllen beigewohnt und in den Batterieen Dienste gethan,
whrend seine liebliche Schwester tglich, wenn ihr Bruder nicht im Dienst war,
die Hospitler besuchte und die Verwundeten pflegte. Doch sah man auffallender
Weise nie die Geschwister zusammen und Eines htete das Haus, wenn das Andere es
verlie. Auch die schwarze Dienerin hatte seit mehreren Wochen die Schwelle
desselben nicht berschritten. Das Wesen der Frstin, wenn sie unter den
Leidenden erschien, war stets ernst und still; einen groen Theil ihrer
menschenfreundlichen Thtigkeit widmete sie nicht blos den kranken Landsleuten,
sondern mit gleicher Sorgfalt den verwundeten und gefangenen Feinden, deren
Sprache sie verstand.
    Immer heiter, immer munter bei der zrtlichsten Theilnahme war dagegen die
kleine Alte, die von ihren geringen Mitteln in den Apotheken Eau de Cologne,
Hoffmannstropfen und andere Linderungsmittel, kaufte und von den Gaben der
Frstin, mit der sie bald an den Krankenbetten Bekanntschaft gemacht, reichlich
untersttzt wurde. Meistentheils war sie in den Vertheidigungswerken selbst
thtig, brachte, wo Jemand in der Nhe getroffen wurde, die erste Hilfe und
legte den ersten Verband an. Dann pflegte sie zu sagen: Sei lustig! oder wenn
sie einen Leichtverwundeten verbunden hatte: Sei nicht feige, geh' wieder auf
Deinen Posten! Die Matrosen schwrmten fr sie.
    Die Alte trippelte auf den Admiral zu. - Gott gre Dich, mein Tubchen,
mein Landsmann! Ein Soldat, der uns begegnete in der Stadt, erzhlte uns, da
Ihr einen Schwerverwundeten hier habt und er einen Regimentsdoctor holen solle.
Da dachte ich und die gute Dame hier, es wrde gut sein, wenn wir Euch sogleich
ein wenig Hilfe brchten. Ich htte Dich ohnehin heute Abend noch besucht,
Admirlchen, mein Liebling, da ich gehrt habe, da wieder Etwas im Werke ist.
    Sei uns willkommen, Mutter Pralowja Iwanowna, sagte der Admiral, und
Sie, durchlauchtige Dame, genehmigen Sie Unsere Verehrung, denn ich mte mich
sehr in der Aehnlichkeit irren, wenn ich nicht die edle Schwester unsers tapfern
Kameraden Iwan Oczakoff vor mir she.
    Die junge Dame machte eine bejahende Verneigung, inde Aller Augen
bewundernd an ihr hingen.
    Verzeihen Sie einem alten Seemann, fuhr der Admiral fort, der seit
Monaten diesen Posten nicht verlie und Sie also nur durch den Ruf Ihrer
Mildthtigkeit fr uns arme Soldaten kennt, der ganz Ssewastopol erfllt. Ihr
wackerer Bruder hat auf dieser Bastion bereits gezeigt, wie wrdig er einer
solchen Schwester ist.
    Das Lob Iwan's aus dem Munde eines solchen Helden mu selbst die Schwester
ehren, sagte die Frstin grazis. Doch ist es Euer Excellenz gefllig, uns zu
dem Verwundeten geleiten zu lassen, um zu sehen, ob wir seine Schmerzen
erleichtern knnen?
    Ja, Batuschka, fiel die kleine Alte ein, thue Das, wir haben allerlei
mitgebracht, was Deine Beinabschneider nicht haben. Und Ihr, meine Jungen,
Tubchen, Kinderchen, wir bleiben heute Abend bei Euch und werden abwarten, wie
Ihr Eure Sache macht und ob Ihr heil zurckkommt. Auf der Redan - Bastion und
dem Korniloff haben heute die guten Schwestern vom Kreuz den Dienst bernommen.
    Ein freudiger Zuruf antwortete der Alten und sie schttelte sich mit den
Matrosen und Soldaten die Hnde, putzte an ihnen herum und gab ihnen hundert
gute Lehren. - Ich frchte, sagte der Admiral, selbst Pirogoff's Hilfe wird
bei unserm Kranken wenig vermgen. Beide Fe sind ihm von einer Vollkugel
zerschmettert. Doch mag ihm schon Ihre segenbringende Nhe ein Trost sein und
ich will Sie sogleich zu ihm geleiten lassen.
    Aus dem Kreis der Offiziere sprang der junge Unterfhnrich Lasaroff, dessen
Augen voll Bewunderung an der schnen Samariterin gehangen hatten, mit der
Frage: Darf ich? und der Admiral nickte lchelnd dem jungen Fhrer
Einwilligung, dessen Schnelle der Galanterie seiner ltern Gefhrten
zuvorgekommen war.
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    Es war 10 Uhr, der Himmel wolkenbezogen geworden, so da die Dunkelheit dem
Angriff ihren Schutz verhie. Bei der Batterie des Lieutenants Perekomski hatte
sich das Detaschement versammelt: 475 Mann und 80 nur mit Spaten und Hauen
bewaffnete Arbeiter. Lieutenant Birjulew hatte jetzt den Leuten den Zweck des
Unternehmens und seine Anordnungen bekannt gemacht und sie harrten in
geschlossenen Abtheilungen des Kommandos zum Vorgehen.
    Jetzt keuchte von der Bastion ein Unteroffizier her, ein zweiter Mann mit
ihm. - Der Admiral lassen Euer Gnaden sagen, da der Augenblick gekommen. Das
Signal ist auf der Bastion zu sehen, meldete der Erstere dem Kommandanten.
    Dann, Kinder, fertig. Ich habe Euch nur zu empfehlen, unter keiner
Bedingung die Front - Linie zu brechen, sondern Schuller an Schulter zu
marschiren, und werde genau Acht geben auf jede Uebertretung dieses Befehls.
Mtzen ab!
    Die Waffen rasselten leise - die ganze Schaar bekreuzte sich drei Mal mit
tiefer Andacht. Whrendde hatte der Begleiter des Boten umhergefragt nach dem
Unterfhnrich Lasaroff und den Jngling endlich aufgefunden. - Um der Heiligen
willen, Bogislaw, wo kommst Du her? Ist meinem Grovater ein Unglck geschehen?
    Das grte, was ihn treffen konnte, Junker: Eure Flucht! sagte der treue
Jger. Der alte Graf war auer sich und wollte Euch nach; aber in Baktschiserai
verweigerte man ihm die Erlaubni, nach Ssewastopol zu gehen, und zwang ihn,
umzukehren.
    Gott sei Dank, da er gesund ist und die Gefahren in der Festung nicht
theilen darf. Ich konnte nicht anders, Bogislaw!
    Ich glaub' Euch, Junker, und begreife das. Ich meine, der Herr giebt Euch
im Stillen selbst Recht. Ich habe einen Brief an Euch von ihm.
    Das Kommando: Vorwrts mit Gott! Marsch! unterbrach das Gesprch - die
Colonne begann mit raschem, mglichst leisem Schritt sich in Bewegung zu setzen.
    Geh' zurck, Bogislaw - Du wirst mir ihn spter geben - erwarte mich im
Schutz der Bastion!
    Niemals! ich habe dem Grafen geschworen, da mich, den niedern Diener, kein
Verbot zu kommen hinderte, keinen Augenblick mehr von Eurer Seite zu weichen,
sobald ich Euch aufgefunden.
    Ruhe im Glied! Still da hinten, Leute! zischte das Kommando Birjulew's;
der Fhnrich konnte dem treuen Manne nur die Hand drcken und ihn neben sich in
die Reihe ziehen, dem der Marsch ging jetzt mit groer Hast vorwrts.
    Aber alle Vorsicht der Fhrer half zu Nichts - das scharfe Auge der
Zuavenposten hatte bald die dunkle Colonne entdeckt, als sie ber eine kahle
Flche zog, und aus der nchsten Schtzengrube fiel ein Schu.
    Links, Bursche, links und nicht gefeuert! Wir sind bald ber ihre Flanke
hinaus und im Schutz des Berges.
    Eine Signal - Rakete scho aus der franzsischen Tranchee empor, man hrte
Allarm schlagen und alsbald knatterte auf der ganzen Linie ein lebhaftes
Bataillefeuer, wie das Knattern und Zischen feuchten Holzes im Kamin.
    Bald hatte das Detaschement den sogenannten Zuckerhut passirt in der
Richtung der Georgiewstrae und konnte, durch den Berg geschtzt, von den
franzsischen Legements nicht mehr gesehen werden. Aber die auf der ganzen
feindlichen Kette wiederholten Appell-Signale und Rufe der Schildwachen und
Hornisten bewiesen zur Genge, da man sowohl in den franzsischen wie in den
englischen Linien auf einen Angriff bereit sei.
    Vom Labordonaja-Grund herber krachten Gewehrsalven, dazwischen donnerte das
Geschtz der englischen und franzsischen Batterieen und bewies, wie heftig der
Kampf dort bereits wthete. Rakete auf Rakete stieg empor als Signal,
Untersttzung herbei zu rufen.
    Die Franzosen schienen durch den Berg den Trupp ganz aus dem Auge verloren
zu haben oder ihre eigenen zu sammeln, denn Alles war einer Zeit lang auf dieser
Seite stumm und es herrschte jene Ruhe, bei welcher dem braven Soldaten viel
schwler und ngstlicher zu Muthe wird, als bei dem Blitzen und Knallen des
Muketenfeuers. Endlich hatte man die englischen Logements erreicht, das heit,
die Russen standen am Fu des grnen Hgels, auf dessen Aufgngen jene die
Trancheen und die hinter liegende Chapmann - Batterie deckten.
    Die Russen begannen stillschweigend die Anhhe hinauf zu steigen, aber sie
hatten kaum fnfzig Schritt gemacht, als das Who is there? der Schildwache
ihnen entgegenscholl. - Franais rief Birjulew; vorwrts, Kinder, und fllt
das Bajonnet! Hurrah! - Fnf bis sechs englische Schtzen sprangen hinter einer
Hecke hervor und schlugen ihre Gewehre auf die Strmenden an, diese aber kamen
ihnen zuvor und eine allgemeine Salve streckte den ganzen Posten zu Boden.
Gleich im ersten Anlauf waren die Russen bis mitten in den Lagements und machten
Alles nieder, was nicht in die zunchst liegende Tranchee flchten konnte. Die
Englnder lieen achtzehn Todte in den Gruben. Sofort befahl Lieutenant
Birjulew, die Arbeiten zur Wendung der Gruben gegen die Feinde zu beginnen.
    Die Russen arbeiteten eifrig und es gelang ihnen glcklich, die Brstung der
Logements abzugraben, aber es schien unmglich, sich lnger zu halten; denn
ander nchsten Tranchee pfiffen und sausten die Kugeln unablssig auf sie ein,
und die Batterie begann mit Karttschen von der Hhe des Berges herab zu fegen.
Auf der ganzen Linie bis zum Kilengrund hin schien zugleich jetzt das
mrderische Gefecht entbrannt. Der tapfre Fhrer bemerkte, da es mglich sei,
den ersten Laufgraben zu nehmen, um sich von dem lstigen Feuer zu befreien, und
kommandirte rasch zum Angriff. Mit lautem Urrah strzten die Jger und Matrosen
gegen die Tranchee; aller verzweifelte Widerstand half nicht, zwei Minuten
darauf drangen sie bereits in die zweite Linie ein. Ein entsetzliches
Handgemenge erfolgte, das Bajonnet wthete unter den dicht gedrngten Massen,
dann rumten die Briten - es war das 20. Regiment - den Platz.
    Aber es war auer der Mglichkeit fr die Russen, sich hier festzusetzen,
denn eine Flankenbatterie von zwei Kanonen bestrich der Lnge nach die ganze
Tranchee und gleich auf den ersten Schu strzten zehn Mann, darunter der
Fhnrich Ssemenski. Man mute den Rckzug antreten.
    Whrend die Verwundeten zurckgebracht wurden zu den von der Bastion
beorderten Tragen, arbeiteten die Schanzgrber mit verdoppelter Kraft an der
Hauptaufgabe, der Umwendung der Logements. Aber die Englnder waren den
Zurckweichenden auf dem Fue in die Laufgrben wieder gefolgt und erneuerten
von dort den Kugelregen, der die Erdarbeiten hinderte.
    Birjulew befahl eine zweite Attaque; - abermals nahmen die Russen die erste
und zweite Tranchee, die Flankenbatterie feuerte diesmal glcklich zu hoch und
die Leute bekamen den Pfiff weg, sich im rechten Augenblick glcklich vor den
Kugeln zu decken. Man begann sich festzusetzen in der Tranchee und mehrere
aufgestellte Mrser zu vernageln, als ein Arbeiter von den Logements
herbeigelaufen kam und mit leiser Stimme dem Kommandirenden meldete, da auf der
rechten Seite von den franzsischen Laufgrben her eine Abtheilung die Hhen
herunter komme, um ihnen in den Rcken zu fallen. - Wie viel sind ihrer? -
Kann's nicht sagen. Euer Gnaden, vielleicht hundert oder hundertfnfzig Mann.
- Birjulew befahl den Leuten Stille, indem er sie aus der Tranchee zurckzog. Er
hoffte, die franzsische Untersttzung abzuschneiden und gefangen zu nehmen,
aber der Plan miglckte, von den feindlichen Posten bemerkt; denn als die
Russen den Berg hinabstrmten, bliesen deren Hornisten den Ihren Rappel und sie
hatten Zeit, sich zurckzuziehen.
    Die Arbeit an den Logements wurde nun noch mehr beeilt, aber die Arbeiter
waren auf's Neue wieder dem Feuer der Laufgrben ausgesetzt und man sah sich
gezwungen, einen dritten Angriff auf diese zu machen. Die Feinde wichen
wiederum, aber etwa fnfzehn Scharfschtzen, die noch auf dem Erdwall standen,
schlugen zu gleicher Zeit ihre Bchsen auf den khnen Fhrer der Russen an, der
nicht einmal die drohende Gefahr bemerkte. Er war im nchsten Moment verloren,
als der Matrose Schewtschenko, der dicht bei ihm war, sich flchtig bekreuzte
und vor seinen Offizier warf. Die Schsse krachten - und die tapfere Brust
empfing nicht eine Todeskugel, sondern die ganze Zahl derselben. Erst jetzt,
indem er das dumpfe Anprallen der Schsse und den Gegensto des strzenden
Krpers fhlte, bemerkte der Offizier die heldenmthige Aufopferung seines
Getreuen und warf sich, im ersten Schmerz Alles um sich her vergessend, neben
dem Blutenden auf die Knie. Schewtschenko, mein Freund, Du bist getroffen? -
Wie ist Dir, Bratka? So sprich doch nur ein einziges Wort! - Aber der Tapfere
konnte nicht mehr antworten: er lag da, stumm und bleich, nur der Mund zuckte
leise und um die Lippen spielte jenes seltsam freundliche Lcheln, das man statt
der Verzerrungen des Schmerzes so oft auf den Gesichtern der durch die Kugel
Getdteten findet.
    Der Lieutenant verweilte immer noch bei der Leiche, als der Hochbootsmann
Bolotnikow zu ihm trat und ihn am Arm fate. Es ist keine Zeit zu verlieren,
Euer Gnaden, rief er, unsere Burschen dringen eben in die dritte Tranchee ein;
da das Ding nur nicht etwa schlimm abluft! - Die Worte fhrten den
Kommandirenden rasch zu seiner Pflicht und er eilte seinen Leuten nach. -
Zurck, Kinder, zurck! - Sie hatten sich bereits der dritten Tranchee
bemchtigt, arbeiteten wie die Rasenden mit dem Bajonnet und der ganze
Laufgraben war gefllt mit Todten.
    Bereits gelang es dem Offizier, seine Leute in guter Ordnung zurckzufhren,
als ein hochgewachsener britischer Stabsoffizier auf den letzten Grabenwall
sprang, in jeder Hand eine Pistole, und die Seinen zur Verfolgung anfeuerte.
Doch diese schienen genug des Blutbades zu haben und rhrten sich nicht von der
Stelle. Da feuerte der Brite beide Pistolen auf den Hochbootsmann ab, der ihm
zunchst stand. Mit der linken Hand hatte er gefehlt und die Kugel flog dicht an
Koschka's Kopf vorbei; die rechte Waffe aber hatte fast unmittelbar Bolotnikow's
Schlfe berhrt und mit zerschmettertem Kopf sank der Tapfere zur Erde. - Gott
schenke ihm das ewige Himmelreich! - Wie die Rasenden strzten die Russen sich
auf's Neue auf den Feind und jagten ihn zurck.
    Whrend dieses Angriffs waren die Arbeiten an den Gruben beendet und diese
gegen den Feind gekehrt worden. Die Laufgrben lagen voll Leichen und der
Auftrag konnte als vollendet angesehen werden, da auch von der linken Seite her
der Kanonendonner schwcher geworden und Lieutenant Birjulew berdies Nachricht
erhielt, da Verstrkungen in die franzsischen Linien zu rcken schienen.
    Die Hrner befahlen den Rckzug und man begann in geschlossenen Gliedern den
Berg hinab zu gehen, nachdem die neueingerichteten Logements mit Schtzen
besetzt worden, als ein Unteroffizier an Lieutenant Tokarew, den einzigen auer
dem Kommandirenden brigen Offizier, die Meldung brachte, da einer der Ihrigen
in der letzten Tranchee zurckgeblieben scheine. - Es schimpft und flucht dort
drinnen auf gut Russisch und die Leute glauben ihres Kameraden Koschka Stimme zu
erkennen! - Koschka? Das mu der Kommandant wissen! - Befehlen Euer Gnaden
vielleicht, da wir ihn freimachen? - Natrlich! Formirt Euch! Links um!
Marsch! und im sechsten Anlauf ging es zurck nach der feindlichen Tranchee.
    Darin tobte und wetterte es allerdings mit all' den beliebten Flchen und
Verwnschungen, an denen die russische Sprache so abscheulich reich ist. Und es
war Zeit, da die Hilfe kam. Mit dem Fu auf der Brust des zu Boden geworfenen
englischen Obersten, welcher die unglcklichen Schsse auf Bolotnikow
abgefeuert, stand der Matrose Koschka, das Gesicht dunkelroth vor Anstrengung
und Erbitterung, und seine mchtige Faust schwang eine beilartige Enterpike,
seine Lieblingswaffe, im Kreis um sich, whrend sein riesiger Krper bereits aus
drei Wunden blutete.
    Jop foce mat! wenn ich Euch nicht Alle massacrire, Ihr englischen Schurken,
Ihr Hundsshne und Lumpenpack, mit samt Euren Lords und Tele - Grafen, den
schbigen Meuchelmrdern! tobte der ehrliche Seemann, indem jeder seiner
Streiche einen Gegner zu Boden schlug. Den Kerl hier unter mir wollt Ihr? Den
Teufel in Eure Seele bekommt Ihr! Seid Ihr nicht Memmen, da Ihr auf den Knaben
dort schlagt und den tobten Mann, statt auf einen Burschen wie ich?!
    In der That wandte sich ein groer Theil der Wuth und des Angriffs der
Briten nicht gegen den riesigen Matrosen, dessen gewichtige Axthiebe ihre
Gewehre wie Halme zersplitterten und dem sie, da ihre Munition verschossen, nur
durch ihre Ueberzahl und den Anfall von allen Seiten Gefahr brachten, sondern
gegen die einzige kecke Hilfe, die das waghalsige Unternehmen des Seemannes,
seinen Kameraden Bolotnikow zu rchen, getheilt hatte. Drei oder vier Schritt
von ihm lag am Boden der Tranchee der Unterfhnrich Lasaroff, den zerbrochenen
Degen fest in der Knabenhand, von Blut bedeckt, das zum Glck jedoch nur zum
geringsten Theil aus unbedeutenden Wunden das seine war; denn ber ihm lag, mit
seinem eigenen Krper ihn schirmend und von zwanzig Bajonnetstichen durchbohrt,
von Kolbenschlgen zerschmettert, der treue Bogislaw, der schon die erste Stunde
seines Hteramtes mit dem Herzblut zahlte. Mit den letzten Athemzgen, den
letzten zuckenden Bewegungen des fliehenden Lebens noch suchte er den seinem
Gebieter geleisteten Eid zu halten und den Jngling zu schtzen.
    Da - als auch die riesige Kraft Koschka's zu erlahmen begann und sein
schumender Mund nur noch unverstndliche heisere Tne murmelte und der
Kolbenschlag eines Schotten ihn schon auf ein Knie sinken gemacht - donnerte das
Urrah der Russen als Jubelruf der Rettung in ihre Ohren, und rechts und links
stoben die Englnder auseinander in eiliger Flucht nach der zweiten Tranchee.
    Der heilige Andreas, Sanct Basilius und wie sie Alle heien, lohne Euch den
Liebesdienst, Lieutenant Birjulew, keuchte der befreite Matrose, indem er
seinen Gefangenen, den Kommandanten des 34. Infanterie-Regiments, am Kragen
aufhob und ihn wie einen Sack sich ber die Schultern warf; ich habe den
Inglischen, der mir Bolotnikow erscho. Aber ich bitt' Euch, nach dem Knirps da
zu sehen, der mir so wacker beigestanden, und dem Mann, der mit ihm war. Ich
mchte selbst kein todtes Stck der tapfern Burschen in den Hnden der Feinde
lassen.
    Man hob den blutigen verstmmelten Krper des Jgers auf, legte ihn ber
zwei Gewehre und richtete den jungen Offizier empor, der mehr betubt als
verletzt war und, rasch zu sich kommend, die blutberstrmte Hand seines Retters
in der seinen, neben der improvisirten Trage herlief. Denn Lieutenant Birjulew
befahl, nachdem der Zweck des Anfalls erreicht, den eiligsten Rckzug, um das so
glcklich bisher ausgefhrte Unternehmen nicht im letzten Augenblick noch zu
gefhrden. Whrend die russischen Schtzen in den Logements die Verfolger in
Respekt hielten, gelangte die kleine Colonne glcklich an den Fu des Berges, wo
sie ihre Verwundeten an die mit den Snften und Tragen harrende Reserve abgab
und im Schutze der Nacht und des Feuers des Jehudil, der in der Spitze der
Sdbucht ankerte, den gefhrlichen Sarandakina-Grund passirte und die
Mast-Bastion wieder erreichte.
    Man hatte auer dem Obersten einen englischen Ingenieur-Capitain und zwlf
Soldaten zu Gefangenen gemacht. Nur mit Mhe konnte Koschka bewogen werden, den
seinen wieder auf die Beine zu stellen und in einer den Kriegsgebruchen
entsprechenderen Weise zu behandeln und zu transportiren, und es bedurfte des
ernsten Befehls seines Kommandanten dazu.
    Der Ausfall hatte brigens auch auf den anderen Punkten, wiewohl mit groen
Verlusten, einen gnstigen Erfolg fr die Russen gehabt. Die Truppen Chrulef's
schlugen sich gegen die Divisionen Mayran und Brunet und nahmen und verloren
drei Mal das Terrain zwischen den russischen Redouten und den franzsischen
Trancheen, bis es endlich in ihren Hnden blieb und die am Abend vorher von den
Franzosen eroberten Logements wieder von ihnen besetzt wurden. Auch die
griechischen Freiwilligen verrichteten tapfere Thaten gegen den rechten Flgel
der britischen Trancheen und warfen das 77. und 97. Regiment.
    Dieser glckliche Ausgang fhrte eine in der Geschichte des Krieges kaum
erhrte khne Offensive der Belagerten gegen die Belagerer herbei, indem die
Ersteren mit einer verbundenen Linie neuer Contre - Approchen bis auf 600
Schritt gegen die feindlichen Parallelen vorgingen. - - -
    Als die tapfere Schaar Birjulew's, der fr diese Nacht zum
Capitain-Lieutenant und Flgel-Adjutanten ernannt wurde, zu ihrer Bastion
zurckgekommen, fand sie schon am Eingang derselben neben dem Admiral die beiden
Frauen mit dem Verbinden der vorausgesandten Verwundeten beschftigt. Michael,
der Unterfhnrich, hatte seinen Retter keinen Augenblick verlassen; als man den
blutigen Krper aber aus der Snfte hob, war lngst auch der letzte Funke von
Leben entflohen. Prakowja Iwanowna machte darauf aufmerksam, da die
verstmmelten Finger des Mannes das blutberstrmte, von Bajonnetstichen
zerrissene Fragment eines Briefes im Todeskampf aus der innern Tasche seines
Rockes gezogen zu haben schienen und festgeklammert hielten, gleich als sei die
Bestellung des Blattes die letzte Aufgabe seines Lebens. Als man es aus der
erstarrten Hand gelst, entzifferte man die Adresse des jungen Fhnrichs, der
halb bewutlos ber der Leiche seines Freundes jammerte. Der Matrose Koschka
aber legte die schwere Hand auf seine Schulter, whrend die kleine behende Alte
seine eigenen Wunden verbinden half, und sagte: Zum Henker, Bursche, ein braver
Kerl wie Du mu nicht weinen! Sie sollen mich an den Flaggenknopf vom groen
Mast schnren und zwei Mittelwachen lang in der Julisonne am Sanct Georgen-Cap
braten lassen, wenn Koschka Dir je vergit, da Du mit dem Todten dort der
Einzige bei ihm bliebst in den britischen Tranchirungen! -
    Eine Trauerkunde trbte die Freude des tapfern Marine-Lieutenants ber das
gelungene Unternehmen; sein Gesellschafter am Nachmittag, der Podpolkawnik
Sazepin, war im Laufe des Abends auf dem eben erst bernommenen Posten in den
Trancheen der Redoute Schwarz getdtet worden, seine Ahnung also in rasche
Erfllung gegangen. - -
    Als Michael Lasaroff am andern Morgen, whrend ein Waffenstillstand zwischen
den Gegnern zur Beerdigung der Todten ihm Mue gab, den zerrissenen, halb
vernichteten Brief zu lesen versuchte, konnte er nur folgende geheimnivolle,
blutverwischte Worte noch entziffern:

        Mein geliebtes ......

    ... wollte es wohlmachen mit Dir, meiner .......... letzten Freude auf der
Welt, ........ Wohl fhle ich, da .......... Dich nicht vermgen werden,
........ zu mir .............. aufzugeben, was Du fr Dei ...... Pflicht hltst,
was ............. freier Menschen unwrdig ................. einziger Weg, Dich
zu retten, dieser Krieg mu auf's Schleunigste enden; ...... Haupt mge fallen,
um das Deine zu schtzen. Mge der Himmel ............. von Dir wenden, bis
.............. gelungen, Sebastopol, zu retten und Dich mit ihm selbst
.............. Andenkens Deiner Mutter willen schone bis dahin Dein
............. kann nicht zu Dir ................. Ereignisse in Petersburg
verhindern ..... Bogislaw, den Getreuen und Muthi ............. bereits auf dem
Wege nach Paris. ............ Gedenke .............

                                    Funoten


1 Er wurde Anfangs April, whrend er in einer Blendung stand und die Leute fr
die Arbeiten des Tages vertheilte, durch eine Kugel tdtlich in der Brust
verwundet. Als man ihn in das Quartier brachte, eilte Totleben herbei und
trstete ihn, da nach dem Auspruch des Arztes die Wunde nicht gefhrlich sei.
Thonagel umarmte ihn und erwiderte: Nein, es ist aus! mich schmerzt es nur,
meine Bastion zu verlassen!

2 Er beaufsichtigte die Arbeiten der ersten Abtheilung und fiel bei dem
Abschlagen einer franzsischen Attaque.

3 Die Anecdote ist historisch; - der Verfasser bittet um Entschuldigung, da er
immer und immer wieder darauf aufmerksam macht.

4 Lumpenpack.

5 Der junge Offizier blieb selbst nach einer dritten Contusion auf seinem
Posten, bis ihn Anfangs April eine Kugel tdtete.


                                 Frhjahr 1855.

                            I. Der geheime Vertrag.

Paris begann sich bereits mit einer auergewhnlichen Anzahl von Fremden aus
allen Lndern zu fllen, welche die bevorstehende Erffnung der groen
Weltausstellung herbeigefhrt, jener echt napoleonischen Gasconade auf den
gewaltigen Druck des Krieges, der die Finanzen dreier mchtiger Staaten zu
erschttern begann. Frankreich hatte bereits ber 300 Millionen Franken
verwendet, eine neue Anleihe war unabweisbar, und der Transport der Truppen
allein hatte seit Beginn des letzten Winters ber 70 Millionen Franken
verschlungen, whrend England der Unterhalt jeden Mannes im Orient bei der
jmmerlichen Verwaltung auf mehr als 200 Pfund Sterling zu stehen kam. Sein
Kriegsbudget war in den letzten zwei Jahren von 12 auf 43 Millionen Pfund
gestiegen. Handel und Gewerbe, die nicht in dem Kriegsverkehr ihre Quellen
hatten, stockten in Frankreich, der gewohnte groe Abflu nach Ruland war
gehemmt, die englische Freundschaft wenig eintrglich und in Paris beliebt, und
der Kaufmanns- und Brgerstand sprach sich ziemlich offen fr einen Frieden aus.
Die Presse schimpfte im Concert mit der Times auf Preuen, oder illustrirte die
ungengenden Berichte Canrobert's, ohne damit die Stimmung zu ndern. Die
Lockspeise, welche die Regierung der Bevlkerung von Paris mit jener Ausstellung
hingeworfen, gab inde wenigstens Stoff zum Tagesgesprch und zu jenen hundert
kleinen Debatten, Prahlereien und Einbildungen, welche der Franzose liebt, und
somit jener ernstern Stimmung vorlufig einen Abflu.
    Der Moniteur hatte die Ordonnanz noch nicht gebracht, welche die Erffnung
verschob. Um den Industrie - Palast, bei dessen Direction der Prinz Napoleon
seine Lorbeeren im orientalischen Kriege vergessen machen sollte, herrschte ein
reges Leben und Treiben und im Innern noch die heilloseste Verwirrung, obschon
der Tag bereits der 28. April war. Leute aller Stnde, Schaulustige, Arbeiter,
Aussteller und wichtig thuende Jury-Mitglieder, drngten sich auf allen Seiten
und die sonst so luchsugige pariser Polizei hatte in dieser Zeit nur eine sehr
nachsichtige Controlle ben knnen.
    Die Avenue des Champs Elyses entlang, von dem Platz des Austellungsgebudes
her kamen zwei Mnner, der Eine hochgewachsen, alt, mit zwei tiefen, den
ehemaligen Soldaten verkndenden Narben ber dem Gesicht, in eine alte Militair
- Uniform niedern Grades gekleidet, der Andere klein, gebckt, mit dichtem,
struppigem Haar und stechenden, unruhigen Augen, in gutem brgerlichem Anzug.
Die Mnner unterhielten sich in italienischer Sprache, obschon nur wenige der
Begegnenden dies bemerken konnten, da sie, ohne aufzufallen, doch so viel als
mglich allein und abgesondert gingen.
    Sie wissen also gewi, da er kommt? sagte der Kleine.
    Aus derselben Quelle, aus der ich Ihnen vorgestern bereits die
entscheidende Nachricht brachte, da die beschlossene Reise nach der Krimm
aufgegeben sei. Die Minister hatten eine solche Menge Proteste auf die Beine
gebracht, welche das Wohl des Staates an seine Person gefesselt erklren, da
der Rckzug mit Ehren gemacht werden konnte.
    Man wird bald Gelegenheit haben, sich von der Wahrheit dieser Meinung zu
berzeugen!
    Still, unterbrach der Aeltere diese spttischen Worte; die Luft und die
Bume knnten Ohren haben! Sie sind also entschlossen?
    Wozu jetzt noch ein Zweifel - im letzten Augenblick? Hier, fassen Sie meine
Hand und prfen Sie meinen Puls, ob er wie der eines Mannes geht!
    Ich meinte nur in Betreff der Gelegenheit, Signor Pianori.
    Nennen Sie mich Liverani, wie ich in meiner Wohnung heie, es ist sicherer.
Die erste Gelegenheit ist die beste und ich will sie mir nicht entgehen lassen.
Wie viel Uhr haben Sie?
    Es ist ein Viertel ber Vier - in einer halben Stunde sptestens mu er
kommen.
    Und seine Begleitung?
    Wahrscheinlich nur ein Paar Adjutanten - wie gewhnlich in kurzer
Entfernung einige jener unbeholfenen Dummkpfe von der geheimen corsischen
Sicherheitswache, die man gegen die Polizei Pietri's eingetauscht. Sie haben
also, wenn Sie meinen Rath befolgt, volle Aussicht, zu entkommen.
    Ich trage einen vollstndigen hellen Anzug unter diesen dunklen Kleidern,
auch eine Kappe.
    Ihre Droschke wird an der bezeichneten Stelle halten - links vom Chteau
des fleurs; die Frau ist entschlossen und wird mit einem weien Taschentuch aus
dem Schlage lehnen. Sie laufen durch die Bosquets. Sind Ihre Waffen in Ordnung?
    Es ist eine Prcisionspistole mit Doppellufen bereinander und kostete
mich in London hundertfnfzig Francs. Auerdem habe ich zwei Terzerole in der
Tasche und ein Messer im Grtel - fr mich, wenn es milingt.
    Ein Arbeiter, in eine Blouse gekleidet, streifte in diesem Augenblick dicht
an ihnen vorber und der Alte im Soldatenrock winkte seinem Begleiter Schweigen.
Erst als der Mann weit genug wieder entfernt war, fuhr er fort: Dort ist der
Triumphbogen und das Chteau - wir wollen scheiden. Im Namen der Unsichtbaren,
Bundesbruder, frage ich Dich zum letzten Male: bist Du entschlossen. Deinen Eid
zu halten?
    Ich bin's!
    So sei der Genius der Freiheit mit Dir und fhre Deine Hand! Leb' wohl,
Bruder - was auch Dein Loos sei, die Krone des Siegers oder des Mrthyrers - die
Rcher werden Dich nicht verlassen! - Er drckte ihm die Hand und entfernte
sich. Sobald er dem Italiener aus den Augen war, wandte er seine Schritte nach
der Rue de Challot, erreichte den Boulevard du Banquet und nahm an der Barrire
de l'Etoile Platz in einem Caffeehause, von wo er die Avenue bersehen konnte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Gegen 5 Uhr kam der Kaiser der Franzosen die breite Allee daher geritten,
nur begleitet von einem seiner Adjutanten, dem Grafen Edgar Ney, und seinem
Stallmeister, dem Oberst-Lieutenant Valabrgue. Das Gesicht des Mannes, der,
wenn auch nicht an Ruhm, so doch unzweifelhaft an Klugheit und Glck, noch ber
seinem groen Oheim steht, war ernst und nachdenkend, denn ein Ministerwechsel
stand bevor und der Abend war zu verschiedenen wichtigen Conferenzen bestimmt.
In einiger Entfernung folgte den beiden Reitknechten ein Wagen, in welchem der
Chef jener geheimen corsischen Sicherheitswache, Hirevoy sa, welche, wie
bereits erwhnt, der Kaiser sich selbst gebildet hatte, nebst einem ihrer
Mitglieder, Alessandrini. Auf der Hhe des Chteau des fleurs, wo augenblicklich
verhltnimig wenige Spaziergnger verweilten und nur zwei Arbeiter in der
Nhe wie zufllig umherschlenderten, erhob sich von einer der Steinbnke beim
Nahen der Reiter pltzlich ein gut gekleideter Mann - derselbe, welchen wir
vorhin mit dem alten Soldaten haben sprechen sehen - und trat mit einer
Verbeugung dem Reitweg nher, die Hand in der Brusttasche, gleich als wolle er
eine Bittschrift berreichen.
    Dies schien auch der Kaiser zu glauben; denn, sein Pferd etwa sechs oder
sieben Schritt von dem Manne anhaltend, neigte er sich ber den Sattel und
streckte die Hand aus, als Jener pltzlich ein vierlufiges Pistol aus dem Rock
zog und auf den Monarchen feuerte. Die Kugel flog unschdlich vorbei und der
Kaiser fuhr mit der Hand wie schtzend nach dem Kopf. Diese Bewegung rettete
wahrscheinlich sein Leben; denn der Mrder feuerte das zweite Mal - das Pistol
ber den linken Arm gelegt - zu hoch und die Kugel streifte nur den Hut des
Bedrohten und machte ihn herabfallen. In diesem Augenblick, ehe der dritte Lauf
der Mordwaffe gebraucht werden konnte, warf sich der nchste der beiden
Arbeiter, derselbe, der eine halbe Stunde vorher an dem verbrecherischen Paar
verbergegangen war und einige unbestimmte Worte aufgefangen hatte, auf den
Italiener und versetzte ihm einen Dolchstich in den Arm, der ihn die Pistole
fallen lassen machte. Ein kurzes Ringen entstand, whrend dessen der Corse
Alessandrini aus dem Wagen springen, herbeieilen und zur Festnahme des Mrders
helfen konnte. Als dieser sah, da seine Flucht unmglich geworden, ergab er
sich trotzig in sein Schicksal und lie sich, von einer schnell sich sammelnden
Menschenmenge umringt, binden und von den als Arbeiter verkleidet gewesenen
beiden Polizei-Agenten in eine Droschke werfen.
    Der Kaiser, etwas bleich, sonst aber gefat und ruhig, hatte den Mnnern,
welche sich auf den Mrder geworfen, zugerufen, den Elenden zu schonen, dann
aber ruhig seinen Weg nach dem Boulogner Wldchen fortgesetzt, wo er die
Kaiserin treffen wollte. Erst als die erregte Volksmenge sich um ihn drngte,
setzte er sein Pferd in Galopp.
    Pltzlich, am Triumphbogen, hielt er es an und fixirte einen Mann, der an
einem Pfeiler der Kettenbarriere stand. Die Nachricht des Attentats war noch
nicht bis hierher gelangt, obgleich man in der Ferne den Auflauf in der Avenue
deutlich bemerken konnte; dennoch starrte der Unbekannte mit einem gewissen
Entsetzen auf den Kaiser, und die tiefe Narbe, die von der linken Schlfe des
greifen Gesichts quer ber den Schdel lief, glnzte wei in der Rthe der
Aufregung, welche jenes bedeckte.
    Der Kaiser hatte sich zu dem Oberst Ney gewandt und ihm, auf den Mann, der
in eine alle Soldaten - Uniform gekleidet war, deutend, einige Worte gesagt,
dann aber rasch seinen Weg fortgesetzt. Der Fremde, sobald er bemerkt, da die
Rede von ihm war, kreuzte die Arme und erwartete ruhig die Annherung des
Offiziers, der vom Pferde gestiegen war.
    Ich habe einen Auftrag an Sie, mein Herr, sagte er artig zu dem Greise,
und bitte Sie, mir einige Schritte zur Seite zu folgen, um die Aufregung nicht
zu vermehren.
    Ich stehe zu Diensten, doch ersuche ich Sie, mir zuvor zu sagen, was jener
Auflauf in den Champs Elyses zu bedeuten hat?
    Es ist so eben ein nichtswrdiges Attentat auf den Kaiser verbt worden,
dem Seine Majestt jedoch mit Gottes Hilfe und durch die Wachsamkeit der Polizei
des Herrn Balestrino glcklich entgangen ist.
    Ah! Balestrino, sagte der Alte mit finsterm Spott, er ist ein anderer
Mann, als diese Corsen. Und was ist aus dem Mrder geworden?
    Man hat ihn ergriffen und er befindet sich in diesem Augenblick
wahrscheinlich schon auf dem Wege zur Conciergerie.
    Der Greis schwieg einige Augenblicke. - Was wollen Sie von mir?
    Der Kaiser, der Sie zu kennen scheint, wnscht Sie zu sprechen.
    Er hat Sie beauftragt, mich zu verhaften?
    Nein - er befahl mir blo, Ihr Ehrenwort als Soldat zu fordern, da Sie
sich heute Abend um 10 Uhr bei dem Gouverneur des Invalidenhotels einfinden
wollen, von wo man Sie abholen wird.
    Und wenn ich mich weigere?
    Dann - allerdings - glaube ich auf meine eigene Verantwortung - aber Seine
Majestt haben einen solchen Fall gar nicht vorausgesehen und mir nur
aufgetragen, sein kaiserliches Wort fr Ihr ungefhrdetes Kommen und Gehen zu
verbrgen.
    Ich werde kommen!
    Ihr Ehrenwort?
    Der alte Soldat sah ihn unmuthig an. - Ihr Vater, der Marschall, htte an
meinem bloen Ja nicht gezweifelt! - Auf mein Ehrenwort als Soldat eines
Greren, denn er ist - ich werde zur Stelle sein.
    Er wandte dem Obersten ohne zu gren den Rcken und entfernte sich langsam.
- - -
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    Ganz Paris war in Aufregung ber das Attentat, die Polizei in Bewegung; das
diplomatische Corps, die Minister, die hohen Corporationen mit der Familie des
Kaisers waren schon vor dessen Rckkehr in den Tuillerieen versammelt, um Glck
zu wnschen - bis 10 Uhr dauerte die Fluth der Audienzen, ehe der Kaiser zur
Ruhe kommen konnte. Der Justizminister hatte noch am Abend seine Aussage
aufgenommen. - -
    Im Arbeitszimmer des Kaisers, demselben, in welchem vor Jahresfrist Credit,
Krieg und Revolution so wichtige Beschlsse erfuhren, sa der Gebieter
Frankreichs, bequem hingestreckt auf einer Chaise - longue, zur Seite einen
vergoldeten Gueridon, auf dem mehrere Papiere ihm zur Hand lagen. Der Kaiser
rauchte eine Cigarre, zwei Herren mit hohen Ordensauszeichnungen auf dem Frack
standen an dem groen Arbeitstisch. Wir sind Beiden bereits begegnet: - Graf
Walewski, der bisherige Gesandte in England, und Persigni, der frhere Minister
des Innern. Sie waren bestimmt, ihre Rollen in dem neuen Ministerium zu
tauschen.
    Die Verhandlung hatte bereits einige Zeit gedauert. - Eine Ihrer letzten
Amtshandlungen, lieber Graf, sagte fortfahrend der Kaiser, soll die Stellung
der Corsen unter Balestrino's Leitung sein. Ich habe mich berzeugt, da er der
Geschickteste und Thtigste ist.
    Wann glauben Euer Majestt, da die Verffentlichung der Ernennungen
erfolgen soll?
    In fnf oder sechs Tagen. Die Demission Drouin de L'Huys mu erst im
Publikum ihre Wirkung thun - augenblicklich verdrngt sie der heutige Vorfall.
Die Ernennung Thouvenel's fr Constantinopel soll den Anfang machen. Lassen Sie
einstweilen nur Layard und Roebuck mit ihrem Sebastopol-Comit fr uns arbeiten.
Lord Bourgoyen's Zeugni ist noch compromittirender, als das des Herzogs von
Newcastle und das Spiel wird binnen Kurzem in unsere Hand sein.
    Oberst Sibthorp, sagte Graf Walewski spottend, beabsichtigt Lord Russell
ber Spezifizirung seiner Wirthshausrechnungen fr die Mission nach Berlin und
Wien zu interpelliren. Er meint, die Ausgaben fr die weibliche Begleitung
mten gestrichen werden.
    Der Kaiser lachte herzlich. - Diese Sucht unserer geliebten Alliirten, sich
zu compromittiren, kommt uns sehr zu Statten. Palmerston's Eigensinn ist die
beste Chance, die wir uns wnschen konnten und ich prophezeihe Ihnen, die
Friedensconferenzen werden ihrer Zeit nur in Paris stattfinden. Wann glauben
Sie, Graf, da der neue Schlssel fr die Chiffern in London eintreffen kann?
    Nicht vor dem 6. oder 7. Mai.
    Das pat zu dem Ambassadenwechsel. Es ist eine kostbare Idee dieser
Englnder, - ein einziges Exemplar zurckzuhalten und das so glcklich sich
escamotiren zu lassen.
    Und was beschlieen Euer Majestt in Bezug auf die dadurch erfahrene
Absicht der Expedition nach Kertsch?
    Meine Instructionen werden zur selben Zeit in der Krimm sein, wo Raglan's
Bericht in London gelesen werden kann. Canrobert oder - er schwieg einen
Augenblick und berging das Wort, wird demnach vollkommen Zeit haben, seine
Maregeln zu treffen. Lieber will ich wahrhaftig die Russen am Bosporus dulden,
als eine englische Festung am Eingange des Azow'schen Meeres. Bei der
Gelegenheit fllt mir ein: die Anordnungen wegen der ausschlielichen
Befrderung der Briefe nach und aus der Krimm durch die Post sind doch
wiederholt und werden streng beachtet? Wir sind nicht solche Narren wie die
Englnder, uns selbst zu compromittiren, und die gestrigen Listen da unserer
Verluste und der Gefangenen, die wir seit Beginn des neuen Bombardements
erfahren und gemacht, lauten wenig gnstig.
    Die Lagerpolizei ist sehr aufmerksam und die Capitaine aller
Transportschiffe haben strenge Instructionen, Sire. - Man tuscht sich brigens
im Publikum wenig ber den Zweck der Anordnung und die Post hat manchen Spott zu
erleiden. Die alte Herzogin von Beaufrmont z.B. giebt alle ihre Briefe nur mit
einer Nadel zugesteckt auf die Post und schreibt darunter: Remettez l'pingle,
s'il vous plait!
    Lassen Sie dem Faubourg Saint-Germain den Spa, dergleichen Beschftigungen
unterhalten ihn und schaden mir herzlich wenig. Wirken Sie nur fr
Beschleunigung des Besuchs der Knigin Victoria, Persigny, ich will den Parisern
fr die 750 Millionen Franken der neuen Anleihe wenigstens ein Schauspiel geben,
whrend die Regierung Ihrer Majestt fr 16 Millionen Pfund Nichts thut, als
Stoff fr Blamagen aus der Krimm zu liefern.
    Sire, Sie sind heute bei Humor!
    Der Kaiser lchelte mit einem feinen rckhaltenden Spott. Bah! glaubst Du,
die Affaire aus den Champs Elyses habe mir den Appetit verdorben? Frankreich
mu heute empfunden haben, wie viel an meiner Person hngt - und dieser Bericht
Pietri's ber des Nichtswrdigen Vergangenheit und Herkunft beruhigt mich ber
die einzige Besorgni, die ich aus dem seltsamen Zusammentreffen htte ziehen
knnen.
    Ich verstehe Euer Majestt Meinung nicht?
    Der Herr Ambassadeur mu seine Wibegierde schon fr London aufsparen, wo
sie mir hoffentlich recht gute Dienste leisten wird; fr heute genug, meine
Herren. Sie, lieber Graf, habe ich noch um einen vertraulichen Dienst zu bitten.
- Bleiben Sie nur, Persigny, es ist kein Geheimni. - Wissen Sie, wen ich heute
am Triumphbogen wieder erkannt?
    Ich bin begierig, Sire?
    Unsern Unbekannten aus dem Invalidendom - vor zwei Jahren.
    Dem die ganze Polizei so lange vergebens nachsprte? Und Euer Majestt
lieen ihn nicht verhaften, wo sein Erscheinen offenbar in Rapport zu dem
Mordanfall steht?
    Lieber Freund, sagte der Kaiser mit dem vorigen geheimnivollen Lcheln,
es sind wahrscheinlich gegenwrtig viele merkwrdige Fremde in Paris, ohne da
sie gerade mit Herrn Pianori in Verbindung stehen. Doch ist meine Absicht eben,
mich in dem vorliegenden Falle davon zu berzeugen, auch ohne da ich in die
Functionen meiner Polizei eingegriffen habe. Ich bitte Sie, von hier sich zu dem
Gouverneur der Invaliden zu begeben; Sie werden den Mann, von dem wir eben
gesprochen, dort finden, wenn ich seinen Character recht beurtheile, ihm dieses
Papier geben - er warf rasch einige Worte auf ein Blatt - und ihn
hierherfhren. Ney ist anderweitig beschftigt und Sie sind ihm bekannt.
    Und was soll ich mit ihm thun?
    Sie fhren ihn hierher - durch die Terrasse d Bord und den Pavillon
Marsan. Andr wird Sie dort abholen. Sie bleiben dann im blauen Salon im Bereich
meiner Stimme. Adieu bis dahin.
    Die beiden Minister zogen sich zurck. Der Kaiser blieb einige Zeit allein,
blos mit seinen Gedanken beschftigt und mit den Augen den Zeiger der groen Uhr
auf dem Kamine, ein Meisterwerk Delacour's, verfolgend. Mit dem Schlag halb Eilf
hrte man ein Kratzen an der mittlern, durch eine schwere Portiere bedeckten
Seitenthr, die der Kaiser sogleich selbst aufschlo.
    Zwei Mnner traten herein, der Eine war der Graf Ney, der Andere ein
zierlich gebauter Mann von etwa 28-30 Jahren in einem einfachen Civilanzug.
    Der Kaiser erwiederte die Verbeugung des Unbekannten und sagte dann zu
seinem Begleiter: Verlassen Sie uns, lieber Graf, und verhindern Sie jede
Strung, bis ich Sie rufe.
    Der Adjutant verlie das Gemach, der Kaiser selbst schlo hinter ihm die
Thr und lie die Portiere fallen. Dann wandte er sich zu dem Fremden und sagte
einfach: Wir sind allein, mein Herr!
    Einige Augenblicke betrachteten beide Mnner einander mit offenbarem
Interesse. Der Fremde war, wie gesagt, feingewachsen und jung, seine
Gesichtsbildung hatte den tatarischen Druck in edlern Formen, das durch eine
Brille bedeckte feurige Auge verkndete Muth und Energie nur eine Falte zwischen
den Brauen einen gewissen Zwang, den er sich anthat. Seine Manieren gehrten
sichtbar der besten Gesellschaft an, doch war seine Haltung frei von jedem
Zwange und der Devotion, die gewhnlich die Nhe des Trgers einer Krone
auferlegt.
    Indem der Kaiser nach seinem frhern Platz zurckging, nahm er zwei kleine
in englische Leinwand gebundene Bcher aus seiner Handbibliothek und legte sie
neben sich auf die Causeuse. Sein Benehmen gegen den Fremden war brigens artig
wie das eines feingebildeten Privatmannes bei einer Conversation, nicht wie die
Haltung des mchtigen Monarchen bei Ertheilung einer Audienz. Mit einer leichten
Handbewegung nach einem danebenstehenden Lehnsessel einladend, sagte er hflich:
Ich bitte, nehmen Sie Platz - unsere Unterhaltung kann vielleicht lange dauern.
Ich hoffe, Sie haben alle Anordnungen fr die Geheimhaltung dieser Audienz Ihren
Wnschen entsprechend gefunden?
    Der Fremde verneigte sich. - Euer Majestt sind meiner - Bitte auf das
Freundlichste entgegen gekommen und ich danke Euer Majestt dafr. Das Wort
Majestt schien wie durch Zwang unwillig ber diese stolz aufgeworfenen Lippen
zu kommen und ein dunkles Roth berscho das Gesicht des Sprechenden, als er den
leisen Triumph bemerkte, der einen Augenblick lang um den Mund des Napoleoniden
zuckte.
    Sie haben den Auftrag, sagte der Kaiser, die vertraulichen
Unterhandlungen zu Ende zu bringen, die nach dem Tode des Kaisers Nicolaus
meines Herrn Bruders Liebden in Petersburg wegen des knftigen Friedensschlusses
mit mir im Geheimen erffnet hat. Sie werden hchst wahrscheinlich - da mir die
Brgschaft Ihrer unbekannten Person fehlt - eine Vollmacht besitzen?
    Der seltsame Unterhndler berreichte ein Blatt, das der Kaiser auseinander
schlug. Es enthielt nur die Worte:

                               Pleins pouvoirs!
                                                                     Alexandre.

    Der Herrscher der Franzosen machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe,
gab das Blatt zurck und sagte: Dies gengt vollstndig. Kommen wir zur Sache.
    Die Chancen des Krieges in der Krimm, Sire, stehen in diesem Augenblick
gnstiger fr uns, als bei Beginn des Feldzug. Wir haben eine starke Festung und
eine zahlreiche, entschlossene Besatzung, wo wir frher nur eine unvollstndige
Vertheidigung hatten. Ihre Armee, Sire, hat bei allem militairischen Ruhm, mit
dem sie sich durch ihre Ausdauer bedeckt, doch whrend des Winters viel
gelitten. Ihre Belagerungsarbeiten haben nur geringe Fortschritte gemacht.
    Ich tusche mich nicht darber, doch habe ich einen mchtigen Verbndeten!
    Welchen, Sire? - England? - Sardinien? Die Frage klang voll bittern
Hohnes.
    Nein, mein Herr! - Das Frhjahr und nthigenfalls noch den Sommer!
    Wir haben die gleiche Chance, obschon ich zugeben will, da der Winter
unser besserer Alliirter war. Die Werke Ssewastopols - -
    Der Kaiser, der mit den Almanachs spielte und sie wie zufllig
durchbltterte, unterbrach ihn lchelnd: Lassen wir das Alles - das war Sache
der Prliminarien und wir haben Wichtigeres. Ich will mit Offenheit Ihnen
vorangehen und aussprechen, da ich den Frieden so gut brauchen kann, wie
Ruland.
    Sire, Sie erklrten den Krieg!
    Ich habe dem Kaiser Nicolaus den Krieg erklrt, nicht dem Kaiser Alexander.
Ich brauchte damals den Krieg, denn es galt, meinen jungen Thron zu befestigen.
Jetzt gilt es, meiner Nachkommenschaft diesen Thron auch zu sichern. Das kann
die Diplomatie besser, wie der Krieg. Sie sehen, ich bin sehr aufrichtig.
    Euer Majestt danke ich dafr. Was Ruland dazu thun kann - - -
    Nein, mein Herr, das sind vage Versprechungen. Ich mu die ganz bestimmte
Erklrung haben, da Ruland die Bourbonen fr alle Zeit fallen lt. Mit den
Orleanisten und den Republikanern werde ich schon allein fertig, das Einzige,
was meiner Familie entgegen stehen kann, ist die Tradition - und mit dieser mu
Ruland freiwillig - merken Sie wohl - freiwillig und offen brechen, wenn ich
meinerseits Opfer bringen soll.
    Der junge Unterhndler schwieg, auf seiner krftigen Stirn lagen schwere
Wolken.
    Die Romanow's, fuhr der Kaiser streng fort, haben eben so gut ihren
Anfang gehabt, wie die Bonaparte's. Ich bin nicht einmal der Erste, sondern
bereits das dritte Glied meines Hauses auf dem Throne. Sie werden mir
zugestehen, da die Bourbonen ihre Glanzzeit berlebt und ihre Restauration
nicht haben aufrecht halten knnen. Dies wrde auch knftig der Fall sein. Die
Orleans sind ein Geschlecht von Unruhstiftern und Gelegenheits-Speculanten. Sie
haben also keine Brgschaft fr die Zukunft, als in mir, und wenn je ein Mann
das Wort wahr gemacht, da er mit der Revolution gebrochen, so bin ich es!
    Euer Majestt legen, ich erkenne es im Namen meines - Gebieters an, die
Nothwendigkeit klar dar, aber nicht die Mittel.
    Hren Sie mich an - ich fordere keine Erniedrigung der legitimen Hfe von
Europa, wie mein Onkel thrichter Weise, um seinem Stolz zu schmeicheln, that;
aber ich fordere anerkennendes Entgegenkommen. Ich wiederhole Ihnen, die Person
des Kaisers Nicolaus war dasjenige Element, was meinen Ansprchen in Europa
bisher entgegen stand. Er war es, der den Weg, den ich versuchte zur
Einbrgerung meiner Rechte, abschnitt. So lange er lebte und unbesiegt war,
blieb ich ein geduldeter Emporkmmling und in zweiter Reihe. Gott selbst hat
entschieden und Ruland die neue Auffassung der Zeit leicht gemacht. Ich bin
kein Eroberer, wie mein Onkel, ich will nicht in Europa gefrchtet, aber ich
will gesucht und nthig sein. Wir werden den Frieden schlieen unter
Bedingungen, die fr unsere beiderseitige Stellung nothwendig und ntzlich sind.
Dann wird die Zeit neuer Bndnisse und diplomatischer Conjecturen eintreten. Die
erste Nothwendigkeit hierzu war die Sprengung der sogenannten heiligen Allianz.
    Sie ist faktisch bereits todt - durch Oesterreichs Dankbarkeit.
    Ja, aber Ruland mu sich verpflichten, auch nicht einmal fr die
Wiederherstellung des Scheines etwas zu thun.
    Unsere Staatsmnner haben diese erste Forderung Eurer Majestt erkannt und
Ruland verpflichtet sich dazu.
    Das ist mir lieb. Es wird, um der allgemeinen Stimme willen, nothwendig
sein, da bei dem Friedensschlu Ruland einige Concessionen am Schwarzen Meere
macht, vielleicht die Abtretung einer unwesentlichen Landesstrecke zur
sogenannten Regulirung der Grnze und der Donaumndung. Wir sind die Letztere
Oesterreich schuldig fr seine Rolle, werden aber dafr sorgen, da es keinen
festen Fu am Schwarzen Meere fat. Das Protektorat der Donau - Frstenthmer
wird unter die gemeinsame Diplomatie gestellt.
    Das ist ein wichtiger Verlust fr Ruland.
    Eine bloe verfhrerische Gelegenheitsmacherei. Nach dem Verlust Ihrer
Flotte und Arsenale im Sden ist Ihnen die Sache ohnehin nutzlos.
    Aber unsere Flotte ist noch nicht verloren! Das Auge des Russen blitzte
stolz und feurig.
    Sie ist es; - wir knnen natrlich nicht ber den Bosporus wieder
zurckgehen, bevor die russische Flotte zu existiren aufgehrt. Ueberdies ist
sie ja zur Hlfte bereits vernichtet. Doch das wollen wir spter errtern. Sein
Sie versichert, da ich gar keinen Einspruch erhebe gegen jede Verstrkung Ihrer
Flotte im Norden, eine solche kann nur mein Wunsch sein und ich werde Ihnen mit
Bereitwilligkeit die franzsischen Werfte fr diesen Zweck ffnen.
    Der junge Diplomat sagte langsam und feierlich: Wir sind bereit, unsere
Angriffsstellung im Sden zu opfern, natrlich unter Vorbehalt unserer Rechte
bei einer knftigen Regulirung der trkischen Frage - aber unter der Bedingung,
da England keine weiteren Erwerbungen am Mittelmeere macht und nicht am
Schwarzen Meere festen Fu fat.
    Ach, dafr lassen Sie mich sorgen; Sie werden in Kurzem ein Prbchen davon
hren, wie ich meinen speculirenden Verbndeten in Ihrem Interesse auf die
Finger sehe! Mge Ruland zusehen, wie es sich den Weg nach Indien bahnt und
sich nach China ausdehnt, ich werde gar Nichts dawider haben. Asien ist das Land
der nchsten fnfzig Jahre.
    Sire - ich will Ihre Offenheit erwiedern - Sie wnschen das Mittelmeer?
    So ist es - und es ist nicht mehr als billig, da Frankreich dort herrscht.
Seine natrliche Lage berechtigt es dazu und ich hoffe es noch zu erleben, da
jeder lecke Eindringling auf sein natrliches Gebiet zurckgewiesen wird. Sie
thaten Recht, mein Herr, geradezu auf den Hauptpunkt unserer Verstndigung
loszugehen. Hier ist das Bndni der Zukunft fr Ruland und Frankreich.
Vorlufig verlange ich nur, da Sie meine Politik und meine Festsetzung in
Italien nicht beschrnken, ich werde dafr mit Ihnen in der dnischen Frage Hand
in Hand gehen. Dies sprengt das sterreichisch - englische Bndni, und Preuen
in Schach zu halten ist Ihre Sache.
    Wir sind einverstanden. Preuen ist ein Staat, dessen Hauptaufgabe seine
innere Entwickelung und seine Vertheidigung gegen Oesterreich bleibt.
    Dies, erkenne ich an und wnsche dringend mit ihm ein freundliches
Verhltni. Weiter knnen wir uns nicht viel ntzen; doch mu ich darauf
bestehen und dafr sorgen, da es nach dem Frieden sich der Anerkennung meiner
Berechtigungen anschliet. Dafr werde ich sein Recht der Theilnahme an den
Friedensverhandlungen trotz seiner angenommenen Neutralitt gegen alle
englischen Einwendungen untersttzen. Die ffentlichen Friedensverhandlungen
mssen natrlich in Paris stattfinden.
    Sollte nicht Brssel oder Berlin - -
    Nein, mein Herr - keinen Rckzug! Das ist das erste und natrlichste
Zeichen jener Anerkennung und Sicherung, die eben unser Hauptbedingni ist.
    Wir berlassen Eurer Majestt die Wahl.
    Und nun, da wir mit der Zukunft fertig sind, lassen Sie uns zur Regelung
der Nebenfragen bergehen, ich meine die ehrenvolle Beendigung des Krieges
selbst und die Entscheidung ber Sebastopol.
    Sire, Sie werden Nichts verlangen, was die Waffenehre Rulands beleidigt!
Wir wnschen den Frieden, aber wir sind nicht besiegt, und - ich mu es
wiederholen - Ssewastopol ist fester denn je!
    Der Kaiser sann eine Weile nach. - Die Verstndigung ist vom militairischen
Standpunkt schwieriger, als vom politischen. Sie sind wahrscheinlich selbst
Offizier oder haben wenigstens gedient?
    Der Fremde verbeugte sich.
    So werden Sie desto leichter einsehen, da ich die Armee schonen mu. Sie
kann ohne einen Erfolg oder eine groe Niederlage nicht zurckkehren, und die
letztere wrde alle unsere diplomatischen Plne vernichten oder in weite Ferne
schieben. Der Franzose lebt von der gloire und ich darf die Armee nicht
verletzen. Vielleicht eine ehrenvolle Capitulation?
    Sire, Sie haben die britische und die trkische Armee zu Aliirten!
    Ei, die knnte man sich vom Halse schaffen - geben Sie den Burschen in
Kleinasien eine Lection, dort ist mir Ihr Sieg ganz recht. Doch machen Sie
selbst einen Vorschlag, Sie werden ohne einen solchen nicht hierher gekommen
sein.
    Lassen Euer Majestt uns den Kampf um Ssewastopol gleich einem Turnier des
Mittelalters betrachten. Welches dann auch der Ausgang sei, die politischen
Folgen sind durch die eben erfolgte Verstndigung ber die Zukunft geregelt; -
unsere Armeen kmpfen nur noch um die Ehre. Euer Majestt mgen selbst den
Zeitpunkt bestimmen, bis zu welchem Tage dies Turnier dauern soll. Jeder thue
das Mgliche fr den Ruhm seiner Waffen. Die Einnahme der Sdseite oder der von
Ihnen festgesetzte Termin endet den Kampf und lt einen Waffenslillstand
eintreten, whrend dessen der Frieden geschlossen wird. Auch im Fall das Glck
uns begnstigt, wird Ssewastopol ein Schutthaufen und - ich gestehe es zu -
unsere militairische Herrschaft auf dem Schwarzen Meere fr lngere Zeit
vernichtet sein. Man stampft weder Arsenale, noch eine Flotte, noch ihre
Equipage aus den Grbern.
    Das Auge des jungen Mannes mit dem stolzen, ernsten Gesicht schaute finster
und voll Schmerz - es war, als lge diese stolze Flotte, diese Riesenschpfung
nicht auf dem Grunde des Meeres, sondern in der Tiefe seines Herzens begraben.
    Es folgte eine Pause. Endlich schrieb der Kaiser einige Worte auf ein Blatt
und reichte es dem Unterhndler. - Ist Ihnen dieser Datum genehm?
    Ja, Sire, obgleich alle Chancen dann fr Sie sind. Ueberlebt Ssewastopol
diesen Tag, so wre es - ja, es wre Wahnsinn, Ihre brave Armee noch einem
Winter, wie der vorige, auszusetzen. Der Wassenstillstand beginnt demnach auf
jeden Fall vor diesem Tage an?
    Ich bin es zufrieden! - Wenn Sebastopol fllt, selbst im Sturm, sollen sich
Ihre Truppen unangefochten zurckziehen drfen. Wir werden den Sieg nicht
verfolgen.
    Ich danke Ihnen, Sire, obgleich ich hoffe, da er auf unserer Seite sein
wird. Die Einschiffung der Franzosen wird von uns durch keine Feindseligkeiten
gefhrdet werden.
    Beide Parteien lchelten unwillkrlich bei diesem Wettstreit des
Nationalstolzes.
    Ihr Turnier, mein Herr, wird Strme von Blut kosten. Knnen wir auch die
Menschenleben verantworten?
    Der Russe sah ihn erstaunt an. - Elihn Burrit, Sire, ist ein Narr. Frsten
knnen keine Philantropen sein, wie theilnehmend auch ihr Herz dem einzelnen
Leiden schlgt. Die Armeen der Knige sind die Aderlamesser der menschlichen
Gesellschaft. Wir Russen machen Politik mit den Soldaten, nicht um der Soldaten
willen.
    Sie sprechen khn, sagte lchelnd der Kaiser, indem er sich erhob, und
sind berhaupt ein seltsamer Unterhndler, mit dem man sehr rasch zu Ende kommt.
Walewski und Nesselrode htten sicher zu dem, was wir in einer halben Stunde
erreicht, Monate gebraucht, was allerdings wahrscheinlich noch mehr Blut
gekostet haben wrde. Doch - wir haben bei alledem einen Hauptfactor ganz auer
Spiel gelassen - Seine Herrlichkeit Lord Palmerston und meine intimen
Verbndeten!
    Euer Majestt Flotte - ich mache Ihnen mein Compliment ber Ihre Marine -
und die Russische htten vereint England vom Erdball peitschen knnen! Euer
Majestt mgen es mit England einrichten nach Ihrem Belieben. Wir unterhandeln
mit Frankreich.
    Ein selbstzufriedenes stolzes Lcheln lag auf dem Gesicht des franzsischen
Herrschers. - So wren denn alle Punkte geordnet - aber in welcher Form wnscht
Seine Majestt der Kaiser Alexander einen Austausch unserer Stipulationen?
    Sire, mein - der verewigte Kaiser hat uns die Lehre von dem blauen Buch
hinterlassen. Mein Souverain ist zufrieden mit dem Versprechen Eurer Majestt,
das ich die Ehre habe, hiermit anzunehmen. Ich habe Ihnen freilich dagegen
Nichts zu bieten, als eben diese Vollmacht.
    Ihr Wort gengt mir gleichfalls, sagte sein Gegner artig. Es soll mich
sehr freuen, Eure Kaiserliche Hoheit nach geschlossenem Frieden offiziell in
Paris zu empfangen und das bewiesene Vertrauen dann zu vergelten.
    Sire - - -
    Der Herrscher Frankreichs berreichte dem berraschten Gast das kleine Buch,
in welchem er mehrfach geblttert, aufgeschlagen an einer der ersten Seiten,
indem er zugleich die Feder der Glocke drckte. Es war der Gothaische Almanach
vom Jahre 1850.
    Die Thr hinter der Portiere ffnete sich augenblicklich und Oberst Ney trat
ein.
    Leben Sie wohl, sagte der Kaiser, indem er seinem Besuch die Hand reichte,
und reisen Sie glcklich. Ich hoffe, das Turnier fllt zu unserer
beiderseitigen Zufriedenheit aus und wir sehen uns recht bald wieder. Lieber
Graf, Sie werden die Geflligkeit haben, sich ganz zur Disposition - - dieses
Herrn zu stellen.
    Er geleitete den Besuch, der seit jener Anrede ein bedeutsames Schweigen
beobachtet, mit auffallender Artigkeit bis an die Schwelle des Gemachs. Als er
zurckkam, warf er sich auf die Ottomane und bedeckte, tief aufathmend, das
Gesicht einige Augenblicke mit der Hand.
    Als er sie zurckzog und wie an jenem Abend - vor Jahresfrist - vor das
Portrait seines Oheims trat, war sein Antlitz marmorfest in den stolzen Zgen
und das Auge ruhte mit einem gewissen selbstzufriedenen Hohn auf dem Bilde. -
Die Shne ist gebracht - meine Schuld an Dich abgetragen und die Beleidigung,
die mir selbst geworden. Jetzt kommt die Zeit, die mein allein ist!
    Der Kaiser schritt gedankenvoll einige Male auf und nieder. Ich bin mde
von all' dem, sagte er endlich, und mu zu Ende kommen. Sehen wir, ob Walewski
meinen Mann gefunden hat.
    Er klatschte in die Hnde und sein vertrauter Kammerdiener Andre trat
sogleich durch die entgegengesetzte Thr ein.
    Ist der Graf im Salon - allein oder in Begleitung?
    Seine Excellenz harren seit einer Viertelstunde. Es ist ein alter Herr bei
ihm.
    La Beide eintreten.
    Der Gebieter hatte wieder auf der Causeuse Platz genommen, der groe
Arbeitstisch trennte ihn von den Eintretenden.
    Diese waren der Graf Walewski und der Mann, welchen der Kaiser am
Triumphbogen getroffen, diesmal in einer seinem Alter entsprechenden vornehmen
Civilkleidung, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmckt.
    Ich danke Ihnen, mein Herr, da Sie Wort gehalten haben, sagte der Kaiser.
Es ist lange her, da wir uns nicht gesehen, dennoch erkannte ich Sie sogleich
- trotz der Verkleidung. Beabsichtigen Sie auch jetzt noch, Ihr Incognito
beizubehalten?
    Sire - ich bin der Graf Lubomirski, Escadronchef der polnischen Lanziers
unter Ihrem Oheim, zuletzt Oberst in der Armee der polnischen Republik.
    Ah! ich kenne den Namen, einer der Helden von Somosierra mit Niegolewski -
wenn ich nicht irre?
    Der Greis verbeugte sich.
    Mein Herr, fuhr Jener fort, unsere Bekanntschaft ist seltsamer Art und
ich gestehe Ihnen offen, da ich es bedaure, einen Mann Ihres Namens in
Verhltnissen und Verbindungen zu treffen, deren Natur nur geheimnivoll und
verbrecherisch sein kann. Dennoch habe ich Vertrauen zu Ihnen und habe Sie unter
Verpfndung meines Ehrenworts zu dieser zweiten Zusammenkunft eingeladen, um
einige Fragen und eine Mittheilung an Sie zu richten.
    Sire - meine Anwesenheit zeigt Ihnen, da ich Ihnen antworten werde - so
weit es mich betrifft - aber nur, - wenn ich die Ehre einer geheimen Audienz
habe.
    Ich bat Sie schon frher, lieber Walewski - - -
    Euer Majestt verzeihen - aber ich mu mich weigern, Sie mit einem Manne
allein zu lassen, der zu dem Bunde Ihrer gefhrlichsten Feinde gehrt.
    Der Herr war Offizier meines Oheims, sagte der Kaiser ruhig, Sie hrten
es selbst, lieber Graf; ich entbinde Sie aller Verantwortung und nehme diese auf
mich. Bleiben Sie im Nebenzimmer.
    Der Minister entfernte sich schweigend, nicht ohne noch einen besorgten
Blick auf den Polen geworfen zu haben.
    Der Gebieter Frankreichs und der Sectionschef der revolutionairen Propaganda
waren allein. Erst nach einigen Augenblicken brach der Erstere das Schweigen.
    Sie sind ein Mitglied der sogenannten Marianne oder vielmehr des Bundes der
Unsichtbaren?
    Ein spttisches Lcheln zuckte unter dem grauen Schnurrbart des Polen. -
Euer Majestt sind gut unterrichtet durch den Baron Riepra.
    Sie haben das unbedingte Versprechen Ihrer eigenen Sicherheit in der Hand.
Wollen Sie mir deshalb aufrichtig eine sonst gefhrliche Frage beantworten?
    Ich erklrte mich schon bereit dazu - da es ohnehin wohl die letzte
Unterredung sein wird, mit der Euer Majestt mich beehren.
    Das wird von Ihnen abhngen, bemerkte der Kaiser, ohne auf den Doppelsinn
zu achten. Sagen Sie mir offen und ohne Besorgni: wuten Sie um den heutigen
Mordanfall gegin mich?
    Ja, Sire!
    Also doch - ein politisches, wohlberlegtes Attentat, nicht der Wahnsinn
eines Einzelnen! Das ist abscheulich!
    Sire - Sie sind uns im Wege - Sie haben sich aus unserer Sttze zu unserm
Herrn gemacht, Sie, der Republikaner auf dem Throne, sind der bitterste Feind
der socialen Republik geworden - Sie mssen sterben, Sire!
    Alter Thor! wissen Sie nicht, da das Leben der Mnner, die Gott auf einen
Thron gesetzt, vor allen andern unter seinem Schutz steht?
    Aber die Knigsmrder, Sire, sind oft die Rcher in der Hand Gottes.
    Das ist Blasphemie! Hren Sie, was ich Ihnen zu sagen habe, und
hinterbringen Sie es den Huptern Ihrer Verbindung, wenn Sie nicht, wie ich
vermuthe, selbst eines - bitte, unterbrach er sich, denn der Graf war dem
breiten Tisch einen Schritt nher getreten - bleiben Sie an Ihrem Platz, ich
wnsche nicht eine allzu groe Nhe. Also hren Sie oder berichten Sie Jenen
meinen festen Entschlu. Ich habe nicht Lust, meine Person politischen
Fanatikern oder Schurken lnger zur Zielscheibe dienen zu lassen, weil ich ihren
Plnen unbequem geworden bin. Ich erkenne an, da die revolutionaire Propaganda
so gut eine bestehende Macht ist, wie die legitimen Throne oder die Throne de
facto, mit der man unterhandeln kann. Mge sie daher England, Italien, Ungarn -
meinetwegen auch die Trkei zum Schauplatz ihrer Thtigkeit machen - ich werde
sie gewhren lassen und bewillige ihr ausdrcklich dies Feld. In Frankreich aber
dulde ich sie nicht mehr, in Frankreich bin ich Herr, ich allein! Ich habe sie
mit offenen Waffen bisher bekmpft, aber ich schwre Ihnen, bei dem geringsten
Versuch von Meuchelmord, der noch ein Mal gegen mein Leben oder ein Leben der
Familie Napoleon gemacht wird, soll Cahenne ein Eldorado sein und ich will sie
verfolgen wie giftiges Gewrm bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel. Also
persnliche Sicherheit bei allem Prinzipienkampf, oder ein Vertilgungskrieg
auf's Aeuerste!
    Das Gesicht des Herrschers war dunkel geworden bei den heftigen
entschlossenen Worten - der alte Propagandist aber hatte ihnen anscheinend
unbewegt zugehrt.
    Jetzt, mein Herr, fuhr der Kaiser fort, ist der Zweck erledigt, wegen
dessen ich Sie hierher bemht. Ich wollte sicher sein, da meine Worte, mein
Entschlu zuverlssig zu den Leitern jener Bndnisse kmen, und benutzte den
Zufall, der mich Ihnen endlich wieder begegnen lie. Gehen Sie also zurck nach
England, woher Sie mit dem feigen Meuchler gekommen und wo Lord Palmerston Ihren
Freunden seinen Schutz gewhrt. Sie haben mein Geleit und Niemand wird Ihre
Abreise hindern. Aber hten Sie sich, zurckzukehren nach Frankreich, - um der
Erinnerungen von Somosierra willen wnsche ich dies, Herr Graf!
    Sire - ich komme nicht aus England!
    Woher sonst? - Diese Ermittelungen der Polizei - er zeigte auf ein Papier
- ergeben bereits, da der Mrder ein Italiener, ein ehemaliger Genosse
Garribaldi's, aber vor acht Tagen aus England gekommen ist.
    Ich widerspreche dem nicht - ich jedoch, Sire - komme direkt aus Ruland!
    Der Kaiser fuhr empor. - Aus Ruland, sagen Sie? - das ist seltsam! - wre
es mglich - - -?
    Sire - es wird Ihnen beweisen, da Sie mit einigen Prsumtionen Unrecht
haben. Von wem Pianori ausgeschickt ist, mgen Ihre Gerichte ermitteln - wenn
sie es im Stande sind. Ich aber kann Ihren Auftrag an die Hupter der freien
Verbindungen nicht ausfhren. - Ich lege den Schutz, den mir Ihr eigenhndiger
Befehl gewhrt, in Ihre Hnde zurck, - Sie werden mich auch nicht wiedersehen;
denn, Sire, es giebt noch einen andern wichtigeren Grund, weshalb - - er legte
das Papier, das Graf Walewski ihm bergeben, auf den Tisch - pltzlich fuhr er
zurck - der entschlossene finstere Ausdruck des narbigen Gesichts verschwand in
einer unendlichen Angst - -
    Der Kaiser hatte sich halb erhoben und die Linke an die Feder der Glocke
gelegt, whrend die rechte Hand einen Gegenstand zwischen den Kissen der
Causeuse erfate. - Was beabsichtigen Sie, mein Herr? - hten Sie sich!
    Halten Sie ein, Sire - um Gotteswillen - verzeihen Sie diese Indiscretion,
aber - ich sehe hier einen Namen - ich beschwre Sie, wie kommt der Name dieses
Knaben in Ihr Cabinet? - Er hatte ein Papier, auf das neben der Stelle, an
welche er jenes Blatt niedergelegt, zufllig sein Auge gefallen war, aufgerafft
und hielt es zitternd dem Kaiser hin - groe Schweitropfen brachen aus seiner
Stirn.
    Es ist die letzte Liste der russischen Offiziere, sagte dieser kalt, die
in den nchtlichen Gefechten seit Wiederbeginn des Bombardements vor Ssewastopol
zu Gefangenen gemacht wurden. Interessirt es Sie, so lesen Sie immerhin.
    Sire - der Greis taumelte nach der Lehne eines Sessels und sttzte sich
darauf, noch immer das Papier fest in der Hand - erlauben Sie - aber ich bin
ein alter Mann, und was mir eben begegnet, hat mich berwltigt.
    Er unterlag sichtbar der hchsten Ausregung. Der Kaiser war freundlich nher
getreten und nthigte ihn zum Sitzen. - Nehmen Sie Platz, Herr Graf! Vielleicht
haben Sie auf der Liste einen Ihnen bekannten Namen gefunden?
    Es ist der Name meines Enkels Michael Lasaroff - Fhnrich! - Sire - Sie
sagten vorhin mit Recht, Gott bewahre das Leben Derer, die er auf einen Thron
gesetzt! Der Name dieses Knaben hat Ihr Leben gerettet - denn in diesem
Augenblick schon htte Frankreich keinen Herrn mehr gehabt!
    Der so seltsam bedrohte Monarch konnte allerdings ein Gefhl des Schauders
und Widerwillens nicht unterdrcken, doch gewann er sogleich die Fassung wieder
und entgegnete: Sie fiebern, Herr Graf - und schreiben sich eine Absicht zu, an
die ich zu Ihrer eigenen Ehre nicht glauben kann.
    Nein, Sire, sagte mit festem Tone der alte Propagandist, was ich sage,
ist Wahrheit; nicht die Beschlsse der republikanischen Gesellschaften allein
drohten Ihnen den Tod - Ihr Leben war einem entschlossenen Manne nothwendig, um
das Theuerste zu retten, was er besitzt. Ihr Tod htte die Belagerung von
Ssewastopol beendet, auf dessen Wllen mein Enkel als Vertheidiger stand. Gott
hat es anders gewollt; - als Gefangener der Franzosen ist sein Leben gesichert -
machen Sie also mit mir, was Sie wollen.
    Der Kaiser ging einige Male in dem Cabinet auf und ab und schien einen
Entschlu zu berlegen. Dann blieb er vor dem Polen stehen und sagte: Ich
brauche wohl kaum zu erwhnen, da mein Wort giltig bleibt. Wollen Sie jetzt
meinen Auftrag an die Fhrer Ihrer Verbindungen ausrichten? - ich biete Ihnen
Leben fr Leben.
    Wenn ich Euer Majestt recht verstehe, sprach erschttert der Greis, so
bin ich berwunden. Gott hat zu mir gesprochen! Ich stehe Ihrer Verfgung, wie
ich einst der Soldat Ihres groen Onkels war. Sie werden Nichts von mir fordern,
was nur ein Ripira leisten konnte.
    Ich bin damit einverstanden und freue mich dieses Resultats. Der Auftrag,
den ich Ihnen gegeben, mu von Ihnen persnlich ausgefhrt werden, ich verlange
nicht zu wissen, wo und wie, aber die Sache selbst ist fr mich zu wichtig.
Sobald dies geschehen, mgen Sie nach der Krimm abreisen, ich brauche eine
Person fr die Ausrichtung von Auftrgen dort, die ich keinem Offizier meiner
Armee anvertrauen will. Eine offene Ordre wird Sie ermchtigen, ber die weitere
Gefangenschaft und das Schicksal Ihres Enkels selbst zu verfgen.
    Sire, zhlen Sie auf mich! - eine Festung fr ihn, bis dieser Krieg zu Ende
ist!
    Arrangiren Sie das, ganz wie Sie wollen, Herr Graf. - Gehen Sie jetzt, denn
ich bedarf der Ruhe - ich behalte ein Pfand, da ich Sie bald wiedersehe. Wenn
Sie eine geheime Audienz wnschen, so wenden Sie sich an meinen Kammerdiener
Andre.
    Er gab das Zeichen und der Minister, der mit Besorgni es lngst erwartet,
ffnete sogleich die Thr.

                                 II. Hochzeit!


Am 19. Mai hatte General Pelissier das Oberkommando der franzsischen Armee
bernommen - der Kaiser hatte seinen Kmpen zum Turnier gewhlt.
    Die Strke der verbndeten Truppen betrug zu dieser Zeit durch die
bedeutenden Nachsendungen aus Frankreich, die Ankunft des trkischen Corps unter
Omer Pascha und der Sardinier unter General La Marmora1: 174500 Mann, von denen
100000 allein auf die Franzosen kamen. Auch die Zahl der Russen in der Krimm war
auf c. 200000 Mann gewachsen, so da fast eine halbe Million Krieger auf diesem
Fleck Erde einander gegenberstand.
    Am 9. April hatten die Verbndeten ein zweites Bombardement auf die Festung
erffnet, das, in Betracht seiner riesenhaften Vorbereitungen, einzig in der
Geschichte dasteht. Die Kosten des Vorbereitungs-Materials betrugen nicht
weniger als sieben Millionen Franken. Fnfhundertundacht Geschtze schweren
Kalibers - mindestens 32 pfndige und viele Bombenkanonen, die 100- und 200
pfndige Hohlkugeln warfen - bildeten die Armirung der Demontir-Batterieen von
der Quarantaine-Bucht bis zum stlichen Ende der Rhede. Vierzehn Tage dauerte
dieses furchtbare Feuer mit beinahe gleicher Heftigkeit - whrend des Tages die
Kanonade, whrend der Nacht das Bombardement - ununterbrochen fort und mehr als
zweimalhunderttausend Kugeln verschiedener Art wurden whrend dieser Zeit auf
Ssewastopol geschleudert.
    Dennoch hatte dieser entsetzliche Eisenhagel nicht den gehofften Erfolg.
Obschon die russischen Batterieen dem Feind nicht mit gleicher Heftigkeit
antworteten und durchschnittlich alle 24 Stunden 15-20 russische Geschtze
demontirt wurden, lieferten die ungeheuren Vorrthe des Arsenals und die
Artillerie der versenkten Schiffe doch hinreichenden Ersatz und mit jedem Morgen
sahen die Verbndeten die jenseitigen Batterieen in demselben Zustand, wie vor
Beginn des Bombardements. Alles, was am Tage die feindlichen Geschosse zerstrt
hatten, war in der Nacht, trotz des heftigen Bombenfeuers, wieder ausgebessert.
Keine der Festungs-Batterieen wurde zum Schweigen gebracht, wogegen dies
mehrfach mit englischen und franzsischen der Fall war. Schon am zweiten Tage
waren hier 50 Geschtze demontirt. Die Flotte - eingedenk der erhaltenen Lection
- hielt sich auer dem Bereich der Seeforts. In der Festung machte jeder Tag des
Bombardements gegen 500 Mann kampfunfhig, die Verbndeten verloren etwas ber
200.
    Whrend der nchtlichen Bombardements wtheten zugleich die Kmpfe um die
Logements fort.
    In der Nacht zum 2. Mai lie Pelissier, der damals noch den linken Flgel
der Belagerungsarbeiten kommandirte, die Redoute Schwarz und die Logements vor
der Bastion IV. und V. mit 10000 Mann strmen; - die Logements wurden nach einem
groen Verlust genommen, die Redoute Schwarz aber schlug den Angriff zurck.
    Die Belagerungsarbeiten waren somit nur wenig vorgeschritten, als Pelissier
- gleichgiltiger gegen Menschenleben, als je ein russischer Fhrer - den
Oberbefehl in Stelle Canrobert's erhielt, der, sorgsam und aufopfernd, doch
selbst fhlte, da er zu einem solchen Kampf nicht die Energie und
Rcksichtslosigkeit besitze, welche allein den Sieg verschaffen konnte. Wrdig
von seinem Posten als Oberbefehlshaber zurcktretend, bewies er den Muth und
Gehorsam des Soldaten, indem er sich das Kommando seiner frhern Division
zurckerbat.
    Der neue Oberkommandant ging sofort zum Sturm der Vertheidigungslinien ber.
Schon in der Nacht zum 22. Mai warf er auf die Linien der Contre-Approchen
zwischen der Quarantaine-Bucht und der Mastbastion drei starke Colonnen unter
General de Salles, denen Chrulef begegnete. Der blutige Kampf dauerte die ganze
Nacht ohne Resultat, beide Theile hatten weit ber 2000 Todte und Verwundete. In
der nchsten Nacht erneuerte sich die Schlacht.
    General Pelissier richtete nun sein Augenmerk gegen die Schiffervorstadt und
ging mit seinen Approchen vor; - am 2. Juni waren die franzsischen Linien so
weit vorwrts gedrungen, da die russischen Logements vor der Kamschatka-Lnette
gerumt werden muten, weil das franzsische Feuer sie im Rcken fate. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war Abend; - in einem mittelgroen Gemach des Erdgeschosses - der Frst
und die Frstin Oczakoff hatten bei der immer grern Ueberfllung der Lazarethe
den bedeutendsten Theil ihres Hauses fr Kranke und Verwundete eingerichtet, die
die Frstin mit ihren grauen pflegte, - lag, auf einem wohlgeordneten Feldbett,
ein verwundeter franzsischer Offizier im unruhigen Schlummer. An seiner Seite
sa die Frstin selbst, - whrend an der andern Wand zwei dunkle Gestalten sich
beschftigten, Jussuf, der Mohr, und Nursdih seine Schwester.
    Der ehemalige Courier des Sultans und sptere Baschi-Bozuk war hager und
abgefallen; die Folgen der schweren Wunden, die er an der Felsenbrckc von
Schlo Aju erhalten, zeigten sich noch in seinem ganzen Aeuern, obschon sechs
Monate seitdem verflossen. Nur sein gelbglnzendes Auge hatte den alten feurigen
Blick bewahrt, der jetzt oft mit dem Gefhl der Dankbarkeit die schne Gestalt
der Frstin suchte, deren Befehl und Gte ihn damals gerettet. Dann wieder
kehrte das Auge mit Zrtlichkeit zu seiner Schwester zurck, seine aufgeworfenen
Lippen ffneten sich zu einigen freundlichen Worten und er versuchte mit dem
etwa drei Monat alten Kinde zu spielen, das diese auf ihrem Schoo hielt. -
    Die ganze Liebe einer jungen Mutter lag in den Augen, mit denen Nursdih das
kleine Mdchen betrachtete, das seiner Farbe nach zum Mulattengeschlecht
gehrte, bei der edlern Gesichtsbildung der Mutter aber schon jetzt nur wenig
die Merkmale der schwarzen Race zeigte.
    Klein Piccaninni sein artig Kind heute, sagte der Schwarze, wecken Signor
Offizier nicht auf, spielen hbsch mit schwarzen Onkel.
    O Jussuf, flsterte das Mdchen, die Kleine ist so lieb und gut, als
verstnde sie schon Alles, was ich ihr sage. Aber sieh', der franzsische Aga
erwacht und die Frstin bedarf meiner: hier, nimm Du das Kind.
    Der blut- und kampfgewhnte Mann nahm den Sugling so zart und sorgfltig
auf, als sei er zur Wrterin geboren, und schaukelte ihn auf seinen Armen,
whrend Nursdih zu der Frstin schlich.
    Diese beobachtete das Erwachen des Kranken mit groer Theilnahme. Auf ihrer
leicht gebrunten Stirn lagen Zeichen trben Sinnens und schweren Kummers, das
schne Antlitz, das sich drauen im Pulverdampf der Schanzen und Redouten, im
Jammer der Lazarethe nur heiler und trstend zeigte, war hier dster und
gedankenvoll.
    Der kranke Offizier trug ihr wohlbekannte Zge - wohlbekannt aus einer
glcklichen freudenreichen Zeit ihres Lebens! - der bleiche Mann mit den hohlen
Augen, den feuchten an der Stirn klebenden Haaren war einst der Liebling der
pariser Salons, der kecke Rou am Spieltisch, im Ballsall und Boudoir, der
Tonangeber der Mode und der Vertraute der Chronique scandaleuse von ganz Paris,
aus dem Reiche der Coulissen, wie aus den Cabineten der Diplomaten: Alfred de
Saz!
    Bei einer der kecken nchtlichen Streifereien der russischen Matrosen und
Jger auerhalb der Festung im Mai war der junge Reiteroffizier, der auch nach
der Abreise des Prinzen Napoleon vor Sebastopol zurckgeblieben war, auf einer
Feldwache aufgehoben und verwundet nach der Mastbastion gebracht worden, wo die
Frstin sich am Morgen befand. Sie hatte ihn sofort erkannt und gebeten, den
Gefangenen in ihr Haus aufnehmen zu drfen, das, wie erwhnt, bereits einer
Anzahl Verwundeter und Kranker zur Heilsttte diente. Die an und fr sich nicht
gefhrliche Wunde des lebenslustigen Marquis erregte jedoch bald ernste
Besorgnisse, da das verdorbene Blut des pariser Lebens, eine seltsame Aufregung
der Nerven, die ihn bald nach seiner Ankunft im Hause der Frstin ergriff und
die Wirkung der eingetretenen Hitze seinen Zustand, trotz aller Sorgfalt,
verschlimmerte und fieberhafte Erscheinungen herbeifhrte, die jenem furchtbaren
Uebel hnelten, das jetzt die Lazarethe entvlkerte, rascher als Kugel und
Bajonnet, und das der Schrecken der tapfersten Krieger war: dem Typhus.
    Der Sorgfalt des Arztes gelang es zwar, den Ausbruch zu unterdrcken, aber
der Tod hatte dabei auf andere Weise sich die Beute gesichert: der Brand hatte
die Kniewunde erfat und der eitle Franzose verweigerte, sich das Bein abnehmen
zu lassen. Pirogoff selbst hatte ihn am Morgen besucht und sein Achselzucken
verkndet, da auch das uerste Mittel jetzt zu spt kommen wrde.
    Der Kranke kannte vollkommen seine Lage; die Schmerzen hatten sich bereits
gelegt und sein leichter und doch mnnlich entschlossener Charakter trat wieder
stanz in den Vordergrund.
    Der kurze Schlaf, wenn auch fieberhaft, hatte ihn doch gekrftigt. Sein Auge
schien im Zimmer umherzusuchen und wandte sich dann auf die Frstin. - Wie
fhlen Sie sich nach dem Schlummer, Herr Marquis? fragte ihn diese.
    Parbleu, Durchlaucht, als letzte Vorbereitung zum ewigen ganz leidlich!
Doch - Sie haben sich selbst wieder bemht, - wo ist meine treue Wrterin
Annuschka?
    Sie ruht einige Augenblicke - ich verlangte es von ihr, weil sie ganz
erschpft war.
    Das ist kein Wunder; denn seit den fnfzehn Tagen, da Ihre Gte mich hier
aufgenommen, hat sie mein Krankenlager kaum verlassen. - Es ist mir lieb,
Durchlaucht, da ich allein mit Ihnen bin -: ich mchte Sie bitten, mir eine
kurze Unterredung zu gewhren.
    Das Sprechen wird Sie ermden und angreifen, sagte die Frstin zgernd.
    Was thut das? - eine Stunde eher oder spter - ich habe so viele vergeudet
in meinem Leben, da ich jetzt nicht geizen mag darum, wo es vielleicht das
Beste gilt, was ich im Leben gethan habe.
    Soll ich unsere schwarze Freundin fortschicken?
    Nein, Frstin, lassen sie Beide hier, wir werden sie ohnehin vielleicht
brauchen. - Ich verstehe zwar nicht Russisch, Durchlaucht, aber ich habe wohl
begriffen, was Ihr Doctor von heute Morgen gesagt.
    Beunruhigen Sie sich nicht, Ihr Leben liegt in der Hand des Allmchtigen.
    Beunruhigen? bah! Als ob das Leben derlei werth wre! Ich wei, ich mu
sterben, und werde kaum noch vierundzwanzig Stunden Ihrer Gte zur Last fallen;
das ist wenigstens eine Beruhigung auf den Weg.
    Freveln Sie nicht, Herr von Saz. Es sollte mich tief schmerzen, wenn
irgend Etwas Ihnen gezeigt htte, da Sie, wenn auch unser Feind, uns zur Last
gewesen sind. O! warum haben Sie nicht unseren Bitten und dem Rath der Aerzte
nachgegeben und sich einer Operation unterworfen, die sicher Ihr Leben gerettet
htte!
    Nein, Frstin, das knnen Sie mir nicht im Ernst zum Vorwurf machen! Ja,
wenn es noch ein Arm gewesen wre, - ein leerer Aermel an der Brust ziert besser
wie zwei Ordenskreuze und hindert nicht! - Aber denken Sie sich selbst, Alfred
de Saz an einem Krckenstock, auf einem Korkbein - Valga me Dios! ich mchte
lachen, wenn ich mir die komische Figur in den Salons des Faubourg St. Germain
oder auch nur bei Herrn Mir oder in den Tuilerieen denke. Es wre ein allzu
theurer Handel, ein Bein von gutem Blut fr einen Napoleon!
    Sie sollten ernstere Gedanken suchen und an Gottes Gnade denken, Herr. Ich
bedaure, da wir keinen Priester Ihrer Confession in Ssewastopol haben, aber
auch einer der unsern knnte Ihnen ein ntzlicher Freund sein.
    O, meine Durchlaucht, ich bitte Sie - nicht so strenge. Ich beschftige
mich wahrhaftig schon seit heute Morgen mit sehr ernsten Dingen, bei denen ich
ohnehin die Hilfe Ihres Popen in Anspruch nehmen mu. Wissen Sie, Frstin, ich
habe so ziemlich Alles erfahren auf der Welt, bis auf Eines: wie einem Ehemann
zu Muthe ist. Und dies Vergngen will ich mir noch vor meinen Ende bereiten, -
ich will heirathen!
    Die Frstin wandte sich unwillig von dem Sptter ab und wollte sich erheben.
Seine Hand legte sich leise auf ihren Arm, und als sie auf ihn schaute, sah sie
einen schmerzlich ernsten Ausdruck in seinen Augen mit dem frivolen Lcheln
seines Mundes kmpfen.
    Bleiben Sie, Frstin, bat der Kranke; was ich Ihnen gesagt, klingt nur
wie bermthiger Frevel. O, frchten Sie nicht, da ein halbtodter Rou, wie
ich, seine Blicke zu der Rose der Krimm erheben will - ich ehre die Rechte
meines Freundes Mricourt, der fr den Verlust eines Beines vielleicht gern an
diesem Platz lge. Meine Absichten sind bescheidener und richten sich auf
Mademoiselle Annuschka, Ihre Dienerin!
    Sie reden irre, Herr von Saz! Annuschka ist meine Freundin, meine
Schwester, aber -
    Hren Sie mich aus, Durchlaucht, sagte der Kranke und seine Stimme klang
jetzt ernst und sanft, ein gewisser feierlicher Ausdruck hatte sich ber sein
Gesicht verbreitet. Bei meiner Ehre, ich rede die Wahrheit! In Ihre Brust lege
ich ein Geheimni nieder, was die meine erleichtern mge in jener Stunde, vor
der wir Alle zagen, wie stark wir auch die Furcht uns wegzuspotten bemhen.
Erinnern Sie sich wohl des besondern Eindrucks, welchen Annuschka's erster
Anblick auf mich machte, als ich in Ihr Haus gebracht worden?
    Genau, Herr Marquis!
    Von dem Frsten erfuhr ich auf hingeworfene Fragen, da Annuschka einen
Bruder hat, dem sie gleichfalls sehr hnlich ist. Er war der Diener des Ihren,
und ich erinnere mich jetzt, in Paris in Ihrem Hotel ihn gesehen zu haben.
    Er verlie uns nie.
    Und dennoch ist, wie der Frst mir, ohne nher darauf einzugehen,
mittheilte, dieser Mann, der nach Ihrer raschen Abreise in Paris zurckblieb,
dort spurlos verschwunden?
    So ist es!
    Ich beabsichtigte, dem Frsten, Ihrem Bruder, mein Geheimni mitzutheilen,
fuhr der Kranke fort, aber sein Dienst hat ihn, wie Sie mir sagten, nach der
andern Seite der Stadt gefhrt und hlt ihn dort fest. Es bleibt mir keine Zeit,
seine Rckkehr zu erwarten, und ich mute mich an Sie wenden. Sie halten jenen
Mann - Annuschka's Bruder - fr todt?
    Wir sind berzeugt davon - seine Treue ist zuverlssig und wir htten
sicher von ihm gehrt.
    Er ist es!
    Wie, Herr von Saz, Sie kennen das Schicksal Wassili's? Sie wissen von
ihm?
    Ich bin leider berzeugt - diese Hand brachte ihm den Tod, wenn auch
unabsichtlich.
    Die Dame schauderte zurck. Schrecken, Angst und Aufregung spiegelten sich
auf ihrem schnen Gesicht. Der Kranke sah, wie sie mit Gewalt nach Fassung rang,
bis sie endlich die Worte hervorstie: Um Gotteswillen, Herr, ich beschwre
Sie, reden Sie - erzhlen Sie mir Alles!
    Das ist meine Absicht, Frstin, und mag zugleich meine Rechtfertigung sein
- wenn die That sich entschuldigen lt!
    Die Frstin winkte ihm, fortzufahren.
    An einem Abend des Mrz im vorigen Frhjahr verfolgte mich am Quai des
Cours la Reine ein ziemlich derangirt aussehender Unbekannter und fiel mich
pltzlich wie ein wthendes Thier an unter Ausrufungen und Beschuldigungen, die
mir gnzlich unverstndlich waren und zum Theil noch Rthsel sind. Ich sollte
ihm Rechenschaft geben ber seinen Gebieter, ich sei sein Mrder und dergleichen
mehr. Das Gesicht war mir nicht ganz unbekannt, doch so verwildert, da ich mich
auch spter nicht darauf erinnern konnte. Ich stie ihn von mir, mich von ihm
losreiend, und der Unglckliche taumelte so heftig gegen das Gitter des
Flusses, da er darber hinweg und in den Flu schlug, wo er sich am Eisenwerk
eines Seineschiffes den Kopf zerschmetterte. Als man ihn an's Ufer trug, war er
bereits todt.
    Und es war Wassili?
    Ich wute es nicht, bis ich verwundet hierher kam. Ich hrte am Tage
darauf, da die Polizei in dem Verunglckten einen russischen Spion entdeckt,
doch nicht den Namen. Aber obgleich ich absichtslos und nur in der Abwehr den
Tod des Mannes veranlat und mehr als einen traurigen Duellausgang verschuldet
hatte, konnte ich mich hier doch nicht ber den Tod des Fremden beruhigen und
sein dstres Bild schwebte lange vor meiner Seele und strte meinen Schlaf.
    Die Frstin weinte leise vor sich hin. - Armer Wassili - bis zum Tode
getreu!
    Die Ursach' des Anfalls und seine Worte sind mir, wie gesagt, noch ein
Rthsel. Ich kann sie selbst nicht einmal auf jenes Duell beuten, denn der
Diener Ihres Bruders wute doch zweifelsohne, da es nicht stattgefunden und
sein damaliger Herr unversehrt in Ruland sich befand. Ich trat, um der
langwierigen Civiluntersuchung ber jenen Vorfall und der unangenehmen
Erinnerung zu entgehen, in die Armee, und erst die Erscheinung Annuschka's
lehrte mich, jenem traurigen und mich immer noch bedrckenden Bilde eine
bestimmte Form zu geben.
    Es war Gottes Schickung - selbst die Schwester wird Ihnen die That nicht
zurechnen.
    Dennoch liegt sie mir schwer auf der Seele, und wenn Sie einem Sterbenden
den bsen Augenblick erleichtern wollen, Frstin, so helfen Sie ihm, an der
Schwester zu vergten, was er am Bruder verbrochen. Ich lebte frher in den Tag
hinein und hatte mein Vermgen genossen - ich nenne es genossen, so da mein
Testament mir gerade kein groes Kopfzerbrechen gemacht haben wrde. Das
Schicksal aber hat mir eine Malice gespielt; denn vor etwa sechs Wochen erhielt
der verarmte Marquis, der seit dem letzten Arrangement mit seinen Glubigern
keine Aussicht mehr hatte, als sein Offizier-Patent, die amtliche Nachricht, da
er ein reicher Mann geworden. Ein entfernter Verwandter, dessen Namen ich kaum
gehrt, ein Plantagenbesitzer auf Martinique, dem seine ganze Familie das gelbe
Fieber zum Jenseits befrdert, hat die Albernheit gehabt, mich zum Erben zu
machen, und der Capitain de Saz wrde in Paris fnfzehnhunderttausend Franken
deponirt finden, wenn er nicht so thricht gewesen wre, sich vor Ssewastopol
das Bein zerschmettern zu lassen.
    Gott kann noch Alles wenden!
    Nein, Frstin, Er hat mehr zu thun, als sich mit einem leichtfertigen
Thoren zu beschftigen. Da Er aber ist, da Er die zahllosen Fden dieses
wirren Durcheinander, das wir Leben nennen, dennoch in Seiner Hand leitet, fuhr
der Kranke wieder mit ernsterem, fast feierlichem Tone fort, das zeigt mir die
Fgung, welche meine letzten Stunden durch die Sorge gerade des Mdchens
erleichterte, deren Bruder ich erschlug. Mein Wunsch und mein Wille ist, bis auf
einige Legate, ihr das Vermgen, das mir der Zufall so rechtzeitig in den Schoo
geworfen, zu hinterlassen. Dazu bitte ich Sie, mir behilflich zu sein. Das bloe
Niederschreiben meiner letzten Verfgungen wrde jedoch kaum dazu gengen und
sie jedenfalls in eine Menge Weitlufigkeiten verwickeln. Kein franzsischer
Gerichtshof aber wird der Marquise de Saz das ihr bestimmte Erbe streitig
machen!
    Er schwieg erschpft; die lange Unterredung begann ihn offenbar fieberhaft
zu erregen, wie sein Auge zeigte. Dennoch hielt es die junge Frstin fr
Pflicht, zu erwidern: Annuschka ist mit ihrer Lebensstellung zufrieden. Sie
wird unter keiner Bedingung dem - der ihren geliebten, zrtlich betrauerten
Bruder getdtet, ihre Hand reichen wollen.
    Aber sie braucht es nicht zu wissen, warum sollte sie es je erfahren?
sagte der Offizier dringend. Wollen Sie einem Mann, der Vieles gut zu machen,
den leichten Trost durch eine unntze Bedenklichkeit verkmmern? Sie wissen so
gut wie ich, da diese Ehe Schein, und ehe vielleicht der morgende Tag anbricht,
sie Wittwe ist.
    Ich wei nicht, wie ich sie zu dem eiligen Schritt bewegen soll.
    Der Tod, Frstin, gestattet keine lange Bedenkzeit, das wird auch sie
begreifen. Sagen Sie ihr, da ich fr ihre sorgsame Pflege auf diese Weise ihr
danken wolle, da es meinen Tod erleichtern werde und - um seine blassen Lippen
schwebte wieder das leichte spttische Lcheln des Lebemannes, der so manches
Frauenherz an sich gefesselt - ich glaube, sie wird sich nicht weigern, Alfred
de Saz's Gattin zu werden.
    Er lehnte sich zurck in die Kissen; die Frstin empfand, da sie kein Recht
habe, eine Shne zurckzuweisen, die ihrer Milchschwester und treuen Gefhrtin
vielleicht eine glnzende Zukunft bereiten konnte. Sie erhob sich und sprach:
Ich gehe, um die Erfllung Ihres Wunsches zu versuchen, Herr Marquis. Annuschka
wird nicht erfahren, wessen Hand ihren Bruder getdtet, bis - Doch sagen Sie mir
das Eine noch, wann geschah die unglckliche That?
    Ich erinnere mich des Tages ganz genau, Frstin; es war am Abend des 26.
Mrz. Ihre Landsmnnin, die Bagdanoff2, hatte in der Oper getanzt und ich war
zum ersten Male dort wieder mit Mricourt zusammengetroffen nach seiner Rckkehr
von Algier. Ich gedenke deutlich des Abends und selbst unsers Gesprchs - es
handelte sogar von Ihnen und Ihrem Bruder und er erzhlte mir zuerst von dem
seltsamen Spiel der Natur, die einem armen Marketenderburschen eine wirklich
seltsame Aehnlichkeit mit Ihrem Bruder gegeben.
    Die Frstin war stehen geblieben und hatte sich lebhaft zu ihm gewandt;
fliegende Rthe bergo ihr Gesicht. - Meinem Bruder Iwan gleich? ich bitte
Sie, wer? wo?
    Ein armer Verrckter oder Schwachsinniger. Der Vicomte traf ihn zuerst bei
dem Einschiffen der Truppen in Marseille. Ich selbst sah ihn in Varna und mu
gestehen, da diese enorme Aehnlichkeit mich wirklich anfangs erschreckte.
    Die Frstin prete die Hand auf die heftig wogende Brust, auf ihrem Antlitz
wechselte mehrfach die Farbe, whrend ihr Mund fast keuchend stammelte: Und
lebt - der Mann noch? Wo ist er? Haben Sie Nheres ber ihn erfahren? Erzhlen
Sie mir Alles, es - es wird Iwan so sehr interessiren, von seinem Ebenbilb zu
hren!
    Er gehrt zur Cantine der Marketenderin Nini Bourdon vom dritten
Zuaven-Regiment, bei dem Mricourt steht. Die niedliche Kleine sorgt wie eine
Mutter oder eine Geliebte fr den verrckten Burschen, den sie fr ihren
Verwandten ausgiebt. Ich versuchte selbst mehrmals, ihn auszuholen, inde er ist
toll wie ein Mrzhase, wenn auch ganz unschdlich, und folgsam wie ein Kind, und
die stehende Antwort, die man hchstens von ihm erlangt, ist die confuse Rede:
Eilf Uhr! der Zug geht ab!
    Iwanowna Oczakoff hatte sich von dem Erzhler abgewandt, ihr Gesicht ihm
verbergend. Mehrere Minuten stand sie so da, ihr ganzes Wesen schien dadurch
heftig erschttert, so da es selbst dem Kranken auffiel und er danach fragte.
Erst dann schien sie ihre Fassung zurckzuerhalten und mit tiefbewegter Stimme
sprach sie. Ich glaube, Sie hatten Recht vorhin, Herr Marquis, als Sie sagten,
die Hand des allmchtigen Gottes habe Sie auf dies Schmerzenslager und gerade in
dies Haus gefhrt. Ich erkenne seinen Willen und gehe, mit Annuschka zu
sprechen. Jussuf wird einen wrdigen Geistlichen, den ich kenne, hierher fhren,
seine Schwester aber unterde bei Ihnen bleiben.
    Sie ging und hie den Mohren, ihr folgen, whren Nursdih, die junge
schwarze Mutter, auf die Bitte des Kranken ein Schreibpult vor ihn legte und ihm
behilflich war.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eine Stunde darauf hatte sich die Scene in dem Zimmer, das bald der
Schauplatz jenes geheimnivollen Scheidens von Seele und Krper sein sollte, ein
Wenig gendert. Neben dem Bett des franzsischen Offiziers sa in einfachem
schwarzem Kleide, den kleinen Myrthenzweig im Haar, der unter dem Donner der
Schlachten fortgegrnt auf dem heimathlichen Boden, und von dem weien Schleier
halb verdeckt das bleiche Mdchen, das bald zur jungfrulichen Frau werden
sollte, die Hand des Kranken mit halb scheuem, halb zrtlichem Blick in der
ihren; denn das scharfe Auge des Franzosen hatte sich nicht getuscht und es
weniger Ueberredung der Frstin bedurft, als diese gefrchtet. Die Herrin selbst
ging unruhig im Zimmer auf und ab, whrend schweigend und achtungsvoll ein
franzsischer Corporal, gleichfalls Gefangener, den in der Heilung begriffenen
linken Arm in der Binde, in der Nhe Nursdih's an der Thr sa.
    Diese ffnete sich jetzt und Jussuf fhrte einen ehrwrdig aussehenden Mann
in der Kleidung der russischen Geistlichkeit herein. Seine Rechte hielt in einem
Krbchen die heiligen Gefe, whrend er auf dem andern Arm ein kleines Kind von
etwa anderthalb Jahren trug.
    Die Frstin eilte ihm entgegen. - - Nehmen Sie unsern Dank, ehrwrdiger
Vater Vasili Polatnikow, da Sie unserer Bitte gefolgt sind, und geben Sie uns
Ihren Segen.
    Der Pope, die heiligen Gefe niederstellend, machte das Zeichen des Kreuzes
ber ihre Stirn. - Der Segen des Herrn ist bei Dir und den Deinen, o, meine
Tochter, denn Dein Herz gehrt ihm, und wer thut wie Du, ist der Frsprache der
Heiligen sicher. - Er sah umher, wohin er das Kind auf seinem Arm, einen
muntern Knaben, setzen knne, als Annuschka zu ihm trat und ihn bat, es ihr zu
geben. - Es ist eine Waise, erzhlte der Priester auf einen fragenden Blick
der Frstin, auf dem Meere geboren, inmitten von Kampf und Tod. Die griechische
Mutter zahlte sein Leben mit dem ihren und bergab den Knaben sterbend meiner
Sorge. Er hat keinen Verwandten mehr, da auch sein Oheim, einer der Capitani's
des Frsten Morosini, beim groen Ausfall des Generals Chruleff gefallen ist.
    Aber warum lassen Sie das Kind nicht bei Ihrer Familie, hochwrdiger
Vater?
    Der ehemalige Kaplan des Wladimir beugte in schmerzlicher Ergebung das
Haupt. - Der Herr, sprach er traurig, hat auch mich schwer heimgesucht, wie
ganz Ruland - mein Weib und meine beiden Tchter sind die Opfer der Seuche
innerhalb dreier Tage geworden und mein Haus ist d' und verlassen. Dieses Kind
hat Niemand als mich, der fr sein zartes Alter Sorge trgt.
    O, so lassen Sie es mir, sagte die junge Braut rasch und errthend,
lassen Sie mich dafr sorgen und so die Mutterpflichten erfllen. Wir wollen es
pflegen und warten in diesen Schreckenstagen, bis Gott ber uns anders
bestimmt.
    Annuschka thut Recht, ehrwrdiger Vater, sprach die Frstin, und ich
vereine meine Bitte mit der ihren. Wie konnten Sie auch uns in Ihrer Noth
vergessen! Gott gebe den Ihren Frieden und Ihnen ein seliges Wiedersehen -
dieses Kind des Unglcks aber gehrt hinfort unserer Sorge.
    Sie fate die Hand des Geistlichen und fhrte ihn zu dem Lager des Kranken,
ihn von der heiligen Pflicht unterrichtend, die man von ihm verlangte, und von
dem Zustande des Offiziers, der zugleich eines zweiten, noch feierlicheren
Sacramentes bedrftig sei. Der Geistliche verstand so viel Franzsisch, um
einige Fragen an den Kranken ber die Handlung zu richten, der er die kirchliche
Weihe ertheilen sollte, und whrend er einen Tisch zum Altar improvisirte,
winkte der Offizier den Anwesenden, nher zu treten.
    Ich bitte Sie, Kamerad, sagte er zu dem gefangenen Corporal, wenn Sie
ausgewechselt werden und unser Frankreich wiedersehen, stets zu bezeugen, da
diese Heirath von mir im vollen Besitz meiner geistigen Krfte und nach
reiflicher Ueberlegung geschlossen ist. Dieses Papier, Durchlaucht, das ich in
Ihre Hnde lege, enthlt meinen letzten Willen. Er sichert meiner Gattin mein
smtliches Vermgen - mit Ausnahme einer Summe in Gold und Wechseln, die mir von
Paris mit der Nachricht des Erbes in's Lager bermacht wurde und die ich - jener
Frau bestimmt habe, welche - ich im November aus Ihrem Schlo Aju davon fhrte.
Madame Celeste wird sich trsten in deren Besitz! Haben Sie die Gte, durch
Ihren Bruder mit dem nchsten Parlamentair diese Schrift und die begleitenden
Zeilen an den Vicomte von Mricourt in's franzsische Lager zu senden, ich habe
ihn zum Vollstrecker meines Willens ernannt und wei, da er ihn erfllen wird.
Und jetzt bitte ich Sie - lassen Sie die Ceremonie beginnen, ehe es zu spt
wird.
    Der Priester trat mit dem heiligen Buch vor den Altar, whrend Annuschka
weinend an der Seite des Bettes knieete. Die Frstin und der Corporal bildeten
die Zeugen der traurigen Ceremonie, whrend die schwarzen Geschwister mit den
Kindern ehrerbietig zurckstehend ihr beiwohnten. Leise und feierlich klangen
die Worte der Weihe durch das Gemach, mir von dem Rollen des Donners
unterbrochen, der von den Wllen der bedrngten Stadt dem Feuer des Feindes
antwortete. Als der Priester die Ceremonie des griechischen Ritus geendet und
die beiden Ringe, welche die Frstin ihm reichte, dem Paar angesteckt, erhob er
seine Stimme im Gebet zu dem Allmchtigen, seinen Beistand zu erflehen fr die
letzte schwere Stunde des Mannes, der so eben jene feierte, die sonst des Lebens
seste ist. Alle umher lagen auf den Knieen, selbst der Mohr mit seinem
fatalistischen Glauben vom Sterben fhlte die heilige Bedeutung und wandte sein
Haupt gen Mekka, und er, den das Gebet am meisten berhrte, er selbst, der dem
Tode Geweihte, fhlte das Gebet mit, dessen Worte er nicht verstand.
    Er war der Erste, der wieder das Wort nahm und die Frstin und den Popen
ersuchte, zur Stelle das Dokument ber die vollzogene Trauung auszufertigen, das
Iwanowna versprach, von dem Gouverneur, General von Osten-Sacken, selbst
verifiziren zu lassen. Dann bat er, ihn der Pflege seiner nunmehrigen Gattin fr
eine Stunde allein zu berlassen. -
    Der ehrwrdige Geistliche des Wladimir schied, von der Frstin bis zur
Thr begleitet, um an dem Schmerzenslager seiner tapfern Landsleute die heiligen
Pflichten des Trsters zu ben, indem er versprach, am Abend nochmals
zurckzukehren, und empfahl das Kind ihrem Schutz.
    Er sollte es nicht wiedersehen! In der Nhe der Wladimir-Kathedrale, als er
das Marine-Lazareth verlassen und die Brcke ber den Kriegshafen passirt hatte,
traf ein Stein sein Haupt, den eine fallende Bombe von dem Gewlbe des Doms
schmetterte. Soldaten trugen ihn an die Stufen des Altars, wo er den Geist
aufgab.
    Fr selben Zeit eilten die Frstin Oczakoff und ihre Diener, durch den
Hilferuf Annuschka's herbeigelockt, in das Gemach, in dem die Braut bei dem
Gatten zurckgeblieben. Annuschka hatte die Thr aufgerissen, ihr Auge blickte
verstrt und erregt, der Kranz war von den fliegenden blonden Zpfen gefallen,
ihr einfacher Putz derangirt, und schluchzend rang sie die Hnde; - auf dem
Feldbett aber lag, in der geschlossenen Hand noch den Brautschleier der jungen
Gattin zusammenkrampfend, der Lion der pariser Salons, der Mann der Mode und des
Genusses, mit all' den traurigen und edlen Seiten des franzsischen Charakters
begabt - Alfred de Saz - starr und todt.

                                    Funoten


1 Am 12. Mai.

2 Seite 378 des zweiten Bandes hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen, es mu
dieser Name stehen statt Yella.
                                                                            D.V.


                               III. Dai Bosche1!

Wir haben bereits angefhrt, da mit dem Wechsel des Oberkommando's der
franzsischen Armee auch eine andere Stellung der Truppen eingetreten war und
die Franzosen ihre Hauptstrke jetzt wider die linke Flanke der Festung, gegen
die Schiffervorstadt und die dieselbe vertheidigenden ltern und neuern Werke
richteten. Hier stand das Corps Bosquet mit den Divisionen Canrobert, Camou,
Mayran, Dlac und Brnet, noch immer die Verschanzungen auf dem Sapunberg, als
den Haupthalt seiner Stellung, bewahrend. Auf dem rechten Flgel, an die
Tschernaja lehnend, befand sich jetzt die sardinische Division Durando mit einem
englischen Husaren- und Ulanen-Regiment. Den Zwischenraum nahmen drei trkische
Divisionen Omer-Pascha's ein.
    Am Abhang des Sapunberges, wo derselbe sich gegen den Dokowoga und
Kilengrund senkt, stand das Lager des ersten und dritten Zuaven-Regiments.
Mitten zwischen den Zelten und Baracken, mit den seltsamsten Ausstasfirungen,
erhob sich auf einem freien Vorsprung eine groe und mit besonderer Sorgfalt
erbaute Cantine, die offenbar mehrere gerumige Abtheilungen hatte, und um
welche schon whrend des ganzen Vormittags ein beraus reger Verkehr geherrscht
hatte. Es war die Marketenderbude des ersten Bataillons des dritten
Zuaven-Regiments, die Cantine Nini Bourdon's, durch die Untersttzung des
Vicomte auf das Stattlichste hergerichtet und der Hauptsammelplatz der ganzen
umlagernden Truppen.
    Ein buntes Bild und Leben entfaltete sich vor und in dem halb aus Linnen und
Segeltuch, halb aus festem Holzwerk gebildeten Bauwerk. Das Genie der in allen
Stteln gerechten und in allen Knsten erfahrenen, berhmten und berchtigten
Soldaten Algerien's hatte sich offenbar auf's Hchste abgemht, hier etwas ganz
Auerordentliches zu leisten. Ueber dem breiten, mit einer seht
zurckgeschlagenen Leinwandgardine decorirten Eingang der Cantine wehte die
Fahne des Regiments, denn Oberst Maurelhan-Polkes hatte in einer angebauten
Baracke sein Quartier genommen. Trophen von russischen Waffen, von den
Schlachtfeldern erbeutet, alte Febinden der Zuaven und ein groer ausgestopfter
Adler, den ein geschickter Schtze aus den Lften geholt, schmckten auerdem
das Portal, dessen gloriose Schnheit bei alledem in Gefahr war, in Schatten
gestellt zu werden durch einen hchst seltsamen Nebenbau. Es war dies ein etwa
funfzehn Schritt breites und einige Fu ber dem Erdboden erhhtes Gerst, vorn
einen viereckigen, von Laubwerk, bemalten Brettern und alten Tapeten und
Teppichen gebildeten Rahmen zeigend, der durch eine Art Vorhang geschlossen war.
An einer hohen mit verschiedenen Flaggen gezierten Stange schwebte darber her
ein groes Plakat mit der Inschrift: Thtre national des Zouaves de Sa Majest
l'empereur Napolon III. et du Gnral Bosquet. Ein geschriebener Zettel, am
Vorhang angeheftet, verkndete, da mit Hchster Genehmigung seiner Excellenz
des Generalissimus die Zuaven des ersten und dritten Regiments die Ehre haben
wrden, nach dem Diner aufzufhren das berhmte und beliebte Vaudeville: Le
retour de Crime mit nachfolgenden kosackischen und spanischen Nationaltnzen.
Alles gegen beliebiges Entree zum Besten der Verwundeten in den
constantinopolitanischen Lazarethen.
    Ein Halbkreis von roh gezimmerten Tischen und Bnken umgab den Eingang der
Cantine und das weislich daneben gebaute Theater, so das Auditorium der hheren
Rnge bildend, whrend fr die untern Grade des sehr gemischten Publikums eine
Reihe den Erdgrben vor dem Theater gezogen waren, in denen die Zuschauer nach
Lust und Belieben in hundert verschiedenen Stellungen auf den Querdmmen saen
und lagerten, gleich im Parquet eines Theatersaal. In der Zeit, wo die
dramatischen Talente der Zuaven noch nicht beschftigt waren, dienten Tische und
Bnke, wie gegenwrtig, zum gewhnlichen Versammlungsort und nicht selten waren
selbst kommandirende Generle die Gste der hbschen Nini.
    Eine bunte Menge fllte jetzt jeden Platz innerhalb und auerhalb der
Baracken, vorherrschend freilich die Zuaven mit dem kecken, selbstbewuten
Aplomb, der unvergleichlichen Negligence ihrer Haltung, den Fe auf einem Ohr,
die Hnde in den Taschen, theils umherschlendernd, theils in Gruppen trinkend,
spielend, fluchend, prahlend, lockend oder auf hunderterlei Weise beschftigt.
Dazwischen alle Uniformen der franzsischen Armee und Flotte, die algierischen
Scharfschtzen, die Mariniers, die kecken kleinen, prahlerischen Voltigeurs, die
Husaren und Dragoner von d'Allonville's Division, welche zwischen dem Sapunberg
und Balaclawa lagerte, einzelne schwere Krassiere, Matrosen, Schiffsoffiziere
und Artilleristen; daneben neugierig und demthig, von den Franzosen verlacht
und bewirthet, einige Trken oder in ihre Burnusse und Kopftcher trotz der
Hitze gehllte Araber - bekannte Erscheinungen fr diese tapfern, in der Sonne
Afrika's gebrunten Truppen. Ein schwer betrunkener englischer Matrose, der auf
dem irgend wo zu einem Spazierritt whrend seines Ruhetags ohne Willen des
Eigenthmers entlehnten Maulthier hin und her schwankte, wie eine Fregatte im
Sturm, und sorgsam von zwei Soldaten im Sattel gehalten wurde, whrend ein
Dritter den Zgel fhrte und in dem Jargon, das sich zwischen beiden Armeen
gebildet, dem Bruder Theerjack von den Freuden erzhlte, die ihn bei der
Theatervorstellung erwarteten, gegen die jede Auffhrung in Drurylane oder
Coventgarden Schund sei; um den Stamm eines verkrppelten Feigenbaumes
versammelt eine Gruppe von Offizieren, die dort angeheftete englische
Ankndigung eines groen Wett- und Jagdrennens studirend; eine groe Zahl von
Gesindel, wie sie jedes Lager mit sich bringt, Handelsleute, Tataren, Hausirer
aller Art: - das Alles lagerte und bewegte sich in bunten Gruppen umher.
    Durch den offenen Eingang zur groen gleichfalls mit Tischen besetzten
vordern Abtheilung der Cantine sah man die Demoiselle de Comptoir in ihrem
kleinen mit vieler Zierlichkeit arrangirten Bureau; aber die schlanke,
junonische Gestalt, das Cendr des Haares, das mattgefrbte schne Gesicht mit
dem Auge voll Genusucht und Eitelkeit gehrte nicht der Herrin der Cantine
selbst, der zierlichen, gewandten Nini an, sondern Celesten, der ehemalien
Lorette, der Bojarenfrau, der Maitresse des Russen Wassilkowitsch! Das Schicksal
hatte eigenthmlich mit den beiden Freundinnen gespielt, seit wir ihnen an jenem
verhngnivollen Mrzabend in der rue de St. Josef begegnet sind.
    Nini selbst war in den zwei Jahren eine Andere geworden. Ihre noch immer
zierliche Gestalt schien doch krftiger und bedeutender, das kindlich frohe
Wesen hatte sich mit einer festern Haltung gepaart, das Leben mit seinen Sorgen
hatte offenbar ihre Erziehung geleitet und ohne der Naivett ihres Characters zu
schaden, doch eine grere Sicherheit im Handeln und Auftreten herbeigefhrt.
Beweglich gleich einem hpfenden Vgelchen war sie bald hier, bald dort, die
zahlreichen Gste bedienen helfend, oder mit All' und Jedem plaudernd und ein
Scherzwort oder eine flchtige Erzhlung wechselnd - bald wieder in der Kche
der Restauration, wo eine ltere Marketenderin, deren sich mehrere des Regiments
dem jungen Mdchen willig angeschlossen und untergeordnet hatten, die Aufsicht
fhrte. Zwei Zuaven verwertheten hier die Frchte ihrer culinarischen
Jugenderziehung, der sie entlaufen, zum Besten des Allgemeinen, indem sie von
den Ertrgen des merkwrdigen, freilich uerst nahe an Spitzbberei grnzenden
Fouragirtalents und den eigenen Vorrthen der Cantine eine Speisekarte  la
Vfour zurichteten. Die kokette Marketendertracht in den Farben des Regiments,
blau, roth und grn, stand dem Mdchen allerliebst, wie sie so zierlich zwischen
den Tischen umher eilte und dabei doch Zeit behielt, ihre liebevolle
Aufmerksamkeit zwei Personen besonders zu widmen, zwischen denen sich ihr Herz
zu theilen schien.
    Die Eine war ein krftiger, khn ausschauender Corporal von etwa
fnfundzwanzig Jahren, das mnnlich freie und hbsche Gesicht von langem,
dunklem Bart umschattet, auf der Brust die Medaille, der mit mehreren Kameraden
an einem Tisch auerhalb der Cantine sa und hufig, wenn er sich unbemerkt
glaubte, einen finstern, halb spttischen Blick nach dem improvisirten Comptoir
und seiner schnen Inhaberin warf, die von einem Schwarm jngerer und lterer
Offiziere umgeben war, mit denen sie sich nachlssig unterhielt. Es war Franois
Bourdon, der Bruder der kleinen Marketenderin.
    Die zweite Person, welche die besondere Frsorge Nini's geno, war der
bleiche, geistesschwache Bursche, dessen merkwrdige Aehnlichkeit mit dem jungen
russischen Frsten schon so vielen Personen aufgefallen war. Still und
theilnahmlos schlich er zwischen den Gsten umher, von denen die meisten mit ihm
bekannt schienen, und verrichtete eben so Alles, was ihm geheien ward. Sein
leerer Blick belebte sich nicht einmal, wenn Nini ihm einige freundliche Worte
sagte, oder ihm aufmunternd die hohle Wange klopfte, eine Liebkosung, die mehr
als Einer mit neidischem Auge sah und fr die mancher Tapfere willig zum Sturm
auf eine russische Redoute marschirt wre.
    Nur ein Mal, als Nini am Comptoir Celesten's stehen blieb, mit dieser einige
Worte wechselte und der todte Blick des Burschen von Franois auf die Gruppe der
beiden Frauen schweifte, berzog ein flchtiger Blitz von Gedanken das hagere
junge Gesicht; er rieb die Stirn mit der Hand und starrte wie emsig eine
Erinnerung suchend in's Leere. Wenige Augenblicke darauf schien jedoch die
erregte Gedankenfolge wieder unterbrochen und er verrichtete theilnahmlos nach
wie vor die Geschfte der Bedienung, wobei er manchmal auf einige Zeit in einen
der hintern Rume der Cantine verschwand.
    Die Gruppe an dem Tisch, an dem Franois sa, bestand aus dem
Sergeant-Major, der mit dem jungen Kameraden an der Alma und bei Inkerman die
Wagnisse ausgefhrt, den Aermel seiner Jacke mit Galons bedeckt und Mamsell
Minette, die erste Kletterin des Bataillons, neben sich, - aus einigen andern
Soldaten der Compagnie, zwei Voltigeurs vom 20. Regiment und einem algierischen
Scharfschtzen. Die Unterhaltung war uerst lebhaft und drehte sich theils um
die Tagesereignisse des Feldes, theils um die innern Angelegenheiten von Kche
und Theater.
    Pat auf, Kinder, sagte der Sergeant-Major, es giebt morgen einen Tanz,
wenn auch die Generle noch geheim thun und die Kpfe zusammenstecken. Man hat
nicht umsonst seit drei Tagen Kugeln gefahren und die armen Kerle, die Trken,
wie Maulthiere in den Magazinen arbeiten lassen. Da, Bursche, fuhr er fort,
indem er einem langsam vorberschreitenden Araber das Glas hinreichte, trink'
einmal, es ist chter Wermuth, von Deinen eigenen Bergen gepflckt, die doch
Nichts weiter hervorbringen, als das bittere Kraut und das Gewrm, die Kabylen.
    Der Angeredete war ein junger, schner Araber, offenbar einer der Fhrer,
und wer ihm nher in's stolze, finstre Auge geschaut, htte in ihm unmglich
Abdallah ben Zarugah, den Emir der tapfern Reiter der Hedja's, verkannt. Er
hllte sich, mit verchtlicher Geberde den Trank zurckweisend, in seine weiten,
weien Gewnder und schritt weiter, dem Eingang der Cantine zu.
    Peste! Verschmht der Schuft von einem Koranfresser, mit einem Feldwebel
der dritten Zuaven zu trinken? Ich will ihn - er griff nach seiner Katze, um
das Thierchen verchtlich auf den Mahomedauer zu schleudern, doch Franois hielt
ihm den Arm fest.
    Ruhe, Papa Fabrice! es ist der Aga, der den Griechen-Offizier im vorigen
Monat verwundet und gefangen, und der alle Tage kommt, um nach ihm zu schauen.
La ihn gehen - Du weit, da der Kommandant jede Beleidigung ahnden wrde.
    Maudit soit le butoir! ich will wegen eines Spitzbuben von Beduinen nicht
im Loch stecken, wenn vielleicht ein Gefecht vor der Thr steht. Komm' her,
Minette, sei ruhig, mein Thierchen, und beie Dich nicht mit dem gelben Burschen
da, die Messieurs Beafsteaks werden Dir Revange geben und heute seine Kameraden
hetzen.
    Minette, die Katze, war nmlich mit dem berhmten Hund des 20.
Linien-Regiments, der stets vor der Tte hermarschirte und den die Voltigeurs
auf das Apportiren der Kugeln, ja selbst von Bombenzndern abgerichtet hatten,
in argen Streit gerathen, und rasch, mit der leichtsinnigen Theilnahme des
franzsischen Charakters fr alle Intermezzo's, bildete sich ein Kreis um die
beiden Gegner. Ein Futritt des Voltigeurs jedoch, welcher den Hund mitgebracht,
stellte den Frieden wieder her. - Sandioux2! wetterte der Gascogner, will
sich das Vieh mit einander zanken, whrend die Russen dazu vom lieben Herrgott
ganz expre erschaffen sind! - Nichts da - hierher, Groscanon - Kusch! und er
steckte ihn zwischen seine Beine, whrend der Zuave die Katze vor sich hinlegte
und mit ihr spielte.
    Wem mag es gelten? fragte der Scharfschtze, kokett seine gelbe Weste
ordnend und den Dampf aus der Cigarre in blauen Ringeln von sich blasend.
    Sacristi! wem anders, als dieser verfluchten Lnette! Sie liegt unserm
Dicken im Kopf und wurmt ihn schon lange. Es wird Blut kosten. Wann soll der
Spektakel losgehen?
    Die Kanoniere sprechen von diesem Nachmittag.
    Ah, Mordioux! deshalb giebt man uns die Theater-Vorstellung zum Kaffee nach
Tisch. Ich hrte davon, da die Schanze des kleinen Fossoyeur3 in Stand gesetzt
worden und die schwarzen Batterieen. Es ist nebel von dem Kleinen, da er keinen
Anstand nimmt, unter dem Dicken zu dienen.
    Parbleu! kann er sich etwas Besseres wnschen? Einen General, wie unsern
Afrikaner, bekommt er nicht alle Tage wieder.
    Bei all' dem ist's hbsch. Es hat Jeder seine Art und jedenfalls war die
seine immer noch besser, als die Trgheit des Wettermnnchens4, das Nichts thut,
als den ganzen Tag Schach spielen und Zeitungen lesen. Er soll nicht ein
einziges Mal die Lazarethe besucht haben, und das that selbst der verstorbene
Marschall in Varna.
    Wit Ihr, da der Ober-General heute hinber geritten ist zu den
Englndern?
    Bah! er wird sehen wollen, wie weit sie mit den Laufgrben am Redan sind.
    Der Voltigeur schttelte schlau mit dem Kopf. - Das kmmert den General
wenig, er wnscht die ganze Sippschaft zum Teufel. Aber Vitrolles, sein alter
Ordonnanz-Zephyr, hat mir gesagt, da der Barometer auf Sturm steht. Der Bursche
kennt seine Mienen.
    Dann Gnade Gott den Englndern, er bratet sie bei lebendigem Leibe, wie die
Araber-Familien in der Hhle von Djebel Debbag.
    Brrr! machte der zweite Voltigeur; die Geschichte ist zu abscheulich, als
da sie wahr sein knnte.
    Der alte Zuaven-Sergeant sah ihn grimmig an. - Halt's Maul, Rekrut, nicht
raisonnirt, was verstehst Du davon! Ich sage Dir, ich, Sergeant-Major Fabrice
Tonton, es ist so wahr, wie ich dieses Glas hier trinke. Ich war dabei, und ein
abscheulicher Gestank war's, als die siebenhundert Mnner, Weiber und Kinder so
in dem Rauch erstickten von dem Holz, das man vor der Hhle aufgehuft.
    Wie, Du halfst bei der schndlichen That? fragte unwillig der junge
Bourdon.
    Wir Zuaven nicht, Franois, sagte ernst der Sergeant, wir sind zwar wilde
Teufel und fragen leider wenig genug nach Gott und den Heiligen, aber gegen
Weiber und Kinder und unbewaffnete Mnner mchten wir doch nicht die Hand
erheben. Es war bei der Gelegenheit, als er dem Kommandanten Vergier, der damals
Unter-Lieutenant war, befahl, seine Soldaten Holz herbeitragen zu lassen, und
dieser statt der Antwort seinen Sbel abgab und sich zum Arrest meldete. Der
General war auer sich und schimpfte wie eine Dame der Halle von Feiglingen und
Memmen mit Weiberherzen, die nicht verdienten, Krieger zu heien, da - -
    Nun, Fabrice - weiter?
    Da sah ich mit diesen meinen Augen den Lieutenant auf ihn zuspringen, ihn
an den Schultern fassen und schtteln, wie man einen Schulbuben schttelt, indem
er ihm zuschrie, er mge erst Hflichkeit lernen, wenn er franzsischen
Offizieren befehlen wolle.
    Der Unglckliche! - und der General?
    Bah! er machte sich los und sagte: Ist das ein Vieh, - aber ich brauche
viele solche Kerle! - zum Lieutenant aber sprach er: Monsieur, ich nehme Sie in
meinen Stab; wir wollen sehen, ob Sie Andere auch so schtteln werden. - Der
Lieutenant kommandirt seit zwei Jahren sein Bataillon bei den zweiten Zuaven und
die Teufel, die Zephyrs, erhielten den Befehl, die Hhle auszuruchern, und
befolgten ihn. Wir aber standen dabei, das Gewehr im Arm und - - - zum Henker
mit der garstigen Erinnerung!
    Er wischte sich den Schwei von der Stirn und pfiff den Zuaven-Marsch vor
sich hin.
    Madame Celeste, warf einer der Kameraden hin, scheint heute verteufelt
unruhig, ihre Augen rollen wie zwei feurige Kohlen und sie scheint zu suchen,
was sie nicht findet. - He, Jean, rief er dem in die Nhe kommenden
Schwachsinnigen zu, bring' mir ein frisches Glas, mein Bursche - Absinth,
chtes Schweizer Gewchs.
    Der junge Mensch nahm gehorsam das Glas, indem er ihn mit den leeren irren
Blicken anstarrte. - Eilf Uhr - der Zug -
    Wei schon, mein Bursche, kenne das Lied. Mach' fort und bring' mir den
Absinth und frag' in der Kche nach, ob sie den Truthahn nun bald gebraten
haben, den ich heute Morgen eingeliefert.
    Corporal Bourdon war trotz aller Mhe, die er sich gab, ruhig zu sein, das
Blut auf die Stirn gestiegen und er sah finster nach der leichtsinnigen
Jugendgeliebten hin. In dem Augenblick wurde der Vorhang der nahe gelegenen
Bhne etwas bei Seite geschoben und ein merkwrdig ausstaffirter Bursche schaute
heraus und suchend umher.
    Es war ein brtiger Zuave mit schielendem Blick, den Kopf in eine
abscheuliche zerknitterte Weiberhaube gesteckt und um Kinn und Ohren ein Tuch
gebunden, um den rothen Bart darunter zu verstecken, den er sich nicht hatte
entschlieen knnen, der Kunst zum Opfer zu bringen. Den untern Theil des
Krpers hatte er in einen langen Weiberrock gehllt, dessen aufgenommene Falten
er einstweilen um den linken Arm geschlagen trug.
    Pst! - Franois - Franois Bourdon!
    Der junge Corporal trat hinzu. - Was giebt's, Bernaudin?
    Sind sie da?
    Wer?
    Maudit! Wen kann ich anders meinen, die Garden?
    Nein - kein Einziger!
    Das ist schn - que le diable les importe! sie mgen bleiben, wo sie sind;
schade nur, da sie unsere schne Vorstellung nicht sehen knnen. Die
hochnsigen Narren htten sich gergert zum Schwarzwerden - ich bin gttlich als
Frstin Mulaschpulaschkin! wir haben so eben meine groe Scene probirt.
    Ein schallendes Gelchter der Nchstsitzenden unterbrach die brtige
Actrice, deren Erscheinung man eben erst bemerkt. Der Kopf verschwand eilig
hinter dem Vorhang und nur Mund und Nase waren noch zu sehen. - Was habt Ihr zu
lachen, Ihr Narren? habt Ihr noch keine russische Dame im Neglige gesehen?
Fichtre! Erobert Sebastopol, dann knnt Ihr sie im allerdurchsichtigsten haben
aus erster Hand, wie unsere Kameraden die Bulls in Kertsch. Ihr thtet
gescheidter, wenn Einer lieber den Saufaus Lebrigaud suchte, der sich noch immer
umhertreibt, inde sein Popencostm lngst bereit liegt. Ich wette drei Flaschen
Wein gegen einen gestohlenen Schinken, das Publikum wird abgespeist und seine
Pltze eingenommen haben und der Halunke ist noch immer nicht zur Stelle.
    Dort unten zieht er mit einem betrunkenen englischen Matrosen umher!
    Ich will ihn holen, sagte Bourdon und stand auf.
    Ah - joli garon! Du verdientest einen Ku, schner Corporal, wenn die
Frstin Mulaschpulaschkin nicht schon engagirt wre. La Dir ihn jetzt von
anderer Seite geben, mein Junge, das Feld ist rein.
    Whrend Bourdon unter dem Gelchter der Kameraden sich bereits entfernte,
fragte der Sergeant-Major: Was meinte der Kerl mit den Garden? Morbleu, es ist
wahr, ich habe heute noch keinen Einzigen von den goldbetreten Narren in der
Cantine gesehen, die sie sonst frmlich belagerten.
    Die Umsitzenden schwiegen, indem sie sich anschauten, und ihre bedeutsam
gewechselten Blicke verriethen, da ihnen die Ursach' nicht unbekannt war.
    Parbleu! werd' ich Antwort bekommen? Wei Jemand, warum die Garde sich
heute nicht blicken lt?
    Ei, Papa Fabrice, sagte eine helle und heitere Stimme neben ihm, sollten
Sie wirklich die groe Neuigkeit des Tages nicht wissen, die, wie man mir sagt,
schon drei Duelle gekostet hat?
    Der Sergeant-Major hatte sich rasch und galant zu der hbschen Sprecherin
umgewandt, indem er ein ssaures Gesicht zu der ihm gewordenen Benennung
schnitt. Es ist wahr, Mademoiselle Nini, sagte er, da ich recht gut Ihr
Vater sein knnte, aber Sacristi! die verteufelte Gewohnheit der Burschen da,
mich Papa Fabrice zu nennen, klingt aus Ihrem hbschen Munde fr einen Anbeter
noch in den besten Jahren eben nicht angenehm! - Doch - was ist denn geschehen
und wissen Sie wirklich die Ursach'? - haben die Garden ihr Lager abgebrochen
oder was ist passirt?
    Ei, ei, Papa Fabrice, lachte die Marketenderin schelmisch, Sie mssen
heute Morgen lange geschlafen haben!
    Ich gestehe es zu meiner Beschmung, Mademoiselle. Wir sind nicht am Dienst
- und Ihr Bruder spendirte gestern Abend noch spt einen Korb voll Brussawein,
der so leicht durch die Kehle rollt! Aber der Henker soll die Narren hier holen,
da sie mir nicht lngst - -
    Ruhe im Glied, Papa Fabrice, sonst erfahren Sie Nichts! Sie wissen ja, da
die Herren von der Garde keinen Dienst in den Trancheen zu thun brauchen?
    Parbleu! was werd' ich nicht? Die Faullenzer haben d'rum Zeit genug, zu
schniegeln und zu bgeln, von Morgens bis Abends sich hier umher zu treiben und
den wenigen Damen, deren Anwesenheit allein uns hier den Dienst verst, die
Kpfe zu verdrehen.
    Wenn Sie auf mich zielen, Papa Fabrice, sagte Nini lachend, so geht der
Schu vorbei. Mit meiner Freundin Celeste - das will ich nicht verschwren! Seit
der schne Husaren-Aide-de-Camp getdtet oder gefangen ist, geht es ihr schlecht
und sie braucht Zerstreuung. Es ist aber doch ein boshafter Streich, den man
gegen die Herren von der Garde verbt hat.
    Ich bitte, sprechen Sie, Mademoiselle.
    Die hbsche Marketenderin hatte ein Stck Kreide aus der Tasche geholt. -
Da, sehen Sie, Papa, das haben boshafte Hnde in vergangener Nacht an die Zelte
der Garden geschrieben. Man las es heute Morgen und es ist ein wahrer Aufruhr
entstanden.
    Der Sergeant-Major war den kecken Krhenfen des Mdchens gefolgt und las:

        LA GARDE de MEURe ici, ET NE SE REND PAS aux tranches!

    Ein allgemeines Hohngelchter begleitete den Vortrag der Worte, selbst der
Sergeant-Major konnte, den bis ber den Hals herabfallenden Schnurrbart
streichend, ein wohlgeflliges Lcheln nicht unterdrcken, denn das Privilegium
der Garden war allgemein verhat und hatte schon zu vielen Znkereien
Veranlassung gegeben.
    Peste! ich glaube wohl, da ihnen da der Aerger zu Kopf gestiegen, denn der
Spa ist vortrefflich. Aber ich begreife immer noch nicht, warum sie deshalb von
der Cantine fortbleiben. Gegen Verdru ist ein tchtiger Schluck ein
Radikalmittel!
    Nini schien mit der Antwort zu zgern. - Ich habe gehrt, sagte sie
endlich, da sie die Zuaven beschuldigen.
    Ah so, mein Engel - sie knnten Recht haben, denn ich versteh' mich auf die
Bursche. Nun wei ich auch, warum Madame Celeste so rgerlich ausschaut. Sie ist
besorgt, da der reiche Graf von Pontve's Grenadieren, der ihr den Hof macht,
seit Sie sie beim Comptoir angestellt, ihr aus dem Garn geht. Parbleu! da kommt
Einer, dem ich den Streich auf den Kopf zusagen mchte, wenn nicht gar Ihr
Bruder selbst mit dabei gewesen ist - das ist ohnehin so ein halber Gelehrter!
    Die Prozession mit dem Maulthier und dem betrunkenen Englnder war
herangekommen; der Soldat, der das Thier fhrte, Lebrigaud, der gesuchte Acteur.
    Der Mann war der wahre Typus eines Zuaven, ein ausdrucksvollerer, von wilder
Energie strotzender Kopf kaum denkbar. Wie alle Zuaven, trug er den Schdel
rasirt, aber auf dem obern Theil der Stirn, wo der Fez aufsitzt, zeigte sich ein
Grtel von tttowirten Figuren. Auf dem Mittelfinger der rechten Hand hatte er
eine Frauenfigur mit griechischen Formen, auf jenem der linken den Kopf einer
Rmerin eingegraben. Herzen mit Namen und Krnzen waren auf den anderen Fingern
ausgestochen, seine musculsen Arme wahre Bilderrollen, gleich der berhmten
Gallerie Leporello's. Die ganze Armee kennt ihn und wei, da er schon zwei Mal
zum Tode verurtheilt und zu langjhriger Kerkerstrafe und Kugelschleppen
begnadigt wurde. Er ist 1840 bei der afrikanischen Armee unter den Zephyren
eingetreten und schon zwei Jahre darauf verging er sich gegen seine Vorgesetzten
der Art, da das Kriegsgericht das Todesurtheil fllte. Aber Marschall Bugeaud
brauchte einen Mann, dem er eine gefhrliche Sendung durch das Land der Kabylen
auftragen wollte, und Lebrigaud erbietet sich dazu. Er fhrt seinen Auftrag
unter tausend Gefahren aus und der Marschall erlt ihm die Strafe. Im Jahre
1850 wurde er zum zweiten Mal begnadigt, nachdem er seinem Corporal im Zank um
ein Mdchen ein Ohr abgehauen und aus Eifersucht gegen den Bevorzugten die
Geschichte selbst angegeben hatte. Fr die Almaschlacht hat er von Canrobert die
Tapferkeitsmedaille erhalten - er gehrt vor Sebastopol zu den enfants perdu und
man erzhlt hundert waghalsige Streiche von ihm.
    Das ist der Bursche, den Bourdon herbeifhrt. Die Physiognomie des Zuaven
hat durch einen frischen, ziemlich schlecht zusammengeflickten Sbelhieb nicht
besonders gewonnen, der ihm die linke Wange gespalten, aber Lebrigaud kmmert
sich wenig darum.
    Ein Geschrei und Gelchter empfngt ihn, um den sich bald ein bunter Kreis
sammelt, und selbst die Schauspieler strecken ihre Kpfe hinter dem Vorhang
hervor, um an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
    Wo bleibst Du, Lebrigaud? es ist Zeit, in Dein Costm zu kriechen. Wenn wir
dinirt haben, beginnt die Vorstellung!
    Tununle Dich, Lebrigaud. Willst Du mit uns Truthahn speisen, mein Junge?
    Zum Henker! wie sieht der Bursche aus? - Du kommst in Arrest, wenn der
Capitain Dich sieht.
    Pah! Ihr Narren - ich holte mir's bei den Russen; kann man nicht seinen
kleinen Krieg auf eigene Hand haben, ohne gerade Napoleon III. zu sein? Er
nickte bedeutsam der Frstin Mulaschpulaschkin zu.
    Hast Du Hndel gehabt? flsterte der Zuave.
    Verteufelte - ich glaube, man hat mich erkannt! Einer der Grenadiere liegt
auf dem Rcken. Es wird Sturm geben.
    Der Sergeant-Major war hinzugetreten. - Wo hast Du die Schmarre da ber
Deine Fratze bekommen, Lebrigaud?
    O, Papa Fabrice, es ist eine alte von damals, als ich Euch bei Inkerman aus
den russischen Bajonneten holte, das dumme Ding ist blos wieder aufgebrochen.
    Die schlaue Antwort entzog ihn einem scharfen Eramen, denn der im Dienst
sehr strenge Feldwebel drehte sich bei der Erinnerung um und ging brummend
wieder nach seinem Platz.
    Goddam your eyes! I have thirst! schrie der betrunkene Matrose.
    Wen hast Du da? - Was sagt er? fragte es bunt durcheinander.
    Oh, je le trouvai - c'est mon ami. Car ce John Boule, voyez-vous, a ne
sait pas s'arranger comme nous autres; a ne sont que des zenfants. Puis a nous
zaime! cr nom de chien comme a nous zaime! und mit der Gutherzigkeit des
echten Bruder Lderlich hob er mit Hilfe der Nchststehenden den betrunkenen
Matrosen, den er wahrscheinlich in seinem Leben am Wege zum ersten Mal gesehen,
von dem Maulthier und eine lebhafte Debatte begann, wie man den Gast am besten
amsiren knnte.
    I have thirst, Johny Crapaud!
    Die mndliche Unterhaltung zwischen den Alliirten dieses Schlages war
gewhnlich fr sie selbst und jeden Andern ganz und gar unbegreiflich; sie
bestand aus excentrischen aber fruchtlosen Ausfllen des Einen in die englische
und des Anderen in die franzsische Sprache, wobei der Freund das, was der
andere Freund nach seiner Muthmaung gesagt haben drfte, verbindlich in die
eigene Muttersprache bersetzte und der erste Sprecher die Richtigkeit der
Uebersetzung mit dem herzlichsten Oui, oui oder Yes, yes approbirt.
    Er will das Theater sehen, schrie Bernaudin hinter dem Vorhang vor. Gieb
ihm einen Platz im Parquet, Lebrigaud!
    Er will uns zum Pferderennen abholen! riefen Andere.
    Er will Wrfel spielen, diese John Bouls haben immer Gold!
    Narren! sagte lachend der Corporal. Der Bursche ist ein Schwamm, er hat
Durst!
    Ah c'est a camarade! Du hast Recht, ich erinnerte mich nicht gleich, da
Du das Kauderwlsch verstehst. Achtung vor Corporal Bourdon, Inngens, er ist ein
Gelehrter und der einzige Mensch, auer Mademoiselle, seiner Schwester, vor dem
ich Respect habe. Lebrigaud, der von kleiner Figur war, die aber ganz Muskel
und Behendigkeit schien, blickte bei den Worten mit einer Art zrtlicher
Bewunderung auf den viel jngeren Mann, der ihn in der That ein Mal windelweich
gewalkt hatte, als er seiner Schwester mit Gewalt einen Ku geraubt. - Mort de
ma vie! ich habe nicht die geringste Eifersucht auf Dich, obgleich Du's bereits
zum Corporal gebracht hast, whrend ich, Narcisse Lebrigaud, seit fnfzehn
Jahren den Gemeinen spiele!
    Mademoiselle Nini! Eine Flasche Wein!
    Nein - Cognac! Diese Englnder trinken Nichts als Rum!
    Teufel! Und sie sind doch eine so zrtliche Nation.
    Zrtlich? wie so?
    Ei, sie behandeln ihre Weiber wie die Ktzchen. Sagen Sie nicht zu jeder:
Mies!?
    Ein brllendes Gelchter belohnte den schlechten Witz.
    Dafr behandeln ihre Damen sie en Canaille! Sie sagen Mylord, und Mylord
...
    Ist ein Hundename! - Neues Gelchter, whrend dessen der Brite, der, ohne
Ahnung von der Beleidigung seiner Nation, mit grmlichem Blick umherstarrte, in
einer der Gruben vor Anker gebracht wurde, die vor der Bhne das Parquet
bildeten.
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    Aus den hintern Rumen der Cantine kamen langsam im Gesprch drei Mnner,
denen ein kaum ber dem Knabenalter stehender Jngling, in ein russisches Capt
gehllt, den linken Arm in einer Binde, die Stirn gleichfalls umwunden, folgte.
    Die drei Mnner waren der Lieutenant-Colonel Mricourt, der deutsche Arzt,
jetzt Medecin-Major der dritten Zuaven - und Sir Edward Maubridge.
    Es thut mir leid, Monsieur de Lasaroff, da ich Sie in das Gefangenen-Dept
abliefern mu, sagte der Vicomte, aber da Ihre Wunden so gut wie geheilt sind,
mu ich meiner Pflicht Genge leisten, wenn Sie Ihr Ehrenwort verweigern.
    Mein Herr, sagte der Jngling schchtern, ich glaube nicht, da Sie mich
deshalb tadeln werden.
    Nicht im Geringsten, - das ist Ihre Sache! Aber da der Doctor heute sich
dafr ausgesprochen hat, da Ihr Schicksalsgenosse, der griechische Offizier,
mit erster Gelegenheit nach Constantinopel zur bessern Pflege gebracht werden
soll, mu ich den Posten einziehen, der Sie Beide bewacht, und Sie in's
Hauptquartier einliefern, damit man ber sie verfgt.
    Der Jngling verbeugte sich schweigend und setzte sich in trbem Nachdenken
an einen der Tische in der Nhe des Verschlages nieder.
    Die drei Mnner blieben unsern des Comptoirs, an dem jetzt Celeste
beschftigt war, nach Nini's Dictat eine Anzahl Speisekarten auszufertigen, in
ernstem Gesprch stehen. Die Strapazen des Winters und des Feldlagers zeigten
sich in den gebrunten festen Gesichtern des Colonels und des Arztes, whrend
die Gestalt des Baronets noch hagerer und gebeugter erschien, als da wir ihm
zuletzt begegnet, in den Schreckensscenen von Schlo Aja. Er war in die Farbe
der Trauer gekleidet, der Flor um seinen Hut galt dem gemordeten Bruder, die
eingefallenen Wangen zeigten die hektische Rthe, dieses gefhrliche Kennzeichen
innerlich verborgener schleichender Krankheit. Dennoch lag in seinem Auge, in
seiner Haltung eine gewisse Kraft und Entschlossenheit, ein Daransetzen des
ganzen Denkens und Lebens an einen bestimmten Zweck.
    So sind Sie also der Ansicht, da Herr Caraiskakis die Ueberfahrt aushalten
kann? fragte er zu dem Arzt gewendet.
    Ja, Sir. Lassen Sie mich den unglcklichen Zustand meines Freundes noch ein
Mal recapituliren, und Ihnen meine Rathschlge geben, denn leicht drfte dazu in
den nchsten Tagen nicht Zeit sein.
    Ich bitte Sie darum.
    Als Sie nach unserer merkwrdigen Rettung aus dem Felsenschlo der Palta,
die zwei mir theure und gute Menschen, gegen welche ich mir leider schweren
Undank vorzuwerfen habe, in's Verderben strzte, - zu mir kamen, Sir Edward,
gebeugt von dem schrecklichen Tode Ihres wackern Bruders; - als Sie offen und
mnnlich das begangene Unrecht bekannten und meine Vergebung verlangten, da Sie
mich einem schmachvollen Tode berliefern gewellt -: da reichte ich Ihnen
aufrichtig die Hand und versprach Ihnen meinen geringen Beistand; - denn wir
trugen eine gemeinsame Erinnerung an Wesen im Herzen, die Tod und Schicksal von
uns gerissen.
    Aber Ihre Erinnerungen, Sir, unterbrach ihn finster der Baronet, waren
rein, - an den meinen klebt die Schuld, und das Grab giebt seine Todten nicht
wieder!
    Diona ruhe in Frieden! Ihr seliger Geist mge den bittern Ha zwischen
Ihnen und ihrem Bruder shnen helfen. - Ich begriff, da Ihr Leben und Denken -
zuerst vielleicht aus Eigensinn und Laune, spter von der Stimme des Gewissens
gefestigt - einzig an der Erlangung Ihre Kindes hing das Gregor Caraiskakis
Ihnen verweigert, ja, von dem Sie nicht mehr als seine Existenz wissen, nicht
einmal das Geschlecht. Ich begriff dies Gefhl; denn ich empfand, da ich selbst
mein Leben opfern knnte fr ein Kind, welches das meine wre. Ich versprach
Ihnen, wie gesagt, meinen Beistand, da Sie nicht von den Mauern Sebastopols
weichen wollten, hinter denen Sie Ihren Gegner und vielleicht auch das Pfand
seiner Rache glaubten.
    Der Erfolg hat es bewiesen!
    Sie haben Recht - Gott selbst hat durch eine seiner wunderbaren Fgungen
die Lsung des Rthsels in Ihre Hand gelegt und es dennoch auf's Neue
verwickelt. Der Handjar des jungen Arabers, der jetzt da drinnen bei seinem
Opfer sitzt und dessen Beziehungen zu Gregor Caraiskakis mir selbst fremd sind,
hatte den Kopf meines unglcklichen Freundes gespalten bei dem nchtlichen
Angriff der griechischen Freischaar und der Russen auf die britischen und
trkischen Batterieen am Mamelon. Es war nicht Zufall, sondern des Allmchtigen
Fgung, die Sie am Morgen auf die Kampfsttte fhrte und den Schwerverwundeten
erkennen und aus den Hnden der unwissenden Trken retten lie.
    Sie, Doctor, waren der erste Gedanke, der mir einfiel; ich wute, da Sie
sein Freund waren.
    Ich danke Ihnen fr das Vertrauen gegen mich. Sein Fanatismus, der ihn zum
Verrath selbst an der Freundschaft fhrte, hat uns getrennt, aber ich wre ein
schlechter Mann, htte sein Unglck nicht jede Erinnerung an seine Verschuldung
getilgt und nur das Andenken an unsere frhere Gemeinschaft zurckgelassen. Ich
danke es dem Herrn Vicomte hier von Grund des Herzens und unserer braven kleinen
Bourdon, da sie mich in den Stand setzten, den Verwundeten nicht seinem
Schicksal in einem entfernten Lazareth berlassen zu mssen, sondern ihn hier
unter meiner persnlichen Aufsicht und unter steter Pflege behandeln zu knnen.
    Aber seine Krankheit - wir sind noch immer so weit vom Ziel, wie je.
    Es ist wahr, die Folgen der Verwundung sind eigenthmlich gewesen. Der
dicke griechische Fe scheint zwar den Sbelhieb des Arabers aufgehalten und
seine tdtende Kraft gebrochen zu haben und die Wunde selbst ist vollkommen
geheilt. Dagegen ist hier die in der Chirurgie hin und wieder, doch selten
vorkommende Erscheinung einer peripherischen Paralyse, einer Asphyxie aller
uern Nerventhtigkeit, eingetreten. Der Kranke vermag weder zu sprechen, noch
sich zu bewegen. Es lt sich dies nur durch die Verletzung oder Betubung
gewisser Nervencomplexe erklren, wie beim Schlagflu. Wir wissen und sehen
Alle, da das volle Bewutsein und Gefhl ihm lngst zurckgekehrt ist, der
Ausdruck seines Auges zeigt dies, ebenso ist sein Gehr scharf und unverletzt,
der Verstand, das Denken ist bei ihm in voller Thtigkeit - und ich bin
berzeugt, da die aufopfernde Sorgfalt, die Sie ihm gezeigt, selbst eine
Umstimmung seiner Gefhle gegen Sie bereits hervorgebracht hat. Nur da er
gegenwrtig auer Stand ist, sie auszudrcken.
    Wenn ich mich recht erinnere, findet sich ein hnlicher Fall in dem
bekannten Roman Monte Christo von Dumas, sagte der Vicomte, der bisher
schweigend der Errterung zugehrt hatte.
    Ganz richtig, nur mit dem Unterschied, da dort ein Schlagflu zum Grunde
gelegt wird und wir hier nicht ein Gebilde der Phantasie, sondern wirklich einen
jener merkwrdigen Flle aus dem Nervenleben vor uns haben, wie sie eben nur die
Chirurgie zeigt.
    Aber Sie sprachen selbst die Hoffnung auf eine rasche volle Umwandlung, auf
eine vllige Genesung aus.
    Und ich hege sie noch. Es giebt, meiner Ansicht nach, zwei Wege, die dazu
fhren. Der erste ist ungestrte Ruhe, eine Absonderung von den aufreizenden
Ereignissen des Tages, welche die Nerventhtigkeit wieder strken und zu den
alten Funktionen zurckfhren wird; der zweite ist eine analeptische mchtige
Aufregung der Seele, einer verborgenen Leidenschaft, die mit einem Schlage die
ganze Lebenskraft wieder herzustellen vermag. Das Letzte ist ein Mittel, was
keine Kunst, nur der Zufall herbeizufhren im Stande ist - wir knnen uns daher
nur an das Erste halten, und deshalb habe ich Ihnen gerathen, Ihren - Schwager
jetzt, wo seine spezifische Heilung vollendet, mit erster Gelegenheit von hier
fort und nach einem ruhigern Aufenthalt zu schaffen.
    Ich habe bereits meinem Agenten in Constantinopel Auftrag gegeben, uns alle
Bequemlichkeiten zu sichern, und werde das nchste Dampfschiff benutzen.
    Dann brge ich fr die Heilung; - nur an dem Wann? scheitert die Bestimmung
der Wissenschaft. Gott helfe dazu und lege Frieden und Vershnung in Ihrer
Beider Herzen!
    Der Vicomte war bei der letzten Wendung des Gesprchs an das Comptoir
getreten, wo er Nini und Celeste freundlich begrte. Wir hoffen auf eine gute
Mahlzeit, meine Kleine, der Doctor und dieser Herr speisen mit mir.
    Nini salutirte militairisch. Aufzuwarten, mein Kommandant. Sie wissen, das
Beste, was die Cantine vermag, steht zu Ihrem Befehl. Wo wnschen Sie, da Ihr
Tisch gedeckt werde?
    Ei, mein Schelm, bei den andern Offizieren - wo sich Platz findet, wir
haben hier keine Aristokratie. Sie haben Ihre schnen Hnde mit der Dinte
geschwrzt, Madame.
    Celeste rieb kokett die zierlichen Finger. Mein Unstern ist an dieser
fatalen Situation Schuld, Herr Vicomte, und dennoch mute ich das Anerbieten der
kleinen Nini, die ich in Paris zufllig kennen gelernt, noch mit Dank annehmen,
da Ihre Lagergesetze so unartig gegen Damen sind. Haben Sie noch keine Gewiheit
ber Herrn von Saz?
    Noch immer keine!
    Fatal! - aber es ist abscheulich, da er mich solcher Verlegenheit
aussetzen konnte. Ich wollte, ich wre in Paris, statt in diesem abscheulichen
Wirrwarr! Sie warf dem Vicomte durch die schmachtend halbgeschlossenen
Augenlider einen verfhrerischen Blick zu, doch die Verlockung prallte an dem
gesthlten Herzen und dem Unwillen ber die selbstschtige Gleichgltigkeit
gegen das Schicksal seines Freundes ab. Sie verstehen sich zu entschdigen,
Madame! - Sorgen Sie fr den armen Knaben, den Russen, Nini, sagte er kurz
abbrechend zu der jungen Wirthin der Cantine, Ihre Pflegebefohlenen sollen
Ihnen nicht lange mehr lstig fallen.
    Wie, mein Kommandant, sind Sie unzufrieden mit mir?
    Gewi nicht, hbsche Nini - aber der griechische Offizier soll nach
Constantinopel gebracht und der junge Russe mu endlich an's Gefangenen-Depot
als gesund abgeliefert werden.
    O, mein Herr - es ist ein halbes Kind - die armen Leute haben es dort gewi
schlimm, es mu so schrecklich sein in einem Gefngni! Thrnen standen in
ihrem bittenden und mitleidigen Auge, das bei den Worten auf der Gestalt ihres
bldsinnigen Vetters ruhte.
    Die Pflicht gebietet, mein Kind, und ich setze mich ernster Verantwortung
aus, sagte freundlich aber bestimmt der Vicomte, wenn ich noch lnger gegen
Ihren hbschen Protege solche Nachsicht be. Sie wissen, da, als er von Tonton
und Ihrem Bruder zum Gefangenen gemacht wurde, er nach der Vorschrift angemeldet
ist, nur Ihre Bitte und das Wohlwollen, das ich fr den Knaben selbst fhle,
bewogen mich, ihn aus Veranlassung seiner leichten Wunden als krank und in
Privatpflege anzugeben. Aber der gestrige Tagesbefehl verordnet auf's Strengste
die Ablieferung aller Gefangenen in's Haupt-Depot und der Kranken in die
Lazarethe, und Doctor Welland hat nicht lnger zgern knnen, ihn als gesund zu
melden.
    Fi donc! der abscheuliche Doctor!
    Der Offizier lchelte. Ich kann jetzt in Wahrheit Nichts weiter thun, da
der Bursche selbst die Abgabe seines Ehrenworts verweigert. Bringen Sie Ihre
Bitte bei Oberst Polkes an - vielleicht bernimmt er die Verantwortung.
    Brrr! Nein, mein Kommandant, lachte, sich schtternd, das Mdchen -
lieber einer Batterie entgegen! Monsieur le Colonel ist ein wilder Br und ich
wei sehr wohl, da nur Ihrem Schutz das arme Kind die Erlaubni zu danken
hatte.
    Also - Mademoiselle - die Dienstgeschfte zwischen uns sind erledigt - und
nun zu Tische!
    Sie sollen sogleich bedient werden, mein Kommandant, denn Sie sind eine
Perle aller Stabsoffiziere. Ein koketter galanter Knix, und die hbsche
Marketenderin sprang davon. - - - -
    Die Mittagsstunde war heran gekommen und die Soldaten lagerten vor ihren
Zelten um die Feldkessel, oder waren noch mit der Zubereitung der Menagen
beschftigt. In den Kchengrben loderten lustig ganze Reihen kleiner Feuer, vor
den Cantinen und Marketenderbaracken dinirten die Gruppen der Offiziere mit den
seltsamsten Tafelarrangements, auf Fabden, rohen Tischen oder dem Rasen.
Ueberall Heiterkeit, Gelchter, bunte Unterhaltung - keine Spur des grausigen
Kampfes, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein dumpfer, ferner Kanonenschlag herber
gedrhnt wre und eine leichte weie Rauchwolke sich aus der Ebene in die
lichte, von der Hitze vibrirende Lust emporgekruselt htte, die Lage der
Trancheebatterieen anzeigend. Regelmig antwortete darauf ein gleicher Knall,
ein gleicher Rauchwirbel aus den lang hingestreckten braunen Erdwerken der
Festung. Seit einer Viertelstunde jedoch war auch dieses eherne Frag-und
Antwortspiel verstummt, denn es war nachgerade auf beiden Seiten Gewohnheit
geworden, auer an Tagen scharfen Bombardements, um die Mittagszeit von 12 bis 3
Uhr das Feuer gnzlich einzustellen.
    Die Aussicht vom Abhang des Sapun war prachtvoll und das Panorama der Bucht
von Sebastopol im Hintergrund von den Bergwnden der Nordforts geschlossen, lag
in voller Ausbreitung vor den Augen. Die Hhe des Sapun war ungefhr 5- bis 6000
Schritt von dem User der Rhede in gerader Linie entfernt, der Blick beherrschte
dieselbe bis zu den Forts Alexander und Constantin und tauchte dann weit hinein
in die Lichtreflexe des anscheinend unbeweglichen Meeresspiegels, von dem sich
in einzelnen dunklen Punkten die vor dem Eingang stationirten Schiffe der
alliirten Flotte oder ein nach Eupatoria ziehender Dampfer abhoben. Die Luft war
so klar und durchsichtig, da man auf der Rhede selbst mehrere der Takelage und
des Spierenwerks beraubte, noch vorhandene russische Dreimaster genau
berschauen, die Boote ber die Sd- und Schifferbucht kreuzen, ja in den
Straen der Stadt die Soldatenzge sich bewegen sehen konnte. Whrend links der
Laboratornaja-Grund lngs des grnen Hgels zur Sdbucht zog, durchfurchten
rechts der Dokawaja-, Kilen- und Steinbruchgrund die gelbe Flche, auf der die
Trancheen und Batterieen sich wie dunkle Zeichnungen hervorhoben, bis stlich
ber die Tschernaja hinweg, seitwrts der Ruinen von Inkerman, das von den
hellen reflectirenden Farben geblendete Auge einen angenehmen Ruhepunkt an den
Weinbergen der Meierei Bugharinaja fand.
    Quer ber die Sdbucht sah man eine Anzahl russischer Linienschiffe in zwei
Reihen ankern und ihre furchtbaren Breitseiten dem Einschnitt des Kirchhofs
zwischen dem Redan (Bastion III.) und dem Malakoff (Kormlowski-Bastion) ber die
weien Huserreihen der Vorstadt zukehren. Das Ganze bot allerdings ein
interessantes militairisches Bild, doch nur das Auge eines Eingeweihten oder
eines Genieoffiziers htte zu erkennen vermocht, da einer jener wthenden
Kmpfe in wenig Stunden bevorstand, deren Donner Himmel und Erbe erschtterten,
die mit Blut und Leichen den Felsenboden der Krimm dngten. Einzelne
Truppenkolonnen, die sich im Schutz der Bergrcken und Schluchten zu sammeln
begannen, ein strkerer Zug der Munitionskarren und Lastthiere nach den
Batterieen, bildeten allein diese Anzeichen fr den Kundigen.
    Unter einer Korkeiche, deren mageres Schattendach noch durch ausgespannte
Leinentcher verstrkt war, sa, um einen niedern schmalen Tisch von
Fichtenbrettern, eine Anzahl franzsischer Offiziere, meist zu dem hier
lagernden dritten Zuaven-Regiment gehrig, dazwischen die Uniformen
verschiedener anderer Corps, Artilleristen der auf dem Sapunhgel erbauten
Mrserbatterie, und zufllige Gste, darunter zwei Offiziere der sardinischen
Bersaglieri.
    Die Unterhaltung flog bald heiter, bald ernst ber hundert verschiedene
Gegenstnde und kreuzte sich in Scherzen und Mittheilungen, bis dazwischen
wieder die Erzhlung Eines oder des Andern eine allgemeinere Aufmerksamkeit fr
kurze Zeit fesselte. Der seltenste Gegenstand, der berhrt wurde, war
auffallender Weise das bevorstehende Bombardement.
    Sie trafen gestern in Kamiesch ein?
    Die Veloce warf vorgestern Abend Anker. Wir brachten die Nachrichten, die
das Blletin gestern verffentlicht hat.
    Man hrt schne Geschichten von Kertsch, Herr Kamerad von der See? Wenn nur
die Hlfte wahr ist, mu es verteufelt locker dort zugegangen sein.
    Der Marineoffizier sah sich vorsichtig um. Sind Englnder am Tisch?
    Da ich nicht wte! Nein - wir sind zufllig noch unter uns!
    Dann, meine Herren, mu ich Ihnen sagen, da unsere werthen Verbndeten,
die Englnder und Trken, sich auf das Abscheulichste benommen und Dinge in
einer unvertheidigten Stadt begangen haben, die uns der Schmhung von ganz
Europa aus setzen werden.
    Mordioux! um das zu sagen, - warum braucht man da die Anwesenheit der
Beafsteaks zu frchten! rief ein Offizier.
    Wenn Sie die Gte haben wollen, mir Ihre Zeit zu bestimmen, Capitain
Parquez, sagte der Marine-Lieutenant hflich, so hoffe ich Sie zu berzeugen,
da es der Mannschaft der Veloce in keiner Weise an Muth fehlt.
    Unsinn! Estas en vestra camisa? Davon kann keine Rede sein! Capitain
Parquez hat nicht daran gedacht, an dem Ruf der Mnner von der Veloce zu
zweifeln. Auerdem - Sie sind mein Gast.
    Der gascognische Capitain murmelte einige Worte. Kommandant de Narbonne
Lara hat vollkommen meine Meinung ausgedrckt.
    Der See-Offizier verbeugte sich freundlich. - Auch that ich die Frage nur,
weil ich nicht Unbetheiligte verletzen wollte. Die Art und Weise aber, wie unter
den Augen des Generals Brown und Vice-Admirals Lhons von den englischen Soldaten
und Matrosen verfahren wurde, war emprend.
    Man hrte doch von einem Befehl des britischen General Brown, bemerkte ein
Offizier der Chasseurs d'Afrique, da jeder Mann, der nach Dunkelwerden in der
Stadt betroffen wrde, gepeitscht werden solle?
    Allgemeines Gelchter. - Der Befehl existirt, besttigte der Lieutenant
der Veloce, aber er galt nur in Jenikale und pat brigens fr englische
Soldaten und Matrosen. Unter uns - eine groe Vertheidigung der Kste und des
Zugangs zum Asow'schen Meer fand nicht statt, die wenigen Batterieen wurden von
der Flotte bald zum Schweigen gebracht und Kertsch ohne Widerstand bergeben.
    Die Russen sollen ber Hals und Kopf sich auf allen Punkten zurckgezogen
haben?
    Das ist ihr System. Die Geschtze wurden unbrauchbar gemacht, die Magazine
geleert oder gesprengt. Die ganze Kste glich in der Nacht, nachdem wir bei
Ambalaki gelandet, einer Reihe ledernder Vulkane. Dennoch fand die verbndete
Armee noch kolossale Vorrthe nicht allein in den Schiffsarsenalen, sondern
namentlich an Getreide in den Magazinen.
    Ei, so hoff' ich, werden uns die Commissaire bald ein besseres Brot
liefern, als das hier auf meinem Messer.
    Tuschen Sie sich nicht, Lieutenant Brande, lachte der Schiffsoffizier.
Bei meinem Abgang hatte die Flotte bereits 248 Schiffe mit Getreide vernichtet
und in Kertsch allein wurden ber 2 Millionen Kilogramms verbrannt.
    Ader doch blos Vorrthe der Regierung?
    Ich glaube nicht, - man hat keinen Unterschied zwischen dem Privateigenthum
der Kaufleute und den Vorrthen der Regierung gemacht. Selbst das groe Magazin
des sterreichischen Consuls, das geschickt unter der Form einer Villa versteckt
war, wurde angezndet. General d'Autemarre schlug zwar vor, die Getreidemassen
nach Constantinopel und unseren Lgern zu schaffen, oder wenigstens allen
franzsischen und englischen Kauffahrern in Kamiesch und Balaclawa zu gestatten,
hier umsonst Ladung zu nehmen, aber unsere Verbndeten eilten, ihren Hauptzweck
zu erfllen: den Russen mglichst viel materiellen Schaden zuzufgen.
    Sie wollten uns die Zerstrung von Kertsch erzhlen, Kamerad, sagte der
Kommandant des zweiten Bataillons, d Moulin.
    Wir rckten am Freitag, den 25., ein, marschirten aber sofort nach Jenikale
weiter, indem nur eine kleine Abtheilung Franzosen, dagegen ein Regiment
Englnder und der grte Theil der Trken unter Reschid Pascha zurckblieb.
Auerdem war eine Zahl britischer Matrosen und Marinen gelandet und hatte den
Auftrag, die Regierungsfabriken und eine Privatfabrik zur Verfertigung von
Minikugeln und Patronen zu zerstren. Viele der wohlhabenderen Bewohner und die
Beamten hatten mit der russischen - wie ich hrte, wenig ber 2000 Mann starken
- Besatzung die Stadt verlassen. Die Zurckgebliebenen aber kamen den Truppen an
den Thoren nach ihrem Landesbrauch mit Brot und Salz entgegen, und es wurde
ihnen Schutz des Lebens und Eigenthums zugesagt. - Wie gesagt, unsere Truppen
rckten noch an dem Vormittag weiter, kaum aber hatten sie die Stadt verlassen,
so begannen die abscheulichsten Scenen der Plnderung. Die Thren der
verschlossenen Huser wurden erbrochen - was nicht fortgeschleppt werden konnte,
muthwillig zertrmmert. Mord und Notzucht wtheten in allen Straen, die Horden
der Zigeuner und der Tataren machten bald mit den Soldaten und Matrosen
gemeinschaftliche Sache und fhrten sie von Haus zu Haus der russischen
Kaufleute und Handwerker, ihnen dort neue Opfer der Habsucht oder der Wollust
zeigend. Die Bevlkerung unterlag, vllig wehrlos, der viehischen Brutalitt und
es wurden Thaten verbt, deren sich Karaiben schmen knnten!
    Und geschah Nichts, dem zu steuern?
    Capitain Fontain schickte tglich Patrouillen aus, so lange wir auf der
Rhede ankerten - aber was halfen die Wenigen, die nicht einmal das Recht hatten,
gegen die Englnder einzuschreiten! Ich selbst scho einen trkischen Marodeur
nieder, der betrunken die Strae daher taumelte, auf seinen blutigen Sbel einen
Sugling gespiet5. In fast allen Husern waren Fenster und Thren zertrmmert,
die Mbel zerschlagen, die Betten und Matratzen aufgeschlitzt aus bloer
Zerstrungslust. Die Plnderung dauerte noch fort, als wir am 3. zurckstellen.
Wre sie nicht von so abscheulichen Scenen begleitet gewesen, man htte lachen
mssen ber die Unvernunft dieser Raubsucht. Ich sah Matrosen sich mde
schleppen an einem alten Lehnstuhl, an schweren Federbetten oder an einem
hlzernen Heiligenbild mit einer Glorie von Blech um den Kopf. Einzelne machten
freilich vorzgliche Beute. Ihrer Majestt 79. Regiment zum Beispiel stahl eine
groe Quantitt Silberzeug aus einem der Huser.
    Ich hrte, da das berhmte Museum von Kertsch mit den Alterthmern
klassischer Vorzeit zerstrt worden? fragte Capitain Stahl.
    Bis auf die letzte Scherbe! - Wilde htten nicht rger hausen knnen! Man
begriff nicht, wie die Wuth weniger Menschen in so kurzer Zeit eine solche
Verheerung anrichten konnte. Ich fand den Fuboden des Museums fuhoch mit
zerbrochenem Glas, Bruchstcken von Statuen, Vasen, Urnen, dem kostbaren Staub
groer Erinnerungen, den sie einschlossen, und halbverkohlten Stcken Holz und
Knochen bedeckt. Kein Stckchen von Etwas, das sich zerbrechen oder verbrennen
lie, war vom Hammer oder Feuer verschont geblieben. Die Schrnke und Regale
waren von den Mauern gerissen, das Glas in Atome zerschmettert, die Statuen in
Stcke zerklopft; es war kaum mglich zu errathen, was sie frher gewesen waren.
Eben so barbarisch hatte man an dem Grabmal des Mithidrates gehaust.
    Und Sie konnten Nichts dagegen thun?
    Als ich hinkam - war bereits das Werk vollendet. Wenige Schildwachen vor
alle diese Gebude gestellt, htten sie vor der jmmerlichen Zerstrung
gerettet. Wie naiv unter solchen Scenen blutigen Schreckens es auch klingen mag
- ich mute wenigstens meiner Entrstung Worte geben und schrieb sie mit
Bleistift auf den weien Thrflgel des Eingangs6.
    Das ist das Loos des Krieges, murrte Capitain Mongin. Wozu uns um das
alte Germpel rgern, wir haben wichtigere Dinge in der Nhe. Sie haben also
gleichfalls noch keine Ordre beim Zweiten, Blanchet?
    Parbleu - nein! - ich glaube, man wird die Garden beschftigen und uns in
den Laufgrben lassen.
    Der alte Capitain lchelte hmisch: Unsere Jungen sollen ihnen einen
empfindlichen Streich gespielt haben, flsterte er - es ist gut, da Polkes
seit heute Morgen fort ist.
    Sein Nachbar nickte lchelnd. Geht heute Jemand zu den Briten? Wann beginnt
das Rennen?
    Mricourt wollte hinber. Ich wette, die Narren jagen den Hund mitten
zwischen die Batterieen hinein. Man sollte ihnen die Spielereien verbieten.
    Lassen Sie ihnen immerhin das Vergngen, Kommandant, bemerkte lachend der
Chasseur-Offizier. Ihre Prahlerei, besser zu reiten als wir, hat ihnen
hchstens bei Balaclawa Vortheil gebracht, als die russischen Ulanen sie
jagten.
    Haben Sie Mistre Duberly reiten sehen? fragte ein Lieutenant.
    Ei, die Mricourt gestern besuchte und zu heute einlud? Der Teufel soll
mich holen, eine hbsche Frau, aber doch nicht so interessant und noch lange
keine so khne Reiterin, wie die schne Sardinierin. Wie heit sie doch, Herr
Kamerad?
    Sie meinen die Grfin Pisani, sagte hflich der Bersaglieri. Es ist eine
Ungarin und ich sah nie eine schnere und festere Hand ein Pferd regieren.
    Dabei sieht sie sehr bla und leidend aus. Es ist Thorheit, eine Dame den
Strapazen dieses Feldzugs auszusetzen.
    Der General, ihr Gemahl, soll sehr eiferschtiger Natur sein, berichtete
der Sarde. Er soll sie im vorigen Jahre whrend des Donau-Feldzuges geheirathet
haben und ein famoses Vermgen mit ihr.
    Jedenfalls ist Ihr Oberst besser daran, wenn sie unfreiwillig gefolgt ist,
sagte lachend Lieutenant Rouet, als unser armer Delorny vom Genie, der nach
Dpuis Tod hierher kam. Sie haben doch von der pikanten Geschichte mit seiner
Heirath gehrt?
    Nein! - Was ist's? - Erzhlen Sie.
    Ei, der Charivari und mehrere andere Journale theilten schon vor einem
halben Jahre den Proze mit.
    Pah - wer findet in den Laufgrben den Charivari oder die Gazette des
Tribneaur? - Die Englnder sind in dieser Beziehung besser bedient.
    Ja - in dieser einzigen. Kannte Jemand von Ihnen Madame d'Alembert?
    Bedenken Sie, Rouet, da wir aus Afrika kommen!
    Nun - man ist auf Urlaub in Paris. Ueberdies war Herr von Alembert ehemals
ein wackerer Offizier und Madame die Tochter des Generals Valpr aus der
Kaiserzeit. D'Alembert war gelhmt und brachte seine letzten Lebenslage im
Spital zu Val de Grace zu, Madame aber wohnte bei der Gattin eines unserer
Generale und lernte dort Delorny kennen. Die Dame war 40 Jahr, als ihr Gatte im
Mrz des vorigen Jahres starb und verliebte sich in den jungen Capitain, der
sich die Sache anfangs gefallen lie, ohne jedoch von Heirath zu sprechen.
    Caramba! Da hatte er Recht!
    Aber Madame d'Alembert sah die Sache nicht von dieser Seite an. Sie nahm im
vorigen Sommer Opium - zwei Mal sogar - und wollte sterben! Der Arzt erklrte
wenigstens, sie werde die Nacht nicht berleben, und Delorny fhlte ein
menschliches Rhren in seinem Gewissen und lie sich mit ihr - wie man sagt - in
extremis trauen.
    Und dann wurde die Dame pltzlich gesund? Cap de Bious - ich wittere den
Braten.
    Richtig - nur nicht ganz so rasch. Delorny soll sich dann haben bewegen
lassen, die Trauung in der Kirche St. Thomas zu wiederholen, doch heimlich, ohne
Zeugen und Ausweis der Kirchenbcher. Madame behauptet zwar, die Ehe sei
vollzogen trotz ihrer vierzig Jahre - Delorny weigerte sich jedoch, ohngeachtet
der gerichtlichen Klage, irgend einen Schritt zur Legitimation zu thun, hielt
sich von ihr entfernt und verschwand endlich ganz. Erst vor einem Monat erfuhr
die zrtliche Gattin, ba er sich zur Orient-Armee hatte versetzen lassen und
machte sich auf, ihm zu folgen. Vorgestern traf sie, in Begleitung des
Feld-Almosenier Tenelli und der Obersten Brancion, von Constantinopel hier ein
und berraschte gestern den ungetreuen Flchtling, der sich Nichts weniger
trumen lie, als diesen Besuch.
    Ich kann mir die Scene denken!
    Vielleicht doch nicht, wie sie in Wirklichkeit war. Delorny wurde grob, so
da Brancion ihn fordern wollte, die zrtliche Frau aber brachte sich mit einem
Dolch, den sie im Kleide verborgen trug, zwei Stiche in der Nhe des Herzens
bei.
    Hol' der Teufel die Tollheit der Weiber!
    Namentlich der alten, Capitain! Man hat ihr zwar glcklich die Waffe
entrissen, ehe sie sich wirklich tdten konnte, was fr Delorny wohl das Beste
gewesen wre, aber die Geschichte hat das ganze Hauptquartier in Alarm gebracht
und General Pelissier wthet noch rger gegen allen Frauenbesuch, als bisher,
und hat geschworen, da, mit Ausnahme der Marketenderinnen, der Profo Alles aus
dem Lager spediren soll, was einen Unterrock trgt.
    Der General scheint demnach kein so galanter Verehrer des schnen
Geschlechts, wie sein Vater, sagte lachend der deutsche Medecin-Major, der eben
mit Mricourt und dem Englnder zum Tisch getreten war und Platz nahm.
    Ah, sieh' da, Doctor! Setzen Sie sich hierher. Was wissen Sie denn von dem
Vater des Generals? - ich denke, die Familie ist ziemlich unbekannt.
    Der Zufall machte mich mit Umstnden vertraut, erzhlte der Arzt, die
vielleicht dem General selbst ganz fremd sind und er ahnt wahrscheinlich gar
nicht einmal die Existenz einer Schwester.
    In Frankreich?
    Nein - in meiner Heimath; Einige von Ihnen wissen wohl, da ich aus Berlin
bin.
    Und dort lebt eine Schwester des Generals?
    Nicht in Berlin selbst - aber doch in der Nhe. Es ist eine sehr achtbare
Dame, die Gattin einen angesehenen Kaufmanns, Namens Mertens in Mittenwalde,
einem kleinen Stdtchen unsern der Preuischen Hauptstadt. Ihre Mutter war eine
Mademoiselle Dtertre in Berlin und hatte ein Verhltnis mit dem Capitain
Franois Pelissier vom 18. Voltigeur-Regiment, der als Adjutant Dudinot's 1808
in Berlin sich aufhielt. Die Familie besitzt noch ein Portrait dieses Capitain
Pelissier, des Vaters der Madame Mertens, in der Uniform seines Regiments, und
einen Brief an seine Geliebte, in dem er seine Freude ber die Geburt der
Tochter ausspricht. Spter hat jedoch weder Mutter noch Kind je wieder von ihm
gehrt.
    So wrde dies eine ltere Schwester des Marschalls sein, denn so viel ich
wei, ist er erst 44 Jahr.
    Er gehrt zur jngern Schule der Afrikaner, bemerkte der Vicomte.
Pelissier, Bosquet, Changarnier, Lamoriciere, Mac-Mahon - sie sind Alle aus
Bgeaud's Erziehung hervorgegangen. Er wurde frhzeitig nach Algier gesandt,
weil er in Paris ein ziemlich wildes Leben fhrte und Schulden machte.
    Bah - wer thte das nicht! Man liebt, man trinkt, man spielt! Wozu wre das
Leben da?
    Wissen Sie denn, da Letour, der berchtigtste Grec von Paris, sich in
Kamiesch eingefunden hat?
    Der Doctor?
    Ja, ich sah ihn gestern - die Lagerpolizei wird ihm hoffentlich bei Zeiten
den Weg weisen.
    Warum nennt man ihn den Doctor? fragte Welland, - ist er ein Arzt?
    Das nicht - er gab der Fakultt blo eine kleine Lection. Sie mssen die
Geschichte in Paris vernommen haben.
    Ich bin nicht so glcklich.
    Nun, so hren Sie. Letour ist, wie gesagt, einer der gewandtesten Grecs und
uerst schlau der Polizei gegenber. Er wute, da Herr Dport, eine der
medicinischen Celebritten von Paris, sehr reich und gleichzeitig ein
leidenschaftlicher Spieler war, aber es gelang ihm weder den Doctor in ein
Spielhaus zu locken, noch sich in den Salons Zutritt zu verschaffen, die jener
besuchte. Er miethete deshalb ein comfortables Logis, legte sich zu Bett und
lie den Doctor Dport rufen. Dieser kommt, fhlt den Puls, verordnet einen
Trank und verspricht Abends wiederzukommen. Dies erwartete man. In der Thal, als
er eintrat, fand er im Zimmer des Kranken einen Tisch, an welchem mehrere
Herren, wie sie sagten, um ihren Freund zu zerstreuen, spielten. Der Tisch war
mit Gold bedeckt. - Es geht mir viel besser, Doctor, sagte der vorgebliche
Kranke und fgte nach einigen Worten ber seinen Zustand bei: Sie haben eine
glckliche Physiognomie, mchten Sie wohl die Gte haben, einige Parthieen fr
mich zu machen? - Gern, erwiderte der Arzt. Der Grec gab ihm 10 Louisd'ors und
der Doctor fing an zu spielen. Er war sehr glcklich, gewann 100 Louisd'ors,
zhlte sie dem Kranken hin und meinte, da er fter Lust gehabt, halbpart mit
ihm zu machen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, meinte der Grieche. Wenn Sie
morgen einige Augenblicke Zeit haben, so kommen Sie. Ich werde diese Herren
einladen und wir machen eine Partie. Doctor Dport stellte sich pnktlich ein
und associirte sich mit seinem Kranken, der sich ziemlich wohl befand. Zuerst
lie man ihn einige Louis gewinnen, aber bald drehte sich die Chance und in drei
Besuchen verlor der Doctor nicht weniger als 25000 Franken. Zu spt sah er ein,
da er betrogen sei; denn als er das vierte Mal wieder kam, um Revanche zu
nehmen, war das Nest ausgeflogen.
    Was kommt dort fr Cavalkade? fragte ein Offizier, der zufllig
aufgestanden.
    Wo? - dort? - ich glaube, es ist Feverrier - der Bursche mu es eilig
haben.
    Nein - ich meinte da nach der andern Seite - die Staubwolke?
    Der Brigade-Adjutant war herangesprengt. Meine Herren, der Oberst lt Sie
wissen, da der General en Chef sogleich mit dem ganzen Stab hier sein wird. Die
Leute sollen aber in ihrer Beschftigung bleiben - wie ich sehe also bei der
Mahlzeit. Sie wissen, der General liebt es nicht, zu geniren und ist heute
ohnehin nicht besonderer Laune.
    Wie so - was giebt es - erzhlen Sie, Feverrier! Die Offiziere umdrngten
ihn.
    Ei, unter uns - es hat einen verteufelten Sturm gegeben. Der Ober-General
war bei Lord Raglan in Kamara und, wie mir General Wimpfen vertraut, ist es zu
einer Scene gekommen, wegen der Befestigungen, welche die Englnder bei Kertsch
und Pawlowskaja verstrken wollen.
    Doch wohl, um sich dort festzusetzen? Ein neues Corfu oder Gibraltar am
Azow'schen Meer.
    So scheint es! Doch reichen Sie mir einen Becher Wein - meine Kehle ist so
trocken wie die Sahara. - General Pelissier, fuhr er fort, nachdem er
getrunken, hat dem Lord erklrt, er werde d'Autemarre den Auftrag senden, sich
mit Gewalt jeder Fortifikation an der Kste zu widersetzen, die einen andern
Zweck habe, als die Expedition zu sichern. - Wahrhaftig - da sind sie schon, der
Teufel traue dem Dicken!
    Der greis der Offiziere zog sich zurck, whrend die Anhhe herauf der
zahlreiche Stab des franzsischen Ober-Feldherrn, begleitet von mehreren
Divisions- und Brigade-Generalen, Ismal-Pascha und dem General La Marmora, kam.
    Zwei Araber, in weien wehenden Gewndern, ritten dem General Pelissier
voran, der auf einem krftigen Grauschimmel sa. Er war ein starker, fast fetter
Mann, was ihm das anhaltende Reiten sehr erschwerte, mit fast weiem, kurz
abgeschnittenem Haar. Die Gestalt nicht gro, das Gesicht von einem gutmthigen
Ausdruck, von dem ganz verschieden, den man nach seinen Antecedentien in Afrika
erwarten sollte. Nur um die Nasenwurzel verkndeten einige Falten den harten,
festen und eigensinnigen Charakter. Der General trug eine mit Orden geschmckte
Uniform, und darber trotz der Hitze, einen weien Mantel, hnlich denen der
arabischen Huptlinge.
    Die Umgebung des Generals zeigte zahlreich Namen, die sich bereits in der
neuesten Geschichte des franzsischen Waffenruhms in Afrika, Spanien,
Griechenland und Italien mit Ruhm bedeckt hatten, obschon sie, gleich Pelissier,
meist erst im Alter zwischen 40 und 50 Jahren standen, oder die durch ihren
Heldentod vor den Wllen des Malakoff bei den sptern Strmen des 18. Juni und
8. September sich einen Platz in den Bchern der Geschichte erkauft haben, wie
Mayran, Brnet, Rivet, der Generalstabschef des I. Armee-Corps, Saint Pol,
Breton und Marolles. Der Ober-General unterhielt sich lebhaft mit dem General La
Marmora, dessen Bruder, General Alessandro La Marmora, bereits an der Cholera
erkrankt war, und seinem Liebling Rivet, der in der Nacht zum 14. April und 2.
November die Logements vor der Redoute Schwarz genommen hatte.
    Guten Tag, meine Herren, sagte Pelissier. Wir mssen Sie hier kurze Zeit
stren, weil man von Ihrer Hhe eine Aussicht hat, die ich brauche. - Das Glas.
Selim!
    Der arabische Leibdiener berreichte dem Feldherrn das Feldperspectiv.
    Kommen Sie her, Bosquet, fuhr der Kommandirende fort, wir werden uns hier
leichter verstndigen. Wenn Sie Verg mit seiner Brigade die linke Parallele bis
zu den Steinbrchen, auf der Flanke der Englnder, besetzen lassen, kann Wimpfen
im Dokowaja-Grund sich aufstellen, von Brnet untersttzt. Ich hoffe jedoch, es
wird der Reserven nicht bedrfen. Am besten ist's, Sie lassen den Mamelon gleich
von drei Seiten her angreifen, so theilt sich das Feuer. Wenn Oberst Shirley mit
den Briten seine Schuldigkeit thut, wird er den Kirchhof zu dieser Zeit besetzt
haben und die Kanonen des Malakoff zur Genge beschftigen.
    General Bosquet verbeugte sich schweigend, - er und Pelissier waren keine
besonderen Freunde und hufige Rivalen.
    Ich glaube, Camou wird hier ein leichteres Spiel haben, als Mayran und
Dlac vor den Redouten, fuhr der General fort. Dennoch wird die Wegnahme des
Mamelon fr uns von grter Bedeutung sein. Der Teufel soll das Nest holen,
dessen Bau man gar nicht so weit htte gedeihen lassen sollen!
    Ich danke Euer Excellenz fr die Ehre, die Sie uns mit dem Befehl erzeigt
haben, sagte General Camou.
    Eigentlich wren freilich die Garden an der Reihe gewesen, meinte der
Feldherr, und Pontves wird mir's gewaltig belnehmen. Inde er ist der Jngste
von uns und hat Zeit. Wer kommt dort?
    Er deutete nach der Bergseite, die nach Sdosten fhrte und auf deren Abhang
eine Reitergruppe von den entfernten Lagerpltzen der Garde herkam. Parbleu -
ich glaube, das ist Mellinet, der mich zu qulen kommt. Vorwrts, meine Herren,
zur Victoria-Redoute!
    Ehe jedoch der Stab sich in Bewegung setzen konnte, sprengte der Commandeur
der Garde-Division, General Mellinet, mit seinen beiden Divisionairs, den
Generalen Ulrich und Pontves, und mehreren Offizieren der Garde-Regimenter,
herbei und schnitt dem Ober-Kommandanten gleichsam den Weg ab.
    Als General Pelissier sah, da er nicht mehr entkommen konnte, blieb er,
verschiedene Verwnschungen murmelnd, auf der Stelle halten. Es war bekannt, da
er mit den obern, seinem Kommando untergebenen Offizieren hufig nicht besonders
hflich umsprang und weit eher den Soldaten und unteren Graden etwas nachsah;
namentlich erfreuten sich die Garden nicht gerade besonderen Vorzugs.
    Um diese Thatsachen schien sich General Mellinet jedoch wenig zu kmmern,
als er gerade auf den Ober-General zuritt und kalt salutirte.
    Es freut mich, da Sie kommen, Mellinet, sagte dieser, offenbar irgend
einem Anliegen vorbeugend, ich vermite berhaupt heute die Herren von der
Garde bei dem Besuch im britischen Hauptquartier; Sie knnen mich nach der
Victoria-Redoute begleiten.
    Verzeihen Eure Excellenz, sagte der Angeredete kalt und fest, ich mu um
einige Augenblicke Gehr bitten und bin dazu hierher gekommen, da ich hrte, da
der Stab diesen Weg genommen.
    Nun, sprechen Sie unterwegs, ich habe Eile - Sie werden wissen, da das
Feuer in drei Stunden beginnen mu.
    Ich habe nicht die Ehre, Eurer Excellenz Anordnungen schon zu kennen,
beharrte der General, der wohl merkte, da der Ober-Kommandant ihm zu entkommen
suchte, aber ich mu bemerken, da die Sache sich am besten hier an Ort und
Stelle entscheiden lassen wird.
    Meinetwegen denn! bitte, was wnschen Sie?
    Ich komme im Namen der Garden Beschwerde zu fhren, ber Beleidigungen und
Verhhnungen, die man sich fortwhrend gegen sie erlaubt.
    Ach. Larifari, die alte Leier von den ewigen Znkereien, schrie der
Ober-Kommandant. Lassen Sie mich endlich damit ungeschoren, wenn Sie keine
bestimmten Beschwerden anfhren knnen. An allen Streitigkeiten hat ein Theil so
viel Schuld als der andere.
    General Mellinet schien in Voraus entschlossen, Ruhe und Gelassenheit zu
behalten, obschon die Behandlung ziemlich impertinent war und sein Gesicht sich
zu rthen begann; er begngte sich daher, dem Ober-Befehlenden ein Papier mit
den Worten zu berreichen: Ich bitte Eure Excellenz, dies zu lesen.
    Pelissier entfaltete das Blatt - es war eines der Plakate, welche man an die
Zelte der Garden whrend der Nacht angeheftet hatte und dessen Inhalt wir
bereits erwhnt haben.
    Der knftige Marschall las das Pamphlet und brach dann in ein schallendes
Gelchter aus. - Mort de ma vie! Gestehen Sie, Mellinet, der Witz ist nicht
bel. Ich bitte, Rivet, lesen Sie das Dings da!
    Er reichte mit baucherschtterndem Lachen das Blatt dem Generalstabs-Chef,
aus dessen Hand es die weitere Runde machte, whrend die Offiziere der Garde
bleich und roth vor Zorn wurden.
    Gottes Blut, sagte endlich der General Pontves, dessen Gesicht dunkelroth
zu glhen begann, wir sind nicht hier, um Ihr Gelchter zu hren, meine Herren,
sondern um Genugthuung fr dir Beleidigung zu fordern.
    Ah, sieh da, Pontves, rief der Ober-General, sei verstndig und lache
ber den Scherz. Das ist das Beste, was die Herren thun knnen, denn - die
Angelegenheit der Trancheers ist doch nun ein Mal Wahrheit.
    Excellenz, sagte General Mellinet mit scharfem und erhobenem Tone, wie
dem auch sei, wir kommen nach gepflogener Berathung mit unsern Offizier-Corps,
um zwei Dinge zu verlangen. Das Erste ist, da Sie den Garden gestatten, auf ihr
Vorrecht Verzicht zu leisten und in dem Trancheendienst abzuwechseln, wie jeder
andere Theil der Armee; - das Zweite ist eine strenge Untersuchung wegen des
angethanen Schimpfes, der bereits Blut gekostet hat und noch mehr kosten wird,
wenn Euer Excellenz uns Ihr Einschreiten verweigern.
    Der Ober-General sah den Redner von der Seite an, doch mochte er sich der
Sache vor dem sardinischen Ober-Kommandanten schmen, denn er sagte rgerlich:
Was ist's damit? reden Sie deutlich und klar, Herr General!
    Es haben in Folge dieses Schimpfes heute Morgen bereits drei Duelle
stattgefunden und ein Sergeant der Grenadiere ist dabei erstochen worden,
sprach der Anklger. Die Soldaten der ganzen Division sind wthend, auer sich,
- und ich kann Euer Excellenz nicht fr ausgedehnte Excesse einstehen, wenn die
Thter nicht sofort bestraft werden.
    Die Falte zwischen des Ober-Generals Brauen hatte sich vertieft, in den
Krhenfen um die Augenwinkel lag Hohn mit aufsteigendem Zorn gemischt, als er
fragte: Das sind Alles allgemeine Anschuldigungen, General Mellinet, aber wer
ist der Thter?
    Es sind Zuaven vom dritten Regiment, sagte Pontves barsch. -
    Der Oberst des dritten Zuaven-Regiments, de Bonnet-Maurelhan-Polkes, drngte
im Augenblick sein Pferd aus den hintern Reihen. - Erlauben Sie, Herr General,
das ist - -
    Still! sagte der Ober-Befehlshaber mit gebietender Stimme und
Handbewegung. Ueberlassen Sie das mir, Oberst. Wo sind die Beweise fr Ihre
Behauptungen, Herr General?
    Die Schildwachen haben Zuaven in der Nhe unserer Zelte bald nach
Mitternacht umherschleichen gesehen, ein Corporal der Grenadiere behauptet, zwei
von ihnen erkannt zu haben. Den Einen bezeichnet der Name dieser Brieftafel, die
man an einer Stelle fand, an welcher jene Nichtswrdigkeit angeheftet war, der
Andere hat sich durch das Duell verrathen, indem er heute den Corporal des
ersten Grenadier-Regiments, der ihn beschuldigte, tdtlich verwundete.
    General Pelissier hatte das Notizbuch geffnet, seine Stirn war finster wie
eine Gewitterwolke, weniger aus Aerger ber den Unfug, als aus Groll ber die
directen Beweise. - Franois Bourdon las er, - wie heit der andere Bursche,
den man gesehen haben will?
    Lebrigaud!
    Lebrigaud? - der Name ist mir nicht unbekannt - ein toller Taugenichts,
wenn ich mich recht erinnere. In welcher Compagnie stehen dir Beiden? - Sein
Blick heftete sich auf den Kreis von Offizieren und Soldaten, der sich in
einiger Entfernung um die Generale gebildet hatte und in gespanntem Schweigen
der Entwickelung harrte. Der Kommandant des ersten Bataillons, Vicomte de
Mricourt, trat salutirend aus der Reihe.
    Euer Excellenz zu Befehl, die beiden Leute stehen beim ersten Bataillon,
das ich zu kommandiren die Ehre habe, aber ich glaube, fr Corporal Bourdon
brgen zu knnen, der einer der bravsten und ordentlichsten Soldaten ist.
    Ich habe Sie um Ihr Zeugni noch nicht gefragt, Herr, sagte grmlich der
General. Lassen Sie die beiden Mnner hierher kommen.
    Der Befehl lief schnell durch die Menge, die sich nher herandrngte, und
einige Augenblicke darauf trat der Corporal Bourdon in den Kreis und blieb in
dienstlicher Haltung vor den Generlen stehen. Ihm folgte Lebrigaud, in den
Talar und die Mtze eines polnischen Juden gekleidet, die als das Costm eines
russischen Popen gelten sollten, an der Hand nicht ohne einiges Struben die
noch scandalser ausgeputzte Figur seines Collegen Bernaudin hinter sich
herzerrend.
    Ein unterdrcktes Lachen lief durch die ganze Cavalkade des Stabes bei der
Erscheinung dieses seltsamen Kleeblatts, whrend die Offiziere der Garden ihre
Lippen wund bissen.
    Was soll die Mummerei heien, - wer sind die Kerls? fragte der
Ober-Kommandant, bemht, eine strenge Miene anzunehmen.
    Excellenz halten zu Gnaden, nahm der verkleidete Pope mit einer tiefen
Verbeugung das Wort, ich bin fr heute Nachmittag der ehrwrdige Vater Basilius
Papodorowitsch und das da ist Ihre Durchlaucht die Frstin Mulaschpulaschkin,
die Besitzerin verschiedener Goldbergwerke im Uralischen Gebirge oder am
Kasperschen See, die sterblich in einen Offizier von Euer Excellenz getreuen
Zuaven verliebt ist und mit des Himmels Hilfe und meinem Beistand seine eheliche
Gallin werden soll.
    Das Gesicht des Generals wurde jetzt im Ernst finster. Nimm Dich in Acht,
Bursche, und bedenke, vor wem Du stehst! Wie heit Du?
    Lebrigaud, Excellenz, und das ist mein Kamerad Bernaudin, sagte der
Lderjahn unbesorgt, wir haben heute, mit Erlaubni des Obersten, eine kleine
Theatervorstellung, zu der wir Euer Excellenz und die Herren Generle gern
einladen mchten, wenn es der Respect erlaubte; - Euer Excellenz wollen das
Costm entschuldigen, - wir durften es nicht wagen, Sie warten zu lassen.
    Es ist gut! - Dein Name kommt mir bekannt vor?
    Mglich, General. Wir haben Beide einen groen Theil unserer Zeit in Afrika
zugebracht.
    Du warst unter den Zephyren beim Angriff auf die Verschauzung der
Veni-Passan?
    Ja, General - es sind fnfzehn Jahr her und ich bin seitdem nicht schner
geworden. Ich half Sie damals ber die Schanze werfen - Sie waren da noch nicht
so dick und schwer wie heute7 - ich erinnere mich genau.
    Richtig, Du warst einer von den Dreien, aber ich habe ein eben so gutes
Gedchtnis und erinnere mich auch, da Du der Erste bei mir warst. Ich kenne
jetzt auch Dein Gesicht, trotz des Bartes.
    O, sagte der Zuave hflich, indem er den falschen Bart entfernte, da kann
ich dienen, General!
    Jedermann sah jetzt, wie die Untersuchung enden wrde, denn Pelissier nahm
bei jeder Gelegenheit seine alten Zephyre in Schutz, obschon sie die
berchtigsten Taugenichtse der afrikanischen Armee waren. Trotzdem konnte sich
der General Pontves nicht enthalten, noch einen Versuch zu machen, indem er auf
die breite Schmarre des Zuaven wies: Da steht der Beweis auf seinem Gesicht,
da er Derjenige ist, welcher sich heute Morgen geschlagen hat.
    Fichtre! ich denke, ich habe es noch nicht geleugnet! - Es kam wegen einer
Beleidigung, die nur die Garden angethan haben.
    Dir, Kerl?
    Ja, General, sie haben mir eine Brieftafel, die mir mein Freund und
Corporal Bourdon hier zu meinem Namenstag als Andenken geschenkt hatte,
gestohlen! Der Henker wei zu welchem Zweck!
    Unaufhaltsam, trotz der Gegenwart des Ober-Befehlshabers, war das Gelchter,
das nach dieser frechen Anschuldigung hervorbrach. Der Spitzbube hatte offenbar
die vorhergegangene Anklage und Verhandlung hinter der Bhne versteckt angehrt
und parirte auf diese Art den Beweis, da er seinem jngern und ehrlicheren
Kameraden nicht recht trauen mochte.
    Und Euer Excellenz gestatten diesem Schuft eine solche Infamie? schrie
wthend General Mellinet.
    Ich begreife nicht, fuhr der Zuave mit derselben stoischen Ruhe fort, wie
man sich darber rgern kann. Wir mssen uns doch auch gefallen lassen, da die
Herren von der Garde uns nicht anders, als Hhnerdiebe nennen, whrend sie die
ganze Zeit doch ihre Eier in unsere Nester zu legen bemht sind. Er wies mit
der Hand nach dem Eingang der Cantine, wo man einen Adjutanten des General
Pontves, heimlich vom Pferde gestiegen, die Gelegenheit benutzen sah, sich so
eifrig mit Mademoiselle Celeste zu unterhalten, da das Prchen nicht einmal die
Aufmerksamkeit bemerkte, die der Zuave schlau darauf gewandt.
    Sie werden dem Grafen Bretanne drei Tage Arrest dafr geben, Herr General,
sagte der Ober-Kommandant - kein besonderer Freund des schnen Geschlechts -
barsch, da er seiner Liebeleien wegen die Achtung vor seinen Vorgesetzten aus
den Augen setzt. - Was die Beleidigung anbetrifft, so stehen Anschuldigungen aus
beiden Seiten. Hast Du dies geschrieben, Bursche? - Sprich die Wahrheit! - Er
zeigte dem Zuaven das Plakat.
    Der Halunke spielte wie die Katze mit der Maus mit seinen Gegnern. Er besah
das Blatt hinten und vorn, zeigte es kopfschttelnd seinem Gefhrten und sagte
dann, die Augen listig zusammenkneisend: Aber General, die ganze Compagnie
wei, da ich kein Gelernter bin und nicht einmal meinen Namen schreiben kann,
sonst mte ich ja lngst mindestens Oberst sein, abgesehen von den paar kleinen
Verurtheilungen. Auerdem kann hier Bernaudin, mein Kamerad, der die Frstin
Mulaschpulaschkin darstellt, bezeugen, da ich die ganze Nacht nicht von seiner
Seite gekommen bin!
    So wahr alle neunhundertundneunundneunzig Heiligen meiner Seele gndig sein
mgen, ich will mein Leben lang Nichts als saure arabische Milch fressen,
schwor die Frstin gelufig, wenn das nicht Alles die reine Wahrheit ist, Euer
Excellenz, Herr General-Ober-Kommandant! Ich will verdammt - -
    Eine Handbewegung und ein einziger Blick des Generals unterbrach und
scheuchte ihn einige Schritte zurck. - Kannst Du einen hnlichen glaubwrdigen
Zelgen fr Dein Alibi stellen, Corporal? fragte er, zu Bourdon gewendet.
    Der junge Mann war blutroth und scheute sich offenbar, eine Lge
vorzubringen, obschon er Zuave war. Lebrigaud sprang ihm jedoch eilig zu Hilfe
und sagte: Der Sergeant-Major Fabrice war bei ihm.
    Fabrice Tonton? - Das ist ein Braver - ich kenne ihn. Lat ihn vortreten.
    Papa Fabrice wurde sehr gegen seinen Willen in den Kreis gedrngt und schien
sich ziemlich unbehaglich und verlegen zu fhlen.
    Nun, mein Alter, sprach freundlich der General, die Sache hier mu ein
Ende nehmen. Sprich also frisch heraus, ob Dir bekannt, wo dieser Mann hier die
Nacht zugebracht!
    Der Sergeant-Major drehte sich noch immer verlegen den langen Schnurrbart
oder rckte den Fe von einer Seite auf die andere und kraute sich hinter dem
Ohr.
    Nun wirds?
    Peste! - Es ist freilich nicht ganz recht, General, murmelte der
Angeredete endlich, da so ein alter Esel, wie ich, sich verfhren lt - aber
die Wahrheit mu heraus! - Wir haben zusammen getrunken, mein General - es war
so, wie ein Namenstag, ich wei nur nicht genau welcher! - aber wir saen die
Nacht beisammen, das ist wahr, nur ...
    Das ist genug, sagte der Ober-Kommandant. Tretet zurck, Bursche. Sie
sehen, General Mellinet, da sich Nichts hat ermitteln lassen. Was Ihr Verlangen
betrifft, so bewillige ich dasselbe und die zweite Garde-Brigade soll bei der
heutigen Ablsung bereits den Dienst in den Trancheen beziehen. Treffen Sie die
nthige Aenderung in den Bestimmungen, Rivet.
    Aber das Duell - der erstochene Sergeant?
    General Wimpffen mge ein Kriegsgericht anordnen - Sie hrten ja, da der
Bursche behauptet, der beleidigte Theil zu sein.
    Der Kommandant der Garden wandte sich zu dem Kommandeur des Regiments. Da
mir hier jede Genugthuung verweigert wird, sagte er, bleich vor unterdrcktem
Aerger, so habe ich Sie, Oberst Maurelhan, nur noch darauf aufmerksam zu
machen, da, lt sich Einer von Ihren Schuften noch ein Mal im Bereich des
Lagers der Garden blicken, die Wachen Ordre haben werden, ihn wie einen Hund
nieder zu schieen!
    Wenn Sie hierher gekommen sind, General, schrie der alte Polkes heftig,
um mich zu beleidigen, so ...
    Halt da, meine Herren, unterbrach die strenge Stimme des
Ober-Befehlshabers, keinen Streit! Meine Entscheidung ist gefllt und Sie mgen
bedenken, General Mellinet, da ich wegen eines Witzwortes doch unmglich brave
Soldaten erschieen lassen kann. Begleiten Sie uns weiter, Mellinet, wenn es
Ihnen genehm.
    Euer Excellenz werden mir erlauben, nach meinem Quartier zurckzukehren,
sagte der Garde-Divisionair, kurz und kalt salutirend, und wandte, ohne Antwort
abzuwarten, sein Pferd.
    Oberst Maurelhan-Polkes, fuhr der Ober-General fort, das Regiment scheint
mir allerdings etwas auer Zucht und ich mu Sie bitten eine grere Strenge
eintreten zu lassen. Um den Uebermuth etwas zu dmpfen und zu bestrafen, soll
das Regiment morgen die Spitze nehmen beim Sturm auf den Mamelon. Lassen Sie
daher die Brigade Verg die Stellung im Dokowaja-Grund einnehmen und die erste
Brigade den Angriff machen, Camou!
    Ein donnerndes Vive l'Empereur! Vive le gnral Pelissier! erschtterte
bei dieser Strafbestimmung rings umher die Luft. Die Zuaven geberdeten sich wie
wahnsinnig; sie umringten, vorstrzend, den General, sie umarmten und kten die
Fe seines Pferdes, sie schwenkten die grnen Shawls ihrer Kopfbedeckung durch
die Lust und trieben tausend tolle Possen.
    Das ist unbillig, General Pelissier, sagte ernst Pontves, der von der
Garde-Suite allein noch zurckgeblieben war. Diese Genugthuung htte zum
Mindesten den Garden gebhrt und ich hatte Ihr Versprechen fr meine Brigade bei
der ersten Gelegenheit und mahne Sie jetzt daran.
    Der Ober-General klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Sei vernnftig,
Pontves, wenn es Ernst gilt auf den Malachof, sollst Du mit Deinen Grenadieren
nicht fehlen, auf mein Wort. Der Mamelon ist ein Vorposten und den zu nehmen das
Gesindel da gerade gut, das tolle Blut wird dabei genug decimirt werden, und
nach dem Gefecht die Freundschaft wieder hergestellt sein. Ich kenne das und
schicke deshalb Deine Brigade in die Trancheen, damit heute Ruhe bleibt. - Ist
es gefllig, meine Herren, wir haben viel Zeit verloren! - Adieu, Kinder, und
beeilt Eure Vorstellung, damit Euch die meine nicht strt!
    Er galoppirte unter dem Zuruf der Menge in weit besserer Laune davon, als er
hergekommen; gefolgt von der ganzen Suite.
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    Der Ober-General und sein Stab waren noch nicht in der Schlucht
verschwunden, als das ausgelassenste Leben und Treiben in dem Lager dieser
Mnner begann, die Narren und Kinder in ihrem Mssiggang, Lwen und Helden im
Gefecht sind! Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampf lief wie ein Blitz
durch die Zeltreihen der ganzen Brigade und schien, trotz der brennenden
Mittagshitze, Alles zu elektrisiren. Selbst die Offiziere waren von dem
allgemeinen Taumel angesteckt. Ueberall waren Kreise und Gruppen in lebhafter
Demonstration, vor dem Theater sammelten sich dichte Massen, nahmen die Pltze
bunt durch einander um den eingeschlafenen britischen Matrosen ein und schrieen
nach dem Beginn des Schauspiels und nach Musik, die Lieblingslieder und den
Sturmmarsch zu spielen. In der That winde auch die Ruhe erst einigermaen
hergestellt, als die Musiker, in einem Erdloch vor der Bhne postirt, den
Zuavenmarsch begannen, der Vorhang in die Hhe ging und die smtlichen
dramatischen Knstler in den absurdesten Aufzgen in einer Reihe gruppirt
erschienen, whrend Lebrigaud an ihrer Spitze mit einer entsetzlichen Stimme den
Text des Liedes brllte, in dessen Chor bald die ganze Versammlung einfiel, da
die Melodie weithin durch die von der Sonnengluth zitternde Lust erklang.
    Whrend dieser Scenen, die so wechselnd und belebt das allgemeine Interesse
in Anspruch nahmen, hatten - gleichsam hinter den Coulissen - andere Auftritte
gespielt, die nicht minder wichtig und fesselnd waren fr die einzelnen Personen
unserer Erzhlung.
    Michael Lasaroff, der gefangene Unterfhnrich, war bei dem Erscheinen der
Cavalcade des Ober-Kommandanten neugierig, wie es die Jugend ist, an ein offenes
Fenster der Cantine getreten, die Feldherren zu sehen, whrend Nini, mit der
Anklage gegen ihren Bruder noch unbekannt, neben ihm stand und ihm die Namen der
Generle nannte. Pltzlich fuhr der Jngling zurck - sein Blick war auf eine
ihm wohlbekannte Gestalt getroffen, einen alten Mann in Civilkleidung, die aber
den frheren Krieger nicht zu verbergen vermocht htte, auch wenn das Kreuz der
Ehrenlegion auf der Brust und zwei tiefe Narben im Gesicht, von denen die eine
sich am Schdel verlief, darber in Zweifel gelassen htten.
    Der Greis ritt in der Suite des Generals en Chef. Sein Auge musterte traurig
und ernst die bunten Kriegergruppen. Eine kurze Wendung weiter - und es htte
gefunden, was es so sehnschtig suchte.
    Der junge Unterfhnrich war lebhaft bewegt - Blsse und fliegende Rthe
wechselten auf seinem von dem Wundlager noch angegriffenen Gesicht. Dann schien
er seinen Entschlu gefat zu haben und zog sich hastig, wie vor einer
Entdeckung fliehend und zur Verwunderung seiner Beschtzerin Nini, in die ihm
angewiesene Abtheilung der Cantine zurck.
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    Die kurze Unterredung, welche der zum Arrest befohlene Grenadier-Offizier
mit Madame Celeste geflogen, hatte doch gengt, dem Schicksal der Eitlen und
Leichtsinnigen eine neue Wendung zu geben. Die Anwesenheit von Frauen im Lager
ohne bestimmten militairischen Einrichtungen entsprechenden Beruf war zwar von
beiden Ober-Feldherren untersagt, das Verbot wurde aber vielfach und unter
allerlei Vorwnden umgangen.
    In dieser Weise war auch Madame Bibesco von ihrem Entfhrer, dem Capitain de
Saz, whrend des Winters im Lager von Kamiesch untergebracht worden und hatte
dort die Leiden und die Noth der Armee weniger empfunden. Erst als ihr
Beschtzer und zeitweiliger Geliebter gefallen oder wenigstens verschwunden war
und sie dadurch in allerlei Verlegenheiten gerieth, hatte sie den Vicomte de
Mricourt, als den ihr bekannten Freund desselben, aufgesucht und dabei Nini
Bourdon in ihrer neuen Lage wiedergetroffen. So peinlich und unangenehm in
vieler Beziehung ihr auch die Begegnung mit der frheren Freundin und deren
Gefhrten sein mochte, hatte die Klugheit ihr doch geboten, das gutherzige
Anerbieten derselben und eine Stelle als Demoiselle de Comptoir in der Cantine
anzunehmen, die sie seit einer Woche bekleidete und die ihr reichlich
Zerstreuung und Gelegenheit gab, mit den besuchenden Offizieren zu kokettiren
und ihre Netze auszuwerfen. Die fortwhrenden Intriguen, in denen sie sich
bewegte, waren es auch, die ihre Aufmerksamkeit von der Aehnlichkeit des armen
Bldsinnigen mit dem frheren Geliebten Nini's in Paris abwandten und sie nicht
nher und schrfer nachforschen lieen, als da sie ein seltenes Spiel des
Zufalls darin sah. Irgend eine Geschichte, die ihr die ehemalige Grisette von
dem armen Verwandten erzhlt, gengte ihr daher wenigstens scheinbar, da sie
sorgfltig und aus ihr wohlbekannten Grnden vermied, auf die Scene jenes Abends
in der Rue St. Joseph zurckzukommen und sich auch wohl gehtet hatte, Nini von
ihrem spteren Zusammentreffen mit dem Frsten Iwan Oczakoff zu erzhlen.
Dennoch blieb ihr das Verhltni zu Nini Bourdon und deren Umgebungen hchst
unbehaglich und sie ergriff daher die erste sichere Gelegenheit, sich ihm zu
entziehen, indem sie die Anerbietungen des reichen Garde-Offiziers annahm. - - -
    Whrend ihres Gesprchs mit dem Grafen Bretanne und den drauen vorgehenden
lebhaften Scenen war daher auch der Eintritt eines englischen Offiziers wenig
beachtet worden, der unfern des Eingangs Platz nahm und Kaffee bestellte.
    Der Fremde trug die Interims-Uniform eines englischen Linien-Regiments, mit
allen Nebenerfordernissen der feinsten Toilette. Ein rthlicher Schnurr- und
Backenbart rahmte sein offenbar noch sehr jugendliches Gesicht ein, eine blaue
Brille bedeckte die Augen.
    Dennoch schien dies Gesicht einen eigenthmlichen Eindruck hervorzubringen,
denn Nini, bei der der britische Offizier im Vorbergehen Kaffee bestellt,
betrachtete ihn mit halb erstaunter Miene und ging zwei Mal an ihm vorber, ihn
neugierig anschauend, ehe die Wendung des Verhrs vor General Pelissier all'
ihre Aufmerksamkeit und ihre Besorgni fesselte.
    Der schwachsinnige Jean brachte, da alle Bedienung sich auerhalb der
Cantine befand, das Getrnk und setzte es in seinem trumerischen Wesen achtlos
vor dem fremden Offizier nieder.
    Nicht so spurlos ging die einfache Begegnung bei diesem vorber. Der Anblick
des armen bldsinnigen Burschen durchzuckte ihn gleich einem elektrischen
Schlage; er machte unwillkrlich eine Bewegung, aufzuspringen, die Arme erhoben
sich - doch eben so schnell schien er seiner Bewegung Meister zu werden und
jedes Zeichen der Aufregung zu unterdrcken, auer, da seine Blicke von diesem
Moment an unverndert allen Bewegungen des Schwachsinnigen folgten, der das
empfangene Geld zum Comptoir trug und den Rest dem Offizier zurckbrachte.
    Dieser berhrte hastig dabei die Hand des armen Burschen - es schien, als ob
er sie drckte. Wer in diesem Augenblick ihn nher beobachtet htte, wrde
bemerkt haben, da zwei groe schwere Tropfen unter den blauen Glsern der
Brille langsam hervor und ber seine Wangen flossen.
    General Pelissier hatte bereits den Platz verlassen und verschiedene Gruppen
der Offiziere und Soldaten hatten, whrend der Lrm und Jubel drauen tobte,
sich um das Comptoir Celesten's oder in der Cantine selbst versammelt, jener und
der jungen Marketenderin die komischen Scenen des Verhrs schildernd, von dem
bevorstehenden Kampf plaudernd oder sich gemchlich zum Einnehmen ihres Kaffee's
anschickend. Die britische Uniform war eine zu gewhnliche Erscheinung, als da
sie irgend htte Aufmerksamkeit erregen knnen, als hchstens einige flchtige
Blicke, da der fremde Offizier sich abgesondert hielt und den Kopf in die Hand
gesttzt dadurch einen Theil seines Gesichts verbarg.
    Zwei Mnner nur hatten ihm eine schrfere Beachtung gewidmet, ohne da er
dies bemerkte. Es war der Corporal Bourdon, der seinen sehr grmlichen und
rgerlichen Sergeant-Major in eine Ecke gezogen, um sich dort gegen die Vorwrfe
zu vertheidigen, die der Alte fr seinen Aufruf zum Zeugni ihm machte.
    Den Teufel ber Euch, Halunken, schmlte der Feldwebel. Konntet Ihr Euch
nicht herauslgen aus der Geschichte, ohne einen alten Kerl, wie mich, und seine
kleinen Snden vor den General zu bringen? - Wenn er mich nun degradirt htte,
Ihr Schufte, blos weil ich mich verleiten lie, mir in Gesellschaft solcher
Laffen einen kleinen Haarbeutel zu trinken? He - was htte man dann in der
ganzen Armee von Sergeant-Major Fabrice gesprochen? Welche Schmach wre damit
auf die smtlichen Zuaven gefallen! Fichtre!
    Il n'est pas si diable qu'il est noir, Papa Fabrice! beruhigte ihn der
Corporal. Ihr habt Nichts von einem Haarbeutel gestanden und nur die Wahrheit
gesagt, da Ihr mit uns ein Wenig gebechert. Wie sollte das Eurem Ruf schaden?
Oder wolltet Ihr vielleicht lieber, da wir in eine arge Klemme kamen, wo es
blos galt, ein Paar Worte Wahrheit zu sprechen? Parbleu - lat das meine
Schwester nicht hren!
    Na, na, brummte der Alte, es htte mir freilich leid gethan, aber ...
    Ich schwre Euch berdies, Papa Fabrice, fuhr der Corporal fort, Ihr
war't auch im Geringsten nicht betrunken. Ich wei ganz gewi, da Ihr uns Alle
zu unserm Lager gebracht habt und der Letzte war't, der einschlief.
    So - na, wenn das ist! - ich habe auch so eine dunkle Erinnerung! - Aber
der Aerger vor dem General hat mir die Kehle ganz trocken gemacht - ich mu mich
wahrhaftig umsehen - -
    Bleibt ruhig hier sitzen, Papa Fabrice, und seht Euch unterde den
Englnder an, von dem uns Nini gesprochen und der Jean so hnlich sehen soll,
inde ich uns eine Flasche hole.
    Er kehrte bald darauf zurck und schenkte ein. Von dem Platz, den sie
gewhlt, konnten sie unbemerkt den britischen Offizier beobachten.
    Peste! murmelte der Sergeant-Major, es ist wunderbar, wie hnlich er dem
bldsinnigen Jungen schaut. - Erinnerst Du Dich noch des Russen, der bei
Inkerman mit seiner Pistolenkugel mir die Wange schlitzte? - Es ist, als ob der
Teufel das verhenkerte Gesicht in alle Nationen der Welt hinein gehext htte!
    Morbleu - Du hast Recht, Papa Fabrice, mich daran zu erinnern! Ob der
Bursche am Ende gar ein falscher Englnder ist? - Ich will mich doch gleich
berzeugen!
    Er erhob sich, nachdem sie die Flasche geleert, und schlenderte bei dem
Tisch des Briten vorber, wo er wie zufllig stehen blieb.
    Wollen Sie nicht unser Theater mit Ihrer Gegenwart beehren, mein Offizier?
fragte er auf Englisch. Es wird ein prchtiges Stck aufgefhrt und ich werde
fr einen guten Platz sorgen.
    Der Fremde fuhr bei der unerwarteten Anrede zusammen, antwortete aber
sogleich: Spter, mein Tapferer. Im Augenblick bedarf ich einer kleinen
Erholung, denn es ist eine ziemliche Strecke von Kadikoi bis hierher.
    Ach, Sie kommen gewi, das Bombardement mit anzuschauen. Man wird es
prchtig von hier sehen, das franzsische und britische Feuer in einem
Ueberblick.
    
    Und wann soll es beginnen, mein Freund? fragte der Englnder, aufmerksam
geworden, mit einiger Unruhe.
    Ah - General Pelissier ist von noblem Charakter. Er wird uns nicht in
unserm Vergngen stren. Unsere Landsleute am weien Berg mssen ja auch zuvor
ihr Steeple-chase abhalten, wie sie ihre Hundejagd nennen. Ich denke so gegen
fnf Uhr, Sir. Aber das wird gar Nichts sein gegen unsern Sturm morgen. Sie
wissen doch, da das dritte Zuaven-Regiment die enfants perdu bilden wird?
    In der That - ich wute es nicht!
    O dann mssen Sie morgen wieder hierher kommen oder hier bleiben und den
Spa ansehen, wenn der Dienst Sie nicht bindet. Auf Wiedersehen, mein Offizier -
ich hre meine Kameraden mich rufen, aber ich komme es Ihnen zu sagen, wenn der
zweite Act beginnt!
    Er entfernte sich nach dem Ausgang der Cantine, wo Fabrice mit der
Marketenderin Nini sich unterhielt, whrend daneben das Publikum eben einem
Couplet der Frstin Mulaschpulaschkin donnernden Beifall klatschte. Wir haben
uns getuscht, Papa Fabrice - der Herr ist ein veritabler Englnder, der aus
reinem Zufall dem armen Jean so hnlich sieht.
    Eben traten der Vicomte, der Arzt und der Baronet zu der Gruppe. -
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    Der schwachsinnige Bursche, der Gerth von den Tischen der Cantine
fortgerumt, schlich wieder zurck nach dem hintern, fr die beiden Kranken und
Gefangenen bestimmten Raum, wo er den grten Theil seiner Zeit zubrachte.
    Er war kaum durch die Thr verschwunden, so erhob sich der britische
Offizier, nachdem er einen raschen Blick in der Cantine umher geworfen und sich
unbemerkt gesehen hatte und folgte dem Bldsinnigen.
    Er legte die Hand auf den Drcker der Thr und horchte einen Augenblick - im
nchsten schlo sie sich hinter ihm.
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    In dem halb von Seegeltuch, halb von Holzwerk gebildeten Seitenbau der
Cantine lag auf einem Feldbett, den Kopf in eine Binde gehllt und von einem
hohen Kissen gesttzt, regungslos die abgezehrte Gestalt von Gregor Caraiskakis.
    An seinem Bett sa stumm, die dunklen Augen fast bewegungslos auf sein
Gesicht geheftet, Abdallah ben Zarujah, der Emir aus der Hedjas, und am andern
Ende der stumpfsinnige Schtzling Nini's.
    Auf der andern Seite des Gemachs stand Michael Lasaroff, seinem kranken
Leidensgefhrten von dem Besuch des Generals Pelissier und was er von dem
Bombardement und dem bevorstehenden Angriff auf die Festungswerke erlauscht,
erzhlend.
    Weder die Anwesenheit Jean's, der sich mit sichtlicher Vorliebe an den
jungen Unterfhnrich angeschlossen und aufmerksam den russischen Liedern
lauschte, die dieser manchmal zum Zeitvertreib sang - noch die des Arabers
schien den Erzhler zu stren. An Beide war man gewhnt, denn der Emir erschien,
wie bereits in dem Gesprch der Zuaven erwhnt worden, fast tglich in der
Cantine, um nach seinem Gefangenen zu sehen, dessen Genesung er sehnschtig zu
erwarten schien, obschon die stolze Wrde seines Volkes ihm Ruhe und Geduld gab.
So pflegte er, wenn der Dienst ihn nicht abhielt, eine bis zwei Stunden neben
dem Kranken zuzubringen, die Augen auf sein Gesicht geheftet.
    Auch dieser selbst schien sich an den Besuch gewhnt zu haben, dessen
Ursache gleichwohl Jedermann ein Rthsel war. Doctor Welland hatte an diesem
Nachmittag dem Krieger der Wste mitgetheilt, da der kranke Grieche nach
Constantinopel, behufs seiner bessern Heilung, geschafft werden solle und der
Araber sa seitdem in ernstem Nachsinnen ber die gewhnliche Zeit seines
Besuchs hinaus.
    Zwei Augenpaare waren aufmerksam auf die erzhlenden Lippen des jungen
Russen geheftet, gleich als wollten sie jedes Wort verschlingen. Wir wissen, da
die einzige Lebensthtigkeit in dem fast vlliger Apathie unterlegenen Krper
des griechischen Capitains in den Augen lag, durch die sich das volle
Seelenbewutsein aussprach. Diese Augen drckten jetzt deutlich die Theilnahme
des vielgeprften Mannes, des treuen Bundesgenossen der Russen, an der Gefahr
aus, welche die Festung bedrohte, und den Schmerz, hilflos hier liegen zu
mssen.
    Im seltsamen Gegensatz schien die innere geistige Thtigkeit des zweiten
Aufhorchenden Null, whrend er krperlich im vollen Besitz aller
Lebensthtigkeiten war. Nur der Klang der russischen Worte, in denen der
Fhnrich erzhlte, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen und sein Ohr
wohlthtig zu berhren.
    Und wir mssen hier gefangen sein, schlo Michael Lasaroff seine Rede,
wir knnen ihnen keine Nachricht geben von der drohenden Gefahr. Die Lnette
ist das Vorwerk unsers Bollwerks, - das erkennen und wissen diese Fremden gut
genug und da, wenn der Malakoff fllt, Ssewastopol verloren ist! O, mchte
immer an seinen Wllen ihr Stolz und ihr Uebermuth sich brechen!
    Eine klare feste Stimme gab die Antwort auf den Wunsch des tapfern Knaben:
    Dai Bosche!
    Erstaunt schaute der Fhnrich nach dem Eingang. Dort stand der britische
Offizier, die Hand zum Himmel erhoben. Die Linke hatte die Mtze und die
entstellende blaue Brille entfernt - seine Augen waren fest und innig auf den
Irren geheftet, whrend er nochmals die Worte wiederholte:
    Dai Bosche!
    War es der Klang dieser Stimme - waren es die zwei Worte selbst, mit denen
der Russe hufig auf ein Gebet oder einen Segensspruch antwortet - sie wirkten
wie ein elektrischer Strom auf die Seele des Irren, wie eine pltzliche
Erinnerung aus der Kindheit und Jugend, wie ein Strahl von Licht auf die Nerven
seines Denkvermgens. Er war emporgesprungen, seine Hnde an die Schlfe
gepret, seine groen braunen Augen hafteten weit geffnet auf der fremden
Erscheinung, die mit magischer Gewalt ihn anzuziehen schien. Dann Schritt vor
Schritt, sie unverrckt anstarrend, schwankte er auf sie zu.
    Eben so fest hielt der britische Offizier seine Augen auf ihn geheftet, aus
denen Trauer und Zrtlichkeit sprach. Langsam senkte sich sein Arm, und seine
Hand streckte sich nach dem armen Schtzling Nini's aus - seine Lippen ffneten
sich wie zu einem Wort, einem Ruf, den wogende kmpfende Gefhle in seiner Brust
noch erstickten.
    Aber noch ehe er die Lippen berschritten, hatte sich die Scene verndert.
    Mit Staunen hatten die stummen Zuschauer das seltsame Naturspiel betrachtet,
das die beiden einander so fremden Wesen boten. Wie sie so dicht auf einander
zugetreten, war die Aehnlichkeit zwischen ihnen deutlich, ja wahrhaft
erschreckend. Das blasse krankhafte Antlitz des Irren trug unverkennbar die Zge
des schnen krftigen Gesichts des fremden jungen Offiziers - Augen, Nase und
Mund boten dieselben Formen. Die merkwrdige Aehnlichkeit, dies Spiegelbild
schien eben so auffallend auf den Irren zu wirken und den Eindruck der Stimme
und der Worte des Fremden fortzusetzen. Es kmpfte und rang offenbar in seinem
Geist, gleich als wolle er eine schwere Last von sich schtteln. Seine Hnde
whlten krampfhaft in dem lockigen Haar - in dem Spiegel der Augen schien
Verstand und Erinnerung zu dmmern.
    Der Gang der Ereignisse verhinderte die Katastrophe. Der Auftritt hatte noch
andere Zeugen gehabt, auf welche der Anblick des nicht mehr durch die Brille
entstellten Gesichts des Offiziers seine Wirkung gebt.
    Die Hand Michael Lasaroff's zeigte nach der Thr; seine Miene schien
verwirrt nach der Bedeutung der seltsamen Scene zu fragen.
    Eine andere fate zugleich des Briten Arm. Keine Bewegung, Frst - um des
Himmels Willen schauen Sie nicht zurck, oder Sie sind verloren, flsterte eine
Stimme an seinem Ohr. Geschwind die Brille vor die Augen.
    Neben dem englischen Offizier stand der Vicomte de Mricourt, gefolgt von
dem Arzt und dem Baronet, und durch die geffnete Thr schauten der
Sergeant-Major und das Geschwisterpaar Bourdon.
    Willkommen, Lieutenant Talbot! fuhr der Vicomte mit Geistesgegenwart laut
fort, es freut mich, Sie hier zu treffen - die Aehnlichkeit des armen Burschen
da mit Ihnen hat gewi auch Ihr Interesse erregt! Er war zwischen den Offizier
und die Thr getreten, sein Auge traf zugleich bittend und verstndigend den
Arzt, und dieser trat zu Nini und ihrem Bruder, ihnen erzhlend, da der Fremde
ein ihnen lngst bekannter Offizier sei. Fabrice und der Corporal zogen sich
sogleich respectvoll zurck.
    Der Lieutenant-Colonel athmete tief auf, als er die nchste Gefahr so
glcklich beseitigt sah. Welche thrichte Verwegenheit fhrte Sie hierher,
Frst?! General Pelissier lt ohne Ansehen Jeden als Spion erschieen, der in
Ihrer Lage betroffen wird. Sprechen Sie - was kann ich - was knnen wir Alle
thun, Sie zu retten; denn wir Alle danken Ihrer edlen Schwester Leben und
Freiheit.
    Frst Iwan Oczakoff, denn Dieser war allerdings der verkleidete Russe, nahm,
ohne ein Wort zu entgegnen, ein versiegeltes Briefpacket aus der Brusttasche und
reichte es dem Vicomte.
    Fr mich?
    Der Frst nickte bejahend.
    Mricourt ri die Emballage auf, ein Dokument, mit dem Siegel des
Gouverneurs von Sebastopol bescheinigt und ein an ihn adressirter Brief waren
darin. Von de Saz? - demnach ist er gefangen in Sebastopol?
    Das Auge des Frsten wies traurig nach dem Brief, den der Vicomte rasch
berflog. Der Unglckliche - so hat er geendet?
    Der Frst entfaltete eines der Papiere, es war der amtlich beglaubigte
Todtenschein.
    O mein Gott - in seiner Blthe, als ihm das Glck lchelte! Der Colonel
prete traurig die Hand an seine Stirn. Sein Vermchtni, sein Wille soll mir
heilig und all' meine Thtigkeit dem Recht seiner Gattin geweiht sein. Aber er
starb in Ihrem Hause, Frst, gepflegt in seiner letzten Stunde von Ihrer
hochherzigen Schwester, die ich mit Entsetzen jetzt in den tausend Gefahren
jener Stadt sehe! Das mu uns ein neuer Sporn sein, Sie zu retten - welcher
Grund Sie auch immer zu diesem verwegenen Schritt bewogen hat. Kommen Sie her,
Doctor - Sir Edward, ich beschwre Sie, helfen Sie uns ein Mittel ersinnen,
diesen Unbesonnenen einem schmhlichen Tode zu entziehen und glcklich ber die
Linien hinaus zu bringen.
    Von welcher Seite gelangten Sie in das Lager, Frst? fragte der Arzt.
    Iwan Oczakoff deutete ruhig nach Osten. Es war offenbar, da er nicht Rede
stehen wollte.
    Es ist unmglich, ihn dort wieder hinauszuschaffen, erklrte der Colonel.
Die Wachen sind, seit der Sturm beschlossen, verstrkt, Niemand darf unter
irgend einem Vorwand die Linien verlassen, ich selbst kenne das Pawort noch
nicht.
    So mssen wir versuchen, ihn auf der Seite der Englnder entfliehen zu
lassen - die Aufsicht ist dort fahrlssig.
    Denken Sie an das Rennen, mischte der Baronet zum ersten Mal sich ein.
Die Gelegenheit ist unbedingt gnstig - die Tollkpfe setzen oft bis in die
russischen Linien hinein und wenn der junge Mann Muth, Geistesgegenwart und ein
gutes Pferd hat - ist seine Rettung leicht. Ich selbst will ihn so weit als
mglich begleiten. Meine Nhe wird ihn vor jedem Verdacht sicher stellen.
    Der Gedanke ist vortrefflich, sagte berlegend der Arzt, und mu auf's
Schnellste ausgefhrt werden, denn - er sah nach der Uhr - es fehlt nur noch
eine halbe Stunde zur Rennzeit. Aber wo nehmen wir ein Pferd her?
    Das meine steht gesattelt, fiel hastig der Vicomte ein, erinnern Sie
sich, da ich Sir Edward begleiten wollte!
    Der besonnene Arzt schttelte den Kopf. - Das geht nicht, sagte er, Ihr
Pferd trgt das franzsische Sattelzeug und ist berdies ein schwerer Normann,
der hinter den flchtigen Rennpferden der englischen Offiziere zurck bleiben
wrde. Wir mssen ein Pferd haben, was ihm die Chancen des Entkommens sichert.
Auerdem bestehe ich darauf, Vicomte, da Sie als Offizier ganz aus dem Spiel
der Hilfeleistung bleiben.
    Eine leichte Hand berhrte leise seinen Arm, - es war Abdallah, der Araber,
der, obgleich er nur einzelne Worte franzsisch verstand, doch mit der scharfen
Beobachtung seines Volkes der Unterredung gefolgt war.
    Mein Freund, der die Heilkrfte der Kruter und Metalle so gut kennt,
fragte er sanft in trkischer Sprache, braucht ein Ro?
    So ist es, Emir - ein Pferd, schnell wie das Deine!
    So nimm Eidunih, meine geliebte Stute, den Schatz der Zarugah - ich gebe
sie Dir unter einer Bedingung.
    Welche? - sprich!
    La mich diesen Mann begleiten, wenn sie ihn, wie ich hrte, nach Stambul
bringen wollen.
    Was hast Du mit ihm, edler Emir - er ist Dein Gefangener, aber bedenke, er
ist ein Unglcklicher, den Gott getroffen.
    Der Mann hat Abdallah ben Zarugah nie ein Leid zugefgt - er kennt ihn
nicht! Aber Abdallah mu das Erwachen seiner Lippen belauschen, um ihn zu
fragen, wo Der ist, dessen Zge er trgt und dessen Bruder er sein mu. Ich habe
gesonnen und gesonnen, bis der Prophet Licht in meine Seele gesandt und mir
zugeflstert hat, da der Moskow, den ich fing an den Ufern der Katscha und den
die blutige Rose von Skadar von mir forderte, der griechische Verrther ist, den
sie liebte.
    Ich wei nicht, von wem Du sprichst, Emir.
    Er wei es, sagte der Araber, auf den Capitano deutend, denn Jener trug
das Antlitz seiner Familie. Er soll mir Kunde geben, wohin Fatinitza, die
Rcherin, verschwunden ist, ob sie meiner Hilfe bedarf oder ob sie treulos
geworden am Glauben ihrer Vter um eines Feigen willen.
    Ich wiederhole Dir, ich verstehe Dich nicht - doch ich nehme Dein
Anerbieten an, und Du sollst diesen Kranken begleiten, wenn Du das Heer
verlassen darfst und mir schwrst, diesem Manne kein Leides zu thun.
    Der junge Emir legte die Hand auf sein Haupt. - Ich gelobe es Dir, weiser
Hekim-Baschi. - Abdallah ist ein freier Mann und kann gehen und kommen, wann und
wie er es fr gut findet. - Wohin soll ich die Stute Dir fhren?
    Bringe sie hinter das Lager dort rechts und harre unserer - an den beiden
Cypressen. Sei rasch, Emir Abdallah, ich bitte Dich, und wenn es angeht,
entstelle das Aeuere Deiner Stute, damit man sie nicht erkennt.
    Der Araber nahm seine Gewnder zusammen, warf noch einen Blick auf seinen
Gefangenen und verlie das Gemach. Doctor Welland theilte eilig den Freunden das
Anerbieten mit, und sie Beide kannten genugsam die edlen Eigenschaften des
Pferdes, um zu wissen, da es die Flucht des Russen sichern wrde.
    Sie, Vicomte, mssen hier bleiben, fuhr der Arzt fort, und die scharfen
Augen Derer abwenden, denen bereits die unheilvolle Aehnlichkeit aufgefallen
ist. Der Baronet und ich werden unsern jungen Freund oder Feind begleiten und
Gott und seiner Geistesgegenwart mu das Weitere berlassen bleiben.
    Einen Augenblick noch, sagte der Colonel. Ich kann es mit Ehre und
Gewissen vereinbaren, Frst, Sie von einem schmhlichen und unedlen Tode zu
retten, aber ich darf nicht ganz meine Pflicht als Soldat und Franzose
vergessen. Was auch der Grund war, der Sie hierher gefhrt - dieser Brief oder
ein unbesonnener Diensteifer - Sie mssen mir Ihr Ehrenwort geben, Nichts von
den militairischen Vorbereitungen zu verrathen, welche die Festung bedrohen und
von denen Sie vielleicht Kenntni genommen. Sie werden als Soldat und Edelmann
meine Forderung wrdigen.
    Iwan Oczakoff legte betheuernd die Hand auf die Brust - es war seltsam, da
er selbst in diesem Augenblick zu sprechen vermied. Aber sein Auge traf zugleich
mit bedeutungsvollem Ausdruck auf das des jungen Unterfhnrich.
    So bin ich zufrieden, Gott schtze Sie und sagen Sie der Frstin, Ihrer
Schwester, da es eine kleine Zahlung auf unsere groe Schuld an sie sei.
    Frst Iwan lchelte, indem er zwei Finger in die Hhe hob, als wolle er
andeuten, da der Franzose ihn zwei Mal gerettet. Dann, indem Jener das Gemach
verlie und am Eingang der Cantine mit der Marketenderin, ihrem Bruder und
Celesten ein Gesprch begann, machte er sich bereit, dem Arzt und dem Baronet zu
folgen.
    Dies schien ihm, trotz der Gefahr, in der er schwebte, nicht leicht zu
werden, denn er war auffallend bewegt, whrend seine Augen mit ngstlichem,
zrtlichem Ausdruck auf dem Irren ruhten.
    Der Arme hatte sich bei dem Dazwischentreten scheu in einen Winkel
zurckgezogen, das Gesicht mit den Hnden bedeckt und schien gleichfalls lebhaft
erregt und von einem Ringen in seinem Innern geqult.
    Der Arzt betrachtete erstaunt und nachdenklich diese kurze Scene.
    Eilen wir! sagte der Baronet, an dessen Melancholie dies Zwischenspiel
bedeutungslos vorbergegangen war.
    Iwan Oczakoff fate sich mit einer raschen Anstrengung, indem sein Auge
dabei dem fragenden Blicke des Arztes begegnete. Er trat mit raschem,
elastischem Schritt auf den Irren zu, schlug mit dem Daumen der rechten Hand ein
Kreuz ber ihn und kte ihn nach russischer Sitte auf die Stirn. Dann wandte er
sich schnell ab und verlie mit seinen beiden Begleitern das Gefangenen- und
Krankengemach.
    In der Cantine geleitete sie der Arzt durch einen hintern Ausgang in's
Freie, whrend das brllende Gelchter des Publikums ber die tollen Spe der
Frstin Mulaschpulaschkin dicht neben ihnen erscholl. Inde Sir Edward sein
Pferd von einer nahen Baracke holte, geleitete der Arzt seinen jungen Schtzling
rasch weiter.
    Er gedachte des hnlichen Auftritts in Widdin und wie seltsam das Schicksal
spielte, da es ihn hier zum zweiten Mal als Retter des Feindes auftreten lie.
Er konnte sich nicht enthalten, den Frsten zu fragen, ob er den Stabs-Capitain
Meyendorf kenne und dieser sich in Sebastopol befinde.
    Frst Iwan nickte bejahend.
    Dann, sagte der Arzt, bitte ich Sie, ihm den Namen eines Freundes, den
meinen - Doctor Welland - zu nennen und ihm zu sagen, da Graf Pisani mit seiner
edlen Gemahlin sich in der sardinischen Armee auf den Hhen der Tschernaja
befindet.
    Sie waren nur wenige Schritte noch von der Cypressengruppe entfernt, in
deren Schatten Emir Abdallah bereits die Stute Eidunih - das Ro des Windes -
bereit hielt, als der Russe stehen blieb und pltzlich sein Schweigen brach.
    Doctor Welland, sagte er feierlich und aufgeregt, ich wei von Einer,
deren Leben und Denken Ihnen gehrt, da Sie das Herz eines Ehrenmannes haben.
Wollen Sie dem Dienst, den Sie mir in diesem Augenblick erweisen, noch einen
wichtigeren, heiligeren hinzufgen, der mich Ihnen ewig verpflichten wird?
    Sprechen Sie, Frst!
    Geloben Sie mir zuerst auf Ihre Ehre, was ich Ihnen vertraue, in Ihrer
Brust zu bewahren, bis meine Lippe oder der Tod es lst?
    Auf meine Ehre!
    So beschwre ich Sie, all Ihre Kunst, Ihr menschenfreundliches Herz dem
armen Irren zuzuwenden, den ich in jenem Gezelt verlassen mute, ich binde ihn
auf Ihre Seele, denn - - der junge Frst trat dicht an ihn heran und flsterte
einige Worte, bei deren Anhren der Arzt erschrocken und staunend zurcktrat. Im
nchsten Augenblick schon war Iwan Oczakoff bei dem Araber und im Sattel.
Zugleich galoppirte Sir Edward herbei. Einen flchtigen Gru noch - ein
Schweigen mahnendes Drcken des Fingers auf die Lippen, dann flogen beide Reiter
dahin nach dem Labordonaja-Grund und der englischen Stellung.
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    Die britischen Offiziere hatten zu ihrer Unterhaltung eine eigenthmliche
Art des Wettrennens erfunden - die Jagd auf die wilden Hunde, die sich in der
Nhe der Lager und der Schlachtfelder mit ihren fliegenden Genossen, den Geiern,
sehr zahlreich aufhielten. Die Thiere bildeten die Mitte zwischen Wolf und
Schakal und zeigten sich gewhnlich ziemlich furchtlos und schlau, indem sie -
gleich als wten sie, wo sie Schutz vor ihren Verfolgern finden knnten, - wenn
es irgend anging, den Weg nach den russischen Festungswerken nahmen. Die Hetze
wurde sowohl dadurch, als durch das wechselnde unbekannte Terrain ein sehr
gefhrliches Spiel, bei dem Unglcksflle nicht selten waren.
    Die schon mehrere Tage vorher in Folge einer Wette fr diesen Nachmittag
angekndigte Jagd hatte eine bedeutende Anzahl von Offizieren und Gentlemen aus
dem Administrations-Personal auf dem Plateau des weien Berges, diesseits der
Trancheen und Batterieen, zwischen den Zugngen des Labordonaja-und
Sarakandina-Grundes versammelt. Man hatte sich genthigt gesehen, trotz der
Hitze, die Jagd auf eine frhere Nachmittagsstunde anzusetzen, da das
angekndigte Bombardement sie spter unmglich machte und der Wortlaut der Wette
das Niederhetzen einer bestimmten Anzahl von Hunden in bestimmten Tagen, deren
Datum am Abend ablief, erforderte.
    Der Kreis der militairischen Sportsmen und Jger war jetzt ziemlich gut
beritten, denn viele Offiziere hatten im Laufe des Frhjahrs von England sich
treffliche Pferde nachkommen lassen, zum Theil auch unter den trkischen gute
Einkufe gemacht. Es befanden sich jedoch nur wenige franzsische
Kavallerie-Offiziere in der Gesellschaft, da im Ganzen bei diesen Wettrennen die
Franzosen sich als weit schlechtere Reiter bewiesen hatten und ihren Verbndeten
nicht gern diesen Triumph ber sich einrumten. Als der Baronet und sein
Schtzling auf dem Platz des Rendezvous ankamen, fanden sie die ganze
Reitergruppe bereits in Bewegung und langsam dahin reitend, um den Gegenstand
der Verfolgung aufzusuchen. Dies war ein sehr gnstiger Umstand, der jede
Aufmerksamkeit von ihnen ablenkte und sie schlossen sich unbemerkt der Cavalkade
an.
    Die Jger trugen am rechten Handgelenk herabhngend eine schwere
Hetzpeitsche von Riemen aus Bffelleder, in deren drei Spitzen Bchsenkugeln
eingeflochten waren, und es galt, mit dem Schlag der Peitsche das Thier, so bald
es erreicht worden, zu Boden zu strecken.
    Unter den vordersten Reitern des Zuges konnte man eine Dame bemerken, die -
fest im Sattel - mit groer Sicherheit ihr schnes braunes Pferd leitete und mit
ihren Nachbarn sprach. Das einfltige Bombardement, bemerkte sie eben, wird
uns am Ende ganz die Jagd verderben. Die Munitionskarren, die unaufhrlich in
Bewegung sind, und die Herren vom Genie haben alle Thiere verscheucht, und ich
wette, wir bekommen kein einziges zu sehen.
    Dann wrde der Preis unentschieden bleiben, sagte galant der
Infanterie-Capitain an ihrer Seite, und Mistre Duberly, trotz ihrer schnen
Aussichten, ihn verlieren.
    Dasselbe geschieht, wenn ein Anderer, als wir Drei, heute das Wild
niederschlgt, entgegnete die Amazone. Wie viel trafen Sie doch in diesen acht
Tagen, Capitain Cavendish?
    Drei Stck, Mylady!
    Und ich und Herr O'Malley hier, ohne da er den Hals gebrochen, eben so
viele, whrend die Anderen nur zwei zhlen. Was haben Sie da in der Hand, Sir?
    O - Nichts, Mylady, nur eine Dose von indischer Elfenbeinschnitzerei. Ich
hatte sie in meine linke Gilettasche gesteckt und bemerkte, da sie mich dort
genirt. Sie ist mit getrocknetem Ingwer gefllt - darf ich Ihnen anbieten?
    Nein, Sir - ich danke. Aber bitte, zeigen Sie mir die Dose selbst, die
Arbeit scheint ausgezeichnet.
    Capitain Cavendish berreichte sie ihr. - Ich kaufte sie im Augenblick, als
ich an Bord gehen wollte, um nach Europa zurckzukehren, von einer indischen
Hndlerin, die mich mit seltener Aufdringlichkeit plagte. Ich hatte die Dose
ganz vergessen, da ich mein Gepck nicht wieder nachgesehen, seit ich an der
Wunde von Inkerman in's Lazareth zu Balaclawa kam. Ich fand sie heute zufllig
beim Kramen und nahm sie zu mir.
    Die durchbrochene Elfenbeinarbeit ist ausgezeichnet, ich habe sie selten so
schn gesehen, meinte die Dame, die Dose zurckreichend.
    Waren Sie mit dem Fhnrich O'Mailley verwandt, Sir? fragte der Offizier
den Dragoner, der bei unserm Regiment stand und bei Inkermann fiel?
    Er war ein Vetter von der Linie der O'Mailley von Timberary, Capitain.
Warum?
    Es kam mir in den Sinn, weil in den letzten Stunden, die ich mit ihm
verlebte, zufllig auch die Rede von meinen Erinnerungen aus Indien war.
    Ich will nicht hoffen, da Sie mir ein hnliches Schicksal daraus
vindiciren, lachte der Dragoner-Lieutenant. Hollah ho! - da haben sie Etwas
entdeckt - vorwrts, Mylady, sonst kommen wir zu spt!
    Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte, von der Dame und dem Capitain
begleitet, dem Orte zu, wo mehrere Reiter pltzlich angehalten.
    Wahrhaftig - da ist der Bursche, rief der Capitain - sehen Sie dorthin,
Mylady, an dem Oleandergebsch am Abhang.
    Dort kauerte allerdings ein groer gelbbrauner Hund, den spitzen Kopf weit
vorgestreckt, die Ohren zurckgelegt, gleich als wisse er recht gut die
Annherung der Feinde und wolle doch voll Selbstvertrauen nicht eher von dem
Pferdeknochen weichen, den er zwischen den Vorderpfoten hielt, als bis es die
hchste Noth erfordere. Die Reiter kamen rasch nher, whrend der Hund sie
anbellte, und breiteten sich nach rechts und links aus, um ihm den Weg
abzuschneiden. Pltzlich schien das Thier seine Sicherheit zu verlieren, es
sprang empor, zog den Schwanz ein und fing an, davon zu laufen, whrend die
ganze Gesellschaft ein wildes Tally-ho ertnen lie und im Galopp ber das
felsige Terrain die gefhrliche Jagd begann.
    Der Hund nahm seinen Weg nach dem Labordonaja-Grund und berschritt die
Woronzoffstrae, sich dann links wendend, nachdem die Jger sich vergeblich
bemht hatten, ihm in dieser Richtung zuvorzukommen.
    Jetzt ist es Zeit, flsterte der Baronet dem jungen Russen zu. Vorwrts,
und Gott schtze Sie!
    Iwan Oczakoff kniff, wie ihn der Araber bedeutet, in das linke Ohr der Stute
und sofort strzte das edle Pferd in gestrecktem Lauf voran.
    Die Jagd ging ber einen gefhrlichen, von Felsspalten und Steinmassen
vielfach durchbrochenen Boden. Cavendish, die Lady und der junge Irlnder waren
allen Andern voran; aber in wenig Augenblicken schon sahen sie den unbekannten
Offizier ihnen zur Seite, und gleich darauf ihnen voran schieen.
    Goddam! der Bursche ist vorzglich beritten - echt arabisches Blut. Nun,
Mylady, lassen Sie Bob seine Knste zeigen!
    Die Dame trieb ihren Vollblutrenner mit Peitsche und Sporen an, der Capitain
war dicht hinter ihr - O'Mailley mehrere Lngen zurck mit seinem Halbbltigen.
Aber alle Anstrengungen waren vergeblich; denn der unbekannte Rival war bereits
weit voraus und dem Thiere dicht auf den Fersen, das, von den Soldaten einer
nahe gelegenen Feldschanze gescheucht, jetzt geradezu seine Richtung zwischen
den englischen Trancheelinien hindurch den Grund entlang nach dem Ende der
Sdbucht und der Batterie Stal nahm.
    Pltzlich erschtterte eine drhnende Salve die Luft, weie Rauchwirbel
kruselten empor, Schu auf Schu aus schwerem Geschtz donnerte die Reihen der
Batterieen entlang bis zur Canrobert-Schanze auf dem uersten rechten Flgel,
und aus den Festungswerken der Bastionen der linken Stadtseite flammte und
krachte die Erwiderung; - das Bombardement hatte mit voller Wuth begonnen.
    Capitain Cavendish parirte sein Pferd. Zurck, Mylady, um des Himmels
willen, oder wir kommen in die Schulinien. Zurck!
    Die Dame hielt unerschrocken den schnaubenden Renner an. Sehen Sie dorthin
- den Mann vor uns - der Unbesonnene! - Sie winken ihm aus den Batterieen - er
achtet nicht darauf.
    Das Pferd mu mit ihm durchgegangen sein - er scheint nicht Herr mehr
desselben - Schade um den kecken Burschen - er ist rettungslos verloren, wenn er
nicht etwa ein Ueberlufer ist. Aber fort von hier, Mylady, die Stelle ist fr
Sie zu gefhrlich! Eine Vollkugel aus dem Redan ricochettirte unsern von ihnen,
Beide wandten die Pferde und sprengten davon.
    Frst Iwan war im Pulverdampf der Batterieen an der Biegung der
Woronzoff-Strae verschwunden.
    Allmlig sammelte sich die Reiterschaar auf der Hhe des weien Hgels von
der so gefhrlich unterbrochenen Jagd und besprach den Ausgang, von dem
gnstigen Standpunkt auerhalb der Schulinien der Kanonade zuschauend. Der
Allen unbekannte Reiter und sein Schicksal bildete natrlich einen
Hauptgegenstand des Gesprchs und der Vermuthungen.
    Er mu von Balaclawa herauf gekommen sein, behauptete Lieutenant
O'Mailley; vielleicht Einer der neuen Burschen, die von Constantinopel
gekommen. Aber schade ist es um das Pferd - der Blitz ist langsam gegen solch
Blut. Ich mchte mein Patent dagegen wetten, so neu es auch ist, da es ein
reiner Araber war von der Mohanna-Race.
    Wenn ich recht gesehen, sagte Mistre Duberly, kamen Sie ja mit dem Herrn
zugleich, Sir Edward?
    Ich traf ihn auf dem Wege zum Abritt, kannte ihn jedoch nicht.
    Jedenfalls war unser Rennen ein todtes, meinte lchelnd der
Infanterie-Capitain, vielleicht in doppelter Beziehung. Aber der tolle Ritt hat
mich doch etwas angegriffen - ich fhle noch zuweilen die Nachwehen des
Lazareths. - He, Mickey - nimm mein Pferd und halte reinen Mund gegen Capitain
Stuart, sonst brummt er drei Tage lang mit mir.
    O Jemine, Capitain, sagte der Irlnder, der diesmal den Reitknecht
spielte, warum hren Sie auch nicht auf guten Rath und bleiben hbsch im Lager,
wenn das Regiment ein Mal Ruhe hat. Das kommt Alles davon, da Sie Pferde
halten, Capitain, was beim 95. doch nur der Oberst thut. Wollen Sie eine
Strkung, Akushla - 's ist echter Whiskey in der Flasche?
    Capitain Cavendish hatte sich neben der Reitergruppe, die sich durch
zahlreiche unberittene Zuschauer vermehrt hatte, auf ein Felsstck gesetzt. -
Ich danke, Mickey, ich bin noch zu erhitzt. Ich will zuerst von diesem Ingwer
genieen, den ich noch nicht probirt.
    Er holte die Dose aus der Tasche, ffnete sie und nahm einige Stcke heraus,
die er in den Mund steckte, whrend der Soldat mit den Pferden lstern neben ihm
stehen blieb.
    Pltzlich sprang der unglckliche Offizier empor, schlug die Arme wild um
sich und strzte mit einem entsetzlichen Schrei zu Boden. Alles sammelte sich
sogleich um ihn her, zuerst in der Meinung, er sei von einer Kugel getroffen;
die Zuckungen des Unglcklichen, der Schaum, der ihm vor die Lippen trat und das
rollende blutunterlaufende Auge zeigten jedoch bald, da es sich hier um einen
innern Krankheitsfall handle, und ein Arzt, der sich unter den Zuschauern befand
und sogleich zu Hilfe eilte, erklrte die Symptome fr die einer schrecklichen
und tdtlichen Vergiftung.
    
    Der ehrliche Mickey, zum Tode erschrocken, vermochte Anfangs kaum Rede zu
stehen, und erst nach vielem Hin- und Herfragen kam er zu der Auskunft, da der
furchtbare Anfall sogleich nach dem Genu des Inhalts der Dose erfolgt war, die
der Capitain noch in der krampfhaft geballten Hand hielt. Der Doctor entfernte
sie mit Gewalt, ffnete sie und schttete den Inhalt heraus, den er sorgfltig
prfte, ohne jedoch ein Anzeichen des Giftes zu entdecken. Mitre Duberly
wiederholte eben, was ihr der Capitain von dem Kaufe der Dose erzhlt, als sie
bemerkte, da auf dem Boden derselben ein Pergament- oder Papyrusstreifen
zurckgeblieben war. Man zog ihn heraus, er enthielt in englischer und indischer
Sprache nur den hindostanischen Gru:
    Gehe, wohin Deine Wnsche Dich rufen und mgen Deine Wege leicht und
angenehm sein!
    Ein Offizier hatte die Worte halblaut verlesen, aber der Kranke sie, trotz
des Kanonendonners, mittelst der Schrfung der Sinne verstanden. - Nikalanta!
sthnte er, es war seine Tochter - ihr Gift brennt wie Feuer an meinem Herzen -
Hilfe! zu Hilfe!
    Sie lag nicht in Menschenkrften, in menschlichem Wissen! Der Arzt mochte
dies erkennen, denn er erhob sich mit einer Geberde des Bedauerns und sagte zu
einem Stabsoffizier in der Nhe: Diese Frchte sind wahrscheinlich mit einem
indischen Narcoticon zufllig oder absichtlich getrnkt, dessen Analyse uns
unbekannt und gegen das kein Mittel existirt. Vielleicht Upas von dem
berchtigten Baum. Die Flle solcher Vergiftungen sollen in Indien nicht selten
vorkommen, wenn sie auch weniger acute Wirkung zu zeigen pflegen.
    Der Teufel hole das Land! murmelte der Offizier, Cholera,
Brillenschlangen, Tschaugh's und Tiger wren Unannehmlichkeiten genug, als da
man noch Giftmischerei dazu brauchte! England wird es nicht eher mit Sicherheit
genieen knnen, als bis die eingeborene fanatische Brut ganz und gar vertilgt
ist!
    Sir, das sind 150 Millionen Menschen!
    Und wren es 1500 Millionen, wenn sie sich nicht dem Segen unserer Cultur
fgen wollen. Wie war es mit Irland noch vor 50 Jahren? Irland ist jetzt ruhig,
seit man den Repeal ber's Meer deportirt hat!
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    Als am Abend Mickey dem Capitain Stuart den Tod des Fhrers der zweiten
Compagnie meldete, bemerkte der Offizier: Es thut mir leid! Cavendish war ein
besserer Kamerad, als wir Anfangs dachten und erst seit acht Wochen aus dem
Lazareth. Schade, da er noch immer vergessen hatte, uns die hbsche Geschichte
mit den Tigern zu Ende zu erzhlen!
    Man war sehr gleichgiltig geworden gegen die Leben im Lager vor Sebastopol!
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    Nicht der Frieden der Nacht, der prchtigen, funkelnden, ppigen Juninacht,
ruht ber Meer und Land, ber Stadt und Berg. Der Donner der Mrser weckt die
Echo's, an dem lichten Sternenhimmel ziehen die Bomben ihre lichteren, feurigen
Bogen; aus den dunklen Erdschanzen und von den Wllen der bedrngten Stadt
blitzt und flammt es von Minute zu Minute und der Hagel von Eisen, die Wrfel
des Todes rasseln ber das Feld und furchen in der vergnglichen Nacht die
Ruhesttten der langen, ewigen - die Grber!
    Durch das Verderben besete Feld schleicht still und sphend ein Knabe; -
der sausende Tod, der auf den Granaten daher fegt, auf den feurigen Bomben durch
die Luft saust, kmmert ihn nicht! Seine einzige Sorge ist, vor den lauernden
Posten, vor dem Schutz der belebten Schanzen, Batterieen und Laufgrben weit
auszubiegen in die Flche, wo die Vernichtung auf jedem Schritte droht. -
    Ein blaues Licht zischt in die Hhe - dort liegt die Bastion, die dunklen
Wlle des Redan erheben sich kaum 200 Schritt von ihm! -
    Die gebckte, schleichende Gestalt ist einen Augenblick sichtbar geworden
und in den Contre-Approchen bemerkt.
    Stai - Wer da?
    Gutfreund! Gott schtze Ruland!
    Michael Lasaroff ist bei den Seinen! - - -
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    Mit dem Anbruch des Tages hat die Kanonade wieder begonnen, die eiserne
Ablsung des eisernen Bombardements der Nacht. -
    In der Cantine sa, 24 Stunden spter als unsere vorige Scene begann, an
einem Tisch mit dem ltesten Capitain seines Bataillons der Vicomte, whrend
einige Papiere vor ihnen lagen und die Marketenderin mit ihrer Freundin, der
Corporal Bourdon mit Lebrigaud und der irre Jean dabei standen.
    Wir wollen zunchst die Sache mit Madame Bibesco zu Ende bringen, sagte
der Kommandant. Sie haben gehrt, Madame, da mein verstorbener Freund mich
beauftragt hat, Ihnen seine smtliche im Lager zurckgebliebene Baarschaft
auszuhndigen, die der Oberst seines Regiments in Verwahrung genommen hatte.
Hier ist das Verzeichni - die Summe besteht in 70,500 Francs, davon 50,000 in
Wechseln auf das Haus Jacq. Allon u. Comp. in Constantinopel auf Sicht zu
zahlen, und 20,500 Francs in Napoleond'ors. Hier sind die Papiere und das Geld.
Wollen Sie die Gte haben, mir ber die Summe in Gegenwart dieser Herren zu
quittiren?
    Darf ich fragen, ob der Marquis in Beziehung auf mich nicht irgend eine
weitere Bestimmung getroffen? fragte die Abenteurerin, indem sie zur Bewahrung
des Scheins das Taschentuch an die Augen fhrte.
    Nein, Madame. Die Worte des Briefes lauten blos: Er hoffe, die Summe
wrde hinreichen, um Sie seinen Namen vergessen zu machen.
    Abscheulich! - Ich kann also ohne Bedingung ber dies Geld verfgen?
    Ja, Madame.
    Die Augen der ehemaligen Lorette funkelten - alle Vergngungen und Freuden
von Paris tauchten in lockenden Farben vor ihrem Geist auf. Doch schien zugleich
ein Gedanke, ein Zweifel sie zu bedrcken und unschlssig zu machen. Sie schob
mehrmals einige der Geldrollen hin und her und ihr Auge flog verstohlen zu Nini
hinber. Unwillkrlich schrak sie zusammen, als ihr Blick dabei den ihr zunchst
stehenden irren Burschen traf. Noch nie war ihr die Aehnlichkeit desselben mit
dem Frsten Oczakoff so aufgefallen, und ihr Innerstes erbebte, als der Arme ihr
mit einem bisher an ihm nicht gekannten Lcheln des dmmernden Verstndnisses
zunickte und flsterte: ich wei es wohl, Zehntausend!
    Eine dunkle Rthe berzog die Stirn der jungen Frau, sie nahm hastig fnf
der Rollen zusammen und schob sie auf Nini zu. Das ist Dein Antheil an meinem
Reichthum, sagte sie fast ngstlich. Nimm - es ist das Deine!
    Die Marketenderin schaute sie erstaunt an. - Was - ich sollte Dir Dein
unverhofftes Glck schmlern? Was fllt Dir ein, Celeste - die kleinen Dienste,
die ich Dir geleistet, sind reichlich durch Deine Geflligkeit aufgewogen und
ich werde doch von einer Freundin nicht Bezahlung annehmen!
    Ich bitte Dich, sei nicht thricht, Kind, bat die Bojarin, dieses Geld
ist das Deine, Du hast volles Recht darauf, glaube mir, und ich bitte Dich um
meinetwillen, um jenes armen - Kranken willen, es anzunehmen. Ich wrde keine
ruhige Stunde mehr haben, wenn Du es ausschlgst.
    Der Eifer, die Dringlichkeit, mit der sie bat, waren auffallend, und die
kleine, leicht bewegte Grisette machte bereits Miene, die Gromuth ihrer
Freundin zu preisen und anzunehmen, als ihr Bruder rauh dazwischen trat.
    Verzeihen Sie, Madame, sagte er streng und fest, aber Nini bedarf Ihres
Goldes nicht. Wenn sie einen Bruder behalten will, wird sie keinen Sous jenes
Geldes berhren, fr das einst das Herz und die Liebe eines ehrlichen Mannes
verrathen wurde.
    Die Lorette wandte sich beleidigt von dem Jugendgeliebten und raffte das
Gold wieder zusammen. - Wie es Ihnen beliebt, Herr Bourdon. Ich hielt es fr
meine Pflicht, Ihrer Schwester die Summe anzubieten, - sie warf einen hastigen
Blick auf den Schwachsinnigen, schien jedoch durch das Resultat beruhigt; -
wenn sie die Annahme weigert, ist es nicht meine Schuld. Was meine Liebe und
meine Person betrifft, so halte ich sie noch heute fr zu gut, um sie an den
ersten besten Arbeiter oder Soldaten wegzuwerfen.
    Franois wollte heftig antworten, ward aber von der Schwester
zurckgehalten, whrend Celeste, im Besitz ihres Schatzes, eine hochmthige und
trotzige Verbeugung der Gesellschaft machte und in der hintern Abtheilung der
Cantine verschwand.
    Man hatte es kaum bemerkt, da whrend der kleinen Scene ein Fremder
eingetreten und in der Nhe Platz genommen hatte, derselbe benarbte Alte, dessen
Anwesenheit in Pelissier's Generalstabe am Tage vorher den russischen Fhnrich
erschreckt hatte.
    Jetzt zu Ihnen, denn Sie haben mich in eine sehr unangenehme Lage versetzt,
Mademoiselle, fuhr der Lieutenant-Colonel zu der Marketenderin fort. Nach
Allem, was bis jetzt ermittelt, sind Sie und dieser Schuft hier - er wies auf
Lebrigand - es gewesen, die dem jungen Russen zur Flucht geholfen. Was
veranlate Sie, meine Nachsicht auf diese Weise zu mibrauchen?
    Bedenken Sie, mein Kommandant, schluchzte Nini, er war so jung und Sie
wollten ihn jetzt in ein Gefngni schicken.
    Es war meine Pflicht, die ich zu lange versumt. Corporal Bourdon, ich
frage Sie auf Ihr Ehrenwort als franzsischer Soldat, wuten Sie um den Anschlag
Ihrer Schwester?
    Nein, mein Kommandant!
    Das freut mich, ich htte Ihnen ungern die Gelegenheit entzogen, sich heute
am Mamelon Befrderung zu holen. Nehmen Sie dem Burschen da den Sbel ab und
fhren Sie ihn zum Profo. Capitain Mongin wird ihm Arrest geben.
    Der Capitain nickte. Wir kennen uns, mein Vgelchen, und ich will Dir die
gromthigen Galanterieen vertreiben!
    Der lderliche Zuave hatte bis jetzt mit groer Gleichgltigkeit die gegen
ihn erhobene Anklage angehrt, als er aber nun vernahm, da er in Arrest
geschickt werden sollte, whrend ein Kampf bevorstand, gerieth er auer sich,
warf seinen Fe auf den Boden und trampelte wie ein Narr darauf umher. - Que le
diable les importe! Zum Henker mit allen Weibsleuten, sie sind zu meinem Unglck
auf der Welt und machen mit einem Augenzwinkern einen Narren aus mir! Capitain
Mongin - mein Kommandant - Sie werden doch um einer solchen Lumperei willen mich
nicht um den Sturm bringen? Fichtre! Ich will meine eigene Zunge verschlucken,
wenn ich den Schimpf berlebe.
    Das httest Du eher bedenken sollen, bevor Du Dich von einem Mdchen
verleiten lieest, gegen Deine Pflicht zu handeln!
    Maudit, mein Kommandant! - Aber wozu wren die Frauenzimmer sonst auf der
Welt. Es passirt vernnftigeren Leuten als ich bin! Hier Mademoiselle bethrte
mich, indem sie mir freiwillig einen Ku versprach. Mordio! - so dacht' ich -
was kommt es auf einen Russen mehr oder weniger an, Du holst dafr heute zehn
Andere von ihren Schanzen, und so fhrt' ich ihn im Dunkel bis an die letzte
Tranchee, nachdem ihm Jean hier seinen eigenen Rock gegeben. Unmglich, mein
Kommandant, konnte ich mich doch von einem verrckten Burschen in der Galanterie
bertreffen lassen?
    Der arme Schtzling Nini's nickte ihm vergngt lchelnd zu. Er schien
offenbar seinen Antheil an der Sache zu verstehen und sich darber zu freuen. -
Er ist fort, sagte er, der Andere auch, ich wei, sie gaben ihm das Pferd!
Jean's Seele ging mit ihnen - aber er wird sie wiederholen - dai Bosche!
    Niemand achtete viel auf die Worte des Irren, doch fiel die Erinnerung an
die in seiner Gegenwart verabredete Flucht des jungen russischen Frsten schwer
auf des Vicomte Seele und er befand sich in groer Verlegenheit, da er sich
sagen mute, er habe ja Aehnliches gethan.
    Der rasche Eintritt des Medecin-Major unterbrach jedoch die peinliche
Situation. Doctor Welland war offenbar sehr aufgeregt, seine Miene unruhig und
nachdenkend. Hinter ihm folgte Jussuf, der Mohr, der beim Erblicken des Vicomte
sogleich auf diesen zusprang und mit dem hchsten Ausdruck von Freude seine Fe
umfate und kte.
    Jussuf? - um des Himmels willen, wo kommst Du her?
    Inshallah - es ist Jubel in meinen Augen, Herr, da ich Dich wiedersehe.
Was kann ich sagen? - ich war verwundet und gefangen bei den Moskows - ein Engel
hat den armen Mohren gerettet und ihm die Freiheit gegeben, da er zu seinem Aga
zurckkehren mge.
    Ich habe mich einige Augenblicke von meinem Posten entfernt, sagte der
Arzt, um Ihnen die seltsame Nachricht zu bringen. Vor einer Stunde brachte eine
Ordonnanz des kommandirenden Offiziers der Vorposten an der Tschernaja den
Mohren zu mir, den wir fr todt im Schlo Aju zurckgelassen und der seitdem bei
den Russen gefangen war. Er behauptete, sich selbst ranzionirt zu haben und hat
sich bei den Wachen auf mich und Sie berufen. Ich besttigte seine Aussage und
bernahm seine weitere Meldung. - Er bringt das Pferd des Arabers zurck und den
Dank des Frsten, der glcklich Sebastopol erreicht hat, fgte er flsternd
hinzu. - Das Ehrenwort, das er dem Fliehenden gegeben, lie ihn verschweigen,
wie der Mohr zugleich der Ueberbringer eines geheimen Schreibens an ihn gewesen,
das seine Blicke jetzt nachdenkend und forschend auf dem irren Schtzling der
Marketenderin weilen machte.
    Der Vicomte war hocherfreut durch die Rckkehr des On-Baschi's seiner
frhern Bozuks, den er bei seiner Rckkehr zu dem 3. Zuaven-Regiment zu seinem
Diener gemacht. Er reichte ihm die Hand und berwies ihn an den Bruder Nini's,
um ihn zu equipiren und alles Nthige ihm zu verschaffen. Dann wandte er sich
wieder zu dem Arzt. Sie finden mich und Capitain Mongin bei einer unangenehmen
Untersuchung. Das thrichte Mitleid von Mademoiselle dort hat Ihren
wiederhergestellten Patienten, der heute der allgemeinen Ordre gem an das
Gefangenen-Dept in Kamiesch zurckgeliefert werden sollte, entkommen lassen.
Seine Genesung war bereits durch Oberst Polkes gemeldet und wir werden nun Beide
wahrscheinlich vielerlei Verdrielichkeiten fr unsere Nachsicht und
Ueberschreitung der allgemeinen Regel haben. Zum Glck hat die Flucht auf ihren
Freund keinen Einflu, der von den Trken zum Gefangenen gemacht worden.
    Die Sache ist kaum so bedeutend, als Sie dieselbe ansehen, Kommandant. Das
Gelingen oder Milingen des bevorstehenden Sturmes wird ganz andere Dienstsnden
bedecken, und es ist wohl unnthig, da Sie irgend Jemand deshalb zur Strafe
ziehen. Wenn Ihre Zuaven den Mamelon nehmen, wird kein Oberst oder General der
ganzen Armee nach einem entkommenen russischen Knaben fragen, wie der kleine
Lasaroff war!
    Lasaroff? - Michael Lasaroff? rief der Fremde, der aufmerksam dem Gesprch
zugehrt. Verzeihen Sie, mein Herr, Sie nennen einen Namen, der mich angeht.
Der russische Gefangene, der diese Nacht entflohen - ist es der Fhnrich Michael
Lasaroff?
    Derselbe, mein Herr!
    Der alte Mann schlug die Hnde vor das Gesicht. Alles umsonst - Alles
verloren! - auch hier zu spt! - So geschehe denn der Wille Des da Oben; - was
sind menschliche Berechnung, sterbliche Mhen gegen Seine Bestimmung! - Traurig
und gebrochen taumelte die hohe Greisengestalt auf den Sessel zurck, - zwei
schwere Thrnen quollen aus den grauen Wimpern und flossen langsam ber die
gefurchten Wangen, - die eherne Kraft, die so lange ihn aufrecht gehalten im
Kampf fr seine Plne, seine Meinungen und seine Zwecke, - sie war vernichtet
vor der Ueberzeugung, da in der Bestimmung ber Vlker wie ber Menschen der
Wille des Ewigen keinen Eingriff sterblicher Hnde duldet. - Verwundert, aber
mit achtungsvollem Schweigen schauten die fremden Krieger auf den alten Mann,
bis dieser sich ermannte und seine feste ernste Haltung wieder gewann.
Verzeihen Sie einem Manne die Schwche, sagte er mit Wrde, der selten in
einem langen und bewegten Leben ihr unterlegen. Ich bin der Graf Lubomirski,
einst Capitain unter Napoleon dem Ersten, - und der Knabe, der diese Nacht nach
Sebastopol zurck entflohen, ist mein Enkel, der einzige Sprosse meines Blutes.
Ihr Kaiser - es ist gleichgiltig, wie ich die Gefangennahme erfuhr - gab ihn in
meine Hnde, hier ist der Befehl, ihn Angesichts desselben mir auszuliefern.
Doch vergeblich forsche ich seit zwei Wochen im Hauptquartier, in allen
Gefangenen-Depts, ich fand den Namen zwar in den Listen angefhrt - seine
Person jedoch war verschwunden.
    Vielleicht eine Fahrlssigkeit der Schreiber, sagte der Vicomte. Der
junge Mann wurde als verwundet gemeldet und nicht abgeliefert, da seine Jugend
uns dauerte und der Aufenthalt in den Lazarethen durch den Typhus Gefahr
bringt.
    Ich begreife es und danke Ihnen dafr. Erst heute Morgen vernahm ich in
Folge des erlassenen Generalbefehls aus dem Hauptquartier zufllig, da bei
Ihrem Corps sich noch einige Gefangene und Verwundete befnden und eilte
hierher. Es war zu spt! - Er schwieg einige Augenblicke, dann berreichte er
dem Vicomte die kurze offene Ordre von der Hand des Kaisers. Nehmen Sie, Herr
Kamerad, sagte er traurig, sie ist jetzt nutzlos fr mich und wird Sie jeder
Verantwortlichkeit fr Ihre Gte berheben. Wenn Sie einem alten Krieger, einem
Gefhrten des Ruhmes der franzsischen Adler eine weitere Freundlichkeit
erweisen wollen, so strafen Sie nicht die Flucht des Knaben an Denen, die mit
ihrer Hilfe ihm eine Liebe zu erweisen dachten. Ich nehme das Leben meines
Enkels mit diesem Papier als empfangen aus Ihrer Hand und lege es in die
Gottes! -
    Die Trommeln wirbelten, - die Hrner der Zuaven riefen drauen das Regiment
zum Sammeln, - die Brigade- und Divisions-Adjutanten flogen mit dem Befehl zum
Abmarsch an den Lagerreihen entlang! - einen kurzen theilnehmenden Hndedruck
nur tauschte der Vicomte mit dem einsamen Greis und dem zu seiner Amblance
eilenden Freunde, whrend sein Befehl dem jammernden Lebrigand den Sbel
wiedergab; dann eilte er an die Spitze der Seinen, wo Oberst Polkes bereits
ungeduldig harrte.
    Unter dem Jubel der Zuaven bildeten sich die Reihen zum Abmarsch.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Sieben Uhr Abends! - Auf der Hhe, auf der am Tage vorher der unglckliche
Zufall das Jagdrennen so traurig beendet, standen zahlreiche Gesellschaften von
Offizieren, die Fernrhre und Glser an den Augen, alle Blicke nach dem Mamelon
- der Lnette Kamschatka - gerichtet, deren Wlle ein ununterbrochenes Feuer
spieen, whrend vom Malakoff her und aus den zwei Reihen russischer
Linienschiffe, die quer ber die Sdbucht sich gelegt, der eiserne Hagel durch
Flammen und Pulverdampf daher fegte.
    Aus dem Dokowaja- und Kilengrund herauf, aus den Trancheen in der Front
entwickelten sich jetzt die franzsischen Kolonnen, lsten ihre Reihen und
kletterten den steilen Aufgang zum Mamelon empor.
    Man sieht die einzelnen Krieger wie Punkte und Schatten hher und hher
klimmen, - jetzt die ersten an der Bschung, - Pulverdampf umhllt sie,
Feuerstrme fahren dazwischen, doch nur Einzelne reit das tdtende Eisen aus
den zerstreuten Reihen, - pltzlich zeichnen sich zwei dunkle Schattengestalten
auf den Kamm der Brustwehr gegen den Abendhimmel ab, - eine Fahne weht als
Sammelpunkt, ein dunkler Menschenknoten ballt sich darum her - und hinein in den
Mamelon dringen in hellen Haufen die khnen dritten Zuaven.
    Da wirbeln die Trommeln durch den Pulverdampf, die russischen Reserven
rcken in das Werk, das die franzsischen und englischen Batterieen zu
bestreichen aufgehrt, die Bajonette klirren an einander, das kleine Gewehrfeuer
knattert und die Franzosen werden ber die Brustwehr zurckgeworfen.
    Aber am Abhang sammeln sich die Haufen, kaum haben ein oder zwei Kanonen aus
den Schiescharten auf's Neue ihre Blitze gegen sie gespieen, so strmen sie die
Bschung wieder hinan, - ihnen voran die hochgewachsene Gestalt eines Offiziers,
winkend mit Sbel und Hand. Wieder tauchen die dunklen Schatten auf gegen die
Abenddmmerung auf der Hhe der Brustwehr, - in dichten Massen wogt und drngt
der Kampf in's Innere, - dann speit die Kehle des Werks dunkle Massen
Flchtender aus, die unter dem Feuer des Malakoff Schutz suchen, - von der Hhe
der Lnette flattert die Tricolore - und ein tausendstimmiges Vive l'Empereur!
berdonnert das Gekrache der Geschtze.
    Der Mamelon - die Vormauer des Malakoff ist genommen.

                                    Funoten


1 Das gebe Gott!

2 Gottes Blut!

3 Fossoyeur, Todtengrber, ein Beiname, den die Soldaten dem General Canrobert
gaben wegen eines Blletins, in dem er die Approchen Grber fr die Besatzung
von Sebastopol genannt.

4 Anmoscope. Lord Raglan war wegen seiner eifrigen Witterungsbeobachtungen
unter diesem Spottnamen bekannt.

5 Eigener Bericht der Times!!

6 Sie lauteten: En entrant dans cette temple, o reposent les souvenirs d'un
millnaire pass, j'ai reconnu les trces d'une invasion des Vandales! Helas!
Anglais ou Franais, faites la guerre  la postrit, mais ne le faites pas 
l'histoire. Si vous avez la prtention d'tre nations civilises, ne faites pas
la guerre des barbares!

7 P. hatte als Bataillons-Kommandant der Zephyre Befehl, eine Schanze
wegzunehmen, aber die Araber vertheidigten sie tapfer. Da befahl er: Jetez moi
 travers; mes hommes me suivront alors! Gesagt, gethan; drei Mann warfen ihn
hinber, er erhielt vier Wunden, aber seine Soldaten folgten ihm.


                                   Die Orgie.

Die glhende Hitze des Augusttages ist vorber. Von den Symplegaden her, den
rastlosen Felsenthoren des Bosporus, die Jason's khne Fahrt an den Grund
fesselte, - an der Geierstadt des Knig Phineas vorber, wo Herkules mit seinen
Pfeilen die gierigen Harpyen erscho, streicht der khlende Seewind die breite
Felsenstrae entlang mit ihren durchsichtigen Wogen und den aufgethrmten Ufern,
dem reichen Boden klassischer Sagen und romantischer Erinnerungen. Mit den
Wellen kommt er daher vom hochaufwogenden Pontus an den Felsenschlssern
vorber, den genuesischen Castellen, von Murad IV. wieder erneut, - jetzt
Anatoli- und Rumili-Kawak geheien, - wo einst die eherne Kette den Eingang zu
Byzanz den thracischen Rubern wehrte, wo ber der Kapelle der heilgen Maria von
den Zinnen des Furris Tima das Feuerbecken hoch durch die Nacht den Schiffern
im Pontus leuchtete; - ber den geheiligten Hain von Petra rauscht er, dessen
Bume die Axt nicht berhren darf, damit das mchtige Wasserbecken nicht
vertrockene, das Werk des Comnenen Andronikus, das noch heute das groe Byzanz
trnkt; - ber das groe Thal von Buyukdere, wo neben den sieben Platanen der
sieben Brder die stolzen Flaggen der europischen Ambassaden sich brsten. Oder
er streift drben am asiatischen Ufer das Ancyrum, von dem Jason seine Anker
mitnahm, die bythinianischen Berge des Olymp, wo der Argyrer Phrygos den Tempel
der zwlf Gtter baute, Poseidon seinen Altar hatte und die Heruler mit ihrer
Flotte ankerten! An Hieron treibt er die Wogen hin, wo unter Kaiser Romanos 942
der Patrizier Theophanes die Schiffe der Russen schlug, die jetzt die letzten
Freunde seines geknechteten Volkes sind; wo die Genuesen und Venetianer1 ihre
ehrgeizigen Kmpfe um die Herrschaft des alternden Byzanz fochten; wo die
trkische Mythe das antike Bett des Herkules zum Riesengrabe Josua's gewandelt,
das von Derwischen bewacht wird; - stt, weiterstreichend, an das Vorgebirge
Argyconium mit seinen phantastischen Schlssern der Sultana's, berhmt als
Unkiar Skelessi, wo am 26. Juni 1853, im Angesicht der lagernden russischen
Armee, jener Tractat geschlossen wurde, der die Dardanellen den Flotten
England's und Frankreich's sperrte und die Ursache des groen Kampfes geworden
ist.
    Diesseits aber bricht sich der khlende Luftzug, der Strom der Wellen in der
Bucht von Therapia, ehe Beide weiter fluthen.
    Therapia - Pharmacia - wo Medea ihr Gift auf die Kste streute, Perle des
Bosporus, wo die frstlichen Familien des alten Byzanz ihre Sommerpalste bauten
und in den khlenden Lften des Pontus schwelgten! Therapia, dessen Wsser so
oft das Blut der Venetianer und Genuesen rthete, wohin Nicolo Pisano sich
flchtete, als er am 13. und 14. Februar 1352 mit dem Feind und den Strmen
gekmpft: - sei mir gegrt, lieblichste Bucht des lieblichen Bosporus am Thale
der khlen Quelle, wie Dein leuchtendes Bild vor meiner erinnernden Seele steht!
- - -
    Nahe dem Palast, den Frst Ypsilanti erbaut und der jetzt zu einem
franzsischen Lazareth eingerichtet worden, taucht ein stattliches, im
orientalischen Styl gebautes, Landhaus den kurzen Mauervorsprung seines untern
Stockwerks in die zum goldenen Horn eilenden Wogen. Zur Seite ffnet sich, wie
bei all' diesen Villen, welche die Ufer des Bosporus zieren, das Wasserthor zum
Einla der Kaks, und das Haus umgeben, auf der Rckseite von hoher Mauer
eingeschlossen, Terrassen mit Oleander, Geranium, Myrthen und Lorbeer bedeckt.
Die erste Terrasse trgt, an das Vorderhaus stoend, einen groen Pavillon.
    In diesen Winkel des Edens von Constantinopel hat sich der tiefe Kummer und
die zgelloseste Lust geflchtet. Der griechische Banquier, dem das Haus gehrt
und der das Reich bis zu Ende des Krieges verlassen mute, hat es durch seinen
bulgarischen Agenten vermiethet; den gerumigen, mit einem besonderen Ausgang
versehenen, Seiten-Pavillon bewohnt der englische Baronet mit dem kranken
Griechen, dessen Erwachen aus dem lethargischen Zustand er - selbst ein Schatten
und dem Grabe verfallen - hartnckig bewacht, gemeinsam mit dem jungen Araber,
der seinem Gefangenen hierher gefolgt. In dem ersten Gescho des Vorderhauses
aber wohnt Celeste Bibesco, die Geliebte des Garde-Capitains Grafen Bretanne,
der im milungenen Sturm der Verbndeten auf den Malachof am 18. Juni verwundet,
sich an die Ufer des Bosporus hat bringen lassen, um hier unter der Pflege von
Frauenhand zu genesen.
    Die schne Lorette ist nicht blos mehr die Geliebte des reichen Offiziers;
das Testament Alfred de Saz's hat sie selbst zur Besitzerin von Reichthum
gemacht, den sie bereits mit vollen Hnden zur Befriedigung all' ihrer Lste und
Launen verschwendet. In der Wohnung der bermthigen Coquette und ihres
ausschweifenden Beschtzers feiern jede Freude, jeder wollstige Genu des
Orients ihre nchtlichen Orgien, whrend die Hitze des Tages die Bewohner im
Schutz ihrer luftigen Gemcher an's Lager oder in die khlen Baderume fesselt.
    Es ist Mitternacht - die Jalousieen des groen Gemachs, das, nach
orientalischer Sitte, den ganzen Flgel des Hauses einnimmt, sind geffnet und
lassen durch die schtzende Hlle der Muskitairs die kstliche milde Seeluft
eindringen. Eine Tafel, bedeckt mit den feurigen Weinen von Cypern und Santorin,
dem dunklen Olymp, Bordeaur, Scherbet und Champagner in groen Eiskufen, mit
prchtigen dunkelglhenden Trauben von Brussa, den sen Pfirsichen von den
Felsenwnden des Hellespont und den Feigen von Smyrna; besetzt mit den
schwelgerischen Confitren, die auf Chios aus Rosenblttern und Geranium,
Quitten und Mastix bereitet werden, - steht in der Mitte des halb europisch,
halb asiatisch mblirten und rings an den Wnden mit breiten Divans umgebenen
Saales.
    Sechs Paare befinden sich darin in hchst ungenirten Situationen. Der
Zustand der Tafel, die zerbrochenen Glser und Teller, die auf dem Boden
umhergeworfenen seidenen Kissen der langen Divans an den Wnden, der tolle
Uebermuth der Einen und die stumpfe schlaftrunkene Haltung der Andern beweisen,
da die Orgie schon stundenlang gedauert hat.
    Zwei Mnaden, die Verderbni des Occidents und des Orients gleichsam
reprsentirend, fhren den Vorsitz. An dem untern Ende des Tisches, auf den
weichen indischen Matten, ruht die junge Smyrniotin, die ihr Schicksal aus dem
Dunkel eines asiatischen Dorfes in den Palast von Tschiragan gefhrt, aus der
Alma des Groherrn zur Freundin des brittischen Baronets und zur Odaliske des
Pascha's von Varna, ihres jetzigen Gebieters, gemacht hat: Nausika - Nedela, die
Tochter des Kameeltreibers, des Rubers vom Pagus zu Smyrna! Der rechte Arm, von
prchtigen goldenen und Korallen-Braceleis fast vom Handgelenk bis zum Ellbogen
bedeckt, hlt nachlssig ein zierliches mit Perlmutter und Silber ausgelegtes
Tambourin zwischen den hannahgefrbten Fingern, whrend die linke Hand ein
Champagnerglas hebt, um es von dem Offizier an ihrer Seite fllen zu lassen. Ein
gelber persischer Shawl ringelt sich in leichten, vom Zufall geworfenen Falten
um ihren schnen Wuchs und hebt den durchsichtigen Teint des reizenden Gesichts,
whrend die Fluth dunkelbrauner Locken frei um Hals und Schultern wogt und das
schwimmend blaue Auge aus den langen, schwarzgemalten Wimpern emporschaut, die
weien perlenartigen Zhne sich wie in keckem Spiel aus den purpurnen Lippen
drngen. Die neunzehnjhrige Mnade steht jetzt in der vollen Blthe und
Entwickelung ihrer Schnheit, und die von dem gewohnten Druck des Orients
entfesselte Leidenschaftlichkeit droht Verderben in Liebe und Ha jedem, der ihr
naht.
    Der Offizier neben ihr sttzt die Hand leicht auf den kleinen chinesischen
Rohrsessel, whrend sein aristokratisch-schnes, jetzt vom Lrmen und Rausch
gerthetes Gesicht mit dem feinen franzsischen Backen- und Kinnbart sich zu ihr
niederbeugt. An der andern Seite des Gemachs, vor einem prchtigen Fortepiano
von Rosenholz, sitzt mit einem noch jungen Mann von charakteristischer
Gesichtsbildung die schlanke Figur der Bojarenfrau. Ein leichtes orientalisch
weites Gewand von jenem weien nebelartigen Mousseline, den allein die
kunstfertigen Finger der Hindu's an den Ufern des Ganges weben, umfliet faltig
die grazisen Formen der Pariserin, die kleinen Fchen wippen und spielen mit
den goldgestickten Pantoffeln, ein zierliches Spitzenhubchen hngt lose nur
noch an einem kirschrothen Band im Cendr ihrer aufgelsten Frisur und das
bermthig lachende Auge ruht halb spttisch auf der Gruppe ihr gegenber,
whrend ihre Finger eine kecke Polka ber die Tasten des Instruments
herrauschen.
    Am Tische selbst sitzt ein Offizier in der Interimsuniform des Stabes, aus
einem langen, mitten zwischen die Flaschen, Frchte und Glser gestellten
Nargileh mit Eiswasser duftigen Latakia dampfend und bersttigt in ein Blatt
des Journal de Constantinople schauend, inde auf dem Divan in der Ecke ein
Vierter mit zwei jungen Frauen, deren Zge die georgische Abstammung verrathen,
neckend, tndelnd, jene Sprache junger Herzen in der ganzen Welt spricht, wo das
verstndigende Wort gegenseitig fehlt.
    Die bunten Feredschi's und Schleier am Boden, die einzelnen Uniformstcke
mit dem Abzeichen der Garden und der Marine, und die kaum vernarbten, zum Theil
noch verbundenen Wunden der Mnner zeigen, da hier eines jener lockeren
Rendezvous, eine jener Orgien begangen wird, welche so hufig zwischen den zu
ihrer Genesung von den Wunden des Kampfes oder dem Gift der Lagerkrankheiten in
die am Bosporus eingerichteten Lazarethe gesandten Offizieren und den trkischen
Frauen stattfanden. Das Gold und die Gewandtheit der Gelangweilten sprengte die
Riegel der bestversicherten Harems, machte die Wchter blind und befrderte,
trotz der strengen Befehle der Oberkommandanten und der Bemhung der Gesandten,
die fast immer damit verbundenen Gefahren verachtend, eine Menge Liebeshndel
und Abenteuer, die noch lange ihre Folgen auf das husliche Leben der Trken
ben werden.
    Die ehemalige Lorette prludirte mit einer Hand weiter auf dem Piano,
whrend sie mit der andern die kleine Papier-Cigarre zwischen den Lippen
hervornahm und fortwarf. Eine neue, Monsieur, sagte sie herrisch zu dem
Offizier, der neben ihr sa. - Was meinen Sie, Graf, knnen Sie sich eine
nachsichtigere Beliebte wnschen, als ich bin?
    Ah ciel! Sie sind ein Engel, Celeste sagte der Capitain der
Garde-Voltigeurs, indem er die Hand der Nedela an seiner Seite kte. Sie
sollen dafr auch volle Freiheit haben, wenn wir erst wieder nach Paris kommen.
    Wein, gieb mir den schumenden, sen Trank, caro mio! flsterte die
Odaliske. Wirst Du mich mitnehmen, schner Aga, nach dem goldenen Paris, von
dem Ihr so viel erzhlt? Er raunte die Antwort ihr zwischen den wallenden
Locken in das Ohr.
    Auf - Montaillier! Schmen Sie sich nicht, eine Zeitung zu lesen, wo es die
letzten Stunden unserer Freuden gilt? Sie sind zum Einschlafen langweilig mit
Ihrer Politik. Sehen Sie Vaudricourt, wie er mit doppelten Karten spielt!
    Es lebe die Coeur-Dame! schrie der junge Schwelger vom Divan her.
    Zum Henker mit Euch! Lat mich mit Euren Thorheiten in Ruhe. Ich will
lieber wieder den Malachof strmen oder drei Tage in den schndlichen Trancheen
liegen und weniger mde sein, als von einem Eurer Zechgelage.
    Ein schallendes Gelchter der Kameraden belohnte ihn, auf das die Odalisken
verwundert horchten, da sie die Ursache nicht verstanden.
    Es lebe der Malachof! Es lebe der 18. Juni, der uns hierher geschickt!
schrie der junge Marquis de la Houdinire.
    Euer Vergngen ist mit Mayran's und Brnet's2 Fall und 6000 Mann theuer
genug erkauft!
    Bah - das giebt Avancement; in der Linie sind bereits drei Regimenter frei!
Die Englnder bten verhltnimig noch mehr ein - Campbell, Shadforth und der
tolle Yea sind bse Verluste!
    Der Teufel hole sie! schrie der Graf von seinen Kissen her. Htten sie
mit uns zugleich angegriffen, so hatten wir den Thurm. Das 19. Regiment hielt
seine Fahne zwanzig Minuten lang auf der Brustwehr aufgepflanzt, und erst die
Geschtze vom Sgewerk3 jagten uns wieder herunter. Das verdammte Wettermnnchen
hatte die Zeit verschlafen.
    Still! - Der Lord hat seine Schuld bezahlt, und die Zukunft wird lehren, ob
wir mit seinem Nachfolger besser daran sind. Der einzige Nutzen, den die
Englnder uns gebracht, ist, da sie die Zufuhren der Festung jetzt am Faulen
Meere abschneiden.
    Falsch - die Russen haben mehr zu beien, als wir! Der Landtransport dauert
ungehindert fort; Tausende von Wagen sind unaufhrlich unterwegs, und wir knnen
lange passen, bis wir sie aushungern, wenn wir Perecop nicht nehmen. Man meldet,
da sie an der Tschernaja sich sammeln und erwartet dort einen Angriff gegen
unsere Linien. Taganrog und Berdiansk sind beschossen. Anapa hat man geschleift
gegen den Wunsch der Tscherkessen.
    Das ist schlecht gehandelt an Schamyl!
    Was geht uns der Imam an? Giebt es sonst Neues?
    Im Journal nicht. Privatim hrte ich, da die Cholera unter den Sardiniern
arge Verheerungen angerichtet.
    Desto aufrichtiger wollen wir dem Malachof danken, da er uns hierher
geschickt. Es lebe die Liebe, es lebe der Champagner! Der Lieutenant fate die
Hand der Nedela, die sich erhoben hatte.
    Halt da, Boisrobert - Jedem das Seine!
    Ah bah! lassen Sie mich plaudern!
    Aber Sie verstehen kein Wort italienisch, Bursche!
    Diese Damen hier sprechen auch nicht franzsisch - die Lingua Franca, die
ich rede, verstehen sie Alle!
    Keinen Streit! - Die Tage, die wir zugebracht, waren zu angenehm, als da
wir sie uns noch verderben sollten. Der alte Kiradschia soll leben, der
bulgarische Ehrenmann und Hauswirth, der so geschickt den Unterhndler zu
spielen versteht. Mge Allah den Sali Pascha noch lange in Saloniki fest und von
seinem Palast am Bosporus entfernt halten. Meinst Du nicht auch, Schtzchen?
    Die junge Odaliske mit den Mandelaugen hob sie nach dem Offizier, obschon
sie kein Wort seiner Sprache verstand. Allah bilir, flsterte sie - Bana bak,
a gusum!
    Den Henker auch - auf die Dauer wird's langweilig, da man so wenig mit
ihnen reden kann. Houdinire hat sich den besten Theil erwhlt in Madame
Celeste!
    Meinen Sie, Monsieur? Kommen Sie her und unterhalten Sie mich. Der Kapitain
spricht nur Fadaisen.
    Nichts da - ich lege Protest ein!
    Freiheit meine Herren, oder Graf Bretanne und ich schlieen unsere
orientalischen Salons und werden Einsiedler, wie unsere Nachbarn im Pavillon!
    Der Schurke von Bulgare, warum vermiethet er die Villa auch an zwei
Parteien!
    Der Mann versteht seinen Vortheil - die Huser werden mit Gold aufgewogen
in Therapia, und wir kamen spter.
    Was hat der Schuft sich fr seine Hilfe zahlen lassen?
    Vierzig Napoleons! Er schwrt, er habe drei Eunuchen und wer wei wie viel
alte Weiber zu bestechen gehabt.
    Es lebe die Liebe! Die Franzosen bleiben die Sieger im Orient berall - ich
weiche keinen Schritt mehr von Constantinopel!
    Bis Mellinet befiehlt - er versteht keinen Spa und die Doktoren im
Lazareth sprechen bereits davon, da wir geheilt wren und Andern Platz machen
knnten!
    Bah! wir haben unsere Ruhetage verdient. Wenn die Lcken durch die Cholera
und die russischen Kugeln zu gro werden, wird uns Pelissier schon zurckholen.
Bis dahin - zu allen Teufeln mit jedem Gedanken an den Dienst!
    Zum Tanz, zum Tanz, Messieurs! Sein Sie nicht so trge! Passen Sie auf -
ich will Feuer in Ihre Adern gieen!
    Sie raste eine spanische Melodie auf dem Klavier; wie von Federn geschnellt,
sprang die Nedela von den Kissen empor, warf den Shawl um ihre Schultern und
begann den Tanz.
    Auf - auf, Ihr Schlfrigen! Die Augen auf, zum Tanz! Der Eine zerrte die
ruhenden Paare empor, die Andern klatschten Beifall um die tanzende Mnade. Der
tolle Vaudricourt sprang ihr gegenber und begann die wsten Touren des Cancan
aus den pariser Barrirenkneipen.
    Die bermthig wilde Gesellschaft fate einander an den Hnden und zog einen
wirbelnden Kreis um die Tnzer.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Pltzlich klopfte es heftig an die Thr, durch den dicken Vorhang und dem
bachantischen Lrmen drangen die flehenden Tne einer Stimme: Signor Francese!
Signor Conte! bei der heiligen Panagia, ffnen Sie, oder wir sind Alle
verloren!
    Graf Bretanne war an die Thr gesprungen, whrend die Offiziere erschreckt
durch einander liefen. Die trkischen Mdchen schauten verwundert auf die Mnner
- sie vertrauten ihrem Kismet.
    Wer ruft? - Bist Du es, Paswan?
    Si Excellenza. Es sind verdchtige Mnner unten am Wasserthor - auf dem
Bosporus halten zwei Boote! Wenn es die Polizeiwache ist, giebt es Lrmen.
    Verdammt - die Lazarethordre ist streng. Der Graf ffnete halb die Thr.
Ist der Gartenweg zur Lazareth-Terrasse frei?
    Ich sandte Jovas, den Diener, dahin. Die Signori's mssen fort und die
Weiber auch sogleich. Mein Kopf ist verloren, wenn man die Odalisken hier
findet.
    Das ist Deine Sache, Freund Paswan, dafr bezahlten wir Dich. Aber meine
Kameraden mssen in Sicherheit - General Sol hat den Teufel im Leibe, und die
Sache wrde zu groen Lrmen machen. Ich werde sie selbst entfernen, unterde
lsche die Lichter aus und bringe die Weiber in Sicherheit. Ich hoffe, man wird
nicht wagen, in eine franzsische Privatwohnung einzudringen.
    Einige Worte unterrichteten die Offiziere. Whrend man die Lichter bis auf
eins oder zwei auslschte, beobachtete man durch die Jalousieen die Wasserseite.
Zwei groe Kaks hielten in der Entfernung von etwa 50 Schritt regungslos auf
den Wellen.
    Fort mit Ihnen, meine Herren! ich geleite Sie ber die Terrassen. Morgen
sehen wir uns wieder.
    Die Lorette klammerte sich an den Grafen, Du wirst mich nicht verlassen,
Guillaume! Mir graut vor der unbekannten Gefahr!
    Keine Sorge, mein Kind - wir haben Nichts zu frchten hier im Hause. Was es
auch sei - kein Trke wagt die Frauengemcher zu betreten. Nur unsere Freunde
will ich fortschaffen.
    Er ri sich los von ihren umschlingenden Armen. Die Offiziere hatten ihre
berauschten Kameraden empor gerissen, ihre Kleider zusammengerafft und folgten
ohne Abschied eilig dem Capitain4.
    Die armen verlassenen Geschpfe sahen, traurig und ngstlich geworden, ihnen
nach, indem sie sich eilig wieder in ihre Gewnder zu hllen suchten. Der
Kiradschia stand beobachtend an der Jalousie.
    Die Nedela war verschwunden.
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    Die Ruderer hielten mit leisem Schlag einen groen Kak auf seiner Stelle
fest. Die Augen des Mannes, der hoch aufgerichtet im Boot stand, waren mit
flammender Wuth auf die Fenster der Villa gerichtet. Schwarze Gestalten,
Schlingen in den Hnden, die Handjars im Grtel, kauerten mit teuflischem
Grinsen auf den verzerrten zwitterhaften Gesichtern um ihn.
    In dem zweiten Boot dicht neben an lehnte ber den Rand Wassili, der
griechische Diener des Pascha's von Varna - Vaso, der Brutigam Nausika's, der
er in eiferschtiger und ohnmchtiger Liebe bis zum Harem des Trken gefolgt. Er
war bleich und zitterte heftig.
    Allah sei Dank, sagte der Pascha, wir kommen zur rechten Zeit, ihre Lust
zu stren. Du kennst meine Befehle?
    Ja, Hoheit.
    Du bist ein treuer Diener, Wassili, und ich wrde Dich zum Aufseher meines
Hauses machen, wenn Du kein Dschaur wrest. Aber bei dem Barte meines Vaters,
ich bin noch Muselmann genug, mich zu rchen, wenn ich auch die groen Stdte
dieser Franken gesehen habe. Du weit also, da der Inglis, mein Gast in Varna,
jenen Pavillon bewohnt?
    Du sagst es, Herr!
    Und die Weiber sind nicht bei ihm?
    Nein, Hoheit. Der Bulgare, der das Haus verwaltet, fhrte sie zu den Aga's
der Franzosen.
    Mgen ihre Vter verdammt sein. Der Hund soll ihr Schicksal theilen und der
Aufseher der Weiber dazu, der seine Pflicht vernachlssigte. Du zhltest ihrer
fnf und die Nedela ist dabei?
    Der Grieche zauderte einige Augenblicke, bevor er antwortete. Ich wei es
nicht, Hoheit, ich kenne nur die Zahl, die hierher kam. Das Haremlik ist Deinem
Diener verschlossen.
    Lahnet bi Scheitan! ich kenne ihren intrignanten Geist und ihr wollstiges
Herz. Sie hat die Sclavinnen verfhrt. Ich wollte, der Englnder htte sie
behalten, oder ich wre nicht der Thor gewesen, die Weiber mit nach Stambul zu
nehmen, da sie mir in den Bart lachen, wenn der Groherr mich auf die Reise
sendet. Sie mssen sterben, wie ich befohlen.
    Aber die Offiziere - die Franken?
    Sie werden es nicht wagen, sich zur Wehr zu setzen. Wenn es sein mu,
knebelt sie, aber tdtet sie nicht, ich habe es dem Tschauschi-Baschi gelobt,
als er mir die Tschokadars und Verschnittenen lieh, den mir angethanen Schimpf
zu rchen. Korkma! es ist keine Gefahr dabei, wenn Du treu und vorsichtig bist.
Niemand wird uns erkennen, meine Rckkehr ist noch unbekannt, darum sandte ich
Dir Botschaft, mich an den sen Wassern zu erwarten. Eile Dich, Wassili - sie
lschen die Lichter aus - sie haben uns bemerkt! Vorwrts! Er klatschte leise
in die Hnde und die Kaks schossen im Nu an die Marmortreppen, wo sie bereits
zwei der Mnner fanden, welche die Zugnge vom Lande her bewacht. Im nchsten
Augenblick waren alle Ausgnge umstellt und ein krftiger Tschokadar sprengte
mit dem Brecheisen die Pforte, durch welche Wassili mit den schwarzen Eunuchen
in's Innere drang.
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    An sein Lager gefesselt lag der Grieche Caraiskakis - der Letzte der drei
Brder. Eine fieberhafte Unruhe leuchtete und glhte in seinem Blick, es war,
als rnge das Leben in Folge eines unbekannten magnetischen Einflusses nach der
Sprengung der Bande.
    Der Jubel des Bachanals war durch die offenen Jalousieen von der Villa zu
ihnen deutlich herber geklungen. Der Baronet hatte schon hundert Mal die
unruhige Nachbarschaft verwnscht, die seiner Meinung nach die Genesung des
Gelhmten strte. Scharfsichtiger als er, hatte der Araber, der von seinem
Burnus bedeckt auf einer Bastmatte im Winkel des Gemachs lagerte, bemerkt, wie
hufig eine dunkle Rthe die Stirn des Griechen berzog, wenn ein helles
frivoles Gelchter von drben herber schlug.
    Der Baronet hatte dem Kranken die neuesten Nachrichten der Tagesbltter
vorgelesen, die Fortschritte der Belagerung nach dem verunglckten Sturm auf den
Malachof, die Abberufung Canrobert's nach Paris auf den Wunsch Pelissier's, den
Zug der Russen gegen Kars und die Bestimmung Omer-Pascha's nach Kleinasien.
    Das Journal war auf den Tisch gesunken, seine Hand sttzte das Haupt - seine
Gedanken schweiften hinber nach der bedrngten Stadt, nach dem Schatz, dem
jetzt all sein eigensinnig beharrliches Streben galt.
    Die Zeichen der Orgie drben waren verstummt.
    Pltzlich unterbrach ein wilder Schrei, der Hilferuf einer weiblichen
Stimme, die Stille der Nacht.
    Edward Maubridge horchte auf, auch der Emir hatte sich halb erhoben.
    Abermals gellte der Schrei wild - verzweifelnd durch die Nacht: Zu Hilfe,
Bretanne! zu Hilfe!
    Im Nu war der Baronet empor. Was geht dort vor? La uns zum Beistand eilen,
tapferer Emir! Er hatte ein Pistol ergriffen und eilte die Treppe hinab,
Abdallah, seinen Ruf begreifend, folgte ihm mit einem Sprung.
    Die Thr aus dem Pavillon war von Auen versperrt.
    Gregor Caraiskakis blieb allein!
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    Abdallah und der Baronet hatten, nachdem ihr Bemhen sich vergeblich
gezeigt, die Thr zu ffnen, eines der Fenster des Erdgeschosses aufgerissen und
sprangen auf die Terrasse. Eine Gestalt huschte im Schatten der Nacht an ihnen
vorber, whrend sie weiter liefen, eine zweite folgte lautlos, aber jammernde
Laute und das Gerusch eines Ringens riefen sie zu Hilfe und sie eilten ber den
Hof, der den Pavillon von dem Vordergebude trennt, und drangen in die untere
Halle, die sich auf der andern Seite nach dem Wasserthor ffnet.
    Der Anblick, der sich ihnen bot, war seltsam genug.
    Ein vierrudriger Kak hielt dicht an den Stufen der Halle und in dem
Sternenlicht sah man wenige Schritte davon in der Meeresfluth auf den gestemmten
Rudern einen zweiten grern halten.
    Fnf sackartige Ballen lagen auf den Marmorfliesen des Bodens, krampfhaft
sich windend und schlagend, und ein dumpfes verzweifeltes Sthnen drang von
ihnen her. Sie schienen eben die Treppe herab aus dem ersten Stockwerk
geschleift und mehrere schwarze Gestalten waren bemht, sie in den Kak zu
werfen, whrend andere einen Mann zu dem Boot zerrten, der heftig widerstrebte.
Am Boden nahe dem Eingang lagen gebunden und geknebelt zwei Menschen.
    Vier Mnner traten den Eindringenden sogleich entgegen, ihre blanken Wehren
funkelten im matten Licht vom Eingang.
    Was geht hier vor? Fort mit Euch, Raubgesindel, oder ich feuere!
    Zurck, Dschaur! Gebt Freiheit der Gerechtigkeit des Padischah!
    Zu Hilfe, Excellenza! Rettet Euern Wirth! Es war die Stimme des
Kiradschia, welche flehte.
    Hund ohne Leber! Allah verbrenne Deine Zunge! schrie der Tschokadar, der
den Alten vorwrts zerrte, und holte zum Streich mit dem Yatagan aus.
    Der Schu des Baronets traf den Einen der Eunuchen, whrend der junge Araber
vorwrts strzend in den weiten Falten seines Burnus den Hieb auffing und den
Alten den Hnden seiner Bewltiger entri.
    Ein starkes dreimaliges Hndeklatschen gab, so bald der Pistolenschu
gefallen, vom grern Kak her das Zeichen zum eiligen Rckzug. Die schwarzen
Eunuchen warfen eben den letzten der seltsamen Ballen in den heftig schwankenden
Kahn und sprangen nach. Ein schriller Schrei als Signal, dann strzten sich die
Zurckgebliebenen in das Wasser, und das Boot, von den aufgestemmten vier Rudern
getrieben, scho weit ab vom Lande zu seinem Genossen. Als der Baronet und sein
Gefhrte auf die Marmorbalustrade des Wasserrandes sprangen, sahen sie die Kpfe
der Schwimmenden bereits an den Seiten des grern Kaks emportauchen, die Arme
sich festklammern und beide Boote dann wie streichende Mven nach der Mitte der
Meerenge zu verschwinden.
    Wenige Augenblicke darauf, whrend sie ihnen noch nachstarrten, hrten sie
ber das Wasser her ein schweres Aufpltschern, wie von dem Fall eines groen
Krpers in die Wellen -
    Dann ein zweites - ein drittes -
    Fnf Mal wiederholte sich der Ton, den die Wasserflche als Leiter des
Schalles zu ihnen herber trug. Der alte Bulgare an ihrer Seite zitterte heftig,
als er sie zurckzog in das Innere des Hauses, und ohne ihren Fragen Rede zu
stehen, hastig die gesprengte Pforte zu schlieen versuchte und eine Lampe
anzndete.
    In ihrem Schein erkannte man in den beiden geknebelten Gestalten an der Wand
das alte griechische Weib, das mit dem Kiradschia und einem in Therapia
wohnenden Burschen die Miether des Hauses bediente, und den franzsischen
Offizier, den Beschtzer und Geliebten der Bojarenfrau. Der Baronet, noch immer
an einen bloen Raubanfall glaubend, lste mit dem Kiradschia mglichst rasch
seine Bande, wobei er bemerkte, da die Brust des Offiziers wie von einem eben
bestandenen heftigen Ringen keuchte. Kaum war der Knebel aus seinem Munde
gelst, so stie der Capitain den Namen seiner Maitresse aus, schaute mit wildem
Blicke umher und strzte die Treppe hinauf zu dem groen Gemach, in welchem noch
kurz vorher die Orgie stattgehabt, der Uebermuth und die Wollust das Scepter
gefhrt.
    Die Andern waren ihm gefolgt, Abdallah den blutenden Arm, den der
Yataganhieb des Tschokodars durch die Gewnder verletzt, mit diesen umwindend.
    Aber der Ruf Celeste! fand keine Antwort.
    Das Gemach bot einen Schauplatz der rgsten Unordnung und Zerstrung dar,
nur noch durch die von der Decke hngende Ampel erleuchtet. Der Tisch in der
Mitte war umgestrzt, Fetzen der bunten Feredschi's und der weien Schleier der
Frauen lagen berall hin zerstreut, ein wildes Jagen und Ringen hatte offenbar
stattgefunden. Der zitternde Kiradschia reichte dem Offizier ein zerrissenes
Frauenhubchen, das er aus einem Winkel aufhob und das an den Bndern leicht als
das der unglcklichen Lorette zu erkennen war. Vergeblich blieb das Suchen in
allen Zimmern, man fand in einem derselben nach den Terrassen zu eine Jalousie
geffnet, doch nirgends weiter eine Spur von ihr.
    Wir mssen den Kommandanten der Lazarethwache wecken und ihnen nachsetzen,
rief der Offizier endlich. Welches Recht sie auch an die andern Frauen haben
mgen, sie haben mit ihnen eine Franzsin entfhrt und sie mu befreit werden.
    Der Kiradschia hielt ihn zurck. - Excellenza - es ist zu spt. Das Unglck
ist geschehen und wir mgen aus unsere eigene Sicherheit bedacht sein,
wenigstens was mich betrifft; denn meines Bleibens ist nicht lnger in Stambul.
Die Ihr retten wollt, liegt bereits todt auf dem Grunde des Meeres. Wir selbst
hrten den Fall der fnf Opfer.
    Entsetzlich! sthnte der Graf, und wir verlieen sie, statt sie zu
vertheidigen! Aber Du sprichst von fnf - sechs Morde haben die Barbaren
begangen!
    Fnf Mal nur tnte der Fall in's Wasser, entgegnete der Englnder. Als
wir, durch die versperrte Thr aufgehalten, Ihnen zu Hilfe eilten, floh eine
Gestalt an uns vorber nach dem Pavillon zu.
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    Durch das geffnete Fenster hatte sich lautlos, um die andern Mrder nicht
aufmerksam zu machen, das fliehende Weib in das Innere geschwungen und strzte,
nur von einem Manne verfolgt, in das Vordergemach. Ihr Fu glitt aus, noch ehe
sie die Thr gegenber erreichen konnte, und sie fiel zu Boden. Im Nu war der
Verfolger an ihrer Seite und ri an den langen Flechten ihr entsetzenbleiches
Haupt zurck.
    Erbarmen! Hilfe! - Wassili - Du? - und Du willst mich morden?
    Der junge Diener schlug ein gellendes Hohnlachen auf. Wassili? - Hast Du
nur Blicke fr Deine Buhler, Tochter Jani's, des blutigen Rchers von Smyrna? -
Er ri das Pflaster von seinem Auge. - Hat die falsche Farbe des Haares, der
Gram der drei Jahre den Gespielen Deiner Kindheit, den Mann, dem Dein Vater Dich
verlobt, so ganz aus Deinem Gedchtni gerissen?
    Vaso!?
    Ja, Vaso - den ein Jahr lang in Deiner Nhe Qual und Eifersucht verzehrt
haben, der sah, wie Du die Buhlerin warst der Feinde und Unterdrcker meines
Volkes, des kaltherzigen Inglesen, des grausamen Trken. Du, seines Harems Erste
und doch Nichts als die Sclavin seiner Lste! Und jetzt die Buhlerin der
prahlerischen Franzosen, die unsers Glaubens Schtzer bekriegen! - Ich war es -
ich - der zertretene vergessene Wurm - der Deine nchtlichen Wege belauschte,
whrend das Gold die Augen Eurer Wchter bestach! Ich war es, der Sali's Rache
hierher rief! Mein Auge verfolgte Dich, als Du unbemerkt Deiner Strafe zu
entrinnen gedachtest - meine Hand hat Dich ergriffen, - Du mut sterben,
Nausika, damit das hllische Feuer aufhrt, mich zu verzehren!
    Er hob die Hand mit dem breiten Dolchmesser bewaffnet zum Sto auf den
nackten Busen - schlaff, in Todesfurcht sanken die Arme der abtrnnigen Buhlerin
nieder, auf ihren bleichen Lippen verstummte der letzte Schrei - -
    Aber eine Hand erfate die Waffe und entri sie der seinen, - ein Arm stie
den in den Qualen der lang unterdrckten Eifersucht fast wahnsinnigen Mann
zurck - zwischen ihm und seinem Opfer stand Gregor Caraiskakis, finster,
drohend, die Hand bedeutungsvoll erhoben. - Der Ruf Nausika's hatte die Bande
der Lethargie gesprengt, wie es der deutsche Arzt voraus gesehen.
    Kennst Du mich?
    Capitain Caraiskakis? - Sein Daumen schlug das Verbrderungszeichen der
Elpis.
    So wage es nicht, das Blut dieses Weibes zu vergieen - um ihres Erzeugers
willen, Deines und meines Freundes! Das Leben ist das einzige Gut der
Gesunkenen. Bei dem Zeichen, das uns verbndet, rette sie vor ihren Verfolgern.
    Die Nedela, ihn erkennend, hatte sich zu seinen Fen geworfen und umschlang
sie schmeichelnd. - Mein Gebieter, mein Freund! Nausika ist glcklich, da sie
Dich gefunden, Licht ihrer Augen! Sie wird die treue Sclavin sein Deines
Willens!
    Der bleiche Patriot sah mit verchtlichem Blick auf sie nieder; sein Fu
machte sich frei von ihr und stie sie zurck. - Als ich Dich retten wollte und
Dir meinen Namen geben um des Mrtyrers, Deines Vaters willen, fhrtest Du mich
zum Morde! Als ich das Blut Deines Buhlers vergossen, riefest Du die Schergen
des neuen zu meiner Verfolgung und warfest Dich zum zweiten Mal in die Arme des
verfluchten Geschlechts, das Deinen Vater getdtet. Geh' - meine Schuld an Dir
ist gelst und jene Nacht im Fanar zum Fluch an mir geworden; die Geliebte
Gregor Caraiskakis' durfte einzig das Vaterland sein!
    Was gebietest Du, Capitano, da ich thun soll?
    Fhre sie mit Dir, aber sichere ihr Leben; - thue mit ihr, was Du willst,
was sie verlangt. - Nimm! - Er kehrte mit festem Schritt in das zweite Gemach
zurck, nahm aus dem Schrank des Briten eine Brse voll Geld und warf sie mit
der leichten Seidendecke, die sein Lager bot, der Odaliske zu. Vaso reichte ihr
die Hand. - Komm! sagte er.
    Wohin?
    In Sali's Harem zurck, wenn Du willst. Du kannst es sicher betreten, denn
eine Andere hat Deine Stelle auf dem Meeresgrunde eingenommen, und Dein
lgnerischer Mund wird ihn leicht berreden, wenn er von Stambul zurckkehrt und
Dich findet, da Du es niemals verlassen. - Oder la uns zusammen fliehen nach
Demetri in's Griechenquartier und uns dort verbergen, bis wir nach unserer
Heimath entweichen knnen. Die Panagia wird mir helfen, zu vergessen, was Du
gewesen bist! Die alte Liebe hatte in dem schwachen, lenkbaren Herzen des
jungen Mannes wieder die Oberhand gewonnen.
    Sie hllte sich in die Decke und blickte auf ihn und den Capitano. - Komm!
    Wohin, Nausika?
    Ich heie Nedela und bin nicht fr Dein Elend geboren. In das Harem
Sali's!
    Caraiskakis wandte sich verchtlich ab; er wies stumm nach dem Aufgang zur
Plattform des Daches, von der man zur obern Terrasse gelangen konnte. Die
abtrnnige Odaliske folgte mit festem Schritt ihrem Begleiter, um, zwischen den
Mauern der Grten niedersteigend, einen Kak zu suchen, der sie zurck an's
andere Ufer fhren sollte. - - -
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    Wenige Minuten, nachdem sie verschwunden, kehrte der Baronet, von Abdallah,
dem franzsischen Offizier und dem Kiradschia begleitet, nach dem Pavillon
zurck. Zu ihrem hchsten Erstaunen fanden die beiden Ersten den Kranken bleich,
aber im vollen Wiederbesitz seiner Glieder und seiner Sprache, auf dem Lager
sitzen, das ihn so lange als eine lebendige Leiche getragen.
    Mashallah! Ein Wunder ist vor meinen Augen! Gesegnet sei die Stunde Deiner
Auferstehung!
    Was ist geschehen, was hat sich ereignet? - Sie sind genesen, mein - mein
Schwager? Der Baronet streckte zgernd die Hand nach ihm aus. Caraiskakis
ergriff sie ernst, doch freundlich, whrend er seine Linke dem Araber reichte.
Doch der junge Mann, der sein erstes Staunen bewltigt, trat einen Schritt
zurck. Warum zgert Abdallah ben Zarujah, die Hand eines besiegten Feindes
anzunehmen, nachdem er ihm hundert Wohlthaten erwiesen?
    Der junge Scheik kmpfte sichtlich mit sich selbst. Du bist ein tapferer
Christen-Aga, sagte er dann; aber Dein Antlitz erinnert mich an Einen, der die
blutige Rose von Skadar mir gestohlen und verschwunden ist mit ihr und Scheitan,
ihrem Hunde, ohne Spur seit dem Tage, da die Christenheere vom Bjelbek nach der
groen Feste der Moskows zogen. Ich mu wissen, was aus Fatinitza, der Rcherin,
und dem Manne geworden ist, den ich gefangen nahm und den sie von mir forderte
fr das Kleinod der Zarnjah.
    Wenn Du meinen Bruder Nicolas meinst, tapferer Emir, der, wie ich
vernommen, ein Trkenmdchen aus Skadar liebte, sagte der Grieche nach einigem
Sinnen, so kann ich Dir keine Auskunft ber ihn geben. Er zog nach Ssewastopol
in der Zeit, die Du erwhnst, mit einem wichtigen Auftrag, aber keine Kunde ist
seitdem zu mir gedrungen von ihm, trotz allen Forschens.
    Die Albanesen, die ich zurcklie, sahen ihn, das Weib und den Hund
hinausfahren auf schwankem Boot in die Wste der Gewsser.
    Dann frage Den da, sprach finster der Grieche, indem er auf den Baronet
wies; er erzhlte ihr Schicksal in Deiner und meiner Gegenwart, ohne da ich
wute, wen es betraf. Sie Beide, die Du suchst in Ha und Liebe, ruhen lngst
auf dem Felsenboden des Meeres vor Ssewastopol. Auf dem Schiff, das ihn damals
trug, sah man sie versinken, das Weib, den Mann und den Hund, an dem Morgen nach
dem Tage, von dem Du sprichst.
    Er schwieg, - der Araber reichte ihm jetzt die Hand, dann verhllte er das
Gesicht mit dem blutigen Burnus, den er trug. Nur Paswan, der Kiradschia, hatte
von den Anwesenden das Gesprch verstanden, das in trkischer Sprache gefhrt
worden. Nach einer Weile nherte er sich mitleidig dem jungen Scheik, und
versuchte seinen Arm zu entblen, um nach der Wunde zu schauen, die ihm der
Handjar des Tschokodars geschlagen.
    Edward Maubridge, fuhr der Grieche, zu diesem gewendet, mit feierlicher
Stimme fort, der allmchtige Wille Gottes hat mich zum Leben auferstehen lassen
durch die Gefahr Einer, die wir Beide in Snden kennen. Frage nicht und forsche
nicht nach ihr, so wenig, wie ich fragen mag, wie sie hierher gekommen, wir
haben mit Wichtigerem unsern Geist zu beschftigen. Wir Beide haben schwer
gefehlt, la uns vergeben, um Diona's willen. Das Kind, das Du suchst, der Knabe
meiner Schwester und der Erbe Deines Namens ist in Ssewastopol, so Gott ihn seit
meiner Verwundung beschtzt hat, wohl und krftig, in der Familie des Popen
Basili Polatnikow, des Kaplans des Wladimir. Ehe wir scheiden fr immer, will
ich ein Schreiben in Deine Hand legen, auf welches das Kind und jede
Legitimation Dir ausgeliefert werden soll. Mache gut an ihm, was Du an seiner
Mutter verbrochen.
    Bei der Ehre meines Namens, sagte der Baronet mit Kraft, es soll der
einzige Zweck vom Rest meines Lebens sein. Auch mich hat die Hand Gottes schwer
getroffen, und sein Auge sieht die Reue eines Mannes. Warum aber willst Du -
jetzt mein Bruder - mich wieder verlassen und zu jenem unseligen Kampfe
zurckkehren, der uns so Vieles geraubt hat?
    Nicht zum Kampf - nicht in die Schlacht! Ich bin ein Sohn des Unglcks, und
habe Verderben gebracht ber Alle, die ich liebte: Diona - Janos - dem deutschen
Freunde, ihr, der Gefallenen und dem letzten Bruder, den ich hatte. Mein Arm ist
nicht mehr gemacht fr den Kampf des Kreuzes, und wenn ich diese Sttte
verlasse, geht mein Weg zum Athos, zu den Klstern meines Volkes. Auf jenen
freien Felsenhhen wird Gregor Caraiskakis sein Leben schlieen im Gebet fr den
Sieg, den Triumph seines Vaterlandes und die Seelen Derer, die ihm
vorangegangen.
    Er schwieg - das Haupt in die Hand geneigt. Selbst der franzsische Offizier
wagte es nicht, die Stille zu unterbrechen, obgleich er wenig von Dem, was um
ihn her vorgegangen, begriffen. Er sah, da von Celeste auch hier keine Spur zu
finden, und das schreckliche Schicksal, dem sie im Augenblick des hchsten
Uebermuths verfallen, machte ihn schaudern und einen tiefen Eindruck auf sein
Gemth. Wir wollen hinzufgen, da am andern Morgen alle Nachforschungen der
franzsischen Behrden natrlich keinen Erfolg hatten, und da der Graf nach der
Einnahme Sebastopols als ernster und geprfter Mann nach Frankreich
zurckkehrte, whrend die meisten seiner Kameraden bei der furchtbaren Orgie auf
den Wllen des Malachof sielen. -
    Erst der Kiradschia strte nach einer Weile die Stille. Er hatte den Arm
seines Lebensretters halb mit Gewalt entblt und die Wunde untersucht, als
pltzlich seine Hand zu zittern begann, und er aufmerksam, fast erschrocken in
das ernste Antlitz des jungen Scheik sah. Was ist das? Um der gebenedeiten
Mariam willen, die auch Du verehrst, Emir, was bedeutet dies Zeichen? Sein
Finger wies auf zwei verschlungene Buchstaben, die auf der Schulter des jungen
Arabers blau eingezt waren. Wie kommt das Namenszeichen meines Freundes Melek
Ibrahim, des Oda-Baschi der Zagrandschi's auf Deinen Arm?
    Meine Mutter stach es mir ein, da ich ein Knabe war, zum Gedchtni ihres
verlorenen Bruders, der es gleichfalls auf seiner Schulter trug.
    Und Deine Mutter - sprich - woher kam sie, wie heit sie?
    Zuleika, Freund. Mein Vater fand sie als fnfjhriges Kind, halb todt,
verschmachtet auf dem Wege der Karavane zur Kabah von Mekka. Ein hartherziger
Sclavenhndler hatte die Kranke dort zurckgelassen. Mein Vater, damals ein
Jngling, wie ich, fhrte sie zu den Zelten unsers Stammes und nahm sie sechs
Sommer spter zum Weib, da sie schn geworden, wie der Duft der Blumen aus den
Oasen.
    Und sie - woher kam sie, wei sie sich Nichts aus ihrer Kindheit zu
erinnern?
    Du siehst, Freund, da sie des Zeichens gedachte, das ihr Bruder trug. Sie
wute, da sie ber's Meer gekommen, und da ihr Vater einer der tapfern
Jenethtschjieri gewesen, die der Wille des Groherrn verflucht hat. Die Mnner
der Wste kmmern sich nicht um den Zorn des Padischah, und da mein Vater ein
Tapferer war, nahm er die Tochter eines Tapfern unter seine Frauen.
    Lebt sie noch?
    Zuleika, die Gattin Omars, weilt unter den Lebendigen und harret der
Heimkehr ihres Erstgeborenen. Aber die Gebeine meines Vaters ruhen in der Wste
von Yemen, und das Blut der verfluchten Magrebi ist geflossen, sie zu rchen.
    Ich glaube Dir, Emir, - aber hre mich an, Sohn! Der Vater Deiner Mutter
lebt, er beweint seine Kinder, und Dich zu schauen, seinen Enkel, wrde Wonne
sein fr die greisen Augen!
    Der Emir sah ihn erstaunt an. Deine Worte sind s fr mein Ohr, alter
Mann. Doch der weise Lokmann sagt: Glaube nicht Das, was Dir wohlklingt, bevor
es die Probe bestanden.
    Bei Deinem und meinem Gott, Emir, es kann kein Zweifel hier sein. Melek
Ibrahim, der Oda-Baschi, wohnt in den Felsenklften des Balkan bei meinem Volk
und wird Dich gern als seinen Enkelsohn erkennen. Ich verlasse morgen in aller
Frhe diesen Ort und ziehe nach Norden, denn hier droht mir Gefahr nach Dem, was
diese Nacht geschehen. Komm' mit mir, wenn Du kannst, und nimm das Erbe, das wir
fr Dich bewahrt haben.
    Der Emir reichte ihm die Hand. Mein Kismet hier ist erfllt, sagte er
traurig. Achmet, mein Milchbruder, fhrt die Leute meines Stammes an meiner
Statt, die, wie ich vernommen, Iskender-Pascha nach Batum gefolgt sind. Ich bin
frei und werde Dich begleiten. Vielleicht, da das Wort eines weisen Greises
Frieden giet in meine Seele, die tief betrbt ist. Ruhe jetzt, alter Mann, von
den Schrecken des Abends, Abdallah wird fr Euch wachen und am Morgen mit
Eidunih, seiner Stute, bereit sein!
    Er setzte sich auf die Schwelle des ueren Gemachs und schaute ber den
offenen Balkon hinaus auf die im Sternenlicht tanzenden Wellen des Bosporus.
    Wie hier die buhlerischen Odalisken, die leichtfertige Tochter des fernen
Paris, - so deckten sie dort im Norden das Weib seiner ersten Liebe. - Fahre
wohl, junger Ritter der Wste!

                                    Funoten


1 1350.

2 Divisions-Generle.

3 Redan.

4 Es ist Thatsache, da eine Gesellschaft franzsischer Offiziere die Frauen,
die sie aus einem Harem zu sich gelockt, ohne Weiteres verlie und der Rache des
beleidigten Trken preisgab.


                                 Der Malachof.

Wir sind am Schlu unsers Buches - noch ein Mal rollt der Vorhang auf, Dir
flchtig die blutigsten Bilder zu zeigen; - dann, Leser, scheiden wir! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Sturm am 6. Juni hatte nicht blos die Lnette Kamtschatka - den Mamelon
- sondern auch die beiden andern vorgeschobenen Werke, die Selenginski-und
Vohlinski-Redoute nach einem heftigen Kampf und Blutbad in die Hnde der
Franzosen gebracht. Sie verloren an 3000 Mann, darunter den General Lavarande,
die Russen nicht viel weniger mit dem General-Major Timotjef. Die beiden
Redouten wurden gesprengt, der Mamelon unter dem Namen Brancion-Redoute zu einer
Batterie gegen den Malachof umgewandelt. Bosquets Lorbeeren rgerten jedoch
General Pelissier und er entfernte ihn daher vor dem beabsichtigten groen
Sturm, indem er ihm den Ober-Befehl der Tschernaja-Linie bertrug.
    Man schien absichtlich den Jahrestag der napoleonischen Erinnerungen zu
whlen, selbst der traurigen, und da zum 14. - dem Tag der Schlacht von Marengo
- die Vorbereitungen nicht vollendet werden konnten, whlte man den 18. - den
Tag von Waterloo - zum Sturm auf den Malachof, um den Englndern zu zeigen, da
man zu siegen verstehe. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Die
Divisionen Mayran, Brnet und d'Autemarre - das Bosquet'sche Corps war zum
groen Nachtheil fr den Erfolg durch die Eifersucht Pelissier's getrennt - mit
der Garde sollten den Malachof, die Englnder den Redan angreifen, nachdem am
Morgen des 17. auf der ganzen Belagerungslinie ein heftiges Bombardement
erffnet worden, whrend dessen 20,000 Kugeln und 10,000 Bomben von den
Franzosen auf die Festung geworfen wurden.
    Aber die Russen waren auf den Angriff vorbereitet und, wie heldenmthig auch
der Ansturm der Franzosen war, die zwei Mal bis in das Werk drangen und sich in
der Vorstadt festsetzten, sie wurden mit furchtbarem Verlust geworfen, da sie
ohne Untersttzung durch die Englnder blieben, deren Angriff vollkommen
verunglckte. General Mayran fiel, Brnet wurde durch die Brust geschossen, fast
smtliche Regiments-Commandeure waren verwundet, die Franzosen verloren als
kampfunfhig gegen 6000 Mann, die Englnder an 2000; auch der russische Verlust
betrug 5000. An einzelnen Stellen um den Malachof lagen die franzsischen
Leichen vier Ellen hoch bereinander; die Bedienungsmannschaften der Geschtze
im Malachof hatten drei Mal ersetzt werden mssen; von der Compagnie des tapfern
Szewski-Regiments, welche die Batterie Gervais vertheidigt, waren noch 35 Mann
am Leben. - Entsetzlich waren die Scenen, die sich bei dem von den Alliirten
begehrten Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Leichen zeigten. Die Geier
hatten sich auf dem Schlachtfelde bereits gesammelt; ein Augenzeuge berichtet,
da er auf dem Wahlplatz einen englischen Offizier fand, der, tdtlich
getroffen, noch Kraft genug hatte, in der krampfhaft geballten Faust einen Vogel
zu erwrgen, der an ihm zu nagen begann.
    Mit dem verunglckten Sturm auf den Malachof trat gewissermaen eine Pause
in der Heftigkeit des Kampfes ein; man begngte sich, die Belagerungsarbeiten
fortzusetzen, mit der Sappe immer nher und nher an die Festungswerke heran zu
dringen und den Kreis der Trancheen enger zu schlieen. Die Lnge derselben
betrug zu dieser Zeit bereits 17 Stunden; 85 franzsische Batterieen waren
errichtet, freilich nicht ohne den bedeutendsten Verlust, denn der Bau der
einzigen Batterie Nr. 22 mit nur 3 Geschtzen kostete allein 865 Mann. Der
Minenkrieg begann gegenseitig jetzt nach allen Richtungen zu spielen, auf
russischer Seite von dem Stabs-Capitain Melnikoff geleitet, der in Totlebens
Stelle trat, als dieser zu Anfang Juli am Fu verwundet wurde und gegen Ende
August, noch nicht geheilt, doch wieder in den Werken erschienen auf's Neue
erkrankte, und auf Befehl des Frsten Gortschakoff nach Symferopol gebracht
wurde. Mit welcher Aufopferung die Soldaten an dem berhmten Schpfer der
Vertheidigung von Sebastopol hingen, beweist der Zug, da, als whrend des
Sturmes vom 18. auf den Malachof eine 7 Pud schwere Bombe gerade neben dem
General niederfiel und der Luftdruck ihn ohnmchtig zu Boden warf, sechs
Soldaten herbeisprangen und ihn mit ihren Krpern deckten. Fnf wurden
augenblicklich getdtet, der sechste schwer verwundet, whrend Totleben damals
mit einer leichten Contusion davonkam.
    Am 11. Juli, Abends 8 Uhr, fiel der Dritte des Heldenkleeblatts der
russischen Admirle: Nachimoff, als er von der Brustwehr des Malachof die Feinde
recognoscirte. Wie an Lord Raglan's Begrbni, der am 28. Juni an der Cholera
gestorben, die Russen ihre smtlichen Geschtze schweigen lieen, so ehrten die
Franzosen mit gleicher stummer Huldigung das Andenken des tapfern Gegners.
Sechszehn Stunden hatte er nach seiner Verwundung in den Kopf noch gelebt; als
er sein Ende fhlte, wandte er sich zu den Matrosen der 39. Tschernanor'schen
Flottenequipage, die ihn schluchzend umringten mit den Worten: Kinder, verget
nicht, das Kreuz (die Kriegsflagge) vor dem Feind wie bei Sinope an den groen
Mast zu heften! Sein Tod machte auf die ganze Besatzung den tiefsten Eindruck
und stimmte sie zu verzweifeltem Muth. Als der Sarg in die Gruft der
Wladimir-Kathedrale sank, schwor General Chruleff: Dein Denkmal, braver
Seemann, soll Berge feindlicher Leichen werden! und: Da budet tak! (So soll es
sein!) rollte durch die beiwohnenden Regimenter.
    Die Zahl der tapfern Seeleute in der Festung war gewaltig geschmolzen,
obschon am Tage vor dem Sturm 2000 Matrosen der vernichteten Flotte des
Azow'schen Meeres eingerckt waren. Von den 36 Marine-Offizieren, welche bei
Beginn der Belagerung die Batterieen kommandirten, war noch Einer kampffhig.
Aber Begeisterung und fester Todesmuth erfllte Offiziere wie Soldaten. Am 8.
Juli weihte der Erzbischof von Cherson und Taurien, Innocenz, auf dem
Catharinen-Platz die versammelten Truppen und reichte ihnen das Abendmahl. Sie
schworen, auf ihrem Posten zu sterben. Im Laufe des Juli trafen die 7. und 15.
Infanterie-Division in Ssewastopol ein, zu Anfang August aus Polen die 2. und 3.
Division des berhmten Grenadier-Corps, so da die russische Armee der Krimm
trotz aller Verluste zu Anfang September wieder 160,000 Mann zhlte.
Fnfunddreiigtausend Arbeiter waren allnchtlich mit der Ausbesserung der
Schden beschftigt, welche die Kanonade des Tages an den Wllen verbt, oder
errichteten neue Vertheidigungswerke. Fortwhrend suchten die Belagerten durch
kleinere und grere Ausflle die Arbeiten des Feindes aufzuhalten, die
bedeutendsten erfolgten in der Nacht zum 25. Juli, 2. und 15. August. Am 28.
verursachte eine russische Bombe im Mamelon eine furchtbare Explosion, die an
200 Mann tdtete und verstmmelte.
    Auch die Verluste der Alliirten waren entsetzlich. Bis zum Juni hatten die
Franzosen bereits 80,000 Mann durch Krankheit und Wunden vor Sebastopol
eingebt, die englische Armee war zwei Mal fast vollstndig erneut worden. Von
den Anfang Mai eingetroffenen 15,000 Sardiniern waren nur noch 8000 kampffhig,
2000 schon bis zum 1. August an der Cholera gestorben. Die Miasmen, die sich aus
den Leichenfeldern und aus der versumpfenden Tschernaja entwickelten,
verbreiteten, im Verein mit dem acuten Wechsel der Witterung - whrend des Tages
oft 31-34 Wrme, des Nachts kaum 3-4 - Seuchen, nachdem die Cholera im August
nachgelassen, den Typhus und Scorbut in desto grerer Heftigkeit. Es wurden
whrend des Monats tglich 6-800 Kranke auf den Schiffen in die Spitler am
Bosporus transportirt. Durch das Feuer der Russen, die durchschnittlich in 24
Stunden 4000 Schsse thaten und 600 Bomben warfen, war der Verlust in den
Laufgrben, je mehr sie sich den Werken nherten, desto entsetzlicher.
    Die Stimmung, die sich ziemlich offenkundig in der Armee kund gab, lie
nicht frei von Besorgnissen. Offiziere und Soldaten sahen sich nutzlos decimirt
und als Beute von Krankheiten und Anstrengungen. Die tglichen Verluste in den
Laufgrben, whrend mit jedem Morgen neue russische Werke aus der Erde zu
wachsen schienen, ermatteten auch den Strksten. Die Garden selbst schickten
Deputationen an den Generalissimus mit der Bitte, ihr allzu auszeichnendes
Lederzeug ablegen zu drfen, und General Reynault forderte gleich heftig ihre
grere Schonung, wie man frher auf ihre Theilnahme am Dienst bestanden; man
verlangte mit dem Muth der Verzweiflung nach einem neuen allgemeinen Sturm, um
zu sterben oder zu siegen, denn Allen graute vor einer nochmaligen
Ueberwinterung und schwerlich htte man sich dieser gefgt. Als auch der
Napoleonstag, der 15. August, ohne den gehofften Sturm vorbergegangen war,
kamen mehrmals Flle der offenen Renitenz vor, wenn die Regimenter zum
Laufgrabendienst beordert wurden. Dazu zeigten sich wieder hufig unter allerlei
Verkleidungen Emissaire der revolutionairen Propaganda im Lager und begannen
ihre Whlereien. General Pelissier verkannte die Gefahr nicht und ergriff
verschiedene Maregeln, um die Aeuerungen des Mivergngens zu unterdrcken, da
er zu gut einsah, da er nicht Alles auf einen letzten entscheidenden Wurf
setzen durfte, ohne dessen Erfolg mglichst gesichert zu sehen. Die erste
Maregel war die Ausweisung der franzsischen Correspondenten, selbst der
officiellen Journale, die der Generalissimus am 14. Juli auf ein Schiff packen
und nach Constantinopel bringen lie; - freilich blieben die weit ungenirteren
englischen zurck! In Kamiesch wurde eine frmliche Militair-Censur-Commission
eingesetzt, welche alle abgehenden Briefe controllirte und jede Klage
unterdrckte. Hierauf folgte die Entfernung Canrobert's, der, so oft er sich
zeigte, der Gegenstand von Ovationen der Soldaten war. Der General inspicirte -
es war am 26. Juli - gerade die Laufgrben, als Pelissier ihm in Abschrift eine
Stelle aus der Depesche des Kriegsministers zugehen lie, wodurch der Kaiser
ihn, im Interesse seiner Gesundheit, zur Rckkehr aufforderte. Canrobert
antwortete auf der Stelle, da er sich nur einem ausdrcklichen Befehl fgen
werde, und schon am 29. war dieser durch den Telegraphen da. Der General verlie
am 4. August die Krimm, von seinem glcklichern Rivalen wenigstens beim Scheiden
noch mit allen Ehren umgeben.
    Schon lange vorher, ehe dies geschah, hatten die Belagerer einen neuen
Angriff der russischen Armee von der Tschernaja her erwartet und vollkommen Zeit
gehabt, sich darauf vorzubereiten und ihre Stellung zu befestigen. Er erfolgte
am Morgen des 16. August - bekannt unter dem Namen der Tschernaja-Schlacht, oder
der Schlacht an der Traktir-Brcke. Die Russen stiegen unter den ungnstigsten
Verhltnissen aus ihrer gedeckten Stellung in das Tschernaja-Thal nieder,
berschritten den Flu und gingen die gegenber liegenden wohlbefestigten Hhen
hinan, zuerst die Trken und die verschanzten Sardinier angreifend. Bald aber
lie sich, gegen die ausdrckliche Disposition des Oberbefehlshabers, General
Read von seinem Ungestm fortreien, mit dem rechten Flgel die gesicherte
berlegene Stellung der Franzosen an den Fedhujini-Bergen zu strmen und hier
die Schlacht zu engagiren. Drei Mal gewannen die Russen die Hhen, drei Mal
wurden sie von Bajonnet und Karttschen zurck geworfen, und der Tod mhte in
ihren Reihen. General Read bte seine Verwegenheit mit dem Leben - vier Strme
der Freiwilligen, um seine Leiche zu holen, warfen die franzsischen Karttschen
nieder; General-Major Weymarn, sein General-Stabs-Chef fiel - auf dem Rcken
trug sein Adjutant, der gigantische Lieutenant Stolypine, den Krper des
geliebten Fhrers aus dem Getmmel; an der Seite des russischen Generalissimus
wurde General Wrewski getdtet, nachdem er, zwei Mal schon getroffen, verweigert
hatte, sich zurckzuziehen. Nutzlos, vergeblich opferten die tapfern Grenadiere
immer und immer wieder ihr Leben, bis General Kotzebue, die Unmglichkeit des
Gelingens, das Zwecklose des Blutbades erkennend, vom Pferde sprang und auf dem
Sattel die Ordre zum Rckzug an die engagirten Divisions-Chefs schrieb. Eine
Granate schlug neben ihm nieder und platzte, whrend sich die Umgebung eilig
zurckgezogen, ihn mit einer Wolke von Staub und Splittern bedeckend. Als sie
sich verzogen, sah man den General ruhig fortschreiben und erst, nachdem er
geendet, das Blut von der Stirn trocknen.
    Weit ber 3000 Russen, 1100 Franzosen, an 900 Trken und 200 Sardinier
deckten den Kampfplatz, das Flubett war gefllt mit Leichen. Die Sardinier
verloren den General Montevecchio, auch von den franzsischen Fhrern waren
viele verwundet, darunter der tapfere Oberst der dritten Zuaven, Polkes. - Auf
die Belagerung selbst hatte die Schlacht keinen Einflu.
    Dagegen vermehrte sie die Spaltung zwischen den franzsischen und englischen
Truppen, die schon nach dem Sturm am 18. Juni, dessen Milingen man den
Englndern geradezu Schuld gab, bedeutend hervorgetreten war und sich in
Uebermuth und Verhhnungen auf Seiten der Franzosen offen kund gab. Die
Erbitterung brach in hundert Zgen aus, als die englischen Soldaten das
Tschernaja-Schlachtfeld, das nicht ihr Blut gekostet, auf eine so schaamlose
Weise plnderten, da 6 Stunden nach beendigtem Kampf nur die nackten Leichen
noch dort lagen und General Simpson selbst in einem Tagesbefehl vom 20. seinen
Truppen ihr Benehmen vorwarf. Man mute zuletzt den franzsischen und englischen
Soldaten verbieten, dieselben Schankboutiken zu besuchen.
    Am 17. August lie General Pelissier das Feuer auf's Neue verstrken;
whrend der zweiten Hlfte des Monats wurde in Kamiesch Tag und Nacht Munition
ausgeladen und nach den Batterieen gebracht. Fortwhrend trafen neue
Verstrkungen ein, am 24. General Mac-Mahon, der geprfte Afrikaner, 1840 noch
Bataillons-Commandant der Vincenner Jger, dann Oberst in Algerien, wo er sich,
um sich vor dem Herzog von Orleans auszuzeichnen, auf einem Zug gegen die
Kabylen an der Spitze seines Regiments auf den drei Mal strkern Feind warf,
sein rechtes Auge verlor, aber zum General ernannt wurde. Er trat an Canrobert's
Stelle.
    Die Zeit eilte - und der dem General Pelissier im Geheimen gesetzte Termin
nahte heran; Depesche auf Depesche brachte der Telegraph und der hitzige, durch
die nicht erfllte Hoffnung auf den Marschallsstab am 15. August erbitterte
General sandte die berchtigte Antwort: Sire, wenn Sie glauben, es besser
machen zu knnen, so kommen Sie selbst!
    In den ersten Tagen des September endlich war man mit der Sappe so weit
vorgedrungen, da die Spitze der franzsischen Trancheen nur noch 30 Metres (90
Fu) von den Werken des Malachof entfernt war; schon mehrere Tage konnten sich
die Gegner sprechen hren. Der allgemeine Sturm wurde beschlossen.
    Am 5. September begann die letzte allgemeine Kanonade, bestimmt, die
Bastionen, - schon lngst kaum mehr als ein Schutthaufen - vollends zusammen zu
schmettern. Sechshundert franzsische und 200 englische Feuerschlnde grten
Kalibers erffneten ein Feuer, welches die Erde ringsum erbeben lie und selbst
in der Entfernung einer Viertelmeile nur in den Pausen gestattete, sich anders,
als durch Zeichen verstndlich zu machen.
    Die Festung antwortete in gleicher Weise, obschon an vielen Stellen die
Trancheen der Gegner so weit vorgedrungen waren, da sie unter dem Niveau der
Geschtze lagen. Die Zerstrung im Innern war furchtbar. Die Erde innerhalb der
Werke und um sie her war von Kugeln so aufgepflgt, da nicht ein Sandkrnchen
an seinem Orte geblieben, sie war mit Flintenkugeln, Karttschen,
Granatensplittern, Kanonenkugeln und Bomben vollstndig bedeckt. Wir fhren
beispielsweise blo die Thatsache an, da vom 22. Mai bis 10. Juni die
russischen Soldaten und Matrosen auf der ganzen Vertheidigungslinie an Blei von
feindlichen Kugeln 1960 Pud (78,400 Pfund) und 1015 achtzigpfndige, nicht
geplatzte Bomben sammelten, aber das machte kaum ein Drittel, da zwei Drittel im
Wall oder in den Mauern stecken blieben und nach der Stadt und den Buchten
hinber flogen. Schon im Mai waren gegen 500 Huser von Grund aus zerstrt,
selbst das Straenpflaster aufgewhlt. Ende August waren nur wenige Gebude
bewohnbar, die Lazarethe und alle Breau's nach Fort Paul und Fort Nicolaus
verlegt. In dem letztern wohnte der Commandant Kismer mit mehr als 20,000
Menschen. Der Bericht Pelissier's giebt an, da whrend der 336 Tage der
Belagerung ber 1 Million 600,000 Schsse aus 800 Feuerschlnden, also
durchschnittlich tglich 4434 Schsse auf die Stadt geschehen. Die
Vertheidigungswerke waren smtlich so zu Staub zermalmt, da die Erdarbeiten
kaum noch auszubessern waren, und Frst Gortschakoff, - nachdem bereits am 5.
und 6. August eine Pontonbrcke ber den Handels- und Kriegshafen zur bessern
Verbindung der beiden Stadtseiten geschlagen worden, - fr den Rckzug nach der
Sievernaja (der Nordseite) eine Brcke ber die Bucht zu schlagen beschlo.
General Buchmeier, der Chef der Ingenieure, fhrte, unter dem Kugelregen der
Feinde, mit Hilfe des Contre-Admirals Suckow und Oberst Narew dies Riesenwerk in
15 Tagen aus, und die schwimmende Balkenbrcke von 1500 Schritt Lnge und 9
Schritt Breite, zwischen den Forts Nicolaus und Michael die Ufer verbindend,
wurde am 27. August eingeweiht. In der Nacht zum 6. August ward das erste
russische Linienschiff, die Mariam durch die Bomben der Alliirten in Brand
geschossen.
    Es ist eine entsetzliche Thatsache, da in den letzten neun Tagen dem
Bombardement und den Krankheiten tglich viertausend Mann in der Festung zum
Opfer fielen!
    Whrend die Franzosen und Englnder so ihre Vorbereitungen zur Entscheidung
des Kampfes trafen, sahen die Trken immer mehr ein, welch berflssige Rolle
sie in der Krimm spielten und Omer-Pascha traf, schwer erbittert ber die
erfahrenen Zurcksetzungen, am 18. Juli in Constantinopel ein, den Sultan fr
eine Verlegung des Kampfplatzes zu gewinnen. Seine Plne wurden jedoch
hintertrieben und Mitte August Iskender-Bey, jetzt Iskender-Pascha (Graf
Ilinski), der bei Eupatoria von dem russischen Oberstlieutenant Wimmer mit
schweren Sbelhieben verwundet worden, mit der Cavallerie, gegen Ende des Monats
der Serdar selbst mit dem grten Theil der Infanterie nach Klein-Asien
geschickt zum Entsatz von Kars, das von General Murawieff und den Frsten
Andronikoff und Bebutoff schwer bedrngt war. Die Stelle der trkischen Truppen
in Eupatoria nahmen die englischtrkischen Baschi-Bozuks ein, welche durch die
offene Emprung am 7. Juli in Dardanelli und ihre dort verbten Greuelthaten
eine Probe von der Organisation geliefert, die ihnen General Beatson - bei dem
Aufruhr verwundet - und Vivian beigebracht hatten. In Constantinopel selbst war
Ende August Mehemed-Ali wieder zum Kapudan-Pascha ernannt worden und die
alttrkische Partei auf's Neue an's Ruder gekommen. Der Hat-Humayum, diese
gromthige Erwerbung der alliirten Mchte zu Gunsten der christlichen
Bevlkerung, an die Stelle des Tansimats und der Forderungen Rulands gesetzt,
blieb ein Spiel in den Hnden der fanatischen Pascha's und ohne alle Wirkung.

    Die Folgen der Trennung der Bosquet'schen Divisionen waren bei dem Sturm am
18. Juni zu klar hervorgetreten, als da der Generalissimus fr die Erreichung
des Hauptzweckes nicht jede kleinliche Rivalitt htte aufgeben sollen. General
Bosquet war mit seinem Corps nach der Tschernaja-Schlacht wieder in die
Belagerungs-Linien eingerckt, und das 3. Zuaven-Regiment, jetzt kommandirt von
Colonel Mricourt, hatte sein frheres Lager am Sapun wieder bezogen.
    Der alte polnische Oberst hatte das Feldlager nicht wieder verlassen,
obschon er nach jener traurigen Tuschung jede weitere Hoffnung und Bemhung
aufgegeben, das Schicksal seines Enkels lenken zu knnen. Die Theilnahme, die
Mricourt diesem bewiesen, hatte ihn hufig in seine Gesellschaft gezogen, bis
der Colonel ihm eine frei gewordene Baracke auf dem Sapun anbot. Er bezog sie
zusammen mit dem von Constantinopel zurckgekehrten Baronet. Die beiden trben
und wortkargen Gefhrten paten gut zu einander. -
    Es war am Mittag des 7. September, als der alte Propagandist allein in der
Htte sa, auf einer umgestlpten Tonne schreibend und von Zeit zu Zeit mit
traurigen Gedankenbildern auf den Donner hrend, der, Luft und Erde
erschtternd, von den Wllen und Batterieen herauf rollte. Den Eingang
verdunkelte eine Gestalt und aufblickend gewahrte er einen der Armenier, die als
Handelsleute das Lager durchstreiften. Unwillig, gestrt zu werden, winkte der
Oberst ihm, fortzugehen, der Fremde legte jedoch zu seinem Erstaunen den Packen
von sich und setzte sich ihm gegenber auf eine Kiste, nachdem er sich
vorsichtig umgesehen.
    Der Lrmen, den die Kanonen dieser Soldateska machen, sagte der
Eindringling in italienischer Sprache, sichert uns wenigstens gegen das
Behorchen. Ist meine Verkleidung wirklich so trefflich, da ich erst dieses
Zeichens bedarf? - Er bog den Mittelfinger der linken Hand ein und streckte sie
gegen den Polen.
    Abb Cavelli? rief dieser mit Staunen.
    Still, lieber Graf - keine Namen! Sie knnten mich eben so gut den Banquier
Thomas, den Lord So und So und wer wei wie nennen, gegenwrtig bin ich der
Handelsmann Basil Aristarchi, wohlbekannt auf dem Bazar von Constantinopel, und
es gengt, da Sie ber meine Person im Klaren sind. Wir sind doch sicher hier?
    Ich erwarte keinen Besuch, Signor. Doch mu ich Sie auf Eines aufmerksam
machen - ich habe seit dem 28. April aufgehrt, Mitglied des Bundes zu sein und
...
    Der hchsten Gewalt Ihren Rcktritt zugleich mit der Warnung mitgetheilt,
die der Kaiser Napoleon so gtig war, uns zukommen zu lassen. Ich wei das Alles
und noch mehr, aber Sie werden sich erinnern, lieber Graf, da, wenn man nach
unsern Statuten auch berechtigt ist, die Function als thtiges Mitglied des
Rathes der Sieben niederzulegen - man doch nicht aufhrt, ein Wissender und
Gehorchender zu bleiben; - der Eid des Eintritts gilt fr das Leben, und ich
hoffe, da Graf Lubomirski ihn nicht brechen wird, wie ihn Andere in diesem
Lager gebrochen haben.
    Der Greis blickte ihn erstaunt an. - Sie kannten meine Stellung, Signor?
ich glaubte Sie blos Mitglied des fnften Grades?
    Ei, man schreitet vorwrts, Oberst, und wer wei, was aus dieser
unscheinbaren Hlle des Armeniers noch hervorgeht, spottete der Italiener. -
Doch, unsere Augenblicke sind gezhlt. Ihre Dienste, Signor Conte, hatten Sie
zu einem so hervorragenden Mitglied des Rathes der Sieben gemacht, da man Ihre
Thtigkeit und Ihre Erfahrung schwer vermit. Ich komme mit dem Auftrag, Sie um
den Wiedereintritt in den Rath zu bitten.
    Mein Entschlu steht fest, sagte der Andere. Ich habe das Recht, wie Sie
selbst zugestehen, alle Thtigkeit aufzugeben und ein Wissender zu bleiben, da
der Grad, den ich eingenommen, nicht mehr gestattet, mich ganz aus der
Gemeinschaft des Bundes zu entlassen. Ich bin ein Greis - meine Kraft ist durch
Manches, was Sie nicht interessirt, gebrochen, ich kann nicht mehr ntzen und -
gerade heraus, ich will es nicht. Die Erinnerungen meiner Jugend sind mchtig in
mir erwacht - ich mag nicht weiter kmpfen weder gegen das Haus Bonaparte, noch
gegen das Haus Romanow!
    Der Italiener lchelte verchtlich. - Ich kann nicht glauben, da Alter die
Nerven wirklich so verwelkt, um Geist und Kraft zu lhmen. Das Beispiel der
Diplomatie zeigt, da dem nicht so ist. Talleyrand hatte - Nesselrode und
Metternich haben trotz ihres hohen Alters ihren Geist bewahrt.
    Signor Abb, sagte der Pole, Sie sind im Verhltni zu mir jung, vor
Ihnen liegt noch die Welt; - ich wei nicht, welche Stellung Sie haben, denn Sie
sind ein Geheimni auch fr mich - aber ich will Ihnen eine Erfahrung sagen,
einen Rath geben. Die schrfsten Plne des menschlichen Hirns brechen oft an der
Schwche der menschlichen Herzen. Nicht das Alter allein ndert die Menschen,
jeder trgt seine Stelle im Innern, nennen Sie sie Grundstze, Laster oder
Gefhl, - wo er Egoist bleibt. Darum mssen Sie mit den Menschen, welche die
Mittel zur Ausfhrung der festen Plne sind, wechseln, wie Gott mit den
Geschlechtern der Menschen wechselt. Da sie diesen Egoismus, diesen Punkt, an
welchem die Willfhrigkeit aufhrt, nicht achteten, sondern ihn unterdrckten,
zwangen, das war der Fehler der grten Verbindung, der grten Verschwrer
aller Jahrhunderte: der Jesuiten.
    Der Abb schaute ihn nachdenkend an. - Der Rath hat sein Wahres! wir haben
in letzter Zeit dahin zielende Erfahrungen gemacht. Die Agenten zum Beispiel,
welche im Mrz 53 von der damaligen Versammlung ausgesandt wurden, sind fast
smtlich ihrer besondern Interessen und Ansichten wegen aus unsern Reihen
desertirt. Der Banquier Ripira wurde ein Verrther aus Furcht und Habsucht, die
spanische Tnzerin machten Eitelkeit und Blut ungehorsam und zur Maitresse eines
Russen, Ihnen, Signor Conte, galt das Leben eines Knaben mehr als die Zukunft
der Propaganda, den deutschen Arzt hat ein allzu zartes Gewissen gerhrt und von
den beiden Arbeitern hat den Einen seine Ungeschicklichkeit auf das Schaffot
gebracht, den Andern sein thrichter Begriff von Familienehre zum
enthusiastischen Soldaten gemacht.
    Der Graf schwieg.
    Ich komme so eben von einem Andern unserer Freunde, fuhr der Abb
spttisch fort, - ich habe General Pisani's Beichte gehrt, ein Geschft, das
ich natrlich besser verrichten konnte, als jeder Andere. Ihn hat der Ehrgeiz
und der Reichthum, wenn auch nicht abtrnnig, doch seine eigenen Plne vorziehen
gemacht, - jetzt mu er Beides verlassen, den neuen Rang und den Reichthum
seiner Frau. Wenigstens ist er Teufel genug, die Letztere mit sich zu nehmen! -
Sie haben Recht, Signor Conte, man mu die Werkzeuge nur so lange benutzen, als
ihre eigenen Interessen nicht mit den unsern collidiren!
    Signor, sagte der alte Mann entschlossen, das sind Gesprche, die uns
nicht zum Ziel fhren. In welcher Absicht haben Sie mich aufgesucht?
    Der Abbe sah ihn scharf an. - Ich erwhnte bereits, Signor Conte, da ich
den Auftrag htte, Sie zu uns zurckzufhren.
    Und ich erklrte Ihnen, da ich mich von jedem thtigen Antheil
zurckgezogen habe.
    Ist dieser Entschlu unwiderruflich?
    Er ist es.
    Auch dann, wenn ich den Auftrag habe, Ihnen dies zu bieten? - Er bergab
ihm eines der mehrerwhnten Kreuze - es zeigte neun Silberstifte. Der Pole
zuckte zusammen und sah ihn erstaunt an. - Sie - mit welchem Recht - das
Zeichen der hchsten Gewalt?
    Ich mu das Recht wohl haben, da ich Ihnen den Eintritt anbiete. Die Leiter
der Unsichtbaren wnschen Sie in ihrer Mitte zu wissen - um Ihres Vaterlandes
willen und da sich mchtige Dinge vorbereiten.
    Der Pole schttelte das greise Haupt. - Mir scheint es, Signor, der Bund
thte besser, gnstigere Zeiten abzuwarten - der Kampf mit den Dynastieen ist
nicht zu seinen Gunsten ausgefallen. Der Kaiser Napoleon -
    Hat morgen zu regieren aufgehrt. Was Pianori verfehlt, wird Bellamare
treffen. Wenn jener Mann heute, morgen oder bermorgen das Theater besucht, wird
ein neuer Versuch auf sein verfluchtes Leben gemacht werden, sein Glck wird ihn
nicht immer schtzen!
    Meuchelmord - immer und immer wieder - und glauben Sie dadurch die
verlorene Schlacht zu gewinnen? Er wird unsere Sache vollends verderben.
    Die Revolution, Signor Conte, wird nie mehr in Europa unterliegen, so lange
sie nur den Muth hat, zu kmpfen, und so lange England seine Mission begreift,
uns zu schtzen! Meinten Sie wirklich, die Drohung dieses Emporkmmlings knne
uns einschchtern? Er ist es, der uns frchtet; dies Coquettiren schon mit der
Demokratie, wie jene Rede seines Vertreters in der Ausstellung zeigt es. Wir
sind ihm den Proze gegen die 150 Mitglieder der Marianne, die im Mrz verhaftet
und am 31. Juli im Saal des pas perdus verurtheilt wurden und Dheniers
Verdammung in Lille1 schuldig! Aber selbst, wenn sein Stern ihn nochmals
beschtzen sollte, sind die Chancen in ganz Europa der Art, da sie unsere
erneute Thtigkeit fordern.
    Verzeihen Sie, Signor, sagte gemessen der Graf, ich bin ein Wenig aus der
Kenntni gekommen.
    Es ist nthig, da Sie von unsern Aussichten unterrichtet sind. Da zwei
wichtige Mitglieder des Bundes gestorben sind, wissen Sie wahrscheinlich, der
Triumvir Marmiani in Athen und General Pepe am 15. August in Turin. Der
Nachfolger des Corsen hat zwar seine sogenannte National-Anleihe von 360
Millionen erhalten, aber die Sache ist zu einem Brsen-Geschft gemacht worden,
und von den dreimalhundertundzehntausend Narren, welche das Zehnfache der
Millionen zeichneten, sind zwei Drittel Unzufriedene geworden, weil man ihr Geld
nicht nahm. Am 27. August sind bereits bedeutende Unruhen in Angers
ausgebrochen. Auf die Armee kann sich der Usurpator fr seine Plne nicht
sttzen, von den 101 Infanterie-Regimentern Frankreichs sind 41 im Orient, 2 in
Rom, 112 in Afrika, Paris allein braucht ihrer 10, und es bleiben ihm fr die
Bedrohung Preuen's und Deutschland's durch das sogenannte Ostlager kaum 120,000
Mann. Eben so wenig wird er die Revolution in Spanien damit niederhalten, wenn
die 25,000 Mann Spanier, die sich O'Donnel durch den geheimen Tractat vom 7.
August fr eine Anleihe von 500 Millionen Francs zu stellen verpflichtet, die
Halbinsel verlassen haben. Miglckt der Sturm auf Sebastopol, wie
wahrscheinlich ist, so steht es schlimm mit dem napoleonischen Regiment, denn in
der Armee ist die Zahl der Mivergngten gro, und ihnen ihr Ziel zu geben, bin
ich hier. Das Offizier-Corps des 14. Regiments hat bei dem Abschiedsfest in Rom
am 5. August bereits offen seine Emprung gezeigt - man hat es nicht gewagt, es
nach dem Orient zu schicken. Napoleon - wenn sein Glck ihn vor Bellamare's
Pistole rettet - wird dann von der Armee gezwungen werden, den Krieg hier
aufzuheben und ihn an den Pruth, in die russischpolnischen Provinzen zu
verlegen, dahin haben auch Omer-Pascha und Ilinski in Constantinopel agirt.
Sckarzinski2, Zsurmanski, Wolawski, Sasit-Bey halten den Sirdar auf diesem Plan
fest und England wird das Geld geben zur Bildung zweier Legionen der Trkischen
Kosaken, die nur aus Polen und Ungarn bestehen drfen. Czaikowski leitet die
Organisation, das war die Mission des Grafen Zamoiski in England und Frankreich.
Mit der Ueberschreitung des Pruth durch den Serdar oder die Franzosen bricht die
Erhebung in ganz Polen aus, Miroslawski und Mak werden sie in dem Preuischen
Groherzogthum verbreiten. - Die Leitung der Polnischen Sache soll Ihre Aufgabe
sein.
    Signor, sagte der Oberst, meine Berichte aus Polen sollten Sie bereits
ber diesen Irrthum enttuscht haben. Die Polen hassen Ruland weniger, als Sie
denken. Von all' den Polen, die in der Armee von Sebastopol stehen, sind bis
jetzt nur vier in's Lager der Alliirten desertirt, whrend die Zahl der
Deserteure aus den Reihen der Sardinier und der Fremden-Legion bedentend ist.
Wenn Sie keine andere Sttze Ihrer Plne haben, als eine Revolution in Polen,
steht es schlecht mit Ihrer Armee.
    England wirbt sie fr uns, Graf, im Norden wie im Sden. Die Fremdenlegion
in Schorncliffe wird, wenn unsere Fahne weht, ihr folgen. Jeder Legionr ist ein
Soldat mehr fr uns, und das Geld, was das Parlament dafr bewilligt, ist nichts
Anderes als ein Beitrag zur Revolution. In der Schweiz sinb neue Werbungen im
Gange; die Bildung einer italienischen Legion ist beschlossen, General Percy zur
Organisation bereits am 17. August in Turin eingetroffen; von Schweden her hat
Doctor Rosenschild eine Freischaar gegen Ruland angeboten. Zwischen Sardinien
und Frankreich herrscht bereits Spannung, der Papst hat seine Allucation
geschleudert, die famose Rede Palmerstons am 10. August ber Italien hat den
Brand von den Alpen bis zum Cap Passaro3 geschrt, Rom ist in Ghrung, unser
geheimes Bndni mit den Mratisten und Miroslawski's Brochre gegen die
Bourbonen ber ganz Neapel verbreitet, Pisacane harrt meines Winkes fr ganz
Unteritalien, die halbe Armee ist sein, und bei dem ersten Ansto, dem ersten
Ruf zur allgemeinen Erhebung, wird mit dem Norden auch der Sden in Flammen
stehen und Beide werden sich im Kampf die Hand reichen.
    Der Italiener, von der Leidenschaftlichkeit seiner Natur fortgerissen ber
die gewhnliche Vorsicht, schwieg jetzt erschrocken und sah sich scheu um; das
halb spttische, halb traurige Lcheln des Greises beruhigte ihn, nur in der
Nhe, in der sich Beide befanden, war es mglich, seine Worte zu verstehen. Das
Alles, Signor, sagte ruhig und bestimmt der Oberst, lt mir zwar ber Ihre
Person keinen Zweifel mehr, aber es berzeugt mich nur, da noch ein anderer
Grund existirt, weshalb Sie mich aufgesucht und meinen Rcktritt wnschen.
    Ein leichter rother Fleck zeigte sich auf der magern Wange des
Revolutionairs - er erkannte, da die edlere Natur seines Gegners ihn zur
Offenheit zwang. Wohl, Signor, sagte er, Sie haben Recht. Wie auch Ihr
Entschlu auf mein aufrichtig gemeintes Anerbieten lauten mag, Sie sind mir
gleiche Offenheit schuldig, mit der ich Ihnen unsere Plne enthllte. Sie sind
im Besitz eines Geheimnisses, das den Leitern der Unsichtbaren nthig ist. Es
fehlt ein Glied in unsern Conjecturen, es eristirt Etwas, das uns irre macht in
unsern Combinationen und das uns bis jetzt verschwiegen blieb. Es ist Etwas in
Paris berathen, beschlossen worden, das wir nicht kennen. Alle Anzeichen deuten
darauf hin, da Sie im Besitz dieses Geheimnisses sind, Ihre Unterredung mit dem
Kaiser - Ihre pltzliche Sinnesnderung, Ihr Verweilen hier im Lager, das Ihre
Mittheilung ber Ihren Enkel nicht mehr gengend erklrt -
    Und was fhrt Sie berhaupt zu der Annahme, da ein solches Geheimni
existirt?
    Der Mangel jeder Vorbereitung Frankreichs auf den Fall, da Sebastopol
nicht fllt! - Die ausgestreueten Gerchte einer zweiten Ueberwinterung, eines
neuen Heerlagers bei Constantinopel knnen nicht bemnteln, da man gar keine
Anstalten dazu getroffen. General Pelissier verzgert es selbst, fr einen
nothwendigen Fall die Wiedereinschiffung der Armee durch eine strkere
Befestigung von Kamiesch zu sichern, whrend die Englnder dies aus allen
Krften mit Balaclawa gethan haben. Entweder, Napoleon mu des Falles von
Sebastopol sehr sicher sein, oder -
    Da er es ist, zeigt sein Brief vom 20. August an die Armee.
    Was er ber die Lage der russischen Streitkrfte und der Festung durch die
beiden Spione in Berlin und den Verrath der Briefe aus der Umgebung des Knigs
von Preuen erfhrt, wissen wir auch - aber das gengt nicht, um die Chancen des
Kriegsglcks mit Bestimmtheit zu berechnen.
    Oder -
    Oder es existirt ein geheimer Pakt - kurz, Sie mssen um das Geheimni
wissen!
    Ich kenne es!
    So werden Sie sich erinnern, Graf, da jede Wissenschaft der Unsichtbaren
den Oberhuptern gehrt.
    Signor, sagte der Veteran entschlossen, die Tage, die ich noch zu leben
habe, sind gezhlt und ich frchte deshalb die Dolche der Unsichtbaren nicht.
Mein Entschlu ist deshalb gefat. Die Gewalt, die Sie mir bieten, soll der
Preis des Geheimnisses sein, das Sie wnschen. Ich kann ihn nicht annehmen, ich
habe Ihnen meine Grnde gesagt. Aber Sie sollen es haben fr einen andern Preis
- den einzigen, gegen den ich es verkaufe.
    Lassen Sie hren.
    Ich schulde dem Kaiser Napoleon ein Leben - das Meine, und eine Gte -
meinen Enkel. Geben Sie mir die Erlaubni, ihn, ohne Sie oder den Thter zu
compromittiren, gegen den Mordversuch zu warnen und versprechen Sie mir, nicht
weiter durch Meuchelmrder gegen ihn zu kmpfen, und das Geheimni ist das
Ihre.
    Der Italiener dachte nach. Schwerlich kann ihn Ihre Warnung noch zu rechter
Zeit erreichen - und sie mu ohnehin zu unbestimmt sein, dergleichen werden ihm
und seinem Herrn Pietri tglich zugehen.
    Der Erfolg steht in Gottes Hand!
    Wohlan, ich will es wagen und verpflichte mich mit meinem Ehrenwort, aber
merken Sie wohl - nur auf zwei Jahre!
    Der Greis ffnete seinen Rock und zog unter dem Hemd ein flaches blechernes
Kstchen hervor, das an einer Schnur um seinen Hals hing. Er ffnete es und nahm
einen im offenen Couvert steckenden Brief heraus, den er entfaltete und vor den
Abb legte, ohne ihn aus den Hnden zu geben.
    Der Brief enthielt nur die Worte:

        Ich wiederhole den bestimmten Befehl, den Rckzug der russischen Armee
        von der Sdseite Sebastopols in keiner Weise zu gefhrden.
                                                                      Napoleon.

    Der Abb lie das Blatt los. Also ein Tractat zwischen Ruland und
Frankreich noch vor Entscheidung des Krieges? Man hat sich geeinigt und die
Fortsetzung der Belagerung ist ein bloes Spiel?
    So scheint es - ich habe nur versprochen, sobald es Noth thut, von dieser
Ordre Gebrauch zu machen.
    Der Italiener schwieg einige Augenblicke. Die Gewiheit schon, sagte er
dann, ist wichtig - sie ndert all unsere Plne im Norden. Leben Sie wohl, mein
Herr, ich werde mein Wort halten, nach zwei Jahren werden wir Andere haben, wie
wir jetzt Bellamare haben. Leben Sie wohl - Ihres Schweigens wenigstens sind wir
sicher. In der Thr stie er auf den Vicomte, der eben vom Pferde stieg.
    Der Pole empfing seinen jngern Freund mit sichtlicher Freude. Der Vicomte
nahm seine Hand und fhrte ihn in die Baracke. Wo ist Sir Edward?
    Er verlie mich diesen Morgen, ohne bis jetzt zurckgekehrt zu sein. Ist
der Beschlu des Kriegsraths ein Geheimni?
    Nicht fr Sie, berichtete der Colonel. Fr morgen Mittag 11 Uhr ist der
Sturm auf der ganzen Linie bestimmt, mein Regiment wird die Reserve gegen den
Malachof bilden.
    Das Blutbad wird entsetzlich sein.
    Wir sind gefat darauf. Jetzt mu ich meine Vorbereitungen treffen, die
strengste Vorsicht ist befohlen, damit es uns gelingt, die Russen zu
berraschen. Man ist in den letzten Tagen wieder feindlichen Spionen auf die
Spur gekommen und es ist der Befehl gegeben, alle verdchtigen Personen sofort
zu verhaften und wenn sie sich nicht ausweisen knnen, zu erschieen. Auch
Agenten der revolutionairen Propaganda sollen sich im Lager zeigen und die
Mistimmung der Soldaten und Offiziere aufreizen. General Pelissier hat sogar
auf unser Corps besonders hingedeutet. Das erinnert mich daran, da ich den
Schurken Lebrigaud alsbald nach dem Hauptquartier zu senden versprochen habe. Er
ist einer der alten Zephyre des Generals und der Adjutant sagte mir, da er ihn
sprechen wolle, wahrscheinlich um ihm ein Geschenk zu geben. Wir treffen uns
wohl in einer Stunde in der Cantine Nini's, Herr Graf?
    Ich mu sogleich nach Kamiesch, sagte dieser, und werde Sie daher erst am
Abend wiedersehen. Sie rcken doch vor morgen nicht aus?
    Nein! Wir nehmen morgen noch die letzten Ordres in Empfang!
    Auf Wiedersehen also, Colonel!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Abend; um die Cantine der jungen Marketenderin hatten sich
zahlreiche Gruppen gesammelt, denn es war so eben darin ein kurzes Kriegsgericht
ber einen ertappten Spion gehalten und dieser zum Erschieen verurtheilt
worden. Der Unglckliche hatte sich unter der Maske eines armenischen Hndlers
mit seinem Knaben in Kamara und dem sardinischen Lager umhergetrieben, und
gerade diese Verkleidung hatte zu seiner Entdeckung beigetragen, da aus dem
Hauptquartier geheime Warnungen gegen einen gefhrlichen Agenten der Propaganda
an demselben Tage erlassen worden. In Kamara war der Verdchtige zwar
verschwunden, ehe man sich seiner versichern konnte, dagegen wurde er in den
franzsischen Linien auf dem Sapun von Zuaven ertappt und von einem Soldaten als
der Zigeuner wieder erkannt, der im vergangenen Sommer in der Dobrudscha den
Brunnen vergiftet. Auch der Colonel erkannte ihn wieder, berdies fanden sich
mehrere wichtige Papiere bei ihm, die bewiesen, da er das Spionenhandwerk schon
lange im Lager mit groem Erfolg getrieben, und da er augenblicklich im Besitz
aller Nachrichten ber den morgenden Sturm war. Die Erbitterung der Soldaten,
als sie von der Vergiftung des Brunnens durch die Leichen hrten, war so gro,
da die Wache, die mit dem armen Snder jetzt aus der Cantine trat, um ihn zur
Execution zu fhren, ihn nur mit Mhe vor einem noch furchtbareren Schicksal
bewahren konnte. Es war Mungo, der Zigeuner, den die Schwester diesmal nicht zu
retten in der Nhe war, Mungo, der endlich seinem Schicksal verfallen. Die
Gewhnung an die Gefahr hatte ihm jetzt eine festere Haltung gegeben, als
damals, da ihm zuerst der Strick drohte. Mit der Verstocktheit seines Volkes
hatte er auch jedes Gestndni ber seine Verbindungen im Lager und seine
Mitschuldigen verweigert und schritt jetzt zum Tode, zwar mit scheuem,
angsterflltem Blick, nach jeder Gelegenheit des Entkommens sphend, aber
wenigstens ohne weibische Klage. Neben ihm, in der Mitte der Wachen, ging der
Knabe Mauro, sein Gefhrte bei den meisten seiner kecken Spionagen, und in dem
finstern Gesicht, den zusammengebissenen Zhnen und den feindlichen Blicken, mit
denen er die Drohungen und Verwnschungen der Soldaten vergalt, lag der ganze
Trotz und Ha, mit denen seine Jugend gegen die Unterdrcker seiner Kindheit
erfllt worden. Das Kriegsgericht hatte, in Betracht seines Alters, entschieden,
da er der Hinrichtung seines Gefhrten beiwohnen, dann gepeitscht und in's
Bagno von Constantinopel abgeliefert werden sollte.
    Zugleich verlieen die Offiziere, die das Kriegsgericht gebildet, die
Cantine. Der Adjutant des General Wimpffen reichte dem Vicomte die Hand.
Berichten, Herr Oberst, sagte er, werden wir auf alle Flle an General
Bosquet, vielleicht dem Generalissimus mssen. Doch wird dazu die Abschrift der
betreffenden Stelle gengen, wir haben kein Recht, indiscreter als nthig mit
dem Brief einer Dame zu sein, besonders unter so traurigen Umstnden. Behalten
Sie also einstweilen den Brief und befragen Sie Ihren Freund, den Medecin-Major,
sobald er aus dem Lazareth von Kamiesch zurckkehrt, ich zweifle keinen
Augenblick, da er jede gengende Aufklrung wird leisten knnen.
    Ich verbrge mich mit meiner Ehre fr die seine.
    Gewi, gewi - das Ganze ist offenbar eine Privatangelegenheit und wir
durften sie nur um seiner selbst willen in Gegenwart der Offiziere nicht fallen
lassen. Auf morgen denn, vor dem Malachof, der Ihr Patent einweihen wird! Er
ritt davon, whrend der Colonel zur Cantine zurckkehrte, um die Meldung der
vollzogenen Execution abzuwarten.
    Whrend der Sergeant-Major Fabrice die Papiere des Gerichts auf dem
Feldtisch zusammennahm, ergriff der Vicomte den verhngnivollen Brief, den man
mit verschiedenen verrtherischen Notizen bei dem Spion gefunden hatte. Er war
an den russischen General-Stabs-Capitain von Meyendorf in der belagerten Festung
gerichtet und lautete:

        Mein Freund!

        Im Angesicht des Todes, - ich selbst eine dem Tode Geweihte, - richte
        ich die letzten Worte an Sie auf dieser Welt. Der Mann, der mir Ihren
        Namen nannte, den Sie sandten, nach mir zu forschen, wird Ihnen diese
        Zeilen berbringen.
        Unsere Liebe, unser Glck wurde das Opfer eines Teufels. Von seinem
        Schmerzenslager, auf das die Wunde ihn warf, die Ihre rchende Hand in
        der Tschernaja-Schlacht ihm geschlagen, hre ich bis hierher den
        Verworfenen seine Flche auf Sie und mich brllen. Man will es mir nicht
        sagen, aber ich glaube, da sein Ha mich absichtlich mit dem Pesthauch
        seiner Krankheit vergiftet hat, whrend ich meine Pflicht an seinem
        Lager that. Das fhle ich, da meine aufgezehrten Krfte mich nur wenige
        Stunden noch von der Ruhe trennen, die mein zerrissenes gebrochenes Herz
        begehrt.
        Denn erst seit Tagen wei ich durch die Gestndnisse seines Fiebertobens
        und den Freund, den Gott an meine Seite stellte, am Krankenbett wie am
        schrecklichen Traualtar, ohne helfen zu knnen! - da mein Opfer ein
        nutzloses, da ich auch damit hintergangen war! - Doctor Welland, der
        Sie rettete in Widdin und Ihre Flucht bewerkstelligte, der in Silistria
        mit Ihnen in Verbindung stand und den ich als Regimentsarzt der Zuaven
        vor Sebastopol wiederfand, hat mir Alles klar gemacht und mir auch
        gefagt, da er Ihnen Botschaft gesandt, wie nahe wir uns. Aber das Leben
        entflieht, und die Sterbenden haben Eile, darum sende ich meine letzten
        Gre nicht durch ihn. Der Allmchtige gebe, da Ihre Pflicht Sie morgen
        auf der Nordseite zurckhlt und fern von den Gefahren, mit denen um 11
        Uhr ein allgemeiner, sorgfltig verheimlichter Sturm den Malachof und
        alle Ihre Bastionen bedrohen wird. Wahren Sie Ihr Leben, um dem
        Gedchtni Derjenigen eine lange, lange Erinnerung weihen zu knnen, die
        selbst als die Gattin eines Andern - des Vampyrs, der mein Herzblut
        gesaugt - nie aufgehrt hat, Sie zu lieben, und die ihre Liebe hinber
        nimmt in die ewige Zeit, wo keine Trennung ist! Meine Hand ermattet -
        das letzte Lebewohl, Alexander! - bis zum Wiederfinden dort Oben!
                                                                        Helene.

    Er las den Brief wieder und wieder, und dachte betrbt an die Herzen, die
rauh das Schicksal trennt und von einander reit! Er dachte traurig der eigenen,
in den Geschicken der Vlker versinkenden Liebe! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Erst gegen Mitternacht kehrte Doctor Welland von Kamiesch und den
anstrengenden Vorbereitungen fr den morgenden Kampf zurck; mit ihm der Baronet
und der polnische Oberst. - Whrend der Vicomte dem Arzt den Brief zum Lesen
einhndigte und ihn von dem Vorgefallenen in Kenntni setzte, erschien der
Sergeant-Major Fabrice Tonton mit einer dringenden Meldung. Er zeigte an, da
der Zuave Lebrigaud vor einer halben Stunde im trunkenen Zustand zurckgekehrt,
prahlerische Reden fhre, die auf ein gefhrliches und wichtiges Vergehen
schlieen lieen. Die Ausdrcke, die der Feldwebel berichtete, machten die
Aufmerksamkeit des Vicomte rege und er befahl, mit Uebergehung der bereites der
Ruhe vor dem blutigen Kampf pflegenden Bataillons-Offiziere, den Kerl ihm
vorzufhren.
    Der Lderjahn erschien alsbald, von Bourdon und Vernaudin gefhrt, mit der
unverschmten und unbesorgten Miene, die all' sein Thun begleitete, und der
erste Anblick schon bewies, da er stark getrunken hatte.
    Ah, mein Commandant - nein, mein Colonel, ich gre Sie! sagte der
Bursche, halb taumelnd salutirend. Was steht zu Befehl, mein General, Ihr
Befehl ist vollzogen und das Geld redlich verdient!
    Wo kommst Du in diesem Zustand her - Du bist total betrunken.
    Ah, mein General - der Lderjahn hielt offenbar den Vicomte fr einen
Andern, - es ist eine verfluchte Fahrt auf den Grund des Meeres und man hat
wohl das Recht, sich da einen Spitz zu trinken. Der Wein von Constantinopel ist
verflucht gut! Fichtre - die Bursche paten mir arg auf, ehe ich sie berlisten
konnte! Drei Mal mute ich tauchen, ehe ich das hllische Tau fand! Dieu me
punisse! Wenn ich nicht meine Jugend am Strand von Marseille zugebracht - es
wre unmglich gewesen. Aber Peste! General, Sie kennen Ihre Leute und erinnern
sich der kleinen Fhigkeiten Ihrer Zephyre!
    Was hast Du gethan - was sollen die Reden?
    Ei, General, lachte vertraulich der Halunke, stellen Sie sich doch nicht
so - das Tau des hundsfttschen Telo-Grafen ist durchschnitten, mindestens
hundert Klaftern vom Ufer weit, und die Narren werden zu thun haben, die Enden
wieder zu kriegen. Ich fand zum Glck einen Nachen - aber spt, General - sie
paten auf den Dienst und ich durfte doch erst im Dunkeln an's Werk!
    Schurke - Du hast den Drath des Telegraphen zerstrt?
    Den Teufel, ja, General, stellen Sie sich doch nicht so, als ob Sie's mir
nicht befohlen htten. Sie wuten recht gut, da ich mit jedem Seewolf um die
Wette tauche! Geben Sie mir die zehn Napoleons, General - die andern sind - hui!
Wei der Henker, wo das Geld bleibt!
    Der Oberst wechselte mit den Freunden erschrocken erstaunte Blicke, dann
winkte er dem Sergeanten und Corporal, zurckzutreten, und den Trunkeneu beim
Arm fassend, sagte er mit unterdrckter Stimme zornig: Du zerschnittest das Tau
auf Befehl des General Pelissier?
    Versteht sich, General, Sie befahlen es ja selbst heute Mittag, als wir
allein waren, er schaute den Offizier mit glsernen verstrten Blicken an, dann
schien ihm die Wahrheit emporzudmmern. - Peste! stammelte er - ich glaube,
ich bin ein Dummkopf gewesen - Sie sind nicht der Kommandant der Zephyre, nein,
richtig, Sie sind mein Colonel! - Verdammt! Er begann, sich hinter den Ohren zu
kratzen und auf die Lippen zu beien, der Schreck fing an, ihn nchtern zu
machen.
    Nehmen Sie diesen Kerl und bergeben Sie ihn dem Profo, befahl der
Colonel dem Sergeant-Major. Da kein Mann mit ihm zu sprechen sich untersteht.
Wagt er selbst, noch einen Laut von sich zu geben, so stecken Sie ihm einen
Knebel in den Mund. Sie Drei beobachten strenges Schweigen ber Alles, was Sie
gehrt. Fort mit ihm, ich werde ihn selbst morgen in aller Frhe zum
Hauptquartier begleiten.
    Er winkte und der Zuave wurde, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben,
verdutzt und bestrzt abgefhrt.
    Als sie allein waren, wandte der Oberst sich zu dem Arzt und dem Grafen.
Was halten Sie von den Gestndnissen des Burschen?
    Es she General Pelissier hnlich, sagte der Arzt. Man erzhlt noch ganz
andere Willkr von ihm und er wnscht wahrscheinlich fr den morgenden Sturm und
seine Folgen sich allen Befehlen von Paris zu entziehen. Aber mein Gott, was
fehlt Ihnen, Graf - was bewegt Sie so tief?
    Der alte Mann, indem er sich mit den Zeichen der grten Aufregung aus einen
Stuhl warf und die Hnde faltete, stie den Brief der Grfin, den der Arzt auf
den Tisch gelegt, herunter, da er im Luftzug der geffneten Thr einige
Schritte davon flog.
    Im Winkel sa der irre Jean, ohne da man auf keine Anwesenheit geachtet.
Seine Blicke waren fest auf den Brief geheftet gewesen, dessen Inhalt der Arzt
laut gelesen, - sein bleiches abgemagertes Antlitz zeigte die Zge der uersten
Spannung, in seinen Augen blitzte es wie Wetterleuchten der immer mehr und mehr
sich losringenden Seele, wie ein Entschlu ein Wille des zurckkehrenden
Verstandes. Leise, wie mit Schritten einer Katze schlich er im Schatten dem
Gegenstande seines Verlangens zu - noch eine Bewegung - er streckte die Hand
danach - Eilf Uhr! der Zug geht ab! Ich komme noch zur rechten Zeit! - -
    Es liegt ein Fluch auf Allem, was ich thue! sagte der Greis. Diese
unglckselige That wird die traurigsten Folgen haben. Der Kaiser -
    Was ist mit ihm? reden Sie!
    Wenn die Depesche, die ich nach Paris absandte, nicht schon abgegangen,
bevor der schmhliche Streich, verbt ward, ist der Kaiser verloren und
Pelissier trgt die Schuld. Doch - die Leben der Frsten liegen in der Hand
Gottes, sie mag ihn schtzen, wenn sie will - meine Schuld ist abgetragen - hier
aber, hier soll der Ehrgeiz und der Eigenwille eines Untergebenen nicht breitere
Strme von Blut vergieen, als der Wille des Gebieters gefordert Gott sei Dank,
ich kann den General zwingen, dem Entsetzlichen Einhalt zu thun, und unter den
Geretteten wird der Allmchtige mir das Leben meines Enkels bewahren!
    Sie sind auer sich, Graf - General Pelissier mu seine Pflicht thun gegen
den Feind und diese fordert dessen Vernichtung.
    Thrichte Mnner, sagte hohnlachend der Pole, wit Ihr nicht, da all
dies Blut, diese Leben nur einem leeren Spiele geopfert werden? da der Friede
zwischen den Herrschern lngst geschlossen und Ihr nicht fr Frankreich kmpft
gegen Ruland, sondern fr die Thorheit, Eure Fahne auf zerschossene Wlle zu
pflanzen, deren Besitz dem Feinde bereits wieder gesichert ist?
    Entsetzlich - diese Strme von Blut, die tglich vergossen werden -
    Sie haben keinen Zweck, als das kaltherzige Spiel der Diplomatie! Spiel -
grausame, herzloses Spiel ist Alles im Leben, - der Republikaner spielt mit den
Kpfen seiner Brder fr thrichte unausfhrbare Ideen, und der Autokrat thrmt
Berge von Leichen seiner Getreuen um einer stoltzen Salve willen vom
Invalidendom her! Soldaten meint Ihr zu sein, Krieger fr Recht und Ruhm? -
Gladiatoren seid Ihr, die der Imperator in die Arena schickt zu seiner Lust, und
die, wenn Nero gesttigt, noch vom Ehrgeiz seines Centurionen zur Schlachtbank
gepeitscht werden!
    Er sank erschpft zurck in die Arme der erschtterten Offiziere; drauen
aber vor dem Eingang der Cantine schollen die Tritte eines Pferdes, der Ruf der
Schildwacht und die Antwort: Ordonnanz aus dem Hauptquartier! Depesche fr den
Oberst des dritten Zuaven-Regiments.
    Der Vicomte nahm sie selbst dem Boten ab, bescheinigte den Empfang und
ffnete sie in Gegenwart der Freunde. Sie war von dem General-Stabs-Chef
Martimprey gezeichnet und lautete: Colonel Mricourt hat sich mit dem
Medecin-Major Welland morgen frh 7 Uhr bei dem Generalissimus zu melden und die
Fhrung seines Regiments auf den angewiesenen Posten dem ltesten Major zu
bertragen.
    Das kommt meiner Absicht zuvor, sagte fest der Colonel, und gewi - ich
werde nach dem, was wir gehrt, zur Stelle sein.
    Und ich werde Sie begleiten, sprach der Graf, ich werde morgen sein
Schatten bleiben.
    Aber der Befehl, der uns bescheidet, hat offenbar Bezug auf die Verhaftung
des Spions, fgte Welland hinzu. - Nahmen Sie den Brief zurck, Colonel? ich
legte ihn hierher.
    Nein!
    Der Brief war verschwunden. Jean - der Irre - der Schtzling Nini's, mit
ihm. Sie aber schlief sanft und ermdet auf ihrem Lager.

    Der Morgen graut unter dem Zischen und Krachen der Bomben; der Feind hat in
den letzten 24 Stunden an 70000 Vollkugeln und 16000 Bomben und Granaten in die
Stadt geworfen.
    Zwischen den demolirten Weingrten, welche sich von der Meierei Burnasi am
Zusammensto des Laboratornaja- und Sarakandina-Grundes nach der Spitze der
Sdbucht hinziehen, zwischen dem groen Redan und der Mast-Bastion kriecht von
Graben zu Graben, von Trmmern zu Trmmern ein armselig Wesen, ein junger, in
den grauen Platschtsch gehllter russischer Soldat. Er ist waffenlos, seine fast
nackten Fe bluten, an scharfen Stein- und Eisensplittern zerrissen. Noch hat
die Kanonade nicht begonnen, deren Beantwortung aus den Batterieen Perekomski,
Stal und Kostanarof mit einem Hagel von Karttschen und Vollkugeln sonst den
Boden fegt und jede Annherung unmglich macht. Nur einzelne Bomben, von der
Chapman-Batterie auf dem weien Berg geworfen, schlagen in den Felsenboden ein
oder klatschen weiter hin das Wasser der Bucht. Der junge Mann wendet kaum den
Kopf nach ihnen. Einen Augenblick hlt er unter den Trmmern einer Feldschanze
an, welche die Kugeln zusammengerissen, und hebt den Kopf, um sich zu
orientiren. Aber die aus dem Meer und den Schluchten aufsteigenden Nebel hindern
ihn, der leise Anschlag der Wellen, den sein geschrftes Ohr in einzelnen Pausen
des Bombardements vor sich zur Rechten hrt, ist der einzige Halt, den er
wahrnimmt. Ich bin von dem Wege abgekommen, murmelt der arme Bursche vor sich
hin - das ist nicht die Richtung, die ich dem Fhnrich bezeichnete! Doch Gott
und die Heiligen haben bis hierher geholfen und werden mich schtzen - eilf Uhr,
ich komme vorher! - Es ist Jean, der Irre, der in dem sorgsam bewahrten Mantel
des Fhnrichs Lasaroff dessen Flucht mit dem kostbaren Brief, den er gestohlen,
nachgeahmt. Der arme Bursche hat einen weiten Umweg gemacht, um den
franzsischen Posten und Batterieen zu entgehen, die Erinnerung der Kinderjahre,
whrend deren er einige Zeit in der Festung zugebracht, ist in ihm aufgetaucht
und hat mit merkwrdigem Instinkt ihn die verborgensten Richtungen gefhrt.
    Eine auffallende Vernderung ist berhaupt mit ihm vorgegangen; das
Bewutsein, der Verstand kehrt immer klarer zurck, nur einzelne wste Sprnge
macht der Wahnsinn noch, der ihn so lange befangen; die deutliche
zusammenhngende Erinnerung fehlt ihm zwar noch, Tage, Monate, Jahre scheinen
ausgestrichen aus seinem Gedchtni, nur einzelne Momente daraus stehen deutlich
vor seiner Seele, whrend aus dem Zustand seines Irrseins ganze zusammenhngende
Wahrnehmungen, Beobachtungen und Entschlsse sich bereits in ihm entwickelten.
    Er wei, da er Russe ist, da sein Vaterland in Gefahr, Ssewastopol von den
Feinden bedroht ist! Er hat erfahren, da der Malachof die Vormauer der Festung,
da er am nchsten Morgen um 11 Uhr angegriffen werden soll und Alles davon
abhngt, da die Garnison zum Kampfe bereit sei. Er wei, da dies Alles der
Brief enthlt, den er auf der Brust verborgen trgt und da seine Bestellung,
verbunden mit der mndlichen Botschaft, die Festung retten mag! Das ist der
einzige Gedanke, das einzige Ziel seiner wiedererwachten Vernunft!
    So schleicht er vorwrts - von Stein zu Stein, von Wall zu Wall, bald
kriechend, bald zusammen kauernd, bis pltzlich ein russischer Anruf, die Frage
nach dem Feldgeschrei, ihn emporschreckt. Ehe er sich noch besinnen, ehe er eine
Antwort stammeln kann, blitzen Musketen vor seinen Augen, knallen Schsse, ein
heftiger zuckender Schmerz am Kopf, wie ein Peitschenschlag, warmes Blut, sein
eigenes, strmt ber sein Gesicht, und er fllt besinnungslos nieder.
    Ihm wird wohler und wohler, er fhlt gleichsam, wie das Fieber von ihm
weicht, das bisher sein Gehirn verzehrt. Ihm ist, als hrte er um sich her
Stimmen, er fhlt sich aufgehoben und fortgetragen. Ein Augenblick lichteren
Bewutseins lt ihn russische Soldaten, Offiziere und Matrosen um sich, wie
durch Nebel erkennen, einen Wundarzt, der neben ihm knieet und ihn verbindet, er
versteht in einer kurzen Pause des Geschtzdonners der Batterie Worte, die
flchtig gewechselt werden.
    Es hat nicht viel auf sich, Excellenz, sagt der Wundarzt. Drei bis vier
Stunden Ruhe werden ihm vollkommen Besinnung und Kraft zurckgeben. Der dicke
Bund um den Zuaven-Fez hat die Kraft des streifenden Schusses gebrochen und die
leichte Blutung thut ihm eher gut, als da sie schadet.
    Der Frst mu erst dieser Tage in Gefangenschaft gerathen sein und hat sich
offenbar selbst ranzionirt. Aber wir haben keine Zeit, die Sache zu untersuchen,
und hier kann er nicht bleiben. Diesen Dienst wenigstens sind wir seiner
hochherzigen Schwester schuldig, die, seit das Mtterchen Prakowja Iwanowna auf
dem Malachof Kurgan von der Bombe zerrissen wurde, der Engel der Barmherzigkeit
fr unsere Brder auf der andern Seite ist. Nehmen Sie vier Mann und lassen Sie
den Verwundeten mit einer Trage zum Paulsfort bringen - dort in der Nhe des
Lazareths wohnen die Geschwister, seit ihr Haus von den Kugeln zerstrt.
    Wieder krachten die Kanonen und verschlangen halb den Befehl - wiederum
schwand das Bewutsein des Verwundeten, der sich auf's Neue emporgehoben und in
dem Kugelregen fortgetragen fhlt, der auf die Bastionen und die Trmmer der
Stadt herunterprasselt.
    Die Hand des Allmchtigen schtzt die Trger, schtzt die Bahre! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Stunden verrinnen in dem furchtbaren Toben der Geschtze; strzende Mauern,
berstende wankende Dcher, das Sthnen der Verwundeten, das letzte Aechzen der
Sterbenden! Kommandorufe, die sich kaum verstndlich machen knnen, das Rollen
der Trommeln - die Hlle scheint alle Schleusen ihrer Schrecken geffnet zu
haben.
    Auf einem Feldbett in einem kleinen kasemattirten Gemach des Fort Paul, das
mit einer anstoenden Kammer die allgemeine Verehrung, die Iwanowna Oczakoff
geniet, ihr und den Ihren eingerumt hat, liegt der junge Verwundete, den
General Semjakin von der Mastbastion hierher gesandt hat. Vor ihm knieet
Nursdih, die schwarze Sclavin, beschftigt, sein Gesicht mit strkenden
Essenzen zu reiben, whrend ihre Linke das Kind an ihre Brust pret. Unfern
davon - bleich, ngstlich die Wiederkehr des Bewutseins beobachtend, steht
Annuschka - die Wittwe de Saz's mit dem zweiten Kinde, das Gottes Schickung am
Hochzeitstage an ihr Herz gelegt.
    Sie zittert heftig - sie allein mit der treuen Nursdih wei um das
Geheimni, sie hat den Verwundeten erkannt.
    Dumpf nur hallt der Kanonendonner in diesem geschlossenen Raum. Pltzlich
schlgt der Kranke die Augen auf, seine Blicke sind klar, lebendig. Er richtet
sich empor - er schaut um sich, zuerst erstaunt, bestrzt, allmlig bewuter; er
erkennt die Frauengestalt am Fue des Lagers: Annuschka, treue Annuschka, Du
bei mir - sprich, wo bin ich, wo ist Iwanowna, meine Schwester?
    Frst Iwan! Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt, die Dich uns
zurckgegeben. Du bist in Ssewastopol, Gospodin, Du warst bei den Feinden Deines
Volkes und Dein Geist von der Hand des Herrn mit Schatten bedeckt.
    Ssewastopol! - mein Gott, ja - ich erinnere mich - er springt vom Lager
empor - der Brief - eilf Uhr - die Flucht - das wei ich! Alles Andere ist wirr
und dunkel noch in meinem Gedchtni! Aber der Brief - wie viel Uhr ist es,
Annuschka?
    Zehn Uhr, Batuschka!
    Zehn Uhr! Der Ruf gellt schneidend durch das Gemach. Fort, um
Gotteswillen, fort! oder Alles ist verloren! Ein hastiger Blick umher zeigt ihm
einige Uniform- und Waffenstcke an den Wnden; er reit sie herunter und ist im
Nu damit bekleidet. Annuschka ringt die Hnde und sucht ihn vergebens
festzuhalten, alle Kraft und Besinnung ist ihm wiedergekehrt, das vergossene
Blut hat wohlthtig auf ihn gewirkt.
    Um des Erlsers willen, Frst Iwan, ich lasse Dich nicht! Die Frstin -
    Wo ist sie? Wo ist Wassili, Dein Bruder?
    Heiliger Basilius - Du weit nicht, da er fr Dich starb?
    Nichts, Weib, ich wei Nichts, als da jeder Augenblick Zgerung
Ssewastopol strzt. Er sucht hastig nach dem Brief und zieht ihn aus seiner
Brust hervor. Wo ist der Oberkommandant, weit Du, wo der Generalstab sich
befindet?
    Auf der Sievernaja, Frst Iwan, ist General Osten- - wo willst Du hin, Herr
- Iwanowna -
    Das Vaterland vor der Schwester! Wenn Du eine Russin bist, wenn der
zehnfache Fluch aller kommenden Geschlechter von Boris nicht auf Dir ruhen soll,
fliege, eile, suche den Capitain Meyendorf dort auf, gieb ihm diesen Brief, dem
General selbst, wenn Du jenen nicht findest! Schrei' es aus durch die Gassen,
jedem Offizier, dem Du begegnest, entgegen! Die Franzosen strmen um Mittag die
Stadt, dreiigtausend Feinde stehen verborgen vor dem Malachof!
    Allmchtiger Gott, und die Frstin ist auf der Bastion - auf Deinem Posten,
Frst Iwan!
    Auf meinem Posten? - Wahnwitzige! Ja wohl ist der meine dort, Ssewastopol
zu retten! fort mit Dir!
    Er warf ihr den Brief zu und strzte hinaus - Annuschka ihm nach. Drauen am
Eingang der Kasematten lehnten Olis und Demetri, die Letzten der sechs Brder,
zum Schutz der Frauen von der Frstin zurckgelassen, whrend der Jessaul sie
begleitet hatte, und die erstaunt der wohlbekannten Gestalt nachschauten, die
sie fern auf den Wllen whnten. Ihm nach! befahl mit Wort und Geberden die
Frau, ihm nach, weicht nicht von seiner Seite und schtzt sein Leben mit dem
Euren!
    An den prchtigen, jetzt mit Trmmern und Verwundeten bedeckten Quais und
Docks der Schiffer- entlang floh der junge Mann den wohlbekannten Weg nach den
ueren Bertheidigungswerken zu, gefolgt von den beiden Kosaken.
    Seit einer Stunde fast hat das heftige Feuer der Belagerer nachgelassen und
nur in Pausen fallen die Schsse. Die russischen Kanoniere verschnaufen schwei-
und blutbedeckt an ihren Kanonen - die Mannschaften lagern sich an den Leichen
ihrer Kameraden zur augenblicklichen kurzen Ruhe; Abtheilungen rcken zur Stadt
zurck - sie Alle glauben, da die gewhnliche Ruhe der Mittagszeit eingetreten
in dem beiderseitigen Feuer, und obschon auf die Meldung, da feindliche Truppen
die Trancheen vor dem Malachof anfllten, einige Truppen von General Chruleff,
dem Kommandeur der Karabelnaja-Seite als Reserve aufgestellt worden, hielt man
doch nicht den Angriff fr so nahe.
    Dem dahin Strmenden, der den begegnenden Offizieren und Soldaten zuschreit,
der Malachof-Kurgan sei in Gefahr, wirbelt Trommelschlag in der Nhe der
Bjelostok'schen Kirche entgegen. Das Regiment Jelets rckt in die Linie hinter
der Batterie Scherwe, ein Bataillon des Jger-Regiments Frst Warschau, das die
Nacht ber in der Korniloffski-Bastion geschanzt hat, will die Pause der
Kanonade benutzen und zur Stadt zurck. Offiziergruppen sind den Truppen voran -
ihnen begegnet Jean - Iwan mit dem Ruf: Zurck! Zurck! die Franzosen strmen
den Malachof! Man staunt einen Augenblick ihn an, ein Stabs-Offizier springt
vor, Graf Wassilkowitsch, jetzt General-Major, der seit acht Tagen mit den
Verstrkungen eingerckt, eben vom Malachof kommt. - K tschortu, Capitain
Oczakoff, wie kommen Sie hierher? Sie haben Ihren Posten auf dem Kurgan
verlassen? Geben Sie Ihren Degen ab, Herr, Sie sind Arrestant! - Der junge
Capitain fat seinen Arm. Meinen Posten? Ich war auf dem Malachof? ich? ich bin
so eben aus dem feindlichen Lager entflohen, die Gefahr der Festung zu
verknden! - Sind Sie wahnsinnig, Herr? tobt boshaft der Ober-Offizier - ich
verlie Sie vor zehn Minuten auf dem Posten, den ich Ihnen zugetheilt, wie Sie
mir einst den Posten auf Schlo Aju anwiesen. Antwort, Herr Capitain, wie kommen
Sie hierher?
    Da kracht es und schwirrt und tobt und prasselt es durch die Luft, - eine
einzige Salve aus neunhundert Feuerschlnden! Drei steinschleudernde Fugassen
entladen sich aus den kaum 30 Metres von dem Malachof noch entfernten Approchen
und zermalmen die Brustwehren und Merlon's in dem ausspringenden Winkel der
Bastion. Ein donnerndes Vive l'Empereur! jubelt durch den Geschtzdonner und
ein heftiges Kleingewehrfeuer von links und vorwrts zeigt den begonnenen Kampf.
    Durch die Vorstadt herauf kommt General Chruleff mit wenigen Adjutanten
gesprengt und wirft sich vom Pferde. Meldungen jagen von allen Seiten herbei,
Befehle fliegen davon. General-Major Wassilkowitsch, nimm die Jger
Frst-Warschau und das Brjanskische Regiment und hinauf mit ihnen zur
Korniloffski-Bastion. Frst Iwan Oczakoff, bringe Sabaschinski an der fnften
Abtheilung den Befehl, der Thurm-Bastion4 zu Hilfe zu eilen. Fort mit Dir! Der
junge Mann, erschrocken, willenlos vor dem pltzlichen Ausbruche der Gefahr,
eilt, dem Befehle Folge zu leisten, davon.
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    Vor der bestimmten Stunde schon hat sich der Colonel Mricourt mit dem
Medicin-Major Welland und dem polnischen Obersten im Hauptquartier eingefunden.
Eine Wache von zwei Mann geleitet hinter ihnen den Zuaven Lebrigaud mit auf den
Rcken gebundenen Hnden und verlegenem trbseligem Gesicht.
    Die drei Mnner sind ernst und gedankenvoll. Dem unangenehmen Verlust des
Briefes ist am Morgen ein anderes seltsames Ereigni gefolgt - der irre Jean ist
aus der Cantine Nini's verschwunden, der Bursche, der sich sonst nicht ohne
Begleitung fnfzig Schritt ber die Baracken-Reihen des Regiment gewagt, ist
nirgends zu finden und Nini untrstlich, denn die Pflicht ruft sie in die Reihen
ihres Bataillons, und sie will heute durchaus nicht zurckbleiben - eine
unbestimmte Ahnung treibt sie.
    Doctor Welland beschftigt dies Verschwinden offenbar mehr, als der neue
verdrieliche Verdacht, der auf ihm lastet. Er hat, so viel in der Eile sich
thun lie, die eifrigsten Nachfragen angestellt, ohne inde auf eine Spur zu
stoen, auer da unter den wenigen Sachen des Armem der russische Mantel fehlt,
den er nach seinem eigenen Gestndni von dem jungen Fhnrich zurckbehalten.
Zehn Mal treibt es ihn an, die seltsame Entdeckung, die ihm Frst Iwan bei
seiner Flucht zugeflstert, den Inhalt des von Jussuf heimlich berbrachten
Briefes, der ihm mit den dringendsten Worten ngstliche Sorge und Aufmerksamkeit
fr den Irren an's Herz legt, dem Colonel mitzutheilen. Zwar ahnt er nur die
Hlfte des Geheimnisses, er wei aus den Worten des Frsten nur, da Jean ihm
nahe steht durch Bande des Blutes - er wei zu wenig von den Geschwistern, um
eine bestimmte Muthmaung zu fassen, und seine vorsichtige Nachforschung bei
Nini und ihrem Bruder ist an deren Schweigen gescheitert. Aber sein feierliches
gegebenes Ehrenwort an den Frsten bindet ihn und lt ihn schweigen.
    Das Quartier des Generals, halb Zelt, halb Baracke, ist von Stabsoffizieren
umgeben, Adjutanten kommen und gehen jeden Augenblick und die Pferde des
Generalissimus stehen bereits gesattelt. Auf die Meldung, die der Colonel durch
einen der arabischen Leibdiener Pelissier's hineinsendet, kommt jedoch alsbald
der Befehl, in das innere Gemach zu treten. Der Colonel befiehlt Lebrigaud zu
folgen, whrend der alte Pole zurck bleibt und sich mit den Offizieren des
Generalstabs unterhlt.
    In der Zelt-Abtheilung, die das Cabinet des Ober-Kommandirenden bildet,
befindet sich, von dem zweiten Araber bedient, General Pelissier, mit dem
Ankleiden beschftigt, whrend General Martimprey, sein Stabschef, ber einen
groen Plan der Festungswerke gebengt, noch verschiedene Details mit ihm
bespricht und ein Adjutant die Punkte notirt.
    Die Miene des Generals ist hart und finster, als er die Beiden eintreten
sieht, aber offenbares und unangenehmes Erstaunen malt sich auf seinem Gesicht,
als er hinter ihnen den Zuaven erblickt. Er tritt sogleich hastig auf sie zu. -
Was soll die Freiheit heien, Colonel Mricourt, die Sie sich herausnehmen,
diesen Burschen in mein Gemach zu bringen, whrend ich nur Sie und diesen Herrn
da hierher befohlen habe?
    Euer Excellenz wollen den Drang des Augenblicks entschuldigen, erwidert
ruhig der Vicomte, ich wre auch ohne den eingegangenen Befehl genthigt
gewesen, mich Ihnen vorzustellen. Dieser Mann hat sich diese Nacht im Trunk
gerhmt, das Seil des unterseeischen Telegraphen bei Kamiesch durchschnitten zu
haben.
    Da htten wir ja den Thter, sagt General Martimprey. So eben ist die
Meldung von dem Unheil eingegangen, das der Bursche angestiftet.
    Zum Teufel mit dem Telegraphen! herrscht unwillig der General. Die
Anzeige htte Zeit gehabt bis morgen, oder an den General der Brigade geschehen
mssen.
    Euer Excellenz entschuldigen, ich hielt ihn hierher zu fhren fr meine
Pflicht. Der Kerl hat anzudeuten gewagt, da er den Telegraphen auf Euer
Excellenz Befehl zerstrt hat.
    Das Gesicht des Ober-Feldherrn frbt sich dunkelroth bis unter die weien
Haare. Ein wthender Fluch entschlpft seinen Lippen, auf welche tief sich die
Zhne pressen, sein funkelndes Auge fhrt zornig bald auf den Colonel, bald auf
den Zuaven. Maudit soit le butoir! Das hast Du gewagt, Schurke?
    Lebrigaud blickt halb trotzig, halb furchtsam auf. - Gesagt kann ich's wohl
haben, wenn's der Colonel einmal behauptet, murrt er, aber das ist kein
Beweis, da es wahr sein mu! Ich wei keine Sylbe davon und war betrunken.
    General Pelissier lt einen pfeifenden Ton zwischen den Zhnen hren, man
kann nicht unterscheiden, ob er Behagen oder Zorn anzeigt; ehe er aber noch der
Sprache Herr wird, mengt sich der Generalstabs-Chef in die Verhandlung, indem er
sich zu dem Gefangenen wendet: Aber Du gestehst zu, den Drath zerstrt zu
haben?
    Fichtre! was hilft alles Leugnen, das Unglck ist mir passirt - beim Baden,
ich tauche ziemlich gut und blieb hngen an dem verfluchten Strick; er oder ich!
Da dacht' ich, es wre besser, da der Kaiser einen Zuaven behielte, der heute
die Fahne auf den Malachof pflanzen kann, als da ich da unten im Grunde wie an
einem Angelhaken hngen bliebe. Zur Niederschlagung auf den Schreck hab' ich ein
Paar Flaschen getrunken, und da vielleicht dummes Zeug geschwatzt, um mich vor
Strafe zu schtzen. An einer Lge stirbt ein Bursche wie ich bin nicht gleich!
    Nein, der Schlag mte Dich denn jetzt gerhrt haben!
    Lassen Sie den Burschen, Martimprey, sagte der Generalissimus, die
Entschuldigung lt sich hren. Mach', da Du zu Deinem Regimente kommst,
Canaille, und wenn Du heute Mittag nicht der Erste im Sturm bist, so la' ich
Dich morgen schinden. Fort mit Dir!
    Der Halunke lt es sich nicht zwei Mal sagen und mit einer halb spttischen
Verneigung verschwindet er, whrend die andern Anwesenden sich betroffen
ansehen.
    Und nun zu Ihnen, mein Herr, der Sie mit solchen Lappalien die kostbare
Zeit rauben, fhrt der General den Offizier an. Ich habe gestern Abend noch
mit General Bosquet ber den Bericht des Generals Wimpffen gesprochen. Dieser
Herr da - er deutete auf den Arzt - hat schon frher sich verdchtig gemacht
und ist in Varna unter dem Verdacht des Verkehrs mit dem Feinde verurtheilt
worden. Wo ist der Brief, der die Besttigung der Spionage enthlt und den man
verkehrter Weise in Ihren Hnden gelassen, der Sie der Freund und Gnner dieses
saubern Herrn sind?
    Das Gesicht des Colonels entfrbt sich. - Excellenz, ein unglcklicher
Zufall hat das Papier verloren gehen lassen, aber ich betheure auf meine Ehre
...
    Wenn mir Euer Excellenz Gehr gestatten wollen, fgt der deutsche Arzt
hinzu, so ...
    Schweigen Sie! Wer mit den Russen verkehrt, ist ein Feind! Diese deutschen
Eindringlinge waren stets Verrther gegen Frankreich. Sie sind Ihres Dienstes
entlassen und werden mit dem ersten Schiff nach Constantinopel die Krimm
verlassen!
    Das ist eine Ungerechtigkeit, Excellenz! ohne Untersuchung, ohne
Vertheidigung meiner Ehre ...
    Danken Sie es diesem Herrn hier, schrie der General, der so geschickt zur
rechten Zeit die Briefe seiner guten Freunde verliert, whrend er Verleumdungen
seiner Vorgesetzten protegirt, da ich Sie nicht dem Kriegsgericht bergebe, wie
ich es gewollt. Und Sie, Colonel, schmen Sie sich der Freundschaft fr so
zweideutige Gesellen. Wenn das die vielgerhmte Treue fr den Kaiser ist, die
die adeligen Herren von der Garde in die Linie mitbringen, so danke ich fr
solchen Einschub!
    Der Vicomte ist todtenbleich - seine Augen funkeln, aber er sucht sich
gewaltsam zu fassen, whrend General Martimprey besorgt nher tritt. - Migen
Euer Excellenz Ihre Worte, sagte er endlich, ein Papier aus der Uniform
ziehend. Wer sich seines Verkehrs zu schmen hat, glaube ich nicht zu sein.
Wenn Euer Excellenz meine Ernennung zum Oberst des dritten Zuaven-Regiments
unangenehm, so kann ich Ihnen damit entgegenkommen, da ich Ihnen mein
Abschiedsgesuch hiermit berreiche und um seine Befrderung bitte. Ich diene
Frankreich's Ehre, nicht einem frevelhaften Spiel mit dem Leben der Armee - und
bitte Euer Excellenz, wenn ich den Sturm berlebe, mein Kommando bis zur
Entscheidung des Kriegsministers niederlegen zu drfen!
    Gleich, Herr! gleich! zur Stelle, wenn's beliebt! Wenn dem Herrn Vicomte
der Malachof zu gefhrlich scheint, wird jeder brgerliche Unter-Lieutenant gern
seine Stelle beim Angriff versehen!
    Der Colonel zuckte zusammen. - Meine Ahnen, Herr General, fochten als
Barone bereits mit Auszeichnung in den Kreuzzgen, whrend die Ihren vielleicht
noch vor sechszig oder siebzig Jahren als Schuster hinter'm Ofen saen. Alter
Adel hat wenigstens das Gute vor den Emporkmmlingen aus dem Plebejerthum, da
er sich in allen Lagen als Gentleman zu betragen versteht!
    Mir das, Herr!? - in blinder Wuth hob der General die Hand, in der er
bereits die Reitpeitsche trug.
    Der Vicomte trat einen Schritt zurck und legte ohne ein Wort zu sagen die
Hand an den Sbelgriff. Martimprey fiel dem General in den Arm und der Arzt
umfate den Freund und zog ihn halb gewaltsam aus der Thr. Die Offizier-Gruppen
im Vorgemach hatten bei dem Gerusch des bevorstehenden Aufbruchs und der
entfernten Kanonade wenig von dem Streit gehrt und waren zu gewhnt an
Zornausbrche des Generalissimus, um viel darauf zu achten. Der Colonel stand
noch vor dem Zelt mit den Freunden, einen Augenblick unentschlossen, was er zu
thun habe, als General Martimprey ihm nach kam, ihn am Arm fate und bei Seite
fhrte. - Es thut mir leid, Herr Vicomte, sagte er, da es zu einer solchen
Scene gekommen. Aber der Generalissimus hat gestern Abend mit Bosquet und heute
Morgen andere Verdrielichkeiten bereits gehabt und die dumme Geschichte mit dem
Telegraphen, an der er wahrscheinlich nicht ohne Antheil ist, hatte ihn in Wuth
gebracht. Sie sind ihm inde Nichts schuldig geblieben und er lt Ihnen sagen,
Sie mchten an der Spitze des Regiments den Russen nur eben so begegnen wie ihm.
Morgen, so wir leben, wird sich Alles ausgleichen und hoffentlich auch fr den
Doctor da Etwas thun lassen. Jetzt eilen Sie fort, denn der General wird
sogleich zu Pferde steigen, um die letzte Besichtigung vorzunehmen.
    Der Colonel salutirte hflich, aber kalt. - Nehmen Sie meinen Dank, Herr
General - ich werde meine Pflicht thun, doch, verschont mich auch die Schlacht,
der Armee des Kaisers Napoleon werden wir Beide nicht lnger angehren. Leben
Sie wohl!
    Einige kurze Worte noch zu dem polnischen Veteranen, ein bezeichnender
Hndedruck, dann eilte er mit dem Freunde davon.
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    Die Verbndeten harrten in drei Angriffs-Colonnen des Zeichens zum
allgemeinen Sturm; alle Dispositionen waren auf's Sorgfltigste getroffen und
grtentheils den Russen gnzlich verborgen geblieben, indem schon seit dem
frhen Morgen ein heftiger Nordwind wehte und groe Staubwolken emportrieb,
welche die Bewegungen der Franzosen verhllte.
    Die Division Levaiklant auf dem linken Flgel sollte die Central-Bastion
(V.) und ihre Lnetten angreifen, untersttzt von der Division d'Autemarre,
welche sich gegen die Mast-Bastion (IV.) zu wenden bestimmt war im Verein mit
der sardinischen Brigade des Generals Craldini. Die Divisionen Bouat und Pat
mit dem 30. und 35. Linien-Regiment bildeten die Reserven auf dem uersten
Flgel, den Quarantaine-Werken gegenber; General de Salles fhrte den
Oberbefehl.
    Auf der stlichen Seite, der Karabelnaja gegenber, war der gleichzeitige
Angriff gegen mehrere Punkte gerichtet. General Dlac sollte mit zwei Brigaden
auf dem rechten Flgel den kleinen Redan (die (Thurm-) Bastion II.) strmen,
untersttzt von der Brigade Marolles und dem Garde-Jger-Bataillon. Der zwischen
dem kleinen Redan und der Kornilowski-Bastion (Malachof) gelegenen groen
Courtine, welche beide Werke unter sich und mit der rckliegenden zweiten
Vertheidigungs-Linie, den sogenannten schwarzen Batterieen (Batterie Henrighof),
verband, stand General de la Motterouge gegenber mit zwei Brigaden, die
Voltigeurs und die Grenadiere der Garde unter General Mellinet als Reserve.
    Den Malachof selbst und die Batterie Scherwe (Gervais - zwischen dem
Malachof und dem groen Redan) war General Mac-Mahon mit der ersten Division des
Bosquet'schen Corps anzugreifen bestimmt, die Brigade Wimpffen und die zwei
Garde-Zuaven-Bataillone als Reserve.
    Sobald die Franzosen im Malachof sich festgesetzt, sollten auf ein gegebenes
Zeichen die Englnder den groen Redan (Bastion III.) strmen. Der Erfolg am 18.
Juni hatte gezeigt, da, so lange die Batterieen des Malachof den Redan deckten,
die Englnder ihn nicht zu nehmen vermocht htten. General Simpson hatte sich in
den klglichen Antheil gefgt, den Pelissier seinem Verbndeten an dem blutigen
Ruhm des Tages zugestanden.
    Gegen einen Angriff des Frsten Gortschakoff von Inkerman und der Tschernaja
her waren die Truppen der Generle d'Herbillon und d'Aurelle, die Cavallerie
d'Allonville's und der Rest der Sardinier aufgestellt.
    Um 8 Uhr Morgens hatten die smtlichen Truppen ihre Aufstellung in den
Trancheen genommen, in denen zum leichtern Vorgehen breite Durchgnge eingehauen
waren. Zwei Batterieen Feidgeschtz standen in der Lancaster-Batterie bereit, im
Galopp heranzustrmen, und vier andere Batterieen als Reserve in der
Victoria-Redoute. Jede Colonne hatte 60 Sappeurs bei sich, je ein halbes
Bataillon fhrte Werkzeuge und Bohlen fr das Passiren des Grabens, und die
Colonne begleiteten 50 Kanoniere, um nach den Ergebnissen des Kampfes die
eroberten feindlichen Geschtze zu vernageln oder gegen die Russen selbst zu
kehren.
    Um 10 Uhr hatte sich General Bosquet auf den gewhlten Posten in die sechste
am weitesten gegen die Courtine vorgeschobene Parallele begeben, wohin freilich
die Schulinien der feindlichen Geschtze convergirten, der aber einen
vollstndigen Ueberblick des Kampfplatzes ermglichte. Hier erwartete er die
festgesetzte Stunde. Ein Signal zum Beginn des Sturmes sollte von der
Brancion-Redoute, wo der Generalissimus um 10 Uhr 45 Minuten sich eingefunden,
nicht gegeben werden. Alle Uhren der Divisions-Generale waren nach der Uhr des
Ober-Befehlshabers gestellt - sobald der Zeiger auf eilf Uhr 30 Minuten stand,
hatten die drei Angriffs-Colonnen hervorzubrechen.
    Die Russen lagen ruhig und achtlos in ihren Traversen.
    Es waren Augenblicke der furchtbarsten Spannung. Die franzsischen Generale
standen aufrecht unmittelbar an den Brstungen, die Uhr in der Hand, die
Offiziere hatten ihre Sbel und Degen gezogen, die Truppen, in gebckter
Stellung in den Trancheen, hielten das Bajonnet gefllt.
    In der uersten Tranchee, welche links nach dem Kirchhof zu und dem
Dokowaja-Grund die Strandstrae aus Sebastopol nach der Inkerman-Brcke
schneidet, hat das dritte Zuaven-Regiment mit den algierischen Scharfschtzen
seinen Stand; es ist bestimmt, die Batterie Gervais anzugreifen, und die Zuaven
fluchen heimlich, da die Reihe, die Ersten zu sein gegen den Malachof, diesmal
ihre Kameraden vom ersten Regiment getroffen.
    Auf den Sbel gesttzt, in Gedanken trotz des furchtbaren Augenblicks
verloren, steht der Vicomte. Die leise Berhrung einer eiskalten Hand, welche
sich auf die seine legt, weckt ihn. Aufblickend sieht er neben sich Nini, die
Marketenderin. Ihre Augen sind gerthet von Thrnen, ihr bleiches Gesicht drckt
Angst und Kummer aus. Haben auch Sie noch immer keine Spur von ihm gefunden,
mein Herr? Verzeihen Sie meine dreiste Frage, die Angst zerreit mein Herz! Sie
flstert es leise, denn jedes Gerusch ist streng verboten.
    Sie meinen Jean? Nein, Mademoiselle. Der Bursche wird sich wohl
wiederfinden. Doch, was thun Sie hier, Nini? Sie gehren zum Nachtrab und nicht
in die vordersten Reihen.
    Das Mdchen prete die Hnde auf das Herz und ihr banger seelenvoller Blick
schaute bittend zu ihm empor. O, lassen Sie mich hier, Monsieur le Colonel,
flsterte sie - wissen Sie denn nicht, da er ein Russe ist?
    Ein Russe?
    Ich wute es zuerst auch nicht, aber spter wurde mir's klar. Vor zwei
Jahren war er mein Freund und Beschtzer in Paris - aber am Abend des 5. Juli
traf uns Alle ein furchtbares Unglck und seitdem ist er irrsinnig.
    Der Vicomte starrte sie mit Entsetzen an - der 5. Juli - in seiner Seele
stieg ein Bild empor - ein Gedanke, selbst halb wahnwitzig und dennoch - all'
die sich verkettenden Umstnde - er ffnete die Lippen zur weitern Frage - -
    Da krachte und donnerte es ber ihren Huptern, als wollte der Himmel
zerreien in seinen urewigen Grundfesten. Die smtlichen Geschtze hatten noch
eine volle Ladung gegeben - der Augenblick war gekommen. Die Generle, ihren Hut
ber dem Haupte schwingend, erschienen auf der Brstung, auf dem uersten
Epaulement der Trancheen zeigte sich das Commando-Fhnlein Bosquets, die
Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, ein tausendstimmiges Hurrah
erschtterte die Luft - und vorwrts ging es zum Sturm.
    Mac-Mahon mit der Brigade Espinasse, das erste Zuaven-Regiment voran, links
ihm folgend das 7. Linien-Regiment, warf sich auf den Vorsprung des Malachof und
auf die linke Faade der Bastion, dort wo dieselbe mit der Courtine
zusammenhing. Der Raum zwischen den Laufgrben und dem Ravelin der Bastion
betrug etwa 50-70 Schritt im Sturmeslauf, im Nu ist er berflogen, der halb
verschttete Graben berschritten, ohne auf die Hilfe der Sappeurs zu warten,
die Abdachung der Wlle erklommen und der Zuave Lihaut vom ersten Regiment, dem
Mac-Mahon die Commandofahne anvertraut, pflanzt sie im ersten Anlauf auf den
Wllen des Malachof auf; um sie sammeln sich die emporklimmenden Tapfern.
    Die Russen sind bestrzt - berwltigt, die Brustwehr ist nur mit den
Mannschaften der Artillerie besetzt, die an ihren Stcken niedergestoen werden.
Das ganze Innere des Malachof, bis auf den Kurgan - die Trmmer des allen
Thurmes - ist mit hohen Traversen durchzogen, hinter denen die Soldaten Schutz
gegen das Bombardement gesucht. Vereinzelt strzen die Compagnieen des
Regimentes Praga daraus hervor - ihr tapferer Kommandant Oberst Freund wirft
sich mit ihnen dem Feinde entgegen und strzt verwundet; es ist ein Zusammensto
Mann gegen Mann, die russischen Offiziere, den Degen in der Hand, strzen sich
auf das Parapet, mit Wort und Geberde ihre Soldaten zum Widerstand ermunternd.
Einer nach dem Andern sinken sie unter den Kugeln, die aus nchster Nhe auf sie
gerichtet werden - aber der Kampf entbrennt jetzt am ganzen Wall. Man ringt Leib
an Leib mit einander in wilder Wuth, das Bajonnet ist unntz geworden, man
schlgt sich mit Kolben und Steinen nieder, mit Schaufeln, Protzstangen und
Holzstcken, die man von den Geschtzblendungen abreit.
    Doch Schaar auf Schaar dringt in das Innere der Bastion ein und das Regiment
Praga wird geworfen. -
    Die 5. Division unter de la Motterouge hat ein schwierigeres Terrain, als
die Strmer des Malachof, doch steht sie bald in geschlossenen Massen an der
Front der Courtine und nimmt im Anlauf die Batterie von 6 Geschtzen de la
Poterne, welche den Malachof flankirt. Whrend die Kanoniere die Geschtze
vernageln, dringt die Infanterie gegen die zweite Vertheidigungslinie vor. Das
Karttschenfeuer der Russen schmettert die Spitzen der Colonnen und ganze Reihen
nieder, aber Nichts hemmt ihren Lauf. Sie ersteigen die Brstungen, die
Kanoniere werden an ihren Stcken erschlagen und die zweite Linie ist erobert,
das 11. Regiment dringt bis an die Thore der Vorstadt!
    Die Division Dlac hat im ersten Anlauf den kleinen Redan - die (Thurm-)
Bastion II. - genommen, trotz des furchtbaren Karttschen- und Musketenfeuers,
das Regiment Olonetz zurckgeworfen, einen Theil der Geschtze vernagelt und
bereits die zweite Verteidigungslinie und den Uschokowaja-Grund erreicht, der
kurz zur Rhede fhrt. Aber hier wirst sich den Eingedrungenen der Major
Jaroschewitz mit einem Bataillon des Regiments Bzelofersk entgegen und mit dem
Bajonnet sie bis ber die Brustwehr zurck.
    Das Glck der Schlacht wendet sich, die Russen sind nur berrascht, nicht
berwunden. Die Zurckgedrngten sammeln sich unterm Schutz der in den Ravins
des Uschokowaja- und Apollo-Grundes gelagerten Reserven. Zwanzig bespannte
Feldgeschtze fliegen herbei und erffnen ihr Feuer, die Batterieen des
Nordufers werfen Bomben in die Colonnen, die drei Dampfer Wladimir, Chersones
und Odessa legen sich in die Kilenbucht und schleudern einen Tod und Verderben
sprhenden Karttschenhagel auf den Feind. Die franzsischen Brigaden wanken,
sie wenden sich - vergebens suchen sie sich am schnell verrammelten Eingang des
Redan zu halten, - dann in den Grben, - erst an der ersten Linie der Courtine
machen ihre Verfolger Halt. Hier formiren sich die Franzosen auf's Neue,
abermals wirbeln die Trommeln zum Sturm und der Kampf um den Redan beginnt zum
zweiten Mal. General Saint-Pol fllt, General Bisson ist schwer verwundet,
wiederum wanken die Angreifer, als die Reserve-Brigade Marolles herbei eilt und
zwei Grenadier-Bataillone der Garde unter Pontves von General Bosquet zu Hilfe
gesandt werden, den gleich darauf ein Bombensplitter auf seinem gefhrlichen
Posten an der rechten Seite trifft und betubt zu Boden wirst. Fr einen
Augenblick sind nochmals die Parapets und Batterieen des Redans in den Hnden
der Franzosen.
    Aber die Russen wissen sehr wohl, da der Verlust des Redan die Mglichkeit
eines Rckzugs ber die Schiffbrcke in Frage stellt. General-Major Sabaschinski
mit 3 Regimentern der 8. Infanterie-Division wirft den Feind zurck, drei Mal
wiederholt sich der Angriff, drei Mal mssen die Franzosen unter dem
furchtbarsten Feuer weichen. Die Generale Marolles und Pontves, der tapfere
Fhrer der Garden, dem Pelissier den blutigsten Posten versprochen, opfern ihr
Leben, fast smtliche Fhrer der Compagnieen der Linie sind gefallen - es bleibt
Nichts brig, als der rascheste Rckzug nach dem Graben der Courtine.
    Das Schlsselburger Jger-Regiment, das von General Chruleff gesandt, dem
Redan zu Hilfe eilt, findet die Arbeit bereits gethan und wendet sich gegen die
Courtine. Vergebens versuchen die Franzosen auch dort den schnell errungenen
Sieg zu behaupten, vergebens rasseln, von Bosquet letztem Befehl herbeigerufen,
die an der Victoria-Batterie aufgestellten Feldgeschtze ber ein Terrain heran,
welches das Feuer der Russen vollkommen beherrscht, protzen im heftigsten
Kugelregen ab, der binnen wenig Minuten zwei Drittheil der Offiziere und
Mannschaften niederwirft, und beginnen ein Feuer, das endlich die Kriegsdampfer
nthigt, sich zurckzuziehen; - die Schlacht ist auf dieser Flanke verloren und
die Division de la Motterouge vermag, nachdem auch der Fhrer der
Garde-Reserven, General Mellinet, verwundet ist, sich nur kurze Zeit noch in der
ersten Enceinte der Courtine zu halten.
    General Dlac hat das Kommando in Stelle Bosquets bernommen, der durch die
schwere Wunde endlich genthigt ist, die Kampflinie zu verlassen und sich auf
einer Tragbahre nach der Lancaster-Batterie bringen zu lassen. Auch auf der
linken - der westlichen - Seite der Stadt sind die Franzosen nicht glcklicher.
Der Hauptsturm auf die Central-Bastion (V.) miglckt, trotz der Aufopferung der
Offiziere und Soldaten, ein Angriff der Mast-Bastion wird unmglich, jeden
Augenblick demaskiren die Russen neue Batterieen, Flatterminen zerreien den
Boden unter den Fen der Strmenden; die Generale Breton und Rivet fallen,
General Troch wird schwer verwundet, die Fremdenlegion fast vernichtet und de
Salles mu den Befehl zum Rckzug geben in das Innere der vorgeschobenen
Waffenpltze. Der russische Ober-Commandant General Graf Osten-Sacken berzeugt
sich selbst von dem Sieg der Seinen auf dieser Seite und eilt dann hinber zu
jener Stelle, wo sich das Schicksal des Tages entscheiden mu.
    Das ist der Malachof.
    Die Zuaven und algierischen Jger haben bei dem Angriff auf die Batterie
Gervais das Jgerregiment Grofrst Michael zurckgedrngt, der Zuave Lebrigaud
ist der Erste auf dem Wall und wird schwer verwundet von seinen Kameraden
zurckgetragen. Die Franzosen haben sich auf dem verschtteten Graben
festgesetzt und schieen durch die Embrasren, aber das Kostrana'sche
Jger-Regiment eilt der Batterie zu Hilfe, die Kanonen der linken Seite des
groen Redan vertreiben die Angreifer von der Batterie Gervais; ein Befehl
Mac-Mahons ruft sie zur Untersttzung der Franzosen im Malachof.
    Da diese sich hier festgesetzt, geben um 121/2 Uhr drei Raketen aus der
Victoria-Batterie den Englndern das Zeichen zum Angriff auf den groen Redan.
Sie haben eine breite Flche aus ihren Trancheen zu berschreiten und das
Karttschenfeuer der Russen decimirt ihre aufgelsten Reihen. Die Anstalten der
Englnder sind so schlecht getroffen, da sich kaum 1500 Mann zum Sturm
entwickeln, whrend ihre Reserven unthtig in den Laufgrben bleiben. Nur Wenige
bersteigen die Brustwehr und versuchen die Faschinen auf den Backen der
Embrasren anzuznden; das Wladimir'sche Regiment, anfangs zurckgedrngt, aber
bald untersttzt durch Compagnieen der Regimenter Kamtschatka und Jakutsk wirst
die Briten mit dem Bajonet zurck, und das Feld mit ihren Leichen besend,
fliehen diese nach den Trancheen zurck.
    Die Schlacht ruht auf dem linken Flgel der Franzosen und auf der Stellung
der Englnder, nur um den Schlssel von Sebastopol, um den Malachof, wird mit
gesteigerter Wuth gekmpft.
    Der Zuaven-Unteroffizier Lihaut hat die ihm vertraute Fahne auf der Stelle
vertheidigt, auf der er sie aufgepflanzt, - von 42 Bchsen- und Musketenkugeln,
von drei Kanonenschssen wird sie zersplittert und zerfetzt, aus fnf Wunden
blutet der Held und dennoch wankt und weicht er nicht von seinem Posten. Um ihn
haben sich die Kameraden gesammelt und strmen gegen den Feind; Oberst
Collineau, der Kommandeur des Regiments ist am Kopf verwundet, aber die Russen
sind bis an die Kehle des Werks geworfen, wo sich rasch die algierischen
Schtzen in einem Verhau festsetzten.
    Jetzt strmen die Russen wieder heran, Graf Wassilkowitsch, der
heimtckische boshafte Mann, schlgt sich wie ein Held im Innern der Bastion in
der Nhe des alten Thurms, auf welchem die Schtzen postirt sind und ein
gefhrliches Feuer unterhalten. General-Lieutenant Chruleff selbst stellt sich
an die Spitze des Regiments Ladoga und strmt gegen die Kehle der
Korniloff-Bastion; er wird in diesem Augenblick verwundet. General-Major Lisenko
bernimmt das Kommando und fllt, schwer getroffen, im Eingang der Redoute -
General-Major Inseroff lt sich an der Spitze der andringenden Regimenter
tdten - General-Lieutenant Martineau wird schwer verwundet - vier Mal strmen
die Colonnen der Russen, das Bollwerk Sebastopol's wieder zu erobern -
vergebens! - immer neue dichte Massen der Franzosen strzen sich in die eroberte
Bastion, die Brigade Vinoy, - das dritte Zuaven-Regiment, der Rest der Reserven
- Mac-Mahon selbst bersteigen den Wall, zu seinen Fen wirrd der tapfere
Oberst de la Tour du Pin von einem Wurfgescho zerrissen; man kmpft mit dem
Bajonnet, mit den Zhnen, mit der Faust, der Fu gleitet auf Strmen von Blut
und Bergen von Leichen!
    In den bereits erwhnten Trmmern des ehemaligen Kurgan des Malachof, nahe
dem Ausgang, die durch das crenellirte Erdwerk und die soliden Blendungen eine
kleine Festung im Innern der Bastion bilden, kmpft mit Glck ein junger
russischer Offizier mit etwa 60 Mann, darunter zwei Greise, der Eine in der
Tracht der Kosaken, der Andere von riesiger Gestalt in dem Rock der Druschinen.
Auf diesen Kurgan sttzen sich die letzten Kmpfe der Russen, in seiner Nhe
vertheidigt General-Major Wassilkowitsch noch immer die Batterie nach der Seite
des Redan. Das mrderische Feuer aus den Schiescharten dieser kleinen Bollwerke
erregt die Aufmerksamkeit des Generals Mac-Mahon und er befiehlt dem Obersten
des dritten Zuaven-Regiments, sie und die Batterie zu ihrer Seite zu nehmen. Aus
die Letzere strzt sich die Masse - ein Sbelhieb des Colonel verwundet den
alten Feind, der ihm gegenbertritt, Graf Wassilkowitsch, von den Seinen
gefhrt, wird mit dem Rest der Russen bis an die Kehle der Bastion gedrngt.
    Er erhebt sein Tuch - er winkt hinber nach dem Kurgan, auf dessen Brustwehr
der Greis in der Druschinen-Tracht mit einem Kanonenwischer die strmenden
Zuaven niederschlgt.
    Der Alte sieht das Zeichen - er springt zurck - durch die breit von einer
Kanonenkugel zerrissene Blendung sieht man ihn mit der Rechten eine Lunte
schwingen, mit der Linken eine Steinplatte zur Seite werfen.
    Da strzt sich eine jugendliche Gestalt, blutend bereits aus zwei Wunden,
zwischen ihn und die Oeffnung und sucht ihn zurckzudrngen - gleich einem Kinde
schleudert sie der fanatische Alte zurck - er hat das Zeichen gesehen, das ihm
der Graf gegeben, und will sein Versprechen erfllen, er beugt sich vor, er hebt
die Lunte - da - im letzten Augenblick reit der junge Offizier das Pistol aus
dem Grtel und sein Schu streckt den Alten zu Boden. Sein eignes Blut hat
Michael, den Tabuntschik, getdtet und den Mord des Kaisers gercht. Der Hand
Iwan Oezakoff's entfllt das Pistol, sein Auge trifft den Vicomte auf der
berstiegenen Brustwehr, den seine That am eigenen Volk gerettet, und er
verliert das Bewutsein, whrend die Zuaven die letzten Vertheidiger des Kurgan
hinaustreiben zu Wassilkowitsch's flchtender Schaar.
    Die Sappeure strzen sich auf die Oeffnung, deren bedeckenden Quader der
Tabuntschik gehoben, und entdecken einen Luntengang in die Tiefe, - ihre
Schaufeln und Aexte reien quer vor dem Kurgan die Erde auf und finden noch zwei
electrische Drthe: - das untere Gewlbe des Kurgans ist mit 40000 Kilogrammen
Pulver gefllt, und die Lunte des Rohirten htte glorreich die Schreckensthat
seiner Jugend geshnt, wenn die Liebe nicht triumphirt htte. -
    Hinter der Kehle der Bastion entspinnt sich ein neuer Kampf zwischen den
verfolgenden Franzosen und den Russen, deren Verstrkungen zu einem letzten
Versuch herandringen. Dem von zwei Soldaten zurck gefhrten General-Major
Wassilkowitsch begegnet eine eben herbei eilende Compagnie des Schlsselburger
Jger-Regiments - Spielwerk der Hlle: - an ihrer Spitze Iwan Oczakoff, dessen
That im Malachof er eben verflucht. Der Verwundete strzt auf ihn zu:
Verrther, wo kommst Du her, ich sah Dich blutend sinken im Malachof nach
Deiner schndlichen That? - Im Malackof, mich? ich focht am Redan! - Lgner,
Dich selbst oder Dein Ebenbild - - Der junge Offizier fat ihn an - wie ein
Blitz zuckt es durch seinen Geist, die Worte, die Annuschka gesprochen, die
Erinnerung an die Schwester, die er im Drang der Gefahr ganz vergessen - die
Erinnerung an sein Ebenbild im Lager am Sapun, dessen Wort ihn zuerst geweckt
aus der geistigen Nacht - eine Schlureihe von Gedanken in einem Augenblick -
Allmchtiger Gott - Iwanowna an meiner Stelle! - Der Graf starrt ihn einen
Augenblick an, auch ihm wird mit Blitzesschnelle die Ueberzeugung: Verflucht
sei die Metze, die, um ihren Buhler zu retten, Ruland's Sieg geopfert hat! -
Blutiger Schaum strzt aus seinem Mund, whrend Iwan Oczakoff ihn von sich stt
und davon strmt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf seinem Arme hat der alte Kosaken-Huptling den jungen Offizier des
Kurgan aus den Leichenhaufen getragen und lehnt ihn in einem Winkel der Bastion
an die Wand, beschtzt von Mricourt und dem Sergeant-Major Fabrice. An der
Seite des Bewutlosen knieet Nini, die Marketenderin, seinen Kopf auf ihrem
Schoo - sie reit, schreiend vor Angst und Schmerz um den geliebten Flchtling,
die Uniform ihm auf - eine volle ppige, blutberstrmte Frauenbrust quillt ihr
entgegen, enthllt sich allen Blicken! - Barmherziger Gott - Iwan - Iwanowna!
tnt auch hier der Schrei des Colonels - - da rast es herbei, die Menschenwoge
der Franzosen, geworfen auf dem uern Abhang der Bastion und die tapfern Feinde
dringen ihr nach durch die Kehle des Werks noch ein Mal in das Innere des
Malachof! Ein Schlachten, ein Wrgen ringsum! An der Spitze seiner Jger strmt
Iwan Oczakoff auf die weichenden Zuaven, - das Auge der Marketenderin trifft auf
die bekannte Gestalt, das bleiche Gesicht; sie fhrt empor -: Das ist der
Rechte! Jean! Jean, zu mir! Da knallen die Bchsen der russischen Jger - da
schlagen die Kugeln ein in nchster Nhe in die Hausen der Franzosen - ein
einziger herzzerreiender Schrei und auf die Stelle, wo Iwanowna's Haupt in
ihrem Schoo gelegen, strzt mit zerrissener Brust todt die treue Marketenderin.
Ueber den jugendlich schnen Leib hinweg wogt und strmt der Kampf; - der alte
Jessaul hat den Augenblick benutzt, den Krper Iwanowna's ber seine Schultern
geschwungen und ist mit ihm in den Reihen der Seinen.
    Da kracht es und hebt es sich, als wollte die Erde sich gegen den Himmel
bumen, als wren ihre Grundfesten gelst, der Himmel selbst erzittert, dichte
Rauch- und Staubwolken wlzen eine Nacht in den hellen Tag, Trmmer, zuckende
Glieder fliegen umher - beide Heere stehen entsetzt und glauben dennoch den
Malachof in die Luft geflogen und Tausende in seinen Werken und den Reduits
begraben.
    Allmlig sinken die Staubwolken, der Malachof steht, hoch von seinem Wall
flattert noch keck die Tricolore, - nur die Batterie de la Poterne an der Flanke
der Courtine und der Bastion ist gesprengt, das Pulvermagazin durch die
brennenden Faschinen entzndet worden.
    Einen Augenblick noch stehen erschttert die Gegner - aber schon haben sich
die Franzosen gesammelt.
    Neue Massen der Sieger des Malachof strmen heran - die Russen werden
geworfen und retiriren in dunklen Haufen aus der Kehle der Bastion, die rasch
mit Faschinen geschlossen wird - auch der letzte Versuch ist gescheitert - der
Malachof verloren.
    General Osten-Sacken erkennt, da die Wiedernahme der Bastion eine Armee
kosten wrde - er beschliet, seinen geheimen Instructionen gem, den Sieg auf
allen anderen Punkten und die Erschpfung des Feindes zu benutzen, um die
Sdseite der Stadt zu rumen, die nach dem Verlust des Malachof nicht mehr zu
halten ist. Er befiehlt daher dem General-Lieutenant Schepelieff, ohne einen
Angriff auf die Kornilowski-Bastion weiter zu versuchen, den Feind daran zu
verhindern, von dort in die Stadt zu debouchiren, und bis zur Nacht die
zerstrten Gebude auf dem nrdlichen Abhang des Hgels zu halten. -
    Aber nur ein Trmmerhaufe soll in die Hnde der Feinde fallen, wie vor 43
Jahren nur die Brandsttte von Moskau den Cohorten des ersten Napoleons
berlassen ward.
    Von 5 Uhr ab ist der Kampf nur noch durch die Artillerie unterhalten worden.
Bei Eintritt der Dmmerung bemerkt man die dunklen Colonnen der Russen ber die
Schiffbrcke von der Nicolaus-Bastion nach der Sievernaja in ununterbrochener
Reihe ziehen. Im Innern des Malachof sind, bereits durch Menschenhnde
herbeigeschafft, acht Coehorn-Mrser zur Beschieung bereit, mehrere russische
Geschtze wieder in Stand gesetzt und General Thiry, der Chef der Artillerie,
giebt Befehl, die Brcke zusammen zu schieen.
    Aber nur wenige Schsse fallen, als ein Adjutant des Generalissimus
herbeistrmt und den Befehl berbringt, das Feuer einzustellen und den Rckzug
der Russen nicht weiter zu hindern. Graf Lubomirski hat sein Versprechen
gehalten und Pelissier, ihn verwnschend, alle Verfolgung aufgegeben. Ohnehin
wre sie kaum mglich gewesen, denn Explosion auf Explosion zeigt, wie der
abziehende Gegner seine Vertheidigungswerke, seine Pulvermagazine und Gebude,
so wie er sie verlt, in die Luft sprengt. Rothe Flammenmassen wirbeln an
hundert Punkten zum Nachthimmel empor. - - -
    Doch die ersten Schsse auf die Brcke haben noch einige Opfer gekostet.
Vergebens hat Annuschka, die junge Wittwe, nach der Sievernaja zu gelangen
versucht, den ihr anvertrauten Brief zu bestellen. Truppen, zu den Wllen
eilend, fllen die Brcke - sie eilt zurck zum Fort Paul - aber kaum hat sie es
erreicht, so verbreitet sich die Nachricht, da die Franzosen den Malachof
genommen haben und in die Stadt dringen. In Todesangst, whrend Nursdih sich zu
folgen weigert, ergreift sie das ihr anvertraute Kind und strzt auf die
Straen, die zur Brcke der Sdbucht und der westlichen Stadt fhren, als ein
Name mitten in den drngenden Hausen der Soldaten und Bewohner ihr Ohr erreicht:
Meyendorf - Capitain Meyendorf! Sie fat die Hand des Offiziers - sie fragt
ihn - er ist der Gesuchte und sie bergiebt ihm den Brief, indem sie um seinen
Schutz bittet. Aber die Massen trennen sie wenige Augenblicke darauf und vor dem
Hagel der Kugeln flchtet Annuschka unter den Vorsprung eines Hauses, wo ein
abgesprengter Stein ihre Stirn trifft und sie bewutlos und blutend niederwirft.
    Capitain Meyendorf hat noch keinen Augenblick gefunden, den ihm so dringend
bergebenen, Brief zu lesen; erst als die ersten Colonnen ber die Brcke zur
Sievernaja ziehen, benutzt er einen gnstigen Augenblick, ihn zu ffnen. Noch
hat er die ersten Zeilen kaum berflogen, als ihn ein Splitter einer der vom
Malachof geworfenen Bomben am Kopf trifft. Er fllt dicht zur Seite des
Oberstkommandirenden - sein letzter Laut ist ihr Name - dieselbe Stunde hat sie
vereinigt im Himmelreich! -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es ist Nacht. Der Riesenbrand des Nicolas-Fort zeigt, da die Pontonbrcke
bereits abgebrochen worden - von Zeit zu Zeit noch fliegt ein Pulvermagazin in
die Luft - die Zahl der gesprengten betrgt fnfunddreiig.
    Zehntausend Leichen - darunter 4 russische und 5 franzsische Generale -
decken das Schlachtfeld. Jede der beiden Partheien zhlt berdies eine gleiche
Anzahl Verwundeter oder Vermiter. Von der franzsischen Garde, die in's Gefecht
gekommen, ist die Hlfte getdtet und verwundet. An einzelnen Stellen, vor dem
Redan, an der Kehle des Malachof, liegen die Leichen zu Hgeln gethrmt.
    Whrend die Artillerie und das Genie arbeitet, Batterien zu errichten und
die Befestigungen herzustellen, tragen die Soldaten die Leichen in Haufen
zusammen und die Chirurgen verrichten bei Fackelschein ihre blutige Arbeit.
    Ein Mann - erschpft - hat diese verlassen und tritt zu einer Gruppe an den
Ruinen des Kurgan. Ein Zuaven-Burnus deckt einen am Boden liegenden Krper - es
ist Nini's Leiche, deren kalte Hand winselnd Minette, die kleine Katze des
Sergeant-Majors, leckt. Der Alte selbst sitzt kummervoll neben der Marketenderin
- sein Arm ist zerschmettert und erst flchtig verbunden, aber er will die Todte
nicht verlassen, bis die Kameraden am Morgen sie holen.
    Neben ihm, an die Trmmer des Kurgan gesttzt, steht Bourdon, der Sergeant,
unverletzt im dichtesten Kampfgewhl, die Augen finster, thrnenleer auf den
Krper zu seinen Fen gerichtet. Colonel Mricourt spricht mit Jussuf, dem
Mohren; - er ist mehrfach, aber leicht verwundet und nach dem Zurckfhren des
Regiments, dessen Commando er dem einzigen unverletzten Capitain bertragen, in
den Malachof zurckgekehrt.
    Welland, der trotz seiner schimpflichen Entlassung seine Pflicht als Arzt
erfllt hat, reicht dem Freunde die Hand, er hat bereits den grten Theil der
Ereignisse des Tages erfahren. Der Colonel bittet ihn, einem jungen Russen seine
Hilfe angedeihen zu lassen, den Jussuf, durch die Nennung seines Namens
aufmerksam gemacht, an der Kehle des Werkes aus den Leichenhaufen hervorgezogen.
Es ist Olis, der Kosak Iwans, oder vielmehr Iwanowna's, der an der Seite des
jungen Frsten - der Letzte der sechs Brder - gefallen. Der Arzt erkennt bald,
da menschliche Hilfe hier vergeblich, und sucht nur den Tod des Armen nach
Krften zu erleichtern. Man hat ihn neben Nini gebettet.
    Dann erklrt Jussuf, der Mohr, seinem Herrn den Entschlu, in die brennende
Stadt hinabzusteigen, deren Wege er kennt und bis zum Paul-Fort vorzudringen, wo
- wie ihm der Sterbende beschrieben - die Schwester und die Frstin gewohnt.
Eine drngende Ahnung der Seele treibt den Vicomte zur Begleitung an - auch der
Arzt erbietet sich dazu, nachdem er sich einige Augenblicke erholt. Russische
Soldatenmntel, um sie im Innern der Stadt unkenntlich zu machen, sind leicht
herbeigebracht von den zahllosen Leichen. Als die Gesellschaft das Werk verlt
und Mricourt die ausgestellten Posten mit dem Pawort befriedigt, gesellt sich
stumm, aber entschlossen, Sergeant Bourdon zu ihr.
    Es ist ein furchtbarer Gang. In der Nhe der Schlachtfelder Leichen auf
jedem Schritt; zwischen Trmmern und verstreuten Kugeln, demontirten Geschtzen
und Munitionskarren schreitet man vorwrts in ein Chaos der Zerstrung. Aber je
weiter man vordringt - die russische Armee scheint verschwunden, nur die dunklen
Gestalten einzelner Marodeurs schleichen umher, schmerzliches Sthnen eines
Verwundeten und Zurckgelassenen dringt hier und da an ihr Ohr. Brennende
Magazine beleuchten von Zeit zu Zeit ihren schaurigen Weg - der Donnerschlag
einer aufgesprengten Batterie auf der Westseite zeigt ihnen, da der Feind
wenigstens noch thtig ist in der aufgegebenen Stadt.
    So - im Schutz der Dunkelheit oder der grellen Feuersbrunst, der allgemeinen
Verwirrung und Zerstrung, die nicht nach Freund und Feind fragen lt, und in
der bergenden Verhllung ihrer Platschtsch's - gelangen die khnen Mnner, in
den Abhngen an der Schifferbucht sich haltend, in die Nhe des Pauls-Forts. Der
Umstand, da es noch nicht gesprengt oder angezndet, beweist, da man es noch
nicht gnzlich aufgegeben, da noch menschliche Wesen darin sind. Jussuf
schleicht sich voran, die Gefhrten in einem Versteck zurcklassend; bald kehrt
er wieder, er ist auf keine Gefahr gestoen, nur auf entsetzliches Leid - und
winkt ihnen zu folgen.
    Sie gelangen glcklich in den ersten Hof und durch diesen in eine Hhle der
Verwesung und des Jammers, in die Lazarethe.
    Von allen Schrecknissen des Krieges, die sie erlebt, ist dieser Anblick der
schrecklichste, herzbrechendste. Lange Reihen von Verwundeten, mit Todten, ja
bereits Verwesenden abwechselnd, haben als rettungslos zurckbleiben mssen -
faulende und verfaulte Krper in ihrem letzten Todeskampf, dicht an einander
gedrckt - ohne Beistand, ohne Pflege, die Einen auf der Diele, die Andern auf
elenden Bettstellen oder blutgetrnkten Strohbunden, aus denen ekle Flssigkeit
sickert. Die Mauern, das Dach des Saales, von Bomben gespalten - liegen sie da,
die Unglcklichen - Viele noch lebendig, whrend die Maden bereits an ihren
Wunden nagen; Andere halb wahnsinnig vor Schmerz und Leiden, haben sich dem
Eingang zugewlzt, um der Hlle zu entrinnen, und deuten sterbend, um einen
Tropfen Wasser flehend, auf ihre Todeswunden. Der beengende Leichengeruch,
dieser Gestank von brandigen Wunden, verpestetem Blute, verwesendem Fleische ist
grausenhaft ber alle Begriffe - selbst der Arzt, der die trkischen Lazarethe
an der Donau gekannt, schaudert im tiefsten Grauen - Mricourt verhllt das
Gesicht. All' dies unsgliche Elend - fr welchen Zweck?! - Endlich gelangen
sie in den zweiten Hof - zu der Reihe der kasemattirten Wohnungen. Sie wagen es
nicht, eine der wenigen, still und verdrossen umherwandernden Gestalten
anzusprechen, um sich nicht zu verrathen - Stube auf Stube durchsuchen sie -
alle sind leer, oder die Bewohner stumm - auf ewig.
    Endlich deutet der Arzt auf ein Licht, das aus dem Gitterfenster einer Mauer
leuchtet - man findet die Thr und ffnet sie - ein leiser monotoner Gesang,
eine jener Todtenklagen summt ihnen entgegen, die melancholisch fallende Melodie
der Steppenvlker des Ostens; - sie treten ein: auf einem Feldbett ruht eine
halb verhllte Gestalt, zu ihren Fen schlft ein kleines Mulattenkind, eine
schwarze Frauengestalt kniet daneben und am Kopfende murmelt Iwan der Jessaul,
Iwan der Steppenteufel seine Todtengebete. Der Schein einer Lampe fllt auf das
Gesicht der Gestalt auf dem Lager - hellbraune Locken umgeben das bleiche Oval,
die festgeschlossene Lippe, das volle Kinn - den schnen Schwung des Gesichts -
den halb entblten Frauenbusen - es ist Iwanowna, und der Colonel strzt an
ihre Seite und bedeckt die kalte Hand mit Kssen.
    Noch eine andere Scene hat sich im gleichen Augenblick ereignet; - von dem
Bruder, der sie emporhebt, gleitet der thrnenschwere Blick des armen
Mohrenmdchens auf den deutschen Arzt. Da stammelt sie seinen Namen, reit sich
los von dem Bruder und streckt Jenem das schlafende Kind entgegen. Er zaudert,
er sieht sie mit verwunderten Blicken an, bis sie, mit der Linken das Kind an
ihre Brust gepret, ihn mit der andern Hand in den Strahl der Lampe zieht und
diese Hand ihm entgegenhlt - auf dem vierten Finger der schwarzen Hand glnzt
ihm der Granatreif, das Geschenk seiner Schwester, entgegen, den er der
Unbekannten gegeben, die in der sen Nacht von Madara sein Lager getheilt.
    Die Wahrheit berkommt ihn mit berzeugender Gewalt, und er drckt Weib und
Kind an die Mannesbrust.
    Die Todtenklage des Jessaul ist verstummt; flammenden Auges, Angst,
Entzcken in allen Zgen, reit der Colonel den Freund aus den Armen der
schwarzen Sclavin zum Lager Iwanowna's - und legt seine Hand auf den
Marmor-Busen, den so eben seine Lippen berhrt. Der erfahrene Arzt fhlt sofort
den leisen Schlag des Herzens, das noch pulsirende Leben. Sein Wink entfernt die
Anwesenden mit Ausnahme Nursdih's und seine geschickte Hand beginnt sofort die
Untersuchung der Wunden, die nur unvollstndig verbunden sind. Nursdih erzhlt
ihm, da der alle Jessaul die Frstin bis in das Fort gebracht, da Iwan, ihr
Bruder, in rasender Leidenschaft, all' ihre unendliche Aufopferung vergessend,
mit einem Fluch sie dem Tode berlassen, weil sein Ebenbild Schmach auf seinen
Namen gehuft und der Rettung des Feindes ihres Volkes die Rettung Sebastopols
geopfert habe, - und da sie, erschttert, mit gebrochenem Herzen, wieder in
jene tiefe Ohnmacht gefallen, die die Unkundigen fr den erlsenden Tod
gehalten.
    Nach kaum zehn Minuten kann der Arzt dem Freunde die Versicherung bringen,
da keine der Wunden des hochherzigen Mdchens tdtlich ist, da nur der starke
Blutverlust ihren gefhrlichen Zustand veranlat hat. Eine rasche Berathung der
Mnner folgt: die Mglichkeit einer Rettung Iwanowna's liegt in ihrer Entfernung
aus dem Fort und man beschliet, sie zu versuchen. Eine Tragbahre ist rasch aus
dem Lazareth herbeigeschafft und von liebenden Hnden geordnet. Der Jessaul, dem
der Colonel durch Nursdih volle Freiheit, zu gehen und zu kommen, zusichert,
will Die nicht verlassen, die er so lange bewacht. Er und der Mohr nehmen die
Trage, an deren Seite der Arzt und der Colonel sorgsam ber die Bewutlose
wachend gehen, whrend Nursdih voran den nchsten Ausweg in die Stadt zeigt,
ohne das Lazareth nochmals zu berhren, und der Zuaven-Sergeant den Rckzug
deckt. Die Hand des allmchtigen Gottes ist ber ihnen in den Gefahren der
brennenden Stadt, der explodirenden Minen, und als die erste Morgendmmerung
ber den Hhen von Inkermann dmmert, sind sie bereits im Schutz der
franzsischen Posten.
    Franois Bourdon, der tapfere Zuave, ist nicht allein, auf seinem Arm trgt
der Tapfere ein junges Kind, dessen leises Wimmern ihn auf dem Wege durch die
Straen unter die Halle eines halb zerstrten Hauses gelockt und das der leicht
zum Mitleid bewegte Soldat aus den Armen einer blutbedeckten erstarrten Frau
genommen. Er bringt das Kind dem Regiment als Ersatz fr die jetzt todte
Schwester!
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    Es ist wiederum Mittag - auf dem Malachof-Hgel sitzen, drei Mnner, ernst
und dster auf die zerstrte Stadt, auf die blaue Rhede schauend, von der die
mchtige Kriegsflotte des Pontus, der Stolz Ruland's, verschwunden ist,
verbrannt, versenkt in die Tiefen des Meeres, das sie so lange beherrscht. Noch
dampfen und rauchen die Ruinen der Stadt, noch donnert in langen Zwischenpausen
eine einzelne Explosion und von den Nordforts herber drhnt von Zeit zu Zeit
ein warnender Schu.
    Einzelne Haufen plndernder Soldaten sind bereits in die Vorstadt
hinabgestiegen, aber noch wagen nur Wenige, weiter vorzudringen, obgleich man
die Stadt jetzt vom Feinde verlassen wei.
    Tausende sind beschftigt, weite Grber zu graben, in denen die erbitterten
Gegner friedlich neben einander schlafen sollen, bis ein anderer Trompetensto
sie weckt - zum ewigen Weltgericht. Man mu eilen mit den Leichen, denn die
Sonne des Sdens brennt verwesend und giftige Fliegenschwrme umsummen bereits
die Todten.
    Am Fue des Malachof-Hgels, zu Fen der drei Mnner, graben Zuaven ein
einzelnes Grab - an dessen Seite harmlos ein zweijhriger Knabe spielt. Es ist
Nini's Grab, und die Hand des Bruders bettet sie in den Schoo der Erde. Wie
Kinder schluchzen die brtigen wilden Gesellen, die gleichmthig als Loos der
Schlachten tausend tapfere Kameraden an ihrer Seite fallen sahen. -
    Die Augen der drei Mnner am Hgel schweifen ber die Grber und ber die
Trmmer - suchend und suchend - vielleicht bis der Tod sie selbst nimmt. Der
Eine hat auch den Liebling vor wenig Stunden in die Erde gebettet - er schaut
jetzt nach dem Letzten seiner Enkel, welches der weiten Grber vielleicht ihn
birgt - denn allein ist Frst Iwan aus dem Kampfe zurckgekehrt! - Der alte Pole
an seiner Seite sucht den Einzigen, den Knaben seines Herzens, und sein greises
Auge sieht hinber nach den Felswllen der Sievernaja, als knne es sie
durchdringen und erkunden, ob sie den Geretteten bergen? - Der Dritte - der
stolze Baronet, schaut mit gefalteten Hnden, mit unsttem, verzweifelndem Blick
auf die riesige Trmmer- und Todessttte und ahnt nicht, wie nahe ihm das
Ersehnte, wenn die strafende Hand Gottes den Schleier von seinem Auge nehmen
wollte.
    Drei Mnner - Mnner im Sturme des Lebens! - die ihr Theuerstes verloren und
zu ihren Fen die Grber und die Trmmer Sebastopols!
    Suchet! - Suchet! - Suchet! -

                                    Funoten


1 Wegen des Versuchs, den Eisenbahn-Train des Kaisers in die Luft zu sprengen.

2 Osman-Bey.

3 Die sdlichste Spitze Siciliens.

4 Il. - kleine Redan.


                       Die letzte Rose von Charlottenhof.

Zwei Jahre fast sind verschwunden seit der Einnahme Sebastopols, - Frieden sind
geschlossen, neue Bndnisse erregen die Welt, der Osten strzt sich mit Gewalt
in die Cultur des Westen und reit die fest gebauten Schranken zweier
Jahrhunderte nieder.
    Die Dynastie der Napoleoniden ist legitimirt durch Visiten und Gegenvisiten,
es hat ein Heer von Sternen geregnet - Frankreich hat seinen Sohn - und der
Hat-Humayum hat Alles beim Alten gelassen! Unter der Asche Italiens lodert die
Revolution und am Ganges zieht das Gericht der Vergeltung herauf fr die
prahlerischen Wucherer mit dem Blute der Vlker.
    Was ist anders? - Ein groes Herz fehlt in den Reihen der Gesalbten und
viermalhunderttausend ordinaire Menschen deckt die orientalische Erde!!! - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die sonntglichen Extrazge haben Tausende miger, vergngungslustiger
Berliner nach dem Paradiese von Sanssouci befrdert, von dem sich der Knigliche
Monarch von Preuen nur den kleinen Raum der obern Terrasse mit der Sterbesttte
seines groen Ahnen bewahrt. Wenn das Leben und Wohnen irgend eines Hofes der
Welt ffentlich und dem Volke gehrig ist, so ist es das des Kniglichen Hauses
der Hohenzollern. Der Knig von Preuen ist rmer, als der geringste seiner
Unterthanen; denn er hat in der That kaum ein eigenes Haus.
    Dieser schne Zug von Kniglichem Socialismus zeigt sich durch die ganze
erhabene Familie. Fremde und Einheimische erzhlen, da der ritterliche Prinz
von Preuen mit dem beau idal eines knftigen Regenten, dem Prinzen Friedrich
Wilhelm, geduldig vor der Thr von Babelsberg, ihrem herrlichen Schlosse,
gewartet haben, inde das Publikum neugierig und indifferent ihre Arbeits- und
Schlafkabinette beschaute. Eben so hindert auf Sanssouci die dnne Schnur vor
dem Zugang der obersten Terrasse nicht den Blick in die Huslichkeit des
mchtigen Frsten.
    Die Kunstschtze und die herrlichen Anlagen des Parks haben heute nicht
allein die Menge nach der zweiten Residenz des Knigs gezogen. Erhabene Gste
weilen dort, - Namen, auf welche die Welt schaut, eine hohe Frau, jedem Preuen
bekannt und jedem Preuenherzen theuer in ihrem Wittwenschleier, wie einst unter
dem Blumenkranz des Mdchens und unter der Krone des grten Reiches der Welt; -
ein Frst, der eine halbe Erde, sein Erbe reformiren will und der Raum zu dem
Versuche findet von der Weichsel bis zum chinesischen Meer, vom Nordpol bis zum
Fu des Ararat; - ein Prinz, der sich im Schlachtgewhl von Inkerman den Lorbeer
geholt, den er jetzt in den Myrthenkranz der Braut schlingen will.
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    Das schne militairische Fest des Mittags, dem der ganze Hof beigewohnt, ist
vorber, die Hchsten Herrschaften haben sich einen Augenblick zurckgezogen,
die Hitze hat auch das Publikum vertrieben, und nur einzelne Gruppen von Damen
und Herren, meist in reichen Uniformen, bewegen sich in dem duftigen Schatten
der riesigen hundertjhrigen Orangen und der vergoldeten Broncelauben, whrend
die Wasser der herrlichen Cascadenfontainen ber ihre Marmorbecken
niederrauschen und aus dem Meer grner Baumgipfel der Strahl der Riesenfontaine
seine Perlen in die Lfte streut.
    Auf einer der zierlichen Gitterbnke von Gueisen sitzen zwei Damen, eine
ltere mit festen aristokratisch stolzen Zgen, das Auge beweglich und doch so
sicher, die Zweite jung, zierlich und elegant gebaut, zu dem hellblonden Haar
und der etwas matten seinen Miene passend. Eine Dritte, imponirend durch ihren
Wuchs, die Zahl der Sommer durch die blendende Toilette unmglich zu
entscheiden, wenn der Gothaer Almanach nicht zu Hlfe kommt, mit dunklem Auge
die Gruppe berblitzend, sttzt leicht die von der feinsten Pariser Hlle
bedeckte Hand auf den Kasten des nchsten Orangenbaumes.
    Vier Herren stehen im Gesprch um sie gruppirt, nur einer davon ist in
Civil, die drei Andern tragen Uniform. Der Erste von ihnen ist ein hoher
Offizier von hohem Alter, aber von ungebeugter martialischer cavaliermiger
Haltung. In dem kleinen von Falten umgebenen Auge, das scharf umherblickt, liegt
ein gewisser gutmthiger Humor; er spricht langsam und gegen Mnner mit dem
Ausdruck Eines, der zu befehlen gewohnt ist.
    Der Zweite ist ein Garde-Artillerie-Offizier in der vollen stattlichsten
Mannesblthe. Sein frisches Aeuere imponirt, seine Bewegungen sind die der
hchsten Gesellschaft und stellen seinen Nachbar in Schatten, der zwar von
gleichem Alter und in einer glnzenden russischen Garde-Uniform, die junge
breite Brust mit Orden bedeckt, doch zuweilen zeigt, da das Feldlager und
Schlachtgewhl ihm ein gewohnterer Boden, als das Parket eines glnzenden Hofes.
Sein interessantes mnnlich schnes Gesicht ist eine Verschmelzung slavischer
mit deutschen Zgen.
    Der Herr im schwarzen Civilfrack, auf der Brust eine Reihe von Orden, unter
denen das Hohenzollernkrenz ein Herz deckt, das mit jedem Gedanken, mit Wort und
That auf diese Anerkenntni seines Knigs ein Recht hatte, zeigt ein gewisses
Embonpoint, jene solide Behaglichkeit geistreicher Genumenschen. Fr die
letztere Eigenschaft spricht das runde krftige Kinn, fr die erstere das blaue
klare und doch scharfe Auge, die rastlose Beweglichkeit dieses hfischen
gemthlichen Proteusgesichts, das bald Spott und Humor, bald sinnenden Ernst, ja
tiefes Studium zeigt, ewig wechselnd im Ausdruck nach der Stimmung und dem
Stoff, mit dem sich sein Geist augenblicklich beschftigt, - den Ausdruck,
dessen Vielseitigkeit auf die Leinwand zu fesseln der geniale Pinsel Adams's
allein vermocht hat.
    Der fortschreitende Geist der Zeit hat nicht allein die Vlker, sondern auch
die Hfe der Frsten gelutert. An Stelle der Grumbkow's sind Mnner wie
Humboldt und Jener getreten, das schnste Zeugni fr den erhabenen Standpunkt
Dessen, der ihnen das Vertrauen seiner Muestunden zugewendet.
    Sie sind uns noch den hohen Scherz schuldig, Prinz Kraft, sagte die
sitzende Dame mit dem strengen Ausdruck, ber den unser Hofrath so viel
gelacht. Mon Dieu, wre er nicht fr unsere Ohren?
    Warum nicht, meine gndigste Grfin, erwiederte der junge Offizier. Ich
berbrachte die telegraphische Depesche von Wien, welche fr morgen die Ankunft
Ihrer Majestt der Knigin von Griechenland meldet; Seine Majestt meinten
heiter scherzend: Das Hotel zum Schwarzen Adler wre in diesem Sommer doch das
besuchteste von ganz Berlin.
    Wenn Ihre Majestt die Knigin von Griechenland kommt, bemerkte mit
leichter Satyre die hohe Dame am Orangenbaum, so werden wir Gelegenheit haben,
zu erfahren, ob Ihr Herr Caraiskakis oder Grivas noch am Leben, lieber Hofrath?
    Es ist doch recht abscheulich von Ihnen, sagte die junge Blondine, da
Sie das arme Marketendermdchen so grausam sterben lassen. Sie sind sonst so ein
herzensguter Mann und lesen uns manchmal so liebe komische Dinge, da ich gar
nicht begreife, wie Sie so grausam sein knnen.
    Also Sie haben das Buch auch gelesen, ma chre? fragte scharf die ltere
Dame, Sie leugneten es doch neulich auf das Bestimmteste.
    Das reizende Gesichtchen der jungen Baronesse berzog sich mit Roth. Es
fielen mir neulich einzelne Hefte bei meiner Schwester in Berlin in die Hnde,
deren Gemahl sich dafr interessirt. Die Beschreibungen der Schlachten sind
wirklich - wie soll ich sagen, recht unterhaltend, namentlich wenn man jetzt die
Herren vor sich sieht, die darin mitgekmpft. Haben Sie nicht auch die
militairischen Schilderungen recht pikant gefunden, Excellenz?
    Verzeihen Barone, sagte der alte Feldmarschall trocken, ich lese
dergleichen Zeug's nicht. Ich begreife nicht, wie sich hier der Hofrath, seiner
Zeit ein ganz verstndiger Soldat, mit so nichtsnutzigem Geschreibsel befassen
kann!
    Der Hofrath wehrte mit Hand und Mund. Ich bitte Euer Excellenz und Sie
meine gndigsten Damen auf das Unterthnigste, doch endlich Akt zu nehmen von
meinem Protest. Ich werde doch gewi nicht einen solchen Versto begehen, ein
Buch zu schreiben, in dem allerlei lebende hohe und verehrungswrdige
Persnlichkeiten mit so frevelhafter Dreistigkeit behandelt sind.
    Sie haben Recht, lieber Hofrath, sagte die ltere Dame, ich traue Ihnen
so Etwas nicht zu, obschon Sie manchmal gewisse kleine Tcken noch immer nicht
ablegen knnen. Nicht wahr, ma Comtesse, Sie sind auch meiner Meinung?
    Die schne Dame am Baum klappte mit einem leichten ironischen Lcheln den
Fcher zu. Man htte am Ende gar noch zu befrchten, selbst zur Staffage der
Scenen des unbekannten Autors zu dienen!
    Himmel! was denken Sie, meine Liebe, - eine solche Anmaung! Ich schicke
Ihnen morgen Ihr hliches Buch durch meinen Diener zurck, Hofrath, ich mag es
gar nicht zu Ende lesen; es war ohnehin unverantwortlich von dem Autor, wer der
Herr auch sei, so lange mit dem Schlu uns warten zu lassen.
    Ich traue Ihnen doch nicht, Hofrath, sagte der Artillerie-Offizier, die
allgemeine Stimme hlt Sie oder den Kabinetsrath fr den geheimen Verfasser oder
Faiseur, denn es ist unglaublich, da einem der gewhnlichen Herren von der
Feder alle die Hilfsquellen und Mittel zu Gebote gestanden htten, die offenbar
zu dem Buche benutzt sind.
    Auf meine Ehre, Durchlaucht, betheuerte der Hofmann, Sie thun mir
Unrecht. Der Autor, wenigstens der, den ich dafr halten mu und den ich
freilich das Unglck habe zu kennen, der mir aber gewi selbst noch irgend eine
Bosheit fr das Gercht spielt, war heute im Park. Ich sah ihn unter dem
Publikum bei dem Fest.
    Ei, und Sie zeigten ihn uns nicht? Sein Name?
    Der in die Enge getriebene Hofrath nannte nach einigem Struben, als die
Hand der schnen Dame sich halb schmeichelnd halb befehlend auf seinen Arm
legte, den bescheidenen Schriftsteller-Namen.
    Niemand zollte ihm weitere Aufmerksamkeit, als der Russe; - mit der
Gewhnlichkeit eines Namens schwindet ja so hufig das Interesse an irgend einer
bis dahin pikanten Erscheinung.
    Der russische Capitain bat den Hofmann, den Namen zu wiederholen, was dieser
mit seiner einschmeichelnden Geflligkeit that. Er wird vielleicht ein kleines
Interesse fr Sie haben, Herr von Potemkin, weil Sie selbst ja jene blutigen
Tage so ehrenvoll mit durchkmpft, er deutete fein auf die Orden. Ja - es ist
merkwrdig, ich erinnere mich sogar, da Ihr in Rulands Geschichte so berhmter
Name in eine Scene an der Donau, ich glaube, bei der Verwundung des Generals
Schilder, verflochten ist.
    Ich stand allerdings bei Silistria und hatte bei Inkerman die Ehre, Seiner
Kaiserlichen Hoheit bekannt und deshalb zu Hchstseinem Stabe befrdert zu
werden. Das Buch, von dem Sie sprechen, mein Herr, ist mir jedoch unbekannt und
ich fragte blo nach dem Namen, weil er der meiner verstorbenen Mutter ist. Sie
war eine Deutsche und mein Vater lernte sie in dem Feldzuge von 1813 kennen.
    Ihre gndige Frau Mutter hat vielleicht Verwandte bei uns?
    Ich wei es nicht - meine Mutter starb sehr jung - man sagte mir spter, am
Heimweh. Ich habe nie den meinen Verwandten gehrt und mein Kriegerleben von
Jugend auf hat mich auch gehindert, danach zu forschen.
    Die Gesellschaft erhob sich, denn es zeigte sich eine Bewegung am mittlern
Pavillon und aus den Laubgngen von der Seite der berhmten Mhle von Sanssouci
her kam, von hohen Militairs gefolgt, ein majesttisch stattlicher Offizier in
der Uniform eines preuischen Ulanen-Regiments. Der Feldmarschall ging ihm
sogleich ehrerbietig entgegen.
    Bitte, bester Hofrath, flsterte im Vorbergehen die junge blasse
Baronesse dem Civilisten zu, fragen Sie doch den Herrn, was aus der Grfin
Iwanowna geworden und ob sie sich wirklich noch bekommen haben?
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    In der schattigen Allee, nahe der prchtigen und knstlerisch sinnigen
Idylle, mit deren Namen ein mchtiger Frst das Andenken seiner erhabenen
Schwester feierte, und die in frheren Zeiten, als der unvergeliche, heilig
verehrte Vater noch die Krone trug, sein Lieblingsaufenthalt war, gingen zwei
Mnner spazieren, von einem blonden krftigen Knaben gefolgt.
    Wir sind ihnen frher begegnet - auf der Rennbahn bei Berlin, dem
Journalisten mit dem losen Mund und seinem Freund, dem Arzt, der damals nach
Sebastopol ging. Er ist zurckgekommen aus den sdlichen Steppen des russischen
Kaiserreichs, wo er nach dem Fall von Sebastopol sich eine Existenz gegrndet
hat, um noch ein Mal die hochbetagte Mutter zu sehen und die Freundin, die
treulich auf ihn, den lngst in Ruland Verheiratheten in stiller unerkannter
Liebe gehofft.
    Sagen Sie mir, lieber Freund, fragte der Doctor, was ist aus der
vornehmen schnen Dame geworden, der wir damals zufllig Gelegenheit hatten,
einen kleinen Dienst zu erweisen? - Besuchen Sie noch ihr Haus, wohin der Herr
Gemahl Sie eingeladen?
    Der Graf ist vor etwa zwei Jahren gestorben und hat sie als reiche Frau
hinterlassen. Die Grfin hat jedoch vorgezogen, die erneuerten Bewerbungen des
frheren Verehrers zurckzuweisen, und statt am Cap der guten Hoffnung sich
unter den Kaffern und Buschmnnern anzusiedeln, mit - einem hbschen an
Kindesstatt adoptirten Mdchen auf eines ihrer Gter in Schlesien
zurckzuziehen. Doch bei der Erwhnung fllt mir ein, da Sie ja damals auch mit
einer der Persnlichkeiten bekannt wurden, denen man spter den gemeinen Verrath
der von untreuen Dienern erkauften russischen Depeschen an Frankreich und
England schuld gab.
    Wen meinen Sie?
    Den Mann, der das Geheimni der armen Frau von jenem abscheulichen Weibe
erfahren wollte und leider auch wirklich spter durch einen unglcklichen Zufall
erfahren hat. Er sog sich wie ein Blutigel an dem Erlauschten fest und erst der
Tod ihres Gemahls befreite die Grfin von seinen Erpressungen.
    Es erfolgten ja damals wohl verschiedene Verurtheilungen?
    Das Sprchwort von den kleinen und groen Dieben hat sich nur theilweise
bewahrheitet. Es schwebt immer noch ein gewissen Geheimni ber der Sache, das
die eben verbreitete Nachricht eines Berliner Blattes von der Anstellung einer
der Hauptpersonen keineswegs geeignet ist, aufzuklren. Ein Opfer ist freilich
der Justiz gefallen. Wenn man, wie Andere, aus aller Zeit dreitausend Thaler
Antheil an gewissen Versicherungsgesellschaften bezieht, kann man wenigstens den
Folgen Trotz bieten. Die Polizeiakten einer nordischen Provinzial-Residenz
sollen darber interessante Daten liefern.
    Lassen Sie mich etwas Anderes fragen. Wollen Sie denn Ihr Buch nicht
beenden? So viele der lebendigen Figuren, an denen der Leser reges Interesse
genommen, sind ohne Abschlu geblieben.
    Der Journalist lchelte spttisch, indem er dem Knaben, der neben ihn
getreten, das blonde Haar aus der Stirn strich. Warum denn Alles immer
erschpfen bis auf die Hefe der Alltglichkeit? Sind wir nicht schon Philister
genug? Soll ich ihnen etwa erzhlen, da der deutsche Demokrat und seine
schwarze Gattin von Mariam's Todesgeschenk glcklich und zufrieden unter dem
Schutz der despotischen Herrschaft des Doppeladlers in Odessa leben, die
schwarze Frau ihrer Liebe und er in weitem Wirkungskreise geehrt und gesucht? -
Sie selbst sind dem Paar ja dort begegnet und wissen, da er das beste Theil
erwhlt; denn mit der Mohrin am Arm wre in den Berliner Straen ihm die
lbliche Gassenjugend nachgelaufen und htte Pietsch gespielt!
    Aber Mricourt? Iwanowna?
    Auf den hohen Bergebenen des freien Daghestan soll ein Haus stehen, halb
Palanka, halb Villa, das der Gattin Djemaladin's gehrt, des verschollenen
Tscherkessenprinzen, die er sich geholt in sternenloser Nacht am Ufer des Kuban.
Dort wohnt ein fremder Krieger mit seinem Weibe, - sie Beide haben Namen und
Glanz aufgegeben und mit der Vergangenheit gebrochen; er schwingt den Sbel
nicht mehr fr Ehre und Frstengunst, sondern nur, wenn die Gefahr es heischt,
fr die heiligen Nationalrechte eines freien Volkes; sie vergit im Arm der
Freundschaft und Liebe den undankbaren Fluch eines Bruders. Ob es Mricourt, ob
Iwanowna, das Paar, von dem ich hrte - ich wei es nicht! Was kmmern mich die
Briefe an Herrn Nhring, meinen Verleger, die nach ihrem Schicksal fragen.
Wollen Sie die Badeliste von Kissingen lesen, - Sie finden vielleicht Frst Iwan
darin. Durch die franzsischen und deutschen Bltter lief schon im vergangenen
Winter die artige Anecdote von dem Zuaven-Sergeanten, der ein Kind in den
Trmmern von Sebastopol unverletzt in den Armen einer blutbedeckten, anscheinend
todten Frau fand und mit sich nahm. Eine trauernde Dame - so lautet die
Geschichte der Zeitungen - steigt eines Tages, nachdem die Presse viel von dem
kleinen Regimentsknblein der Zuaven erzhlt hat, in Begleitung von Freunden an
der Kaserne der Rue de la Ppinire ab; sie fragt nach dem Sergeanten B ......,
man sagt ihr, der Herr Lieutenant wohne in der Nachbarschaft. Die Besucher
begeben sich dahin. Als die junge Frau in das bescheidene Zimmer des Offiziers
tritt, sinkt sie ohnmchtig auf einen Stuhl; sie hat das Kind, das sie zu
Sebastopol verlor, spielend am Boden erkannt. Lieutenant B. erzhlt einfach, was
er gethan, und indem er die lteren Rechte ehrt, bittet er nur um die Erkaubni,
den Kleinen von Zeit zu Zeit umarmen zu drfen. Der Bericht fgt bei, da der
Knabe im Htel der schnen russischen Dame mit dem franzsischen Namen bald
Vater und Mutter haben wrde. Sind Sie nun befriedigt?
    Aber - - -
    Kein Aber, Freund, ich habe genug schon gegen das eigene Gefhl gesndigt.
Da blicken Sie hin, ein Stck Geschichte aus der Gegenwart, das interessanter
ist, als jede Romanfigur. Die Mtze ab, mein Junge, hier kommen Die, vor denen
sie jeder Preue zieht.
    Equipagen, gallonirte Vorreiter voran, die prchtigen Rappen des Trakehner
Gestts biegen in die Allee und halten vor dem Eingang von Charlottenhof.
Ehrerbietig ziehen sich die Zuschauer in die Umgebung des berhmten Rosengartens
der Villa zurck. Der prchtige Blumenflor ist zwar lngst vorbei, die Hitze des
Sommers hatte die Bltter vor ihrer Zeit verdorrt, die Winde haben den Rest
zerstreut in die Lfte und blthenleer stehen die mit seltener Kunst gezogenen
und gepflegten Stmme.
    Nur an einem Zweig noch blht in sich entfaltender Pracht eine dunkle
Granatrose, gleich einem schimmernden Blutfleck auf dem grnen Gewand der
Bltter. Herrlich ist ihr Kelch aufgethan, s der Duft, der ihr entstrmt.
    In ehrerbietiger Ferne halten sich die wenigen zufllig Anwesenden, als die
hohe Gesellschaft aus dem grnen Rondeel der prchtigen Villa tretend, den
leeren Rosengarten durchwandelt. Eine Dame, in einen Schleier gehllt, die
Farben ihrer Robe blau und wei, wird von einem jungen stattlichen Offizier
gefhrt; der hohe Mann, den auf der Terrasse der Feldmarschall begrte, geht an
ihrer andern Seite, mit einer still freundlichen Dame sich unterhaltend, die
jenen hchsten Ruhm des Frauenhaften selbst auf einem Throne geniet, da nur
bei Werken des Segens von ihr gesprochen wird. Ein ltlicher, etwas starker Herr
von etwa 60 Jahren, in einfacher Uniform, promenirt, mit einem jungen reizenden
Mdchen plaudernd, voraus. Seine Stirn ist hoch, das runde offene Gesicht voll
Seelengte und Wrde, die von der Kurzsichtigkeit und dem Bedrfni, sich eines
Glases zu bedienen, hufig zwinkernden Augen leuchten Humor und Geist. Der Herr
bleibt vor der Rose stehen und betrachtet sie durch das Glas. Ah magnifique!
Sehen Sie einmal, schne Nichte, ist das nicht delicis? Noch so spt und so
sperbe Entfaltung! Er verweilt einen Augenblick, whrend der hohe Kreis weiter
schreitet. Sein Auge fllt auf eine Gruppe, die in einem Seitengang des Gartens
steht - ein hoher, alter und ehrwrdig aussehender Mann von feiner
aristokratischer Haltung, an seiner Hand ein junges reizendes Mdchen, und neben
ihnen ein schlichter, einfacher Arbeiter in krftigen Mannesjahren, mit einer
offenen Blouse und einem grauen Hut bekleidet, den er jetzt in der Hand trgt
und der um einer preuischen Kokarde geschmckt ist, obschon der Mann etwas
Fremdes in seinem Aeuern zeigt.
    Die kleine Gesellschaft ist schon frher dem Arzt und Journalisten
aufgefallen, wie sie jetzt dem hohen Herrn am Rosenbaum auffllt. Er winkt ihr,
nher zu treten, und der alte Mann, die Hand des Mdchens fassend, gefolgt von
dem Handwerker, naht sich mit ehrerbietigen, von der feinsten Tournre zeigenden
Verbeugungen.
    Wer sind Sie? - Sind Sie fremd hier?
    Sire! ich nenne mich Ereuxdeven! und komme aus - aus dem neuen Canton
Neuenburg, Sie noch ein Mal zu sehen, ehe ich mein Haupt niederlege auf die Erde
meiner und Ihrer Vter.
    Der hohe Herr scheint betroffen von der Auskunft, die er erhalten. Auf
seinem Antlitz zeigt sich eine schmerzliche tiefe Bewegung. Er sucht sie mit
Gewalt zurckzudrngen.
    Ist dies Ihre Tochter, Herr Graf?
    Mein einziges Kind, Sire, ihre Mutter war aus der Familie Glieu. Htte
Gott meine Ehe mit Shnen gesegnet, Sire, so wrden diese Sie um eine neue
Heimath gebeten haben. Ich bin zu alt, um die gewohnte noch zu verlassen. Diesen
Mann hier, den Milchbruder meiner Tochter, den Montagnard mit preuischem
Herzen, begleiten wir auf dem Weg nach Schlesien, wo er sich anzusiedeln
gedenkt.
    Wiederum zuckt es schwer und trbe ber das Antlitz des hohen Herrn. Seine
Hand bricht unwillkrlich achtlos, wie krampfend vom innern Schmerz, die Rose
von dem Strauch an seiner Seite. -
    Sire! sagt der Greis, leben Sie wohl! Mge Gott Sie und Ihr hohes Haus
segnen, unser Herz bleibt das Ihre, auch wenn Ihr Premier nicht den preuischen
Friedrichsd'or fr den neuenburger Groschen wagen wollte!
    Schweigen Sie, Herr Graf!
    Der Greis beugt sich auf seine Hand und kt sie. In die Augen des hohen
Herrn steigt es trbe empor - ein Tropfen - ein kostbares heiliges Na fllt auf
die Rose in seiner Linken; dann reicht er sie dem jungen Mdchen und mit den
Worten: Nehmen Sie, mein gndiges Frulein - zum Andenken, und bewahren Sie
Alle das meine - wie ich - wendet er sich hastig ab und schreitet sichtlich
bewegt seiner hohen Gesellschaft zu.
    Der majesttische Offizier in der Ulanen-Uniform tritt ihm entgegen mit
einem Blick nach jener Gruppe: Immer freundlich und huldreich gegen die Damen,
mein Oheim?!
    Ein schweres trbes Lcheln liegt um den Mund des Herrn, als er den ernsten
Blick zuerst auf der hohen Dame in Wei und Blau ruhen lt und ihn dann auf den
Fragenden wendet: Verzeihung, mon neveu, da ich Sie warten lie. Ich tauschte
eben die letzte Rose von Charlottenhof fr das Vergimeinnicht von Sebastopol!

                                     Ende.
