
                       Hacklnder, Friedrich Wilhelm von

                           Europisches Sklavenleben

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                        Friedrich Wilhelm von Hacklnder

                           Europisches Sklavenleben

                                  Erster Band

                                Erstes Kapitel.

                               Der Theaterwagen.

Es ist eigenthmlich, theurer und geneigter Leser, da man beim Beginn einer
Geschichte so gern Betrachtungen ber das Wetter anstellt, - eigenthmlich, aber
durchaus nothwendig. Was wollte man zum Beispiel von einem Gemlde halten, wo
sich die Figuren - und wren sie auch noch so interessant - in einer Staffage
bewegten, von der man nicht sagen knnte, von welcher der vier Jahreszeiten sie
gerade beherrscht werde. Es bringt den Leser nichts so in eine angenehme
Stimmung, als wenn er beim Beginn eines Kapitels erfhrt, die Sonne habe mit
voller Gluth geschienen, der Wind habe gesaust oder der Regen in schweren
Tropfen an die Fensterscheiben geklatscht. Bei uns findet er aber von diesen
drei ebengenannten Dingen nichts; unsere einfache und dieses Mal vorzugsweise
sehr wahrhaftige Geschichte beginnt im Winter, - jener Jahreszeit, wo man die
Natur als erstorben betrachtet, ihr als unschn so gern den Rcken kehrt, um in
glnzende, durchwrmte Sle einzutreten und sich an knstlichen Blumen und
Freuden zu ergtzen, da man lebendige und natrliche so wenige gefunden.
    Aber man thut Unrecht, geneigter Leser; es gibt Wintertage, deren
eigenthmliche Schnheit wir nicht vertauschen mchten fr den blthenreichsten
Frhlingsmorgen, fr den glnzendsten Sommerabend. Wir meinen nmlich einen
Wintertag, wo die Erde nach einem Thauwetter oder nach einem gelinden Regen mit
schweren Nebeln bedeckt war, wo alsdann diese Nebel durch eine pltzliche Klte
zu dichtem Reif erstarrten, wo sich der Boden mit einem Male wei bezog, ohne
aber verhllt zu sein durch eine langweilige einfrmige Schneedecke, die in
ihrem kalten Gleichheitsprinzip Berg und Thal zudeckt und ohne Unterschied
begrbt und verbirgt endlose Wiesen und Moorgrnde, stille Thler, kleine Seen
und allerliebste Grten. - Gewi, jener so pltzlich angesetzte Reif ist
wunderbar schn; jene Verhllung, wo doch Alles in seiner ursprnglichen Gestalt
erscheint, nur mit weiem, feinem Pelze bedeckt. Die dunkle Erde schimmert
leicht durch den Flaum, es ist kein Thal, keine Schlucht verdeckt: Alles behlt
die ihm eigene Gestalt. Dort auf der Wiese scheint weies Gras zu wachsen; die
kleinen Strucher sind mit den feinsten Kristallen bedeckt; wenn man einen Baum
ansieht, so mchte man darauf schwren, seine Zweige seien von Zucker und er
erwarte nur, wie er da ist, auf irgend eine Weihnachtstafel gesetzt zu werden.
    Dabei ist die Luft klar und scharf, und wenn du einen Berg hinansteigst, so
zieht dein Athem in einer blulichen Wolke dir voraus; whrend du aber durch den
Hohlweg gehst, um zu dem Plateau zu gelangen, wo die alte Strae mit der neuen
Chaussee zusammentrifft, und wo du die weite, groe Stadt bersehen kannst,
versume es ja nicht, rechts und links zu blicken und dir genau zu betrachten
einen Stein, einen Strauch, ja jeden Gegenstand, den du willst; denn wenn du am
heutigen glckseligen Tage irgend etwas genau untersuchst, so entdeckst du
Zaubereien ohne Ende, ganze Eiswelten in jedem Mastabe. Hier von der Wand des
Hohlwegs herab hingen gestern noch die kahlen erstorbenen Zweige einer
Brombeerstaude, na, fast triefend von dem angesetzten Nebel, heute ist daraus
ein Brillantschmuck geworden, wrdig, den Hut einer Frstin zu zieren, ein
Schmuck von Tausenden von Diamantblumen in der phantastischsten Gestalt, und
jetzt, wo ein Strahl der Sonne darber hingleitet, glnzend wie eine ganze
Million von Lichtbergen. Ja, so ein Tag verschnert mehr als Frhlingsluft und
Sommerhitze; bemerken wir nicht hier neben uns einen Erdhaufen, gestern noch
kahl, mit einigen mageren Grashalmen und zerstreutem Stroh, der heute mit einem
Mal eine ganze Eisresidenz geworden! Weie Steine bilden eine frmliche Stadt,
die rings von Zaubergrten eingeschlossen ist; man mu nur genau hinsehen und
das Ding nicht oberflchlich betrachten. Es sind da Straen und Pltze mit den
regelmigsten Alleen von weibereiften Grashalmen, auch imposante Waldungen;
nur Alles, was im Sommer grn erscheint, ist jetzt wei und hat eine fabelhafte
Form. - Ah! es ist schade, da unsere Illusion durch einen Sperling gestrt
wird, der jetzt pltzlich in die Stadt hineinfliegt und den grten Platz mit
seinen beiden Fen bedeckt. Aber auch er gehrt zur Zauberwelt, denn wie er
jetzt nach einem Regenwurme pickt, den Kopf in den Reif steckt, ihn wieder empor
hebt, und ihn dann mit der Beute hin und her schlenkert, stieben von allen
Seiten funkelnde Brillanten davon. Doch gehen wir weiter.
    Wenn wir uns auch nicht mehr so in's Detail einlassen wollen, so erblicken
wir doch Sachen, die nicht minder merkwrdig sind. Auf der Spitze des Berges
steht eine kleine Laube, vom Ende eines Gehlzes blickt sie in's Thal; ihre
Mauern haben eine rthliche Farbe, zwei Fenster funkeln wie Augen. Ueber das
Dach schlingen sich wilde Reben, vielleicht auch Geisblatt, und hngen an den
Seiten herab, Alles mit Reif berzogen; sie verleihen der Front des Huschens,
das in der Entfernung wie ein colossales Riesenhaupt aussieht, schneeweies Haar
und silberfarbenen Bart. Es ist tuschend, dies Riesenhaupt, und wenn man es so
ber den Berg herberlugen sieht, so wendet man unwillkrlich seinen Blick, um
zu sehen, was es da unten Merkwrdiges gebe.
    Ah! es ist die groe Stadt, die vor uns weit ausgestreckt im Thale liegt; in
allen Farben zeigen sich die Huser, ein wahres Chaos von Grau, Grn, Roth,
Blau, Schwarz mit ebenso vielen Schattirungen und unbeschreiblichen Tnen.
Dazwischen heben sich die riesenhaften Thrme zahlreicher Kirchen hervor, sind
aber trotz ihrer ausgezeichneten Gestalt nicht deutlich zu erkennen, denn der
Nebel von gestern und vorgestern erscheint pltzlich wieder und zieht graue
Schleier ber die Stadt; dazu dampfen Tausende von Schornsteinen und Alles das
bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke, durch
welche man nur noch in einzelnen Umrissen die Husermassen ahnet. Doch wird der
Nebel nicht oben bleiben: er sinkt zusehends tiefer und tiefer und gibt uns
jetzt einen neuen unbeschreiblich schnen Anblick. Gnzlich verschwunden ist die
Stadt und es ist gerade, als stnden wir am Rande eines ungeheuren See's - jenes
verzauberten See's, dessen wir uns aus unserer Kindheit erinnern, in welchem die
versunkene Stadt liegt, die wir, wenn wir sie auch nicht sehen, doch hren. An
unser Ohr schlgt dumpfes Murmeln und Rasseln, zuweilen rollt es deutlich auf
dem Pflaster, und wenn wir noch nicht berzeugt waren, so sind wir es im
nchsten Augenblicke, denn viele Uhren schlagen hell und deutlich die vierte
Nachmittagsstunde.
    Da nun aber die vierte Nachmittagsstunde an einem Tage im Monat Dezember
nicht weit von der Nacht entfernt ist, so wollen wir unsere Zauberlandschaft
verlassen und uns zur Stadt hinab begeben. Frchte sich der geneigte Leser nicht
vor dem Nebel: er scheint artig gegen uns zu sein und sinkt schneller hinab als
wir gehen. Schon treten die hheren Gebude wieder aus der scheinbaren
Wasserfluth empor, und jetzt, da wir das Thor erreichen, sind die grauen
Schleier mit Hlfe eines leichten Abendwindes zerrissen und wehen nur noch in
einzelnen Stcken um unser Gesicht, whrend sie eilig gen Sden fliehen. Auch
die Sonne berhrt uns mit einem letzten Blick und frbt die Landschaft rosig und
violett.
    Das Ende einer langen Strae, in der wir wandeln, fhrt in's Freie und
zeigt, wie holdselig die Sonne der Erde gute Nacht sagt. In unnennbar se
beruhigende Farben hllt sich die Landschaft ein, bevor sie in Schlummer sinkt,
und wie ein liebendes Gute Nacht! zittert der letzte Strahl der sinkenden
Sonne ber sie dahin. - Die stattlichen Gebude zu unserer Rechten empfangen
diesen letzten Gru schon klter und gesetzter; es fallen tiefe, scharf
ausgeprgte Schatten der gegenberliegenden Huser schon auf ihre oberen
Stockwerke; nur Fries und Dach ist noch hell beleuchtet. Diese Schatten steigen
langsam empor, wie eine Schlafdecke; denn wenn sie das ganze Haus eingehllt
haben, kommt die Nacht, und es schliet seine mden Augen. - - Da die Sonne nun
endlich hinter den Bergen niedersinkt, bemerkt man an einer Gaslaterne, die
drauen einsam vor dem Thore steht, denn auf ihren Scheiben blitzte noch vor
wenig Augenblicken ein helles Licht, ein Licht, das darauf tief rthlich
niederstrahlte und pltzlich ganz verschwand.
    Um vier Uhr Nachmittags und auch noch etwas spter sind um diese Jahreszeit
die Straen einer groen Stadt ziemlich belebt; man besorgt noch seine Gnge vor
der einbrechenden Nacht, man schliet viele Gewlbe und Lden, und dann haben
auch alle Schulen ihre Thore geffnet und ausgespieen eine Legion kleiner
Vagabunden, die nun in gewisser Beziehung Straen und Pltze ziemlich unsicher
machen. Da werden Trottoirs bentzt zu Schleifbahnen, die kleinen Bursche fassen
Posto hinter einander, ihre Tornister auf dem Rcken, und wer zufllig mitten
zwischen sie hinein und auf das glatte Eis gerth, wird ohne alle Barmherzigkeit
niedergerannt. Was die Schneeballen anbelangt, so hat der Himmel bis jetzt ein
Einsehen gehabt und gnnte der Jugend noch nicht dieses Vergngen zum Schaden
ihrer Nebenmenschen. In der Nhe der Schule, wenn auch nicht unmittelbar vor dem
Hause selbst, ist der Lrmen nun eine Zeit lang am strksten. Wenn so der ganze
Strom aus dem Thore strzt, so scheint jeden nur die Lust zu treiben, endlich
in's Freie zu kommen; sind sie aber drauen, so finden sie sich gleich wieder in
einzelnen Gruppen zusammen, einer der Schlimmsten gibt den Ton an, und dann
ziehen sie, wie es heit, nach Hause, in Wahrheit aber auf so groen Umwegen,
da die Glocken schon alle Fnf geschlagen haben, bis die letzten und wildesten
mit blauen Nasen und krumm gefrorenen Fingern in das warme Zimmer treten, wo
Mama ihnen den Kaffee aufgehoben hat.
    Auf den Straen und Pltzen ist es nunmehr wieder ruhiger geworden; wer
drauen nichts zu thun hat, bleibt im geheizten Zimmer; zum Spazierengehen und
Fahren ist es zu spt, und die Zeit, wo man Gesellschaften besucht, noch nicht
herangerckt. Es dmmert bereits; der Laternenanznder mit seinem langen Stocke,
an welchem oben ein kleines Lichtchen sich befindet, luft eilig durch die
Straen, und selbst ernsthafte Vorbergehende unterbrechen zuweilen einen
Augenblick ihren Gang, um zuzusehen, wie die Flamme so pltzlich emporstrahlt.
Auch die Lden erleuchten sich nach und nach, und helles Licht zeigt die
ausgelegten Stoffe in doppelt schnen Farben und verlockt allenfallsige Kufer.
    Um diese Zeit, geneigter Leser, rollt ein Wagen ber die Straen der Stadt,
meistens durch jene Viertel, wo sonst nicht viele Equipagen zu sehen sind.
Dieser Wagen, eine breite Glascalesche, kommt aus den kniglichen
Marstallsgebuden und ist gewhnlich bespannt mit zwei Rappen; auf dem Bock
sitzt ein alter Kutscher mit weien Haaren in einen dicken blauen Mantel gehllt
und mit ziemlich mrrischem Gesicht. Als dieser Wrdige am heutigen Tage die
Zgel in die Hand nahm, fragte er einen Bedienten im blauen Ueberrock, der im
Begriff war, hinten aufzuklettern: Wird Alles geholt? worauf dieser erwiderte:
Alles. -
    So rollt der Wagen dahin, und der Bediente hintenauf hlt sich bequem an den
Riemen desselben fest und schlenkert sanft hin und her; er hat im Gegensatz zum
Kutscher ein freundliches, stets lchelndes Gesicht, und er wrde seinem
Collegen gern ein Wort mittheilen, doch wei er wohl, da er von dem da vornen
keine Antwort bekommt.
    In den entlegeneren Straen, wohin der Wagen fhrt, hlt er meistens vor den
kleinsten, unscheinbarsten Husern. Dort springt der Bediente vom Tritt herab,
zieht heftig an einer Klingel, die auen am Hause angebracht ist und wartet
alsdann, whrend der alte Kutscher seine Zgel nachlt, noch ein paar Zoll mehr
zusammensinkt und die Peitsche auf den Schenkel aufsttzt. Nachdem die Klingel
ertnt, ffnet sich irgendwo im Haus ein Fenster, ein Kopf sieht heraus und es
wird herabgerufen: Gleich, gleich, Schwindelmann! Ich will nur meinen Kaffee
austrinken; oder: Ich packe gerade meinen Korb zusammen. Darauf brummt der
Kutscher etwas in den Bart, Schwindelmann aber pfeift eine Melodie und hpft von
einem Fu auf den andern, um sich warm zu machen. Bald nachher hrt man Tritte
auf der Treppe des kleinen Hauses; die Thre ffnet sich und ein junges Mdchen
erscheint in derselben, fest in ein groes Tuch oder einen Mantel gewickelt,
whrend hinter ihr eine Schwester oder eine Mutter ein groes Paket, einen Korb
oder dergleichen im Arme hat, welchen Schwindelmann sogleich bernimmt und in
den Wagen befrdert. Dann lt er den Tritt herunter, und wenn der Wagen dicht
am Hause vorgefahren oder die Strae gerade trocken ist, so hpft die junge
Dame, die unter der Hausthre steht, gewhnlich mit einem einzigen Sprung in den
Wagen. Ist es aber schmutzig oder die Calesche hat nicht recht herangekonnt, so
sagt das Mdchen auf der Hausschwelle: Schwindelmann, sei artig, und dann
lacht Schwindelmann, hebt sie so leicht auf, wie vorhin das Paket und befrdert
sie mit einer schwingenden Bewegung in den Wagen, schliet den Schlag und lt
sogleich weiter fahren.
    Das geschieht so an vier bis fnf Husern nach einander, und da hiebei der
Wagen durch eben soviel junge Damen angefllt wird, so tritt Schwindelmann an
den Schlag und fragt: Haben wir noch Platz zu Einer oder Zwei, oder mssen wir
heimfahren? Er jetzt auch wohl hinzu: Es wird kalt heute Abend und der alte
Andreas mchte frh nach Haus! Ihr knnt wohl ein Bischen zusammenrcken. Und
dann lachen die drinnen meistens laut auf, es kreischt auch hie und da Eine, die
ein wenig an ihre Fe gestoen wurde; da aber die Calesche breit ist und die
Mdchen den alten Andreas gut leiden knnen, so drcken sie sich zusammen und
machen noch Platz fr Zwei, Drei, so da der Wagen oft mit Acht dahinrollt,
nicht mitgerechnet ein paar kleine Kinder, die unterwegs ebenfalls noch
mitgenommen werden, die sich aber sehr dnn machen und rechts und links am
Schlage stehen bleiben mssen. Die Pakete und Krbe allein verursachen dem
ehrlichen Schwindelmann einige Verlegenheiten. Wenn es gutes Wetter ist, wei er
sich zu helfen; er bepackt alsdann die ganze Decke der Calesche, schiebt dem
brummenden Andreas auch zuweilen eines der Passagierstcke auf den Sitz, er
selbst nimmt nicht selten einen groen Korb auf den Kopf, das heit, wenn es
unterdessen dunkel geworden ist, und so rollt der Wagen dahin, die Pferde
langsam trabend, Andreas mrrisch und verdrielich, und die junge weibliche Welt
im Innern meistens lustig und heiter und tausend gute und schlechte Witze
machend.
    Diese Equipage aber, geneigter Leser, die du in der Residenz wchentlich
mehrere Male zwischen vier und fnf Uhr Nachmittags bei dir vorberrollen
siehst, ist der Theaterwagen, von Leuten mit wenig Witz und viel Behagen auch
der Thespiskarren genannt, seiner Abstammung nach eine geborene Hofcalesche, die
so lange fr die Ehrendamen und Ehrenfrulein bentzt wurde, bis diese kostbaren
Wesen behaupteten, nicht lnger mit Ehren darin fahren zu knnen.
    An dem Nachmittage nun, wo unsere Geschichte beginnt, fuhr der Theaterwagen
abermals und ziemlich frh durch die Straen. Es wurde an diesem Abend ein neues
Ballet gegeben, und das ganze groe tanzende Personal mute zusammengeholt
werden. Der Wagen war schon ziemlich besetzt und Schwindelmann trat an den
Schlag, um sich zu berzeugen, da noch fr Jemand Platz da sei, oder genugsam
guter Wille, um zusammenzurcken.
    Wen holen wir noch? fragte eine Stimme aus dem Wagen.
    Mamsell Clara, antwortete der Theaterdiener.
    Ah! die Prinzessin! lachte eine andere Tnzerin aus dem Wagen. Die
vornehmen Pltze sind besetzt; sie wird sich mit einem Rcksitz bequemen
mssen.
    Und eine Dritte fgte hinzu: Ich frchte, Mamsell Clara wird es bel
nehmen, wenn wir sie einladen, als Sechste bei uns zu sitzen.
    Schwindelmann konnte unter Umstnden grob werden, bevor aber dies geschah,
zupfte er sich selbst an einem seiner Ohren, als wenn er sagen wollte: Mige
dich. Heute that er auch also, migte sich aber nicht, sondern entgegnete mit
ziemlich lauter Stimme: Spart doch euer Geschwtz; wenn Jede von euch auch nur
halb so zufrieden wre wie die Clara, so brauchte man in der Garderobe ein paar
Ankleiderinnen weniger, und wir wrden in der halben Zeit fertig. Pfui Teufel!
so ein Aufheben zu machen! - Wollt ihr oder wollt ihr nicht?
    Ich habe im Grunde nichts dagegen, sagte lachend eine Stimme aus dem
Wagen.
    Zwei Andere erwiderten: Ich auch nicht, wenn sie sich behelfen will.
    Und eine Vierte rief: Ich wei was Neues: die Clara hat ein Verhltni mit
dem Schwindelmann; die wird protegirt, - ein schlechter Witz, ber den aber
alle Fnf in Ermangelung eines bessern laut hinaus lachten.
    Unterdessen schlug Schwindelmann brummend und murrend den Schlag zu, und der
Wagen rollte durch ein paar Straen, um endlich vor einem alten, aber ziemlich
groen Hause zu halten. Dies Gebude mit hohem, spitzem und ausgezacktem
Giebeldach hatte vier Stockwerke, rechnete man aber die Wohnungen in benanntem
hohem Giebel dazu, sechs Etagen, in welchen jedoch wenigstens fnfzehn Familien
wohnten. Abends, wenn die Fenster beleuchtet waren, sah dies Haus aus wie eine
Kaserne oder eine Fabrik, hatte auch sonst mit diesen beiden einige
Aehnlichkeit, denn hier hrte man ein ewiges Summen und Rauschen, und den ganzen
Tag lief Gro und Klein geschftig die alten, ausgetretenen Treppen auf und ab.
    Schwindelmann sprang von seinem Tritt herab, zog an einer Glocke, die auen
angebracht war, und kaum ertnte der Klang, als sich auch schon oben hoch im
Giebelfelde ein Fenster ffnete und eine schwache, zitternde Stimme herabrief:
Gleich, gleich - sie kommt schon.
    Sie wird sich wieder recht abhetzen, sagte nachdenkend Schwindelmann,
worauf die Fnf in dem Wagen ein abermaliges Gelchter erhoben, welches ihnen
aber von dem Theaterdiener die Bemerkung eintrug, da sie sammt und sonders
keine Schwne seien.
    Jetzt ffnete sich die Hausthre und zwei Gestalten wurden sichtbar, eine
grere und eine kleinere. Die grere war Clara, die kleinere ihre sechsjhrige
Schwester, die ein Paketchen unter dem Arm hatte, whrend die Tnzerin selbst
ein greres trug, das auch Schwindelmann sogleich mit auerordentlicher
Sorgfalt abnahm.
    Hast du die Nherei? fragte Clara darauf ihre kleine Schwester. Gib sie
her, mein Herz, und geh' hinauf, es ist kalt. Darauf beugte sie sich zu dem
Kinde nieder, nahm das Paketchen aus ihrer kleinen Hand und strich ihr leicht
ber das Haar, ehe sie in den Wagen stieg.
    Schwindelmann drckte den Schlag zu und sagte zu dem Kutscher: In's
Theater! worauf der Wagen davonrasselte.
    Clara hatte sich leicht in eine Ecke gedrckt und sprach mit einer ruhigen
und sanften Stimme: Ich kann in der Dunkelheit nicht sehen, wer von euch da
ist, ich sage euch aber insgesammt guten Abend, und es thut mir wahrhaftig leid,
da ihr meinetwegen so eng zusammenrcken mt.
    O, wir sind das schon gewhnt, entgegnete die Tnzerin ihr gegenber. Und
eine Andere versetzte: Wenn du nur nicht immer so furchtbar viel Gepck
mitbrchtest. Was thust du denn heute wieder mit den zwei Paketen?
    In dem groen sind meine Tanzrcke, erwiderte schchtern das Mdchen, und
in dem kleinen - - ja, darin habe ich eine Arbeit.
    Eine Arbeit? lachte eine Stimme aus der andern Ecke. Bei deinem Fleie
mut du am Ende noch reich werden.
    Clara antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, und da der Wagen, der bis
jetzt auf einer chaussirten Strae gefahren war, das Pflaster erreichte, so
wurde die Conversation pltzlich abgeschnitten. Wenige Minuten nachher fuhr
Andreas bei einem groen Gebude vor und hielt dicht an einer erleuchteten
Treppe.
    Das Aussteigen ging wie das Einsteigen vor sich, nur in umgekehrter Ordnung;
zuerst empfing Schwindelmann die Pakete und Krbe, dann half er den
Eigenthmerinnen aussteigen. Clara, die zuletzt kam, wurde auch hier von dem
Theaterdiener wieder einigermaen begnstigt. Da Sie zwei Pakete haben, sprach
Schwindelmann, so will ich Ihnen eins hinauftragen. Hierauf schlo er den
Wagen, sagte dem Kutscher, er msse um neun Uhr wieder kommen und erstieg hinter
den Tnzerinnen die Treppen.

                                Zweites Kapitel.



                         Schwarze und rothe Schleifen.

Wenige unserer geneigten Leserinnen werden schon in einer Theatergarderobe
gewesen sein. Von den Lesern gar nicht zu reden; denn fr sie sind die
Ankleidezimmer, namentlich die des Ballets, vor, whrend und nach einer
Vorstellung vollkommen verschlossene und unzugngliche Orte, wir wollen nicht
sagen ein verbotenes Paradies, obgleich sich auch hier wie dort ein Hter
befindet: vor der Balletgarderobe freilich nicht mit flammendem Schwerte, wohl
aber mit groem Stock, angehrend einem alten invaliden Portier von ziemlich
mrrischem Gemthe, und auf die Privilegien der Theaterankleidezimmer
eiferschtig wachend wie ein alter Trke. An ihm scheitert alle Bestechung, und
nur wir vermgen es vermittelst der Macht, die uns verliehen, den geneigten
Leser unsichtbar einzuschwrzen.
    Diese Balletgarderobe besteht aus drei ineinandergehenden groen Zimmern; in
jedem befinden sich mehrere Ankleidespiegel, rechts und links mit Armleuchtern
versehen, die aus der Wand heraustreten und aus welchen Gasflammen brennen.
Diese Armleuchter sind zum Drehen eingerichtet, um dem Spiegelglas eine grere
oder kleinere Helle zu verleihen; an den Wnden dieser Zimmer befinden sich
kleine, wei angestrichene Ksten, die wie eben soviele Kommoden aussehen, nur
da sie statt der Schubladen Doppelthren haben. Jedes dieser Schrnkchen ist
mit dem Namen der Tnzerin versehen, der es angehrt, und hier verwahrt sie die
nothwendigen Gegenstnde zum tglichen Gebrauch, die sie nicht jedesmal mit nach
Hause nehmen will. Es ist das wie der feldkriegsmig verpackte Tornister eines
guten Soldaten, und enthlt alle Mittel fr unvorhergesehene Flle. Da befinden
sich neuere und ltere, engere und weitere Tanzschuhe, sowie Vorrathsbnder zu
denselben, ein paar Tricots zum Auswechseln, falls irgend ein Unglck geschhe,
kleine Lappen und Flecken von verschiedenen Sorten, Nadeln und Faden von allen
mglichen Gren und Farben. Auch die Theatertoilettegegenstnde sind hier
verwahrt: rothe und weie Schminke, Pomade, Kmme, Haarnadeln, eine Schachtel
voll Magnesia zum Pudern und die nothwendige Pfote eines verstorbenen Hasen, um
die weie Schminke auf dem Gesicht gleichmig zu vertheilen.
    Es mag ungefhr fnf Uhr sein, und der letzte Wagen, den wir begleitet, hat
mit seinem Inhalte das weibliche Balletpersonal vollstndig zusammengebracht. In
den drei Zimmern befinden sich vielleicht vierundzwanzig junge Mdchen, die
lachend und plaudernd durcheinander rennen, sich ihrer Mntel und Halstcher
entledigen, ihre verschiedenen Anzge ordnen und nun mit Hlfe der
Ankleiderinnen daran gehen, sich von unten herauf anzuziehen. Sonderbar ist es,
da die Gesprche, namentlich aber Scherzen und Lachen, so lange nicht zum
rechten Durchbruch kommen wollen, bis die Kleider und Unterrcke den Tricots und
enganliegenden Leibchen nicht Platz gemacht haben. Ist aber erst die ganze
leichtfige Schaar unten vollstndig gerstet und bis zur Taille mit den
enganliegenden Tricots versehen, so scheint ein anderer Geist in sie gefahren zu
sein, und Spsse, eigenthmliche Attitden und unaussprechliche Pas wechseln so
drollig ab und werden mit so schallendem Gelchter begleitet, da sich oftmals
die Oberanzieherin veranlat sieht, die Hauptschuldigen durch ihre Brille fest
anzusehen und ernstlich um Aufhren des Spektakels zu ersuchen. Hierauf wird
aber das leise Gekicher und die anscheinend harmlosen Spsse doppelt eifrig
fortgesetzt. Ein lauter Schrei erhebt sich dazwischen, denn es wurde heftig an
eine der Thren geklopft; es ist Monsieur Fritz, der Theaterfriseur, der sich
von auen erkundigt, ob er eintreten drfe. Alsbald setzen sich die Damen des
ersten Zimmers durch umgeworfene Mantillen oder Tcher, sowie durch Tanzrcke,
die provisorisch ber den Schoo gelegt werden, in gehrige Verfassung, um den
eintretenden jungen unglcklichen Mann gehrig empfangen zu knnen, was brigens
nicht ohne einiges Gekreisch abgeht. Wir sagen: unglcklichen jungen Mann, und
zwar aus doppelten Grnden, denn einmal ist es keine Kleinigkeit, vierundzwanzig
junge Mdchen zur Zufriedenheit zu frisiren, und anderentheils hat Monsieur
Fritz den Versuch gemacht, gegen die eine oder die andere der hbschen
Tnzerinnen gelegentlich zu avanciren, was ihm nun bei jeder Veranlassung auf's
Schonungsloseste vorgehalten wird.
    Der Theaterfriseur und Schneider werden seltsamer Weise von den Tnzerinnen
meistens fr Wesen gehalten, welche der Liebe unfhig sind, fr geschlechtslose
Geschpfe, und es ist eigentlich sehr gut, da diese Ansicht besteht, denn sonst
wre des Zierens und Genirens kein Ende.
    Monsieur Fritz ist also eingetreten; die Thre zum zweiten Zimmer wird
geschlossen, weil man dort noch nicht so weit angezogen ist, und das Frisiren
nimmt unter Scherzen und Lachen seinen Anfang.
    Aber man mu nicht glauben, da Alle in diesen lustigen Ton mit einstimmen,
da es Allen gleichgltig ist, wenn die umgeworfene Mantille zufllig von den
Schultern herabrutscht, wenn der Friseur das Haar lockt oder ein Diadem
aufsetzt. Nein, diese Stunde des Anziehens und spter des Heraustretens vor die
Lampen, vor das versammelte Publikum, sind fr manche dieser armen Mdchen
Stunden der bittersten Qual, ja tiefen Herzeleids. Man wird sagen: warum
brauchen sie Tnzerinnen zu bleiben? Sie sind es ja aus freiem Willen geworden.
- Doch ist diese Ansicht eine vollkommen falsche; ihr Wille wurde und wird nicht
gefragt. Da ist eine Mutter in drftigen Verhltnissen, die hat zwei kleine
hbsche Mdchen; da sie aber fr das tgliche Brod zu Haus arbeiten mu und
keine Magd anschaffen kann, um ihre armen Kinder, wie so viele Reiche und
Glckliche, zu beaufsichtigen und zu verpflegen, so betrachtet sie die
Balletschule als eine gute Gelegenheit, die Kinder zu versorgen und bedenkt
nicht, wie theuer dieselben dieser erste Schritt meistens zu stehen kommt Die
kleinen Mdchen werden untersucht, ob sie gerade Glieder haben, auch hbsche
Augen und gesunde Zhne, und dann werden sie eingeschrieben zu einem uerlich
oft glnzenden, aber innerlich meistens erbrmlichen Leben. Anfangs betrachtet
man Alles mit dem glcklichen Leichtsinn der Jugend; die kleinen Wesen freuen
sich, wenn sie in den engen Tricots mit einem goldenen Grtel hinaus drfen, und
ahnen nicht, da all' dieses glnzende Schmuckwerk goldene Ketten sind, die sie
zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes, ja wildes Leben fesseln. Dies
Bewutsein kommt erst nach einigen Jahren und meistens wenn es zu spt ist, wenn
die Tnzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletsaal und die
Bhne angewiesen ist, um von der geringen Gage sich und oft noch Eltern und
Geschwister zu erhalten.
    Es ist dies ein Leben, in vielen Fllen schlimmer als das einer wirklichen
Sclavin; ist diese traurig, ist ihr Herz von Kummer und Schmerz zerrissen, so
ist es doch ihrem Herrn gleichgltig, ob sie die Lippen zusammenbeit, ob eine
Thrne ber ihre Wange herabtrufelt; aber die Tnzerin mu lachen, mu vor den
Lampen eine Glckseligkeit heucheln, wenn auch ihr Herz darber brechen mchte.
- Es ist wahr, eine Sclavin wird wie eine Waare untersucht, ihre Gestalt, ihr
Wuchs, ihre Augen, ihre Zhne, aber das geschieht nur einige Mal in ihrem Leben;
die Tnzerin dagegen mu sich allabendlich von dem gesammten Publikum
untersuchen lassen: jedes Glas richtet sich scharf auf sie und jedes Auge prft
genau die Formen ihres Krpers, um dem Nachbar sagen zu knnen: Sie ist schner
geworden, sie blht auf, oder: Sie nimmt ab, es geht zu Ende mit ihr. -
    Und das setzt sich auch hinter den Coulissen fort und spielt in's
gewhnliche Leben hinber. Wem es nur irgend mglich ist und wer hiezu ein Recht
zu haben glaubt, macht sich ein Vergngen daraus, zu untersuchen, ob eine
Tnzerin fest geschnrt sei, und jeder Geck glaubt eine Verpflichtung zu haben,
diesem armen Mdchen nachzulaufen, eben weil es eine Tnzerin ist. - - Und da
bei hat sie nicht einmal das Mitleid ihres Geschlechtes fr sich. Was ist eine
Tnzerin? - Ein Geschpf, ber welches die Nase zu rmpfen man berechtigt ist,
der es ja ein Vergngen macht, sich so und so vor dem Publikum zu prsentiren. -
Nein, ihr Damen vom ersten und zweiten Rang, es macht ihnen in den meisten
Fllen kein Vergngen und es ist nur ein Beweis, da es auch bei uns Sclaven und
freie Menschen gibt, ein Beweis, auf welch' traurige Weise auch bei uns die
Glcksgter vertheilt sind; denn wenn immer nach der Reinheit der Gesinnung und
den Gefhlen des Anstandes die Stellen des gesellschaftlichen Lebens vertheilt
wren, so se manche Tnzerin in eurer Loge, nachlssig zurckgelehnt mit
verchtlich zugedrcktem Auge, und Manche von euch zeigte sich da unten dem
lachenden Publikum. Das heit, wenn an ihr irgend etwas zu zeigen ist. - - - -
    Im dritten Zimmer ist dasselbe Treiben, dieselbe Geschftigkeit wie in den
beiden anderen. Hieher entlud sich der Inhalt des letzten Wagens, den wir
begleitet, und da diese Tnzerinnen spter kamen als ihre Colleginnen, so ist
man hier auch noch weiter im Anzuge zurck. Doch ist jede Tnzerin eifrig
beschftigt; die Ankleiderinnen helfen ihnen angelegentlichst und bald schlt
sich aus dem Chaos von Tricots, Weizeug, gestickten Kleidern, falschen Blumen
und dergleichen mehr etwas Solides und Fertiges heraus, und das stellt sich nun
vor die Spiegel, probirt vorlufig die neue Frisur, schminkt sich nach der
Lancaster'schen Methode, oder lt sich von einer der Schneiderinnen noch hie
und da etwas am Anzuge ndern.
    Vor einen der Spiegel tritt gerade eine als Nymphe des Waldes gekleidete
Tnzerin; fleischfarbene Tricots sind oben mit einem uerst kurzen Rock
bedeckt, der Oberkrper steckt in einem Leibchen von hellgrnem Atlas, das bei
jeder Bewegung des Krpers kracht und sich dehnt. Neben ihr auf einem Stuhl
sitzt eine andere Tnzerin, die Arme ber einander geschlagen, die Fe weit,
von sich abgestreckt, so da der Tanzrock mehr als eine Spanne ber dem Knie
bleibt. Beide sind sehr schne Mdchen, die vor dem Spiegel hat dunkle Haare,
blitzende Augen und ist tadellos gewachsen. Die Andere, eine Blondine, hat ein
sanftes Gesicht und ruhige, weniger leidenschaftliche Bewegungen.
    Hast du bemerkt, sagte Letztere, da die Marie dort in der Ecke wieder
eine Thrne um die andere fallen lt? Warum nimmt das Mdchen auch keine
Vernunft an!
    Wird schon kommen, erwiderte die vor dem Spiegel, indem sie sich bermig
stark zurckbog, um zu sehen, ob die Verbindung zwischen Rock und Leibchen
nichts zu wnschen brig liee. Wem ist es am Ende nicht so ergangen? Wer von
uns hat ein Verhltni ganz vollkommen nach seiner Neigung anfangen knnen?
    Ich, versetzte die Blonde; und dehalb dauert mich die Marie.
    Nun, du hast was Rechtes, entgegnete die Andere lachend und hob mit einem
gelinden Ausdruck der Verachtung ihre Oberlippe, whrend sie mit den Hnden ihre
Hfte umspannte und sich selbstzufrieden in dem Spiegel besah.
    Aber er wird mich heirathen, fuhr die Blonde fort.
    Und dann bist du fertig! Nein, nein, Elise, da macht's unsereins ganz
anders. Und wenn die Marie nun einmal nicht will, wer kann sie zwingen?
    Du weit, da sie keine Eltern mehr hat und bei ihrer Tanze wohnt.
    Bei dem Drachen am Kanal! Oeffentlich hat sie Aepfel feil und verkauft
Singvgel; was sie aber im Geheimen treibt, wissen wir. - Pfui Teufel! Nun,
zwingen soll sie sich nicht lassen; man mu mit ihr sprechen.
    Thu' das, Therese, sagte die Blondine. Du weit, die Marie ist ein gutes
Geschpf, ruhig und sanft, sie ist keines groen Widerstandes fhig und eine
intime Freundin hat sie auch nicht.
    Man mu mit ihr sprechen, wiederholte stolz Therese. La mich nur
machen. Mit diesen Worten trat sie noch einmal fest vor den Spiegel hin, hob
den Kopf hochmthig in die Hhe, besah sich rechts und links, griff nochmals
sich lang streckend um ihre Taille und wandte sich dann hchlich zufrieden mit
einer halben Pirouette vom Spiegel, worauf sie stolz wie eine Kaiserin nach der
vorhin angedeuteten Ecke schritt.
    Hier war der unvortheilhafteste Platz des ganzen Gemaches; er war neben
einem Fenster, wo wenig Licht hinfiel und sich nur ein kleiner Wandschrank
befand. Hier muten sich die Jngsten begngen, bis sie endlich lter und
erfahrener wurden und durch den Abgang einer Collegin oder durch irgend eine
Protektion an einen bessern Platz vorrckten.
    Die zwei Mdchen, die sich hier angezogen, waren beide jung, beide schn,
sie hatten beide dunkles Haar und dunkle Augen und waren doch unendlich von
einander verschieden.
    Wir kennen Beide bereits; von der Einen sprachen eben die beiden Tnzerinnen
an dem groen Spiegel; die andere war Mamsell Clara, welche zuletzt in den Wagen
gestiegen.
    Die Erstere war ein Bild der Frische und Ueppigkeit, dabei hatte sie eine
gute Taille, starke Arme, ein rundes, blhendes Gesicht, und die Rthe ihrer
Wangen drang so stark hervor, da sie mit keiner anderen Schminke zu bewltigen
war; von Nothauflegen war gar keine Rede, und schon nach den ersten Schritten
des Tanzes glhte sie so, da man ihr vorwarf, sie sei ungeschickt und bermig
geschminkt. Ihre Augen waren dunkel und glnzend, der Gesichtsausdruck aber
nicht sehr geistvoll; Hnde und Fe lieen auch etwas zu wnschen brig, woher
es denn auch wohl kam, da es ihr schwer wurde, eine grazise Stellung
anzunehmen, und sie, obgleich wie gesagt ein sehr schnes Mdchen, doch nie in
die ersten Reihen gestellt wurde.
    Clara war von einer mittleren Gre und mit einer Zierlichkeit und Eleganz
gewachsen, die Jedermann in Erstaunen setzte. Dabei hatte sie den kleinsten Fu,
die kleinste Hand, und ihre Taille, nicht unverhltnimig schmal, stand zu dem
langen und vollen Oberkrper in so richtigem Verhltni, da das schrfste
Kennerauge in diesem Krper nur die vollkommenste Harmonie entdecken mute. Auch
Hals und Kopf paten vortrefflich zu dem Ganzen; ihr Gesicht war lang, doch
nicht schmal, die Farbe desselben etwas bla; dabei hatte sie groe Augen und
zwischen frischen Lippen glnzend weie Zhne. Ihr fast schwarzes Haar war wegen
seiner Flle der Kummer des Friseurs, denn Monsieur Fritz war, wie er sagte,
nicht im Stande, irgend eine correcte Frisur damit herzustellen. Wenn wir dabei
versichern, da dieses Mdchen mit einer auerordentlichen natrlichen Grazie
begabt war, da keine ihrer Bewegungen etwas Eckiges hatte, da ihr Krper und
ihre Fe schmiegsam und biegsam wie bei keiner Anderen waren, da sie den
grten Pas mit Leichtigkeit lernte und nach dem ersten Jahr vor allen ihren
Colleginnen whrend des Tanzes auffallend hervortrat, so wird man sich wundern,
wehalb sie bei dem Corps de Ballet blieb und nicht zur Solotnzerin ausgebildet
wurde. Doch hatte das seine guten Grnde, und Clara, die, wie wir spter sehen
werden, fast schutzlos in der Welt stand, dagegen viel Schutz zu verleihen
hatte, fand nicht die Zeit, tglich die langwierigen Exercitien zu machen, die
nothwendig sind, wenn man es in der Tanzkunst zu Etwas bringen will. Dabei
frchtete sie sich auch vor dem ersten Tnzer, der sich ihr anfnglich
auffallend genhert hatte, dem sie aber mit ihrem richtigen Gefhl schaudernd
auswich. Ueberhaupt konnte sie sich nie mit dem wilden Treiben vieler der
anderen Tnzerinnen befreunden und nahm dehalb eine isolirte Stellung ein, die
hufig Veranlassung war, da sie Spott und Neckereien aller Art ertragen mute.
Mamsell Marie war die Einzige, welche mit groer Anhnglichkeit an Clara hing,
sie wahrhaft verehrte und fast unterthnig gegen sie war, wie gegen eine
Gebieterin.
    Die beiden Mdchen waren stillschweigend bereingekommen, Monsieur Fritz so
wenig als mglich in Anspruch zu nehmen, und da sie sich schon seit lngerer
Zeit so gegenseitig bedienten und, namentlich Clara, eine groe Fertigkeit
erlangt hatten, so wurde es ihnen nicht schwer, sich gegenseitig die
kunstvollsten und schwierigsten Frisuren zu machen. Dadurch waren sie meistens
vor allen Uebrigen fertig, so auch heute, und als in allen Zimmern und vor allen
Schrnken noch groe Bewegung herrschte, hatten sie ihre gewhnlichen Kleider
schon aufgerumt und beschftigten sich, vllig angezogen, mit etwas Anderem.
    Diese Beschftigung war aber sehr verschiedener Art: Clara hatte sich vor
ihr Schrnkchen gesetzt, das zweite Paketchen ihrer Nherei geffnet und fing an
zu arbeiten, whrend Marie an dem Fenster lehnte und mit gefalteten Hnden in
die dunkle Nacht hinaussah. Uebereinstimmend aber waren die Gesichtszge beider
Mdchen; auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas gertheten Augen
zeigten Spuren von hufigem Weinen. Clara hatte stark roth auftragen mssen, um
die durchdringende Blsse ihres Gesichts zu bewltigen. Wehalb die am Fenster
geweint, haben wir bereits erfahren, und wenn wir einen Blick auf die Arbeit der
Anderen werfen, sind wir auch hier ber die Ursache des Schmerzes nicht mehr im
Zweifel: Clara nhte an einem Kinderkleidchen und war eben im Begriff, dasselbe
mit schwarzen Schleifen zu besetzen.
    In diesem Augenblick kam Mamsell Therese von ihrem Spiegel und trat mit
erhobenem Kopfe vor die Beiden hin. So, ihr seid schon fertig? sagte sie. Und
Clara ist schon wieder am Arbeiten? - Was machst du denn da?
    Mir ist heute Nacht meine kleine Schwester gestorben, antwortete das
Mdchen. Und als sie ihren Kopf aufhob, um die Tnzerin anzuschauen, standen
ihre groen Augen voll Thrnen.
    So, so, entgegnete Therese mitleidig, deine arme kleine Schwester ist
gestorben? Ei, ich habe nichts davon gewut. Und da machst du ihr das letzte
Kleidchen?
    Clara nickte stillschweigend mit dem Kopfe.
    Wie alt war denn das Kind?
    Sie war zwei Jahre - aber so lieb - so lieb -
    Nun ihr ist wohl, versetzte die Andere; aber es thut mir leid fr dich,
du hast das Kind gewi sehr gern gehabt.
    Wie ihr eigenes, sagte Marie am Fenster, und unter dem Dunkel des
Vorhanges glnzten ihre feuchten Augen hervor.
    Einige andere Tnzerinnen in der Nhe, namentlich die blonde Elise, welche
ihrer Freundin gefolgt war, hatten diese Unterredung theilweise gehrt und
traten nun mitleidsvoll nher. Bald war Clara von allen Damen umringt, die sich
im Zimmer befanden, und es war ein eigener Anblick, wie die vorhin noch so
lachenden Gesichter der jungen lustigen Tnzerinnen auf das drftige
Todtenhemdchen niederschauten. Um dasselbe herum stand nun so pltzlich ein
lautloser Kreis, glnzend in Spitzen, Atlas, Silberstoffen und falschen
Brillanten. Dabei contrastirte die Stille hier im Zimmer auffallend mit dem
Lrmen in den andern; dort wurde geplaudert, gelacht, auch wohl ein lustiges
Lied gesungen und zwischen hinein bltterten die Castagnetten und hrte man hin
und wieder das taktmige Auftreten der Fe, wenn die Eine oder die Andere
irgend einen Pas versuchte.
    Aber warum nhst du schwarze Schleifen auf das Kleid? fragte nach einer
lngeren Pause Therese, indem sie sich niederbeugte und das Kleidchen mit der
Hand berhrte. Man nimmt ja gewhnlich Rosaband; auch sind die hier von
Baumwollenzeug.
    Clara blickte in die Hhe und versuchte zu lcheln, aber es wollte ihr nicht
recht gelingen. Schwarz ist ja die Farbe der Trauer, sagte sie, und dann
hatte ich diese Bnder schon; Roth ist so theuer.
    Du hast sie von einem Kleid heruntergetrennt, fuhr die Andere fort,
nachdem sie genauer hingesehen. - - Ich will das nicht leiden. Dabei richtete
sie sich stolz in die Hhe. Dein Schwesterchen soll nichts Schlechteres haben,
als die anderen Kinder. - Allons! wandte sie sich an die Andern, sucht rothes
Atlasband zusammen, aber eilt euch. - Wie viel Schleifen brauchst du ungefhr?
    La nur gut sein, Therese, bat Clara, meine Liebe zu dem armen Kind ist
nicht geringer, wenn ich auch schwarze Schleifen hinnhe.
    Aber es mu einmal so sein, entgegnete Therese eigensinnig, du hast ja
kaum mit deinem schwarzen Band angefangen. Macht, da wir rothe Schleifen
bekommen!
    Schon auf den ersten Ruf hin waren mehrere der Tnzerinnen zu ihren
Schrnken geeilt, und eine brachte das Verlangte herbei.
    Therese durchschritt alle Zimmer und rief nach rothem Atlasband.
    Wozu? fragten mehrere Stimmen. Zu welchem Zweck?
    Und kaum hatte die Tnzerin erklrt, um was es sich handle, so wurden
bereitwillig Schrnke und Schachteln geffnet und jede der glnzenden Nymphen,
der strahlenden Gttinnen und edlen Ritterfruleins beeilte sich, ihre rothe
Schleife zu bringen, so da Clara kaum mit dem Annhen fertig werden konnte.
    Wie wohl that ihr brigens diese Theilnahme und wie erfreut war sie, als nun
das Kleidchen fertig war und nicht mehr so dster in Schwarz und Wei aussah,
sondern freundlich und rosig, wie es fr das liebliche Gesichtchen des
verstorbenen Kindes pate.
    Wann wird dein Schwesterchen begraben? fragte die blonde Tnzerin, die
jetzt in den Kreis trat, in ihrer Hand einen kleinen Kranz haltend von
knstlichen Orangenblthen, fast ihr einziges und bestes Eigenthum, das sie aber
gerne hingab, um das Kpfchen der Verstorbenen damit zu zieren. Wann wird es
begraben? wiederholte sie. Denn es versteht sich von selbst, da wir Alle
mitgehen.
    Natrlich, sagte Therese, da wird gewi keine fehlen. Und an Blumen
bringen wir mit, was wir auftreiben knnen; die jetzt gewachsenen und blhenden
sind freilich theuer, aber es thut nichts, sollte es auch ein gemachter Strau
sein. Es hat die gleiche Wirkung, wenn es nur vom Herzen kommt.
    Es soll mich freuen, erwiderte Clara, wenn ihr auf den Kirchhof kommen
wollt; das Begrbni ist bermorgen um zehn Uhr.
    Verla' dich darauf, es fehlt keine, versetzte Therese bestimmt. Und damit
nahm sie das fertig gewordene Kleidchen in die Hhe und Alle betrachteten die
wohlgelungene Arbeit.
    In diesem Augenblicke ertnte eine Klingel dreimal und heftig; es war das
Zeichen fr die Tnzerinnen, auf die Bhne zu kommen, wehalb die Schrnke
eilfertig zugeschlossen wurden. Jede trat noch einen Augenblick vor den Spiegel,
streckte den Oberkrper so weit als mglich in die Hhe, zog den Tanzrock herab,
betrachtete prfend die Schuhe, ob nirgendwo ein Fehler zu entdecken sei, und
darauf flatterte die leichte Schaar die Treppen hinab und rauschte auf die
Bhne, wie ein anderes wildes Heer.

                                Drittes Kapitel.



                                  Sclavinnen.

Wie meistens vor einem greren Ballet ein kleines Lustspiel gegeben wird, so
auch am heutigen Abend. Es geschieht das, um den ersten Hunger des Publikums zu
stillen, um den Zusptkommenden gengende Zeit zu lassen, ihre Pltze
einzunehmen, und um Alle, oftmals durch einige Langeweile, empfnglicher zu
machen fr den nun folgenden Spektakel, fr Decorationen, Costme, Tnzer und
Tnzerinnen. Hiezu wird meistens ein harmloses Lustspiel gewhlt, an dem man
nicht viel verliert, wenn man auch erst in der Mitte desselben in's Theater
kommt; es hat gewhnlich eine einfache Decoration, damit man hinten genugsam
Platz hat fr die Zurstungen, sowie eine Stelle, wo sich das Corps de Ballet
aufhlt und wo die Solotnzerinnen die verzweifeltsten Anstrengungen machen,
damit ihre Glieder nachher im hchsten Glanze der Gelenkigkeit erscheinen.
    Es ist heute Abend ein Ballet in vier Aufzgen, zwlf Tableaux, mit viel
Tyrannei, viel Liebesschmerz und ungeheurem Gefhl. Eine Scene, wo viel des
Letzteren vorkommt, mu als sehr schwierig noch probirt werden. Der Herzog, ein
gutmthiger Kerl, - so scheint er wenigstens im ersten Aufzug, obgleich der
emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche
Vorzeichen sind, da spter einiges Zhneknirschen und Augenverdrehen
stattfinden wird, - der Herzog also kommt, wie es in Balleten meistens der Fall
ist, unglcklicher Weise in dem Augenblick zu seiner Braut, wo deren
eigentlicher Liebhaber, der junge Ritter Astolfo, ebenfalls bei ihr ist. Das
gibt eine furchtbare Scene; der Herzog bleibt wie angewurzelt stehen und gleitet
dann mit einem frchterlichen Blick, fast ohne die Fe zu bewegen, bis auf die
andere Seite der Bhne. Ritter Astolfo zieht sein Schwert; einige zwanzig
Tnzerinnen, die Begleitung der Braut, schaudern im Chor, die Cavaliere des
Herzogs schlagen ein Pantomimisches Hohngelchter auf, und die Braut reit sich
endlich aus ihrer Erstarrung in die Hhe, fat ihren verzweifelnden Liebhaber an
der Hand und tanzt vor den Augen des erstaunten Herzogs ein Pas de deux, worin
sie ihm deutlich zu verstehen gibt, hier, Astolfo, sei ihr Jugendfreund und
schon seit erster Kindheit von ihr geliebt worden, sie knne und werde ihn nie
verlassen, sie scheere sich den Henker um den Herzog und sein ganzes Reich, und
werde eher sterben, als ihm angehren.
    Diese Scene wurde, wie gesagt, nochmals in der Geschwindigkeit durchgemacht,
worauf der erste Tnzer in Abwesenheit des Balletmeisters das Corps de Ballet
eine kleine Revue passiren lie. Er schaute nach, ob die Frisuren
bereinstimmend mit der Vorschrift waren, ob die Schuhe in gutem Zustande, ob
die Tricots fest und sorgfltig angezogen seien. Die meisten der jungen Damen
lieen sich diese Untersuchung lachend gefallen, namentlich wenn der Tnzer, ein
hagerer junger Mann mit sehr lebhaften Augen, gerade nicht in's Detail einging.
Andere, um geschwind fertig zu sein, drehten sich vor seinen Augen lachend mit
einer Pirouette, um sich von allen Seiten zu prsentiren und machten darauf ein
bermiges Battiment, um so Tricots und Schuhe im besten Glanz vorzuzeigen und
sprangen dann in die Coulisse zurck. Einige der Tnzerinnen beantworteten die
Aufforderung ihres Collegen, nher zu treten, mit einem unbeschreiblichen Blick,
drehten ihm ganz einfach den Rcken oder lieen sich auch, die Hnde auf den
Hften, nicht im Mindesten in ihrer Unterhaltung stren.
    Wo ist Mamsell Clara? rief der Tnzer, nachdem er das Mdchen vergebens
gesucht, obgleich sie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume stand. -
Wo ist Demoiselle Clara? wiederholte er mit lauter Stimme. Ich mu sie
bitten, augenblicklich vorzutreten.
    Diesem zweiten Ruf mute Folge geleistet werden, und das Mdchen trat,
obgleich widerstrebend, aus die halbdunkle Bhne, in deren Mitte der lange
Tnzer allein stand.
    Es ist doch sonderbar, sagte er mit einem hlichen Lcheln, da man Sie
immer zweimal rufen mu. - Es wre wahrhaftig fr Ihr Fortkommen besser, setzte
er leise hinzu, wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erste Mal Gehr
gben.
    Was wollen Sie von mir? fragte die Tnzerin mit unsicherer Stimme.
    O, fr jetzt nicht viel, entgegnete ihr College. Sie tanzen in der
vordersten Reihe, Sie tanzen zu sechs mit mir, ich mchte nach Ihrem Anzuge
sehen; dann knnten wir auch geschwind die letzte Stellung probiren.
    Mein Anzug ist in Ordnung, versetzte das Mdchen, indem es einen Schritt
zurcktrat.
    Ihre Schuhe nicht zu weit?
    Ein wenig, aber ich habe sie eingenht.
    Ihre Tricots fest angezogen? Ich will keine Falten bemerken. - Lassen Sie
sehen.
    Das Mdchen rhrte sich nicht. Doch wenn es auf der Bhne nicht so dunkel
gewesen wre, htte man deutlich bemerken knnen, wie selbst unter der Schminke
eine glhende Rthe ihr Gesicht berfuhr.
    Seien Sie nicht kindisch, sagte der Tnzer, und lassen Sie sehen. Sie
wissen, Clara, da ich mit mir nicht spassen lasse und da Sie auf eine Zulage
nchsten Monat durchaus nicht zu rechnen haben, wenn ich Sie immerwhrend wegen
Ungehorsams und Widersetzlichkeit anzeigen mu. - Nun!
    Das arme Mdchen knitterte mit der rechten Hand ihren seidenen Tanzrock zu
tausend Falten zusammen, dann erhob sie ihn ein paar Zoll hoch, so da ihr Knie
sichtbar wurde.
    Der Tnzer wollte sich genauer berzeugen, doch trat Demoiselle Clara
abermals einen Schritt zurck.
    Sie sind ein kindisches Mdchen, sprach der Vorgesetzte: Sie werden noch
viel lernen mssen oder Sie bringen es zu gar nichts. - Sind Sie nicht zu fest
geschnrt?
    Ich schnre mich nie fest, entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte
sich entfernen.
    Der erste Tnzer aber fate ihren Arm und hielt sie fest. Ich glaube,
sagte er mit leiser Stimme, die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner
Aufmerksamkeit; fr Ihre unvergleichliche Taille findet sich gar nichts
Passendes in der Garderobe; man mte Ihnen eigentlich immer neue Sachen machen.
Und wenn Sie wollen, Clara -
    Das Mdchen versuchte ihre Hand zwischen den feuchten Fingern des drren
Tnzers hervorzuziehen; es durchschauerte sie eisig. Doch hielt er sie fest.
    Es scheint mir, fuhr er stockend fort, whrend er sich auf sie
herabbeugte, die Garderobire will Ihnen nicht wohl; sie gibt Ihnen immer alte
zu stark wattirte Leibchen. - Ah! ich mu das untersuchen! - -
    Doch wurde dem diensteifrigen Collegen zum Glcke des jungen Mdchens fr
jetzt keine Zeit zu dieser Untersuchung gelassen, denn als er sie beginnen
wollte, kamen aus der Seitencoulisse zwei der Tnzerinnen in einem so rasenden
Walzer dahergeflogen, da sie kein Hinderni beachten konnten und mit solcher
Gewalt gegen den ersten Tnzer anprallten, da dieser weithin auf die Bhne flog
und nur durch eine Sule, die er krampfhaft ergriff, vor einem gnzlichen Falle
errettet wurde.
    Clara, die hocherfreut aber erstaunt war, sich so pltzlich befreit zu
sehen, fhlte sich von den beiden Colleginnen ergriffen und mute den tollen
Wirbel mitmachen, der in einem weiten Bogen ber die Bhne ging und nicht eher
endigte, bis alle Drei wieder hinter den Coulissen angekommen waren. Dort hielt
die Eine, die Krftigste von Allen, - es war Demoiselle Therese, - das Terzett
mit einem pltzlichen Rucke fest, lste ihre Arme aus denen der beiden Anderen
und lie sich laut lachend auf eine gepolsterte Rasenbank niederfallen. Clara
schpfte einen Augenblick tief Athem, dann sagte sie: Wie danke ich dir,
Therese; du hast mir da aus einer sehr unangenehmen und schmerzlichen Scene
weggeholfen.
    Die aber morgen wiederkehren wird, mein Schatz, lachte die Andere.
    O mein Gott, ich wei das; aber was kann ich dagegen thun? Ich, ohne
Schutz, hlflos und allein dastehend!
    Dagegen kannst du zweierlei thun, entgegnete Demoiselle Therese, indem sie
ihren rechten Fu auf das linke Knie hinaufzog, um ihren Schuh anzusehen, ob er
bei dem raschen Walzer keinen Schaden genommen. Wie ich gesagt habe, zweierlei,
entweder du lt dir die Narrheiten gefallen, du lt dem lcherlichen Kerl
seine Grille -
    Nie! nie! rief Clara entrstet.
    Nun wohl, sagte gleichmthig die Andere, so schaffst du dir einen
Liebhaber an, der unserm ersten und zweiten Tnzer und allen Denen, die das
Recht zu haben glauben, deine Taille untersuchen zu drfen, an einem schnen
Morgen zwei Worte sagt, ungefhr des Inhalts: Mein lieber Freund! Wenn Sie sich
nochmals unterstehen, der Demoiselle Clara mit der Spitze Ihres Fingers zu nahe
zu kommen, so mache ich mir dagegen das Privatvergngen, Sie dreimal
nacheinander auszischen zu lassen.
    Oder, setzte die blonde Tnzerin, welche die Dritte im Bunde gewesen war,
hinzu, dein Liebhaber macht sich das Vergngen, Abends in einer dunklen Strae
dem ersten Tnzer oder sonst Jemand ein paar freundliche Worte zu sagen.
    Darnach der Liebhaber ist, antwortete Therese mit etwas verchtlichem
Tone, kann das auch geschehen; doch ist es nicht sehr nobel.
    Aber ich will keinen Liebhaber, versetzte schchtern das junge Mdchen,
dem diese Rathschlge gegeben wurden. O mein Gott, ich bin eine Tnzerin, das
ist wahr, aber ich habe mich doch zu sonst nichts verkauft.
    Aber verkauft hast du dich, entgegnete Demoiselle Therese, und umspannte
mit ihren beiden Hnden ihre schlanke Taille. Verkauft haben wir uns Alle mit
Leib und Seele.
    Das wre ja schrecklich! meinte die blonde Tnzerin. Nein, Therese, du
bertreibst; ich habe mich nicht verkauft.
    Du hast dich nicht verkauft? fragte Therese hochmthig, indem sie sich
stolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen so fest auf die Collegin richtete,
da diese die ihrigen scheu zu Boden niederschlug. Wir sind hier unter uns, und
ich fr meine Person will mich wahrhaftig nicht besser machen als ich bin.
Erinnerst du dich noch - es sind jetzt drei Jahre, wir Beide waren damals
Sechszehn alt - weit du noch, Schatz, wie man dir eine Zulage versprochen und
wie dich der Balletmeister da hinten in's blaue Zimmer bestellte, in das blaue
Zimmer mit dem gelben Sopha? - Ja, mein Kind, du bekamst eine Zulage, das heit,
du erhieltest sie spter, aber - sprechen wir nicht mehr davon. - Hat man dir
noch keine Zulage versprochen, meine schne Clara?
    Nein, nein, entgegnete diese finster, wenn man mir sie auch verspricht,
so gehe ich doch nicht in's blaue Zimmer.
    Das wird man dir schon sagen, mein Lieb, erwiderte finster lachend
Therese. Man bestellt dich und du kommst. Damit ist die Sache abgemacht.
    Ich bin keine Sclavin, versetzte stolz die junge Tnzerin. Und dabei warf
sie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte.
    Therese lchelte still vor sich hin, dann blickte sie in die Hhe zu einem
gemalten Palmbaume, der seine riesige Bltterkrone ber die drei Mdchen
ausstreckte und sagte: wir stehen gerade unter dem rechten Symbol; du meinst,
wir seien keine Sclavinnen, das heit Sclavinnen, was die Leute so darunter
verstehen. Sclavinnen, die in jenen Lndern wohnen unter einem freundlich
lachenden und sonnigen Himmel, von Blumen umgeben und schnen Frchten, die
nicht Klte und Hunger kennen. Nein, du hast Recht, solche Sclavinnen sind wir
nicht. - Aber unsere Sclaverei ist viel hrter, viel dauernder, viel grausamer.
Diejenigen, welche mit einem dunkeln Gesichte auf die Welt kommen, wissen ganz
genau, da einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weien Schwestern
besteht; warum hat Gott die beiden Racen geschaffen? Er hat wohl seine Grnde
dazu gehabt. Aber wir, Sclavinnen durch Geburt und Verhltnisse, obgleich unser
Gesicht nicht eine Idee dunkler ist, als das der Anderen, die mit Verachtung auf
uns herabschauen - brigens bin ich mit meinem Gesichte wohl zufrieden, - wir
haben das volle Recht, unseren Zustand bitterer zu empfinden, als jene Anderen.
Und welch Herzeleid thut man ihnen, das uns nicht doppelt geschieht?
    Weil wir Tnzerinnen sind, seufzte Clara mit gefalteten Hnden.
    Nicht blos weil wir Tnzerinnen sind, fuhr die Andere fort. Und bei jedem
Worte, das sie sprach, blitzten ihre weien Zhne. Seht unter all' euren
Bekannten nach der ganzen Classe, der wir angehren, alle wir, die wir keine
Schuld daran haben, da wir nicht vornehm geboren wurden, wir alle sind
Sclavinnen und haben ein hrteres Loos als Jene, die wirklich so heien.
    Da ist ein neues Buch geschrieben worden, sagte Clara; habt Ihr davon
gelesen? Mein Vater bersetzt es zu Hause fr einen Buchhndler und ich lese die
Correcturbogen.
    Freilich habe ich es gelesen, erwiderte die andere Tnzerin. Und die
Absicht der Verfasserin ist gewi lobenswerth; aber lcherlich ist es, wie man
bei uns dafr schwrmt, wie man sich an fremdem, vielfach eingebildetem und
bertriebenem Elend wollstig erlabt, whrend man dicht vor der Nase dasselbe in
noch viel grerem Mastabe hat.
    Therese spricht wie ein Buch, versetzte die Blondine. Aber es ist
begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht, Alles zu lesen und
dich ber Alles belehren zu lassen.
    Das kommt daher, bemerkte Therese mit ruhigem Tone, weil ich nur mit
gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn fr alles Schne und Gute habe. An mir
ist mindestens eine ganze Grfin verloren gegangen.
    Man sagt sogar, du seiest eine halbe Prinzessin, meinte lachend die blonde
Tnzerin.
    Therese zuckte mit den Achseln, dann fuhr sie fort: und seht nur die
Meisten von Denen an, welche fr die Leiden jener unglcklichen Geschpfe
scheinbar so warm fhlen und Alles thun zur Verbreitung des Buches, um der Welt
zu sagen, wie schrecklich es in jenen fernen Lndern zugehe, wie es so
christlich und nothwendig sei, jenen Leuten ein paar stille Thrnen zu weihen,
seht sie euch doch an! ich kenne ein Paar, die nach der Sclaverei so viele
tausend Meilen von sich ausschauen und die zu Hause darber stolpern; die das
Elend jener unglcklichen Menschen tglich und stndlich beklagen, und die in
ihrem Hauswesen und fr ihre Mitmenschen selbst die scheulichsten
Sclavenhndler sind. - Ah! ich rede mich in eine wahre Wuth hinein.
    Und du bertreibst, sagte Elise.
    Worin bertreibe ich? Bist du nicht verkauft - bin ich nicht verkauft, sind
es nicht all die tausend armen Mdchen, die fr ihr tgliches Brod arbeiten?
Vorausgesetzt, da sie hbsch sind. - Und an wen sind sie verkauft? Vielleicht
wie jene Schwarzen an einen Herrn, der sein Interesse dabei hat, sie gut zu
behandeln, damit er sie erhlt? - Nein! tausendmal nein! Was kmmert sich Dieser
oder Jener bei uns um ein armes Mdchen, das ihm heute gefallen? Er lt sie
durch die Finger gleiten, lt sie so tief sinken als ihm beliebt; er fragt
nicht, ob sie Hunger und Klte ausstehen mu, und wenn er ihr nach Jahren
begegnet, dem Mdchen, jetzt abgehrmt und elend, das er frher jung und schn
in seine Arme gedrckt, so zuckt er verchtlich die Achseln oder er lacht ber
sie.
    Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen, sprach nachsinnend die
blonde Tnzerin.
    Leider! leider! rief heftig die Andere. Wo knnte man die armen Dinger
verkaufen, da sie in Hnde kmen, die sie ordentlich nhrten und verpflegten,
statt da Tausende bei ihren Mttern in Kummer und Elend zu Grunde gehen! Und
wozu soll Manche ihr Kind erziehen? Zu dem Geschft, das sie selbst treibt? -
Ah! das mu ich sagen, da sieht sie ein glckliches Loos vor Augen und blickt in
eine schne Zukunft, wenn sie ihrem armen kleinen Kinde den rothen Mund kt!
    Ja, es ist fr Manche besser, wenn sie sterben, sagte Clara mit leisem,
traurigem Tone.
    Aber wir leben, erwiderte Therese, dies energische und schne Mdchen.
Und ich meines Theils will Allem trotzig die Stirn bieten, was ber mich
hereinbrechen will. - Denen da drauen, - damit streckte sie ihre rechte Hand
gegen das Publikum aus, das man lachen und applaudiren hrte, - denen habe ich
einen ewigen Krieg geschworen, und ich fhre ihn auf meine eigene Art. Es sollte
mich wahrhaftig gar nicht wundern, wenn ich nicht fr meine vielen glcklichen
Siege noch einmal General wrde. Damit warf sie den Kopf stolz in den Nacken
und verschwand in dem Dunkel der Coulissen.
    Clara blieb noch einen Augenblick nachsinnend stehen, dann sagte sie still
fr sich: Sie hat nicht ganz Unrecht. Habe ich doch gestern in dem Buche
gelesen, da die Sclavinnen, ehe man sie verkauft, wie eine Waare untersucht
werden. - Ah! etwas Aehnliches schien der da hinten auf der Bhne auch mit mir
vorzuhaben. - Und er wird in seinen Versuchen nicht ablassen. - Frchterlich!
Frchterlich! seufzte das junge Mdchen, und ein tiefer Schauder durchbebte
ihren Krper.

                                Viertes Kapitel.



                             Ein Loch im Vorhange.

Das kleine Lustspiel war zu Ende, der Vorhang sank herab, und das Publikum,
nachdem es einigen wenigen Applaus gespendet, lehnte sich bequem auf seine
Sitze, lachte, scherzte, sprach rechts und links, mit dem Hinter- und dem
Vordermann; und so entstand ein artiges kleines Summen in dem weiten Hause.
Dazwischen hrte man Logenthren auf- und zuschlagen, Sperrsitze niederklappen,
kurz das Gerusch der Eintretenden, welche das ihnen langweilige Lustspiel
vorbeigehen lieen, um sich jetzt mit frischem Sinn an dem Ballet zu ergtzen.
Im Parterre unterhielt man sich von den Schnheiten und den Mngeln des eben
vorbergegangenen Stckchens, man sprach von dem neuen Ballet, namentlich aber
von der Besetzung desselben, die nun natrlicher Weise, wie immer von diesen
Kunstrichtern etwas zu wnschen brig lie. Da htte der diese Rolle bernehmen
mssen, und jene Tnzerin die Rolle der Anderen. Von den Dekorationen versprach
man sich ohnehin nicht viel; und was die Maschinerie anbelangt, was war da von
einem Maschinisten zu erwarten, dem jeden Augenblick die Flugwerke in der Luft
hngen blieben, bei dem die Vorhnge auf halbem Wege nachdenkend wurden, und
nicht herab wollten, und durch dessen Schuld die Leute, die nicht versinken
sollten, versanken, dagegen Geister, Gespenster und Hexen, die unter die Erde
gehrten, hartnckig und trotz alles Stampfens auf der Oberflche blieben! -
    Auf der Scene bewegte sich ein noch regeres Leben durcheinander. Die
Dekorationen des Lustspiels waren weggerumt; das Theater stellte einen groen
Festsaal vor mit weien und vergoldeten Sulen; Kronleuchter wurden
herabgelassen und angezndet; die Tnzerinnen des Balletcorps schwrmten ab und
zu und hielten sich viel in der Nhe des Vorhanges auf, wo an den beiden
Lchern, durch welche man auf das Publikum schauen kann, immer wenigstens ein
halbes Dutzend stand, die sehnlich auf eine Ablsung harrten, um nach irgend
Jemand sehen zu knnen.
    Geneigter Leser, wenn du dich im Theater befindest und der Vorhang
niedergefallen ist, so erscheint dir an demselben alles so einfach und
unschuldig. Der langweilige rothe oder blaue Faltenwurf, die Masken oder Kpfe,
die darauf gemalt sind, das Alles kommt dir auerordentlich harmlos vor; fr
dich ist die Hauptgardine nichts weiteres als ein Vorhang, der das Publikum von
der Bhne vollkommen scheidet. Du bemerkst keine Bewegung an demselben, durchaus
nichts Auffallendes, wenn du nmlich kein Eingeweihter bist. Wir sehen das Ding
schon mit ganz anderen Augen an, heften unseren Blick fest auf den groen
Vorhang und sehen, da derselbe in Zeichen spricht wie der beste Telegraph. In
jeder anstndigen Gardine befinden sich wie gesagt zwei Lcher mit einigen
schwarzen Flecken umgeben, die von Weitem einem Gesichte nicht unhnlich sind,
wie man sie denn auch fast den Abdruck eines Gesichts nennen knnte, denn die
dicken pomadisirten Augbrauen, die sich bestndig dagegen drcken, dunkeln nach
und nach durch, ebenso die Schnurr- und Kinnbrte, und treten so allmhlig an
der anderen Seite hervor. Durch diese beiden Lcher nun wird eine fortwhrende
und umstndliche Conversation mit Diesem oder Jenem aus dem Publikum
unterhalten; natrlich hat jeder seine Zeichen, die er versteht. Eine neue
Person, die hinter den Vorhang an jene Stelle tritt, ist dadurch bemerkbar, da
sich derselbe sanft bewegt, was so viel heit, als: gebt Achtung! Nun wird ein
Finger durchgesteckt, mit oder ohne Handschuh, denn das hat Beides seine
Bedeutung: der Finger bewegt sich nach rechts, nach links, nach oben oder nach
unten, vier neue Zeichen, die wichtige Dinge telegraphiren. Der Finger bewegt
sich auf und ab und erzhlt so eine ganze Geschichte; der Finger verschwindet
mehrere Male und kommt mehrere Male wieder, und erklrt damit, wenn und was nach
dem Theater geschehen knnte. Oft erscheint die Oeffnung schwarz, dann wird sie
pltzlich wei; man hlt ein Sacktuch daran, ein Zeichen von auerordentlicher
Bedeutung. Spricht das Loch im Vorhang nicht, so spricht sie selbst, die sonst
so langweilige Gardine; man bemerkt an irgend einer Stelle, wie sie ein Finger
berhrt, der sich lngs eines Theils der Bhne fortbewegt, oder hinter der
Leinwand allerlei Figuren macht; man entdeckt ein paar Fchen, die den Versuch
machen, sich unter der Bordure einzubohren; man sieht endlich, wie der Vorhang
an den beiden Seiten zuweilen, anscheinend ohne alle Absicht, eine kleine
Bewegung macht. Alles das hat seinen Grund, lieber Leser und wenn du dir einmal
zufllig die Mhe geben willst, diese Zeichen und damit die strahlenden Blicke
deiner Nachbarn und Nachbarinnen, sowie auch andere Zeichen zu beobachten,
welche diese gegen den Vorhang machen, so hast du im Zwischenakt viel Vergngen
und du amusirst dich whrend desselben oft weit besser als in manchen
langweiligen Stcken.
    Die Solotnzerinnen sind jetzt auch auf der Bhne erschienen. Doch ist es im
gegenwrtigen Augenblicke nicht der Mhe werth, viel von ihnen zu sagen. Sie
dienen dem Theater schon seit einer ziemlichen Reihe von Jahren und sind dadurch
wohl grere Knstlerinnen, aber weder jnger noch hbscher geworden. Es ist das
fast bei jedem Theater anders: dort ist das Balletcorps verbraucht und
unansehnlich und die Solotnzerinnen jung und frisch, anderswo umgekehrt. Und
gerade so war es auch hier der Fall. Dafr ergab sich aber fr die jungen
hbschen Mdchen vom Chor auch nicht die geringste Aussicht, einen Solotanz zu
erhalten; die alte Garde hielt hartnckig an ihrem Privilegium und nahm keine
jungen Rekruten in ihre Reihen auf.
    Das Ballet begann wie immer mit einer langen Ouverture; endlich flog der
Vorhang empor, das Publikum beklatschte den Glanz und die Pracht der Dekoration,
und die Geschichte nahm mit einem strahlenden Ballfeste ihren Anfang. Die Musik
erklang lustig und herausfordernd, Tnzer und Tnzerinnen wogten lebhaft
durcheinander, jetzt in scheinbarer Unordnung, aus welcher sich aber die
schnsten Figuren entwickelten. Die ganze Bhne war angefllt mit buntfarbenen
seidenen Gewndern, mit Gold- und Silberstickerei, mit fliegenden Schrpen,
blitzenden Brillanten und wallenden Federn. Vollkommen geblendet war das Auge
der Zuschauer und kam erst wieder zur Ruhe nach der ersten Scene, nachdem das
Balletcorps auf allen Seiten verschwunden war, nachdem die Klingel ertnt, die
Dekorationen gewechselt und das Theater einen Garten bei Mondscheinbeleuchtung
darstellte, wo er und sie sich fanden und verstanden.
    Nach so einem groen anstrengenden Tanze kommen die armen Tnzerinnen
gewhnlich in einer Verfassung hinter den Coulissen an, welche Aehnlichkeit mit
der von jungen Rennpferden hat, welche trainirt werden. Die Strksten und
Ausdauerndsten unter ihnen tanzen von der Bhne ab, um hinter derselben schwer
athmend stehen zu bleiben; Andere erreichen zur Noth wohl eine Bank oder einen
Stuhl, wo sie sich niederlassen knnen. Die Schwachen und Unbehlflichen haben
aber nicht sobald die schtzende Coulisse erreicht, als sie krampfhaft irgend
einen Pfahl oder eine Latte fassen, die Hand an das Herz pressen, die Stirne
irgendwo ansttzen und in Schwei gebadet allmhlig und keuchend ihren Athem an
sich ziehen. Alle aber sind erschpft, und wenn Manche sogar in diesem
Augenblicke lachen und plaudern, so geschieht es doch mit groer Anstrengung und
mit auf- und abwogender Brust. Dabei wird aber der Anzug und die Frisur nicht
auer Acht gelassen und die Eine beschftigt sich mit der Anderen, hier eine
Locke wieder aufzustecken, dort eine Schleife zu befestigen, oder einen
Schleier, der sich gelst hat, wieder anzubinden.
    Das mu ich schon sagen, meinte Demoiselle Therese, eine der Ersten, die
wieder vollstndig zu Athem kam. Der Kapellmeister ist heute wieder einmal ganz
von Sinnen. Hat man je ein so rasendes Tempo gesehen? Mir ward mein Leibchen zu
eng, und das will doch viel sagen. - Armer Schatz, wandte sie sich an eine
schmchtige Collegin, welche, die heie Stirne an einen Balken gedrckt,
vergeblich darauf zu warten schien, da sich ihr Herzschlag beruhige, dich habe
ich noch zu guter Zeit aufrecht erhalten; ich werd's aber dem da drunten
stecken, wenn er im Zwischenakt heraufkommt. - - Fhlst du dich unwohl? wandte
sie sich abermals an die erschpfte Collegin.
    Diese schttelte mit dem Kopfe und versetzte nach einer lngeren Pause:
unwohl gerade nicht, aber es hat mich furchtbar angegriffen; wenn du mich nicht
aufrecht gehalten httest, so wre ich am Soufleurkasten niedergestrzt. Ich
danke dir, Therese.
    Keine Ursache, entgegnete diese, aber ich will dir was sagen: du bist zu
fest geschnrt, la dich ein Bischen loser machen.
    Ich kann nicht, sagte die Andere mit leiser Stimme, mein Kleid ist mir so
eng genug; ich wrde mich gerne krank melden, aber wenn ich das jetzt schon
thue, so mu ich frchten, entlassen zu werden, und wovon soll ich alsdann
leben?
    Demoiselle Therese zuckte die Achseln und wandte sich hinweg. Armes
Geschpf! murmelte sie zwischen den Zhnen. Dann winkte sie jener Tnzerin, die
sich in der Garderobe neben Clara angezogen, und die mit verweinten Augen in der
Fensternische gestanden. Die Beiden gingen etwas abseits und stellten sich
hinter eine Felspartie, die im dritten Akte vorkommen sollte.
    Du hast mir etwas mitzutheilen, sprach Demoiselle Therese hier zu ihrer
Collegin. Elise hat es mir gesagt.
    Es ist mir recht lieb, da ich mit dir sprechen darf, antwortete die
andere Tnzerin. - Aber haben wir auch Zeit?
    Ueber eine Viertelstunde; die langweilige Gartenscene dauert Wenigstens
zehn Minuten, dann kommt der Chor der Ritter und Burgfrulein, bei dem wir ja
nichts zu thun haben. - Nun, fngt deine Tante endlich an, dich zu plagen?
    Das junge Mdchen nickte mit dem Kopfe und sah einen Augenblick stumm vor
sich nieder. Dann sagte sie: du kennst meine Tante?
    Leider kenne ich sie. Der Teufel soll sie holen! - Aber weiter; ich habe
immer geglaubt, du erfahrest nichts von ihrem heimlichen Geschfte.
    Lange erfuhr ich auch nichts davon, versetzte Marie. Gott! wenn man
sechszehn Jahre alt ist, hat man ja keine bsen Gedanken. Und dann habe ich im
Hause auch nie was Schlimmeres bemerkt; wir leben wie die ruhigsten
Brgersleute.
    Ja, ja, das glaube ich wohl, lachte Therese. Madame vermittelt blos. -
Nun, und endlich?
    Was soll ich sagen, endlich? Schon seit mehreren Wochen spricht sie von der
schweren Zeit, von dem wenigen Verdienst, den ich habe; meine Wsche allein
koste mehr, sagte sie, und da es auf lngere Zeit nicht so gehen knne. - -
Warum ich mir keinen Geliebten anschaffe? meinte sie neulich.
    Ah! zu einem Geliebten wird sie schon Einen in Aussicht haben. Tritt dir
Jemand hufig in den Weg, auf den du Verdacht hast, oder kommt irgend wer in's
Haus, dem sie dich verkaufen will?
    Nein, nein, sagte das junge Mdchen, in meine Nhe kommt Niemand. Und
doch hat sie Jemand in Aussicht fr mich.
    Also ein kalter Handel! sprach verchtlich die schne Tnzerin. Pfui
Teufel! das ist sehr unangenehm.
    Nicht wahr, es ist schrecklich, Therese? O gib mir einen Rath! Ich habe ja
Niemand auf der Welt, dem ich mich anvertrauen knnte, Niemand, der mir die
geringste Hlfe leiht, wenn ich mich weigere.
    Es ist eine vollkommene Niedertrchtigkeit, entgegnete Demoiselle Therese
nachdenkend. Aber wenn du nichts Nheres weit, so ist dir schwer zu helfen. -
Wer ist's denn? Hat man dir keinen Namen genannt?
    Den Namen kann ich dir nicht sagen, aber er kam einmal in unser Haus und
zufllig war ich im Nebenzimmer und habe an der Thre gehorcht. Da hat sie
freilich gesagt, sie wolle mich nicht zwingen, aber es wre ihr recht, wenn sie
sich so aus der Verlegenheit reien knne.
    Du hast ihn also gesehen?
    Ja!
    Und kennst du ihn nicht?
    Nein.
    Ist es ein junger Mann?
    So ziemlich; in die Dreiig.
    Aber liebes Kind, versetzte halb rgerlich Therese, wenn du mir keine
genaueren Kennzeichen anzugeben im Stande bist, so kann ich dir keinen Rath
ertheilen. Ich mu vor allen Dingen wissen, um wen es sich handelt; ich mu den
Feind kennen, wenn wir den Krieg beginnen wollen. Erkundige dich also, wenn du
kannst, nach seinem Namen.
    Vielleicht kennst du ihn.
    Wohl mglich, wenn ich ihn sehe.
    Ich will ihn dir zeigen.
    So ist er also im Theater?
    Ja, ich habe ihn gesehen.
    Ah! das ist etwas Anderes, erwiderte die Tnzerin lachend. Dann wollen
wir ihn im Zwischenakt beobachten, und wenn ich ihn kenne, will ich dir
aufrichtig sagen, ob da viel oder wenig zu befrchten ist.
    Hiemit hatte die Unterredung ein Ende, denn der Inspicient rief in diesem
Augenblicke: Meine Damen, das dritte Tableaux beginnt! Die Klingel ertnte;
die Dekoration wechselte abermals; das Theater stellte einen weiten Park vor,
die beiden unvorsichtig Liebenden freuen sich ihres Lebens inmitten des
ebenfalls lustigen Hofstaates, da erscheint pltzlich der Herzog, begleitet von
Fackeltrgern und jetzt erfolgt die Scene, wie wir sie schon oben beschrieben.
Frchterlich schn war der Herzog anzusehen, und als er so ber die Bhne
dahinglitt, angefllt mit Wuth und Rachedurst, die Fuste geballt, den Bart
ordentlich emporgestrubt, da wurde ihm ein unendlicher Applaus zu Theil. Die
unglckliche Braut sinkt nach ihrem groen Pas de deux in Ohnmacht, der ganze
Chor macht bermige Anstrengungen, Entsetzen, Schrecken, sowie alle mglichen
Leidenschaften auszudrcken, und - der Vorhang fllt.
    Es war ein Glck, da die Solotnzer und Tnzerinnen sich im Zwischenakte
umziehen muten, denn sonst wre an dem Vorhang nicht so bald eine Oeffnung frei
geworden. Auch ohnedies mute Demoiselle Therese ihr ganzes nicht geringes
Ansehen aufwenden, um ein halbes Dutzend verschiedenartiger Gespenster und
junger Teufel, die im letzten Akt vorkommen, zu verscheuchen, bis sie endlich an
der Gardine einen Platz erobern konnte. Dann stellte sie ihre Collegin vor sich
hin und sagte: jetzt schau durch und sage mir, wo er sitzt.
    Die andere Tnzerin legte ihr Auge eine kleine Weile an die Oeffnung, dann
trat sie zurck und bat Therese, hinauszuschauen und mit dem Blick ihren
Erklrungen zu folgen. Du siehst, sagte sie, die knigliche Mittelloge, von
der zhle rechts vier Sulen. - Hast du?
    Allerdings, entgegnete Therese, doch ich sehe da Niemand als den alten
General von L.
    Ja, aus dem ersten Rang, erwiderte die Andre eifrig. Ich meine aber den
zweiten Rang.
    Ah! du meinst den zweiten Rang! versetzte Demoiselle Therese in gedehntem
Tone. Das wird sich kaum der Mhe verlohnen. - Nun, wir wollen nochmals zhlen.
Die erste, zweite, dritte, vierte Sule - halt!
    Hierauf schaute sie einen Augenblick aufmerksam hinaus, dann fuhr sie heftig
zurck und rief aus: ah! Marie! du mut dich irren; der Herr in der dritten
Loge kann's doch nicht sein! Oder ist der, den du meinst, vielleicht grade
weggegangen; sieh noch einmal hin.
    Die jngere Tnzerin sah nach dieser Aufforderung ber die Achsel ihrer
Freundin, dann, sagte sie ruhig: nein, er sitzt noch da; sieh, er scheint sich
zu langweilen, er legt den Kopf in die Hand.
    Ganz richtig. Und du irrst dich nicht?
    Wie sollte ich mich irren! Ich habe ihn vorhin ganz deutlich gesehen und
gleich erkannt. - Du weit also, wer er ist? Und die Dame, die neben ihm sitzt?
-
    Die Dame, die neben ihm sitzt, ist seine Frau. - Schne Geschichten!
    Das wre schrecklich! rief das junge Mdchen aus. Was ist da zu thun,
Therese? O deute nach; du mut mir helfen!
    Diese blickte, ohne eine Antwort zu geben, noch eine Zeit lang in das
erleuchtete Haus, dann trat sie einen Schritt zurck und auf ihrem schnen
Gesichte zeigte sich ein finstres Lcheln. Sie prete die Lippen zusammen,
stemmte die rechte Hand in die Hfte und fuhr mit der Linken ber die Stirne,
whrend sie eifrig nachzudenken schien. - Ja ja, es wird gehen, sagte sie nach
einer lngeren Pause. Warte, Heuchler!
    Du kennst ihn also? fragte Marie.
    O ja, ich kenne ihn, obgleich ich ihn nie gesprochen. Das ist einer von den
scheinheiligen Bsewichtern, welche die Achsel zucken, wenn man nur vom Ballet
spricht; mit dem Haus habe ich berhaupt eine Geschichte abzumachen. Du weit,
meine Schwester ist eine Ntherin; sie suchte die Kundschaft dieses Hauses nach;
Madame war nicht abgeneigt dazu, und meine Schwester glaubte schon so glcklich
zu sein, dort hie und da etwas verdienen zu knnen. Der Herr aber meinte, eine
Arbeiterin von unbescholtener Familie wre ihm lieber. - Von unbescholtener
Familie! setzte die Tnzerin hinzu und bi ihre Zhne bereinander. Das war
vor vier Jahren, und die Aeuerung ging allein auf mich, und war ich doch damals
so unbescholten wie nur eines der jungen Mdchen auf allen Gallerien; aber ich
war eine Tnzerin und somit ein verlorenes, bescholtenes Geschpf. - Doch wir
wollen uns revanchiren!
    Was soll ich aber thun?
    Vorderhand sollst du nichts thun, und mir nur genau berichten, wie die
Angelegenheit steht, antwortete Therese. Aha! fuhr sie spttisch lachend fort
und machte einen tiefen Knix gegen den Vorhang, man will sich mit dem Ballete
einlassen - gut denn! ich erklre dir da oben den Krieg; du sollst einen
heftigen Kampf haben und keine Schonung.

                                Fnftes Kapitel.



                                     Clara.

Wie alles in dieser Welt ging auch das Ballet zu Ende; der Liebhaber der Braut
wurde auf die eine oder andere Art tanzgem weggeschafft, der Herzog verzieh,
und im letzten Akt fand eine ungeheuer glnzende Vermhlung statt, wozu der
magere Tnzer mit der ersten Tnzerin einen Pas de deux nach allen Regeln der
Kunst tanzte. Eines bemhte sich, seinen Krper noch unschner zu verdrehen als
das Andere, und beide zusammen strebten darnach, dem Publikum zu beweisen, zu
welch erstaunlich unzweckmigen Wendungen und frchterlichen Verzerrungen man
die menschlichen Glieder mit Kunst und Ausdauer zu bringen im Stande sei.
Namentlich der magere Tnzer setzte Alles in Erstaunen, und man htte darauf
schwren mgen, er habe im Rcken ein besonderes Gelenk und seine Kniee knnen
sich wie bei einem Nrnberger hlzernen Collegen einwrts und auswrts biegen.
Dabei berboten sich beide in bermigen Pirouetten und wahnsinnigen Sprngen.
Schnellte die Tnzerin bei einer sanften Melodie einen Schuh vom Boden empor, so
brachte es der Tnzer mit Pauken, Trompeten, mit Tschambidibam und Bumbidibum,
mindestens auf zwei und einen halben. Und hiebei nicht genug, da er mit Gottes
Hlfe wieder auf seine Fe niederfiel: er machte auch whrend des Herabfallens
die schauerlichsten Versuche, schief gegen den Fuboden zu kommen, was
vielleicht auerordentlich schwierig, jedenfalls aber sehr hlich war. Dazu
spielte die Musik immer toller, Tnzer und Tnzerin lachten immer krampfhafter
gegen einander und gegen das Publikum; zuletzt hatte die ganze Geschichte etwas
Hexenartiges und man konnte der Befrchtung nicht los werden, es sei fr die
Beiden da oben hier auf Erden Alles vorbei, irgend ein gespenstiger Wirbelwind
fhre sie fort in unabsehbare Weiten nach den, unendlichen Haiden, und dort
mten sie sich ohne Publikum fort drehen, immer fort bei Sonnenschein und
Mondeslicht; oder pltzlich sen sie  cheval auf ein paar tchtigen
Besenstielen und fhren rechts und links in die Luft auf. Doch ehe es zu diesem
frchterlichen Ende kam, fiel glcklicher Weise der Vorhang, das: Publikum
applaudirte und verlie alsdann strmisch das Theater.
    Auf der Bhne wurden die Lampen ausgelscht und schon nach einer
Viertelstunde lagen die vorhin noch so erhellten und belebten Rume in
nchtlichem Dunkel und tiefem Schweigen da. Wenn einer der alten Zimmerleute,
der ber die Bhne hinweg und nach Hause ging, zufllig hustete, so schallte es
gerade in dem weiten leeren Hause, als habe oben auf der vierten Gallerie eine
sehr bekannte Stimme ebenfalls gehustet.
    Die Garderoben allein waren noch voll Leben, Licht und Bewegung. Letztere
aber hatte nichts mehr von der ruhigen Emsigkeit des Anziehens; man sah keine
Tnzerinnen mehr behaglich vor dem Spiegel stehen, wie zu Anfang des Stckes;
jede beeilte sich mit dem Ausziehen, streifte Leibchen und Rcke herunter so
rasch wie mglich und schlpfte in ihre gewhnlichen Kleider. Die Tricots
auszuziehen, htte fr jetzt viel zu viel Zeit in Anspruch genommen, wehalb die
meisten sie anbehielten, Strmpfe und Schuhe darber zogen und durch diese
kleinen Kunstgriffe in einer unglaublich geschwinden Zeit zum Nachhausefahren
bereit standen.
    Schwindelmann erschien an der Thre und die, welche zuerst fertig waren,
wurden auch zuerst nach Hause gefhrt; daher auch der Wetteifer, mit welchem das
Auskleiden vor sich ging.
    Demoiselle Clara hatte ihre Toilette mit grerer Ruhe gemacht, Tricots,
Schuhe und was dazu gehrt, ausgezogen und ordentlich hingelegt, alsdann ihre
Sachen sorgfltig zusammengepackt, das Kleidchen mit den rothen Schleifen
ebenfalls in ein Tuch gewickelt, und war gerade fertig geworden, als der Wagen
wieder kam und Schwindelmann ihr winkte, mitzufahren.
    Es war ein kalter dunstiger Abend; die Gaslaternen brannten mit einem
rthlichen Lichte, und den Athem der Pferde sah man deutlich wie weien Dampf
aus ihren Nstern hervorkommen. Das Rollen der Rder auf dem Pflaster klang
dumpf, und da die Calesche ringsum verschlossen war und fnf der ziemlich
erhitzten Tnzerinnen in sich schlo, so liefen die Scheiben so dicht an, da
keine derselben ihre Strae erkennen konnte und es bei jedesmaligem Anhalten
eine kleine Debatte gab, wo man sich eigentlich befinde. Schwindelmann
schlichtete diesen Streit aber augenblicklich, indem er die betreffende junge
Dame bei ihrem Namen rief. Endlich erklang der von Demoiselle Clara, worauf
diese mit ihren beiden Paketen den Wagen verlie, ihren Colleginnen gute Nacht
wnschte und an die Hausthre trat.
    Soll ich fr Sie anluten? fragte der freundliche Schwindelmann.
    Doch das Mdchen erwiderte eifrig: Ich danke recht sehr; ich habe meinen
Hausschlssel, und wnsche eine gute Nacht.
    Ehe sich aber Schwindelmann hierauf entfernte, sagte er leise zu der jungen
Tnzerin: Sie werden mir schon erlauben, Frulein Clara, da ich morgen Frh
ein Bouquet fr Ihr kleines Schwesterchen bringe; ich habe einen Freund, der
Handelsgrtner ist und der es mir fast umsonst gibt. Nachdem der Theaterdiener
diese Worte angebracht, wartete er keine Genehmigung oder keinen Dank ab,
sondern trat an seinen Wagen, schlo geruschlos den Schlag, nannte dem Kutscher
eine Strae und fuhr davon.
    Clara blieb an ihrer Hausthre stehen, ohne den erwhnten Schlssel
herauszuziehen. Sie horchte auf den davonrollenden Wagen, und als er ihr weit
genug entfernt schien, verlie sie das Haus wieder und ging die Strae hinab,
bis sie in der schon vllig dunkeln Huserreihe den noch sprlich erleuchteten
Laden eines Bckers erreichte. Hier trat sie ein, zog eine magere Brse hervor,
und nachdem sie ein paar kleine Weibrode gekauft, ging sie sehr langsam nach
ihrem Hause zurck. Wir sagen sehr langsam; ja mehrere Male blieb sie beinahe
stehen, fters aber schaute sie hinter sich, und jeden Augenblick horchte sie
auf das entfernte Rollen eines Wagens oder auf schallende Futritte, die sich in
irgend einer Nebenstrae verloren. Dann schttelte sie den Kopf und sagte mit
leiser Stimme: Sonderbar! Es ist heute das erste Mal, da ich ihn nicht
gesehen; er war nicht im Theater auf seinem Platze, er stand nicht am Wagen, als
wir einstiegen, und auch hier ist nichts von ihm zu sehen.
    Mit diesen Worten hatte sie ihre Hausthre wieder erreicht, suchte ihren
Schlssel hervor, drehte das Schlo auf und wollte gerade in den finstern Gang
schlpfen, als sich eilige Schritte auf der Strae nherten, die Gestalt eines
Mannes sichtbar wurde und eine leise Stimme rief: Frulein Clara - nur einen
Augenblick!
    Die Tnzerin blieb in der geffneten Thre stehen und erwartete ruhig die
Ankunft dieses Mannes, der darauf in drei Sprngen neben ihr in dem dunkeln Flur
stand. Er holte tief Athem und konnte kaum sprechen. Ich bin so gelaufen,
sprach er nach einer kleinen Pause, um Sie noch einen Augenblick zu sehen; wie
froh bin ich, da ich noch zur rechten Zeit komme.
    Sie waren nicht im Theater, versetzte das Mdchen. Ich hatte nicht
erwartet, Sie heute Abend noch zu sehen.
    Ich konnte nicht, Frulein Clara, es war mir unmglich, das Theater zu
besuchen. Ah! hren Sie, wie ich gelaufen bin; ich war in einer groen, sehr
langweiligen Gesellschaft, und erst vor einer Viertelstunde gelang es mir, mich
wegzuschleichen. Ich bin nur gekommen, Ihnen eine gute Nacht zu wnschen.
    Das freut mich in der That, entgegnete das junge Mdchen und sah ihn
treuherzig mit ihren groen Augen an. Sie haben mich ganz verwhnt, und wenn
ich Sie nicht im Theater sehe oder am Wagen oder hier eine Sekunde, so fehlt mir
etwas.
    Wie danke ich Ihnen fr dieses Wort, und wie bin ich so froh, da Sie mir
wenigstens erlauben, Sie einen Augenblick zu sehen und zu sprechen. Ach,
Frulein Clara, wenn Sie nicht so hart und unerbittlich wren, so htte ich
schon lange einen Vorwand gefunden, mich bei Ihrem Vater einzufhren.
    Nein, nein, erwiderte eifrig das Mdchen; ich will keine Vorwnde und
kann Sie auch bei uns nicht sehen. Ist es nicht genug, da ich Ihnen hier an der
Thre eine freundliche gute Nacht sage? Ich habe so Etwas in meinem ganzen Leben
noch nicht gethan. Sind Sie damit nicht zufrieden?
    Doch, doch, liebe Clara! ich bin ja damit zufrieden. - Aber Ihre Hand
werden Sie mir heute Abend nicht versagen.
    Nun meinetwegen! entgegnete freundlich lachend die Tnzerin. Eine Hand
will ich Ihnen reichen, aber dann mssen Sie auch still nach Hause gehen.
    Und zufrieden, sagte ebenfalls lachend der junge Mann.
    Clara nahm nicht ohne einige Mhe die Pakete, den Hausschlssel und das Brod
in die eine Hand, um die andere ihrem jungen Freunde reichen zu knnen. Er fate
sie eifrig mit seinen beiden und drckte in aller Geschwindigkeit mehrere Ksse
auf ihre niedlichen Finger, eine berschreitung der gegebenen Erlaubni, welche
Clara dadurch bestrafte, da sie ihre Hand hastig wegzog, flchtig gute Nacht
rief und die Thre hinter sich zudrckte und verschlo.
    Der junge Mann blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen, blickte
an dem Hause hinauf, ohne irgend etwas ihn Anziehendes zu sehen, als ein matt
erleuchtetes Fenster droben hoch in dem Giebelfelde. Nachdem er dieses eine
Weile betrachtet, und nachdem es ihm geschienen, als bewege sich ein weier
Vorhang an diesem Fenster, gerade so, als ffne Jemand die Thre und trete in's
Zimmer, verlie er seinen Standort und ging dann in der That hchst zufrieden
seiner Wege.
    Clara war unterdessen die dunklen Treppen hinaufgestiegen, hatte ein wahres
Labyrinth von finsteren Biegungen und schmalen Gngen hinter sich gelassen und
erreichte nun den vierten Stock, wo sie nach einigem Suchen mit der Hand eine
Thre fand, die sie geruschlos ffnete. Sie trat in ein unerleuchtetes Zimmer,
doch hatte sie vor sich eine andere Thre, durch deren breite Spalten und Risse
einiges Licht in dies erste Gemach fiel, hier eine zweifelhafte Helle
verbreitend, bei welcher man einen kleinen Tisch entdeckte, auf dem etwas
Bettwerk lag, ber welche man ein weies Tuch gebreitet hatte. Clara ging auf
den Zehen durch dieses Zimmer, ffnete die andere Thre und trat in das
Wohnzimmer der Familie, welches dem geneigten Leser nher zu beschreiben wir
genthigt sind.
    Es war dies ein ziemlich groes und kahles Gemach mit schiefen Seitenwnden,
welche der Stellung des Daches folgten, und einem einzigen Fenster, das wir
schon von unten beobachtet haben. Das Meublement bestand aus einem groen
eisernen Ofen, von dem brigens, der wenigen Wrme im Zimmer nach zu urtheilen,
ein sehr bescheidener Gebrauch gemacht wurde; neben demselben stand in einer
Ecke ein Schreibtisch, das heit, ein groer Tisch mit Bchern und Papieren
aller Art bedeckt, hinter demselben befand sich ein Stuhl, auf welchem ein
Kissen von rothgestreiftem Zeug lag; in einer anderen Ecke war ein gewhnliches
Bett und ein Kinderbett. Unter dem einzigen Fenster stand ein Tisch und ein paar
Sthle, daneben eine groe alte Kommode, ber welcher ein Spiegel hing. Sonst
bestanden die Verzierungen smmtlicher Wnde aus einem Crucifix mit halb
vertrocknetem Zweig ber dem groen Bette, sowie aus dem Portrait einer
berhmten Tnzerin, das dieselbe bei ihrer Anwesenheit einer Jeden vom Ballet
zum Geschenk gemacht hatte.
    In dem Zimmer befanden sich zwei kleine Kinder, ein Mdchen von sechs und
ein Bbchen von vier Jahren, die zusammen in dem kleinen Bette lagen - Clara's
Stiefgeschwister, und ihr und Clara's Vater, ein alter Mann, der an dem
Schreibtische stand und im Begriffe war, sich eine Feder zu schneiden, wobei er
gerade den Kindern einige Ermahnungen zurief, da sie nicht einschlafen wollten,
sondern sich unruhig hin und her warfen.
    Als Clara in das Zimmer trat, wurde ein Weinen, das aus der Ecke kam, wo die
kleine Bettlade stand, pltzlich unterdrckt.
    Der alte Mann trug einen langen blauen, fadenscheinigen Rock, den er bis zum
Halse zugeknpft hatte, gelbe Sommerhosen, obgleich es Winter war, und ein paar
groe, dicke Hauspantoffeln. Trotzdem er auf der Nase eine Brille hatte, mute
er doch die Finger mit der Feder ganz nahe vor die Augen halten, um den Spalt
abknixen zu knnen.
    Seid nur ruhig, seid nur ruhig, sagte er gegen das Bett gewendet; eure
Leiden sind noch klein, theilweise eingebildet; ihr steigt den Berg aufwrts und
knnt schon einigermaen Mhseligkeiten ertragen, da ihr dereinst Hoffnung auf
eine schne Aussicht habt. Uebrigens kann ich euch wahrhaftig nicht helfen und
ihr mt schon warten bis die Clara kommt, unser aller Hort und Stern.
    Darauf erfolgte das Weinen, von dem wir oben gesprochen, und wurde
unterdrckt beim Eintritt der jungen Tnzerin.
    Ah! da ist sie ja! sprach der alte Mann. Gr dich Gott, liebe Clara. Du
kannst auch jetzt wieder eine Trostspenderin sein; die beiden kleinen Geschpfe
da haben allerlei Kummer, den sie dir anvertrauen werden. Bei diesen Worten
lie er sich auf das Kissen von gestreiftem Zeug nieder, schob das Schreibpapier
zurecht, murmelte: Seite zweiundvierzig, und machte sich wieder an seine
Arbeit.
    Die beiden kleinen Kinder hatten sich beim Eintritt der Schwester aufrecht
in ihr Bettchen gesetzt und schauten aufmerksam und mit leuchtenden Augen allen
Bewegungen derselben zu, wie sie ihr groes Tuch ablegte und ihre Pakete, und
wie sie darauf das Weibrod auf den Tisch unter dem Fenster legte. Namentlich
das letzte Manver schien ihren vollen Beifall zu erringen, denn whrend das
kleine Mdchen blos ihren Mund spitzte, sagte der Knabe halblaut und mit
lchelndem Gesicht und indem die Thrnenfluth auf seinen Wangen pltzlich
stockte: Ein Brod! ein Brod!
    Clara trat an den Tisch, wo ihr Vater emsig schrieb, und bot ihm einen guten
Abend. Bist du noch immer am Schreiben? sagte sie. Es ist schon spt, Vater;
du solltest deine Augen schonen.
    Ei, mein liebes Kind, entgegnete heiter der alte Mann, vor Thorschlu
oder vor dem Luten der Abendglocke legt man nicht die Hnde in den Schoo, es
kommt ja nchstens doch eine lange, lange Zeit, wo ich meine Augen schonen kann
und mu, dehalb will ich sie jetzt noch ein Bischen gebrauchen. - Aber siehst
du, Clara, fuhr er sich emporrichtend fort, indem er sie fest anschaute, in
diesem Moment mache ich von meinen Augen den mir liebsten Gebrauch.
    Und welchen? fragte lachend die Tnzerin.
    Dich anzusehen, mein Kind; das ist Trost und Licht in meinen Tagen. Heute
Abend sieht dein Kopf aus wie der einer Frstin, und wenn ich mein Bischen
Phantasie zusammennehme, so knnte ich mir eine Zeit vorstellen, wo du ein
wirkliches Diadem trgst und diese falschen Brillanten in deinem Haar echt und
von groem Werthe sind.
    Wenn ich je dergleichen wnschte, versetzte Clara, whrend sie eine der
weien mageren Hnde ihres Vaters nahm und sie kte, so thte ich es nur um
deinetwillen. Welch' schnes Leben wrden wir fhren! - Aber warum haben die
Kinder vorhin geweint? Haben sie dich gergert, mu ich sie zanken?
    O nein! o nein! erwiderte der alte Mann, sie haben den Abend ber recht
artig gespielt; ich habe mich selbst an ihren Kindereien ergtzt, setzte er mit
einem fast unmerklichen Seufzer hinzu, und lehnte sich in den Stuhl zurck; es
ist eigenthmlich, sie haben sich groe Gastmahle zubereitet und von herrlichem
Essen und Trinken gesprochen.
    Whrend ihr zu Nacht gespeist?
    Das knnte ich eigentlich nicht sagen, antwortete der Vater.
    Richtig, jetzt fllt mir etwas ein, was ich fast ganz vergessen htte.
    Doch nicht, das Geld von dem Buchhndler holen zu lassen? fragte ngstlich
das Mdchen.
    O nein! den Versuch habe ich wohl gemacht, entgegnete schmerzlich lchelnd
der alte Mann; aber der Herr Blasser sei nicht zu Hause, sagte man mir.
    Und darauf bekamt ihr kein Geld?
    Natrlicher Weise, antwortete gutmthig der Vater. Wenn man nicht zu
Hause ist, kann man auch nicht bezahlen.
    Und euer Nachtessen? - Ich hatte das so gut angeordnet.
    Ja, das hattest du, liebes Kind; aber der Mensch denkt, Gott lenkt, und wo
nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Uebrigens hatte ich mich an den
Phantasien der Kinder gelabt, und whrend wir gemeinschaftlich ein schwarzes,
sehr gutes Brod aen, trumten wir von Torten und Pasteten und allerlei
kstlichen Leckerbissen.
    Halb und halb habe ich mir das gedacht, sagte Clara, indem sie zu lcheln
versuchte, und wenigstens einiges Weibrod mit nach Hause gebracht; ich will
geschwind zur Nachbarin gehen, ich sah noch Licht, als ich die Treppen herauf
kam, und will mir etwas Milch von ihr geben lassen, dann mache ich euch in aller
Geschwindigkeit eine kostbare Suppe.
    Diese letzten Worte sprach sie mehr gegen das kleine Bettchen gewendet,
worauf die Kinder sie mit strahlenden Blicken ansahen und mit dem Kopfe nickten;
der kleine Bub stand sogar auf, als Clara eilig das Zimmer verlie, und
versuchte es, ihr nachzuschauen, was einen uerst komischen Anblick gab, da
seine Kehrseite nicht gehrig bekleidet war.
    Der alte Mann hatte sein Buch aufgeschlagen, die Feder eingedunkt und fing
wieder an emsig zu schreiben.
    Clara ging mit einigem Widerstreben zu der Nachbarin, von der sie vorhin
gesprochen. Es war dies eine Wittwe mit zwei Tchtern, von, wenigstens
uerlich, sehr frommem und gottesfrchtigem Lebenswandel; so versumte sie fr
ihre Person fast keinen Gottesdienst, und wenn ein Buh- und Bettag angesetzt
war, so schlich sie zerknirscht ber die Straen und man htte darauf schwren
sollen, sie, obgleich frei von eigenen Lastern und groben Fehlern, habe sich aus
Barmherzigkeit eine tchtige Sndenlast ihrer Mitmenschen aufgeladen und helfe
so aus christlicher Liebe die allgemeine Verderbni geduldig mittragen. Was ihre
Tchter anbelangte, so gingen diese nur in die Garnisonskirche und nur
Vormittags von Zehn bis halb Zwlf, zur gleichen Zeit, wo auch fromme Soldaten,
von glubigen Lieutenants gefhrt, auf hohen und hchsten Befehl zum
wohlgeflligen Wandel angehalten wurden.
    Die Wittwe mit ihrer Familie gehrte in die Klasse der verschmten
Hausarmen, und wurde von Glaubensgenossen so reichlich untersttzt, da sie
alle ihre Zeit der Beschaulichkeit zuwenden konnte und nicht viel zu arbeiten
brauchte.

                               Sechstes Kapitel.



                              Die Familie Wundel.

Als Clara auf hfliches Anklopfen in das Zimmer trat, das, obgleich ebenfalls im
vierten Stock, doch recht wohnlich und angenehm eingerichtet war, drang ihr der
angenehme Duft eines guten Nachtessens entgegen, der von gersteten Kartoffeln
und Bratwrsten herzurhren schien, ein krftiger Geruch, welcher der mden
Tnzerin einen einzigen und stillen Seufzer abprete. Die Wittwe hatte sich eben
zu Tische begeben und sa in einem guten Stuhle; die eine, ihrer Tchter hatte
ebenfalls Platz genommen, die andere befand sich noch vor dem Spiegel, um ihre
Frisur wieder in Ordnung zu bringen, die durch Abnahme des Hutes einigermaen
Schaden gelitten. Das Zimmer war von einer lieblichen Wrme erfllt, denn in dem
Ofen krachte und prasselte ein gutes Holz.
    Ei, Frulein Clara, sagte die Wittwe, indem sie die ergriffene Gabel
wieder niederlegte, was verschafft uns noch so spt das Vergngen?
    Ich wollte Sie nur freundlichst bitten, Madame Wundel, entgegnete das
Mdchen, mir mit ein wenig Milch auszuhelfen; die unsere ist alle geworden und
ich bin so spt aus dem Theater gekommen, da der Laden im Nachbarhaus bereits
geschlossen war.
    So, so, Milch wollen Sie haben? - Du lieber Gott! wenn wir nur selbst noch
etwas haben. Ich frchte fast, wir haben heute wieder alle zum Kaffee gebraucht.
- Weit du nicht, Emilie, wandte sie sich an ihre Tochter, die am Tische sa,
ist noch etwas da?
    Hiebei htte aber ein mehr argwhnischer Beobachter als die junge Tnzerin
deutlich bemerken knnen, wie Madame Wundel leicht mit ihren Augen zwinkerte.
    Emilie, als gelehrige Tochter, verstand brigens dies Zeichen vollkommen,
denn whrend sie die Schssel mit den Bratwrsten an sich zog, sprach sie mit
dem ruhigsten Tone von der Welt: Es thut uns wahrhaftig leid, Frulein Clara,
aber wir haben nicht einen Tropfen Milch mehr im Hause.
    Richtig, ich besinne mich, bekrftigte die Wittwe und ergriff ihre Gabel
wieder, es ist kein Tropfen mehr da.
    Und ihr irrt euch alle Beide, versetzte ruhig die andere Tochter, die vor
dem Spiegel stand und sich nun herumdrehte, man hat heute Abend zwei Tpfe
gebracht, und wir knnen der Clara schon bis morgen einen davon geben.
    Madame Wundel prete krampfhaft ihre Hand, in der sie die Gabel hielt,
zusammen und sandte ihrer jngern Tochter einen nichts weniger als liebevollen
Blick zu. Wie die es so genau wei! sagte sie alsdann. So sieh' du nach,
Emilie. Wenn Milch da ist, so steht sie mit Vergngen zu Diensten.
    Emilie stie die Schssel etwas rgerlich zurck, und sprang auf, um in die
Nebenkammer zu gehen.
    Die arme Tnzerin stand wie auf Kohlen, denn trotz ihres arglosen Gemthes
fing sie doch an, die fatalen Hin- und Herreden sowie die finstere Miene der
Madame Wundel zu begreifen.
    Die jngere Tochter hatte sich unterdessen an den Tisch gesetzt und schien
durchaus nicht von dem Blick der Mutter eingeschchtert zu sein. - Ich habe
Ihnen auch noch meine Complimente zu machen, sagte sie ruhig zu Clara. Sie
haben heute Abend vortrefflich getanzt und sehr schn ausgesehen.
    Auf diese unvorsichtigen Worte stie die wrdige, aber vorsichtige Mutter
ihre aufrichtige Tochter unter dem Tische so derb mit dem Fue, da sie
zusammenzuckte.
    Sie waren also im Theater, fragte die Tnzerin, welche diesen Ausspruch
mtterlichen Gefhls nicht bemerkt hatte. Ja, ich glaube, es ist ein schnes
Ballet; wir knnen das freilich nie genau sagen, weil wir mitwirken, aber es
wurde viel applaudirt. - Gehen Sie fters in's Theater?
    Sie geht zuweilen hin, natrlich hchst selten, erwiderte Madame Wundel
mit einem Ausdruck sittlicher Entrstung auf dem Gesichte. Was wollen Sie?
Jugend hat nicht Tugend. Ich und meine ltere Tochter betreten nie das
Theatergebude - niemals; der Herr soll mich bewahren!
    Es ist aber doch ein angenehmes Vergngen, sagte Clara, um etwas zu
erwidern, mit einem unruhigen Blick auf das Nebenzimmer, denn sie hrte dort ein
starkes und verdchtiges Pltschern.
    Madame Wundel lehnte sich in ihren Stuhl zurck und zuckte die Achseln,
whrend sie gen Himmel blickte. Es wohnt in der Nachbarschaft eine christliche
Familie, versetzte sie, die zuweilen Billete geschenkt erhlt, und da bietet
man hie und da meiner Tochter eines an. Sie knnen denken, da es mir Kummer
verursacht, aber was will ich machen? Es ist traurig, aber wahr, da trotz der
grten Ermahnungen bei manchen Menschen die Gnade nicht zum Durchbruch kommen
will.
    In diesem Augenblicke trat Emilie Wundel mit dem ersehnten Topfe aus dem
Nebenzimmer, Clara empfing ihn dankend, versprach auf morgen Frh die
Wiedererstattung und verlie das Zimmer.
    Wir knnen dem geneigten Leser nicht verschweigen, da das Abendbrod dieser
verschmten Hausarmen, bestehend aus gersteten Kartoffeln und Bratwurst, wozu
noch etwas Bier getrunken wurde, nicht ohne einige Streitigkeiten vorberging.
Von der lteren wurde die jngere Tochter mit einer wahren Verachtung behandelt
und Madame Wundel meinte, ihre Letztgeborene sei und bleibe nun einmal eine
kolossale Gans, und es htte sie wahrhaftig gar nicht gewundert, wenn sie vorhin
noch hinzugesetzt htte, das Theaterbillet sei nicht geschenkt, sondern gekauft
worden, - was denn auch leider der Wahrheit sehr nahe gekommen wre.
    Unterdessen hatte im gegenberliegenden Zimmer der alte Mann fleiig darauf
los geschrieben und der kleine Knabe stand hartnckig an seinem Bettchen
aufrecht, obgleich ihn sein entbltes Hintertheil in dem khlen Zimmer
einigermaen fror. Es war aber auch kein Wunder, da der kleine Mann seine Nase
beharrlich nach der Gegend hindrehte, wo die Schwester verschwunden war. Es kam
nmlich aus dem Zimmer der Wittwe Wundel jener angenehme Geruch, von dem wir
vorhin gesprochen, und der, so schwach er herberdrang, doch von dem Bbchen
gleich entdeckt wurde. Kleine arme und hungrige Kinder haben eine gar feine
Nase.
    Du, sagte der Knabe zu seiner Schwester, Clara bringt uns was Gutes zum
Essen.
    Sie wird nichts mitbringen, entgegnete das verstndigere Mdchen.
    Aber ich rieche was, und was Gebratenes. Bekomm' ich nichts davon?
    Nein, davon kriegst du nichts; das ist fr andere Leute, die es gekauft und
gekocht haben.
    Ihr seid recht dumm, antwortete das Bbchen; warum kauft ihr nicht auch
etwas und kocht es uns? Tann knnten wir es essen; denn wenn ihr etwas kauft und
uns bratet, so gehrt es uns und nicht anderen Leuten.
    Der alte Mann, der ebenfalls durch den Geruch aufmerksam geworden war, erhob
seinen Kopf und sagte lchelnd: Das Kind spricht sehr logisch; seine
Folgerungen sind ganz richtig; nur ruht seine Thesis auf schwachen Fen.
    Komm herab in's Bett, sprach das Mdchen, als drben abermals die Thre
aufging; du wirst dich erklten, und wenn dich Clara so blo dastehen sieht, so
zankt sie mit mir.
    Jetzt kam die Tnzerin mit ihrem Milchtopf zurck. Die beiden Kinder
schauten vergngt empor, das Bbchen klatschte in seine kleinen Hnde und rief:
Siehst du, jetzt kommt das Gebratene.
    Nein, nein, es ist nichts Gebratenes, entgegnete lachend die ltere
Schwester, aber was viel Besseres. Jetzt mache ich eine Milchsuppe mit Brocken
darin, und ihr sollt sehen, wie das schmeckt!
    O la mich zusehen, wie du es machst! sagte das Bbchen. Bitte, Clara,
la mich zusehen!
    Aber es wird dich frieren im Zimmer.
    O, es thut nichts, wenn es mich friert; ich friere gern, wenn ich nur
zusehen darf.
    Aber dann bekommst du einen Husten, erwiderte Clara, whrend sie den Topf
mit Milch in die verglimmenden Kohlen stellte, und wirst krank werden.
    Das thut nichts, entgegnete entschlossen der Knabe, wenn ich zusehen
darf, bekomme ich gern einen Husten und werde auch gerne krank.
    Nun meinetwegen, versetzte die gutmthige Schwester, dann knnt ihr
helfen das Brod einschneiden. Aber vorher mu ich dir ein Rckchen anziehen und
Strmpfe. Und darauf nahm sie den kleinen Bruder aus dem Bette, legte ein
Kissen auf die Kommode und setzte ihn darauf. Das grere Mdchen zog sich
allein an.
    Wie war das Bbchen so froh, als es die Hoffnung hatte, zusehen zu drfen,
wie die Milchsuppe eingebrockt wurde. Er schlang seine beiden Aermchen der
Schwester um den Hals, drckte sein rundes Gesicht fest auf ihre schwellenden
Lippen und sagte: Du bist die allerbeste Clara, und ich habe dich lieb - so
viel und so gro wie - wie - ein ganz groes Haus. - Nachdem der Knabe
hinreichend bekleidet war, um die khle Temperatur in dem Zimmer aushalten zu
knnen, zu welchem Zwecke ihm die Schwester noch ein groes wollenes Tuch um
seine Fe schlang, wurde er auf den Tisch gesetzt, an welchem die jngere
Schwester bereits auf einem Stuhle stand, nachdem sie eine groe irdene
Suppenschssel herbeigeschleppt.
    Die junge Tnzerin nahm die Milch von den Kohlen, und als sie solche in die
Schssel go, bemerkte sie an der blulichen Farbe derselben, da es nicht
rthlich sei, um eine grere Menge zu erzielen, noch etwas Wasser zuzusetzen;
dies Geschft hatte Mamsell Wundel im Nebenzimmer bereits gehrig selbst
versehen.
    Mir scheint, sagte der alte Mann an seinem Schreibtisch, indem er seine
Feder einen Augenblick anhielt und durch die Brille nach dem Tische schaute,
wir bekommen noch ein Nachtessen. Ei, ei! das ist, obgleich Verschwendung, doch
sehr wohlthtig. Auch trifft das prchtig mit meiner Arbeit hier zusammen; ich
bersetze auch gerade ein Souper in Onkel Tom's Htte, und es ist sonderbar,
wenn ich von Essen und Trinken schreibe, da bekomme ich einen strkeren
Appetit.
    Mir geht's auch so, Papa, antwortete Clara, wobei sie lachend herum
schaute. Wenn ich zum Beispiele in einem Lustspiele bin und sie fangen auf der
Bhne an zu essen und zu trinken, da knnte Einem das Wasser im Munde
zusammenlaufen; und es geht nicht allein mir so: Alle, die um mich herum sitzen,
haben begehrliche Augen und machen spitze Muler, - wie du, du kleiner Fresser.
Damit patschte sie dem Bbchen mit dem Lffel um den Mund, was dieser aber gar
nicht bel zu nehmen schien, sondern die herabrinnenden Tropfen begierig
ableckte.
    Der Vater hatte seine Feder niedergelegt, die Brille abgelegt und wischte
sich die trbe werdenden Augen.
    Dieses Innere von Onkel Tom's Htte, sagte er nach einer Pause, ist als
recht komfortable geschildert und kommt Einem gar nicht so unrecht vor; es ist
ein anstndiges, festes Gebude mit einem kleinen Garten davor; auf dem Herde
lodert ein Feuer und verbreitet in dem Zimmer eine behagliche Wrme. - Er
sprach das mit leiser Stimme und mehr zu sich selber.
    Clara schien auch nicht darauf zu achten, denn sie wandte sich in diesem
Augenblick zu ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihr: Aber warum hast du es
hier in dem Zimmer so kalt werden lassen? So kann der arme Papa ja nicht
schreiben; seine Finger mssen ihm ganz starr werden.
    Schon die Idee eines Kamins hat etwas hchst Behagliches, fuhr der alte
Mann fort, indem er sich die Hnde rieb; man sieht in die spielenden Flammen,
man stellt sich behaglich davor hin und dreht die mchtigen Holzblcke mit der
Zange herum.
    Ich htte gern Holz nachgelegt, entgegnete das kleine Mdchen, aber Papa
hat selbst zugesehen und meinte, wir mssen noch acht Tage lang mit auskommen,
ehe du neues kaufen knntest, und wenn man da zuviel brauche, werde es nicht
langen.
    Ich begreife nur nicht, sprach Clara, du bist doch schon so ein
erwachsenes und vernnftiges Mdchen, da du nicht frher zur Madame Wundel
gegangen und sie um etwas Milch gebeten hast; sie htte es dir auch nicht
abgeschlagen. Da mu man nachdenken, mein Kind; ihr httet schon um acht Uhr
eure Milchsuppe essen knnen, und nun habt ihr bis jetzt gehungert.
    Es war noch ein Stck Brod in der Schublade, erwiderte die jngere
Schwester, und das haben wir drei gegessen.
    Der alte Mann schaute trumerisch an die Decke empor und sagte: Tante Cloe
steht am Kchenfeuer und aus ihrer Bratpfanne hervor dringt der Geruch von was
Gutem; sie hat eben noch ein Stck Speck hineingethan und bemerkt, da der
Kuchen sich wunderschn frbt, da er sich zu einem prchtigen Braun anlt:
darauf hebt sie den Deckel der Backpfanne weg und lt einen schngebackenen
Pfundkuchen sehen, dessen sich kein stdtischer Zuckerbcker zu schmen
gebraucht htte. - Ah! fuhr er mit lauterer Stimme fort, es ist etwas sehr
Vortreffliches um so einen Kuchen.
    Bei dem Worte Kuchen wandte das Bbchen rasch den Kopf herum und seine
Theilnahme fr die Milchsuppe wurde augenscheinlich geringer.
    Der Papa spricht von Kuchen, sagte die kleine Schwester zu Clara; haben
wir vielleicht welchen?
    O nein, entgegnete die Tnzerin in bitterem Tone. Papa spricht nur
einiges vor sich hin aus dem Negerleben von Amerika.
    Das Bbchen aber gab sich nicht so leicht zufrieden, sondern er wandte den
Kopf herum und rief laut: hast du Kuchen, Papa? Du hast was von Kuchen gesagt?
    Ich habe eigentlich nur laut gedacht, versetzte der alte Mann mit einem
trben Lcheln; ich hatte vorhin gelesen von den armen Negersklaven -
    Die Kuchen essen? fragte das Mdchen.
    Allerdings, mein Kind, sagte der Vater trumerisch, die Kuchen essen und
ein warmes behagliches Zimmer haben. Dabei rieb er sich die Hnde und zog den
alten fadenscheinigen Ueberrock fester um seine Schultern.
    Ah! antwortete das kleine Mdchen, indem sie ihren Kopf auf die Hnde
sttzte und in die dnne Milchsuppe schaute, wenn sie Kuchen essen, so sind sie
ja nicht arm. - Wir haben keinen Kuchen zu essen und oft kein warmes Zimmer;
also sind wir auf jeden Fall noch viel schlimmer daran.
    Das Kind hat in mancher Beziehung nicht unrecht, sprach kummervoll der
alte Mann, indem er seinen Blick umherlaufen lie auf den kahlen Wnden seiner
Wohnung, auf den rmlichen Mbeln und Betten, und ihn dann auf die kleine
Schssel voll Milch heftete, in welche zwei Kreuzerbrode gebrockt waren, und die
ein vollstndiges Abendessen abgeben sollte fr vier Personen, die bis Abends
zehn Uhr gefastet. - -
    So, jetzt ist es angerichtet! rief die Tnzerin mit lustiger Stimme. Sie
wollte dadurch alle trben Gedanken verscheuchen. Jetzt la deine Schreiberei
sein, Papa, und komm' zu Tisch.
    Das reicht ja kaum fr euch aus, entgegnete dieser, et nur, et nur, ich
schreibe noch.
    Doch blickte er, seinen eigenen Worten widerstreitend, sehnschtig nach dem
Tische, und als das kleine Mdchen ihm entgegenlief und ihn bei der Hand
fortzog, brauchte sie gar keine Kraft anzuwenden, um ihn bis an die
Milchschssel zu bringen.
    Die Familie setzte sich um den Tisch herum; Jedes hatte seinen Lffel
ergriffen, doch ehe das Abendessen eigentlich begann, mute sich das Bbchen
entschlieen, sein gewhnliches Tischgebet herzusagen. Es faltete die Hnde und
sprach:
    Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne was ich bescheeret hab'.
    Es war dies ein Sprachfehler, den man ihm trotz aller angewandten Mhe nicht
abgewhnt hatte, und den er sich heute Abend vollends nicht verbessern lie,
denn seine ganze Seele schwamm in der Milchschssel.
    So ging nun das Nachtessen vor sich, und die kleine Familie beim flackernden
Scheine der Talgkerze wre in ihrer Zusammenstellung ein kleines, herrliches
Genrebild geworden. Der alte Mann mit dem wohlwollenden freundlichen Gesichte,
der nur mit groen Zwischenpausen a, die junge schne Tnzerin in dem rmlichen
Kleidchen, das volle schwarze Haar aber frisirt wie eine Frstin und aus
demselben hervor zahllose falsche Brillanten blitzend. Sie behauptete, fast gar
keinen Hunger zu haben, und schaute mit dem liebenden Blick einer jungen Mutter
den beiden kleinen Geschwistern zu, die eine Wette eingegangen zu haben
schienen, wer von ihnen zuerst auf den Grund der Suppenschssel gelange. Wir
mssen gestehen, da sich das Bbchen am Tapfersten hielt, namentlich aber viel
Milch schlrfte und die Brocken mehr oder weniger verschmhte. Doch ist hiebei
nicht zu bersehen, da es von dem Stck Brod vor ein paar Stunden das grte
Drittel erhalten.
    Karl, Karl! sagte Clara, die ihm lchelnd zusah, du vergit wieder ganz
die Geschichte von dem Kinde und der Eidechse. Das mut du ihm erzhlen, Marie.
    Und darauf sprach die kleine verstndige Schwester: das Kind sa vor der
Hausthre und hatte ein Schsselchen mit Milchsuppe vor sich stehen, da kam die
Eidechse und a mit, aber die Eidechse trank blos die Milch und lie die Brocken
liegen, da nahm endlich das Kind sein Lffelchen, schlug das Thier auf die
Schnauze und rief: wenn du mithalten willst, so i auch Brocken, du Ding!
    So i auch Brocken, du Ding! wiederholte Clara und schlug den kleinen
Bruder zum Scherz abermals mit dem Lffel, auf seinen milchtriefenden Mund,
worber dieser in ein unauslschliches Gelchter ausbrach, so da er fast an
einem Brocken, den er gehorsam zu sich genommen, erstickt wre.
    Jetzt war die Milch fast verzehrt und es blieb auf dem Grund der Schssel
nur eine kleine bluliche Fluth.
    Seht ihr wohl, rief pltzlich das Bbchen mit groem Ernst: ihr alle habt
wieder nicht an die arme Anna gedacht. Soll sie denn gar nichts zu essen
bekommen? - Er meinte damit die kleine todte Schwester, die drauen im
Vorzimmer lag und den ewigen Schlaf schlief.
    Sie will nichts mehr essen, sagte Marie; sie ist ja gestorben und jetzt
im Himmel.
    Clara, die trotz ihrer Beschftigung den ganzen Abend an die Verstorbene
gedacht, die aber durch ihre Erwhnung den Schmerz des alten Mannes nicht
verwehren wollte, zwinkerte leicht mit den Augen und blickte ihren Vater von der
Seite an.
    Dieser hatte, wie schon bemerkt, fast gar nichts gegessen und sa schon
lange da mit gefalteten Hnden. Denn wenn er auch im Drange der Arbeit nicht so
innig an das Kind gedacht, so fiel ihm die Erinnerung an dasselbe jetzt doppelt
schmerzlich auf die Seele, als er nun am Tische den leeren Platz sah, wo sonst
die kleine Anna auf ihrem Sthlchen gesessen. Er stie einen tiefen Seufzer aus
und seine Augen funkelten auf eine ganz eigenthmliche Art.
    Die Anna ist nicht im Himmel, sagte entschieden das Bbchen; wie kann sie
im Himmel sein, da sie drauen auf dem Kissen liegt? Sie kommt erst in den
Himmel, wenn sie begraben ist, und das geschieht morgen.
    Schon morgen? versetzte der alte Mann und sah seine ltere Tochter fragend
an. - Du hast Alles besorgt, nicht wahr, Clara?
    Alles so gut wie mglich, erwiderte die Tnzerin; und wenn die beiden
Kinder brav sein wollen, so zeige ich ihnen das Kleidchen, in welchem die Anna
ein Engelein wird.
    Sie stand auf, um das kleine Paket zu holen, blieb aber an der Kommode
lnger als nthig war stehen, um ihre hervorstrzenden Thrnen, namentlich vor
den beiden Kindern, zu verbergen. Da aber diese endlich ungeduldig wurden, so
mute sie wieder kommen und ihnen das Kleidchen zeigen. Nachdem sie den Tisch
abgerumt, schlug sie das Tuch auseinander und breitete es vor ihnen aus.
    Das ist schn, sagte der Knabe; ich mchte das Kleidchen wohl einmal
anprobiren, mir mte es recht gut stehen.
    Warte nur, Karl, entgegnete ernst der Vater, indem er mit der Hand ber
die Augen fuhr, einem solchen Kleide entgehst du nicht; wenn du aber recht brav
und folgsam bist, so mge der liebe Gott gndigst bewilligen, da du eins
bekommst, das noch viermal so lang ist.
    Mir wre dies schon recht, antwortete das Bbchen, wobei es die rothen
Schleifen durch die Finger gleiten lie, das ist wirklich schn. - Und du hast
es ganz selbst gemacht? fragte er die ltere Schwester.
    So schnes rothes Band! sagte Marie. Das sieht doch besser aus als die
schwarzen Schleifen.
    Ja, ja, es ist freundlicher, versetzte der Vater. - Wo hast du denn das
Band noch aufgefunden?
    Die im Theater haben es mir gegeben, erwiderte Clara, und es hat mich
recht gefreut, da sie so viel Antheil nahmen.
    Es ist sonderbar, sprach lchelnd der alte Mann, wie die Dinge in dieser
Welt so seltsam ihren Platz wechseln. Dies rothe Band, das vielleicht noch
gestern in den Haaren einer Tnzerin geflattert, kommt nun morgen in die khle
Erde. Aber es ist schn, da sie dir so geholfen, es freut mich; und wenn mein
Kind in den Himmel einschwebt, so werden ihnen diese Schleifen dort oben keine
ble Nachrede machen. - Amen! -
    Amen! wiederholte auch Clara, und dann setzte sie mit gewaltsam
verndertem Tone hinzu: Aber jetzt, Kinder, zu Bett! Ihr habt gegessen und
getrunken und knnt nun ruhig schlafen.
    Dabei lchelte sie durch ihre Thrnen und sagte zu dem Bbchen: Gaislein
bist du satt?
    Worauf der Knabe lachend erwiderte:

Oh! wo sollt' ich satt von sein?
Ich sprang ber ein Grbelein
Und fand kaum ein Blttelein.

    Aber ich bin schlfrig und bitte dich, liebe Clara, mich zu Bett zu legen.
    Dies geschah denn auch; Clara lockerte zuerst die dnnen Kissen in dem Bett,
dann zog sie die Kinder aus und legte sie hinein. Sie krochen dicht an einander
hin, um sich zu erwrmen und die ltere Schwester deckte zu dem gleichen Zweck
noch einen wollenen Rock ber sie hin. Dann sprachen die Kleinen zu ihrem Spasse
den Spruch von vorhin ein paar Mal gegenseitig und entschliefen bald unter
Lachen und Scherzen.

                               Siebentes Kapitel.



                                 Sklavenleben.

Der Vater setzte sich an den Schreibtisch, um noch einen angefangenen Bogen zu
vollenden, und die Tnzerin zndete eine Lampe an, nahm das Kleidchen und den
Kranz von Orangenblthen und ging in's Vorzimmer. - Hier lag das todte
Schwesterchen auf emem weien Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt. Als
Clara dieses Tuch wegzog, durchschauerte es sie leicht, und als sie darauf das
Kind betrachtete, rollte eine Thrne um die andere aus ihrem Auge. Es lag da so
ruhig als ob es schliefe, die Augen halb geffnet, die Hndchen ber der Brust
gefaltet. Da es wirklich todt war, sah man nur an der gelblichweien
Gesichtsfarbe, an der glanzlosen Haut und an einem schmerzlichen Zug, der um den
zusammengepreten Mund und das spitzige Nschen spielte, und man fhlte das,
wenn man, wie Clara es that, das warme lebensfrische Gesicht an die bleichen
Lippen des Kindes drckte und dann jene eisige sonderbare Klte empfand, jene
Klte, die mit nichts Anderem zu vergleichen ist; jene Klte, welche die
unerbittliche Hand des Todes zurcklt.
    Clara deckte das Kleidchen mit den rothen Schleifen ber ihre kleine
Schwester hin, legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und sank dann vor der Kleinen
auf die Knie. Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen
gestorben. Vor dem inneren Auqe der Tnzerin gingen Stunde um Stunde die zwei
kummervollen Jahre vorber, welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit
ihm geduldet und gelitten. Das war ein harte Zeit gewesen seit der Geburt der
kleinen Anna. Ihre Mutter, Clara's Stiefmutter, war wenige Tage nach der Geburt
des kleinen Kindes gestorben und die Tnzerin hatte es aufgezogen als wre es
ihr eigenes. Ah! sie liebte das arme krnkliche Geschpf mehr als Alles in der
Welt. Sie hing in seinen Leiden inniger an ihm, als an dem Vater und den anderen
Geschwistern; es war ihr Eigenthum, sie hatte es sich erobert durch durch die
unermdlichste Sorgfalt, durch unzhlige Nachtwachen. Ein halbes Jahr nach der
Geburt hatte der Hausarzt gesagt: es ist ein Wunder, Frulein Clara, da Sie mit
Gottes Hlfe das Kind durchgebracht haben. - Ja, es lebte, es gedieh, und das
junge Mdchen sah mit Entzcken, wie es strker und krftiger wurde, wie es
eines Tags zum ersten Mal lchelte, wie dann lange Unterredungen mit ihr hielt,
aber in unartikulirten Tnen, nur ihr allein verstndlich. - - - - Und doch
mute es sterben. Wie hatte sie dem Tode diese Beute streitig gemacht! Wie hatte
sie Tag und Nacht ber seinem Lager gewacht, am Morgen seinen ersten Blick
empfangen, am Abend seinen letzten! Wie war sie athemlos die vier Treppen
hinaufgerannt, um hineintretend zu fragen: was macht das Kind? - Da endlich
berfiel es eine neue Krankheit, und schon nach wenigen Tagen ging sein Athem
schnell und schwer, sanken seine Augen ein und wurden Mund und Nase spitzig.
Wenn sich auch Clara berreden wollte, das seien nur vorbergehende Symptome,
und wenn sie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen fhrte und
fragte: nicht wahr, heute geht's mit der Anna besser? ihre Augen sind
lebhafter, ihr Athem leichter, so schttelte doch der Hausarzt den Kopf, und
der verzweifelte Blick, mit dem die junge Tnzerin an seinen Lippen hing,
verhinderte ihn mehrere Tage, die Wahrheit zu sagen. Endlich aber mute er doch
eingestehen, da alle Hoffnung vergebens sei. -
    An dem Tage war gerade ein neues Ballet, und Clara mute tanzen und lustig
sein; aber im Zwischenakte stahl sie sich von der Bhne weg und ging an eine
kleine Thre, welche auf die erste Gallerie fhrte, und dort wartete sie, bis
der Leibarzt des Knigs seine Loge verlie. Das war ein alter freundlicher Herr,
und als er vorbeigehen wollte, hatte sie sich ihm beinahe zu Fen geworfen,
auch konnte sie lange vor ihren Thrnen nicht sprechen. Dem Arzte erschien es
natrlich sonderbar, hier von der glnzend gekleideten, aber weinenden Tnzerin
angehalten zu werden, doch da er ihr ein paar liebevolle Worte sagte, so war
Clara bald im Stande, ihm ihr Leid mitzutheilen. Er versprach nach dem Kinde zu
sehen und kam auch noch an demselben Abend zum Erstaunen smmtlicher
Hausbewohner, die seinen Wagen anfahren hrten. Doch zuckte er ebensogut die
Achseln wie der Hausarzt, und nachdem er das Kind einige Minuten angeschaut,
auch sich nach den Vorgngen erkundigt, trstete er das Mdchen so gut er konnte
und sagte richtig voraus, das kleine Kind werde die Nacht nicht berleben. - -
Am andern Morgen war es todt. In Clara's Leben entstand eine groe Lcke; sie
sah vor sich ein weites, graues Feld, in dessen Mittelpunkte das todte Kind
schwebte, das langsam vor ihren Augen versank. -
    Das Alles berdachte sie in der heutigen Nacht, und all' die Tage, welche
das Kind gelebt, gingen in einem stillen Gebete vor ihrem Geist vorber. Endlich
erhob sie sich wieder, deckte das Tuch ber das weie Gesicht der Kleinen,
nachdem sie dasselbe vorher noch mit ihren Kssen und Thrnen bedeckt: dann ging
sie gefater in das Wohnzimmer zurck.
    Der alte Mann schien eben seine Arbeit fr heute Nacht beendigt zu haben, er
klappte das Buch, aus welchem er bersetzte, zu, und legte die Feder darauf hin;
dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurck und sah nachdenkend vor sich hin.
    Clara, welche noch keinen Schlaf versprte, setzte sich ihm gegenber und
bedeckte ihre rothgeweinten Augen mit der Hand.
    Das Buch ist ein eigenes Stck Arbeit, sagte der Vater, wohl fr Amerika
berechnet, namentlich jene Distrikte, wo man Sklaven hlt oder fr deren
Abschaffung alle mglichen Schritte thut. Wie es aber mit seinem gewi vielfach
bertriebenen und eingebildeten Elend bei uns so groes Aufsehen machen konnte,
ist mir nur dadurch erklrlich, wenn ich berhaupt unsere kindische Sucht nach
Fremdem in's Auge fasse, oder eine Art wollstig kitzelnder Grausamkeit annehme,
mit der man nach weit entfernten fremden Leiden schaut, da man nicht den Muth
hat, das Auge auf den eigenen Weg vor sich zu senken, um hier eine ungleich
hrtere Sklaverei zu entdecken, tieferen Jammer, greres Elend.
    Glaubst du das wirklich, Vater? fragte nachdenkend Clara, die an jene
Unterredung auf der Bhne dachte.
    Ob ich es glaube, mein Kind! entgegnete finster der alte Mann. Fragst du
mich das im Ernst? Blicke doch zunchst auf uns Alle, auf dich selbst. Sieh
doch, wie es uns bei angestrengtem Fleie, bei der grten Thtigkeit nicht
mglich ist, unsere kmmerliche Lage zu ndern; sieh doch zu, wie ich mich hier
bis Mitternacht mit meiner Feder abmhe, und ohne deine Hlfe, mein gutes Kind,
doch nicht im Stande wre, ausreichend fr unsern nothdrftigen Unterhalt zu
sorgen.
    Es ist wahr, Vater, es ist sehr wahr.
    Jener Onkel Tom zum Beispiel ist glcklich gegen mich zu nennen; er ist ein
Sklave geboren, und konnte, ich gebe zu, da es sehr traurig ist, von einem Tag
auf den anderen gewrtigen, was ihm endlich zugestoen. Und wenn nun diese
Geschichte wirklich wahr, wenn solche Grausamkeiten dort jenseits der Meere
verbt werden, so haben seine Leidensgenossen das Mitleid aller Nationen fr
sich; man beklagt ihr Dasein, man bejammert ihr Schicksal, man thut durch Wort
und Schrift, was man kann fr Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven,
whrend man dagegen zu Hause wieder Alles thut, um uns recht hinabzudrcken,
recht den Fu auf den Nacken zu setzen, uns, den weien Sklaven der Armuth und
Geburt. - - Die Verfasserin, fuhr der alte Mann nach einer Pause fort, eine
Amerikanerin, Augenzeuge des von ihr geschilderten Sklavenlebens, hatte gewi
die schnste und lobenswertheste Absicht. Glaubst du vielleicht, mein Kind, da
der Gedanke, Etwas zur Beglckung jenes gedrckten Theiles des
Menschengeschlechtes beizutragen, die zahllosen Buchhndler in unseren damit und
mit so vielem Anderem gesegneten deutschen Landen vermocht hat, das Publikum mit
Onkel Tom's Htten zu berschwemmen, in Wort und Bild, in Gesngen und
Theaterstcken? - Glaubst du das? - Ich nicht! Ich habe von einem gehrt, der
seinen Enthusiasmus so weit trieb, da er seine smmtlichen Zimmer mit
Schilderungen aus jenem Negerleben ausschmckte, in bermiger Freude, da er
endlich etwas gefunden, was in den jetzt interesselosen Zeiten nach seinem
Ausdrucke zieht. Tritt doch hin vor diesen - geistigen Sklavenhndler, der dir
die Arbeit ruheloser Tage und schlaflosen Nchte, der dir ein Stck deines
Inneren, das du ihm geschrieben, anbietest, abfeilscht, ja abjaunert, der dir
ein paar magere Kreuzer hinwirft fr dein bestes Herzblut; - tritt doch vor ihn
hin und sage ihm, du habest auch eine Elise gefunden, deren Mann, ein fleiiger
Mann, sich von ihr und ihrem Kinde trennen msse und weit ber's Meer fliehen,
weil er hier kein Brod fr sich und die Seinen mehr findet. Der hiesige Georg
ist freilich kein Sklave, und sein Weib und sein Kind sind bei keiner guten
Herrschaft, die sie auf's Freundlichste pflegt, auf's Beste erhlt, die ihr
Hlfe verspricht und in guten tief gefhlten Worten Trost spendet. O nein, mein
Kind, die hiesige Elise, obgleich auch einstens schn, jung und blhend, ist nun
nach wenigen Jahren ein armes, verkmmertes Weib geworden und sitzt auf einer
ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Gesellschaftern, dem Hunger und
der Klte; und dazu pfeift der Wind hhnend durch die Risse des Daches; sie
selbst friert gern und mu ja frieren, denn in ihren letzten warmen Rock hat sie
ihr Kind gewickelt und es schlummert nun leise an ihrer Brust, und wenn es auch
zuweilen sthnt und sich im Schlafe hin und her wendet, so ist es doch im
Augenblick vor der Klte geschtzt, und wenn der liebe Gott im Himmel sie nicht
gnzlich verlassen hat, so findet sie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige
Seele, die ihr mit etwas Suppe aushilft. - Vorderhand aber hungert sie und
hofft, hofft auf ihren Gatten, da er ihr Hlfe sendet, hofft auf die
Barmherzigkeit des Himmels, da er ihren krnklichen Krper genesen lt, um
sich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu knnen. - - Und wie sie so sinnt
und denkt, erweitern sich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Risse im
Dach, und ihr Blick fliegt hinaus ber die Dcher der Stadt hinweg in das weite
Land und ber andere Stdte und andere Lnder, und endlich sieht sie vor sich
eine weite, graue, hie und da mit Schnee bedeckte Flche, eine trgliche Ebene,
die auf und nieder wankt. - Sie fhlt auch den Seewind, denn es frstelt sie
kalt und schaurig an; am Ufer des weiten Meeres aber stehen Leute und erzhlen
sich von dem groen Sturm, der gestern stattgefunden und von dem groen
Auswandererschiff, das mit so vielen Menschen elend zu Grunde gegangen. - -
    Wie das Weib an diese Stelle des Traumes gekommen, da schreckt sie zusammen
und ein herzzerreiender Schrei erweckt fast das Kind auf ihrem Schooe, sie
aber zum klaren Bewutsein. Sie streicht krampfhaft lachend das Haar aus ihrem
Gesichte und redet sich ein, es sei doch lcherlich, eine solch' traurige,
solch' schlimme Vorahnung zu haben. - -
    Und sie hat in ihrem Geiste die Wahrheit gesehen, fuhr der alte Mann
erschttert fort. Und dabei hatte er die Hnde gefaltet und blickte mit einem
seltsam stieren Gesicht an die Decke des Zimmers. - Aus der Tiefe auf stiegen
nchtlich die Geister der Ertrunkenen und sie flogen unverwandten Blicks
aufwrts gen Himmel. Es waren viele, viele darunter, wie sie hier in dem Buche
beschrieben sind, und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die
Thren des Paradieses aufgerissen und sie trugen Alle an sich ihr
Sklavenzeichen, nicht jenes eingebrannte T.F. an der Hand, das man im Nothfall
ausschneiden oder mit einem eleganten Handschuh bedecken kann, sondern ihnen war
dasselbe auf die Stirne geschrieben, und an den zusammengebissenen Zhnen und
auf den weien eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben, ein Dasein
ohne Lust und Freude, dahingeschleppt in Kummer und Entbehrungen.
    Clara hatte mit Entsetzen diesen wilden, so heftig ausgestoenen Worten,
ihres sonst gemthlichen und ruhigen Vaters gelauscht. Sie drckte ihre Hand auf
seinen Arm, wie um ihn zu erwecken, zu besnftigen, und es gelang ihr auch;
seine Augen verloren ihren starren Ausdruck und er blickte sie mit inniger,
vterlicher Zrtlichkeit an, die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war.
Dann legte er seine Hand auf ihr dunkles Haar, auf ihre zierliche Frisur, und
warf sie leicht auseinander, da ein paar falsche Perlen und Brillanten auf den
Boden rollten, die er verchtlich mit dem Fue von sich stie, dann die junge
Tnzerin auf die Stirne kte, wobei ein paar Thrnen aus seinen Augen auf die
ihrigen herabtrufelten.
    Ich verstehe dich wohl, mein Vater, sagte Clara nach einer Pause; auch
ich bin ja eine arme Sklavin, tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die
Bsartigkeit der Menschen.
    Sei es, mein Kind, erwiderte ruhiger der alte Mann, sei es wenigstens
uerlich; aber bewahre dein Inneres, bewahre dein Herz, dein gutes Gewissen,
da du frei und stolz um dich blicken kannst, da du das Auge Gottes nicht zu
scheuen hast. Was kmmern dich dann die Reden der Menschen! -
    Einen Augenblick blieb es hierauf still in dem Gemach, und der Vater blickte
whrend der kleinen Pause mit ungetrbter Zrtlichkeit auf das junge Mdchen,
dann aber drckte er sie sanft an sich, sein Blick wurde wieder finsterer, und
um seinen Mund spielte abermals ein hartes, ja verchtliches Lcheln. Da haben
sie, sagte er, aus dem Buch ein Lied gemacht. Es behandelt den Moment, wo die
Sklavin Elise mit ihrem Kinde ber die auf- und abschwankenden Eisschollen des
Ohio flieht; allerdings eine entschlossene und schne That. Dieses Lied ist nun
von irgend Einem zierlich in Musik gesetzt und wird nun schmachtend gesungen von
Tausenden deutscher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder
dem Geklimper einer Guitarre, sich selbst und den Zuhrern zum unaussprechlichen
Vergngen, und es ist eine Heldenthat, deren Vorbild man Tausende von Meilen
weit herholen mute, weil sie nichts Aehnliches aufzuweisen hat im lieben
Vaterlande. - So glauben sie - -
    Ich habe aber eine Mutter gekannt, fuhr der alte Mann fort, indem er sich
erhob und im Zimmer auf-und abschritt, die hat fr ihr Kind noch unendlich mehr
gethan, und man hat sie nicht gepriesen in Bchern und Balladen. Dieses Weib war
ein armes unglckliches Weib, und obgleich sie nicht von Sklavenhndlern gejagt
wurde, so jagten sie doch noch viel grimmigere Feinde: Noth und Hunger. Sie
schrak nicht vor der Arbeit zurck, aber sie hatte in ihren guten Tagen nur
gelernt, mit der Nadel kunstvolle Arbeiten zu machen, und nun waren ihre Finger
vor Klte steif geworden, und da sie zurckgekommen und verarmt war, so wollte
ihr auch Niemand mehr etwas anvertrauen, womit sie sich einen Verdienst machen
und das Leben ihres Kindes fristen konnte. Dieses Weib war keine geborene
Sklavin; sie war von einer guten ehrlichen Familie, und dehalb konnte es ihr in
ihrem tiefen Jammer nicht gelingen, irgendwo nur ein Almosen zu betteln; auch
hatte sie nicht das Geschick dazu: glcklichere und erfahrenere Almosensammler
lieen sie nicht aufkommen. - Da irrte sie Abends herum, ihr Kind in ein
rmliches Tuch gewickelt, - ich glaube es war um die Weihnachtszeit und da thut
es doppelt weh, wenn man mit einem halberfrorenen hungrigen Wurm vor
hellerleuchteten Fenstern stehen mu, um zuzusehen, wie andere glcklichere
Kinder in der Flle der Gesundheit jubelnd um den glnzenden Weihnachtsbaum
springen; - das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf diese Eltern und Kinder,
sie wnschte nur ein kleines Brod fr das ihrige, und als sie so an einem
Bckerladen vorbeikam, wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war, kam ihr der
Gedanke, dort etwas fr ihr Kind zu stehlen. - - - Anfangs schauderte sie
zurck, denn sie war arm, aber ehrlich. Als aber das kleine Kind vor Hunger
leise wimmerte, als sie so gejagt war von Noth und Verzweiflung, da streckte sie
die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg, konnte aber damit nicht
entfliehen, denn als das Verbrechen begangen war, stand sie vor Schrecken
festgebannt. - Die Sklavin entging nicht ihren Verfolgern, sie wurde jenseits
ihres mit schwimmenden Eisschollen bedeckten Ohio's nicht von freundlicher Hand
aufgenommen. - Die weie Sklavin erhielt fr sich und ihr Kind kein warmes
Zimmer, kein gutes Bett; sie fiel der strafenden Gerechtigkeit anheim; sie ist
verschwunden und verschollen, kein Buch beschreibt ihre grere That, keine
Ballade besingt ihr Elend und das ihres Kindes.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nach diesen Worten hob der alte Mann seine Hand wie beschwrend gen Himmel
und durchschritt mit hastigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen. So oft
er aber bei dem Stuhle seiner Tochter vorberkam, berhrte diese leicht seine
Hand, worauf sein Schritt jedes Mal ruhiger, sein Blick sanfter wurde. Endlich
blieb er vor Clara stehen, fate ihre Hand und sagte, nachdem er ihr eine
Zeitlang in die dunklen Augen gesehen, mit lchelndem Ausdruck im Gesicht: ja,
ja, es ist leider wahr, mein Kind, wir Alle sind Sklaven; sieh' nur mich, deinen
Vater, an, glaubst du nicht, da ich eben so gern ein Zuckerfeld bearbeiten
wrde, wenn das meine Krfte zulieen, als diese geistigen Frohndienste zu
versehen, die vielleicht hundertste Uebersetzung eines Buches zu machen, das mir
unangenehm, ja unheimlich ist! - - Aber ich wei mich zu trsten, liebe Clara,
fuhr er nach einer Pause fort, whrend welcher sein Gesicht wieder den alten
gemthlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte, whrend seine Augen wieder
sanft und freundlich strahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene
Lcheln erschien. Ja, ja, ich wei mich zu trsten, sagte er, denn siehst du,
mein Kind, wren wir, ich, du und vielleicht noch Tausende von Menschen der
gleichen Klasse allein dazu berufen, die Sklaven aller anderen zu machen, es
wre entsetzlich, es knnte das nicht lange fortbestehen, und bald mten sich
die Niedergedrckten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die
usurpirte Herrschaft ihrer Unterdrcker auflehnen. Aber es ist nicht so: Alle
sind Sklaven, Alle haben keinen freien Willen, auch die, welche stolz auf uns
herabblicken; und je hher sie stehen, desto herber fhlen sie ihre Sklaverei.
    Das junge Mdchen sah ihren Vater fragend an, und sagte: Aber, lieber
Vater, die Reichen, die sich fr ihr Geld alle Gensse dieses Lebens verschaffen
knnen -?
    Sind die Sklaven eben dieses Geldes, versetzte rasch der alte Mann, die
Sklaven ihrer Leidenschaften, die Sklaven eines oft kranken und dehalb fr
viele Gensse unbrauchbaren Krpers. Sieh' dich um, mein Kind, mit offenem,
ruhigem Blick, frage durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft,
erkundige dich, wer vollkommen glcklich und zufrieden sei; - du wirst Wenige
finden, und wahrlich diese Wenigen am wenigsten in den hohen und reichen
Stnden. Dort drckt die unzerreibare Sklavenkette des sogenannten guten Tons,
des Herkommens am strksten, wenn sie auch der oberflchliche Beschauer nicht
sieht, da sie unter Gold und Blumen versteckt ist; dort verletzt ein Wort, ein
Blick die kranken Herzen, dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen
nicht fr den Ausdruck eines zufriedenen Gemths; sie dienen nur dazu, Verdru,
Ha, Wuth, Neid zu verdecken: ein Hndedruck, ein freundliches Wort will dort
nichts sagen, es ist das hundert Mal die Maske eines Sklaven, der viel lieber
knirschend in seine Kette beien mchte, und den nur die Macht, das Ansehen des
Anderen dazu zwingt, ein ses Gesicht zu machen und den Rcken zu krmmen. -
    Und alle schleppen diese Kette mit sich herum und lassen sie erst fallen,
wenn der erstarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des
Reichthums entfallen. - Es ist dies wahrlich in der Welt recht schn und klug
eingerichtet, fuhr der alte Mann lchelnd fort; Einer ist wie gesagt der
Sklave des Andern, und so hngen alle Menschen an einer gewaltigen Kette, vom
Bettler bis hinauf zum Knige.
    Aber der Knig ist frei, sagte lchelnd das Mdchen, ihn kannst du nicht
zu den Sklaven rechnen.
    Gewi, mein Kind, ihn auch, antwortete der alte Mann und starrte
nachdenkend, doch nicht unfreundlich aussehend vor sich hin. Er ist auch Sklave
der Verhltnisse, seines Schicksals, ja theilweise seiner Umgebung; sein Wille
vermag nicht immer durchzudringen; und glaube mir, er in seiner Hhe fhlt es
doppelt hart, wenn sich ihm eine andere unsichtbare Gewalt gegenberstellt, wenn
sein Befehl an einer Intrigue abgleitet. Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten,
die den Herrscher mit den unsichtbaren Ketten umgeben und einengen, aber gerade
weil er sonst herrscht und gebietet, fhlt er hier um so schmerzhafter, da er
gefesselt ist. - Ja, Alle, Alle sind Sklaven!
    Bei diesen Worten erhob der alte Mann seine Augen, lie sie einige Minuten
auf dem schnen Gesichte seiner Tochter ruhen, dann wandte er sie sinnend gegen
die Mauer, welche das Gemach umgrenzte, die aber seinen Blick nicht aufhielt;
sie schien sich vor ihm zu ffnen und er in weite Fernen, in andere
Verhltnisse, in fremdes Leben zu schauen. Seinen Mund umspielte ein
freundliches Lcheln; er sah in Gestalten und Bildern vor sich, was er vorhin in
Worten ausgesprochen; er blickte in die Zukunft und zugleich in die
nachfolgenden Kapitel dieses Buches.

                                Achtes Kapitel.



                                    Arthur.

Es mochte etwas ber zehn Uhr an dem Abend gewesen sein, als der junge Mann,
welcher der Tnzerin, Mamsell Clara, so unverhofft, wenn auch vielleicht nicht
unerwartet, einen guten Abend gewnscht, das Haus verlie, nachdem sie die Thre
sanft hinter ihm zugemacht. Als er hierauf durch die Strae ging, konnte er sich
nicht enthalten, noch fters nach dem Hause mit dem hohen Giebeldache
zurckzuschauen, und da bemerkte er nur noch ein einziges kleines Fenster
erhellt; das brige Haus lag schon in tiefer nchtlicher Ruhe und Dunkelheit. An
dem Lichte aber, das noch so freundlich hinaus schien, sa sie wahrscheinlich;
sie blickte vielleicht in die Flamme, die auch er jetzt von Weitem sah - sie
mochte vielleicht sogar an ihn denken.
    Unter diesen angenehmen Trumereien setzte der junge Mann seinen Weg fort
wie Jemand, der durchaus keine Eile hat. Er befand sich, wie wir bereits wissen,
in einem entlegenen Stadttheile, wo die Straen krumm und winkelig liefen, bald
mit Husern besetzt waren, bald nur mit einfachen Gartenmauern, hinter denen
Bume ihre nackten Aeste emporstreckten, und die seltsam angestrahlt waren von
dem Schein einer Gaslaterne, die auf der Hhe der Mauer brannte und sowohl
diesseits als jenseits das Terrain beleuchtete.
    Zuweilen wurde in dieser Gegend der Stadt die Strae von Kanlen
durchschnitten, und dann passirte man kleine hlzerne Brcken, auf denen der
Futritt in der nchtlichen Stille so seltsam klang. Allerlei unregelmige
Gebude, Kirchen, groe Fruchtspeicher, alte Thrme stellten sich dem Wanderer
trotzig und verziert mit weien Schneekappen in den Weg und man mute genau
seine Richtung kennen, um sich in diesem Labyrinthe nicht zu verirren. Es gab
auch freilich noch einen andern Weg, um von dem erwhnten Hause mit dem
Giebeldach in die besseren und vornehmeren Stadtviertel zu gelangen, doch suchte
der junge Mann, den wir eben begleiten, dehalb diese andere Strae zwischen den
alten Husern hindurch, weil ihn die seltsamen Formen dieser Gebude anzogen und
er sich ergtzte an dem sonderbaren Lichteffekt, der dadurch hervorgebracht
wurde, da die Straen immerfort in einer Schlangenlinie liefen, wehalb oft
jener Theil grell beleuchtet ward, whrend die vorspringende Ecke im tiefsten
Schatten lag.
    Bald befand sich der einsame Spaziergnger in der Nhe des groen
Fruchtmarktes, dem ltesten Theile der Stadt, wo es noch mehrere Huser gab, die
durch ihren Aus- und Eingang ein paar Straen mit einander in Verbindung
setzten. Einer dieser Passagen pflegte der junge Mann nie aus dem Wege zu gehen,
weder bei Tage noch bei Nacht, und er erfreute sich jedesmal an der frmlichen
Tunnelgestalt, welche der Hauptdurchgang zwischen den Gebuden bildete.
    Das waren zwei alte, massive Huser mit groen Thoren und mehreren Hfen;
zwischen jenen lag die Passage, von der wir oben gesprochen. Es war das eine Art
gewlbter Gang, der unter dem einen Hause durchlief und mit der Strae in
Verbindung stand. In diesem Gange selbst befand sich eine einzige Thre, welche
durch ein eisernes Gitter verschlossen wurde und vermittelst einer steinernen
Treppe in den ersten Stock des groen Gebudes fhrte, wo sich eine sonderbare
Restauration und Gastwirthschaft befand. Hier war nmlich der Aufenthalt
smmtlicher Bnkelsnger, Orgelmnner, Besitzer von Rarittenkasten, Poeten,
welche den Leuten Mordgeschichten erklrten, Harfenmdchen und hnlichem Volk.
Alle fanden hier fr billiges Geld ein Unterkommen; man nahm es hier mit den
Pssen und Papieren nicht sehr genau, und der Wirth dieser mildthtigen Anstalt,
Herr Scharffer, galt nicht blos als sehr entschlossen, wenn es darauf ankam,
eine unschuldige Harfenistin vor den Krallen der Polizei zu beschtzen, sondern
man munkelte auch, er habe schon zum fteren Male sehr gefhrliche Mitglieder
der menschlichen Gesellschaft lngere Zeit vor den Augen der Justiz zu verbergen
gewut.
    Dem sei nun wie ihm wolle, dieser Gasthof - er hie der Fuchsbau - war, wie
gesagt, sehr malerisch gelegen, und schon zum Oefteren von armen Knstlern
bentzt worden, um das Album irgend einer vornehmen Dame mit einem interessanten
Gegenstand zu bereichern. Man fand hier Kloster- und andere Hfe, Theile irgend
einer Burg, und wenn man dazu eins der Harfenmdchen nahm, die man zuweilen am
Fenster sah, so war ein artiges Bildchen fertig.
    Der junge Mann, dem wir folgen, durchschritt trumend den ueren finsteren
Hof und blieb, als er jenen Durchgang erreicht, still betrachtend vor dem
herrlichen Lichteffekt stehen, der sich seinem Auge darbot. Der ganze Schein
einer Laterne war frmlich in diesen Durchgang gepret und strahlte nur in
einzelnen Blitzen auf den Hof hinaus, hier die schnen Sculpturen eines
Thorbogens erleuchtend, dort von den matten Scheiben irgend eines alten Fensters
abstrahlend. Nachdem er sich dies einige Augenblicke betrachtet, wollte er
seinen Weg fortsetzen, als er hrte, wie das eiserne Thor in dem Durchgange
geffnet wurde; er vernahm deutlich das Klirren der Schlssel und hrte
Futritte, welche die Treppe herab kamen. Da man nicht wissen konnte, mit
welcher Gesellschaft man hier zusammentraf, so blieb der junge Mann noch einen
Augenblick stehen, um die Anderen vorangehen zu lassen und ihnen alsdann zu
folgen. Doch mute er sich eine Weile gedulden, denn zwei Mnner, welche aus dem
Hause traten, blieben vor der Gitterthre plaudernd stehen. Der Eine war der
Wirth, Herr Scharffer selbst, ein groer Mann in einer grauen Jacke, einer
einfachen Hausmtze, unter der ein sehr entschlossenes und markirtes Gesicht
hervorschaute; es war eine Physiognomie, die man, wenn man sie einmal gesehen,
nicht so bald wieder vergit und die man mit ein paar Bleistiftstrichen treffend
hinzeichnen kann. Er hatte eine groe und lange Nase, einen breiten, stets
lchelnden Mund und einen kohlschwarzen, struppig abstechenden Backenbart. Der
andere Mann, der neben ihm stand, hatte einen groen Radmantel ber die
Schultern geschlagen, der ihm bis ber die Nase reichte und so sein Gesicht
schwer erkennen lie. Er trug einen gewhnlichen runden Hut und in der Hand
unter dem Mantel ein Spazierstckchen, mit dem er heftig auf seine Stiefel
schlug.
    Dem Zuschauer im Hofe waren diese beiden Mnner vollkommen gleichgiltig, ja
er hatte schon die Absicht, bei ihnen vorbei zu gehen, als der Unbekannte mit
dem Mantel einige Worte lauter sprach, worauf der Klang dieser Stimme den jungen
Mann pltzlich aufmerksam machte.
    Aber sie soll von hier fort, sagte er mit klarem und bestimmtem Tone. Sie
soll unter allen Umstnden und schon morgen fort. Teufel auch! Man hat ihr noch
vor einem halben Jahre mit neuen Papieren ausgeholfen und sie mobil gemacht. Ich
kann mich nicht so berlaufen lassen.
    Sie hat so fest darauf gerechnet, entgegnete der Wirth, Sie werden ihr
nochmals helfen. Dehalb erlaubte ich mir auch, Sie hieher zu bitten; brigens
ist sie nicht unbrauchbar; es ist ein Teufelsmdchen.
    Ja, ja, meinte der Andere nachsinnend, setzte aber mit lauterer Stimme
hinzu: aber zu bekannt, hier viel zu bekannt.
    Bah! versetzte der Wirth, dafr haben wir Mittel, und die ist mit allen
Hunden gehetzt. Was gilt die Wette, sie stellt sich Ihnen irgendwo als
franzsische Gouvernante vor, und Sie sollen sie nicht wieder erkennen. Mein
Rath wre wahrhaftig, sie da zu behalten; seit die Lisette verschwunden ist,
fehlt uns Jemand derartiges. Du lieber Gott! bei dem ersten greren Unternehmen
befinden wir uns in Verlegenheit.
    Aber es kann nicht sein, es kann wahrhaftig nicht sein! erwiderte der
Andere, wie es schien, rgerlich; wir wollen ihr Empfehlungen geben, sie soll
nach B. gehen, aber hier kann ich sie nicht gebrauchen; das wre
compromittirend.
    Nur ein paar Tage, bat der Wirth, sprechen Sie ein kluges Wort mit ihm.
    Mit wem?
    Nun, mit ihm, sagte der Wirth mit leiserer Stimme, indem er sich scheu
umblickte.
    Ah! mit ihm ist schlecht Kirschen essen, entgegnete der Andere. Und so
Kleinigkeiten! Ich habe wichtigere Sachen fr ihn!
    Aber ich bitte herzlich darum, fuhr der Wirth dringender fort. Man kann
ihm auch einmal wieder einen Gefallen erweisen.
    Ihr seid wahrhaftig ein eigensinniger Kerl, Scharffer, sprach der im
Mantel, indem er ungeduldig mit den Achseln zuckte. Lat sie laufen; glaubt
mir, es ist besser.
    Ich habe es ihr so gut wie versprochen.
    Nun denn, in's Teufels Namen! Ich will ihn darum fragen; aber wenn er
befiehlt, sie solle abreisen, dann macht mir keine Geschichten, und versteckt
sie nicht heimlich bei euch.
    Gegen seinen Befehl? - Gott soll mich in Gnaden bewahren! sagte der Wirth,
indem er erschreckt zurcktrat. Nein, nein, durch Schaden wird man klug, und
ich verlange in meinem Leben nicht mehr, mit ihm auf unfreundliche Art
zusammenzukommen.
    Ja, er kann hart sein, erwiderte der Andere lachend, whrend er seinen
Mantel, der herabgerutscht war, wieder ber die Schultern warf. - Nun, gute
Nacht! Verget mir nicht Zeichen und Adresse fr die nchste Woche; sichtbar bin
ich fr keinen Menschen.
    Will's schon behalten! versetzte der Wirth. Schneegchen Nummer
vierundachtzig.
    Schn, sprach der Unbekannte im Mantel, und ging mit hallenden Tritten den
Durchgang hinab.
    Der junge Mann, der dieser Unterredung, ohne es zu wollen, gelauscht, wre
gerne gefolgt. - Diese Stimme war ihm nicht unbekannt; doch wenn er daran
dachte, der, dem diese Stimme gehrte, solle hier eine solch' vertrauliche
Conversation mit dem verrufenen Wirth zum Fuchsbau halten, so mute er lcheln.
Das war ja gar nicht mglich! Und doch - wie gern htte er sich berzeugt! Aber
es war unmglich, denn Meister Scharffer blieb, sobald der Andere fortgegangen
war, aufmerksam lauschend stehen und schaute bald auf die Strae, bald auf den
Hof. Erst als die Tritte des Mannes im Mantel gnzlich verklungen waren, trat
der Wirth in das Haus zurck, schlo die Gitterthre hinter sich und stieg
langsam die schmale, steinerne Treppe hinaus.
    So schnell als mglich eilte jetzt der junge Mann auf die Strae und bis zur
nchsten Ecke, wo er horchend stehen blieb. Doch war es fr dies Viertel schon
Schlafenszeit, und man hrte nirgendwo auf der Strae ein Gerusch; Alles war
todtenstill, so sehr er sich auch anstrengte, vernahm er doch keinen Ton von
Futritten. Kopfschttelnd schritt er durch mehrere enge Straen ber den groen
Fruchtmarkt und kam nach einer Viertelstunde in einen belebteren Stadttheil und
in die Nhe des Schlosses. Dort blieb er vor dem hohen steinernen Portal einen
Augenblick stehen, denn hier schieden sich drei Wege, die er alle drei verfolgen
konnte, den ersten nach Haus, den zweiten in ein beliebtes Kaffeehaus und den
dritten zu einem Bekannten, dem jungen Grafen Fohrbach, der vielleicht schon in
seiner Wohnung anzutreffen war, und es von jetzt ab bis ein paar Stunden nach
Mitternacht gerne sah, wenn man eine Tasse Thee bei ihm nahm und eine Cigarre
rauchte. Er entschied sich fr das Letztere; er lie das Schlo rechts liegen,
beging die weitlufigen Nebengebude desselben und gelangte nach kurzer Zeit in
jene lange Strae, in welcher der geneigte Leser zu Anfang dieser wahrhaftigen
Geschichte bei Sonnenuntergang einen flchtigen Blick geworfen.
    Da wir nun aber im Begriffe sind, dem in der breiten Strae vor uns
Wandelnden in eine kleine auserlesene Gesellschaft zu folgen, so halten wir es
fr unsere Schuldigkeit, dem geneigten Leser zu sagen, da der junge Mann, dem
wir heute Abend gefolgt, der Sohn eines reichen Banquiers der Residenz ist, da
er in einer Akademie zugleich mit den Shnen der ersten Familien des Landes
erzogen wurde, da er durch sein gebildetes, feines und liebenswrdiges Betragen
in allen Kreisen gern gesehen ward, da er seines Zeichens ein Maler war und mit
seinem Vornamen Arthur hie; - den hiezu gehrigen Familiennamen werden wir
spter noch kennen lernen.
    Graf Fohrbach war der einzige Sohn seines Vaters, des alten Generals und
jetzigen Kriegsministers, und wohnte, seit er mndig geworden, in einem kleinen
reizenden Hinterhause des vterlichen Palastes. Der nachsichtige alte Herr hatte
ihm in der Mauer, die Hof und Garten umgab, einen neuen Eingang herstellen
lassen, an dem sich eine Klingel befand, die mit dem kleinen Hause in Verbindung
stand. Eigentlich befanden sich hier zwei Schellenzge, jede fr die
Dienerschaft des Grafen von besonderer Bedeutung. Die eine war fr die
Vertrauten und Freunde, und wenn sie erklang, so sprang die kleine Thre in der
Mauer wie von sich selbst auf, um dann hinter den Eingetretenen sogleich durch
eine unsichtbare Macht wieder zugedrckt zu werden.
    Auf diese Art trat auch Arthur in den winterlichen Garten, dessen Bume in
weiem Reif prangten; die Blumenbeete waren mit Tannenreisern zugedeckt;
Spaliere und Statuen unter starrenden Strohdecken gaben so recht das Bild des
tiefen Winterschlafs, in den die Natur versunken war. Aus dem Schornstein eines
kleinen Gewchshauses zur Seite qualmte eine dicke Rauchwolke, und das war das
einzige Zeichen von Leben, das man im Hof und Garten sah; ein Weg, der bei dem
groen Hause vorbeifhrte, war vom Schnee rein gefegt und brachte den Maler in
wenig Augenblicken in die Thre des Pavillons, in welchem Graf Fohrbach
residirte. Auch hier ffneten sich Haus- und Vorthre wie von selbst und erst,
als man die letztere hinter sich hatte, trat man in ein hell erleuchtetes und
sanft erwrmtes Vestibl. Ein Diener in Livre hob schweigend einen schweren
Teppichvorhang auf und lie den Ankommenden in ein Vorzimmer treten, Wo sich der
Kammerdiener des Grafen befand.
    Dieser war ein alter Mann mit weien sorgfltig gebrsteten Haaren, und
schien derselbe im schwarzen Frack und weier Halsbinde auf die Welt gekommen zu
sein; wenigstens erinnerte sich von der jetzigen Generation Niemand, ihn je
anders als in diesem Anzuge gesehen zu haben. Er las gerade in einem Buche,
erhob sich aber aus seinem bequemen Fanteuil, als der Thrvorhang rauschte und
ging dem Eintretenden freundlich entgegen.
    Ah! Herr Arthur kommen frh, sagte der alte Mann, der sich diesen
vertraulichen Ton seit den Zeiten der Schule, wohin er seinen Herrn begleitet,
nicht mehr abgewhnt hatte und ihn auch auf die genaueren Bekannten und Freunde
desselben ausdehnte. Doch war es eine Auszeichnung, also von ihm angeredet zu
werden; entfernteren Bekannten oder Leuten, ber deren Charakter er nicht genau
in's Klare kommen konnte, gab er ihre vollstndigen Titel. - Der Herr Graf ist
vor einer halben Stunde aus dem Theater gekommen.
    Und ist schon Besuch da? fragte der Maler.
    O ja, entgegnete der Kammerdiener mit freundlicher Stimme, Herr Eduard,
Herr Eugen sind da, sowie auch, setzte er mit pltzlich ernster werdendem Tone
und feierlichem Wesen hinzu, der Herr Baron von Brand. Darauf nahm er
halbverstohlen eine Prise - die goldene Dose lie er fast nie aus der Hand -
nickte ernsthaft mit dem Kopfe, als wollte er ausdrcken: es ist gewi so, wie
ich gesagt, und ging sodann auf die Thre des Nebenzimmers zu, diese zu ffnen.
    Ist der Herr Baron schon lngere Zeit im Salon? fragte Arthur.
    Er kam vor einer kleinen Viertelstunde, entgegnete der Kammerdiener.
    Zu Wagen oder zu Fu?
    Zu Fu, - wie die Lakaien sagen, von dem Haupthause her; er schien drben
einen Besuch gemacht zu haben.
    So, so, erwiderte nachdenkend und mit leiser Stimme der Maler, fuhr aber
laut fort, als er den aufmerksamen Blick sah, mit dem ihn der Kammerdiener
betrachtete: ja, das habe ich mir gedacht; ich glaubte schon, ich htte ihn
anderswo gesehen, aber ich habe mich geirrt. Nach diesen Worten grte er den
alten Mann freundlich und trat in einen kleinen Salon, der mit ein paar Lampen
erhellt war, in dem sich aber Niemand befand. Dicke Teppiche, die den Boden
bedeckten, dmpften seinen Schritt und so konnte er einzelne Worte einer
Conversation im Nebenzimmer hren, ohne da man dort seine Annherung bemerkte.
    Arthur hob den Thrvorhang auf und kam in ein achteckiges Gemach, von
welchem noch nach drei anderen Seiten Thren ausliefen: nach dem Ezimmer, dem
Schlafzimmer und nach einem anderen kleinen Vorsaal, der an ein Glashaus stie,
durch welches allein der Pavillon mit der Einfahrt des Haupthauses in Verbindung
stand. Zu diesem Eingang besa nur Graf Fohrbach die Schlssel, die er selten,
fast nie Jemand anvertraute.
    Das achteckige Gemach war mit einem auerordentlichen Comfort ausgestattet,
und erschien namentlich bei Nacht uerst wohnlich; silbergraue Tapeten
widerstrahlten das Licht eines kleinen Kronleuchters mit Lampen auf die
freigebigste Art; die Fensterffnungen sah man nicht, da Vorhnge von roth
gestreifter Seide davor zusammengezogen waren. Von dem gleichen Stoff waren die
meisten Mbel hergestellt, und alle von einer wahrhaft raffinirten
Bequemlichkeit. Der Salon war ziemlich gro und hatte Platz fr eine Menge
Divans, Fauteuils, Chaiselongues, die aber alle ziemlich auffallend
durcheinander geschoben waren und von denen drei und vier immer einen kleinen
Plauderwinkel bildeten. Ein Smyrnateppich bedeckte den Boden und berall, wo es
mglich war, sah man obendrein noch kleine persische Vorlagen. Etwas
Eigenthmliches hatte brigens dieser Salon oder vielmehr die Einrichtung
desselben. Ueberall, wohin man blickte, herrschte eine malerische Unordnung,
ohne da brigens irgend etwas verwahrlost gewesen wre. So lagen zum Beispiel
Handschuhe, Bcher, ein Blumenbouquet zusammen auf einem rothseidenen Fauteuil,
ein schwerer Kavalleriesbel stand mitten in einer Gruppe von Blumen und
Struchern aufgepflanzt, und ber den Schultern eines marmornen Amors hing als
Schrpe ein reicher persischer Stoff, den der Graf Gott wei zu welchem Zwecke
gekauft.
    Obgleich das ganze Haus frei lag und der Wind nach Belieben um dasselbe her
sausen konnte, so bemerkte man doch in dem Salon nichts hievon, denn er stie
nur mit der Fensterecke an das Freie; die brigen Theile waren, wie bereits
erwhnt, von anderen Gemchern umgeben, woher es denn auch kam, da das Zimmer
so behaglich, warm und angenehm war. Im Kamin brannte ein helles Feuer, und vor
demselben standen einige Fauteuils, in welchen die jungen Leute, von denen der
Kammerdiener vorhin gesprochen, so bequem wie mglich ausgestreckt lagen.

                                Neuntes Kapitel.



                                 Coeur de Rose.

In dem Augenblick, als Arthur eintrat, wurde die Unterhaltung nicht gerade
besonders lebendig gefhrt; irgend Einer hatte eine Bemerkung hingeworfen,
welche den Anderen vielleicht nicht Wichtig genug erschien, um viel darauf zu
antworten. Genug, man hrte einige beistimmende Ja, ein Ah! dann rauchten Alle
ruhig ihre Cigarren fort. Graf Fohrbach, der mit dem Rcken gegen den Kamin sa,
winkte dem Eintretenden freundlich mit der Hand und sagte: Es freut mich, da
Sie noch kommen, Arthur; rollen Sie einen Stuhl herbei. Wo das kleine
Rauchmaterial ist, wissen Sie; wenn Sie aber eine lange Pfeife wollen, so
klopfen Sie nach gutem trkischen Gebrauch dreimal in die Hnde.
    Der Maler dankte und nickte den drei anderen Herren zu, welche sich im
Zimmer befanden. Zwei von ihnen, welche der Kammerdiener mit Herr Eugen und Herr
Eduard bezeichnet hatte, saen vor dem lodernden Feuer, der Dritte, der Baron
von Brand, lehnte dem Hausherrn gegenber nachlssig an dem Kamingesims, auf
welches er den rechten Arm gesttzt hatte, whrend er die linke Hand zwischen
dem zugeknpften schwarzen Fracke verbarg.
    Arthur langte nach einer Cigarre und zndete sie an; nachdem er die
einfachen Fragen, als: ob er im Theater gewesen, ob es nicht heute Nacht
verflucht kalt werde, mit Ja oder Nein beantwortet hatte, lehnte er sich in den
Fauteuil zurck und konnte nicht unterlassen, seine Augen mehreremal ber das
Gesicht und die Gestalt des Baron Brand hingleiten zu lassen, was uns wir im
Interesse des geneigten Lesers ebenfalls zu thun erlauben wollen.
    Der Baron Brand mochte einige Jahre ber Dreiig zhlen; er war von
mittlerer Gre, schlanker Taille und, obgleich ziemlich mager, sah man an ihm
doch eine hochgewlbte Brust und sehr breite Schultern. Nebenbei, da die
Krperformen dieses Mannes etwas sehr Elegantes, ja Grazises hatten, entnahm
man noch an Allem, was er that, eine auerordentliche Gelenkigkeit, welche auf
eine groe Krperkraft hindeutete, welche er auch in der That besa und von der
er gerne scherzweise Proben ablegte. Seine Kopfform war eher lnglich als rund,
sein Teint wei und frisch, die grauen Augen sehr lebhaft, das Haar von sehr
hellem Blond, oder wenn man wollte streifte es, aber kaum merklich, in's
Rthliche. Er trug es aus dem Gesichte gestrichen, kurz geschnitten und
emporstehend, was zugleich mit dem aufgedrehten Schnurrbart seinem Gesichte
etwas Keckes, ja Unternehmendes gab.
    Von den zwei anderen jungen Herrn war Eugen von S. der Aelteste dieser
Gesellschaft - er mochte vielleicht nahe an die Vierzig sein - eine feste,
gedrungene Gestalt mit schwarzem Haar und groem Schnurrbart gleicher Farbe, und
trug als Major die Knigliche Adjutantenuniform. Der Andere, Eduard von B., war
ein junger Assessor, der sehnschtig nach dem Rathstitel verlangte und sich
schon darauf hin ein uerst bedchtiges Reden und Benehmen angewhnt hatte.
    Graf Fohrbach endlich, der Hausherr, ebenfalls Adjutant des Knigs, hatte
hchstens achtundzwanzig Jahre und war ein hbscher, lustiger Offizier von
gutem, treuem Gemthe, aber etwas zu frhlicher Natur und namentlich, wenn er
Waffenrock und Sbel abgelegt hatte, zu allerlei kecken, zuweilen unberlegten
Handlungen aufgelegt.
    Es trat eine lngere Pause ein, whrend welcher alle Vier rauchten und sich
der Hausherr mit dem Kopf an das Kamin lehnte, um mit groer Aufmerksamkeit dem
blauen Dampfe zuzuschauen, wie er in kunstreichen Ringeln an die Decke
emporstieg.
    Was meinen Sie, Baron? sagte er endlich. Ich htte wohl Lust, die Wette
von voriger Woche nochmals mit Ihnen durchzumachen.
    Was ist das fr eine Wette? fragte der Major.
    Wir saen neulich beim Kaffee, erzhlte der Hausherr, als der Baron Brand
auf seinem neuen Rappen vorber kam. Du weit, wie er mit der Flchtigkeit
dieses Pferdes renommirt.
    Und da man deine Leidenschaft fr Wetten kennt, sagte der Assessor, so
trugst du ihm natrlicher Weise gleich eine an?
    Das versteht sich von selbst, erwiderte lachend der Graf. Ich schlug ihm
also die bekannte Geschichte vor, er solle nach dem eine Stunde weit entfernten
A. hin und zurck reiten, und ich wolle unterdessen ein halbes Pfund kleiner
Bisquite auf einem Sitze essen. Wer zuerst mit seinem Geschft zu Ende sei, ich
mit dem Essen oder er mit dem Hin- und Herreiten, habe begreiflicher Weise
gewonnen.
    Und ebenso begreiflich verlorst du, versetzte der Major. Ich habe diese
Wette schon oft machen und verlieren sehen.
    Freilich verlor ich, entgegnete der Hausherr, aber es fehlten keine sechs
Bisquit mehr, und ich htte unfehlbar gewonnen, wenn ich nicht mit meinem
verfluchten Husten wenigstens zwei Minuten eingebt htte. Aber wie gesagt, ich
proponire die Wette nochmals, ich kann mich nicht so schlagen lassen.
    Der Baron, dem diese Worte galten, blickte auf den Sprecher nieder und
lchelte dabei. Aber dieses Lcheln pate so gar nicht zu der hohen Stirne, zu
dem ganzen kecken Kopfe; es war etwas Ses und Geziertes darin, ebenso wie in
seiner Sprache, ja wie in den Worten, die er sprach. Es war eine wirkliche
Enttuschung, ihn, nachdem man ihn gesehen, auch reden zu hren. Dabei war der
Klang seiner Stimme frisch und krftig, aber die Manier, wie er seine Worte
aussprach, weichlich, ja lppisch - eine bse Angewohnheit oder der Beweis von
einem schwachen, verzrtelten Gemthe.
    Nein, nein, sagte er lachend, die kleine Wette hat mir zu wohl gethan;
ich versichere Sie auf Ehre, es ist etwas Delicises, eine Wette zu gewinnen.
Und bei Ihnen kommt man selten dazu, lieber Graf. Aber wenn Sie dieselbe
vielleicht umgekehrt annehmen wrden, so knnten Sie versichert sein, ich mache
mir das unendlichste Vergngen daraus.
    Da der Baron den Bisquit verschluckte? fragte der Major mit seiner tiefen
Stimme, das wre ein Anblick fr Gtter! Da betheilige ich mich bei der Wette,
wenn ich zuschauen darf; ich sehe ihn schon vor mir, wie er mit dem Daumen und
dem Zeigefinger jedes Bisquit auf die zierlichste Weise herumdreht, um es mit
Anstand in den Mund zu schieben. - Nein, da wrden Sie nicht weit kommen.
    Der Baron lchelte wohlgefllig, wobei er zwei Reihen schneeweier Zhne
zeigte, dann fuhr er mit der Hand durch das dichte Haar, zupfte seinen
Hemdkragen in die Hhe und entgegnete: Sie haben Recht, Major, ich knnte meine
Wette verlieren, blos durch den Gedanken, vor den Augen Anderer hastig und
ungeschickt zu essen. Ich halte das fr frchterlich; wenn ich berhaupt im
Stande wre, eine neue gesellschaftliche Ordnung einzufhren, so gbe es keine
Diners, keine Soupers mehr. Es ist doch in der That nichts unangenehmer und alle
Illusion zerstrender, als wenn man um sich herum eine ganze Menge essender
Lippen und kauender Zhne sieht. - Coeur de rose! ich verabscheue das, und wenn
ich namentlich an einer Dame Antheil nehme, so bin ich vllig unglcklich, wenn
ich mich neben sie zu Tische setzen mu. Ich verbleibe alsdann das ganze Diner
mit niedergeschlagenen Augen.
    Unglcklicher Baron! versetzte Graf Fohrbach. Man kennt Ihre
niedergeschlagenen Augen. Das ist eines von Ihren unwiderstehlichen Mitteln; Sie
schauen nur auf Ihren Teller, um dann pltzlich das neben Ihnen sitzende arme
Schlachtopfer mit einem einzigen Blicke niederzuschmettern.
    Der Baron lchelte wie ein vollendeter Geck, worauf er vergngt seine
Fingerspitzen besah, dann den aufrecht stehenden Enden seines Schnurrbarts eine
noch drohendere Stellung gab, nachdem er seine Cigarre auf das Kamingesims
niedergelegt. Sie thun mir Unrecht, sprach er; ich versichere Sie, wenn ich
zuweilen meine Augen auch aufschlage, so habe ich gewi niemals die Idee,
indiscrete Blicke umherzuwerfen. Sagen Sie selbst, meine Herren, wandte er sich
an die Uebrigen, kann man berhaupt zurckgezogener leben, kann man weniger aus
sich selbst machen, als ich thue? Bei diesen Worten und einem Lcheln, das
augenscheinlich dazu bestimmt war, seine eigenen Worte Lgen zu strafen, zog er
sein Tuch aus der Tasche und fuhr zierlich damit an seinem Bart und seinen
Lippen umher. Das Wehen des Tuches verbreitete einen eigenthmlichen, sehr
angenehmen Geruch.
    Da hat er wieder ein neues Odeur entdeckt, sagte Graf Fohrbach, indem er
mit der Hand die Luft gegen sich fchelte und dann den Geruch eifrig einsog.
Was Teufel ist das wieder?
    Das sind seine Geheimnisse, versetzte lchelnd der Major. Aber es riecht
in der That nicht unangenehm. Wo bekommen Sie das her, Baron? Wie heit dieses
hchst angenehme Parfum?
    Der also Gefragte wedelte mit seinem Schnupftuche hin und her, dann steckte
er es in die Tasche und antwortete mit groer Wichtigkeit: Sehen Sie, meine
Herren, das sind meine Geheimnisse. Jeder Mensch hat die seinigen; der Major,
als zweiter Chef der Adjutantur, kennt alle geheimen Ordonnanzen Sr. Majestt;
unser theurer angehender Rath blickt in die Entstehung der Gesetze hinein; Sie,
Graf Fohrbach, beschftigen sich mit den Geheimnissen verschiedener Anzge und
unser junger Maler untersucht fast dieselben Geheimnisse, nur da er sich gang
an's Aeuere hlt. - Aber mein Departement ist das der feinen Odeurs; meine
Forschungen sind emsig darauf gerichtet, und meine Arbeiter und Gesandten darauf
hingewiesen, mich im Fach des Wohlriechenden bestndig an kalt zu halten.
    Teufel auch! rief der Major laut lachend, das war eine schne Rede. -
Aber jetzt wissen wir gerade so viel wie vorher. Nun, seien Sie ehrlich, wie
heit dieser kostbare Wohlgeruch und wo ist er zu haben?
    Hier ist er vorderhand nicht zu haben, entgegnete sehr ernst der Baron.
Ich bekomme ihn von einem Freunde aus Konstantinopel, wo fast das ganze
Fabrikat in's Serail geht. Er wird nur von einem einzigen Knstler, einem
Armenier, gemacht und heit coeur de rose.
    Aha! Daher kommt denn auch Ihr neuer Schwur! erwiderte der Hausherr. -
Ihr werdet doch bemerkt haben, da der gute Baron seit einiger Zeit nur bei
coeur de rose schwrt? - Aber ich kenne ihn, setzte er mit einer Handbewegung
hinzu, morgen Frh erhalten wir Alle einen Flacon coeur de Rose.
    Das wre in der That zu viel verlangt, sagte bedchtig der Assessor, denn
der gute Baron, der im Punkte des Geruchs ein Monopol haben will, mte sich
augenblicklich ein anderes Odeur anschaffen.
    Aber halten Sie es nicht fr gefhrlich, Baron, meinte lachend der Graf,
so ausschlielich ein Odeur fr sich zu besitzen? Das knnte doch bei Ihren
vielen Eroberungen zu unangenehmen Verwicklungen fhren. So ein armer Ehemann
kommt in das Boudoir seiner Frau und merkt gleich, da Sie da gewesen sind.
    Das ist gewi schon oft passirt, sagte der Major. Und wenn man das recht
in's Auge fat, so kann man sich eine Verstimmung, die man hie und da bemerkt,
erklren. - Apropos! um von Verstimmungen zu reden, so mu dem alten Baron von
W. auch wieder was in die Quere gelaufen sein.
    Ei der Teufel! versetzte Graf Fohrbach aufmerksam, erzhl' uns das,
Major.
    Es war eigentlich nur ein Spa, entgegnete dieser, denn wenn wirklich
etwas daran wre, so mtest du an: Ersten davon wissen.
    Von dem alten Baron wei ich verflucht wenig, erwiderte der Hausherr. Es
ist dir bekannt, da ich gar nicht in seinem Vertrauen stehe.
    Aber die Baronin kommt doch hufig in euer Hans.
    Ah! die schne junge Frau! sprach melancholisch der Baron Brand, indem er
seufzend in die Hhe blickte.
    In unser Haus? sagte der Graf. Du weit doch, da ich mit Papa kein
gemeinschaftliches habe, und was drben geschieht, davon erfahre ich nicht
besonders viel.
    Aber zu deiner Mutter kommt die Baronin hufig, erwiderte der Major.
    Das ist wohl wahr, versetzte Graf Fohrbach; aber leider nie in den
Stunden, wo ich drben bin.
    Er hat leider gesagt, dieser vortreffliche Graf! mischte sich der Baron
mit einem sen Lcheln in das Gesprch. Das Leider klingt mir ungeheuer
verdchtig.
    Diesmal hat Sie Ihr gewhnlicher Scharfsinn getuscht, entgegnete trocken
der Hausherr. - Aber was meintest du mit einem Auftritt? wandte er sich an den
Major.
    Oh, es ist eigentlich unbedeutend. Du weit wohl, da man von unserem
Dienstzimmer in den gegenberliegenden Flgel des Schlosses sieht, wo Seine
Excellenz, der Generaladjutant des hochseligen Knigs, der Baron W., wohnt; und
du weit auch, da ich sehr gute Augen habe. Da stand ich nun vorgestern am
Fenster, halb hinter dem Vorhang verborgen, und betrachtete mir die gegenber
liegenden Fensterreihen von oben bis unten. An einem dieser Fenster steht Seine
Excellenz mit dem gewhnlichen finstern Blick, aber nicht mit der gewhnlichen
Ruhe. Jetzt fngt er auf einmal an, auf den Fensterscheiben zu trommeln; es
schien mir irgend ein Sturmmarsch zu sein, aber er trommelte nur einige Takte.
    Wahrscheinlich zum Loslassen der Plnkler, meinte der Assessor.
    Vielleicht wohl. Es muhte etwas vom Loslassen darin vorkommen, denn gleich
darauf lie er sich selbst los. Sein nicht gerade schnes Gesicht wurde
dunkelbraun, sein eines Auge blickte eine Zeit lang stier in den Hof hinaus,
dann wandte er sich mit einer raschen Bewegung um und gesticulirte und
telegraphirte in's Zimmer hinein, was ich mir ungefhr mit den Worten
bersetzte: Madame, ich kann und will Ihren Worten nicht glauben, hol' der
Teufel die ganze Geschichte! Aber wenn ich noch einmal sehe, Madame, da Sie die
Vorhnge Ihres immer verschlossenen Wagens hinaufziehen oder da Sie Jemand
Anders anblicken wie mich, so scheue ich einen ffentlichen Eclat ganz und gar
nicht und schicke Sie nach Schlo Werdenberg, wo Sie mit undurchdringlichen
Waldungen und den alten Portraits meiner Familie kokettiren knnen!
    Ich mchte den Major mir nicht gegenber wohnen haben, sagte der Baron;
wobei er sich indessen Mhe gab, ein starkes Ghnen zu unterdrcken. Offenbar
war ihm die Erzhlung langweilig.
    Aber woher vermuthest du, da diese ganze Geschichte sich auf die arme Frau
bezog?
    Ich vermuthe nie, sprach ernst der Major, sondern ich urtheile nur nach
Vorfllen und Thatsachen. Nachdem also Seine Excellenz den wahrscheinlichen
Sturmmarsch mehrmals auf die Fensterscheibe getrommelt und fters wie ein
Kreisel in das Zimmer hineingeflogen war, verschwand er pltzlich vor dem
Fenster. Ich blieb an dem meinigen stehen und dachte: du willst doch sehen, ob
da nichts weiter vorfllt. Nun dauerte es aber nicht lange, so fuhr drben ein
Wagen vor, Seine Excellenz kamen die Treppen herab, setzten sich ein und fuhren
davon. Eine lange Weile nachher wurde drben an den Fenstern nichts sichtbar,
und man bemerkte nur etwas wie einen Schatten im Zimmer auf- und abgehen.
Endlich erschien die Baronin zwischen den Vorhngen, sie hatte ein weies Tuch
in der Hand, und ich sah deutlich, wie sie ihre vom heftigen Weinen gertheten
Augen an die Scheiben drckte. So blieb sie einen Augenblick stehen, dann zog
sie sich in's Zimmer zurck und die Geschichte war zu Ende.
    Ist denn der Baron so auerordentlich eiferschtig und gibt ihm seine Frau
Ursache dazu? fragte der Assessor.
    Das erste ja, das zweite gewi nicht, erwiderte der Major. Sie ist ein
armes, kleines, gedrcktes Weib, das bei dem alten Whrwolf ein rechtes
Sklavenleben fhrt. Wie htte die Frau so glcklich sein knnen, wenn sie in die
rechten Hnde gefallen wre! Ich kenne in der That kein freundlicheres, besseres
und reicheres Gemth. Da sie schn ist, wit ihr selbst am Besten zu
beurtheilen.
    Sehr schn, sagte der Baron nun wirklich ghnend; Figur, Gesicht, Alles.
Es wre eine vollendete Schnheit, nur will mir das Haar nicht gefallen.
    Das Haar? - Ah! da mu ich bitten, entgegnete eifrig der junge Maler, der
hier eine Veranlassung hatte, sich in das Gesprch zu mischen. Es gibt kein
glnzenderes Haar, kein schneres Blond.
    Baron, geben Sie das zu! rief Graf Fohrbach lustig. Und Sie werden das
Haar gewi schn finden, wenn ich Ihnen sage, da es mit dem Ihrigen einige
hnlichkeit hat.
    Alles lachte, doch Arthur sagte sehr ernst: Der Graf hat recht; es ist da
nichts zu lachen; das Haar der Baronin W. hat in der That mit dem unseres
Freundes hier eine groe Aehnlichkeit; ja, ich mchte noch weiter gehen und
behaupten, da ich sogar in der Gesichtsbildung der beiden Genannten eine
gewisse Harmonie finde.
    Baron, das schmeichelt, meinte der Hausherr. Und der Teufel soll mich
holen, Arthur hat nicht ganz Unrecht. Forschen Sie einmal in Ihren
Geschlechsregistern nach, am Ende sind die Familien Brand und die der Baronin
mit einander verwandt.
    Auf das hin flog ein dsterer Schatten ber das lachende Gesicht des Barons,
er prete eine Sekunde lang die Lippen auf einander, worauf aber sogleich wieder
seine Zge von dem bekannten sen und unwiderstehlichen Lcheln erheitert
wurden. Er stellte sich breit vor den Spiegel, der ber dem Kamine hing,
betrachtete sich lange und forschend, sowie mit groer Selbstzufriedenheit, und
sagte endlich mit entschiedenem Tone: Nein, meine Herren, ihr irrt euch, die
Baronin, so schn sie ist, kann keine Ansprche machen, mir hnlich zu sehen.
    Es sollte das natrlicher Weise nur ein Scherz von dem jungen Manne sein,
doch alle Anwesenden, da sie mit seinen Schwchen bekannt waren, konnten sich
eines schallenden Gelchters nicht erwehren.
    Wir wollen die Sache nicht weiter untersuchen, meinte der Major; nur so
viel ist jetzt gewi, da die Baronin eine sehr schne Frau ist.
    Und der Baron ein schner Mann, sagte galant der Hausherr. - Aber,
setzte er ungeduldig hinzu, ich begreife nicht, wo unser Thee bleibt. Es mu
doch eilf Uhr vorber sein. - Klingeln wir.
    Dabei hob er seinen Arm empor und zog an der ber seinem Haupte befindlichen
Glockenschnur.

                                Zehntes Kapitel.



                               Herr von Dankwart.

Fast zu gleicher Zeit ffnete sich die Thre und der alte Kammerdiener trat
herein, gefolgt von einem Lakaien, der auf einem groen Prsentirteller das
Theeservice hereinbrachte, einen Tisch in die Nhe des Kamins stellte und auf
demselben Geschirr und Tassen zu ordnen begann, dazu Butter und Brod, etwas
kaltes Geflgel und eine einzige Flasche Champagner. Er war mit diesem
Arrangement noch nicht zu Ende, als der Bediente, der das Service gebracht und
sich wieder entfernt hatte, abermals in das Zimmer schlich und dem alten Manne
einige Worte in das Ohr flsterte.
    Dieser richtete sich in die Hhe, dachte einen Augenblick nach, schttelte
leicht mit dem Kopfe und ging zu dem Grafen hin, dem er meldete: Herr Baron von
Dankwart sind drauen und lassen fragen, ob der Herr Graf zu Hause seien.
    Nein, antwortete dieser ganz ruhig, indem er die Achseln zuckte. Ich bin
fr den Herrn von Dankwart selbst am Tage nicht zu Haus; er soll mich in der
Nacht ungeschoren lassen!
    Der Kammerdiener blickte auf den Bedienten, dieser zog mit einem sehr
verlegenen Gesicht die Achseln in die Hhe, worauf der alte Mann seinem Herrn
sagte: Er hat die zweite Klingel gezogen, wehalb ihm der Portier sogleich
geffnet.
    Woher wei er, beim Teufel! da an meinem Hause zwei Klingeln sind? Fr ihn
ist nur die einzige da!
    In diesem Augenblicke schien der Vorhang, der im ueren Zimmer hing, sich
leicht zu bewegen. Der Bediente hustete verlegen, nherte sich seinem Herrn auf
einige Schritte, und sagte mit vorgestrecktem Halse zu ihm: Euer Erlaucht
wollen gndigst verzeihen, aber der Herr Baron von Dankwart sind bereits drauen
im Salon.
    Graf Fohrbach, der ebenfalls ganz genau gesehen, da bei der Thre sich
etwas bewege, blickte scheinbar nachsinnend zur Decke empor und rief dann mit so
lauter Stimme, da man ihn nothwendig drauen hren mute: Ah! das kann nur ein
Irrthum sein; Baron von Dankwart kenne ich gar nicht: es gibt keinen Baron
dieses Namens hier. - Nicht wahr? wandte er sich an den Assessor.
    Ich kenne auch keinen Baron dieses Namens, entgegnete der Gefragte mit
vollen Backen, denn er hatte eben angefangen, dem kleinen Goutt zuzusprechen.
    Ah! welch' vortreffliche Spsse! lie sich eine laute Stimme im Hinterhalt
vernehmen, whrend ein kleiner Mann zwischen den Vorhngen der Thre sichtbar
wurde, der sich die Gesellschaft schalkhaft lachend betrachtete und sich mit
auerordentlicher Beweglichkeit und etwas gespreiztem Wesen derselben nherte.
Ein paar Mal schaute der kleine Mann mit vieler Wichtigkeit rechts und links,
und seine Hnde zuckten bestndig, als wolle er sie einer Menge unsichtbaren
Bekannten zum Schtteln darreichen, - ein Manver, das er nun am Kamin
angekommen, dort ebenfalls genau auszufhren trachtete, ohne aber groen Anklang
zu finden.
    Der Graf hatte sich einer Tasse Thee bemchtigt, die er mit einer Hand
hielt, whrend er in der andern die Cigarre hatte. - Ah! Sie sind's, bester
Herr von Dankwart? sprach er scheinbar erstaunt. Die Bedienten sprechen alle
Namen so furchtbar ungeschickt aus; aber Sie werden verzeihen, da ich Ihnen
meine Hand nicht reichen kann, ich mhte sonst die Tasse oder Cigarre fallen
lassen.
    Der kleine Mann, der seine gelben Glachandschuhe schon zu dem erwhnten
Zwecke emporgehoben hatte, kam durchaus nicht aus dem Gleichgewicht; er hob
seine Finger etwas hher, um dem Grafen sanft auf die Schulter zu klopfen, wobei
er lachend sagte: wie dieser gute Graf so ungeheuer bequem ist! Nun, unter
Bekannten nimmt man's nicht so genau. Hierauf sah er forschend im Zimmer umher,
rief dem Major einen guten Abend zu, grte den Assessor vertraulich, und stie
den Baron von Brand, der am Tische beschftigt war und ihm dehalb den Rcken
drehte, sanft mit dem Finger in die Seite.
    Worauf dieser ohne umzuschauen, einfach mit dem Kopfe nickte, und dabei
sagte: Ah! Herr von Dankwart, so spt noch? - Es freut mich, Sie zu sehen.
    Das ist in der That ein possirlicher Herr! erwiderte laut lachend der
kleine Mann; dieser theure Baron von Brand behauptet, mich zu sehen und dreht
mir den Rcken; das ist auerordentlich komisch! Alsdann legte er seinen Hut
auf eine Chaise longue, sah sehr freundlich aber nicht ohne Wichtigkeit nochmals
im Kreise umher, natrlicher Weise, ohne aber den Maler zu bemerken, der ihm am
nchsten sa, und lie sich dann mit einem leichten Seufzer in den neben ihm
stehenden Fauteuil hineinfallen.
    Der Graf konnte nicht umhin, Arthur dem eben Angekommenen vorzustellen.
Herr Arthur, ein junger talentvoller Maler, sagte er - Herr von Dankwart,
Geschftsmann Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin.
    Arthur verbeugte sich, und der kleine Mann drehte mit groer Lebendigkeit
seinen Kopf herum, indem er versetzte: Habe noch nie die Ehre gehabt, in der
That noch niemals die Ehre, von Ihnen zu hren, was mir eigentlich sehr
befremdend ist, denn die Herren alle hier werden mir bezeugen, da sich jeder
Knstler um meine Bekanntschaft bemht, da - wie soll ich mich genau
ausdrcken? - es fr jeden Knstler von Wichtigkeit ist, von mir gekannt zu
sein.
    In dem Falle, entgegnete Arthur lchelnd, mu ich dem heutigen Abend
besonders dankbar sein, da er mir das Glck verschafft, Ihre Bekanntschaft zu
machen, und mir gestattet, so viel Versumtes nachzuholen.
    Herr von Dankwart schaute einen Augenblick aufmerksam in das Kamin; er
schien die Antwort des Malers vollkommen berhrt zu haben; wie es berhaupt
eine Gewohnheit von ihm zu sein schien, nur zu sprechen und zu fragen, ohne eine
gengende Antwort zu erwarten. - Sollten Sie es glauben, bester Graf, sagte er
nach einer Pause, da die jungen Knstler vllig auf eigenen Fen stehen
wollen und die Protection tchtiger Mnner fr gar nichts achten, keine gute
Lehre, keinen Rath mehr annehmen wollen? Ich versichere Sie - nun, ich brauche
es eigentlich nicht zu betheuern; die Welt wei, wie ich mich auf Anordnung und
Colorit verstehe, - aber die Herren wollen Alles besser wissen. - Haben Sie das
Portrait Ihrer Hoheit gesehen, seit es fertig ist - frher etwas mangelhaft,
etwas leer in der Staffage, aber jetzt superb, herrlich! gemalt von Herrn Wiesel
-?
    Ein sehr gutes Portrait! versetzte Arthur.
    Jetzt freilich, erwiderte Herr von Dankwart mit scharfer Betonung des
ersten Wortes. Ihre Hoheit steht vor dem Portal Hchst Ihres Landhauses und
schaut hinaus in die Gegend. Das war Alles recht schn und gilt, die
Allerhchste Figur kann man sehr gelungen nennen, aber sie schaute in eine
Gegend, ohne da sich etwas Interessantes begibt; also blickte Ihre Hoheit, wenn
ich mich so ausdrcken darf, aufmerksam in ein Nichts, denn die bekannte Gegend
drfte doch nicht im Stande sein, die gespannte Aufmerksamkeit Ihrer Hoheit zu
fesseln. Darin lag der Fehler, ich fhlte das gleich, obgleich ich mich lange
vergebens bemhte, dem Maler Wiesel dies ebenfalls begreiflich zu machen; aber
es wre Schade, wenn man es nicht gendert htte. Ich wei nicht, ob Sie mich
verstehen, aber es war eine Leere da, die dem verstndigen Beschauer drckend
erschien.
    Und dieser Leere halfen Sie? fragte trocken der Major.
    Allerdings, entgegnete wichtig Herr von Dankwart.
    Was aber nicht schwer sein mute, warf der Baron von Brand dazwischen,
indem er sich mit dein Battisttuch den Schnurrbart wischte. Man brauchte ja nur
ein zierliches Rosengebsch anzubringen.
    Diesmal hatte ich eine bessere Idee, sagte lchelnd der kleine Mann mit
Selbstzufriedenheit. Wiesel war erstaunt darber; unter uns gesagt, er uerte
sich, es schmerze ihn tief, da ihm das nicht selbst eingefallen. Ich lie
also, - fuhr Herr von Dankwart mit gehobener Stimme fort, wobei er Daumen und
Zeigefinger der linken Hand vereinigte und sie bestimmt auf und ab richtete,
whrend er diese Worte sprach, - ich lie also hinten aus dem Gebsche den
kleinen Hund der Frau Herzogin heraustreten, wodurch die ganze Scene belebt
wurde und ein Gegenstand da war, auf welchen sich der fragende Blick der hohen
Frau im nchsten Augenblicke richten wrde.
    Vortrefflich! meinte der Major, indem er groe Wolken aus seiner Cigarre
blies.
    Und malte Wiesel den Hund? fragte Arthur.
    Ob er ihn malte! entgegnete Herr von Dankwart im wegwerfenden Tone, auf
allerhchsten Befehl -
    Ich dachte, Sie htten es befohlen, sagte bedenklich der Assessor.
    Ich - nun ja, ich, erwiderte der kleine Mann mit vieler Wrde. Natrlich
ich, aber wie es sich von selbst versteht, im hohen Auftrage, im Namen Ihrer
Hoheit, der Frau Herzogin. - Aber wissen Sie auch, fuhr er nach einer Pause in
natrlicherem Tone fort, wehalb ich eigentlich hieher gekommen.
    Nein, versetzte bestimmt der Graf, ich habe keine Idee davon.
    Man hat mich versichert, Sie htten eine Sendung des vorzglichsten Latakia
erhalten, und nun bin ich da, um zu untersuchen, ob er wirklich von so guter
Qualitt ist. Sie werden mir zugestehen, da man bis jetzt die beste Pfeife bei
mir rauchte; ist aber die Ihrige vorzglicher, lieber Herr Graf Fohrbach, so
kann ich Ihnen in der That nicht helfen; in dem Falle mssen Sie mir einen Theil
erlassen. - Soll ich in die Hnde klatschen? - Nach diesen Worten und einem
vergeblichen Versuche, mit den kurzen Fchen den Fuboden zu erreichen, warf
sich Herr von Dankwart grazis in dem Fauteuil hin und her und sttzte die
Ellenbogen auf die Kniee, die Handflchen ausgebreitet, um sie leicht
zusammenschlagen zu knnen.
    Lassen Sie das Klatschen nur sein, sprach ruhig Graf Fohrbach, wissen
Sie, mein theurer Herr von Dankwart, man ist hier im Hause nur an meine Befehle
gewhnt und Ihr Klatschen knnte miverstanden werden. Aber ich will fr Sie die
Klingel ziehen; mit Vergngen sollen Sie eine Pfeife haben. Damit hob der
Hausherr seinen Arm in die Hhe, schellte zweimal, worauf sich in der Thre des
anstoenden Schlafzimmers der Jger des Grafen zeigte und auf erhaltenen Befehl
eine angezndete lange Pfeife brachte, die er dem kleinen Mann in den Mund
steckte.
    Whrend demselben auf diese Art das Maul gestopft wurde und endlich einmal
stille stand, und whrend er sich mit Behaglichkeit in dem Fauteuil ausstreckte,
haben wir Mue, ihn dem geneigten Leser nher zu beschreiben.
    Herr von Dankwart war von sehr kleiner Gestalt, die, an sich in recht guten
Verhltnissen, nur zu dem ziemlich dicken und unfrmlichen Kopfe durchaus nicht
Passen wollte, welcher der ganzen Figur etwas Zwerghaftes verlieh. Der eben
erwhnte Kopf bildete ein vollkommenes Dreieck von dem spitzen Kinn an bis zu
der breiten Stirne, die nach oben an eine auerordentlich dnne Haarlichtung
stie und sich solchergestalt fast bis zum Hinterkopf fortzusetzen schien. Das
Gesicht hatte einen ganz eigenthmlichen Ausdruck; es lag etwas Verschmitztes
und zugleich sehr Hochmthiges darin. Die Wangen waren sehr eingefallen und
selbst das Gestruch des dort wuchernden Bartes war nicht im Stande, diese
tiefen Thler auszufllen. Der Mund war ziemlich klein, die Augen aber weit
geffnet und von einer unangenehmen blulichen Farbe und geistlosem Ausdruck.
Obgleich Haar und Bart so sorgfltig als mglich gepflegt waren, so machte doch
der ganze Kopf den Eindruck, als sei er vernachlssigt worden, habe lange Zeit
vergessen in einem Winkel gelegen und sei dort von den Ratten abgenagt worden. -
Der Anzug des Herrn von Dankwart war untadelhaft von den fein lackirten Stiefeln
an bis zu den steifen und hohen Halskrgen; er befand sich im schwarzen Frack
und schien aus einer Soire zu kommen.
    Hier, beim Grafen Fohrbach, hatte sein Erscheinen inde nicht zur Belebung
der Unterhaltung beigetragen. Der Hausherr lehnte ziemlich verdrielich an dem
Kamin und lie groe Rauchwolken aus seiner Cigarre aufsteigen; der Major war
still und einsylbig geworden, und whrend sich der Assessor bei einer soliden
Restauration mit Champagner und kaltem Geflgel beschftigte, tauchte der Baron
von Brand verschiedene Bisquits in Zuckerwasser - au fleur d'orange.
    Der kleine Mann rauchte seinen Tabak prfend aus der langen Pfeife, sog den
Dampf ein, verschluckte ihn unter verschiedenen Grimassen, trank eine Tasse Thee
darauf und lie eine Weile nachher den Tabaksrauch nach chter orientalischer
Manier wieder dem Magen herauf steigen, um ihn hierauf von sich zu blasen.
    Der Latakia ist gut, sagte er nach einer Pause, ich mchte sagen, fast so
gut wie der meinige, und wenn es Ihnen recht wre, mein lieber Graf, so machten
wir einen kleinen Tausch. - Apropos, fuhr er nach einem abermaligen tiefen Zuge
fort, ohne vorher eine Antwort abzuwarten, um vom Tauschen zu reden, so kennen
Sie, lieber Major, gewi den kleinen Fuchsen des Prinzen A. Halten Sie ihn von
einer guten Zucht, von einer unverflschten Race, wrden Sie zum Beispiel zu
einem Tausche zwischen jenem Pferde und meinem Schimmel rathen?
    Der Major blickte einigermaen erstaunt empor und entgegnete: Der Fuchs ist
ein vortreffliches Pferd, und bei allem Respekt vor Ihrem Schimmel begreife ich
doch nicht, wie einem Kenner hiebei ein Tausch einfallen knnte.
    Es ist vielleicht dem Prinzen darum zu thun, meinte der Baron von Brand
mit einem sen Lcheln, etwas zu bekommen, was dem Herrn von Dankwart gehrte;
wie man auch sonst wohl die unbedeutendsten Sachen, wenn sie groen Mnnern
angehren, in hohem Werthe hlt.
    Der Graf Fohrbach lchelte in sich hinein, und Herr von Dankwart blickte
verwundert auf den Sprecher; doch da er dessen gleichmthiges, unbewegliches
Gesicht sah und sich gndigst erinnerte, man msse dessen beschrnktem Verstande
schon etwas zu gute halten, so begngte er sich damit, die Achseln zu zucken,
die Backen aufzublasen und alsdann aus seinem Pfeifenkopfe eine Menge Rauch zu
stoen.
    Es wird spt, sagte der Major, ich gehe nach Hause. - Du kannst morgen
nicht auf die Jagd? wandte er sich an den Grafen.
    Herrendienst! erwiderte dieser; ich bin morgen in das Vorzimmer
gefesselt. Wenn du Nachmittags zurck kommst, kannst du mir erzhlen, wie es
drauen ausgesehen.
    Ich komme gegen Abend und werde dich besuchen, versetzte der Major, indem
er sich erhob. Nun, Assessor, du fhrst doch mit mir?
    Ich hatte auf einen Platz bei Ihnen gerechnet, lieber Major, sagte Herr
von Dankwart, und schickte dehalb meinen Wagen nach Hause.
    Daran haben Sie bei diesem Wetter sehr unrecht gethan, entgegnete der also
Angeredete. Den Teufel auch, man mu im Winter nicht so unvorsichtig sein! -
Ich knnte Ihnen nur ein kleines Bnkchen in meinem Coup anbieten, aber es ist
voll Pelzfuscke und dergleichen.
    Lassen Sie sich eine Droschke holen, Herr von Dankwart, meinte der Baron
von Brand. Sie knnen sich denken, da ich Ihnen mit groem Vergngen einen
Platz bei mir anbieten wrde, aber erstens habe ich da den Maler aufgeladen, und
zweitens fahren wir nicht ganz direkt nach Hause. - Sie waren auch einmal ein
frhlicher Garon und werden mich schon verstehen. Bei diesen Worten hatte er
seinen Hut genommen und Arthur leicht angestoen, als er bei diesem vorber kam.
    Unter dem allgemeinen Aufbruch, der nun erfolgte, schien das ziemlich lange
Gesicht des kleinen Mannes, mit dem er diese Abweisungen erhalten, nur von dem
Hausherrn bemerkt zu werden. Dieser fhrte den Major wie absichtslos in eine
Ecke, und sagte dort leise zu ihm: Rckt in Gottesnamen zusammen und nimmt mir
den Kerl mit fort, sonst sitzt er mir dahin, langweilt mich noch eine Stunde,
und ich mu ihn am Ende nach Hause fahren lassen.
    Recht! erwiderte der Andere, indem er den Mund zum Lachen verzog, wir
wollen ihn in die Mitte nehmen. Dann wandte er sich an Herrn von Dankwart und
sagte ihm: Sie werden hoffentlich so gut von unserer Galanterie denken, da wir
Sie nicht bei Nacht und Nebel allein und zu Fu nach Hause gehen lassen. Wenn
Sie den Mittelplatz zwischen diesen respektabeln Krpern einnehmen wollen -
dabei zeigte er auf den Assessor und sich selbst - so wird's uns freuen.
    Das ist mir wahrhaftig angenehm, entgegnete hierauf Herr von Dankwart mit
groer Lebhaftigkeit; und ich versichere Sie, den Weg zu Fu zu machen, wre
mir eine Kleinigkeit, da ich bedingungsweise die khle Nachtluft liebe; aber ich
habe Ihnen einiges nicht Unwichtiges mitzutheilen. Ihre Hoheit nannte beim
Frhstck Ihren Namen und - doch davon spter! Bringen wir also diesen guten
Assessor nach Hause, er wohnt nicht weit von hier, und dann fahren wir uerst
angenehm zu mir. - Bei diesen Worten erhob sich Herr von Dankwart stolz und
beruhigt, zog seinen schwarzen Frack in die Taille hinein, warf den Kopf mehr
als gerade nthig war, in die Hhe und reichte seine Finger mit vieler Grazie
rechts und links zum Abschiede. Da aber zuflliger Weise Niemand besonders
darauf achtete, so gingen mehrere schne Hndedrcke fr diese undankbare Welt
verloren.
    An der Thre sagte der Baron von Brand zu dem Hausherrn: Ich htte bald
vergessen, Sie zu fragen, lieber Graf, wie Sie es morgen bei dem Begrbni der
Frulein von M. halten?
    O, ich schicke einfach einen geschlossenen Wagen hin.
    Kutscher und Bedienten?
    Natrlicher Weise; je grer die Pracht, desto mehr bezeugt man sein
Beileid. - Gute Nacht! - Gute Nacht! -
    Der Wagen des Majors fuhr zuerst ab, er selbst darin mit dem Assessor und
dem Herrn von Dankwart; doch mu man durchaus nicht glauben, es habe der
Letztere sich des angebotenen Mittelplatzes bedient; im Gegentheil, er setzte
sich unter vielen wichtig ausgesprochenen, im Grunde aber sehr unwichtigen
Redensarten in die rechte Ecke des Coup's und versicherte, man knne sagen was
man wolle, die in hiesiger Residenz gebauten Wagen seien alle unertrglich, ein
Uebelstand, dem er aber abhelfen werde, indem er gerade im Begriffe sei, einen
neuen Unterwagen zu construiren, so vortrefflich, ja sinnreich erdacht, da er
nothwendiger Weise bei der Ausfhrung die allgemeine Bewunderung erregen msse.
    Als Arthur im zweiten Wagen mit dem Baron durch die Straen fuhr, und dieser
ber gleichgltige Dinge sprach, fiel dem Maler abermals die Aehnlichkeit mit
der Stimme auf, die er heute Abend an jenem Durchgange gehrt.
    Es ist sonderbar, sagte er, wie sich zwei Organe gleichen knnen; heute
Abend zog ich in den Straen der Stadt umher und htte unter anderen
Verhltnissen darauf schwren wollen, Sie, Baron, da gehrt zu haben.
    Ei der Tausend, entgegnete Herr von Brand, und wo war das, wenn ich
fragen darf? Dabei zog er ein Sacktuch hervor, und der ganze Wagen fllte sich
mit dem eigenthmlichen Parfum des schon erwhnten coeur de rose.
    Natrlich ist es eine Tuschung, fuhr der Maler fort, es war in der
Gegend des Marktplatzes, wo die alten merkwrdigen Huser stehen, fr uns
Knstler ein interessanter Platz. Es ist dort ein Durchgang.
    So, ein Durchgang? - Ich erinnere mich nicht.
    Das glaube ich wohl, sagte Arthur lachend. Dieser Durchgang fhrt
namentlich zu einer sonderbaren Kneipe, wo sich herumziehende Musikanten,
Gaukler von der Messe, und allerhand Leute von noch weniger ausgesprochenem,
aber doch eintrglichem Gewerbe zusammen finden.
    Ah! das mu nicht uninteressant sein! meinte der Baron. Waren Sie schon
da?
    In dem Hause selbst nie.
    Das ist schade, sonst knnten Sie mich einmal hin fhren; man sieht da
lustige und pikante - - Scenen; ich liebe dergleichen. - Wie heit die Kneipe?
    Zum Fuchsbau, entgegnete Arthur.
    Habe den Namen nie gehrt, versetzte lachend der Baron, will mir ihn aber
merken.
    Damit war der Wagen an dem Hause Arthur's angekommen; der Kutscher hielt die
Pferde an, der junge Maler ffnete den Schlag, sprang heraus und wnschte
dankend eine gute Nacht.
    Als der Baron seine Wohnung ebenfalls erreicht, verlie er das Coup,
welches nach den Stallungen fuhr, whrend er in den Thorweg seines Hauses trat.
Hier war er eben im Begriff, die Klingel zu ziehen, als er bemerkte, da ihm
Jemand von der Strae nachgefolgt war, der, dicht in einen Mantel gehllt, ganz
nahe vor ihn hintrat.
    Der Herr von Brand wich bei dieser pltzlichen Begegnung einen Schritt
zurck und griff mit der Hand in seine Brusttasche, vielleicht absichtslos,
vielleicht aber hatte er auch dort eine Waffe verborgen.
    Der Andere, welcher diese Bewegung sah, rief laut lachend: Gut Freund!
Baron; lassen Sie nur stecken! - Teufel auch! ich glaube, Sie htten nicht bel
Lust, eine Pistole gegen mich zu wenden.
    Der Baron, welcher augenblicklich diese Stimme zu erkennen schien, sprach im
Tone der hchsten Ueberraschung: Wie? Sie sind es, gndigster Herr? - Ich mu
gestehen, ich htte Euer Durchlaucht nicht zu der Zeit hier erwartet.
    Daran sind Sie selbst Schuld; man findet Sie ja nie, und wo Sie oft sind,
habe ich nicht immer Lust hinzugehen.
    Ah! zum Grafen Fohrbach!
    Ganz recht! ganz recht! - Haben Sie Zeit fr mich zu zwei Worten?
    Die ganze Nacht. - Aber wollen Euer Durchlaucht nicht zu mir hinauf
spazieren?
    Nein, nein, ich will nach Hause. - Kommen Sie einen Augenblick in die
Strae, es ist gleich abgemacht. - Damit fate er den Baron unter dem Arm, und
Beide traten aus dem Thorwege hinaus, um bei der Huserreihe in langsamem
Schritt auf und ab zu gehen.
    Sie wissen, sagte der Unbekannte, ich habe es mit vieler Mhe
durchgesetzt, da Eugenie von S. zum Ehrenfrulein ernannt wurde.
    Schn, entgegnete der Baron, indem er mit dem Kopfe nickte; sie wird im
Schlosse wohnen. - Euer Durchlaucht haben da die beste Gelegenheit, sich ihr zu
nhern.
    Teufel auch! wenn mich das nur was ntzt! - Sie soll sehr streng sein und
wird hier bald einen Anhang von Leuten haben, die mir gerade nicht besonders
gewogen sind; ihre Mutter war eine genaue Bekannte des Grafen Fohrbach, sie
selbst ist eine Nichte des Major von S. - Und dann ist Eugenie zu schn, sie mu
Aufsehen erregen; man wird sich um sie bewerben. - Ich frchte wahrhaftig den
jungen Grafen Fohrbach.
    Pah! lachte der Baron, wen htten Sie zu frchten, gndiger Herr?
    Na, lassen wir alle Schmeicheleien, entgegnete der Andere mit einer
ungeduldigen Kopfbewegung; ich stehe schon fr mich ein, aber die Partie ist
ungleich: Sie wissen, ich bin weder bei den Fohrbach's noch bei Major S. sehr
gelitten, habe also keine Verbndeten.
    Mit Ausnahme des Vaters, erwiderte der Baron mit seltsamem Lcheln, das
aber der Andere nicht sehen konnte, denn er fuhr ungeduldig fort:
    Was ntzt mich der Vater? Ich mu hier auf dem Platze auf sie einwirken
knnen.
    So mu man Ihnen Verbndete schaffen.
    Dehalb wende ich mich an Sie. - Glauben Sie, da das mglich ist?
    Auf die groen Familien kann ich begreiflicher Weise nicht einwirken, aber
ich sehe wohl ein, es ist nothwendig, da wir vorderhand von allen ihren
Schritten unterrichtet werden, da wir erfahren, wohin sie geht, wen sie
empfngt, mit einem Wort, was sie thut und treibt.
    Und ist das mglich? - Es wird schwierig sein.
    Nicht so sehr, meinte der Baron nach einigem Nachdenken. Was ich
verspreche, das Pflege ich zu halten. - Aber auch Graf Fohrbach mu beobachtet
werden.
    Das ist auch meine Ansicht, bester Baron, sprach eifrig der Andere; ich
wre Ihnen zu tausend Dank verpflichtet, wenn Sie im Stande sind, so Etwas fr
mich anzurichten.
    Verlassen sich Euer Durchlaucht ganz auf mich; ich mache mich anheischig,
Ihnen in kurzer Zeit tglich, ja stndlich die grndlichsten und getreusten
Berichte sowohl ber Frulein von S., als auch ber den Grafen zu machen. -
Dagegen aber, gndigster Herr, hoffe ich, auch vorkommenden Falls vielleicht auf
Sie rechnen zu knnen.
    Sie wissen, bester Baron, da Ihnen mein ganzer Einflu zu Befehl steht -
    Und ich werde mir erlauben, unterbrach ihn Herr von Brand, Euer
Durchlaucht - einstens daran zu erinnern.
    Das hoffe ich, und - die Sache wre abgemacht.
    Vollkommen.
    Ich erhalte meine Berichte -
    Sobald das Frulein da ist.
    Nun denn, vorderhand meinen besten Dank! - Gute Nacht, Baron!
    Gute Nacht, gndigster Herr!

                                Eilftes Kapitel.



                               Zwei Begrbnisse.

Es ist seltsam, wie man erst nach und nach dazu kommt, Kirchhfe zu besuchen und
ohne Scheu zwischen den kleinen Hgeln umherzuwandeln. Man geht zuweilen hin bei
gewissen Veranlassungen, dem groen Schwarm folgend und irgend eine Person zu
ihrer letzten Ruhesttte begleitend, die einem im Grunde ziemlich gleichgltig
gewesen ist. Zu der Zeit ist fr uns hinter den Mauern des Kirchhofes noch ein
fremdes, ja fast gnzlich unbekanntes Land. Vorbergehend schauten wir wohl
durch das Gitterthor, und sahen Steine, Kreuze, blhende Rosen und wehende
Trauerweidenzweige, und wir liebten es, nicht mehr davon zu wissen, denn der
ganze Garten war ein Rthsel, dessen Lsung uns frhe genug klar werden wrde. -
Wir schritten also im Zuge zwischen den Grbern dahin, lasen hie und da einen
bekannten Namen, traten an ein offenes Grab, sahen Den hinabsenken, den wir
begleitet, und kehrten dann wieder zurck, froh darber, eine oftmals lstige
Pflicht erfllt zu haben. - Da trat der Tod nher in den Kreis der Freunde und
zum ersten Mal schritten wir im Zuge, mit wirklichen Thrnen im Auge. Wir
begleiten Jemand in sein frhes Grab, dessen Augen noch vor Kurzem in das
unsrige geblickt, dessen Hand die unsrige gedrckt. Und whrend wir dahin
schreiten auf dem breiten Wege, schauen wir uns schon sorgfltiger um, denn es
ist uns schon von grerem Interesse, die Umgebung kennen zu lernen, zwischen
der unser Freund ruhen, vielleicht trumen wird. Sie schauen uns nicht mehr so
fremd an, die verschiedenartig geformten Steine, die kleinen Grtchen, von
Gitterwerk eingefat, die verschiedenen Kreuze in ihrer einfachen Gestalt, nur
in der Ausfhrung so verschieden, vom knstlich gebildeten Marmor bis zum
rmlichen Holz, alle Schichten der menschlichen Gesellschaft darstellend; nein,
sie tauschen geheime Zeichen mit uns aus, sie wissen es wohl, da wir sie auf
dem heutigen Gange mit Interesse betrachten. Kommt aber erst die Stunde, wo wir
der feuchten Erde drauen etwas anvertrauen, das uns noch nher liegt als
Bekannte oder Freunde, kommt jener Augenblick, wo man etwas von unserem warmen
Herzen losreit, um es von den kalten Schollen zudecken zu lassen, so haben wir
auf diese Art ein Pltzchen erhalten, ein Eigenthum, an dem wir Stunden lang
sitzen knnen, um trumerisch an vergangene Tage zu denken, whrend wir auf die
sprossenden Pflanzen und Grser blicken. Und dann hat der Kirchhof nichts
Fremdes mehr fr uns; wir haben alle Scheu vor seinem stillen Raume verloren,
wir machen gerne Bekanntschaft mit seinen Wegen, seinen Bumen, seinen
verschiedenen Monumenten; denn Alles das bildet ja fr uns die Umgebung fr
einen einzigen, sei es auch noch so bescheidenen Platz, fr einen Mittelpunkt,
der unser Alles ausmacht, fr ein kleines Fleckchen Erde, in dem unser Liebstes
ruht.
    Von da an interessirt man sich auch fr die anderen Grber; - Alles, was
sich auf dem Friedhofe befindet, scheint einer einzigen, groen Familie zu
gehren, der Verwandtschaft der Todten. - - Man freut sich ber bunte Blthen,
die hier und dort entstehen, ber einen neuen Stein, der aufgerichtet wird, ber
ein kleines rmliches Gipsfigrchen, das einen betenden Engel vorstellt, und das
herzliche Liebe auf ein stilles, lange verwildertes Grab gesetzt.
    Es gibt Leute, welche sich am Liebsten auf dem Kirchhofe ergehen bei einem
dsteren, melancholischen Wetter, wenn ein leiser Wind durch die Bume rauscht,
wenn einzelne schwere Regentropfen melancholisch herabrieseln, oder wenn an den
umliegenden Bergen dichte Nebel hangen, die wie graue Schleier tief in das Thal
herab hngen, und Monumente, Bume, und Strucher nur in undeutlichen Umrissen
ahnen lassen: stilles, verdrieliches Wetter, wo die Natur mit trauert, wo die
Kapelle des Friedhofes wie ein nebelhaftes Gespenst aussieht, wo an den
Brettern, Hauen und Schaufeln ein Tropfen nach dem andern hinabluft, wo das
offene Grab recht freundlich aussieht, wie ein trockener Zufluchtsort gegen die
nasse und kalte Witterung drauen. - Wie gesagt, es gibt Leute, die dieser
Ansicht sind. Wir aber knnen uns damit nicht einverstanden erklren; wir lieben
den Kirchhof an einem klaren, heitern Tage, wie der des gegenwrtigen Kapitels
ist, wo die Sonne mit aller Pracht aufsteigt. - - Auf dem Kreuze der Kapelle und
dem Metalldache derselben funkeln Blitze, mit den Bergen rings umher
liebugelnd, die wie im rosigen Licht freundlich lchelnd in's Thal herab
blicken.
    Im hellen Glnze liegt die ganze Gegend, wie an einem Tag allgemeiner
Freude. Obgleich es Winter ist, haben doch die Sonnenstrahlen seit einigen Tagen
eine eigene Kraft; halbverwelkte Bltter scheinen ein neues Leben zu empfinden,
ein paar frhzeitige Blumen haben unbesonnener Weise ihre Kelche geffnet, um
heute Nacht eines frhzeitigen Todes zu sterben; der Reif an den Bumen lst
sich auf und tropft als Wasser herab; von dem weien Schnee ist fast nichts mehr
zu sehen, und wo noch hie und da in einer Vertiefung etwas liegen blieb, da
unterbricht das nicht unangenehm den einfrmigen, bltterlosen Kirchhof. Und
doch ist hier Alles lebhafter, festlicher geschmckt, als in jedem anderen
Garten, denn die vielen Kreuze und Steine brauchen nicht auf neue Bltter und
Blumen zu warten, sie stehen da, immer fertig, immer geputzt, von der Sonne
bestrahlt und von ihr mit tiefen, scharf ausgezackten Schatten geschmckt. - -
Ja, die Immortellenkrnze, die hier hngen, sind so warm und schn beleuchtet,
da man glauben knnte, die todten Strohblumen htten sich eben jetzt geffnet.
    So liegt der Kirchhof da im hellen Morgensonnenscheine; die hohe Mauer,
welche mit aus- und einspringenden Winkeln in einer ununterbrochen glnzenden
Linie, hie und da tiefe Schatten werfend, ihn umgibt, scheint darauf stolz zu
sein, und von ihrem Rande glnzen glatte Kieselsteine, helle Glasscherben und
dergleichen mehr gar wunderbar in der Sonne. - Und Alles ist hier so still und
aufmerksam; die Arbeiter haben zwei Grber beendigt, ein groes auf dem
schnsten und freiesten Platze des Kirchhofs, ein kleines zwischen alten
hlzernen und vermoderten Kreuzen und eingesunkenen Hgeln in einem entfernten
Theile, wo man viele Grber und wenig Wege sieht, wo die Besuchenden sparsam,
der blhenden Blumen wenige sind.
    Die subalternen Kirchhofbeamten sitzen auf der Treppe der Kapelle, sie haben
fadenscheinige schwrze Frcke an, und Einer lt eine zinnerne
Schnupftabaksdose herumgehen, welche mit den Emblemen seines Handwerks, einem
Todtenkopf und zwei Knochen, geziert ist.
    Jetzt schlagen die Glocken auf dem Kirchthurme in der Stadt an, und der
Schall dringt durch die klare Morgenluft recht hell herber. Einige Augenblicke
scheinen selbst die Kreuze und Steine diesen bekannten Klngen zu lauschen; man
knnte glauben, hie und da strecke sich eines von ihnen, um auf den Weg zu
schauen und frher zu erfahren, wer denn dort schon wieder gebracht werde.
    Der geneigte Leser wei es bereits, wenn er jetzt aus den Thoren der Stadt
zwei Zge hervorkommen sieht, an der Spitze des einen den groen Trauerwagen mit
den reich geschirrten Pferden, an der Spitze des anderen aber einen
Kirchhofdiener, der unter seinem langen breiten Mantel Etwas trgt; er wird mit
uns den ersteren Zug vorbei lassen: eine lange Reihe von reichen Equipagen mit
bunten Wappenschildern am Schlag, Kutscher und Bediente in groer Livree, und er
will sich dem zweiten Zug anschlieen, welcher von dem Hauptwege, den jener
andere stolz betritt, bescheiden abweicht und sich in den nmlichen Regionen des
Kirchhofs verliert, von denen wir oben gesprochen. Bei beiden Zgen sieht man
unter den Sacktchern Thrnen flieen; wenn es aber von der tiefen Trauer der
Anzge abhinge, so mte dort grerer Schmerz zu finden sein als hier.
    Hinter dem Manne mit dem Mantel schreiten die beiden kleinen Geschwister,
und die gute ltere Schwester hat das Mgliche gethan, um sie der traurigen
Handlung gem herauszuputzen. Das kleine Mdchen trgt ein schwarzes
Merinokleid, das aber auf allen Nhten und den Aermeln schon stark in's
Rthliche schimmert; dem hellbraunen Rckchen des Bbchens eine andere Farbe zu
geben, war nicht wohl mglich, wehalb sich Clara begngt hatte, an seiner Mtze
eine ziemlich lange Florschleife anzubringen, die an der Seite herunter hing und
von dem kleinen Leidtragenden mit bedeutendem Stolze betrachtet wurde.
    Die junge Tnzerin selbst ging mit ihrem Vater; hinter ihnen folgten die
Colleginnen, die, sowie ein Paar Tnzer des Theaters mit dem wrdigen
Schwindelmann, es sich nicht hatten nehmen lassen, die kleine Leiche zu
begleiten. Natrlicher Weise schritt Mademoiselle Therese in erster Reihe; sie
trug ein schwarzes Atlaskleid, sehr zierliche Schuhe, einen violetten Sammthut,
und das Gesicht mit einem dichten Schleier bedeckt. In hnlicher Toilette,
soviel wie mglich Trauer ausdrckend, befanden sich die brigen Tnzerinnen;
alle hatten in ihren Hnden Blumenbouquets, theils wirklich blhende, theils
knstlich gemachte.
    Die beiden Zge kamen fast zu gleicher Zeit an den betreffenden Stellen an,
und von dem Glanz und der Pracht, mit der die verstorbene Stiftsdame zur Erde
bestattet wurde, ging ein guter Theil auf das Begrbni der kleinen Anna ber. -
Und ohne da es nur einen Kreuzer kostete, - meinte Schwindelmann.
    Drben am Grabe stand einer der ersten Geistlichen, und ein Musikchor
untersttzte seine Bemhungen, die Umstehenden in eine recht traurige Stimmung
zu versetzen; sie bliesen einen Choral, und einzelne Akkorde derselben hrte man
deutlich auch am anderen Ende des Kirchhofs. Ja, die Musik klang dort viel
sanfter und angenehmer, und dann vernahm man vor allen Dingen nicht das hliche
Echo der Kirchhofmauer, welche jeden lauten Ton hart und ohne Rcksicht auf den
Takt zurckwarf.
    Als die Musik geendigt, wurden die Beiden zu gleicher Zeit in ihre
Ruhesttte hinabgelassen, und jetzt mssen wir gestehen, da hier bei der
kleinen Anna weit mehr thrnende Augen der in dem dunkeln Schoo der Erde
Verschwindenden nachschauten, und da hier alle die kleinen Hnde der
Tnzerinnen zitterten, als sie eine Hand voll Erde hinab warfen, ja sich
dieselben weit bewegter fhlten, als es drben bei den Herrschaften der Fall
war, wo Einer nach dem Anderen, aber Alle in der Reihenfolge ihres Ranges,
hervortrat, sich offiziell die Augen wischte, und mit tiefer Trauer die Schaufel
ergriff, um der Dahingeschiedenen eine letzte Ehre zu erweisen; dann betete der
Pfarrer dort leise das herkmmliche Gebet, hier aber Clara mit lauter Stimme,
was ihr gerade ihr Herz eingab, und als sie sagte: Leb wohl, mein
Schwesterchen, es lag nicht in unserer Macht, dich zu retten, obgleich wir Alles
an dir nach unseren Krften gethan. Auch du mutest sterben, so klein, so lieb
und so unschuldig; doch ist es weit besser so: du httest ein elendes Leben
gefhrt voll Kummer, Noth und Entbehrungen! - als sie das gesagt und ihre
Thrnen floen, da weinte ihr Vater, der alte Mann, ebenfalls vor sich hin, und
das Bbchen, welches dies bemerkte und zu gleicher Zeit sah, da nun die kleine
Schwester vllig mit Erde bedeckt war, fing an ganz trostlos zu werden und erhob
ein gewaltiges Klagegeschrei. Die umstehenden Tnzerinnen, die bei den Worten
Clara's Manches denken mochten, blickten dem Arbeiter aufmerksam zu, wie er nun
das kleine Grab ebnete, und Manche hatte, in tiefe Gedanken versunken und her
Thrnen nicht achtend, die von ihren Wangen herab floen, die Hnde auf einem
nebenstehenden nassen Grabstein gefaltet und schien nicht daran zu denken, da
sie ihre neuen Glachandschuhe verderbe.
    Drben, wo der Pfarrer eben seine Rede begonnen, war Alles stille wie in
einer Kirche; nur hie und da hrte man ein unterdrcktes Husten und Ruspern. -
- Da auch fast kein Windhauch die Luft des unermelichen glnzenden
Himmelsgewlbes bewegte, ertnten die Worte des Geistlichen laut und klar, und
drangen weit in die Ferne.
    Hier bei dem anderen Grabe hrte man wohl die einzelnen Tne, doch ohne den
Zusammenhang zu verstehen, man vernahm nur zuweilen Worte und Ausrufungen, die
aber trotzdem recht gut fr die kleine Leiche paten. Es klang herber von der
Liebe Gottes fr alle seine Geschpfe, reich und arm, von einem freudigen
Wiedersehen, von einer Vergeltung jenseits nach den guten Thaten hier auf Erden,
und nach dem, was man hier geduldet und gelitten. - - Amen! Dieses letzte Wort
klang lauter als alle brigen, und dann vernahm man das Gerusch einer Menge,
die sich zum Weggehen anschickte, lautes Husten, Stimmengemurmel, Futritte auf
dem breiten harten Wege, endlich das Rollen von Wagen, in denen sich Jeder
eilfertig nach Hause begab. - Die anderen Leidtragenden im Winkel des Kirchhofes
- es waren ihrer auch viel weniger - reichten der armen Clara die Hand, sagten
ihr ein paar freundliche Worte und schlichen darauf, nachdem sie ihre Blumen in
das frische Grab gesteckt, leise davon. Von den Mnnern blieb Schwindelmann
allein zurck, um die Blumen zu ordnen, die man ihm darreichte; es war eine
recht hbsche Menge, und die knstlich gemachten, die am lngsten aushielten,
rangirte er an dem Kopfende. Endlich war auch dieses Geschft besorgt, und
schickten sich die Letzten an, miteinander fortzugehen. Das war Clara, ihr alter
Vater, die beiden kleinen Kinder und Therese. Letztere hatte drauen einen Wagen
und lie es sich nicht nehmen, ihre Freundin nach Hause zu begleiten.
    Der alte Mann verlie die Kinder am Thor des Kirchhofes, denn er mute in
der schon gestern besprochenen Angelegenheit einen Gang zu seinem Buchhndler
thun. Schwindelmann hatte Dienstgeschfte und empfahl sich mit einem Hndedruck
von Clara, worauf er in seinem gewhnlichen kurzen Trabe in die Stadt
zurckkehrte.
    Demoiselle Therese hob die Kinder in den Wagen, lie Clara einsteigen und
setzte sich an ihre Seite. Bei dem Bbchen war dies Nachhausefahren das beste
Linderungsmittel fr den Schmerz um die kleine Schwester; er schaukelte sich in
den weichen Kissen, lief mit den Pferden Trab, das heit, in seinen Phantasten,
und indem er seine Beine so schnell als mglich auf und ab bewegte, trommelte er
zur Abwechslung auf die Fensterscheiben und verfiel endlich in ein langes und
tiefes Nachsinnen, als dessen endliches Resultat er Therese fragte, wo sie den
Wagen eigentlich her habe und ob sie seiner Schwester Clara nicht auch einen
hnlichen verschaffen knne.
    Clara selbst hatte diese Frage berhrt, denn sie dachte an allerlei, an
verschiedene Leute, die auf dem Kirchhof waren, sowie an Andere, die sie nicht
dagesehen, und als jetzt der Wagen bei einem gewissen groen Hause vorbei rollte
- es war ein sehr stattliches Gebude, welches an der Spitze gothische Fenster
und mehrere Balkons hatte - da blickte sie errthend auf die Seite und seufzte
tief auf.
    Clara's Vater war inzwischen auf einem anderen Wege zur Stadt zurckgekehrt,
und wenn er auch, je nher er an die Huser kam, um so langsamer ging, so
erreichte er dieselben doch am Ende, sowie auch das Ziel seines Ganges, obgleich
er recht kleine Schritte, ja sogar wohl absichtlich einen Umweg gemacht; auch
rechnete er unterwegs viel zusammen, wenigstens spreizte er im Dahingehen die
Finger seiner linken Hand oftmals weiter von einander und fuhr mit dem
Zeigefinger der rechten daran herum, worauf er nachdenkend zum Himmel
aufblickte. Wir glauben aber nicht, da das Resultat dieser Berechnungen fr den
alten Mann angenehm oder befriedigend ausfiel, denn so oft es beendigt zu sein
schien, lie er seinen Kopf ein paar Linien tiefer zwischen die Schultern sinken
und zog auch wohl ein rothgelbes Sacktuch aus der Tasche, um damit ber das
Gesicht zu fahren.
    Endlich bog er aus der engen in eine breitere Strae ein und blieb vor einem
Hause stehen, neben dessen Thre ein kleiner schwarzer Schild angebracht war,
auf dem mit goldenen Buchstaben geschrieben stand: Johann Christian Blaffer und
Comp.
    Da es uns, geneigter Leser, kraft einer gewissen Zaubermacht, verliehen ist,
mit Leichtigkeit uns von einem Ort zum andern zu versetzen, ohne Treppen, Wege
und dergleichen bentzen zu mssen, ja sogar ganz verschlossene Thren fr uns
kein Hinderni sind, so wollen wir uns in den ersten Stock des gedachten Hauses
begeben, und unsichtbar in ein Zimmer an der Treppe eintreten, wo wir den Herrn
des Hauses und des schwarzen Schildes, Johann Christian Blaffer,
Verlagsbuchhndler, antreffen.

                               Zwlftes Kapitel.



                       Johann Christian Blaffer und Comp.

Der wrdige Mann, der diese Firma reprsentirte, sa bei seinem Frhstckstisch
und hatte eine Menge Druckpapiere aller Art: Zeitungen, Broschren,
Correcturbogen und dergleichen neben sich liegen; er stberte emsig darin herum,
hatte aber die Gewohnheit, alle paar Minuten ber das Blatt, das er gerade in
der Hand hatte, hinwegzusehen und einen Blick in das Nebenzimmer, zu werfen,
dessen Thre halb geffnet war; meistens blieb es aber nicht bei diesem Sehen,
denn sehr hufig rusperte sich Herr Blaffer sehr laut, oder er spuckte auf die
Seite und rief alsdann mit heiserem, schnarrendem Tone: Herr Beil! - Herr Beil!
- ich glaube nicht, da ich Sie auf meinem Comptoir angestellt habe, um Decke
und Wnde zu betrachtet: Sie thten weit besser, Herr, wenn Sie sich um Ihr Buch
bekmmerten, oder die Bestellzettel sortirten. Was Teufel haben Sie denn immer
an die Decke zu schauen?
    Es ist eine Art Naturwunder, Herr Blaffer, was meine Aufmerksamkeit
zufllig in Anspruch nimmt, antwortete eine tiefe Bastimme.
    Ich huste in Ihr Naturwunder! rief entrstet der Prinzipal, und fhrte das
auch wirklich aus; nur bediente er sich des Spucknapfes dazu.
    Eine Fliege, Herr Blaffer, fuhr die Bastimme fort, im Monat Dezember
eine lustige Fliege; sie spazierte soeben an den Wnden und an der Decke umher.
Es wre mir von Wichtigkeit, zu ergrnden, ob diese Fliege ein brig gebliebener
Familienvater vom vorigen Jahre oder ob sie ein zufllig neu geschaffenes
Geschpf ist. Ich mchte eine Abhandlung darber schreiben, vielleicht knnten
wir sie selbst verlegen.
    Sie sind ein Narr! entgegnete rgerlich der Prinzipal, indem er emsig in
einer Zeitung bltterte; in Wahrheit blickte er aber schrfer als je in das
Nebenzimmer.
    Es war dies das eigentliche Comptoir, ein Zimmer wie viele der Art, mit wei
getnchten Wnden, an welchen ein Posttarif und ein paar Landkarten hingen, mit
einem eisernen Ofen, einem groen doppelten, zweisitzigen Schreibpult und einem
Bcherschrank, worin sich die Werke befanden, die Herr Blaffer verlegt oder von
seinen Freunden zum Geschenk erhalten.
    An dem Ende des Schreibpultes sa Herr Beil, ein Mann von einer merkwrdigen
Persnlichkeit. Er war klein, engbrstig, und sah bis zum Halse, von unten an
gerechnet, etwas verwahrlost aus; aber auf diesem Halse, der ziemlich lang war,
befand sich ein Kopf, der wohl zu dem tiefen Basse der Stimme, aber durchaus
nicht zum Krper des Mannes pate. Dieses lange Gesicht, die breite Stirne,
dieses schwarze Haupthaar und der wohlgepflegte Husarenbart htte einem
sechsfigen Untergestell alle Ehre gemacht, whrend das Alles zusammen hier
ziemlich lcherlich aussah. Herr Beil war dabei rmlich gekleidet und schien
durchaus keine Vorliebe fr weie Wsche zu haben; unter dem alten blauen
Ueberrocke sah man eine graue Weste, welche so fest an die hohe schwarze
Merinohalsbinde anschlo, da man auf die Vermuthung kam, sie sei oben angenht,
was wohl auch der Fall sein mochte. Dieses unvortheilhafte Aeuere war ihm,
obgleich er kein schlechter Arbeiter war, schon oftmals bei Erlangung guter
Stellen hinderlich gewesen, und er mute sich daher mit sehr mittelmigen
begngen, was einer der Grnde war, wehalb er sich denn auch jetzt hier auf dem
Comptoir des Herrn Blaffer befand. Da ihm aber die Beibehaltung seiner Condition
nicht besonders am Herzen lag, er auch wohl wute, da der Prinzipal fr das
wenige Geld, was er ihm gab, nicht leicht einen anderen Arbeiter bekomme, so
nahm er sich, wie wir bereits vorhin gesehen, hie und da einige Freiheiten
heraus, wofr er ein dankbares Publikum an dem Lehrling des Geschftes hatte,
der, den Prinzipal sehr frchtend, sich auerordentlich darber freute, wenn der
Andere demselben ein paar passende Worte sagte.
    Besagter Lehrling war ein blasser blonder Mensch mit einem immerwhrenden,
halb bldsinnigen Lcheln auf den Lippen, der, wie wir spter genauer erfahren
werden, bei dem Herrn Blaffer im Hause wohnte und in seinen Freistnden Dienste
verrichten mute, die gerade nicht mit dem Buchhandel und der Literatur
zusammenhngen.
    Herr Beil warf einen durchdringenden Blick auf den Lehrling und zeigte ihm
die bewute Fliege, die in der That, aber ziemlich matt, an der Decke umher
spazierte, rckte hierauf das groe Buch vor sich hin und fing an einzutragen.
    Der Prinzipal trat in diesem Augenblicke in das Comptoir.
    Dieser war ein magerer, ziemlich groer Mann in die Vierzig; er ging etwas
vorn bergebeugt und liebte es, die Hnde auf dem Rcken zu halten. Seine
Kleidung, ziemlich alt, abgeschaben und nicht gewhlt, bestand aus einem blauen
Frack, dessen spitze Sche hinten ber einander gingen, aus einer grauen Hose,
die, eng anliegend, die Mode der weiten Beinkleider glcklich berdauert hatte,
und nun wieder elegant geworden wre, wenn sich nicht die Schwchen des Alters
an den Knieen sehr bemerkbar gemacht htten. Herr Blaffer trug ziemlich groe
Schlappschuhe, und um dieselben nicht von den Fen zu verlieren, hatte er sich
einen Schlittschuhgang angewhnt, vermittelst dessen er nun, die lange drre
Nase und das spitze Kinn emporgehoben, die gebogenen Kniee vorgestreckt, in dem
Zimmer auf und ab fuhr. Dabei hatte sich dieser Mann ein unangenehmes
Gesichterschneiden angewhnt, indem er das linke Auge zukniff und den Mund
hhnisch verzog. Dies that er namentlich, wenn er sich in einer Gemthsaufregung
befand, was bei seinem giftigen reizbaren Temperament hufig genug vorkam.
    Nachdem Herr Blaffer einige Male im Comptoir auf und abgefahren war, blieb
er mit einer pltzlichen Wendung vor dem Lehrling stehen, schlug ihn leicht an
den Kopf und sagte Sie sind ein junger verschwenderischer Taugenichts. Meinen
Sie denn, das Makulatur htte kein Geld gekostet, da Sie mit Ihren Fen darauf
herum trampeln?
    Da haben Sie Recht, Herr Blaffer, versetzte der Commis, indem er
geruschvoll ein Blatt umwandte, Makulatur ist eine theure Geschichte,
namentlich die, womit er gerade einpackt.
    Ich habe Sie nicht um Ihre Ansichten gefragt, antwortete entrstet der
Prinzipal, whrend er sein Gesicht auf die oben beschriebene Art verzog.
    Es ist die Geschichte des trkischen Reiches, fuhr der Andere mit lauter
Stimme fort, die vor vier Jahren gedruckt wurde, und von welcher von der ersten
Ostermesse ein Exemplar mehr zurckkehrte, als fortgeschickt worden. - Ja, ja,
so ist's, und Sie machten mir von diesem merkwrdigen Buch ein Exemplar zum
Geschenk, das dient mir von da ab jede Nacht zum Einschlafen. - Ein schnes
Werk! - Pagina sechsunddreiig - Rostbraten und Comp. - sechs Exemplare: keine
Hhneraugen mehr! - 1850, bei Johann Christian Blaffer. -
    Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit groer Gemthlichkeit, whrend er
dabei das eben Bemerkte eintrug.
    Der Prinzipal hatte anfangs Lust, sich ernstlich zu rgern; da er aber
seinen Untergebenen kannte, so begngte er sich damit, die Arme ber einander zu
schlagen, seinen Commis mit einem festen Blick anzusehen und zu sagen: Herr
Beil, werden Sie denn eigentlich nie vernnftig werden? - Es ist wahrhaftig
schade, da ein Mensch von wirklich einigen guten Anlagen durch seine ewigen
Faseleien nie auf einen grnen Zweig kommt.
    Da haben Sie wieder einmal Recht, antwortete der Commis scheinbar mit
groem Ernste. Ich bin frchterlich herunter gekommen, wie gesagt - 1850, bei
Johann Christian Blaffer. - Es ist ganz entsetzlich!
    Der Prinzipal hatte keine Antwort erwartet, sondern sich in das Postpaket
vertieft, das am frhen Morgen gekommen war, dann sah er nochmals die
Bestellzettel durch, bald mit einem Lcheln auf den Lippen, bald mit einem
finsteren Stirnerunzeln.
    Letzteres trat aber hufiger ein als ersteres, denn da Herr Blaffer zugleich
ein Commissionsgeschft hatte, so gehrten die dickleibigen Postpakete, welche
jeden Montag und Donnerstag kamen, dem grten Theile seiner glcklicheren
Collegen, und ihm selbst blieb nur uerst wenig, und noch dazu meistens
Artikel, die sich schlecht ausnahmen gegen die schweren Zahlen, die hinter
andern Werken prangten.
    Bah! bah! machte der Buchhndler zuweilen und warf irgend einen Zettel mit
geringschtzender Miene auf den Tisch. - Was das deutsche Publikum nach und
nach verwildert! sagte er dann seufzend, es ist fabelhaft. Nichts als Schund,
Schund und wieder Schund! - Das zieht! - Die schnsten Uebersetzungen gehen
nicht mehr und die besten deutschen Originalwerke, fr die der Verleger Zeit und
Kosten aufgewendet, bleiben schmachvoll liegen. Pfui Teufel! - Die besten,
besten Werke!
    Vierhundert Mittel gegen die Engbrstigkeit und den Husten, sprach Herr
Beil, indem er seine Feder tiefer als gewhnlich in's Dintenfa tauchte. -
Gestatten Sie davon Disponenda? fragte er den Prinzipal, indem er sein linkes
Auge, welches Herr Blaffer nicht sehen konnte, gegen den Lehrling auf eine
bedeutungsvolle Art zukniff, so da dieser harmlose junge Mensch beinahe laut
aufgelacht htte.
    Herr Blaffer legte nach einer kleinen Weile das Postpaket seufzend nieder
und versetzte: Wenn Onkel Tom nicht wre, oder ein paar gangbare Dumas'sche
Romane, so sollte mich der Teufel holen, wenn ich noch lnger deutscher
Buchhndler bliebe. Da haben wir vierzig anstndige Bestellungen auf die Htte;
nehmen Sie und lassen Sie solche gut versenden. - Damit reichte er ein Paket
ber den Pult hinber. - Ich htte, wei Gott, nie gedacht, fuhr er nach einer
Pause mit einem grinsenden Lachen fort, da der Sklavenhandel so ergiebig wre.
Es ist doch was Schnes darum, wenn man so jeden Posttag seine vierzig Schwarze
verhandelt.
    Ja, ja, entgegnete der Commis wie tiefsinnig, dazu haben Sie auch alles
Zeug, Herr Blaffer; Sie haben eigentlich Ihre Bestimmung verfehlt.
    Und welche Bestimmung, Herr Beil, wenn ich fragen darf?
    Sie htten Ihren Papa seliger bitten sollen, da er Sie in irgend einem
Sklavenlande geboren werden lie, da wrden Sie mit der Zeit ganz artige
Beitrge zu einer zweiten Ausgabe irgend einer Onkel Tom's Htte geliefert
haben.
    Der Principal begngte sich, die Achseln zu zucken und dann mit der Hand an
seine Stirne zu fahren, als wollte er auf solche Art pantomimisch anzeigen, wo
die schwache Seite seines Commis eigentlich zu finden sei.
    Herr Beil stberte unterdessen eifrig in den Bestellzetteln und sortirte
unter den vierzig, die ihm bergeben, mit sichtlichem Wohlbehagen einige Zehn
heraus, die er lchelnd ber den Pult zurck schob, indem er sagte: Sie haben
sich ein wenig geirrt, Herr Blaffer; auf diesen Zetteln werden allerdings Onkel
Tom's Htten verlangt, aber von anderen Firmen.
    Der Buchhndler, der unterdessen das Bestellbuch eifrig durchgesehen,
wrdigte diese Einwendung gar keiner Antwort, sondern schob die Zettel mit der
Hand wieder zurck und versetzte anscheinend ruhig und bestimmt: Wenn ich Ihnen
Zettel zur Auslieferung bergebe, so liefern Sie aus und machen mir weiter keine
unntzen Bemerkungen, denn - -
    Da der Principal seinen Satz nicht beendigte, so hielt sich der Commis hiezu
fr verpflichtet und sagte: Ich bin der Herr und ihr seid die Sklaven. - Also
vierzig Onkel Tom's Htte, erster Theil. - Gut!
    In diesem Augenblicke wurde leise und bescheiden an die Thre geklopft.
    Der Buchhndler, der dies wohl hrte, that brigens nicht, als ob ihn das
Klopfen im Geringsten anginge, Herr Beil ebensowenig, obgleich er einen
Augenblick in die Hhe schaute. Nur der harmlose Lehrling, der sich am nchsten
bei der Thre befand, wandte das Gesicht herum und rief von Herein! die erste
Sylbe, die zweite aber blieb ihm in der Kehle stecken, denn er erinnerte sich
augenblicklich eines Verbots des Principals, nicht Herein! zu rufen, bis ein
zwei- oder dreimaliges Klopfen erfolgt sei.
    Herr Blaffer hatte dafr seine guten Grnde und er pflegte zu sagen: wer
zwei- oder dreimal klopft, der verlangt selten was von uns, wer aber einmal und
so bescheiden anpocht, ist grtentheils ein Bettler oder unbekannter
Schriftsteller.
    Habe ich Ihnen nicht schon hundertmal gesagt, lispelte der Principal mit
gedmpfter Stimme, aber trotzdem sehr eindrucksvoll, da Sie Ihr Maul halten
sollen, wenn angeklopft wird! Wie knnen Sie berhaupt Herein! rufen? - Wer will
zu Ihnen? - Niemand! Sie -
    Junger Sklave! ergnzte Herr Beil, wobei er aufmerksam eine Illustration
zum bewuten Buche anschaute, als glte dieser der besagte Ausruf.
    Indessen klopfte es zum zweiten Male und etwas lauter.
    Auch diesmal gab der Buchhndler keine Antwort; doch wurde der erste Commis
von einem gewaltigen Husten berfallen, der ihm einen bsen Blick des Chefs
eintrug und worauf sich dieser denn nun veranlat sah, sein gastliches Herein!
erschallen zu lassen.
    Die Thre ffnete sich und der alte Mann trat herein, den wir vom Kirchhofe,
vom Grabe seiner Tochter, hieher begleiteten und dem wir vorausgeeilt sind.
    Begreiflicher Weise hatte er seinen Hut schon drauen abgenommen, und als er
nun so demthig an der Thre stehen blieb, strich er verlegen sein weies Haar
von der Stirne zurck, begrte den Principal, den Commis und sogar den
Lehrling.
    Ah! Herr Staiger! sagte der Principal, indem er ihn mit einer Handbewegung
begrte. Setzen Sie sich einen Augenblick dort auf die Kiste, ich mu hier
eben einen wichtigen Artikel in der Buchhndlerzeitung durchlesen, der auch auf
Sie einige Beziehung hat.
    Bei diesen Worten warf Herr Blaffer einen schnellen Blick auf seinen Commis,
doch war Herr Beil anscheinend gnzlich vertieft in die Beschauung seiner
Zettel.
    Der alte Mann lie sich auf die Kiste nieder, nahm seinen Hut zwischen die
Kniee und richtete die hellen, klaren Augen auf den Buchhndler, welcher
brigens nicht geneigt schien, diesen offenen Blick zu erwidern.
    Ja, fuhr Herr Blaffer fort, indem er mit seinem knchernen Zeigefinger der
rechten Hand ber die Zeitung fuhr und etwas zu suchen schien; hier steht's. -
Richtig! Onkel Tom's Htte bei Johann Christian Blaffer. - Geben Sie Achtung,
ich mu es Ihnen vorlesen, obgleich es nicht gerade sehr angenehm klingt. - Von
dieser unten Uebersetzung, der vierundvierzigsten in hiesiger Stadt und, wenn
wir nicht, irren, der sechshundertsten im gesammten Deutschland, tritt uns als
Uebersetzer ein ganz obscurer Name entgegen. - Wer ist dieser Herr Staiger, der
u.s.w. u.s.w. Man mu indessen nicht zu viel auf Recensionen geben, sagte Herr
Blaffer, indem sein Blick das Zeitungsblatt verlie. Wissen Sie, der
Beurtheiler macht eigentlich mir allein den Vorwurf; ich htte mir sollen einen
bekannten Namen erwerben, um ihn auf den Titel zu setzen, wissen Sie, einen
Doktor so und so. Es hat ja deren genug, vollkommen genug, die auerordentlich
zufrieden sind, wenn man ihnen Veranlassung gibt, ein anstndiges Honorar zu
erwerben.
    Bei diesen Worten sah der alte Mann schmerzlich in die Hhe.
    Dann spricht der Artikel ferner, fuhr Herr Blaffer fort, von mangelhaften
Stellen in der Uebersetzung, und vor allen Dingen beklagt er sich ber die
Langsamkeit, mit der die einzelnen Lieferungen bei mir erscheinen. - Und das mu
wahr sein, Herr Staiger, langsam geht die Geschichte vorwrts. An dem
wievielsten Hefte sind wir eigentlich?
    Am vierten, entgegnete ruhig Herr Beil, whrend vierundzwanzig andere
Buchhandlungen hiesiger Stadt das zweite kaum ausgegeben haben.
    Die zweite Lieferung! rief Blaffer mit einem wahren Giftblick auf seinen
Gehlfen. Den zweiten Band wollen Sie sagen. - Doch das ist gleich viel. Sie
mssen sich wahrhaftig beeilen, mein lieber Herr Staiger, sonst kommen uns die
anderen weit zuvor.
    Ich arbeite Tag und Nacht, erwiderte der alte Mann, denn es ist mir
selbst darum zu thun, etwas fr mich und die Kinder zu verdienen. Hier ist
Manuscript zur fnften Lieferung; sie wre schon ganz fertig, doch habe ich in
den letzten Tagen einiges Herzeleid zu Haus gehabt, was mich am Arbeiten
verhindert. Wenn man ein sterbendes Kind vor sich sieht, Herr Blaffer, so will
es einmal so gar nicht recht vor sich gehen mit der Uebersetzung des
Sklavenlebens eines anderen Welttheils.
    Es ist Ihnen ein Kind gestorben? fragte theilnehmend der Commis. Doch
nicht Mamsell Clara?
    Nein, nein! entgegnete eifrig der alte Mann; das hat der liebe Gott denn
doch nicht gewollt. Mein kleinstes Mdchen starb, ein armes Kind, das immer
krnklich war.
    Nun, so danken Sie dem Schpfer, da er es zu sich genommen. Kinder sind
ein Segen, aber auch eine Last. - Nun geben Sie ihr Manuscript her. - Aber da
fehlen noch zwei Bogen, bis die Lieferung fertig ist. Ah! ich wollte, wir htten
sie ganz!
    Das wollte ich auch, sprach Herr Staiger mit einem verlegenen Lcheln,
indem er den Hut zwischen den Hnden herum drehte und von der Kiste aufstand. -
Das wollte ich in der That auch, mein verehrter Herr Blaffer, denn sehen Sie,
ich hatte darauf gerechnet, die fnfte Lieferung heute Frh noch zu beendigen, -
es ist Mitte des Monats, das Bischen Einkommen meiner Tochter Clara ist lngst
verbraucht, die kleine Leiche hat meine Kasse in Anspruch genommen, und so wre
ich denn auerordentlich glcklich und zufrieden, wenn die fnfte Lieferung
fertig wre, um - um - das Geld dafr - -
    Auch ich wre sehr zufrieden, wenn die fnfte Lieferung fertig wre,
unterbrach ihn rasch der Buchhndler. Es ist sehr traurig, da sie nicht fertig
ist. Da wartet das Publikum, da wird man hinausgeschoben, da kommt man mit dem
Buch in's neue Jahr hinein, und da mu man mit der Heimbezahlung warten, da
Einem Hren und Sehen vergeht. - Ah! ihr Schriftsteller seid glcklich gegen uns
zu nennen: hier das Manuscript, hier das Geld. Aber wissen Sie, wie lange ich
warten mu, wie lange sich der Buchhndler berhaupt gedulden mu?
    Nein, ich wei es nicht, sagte geduldig der alte Mann.
    Oft zwei Jahre, fuhr der Buchhndler mit lauter Stimme fort und betonte
die zwei Jahre auerordentlich stark. Zwei volle Jahre! Ja, das ist
entsetzlich!
    Alsdann nehmen Sie aber auch groe Summen ein, entgegnete Herr Staiger.
Aber hier handelt es sich nur um ein paar Gulden, die ich in zwei, hchstens
drei Tagen wieder abgearbeitet habe, nur eine Kleinigkeit als - - - Vorschu.
    Kommen Sie einem Buchhndler nicht mit Vorschssen! rief entrstet Herr
Blaffer. Diese Vorschsse bringen doppelten Schaden. Erstens kosten sie uns
Geld, das man noch nicht einmal schuldig ist, also verlieren wir Zins, und
zweitens entfremdet es den Autor dem Verleger. Nur um Gotteswillen keine
Vorschsse!
    Aber bei dem wirklich kleinen Honorar, welches Sie mir zahlen, erlaubte
sich der alte Mann mit groer Aengstlichkeit zu sagen, knnten Sie mir wohl fr
einmal diesen Gefallen thun. Ich brauche nur vier Gulden.
    Kleines Honorar! rief entrstet der Buchhndler. Ich bitte Sie um
Gotteswillen, Herr Staiger, Sie erhalten fr den Druckbogen, glaube ich, einen
Gulden und dreiig Kreuzer, und das nennen Sie ein kleines Honorar! - Wer
schrieb uns doch gestern, wandte sich Herr Blaffer an den Commis, und bot uns
eine Nebersetzung zu einem Gulden und zwlf Kreuzern per Bogen an? - Es war
sogar ein bekannter Name. - War es nicht Doctor Hintermaier? - Soll ich Ihnen
den Brief zeigen? fragte er rasch den alten Mann. - Beil, sehen Sie in H. nach
und suchen Sie nach dem letzten Schreiben von Doctor Hintermaier.
    Da werde ich vergebens suchen, erwiderte ruhig der Commis, das ist einer
von den Briefen, die Sie angeblich in Ihrer Privatsammlung aufzuheben pflegen.
    Mglich! mglich! unterbrach ihn rasch der Principal, denn er frchtete,
noch Unangenehmeres zu hren. Ich werde ihn wohl in der Tasche meines
Ueberrocks haben. - Nun, es ist ja gleichviel! Aber ich versichere Sie: den
Bogen zu einem Gulden und zwlf Kreuzern.
    Herr Staiger schttelte den Kopf und entgegnete gedankenvoll: Das kann
nicht mit redlichen Dingen zugehen; da mte man von anderen Uebersetzungen
abschreiben.
    Ja, das ist auch eine Kunst, versetzte der Buchhndler, indem er mit dem
Daumen und Zeigefinger seine lange Nase zwickte. Das ist nicht so ganz
schlecht, aus drei Uebersetzungen eine vierte machen. Wenn man es geschickt
anfngt, merkt's das Publikum nicht und der Verleger erspart sein theures Geld.
- Aber das kann ich Sie versichern, mein lieber Herr Staiger: von Vorschssen
mssen Sie mir nicht sprechen. Vorschsse bewillige ich selten, und nie bei
Artikeln, an denen man so wenig verdient, wie bei diesem unglckseligen Buche.
    Der Buchhndler hatte sich ordentlich in die Hitze hineingesprochen und
seine Rede klang um so berzeugter, als er auf dem Gesichte seines ersten Commis
zu lesen glaubte, da dieser mit ihm bereinstimme, was uerst selten geschah.
    Herr Beil hatte die Augenbrauen in die Hhe gezogen, den Kopf nachdenkend
auf die Seite geneigt und sagte nach einer Pause mit der grten Ruhe und
Ueberzeugung: Sehen Sie, mein verehrter Herr Staiger, diesmal ist der Herr
Blaffer vollkommen in seinem Recht. Sie wnschen einen Vorschu - zu welchem
Zwecke? Wahrscheinlich um Holz zu kaufen, weil es Sie und Ihre kleinen Kinder zu
Hause friert. Ferner um Brod zu kaufen, weil es Ihre Familie hungert; dann
endlich, um die Kosten des kleinen Begrbnisses zu bezahlen, weil dies,
namentlich fr arme Leute, ein theurer Spa ist - - Ernst wollte ich eigentlich
sagen. Dazu also wollen Sie Vorschu? - Habe ich nicht Recht?
    Der alte Mann nickte traurig lchelnd mit dem Kopfe.
    Aber der Herr Blaffer verweigert Ihnen diesen Vorschu, obgleich es nur ein
paar armselige, lumpige Gulden sind. Und der Herr Blaffer, obgleich ein sehr
ehrenwerther Mann wie der selige Brutus, kann nicht anders handeln. Sie sollen
fr ihn ein Buch bersetzen, das von allerlei groen und kleinen Leiden einer
Menschenklasse handelt, die man Sclaven nennt. Darin kommen Hunger, Durst,
frierende, auch sterbende Kinder und dergleichen schne Sachen mehr vor. Das
aber mit dem richtigen Tone wieder zu erzhlen, wrde Ihnen schwer fallen, wenn
Ihnen nicht die groe Gte des Herrn Blaffer Veranlassung gbe, all' diese
schnen Dinge bei sich selbst zu erleben. Sehen Sie, nur aus dem Grund
verweigert er Ihnen den Vorschu. - Sie frieren zu Hans, Sie hungern auch ein
klein wenig, Ihre Kinder ebenfalls, und Alles das macht Sie geschickt, die
vortrefflichste Uebersetzung zu liefern fr das bekannte Haus Johann Christian
Blaffer und Compagnie.
    Damit schlug Herr Beil drhnend sein Buch zu, rutschte von dem Comptoirstuhl
herab und verlie das Zimmer, nachdem er zuvor vor einem armseligen Spiegel in
der Ecke seinen groen schwarzen Schnurrbart so horizontal als mglich nach
beiden Seiten hinaus gestrichen.
    Der Buchhndler hatte anfangs nicht gewut, was die Rede seines Commis
bedeuten solle. Ja, sie war ihm zuerst sehr gutmeinend vorgekommen, und er hatte
sie mit einem beistimmenden Kopfnicken begleitet. Bald aber hrte dieses
Kopfnicken auf, die Nase hob sich drohend und immer drohender, sein aschgraues
Auge blitzte und die zuckenden Finger suchten nach irgend etwas Schwerem, um es
seinem Gegenber an den Kopf zu werfen. Doch bezwang er sich mnnlich, that
einen tiefen Athemzug, und indem er mit der einen Hand verchtlich auf Herrn
Beil zeigte, wie er noch vor dem Spiegel stand, wiederholte er mit der anderen
die Pantomime von vorhin nach der Stirne.
    Whrend jener Rede hatte der alte Mann auf seinen Hut geblickt und den
Commis nur ein einziges Mal angesehen. Aber dieser Blick, den er ihm zuwarf, war
freundlich, ja dankend. Er schien auch jetzt vollkommen resignirt zu sein und
zog sich nach der Thre zurck, um das Zimmer zu verlassen, als dieselbe nach
einem kurzen aber heftigen Anklopfen von auen so rasch geffnet wurde, da sie
Herrn Staiger beinahe auf die Seite drckte.

                              Dreizehntes Kapitel.



                         Uebesetzungs-Angelegenheiten.

Der junge Mann, der unter die Thre des Zimmers trat und sich in diesem einen
Augenblick umschaute, ehe er nher kam, war der Maler Arthur, der dem geneigten
Leser bereits bekannt ist. Er berzeugte sich durch einen Blick, da sich Herr
Blaffer auf seinem Comptoirstuhl befand, dann nahm er seinen Hut ab und trat in
das Gemach.
    Ah! Sie sind's, mein vortrefflicher junger Freund! rief der Principal,
indem er von seinem Sitz herab hpfte und mit vor gestreckten Hnden und Knieen
auf den Eingetretenen zurutschte Ah! Sie sind pnktlich, wie ich es liebe und
wie ich es selbst in allen Geschften bin. Schlag eilf Uhr. Wollen wir nicht in
mein Wohnzimmer spazieren?
    Ich meines Theils befinde mich ganz gut hier, sagte der Maler, nachdem er
fr die freundliche Begrung mit einem Kopfnicken gedankt, ohne jedoch den
doppelten Hndedruck besonders stark erwidert zu haben. - Geschfte macht man
am besten im Geschftslokal ab, und Anderes fhrt mich nicht daher. Bei diesen
Worten trat er an den Pult, um Hut und Stock abzulegen; und als er sich darauf
umwandte, entdeckte er erst den alten Mann, der den Griff der Thre erfat hatte
und sich eben Hinausschleichen wollte.
    Herr Blaffer sah sich genthigt, die beiden Herren mit einander bekannt zu
machen. - Herr Staiger, sprach er, einer meiner Uebersetzer, - Herr Arthur
Erichsen, einer unserer talentvollsten, geachtetsten jungen Maler, ein Talent,
welches so Groes verspricht, und sich dennoch herablassen will, unser geringes
Werk zu illustriren.
    Arthur schttelte unmuthig den Kopf ber diese Worte des Buchhndlers; doch
konnte einem aufmerksamen Beschauer nicht entgehen, da er dies eigentlich nur
that, um eine augenblickliche Verlegenheit, ja eine gelinde Rthe, die sich ber
sein Gesicht verbreitete, zu verbergen. Er kannte ganz genau den alten Mann, der
vor ihm stand, und er hatte eigentlich gehofft, ihn hier zu treffen. Da ihn der
Vater der schnen Tnzerin, die er so sehr liebte, noch mit keinem Auge gesehen,
machte er sich gewissermaen zum Vorwurf und ging dehalb auf den alten Mann mit
einiger Befangenheit zu, wobei er ihm aber freundlich seine Hand entgegen
reichte.
    Ich freue mich in der That, Sie zu sehen, sagte Arthur; recht sehr freue
ich mich, und obgleich Sie wohl im Begriff zu sein scheinen, wieder hinweg zu
gehen, so bitte ich Sie doch, da zu bleiben, indem mir Ihre Ansicht bei der
Unterhandlung mit Herrn Blaffer von Wichtigkeit ist.
    Herr Staiger blickte einigermaen berrascht in das freundliche Gesicht des
unbekannten jungen Mannes, der, seinem Aeueren nach, offenbar den besten
Stnden angehrend, sich nicht an sein abgeschabtes Rckchen zu kehren schien
und ihm so freundlich entgegen kam.
    Der Buchhndler zuckte leicht die Achseln, bat den Maler, ihm gegenber den
Platz des Herrn Beil einzunehmen, und kletterte dann ebenfalls wieder auf seinen
Schreibbock hinauf.
    Arthur blickte fragend auf den alten Mann, der hinter der Thre neben der
Kiste stehen geblieben war, dann wandte er sich an den Lehrling und sagte ihm
ruhig und bestimmt: Bringen Sie doch dem Herrn einen Stuhl; Sie sehen ja, da
wir sitzen und Herr Staiger uns zu Liebe da bleibt.
    Der Buchhndler nickte verdrielich mit dem Kopfe, und der junge blonde
Mensch eilte nicht ohne ein kaum bemerkbares Lcheln in's Nebenzimmer, von wo er
alsbald mit einem der besten Sthle seines Principals zurck kam.
    In diesem Augenblicke trat Herr Beil in das Zimmer, wollte sich aber wieder
zurckziehen, da er seinen Platz besetzt fand.
    Arthur blickte in die Hhe und als er den Commis sah, der ihm wohl bekannt
war, nickte er ihm freundlich entgegen und sagte: Sie werden entschuldigen,
lieber Herr Beil, da ich einen Augenblick Ihren Stuhl eingenommen, ich werde
brigens nicht lange Gebrauch davon machen, da wir bald im Reinen sein werden.
    Bei diesen Worten flog an diesem Morgen das erste freundliche Lcheln ber
das Gesicht des Buchhndler-Commis. Ah! Sie sind es! versetzte er; freut mich
recht, Sie zu sehen. Warten Sie, ich will Ihnen gleich einen Bogen Papier
unterbreiten, denn ich sehe, Sie haben schon den Bleistift in der Hand; sonst
zeichnen Sie mir wieder allerlei Ungeheuer in mein Hauptbuch.
    Seien Sie unbesorgt, entgegnete Arthur lchelnd, ich habe mir Ihre
Lektion von neulich gemerkt.
    Nun endlich zur Sache! rief ungeduldig der Buchhndler. Lassen Sie uns in
Frieden, Herr Beil! Schauen Sie lieber diesem jungen faulen Schlingel da zu, der
mit einer Langsamkeit einpackt, da es wahrhaftig zum Erbarmen ist. - Also, Herr
Staiger, wandte er sich an den alten Mann, da Sie nun einmal da sind, ist es
mir lieb, wenn Sie zuhren, auch vielleicht Ihren Rath geben. Herr Erichsen will
also die Freundlichkeit haben, zu unserer Ausgabe von Onkel Tom's Htte
vortreffliche Illustrationen zu machen. Es ist mir ein Bedrfni,
Originalzeichnungen zu erhalten, denn ich hasse den Nachdruck, selbst wenn er
vollkommen erlaubt ist wie hier, wo es sich nur darum handelt, englische
Originale zu benutzen.
    Whrend dieser Rede sah Herr Blaffer so salbungsvoll an die Decke des
Zimmers empor, und machte ein so merkwrdig ehrlich sein sollendes Gesicht, da
sich Arthur nicht enthalten konnte, diese herausfordernden Zge mit einigen
kecken Umrissen auf das Blatt Papier zu skizziren.
    Was meinen Sie nun, fuhr der Buchhndler fort, sollen wir zu jeder
Lieferung eine Illustration geben, was allerdings acht fr den Band machen
wrde, oder wollen wir uns damit begngen, fr zwei Lieferungen eine
herzustellen? - Was meinen Sie dazu, Herr Staiger?
    Wenn man zu jeder Lieferung eine Illustration machte, sagte schchtern
dieser, so wrde das wohl die Kosten bedeutend erhhen.
    Auf die Kosten kommt es Herrn Blaffer nicht an, versetzte der junge Mann,
whrend er ruhig fortzeichnete, wenn die Arbeit nur gut wird.
    Allerdings, meinte kleinlaut der Principal; nur ist das Holzschneiden
eine sehr theure Geschichte.
    Dafr kosten Sie ja aber die Zeichnungen fast gar nichts, warf der Maler
leicht hin. Sie haben mich gebeten sie zu machen, und da ich mich gerade einmal
in dem Genre versuchen mchte, so zeichne ich Ihnen die Illustrationen fr eine
Kleinigkeit.
    Ja, ja, sprach mhsam lachend der Buchhndler, was ihr Herren
Kleinigkeiten nennt. - Nun, es kommt mir ja nicht darauf an. Also machen wir zu
jeder Lieferung ein Illustration, und Sie werden sie mir gleich auf's Holz
zeichnen.
    Arthur nickte mit dem Kopfe.
    So wren wir vorderhand im Reinen, fuhr Herr Blaffer fort, und sagte,
indem er sich an den alten Mann wandte: Jetzt htten wir fr heute nichts mehr
mit einander abzumachen; besorgen Sie mir also das Manuscript zur fnften
Lieferung und Sie sollen alsbald haben, was Sie gewnscht. - Guten Morgen, Herr
Staiger!
    Noch einen Augenblick! bat der Maler, ohne aber von seinem Papier in die
Hhe zu sehen. Im Interesse der Illustrationen wre es mir sehr erwnscht, mich
zuweilen mit dem Herrn Staiger besprechen zu knnen. Wir wollen doch nicht
gerade die gleichen Scenen wie in der englischen Ausgabe illustriren; der
Ansicht werden Sie doch auch sein, Herr Blaffer?
    Jedenfalls etwas ganz Neues, antwortete der Buchhndler. Herr Staiger
wird gewi gern zuweilen in Ihre Wohnung kommen.
    Gewi, sagte der alte Mann, wenn Herr Erichsen mir nur sagen will, wenn
ich ihn zu Hause treffe.
    Gott bewahre! entgegnete eifrig der Maler, indem er sich aber noch tiefer
auf das Blatt Papier niederbeugte. Das werde ich nimmermehr zugeben, da Sie
Ihre kostbare Zeit in Gngen nach meiner Wohnung verschleudern. Ein Knstler wie
ich, der bald hier bald da ein Stck von der Auenwelt gebraucht, schlendert
viel in den Straen umher, und wenn Sie mir - - Ihre Wohnung angeben wollen und
mir sagen, wenn ich Sie am besten treffe, so mache ich mit dem grten
Vergngen, - gewi mit dem grten Vergngen hie und da einen Sprung zu Ihnen.
    Es wird mir eine groe Ehre sein, antwortete Herr Staiger, wenn Sie meine
Dachkammern aufsuchen wollen; aber sie sind etwas entlegen - Balkengasse Nummer
vierzig ber vier Stiegen. - Was die Zeit anbetrifft, wo Sie mich zu Hause
finden, so bin ich gemeiniglich den ganzen Tag da; wenn ich je einmal ausgehe,
so geschieht das zwischen zwlf und ein Uhr nach meinem Mittagessen.
    Balkengasse Nummer vierzig, sprach der Maler mit leiser Stimme, whrend er
eifrig fortzeichnete. Ich will mir's gewi merken.
    Unterdessen war Herr Beil an den Pult getreten, und whrend er that, als
betrachte er sich die Zeichnung, welche Arthur auf das Blatt Papier hinwarf,
schob er diesem unbemerkt ein kleines Zettelchen zwischen die Finger, worauf die
Worte standen: Erkundigen Sie sich unbefangen nach dem Honorar, was fr eine
Uebersetzung bezahlt wird.
    Herr Staiger hatte bereits den Drcker der Thre in der Hand und wollte sich
entfernen.
    Apropos! sagte Arthur ganz gleichgltig, das Uebersetzen mu doch
eigentlich ein gutes Geschft sein. Man braucht keine Vorstudien zu machen, man
schreibt eigentlich nur ab, man bezahlt gute Honorare; es mu doch etwas dabei
zu verdienen sein. Nicht wahr, Herr Staiger?
    O gewi, wenn man fleiig ist, entgegnete statt des Gefragten der
Buchhndler, wenn es Einem rasch von der Hand geht.
    Wre es indiscret von mir, fuhr der Maler fort, wenn ich Sie fragte, wie
viel zum Beispiel fr einen solchen gedruckten Bogen dieser Onkel Tom's Htte
bezahlt wird?
    Diese Frage mute allerdings an gegenwrtigem Orte sehr indiscret
erscheinen, denn Herr Blaffer zog seine Augenbrauen finster zusammen, Herr
Staiger blickte zur Erde, und whrend Herr Beil eine ungemein freundliche
Grimasse zog, sperrte der blonde Lehrling seinen Mund vor Verwunderung und
Freude weit auf.
    Das ist eigentlich schwer zu sagen, nahm der Buchhndler nach einer
lngeren Pause das Wort; ich bemerkte schon, wer fleiig ist, wem's von der
Hand geht, der kann es schon zu was bringen.
    Da wre also die erste Frage, fuhr der Maler unerschtterlich fort,
whrend er die Gesichtszge des Principals in einer erschreckenden hnlichkeit
auf das Papier feststellte, wie lange schreibt man an so einem Druckbogen? -
Nun, Herr Staiger, Sie sind doch gewi ein recht fleiiger Mann, was bringen Sie
also an einem Tage vor sich?
    Der Gefragte wute nicht recht, ob und was fr eine Antwort er geben sollte.
Er blickte auf den Buchhndler, der ein Lineal heftig zwischen den Fingern
drehte, dann sah er den Herrn Beil an, der ihm auf eine so heftige und
eindringliche Art zunickte, da er sich eines kleinen Lchelns nicht erwehren
konnte.
    Nun? fragte der Maler.
    Ja - a, ja - a - a, es ist eigentlich so, wie Herr Blaffer sagt, meinte
der alte Mann, wenn man viel arbeitet, so kann man Etwas verdienen; ich zum
Beispiel -
    Aber was kann Sie das interessiren! warf der Buchhndler dazwischen.
Kommen Sie einen Augenblick in meine Wohnstube, wir wollen unsere Conditionen
wegen der Zeichnungen festsetzen, und dann will ich Ihnen auch wohl gern Einiges
ber die Uebersetzungsgeschichten sagen.
    Lassen Sie doch den Herrn Staiger sprechen, entgegnete Arthur
gleichgltig. Gott! mein verehrter Herr Blaffer, wir kennen ja einander. Wenn
Sie zu Papa auf die Kasse kommen, so wei ich, da man Sie dort gern ber alles
Mgliche belehrt. - Dies war eigentlich ein Stich auf den Buchhndler, denn
wenn er Geldgeschfte hatte, Wechsel umsetzte, oder fremde Papiere einhandelte,
so studirte Niemand genauer die Kurszettel als der Herr Blaffer, der oftmals
unbescheiden genug gewesen war, wegen einiger Gulden die Einsicht in
Correspondenzen zu verlangen.
    Nun also -?
    Gewhnlich stehe ich des Morgens um vier Uhr auf, sagte der alte Mann,
mache mir ein kleines Feuer an, rcke meinen Tisch an den Ofen, und wenn meine
Finger, die whrend der ebengenannten huslichen Geschfte etwas einfrieren,
wieder warm geworden sind, so nehme ich meine Feder und fange an zu arbeiten.
Allemal aber habe ich schon eine Stunde vorher in meinem Bette einige Kapitel
durchlesen mssen, damit mir die Arbeit nicht ganz fremd ist. So arbeite ich
fort bis um sieben Uhr, wo die Kinder aufstehen und - nach ihrem Frhstck
verlangen. - Dies sagte Herr Staiger mit einem trben Lcheln. - Darum habe
ich mich aber nichts zu bekmmern, fuhr er fort, denn meine lteste Tochter
Clara sorgt dafr, wehalb es mir auch keine Zeit wegnimmt. Diese fnf Stunden
nun, von Vier bis Neun, sind mir aber die kostbarsten, denn da Clara um neun Uhr
fortgeht, so befinde ich mich von der Zeit an mit den kleinen Kindern allein und
werde alle Augenblicke von ihnen gestrt, besonders von meinem Buben, der noch
nicht in die Schule geht. Bald mu ich ihn vom Fenster wegholen, bald ihm irgend
ein Spielzeug machen, damit er ruhig sitzt, und wenn es eilf Uhr geworden ist,
so mu ich auch sehen, da das Feuer wieder besser brennt, damit Clara, welche
um Mittag kommt, in sehr kurzer Zeit unser Essen fertig bringt. Von Zwlf bis
Eins nun ist meine Erholung; nach dieser Zeit fange ich wieder an zu arbeiten,
und schreibe dann so fort bis neun, zehn, auch Wohl eilf Uhr.
    Und was haben Sie dann vor sich gebracht, fragte eifrig der Maler, in der
Zeit eines solchen langen Tages?
    Wenn es mir gut von der Hand geht, einen ganzen Bogen, antwortete Herr
Staiger. Wissen Sie, mein lieber Herr, sechszehn enggedruckte Seiten, wie das
hier ist keine Kleinigkeit.
    Das kann ich mir denken, sagte Arthur seufzend. Gott! wenn ich mir das
vorstelle, unsereins, so an Luft und Freiheit gewhnt, sollte so hinsitzen ber
das Papier gebeugt, Stunde um Stunde arbeiten, mit dem Geiste und mit der Hand,
immer in zwei Sprachen denken; ah! ich bin berzeugt, ich meines Theils wrfe
die Feder nach der ersten Stunde weg! - Nun aber haben Sie einen ganzen Bogen
beendigt. Jetzt hoffe ich doch, Sie wissen warum? Sie werden nun doch ein
Anstndiges verdient haben, so da Sie zum Beispiel nach dreitgiger
angestrengter Arbeit in der Woche die brige Zeit Ihrer Erholung widmen knnen
oder etwas zurcklegen fr Ihre Kinder.
    Dem Herrn Blaffer war diese Unterredung offenbar peinlich und unangenehm; er
rckte mimuthig hin und her, er schnappte nach rechts und nach links, er zog an
seiner ohnedies sehr langen Nase, und sagte endlich, indem er es, aber nicht
ganz logisch, versuchte, ein anderes Thema anzuschlagen: O, was wollen Sie,
bester Freund! arbeiten mu ein Jeder, ich, Sie, der groe Theil der Menschen,
die da leben, und wenn auch Manche von uns angestrengter arbeiten, als die
anderen schaffen mssen, so leben sie dafr in einem wohlgeordneten civilisirten
Staate, der ihr Eigenthum schtzt, ihren Herd, Weib und Kind beschirmt vor roher
Gewalt. - Das mu man einsehen; man mu mit seinem Schicksal zufrieden sein, man
mu bedenken, wie viele Tausende von Menschen viel schlimmer daran sind als wir,
wie Unzhlige in einer Sklaverei leben, gegen deren Leiden unsere Mhe und Noth
wahrhaftes Labsal zu nennen ist, - wahrhaftig, aus dem Gesichtspunkte kann man
dies vortreffliche Buch der amerikanischen Dame nicht genugsam preisen und
loben. Freilich, materielle Entbehrungen haben jene unglcklichen Sklaven im
Allgemeinen nicht zu ertragen; sie wohnen gut, sie essen und trinken nicht
schlecht, sie sollen sich auch, wie aufmerksame Beobachter versichern, bei der
Arbeit nicht bermig anstrengen, und berhaupt nur da arbeiten, wo sie durch
Drohungen hiezu angehalten werden - eine Erscheinung, die aber rein aus ihrem
geknechteten Zustand herzuleiten ist. Sie drfen Sonn- und Festtage halten, sie
haben freilich ihre Tanz- und anderen Vergngungen; der grte Theil der Herren
pflegt seine Sklaven, wenn sie krank werden, hlt meistens einen eigenen Arzt
hiezu auf seiner Pflanzung, fttert sie aus der Vorrathskammer, wenn zufllig
einmal Miwachs eintritt; - und gerade in dieser guten Behandlung liegt das
Emprende. Denn glauben Sie nicht, da der Pflanzer mit seinen Sklaven aus
Mitleid so umgeht! Nein, er thut es nur, weil sie ihm als bloe Waare gelten; er
nhrt, kleidet, pflegt sie, sorgt auch, wie gesagt, fr ihr Vergngen, aber er
thut das nur, um sie, als Waare betrachtet, nicht unter ihren Werth herab zu
bringen.
    Aber er thut es, versetzte ruhig Herr Beil, und da er es nun einmal thut,
sind die Schwarzen jenseits des Oceans wahrhaftig nicht so schlimm daran, wie
ihre weien Brder diesseits.
    Das ist ihr materielles Wohl, das thierische, gemeine Leben. Sehen wir aber
die andere, die Schattenseite dieses Bildes, wie sie uns die geistreiche
Amerikanerin in diesen vortrefflichen Heften schildert.
    Bei Johann Christian Blaffer und Compagnie, murmelte der Commis. Halten
Sie geflligst Ihr Maul, Herr Beil, entgegnete der Buchhndler-Principal, der
fr sein Buch die Lanze eingelegt hatte, und nun, ein zweiter Don Quixote, gegen
etwelche Windmhlen loszurennen im Begriff war. - Also die andere Seite, die
eigentliche Knechtschaft! Man achtet nicht das Heiligste, was der Mensch
besitzt, die Familienbande; man reit sie gewaltsam aus einander, damit der
Vater hier untergehe in Noth und Jammer, die Mutter dort, die Kinder verkmmern
unter der Peitsche ihrer Peiniger.
    Das kommt auch bei uns vor, sagte gedankenvoll der alte Mann, nur da es
nicht gerade ffentlich geschieht auf dem Sklavenmarkt unter dem Hammer des
Auctionrs, aber dafr desto mehr im Geheimen. Auch sind es nicht wohlbeleibte
Pflanzer, die hier so die Familien zerreien und Mutter von Kind trennen,
sondern viel schlimmere Gebieter: Hunger, Noth und Laster aller Art, und ich
mchte in der That wissen, ob jene schwarze Mutter, deren Kind man verkauft, das
also den Herrn wechselt, ohne aber dehalb schlechter gehalten zu werden,
schlimmer daran ist, als eine weie, die gezwungen ist, ihr Kind zum Vetteln
herzugeben, und die sehen mu, wie es siech und elend wird, langsam dahin stirbt
oder sich durchreit, um spter jedem Laster in die Hnde zu fallen.
    Auch kauft man bei uns Kinder genug, sagte gleichmthig Herr Beil,
namentlich Kinder weiblichen Geschlechts, wenn sie ber sechszehn Jahre alt
sind.
    Der Blick des Principals, welchen er fr diese Bemerkung seinem Commis
zuschleuderte, war ein entsetzlicher Blick, und die Bewegung, die er
hervorgerufen, brachte den wrdigen Buchhndler ganz aus seinem Vortrag heraus.
Er fuhr mit der Hand ber die Stirne, schnappte nach Luft und bemerkte nach
einem augenblicklichen Stillschweigen mit erzwungenem Lcheln: Es ist
eigentlich sonderbar, wie so ein gewaltiger Stoff einem die Nerven aufregt.
    Ja, ja, erwiderte Arthur, der unterdessen die Gestalt des Buchhndlers,
den er als Sklavenhndler skizzirt, mit ein paar Strichen vollendete, wir sind
dadurch ganz von unserem Thema abgekommen.
    O es ist nicht der Mhe werth, meinte Herr Blaffer.
    Worauf der Commis halblaut sagte: Es ist freilich nicht der Mhe werth, das
Honorar nmlich; - aber er mu es Ihnen aussprechen; dringen Sie nur darauf.
    Nun, Herr Staiger, fuhr der Maler fort, was bringt Ihnen so ein
mhevolles Tagewerk? Was verdienen Sie bei der Uebersetzung eines Bogens?
    Das Honorar ist ein Gulden und dreiig Kreuzer, sagte der alte Mann.
    Welche Worte Arthur mit einem Tone wiederholte, als habe er nicht recht
gehrt. - Ein Gulden und dreiig Kreuzer fr vierzehnstndige mhevolle Arbeit
des Geistes und des Krpers! Ein Gulden dreiig Kreuzer, die Ihnen nur so lange
bezahlt werden, bis Ihr Verstand die Marter nicht mehr ertrgt, Tage, Wochen
lang die Punkte und Striche hinzumalen, die man Buchstaben nennt! Die Sie sogar
nicht erhalten, wenn es Ihnen einmal nicht gelingt, einen Tag Ihrer
Frohnarbeiten zu vollenden, die Sie an Sonn- und Festtagen nicht haben, wenn Sie
auch diese Tage, die doch zur Ruhe bestimmt sind, nicht ebenfalls mit Ihrer
schweren, schweren Arbeit ausfllen!
    Aber, mein lieber Herr, entgegnete der alte Mann mit einem sanften Tone,
ich theile da das Schicksal von Tausenden und aber Tausenden meiner
Mitmenschen, von allen Denen, die um Taglohn arbeiten, und bin am Ende weit
besser daran als diese. Mich hindert doch keine Witterung an meiner Arbeit, ich
kann an meinem Schreibtisch sitzen, mag die Sonne scheinen oder mag es regnen
oder schneien.
    Ja, das ist wahr, versetzte der Maler; was das anbelangt, leben Millionen
unserer Arbeiter in traurigeren Verhltnissen als Sie, verehrtester Herr, aber
auch als jene Schwarzen, deren Jammer uns so nachdrcklich vor Augen gefhrt
wird, den Sie bersetzen, den ich illustrire. Mag ihnen dort die Sonne scheinen
oder mag Sturm und Regen den Himmel verfinstern, das ist jenen Sklaven
gleichgltig: ihr Herr sorgt fr sie und ihre Kinder, und ihnen ist es ganz
recht, wenn sie wochenlang im angenehmen Nichtsthun vor ihren Htten sitzen
knnen; ihnen schmilzt nicht jeder fallende Regentropfen das Brod im Schranke
wie unserem Taglhner. - Ah! es wren wahrhaftig fr unsere deutschen Leser
keine Uebersetzungen und keine Illustrationen nothwendig; sie sollten nur
verstehen, auf Strae und Feld zu lesen und zu schauen; aber das Elend, das wir
tglich vor uns erblicken, hat fr die empfindsamen Leser und Leserinnen jenes
Romans nicht das Pikante, das Appetitliche, nicht das wollstig die Nerven
Kitzelnde, wie die Geschichte der jungen schnen Mulattin, die von ihrem Herrn
verfolgt wird und bereit ist, eher ihr Leben herzugeben als ihre Ehre. - Ah! das
liest sich vortrefflich und sieht sich auerordentlich schn an. Aber wie schon
gesagt, um auch das lebendiger und wahrer zu haben, dazu braucht man nicht nach
Onkel Tom's Htte zu gehen; das haben wir Alles bei uns ebenso schn in der
lieben Heimath.
    Sehr wahr, meinte Herr Beil, wobei er es nicht unterlassen konnte, einen
festen Blick auf seinen Principal zu werfen, der unterdessen von seinem Stuhl
herabgerutscht war, und nun der ernsten Conversation durch ein ziemlich
mitniges Lachen eine heitere Wendung zu geben versuchte.
    Eigentlich haben Sie mit Ihrem Lachen Recht, Herr Blaffer, fuhr Arthur
fort. Warum auch trbselige Gedanken! Kurz ist das Leben, treten wir so viel
wie mglich auf die Sommerseite desselben, und wenn wir ja einmal durch schwarze
Schatten hindurch mssen, nun, so wollen wir uns bemhen, auch daraus etwas zu
lernen. - Jetzt ersuche ich Sie aber, einen Augenblick mit in's Nebenzimmer zu
kommen, ich will Ihnen da in der Geschwindigkeit meine Bedingungen wegen der
Illustrationen mittheilen. - Herr Staiger, wandte er sich an diesen, Sie bitte
ich, noch einen Augenblick zu bleiben; wir gehen zusammen fort, wenn es Ihnen
recht ist.
    Was nun der Knstler im Nebenzimmer mit dem Buchhndler verkehrte, halten
wir nicht fr unsere Pflicht, dem geneigten Leser genau anzugeben: nur das
Resultat der Unterredung soll er erfahren, weil es fr den alten Mann drauen
ein angenehmes war. Der Buchhndler nmlich, als er in's Comptoir zurck kam,
schritt mit einem gerade nicht zu sauren Gesichte gegen seinen Pult, ffnete die
Kasse und hndigte dem berraschten Herrn Staiger den gewnschten Vorschu von
vier Gulden ein, wobei er lchelnd sagte: Sehen Sie, mein Verehrtester, ich
mache mir eigentlich ein Vergngen daraus, Ihren Wunsch zu erfllen: es ist nur
meine Gewohnheit, jede Sache reiflich vorher zu berlegen. Wahrhaftig, ich bin
nicht unerkenntlich fr Ihre an sich gar nicht so schlechte Uebersetzung, und
sowie sich die Zahl der Abnehmer unseres Romans auf zweitausend steigert, mache
ich es mir zur Pflicht, Ihr Honorar auf drei Gulden zu erhhen, ja, sobald sich
die Abnehmer vermehren, was voraussichtlich in den nchsten Monaten geschehen
kann - - wollte sagen in den nchsten Wochen, verbesserte sich Herr Blaffer,
denn er fing einen bedeutsamen Blick des Malers auf, ja vielleicht mit dem
nchsten Posttage; wir wollen sehen, wir wollen sehen!
    Herr Blaffer hatte durch all' das Vorgegangene einen anstrengenden Morgen
gehabt, und als sich nun der alte Mann mit Arthur unter vielen Danksagungen
entfernt, zog der Principal einen dicken Paletot an, verschlo seinen Pult
sorgfltig, nahm Hut und Stock und entfernte sich, um, wie er sagte, noch einen
wichtigen Geschftsgang zu machen. Dergleichen wichtigen Geschftsgnge kamen
brigens um die Essensstunde einige Mal in der Woche vor; Herr Blaffer war
nmlich Junggeselle, also lie er nicht die zarte Hlfte seines Ich's zu Hause
zurck und konnte sich beruhigt in das Wirthshaus begeben, um dort etwas
Besseres zu verzehren, als dem Herrn Beil, der ebenfalls im Hause bekstigt
wurde, und dem Lehrling vorgesetzt zu werden pflegte.
    Der Buchhndler verlie also sein Haus, und der blasse Lehrling, der bis
jetzt Bcher eingepackt, eilte an ein Fenster, das auf die Strae ging, und
wartete da, bis der Principal um die nchste Ecke verschwunden war.
    Herr Beil hatte sich wieder auf seinen Comptoirstuhl gesetzt und nahm mit
triumphirendem Lachen das Blatt in die Hand, welches Arthur zurckgelassen.
Sehen Sie, rief er seinem schmchtigen Untergebenen zu, da steht er, wie er
leibt und lebt, der Sklavenhndler Blaffer, und auch wir sind nicht vergessen,
mich hat er auf Ehre als Onkel Tom dahin conterfeit, und da unten das miserable
Ding mit den auffallend gekrmmten Schienbeinen und dem verwahrlosten Kopfe
gleicht Ihnen wie ein faules Ei dem andern.
    Der Lehrling schien aber keine besondere Lust zu haben, auf diese Spsse
einzugehen. Er setzte sich auf die Kiste hinter der Thre, lie den Kopf
melancholisch auf die Brust sinken und stie einen tiefen Seufzer aus.
    Nun, sagte Herr Beil, indem er ber den Bogen Papier hinweg sah, wo
fehlt's Ihnen, junger Buchhndler? Sehen Sie nicht wahrhaftig aus wie unser
wrdiger Chef, wenn er einen Retourzettel erhlt, auf dem geschrieben steht:
Wird nur gegen Baar expedirt. - - Hat Sie die Unterredung von heute Morgen
angegriffen?
    Der Lehrling schttelte betrbt den Kopf.
    Oder ist Ihr Hunger strker als gewhnlich? - Auch das nicht? - Nun, dann
wei ich nicht, was Ihnen fehlt. Bitte, sprechen Sie sich deutlicher aus,
theuerster Anton!
    Sie wissen wohl, da ich nicht Anton, sondern August heie, entgegnete
betrbt der Lehrling. - Haben Sie den Herrn Erichsen gesehen?
    Sonderbare Frage! meinte Herr Beil, indem er den Bogen Papier weit von
sich abhielt, um den Totaleindruck der Zeichnung besser zu genieen.
    Ach! ist das nicht ein angenehmer junger Mann! fuhr August fort, so
elegant gekleidet, feine helle Handschuhe, so ein schnes und freies Benehmen,
und hat was gelernt. Wenn ich dagegen unsereins ansehe -
    Unsereins! entgegnete der Commis scheinbar entrstet, indem er die eine
Spitze seines gewaltigen Schnurrbarts in die Hhe drehte. - Unsereins! Nun ich
denke, meine Reprsentation ist auch nicht ganz Ohne, und wenn Sie fleiig
Brochuren verpacken, pnktlich Ihre Pakete austragen, und wenn dann einstens
Herr Blaffer stirbt und Sie zum Erben einsetzt, so knnen Sie auch gute Paletots
tragen und seine Handschuhe.
    Ach, machen Sie doch nicht immer Ihre Spsse, mit denen es Ihnen doch nicht
Ernst ist!
    Das ist mein blutiger Ernst, Sie junger Wortklauber; ich halte was auf
mich, und wenn ich einmal zuflliger Weise in die rechte Carrire hinein
gerathe, so sollen Sie ihr blaues Wunder sehen. - Der Buchhandel, setzte er mit
anderem Tone hinzu, ist freilich auch nicht das, was mir in meinen sen
Trumen vorschwebt.
    Ach, Herr Beil, fuhr der Lehrling fort, ohne seinen Blick vom Boden zu
erheben, htte man mich nur was Rechtes lernen lassen, glauben Sie mir, ich
habe den Kopf dazu. Wollte ich doch auch ein Zeichner und Maler werden, und als
ich noch in die Schule ging, da sagten die Lehrer, ich htte ein schnes Talent
und es knnte auch einmal etwas Gutes aus mir werden.
    Immer die alte Jeremiade! antwortete Herr Beil, indem er das Papier sinken
lie und den Lehrling nicht ohne Interesse betrachtete. - Sie sind aber ein
junges Ungeheuer, fuhr er nach einer Weile im frheren Tone fort; lehrt Sie
der Herr Blaffer nicht tglich und stndlich etwas Gutes und Neues, Sie und Ihre
Schwester Maria?
    Ich kann eigentlich nicht verlangen, da er mich htte sollen viel lernen
lassen, entgegnete der Andere, aber so ein paar Privatstunden htte ich wohl
noch haben sollen.
    Wie nahe ist Ihnen der Herr Blaffer verwandt? fragte nachdenkend der
Commis, der die vorige Rede berhrt zu haben schien.
    Eine eigentliche Verwandtschaft existirt gar nicht zwischen uns, nur war er
mit meinem Vater sehr befreundet.
    Und als Ihre Mutter starb, hatte unser ehrbedrftiger Principal, den Gott
erhalten mge, diverse Forderungen an sie zu machen. Sie aber hatten keine
lebende Seele, wehalb Sie in's Blaffer'sche Haus kamen!
    Mit meiner Schwester Marie.
    Und Ihrem Vermgen, was schon lange darauf gegangen sein soll fr Ihren
Lebensunterhalt. - So sagt man nmlich, und damit ihr Beide auch als ntzliche
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft heran gebildet wrdet, avancirten Sie
zum zehnjhrigen Lehrling, und sie - Maria nmlich - versieht die Stelle unseres
Dienstmdchens. - Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit einer merkwrdigen
Weichheit, whrend er nachdenkend an die Ecke des Zimmers blickte. - Einige
Augenblicke darauf aber kehrte er wie gewaltsam zu seinem frheren Humor zurck,
indem er laut lachend nochmals auf die Zeichnung schaute, sie alsdann zusammen
faltete und in die Tasche steckte. Meiner Seel'! sagte er, es ist zwlf Uhr
vorber, jetzt will ich einmal Hausinspection halten und nach Kche und Kchin
sehen.
    Ehe Herr Beil hierauf das Comptoir verlie, zog er einen bessern Rock an,
der hinter der Thre hing, brachte Haar und Bart in Ordnung und ging in's
Nebenzimmer, von wo man unterdessen Tellergeklapper vernahm.
    Hier befand sich die Schwester des Lehrlings, welche wir dem Leser mit
einigen Worten vorzustellen uns veranlat sehen. Es ist das ein junges Mdchen
von vielleicht achtzehn Jahren, von feiner Gestalt, kleinen Hnden und Fen,
einem runden, frischen Gesicht, welches dunkelblondes Haar umgibt, kurz von
einem Aeueren, das eigentlich gar nicht zu der groben Kleidung pat, die es
bedeckt. Noch weniger harmonirt damit ihr eleganter, schlanker Oberkrper, der
an der Taille zu umspannen ist, und der gegen oben zu einer wahrhaft
bewunderungswrdigen Breite und Flle aus einander geht. Wenn man die Schwester
neben dem Bruder, dem Lehrling nmlich, sah, so htte man ihrem Wesen nach
glauben knnen, er sei das Mdchen und sie der Knabe. August war zrtlich,
erschrocken, mit weichem, biegsamen Gemth, sie dagegen keck, lustig, ja trotzig
und widerstrebend.
    Herr Blaffer hatte mit dem Mdchen eine gar eigenthmliche Erziehungs- und
Behandlungsweise eingeschlagen, welche brigens nicht dazu beitrug, ihren
Charakter weicher zu machen. Bald schien er in ihr die Tochter eines Freundes zu
sehen, und redete ihr lieblich, ja schmeichelnd zu, ja auffallend schmeichelnd,
wie Herr Beil behauptete; bald aber behandelte er sie mit der grten Hrte,
lie sie alle niedrigen Dienste verrichten und strafte sie unnachsichtlich fr
die kleinsten Vergehungen. Er behauptete, sie habe ein etwas leichtsinniges
Temperament und ein sehr undankbares Gemth, was sie namentlich darin bewies,
da sie die Freundlichkeit, mit der sie meistens die Mnner behandelte, die mit
ihr in einige Berhrung kamen, durchaus nicht auf ihren Umgang mit ihrem Herrn
und Meister ausdehnen wollte; sie war eine widerspenstige Sklavin, wie sich der
Buchhndler schon hatte vernehmen lassen, wenn er nmlich nicht daran gedacht,
da sich Herr Beil in seiner Gehrweite befand. Der Commis aber befand sich oft
in dieser Gehrweite, ohne da es der Principal wute, und wir knnen dieses an
sich tadelnswerthe Betragen nur dadurch entschuldigen, da sich Herr Beil auf's
Heftigste in das Mdchen verliebt hatte und in bestndiger Angst lebte, die
Zwistigkeiten zwischen Herr und Dienerin, die oftmals ausbrachen, knnten einmal
fr das Mdchen auf sehr unangenehme Art endigen.
    Das mute schon wahr sein, Maria gab sich hufig nicht einmal die Mhe, ihre
Scheu, ja ihren Widerwillen vor ihrem Herrn zu verbergen, namentlich in jenen
Tagen nicht, wo er es versuchte, sie durch Liebe und Sanftmuth zu erziehen. Dann
war ihre Laune unertrglich, wogegen sie ordentlich aufzuleben schien, und sich
auf ihrem schnen Gesichte Frohsinn und Heiterkeit abspiegelte, wenn sie
Scheltworte und die schlechteste Behandlung mit oder ohne Veranlassung zu
ertragen hatte.
    Seit einigen Tagen war in dem Hause vollkommen ruhiges Wetter gewesen, ja
Herr Blaffer hatte sich auffallend sanft benommen und sogar einmal die Aeuerung
gethan, er sehe ein, das passe sich eigentlich nicht, da Maria in seinem Hause
alle die niedrigen Dienste versehe, und er finde es angemessen, nchstens ein
wirkliches Dienstmdchen anzustellen. Diese Aeuerung hatte dem Herrn Beil einen
Stich in's Herz gegeben, und er setzte seine Beobachtungen um so eifriger und
genauer fort, als Maria ihm sichtlich auswich, oft in tiefen Gedanken vor sich
hinstarrte und sich durch keinen lustigen Einfall aufheitern lie.
    Obgleich der Commis, wie schon gesagt, das Mdchen liebte, so sind wir doch
durchaus nicht berechtigt, an eine Gegenliebe zu glauben. Sie benahm sich gegen
ihn nicht freundlicher und zuvorkommender als gegen jeden Anderen, und Herr Beil
warf whrend vieler schlimmen Stunden in seinem Kopfe die schreckliche
Vermuthung umher, irgend ein unternehmender junger Mann habe sich vielleicht in
ihr Herz geschlichen und mache es unempfnglich fr all' die Beweise von
Zuneigung und Liebe, die er ihr schon gegeben.
    Unterdessen hatte sie den Tisch gedeckt, das mehr als bescheidene Essen
aufgetragen, und die Drei setzten sich dazu hin, ziemlich stumm und einsylbig;
der Lehrling lie den Kopf hngen, der Commis hatte keine guten Einflle, und
wenn er einen hchstens halbwegs ordentlich zu Tage brachte, so hatte dieser nur
die Wirkung, da das Mdchen, das, ohne einen Bissen anzurhren, auf ihren
Teller hinstarrte, erschrocken in die Hhe fuhr und mit einem sehr erknstelten
Lcheln um sich schaute.

                              Vierzehntes Kapitel.



                               Husliche Scenen.

Auf dem Kirchhofe der Stadt, den wir in einem der vorigen Kapitel verlieen,
fanden, wie der geneigte Leser bereits wei, an jenem Morgen zwei Begrbnisse
Statt. Das erste, das vornehmere, war das einer sehr alten und sehr adeligen
Stiftsdame, die es ihren nun lachenden Erben recht sauer gemacht hatte. Es war
eins von jenen krnklichen Wesen, von denen man achselzuckend spricht: und sie
lebt immer noch? - eine Frage, die aber Jahrzehnte und Jahrzehnte mit einem
Ja! beantwortet wird. Endlich aber hatte der unerbittliche Tod das hochadelige
Wappen nicht lnger geachtet und der alten Dame zum letzten Reigen die Hand
gereicht, was ihr gerade in diesem Augenblicke sehr unangenehm und unerwartet
kam, denn es kreuzte einige Entwrfe, die sie nchstens auszufhren beschlossen
hatte. Aber da wir Alle des Todes allerleibeigenste Sklaven sind, so gengte,
wie schon gesagt, ein Wink von diesem Tyrannen, und sie, die gestern noch in dem
Hofcercle so auerordentlich recherchirt war, und so angenehm mit den hohen und
hchsten Herrschaften geplaudert hatte, lie nun Fcher und Blumen pltzlich den
steifen Fingern entgleiten und streckte sich lang aus, jenen gewissen
eigenthmlichen Zug im Gesichte, den alle glcklichen, zufriedenen Menschen, wie
zum Beispiel ihre gestrige Gesellschaft, nicht ohne einen unerklrlichen
Schauder anzusehen vermgen.
    Die Stiftsdame war sehr vornehm und sehr stolz gewesen; doch hatte sie sich
in allen Stnden der Gesellschaft einen freundlichen Namen erworben, denn sie
gab den Armen und sonstigen Hilfsbedrftigen nicht ungern, namentlich aber da,
wo die ffentlichen Bltter ihre Gabe, Gre und Zweck derselben, in mehreren
dankerfllten Zeilen dem allgemeinen Publikum tiefgehorsamst ersterbend
hinstammelten.
    Sie war zur selben Stunde gestorben, wie das kleine Schwesterchen der
Tnzerin, nchtlicher Weile, als noch tiefe Schatten ber Wald und Flur lagen.
Vielleicht hatten die beiden aufschwebenden Seelen einen und denselben Weg, und
zogen, nachdem alle Standesunterschiede abgestreift, Hand in Hand dahin. Sollte
aber auch sogar der Tod dieses Gleichheitsprinzip nicht durchzusetzen vermgen,
so knnten wir auch vielleicht annehmen, der arme kleine Engel sei gerade zur
rechten Zeit mit der alten Stiftsdame gestorben, um, hinter ihr drein gleitend,
die lange weie Schleppe zu tragen. Wenn sich aber zufllig ihre Wege theilten,
und die kleine unschuldige Seele, an Freuden und Erlebnissen leicht, lustig
aufwrts flatterte, whrend die andere, an Thaten und an Ehren reich, nicht im
Stande war, sich so weit empor zu schwingen, so blickte sie vielleicht zum
ersten Male sehnschtig nach dem armen Kinde und sprach ein leises Gebet, es
mge droben ein stilles Frwort fr sie einlegen, oder es mge die kleinen
Hndchen niederstrecken und sie mit sich empor ziehen.
    Das sind brigens Ansichten und Phantasieen, und das Wahre all der Sache
ist, da das Kind, wie wir bereits wissen, in einem Winkel beerdigt wurde,
whrend der Leichenconduct der Stiftsdame sich ber den schnsten Theil des
Kirchhofes verbreitete, und dort bei der Begierde, die vortreffliche Rede zu
hren, von manchem stillen, bescheidenen Grab Immergrn und Epheu schonungslos
niedertrat.
    Der Zug war in jeder Hinsicht imposant zu nennen. Da waren alle Schichten
der Gesellschaft vertreten, da fuhren glnzende Wagen in der kniglichen Livree,
denen der Prinzen, der hohen Wrdetrger bei Hof, der Minister, des niederen
Adels, der reichen Brgerschaft, der Beamtenwelt, kurz, wer eine Equipage hatte,
die sich anstndiger Weise hinter die lange Reihe anschlieen konnte. Da saen
die Kutscher der hchsten Herrschaften gravittisch auf ihrer Bockdecke, die
Peitsche hoch, das wettergebrunte Gesicht und die rothen Nasen mit einem
leichten knstlichen Anflug von Schwermuth schattirt; da kamen ihre minder
vornehmen Collegen mit minder vornehmer Haltung, aber in ihren reichsten
Anzgen; ihnen folgten endlich die Kutscher der Anverwandten in der schwarzen
Trauerlivree, Florepaulettes auf den Schultern, ganz in schwarzes Tuch gekleidet
und mit ziemlich zerknirschter Miene. Da die meisten Wagen leer fuhren,
versteht sich von selbst; ihnen schlo sich erst eine unendliche Reihe Fugnger
aller Stnde an, wrdevoll einher schreitend, den Blick zu Boden, die eine Hand
vielleicht in die Brust des Paletots vergraben, und in leisem Gesprch,
natrlicher Weise handelnd von den Tugenden der Verblichenen. Wenn man aber auch
ber andere Dinge sprach, so gab man sich doch das Ansehen, als sei man mit Leib
und Seele bei dem traurigen Geschfte, und es wurde vielleicht ber einen
Proce, ein Avancement, ber die Fnfprocentigen oder die Preise von Baumwolle
und Kse nur mit hoch emporgezogenen Augenbrauen gesprochen, begleitet von
ernstem, wrdigem Kopfnicken und salbungsvoll herabhngender Unterlippe.
    Die Gefhle der meisten Leidtragenden, wenn sie nicht gerade den nchsten
Verwandten angehren, treten in ihren Contrasten whrend des Hin- und Herweges
am schrfsten bei einem militrischen Begrbnisse hervor. Wie dumpf und
schauerlich wirbeln die Trommeln, wie klagen die Hrner in einzelnen
schwermthigen Accorden auf dem Hinwege, wie abgemessen und langsam ist der
Schritt der Colonne, die mit dem Kameraden geht, und wie ernst und dster die
Haltung, mit der sie um das Grab stehen, bis es zugeschaufelt ist. Sobald dies
aber geschehen, hebt der kleine Tambour seine Trommel in die Hhe, schraubt das
Kalbfell schraffer und spuckt auch gelegentlich und verstohlen in die Hnde, um
seine Schlegel recht behend und flink rhren zu knnen, denn kaum haben sie dem
Kirchhof den Rcken gekehrt, so schwingt der Tambour-Major schon mit einer ganz
anderen Miene seinen Stock, und die Trommeln, auf denen es vorhin klang: drum -
drrum - drrrrrum - drrum - drum - drrrrum! schallen jetzt Rataplan - rataplan -
rataplan - plan - plan, und darauf fllt die Musik ein, aber lustig, heiter und
schmetternd; der Choral ist vergessen und irgend ein klingender Marsch fhrt die
Truppen, nun um einen stillen Mann weniger, nach der Kaserne zurck.
    Bei brgerlichen Begrbnissen ist das, wenn auch mit weniger Gerusch und
weniger auffallend, die gleiche Geschichte. Die wrdigen Kutscher wenden ihre
Wagen nach der Ceremonie um und suchen einer an dem andern vorbei in vollem
Trabe nach Hause zu kommen, wobei es denn nicht selten eine Bemerkung, ein Wort
setzt, das durchaus nicht passen will zu der ernsten Haltung von so eben. Von
den Fugngern sind manche drauen vor dem Thore geblieben, denn der Nasen ist
feucht, Erkltungen in dieser Jahreszeit sehr gefhrlich, und der Anblick der
stillen Hgel mahnt auf so unangenehme Art an die Vergnglichkeit alles
Irdischen. Was nun aber, erbaut von der Predigt, wieder heraus kommt, lst sich
in einzelne Gruppen auf und geht plaudernd, guter Dinge, auch wohl lachend nach
Hause; Mancher schlgt fr sich sein Rataplan und denkt: es ist gut, da ich
diesmal noch zu den Begleitern gehre.
    Unter den Haufen, die sich an diesem Morgen nun nach allen Seiten hin
zerstreuen, bemerken wir einen dicken Herrn, mit stattlichem, umfangreichem
Oberkrper, aber etwas gekrmmten Beinen, die wahrscheinlich der Last, die sie
Jahre lang tragen muten, am Ende erlagen, nachgaben und etwas Sichelfrmiges
annahmen. Der schon ziemlich alte Herr hat ein volles, wohlwollendes Gesicht und
gibt sich offenbar die Mhe, namentlich wenn er grt, sehr wrdevoll und
gravittisch auszusehen. Zu diesem Zweck zieht er alsdann seine Augenbrauen
finster zusammen, ist aber nicht im Stande, einen lachenden Zug um den
gutmthigen Mund zu vertilgen, wehalb sein Gesicht bei diesen Veranlassungen
meistens in einer lustigen Composition von Ernst und Scherz erscheint. Zu beiden
Seiten desselben gehen zwei junge Mnner von einigen dreiig Jahren, der Eine
blond, mit einem offenen, gutmthigen Gesicht, nachdenkenden Augen, in welchen
man hie und da Zerstreutheit liest, der Andere mit dunklem Haar und Backenbart,
mit einer Brille auf der Nase, hinter der sich ein paar stechende Augen
befinden.
    Ich sage euch, bemerkte der alte Herr, indem er ruhig eine Prise nahm,
die verstorbene Stiftsdame war eine respektable Frau. Was hat sie nicht Alles
den Armenanstalten unserer Stadt gethan, und wie herablassend war sie nicht
gegen Jeden, der mit ihr umging! - - Herablassend sage ich und wiederhole es;
sie, eine Baronesse von einem der besten Huser! Hat sie nicht meine Frau, so
oft sie uns besuchte, mit - mit - wie soll ich sagen? - ja, mit wahrer
Freundschaft behandelt!
    So oft sie zu uns kam! versetzte spttisch der Herr mit der Brille. Aber
welches waren die Veranlassungen zu diesen Besuchen?
    Nun, entgegnete der alte Herr, indem er die Hnde von sich streckte, die
Veranlassungen waren die edelsten und besten; sie veranstaltete Sammlungen zur
Ausstattung armer Mdchen und zur Untersttzung hlfsbedrftiger alter -
    Schnappstrinker.
    Wa-s? fragte der alte Herr, der dies Wort nicht recht verstanden hatte. -
Und abgesehen von diesen Besuchen begegneten wir ihr nie am dritten Orte, ohne
da sie ein charmantes Lcheln, eine freundliche Begrung fr uns hatte.
    Und fr unsere Kasse, warf der Andere ein. Sonst aber lie sie uns, wie
ich es auch begreiflich finde, auf der Stufe stehen, zu der wir gehren, und
wenn sie auch gndiger Weise zu uns herabstieg, so konnten wir doch
verschlossene Thren finden, wenn wir es uns einfallen lieen, einmal eine
Treppe hher anzuklopfen.
    Der alte Herr zuckte die Achseln und sagte: Das finde ich ganz in der
Ordnung; streng geschiedener Rang und Stand ist durchaus nothwendig, und da das
auch in meinem Hause so gehalten wird, darein setze ich meinen Stolz.
    Namentlich Mama, sagte trumerisch der andere junge Mann mit dem blonden
Haar.
    Allerdings; deine Mutter ist von strengen Grundstzen, und das ist ein
Segen, der im ganzen Hauswesen sichtbar wird.
    Nur bei Einem dieses Hauswesens, bemerkte lachend der mit der Brille, ist
von diesem Segen nicht viel zu sehen. Arthur hat von den Grundstzen Mama's nie
viel profitirt.
    Arthur ist leider ein Knstler, entgegnete der alte Herr, und kommt
hiedurch in Kreise und Berhrungen, die freilich nicht besonders gut auf ihn
einwirken, aber -
    Lat doch die Geschichten gehen! meinte der mit dem blonden Haar. Ich
wei nicht, Alfons, da du nie mit deinen Neckereien und Sticheleien aufhren
kannst; wahrhaftig, das wird am Ende unertrglich, und du kannst keine Stunde
damit still sein. Ich mchte nicht deine Frau sein.
    Und ich nicht der Mann deiner Frau, entgegnete Alfons mit einem
unangenehmen Lcheln.
    Bei welchen Worten ber das Gesicht des andern jungen Mannes etwas wie ein
leichter Schmerz zuckte. Er bi sich auf die Lippen, reichte dem dicken Herrn
die Hand und sagte: Ich mu einen Augenblick nach Hause, komme aber spter.
Adieu Papa!
    Das Zwiegesprch der beiden jungen Leute war ziemlich leise gefhrt worden,
und der alte Herr, der einen Schritt voraus war, hatte es nicht so recht
verstanden. Er reichte dem Abschiednehmenden die Hand und rief ihm dann nach:
Vergi nicht zu Tische zu kommen, Eduard; du weit, Mama hat euch eingeladen.
    Darauf ging er mit dem Herrn, welcher die Brille trug und der sein
Schwiegersohn war, die gerade Strae hinab, der Andere dagegen, sein wirklicher
Sohn, bog links ein und schritt langsam einem groen Hause zu, in dessen erstem
Stock er wohnte.
    Es war, wie wir wissen, Winter, und ein ziemlich kalter und rauher Morgen.
Auf der Treppe des Hauses sa ein kleines Mdchen von vielleicht drei Jahren, in
einem eleganten feinwollenen Kleidchen, aber es sa auf dem kalten Steine und
seine Aermchen und Nacken waren ganz roth vor Klte.
    Der junge Mann trat erschrocken nher, hob das Kind auf und fragte: Was
thust du hier, Anna? Warum bist du nicht droben im warmen Zimmer? - Wer hat dich
so allein auf die Strae gelassen? - Ist Oscar droben oder wo ist er?
    Das kleine Mdchen, ein hbsches Kind mit klaren braunen Augen, lchelte
ber die hastigen Fragen des Papa's. Ich bin herunter gegangen, entgegnete es,
die Thre war offen, Oscar ist freilich auch mit gegangen, aber er ist um die
Ecke gelaufen, und will sich um einen Sechser Bindfaden kaufen.
    Und Mama ist oben?
    Ich glaube wohl, erwiderte das Kind gleichgltig, habe sie aber schon
lange nicht mehr gesehen.
    Der junge Mann bi die Zhne ber einander, nahm seine Tochter auf den Arm
und stieg hastig in den ersten Stock des Hauses, vor dem dies kleine
Zwiegesprch gefhrt wurde. Eine breite und hohe Glasthre, die von der Treppe
auf den Gang fhrte, stand offen; links befand sich Kche und Kinderzimmer, und
aus dem letzteren erscholl ein lautes und lustiges Lachen. Der Hausherr setzte
das Kind auf den Boden und schritt rasch auf die Thre zu, hinter welcher es so
frhlich zuging. Er ffnete sie heftig und sah, was er auch nicht anders
erwartet, seine smmtliche Dienerschaft, Kchin, Stubenmdchen und Kindsfrau in
heiterer Unterhaltung begriffen, whrend drauen die Thre offen stand und
whrend eines seiner lieben Kinder fast unangezogen in der Klte vor der
Hausthre sa, und das andere, ein Bbchen von vier Jahren, ohne Aufsicht in der
Nachbarschaft herum lief. Man htte es dem Vater nicht verdenken knnen, wenn er
in diesem Augenblicke seinen Spazierstock zu einem andern Zwecke benutzt htte;
doch bezwang er sich und fragte mit ernster und fester Stimme: Wo sind die
Kinder?
    In dem Augenblicke, wo der Hausherr erschien, hatte jede der drei dienenden
Damen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Geistesgegenwart irgend ein
Stck Arbeit ergriffen; die Kchin that, als habe sie sich ein Haushaltungsbuch
geholt, das Stubenmdchen fuhr mit der Schrze leicht ber den Tisch, und die
gewissenhafte Hterin der Kinder nahm etwas Wsche aus einem neben ihr stehenden
Korbe.
    Die Kinder waren im Augenblicke da, sagte die Letztere mit ziemlich
gleichgltigem Tone, sie werden im Salon oder Schlafzimmer sein.
    Sie werden sein! entgegnete heftig der junge Mann. Ist das auch eine
Antwort: sie werden sein? Sind Sie vielleicht dazu da, um mir so unbestimmte
Antwort ber das Ihnen Anvertraute zu geben?
    Die also Angesprochene zuckte die Achseln; die Kchin sah ihren Herrn mit
einem unfreundlichen Blick an, und das Stubenmdchen eilte nasermpfend hinweg,
und man hrte sie drauen auf dem Gange sagen: Es ist doch in dem Hause keine
Ruhe, jetzt haben wir schon wieder Aerger und Lrmen!
    Anna sa vor der Thre auf der kalten Treppe, sprach der Vater des kleinen
Mdchens, indem er sich gewaltsam bezwang, und mein Bube luft ohne Aufsicht in
der Nachbarschaft herum. Heit das vielleicht Ihre Pflicht erfllen?
    Die Kinder sind erst vor ein paar Sekunden fort gegangen. Anna kann sich
kaum niedergesetzt haben und Oscar mu da unten vor dem Hause sein.
    So gehen Sie augenblicklich und holen ihn; schlieen Sie die Glasthre zu
und behalten hier die Kinder bei sich im warmen Zimmer. Ich sage Ihnen, Frau
Bendel, nehmen Sie sich ja in Acht oder es geht mit uns Beiden auf eine sehr
unangenehme Art auseinander.
    Ich thue was ich kann, entgegnete die Person weinerlich; aber ich wei,
Sie mgen mich nicht leiden, und wenn Madame nicht so mit mir zufrieden wre, so
htte ich schon lang dieses Hans verlassen.
    Der Hausherr gab weiter keine Antwort, doch ballte er die rechte Faust
heftig zusammen, seufzte tief auf und trat anscheinend ruhig in das Zimmer
seiner Frau.
    Obgleich es bereits eilf Uhr war, hatte Madame doch eben erst ihren Kaffee
getrunken. Sie war eine junge und hbsche Frau mit stark blondem Haar, welches
noch vollkommen unfrisirt unter einer zerzausten, aber mit Blumen besetzten
Haube stak. Der brige Anzug pate hiezu: sie trug einen wohl feinen und
eleganten Morgenrock, doch hatte sie ihn weder um ihre schlanke Taille zusammen
gezogen, noch oben gehrig befestigt, und hatte, um die hierdurch entstandenen
Blen zu bedecken, darber eine Sammtmantille geworfen, die, nur fr die Strae
bestimmt, jetzt an der Rcklehne und auf dem Sitz grausam zerknittert wurde.
    Madame erhob nicht den Kopf beim Eintritte ihres Gemahls, ja sie gab dem
kleinen Fauteuil, in welchem sie sa, durch einen heftigen Ruck eine solche
Richtung, da sie dem Eintretenden den grten Theil ihres Rckens zuwendete.
    Ich bin es, mein Kind, sagte der junge Mann mit ziemlich sanfter Stimme.
    Er erhielt keine Antwort.
    Ich bin so eben von dem Begrbni der Frulein von M. zurckgekehrt; du
warst noch nicht auf, als ich ging. Wie befindest du dich, hast du gut
geschlafen?
    Madame zuckte statt aller Antwort die Achseln und ffnete phlegmatisch ein
Buch, das in ihrem Schooe lag.
    Ich mchte wissen, wie du geschlafen hast, fuhr der junge Mann mit etwas
strkerer Stimme fort.
    Worauf sie abermals die Achseln zuckte, den Kopf halb herum warf und mit
moquantem Tone entgegnete: Was kmmert dich meine Nachtruhe, berhaupt meine
Ruhe? Man hat ja vor dir doch keinen Frieden, nicht bei Tag, nicht bei Nacht.
    Wie, du hast vor mir keinen Frieden?
    Oh! entgegnete Madame mit aufgeworfener Oberlippe, es war recht ruhig, so
lange du fort warst, aber kaum betrittst du das Haus, so beginnt gleich wieder
dein Schelten mit den armen Dienstboten.
    Mit den armen Dienstboten! erwiderte er, indem sein sonst so sanftes Auge
anfing aufzuflammen. Ah! mit den armen Dienstboten! Hat Jungfer Babett wieder
rapportirt? es ist brigens gar nicht einmal der Fall, da ich besonders heftig
geworden bin, obgleich ich, bei Gott im Himmel! die gegrndetste Ursache gehabt
htte.
    Es erfolgte keine Antwort, vielmehr schien sich Madame eifrig in die Lectre
ihres Buches zu vertiefen.
    Du weit natrlicher Weise nicht, wo die beiden Kinder sind?
    In sehr guten Hnden, hoffe ich; die Kindsfrau hat mein volles Vertrauen.
    Nun denn, als ich eben nach Hause komme - es hat beilufig gesagt zwlf
Grad Klte - sitzt Anna in einem dnnen Kleidchen vor der Hausthre, und Oscar
luft in der Nachbarschaft herum, die drei Frauenspersonen aber sitzen drben in
dem Zimmer, plaudern auf's Eifrigste und thun nicht, als ob berhaupt Kinder fr
sie in der Welt wren.
    Und das wundert dich? sagte Madame nach einer peinlichen Pause.
    Wie verstehe ich deine Frage?
    Anna wird an die Treppe gelaufen sein, ihren lieben Papa zu empfangen, ihm
ihren guten Morgen zu bringen, ihm zu schmeicheln. Es knnte das eigentlich
komisch erscheinen; die Kinder werden ja frmlich dressirt, dich als erste, ja
ich mchte sagen, als einzige Person im Hause zu betrachten.
    Und wer dressirt die Kinder so, um mich deines Ausdrucks zu bedienen?
    Nun, wahrscheinlich du.
    Und wenn dir nun meine Dressur zuwider ist, warum bernimmst du nicht
einmal diese Mhe? Es wre doch wahrhaftig deine Pflicht als Mutter, die Kinder
zu unterweisen. - Aber, setzte er achselzuckend hinzu, dann mtest du sie
freilich ein paar Stunden des Tages um dich haben, und das wre zu viel
verlangt.
    Ich sehe die Kinder, so oft es nothwendig ist, entgegnete Madame gereizt.
    Heute Morgen schien es dir also noch nicht nothwendig, denn wie mir Anna
sagte, hast du noch nicht ein einziges Wrtchen zu ihr gesprochen. - O Bertha!
Bertha! setzte er mit weicherer Stimme hinzu, es ist fast schon die Hlfte des
Tages vorber und du hast deine Kinder noch gar nicht gesehen. Ich mu dir
gestehen, ich begreife das nicht, mir ist es am Morgen der seste und liebste
Anblick, wenn ich die lieben und unschuldigen Gesichtchen sehe.
    Ha! ha! ha! lachte Madame berlaut, natrlicher Weise dein sester
Augenblick, du hast mich ja vorher gesehen, und darauf brauchst du begreiflich
eine Erholung. - Aber der kleinen Katze, fuhr sie fort und nickte heftig mit
dem Kopfe, werde ich's doch noch ernstlich und fhlbar vertreiben, bestndig
meine Angeberin zu machen. - Ein anderer Mann freilich wrde auf das Gerede der
Kinder nichts geben, aber du bist glckselig, sobald es dir gelungen ist, eine
Gelegenheit zum Zanken vom Zaune zu brechen.
    Hat das Kind Unwahrheit gesprochen, hast du ihm vielleicht schon heute
Morgen ein freundliches Wort gesagt?
    Es erfolgte wieder einmal keine Antwort, vielmehr schlug Madame eifrig ein
paar Bltter des Buches um.
    Der junge Mann wiederholte gelassen seine Frage zwei bis dreimal, dann
schwoll aber die Ader seiner Stirne und er klemmte die Unterlippe zwischen die
Zhne. Du wirfst mir immer vor, sagte er endlich mit gepreter Stimme, ich
brche die Gelegenheit, mit dir zu zanken vom Zaune. Da es Zank und Streit in
diesem Hause genug gibt, es ist nur zu wahr; der Friede ist leider aus diesen
Gemchern und hier aus diesem Herzen gewichen, aber freilich nicht meine
Anhnglichkeit an dich, meine innige Liebe zu den Kindern.
    Madame zuckte verchtlich mit den Achseln.
    Diese Anhnglichkeit und Liebe, fuhr er mit erhhter Stimme fort, halten
mich wie Ketten an dich, an dies Haus, das mir schon oft zur Hlle, zu einem
Orte der frchterlichsten Marter geworden ist. Dafr sind es aber auch wirkliche
Ketten, die ich tragen mu; ich bin leider nicht Mann genug, sie zu brechen, und
sie machen mich zum Sklaven deiner Laune, die frchterlich unertrglich ist.
    Madame blickte finster in die Hhe.
    Ich habe gesagt, deiner Laune, denn ich will dir zu meiner eigenen
Beruhigung nicht einmal wirkliche Fehler zuschreiben, sondern es sollen
meinetwegen nur Launen sein, die dich veranlassen, deine Kinder den Dienstboten
zu berlassen, und wenn ich, dein Mann, mich ber die Nachlssigkeit deiner
Dienstboten beklage, ihnen noch Recht zu geben. - Es soll Laune sein, Bertha,
wenn deine frchterliche Gleichgltigkeit gegen Alles, was mir, den Kindern im
Hause geschieht, mich zur Verzweiflung bringt. Es soll Laune sein, wenn aus
deinem Munde Tage, Wochen lang kein angenehmes, liebreiches Wort kommt, wenn du
Alles mit verdrielichem, moquantem Blick betrachtest, wenn dich im reichsten
Sonnenscheine des Lebens jener Glanz nicht freut, der dich umgibt, sondern dich
jede Fliege rgert, die um dich summt, wenn du das tausendfach Gute und Schne,
was dir Gott verliehen, nicht sehen willst, und du dagegen emsig nach einer
kleinen Wolke sphst, damit du einen Vorwand hast, mir ein verdrieliches
Gesicht zu machen.
    Phrasen! Phrasen! unausstehliche Phrasen! entgegnete achselzuckend Madame,
Reden? die ich schon zum Uederdru gehrt.
    Und ich nenne ferner Laune, fuhr unerschtterlich der Gemahl fort, wenn
du - ja, ich will sagen - eine junge schne Frau, die in der Nettigkeit ihres
Anzugs dem ganzen Hause ein Muster geben sollte, um eilf Uhr Morgens so
erscheinst - - - wie du hier vor mir sitzest.
    Einen Augenblick schien Madame ber diese letzte Rede, wie sie es schon
einige Mal vorher gethan, mitleidig lcheln zu wollen. Doch warf sie verstohlen
einen Blick in den Spiegel, und da sie vielleicht finden mochte, da ihr Gemahl
nicht so ganz Unrecht, ja vielmehr vollkommen Recht habe, so flog eine tiefe
Rthe ber ihr Gesicht, sie prete die Lippen heftig auf einander und ffnete
sie alsdann wieder, als wolle sie etwas zornig erwidern, doch siegte ihr
angebornes Phlegma, jene Gleichgltigkeit, von der ihr Mann sagte, da sie ihn
zur Verzweiflung brchte, ber diese Aufwallung. Sie warf ihm einen finsteren,
verdrielichen Blick zu, dann senkte sie den Kopf auf ihr Buch herab und vergrub
sich tief in den Fauteuil.
    Der junge Mann war, wie er vorhin sagte, in der That der Sklave seiner Frau;
und seine Sklaverei war von der hrtesten Art. Htte er ihr Gemth besessen,
htte er Gleichgltigkeit mit Gleichgltigkeit erwiedern knnen, so wrden die
Beiden eine Ehe gefhrt haben, wie leider so viele andere. Ja, oder wre sie bei
seinen Reden ebenfalls heftig geworden, htte ihr volles Herz ausgesprochen,
htte ihre Ansichten, ihre Ideen, ihre Grnde fr dies und das mitgetheilt, so
wre nach einem kleinen, oft wohlthtigen Sturme Alles wieder im gleichen
Geleise gegangen. Da sie aber das nicht that, da sie bei jeder Veranlassung die
Gekrnkte und Mihandelte spielte, wenn er, ein offener, ehrlicher Charakter,
ein rasches Wort dazwischen warf, und da sie dies Spiel mit auerordentlicher
Gewandtheit fortsetzte - es war auch wohl ihr wirkliches Gefhl - so glaubte er
am Ende fast bestndig, er sei zu weit gegangen, und hot also wieder die Hand
zur Vershnung.
    Auch heute ging er, die Hnde auf den Rcken gelegt, eine Zeit lang unmuthig
auf und ab, wobei er es aber nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit einen
Blick nach seiner Frau zu werfen und dann jedesmal zusammen zuckte, wenn sie so
ruhig und theilnahmlos in ihrem Buche weiter las.
    Ah! Bertha, sagte er endlich nach einem lngeren Stillschweigen, es kann
wahrhaftig nicht so fortdauern, das mut du einsehen. Glaube mir, unser ganzes
Hauswesen geht dabei zu Grunde.
    Es erfolgte natrlicher Weise keine Antwort.
    Unsere Kinder, die armen, kleinen, lieben Kinder leiden sehr darunter Noth,
wenn du, ihre Mutter, dich nicht um sie bekmmerst.
    Keine Antwort.
    Es sollte dir ja ein Vergngen sein, fuhr er zitternd vor Aufregung und
doch mit erzwungener Ruhe fort, ihre kleinen Spiele zu berwachen, sie zu
beaufsichtigen, oder wenn du das nicht willst, nur deinen Dienstboten
einzuschrfen, da sie ihre Pflicht thun. Es ist das ja eine Kleinigkeit.
    Madame schien eifrig und mit groer Aufmerksamkeit zu lesen.
    Ueberhaupt, fuhr er wrmer fort, wre es deine Pflicht und Schuldigkeit,
nach deinem Hauswesen, deinen Dienstboten zu sehen; ich will dir ja gewi nicht
verwehren, zu thun, was jede Frau deines Standes thun darf: Besuche zu machen,
zu lesen; aber es mu doch auch eine Zeit geben, wo du begreifst, da du nicht
blos dazu auf der Welt bist.
    Madame zog ihre Augenbrauen in die Hhe, als interessire sie eine Stelle in
dem Buche auerordentlich.
    Dann kann ich dich auch versichern, Bertha, da du eine groe Beruhigung in
der Erfllung deiner Pflichten finden wirst, da das dein an sich etwas
trauriges Gemth erheitern wird, und dich der Wahn verlt, als seiest du eine
unglckliche Frau. - - Ja ein Wahn, ein schrecklicher Wahn, mein Kind, setzte
er etwas heftiger hinzu; du bist von Gott begnstigt wie wenige, du lebst nicht
nur behaglich, sondern sogar glnzend; dein Mann, deine Kinder sind gesund -
sage, was willst du mehr? Hast du kein beneidenswerthes Loos, hast du keine
glckliche Existenz getroffen? - Und doch bestndig traurig, bestndig
verdrielich! - Oh! das ist unertrglich! rief er ausbrechend, ganz
unertrglich, und wenn ich es auch schon lange in Geduld ertragen, so wird
dieselbe doch bald zu Ende sein, denn ein solches Leben fhre ich lnger nicht
mehr!
    Nachdem der junge Mann an der Thre, wohin er geeilt, noch einen Augenblick
gewartet, ob sie nicht vielleicht doch noch ein vershnendes Wort von sich hren
liee, ein einziges kleines Wort, ja nur einen sanften oder freundlichen Blick,
der ihm - wir sagen leider! - Veranlassung gegeben htte, wieder gegen die Frau
einzulenken, nachdem er so eine Zeit lang vergebens gewartet, ging er in
erneuertem Zorne durch die Thre und stie sie hinter sich ziemlich unsanft in's
Schlo.
    Auf seinem Arbeitszimmer angekommen, warf er sich in seinen Schreibstuhl und
blickte, tiefes Weh im Herzen, rings in dem elegant, ja reich mblirten Gemache
umher. Hier war fr jede Bequemlichkeit des Lebens gesorgt, hier standen
Luxusgegenstnde aller Art, und die ganze Einrichtung verkndigte einen reichen
Besitzer. Er sttzte die Arme auf die beiden Lehnen des Sessels und lie den
Kopf tief auf die Brust herab sinken. Wie hatte er seine Frau geliebt! Wie hatte
er sich ein husliches Glck so schn und zart ausgemalt, einen Familienkreis
mit lieben Kindern, eine behagliche Existenz in seinen vier Pfhlen, unberhrt
vom Sturme des Lebens. Ach! und wie war die Wirklichkeit geworden! Hier in
seinem Innern sauste der Sturm und ri die schnsten Blthen ab, und wenn er ja
einmal Frieden haben wollte, mute er sein Hans verlassen, um unnatrlicher
Weise Ruhe und Frieden im Gewhl der Welt zu suchen und zu finden. Wie hatte er
sich jene Abende so freundlich und schn ausgemalt, an dem groen runden Tische
sitzend, beim hellen Schein der Lampe, mit ihr so vergngt und freundlich zu
plaudern, Beide traulich in die Ecke des Sopha's geschmiegt, whrend drauen die
Feinde aller Geselligkeit, Wind und Regen, an die Fenster schlugen. - Ach! auch
das hatte er nicht gefunden, und wenn zu Hause die Lampe angezndet wurde, so
verlie er meistens seine Wohnung und suchte in einem Kreis von Bekannten, was
er zu Haus nicht fand. -
    Lange sa er so vor seinem Pulte in tiefe Trumereien versunken, um endlich
achselzuckend in die Hhe zu fahren und sich selbst zu versichern, da er vor
der Hand kein Mittel wisse, diesen Zustand zu ndern. Er sah sein Leben dahin
ziehen in einer Abhngigkeit, in einer Sklaverei, rger als die, welche mit
hochgeschwungener Peitsche zur angestrengtesten Arbeit treibt.
    Madame ihrerseits hatte nicht so bald die Thre sich schlieen gesehen, als
sie das Buch, welches sie in der Hand hielt, heftig auf den Boden warf und mit
den Fen weit von sich stie. Sie legte ihren Kopf in dem Fauteuil zurck,
kaute heftig an den Ngeln und murmelte endlich, whrend sich ihre Brust heftig
hob: Nein, diese ewigen Qulereien sind nicht mehr zu ertragen! Ist es nicht
bald so weit mit mir gekommen, da ich auf Commando bald lachen, bald weinen
soll? Auf welch emprende Art bin ich von ihm berwacht! Nicht blos, was ich
sage, was ich thue, nein! nein! jeden meiner Blicke beobachtet er und glaubt, es
brauche nichts mehr als seinen Befehl, um mich heiter und glcklich zu stimmen.
- Ah! das ist ein unertrgliches Leben, ein Leben voll Elend und Knechtschaft!
Was ntzt mich der Reichthum, der mich umgibt, bin ich nicht in all' dieser
Pracht und Herrlichkeit eine elende Sklavin?
    Der geneigte Leser kann sich denken, da nach dieser huslichen Scene der
junge Mann allein zum Diner in's elterliche Haus ging, Madame schtzte Kopfweh
vor und blieb zu Hause.

                              Fnfzehntes Kapitel.



                                Lebende Bilder.

Das Haus des Commerzienrathes Erichsen war in jeder Beziehung auf das Reichste
und Comfortabelste eingerichtet. Die Familie bewohnte den ersten Stock; unten
waren Comptoir und Kassen.
    Den Chef des Hauses haben wir bereits kennen gelernt, ebenso seinen
Schwiegersohn, Herrn Alfons, den Mann mit dem schwarzen Haar und der Brille. Er
hatte Marianne, die einzige Tochter des Banquiers, geheirathet, und die Mutter,
die sich eher entschlieen konnte, den Sohn als die Tochter aus dem Hause zu
lassen, rumte der Letzteren den zweiten Stock ihrer Wohnung ein, was um so
weniger auffiel, da Herr Alfons Theilhaber des Banquiergeschfts war, und in
geschftlicher Beziehung die rechte Hand des Commerzienrathes.
    Dieser wrdige Herr war nominell das Haupt der Familie; in Wahrheit aber
schwang die Commerzienrthin ein eisernes Scepter und regierte fast vllig
unumschrnkt. Wir sagen fast vllig unumschrnkt, denn der Einzige im ganzen
Hause, der es hie und da wagte, ihr offen entgegen zu treten und der auch
zuweilen ihr gegenber Recht behielt, war ihr Schwiegersohn.
    
    Der Commerzienrath, ein heiterer Mann, der gern lebte und leben lie, hatte
sich schon zu Anfang der Ehe die Zgel aus den Hnden winden lassen, indem er
viele Concessionen machen mute, um die Hand der reichen Brgerstochter zu
erhalten. Er wurde von dieser stolzen Sippschaft durchaus nicht als ebenbrtig
betrachtet, denn einige freundliche Basen hatten nachgewiesen, da sein
Grovater zwei Brder gehabt, von denen der eine als Rathsdiener starb, und der
Andere lange Jahre der selbst eigenhndige Betreiber und schaumschlagende
Besitzer einer Barbierstube gewesen. Wenn man dagegen die lange Linie stolzer
Vorfahren der jetzigen Commerzienrthin betrachtete, so konnte man eine
Miheirath nicht lugnen. Da folgten sich in stolzer Reihe Stadt-, Kanzlei-,
Justiz-, Regierungs-, Hof- und andere Rthe, und eine Seitenlinie hatte sich
sogar in ein adeliges Geschlecht verwachsen, whrend von dem Urahnherrn der
Familie zweifelhaft war, ob er nicht sogar ein heruntergekommener Edelmann
gewesen sei; wenigstens deutete man so das Wappen mit zwei Beilen, whrend
dagegen boshafte Neider versicherten, diese Emblemen bezgen sich auf die
ehrbare Metzgerei, deren Oberzunftmeister jener erwhnte Ahnherr gewesen.
    Dem sei nun aber, wie ihm wolle, das Haus der Commerzienrthin war in seiner
Sphre tonangebend, und wer zu ihren Gesellschaften gezogen wurde, der konnte
sich berall prsentiren lassen. Familienunglck hatte man freilich auch gehabt,
aber es war mit dem Mantel christlicher Liebe und mit schweren Wechselbriefen
bedeckt worden. Man sprach in belwollenden Kreisen von dem zarten Verhltni
einer Nichte des Hauses mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie, den
man am Ende in die Familie aufnehmen mute, weil es seltsame Umstnde ziemlich
gebieterisch verlangten. Nachdem aber die Commerzienrthin hiezu, freilich nach
langen Bitten, einmal ihren Consens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge
Paar gelegt, war es rein gewaschen und brauchte sich nicht schchtern zu bewegen
wie andere minder reiche und vornehme Colleginnen, denen etwas Aehnliches, sehr
Menschliches passirt. - Es ist das so der Welt Lauf und kommt hufig vor.
    Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war die Commerzienrthin eine groe, hagere
Frau mit einem strengen, magern Gesichte, aus dem die lange spitze Nase wie ein
Zeigefinger hervorsah. Wir gebrauchen dieses Bild, um dadurch die Wirkung
auszudrcken, die es auf Jeden ausbte, gegen den diese Nase gedreht wurde; es
war eine unmittelbare Aufforderung, ein frmliches Hinweisen, eine Erlaubni,
jetzt endlich zu sprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten. Diese Nase
wurde von den beiden stechenden Augen gleich zweien Trabanten untersttzt, von
denen es nur eines Blinzelns bedurfte, um genau zu wissen, was die
Commerzienrthin eigentlich wnschte. Hierber blieb selten Jemand im Zweifel,
und wenn sie obendrein ihre Blicke durch ein Wort untersttzte, so wute man
gleich, woran man war; und wie schon vorhin bemerkt, gehorchte alsdann fast
Alles ohne Widerrede.
    Das Diner war vorber, der alte Herr, der wie immer sehr gut gespeist hatte,
beschftigte sich mit seiner Verdauung, indem er, die Hnde auf den Rcken
gelegt, in dem weiten Gemach auf und ab spazierte. Dabei nickte er zuweilen mit
dem Kopfe und hob wohl auch hie und da die Nase schnffelnd in die Hhe, als
wolle er erforschen, ob sich nicht bald durch eine Thrritze hindurch ein
angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache.
    Die Commerzienrthin sa in der rechten Sophaecke kerzengerade aufrecht,
denn sie hielt es nicht fr anstndig, da ihr Rcken die weichen Kissen
berhre. In der linken Ecke sa ihre Tochter Marianne, die Frau des Herrn
Alfons, und da diese schon mit der Zeit vorgeschritten war, so lehnte sie
behaglich hinten ber, whrend ihre Fe einen Sttzpunkt auf denen des Tisches
gefunden hatten. Es war ein hbsches kleines Weib, blond wie ihre Brder, und
wie der ltere, der neben ihr sa, mit Augen, die viel Sanftmuth, ja Duldung
verriethen. Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt, und schien ihrem Bruder
zuzulauschen, der ihr eifrig etwas zuflsterte, wahrscheinlich die Erzhlung des
Auftritts von heute Morgen; sie hrte ruhig und aufmerksam zu, und nur zuweilen,
wenn sich seine Stimme etwas laut erheben wollte, drckte sie ihre Hand auf
seinen Arm, wobei sie von der Seite einen Blick auf die Mutter warf, die
indessen theilnahmlos, mit hoch erhobener Nase, fr Niemand Auge und Ohr zu
haben schien, und zuweilen mit ihren Fingern gleichgltig auf dem Tische
trommelte. Wir sagen schien, denn in Wahrheit entging ihr keine Miene, keine
Bewegung all' derer, welche sich im Zimmer befanden.
    Die lebhafteste Gruppe von der Familie bildete brigens Arthur und Herr
Alfons, die an einem der hohen Fenster standen und zusammen sprachen, auch wohl
lachten. Alfons hatte den hoch erhobenen Arm auf den Fensterrahmen gesttzt, den
Kopf darauf gelegt und schaute seinem Schwager zu, der, whrend er hie und da
eine Bemerkung hinwarf, zu gleicher Zeit beschftigt war, mit einem umgekehrten
Zahnstocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fensterscheiben zu zeichnen.
    - Sehr gut! - sehr gut! - sehr brav! sagte Alfons, indem er die
vergngliche Arbeit aufmerksam betrachtete; das wird ein schner Kopf, und eine
Aehnlichkeit. - - Jetzt keinen Strich weiter, so steht's vor mir. Wahrhaftig,
ich mchte schwren, da dies Gesicht existirt.
    Wie kann man nur so etwas sagen! antwortete lchelnd der Maler, eine
Phantasie, eine Idee. Aber schau nur, wie sich die Gesichtszge ndern, wie der
Hauch auf der Scheibe nach und nach schmilzt. Das Gesicht war vordem lachend und
freundlich, jetzt wird es ernst, finster, drohend und jetzt ist es wie von
schmerzlichen Thrnen berzogen. - Das ist der Lauf der Welt.
    Ja, man erlebt das hufig, entgegnete der Schwager; Freude, Glck
verschwinden so schnell, und hat erst so ein Gesicht den kleinsten Anflug von
einer Schmerzenslinie angenommen, so greift er immer weiter um sich, und am Ende
entstellt und verstrt er Alles.
    Ganz recht, versetzte Arthur, wie es schien, nicht ohne Beziehung, aber
man mu sich auch hten, aus einem Gesicht, das uns lieb und freundlich
angelchelt, jenen ersten kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen.
    O, das kommt ganz von selbst. Du, Glcklicher, hast nur keine Gelegenheit,
das zu bemerken; du flatterst von Blume zu Blume, und wenn in deiner Praxis so
ein Schmerzenszug sichtbar wird, suchst du schon nach einer neuen und frischen
Blthe.
    Nicht immer, sagte ernst der Maler.
    Apropos, fuhr der Andere leiser fort, indem er sich tiefer hinab beugte,
du bist doch ein wahrhaft lockerer Zeisig. Aus welchem Zweck treibst du dich
denn so viel in der Nhe der Balkengasse umher? Ich habe das neulich zufllig
erfahren. Ist denn da wieder was Besonderes los?
    Ich? fragte scheinbar verwundert Arthur. Da ich fter da wre, als an
anderen interessanteren Orten wte ich gerade nicht.
    Ah! so gehrt die Balkengasse zu den interessanten Orten?
    Allerdings, nach den Begriffen des Malers. Da sind die alten pitoresken
Huser, der Kanal, das bestndige Gewhl von Menschen; man kann da die besten
Studien machen.
    O, ihr Maler seid in der That ein glckseliges Volk, euch ist gar nicht
beizukommen und wenn man euch auf der That ertappt. Streift ihr in der
Mitternacht herum, so werden Mond- oder Schattenstudien gemacht, attrapirt man
euch am allerfrhesten Morgen in irgend einem verdchtigen Viertel, so habt ihr
die wunderbaren Abwechslungen des jungen aufsteigenden Lichtes beobachtet, und
trifft man euch in Person bei einer sonderbar ausschauenden Unbekannten, so
versteht sich das, ganz von selbst, denn ihr waret gezwungen, an ihr uerst
interessante Studien zu machen. Ja, ja, in der That, ihr habt ein
beneidenswerthes Gewerbe.
    Es ist eigentlich schade, da du nicht auch ein Maler geworden bist, sagte
Arthur, indem er auf die Fensterscheibe hauchte, und mit wenigen Strichen den
Kopf eines Satyrs entwarf.
    Der alte Herr, der auf seinem Spaziergange durch's Zimmer zufllig hinter
den Beiden stehen geblieben war, hatte die letzten Worte gehrt und sprach nun
lchelnd: Nein, nein, Alfons, 's ist besser so; Gott soll uns bewahren! Wir
haben an Einem Knstler genug; nicht wahr, Mama?
    Die Commerzienrthin wandte ihre spitze Nase ruhig nach dem Fenster,
glttete den Kragen ihres Chemisettes und entgegnete: Das will ich meinen, mehr
als genug!
    Hrst du es, Arthur, was Mama gesagt, mehr als genug -?
    O, ich habe das schon tausendmal gehrt.
    Und Mama hat Recht, fuhr der Commerzienrath fort. Knstler, - nun ja, es
soll am Ende auch solche Leute geben, und wer einmal angewiesen ist, sein Brod
auf diese Art verdienen zu mssen, der kann es in Gottes Namen thun; aber in
unserer Familie bist du der Erste, der sich - wie soll ich sagen? - veranlat
sah, keinen - eigentlich soliden Geschftszweig zu ergreifen.
    Der Erste, sagte bestimmt die Commerzienrthin; und von der ganzen
Malerei hast du, wie es mir scheint und wie ich mir sagen lie, die unsolideste
Branche erwhlt.
    Eine unsolide Branche? fragte Arthur verwundert, indem er sein Gesicht vom
Fenster in's Zimmer wandte. Ah, Mama! das genau zu erfahren wre ich
neugierig.
    Die unsolideste, entgegnete fest die Commerzienrthin. Was bringst du
eigentlich zu Stande? - Eine Landschaft, an der man sein Vergngen haben knnte?
- Nein! - oder ein wrdiges Portrait? - Auch das nicht! Da zeichnest und malst
du allerlei Firlefanz, so da man den Leuten, die fr deine Kunstfertigkeit
schwrmen, nichts von deinen Arbeiten zeigen kann, ohne in Verlegenheit zu
gerathen.
    Das ist schon wahr, sagte Alfons leise und lachend, Venus malst du zu
oft, und badende Mdchen, auch Tnzerinnen und dergleichen.
    Mama hat Recht, sprach wichtig der Commerzienrath, indem er den Versuch
machte, seine Weste herab zu ziehen; das eigentlich Solide fehlt dir. Hast du
nicht vor einem halben Jahr das Portrait unserer Freundin, der
Oberregierungsrthin, ganz vergeblich angefangen? Hast du es nicht trotz ihres
oftmaligen Erinnerns bis jetzt unvollendet gelassen?
    Einer so wrdigen Frau von so gutem Hause, setzte ernst die
Commerzienrthin hinzu.
    Allerdings, sagte Arthur, eine wrdige Dame mit rothem Gesichte,
rthlichem Haar, die gemalt zu sein wnschte in einer Haube mit rothen Bndern,
in einem rothen Kleid und rothem Shawl. Das war nicht auszuhalten. Es htte
meine Augen ruinirt.
    Es wre aber ein artiges Bild geworden, meinte Alfons ironisch, das
vielleicht irgend einmal bei einem Stierkampf htte verwendet werden knnen.
    Thomas! rief die alte Frau ihrem Gatten, ohne den Worten ihres Sohnes und
Schwiegersohnes weiter Aufmerksamkeit zu schenken, wir sind jetzt alle so
ziemlich hier versammelt - nur deine Frau fehlt wie gewhnlich, wandte sie sich
mit Beziehung an ihren lteren Sohn, - und knnten also in einige Ueberlegung
ziehen, wann und auf welche Art wir die groe Soire veranstalten wollen, die
ich fr unumgnglich nothwendig gefunden habe, nchstens den uns befreundeten
Familien zu arrangiren.
    Ganz recht, mein Kind, entgegnete der Commerzienrath, whrend er sich die
Hnde rieb; wir mssen ziemlich ausgedehnte Einladungen machen.
    Aber in gehrigen Grenzen, antwortete ernst die alte Dame.
    Das versteht sich ganz von selbst.
    Bis zur sechsten Rangklasse, sagte Alfons lchelnd, aber leise zu Arthur.
    Soll getanzt werden, Mama? fragte Marianne.
    Ueber die Art dieser Soire bin ich noch nicht mit mir im Reinen,
entgegnete die Commerzienrthin; ein Ball, ein einfacher Th dansant ist etwas
Gewhnliches, ich mchte wieder etwas Neues arrangiren, etwas, von dem man auch
sprche, das uns Veranlassung gbe, so viel wie mglich der Bekannten und
Freunde einzuladen.
    So warten Sie doch bis Carneval, und arrangiren Sie alsdann einen maskirten
Ball.
    Ich hasse die Maskeraden. Aber ich habe etwas Anderes ausgedacht.
    Das ist auf jeden Fall vortrefflich, sagte der alte Herr, wobei er sich
dem Sopha nherte. - So la hren!
    Ich denke, fuhr die Frau wrdevoll fort, wir veranstalten lebende Bilder;
der grne Saal wre ganz Passend dazu, es liee sich da sehr gut ein Vorhang
anbringen, und dann hat auch Arthur bei dieser Veranlassung die beste
Gelegenheit, den Leuten zu beweisen, da er auch in seiner Kunst etwas Reelles
zu leisten versteht.
    Die Idee, Frau Mama, ist charmant, sprach der Maler. Lebende Bilder,
hbsch arrangirt - wahrhaftig ein vortrefflicher Gedanke! Ich werde mich der
Sache mit allem Eifer annehmen.
    Der grne Saal ist ganz passend dazu, meinte der Commerzienrath.
    Nicht bel, sagte Alfons mit einem beistimmenden Kopfnicken.
    Und Marianne flsterte ihrem Bruder zu: Ich wrde mich gern darauf freuen,
aber du wirst sehen, mein Mann erlaubt mir nicht, da ich ebenfalls mitmachen
darf.
    Und meine Frau, entgegnete der Bruder verstimmt, wird an so dummem Zeug,
wie sie sagt, keinen Spa finden - nachdem nmlich ihre Laune ist - und mir
schon zum Voraus den ganzen Abend verderben.
    Gewi, mein Kind, versetzte der Commerzienrath, wir sind stolz auf deine
Erfindung.
    Die alte Dame fhlte sich einigermaen geschmeichelt, da ihr Vorschlag mit
Akklamation gut geheien wurde. Wenn sie auch ihren Willen auf alle Flle
durchgesetzt htte, so war es ihr doch angenehm, auf keine groen Widerreden zu
stoen.
    Darf ich auch mitmachen? fragte Marianne ihren Gemahl.
    Worauf Alfons, der am Fenster ein ziemlich freundliches Gesicht gemacht
hatte, jetzt die Augenbrauen finster zusammen zog, die Brille empor rckte und
in wegwerfendem Tone entgegnete: Liebes Kind, das mu man jngeren Frauen und
Mdchen berlassen. Ueberhaupt kannst du als Tochter des Hauses nur vielleicht
daran denken, einen Platz im Hintergrunde einzunehmen, wenn gerade ein solcher
vorhanden wre, und ihn Niemand anders ausfllen will. Da stehe ich fr meine
Person in keinem lebenden Bilde, und es wrde mir am Ende nicht gerade passend
erscheinen, wenn du mit fremden jungen Leuten da in allerhand sonderbare
Stellungen kmest.
    Die Commerzienrthin hob ihre Nase um einige Zoll empor und antwortete mit
einem scharfen Blick aus ihren grauen Augen: Die Arrangements sind meine Sache,
Herr Schwiegersohn und wenn ich es vielleicht fr gut finde, Marianne irgendwo
zu plaziren, so wrden Sie wohl nichts dagegen haben.
    Und warum nicht? fragte Herr Alfons ziemlich hochmthig. Sie wissen,
Mama, ich achte Ihre Arrangements bis an die Thre meiner Wohnung; was dahinter
zu befehlen ist, besorge ich selbst.
    Ruhig! ruhig! sagte beschwichtigend der Commerzienrath, denn er sah, wie
der Teint seiner Ehehlfte anfing etwas gelblich zu unterlaufen. Hat man denn
keine Ruhe vor euch? Das wird sich ja Alles finden; Madame wird arrangiren, wie
sich von selbst versteht.
    Alfons lchelte seltsam in sich hinein.
    Der sollte deine Frau haben, sagte die Schwester in der Sophaecke
mimuthig zu Eduard.
    Oder ich etwas von seinem harten und festen Temperament, entgegnete dieser
seufzend.
    Also lebende Bilder! rief Arthur freudig. Vortrefflich, in der That,
Mama! - Und Sie berlassen mir die Anordnungen?
    Du wirst den Saal unter meiner Aufsicht herrichten, erwiderte ernst die
Dame, du wirst ber einige Bilder nachsinnen und sie mir zur Auswahl vorlegen.
    Schn, schn. - Und welche Arten von Bildern wnschen Sie hauptschlich,
Mama? Sollen es Genrebilder sein oder sollen wir auch stellen nach bekannten
historischen Gemlden, nach heiligen Bildern und dergleichen?
    Von Allem etwas, meinte die Commerzienrthin. Ich werde dir eine Liste
anfertigen von den achtbarsten Personen, die ich zur Mitwirkung einladen will.
    Nur von den achtbarsten Personen? fragte der Sohn kleinlaut.
    Wie so?
    Nun, ich dachte, Mama, man sollte eigentlich auf die schnsten Gesichter
und Figuren sehen, und wer am besten hier und dort zu gebrauchen ist.
    Auch das, aber ich kann den Rang und Stand nicht ganz auer Augen lassen.
    O weh, Mama!
    Ich wei, was sich schickt, fuhr unerschtterlich die alte Frau fort. Ich
kann doch zum Beispiel in einem Bilde einer Kanzleirthin nicht eine besonders
schne Figur zutheilen, und von einer Oberregierungsrthin verlangen, da sie
sich mit Geringerem begnge!
    Dann lassen Sie lieber Beide weg, Mama, und nehmen nur jngere Personen.
    Jngere Personen? fragte ernst die Mutter. Und wer will da eine
Grenzlinie ziehen? In lebenden Bildern zu stehen, fhlt sich jede jung genug,
und mit Costm und Schminke lt sich schon viel ausrichten.
    Da Sie von Costmen sprechen, Mama, sagte Arthur nach einer lngeren
Pause, wie wollen Sie, da es damit gehalten wird? Wenn Sie wnschen, so bitte
ich den Intendanten des Hoftheaters, uns mit Einigem auszuhelfen.
    Costme des Theaters! versetzte ernst die Commerzienrthin, indem sie den
Kopf schttelte. Das wird nicht wohl angehen. Kleider von Leuten wie
Sngerinnen, Schauspielerinnen, Tnzerinnen und dergleichen Personen in mein
Haus bringen zu lassen, wre mir nicht angenehm; auch wrde mir das manche
Mutter einer unschuldigen Tochter wegen verbeln.
    Aber die Kleider knnen doch ihrer Sittsamkeit nichts schaden! meinte
Arthur halb rgerlich.
    Solche Personen, fuhr ernst die Mutter fort, Tnzerinnen und dergleichen
knnen sich etwas darauf einbilden, auf diese Art mit uns in Berhrung gekommen
zu sein. Und ich mag das nicht.
    Aber der Zweck heiligt die Mittel, sprach begtigend der Commerzienrath.
Und ich glaube, wenn man etwas Schnes arrangiren will, so kann man wahrhaftig
nicht ohne die Costme des Theaters sein.
    Sie thun gerade, Mama, bemerkte Arthur, als wrden uns dieselben
angeboten und wir htten nur so das Recht, sie zu verwerfen. Es ist berhaupt
noch eine groe Frage, ob man uns Costme bewilligt. Und dann nehmen Sie mir
nicht bel, wenn auch die meisten der eingeladenen Damen es sich leider fr
keine Ehre rechnen, mit Schauspielerinnen und Tnzerinnen in Berhrung zu
kommen, so werden sie dagegen, wo es sich um Vergngen handelt, die Kleider
derselben nicht verschmhen. Es ist gerade so mit dem Theaterbesuch; ich kenne
Herren und Damen genug, die vor einem Ballet auf ihrem Gesicht die
auerordentlichste Verachtung zeigen, und die es im Gefhl ihrer Wrde und
Unschuld nicht begreifen knnen, wie es einer der Tnzer und namentlich der
Tnzerinnen wagen knne, ein paar Hand breit Tricots zu zeigen, die aber, wenn
einmal der Vorhang aufgezogen ist, ihr Glas nicht mehr vom Auge lassen.
    Ah! lieber Freund, das thue ich auch, sagte salbungsvoll und mit ernstem
Gesichtsausdruck Herr Alfons; aber du wirst mir glauben, da ich es nicht thue,
um die unanstndigen Bewegungen zu sehen, sondern da ich bei mir denke: du
willst doch einmal sehen, wie weit eigentlich die Verworfenheit des menschlichen
Geschlechtes zu gehen im Stande ist.
    Ah! mein lieber Schwager, entgegnete entrstet der Maler, dazu brauchst
du weder das Theater noch dein Opernglas; das kannst du viel nher haben.
    Arthur! Arthur! rief der Commerzienrath. Mu man denn bestndig bei euch
den Vermittler machen! Immer Reibereien und unangenehme Reden! Ich werdet Mama
noch verdrielich machen.
    Das ist mglich; aber auf die Gefahr hin, Mama verdrielich zu machen,
erklre ich, da, wenn ihr lebende Bilder auffhren wollt und dazu keine
ordentlichen Costme anschafft, mgt ihr diese her bekommen, woher ihr wollt,
aus der ganzen Sache nichts Rechtes werden wird und ich mich nicht da hinein
mischen kann.
    Die Commerzienrthin versicherte, sie wrde das Beste in dieser Sache
auszuwhlen wissen, und es dann wie immer verstehen, ihren Willen durchzusetzen.
Darauf erhob sie sich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit
das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Marianne ging in ihre Wohnung hinauf,
nachdem sie einen fast vergeblichen Versuch gemacht, von dem Gemahl ein
freundliches Wort zu erhalten. Herr Alfons drckte die Brille fester an die
Augen, knpfte seinen Rock zu und schickte sich an, in das Comptoir
hinabzusteigen, wo Commis und Lehrlinge diesem Augenblicke mit einem
unbehaglichen Gefhl entgegen sahen. Der Commerzienrath schlo sich in sein
Kabinet ein, um seine Zeitungen zu lesen und ber das Fallen und Steigen der
Papiere nachzudenken. Arthur aber ging in sein Atelier, das er nur im
Hintergebude des elterlichen Hauses haben durfte; Mama hatte sich ein fr
allemal dahin ausgesprochen: sie wolle ihr Haus rein erhalten.

                             Sechszehntes Kapitel.



                           Eine Mutter und ihr Kind.

Es war nun vollkommen Winter geworden, das heit, die Erde war nicht blos von
starkem Frost erstarrt, sondern sie hatte auch die bekannte weie Livree
angezogen und verschwunden waren von ihrer Oberflche all' die kleinen Poesieen
und Merkwrdigkeiten, die wir bei unserm Spaziergang im ersten Kapitel dieser
denkwrdigen Geschichte entdeckt und dem geneigten Leser mitgetheilt haben. Alle
seinen Nuancirungen drauen hatten aufgehrt, Feld und Wiese waren gleichfrmig
bezogen; wo sich ein Wald befand, da erschien die Gegend etwas mit Grau
schattirt; einzelne Bume waren kaum noch sichtbar, der Schnee lag schwer auf
den Zweigen und schien jedem einzelnen Strauche, jedem Baume eine Pelzmtze
aufgestlpt zu haben, worunter er sich behaglich und warm verstecken konnte.
Isolirt stehende Huser rings um die Stadt sahen aus dem allgemeinen Wei recht
langweilig hervor, namentlich solche, die sich an der Landstrae befanden, denn
hier war es de und leer. Von den sonst so zahlreichen Fuhrwerken aller Art
bemerkte man heute nicht viel; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn,
wehalb sich auch drauen noch keine Schlitten sehen lieen; nur Holzwagen
fuhren langsam dahin, und ein einsamer gelber Postwagen aus irgend einem Orte
der Nachbarschaft, welchem die Eisenbahn zur Seite lag.
    In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des
Winters betrachtet, sich seiner als Schlittenbahn zu bedienen, und nachdem man
am Morgen nothdrftig Bahn gemacht, hrte man auf allen Straen das Klingeln der
Schellen und lustigen Peitschenknall, und mute sich bei dem allgemeinen Leben
recht in Acht nehmen, da man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem
Wagen berfahren wurde, wobei namentlich letztere gefhrlich waren, da man kaum
das Rollen der Rder vernahm. Heute schienen denn auch die Straen der Stadt nur
dem Vergngen geweiht, und wer drauen nichts zu thun hatte, der blieb gerne zu
Haus. In den vornehmeren Stadtvierteln bewegten sich glnzende Schlitten, das
Gestell vergoldet, die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt, aus denen heitere
Gesichter, sanft gerthet von Frost und eifrigem Gesprch, hervor blickten. Die
Fiaker und Droschkenfhrer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelassen und
hielten in langen Reihen, die Pferde vor einfachere Schlitten gespannt, welche
von der lieben Jugend umstanden wurden, die sehnschtig Jedem nachblickte, der
sich eines solchen Fuhrwerks bediente.
    Wenn es so aus den breiten Straen geruschvoll und lebendig war, so
erschienen dagegen die schmalen Gassen und abgelegenen Pltze um so einsamer und
stiller. Schlitten sah man hier keine, Wagen rollten selten vorber, und wenn
hie und da einer vorbei kam, so hrte man nur das Klingeln von ein paar kleinen
Schellen; das Rollen der Rder selbst war ebenso unhrbar wie der Futritt der
Vorberwandelnden. In den meisten dieser Straen war nur eine nothdrftige Bahn
an den Husern gekehrt, die noch obendrein selten betreten wurde, und wenn nicht
da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben htte,
sich gegenseitig bombardirt und Schneemnner gemacht, so htte man glauben
knnen, Huser und Menschen befnden sich alle zusammen in einem seltsamen
Winterschlafe. Nur jene Viertel, durch welche der Kanal flo, von dem wir schon
frher sprachen, sahen einigermaen lebendiger aus. Hier wohnten viele
Handwerker, namentlich Schmiede, vor deren Husern sich der weie Schnee bald
ruig und schwarz frbte oder ganz weggeschmolzen wurde, wo man eine heie
Radschiene zur Abkhlung hinausgewlzt hatte. Auch viele Wscherinnen befanden
sich in dieser Gegend und weil die Trockenpltze bei diesem Wetter fr sie
unbrauchbar waren, so hatten sie lngs dem Kanal lange Seile gezogen und hier
hingen nun die verschiedenartigsten gewaschenen Zeuge, deren bunte Farben: grn,
blau, roth, gelb, recht lebendig von dem weien Schnee abstachen.
    Wenn uns der geneigte Leser folgen will, so wenden wir uns nach einem dieser
Huser hier, einem alten finstern Gebude mit hohem Giebeldach, dessen vordere
Seite, die uns erst mit ihren vergitterten Fenstern anblickt, zur Fruchtkammer
bentzt wird, whrend sich im hinteren Theile, der auf den Kanal geht,
verschiedene Wohnungen befinden. Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben
genannten Hauses ber eine alte Wendeltreppe, deren Stufen ausgetreten sind,
deren Steinwnde wie polirt glnzen, und wo ein alter schmieriger Strick sich
dem unsicher Umhertappenden als treuer Fhrer in der halben Finsterni
darbietet.
    In dem ersten Stocke angekommen, betreten wir ein weites mit Steinplatten
belegtes Vestibul, auf das lange Gnge mnden, die entweder um den Hof herum
nach der Fruchtkammer fhren, oder ein anderes ebenso groes Nebengebude mit
dem, welches wir gerade betreten, verbinden. Beides ist brigens der Fall, und
die zwei Gebude, die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen, wurden in
frheren Zeiten einmal zu einer Kaserne bentzt, und durch die eben erwhnten
Gnge verbunden. Spter hatte man aber fr das Militr bessere und hellere Rume
erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgetheilt und solche
an die verschiedensten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermiethet. Ueber
einzelnen Thren bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kasernenzimmer, bei
anderen aber waren sie verwischt oder man hatte sie absichtlich bertncht. Auf
dem Vestibul stand alter Hausrath; hier schliffen ein paar Knaben aus dem
glatten Steinboden wie auf einer Eisbahn, vermittelst einigen Schnee's, den der
Wind durch ein Fenster ohne Scheiben herein geweht hatte.
    Die Atmosphre hier roch etwas moderig und feucht, was sich durch die Nhe
des Kanals erklren lie, sowie auch dadurch, da die Hausthren selten oder nie
verschlossen wurden und allem Wetter Einla gewhrten.
    Eine dieser Wohnungen in der alten Kaserne nun, die wir unsichtbarer Weise
betreten, bestand aus einem ziemlich groen Gemache, dessen Wnde wei getncht
waren, und das durch zwei ziemlich hohe Fenster erhellt wurde. Ein groer Ofen
erwrmte diesen Raum recht behaglich; zwischen beiden Fenstern an der Wand
befand sich ein groer Tisch, vor demselben gepolsterte Sthle mit gestreiftem
Kattunberzug, in der Ecke ein alter Sopha, an den Wnden ein kleiner Spiegel
und ein paar vergilbte Kupferstiche in nubraunen Rahmen. Zwei Thren, je eine
an jeder Seite dieses Zimmers, fhrten in andere Gelasse, die auer einer Kche
auf der andern Seite des Vestibuls noch zu diesem Appartement gehrten.
    Auf dem Tische des Wohnzimmers stand ein Kaffeegeschirr, und wenn auch
dasselbe von grobem Steingute war, so duftete doch der Inhalt nicht unangenehm,
die Milch sah recht gut aus, und auf einem Suppenteller befand sich Zucker in
groen Stcken, whrend weies Brod daneben lag. Eine Frau sa an dem Tische und
schien sich eine groe Tasse Kaffee gemischt zu haben, denn sie rhrte langsam
mit einem Lffel darin herum. Diese Frau mochte ungefhr fnfzig Jahre alt sein,
war von mittlerer Figur, einfach gekleidet, und hatte ein ziemlich breites aber
kluges Gesicht, aus dem sich Spuren von frherer Schnheit zeigten; ihr Mund
hatte etwas Gutmthiges, namentlich wenn sie lachte, was sie hufig und wie es
schien absichtlich that, um sich ein wohlwollendes Ansehen zu geben, denn sobald
sich ihre Gesichtszge beruhigten, erschienen sie schlaff, ausdruckslos, und
dann trat ein scharfer, unheimlicher und zurckstoender Glanz der Augen hervor.
    Ihr gegenber an dem Tische befand sich eine junge Person, die ungefhr
zweiundzwanzig Jahre alt war, obgleich ihr Aeueres auf hheres Alter deutete.
Es war das ein schmchtiges Mdchen, ziemlich drftig angezogen, mit
eingefallenen blassen Wangen, aus denen jene leichte Rthe spielte, die man im
Munde des Volkes Kirchhofsrosen nennt. Dabei hatten ihre Augen einen
unheimlichen trockenen Glanz, und die weien Hnde, die sie vor sich auf dem
Tisch gefaltet hielt, zitterten fters, wenn auch kaum merklich. An dem einen
Fenster sa auf einem Stuhle ein anderes Mdchen, welches in der Frische und dem
Schimmer einer blhenden Gesundheit den vollkommensten Gegensatz zu der eben
Geschilderten bildete, und die wir bereits kennen; denn es war Mademoiselle
Marie vom Balletcorps. Die Frau am Tische ist ihre Tante, Madame Becker, und die
schwindschtige Person ihr gegenber eine Nhterin aus der Stadt, die vor
einigen Augenblicken eingetreten war, und ber deren ziemlich unverhoffte
Erscheinung die Frau nicht gerade erfreut zu sein schien. Sie hatte ihr ziemlich
mrrisch einen Platz angeboten und rhrte nun langsam ihren Kaffee herum,
whrend sie sagte: Nun sprech' Sie, Katharine, was fhrt Sie eigentlich daher?
Wenn ich Ihr helfen kann, so wollen wir sehen, was sich machen lt. Aber in der
Angelegenheit ist nicht viel zu thun.
    Die Nhterin war offenbar zu sehr aufgeregt, um augenblicklich mit
vollkommener Ruhe antworten zu knnen. Sie versuchte es, einen tiefen Athemzug
zu thun, wobei ihre Nasenflgel leicht erzitterten und die Rthe auf den Wangen
noch mehr hervortrat.
    Ich bin wirklich etwas zu schnell gegangen, sprach sie nach einer Pause.
Wenn man im Tagelohn arbeitet, so mu man so wenig Zeit als mglich verlieren.
- Ich wre gerne schon gestern Abend gekommen - aber ich wei, da Sie nach acht
Uhr nicht gestrt sein wollen, und heute Morgen um sieben Uhr war es auch noch
zu frh.
    Sie htte ja die Agnes schicken knnen, warf Madame Becker leicht hin,
Ihre jngere Schwester.
    Ein eigenthmliches Lcheln berflog die bleichen Zge der Anderen, whrend
sie hastig erwiderte: Nein, nein, die Agnes hat keine Zeit, gewi nicht, gar
keine Zeit. - - Aber ich bin so unruhig, da ich eigentlich gar nicht sprechen
kann. Damit wandte sie ihren Kopf nach der hinter ihr sitzenden Tnzerin und
sah darauf die Frau an, als ob sie fragen wollte, ob sie vor dem jungen Mdchen
sprechen drfe.
    Madame Becker nickte mit dem Kopfe und versetzte halblaut: Nur ungenirt, es
kann nichts schaden, wenn sie wei, wie's im Leben zugeht. Halb und halb kann
ich mir schon denken, was Sie von mir will, Katharine.
    Nicht wahr, das knnen Sie sich denken? entgegnete hastig die Nhterin,
und ihr Auge flammte heftiger. O, das knnen Sie sich gewi denken; aber ich
habe keine Ruhe mehr. Sie wissen, die Woche ber kann ich nicht fort, nun war
ich aber schon zwei Sonntage drauen bei der Frau, und jedesmal war sie nicht zu
Hause, das Kind ebenfalls nicht. Ach! und das ist hart fr mich!
    Madame Becker zuckte scheinbar gleichgltig mit den Achseln. Das ist
zufllig, sagte sie; Sie will doch nicht verlangen, Katharine, da die Frau
Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt? Sie hat auch ihre Gnge zu machen.
    Aber es ist hart fr mich, entgegnete die Andere, whrend sie die Hnde
faltete. Wofr arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein?
Was hlt mich aufrecht, wenn ich oft glaube, nun kann ich nicht mehr? - Nichts,
nichts, als das kleine Kind; das ist meine Freude, mein Glck, das ist die Feier
meines Sonntags, sein liebes Gesichtchen zu sehen, es tausend und tausendmal zu
kssen, seine Haare, seine Stirne, seine Augen, seine Aermchen und Hnde. - Ach!
und es kannte mich recht gut! - Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht; -
und das blaue Wollenkleidchen war so hbsch! - - Und nun habe ich es seit
vierzehn Tagen nicht gesehen! -
    Die arme Person hatte das Alles in fieberhafter Erregung gesprochen; dabei
blitzte ihr Auge umher; ohne die Frau vor sich anzusehen, schien sie weit, weit
in die Ferne zu blicken, als she sie dort das Lcheln ihres Kindes, als drcke
sie ihm die Ksse aus, wie sie eben beschrieben.
    Madame Becker zuckte die Achseln, trank ihre Kaffeetasse leer, dann sagte
sie: Katharine, Sie ist immer noch so lebhaft und strmisch wie frher, immer
oben hinaus, nie eine ruhige Ueberlegung.
    Nein, ich bin nicht mehr wie frher, entgegnete schmerzlich die Nhterin:
ich habe vierzehn Tage gewartet, nachdem ich zwei Sonntage vergebens drauen
war und ruhig heim ging, ohne mein Kind gesehen zu haben, da man mir sagte, die
Frau kme wahrscheinlich nicht vor spter Nacht nach Hause. - - Das htte ich
freilich frher nicht gethan, fuhr sie lebhafter fort, whrend sie ihre Augen
weit ffnete. - Frher wre ich auf der Treppe sitzen geblieben, die ganze
Nacht und den andern Tag, und so viel Nchte und so viel Tage, bis sie mit
meinem Kinde nach Hause gekommen wre. - Aber es thut sich nimmer mehr, fuhr
sie zusammensinkend fort; wenn auch der Wille da ist, die Kraft fehlt.
    Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden lassen, versetzte Madame Becker nach
einer lngeren Pause, whrend welcher sie ihre Haube zurecht zog und einigemal
freundlich zu lcheln versuchte, doch wollte ihr das nicht recht gelingen, und
der unheimliche Blick ihres Auges drang berwiegend vor. Jetzt habe ich Sie
also ruhig ausreden lassen; jetzt sag' Sie mir, was will Sie eigentlich; soll
ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem Kinde sehen, oder was muthet Sie mir
sonst zu?
    Die Tnzerin am Fenster, die beschftigt war, ein paar fleischfarbene Schuhe
mit neuem Bund zu versehen, hatte die Hnde mit dieser Arbeit in den Schoo
sinken lassen und lauschte aufmerksam den Reden der Nhterin. Ja, sie erhob sich
langsam und stellte sich in die Fenstervertiefung, scheinbar, um auf die Strae
hinaus zu sehen, in Wahrheit aber, um besser zu hren, was Jene sprchen.
    Die Nhterin hatte ihre beiden weien Hnde auf den Tisch gelegt und beugte
sich so weit wie mglich zu der ihr gegenber sitzenden Frau hin, die sie fest
anschaute und mit ihrem Blick zu bannen schien.
    Sie wissen, Frau Becker, sagte sie alsdann mit leiser aber eindringlicher
Stimme, was damals mit ihm ausgemacht wurde. - Sie haben das ja selbst besorgt.
- Als er mich verlassen, habe ich jede Hlfe von ihm zurckgestoen, jede
Untersttzung fr mich und mein Kind; - das wissen Sie ganz genau, - denn ich
wollte nichts mehr von ihm; es war ein Fluch an dem, was aus seiner Hand kam. -
O, ich habe das lange geahnt! Er sollte also gehen, wohin er wollte, und machen
was ihm beliebte, aber dafr mute er mir mein Kind lassen, - mein Kind, fr das
zu arbeiten mir eine wahre Lust ist. - O ein Vergngen, Frau Becker; denn wenn
ich Abends md' und matt nach Hause komme und ksse die Locken, die ich von ihm
habe, so bin ich wahrhaft frisch und munter und schlafe ohne viel Beschwerden,
weil es mir dann im Traume erscheint und sich an meine Brust drckt, an meine
Brust, die mich oft so seht schmerzt! -
    Die Frau machte ein Zeichen der Ungeduld.
    Ich komme schon zu Ende, fuhr die Andere fort, nachdem sie tief Athem
geholt und einen Augenblick geschwiegen. Aber wissen Sie, Frau Becker, sagte
sie matt lchelnd, Sie mssen mir schon verzeihen, wenn ich das Kind so oft
erwhne, ich habe ja Anderes nichts zu denken. - Nun, also! Er schien sich auch,
Gott sei Dank! um das kleine Ding gar nicht mehr zu bekmmern, ich erfuhr
berhaupt nichts mehr von ihm, bis vor drei oder vier Wochen, da sagte mir die
Babett, die mit mir zusammen nhte: weit du auch schon, da er heirathen will?
- Es ist mir gleichgltig, entgegnete ich; habe ich doch mein Kind. - Ja, aber
das Kind mchten sie gern haben. - Wer? rief ich erschrocken. - Nun, sie, seine
Familie; sei doch nicht so dumm, das kannst du dir ja denken, es kann ihnen doch
wahrhaftig nicht gleichgltig sein, da ein Kind von ihm und dir lebt und
gedeiht.
    Das dumme Schwatzmaul! murmelte die Frau in sich hinein.
    Bei den Worten, fuhr die arme Person fort, indem sie sich ber die Stirne
wischte, brach mir der kalte Angstschwei aus, - wie jetzt, und ich wre gleich
zu der Frau hinaus gerannt, aber es war mir unmglich. Auch war es Freitag, und
den Sonntag darauf ging ich ja hin, das war, wie ich Ihnen vorhin sagte: sie war
ausgegangen und hatte das Kind mitgenommen. - Wie mich das bestrzt machte, Sie
knnen es sich gar nicht denken, Frau Becker. Ich konnte mich nur etwas wieder
trsten, als ich das kleine Bettchen sah und seine Alltagsschuhe, die daneben
standen. - - Nun, nehmen Sie mir's nicht bel, dehalb bin ich eigentlich hier,
Sie will ich ja nur fragen, auf's Gewissen fragen, wie es mit der Sache steht.
Sie kennen ja die Familie und haben vielleicht sogar mit ihm zu thun. Ob er sich
verheirathet, ist mir ja ganz gleichgltig, aber das Kind ist mein; von dem
Kinde darf er nichts mehr wollen. Nicht wahr, das sehen Sie auch ein? - Und er
hat ja kein Recht an das Kind, hat sich ja auch nie darum bekmmert, und ich
habe auf der weiten, weiten Welt nichts Anderes, was mich an dies Leben
festhlt!
    Madame Becker hatte sich bei dieser lngeren Rede eine neue Tasse Kaffee
zurecht gemacht und besorgte dies Geschft absichtlich sehr langsam,
wahrscheinlich um Zeit zu gewinnen, ihre Antwort zu berlegen. Sie mute von der
Sache wissen, denn whrend die arme Person ihr gegenber sprach, rusperte sie
sich ein Paarmal nicht ohne Verlegenheit, schaute auch wohl gegen die Strae
hinaus und nach ihrer Nichte, der Tnzerin, hin, die sich aber so fest in die
Fensternische hinein gedrckt hatte, da die Frau nicht wute, ob das Mdchen da
sei oder ob sie in's Nebenzimmer gegangen.
    Sieht Sie, Katharine, sprach sie endlich sehr langsam, um ihre Worte
berlegen zu knnen, was ich vorhin sagte ist wahr. Sie handelt immer
vorschnell und oben hinaus und denkt immer das Schlimmste von den Mnnern. Das
mu man nicht thun. Am Ende freilich ist was Unangenehmes passirt; wer kann fr
so ein kleines Kind einstehen?
    Nicht wahr? - nicht wahr? - o mein Gott!
    Ja, ich sage, es sei mglich, ohne da ich das wei. Da die Frau Bilz
zweimal nach einander nicht zu Haus war, htte an sich nicht viel zu bedeuten;
das kann vorkommen. Aber neulich ist sie mir begegnet und hat den Kopf
geschttelt, als ich nach dem Kinde fragte, - ich frage immer darnach,
Katharine, - da sagte sie: ja, es ist recht krnklich, und selbst bei der
sorgfltigsten Pflege wei man doch nicht, was mit dem armen Wurm geschieht.
    Aber mein Kind war nicht krnklich, sagte ngstlich die Nhterin,
wenigstens noch nicht vor vierzehn Tagen; da fand ich es frisch und gesund.
    Na! frisch und gesund wollen wir gerade nicht behaupten, entgegnete die
Frau, nachdem sie aus einer kleinen Dose verstohlen eine Prise genommen; einen
Treff hat das Kind leider schon bei der Geburt gehabt. Denkt nur an den Jammer,
mit dem Ihr es getragen.
    Ja, ich habe damals unendlich viel Jammer ausgestanden.
    Und das feste Schnren in der ersten. Zeit! Ihr hattet damals eine
reputirliche Kundschaft, Katharine, lauter feine, solide Huser, und da lt man
so was nicht gern merken. Aber die armen Wrmer leiden darunter.
    Die Nhterin schttelte unglubig den Kopf und sah gedankenvoll vor sich
hin. Nein, nein! sagte sie nach einer Pause, dem Kinde hat nichts gefehlt,
das hat mich der Arzt versichert. Ich habe ihn ja fast auf den Knieen gebeten,
mir die Wahrheit zu sagen.
    So glaubt, was Ihr wollt, versetzte Madame Becker scheinbar ereifert; mir
kann es ja recht sein. Aber wie ich Euch schon sagte, die Frau Bilz machte ber
den Zustand des Kindes so ein bedenkliches Gesicht, da ich schon im Begriffe
war, Euch aufzusuchen; doch wute ich nicht, wo Ihr den Tag ber seid und Abends
habe ich keine Zeit.
    Dann htte die Frau aber zu mir kommen sollen, das wre doch nicht mehr als
recht und billig gewesen.
    Ja, ja, sie htte es gekonnt, aber sie hat auch viel zu thun. Nun, hoffen
wir das Beste!
    Was kann ich machen! seufzte die Nhterin betrbt, indem sie die Hnde
faltete. Und wenn das Kind krank wrde und strbe - du lieber Gott im Himmel!
das war' auch mein Ende; aber ich mte es ber mich ergehen lassen. - Das
Andere aber, Frau Becker, fuhr sie heftiger fort, indem sie ihre rechte Hand
drohend erhob, das Andere aber liee ich nicht ruhig geschehen, so schwach ich
bin, das knnen Sie mir glauben. - Aber nicht wahr, ich habe nichts zu
befrchten, sie wollen mir das Kind nicht nehmen?
    Ei! wo denkt Ihr hin? Es fllt gewi Niemand ein, das zu thun, antwortete
die Frau und wandte ihren Kopf der Thre zu, wo sich ein leises Klopfen
vernehmen lie.
    Wenn Sie nur das denken, so beruhigt es mich, erwiderte Katharine; und
nur um ein wenig Trost zu haben, kam ich hieher. Ich habe einen halben Tag
Arbeit versumen mssen, fuhr sie schmerzlich lchelnd fort, und das fllt mir
schwer. - Aber nicht wahr, Frau Becker, noch einmal, es geschieht mir gewi
nichts Schlimmes?
    Es klopfte zum zweiten Male an die Thre.
    Was soll ich wissen? meinte Frau Becker, die ungeduldig den Kopf herum
wandte und dann ihrer Nichte rief und ihr auftrug, sie solle nachsehen, wer an
der Thre sei.
    Die Nhterin erhob sich langsam, wobei sie ihre eine Hand auf den Tisch
sttzte und leise hustete.

                             Siebenzehntes Kapitel.



                               Falsches Zeugni.

Die Tnzerin ging nach der Thr, ffnete sie geruschlos und sprach einige Worte
mit Jemand, der drauen stand und lie alsdann eine ltliche Bauersfrau in's
Zimmer treten, die ziemlich verlegen an der Thre stehen blieb und die ihre
Blicke fragend nach der Madame Becker richtete, welche ebenfalls aufgestanden
war und etwas erschrocken auf die Eingetretene sah. Katharine wandte gleichfalls
ihren Kopf herum und stie einen lauten Schrei aus, worauf Madame Becker
ungeduldig mit dem Fu stampfte und einen leisen Fluch zwischen den Zhnen
murmelte.
    Da ist die Frau! sagte das Mdchen, indem sie ihre Augen weit aufri und
die Blsse ihres Gesichts wahrhaft gespenstig wurde. - Da ist die Frau! - Jetzt
werde ich doch etwas erfahren ber mein Kind!
    Die Bauersfrau kam ziemlich unbehlflich nher, streckte ihre beiden Hnde
aus und verwandte kein Auge von dem Gesicht der Madame Becker; that sie das nun,
um sich an den Mienen derselben Raths zu erholen, oder scheute sie sich
vielleicht, die unglckliche Mutter des Kindes anzusehen.
    Nun? rief ihr Madame Becker ziemlich eifrig entgegen. - Was will Sie
eigentlich? - Zu mir? - Gewi zu Katharine. - Da steht sie. Sag' Sie, was Sie
wei. - Ist vielleicht ein Unglck geschehen?
    Die Bauersfrau zog ihre Achseln entsetzlich in die Hhe, wobei sie mit
einiger Anstrengung nach dem Himmel hinauf zu schielen versuchte, es aber nur zu
einem hlichen, verdrehten Blick brachte.
    Madame Becker zuckte hierauf ebenfalls mit den Achseln und warf einen
mitleidig sein sollenden Blick auf die Nhterin, die da stand, ein Bild des
Jammers, mit bleichen Wangen, auf denen jetzt allmhlig kleine rothe Punkte
sichtbar wurden, - die schon erwhnten Kirchhofsrosen, die nun bald in ihrer
ganzen schrecklichen Pracht auf dem stillen Gesichte wieder aufflammen sollten.
    So ist dem Kind etwas passirt? fragte Madame Becker nach einer langen und
schrecklichen Pause. Was hat's da gegeben? - -
    Todt! entgegnete die Bauersfrau, ohne da sie es wagte dem flammenden
Blick der Mutter zu begegnen. - Todt! - todt! - Das Kind ist todt!- -
    In diesem Augenblicke trat die Tnzerin vor und legte ihre warme Hand sanft
aus die kalte Rechte Katharinens, schlang ihren Arm um sie und drckte sie in
tiefstem Mitgefhl fest an die Brust, die, sein leises Schluchzen unterdrckend,
sich hoch und gewaltsam hob und senkte.
    Also todt! sagte Madame Becker. Und wie ist das gekommen?
    Wie kommt das bei so kleinen Kindern! entgegnete die Bauersfrau, indem sie
den Kopf auf die rechte Seite senkte; vorige Woche noch ziemlich gesund und
wohl, gestern Nacht mausetodt. - Hier ist der Schein, Alles in Ordnung
ausgestellt. - Ja, es ist traurig aber wahr.
    Katharina blickte mit trockenen und heien Augen wie in einem tiefen Traume
um sich her. Lange schaute sie die beiden Weiber vor sich an, bald die Eine,
bald die Andere, und keine konnte diesen Blick ertragen. Dann aber bog sie ihren
Kopf leicht zurck und streifte so die glhende Wange der Tnzerin; und es war,
als ob diese Berhrung eines guten, mitfhlenden Wesens eine Beruhigung ber
ihre Seele gebracht htte, denn ein paar Sekunden nachher senkte sie ihren Kopf
auf ihre Brust und brach zwischen den Armen des jungen Mdchens zusammen, die
sie sanft auf einen Stuhl niedergleiten lie und dann neben ihr kniete, um ihr
Haupt zu untersttzen.
    Jetzt erst wagte die Bauersfrau das unglckliche junge Weib anzusehen; doch
that sie es scheu und verlegen, machte auch gar keine Miene, der
Niedergesunkenen beizuspringen, sondern sagte zu Madame Becker: Es ist
wahrhaftig ein Jammer; aber was kann man machen? Jetzt bersteht sie es auf
einmal und sonst wre es doch fr ihr Leben eine immerwhrende Last und Plage
gewesen.
    Die Angeredete hatte beide Arme auf den Tisch gesttzt und blickte in das
bleiche Gesicht der Ohnmchtigen. Ob es besser ist, sprach sie mit scharfem
unangenehmem Tone, was geht es uns eigentlich an? Geschehen sollt' es und
geschehen ist es; und ich hoffe, setzte sie leise hinzu, da Sie Alles gut
besorgt hat, Frau, denn es ist im Grunde eine kitzliche Geschichte, fr welche
Sie den grten Theil empfangen und fr welche Sie auch mit Ihrer Haut einstehen
mu.
    Bst! bst! entgegnete die Bauersfrau, indem sie ihre Augen einen Moment auf
die Tnzerin heftete und sich dann der Frau nherte, zu der sie sagte: Kommt
doch da weg, wenn Ihr schwtzen wollt, geht mit in's Nebenzimmer! Ich habe Euch
noch allerlei mitzutheilen.
    Damit gingen die beiden Weiber in das andere Gemach und lieen die Tnzerin
bei der Unglcklichen allein.
    Marie befand sich in groer Gemthsbewegung; sie athmete schnell und heftig
und sandte den beiden Weibern einen forschenden Blick nach. Dann lehnte sie
sanft das Haupt Katharinens an die Stuhllehne und eilte in ihr Schlafzimmer, wo
sie vom: Bett ein Kissen, von der rmlichen Toilette ein kleines Flschchen mit
klnischem Wasser nahm. Das Kissen schob sie unter den Kopf der noch immer
bewutlos Daliegenden, drckte diesen sanft hinein und go dann einige Tropfen
des wohlriechenden Wassers auf ihr Tuch, worauf sie Schlfe und Stirn des armen
Mdchens leicht damit rieb.
    Das Alles that sie mit einer seltsamen Hast und warf dabei verstohlen die
Blicke auf die Thre des Nebenzimmers, welche Madame Becker nicht fest hinter
sich zugezogen hatte. Nachdem sie darauf wieder ein paar Sekunden lang
aufmerksam in das bleiche Gesicht der Kranken geblickt, erhob sie sich rasch,
als sie sah, wie sich deren Lippen langsam ffneten und ein leichter Seufzer aus
der Brust emporstieg. Darauf ffnete Katharine matt ihre Augen und sah die
Tnzerin mit einem dankbaren Blicke an.
    Maria lchelte ihr zu, zeigte mit der linken Hand auf 's Nebenzimmer und
legte alsdann einen Finger der rechten Hand auf ihren Mund, als wollte sie
sagen: Stille! sprich kein Wort; mach' kein Gerusch!
    Katharine schien das vollkommen zu verstehen und auch wohl zu begreifen, da
dort im Nebenzimmer etwas verhandelt wrde, was fr sie von groem Interesse
sei, denn sie schlo ihre Augen und ffnete sie wieder zur Beistimmung, fate
die Lehne des Stuhls mit ihren Hnden und folgte dann mit den Augen der
Tnzerin, welche sich geruschlos und geschmeidig wie eine Schlange um den Tisch
herum wandte, an die etwas geffnete Thre des Nebenzimmers gelangte, ohne da
man nur einen Futritt gehrt htte. Dort blieb sie einige Minuten lauschend
stehen und kehrte dann ebenso vorsichtig und leise zu Katharine zurck, kniete
vor sie nieder, legte abermals den Finger auf den Mund und drckte darauf ihre
beiden Hnde fest auf die der armen Person, wobei sie ihr bedeutungsvoll in die
Augen sah.
    Sprich kein Wort! flsterte sie, ja, wenn die Beiden heraus kommen, so
schliee deine Augen wieder. Kannst du es ertragen, wenn ich dir was sage, das
nicht so schlimm ist, als was du eben gehrt?
    Katharina nickte mit dem Kopfe.
    Lange nicht so schlimm, aber auch nicht angenehm. - Sei ruhig - im Grunde
doch angenehm. Aber du mut nicht aufschreien!
    Katharine machte mit den Augen ein verneinendes Zeichen.
    Bst! fuhr die Tnzerin fort, indem sie einen ngstlichen Blick nach der
Thre warf; es ist wahr, was du vorhin sagtest: er wird sich verheirathen.
    Katharine seufzte.
    Und das Kind - fuhr Marie leise fort; -
    Nun, das Kind? - - Das Kind -?
    Es ist nicht todt, hauchte das Mdchen kaum vernehmlich. - Es lebt, aber
sie haben es fortgebracht.
    
    - Mir gestohlen -!
    Wohin sie es gebracht haben, wei ich nicht, aber ich erfahre es; sei ganz
ruhig. Wir haben auch unsere Freunde!
    Sie haben es fortgebracht! O, ich kann mir denken, um es zu verderben - das
arme kleine Kind! Glaubst du nicht auch, Marie?
    Jetzt nickte die Tnzerin traurig mit dem Kopfe.
    Sie htten es geschwind umgebracht, aber sie frchteten sich. O, ich kann
mir denken, wohin sie es gebracht haben. Zu so einem schrecklichen Weib, da
wollte er damals schon, ich sollt' es hinthun. Gott! mein Gott! Da brauchen sie
es nicht auf einmal umzubringen, da geht es langsam zu Grunde, da stirbt es
stndlich - tglich - an - Hunger - Klte - - Elend! -
    Bei diesen letzten Worten sank das arme Geschpf abermals in die Kissen
zurck, ihre Augen schlssen sich und fielen tief ein, und zwischen den bleichen
Lippen zeigte sich ein einziger Blutstropfen.
    Sie stirbt! rief die Tnzerin. Sie stirbt! schrie sie laut hinaus.
    Und auf diesen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus
und traten an den Sessel.
    Die arme Creatur! sagte Madame Becker und stellte ihre Schnupftabaksdose
auf den Tisch, um eine der kalten Hnde Katharinens zu ergreisen, die jetzt
schlaff herunter hingen. Der Pulsschlag zitterte nur noch in den Adern und
schien nchstens ganz erlschen zu wollen.
    Aber das menschliche Herz ist stark und leistet fast das Unmgliche im
Ertragen von Jammer und Elend.
    Wenn sie sterben wrde, sprach die Bauersfrau, es war' das wahrhaftig
kein Unglck fr sie. Was soll die auch ein wenig lnger auf der Welt? Wenn sie
heute nicht erliegt, treibt sie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr.
    Unterdessen hatte sich die Tnzerin ber die Ohnmchtige hingebeugt und ihre
frischen Lippen berhrten fast den bleichen Mund der Anderen, whrend eine
schwere Thrne um die andere aus ihren Augen herabrann.
    Seid doch stille! bat sie nach einer Pause. Sprecht nicht so laut, man
sagt, so Ohnmchtige knnten manchmal Alles hren, was man neben ihnen spricht.
Seht, sie ist gewi nicht todt, ihre Lippen zittern, ihre Augen fangen an sich
zu bewegen.
    Ich habe genug von vorhin, sagte die Bauersfrau, und habe nicht Lust,
noch einmal dieselbe Geschichte zu hren. Wenn sie wirklich wieder aufwacht, so
gebt ihr den Todtenschein, er ist cht und richtig. - Sie warf Madame Becker
einen bedeutsamen Blick zu. - Auch kann sie die Bettchen und Kleider holen,
wenn sie will.
    Ich werde es ihr sagen, entgegnete Madame Becker mit einem scheinheiligen
Ausdruck im Gesicht; und was die Begrbnikosten anbelangt, so kann Sie sich an
mich halten, Frau. Du lieber Gott! man hilft gern so einer armen Creatur ihren
Kummer lindern.
    Sind nicht gro, die Kosten, versetzte kopfschttelnd die Bauersfrau;
meine Schwester hat's heute Frh besorgt in ihrem Dorfe. Es war das ein kleines
Loch, wenig Arbeit. Jetzt liegt schon der Schnee darauf; das wird ihr ein Trost
sein, - denn wenn sie's nchstes Frhjahr aufsuchen kann, setzte sie mit
bedeutsamem Achselzucken hinzu, so ist ihr Jammer auch schwcher geworden. -
Adieu, Jungfer Marie!
    Die Tnzerin nickte stumm mit dem Kopfe, ohne aufzublicken, denn sie war
beschftigt, das Gesicht der Ohnmchtigen abermals zu waschen.
    Madame Becker steckte ihre Schnupftabaksdose in die Tasche, nahm ein warmes
Tuch vom Nagel, das sie umhing, und schickte sich an, mit der Bauersfrau das
Zimmer zu verlassen. An der Thre warf sie noch einen scheuen Blick auf die
Kranke. - Es kommt mir doch etwas grauselich vor, sagte sie dann leise zu
ihrer Begleiterin. Wenn ich mir das Mdchen so von hier aus betrachte, so meine
ich wahrhaftig, es sei todt und wir trgen davon die Schuld.
    Ach was! entgegnete die Andere, seid nur nicht so kleinmthig, so was
kommt schon im Leben vor. Todt ist sie auch nicht; seht, sie reit ihre Augen
auf und schaut nach uns her.
    Ja, ja, Frau, Ihr habt Recht, sie blickt nach uns her, aber mit einem
schauerlichen Blick.
    Damit zog sie die Andere zur Thre hinaus.
    Es brauchte wohl eine Viertelstunde Zeit, ehe sich Katharine so weit erholt,
da sie die Tnzerin um die nheren Umstnde befragen konnte.
    Marie sagte, was sie gehrt:
    Das Kind war also nicht gestorben, aber man hatte ein anderes, das gestern
Nacht seinen Leiden erlegen, unterschoben und so wirklich einen Todtenschein
erhalten. Wohin sie das lebende Kind gebracht, hatte keines der Weiber gesagt,
wohl aber, da es auf den Antrieb seiner Familie geschehen, die damit das letzte
Band zwischen ihm und seiner ehemaligen Geliebten zerreien wollte.
    Sei nur ruhig, sagte die Tnzerin zu der Unglcklichen, deren Hnde heftig
zitterten, sei ruhig, wir wollen schon erfahren, wohin sie das Kind gebracht.
    Von deiner Tante glaubst du es zu erfahren?
    Nein! nein! die sagt mir nichts; ich habe schon meine Wege.
    Aber bald, Marie, nicht wahr? Bald, bald suchst du es zu erfahren, denn
glaube mir, wohin sie auch das Kind gebracht haben, es befindet sich an einem
Orte, wo es nicht lange leben kann; ich kenne solche Anstalten. - Du siehst mich
schaudernd an? - ja, Marie. Gott erhalte deine Unschuld; sie nennen das keinen
Mord, wenn so ein Kind langsam dahin siecht. - Es ist dann gestorben. -
    Die Tnzerin bedeckte ihr Gesicht mit beiden Hnden und finstere Gedanken
bewegten ihr Herz. Hatte sie in der Umgebung, wo sie sich befand, vielleicht
eine bessere Zukunft zu gewrtigen, als die Unglckliche, die vor ihr sa? Hatte
ihre Tante nicht schon Andeutungen genug fallen lassen ber nutzlos
verschwendete Jugend und Zeit, ber ein Kapital, das man nicht ruhig knne
liegen lassen und das seine Zinsen tragen msse! - Grlich! grlich! - - Und
das unglckliche Mdchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben, was sie
besa, sie aber stand in Gefahr, verkauft zu werden, wie die geringste Sklavin!
-
    Wie dank' ich dir, Marie, sagte die Nhterin, die sich allmhlig wieder
erholt, wie dank' ich dir fr deine Gte, fr deine Hlfe! Glaube mir, ich will
fr dich beten und es wird dir keinen Unsegen bringen. - Fr mich selbst wag'
ich es kaum; du bist so gut, so unschuldig, so frisch und gesund und kannst
einmal recht glcklich werden. Dann denke auch zuweilen an mich, die gewi lange
todt ist. Und wenn du, liebe, gute Marie, fuhr sie leiser fort, indem sie ihre
beiden Arme um den Hals der Tnzerin schlang, wenn du einmal einen braven Mann
hast und es dir gut geht, und du hast eine halbe Stunde Zeit, so besuche mein
Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch lebt und du es an irgend einer
Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen.
    Bei diesen Worten strzte ein erleichternder Thrnenstrom aus den Augen
Katharinens, und die beiden Mdchen hielten sich eine Zeit lang umschlungen und
weinten heftig; die Eine, indem sie mit trbem Blick an die Vergangenheit
dachte, die Andere, indem sie finster in die Zukunft schaute. -
    Der laute Klang eines Glckchens vor dem Fenster ri sie aus ihren
Trumereien empor.
    Ist es denn schon so spt, fragte die Tnzerin, da der Theaterwagen
drunten hlt, mich abzuholen? Verzeih', Katharine, da mu ich mich eilen; ich
darf den Schwindelmann nicht warten lassen.
    Und ich will auch gehen, sprach seufzend die Andere, indem sie sich
schwankend erhob. Aber nicht wahr, Marie, ich sehe dich morgen oder sobald du
etwas weit?
    Gewi, Katharine, gewi! antwortete die Tnzerin, whrend sie ihren groen
Korb auf den Tisch stellte, noch einmal flchtig die Gegenstnde darin bersah
und die Tanzschuhe, an denen sie vorhin gearbeitet, dazu legte. Ich werde heute
Abend noch mit Einigen darber sprechen. O, die Mdchen bei uns wissen recht gut
Bescheid und Manche kennen die ganze Stadt.
    Und du kommst dann zu mir Abends nach acht Uhr? - Mit welcher Ungeduld will
ich dich erwarten!
    Verla dich auf mich; ich thu', was ich kann.
    Damit band die Tnzerin ein Tuch um ihren Kopf, wickelte sich in einen alten
verblichenen Shawl, noch ein Erbstck ihrer verstorbenen Mutter, nahm den groen
Korb unter den linken Arm und begleitete mit dem rechten Katharinen sorgfltig
nach der Thre, die sie abschlo und den Schlssel im Ofenloch versteckte.
    Es ging etwas langsam die Treppe hinunter und Schwindelmann, der unten an
der Thre stand, trippelte ungeduldig von einem Fu auf den anderen. Drei bis
vier Colleginnen streckten ihre Gesichter aus dem Wagenfenster hervor und
blickten neugierig auf das bleiche Mdchen, das mit einem Hndedruck und
bittenden Blick sich von Marie verabschiedete und nun langsam an den Husern
dahin schlich.
    Der Teufel auch! sagte Schwindelmann, Mamsell Marie, Sie lassen uns lange
warten. Das sind wir bei Ihnen nicht gewhnt.
    Es thut mir leid, entgegnete die Tnzerin, und ist wahrhaftig nicht meine
Schuld.
    Wer ist denn das? fragte Schwindelmann, indem er auf Katharina zeigte, die
schon an den nchsten Husern erschpft stehen blieb.
    Eine unglckliche Person, der es sehr schlecht ergangen, erwiderte Mamsell
Marie.
    Und wo wohnt sie? fragte eine der Tnzerinnen aus dem Wagen.
    In der Schlossergasse.
    Dahin fahren wir gerade auch, sagte nachdenkend Schwindelmann. Und als ihn
ein bittender Blick des jungen Mdchens traf, rief er in den Wagen hinein: Was
meint ihr da drinnen, haben wir bis zur Schlossergasse noch Platz fr eine arme
kranke Person, die sonst vielleicht im Schnee stecken bleibt? - Es hat nicht
Jedermann einen Wagen, wie ihr Prinzessinnen, und was man seinem Nchsten thut,
das wird Einem im Himmel gut geschrieben.
    Gott! der Schwindelmann wird fromm! lachte eine lustige Stimme aus dem
Wagen. Mir ist es gleichviel.
    Mir auch! riefen ein paar Andere.
    Und darauf sprang Mamsell Marie in den Wagen, der Schlag blieb offen.
Andreas fuhr fort und Schwindelmann trabte neben der Equipage her, bis zur armen
Katharine, die zu ihrer groen Verwunderung solchergestalt auf die angenehmste
und bequemste Art nach ihrer Wohnung in der Schlossergasse befrdert wurde.
    Schwindelmann aber wurde seit jenem Abend von den Tnzerinnen zum
Hoftheater-Samariter ernannt.

                              Achtzehntes Kapitel.



                          Hinter der achten Coulisse.

Wenn auch schon in Schrift und Zeichnung so tausenderlei mitgetheilt worden ist
von dem Leben und Treiben hinter den Coulissen, so war das insofern recht
oberflchlich, als es nur jenen Theil derselben behandelte, welcher, ziemlich
hell vom Lampenlicht beschienen, dicht an der Bhne liegt. In die weiter
zurckgezogenen Rume, namentlich in die Tiefen des Theaters hinter dem letzten
Vorhang, sowie in die dunkeln Nischen zwischen Einschlag-, Donner- und
Regen-Apparat, oder jenem stillen Raume, wo die Seile der verschiedenen
Glockengelute hngen, drangen wenig neugierige Blicke Uneingeweihter; von all'
diesen dunkeln Orten wurde noch wenig Interessantes und Wahres berichtet, und
diese sind doch, wie alle Rume im Himmel und auf Erden, mit Wesen, und zwar mit
geschftigen und sehr wichtigen Wesen bevlkert.
    Hier haust nmlich seit unvordenklichen Zeiten und sobald die Dekoration
eines jedesmaligen Actes steht, das Geschlecht der Maschinisten und Zimmerleute,
der Feuerwchter und der Aushelfer. Der Glanz und der Lrm der Bhne ist ihnen
verhat, sie suchen gern ein stilles Pltzchen, wo sie ruhig zusammen plaudern
oder auch einzeln ber so Manches nachdenken knnen. Das sind meistens keine
ganz gewhnlichen Menschen, und Viele von ihnen haben schon verschiedene
Carriren versucht, ehe sie endlich hier als die unsichtbaren Lenker der Pracht
und Herrlichkeit des Theaters hngen geblieben sind. Den ganzen Tag hier in
einem ewigen Halbdunkel beschftigt, haben sie sich allmhlig daran gewhnt und
lieben die stillen Rume mit ihrem sanften, zweifelhaften Lichte mehr wie den
Glanz der Sonne. Ja, wenn sie Mittags nach Hause gehen, so drcken sie ihre
Mtzen tief in's Gesicht und scheinen ordentlich scheu auf der Strae dahin zu
flattern, wie aufgestrte Nachtvgel. Unlieb ist ihnen bei der Arbeit der
neugierige, scharf blitzende Sonnenstrahl, der zuweilen bei einer Tagesprobe
durch eine Oeffnung aus die finstere Bhne zuckt und mit einen langen, schmalen
Streifen so reines Gold, so glhendes Licht zwischen die schwarzen Schatten
hinein wirft, da die gemalten Blumen erbleichen und das abendlich noch so
frische Grn grau und moderig aussieht.
    Sie, diese armen Arbeiter, den ganzen Tag in der Finsterni umhertappend,
lieben berhaupt den Sommer und den Sonnenschein wenig, wenn letzterer drauen
ber Berg und Thal scheint und alle Menschen sich an seinem Strahle erfreuen,
sich an der frischen Luft erlaben, welche die duftenden Blumen und Bume
aushauchen, whrend sie die knarrenden Seile auf und ab ziehen, bestaubte
Coulissen aufhngen und einen knstlichen Donner und Regen hervorbringen, der
nichts Erquickendes hat und nur Legionen von Motten und einige Fledermuse
aufjagt.
    Der Winter ist ihnen lieber; da sind die anderen Menschen auch in's Haus
gebannt, und da sitzt es sich gar nicht unbehaglich an dem breiten eisernen Ofen
hinter der achten Coulisse, whrend drauen der Sturm heult oder der Regen auf
das Zinndach des Theaters niederprasselt.
    Ja, hinter der achten Coulisse ist ein recht heimliches Pltzchen, wie
gemacht zum Versammlungsort der Maschinisten und Zimmerleute. Gleich rechts
daneben ist die Flugmaschine, mit der es auf den Schnrboden hinauf geht und
links die eine Treppe, welche unter das Podium fhrt; die Zeichen zum Donner und
Regen hngen dicht daneben und zwei Sprachrohre mnden hier ebenfalls, durch
welche man Befehle augenblicklich nach allen Theilen der Bhne hinschleudern
kann. Da stehen meistens Fauteuils und sonstige Sitzgelegenheiten, die in den
nchsten Akten gebraucht werden und worauf man es sich bequem macht.
    Auch in anderer Beziehung hat dieses Pltzchen so weit nach hinten seine
guten Eigenschaften. Das unangenehme Volk der Statisten in ihren seltsam
duftenden Anzgen treibt sich mehr vorn am Eingange herum und tritt hier Niemand
in den Weg und auf die Hhneraugen; den Knstlern ersten und zweiten Ranges ist
es da hinten natrlicher Weise viel zu dunkel und einsam und selbst das
leichtfige Corps de Ballet hpft, wenn es ja einmal auf die andere Seite des
Theaters mu, mit einem groen Sprunge bei der achten Coulisse vorbei, denn es
zieht da manchmal sehr stark, namentlich dringt gewhnlich eine kalte Luft unten
aus dem Podium hervor.
    Die Dekoration des ersten Aktes steht und es ist eine jener angenehmen
Opern, in denen allaktlich die Scene stehen bleibt, wehalb die meisten
Maschinisten und Zimmerleute nichts zu thun haben. Hinter der achten Coulisse
ist nun ein artiges Plauderstbchen eingerichtet und wer nicht gerade einen
bestimmten Posten auf der anderen Seite hat, der findet sich hier ein. Da ist
ein kniglicher Thron, der nachher gebraucht wird und auf welchem der erste
Maschinist sitzt; doch hat er das Kissen von rothem Sammt herumgedreht und
begngt sich mit dem ledernen Unterfutter.
    Dieser erste Maschinist war Herr Hammer, ein schon ltlicher Mann, der sehr
stark schnupfte, sehr gern erzhlte und dazu bestndig mit dem Kopfe nickte,
welches Nicken er vielfach mit dem Ausrufe: Ja - a! ja - a! begleitete, was er
wahrscheinlich that, um seine Zuhrer zu versichern, seine Erzhlung sei wahr
und nicht erfunden, welch' Ersteres von dem ganzen Theaterpersonal stark
bezweifelt wurde, denn der erste Maschinist war dafr bekannt, da er etwas
heftig lge, besonders wenn er auf die Feldzge zu sprechen kam, die er
mitgemacht.
    Wir knnen hier eine andere Persnlichkeit nicht bergehen, die sich
ebenfalls oft hinter der achten Coulisse einfindet, aber dem Range nach
eigentlich spter genannt werden mte. Es ist dies der Schneidergehlfe Herr
Schellinger, eine kleine drftige Gestalt mit stark gekrmmtem Rcken und etwas
zitternden Hnden. Herr Schellinger war an die Sechszig, hatte Zeit seines
Lebens in jeder Beziehung stark gearbeitet und erfreute sich nun dafr ziemlich
drftiger Umstnde und einer mangelhaften Gesundheit. Er war ein denkender
Knstler gewesen, ein Mann von tiefer Phantasie, und da er auf dem
Schneidertische so viele freie Stunden hatte, in denen sein Geist unabhngig von
der Knechtschaft der Nadel umher ziehen konnte in der weiten Welt, so reiste er
bestndig, das heit immer in Gedanken, und hatte dabei die Eigenthmlichkeit,
da er sich nach der Rckkehr von einer so weit ausgesponnenen Tour steif und
fest einbildete, er habe wirklich diese Reisen gemacht, und da er die
wunderbarsten Dinge davon erzhlte. - Wenn er in der Garderobe mit dem Anziehen
fertig war, so stahl er sich auf die Bhne und placirte sich meistens in die
Nhe des ersten Maschinisten, von dem er komischer Weise behauptete, es sei auf
der ganzen Welt Niemand, der so lgen knne wie der Herr Hammer. Dehalb pate
er auch jedem Worte desselben auf und suchte ihm augenblicklich nachzuweisen, wo
er blau frbe.
    Auf der linken Seite des Thronsessels befand sich ein schwarzer Sarg, der
aus der letzten Scene von Romeo und Julie, die gestern Abend auf der Bhne
geliebt und gelitten, stehen geblieben war. Auf dem Kopfende desselben sa der
Garderobegehlfe, die Hnde ber den Knieen gefaltet, den Kopf etwas nach der
linken Seite geneigt, um besser hren zu knnen. Neben ihm befanden sich ein
paar Zimmerleute: rechts vom Throne stand eine Gestalt, die des nheren
Betrachtens werth ist.
    Es war dies ein kleines zartes Mnnchen in einem abgeschabten schwarzen
Frack, mit einem klugen Gesichte, auf welchem das Alter und vielleicht auch ein
lustiges Leben tiefe Furchen gezogen hatten. Aus dem schwarzen Halstuch ragte
ein ziemlich hoher Hemdkragen hervor, aschfarben wie der Teint dieses Mannes,
welchem nur ein paar scharfe dunkelblaue Augen etwas Lebhaftes verliehen; den
Scheitel bedeckte eine kleine fuchsige Perrcke, die aber nirgendwo mehr
festliegen wollte und rings herum struppig und drohend in die Hhe stand. Das
Merkwrdigste an diesem Manne aber war unbedingt eine ziemlich groe
Wasserspritze, die er geladen und aufgezogen an seinem linken Arm trug. Dies war
Herr Wander, ein Mann, der seltsame Schicksale gehabt. Von guter, vermglicher
Familie, htte er in seiner Jugend ein unabhngiges Leben fhren knnen, wenn
ihn nicht eine unberwindliche Leidenschaft zum Theaterleben an den
Thespiskarren gespannt htte, wo er brigens mehr zum eigenen Vergngen als zur
wirklichen Hlfe mit lief. Das ging Alles so lange gut, als Jugend und Geld
ausreichte; dann aber wollte sich kein Theaterdirektor mehr mit dem Herrn Wander
einlassen, er durfte die geliebten Bretter nicht ferner betreten, und da es ihm
denn doch einmal unmglich war, von dem fr ihn so anziehenden Leben und Treiben
zu lassen, so half er aus, wo man gerade seiner kleinen Dienste bedurfte. So
diente er nach und nach als Inspicient, Requisiteur, Souffleur, ja er frisirte
sogar eine Zeit lang in der Herrengarderobe, und als das Alles nicht mehr ging
und ihn Niemand mehr haben wollte, so kehrte er in seine Heimath, die Residenz,
zurck, wo er das doppelte Glck hatte, eine kleine Erbschaft zu machen, sowie
von dem Intendanten die gndigste Erlaubni zu erhalten, bei groen
Vorstellungen als berzhliger Spritzenmann aushelfen zu drfen.
    Der Spritzenmann, geneigter Leser, ist eine Person, welche mit dem sehr
groen Exemplare eines Instrumentes, das dir unter einem unaussprechlichen Namen
bekannt ist, hinter den Coulissen auf und ab wandelt und sorgsam an Lampen und
Decorationen umher spht, um zuzuspritzen, wo sich ein verdchtiger Funke zeigt.
    Vor dem Thronsessel auf einer knstlichen Rasenbank sa Herr Schwindelmann,
der jetzt ebenfalls, sobald sich smmtliche Knstler und Knstlerinnen im
Theater befanden, nur am Ende eines jeden Aktes zu thun hatte, denn seine
Nebenbeschftigung war alsdann, den groen Portalvorhang herab zu lassen.
    An der Coulisse Numero acht, die sehr weit hineingeschoben war, lehnte der
Sohn des Herrn Hammer, ein junger Mensch von einigen zwanzig Jahren, eine
schne, krftige Gestalt. Er war ebenfalls Maschinist und sprach gerade mit
einem Kameraden, der neben ihn auf einem hlzernen Blocke sa, und der dem
Aeuern nach den vollkommensten Gegensatz zu ihm bildete. War der junge Hammer
mit seiner breiten und muskulsen Gestalt, mit dem frischen gutmthigen Gesichte
ein Bild der Gesundheit und des Lebens, so war der Andere ein leibhaftiges
Conterfei der Krankheit, ja des Todes. Er sa mit gefalteten Hnden, an den Fu
und wenn er so schwer und tief athmete, so bemerkte man auf dem Rcken durch das
dnne Rckchen hindurch, womit er bedeckt war, wie die Schulterbltter zitternd
auf und ab gingen. Sein Gesicht war eingefallen, und er schien, in tiefes
Nachdenken versunken, auf die schwarze, schauerliche Bank zu stieren, auf
welcher Herr Schellinger sa.
    Ja - a, ja - a, sagte der erste Maschinist, mit dem Kopfe nickend, indem
er sich an den kranken Mann wandte, nur nicht den Muth verloren, Albert. Dann
kann und wird Alles gut gehen. Wenn einmal der Winter vorbei ist, mit seinem
ewigen Schnee und Frost - wenn der Frhling kommt -
    Und wenn er reisen knnte, meinte der Garderobegehlfe mit nselnder
Stimme und aufgehobenem Zeigefinger. Wenn er reisen knnte, da links herber
nach Italien, wo die meisten Leute ber hundert Jahre alt werden. - Als ich
damals dort war -
    Wir wissen die Geschichte schon, ja - a, ja - a, unterbrach ihn Herr
Hammer. Als Ihr in Italien waret und ebenfalls krank, und als sie Euch mit dem
bewuten Mckenfett kurirt.
    Nein, es war Schlangenhaut, entgegnete ruhig der Schneider, von der
groen Schlange, die sich am Baume aufhngt und dann selbst ihren Balg
abstreift. Ich habe ein Stck davon mitgebracht. - Wollt ihr es sehen? - -
    Spter! spter! sprach ungeduldig Herr Hammer, und fuhr dann zu dem
Anderen gewendet fort: Wie ich Euch sagte, Albert, lat Euch nur zuweilen vor
den Regisseuren und dem Obermaschinisten sehen. Fat nur hie und da ein Tau an
und thut, als wenn Ihr was schafftet. Haltet Euch dabei immer nur an meinen Sohn
Richard, der reit Euch schon durch. Und im Grunde ist es ja ganz einerlei, man
thut damit der Theaterkasse keinen Abbruch, denn Richard arbeitet fr zwei.
    Ich bin ihnen sehr dankbar dafr, erwiderte der Kranke, denn wie sollte
ich existiren, wenn man mich als untauglich entliee! Da wre mein letztes Brod
gebacken und ich mte gerade Hungers sterben. Sie haben berhaupt schon so viel
an mir gethan, da ich gar nicht wei, wie ich es wieder gut machen soll. - Ach!
wer wrde mich als Taglhner nehmen!
    Ja, es ist eigentlich ein prekres Geschft, so von seiner Hndearbeit im
Taglohn leben zu mssen, sagte Herr Wander. Ich habe das oft mit angesehen,
wenn man sechs Tage schafft, so hat man sechs Tage Lohn; aber nun kommt der
Sonntag, der doch zur Ruhe und zur Freude fr Menschen und Vieh geschaffen ist,
und an dem ist nichts da zu beien und zu nagen, wenn man nicht von den paar
Kreuzern der Wochentage sich etwas aufhebt. Das ist schlecht eingerichtet.
    Und wenn man erst krank wird, versetzte Albert, indem er langsam den Kopf
erhob; ich sage es noch einmal: wenn ich von euch keine Hlfe htte, ich wre
mit Weib und Kindern ein verlorner Mann!
    Dafr sollte dem, fr den man schafft, auch die Verpflichtung obliegen,
Einen zu unterhalten, wenn man keine Hand mehr regen kann, meinte der junge
Hammer.
    Das wre nicht so bel, sagte nachdenkend der Schneider. Und ich will dir
was sagen, Richard, das kannst du haben. Da mut du dich schwarz anstreichen
lassen und zu die Geschlafen gehen; da hast du's, wie es dein Herz begehrt: du
arbeitest da ziemlich hart, das ist wahr -
    Bah! erwiderte der junge Zimmermann, was das harte Arbeiten anbelangt,
davon kann unsereins auch erzhlen. Ich will am Ende nicht einmal vom Theater
sprechen; aber man sollte einmal so ein Dutzend lumpige Neger, die sich in ihrem
Baumwollenfeld bei ihrem Schaffen und ein Bischen Prgel beklagen, man sollt'
die sein thuenden Hallunken auf einmal auf einen Zimmerplatz hinaus thun, so wo
es gilt, mit achtziger Balken zu arbeiten, namentlich im Sptherbst, wenn ein
Dach aufzusetzen ist, und wo jeden Morgen das helle Glatteis auf den Balken
sitzt. Da hat man immer sein Todtenhemd an; und was die Prgel anbelangt, da
braucht man nur einen jhzornigen Obergesellen zu haben, der ein Lattenstck gut
anzugreifen versteht; da fliegen die Funken davon, das kann ich euch
versichern.
    Aber dafr seid Ihr ein freier Mann, meinte Herr Wander, indem er seine
Spritze vorsichtig auf den Boden stellte, und eine Prise aus der dargebotenen
Dose des ersten Maschinisten nahm.
    Ein freier Mann! lachte der Andere. Ja, Ihr versteht's! - Jetzt bin ich
frei, dachte auch der Esel eines Tages, an welchem er die Scke abgeworfen, und
sagte das dem Wolf einen Augenblick vorher, ehe dieser ihn auffra.
    Der Richard hat nicht ganz Unrecht, sagte leise Herr Schellinger. So ein
Geschlaf hat's gar nicht schlecht; ich mchte auch eins sein. So ein Kerl sitzt
in seiner Htte, it den ganzen Tag die theuersten Frchte, nhrt sich von
Reibrei und jungen Hhnern, und wenn er einmal nicht schaffen will, so gibt er
Bauchschmerzen vor und bleibt zu Hause.
    Das kannst du auch thun, bemerkte Schwindelmann.
    Ja, aber nicht unter den vorhin angegebenen Bedingungen, entgegnete der
Schneider. Wo bleibt dann der Reibrei und die Frchte?
    Pfui, Schellinger! sagte lachend Herr Wander, du bist eine knechtisch
gesinnte Natur! Was nutzt dich das Bischen Essen und Trinken, wenn du dafr von
allem Erhabenen und Schnen, was die Freiheit bietet, nichts erreichen kannst?
    Was habe denn ich armer Schneider je Erhabenes und Schnes zu erreichen
gehabt?
    Wenn du ein Geschlaf bist, entgegnete lachend Richard, so kannst du dir
kein eigenes Vermgen erwerben, kein Haus besitzen.
    O, das wre schade! grinste der Schneider.
    Ja - a, ja - a! sprach der erste Maschinist, und knnte niemals
Abgeordneter oder Stadtrath werden.
    Wozu ich als freier Mann freilich hier alle Aussicht habe, meinte hhnisch
Herr Schellinger.
    Aber Spa bei Seite! warf der Schwindelmann dazwischen, indem er seinen
Nachbar verstohlen an die Seite stie, ber das Geschlafenleben kann uns
Niemand besser aufklren wie der Schellinger. Nicht wahr, du bist ja da hinten
in Sdamerika gewesen, und hast den Onkel Tom besucht?
    Es ist das schon lange her, entgegnete kopfnickend und trumerisch der
Schneider; ich glaube so an die zwanzig Jahre, aber ich erinnere mich seiner
noch recht gut. - Unter uns gesagt, der Onkel Tom - damit schob er wichtig die
Unterlippe vor, zog die Augenbrauen in die Hhe und schttelte mit dem Kopfe -
der Onkel Tom, na! ihr versteht mich!
    War er ein etwas verwegener Bursche? fragte Richard, indem er sich, um
besser zu hren, fester in die Coulissen hinein drckte.
    Der Hafer hat ihn gestochen, fuhr Herr Schellinger fort. Er hatte es zu
gut; es war so ein Bischen Whlerei dabei, was Demokratisches, wehalb er auch
verkauft wurde. Und das Buch, sagte er geheimnivoll, indem er den Zeigefinger
erhob, soll auch eigentlich keine Bibel gewesen sein, sondern eine
Verfassungsurkunde, die er fr die Schwarzen entworfen. - Ich habe es in der
Hand gehabt.
    Aber das Verkaufen wirst du nicht rechtfertigen wollen? Denke dir, du hast
Weib und Kind, mit denen du schon lange Jahre lebst, nun will man dir deine Frau
verkaufen.
    Ja, das htte er sich schon gefallen lassen, sagte Herr Wander. Nicht
wahr, Schellinger, darber httest du kein Buch geschrieben?
    Der Schneider gab ber diese schlechten Spsse keine Antwort, er blickte
nachdenkend an den Schnrboden hinauf und erwiderte dann: Das Verkaufen ist
allerdings sehr hart. Aber als ich da hinten war, da hat mich so ein
amerikanischer Oberamtmann darber aufgeklrt. Man mu das Ding nicht mit
unserem Mastab messen. Was Teufel! Wenn ich hier bei uns heirathe und Kinder
bekomme, so hat kein Mensch ein Wort darein zu sprechen; Frau und Kinder sind
mein, das wei ich, denn ich lebe in einem Lande, wo man mir alles Andere, nur
nicht die Familie verkaufen kann.
    Wenigstens nicht ffentlich, sagte Richard finster.
    
    Nun also, fuhr der Schneider fort, ich versichere euch, als ich damals da
hinten war - ich kam gerade von Mexico herber, wo ich mich eine Zeit lang bei
den Schwarzen aufhielt - da hatte ich auch nicht bel Lust, mich zu
verheirathen.
    Wenn das deine Alte gewut htte! meinte Schwindelmann. Wir waren so zu
sagen schon einig, da ging ich eben zu jenem Oberamtmann und trug ihm die Sache
vor. Er dachte eine Zeit lang nach, spuckte - mit Respekt zu vermelden - mehrere
Male gerade aus an die Bume, und das mit solcher Kraft und Geschicklichkeit,
da ein Kolibri, den er treffen wollte, todt herunter fiel.
    Ah! - Schellinger!
    Gott straf mich, es ist wahr! - Seht ihr die Honoratioren da hinten herum,
die zu faul sind, ein Gewehr zu tragen, gehen auf solche Art auf die Vgeljagd,
und wenn man so durch den Wald geht, da sieht man sie bald hier und bald da mit
gespitztem Maule stehen, und auf einmal patsch! - patsch dich! - prrdauz! Da
rappelt's droben und herunter fllt euch so ein Lmmergeier, der mit
ausgespreitzten Flgeln seine sechsunddreiig Fu mit.
    Lg' du und der Teufel! rief Schwindelmann. - Schellinger, wie kann man
so unverschmt sein!
    Es ist leider wahr, entgegnete traurig der Schneider; man gewhnt sich in
Amerika das Spucken auf diese heftige Art so leicht an. Als ich hieher zurck
kam, knnt' ich's nimmer lassen, und eines Tages passirte mir ein groes
Unglck. Da stand mein ltester Sohn vor mir, ich - patsch dich! und fliegt ihm
die linke Hand fort.
    Aber, Schellinger, sagte ziemlich ernst der erste Maschinist, du hast ja
nie einen Sohn gehabt!
    Das ist leicht mglich - aber gewi ohne meine Schuld, versetzte
unerschtterlich der Schneider. Ich habe es meiner Frau immer gesagt. Nun, dann
war es der lteste Sohn von sonst Jemand. Aber wahr ist die Geschichte, und wenn
Einer die Probe davon machen will, da steh' ich zu Befehl.
    Na, wir glauben es ja! erwiderte Schwindelmann. Aber jetzt bleib' bei
deinem Oberamtmann. Er rieth dir also vom Heirathen ab?
    Das versteht sich, erzhlte Schellinger weiter. - Siehst du, sagte der
Oberamtmann, - er sprach natrlicher Weise amerikanisch - wenn du hier
heirathest, so hast du freilich den Schutz der Gesetze, aber der ist verflucht
gering, und wenn du Kinder kriegst und es gibt so 'ne rare Rasse, wie du selber
bist, da geht dein Herr gleich her, ehe sie noch ausgeflogen sind -
    Was, Schellinger, ehe sie noch ausgeflogen sind? - Was soll das heien?
    Habt ihr denn nie gehrt, da es da gewisse Stmme gibt, die sich
ordentliche Vogelnester in die Bume hinein bauen; es sind eigentlich
Menschennester, und darin fhren sie ihre Haushaltung, und wenn die Kleinen
anfangen zu laufen, da mssen sie zuerst den Baum herunter und herauf trappeln,
und das nennt man ausfliegen. Das ist nmlich der Stamm der sogenannten
Vgelneger.
    Und darunter habt Ihr Euch vorzugsweise wohl aufnehmen lassen? fragte Herr
Hammer.
    Es war nur ein vorbergehendes Gelste, antwortete der Schneider, indem er
die Hnde auf seine Kniee legte und den Kopf tief herab sinken lie. - Aber was
nutzen mich meine schnen Geschichten! Ihr seid wahrhaftig zu dumm, die Moral
davon heraus zu finden.
    Der erste Maschinist legte den Finger an die Nase, nickte mit dem Kopfe und
sprach: Ja - a, ja - a, es ist nicht ganz ohne, was der Schellinger meint; er
will nmlich sagen, wenn es auch eine totale Ungerechtigkeit ist, so einem armen
Geschlafen sein Weib und seine Kinder zu verkaufen, so ist es doch lange nicht
so schlimm, als wenn so was bei uns geschhe. Der Geschlaf wei vorher, wenn er
sich verheirathet, da dort so Mode ist, sein Vater ist vielleicht verkauft
worden, seine Mutter, seine Brder, was wei ich! Und da kann es ihm mit seiner
Familie auch so gehen; er sieht das immer vor Augen, meint der Schellinger, und
gewhnt sich am Ende daran, und so wre es denn lange nicht so schlimm, denkt
der Schellinger, als wenn man unsereins Frau und Kinder verkaufen wollte.
    Der Schneider nickte stumm mit dem Kopfe, als wollte er sagen, seine Rede
sei vollkommen richtig ausgelegt worden.
    Ja, meinte Richard, indem er die Arme ber einander schlug, so Eines wei
es nicht besser, wie die Kchin von dem Aal sagte, als sie ihm lebendig das Fell
abzog. Und dagegen mte man schon Schritte thun.
    Das mu man aber den Amerikanern berlassen, mischte sich Herr Wander in's
Gesprch. Gott! was geht uns die Geschichte eigentlich an, und was knnen wir
dazu thun? Ich begreife nur eigentlich nicht, wie die Geschichten der
amerikanischen Mi, die das Buch geschrieben, bei uns so viel Spektakel haben
machen knnen.
    Der Schneider lchelte kopfschttelnd vor sich hin, wurde aber nicht
beachtet.
    Aber da finden sie ein Vergngen daran, sich Grausamkeiten erzhlen zu
lassen, die weit weg von uns geschehen, darber ein Maul zu machen und zu
jammern. - - Und wehalb haben die meisten dieser Enthusiasten kein Herz, wenn
man ihnen vom Unglck zu Hause erzhlt, und schmachten ber den Ozean hinber,
wenn da einmal ein Onkel Tom verkauft wird oder irgend eine Mulattin davon
luft? - Ich will es euch sagen: den Jammer haben sie wohlfeil, da hat man ihnen
gut sagen: na! wenn euch denn das Elend da hinten in Amerika so ungeheuer
schmerzt, so thut was dafr, - da zucken sie die Achseln und entgegnen: was
knnen wir thun? Wir haben nur unsere Thrnen. - Ja, Thrnen sind wohlfeil!
    Sie haben aber auch Adressen an die Amerikanerinnen gemacht, die Weiber in
England, sagte Schwindelmann.
    Ganz richtig! lachte Herr Wander; aber die gescheidten Amerikanerinnen
haben ihnen artig heimgegeigt und ihnen gesagt: bekmmert euch um die Sklaverei
bei euch, die ist viel hrter und grausamer als die unsrige.
    Ja - a, ja - a, und haben Recht gehabt. Es gibt bei uns wahrhaftig mehr
Sklavenhalter als in Amerika. - Apropos, es heit ja, sie soll auch hieher
kommen, die Amerikanerin; sie macht eine Rundreise durch Europa und lt sich
sehen.
    Da wollen wir ihr ein festlich beleuchtetes Haus veranstalten, meinte
Richard. - Aber etwas mu man dem Buch doch lassen, man sieht, da es Jemand
geschrieben hat, der das Leben in Amerika genau kennt.
    Der Schneider schttelte abermals und mit ziemlich verchtlichem Lcheln den
Kopf.
    Nicht, Schellinger? Hat die Amerikanerin ihr Land nicht gut beschrieben?
    Das hat gar keine Amerikanerin geschrieben, sprach der Schneider mit
schmerzlichem Tone.
    Was Teufels! ist denn Madame - - Stowe keine Amerikanerin?
    O ja, entgegnete Schellinger, indem er das spitze Kinn in sein rechtes,
mageres Hndchen sttzte; die Stowe ist eine Amerikanerin; ich kenne sie ganz
genau, eine recht brave Frau, sie wohnte da links um die Ecke; wenn man nach
Amerika fhrt, kommt man dicht am Hause vorbei, gleich nebenan ist das
Wirthshaus zum weien Ro, wo man einen sehr guten Clevner trinkt. Der Wirth ist
ein Spanier und heit Schwitzgbele. - Das Alles erzhlte er mit so
melancholischem Tone und stierte dabei vor sich hin, da man glauben konnte, ihn
schmerze tief die Erinnerung an jene schne Reise, und er sehe leibhaftig vor
sich das weie Ro und den Spanier Don Schwitzgbele.
    Und da wohnte die Stowe?
    Da wohnte sie gleich nebenan. Ich reiste damals mit einem Preuen, der den
Spleen hatte und berall Berlin vor sich sah, denn als er den Mississippi
erblickte, rief er aus: ganz wie bei uns zu Hause; nur ist die Spree zur
Regenszeit ein wenig grer und meistens viel klarer. - Die Stowe nahm uns
freundlich auf, wir speisten bei ihr zu Mittag, sehr gut und sein. Alles war von
Bernstein, die Schsseln, Gabeln und Lffeln, kurz Alles, Alles.
    Von Bernstein? fragte Herr Wander erstaunt. Hat man in Amerika so viel
Bernstein?
    Da wird er gefunden, entgegnete ruhig Herr Schellinger.
    Ah! der kommt ja aus der Ostsee, das wei ich besser! rief Schwindelmann.
    Das ist ein groer Irrthum, fuhr der Garderobegehlfe fort. Von den
amerikanischen Pferden kommt der Bernstein her; wenn sie wild aufgefangen
werden, so hebt man ihnen den linken Vorderfu auf, und da hat jedes ein groes
Stck Bernstein, das schlgt man los und macht die schnsten Sachen daraus.
    Aber, Schellinger!
    Als wir bei der Madame Stowe gegessen hatten, lie sie ein paar wild
gefangene Pferde herein kommen, schlug den Bernstein vor unseren Augen los und
gab Jedem von uns ein Stck. - Ich wei wohl, da ihr mir nicht glaubt, aber ich
will euch berzeugen. - Seht her. Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in,
seine Rocktasche und brachte eine unbedeutende Cigarrenspitze von Meerschaum
hervor, an welcher sich ein kaum nennenswerthes Stck Bernstein befand. - Da
schaut her, fuhr er fort, das habe ich mir davon machen lassen, und wenn ihr
mir bei allem dem nicht glauben wollt, so schreibt in Gottes Namen an den
Preuen in Berlin, der mit mir gereist ist. Seine Adresse wei ich freilich
nicht mehr, aber er ist nicht schwer zu finden, denn er heit Mller.
    Was machen sie drauen auf der Bhne? fragte der erste Maschinist seinen
Sohn. Haben wir bald Actus?
    O nein, es sind noch vier lange Scenen. Der Schellinger kann schon noch
seine Geschichten zu Ende bringen. - Also die Stowe ist nicht die Verfasserin
von dem bekannten Buch?
    Der Schneider schttelte mit dem Kopfe, rieb sich die Hnde und blickte,
seit lngerer Zeit zum ersten Mal, in die Hhe, als er mit groer Bestimmtheit
sagte: Die Frau denkt nicht daran; das ist ein braves Weib, die ihre Hhner und
Gnse fttert, ihren Kindern die Strmpfe stoppt und ihre Wsche pnktlich
besorgt, viel zu pnktlich - die schreibt keine Bcher - Stowe, sagt' ich zu
ihr, als wir nach Tische eine Cigarre mit einander rauchten -
    Wie? sie rauchte auch?
    Alle Amerikanerinnen rauchen zu Hause. Also ich sagte zu ihr: Stowe, hat
Sie das Buch geschrieben oder nicht?
    Wenn hast du diese Reise eigentlich gemacht, Schellinger? fragte Richard
lchelnd.
    Ich habe euch schon einmal gesagt, da es ungefhr zwanzig Jahre her sein
mgen, entgegnete der Garderobegehlfe.
    So, vor zwanzig Jahren hast du sie gefragt, ob sie das Buch geschrieben
hat? - Na, das hab' ich nur wissen wollen.
    Aus ihr Ehrenwort habe ich sie damals gefragt, versetzte ruhig der
Schneider, indem er aufblickte, und sie sagte: nein, Schellinger, ich hab' es
nicht geschrieben, Gott straf' mich! Ich kenne aber den Verfasser: es ist von
einem pietistischen Pfarrer in Rheinpreuen.
    Die Zuhrer hatten lange an sich gehalten, jetzt aber brachen sie in ein so
lautes Gelchter aus, da der Inspicient, der mit seinem Buche hinter den
Coulissen hin und her ging, erschrocken herum fuhr und eifrigst Ruhe gebot.
    Schellinger zuckte die Achseln und sprach nach einer Pause: Ihr seid so
verwildert, da man euch gar nichts Vernnftiges mehr erzhlen kann, und ich bin
einmal so ein Narr und kann es nicht lassen, an jene Zeit, welche die
glcklichste meines Lebens war, zurck zu denken. Ich versichere euch, wenn man
hier unsere miserable Klte annimmt, so ist es eine wahre Wonne, da mit den
Negern so still und friedlich zu leben, unter den Palmenbumen zu sitzen und
reife Orangen zu verspeisen. So ein Negerdorf hat etwas sehr Angenehmes, und sie
wohnen ganz charmant. Na! ihr habt das ja in der Beschreibung gelesen; auch
essen sie vortreffliche Kuchen, trinken Dattelwein und singen dazu: Noch ist
Polen nicht verloren. Das kann ich euch versichern - Gott straf' mich! - an das
lumpige Leben hier zu Land habe ich nicht mehr gedacht, wenn ich so Abends mit
ihnen vor ihren Htten auf der seinen Matte lag, neben so einem behaglichen
Schwarzen; die Weiber saen daneben und vor ihnen im Grase spielten die weien
Kinder.
    Die weien Kinder, Schellinger?
    Die weien Kinder! entgegnete nachdrcklich der Schneider. Wit ihr denn
nicht, wehalb die Schwarzen so schwarz sind? - Nun, das will ich euch sagen.
Die Sonne hat eine so furchtbare Kraft, da sie einen dort in fnf, sechs Jahren
ganz schwarz brennt.
    Du bist aber wei geblieben, Schellinger!
    Ja, ich hatte keine Anlage zum Schwarzwerden, erwiderte der
Garderobegehlfe; man mu dazu gestimmt sein wie die Neger -
    Aber, Schellinger - wollte Richard fortfahren ihn zu examiniren.
    Lat ihn doch, rief Schwindelmann, da wir fertig werden; drauen der
Herzog hat schon seinen Degen gezogen und wird im nchsten Augenblick seinen
Freund erstechen, dann fllt der Vorhang. - Also die Negerkinder kommen wei aus
die Welt?
    Und mit einer Anlage zum Schwarzwerden? fragte Richard lachend.
    So ist es, entgegnete der Schneider, indem er sich ruhig erhob, denn auch
seine Zeit war gekommen, in die Garderobe zu gehen. Die Negerkinder kommen wei
aus die Welt, aber sie haben um den Bauchnabel einen kleinen schwarzen Ring, der
immer grer und grer wird, bis sie zuletzt vollkommene Neger sind.
    Nach diesen Worten legte Herr Schellinger seine beiden Hnde auf den Rcken
und ging gesenkten Hauptes ruhig davon, ohne sich weiter um seine Zuhrerschaft
zu bekmmern, die aber auch im nchsten Augenblick aus einander stob; Jeder
eilte an seinen Posten und Schwindelmann lie den groen Portalvorhang herab.

                              Neunzehntes Kapitel.



                               Richard und Marie.

Der Zwischenakt auf einem groen Theater bietet wieder ein ganz anderes belebtes
und nicht minder interessantes Bild dar, als das Treiben hinter den Coulissen.
Dort befindet sich nun Niemand als die Arbeiter, welche neue Coulissen
aufhngen, Versatzstcke heran tragen, aus dem Wege! rufen, dort pltzlich
stehen bleiben, wenn ihnen ein Vorgesetzter des Theaters in den Weg kommt, hier
Einen der niederen Vlker, der nicht schnell genug ausweicht, unsanft auf die
Seite stoen. Alles Andere strmt auf der halbdunkeln Bhne zusammen, wo sich
auch gewhnlich der Intendant einfindet, seine kleinen Audienzen ertheilt, sowie
Tadel und Lob spendet. Die ersten Knstlerinnen sind in die Garderoben geeilt,
nachdem ihnen vorher die Sngerin-Mutter vor einer der Coulissen einen warmen
Shawl umgeworfen.
    Lieber Leser, der du vielleicht nicht weit, wie eine Sngerin-Mutter
beschaffen ist und woran sie zu erkennen, betrachte dir whrend der Vorstellung
eine Dame, die, ehe der Akt anfngt, hinter der Prima Donna die Bhne betritt,
ihr whrend des Gehens den Schleier in malerische Falten wirst oder eine Feder
etwas kokett herab biegt, die ihr bei langen Kleidern die Schleppe sorgfltig
nachtrgt und meistens eine groe Tasche am Arm hat, worin sich klnisches
Wasser, Eibischsaft, etwas Hustenzucker und ein Flschchen mit Gerstenschleim
befindet, - eine Frau, gewhnlich nicht sehr gro, aber meistens wohlbeleibt,
gekleidet mit einer halb verblichenen, kmmerlichen Eleganz. Wenn du sie nher
anschaust, erinnerst du dich dunkel, jene Mantille oder diesen Kopfputz frher
einmal auf der Bhne gesehen zu haben. - Sie lobt ihre Tochter in den
Zwischenakten, damit diese den Muth nicht verliert, sie bringt ihr einen Stuhl,
bis eine neue Seine kommt, und dann schickt sie dieselbe mit einer guten
Ermahnung hinaus vor die Lampen. Ist die Sngerin-Mutter frher selbst Sngerin
gewesen, so bleibt sie an der Coulisse stehen und singt die ganze Partie mit,
natrlich leise, wobei sie sich gesteht, da sie das zu ihrer Zeit Alles viel
besser und schner gemacht, da es keine Stimme mehr gbe, da die Kunst zu
Grabe gehe und da sie selbst der letzte Mohikaner gewesen. - Ist die
Sngerin-Mutter aber eins jener harmlosen Wesen, das zu Hause kocht, wascht,
bgelt, auf der Strae die Sonnen- und Regenschirme trgt, ihre Tochter auf
allen Reisen begleitet, im Vorzimmer schlft, die zudringlichen Courmacher
abweist, sowie die guten Freunde des Hauses unterhlt, bis Mademoiselle ihre
Toilette gemacht, die aber dafr keine Vergangenheit hat, und, wenn sie einmal
nach Hause schreibt, nur verstohlener Weise den Namen des kleinen Gchens auf
die Adresse setzt, wo sie einstens gelebt, - so trippelt sie hinter den
Coulissen aus und ab, folgt seitwrts der Tochter in groer Angst, bald vor-
bald rckwrts, entsetzt sich ber die Todtenstille des Hauses oder athmet tief
auf bei dem kleinsten Applaus, ist in bestndiger Furcht, ihre Tochter mchte
irgend ein Unglck haben, einen Fehltritt thun, kurz, ist das rhrende Bild
einer jener unglckseligen Hennen, die zuflliger Weise statt Hhnern Enten
ausgebrtet und die nun verzweiflungsvoll am Ufer des Teiches zurck bleiben
mssen, whrend jene in dem gefhrlichen Element lustig umher pltschern.
    Auch die Tnzerinnen erscheinen im Zwischenacte, leicht geschrzt, kurz
gerckt, mit feinen Kncheln und sehr starken Waden, und drngen sich eifrig um
den groen Portalvorhang, dessen beide Oeffnungen bestndig von einem
neugierigen Auge bentzt werden. Man sieht, ob dieser oder jener Platz besetzt
ist; man gibt sich kleine Zeichen und tritt endlich seine Stelle schmollend
einer Anderen ab.
    Nachdem das wichtige Geschft des Hinaussehens beendigt, umgaukelt die
Sylphidenschaar den Intendanten, der ruhig und gro in dieser Brandung stehen
bleibt, ein unerbittlicher und hier wenigstens unerschtterlicher Fels. Da naht
sich eine von ihnen tnzelnd und schwnzelnd, die Hnde auf die Hften gesttzt,
mit hin und her wiegendem Oberkrper, und trgt keck eine Bitte vor um Urlaub,
Zulage, von der sie brigens zum Voraus wei, da sie nicht bewilligt wird. Dort
pirouettirt eine aus der Coulisse in rasendem Umdrehen und steht endlich vor dem
Beherrscher dieser Bretter mit einem groen Applomb still, indem sie erschreckt
thut, als habe sie ihn jetzt erst gesehen.
    Auch junge Schauspieler treiben sich in dem Zwischenact auf der Bhne umher,
schauen ebenfalls gelegentlich durch den Vorhang, sprechen mit Sngerinnen und
Tnzerinnen, machen dem Intendanten eine tiefe Verbeugung, des Winks gewrtig,
wo er die Gnade haben wird, sich zu erinnern, da sie ebenfalls auf der Welt
sind. Auch wrdige alte Mnner stehen da, ruhig und gro; der Regisseur im
dicken Paletot und groen Filzschuhen, grmlich und verdrielich, wenn nicht
Alles nach Wunsch gegangen; der Inspicient, der sich entschuldigt; da die
Pistole nicht zur rechten Zeit los gegangen, oder da Herr X. einen Augenblick
zu spt aufgetreten. Und zu ihnen tritt der Kapellmeister, wischt seine Brille
ab, vertheilt eine Prise und meint, der erste Akt sei nicht ganz schlecht
gegangen, nur seien es der Bsse zu wenig, die Violinen zu schwach besetzt, und
wenn dem nicht abgeholfen wrde, solle der Henker dirigiren.
    Die Choristen und Choristinnen halten sich in der Nhe der groen Oefen auf;
Erstere sind gelangweilt, denn sie haben den ganzen Abend drauen zu stehen, und
dann wird die Geschichte voraussichtlich bis gegen zehn Uhr dauern; von den
Choristinnen stehen Einige in Gruppen bei einander, unterhalten sich nicht ohne
Neid von den neuen und viel geschmackvolleren Costmen der Tnzerinnen, da da
nichts gespart werde an Sammt und Seide, da die Tricots immer schner und die
Rcke immer krzer wrden. So sprechen die Jngeren vom Chor, whrend die alte
Garde daneben auf einigen Bnken von dem langen, ermdenden Stehen ausruht und
wollene Strmpfe strickt.
    Das dauert hier Alles so lange, bis der Obermaschinist gemeldet, die neue
Decoration stehe, meistens aber, bis der Inspicient aus den Garderoben
zurckkommt und dem Regisseur anzeigt, da Madame X oder Frulein Y mit ihrer
Toilette so weit gediehen sei, da der zweite Akt beginnen knne.
    Das Umkleiden der Damen ist ein schrecklicher Hemmschuh im Theater, und
manches Stck, das durch ein rasches Spiel sich die Gunst des Publikums erwerben
wrde, wird zu Grabe getragen, weil der erste Liebhaber oder die erste
Liebhaberin es fr nthig findet, sich jeden Akt in einem neuen Costm zu
zeigen. Von einer Dame kann man sich das schon gefallen lassen, aber bei einem
Manne grenzt solch malose Eitelkeit schon an's Fabelhafte, und sollte nicht
geduldet werden.
    Platz vom Theater! ruft der Regisseur. Und das hat dieselbe Wirkung, wie
der erste Hahnenschrei nach der Walpurgisnacht. Rechts und links stieben sie aus
einander die glnzenden, luftigen Gestalten, verbergen sich vor dem Lichte, das
gleich von den Prosceniumslampen aufsteigen wird und flattern in die dunkeln
Winkel zurck, wo sie angewiesen sind, sich ruhig und still zu verhalten, bis
abermals ihre Zeit gekommen. Wenn sie aber auch nach dem Theaterreglement
angewiesen sind, kein Gerusch zu machen, nicht hrbar zu plaudern und nicht
laut zu lachen, so wird diesem Befehle doch zum Oefteren keine Folge geleistet,
und der Inspicient mu sein: bssst - bsssst! - seien Sie doch still in's Kukuks
Namen? - vielmals und meistens ohne groen Erfolg wiederholen.
    Jetzt zum zweiten Akt ist noch ein Zuwachs auf die Bhne gekommen, der
whrend des ersten Akts mit dem Ankleiden beschftigt war, das Ballet nmlich,
welches nun auch gerade nicht zur Vergrerung der Ruhe beitrgt. Hinter dem
letzten Vorhang arbeitet ein Pas de cinque und macht einen schwierigen Pas
nochmals durch; dazu klopft der erste Tnzer, der ihn arrangirt, so leise wie
mglich in die Hnde, um sich vornen nicht bemerkbar zu machen; aber die Prima
Donna auf der Scene hrt diesen Lrm doch; namentlich wenn sie an das groe
Bogenfenster im Hintergrunde tritt, um nach ihrem Geliebten auszuschauen,
bemerkt sie deutlich, wie die vier Tnzerinnen auf die Bretter springen, da es
jedesmal einen dumpfen Schlag gibt, was gerade nicht zu ihrer Erheiterung
beitrgt, vielmehr sagt sie ein paar spitzige Worte, als sie nach der nchsten
Scene abgeht, welche sich aber die Tnzerinnen nicht sehr zu Herzen nehmen, denn
die Prima Donna ist verhat, weil sie neulich einmal gesagt, der Tanz sei keine
Kunst, und die Tnzerinnen nur beziehungsweise Knstlerinnen. -
    Mademoiselle Marie hatte sich whrend des Anziehens fortwhrend mit dem
Schicksal der armen Katharine beschftigt: sie sprach mit ihrer Freundin Clara
darber, doch hatte diese sie mit ihren groen klaren Augen so unbefangen und
unschuldig angesehen, und eine so unpraktische Antwort gegeben, da Marie wohl
einsah, die Andere wisse in dem Falle eben so wenig zu helfen als sie selbst.
    Weit du was, hatte Clara gesagt, sprich mit Therese darber, die wird
dir einen guten Rath ertheilen knnen, denn wie sie kennt Niemand die Stadt und
ihre Verhltnisse.
    Darauf hatte Marie ihre Toilette beendigt, indem sie ein Htchen mit Blumen
recht keck und verwegen auf der linken Seite des Kopfes befestigte. Unter
demselben wallten die ppigen Haare hervor, und als sie sich im Spiegel besah,
mute sie gestehen, da sie gar nicht unvortheilhaft aussehe. Und darin hatte
sie Recht; sie war nett und zierlich vom Kopf bis zu den Fuspitzen.
    Mit sich selbst zufrieden, tnzelte sie die Treppen hinab, und als sie auf
die Bhne trat, warf sie einen forschenden Blick rechts und links, vielleicht um
Mademoiselle Therese zu finden, vielleicht auch nicht; und Letzteres erscheint
uns sehr wahrscheinlich, denn Therese lehnte an der ersten Coulisse und schien
gleichgltige Dinge mit einem der Tenoristen zu sprechen. Marie aber wandte sich
nach dem Hintergrunde und schritt, die Fe sehr auswrts, mit dem Rock hin und
her wedelnd, langsam bei der achten Coulisse vorbei, wo sich wieder Einige aus
der Gesellschaft des ersten Aktes versammelt hatten. Andere aber fehlten, unter
diesen Richard, der ganz hinten beschftigt war, irgend ein neues Seil ber eine
Rolle zu werfen. Da er dies sehr ungeschickt that, wollen wir ihm im
gegenwrtigen Augenblicke nicht bel nehmen, denn er sah weder auf das Tau noch
auf die Rolle, vielmehr aufmerksam hinter die Coulisse, wo sich die Tnzerin
vorsichtig nherte.
    Diese bemerkte beim Nherkommen den Zimmermann recht wohl, that aber nicht
dergleichen, sondern wandelte ber die Bhne, scheinbar in der einzigen Absicht,
um auf die andere Seite zu gelangen.
    Richard lie das Seil los, das er in der Hand hatte, welches nun mit
ziemlichem Gerusch auf den Boden niederpolterte, und die natrliche Folge
hievon war, da die Tnzerin heftig erschrak, stehen blieb und sich umschaute,
wer ihr diesen Schrecken eingejagt.
    Ah! verzeihen Sie, Marie! sagte der Zimmermann, wenn ich Sie ein wenig
erschreckt, aber ich konnte nicht dafr! Als ich Sie kommen sah, glitt mir das
Tau aus der Hand, und da liegt es.
    So, so, Sie sind es, Richard? entgegnete das junge Mdchen unbefangen.
Ich habe wahrhaftig geglaubt, es fiele mir etwas auf den Kopf. - Man mu sich
sehr in Acht nehmen, setzte sie altklug hinzu, denn alle Augenblicke passirt
hier Etwas, wie der Regisseur sagt.
    Ei der Tausend! versetzte schmunzelnd der Zimmermann, beim Ballet ist
doch lange nichts vorgefallen, denn da geben wir alle doppelt Achtung, das
knnen Sie mir glauben.
    Und wehalb geben Sie beim Ballet doppelt Achtung, Herr Richard? - Das wird
den meisten von euch ebenso gleichgltig sein, als wenn einmal bei der Oper oder
beim Schauspiel ein Unglck geschieht.
    Denn meisten freilich, erwiderte Richard, indem er die Hnde reibend nher
trat, aber mir ist ganz besonders daran gelegen, das knnen Sie mir glauben,
Marie. Und wenn Sie auf eine Flugmaschine mssen, setzte er lchelnd hinzu, da
schau ich die Drhte ganz besonders an und habe meine Augen berall. Wehe denen
drunten an der Wende, wenn sie mir nicht genau aufpassen! Ja wahrhaftig, ich
wrfe ihnen einen Gewichtstein an den Kopf.
    Dafr bin ich Ihnen sehr dankbar, sagte das Mdchen, das bereitwillig
stehen geblieben war; es ist immer angenehm, wenn Jemand da ist, der ein klein
wenig Interesse an Einem nimmt, wenn man auf der Bhne ist.
    Nun, ein klein wenig brauchen Sie gerade nicht zu sagen, entgegnete der
Zimmermann, indem er sich durch das volle Haar strich; sagen Sie nur keck ein
groes Interesse. Sie wissen doch, Marie, da es so ist, und auch nicht blos auf
dem Theater, sondern auch sonst, - wo es nun gerade ist, auf der Strae, in
Ihrem Hause, wo ich Sie sehe und wo ich Sie nicht sehe.
    Ei der Tausend! Sie machen nur ja eine frmliche Liebeserklrung, Richard!
    Wenn Sie es so nennen wollen, so thun Sie es, Marie; aber der Name ist
gleichgltig. Die Sache ist jedoch wie ich gesagt - soll mich der - na! - ich
will nicht fluchen! - ich habe es Ihnen schon lange einmal gestehen wollen, aber
ich wei wohl, ihr vom Ballet seid ganz eigenthmliche Frauenzimmer; da mag
jeder Narr kommen und euch schne Sachen vorschwatzen, das ist euch schon recht
und ihr hrt gerne zu; aber wenn es Unsereins mit euch gut meint und euch das
gerade heraus sagt, so lacht ihr ihn aus und lauft nachher zu den Anderen und
sprecht: denkt euch nur, das und das hat mir der Richard gesagt. Aber wenn ich
so etwas erfhre, Marie, das wre mir - hart, recht hart.
    Nun mssen wir dem geneigten Leser versichern, da diese Liebeserklrung,
wie die Tnzerin es nannte, ihr eigentlich nicht so unverhofft kam, wie man von
einem Blitz sagt, der aus heiterem Himmel herabfhrt. Der junge Zimmermann hatte
ihr schon unterschiedliche Proben seines Wohlwollens gegeben, hatte, wie er
vorhin angedeutet, bei allen vorgekommenen Schwierigkeiten gewissermaen ber
sie gewacht, die Versenkungen, wenn es ihm mglich war, selbst geleitet, die
Flugmaschine durch sein eigenes betrchliches Gewicht jedesmal vorher probirt.
Auch waren alle diese kleinen Aufmerksamkeiten nicht unbemerkt an dem Herzen der
Tnzerin abgeglitten; wir mssen das eingestehen, wie wir auch vorhin nicht
verschwiegen, da Marie vielleicht etwas Anderes gesucht als ihre Collegin
Therese. Bis jetzt hatte sie aber dies Benehmen Richards gegen sie nur fr
Scherz gehalten und demselben weiter keine Folge gegeben. Was wollte sie auch?
Er war der einzige Sohn eines ziemlich vermglichen Vaters, ein hbscher Mensch,
dem wohlhabende Brgerstochter nachschauten, und in seinem Handwerke, der
Zimmerei' so wohl erfahren, dabei mit der Mechanik des Theaters so wohl
vertraut, da ihm hier eine dauernde Anstellung nicht fehlen konnte. - Und nun
sagte er ihr mit einfachen Worten, da er nur an sie denke, da er sie liebe. -
    Das Mdchen schrak ordentlich zusammen und in ihrem Geiste tauchten allerlei
seltsame und schne Phantasieen auf. Sie glaubte da er wahr spreche; ach! und
dieser Gedanke war doch zu s, um ihn unbedingt annehmen zu knnen. Sie, in den
traurigsten und gedrcktesten Verhltnissen geboren und erzogen, bis jetzt von
dem frchterlichen Willen ihrer Tante abhngig, sollte einstens noch glcklich
werden knnen, sollte nicht untergehen in dem Abgrund, neben dem sie schon lange
gewandelt; denn da es Richard mit ihr ehrlich meine, wenn er es einmal gesagt,
davon war sie fest berzeugt. Er war als sehr solid und arbeitsam selbst bei den
Theaterleuten bekannt, und sogar der Intendant hielt groe Stcke auf seine
Redlichkeit und gab Alles auf sein Wort, denn bei schwierigen Flugwerken zum
Beispiel mute sich Richard immer zuletzt berzeugen, ob Rollen und Taue auch in
Ordnung seien, und erst wenn er gesagt, es sei Alles richtig, gab sich der Chef
zufrieden.
    Marie hatte nicht bemerkt, da whrend sie so trumte, Richard ihre beiden
Hnde ergriffen hatte und freundlich lachend den Versuch machte, ihr in die
niedergeschlagenen Augen zu blicken. Sie sah das lange nicht, denn jetzt
pltzlich fielen ihr die Worte der armen Katharine ein, als sie zu ihr gesagt:
wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht, und du hast eine
halbe Stunde Zeit, so besuche mein Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch
lebt und du es an einer Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen. - - Diese Worte
verwandelten sich in ein freundliches Bild, und sie stand mit Richard Hand in
Hand an einem kleinen armseligen Grabe und legte auf Dornen und Disteln, die
dort wucherten, einen frischen Kranz von duftenden Rosen. - Ah, wenn das wahr
wrde!
    Da schrak sie empor, denn drauen im Saale applaudirte grade das Publikum
lang und heftig; - etwas von ihren Phantasieen war der Wahrheit gem, denn wenn
auch nicht neben einem Grabe, so stand sie doch Hand in Hand mit Richard auf der
halb dunkeln Bhne, und er sagte lachend: Na, Mdel, lange genug hast du dich
bedacht, ob du Ja oder Nein sagen sollst. - - Nun, was ist's, Marie? Bin ich dir
angenehm oder nicht? Willst du es mit mir wagen oder hast du auch so verfluchte
Liebschaften im Kopf wie die Anderen und willst lieber ein kurzes lustiges Leben
fhren?
    Nein, nein, entgegnete eifrig das Mdchen, gewi nicht, Richard.
    Na, ich glaub's schon, versetzte er gutmthig. Ich glaube, da du ein
braves, ehrliches Mdchen bist; es ist das freilich ein Wunder, wenn man deine
Tante - die Gott verdammen soll! - ansieht. Aber glaub' mir, Marie, ich habe dir
aufgepat, so genau ich konnte, und namentlich immer auf deine Arme und Hnde
gesehen -
    Und warum das? fragte sie lchelnd unter Thrnen, die langsam aus ihren
Augen hervor quollen.
    Ei, das will ich dir sagen, entgegnete er lustig. An den Armen und
Fingern sieht man's gewhnlich bei euch zuerst, weit du, da lassen sich auf
einmal verdchtige Ringe sehen und eine Armspange; und das sind des Teufels
Ketten, mit denen ihr fest geschlossen werdet. - Neulich hatt' ich dich schwer
im Verdacht.
    Ich wei, ich wei, erwiderte sie frhlich. Da hatte mir auf der Bhne
Therese eins von ihren Armbndern geliehen. Ich mute doch als Hofdame
geschmckt kommen!
    Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelstunde zusammen, sagte er nun
scheinbar ungeduldig, und ich wei noch nicht einmal, woran ich bin. Gleich mu
ich hinber zum Verwandeln, dehalb sage mir, wie du es meinst, einfach Ja oder
Nein. Wenn du Ja sagst, so ist die Sache abgemacht und ich komme dann nchstens
zu deinem alten Drachen, um mit ihr ein ernstes Wort zu reden. - Nun? - Wenn du
aber Ja gesagt, so habe ich ein Recht auf dich wie du auf mich, und dann, Marie,
nimm dich in Acht und stelle dich so, da die bsesten Leute nur Gutes von dir
sagen knnen; denn wenn mir einmal Einer herkme und so allerlei schlechtes Zeug
in die Ohren zischelte, da gb's ein Unglck, das kann ich dich versichern. -
Nun, wie ist's?
    Ja - ja! sagte die Tnzerin, nachdem sie ihre beiden Hnde zurckgezogen:
ich mag dich wohl leiden, Richard; und was das Andere anbelangt, da kannst du
ganz ruhig sein. Du weit, wie mir das Treiben so vieler junger Mdchen verhat
ist.
    Amen! sprach er, indem er ihre rechte Hand ergriff und sie schttelte.
Wenn es nicht so strenge gegen das Theaterreglement ginge, dann mtest du mir
einen Ku geben, aber ich hole mir ihn spter nach; wenn du an deinem Kanale
aussteigst, wirst du mich schon sehen. - Adieu, Marie!
    Damit ging er an sein Tau zurck, whrend die Tnzerin ber die Bhne
hinber flog und sich an einem einsamen Pltzchen auf eine Rasenbank unter einer
Gruppe von gemalten Palmbumen niederlie. Warum sie hier ihre Hnde faltete und
eine Zeit lang heftig weinte, wute sie nicht. Aber endlich erschrak sie, da
sie es gethan, denn sie dachte an ihre rothe Schminke, und als sie erschrocken
auf ihren Busen sah, bemerkte sie auf dem hellgrnen Atlas groe dunkle Flecken.
    Bald waren diese Schden brigens wieder vertilgt; Clara hatte ihr geholfen,
sich auf's Neue zu schminken und dabei einen Theil des sen Geheimnisses
erfahren. Clara war hiedurch ebenfalls nachdenkend geworden, und als die Andere
nun abermals hinab hpfte, um Therese aufzusuchen, blieb sie droben in der
Fensterecke sitzen, sttzte den Kopf auf die Hand und versank in tiefe
Trumereien.
    Therese befand sich noch immer hinter der ersten Coulisse: sie hatte ihren
rechten Fu auf einen kleinen Schemel gestellt und hielt sich mit der einen Hand
an der Ranke einer Waldblume, die ber ihrem Kopfe herabhing. Wo steckst du
denn, mein Schatz? rief sie der heran kommenden Marie zu. Ich habe schon nach
dir gesehen, aber du warst verschwunden. - Ich hoffe doch nicht -
    Ich suchte dich auf der andern Seite, entgegnete Marie.
    Hast du was Neues erfahren? - Von ihm - von dem sauberen Herrn auf der
zweiten Gallerie?
    Nein, nein! Meine Tante lt mich, Gott sei Dank! in Frieden; sie hat in
den letzten Tagen nichts darber gesprochen: ich hoffe schon, sie hat meinen
instndigen Bitten Gehr gegeben.
    So, das hoffst du? erwiderte Therese. Da kennst du die Alte schlecht. Ich
will dir gelegentlich einmal erzhlen, wie sie es mir gemacht hat. Nimm dich
aber zusammen, das rathe ich dir. Der, den du mir da oben gezeigt hast, lt
nicht so leicht nach, das ist einer von den stillen Scheinheiligen, die im
Trben fischen und im Dunkeln langsam aber sicher gehen.
    Aber am Ende habe ich doch meinen freien Willen! sagte ngstlich Marie.
    Den hast du nicht, arme Sklavin, entgegnete die Andere, indem sie sich
hoch aufrichtete. Schau mich an, ich sehe auch gerade nicht aus wie Jemand, der
sich leicht zwingen liee. Und doch - man wird am Ende mde. - Aber sprechen wir
nicht mehr darber! Damit warf sie die Oberlippe trotzig in die Hhe, und lie
die Federn ihres Kopfputzes langsam durch ihre Finger gleiten und setzte mit
ruhigem Tone hinzu: Du hast mich also gesucht! nun denn, was soll's?
    Marie erzhlte nun ihrer Collegin von der armen Nhterin, von dem Kinde, das
man derselben geraubt, von dem man aber den Todtenschein beigebracht, und das
sich nun wahrscheinlich irgendwo befnde, wo es, so befrchte die Mutter,
langsam dahin siechen werde.
    Ueber die Zge Theresens hatte sich whrend dieser Erzhlung ein so
hhnisches, ja bses Lcheln gelagert, da man ordentlich davor zurckschrecken
konnte. Sie bi ihre Zhne auf einander und schien angelegentlich die Spitze
ihres seidenen Schuhes zu betrachten. In Wahrheit aber schaute sie weit hinaus
durch Geblk und Fundament, tief in die Erde und mute dort etwas Schreckliches
erblicken, denn pltzlich schrak sie auf, schauderte zurck und prete ihre Hand
mit einem tiefen Athemzuge auf's Herz.
    Du hast mich nicht angehrt, sagte Marie, whrend sie ihre Freundin
ngstlich betrachtete. Du hast mich gewi nicht verstanden.
    Oh! es ist leicht, das zu verstehen, entgegnete Therese; ich begreife
dich vollkommen und wei was du willst. Es gibt solche Orte, wo man kleine
Kinder aufbewahrt, bis der gndige Gott sie zu sich abruft. Aber dahin zu
kommen, ist sehr schwer; sie sind verschlossen wie das Grab, dessen Vorzimmer
sie ja auch sind. - La' mich nachdenken; mit Gewalt durch die Polizei ist
nichts zu machen, sie hat ja einen Todtenschein erhalten, also existirt das Kind
eigentlich nicht mehr. - Wenn ich mich auch irgendwo hinwenden wollte, wo eine
solche Anstalt besteht, glaube mir, man lt mich eben so wenig eindringen, wie
die Mutter jenes Kindes. O, die sind schlau wie der Teufel!
    
    Aber du knntest mir doch eine Adresse geben, damit ich's ihr mittheile.
    Die ziehen bald hierhin, bald dorthin - aber wart' einmal, - da fllt mir
eben ein, in dem Hause, wo der alte Schellinger wohnt - du kennst ihn doch,
unsern armen Freund, da hinten steht er, - da soll sich so was befinden.
    So wollen wir hin und ihn fragen.
    Das wre sehr unklug; bei dir htte es am Ende nichts zu sagen, aber ich
knnte mich in ein schnes Licht bringen, entgegnete Therese, sonderbar
lchelnd. Nein, nein, das mssen wir gescheidter anfangen. Ich traue in dem
Punkt dem alten Fuchsen nicht recht', wir mssen Jemand an ihn abschicken, der
ihn vorsichtig ausholt.
    Du hast Recht, Therese, versetzte das junge Mdchen. Aber wem sagen wir
es?
    Die Andere zuckte die Achseln und antwortete nach einigem Nachdenken: Das
ist fr mich eine unangenehme Commission; wenn ich es auch Einem sage, so machen
sie ihre schlechten Witze; und ich hasse das.
    Ich wei schon, was ich thue, sagte eifrig Marie. Ich erzhle die ganze
Geschichte dem Zimmermann Richard, der soll mit dem Schellinger sprechen.
    So, dem Richard erzhlst du es, mein Schtzchen? entgegnete die andere
Tnzerin lachend. Ah! das ist dein Vertrauter! Ja, ja, man treibt so allerlei,
wenn man mich sucht und sich dann erst ungeheuer lange hinter dem letzten
Vorhange aufhlt. - Nun, erschrick nur nicht: du brauchst dich dessen nicht zu
schmen, und wenn er es gut mit dir meint, was ich hoffe und glaube, so greis'
zu, und wie ich schon frher gesagt, nimm dich zu Hause doppelt in Acht. - Aber
jetzt geh' und sprich mit Richard darber, erzhle ihm offen die ganze
Geschichte, wie du mir so eben gethan.
    Diesen Rath befolgte denn auch Marie, und man kann sich leicht denken, da
sich der Zimmermann von der Tnzerin gerne hinter eine Coulisse fhren und sie
da unter vielen Neckereien die traurige Geschichte vortragen lie.
    Das Resultat dieser Erzhlung war, da er whrend des dritten Aktes den
Garderobegehlfen auf die Seite nahm und ein lngeres Gesprch mit ihm hielt,
worauf er von ihm zurck hinter die achte Coulisse trat, wo diesmal der erste
Maschinist selbst, der Herr Hammer Vater, die Conversation leitete und von
seinen Kriegsthaten erzhlte.
    Der alte Schellinger hatte sich indessen auch bald wieder nher geschlichen;
er zuckte oftmals die Achseln, wenn der Andere irgend etwas besonders Seltsames
vorbrachte, schttelte bedeutsam den Kopf und flsterte auch wohl dem
Schwindelmann zu: Ich versichere dich, er lgt frchterlich!
    Bald ging die Oper zu Ende, der Vorhang fiel fr heute Abend zum letzten
Male, wurde dann langsam wieder empor gezogen, nachdem die Zuschauermenge fast
das Haus verlassen. An den Eingangsthren wogten und drngten noch die letzten
Massen und in den Gngen sah man noch Kopf an Kopf.
    Richard, der heute Abend gar keine Eile zu haben schien, befand sich auf der
halb dunkeln Bhne und neben ihm stand Schellinger, whrend etwas rckwrts Herr
Hammer einigen der Zimmerleute und Maschinisten noch eine merkwrdige Geschichte
erzhlte.
    Ja-a, ja-a, sagte er, das habe, ich noch vergessen, wie es damals in dem
Kriege bei uns zuging. Als mich eines Tags der selige Bernadotte zu sich kommen
lie und mir eine Depesche auftrug, - es handelt sich vom Auswendiglernen und
ich erzhle euch das nur, weil heutigen Tages unsere Schauspieler so viel Wesens
daraus machen, wenn sie einmal in ein paar Tagen eine lumpige Rolle memoriren
mssen, - Hammer, sagte Bernadotte zu mir, hier ist eine Depesche an Napoleon.
Hast du wohl Courage, sie durch die feindliche Armee an den Kaiser zu bringen?
Wenn sie dich aber damit erwischen, so schieen sie dich todt. - Ist denn der
Inhalt so gefhrlich, Excellenz? fragte ich. - Sehr wichtig und gefhrlich,
entgegnete er und zeigte sie mir. Das waren sechszehn enggeschriebene Seiten
Franzsisch. - Wissen Sie was, Excellenz, sagte ich ihm, vertrauen Sie mir die
Depesche eine halbe Stunde an, dann komme ich wieder und Sie sollen mit dem
Hammer zufrieden sein. - Und er gab sie mir und eine halbe Stunde nachher
brachte ich ihm seine Depesche wieder und sprach: Excellenz wollen die Gnade
haben und mich geflligst berhren zu wollen. - Und das that er, und ich sagte
ihn die Depesche her, alle sechszehn Seiten und irrte mich nur zweimal, indem
ich Allerhchstdieselben sagte, wo nur Hchstdieselben stand.
    Brrr! machte Schwindelmann. Die Andern lchelten verstohlen und
Schellinger blickte melancholisch im Kreise umher, als sei er betrbt, da man
ihm den Rang abgelaufen. Dann schlich er zu dem Theaterdiener hin und sagte ihm
abermals: Nein, der Hammer bertreibt; was der Mann sich das Lgen angewhnt
hat!
    So, nun sind wir fertig! rief der erste Maschinist; das dauert immer
lange, bis das Haus leer ist. Ja-a, ja-a, wenn ich mir denke, da es hier einmal
brennen knnte, das mte ein frchterliches Unglck geben.
    Noch schlimmer als in C., sagte Schellinger, denn da hatten sie doch
weite Treppen und Gnge, und Viele konnten entfliehen; die da verbrannten,
blieben sitzen, weil sie vor Schrecken wie erstarrt waren.
    Nein, nein, entgegnete Herr Wander, so ist es nicht, Schellinger; der
Rauch hat sie gleich betubt und erstickt.
    Vor Schrecken blieben sie sitzen, sprach hartnckig der Schneider; ich
war dabei.
    O Schellinger, wie kannst du lgen! sagte der erste Maschinist. Haben wir
nicht an dem Abend zusammen hier gestanden, gerade wie heute?
    Ja, ja, - es ist mglich, entgegnete traurig der Garderobegehlfe; - aber
es ist doch wahr, da sie vor Schrecken gestorben sind, ich habe die besten
Nachrichten. - Den Tag nach dem Unglck hatte ich Briefe von C. - ganz
ausfhrliche und unzweifelhafte, denn sie kamen - von Einem, der selbst mit
verbrannt ist.
    In diesem Augenblick erloschen smmtliche Lichter am Kronleuchter, Alle
entfernten sich lachend, und die Bhne blieb de und leer.

                              Zwanzigstes Kapitel.



                             Toiletten-Geheimnisse.

Das kleine Appartement des Grafen Fohrbach nahm sich bei Tage, trotzdem, da es
Winter war, auerordentlich reizend und elegant aus. Wenn auch die meisten der
Fenster auf den Garten gingen und man dort nichts sah als schneebedeckte Wege,
kahle Aeste, eingehllte Bume und hie und da durch die nackten Gestruche ein
Stck der Gartenmauer, so bildete dagegen der Salon in dem wir uns neulich
Abends befanden, einen hchst angenehmen und wohlthuenden Contrast. An diesen
Salon nmlich stie ein groes Glashaus, welches den Pavillon des jungen Grafen
mit dem elterlichen Hause verband, und auf Befehl der alten Excellenz als
neutraler Grund betrachtet wurde, das heit, der junge Graf konnte hier wohl
auch mit einigen Bekannten spazieren gehen, seinen Kaffee da nehmen, eine
Cigarre rauchen; doch war ihm nicht erlaubt, dies allerliebste Gewchshaus
insofern zu seinen Appartements mit heran zu ziehen, um auch hier kleine Feten
und Gesellschafter: zu geben. Dies Recht hatte sich der Papa vorbehalten,
wehalb denn auch der Kammerdiener des jungen Grafen angewiesen war, so oft sich
grere Gesellschaft bei seinem Herrn befand, diese Eingnge zum Gewchshaus zu
schlieen, damit nicht unwillkrlich gegen den Befehl des Papa und
Kriegsministers gehandelt werde.
    Heute Morgen dagegen - es mochte zehn Uhr vorber sein - standen die weiten
Flgelthren, die vom Salon aus in's Gewchshaus fhrten, offen, und es ist uns
schon erlaubt, einen neugierigen Blick hinein zu werfen.
    Das Glashaus bildete den vierten Theil eines Kreises, sowie oben ein spitzes
Gewlbe in gothischer Form, bestand auf beiden Seiten aus Eisen und Glas, und
enthielt einen frmlichen Wintergarten. Von dem Salon des jungen Grafen aus
stieg man ein paar Stufen hinab. Auf den hohen Ruhebnken dieser kleinen Treppe
standen rechts und links Marmorfiguren in einem wahren Wald von blhenden
Pflanzen aller Art, an deren Postament Schlinggewchse empor rankten und sich
oben mit anderen Wucherstauden zusammenschlangen, die an der Decke des
Glashauses emporkrochen und ihre sonderbaren Blthen, tiefblaue und weie
Glocken, ber die Hupter jener Figuren herab hngen lieen. Dunkler Epheu
umschlang die Wnde der kleinen Treppe sowie die Ruhebnke, und aus dem tiefen
Grn dieser Bltter glnzte hie und da eine brennend rothe, fremdlndische
Blume, die jetzt ihren Sommer hatte, wo bei uns Schnee und Eis lag, hervor.
    Die Wege des Glashauses waren mit dem feinsten hellgelben Sande bedeckt und
schlngelten sich in der willkrlichsten, eigensinnigsten Form um Gruppen und
Bosquetten herum, die aus Orangen, Lorbeer, Citronen, fremden Nadelhlzern
bestand und deren Ecken meistens mit Krystallgefen geschmckt waren, in
welchen Goldfische herum schwammen oder irgend eine seltene Blume sich recht
auffallend prsentirte.
    Die Mitte des ganzen Glashauses bildete eine groe Kuppel mit hochstmmigen
Bumen besetzt, die einen marmornen Springbrunnen umstanden, aus dessen oberster
Etage ein Strahl empor sprang, der, sich in der Luft vertheilend, von Schaale zu
Schaale mit melodischem Pltschern zurck fiel. An vier Seiten dieser Kuppel
befanden sich Voliren, deren gefiederte Bewohner, arme Sklaven, schon jetzt
freudig ihre muntern Lieder sangen, whrend drauen ihre freien Kameraden noch
mit allen Mhen des Lebens, mit Hunger und Frost, zu kmpfen hatten.
    Jenseits der Kuppel setzte sich das Glashaus in gleicher Weise wie diesseits
fort; dort befand sich ebenfalls eine kleine Treppe mit Ruhebnken,
Epheugewinden, mit Blthen, Blumen, Schlingpflanzen und Marmorstatuen; doch
waren die Flgelthren, welche in das Haus Seiner Excellenz fhrten, fest
verschlossen, sowie die inwendigen Vorhnge herab gelassen.
    Aus dem diesseits geffneten Glashause drang in den Salon des jungen Grafen
ein uerst angenehmer Duft; es strich die duftige Atmosphre herber, die in
gut erhaltenen Glashusern herrscht, jener nicht zu bezeichnende Geruch,
bestehend aus den verschiedensten zarten Dnsten, welche die Pflanzen
aushauchen, wenn nach dem Bespritzen mit frischem Wasser ber die erquickten
Bltter so langsam ein Tropfen nach dem andern herab rieselt.
    Im Salon des Grafen war es behaglich warm, ohne hei zu sein. Aus dem
Glashause strmte auch erwrmte Luft herein, und im Kamin spielte ein lustiges
Feuer. In der Nhe des letzteren stand ein groer runder Tisch mit Geschirren
verschiedener Art beladen, aus deren Unordnung man ersah, da dort eben
gefrhstckt worden war; es befanden sich hier zwei Couverts mit darber
hingeworfener Serviette und leeren Sthlen davor, whrend ein dritter Sessel
noch besetzt war und zwar durch den Baron Brand, der behaglich in demselben
ausgestreckt war, von Zeit zu Zeit eine neben ihm stehende Chocoladetasse an den
Mund brachte, dazu eine Cigarre rauchte und in einem Journale las.
    An diesen Salon stie, wie wir bereits wissen, das Arbeitszimmer des Grafen,
sowie Garderobe und Schlafgemach. In letzterem befand sich der Hausherr; vor
einem groen Spiegel stehend war er beschftigt, sich anzuziehen. Die Thre in's
Arbeitszimmer stand offen, und hier bemerkte man den Maler Arthur, der an einem
Fenster sa, vor sich ein weibliches Portrait hatte und im Begriffe war, von
demselben eine Copie in Aquarell zu machen.
    Der Eingang in den Salon war verschlossen und es hing diesseits vor
demselben ein dicker persischer Teppich herab.
    Graf Fohrbach hatte seine Toilette ungefhr halb beendigt, und an seinen
Stiefeln mit Sporen und an einem Beinkleid mit rothen Streifen bemerken wir, da
er im Begriffe ist, sich in Uniform zu werfen. Der alte Kammerdiener stand mit
dem ernstesten Gesichte von der Welt neben ihm und reichte ihm die verschiedenen
nthigen und unnthigen Gerthschaften, die das wichtige Geschft des Ankleidens
erforderte. Jetzt hatte er eine kleine silberne Bchse mit weier Bartwichse
aufgeschraubt, der Graf nahm etwas davon mit Daumen und Zeigefinger und drehte
mit Hilfe dieser wohlriechenden Masse seinen Schnurrbart keck in die Hhe, wobei
er sich nicht ohne Wohlgefallen im Spiegel besah.
    Wenn man euch Herren so bei der Toilette sieht, rief der Maler aus dem
Nebenzimmer, so begreift man vollkommen, da euch von der vielen Zeit, die ihr
habt, doch so wenig brig bleibt. Jetzt sind Sie bereits eine halbe Stunde mit
Ihrem Anzug beschftigt und, wie ich sehe, noch nicht bermig vorgerckt.
    Der Anzug, mein Lieber, ist eine wichtige Sache, gab der Graf zur Antwort,
namentlich wenn man, wie ich heute, den Dienst hat. Ich versichere Sie, da
kommen eine solche Menge Leute in's Vorzimmer, die oft Stunden lang warten,
Fremde, Herren vom Civil, Vorgesetzte und Kameraden, und das fngt zuerst an,
die Wnde zu besehen, Plafond und Fuboden, und dann kommen wir an die Reihe.
Ah! ich versichere Sie, das Alles betrachtet uns genauer, als es eine Geliebte
oder junge Frau macht.
    Das habe ich nicht gewut, entgegnete Arthur lachend.
    Dehalb mssen wir in unserem Anzug so auerordentlich, ja bermig
correct sein. Glauben Sie mir, fr die Minister und dergleichen, die zum
tglichen Rapport kommen, oder berhaupt fr Alle, die Audienz haben, sind wir
Adjutanten ein wahrer Barometer. Aus uns fiel der erste allerhchste
Sonnenblick, wenn ein solcher da war, oder wir bemerkten die ersten Wolken am
Horizont aufsteigen, und diese Witterung zeigen wir nun an und verheimlichen
sie, je nach Umstnden.
    Durch den Anzug?
    Durch den Anzug, durch den Ausdruck unseres Gesichts, ja durch die Stellung
unseres Bartes.
    Ah! das ist ja erstaunlich! rief Arthur. Und wer versteht sich auf diese
kleinen und seinen Nuancen?
    Alle, denen was daran gelegen ist. Ja, ihr meint, das Ding sei so leicht,
man habe da nur im Vorzimmer zu stehen und eine Meldung zu machen. Nein, nein!
Das will Alles durchdacht sein, denn ich versichere Sie, so gut es bei den
Schauspielern denkende Knstler gibt, so gibt es auch bei uns denkende
Adjutanten.
    Erstaunlich! entgegnete lustig der Maler. - Und wie betrachtet man einen
solchen Barometer, den Sie heute vorzustellen das Glck haben; das heit, wie
liest und versteht man seine Zeichen?
    Das ist nicht leicht zu sagen, erwiderte der Graf, indem er seinen
Waffenrock zuknpfte, den ihm der Kammerdiener zu gleicher Zeit fest in die
Taille hinein zog. Sehen Sie, zum Beispiel man hat seine Freunde, die man gerne
avertirt, wie es drinnen aussieht, ohne ein Wort zu sprechen, denn Sie wissen,
in dem Vorzimmer halten sich oft die Kammerdiener auf, die immens seine Ohren
haben. Ist es ein schnes klares Wetter, so geht man vergngt auf und ab, summt
auch, natrlicher Weise pianissimo, eine kleine Arie oder steht in ruhiger
Beschaulichkeit an einem der Fenster. Gibt es dagegen Wolken, so macht man ein
ernstes Compliment, dreht den Schnurrbart ein klein wenig in die Hhe, oder
rckt hufig an Sbel und Schrpe, um ja Alles in bester Ordnung zu haben.
    Und wenn nun der Barometer Sturm anzeigen soll?
    Dann lehnt man sich gedankenvoll an eine Tischecke, erwiderte der Graf,
indem er seinen Sbel festhakte, und hlt vor allen Dingen den Federhut unter
dem Arm. Es zeigt das an, da man jeden Augenblick gewrtig sein kann, zu irgend
einer unangenehmen Commission hinaus gesprengt zu werden.
    Jetzt war die Toilette beendigt; der Kammerdiener steckte seinem Herrn ein
parfumirtes Sacktuch in die linke Tasche des Waffenrocks, reichte ihm Federhut
und Handschuhe, und verlie darauf mit unhrbaren Schritten das Zimmer. Der Graf
trat in das Nebengemach, stellte sich hinter den Stuhl des Knstlers, indem er
das bald fertige Aquarell mit Wohlgefallen betrachtete.
    Es war das Portrait einer schnen Frau, deren Jugend in die letzte Hlfte
des vorigen Jahrhunderts fiel; das sah man an dem gepuderten Haar, und dem
eigenthmlichen Schnitt des Kleides, - das Bild der Gromutter des Grafen, von
welchem Arthur seinem Freunde gerne eine schne Copie machte.
    Ich bin Ihnen fr Ihre gelungene Arbeit sehr dankbar, sagte der Hausherr;
ich habe schon lange gewnscht, dies Bild zu besitzen.
    Von Dank kann keine Rede sein, entgegnete der Maler. Ich bin noch stark
in Ihrer Schuld; die beiden alten kstlichen Reiterpistolen, die Sie mir neulich
verehrten, sind wahre Meisterwerke und machen den schnsten Theil meiner
Sammlung aus.
    Kleinigkeiten! versetzte der Graf, indem er sich auf die Lehne des Stuhles
sttzte. Wenn das Aquarell fertig ist, so werde ich noch eine Bchse dazu
auftreiben. Es ist schade, da ich Ihre Liebhaberei fr alte Waffen nicht frher
kannte, ich habe schon so manches werthvolle Stck verschleudert. - Doch indem
ich hier plaudere, fllt mir ein, da drauen der Baron sitzt und wahrscheinlich
ungeduldig meine Rckkunft erwartet.
    Das glaube ich nicht; er sitzt ruhig am Tische, trinkt seine Chocolade und
liest die Zeitung. - Eigentlich ein seltsamer Herr.
    Allerdings ist er in manchen Beziehungen ein sonderbarer Mensch, aber ein
guter Kerl und ich mag ihn wohl leiden.
    Der Maler schaute sich nach dem Salon um; als er aber sah, da der Teppich
vor der Thre hing, blickte er wieder auf seine Arbeit.
    Unbesorgt! lachte Graf Fohrbach, der diese Bewegung gesehen; das ist
Alles bei mir wohlweislich eingerichtet. Ich mag es nicht leiden, wenn die
Bedienten zu viel hren; ich mu doch irgend ein Asyl haben, wo ich vollkommen
allein sein kann. - Beide Thren, die zum Schlafzimmer und die zum Salon, haben
geheime Federn und bleiben nie offen stehen. Sie fallen geruschlos in's Schlo
und sind so sorgfltig gearbeitet, da nicht das lauteste Wort durchdringen
kann.
    Kennen Sie den Baron schon lange? fragte anscheinend gleichgltig der
junge Maler.
    Seit ungefhr einem halben Jahre; ich gehe sonst nicht leicht neue
Bekanntschaften ein, aber er brachte mir von W., woher er kam, ganz
auerordentliche Empfehlungen von guten Freunden. Auch amusirt mich zuweilen
sein geziertes Wesen; er ist dabei gutmthig, sehr gebildet, hat viel gesehen,
und, wenn er will, erzhlt er vortrefflich. Eine innige Freundschaft mchte ich
gerade nicht mit ihm eingehen, aber zum gewhnlichen Umgang gefllt mir die Art,
wie er sich gehen lt und wie man ihn ebenfalls gehen lassen kann. Jetzt sitzt
er zum Beispiel drauen; wenn ich ihn ruhig da lasse und mich durch die
Hinterthre entferne, um meinen Geschften nachzugehen, so findet er das ganz
natrlich und kommt Abends zum Thee mit demselben freundlichen und unbefangenen
Gesicht.
    Ich brachte das Gesprch nicht ohne Absicht auf den Baron, sagte Arthur.
    Wie so?
    Ich will Ihnen das gelegentlich einmal erzhlen, es ist ein hchst
eigenthmlicher Vorfall und doch vielleicht wieder ganz unbedeutend! ich wei
selbst nicht, was ich davon denken soll. - Aber Sie sind eilig, und ich will Sie
heute Morgen nicht aufhalten.
    Aufrichtig gesagt, ja, lieber Arthur, erwiderte Graf Fohrbach. Aber
vergessen Sie Ihre Geschichte nicht, ich gestehe wohl, da ich mich fr den
Baron interessire.
    Hat er Vermgen?
    Fr das was er ausgibt, mu er reich sein. Ich traf ihn neulich bei Ihrem
liebenswrdigen Papa - meinem Banquier, der ihm auf die freundlichste Art von
der Welt ein Paket Banknoten einhndigte. Der Kassier verbeugte sich tief vor
ihm, und das ist ein guter Barometer - wie Sie wohl am besten wissen -
    Wie Sie im Vorzimmer Seiner Majestt!
    Allerdings, junger Sptter! - Doch - - Teufel! wie vergelich ich bin! Da
habe ich Sie um etwas bitten wollen - was war es doch? - Richtig, jetzt fllt
mir's ein. - Wie viel Uhr ist es wohl? unterbrach er sich. - Lassen Sie nur
stecken, ich will im Salon nachsehen, da ist eine Standuhr, die tglich nach der
im Schlo gerichtet wird.
    Damit hob er den Thrvorhang auf und ging in's Nebenzimmer.
    Der Baron sa noch ruhig bei seiner Chocolade und las aufmerksam seine
Zeitungen. Doch studierte er besonders die hinteren Seiten derselben, wo sich
die Annoncen befanden. Als der Graf eintrat, wandte er kaum den Kopf herum,
nickte vielmehr nur leicht, als ihm dieser sagte: Verzeihen Sie, Baron, da ich
Sie sitzen lie, aber Sie wissen, Herrendienst geht vor allem Anderen. Ich mu
um elf Uhr in's Schlo, und es ist wahrscheinlich schon halb vorbei; da mu ich
mich ungeheuer beeilen.
    Ei, mein lieber Graf, entgegnete der Baron mit sanfter Stimme, indem er
seine Tasse niedersetzte und sich auf die zierlichste Art von der Welt den
Schnurrbart strich, da haben Sie Zeit genug. Ihr vortrefflicher Kutscher bringt
Sie ja in zwei Minuten an die Thre der Freitreppe.
    Da haben Sie Recht, mein Bester, versetzte der Graf, der aus einer reich
mit Gold und Steinen incrustirten Mappe eine Lage Postpapier heraus nahm. Aber
ich bin Geschftsmann und mu vorher noch einen wichtigen Brief schreiben. Doch
um Sie nicht in Ihrer Lectre zu stren, will ich mich in's Nebenzimmer
begeben.
    Ich lese Anzeigen, sprach ghnend der Baron, fand aber da etwas, was mich
erschreckte. Da ist ein Kerl, der kndigt einen Odeur an, von dem er sagt, es
sei das feinste Oel, was man den Rosen entziehen knne und habe den sanften
Geruch dieser Blume, ohne jedoch an das Scharfe, Unangenehme des gemeinen
Rosenls zu erinnern.
    Das wre Ihr coeur de rose! entgegnete Graf Fohrbach. Ei, ei! Baron, am
Ende hat Sie Ihr Armenier verrathen und Ihr Geheimni ist in Jedermanns Munde.
    Unbesorgt! sagte der Baron, indem er sein Battisttuch hervorzog und es
unter die Nase prete; diese Feinheit bringt nur er hervor, und wenn der Kerl
da in der Zeitung wirklich etwas Aehnliches anpreist und verkauft, so wird doch
die gemeinste Nase den Unterschied deutlich riechen.
    Das ist ein Trost fr Sie, erwiderte der Graf, der bei diesen Worten in's
Nebenzimmer eilte. Doch rief er noch durch die Thre: Nur einen Augenblick,
Baron! Ich bin gleich wieder bei Ihnen.
    Die Thre fiel zu und man hrte deutlich, wie das Schlo einschnappte.


                                  Zweiter Band

                           Einundzwanzigstes Kapitel.

                            Jger und Kammerjungfer.

Der Baron schaute in diesem Augenblick ber seine Zeitung hinweg, dann lie er
die linke Hand, in der er sie hielt, langsam sinken und wandte den Kopf nach
rechts und nach links, whrend er forschend durch das ganze Zimmer blickte.
Dabei war der Ausdruck seines Gesichtes auf einmal ein ganz anderer geworden:
das Auge, das sich gewhnlich so affektirt und matt hinter den herabfallenden
Augenlidern verbarg, blitzte unter den scharf zusammengezogenen Augenbrauen
hervor; seine Lippen, die meistens halb geffnet waren und von einem sen
Lcheln umspielt wurden, erschienen voll Spannkraft und Energie, und lieen, als
sie sich leicht emporzogen, zwei Reihen schneeweier Zhne sehen. - Er legte die
Zeitung nieder, sttzte die rechte Hand leicht auf den Tisch und erhob sich von
seinem Stuhle, ohne das geringste Gerusch zu machen. Dann wandte er sich um,
glitt durch den Salon nach dem Schreibtische des Grafen, wo sich in einer
breiten Schaale von Bronze Bleistifte und alle mglichen Schreibmaterialien
befanden. Dazwischen lag ein kleines Petschaft, dessen Griff aus Gold in
getriebener Arbeit bestand und reich mit Steinen besetzt war. Dieses Petschaft
nahm der Baron geruschlos aus der Schale fort, betrachtete es einen Augenblick,
steckte es in die Tasche seines Rocks und ging dann ebenso leise wie er
gekommen, zu seinem Stuhle zurck, auf welchen er sich wieder setzte. Nun nahm
er abermals die Zeitung in die Hand, wandte den Kopf, wie vorhin beschrieben,
rechts und links, um alle Ecken des Salons zu besichtigen und dann nahm sein
Gesicht pltzlich wieder jenen weichen und schlaffen Ausdruck an, den wir
bereits kennen.
    Jetzt klingelte der Graf im Nebenzimmer und der alte Kammerdiener ging durch
den Salon, kehrte aber gleich wieder dahin zurck, zndete eine Wachskerze an,
nahm Siegellack und whlte alsdann einige Augenblicke vergeblich in der
Bronzeschaale. Er schien berrascht zu sein, blickte im Zimmer umher und ging
dann in's Nebenzimmer, wo er unter der Thre stehen blieb und seinem Herrn
einige Worte sagte.
    Mein Petschaft mu da sein, hrte man den Grafen antworten; das kleine
mit dem goldenen Griff, es liegt in der Bronzeschale.
    Euer Gnaden verzeihen, entgegnete der Kammerdiener, es liegt nicht an
seinem gewhnlichen Platze.
    Das mte mit dem Teufel zugehen, erwiderte der Graf. Ich habe es gestern
Abend noch da gesehen.
    Mit diesen Worten trat er in den Salon, ein Briefchen in der Hand; der
Kammerdiener folgte mit dem brennenden Lichte.
    Jetzt bin ich vollkommen beruhigt hinsichtlich meines Odeurs, sagte der
Baron mit wichtigem Tone; jener Fabrikant nennt es Rosensaft. Ich bitte Sie,
Rosensaft! Dabei fllt mir gleich so 'ne schmutzige Brhe ein. Ah! coeur de rose
ist eine schne Erfindung.
    Gewi, gewi! entgegnete zerstreut und einigermaen rgerlich der Graf,
denn er hatte ebenfalls vergeblich in der. Bronze schale und auf dem ganzen
Tische nach dem Petschaft gesucht. Er sah den Kammerdiener an; dieser zuckte die
Achseln.
    Wer hat das Zimmer heute Frh in Ordnung gebracht? fragte er mit heftigem
Tone.
    Der Jger, Euer Gnaden.
    Wieder der Jger! - Wann soll denn der Geschichte einmal ein Ende gemacht
werden?
    Es ist eigenthmlich, sprach der alte Mann, der Mensch hatte so
vortreffliche Empfehlungen und wie sehr ich bestndig aufgepat, ich habe nie
etwas Unrechtes bemerkt.
    Aber Sie werden mir nicht ableugnen knnen, da seit einem halben Jahre,
als der Mensch in meinen Diensten ist, jeden Augenblick aus diesem Salon Etwas
verschwindet.
    Leider!
    Haben Sie sonst auf Jemand von den Leuten Verdacht, auf George vielleicht
oder auf Karl?
    Gott soll mich bewahren!
    Nun, also bleibt's an dem Jger hngen, und der Sache soll ein Ende gemacht
werden; ich will's!
    Aber, gndigster Herr, man kann ihm Nichts beweisen.
    Das braucht's auch gar nicht; ich will gewi nicht sein Unglck; man zahlt
ihm einen halbjhrigen Lohn, sagt ihm, er habe mir nicht convenirt und gibt ihm
meinetwegen ein ertrgliches Zeugni.
    Der alte Mann nickte mit dem Kopfe.
    Wie Sie selbst sagten, kann man ihm Nichts beweisen, also wollen wir auch
seiner Zukunft nicht hinderlich sein. Aber mir ist es unheimlich, da hier alle
Augenblicke so was vorfllt.
    Der Graf hatte etwas heftig und laut gesprochen, whrend er sich an dem
Schreibtische im Salon niedergelassen, um besser in der Bronzeschale suchen zu
knnen, so da sich sogar der gleichmthige Baron veranlat sah, aufzustehen und
nher zu kommen.
    Ja, was ist denn vorgefallen, mein bester Graf? fragte er, indem er sich
in dem Spiegel ber dem Kamin Haar und Bart zurecht strich und dann an dem Feuer
seine Fuspitzen wrmte. Sie sind ja wahrhaftig ganz aufgeregt!
    Der Graf wollte von dem Petschaft sprechen, doch der Kammerdiener sah ihn
bittend an. Ach! sagte er mit verdrielichem Tone, ich bin mit einem meiner
Leute nicht zufrieden, mit meinem Jger, ich mu ihn fortschicken, was mir sehr
unangenehm ist. Es ist berhaupt so schwer, ordentliche Leute zu bekommen.
    Das wei Gott! entgegnete der Baron, indem er sich umwandte und die Hnde
auf den Rcken legte. Aber da fllt mir was ein. Vor ein Paar Tagen wurde mir
Jemand empfohlen, von sehr guter Hand und dringend empfohlen, ein Mensch, der
schon lngere Zeit in W. in den besten Husern diente, und obendrein ein
gelernter Jger. Fr seine Ehrlichkeit und Treue kann man garantiren; wenn Sie's
mit dem versuchen wollten!
    Warum nicht, auf Ihre Rekommandation! - Er soll sich bei meinem
Kammerdiener melden, ich nehme ihn an.
    Schn, sagte der Baron mit seinem sanftesten Lcheln; da haben wir einmal
wieder ein gutes Werk gethan. - Er trat an den Tisch, sttzte sich mit der
linken Hand darauf und schlug mit einem Finger der Rechten auf die Bronzeschale,
da sie einen hellen Klang von sich gab. - Aecht? - Antik? fragte er.
    Ich habe sie von einem Bekannten erhalten, der sie in Pompeji erbeutet. -
Aber Teufel! Es ist schon drei Viertel auf Elf. - Lassen Sie meinen Wagen
vorfahren, sagte er zu dem Kammerdiener, der sich verdrielich entfernte.
Jetzt mu ich siegeln und habe mein Petschaft verloren. Ah, Baron! rief er
aus, Sie knnen mir helfen. Dabei fielen seine Blicke auf die goldene Uhrkette
des Anderen, an welcher sich eine Menge Kleinigkeiten, unter Anderem auch ein
orientalischer Ring mit einem Carniol befand, auf den einige arabische
Buchstaben geschnitten waren. Leihen Sie mir einen Augenblick Ihren Ring, um
meinen Brief damit zuzusiegeln, es ist ja kein Wappen darauf. - Also kann es Sie
in keiner Weise kompromittiren, setzte er lachend hinzu.
    Der Baron zuckte mit der Hand nach seiner Uhrkette und sein gleichmthiges,
lchelndes Gesicht war im Begriff, einen ganz anderen Ausdruck anzunehmen. Wie
aber ein geschickter Equilibrist sich noch in dem Momente, wo er fallen will,
krftig und gewaltsam in's Gleichgewicht hinein schwingt, so auch der Baron.
Seine Finger, welche hastig die Uhrkette, wie um sie zu verbergen, ergreifen
wollten, glitten jetzt leicht daran herunter und blieben an dem bewuten Ringe
hngen. Ah! Sie wollen mit meinem Talisman siegeln, bester Graf! sagte er
alsdann mit seinem gewhnlichen freundlichen Lcheln. Nehmen Sie sich in Acht!
Sie wissen doch, da diese mysteris geschnittenen Steine nur fr den
heilbringend sind, der sie besitzt, und da, wenn sich ein Anderer derselben
bedient, zum Beispiel wie Sie, lieber Graf, jetzt zum Siegeln, dies fr den
Empfnger von unangenehmen Folgen sein kann!
    Sind Sie denn wirklich aberglubisch, Baron? fragte der Graf und hob eine
Stange Siegellack an das brennende Licht, whrend er den Brief vor sich
hinlegte. - Uebrigens, fuhr er lchelnd fort, ist mir am Wohl und Wehe des
Empfngers oder der Empfngerin nicht viel gelegen, und wenn also Ihre
Befrchtungen wirklich wahr wren, so knnte es derjenigen, welche diesen Brief
erhlt, am Ende Nichts schaden, wenn dieser Brief einige Dornen auf ihren Pfad
streute.
    Coeur de rose! sagte der Baron, indem er sich hchst verwundert stellte,
da fhren Sie ja eigenthmliche Korrespondenzen. Ich will nicht hoffen, da der
Brief an Jemand aus der Gesellschaft geht!
    Seien Sie ganz unbesorgt, Baron! Glauben Sie denn, ich wrde mich in dem
Fall eines Ihrer Siegel bedienen? Ah! das wre indiscret! Dieses Schreiben geht
an ein ganz obscures Wesen, von dessen Existenz Sie gar keine Ahnung haben; eine
stille Wittwe, die hie und da meine gewissen kleinen Privatangelegenheiten
arrangirt. - Aber jetzt geben Sie Ihren Ring her, mein Siegellack ist flssig.
    Armer Talisman! sagte der Baron mit affektirter Wehmuth, whrend er die
Kette loshakte und den Ring seinem Bekannten darbot; ein Abdruck von dir
scheint mir da in schne Hnde zu kommen. - Coeur de rose! das htte sich die
reizende Griechin, die ihn mir verehrt, gewi nicht trumen lassen.
    Der Graf siegelte rasch und sorgfltig das Villet, dann betrachtete er
aufmerksam die sonderbaren fr ihn unleserlichen Schriftzeichen und versetzte:
So, der Abdruck ist schn gelungen; meinen herzlichen Dank! - Jetzt mu ich
aber eilen, sonst komme ich zu spt in's Schlo und das wre entsetzlich. - Kann
ich Sie mitnehmen?
    Der Baron sann eine Sekunde nach. Besuch auf dem Kastellplatz, murmelte
er, dann in der Knigsstrae, in der hohen und breiten Strae, - ja, ja, bester
Graf, ich nehme einen Sitz in Ihrem Wagen an! Sie lassen mich an der Ecke des
Kastellplatzes entspringen.
    Schn, erwiderte Graf Fohrbach; gehen Sie nur voraus; ich folge in der
Sekunde.
    Whrend nun der Baron in das Vorzimmer ging, sich dort den Paletot anziehen
lie, einen dicken Cachemir um den Hals schlang, den Hut aufsetzte und nach dem
Wagen schritt, eilte der Graf in sein Arbeitskabinet, wo der Maler sa und sagte
diesem: Adieu, lieber Arthur, ich mu in den Dienst. Bleiben Sie hier, so lange
Sie wollen; Sie wissen, wo Cigarren und Pfeifen sind. Aber wenn Sie fortgehen,
erzeigen Sie mir, dem Freunde, eine Geflligkeit. Werfen Sie diesen Brief auf
die Stadtpost, aber heute Morgen noch; es liegt mir Alles daran, da er im Laufe
des Tages an seine Adresse gelangt, besonders aber, da meine Dienerschaft die
Adresse nicht sieht. Ich stehe zu allen Gegendiensten bereit.
    Mit groem Vergngen, entgegnete Arthur, indem er das Billet neben sich
legte. Wenn ich fr meine Person die Adresse lesen darf und es mir nicht zu
sehr aus meiner Route liegt, so werde ich ihn selbst besorgen, wenn es Ihnen
recht ist.
    Natrlicher Weise! entgegnete der Graf lachend, whrend er fort eilte; und
er sagte noch unter der Thre: aber wenn Sie ihn selbst berbringen, so nehmen
Sie sich in Acht; Sie knnten da in ein Kreuzfeuer von schnen Augen
hineinkommen, das selbst einem Maler gefhrlich werden drfte. - Adieu!
    Damit eilte er fort, lie sich im Fluge den Mantel umwerfen und traf den
Baron schon an der Gartenthre neben dem kleinen Coup stehend. Beide setzten
sich ein und der Wagen scho mit einer auerordentlichen Geschwindigkeit davon.
    Da fllt mir eben ein, sagte der Baron, der sich jetzt in seine Ecke
geschmiegt hatte, Sie knnten mir einen kleinen Dienst erzeigen, Graf Fohrbach,
und ich bin berzeugt, keine Fehlbitte zu thun, da heute Ihr Herz gegen mich von
Dankbarkeit erfllt sein mu. Bedenken Sie, da ich Ihnen einen vortrefflichen
Jger verschafft, und da ich Sie mit meinem Talisman siegeln lie. Coeur de
rose! Das sind keine Kleinigkeiten!
    Sie wissen, bester Baron, da ich mir auch ohne das ein Vergngen daraus
machen wrde, Ihnen ntzlich sein zu knnen. Wovon handelt es sich?
    Ich komme mir ordentlich als Dienerschafts-Kommissionr vor, entgegnete
gutmthig lachend Herr von Brand. Ich habe, wie gesagt, den Jger plazirt,
jetzt habe ich noch eine vortreffliche Kammerjungfer zu vergeben, fr die ich
eine gute Stelle suche, wo mglich im Schlosse. Es ist ein sehr braves und
empfehlenswerthes Geschpf.
    Ist sie jung und hbsch?
    Ah! mein lieber Graf, Ihre Frage knnte mich beleidigen! Ich versichere
Sie, ich sehe blos auf die inneren Eigenschaften dieses Mdchens. Aber um
tugendhafte Bedenken Ihrerseits zu beschwichtigen, versichere ich Sie, da die
erwhnte Person gerade nicht zu jung und auch gerade nicht zu hbsch ist, so -
so wie ich glaube; aber sie kann einer Toilette assistiren wie keine und spricht
franzsisch.
    Das wird sich machen lassen, meinte Graf Fohrbach, und wenn Ihnen
wirklich ein Gefallen damit geschieht, Baron, so knnen Sie Ihrer Empfohlenen
sagen, sie sei schon so gut wie plazirt. Und Sie wnschen, da sie in's Schlo
kommt?
    Gerade daran wre mir etwas gelegen; - sie soll eine sehr brave Person
sein.
    Ich werde mit der Frau von B. gelegentlich davon sprechen. Aber hier ist
der Kastellplatz, wo ich Sie absetzen soll. - Er zog bei diesen Worten heftig
an der Schnur, die zum Kutscher drauen fhrte, worauf der kleine Wagen fast
augenblicklich stille hielt.
    Meinen doppelten Dank! rief der Baron lachend, nachdem er ausgestiegen;
fr die Kammerjungfer und die Fahrt.
    Und meinen gleichfalls, entgegnete der Graf, fr den Jger und den
Talisman.
    Und der Wagen rollte davon.
    Der Herr von Brand blieb an der Ecke des groen Kastellplatzes stehen; es
war dies, wie schon der Name besagt, ein weiter Raum in der Nhe eines alten
Schlosses, in welchem sich Archive und Mbelmagazine befanden. Dies alte dstere
Gebude war mit Thrmen flankirt, und hatte eine Menge ein- und ausspringender
finsterer Winkel, von denen einige dazu dienten, das herabstrzende Regenwasser
aufzufangen, wehalb sich auf dem Boden derselben groe zusammengekittete
Steinplatten mit einer vergitterten Oeffnung versehen befanden, durch welche
alle Feuchtigkeit ablief.
    Heute Morgen, wo der Frost der letzten Tage von einem starken Thauwetter
verdrngt worden war, wo es ziemlich heftig regnete und der Schnee auf den
Dchern mit auerordentlicher Geschwindigkeit schmolz, strzte das Wasser in
kleinen Fllen aus den seltsam geformten Dachrinnen hervor in jene Winkel hinab,
um alsdann durch die erwhnte Oeffnung sprudelnd und schumend unter der Erde zu
verschwinden.
    Der Baron schritt um das alte Kastell herum bis zur hinteren Seite, wo sich
zwischen einem Thurme und einem riesenhaften Kamin der dunkelste dieser Winkel
befand. Hier ffnete er behutsam Paletot und Rock, nahm das uns bekannte
Petschaft aus letzterem heraus und lie es auf den Steinboden niederfallen, so
da es alsbald von der Fluth des Regen- und Schneewassers in den Schoo der Erde
hinabgeschwemmt wurde. Darauf lchelte er eigenthmlich, knpfte Rock und
Paletot wieder zu, schob die Hnde in die Taschen und verschwand in einer engen
Strae, die auf den Kastellplatz mndete.

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.



                           Auf der Polizeidirektion.

Der Baron hatte sich eine seltsame Tournure angewhnt; er ging nmlich, wenn er
allein ber die Straen schritt, scheinbar in Gedanken vertieft, den Kopf etwas
vornber gebeugt, die Augen vor sich auf die Fuspitzen geheftet. Wir sagen, er
sah nur scheinbar so achtungslos aus, denn in Wirklichkeit bemerkte er Alles,
was ihm begegnete, und wenn er hie und da sein Auge leicht aufschlug und um sich
schaute, so fate er in einer Sekunde die Huser der beiden Seiten auf und wute
ganz genau, ob Jemand im zweiten, dritten oder vierten Stock am Fenster gewesen.
    Seine Freunde spotteten darber und sagten ihm lachend, er kokettire mit
seinem tiefen Nachdenken, mit seinem gnzlichen Unbeachtetlassen der ganzen
brigen Welt, - wenn aber an einer Straenecke, sei es auch auf Tausend Schritte
Entfernung, der lumpigste Junge seine Mtze schwenke, so sehe er das
augenblicklich, halte es fr eine Begrung und lpfe respektvollst den Hut.
    Da der Baron gerne grte, das leugnete er selbst nicht. - - Was wollt
ihr! sagte er, ich bin einmal ein Mensch, der, das wei ich ganz genau, keine
glnzenden Eigenschaften, keine berraschenden Talente entwickeln kann; um aber
nun Etwas zu haben, das mich vielleicht vor vielen andern Menschen auszeichnet,
so befleiige ich mich einer musterhaften Hflichkeit und besitze eine
auerordentliche Artigkeit. - Und ein eigens fr Sie erfundenes Parfum,
hatten die Freunde lachend hinzugesetzt. - Worauf der Baron sehr wichtig
erwiderte: Das ist wahr - coeur de rose.
    So ging er denn auch am heutigen Tage sinnend dahin, lie den Kastellplatz
hinter sich, sah fast immer auf den Boden und warf nur hie und da einen Blick
auf die Vorbergehenden und auf die Huser zu beiden Seiten. Er durchschritt
mehrere Straen, wandte sich rechts, dann links und kam an einen andern Platz
der Residenz, wo nmlich die eleganten und reichen Stadtviertel anfingen, deren
zwei Hauptstraen hier zu beiden Seiten in eines der grten Kaffeehuser
mndeten. Diesem Caf gegenber lag ein stattliches Gebude - die
Polizeidirektion.
    Mit einem einzigen Blick berschaute der Baron den ziemlich groen Platz,
als er in der Nhe des Caf's wie immer scheinbar gedankenlos schlendernd, aus
einer der Seitenstraen heraustrat. Ihm gegenber mute aber pltzlich Etwas
erscheinen, was seine ganze Aufmerksamkeit fesselte, denn er blieb mit einem
Male stehen, wandte sich und, um den ihm Begegnenden nicht aufzufallen, nach
einem Bilderladen, wo er angelegentlichst ein paar Kupferstiche zu betrachten
schien, in der That aber seine Augen fest auf die andere Seite des Platzes
gerichtet hielt.
    Dort befand sich ebenfalls ein eleganter Laden, und ein Strom von Menschen
trieb bei ihm vorbei; es war das eine ziemlich wirre Masse von Fugngern aller
Art: Herren in Paletots, Damen in Mnteln, viele Regenschirme und viele
Equipagen, die ab und zu fuhren und bald vor diesem, bald vor jenem Gewlbe
hielten.
    Whrend der Baron da stand und schaute, nderten sich seine Gesichtszge in
der gleichen Art wie vorhin im Salon des Grafen Fohrbach, nur mit dem
Unterschiede, da jetzt Entschlossenheit weniger vortrat, dagegen eine gespannte
Aufmerksamkeit alle Muskeln seines Gesichtes zusammenzog.
    Ohne unsere Hilfe wird der geneigte Leser unmglich errathen, was der Baron
so aufmerksam betrachtete, wehalb wir es fr unsere Schuldigkeit halten, diesen
Gegenstand nher zu bezeichnen.
    Zwischen dem Gewhl der Wagen und Fugnger bemerken wir einen Bedienten in
anstndiger Livre, ohne Regenschirm, den himmlischen Wassern trotzend, der
anscheinend vollkommen sorglos und durchaus nicht eilig an den Husern vorbei
schleicht. Jetzt hatte er beide Hnde in die Hosentaschen gesteckt, im nchsten
Momente zog er sie hervor und legte sie auf dem Rcken zusammen. Dabei blieb er
zuweilen einen Augenblick stehen, schaute an den Himmel hinauf und schien Etwas
in Ueberlegung zu ziehen, worauf ihn das Resultat dieses Nachdenkens vorwrts
trieb, denn er machte ein paar schnelle Schritte, um gleich darauf wieder
nachdenkend stehen zu bleiben; endlich pflanzte er sich vor einem der Gewlbe
auf, beschaute aber nicht die ausgelegten Waaren, sondern blinzelte nach der
Polizeidirektion, die nur noch wenige Schritte vor ihm lag.
    Das Alles bemerkte der Baron vor dem Bilderladen und sprach leise zu sich
selber: Wenn der Kerl da einen Auftrag htte, so wrde er sich bei dem
scheulichen Wetter wahrscheinlich beeilen, da er aber auf Etwas zu spekuliren
scheint und auf alle Flle ber Etwas nachdenkt, so will mir sein
Herumschlendern dort bei dem verdchtigen Gebude durchaus nicht gefallen. -
Passen wir auf.
    Jetzt hatte der Lakai wieder einige Schritte gethan und befand sich an dem
groen Eingang der Polizeidirektion. Er blieb hier abermals stehen, betrachtete
das Haus von oben bis unten, blickte verstohlen in das Vestibul, las hierauf
eifrig die an der Mauer aufgeklebten Anzeigen, dann setzte er einen Fu auf die
unterste Treppenstufe, zog ihn aber wieder zurck und schlich an dem Hause
vorber.
    Der Baron athmete tief auf. - Jetzt aber ballte er krampfhaft die rechte
Hand, streckte sich hoch empor und sein Auge blitzte; drben war der Bediente
wieder umgekehrt und nach abermaligem Zaudern nun in der Thre des
Polizeidirektions-Gebudes verschwunden.
    Einen Augenblick verharrte der Baron in der eben beschriebenen Stellung,
dann bi er die Zhne ber einander, nickte mit dem Kopfe und murmelte: Das war
ein glcklicher Zufall! worauf er in das Kaffeehaus trat, eine Cigarre
verlangte, eine Zeitung nahm und sich an die Thre stellte; anscheinend in das
Journal vertieft, blickte er fast jede Sekunde auf den Platz hinaus.
    Er mute nun eine gute halbe Stunde warten, bis der Lakai drben wieder aus
dem Gebude heraustrat. - Ich will nun sehen, wie er davon geht, dachte der
Baron, schleicht er unentschlossen zurck, wie er gekommen, so ist vielleicht
Nichts verloren; - wenn nicht - - ah! der Hallunke! - Dieser Ausruf entfuhr ihm
etwas lauter als er es gerade gewollt, da er bemerkte, wie der Bediente drben
frmlich die Treppe hinabstrzte und als werde er gejagt ber die Strae dahin
flog.
    Ein Paar harmlose Zeitungsleser in dem Kaffeehause, die das laute Wort des
Barons vernommen, blickten erstaunt in die Hhe, schrieben es aber wohl einem
Artikel zu, den der Baron in seinem Journal gelesen, denn dieser bezwang sich
augenblicklich und schaute so harmlos in die Spalten, als interessire ihn sonst
Nichts auf der ganzen weiten Welt; auch blieb er noch eine gute Viertelstunde an
der Thre stehen, worauf er ruhig von dannen ging und ebenso ber den Platz
schritt bis zum nchsten Fiakerstand. Dort setzte er sich in einen Wagen, gab
dem Kutscher eine Adresse, forderte ihn auf, schnell zu fahren und befand sich
kurze Zeit darauf an der Thre seiner Wohnung.
    Da wir spter und zu gelegenerer Zeit dem Baron einen Besuch zu machen
gedenken, so wollen wir uns jetzt nicht mit einer Beschreibung dieser Wohnung
aufhalten, um so weniger, da der Herr des Hauses selbst auerordentlich eilig zu
haben scheint. Schon auf der Treppe pfiff er auf eine eigenthmliche Art, worauf
ein Bedienter herbeisprang und die Glasthre aufri, die in den ersten Stock
fhrte. Sogleich meinen Wagen! befahl der Baron, indem er vorberschritt und
sich in sein Ankleidezimmer begab, wo ihn der Kammerdiener erwartete. Kurze Zeit
nachher hrte man einen Wagen vorfahren, und als der Bediente die Meldung davon
brachte, hatte sich der Baron bereits umgekleidet. Er trug einen eleganten
einfachen Morgenanzug, lie von dem Kammerdiener ein rothes Band in das
Knopfloch befestigen, zog einen leichten Paletot an, und eilte ebenso geschwind
die Treppen hinab, wie er hinaufgestiegen war.
    Nach der Polizeidirektion! rief er dem Kutscher zu; das leichte Coup flog
davon und hielt kurze Zeit darauf vor dem uns bekannten Gebude.
    Von dem Gesicht des Barons war unterdessen jede Wolke verschwunden, und ein
heiterer Sonnenschein lchelte aus allen seinen Zgen. Er schritt leicht und
gewandt die breite Treppe hinauf, die sich oben theilte und links zu den
Kanzleien, rechts zu der Wohnung des Prsidenten fhrte. Die letztere Richtung
nahm der Baron, und bei der groen Glasthre angekommen, zog er ziemlich stark
an der Klingel. Ein Bedienter, welcher ffnete, machte eine tiefe Verbeugung und
fhrte ihn in einen eleganten Salon, wo er ihn mit den Worten allein lie, er
werde der gndigen Frau augenblicklich den Besuch des Herrn Baron melden, und er
zweifle auch nicht, da die gndige Frau sichtbar sei.
    Das war denn auch der Fall; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten, die
er dazu anwandte, sich vor das Bild einer ziemlich hbschen und sehr
wohlbeleibten Frau zu stellen, und dort wie in Entzcken versunken stehen zu
bleiben. Endlich hrte er eine Thre ffnen und fuhr mit einem halberschreckten:
Ah! herum, als er das Original dieses Bildes erblickte, welches sanft
lchelte, da es seine Verwirrung bemerkte.
    Dieses Original, die Gemahlin des Polizei-Prsidenten, war nicht mehr ganz
so hbsch wie das Portrait, wohl aber noch um Einiges beleibter. Sie verwandelte
ihr sanftes Lcheln in ein freundliches, als ihr der Baron, den Hut in beiden
Hnden haltend, verbindlichst nher trat und mit Beziehung auf das Gemlde, bei
dessen Anschauung man ihn ertappt hatte, ausrief: Ah! gndigste Frau, so oft
ich eben das Bild betrachte, hasse ich unsern Knstler immer mehr; - was htte
er daraus machen knnen! - Ein so lohnendes Werk! - Doch schweigen wir von der
Copie, da ich so glcklich bin, dem schnen Original die Hand kssen zu drfen.
Darauf fhrte er die dicken Finger der Prsidentin an seinen zierlich
zusammengezogenen Mund und lie sich auf einen Fauteuil nieder, wohin ihm die
gndige Frau dankbarlichst winkte.
    Sie werden gewi erstaunt sein, da ich Ihnen schon wieder lstig falle,
sagte der Baron, nachdem er sich auf's Zierlichste gesetzt, mit einem sen
Lcheln; aber es mssen schon vier Wochen sein, da Sie die Gnade hatten, mich
letztmals zu empfangen.
    Ei, Baron, entgegnete lchelnd die Prsidentin, es sind noch nicht acht
Tage.
    Unmglich! entgegnete er erstaunt. Ich versichere Sie: volle vier
Wochen.
    Es war vergangenen Donnerstag, beharrte sie freundlich lchelnd, und
heute haben wir Mittwoch, Da Sie meinen Worten nicht zu glauben scheinen, bester
Baron, so will ich Auguste rufen lassen, die Ihnen gewi genau sagen wird, wann
Sie da waren.
    Der Baron verstand die zarte Anspielung der Mutter, doch schien ihm offenbar
dieses Glck zu gro. Er athmete tief auf, schlug die Augen nieder und
betrachtete angelegentlich seine lederfarbenen Handschuhe.
    Die Prsidentin klingelte, und da ihre Tochter Auguste ganz zuflligerweise
selbst kam, um sich nach ihren Befehlen zu erkundigen, so konnte sie gleich da
bleiben, was sie denn auch nicht ohne einige sehr gut an den Tag gelegte
Verwirrung that.
    Auguste war ein hbsches blondes Mdchen von einigen zwanzig Jahren. - Als
Mama ihre Entscheidung ber den streitigen Fall von vorhin verlangte, schlug sie
sanft die Augen nieder und sagte errthend: Sie waren in der That am
vergangenen Donnerstag hier, Herr Baron.
    Und ich dachte, es seien volle vier Wochen, entgegnete er. - Wie ist mir
die Zeit so lange geworden! setzte er leiser hinzu, indem er der Mutter eine
Sekunde in die Augen sah und alsdann einen verheerenden Streifblick auf die
Tochter warf.
    Letztere antwortete mit einer vollen Lage aus ihren hbschen blauen Augen
und wandte sich darauf scheinbar in Verlegenheit ab, doch manverirte sie wie
ein gut gefhrtes Kriegsschiff und lud nach dieser Bewegung ihre Geschtze zu
einem neuen Angriff.
    So mu ich also doppelt um Verzeihung bitten, sagte eifrig der Baron, da
ich Sie heute schon wieder belstige.
    Ihre Besuche sind uns jeder Zeit angenehm, versetzte die Mutter.
    Ah! seufzte der Baron, indem er die Augen ffnete und schlo wie ein
vollkommener Geck, das ist in Ihrem Munde nur ein freundliches Kompliment; aber
ich zhle Stunden und Tage, bis mir wieder das Glck zu Theil werden darf, mich
nach Ihrer kostbaren Gesundheit erkundigen zu drfen.
    Und verzhlen sich? sprach lchelnd Auguste.
    Doch ohne meine Schuld, antwortete der Baron und machte eine Bewegung, als
wolle er die rechte Hand zierlich auf sein Herz legen und mit einem Blick, der
deutlich sagte: Kann ich dafr, da entfernt von Ihnen mir Tage zu Wochen
werden? -
    Es entstand hier eine kleine liebliche Pause. Der Baron schien in tiefes
Nachdenken versunken, aus dem er jetzt aber empor fuhr und hastig sagte: Aber
mein jetziger Besuch, gndige Frau, ist nicht ganz ohne Grund. Denken Sie sich,
wir waren gestern Abend beim Grafen Fohrbach und es kam die Rede auf Ihre letzte
Soire. Natrlicherweise sprachen wir ber elegante Toiletten, und darauf
behauptete ich, Sie, gndigste Frau, seien damals in einer veilchenblauen
Atlasrobe mit weien Camelien im Haar erschienen; Graf Fohrbach stritt fr eine
von Rosafarbe, und ich mu gestehen, setzte er fast beschmt hinzu, da wir
darber eine kleine Wette eingingen. - Nun war ich vorhin drben in dem
Kaffeehause -
    Gegenber unserem Hause? fragte Auguste lchelnd, und wir glauben, da sie
ein wenig errthete.
    Ja, mein Frulein, erwiderte der Baron, indem er abermals die Augen
niederschlug, Ihren - Fenstern gegenber.
    Worauf ihn wiederholt eine volle Lage ihrer Blicke traf.
    Nachdem sich der Baron einigermaen erholt, nahm er seine Rede wieder auf
und lispelte: Ich war also in dem Kaffeehause. - Ich bin oft dort. - Heute aber
erwartete ich mit Ungeduld die schickliche Stunde, um Ihnen meine Aufwartung
machen zu knnen und Ihr Urtheil, unsere Wette betreffend, zu vernehmen. Da sah
ich denn, da mir Graf Fohrbach leider schon zuvorgekommen.
    Graf Fohrbach? fragte verwundert die Prsidentin. Ich wei Nichts von
ihm; du auch wohl nicht, Auguste? wandte sie sich an ihre Tochter.
    Er war nicht hier, versicherte diese bestimmt.
    Nicht in Person, sagte der Baron, setzte aber mit einem fast schmerzlichen
Lcheln hinzu: doch ich bin vielleicht indiskret. - Nein, nein, ich kann mich
nicht irren, ich erkannte deutlich die Livre des Grafen, der wahrscheinlich
schriftlich um Ihre Entscheidung bat.
    Theuerster Baron, da haben Sie falsch gesehen, lachte die Prsidentin.
Wir Beide wissen von keinem Schreiben des Grafen Fohrbach, setzte sie hinzu,
nachdem sie ihre Tochter mit einem Blicke befragt.
    Es gibt allerdings Momente, wo man trber als gewhnlich sieht, zum
Beispiel, wenn man zu lange in ein helles Licht geschaut, versetzte der Baron
mit Beziehung und in einem schwrmerischen Tone, aber diesmal irre ich mich
nicht: es war einer der Leute des Grafen, der ungefhr vor einer halben Stunde
in Ihr Haus trat. Oh! ich habe die Thre genau beobachtet.
    Vielleicht hat der Graf an Papa geschrieben, meinte Auguste mit einem
kalten Blick auf das Nebenzimmer.
    Ich glaube nicht, sagte die Prsidentin; und wenn auch, doch gewi nicht
in Ihrer Angelegenheit.
    Es wre mir aber sehr interessant, erwiderte der Baron, das genau zu
erfahren. Sie wissen, gndigste Frau, wenn man einmal eine Wette eingegangen
hat, so berwacht man gern alle Schritte seines Gegners, selbst die
unschuldigsten.
    Leichtsinnige junge Leute! rief die Prsidentin, indem sie schalkhaft mit
dem Finger drohte. - Wetten da auf die Camelien, die ich im Haar trage, setzte
sie sehr geschmeichelt hinzu.
    Wenn Sie wnschen, will ich Papa fragen, sagte Auguste.
    Ja, ja, meinte auch die Prsidentin, das kann ja gleich geschehen. La
dem Prsidenten sagen, der Herr Baron von Brand sei da; er wird sich gewi ein
groes Vergngen daraus machen, auf einen Augenblick herber zu kommen.
    Aber wir stren ihn in seinen wichtigsten Amtsgeschften, sprach der
Baron.
    Worauf die Prsidentin sich verbeugend erwiderte: Fr einen Freund des
Hauses hat mein Mann immer eine Viertelstunde brig.
    Auguste ging hinaus, um den Papa zu benachrichtigen, und der
Polizei-Prsident machte dem Worte seiner Gemahlin alle Ehre, denn er erschien
fast augenblicklich, rieb sich vergngt die Hnde, und freute sich auf's
Auerordentlichste, den angenehmen Besuch begren zu drfen.

                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.



                               Rubergeschichten.

Der Polizei-Prsident war ein kleiner magerer Mann mit einem ernsten, drren
Gesichte, grauen stechenden Augen und einer langen Nase, mit welcher er sich
brigens viel zu thun machte. Er fate sie hufig, zog sie bald rechts und bald
links, und boshafte Sptter behaupteten, er steure damit seinen ganzen Krper,
indem er zuerst immer die Nase gewaltsam in die Richtung brchte, welche er
einschlagen wollte. So viel war brigens gewi, da er seine Richtung oft
vernderte; stand dieser wrdige Beamte aber einmal stille, so drckte er sanft
an seiner Nase herum, als wolle er sie sich fr knftige Dienste freundlichst
geneigt erhalten.
    Der Baron war aufgesprungen und machte dem Chef der Polizei ein tiefes,
ehrerbietiges Kompliment, dann folgte ein freundschaftlicher Hndedruck, dann
die Bitte, sich gndigst niederlassen zu wollen, mit dem Versprechen, es ebenso
zu machen, worauf Beide in ihre weichen Fauteuils zurcksanken, der Prsident
steif, in aufrechter Haltung, nachdem er zuvor seine Nase sanft befhlt, der
Baron elegant, grazis, dabei schlaff und zusammengesunken: jeder Zoll ein
vollkommener Rou.
    Ich hatte einen kleinen Streit mit den Damen, sagte er mit
niedergeschlagenen Augen, den Sie, Herr Prsident, allein im Stande sind zu
schlichten.
    Der Baron behauptet nmlich, ergriff die Prsidentin lachend das Wort,
der junge Graf Fohrbach habe heute Morgen an uns geschrieben; es betrifft eine
Wette, die dich brigens nicht interessirt. Wir versicherten den Baron, keinen
der Leute des Grafen gesehen zu haben, er aber beharrte auf dem Gegentheil und
behauptete am Ende, wenn wir Nichts davon wten, so habest du ein Schreiben des
Grafen Fohrbach erhalten.
    Von Seiner Excellenz dem Kriegsminister? sagte nachdenkend der Prsident,
indem er seine Nase tief herabzog. - Habe Nichts von ihm erhalten.
    Ach Gott! nein, entgegnete seine Gemahlin, von dem jungen Grafen, dem
Adjutanten Seiner Majestt.
    Von dem noch viel weniger, erwiderte der Chef der Polizei. Worauf grnden
Sie Ihre Behauptung, bester Baron? wandte er sich an diesen, wobei er seine
Nase loslie, die nun ein paar Zoll in die Hhe schnellte.
    Auf meine beiden Augen, erwiderte der Baron; vor einer halben Stunde sah
ich die Livre des Grafen in dieses Haus treten.
    Ah! mein Bester, da haben Sie sich gewaltig geirrt, sagte der Prsident;
es kam in der That ein Bedienter in Livre in dieses Haus, aber er trug einen
dunkelgrnen Rock, whrend die Leute des Grafen Fohrbach dunkelbraun, fast
schwarz tragen.
    Ah! - ah! machte der Baron mit verblfftem Tone, dann habe ich mich
gewaltig geirrt und ich bitte die Damen tausendmal um Verzeihung; dem Grafen
Fohrbach habe ich in der That Unrecht gethan. Sprechen wir von was Anderem; wie
gesagt, ich bitte instndigst um Verzeihung.
    Und wer war denn eigentlich bei dir? fragte die Prsidentin, deren
Neugierde erregt war, ihren Mann, der in Nachdenken versunken schien und seine
Nase auf der linken Seite kratzte.
    Das ist eine ganz eigenthmliche Geschichte, antwortete er nach einer
Pause, eine ganz sonderbare Geschichte. - Lt sich ein Bedienter bei meinem
Sekretr melden und dieser bringt ihn zu mir. Wie gesagt, dunkelgrne Livre -
amarant aufgeputzt und gelbe Knpfe.
    Der Baron schttelte nachdenkend und nachsinnend den Kopf. Dunkelgrne
Livre, sagte er, amarant und goldene Knpfe. Wissen Sie auch bestimmt, Herr
Prsident, da es dunkelgrn und nicht dunkelbraun war, wie die Leute des Grafen
Fohrbach?
    O pfui, Baron! schmen Sie sich, versetzte lachend die Prsidentin. Sind
Sie immer noch nicht berzeugt?
    Vollkommen, meine Gndigste; aber ich dachte eben darber nach, welches
Haus dunkelgrn mit Amarant und Gold hat, und ich kann nicht darber in's Klare
kommen. - Der Obersthofmeister hat dunkelgrn mit Gelb; der Herzog Alfred
dunkelgrn mit Blau; die Herzogin Schwester die gleiche Farbe mit Violett, und
das ist Alles. - Es mu das ein ganz obscures Haus sein.
    Das ist es auch, erwiderte der Prsident und setzte seine Nase in
Freiheit, da er mit der rechten Hand in die Rocktasche griff und daraus ein
Papier hervorzog. Die Livre, fuhr er fort, die auch mir ganz unbekannt war -
und das will viel sagen, denn auf der Polizei sind wir so ziemlich von allem Dem
unterrichtet - gehrt einem Herrn A., einem Privatmann, Rentier - was wei ich?
- kurz einem alten Herrn, der in seinem Hause vor dem E'schen Thore wohnt.
    Richtig! rief der Baron, indem er sich an die Stirne klopfte, wie kann
man so vergelich sein? Dem alten A. gehrt die Livre, - ganz recht! ganz
recht! Nun, mein lieber Herr Prsident, setzte er mit einem vergngten Lachen
hinzu, wenn Sie mit dem in Verbindung treten, - denn ich entnehme Ihren Worten,
da Sie ihn noch nicht kennen - so werden Sie die Bekanntschaft eines ganz
nrrischen und sonderbaren Kautzes machen.
    Ei, ei! machte der Chef des Polizeidepartements, indem er ziemlich
bedchtig drein schaute.
    Ein ganz eigenthmlicher und sonderbarer Kautz, fuhr Baron Brand fort;
ein Original.
    So, ein Original? fragte lebhaft die Prsidentin. Das ist mir
interessant. Wir sind wohl nie mit ihm in Berhrung gekommen?
    Gewi nicht, meine Gndigste, bemerkte der Baron, nachdem er vorher mit
groer Aufmerksamkeit die Glieder seiner goldenen Uhrkette geordnet, die sich
etwas verdreht hatten. Gewi nicht; es ist das ein Mann hoch in den Sechzigen,
der selten aus dem Hause geht, Gesellschaften nie besucht, auch fast gar keinen
Umgang hat. Sie werden bei seiner kleinen Villa vor dem E'schen Thor zuweilen
vorbei gekommen sein; es ist das ein Gebude ganz von dem Aussehen einer Festung
en miniature, rings herum Grben, dahinter Mauern, mit Eisen beschlagene Thore,
kurz alle Apparate, um sich einen gewaltigen Feind vom Leibe zu halten.
    Ah! Das ist in der That merkwrdig, sagte der Prsident. Und was frchtet
der Mann in einem wohlgeordneten Polizeistaate, bei einer Gesetzgebung, die mit
unnachsichtlicher Strenge die Verbrechen aufsucht und bestraft? - Ja, Herr
Baron, ich kann Sie versichern: aufsucht und findet. Wollen Sie mir wohl
glauben, da von zwanzig Morden im vergangenen Jahre die betreffenden Thter
eingefangen wurden?
    Mit dem grten Vergngen glaube ich das, erwiderte der Baron mit sanfter
Stimme. Aber als sie die Thter einfingen, waren die Mordthaten alle
geschehen.
    Allerdings, sprach der Chef der Polizei mit einiger Entrstung, es
versteht sich von selbst, da die Frevelthaten geschehen waren; und das war an
sich sehr gut, denn die Polizei mu doch, was das Einfangen anbelangt, in der
Uebung bleiben. Und bei diesen Worten ergriff er abermals seine unglckliche
Nase und zog sie tief herab, wobei seine Augen so vergnglich glnzten, als habe
er eben einen Kapitalverbrecher eingefangen. Ich denke darin wie jener berhmte
englische Staatsmann, der, wie Sie wissen, sagte: wenn es im Parlament keine
Opposition gbe, so wrde ich mir eine kaufen. - Und wenn es bei uns keine Diebe
und Mrder gbe, so wrde ich mir  tout prix welche anschaffen, denn sie sind
der Schleifstein, auf welchem der Eifer der Beamten, um mich richterlich
auszudrcken, stets scharf und blank erhalten wird.
    Ah, Papa, das sind ja schreckliche Grundstze! meinte Auguste, whrend sie
den Baron von der Seite anblickte.
    Dieser erwiderte lchelnd: O, seien Sie unbesorgt, mein Frulein,
vorderhand braucht Papa dergleichen nicht zu kaufen, es gibt noch genug davon im
Lande, und ist auch noch nicht Alles entdeckt, das kann ich Sie versichern; die
Polizei hat immer und vollauf zu thun; nicht wahr, Herr Prsident?
    Dieser nickte ernst und bedeutsam mit dem Kopfe, worauf seine Gemahlin
sagte: Aber mit euren Ruber- und Mordgeschichten erfahren wir nimmermehr,
welche Art von Original der Herr A. ist! - Baron, seien Sie so artig und
erzhlen Sie uns das.
    Der Herr von Brand hatte unterdessen durch verschiedene brennende Blicke mit
der Tochter des Hauses scharf geplnkelt, und sein Feuer war lebhaft erwidert
worden, ja er hatte schon eine kleine Pantomime riskirt, indem er seine rechte
Hand sanft auf die Stelle des Herzens legte, worauf sie die Augen niederschlug,
fast ein klein wenig errthete und einen stillen Seufzer mhsam unterdrckte.
Man sah das an der heftigen und dann pltzlich unterbrochenen Hebung ihres
Busens.
    Ja so! erwiderte der Baron auf die Frage der Prsidentin, indem er
pltzlich aus einem tiefen Traume aufzuwachen schien, ja so, - richtig - vom
Herrn A., Rubergeschichten glaube ich. - Ah! Das htte ich beinahe rein
vergessen.
    Nein, keine Rubergeschichten, bester Baron, sagte die Prsidentin mit
einem zweifelhaften Lcheln, Sie wollten von den Seltenheiten dieses Herrn
erzhlen.
    Ja, darin kommen auch Rubergeschichten vor, erwiderte der Baron mit einer
grazisen Verbeugung.
    Ei der Tausend! sprach aufmerksam der Prsident und lie seine Nase wieder
so hastig los, da sie augenblicklich empor schnellte und zu schnffeln anfing,
als wittere sie arme Snder.
    Ruber und Mrder, fuhr Herr von Brand fort, aber - nur in der Phantasie.
Stellen Sie sich nmlich vor, meine Damen, dieser Herr A., ein reicher
Kapitalist, kann nun einmal von der Idee nicht loskommen, man laure ihm den
ganzen Tag auf, man wolle ihn um's Leben bringen, man wolle sein Geld rauben.
Auf jedem Schritte frchtet er Ruber und Mrder; dehalb ist sein Haus mit
Graben und Mauer umgeben und dehalb hat dieser arme Mann bei Tag und Nacht
keine ruhige Minute, er vertraut Niemand den Schlssel zum Hof- und Hausthor an;
so oft es klingelt, ffnet er selbst, und sowie es anfngt dunkel zu werden,
bewaffnet er sich und seine Bedienten und macht drei-bis viermal des Nachts eine
frmliche Patrouille durch das ganze Gebude. Er hat alsdann einen Sbel
umgeschnallt, ein paar Pistolen im Grtel stecken; sein Bedienter trgt ein
Gewehr sowie eine Laterne an einer langen Stange, und so ziehen sie denn vom
Keller bis hinauf auf den Sller und untersuchen jeden finsteren Winkel, jeden
Riegel, jedes Schlo.
    Ja, ja, - so, so, machte lchelnd der Prsident; ich glaube, mir geht ein
Licht auf.
    Es ist auffallend, fuhr der Baron in gleichmthigem Tone fort, wie eine
solche Furcht vor Rubern und Mrdern ansteckt.
    Doch Sie nicht? fragte die Prsidentin.
    O meine gndige Frau, ich fr meine Person wre beinahe zur Furchtsamkeit
geneigt, aber ich kenne das Schalten und Treiben unserer vortrefflichen Polizei
und bin dehalb uerst ruhig. - Aber nein, ich wollte Ihnen nur sagen, da ein
solches Beispiel der Furchtsamkeit auf sehr merkwrdige Art schwache Charaktere
mit ergreifen kann. Als ich nmlich vor zwei Jahren hier war, bekam ich zufllig
einen Bedienten, den jener Herr A. entlassen; es war dies ein ganz brauchbarer
und tchtiger Mensch, bis auf seine Furcht vor Rubern und Mrdern. Darin hatte
ihn das Beispiel seines frheren Herrn so verdorben, da ich fast einen andern
Burschen gebraucht htte, um jenem bei Tag und Nacht Gesellschaft leisten zu
lassen. Sobald es dunkel wurde, scheute er sich, allein ber Korridore und
Treppen zu gehen. Da er aber, wie gesagt, sonst ein ordentlicher Mensch war, so
nahm ich ihn ber diese Lcherlichkeiten vor und versuchte es, sie ihm
auszureden. - Umsonst! Sein frherer Herr hatte die Phantasie des Burschen
systematisch mit Rubergeschichten vollgepfropft, wie man einen Kettenhund, um
ihn schrfer zu machen, dadurch reizt, da man von auen an's Hofthor oder an
seine Htte schlgt.
    Und er glaubte an diese Rubergeschichten? fragte sehr aufmerksam der
Prsident.
    Vollkommen; in seiner Phantasie existirte eine ganze wohlorganisirte
Ruberbande, die sollte ihren Sitz - ich wei nicht mehr wo - haben, und von der
fabelte er mir ein Langes und Breites vor.
    Ganz dieselbe Geschichte, sagte der Prsident, wobei er seinem
Riechwerkzeuge mehrere zrtliche Nasenstieber gab.
    Ich mute ihn entlassen, fuhr Herr von Brand fort, ohne, wie es schien,
auf jene Worte zu achten. Er htte mir die ganze Dienerschaft angesteckt, ja es
war das ganz eigenthmlich, bei diesem Menschen complet zur fixen Idee geworden.
Wenn er mit dem Wagen vor irgend einem Laden hielt, so konnte er mir sagen,
whrend er den Schlag ffnete: Sehen Sie, Herr Baron, hier oder dort das
schlechte Gesicht; der gehrt auch mit dazu.
    Und lieen Sie sich von ihm nie einen Ort nennen, von dem er glaubte, dort
knne die Ruberbande ihren Sitz haben?
    O ja! - Und darin hatte er eine lebhafte Phantasie; da nannte er mir
scheinbar verdchtig aussehende Orte und Winkel, irgend ein einsames Haus in
einem stillen Stadtviertel, oder eine halb verfallene Schenke vor den Thoren.
Ich wei das nicht mehr so genau; ich habe die Details vergessen.
    Der Polizeiprsident streckte sich wrdevoll in die Hhe, schaute einen
Augenblick an die Decke, dann sagte er: Ja, es ist kein Zweifel: ganz dieselbe
confuse Geschichte. - Aber es ist doch hchst merkwrdig.
    Der Baron schien die Worte des Papa's gar nicht zu beachten, sondern
beschftigte sich hufig mit der Tochter, deren Sitz er durch allerhand kleine
Manver mit seinem Fauteuil Zoll um Zoll nher rckte. Bald lie er einen
Handschuh fallen, und um ihn zu erreichen, mute er seinen kleinen Lehnstuhl ein
wenig vorrollen, bald suchte er whrend des Sprechens ein Gemlde an der Wand
aufmerksam zu betrachten, und um das thun zu knnen, brauchte er nur eine fr
seine Zwecke entschieden gnstige Bewegung zu machen.
    Es scheint wohl heute einmal der Tag der Geschichten zu sein, sagte
neugierig die Prsidentin zu ihrem Gemahl. Was ist denn das, worauf du
anspielst?
    Dasselbe, was der Baron soeben erzhlte, erwiderte der Beamte, indem er
das Papier, welches er vorhin aus der Rocktasche genommen, langsam entfaltete.
Wie schon gesagt, da kommt heute Morgen ein Bedienter zu meinem Sekretr auf
die Kanzlei -
    Ah! der in der Livre: dunkelgrn, amarant ausgeputzt mit gelben Knpfen! -
Ich vergesse so was nicht: aber Sie mssen mir zu meiner Entschuldigung
eingestehen, da sie der des Grafen Fohrbach auffallend hnlich sieht. - - Doch
verzeihen Sie, Herr Prsident, unterbrach der Baron sich selbst, tausendmal
bitte ich um Entschuldigung; - Sie wollten eine Mittheilung machen?
    Allerdings; dieser Bediente also lt sich bei meinem Sekretr melden, thut
anfnglich sehr verlegen und spricht endlich von einer weitverzweigten
Ruberbande in hiesiger Stadt.
    Der Bediente des Herrn A.? rief lachend der Baron. Sehen Sie, meine
Damen, das ist also in dem Hause noch immer dieselbe Wirthschaft, - eine wahre
Manie.
    Ich mu gestehen, fuhr der Prsident fort, da sowohl mir wie meinem
Sekretr diese Angabe eigentlich komisch erschien. - In hiesiger Residenz, wo
wir die Zgel des Gesetzes mit Kraft und Umsicht fhren, sollte sich eine Bande
wohl organisirt und fast unsichtbar aufhalten knnen! - Lcherlich! - Aber
dieser Mensch beharrte so fest und entschieden auf seiner Angabe, wollte uns so
genaue Beweise vorlegen, ja machte sich anheischig, uns das Haupt jener
Spitzbubenbande in die Hnde zu spielen, da es uns ordentlich stutzig machte.
    Sehen Sie diese Phantasien! rief lachend der Baron. Ja wahrhaftig, man
sollte diesem Herrn A. alle Dienerschaft verbieten; er macht aus den armen
Teufeln complette Narren.
    Ja, ich glaube auch, da es diesem Kerl nicht recht im Kopfe war; er
verlangte zweitausend Gulden und dann wollte er uns den Ort, die Zeit der
Zusammenknfte, Alles auf's Bestimmteste angeben; natrlich habe ich darber
nicht zu verfgen, und mte zuerst an die vorgesetzte Behrde berichten.
    Was du aber jetzt nicht thun wirst, sprach ziemlich entrstet die
Prsidentin; man knnte ja in die Gefahr kommen, sich vollkommen ridicul zu
machen.
    Der Prsident zuckte mit den Achseln. Es wre wahrhaftig geschehen, sagte
er, ohne die interessanten Mittheilungen des vortrefflichen Barons; ich war
eigentlich von Anfang nicht dafr; die Sache zu beachten, aber mein Sekretr
meinte das Gegentheil.
    Ueberflssiger Diensteifer der Subalternen! sprach wegwerfend die
Prsidentin.
    Der Baron zuckte beistimmend mit den Achseln.
    Er wollte ihn sogar da behalten, fuhr der Chef der Polizei fort, ich
aber, der die Lcherlichkeit dieser Angabe halb und halb durchschaute, begngte
mich damit, ihn seinen Namen und Wohnort auf dies Papier schreiben zu lassen und
schickte ihn seiner Wege, wobei ich ihm anbefahl, er solle morgen wieder
kommen.
    Ohne mich im Geringsten in den Gang Ihrer Geschfte mischen zu wollen,
sagte der Baron mit einer ehrerbietigen Handbewegung, mu ich mir doch
erlauben, Ihrer Handlungsweise vollkommen beizupflichten. Es wrde den alten
Mann drauen unsglich alterirt haben, wenn sein Bedienter so pltzlich
verschwunden wre; es htte seiner traurigen Phantasie von Rubern und Mrdern
neue Nahrung gegeben.
    Das war auch meine Idee, erwiderte der Prsident, wehalb ich glaube,
Alles auf's Beste arrangirt zu haben. Hier ist das Papier, lesen Sie, Baron!
Kommt der Bursche morgen wieder, so wollen wir ihm allerdings etwas genauer auf
den Zahn fhlen, und sollten wir darauf hin uns weiter mit ihm einlassen, so
wre es nur, da er neue und glaubwrdige Angaben machte.
    Woran ich sehr zweifle, antwortete der Baron, whrend er mit
gleichgiltiger Miene das Papier in die Hand nahm. Doch zuckten seine Finger fast
unmerklich, als er es nun ffnete. - Ja, ja, sagte er, das ist die
ungebildete Handschrift eines Bedienten, und die Adresse auf's Genaueste
angegeben, auch beigefgt, auf welche Art man ihn benachrichtigen knne, ohne
da sein Herr Etwas merkt. In der That, ich frchte auch, der Verstand dieses
Burschen hat einigermaen noth gelitten.
    Lassen Sie das Papier sehen, sagte die Prsidentin und streckte die Hand
darnach aus.
    Der Baron reichte es ihr auf die graziseste Art, doch folgte sein
blitzendes Auge scharf beobachtend allen ihren Bewegungen und seine Zhne
preten sich unwillkrlich aufeinander, als sie das Papier, nachdem sie es
gelesen, zusammen knitterte und Miene machte, es in den lodernden Kamin zu
werfen.
    Der geneigte Leser mu schon unseren Worten glauben, da dies ein qualvoller
Moment fr den Herrn von Brand war. Obgleich sein Gesicht die grte
Gleichgiltigkeit affektirte, so wagte er doch kaum zu athmen und fhlte sich in
die grte Spannung versetzt; glcklicherweise aber hielt Auguste die Hand ihrer
Mutter auf, entnahm ihr das Papier und faltete es langsam auseinander, um es
ebenfalls zu lesen. Hiebei durfte der Baron ungezwungen ihre kleinen weien
Hnde betrachten, die das unglckselige Blatt hielten, sowie dem Lauf ihrer
Augen folgen, welche die harten Schriftzge durchliefen. Nachdem sie gelesen,
knitterte sie das Papier ebenfalls zusammen, warf es aber nicht in den Kamin,
sondern lie es achtungslos neben sich auf den Teppich fallen.
    Der Baron blickte mit gierigem Auge darauf hin, indem er mit Sehnsucht auf
eine glckliche Gelegenheit lauerte, den kleinen Knuel an sich zu bringen. Doch
lie sich dies nicht leicht ohne Aufsehen thun, er htte zwischen Vater und
Mutter hindurch schlpfen oder es sich noch einmal zur Ansicht reichen lassen
mssen; und dies gab seine Klugheit nicht zu.
    Unterdessen hatte sich auch sein Besuch ber die gewhnliche Zeit ausgedehnt
und er mute frchten, dem Prsidenten beschwerlich zu fallen. Indessen half ihm
sein gutes Glck ber diese Klippe hinweg.
    Sie werden mir verzeihen, sagte nmlich der alte Herr, da ich Sie
verlassen mu, aber meine Geschfte rufen mich in die Kanzlei. Es ist meine
Stunde, wo ich den Rapport der verschiedenen Polizei-Kommissre empfange;
bleiben Sie aber ruhig bei den Damen. Ich glaube nicht, da ihr etwas Besonderes
vorhabt. - Dabei sah der Chef der Polizei seine Frau an, und der Baron warf auf
Auguste einen der glhendsten Blicke, den er aufwenden konnte, worauf Beide wie
aus einem Munde sagten, da sie sich auerordentlich geschmeichelt fhlten, wenn
der liebenswrdige Freund des Hauses sie noch einige Zeit so vortrefflich
unterhalten wolle wie bisher.
    Der Prsident erhob sich ernst und wrdevoll, seine Finger glitten von der
Nase herab, als er seine Hand dem Baron zum Abschied reichte.
    Dieser sprang elastisch in die Hhe, versicherte, er verdanke dem
Prsidenten eine angenehme Morgenstunde, werde aber nchstens um dieselbe Zeit
wieder kommen, - wenn es mir nmlich, setzte er hinzu, einmal erlaubt wre,
hchst indiskret zu sein.
    Der Prsident sah ihn fragend an.
    Es ist kindisch, was ich da sage, fuhr der Baron lachend fort. Aber es
wrde mich auf's Hchste interessiren, wenn es mir vergnnt wre, einmal so
einem Polizeirapporte beizuwohnen. Da mssen doch ganz merkwrdige und seltsame
Dinge zu Tage kommen.
    Gewi, versetzte der Chef der Polizei, dieser Rapport ist zuweilen sehr
interessant; man knnte ganze Romane daraus zusammen stellen. Wenn Sie in der
That einmal anwohnen wollen, so soll es mir ein groes Vergngen machen. - Ich
werde Sie alsdann den Beamten, setzte er lchelnd hinzu, als einen neuen
geheimen Sekretr vorstellen.
    Zu viel Ehre und Glck fr mich, Herr Prsident, erwiderte der Baron. Doch
wenn er auch die Worte an den Papa richtete, so sah er doch dabei die Tochter
mit einem innigen Blicke an. - Aber ich halte Sie beim Wort; nchstens wird
sich Ihr geheimer Sekretr bei Ihnen melden.
    Abgemacht! sprach der Prsident mit freundlicher Geberde, aber einem
ziemlich steifen Kopfnicken und verlie dann den Salon.

                          Vierundzwanzigstes Kapitel.



                             Papier und Schlssel.

Der Baron war eine kleine Weile neben seinem Fauteuil stehen geblieben, nun aber
wandte er sich geschickt gegen die Kaminecke, wobei er zur Prsidentin gewendet
sagte: Ich wei wahrhaftig nicht, gndige Frau, wie es kommt, aber wenn ich
einmal in Ihrem Hause bin, so wird es mir schwer, dasselbe zu verlassen; es ist
hier Alles so zuthunlich, so heimlich, - gewi, ich darf nur selten kommen, denn
sonst mte ich befrchten, Ihnen berlstig zu werden.
    Bei diesen Worten hatte er sich mit dem Rcken gegen das Kamin gestellt; vor
ihm sa Auguste, zu deren Fen der kleine Papierknuel lag. Er htte ihn mit
der Spitze seines Stocks erreichen knnen.
    In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und meldete eine Frau von B.,
welche der Prsidentin aufzuwarten wnsche.
    Ah! jetzt mu doch geschieden sein, sagte seufzend Herr von Brand und
schlug die Augen nieder, um sie gleich darauf mit einem unaussprechlichen
Ausdruck zu Auguste zu erheben. - Er mute jenes Papier mit sich fortnehmen,
mochte es kosten was es wolle, ja er war schon im Begriff, als letztes Mittel
sich ohne Weiteres darnach zu bcken und es aufzuheben, als Auguste bei einer
kleinen Wendung des Fauteuils ihren zierlichen Fu darauf setzte.
    Die Prsidentin war rasch aufgestanden, um den neuen Besuch zu empfangen,
und sagte zu ihrem Gaste: Bleiben Sie ja, Baron, bleiben Sie ohne Umstnde, ich
kann die Damen im Nebenzimmer empfangen, wenn du es nicht vielleicht vorziehst,
Auguste, unserem Freunde im Kabinete deine Zeichnungen und Blumen zu zeigen.
    Nun wrde der Baron zu jeder andern Zeit sich Nichts daraus gemacht haben,
die Zeichnungen und Blumen anzuschauen; aber wenn er in diesem Augenblicke den
Salon verlie, so war jenes Papier, jetzt unter dem Fue des jungen Mdchens,
fr ihn verloren, wehalb er um jeden Preis bleiben mute. - Wenn mir Frulein
Auguste erlaubt, sagte er so herzlich und verbindlich als mglich, und mich
fr wrdig hlt, ihre herrlichen Zeichnungen und Blumen zu sehen, so werde ich
mir dafr morgen eine eigene Stunde ausbitten. - Sie sehen, wie unbescheiden ich
bin, doppelt unbescheiden, da ich, trotzdem sich Ihnen ein neuer Besuch ansagt,
doch noch zaudere, Ihren freundlichen Salon zu verlassen. - Aber ich mu wohl.
Dies letzte Wort begleitete er mit einem tiefen Seufzer und warf dabei einen
solch schwermthigen Blick auf das junge Mdchen, da dieses ordentlich zusammen
schrak und ihre Augen auf den Boden herabsenkte.
    Die Prsidentin dagegen lchelte uerst freundlich bei diesen Worten und
verlie den Salon, indem sie eifrig sprach: Ich versichere Sie, Baron, Sie
erzeigen mir eine wahre Freundschaft, wenn Sie noch einige Zeit bei uns
verweilen; der Besuch daneben wird mich nicht lange aufhalten, ich werde gleich
wieder da sein.
    Nachdem sich die Thre hinter der Prsidentin geschlossen, warf Herr von
Brand einen forschenden Blick im Zimmer umher; und er that das auf so
auffallende Weise, damit Auguste sehe, er schaue nur um sich, um zu erfahren, ob
sie auch wirklich recht allein seien. Dabei dachte er: Ich habe vielleicht zehn
Minuten Zeit, bis Madame zurckkehrt, whrend derselben mu ich ohne Aufsehen
das Papier erobern, koste es mich selbst eine Liebeserklrung. - Er verlie
seinen Platz, setzte sich in den Fauteuil des Papa's und brachte denselben durch
eine geschickte Wendung in die Nhe des Kamins, dem Augustens dicht gegenber.
    In dem Gesprch entstand eine kleine verlegene Pause, welche brigens der
Baron dazu bentzte, dem jungen Mdchen schwrmerisch in die Augen zu blicken.
    Sie errthete leicht und griff ein Gesprch gewaltsam wieder auf.
    Sie erwhnten vorhin einer Wette, sagte sie, ich glaube, es betraf die
Farbe der Camelie, welche Mama bei der letzten Soire in ihrem Haare trug. Sie
haben auf Wei gewettet, Graf Fohrbach auf Rosa; er hat gewonnen: Mama trug
allerdings eine Rosacamelie.
    O ich wute das, Frulein Auguste, erwiderte er und spielte befangen mit
dem Knopfe seines Stockes; ich wute ganz genau, wer in dem schnen blonden
Haar eine weie Camelie trug. - Ich mu es Ihnen gestehen - es war in dem
Augenblick nur der Wunsch, ja das Bedrfni meines Herzens, von Ihrem Hause, von
Ihrer Mutter, von - Ihnen ohne Verdchtigung reden zu knnen, was mich
veranlat, jene Wette einzugehen. - Sie, Frulein Auguste, trugen eine weie
Camelie. Wie knnte ich so etwas vergessen!
    Es ist wahr, entgegnete das Mdchen, indem sie die Augen niederschlug,
ich trug eine solche Blume.
    Und whrend der letzten Franaise entfiel derselben ein einziges kleines
Blttchen, fuhr der Baron inniger fort, das ich - niederfallen sah,
verbesserte er seine Rede, welche dem Blicke nach, von welchem sie begleitet
war, htte heien mssen: das ich aufhob und nun, obgleich verwelkt, auf meinem
Herzen verwahre.
    Auguste hatte brigens diesen Blick verstanden und seine Rede richtig
ergnzt, denn als sie nun scheu und errthend zu ihm aufblickte, wurde ihre
Brust offenbar von einem kleinen, aber sen Seufzer geschwellt.
    So angenehm jener Ball Anfangs fr mich war, sagte der Baron nach einer
kleinen Pause, so fhlte ich mich doch im Verlauf desselben - ich kann es nicht
lugnen - auf's Schmerzlichste berhrt. War es mir doch nur mglich, von Ihnen,
theuerstes Frulein, zwei Walzer, eine Franaise und eine Mazurka zu erhalten;
ach! und ich hatte gehofft, so den ganzen Abend mit Ihnen dahinzufliegen! -
Gewi, Auguste, ich habe da schreckliche Stunden verlebt, und Sie fhlten das
nicht einmal. Sie sahen es nicht, wie ich in einer Ecke des Salons stand, wie
Ihnen meine Augen folgten, whrend Sie so froh dahin flogen, Sie ahnten nicht,
da ich etwas Ungeheures darum gegeben htte, wenn Sie nur ein einziges Mal den
Kopf gewandt, wenn Sie mir, dem ferne Stehenden, nur einen einzigen Ihrer sen
Blicke geschenkt htten.
    Whrend der Baron diese Worte sprach, beugte er sich vorn ber, so da der
Hauch seines Mundes ihre Stirne berhrte. Auch fate er bei den letzten Worten
eine ihrer Hnde, hob sie sanft empor und drckte sie fest, innig und zu
wiederholten Malen an seine Lippen.
    Das Mdchen schrak zusammen, ihr Krper zuckte sichtlich, und dabei zog sie
den linken Fu, der bis jetzt auf dem Papier gestanden, zurck, whrend sie zu
gleicher Zeit das errthende Gesicht gegen den Boden wandte. - Vielleicht um
ihre Verlegenheit zu verbergen, vielleicht auch um ihre Hand auf schickliche Art
denen des Barons entziehen zu knnen, beugte sie sich hastig vorn ber, ihre
Blicke suchten irgend einen Gegenstand, und da sie zufllig vor sich das bewute
Papier erblickte, so bckte sie sich schnell darnach, hob es auf, glttete es
auf ihrem Knie und legte es alsdann zu einem langen Streifen zusammen, den sie
sich langsam um den Finger wand.
    Whrend dieser bedeutungsvollen Pause hatte indessen Herr von Brand seine
Zeit nicht verloren. Er rckte seinen Fauteuil noch etwas nher zu dem Mdchen
hin und legte seinen Arm geschickt auf die Lehne des Stuhles, von wo er nur
langsam herabzusinken brauchte, um genau die Stelle ihrer feinen Taille zu
treffen. Dabei blickte er ihr von unten herauf sanft lchelnd in die Augen, und
whrend er natrlicherweise fr seine Khnheit von vorhin - ihr nmlich die Hand
gekt zu haben - um Verzeihung bat, beging er eine noch weit grere, da sie
nicht sogleich eine Antwort gab, indem er seine Hand ihrem Kinne nherte und
ihren Kopf ganz leise hob und aufwrts wandte; und er that das mit einem Blicke
voll Innigkeit und Liebe. - - Dem konnte das Mdchen nicht widerstehen, weil sie
hiezu nicht den festen Willen hatte, doch schlug eine tiefe Rthe auf ihrem
Gesicht empor, als sie ihm, doch nur eine Sekunde lang, fest in die glhenden
Augen schaute. Aber sein Blick war so feurig, da er unmglich zu ertragen war,
wehalb denn auch das Mdchen mit einem leichten Seufzer ihre Augen schlo in
der festen Ueberzeugung, es schliee nun auch ihr Leben mit einem sen Ende
oder es geschehe ihr sonst etwas Schreckliches. - Und so war es auch; denn kaum
schloen sich ihre Augen, so fhlte sie den weichen Druck zweier fremden Lippen
auf den ihrigen und ein unnennbares Gefhl durchzuckte sie so hei und
strmisch, da sie in der That einer halben Ohnmacht nahe war.
    Wie schon oben angedeutet, hatte der rechte Arm des jungen Mannes die Lehne
des Fauteuils zur gelegenen Zeit verlassen, hatte sich um ihren schlanken Krper
gelegt und drckte sie leicht auf die Seite, whrend seine linke Hand langsam
ihre rechte erhob, - dieselbe rechte Hand, um deren Zeigefinger sie das bewute
Papier geschlungen hatte. Als der Baron so diese Hand erhob, that er es gewi
nur in der Absicht, um zuerst die kleinen niedlichen Fingerspitzen zu kssen,
und darauf das gleiche Geschft bei den seinen Grbchen auf den Kncheln zu
versehen. Begreiflicherweise mute er zu diesem Zwecke den Papierstreifen
abwickeln, was er denn auch muthwillig, scherzend that. Auguste, die nun das A
des Liebesalphabets glcklich hinter sich hatte, ging, wenn auch mit feuchten
Augen gerne durch diesen Scherz auf das B ber, ja sie lchelte recht
freundlich, als nun der Baron das Papier neckend um jeden einzelnen Finger
wickelte, diesen darauf kte und es dann wieder entfernte. Das war ein recht
harmloses Spiel, das auch ziemlich lange fortgesetzt wurde; bald aber verschwand
der Streifen gnzlich von der Hand und alsdann begngte sich der junge Mann
nicht mehr damit, da er die Hand kte, sondern er wandte sich nun an den Arm
und avancirte dort ber glattes Gold und kalte Steine hinweg und so weit hinauf,
bis undurchdringliches Spitzengewebe und ein anschlieender seidener Aermel
seinen weiteren Forschungen fr diesmal ein Ziel setzten.
    Es ist wunderbar, wie ein erster gelungener Ku im Stande ist, so viele bis
dahin unbersteigliche Schranken zu Boden zu werfen, wie er weite Klfte
ausfllt, die uns bis dahin trennten, wie er eine Vertraulichkeit
hervorzuzaubern vermag, an die man bis dahin in seinen khnsten Trumen nicht
gedacht. Das geht im Allgemeinen so und man sah es auch in diesem speziellen
Falle; Auguste zog ihre Hand nicht mehr zurck, sondern lie sie in der des
Barons ruhen, auch schlo sie ihre Augen nicht wieder, sondern sah den jungen
Mann, der an ihrer Seite sa, zuweilen recht forschend und fest an, warf auch
wohl zuweilen einen Blick auf die Thre des Nebenzimmers, durch welche die Mama
verschwunden war.
    Wir haben nun zusammen ein kleines, theures und liebenswrdiges Geheimni,
sagte der Baron schmeichelnd, indem er ihre Hand an seine nun wirklich brennende
Stirne legte. Bewahren wir es noch fr eine kurze Zeit, Auguste, lassen wir es
noch eine Weile verborgen vor den Augen der brigen Welt, uns freuend, da wir
Beide Etwas gemeinschaftlich besitzen, von dem die Uebrigen keine Ahnung haben.
O, eine solche Heimlichkeit ist so s, mein Mdchen; es gibt nichts Seligeres,
als so im Gewhle der Welt scheinbar fremd an einander vorbei zu streifen, wo
doch ein Blick, ein leiser Druck der Hand, ein verstandenes Wort deutlich
spricht und vollstndige kleine, liebe, heimliche Geschichten erzhlt, whrend
wir ffentlich einem langweiligen Gesprch zu lauschen scheinen.
    Gewi, gewi, versetzte Auguste, ich freue mich darauf.
    Und jetzt brauche ich nicht mehr mit tiefem Weh im Herzen von ferne zu
stehen, wenn du im Arme anderer Tnzer an mir vorberfliegst, mein ses Kind.
Ja, ich werde sogar glcklich sein, wenn sie dir schn thun, wenn ich sehe, da
sie in deiner Gunst Fortschritte zu machen scheinen, whrend ich doch wei, da
die - mir Glcklichem ganz allein gehrt. - Und dann wirst du auch zuweilen den
Kopf nach mir wenden, wirst mir einen kleinen, kleinen Blick schenken. Nicht
wahr, meine liebe, se Auguste?
    Ja, ich werde das thun und werde es gern thun, entgegnete das Mdchen. Und
dabei senkte sie ihren Kopf etwas auf die Seite, wodurch es ihm mglich gemacht
wurde, sie leicht auf die Stirne zu kssen.
    Der Baron hatte noch immer ihre Hand mit der seinen gefat, und beide ruhten
auf ihrem Schooe auf der khlen Flche des glatten Atla, womit sie bekleidet
war. An dem Grtel trug das Mdchen eine Chateleine von polirtem Eisen, deren
Ende mit den vielen bekannten Kleinigkeiten versehen auf ihrem Knie ruhte.
Zuweilen lie der Baron ihre Hand los und fate die glnzenden Kettchen an, die
er leicht aufhob, um dann ein paar Sekunden lang mit dem Fingerhut, der Scheere,
dem kleinen Bchlein und anderen Sachen, die daran hingen, zu spielen.
    Nach Augenblicken, wie der vorhergegangene, ist es angenehm, sinnend und
betrachtend stillschweigen zu drfen, oder Fragen ber gleichgiltige Dinge zu
stellen, die aber, in einem gewissen unbeschreiblichen Tone gestellt,
liebenswrdig neckend und mit zrtlichem Ausdrucke der Stimme beantwortet
werden.
    Ah! sagte der Baron nach einer Pause, was ist das fr ein Schlssel? -
Aber gestehen Sie mir die Wahrheit, Auguste; er ist zu gro, als da er zu
irgend einem Necessaire oder Kstchen einer jungen Dame gehren knnte.
    Das ist mein Geheimni, entgegnete sie schalkhaft, und ich werde es Ihnen
unter keiner Bedingung anvertrauen.
    Jetzt gerade verlange ich es zu wissen. Sie haben meine Neugierde erregt
und die mu befriedigt werden. - Nehmen Sie sich in Acht, Auguste, setzte er
sie zrtlich anblickend hinzu, ich bin eiferschtig wie Othello. Und bei diesem
auergewhnlichen Schlssel erwacht begreiflicherweise mein Argwohn.
    O Tyrann, der Sie sind! Vorhin haben Sie kaum gewagt, zu bitten, jetzt
wollen Sie schon verlangen. - Nein, nein! Die Bestimmung dieses Schlssels sage
ich Ihnen nicht, denn ich will Ihnen nur gestehen, das knnte wahrhaftig Ihren
Argwohn erregen.
    Ah! kleine Verrtherin! entgegnete der Baron neckend. Sie sind noch so
jung und tragen schon verdchtige Schlssel bei sich. Aber es ist meine Pflicht,
fr Ihr Bestes zu wachen, und somit lege ich feierlich auf diesen Schlssel
Beschlag und nehme ihn an mich; denn das ist eine Waffe, die in Ihrer
unerfahrenen Hand gefhrlich werden knnte.
    Aber er hlt fest an mir, erwiderte lachend das Mdchen, als sie sah, da
er vergebliche Bemhungen machte, den Schlssel von dem Stahlringe zu trennen.
Es war dies brigens ein gefhrliches Spiel auf ihrem Knie und der junge Mann
beeilte sich auch nicht, an der ihm wohl bekannten verborgenen Feder zu drcken,
welche den Ring ffnete. Endlich that er dies doch und der Schlssel fiel in
seine Hand.
    Sehen Sie, sprach er, indem er denselben triumphirend in die Hhe hob,
hier wre das Instrument, das ich, wie schon gesagt, verpflichtet bin, zu mir
zu nehmen. Seien Sie aber jetzt ein artiges Kind und sagen Sie mir, welche Thre
dieser Schlssel aufmacht.
    Ich sage es nicht, entgegnete sie kopfschttelnd; gewi nicht. Den Raub
kann ich nicht hindern, doch soll er ein Rthsel in Ihrer Hand bleiben.
    Aber wenn ich dich herzlich um die Auflsung bitte, mein ses, ses
Mdchen? sagte der Baron schmeichelnd, indem er ihre Hand ergriff und sie
abermals an seine Lippen fhrte. - Vertrau es mir an, es ist das ein kleines,
angenehmes Geheimni mehr.
    Nein, nein! versetzte Auguste eifrig. Und dabei suchte sie den Schlssel
zu fangen, den er neckisch in die Hhe hielt. Nein, nein, ich werde es nicht
sagen; dehalb geben Sie mir ihn nur wieder, denn was ntzt er Sie, da Sie seine
Bestimmung doch nicht wissen?
    O ich werde sie erfahren, entgegnete er heiter und vergngt, ich werde
mich nchtlicher Weise einschleichen wie ein Dieb, ich werde smmtliche
Schlsser deines Hauses untersuchen, bis ich wei, wo das rechte ist.
    Dazu wren Sie wahrhaftig im Stande, sagte das junge Mdchen mit einem
seltsamen Blicke; wei Gott, ich traue Ihnen so Etwas zu. Und das wre ja ein
wahres Unglck.
    So beuge diesem Unglcke vor und sage die Wahrheit, - die kleine, se,
angenehme Wahrheit.
    Und wenn ich es thue, erhalte ich meinen Schlssel wieder?
    Wir wollen sehen.
    Nein, nein, von: Wir wollen sehen, darf keine Rede sein; ein einfaches Ja
oder Nein! - Bekomme ich alsdann meinen Schlssel wieder?
    Wenn er nichts Gefhrliches verschliet, ja.
    Keine Bedingungen; darauf lasse ich mich gar nicht ein. Ich sage Ihnen, zu
welcher Thre der Schlssel pat, und Sie geben ihn mir zurck. Gehen Sie das
ein?
    Der Baron zuckte lchelnd die Achseln, dann sagte er: Sie sind grausam,
Auguste; aber was kann ich machen? Sie haben mich in der Hand. - Doch ich will
Ihnen noch einen andern Vorschlag machen: Sie sagen mir die Bestimmung dieses
Schlssels, darauf gebe ich Ihnen denselben zurck und dann erlauben Sie mir,
Sie nach Umstnden wieder darum zu bitten.
    Das Mdchen zauderte, eine Antwort zu geben, endlich aber sprach sie: Das
ist eine gefhrliche Bedingung; wenn Sie sich auf's Bitten legen, da wei ich am
Ende nicht, was ich machen soll. Nein, nein, es ist mir zu gefhrlich.
    Aber Sie knnen mir ja meine Bitten abschlagen, erwiderte er so innig und
zrtlich als mglich.
    Und wenn ich nun nicht im Stande wre, Ihnen diese Bitte abzuschlagen?
sagte das Mdchen nach einer kleinen Pause mit unsicherer Stimme.
    O, dann wre ich ja doppelt glcklich! rief der Baron, indem er sie
leidenschaftlich an sich drckte und ihre Lippen suchte, deren Auffinden sie ihm
gerade nicht besonders schwer machte. - Doppeltes, seliges Glck! - - Hier ist
der Schlssel, sagte er nach einer lngeren Pause; darf ich nun wissen, was er
verschliet?
    Gewi, obgleich wir eigentlich viel Lrmen um Nichts gespielt haben. Sie
kennen ja unseren Garten hinter dem Hause; am Ende desselben befindet sich ein
kleiner Pavillon, von dem eine Thre auf die Strae fhrt. Diese Thre nun -
    Oeffnet dieser Schlssel! rief der Baron hastig. Ah! meine geliebte
Auguste, jetzt bitte ich Sie doppelt, zehnmal, tausendmal darum. - Nicht wahr,
Sie sagten ja vorhin, Sie knnen mir Nichts abschlagen?
    Das Mdchen nickte mit dem Kopfe und reichte stillschweigend den Schlssel
wieder zurck, den er eifrig ergriff, zu gleicher Zeit aber fate er auch ihre
Hand, die er, sowie den vollen weien Arm, mit unzhligen heien Kssen
bedeckte.
    In diesem Augenblicke mute der Besuch im Nebenzimmer entlassen worden sein.
Die Prsidentin, eine kluge, verstndige Frau und gewi auf's Innigste besorgt
fr das Wohl ihrer einzigen und heirathsfhigen Tochter, hustete laut und
vernehmlich, ehe sie die Thre zum Salon ffnete. Gewandt rckte der Baron
seinen Fauteuil zurck, ehe die Mutter eintrat, und gewandt griff das junge
Mdchen ein pltzlich hingeworfenes Gesprchsthema auf, in das nun die Beiden so
vertieft schienen, da sie den Eintritt der Prsidentin gar nicht bemerkten und
laut hinaus lachten ber die kstliche Geschichte der Frau von A., die neulich
Abends nach dem Theater zuflligerweise in ein ganz fremdes Coup gestiegen sei.
    Auf einmal aber bemerkte der Baron die Mutter, sprang nun leicht und grazis
in die Hhe, indem er versicherte, jetzt msse alle Geduld erschpft sein und er
habe die Damen mehr gelangweilt, als bei der grten Freundlichkeit zu
verantworten sei.
    Umsonst versicherte die Prsidentin, die Unterhaltung des werthen Gastes
werde ihr eine wahre Erholung sein nach der Fatigue des eben gehabten Besuches.
Der Baron war nicht zu halten, obgleich ein langer und schmerzlicher Blick auf
Auguste dieser deutlich zu verstehen gab, wie schwer es ihm sei, sich jetzt
loszureien. Darauf kte er die Hand der Mutter flchtig, die der Tochter mit
einer wahren Inbrunst und verschwand leicht und gewandt aus dem Salon.
    Auf der Treppe athmete der Baron tief auf, schaute einen Augenblick wie
forschend um sich her, sprang dann flchtig die Stufen hinab und warf sich in
seinen Wagen, nachdem er dem Kutscher zugerufen: Nach Hause!
    Die Pferde zogen an, das leichte Coup flog dahin, und der junge Mann griff
mit einem seltsamen Blicke des Triumphes in seine Brusttasche, wo er das bewute
Papier und den Schlssel verwahrte. Das ist viel auf einmal, sprach er laut zu
sich selbst, whrend sein Auge blitzte, dieses fr mich so kostbare Blatt,
unbezahlbar nach dem, was ich ber den Schreiber desselben erfahren, und dann
ein Schlssel, um ungehindert zu jeder Zeit in den Gartenpavillon des
Polizeiprsidenten gelangen zu knnen. - Glck, du warst mir gnstig! - Aber das
arme Mdchen droben! - Ah! es war ein trauriges Mittel zum traurigen Zweck. Sie
ist schn und gut, auch noch ziemlich unerfahren. - Arme - arme Auguste! - An
diese letzten Worte, die der junge Mann noch ziemlich heiter aussprach, muten
sich pltzlich ernste, finstere Gedanken reihen, Gedanken, die ihm in kurzer
Zeit furchtbar wurden, denn das Auge verlor fast mit einem Male seinen Glanz und
stierte matt mit schrecklichem Ausdruck in die Ecke des Wagens, und der Kopf
sank auf die Brust herab, whrend er die Unterlippe heftig zwischen die Zhne
klemmte. Darauf wurde sein Gesicht aschfarben und fahl, und nach und nach trat
ihm ein kalter Schwei auf die Stirne. Man htte glauben sollen, es habe ihn ein
heftiger Krampf befallen, der sein Herz stille stehen lie und seine Glieder
lste; willenlos sank er in sich zusammen, und wenn er sich nicht zuweilen
aufgerafft htte und tief seufzend mit der Hand ber die Stirne gefahren wre,
um einen Augenblick auf die Strae zu schauen, htte man meinen knnen, auf dem
weichen Kissen liege ein schwer Erkrankter - ein Sterbender. Ja, wer ihn vor
einigen Minuten am Hause des Prsidenten so leicht und gewandt in den Wagen
springen und dann bei seiner Wohnung htte aussteigen sehen, wrde darauf
geschworen haben, das sei nicht derselbe Mensch: dieser hier, welcher langsam
die Treppen hinauf schlich, sei mindestens um zehn Jahre lter als jener, der
dort die Stufen so flchtig hinabgesprungen.
    Wir knnen aber dem geneigten Leser nicht verschweigen, da der Baron Brand
zuweilen solche frchterliche Augenblicke hatte, wo ihn ein entsetzliches
Seelenleiden befiel und dahin warf, wie Jemand, den eine tdtliche Krankheit
erfat. Sein alter Kammerdiener kannte diesen Zustand, und er fhrte alsdann
seinen Herrn langsam zu einem weichen Fauteuil, mischte ihm ein
niederschlagendes Pulver, verdsterte das Zimmer, indem er die Vorhnge zuzog,
und berlie ihn dann seinen finsteren Trumereien.
    So geschah auch heute, und dann schlich der Kammerdiener leise auf den Zehen
gehend zum Zimmer hinaus und trat in das anstoende Gemach, wo er einen groen
Schrank von geschnitztem Eichenholze sorgfltig abschlo und den Schlssel zu
sich steckte.
    In diesem Schranke aber befanden sich die Pistolen und sonstigen Waffen des
Barons.

                          Fnfundzwanzigstes Kapitel.



                        Das Siegel des Herrn von Brand.

Der Maler Arthur Erichsen hatte unterdessen in dem Arbeitszimmer des Grafen
Fohrbach das Aquarell beendigt, von dem Zeichenbrette herabgeschnitten, auf
einen groen weien Carton befestigt, und dann neben dem Original im gnstigsten
Lichte aufgestellt. Hierauf nahm er das Billet, welches neben ihm lag,
betrachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adresse:
    An Madame Becker, Kanalstrae Nr. 8.
    Kanalstrae Nr. 8, sagte Arthur, das mu in einem der sehr alten Huser
sein mit den langen unheimlichen Gngen. Nun, es bringt mich nicht gerade
bermig weit von meinem Wege ab, und da dem Grafen viel daran gelegen zu sein
scheint, da der Brief bald besorgt wird, so will ich den Gang selbst
unternehmen. Ich treibe mich berdies gern in so einem alten Gebude herum.
    Arthur steckte das Billet in die Tasche und ging durch den Salon in's
Vorzimmer, wo er seinen Ueberrock fand, und wo der alte Kammerdiener neben einem
Lehnstuhle stand und mit dem bisherigen Jger des Grafen verkehrte. Dieser
schien sich mit Mhe aufrecht zu halten, whrend seine Finger krampfhaft mit den
glnzenden Knpfen seiner Uniform spielten, und whrend sein Gesicht erschrocken
und bleich aus dem schwarzen Bart hervorleuchtete.
    Das ist hart, Herr Kammerdiener, hrte ihn Arthur sagen, wenn man so
pltzlich fortgeschickt wird. Sie haben gut reden von einem Zeugnisse; alle Welt
kennt den Herrn Grafen Fohrbach und wei, da er nicht leicht Jemand wegschicke.
Da werden alle Herrschaften die Achseln zucken und Wunder meinen, was ich
begangen htte. - Und was habe ich denn begangen? - Ich wei es nicht und Sie
sagen es ja nicht.
    Von einem Vergehen wird ja auch nicht gesprochen, antwortete der alte
Mann, indem er seine Blicke auf die Schnupftabaksdose, die er in der Hand hielt,
heftete. Der Herr ist einmal der Herr, und wenn ihm unsere Nase nicht mehr
gefllt, so hat er das Recht, uns aus dem Dienst zu schicken.
    Und vielleicht fr Zeit Lebens unglcklich zu machen! - O! das ist ja
entsetzlich! Ich habe meinen Dienst gethan, wie Jeder, das mssen Sie mir
bezeugen; ich war der Erste und der Letzte auf dem Platze, denn ich hoffte hier
ein dauerndes Brod zu finden. - Haben Sie mir je ein bses Wort gesagt, Herr
Kammerdiener? - Gewi nicht! Ich nahm mich zusammen, denn ich dachte an Weib und
Kind. Bei Unsereinem geht es bitter zu, wenn man eine Zeit lang keine Condition
hat. - Was werden sie daheim sagen, wenn ich so pltzlich fortgeschickt bin!
    Der Kammerdiener zuckte die Achseln und entgegnete: Ich kann darin Nichts
machen; der Herr Graf haben befohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr
erwhnen. Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rath geben; da er hilft,
glaube ich kaum: Wenden Sie sich an einen der Freunde des Herrn, da er ein
gutes Wort fr Sie bei dem Grafen einlegt.
    Das war ein sogenannter Kanzleitrost und als solchen schien ihn auch der
verabschiedete Jger aufzunehmen. Er seufzte tief auf, fuhr sich mit der Hand
ber die Augen und ging in sein Zimmer. Dort legte er wahrscheinlich seine
glnzende Uniform ab, zog einen rmlichen Rock an und ging nach seiner Wohnung,
wo er der Frau und vier Kindern, die um eine Schssel mit Kartoffeln saen, die
Kunde von seiner unverhofften Entlassung zum Nachtisch brachte.
    Arthur ging unangenehm erregt seines Weges und nahm an der nchsten Ecke
eine Droschke, die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalstrae brachte.
    Hier stieg er aus und schritt ber den den Hof, den wir dem geneigten Leser
in einem der vorigen Kapitel geschildert, nach dem Hintergebude mit der
steinernen Wendeltreppe; diese stieg er hinauf und befand sich nun in einem der
langen Gnge, wo er ungewi war, an welche Thre er klopfen sollte. Der Zufall
fhrte ihn brigens ziemlich glcklich, denn nachdem er zwei Thren vergeblich
geffnet und in zwei Zimmer geblickt, aus denen ihm eine warme, unangenehme
Atmosphre entgegen drang, wo er zerlumpte und schlecht genhrte Kinder auf dem
Boden sitzen und scheltende, schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah, welche
ihn ziemlich unfreundlich hinaus wiesen, kam er endlich an die Wohnung, die er
suchte. Es war die dritte Thre, an welche er klopfte; von innen rief man
Herein! und als Arthur in das Gemach trat, sah er am Fenster eine Frau stehen,
die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam, und, wohl in Folge seines
feinen und eleganten Anzugs, einen tiefen Knix machte.
    Ich suche Madame Becker.
    Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu stehen, entgegnete die
Frau mit ihrem besten Lcheln, worauf sie abermals knixte und den jungen Mann
mit einer Handbewegung bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen.
    Arthur lehnte das aber ab, indem er entgegnete: Ich danke Ihnen recht sehr;
unser Geschft ist bald abgemacht.
    Sie sind an mich empfohlen? fragte verschmitzt lchelnd die Frau.
    Das eigentlich nicht, versetzte Arthur. Ich komme nur im Auftrage eines
Bekannten, des Grafen Fohrbach.
    Ah! des Herrn Grafen! sagte die Frau doppelt freundlich. Doch zog sie
gleich darauf ihren Mund lchelnd in die Breite, die Augenbrauen in die Hhe,
schttelte bedchtig den Kopf und meinte der Name des Herrn Grafen ist eine der
besten Empfehlungen, - ein charmanter junger Herr! liebenswrdig und gutmthig;
aber schwer, schwer im Umgang, das kann ich Sie versichern. Und doch war er nie
unzufrieden mit mir. - Nun, wir wollen schon sehen. Bitte recht sehr, geflligst
einen Augenblick Platz zu nehmen.
    Den Maler interessirte das Gesicht der Frau; er schaute sie mit einem
prfenden Blicke an und studirte offenbar in diesen seltsamen Zgen, die
Verschlagenheit, Gutmthigkeit, List neben anderen gewi recht schlimmen
Leidenschaften ausdrckten. - Er zog das Billet aus der Tasche hervor, um es
Madame Becker darzureichen.
    Ah! noch eine schriftliche Empfehlung! sagte diese; das wre vollkommen
unnthig gewesen, der Herr empfehlen sich schon hinlnglich durch Ihr angenehmes
Aeuere, und da ich durch den Namen des Herrn Grafen sicher bin, auf alle
Verschwiegenheit rechnen zu knnen, so bitte ich nur frei heraus zu sagen, womit
ich dienen soll.
    Und womit knnen Sie mir eigentlich dienen? fragte lchelnd Arthur, den
diese sonderbare Unterhaltung zu interessiren begann.
    Ah! das ist eine seltsame Frage, entgegnete Madame Becker, whrend sie
ihren Mund spitzte und den Versuch machte, schelmisch auszusehen. Ich erwarte
nur Ihre Befehle, wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl gesagt haben wird.
Anbieten kann ich Ihnen Nichts, das werden Sie natrlicherweise bei mir
voraussetzen; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine Tasche, und wenn Sie mir
einen Namen nennen, Strae, Haus und Nummer, so erfahren Sie in wenig Tagen, ob
ein Besuch mglich oder unmglich ist.
    Ah so! versetzte Arthur laut lachend. Vorderhand ist es mir nicht
mglich, Ihnen irgend dergleichen anzugeben, da ich selbst darber noch im
Unklaren bin.
    Das thut auch Nichts, antwortete wichtig die Frau, indem sie die rechte
Hand auf die Hfte legte und mit dem Zeigefinger der linken den jungen Mann
vertraulich auf den Arm stie. Wir kennen unser Geschft. Eine Beschreibung der
Person, eine Strae, wo sie meistens gesehen wird, ein Haus, in das sie hufig
geht, das ist Alles, und dann verlassen Sie sich auf Madame Becker; es mte mit
dem Teufel zugehen, wenn wir in acht Tagen nicht wten, woran wir sind.
    Nun, ich will mir das merken, sprach immer noch lachend der Maler; aber
vorderhand bin ich nur bei Ihnen, um diesen Brief zu bergeben.
    Richtig, den Brief! entgegnete die Frau. Das htten wir bald vergessen.
Nehmen Sie einstweilen Platz; ich will meine Brille holen. In die Ferne sehe ich
natrlicherweise wie ein Falke, aber mit dem Geschriebenen geht's nicht mehr so
leicht. Und dann haben der Herr Graf eine feine, kaum leserliche Hand wie ein
Frauenzimmer.
    Mit diesen Worten eilte sie in's Nebenzimmer und Arthur lie sich auf dem
Sopha nieder.
    Gleich darauf kam Madame Becker zurck, setzte sich neben den Maler und nahm
aus einem Futteral eine Brille, die sie mit groer Bedchtigkeit auf ihrer Nase
befestigte. Dann nahm sie den Brief in die Hand und sagte: Gewi, gewi, lieber
Herr, mit Seiner Gnaden, dem Grafen Fohrbach, ist es eigentlich schwer Geschfte
zu machen. Das werden Sie wohl einsehen; es ist nicht Alles mglich auf dieser
Welt, und meistens ist er auf das Unmgliche versessen. - Nun, wir wollen
sehen!
    Damit brachte sie das Billet dicht an die Augenglser, las die Adresse,
nickte mit dem Kopfe und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite, um
als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten. Doch kaum hatte sie einen
Blick auf die arabischen Buchstaben desselben geworfen, so fuhr sie erschrocken
zurck, lie Hand und Brief abermals sinken und betrachtete den neben ihr
sitzenden jungen Mann mit einem Ausdrucke der hchsten Ueberraschung, ja eines
unverkennbaren Schreckens, von oben bis unten.
    Der Brief ist von dem Herrn Grafen Fohrbach? fragte sie nach einer Pause.
    Allerdings; ich dachte mir, Sie kennten ja die Handschrift, entgegnete
Arthur, dem das pltzliche ngstliche Wesen der Frau auffiel.
    Die Handschrift wohl - aber das Siegel? Haben der Herr Graf diesen Brief
wohl selbst gesiegelt?
    Ohne Zweifel; ich glaube nicht, da er hnliche Schreiben von Anderen
siegeln lt.
    Sehen wir, sehen wir! sprach eifrig Madame Becker, indem sie das Couvert
hastig abri. Wenn er nur was Mgliches verlangt! Heiliger Pancratius! wenn er
nur was Mgliches verlangt!
    Sie entfaltete das Schreiben, zog die Augenbrauen in die Hhe, und whrend
sie las, lie sie ihre Unterlippe schlaff herabhngen. Nachdem sie geendigt,
schttelte sie bedeutsam den Kopf und stie einen tiefen Seufzer aus. - Sie
sind natrlich der Vertraute des Herrn Grafen, sagte sie und blickte den jungen
Mann lauernd an; Sie wissen wahrscheinlich, was in dem Brief steht?
    Nein, nein, ich wei es nicht! entgegnete Arthur hastig, dem das
sonderbare Wesen der Frau im hchsten Grade auffiel. - Ich wei es nicht und
verlange es auch nicht zu wissen. Meinen Auftrag habe ich erfllt: der Brief ist
in Ihrer Hand und ich bin fertig. Damit stand er auf.
    Gegen alle Regeln der Hflichkeit, die Madame Becker sonst gewissenhaft
gegen ihre Kunden, wozu sie auch im Geiste schon den jungen Mann rechnete,
beobachtete, blieb sie nachdenkend auf dem Sopha sitzen, legte die Hnde in den
Schoo und starrte trumerisch vor sich hin. Das wird rein unmglich sein,
murmelte sie. - Aber das Siegel! - Wie kommt das Siegel dahin? Das scheint mir
ein gemessener Befehl zu sein. - Nun, ich mu Alles versuchen, helf' was helfen
mag! Sie seufzte abermals tief auf, schien dann pltzlich aus ihrem Nachsinnen
zu erwachen und sprang eilig vom Sopha in die Hhe, als sie sah, da sich der
junge Mann der Thre bereits genhert hatte. Sie zupfte an ihrer Haube, ihre
Zge nahmen das uns bekannte Lcheln an, dann rieb sie sich die Hnde und sagte:
Wenn Sie den Herrn Grafen sehen und etwas sagen wollen, so bitte ich ihm zu
vermerken -
    Geben Sie mir keine Kommissionen, Madame, antwortete Arthur. Verstehen
Sie mich gar nicht falsch: ich sollte nichts als Ihnen diesen Brief bergeben,
kann daher auch durchaus keine Antwort bernehmen. - - Ich wnsche recht guten
Morgen!
    So habe ich denn die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen, erwiderte die
Frau mit einem tiefen Knix. Bitte, vergessen Sie vorkommenden Falls meine
Wohnung nicht und wenden sich alsdann an Ihre unterthnigste Dienerin!
    Die Thre schlo sich hinter dem Maler, Madame Becker ffnete sie nochmals,
um Hflichkeits halber auf den Gang hinaus zu grinsen, dann zog sie sich in ihr
Zimmer zurck, nahm hastig das Couvert von dem Sopha und eilte an's Fenster, wo
sie wiederholt das Siegel genau betrachtete. - Es ist kein Zweifel, murmelte
sie, es ist sein Petschaft, er mu ihn kennen. - Oh je! oh je! Das wirkt
freilich mehr, als wenn er mir fnfhundert Gulden versprochen htte. Also er
schreibt: Sie wohnt Balkenstrae Nr. 40 ber vier Treppen, ihr Vater ist, wie
ich hre, ein armer Schriftsteller, und das Mdchen mssen Sie kennen, sie heit
Clara Staiger und ist Tnzerin am Hoftheater. Thun Sie alle Ihre Schritte, beste
Madame Becker, es kommt mir diesmal nicht auf die glnzendste Belohnung an. - -
Der braucht mir da wohl Name und Wohnung anzugeben! kenne sie wohl mit ihrem
Trotz und Hochmuth, kenn' die ganze Bagage, den alten Simpel, ihren Vater, und
wei wohl, was ich da zu erwarten habe. - Ei, Herr Graf, da haben wir schon
mehrere Mal angebohrt und schne Antworten bekommen. Der Teufel auch! Das ist
eine saubere Kommission! - Wenn nur das Siegel nicht auf dem Briefe stnde! -
Aber da mu schon ein Uebriges geschehen. Wir wollen das berlegen; ich darf gar
nicht mehr in das Haus hinein. Ich glaube, der Alte macht' einen Hllenlrm und
hetzt mir smmtliche Miethsleute auf den Hals. - Wir wollen doch einmal sehen,
ob da Niemand aus- und eingezogen ist. Ich habe mich um den Fratz lange nicht
mehr bekmmert.
    Bei diesen Worten holte sie aus einem alten Schreibtische ein Buch hervor -
es war ein Wegweiser der Residenz und - bltterte eifrig darin. - Balkenstrae
Nr. 36 - 38 - 40. Da ist's! - Ah! ah! Unten wie frher, Belletage und zweiter
Stock ebenfalls; dritter Stock: Steuerinspektor Wei - kenne ich nicht! -
vierter Stock: Schriftsteller Staiger, Clara Staiger, Tnzerin. - Aha! fuhr sie
lchelnd fort, da hat's eine Aenderung gegeben. - Schn! schn! die Frau Wundel
ist eingezogen. Na, das gibt einen Anhaltspunkt. - Und wohnt Thr an Thr mit
dem hochnasigen Balletmdchen. Die Wundel gehrt zu meiner Bekanntschaft, und
wenn man der ein paar Kronenthaler verspricht, so luft sie fr einen durch's
Feuer.
    Hierauf schlug Madame Becker das Buch zu und nahm bedchtlich und sichtlich
erheitert eine Prise. -
    Kopfschttelnd verlie Arthur das alte Haus, stieg nachdenkend die
Wendeltreppe wieder hinab und suchte seine Droschke auf, die er in einer
Nebenstrae wartend fand; er stieg hinein und fuhr fort. Wenn er auch als junger
Mann von groem Vermgen, als lustiger Gesellschafter seiner vornehmen Freunde,
sowie als Maler in mancherlei Verhltnisse des geheimnivollen Lebens der groen
Stadt, die er bewohnte, eingeweiht war, so hatte er doch bis jetzt von der
Existenz der Madame Becker, sowie von deren eigentlichem Geschftsbetrieb noch
gar keine Ahnung gehabt. Das war ja frmlicher, wohl organisirter Sklavenhandel,
nur da sich das arme Schlachtopfer, welches hier ausersehen und verkauft ward,
diesem Handel nicht durch die Flucht entziehen konnte, denn es wute ja nicht,
da man es verfolgte. Leise und vorsichtig wurden ihm Fallen gestellt, wurden
ihm unsichtbare Schlingen um die Fe gelegt, und auf einmal strzte es hin,
verrathen, verkauft, in die Arme seiner Verfolger, um darauf hin immer tiefer zu
fallen, hinab in den schmutzigsten Schlamm des menschlichen Lebens, der, zh und
gewaltig, seine Beute nicht wieder fahren lt.
    Diese Gedanken hatten den jungen Mann einigermaen unmuthig gestimmt, und es
war ihm leid, den Brief an seine Adresse berbracht zu haben. Wer wei, sagte
er sich selbst, ich bin vielleicht somit die Ursache, da jenes Weib ihre
Kreaturen auf irgend ein armes Mdchen loslt! - Aber, trstete er sich, was
ich nicht gethan, htte morgen der Postbote besorgt, gewi nicht harmloser und
unwissender als ich heute.
    Arthurs Selbstgesprch wurde hier unterbrochen, als er an einer vorher
bezeichneten Stelle hielt; er sprang aus dem Wagen, sah sich flchtig um und
eilte nun von den hheren Gegenden der Stadt einem tiefer gelegenen Viertel zu
und durchkreuzte mehrere schmale Gassen mit hohen Husern, deren spitze Giebel
vor Alter etwas gegen einander geneigt waren, was im Sommer diese Wege angenehm
khl, im Winter aber frhzeitig dunkel und unendlich schmutzig machte. Auch ber
kleine Pltze kam er, ging wieder eine Zeit lang an den nchsten Kanal, wie an
jenem Abend, wo wir ihn zum ersten Male gesehen, berschritt einige glatte
schlpfrige Brcken und befand sich jetzt am Eingang der Balkenstrae.
    Der geneigte Leser wird vielleicht das Ziel seiner Wanderung errathen. Waren
doch schon mehrere Tage verflossen, seit er den alten Herrn Staiger bei seinem
Buchhndler getroffen, seit er ihm einen Besuch versprochen, einen Besuch, den
er zu machen gedachte, natrlicher Weise nur in der Absicht, um sich Raths zu
erholen behufs der Illustrationen zu Onkel Tom. Warum er jetzt gerade zur
Mittagsstunde hinging, diese Frage knnten wir dahin beantworten, da es jetzt
berhaupt zu Besuchen die schicklichste Zeit war, denn wir sind weit entfernt,
zu glauben, es habe Arthur gewut, da der Balletsaal um Mittag geschlossen
wrde und die Tnzerinnen alsdann nach Hause gingen.
    So oft auch schon der Maler, das mssen wir gestehen, Clara bis an die
Hausthre begleitet hatte, so war er doch nur Einmal weiter als zwei bis drei
Schritte in den Flur hinein gelangt, und das bei einem fruchtlosen Versuch, ihre
Hand noch lnger festzuhalten, nachdem sie einige Minuten mit ihm geplaudert
hatte. In Fllen wie der vorliegende aber haben sich gewi viele unserer
geneigten Leser schon zurecht gefunden, und Arthur that dies ebenfalls ohne
groe Schwierigkeit. Er passirte den ersten, zweiten und dritten Stock, und nur
auf dem vierten geschah es ihm, da er an eine falsche Thre klopfte. Man rief
Herein! und er sah eine ltliche Frau vor sich, recht anstndig gekleidet, die
eine weie Schrze umgebunden hatte und einen Kochlffel in der linken Hand
hielt. Sie kam augenscheinlich von ihrem Herde und beschftigte sich mit
Bereitung ihres Mittagessens, denn ein angenehmer Duft von Zwiebeln und
gebratenem Fleische drang auf den Gang heraus.
    Der junge Mann sah gleich, da er falsch gegangen war, denn er wute, da
Clara's Mutter schon vor mehreren Jahren gestorben war.
    Verzeihen Sie, sagte er, ich suche Herrn Staiger.
    
    Worauf Madame Wundel, die es in eigener Person war, ihm freundlich
erwiderte, gleich nebenan sei die gesuchte Thre, er mge aber nur ohne
anzuklopfen durch das Vorzimmer gehen, indem sich dort gewhnlich Niemand
aufhalte.
    Arthur dankte auf's Freundlichste, was die Wittwe sehr huldreich und
herablassend hinnahm. Sie hatte offenbar ihr Wohlgefallen an dem hbschen jungen
Manne, und da sie eine brave Frau war, die mglicherweise mit ihren Tchtern
Alles gemeinschaftlich geno, so rief sie diese durch ein leises Ruspern herbei
und zeigte ihnen durch die Thrschwelle den Besuch, der zu Staigers gehe.
    Die Clara ist aber nicht daheim, sagte die ltere Tochter Emilie, indem
sie ihren Kopf so weit als mglich zur Thre hinaus streckte.
    Ach was, Clara! entgegnete die Mutter; der war von guter und stiller
Familie. Der luft keinen Tnzerinnen nach; ich wette Zehn gegen Eins, der hat
den alten Schreiber wegen irgend einer Schuld zu mahnen. - Pat mir auf, Emilie,
der kommt bald wieder zurck.
    Ich will ein paar Bcher und Noten drauen auf dem Gange abstuben,
versetzte die ltere und sehr gelehrige Tochter.
    Thu' das, mein Kind, erwiderte die Mutter. Aber streich' die Haare
zurecht, du siehst ein wenig zerzaust aus.
    Damit ging sie an ihren Kochherd zurck, whrend Arthur zu gleicher Zeit
durch das fast dunkle Vorzimmer schritt und nun an die Thre des Wohnzimmers
klopfte.
    Herein! klang es ihm entgegen: und eine feine Kinderstimme setzte hinzu:
Wenn's kein Schneider ist!

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel.



                                Illustrationen.

Arthur hatte sich vorgenommen, die Wohnung des Mdchens, das er still und wahr
liebte, behaglich und angenehm zu finden, wenn auch gerade nicht viel von dem,
was zum Comfort des Lebens gehrt. Das Vorzimmer erschien ihm aber etwas zu
rmlich; er bemerkte Nichts als in einer Ecke ein Bett und in der anderen einen
alten Stuhl. Das Wohnzimmer kennt der geneigte Leser bereits; wenn er es auch
nur bei Nacht gesehen, so mssen wir ihm doch leider die Versicherung geben, da
es heute beim trben Tageslicht - einem falben Lichte, das sich kaum nothdrftig
durch die hohen, finsteren Dcher und den Schnee und Regen, der drauen fiel,
herein stehlen konnte, - nicht viel wohnlicher aussah.
    Herr Staiger in seinem unvermeidlichen blauen Ueberrock sa am Fenster und
schrieb wie immer eifrig darauf los. Wrmer war es heute freilich in dem Zimmer,
als an jenem Abend, und das kam daher, weil das kleine Mdchen gerade im Begriff
war, einen Topf Kartoffeln in dem Ofen sieden zu lassen. Die Thre desselben
stand halb offen, und es drang ein leichter Wasserdampf daraus hervor, der von
dem Bbchen, das neben seiner Schwester stand, begierig aufgesogen wurde.
    Der alte Mann an dem Fenster richtete seinen Blick von der Arbeit auf und
sah den Eingetretenen scharf an. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er ihn
erkannte, dann aber steckte er die Feder hinter das Ohr, erhob sich freundlich
und eilte seinem Bekannten entgegen, um ihm herzlich die Hand zu schtteln.
    Das Bbchen schaute aufmerksam zu; es hatte auf seinem Kopfe einen Hut von
Papier in militrischer Form und in der Hand ein sehr kunstlos gearbeitetes
hlzernes Schwert. Es hatte vorhin von dem Schneider gesprochen, und als der
Fremde eintrat, den Griff seines Schwertes erfat. Jetzt aber, als es sah, da
der fremde Mann in friedlicher Absicht zu kommen schien, fuhr es mit der Hand an
seinen papierenen Hut und grte militrisch.
    Sehen Sie, ich halte Wort, sagte Arthur, und wre schon frher gekommen,
aber ich wollte Ihnen Zeit lassen, um wegen unseres Geschftes zu berlegen.
    Ah! was die Illustrationen anbelangt! Ja, ich habe mich auch schon damit
beschftigt und Einiges aufgeschrieben. Kommen Sie an meinen Arbeitstisch und
nehmen Sie Platz.
    Arthur setzte sich dem alten Manne gegenber an's Fenster und blickte
nachdenkend hinaus. Es war dies dasselbe Fenster, durch welches er so oft Licht
schimmern sah, wenn es ihm erlaubt war, die Tnzerin bis an's Haus zu begleiten.
Jetzt war er ohne ihr Vorwissen in ihr Asyl gedrungen und hatte damit
gewissermaen ihren dringenden Wunsch, ihren Befehl bertreten. Doch
entschuldigte er sich mit den Umstnden, welche ihn hieher gefhrt, und redete
sich ein, er wrde ja im Auftrage des Buchhndlers den alten Herrn auch besucht
haben, selbst wenn er nicht gerade Clara's Vater wre, was auch so halb und halb
seine Richtigkeit hatte.
    Haben Sie schon an unsere Sache gedacht? fragte Herr Staiger. Wird es
Ihnen nicht schwer werden, hier in unserem stillen Leben Physiognomien zu Ihren
Gebilden zu finden, oder wollen Sie sich ganz Ihrer Phantasie berlassen?
    Nein, nein! entgegnete Arthur, ich werde mich so viel als mglich an
Personen halten, die mir gerade aufstoen, natrlicherweise, ohne gerade
Portrts zu liefern. O, es gibt hier Kpfe, genug, die ganz prchtig fr Sklaven
und ihre Kufer und Verkufer passen.
    Glauben Sie? sagte der alte Mann und sah ihn mit einem leuchtenden Blicke
an. Das habe ich mir auch schon gedacht; und meinen Sie nicht auch, da es hier
bei uns nicht nur Menschen gibt, die den in diesem Buche beschriebenen gleichen,
sondern da sich auch fr manche unserer Verhltnisse darin groe Aehnlichkeiten
finden?
    Gewi! erwiderte Arthur lchelnd, und dachte an Madame Becker und Herrn
Blaffer. Dem Gedanken an den letzteren lieh er auch Worte, indem er sagte: ich
wrde mir gar gern das Vergngen machen, unseren gemeinschaftlichen Buchhndler
und Freund als Sklavenhndler darzustellen. Aber er wird es nicht zugeben, da
man ihn auf solche Art in Holz schneidet und verewigt.
    Nein, gewi nicht! versetzte Herr Staiger. So Etwas wollen wir auch gar
nicht unternehmen; Gott soll mich bewahren! Das mte mich ohne Weiteres um
seine Kundschaft bringen.
    Das Bbchen war unterdessen nher geschlichen, steckte den Kopf unter den
Arm seines Vaters und sah den fremden Mann mit seinen groen treuherzigen Augen
an.
    Nothwendigerweise mute jetzt Arthur fragen: Das sind Ihre Kinder, Herr
Staiger?
    Und eben so sicher war es, da der alte Mann darauf antwortete: Es sind
meine beiden jngsten; meine lteste Tochter wird bald nach Hause kommen. Die
haben Sie gewi schon oft gesehen?
    So unbefangen nun diese Frage an und fr sich war, so verursachte sie doch
dem Maler einiges Herzklopfen, denn er wute nicht, ob der Vater das ftere
Sehen auf das Hoftheater bezog, oder ob er am Ende Kunde hatte, da der vor ihm
sitzende junge Mann seine Clara schon zum fteren Male nach der Balkenstrae
begleitet habe.
    Doch fuhr der alte Herr gleich darauf arglos fort: Meine Tochter ist bei
dem Ballet angestellt, und da wre es doch mglich, da Sie vielleicht schon
ihren Namen gelesen und sie gesehen haben.
    Clara tanzt sehr schn, sagte das Bbchen mit Bestimmtheit; worauf es sich
aber augenblicklich dieser Worte schmte und seinen Kopf unter den Arm des
Vaters verbarg.
    Woher weit du das, kleiner Mann? fragte Arthur lachend. Du gehst doch
gewi noch nicht in's Theater.
    Sie haben bei der Schwester so lange gebettelt, antwortete Herr Staiger
statt des Gefragten, bis Clara sie einstens in eine Generalprobe nahm. Auch bt
sie sich zuweilen hier zu Hause.
    Dort an der Stange, setzte der Knabe hinzu; und dann hat sie ein kurzes
Rckchen an und einen schwarzen Spenser. Wenn du es einmal sehen willst, so mut
du morgen frh kommen; jetzt ist es dazu zu spt, denn wir werden gleich essen.
    Das ist wahr; daran habe ich nicht gedacht, entgegnete Arthur, und ich
bin zu einer ganz ungelegenen Zeit gekommen.
    Clara wird gleich nach Hause kommen, sprach das Bbchen, dann kannst du
sie sehen. Aber tanzen thut sie nicht.
    Ich wre auch zu einer schicklicheren Stunde gekommen, fuhr Arthur fort,
anscheinend ohne auf das Geplauder des Kleinen zu achten, aber Sie sagten mir
selbst, von Zwlf bis Eins sei die Stunde Ihrer Ruhe.
    Es ist fr alle Flle des Lebens gut, wenn der Mensch mit Verstand und
Ueberlegung zu lgen versteht.
    Die Kinder plaudern immer von dem, was sie am liebsten thun, erwiderte
Herr Staiger; und dazu gehrt namentlich das Essen.
    Wir haben heute Kartoffeln mit Gnsefett, sagte Karl mit dem grten
Ernst; und das mag ich; vielleicht bringt auch Clara eine Wurst mit. Willst du
mitessen?
    Die vorsichtigere und einige Jahre ltere Schwester hatte sich in diesem
Augenblicke hinter den Stuhl ihres Vaters geschlichen und zog den kleinen
Indiskreten ein paar Schritte zurck: erstens, um ihm die Nase zu putzen, und
zweitens, um ihm artiges Betragen einzuschrfen. Doch war er nicht so leicht von
dem Gaste - ein solcher war nmlich in der Familie etwas Seltenes -
wegzubringen, und Arthur ermunterte ihn, da ihm die unbefangenen Reden des
Kleinen Spa machten.
    Herr Staiger zog unter seinen Papieren einen beschriebenen Bogen hervor und
sagte: Sie haben mich neulich gebeten, einige Momente aufzuschreiben, die ich
zu Illustrationen fr besonders geeignet hielte. Ich habe es mit Schchternheit
gethan, und hier sind nun ein paar verzeichnet. Man mu natrlich die grassesten
Episoden hervor heben, und daran fehlt es in dem Buche nicht. Es ist da zusammen
getragen, was ein Menschenherz nur erschttern und zerschmettern kann.
    Und lt sich leicht zeichnen, versetzte Arthur, da dort Alles ohne Scheu
und ffentlich vor sich geht. - Aber gerade diese Oeffentlichkeit, fuhr er
fort, mit der jene Sachen in den Sklavenstaaten betrieben werden, gewhrt fr
die armen Schlachtopfer eine Art Trost. Man bringt sie auf den Markt, sie
wissen, da sie verkauft werden, es geht das Alles nach bestimmten, wenn auch
harten Gesetzen, nicht wie bei uns, wo dieselben schauderhaften Geschichten im
Geheimen und mit raffinirter Grausamkeit betrieben werden. Hier wre es
schwieriger, eine Onkel Tom's Htte zu illustriren, denn man kann dem hiesigen
Sklavenhndler nicht das Zeichen seiner Wrde, die groe Peitsche anhngen. Der
ist hier gekleidet, wie jeder andere ehrliche Mensch auch, und verschwindet
frmlich unter der Menge ohne besondere Kennzeichen.
    
    Ein Merkmal haben sie doch fters an sich, sagte der alte Mann
nachdenkend, indem ein leichtes Lcheln ber seine Zge flog; sie schlagen gern
die Augen nieder, befleiigen sich eines scheinheiligen und uerlich sehr
frommen Lebens.
    Ah ja! von denen, die keine Betstunde versumen und dagegen ihren sndigen
Nebenmenschen mit so leichtem Gewicht messen!
    Und Zehn vom Hundert nehmen.
    Und Rechnungen zum zweiten Male schicken, wenn sie vielleicht voraussetzen,
man habe die Quittung von der ersten verloren.
    Ah! wir kommen da in's Zeug hinein, sprach lachend der alte Mann, wie ein
paar bse Klatschschwestern bei ihrem Kaffee. Ich ertappe mich in jngster Zeit
leider oftmals ber so menschenfeindlichen Gedanken, die mir frher gnzlich
fremd waren. Ich wei nicht, was daran schuld ist.
    Vielleicht die Uebersetzung Ihres Buches; man stellt da Vergleichungen an
ber Menschen und Zustnde, die gerade nicht zur Erheiterung und zum Erhalten
der guten Laune beitragen.
    Darin haben Sie nicht ganz Unrecht, meinte der alte Mann. Aber wenn ich
lange bersetzt habe, so nehme ich gewhnlich ein angenehmes Gegengift; hier
habe ich es in diesen Bchern.
    Ah! Charles Sealsfield! erwiderte Arthur freudig, indem er eins der
dargereichten Bcher aufschlug und den Titel las. Das sind herrliche,
liebenswrdige Schilderungen desselben Lebens, welches uns die Verfasserin von
Onkel Toms Htte gibt. Ginge es dem Rechten nach, so mten diese Lichtstrahlen
weit mehr Auflagen, weit grere Verbreitung finden, als diese tiefen Schatten.
Aber leider gibt es so viele Menschen, denen es nur im Trben wohl ist.
    Und die das Licht scheuen, entgegnete Herr Staiger ernst und feierlich und
sah wie trumend an die Decke des Zimmers. - - Aber sie sind mchtig in ihrem
Schatten, sprach er nach einer lngeren Pause, und sie beschwren ihn von
allen Seiten herauf durch heuchlerische Gebete und Zuschautragen von falscher
Bue. Wie dichter Nebel steigt es langsam empor und kmpft mit den heiteren
Sonnenstrahlen; aber glauben Sie mir, diese Nacht wird das Licht berwltigen;
langsam aber sicher wird der heitere Glanz eines lustigen und darum doch nicht
sndenhafteren Erdenlebens verschwinden. Der Gesang frhlicher Vgel verstummt,
denn diese lieben das Sonnenlicht, und nur Geschpfe der Nacht werden sich
knftig gtlich thun in den dichten grauen, stinkenden Nebeln, die sich langsam
aber sicher um uns schlingen; - der Gesang der Freude verstummt nach und nach,
und der einzige Klang, der noch an unser Ohr schlgt, ruft uns melancholisch und
traurig zu: thut Bue, geht in euch; ihr habt kein Recht auf das freundliche
Sonnenlicht, das ein gtiger Schpfer ausstrmen lt durch das ganze Firmament;
ihr habt kein Recht an den Genu dieser Erdengter, an Lust und Freude; denn ihr
seid allesammt geborne Snder und unwerth der Gnade! - Doch ich predige Ihnen da
schreckliche Sachen vor, unterbrach sich der alte Mann pltzlich, indem er mit
der Hand ber die Augen fuhr. Sie sind ja jung, gewi auch glcklich, und sehen
mir gerade aus wie Jemand, der die Kraft in sich fhlt, des Lebens Gter im
rechten Mae zu genieen. Thun Sie also und es wird Sie nicht gereuen! - Aber
wovon sprachen wir doch, ehe ich ein so finsterer Seher ward? - Ah! richtig, von
den Werken Sealfields! - Ja, das ist wahr, an diesen frischen krftigen
Schilderungen, an diesem Buche, dem die Wahrheit aus den Augen spricht, erfreut
sich mein Herz. Das ist ein Leben, wie es wirklich ist; das sind Geschpfe, wie
sie existiren, keine krankhaften Gestalten, die unter allen Verhltnissen die
rechte Backe hinhalten, nachdem die Linke ihren Schlag empfangen. - Sehen Sie,
wenn ich md und matt vom Arbeiten bin, da habe ich so meine Stellen, die ich
durchlese, wie diese hier, wo das Zeichen ist.
    Das Bbchen, das sich bei diesen fr ihn unverstndlichen Reden offenbar
gelangweilt hatte, war unterdessen dem Maler nher und nher gerckt, hatte
zuerst sanft seinen Rock berhrt, dann seinen Hut von einem benachbarten Stuhle
genommen und probirte ihn nun statt der frheren militrischen Kopfbedeckung.
    So einen Hut mchte ich auch, sagte es pltzlich und stellte sich vor
Arthur hin, so da dieser laut auflachte ber den komischen Anblick des kleinen
Mannes.
    Da mut du erst gro werden, erwiderte er, da wird es dir hoffentlich
nicht an einem solchen Hute fehlen.
    Vor allen Dingen mut du aber erst etwas Tchtiges lernen, meinte der
Vater. Aber jetzt lege den Hut wieder dahin; es ist nicht schicklich, Sachen
anzugreifen, die einem nicht gehren. Wenn das Clara she, wrde sie bse
werden.
    Auf diese Mahnung hin legte Karl den Hut wieder auf den Stuhl und wandte
sich dann mit der naiven Frage an Arthur: Hast du denn auch Etwas gelernt?
    O ja, entgegnete dieser lchelnd; und Etwas, das dir gewi groe Freude
machen wird, wenn ich es dir zeige.
    Was ist denn das?
    Ich habe Zeichnen und Malen gelernt. Wenn ich wieder komme und du hast ein
klein Blatt Papier und ein Bleistift, so will ich dir zeigen, was ich kann.
    Eine Tafel habe ich, entgegnete das Bbchen, und darauf malt Clara
allerlei schne Sachen.
    So la mich sehen, was dir Clara malt, sagte eifrig der junge Mann.
    Jetzt habe ich es ausgewischt, erwiderte der Kleine; aber sie kann mir
die schnsten Schlangen malen, auch Krokodile, Soldaten und Offiziere.
    So, auch Offiziere?
    Ja freilich; die haben Alle einen groen Schnurrbart, einen dnnen Leib und
gerade Beine.
    In diesem Augenblicke wandte das Bbchen hastig seinen Kopf herum, dann
brach es pltzlich alle Unterhaltung ab, indem es jubelnd rief: Clara kommt!
und zur Thre hinaus in's Vorzimmer eilte.
    Die Schwester mute ebenfalls Tritte auf der Treppe gehrt haben, denn auch
sie war hinausgegangen, kluger Weise, um Clara auf den unbekannten Besuch
vorzubereiten.
    Arthur erhob sich von seinem Stuhle; ihm klopfte das Herz und er fhlte sich
ungemein befangen. Wie wird sie diesen pltzlichen Besuch aufnehmen? dachte er.
Wird sie nicht zrnen, da sie dir ausdrcklich verboten, das Haus ihres Vaters
zu besuchen? - Daran war aber jetzt nichts mehr zu ndern, und der Maler hoffte,
da sich schon Gelegenheit geben wrde, eine kleine Verstimmung des geliebten
Mdchens in die Erlaubni umzuwandeln, von jetzt ab ferner kommen zu drfen.
    Und wer ist es denn? vernahm er jetzt die Stimme Clara's im Vorzimmer,
worauf das kleine Mdchen Etwas zischelte, was man nicht verstand, das Bbchen
aber laut erwiderte: Ein Mann mit einem schwarzen Hute, und er hat mir gesagt,
er knne allerhand schne Dinge malen, Schlangen und Krokodile, besser als du,
und wenn er knftig wieder kommt, wird er mir auch Soldaten und Offiziere
machen. - Hast du eine Wurst mitgebracht?
    Pfui, Karl! sei stille! - Ein Maler also? - Ah!
    Damit ffnete die Tnzerin die Thre, blieb aber berrascht auf der Schwelle
stehen, und ihr Gesicht, Hals und Nacken berzog sich mit tiefer Rthe. Sie
erkannte ihn augenblicklich; obgleich es eine Wirkung der Freude war, welche das
Blut gewaltsam nach ihren Wangen trieb, so war es doch auch wohl die Erwartung,
was er hier bei dem Vater zu thun habe, und daneben auch ein klein wenig
Verdru, als sie aus seiner Anwesenheit ersah, da er ihrem strengen Befehl
nicht Folge geleistet habe.
    Meine Tochter Clara, sagte Herr Staiger, der aber glcklicherweise gerade
sein Manuscript zusammen schob und das Buch von Sealfield darauf legte. - Meine
Aelteste, der Stolz der Familie!
    Ah Papa! versetzte das Mdchen in groer Verlegenheit. Und da hiedurch ihr
liebes Gesicht das Recht erhielt, einige Verwirrung zu zeigen, so brauchte sie
diese nicht zu verbergen, als nun der alte Mann lachend sagte:
    Ei mein Kind, du darfst nicht errthen: wer so mtterlich fr uns Alle
sorgt, der darf in Wahrheit der Stolz der Familie genannt werden. Habe ich nicht
Recht, Karl?
    Das Bbchen hatte sich an ihren Arm gehngt und ergriff statt aller Antwort
ihre Hand, die er nun bald hier bald da an sein Gesichtchen drckte; die kleine
Schwester dagegen nahm Hut und Tuch in Empfang, die Clara eilig ablegte. Dann
warf sie verstohlen einen Blick in den Spiegel und nherte sich nun leicht,
grazis und unbefangen dem Fenster, an welchem Arthur stand.

                         Siebenundzwanzigstes Kapitel.



                           Ein einfaches Mittagessen.

Wie war das Mdchen, erhitzt von dem Tanze und der Aufregung, so wunderbar
schn! Wie glnzten ihre dunklen Augen, wie leicht und elegant schritt sie
daher! Arthur sah mit der innigsten Liebe auf sie, und er mute sich gestehen,
lange kein so liebliches Bild gesehen zu haben. Er senkte seinen Blick in ihr
Auge, tief, innig und bittend, und namentlich der letztere Ausdruck schien ihren
Unmuth zu verscheuchen.
    Das ist Herr Arthur Erichsen, ein junger Maler und ein neuer freundlicher
Bekannter, den ich mir erworben. Wir trafen uns neulich beim Buchhndler
Blaffer, von dem er den Auftrag hatte, Onkel Toms Htte zu illustriren, und er
kam nun hieher, um sich mit mir ber diese Illustrationen zu besprechen.
    Gewi, mein Frulein, nahm Arthur eifrig das Wort, ich besuchte Ihren
Papa in der Absicht, um mir seinen Rath zu erbitten, auf welche Art diese
schwierige Arbeit am besten anzugreifen sei.
    Clara lchelte ein wenig, aber so unmerklich, da nur Arthur es sah. Ein
Liebender bemerkt ja Alles, und auch fr ihn nur war dehalb der momentane Blitz
in ihren Augen verstndlich, sowie ein unbedeutendes Zucken der Mundwinkel, -
dieser kleinen, reizenden Mundwinkel.
    Die Rthe von vorhin war von ihrem Gesichte gewichen, ja hatte einer
leichten Blsse Platz gemacht, als sie vor Arthur stand, die Hand auf den Tisch
gesttzt, und ihm sagte: Es freut mich sehr, da Sie Papa besucht haben und da
Sie so gtig waren, mit ihm ber Ihre Arbeit zu plaudern. - Ach! setzte sie
hinzu, es kommt so selten Jemand zu ihm, der mit ihm zu sprechen versteht,
gegen den er seine Ideen und Ansichten austauschen kann, da es ihm gewi, gewi
recht lieb war, da Sie ihn besuchten.
    Wir mssen gestehen, da Arthur athemlos auf ihre Worte gelauscht; und als
sie ihn so treuherzig und lieb ansah und ihm sagte, es sei dem Papa gewi -
gewi recht lieb, da er gekommen, da durchzuckte ihn ein unnennbar ses
Gefhl, sein Herz schien einen Augenblick die Pulsschlge auszusetzen und still
zu stehen vor bergroer Freude und Seligkeit. Er gestand sich oft, dies sei
einer der sesten Momente seines Lebens gewesen, und es thue ihm nur leid, da
er gewaltsam seine Thrnen zurckgehalten habe, die im Begriffe waren, ihm in
die Augen zu treten.
    Auch Clara fhlte Aehnliches, denn nachdem sie gesprochen, wie wir soeben
hier niedergeschrieben, blieb sie noch eine Sekunde ruhig vor ihm stehen,
schaute ihn so herzlich an, wie er sie, und Beide hatten den gleichen Gedanken:
sie waren froh, da sie sich jetzt endlich einmal im hellen Licht des Tages
sahen, und so nahe, - nicht wie frher immer im Halbdunkel der Strae, wenn sie
aus dem Wagen sprang, oder beim falschen Glanz der Lichter.
    Wie lange dieses gegenseitige Beschauen wohl gedauert htte, wei der liebe
Gott. Glcklicherweise aber legte sich das Bbchen in's Mittel und zog die
beiden hochfliegenden Seelen in den Bereich der Wirklichkeit zurck.
    Die Kartoffeln sind fertig, sprach es mit bestimmtem Tone, sie platzen
schon auf.
    Dann ist es Zeit! rief Arthur, indem er wie aus einem tiefen Traum
erwachte; und ich mu mich entfernen, um Sie nicht in Ihrem Mittagessen zu
stren.
    Bei diesen Worten sah der alte Mann seine Tochter bedeutsam an, und als
Clara sanft lchelte, sagte er: O, lassen Sie sich gar nicht stren, lieber
Herr Erichsen, bleiben Sie noch eine Weile da; wir plaudern vielleicht noch ein
wenig. Ich kann Ihnen leider von unserer einfachen Kost Nichts anbieten, - nun -
eben - weil sie gar zu einfach ist. - Aber drauen, setzte er hinzu, indem er
durch's Fenster sah, schneit und strmt es so gewaltig, da Sie unmglich in
diesem Augenblicke fort knnen; auch speisen Sie gewi spter.
    Wenn man Etwas gerne thut, so lt man sich leicht dazu berreden. Arthur
blickte fragend auf Clara, die lchelnd ihre Augen niederschlug. Doch schien ihm
dies Augenniederschlagen von einem kleinen Kopfnicken begleitet zu sein, wehalb
er sich denn eifrigst und gern bereit erklrte, noch eine halbe Stunde da zu
bleiben.
    Die jngere Schwester hatte unterdessen den Tisch gedeckt, Clara ging in das
Vorzimmer, und ihr folgte das Bbchen, welches eine richtige Ahnung hatte, da
sie sich vor dem Gaste geniren wrde, die bewute Wurst aus der Tasche zu
ziehen, da dies aber drauen unverzglich geschehen msse. - Und so war es denn
auch. Die Tnzerin kam alsbald mit einem Teller wieder herein, auf dem der
erwhnte Leckerbissen lag. Dann setzte sich Alles um den Tisch herum; er war
rmlich aber reinlich gedeckt mit einem groben doch weien Tischtuch und
glnzenden Zinntellern.
    Der Maler, der eine Aufforderung zum Mitessen ablehnte, setzte sich einen
halben Schritt rckwrts neben Clara. Er konnte so seinen Arm auf die Lehne
ihres Stuhles sttzen, und wenn er nun den Kopf vorn ber lehnte, und sie ihm
pltzlich Etwas sagen wollte, so berhrte ihr khles, volles, duftiges Haar
seine heie Stirne.
    Karl, du mut beten, sagte die jngere Schwester zu ihrem Bruder, der an
seinem Platze sa und die Augen unverwandt auf einen Punkt des Tisches gerichtet
hatte. Das dort auf dem Zinnteller nahm seine ganze Aufmerksamkeit so sehr in
Anspruch, da er mechanisch seine Hnde faltete und gedankenlos sein Morgengebet
anfing:

Engelein komm',
Mach' mich fromm!

Doch wurde ihm diese Nachlssigkeit nicht gestattet und er brachte nun den uns
schon bekannten Tischspruch vor, natrlicherweise mit unverbesserlichem Fehler,
setzte auch hinter dem Amen! rasch hinzu: Jetzt bekomme ich auch Wurst.
    Nun nahm das Mahl seinen Anfang, der Vater und die jngeren Kinder griffen
herzhaft zu; nur Clara spielte mit ihrem Essen, und es schien ihr fast
unmglich, einen Bissen hinunter zu bringen.
    Arthur munterte sie lchelnd auf, sich selbst nicht zu vergessen, und er
that dies, indem er das auerordentlich schne Aussehen der Kartoffeln lobte;
darauf erfolgte nun natrlicherweise die Einladung des alten Herrn, auch eine zu
versuchen, und er forderte Clara zu diesem Zweck alsbald auf, einen Teller zu
bringen.
    Dies lehnte aber Arthur eifrigst ab, und nach einigem Hin- und Herreden,
Nthigen und Weigern entschlo er sich endlich, einen Bissen von dem Teller der
Tnzerin und zwar mit deren Gabel zu nehmen. Hiebei bewhrte sich nun aber das
Sprichwort, da der Appetit whrend des Essens kommt, denn dem ersten Bissen
folgte ein zweiter, ein dritter und ein vierter, zwischen welchen aber jedes Mal
die Gabel gewechselt wurde, das heit, einmal nahm sie Clara, und dann erhielt
sie der Maler wieder. Da sich hiebei auch ihre Hnde berhrten, ihre Blicke viel
Schnes zu einander sprachen, und das Haar der Tnzerin hufig sein Gesicht
streifte, so hielt Arthur ein Mittagsmahl, wie es kein Knig besser und
kstlicher haben konnte.
    Leider war das Diner bald zu Ende; aber als sich nun Arthur endlich alles
Ernstes entfernen wollte, denn sein Herz war bervoll, meinte das Bbchen, nach
dem Essen ginge man nicht gleich fort, wie es schon gehrt habe, und bat den
Maler, er mge nun so artig sein, ihm eine Schlange oder ein Krokodil zu machen.
Er brachte dehalb seine Tafel herbei, zerrte den Knstler an das Fenster und
zwang ihn, dort wieder Platz zu nehmen.
    Der alte Mann stellte sich einen Augenblick daneben, und nachdem er seinen
Sohn vergeblich ersucht, den Herrn nicht zu plagen, verlor er sich in's
Vorzimmer, wo er sich auf einen Stuhl setzte, ein Taschentuch ber sein Gesicht
hing und ein kleines Mittagsschlfchen machte.
    Die jngere Schwester und Clara rumten den Tisch ab, dann setzte sich
letztere an die andere Seite desselben. Arthur hatte die Tafel ergriffen und
entwarf eine solch' riesenhafte Schlange, da die berhmte des Kapitn Boa
dagegen nur ein Regenwurm war. Whrend des Zeichnens aber warf er einen Blick im
Zimmer umher, und als er bemerkte, da das kleine Mdchen in einer Ecke neben
dem Ofen mit dem Splen des Geschirrs beschftigt und die Thre des Vorzimmers
fest zugezogen war, sagte er zu Clara: Sind Sie mir bse, da ich hergekommen?
worauf diese nach einer Pause erwiderte: Ich hatte mir wohl gedacht, da dies
am Ende geschehen wrde.
    Aber erst viel spter, entgegnete Arthur, denn ich htte Ihren Befehl
gewi respektirt; aber es ist so, wie Ihr Vater gesagt: wir trafen uns bei dem
Buchhndler, und wenn auch hier nicht Ihre Wohnung gewesen wre, so htte ich
doch den Uebersetzer von Onkel Tom's Htte aufsuchen mssen. - Nicht wahr, Sie
zrnen mir nicht?
    Clara schttelte den Kopf und antwortete: Ich wei nicht, was icj davon
halten soll; ich kenne Sie schone seit einiger Zeit, aber ich kannte Sie bis
jetzt nur wie Etwas, das kommt und verschwindet wie ein Traum - wie der Schein
der Sonne; oder auch, setzte sie lcheldn hinzu, wie Regen und Sturm.
    Und wie Etwas, bemerkte Arthur, indem er den Griffel sinken lie, was uns
eigentlich nicht viel kmmert, was uns gleichgiltig ist, wenn es auf einmal ganz
ausbleibt, an das wir nicht mehr denken, wenn es nicht wieder erscheint.
    O nein! erwiderte die Tnzerin, nicht so ganz. Sagen wir lieber, wie
etwas - Angenehmes, das uns widerfhrt, und das wir dankbar hinnehmen, dem wir
vielleicht betrbt nachblicken, weil es uns pltzlich ganz verschwindet, das wir
aber kein Recht haben, zurckzurufen, weil - weil - wir nun einmal kein Recht
dazu haben.
    Aber die Schlange hat noch keine Zhne, sprach das Bbchen. Mach' ihr
groe! Und dann will ich auch ein Krokodil haben.
    Soll ich dir nicht lieber deine Schwester Clara zeichnen? fragte der
Maler.
    Mir wre ein Krokodil lieber, entgegnete das Kind; Clara sehe ich den
ganzen Tag. Wenn du sie aber nachher zeichnen willst, ist es mir auch recht.
    Arthur that wie ihm befohlen, dann aber nahm er das Gesprch von vorhin
wieder auf.
    Und wehalb, fragte er, htten Sie kein Recht, - mich zurckzurufen?
    Und auf welche Art sollte ich es thun, wenn Sie pltzlich ausgebliebe
wren? - Wenn ich auch vielleicht gewollt httem ich sah Sie ja nur auf
Augenblicke, bald hier, bald da, ich wute ja kaum Ihren Namen. Und dann hatten
Sie mir auch nie gesagt:
    morgen sehe ich Sie wieder, oder bermorgen, - ein solches Versprechen htte
mich auch ngstlich gemacht.
    Weil Sie mir wohl htten antworten mssen: ja, es ist mir recht, ich will
Sie morgen oder bermorgen wieder sehen, - und weil Ihnen das wie eine
Verpflichtung vorgekommen wre, und weil Sie keine Verpflichtungen gegen mich
bernehmen wollen.
    Es ist vielleicht so, sagte Clara, indem sie ihn lchelnd anblickte, ich
habe mich immer davor gefrchtet. Und dehalb bat ich Sie auch, nicht in unser
Haus zu kommen.
    Sehen Sie, Clara, versetzte der Maler halb und halb betrbt, es ist doch,
wie ich mir dachte: Sie spielten mit mir, und wenn Sie mir einmal nicht mehr
erlauben wollten, Ihnen an der Treppe des Theaters oder am Wagen gute Nacht zu
sagen, so wren Sie vielleicht rasch an mir vorbergeeilt und htten mich gar
nicht mehr angesehen.
    Das htte ich gewi nie gethan, so lange Sie sich mir so ruhig und still
gezeigt, wie Sie thaten. Glauben Sie mir, die anderen Tnzerinnen schelten mich
kalt, gefhllos, ja hochmthig, weil ich es nun einmal nicht machen kann wie
sie; aber ich bin es nicht. Von Hochmuth kann ja auch keine Rede sein; doch habe
ich immer davor zurckgebebt, mit irgend Jemand in nhere Berhrung zu kommen.
Ich wei ja wohl, da ich eine arme Tnzerin bin, da ich mich hinausstellen mu
vor die Lampen, da mich Jedes ansieht wie es mag, und da nun Jeder das Recht
zu haben glaubt, mit dem Mdchen so geradehin zu sprechen, wie es ihm in den
Mund kommt. Das frchtete ich auch von Ihnen, und dehalb schrak ich zurck, als
Sie das erste Mal mit mir sprachen.
    Aber Ihre Furcht war berflssig.
    Gewi, und ich danke Ihnen herzlich dafr, erwiderte Clara. - Aber wissen
Sie wohl, fuhr sie nach einem kleinen Stillschweigen fort, in der Absicht, das
Gesprch zu ndern, wissen Sie wohl, da ein paar von den anderen Tnzerinnen
es wohl gemerkt haben, da ich mit Ihnen hie und da gesprochen?
    Sie hatten mich schon auf der Bhne gesehen?
    Nein, da nicht, aber neulich Abends, als Sie am Wagen standen, wie wir
einstiegen. Da sind Alle mit Reden ber mich gefallen. Ich htte mich so lange
verstellt und immer Alles abgeleugnet, und nun kme es auf einmal heraus und ich
sei furchtbar versteckt, aber jetzt knne ich nicht mehr leugnen.
    Und was sollten Sie nicht lugnen knnen?
    Da ich Sie Abends am Wagen gesehen.
    Und ist das so schlimm?
    Ah! sagte Clara lachend, nehmen Sie mir nicht bel! wenn man so pltzlich
aus dem Dunkel daher schiet und einer Tnzerin sagt: o wie vortrefflich haben
Sie heute getanzt! O wie schn sahen Sie aus! -
    Ja, das habe ich gesagt, unterbrach sie Arthur trumerisch.
    Und wenn man einen obendrein bei der Hand fat, das ist doch schlimm genug.
Und an dem Abend habe ich mich auch eigentlich vor Ihnen gefrchtet.
    Aber ich mute Ihnen damals ein Wort sagen, Clara. Ich konnte nicht nach
Hause gehen, ohne Ihre Hand berhrt zu haben; mein Herz war zu voll. Waren Sie
wirklich bse auf mich?
    Nur eine Weile, entgegnete das Mdchen, indem sie ihn mit ihren groen
Augen anschaute, und eigentlich auch nur, weil mich die Anderen so neckten.
    Was sagten sie denn?
    Ob jetzt endlich ein Prinz gekommen sei oder ein regierender Herr, den ich
fr wrdig genug befunden, da er mir den Hof machen drfe. - Aber ich erzhle
Ihnen da lauter dummes Zeug, worber Sie lachen werden, setzte sie schmollend
hinzu.
    Gewi nicht, Clara, es interessirt mich auf's Hchste.
    Und der Schwindelmann hatte es sogar bemerkt.
    Wer ist Schwindelmann?
    Schwindelmann, entgegnete sie einigermaen erstaunt, ist der
Theaterdiener, der uns zu den Vorstellungen abholt und im Wagen wieder nach
Hause bringt.
    Ein junger Mann? fragte Arthur mit einer eiferschtigen Regung.
    O, Sie mssen Schwindelmann kennen! fuhr sie fort, ohne den Sinn seiner
Frage zu verstehen. Er lt den groen Portalvorhang herab und kennt namentlich
mich genau. Er und mein Vater sind zusammen in die Schule gegangen.
    Ah so! sagte Arthur sichtlich erheitert. Und der Schwindelmann hat es
gesehen, da ich Ihnen die Hand gab?
    Das will ich meinen, und er war sehr mrrisch. Sonst trgt er mir immer
meinen Korb und nimmt ihn hinten zu sich auf den Wagen; aber an dem Abend schob
er ihn zu mir herein und brummte allerlei in den Bart.
    Das scheint mir ein braver Mann zu sein, der Theaterdiener, sagte Arthur.
    Auch fuhr er mich an dem Abend nicht zuerst nach Haus wie sonst, sondern
zuletzt. Und dann lie er den alten Andreas, den Kutscher, nach Hause, blieb bei
mir an der Treppe stehen und hielt mir eine starke Predigt.
    Und das Alles, weil ich Ihnen die Hand gereicht?
    Allerdings; natrlicherweise bildete er sich noch viel mehr ein. Es sei
schade um mich, sagte er, ich htte mich so gut gehalten, Alle htten die grte
Achtung vor mir, man knne mir nicht das geringste Ueble nachsagen, und nun
finge ich auf einmal so dumme Streiche an!
    Schwindelmann scheint mir bsartig zu sein, versetzte Arthur einigermaen
rgerlich.
    Nein, er ist sehr gut, versetzte die Tnzerin. Wissen Sie, er hat beim
Theater schon sehr viel erlebt, sprach sie mit sehr ernster Stimme; er hat
gesehen, wie schon manches Mdchen unglcklich wurde, und da er mich, wie
gesagt, gern hat, so warnte er mich auf's Allerernstlichste.
    Vor einem Hndedruck?
    Nicht nur ganz davor, entgegnete sie heimlich lachend, aber er sagte, das
wre der Anfang, und er hatte nicht Unrecht darin. Es ist bis jetzt Alles
gekommen, wie der Schwindelmann mir vorher gesagt, sprach sie auf einmal sehr
ernst werdend, indem sie vor sich niedersah. - Zuerst wrden Sie sich mir
Abends in den Weg stellen, mit mir zu sprechen; und das haben Sie auch gethan, -
anfnglich weniger und dann hufiger. - Dann aber - hier stockte sie einen
Augenblick, und fuhr erst fort, als sie Arthur aufmerksam und fragend anblickte
- dann aber wrden Sie unter irgend einem Vorwand in unser Haus kommen; und
dann - - wre ich auf dem Wege des Verderbens - o mein Gott! -
    Diese letzten Worte sprach das Mdchen mit gepreter Stimme und in
sichtlicher Angst, und als sie ausrief: O mein Gott! prete sie ihre beiden
Hnde vor das Gesicht, sprang auf und eilte zu ihrer kleinen Schwester, der sie
emsig half, Teller und Glser zu ordnen, ohne sich im Augenblick weiter um ihren
Gast zu bekmmern.
    Arthur war berrascht sitzen geblieben und hatte die Tafel in den Hnden des
Bbchens gelassen, welches sie eifrig an sich nahm und mit zu den Schwestern hin
sprang, um ihnen das Krokodil und die schne Schlange zu zeigen.
    Auch der alte Herr trat jetzt nach vollbrachter Mittagsruhe wieder in's
Zimmer und mute ebenfalls die seltsamen Thiergestalten bewundern.
    Obgleich der Maler dem aufgeregten Mdchen gerne noch einige begtigende
Worte gesagt htte, so war dies doch nicht mglich. Sie kam nicht an das Fenster
zurck, sie lie ihn ruhig seinen Hut nehmen und wandte sich erst nach ihm um,
als er dem Vater die Hand reichte, dem Bbchen auf den Kopf ptschelte und der
jngeren Schwester freundlich zunickte. Dann bot auch sie ihm einen freundlichen
guten Tag, wobei er allein bemerkte, wie sie durch Thrnen lchelte.
    Als er hierauf gedankenvoll die Treppe hinab ging, schttelte er den Kopf
und sagte: Thrnen bei meinem ersten Besuch, und Schlangen, die ich zeichnen
mute; wenn das nur keine bsen Vorzeichen sind!
    Eine lange Zeit hatte, whrend Arthur bei Herrn Staiger war, drauen auf dem
Gange Mademoiselle Emilie Wundel Bcher und Noten ausgeklopft, auch hie und da
einen Vers aus irgend einer Arie getrillert, ohne da der angenehme junge Mann
zurck gekommen wre. Endlich war Clara erschienen, und als er auch jetzt noch
nicht kam, ging die Ausklopferin achselzuckend in ihr Zimmer zurck. - Da htte
ich schn warten knnen, sagte sie hohnlachend, das ist ja eine abgekartete
Geschichte! Wie man auch so dumm sein kann! - Damit meinte sie die vorsorgliche
Mutter. - O die Clara! Ich fr meine Person habe ihr nie was Gutes zugetraut,
das kann ich euch versichern; die hat's lange heimlich getrieben; jetzt wirft
sie alle Scham bei Seite und lt ihre Liebhaber am hellen Tage in's Haus
kommen. Ihr werdet schon sehen: Einen nach dem Andern. - Pfui Teufel ber dies
Volk vom Ballet! -

                          Achtundzwanzigstes Kapitel.



                                 Betrachtungen.

Wir wissen nicht, theurer und geneigter Leser, ob du in deinem Leben schon in
den Fall gekommen bist, in lebenden Bildern mitzuwirken. Da du fter welche
gesehen, nehmen wir unbedingt an. - Es ist das Stellen lebender Bilder in
Familiencirkeln eine Krankheit, die hie und da einreit, die oftmals sporadisch
auftritt, dann aber auch fr gewisse Winter ganze Stdte epidemisch beherrscht.
Das sind Zeiten der forcirten Bewunderung, wo man oftmals nach ausgestandenem
Jammer den Lenker aller Dinge anklagen mchte, da es berhaupt Bilder gibt, und
da Jemand auf die - schne Idee kam, lebende Bilder zu arrangiren.
    Wie schon bemerkt, so erfat die Lust nach diesem Vergngen oftmals ganze
Stdte, und alsdann entgeht keiner seinem Schicksale; wer nicht zum Mitstehen
gepret wird, der mu zusehen; und welche Art von Schlachtopferei menschlicher
Grausamkeit die schlimmere sei, soll der Beurtheilung einer zweiten Mi Stowe
vorbehalten bleiben.
    Man hat alle Arten von Vergngen erschpft, man hat groe
Kaffeegesellschaften arrangirt, in welchen eine ungeheure Menge von Backwerken
verzehrt, eine Anzahl guter Namen zerrissen, ja eine Masse von Zukunften
vernichtet wurde. Was das Letztere anbelangt, - die harmlosen Zuthaten zum
Kaffee nmlich, - so mssen wir den geneigten Leser versichern, da die
Vieruhr-, berhaupt die Nachmittagskaffeegesellschaften die schlimmsten, die
blutdrstigsten sind. Das Mittagessen ist vorber gegangen, und der Gemahl, der
vielleicht in der Kanzlei von einem Vorgesetzten bedeutend gergert wurde, kam
verdrielich zu Tische und findet, da die Suppe versalzen, die lange Sauce des
Gemses zu mehlig und die Rucherung des Schweinefleisches nicht vollkommen
gelungen sei. Es gab das eine kleine husliche Scene, die Kanzleirthin erlebte
einige scharfe Bemerkungen, welche in viel krftigerer Tonart, aus allen
Registern klingend, in der Kche wiedergeorgelt wurden. Darauf ist das Bbele
verdrielich geworden; es ist berhaupt keine Freude in dem Hause; denkt sie,
und statt da sie mit dem Splen um halb Drei fertig wre, zieht sie dies
Geschft bis halb Vier hinaus, wo sie dann erst langsam die Hnde mit Seife
wascht, um darauf der ngstlich harrenden Gebieterin das Kleid zuzumachen.
Diese, gergert, echauffirt, kann mit dem brigen Anzug kaum fertig werden, und
erscheint nun statt um vier Uhr eine Viertelstunde spter - der geneigte Leser
mag selbst beurtheilen in welcher Laune - zum Kaffee.
    Wie schon angedeutet, diese Nachmittagsgesellschaften sind entsetzlich, und
der Geist der Verleumdung mu sie einstmals in hchsteigener Person erfunden und
dazu geladen haben den gelben Neid, die grne Bosheit, gruliche Heuchelei, und
alle andern Schwestern und Brder dieser Geschlechter. Hier wird Alles, was in
den Bereich der giftigen Zungen kommt, zerstckelt, zerrissen, verdammt ohne
alle Gnade und Barmherzigkeit. - Abends bei einem harmlosen Thee geht es schon
einige Grade sanfter und gemthlicher zu. Am Ende des Tages ist man berhaupt
vershnlicher gestimmt, ist zu Liebe und Duldung geneigter jeder Mensch, ja
sogar die Zunge der schlimmsten Frau. Da geht es denn oftmals ohne bedeutendes
Blutvergieen ab; es herrscht hier - mit Ausnahmen natrlich - ein Geist der
Sanftmuth; nur zuweilen wird ein guter Name geknickt, ein bis dahin guter Ruf
vernichtet.
    Aber im Laufe des Winters werden sie langweilig diese Gesellschaften, man
hat sich schon zum Oefteren auf gleiche Weise beisammen gesehen, man hat schon
unzhlige Mal die neu plattirte Theemaschine bewundert oder das
Porzellanservice, das voriges Jahr angeschaffte; auch wei man, da der
Silbervorrath aus achtzehn Lffeln besteht; die neuen Ueberzge des Sopha's und
der Sthle geben keinen rechten Stoff mehr zur Unterhaltung, ja sogar die
eigenen Zungen sind abgenutzt und die Zhne haben sich stumpf gebissen an dem
Wohl und Wehe des lieben Nchsten. Was das Schlimmste ist, es ist vielleicht
keiner der glhenden Wnsche erfllt worden, mit denen man die Wintersaison
erffnet, - es kamen die Wasser all', die gebeten wurden, aber die Einladungen
dagegen fielen sprlich aus. Madame konnte sich trotz des groen Aufwands von
Zucker, Thee und Backwerk nicht aus der siebenten Rangklasse erheben und
hineinschmuggeln in hhere Regionen.
    Man vergrert nun die Theegesellschaften; statt da man, wie bis jetzt, die
Magd oder einen entlehnten Bedienten herum schickt und auf eine Tasse mit
Zuthaten einladen lt, werden nun Karten geschrieben, auf denen es heit: Herr
und Madame Backstein bitten Frau Regierungsrthin Hintenber mit vier Tchtern
zu einem Th dansant auf morgen Abend etc. Unten links in der Ecke steht das
bekannte: U.A.w.g. - Um Antwort wird gebeten; die jngeren Damen bersetzen es
sich aber: Und Abends wird getanzt.
    Zur gewhnlichen Theegesellschaft war doch nur eine kleinere Anzahl von
Gsten versammelt, die der Salon ohne viele Schwierigkeiten in sich aufnehmen
konnte, eine Anzahl Auserwhlter, ein Elitencorps, ein Cadre der Armee; zum
tanzenden Thee dagegen ist nun die smmtliche Mannschaft einberufen worden:
Kriegsreserve, Landwehr ersten und zweiten Aufgebots, ja lngst schon nicht mehr
dienstfhige und sehr strapazirte Invaliden. Da rstet sich nun Alles, diesem
Rufe Folge zu leisten, und erscheint zu Fu und zu Wagen. Einige Zeit nach der
angegebenen Stunde sind dann die hinteren Zimmer auch glcklich mit Menschen
vollgepropft, und die vorderen fllen sich nach und nach ebenso an. Man
becomplimentirt sich, man stt einander, man tritt sich auf die Hhneraugen,
man kann nicht zu einer hbschen Frau gelangen, denn sie ist von einem Kreis von
Vaterlandsvertheidigern umgeben, und wenn man endlich glaubt, durchbrechen zu
knnen, wird man von einem langweiligen Kerl zurckgehalten, der durch die
hinten Stehenden fast auf uns hinaufgeschoben wird, der mit stets offenem Munde
spricht, uns bestndig in gelinder Anfeuchtung erhlt, und der, ehe er sich in
eine Unterhaltung mit Jemand einlt, auf alle Flle vorher ein strkeres Parfm
sich htte aufgieen sollen.
    In einem der hinteren Zimmer sitzt die corpulente Hauswirthin in
schwitzender Selbstwonne, zhlt unruhig die Hupter ihrer Lieben und denkt mit
Wallenstein:

- - - - - - - - - - - - - - - So Vielen
Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
Und setzen, wie auf eine groe Nummer,
Ihr Alles auf dein einzig Haupt, und sind
In deines Glckes Schiff mit dir gestiegen.
Doch kommen wird der Tag, wo diese Alle
Das Schicksal wieder aus einander streut;
Nur Wen'ge werden treu bei dir verharren.
Den mcht' ich wissen, der der Treuste mir
Von Allen ist, die dieses Lager einschliet.
Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
Der an dem nchsten Morgen mir zuerst
Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen.

    Whrend dem steht der drre Gemahl im altmodischen schwarzen Frckchen an
der uern Zimmerthre und freut sich, wie ein Kind auf die
Weihnachtsbescheerung, ber jeden Neuangekommenen. Rechts und links streckt er
die Hnde zum sanften Drucke aus, whrend er einem Dritten zuwinkt und zu einem
Vierten sagt: Ei, Sie kommen sehr spt, Herr Hofkapellmeister.
    Letzterer ist aber offenbar der Klgste, denn zu einem solchen Th dansant
in einem stillen Brgershause frh zu kommen und spt zu gehen, dazu gehrt mehr
Heldenmuth als mancher Mensch besitzt. Hat man erst einmal seine Pflicht gethan,
der Frau vom Hause ein Compliment gemacht, hat sich darauf wieder wie ein Krebs
zurckgezogen - eigentlich ein schlechter Vergleich, denn ein Krebs braucht
nicht rckwrts zu schauen und luft behaglich im khlen Wasser, whrend an dir
sehr unbehaglich das Wasser herunter luft und du jeden Augenblick hinter dich
sehen mut, um nicht die Perle irgend einer Rangklasse umzurennen - so kann man
sich ja das Uebrige am andern Morgen von einem Freunde, der bis zum Ende
geduldet und gelitten, der Morgens frh um drei Uhr, an allen Gliedern wie
gerdert, der Hausfrau zum Abschied die Hand gekt und ihr versichert hat, da
er lange keinen so charmanten Abend verlebt, erzhlen lassen, kann da behaglich
den Bericht anhren, wie der Andere die Tanzmusik noch von ferne gehrt, den
Thee und manches Andere von Nahem gerochen, das Backwerk gesehen und das Souper
geahnet habe.
    Aber auch die Gastgeberin fand nicht ihre Rechnung bei der Sache, keine
Belohnung fr die aufgewendeten groen Kosten: ihr Sohn, der angehende
Referendr, hat umsonst der Tochter des Prsidenten den Hof gemacht; ihre beiden
Tchter waren vergeblich in der glnzendsten Toilette erschienen, in ganz neuen
blauen und rosa Bargekleidern; einige junge Leute, fr welche man diese Fallen
gestellt, waren nur tndelnd um dieselben herum geflogen, keiner hatte sich die
Flgel am Strahlenlicht ihrer Augen verbrannt, - und Friederike war doch schon
seit vier Jahren beinahe Zwanzig vorber und ihre Schwester Louise ein paar
Monate lter. Auch schien der Hausherr verdrielich ber die groen
aufgewendeten Kosten und legte den Fascikel Th dansant vom vierten, seufzend
zu seinen Haushaltungsrechnungen. Sein Chef und Kanzleidirektor hatte ihm nicht
die gehrige Aufmerksamkeit erwiesen, und die Frau des Ministers war nur einen
Augenblick da gewesen, hatte sogar zwei und ein halbes Mal geghnt und ber
ungeheure Fatigue geklagt, als sie sagte, sie msse heute Abend noch in eine
andere Soire fahren, zur Baronin Schnabilinsky. - -
    Das hat man nun Alles hinter sich; man will keinen Th dansant mehr
veranstalten, man will auch nicht zurckgreifen zu den langweiligen
Theegesellschaften, und da taucht einem erfindungsreichen Kopfe die Idee auf,
lebende Bilder zu stellen; es ist das eine schne Abwechslung und ein
vielversprechendes Vergngen. - Aber wie es dem armen Menschenkinde so oft geht:
er sieht nur die Auenseite, ohne sich um die Schattenpartien zu bekmmern.
    Wir knnen ein Wort darber mitsprechen, geneigter Leser, denn wir kennen
das Kapitel lebender Bilder, wir haben dieses Vergngen durchgekostet und
genossen in allen seinen betrbenden Einzelheiten. Wir haben in lebenden Bildern
mitgewirkt in der unschuldigsten und angenehmsten Art derselben, wo sie harmlos
improvisirt waren, wo eine einfache Stubenthre das Proscenium bildete, wo
vorhandene Shawls, Tcher, Hte, Hauben, Mntel und Mantillen die ganze
Garderobe ausmachten.
    Wir haben das ferner mitgemacht, wo in groen reichen Husern appart eine
Bhne aufgeschlagen wurde und Costme eigens fr diesen Abend gemacht waren, wo
renommirte Knstler die Tableaux arrangirten und wo nichts gespart war an
Dekorationen und Gewndern.
    Wir haben endlich mitgewirkt an der Auffhrung lebender Bilder in groen
ffentlichen Lokalen, wo keine Einladungen stattfanden, wo die Zuschauer sich
Billete kauften und wo die Einnahme fr einen guten Zweck bestimmt war; wir
haben dabei die traurigsten Erfahrungen gemacht, haben dabei gesehen, welch'
unendliche Schwchen das Menschengeschlecht hat, wie Wenige unter ihnen wirklich
einer guten Sache zulieb, die man vorschiebt, etwas thun, wie das eigene Ich
berall selbstschtig hervorbricht, wie ein armer Unternehmer von dergleichen
Geschichten bestndig am Rande des tiefen Abgrundes hintaumelt, in welchen er
hinein strzen und sich auf's Allerhchste blamiren kann, weil Madame oder
Frulein A. am Tage vor der Auffhrung absagen lt, da ihr die Rollen nicht
brillant genug sind, den andern Abend aber dafr in ihrer Loge sitzt und die
schrfste Kritik bt; weil ferner die Madame B. die Madame C., D. und F. dir
abwendig macht, da auch Mamsell Y. und Z. mitwirken sollen, die, Beide einer
anderen Rangklasse angehrend, nicht wrdig genug befunden worden sind, neben
den Reichern und Vornehmern fr die leidende Menschheit zu wirken. Man kann es
Jenen eigentlich auch nicht bel nehmen, da sie sich zurckziehen, denn es
knnte da ja der traurige Fall eintreten, da eine der Rangklasse nach
geringere, in Wahrheit aber vielleicht viel bessere und edlere Mitwirkerin bei
den lebenden Bildern einen Tag nach der Auffhrung es wagen wrde, die andere
eines freundlichen Grues zu wrdigen und ihr dergestalt an ihrem Credit
schadete bei Vettern, Nichten, Basen und Muhmen, ja bei der ganzen
hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandtschaft. -
    Einer kleinen Andeutung des oben Gesagten konnten wir uns nicht enthalten,
denn es wird gewi auch anderswo zuweilen mit hnlicher Lieblosigkeit verfahren,
einer Lieblosigkeit der sogenannten bevorzugten Klassen gegen andere, die in
ihren Aeuerungen so sehr nachhaltig und verletzend, ja die im Stande sein kann,
Zukunft und Lebensglck zu untergraben, die sich nicht in einer einzelnen
Mihandlung gegen den Nebenmenschen Luft macht, sondern die ein schwaches
Gemth, wie es deren ja viele gibt, durch fortgesetzte Qulereien und
Nadelstiche zu Tode martert. Es ist das ein Kapitel, welches in keiner
Sklavengeschichte fehlen darf, und das auch in Onkel Tom's Htte vorkommen
wrde, wenn es dort brgerliche Rang- und Klassenunterschiede gbe, und wenn
sich in Amerika eine schwarze Kommerzienrthin zieren wrde, mit einer
Gleichgefrbten am nmlichen Tische ihren Thee zu nehmen, weil sie selbst
vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehilfen ist, whrend der Vater dieser
vielleicht noch im gegenwrtigen Zeitpunkte seine Kunden einseift. - Darin sind
die Schwarzen glcklicher, denn sie kennen keine Standesunterschiede und haben,
wenn auch gleiche Leiden, doch in dieser Beziehung auch gleiche Freuden, wogegen
bei uns freien Weien neben der groen Peitsche, die das allgemeine Schicksal
ber uns schwingt, noch so viele Peitschen um unsere Ohren sausen, deren Schlag,
heimtckisch und aus dem Dunkel nach uns gefhrt, viel schmerzlicher ist als der
Schlag der groen Zuchtruthe. Diese Schlge aber, geliebter Leser, sind
unsichtbar wie die gewissen zauberhaften Ohrfeigen, und es wre gar zu komisch,
wenn es auf einmal mglich gemacht wrde, all' die kleinen Geieln zu sehen, die
ein Mensch gegen den andern schwingt. Das wre erstaunlich amusant, wenn du zum
Beispiel bemerken knntest, wie jener Mann, der dir so theilnehmend erzhlt, man
habe von dir ausgesagt, du httest neulich diese oder jene Schlechtigkeit
begangen, aber es sei eine niedertrchtige Verleumdung, und er selbst wisse das
ganz genau, - wie er bei diesen Worten seine kleine Peitsche schwingt und dich
recht absichtlich tief in's Herz trifft. - Ja, in der That, wir wten nicht,
was wir um den Anblick geben wrden, unsere lieben Nebenmenschen so auf einmal
zu sehen bei Spaziergngen, in Gesellschaften, im Theater, bei
freundschaftlichen Mittagessen, Alle in gegenseitiger Prgelbeschftigung, Alle
mit langen und scharfen Geieln in der Hand. Aber es ist doch besser, wenn sie
unsichtbar bleiben, denn es wrde der geneigte Leser auch wahrnehmen, wie wir,
seine harmlosen und ganz unterthnigsten Erzhler, zuweilen eine tchtige Schnur
an unsere Feder binden, um rechts und links um uns zu hauen, zur Belustigung der
Unparteiischen, aber auch zur Strafe unserer Weien Sklavenbesitzer.

                          Neunundzwanzigstes Kapitel.



                          Eine Probe lebender Bilder.

Der Kommerzienrath Erichsen hatte in seinem Namen und in dem seiner Frau die
nothwendigen Einladungen besorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der
Residenz freundlichst gebeten, sich zu einer ersten vorbereitenden Probe
lebender Bilder an einem gewissen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu
wollen. Das Gercht von diesen Einladungen hatte in den betreffenden Kreisen
keine kleine Aufregung hervorgebracht. Manche Dame, die wohl erwarten konnte,
zur Auffhrung eingeladen zu werden, hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf
ein an sie gerichtetes Gesuch zur Mitwirkung und schrak bei jedem Tone der
Klingel zusammen, ob der ersehnte Bediente nicht erscheine. Manch' schchterne
Frage an das Schicksal, das heit in diesen Fllen an die Mutter und den
Spiegel, wurde gethan, ob es denn wohl mglich sei, da ausgeschlossen zu werden,
wo die Erwhlten sich in schnen Stellungen und noch schneren Costmen vor der
ganzen Gesellschaft zeigen werden.
    Der Kommerzienrath war der Erste, der seit langen Jahren wieder die Tableaux
in Aufnahme zu bringen versuchte, und man bemerkte deutlich an so Vielem, da
diese Idee eine zeitgeme sei. Man hofirte dem alten Herrn, noch mehr aber der
finsteren Rthin auf die auffallendste Art von der Welt; es kamen Besuche ber
Besuche und dehalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha, der Bediente
nicht von der Hausthre hinweg. Im Theater schmachtete man im ganzen zweiten
Range nach der Loge des Banquiers, wie es der gesammte Adel im ersten Range bei
festlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majestt zu machen pflegt. Der
Kommerzienrath war in diesem Augenblicke nicht blos der Knig der Brse, er war
auch der Knig seiner Gesellschaft, und wenn er in seine Loge trat, so zuckte es
rechts und links von den Sthlen empor; mancher lange Hals von der Weie eines
Schwans und der Kehlengelenkigkeit einer Gans that das Uebermgliche, um sich um
einen neidischen Pfeiler herum biegen zu knnen. Unternehmende Beamtentchter
der Kommerzienrthin gegenber bemhten sich auf's Auffallendste, ihre
krperlichen Reize in's beste Licht zu setzen; sanfte Blondinen sttzten sich
schchtern und melancholisch auf den Arm und schlugen in unnachahmlicher
Weichheit zuweilen die Augen auf, um ihre Qualifikation zu irgend einer Heiligen
oder gar zur Himmelsknigin darzuthun. Andere mit blitzenden Augen und vollen
schwarzen Haaren sahen verwegen ber die linke Schulter irgend einen
zusammengehockten Rechnungsrath an, als fhlten sie die Kraft einer Judith in
sich und shen sich vielleicht veranlat, nchstens ihrem stillen Nachbar den
Kopf abzuschlagen.
    Arthur hatte brigens whrend dieser Zeit zu Hause mit Mama bedeutende
Kmpfe zu bestehen. Die Costmfrage war glcklicher Weise zu Gunsten des
Theaters entschieden worden, und sogar mit Beihilfe einer alten geizigen
Oberregierungsrthin, die von Adel war, wenn gleich etwas zweifelhaftem, dabei
drei eingeladene erwachsene Tchter besa, und die frmlich vor dem Gedanken
zurckschauderte, denselben Costme machen zu lassen.
    Was aber die Einladungen betraf, so konnte der Maler zu seiner groen
Verzweiflung hierin nicht den Sinn der Mutter ndern. Er hatte natrlicher Weise
die schnsten Frauen und Mdchen aufgeschrieben, sowie Mnner von guten
Gestalten und interessanten Kpfen; die unbeugsame Mutter aber verfuhr streng
nach dem Gesetz: sie fing oben bei ihrer Rangliste an, und da die gelben Tchter
des Kanzleidirektors begreiflicher Weise vor der schnen, jungen Sekretrsfrau
und vor den reizenden Tchtern des Postmeisters kamen, so wurden jene zur
Auffhrung eingeladen, diese aber zum Zusehen verdammt.
    Der verhngnivolle Tag der ersten Probe kam so heran; Arthur hatte den
grten Saal des vterlichen Hauses dazu eingerichtet, indem er vorn auf
verschiedenen Staffeleien die auserwhlten Bilder aufstellte, im Hintergrunde
aber eine kleine Estrade errichtet hatte, worauf probirt werden sollte. Der
Kommerzienrath hatte sich von dieser Probe zu entschuldigen gewut - er war auch
in Wahrheit gnzlich berflssig, und die alte Dame verstand, wie wir wissen,
auch ohne ihn das husliche Scepter zu schwingen. Sie sa steif in ihrer
Sophaecke; ihr hartes Gesicht war noch ernster als sonst, und wenn man die
finster herabgezogenen Augenbrauen betrachtete, so bemerkte man, da sich die
Dame in keiner freundlichen Gemthsstimmung befand.
    Auer dem alten Herrn war so ziemlich die ganze Familie versammelt; Marianne
sa wie damals neben ihrer Mutter in der anderen Ecke des Sopha's; Alfons, der
Schwiegersohn, ging mit den Hnden auf dem Rcken im Zimmer auf und ab, und die
beiden Shne des Hauses, Arthur und Eduard, standen neben einander am Fenster.
Ueber Alle aber schien sich ein verdrielicher Geist niedergelassen zu haben.
    Die Kommerzienrthin hatte in den letzten Tagen mancherlei Aerger erlebt,
ihre Schwiegertochter war mrrischer und unaufmerksamer gegen Mann und Kinder
als je gewesen, und Alfons hatte ebenfalls mit seiner Frau einige heftige
Scenen, die lebenden Bilder betreffend, gehabt. Er erklrte es nmlich fr
unpassend, da sie selbst mitwirke, hatte auch unter Anderem gesagt, er finde
diese Tableauxgeschichte durchaus nicht anstndig und begreife nicht, wie Mama
dergleichen arrangiren mge; er fr seine Person werde sich wohl hten, in
irgend einem Bilde mitzuwirken; - wofr ihm Arthur brigens sehr dankbar war; -
auch halte er es fr unschicklich, hatte er ferner gemeint, mit jungen Mnnern
oder auch mit jungen Damen in so vertrauliche Gruppen zusammen zu treten, wie es
so hufig die Bilder erforderten. Die Kommerzienrthin hatte darauf ziemlich
heftig zu Gunsten ihrer Soire gesprochen, doch war immer von diesem
ausgestreuten Samen ein Krnchen bei ihr aufgegangen, welches von einem dem
Hause befreundeten Geistlichen genhrt wurde, der unter Anderem mit
niedergeschlagenen aber dabei verdrehten Augen nur ganz ergebenst darum gebeten
hatte, keine Heiligenbilder oder Darstellungen aus der heiligen Schrift zu
whlen.
    Arthur stand, wie gesagt, bei seinem lteren Bruder am Fenster, und wenn
auch letzterer angelegentlich auf die Strae zu blicken schien, so warf er doch
zuweilen verstohlener Weise einen Blick in die hinterste Ecke des Zimmers, wo
seine Frau in einem Fauteuil lag, die Fingerspitzen beider Hnde an einander
hielt und sehr beruhigt an den winterlichen Himmel hinauf blickte. Eduard schien
dagegen wie oft sehr aufgeregt.
    Du kannst dir nicht denken, sagte er leise zu seinem Bruder, wie diese
Frau es versteht, mich zu plagen und zu qulen. Ich will nichts davon sagen, da
sie mir tglich ein finsteres, mrrisches Gesicht macht, so da ich es im ganzen
Jahre ohne Anstrengung behalten kann, wenn sie mich einmal heiter anblickt, -
aber ihre Gleichgiltigkeit gegen mein Haus, gegen ihre Geschfte als Frau, ja
gegen meine Kinder ist oft wahrhaft emprend!
    Arthur zuckte die Achseln. Euch Beiden ist schwer zu helfen, sagte er.
    Das sehe ich leider Gottes ein. Aber soll ich denn diese Geschichten ewig
ertragen? - Ich mag nach Hause kommen, wenn ich will, so finde ich Ursache zum
Klagen und zum Streit.
    Du nimmst auch Alles zu genau.
    Ich nhme Alles zu genau! erwiderte Eduard vorwurfsvoll; ich mchte dich
sehen, wenn du an meiner Stelle wrest! Du weit zum Beispiel, wie sehr ich auf
Ordnung in meinem Schreibzimmer sehe.
    Ja, ja; darin hat ja deine Frau nichts zu thun und kann also nichts in
Unordnung bringen.
    Sie geht selbst auch nicht hinein; aber sie lt meine Papiere, meine so
zierlich aufgestellten Sachen den Kindern zum willkommenen Spielzeug.
    Das ist freilich arg.
    So komme ich denn gestern nach Hause; sie ist in ihrem Salon, unsere Mgde
halten Kaffeegesellschaft im Hinterzimmer, mein Herr Sohn und meine Frulein
Tochter beschftigen sich gerade damit, aus ganz wichtigen medizinischen
Gutachten, die ich da liegen habe, Dten zu schneiden, in welchen sie meinen
feinen Tabak und Streusand unter einander mischen, um sich einen Laden zu
arrangiren. Dazu haben sie meine Pfeifen von den Gestellen herabgenommen, ein
paar sind schon zerbrochen, und ich komme noch gerade recht, um greres Unheil
zu verhten.
    Da wrde ich in Zukunft mein Schreibzimmer abschlieen und den Schlssel
bestndig bei mir tragen.
    Allerdings htte ich vielleicht dort Ruhe, aber um nicht den ganzen Tag
Ursache zum Aerger vor mir zu sehen, mte ich schon das ganze Haus abschlieen
und Niemand darinnen lassen als mich und meine Kinder. Du hast gar keine Idee
davon, Arthur, was diese Frau fr ein Talent zur Unordnung besitzt; es ist dies
ein wahres Talent zu nennen und wre unter anderen Bedingungen erstaunenswerth.
Sie schliet keine Thre und kein Fenster, sie legt keinen einzigen Gegenstand
an den gehrigen Platz; lt sie sich einmal herab, dem Hund sein Futter zu
geben, so bekommt er dasselbe in irgend einer meiner kostbaren japanischen
Tassen; zieht sie eine Uhr auf, so sprengt sie entweder die Feder oder
verwickelt die Ketten in einander. - Nun, von ihrer Toilette will ich gar nicht
sprechen, das hast du ja vor Augen und wirst es mir dehalb glauben. Betrachte
sie ein einziges Mal, ob der Anzug, den sie trgt, vollkommen zu einander pat!
Ich wette hundert gegen eins, da dir eine ganze Menge Unordnungen beim ersten
Anblick in die Augen springen werden. - Siehst du, Arthur, und das macht mich
unaussprechlich elend; ich befinde mich den ganzen Tag in einer krankhaften
Aufregung.
    Wodurch du aber die Sache nicht besser machst, entgegnete der Maler. Eben
diese krankhafte Aufregung ist schuld, da du wie ein Falke nach Allem sphst
und gewissermaen froh bist, wenn du etwas findest, was dir gestattet, diese
Aufregung explodiren zu lassen.
    Nein, gewi nicht.
    Was du mir da Alles erzhlt hast, sind an sich nur Kleinigkeiten; aber
obgleich ich mir wohl denken kann, da sie dich auf's Tiefste verstimmen, wenn
sie bestndig vorkommen, so solltest du dir doch einmal fest vornehmen, dich
dadurch nicht zum Zorn hinreien zu lassen, sondern ruhig und bestimmt das zu
sagen, was du sagen willst, dann dich auf dem Absatz umzudrehen und deiner Wege
zu gehen.
    Du hast Recht, lieber Arthur, versetzte seufzend der Bruder. Wenn ich das
nur knnte! Aber ich bin es nicht im Stande; wenn ich zu Hause nur einen
einzigen Menschen htte, der es mit mir hielte, der mich untersttzte! Aber ich
versichere dich, bis auf die Kinder hinab komplottiren sie gegen mich. - Und
erst unsere Dienerschaft! Die handelt vollkommen nach dem Beispiel von Madame. -
Unordnung und Gleichgiltigkeit vornen und hinten.
    Aber denen kannst du doch befehlen.
    Ich befehle auch, um von ganz gewhnlichen Dingen zu reden, da zum
Beispiel meine Kinder Punkt acht Uhr jeden Morgen ihren Kaffee haben sollen, und
zwar an einem bestimmten Tische; ich setze es nicht durch, Gott bewahre! Eins
wird im Bett gefttert, das andere verzehrt sein Frhstck auf dem Waschtisch,
und ich bin schon dazu gekommen, da Oskar in aller Gemthlichkeit sein Brod in
das Seifenwasser tunkte und dann aufa. Sollen Einem da nicht die Haare zu Berge
stehen?
    Arthur zuckte beistimmend die Achseln.
    Du weit, ich will immer um ein Uhr zu Mittag speisen, fuhr Eduard fort;
aber ich bringe es nicht dahin. Bald will sie Nachmittags etwas vorhaben, und
es steht dann die Suppe schon nach zwlf Uhr auf dem Tisch, bald ist es Zwei und
ich mag klingeln wie ich will, es erscheint Niemand. - Das sind freilich Alles
keine groen Sachen, aber es ist viel schlimmer als ein schweres Unglck, das
uns betrifft und mit einem Mal zu Boden schlgt, - es martert uns mit
bestndigen Nadelstichen zu Tode.
    So wird also deinen Befehlen nicht Folge geleistet, und wenn du hie und da
eine Scene auffhrst, was nicht selten bei dir vorkommt -?
    So habe ich selbst den Schaden davon. Madame zieht bei dem leisesten Wort
ein Gesicht und sagt mir whrend vier Wochen nicht die Tageszeit, ich bin in
meinem eigenen Hause wie die reine Gottesluft, ich existire als Gegenstand fr
Niemand - man sieht mich gar nicht an. Und das zu ertragen bin ich einmal nicht
im Stande!
    Und dehalb bist du der Erste, der wieder gute Worte gibt! sagte Arthur
mit leisem Tone.
    Was soll ich machen? - Ich kann solch' ein Leben zu Haus nun einmal nicht
ertragen. Du hast gar keine Idee davon, was es heit, so ein finsteres Gesicht
vor sich zu sehen. Morgens vom Aufstehen, bis Abends, wo man zu Bette geht, kein
Zorn, kein Aerger, der sich dem meinen entgegensetzt, nein - nein, eine
unheimliche Gleichgiltigkeit, die Schwle eines Gewitters, das nicht zum
Ausbruch kommt, das keine wohlthtigen Blitze herabsendet, welche die Luft
reinigen, und bei dem man nur in der Ferne ein gelindes Donnern hrt. -
Letzteres besorgen an solchen Tagen meine freundlichen Dienstboten, die im
Verein mit Madame mich zu bestrafen trachten, indem sie meine Befehle schlecht
und mrrisch ausfhren, jeden Augenblick Glser und Schsseln hinfallen lassen
und die Thren zuschlagen, da Einem Hren und Sehen vergeht.
    Obgleich Eduard diese Schilderung seiner huslichen Sklaverei dem Bruder im
Tone des tiefsten Schmerzes machte, so konnte sich doch dieser eines kleinen
Lchelns nicht erwehren. - Es sind das allerdings Nadelstiche, sagte er, aber
du mut sie zu pariren wissen. Waffne deine Haut mit Geduld, tritt fest auf,
zeige deinen Frauenzimmern den Herrn, und wenn sie anfangen mit dir zu boudiren,
so zwinge dich, darber zu lachen und nimm die Sache ebenfalls gleichgiltig.
    Wie oft habe ich mir das schon vorgenommen! versetzte Eduard mit betrbtem
Tone; aber ich kann nicht. Ach! wie knnten wir so glcklich sein, wenn meine
Frau anders wre! Ich liebe sie immer noch wie damals, und wenn hie und da ihr
Gemth freudig ist und sich in ihrem Auge ein Sonnenstrahl zeigt, so bin ich der
glcklichste Mensch von der Welt, vergesse und vergebe Alles, trage sie auf den
Hnden und -
    Verderbe damit Alles, warf Arthur ein. - Aber ich habe gut predigen, wir
haben vom Vater das weiche Gemth, vielleicht ginge es mir gerade so. Du mut
dich in Geduld fassen.
    Ja, seufzte der Andere, ich mu mich in Geduld fassen. Aber wenn die
Geduld einmal bei mir zu Ende ist, wenn mein trostloses Hauswesen von keinem
Strahl der Freude mehr erhellt und wenn es rings um mich immer finsterer wird,
dann - - gibt es doch noch einmal ein grliches Unglck, setzte er mit ganz
leiser Stimme hinzu.
    Whrend dieser Unterredung, die am Fenster und natrlicher Weise nicht laut
gefhrt wurde, schien fr die Uebrigen ein Engel oder ein Polizeidiener, wie man
zu sagen pflegt, durch das Zimmer zu schweben, denn es sprach weiter Niemand;
nur die alte Dame machte hie und da einiges Gerusch, indem sie mit den Fingern
leicht auf dem Tische trommelte, was bei ihr jedoch immer als ein Zeichen
ziemlich bler Laune anzusehen war.

                              Dreiigstes Kapitel.



                       Gesellschaftliche Correspondenzen.

Um drei Uhr sollte die Probe beginnen, und man hatte bis dahin noch ungefhr
eine halbe Stunde Zeit.
    Der Bediente trat in das Zimmer und berreichte der Kommerzienrthin zwei
Briefe. Sie ffnete dieselben, las sie durch und reichte sie dann ihrem Sohne
Arthur.
    Hochverehrtheste Frau Rthin, hie es in dem einen; Sie werden
wahrscheinlich berzeugt sein, wie auerordentlich schtzenswerth und hchst
angenehm mir jede Ihrer freundlichen Einladungen ist. Dehalb kmpfte ich auch
bis heute, ja bis um diese Stunde, ehe ich den Entschlu fassen konnte, Ihnen
vorliegende Zeilen zu bersenden, mit denen ich Ihnen, hochgeschtzte Frau,
unter tiefstem Bedauern anzeigen mu, da es mir unmglich ist, in den lebenden
Bildern mitzuwirken. Natrlicher Weise knnen Sie verlangen, den Grund dieses
meines harten Kampfes und spten Schreibens zu erfahren; aber nehmen Sie es mir
nicht bel, werthgeschtzte Frau, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage. Es wurde
gestern nmlich gerchtsweise bei Obertribunalraths erzhlt, es sei durch Ihren
Herrn Sohn Arthur auch eine Einladung zu den lebenden Bildern an den Doktor F.
mit seiner Frau gelangt! - Wenn diese Leute auch hie und da in greren
Gesellschaften gesehen werden, so bin ich fest berzeugt, da Sie,
werthgeschtzte Frau, doch Anstand nehmen, sie zur Auffhrung lebender Bilder
einzuladen. In einer Soire kann man sich ausweichen, aber in einem Tableau -
meine Tchter befinden sich in unbeschreiblicher Aufregung und Angst. Denken
Sie, wenn es Ihrem Herrn Sohn, dem Herrn Maler Arthur, am Ende einfiele, die
Frau Doktor F. in einem Bild neben meine Julie oder meine Emilie zu plaziren!
Ich bin fest berzeugt, die Frau wrde darauf hin eine nhere Bekanntschaft
versuchen, und dafr mte ich - doch ganz besonders danken. Uebrigens bin ich
wie immer mit aller Freundschaft

                                      Ihre
                                                               Albertine Wasser,
                                                    verwittwete Tutelar-Rthin.

    Die Kommerzimrthin hatte, whrend ihr jngster Sohn las, jede Miene
desselben mit Ruhe aber groer Bestimmtheit betrachtet, ja, sie war mit ihrer
langen spitzen Nase seinen Augen gefolgt, wie sie auf dem Papier hin und her
liefen, und als bei Erwhnung des Doktors F. und Frau ein verchtliches Lcheln
ber seine Zge flog, drckte die alte Dame ihre Augenbrauen finster herab und
trommelte drohend und in einer unbeschreiblichen Taktart auf dem Tische.
    Nun? fragte sie streng, nachdem Arthur den Brief durchlesen und nun
lchelnd aufschaute. Was ist an dieser Geschichte?
    Sie kennen ja den Doktor F. und seine liebenswrdige Frau, erwiderte
Arthur, - einen meiner besten Freunde; sie wurden Ihnen durch mich
vorgestellt.
    Das wei ich; - aber die andere Geschichte!
    Sie machten mit Papa auch einen Gegenbesuch.
    Schicklichkeitshalber. Aber -
    Sie luden die Beiden im vergangenen Winter zu dem groen Th dansant ein,
fuhr der Sohn ruhig fort.
    Das that ich, entgegnete sehr ernst die Mama, erstens, weil ich auf deine
Bitten die Vorstellung geduldet, zweitens, weil sich die Leute, so lange sie
hier sind, nicht unanstndig aufgefhrt, und drittens, weil, wie die verwittwete
Tutelar-Rthin ganz richtig bemerkt - das bei einer groen Soire in der Menge
verschwindet.
    Aber F.'s waren auch spter noch einmal da, sagte Arthur, indem er den
Brief leicht auf den Tisch warf und die rechte Hand fest auf diesen sttzte -
eine Haltung, die Jemand annimmt, der zum ernstesten Widerstand entschlossen
ist.
    Die Nase der Kommerzienrthin erhob sich einen halben Zoll hher. Sie hrte
auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche, in das sie leise hinein hustete.
- Allerdings hast du Recht, fuhr sie darauf mit nicht weniger Ruhe fort, als
ihr Sohn; das geschah abermals auf deinen dringenden Wunsch und war eine ganz
kleine Gesellschaft, die ich mit groer Umsicht fr die F.'s ausgesucht. Dabei
war unter Anderem der Buchhalter deines Papa's nebst seiner Frau, dein - Freund
und Kollege, der Professor C. und hnliche Leute. - Aber die Geschichte, die in
dem Briefe angedeutet ist, wie ist es damit?
    Doktor F. wurde mit seiner Frau von Ihnen zum Zusehen eingeladen, ist also
doch einmal von der Gesellschaft. Da ich nun die Frau in einem der Bilder sehr
gut brauchen kann, fuhr Arthur in sehr entschiedenem Tone fort, so bat ich ihn
ebenfalls zur Probe. - So ist die Geschichte, und also hat die verwittwete
Tutelar-Rthin Recht.
    Ah! machte die alte Dame, und ihre Augen schoen ein paar Blitze auf den
ungerathenen Sohn. Sie ergriff darauf abermals ihr Taschentuch und hustete
strker hinein als frher. Dann brachte sie ihre rechte Hand wie vorhin auf den
Tisch und begann ihr Trommeln von Neuem. Diesmal aber war es unverkennbar der
Rhythmus eines Sturmmarsches.
    Einen Augenblick schaute sie alsdann fragend im Kreise umher, als wollte sie
jeden Einzelnen auffordern, ber diese unerhrte That einige mibilligende Worte
zu sagen.
    Aber Alle schwiegen; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite, lchelte
fatal und sagte: Das httest du nicht thun sollen, Arthur.
    Und warum nicht? fuhr dieser auf.
    Weil die F.'s nun einmal nicht zu unserer - Gesellschaft gehren.
    Sie sind uns vorgestellt, sie kommen in unser Haus!
    Aber sie haben nicht das Recht, eine Einladung zu prtendiren; sie sind nur
geduldet, meinte Alfons, whrend er seine Brille nher an die Nase drckte.
    Und wehalb sind sie blo geduldet? brauste der Maler strker auf. Wer
hat das Recht, den Doktor F., dessen Name, ja dessen kleiner Finger mehr werth
als zwei Dutzend Rthinnen mit ihrem Anhang, nur zu dulden? Wer kann sich
unterstehen, dieser braven Frau gegenber von Duldung zu sprechen? - einer
ehrbaren, verstndigen, musterhaften Frau, in jeder andern Stadt eine Zierde der
Gesellschaft.
    Und eine schne Frau, sagte Alfons hhnisch.
    Ja wohl, eine schne Frau, Alfons! rief der Maler. Das wirst du, wie ich
mich erinnere, ganz genau wissen, und ebenso kannst du mir am besten beistimmen:
eine brave und tugendhafte Frau. - Nicht wahr, Alfons, davon -
    Er wollte sagen: davon hast du einstens Beweise erhalten, aber er
bemeisterte sich glcklicherweise, doch wohl nur, weil er einem bittenden Blick
seiner Schwester Marianne begegnete.
    Was ist es denn eigentlich mit dieser Frau? fragte die Schwiegertochter
der Kommerzienrthin von ihrem Fauteuil aus, ohne aber ihre Lage dabei im
Geringsten zu verndern.
    Das will ich dir sagen, Bertha, fuhr der Maler fort. Wir sind ja hier
unter uns.
    Stille! rief die Kommerzienrthin. Nach deinen heftigen Reden von vorhin
zu schlieen, bitte ich mir aus, da du es unterlt, diesen Punkt vor den
beiden Frauen zu errtern. Ueberhaupt gehrt das nicht hierher, und ich mchte
mir fast erlauben, den Papa herauf rufen zu lassen, um mich mit ihm zu
besprechen, was in diesem eigenthmlichen Falle zu thun wre.
    O, dazu brauchen Sie nicht den Papa, erwiderte Arthur nicht ohne
Beziehung; Sie werden schon selbst einen Entschlu fassen, Mama. Aber Sie
wissen um die Sachlage; ich habe den Doktor F. mit seiner Frau nun einmal
eingeladen, er wird in einer Viertelstunde da sein. Haben Sie nun vor, etwas
gegen ihn zu thun und mich so zu compromittiren, so verlassen Sie sich darauf,
da ich mich nicht scheuen werde, die Sache Jedermann zu erzhlen, der sie hren
will!
    Whrend die Kommerzienrthin, ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten,
mit sich zu Rathe ging, was hier zu beschlieen sei, nherte sich der arme
Eduard seiner Frau; er hatte schon vorher alle Versuche gemacht, einen
freundlichen Blick von ihr zu erhaschen, aber sie schien heute nun einmal fr
nichts Anderes Sinn zu haben, als fr den grauen winterlichen Himmel, den sie
mit der grten Aufmerksamkeit betrachtete. Jetzt aber, wo sie auf ihre Frage
von vorhin keine Antwort erhalten, schien es dem unglcklichen zuvorkommenden
Ehemann die passendste Gelegenheit, seiner mistimmten Frau einige
Aufmerksamkeit zu widmen.
    Er nherte sich dem Fauteuil und sagte leise: Du hast vorhin wissen wollen,
was es mit den F.'s fr eine Bewandtni habe, und wehalb man sie nicht gern in
die Gesellschaften ziehe?
    O, es ist mir ganz gleichgiltig, wenn ich es auch nicht wei, entgegnete
Madame.
    Aber du fragtest ja darnach! sprach Eduard eifriger.
    Ja, wie man so fragt.
    So will ich es dir sagen, flsterte er. Den Doktor F. kennst du ja - er
ist einer unserer geschicktesten und talentvollsten Aerzte, noch sehr jung, hat
aber schon eine sehr groe Praxis.
    Allerdings grer als die deinige, entgegnete die liebenswrdige Frau.
    Eduard bi sich auf die Lippen, bemeisterte sich aber und fuhr ruhig fort:
Der Vater der Doktorin ist ein unbedeutender Rechnungsbeamter - eine arme aber
brave Familie. Doch ist ein Fehltritt vorgekommen, - - mit ihrem jetzigen Manne
natrlich. Die Sache konnte nicht verheimlicht werden, denn ihr ltestes Kind
kam etwas frhzeitig auf die Welt.
    Das ist die ganze Geschichte?
    Das ist Alles, was man der Frau nachsagen kann, denn sonst ist sie ein
Muster von Ordnung, liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder auf's
Sorgfltigste.
    Unbegreiflich! entgegnete hierauf Madame, und im Gegensatz zu dem soeben
gefhrten Gesprch mit so lauter Stimme, da man es deutlich im ganzen Zimmer
hren konnte. - Das kommt ja zuweilen vor; ist denn nicht eurer Cousine Emma,
der jetzigen Hauptmnnin S., ganz die gleiche Geschichte passirt?
    Nun ja; sprich doch leise!
    Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht; die kommt ja nach wie vor
in alle Gesellschaften, sagte Madame noch lauter.
    Die Kommerzienrthin war bei diesen Worten heftig zusammengeschreckt, sie
hustete und trommelte abwechselnd und war schon im Begriffe, ihrer
Schwiegertochter eine passende Antwort zuzuschleudern, doch fragte Arthur in
diesem Augenblicke ziemlich gelassen:
    Nun, Mama, was beschlieen Sie wegen - dieser Geschichte? Die Zeit drngt;
wir haben nur noch einige Minuten Zeit, und ich bin berzeugt, da Doktor F.
sehr pnktlich sein wird.
    Das glaube ich auch, versetzte Alfons hhnisch lachend. Solch eine
Gelegenheit kommt nicht sobald wieder.
    Die Kommerzienrthin hatte ihren Entschlu gefat. Sie trommelte noch leise
auf den Tisch, da es klang wie ein dumpfer entfernter Donner. Dann sagte sie:
Die Sache ist nun einmal geschehen, und kann ich, ohne den Anstand des Hauses
zu verletzen, nichts mehr daran ndern; ich will dich also vor den Leuten nicht
blostellen, dagegen sei es deine Aufgabe, die F. uerst wenig in den Bildern
zu beschftigen, vielleicht nur in einem, wozu ich selbst mit Sorgfalt die
anderen Personen aussuchen werde. Und dieses Bild, worin sie plazirt werden
soll, wird alsdann in der Auffhrung begreiflicherweise nicht gestellt; du hast
das also dem Doktor F. zu unterbreiten und ihn zu veranlassen, bei der
Vorstellung nicht unter den Mitwirkenden zu erscheinen. Wie du es anfngst, ist
deine Sache; mge es dir recht schwer werden, denn die Voreiligkeit, die du
begangen, verdient ihre Strafe!
    Arthur kannte seine Mutter und wute, da vorderhand eine Erwiderung zu
nichts fhren wrde. Er trat an das Fenster zu Eduard und zeichnete gedankenvoll
mit seinem Nagel eine frchterliche Fratze auf die angelaufene Scheibe.
    Hast du was mit - der Wasser gehabt? fragte Eduard.
    Nein, entgegnete Arthur, aber ich mag die Familie nicht, das wissen sie
wohl. Ihre Tchter, die aufdringlichen Schneegnse, hassen mich ganz besonders;
ich htte sie einmal zeichnen sollen, habe mich jedoch fr diese Ehre bedankt.
    Wehalb hat denn die Tutelar-Rthin die Doktorin F. so grimmig?
    Das ist sehr einfach; es hat der Wasser selbst die grte Mhe gemacht, in
den Kreisen der Gesellschaft, wo sie jetzt gelitten ist, durchzudringen. Und das
mit einigem Recht, weil ber ihre Familie ein sehr rthselhaftes Dunkel schwebt
und weil sie eine boshafte, gallschtige kleine Person ist. Hauptschlich aber
dringt sie auf Ausschlieung der F., weil sie doch gar zu schlecht neben ihr
aussehen wrde. Denke dir die schne Doktorin und die kleine, halbverwachsene
Frau ohne alle Taille, mit ihrem gelben Teint und dem bsartigen Blick!
    Pfui, Arthur! sagte Eduard lchelnd, man sollte ja glauben, du seiest in
einer Kaffeegesellschaft. Wie kann man sich so ereifern! - Sei jetzt stille,
Mama hat ihren zweiten Brief gelesen und ihn Alfons bergeben. Er soll ihn
vorlesen, sagte sie; geben wir Achtung!
    Alfons nahm in der That das zweite Billet aus den Hnden seiner
Schwiegermutter und nach einem gebieterischen Kopfnicken von Seiten derselben
las er:
    Liebe Lotte! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten, es ist mir aber
wahrhaftig unmglich, davon Gebrauch zu machen. Wie sich wohl von selbst
versteht, wird dein Schwiegersohn, Herr Alfons, mitwirken, und da kann ich
meinem Sohn doch nicht zumuthen, mit von der fr uns so angenehmen Partie zu
sein. Du weit, da sie einige heftige Worte zusammen hatten, und obgleich sich
dein Schwiegersohn im grten Unrecht befand, so sah er sich doch bis heute
nicht veranlat, meinem Karl einige vershnliche Worte zu schreiben.

                    Sonst wie immer
                                                            deine treue Freundin
                                                                        Louise.

    Marianne hatte bei dem Vorlesen dieses Briefes die Lippen zusammengebissen,
Alfons zuckte nach Beendigung desselben mit den Achseln. Ich kann da nichts
sagen und thun, meinte er. Wenn Madame glaubt, ihr Herr Sohn habe Recht, so
kann ich mir das ruhig gefallen lassen; ich aber behaupte, er hat Unrecht, und
ich habe mir nun einmal vorgenommen, diese jungen Herren ihre Zudringlichkeiten
fhlen zu lassen.
    Und was hat denn der, von dem es sich handelt, so Schlimmes begangen?
fragte ernst die alte Dame.
    Auf dem letzten Balle, sagte Alfons sehr wichtig und ruhig, tanzte er mit
Mariannen zweimal. Ich hatte nichts dagegen; als er sie nun aber gar zum dritten
Male auffordern wollte, verbat ich mir das, und da erlaubte er sich einige
unpassende Bemerkungen, die ich ihm aber sehr passend zurckgab. Ich halte sehr
auf den Anstand, Mama, wie Sie wissen, und will nicht, da meiner Frau gegenber
etwas geschieht, worber die Leute die Nase rmpfen knnen.
    So etwas wird Marianne wohl schon selbst nicht thun, Herr Schwiegersohn,
erwiderte die Kommerzienrthin. Uebrigens sehe ich gar nicht ein, wie ein
dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines sehr befreundeten und sehr achtbaren
Hauses unanstndig sein knnte.
    Ich sehe das auch nicht ein, Mama, sagte die Tochter mit leiser Stimme.
    Das mag sein, entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen, indem er die
rechte Hand unter den Rock auf seine Brust steckte. Es mag sein, wiederholte
er bestimmt, da meine Begriffe von Schicklichkeit und Anstand etwas genau und
scharf ausgeprgt sind, aber ich halte sie einmal fest, wie ich sie fhle; und
man thut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig.
    Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tchtige Hndel zusammen,
flsterte Eduard dem Maler zu, worauf Arthur beistimmend mit dem Kopfe nickte.
    Und es sollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen sein, fuhr der Andere
fort, die sich mit seinen scharf ausgeprgten Begriffen von Anstand und
Schicklichkeit nicht gut vereinigen lieen.
    Ich war nicht da, entgegnete Arthur zerstreut.
    Nun, sagte Eduard, der junge Mann lie ein paar Worte fallen, die
Marianne tief verletzen mten, wenn sie dieselben erfahren htte. Es war das
bekannte Thema, da man Niemand hinter dem Busch suche, wenn man nicht selbst
stark seinen Aufenthalt daselbst genommen.
    Man kann sich denken, da nach dem, was soeben in der Familie vorgefallen
und was wir dem geneigten Leser erzhlt, die Gesichter der smmtlichen
Anwesenden durchaus nicht, wie man zu sagen pflegt, mit einem rosigen Schimmer
bergossen waren, vielmehr schien Eines noch dsterer und verstimmter als das
Andere. Doch gab es ein gutes Mittel dagegen, den Anfang der Probe nmlich und
das Erscheinen der ersten Gste.
    Es ist wahrhaft erstaunlich, was der Mensch Alles kann, wenn er will, und
wie sich hier, sobald man Schritte auf der Treppe hrte, die Zge Aller
aufheiterten, die Augen einen anderen Ausdruck erhielten, und die Gesichter mit
einem freundlichen Lcheln berstrahlt wurden. Bei Manchem gelang diese
Umwandlung zwar erst nach einiger Anstrengung, aber sie gelang doch. Die
Kommerzienrthin trommelte und hustete nicht mehr, Marianne sa sanft gegen sie
hingebeugt, als habe sie ihr irgend eine zrtliche Bemerkung in's Ohr
geflstert; ja Alfons, der eben noch so verstimmte Alfons, sttzte die rechte
Hand auf den Tisch, whrend die linke soeben erst von der Schulter seiner Frau
herabgeglitten zu sein schien. Es war das in Wahrheit eine rhrende Gruppe.
    Eduard hatte sich ebenfalls an den Fauteuil seiner Frau begeben und
flsterte ihr zu: Es kommen Leute, wie du weist, Bertha, mach doch ein
freundliches Gesicht und zeige wenigstens nicht vor der Welt deine ewige und
traurige Verstimmung!
    Arthur zuckte verstohlen die Achseln und dachte: Lat den Doktor F. und
seine Frau nur einmal bei der Probe gewesen sein, so wird das Andere sich schon
machen - worauf auch er eine heitere Miene annahm.
    Kurz es war erstaunlich, wie das ganze kommerzienrthliche Haus nun auf
einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit bot; Alle sahen aus wie das
personifizirte Wohlwollen gegen einander und gegen die uere Welt, und htte
die Kommerzienrthin ihren stechenden Blick und ihre lange spitze Nase verbergen
knnen, so wrde die Gruppe auf dem Sopha sogar eine liebliche gewesen sein.

                           Einunddreiigstes Kapitel.



                           Winterhalter's Decamerone.

Da ffnete sich die Thre und es erschien zuerst die Familie des
Oberregierungsraths von D., fr heute aus drei erwachsenen Tchtern bestehend,
die von einem emporgeschossenen, noch ziemlich grn aussehenden Bruder, der die
gegrndetste Hoffnung hatte nchstens zum Justizreferendr zu avanciren, in
Abwesenheit von Mama chaponirt wurden. Mama, eine gute, aber etwas dicke und
alte Frau, hatte nur eine Einladung zum Zusehen erhalten, wogegen der Vater
wegen seiner Amtsgeschfte unmglich erscheinen konnte.
    Wenn wir sagen, da Arthur die Tchter zur Ausftterung irgend eines dunkeln
Hintergrundes bestimmt hatte, so ist ihr Aeueres sattsam beschrieben. Was den
Bruder anbelangt, so war es schade, da keine Thierstcke gestellt wurden: er
htte in seinen unbeholfenen, schweren Bewegungen die Stelle eines jungen
Jagdhundes vortrefflich ausgefllt.
    Ihnen folgte in majesttischem Aufzuge die Familie des
Obertribunal-Prsidenten. Er, ein groer korpulenter Mann mit einem breiten
rothen Gesichte von etwas blutdrstigem Ausdruck, sie, scharf und schneidend im
Aeuern, in Reden und Bewegungen, konnte an seinem Arme sehr wohl als Symbol des
Schwertes der Gerechtigkeit dienen. Beider Sohn schritt hinter ihnen drein, eine
noch nicht vollkommen erklrte Gre, die sich ebenfalls dem Criminalistischen
zugewendet hatte, dem Aeuern nach eine schlechte Copie des Vaters und bei allen
jungen Damen sehr gefrchtet war, denn da er nichts Besseres zu reden wute, so
unterhielt er sich von seinen Gerichtssitzungen und erzhlte gern die
schauderhaftesten Mordgeschichten. - Die ganze Familie schritt uerst wrdevoll
daher, aufrechten Hauptes, steif und groartig, als erffneten sie den Zug
irgend eines zum Tode Verurtheilten.
    Glcklicherweise aber erschien hinter ihnen das wohlgenhrte freundliche
Gesicht eines jovialen Steuerraths mit Gemahlin, drei Tchtern und zwei Shnen,
und verwischte so das angedeutete traurige Bild. Der Steuerrath begngte sich
nicht mit einem stummen Kopfnicken, sondern er versicherte, da er sich schon
den ganzen Morgen ungeheuer auf die Probe gefreut habe, da er mitwirken werde,
es aber unter einem Adonis oder Apollo schon gar nicht thue, und da er ferner
hoffe, es komme auch irgend eine Rolle in einem Genrebild vor, wo er sich als
Fiedler auf dem Fasse auf's Prchtigste ausnehmen wrde.
    Er wrde noch mehr dergleichen vergngtes Zeug geschwatzt haben, doch
erschien jetzt sein Chef, der Obersteuerdirektor, ein noch nicht alter,
vornehmer Herr mit mehreren Ordensbndern und zwei blhenden Tchtern, bei deren
Anblick der Maler, der wieder ziemlich verdrossen nach seiner Fensterecke
zurckgekehrt war, ein freundlicheres Gesicht machte. Diesen beiden Mdchen
waren natrlicherweise Hauptrollen zugedacht, und sie wuten wohl, da sie hiezu
berechtigt waren. Sie begrten die Kommerzienrthin herablassend, Marianne
freundlich, die andern jungen Damen sehr oben hinber, und der junge Jagdhund,
sowie der blutdrstige Criminalist, die ein freundliches Wort anbringen wollten,
wurden gar nicht beachtet.
    Nach und nach kamen jetzt immer mehr der Eingeladenen, unter Anderem auch
der Bankprsident, ein bleicher, dicker Mann mit auerordentlich sprlichem
Haarwuchs, das heit auf dem Kopfe. Auf den Zhnen hatte er aber desto mehr, und
er war mehr wegen seiner auerordentlichen Grobheit als seiner Umsicht bei den
Geschften der Bank berhmt. Als vornehmerer Kollege des Kommerzienraths wurde
er von der Dame des Hauses durch ein Aufstehen vom Sopha geehrt und ihm gleich
ein Fauteuil untergeschoben, auf dem er sich auch niederlie, ohne in seinem
durch Nichts berechtigten unergrndlichen Hochmuthe die brige Gesellschaft
weiter eines Blickes zu wrdigen.
    Als die Kommerzienrthin vorhin aufstand, verband sie als kluge Frau dabei
das Angenehme mit dem Ntzlichen; denn nach dem Empfang des Bankdirektors begab
sie sich in das anstoende eigentliche Vorzimmer, um dort jene Klasse von Gsten
zu empfangen, die es nicht so recht wagten, in das Gemach vorzudringen, wo sich
die hchsten und allerhchsten Herrschaften des Honoratiorenstandes befanden.
    Auch Arthur folgte seiner Mutter in dieses Nebenzimmer, denn er wute, da
dort eine grere und angenehmere Auswahl fr die lebenden Bilder sein werde.
    Hier fand sich denn auch bald eine zahlreiche Gesellschaft zusammen, und
wuchsen auf dieser Schichte der menschlichen Gesellschaft, die um einige Grade
tiefer stand, schon anmuthigere Blumen als droben auf der Hhe bei der drren
Vegetation. Hier waren jngere Kaufleute mit ihren Frauen, versprechende
Beamtentchter, jngere Rthe und Rthinnen, und Alle lachten, plauderten und
summten vergngt durcheinander, whrend drinnen nur hie und da ein ernstes und
gemessenes Wort fiel.
    Dort fllte es sich aber auch nach und nach, denn es wanden sich immer noch
drre Tannen in Gestalt von Regierungs- und Oberregierungsrthinnen, und
kmmerliche Fichten, sowie mageres Gestrpp aller Art, ltliche Gemahlinnen von
Finanzdirektoren, geheimen Hofrthen und dergleichen mehr durch das frische und
noch grn belaubte Unterholz des Vorzimmers, um die Hhe des Lebens zu
erreichen, wo sie eigentlich hingehrten.
    Arthur sphte nach seinem Freunde, dem Doktor F., der noch immer nicht
erschienen war; aber er hatte als Arzt viel zu thun und mute vorerst seine
Geschfte besorgen, ehe er an das Vergngen denken konnte.
    Da es brigens drei Uhr geworden war, so lie die Kommerzienrthin die
Flgelthre zu dem besprochenen grnen Salon ffnen und die Menge strmte dort
hinein. Das jngere Volk eilte alsbald zu den Staffeleien und betrachtete die
aufgestellten Bilder, wobei sich beinahe Jedes eine Rolle aussuchte, die, so
sagte man, fr seine Persnlichkeit wie gemacht sei. Einige waren dabei
bescheiden und meinten, sie wrden sich mit Diesem und Jenem begngen, Andere
aber hielten sich fr jede Rolle passend; und leider befanden sich Letztere in
der Mehrzahl.
    Arthur wurde von allen Seiten bestrmt, geschwinde anzugeben, auf welche Art
er die Figuren vertheilt habe; doch er war klug genug, die nicht zu thun und
versicherte, er msse nach der Ordnung verfahren und zu einem Tableau nach dem
andern die betreffenden Namen aufrufen.
    Das ging nun ziemlich gut von statten, doch nicht ohne leise Reklamationen
der Kommerzienrthin und sehr laute Einreden der betreffenden Damen.
    Der Maler mute schon in einen sauern Apfel beien, und manche gelbe und
magere Rthin als jugendliche Erscheinung vorschieben, whrend frische
Mdchengesichter hinten zu stehen kamen. Dabei berlie sich Arthur auch
zuweilen einer lustigen Laune; so bergab er zum Beispiel die Rolle des
Holofernes dem Obertribunal-Prsidenten mit dem wilden Gesichtsausdruck, stellte
den Bankdirektor als Judas Ischariot und bildete aus drei der vornehmsten und
stolzesten Damen eine Gruppe, die er als Nymphen bezeichnete, die aber in
Wahrheit Furien vorstellten, was ihm dieselben auerordentlich bel nahmen, als
sie es spter erfuhren.
    Jetzt wurde das Decamerone von Winterhalter vorgeschoben, das duftige,
schne Bild, welches dem geneigten Leser gewi bekannt ist. Es ist jener
herrliche Garten bei Florenz, wo an einem Springbrunnen die sieben schnen Paare
junger Mdchen und Mnner in anmuthigen Gruppen ruhen und der erwhlten Knigin
zulauschen, die erhaben zwischen ihnen sitzt, das schne Haupt mit Blumen
bekrnzt.
    Ah! machten smmtliche Damen, umringten in einem weiten Kreise das Bild,
und auch viele der jungen Herren streckten die Hlse vor, um sich einen
passenden Platz auszusuchen. Wenn es allen Wnschen der Anwesenden gem
gegangen wre, so htte man das Bild wenigstens achtmal besetzen knnen, denn da
war fast Keine, die sich nicht fr berechtigt hielt, mindestens als Knigin da
zu sitzen. Einige Ausnahmen fanden wohl statt, das waren aber schon Solche, die
mehrmals vortheilhaft beschftigt waren, oder sehr ltliche Damen, in deren
Herzen aber jener angedeutete Wunsch zu Gunsten ihrer verschiedenen Tchter laut
wurde.
    Da Arthur bei mehreren Tableaux schon bewiesen hatte, da er nicht zu
bestimmen war, von seiner Liste abzugehen, so wandten sich mehrere vorsorgliche
Mtter an die Kommerzienrthin, um eine Einsprache zu Gunsten ihrer Angehrigen
zu erwirken, wodurch die alte Dame in augenscheinliche Verlegenheit kam, denn es
waren zu wenig Figuren in dem Bilde, um allen diesen Privateinsprchen gengen
zu knnen. Sogar der Obertribunal-Prsident lie sich herbei, eine Figur als
uerst passend fr seine Emilie zu bezeichnen. Der junge Jagdhund verwandte
sich auf's Lebhafteste fr seine Schwestern, so da am Ende die Kommerzienrthin
in Folge aller dieser Bestrmungen ihren Sohn auf die Seite nahm und ihn in
ernsten und drren Worten anwies, den billigen Wnschen einiger der vornehmsten
Damen, die sie ihm namentlich bezeichnete, nachzukommen und das Decamerone,
welches Tableaux den Glanzpunkt des Abends bilden sollte, nach ihrer Angabe zu
besetzen. Vergebens waren die Einwendungen Arthur's: Mama hob ihre Nase so hoch
als mglich in die Hhe und sagte kurz und bestimmt, sie habe schon whrend der
frheren Bilder sich manche Abnderungen seitens ihres Sohnes gefallen lassen,
diemal aber beharre sie auf ihrem Wunsche, nthigenfalls Befehle, und wolle von
keiner Widerrede etwas wissen.
    Arthur dachte einen Augenblick nach, dann flog ein eigenthmliches Lcheln
ber seine Zge; er nahm seine Liste, nderte Einiges darin ab und bat die
zusammengedrngte Schaar der Damen und Herren um etwas Platz, damit er im Stande
sei, das Bild stellen zu knnen.
    Erwartungsvoll wich Alles aus einander, der junge Maler arrangirte die Sitze
auf der kleinen Estrade im Hintergrunde des Saales und sagte dann, nachdem er
einige Worte mit der Kommerzienrthin gesprochen, mit lauter Stimme: Das
Decamerone ist ein Lieblingsbild von Mama, und hat sie die meisten Damen und
Herren, die darin vorkommen, selbst bezeichnet.
    Vortrefflich! - Sehr schn! - Ah! das mu ein superbes Bild werden!
murmelte es vergnglich durch einander, wobei namentlich die Bittsteller und
Bittstellerinnen, die vorhin mit der alten Dame unterhandelt, heitere Gesichter
zeigten. Andere aber, die dies wohl bemerkt, stieen sich leicht an, schttelten
die Kpfe und man konnte verschiedene Reden hren: wie man wohl denken knne,
was dabei beschftigt sei, da man sich an dergleichen Zurcksetzungen gewhnen
msse, da bei der Auffhrung das Publikum wohl ein richtiges Urtheil haben
werde, und dergleichen mehr.
    Arthur fing an, die Namen der Damen und Herren abzulesen, und der geneigte
Leser wird unserer Versicherung glauben, da das Decamerone in dieser
Zusammenstellung wenn auch kein reizendes Bild doch ein vornehmes wurde.
    Was die Mnner anbetraf, so konnte man schon zufrieden sein und wurden dabei
auch wenig Bemerkungen laut, obgleich sich der junge Jagdhund eine Rolle
herausgeschlagen hatte und sich hinstellte wie ein unglcklich ausgestopfter
Storch, der durch Selbstmord in's Jenseits gewandert und dehalb ein
melancholisches Air behalten. - Die Damen aber, die nun erschienen und meistens
stolz und sicher ihre Pltze einnahmen, muten schon ein gelindes
Spieruthenlaufen aushalten.
    Zwei Tchter des Herrn Oberregierungsraths von D. -
    Gott! sagte eine dicke Kanlzeirathstochter, die Emilie und Auguste! da
wird viel weie Schminke verbraucht werden.
    Es ist nur ein Glck, setzte eine ziemlich junge Kaufmannsfrau hinzu, da
die Emilie sitzt und man ihren Rcken nicht sehen wird.
    Sie ist wirklich ein bischen ausgewachsen, meinte eine Andere.
    Das nennst du ein bischen? sprach eine Vierte. Mich hat die
Corsettmacherin versichert, sie sei ganz in Eisen eingeschnrt, und wenn das
nicht der Fall wre, so mte sie zusammenknicken wie ein Taschenmesser.
    Frulein Pauline von W., sagte Arthur.
    Ah! die hliche Nichte des Ministers!
    Und in dem schnen Decamerone!
    Florenz hatte damals eine betrbte Zeit, sagte boshaft eine andere Stimme;
- Hungersnoth und Krankheit - Pauline wird das recht natrlich darstellen.
    Aber nehme mir kein Mensch bel, das wird ja ein schreckliches Bild!
bemerkte entrstet die Kanzleirathstochter. Ich mache ja durchaus keine
Ansprche, da mitzustehen - denn ich wei, da ich nicht schn bin, setzte sie
kokett hinzu; aber wenn ich so ausshe, wie Pauline, so wrde ich mich
bedanken, wenn man mich so zur Schau stellte.
    Pauline hatte nun auch wirklich nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit
einer dieser hbschen Gestalten Winterhaler's, aber sie war die Nichte des
Finanzministers, und ihre Mutter die stolz und breit vor dem Bilde sa und
wohlgefllig auf ihre Tochter blickte, hatte Connexionen bei Hofe.
    Eine Vierte, die der Maler nun aufrief, gefiel eben so wenig als die
vorbenannten Drei, und die Vier bildeten auch, um die Wahrheit zu sagen, einen
gar betrbten Anblick, der durchaus nicht vermindert wurde, als nun Arthur die
beiden schnen Tchter des Steuerdirektors dazu plazirte, die in Jugendfrische
und Schnheit strahlten.
    Der Platz der Knigin war allein noch unbesetzt.
    Arthur hatte sich schon mehrmal im Saale umgesehen und endlich gefunden, was
er suchte. Es war das eine junge schne Blondine, ein herrliches, prachtvolles
Weib, die bescheiden zurckgezogen neben ihrem Manne, dem Doktor F., stand, der
mit dem Steuerdirektor im eifrigen Gesprch an einer Fensternische lehnte. Das
Umherschauen des Malers war von verschiedenen jungen Damen falsch gedeutet
worden, und Manche, die sich woh berufen fhlte, eine Knigin darzustellen,
drngte sich auffallend hervor, ja die dicke Kanzleirathstochter, ein
unternehmendes Wesen, lehnte sich, um einen Contrast hervorzubringen,
schmachtend an eine drre Hofrthin und sagte zu dem Maler im Gegensatz zu ihren
frheren Aeuerungen: Ah! das wird ein schnes Bild; wie prchtig verlehnen
schien, wozu sie leicht die Achseln zuckte und den Knopf neigte, als wollte sie
sagen: ich gehre nicht in den vornehmen Kreis.
    Nun, die Knigin! sprach freundlich die Kommerzienrthin, die sehr
geschmeichelt war ber die vielen Komplimente, die man ihrem Talente, Tableaux
zu arrangiren, von allen Seiten machte.
    Ach ja, die Knigin! wiederholten sehnschtig mehrere Damen und blickten
erwartungsvoll auf Arthur, der nun durch die Reihen schritt und die
widerstrebende Doktorin F. auf den erhhten Sitz fhrte.
    Htten aber mehrere Blitze vor der Herrin des Hauses, vor der Frau von W.
und den meisten der alten Rthinnen dicht eingeschlagen, die Gesichter htten
nicht lnger, die Mienen nicht bestrzter sein knnen, als nun, da die schne
Knigin sich elegant auf ihrem Sitz niederlie und - jeder Zoll eine Herrscherin
- ihre Untergebenen betrachtete.
    Die Gruppe des Decamerone glich nun einem Strauche, dessen eine Seite voll
duftender Blthen hngt, whrend ber die andere ein eisiger Nordwind fuhr, der
nicht nur keine Blume aufkeimen lie, sondern sogar das Laub verwelkte und
verdorrte.
    Frau von W., die sich zuerst zu fassen schien, warf der Kommerzienrthin
einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu, dann zuckte sie die
Achseln und fragte hierauf ihre Tochter: Nicht wahr, mein Kind, du sitzest sehr
schlecht?
    Ja, Mama, erwiderte diese, es ist sehr anstrengend, und ich werde es an
dem Abend kaum aushalten knnen.
    Dann bitte ich, sich nicht zu geniren, versetzte Arthur, indem er sich auf
die Lippen bi. Wenn es Ihnen wirklich zu anstrengend ist, so knnen wir die
Sache anders einrichten.
    Da erhob sich Frulein von W., trat zu ihrer Mutter zurck, und sagte so
laut, da es die Dame des Hauses hren knnte: Das kann man doch nicht von mir
verlangen, neben der - - Frau Doktorin F. zu stehen!
    Unter ihr zu sitzen! sprach entrstet die Mutter. Die Probe ist doch bald
zu Ende, wandte sie sich kalt an die Kommerzienrthin, Sie werden erlauben,
da ich mich leise empfehle. Damit stand sie auf, machte ein frmliches
Kompliment und rauschte mit ihrer Tochter nicht ohne einiges Aufsehen zum Saale
hinaus.
    Die Schwestern des jungen Jagdhundes sahen sich bedeutsam an und fingen an
unruhig auf ihren Sitzen hin und her zu rcken; er selbst, der
Justizreferendr-Aspirant, hob die Nase in die Hhe und sagte geringschtzig:
Ihr habt doch eigentlich da einen schlechten Platz bekommen.
    O ja, das fhlen wir auch, entgegneten die Beiden einstimmig; und die eine
setzte boshaft hinzu: Wir scheinen doch nicht recht in dieses Bild zu passen,
worauf sie sich langsam erhoben, um sachte auf die Seite und von der Estrade
hinab zu rutschen.
    Arthur hatte alles Dies vorher gesehen, und um in seine Schlachtordnung
keine auffallende Lcke zu bringen, das zuerst ausgetretene Frulein von W.
durch die dicke Kanzleirathstochter ersetzt, was ihn allerdings einen sen
Blick und einen Hndedruck kostete, als er sie auf ihren Platz fhrte.
    Der Doktor F. war unterdessen mit dem Obersteuerdirektor nher getreten, und
Beide hatten wohl bemerkt, um was es sich handle. Der Doktor bi sich gelind auf
die Lippen und warf seiner Frau aus der Entfernung einen Blick zu, den sie mit
einem unbefangenen Lcheln erwiderte.
    Der Obersteuerdirektor trat dicht an die Estrade heran und sagte seinen
beiden Tchtern: Ihr habt da einen vortrefflichen Platz; sitzt nur recht ruhig
und macht dem schnen Tableau alle Ehre! - eine Bemerkung, wofr ihm die schne
Knigin einen Blick des innigsten Dankes zuwarf, denn wir brauchen dem geneigten
Leser nicht wohl erst zu sagen, da diese Frau mit ihrem zarten Gefhl
augenblicklich die niedrige Unverschmtheit begriffen hatte, welche die schlecht
erzogenen Tchter gebildet sein wollender Stnde gegen sie begangen.
    Auch das vierte von der Kommerzienrthin octroyirte verwelkte Blatt entfiel
dem Straue und suselte den Tchtern des Ober regierungsraths nach, um sich in
einer Ecke des Saales ber die erlittene Krnkung zu besprechen.
    Natrlich wurden sie von Arthur augenblicklich durch drei frische Mdchen
ersetzt, und als bald der junge Jagdhund, der sich wiederholt eines sonderbaren
Hstelns beflissen, von dem Maler scheinbar ruhig, aber mit einem gewissen
festen Blick, gegen einen greren Herrn umgetauscht worden war, stand das Bild
so vortrefflich und schn, da die Unbefangenen aus der Gesellschaft, als nun
probirt wurde, einhellig in die Hnde klatschten.
    Den Gemthszustand der alten Rthin bei dieser fr sie so emprenden Scene
brauchen wir wohl dem geneigten Leser nicht zu schildern; ihre Finger umspannten
krampfhaft das Taschentuch, und da sie keinen Tisch vor sich zum Trommeln hatte,
so machte sie ihrem Zorn auf andere Art Luft und schien von einem wahren
Krampfhusten befallen zu sein.
    Die Probe ging nun zu Ende, die Eingeladenen verschwanden, nachdem sie der
Herrin des Hauses versichert, die Auffhrung der lebenden Bilder werde einen
kstlichen Abend geben und sie freuten sich ungemein darauf.
    Arthur war mit dem Doktor F. weggegangen und die Rthin schlo sich in ihr
Boudoir ein, um ruhig zu berlegen, was auf diese scandalse Geschichte zu thun
sei.

                          Zweiunddreiigstes Kapitel.



                                  Im Fuchsbau.

Der geneigte Leser wird sich vielleicht erinnern, da wir ihn in einem frheren
Kapitel in einen entlegenen Theil der Stadt fhrten, wo sich in der Nhe des
groen Fruchtmarktes, in dem ltesten Theile der Stadt, ein Zusammenbau von
alten massiven Husern befand, die mit zahlreichen Gin- und Ausgngen auf
verschiedene Straen ziemlich sichere Schlupfwinkel waren fr allerlei Leute,
welche Ursache hatten, die Oeffentlichkeit zu scheuen und der sphenden Polizei
nicht unter die Augen zu kommen.
    Diese Gebude, in frheren Zeiten einzeln stehend, waren nach und nach durch
Anbaue der verschiedensten Art vereinigt worden. Nach Bedrfni hatte man Gnge
angebracht, Mauern durchschlagen, Hfe berbaut und solchergestalt die Wohnungen
unter einander verbunden, so da aber das Ganze im Innern ein wahres Labyrinth
wurde, durch welches den Ein- und Ausgang zu finden fr einen Uneingeweihten
sehr schwierig, ja in gewissen Theilen ganz unmglich wurde. Hier befanden sich
Ausgnge, die auf irgend einen finstern Hof mit vielen Thren fhrten, wo ein
des Weges Kundiger, wenn er gerade verfolgt wurde und nur wenige Schritte
Vorsprung hatte, pltzlich verschwand, um durch einen andern Eingang des
Gebudes wieder zurckzukehren, ehe der Verfolger ihn zu Gesicht bekam.
    Der wirklichen Ausgnge auf die Straen waren es auerordentlich viele, und
obgleich man sie alle kannte, und es nicht schwer gewesen wre, sie im Falle
einer Durchsuchung zu besetzen, was brigens schon hufig genug geschehen war,
so zuckten doch die erfahrensten Polizei-Offizianten bei solchen Veranlassungen
die Achseln und nannten das ein vergebliches Bemhen; denn sie seien berzeugt,
so sagten sie, es befnden sich da geheime Ein- und Ausgnge durch benachbarte
Keller oder Gott wei wo sonst, von denen Keiner von ihnen eine Ahnung habe.
    Natrlicherweise war aber der Sicherheitsbehrde der Eintritt in diese
Gebude durchaus nicht verwehrt und konnte sie hier ihren Amtsgeschften
nachgehen, so oft sie es fr nthig erachtete.
    Es wohnten hier eine Menge Familien von den verschiedenartigsten Gewerben,
ja in einem Theile befanden sich sogar ein paar elegante Lden, sowie
Werksttten von Schmieden, Wagnern, Sattlern und dergleichen mehr. Von dem
Ganzen besa die hohe Polizei einen sauber gearbeiteten und sehr korrekten
Grundri, den man einstens durch den Stadtbaumeister aufnehmen zu lassen fr
nothwendig besunden hatte, und darin waren auch die Familien verzeichnet, wo sie
wohnten, wie viele Zimmer sie inne hatten, und es wurde strenge darauf gehalten,
da die verschiedenen Aus- und Einzge der Behrde augenblicklich gemeldet
wurden.
    Obgleich nun so das ganze Anwesen scheinbar klar und durchsichtig vorlag, so
war der Fuchsbau dennoch, wie wir schon oben angedeutet, eine wahre Ruberhhle
und wimmelte von Dieben, Betrgern und allem mglichen Gesindel mit seinem so
nothwendigen und zahlreichen Anhang von Hehlern jeder Art. Wie oft hatte man auf
dringenden Verdacht pltzliche Haussuchungen angestellt, ohne je etwas gefunden
zu haben; der gegrndetste Verdacht war nie gerechtfertigt worden, und so fand
denn auch die Gerechtigkeit keinen triftigen Grund, den Fuchsbau, wie man schon
mehrmals in Vorschlag gebracht hatte, entweder ganz niederzureien, oder in
seiner ehemaligen Gestalt wieder herzustellen durch Entfernung der verschiedenen
Anbaue mit ihren labyrinthischen Treppen und Gngen, - ein Vorschlag, dessen
Ausfhrung brigens auch noch wegen des Kostenpunkts und der Gefhrlichkeit in
baulicher Beziehung seine Schwierigkeiten gehabt htte.
    Wir haben schon vorhin gesagt, da das Ganze den Namen des Fuchsbaues hatte;
ein besonderer Theil hie aber der Gasthof zum Fuchsbau, und in diese stillen
Gemcher wollen wir den geneigten Leser unsichtbar einzufhren uns erlauben, was
so ohne Gefahr geschehen kann, wogegen er in Wirklichkeit mit einem guten Rock
bekleidet ein sehr unwillkommener Gast sein wrde.
    Es ist drauen ein unheimliches nakaltes Wetter; Schnee, Regen und Wind
jagen einander in den engen Durchgang hinein, von dem wir schon frher sprachen,
und da bei dieser Hetze die erstgenannten leichten Gesellen verschmolzen und
verflogen sind, ehe sie der Sturm recht erfassen kann, so lt er nun seine Wuth
an einer alten Laterne aus, die an rostigen Ketten von dem Gewlbe niederhngt
und chzend hin und her weht.
    In dem Durchgang befindet sich jene uns schon bekannte kleine eiserne
Gitterthre, von schweren Stangen gemacht, mit einem sehr soliden und
knstlichen Schlosse, sowie oben und unten mit Riegeln versehen, die, wenn sie
vorgeschoben sind, ungreifbar in das Eisen zurckfallen und nur durch eine
knstliche Vorrichtung wieder zurckgezogen werden knnen.
    Hinter dieser Thre beginnt eine schmale steinerne Wendeltreppe, die oben
auf eine einzige, wieder verschliebare Thre fhrt; dann kommt ein gewlbter
Gang, sprlich von einem stark eingetriebenen Gaslicht beleuchtet, auf welchen
mehrere Thren mnden.
    Durch eine derselben treten wir geruschlos ein und befinden uns nun in
einem groen Gemache mit braunen Holzwnden, eben solcher Decke und einem
mchtigen Kachelofen. Das Mobiliar desselben besteht aus langen, schweren,
eichenen Tischen und Bnken; in einem hohen Eckschranke sind Glser und Flaschen
aller Art verwahrt. Neben diesem Buffet befindet sich ein einzelner Stuhl, ein
alter Lehnsessel, in welchem ein kleines vertrocknetes Weib sitzt, welches die
Hnde in den Schoo gelegt hat und das eine Kellnerin vorstellt. Sie scheint
unachtsam vor sich hinzustarren, doch sieht ein aufmerksamer Beobachter, da sie
unter ihren grauen buschigen Augenbrauen die glnzenden kleinen Augen unruhig
hin und her laufen lt. Vor ihr liegt ein groer Hund, dessen zottiges Fell ihr
als Fuschemel dient; neben ihr, zwischen dem Eckschranke und der Wand, befinden
sich, an starken Drthen von der Decke herabhngend, mehrere Handgriffe, die wie
Klingelzge aussehen; es sind dies aber nicht so ganz harmlose Gegenstnde und
aus ihnen beruht theilweise die Sicherheit des Hauses. Der Zug an einem
derselben gibt dem Hausknecht ein Zeichen, die Thren zu ffnen und zu
schlieen, ein anderer ist eine Art Telegraph, der durch gewisse Zeichen mit den
Nebenzimmern kommuniziren kann, ein dritter steht mit einer Allarmglocke fr das
ganze Haus in Verbindung, und der vierte endlich beherrscht die Gasleitung des
Gebudes und kann durch einen einzigen Zug Alles in die dichteste Finsterni
versetzen.
    Das Zimmer, in dem wir uns befinden, ist also, obgleich das allgemeine
Schenkzimmer des Gasthofes zum Fuchsbau, zugleich auch die Portierstube fr
smmtliche Gebude, und das alte Weib, ein hartes, verschlagenes, listiges
Wesen, wurde mit groer Sorgfalt zur Pfrtnerin auserwhlt. Und man htte keine
bessere finden knnen: sie hatte alle Abstufungen des Diebslebens durchgemacht
und wer sie bei Vertheilung von Beute oder beim Verkauf gestohlener Gegenstnde
berlisten wollte, der mute sich zusammen nehmen.
    An einer der langen Tafeln befanden sich vier Mnner, von denen drei in
eifrigem Gesprch begriffen waren, der vierte aber mit dem Kopf an die Wand
lehnte und zu schlafen schien. Dies war ein schlank gewachsener groer Mann in
den Dreiigen, der regelmige Zge, schwarzes Haar und einen gut gepflegten
dichten schwarzen Bart hatte. Seine Kleidung dagegen wahr sehr unordentlich und
abgerissen; er trug einen fadenscheinigen grauen Jagdrock, an dem sich vorn auf
der Brust nur ein einziger Knopf befand, schwarze, zerlumpte Hosen, und wenn man
den einen Fu genau betrachtete, den er vor sich auf die Bank gelegt, so sah
man, da der Stiefel aufgetrennt und die Sohlen fast gnzlich zerrissen waren.
    Die drei Anderen saen etwas entfernter; einer mit krausem, rthlichem Haar
hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gesttzt und den Kopf auf die Fuste
gelegt. Er hatte ein plumpes, obgleich nicht unangenehmes Gesicht, das aber,
besonders die Nase, stark gerthet war. Dieser war einfach, aber gut gekleidet;
er trug Lederhosen, hohe Stiefel und ein Wamms von dickem, dunkelblauem
Wollenstoff.
    Der Zweite lehnte hinten ber an die Bank, war mit schbiger Eleganz
gekleidet, hatte ein hiezu passendes mageres Gesicht mit abgefeimten Zgen.
Derselbe rauchte eine Cigarre, deren Dampf er empor blies, um ihm behaglich
nachzuschauen.
    Der Dritte endlich beugte sich ber den Tisch, lie kleine Brodkugeln aus
seinen Fingern fallen und schien irgend etwas erzhlt zu haben. Dieser, obgleich
am besten gekleidet, - er trug eine gutgemachte und saubere herrschaftliche
Livre, - hatte das unangenehmste, ein wahrhaft widerliches Gesicht. Sein vorn
fast nackter Schdel wurde von wenigen Haaren umflattert, die er von hinten
hervorzukmmen versuchte, und an denen er bestndig mit der Hand strich, um die
widerspenstigen nach seinem Willen zu gewhnen. Er schielte ein klein wenig und
machte bestndig ein spitzes Maul, um welches fast immer ein fades Lcheln
spielte.
    Diesen Mnnern gegenber, fast hinter dem Ofen, befanden sich zwei
Frauenzimmer, deren Gewerbe nicht zu verkennen war, denn neben der einen lehnte
eine Harfe an der Wand, whrend auf der Bank zwischen Beiden eine Guitarre mit
einem Band von verblichener Farbe war. Zwei Bndel befanden sich auf dem Tische
neben einer Schssel, woraus sie eine Suppe gegessen zu haben schienen; der
Lffel der einen lehnte am Rande des Gefsses, whrend die andere den ihrigen
vor sich niedergelegt hatte. Sie waren von verschiedenem Alter und sehr
ungleichem Aeuern; die erste mochte wohl an die Dreiig sein, whrend die
andere das zwanzigste Jahr kaum zurckgelegt hatte. Die ltere erschien als
eines jener leichtfertigen Wesen, welche Musik treiben, so lange Jemand da ist,
der ihnen zuhrt, dann aber gerne an einer freundlichen und innigeren
Unterhaltung theilnehmen. Sie hatte ein rothkarrirtes Wollenkleid an, und da es
ziemlich tief ausgeschnitten war, so bemerkte man ihre vollen Formen, die sie
auch durchaus nicht zu verbergen strebte, denn ein kleines Halstuch hatte sie
neben sich auf die Bank gelegt. Ihr Gesicht war wettergebrunt, hatte einen
kecken, verwegenen Ausdruck, dicke, etwas aufgeworfene Lippen und dunkle,
lebhafte Augen. Das Haar trug sie in zwei schwarzen Flechten, die um die Ohren
herum an den Hinterkopf liefen, dabei hatte sie einen sogenannten schiefen
Scheitel, und war das offenbar ein Mittel, um einige sehr dnne Stellen ihres
Haarwuchses zu verdecken.
    Die andere, die, welche den Lffel neben sich gelegt hatte, war ein
schlankes, schmchtiges Mdchen mit einem schmalen, bleichen Gesichte und
blondem Haar. Ihre blauen Augen konnte man selten sehen, da sie meistens vor
sich niedersah; ihre Zge drckten Bescheidenheit, Furcht und Scham aus; auch
schien sie sich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fhlen, denn wenn sie,
was bisweilen geschah, einen schnellen Blick rings durch das Zimmer und ber die
nebensitzenden Mnner laufen lie, so berflog ihre blassen Wangen eine leichte
Rthe, und wenn je einer vom anderen Tische herber sah, so schrak sie
ordentlich zusammen.
    Der in der Livre hob sein fast leeres Glas in die Hhe, schlrfte den
letzten Tropfen daraus, und wandte alsdann seinen Kopf der Alten zu, die in
ihrem Lehnstuhle zu schlafen schien.
    He da! Wein! rief er, indem er seine leere Flasche auf den Tisch stie.
    Zuerst Geld, entgegnete die Alte, ohne ihre Stellung zu verndern.
    Geld? sagte der Andere, gezwungen lachend. Ich habe keins mehr; du kannst
ankreiden oder kannst mich auch meinetwegen traktiren. Es wre nicht mehr als
billig, wenn wir Alle hier auf Unrechtskosten lebten.
    Gebt ihr Geld, so bekommt ihr Wein, erwiderte ruhig die Alte.
    Ich sage dir aber, ich habe keinen Kreuzer mehr.
    Und Durst fr viele Gulden, meinte der mit dem rothen Haar.
    Es ist mein Ernst, fuhr der in der Livre fort, da du es aufschreiben
sollst, Alte. Man wird doch wohl hier in dem verfluchten Hause noch Kredit
haben?
    Ihr aber habt in dem verfluchten Hause nicht den geringsten Kredit mehr,
erwiderte das Weib. Ueberhaupt habt ihr genug gesoffen und knnt nach Hause
gehen.
    Du willst uns heimschicken? entgegnete der Andere hhnisch. Ich habe nun
einmal Lust, die ganze Nacht da zu bleiben; ich will Wein haben und da die
Harfenmdel sollen aufspielen. Nachher bitte ich mir ein Zimmer aus; - was
meinst du, Nanett? - Dabei kniff er gegen das ltere der beiden Mdchen das
linke Auge zu.
    Die Alte wrdigte ihn brigens gar keiner Antwort mehr.
    Na, ich gebe dir noch einen Schluck, sagte der im schwarzen Frack, indem
er seine Cigarre aus dem Munde nahm und seine etwas gelben Vatermrder in die
Hhe zupfte. Du bist trotz deiner glnzenden Livre doch ein armes Luder. Ich
mchte nicht in deinem Rocke stecken.
    Bah! Und warum nicht? - Wegen des elenden Messerstichs?
    Ja, ja, wegen des elenden Messerstichs! lachte der mit dem rothen Haar,
indem er seinen Kopf erhob und mit der frei gewordenen Faust sein Glas ergriff,
das er austrank.
    Wie war doch die Geschichte eigentlich? fragte der elegant Aussehende.
    Der Gefragte warf ihm einen prfenden Blick zu, der sagen wollte: kann ich
dir auch trauen oder hast du vielleicht im Sinne, die Geschichte irgendwo zu
berichten? - doch zuckte er gleich darauf die Achseln und sprach wie zu sich
selber: Teufel! es ist ja ziemlich bekannt und es fllt mir auch gar nicht ein,
es zu leugnen. - Wir brachen in der Vorstadt ein, wie ihr Alle wit, Thomas, der
schwarze Johann und ich.
    Bei deinem Herrn? sagte lachend der Eine.
    Aber nicht in seiner Livre! meinte der Andere.
    Lat doch eure schlechten Spsse! - Genug, wir brachen ein, - es ist
eigentlich kein Einbruch zu nennen, denn ich hatte ja alle Riegel
zurckgeschoben; auch ging Alles glcklich von statten, - wir nahmen eine
hbsche Summe und Silbergeschirr, nachdem wir vorher den Alten gebunden, und
kamen glcklich in's Freie.
    Dabei httest du es auch belassen sollen, sagte der mit dem rothen Haar.
Wehalb gingst du wieder zurck?
    Eigentlich nur in der Absicht, um nachzusehen, ob wir ihn auch recht fest
gebunden. Und meine Vorsicht war nicht unnthig, denn er hatte die rechte Hand
frei gemacht und wollte sich gerade den Knebel aus dem Munde ziehen; dehalb gab
ich ihm einen tchtigen Messerstich.
    Falsch! falsch! versetzte der im schwarzen Frack, indem er den Dampf der
Cigarre weit von sich blies. Er wurde noch am andern Morgen fest gebunden und
geknebelt gefunden, und die Zeitungen machten nun ein groes Geschrei wegen der
Unmenschlichkeit der Ruber. Wie hie es doch? - Eine solche That mu um Rache
schreien, und die Vergeltung kann nicht ausbleiben. Nicht genug, da die
eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten, einer dieser Bsewichte
kehrte auch zurck und versetzte ihm aus teuflischem Muthwillen mehrere
Messerstiche.
    Hrst du? sagte der Rothhaarige. Aus teuflischem Muthwillen! Und das soll
der Herr gewaltig bel genommen haben.
    Welcher Herr? fragte der andere in naseweisem Tone und warf verchtlich
die Lippen auf.
    O Brschlein, Brschlein! lachte der im schwarzen Frack; nimm dich
zusammen; hier haben die Wnde Ohren.
    Was geht das mich an? - Bin ich dehalb ein Dieb geworden, um mich
schulmeistern zu lassen? Das sollte mir fehlen!
    Er hat zu viel getrunken. - Ich will dir einen guten Rath geben: mach' da
du nach Hause kommst, und wenn du ausnahmsweise einmal klug sein willst, so la'
dich in den nchsten vier Wochen nicht im Fuchsbau sehen.
    Das wird ihn wenig helfen, wenn er ihn suchen lt; und ich glaube fast, er
hat ein Auge auf dich geworfen.
    Gleichviel; jetzt will ich trinken! erwiderte der Andere, indem er mit der
Faust auf den Tisch schlug. Wein her! - Und wenn du mir nicht auf mein
ehrliches Gesicht borgen willst, alte Canaille, so nimm' hier meine Uhr; ich
lse sie morgen wieder ein. Damit stand er auf, um zu dem Weibe zu gehen, die
noch immer keine Silbe geantwortet hatte. Als er aber in die Gegend des Ofens
kam, wo die beiden Mdchen saen, blieb er lchelnd stehen, sttzte beide Arme
auf den Tisch und sagte leise und widerlich lachend zu der Aelteren: Ich
versetze die Uhr nur um deinetwillen, Schatz, denn ich wei, da du eine
kostbare Geliebte bist.
    Das Mdchen zuckte verchtlich mit den Achseln, schlug alsdann die Arme ber
einander und schaute ihn mit einem festen und unaussprechlich frechen Blicke an.
    Nun, nun, sagte er, halb zurckfahrend; bei mich nur nicht! Willst du
denn nie und nimmer zahm werden, nie freundlich und nachgiebig?
    O ja! entgegnete das Mdchen laut lachend; gegen Jeden, der mir gefllt,
aber nie gegen dich - dich, unseres Herrgotts miserabelsten Knecht.
    Ich will dir was sagen, versetzte der Lakai; was soll man sich mit dem
drren Holze abplagen, wenn grnes daneben wchst! Mach' mir Platz, ich will
mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlassen. - Gott verdamm' mich! mach
Platz, sag' ich, oder ich will dir zeigen, wo du her bist, Harfenmensch
erbrmliches!
    Die Aeltere von den beiden Mdchen, die wohl wute, da hier eine kleine an
ihr verbte Mihandlung nicht sehr beachtet wrde, besonders da augenblicklich
keiner ihrer Freunde und Beschtzer da war, duckte sich auf die Seite, um dem
Kerl zwischen sich und dem andern Mdchen Platz zu machen. Diese aber fate
verzweiflungsvoll ihren Arm, drckte sich fest an sie und flehte mit leiser
Stimme, sie mge sie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menschen
lassen.
    Das pipst auch schon gegen mich, sagte er hohnlachend; die hast du
wahrscheinlich dressirt: es ist mir aber gleichviel, ob du freiwillig oder
unfreiwillig mit mir gehst. Wer einmal hierher kommt, der bietet sich an; das
ist von jeher so gehalten worden und wirst du nicht ndern wollen.
    Das junge Mdchen schaute ihre Gefhrtin mit einem verzweiflungsvollen
fragenden Blicke an, als wenn sie sagen wollte: ist das so, spricht er die
Wahrheit? - bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben, der seine Hand nach
mir ausstreckt? - Es war das ein entsetzlicher Blick, ein Blick voll Jammer und
unaussprechlichem Elend, den sie jetzt auf ihre ltere Gefhrtin richtete. Dabei
ffnete sie erschrocken den Mund, und zwei Thrnen rollten langsam ber ihre
blassen Wangen hinab.
    Der Lakai bemhte sich gerade, zwischen dem Tisch und der Bank herum zu
kommen und sich neben seine Beute zu setzen, als er sich auf einmal auf die
Schulter getupft fhlte. Er wandte sich um und sah den mit dem schwarzen Frack
hinter sich stehen; dieser streifte ruhig die Asche seiner Cigarre mit den
Fingern ab, dann sagte er im freundlichsten Tone von der Welt: La deine Finger
davon, Jakob, ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamsell schon
Alles in's Reine gebracht. - Nicht wahr, mein Schatz?
    Das blonde Mdchen, dem sein Beschtzer in diesem Augenblick nicht minder
schrecklich erschien wie sein Verfolger, blickte in die Hhe und wute nicht,
was es antworten sollte.
    Sage nur ja, flsterte ihr Nanette zu, das ist doch Zeit gewonnen.
    Nicht wahr, mein Kind? fuhr der Elegante fort, indem er sich unternehmend
durch sein Haar strich; wir kennen uns schon; sage nur ungenirt diesem Herrn,
da du mir unbedingt den Vorzug einrumen wirst. Ich denke, da wird keinem
vernnftigen Mdchen die Wahl schwer werden.
    Als ihre Begleiterin sie nochmals anstie, hauchte das arme Geschpf ein
leises Ja, worauf eine tiefe Rthe ihr Gesicht berflog, und sie den Kopf weit
herab auf die Brust sinken lie.
    Ich bitte, sich also nicht weiter zu bemhen, sagte der neue Beschtzer zu
dem Lakaien. Komm hinter dem Tische vor und mach' keine Ungelegenheit. Wenn ich
auch wei, da man Streitigkeiten hier nicht gerne sieht, so soll es mir doch
gar nicht darauf ankommen, dir nthigenfalls ein paar Knochen im Leibe zu
zerschlagen. - Aber darum keine Feindschaft.
    Nein, um solche Waare gewi keine Feindschaft, entgegnete der Lakai, der
sich schnell fate, die Sache in einen Scherz verwandelte und darauf lustig
lachend hinter dem Tische vorkam, worauf Beide zusammen sich wieder an ihren
alten Platz zurckbegaben.
    Die Mdchen blieben stumm neben einander sitzen; Nanette hatte ihre beiden
Hnde vor sich auf den Tisch gelegt und schien aufmerksam ein paar Ringe an
ihren Fingern zu betrachten, in Wahrheit aber schaute sie darber hinweg und war
in tiefes Nachdenken versunken.
    Nach einiger Zeit stie die Jngere sie an und sagte leise: Knnen wir
nicht irgend wohin zu Bette gehen? ich bin so furchtbar mde.
    Nanette fuhr darauf aus ihren Trumereien empor, lie sich die Frage
nochmals wiederholen und entgegnete alsdann: Hast du Geld?
    Noch zwei Gulden, versetzte die Blonde, und ich will sie gern opfern, um
mit Ihnen allein sein zu knnen.
    Nun, es ist mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank, antwortete
Nanette; wir knnen noch ein wenig plaudern. Dann stand sie auf, ging zu der
Alten hin und sagte ihr leise einige Worte.
    Diese nahm aus ihrem Schrank einen Schlssel und einen zinnernen Leuchter
mit einem Talglichte und hndigte Beides dem Mdchen ein, jedoch nicht eher, als
bis sie vorher ihre kncherne Hand aufgehalten und dafr einiges Geld in Empfang
genommen hatte.
    Nanette nahm die Harfe und ihr Bndel, die andere ihre Guitarre, und darauf
verlieen Beide das Zimmer.
    Der mit dem schwarzen Frack wandte den Kopf herum. - Welche Nummer? fragte
er das Weib.
    Vierundzwanzig, entgegnete diese; worauf derselbe beruhigt mit dem Kopfe
nickte.

                          Dreiunddreiigstes Kapitel.



                              Sklavengeschichten.

Die beiden Mdchen schritten unterdessen durch den langen Gang bis an eine
Thre, hinter welcher sich eine Wendeltreppe befand.
    Nanette, die hier genau Bescheid zu wissen schien, stieg voran, und ihre
Gefhrtin folgte ihr bei dem flackernden Scheine der Talgkerze abermals ber
einen langen Gang, dann wieder ein paar Stufen hinab, und so gelangten sie in
Nummer vierundzwanzig.
    Dies war ein ziemlich groes und kahles Gemach mit einem schlechtem Tische
und ein paar wackeligen Sthlen, einem Feldbett mit Strohsack und
Wollenmatratze, ber welche eine alte schwere Decke lag. Von Leintchern war
nichts zu sehen. Das Zimmer hatte zwei Fenster; in einem derselben fehlten
mehrere Scheiben, der Wind sauste zuweilen herein, und Regen und Schnee hatten
auf dem Boden eine artige Wasserlache gebildet.
    So, hier wren wir in unserm Appartement, sagte Nanette; sehr wohnlich
sieht es gerade nicht aus, aber ich habe schon schlechter geschlafen. Du
vielleicht auch?
    Ich - - nicht, entgegnete die Andere, indem sie ihre Guitarre auf den
Boden niedergleiten lie und einen trostlosen Blick in dem den Gemach umher
warf; ich gewi nicht. Doch wie Gott will!
    Schtzchen! lachte Nanette, ich glaube fast, du bist eine verwunschene
Prinze. Ich habe das gleich heute Abend gedacht, als du in der Scheune zu mir
kamst. Es war mir das recht auffallend; aber du mut gestehen: naseweis bin ich
nicht, denn ich habe dich eigentlich noch gar nicht gefragt, woher du so
pltzlich kamst, wehalb du so ngstlich und erschrocken thatest?
    Das ist wahr, entgegnete das blonde Mdchen, und ich danke Ihnen recht
sehr dafr. Sie haben mich gerettet; - aber bin ich hier in diesem Hause in
Sicherheit? - Dabei schttelte sie den Kopf und warf einen trostlosen Blick
umher.
    Ehe ich sagen kann, ob du hier in Sicherheit bist, versetzte Nanette, mu
ich zuerst wissen, was du zu frchten hast. Als du heute zu mir kamst, da that
mir dein Jammern weh, und glcklicherweise konnte ich dir helfen. Die blonde
Agnes war mir mit der ganzen Baarschaft davon gelaufen, hatte mir aber ihre
Guitarre und, was wichtiger ist, unsere Legitimationspapiere hier gelassen,
unter deren Schutz wir vorderhand sicher reisen knnen. - Da du nichts von
Musik verstehst, habe ich schon gemerkt; dein Kleidchen da schaut auch nicht
nach langem Herumreisen aus; also denke ich, du bist irgendwo davon gelaufen.
    Die Andere nickte stumm mit dem Kopfe und ein Schauder berflog sie,
vielleicht, weil sie an die Vergangenheit dachte, vielleicht auch, weil in
diesem Augenblicke gerade der Wind wieder heftig durch das Fenster herein
sauste.
    Dich friert, sagte Nanette. Weit du was: lege dich in's Bett unter die
Decke und wenn du warm geworden bist, so erzhle mir von deiner Sache, was du
magst; ich hre gern allerlei Unglck; - und Gutes wirst du mir nicht viel zu
berichten haben.
    Knnen wir nicht die Thre verschlieen? fragte ngstlich das junge
Mdchen. Ich sehe ja keinen Riegel.
    Die gibt's hier nicht, erwiderte Nanette achselzuckend; das Verschlieen
ist gegen die Hausordnung und wird namentlich auf den Zimmern, die wir bekommen,
nicht geduldet.
    Die Andere faltete die Hnde und sah ihre Gefhrtin mit einem trostlosen
Blicke an. Dann ging sie seufzend nach dem Bette und legte sich, da sie wirklich
heftig fror, mit den Kleidern auf die Matraze und unter die Decke.
    Nanette nahm einen der Sthle, rckte ihn an das rmliche Lager und setzte
sich so, da sie sich mit dem Oberkrper und dem Kopfe ebenfalls auf das Bett
legen konnte, worauf sie einen Theil der Decke ber ihren entblten Busen zog.
- Also, sagte sie, wo kamst du her, das heit, wenn du mir dein Geheimni
anvertrauen willst?
    Es ist nur ein schreckliches Unglck, aber kein Geheimni, versetzte das
junge Mdchen. Ich kam aus dem Stdtchen N., wo ich geboren und aufgezogen
wurde.
    Von deinen Eltern?
    Nur bis zum zehnten Jahre, dann waren beide todt. Eine entfernte Verwandte
nahm sich meiner an; sie hatte keine Kinder und ich durfte bei ihr bleiben; sie
lehrte mich stricken, nhen und dergleichen, und brachte mich so weit, da ich
mit sechszehn Jahren einen Dienst annehmen konnte.
    Du nahmst also einen Dienst an?
    Ja, bei einem jungen Kaufmanne, der eine ltliche Frau und ein einziges
Kind hatte.
    Das war von deiner Verwandten nicht klug gewhlt.
    O doch! Er stand in dem Ruf eines christlichen und frommen Mannes, es
sprach Keiner so schn und gut wie er, und Niemand besuchte hufiger die
Kirche.
    Das sind oft die Schlimmsten! sagte Nanette.
    Ja, ja, er war schlimm, fuhr das junge Mdchen fort; aber ich hatte ja
keine Ahnung davon, ich wute ja lange nicht, was er von mir wollte. Ach! sein
Kind, das kleine Mdchen, hatte ich sehr lieb und es mich gleichfalls, und er
schien es gern zu sehen, wenn ich mich so recht freundlich mit dem Kinde abgab.
Die Frau war krnklich und reiste jeden Sommer in's Bad.
    Dann warst du mit ihm allein im Hause?
    Ja, erwiderte die Andere mit leiser Stimme. Dann fuhr sie fort:
Anfnglich fiel mir nichts Bses dabei ein, da er hufig lange dabei stand,
wenn ich mit dem Kinde spielte oder es aus- und anzog, da er auch wohl seine
Hand auf die meinige legte, ja da er mich zuweilen scherzend um den Leib fate.
Ich nahm das Alles ganz unbefangen auf, und umsomehr, da er gleich darauf wieder
ernste und belehrende Worte zu mir sprach, von der Verdorbenheit der sndigen
Welt, da die Menschen im Allgemeinen so schlecht seien, voll Trug und Arglist,
und da sich namentlich ein junges Mdchen glcklich schtzen msse, das in
einem guten Hause ein Asyl gefunden und dem treue Freunde zur Seite stnden. -
Auch - - - auch, sagte sie mit stockender Stimme, auch betete er oft mit mir
und nahm mich alsdann bei der Hand und schien so ergriffen zu sein, da er mich
am Ende zuweilen auf die Stirne kte.
    Schn gemacht! rief lachend Nanette; den mcht' ich kennen!
    Ich lernte ihn kennen, fuhr das junge Mdchen fort, indem ein Schauder
ber ihren Krper flog. Aber erst, nachdem ich ein Jahr im Hause war und vor
ein paar Tagen. Die Frau war auf kurze Zeit zu ihren Verwandten gereist, und da
eines Abends, als ich in mein Zimmer gegangen war und -
    Das Uebrige kann ich mir denken, sagte Nanette, whrend sie mit einer Hand
ein Stck von der Decke zusammen ballte; du bist ein schwaches Geschpf, du
hattest nicht den Muth zu widerstehen, auch nicht die Kraft dazu -
    O ja, entgegnete die Andere, ich hatte Kraft und Muth zum Widerstand. -
Und das war vielleicht gerade mein Unglck. Gott im Himmel! als er mich mit
geballten Fusten verlie, da sagte er es mir vorher, gab mir auch noch eine
halbe Stunde Bedenkzeit, mich seinem Willen zu fgen, sonst wolle er mich
zertreten wie einen Wurm. Er sei der Herr und ich ein armes, wehrloses Geschpf,
- seine Sklavin, ich msse mich glcklich schtzen, wenn er ein Wohlgefallen an
mir fnde. - Eine halbe Stunde gbe er mir Bedenkzeit, und wenn ich ferner ein
angenehmes und vergngtes Leben fhren wolle, so solle ich meine Zimmerthre,
die er offen stehen lie, hrbar schlieen und wieder ffnen. - Aber ich that es
nicht; ich warf die Thre in's Schlo und schob den Riegel vor.
    Du hattest einen Geliebten? fragte Nanette, indem sie lchelnd den Kopf
herum wandte; gewi, du hattest einen!
    Woher knnen Sie das wissen? fragte erschreckt das junge Mdchen. Dann
verbarg sie verzweiflungsvoll ihr Gesicht in das grobe Kissen und versetzte:
Ja, ich hatte einen; aber ich habe ihn verloren, wie Alles auf dieser Welt.
    Das habe ich mir gedacht. - Aber nun weiter! obgleich ich mir denken kann,
was erfolgte.
    Das Mdchen wischte ein paar Thrnen aus ihren Augen, richtete sich in dem
Bette empor und sagte mit leiser Stimme: Nein, Sie knnen sich das Schreckliche
nicht denken, was nun erfolgte. Ich wurde am andern Morgen aus dem Hause gejagt;
- ich htte gestohlen, sagte er. Was wei ich, wie er es gemacht, aber als ich
mit dem kleinen Kinde von der Strae herein kam, war er mit der Kchin auf
meinem Zimmer; ich mute meinen Koffer ffnen und da fanden sich allerlei
Sachen, von denen nur der barmherzige Gott wissen kann, wie die hinein
gekommen.
    Bei diesen Worten drehte sich die andere langsam herum und schaute ihre
Gefhrtin mit einem langen und prfenden Blicke an. Dann warf sie die Oberlippe
in die Hhe, schttelte mit dem Kopfe und sagte: Das war sehr dumm. - Und die
Polizei -? Doch was brauche ich da zu fragen! Ich kenn' das ja; was sind wir
arme niedergetretene Wesen, wenn so eine fromme, christliche Seele Bses gegen
uns aussagt, und wenn berdies noch der Schein gegen uns spricht! - O, fuhr sie
fort und ihre Augen schossen Blitze, ich hatte eine Schwester, der es gerade so
erging, eigentlich noch viel schlimmer, denn auch sie, ein junges unschuldiges
Mdchen, sollte sich ihrem Herrn ergeben, und als sie sich weigerte,
beschuldigte man sie allerhand schlimmer Sachen, worauf mein Vater Jenem volle
Macht verlieh, die Widerspenstige zur Ordnung und Zucht zurck zu bringen. - Das
wurde denn auch mit Hunger und Schlgen probirt, und nachdem sie das eine
Zeitlang ertragen, kehrte sie denn freilich zur Ordnung zurck, aber die Zucht -
war von der Stunde an beim Teufel. - Doch weiter! - Sie steckten dich ein?
    Sie wollten es thun, fuhr das junge Mdchen unter nieder strmenden
Thrnen fort, aber er hatte einen Buchhalter, der bat fr mich.
    Ah! der Buchhalter? -
    Und darauf jagten sie mich einfach aus dem Hause mit der Weisung, nicht
wieder zu kommen. O, das war von Allem der entsetzlichste Moment; ich mute mir
ein Bndel mit dem Nothwendigsten zusammen packen, und da ich vorn zur Hausthre
nicht hinaus wollte, - es waren da bse Leute, die von der Geschichte gehrt
hatten und auf mich warteten, - so ffnete mir der Buchhalter die Thre des
Gartens, die auf das freie Feld fhrte. Ich fate in meiner Verzweiflung mit der
Hand so heftig in die Dornenhecke, da mein Blut heraussprang und auf den Schnee
tropfte; dann sah ich hinauf an den grauen Winterhimmel und auf den weien,
weien, einfrmigen Schnee, der sich so weit und unabsehhar vor mir ausbreitete.
Da war nichts Lebendes zu sehen als eine Schaar Raben, die schreiend ber das
Feld wegflogen. - Sehen Sie, Henriette, sagte der Buchhalter, da hinaus wenden
Sie Ihren Weg, und wenn Sie auch schwer gefehlt haben, er, der die Raben auf dem
Felde nhrt und die Lilien kleidet, wird sich auch Ihrer erbarmen.
    Er war fromm wie der Herr, sagte hhnisch Nanette.
    Darauf wollte er durch den Garten zurck, aber ich schrie laut auf und
versuchte, freilich etwas verworren und unklar, ihm den Verlauf des Ganzen zu
erzhlen. Aber er schttelte den Kopf und sprach: Henriette, fgen Sie nicht zu
dem, was Sie gethan, auch noch Verlumdung und Lge. Ich kenne den Herrn, - das
ehrbarste und beste Gemth, und so gut, so gut, er knnte einem Kinde nichts zu
Leide thun. - Da raffte ich mich zusammen, erhob die Hand und sagte: die Schande
berlebe ich nicht, ich thue mir ein Leides an und mein Blut komme ber ihn.
Damit sprang ich in das Feld hinaus und erst, als ich schon ziemlich weit
gelaufen war, blickte ich nochmals um. Da stand er noch immer an der
schneebedeckten Hecke und blickte auf die rothen Blutstropfen, die dort von
meinen Fingern niedergefallen waren.
    Das war eine Strafe fr ihn! rief Nanette. Denn als er das Blut sah,
frchtete er sich und dachte an deine letzten Worte.
    Ich that mir aber kein Leides an, fuhr bitter lchelnd das arme Mdchen
fort; ich hatte nicht den Muth dazu, und als ich an einen Flu kam, wo die
Eisschollen neben und ber einander hin schliffen, da schauderte mich und ich
eilte wieder von dem Ufer hinweg. Ich lief, bis es Abend wurde, und dann kam ich
an die offen stehende Scheune, wo ich Sie fand.
    Das ist eigentlich eine ganz gewhnliche Sklavengeschichte, wie sie zu
Dutzenden vorkommen, sagte das Harfenmdchen. - Und wenn es dich interessirt,
etwas von mir zu erfahren, so will ich dir gerne damit aufwarten. Eine Ehre ist
der andern werth. Doch ist meine Geschichte ein Bischen anders. - Schau mich
an, fuhr sie fort, indem sie sich aufrichtete, ich sehe nicht aus wie Jemand,
der gern duldet und leidet, und damit habe ich mich auch in meinem Leben sehr
wenig abgegeben. Wir waren unserer vier Geschwister, die, als der Vater starb
und uns als Waisen zurck lie, sich noch im Hause befanden, das heit in zwei
elenden Dachkammern, wo kein Nagel unser war. Die Schwester, von der ich vorhin
sprach, rechne ich gar nicht mit, denn die war damals versorgt; spter ist sie
freilich im Spital gestorben. - Nun, wir vier, das kann ich dir versichern, wir
waren gut aussehende hbsche Mdchen; ich kann das schon sagen, ohne mir zu
schmeicheln, denn es ist ja schon ziemlich lange her. Nun hielten wir einen
Familienrath, dem eine alte Tante beiwohnte, welche uns versicherte, es knne
uns nicht fehlen, wenn wir arbeiten wollten und Lust htten, uns ehrlich
durchzuschlagen. Dabei sprach sie achselzuckend von der fnften Schwester und
ermahnte uns, an der ein Exempel zu nehmen und meinte, wir sollen recht
tugendhaft bleiben. Aber die Alte hatte gut reden! Die Tugend ist eine schne
Sache fr vornehme und reiche Mdchen; da leuchtet sie und glnzt, und wenn sie
auch schon Schaden gelitten hat, das thut nichts, da wird sie doch als
vollkommen unverletzt dargestellt und es wagt Niemand, ffentlich daran zu
rhren. - Aber bei uns armen Geschpfen, da glaubt Jeder, in dessen Klauen wir
gerade fallen, wir seien fr ein mageres Brod sein mit Leib und Seele, als htte
er uns auf dem Sklavenmarkte gekauft. - Ich versichere dich, anders sehen es die
Meisten, bei denen wir um's Taglohn arbeiten, gar nicht an.
    Ich kam denn auch gleich in die Hnde eines solchen Herrn, eines
Fabrikanten, der seine Arbeiterinnen ansah wie der Trke seinen Harem, und der
uns mit einem Draufgeld, welches wir erhielten, frmlich von seinen
Unterhndlern kaufte. Ich hatte Wind davon erhalten und wollte nicht zu ihm;
aber ein altes Weib, das er zu mir schickte, und die er auerordentlich
bezahlte, wute mir die Sache recht lockend darzustellen. Ich ging also in die
Fabrik, aber nicht in die Falle; und als nicht lange darauf der entscheidende
Moment kam, erhielt mein Herr ein paar tchtige Ohrfeigen, was meine smmtlichen
Kolleginnen in's hchste Erstaunen setzte, denn die und - Gott verzeih' es ihnen
- auch viele ihrer Eltern, hatten sich oder die eigenen Kinder zu allen Diensten
frmlich verkauft, und wenn so ein unglckliches Geschpf sich wohl bisweilen
gewaltig wehrte und um Schonung und Erbarmen flehte, so wurde sie meistens von
den Anverwandten zur Pflicht zurck gefhrt. - Ha! ha! ha! unterbrach sich das
Mdchen mit einem lauten Gelchter, ich versichere dich, es gibt keine grere
Sklaverei, als die der tausend armen Mdchen, worunter auch wir gehren, mgen
sie nun sein, was sie wollen. - Sklaverei in jeder Richtung; harte Arbeit, kaum
das tgliche Brod, um nicht Hungers zu sterben, Mihandlung aller Art, geistige
und krperliche; - und zuletzt wirft man sie weg, nachdem nichts mehr an ihnen
zu verderben ist. Und wenn man von Menschenhandel sprechen will, so lasse man
nur Einige von uns ihre Geschichte erzhlen, das gebe ein artiges Buch zusammen,
da Jedem, der es lesen wrde, die Haare zu Berge stehen knnten.
    Natrlicherweise verlie ich am gleichen Tage, wo ich mich mit dem Herrn
entzweit, die Fabrik. Ein junger Musiklehrer, den ich kennen lernte, fand, da
ich eine gute Stimme, auch hinreichendes Taktgefhl; er unterwies mich eine Zeit
lang, und dann suchte und fand ich eine Anstellung als Choristin bei unserm
Stadttheater.
    Das war aber dieselbe Sklavenanstalt wie die Fabrik, das kann ich dich
versichern, ja insofern noch viel schlimmer, weil es dort nur einen, hier aber
viele Herren gab. Auch versteht es sich ja von selbst, da so eine junge
anfangende Choristin in nichts widersprechen darf, wenn sie nur die geringste
Aussicht haben will, zu Etwas zu kommen, um gerade vom Hungertode bewahrt zu
sein. Der Direktor selbst warf mir freundliche Blicke zu; sein Bruder, Regisseur
und erster Tenorist, trug sich mir zum Lehrer an; er wolle meine Stimme
ausbilden, sagte er, und nebenbei ein kleines Verhltni mit mir eingehen. Ich
wies das Alles anfnglich zurck und dachte, wenn ich recht fleiig sei, meine
Schuldigkeit im Gesang thue, nie zu spt komme und dergleichen mehr, so knne
man nichts weiter von mir verlangen. Ich wollte damals trotz der gemachten
Erfahrungen noch nicht einsehen, da wir eine Klasse von Geschpfen sind, die
sich einmal verkaufen mssen, um ihr tgliches Brod zu erwerben.
    Da war aber auf jenem Theater eine alte wrdige Frau, - sie spielte
Anstandsdamen und souflirte zuweilen, - ein sehr praktisches Weib, ich sehe sie
heute noch vor mir mit ihrem dicken rothkarrirten Shawl, einem groen Beutel am
Arm, worin sie Bcher und Obst hatte, eine Brille auf der Nase und mit der
Schnupftabaksdose, die sie bestndig in der Hand hatte. Sie mochte mich wohl
leiden, und eines Tags, als ich dem Bruder des Direktors eine recht schnippische
Antwort gegeben und ihm geradezu den Rcken gekehrt hatte, nahm sie mich in den
dunkelsten Winkel hinter die Koulissen und sagte mit ihrer schnarrenden Stimme:
Mein liebes Kind, mit der Sprdigkeit geht's nun leider einmal nicht in so
vielen abhngigen Verhltnissen, namentlich nicht beim Theater, und je mehr man
sich dagegen wehrt, um so greres Herzeleid macht man sich selber. Tugendhaft
sein, ist eine schne Sache, aber es gehrt Geld dazu, dann ist es sehr angenehm
und leicht. Was sollen aber wir arme Geschpfe machen? So ein Vorgesetzter, mag
er nun heien wie er will, peinigt dich bis auf's Blut, und wenn er dich am Ende
fortschickt, so treibt dich der Hunger zu noch viel Schlimmerem. - Aber das ist
ja mehr als Sklaverei! fuhr ich damals auf. Ich habe doch das Recht, zu thun und
zu lassen was ich will; wer will mich zwingen? - Mit Gewalt Niemand, antwortete
darauf die Alte, das geschieht nur hchst selten, und dann bist du ein armes
Schlachtopfer. Aber nein! nein! du mut Alles freiwillig hergeben und doch
gezwungen; das ist die hrteste Nu bei der ganzen Geschichte. - Ich fhlte
wohl, da sie Recht hatte, aber da ich es so recht deutlich fhlte, ballte ich
meine Hnde zusammen und bi mir die Lippen blutig. Doch wollte ich lange, lange
dieser Ermahnung nicht folgen. Aber sie plagten und mihandelten mich auf alle
Weise, sie qulten mich, da es einen Stein htte erbarmen sollen. Ich stand
allein da, verlassen, und fhlte, da ich so gar kein Recht gegen diese
Behandlungen erlangen konnte, ich fhlte es, da ich nichts sei als eine arme
Sklavin, und wunderte mich nur ber mich selbst, da ich nicht schon gleich
Anfangs dem Befehl des Direktors nachgekommen sei, als er mir sagte, ich solle
in seine Wohnung kommen, er wolle mir eine kleine Solopartie bertragen und mit
mir einstudiren. - Ein ganzes Jahr lang hatte ich ertragen, was ein Mdchen zu
ertragen im Stande ist, wurde von meinen Kolleginnen verspottet, von den Mnnern
beim Theater auf alle Weise geneckt und geplagt. - Ja, ein ganzes Jahr hatte ich
es ausgehalten, da - nahm ich die mir dargebotene Rolle an und sang eine kleine
Solopartie. -
    Warum blieben sie aber nicht beim Theater, fragte die Andere; namentlich
wenn Sie Talent dazu hatten?
    Ich hatte aber kein Talent, entgegnete das Harfenmdchen finster; Alle,
die mir das gesagt, hatten mich belogen: ich hatte nichts als ein hbsches
Gesicht und einen Krper in der Frische der ersten Jugend. Das verlor sich aber
schnell, ich sang keine Solopartien mehr, und da die Truppe, bei der ich mich
befand, bald aufgelst wurde, so stand ich mit vielen Andern, die sich um mich
so wenig bekmmerten wie ich mich um sie, auf der Strae. Glcklicherweise hatte
ich von einem der Orchestermitglieder etwas Harfenspielen gelernt, mein altes
Instrument, welches ich jetzt hier habe, wurde mit allem Uebrigen versteigert
und ich erhielt es als Bezahlung, da ich einige Gegenansprche zu machen hatte.
- So bin ich jetzt reisende Virtuosin geworden, setzte sie lachend hinzu, und
wenn ich in der ersten Zeit meiner Laufbahn Manches hinunter schlucken mute, so
habe ich mich jetzt an Vieles gewhnt und lebe lustig und vergngt in den Tag
hinein, bis ich einstens - hinter einer Hecke sterbe. -
    Diese letzten Worte sprach sie so leise, da sie ihre Gefhrtin nicht
verstehen konnte. Auch war diese in ein tiefes Nachdenken versunken, und schrak
jetzt, als Nanette schwieg, aus ihren Trumereien auf.
    Aber was soll mit mir werden? sagte sie und faltete ihre Hnde. Was bin
ich schon geworden? - in welches Haus bin ich gerathen?
    Das sind drei Fragen auf einmal, entgegnete Nanette, die schwer oder
leicht zu beantworten sind, wie man will. - Was aus dir werden soll? - Nun,
bleibe vorderhand was du bist, das heit, behalte die Guitarre und singe mit mir
herum. Du dauerst mich und wenn ich dich jetzt fahren lasse, so bin ich
berzeugt, da du bald in schlechte Gesellschaft gerthst.
    Das junge Mdchen sah bei diesen Worten ihre Gefhrtin mit einem sonderbaren
Blicke an.
    Darauf erwiderte diese lachend: Ich wei wohl, wehalb du mich so komisch
betrachtest; du meinst, die Gesellschaft, in der du dich gerade befindest, sei
auch eben nicht die respektabelste. Doch glaube das nicht; ich bin reisende
Knstlerin, und wenn ich will, kann ich mein Brod auf ganz ehrliche und
unbescholtene Art verdienen. - Aber, setzte sie leiser hinzu, die Verfhrung
ist so gro. - Deine andere Frage, was aus dir schon geworden sei, kannst du dir
am besten selbst beantworten; und drittens endlich, was die Beschaffenheit des
Hauses, in dem wir uns gerade befinden, betrifft, so heit dasselbe der
Fuchsbau, macht billige Zechen und gewhrt hinlnglichen Schutz vor der Polizei
mit ihrem Anhang. - Fr tugendhafte Frauenzimmer, fgte sie bei, indem sie
ihren Kopf und Oberkrper auf die Decke zurckwarf und sich lange ausstreckte,
fr tugendhafte Frauenzimmer ist das Haus freilich ein wenig gefhrlich, denn
es sind hier an den Thren keine Riegel zum Verschlieen. - Und du scheinst mir
noch recht tugendhaft zu sein?
    Ach mein Gott! seufzte das Mdchen und verbarg eine Zeit lang ihr Gesicht,
das auf's Neue von Thrnen berstrmt wurde, in beide Hnde. - Welch'
unsgliches Elend war nicht seit so kurzer Zeit ber dies arme Geschpf herein
gebrochen! Vor ein paar Tagen noch war sie in einem vor der Welt anstndigen
Hause, in einer guten Stellung, freundlich behandelt, ja zu freundlich, mit der
Aussicht auf eine ruhige und behagliche Zukunft. - Und nun aus Allem dem
herausgerissen, in diese unheimliche Welt hinein geschleudert, sah sich das
junge, bis jetzt noch unverdorbene Mdchen an die Gefhrtin, die vor ihr sa,
gewiesen, und mute sich glcklich schtzen, da das Harfenmdchen sich ihrer
annahm und ihr Schutz gewhrte. Aus ihrem netten Stbchen, wo das Bett des
kleinen Kindes stand, das sie so sehr liebte, befand sie sich jetzt mit einem
Mal in dem den Gemache des verrufenen Hauses, wo Wind und Schnee zu dem offenen
Fenster herein jagte, und wo einmal ber das andere Mal ein Schauder ihren
Krper berflog und die Klte ihre Glieder erschtterte. Auf Augenblicke hielt
sie alles Das fr einen Traum, sank in sich zusammen und schlo die Augen fest,
um vielleicht freundliche Bilder, die sie umgaukelten, festzuhalten. - Jetzt
aber fuhr sie wieder empor, warf ihre Blicke auf die Gefhrtin, die neben ihr
ruhte, und fhlte alsdann, wie sich ihr Herz in tiefem Schmerz krampfhaft
zusammen zog.
    Nun, antworte mir, sagte Nanette; du hast lange genug berlegt. Du
behltst Guitarre und Papier der fortgelaufenen Agnes, ich bringe dir morgen ein
paar Akkorde bei, lehre dich einige Lieder, und mit deinem Gesichte, mit den
verschmt niedergeschlagenen Augen, knnen wir in den Gasthfen gute Ernte
machen. - Aber, setzte sie nach einer Pause hinzu, ich frchte, du wirst zu
vornehm thun, und was das anbetrifft, da mu ich wahrhaftig zu dir sprechen, wie
seiner Zeit die alte Theaterprinze zu mir. - Reisende Musikantin zu sein ist an
sich nicht so bel, aber du verkaufst dich dadurch der ganzen Welt: der Sechser,
der in meinen Teller fllt, ist ja nicht fr unser Spiel und Gesang, - er gilt
meinem vollen Busen oder deinen sanften schmachtenden Augen, deinem schlanken
Wuchse. Und darauf glaubt der, der ihn gespendet, sich ein Anrecht erworben zu
haben.
    O Gott! mein Gott! jammerte das Mdchen.
    Aber man gewhnt sich daran, fuhr finster die Andere fort. Es gibt
freilich Leute, die das nicht glauben und die nicht begreifen wollen, warum so
ein armes Harfenmdchen, das sich auf's Unverschmteste mu begaffen lassen, das
jede freche Hand berhren darf, nicht lieber in's Wasser springt, um so seiner
Schande und seinem Dasein ein Ende zu machen. Aber die das nicht begreifen,
kennen unsere Lage nicht, obgleich sie so gern aus ihrem warmen Zimmer, von
ihrem guten Mittagessen hinweg achselzuckend ber uns und unseres Gleichen
urtheilen. - Aber entschliee dich! Es ist das Beste, was du ergreifen kannst;
denke nicht, da du nach Hause zurckkehren kannst: dein Herr ist gezwungen, die
Klage gegen dich aufrecht zu erhalten. In den Augen der Leute dort bist und
bleibst du eine Diebin.
    O stille! stille! bat das arme Mdchen, die sich in den heftigsten
Seelenleiden auf dem Bette krmmte wie ein zertretener Wurm.
    In diesem Augenblicke hrte man Etwas auf dem Gange schleichen und eine
Hand, welche an der Thre vorbei rutschend die Klinke suchte.

                          Vierunddreiigstes Kapitel.



                                     Er! -

Was ist das? fragte entsetzt das junge Mdchen, indem sie sich erhob und
ngstlich lauschte.
    Es wird der im schwarzen Fracke sein, dem du vorhin seine Frage bejahtest.
Er kommt nun, wie er mit dir ausgemacht.
    Aber ich habe nichts mit ihm ausgemacht! schrie das Mdchen im Tone der
Verzweiflung. Nichts! nichts! Gott erbarme sich meiner! - O helfen Sie mir! was
soll ich thun?
    Mit mir ziehen, dich unter meinen Schutz begeben, entgegnete ruhig das
Harfenmdchen, ohne den Kopf zu erheben, - aber warum sich auch so gewaltig
sperren? - Oder ihm folgen!
    Eher den Tod! - ich strze mich dort zu dem Fenster hinaus.
    Bist du so tugendhaft? fragte Nanette mit einem zweifelhaften Lcheln.
    Die Andere gab keine Antwort, sondern starrte mit weit aufgerissenen Augen
nach der Thre.
    Gewi und vollkommen tugendhaft? fuhr das Harfenmdchen dringender fort zu
fragen, und richtete sich halb empor, um die Antwort ihrer Gefhrtin besser
vernehmen zu knnen.
    Doch schien diese den Sinn der Frage nicht gleich zu verstehen, und als sie
ihn endlich begriffen, zuckte sie zusammen, blickte empor und sagte mit
aufgehobener Hand: Ja, ja! bei Gott im Himmel! ja!
    Ah! wenn das ist, sprach lustig Nanette, so wollen wir diesen Tlpel
ablaufen lassen; das wren Perlen vor die Sue geworfen!
    Jetzt ffnete sich langsam die Thre; der Mann, von dem das Harfenmdchen
vorhin gesprochen, und der sich drunten zum Beschtzer der Andern aufgeworfen,
erschien wirklich und blickte vorsichtig in das Gemach. In der Hand trug er ein
ausgelschtes Licht. - Das ist heute ein furchtbarer Sturm, sagte er lchelnd;
wo der Wind die geringste Oeffnung findet, da fhrt er herein.
    He, was soll's? rief Nanette, indem sie sich halb erhob und dabei eine
Faust unternehmend in die Seite stemmte. Wollt Ihr vielleicht Euer Licht bei
uns anznden? - Nun, darauf soll es mir meinetwegen nicht ankommen.
    Das weniger, entgegnete grinsend der Eingetretene; ich htte wohl die
Absicht, euer Licht ebenfalls auszulschen.
    Nun, ich will Euch was sagen, Struber, erwiderte das Mdchen mit
bestimmtem Tone, fr Eure schlechten Spsse sucht Euch ein anderes Zimmer. Wir
haben das unsrige bezahlt und wollen Ruhe haben.
    Man will auch von dir nichts, du bses Maul! sagte der im schwarzen Frack.
Nimm dich in Acht, sonst sollst du es ben.
    Trotz dieser Drohung blieb er aber ruhig an der Thre stehen.
    Von wem willst du denn sonst etwas? fuhr das Harfenmdchen fort, indem sie
sich von ihrem Stuhle erhob. Vielleicht von meiner Schwester? - Willst du sie
vielleicht verkaufen, Sklavenhndler, Seelenverkufer!
    Von deiner Schwester? -hahaha!- du wrdest dich freuen. Das ist aber eine
ganz andere feinere Race als die eurige.
    Mag es nun eine Race sein, welche es will, so sage ich dir, sie ist fr
dich nicht gewachsen, und wenn du dich nicht bald aus dem Zimmer hinaus machst,
so komme ich dir entgegen; und ich glaube, du kennst mich.
    Du bist eine wilde Katze, versetzte giftig der Andere. Und wenn du
meinst, ich htte Lust, mich mit dir herumzuschlagen, so irrst du dich gewaltig.
Ich will nur den Lakaien herauf holen, der soll dich halten und dann kannst du
zusehen.
    O, ich habe vor euch Beiden keine Angst, ihr Jauner, ihr miserable! - Nicht
wahr, bei ein paar armen Mdchen habt ihr groe Muler. Soll ich den Mathias
bitten, herauf zu kommen? Warte nur, Struber; aber ich sage dir im Guten, nimm
dich in Acht! Dabei ging sie einige Schritte vor, und whrend sie ihm eine
ihrer geballten Fuste entgegen warf, blitzten ihre Augen. Dieser Abend ist
noch nicht vorber, und es mte mich Alles trgen, wenn der Johann nicht noch
kme. Da will ich dann sehen, was du fr ein Gesicht machst, du Vieh, wenn ich
mich ber dich beklage.
    Diese Drohung, so versteckt sie auch war, machte doch auf den Herrn Struber
einen sichtlichen Eindruck. Er versuchte zu lcheln und sagte: Du bist doch in
Wahrheit eines der verwegensten Weibsbilder, die ich je gesehen. Von dir will ja
eigentlich Niemand etwas, ich halte mich an die Andere; und bin ich nicht in
meinem vollkommenen Rechte, wenn ich herauf komme, hat sie drunten nicht Ja
gesagt?
    Ja hat sie allerdings gesagt, erwiderte das Harfenmdchen, indem sie jetzt
ihre beiden Arme in die Seiten stemmte. Aber wehalb hat sie es gesagt? - Du
wirst dir doch wohl nicht einbilden, da es ihr Ernst war? - Sie hat Ja gesagt,
weil sie sich vor dem Schuft, dem Lakaien, frchtete. Das wirst du wohl
begreifen; fr so dumm halte ich dich doch nicht.
    Jetzt hrte man drunten im Hause eine helle Glocke mehrmals anschlagen, und
der eigenthmliche Ton derselben klang scharf durch die gewlbten Gnge.
    Herr Struber zog pltzlich die Augenbrauen in die Hhe, lie die Unterlippe
herab hngen und lauschte aufmerksam.
    Das wird an der kleinen Hinterthre sein, sprach Nanette; Johann kann
nach Hause kommen.
    Nein, nein, entgegnete der im schwarzen Frack eifrig, indem er die
Thrklinke wieder in die Hand nahm, das ist ganz was Anderes - horch! ich kenne
die Glocke. Dabei erbebte er sichtlich, gerade wie Jemand, den ein pltzlicher
Frost berweht oder ein groes Entsetzen anwandelt.
    Was gibt es denn? fragte jetzt auf einmal das junge Mdchen, welches die
Vernderung an dem vorhin noch so kecken Herrn Struber bemerkte.
    Ich wei nicht, entgegnete dieser mit leiser Stimme; aber es gibt was. -
Horch! Dabei hielt er den Kopf auf den Gang hinaus. - Aber, sagte er pltzlich,
lscht euer Licht aus, es darf kein Schein davon die Treppe hinab fallen.
    Ist das nicht eine neue Finte von dir? fragte argwhnisch Nanette.
    Nein! nein! sei verdammt! erwiderte er unruhig, - aber halte dein Maul!
Wenn du das Licht nicht auslschen willst, so komm mit vor die Thre, oder bleib
drinnen, wie du willst, aber la sie mich in's Schlo ziehen. - So - leise!
    Das Harfenmdchen hatte dem Mann einige Augenblicke forschend in's Gesicht
gesehen, als sie aber da nichts von Hinterlist und Falschheit entdecken konnte,
vielmehr nur den Ausdruck des Schreckens sah, so siegte die weibliche Neugierde
und sie trat mit ihm auf den finstern Gang hinaus.
    Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem weiten Gebude, dann aber
hrte man den Klang der kleinen Glocke wieder, und darauf hin wurde in einem
Stockwerke tiefer eine Thre geffnet, man vernahm schwere Mnnerschritte auf
den Steinplatten des Korridors und es wurde eine Stimme laut, welche ngstlich
fragte: Nun was soll's denn eigentlich? - Treibt doch keinen schlechten Spa
mit mir!
    Der Lakai! sagte das Mdchen.
    Ja, der Lakai, antwortete schaudernd Herr Struber.
    Jetzt verwandelte sich drunten die Stimme desselben aus einem scherzhaften
und bittenden Tone in einen trotzigen und widerspenstigen. - Nun ja, hrte man
ihn sprechen, was soll's denn? Darnach habe ich wohl ein Recht zu fragen. Wenn
ich nach Hause will, so kann ich das thun. - Wer hat ein Recht, mich zu halten?
    Hierauf vernahm man die Schritte wieder, doch statt da sie wie vorhin in
gleichmigem Tempo klangen, trampelten sie jetzt eine kleine Weile unordentlich
durch einander. Dann hrte man ein Aechzen aus tiefer Brust und hierauf ein
Schleifen, als schleppe man eine schwere Last mit sich fort.
    Alle Heiligen! sagte das Mdchen, steht uns in Gnaden bei! - da hat's ein
Unglck gegeben.
    Noch nicht, entgegnete schaudernd Herr Struber, aber es gibt
wahrscheinlich eins. - Dabei horchte er mit erneuter Aufmerksamkeit.
    Nachdem das Schleifen da drunten ein paar Sekunden gedauert, hrte man eine
andere tiefe Stimme sagen: Nun, wenn du lieber auf den Fen gehen willst, ist
es mir auch recht; aber la allen Widerstand, der ist hier vergebens.
    Darauf stie der Lakai einen tiefen Seufzer aus und entgegnete: Ich will ja
thun, was man verlangt.
    Endlich verklangen die Schritte in die Ferne, es schlo sich wieder eine
Thre und Alles war todtenstill wie vorher.
    Die Beiden oben an der Thre lauschten noch eine Weile, dann trat der Herr
Struber langsam in das Zimmer zurck. Nanette folgte ihm. - So sprecht denn!
sagte sie, was kann es denn da unten geben?
    Wei ich's! entgegnete er verlegen, indem er die Achseln zuckte.
    Ihr wit mehr, als Ihr sagen wollt. Kanntet Ihr den Klang jener Glocke?
    Bst! - bst! machte Herr Struber und zog das Mdchen weiter mit sich in's
Zimmer hinein. - Er ist im Hause -
    Er? fragte das Mdchen erschreckt.
    Ja, ja, er, erwiderte der Andere. Und ich mache, da ich fort komme, -
wenn die Thre berhaupt heute Nacht noch geffnet wird, setzte er nachdenkend
hinzu. Schlaft ruhig! was gehen euch die Geschichten da unten an! Gute Nacht!
    Damit schlich Herr Struber zur Thre hinaus und schritt leise durch den
Gang und die Treppen hinab.
    Das junge Mdchen im Bette hatte sich halb erhoben und sa da, ein Bild der
Angst und des Jammers. Ihr blondes Haar hatte sich aufgelst und hing ber ihr
bleiches Gesicht herab, ohne da sie den Versuch machte, es wegzustreichen. Auch
sie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehrt, hatte das
natrlicherweise fr eine Gefahr gehalten, die sie bedrohe, und zitterte am
ganzen Krper. Erst nachdem Herr Struber wieder das Zimmer verlassen, athmete
sie tief auf und beruhigte sich etwas.
    Nanette trat gedankenvoll an das Bett und sagte: Leg' dich nur ruhig hin;
an uns denkt heute Niemand mehr. Aber du kannst ein klein wenig auf die Seite
rcken, ich will mich auch niederlegen, wir haben Platz genug. Vorher aber will
ich das Licht auslschen.
    Lassen Sie es lieber brennen, bat das junge Mdchen.
    Nein, das ist gegen die Hausordnung, entgegnete eifrig die Andere, man
she drunten vom Hofe das erleuchtete Fenster, und ich mchte um Alles in der
Welt keine Ursache zu irgend einer Klage geben. - Nein, gewi nicht! Damit that
sie, wie gesagt, drehte die Talgkerze in dem Leuchter um, um sie auszulschen,
warf ihr Oberkleid von sich und legte sich zu ihrer Gefhrtin auf das schmale
Feldbett, das unter der doppelten Last bedenklich krachte, auch kaum Platz fr
die beiden bot. Die Mdchen aber behalfen sich so gut wie mglich, theilten sich
in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmigen Athemzge des
Harfenmdchens an, da sie ruhig entschlummert sei.
    Die Andere wollte nicht so bald der freundliche Schlaf in seine Arme nehmen;
wohl prete sie die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz, wohl schlo sie die
Augen und suchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrngen,
und dann senkte sich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein
durchsichtiger Nebel ber sie hin. Doch entrckte er sie nicht der Wirklichkeit:
er flog ber sie hin, ein leichter, durchsichtiger Hauch, hinter dem
schreckliche, hohnlachende Gestalten um so seltsamer ihr Wesen trieben, und den
ein tieferer Athemzug, ein lauterer Herzschlag pltzlich durchri, um wieder auf
sie einstrmen zu lassen, die schreckliche, frchterliche Wirklichkeit. - Dann
fuhr das Mdchen empor, strich sich angstvoll die Haare aus dem Gesicht und
blickte um sich; doch konnte sie nichts erkennen: die dichteste Finsterni
herrschte in dem Gemach, und nur ein leichter unbestimmter Schein lie die
Stelle ahnen, wo sich die Fenster befanden. Nach wie vor sauste der Wind durch
die zerbrochenen Scheiben, er heulte um die Ecke des Gebudes und durch die
winkeligen Hfe. Der einzige freundliche Ton, der an das Ohr des armen Mdchens
schlug, war eine mitleidige Glocke, welche die zehnte Abendstunde anzeigte.
    O Gott! noch so frh! seufzte sie. Und dann legte sie sich wieder neben
ihre Gefhrtin hin, bemhte sich, ruhig zu sein, und derselbe schreckliche
Zustand zwischen Wachen und Schlafen kam wieder ber sie. - Sie hatte jenen
Diebstahl in der That begangen, sie floh, man verfolgte sie. Jetzt stand sie an
der Dornenhecke, die den kleinen Garten umschlo, wo sie schon so glcklich
gewesen; jetzt sah sie die Blutflecken auf dem weien Schnee und flog mit den
Raben ber das Feld hinweg; aber sie wollten sie nicht unter sich dulden und
hackten auf sie los, so da sie zur Erde niederstrzte und, an allen Gliedern
gelhmt, langsam fortkroch. - So bewegte sie sich mhsam dahin, immer ihre
Verfolger dicht hinter sich, immer eine Faust in ihrem Nacken, die nach ihr
fate und die mit jedem Pulsschlage nher kam; und es schien Jahre zu dauern,
bis sie die schtzenden Mauern erreichte, hinter denen sie sich jetzt befand. -
Ah! endlich einen Augenblick Ruhe! - Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und
dichter, die Gestalten verschwammen im einfachen Grau; sie schienen von unten
herauf zu zerschmelzen: Fe, Krper und Arme all' der phantastischen Gestalten
schwammen weit aus einander und wurden immer undeutlicher, nur die schrecklichen
Kpfe waren noch lngere Zeit zu erkennen, die Kpfe mit den seltsam lachenden
und grinsenden Gesichtern, und vor Allem die unzhligen starren Augen, die sie
leuchtend und unverwandt anblickten. - Lange, lange noch sah sie diese Augen
durch den Nebel durchschimmern, als die Gesichter schon lngst verschwommen
waren, zuerst als wirkliche Augen, dann als glnzende Punkte, die langsam
zurckwichen, und endlich nur noch lebhafte blaue und grne Ringe, die zuletzt
ebenfalls in Nichts zerflossen. -

                          Fnfunddreiigstes Kapitel.



                             Ein geheimes Gericht.

So mochte das Mdchen eine Zeit lang ruhiger geschlummert haben, da fhlte sie
im Schlafe, da Jemand ihre Hand ergriff und daran zog. Augenblicklich erwachte
sie, griff um sich, fate den Arm ihrer Gefhrtin; und als sie an demselben
aufwrts tastete, um sich zu berzeugen, da es auch das Harfenmdchen sei,
welches ihr Handgelenk festhielt, bemerkte sie, da diese es wirklich war, aber
da sie aufrecht neben ihr im Bette sa. - Was ist's? flsterte das junge
Mdchen angstvoll.
    Stille! antwortete Nanette mit leiser Stimme; ich mu erwacht sein an dem
Schlag der Uhren; es ist elf Uhr. Doch jetzt soeben, als ich wieder einschlafen
wollte, hrte ich leises Schleichen auf den Treppen; - hoch! und jetzt auf dem
Gange.
    Was kann das sein?
    Vielleicht noch ein spter Gast, der nach seinem Zimmer geht. - Aber nein,
das ist der Schritt eines Weibes. O, ich habe ein feines Gehr. Weit du, das
wird geschrft bei unserem Leben.
    Und das Mdchen hatte Recht; es waren in der That leise schlrfende Tritte,
die langsam nher kamen.
    Die beiden Mdchen lauschten mit zurckgehaltenem Athem.
    Jetzt fate eine Hand die Thrklinke, drckte langsam das Schlo auf, die
Thr ffnete sich und ein Lichtstrahl fiel herein. Doch konnten die Mdchen
augenblicklich nicht erkennen, wer der Trger dieses Lichtes war, denn dieser
hielt die Hand vor das Gesicht und lie den vollen Schein des Lichtes in das
Zimmer fallen.
    Was soll's? fragte Nanette scheinbar mit entschlossenem Tone, doch
zitterte ihre Stimme ein wenig. Dann rutschte sie mit voller Geistesgegenwart
vom Lager herab, um stehenden Fues erwarten zu knnen, was es gebe.
    Das junge Mdchen hielt ihren Arm umklammert und drckte sich fest an sie.
    Ja, ich bin recht, sprach eine Stimme an der Thre; ich hatte die Nummer
vergessen. Richtig, es ist doch vierundzwanzig.
    Ah! seid Ihr es, Frau? sagte Nanette nach einem tiefen Athemzuge, denn sie
erkannte die Stimme des alten Weibes drunten aus der Schenke. Ich hatte Angst,
als Ihr so langsam die Thre ffnetet.
    Ei, ei! entgegnete grmlich das Weib, du bist doch sonst nicht so
furchtsamer Natur.
    Das ist richtig, aber es war heute Abend so unruhig im Hause. - Doch was
soll's, Frau, wollt Ihr zu uns?
    Die Alte drckte sorgfltig die Thre hinter sich in's Schlo, dann stellte
sie das Licht auf den Tisch und nherte sich dem Bette.
    Schlft die Andere? fragte sie.
    Nein, nein, ich schlafe nicht! entgegnete eifrig das junge Mdchen.
    Nun, das ist gut, mein Schatz, dann brauche ich dich nicht zu wecken.
    Mich zu wecken? - Barmherziger Gott! Wollt Ihr etwas von mir?
    Ich eigentlich nicht, mein Kind, aber -
    O Frau, lat das arme Geschpf in Frieden! bat das Harfenmdchen. Der
Struber war da, wir haben Mhe gehabt, ihn hinaus zu bringen. Seht Ihr nicht,
wie das unglckliche Ding vor Angst zittert!
    Was Struber! sprach die Frau verchtlich. Meinst du, ich kmmere mich um
solche Lumpen? - Da ist schon was ganz Anderes im Spiel. - Er ist im Hause,
setzte sie leiser hinzu.
    Ich habe es gehrt, erwiderte Nanette. Aber das kann uns doch nicht
betreffen; er wei kaum, da wir in der Welt sind.
    Er wei Alles, sagte ernst die Frau. Und der beste Beweis ist, da ich
hier bei euch bin. Ich habe den Befehl, die da zu holen.
    Die da? - das junge Mdchen? rief entsetzt die Harfenspielerin und sprang
vom Bette, auf welchem sie bis jetzt sa, als habe sie eine Schlange gestochen.
Alle Heiligen! er lt sie holen?
    Die Alte nickte mit dem Kopfe.
    So hast du wahrscheinlich Schlimmeres begangen, als du mir gesagt, fuhr
Nanette zu dem Mdchen gewendet fort. Wozu kann er dich sonst holen lassen! Um
Gotteswillen! Wer bist du? - Ah! du hast mir von Blut an deinen Hnden erzhlt!
- Grlich! - Sollte das nicht so zufllig an deine Finger gekommen sein?
    Das junge Mdchen blickte um sich, als sei es noch immer in einem schweren,
schrecklichen Traume befangen. - Man will mich holen? brachte sie endlich
mhsam hervor. Und als die Alte ihr entgegnete: Ja, ja, drum stehe geschwind
auf! setzte sie hnderingend hinzu: Wohin will man mich holen? - O, habt
Erbarmen! lat mich da, ich habe Euch ja nichts zu Leide gethan!
    Da ist keine Zeit zu verlieren, sagte kalt die Alte. Steh auf und bring
deinen Anzug etwas in Ordnung.
    O, Sie waren so gut gegen mich! flehte das arme Geschpf, indem sie sich
an das Harfenmdchen wandte, das drei Schritte von dem Bette stehen blieb und
mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens auf ihre bisherige Gefhrtin blickte.
Sie wollten mich ja beschtzen, lassen Sie mich nicht von hier fort! - Wer kann
etwas von mir wollen? Das mu ein Miverstndni sein; kenne ich doch auer
Ihnen keine Seele in dem Hause. Nicht wahr, Sie lassen mich nicht fort von
hier?
    Er hat's befohlen, versetzte ernst die Alte, und da hilft kein
Widerstreben.
    Das arme Geschpf blickte fragend zu dem Harfenmdchen hin.
    Nein, da hilft kein Widerstreben, sagte auch dieses, gewi nicht. Komm,
steh auf und - helfe dir Gott! setzte sie leiser hinzu.
    Darauf hin lie das junge Mdchen willenlos geschehen, da ihr die Alte vom
Bett in die Hhe half und da sich auf einen Wink derselben das Harfenmdchen
nherte, ihre herabgefallenen blonden Flechten in die Hand nahm, sie etwas
glttete und dann sorgfltig ber ihrem Kopf befestigte.
    Das alte Weib hakte ihr das Kleid zu und bat sie, ihre Schuhe wieder
anzuziehen und sich berhaupt zu beeilen. Dann nahm sie vom Stuhle das Tuch des
Mdchens, hing es ihr um die Schultern und zog sie an der Hand mit sich fort.
    Nanette begleitete sie bis an die Thre, und als das Mdchen dieser dort die
Hand reichte und ihr dankte fr die Freundlichkeit, mit welcher sie sie
behandelt, blitzten die dunkeln Augen Nanettens strker als gewhnlich, und als
sich nun die Thre hinter den Beiden schlo, rollten ihr ein paar schwere
Thrnen ber das Gesicht herab.
    Das junge Mdchen lie sich von der Frau fhren; alle ihre Kraft war dahin
und ihre Kniee wankten so, da sie sich mehrmals an die Wand sttzen mute, um
nicht niederzufallen, wehalb sich das Weib veranlat sah, sie mit einigen
Worten zu trsten. Habe nur keine Angst, sagte sie, es geschieht dir gewi
nichts. - Nicht wahr, du bist zum ersten Mal hier im Hause?
    Ja gewi, hauchte das Mdchen.
    Und du kennst keinen von den Gesellen, die du heute Abend drunten im Zimmer
gesehen? Du hast noch nie mit einem was zu thun gehabt?
    O mein Gott, nein, nein! erwiderte schaudernd die Gefragte.
    Nun, so wei ich nicht, was er von dir will, und da kannst du dich auch
ziemlich beruhigen, es wird nichts so Schlimmes sein. Aber jetzt la' uns eilen,
wir haben schon Zeit genug verloren. - Damit schritt sie rasch voran, Treppen
auf, Treppen ab, ber lange Gnge hinweg, die sich bald rechts, bald links
bogen, dann kamen sie sogar quer durch einen Hof, wieder eine Treppe hinauf, und
hielten endlich an einer Thre stille.
    Die Alte klopfte dreimal an; es wurde augenblicklich geffnet, und das
Mdchen fhlte sich pltzlich in ein erleuchtetes Zimmer geschoben. Hinter ihr
fiel die Thre wieder in's Schlo, und als sie sich auf dieses Gerusch hin
umwandte, bemerkte sie, da ihr das alte Weib nicht gefolgt war.
    Das Zimmer war gro, gerumig, mit anstndigen Tischen und Sthlen versehen,
und ein mchtiger Ofen verbreitete eine behagliche Wrme. Ein groer Mann, der
in der Mitte des Gemachs auf und ab ging, wies das Mdchen an, sich auf einen
der Sitze niederzulassen, dann legte er wie vorhin die Hnde auf den Rcken und
schritt wieder gleichmthig hin und her.
    Der geneigte Leser, der uns bis hieher zutrauensvoll gefolgt, wolle sich
auch unserem ferneren Schutz berlassen und mit uns in ein anderes Zimmer
treten, das von dem, in welchem sich das junge Mdchen befand, durch ein
kleines, dunkles Kabinet getrennt ist.
    Es war dies ein Gemach, hher und weiter als selbst das Schenkzimmer, doch
auch wie dieses mit eichenem Holz ausgetfert. Wnde und Decke aber waren besser
erhalten, und an letzterer bemerkte man ein ziemlich dunkel gewordenes Gemlde,
sowie gut erhaltene Vergoldungen. Wo hier Fenster und Thren waren, konnte man
nicht gut bestimmen, denn beide waren gleichmig mit groen dunklen Vorhngen
versehen, die von dem Fries bis auf den Boden herab hingen. In einer Ecke dieses
Zimmers befand sich ein groes Kamin, in dem mchtige Holzblcke stammten;
daneben stand ein alter geschnitzter Tisch, mit einer grnen Decke behngt, und
neben diesem ein Stuhl mit hoher Lehne. Dem Tisch und Stuhl gegenber in der
anderen Ecke des Zimmers befanden sich mehrere Mnner von starkem, krftigem
Krperbau und verwegenen Gesichtern, aus denen unternehmende Augen hervor
blitzten; Einige von ihnen hatten Brte, andere waren glatt rasirt. In ihrer
Mitte war jener Mann in der Livre, den wir in der Schenkstube gesehen und
dessen Stimme wir auf dem Gange gehrt. Er stand aber nicht so aufrecht da wie
die Andern, seine Kniee schlotterten, sein Rcken war gekrmmt und seine
bleichen Zge vor Angst verzerrt und entstellt.
    Alle aber blickten unverwandten Auges nach jener anderen Ecke des Zimmers,
und wir ersuchen den geneigten Leser, gleichfalls dahin zu sehen. Dort an dem
Sessel mit der langen Lehne stand ein junger Mann, ziemlich gro, dabei aber
schlank und von den angenehmsten geflligsten Krperformen und Bewegungen, die
Leichtigkeit und groe Kraft ausdrckten. Er trug ein sehr eng anliegendes
Beinkleid und hohe glnzende Reitstiefel, die aber bis zu den langen, schweren
Sporen hinunter, wie nach einem starken Ritt, dicht mit Koth bespritzt waren.
Den Oberkrper bedeckte eine Art Blouse von einem dunkelblauen wollenen Stoffe;
die Aermel derselben waren sehr weit, und wenn er die seine, jedoch etwas
gebrunte Hand zufllig empor hob, so fielen sie zurck und zeigten weie,
glnzende Wsche. Um den Leib trug er einen ledernen Grtel, und an der linken
Seite desselben hing ein Tscherkessendolch, eine jener furchtbaren Waffen, die
ungefhr anderthalb Schuh lang, oben handbreit sind, und nach unten spitzig
zulaufen. Die Scheide war von dunklem Leder, mit Stahl und eingelegtem Golde
verziert, und der Griff bestand aus weiem Elfenbein, hatte aber an der Spitze
einen gewaltigen Eisenknopf, der offenbar dazu diente, im Handgemenge einen
Gegner von oben herab niederzuschlagen.
    Der Kopf dieses Mannes war von ebenso geflligen und angenehmen Formen wie
der Krper, nur war sein Teint dunkel gefrbt wie der eines Zigeuners, und dazu
pate auch das kohlschwarze Haar, sowie der Bart von derselben Farbe, den er
lang herabhngend trug. Seltsam kontrastirten hiemit die blauen Augen.
    In dem Momente, wo wir unsichtbar eintreten, hatte er den rechten Arm auf
die Lehne des Stuhles gesttzt, und die Finger des linken spielten mit dem
Stahlknopfe des Dolchgriffs.
    So stehen also die Sachen, sprach er mit einer krftigen, angenehmen
Stimme, und da ich nicht gern Jemand ungehrt verdamme, so kannst du sagen, was
du noch zu deiner Entschuldigung vorzubringen hast; oder auch sonst Jemand, der
fr ihn sprechen will, kann vortreten.
    Der Lakai schluckte mehrere Male heftig und blickte scheu und zitternd die
Mnner an, welche um ihn standen, die ihn aber keines Blickes wrdigten und noch
viel weniger eine Silbe laut werden lieen.
    So sprich denn selbst!
    Ach Herr! ich wei nicht, was ich sagen soll! jammerte der Gefragte. Und
wenn es denn gar so arg ist, da ich jenen freilich berflssigen Messerstich
gethan, so bestrafen Sie mich; aber ich flehe Sie an, machen Sie es nicht so
streng mit mir!
    So sei, antwortete der junge Mann, - vielleicht zum ersten Mal in deinem
Leben - ehrlich und offenherzig. Jener schndliche, niedertrchtige Messerstich
ist freilich schlimm genug, aber ich will ihn dir verzeihen, wenn du mir
gestehen willst, was du sonst noch gegen uns begangen.
    Ich sonst noch gegen Sie begangen? entgegnete bestrzt der Lakai und lie
seine Augen im Kreise umherlaufen; will ich doch verkrummen und verderben, wenn
ich etwas gegen Sie gethan habe.
    Sei ehrlich! sagte ernst der Frager. Ich rathe dir, sei ehrlich oder es
nimmt mit dir ein frchterliches Ende.
    Worin soll ich ehrlich sein? - Ich wei nichts.
    Du weit nichts?
    Nein, nein! jammerte der Lakai. Blickt mich nicht so entsetzlich an - ich
- wei nichts.
    Nun, so will ich fr dich sprechen, fuhr der junge Mann fort, indem er vor
den Stuhl trat, sich ein paar Zoll hher streckte und die rechte Hand in die
Seite stemmte, ohne da aber die linke den Griff des Dolches fahren lie. -
Pat mir auf, ihr Mnner, und erinnert euch, was ich euch schon vor lngerer
Zeit von diesem Menschen sagte! Denkt daran, wie ihr fr ihn gebeten, als ich
ihn schon vor einem halben Jahre wollte verschwinden lassen, denkt daran! Diese
Worte sprach er langsam, bestimmt, aber mit solch schauerlicher Kraft und Klte,
da jedes derselben wie ein Keulenschlag auf das Haupt des Lakaien niederfiel.
Dann setzte er in geflligerem Tone hinzu: Weit du noch nichts, hast du mir
noch nichts zu sagen?
    Nein, entgegnete der Andere, whrend er die Zhne ber einander bi.
    Nun wohlan, so will ich fr dich sprechen. Ich erfuhr vor ein paar Tagen
zufllig, da er, dort jener Mensch, sich - zum Polizeidirektor begeben.
    Dieses Wort wirkte wie ein Donnerschlag sowohl auf den Betreffenden, als auf
die umstehenden Mnner. Wie auf ein Kommando faten ihn zwei derselben an den
Schultern, als scheine es ihnen, er habe die Absicht, zu entfliehen, woran der
Elende jedoch nicht dachte; vielmehr schienen die Kniee unter ihm zusammen zu
knicken, und er wre vielleicht auf den Boden gestrzt, wenn ihn die Mnner
nicht gehalten htten.
    Er war also beim Polizeidirektor, sprach dort von einer Verbindung
gefhrlicher Menschen, die ihm bekannt sei, und machte sich anheischig, deren
Aufenthalt, Schlupfwinkel, kurz Alles, was nthig sei um sich ihrer zu
bemchtigen, anzugeben, wenn ihm dafr eine groe Summe Geld ausbezahlt wrde. -
Er verlangte zweitausend Gulden; der Polizeidirektor aber, ein kluger Mann, der
berzeugt war, es sei unmglich, da sich im Gebiete seines Bezirks eine solche
Bande aufhalten knne, glaubte diesen Worten nur halb, und statt den Angeber,
wie ich gethan htte, festzuhalten, lie er ihn laufen, sagte ihm, er solle
wieder kommen, einige Beweise liefern, und machte ihm sogar darauf hin einige
Hoffnung aus die gewnschte Belohnung. - Seht, ihr Mnner, ich wache ber euch,
denn ich erfuhr diesen Anschlag noch am selben Tage; eure Freiheit und euer
Leben hingen an einem Haare; verget das nicht: nur die eure, ich bin ja ein
Wesen, das nicht existirt, das euch beschtzt und nur zuweilen hervortritt, um
zu bestrafen, um zu belohnen, - eure Vorsehung, wenn ihr wollt, und wie auch
dieser Fall wieder beweisen wird! - Denn, fuhr er klter fort, der Sekretr
des Direktors war nicht so arglos, wie dieser selbst; er beauftragte einen
sichern Polizeidiener, euren Genossen da zu beobachten, ihn auf Schritt und
Tritt zu besphen. Aber habt keine Angst, setzte er hinzu, als er sah, da die
Mnner sich unruhig bewegten, ich lenkte ihn auf eine andere Fhrte und er
verfolgt in diesem Augenblicke einen vollkommen harmlosen Menschen. - Sprich du
nun, habe ich die Wahrheit gesagt? - Verhlt sich die Sache so?
    Es ist ein Irrthum, Herr! heulte der Angeklagte; gewi, gewi ein
entsetzlicher Irrthum! O wie kme ich dazu!
    Statt aller Antwort steckte der junge Mann die rechte Hand unter seine
Blouse, zog eine Brieftasche hervor, nahm aus derselben ein Blatt Papier, das er
entfaltete und fragte ihn dann ruhig: Wie heiest du?
    Der Lakai lie den Kopf auf die Brust niedersinken und gab keine Antwort.
    Nun, ihr Andern wit doch, wie er heit. So lest dieses Blatt, das er dem
Polizeidirektor gab, als ihn dieser um seine Adresse fragte. Vielleicht kennt
Jemand von euch die Handschrift; den Namen aber werdet ihr auf alle Flle
kennen.
    Auf einen Wink trat einer der Mnner vor, nahm das Blatt, blickte hin,
bergab es dem Nebenstehenden, und so machte es die Runde bei smmtlichen
Anwesenden. Der Letzte, der sich die Schriftzge betrachtete, berreichte es dem
jungen Manne wieder, indem er sagte: Ja, Herr, es ist so, wir sind vollkommen
berzeugt.
    Nun denn, so wit ihr auch, wie ihr einen Verrther bestraft. Nehmt ihn
hinweg! Fort mit ihm!
    Umsonst versuchte der Verurtheilte, das Herz seiner Richter zu erweichen; er
brachte auch keinen zusammenhngenden Satz zu Stande und stotterte nur
unverstndliche Worte, dazwischen schluchzte er, schluckte krampfhaft und wand
sich in Todesangst unter den Hnden der zwei Mnner, die ihn fest bei den Armen
und Schultern hielten. Gnade! Gnade! flehte er und wollte vorwrts strzen zu
den Fen des jungen Mannes. Dieser wandte verchtlich den Kopf ab und blickte
in die Gluth des Kaminfeuers; dabei streckte er die Hand gegen die Mnner aus
und sagte: Es bleibt dabei, lat ihn ohne Aussehen verschwinden!
    Whrend zwei derselben den Verurtheilten zu einer Thre hinaus zogen, welche
in entgegengesetzter Richtung von derjenigen lag, die zu dem Zimmer fhrte, wo
sich das Mdchen befand, trat einer in jenes Gemach zu dem Manne, welcher bis
jetzt ruhig auf und ab geschritten war, nun aber pltzlich stehen blieb und sich
an den Eintretenden mit der Frage wandte: Wie ist's? - Hat er gestanden?.
    Nichts, aber der Herr hat ihn vollkommen berfhrt.
    So wird er verschwinden?
    Ja, ich soll es dir sagen. - Aber ohne alles Aufsehen.
    Das versteht sich von selbst, sprach der Andere mit einem unangenehmen
Lcheln. Es ist spt am Abend, die Straen einsam, fhrt ihn hinaus. - Er kann
zufrieden sein, denn er erhlt sicherlich einen Nachruf; morgen wird man in den
Blttern lesen, es habe sich ein bedauerliches Unglck zugetragen, der Lakai
eines guten Hauses, so und so mit Namen, sei wahrscheinlich etwas berauscht aus
dem Wirthshaus gekommen und in den Kanal gefallen.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel.



                            Jger und Kammerjungfer.

Nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten, in dem sich der junge Mann
befand, machte dieser ein paar rasche Gnge durch dasselbe, dann trat er vor das
hohe Kamin, sttzte seinen Arm auf das Gesims und versank in tiefes Nachdenken.
- Bah! sagte er nach einer lngeren Pause, indem er sich erhob und um sich
schaute, la die Sache gehen, wie sie eben geht. Einer ist einmal der Sklave
des Andern, und der Strkere hat Recht. Die Idee von einer Wiedervergeltung kann
und will ich nicht leugnen; was heute dem Einen geschieht, kann morgen dem
Andern begegnen, und ich - heute noch Herr dieser ungeachtet alles Trotzes und
aller Wildheit doch sklavischen Naturen - knnte vielleicht morgen vor ihnen
stehen und mein Urtheil erwarten. - Ah! es ist doch etwas Schnes darum, fuhr
er fort und erfate den Griff seines Dolches, so Herr zu sein ber die ganze
Welt, der Gebieter des Geringsten und des Hchsten, des alten reichen
Podagristen, der uns mit Entsetzen kommen hrt, und des jungen, reizenden
Mdchens, das von uns erzhlt und vielleicht verstohlen und erschrocken ihrer
Vertrauten sagt, indem sie dabei auf die andere Seite schaut: Ach! es war eine
schreckliche Nacht, und der Letzte, der das Zimmer verlie, trat noch einmal an
mein Bett und hob die Lampe hoch empor. O, ich wrde ihn wieder erkennen, denn
ich that ja nur als ob ich schliefe. - Und das haben mir solch' schne Lippen
schon selbst erzhlt. O, dies Leben ist zu beneidenswerth, als da - es ewig
dauern knnte!
    Nach diesem Selbstgesprch war er wieder in tiefe Trumereien versunken;
doch raffte er sich rasch empor, schritt durch das Zimmer und zog an einer
Klingelschnur, die sich in der Ecke befand.
    Gleich darauf trat einer der Mnner herein. Auf ein leises Wort zog sich
dieser wieder zurck und nach einer kleinen Weile ffnete sich die Thre
abermals, durch welche jetzt der Mann mit dem schwarzen Haar und Bart, den wir
in der Schenkstube schlafend gefunden, herein trat.
    Dieser hielt sich schchtern in der Ecke, erhob nur ein paar Mal den Blick
verstohlen, um den jungen Mann zu betrachten, der wieder neben dem Lehnstuhle
stand, ihn langsam und forschend ansah und dann zu ihm sprach: Es ist dir
schlecht ergangen, wie mir scheint, Josef?
    Sehr schlecht, Herr, entgegnete der Gefragte.
    Es ist seltsam aber wahr: was der Teufel einmal gefat hat, lt er nicht
sobald wieder fahren. Wenn wir auch unseren Nebenmenschen gegenber ziemlich
freie Geschpfe sind, so sind wir anderntheils doch wieder erbrmliche Sklaven -
Sklaven unserer Thaten, Sklaven unseres Gewissens.
    Keines von diesen hat mich wieder hergebracht, obgleich Beide mich oft sehr
geqult, entgegnete Josef.
    Ich habe erfahren, da du kommen werdest.
    Ich glaube es, Herr; so was bleibt nicht lange verschwiegen.
    Es thut mir eigentlich leid um dich, Josef, denn ich bin berzeugt, da du
nicht freiwillig zu uns zurckkehrst.
    Gewi nicht, Herr. Aber da ich Sie als gut und gromthig kenne, da Sie
mich damals bereitwillig ziehen lieen, als ich Ihnen sagte, ich knne es nicht
mehr unter den Genossen hier aushalten und es drnge mich, wieder ein anderer
besserer Mensch zu werden -
    Ein besserer Josef? fragte lchelnd der junge Mann.
    Verzeiht, Herr, ein anderer denn! - Als Sie mich also ziehen lieen und
mich so freundlich und gtig untersttzten mit Empfehlungen, da ich alsbald
eine gute Stelle fand und wieder frei athmend unter meines Gleichen treten
konnte, da dachte ich immer an Sie und segnete Ihr Andenken, und als das Unglck
geschehen war, als ich nach dem traurigen Schusse nun wieder ausgestoen aus der
Menschheit dastand, war wieder mein erster Gedanke an Sie und es drngte mich,
zu Ihnen zurckzukehren.
    Und zu den Genossen -
    Wenn es nicht anders sein kann, was will ich thun?
    Du weit, Josef, da ich von jeher groe Stcke auf dich gehalten; ich
htte dich in meine eigenen Dienste genommen, aber Jemand, der wie ich, wenn ich
mich so ausdrcken kann, nur hie und da erscheint, bedient sich am besten
selbst. Doch scheint mir, du hast deinen grten Fehler, die Heftigkeit, immer
noch nicht abgelegt. Teufel auch! man schiet nicht gleich auf seinen
Vorgesetzten.
    Wenn er uns aber als sein Vieh, als seine Sklaven behandelt? O Herr, ich
htte Sie sehen mgen!
    Ja, ich stehe fr mich gar nicht ein! - Du hast dich verheirathet?
    Ja, Herr, es war ein schnes junges Weib.
    Das war unklug, Josef, siehst du, die Welt liegt im Argen. Wenn man
Jgerbursche ist und in einem kleinen einsamen Hause im Walde wohnt, da bleibt
man fr sich allein und lt seine ganze Familie aus ein paar guten Jagdhunden
bestehen.
    Wenn er mich in meinem Revier gelassen htte, sprach der Andere mit einem
trben Lcheln, so htte das gar nichts gemacht. Mein Huschen lag mitten darin
und ich konnte Alles mit Mue beaufsichtigen.
    Und er schickte dich in andere Waldungen?
    Meilenweit, so da ich Tage und Nchte von Hause sein mute. O Herr, es war
nicht klug von ihm gethan, da er mich so auf die einsamen Waldpltze
hinaussandte. Wenn ich da stand, so Stunden lang an irgend eine alte Eiche
gelehnt, und an mein Haus und das Alles dachte, und wenn nun der Abend aufstieg
und ich mute bleiben, wo ich war und ich stellte mir vor, da sich vielleicht
ein Anderer nach meinem Hause schlich, - Herr, ich versichere Sie, da stand ich
Qualen aus, die kein Menschenherz auf lange zu ertragen im Stande ist. Das Blut
stieg mir siedend zu Kopf, es war mir oft, als hrte ich weit entfernten
Hilferuf; doch war es Tuschung, denn der Hund lag ruhig neben mir und spitzte
nicht einmal die Ohren. Auch wre es zu weit gewesen.
    Und eines Tages verlieest du deinen Posten und gingst nach Haus?
    Ja, Herr.
    Und fandest Unrechtes?
    Ich wei es nicht genau, Herr; aber es mute wohl so sein. Er kam aus
meinem Hause, und da nahm ich, meiner selbst nicht mehr mchtig, die Bchse -
    Genug! genug! sagte der junge Mann, indem er sich gegen das Feuer
umwandte. Das Andere wissen wir bereits, auch dachte ich, da du kommen
wrdest, und da ich dir, wie schon frher gesagt, wohl will, sorgte ich fr
dich. Der Waldschtze, von dem du so eben erzhltest, hat den Seehafen erreicht
und ist ber's Meer -
    Ich, Herr?
    Her Waldschtze; so stand es in allen unseren Journalen. Auch war seine
That fr ihn so vortheilhaft beleuchtet, da Mancher mitleidig an ihn dachte. -
Du bist also ein ganz neuer Mensch und heiest von heute an Franz Karner. Hier
sind die Papiere, mit denen du dich legitimiren kannst.
    Mit diesen Worten hatte der junge Mann die Brieftasche wieder hervorgezogen
und nachdem er dem Andern ein Zeichen gegeben, nher zu kommen, berreichte er
ihm ein zusammengefaltetes Blatt.
    Dann ist ferner hier ein Brief, fuhr er fort, den bringst du morgen an
seine Adresse. - Lies die Aufschrift!
    Herrn Baron von Brand.
    Richtig! Dieser Herr wird dir Anweisung ertheilen, wohin du dich zu begeben
hast, und soviel ich vernommen, sollst du in einem sehr guten und vornehmen
Hause die Stelle als Jger erhalten.
    O wie danke ich Ihnen, Herr! erwiderte der Andere gerhrt, whrend er die
Hand des jungen Mannes ergriff und sie an seinen schwarzen Bart drckte. Mge
Gott mich vergessen, wenn ich Ihrer je vergesse! Aber, sprach er auf einmal mit
ernstem Tone, wie kann ich meinem neuen Herrn und zugleich Ihnen dienen?
    Auf die einfachste Art; du hast deine Berichte zu machen ber Alles, was in
dem Hause geschieht, vornehmlich aber hast du in einem anderen Hause, in welchem
der Vater deines neuen Herrn wohnt, irgend eine solide Verbindung anzuknpfen,
wenn die geschehen, es zu melden und darauf meine Befehle in Empfang zu
nehmen.
    Der junge Mann zog sofort abermals die Klingel und sagte als er die Thre
ffnen hrte, in's Vorzimmer hinaus: Der Jger wird anstndig gekleidet, du
hast dafr zu sorgen, da er morgen auf unverfngliche Art das Haus verlt. -
La das Mdchen kommen! - Dann winkte er Josef freundlich mit der Hand und
dieser zog sich zurck.
    Gleich darauf wurde die Thre zum kleinen Vorzimmer langsam geffnet und das
Mdchen, welches unter derselben erschien, sanft hineingeschoben. Sie hatte ihre
Thrnen getrocknet, doch war ihr Gesicht mit einer erschreckenden Blsse
bedeckt; dabei irrten ihre Augen ngstlich in dem Gemache umher, blieben eine
kleine Weile auf dem lodernden Kaminfeuer haften und erblickten erst dann den
jungen Mann, der sich wie absichtlich hinter die Lehne des Stuhles zurckgezogen
hatte. Sie zuckte erschreckt zusammen; er trat einen Schritt vor.
    Komm nher, mein Kind! sagte er. Nur nher, frchte dich nicht, - ganz
nah.
    Das zitternde Mdchen that wie ihr befohlen wurde, doch machte es so kleine
Schritte, da es trotz vieler derselben kaum die Mitte des Zimmers erreichte.
    Hr' auf meine Worte und antworte mir deutlich auf meine Fragen! - Willst
du?
    Ja, brachte sie mhsam hervor.
    Du kamst heute Abend hier an in Gesellschaft einer Harfenspielerin. - Ich
will dir etwas sagen, unterbrach er sich, indem er das erschreckte Gesicht des
armen Geschpfes bemerkte und ihre in diesem Momente fast glanzlosen, weit
aufgerissenen Augen sah, wenn ich dich etwas frage und es ist so, so brauchst
du meinetwegen nichts zu antworten, wenn es dir schwer wird; dein Schweigen ist
mir Bejahung. - Du trafst also mit dem Harfenmdchen heute Abend in A. zusammen?
Du kamst von N., wo du einem anstndigen, frommen Hause entlaufen bist, nachdem
du gestohlen.
    Nein, Herr! nein! erwiderte jammervoll das Mdchen, bei Gott im Himmel!
das ist nicht so.
    Man klagte dich aber an, du habest gestohlen, man jagte dich dehalb fort,
alle Menschen, welche die Sache erfuhren, glaubten deinem Herrn und hielten dich
fr eine Diebin.
    Aber bei Gott dem Allmchtigen, ich bin's nicht, gewi, ich bin's nicht!
    Mglich, versetzte der junge Mann, aber bringe Beweise dafr; gegen dich
liegen deren genug vor. Du bist ausgestoen von der Welt, Jedermann wendet sich
mit Abscheu von dir, was bleibt dir brig? - Du mutest Schutz bei jenem Mdchen
suchen. Und worin besteht der Schutz derselben? Das will ich dir sagen: sie wird
dich einige Accorde auf der Guitarre lehren, dann ein paar Schelmenlieder; sie
zieht mit dir herum in Gasthfen und Kneipen, und wenn du heute noch keine
Diebin bist, so kannst du es doch in ganz kurzer Zeit werden.
    Das Mdchen faltete ihre Hnde und blickte mit einem Ausdruck des tiefsten
Jammers zu dem Manne auf, der allwissend schien und der ihre Vergangenheit und
Zukunft so schonungslos enthllte.
    Ich wei nun nicht, fuhr dieser fort, ob du nicht im Grunde eine
leichtfertige Dirne bist, ob dir das Leben, welches ich dir so eben bezeichnet,
nicht vielleicht sehr gut gefllt, ob dir das Herumtreiben nicht lieber ist, als
wenn man es dir mglich machte, auf anstndige Art dein Brod zu verdienen.
    Nein! nein! rief das Mdchen aus, und zum ersten Male drckte der Ton
ihrer Stimme nicht Furcht und Entsetzen aus; es war ein Ton der Hoffnung, die
das Wort des Fremden in ihrer Brust geweckt, der ihr Herz pltzlich erfllte,
und der sich auch in den zitternden Lauten kund gab, mit denen sie Nein! nein!
rief.
    Nun denn, sprach der junge Mann, man hat Mitleiden mit dir, man will dich
vom Abgrund zurck reien, in den du unfehlbar gefallen wrest. Du sollst eine
anstndige sichere Existenz haben; du sollst in ein gutes Haus kommen, und es
wird von dir abhngen, ob deine Zukunft gut oder schlecht ist.
    Das Mdchen erhob bei diesen Worten die Hnde, doch zitterten dieselben so
heftig, da sie kaum im Stande war, sie zusammen zu legen; dann hielt sie
dieselben an ihre Stirne, bedeckte ihre Augen und schien eine Sekunde
nachzusinnen, ob sie vielleicht nur trume und ob sie nicht etwa in irgend einer
Scheune oder wie vorhin in dem Bette neben ihrer Gefhrtin erwachen wrde. Als
sie aber ihre Hnde wieder langsam sinken lie und bemerkte, da sie sich noch
in dem Gemache befand, in das sie vorhin eingetreten, als sie das Kaminfeuer
noch immer lodern sah und den Blick des jungen Mannes wahrnahm, der theilnehmend
auf ihr ruhte, da war es ihr, als sei dieser ein Engel, vom Himmel zu ihrer
Rettung gesandt. Ihren Augen entfielen die Thrnen in groen Tropfen und sie
sank mit einem lauten Aufschrei zu den Fen des Fremden nieder, der sie
lchelnd aufhob.
    Diesen Zeichen glaube ich, sprach er.
    Das Mdchen erwiderte: Gott lohne es Ihnen, wenn Sie nichts Uebles von mir
denken. Gewi! ich habe nicht gestohlen, ich bin nicht schlecht; ich bin nur ein
armes, unglckliches Geschpf.
    Nun gut denn, erwiderte der junge Mann, der wieder an den Kamin
zurckgetreten war, man hat sich vorgenommen, fr dich zu sorgen. Du sollst in
die Garderobe einer vornehmen Dame kommen, natrlicherweise als ihre letzte
Dienerin, denn ich kann mir denken, da du nicht viel gelernt hast. Was man im
Allgemeinen von einem Frauenzimmer verlangen kann, wirst du zu leisten vermgen;
das Andere lernt sich bald, wenn man Lust und Liebe zu seinen Geschften hat. -
Hast du zufllig eine Sprache gelernt?
    Etwas franzsisch, sagte das Mdchen, in frher Jugend von meiner Mutter,
die mit ihren Eltern von Frankreich eingewandert ist.
    Gut. - Man wird dich nachher in ein ordentliches Zimmer fhren, du wirst
dort anstndige Kleider finden und morgen frh erhltst du neben der Adresse, an
welche du dich zu wenden hast, einen Pa und eine Instruktion. Letztere wirst du
eifrig studiren, auch dir genau merken, wie du von heute an heiest, denn du
erhltst einen andern Namen, ferner, wo du frher gewesen bist, woher du gerade
kommst, wer deine Eltern sind und dergleichen mehr. Lerne dies genau, denn man
wird dich gewi darber examiniren. Verwisch deinen Namen und deine
Vergangenheit aus deinem Gedchtnisse, es ist das fr deine eigene Sicherheit
nothwendig. - Hast du mich genau verstanden?
    Gewi, gewi! entgegnete das Mdchen. Aber womit kann ich meinen Dank
ausdrcken, womit kann ich Ihnen, meinem Wohlthter, beweisen, wie sehr ich die
unendliche Gnade anerkenne, die mich von einem frchterlichen Leben zurck
reit, die mir erlaubt, anderen Menschen wieder frei in die Augen sehen zu
drfen?
    Womit du mir danken kannst? - Das soll dir nicht verborgen bleiben,
versetzte der junge Mann mit ruhigem Tone. In deiner Instruktion wirst du eine
andere Adresse finden, eine Hausnummer, den Namen eines Mannes, zu welchem du
dich anfnglich in der Woche einmal zu begeben und dem du alle Fragen, die er
dir stellt, mit der vollsten Wahrheit zu beantworten hast. Er wird zum Beispiel
wissen wollen, wann deine neue Herrin ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt,
was sie zu Hause macht, an wen sie schreibt und dergleichen mehr. Auch wird dir
jener Mann zuweilen einen Auftrag geben, den du pnktlich zu erfllen hast.
    Die Rede machte auf das Gemth des Mdchens sichtlich einen
niederschlagenden Eindruck; sie athmete tief auf, schaute dann zu dem Gesichte
des vor ihr Stehenden empor, und als sie auf demselben keine Spur von Scherz,
sondern den tiefsten Ernst erblickte, lie sie ihren Kopf auf die Brust herab
sinken.
    Mein Wunsch mag dir hart erscheinen, fuhr er fort, aber ein Dienst ist
des andern werth, und was ich dir gebe ist mehr, als was ich von dir verlange.
Du hast aber noch die Wahl, sage Nein und du sollst ungehindert zurckkehren in
das Zimmer, wo du gewesen, zu der Gesellschaft, die du soeben verlassen.
    Er erwartete eine Antwort, da diese aber nicht erfolgte, sondern das Mdchen
eifrig mit dem Kopfe schttelte, so sprach er mit erhobener Stimme und
feierlichem Tone, indem er dicht vor sie hintrat: Wohlan denn! Willst du die
Bedingungen eingehen, die ich dir vorgeschlagen, so reiche mir die Hand und
sage: ich schwre bei Gott, der mich strafen soll, wenn ich meinen Schwur
breche.
    Das arme Geschpf zuckte zusammen, blickte zweifelnd um sich und darauf in
das Gesicht des ernsten Fragers. Als sie aber sah, wie trotz der finstern Worte
seine Zge freundlich waren und sein Auge sie mit Theilnahme betrachtete, als
sie sich die Schilderung zurckrief, die er ihr von dem Leben gemacht, welches
sie mit dem Harfenmdchen fhren wrde, und als sie an die vergangenen Tage
dachte, an das Haus, aus welchem man sie als Diebin verstoen, da schrak sie
zusammen, blickte scheu hinter sich, als verfolge sie Jemand, und indem sie sich
dem jungen Manne hastig entgegen warf, reichte sie ihm die Hand und sagte: Ich
schwre es! -
    Doch war in den letzten Tagen, namentlich aber an dem heutigen Abend zu viel
Entsetzliches auf das Herz des bis jetzt so unerfahrenen Mdchens eingestrmt;
ihre Kraft verlie sie, sie sah das Feuer des Kamins vor ihren Augen hoch
emporlodern, dann fhlte sie, wie sie in die Kniee sank, worauf sich dichte
Schleier um ihr Haupt zu ziehen schienen, diesmal aber ohne Traum, ohne
schreckliche Gestalten.
    Als der junge Mann sah, da sie ohnmchtig wurde, umschlang er mit seinem
linken Arm ihren Leib und hielt sie sanft aufrecht, whrend er mit seiner
Rechten aus der Blouse ein Taschentuch hervorzog und ihr damit ber das Gesicht
fchelte. Sie lag da wie schlafend in seinen Armen, und als er sich ber sie
niederbeugte, um den wiederkehrenden Athem zu ersphen, bemerkte er erst das
liebliche Gesicht des jungen Geschpfes, die schnen, regelmigen Zge, die
seinen, jetzt schmerzhaft zusammen gepreten Lippen. Es war nichts Derbes,
nichts Ungrazises an ihrer Gestalt, und er hielt es leicht in seinem Arm, das
kleine, warme, eben erst aufgeblhte Mdchen.
    
    Wenn ich nun ein gewhnlicher Sklavenhndler wre, wie so viele meiner
geringen und vornehmen Kollegen, sagte er, so knnte ich mir leicht fr meine
Wohlthaten einen seren Dank nehmen. Doch begnge ich mich mit einem einfachen
Kusse auf diese gewi unentweihten Lippen, mit einem Kusse, der ihren
Seelenfrieden nicht stren wird, da sie ihn unbewut empfngt.
    Damit beugte er sich auf sie nieder, kte sie leicht auf den kleinen Mund,
und als er nun sah, wie ihre Brust von strkerem Athem geschwellt, sich wieder
hher hob, hielt er ihr abermals das Taschentuch vor das Gesicht und bald schlug
sie die Augen auf.
    Das ist mir nie geschehen, sagte das Mdchen nach einer lngeren Pause,
indem sie leicht errthend einen Schritt von dem Manne zurck trat. Ich bin in
den letzten Tagen recht schwach geworden.
    Das ungewohnte Leben, versetzte er; nun, du wirst dich schon wieder
erholen! - Jetzt aber verla mich, geh' zurck in das Gemach hier nebenan, da
wirst du die alte Frau finden, die dich hergeleitet. Sie zeigt dir ein Zimmer
und ein gutes Bett; lege dich ohne Furcht hinein, du knntest im Himmel nicht
mit grerer Sicherheit ruhen, als jetzt hier in diesem Hause.
    Das Mdchen, im Begriffe diesem Befehle Folge zu leisten, blieb einen
Augenblick schchtern an der Thre stehen und sagte mit niedergeschlagenen
Augen: Und Ihnen darf ich spter nicht mehr danken, wenn ich in dem Hause
aufgenommen bin?
    Nein, nein! entgegnete eifrig der junge Mann, ich glaube und hoffe nicht.
Wir Beide werden uns wahrscheinlich niemals wieder sehen.
    So will ich denn fr Sie beten, erwiderte sie, recht innig und inbrnstig
fr Sie beten, indem ich Ihnen oftmals und herzlich danke fr das, was Sie an
mir gethan. Und so oft ich diesen Dank ausspreche, werde ich gerne an Sie
denken.
    Amen! sprach er mit lauter Stimme, nachdem die Thre hinter ihr
geschlossen war und der Vorhang wieder herab fiel. Htte ich in meiner ersten
Jugend, sagte er nachsinnend, vielleicht ein solches Mdchen gefunden, es wre
Manches anders gekommen. Aber so geht es, wenn man immer aufwrts blickt und
dehalb mit den Fen so Vieles zertritt. Dies Geschpf, gut erzogen, in Sammet
und Seide gekleidet, knnte eine Herzogin vorstellen. - Wir wollen sie nicht aus
den Augen verlieren.
    Nachdem er diese Worte laut vor sich hin gesprochen, hob er rasch den Kopf
empor, ging abermals an das Vorzimmer und sagte dem Manne, der drauen war,
einige Worte; dann kehrte er zurck, nahm von einem Tische einen breitkrmpigen
Hut, trat wiederholt hinter den groen Lehnstuhl und war pltzlich aus dem
Zimmer verschwunden, ohne da eine Thre nur im Geringsten geknarrt, ohne da
einer der Vorhnge sich nur im Mindesten bewegt htte.
    Da wir aber in einem aufgeklrten Zeitalter, das nicht an Hexerei glaubt,
leben, und wir auch nicht die Absicht haben, ein Mrchen zu schreiben, so
versichern wir den geneigten Leser, da Alles auf die natrlichste Art von der
Welt zuging. Neben dem Kamine befand sich eine verborgene Thre, durch einen
Druck an einer gewissen Stelle spielte eine Feder, und die Thre drehte und
schlo sich vollkommen geruschlos.
    Der junge Mann aber stieg eine Wendeltreppe hinab, schritt durch ein paar
lange dunkle Gnge und trat durch eine gleiche Thre, wie die neben dem Kamin
war, in's Freie. Ehe er aber dieses betrat, nahm er aus einer Nische im eben
erwhnten Gange einen Mantel, den er leicht ber sich warf, so Blouse und Dolch
verdeckend. Hierauf schritt er eilig durch die Straen dahin, in welchen noch
immer Wind, Regen und Schnee ihr tolles Wesen trieben, und verschwand bald in
der Dunkelheit.
    Dem Mdchen geschah droben, wie er vorausgesagt: die Alte fhrte sie auf's
Freundlichste in ein kleines, behagliches, warmes Zimmer, sie half ihr beim
Entkleiden, legte sie sorgsam zu Bette, indem sie ihr freundliche Worte sagte
und sie schmunzelnd ptschelte, wie es vielleicht eine Mutter mit ihrem Kinde zu
machen pflegt. - Bald schlo sie ihre Augen, doch konnte sie nicht begreifen,
da sie ohnmchtig geworden, und nicht vergessen, wie sie darauf so pltzlich in
den Armen des jungen Mannes erwacht sei. Und vorher hatte sie ein
eigenthmlicher Duft umweht, so merkwrdig sein, als wenn sie in Rosen gelegen,
oder als htte Jemand eine der prachtvollsten Centifolien recht nahe an ihr
Gesicht gedrckt.

                         Siebenunddreiigstes Kapitel.



                           Ueber das Husten bei Hofe.

Der junge Graf Fohrbach hatte wieder einmal Dienst im Vorzimmer Seiner Majestt.
Da es der Adjutanten gerade nicht viele waren, so kam die Reihe ziemlich hufig
an ihn. Ehe er sich in das Schlo begab, war zu Hause nichts Wichtiges
vorgefallen; er hatte keinen Besuch wie damals, dehalb frhstckte er auch in
aller Stille allein und zndete sich darauf eine Cigarre an, die heute mit
besonderem Genu geraucht wurde, denn sie war fr diesen Tag, wenigstens bis zum
spten Abend, die einzige und letzte. Dazu waren die Thren in's Ankleidezimmer
wie immer fest verschlossen, damit nicht die leiseste Ahnung eines Tabakgeruchs
sich in der Uniform festsetzen knne und so eingeschwrzt werde in das
knigliche Residenzschlo, Seiner Excellenz dem Herrn Obersthofmeister zum
grten Entsetzen, zu einem wahren Horreur aber fr smmtliche Hofdamen, mochten
die letzteren auch in ihren respektiven, oft sehr beschrnkten
Familienappartements von Papa, Bruder oder sonst Jemand seit frhester Jugend
gehrig eingeruchert worden sein. - Das thut die Hofluft. Sie ist so rein, so
therisch, und Lungen und Herzen werden in derselben so zart und gefhlvoll, da
der geringste befremdende Duft und oft das kleinste Wort ein sehr bemerkbares
Hsteln zur Folge hat.
    Ueberhaupt liee sich ber das Husten bei Hof ein ganzes Buch schreiben. Da
ist die Art, der Ton, die Strke und Schwche desselben von der allergrten
Bedeutung. Einer der Prinzen des allerhchsten Hofes zum Beispiel stellt sich
herablassend zu irgend einer Gruppe Kammerherren, Offiziere und hherer
Hofbeamten; er tritt anscheinend ganz vertraulich heran und ein leichtes Hsteln
macht ihn bemerkbar und will andeuten, er wnsche nicht, da man sich
seinetwegen genire. Augenblicklich erweitert sich der bis jetzt kleine Kreis und
will damit symbolisch das groe und weite Vergngen ausdrcken, welches Alle
empfinden, da Seine Knigliche Hoheit die auerordentliche Gnade hat, sich so
freundlich zu nhern. Die Kecksten oder Erfahrensten bringen dieses Gefhl der
Treue und Anhnglichkeit durch einige tiefgefhlte Worte zu Tage, die Anderen
aber begngen sich mit einem respektvollen Ruspern, worauf der Prinz, wenn er
zuflligerweise nichts Anderes zu sagen wei, was zuweilen vorkommen soll,
strker hustet und laut versichert, das nakalte Wetter sei unausstehlich, und
wenn es sich nicht bald ndere, so wrde es keinem Menschen mglich sein, den
Katarrh los zu bringen. Natrlich stimmt Alles bei mit Worten und mit Husten; es
zeigen sich auf einmal sehr viele Schnupfenanflle, und ein junger Kammerherr,
der begierig ist, seine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen, blickt
verstohlener Weise zum Fenster hinaus und liebugelt mit einem einsamen
Sonnenstrahl so lange, bis ihn ein heftiges Niesen befllt, wodurch er so
glcklich ist, auf's Allerdeutlichste die Bemerkung Seiner Kniglichen Hoheit zu
bewahrheiten.
    Darauf ersucht vielleicht der Prinz, die angefangene Conversation fortsetzen
zu wollen. - Hm! hm! macht er, wie es scheint, wurde soeben eine pikante
Geschichte erzhlt. Darf ich daran theilnehmen?
    Der ganze Kreis lchelt verstohlen, und nur ein Einziger hustet auffallend
und verlegen. Es ist das ein so bedeutungsvoller Husten, da sich Seine
Knigliche Hoheit veranlat sieht, ihn in der gleichen Tonart zu beantworten,
wobei er leicht mit einem Auge zwinkert und dann freundlich sagt, er bitte,
dennoch fortzufahren, er liebe zuweilen eine recht pikante Geschichte.
    Die Geschichte wird nun erzhlt, nicht ohne viel hm! hm! hm! hm! von allen
Seiten, und wenn nun die Pointe kommt, die einigermaen saftig zu nennen ist, so
ergeht sich Seine Knigliche Hoheit in einem auffallenden Gehuste, vielleicht
der Erzhlung beistimmend, worauf sich Alle bemhen, einen hnlichen Ton von
sich zu geben, bis zu dem Erzhler, der nun vor Freude einem vlligen
Erstickungsanfall fast zu erliegen scheint. Ist dagegen die Geschichte hchsten
Orts nicht recht ergriffen oder begriffen worden, so werden die Augenbrauen in
die Hhe gezogen, der Husten ist bei Seiner Kniglichen Hoheit ein ziemlich
trockener, bei den Andern ein mibilligender, der Erzhler aber, um seine
Verlegenheit zu verbergen, zieht sein Tuch aus der Tasche und hustet lange und
anhaltend da hinein.
    Wie verschieden aber von diesem ist der Ton des Hustens, den vielleicht in
der Mitte der Geschichte pltzlich der Kammerherr von sich gibt, als er mit
scharfem Auge erspht, da sich ein paar unschuldige Hofdamen zufllig dem
Kreise nhern. Es ist das wie der Pfiff einer auf Vorposten ausgestellten Gemse;
die Geschichte wird pltzlich unterbrochen, und der ganze Kreis spitzt die
Ohren. - Wir ersuchen den geneigten Leser, dies jedoch natrlicherweise nur
bildlich verstehen zu wollen.
    Sind nun die unschuldigen Hofdamen, die sich nhern, wirklich unschuldige
Damen, so husten sie mit einer kleinen Verlegenheit, da sie so pltzlich an
einem Kreis tangiren, in welchem sich Seine Knigliche Hoheit befindet. Sind sie
aber schon vollkommen erfahren in der Sitte des Hofes und lesen an dem Ausdruck
der Gesichter, an der Stellung und Haltung einer Gruppe, um was es sich gerade
handelt, so wird der erzhlende Kreis in einem groen Bogen umgangen, die
lteste der Hofdamen blickt hinter ihrem Fcher auf den Kreis, hustet sehr laut
und auf eigenthmliche Art und gibt die Uebersetzung dieses Hustens ihrer
Gefhrtin, indem sie ihr zuflstert: Da werden wieder schne Geschichten
abgemacht!
    Um einige Stufen tiefer hinabzusteigen, so wissen namentlich alte gediente
Lakaien, Tafeldecker und Kammerdiener ihre verschiedenen Husten auf's Feinste zu
nuanciren. Der Lakai, der den Schlag des Wagens schliet, ruspert sich gelinde,
wenn vielleicht eine Hofdame in tiefen Gedanken versunken nicht angibt, wohin
sie fahren will, wonach er sich hintenauf schwingt und nun oftmals den Kutscher
mit lautem Gehuste dirigirt.
    Der Kammerdiener im Zimmer des Herrn blickt hustend auf die Uhr, wenn irgend
eine bestimmte Stunde herangekommen ist, und erweckt mit einem lauten Gehuste
den Thrsteher aus seinen Trumereien, der fast vergessen htte, voraus zu
springen und den Wagen vorfahren zu lassen.
    Endlich bei Tafel dirigirt der Hoffourier mit einer wahren Verschwendung von
dem feinsten und leisesten Husten das ganze Diner, der Tafeldecker macht den
Lakaien auf gleiche Art mit vielsagendem Ruspern auf seine Dummheit aufmerksam,
die er begangen, auf einen zerbrochenen Teller oder ein leeres Glas, und ein
junger Hofbedienter prallt erschreckt und gelinde hustend vor dem frchterlichen
Abgrund zurck, in den er fast gestrzt wre, da er im Begriffe war, dem ersten
Kammerherrn einen wilden Schweinskopf von der rechten Seite zu prsentiren.
    Um nicht zu ausfhrlich zu werden, wollen wir nur noch des vielsagenden
Hustens gedenken, in welchem sich zwei vornehme Staatsbeamte, die sich durchaus
nicht leiden knnen und die nun pltzlich im Vorzimmer zusammenstoen, steif und
gemessen begren. Jeder hat geglaubt, er komme dem Andern zuvor und knne
Allerhchsten Ortes seinem Kollegen eine unangenehme Suppe einbrocken. Dieser
Husten klingt wahrhaft nervenerregend, und wir sind berzeugt, da sich in
gleicher Weise zwei Tigerkatzen begren wrden, die nur durch ein breites
Wasser verhindert sind, sich ihrem glhendsten Wunsche gem die Augen
auszukratzen.
    Ein Husten der furchtbarsten Art aber strt oft den Minister in seinem
Vortrage, wenn er zum Beispiel irgend eine Auszeichnung, einen Orden, ein
Geschenk fr einen armen Knstler verlangt und er mit eindringlichen Worten
spricht, wie aufmunternd ein solcher Sonnenstrahl der Allerhchsten Huld sei,
wie das Talent nur wachsen und gedeihen knne im warmen Schein der Kniglichen
Gnade: ein Husten Seiner Majestt nmlich, wobei sie sich an das Fenster wendet
und die Excellenz versichert, es werde doch jetzt endlich ein bestndigeres
Wetter eintreten. -
    Doch kehren wir in die Wohnung des Grafen Fohrbach zurck, der unterdessen
Cigarre und Toilette beendigt hat, und nun, im Begriff an den Wagen zu gehen,
durch den Kammerdiener einen Augenblick aufgehalten wird, der sich erlaubt, ihm
den neuen Jger vorzustellen.
    Das war, wie wir bereits wissen, ein groer, schlank gewachsener Mann, der
sich jetzt in der glnzenden Livre, mit dem schwarzen, wohl gekmmten und
frisirten Barte ungemein stattlich ausnahm. Dabei hatte sein Gesicht ein
angenehmes Aussehen und sein Auge hielt den festen Blick des Grafen, der ihm
einige Fragen stellte, sehr gut aus.
    Um drei Viertel auf elf Uhr fuhr Graf Fohrbach am Schlosse vor und stieg die
breiten Treppen hinauf bei zahlreichen Wachen, Thrstehern und Lakaien vorbei.
Ein verschmitzt aussehender Kammerdiener legte die Hand an den Drcker, um die
Thre zu ffnen und hustete in diesem Augenblicke ziemlich bedeutungsvoll. Es
war dies wieder einer jener Husten, von denen wir vorhin gesprochen.
    Der Adjutant wandte augenblicklich den Kopf herum und der Kammerdiener
lchelte.
    Gibt es was Neues? fragte Graf Fohrbach leicht hin.
    Nicht viel Besonderes, entgegnete der Kammerdiener, indem er die
Augenbrauen in die Hhe zog. Die Herren und Damen vom Dienste frhstcken in
der gelben Gallerie und es erscheint heute zum ersten Mal das neue Ehrenfrulein
Ihrer Majestt.
    Nach diesen Worten ffnete der Kammerdiener leise die Thre, und sobald der
Adjutant eingetreten war, zog er sie geruschlos wieder in's Schlo, zupfte
seine weie Halsbinde in die Hhe und rieb sich alsdann still lchelnd die
Hnde.
    Graf Fohrbach schritt durch mehrere Vorzimmer, die, wie in den Kniglichen
Schlssern gewhnlich, einander ziemlich hnlich sahen, nur da Farben der
Tapeten und Mbelstoffe in jedem verschieden waren, da in diesem Alabaster- und
Marmor-Vasen, dort welche aus China und Japan standen. Um diese kleine
Verschiedenheit aber wieder auszugleichen und eine gewisse Harmonie
herzustellen, waren die Gemlde an den Wnden meistens Protektionskufe, gleich
unbedeutend, gleich langweilig.
    In der gelben Gallerie, wo der Frhstckstisch servirt war, befand sich
auer einigen Lakaien, die emsig und wichtig, geruschlos und schnell auf einem
Nebentische Porzellan und Silber ordneten, vorderhand nur ein alter einsilbiger
Kammerherr, der damit beschftigt war, nachdem er den Barometer prfend
betrachtet, die grauen am Himmel hinziehenden Schneewolken zu beobachten, und
unser Bekannter, der Major S., den Graf Fohrbach heute ablste. Der Major stand
in einer Fenstervertiefung, und als er bemerkte, da ihn der Graf mit den Augen
suche, hustete er leicht.
    Wie gehts? sagte der neue Adjutant, whrend er zu seinem Freunde in die
Ecke trat.
    So, so! - Das Wetter ist nicht ganz klar, es scheinen mir trbe Wolken
umher zu ziehen; auch haben wir noch keine Rapporte gehabt, was kein gutes
Zeichen ist. Ferner wurde der Intendant des Hoftheaters auf ein Uhr bestellt.
    Da wird man aufpassen mssen.
    Fr dich gibt's eigentlich nicht viel zu thun. Nach dem Rapport sind einige
Audienzen, deren Namen du im Vorzimmer aufgeschrieben findest; das Papier liegt
im Pult.
    Schn. - Wirst du mit uns frhstcken?
    Ich habe nicht Lust, mu auch nach Hause. - Apropos! du wirst eine
Bekanntschaft machen: das neue Ehrenfrulein Ihrer Majestt hat heute den ersten
Dienst und kommt zum Frhstck.
    Ist sie schn?
    Der Major erhob den Kopf, zog die Augenbrauen in die Hhe und entgegnete:
Ob sie schn ist! - ein glnzender Stern am dunkeln Nachthimmel.
    Nun, wir knnen dergleichen Sterne brauchen, es war zuweilen recht finster
bei uns. - Wie heit sie? - Nicht wahr, es ist ein Frulein von S.? Ihr seid ja
wohl weitlufig verwandt.
    Ziemlich entfernt. Sie heit Eugenie von S. - eine vornehme, aber nicht
reiche Familie. Das Mdchen ist kaum Neunzehn, aber gro und majesttisch
gewachsen, eine Figur wie Ihre Majestt; dabei dunkles Haar, ein glnzendes Auge
und die herrlichsten Zhne von der Welt, ah! ich sage dir, Zhne, glnzend wei;
man ist glcklich, wenn sie den Mund ffnet.
    Nur wegen der Zhne? fragte lachend der Graf.
    O nein, sie ist zugleich eines der gebildetsten und gescheidtesten jungen
Mdchen, die ich seit lngerer Zeit kennen lernte.
    Natrlicherweise wird sie hufig in euer Haus kommen?
    Ich hoffe so; weit du - eine Verwandte -
    So werde ich mich bemhen, deine Frau zu warnen.
    Damit du einen Vorwand hast, fters zu kommen, erwiderte lachend der
Major. Nimm dich in Acht, junger Mann, wenn sie dich anblitzt und du hast
gerade einen erregbaren Moment, so ist's um deine Ruhe geschehen. - Aber, fuhr
er lebhafter fort, whrend er einen Schritt vortrat, sage mir offenherzig, hast
du sie schon irgendwo gesehen - kennst du sie?
    Ich gewi nicht.
    Du wutest nicht, da sie so auerordentlich schn und liebenswrdig ist?
    Auf mein Wort, nein. Ich habe nur im Allgemeinen von ihr sprechen gehrt. -
Aber wozu diese Fragen?
    Nun, ich glaube dir. Vorhin unterhielt ich mich mit der Frau von B. -
    Mit der Obersthofmeisterin?
    Der Major nickte mit dem Kopfe. Wir sprachen ber die Einrichtung der
jungen Dame, ber ihre Wohnung und dergleichen -
    So, ber ihre Wohnung! Wird die im Schlosse selbst sein?
    Natrlicherweise; sie ist aber sehr gut ausgewhlt, das kleine Appartement
Numero sechzehn, die Fenster der Zimmer gehen auf den geschlossenen Hof, wo es
euch nicht vergnnt ist, mit euren armen Pferden halsbrechende Courbetten zu
machen. - Aber jetzt hre! Wir sprachen auch von ihrer Dienerschaft: eine ltere
Kammerfrau brachte sie mit, ein jngeres Kammermdchen bekommt sie hier.
    Ja, was geht das mich an?
    Ein jngeres Kammermdchen, das - du empfohlen.
    Ich empfohlen? - Und an wen?
    Besinne dich. Du hast der Frau von B. neulich von einem Kammermdchen
gesprochen, das eine Stelle suche.
    Ah richtig! sagte sich erinnernd der Adjutant. Ich kenne sie aber nicht;
der Baron Brand hat mich darum gebeten.
    So, so, Baron Brand, erwiderte der Major nachdenkend. Das ist ein
gefhrlicher Mensch bei den Damen; sogar die alte Obersthofmeisterin schwrmt
fr ihn, und das will viel sagen. Er war gestern Abend bei ihr zum Thee,
zugleich mit Frulein Eugenie von S.; da kam die Rede auf deine Empfohlene und
ob sie vielleicht passend sei fr das neue Ehrenfrulein. Die Obersthofmeisterin
schttelte lchelnd den Kopf und meinte, sie wisse doch nicht recht, ob deine
Rekommandationen in dieser Richtung zu beachten seien; aber Baron Brand
erinnerte sich zufllig desselben Mdchens, - was wei ich! sie habe bei einer
seiner Cousinen gedient und besitze die glnzendsten Zeugnisse. - Was glaubst du
wohl? Darauf nderte sich mit einem Mal die Ansicht Ihrer Excellenz und deine
Empfohlene ist angestellt.
    Das sind schne Geschichten! sprach lachend Graf Fohrbach, indem er seine
Sbelkuppel herabzog. Nun ich hoffe, die Person wird vorkommenden Falles
einiges Dankbarkeitsgefhl besitzen.
    Gegen dich oder gegen den Baron?
    Ich denke gegen mich, denn ich bin doch der unmittelbare Empfehler.
    Aber nimm dich in Acht, coeur de rose ist ein verfluchter Kerl. Es sollte
mich gar nicht wundern, wenn er der schnen Eugenie nchstens ein Parfum
aufschwtzt.
    Nein, dazu ist er zu klug; das knnte sie in einen blen Geruch bringen. -
Aber stille! der Kammerdiener an der Thre hat sich schon dreimal geruspert -
man kommt.
    Die Flgelthren des anstoenden Saales wurden jetzt in der That geffnet
und die Damen vom Dienste erschienen. Es waren das meistentheils gereifte
Schnheiten, knstlich erhaltene Blumen, aber ohne erquickenden Duft, gerade so
wie ihre Schwestern von Papier und Seide, und ebenso wie diese rauschend und
klappernd.
    Eugenie von S., die bescheiden als die Letzte kam, htte nicht so wunderbar
schn zu sein gebraucht, als sie wirklich war, um zwischen ihren Kolleginnen wie
eine Sonne aus grauem Gewlk hervorzustrahlen.
    Graf Fohrbach war in der That berrascht von der lieblichen Erscheinung der
jungen Dame und einigermaen befangen, als er ihr von seinem Freunde, dem Major,
vorgestellt wurde. Sie verneigte sich auf's Freundlichste und versicherte im
Laufe des Gesprches, sie wisse ganz genau, da sie von ihrer Mutter Sr.
Excellenz dem Herrn Kriegsminister empfohlen sei, sie hoffe, diese Empfehlung
werde freundlich aufgenommen worden sein und ihr so recht bald Gelegenheit
werden, einen Mann kennen zu lernen, den sie sehr schtze und verehre.
    Natrlicherweise erwiderte der Graf etwas auf diese Worte Passendes, dann
setzte man sich zum Frhstck, der Major empfahl sich, Messer und Gabeln fingen
an zu klappern, die Bedienten schoen hin und her wie emsige Schwalben, und bald
war das Frhstck beendigt, worauf sich die Damen dahin zurckzogen, woher sie
gekommen. Der einsilbige Kammerherr und der Adjutant begleiteten sie bis an die
Thre, und hier hoffte der Letztere noch einen Blick der schnen Eugenie
aufzufangen. Sie verneigte sich auch freundlich gegen die beiden Herren, doch
galt ihnen Gru und Blick zu gleichen Theilen, worber der Graf eben nicht
besonders erfreut war.

                          Achtunddreiigstes Kapitel.



                                Goldene Fesseln.

Den von seinem Freunde erhaltenen Instruktionen gem, das heutige Wetter
betreffend, nahm nun der neue Adjutant, nachdem er das Vorzimmer zur Wohnung
Seiner Majestt betreten, seiner Stellung als Barometer gem, eine sehr ernste
und wrdevolle Haltung an. Der Sbel hing korrekt eingehakt an der Kuppel, die
Uniform war fast hermetisch verschlossen, der Federhut wurde mit beiden Hnden
auf dem Rcken gehalten und darauf ging der Adjutant mit gemessenen Schritten
auf und ab, hie und da den Kammerdiener betrachtend, der sich zwischen der Thre
und einer groen Standuhr befand, die er beide zugleich im Auge behielt.
    Bald nachher hrte man drauen Equipagen vorfahren, die Tritte fielen herab,
die Schlge wieder zu, dann schlrften leise Schritte auf den Steinplatten des
Korridors, die Thren ffneten sich und die obersten Staatsbeamten traten ein.
    Graf Fohrbach ging ihnen entgegen und empfing Jeden ernst, wrdevoll, aber
alle auf verschiedene Art. Die Minister erhielten ein sehr tiefes Compliment,
begleitet von einem vollkommen gleichgiltigen Gesichte; nur bei dem des
Kniglichen Hauses - er war ein genauerer Bekannter des Grafen - zog dieser auf
einen fragenden Blick die Augenbrauen etwas in die Hhe und zuckte leicht mit
den Achseln.
    Die Excellenz nahm den Adjutanten beim Arm und zog ihn in eine
Fenstervertiefung, wohin bald nachher noch einige der Vertrauten, nachdem sie
den Gren des Staats einige verbindliche Worte gesagt, folgten.
    Diese, die Minister, gingen zu Zwei und Zwei auf der anderen Seite des
Zimmers mit leisen Schritten und fast unhrbarem Geflster auf und nieder oder
blieben auch an dem Marmorkamine stehen, Hut und Papier in der Hand, mit langen
Gesichtern, ernsten Blicken und dem allerwrdevollsten Aussehen. Sie fhrten
eigentlich keine zusammenhngende Konversation; sie sprachen nur Vermuthungen
aus und rusperten sich hufig mit vorgehaltener Hand, nickten zuweilen
taktmig mit dem Kopfe und warfen jede Sekunde die sehnschtigsten Blicke nach
der gewissen Thre, nach dem Kammerdiener und nach der Uhr.
    Die Gruppe an der Fensternische war schon etwas lebendiger und gesprchiger;
man handelte das innere und uere Wetter ab und brachte Beides mit einander in
Verbindung.
    Wird Seine Majestt heute ausreiten? fragte der Minister des Hauses den
Oberststallmeister, welcher diese Frage mit einem bedeutsamen Achselzucken
beantwortete, und darauf versetzte:
    Ich wei nicht, ob es rthlich ist.
    Es ist auf drei Uhr ein Pferd bestellt, flsterte der Kammerdiener aus
seiner Ecke in der demthigsten Haltung und mit einem ganz unterthnigen Spitzen
des Mundes, begab sich aber hierauf augenblicklich an die andere Seite der
Thre, nachdem ihm der Hofmarschall fr diese Einmischung einen sehr strengen
Blick zugeworfen.
    Man kann Seine Majestt bei diesem Wetter unmglich ausreiten lassen,
sagte der Minister des Innern. Der Knig ist ohnedies etwas erkaltet, und das
Wetter ist, wie mich der Leibarzt versichert, seiner Constitution durchaus nicht
zutrglich.
    Aber wenn Seine Majestt befohlen hat, bemerkte schchtern der
Hofmarschall, so sind Allerhchstdieselben nicht wohl anders zu bestimmen.
    Der Minister des Hauses warf dem Oberststallmeister einen bedeutsamen Blick
zu, worauf sich der letztere durch sein sprliches Haar fuhr und, nachdem er
diesen Blick zurckgegeben, ruhig sagte: Seine Majestt kann unmglich bei
diesem Wetter ausreiten, Seine Majestt wissen nicht, welch' kalter Wind drauen
geht.
    O ja, warf der Hofmarschall ein, Sie machten vor dem Frhstck einen
kleinen Spaziergang.
    Die Exzellenzen wandten sich hierauf gleichmig dem Fenster zu, und die
beiden Anderen verstanden diese Bewegung und zogen sich diskreter Weise etwas
zurck.
    Seine Majestt soll heute nicht reiten, sagte der Minister; ich werde mir
auf drei Uhr eine Audienz erbitten, ich habe da etwas Wichtiges vorzutragen und
will ihn schon eine halbe Stunde beschftigen.
    Mittlerweile waren die Minister einzeln in das knigliche Kabinet getreten
und kamen wieder zurck: einer an der Thr noch mit einem ziemlich
verdrielichen Gesicht, das er aber gewaltsam aufzuklren bemht war, sobald er
in's Vorzimmer zurckkam, um dem Kollegen eine Niederlage, die er erlitten,
nicht anmerken zu lassen; ein anderer aber kehrte uerst strahlend wieder und
befolgte das umgekehrte Manver, weil ihm Alles daran gelegen war, da die
Uebrigen nicht erfahren sollten, es sei ihm ein wichtiger Vorschlag
durchgegangen.
    Zu denen am Fenster war noch der Intendant des Hoftheaters getreten, der ein
sehr verdrieliches und unbehagliches Gesicht machte. Ich bin da in groer
Verlegenheit, sagte er. Seine Majestt haben auf heute Abend den schwarzen
Domino zu befehlen geruht und das wirft mir mein ganzes Repertoir
durcheinander.
    Wie so, bester Baron? meinte der Oberststallmeister. Das sind
Kleinigkeiten! Es kann ihnen ja gleichviel sein, was Sie heute Abend geben. -
Und dann verlangt seine Majestt durchaus nichts Unmgliches: der schwarze
Domino ist vollkommen montirt, war in den letzten Wochen glaube ich fnfmal und
macht dehalb durchaus keine Schwierigkeiten.
    Excellenz halten mir zu Gnaden, das ist in Wahrheit schwieriger, als es
sich ansieht. Allerdings war diese Oper fnfmal in den letzten Wochen; aber
gerade das ist mein Kummer: ich wollte sie fr den nchsten Sonntag aufheben.
    Um eine bessere Einnahme zu machen? fragte lachend der Minister des
Hauses.
    Nicht so ganz, Excellenz; vielmehr um der ersten Sngerin ihren Willen zu
thun.
    Wie so? -
    Wie sie wissen, Excellenz, war die Oper fnfmal an Wochentagen bei mig
besetztem Hause, also natrlicherweise auch ohne viel Spektakel, ohne groen
Applaus, wehalb Frau Wiesengrn-Spitzkopfin, meine Coloratursngerin, erklrte,
sie werde den schwarzen Domino das nchste Mal nur an einem Sonntage singen.
    Wer hat denn beim Theater eigentlich zu befehlen?
    Dem Namen nach ich, Excellenz, in Wirklichkeit dagegen smmtliche Knstler
und Knstlerinnen, die Regisseure, der Inspizient, die Maschinisten, die
Schneider und dann die Zimmerleute.
    Ja, ja es ist ein eigenthmliches Verhltni, meinte der
Oberststallmeister, indem er still vor sich hin lchelte. Wir kennen das;
namentlich die ersten Damen der singenden und der tanzenden Kunst haben mir vor
der Zeit graue Haare gemacht.
    Das ist ja die umgekehrte Welt, sagte der Minister des Hauses; da wren
Sie ja der Sklave ihrer Untergebenen.
    Und welcher Sklave! versetzte wehmthig der Intendant, der nachdenkend zum
Fenster hinaus blickte. Von welchen Launen bin ich abhngig, von welchen
Kleinigkeiten! Ich will nicht sprechen von groen Ereignissen, die berall
vorkommen knnen, von einem Unwohlsein, das ohne alle Verschuldung eintritt, von
der Krankheit, welche sich eine Sngerin geholt, weil sie die Laune hatte, am
ersten feuchten, kalten Frhlingstage den Kaffee im Freien trinken zu wollen.
Ich klage nicht ber Strungen, die oftmals beim Theater entstehen, wenn sich
ein zartes Verhltni knpft oder lst, oder ber eine heftige Migrne, die
gewhnlich eintritt, weil eine Kollegin besser gefallen oder mehr applaudirt
wurde. Gott der Gerechte! davon will ich nicht sprechen; nein! nein! aber ich
werde auf dem Bureau in meinem Hause, zu jeder Tagesstunde gergert, geplagt,
geschunden wegen einer nichtswrdigen Grille, einer Laune, wegen einem neuen
Kleide, oder einem Besatz auf ein altes, wegen einer Schleife, wegen eines
Wortes, das der Regisseur oder der Kapellmeister einer dieser Prinzessinnen zu
viel sagte, wegen eines Zeitungsartikels, und Gott wei, wegen was Allem sonst
noch.
    Sie sind wirklich ein beklagenswerther Mann, antwortete lchelnd der
Oberststallmeister. Aber, mein lieber Baron, keine Rose ohne Dornen; - und das
mssen Sie schon zugeben: Rosen wachsen genug in Ihrem Garten.
    Euer Excellenz haben gut reden, entgegnete der Intendant des Hoftheaters,
indem er sich verbeugte; aber ich versichere Sie nochmals, die Sklaverei, in
der ich lebe, ist oft unertrglich. Ich sitze zitternd an meinem Kaffee, - es
klingelt. Der Theaterdiener. - Das Stck kann heute Abend nicht sein, Herr H.
ist unwohl und kann nicht spielen; das heit in Wahrheit, er hat sich ein paar
neue himmelblaue Tricots von Paris verschrieben und die sind noch nicht
angenommen, oder seine Frau hat ihm gesagt, er plage sich in der letzten Zeit
bermig und solle nun auch einmal einen Anderen fr sich arbeiten lassen. -
Bei meinem Mittagessen dieselbe Geschichte: mein Ohr hrt oft nicht auf das, was
meine Frau spricht, nicht auf das Geplauder der Kinder, es erwartet nur den
fatalen Ton der Klingel. Das qult mich so fort den ganzen Tag, beunruhigt
Nachts meine Trume; ja, da erscheint mir der Theaterdiener mit der Meldung, das
ganze Personal sei pltzlich davon gelaufen oder gestorben und ich msse heute
Abend Robert den Teufel ganz allein spielen.
    Das mag allerdings hart sein, mein bester Baron, sagte die Excellenz vom
Stalle. Aber glauben Sie mir, auch ich mu Meldungen der unangenehmsten Art
anhren.
    O, Excellenz knnen Ihr Departement nicht mit dem meinigen vergleichen!
entgegnete eifrig der Intendant. Sie haben es mit ruhigen, sanften, ja man kann
sagen mit vernnftigen Thieren zu zu thun. - Ich aber -
    Stille! stille! bat der Minister des Hauses. Lieber Baron, wenn das ihre
Primadonna hrte, wir htten wahrhaftig in dem nchsten halben Jahr keine Oper.
- Aber um wieder auf besagten schwarzen Domino zurckzukommen -
    Euer Excellenz scheinen sich gern mit dem schwarzen Domino zu befassen?
    O lieber Freund, lchelte einigermaen geschmeichelt der Minister, ein
ltlicher Mann wie ich! - wobei er aber doch einen verstohlenen Blick in den
Spiegel warf und dort bemerkte, da die neue sanft melirte Percke eine
vortreffliche Wirkung hervorbringe. - Was ich also bemerken wollte, fuhr er
fort, so hat der Herr fr heute Abend ausdrcklich den schwarzen Domino
befohlen. Sie wissen, er war die letzten drei Mal verhindert, die Oper zu
besuchen.
    Ich kann Seiner Majestt diesmal wahrhaftig nicht helfen, sprach
achselzuckend der Intendant. Gott der Gerechte! ich habe es ja bei Madame
Wiesengrn-Spitzkopfin auf's Allerdringlichste versucht, aber schon bei der
leisen Andeutung fuhr sie mit der Hand ber die Stirne und versicherte mich, es
werde ihr jetzt schon ganz dunkel vor den Augen.
    Whrend dieses Gesprchs war der Hofmarschall ebenfalls leise wieder nher
getreten, wurde aber in seiner Aufmerksamkeit durch einen der Oberhoffouriere
gestrt, der ihm ein Blatt Papier berreichte und ihm ein paar Worte
zuflsterte.
    Das ist ja ganz unmglich! rief der Hofmarschall, whrend Jener sich
wieder entfernte. - Vollkommen unmglich! - gar nicht zu machen?
    Was haben Sie, bester Freund?
    Seine Majestt lt mir soeben sagen, antwortete er, Sie wnschen Ihr
Diner im kleinen blauen Saale zu halten. Ich bitte Sie, meine Herren, bei der
jetzigen Jahreszeit!
    O! das wird ganz gut gehen, bemerkte der Minister des Hauses.
    Im kleinen blauen Saale? fragte mit einem wahren Schrecken der
Hofmarschall. Ich versichere Sie - ganz unmglich.
    Aber wenn der Herr befiehlt, sagte lachend der Oberststallmeister, indem
er sich der Worte des Andern von vorhin bediente.
    Der blaue Saal ist zu klein und zu gro, versetzte wichtig der
Hofmarschall. Lasse ich einheizen, so haben wir dort gleich eine unertrgliche
Hitze; lasse ich nicht einheizen, so klappern die Zhne vor Klte. Das ist ein
Lokal fr den Sommer, man mu die Hausordnung nicht so unterbrechen wollen.
    Der Minister das Hauses war unterdessen in das innere Zimmer getreten,
kehrte aber bald still lchelnd wieder zurck und sagte dann: Ich habe um drei
Uhr meine Audienz.
    Ihm folgte der Oberststallmeister zum Rapport. Doch blieben Seine Excellenz
auch nicht lange im kleinen Kabinet, und als er zurckkam, sagte er zu dem
Minister, indem er sanft die Augen zufallen lie und dabei schmatzte, als
gensse er etwas sehr Angenehmes: Seine Majestt werden nicht ausreiten, Sie
haben nach drei Uhr einen ihrer kleinen Wagen befohlen und dabei ausdrcklich
gewnscht, die neuen Rappen zu probiren.
    Ist das mglich? fragte die andere Excellenz.
    Es wird sich thun lassen, entgegnete der Oberststallmeister;
natrlicherweise hnge ich auch von meinen Untergebenen ab, namentlich von
meinem ersten Stallmeister, denn er mu mir die Versicherung geben, da die
beiden Rappen vollkommen eingefahren sind, und das wird er auch schon thun, wenn
er bei guter Laune ist.
    Jetzt kehrte auch der Intendant von dem Rapport zurck und stellte sich
wieder achselzuckend zu der Gruppe am Fenster. Der schwarze Domino! seufzte er
klglich. Ich wei in der That nicht, wehalb Seine Majestt auf diese an sich
langweilige Musik so versessen ist.
    Sie werden aber doch den allerhchsten Befehl befolgen mssen?
    Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern; hier befiehlt Seine Majestt,
dort will die erste Sngerin nicht.
    Ich frchte, wir haben den schwarzen Domino nicht, sagte der
Oberststallmeister, denn Madame Wiesengrn-Spitzkopfin wird sich nicht
erweichen lassen.
    Ich glaube es auch nicht, meinte der Intendant des Hoftheaters. Ich mu
auf die Nachsicht Seiner Majestt bauen; um mit Schiller zu sprechen: - der See
kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.
    Aber diesmal wird es schwer halten, versetzte der Hofmarschall. Seine
Majestt sagten mir, Sie freuen sich auf die heutige Vorstellung
auerordentlich.
    
    Und zu mir sprach der Herr, entgegnete einigermaen pikirt der Intendant,
es speise sich im blauen Salon vortrefflich, und er liebe es ebenfalls
auerordentlich, da zu diniren.
    Jeder so gut er kann! antwortete der Hofmarschall. Was geschehen kann,
geschieht ja gerne. Aber Seine Majestt haben sicherlich nicht an die
Beschaffenheit des blauen Saales gedacht.
    Es thut freilich Jeder, was ihm mglich ist, meinte wichtig der
Oberststallmeister; es ist ja unsere Pflicht, fr das Wohl und die Gesundheit
des Herrn zu sorgen. Aber bei solchem Wetter auszureiten, ist gewi unthunlich.
    Damit entfernten sich die beiden Excellenzen Arm in Arm, nachdem sie den
Grafen Fohrbach freundlichst gegrt. Der Intendant ging ebenfalls seufzend
seiner Wege.
    Der Hofmarschall gab, ehe er sich entfernte, einem der Hoffouriere noch
einige geheime Befehle, und da wir auf die Diskretion des geneigten Lesers
bauen, so wollen wir demselben in's Ohr flstern, da der Hofmarschall
anordnete, in dem blauen Salon die Vorhnge und Portiren behufs nothwendiger
Ausbesserung herunter zu nehmen, auch die Kette des groen Kronleuchters zu
untersuchen, die so schadhaft sein msse, da es dringend nothwendig sei, sie
noch heute durch eine neue zu ersetzen.
    Das Vorzimmer blieb einen Augenblick leer und der Adjutant ging nachdenkend
auf und ab, hie und da lustig in sich hinein lachend, ber Alles, was er whrend
des Rapports vernommen. Es dauerte indessen nicht lange, so fuhr drauen
abermals ein Wagen an; es nherten sich Schritte, doch waren sie nicht leise wie
die der Minister und Hofbeamten, sondern man vernahm Sporengeklirr und hie und
da ein leichtes Aufstoen eines Kavalleriesbels: auch hrte man, wie die Wachen
ihr Gewehr prsentirten, worauf der Kammerdiener beide Thren aufri, um Seine
Excellenz den Herrn Kriegsminister einzulassen, der nun in das Zimmer trat im
eifrigen Gesprche mit dem Generalstabsarzte der Armee, welcher zugleich als
zweiter Leibarzt fungirte.
    Der Adjutant nahm seine schnste Haltung an, um den hohen Chef und Vater
bestens zu begren.
    Der Kriegsminister war ein groer, stattlicher Mann mit stark ergrautem Haar
und Bart, ein schner alter Herr, der in der Generalsuniform vortrefflich aussah
und dessen zahlreiche Orden ebensoviele Gefechte und Schlachten zu bedeuten
hatten.
    Der Generalstabsarzt dagegen war klein, wohlbeleibt, von beweglichem Wesen.
Wenn er eifrig sprach, so fuhren seine Augen lebhaft hin und her und sein Arm
arbeitete wie ein Telegraph.
    Seine Excellenz begrte den Sohn freundlich mit der Hand, wobei sie ihm
zurief: Bon jour, mon garon! Dann wandte sie sich wieder zu dem Arzte, der
sein Gesprch einen Augenblick unterbrochen hatte, und nun zu dem Adjutanten
hinlief, mit seiner Rechten dessen Hand freundlich schttelte und zu gleicher
Zeit die Linke auf die breite gewlbte Brust des jungen Offiziers legte. Dann
wandte er den Kopf pfiffig lchelnd gegen den Kriegsminister, indem er sagte:
Sehen Euer Excellenz, hier in ihrem Sohne kann ich meine Behauptung ad oculos
demonstriren; das ist eine Kavallerie-, berhaupt eine Militrgestalt, das kann
was im Sattel aushalten. Bemerken Sie wohl die gut geformte Taille, die
aufschwellende Brust und die breiten Schultern?
    Der alte General sah zufrieden lchelnd auf seinen Sohn und schien dem Arzte
Recht zu geben.
    Hier kann man die Schultern zusammendrcken, wie man will, da zeigt sich
keine Spur von Husten, und wenn man vornen hinklopft, da ist es gerade als hre
man ein entferntes Glockengelute. Und das Untergestell, - solches Zeug braucht
man zum Dienst, wenn man es zu Etwas bringen will. - Aber gehen Sie mir nur mit
Ihrem Herzog! schlo er achselzuckend.
    Aber, lieber Freund, entgegnete ruhig der Kriegsminister, Sie verkennen
offenbar den Standpunkt der Sache. Seine Majestt der Knig, vielleicht von
Bitten bestrmt, haben einmal nachgegeben, haben erlaubt, - nein, haben
befohlen, da der Herzog die Universitt und mithin auch die Civilcarrire
verlassen soll, um in das Gardedragonerregiment einzutreten.
    In das Gardedragonerregiment! rief der Arzt mit einem wahren Aufschrei,
indem er beide Hnde auf dem hervortretenden Buchlein zusammenlegte. In das
Gardedragonerregiment! wiederholte er und blickte kopfschttelnd in die Hhe.
    So ist es, versetzte die Excellenz. Sie wissen, wie sehr sich Ihre
Majestt die Knigin dafr interessirt, den Sohn Ihrer Schwester -
    Statt im schwarzen Frack in der glnzenden Uniform zu sehen, sagte der
Arzt krampfhaft lachend.
    Meinetwegen soll es so sein; aber wie bemerkt, Ihre Majestt baten mich
sogar darum, ersuchten mich auf's Freundlichste, mich bei dem Knig fr die
Sache zu verwenden.
    Und Seine Majestt? - entgegnete der Arzt mit einem pfiffigen
Gesichtsausdruck.
    Seine Majestt verlangt natrlich Ihr Gutachten, erwiderte der
Kriegsminister.
    Weil Seine Majestt, versetzte der Doktor mit erhobenem und wichtigem Tone
der Stimme, indem er zu gleicher Zeit mit der rechten Hand zu jedem Wort den
Takt in der Luft schlug, ein Herr von der grten Ueberlegung sind, ein Herr,
der selbst genau wei, was zum Militr nthig ist, wie man zu einem
Gardedragoneroffizier aussehen mu, ein Herr, der mit einem Worte - selbst ein
vollkommener Soldat ist.
    Aber, lieber Doktor, sind Sie nicht kindisch! sagte fast bittend der alte
General. Mir kann es ja am Ende gleichgiltig sein; aber ich versichere Sie,
Ihre Majestt hat sich einmal auf dieses Projekt capricirt; es ist in der That
ein Wunsch von ihr, und es wrde sie schmerzen, wenn der Herzog nicht unter das
Gardedragonerregimet kme.
    So soll man ihn nehmen! - nehmen! - nehmen! - aber man soll mich nicht
fragen. Dann knnen Sie ihn meinetwegen zum Dragoner, zum Artilleristen, ja zum
Krassier machen; - oder, sprach der Arzt pltzlich in einem andern Tone,
whrend er die Hnde auf den Rcken legte, sagen doch Euer Excellenz: der
Generalstabsarzt hat diesmal total Unrecht; garantiren Sie fr seine Gesundheit,
Sie, ein langgedienter Kavalleriegeneral, - und ich will Ihnen in keinem
Titelchen widersprechen.
    Bei diesen Worten hustete der Kammerdiener an der Thre bedeutungsvoll,
ffnete dann die Flgelthre, und die beiden Herren, welche wuten, was es zu
bedeuten habe, beeilten sich, in das Kabinet zu treten.
    Sie blieben nicht sehr lange darin, und als sie wieder heraustraten, sagte
der Kriegsminister, indem er den Arzt scheinbar rgerlich am Arme schttelte:
Sie sind ein alter hartherziger Kerl; nchstens halte ich eine groe
Kavallerieparade und lasse Sie in der Suite mitreiten, bis sie schwarz werden.
    O Excellenz, entgegnete pfiffig lachend der Doktor, warum desavouirten
Sie mich nicht soeben? Der Herr schien das fast zu erwarten, aber Sie sind ein -
Ihnen ist der Herzog auch lieber auf der Universitt als unter dem
Gardedragonerregiment. Sprechen Sie ber mich bei Ihrer Majestt was Sie wollen
und mgen: ich halte still, - denn Recht habe ich. - Sie, Graf Fohrbach, wandte
er sich an den Adjutanten, mssen mir beistimmen, Sie kennen den Herzog. - Ist
das ein Kavallerist? - Nie! nie! ebensowenig als ich selber, und wenn mir Einer
das Gegentheil beweist, so will ich alles Praktiziren bleiben lassen und Brte
scheeren.
    Was vielleicht ein groer Vortheil wre fr die leidende Menschheit, sagte
lachend der Kriegsminister, whrend er seinem Sohne vertraulich die Hand
schttelte und dann mit dem Arzte das Zimmer verlie.
    Damit war der Rapport beendigt, und der geneigte Leser, den wir nun einmal
in die Geheimnisse eingefhrt, kann auch von uns verlangen, da wir ihm ferner
mittheilen, wie der heutige Tag bei Hofe zu Ende ging. Wir thun die um so
lieber, als wir ihm dadurch der Tendenz unserer wahrhaftigen Geschichten gem
beweisen, da kein Mensch auf dieser Welt der Sklaverei entgeht und im Stande
ist, bestndig seinen Willen durchzusetzen, nicht die Bettler, nicht die
Hchsten dieser Erde.
    Seine Majestt der Knig ritten nicht spazieren wie Sie gewnscht. Dieselben
fuhren auch nicht mit zwei Rappen, wie Sie befohlen, und das aus einem ganz
eigenthmlichen Grunde. Der dienstthuende Stallmeister nmlich hatte sich
herausgenommen, die Pferde vor dem kleinen bekannten Wagen zu verschiedenartigen
telegrafischen Depeschen zu bentzen, vermittelst deren er mit einer Dame zu
korrespondiren pflegte. Fuhr Seine Majestt mit Braunen, so hie das Ja, hatten
dagegen Hchstdieselben Rappen vor dem Wagen, so bedeutete das Nein. Weil nun
aber am heutigen Tage dieser dienstthuende Stallmeister aus den angegebenen
Grnden fr nothwendig hielt, zwei Braunen einspannen zu lassen, so waren die
Rappen noch nicht vollkommen sicher und vertraut, wehalb Seine Majestt auf den
gewi sehr billigen Wunsch, mit ihnen zu fahren, verzichten mute.
    Ferner war auch das Diner nicht in dem kleinen blauen Saale, sondern in dem
groen rothen. Dasselbe ging auch ziemlich einsilbig und unerfreulich vorber,
denn Ihre Majestt die Knigin hatte rothgeweinte Augen, und lie sich dehalb
entschuldigen. Sie speiste auf dem Zimmer mit ihrer Schwester, der Frau
Herzogin, das heit, sie speisten vielmehr nicht, sondern ergingen sich in
verschiedenen Klagen ber verfehlte Wnsche im Einzelnen und ber den Druck
dieses Lebens im Allgemeinen.
    Dafr endete aber auch dieser Tag wie er angefangen, und als seine Majestt
in's Theater trat, wurde gemeldet, da Madame Wiesengrn-Spitzkopfin erkrankt
sei und da dafr Frulein Topf die - - Norma singen werde, was an sich auch
eine sehr schne Gegend ist.

                          Neununddreiigstes Kapitel.



                                Unter dem Dache.

In dem Hause des Buchhndlers Blaffer, Firma Johann Christian Blaffer und
Kompagnie, befanden sich unter dem Dache einige Kammern, von denen ein paar, um
den Kunstausdruck zu gebrauchen, gegipst waren, die Wnde anderer dagegen die
ganz gewhnliche Holzvertfelung zeigten, mit welcher auch das Dach unterhalb
beschlagen war.
    Eine dieser gegipsten Kammern war die Wohnung des Herrn Beil, welche durch
einige hchst merkwrdige Lithographien, durch ein paar alte zerrissene
Vorhnge, sowie durch ein Stck Teppich vor dem Bette so comfortable als mglich
gemacht war. Da zuflliger Weise durch diese Kammer das groe Kamin des Hauses
lief, so befand sich hier ein kleiner Ofen, was eigentlich polizeiwidrig war.
Doch wute Herr Beil die Behrde hinter's Licht zu fhren, denn so oft eine
Bauschau oder ein Schornsteinfeger in's Haus kam, so brach er die Rhre dieses
unbedeutenden Ofens ab und stellte diesen selbst in eine Ecke wie ein altes
Rumpelwerk.
    An Mbeln war in diesem Zimmer nicht viel vorhanden: ein altes Bett, ein
paar Sthle, und in einer Ecke eine Kiste, welche der erfinderische Eigenthmer
dadurch, da er einen kleinen Strohsack darauf gelegt und darber ein Stck
carrirten Zeug gebreitet, solchergestalt zu einem Sopha eingerichtet hatte.
    Auf diesem Sopha nun saen Herr Beil und August, der Lehrling,
stillschweigend neben einander. Es mochte vielleicht sieben Uhr Abends sein; auf
einem kleinen wackeligen Tische, den wir seiner Unbedeutendheit wegen beinahe
anzufhren vergessen htten, stand ein sogenanntes Sparlicht in einem
abgenutzten blechernen Leuchter, und die trbe, rothe Flamme desselben
verbreitete eine zweifelhafte Helle in der Kammer. Hiezu kamen noch verschiedene
Luftstrmungen, die sich von mehreren Seiten bemerkbar machten und das Licht hin
und her wehten, auch der Beleuchtung noch mehr Eintrag thaten, indem nun lange
dunkle Schatten bald hierhin bald dorthin flogen.
    Herr Beil hatte seinen Kopf gegen die Wand gelegt, die Nase erhoben und
schaute an das Dach empor, whrend er die Fe weit von sich abgestreckt hatte,
und die gefalteten Hnde auf seinen Knieen ruhen lie.
    Der Lehrling dagegen sa vornber gebeugt, hatte seine Ellbogen auf die
Beine aufgesttzt, betrachtete aufmerksam den Fuboden und stie hie und da
einen tiefen Seufzer aus.
    Herr Beil rauchte eine Papiercigarre, in deren Bereitung er sehr kunstfertig
war. - Aecht spanisch, pflegte er zu sagen, ich glaube wahrhaftig, ich habe
etwas von dem Blute irgend eines Don Jose di Mendoza ben Calatravera Bajazzo in
mir.
    Heute Abend aber war er nicht zu Spssen aufgelegt, denn wenn der Lehrling
hufig laut seufzte, so that der Commis nicht selten dergleichen leise.
    In dem Zimmer befand sich in dem Augenblick noch eine dritte Person; das war
eine alte Magd, die eben im Begriffe war, die wenigen Reste eines sehr
sprlichen Abendessens abzurumen. Bald war sie damit fertig, wnschte gute
Nacht und verlie dann die Kammer, worauf es hier ganz still wurde. Man hrte
nichts als zuweilen das Picken der silbernen Taschenuhr des Lehrlings, die auf
dem Tische lag, und dann wieder das Sausen eines Windstoes, der gegen die
Dachziegel strich und ihnen durch diese unsanfte Bewegung einen eigenthmlichen
Ton des Mibehagens entlockte.
    So ist denn Alles aus! ergriff nach einer lngeren Pause der Lehrling das
Wort, whrend er kummervoll sein Gesicht in die Hhe wandte, Alles! - Alles!
    Fr Sie nicht, junger Anfnger! entgegnete Herr Beil. Was thut's auch,
wenn ich morgen dies Haus verlasse; Sie werden schon einen anderen Commis an die
Seite bekommen, der Sie sogar wahrscheinlich viel weniger schuhriegeln wird als
ich, der viel behaglicher und freundlicher ist.
    Mglich, mglich!
    Sehen Sie, undankbares Krokodil, Sie finden das selbst schon mglich. O,
ich werde bald gnzlich vergessen sein.
    Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit solch schneidendem Tone des
tiefsten Weh's, da der junge Mensch an seiner Seite sanft die Hand auf seinen
Arm legte und hastig entgegnete:
    Ich habe gesagt, es sei mglich, da nach Ihnen Jemand zu uns kme, der
weniger - wie soll ich sagen? - ja, der zuweilen vielleicht weniger rauh mit mir
wre, der mich aber gewi nicht so lieb hat wie Sie.
    Hm! diese Mglichkeit will ich zugeben; aber sprechen wir nicht weiter
davon. Wenn ich am heutigen Tage ein Wort von Liebe hre, so mchte ich vor
Vergngen aus der Haut fahren.
    Was haben Sie denn eigentlich mit Herrn Blaffer gehabt? fragte August nach
einer Pause.
    Das kann ich Ihnen so genau nicht sagen, entgegnete der Commis, wobei er
tchtige Rauchwolken aus seiner Cigarre blies. - Und doch sollte ich es Ihnen
eigentlich sagen; ich will sehen, ob ich eine Handhabe finde, mit der ich die
Sache ergreifen kann. - Aber ist es hier nicht unertrglich hei? sagte er nach
einem augenblicklichen Stillschweigen, whrend er seinen Rock aufknpfte; man
merkt wahrhaftig, da der Winter in den letzten Tagen keine rechte Kraft hatte,
so ein bischen elendes Holz erwrmt das kleine Zimmer bermig.
    Ja, ich finde es angenehm warm hier; doch wenn es Ihnen zu hei ist, knnen
wir die Thre ffnen.
    Gut, ffnen Sie die Thre, erwiderte der Commis, oder noch besser,
verlassen wir einen Augenblick diese Kammer und gehen wir in die andere da
gegenber! Es ist das eine gute Abkhlung fr mich.
    In die meinige? fragte der Lehrling.
    Nein, in die andere da neben an.
    Also in die, wo Marie gewohnt hat?
    In dieselbe, theuerster Bruder, sagte Herr Beil. Darauf erhob er sich
langsam von seinem Sitze und trat an den Tisch, um den langen Docht des Lichtes
mit einer alten Scheere zu putzen. Nachdem er die gethan und die Flamme wieder
hell brannte und sein Gesicht, das ber dieselbe hingebeugt war, vollkommen
beleuchtete, konnte man deutlich sehen, wie bla er war, wie abgespannt seine
Zge erschienen. Sein Haar, sonst gut gepflegt und geordnet, hing wild und wst
an seinem Kopfe herunter; nur seine Augen glnzten, doch war der Glanz mehr ein
unheimliches, fieberhaftes Brennen.
    Gehen wir also, sagte er.
    Und damit verlieen die Beiden die Kammer, um in eine gegenber liegende
einzutreten.
    Diese hatte ebenfalls weie Wnde, war aber noch unbehaglicher als die
andere, indem das ganze Ameublement hier aus einer alten Bettstelle bestand, in
welcher ein Strohsack lag, der in der Mitte auseinander klaffte und seine
Eingeweide sehen lie. Ferner war hier eine groe Bcherkiste, die zu Hupten
des Bettes stand, und auf welche sich Herr Beil niederlie.
    Der Lehrling trat an das Fuende und blickte betrbt zu seinem Freunde
hinber.
    Da ist ein gewisser Goethe, sagte der Commis nach einem lngeren
Stillschweigen, der lt einen sicheren Faust bei einer hnlichen Veranlassung
sehr schne Worte sagen; ungefhr so:

Mich fat ein wahrer Wonnegraus;
Hier mcht ich volle Stunden trumen!

    Und ich mchte gerade so sprechen, nur da mich statt der Wonne ein tiefer,
tiefer Schmerz ergreift, ein Schmerz, den zu ertragen ich nicht im Stande bin,
der mein Herz brechen wird. - O Gott! wie kann ein vernnftiger Mensch ein
solches Vieh sein! So sein Alles, sein ganzes Denken und Fhlen, sein Leben und
seine Zukunft an ein Mdchen zu hngen! - Es ist wahr, aber unbegreiflich.
    O nein, entgegnete August schchtern, ich begreife es.
    Was begreifen Sie, junger angehender Weltbrger, was begreifen Sie von
allem Dem, was im Stande ist, mich rasend zu machen?
    Ich begreife, da Sie meine Schwester Marie lieben, erwiderte der junge
Mensch.
    Das wre an sich gerade kein Unglck, sagte der Andere, indem er seinen
Kopf auf das hlzerne Gestell sttzte und in das leere Bett schaute. - Lieben
ist eine schne Sache, aber hoffnungslos lieben ist die Hlle. - Hoffnungslos,
weil ich ein armer Teufel bin, weil es dem reichen Manne gefllt, die schne
Frucht zu pflcken, da er gerade Appetit darnach versprt. - Es ist das wieder
eine schne Sklavengeschichte: der Herr befiehlt, dieses schne und reizende
Mdchen solle ihre Mitsklaven verlassen und aus der elenden Dachkammer
hinabsteigen in die schnsten Gemcher des Hauses, damit sie - glcklich werde.
Ein anderer Mitsklave, dem das harte Leben, das er Jahre lang gefhrt, nur
dadurch ertrglich wurde, da sie hie und da ber seinen Weg schritt, da sie
ihn zuweilen freundlich ansah, da es ihm dann und wann erlaubt war, ihre Hand
zu streifen oder mit schauerndem Vergngen ihren Arm, ihre Schulter zu berhren,
wagt es, darber Vorstellungen zu machen, und da man ihn nicht durchpeitschen
kann, so ffnet man ihm die Thre und stt ihn wie einen Hund hinaus. - Mich -
mich, mich stt man hinaus in das kalte nasse Wetter, in den Winter der
Jahreszeit und meines freudenlosen Lebens, whrend er mit ihr im warmen
behaglichen Zimmer bleibt, und lchelnd von ihrem Lager hinweg an die dunstigen
Fensterscheiben zu treten, die er mit einem Tuche abwischt, das vielleicht von
ihren Thrnen feucht ist, und hinaus sieht auf die finstere Strae, wo ein
bleiches Gespenst vorber schreitet, das im Grabe keine Ruhe finden kann, weil
es die Sehnsucht empor zieht und an jenes Haus zwingt, da es dort hinstehen mu
und hinauf schauen an das matt erleuchtete Zimmer. O, ich begreife jetzt, wie
ein Mensch nach und nach wahnsinnig werden kann und dabei deutlich fhlt, wie
die Narrheit ber ihn herfllt.
    Der junge Mensch hatte seine Hnde gefaltet und schaute auf den Anderen mit
ngstlichen Blicken. Aber lieber Herr Beil, sagte er, was fhren Sie fr
grliche und verworrene Reden? - Reden, die mich auf's Tiefste ngstigen, wenn
ich sie auch nicht ganz verstehe.
    Der Commis schien ruhiger geworden zu sein und hatte sich wieder auf die
Kiste gesetzt, die er vorhin verlassen. Ja, ja, sprach er, tief Athem
schpfend, das sind Narrheiten, aber es ist doch ein Krnchen Verstand darin.
Und dies Krnchen Verstand will ich Ihnen zu Ihrem eigenen Nutzen und Frommen
mittheilen, soweit es ihnen dienlich ist und soweit Sie es begreifen knnen. -
Hren Sie mich an!
    Sie kennen sattsam unseren groen Sklavenhndler Blaffer; er hatte der
Sklaven nicht viele, aber einige; er hat sie auch nicht gekauft, denn das ist
bei uns unmglich, aber sie waren an ihn gekettet durch drckende Verhltnisse -
Verhltnisse, die ihnen nicht erlaubten zu thun wie unsere glcklichen Brder in
Amerika, nmlich davon zu laufen. Wissen Sie, mein lieber junger Sklave, darin
haben wir es nmlich sehr schlimm; wenn es die drben nicht mehr aushalten
knnen und davon laufen, so finden sie berall Untersttzung und Hilfe und man
nimmt sich ihrer an, man sorgt fr sie, man hilft ihnen zu ihrem Fortkommen, man
untersttzt sie mit Rath und That, und verschafft ihnen, wenn es irgendwie
mglich ist, eine angenehme sorgenfreie Existenz. Wir aber, wenn wir einmal
nicht mehr im Stande sind, die schlechte Behandlung, die wir erfahren mssen,
die wirklichen und moralischen Futritte zu ertragen, die uns ein tyrannischer
Dienstherr versetzt, wir knnen nicht davonlaufen, denn wir werden nicht weit
kommen; wir sind alsdann faule und nichtsnutzige Diener, widerspenstige Buben
oder, ich spreche auch fr das andere Geschlecht - liederliche Mdchen, fr die
sich anzunehmen eine Schande wre, die nirgendwo Hilfe und Untersttzung finden,
und die, wenn sie eine mitleidige Polizei in's Loch steckt, zurckkommen mssen
und die Ruthe kssen und sie bitten, da man sie wieder gndig aufnimmt.
    So stehen unter Anderem die Sklaven des Herrn Johann Christian Blaffer und
Compagnie, namentlich seine beiden Leibsklaven, das sind Sie und Ihre Schwester
Marie. - Neulich kam ich zuflligerweise dazu, wie Sie, junger Mensch, in einer
der vielen Nachahmungen von Onkel Tom's Htte lasen, und ich erwischte Sie
gerade an einer pikanten Stelle, so da ich mich nicht enthalten konnte, Ihnen
einen kleinen Katzenkopf zu appliziren. Ich bin fest berzeugt, da Sie, sobald
ich Ihnen den Rcken gekehrt hatte, jene Stelle mehrmals lasen und sie Ihrem
sonst sehr schlechten Gedchtnisse vollkommen einprgten. - Ist es wahr oder ist
es nicht wahr? Seien Sie ehrlich.
    Ich wei nicht, welche Stelle Sie meinen, stotterte der Lehrling doch
merkte man ihm deutlich an, da er eine Lge sprach.
    Denken Sie an den Katzenkopf, sagte ernst Herr Beil, und erinnern Sie
sich jener Stelle: es war, wo der Pflanzer das Mdchen nthigen wollte, sein -
Zimmer zu theilen, wo er sie mit Hunger und Schlgen traktirte, um sie
willfhrig zu machen.
    Ach ja, ich erinnere mich! - und dann entsprang sie.
    Richtig, sie entsprang und kam glcklich zu zwei reichen und vornehmen
Damen, die auerordentlich erfreut waren, eine entsprungene Sklavin untersttzen
zu drfen.
    Sie nahmen sie mit sich.
    Und lobten sie, da sie standhaft Hunger und Schlge ausgehalten und doch
unschuldig geblieben sei.
    Und davon gelaufen, um ihre Ehre zu retten.
    Sie nahmen sie dann mit sich in ihren Wagen, gaben ihr schne Kleider,
machten sie zu einer Art Kammerjungfer, sie befand sich darauf froh und munter
wie Gott in Frankreich -
    Ja, es ging ihr sehr gut.
    Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie noch, wie es in den alten
Mhrchen heit. - Damit fuhr sich Herr Beil durch sein struppiges Haar und der
Lehrling setzte lchelnd hinzu:
    Das war eine recht schne und angenehme Geschichte, und ich habe den
gewissen Katzenkopf gern dafr in Empfang genommen.
    Und doch nichts dabei gelernt, sagte fast wehmthig Herr Beil. - Denken
Sie einmal ein wenig nach, finden Sie denn zwischen jener Sklavengeschichte und
Manchem, was hier im Hause geschehen ist, nicht eine gewisse Aehnlichkeit?
    Nicht sogleich, entgegnete August.
    Na, besinnen Sie sich einmal, ist Ihnen nie was von Hunger und Schlgen
passirt?
    O ja doch, dessen erinnere ich mich wohl.
    Und Ihre Schwester? -
    Auch sie hat mir manchmal geklagt, er habe sie gestoen und dergleichen.
    Und dann sie wieder gehtschelt und ihr gute Worte gegeben -?
    Ja, und jetzt fllt mir noch eine Aehnlichkeit ein.
    Nun, Gott sei Dank! da Ihnen endlich ein Licht aufgeht.
    Meine Schwester ist auch einmal heimlicher Weise fortgegangen.
    Sehen Sie wohl, sagte Herr Beil, indem er die Zhne auf einander bi. -
Und da fanden sich auch zwei vornehme und reiche Damen, die ihr halfen?
    Nein, erwiderte traurig der junge Mensch, sie ging zu ihrer Pathin, einer
wohlhabenden und sehr frommen Frau. Die hat sie aber schn empfangen. Wie kannst
du dich unterstehen, sprach sie, von einem so braven Herrn wegzulaufen, wie der
Herr Blaffer ist! Glaubst du, ich werde dich in deinem Ungehorsam untersttzen?
Nicht eine Stunde darfst du hier in meinem Hause bleiben, darfst mich berhaupt
nie mehr besuchen, bis du mir schriftlich von deinem Herrn bringst, da er dir
deine Unart verziehen und wieder vollkommen mit dir zufrieden ist.
    Das Zeugni wird er ihr jetzt geben knnen, sagte dster und wie zu sich
selbst sprechend Herr Beil. Dann wandte er sich wieder an den Lehrling. - Und
Marie hat der Alten nicht gesagt, wehalb sie das Haus verlassen?
    O ja, das that sie; aber da hob die Pathin die Hnde zum Himmel auf,
verdrehte andchtig ihre Augen und erwiderte: Gott sei uns Snder gndig! der
Mensch ist schwach und wenn dein Herr je so etwas gesagt hat, so hast du ihn
gewi durch ein leichtfertiges Betragen hiezu aufgemuntert.
    Amen! sprach laut lachend der Commis.
    Darauf schickte die Pathin meine Schwester aus dem Hause, und Marie kam
wieder hieher zurck.
    O ich wei, ich wei das! rief gewaltsam ausbrechend der Andere. Sie
blieb einen Tag auf ihrem Zimmer; hier in dieser Kammer, auf diesem Bette sa
sie, ein Bild des Jammers; und ich schlich mich zu ihr herauf, nahm ihre Hand
und versuchte sie zu trsten.
    Ich wei, ich wei.
    Da kam jener schreckliche Auftritt! Der Sklavenhndler kam hier herauf, und
da er mich sah, bermannte ihn eine eiferschtige Wuth und er schlug mir mit dem
Stocke, den er in der Hand trug, ber den Kopf; die Narbe wird nie vergehen.
Aber nur Marie ist schuld, da ich ihn damals nicht umgebracht. Ja, ich htte
ihn doch niedergeworfen, obgleich er fester auf seinen Fen steht als ich. -
Darauf mute sie hinunterziehen in den ersten Stock, und dort blieb sie ein paar
Tage eingeschlossen; wir haben sie Beide nicht mehr gesehen. Es wurde eine Magd
angeschafft, wir beide speisten Mittags und Abends allein, und ich - bekam
meinen Abschied. - Hurrah: das vergngte Leben fngt an!
    Aber nach allem dem, was Sie hier erduldet, mu es Ihnen doch im Ganzen
angenehm sein, wenn Sie dieses Haus verlassen knnen, meinte der Lehrling.
    Lieber Freund, Sie sprechen wie Sie es verstehen. Glauben Sie denn, da ich
es ohne die gewichtigsten Grnde berhaupt lnger als ein paar Tage bei dem
Herrn Blaffer ausgehalten htte? Ach! durch gewisse Sachen, deren Mittheilung
Ihnen nichts ntzen wrde, hatte er mich von Anfang an in der Hand; dann
erschien auch Ihre Schwester, und das war ein starkes Band, welches mich an
dieses Haus kettete; ja, das wrde mich an die Hlle festschlieen, wenn ich am
Ende aller Qualen nur den kleinsten Hoffnungsstrahl glnzen she. - Aber so ist
Alles Nacht, - tiefe, dunkle Nacht.
    Aber wenn Sie meine Schwester wirklich so gerne haben, wie Sie sagen, so
mte es Sie doch eigentlich freuen, da sie nicht mehr die Magd hier im Hause
zu machen braucht und da sie nicht mehr nthig hat, hier oben in der kalten
Kammer zu schlafen. Ich versichere Sie, es geht ihr jetzt recht gut, sie bewohnt
drunten ein angenehmes Zimmer und nht und stickt den ganzen Tag.
    Der Commis schaute bei diesen Worten den jungen Menschen achselzuckend an,
dann murmelte er zwischen den Zhnen: Da helfen keine Katzenkpfe, um den zur
Erkenntni zu bringen. - Also sie nht und stickt? fuhr er lauter fort; und
was treibt sie nebenbei? lacht sie oder weint sie?
    Singen habe ich sie freilich lange nicht gehrt, auch schaut sie ziemlich
betrbt aus; aber Sie wissen, da sie schon seit langer Zeit nicht recht heiter
war.
    Ja, ich wei das, entgegnete Herr Beil, und ich kann mir auch die
Ursachen davon erklren. Aber jetzt will ich Ihnen etwas sagen: gehen Sie in
mein Zimmer zurck, ich folge Ihnen sogleich: Sie knnen auch das Licht
mitnehmen, ich brauche es nicht, denn ich will nur ein wenig da zum Fenster
hinaus sehen; es ist hier die Wetterseite, und ich mchte wissen, ob es schneien
oder frieren wird. Gehen Sie nur, ich komme gleich.
    August nahm das dnne Talglicht und verlie das Gemach, worauf er nach der
gegenberliegenden Kammer ging.

                              Vierzigstes Kapitel.



                                 Ein Abschied.

Der Commis lie sich auf das Bett nieder, sttzte Hnde und Kopf auf das
hlzerne Gestell und versank in tiefes, finsteres Hinbrten. Es waren
schreckliche, wilde Gedanken, die in seinem Kopfe erschienen, und die gleich
drohenden Gespenstern all' sein besseres Denken und Fhlen fast erstickten. -
Wie hatte er dieses Mdchen geliebt, wie hatte er sich im Dienste seines Herrn
geplagt, indem ihm lange die Hoffnung blieb, es wrde mglich sein, da ihm doch
noch einmal das Glck lchle und da er im Stande sei, ihren Besitz zu erringen.
Bei solchen Gedanken hatte er vor Wonne geschaudert. Wenn er sich recht heitere
Stunden machen wollte, so trumte er glnzende Trume, wie er endlich vor sie
hintreten wrde und ihr Alles anbieten, was er habe - eine kleine aber
sorgenfreie Existenz. Freilich wrde sie ihm vielleicht sagen: sehen Sie, Herr
Beil, ich fhle gerade keine bermenschliche Liebe zu Ihnen, aber das wird sich
vielleicht spter finden; vorderhand achte ich Sie, schtze ich Sie hoch und
nehme Ihren hchst achtbaren Antrag an. - Das wre Alles ganz im Geheimen
abgemacht, und der Herr Blaffer damit frchterlich berrascht worden, -
frchterlich, indem man ihm eine so sicher geglaubte Beute entri. - Aber das
hatte das Schicksal nicht gewollt, es sandte keine Lichtblicke hernieder in sein
Leben, es streute nicht irgend eine kleine Gabe auf seinen Pfad, es schien nicht
zwei Wesen vor dem Verderben retten zu wollen, - es rauschte finster, gewaltig
und unaufhaltsam ber sie dahin, und schmetterte sie zu Boden, sie, die
vielleicht unter anderen Verhltnissen ein bescheidenes, glckliches Loos htte
finden knnen.
    Er mochte ziemlich lange so gesessen haben auf dem Rande des Bettes, und
allmlig lsten sich die wilden Schmerzen seiner Brust in tiefe Wehmuth auf, er
fhlte erquickende Thrnen in seinen Augen aufsteigen und dann ber die Finger,
die er davor gepret hielt, herabrieseln. Er dachte eigentlich gar nichts mehr,
der stechende, wilde Schmerz seiner Seele war verschwunden, und nur ein
allgemeineres, aber sanfteres Weh erfllte ihn vollstndig.
    Endlich stand er auf, doch wie er sich dabei mit der Hand auf das Lager
sttzte, raschelte das Stroh unter seinen Fingern, er zog ein paar zerknitterte
Halme her, zerdrckte sie in der Hand und schob sie in die Tasche. Dann kehrte
er in sein Zimmer zurck, wo August an dem Tische sa, den Kopf auf die Hnde
gelegt und finster in das flackernde Licht starrend.
    Ich will Ihnen Etwas sagen, sprach der Commis nach einer Pause, whrend
welcher er ein paar Mal durch das Zimmer geschritten war, ich hatte mir
anfnglich vorgenommen, dieses Haus morgen zu verlassen; aber ich kann es
unmglich noch eine Nacht mit ihm und ihr unter demselben Dache aushalten und
bin dehalb entschlossen, noch heute Abend fortzugehen.
    Aber es ist ja finstere Nacht, versetzte erschrocken der Lehrling. Und wo
wollen Sie denn eigentlich hin?
    O, ich finde wohl noch einen stillen Ort, der mich freundlich aufnimmt,
entgegnete wehmthig lchelnd der Andere. Sorgen Sie nicht fr mich, machen Sie
berhaupt keine so trbe Miene; wenn es einmal geschieden sein mu - und dieser
groe Moment ist unwiderruflich da - so wollen wir das in guter Laune und mit
bestem Humor thun.
    Sie sehen aber gar nicht aus wie Jemand, der zum Scherzen aufgelegt ist,
sagte August, indem er bedenklich in das verstrte Gesicht seines Freundes sah,
in dessen Augen und auf den eingefallenen Wangen noch die deutlichen Spuren der
eben vergossenen Thronen zu bemerken waren.
    Da irren Sie sich sehr, erwiderte Herr Beil, der gewaltsam Athem holte;
ich sehe nur von auen ein wenig griesgrmig aus, bin aber dafr innerlich um
so vergngter; es geht mir in dem Punkte wie den Maikfern.
    
    Wenn es wirklich wahr wre, so sollte es mich freuen, denn Sie haben mir
mit Ihren Worten vorhin und mit Ihren Seufzern frmlich Angst gemacht.
    Das ist mglich; aber in der That, Sie knnen mir glauben, die schwarze
Stunde ist vorber; was jetzt noch hinten drein folgt, ist Alles Kinderspiel.
    Und ist es Ihr fester Entschlu, heute Abend noch dies Haus zu verlassen?
    Dazu bin ich entschlossen ohne Widerrede; und da ich ziemlich leicht reisen
mchte, so will ich mich auch nicht mit viel Gepck behngen. Sie sollen mein
Haupterbe sein, und wenn Sie etwas von meinen Habseligkeiten benutzen knnen, so
thun Sie es ja. Da mein Inventarium leider nicht gro ist, dafr hat schon der
Herr Blaffer seiner Zeit gesorgt; wahrhaftig, das allein knnte mich traurig
machen, wenn ich nmlich bedenke, da die Frchte meiner langjhrigen Arbeit in
ein paar alten Anzgen und etwas defekter Leibwsche bestehen. Nun, es ist
einmal meine Bestimmung gewesen und ich will mich nicht dagegen auflehnen. -
Krzlich hatte ich auch noch eine Uhr, aber ich versetzte sie vor einiger Zeit
bei einer gewissen Gelegenheit, die ich Ihnen nicht nennen kann, will Ihnen aber
den Schein des Leihhauses da lassen, und wenn Sie sie je einlsen sollten, so
zeigen Sie solche Ihrer Schwester Marie - die Uhr ist damals stehen geblieben -
- und sagen ihr dazu, das sei die gewisse Stunde. - Hier ist ferner noch ein
kleiner Ring, den bitte ich Marien so bald als mglich einzuhndigen; bemerken
Sie ihr hiebei, es habe unser Leben viel Unglck betroffen, aber es werde
wahrscheinlich eine Zeit kommen, wo wir Beide in eine gewisse Klarheit kmen,
und in einen Zustand, den man ein schneres Wiedersehen nennt. Wenn das, wie ich
nicht anders glaube, krperlich vor sich geht, so werde ich sogleich nach ihrer
Hand schielen und nach jenem Ringe, und es sollte mich innig, innig freuen, wenn
ich ihn an einem ihrer Finger bemerken, das heit, wenn ich ahnen wrde, da sie
ihn mir zum Andenken so lange getragen.
    August schttelte den Kopf und sah seinen Freund verwundert an. - Sie
sprechen da Worte, sagte er, die ich nicht vllig verstehe, und thun Dinge,
die ich nicht begreife. - Warum wollen Sie alle Ihre Sachen hier lassen, da Sie
doch nicht mehr in dies Haus zurckkehren werden, und da Sie keine anderen
haben, wie ich wohl wei?
    Das Letzte ist vollkommen richtig, entgegnete lchelnd Herr Beil; aber
unter uns gesagt, ich bin eben im Begriff, in eine neue Carrire zu treten, und
einen ganz anderen Menschen anzuziehen. Und daran wrden mich diese Fetzen
hindern; sprechen wir also nicht weiter darber, thun Sie, was ich Ihnen gesagt
und lassen Sie mich ohne Sang und Klang meiner Wege ziehen.
    O, es kann Ihr Ernst nicht sein, heute Nacht dies Haus zu verlassen! Es ist
schon spt, Sie werden kaum noch sonst irgendwie eine Thre offen finden.
    O ja, ich finde schon noch ein Haus offen, versetzte der Andere mit einem
leichten Schauder, und wenn ich da einmal eingetreten bin, so wird meine
Ankunft einiges Gerusch verursachen. Es werden sich um mich Leute bemhen, die
mich bis jetzt gar nicht gekannt, man wird mich aufs Feinste bedienen und ich
werde mehrere Kammerdiener haben, die fr meinen Anzug und meine Frisur sorgen;
darauf wird man sich auch bemhen, mir ein eigenes Haus zu bauen, und wenn ich
dort eingezogen sein werde, so knnte es mir am Ende auch wie einem hohen Herrn
ergehen, der von seiner Grafschaft Besitz nimmt, bei dessen Ankunft die Glocken
zusammen luten und das Volk herbeistrmt.
    Ach! Sie machen wieder Ihre Spsse, entgegnete der Lehrling. Wenn Sie ein
solches Haus haben knnten, so wrden Sie schon lange dahin gegangen sein und
htten nicht Jahre lang dieses Leben gefhrt.
    Da haben Sie wieder einmal Recht, sagte tief bewegt Herr Beil, whrend er
seine Hand auf die Schulter des jungen Menschen legte. Kinder und Narren
sprechen die Wahrheit. Ich htte allerdings meinem Herzen Manches erspart, wenn
ich frher heimgegangen wre, vielleicht ganz frh, als ich noch ein kleines
Kind war und nichts von Sklavengeschichten wute. Damals htte es meine Eltern
gefreut, wenn ich ihnen gefolgt wre.
    Aber Sie werden mir doch Nachrichten von sich geben, meinte August. Thun
Sie das doch ja, und wenn Sie nicht gar zu weit weg wohnen, so werde ich Sie,
sobald ich kann besuchen.
    Ihnen Nachrichten zu geben wird etwas schwer sein; von dort hieher sind die
Posteinrichtungen noch ziemlich mangelhaft; aber was einen Besuch betrifft, so
knnen Sie darber ganz ruhig sein, ich bin berzeugt, da es ber kurz oder
lang dazu kommen wird und wir alsdann ein freudiges Wiedersehen feiern.
    August schttelte den Kopf und meinte nach einer Pause: Sie sprechen immer
in so unbestimmten Ausdrcken, und ich begreife nicht, wehalb Sie vor mir all'
die Heimlichkeiten haben. Sie knnten mir wenigstens eine Adresse da lassen,
damit ich im Stande wre, Ihnen nchstens einmal Nachrichten von uns zu geben;
es wird Sie doch gewi interessiren, zu erfahren, wie es mir und Marie
eigentlich geht.
    Seien Sie unbesorgt, erwiderte der Commis, ich werde das seiner Zeit
gewi schon erfahren. - Wissen Sie, setzte er eigenthmlich lchelnd hinzu,
wenn auch das Haus, in das man mich dringend eingeladen hat, ziemlich abgelegen
ist, so bin ich doch berzeugt, da es in mannigfaltigem Rapport mit der ueren
Welt steht, namentlich Sommers, wo die Nachtigallen schlagen, wo die Rosen
blhen und verschiedenartige Blumen ihre kleinen Wurzeln tief, tief hinab in die
Erde treiben. - - Es ist das ein ganz merkwrdiges Haus, fuhr er nach einem
lngeren Stillschweigen fort, und es hat Aehnlichkeit mit den Palsten und
hngenden Grten der Semiramis, denn man wohnt dort parterre und hat ber sich
die schnsten Terrassen, bedeckt mit Grn und blhenden Blumen. - Aber jetzt
genug der Faseleien: die Zeit verrinnt; leben Sie wohl, theurer Antonius!
    Der junge Mensch nahm mit seinen beiden Hnden traurig die dargebotene
Rechte und sagte mit wehmthiger Stimme: Leider wei ich wohl, da, wenn Sie
einmal einen Entschlu gefat haben, es ganz unmglich ist, Sie davon
abzubringen. Aber Sie htten wohl das Haus morgen Frh verlassen knnen; wer
wei, es htte sich doch vielleicht noch Manches besser gemacht.
    Das ist Alles vorbei, vorbei! rief der Andere aus, whrend er seine Rechte
an sich zog und darauf beide Hnde auf die Schultern des jungen Menschen legte.
Es ist vorbei, August, vollkommen vorbei; machen Sie mir doch eine Rose wieder,
die der Sturm zerblttert, oder ein Spiegelglas, das zerschlagen; jene wird Sie
nie mehr durch ihren Geruch entzcken, die Stcke des letzteren werden Ihnen nur
verzerrte Bilder entgegen werfen. - Ja, es mu geschieden sein!
    Darauf hin zog er den Lehrling einen Augenblick an sich, hob ihm das Gesicht
empor, und wie er in die blassen und noch so ganz kindlichen Zge sah, fllten
sich seine Augen abermals mit Thrnen. - Du siehst ihr doch sehr hnlich,
August, sagte er nach einer kleinen Pause; erschrecklich hnlich, nur da sie
dunklere Augen hat und einen kleineren Mund. - O, diese Augen und dieser Mund!
Wenn ich daran denke, so sehe ich auf allen Seiten die wahnsinnigsten Bilder
auftauchen. - Bei Gott im Himmel! sprach er mit tiefem, klagendem Tone, whrend
er seine Hnde schlaff herabsinken lie, ich kann nicht mehr da bleiben, und
wenn du selbst einen Engel herabsenden wrdest, um mich zu trsten. Was wre mir
ein Engel in Reinheit und Tugend gegen ihre Schnheit in Laster und Snde! -
Fort! - fort!
    Damit ri er nochmals den Knaben an sich, drckte leidenschaftlich einen Ku
auf seine Stirne und eilte zu der Kammer hinaus.
    An der Treppe blieb er tief athmend und lauschend stehen, und schlich
alsdann Stufe um Stufe hinab.
    Das Haus lag ruhig und still da; man hrte keinen Laut, als von oben herab
das Heulen des Windes und von unten das Picken einer Uhr in der Kche.
    So kam er langsam in den zweiten Stock, und war schon die halbe Treppe zum
ersten hinabgestiegen, als er auf einmal den vorgestreckten Fu wieder zurckzog
und sich fest an die Wand drckte, um nicht gesehen zu werden; denn es ffnete
sich unten in diesem Augenblick eine Thre und Jemand kam mit einem Lichte
heraus und schritt ber den Gang daher, um in die Zimmer zu gelangen, welche
hinten nach dem Hofe hinaus lagen, wo der Prinzipal wohnte. - Er war es selbst,
er kehrte aus den vorderen Zimmern zurck, und da er die rechte Hand vor das
Licht hielt, so warf dasselbe glcklicherweise keinen Schein auf die Treppe zum
zweiten Stock, wohl aber beleuchtete es seine Zge auf's hellste und lie sie
deutlich erkennen.
    Das Gesicht des Herrn Blaffer war immer das gleiche unangenehme und hagere;
nur hatte er jetzt seinen Mund lchelnd geffnet, seine Augen strahlten heiter
und zufrieden, und in allen seinen Mienen sprach sich eine gewisse Befriedigung
aus. Seine Haltung und sein Gang dagegen waren ebenso schlaff wie frher; er
hatte die Kniee gebogen und schlrfte auf seinen weiten Pantoffeln ber den
Gang, beinahe ohne die Fe aufzuheben. Als er an die Thre seines Schlafzimmers
kam, nahm er langsam einen Schlssel aus der Tasche seines langen Rockes, schlo
auf, trat in das Zimmer und machte die Thre wieder hinter sich zu.
    Der Andere stand whrend dieser Zeit regungslos auf der Treppe, und wenn er
sich auch im tiefen Schatten befand, so war es doch ein Glck, da Herr Blaffer
nicht zufllig aufblickte, denn er htte sonst das Leuchten der beiden Augen
sehen mssen, die fest und mit schrecklichem Ausdrucke auf ihn gerichtet waren;
es war ein Glck, sagen wir, denn auf eine solche Entdeckung wre vielleicht ein
grlicher Auftritt gefolgt.
    Noch einige Sekunden verharrte der Commis in seiner Stellung, dann schritt
er noch behutsamer als frher die weiteren Treppen hinab bis auf den ersten
Stock, und dort stand er eine Weile unschlssig, tief aufathmend, in eifriger
Ueberlegung. Neben ihm war die Treppe, die weiter hinab fhrte, gerade vor ihm
befand sich eine Thre, die ihn mchtig anzog. Doch hatte er sich schon der
Treppe zugewandt, um aus dem Hause zu entfliehen, als er einen kleinen
Lichtschein bemerkte, der nicht breiter als ein Messerrcken von diesem Zimmer
auf den Gang heraus fiel. In dem Gemach auf der andern Seite hrte er jetzt den
Prinzipal laut husten, und bei diesem Gerusche machte er einen Schritt gegen
die leuchtende Spalte, er that auch noch einen zweiten, dritten und vierten, und
endlich stand er dicht vor der Thre, die, wie er sah, nicht verschlossen war.
Sie gab dem Drucke seiner Hand nach, und er trat in ein kleines Zimmer, welches
in ein anderes fhrte, aus dem auch der Lichtstrahl kam, den er vorhin auf dem
Gange bemerkt hatte.
    Leise nherte er sich dem letzteren, dessen Thre geffnet war, und als er
jetzt auf der Schwelle stand, sah er in das Schlafzimmer des Mdchens und
bemerkte sie selbst, die halb entkleidet auf ihrem Bette sa und die Hand auf
dem Schooe gefaltet hatte; und obgleich sie den Kopf tief auf die Brust
herabgesenkt, bemerkte er doch, da sie weinte, denn dicke Tropfen fielen
glnzend in dem Strahl des Lichtes auf ihre Kniee herab.
    Das Gerusch, das er machte, als er unter die Thre trat, hrte sie
augenblicklich, denn sie erhob den Kopf, erschrak auch wohl ein wenig, doch
fate sie sich gleich wieder, als sie sah, da es Herr Beil war, der nun langsam
in ihr Zimmer trat.
    Wenn auch zwischen diesen beiden Leuten nie ein Verhltni geherrscht, das
mit gegenseitiger Liebe etwas zu thun hatte, - obgleich wir wohl wissen, wie er
das Mdchen anbetete - so bestand doch zwischen ihnen jener Grad von
Vertraulichkeit, der ihnen erlaubte, ihre Geheimnisse einander anzuvertrauen und
ohne Scheu ber die seltsamsten Dinge sprechen zu knnen.
    Als der junge Mann nun aber einige Schritte vortrat, erschrak sie mehr als
bei seinem ersten Anblick, denn sein Aussehen war frchterlich, seine sonst so
ruhigen Zge entstellt, seine Augen roth unterlaufen, seine Blicke glhend. Sie
machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen und das Zimmer verlassen, doch
als er sich hierauf langsam in eine Ecke zurckzog und ihr die Hnde wie
beschwrend entgegenstreckte, auch sie bittend, ja stehend ansah, da sank sie
wieder auf das Bett zurck, prete die Hnde vor das Gesicht und weinte laut und
bitterlich.
    Ja, ja, sagte er nach einer schrecklichen Pause, es mute am Ende so
kommen.
    Ja, es mute so kommen, erwiderte das Mdchen mit tonloser Stimme.
    Und es kam so?
    Ja, es kam so.
    Und sonst keine Hilfe und Rettung?
    Keine! - keine!
    Aber ich htte doch noch ein wenig widerstrebt, sprach er mit einem
schrecklichen Lcheln und einem eisigen Tone. Man mu nicht sogleich
nachgeben.
    Statt aller Antwort entblte das Mdchen ruhig und schweigend, in diesem
Moment, wie es schien, ohne alle Scheu, ihre linke Schulter, nachdem sie das
weie Nachtkleid vorher auf der Brust geffnet. Und auf dieser weien vollen
Schulter sah man verdchtige dunkle blaue Flecken. - Das war die letzte
Unterredung, sagte sie mit einem matten Lcheln.
    Sehr triftig und berzeugend, erwiderte er, aber ehe es so weit kam,
htte man noch etwas Anderes thun knnen.
    Und was denn? fragte sie, wobei ihr Auge aufflammte.
    Man htte zum Beispiel in's Wasser springen knnen.
    Ach ja! entgegnete sie mit einem tiefen schneidenden Wehelaute. - Ach ja,
ich habe das auch gedacht, aber ich hatte nicht den Munz dazu.
    Das ist freilich etwas Anderes, versetzte er scheinbar ganz ruhig. Sie
hatten Angst, Marie, weil Sie sich frchteten, diesen unbekannten Weg allein zu
machen. - Aber ich wre mit Ihnen gegangen, o, so gerne wre ich mit Ihnen
gegangen.
    Mit mir in den Tod?
    Mit Ihnen in den Tod! - Und wenn wir zusammen in das Wasser gesprungen
wren, so htte ich nur eine Bitte gehabt; Sie htten mich dann nur bei der Hand
festhalten mssen und sagen: Ich danke Ihnen herzlich, da Sie mich nicht allein
lieen, Sie, mein einziger und treuer Begleiter. - Ein so inniger Dank von
Ihnen, wenn auch im letzten Augenblick, htte mich glcklich gemacht. - Und dann
schon die Wonne, mit Ihnen sterben zu drfen! - Wissen Sie wohl, fgte er
seltsam lchelnd hinzu, da ich an einen solchen gemeinschaftlichen Tod die
ausschweifendsten Hoffnungen knpfte? - Da ich in meiner jetzigen Gestalt wohl
nicht geliebt werden kann, sprach er, indem er an seinem seltsam geformten
Krper hinab sah, wei ich selbst wohl am besten; aber man lt ja alles Das
hier zurck, und wenn wir Beide so zusammen hinauf geschwebt wren, wer wei,
Marie, ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelassen htten und ob Sie
nicht vielleicht auf die Frage: Willst du mit dieser Seele vereint bleiben? ein
lautes und freudiges Ja geantwortet htten. - Doch genug der Worte, - ich komme,
um Abschied zu nehmen.
    So verlassen Sie wirklich dieses Haus? fragte erschrocken das Mdchen.
    Heute freiwillig, entgegnete er; morgen wrde mich der Herr Blaffer vor
die Thre werfen.
    Und mein Bruder, der so sehr an Ihnen hing -?
    Hat jetzt den Schutz der Schwester, die allmchtig im Hause ist,
entgegnete er mit Bitterkeit. Doch will ich an alles Das nicht mehr denken,
fuhr er gleich darauf fort, indem er sich mit der Hand ber die Augen wischte;
ich will Sie nur sehen, Marie, wie Sie waren, als ich zu Ihnen, einer
himmlischen Erscheinung, aufgeblickt, will es nicht wissen, da die herrliche
Bild von schmutziger Hand zerstrt wurde, will nur einmal und zum ersten Mal vor
sie hinknieen, Ihre beiden Hnde ergreifen und sie an meine Lippen drcken.
    Bei diesen Worten hatte er sich zu ihren Fen niedergeworfen, hatte
wirklich ihre beiden Hnde ergriffen, und whrend er sie in seinen schwarzen
Bart drckte, trufelten seine heien Thrnen darauf hin. - So leben Sie wohl,
Marie, sagte er, mge es Ihnen besser gehen, als bisher; gedenken Sie meiner
zuweilen, und wenn Sie noch aus vollem Herzen beten knnen, so nennen Sie auch
meinen Namen, wenn Sie sich nach oben um Erbarmen wenden!
    Damit wollte er sich erheben, doch fate das Mdchen mit ihren beiden Hnden
krampfhaft seine Arme und versuchte es, ihn festzuhalten; er dagegen wandte alle
Kraft an, sich los zu machen, und wie sie so mit einander rangen, zog er sie
empor, da er der Strkere war; doch lie sie ihn darum nicht los, sie schlang
ihre Arme um seine Schultern, indem sie ausrief: Gehen Sie nicht so fort,
verlassen Sie nicht dieses Haus, Ihr Blick ist schrecklich, Sie haben
Entsetzliches vor!
    Ganz und gar nicht, entgegnete er, nachdem er sanft ihre Hnde los
gemacht, sie aber fest in den seinigen hielt, ich habe nichts Schlimmes vor. -
Aber Sie sehen ja wohl, setzte er hinzu, indem er die Zhne Zusammenbi, da
hier meines Bleibens nicht ist, jetzt nicht mehr, und knnte ich damit Millionen
verdienen. Sie waren mir eine heilige und reine Blume, deren Anblick, deren
ser Duft mich glcklich machte, Sie waren das Ideal, zu dem ich empor blickte;
und nun - ist ja Alles dahin, mein Tempel ist zertrmmert, meine Altre sind
umgestrzt, ich habe nichts mehr, an das ich glauben kann auf der ganzen weiten
Welt. - Darum will ich mir Besseres suchen und gewi, ich werde es finden. - -
    Er lie ihre Hnde los, sie sank laut weinend auf das Bett zurck; nachdem
er sie noch mit einem schmerzlichen Blick betrachtet hatte, eilte er geruschlos
durch das Vorzimmer auf den Gang hinaus und die Treppen hinab.
    Vielleicht wre sie ihm gefolgt, um noch einen Versuch zu machen, ihn
festzuhalten, aber sie frchtete, es mchte Jemand im Hause erwachen, und weil
sie das frchtete, lie sie ihn ziehen, obgleich ihr wohl ahnete, wohin ihn
seine Schritte fhren wrden.

                           Einundvierzigstes Kapitel.



                                   Am Kanal.

Herr Beil eilte durch eine Hinterthre auf den Hof, und da er hier mit der
Oertlichkeit wohl vertraut war, so berstieg er ein paar Zune und befand sich
in kurzer Zeit auf der offenen Strae.
    Es mochte nahe an Mitternacht sein, als er so einsam zwischen den Husern
langsamen Schrittes dahin ging; er hatte die Hnde auf den Rcken gelegt und war
so in tiefe Gedanken versunken, da er es nicht einmal bemerkte, wie der scharfe
Nachtwind, da er ohne Hut war, sein Haar empor lpfte und von der Stirne wehte.
Auf den Weg, den er machte, achtete er nicht, wenigstens blickte er nicht in die
Hhe und schien sogar nach einiger Zeit verwundert, als er sich auf einmal durch
eine Barrire aufgehalten fhlte, gegen die er hingeschlendert war, ohne gerade
heftig daran zu stoen.
    Diese Barrire befand sich ziemlich weit auerhalb des Mittelpunkts der
Stadt, in einer den und verlassenen Gegend, wo nur noch hie und da einige
Huser standen; sie lief am Ufer des Kanals hin und hatte den Zweck, Jemand, der
vielleicht sorglos umherspazierte, vor dem Hineinfallen in das Wasser zu
bewahren, denn der Kanal war sehr tief und auch ziemlich reiend, da er ein paar
hundert Schritte abwrts von dieser Stelle in den Flu mndete, der eine Seite
der Stadt in einem weiten Bogen umschlo.
    Unser Nachtwandler lehnte sich mit beiden Armen auf das Gelnder und schaute
gedankenvoll in das dunkle Wasser hinab. Man mute das Auge zuerst an die
Finsterni da unten gewhnen, ehe man bemerken konnte, wie sich der Wasserstrom
zwischen den engen Ufern dahin bewegte, oder man mute abwarten, bis droben am
Himmel die fliegenden Wolken zuweilen ein Stck des Mondes oder ein paar Sterne
entschleierten, deren Licht alsdann auf das trbe Wasser fiel und es auf
Augenblicke erhellte. Das Ohr vernahm schon deutlicher das feindselige Element
drunten, denn wie dieses bei den Ufermauern vorbeiflo, schliff es in allerhand
Tnen gegen die Steine derselben, rauschte in einer unfernen Ecke, und gluckste
dort, Wirbel bildend, als lechze es nach irgend einer Beute.
    Lange schaute Herr Beil so hinab auf den Kanal, und immer folgten seine
Blicke dem Laufe des Wassers. Es war ihm gerade, als winke es ihm zu folgen, und
nachdem er so eine Zeit lang trumend gestanden, hatte er alle Schauer vor einem
kalten nassen Tode berwunden und fhlte eine wahre Sehnsucht, den flsternden
Wassern zu folgen. Anfangs rauschte das eintnig an seinem Ohr vorber; nach und
nach kam aber ein gewisser Takt und eine Melodie hinein, eine einfache,
kindliche Melodie, welche die Fluthen mit leisem Tone immer und immer fort zu
singen schienen. Er hatte sie schon oft gehrt, diese Weise, und wie er nun die
Hand vor die Stirne legte und darber nachdachte, so fiel es ihm ein, es sei ja
nichts Anderes, als das Wiegenlied, mit welchem ihn die frh verstorbene Mutter
so oft in den Schlaf gesungen.
    Richtig! das war es; es waren dieselben weichen, schlfrigen Tne, und als
er wieder eine Zeit lang hinab gelauscht, da meinte er auch Worte zu vernehmen;
nur waren sie anders, als die, welche damals zum Wiegenlied gesungen wurden. Die
hier erzhlten von einem hellen lichten Tage, dem sie aus der finsteren Nacht
entgegen flieen, und von lachenden Gefilden, mit Blthen und Frchten bedeckt,
so unendlich verschieden von dem kalten, schmutzigen Lande, das jetzt ihre Ufer
bildete. - Und Ruhe, Ruhe gibt's da unten, flsterten sie, - angenehme
behagliche Ruhe; - komm und folge uns! -
    Er beugte sich tief auf das Wasser hinab und dachte auf einmal klar und hell
an seine Jugendzeit, wo er sich oftmals im Strome gebadet bei einer Stelle, die
besonders reiend war, wo tckische Wirbel Alles in die Tiefe zogen, was er
damals als rstiger Schwimmer nicht beachtet. Aber eines Tags, als er auch
wieder so keck hinein sprang, schien sich der Flugott ber diese Verwegenheit
zu erzrnen und hielt ihn drunten beim Fue fest, - das war in der That seine
erste schreckliche Idee, als er sich unten gehalten fhlte: in Wahrheit aber war
er mit dem Fue in eine Faschine gerathen und konnte nicht wieder los kommen.
Die Sekunden, welche er sich da unten bemht hatte, den Fu loszureien,
schienen ihm lange, lange Jahre zu sein; als er aber fhlte, da es nicht ging,
ergab er sich ruhig in sein Schicksal, ffnete weit die Augen und sah tief unten
im grnen Wasser mit Verwunderung, wie so seltsam das Sonnenlicht auf der
Oberflche sich spiegelte und strahlte, wie der ganze Flu einem hellgrnen
Kristallgewlbe glich, auf dem sich tausendfache Strahlen brachen, - einem
Feenpalast mit unsichtbarer, seltsam klingender Musik, denn auch hier summten
und rauschten ihm die Wasser in den Ohren und tnten jenes bekannte Lied; nur
ward es schwcher und immer schwcher, endlich wurde die Melodie zerrissen und
unverstndlich, obgleich die unsichtbaren Snger immer nher zu kommen schienen,
bis sie zuletzt dicht sein Haupt umringten und ihn betubten mit wilden Tnen,
mit Sausen, Rauschen und Klingen, in ganz leiser Weise und doch so eindringlich
und verstndlich. - Und darauf war er todt, gestorben ohne Schmerz und Klage, -
so glaubte er wenigstens damals, in Wirklichkeit aber brachte den Ohnmchtigen
ein tchtiger Taucher an die Oberflche und somit in's Leben zurck. -
    Daran dachte er jetzt, und wie der Wassertod so gar nichts Unbehagliches
oder Schreckliches habe. Heute war es freilich dunkel; kein Sonnenstrahl
erhellte das Wasser, aber das erschien ihm um so besser; er sah da nichts mehr,
was ihn an das freundliche Leben drauen gemahnt htte, er konnte die Augen
getrost schlieen, um abzuwarten, bis jener geheimnivolle Gesang nher und
immer nher komme.
    Schlafen, schlafen - Ruhe! flsterte es drunten; und eine andere Stimme
sagte etwas dazwischen, was ihm schrecklich war, aber doch wieder Trost verlieh.
Er hatte nmlich den Blick einen Moment gegen den Himmel erhoben und bemerkte da
einen klaren glnzenden Stern, der strahlend im blauen Lichte die Wolkenmasse
durchbrechen zu wollen schien. Dabei hatte er pltzlich an sie gedacht, wie ein
Blitz hatte ihr Bild seine ganze Seele erfllt und darauf grauste es ihm eine
Sekunde lang vor dem finsteren Wasser, um ihn gleich darauf wieder mchtiger
hinzutreiben. Der Stern verschwand, das Licht in seinem Herzen erlosch, und es
war dort wieder nchtlich finster. Er beugte sich abermals ber das Wasser herab
und sogleich begannen die Wellen wieder ihre beruhigende, verstndliche Melodie;
schlafen, schlafen - Ruhe! sangen einige, und andere, die vielleicht wuten, da
er ein paar Augenblicke vorher an das Mdchen gedacht, rauschten dazwischen und
murmelten: sie wird dir folgen, - sie wird dir gewi nachfolgen, - o sie kommt
auch noch zu dieser Stelle, und wenn sie vor uns zurckschaudert, so singen wir
ihr alsdann gerade wie dir heute ein beruhigendes Wiegenlied, und wollen ihr
getreulich erzhlen, da du voran gegangen und drben auf sie warten werdest. -
Gewi, sie kommt, glaube uns, wir sind mitleidig und gut, und wir wollen ihre
Seele rein waschen, da sie es vermag, in herrlicher Klarheit vor dich
hinzutreten. - -
    Ach! jede Wasserflche hat fr ein tief betrbtes und zerbrochenes Herz
etwas so unendlich Beruhigendes und zugleich Verfhrerisches. Es ist gefhrlich,
an stillen Wassern vorber zu gehen, wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz
beladen ist; anfnglich beugt man sich ohne Absicht auf die Fluthen nieder,
tiefer und immer tiefer, und kann den Blick nicht mehr wegwenden von der
geheimnivollen Flche. Ist doch da unten ein ewiges Vergessen zu finden fr
Alles, was uns hier im Leben gengstigt und bedrckt.
    Er, der einsam hier an der Barriere stand, hatte dieselben Gedanken, und
sein Auge erweiterte sich, als er nun mit sich im Reinen war und so tief sinnend
auf das dunkle Wasser sah. Er vermochte es nicht, den Blick abzuwenden, whrend
er hastig die letzte Scheidewand berkletterte, die zwischen ihm und dem Tode
stand. Erst, als er tief athmend sich jenseits derselben befand, brachte er es
ber sich, noch einen Blick rckwrts zu werfen auf die Stadt, deren Huser
still und finster da lagen. - -
    Doch wie er so um sich schaute, fate er unwillkrlich wieder die Schranke
hinter sich fester mit den Hnden, denn mit einem unerklrlichen Entsetzen
bemerkte er, nicht zwei Schritte von sich, in unbestimmten Umrissen eine
Gestalt, die gerade so an der Barrire lehnte, wie er einen Augenblick vorher.
Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende
desselben um den Kopf geschlungen oder ihn mit einer Kaputze verhllt, denn man
bemerkte weder Schultern noch Hals; das Ganze war nur eine unfrmliche schwarze
Masse, die aber ein Gesicht hatte, denn Herr Beil sah deutlich zwei Augen
glnzen, die ihn forschend zu betrachten schienen.
    Da sich seine Nerven in diesem Augenblick in hchster Aufregung befanden,
wird uns Jeder glauben, und ebenso, da er mehr als berrascht war, hier in der
stillen Nacht in tiefer Einsamkeit, wo er sich fern von jedem menschlichen Wesen
glaubte, so pltzlich und unverhofft beobachtet zu werden. Seine Seele war noch
wenige Momente vorher trotz seines schrecklichen Vorhabens so ruhig gewesen, und
jetzt fhlte er mit einem Male sein Herz heftiger schlagen; eine unerklrliche
Furcht bemchtigte sich seiner, bannte ihn fest und zwang ihn sogar, fortwhrend
die beiden leuchtenden Augen zu betrachten, die ihn bewegungslos anstarrten.
    Wute die unheimliche Gestalt, was ihn hieher getrieben, hatte sie sein
Inneres ergrndet, - konnte es wohl ein menschliches Wesen sein, was so
unbeweglich da lehnte, und, wie es schien, auf den Moment begierig war, wo er
als Selbstmrder enden wrde?
    Er wich unwillkrlich einen Schritt auf die Seite, hielt aber das Gelnder
mit beiden Hnden fest, und er vermochte es nicht, den Blick von dem Wesen neben
ihm abzuwenden. Seine unerklrliche Angst vor dieser Gesellschaft vergrerte
sich immer mehr, und es ist unbegreiflich aber wahr: er, der einen Augenblick
vorher den Tod gesucht, frchtete sich jetzt, diesem Wesen den Rcken zu kehren,
indem er dachte, es knnte vielleicht unvermuthet ber ihn herfallen und ihn in
den Kanal hinabstrzen.
    Aber es blieb ruhig an seiner Stelle; nichts regte sich an ihm; nur blickten
die gespenstigen Augen immer herber.
    Was sollte er thun? Er hatte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut
gemacht, doch wollte er endigen in stiller, verschwiegener Nacht, aber nicht
indem er einen so sonderbaren Zuschauer hinter seinem Rcken lie, der Gott wei
was beginnen konnte, sobald er in den Kanal gesprungen.
    Und das konnte ihm am Ende doch gleichgltig sein! - - Aber es war ihm nicht
gleichgltig; er htte nicht ruhig sterben knnen bei dem Gedanken, diese
seltsamen Augen wrden jetzt nach ihm schauen, whrend er untersinke, und das
Wesen selbst eine laute Lache aufschlagen, sobald ihn die Fluthen verschlungen.
    Es trat eine peinliche Pause ein, whrend welcher die Augen immerfort
herber blickten und Herr Beil abermals einen halben Schritt auf die Seite wich.
    Endlich machte die Gestalt eine kleine Bewegung, sie richtete sich etwas in
die Hhe, man bemerkte, wie sie mit groer Ruhe unter dem Mantel die Arme ber
einander schlug. Dann sprach sie mit einer tiefen klangvollen Stimme ein
einziges Wort, aber dies Wort, an sich unbedeutend, durchzuckte den Krper des
Anderen auf eine sehr unangenehme Art.
    Die Gestalt sagte nmlich wie Jemand, der lange vergeblich gewartet, mit
fragendem Tone: Nun -?
    Nun, wiederholte Herr Beil, indem er scheu auf die Seite blickte. - Nun?
- Was nun?
    Ich meine, ob es bald vor sich geht, erwiderte das seltsame Wesen; ich
habe jetzt schon lange genug darauf gewartet.
    Und was soll vor sich gehen? fragte schaudernd der Andere mit kleinlauter
Stimme. Ich glaube nicht, da ich Jemand hieher gerufen, um zuzuschauen, was
hier vielleicht geschehen knnte.
    Gewi nicht, sagte die Gestalt, ich bin nicht mit Worten gerufen worden,
aber es zog mich auf eigenthmliche Weise daher, und da ich nun einmal da bin,
mchte ich nicht lange mehr vergeblich warten; die Sache knnte wohl vor sich
gehen, das Vorspiel war lange genug.
    Und wer bist du? fragte Herr Beil mit gesteigertem Entsetzen, da es dir
ein teuflisches Vergngen macht, zuzuschauen, wie ein unglcklicher Mensch, dem
das Dasein zur Last wurde, seinem traurigen Leben ein Ende macht?
    Wer ich bin, thut nichts zur Sache, entgegnete die Gestalt, vielleicht
bin ich der Schutzengel der Selbstmrder und habe die Macht, ihnen ein sanftes
Ende zu geben, vielleicht bin ich auch sonst ein Wesen, das besonderen Geschmack
an den Narrheiten der Menschen findet.
    An den Narrheiten der Menschen! wiederholte der Andere; kann man wohl
eine That Narrheit nennen, deren Beweggrnde man nicht kennt und begreift?
    Jeder Selbstmord ist Narrheit und Feigheit, antwortete das Phantom, indem
es sich abermals behaglich an die Brstung lehnte. Nur ein Narr und ein Feiger
verlt freiwillig diese Welt: der Erstere, weil er seine Verhltnisse Herr ber
sich werden lie, der Andere, weil er nicht den Muth hat, ein vielleicht
trauriges Leben bis an sein natrliches Ende zu tragen.
    Ah! du fhlst es nicht, wie schwer es ist, von dem Licht der Sonne, von
einem Dasein, selbst dem rmlichsten, Abschied zu nehmen, sonst wrdest du eine
solche That nicht feige nennen.
    Der Muth, der vor den Augen der gewhnlichen Welt vielleicht dazu gehrt,
eine Pistole vor seiner eigenen Stirne abzubrennen, oder in's Wasser zu
springen, ist kein wirklicher Muth; es ist das mehr ein Ausbruch der
Verzweiflung, untersttzt von Nervenaufregungen, der so mit einem Schlage ein
ganzes Leben hinter sich wirst, weil der Selbstmrder, wie schon gesagt, zu
schwach war, um eine lange Reihe von traurigen Jahren zu durchleben.
    Und du glaubst, es sei kein Fall denkbar, wo der Selbstmord zu
entschuldigen sei? meinte Herr Beil mit bitterem Lachen.
    Zu entschuldigen nie, entgegnete die Gestalt, zu verzeihen nur in einem
einzigen.
    Und dieser einzige Fall -?
    Es ist nicht der deinige.
    Aber nenne ihn mir.
    Du wirst ihn vielleicht nicht einmal begreifen, ja du kannst ihn unmglich
verstehen.
    Wer wei! Nach den harten Worten, die du vorhin zu mir gesprochen, mchte
ich wohl wissen, unter welchen Bedingungen du den Selbstmord entschuldigen
wrdest.
    Nun meinetwegen, sagte die Gestalt, indem sie sich wieder etwas empor
richtete; man solle einem Sterbenden keine Bitte abschlagen, und da du ein
solcher bist, so will ich dir meine Ansicht mittheilen. - Das Verbrechen, von
dem wir eben sprachen, knnte ich, wie gesagt, nur in einem einzigen Falle
entschuldigen, das wre nmlich, wenn ein Selbstmrder wieder in's Leben
zurckgerufen wrde und er dann von neuem Hand an sich legte, um so dem
Schlimmsten, was einen Menschen treffen kann, dem allgemeinen Hohne, der
allgemeinen und verdienten Verachtung zu entgehen.
    Dem Hohne und der Verachtung! versetzte der Andere, und seine Zhne
klapperten auf einander. - Aber nein, nein! rief er nach einer Pause
leidenschaftlich, ich wei, wer du bist, du bist der Teufel! Du willst mich von
meinem Glcke zurckhalten, um die Lust zu haben, mich noch Jahre lang qulen zu
knnen.
    Nach diesen Worten lachte das Phantom laut auf, aber es war ein gellendes,
unheimliches Gelchter. - Nein, nein, sagte es, ich bin nicht der Teufel, -
vielleicht mit ihm verwandt; die trben Leidenschaften, die sich deines Gehirns
bemeistert haben, lassen dich vllig unklar denken; wenn ich der Teufel nach
euren Begriffen wre, so mte ich an deinem Schritt meine Freude haben, denn
deine Seele wre mir gewi und ich bekme sie bald. - Aber beruhige dich: fr
euch Selbstmrder gibt es weder Teufel noch Engel, weder Belohnung noch Strafe,
und das ist gerade eure Strafe; mit dem Sprung in's Wasser lat ihr all' eure
Hoffnung hinter euch. Diesseits knnt ihr nicht mehr Bue thun, um ein ewiges
Leben, an das wir ja Alle glauben wollen, zu erringen; denn ein ewiges Leben,
wenn auch voll Noth und Qual, aber doch mit einem Schimmer von Hoffnung, ist
nicht fr euch: ihr habt das Anrecht daran freiwillig weggeworfen.
    Ah! machte der Andere, das ist eine seltsame Ansicht. Ich hoffe sehr auf
eine bessere Zukunft.
    Aber vergeblich; was du diesseits verachtungsvoll wegwirfst, wird man dir
nicht jenseits entgegenbringen. - Aber nun la uns den unntzen Wortstreit
enden. Mache dein Geschft ab; ich mchte gern nach Hause.
    So geh' deiner Wege! rief Herr Beil mit schmerzlichem Tone. O, wrst du
nie gekommen, um mich zu belauschen, Alles wre nun vorber, whrend so -
    Dein Entschlu wankend geworden ist? fragte die Gestalt.
    Deine Augen, die so starr auf mich geheftet sind, beunruhigen mich. Ich
glaube, whrend ich in's Wasser sprnge, wrden sie schrecklich, entsetzlich
immer nher auf mich eindringen.
    Da hast du Recht; das wird auch der Fall sein, denn ich habe mir einmal
fest vorgenommen, deinem Ende beizuwohnen, ich interessire mich dafr und werde
nicht von der Stelle weichen.
    Das will ich erwarten, sprach Herr Beil zhneklappernd, indem er sich an
das Gelnder lehnte, und, wie es vorhin die Gestalt gemacht, ebenfalls seine
Arme, die aber heftig zitterten, ber einander schlug.
    Es entstand eine lngere Pause; endlich sagte der im Mantel mit einem Anflug
von Heiterkeit in seiner Stimme: Mir scheint, wir haben hier Beide vor, eine
seltsame Soire zu begehen. Du bist der Wirth, ich bin zur Komdie eingeladen
oder meinetwegen auch unberufen erschienen. Nehmen wir also an, ich sei der
Gast, so finde ich es doch nicht mehr als billig, da du fr meine Unterhaltung
Sorge trgst. Und dazu will ich dir ein gutes Mittel vorschlagen: erzhle mir
deine Geschichte so kurz oder so lang du magst, erzhle mir vor allen Dingen,
was dich hieher getrieben, und ich will dir nachher meine offenherzige Meinung
sagen, wie gro deine Narrheit eigentlich ist.
    Und wenn du meine Narrheit, wie du es nennst, alsdann nicht bermig gro
findest, entgegnete Herr Beil, willst du dann ruhig deiner Wege gehen und mich
meinem Schicksal berlassen?
    Das ist eine Bedingung, versetzte nun wirklich lachend das Gespenst, und
wenn ich sie eingehe, so kann ich das nur thun, indem ich dir ebenfalls eine
stelle.
    So la hren!
    Wenn ich zugebe, da deine Narrheit klein ist, so will ich mir also das
Vergngen versagen, dich in den Kanal springen zu sehen; ist aber deine Narrheit
gro, so schiebst du dein Vorhaben auf, bis - wir uns wieder gesehen.
    Es gilt, sprach Herr Beil nach lngerem Ueberlegen.
    Und darauf wandte er sich, obwohl zgernd, gegen die sonderbare Gestalt, die
wieder unbeweglich wie vorher an dem Gelnder lehnte, und erzhlte mit
geflgelten Worten seinen traurigen Lebenslauf, wie er schon als Kind mit seiner
schwchlichen halbverwachsenen Gestalt der Spielball aller Launen seiner
Kameraden gewesen, wie seine Eltern ihn nicht geliebt, sondern gegen die andern
Geschwister zurckgesetzt, und wie bei all' den Krnkungen, die er erduldet, das
Schlimmste gewesen sei, da er ein weiches, fhlendes Herz erhalten, das alle
Menschen mit inniger Liebe umfat, und das nun doppelt schmerzlich empfunden,
wie man ihn berall zurckgestoen. - Seine Leiden vermehrten sich mit den
Jahren, man brachte ihn mit groer Mhe als Lehrling unter, und als er
ausgelernt hatte, fand sich lange keine Stelle fr ihn, er mute Jahre lang in
seinem Geschfte die niedrigsten Arbeiten versehen, und als er endlich die
Stelle erhielt, in der wir ihn kennen gelernt, mute er sich mit einem Gehalt
begngen, der zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben war; er mute dabei alle
Launen des Prinzipals ertragen und er that das wohlgemuth, bis jene beiden
Kinder in das Haus kamen, bis ihm Marie erschien, bis sein Herz durch die Liebe
zu ihr so namenlos unglcklich wurde.
    Als er in seiner Erzhlung an diese letzte Zeit seines Lebens kam, zitterte
seine Stimme und die Thrnen tropften ihm langsam aus den Augen. Er schilderte
mit glhenden Farben seine Liebe zu dem Mdchen und die thrichten Hoffnungen,
die er genhrt, - Hoffnungen, die er aber gern unterdrckt htte, wenn sie
glcklich geworden wre. Nun aber kamen jene Vorflle, und davon sprach er dem
Phantome gegenber mit fieberhafter Hast; es drngte ihn, ber diese
schrecklichen Stunden hinber zu kommen. Er erzhlte von dem vergangenen Abend,
von seiner Unterredung mit ihr, von seinem festen Entschlsse, das Leben endigen
zu wollen, von seinem Gange durch die dunklen Straen, von seiner Ankunft hier
am Kanale und sogar von der Melodie, die ihm das Wasser vorgesungen, von dem
alten Wiegenliede - schlafen - schlafen - Ruhe! -
    Und nun bin ich fertig, sagte er, als er geendet; aber die Ruhe, mit der
ich hierher ging, ist aus meinem Herzen verschwunden. Ich war nicht mehr
unglcklich, jetzt bin ich es wieder, o namenlos, namenlos unglcklich! - Und
nun sprecht nach Eurer Ueberzeugung, bin ich thricht oder bin ich es nicht?
    Bei diesen letzten Worten schlug er die Hnde vor's Gesicht und beugte den
Kopf tief hinab auf das Gelnder.
    Einige Augenblicke hrte er nichts als das Rauschen des Wassers, dann
vernahm er die Stimme des seltsamen Wesens neben ihm; und diese Stimme, bis
jetzt hart und scharf, klang nun weich und milde. Ich habe deine Geschichte
angehrt, sagte es und mu gestehen, da allerdings viel Unglck darin
vorkommt, aber nicht genug, da ich dir, wie wir bedungen, mit einem Worte die
Erlaubni geben drfte, dein Leben zu endigen. Denk' daran, was du mir
versprochen, lebe, bis wir uns wieder sehen, und glaube mir, wir sehen uns bald
wieder. Sei auch versichert, da du meinem Blicke nicht entgehst, und wenn du je
dein gegebenes Wort brechen und doch zum Selbstmrder werden wolltest, so schaue
vorher auf die Seite, du wirst meine Augen auf dich gerichtet finden, dich
warnend und zurckziehend, wie ich es in dieser Stunde gethan. - Und nun lebe,
und lebe so gut du kannst! -
    Damit schwieg die Stimme, und als sich der junge Mann ein paar Minuten
nachher empor richtete, um einige Worte zu entgegnen, bemerkte er zu seinem
grtem Entsetzen, da die Gestalt neben ihm verschwunden und nirgends mehr zu
sehen war. Und doch hatte er weder einen Tritt noch das Rauschen des Mantels
vernommen. Er war wieder ganz allein in der Nacht, Alles um ihn her in tiefe
Finsterni gehllt, nur der Himmel ber ihm sah etwas lichter aus, und der
glnzende Stern mit dem blulichen Lichte strahlte in heller Pracht auf ihn
hernieder.
    Zu gleicher Zeit schlugen die Kirchenglocken klar und deutlich ein Uhr nach
Mitternacht.

                          Zweiundvierzigstes Kapitel.



                        Spaziergnge des Herrn Struber.

Noch in der letzten Hlfte der Nacht, von der wir im vorigen Kapitel erzhlten,
nderte sich das Wetter; der Wind war nach Osten herumgesprungen, hatte die
trben Wolken vor sich hergejagt und Alles frisch und blank gefegt fr eine
blitzende Wintersonne, die wenn auch in diesem Monat spt, doch klar und
freundlich aufging. - Wie sah in ihrem Lichte Alles ganz anders aus, als gestern
im Schatten der Nacht! Da war der Kanal, da die Barriren, an welchen Herr Beil
jene Gestalt gesehen, die ihn glcklicherweise von seinem traurigen Vorhaben
abgebracht; aber heute Morgen hatte das Alles durchaus nichts Unheimliches, und
wenn jetzt auch noch so viele Wesen in schwarzen Mnteln und mit noch
blitzenderen Augen dort gelehnt htten, es wrde sich Niemand weiter um sie
bekmmert haben.
    Auf dem Wasser des Kanals lag ein heller, freundlicher Schein; seine Ufer
hatten sich mit Reif bedeckt, auf welchem die Sonnenstrahlen zahllose Brillanten
hervorzauberten. Die kahlen Aeste der Bume waren auf einer Seite wie vergoldet,
whrend die andere eine blulich unbestimmte Farbe hatte. Auch die Barrire war
hell angestrahlt und warf einen koketten Schatten auf den Weg, der an ihr
vorber fhrte. Die einzelnen Huser, die in der gestrigen Nacht so sehr
entfernt zu stehen schienen, - denn man sah durch Dunkelheit und Nebel kaum ihre
Umrisse, - waren jetzt im hellen Lichte nher gekommen und standen frisch und
wohlgemuth da mit ihren glnzenden Fensterscheiben, mit den hohen rothen
Dchern, die wie eine Morgenmtze aussahen, und aus deren Spitze der hellblaue
Rauch empor wirbelte, - eine lustig aufgesteckte Feder.
    Auch an mannigfaltiger Staffage fehlte es nicht: kleine Buben sprangen sich
scheu umsehend und eilfertig dem Wasser zu, um nachzuschauen, ob nicht bald fr
eine solide Eisdecke Hoffnung sei; Hunde aller Rassen machten ihren
Morgenspaziergang und trieben sich namentlich in der Nhe der Barrire herum, an
der sie jeden Pfuhl beschnffelten und hierauf zarte Erinnerungszeichen
zurcklieen; Weiber mit groen Krben voll Wsche auf dem Kopfe drngten sich
an die Treppen, die zum Kanal hinab fhrten, und hatten einander, ehe sie ihre
Arbeit begannen, wichtige Begebenheiten mitzutheilen. Von drauen herein kamen
Buerinnen und brachten Eier und Butter auf den Markt, sie hatten meistens schon
einen weiten Weg zurckgelegt, sahen etwas bernchtig und verschlafen aus, und
wenn sie zuweilen tiefaufathmend einen Augenblick stehen blieben, so kam der
Hauch aus ihrem Munde wie eine blaue Wolke hervor. - Das ging aber Alles an
einander vorber und Keines bekmmerte sich viel um die Begegnenden; die Buben
liefen in das Haus zurck oder auf ihre Spielpltze, die Hunde suchten den
warmen Ofen wieder auf und die Wscherinnen begannen, immerfort plaudernd, ihr
Geschft.
    So mochte es vielleicht neun Uhr geworden sein, als von drauen herein gegen
die Stadt zwei Leute kamen, die in eifrigem Gesprch neben einander gingen. Es
war ein Mann und eine Frau, letztere in der Tracht der Bauernweiber, und da wir
es dem geneigten Leser nur gestehen, Beide gehren bereits zu unserer
Bekanntschaft: sie war jene Bauersfrau, welche wir bei Madame Becker gesehen, wo
sie der unglcklichen Nhterin den Tod ihres Kindes angezeigt; und wenn wir von
dem Manne, der neben ihr ging, sagen, da er trotz der Klte des Morgens einen
ziemlich dnnen, abgeschabten schwarzen Frack trug, hohe, etwas gelbe Hemdkragen
hatte, dazu einen fuchsigen Hut, und da er mit groem Anstande daher schritt,
so wird Niemand mehr im Zweifel sein, da es der sehr ehrenwerthe Herr Struber
war, den wir in jener Nacht im Fuchsbau kennen zu lernen das Vergngen hatten.
    Herr Struber trug heute zur Vervollstndigung seiner Toilette graue
baumwollene Handschuhe, auch dampfte in seinem Munde eine Cigarre. Er ging mit
groer Wrde neben der Frau her, und wenn er so zuweilen im Gesprche steif und
wichtig mit dem Kopfe nickte, so gab er sich das Ansehen eines vornehmen Herrn,
der zufllig mit einer ganz geringen Person spazieren geht und sich vorgenommen
hat, dabei sehr herablassend zu thun. Zuweilen blieb er auch stehen, stemmte
beide Arme in die Seite und hob seine Nase gewaltig hoch empor, und dann stellte
sich die Frau vor ihn hin, sprach eifrig mit ihm, und je rger sie mit den
Hnden gestikulirte, desto ruhiger und wrdevoller sah er auf sie herab; dann
erfolgte ein abermaliges ernstes Kopfnicken und sie zogen weiter.
    Als sie so an die Barrire kamen, wo gestern Nacht der Herr Beil gestanden
und wo jetzt die Wscherinnen lachten und pltscherten, versuchte es Herr
Struber, einen groen Bogen zu machen, um nicht zu nah bei diesen Damen vorbei
zu mssen. Die Bauersfrau achtete aber nicht darauf, da sie in diesem
Augenblicke besonders lebhaft erzhlte, sondern sie ging so hart an der Schranke
vorbei, da sie im Eifer ihres Vortrags zuweilen ihre Hand auf dieselbe legte
und den darauf gefallenen Reisen herab wischte, der sprhend auf die Erde fiel.
    Bst! bst! machte eines der Waschweiber, als die Beiden nher kamen, mit
leiser Stimme zu den andern, schaut euch den an, der da kommt, das ist ein
Seelenverkufer, ein Sklavenhndler.
    Ei der Tausend! meinte eine andere, die sehr stmmig aussah, sollen wir
ihn nicht ein wenig unter die schmutzige Wsche tauchen und sauber waschen?
    Das wre vergebliche Mhe, entgegnete die erste; wenn man den hundert
Jahre in den Kanal versenkte, so km' er doch wieder schwarz wie eine Kohle an
Leib und Seele heraus.
    Die Bauersfrau, die diese Worte gehrt, ging absichtlich langsam und zuckte
verchtlich mit den Achseln. Ihr Begleiter dagegen machte einige lange Schritte,
eilte ihr voraus, und als sie ihn in kurzer Zeit darauf wieder eingeholt,
spuckte er grimmig aus und sagte: Diese Bestien!
    Es wei aber auch der Teufel, meinte die Bauersfrau, woher es kommt, da
Ihr in ein so schlechtes Renomme gerathen seid, und da Euch alle Welt kennt
wie einen bunten Hund.
    Ich wei es wohl, entgegnete er mit zorniger Stimme; ich kann mich nun
einmal mit dem Pack nicht gemein machen; es ist eine Leidenschaft von mir, auf
mein Aeueres was zu halten. Ginge ich in einer schmierigen Jacke einher wie die
Anderen, so wre es freilich besser; aber dazu kann ich mich nun eben nicht
entschlieen.
    Ja, ja, erwiderte die Bauersfrau, indem sie ihn lchelnd von der Seite
ansah, Euer Aeueres ist schon von dem unsrigen verschieden; aber ich mchte
aus Eitelkeit nicht so frieren wie Ihr.
    Herr Struber zuckte mit den Achseln, whrend er entgegnete: Das versteht
Ihr nicht. Leider Gottes! kann ich wohl sagen, bin ich auf einer anderen Stufe
als Ihr geboren, und kann das nun einmal nicht verleugnen. Und dann glaubt mir
auch, es ist fr uns Alle besser, da auch Jemand, wie ich bin, da ist, mit dem
honette Leute ein vertrauliches Wort sprechen knnen. - Damit strich er sanft
seinen Hemdkragen, zupfte darauf an den Handschuhen und drckte den Hut etwas
nher an's rechte Ohr, ehe er fortfuhr: Dehalb halte ich es auch fr Pflicht,
etwas auf meine Reputation zu sehen, und darum wre besser, Frau Bilz, wenn wir
uns hier, wo die Straen anfangen, fr kurze Zeit trennten; in einer kleinen
halben Stunde komme ich zu Meister Schwemmer und da sehen wir uns wieder.
    Mir ist das auch schon recht, sprach die Frau lachend; aber haltet Euch
nicht zu lange bei Euren vornehmen Bekanntschaften auf und kommt pnktlich.
    Herr Struber nickte statt aller Antwort nur, steckte die rechte Hand unter
den zugeknpften Frack und lenkte mit erhobenem Kopfe in eine der breiteren
Straen ein, die hier anfingen; die Frau dagegen verlor sich in eine
Seitengasse.
    Er schritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter, schaute rechts und links an die
Huser, blieb hier vor einem Laden stehen, betrachtete dort einen Augenblick die
Leute, welche in's Kaffeehaus gingen oder heraus kamen, und gewann darauf immer
wieder die Mitte der Strae, namentlich wo andere Gassen seinen Weg kreuzten. Da
blieb er auch wohl einen Augenblick stehen, sa sich forschend nach allen Seiten
um und vernderte hierauf nicht selten seine Richtung.
    So that er auch jetzt wieder und scho mit groer Geschwindigkeit in eine
Seitenstrae, wobei er den Blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaster
verwandte. Als er sie erreicht, schaute er um sich her, bckte sich und griff
Etwas vom Boden auf, das er hierauf lchelnd in seine Tasche steckte. Es war ein
kleines Portemonnaie, das Jemand da verloren haben mute. Und so war es auch,
denn kaum hatte Herr Struber einige Schritte weiter gethan, so strzte aus
einem Hause ein junges Mdchen heraus, das sich berall auf dem Boden umsah, und
dann auch den im schwarzen Frack im Vorbergehen fragte, ob er nicht Etwas
gefunden, worauf dieser begreiflicherweise die Achseln zuckte und bedauernd
verneinte.
    Das ist kein schlechter Anfang, sprach er zu sich selber, als er wieder in
eine belebtere Strae eingebogen war, und da uns der Zufall so gnstig ist, so
knnte auch am Ende mit leichter Handarbeit Etwas zu verdienen sein.
    So denkend, stellte sich Herr Struber wenige Augenblicke nachher vor einen
groen Bilderladen, vor dem sich schon eine Menge Personen befanden, und schien
sich angelegentlich die Kupferstiche und Lithographen zu betrachten, in Wahrheit
aber erforschte er genau die Physiognomien seiner Nachbarschaft, und mochte
endlich seinen Mann gefunden haben, denn er schob sich leise hinter einen jungen
Herrn, der eine Dame am Arme hatte und eifrig bemht war, derselben die
Schnheit irgend eines groen Blattes zu erklren. Die Dame trug einen mit Pelz
besetzten Sammetmantel und einen grauen Muff, aus welchem ein zierlich
gesticktes Sacktuch hervor sah.
    Herr Struber, der voll Enthusiasmus fr eine bende Magdalena zu sein
schien, die sich in Kupferstich ebenfalls an dem Fenster befand, drngte sich,
dabei sehr um Entschuldigung bittend, zwischen die junge Dame und einen dicken
Herrn, der auf der andern Seite stand, worauf denn auch geschah, was er sich
gedacht: die Dame in ihrer Artigkeit, wahrscheinlich befrchtend, mit ihrem
vorgehaltenen Muff zu viel Platz fr sich wegzunehmen, zog die rechte Hand
heraus und nahm ihn leicht in die linke, worauf sich Herr Struber
augenblicklich tief herabbckte, um am Kupferstich der benden Magdalena den
Namen des Knstlers, der das Blatt gestochen, lesen zu knnen, zu gleicher Zeit
aber auch, um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgestickte Taschentuch an
sich zu bringen, worauf er nichts Eiligeres zu thun hatte, als, sich
zurckziehend, dem Gedrnge zu entschlpfen und mit mglichster Schnelligkeit in
einen benachbarten Laden zu treten, wo er sich von dem gefundenen Gelde eine
neue Cigarre kaufte.
    Er zndete diese mit uerster Langsamkeit an, dann fragte er nach dem
Preise verschiedener Artikel, lie sich auch einige Sorten feinen Tabak
vorlegen, sprach ber dies und das mit dem einfltig aussehenden Ladendiener,
und als er fast eine Viertelstunde nachher den Laden verlie und wieder auf die
Strae trat, er hatte natrlicherweise vorher auf's Sorgfltigste nach dem
Bilderladen hinber gespht, - fand er zu seinem grten Erstaunen, da sich ein
ganzes Paket Cigarren zufllig unter die Sche seines Fracks verirrt hatte und
nun freiwillig mitgegangen war. Er hielt aber die Sache fr zu geringfgig, um
dehalb nochmals in den Laden zurckzukehren.
    Hierauf verlie Herr Struber die Hauptstraen und wandte sich den stilleren
und entlegeren Stadtvierteln zu. Er schritt gedankenvoll durch eine enge Gasse,
die auf einen freien Platz mngete, wo sich eine Kirche befand. Es war dies ein
altes Gebude mit dicken Strebepfeilern, zwischen denen man kleine Kramladen
eingebaut hatte. Die Kirche stie mit dem Chor an ein altes Kloster, das den
Platz absperrte, und in welchem sich nur ein langer und finsterer Thorweg
befand, der die einzige Verbindung zwischen hier und den hinten liegenden
Straen war. Diesem Eingnge schlenderte Herr Struber zu, mit auerordentlich
langsamen Schritten und zwar so langsam, da er ein kleines Mdchen von acht bis
zehn Jahren, welches mit einem Krbchen in der Hand vor ihm ging, nicht einmal
berholte; doch blieb er dicht hinter ihr und betrat fast zu gleicher Zeit mit
der Kleinen das einsame halbdunkle Gewlbe. Dann blickte er scharf aussphend
vorwrts und rckwrts, und als er kein menschliches Wesen weder auf dem Platze
noch in der anderen Strae gewahrte, hatte er mit einem Schritt das Mdchen
erreicht, fate es mit raschem Griff fest an ihrem Hals und sagte: Sobald du
schreist, bring' ich dich um! - Das arme Geschpf war wie vom Schlage gerhrt,
und wenn sich auch ihr Mund krampfhaft ffnete, so brachte sie doch keinen Laut
hervor, fing aber an leise zu weinen, als er sie nun bis in die Mitte des
Thorwegs schleppte, ihr dort mit groer Geschicklichkeit die kleinen goldenen
Ohrringe entri, und dann, ihr nochmals mit der Faust drohend, in raschen
Sprngen entschwand. Hinter dem Gewlbe bog er rechts in eine kleine Gasse, dann
links in eine andere, und beeilte sich soviel als mglich, in ein anderes
Stadtviertel zu kommen, was ihm auch nach einer kleinen Viertelstunde
ungefhrdet gelang.
    Hier ging er langsamer, zog ruhig seinen Frack in die Taille herab, der ihm
bei dem raschen Laufe etwas in die Hhe gerutscht war, richtete auch seine
Vatermrder auf und schob den Hut wieder auf die Mitte des Kopfes. Als dies
geschehen, betrachtete er die Strae, in der er sich befand, und schlug dann
eine neue Richtung ein, die ihn bald in die Nhe des Fuchsbaues brachte. Doch
ging er hier vorber, durchschritt noch einige kleine Gchen und kam so in die
Nhe der alten Stadtmauer, wo die Huser lichter wurden und hie und da kleine
Grten zwischen ihnen zerstreut lagen. Auf einen der letzteren schritt er zu;
dieser war mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben und hatte ein kleines Thor,
das nur angelehnt war. Er ffnete es und ging zwischen den kahlen Gartenbeeten
einem kleinen und baufllig aussehenden Hause zu, welches eigentlich das Ansehen
hatte, als sei es unbewohnt und werde nur von dem Gartenbesitzer als Scheune
benutzt. Die Fundamente dieses Hauses muten auf einer Seite gewichen sein, denn
es stand vollstndig schief und sah dewegen sowie auch, weil smmtliche
Fensterladen verschlossen waren, recht trostlos aus. Wenn man es betrachtete, so
drngte sich Einem unwillkrlich die Idee auf, es habe sich dort einmal ein
Selbstmrder aufgeknpft, und sei da lange, lange Jahre vergessen hngen
geblieben.
    Dies Haus wurde in seinen unteren Theilen auch nur zum Aufbewahren von Stroh
und alten Gerthschaften bentzt, oben schien nur noch ein einziges Zimmer
praktikabel zu sein, und das war die Wohnung unseres Bekannten, des
Theaterschneider-Gehilfen-Schellinger. Von der Treppe existirten nur noch einige
halbmorsche Balken und Bretter, die in ihrer traurigen Gestalt nur sehr
undeutlich anzeigten, wo es fr einen Wagehals mglich sei, hinauf zu steigen.
    Herr Struber ffnete dieses Haus, trat hinein und schlo die Thre wieder
sorgfltig hinter sich zu, dann schritt er durch den den Gang und zu einer
hinterm Thre wieder hinaus auf einen kleinen Hof, an dessen Ende sich ein
anderes und besser erhaltenes Gebude befand.
    Augenscheinlich bildete das verlassene Haus vorn eine Art von Schutz und
Schirm fr das hintere, denn dieses, in einem Winkel der Stadtmauer gelegen, und
vorne gedeckt, verbarg sich so vollkommen vor den Blicken aller Unberufenen.

                          Dreiundvierzigstes Kapitel.



                                   Hehlerei.

Nachdem Herr Struber durch den Hof geschritten war, klopfte er leise an die
Thre des anderen Hauses; diese wurde augenblicklich geffnet und er trat in
einen Gang und von da in ein Zimmer, in welchem eine sehr unangenehme warme
Atmosphre herrschte. Der Ofen schien bermig geheizt zu sein, und es roch
hier nach kleinen Kindern, mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade sehr genau
zu nehmen pflegt.
    Frau Bilz sa am Fenster, sie hatte ihren Kopf in die Hand gesttzt und
sprach mit einem Manne, der neben dem Ofen in einem alten ledernen schmutzigen
Lehnsessel ruhte. Dieser Mann war nicht ber vierzig Jahre, sah aber aus wie ein
kranker Sechziger; er war angethan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr
zu erkennender Farbe, und seine Fe, die in dicken Filzschuhen staken, lagen
ber einander auf einen kleinen Fuschemel; auf seinen Knieen hatte er ein
rothkarrirtes Schnupftuch ausgebreitet, mit dem er sich hufig die Nase putzte
und das er oft vor seinen Mund hielt, wenn er nmlich anfing zu husten, was alle
Augenblicke geschah. Es war ein schlimmer Husten, der ihn sehr zu plagen schien;
er brachte ihn ganz auer Athem und rthete dann auf Sekunden seine tief
eingefallenen bleichen Wangen.
    Auf diesen Mann ging Herr Struber zu, reichte ihm nachlssig seine Hand und
begrte ihn, wobei er aber seinen Hut auf dem Kopfe behielt. Jener dagegen
nickte ihm lchelnd zu und nahm dann eine Schnupftabaksdose, die neben ihm auf
dem Tische stand, ffnete sie und bot dem eben Eingetretenen eine Prise. Herr
Struber nahm einige Krner und that nur so, als schnupfe er, indem er seine
Finger leicht hinauf an die Nase warf, in Wahrheit aber lie er den Tabak auf
den Boden fallen und schnffelte dazu auf eine unangenehme Art.
    Aber es ist hier verdammt hei, sagte er hierauf, whrend er sich auf
einen Sitz am Fenster niederlie, seinen Hut abnahm und mit dem bewuten feinen
Spitzentuch, das er aus der Brusttasche gezogen, seine Stirne abtrocknete.
    Die Frau neben ihm sah diese Bewegung, und da sie wohl wissen mochte,
welcher Art Taschentcher sich der Herr Struber gewhnlich zu bedienen pflegte,
so lchelte sie verschmitzt und streckte die Hand nach dem kostbaren
Spitzengewebe aus, indem sie sagte: Was soll der Lappen kosten?
    Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten, entgegnete der Andere,
whrend er Miene machte, das Tuch wieder in seine Brusttasche zu stecken. Ihr
seid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib, Frau Bilz; aber ich will Euch
verzeihen, da Ihr nicht eine Spur von Bildung genossen habt, sonst mte
offenbar dies zudringliche Fragen nach Sachen, die Euch durchaus nichts angehen,
mit einem stolzen Stillschweigen beantwortet werden. - Im Uebrigen kostet das
Tuch zwei Gulden, nicht einen Kreuzer weniger.
    Zwei Gulden! lachte die Frau mit geringschtzender Miene, erfate aber
eifrig einen Zipfel des fraglichen Gegenstandes, um ihn nher zu betrachten.
    Halt da! sprach Herr Struber mit groer Gelassenheit, zwei Gulden und
dann das Tuch.
    Aber ich darf es doch vorher ansehen?
    Nicht die Idee einer Tertie vorher; das Tuch hat zehnmal so viel wirklichen
Werth. - Dann kommt es auch, setzte er seufzend hinzu, von einer schnen
Herzogin, die -
    Der Mann am Ofen wollte laut hinaus lachen, brachte es aber nur zu einem
grlichen Hustenanfall; worauf sich der Andere geringschtzend nach ihm
umwandte und verchtlich die Achseln zuckte.
    Nun, ich will Euch was sagen, meinte Frau Bilz, fr das Tuch gebe ich
Euch einen Gulden, und lege noch dreiig Kreuzer darauf fr das Andenken an die
schne Herzogin. - Hier ist klingendes Geld, nehmt es, denn ich wei, da Ihr
sehr auf dem Trockenen seid.
    Da irrt Ihr Euch, entgegnete gelassen Herr Struber und zog das gefundene
Portemonnai heraus. Seht her, wie ich bei Kasse bin, - das Honorar eines
Clienten, fr den ich einen schwierigen Proze gewonnen; es handelte sich dabei
um nichts Geringeres, als die ersten Advokaten des Gerichtshofes total hinter
das Licht zu fhren. - Ich that es.
    O weh! er hat Geld, rief die Frau; da kostet mich das lumpige Tuch zwei
Gulden.
    Und vierundzwanzig Kreuzer, sagte gravittisch Herr Struber; sein Werth
steigt mit jedem Zaudern.
    Nun denn, in's Teufels Namen, gebt her! versetzte rgerlich das Weib, warf
einen Fnffrankenthaler auf den Tisch und zog dann das Tuch hastig an sich. -
Das sind vier Kreuzer weniger, das hlt uns an einander.
    Bei diesen Worten breitete sie das Tuch gegen das Licht aus, und als sie
sah, da es vollkommen unversehrt war, steckte sie es schmunzelnd ein.
    Braucht Ihr auch Ohrringe? fragte Herr Struber nach einer kleinen Pause,
whrend welcher er aus seiner Cigarre mchtige Zge gethan. - Fast neue goldene
Ohrringe.
    Auch von einer Herzogin?
    Nein, Herzoginnen tragen nur Brillanten. Doch wie solltet Ihr das wissen?
Diese Ohrringe lie ich fr ein Pathchen von mir machen, sie waren aber etwas zu
gro ausgefallen, und nun will der Spitzbub von Juwelier sie nur fr den
Goldwerth zurcknehmen. - Da sind sie.
    Ei! rief der Mann am Ofen, Goldsachen! - Das ist mein Geschft; lat die
Finger davon, Frau Bilz, und begngt Euch mit Euren Lumpen. - Gebt mir die
Ohrringe einmal her!
    Hier sind sie, sagte die Frau; worauf sie dem Meister Schwemmer die Ringe
gab. Aber Euer Pathchen, wandte sie sich hierauf an Herrn Struber, mu ein
recht ungewaschenes Ding sein: von einmaligem Anprobiren sind die Ohrringe schon
ganz angelaufen! - Da ist auch ein Blutflecken.
    Lat mich aus mit Euren Dummheiten! schnaubte sie Herr Struber an. - -
Blut, Blut! Mit Eurem miserablen Gewsch! Ihr wit wohl, da ich das nicht
leiden kann.
    Richtig, sprach der Mann am Ofen, er kann das nicht leiden, kann's auch
weder sehen noch riechen, das hat er bei vielen Veranlassungen bewiesen. - Nun,
ihr braucht Euch nicht zu rgern, es ist einmal Eure Art so, Ihr habt Sympathien
fr schne Herzoginnen, aber nicht fr das Dreinschlagen.
    Meister Schwemmer hustete hierauf gewaltig, dann erhob er seinen Knotenstock
und klopfte damit auf ein Blech hinter dem Ofen, worauf eine Weiberstimme aus
dem Nebenzimmer sogleich fragte: Was gibt's denn?
    Bring' mir den Probirstein und die Goldwage.
    Bei dem Schlag auf das Blech war der Herr Struber erschrocken zusammen
gefahren. Wahrscheinlich hatte das Gesprch von Blut seine Nerven irritirt, denn
er warf hastig seinen Kopf herum und murmelte alsdann etwas von rohem Volk, von
Mangel an Erziehung und Bildung und vom Unglck eines honetten Menschen, der
durch Ungunst der Verhltnisse gezwungen sei, unter solcher Canaille zu leben.
    Das Gold ist gut, sagte Meister Schwemmer, sechzehnkartig; ich zahle
Euch dafr einen Gulden und dreiig Kreuzer; und wahrhaftig nur so viel, weil
der Blutflecken daran ist; seit ich meinen Bluthusten habe, macht es mir
doppeltes Vergngen, dergleichen auch von Anderen zu sehen. - Wollt Ihr einen
Gulden und dreiig Kreuzer?
    Meinetwegen! meinetwegen! versetzte hastig Herr Struber, obgleich ich
den bittersten Schaden daran habe, denn mich kosten sie sechs Gulden.
    Beide Theile schienen indessen mit dem gemachten Handel wohl zufrieden zu
sein. Herr Struber strich sein Geld ein und Meister Schwemmer polirte mit dem
rothkarrirten Taschentuch eifrigst an den Ohrringen, bis sie wieder in hellem
Glanze strahlten.
    Es trat hier eine Pause ein, nur zuweilen unterbrochen von einem leisen
Husten des Mannes am Ofen, oder von einem Geklapper im Nebenzimmer, wo das Weib,
welches vorhin die Goldwage gebracht, mit allerlei Kesseln und Eisenwaaren
herumhantirte; dazwischen hindurch vernahm man zuweilen, aber aus weiterer
Entfernung, das halb unterdrckte Geschrei von kleinen Kindern, bald ein lautes
Aufkreischen, bald leises Wimmern derselben.
    Ich bin auf neun Uhr herbestellt, sagte endlich Herr Struber jetzt ist
es wenigstens halb Zehn. Was soll ich eigentlich und warum mu ich unntz
warten? Ihr wit, da meine Zeit kostbar ist.
    Wir wissen das, entgegnete ruhig Meister Schwemmer, und da Ihr nichts
umsonst thut, so braucht Ihr auch nicht aufzubegehren.
    Aber was soll ich denn?
    Der Mathias wird gleich herkommen; es ist wieder ein artiger Transport bei
einander, und den soll er in den nchsten Tagen fortfhren. Ihr wit, da wir
immer was Schriftliches mit einander machen, und da wir Eure gebte Feder
kennen, so sollt Ihr das Nthige aufsetzen und nebenbei wieder einige Briefe
schreiben ber die Gesundheit und das Wohlergehen der Kostkinder.
    Das Erstere meinetwegen, versetzte finster Herr Struber, aber die Briefe
zu schreiben ist mir unangenehm; ich lge nicht gern. - Auch mu ich sagen, da
ich mit jedem Anderen gerner zu thun habe als mit dem Mathias; wir passen nicht
zu einander.
    Das ist wahr, lachte Frau Bilz, Ihr lebt immer wie Hunde und Katzen mit
einander.
    Sagen wir lieber, wie Katze und Maus, meinte Meister Schwemmer hustend,
denn wenn Ihr den Mathias erblickt, so seht Ihr Euch gleich nach einem
Schlupfwinkel um.
    Herr Struber wollte etwas Heftiges erwidern, doch hielt er sich im nchsten
Augenblick die Ohren zu, zuckte zusammen und verzog das Gesicht auf eine hchst
unangenehme Art. Seine zarten Nerven waren durch das erneuerte Kindergeschrei
unangenehm berhrt worden, das sich jetzt in den verschiedensten Tnen und
wahrhaft ohrenzerreiend vernehmen lie.
    Meister Schwemmer klopfte wieder auf das Blech und rief hinber: Was ist
denn das heute Morgen fr ein niedertrchtiges Geheul? Schaff' doch in's Teufels
Namen einmal Ruhe! - Wo ist denn die Katharine, das schlampige Weibsbild?
    Ich habe sie ausgeschickt, entgegnete die Stimme im Nebenzimmer. Kann ich
doch den Bestien da drauen nicht bestndig eine eigene Magd hinstellen; ich
mchte wissen, wo das herein kommen sollte!
    Geh' Sie einen Augenblick hinaus, Frau Bilz, sagte Meister Schwemmer,
bring' Sie die Rangen zur Ruhe!
    Die Frau am Fenster erhob sich und trat in das Nebenzimmer, wo sich Madame
Schwemmer befand, ein altes, schmutzig aussehendes Weib; sie hatte einen
abgeschossenen Rock an, eine gelb gewordene Schlafjacke, ihre bloen Fe staken
in niedergetretenen Schuhen, und auf dem Kopfe hatte sie eine alte Haube, unter
der nach allen Richtungen das graue, zerzauste Haar hervorstand. Das Gesicht der
Dame pate vollkommen zur ganzen Erscheinung, das einzige Lebhafte in demselben
waren ihre unheimlich glnzenden Augen, die aber in einigem Rapport zu der stark
gertheten Nase zu stehen schienen, - einer Rthe, die erklrbar war, wenn man
die Schnapsflasche betrachtete, die vor der Frau stand, und wenn man die Dfte
roch, die ihrem Munde entstrmten, wenn sie sprach.
    Madame Schwemmer stand in diesem Augenblicke vor einer Fallthre, die sich
im Boden befand und die in irgend einen Keller oder sonstiges Gela fhrte, und
war beschftigt, dort hinunter allerlei alte Gerthschaften, namentlich Eisen-
und Kupferwaaren, zu werfen.
    Geh' Sie einen Augenblick in den Stall! rief sie der eintretenden Frau
Bilz entgegen, nehm' Sie aber die Peitsche mit, dort hngt sie am Nagel; hau
Sie drunter wie unter altes Eisen, da verdient Jedes seine Schlge; - kann das
Volk nicht einmal eine halbe Stunde allein und ruhig sein!
    Aber die kleinsten Kinder schreien auch, entgegnete die Frau, und da
hilft das Prgeln nicht viel.
    So schaut einmal dort auf dem Herde nach, da mu die Katharine ihren
Mohnblumenthee stehen haben. Giet ihnen davon etwas in's Maul, damit sie wieder
einduseln.
    Aber wenn sie heute Morgen schon bekommen haben, so knnte es ihnen doch zu
viel werden.
    Ach! denen wird's nicht zu viel, entgegnete Madame Schwemmer; ich sage
Euch, Frau, je weniger man sich aus dem Zeug macht, und je schlechter man es
behandelt, um so besser gedeiht's. Nehmt nur die Peitsche und den Thee!
    Na, was das Gedeihen anbelangt, da wollen wir lieber still schweigen.
    Gedeihen? erwiderte Madame Schwemmer verwundert. Allerdings gedeiht's,
das heit, wie es fr uns gedeihen mu, so langsam in den Himmel hinein. Man
wird die Geschpfe doch nicht aufziehen sollen bis sie gro sind? Da kme man
weit mit seinem Geschft; da mu eins dem andern Platz machen, das gibt neues
Eintrittsgeld; und an den Begrbnikosten ist auch was zu verdienen.
    Frau Bilz ging achselzuckend nach der Thre, drehte sich aber unter
derselben herum und sagte: Und das Eine ist auch drben? - das, welches ich vor
acht Tagen hergeliefert?
    Allerdings, versetzte Madame Schwemmer, indem sie ihre Schnapsflasche
hastig verbarg, die sie an den Mund fhren wollte, sobald ihr Jene den Rcken
gewendet. - Das ist zh wie Eisen, sieht auch nicht viel schlechter aus wie
damals, als Ihr es hergebracht; Ihr hattet es offenbar zu gut gehalten. Ich wei
wohl, Ihr knnt nicht anders, dehalb taugt Ihr auch zu dem Geschft gar nicht.
    Ich habe es auch gnzlich aufgegeben, sagte Frau Bilz mit einem seltsamen
Blick. Und damit ging sie zur Thre hinaus, in der einen Hand die Peitsche, in
der andern den gewissen Thee, der auf arme kleine Kinder betubend wirkt und mit
welchem gewissenlose Wrterinnen dieselben in einen unruhigen und
nervenzerstrenden Schlaf versenken.
    Die Frau ging durch den halbdunkeln Gang, wobei sie die Hausthre in ihrem
Rcken lie und am Ende desselben rechts an eine Thre kam, an der von auen ein
groer Riegel vorgeschoben war.
    Dies war der Stall, wie sich Madame Schwemmer ausdrckte. Und gewi, er
verdiente diese Benennung.
    Es war ein viereckiges, ziemlich niederes Gemach mit einst wei gewesenen
Kalkwnden, die aber nach und nach von all' dem Duft, der hier herrschte, eine
gelblich graue Farbe angenommen hatten. Da nur ein einziges Fenster in diesem
Zimmer war, dessen wenige Scheiben noch obendrein trb angelaufen hie und da in
gelbem und grnem Schimmer spielten, so war das Gemach verhltnimig ziemlich
dunkel, aber hell genug, um all' das Elend bersehen zu knnen, welches sich
hier dem Blicke darbot.


                                  Dritter Band

                          Vierundvierzigstes Kapitel.

                         Eine Kleinkinderbewahranstalt.

In diesem Zimmer waren sechs Kinder, von denen drei kleine im Alter von nahe an
einem Jahr auf elenden, zerrissenen und durchfeuchteten Strohsckchen lagen, die
sich im Hintergrunde auf einem Schragen befanden. Eine einzige geflickte Decke
war ber alle drei ausgebreitet und zu beiden Seiten mit Bindfaden festgebunden,
was verhindern sollte, da die Kinder, die sehr, sehr oft allein waren, ihre
Bedeckung nicht von sich strampelten. Das war ihnen denn auf diese Art
allerdings unmglich, dafr aber hatten sich die zwei auenliegenden, vielleicht
von Schmerzen geplagt und ohne Hilfe allein gelassen, nach allen Richtungen
herum geworfen, und so war es denn gekommen, da sie auf beiden Seiten so weit
heruntergerutscht waren, da ihre nackten, entsetzlich mageren Fe und Beine
ber den Strohsack herabhingen und der Kopf unter der Decke stak, wodurch die
armen Geschpfe Gefahr liefen, erstickt zu werden.
    Das mittlere dieser unglcklichen Kinder lag aber um so ruhiger, und zwar so
regungs- und bewegungslos, da die eingetretene Frau, nachdem sie die beiden
anderen etwas zurecht gelegt, sich eifrig um dieses beschftigte. Es durchzuckte
sie seltsam, als sie ihre Hand auf die Stirne des Kindes legte und darauf unter
das zerrissene Hemdchen fuhr, um nach dem Herzschlag zu forschen. Die Stirne war
feucht und kalt, und das Herz schlug wohl noch, aber oftmals machte es lange
Pausen, und dann ffnete das Kind die blulichen Lippen und zog gurgelnd eine
Idee von Athem in die kleine Brust.
    Da ist nichts mehr zu machen, sprach die Frau zu sich selbst, indem sie
die Hnde bereinander schlug und das arme Wesen einige Sekunden lang
betrachtete. Du hast nchstens ausgelitten.
    Bei ihrem Eintritte in das Zimmer hrte das Geschrei der drei greren
Kinder pltzlich auf. - Es waren dies zwei Buben und ein Mdchen. Der lteste
der Buben, vielleicht sechs Jahre alt, hatte im Verein mit dem anderen, der fnf
zhlen mochte, den vergeblichen Versuch gemacht, die beiden Kinder auf den
Seiten aus ihrer erstickenden Lage zu befreien, und da dies nicht gelungen war,
hatten sie beide ein groes Geschrei erhoben.
    Das Mdchen war vielleicht etwas ber zwei Jahre alt und gekleidet in ein
blaues, verschossenes und zerrissenes Wollenkleidchen; es sa neben der Thre am
Boden, hatte den Kopf auf die fast unkenntlichen Ueberbleibsel eines hlzernen
Pferdes gelegt, dessen Hals es mit seinen Aermchen umklammerte. Es zitterte,
wahrscheinlich zugleich vor Angst und Klte, und duckte sich tief herab, als es
die Frau mit der Peitsche hereintreten sah. Im nchsten Augenblicke aber mute
das Kind wohl bemerkt haben, da es nicht das rothe Gesicht der Madame Schwemmer
war, welches sie anblickte, sondern ein ihr bekanntes, ja befreundetes. Es
erkannte wohl die Frau Bilz, welche es bisher gepflegt, ehe es in diesen
schrecklichen Aufenthaltsort gekommen, und nun zuckte in seinen matten Augen ein
seltsamer Blitz empor; vielleicht war es die Erinnerung an bessere Tage,
vielleicht war es die Hoffnung, es werde wieder von hier fort genommen werden,
genug, - das Kind hob seinen Kopf empor, ffnete die Augen so weit als mglich
und fing dann an bitterlich zu weinen.
    Ja, ja, ich bin es, sprach Frau Bilz, deren Herz eine augenblickliche
Rhrung durchzuckte, indem sie sich zu dem Kinde niederbeugte. Sei ruhig, ich
bin's ja, es soll dir auch nichts zu Leide geschehen.
    Aber du hast doch die Peitsche mitgebracht, sagte der ltere Knabe,
whrend er sich trotzig vor die Frau hinstellte und sie keck ansah.
    Vielleicht fr dich, entgegnete diese, denn du bist wohl nicht anders zu
zwingen.
    Hier nicht, versetzte trotzig das Kind. Frher that ich Alles, was man
von mir haben wollte.
    Aber du siehst, wie es dir alsdann geht, fuhr Frau Bilz fort; sie haben
dir zur Strafe deine guten Kleider genommen, und jetzt mut du in den Lumpen da
einher gehen.
    Das ist wahr, entgegnete der Knabe, indem eine augenblickliche Bewegung
seine Zge berflog, meine Kleider haben sie mir gestohlen, geschlagen werde
ich ebenfalls, auch friert's mich und ich habe Hunger, aber das wird Alles noch
einmal aufhren, wenn ich gro bin, und dann wartet nur!
    Und was geschieht dann? fragte die Frau und erhob ein klein wenig ihre
Peitsche, aber nur zum Drohen, nicht zum Schlagen.
    Was dann geschieht? - Das will ich dir sagen: dann gehe ich hinaus auf die
Strae und suche meinen Vater und dann wehe euch Allen!
    Ja, das wrde ich auch thun, entgegnete die Frau achselzuckend; aber bis
die Zeit kommt, rathe ich dir, dich ruhig zu verhalten, sonst wirst du noch viel
mehr Schlge kriegen.
    Dann wehre ich mich, sagte trotzig der Knabe.
    Und womit?
    Ich beie, erwiderte er. Und damit ffnete er den Mund und zeigte seine
kleinen weien Zhne, die vor Zorn zusammen klapperten.
    Der andere Knabe hatte sich scheu in eine Ecke gedrckt. Es war das eine
wahre Jammergestalt mit dem Aussehen eines alten Zwerges. Sprliches Haar
bedeckte seinen spitzen Schdel, seine Augen waren tief eingesunken, und die
Unterlippe seines groen Mundes hing schlaff herab. Er blickte ngstlich auf die
Peitsche und kroch, ohne ein Auge davon abzuwenden, langsam rckwrts, bis er
unter dem Schragen verschwand, auf dem die kleinen Strohscke lagen.
    Frau Bilz hatte sich zu dem Mdchen niedergekauert und zuerst das Kleidchen
betrachtet, das noch vor kurzer Zeit gut und frisch gewesen war, dann hatte sie
kopfschttelnd weiter untersucht, seine Haare, sein Hlschen, in dem sich tiefe
rothe und wunde Streifen zeigten, und dann seine Fe, die aufgeschwollen zu
sein schienen.
    Zieht man dich Abends nicht aus? fragte sie zgernd nach einer Pause.
    Das Kind blickte sie berrascht an und schien ihre Frage nicht zu verstehen.
    Mich hat man nur ein einziges Mal ausgezogen, sagte der Bube, indem er
nher trat und die Hnde und Arme heftig ber einander schlug, um sich zu
erwrmen, nur ein einziges Mal, als man meine Kleider gestohlen. Die aber haben
sie noch gar nicht ausgezogen; ich habe wohl versucht, ihr die Stiefel
aufzuschnren, aber es ging nicht, die Knoten an den Riemen sind mir zu fest.
Die Frau da drinnen mit der rothen Nase hat's auch einmal probirt, aber sie lie
es ebenfalls bleiben, denn sie sagte: es ist nicht der Mhe werth, man bekommt
doch nichts fr das schlechte Schuhwerk.
    Das htte ich gesagt, du Galgenstrick? rief in diesem Augenblick Madame
Schwemmer, die leise eingetreten war. Darauf stemmte sie ihre Arme in die Seiten
und fuhr fort, indem sie sich an Frau Bilz wandte: Habt Ihr je ein so bses
kleines Thier gesehen? Ein vllig wildes Thier, - er beit!
    Ja, er beit, entgegnete der Knabe, aber nur Euch.
    Wart, ich will dir's vertreiben! schrie das halb betrunkene Weib und
ergriff die Peitsche, welche Frau Bilz neben sich gelegt hatte. Doch fate sie
unglcklicherweise den Riemen statt des Griffs, und da sie nun in blinder Wuth
auf das Kind losschlug, so traf sie es mit dem ersten Streiche so heftig auf den
Kopf, da ihm das Blut augenblicklich ber eine Seite des Gesichts herab lief.
    Der Knabe stand einige Sekunden wie angedonnert, vielleicht auch von dem
Hiebe etwas betubt, dann aber zuckte er auf einmal zusammen, sprang in die Hhe
und scho wie eine wilde Katze auf das Weib los, ergriff pltzlich deren Hand,
hielt sie fest und bi so stark hinein, da sogleich das Blut heftig flo.
    Jetzt erhob Madame Schwemmer ein mrderisches Geschrei und tobte in ihrer
Wuth um so rger, als sie sich mit Hilfe der Frau Bilz vergeblich bemhte, den
wthenden Knaben von sich abzuschtteln. Dieser lie ihren Arm nicht los,
sondern er hatte sich mit seinen Fingern und Ngeln fest daran geklammert und
bleckte immerfort die Zhne, whrend er mit dem Kopfe bald hierhin bald dorthin
fuhr. Dabei flammten seine Augen, sein Mund schumte, und es war zu gleicher
Zeit schrecklich anzusehen, wie das Blut aus seiner Kopfwunde langsam ber sein
zerrissenes graues Wamms herabrieselte.
    Auf das Zetergeschrei der Weiber lieen sich bald im Gange, der zu der
vordern Stube fhrte, schwere Tritte vernehmen, die eilig nher kamen, und im
nchsten Augenblicke trat ein groer breitschultriger Mann unter die Thre, der
kaum gesehen, um was es sich handelte, als er mit einem lauten: Hollah,
Bursche, was gibt's denn da? den Knaben am Nacken fate und in die Hhe hob.
    Dieser, die mchtige Faust fhlend, lie augenblicklich seine Hnde los und
schaute scheu auf die Seite, um seinen Angreifer zu erkennen.
    Nun, fuhr dieser fort, was ist denn hier wieder fr eine
Teufelswirthschaft? - Zwei erwachsene Weibsbilder, und knnen nicht einmal mit
einem einzigen Knaben fertig werden! - Ah! der Kopf des Buben da sieht gut
zugerichtet aus. - Was hat's wieder gegeben? - He, Hexe! Damit wandte er sich
an Madame Schwemmer, nachdem er vorher den Knaben ruhig auf den Boden
niedergesetzt.
    Was wird's gegeben haben! entgegnete die Hauswirthin und hielt ihre
verwundete Hand empor. Das Thier da hat mich gebissen.
    Nachdem Ihr ihn vorher so ber den Kopf gehauen? sagte der Mann, indem er
die Arme ber einander schlug und das Weib mit einem finsteren Blick fest ansah.
Ihr bringt's doch noch so weit, da es wahr wird, was die Leute von diesem
verfluchten Hause sagen: es sei dies eine Mrdergrube. - Pfui Teufel! fuhr er
mit leiser Stimme fort, whrend er dicht an sie hintrat, Ihr miserables,
betrunkenes Weibsbild!
    Die Finger der Madame Schwemmer krallten sich vor Wuth zusammen, und sie
zuckte mit der Hand, als wollte sie dem Mann in das Gesicht fahren.
    Doch hob dieser verchtlich die Achseln und sprach nach einer Pause: Nun
mchte ich aber doch wissen, was es denn eigentlich wieder gegeben hat? -
Sprecht Ihr, Frau Bilz!
    Na, was wird's gegeben haben! versetzte diese in einiger Verlegenheit,
der Bube sagte allerlei garstige Dinge ber die Frau.
    Und was hast du gesagt, Bube? - Ich rathe dir, sprich die Wahrheit!
    Das thu' ich immer, erwiderte trotzig der Knabe. Und auch vorhin habe ich
es gethan, als ich erzhlte, man habe mir meine Kleider gestohlen und man wrde
dem kleinen Mdchen da am Boden auch seine Schuhe genommen haben, wenn es der
Mhe werth gewesen wre. Und das hat das Weib mit der rothen Nase selbst
gesagt.
    Madame Schwemmer wollte bei dieser ungebhrlichen Schilderung ihrer Person
abermals mit der Peitsche auf das Kind losfahren.
    Doch streckte der Mann seinen Arm dazwischen und sprach: Seid jetzt ruhig,
worauf er sich wieder an den Knaben wandte: das sind hliche Reden; wenn du
dergleichen aussagst, so wird man dich prgeln, bis du kein Glied mehr rhren
kannst.
    Und wenn man mich so arg schlgt, werde ich abermals beien, entgegnete
der Knabe.
    Mich auch? fragte der Mann, indem er einen Schritt nher auf ihn zutrat.
    Euch nicht, aber das Weib; denn das Weib mit der rothen Nase schlgt auch
auf uns los, wenn wir Alle nichts gethan haben, und nicht blos auf mich, sondern
auch auf die andern Kinder, die nie ein Wort sprechen. - Seht mich nur so an und
hebt Eure Peitsche, es ist doch wahr und ich sag' es auch. - Wenn sie herein
kommt und hat eine rothe Nase, so schlgt sie gleich auf uns los, und wenn wir
ganz ruhig in einer Ecke bei einander sitzen und ganz stille sind. - Wir drfen
nicht sagen, da wir Hunger haben, und auch nicht, da uns friert.
    Ja, ich glaub's, murmelte der Mann zwischen den Zhnen.
    Und dann, fuhr der Knabe fort, indem sich seine kleinen Finger vor Wuth
ffneten und schlossen, und seine Stimme wie vor dem Ausbruch eines heftigen
Weinens zitterte, was habe ich gethan, da man mich hier einsperrt? Habe ich
nicht in der Schule gelernt wie die andern Kinder auch, und bin ich unartiger
gewesen als diese? - Nein! nein! nein! Der Lehrer hat mich belobt und hat
gesagt, ich sei fleiig und knne meine Sache mit am besten machen. - Nun bin
ich schon vier Wochen hier eingesperrt, habe keinen von meinen Kameraden gesehen
und kein Lesebuch, keine Rechentafel und nichts. - Aber ich wei schon, was ich
hier soll: sie will mich todt machen, wie - wie -
    Wie was? schrie Madame Schwemmer, welche einen neuen vergeblichen Versuch
machte, auf den Knaben loszustrzen. Wie was? - du Thier!
    Ja, todt machen will man mich, sagte der Knabe ermuthigter, denn er sah,
da ihn der Mann schtzte. Todt machen will man mich, wie dort das kleine
Kind.
    Das Weib warf einen schrecklichen Blick um sich, und Frau Bilz schlug die
Augen zu Boden.
    Wie - was? fragte der Mann im hchsten Erstaunen, indem er sich dem
Holzschragen nherte, wo allerdings das Kind in der Mitte in den letzten Zgen
zu liegen schien. - Das sieht jammervoll aus, sagte er zu Frau Bilz, die ihm
gefolgt war. - Teufel auch! Ihr httet doch wohl ein besseres Gela finden
knnen als dies Loch hier, es ist ja nicht einmal ein Ofen da. - Und dann der
Geruch! Ich bin doch mein Lebtag schon in viel Spelunken gewesen, aber so was
habe ich doch noch nicht erlebt. - Nehmt Euch in Acht! nehmt Euch in Acht!
Erfhrt er von der Geschichte einmal ein Wort, so ist es um Euch geschehen,
darauf knnt Ihr Gift nehmen. - Hier mu freilich Alles zu Grunde gehen; und
dazu Euer elendes Essen und Trinken, da braucht kein Mensch nachzuhelfen und den
armen Wrmern sonst etwas thun.
    Aber sie thut's doch, flsterte der Knabe dem Manne zu, als er sah, da
ihn Madame Schwemmer nicht beachtete, sondern das verscheidende Kind anblickte.
Gestern, wie es fortfuhr zu schreien und nicht stille sein wollte, hat sie es
mit der Peitsche in die Seite gestoen.
    Bst! machte ebenso leise der Mann, indem er mit der Hand herum fuhr und
dem Knaben den Mund zuhielt. - - Dort ist nichts mehr zu helfen, sagte er
achselzuckend mit lauter Stimme. Aber lat jetzt das Schlagen sein und gebt
wenigstens fr heute Ruhe.
    Er wandte sich nach der Thr, um fortzugehen.
    Und ich mu hier bleiben? rief der Knabe mit einem herzzerreienden Tone
der Verzweiflung; ich werde wieder eingeschlossen und soll nicht wieder nach
Haus drfen zu der alten Frau Fischer, die ich so lieb gehabt?
    Wir wollen sehen, was sich machen lt, entgegnete der Mann. Heute kann
ich nichts fr dich thun, aber sei ruhig und verstndig, so will ich an dich
denken, das verspreche ich dir. - Damit winkte er der Frau Schwemmer, ihm zu
folgen, und verlie das Gemach.
    Drauen auf dem Gange blieb er stehen und sprach zur Hauswirthin, die
gefolgt war: Ich will Euch nur sagen, da ich fters hier Inspektion halten
werde; das ist ja eine wahre Schande, wie Ihr Eure Sachen betreibt. Habt Ihr
denn keine Furcht, da Euch einmal der leibhaftige Teufel holt? - Weib! Weib! so
was ist mir noch nie vorgekommen. Nehmt Euch in Acht! - Und jetzt lat die Bilz
da bei dem Kinde und sorgt ihr Beide fr den armen Wurm, was zu sorgen ist;
nehmt Euch aber in Acht, da ich von dem Zimmer kein lautes Wort mehr vernehme,
keinen Schrei oder dergleichen. Glaubt mir, ich habe feine Ohren und will sie
offen halten.
    Damit ging er in die vordere Stube.
    Das Weib blickte ihm einen Moment mit unsicherem Blicke nach, dann schwankte
sie zurck in den Stall und sagte dort zu der Frau Bilz, die sich ber das Kind
niedergebeugt hatte: Ihr solltet eine Stunde da bleiben und nach ihm sehen.
Wenn Ihr was braucht, so knnt Ihr's meinetwegen haben. Aber macht mir keine
unnthigen Kosten, da ist doch nichts mehr zu helfen, das mt Ihr selbst
einsehen.
    Mit diesen Worten verlie sie das Zimmer wieder und taumelte in ihre Kche.
    Die Frau Bilz, die zurck blieb, schttelte den Kopf und sagte still fr
sich, indem sie das Kind betrachtete: Nein, nein, da ist mit allen Schtzen der
Welt nicht mehr zu helfen. Doch sah sie umher, und als sie am Ende des
Schragens ein altes wollenes Tuch erblickte, nahm sie es auf, faltete es
zusammen und schob es dem Kinde unter das Kpfchen, das noch einmal seine Augen
aufschlug und die Frau mit einem seltsamen Blicke anstarrte. Das kleine Kind
hatte schne blaue Augen, und als es so in die Hhe sah, waren sie von einem
eigenthmlichen Ausdrucke beseelt; es war das letzte Aufflackern der
Lebensgeister, welche noch einmal in den bis jetzt so matten Blicken glnzten
und unendlich viel sagen zu wollen schienen. Es war wie eine schmerzliche
Anklage ber sein elendes, armes Leben, oder auch wie ein Dank fr die Hilfe,
welche ihm die Frau in diesem letzten Augenblicke geleistet. - Das dachte diese
sich auch, als sie es betrachtete und diesen ersterbenden Blick bemerkte. Er
drang in ihr Herz und prete es krampfhaft zusammen. Sie seufzte tief und
schmerzlich auf, als nun das Kind zum letzten Male den Athem von sich blies und
darauf die Augen glsern wurden und aussahen, als habe die Hand des Todes
pltzlich einen weien Staub darauf gestreut; da beugte sie sich tief herab auf
die kalte Stirne, und nachdem sie lange so gelegen, glaubte sie, es erwrme sich
wieder. Aber es waren nur ihre eigenen heien Thrnen, die ber die kalten
Wangen und blauen Lippen der kleinen Gestorbenen herab rannen. - - - -
    Sie kannte dieses Kind wohl, aber bis zu dem jetzigen Moment war ihr das
kleine Geschpf gnzlich bedeutungslos gewesen, wie so viele dieser armen
Kinder, die schon durch ihre Hnde gegangen waren. Nun aber trat vor ihr inneres
Auge der Anfang und das Ende dieses kleinen armseligen Lebens. Und der Kontrast
desselben war frchterlich. - Ja, sie hatte dieses Kind gekannt, sie hatte es
gesehen, hatte es in ihren Armen gewiegt, nachdem es erst wenige Tage alt war. -
Es war das eine eigenthmliche Geschichte, die, obgleich sie nicht neu ist, doch
Jedem, der sie hrt, das Herz erbeben macht, - namentlich Anfang und Ende. Die
Mutter dieses Kindes war ein reizendes, frisches, blhendes Mdchen, die Tochter
bemittelter Eltern; der Vater war ein reicher und vornehmer junger Mann. Beide
sahen sich zufllig, er zeichnete sie aus, er ritt auf prchtigen Pferden bei
ihrem Fenster vorbei, und sie, ohne auf die Ermahnung ihrer Eltern zu hren,
lchelte ihn an, blickte ihm nach und gewhrte ihm endlich heimliche
Zusammenknfte, wie das in der Welt so der Brauch ist, und wie man es anfnglich
als nichts Schlimmes betrachtet. - Da kam eines Tages der Fasching mit seiner
tollen Lust und Freude, mit seinen Bllen, Maskeraden und sonstigen
Vergngungen, welche das Herz betuben und die Sinne aufregen, und in einer
Nacht besuchte das Mdchen im reizenden Maskenanzug einen jener Blle, wohl
unter der Aufsicht einer befreundeten Familie, aber sehr entschlossen, sich
dieser Aufsicht so bald als mglich zu entziehen. - Und das that sie denn auch;
er hatte fr ein heimliches Winkelchen in der Nhe gesorgt, wo sie unbemerkt
zusammen sitzen, wo sie ber Liebe plaudern und feurige Ksse austauschen
konnten. - Sie befanden sich in einem reichen Kabinete und saen neben einander
auf schwellenden Kissen von schwerem krachendem Seidenstoffe; des Mdchens Augen
blitzten, ihre Wangen waren sanft gerthet von einem Trunke feurigen Weines, den
sie aus seinem Glase nehmen mute; Spiegel und Vergoldungen bedeckten die Wnde,
- es war das ein Moment der Herrlichkeit und der hchsten Lust, whrend in dem
nicht weit davon entfernten Tanzsaale die tolle, begeisternde Musik ertnte,
whrend man das Lachen der Tanzenden vernahm und laute Rufe des wildesten
Vergngens. - - Da begann dieses arme kleine Leben, da begann es in Glanz und
Pracht auf seidenen Kissen, um hier zu endigen unter Noth und Elend, um hier
auszulschen auf einem hlzernen Schragen, auf einem halb verfaulten und
vermoderten Lager von Stroh. - Die unglckliche Mutter hatte das freilich nicht
erlebt: sie war zur rechten Zeit gestorben, und er hatte die Stadt verlassen,
achselzuckend, aber bald getrstet ber das kleine Unglck, das er angerichtet;
er hatte allerdings seinen Geschftsmann beauftragt, fr die gute Unterkunft des
Kindes zu sorgen, ohne sich aber weiter um dieses zu bekmmern, - und nun war
es, so vortrefflich untergebracht - elend gestorben. Gewi aber dachte er noch
zuweilen an jenen Maskenball und an das unglckliche, unschuldige Mdchen, das
ihm Alles und sich selbst geopfert. Gewi tnte noch zuweilen in seinen Ohren
jene rauschende Musik, die ihm zur hchsten Lust aufgespielt. - Gewi aber drang
auch manchmal ein seltsamer, schrecklicher Ton durch diese Melodieen; gewi sah
er zuweilen, wenn er an jene Nacht dachte, einen kleinen Schatten langsam vor
sich aufsteigen, ein kleines, bleiches, verkmmertes Wesen, das mit
geschlossenen Augen bis dicht vor ihn hinschwebte und ihn dann pltzlich mit
seinem starren, glnzenden Blicke gespensterhaft anschaute. - - - -

                          Fnfundvierzigstes Kapitel.



                                 Sklavenhandel.

Herr Struber hatte unterdessen im vorderen Zimmer einige Korrespondenzen
besorgt, deren Inhalt ihm Meister Schwemmer oft nur mit wenigen Worten, manchmal
aber sehr ausfhrlich vorgesagt. Der Letztere zog bei diesem Geschfte hufig
einige vergilbte Papiere zu Rath, die auf seinen Knieen und dem rothkarrirten
Sacktuch ausgebreitet lagen. Diese Schreiben waren meistens an Angehrige und
Bevollmchtigte, welche der Madame Schwemmer fr Rechnung Anderer Kostkinder
anvertraut hatten, gerichtet, und sehr verschiedener Art, der Zweck smmtlicher
aber, fr den Unterhalt der armen Geschpfe so viel Geld als nur immer mglich
herauszupressen. Bald mute eine neue nahrhafte Kost angewendet werden, bald
sogar eine eigene Amme oder Wrterin; und da man genau wute, was die Empfnger
der Schreiben am liebsten hrten, so hie es darnach auch: Die Gesundheit des
Kindes bessert sich mit jedem Tage, oder: Es siecht langsam dahin und scheint
uns trotz der sorgfltigsten und kostbarsten Pflege rettungslos verloren. - Es
ist traurig, das sagen zu mssen: aber die meisten Schreiben waren in letzterem
Sinne abgefat.

    Whrend diese Korrespondenz gefhrt wurde, stand jener Mann, der vorhin im
Kinderzimmer Ruhe gestiftet, mit gespreizten Beinen an einer Seite des Ofens und
pfiff zuweilen eine Melodie leise vor sich hin, horchte auch wohl hie und da,
wenn Herr Struber las, ohne aber bei dieser Veranlassung dem Leser selbst einen
Blick zu schenken. Dies war Mathias, den man, wie sich der geneigte Leser
erinnern wird, vorhin erwartet.
    Jetzt kommt das wichtigste Schreiben, sagte Meister Schwemmer, und es ist
am besten, wenn ich das Wort fr Wort in die Feder diktire. Es betrifft das
Mdchen, welches, wie mir heute Morgen meine Frau sagte, recht schlecht sein
soll.
    O, der ist in diesem Augenblick gewi sehr wohl, meinte Mathias.
    Wie so?
    Weil sie wahrscheinlich jetzt ausgelitten hat. - Schade, da entgeht Euch
ein gutes Kostgeld.
    Meister Schwemmer machte eine Bewegung der Ungeduld und schaute den Anderen
von der Seite an, als wenn er sagen wollte: was bekmmerst du dich darum? Dann
entgegnete er mit mrrischem Tone: glaubt das nur nicht, die kleine Kreatur ist
seit einem halben Jahre so; alle Augenblicke glaubt man, sie werde sterben, und
auf einmal ist sie wieder fidel wie ein Wiesel, hat sie doch schon einmal
vierzehn Tage wie todt gelegen.
    Mathias zuckte stillschweigend die Achseln und pfiff einige Takte des
Jungfernkranzes.
    Die hat uns Alle zum Besten, fuhr Meister Schwemmer fort, das kann ich
Euch versichern; gebt Acht, die reit sich noch durch.
    Oder Ihr sorgt dafr, da Ihre Stelle bald besetzt wird.
    Pfui, Mathias! versetzte Meister Schwemmer, indem er lachte und dann in
einen mchtigen Husten gerieth. - Geschfts-Geheimnisse! Wer wird darber
sprechen; ber die schweigt man.
    Nur Eins begreife ich nicht, fuhr Mathias fort, ohne auf diese Bemerkung
zu achten, wie es Euch immer so gelingt, andere Kinder unterzuschieben. - Wie
macht Ihr das eigentlich? - Na, geht mit der Sprache heraus!
    Meister Schwemmer rckte auf seinem Stuhle ungeduldig hin und her, dann
sagte er: Das ist Sache der Weiber; was geht das mich an!
    Nun, mich geht's im Grunde auch nichts an, erwiderte Mathias; es war nur
so eine Frage.
    So gebt denn Achtung, Struber, unterbrach Meister Schwemmer hastig diese
unanegnehmen Errterungen. - Schreibt also: verehrtester Herr Doktor! - Das
Geld fr den letzten Monat habe ich richtig empfangen und danke Ihnen noch
besonders fr die Zulage, - im Namen des armen Kindes -
    Im Namen des armen Kindes, wiederholte Herr Struber, indem er sein linkes
Auge zukniff.
    Der Gesundheitszustand desselben, fuhr Meister Schwemmer fort, ist immer
noch derselbe: das Kind ist ein krnkliches und sehr schwaches Wesen, dessen
Dasein nur gefristet werden kann durch die sorgfltigste Pflege und Behandlung.
    Durch die sorgfltigste Pflege und Behandlung, sagte Herr Struber.
    Sie knnen sich gar nicht denken, welche Mhe und Sorgfalt meine brave Frau
darauf verwendet. - Aber trotz allem Dem mu ich Ihnen mit schwerem Herzen
gestehen, da dem Kinde ein langes Leben unmglich prophezeit werden kann; es
sei zu schwchlich auf die Welt gekommen, behauptet unser Arzt, der mehrere Mal
in der Woche kommt.
    Der mehrere Mal in der Woche kommt, - Punkt, sprach lachend Herr Struber.
    Ganz richtig: Punkt, fuhr der Andere fort. Wir wissen ja,
hochverehrtester Herr Doktor, da Ihnen Alles daran gelegen ist, dem Kinde eine
gute Existenz zu verschaffen, und da hiezu nach Ihren fteren Schreiben keine
Kosten gespart werden sollen. Dehalb sah sich denn meine Frau veranlat, dem
Kinde ein eigenes Zimmer zu geben -
    Ein eigenes Zimmer.
    Und eine Wrterin, fuhr Meister Schwemmer rgerlich fort, denn er
bemerkte, wie sonderbar Mathias lchelte.
    Und eine Wrterin, wiederholte Herr Struber.
    Mathias lachte laut auf und wandte sich nach dem Mann um, der neben ihm sa,
wobei er demselben auf eine recht unverschmte Art in's Gesicht sah.
    Zu allem Dem nun, diktirte Meister Schwemmer weiter, reicht das
gewhnliche Kostgeld lange nicht hin, und mten wir schon ganz gehorsamst
bitten, uns die Zulage, die wir schon seit zwei Monaten erhalten, auch fernerhin
zukommen zu lassen. Sich damit ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen.
    Ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen, sagte Herr Struber, indem er
mit einem groen Schnrkel schlo und sich alsdann weit in seinen Stuhl
zurcklehnte, um die Wirkung der ganzen Schrift aus der Entfernung beurtheilen
zu knnen. Darauf reichte er den Brief ohne aufzustehen nach dem Ofen hinber,
und da ihn der Mann auf seinem Stuhle nicht gut erreichen konnte, so machte
Mathias die Mittelsperson, indem er ihn dem Herrn Struber abnahm und dem
Anderen einhndigte.
    Aber Eins erklrt mir doch, sprach er kopfschttelnd. Es mu doch hie und
da vorkommen, da irgend Einer, dem Ihr solche Wische schreibt, nun auf einmal
absichtlich herkommt, um zu sehen, wie so ein Kind gehalten ist. Wie redet Ihr
Euch nun da heraus? - Schaut mich nur nicht so mitrauisch an, Ihr kennt mich ja
und ich Euch; wir verrathen uns nicht, wollen auch nichts von einander
erpressen, und noch viel weniger wird es mir je in den Sinn kommen, selbst ein
Kosthaus fr kleine Kinder anzulegen. Ich habe an dem Transport meiner
halbgewachsenen vollauf genug, obgleich das Volk bei mir immer lustig und guter
Dinge ist, denn sie bekommen zu fressen, was in sie hinein geht. - Aber wie
gesagt, lat mich hren, wie bringt Ihr das hinaus?
    Meister Schwemmer kannte seinen Mann und wute wohl, da da keine Ausreden
helfen und er mit der Sprache heraus msse. Dehalb sagte er: Nun ja, was wird
da zu machen sein! Solche Nachforschungen finden wohl zuweilen statt, aber
meistens gehen sie in die dritte und vierte Hand, und da hilft man sich so
durch. - Er machte die Bewegung des Geldzhlens. - Kommt aber irgend Jemand,
der Einem geradezu auf den Leib geht, so hat man seine Leute in der
Nachbarschaft, die fr ein Billiges recht gern erlauben, ein anstndiges Zimmer
und ein gut aussehendes kleines Kind zu zeigen. - Ja, ich versichere Euch, die
kommen oft mit Vorurtheilen zu uns, denn sie haben allerhand munkeln gehrt von
schlechter Behandlung unserer Kostkinder, und fhrt man sie dann in ein solides
Haus, da sind sie gleich vor den Kopf geschlagen.
    Diese Kniffe sind nicht schlecht, entgegnete der Andere. - Aber wenn
zuflligerweise eine Mutter kommt, um sich nach ihrem Kinde umzusehen? Der
werdet Ihr doch in aller Ewigkeit nicht ein fremdes Kind fr ihr eigenes
unterschieben wollen.
    O mein lieber Mathias, erwiderte der Mann am Ofen, nachdem er sich mit dem
Sacktuch langsam den Mund abgewischt, das kommt bei den Kindern selten oder nie
vor, da sich die Mutter nach ihnen erkundigt. Entweder ist die schon lngst
gestorben, ist in schlechten Verhltnissen, wo unsere Behandlungsweise
vollkommen genug fr das geringe Kostgeld ist, oder sie befindet sich in einem
glnzenden Leben, und da ist sie froh, wenn sie von der Vergangenheit nichts zu
hren und zu sehen bekommt.
    Mathias hatte nachdenkend die Hnde auf den Rcken gelegt und wiegte seinen
Oberkrper hin und her.
    Ei, sagt mir doch, begann er nach einer lngeren Pause, whrend welcher
Herr Struber den Brief zusammen gefaltet und Meister Schwemmer die Adresse
geschrieben hatte, da war ich vorhin hinten in Eurer - Kinderstube und sah da
ein recht flottes Brschlein - einen netten trotzigen Kerl; er hatte gerade Euer
Weib in die Finger gebissen, weil sie ihn mit dem Peitschenstiel ber den Kopf
gehauen. Und das Blut schien ihn gar nicht zu geniren -
    Es flo Blut? unterbrach ihn erschrocken Herr Struber.
    Blut genug, mein Schatz, entgegnete der Andere trocken. - Aber trotz
seines unbndigen Betragens gefiel mir das Kerlchen. - Hat's mit dem eine eigene
Bewandtni, oder ist er auch da wie die anderen, zum Fortschicken? - Das
Letztere sollte mich freuen, und da kme es mir auf ein paar Thaler nicht an.
    Meister Schwemmer zuckte die Achseln und versetzte: Den gbe ich Euch gern
umsonst, das ist ein unbndiges Geschpf. Ich frchte immer, er zndet uns noch
einmal das Haus ber dem Kopfe an. - Aber ich darf nicht, ich mu ihn behalten!
    Wie so? fragte Mathias. Was hat's da fr einen Haken?
    Das lt sich nicht gut sagen, und ist das eine ganz eigenthmliche
Geschichte, ber die ich selbst noch nicht recht im Klaren bin. Der Bube da
hinten hat, so viel ich merke, eine sehr vornehme Mutter; Ihr knnt das auch
wohl dem ganzen Gestell des Kindes ansehen; sein kleiner geschmeidiger Krper
ist allerliebst gewachsen, sein Gesicht hat eine schne Form und seine Hnde und
Fe sind zart und klein.
    Das ist wahr, sagte Mathias nachdenkend. Und dabei hat die Krte schon
eine erstaunliche Kraft; ich habe das vorhin gemerkt.
    Wit Ihr, unsereins, fuhr Meister Schwemmer fort, dem so viel dergleichen
Blge durch die Hand gehen, merkt gleich am Ganzen, ob etwas dahinter ist oder
nicht. Man sieht's an der Figur, am Gesicht, ja an der Art des Schreiens. Das
Meiste nun, was zu uns kommt, ist Halbblut, wit Ihr: vornehmer Vater oder
vornehme Mutter. Der Bube aber ist Vollblut, darauf knnt Ihr schwren.
    Wenn aber beide Eltern vornehm und reich wren, warum nehmen sie sich des
Kindes nicht an und wollen es hier bei Euch elend verkmmern lassen? - Nehmt mir
nicht bel, aber das ist doch das Ende von all' den armen Teufeln hier.
    Die Mutter dieses Kindes, versetzte Meister Schwemmer, war, wie Ihr Euch
wohl denken knnt, noch ein Mdchen, als es auf die Welt kam. Der Vater konnte
sie vielleicht nicht heirathen, - was wei ich? - genug, sie beschlossen auch,
den Buben sehr gut und anstndig erziehen zu lassen, setzten ihm, glaube ich,
ein kleines Vermgen aus, endlich aber heirathete die Mutter dieses Knaben einen
anderen, aber sehr vornehmen Herrn.
    Aha! machte Mathias.
    Das sind aber schon einige Jahre her, und anfnglich ging Alles gut. Wei
aber der Teufel, zuletzt mu der Gemahl dieser Dame etwas ber die Geschichte
erfahren haben, legte sich auf Nachforschungen, lie wahrscheinlich viel Geld
springen und kam der Sache so ziemlich auf die Spur. Das erfuhr die Mutter, sie
that ihrerseits ebenfalls Schritte, nahm den Buben aus dem Hause weg, wo er
bisher verwahrt war, und da wurde er nun, um mich meines frheren Ausdrucks zu
bedienen, durch die dritte und vierte Hand hieher zu uns gebracht.
    Aber man zahlt doch ordentlich fr ihn?
    O ja, recht ordentlich; aber man knpfte daran die Bedingung, ihn fest
verwahrt zu halten und - schlo Meister Schwemmer hustend und lachend - das
thun wir redlich, wie Ihr gesehen habt.
    Hol' Euch der Teufel! erwiderte der Andere, das thut Ihr freilich. Aber
wie schon gesagt: nehmt Euch mit dem Knaben in Acht! Der bricht Euch einmal aus,
rennt in die Stadt und plaudert die ganze Wirthschaft aus.
    Seid unbesorgt, meinte der Hausherr, wir wollen ihn schon mit Hunger und
Schlgen mrb machen, und wenn es nicht anders geht, so lege ich ihn an die
Kette wie einen tollen Hund. Oh! solchen Burschen sind wir noch gewachsen!
    Herr Struber hatte whrend dieser Unterredung anscheinend theilnahmlos zum
Fenster hinaus geschaut, doch war ihm nicht ein Wort entgangen. - Eine reiche
und vornehme Frau, dachte er, die den Buben zu verbergen trachtet, und ein
ebenfalls vornehmer und reicher Mann, der ihn finden mchte, - das sind ein paar
Kunden, die fr eine thtige Hilfe gewi tchtig bezahlen werden. Da wre nur
noch zu berlegen, wer am meisten springen lt; - und dann thte man dabei ein
gutes Werk, trstete er sich selber, denn es ist doch unverantwortlich, ein
Kind, das bisher gut erzogen wurde, bei solchem Schandvolke zu lassen. - Pfui
Teufel!
    In diesem Augenblick ffnete sich die Thre und die Frau Bilz trat herein.
Sie sah bla und niedergeschlagen aus, und ein aufmerksamer Beobachter htte auf
ihrem Gesichte Spuren von Thronen bemerken knnen und vielleicht darnach
geforscht. Aber da hier Niemand war, der sich um solche Kleinigkeiten
bekmmerte, so setzte sie sich stillschweigend auf ihren alten Platz an das
Fenster hin, blickte gedankenvoll in die Stube und legte die Hnde in den
Schoo.
    Jetzt knnen wir auch an unser Geschft gehen, sprach Mathias. Ich habe
nur warten wollen, bis die Frau kam, denn sie mu mich dieses Mal eine Strecke
Wegs begleiten.
    Richtig! richtig! versetzte Meister Schwemmer; wir haben Mdchen bei dem
Transport, so ein Stck vier. - Also lat hren, Mathias, was braucht Ihr noch?
    Der von C. schrieb mir vor einigen Tagen, es sei eine passende Gelegenheit
da, eine grere Anzahl hinber zu bringen, auch knnte er sehr gut im Ganzen
ein Stck zwanzig plaziren, natrlicherweise ber die Hlfte Buben; sechs,
hchstens acht Mdchen drfen darunter sein.
    Doch nur Mdchen unter zehn Jahren, sagte Herr Struber, der unterdessen
ein Papier aus der Tasche gezogen hatte.
    Versteht sich, entgegnete der Hausherr, die ber sechzehn gehren in ein
ganz anderes Register und knnen viel vortheilhafter in der Nhe untergebracht
werden.
    Davon nachher! versetzte Mathias. - - Um nun den Transport vollzhlig zu
machen, fehlen mir noch ungefhr zehn Buben, aber es mssen ansehnliche Kerle
sein. - Was habt Ihr nun fr mich im Auge, und welche Preise wollt Ihr machen?
Seid aber billig, denn wir leiden doch alles Risiko: wenn wir abgefat werden,
ist nicht nur alles Geld hin, sondern es knnte uns auch leicht an den Kragen
gehen.
    Meister Schwemmer nahm ruhig eine Prise, dann nickte er mit dem Kopfe und
sagte pfiffig lchelnd: Ja, ja, die Gefahr ist gro, aber nicht so sehr fr
Euch, wie fr mich. Ihr seid gedungen worden, mit den Kindern zu reisen, - was
wit Ihr mehr von der Sache? Ihr thatet nur, was man Euch befohlen, aber an
Unsereinem bleibt's hngen. Ihr, Mathias, seid ein rstiger Mann, ohne Anhang:
Ihr schlagt Euch im Nothfalle durch ein halbes Dutzend Polizeidiener durch,
gewinnt das Freie, haltet Euch ein halbes Jahr versteckt und seid ein Mann bei
der Stadt wie vorher. - Aber seht mich an: ich bin ein armer kranker Kerl, der
sich kaum vom Stuhle rhren kann, habe auch noch eine groe Wirthschaft am Hals,
eine Wirthschaft, bei der es mir sehr unangenehm wre, wenn die da droben einmal
ihre Sprnase hinein steckten.
    Wozu das Gefasel! erwiderte Mathias rgerlich. Sagt, was Ihr habt und
Eure Preise, ich brauch' es ja nicht zu nehmen, wenn es mir nicht ansteht. Und
da Ihr mich schindet, wo Ihr knnt, wei ich ohne Eure Vorrede. Also heraus mit
der Sprache! Knnt Ihr mir ein Stck zehn Buben verschaffen?
    Seid nur nicht immer so strmisch! sagte der Andere. Und dabei zog er
unter seinem Sitze ein Papier hervor. Man meint immer, wir wollen uns am Halse
fassen, und scheiden doch meistens als die besten Freunde. - Hier ist eine
artige Liste' fuhr er nach einer kleinen Pause fort, whrend welcher er in das
Papier geblickt, aber da nicht viele Kinder dabei sind, die keine Eltern mehr
haben, so kommt die Sache etwas hher zu stehen.
    Gebt her, sprach rasch Mathias, indem er das Papier in die Hand nahm und
durchflog. - Die vier Ohren hier kosten nicht viel, aber fr die andern sechs
finde ich den Preis unverschmt gestellt. - Da Einer mit vierzig Thalern.
    Dessen Stiefmutter ein tchtiges Geschenk verlangt hat.
    Da Einer sogar mit sechzig Thalern.
    Ist schon zehn Jahre alt und hat eine Schwester, die an ihm den Narren
gefressen hat. Kostet mich an zwanzig Thaler fr Briefe und Zeugnisse, um zu
beweisen, da der Bube in eine gute Lehre kommt.
    Wird sich wundern, brummte Mathias, whrend er an den Fingern rechnete.
Dann lie er die Hand mit dem Papiere sinken und sagte: Aber da sie Alle
gerade gewachsen sind, dafr steht Ihr mir natrlich ein.
    Versteht sich von selbst, erwiderte Meister Schwemmer. Ihr zahlt
berhaupt nicht eher, als bis der ganze Transport bei einander ist und Ihr Alles
durchgemustert habt. - Na, macht kein so finsteres Gesicht; es ist und bleibt
doch ein gutes Geschftchen.
    Mathias hatte die Hnde auf den Rcken gelegt und blickte gedankenvoll durch
das Fenster in den kleinen Hof.
    Frau Bilz, welche gerade vor ihm sa, schaute aufmerksam in seine dsteren
Zge, und ihre Hnde, die bis jetzt ber einander lagen, falteten sich langsam
zusammen.
    Ich mu berhaupt schon gestehen, sagte Mathias nach einer Pause, da mir
dieses Geschft vollkommen entleidet ist; es ist doch das Niedertrchtigste, was
ich kenne, - ein frmlicher Sklavenhandel, und ein Sklavenhandel, weit schlimmer
wie der, den sie drben in Amerika betreiben. Dort wechselt so ein armer Teufel
von Schwarzem oder so ein Kind nur seinen Herrn; der eine ist ein bischen
besser, der andere ein bischen schlimmer, aber ihr Leben bleibt sich im
Allgemeinen gleich; sie mssen freilich arbeiten, sie bekommen auch wohl ihre
Schlge, doch an Leib und Seele werden sie darum nicht schlechter, und wenn sie
auch durch ein Dutzend der verschiedenartigsten Hnde gegangen wren. Aber bei
dem Sklavenhandel, den wir betreiben, ist es ganz, ganz anders.
    Ja, ja, sprach die Frau beistimmend.
    Was wird aus den Geschpfen, die wir in ein fremdes Land hinber fhren?
Bekommen sie vielleicht einen Herrn, der fr sie sorgt, der sie zur Arbeit
anhlt, der sie lehrt und im Nothfalle auch nhrt? - Nein! nein! gewi nicht!
Die Buben werden nach und nach Bettler von Profession, Halunken, Spitzbuben,
Ruber und Mrder, und die Mdchen - na! Denen geht's noch viel schlimmer. - Das
versichere ich Euch, Meister Schwemmer, alle Thaten unseres Lebens, die wir im
Dunkeln verbt, alle die zusammen genommen werden einmal nicht so schwer wiegen,
wie der Jammer eines einzigen dieser unglcklichen Geschpfe, wenn es am Ende
eines elenden, sndhaften Lebens verkommen und jammervoll hinter irgend einer
Hecke zum Teufel fhrt.
    Die Frau nickte stumm mit dem Kopfe, und Herr Struber, der, so lange
Mathias in der Nhe war, auerordentlich wenig sprach, schien ihn trsten zu
wollen, indem er sagte: Man mu das nicht so genau nehmen bei dem Mathias; er
hat seine schwachen Augenblicke, nachher hat er doch wieder Alles vergessen.
    Fr diese Worte warf ihm Mathias einen nichts weniger als freundschaftlichen
Blick zu, dann steckte er die Hand auf die Brust unter seinen Rock und
erwiderte: Leider ist es wahr, da mir solche Gedanken nur auf Augenblicke
kommen, aber auch das ist schon was werth, und ich bin mir gerade recht wie ich
bin. Wenn ich auch zuweilen im Schmutz wate, tief bis an die Kniee, so ist es
mir doch auch wieder einmal behaglich, trockenen Fues ber einen hohen Berg zu
marschiren und ein bischen schne Aussicht nach vorwrts zu genieen. Das nennt
Ihr freilich hie und da solche Gedanken haben, aber es ist doch, beim Teufel!
besser, auch nur bisweilen solche Gedanken zu haben, als immer und ewig im
feuchten Dreck daher zu schlampen, der Euch freilich nie recht beschmutzt, aber
auch nie nur eine Sekunde lang reinlich erscheinen lt. - Doch was werfe ich
Perlen vor die Sue, wie es in dem Sprichwort heit! - Damit schlug er das
Papier zusammen, griff nach seinem Hute und ging, ohne ein Wort weiter zu
verlieren, zum Zimmer und zum Hause hinaus.
    Herr Struber blickte ihm nach, bis er ber den Hof verschwunden war, dann
gewann er mit einem Male seine ganze Redseligkeit wieder. - Es ist hart, sagte
er, whrend er seinen Hemdkragen hervor zog, mit solchen Menschen umgehen zu
mssen, fr einen Mann von Erziehung, wie ich, mit einem Kerl wie dieser
Mathias. Wrde sich vielleicht kein Gewissen daraus machen, Jemand fr ein paar
Gulden niederzustechen, und nimmt sich da heraus, vor uns von besseren Gefhlen
zu reden. - Das kme mir vielleicht zu, wenn ich an meine Jugend und frheren
Tage denke.
    Er spricht nicht nur zuweilen etwas Gutes, sagte die Frau, sondern er
thut es auch.
    Da wre ich neugierig, meinte Herr Struber.
    Drauen in der Vorstadt, wo wir wohnen, wurde vorgestern ein armer Weber
mit sechs lebendigen Kindern und wenigem armseligem Hausrath bei dem
scheulichsten Wetter auf die Strae gesetzt. Ihr knnt Euch den Jammer gar
nicht denken.
    Ja, ich wei es, bemerkte lchelnd Meister Schwemmer.
    Das Weib, fuhr Frau Bilz fort, hatte ein kleines Kind an der Brust, und
Beide waren blau vor Klte. Da kam Mathias und verschaffte ihnen in einem
Hinterhause ein ganz ordentliches Unterkommen.
    Aber er stellte Bedingungen dabei? fragte besorgt der Hausherr.
    Nein, entgegnete die Frau, davon wei ich nichts. - Im Gegentheil: er
rieth dem Manne, Bedingungen, die ihm ein Anderer gestellt haben mute, um
keinen Preis einzugehen.
    Soll ihn der Teufel holen! rief Meister Schwemmer.
    Und was waren das fr Bedingungen? fragte Herr Struber.
    Wieder ein Menschenhandel, sagte achselzuckend die Frau.
    Und also der Mathias rieth im wirklich davon ab? fragte der Mann am Ofen,
der sein Taschentuch zusammen knitterte und es dann schnell an seinen Mund
drckte, um einem Hustenanfall zuvor zu kommen, den augenscheinlich der Zorn bei
ihm erregt. - Ja, - ja, sagte er nach einer Weile, als er wieder etwas zu
Athem kam, - soll - ihn - lothweis - der Teufel - holen! - Verdirbt Einem - den
saubersten - Handel.
    Seht Ihr wohl, sprach Herr Struber, ist das kameradschaftlich? Das nenne
ich unter Freunden Verrath. Und pat nur einmal auf, wir knnen uns noch Alle
vor dem Kerl in Acht nehmen; auf einmal wird man unsere Schliche kennen, wir
sind gefat und er spaziert hohnlachend umher.
    Davon ist kein Gedanke, versetzte Meister Schwemmer, Mathias ist treu und
redlich wie Gold. - Struber, wie knnt Ihr so Etwas denken!
    Nehmt Euch ja in Acht, sagte ruhig die Frau, indem sie ihm einen
verchtlichen Blick zuwarf, da Eure Gedanken nicht auer diesem Hause laut
werden und ihm zufllig zu Ohren kommen. Das wre eine scharfe Ecke fr Euch; an
der knntet Ihr Euch blutig stoen.
    Und Blut ist nicht seine Leidenschaft, sprach achselzuckend Meister
Schwemmer. - Doch gehen wir an unser weiteres Geschft. - Was wir sprechen,
bleibt ja unter uns, fuhr er lchelnd fort, als er sah, da sich das Gesicht
des Herrn Struber bedeutend verlngerte. Da habe ich zwei Auftrge von unserer
Freundin, der Madame Becker.
    Aha! die in der alten Kaserne! sagte Frau Bilz.
    Dieselbe. - Das ist ein verfluchtes Weibsbild und verdient Geld wie Heu;
sie hat, wie sie mir sagte, in D. und F., vier Stunden von hier, zwei junge
Mdchen aufgesprt, zwischen sechzehn und achtzehn Jahren, frische, schne,
saftige Landpomeranzen, die gern einen Dienst in einer groen Stadt haben
mchten. Hier ist es nun zu nah; dehalb will ich sie an einen Geschftsfreund
nach B. senden, wo eine starke Nachfrage nach solch' unberhrter Waare ist. Die
Becker hat den beiden Mdchen vorgeschwindelt, sie kmen dort in ein ganz
anstndiges Haus, erhielten einen bedeutenden Lohn und brauchten sich nur mit
seiner Arbeit zu beschftigen. - Und das ist ja Alles wahr, fuhr der alte
Snder kichernd fort, indem er sich die Hnde rieb. - Sie frchtet aber nun,
wenn die beiden Mdchen auf der Eisenbahn hieher fahren, so knnten sie am Ende
zu Leuten zu sitzen kommen, die ihnen die ganze Geschichte verdchtigen und
ihnen - es knnten ja sogar welche von B. sein - geradezu sagen wrden, die
Adressen seien falsch und die Huser existiren dort gar nicht. - Versteht Ihr
mich?
    Vollkommen, entgegnete Herr Struber.
    Und die Frau nickte stillschweigend mit dem Kopfe.
    So, nun pat auf! fuhr der Hausherr fort. In circa acht Tagen werden die
beiden Mdchen von D. und F. abreisen. Man wird Euch Alles das noch genau
mittheilen; dann fahrt Tags vorher Ihr, Frau Bilz, nach D. und der Struber nach
F. Ihr, Frau, bekommt ein genaues Signalement des einen Mdchens, setzt Euch zu
ihr hin und plaudert mit ihr; in F. nun kommt zugleich mit dem andern Mdchen
dort Euer Bruder auf die Bahn.
    Welcher Bruder? fragte mitrauisch Herr Struber.
    Nun, Ihr stellt den Bruder vor. O ich wei schon, was Ihr sagen wollt, Frau
Bilz zieht sich ein bischen stdtisch an, darauf knnt Ihr Euch verlassen. -
Also Ihr steigt mit dem anderen Mdchen in F. ein, habt wo mglich schon im
Warsaal ein paar Worte mit ihr gewechselt, findet Eure Schwester, und setzt Euch
nun, wenn es geht, alle vier zusammen. - Verstanden?
    Natrlicherweise, entgegnete Herr Struber. Wir lassen uns dann von den
beiden Mdchen erzhlen, wohin sie wollen.
    Richtig, richtig! Ihr erfahrt, da sie nach B. gehen, Ihr, Beide seid auch
daher, und knnt Ihnen nun ber die Huser, wohin sie adressirt, die allerbeste
Auskunft geben. - Sobald Ihr mit den Beiden hier ankommt, so seid Ihr ihnen
augenblicklich behilflich, da sie Pltze nach B. nehmen. Ihr, Struber, habt
nun hier Geschfte und bleibt da, die Frau aber begleitet die Mdchen und bringt
sie in B. nach einem gewissen Hause, das man ihr bezeichnen wird. - So, das wre
im Reinen. Ihr habt doch keinen Zweifel mehr?
    Frau Bilz zuckte mit den Achseln und sagte: Ich wute schon um die
Geschichte; ich war gestern bei der Becker, die mit mir davon sprach.
    Nun, da werdet Ihr auch gehrt haben, da ich Euch sogleich vorschlug,
erwiderte der Hausherr, nachdem er eine starke Prise genommen. Ja, Ihr seht,
Frau Bilz, da ich immer an Euch denke, wo es Etwas zu verdienen gibt.
    Die Frau gab hierauf keine Antwort, sondern lie den Kopf auf die Brust
sinken und spielte mit den Bndern ihrer Schrze.
    Herr Struber erhob sich von seinem Stuhle, strich sein Haar zurck, setzte
den Hut auf und zog seine baumwollenen Handschuhe an.
    Und werden wir Geld zu dieser Fahrt von Euch bekommen? fragte er, whrend
er die Briefe, die er vorhin geschrieben, in die Tasche steckte.
    Allerdings, antwortete vergngt der Hausherr, der heute gute Geschfte
gemacht hatte, kommt nur am Samstag, da sollt Ihr Alles haben: Geld, Adresse
und die genaue Beschreibung von einem Paar sehr hbscher Mdchen.

                          Sechsundvierzigstes Kapitel.



                               Weihnachtsfreuden.

So war denn auch wieder einmal Weihnachten gekommen, diese frohe und glckselige
Zeit fr Alt und Jung, - fr erstere zum Geben, fr letztere zum Empfangen; und
wer dabei die grte Freude hat, ist noch unentschieden. Wie bemhen sich die
Kleinen vor diesem festlichen Abend, alles Unangenehme, das sie den Eltern
zugefgt, vergessen zu machen und sich nur darzustellen in ihren guten und
schnen Eigenschaften. Ja, schon vier Wochen vor Weihnachten geht es in den
Schulen und zu Haus ungleich stiller her als das ganze Jahr; man hrt nicht das
verdchtige Klopfen des Lineals, man vernimmt wenig Scheltworte, und wozu frher
eine ganze lange Ermahnungspredigt nothwendig war, das thut jetzt ein einfaches
Achselzucken und die hingeworfene Bemerkung: Nun ja, es ist ja nchstens
Weihnachten, da wird sich alles Das schon finden.
    Aber nicht blos die Kinder freuen sich unbeschreiblich auf diesen Abend,
auch fr Manchen der Erwachsenen ist das eine Zeit, wo man gegenseitig auf so
ungenirte Art anonyme Geschenke empfangen und machen kann, wo sich so pltzlich
auf dem Teller dieser oder jener jungen Dame, oder mit einer zierlichen
Aufschrift am Baume hngend, ein kleines elegantes Etui findet, und wenn man es
ffnet, darin ein Ring, ein Armband oder dergleichen. - Freilich wird Mama
selbst an diesem heiligen Abend die Augenbrauen etwas in die Hhe ziehen, und
die jngeren Schwestern, die noch keine Armbnder bekommen, oder auch die
ltere, die keine mehr erhlt, verchtlich die Naschen rmpfen und mit Absicht
leicht darber hinweg zu blicken versuchen. - Das thut Alles nichts; wie schon
bemerkt, an dem Abend wird Manches verziehen oder Manches geglaubt.
    Ach! dies schne Geschenk wird von Onkel Karl sein! sagt die Betreffende,
indem sie mit auerordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Papierchen
verschwinden lt, das unter dem Armband gelegen. Ach! Onkel Karl, das ist zu
viel! Nein, das ist zu viel!
    Onkel Karl, ein alter geiziger Hagestolz, steht daneben mit einem hchst
dummen und verblfften Gesicht; und befindet er sich augenblicklich unter dem
Einflu von einiger Geistesgegenwart, die ihm aber gewhnlich mangelt, so macht
er grinsend ein breites Maul, lchelt ziemlich bldsinnig und ist unverschmt
genug, die warmen Ksse seiner lieblichen Nichte fr Rechnung eines Anderen in
Empfang zu nehmen.
    Du erinnerst dich gewi, theurer und geneigter Leser, so lebhaft wie wir
dieser herrlichen schnen Weihnachtszeit. Du kannst das nicht vergessen, nicht
einmal in dem schlimmen Falle, wenn du selbst lange, lange Zeit hindurch Niemand
etwas Gutes mehr bescheert hast, oder wenn dir ein bses Schicksal whrend
vieler Jahre nur Futritte oder Ohrfeigen gab. Ja, auch dann wirst du dich, wenn
auch wehmthig, jener Zeit erinnern, wo du zum letzten Male etwas Angenehmes
bescheertest oder wo dir etwas Angenehmes bescheert wurde. -
    Ach! es ist etwas so Kstliches um die Erinnerung, um eine angenehme
Erinnerung, und wenn wirklich deine Seele schon lange mit dickem Staube bedeckt
ist oder sich dein getuschtes und verrathenes Herz mit einer festen Schale
umzogen - an diesem Abend steigt jener auf, zerschmilzt diese, und du fhlst,
wie dich ein ser Schauer durchzieht - wenn du das nmlich fhlen willst -
seltsame Tne, bunte, glnzende Bilder, und alles Das eingehllt in den
wohlbekannten Duft der Tannennadeln und des herabtrufelnden Wachses.
    Dann eile hinaus auf die Strae, um dich unter den Glcklicheren
umzuschauen, selbst wenn es nebelt oder sogar einzelne Schneeflocken vom dunkeln
Himmel herab dich in groen Kreisen umflattern und zuletzt auf deiner Nase oder
deiner Wange zerschmelzen. Das gehrt mit zum heiligen Christtag, und ist das
wilde Wetter zuweilen liebend den Tausenden von Tannenbumen nachgezogen, die
man aus dem finstern Wald hieher versetzt.
    Wer achtet aber dieses Wetters? - Niemand. Selten siehst du einen
Regenschirm aufgespannt, und die Damen behelfen sich sogar, indem sie dichte
Kaputzen ber den Kopf ziehen und von unten mit soliden Ueberschuhen verwahrt
sind. Man hat auch keine Zeit, nach dem Wetter zu sehen oder den Regenschirm zu
balanciren; man mu nur dafr sorgen, da man nicht an die Begegnenden anstot
und da man seine kostbaren Waaren unversehrt nach Hause bringt.
    Die schnste Stunde an diesem Abend ist gleich nach der Dmmerung, wenn die
Ladendiener eilfertig die Gaslampen angezndet haben, und wenn es nun wie ein
Aufschrei hchster Lust durch die Glasschrnke zieht, wenn Alles heller wird als
am Tage; denn die Sonne vermag nicht in den dunkeln Winkel zu dringen, wo die
Schaukelpferde stehen, oder dort hinten in die Ecke neben dem Ofen, wo sich die
hlzernen Gewehre, die Sbel, Schwerter und Peitschen befinden.
    Jetzt aber strahlt Alles von Licht und Glanz.
    Es glnzt das Gold auf den Helmen und Harnischen der Rittersmnner, man
sieht die Mhnen der Rosse flattern, und hell strahlen die Fenster dieses
Schlosses oder jener Burg.
    Wie galoppiren die Pferde dort vor der reichen, bunten Karosse, wie anmuthig
lchelt die Dame in derselben, und wie greulich verzieht der edle Nuknacker
sein hliches Gesicht! Sollte man doch glauben, er schiele ordentlich links
hinber nach jener groen schnen Puppe in weiem gesticktem Atlaskleide mit
wirklichen Schuhen an den Fen und chtem Haar auf dem Kopfe. Dieses Gesicht
ist aber auch der Mhe werth, betrachtet zu werden: die runden, schneeweien
Wangen, angetupft mit einem zarten Roth, der zusammengezogene Mund, so klein,
da er gar nicht in Betracht kommt, die unbedeutende Nase und hauptschlich die
groen blauen Augen von unaussprechlichem Glanze und einem Ausdruck, der ber
alle Beschreibung geht. Sie blickt verwundert vor sich in das Gewlbe und, wie
in tiefe Gedanken versunken, schaut sie keine Menschenseele an, sondern starrt
weit, weit hinaus in die unmebare Ferne. -
    Jeder aber ist wie gesagt an diesem Abend eilig und hat fr den besten
Freund keine Zeit; Der hat dies, Jener das vergessen, und da heute Abend Mgde
und Knechte alle Hnde voll zu thun haben, so mu er selbst rennen und laufen,
um das Versumte herbei zu holen.
    Da wre ich schn angekommen, sagt ein dicker Herr im Laden zu einem sehr
drren, der Wachslichter aufsucht, meine Frau hat sich ein Portemonnaie
gewnscht, wie sie es vor acht Tagen bei der Staatsrthin gesehen. Wissen Sie,
von dnischem Leder mit Stahlschlo; ich versichere Sie, bester Freund, es ist
gut, da es mir jetzt noch einfiel, ich htte bse Feiertage gehabt.
    So kann man Unglck haben! ruft ein anderer Herr, der eilig in den Laden
tritt. - Bitte um neue Glaskugeln, sagt er zu dem Ladendiener, der mit offenem
Munde herbeieilt. Da sehen Sie die Bescheerung! wendet er sich an den dicken
Herrn, gehe ich noch von hier aus zur Putzmacherin - sie hat die Sammetmantille
fr Madame noch nicht geschickt - und da ich warten soll, setze ich mich nieder
auf einen Stuhl und auf die Glaskugeln. Es ist nur ein Wunder, da mir kein
Scherben irgendwo eingedrungen ist. - So. - Wie viel macht's?
    Einen Gulden und zwlf Kreuzer.
    Hier sind sie. - Gute Nacht, ihr Herren, vergngte Weihnachten!
    Wer aber auch nicht im Stande ist, Glaskugeln, Sammetmantillen oder
Portemonnaies zu kaufen, wie sie die Staatsrthin hat, ja wer es kaum zu einem
verkrppelten Tannenbaume und zu einigen vergoldeten Nssen zu bringen vermag,
freut sich des Lebens und ist mit den Seinigen heiter und guter Dinge. Das
hlzerne Pferd, das der Vater geschenkt erhielt, wird auf's Knstlichste wieder
hergerichtet, die Mutter macht einen neuen Zaum, der Vater einen superben
Schweif von Baumwolle, der aus der Dintenflasche schwarz gefrbt wird. Am Baume
hngen ein paar Brezeln oder einige Wecken an Schnren, auf dem Tische liegen
die neuen Hschen und das neue Wamms mit glnzenden Knpfen besetzt, und mit
weit aufgerissenen Augen wird alles Das betrachtet, bis auf die Ruthe, die am
Baume schwebt, und die verstohlene, ehrerbietige Blicke auf sich zieht.
    Selbst die Armen, denen zu Haus kein Weihnachtsbaum glnzt, denen Vater und
Mutter nichts zu bescheeren im Stande sind, erfreuen sich am heutigen Abend der
allgemeinen Pracht und Herrlichkeit und es mu schon ein besonderer Segen in der
heutigen Nacht ber alle Menschenkinder ausstrmen, der Neid und Migunst nicht
aufkommen lt; denn die Kleinen da drauen vor dem Fenster, die soeben noch
frierend durch die Straen zogen, bleiben jetzt pltzlich stehen, wenn sie den
herrlichen Lichterglanz erblicken, klettern an das Fenster des Erdgeschosses
empor und blicken mit leuchtenden Augen so lange in die hellbestrahlte Stube auf
den Tannenbaum mit den vielen Lichtern, auf all' die seltsamen Spielsachen, bis
der Hauch ihres eigenen Mundes die Scheibe trbt und Alles in einen dichten
Nebel verschwimmt.
    Wenn aber ein gutes Kind drinnen im Zimmer sieht, da vor dem Fenster so
arme kleine Geschpfe stehen, denen der heilige Christ am heutigen Abend nichts
bescheert als Hunger und Klte, so erbittet es sich von den Eltern etwas
Spielzeug und Backwerk, ffnet leise das Fenster und reicht es den armen Kindern
hinaus. Die nehmen es, und geblendet von dem Lichterglanz glauben sie
vielleicht, es sei am Ende das Christkind selbst gewesen, das ihnen bescheert,
und eilen mit dieser frohen Botschaft nach Hause, indem sie das, was sie
erhalten, freudestrahlend vorzeigen.
    Dazu luten die Glocken der Kirche, die tiefen Tne der Orgel dringen aus
den geffneten Thren hervor, und die Menge strmt ab und zu, um die Krippe mit
dem heiligen Christus zu sehen, die am Hochaltar enthllt wird. Der Boden der
Kirche ist feucht und die Futritte hallen wider auf dem Steinpflaster; die
Regenschirme und nassen Mntel verbreiten einen sonderbaren Geruch, und dazu
duftet der Weihrauch so bekannt und angenehm. Man verrichtet sein Gebet, eilt
wieder hinaus, und vor der Kirchenthre blickt man aufwrts, ob der Himmel ein
freundliches Gesicht mache und gute Feiertage verheie. - Ah! es sind da viele
schwarze Wolken: doch wird es ber uns an einer kleinen Stelle heller und es
erscheint ein schner blauer, sanft strahlender Stern. Der ist vielleicht ein
Prophet fr gutes Wetter, oder es ist auch jener Stern, der sich immer ber der
Krippe des kleinen Christkindes zeigt und dem die heiligen drei Knige
nachgegangen. - Ja, der mu es sein, - geschwind nach Hause, das mu man den
Kindern erzhlen! -
    Wenn an einem solchen Christabende die Menge der Kufer und Kuferinnen
anfngt, in den Gewlben nachzulassen, - das geschieht nun nach sechs Uhr, - so
werden die meisten der Lden geschlossen, damit auch die den ganzen Tag so
beschftigten Leute jetzt schon ihren Feiertag beginnen knnen; oder man lt
vielleicht noch zur Beaufsichtigung des Ganzen eine der Ladenjungfern zurck,
die sich alsdann verdrielich an den Tisch setzt, den Kopf auf die Hand sttzt
und wohl an ihre Heimath denkt, wo jetzt Alles heiter und vergngt um den
Christbaum steht, whrend sie hier noch ein paar Stunden allein sitzen mu. Das
Geschft darf noch nicht geschlossen werden: es knnte vielleicht noch ein
verspteter Kunde etwas brauchen.
    Diese Vorsicht war denn auch in einem der grten Lden der Hauptstadt nicht
unnthig, und die junge Dame, welche hier sa, hatte sehr Unrecht, als sie
soeben einen kleinen Monolog hielt, worin sie von hartem Dienste sprach und von
berflssigen Qulereien, die darin bestnden, noch hier sitzen zu mssen,
nachdem schon Alles lngst auf seine Zimmer gegangen; - denn kaum hatte sie ihn
beendigt, so fuhr ein Wagen dicht vor die Ladenthre, und ein Herr, der darin
sa, ffnete den Schlag selbst, sprang heraus und trat in das Gewlbe.
    Schon dachte ich, es wre auch hier geschlossen, sagte er laut und lustig,
und das wre mir uerst unangenehm gewesen, denn ich mu Sie noch bei sptem
Abend bemhen und Sie um das Neueste bitten, was es in kleinen seidenen
Halstchern fr Damen gibt.
    Ah! Herr Doktor! versetzte das Mdchen, das eifrig aufgesprungen war. Wir
werden nur heute Abend bei Licht die Farben nicht recht unterscheiden knnen,
das nimmt sich Alles bei Tage anders aus.
    Sie haben vollkommen Recht, mein Kind, entgegnete der Herr; aber meine
Zeit am Tage ist auerordentlich kostbar, namentlich im Winter, wo es so viele
Kranke gibt. - Und dann verlasse ich mich auf Ihren Geschmack. - Bringen Sie
auch sogleich einen Carton mit Damenhandschuhen, davon kann ich auch etwas
brauchen, rief er dem Mdchen nach, das nach dem Hintergrunde gegangen war, um
das Verlangte zu holen. - Gott! ich htte beinahe den ganzen Weihnachtsabend
vergessen!
    Das wrde der Frau Doktorin nicht lieb gewesen sein, sprach lchelnd die
Ladenjungfer, indem sie die beiden Schachteln auf den Tisch stellte. - Aber das
ist Ihr Scherz, und Sie haben gewi schon seit mehreren Tagen prchtige Sachen
fr die lieben kleinen Kinder bereit liegen.
    Ah! das will ich meinen! erwiderte der Herr; den Kindern eine Freude zu
machen ist leicht; man findet da immer Geschichten, die ihnen gefallen. Aber bei
den Erwachsenen - ist das oft unendlich schwer, setzte er leise hinzu.
    Sehen Sie, Herr Doktor, diese kleinen Shawls sind das Neueste, was wir
haben - und sehr elegant.
    Ja, - nicht bel. Nehmen wir zwei: einen rothen und einen blauen, ich wei
nicht, welche Farbe meine Frau am liebsten hat. - Nun zu den Handschuhen!
    Whrend das Mdchen den Carton ffnete, der das Verlangte enthielt, und die
zierlichen Pakete heraus legte, trat ein anderer Herr in den Laden, nahm unter
der Thre seinen Hut ab und schlenkerte ihn hin und her, um einige Schneeflocken
zu entfernen, die darauf gefallen waren, da er keinen Regenschirm bei sich
hatte. Dann bedeckte er sich wieder und trat an den Ladentisch.
    Dieser Herr trug eine Brille, und da ihm die Glser derselben pltzlich
anliefen, als er in das erwrmte Gewlbe trat, so zog er sein Sacktuch heraus,
nahm die Brille herunter und putzte sie sorgfltig rein, wobei er mit dem
eigenthmlichen Blick, den die Kurzsichtigen gewhnlich haben, vor sich
hinstarrte.
    Das Mdchen bot ihm freundlich einen guten Abend.
    Whlen Sie fr mich, sagte der Doktor, der ber die Handschuhpakete
gebeugt stand, nehmen wir meinetwegen zwei Dutzend, Numero sieben hat meine
Frau; die Farbe will ich Ihnen berlassen.
    Der andere Herr hatte seine Brille schnell wieder aufgesetzt, blickte den,
der eben sprach, von der Seite an, und dann klopfte er ihm leicht auf die
Schulter.
    Der Doktor richtete sich in die Hhe.
    Ah! du bist es, Alfons, sagte er. Was treibt denn dich so spt hier in
den Laden?
    Oh! erwiderte dieser, wahrscheinlich dasselbe, was dich hieher fhrt. Ich
brauche ebenfalls noch ein paar Kleinigkeiten fr heute Abend. - Ihr kommt doch
auch zu uns?
    Zur allgemeinen Bescheerung; das versteht sich von selbst. Ah! da haben wir
noch nie gefehlt.
    Diese Farben sind schn, meinte das Ladenmdchen, indem sie die
ausgesuchten Handschuhe vor den Doktor niederlegte, es ist die gleiche
Qualitt, die Ihr Herr Schwager vorhin gekauft, nur habe ich andere Farben
ausgesucht.
    So, du hast auch Handschuhe fr deine Frau gekauft? versetzte der Doktor
mit gleichgiltigem Tone. Da er aber hiebei den Blick auf die seinigen warf, so
bemerkte er nicht, da Alfons in diesem Augenblicke auf hchst unangenehme Art
sein Gesicht verzog.
    Ja, ich habe auch Handschuhe gekauft, erwiderte dieser nach einer Pause,
natrlich fr Mariannen, aber - - nicht zum heutigen Abend; dafr habe ich
schon andere Sachen. Ich werde ihr die Handschuhe gelegentlich nchster Tage
geben. - Hast du denn schon zu Hause den Kindern bescheert? fragte er darauf,
um von etwas Anderem zu sprechen.
    Nein, nein, antwortete der Doktor lustig, das kommt noch und ich freue
mich darauf, als wenn ich selbst ein Kind wre. Wenn man so den ganzen Abend wie
ich, in den verschiedensten Wohnungen herumkommt, und bald hier bald dort
jubelnde Kinderstimmen hrt, oder den Lichterglanz sieht, wenn sich in irgend
einem dunkeln Gange pltzlich eine Thr ffnet, und wenn man das Alles so aus
der Ferne und eigentlich theilnahmlos mit ansehen mu, so ist man ordentlich
begierig darauf, dies Fest auch bei den Seinigen zu feiern.
    Aber der Herr Doktor haben doch heute Abend schon bescheert, sagte
lchelnd das Ladenmdchen; als Sie Nachmittags vorbei fuhren, reichte man dem
Kutscher von dem Hause gegenber eine ganze Menge Sachen in den Wagen hinein.
    Ei, ei! der Herr Doktor! sprach Alfons, indem er unangenehm lchelnd seine
Augenbrauen in die Hhe zog.
    Es war nur Kinderspielzeug, fuhr das Ladenmdchen fort.
    Ei der Tausend! auch Kinderspielzeug? meinte Alfons forschend. Doch nicht
fr deine eigenen!
    O nein, entgegnete unbefangen der Doktor, whrend er den listig
aussehenden Schwager mit seinem offenen, ehrlichen Gesichte ruhig anblickte.
Ich habe so arme Kinder in meiner Kundschaft, die von keinem Menschen etwas
erhalten, und da habe ich's mir angewhnt, dieselben am heiligen Christabend ein
wenig zu bescheeren; es schmerzt mich ordentlich, wenn ich so arme Geschpfe bei
ihrem Brod und ihren Kartoffeln, oftmals im kalten Zimmer sitzen sehe und dabei
an mein Haus denke, wo Oskar und Anna sich in der behaglichsten Umgebung
befinden und wenn sie kaum einen vernnftigen Wunsch ausgesprochen haben, dieser
auch schon erfllt ist.
    Aber, mein lieber Freund, antwortete Alfons, diese Ungleichheiten im
menschlichen Leben kann man unmglich ebnen und es mu so sein.
    Es mu allerdings so sein, sagte der Doktor, doch ist es an uns, so viel
wir im Stande sind, dem Armen seine Armuth leicht zu machen.
    Amen! setzte Alfons spttisch hinzu. - Dann nahm er noch ein kleines
Halstuch, diesmal fr seine Frau, wie er sagte, - er schien das vorhin bei dem
Handschuhkauf ganz vergessen zu haben, dann wandte er sich an seinen Schwager
und sprach: Du kannst mich wohl an mein Haus fhren, es ist fr dich kein
groer Umweg und drauen regnet und schneit es durcheinander.
    Das versteht sich von selbst, erwiderte dieser und bezahlte seine
Rechnung. - Steigen wir ein!
    Die beiden Schwger verlieen den Laden, bestiegen die Droschke des Arztes,
und die mden Pferde, die den ganzen Tag auf dem Pflaster herum gelaufen waren,
gingen in einem ziemlich kurzen Trabe davon.
    Bei dem Hause des Kommerzienraths setzte der Doktor seinen Schwager ab und
rief ihm dann zu: Also bis nachher!
    Jetzt schimmerten erst recht in allen Husern die Weihnachtsbume, jetzt
konnte man erst recht das Jubeln der Kinder vernehmen; jetzt war Freude an allen
Ecken.
    Der Arzt blickte gern aus seinem Wagen heraus und freute sich jedesmal, wenn
er bei einem so hellerleuchteten Fenster vorber kam, wenn so die vielen
brennenden Kerzchen wie kleine Blitze in seine Augen fuhren, um gleich darauf
wieder zu verschwinden. Er kam am Weihnachtsabend selten so spt wie diesmal
nach Hause, doch hatten ihn einige wichtige Krankheitsflle zurckgehalten;
sonst war er es immer, der den Weihnachtsbaum arrangirte, anzndete und dann die
Kinder herbei rief. Das Letztere mochte er sich auch heute nicht nehmen lassen,
wehalb er befohlen hatte, mit dem Anznden zu warten, bis er kme; auch war es
noch nicht so spt - erst sieben Uhr - und die Hoffnung auf bevorstehende
Bescheerung ist schon im Stande, die kleinen Kinderaugen offen zu halten.

                         Siebenundvierzigstes Kapitel.



                               Weihnachtsleiden.

Endlich hatte der Doktor seine Wohnung erreicht; er sprang aus dem Wagen in's
Haus und eilte die Treppe hinauf. Heute war es ihm lieb, da die Glasthre,
obgleich gegen seinen Befehl, offen stand: brauchte er doch nicht lange zu
klingeln und konnte gleich auf den Korridor gehen, wo ihn dann die Kinder am
Tritte erkannten, und ihm, wie namentlich bei solchen Veranlassungen gewhnlich,
entgegen strzen wrden.
    Aber diesmal kam Niemand, - er hustete, er stie mit seinem Stock auf die
Steinplatten, - umsonst! Weder Oskar noch Anna lieen sich sehen.
    Kopfschttelnd ffnete er die Thre zum Speisezimmer, wo in der Regel der
Christbaum aufgestellt wurde; da war Alles finster, aber es drang ihm ein Geruch
entgegen von verbranntem Wachslicht und Tannennadeln, aber viel schrfer, als er
gewhnlich vom Anznden des Weihnachtsbaums entsteht.
    Eilig wandte er sich hierauf nach dem Kinderzimmer, ffnete hastig die Thre
und wollte mit seinem gewhnlichen Schritte eintreten, doch kam ihm das
Stubenmdchen entgegen, legte den Finger auf den Mund und sagte: Bitte, Herr
Doktor, etwas leise, sie schlafen.
    Wer schlft? fragte er berrascht.
    Nun, die Kinder, wenigstens liegen sie ganz ruhig.
    Und schon so frhe, ehe ich den Weihnachtsbaum anzndete und ihnen
bescheerte?
    Ja, - ja - Herr Doktor - erwiderte das Mdchen ziemlich verlegen, es ist
uns heute Abend ein kleines Unglck geschehen.
    Wem ist ein Unglck geschehen?
    Eigentlich nicht uns, sondern der Frau Doktorin.
    So, ist meine Frau krank? fragte der Doktor und wollte eilig das Zimmer
verlassen.
    Nein, die Frau Doktorin sind ganz wohl, aber ich wollte nur sagen: ihr ist
eigentlich das Unglck geschehen mit den Kindern.
    Um Gotteswillen! was ist's mit den Kindern? rief erschreckt der Vater. Und
dabei drckte er das Mdchen auf die Seite und eilte wieder hinaus in's Zimmer.
- Wo ist Frau Bendel?
    Die Aufgerufene kam zwischen den Betten hervor, in welchen die Kinder lagen
und ging ihrem Herrn mit einem mehr verdrielichen als verlegenen Gesichte
entgegen.
    Mach' Sie doch keinen solchen Lrmen! sagte sie zum Stubenmdchen; man
sollte ja glauben, hier lge Alles in den letzten Zgen. - O, es ist nicht so
schlimm, wandte sie sich an den Doktor, Oskar und Anna haben ein kleines
Unglck gehabt, wie das bei Kindern hufig vorkommt. Wir wuten nicht, wo der
Herr Doktor augenblicklich sei, sonst htten wir Sie gleich rufen lassen; auch
fuhr gerade der Herr Obermedizinalrath vorbei, als ich an der Hausthre stand,
um mich nach Ihnen umzusehen, und da rief ich diesen herauf.
    Jetzt schien die groe Geduld des Arztes vollkommen erschpft zu sein. Er
schwenkte seinen Stock heftig in der Hand und sagte mit leiser, aber vor Zorn
zitternder Stimme: Wollen Sie nun endlich die Gte haben, Frau Bendel, mir
gehrig der Reihe nach zu erzhlen, was wieder in diesem Hause fr Dummheiten
und Unglcke vorgefallen sind?
    Bei diesen Worten warf das Stubenmdchen den Kopf in die Hhe und ging,
heftig mit den Achseln zuckend, an den Tisch zurck, wo ihre Nherei lag.
    Nun? sprach der Hausherr ungeduldiger.
    So Frchterliches ist gerade nicht geschehen, antwortete finster Frau
Bendel. Und dann kann ich eigentlich nichts dafr, ich habe keine Dummheiten
gemacht und man braucht nicht immer die Schuhe an mir abzuputzen. - Nun ja, der
Christbaum stand im Ezimmer fertig, alle Spielsachen darunter und sobald es
dunkel wurde, wollte Madame die Bescheerung vor sich gehen lassen.
    Ich hatte aber befohlen, damit zu warten, bis ich nach Hause kme!
    Dafr kann ich nichts; Madame befahl mir, wie schon gesagt, sobald es
dunkel wrde, die Lichter anzuznden.
    Und Madame that das nicht selbst? fragte verwundert der Hausherr.
    Nein, Madame wollten spter kommen, wenn die Kinder ihre Sachen erhalten
htten und der erste Lrm vorbei sei.
    Gerechter Gott! dachte der Doktor, und schlug die Hnde ber einander, das
nennt die Frau einen Lrmen und will nicht sehen, wie die Kinder mit den weit
offenen, glnzenden Augen in das Zimmer treten, wie sie berhaupt auf der
Schwelle stehen bleiben, dann entzckt auf den leuchtenden Baum zustrzen, und
nun nach und nach mit immer grerem Jubelgeschrei ein Geschenk um das andere
entdecken! - Es macht der Frau kein Vergngen, zu sehen, wie sie nun bei jedem
neuen Stcke den Eltern dankbar in die Arme fliegen, sie herzlich kssen und
darauf mit an den Tisch hinziehen, um ihnen die oder das zu zeigen! - - Also
Madame lie den Baum anznden? fuhr er nach einer Pause und zwar mit groer
Ruhe fort, denn sein Herz durchzog ein eisiges Gefhl. Nun, das Uebrige kann
ich mir allenfalls denken. - Aber erzhlen Sie, Frau Bendel, erzhlen Sie es
ganz genau!
    Also wir zndeten den Baum an, und ich mu schon sagen, die Kinder hatten
eine groe Freude ber Alles, namentlich Oskar sprang in Einem fort herum und
war wie ausgelassen.
    Das kann ich mir denken.
    Nun ging ich einen Augenblick hinaus, fuhr Frau Bendel zgernd fort, und
dort die Nanette blieb bei den Kindern.
    Nein, nein, Frau Bendel, das ist falsch, entgegnete eifrig das
Stubenmdchen, mir hatte Madame schon vorher geklingelt, ich mute ihr ja
helfen anziehen.
    Ich wei ganz genau, da Sie im Zimmer war, sagte hartnckig die
Kindsfrau, sonst wr' ich gewi nicht hinausgegangen.
    Bei Ihrem Diensteifer gewi nicht, versetzte der Doktor mit einer
erstaunenswerthen Ruhe; doch zitterte seine Hand mit dem Stocke und die Krempe
seines Hutes drckte er ganz zusammen. - O ich kenne das ganz genau. Gebt euch
dehalb keine Mhe, die Schuld auf das Andere zu schieben, ich will nur einfach
das Faktum wissen; - - die Thatsache, Frau Bendel, wie es auf deutsch heit,
oder, um mich noch deutlicher auszudrcken, was geschehen ist, nachdem die
Kinder allein geblieben bei dem brennenden Baum. Denn da sie allein geblieben,
ist mir schon klar geworden.
    Das ist freilich nicht zu leugnen; aber gewi ohne meine Schuld.
    Und ohne die meinige, sagte schnippisch das Stubenmdchen.
    Was geschah? rief nun der Doktor ziemlich laut, indem er nach den Armen
der Kindsfrau griff, die er wahrscheinlich fest gefat htte, wenn sie nicht
zurckgewichen wre.
    Wir waren also noch nicht lange zur Thre hinaus, erzhlte diese weiter,
und versuchte es, einen weinerlichen Ton anzunehmen, da hrten wir ein groes
Geschrei, und als wir nun augenblicklich in's Zimmer zurckstrzten, sahen wir,
da der Baum vom Tische herabgefallen war. Oskar hatte gewi daran gezerrt -
    Der brennende Baum war vom Tische gefallen? rief erschrocken der Doktor. -
Und auf die Kinder?
    Nur mit der Spitze auf Oskar; aber, bei Gott im Himmel! Herr Doktor, nicht
bedeutend, er hat nur das Haar etwas versengt und das rechte Ohr -
    Er htte verbrennen knnen! warf entsetzt der Vater dazwischen. - Und
Anna?
    Sie wollte auf die Seite springen, stolperte ber einen Schemel und ritzte
sich im Fallen die Haut ber dem einen Auge blutig.
    Jetzt wten wir die Thatsachen, meinte wieder mit auffallend ruhigem und
stillem Wesen der Doktor. - Nun wollen wir nachsehen, wie viel ihr verschwiegen
habt.
    Er legte Hut und Stock auf eine nahestehende Kommode und ging in das
anstoende Zimmer, wo sich die beiden Kinder in ihren Bettchen befanden.
    Sie hatten sich Beide so sehr auf den heutigen Abend gefreut, sie hatten
immer darauf gewartet, der Vater werde kommen, den Weihnachtsbaum anznden und
sie nun wie gewhnlich in das Zimmer fhren. - Und der Vater blieb so lange aus,
wehalb Beide dachten, er htte sie am heutigen Abend vergessen, denn sie wuten
nicht, da er befohlen, man sollte warten, bis er heim kme. - Und darauf htten
sie so gerne gewartet! Doch Mama lie ihnen den Baum anznden, ohne selbst dabei
zu sein, und sie freuten sich auch wohl recht, aber nicht so, wie sonst. - Da
wollte Oskar einen Reiter herab nehmen, der an dem Baume hing, und da er ein
wenig zu heftig zog, so bekam der Baum, schwer an Zuckerwerk, Nssen und
Lichtern, das Uebergewicht, und statt der Freude mute Oskar sowie Anna zu Bette
gehen und dort viele Schmerzen aushalten; beide schliefen nicht, sondern
warteten auf den Vater. Endlich hrten sie seinen Wagen anfahren, hrten ihn die
Treppen herauf springen, dann in's Zimmer kommen, und vernahmen, wie Frau Bendel
die ganze Geschichte erzhlte. - Nun frchteten sie sich, wagten nicht ein Wort
zu sprechen, ja sie schlossen die Augen und so konnte man glauben, sie
schliefen.
    Als sich aber der Vater leise den Bettchen nherte, sich darber hinbeugte
und tief betrbt sagte: Ihr armen, armen Kinder! da fingen sie Beide an heftig
zu weinen, streckten ihre Aermchen in die Hhe und riefen wie aus einem Munde:
Oh Papa, Papa, es ist gut, da du endlich gekommen bist.
    Wir haben so lange auf dich gewartet, setzte Oskar hinzu.
    Und htten gerne noch lnger gewartet mit dem Anznden des Baumes, meinte
das kleine Mdchen - -
    Bis du nach Hause gekommen wrest, lieber Papa, unterbrach sie der Bruder.
Weit du, wie gewhnlich, wenn wir uns unter der Thre beide Augen zuhalten
muten und du nun zhltest: eins - zwei - drei. Ah! das war immer so arg schn!
    So wollen wir es auch wieder machen, versetzte beruhigend der Vater.
Jetzt mt ihr aber recht ruhig sein.
    Wann wollen wir es wieder so machen, lieber Papa? fragte Oskar.
    Vielleicht morgen Abend, mein Kind. Wenn du recht ruhig bist, bringt dir
das Christkindlein wohl heute Nacht einen neuen Baum.
    O, das wre prchtig! entgegnete Oskar, und lie sich nun recht gern in
seinem Bettchen aufsetzen, vom Vater den Verband abnehmen und nach seiner
Verwundung sehen.
    Die war nun wohl schmerzhaft gewesen, aber glcklicherweise nicht
gefhrlich. Der Obermedizinalrath hatte Umschlge von cullatischem Wasser
befohlen, und die wurden fortgesetzt. Bei Anna, deren Schramme ber dem Auge
nicht tief war, legte man einfach kleine Komprechen auf, die mit kaltem Wasser
angefeuchtet waren.
    Der Doktor setzte sich zwischen die Betten seiner Kinder und lie sich
erzhlen, welche Herrlichkeiten ihnen das Christkind bescheert. Das Meiste aber
hatten sie in dem Schrecken und der Verwirrung wieder vergessen und der Vater
freute sich darauf, ihnen morgen mit einem anderen Baum, der wohl anzuschaffen
sein wrde, eine neue Bescheerung zu veranstalten. Und hiezu gab er eine kleine
Hoffnung, was sie mit vieler Freude erfllte. Sie reichten ihm dann zur guten
Nacht ihren kleinen rothen Mund, den er herzlichst und innigst kte, Anna
schlang dabei ihr Aermchen um seinen Hals und drckte ihn fest an sich. - Gute
Nacht, lieber, guter Papa, sagten sie; und hierauf ging dieser mit leisen
Schritten in das Vorzimmer.
    Frau Bendel und das Stubenmdchen saen da tief gekrnkt im Gefhle ihrer
Unschuld; Beide hatten Recht, wie denn berhaupt die weiblichen Dienstboten bei
jeder Veranlassung Recht zu haben pflegen, und Beide machten ihrem Herrn ein
grimmiges, unverschmtes Gesicht, wie das so der Brauch ist in dieser verderbten
Welt.
    Der Doktor schien brigens die unmuthig emporgezogene Nase des
Stubenmdchens, sowie die verdrielich herabhngende Unterlippe der Frau Bendel
gar nicht zu bemerken, sondern nahm seinen Hut und Stock und sagte in bestimmtem
Tone zu der Kindsfrau: Feuchten Sie die Umschlge noch einmal an, ehe Oskar und
Anna einschlafen, dann lassen Sie die Kinder ruhen. Hierauf ging er der Thre
zu, blieb aber vor derselben stehen und fragte: Wo ist meine Frau?
    Da er diese Frage an keine der Beiden schwer Beleidigten speziell richtete,
so erhielt er auch keine Antwort, und mute sie wiederholen; und zwar richtete
er sie nun an das Stubenmdchen.
    Madame sind unten bei Oberjustizraths, antwortete sie kurzweg, werden
aber gleich herauf kommen.
    Zur Vorsorge, da sie auch gewi kommt, knnen Sie ihr sagen, ich sei da,
versetzte der Doktor, worauf er das Zimmer verlie und in den Salon hinber
ging.
    Die Kchin, die drauen vor der Thre, scheinbar um zu leuchten, in Wahrheit
aber, um den Spektakel nicht zu versumen, gewartet hatte, folgte ihm.
    Der Doktor befand sich immer noch in seinem Paletot, den er auf der Strae
trug, er zog ihn aber, im Zimmer seiner Frau angekommen, sogleich aus; und als
er ihn nun ber die Stuhllehne hngte, bemerkte er in der Tasche die beiden
Paketchen mit den Sachen, die er fr seine Frau gekauft. Er warf sie auf den
nebenan stehenden Tisch, dann legte er die Hnde auf dem Rcken zusammen und
spazierte nachdenkend im Zimmer auf und ab.
    Sein Zorn war verraucht; es war nichts brig geblieben als ein tiefer
Schmerz, ein wehmthiges Gefhl, da ihm auch dieser Abend, die Freude, die er
an demselben zu genieen gehofft, durch die Gleichgltigkeit seiner Frau
verdorben worden. Wrde er sie bei seinem Eintritt in das Kinderzimmer gesehen
haben, so htte es vornherein eine starke Scene gegeben, denn er war im ersten
Augenblicke auer sich. So aber hatte er sich gefat, und er wurde klter und
klter, je lnger er in dem Salon auf und ab spazierte.
    Madame lie ihn ziemlich lange da spazieren, ehe sie erschien.
    Was hilft's mich, dachte er in seiner bergroen Herzensgte, wenn ich
ihr jetzt harte oder ernste Worte sage, wenn ich sie frage, warum sie meinen
Befehl nicht befolgt und mit dem Anznden des Baumes nicht gewartet, bis ich
nach Hause gekommen? - Wird sie ihr Unrecht einsehen? - Gewi nicht! Am
allerwenigsten, wenn ich es ihr ernstlich vorhalte. Und wenn sie es nicht
einsieht, wird sie sich auch nicht bemhen, ihr Leben in so vielen Dingen zu
ndern.
    Nein, nein! sie wird es nicht ndern, sprach er halblaut vor sich hin,
indem er mit der Hand ber die Stirne fuhr, sie wird es nicht ndern, weil sie
nie ihr Unrecht einsieht. - Auch ist es ja der heilige Christabend, und da ist
es besser, ich lasse Fnfe gerade sein, als da ich einen Streit mit ihr
anfange. - Hoffentlich wird sie mich heute Abend wenigstens mit einem
freundlichen Gesicht empfangen, denn ihr Herz mu ihr doch sagen, da sie schwer
gefehlt, wenn sie das auch mir nicht eingestehen will. - Ach ja, sie wird
zuvorkommend, vielleicht herzlich sein. - - Aber sie knnte jetzt ihren Besuch
da drunten abbrechen, fuhr er nach einer lngeren Pause fort, sie mu doch
lange wissen, da ich da bin. -
    Bald darauf hrte man Schritte auf der Treppe, die Glasthre wurde geffnet,
dann die Salonthre, und Madame trat herein. Ob sie ihren Gemahl mit einem
Kopfnicken begrte, sind wir nicht im Stande, genau anzugeben; da sie aber
sein freundliches Guten Abend mit keiner Silbe erwiderte, darauf knnen wir
schwren. Sie drckte die Thre etwas stark hinter sich in's Schlo, ging
langsam in die Mitte des Zimmers, wo der Tisch stand, sttzte ihre Hand darauf
und sagte ziemlich laut: Da bin ich denn. - Was soll es schon wieder?
    Wir mssen gestehen, da der Doktor durch den Anblick seiner Frau sehr
unangenehm berrascht war; von dem freundlichen Gesicht, das er zu sehen
gehofft, war keine Spur zu bemerken, sie stand da, den Kopf ziemlich erhoben,
mit den Augen zwinkend, und nagte an der Unterlippe, was Alles bei ihr ein
Zeichen schlechter Laune war.
    Das ist eine seltsame Frage von dir, entgegnete er. - Was du hier sollst,
wenn dein Mann nach Hause kommt? - In der That seltsam fr jeden Abend, aber
doppelt seltsam fr ein Fest wie das heutige. Da meine ich denn doch, es
verstnde sich von selbst, da du, wenn du nicht auf deinem Zimmer bist und ich
dich rufen lasse, freundlich kommen und mir einen guten Abend bieten knntest.
    Madame warf den Kopf auf die Seite und gab keine Antwort.
    Der Doktor rieb sich die Stirne, denn er fhlte, wie ihm das Blut zu Kopfe
stieg. - Ich an deiner Stelle, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, htte
berhaupt am heutigen Abend meine Wohnung nicht verlassen, und das aus zweierlei
Grnden: erstens, um nach meinen Kindern zu sehen, die ja krank zu Bette liegen,
und zweitens, um mir, deinem Manne, sogleich sagen zu knnen, auf welche Art die
Kinder, die heute Mittag noch so frisch und munter waren, von dem Unflle
betroffen waren.
    Und dabei wohl um Verzeihung bitten? fragte sie mit einem bittern Lcheln.
    Wenn du etwas Unrechtes gethan hast, allerdings. versetzte er. Und wenn
du irgendwie gegen meine Befehle gehandelt, so wrde es durchaus fr dich keine
Schande sein, wenn du ein Wort der Entschuldigung hren lieest.
    Es ist leicht gegen deine Befehle handeln, antwortete die Frau, denn du
befiehlst den ganzen Tag, bald dies, bald das, bald rechts, bald links, bald so,
bald so. Und diese Befehle kreuzen sich so hin und her, da es sehr verzeihlich
ist, wenn man tglich ein halbes Dutzend vergit.
    Gott sei Dank! dachte der Doktor, sie antwortet doch wenigstens. Also
wird die Scene nicht so schlimm werden.
    Deinen Befehl fr den heutigen Abend, auf den du anspielst, fuhr sie fort,
hatte ich brigens keine Lust zu befolgen; ich sehe gar nicht ein, wehalb ich
immer warten soll, bis es dir einmal gefllt, nach Hause zu kommen.
    Bis es mir einmal gefllt, nach Hause zu kommen? entgegnete schmerzhaft
berhrt der Doktor. Du hast sehr Unrecht, das zu sagen, da du wohl weit, da
ich nicht Herr meiner Zeit bin.
    Ich will mit dir nicht streiten! sagte sie wegwerfend, da komme ich doch
zu kurz. Aber heute machte es mir nun einmal Spa, sobald es dunkel wurde, den
Kindern ihren Weihnachtsbaum anznden zu lassen, weil es alle vernnftigen Leute
gerade so machten. - Ist das denn ein frchterliches Unrecht?
    Ja, sprach er fest und ruhig, aber ohne Zorn, whrend er sich gleichfalls
dem Tische nherte und ihr gegenber trat. Und gerade in dem Anznden lassen
liegt ein doppeltes Unrecht; htten die armen Kinder dich gebeten, ihnen doch
jetzt schon die Freude zu machen, htte dein Mutterherz diesen zrtlichen Bitten
nicht mehr widerstehen und du nicht mehr erwarten knnen, bis die Kinder dir
jubelnd in die Arme sprangen mit herzlichem Danke, so wre es dir zu verzeihen,
da du meinen Wunsch, meinen Befehl nicht beachtet. - Aber da es dir, - auf
deinem Fauteuil, fuhr er heftiger fort, vollkommen gleichgltig sein konnte,
ob die Kinder jetzt oder spter ihren Weihnachtsbaum erhielten, - denn du sahst
nicht ihr Entzcken, ihre kindliche Freude, - so httest du das, was ich
angeordnet, respektiren sollen und mir dadurch neuen Verdru und den Kindern den
Unglcksfall ersparen knnen. -
    Ja, ja, es ist schon recht, entgegnete sie und wandte dabei den Kopf ab;
es kann in diesem Hause kein Tag ohne Streitigkeiten vergehen, und wenn nichts
mehr da liegt, so suchst du etwas von weiter herbei.
    Ich suche was herbei! sprach er im Tone des Vorwurfs.
    Was wei ich, was dir am Tage Unangenehmes passirt ist; aber Alles, worber
du drauen deinen Zorn nicht auslassen kannst, das mssen wir hier entgelten,
namentlich ich. - Ah, es ist am Ende sehr leicht, verdrielich nach Hause zu
kommen und alsdann ohne alle Ursache Scenen absichtlich herbeizufhren.
    Scenen absichtlich herbeifhren! versetzte er mit zornigem Lachen; und
das ohne alle Ursache! - Sage mir, Frau, woher nimmst du die Stirne, um mir nach
Dem, was vorgefallen, solche Dinge in's Gesicht hinein sagen zu knnen. - Scenen
absichtlich herbeifhren! Ich war ruhig wie ein Engel, als du in's Zimmer herein
tratst, - ich hatte mir auch vorgenommen, es zu bleiben, nicht weil es auf dich
einen Eindruck machen wrde, sondern hauptschlich, weil es der heilige Abend
ist, - einer unserer hchsten Festtage. - Hahaha! ein schner Festtag fr mich!
- Nun also, ich wollte ruhig bleiben, und ich wre es, bei Gott im Himmel! auch
geblieben, wenn du - du, im Bewutsein deines Fehlers gegen mich, es nur der
Mhe werth gefunden httest, ein Wort der Entschuldigung fallen zu lassen. - O
nicht einmal das! - Ein Wort der Entschuldigung? - So viel verlangt man nicht
von dir; nein, nein! nur ein freundliches Gesicht httest du mich sollen sehen
lassen, mir nur die Hand entgegen strecken und zu mir sagen: ah! da bist du ja;
ich freue mich. - Dann htte ich dir in meinem Herzen gedankt, und wenn du mir
den Unfall von dahinten erzhlt httest, - damit streckte er die Hand aus, -
so htte ich dir liebreich gesagt: la uns das eine Lehre sein, mein Kind, da
Eins des Andern Wnsche, wo es thunlich ist, erfllt.
    Also eine Lehre htte es doch gegeben! - Nun, das habe ich mir gedacht.
    Aber du willst keinen Frieden! rief der Doktor laut, indem er vor Zorn
zitterte, du selbst willst nichts von Ruhe, und gnnst auch mir keine. - Nun
wohlan denn, mir kann es recht sein; aber jetzt, da du mich auch wieder aus
meinem stillen Frieden hinaus gejagt hast, so sollst du wenigstens hren, wie
tief du mich verletzt. - Gott da oben wei es, wie sehr ich mich den ganzen
ermdenden Tag ber auf den heutigen Abend gefreut, auf meine Kinder und ihre
Glckseligkeit, auf ein stilles Beisammensitzen mit euch. - Und nun ist Alles,
Alles wieder dahin!
    Im Gegentheil, erwiderte Madame, indem sie ihrem Manne recht dreist in die
Augen sah, jetzt erst hast du erreicht, was du gewnscht: du darfst nach
Herzenslust schimpfen und toben.
    Ja, und das will ich! schrie nun der arme Doktor im hchsten Zorne.
    Und so leid es uns thut, knnen wir bei unserer Wahrheitsliebe dem geneigten
Leser nichts verschweigen: er schlug dabei so heftig auf den Tisch, da einige
Flaschen und Glser, die dort standen, in die Hhe fuhren.
    Die Doktorin wich mit einem bsen Blick einen halben Schritt zurck, warf
sich aber drohend in Positur und ffnete ihre Augen so weit als mglich.
    So hre denn auch mein Toben, fuhr er fort. Wenn du eine Frau von
Erziehung und Gefhl wrest, - o Gott! wenn du nur allein ein fhlendes Herz
httest, so wrdest du begreifen, wie sich ein Vater das ganze Jahr darauf
freuen kann, am Weihnachtsabend seinen lieben Kindern die Bescheerung selbst zu
veranstalten; da wrdest du fhlen, da die ganze Seligkeit dieses Gebens in dem
Momente liegt, wo die armen kleinen Kinder dastehen, berrascht und sprachlos
vor Entzcken. - Den Moment hast du mir leichtsinnig ge - - nommen. - Und hast
du vielleicht fr dich selbst diesen Raub an meinem Herzen begangen? - O, das
wre verzeihlich! - Aber nein! - nein! - nein! Du stahlst mir diese kostbare
Stunde, um sie in hchster Gleichgltigkeit fremden Leuten hinzuwerfen, die sie
doch nicht zu wrdigen verstehen.
    
    Madame nagte heftig an ihrer Unterlippe, zwinkerte auch etwas strker als
gewhnlich mit den Augen, sonst aber lie sich auf ihrem leidenschaftslosen
Gesichte keine Spur irgend einer Aufregung ersehen, ja sie lchelte sogar, als
sie sagte: Dein Humor von heute Abend bertrifft sich. Du sprichst von Bildung
und Gefhl, und wirfst deiner Frau vor, sie raube und stehle.
    Der Doktor zuckte heftig zusammen, denn das war eins ihrer gewhnlichen
Manver, da sie irgend ein Wort aus dem Zusammenhange oder dem Sinn des Ganzen
heraus ri und ihm nun hartnckig vorwarf.
    Also ich raube und stehle? wiederholte sie. Schn! das habe ich noch
nicht gewut.
    Eine kostbare Stunde hast du mir heute Abend wieder geraubt, wie schon
frher unzhlige, habe ich gesagt und sage es wieder, entgegnete der Doktor,
indem er die geballte Faust auf den Tisch sttzte und ihr, sich vorn
berbeugend, fest in die Augen sah. - Nur in der Beziehung, sprach ich dieses
Wort; ich bitte - Frau - da du die Gnade haben mgest, mich zu verstehen, mir
nicht den Sinn meiner Worte zu verdrehen und mich jetzt einmal ohne Einwendung
anzuhren, bis ich zu Ende bin.
    Wenn die Scene noch lange andauern soll, erwiderte sie, so wirst du mir
vielleicht erlauben, da ich mich einen Augenblick niedersetze, denn ich kann
das sitzend ebenso gut wie stehend genieen.
    Damit wollte sie sich vom Tische entfernen, doch fate der Doktor in
hchster Wuth nach ihrem Handgelenke, nahm es fest zwischen seine Finger und
hielt sie auf diese Art zurck.
    Nein, sagte er und seine Augen sprhten Blitze, du sollst mich stehend
anhren, denn meine Rede soll deine Strafe sein, und Strafen empfngt man nicht
im weichen Fauteuil - Madame! - Wenn berhaupt nicht das Sitzen deine
Leidenschaft wre, so stnde es anders um mein Haus, um mich und die Kinder.
Aber was kann man von den Dienstboten verlangen, wo Madame zu - faul ist, - ja,
ich habe es gesagt, - um sich auch nur im Geringsten ihres Hauswesens
anzunehmen! Der Beweis ist der heutige Abend. Ist es nicht Faulheit und
Gleichgiltigkeit, - von mangelndem Gefhl will ich gar nicht mehr reden, - da
sich Madame am heutigen Abend den Teufel um ihre Kinder bekmmert, sie fremden
Leuten berlt? - Fremden Leuten, die so wenig berwacht sind, da sie sich
ihrerseits ebenfalls unterstehen, die armen Geschpfe ohne Aufsicht zu lassen,
so da nur der Schutz des guten Gottes daran schuld ist, da nicht Brandunglck
und Tod in meinem Haus eingekehrt sind.
    Bei diesen letzten Worten lie er ihre Hand los und faltete seine Arme auf
der Brust, wobei er tief Athem schpfte und die Frau mit einem festen Blicke
ansah.
    Madame war vorhin ein klein wenig erbleicht, doch fate sie sich bald
wieder, und als sich von ihrem Handgelenke die umklammernden Finger ihres Gatten
gelst, blickte sie die Rthe, die durch diesen Druck entstanden, einen
Augenblick mit verchtlich aufgeworfenem Munde an, dann sagte sie achselzuckend:
Natrlicherweise, so mu man mich behandeln! Ich verdiene das, denn was kann
Jemand, der raubt und stiehlt, und der an Brandunglck und Tod im eigenen Hause
schuld ist, anders verlangen? - Aber ich habe diese Scenen satt, fuhr sie nach
einer Pause fort, vollkommen satt und ertrage sie nicht lnger. - Ich sehe
wohl, da ich anfange hier berflssig zu werden, und machen kann, was ich will,
ohne da ich im Stande bin, Streit, Zank - alles Mgliche zu verhten. - Auch
bin ich zu stolz, irgendwo geduldet zu sein; meine Rechte als Hausfrau scheint
man hier nicht anerkennen zu wollen, indem man mich wie eine Magd behandelt. Das
will ich ndern und dehalb heute noch zu meiner Mutter hinaus, um mich mit ihr
zu besprechen, wie diese Sache auf die schicklichste Art und zur Zufriedenheit
beider Theile gendert werden kann. - Sie warf den Kopf in die Hhe und stemmte
die rechte Hand fest auf den Tisch. Dann schlo sie nach einer kleinen Pause:
Ich werde hoffentlich die Erlaubni erhalten, ber diesen Gegenstand mit meiner
Mutter sprechen zu drfen? - Sie wartete einen kleinen Augenblick auf Antwort,
dann wandte sie sich um und eilte zum Zimmer hinaus, wobei ihr Fu hart auftrat
und ihr Kleid aus schwerem Seidenstoffe heftig rauschte.
    Drauen auf dem Gange stoben die drei dienstbaren Geister, die Kchin, die
Kindsfrau und das Stubenmdchen, eilfertig auseinander und von der Thre weg,
als sie vernahmen, da diese geffnet wurde. Sie hatten es in ihrer Diensttreue
fr nothwendig gehalten, kein Wort von der kostbaren Scene im Salon zu
verlieren, und die Dame der Kche lie aus diesem wichtigen Grunde die Suppe
verbrennen, Nanette verga ihre Stickerei, und Frau Bendel konnte es nicht
sehen, da Anna sich in ihrem Bettchen aufgerichtet hatte und sehnschtig nach
der Wrterin rief, weil sie die Wunde am Kopfe wieder schmerzte.
    Es ist schade, da wir in diese wahrhaftige Geschichte keine Spukgestalten
hinein bringen knnen, denn sonst wrden wir, gewi zum groen Vergngen des
geneigten Lesers, hier einen Prgelgeist erfinden, der unsichtbar hinter den
Zuhrern auf dem Gange stnde, um im geeigneten Momente eine Legion
unsichtbarer, aber sehr krftiger Ohrfeigen loszulassen. - O, wenn es nur solche
Prgelgeister gbe!
    Der Doktor war an dem Tische stehen geblieben und hatte seiner Frau
nachgeblickt, bis sich die Thre hinter ihr geschlossen, dann lie er die Arme
sinken, seufzte aus tiefem Herzensgrunde und sagte: Sie mag thun, was sie
verantworten kann, ich will sie nicht zurckhalten.
    Hierauf nahm er die Carcelllampe vom Tisch, doch whrend er sie in sein
Arbeitszimmer hinber trug, zitterte seine Hand so heftig, da Kugeln und Glas
bestndig zusammen klirrten.

                          Achtundvierzigstes Kapitel.



                           Eine Mutter und ihr Kind.

Zwischen seinen Bchern und alten bekannten Mbeln und Gerthschaften ging der
Doktor lngere Zeit auf und ab und gedachte der eben vergangenen Scene. Der
Anblick all' der bekannten und traulichen Gegenstnde, die ihn schon seit
langen, langen Jahren umgaben, - Manches stammte ja noch aus seiner Kinder-und
Schulzeit her, - beruhigte allmlig seine Nerven und lie sein Herz langsamer
schlagen. - War er zu heftig gewesen? - Anfnglich gewi nicht, und am Ende
hatte sie ja mit Gewalt seine Geduld zerrissen. - Nein, nein! Diesmal konnte er
sich nicht selbst anklagen; er hatte ihrem Kommen mit den besten Gedanken
entgegen gesehen; htte sie ihm nur die Hand gereicht und gesagt: es ist mir
leid, da das Alles geschehen, la es gut sein! - o, dann htte er einen
heiteren Abend erlebt, anstatt da er sich jetzt so trostlos und unglcklich
fhlte. - Hatte sie doch ruhig auf eine Scheidung angespielt, und den Gedanken
konnte er nicht fassen und ertragen bei allen Fehlern, die sie hatte; auch war
sie ja die Mutter seiner Kinder, und er hatte noch immer gehofft. - Wenn sie
aber an dem ausgesprochenen unglcklichen Gedanken festhielt, so war Alles fr
ihn verloren, denn er liebte sie immer noch.
    Von diesen finsteren Gedanken berwltigt, warf er sich in seinen Lehnstuhl
und vergrub den Kopf in beide Hnde. Er verfiel in jenen Zustand, wo man nicht
mehr denkt, sondern wachend trumt, wo traurige und heitere Bilder mit einander
kmpfen, wo jener wilde Schmerz, der unser Innerstes emprt, ruhiger wird, wo
nur tief im Herzen die eben berstandenen Leiden bei jedem Athemzuge
nachzittern.
    Drauen an der Glasthre wurde jetzt die Klingel sanft gezogen; die Kchin
ffnete, eine leise Stimme flsterte etwas und darauf antwortete Jene: Der Herr
Doktor sind nur zu sprechen Mittags von Zwei bis Drei, sowie Mittwoch und
Samstag Nachmittag zwischen sechs und sieben Uhr.
    Die fragende Person schien nichts darauf zu antworten, wenigstens vernahm
man im Zimmer nichts.
    Auch werden Sie wohl wissen, da heute der Weihnachtsabend und schon acht
Uhr vorbei ist. - Nein, ich kann dem Herrn Doktor Niemand melden, Sie mssen
schon morgen Frh wieder kommen.
    Das kann ich auch, hrte man die andere Stimme sagen, das kann ich auch,
und bitte ich sehr zu entschuldigen.
    Der Doktor fuhr aus seinen Trumereien empor und zog die Klingel, die neben
seinem Schreibtische hing.
    Da drauen war eine Leidende, die man eben abweisen wollte; ihm erschien es
aber in diesem Augenblicke als eine Beruhigung, das Unglck Anderer zu hren, es
vielleicht lindern zu knnen. Auch zog ihn der Klang der Stimme drauen an: er
war so leise und klagend.
    Die Kchin trat in das Zimmer.
    Wer war drauen? - Wer hat geschellt?
    Eine unbedeutende Person, - ein rmlich aussehendes Frauenzimmer; ich habe
sie auf morgen frh wieder bestellt.
    Lassen Sie sie nur herein kommen.
    Ja, sie wird schon fort sein.
    So eilen Sie die Treppe hinab und holen sie herauf.
    Die Kchin ging hinaus, schlo die Glasthre hinter sich, man hrte sie in
den untern Stock hinunter laufen, und wenige Augenblicke darauf kam sie wieder
zurck, ffnete die Thre zum Arbeitszimmer ihres Herrn und lie ein
Frauenzimmer eintreten, das schchtern auf der Schwelle stehen blieb.
    Sie haben mich noch heute Abend sprechen wollen? fragte sanft der Doktor.
    Ja, und ich bitte sehr um Verzeihung, entgegnete die Eingetretene; ich
wei wohl, da ich eine ziemlich unpassende Zeit gewhlt habe.
    Wenn man krank ist, so kann man das nicht so genau nehmen. - Womit kann ich
Ihnen helfen? Sind Sie von Jemand anders zu mir geschickt oder selbst krank?
    Das Mdchen schwieg einen Augenblick still, dann aber nherte sie sich mit
einigen schchternen Schritten dem Arzt, faltete ihre Hnde und sagte: Beides
ist nicht der Fall, Herr Doktor: ich bin von Niemanden geschickt und auch nicht
selbst krank.
    So wollen Sie auf andere Art meine Hilfe in Anspruch nehmen? entgegnete
der Arzt, indem er die Hand an eine Schublade seines Schreibtisches legte, da er
dachte: man will ein Almosen von mir haben.
    Mochte nun das Mdchen die Bewegung des Doktors verstanden oder den Blick
begriffen haben, den er zu gleicher Zeit ber ihre ganze Gestalt hinlaufen lie,
genug, sie sagte eifrig: Um Ihre Hilfe bitte ich wohl, Herr Doktor, das heit,
nur um Ihre Hilfe in Worten - um Ihren Rath.
    Aha! - Also doch eine Art rztlicher Konsultation? - So bitte ich, Platz zu
nehmen.
    Dabei stand er auf, schob ihr einen Stuhl hin und hob alsdann den Schirm von
der Lampe, so da das volle Licht auf des Mdchens Gesicht fiel. Ein Blick auf
diese Zge belehrte brigens den Arzt, da er doch eine Kranke vor sich habe,
und zwar eine schwer Kranke, eine Unheilbare. - Es war Katharine, die Nhterin,
die sich nun vor ihm auf den Stuhl niederlie, und deren Brust sich heftig hob
und senkte, wobei sie den Mund leicht geffnet hatte und die Nasenflgel
zitternd jedem Athemzuge folgten. Die Wangen waren noch bleicher als vor einiger
Zeit, und die Rthe auf den selben dunkler und brennender.
    Vor allen Dingen, sprach das Mdchen, mu ich Sie um Verzeihung bitten,
da ich es gewagt, Sie am heutigen heiligen Abend zu stren; vielleicht hatte
ich Unrecht, aber ich dachte mir, der Christabend mit seinen Freuden, mit den
angenehmen Stunden, wenn man den Kindern etwas bescheert hat, mache Sie noch
freundlicher gesinnt als Sie sonst wohl sind, und geneigter, etwas fr mich zu
thun.
    Wenn es in meiner Macht liegt, Ihnen zu helfen, so soll es geschehen,
entgegnete der Doktor. - Sprechen Sie!
    Katharine that einen tiefen Athemzug, dann zog sie ihr Umschlagtuch mit den
zitternden Fingern etwas von der Schulter herab und sagte, indem sie die
glnzenden Augen niederschlug: Es wird mir recht schwer, anzufangen, Herr
Doktor; aber dem Arzte kann man ja Alles sagen wie dem Pfarrer, und so will ich
denn auch Ihnen beichten. - Ich hatte ein Kind, ein kleines, liebes Kind -
    Der Doktor wollte eine Frage thun, doch kam ihm Katharine zuvor, indem sie
fortfuhr:
    Nein, nein, ich bin nicht verheirathet.
    Nun denn, so erzhlen Sie weiter, sprach er mit gutmthigem Tone.
    Dieses Kind hatte ich zu einer Frau gethan, die es recht ordentlich
verpflegte; es gedieh auch, - so schien es mir wenigstens, - denn wenn ich
Sonntags zu ihm ging, so konnte ich schon bemerken, da seine Bckchen dicker
wurden, und auch die Aermchen und Hnde. - Man sieht so was leicht.
    Und das Kostgeld bezahlten Sie aus eigenen Mitteln? fragte der Doktor. -
Er hatte sich in seinen Stuhl zurckgelehnt und betrachtete die Person vor sich
mit aufmerksamen Blicken.
    Aus eigenen Mitteln, wiederholte sie. Ich brauche ja fr meine Person
nicht viel, und wenn man fr sein Kind arbeitet, so ist es gar nicht mhsam, vom
Morgen bis in die Nacht zu nhen, - gewi nicht.
    Aber der Vater dieses Kindes? fragte der Doktor zgernd.
    O ich wollte nichts von ihm, erwiderte Katharine, indem sie die Hand
ausstreckte, nicht einen Kreuzer mehr, nachdem er mich verlassen.
    Ah so! - ich verstehe.
    Ich war so glcklich mit meinem kleinen Kinde, so glcklich, da ich es gar
nicht sagen kann. Ich mu Ihnen das gestehen, Herr Doktor, damit Sie auch
begreifen, wie sehr mich der frchterliche Schlag traf, als man mir eines Tages
sagte, das Kind sei pltzlich gestorben.
    Und Sie wuten nichts von seiner Krankheit?
    Nicht das Geringste.
    Und man rief Sie nicht, als das Kind im Sterben war?
    Man rief mich nicht; man hatte es sogar schon begraben, als ich seinen Tod
erfuhr und man mir diesen Todtenschein hier einhndigte.
    Lassen Sie sehen.
    Katharine reichte dem Arzte das Papier, das er auseinander faltete und genau
durchsah. Nach diesem Schein, sagte er, ist freilich kein Zweifel, da bei
einer Frau - Bilz ein Kind, Mdchen, von zwei Jahren in der Nacht von dem auf
den gestorben ist. - Alles ist hier in Ordnung, jede Formalitt erfllt und die
Unterschrift richtig.
    Aber das Kind ist darum doch nicht gestorben, sprach das Mdchen mit einem
seltsamen Lcheln.
    Wie meinen Sie das? entgegnete aufmerksam der Doktor. - Meinen Sie
vielleicht, nicht von selbst gestorben? - Vielleicht gar getdtet worden? - O
seien Sie unbesorgt, die Leichenschau nimmt es, namentlich in diesen Fllen,
sehr genau.
    O nein, antwortete das Mdchen, es ist da nichts Schlimmeres geschehen,
als da man mein Kind heimlich fortgenommen und ein anderes untergeschoben hat,
ber welches dieser Schein ausgestellt wurde.
    Ich verstehe Sie nicht recht, sagte der Doktor; es mute doch Jemand
einen Zweck dabei gehabt haben, Ihr Kind verschwinden und Ihnen als todt
erscheinen zu lassen.
    O, an einem Zweck fehlt's nicht! versetzte Katharine, nachdem sie leicht
gehustet; der Vater des Kindes, - er ist von sehr ordentlicher Familie, sprach
sie mit einigem Stolze, - steht im Begriff, sich zu verheirathen. Seine
Verwandtschaft nun, der mein armes Kind schon lange im Wege war, hat endlich die
Mittel gefunden, es auf die angegebene Art auf die Seite zu schaffen.
    Das ist ja ein Verbrechen! rief der Arzt.
    Gott sei Dank, da sie kein schlimmeres begingen, da sie wenigstens das
Kind am Leben lieen! - Sie haben es also fortgeschafft und ein anderes krankes
Kind dafr hingebracht, das nun gestorben ist und ber dessen Tod jener Schein
ausgestellt wurde.
    Mglich! - mglich!
    Nicht nur mglich, entgegnete das Mdchen, whrend es sich mit seiner
zitternden Hand ber die Stirne fuhr, es ist gewi, wir haben Beweise dafr,
die besten, vollgiltigsten Beweise; wir wissen, wo sich das Kind aufhlt, knnen
es aber nur mit groen Schwierigkeiten wieder erlangen.
    Das kann ich mir wohl denken, versetzte der Doktor. Doch bitte, erzhlen
Sie mir das, wenn es Sie nicht zu sehr anstrengt.
    O nein, erwiderte das Mdchen mit strahlenden Augen. Diese Erlaubni
macht mich glcklich; ich kam auch dewegen hieher, und wei nicht, wie sehr ich
Ihnen danken soll, da Sie so freundlich sind, die Leidensgeschichte eines armen
unbedeutenden Geschpfes, wie ich bin, anzuhren.
    Das ist ja fr uns nichts Neues, sagte freundlich der Arzt, wir sind auch
eine Art von Beichtigern, und da wir den Ursprung der uerlichen menschlichen
Leiden im Verlaufe der Krankheiten meistens erkennen, so ist es uns leicht, aus
einzelnen Ausrufen des Schmerzes und der Verzweiflung eine ganze
Lebensgeschichte zu erfahren. Und da hat ein Wort des Trostes aus unserem Munde
oft schon besser gethan als die krftigste Arznei; darum sprechen Sie ohne
Rckhalt.
    Ich stehe ziemlich allein in der Welt, sprach das Mdchen hierauf mit
einem trben Lcheln; es kmmert sich wohl Niemand um mich, und ich mich, seit
das Kind verschwunden ist, leider auch nicht mehr so recht innig um irgend eine
Seele. Frher war das anders und ich hatte die Menschen viel lieber. - Also das
Kind war verschwunden, es sollte todt sein; man gab mir ja den richtig
ausgestellten Schein darber. Ich mu gestehen, da ich damals so schwach war,
in eine Ohnmacht zu fallen. Das war im Hause einer gewissen Madame Becker.
    Der Doktor blickte nachdenkend in die Hhe und zog die Augenbrauen zusammen.
    Meine Eltern hatten diese Madame Becker gekannt, fuhr Katharine schchtern
fort, da sie die sonderbare Miene des Arztes bemerkte. Ich wei, man sagt
dieser Frau nicht viel Gutes nach, aber ich kenne besonders ihre Nichte, die ich
auch frher hufig besuchte -
    Ah! die Tnzerin! -
    Dieselbe; - gewi in jeder Beziehung ein braves und rechtschaffenes
Mdchen.
    Ja, das soll sie sein, sagte der Dokter mit einem eigenthmlichen Lcheln.
In der That eine Tugend, die schon manchen bsen Winken widerstanden. - Ich
habe davon gehrt, setzte er mit dem Kopfe nickend nach einer kleinen Pause
hinzu. - Aber fahren Sie fort!
    Ich verlor also die Besinnung, erzhlte Katharine weiter, als jene Frau,
der ich mein Kind anvertraut hatte, mir bei Madame Becker so unverhofft die
Todesnachricht brachte.
    Wie hie diese Frau?
    Frau Bilz.
    A - a - a - h!
    Meine Freundin, die Tnzerin, die mein Schicksal auerordentlich
interessirte, hrte nun ein paar Worte, welche jene beiden Frauen im Nebenzimmer
zusammen sprachen, und glaubte daraus zu entnehmen, da mein Kind nicht
gestorben, sondern, wie ich schon frher sagte, mit einem anderen vertauscht
worden sei. - Ich wandte mich an einen Polizeidiener, den ich kannte, dieser
versicherte mir aber, wie eben der Herr Doktor, der Todtenschein sei richtig,
und wenn man die Sache anhngig machen knne und das Kind wieder ausgraben
lasse, so werde es mir dagegen schwer, ja unmglich sein, Beweise dafr
beizubringen, da das verstorbene Kind nicht das meinige gewesen sei. Eine
gleiche Antwort erhielt ich von einem Advokaten, an den ich mich wandte, welcher
obendrein meinte, ich solle lieber die Sache auf sich beruhen lassen, mglich
sei es ja doch, da mein Kind wirklich gestorben, und ich sei dadurch bei meiner
augenscheinlichen Armuth und Krnklichkeit einer groen Last berhoben. - Der
Advokat aber hatte keine Kinder, Herr Doktor, und wute nicht, wie lieb man ein
solches kleines Wesen haben kann, welche Seligkeit es ist, sein Gesicht, seine
Aermchen und seine Hnde mit Kssen zu bedecken und zu sehen, wie es tglich
grer wird und erstarkt, - oder wenn es elend und schwach bleibt, wie wohl es
ihm thut, wenn man es an's Herz drckt, und wenn man es in den Armen
einschlfert. - Aber da schwtze ich wieder, unterbrach sie sich schmerzlich
lchelnd, indem sie mit der Hand einige Schweitropfen abwischte, die auf ihrer
kalten Stirne standen. - Verzeihen Sie mir, Herr Doktor, aber ich will jetzt
ganz bei der Sache bleiben.
    Ihr Zuhrer hatte den Kopf in die Hand gesttzt, und er hatte die Worte des
armen Mdchens wohl begriffen. Ah! dachte er seufzend, noch ungleicher als
die Glcksgter sind in diesem Leben die schnen und zarten Gefhle vertheilt.
Warum denkt nicht jenes Weib wie dies arme Geschpf!
    Da uns also der gewhnliche Rechtsbeistand nicht helfen wollte, fuhr
Katharine fort, so besprachen wir unter uns mein Schicksal, die Tnzerin Marie,
eine Andere vom Ballet, welche sie genau kennt, und die uns sagte, es gbe in
der Stadt mehrere Huser, wo man kleine Kinder fr ein Billiges in die Kost
nimmt, und wo sie auch vielleicht mein armes Kind hingethan htten. - Nicht
wahr, Herr Doktor, es gibt solche Anstalten?
    Leider, leider! Und wie sehr man sich auch bemht, man ist nicht im Stande,
sie aufzuheben, sie zu verbieten oder wenigstens unter Aufsicht zu stellen, denn
ich kann am Ende meinem Nebenmenschen nicht befehlen, fr sein Kind nahrhafte
Speisen zu kochen oder ihm sorgfltige Wartung angedeihen zu lassen, wenn ihm
das Geld hiezu mangelt. Zuweilen hebt die Polizei wohl auf Verdacht hin so ein
Nest aus, aber sie sind verflucht schlau und nehmen sich in Acht.
    Und die Kinder haben es dort sehr schlecht? fragte ngstlich das Mdchen.
    Meistens, ja, entgegnete der Doktor nach einigem Ueberlegen; von zehn
sterben sieben bis acht.
    Gerechter Gott! - Aber doch wohl nur von ganz kleinen Kindern mssen so
viele sterben?
    Ja, wenn sie lter sind, halten sie schon mehr aus. - Wie alt war das
Ihrige?
    Zwei Jahre vorbei.
    Der Arzt schttelte mit dem Kopfe und zuckte die Achseln, als er bemerkte,
wie das Mdchen mit hchster Aufmerksamkeit, den Athem an sich haltend, ihn mit
ihren unheimlich glnzenden Augen anschaute. - Aber beruhigen Sie sich, wenn
Ihre Angaben richtig sind und das Kind noch lebt, so kommt ja Alles darauf an,
wo es sich befindet. Es gibt auch unter den Leuten welche, die ordentlich sind
und ihre Pflicht erfllen.
    Die Tnzerin Marie, fuhr Katharine zu erzhlen fort, kennt einen
Zimmermann des Theaters, und dieser erfuhr, nachdem er sich umgehrt, da ein
anderer Angestellter der Bhne, der Garderobegehilfe Herr Schellinger, drauen
in der Vorstadt in einem Hause wohne, wo solche kleine Kinder aufbewahrt
werden.
    Welche Vorstadt ist es und welches Haus?
    Es ist, wenn man zum E'schen Thore hinaus geht, sich dann rechts wendet und
zur Vorstadt des Flusses kommt; das Haus liegt zwischen Grten an der alten
Stadtmauer und ist so versteckt, da die Nachbarschaft selten etwas von dem
erfhrt, was dort vorgeht.
    Aha! machte der Doktor.
    Der Garderobegehilfe wohnt in einem kleinen, sehr bauflligen Vorderhause,
und hinter demselben ist die Wohnung des Meister Schwemmer, dessen Frau die
kleinen Kinder aufzieht.
    Ah! der Meister Schwemmer! rief der Doktor, indem er sich aufmerksam empor
richtete. Ei! ei! - Und nun glauben Sie, da da Ihr Kind sei?
    Und ist das eine von den schlimmsten Anstalten? fragte das Mdchen,
erschreckt von dem Gesichtsausdruck ihres Gegenbers.
    Dieser zgerte einen Augenblick, Antwort zu geben, dann aber sagte er: Ich
will Ihnen nicht die Wahrheit verbergen: man spricht von diesem Meister
Schwemmer nicht viel Gutes; natrlicherweise bin ich noch nie dorthin gekommen;
unsereins lt man nicht da eindringen. - Aber es soll ein gar bses Hauswesen
sein.
    Und wren die wohl im Stande, mein armes Kind umzubringen?
    Mit offener Gewalt gewi nicht, denn die Leichenschau nimmt es dort
auerordentlich genau. Aber - er zuckte die Achseln und schwieg.
    O, ich verstehe! rief das Mdchen, dessen Augen flammten, whrend sie ihre
Hnde heftig auf die Brust drckte, als wollte sie es dadurch mglich machen,
da der pfeifende Athem leichter aus- und einzge. - O, ich verstehe Sie; nicht
einen schnellen schmerzlosen Tod gnnen sie den armen Geschpfen, sondern sie
lassen sie langsam verkmmern durch elendes Leben, durch Frost und Hunger. Und
da ist auch mein kleines unglckliches Mdchen!
    Seien Sie ruhig! seien Sie ruhig! bat der Doktor, whrend er ihre Hnde,
die wild umher fuhren, sanft unterdrckte; das geht nicht so schnell, da so
ein zweijhriges Kind vor Hunger und Frost umkommt; und wenn Sie wirklich auf
der Spur sind, so mu man schnelle Hilfe zu bringen suchen.
    Ja, Sie haben Recht, erwiderte Katharine, die nach einer Pause der
Ermattung nun wieder ihre Krfte zusammen nahm. Herr Schellinger, dem wir also
unser Leid mittheilten, - es ist das ein alter, sehr braver Mann, - versprach,
sich auf Kundschaft zu legen und hat das gethan. - Richtig, Herr Doktor, das
Kind lebt und befindet sich dort in dem Hause; er hat es gesehen, obgleich er so
recht nicht mit der Sprache heraus und mir sagen wollte, wie es sich befnde. Es
hatte noch sein blaues Wollenkleidchen an, das letzte, welches ich ihm gemacht,
und es sa auf dem Boden und spielte.
    Nun, sehen Sie, sagte gutmthig der Doktor, es spielte. Da wird's denn
doch nicht so schlimm mit ihm stehen.
    Jetzt vielleicht noch nicht, entgegnete das Mdchen; aber es ist mein
Kind und ich soll es nicht sehen und kssen drfen, ich soll es vielleicht nie
mehr wieder haben, denn auf gtlichem Wege geben sie mir es nicht heraus.
    Das glaube ich auch, meinte der Arzt; denn sonst wrden sie ja den Tausch
eingestehen sowie den unterschobenen Todtenschein.
    Aber was soll ich machen, wenn ich es nicht in Gutem heraus kriege? - Ich
wei dann nur ein Mittel, und das ist das gleiche, mit dem sie mir mein Kind
entwendet, die Gewalt. Und so mu ich es auch wieder zu bekommen suchen.
    Das wird aber ein schwieriges Unternehmen sein; denn bei den Leuten Gewalt
anzuwenden und mit Gewalt etwas zu erlangen, ist wohl, kaum mglich.
    Vor den Schwierigkeiten, die es hat, schrecken wir nicht zurck,
entgegnete Katharine, aber vor etwas Anderem, und dehalb bin ich auch
eigentlich hieher gekommen, um darber Ihren Rath zu hren. - Man hat mir also
mein Kind gestohlen, und in der Absicht, es mir nicht zurckzugeben, hlt man es
verborgen und von mir entfernt. Glauben Sie nun, Herr Doktor, da es von mir
Unrecht oder, wenn Sie wollen, eine Snde ist, wenn ich den Versuch mache, mein
Kind wieder zu erhalten, sei es durch Gte, sei es durch Gewalt?
    Das ist eine eigenthmliche Frage, und zur Beantwortung derselben sollten
Sie sich eher an einen Pfarrer als an mich wenden, der kann Ihnen diesen Fall
klarer und besser auseinander setzen.
    Ach mein Gott! das habe ich ja schon gethan, erwiderte das Mdchen, indem
es kummervoll seine Hnde faltete; heute that ich es und trug einem Geistlichen
die ganze Geschichte so vor, wie ich sie Ihnen soeben erzhlte.
    Und der meinte -?
    Ach! wenn ich Ihnen das sage, so sind Sie vielleicht auch derselben
Ansicht.
    O nein, gewi nicht! Ich lasse mich nicht leicht durch anderer Leute
Meinung bestimmen.
    Er meinte also, fuhr Katharine in einem dumpfen Tone fort, nachdem sie mit
der Hand ber die Augen gefahren, - er meinte - fast dasselbe wie der Advokat,
nur mit ganz anderen Worten. Ich soll auf das Heil meiner Seele denken, sagte
er, und mich nicht so viel mehr mit dem Irdischen befassen. - Was das Kind
anbelange, so fuhr er fort, der Herr habe es gegeben, der Herr habe es genommen,
und wenn es sein weiser Rathschlu wre, es nochmals meinen Hnden
anzuvertrauen, so wrde das gewi auch ohne mein Zuthun geschehen. - Aber Gewalt
mit Gewalt zu vertreiben sei Unrecht, und sndhaft, unserem Nebenmenschen
Unrecht zu thun, weil er uns welches gethan. - Und damit entlie er mich, indem
er versicherte, in diesem speziellen Falle durchaus nichts fr mich thun zu
knnen; er mchte wohl den Versuch machen, das Herz jenes Meister Schwemmer zu
rhren und ihm vielleicht ein Bekenntni zu entlocken, aber es sei ihm das jetzt
unmglich, weil er gerade im Begriffe stehen, zum allgemeinen Kirchentag
abzureisen. - Sehen Sie, Herr Doktor, das macht mich zweifelhaft; denn ich will
Ihnen nur gestehen, vor langen Jahren im Leichtsinne der Jugend, wo ich noch
glaubte, die ganze Welt stnde mir offen, htte ich darauf nichts gegeben, jetzt
aber, wo ich wohl fhle, da meine Tage gezhlt sind, hat mich diese Rede
durchschauert und ich wute nicht, was ich machen sollte. Wen konnte ich noch um
Rath fragen? - Ich habe ja Niemand in der weiten Welt, der einen innigen Antheil
an mir zu nehmen htte. - - Da sah ich Sie heute, es war bei einer armen Familie
in der unteren Stadt, wo ich fters nhe, und wo auch Sie hinkamen am heutigen
heiligen Abend, um nach der kranken Frau zu sehen und den Kindern dabei einige
Weihnachtsgaben zu bringen. - Das hat mich so gerhrt, da ich Ihre Hand htte
kssen mgen und da ich nachher noch lange geweint habe. - Und als die Frau
Ihnen klagte, ihre Schwermuth nehme so berhand, sie knne sich wohl nimmermehr
aus ihrer Krankheit und ihrem Elend emporraffen, und sie bitte nur Gott um ein
sanftes Sterbestndlein, da sprachen Sie: diese Rede ist nicht recht, Frau; man
mu freilich auf Gott vertrauen, aber dabei nicht die Hnde in den Scho legen,
wer sich selbst verlt, den verlt auch er; Wunder geschehen nicht mehr
heutzutage, und wenn man in eine schwierige Lage kommt, so mu man Hand und Fu
regen, um ber dem Wasser zu bleiben. - Also Muth! Muth! - Dieses Muth! Muth!
mit dem Sie das Zimmer verlieen, Herr Doktor, klang auch in meinem Herzen wider
und tnte dort immer fort. Ja, sagte ich zu mir, wer sich selbst verlt, den
verlt auch der liebe Gott. Und nun stand auf einmal der Wunsch in mir fest,
Sie um jeden Preis zu sprechen, Ihnen meine Sache vorzutragen und um Ihren Rath
zu bitten. - Und das habe ich nun nach meinen besten Krften gethan.
    Der Arzt hatte dieser lngeren Rede aufmerksam zugehrt, zuweilen mit dem
Kopfe genickt und ber den Unfall nachgedacht. - Da wre freilich zu berlegen,
was zu machen ist, sagte er nach einer greren Pause. Mit Hilfe der Gerichte,
denke ich mir wohl, ist nichts auszurichten, denn darin bin ich auch
einverstanden, da Sie nicht zu beweisen im Stande sind, jenes Kind, das Sie
vielleicht finden, sei das Ihrige. Was nun aber List oder Gewalt anbelangt, so
wei ich nicht, welche Krfte Sie zu Ihrer Verfgung haben und ob Sie wohl des
Gelingens gewi sind.
    Der Zimmermann, von dem ich mit Ihnen vorhin sprach, versetzte Katharine,
hat sich mit Mehreren vereinigt, und die wollen nun in einer Nacht mit Gewalt
in das Haus des Meister Schwemmer dringen, nach dem Kinde sehen, und dieses,
wenn sie es finden, mitnehmen.
    Das wre offenbar Einbruch oder wenigstens Strung des Hausfriedens, und
dazu knnte ich Niemand rathen.
    Aber sie wollen ja nichts stehlen, entgegnete unbefangen das Mdchen, sie
wollen ja nur mein Kind wieder nehmen.
    Der Doktor schttelte ernsthaft mit dem Kopfe.
    Oder, fuhr Katharine fort, knnen sie es auch noch auf andere Art, mit
List, versuchen.
    Das ginge eher. - Aber auf welche Art?
    Der Garderobegehilfe, von dem ich Ihnen frher sprach, und der zuweilen den
Meister Schwemmer besucht, will an einem gewissen Abend hingehen und ihnen von
seinen Geschichten erzhlen. Er thut das oft, und der Meister Schwemmer, sowie
die brigen Gesellen, die wohl da sind, machen sich alsdann ber den alten Herrn
Schellinger lustig, und es gibt bisweilen kleine Streitigkeiten, die aber, weil
er als ein alter schwacher Mann natrlicherweise nachgeben mu, bald zu Ende
gehen. An dem Abend aber will er einen ernstlichen Streit herbeifhren, will
nicht nachgeben und sich so lange mit Ihnen herumzanken, bis ihn Einer von den
Leuten anfat, - dann schreit er um Hilfe, und der Zimmermann und seine Freunde,
die schon lange um das Haus herum versteckt warten, eilen nun herbei, befreien
ihn und halten dann ein klein wenig Haussuchung.
    Das ist schon eher etwas, was sich hren lt, sagte lchelnd der Doktor.
Es ist freilich von dem alten Herrn ein gefhrliches Unternehmen, in ein
solches Wespennest hinein zu stechen; aber am Ende knnte die Sache auf diese
Art doch gelingen.
    Und Sie, Herr Doktor, halten es fr kein Unrecht, fr keine Snde, wenn ich
einen solchen Versuch mache, mein Kind wieder zu erhalten? - Sie werden mir
nicht davon abrathen?
    Zwischen abrathen und Ihnen zugeben, da ich es fr kein Unrecht oder keine
Snde halte, ist ein groer Unterschied. Was das Letztere betrifft, so sage ich
aus voller Ueberzeugung, da ich es am Ende sogar fr verzeihlich halte, wenn
Sie alle Schritte thun, Ihr Kind wieder zu bekommen. - Aber Ihnen rathen zu
einer That, die, wenn auch mit List begonnen, doch sehr gewaltthtig enden kann,
das mag ich nicht.
    Das ist ja auch mein Hauptkummer, entgegnete Katharine nach einer kleinen
Pause, da Andere, die ich eigentlich gar nichts angehe, fr mich handeln, ja
vielleicht fr mich leiden sollen, denn Sie haben Recht: es knnte da eine
schlimme Geschichte entstehen. Aber wenn ich bedenke, da mein Kind in Kummer
und Noth zu Grunde gehen soll, und da ich es vielleicht auf diese Art zu retten
vermag, - o Herr Doktor, da kann ich nicht lang berlegen; ich nehme die mir
dargebotene Hilfe an.
    Wenn es gelingt, versetzte er nachdenkend, so knnte es zu einer hbschen
Strafe fr jenes Volk werden. - Und ich will Ihnen etwas sagen, fuhr er
lchelnd fort, da Sie mich nun einmal um Rath gefragt und zum Vertrauten Ihres
Geheimnisses gemacht, so will ich Ihnen dazu helfen, soweit meine Krfte reichen
und Ihren Plan etwas ndern, wenigstens, so denke ich, verbessern.
    O wie danke ich Ihnen fr Ihre freundlichen Worte! rief das Mdchen und
wollte seine Hand ergreisen, um sie zu kssen.
    Doch zog er sie hastig zurck und sagte: Thun Sie mir den Gefallen und
lassen Sie mich es ein paar Tage vorher wissen, wenn die bewute Sache vor sich
gehen soll. Ich will dann irgend Jemand veranlassen, in der Nhe zu sein, damit,
wenn Ihr tapferer Schneider und seine Zimmerleute Hilfe gebrauchten, diese zur
rechten Zeit nicht fehlt. Aber sprechen Sie jetzt mit Niemand mehr ber diese
Sache, gehen Sie ruhig nach Hause und wie gesagt, versumen Sie es ja nicht,
mich zur gehrigen Zeit zu benachrichtigen.
    Damit erhob sich der Doktor, Katharine stand zu gleicher Zeit auf, sprach
noch einige innige Worte des Dankes und versicherte, sie werde gewi nicht
vergessen, den Tag und die Stunde genau anzugeben. Sie wandte sich hierauf zum
Weggehen, und der Doktor begleitete sie freundlich bis an die Glasthre, die er
ffnete und hinter ihr wieder verschlo. Dann ging er zu seinen Kindern, sah
ihren Verband nach und befhlte ihnen Stirne und Hnde; doch schliefen sie
ruhig, alle Aufregung hatte sich gelegt, und nur die weien Binden um den Kopf
stachen seltsam ab von den frischen blhenden Gesichtern.
    Als der Doktor die beiden Kinder so ruhig vor sich schlafen sah und
bemerkte, wie behaglich sie in ihren warmen Bettchen ausgestreckt lagen, da
dachte er wieder an jene arme Person, die ihn eben verlassen, und er begriff
besser, als es der Geistliche gethan, da eine Mutter, die sich vorstellen mu,
ihr Kind, von fremden Leuten festgehalten, werde jetzt mihandelt und msse
leiden unter Frost und Hunger, leicht zum Aeuersten zu bringen sei und sich
gern zu den gewaltsamsten Maregeln verstehe.
    Nach diesen Betrachtungen schritt er kopfschttelnd in sein Arbeitszimmer
zurck, zog seinen warmen Paletot wieder an, nahm Hut, Stock und Hausschlssel
und ging die Treppen hinab, nachdem er vorher die Kchin beauftragt, es Madame,
die noch nicht zurckgekehrt war, zu berichten, da er den Rest des
Weihnachtsabends bei seinen Eltern zubringen werde.

                          Neunundvierzigstes Kapitel.



                             Reiche und arme Leute.

In dem Hause des Kommerzienrathes war es seit langen Jahren der Brauch gewesen,
da sich die ganze Familie am Weihnachtsabend zur Bescheerung dort versammelte.
Als dies eingefhrt wurde, hatte man auch an zuknftige Kinder gedacht, und
sollten diese von der ganzen Familie ebenfalls mitgebracht werden. Nun aber
beschrnkte sich die Nachkommenschaft auf die beiden Sprlinge des Doktors,
welche wohl in den ersten Jahren erschienen, dann aber wegbleiben muten, weil
es, wie Marianne versicherte, ihren Mann, den Herrn Alfons, nie so schmerzlich
berhre, da er selbst keine Nachkommen habe, wie an diesem Abend, wo er die
Lust und das Vergngen der anderen mit ansehen msse. Der Doktorin war es schon
recht, da sie ihre Kinder nicht mehr mitzubringen brauchte, denn hiedurch hatte
sie nun auch zuweilen einen Vorwand, um zu Hause bleiben zu knnen.
    Da durch diese Maregel die Weihnachtsabende im Hause des Kommerzienraths
an groer Heiterkeit gewonnen, wollen wir gerade nicht behaupten. - Im
Gegentheil! Die lustigen Kinderstimmen hatten anfangs doch einige Abwechslung in
die feierliche und manchmal frostige Unterhaltung gebracht.
    Die alte Rthin, welche die ganze Bescheerung, wie berhaupt fast Alles im
Hause, leitete, lie fr jedes ihrer Kinder - darunter war diesmal auch der
Schwiegersohn verstanden - einen sehr hbschen Baum machen, vor welchem ein
Tischchen stand, worauf die Geschenke ausgebreitet waren.
    Diese Bescheerung wurde im Wohnzimmer der Rthin abgehalten, und wenn Alles
bereit war, so setzte sie sich in ihre Sophaecke, lutete nach einiger Zeit mit
der Klingel, der Bediente ffnete die Thre und die Kinder traten herein.
    Der Kommerzienrath zhlte sich an solchen Abenden auch mit darunter, und er
war es in der That allein, der seine Freude noch mit einem gewissen Anflug von
Kindlichkeit kundgab. Gewhnlich blieb er wie geblendet unter der Thre stehen,
und rief fast jedesmal aus: Ah! das bertrifft heute alle frheren Jahre! -
unbedingt alle frheren Jahre! Mama, du hast wahrhaft verschwendet in
vergoldeten Nssen und Wachskerzen. - Kinder, fuhr er dann lustig fort, nachdem
er seiner Frau dem Herkommen gem zuerst die Hand gekt, bedankt euch bei
Mama, denn die Tische scheinen mir sehr schn besetzt zu sein.
    Jedes wute, wo sein Platz war, und nachdem alle dort die meistens sehr
schnen Sachen flchtig bersehen, folgten sie dem Beispiel von Papa und kten
der Kommerzienrthin ebenfalls die Hand.
    Die Bescheerungen bestanden fr die Damen aus schweren seidenen Stoffen zu
Kleidern und Mnteln, oder aus kostbaren Schmucksachen, aus bisher noch
fehlenden Stcken zum Silbergeschirr, aus einem Futeppich, aus
Bronzegegenstnden aller Art oder aus Stickereien. Letzterer Artikel aber wurde
von Jahr zu Jahr seltener.
    Arthur, als der Jngste, erschien natrlicherweise auch zuletzt, um Mama die
Hand zu kssen, doch blickte die Rthin, als er heute vor sie hintrat, wie
unabsichtlich in den leeren Raum hinaus, und mit ihrer Hand, statt sie dem Sohne
darzureichen, fate sie das Sacktuch und fhrte es an die Lippen, da sie gerade
leicht hustete.
    Der Maler lie sich aber durch dieses Zeichen einer fortdauernden Ungnade
nicht abschrecken, sondern wartete geduldig eine ziemliche Zeit, bis Hand und
Sacktuch wieder auf dem Tische ankamen, dann ergriff er Beides zugleich und
drckte seine Lippen auf die Hand der Mutter. Die Rthin warf ihm dabei einen
Blick zu, der nicht bermig freundlich war, aber auch nicht mehr so finster
und zornig, wie er es in den letzten Tagen nach jener unglckseligen Probe der
lebenden Bilder gewohnt war.
    So ist's recht, Mama, flsterte der Kommerzienrath seiner Frau ber die
Schultern zu, la den Groll fahren; man kann doch nicht immer so fort machen;
und gewi hat Arthur sein Unrecht eingesehen.
    Die Rthin hob ihren Kopf etwas empor, die spitze Nase und die grauen Augen
wandten sich ziemlich drohend gegen den Gemahl, als sie erwiderte: Das Letzte
kann ich nicht glauben, denn wenn Jemanden seine Handlungsweise leid ist, so
thut man Schritte, um sein Unrecht wieder gut zu machen. Und das hat Arthur
nicht gethan.
    Aber Mama lieen mich ja seit jenem Tage nie ber diese Angelegenheit zu
Worte kommen, so oft ich das auch versuchte, versetzte der Maler. Sie wnschen
ja bestndig, ich solle darber schweigen.
    Allerdings wnschte ich das, antwortete die Rthin, denn alle deine
Reden, die du an mich hieltest, zielten darauf hin, gegen mich den Beweis zu
fhren, da du doch nicht so Unrecht gehabt und da ich die Sache zu ernst
genommen. - In solchen Fllen aber, fuhr sie strenger fort, besonders wo es
den Anstand des Hauses betrifft, den ich nie ungestraft verletzen lasse,
verlange ich, wenn dies doch einmal geschehen, da man rckhaltslos sein Unrecht
einsehe.
    Ja, ja, Arthur, nahm der Kommerzienrath das Wort, und da man sich
alsdann auf Gnade und Ungnade ergibt.
    Die Rthin trommelte leise auf den Tisch, und ihre Blicke schweiften mit
auerordentlicher Majestt durch das Zimmer.
    Du aber hast kapituliren wollen und sogar Bedingungen vorgeschrieben,
bemerkte Herr Alfons lachend. Mama war so gtig, dich fr den begangenen faux
pas nicht sogleich vor der ganzen Gesellschaft blozustellen, nun aber httest
du nach der Probe die Angelegenheit mit deiner schnen Doktorin bestens
arrangiren sollen.
    Das konnte ich nicht, sagte Arthur bestimmt; ich mag Niemanden, am
allerwenigsten meine besten Freunde, vor den Kopf stoen. Bin ich voreilig
gewesen, so thut es mir leid; aber wenn Mama die lebenden Bilder zur Ausfhrung
bringt, so kann das Decamerone von Winterhalter in der gleichen Besetzung wie
bei der Probe nicht fehlen; wenigstens ich fr meinen Theil kann nichts dazu
thun.
    Wenn man aber mit dem Doktor sprche? meinte Alfons.
    Hast du vielleicht Lust dazu? fragte Arthur.
    Es wre das nicht meine Sache; aber wenn vielleicht Papa -
    Nein; ich mu fr solche Kommissionen danken, entgegnete der
Kommerzienrath. Der Tausend auch! was ich nicht eingebrockt, das esse ich auch
nicht aus.
    Die Rthin hatte ihren Mund fest zusammen gezogen und schien das Gesprch
ohne alle Theilnahme anzuhren; doch wer den Blick ihrer Augen kannte, wute,
da die nicht der Fall war.
    Die Frau htte aber leicht merken knnen, wie unangenehm es Manchen der
Mitwirkenden war, als du ihr so unverhofft diesen ausgezeichneten Platz
anwiesest.
    Bah! sagte Arthur, das freut Keine von einer Anderen, und ihr mchtet
hinstellen, welchen Maler ihr wollt, er fnde kein passenderes Gesicht fr diese
Knigin, als gerade das der Doktorin F., umgeben von all' den schnen Mdchen,
die wir zusammengelesen. - Ach, Mama, wandte er sich schmeichelnd an die
Rthin, seien Sie diesmal nachsichtig, lassen Sie meinetwegen, um mit Papa zu
reden, Gnade fr Recht ergehen. - Denken Sie doch nach, wer hat sich eigentlich
ber diese Geschichte beleidigt gefhlt? - Die alte Frau v. W., die es Ihnen,
Mama, nie verzeihen kann, da Sie so prchtige Soiren zu arrangiren im Stande
sind. Und dann vielleicht die Tchter des Oberregierungsraths D. mit ihrem
schlackeligen Bruder, - eine hochmthige Familie, die ja schon frher einmal mit
uns im Unfrieden lebte, weil sie sich gegen uns so auerordentlich
herausfordernd benommen.
    Arthur manvrirte ziemlich klug, und man sah, wie sich die Nase der Rthin
bei der Erwhnung der Familie des Oberregierungsraths D. immer hher erhob. Die
Anspielung auf eine Streitigkeit zwischen beiden Husern war allerdings
zutreffend und es konnte diesseits niemals vergessen werden, da die Frau
Oberregierungsrthin vor einigen Jahren in einer Soire, als von Vorfahren die
Rede war, die Frechheit gehabt hatte, zu behaupten, der Urgrovater des
Kommerzienraths sei wirklich ausbender Barbiergehilfe gewesen; wogegen derselbe
in Wahrheit als wundrztlicher Gehilfe bei einem renommirten Arzte seiner Zeit
fungirt haben sollte, wie die Ueberlieferungen des Hauses des Kommerzienrathes
deutlich besagten.
    Also ich unterwerfe mich auf Gnade oder Ungnade, fuhr Arthur lachend fort,
aber dann thun Sie mir fr dieses Mal den Gefallen, Mama, belassen Sie die
Sache, wie sie ist und bringen Sie mich nicht in den unangenehmen Fall, gegen
den Doktor und seine Frau Schritte thun zu mssen, die von hchst ernsten Folgen
sein knnten. - Gewi, Mama, Ihre Soire mu glnzend werden; man soll davon
noch Jahre lang sprechen, und Sie knnen mir glauben, alle Bilder mssen superb
gelingen, und das Decamerone wird sich nicht am schlechtesten ausnehmen.
    Wrde sich vielleicht nicht am schlechtesten ausnehmen, willst du sagen,
entgegnete streng die Rthin; von wird kann nicht die Rede sein, da ich
beschlossen habe, da die ganze Soire unterbleiben soll.
    Ah! das ist etwas Anderes, erwiderte Arthur mit kaltem Tone, indem er sich
von dem Tische zurckzog; dann habe ich freilich nichts mehr zu bitten.
Verzeihen Sie, Mama!
    Es entstand jetzt eine unangenehme Pause, und obgleich sich alle Anwesenden
mit dem Beschauen ihrer Sachen zu beschftigen schienen, so hrte man doch keine
Ausrufe der Freude, kein lautes gegenseitiges Mittheilen: Jedes sah stumm auf
seinen Platz nieder und man vernahm whrend mehrerer Minuten nichts als das
Picken der Standuhr oder das Knistern der kleinen Wachskerzen an den Bumen.
    Wo ist denn deine Frau? fragte endlich Mama ihren Sohn. - Heute Abend
htte ich sie sicher erwartet. Soll ihr Tisch dort wieder unberhrt stehen
bleiben?
    Ich mu um Verzeihung bitten, erwiderte der Doktor, whrend er an das
Sopha trat, da ich Bertha nicht schon lngst entschuldigte. Die Kinder hatten
ein kleines Malheur, - ziemlich unbedeutend: der Tannenbaum gerieth in Brand und
versengte etwas Weniges Oskars Haare. - Nun mu doch Jemand bei den Kindern
bleiben, und Bertha -
    Deine Frau als gute Mutter blieb zu Haus, warf Alfons mit einem
unangenehmen Lcheln dazwischen. Ja, das kann ich mir denken; eine Mutter lt
ihre Kinder nicht gerne allein.
    Die Kommerzienrthin blickte ihrem Sohne forschend in die Augen und fragte
darauf ziemlich theilnehmend: Und weiter ist es nichts?
    Der Doktor schwankte einen Augenblick und war wohl versucht, die Scene, die
er heute Abend mit seiner Frau erlebt, den Eltern zu schildern. Doch bemerkte er
den lauernden Blick seines Schwagers und mochte nun um Alles in der Welt diesem
nicht das Vergngen bereiten, das er immer empfand, so oft er etwas Unangenehmes
aus des Doktors Haushalt erfuhr.
    Es ist in der That nichts weiter, versicherte aus diesem Grunde Eduard.
Morgen springen die Kinder wieder herum und werden schon in aller Frhe kommen,
um ihre Geschenke abzuholen.
    Nachdem die Bescheerung in dem Hause des Kommerzienrathes auf die eben
beschriebene Art stattgefunden, war es der Brauch, da die Familie
gemeinschaftlich ein kleines Souper einnahm. Das geschah denn auch heute; doch
kalt und frostig, wie der Weihnachtsabend begonnen, endete er auch fr diese
reichen und in ihren Kreisen vornehmen Leute.
    Der Kommerzienrath war wohl der Einzige, der sich dies nicht besonders
anfechten lie; er fand das Souper vortrefflich, sprach ber die kommenden
Feiertage, und frchtete Schnee und Regen, wobei er mehrmals das Sprichwort
zitirte, da grne Weihnachten weie Ostern brchten. Hie und da redete er auch
Einiges ber Politik, ber das muthmaliche Fallen und Steigen der Papiere oder
ber irgend eine groartige Spekulation, die hier oder dort gelungen oder
milungen sei.
    Alfons allein gab der Mutter zusammenhngende und richtige Antworten, die
Uebrigen schienen alle mehr oder minder zerstreut zu sein.
    Die Rthin sa aufrecht in ihrem Stuhle und nickte jedesmal dankend mit dem
Kopfe, so oft der Bediente eine Schssel prsentirte. Sie a nur einige Lffel
Kompott und trank etwas rothen Wein mit Wasser dazu, im Uebrigen aber hustete
sie oftmals in ihr Sacktuch hinein, machte auch kleine Trommelversuche, die sie
aber alsbald wieder einstellte, denn das Tischtuch dmpfte jeden schnen Klang.
    Am einsilbigsten war Arthur; die Unterredung mit der Mutter hatte ihn
verstimmt und betrbt, das Aufgeben der Soire mute nothwendiger Weise auf das
feine und richtige Gefhl der Doktorin einen peinlichen Eindruck machen. Dabei
schien sich der Maler heute Abend im Kreise der Familie auch noch aus andern
Grnden sehr unbehaglich zu fhlen und sich sobald als mglich hinweg zu sehnen.
Er soupirte mit auerordentlicher Hast, ohne dehalb den Gang des Ganzen auch
nur im Geringsten beschleunigen zu knnen, und dabei blickte er hufiger als
gerade nothwendig war, auf die Standuhr seinem Platz gegenber, die, so langsam
ihr Zeiger auch fortschritt, doch schon halb Zehn anzeigte. - Spt! spt!
murmelte er ungeduldig in sich hinein.
    Selbst Marianne, die oftmals bei hnlichen Veranlassungen die Kosten der
Unterhaltung allein trug, und bald mit Diesem, bald mit Jenem plaudernd, einiges
Leben hinein brachte, war nachdenkend, blickte hufig starr auf ihren Teller und
fuhr wie erschreckt empor, wenn sie der Papa etwas fragte. Doch war es nicht die
allgemeine Langeweile, die auch sie bedrckte, sie war ja an der Seite ihres
einsilbigen und oft mrrischen Mannes, sowie auch, da sie im Hause wohnte, und
sich viel in Gesellschaft der Mutter befand, dergleichen schon gewhnt. Heute
Abend war etwas besonders Eigenthmliches passirt. Vor ein paar Stunden ging sie
absichtslos mit leisen Schritten bei dem Zimmer ihres Mannes vorbei und sah
durch die ein wenig geffnete Thre, da er ein Paket Damenhandschuhe - Frauen
pflegen sich darin nicht zu irren - sauber in weies Papier einschlug, mit einer
rothen Schnur umgab, siegelte und berschrieb. Anfnglich dachte sie, es sei das
eine Ueberraschung fr den heutigen Abend. Aber wozu dann siegeln und
berschreiben, wenn man im gleichen Hause wohnt? - Sie konnte das nicht
vergessen, und als sie an den Tisch trat, wo ihre Sachen lagen, war ihr erster
Blick nach den Handschuhen; aber unter all den Sachen war nichts, was jenem
Paketchen hnlich gesehen htte. - Sie schttelte den Kopf und konnte es nicht
vergessen. -
    Wenn uns der geneigte Leser freundlich folgen will, so verlassen wir das
reiche Ezimmer des Kommerzienraths, den kostbar servirten Tisch mit seinem
Silbergerthe, seinem feinen Kristall und Porzellan und seinen verdrielichen
Gesichtern, - wir verlassen es, schauen uns aber unter der Thre nach Arthur um,
der, den Blick auf Mama geheftet, nicht erwarten kann, bis sie ihre Serviette
hinlegen und so das Zeichen zum Aufbruch geben wird. - Wir verlassen das Haus
und wandeln durch die stiller gewordenen Straen nach der Balkengasse, wir
treten in ein uns schon bekanntes Haus; doch ehe wir die Treppen hinauf steigen,
wollen wir uns erlauben, einen Blick rckwrts zu thun, rckwrts in der Zeit
nmlich, um zu sehen, wie unsere Freunde hier den heiligen Christabend
zugebracht.
    Da Herr Staiger, wie wir bereits wissen, nur zwei Zimmer bewohnte, die noch
obendrein so gelegen waren, da man durch das eine mute, um in das andere zu
gelangen, so wrde es auerordentlich schwer gewesen sein, im Geheimen die
Vorbereitungen zur Weihnachtsbescheerung zu treffen, wenn sich Clara nicht wie
in allen Dingen, so auch hierin sehr gut zu helfen gewut htte. Im Vorzimmer
nmlich traf sie alle ihre Anstalten; dort stand der kleine Tannenbaum, den sie
fr weniges Geld gekauft, und dort wurde er mit einigen Aepfeln, mit Flittergold
und ein paar Kerzchen aufgeputzt und besteckt.
    Damit nun diese Vorbereitungen von den Kindern nicht gesehen wrden, hatte
die ltere Schwester ihnen eingeschrft, stets die Augen zu schlieen oder nach
der rechten Seite zu sehen, wenn sie durch dieses Zimmer gingen. Der liebe
Christ, sagte sie, wird daran euren Gehorsam erkennen, und da er
augenblicklich erfhrt, wenn eines von euch hinter den Ofenschirm gesehen, so
wrdet ihr alsdann an Zuckerwerk und Spielsachen gar nichts finden, wohl aber
eine groe Ruthe, welche auerordentlich fhig ist, kleinen Kindern einen
gewissen Theil des Krpers zu bearbeiten.
    Wir mssen aber auch gestehen, da Clara fr den heutigen Weihnachtsabend
schon ein Uebriges gethan hatte, und sie hatte hierzu nicht einmal, wie sonst
immer, ihrer eben erst erhaltenen Monatsgage zuzusprechen gebraucht; denn der
Vater war vor ein paar Tagen mit einem hchst zufriedenen Gesichte von seinem
Verleger, dem Herrn Blaffer, zurckgekehrt, und hatte triumphirend eine Rolle
mit fnfzig Gulden auf den Tisch gelegt. Nicht nur war ihm sein Honorar
bedeutend erhht worden, sondern der edelmthige Verleger hatte ihm auch noch
von frheren Arbeiten her eine Zulage Zusammengerechnet und baar eingehndigt.
    Woher diese Gelder eigentlich kamen, wissen wir besser als der alte Herr und
seine Tochter. - Genug, sie waren da und wurden auf's Beste verwendet, was
beinahe den ersten kleinen Streit seit langen Jahren zwischen Vater und Tochter
hervorgerufen htte. Clara behauptete nmlich, ein neuer Winterrock sei fr den
Vater unbedingt nothwendig, er dagegen meinte, ein Mantel fr Clara sei noch
viel nothwendiger; doch siegte der Oberrock, indem Clara sagte, sie halte es fr
eine Snde, fr die paar Gnge, die sie zu Fu zu machen habe, das viele Geld
auszugeben. Da der Winterrock einen Hauptbestandtheil der heutigen Bescheerung
bilden sollte, verstand sich von selbst.
    Obgleich Herr Staiger seine Tochter Clara ohne Einschrnkung alle
Kassengeschfte besorgen lie, so hatte er doch diesmal mit pfiffigem Lcheln
einige Gulden aus der Rolle fr sich behalten und nach langem Zgern und vielen
Ausflchten seiner Tochter anvertraut, es sei doch nicht mehr als schicklich,
da er auch seinem Freunde Arthur, der ja am Weihnachtsabend kommen werde, etwas
Weniges unter den Christbaum lege. - Von den Pelzmanschetten, die er fr Clara
kaufen wollte, sagte der alte, lgenhafte Mann natrlicherweise nichts und
freute sich wie ein Kind, da ihm sein Betrug so gut gelungen; denn als er
Arthur's Namen genannt, da hatte ihr Auge geglnzt und sie ihm zugestimmt und
versichert, das sei ein ganz glcklicher Gedanke; wenn sie selbst auch - eine
unbedeutende Cigarrentasche fr den Bekannten ihres Vaters gestickt, so sei die
doch nicht der Rede werth und wrde auf dem groen Teller allein gar zu mager,
zu unbedeutend aussehen.
    Als der heilige Abend herangekommen war, da wurden die Kinder zu einer
Nachbarin geschickt und ihnen auf's Strengste eingeschrft, erst nach einer
Stunde und zwar bei vllig eingebrochener Dunkelheit zu erscheinen. Wenn sie
auch nicht zu frh kamen, so hrte man sie doch mit ungeheurer Pnktlichkeit zu
der angegebenen Zeit die Treppen heraufsteigen und nach der Wohnung eilen. Clara
trat ihnen aber im Vorzimmer entgegen und hielt sie auf.
    Aber wir kommen doch nicht zu frh? versetzte das kleine Mdchen; wir
sind so lange ausgeblieben, als du es gesagt, liebe Clara.
    Ja, und jetzt mchten wir auch sehen, was das Christkindchen fr uns
mitgebracht hat.
    Das wird nicht zu viel sein, sagte die ltere Schwester, indem sie ihrem
Bruder die Mtze abnahm und diese auf eine Stuhllehne hngte. Das Christkind
hat sich bei uns erkundigt, und wenn wir euch auch nicht gerade sehr verklagten,
so muten wir ihm doch Einiges sagen, weil es darnach gefragt.
    Und was hat es denn von mir wissen wollen? fragte der kleine Bube mit
ziemlich langem Gesicht.
    Allerlei Sachen, entgegnete Clara, ob du folgsam und in der Schule artig
und aufmerksam seiest, ob du auch gleich nachher nach Hause kommest oder ob du
dich mit anderen Buben auch wohl Stunden lang auf den Schleifen herumtreibest
und Schneeballen machest, ob du beim Mittagessen Alles thuest, was man dir sagt,
ob du deine Suppe essest und nichts davon verschttest und ob du ruhig sitzen
bleibest und nicht zu viel sprechest.
    Und was hast du geantwortet?
    Clara zuckte mit ernsthafter Miene die Achseln. Ja, sagte sie, so lieb
ich dich auch habe, Alles konnte ich nicht leugnen; doch habe ich nicht
vergessen, da du mir gestern noch versprochen, du wollest von jetzt an sehr
artig, sehr lieb und folgsam sein. - Und das hat das Christkindchen gern
gehrt.
    Und du meinst, es werde mir nicht bse sein, und doch etwas bringen?
    O, ich glaube das bestimmt, namentlich wenn du jetzt recht artig bist und
dich mit Marie hier noch eine Zeit lang aufhltst, bis ich euch rufe; denn ihr
wit, das Christkindchen schickt heute Abend die Sachen, und erst, wenn sie da
sind, kann ich sie euch geben.
    Aber wenn es sie heute Abend erst schickt, so kommen sie ja hier durch das
Zimmer und dann sehe ich sie zuerst, meinte Karl.
    Da irrst du dich sehr, bemerkte die kleine Marie, es kommt drben an's
Fenster geflogen und reicht da Alles herein.
    Aber das mchte ich einmal sehen. Clara, kannst du mich nicht rufen, wenn
es geflogen kommt?
    Nein, nein, entgegnete lachend die Tnzerin; das wre noch schner! Da
drfen keine kleinen Kinder zusehen, sonst fliegt es vorbei und bringt gar
nichts. - Also wollt ihr recht brav hier auf dem Bnkchen sitzen bleiben, bis
ich euch rufe?
    Ja gewi, sagte Marie. Und ich will dem Karl was erzhlen, dann wartet er
gerne und schlft auch nicht ein.
    O, ich werde nicht schlafen! versetzte bestimmt das Bbchen.
    Und dann gingen die beiden Kinder mit einander zu einem Fuschemel, und
setzten sich darauf hin. Marie nahm die rechte Hand ihres Bruders, und dieser
strampelte mit den Fen und sagte: Wenn das Christkind nur bald kommt!
    Clara war unterdessen mit leisen Schritten nach dem anderen Zimmer
zurckgekehrt und half ihrem Vater noch ein paar bunte Papierstreifen, sowie
auch ziemlich dnne Talglichtchen an dem kleinen Weihnachtsbaum befestigen. Dann
holte sie all' die prchtigen Sachen hervor, mit denen die Kinder beschenkt
werden sollten. Zuerst kam das Ntzliche, und zwar fr Marie eine neue Schrze
und ein kleines wollenes Halstuch, fr das Bbchen aber eine Schiefertafel, da
die alte im letzten Straenkampf zu Grunde gegangen war, ein Federrohr und ein
paar von ihm so genannte Herrenstiefel; das waren nmlich Stiefel mit Schften,
wonach er schon lange geschmachtet und die ihm sein Pathe Schuhmachermeister
verehrt. Hierauf folgte das Angenehme: fr das Mdchen eine Puppe, welcher die
Tnzerin aus verschiedenen Lappen und Flittern, die sie in der Garderobe
gesammelt, ein prachtvolles Ballkleid verfertigt hatte. Die Puppe hatte eigenes
Haar und war  l'enfant frisirt; wie ihre Legion von Schwestern schaute sie
ungeheuer verwundert in die Welt und hatte dazu die Arme und Fe etwas Weniges
verdreht; letztere standen ungeheuer auswrts, und die Finger hielt sie nach Art
der preuischen Infanterie: den kleinen Finger an der Hosennaht. - Fr Karl
hatte Clara lngere Zeit zwischen einer Trommel und einem Schaukelpferd
geschwankt, sich aber auf Zureden des Vaters fr das Letztere entschieden. -
Denn, meinte Herr Staiger, er wrde mit seiner Trommel ein schnes Gerappel
machen, was meinem Onkel Tom und dem Herrn Blaffer nicht zu gut kme, und ich
mu mich nun doppelt zusammen nehmen, um vortreffliche Arbeit zu machen, denn
ich werde jetzt in der That so anstndig honorirt, da ich tglich mit
Bequemlichkeit ber zwei Gulden verdienen kann. - Ich htte nie geglaubt, da es
mir noch so gut gehen wrde.
    Clara arbeitete emsig an ihrem Baum, stellte die oben genannten Sachen so
prchtig auf und so schn in's Licht, da sie in der That einen groartigen
Effekt machten.
    Wei der Herr, sagte freundlich Herr Staiger, der, die Hnde auf dem
Rcken, behaglich dieser Arbeit zusah; es geht mir heute Abend wie jenen
Savoyardenknaben bei ihrer Melonenschnitte: ich fhle mich auch glcklicher als
ein Knig; es ist das wieder ein angenehmes, liebes Weihnachtsfest, wie sie mir
aus meiner Jugend her in Erinnerung sind und wie wir sie einige Male hatten, als
deine selige Mutter noch lebte. - Siehst du, Clara, fuhr er gerhrt fort, ich
glaube, der liebe Gott hat mein Leben wunderbarlich gefhrt und gibt mir noch
einen frhlichen Abend des Lebens. Ich wei nicht wehalb, aber es kommt mir nun
einmal so vor. - Meine Jugend war hell und glcklich beschienen, dann kamen
schlimme Jahre und ich mute lange im kalten Schatten dieses Lebens wandeln.
Aber jetzt wenn ich so den kleinen Tannenbaum ansehe, wie seine Nadeln bei jeder
Bewegung spielen, und wie das Gold durch die feinen Zweige glnzt, jetzt ist es
mir gerade, als stnde ich auf der Hhe meines Lebens, - das heit auf der Hhe,
auf welche bald die allgemeine Ruhe folgt, - she aber vorher noch hinab in ein
freundliches, von der Abendsonne beschienenes Thal; ich sehe es hinter den
Bumen stehend, wenn ich aber noch einen kleinen Schritt, noch eine kleine
Spanne Zeit vorwrts schreite, so stehe ich unter den sanft rauschenden Zweigen
und den leise im Abendwind suselnden Blttern, und der herrliche Glanz einer
niedersinkenden Sonne strahlt prchtig auf meinen Pfad. - - Gewi, Clara, das
fhle ich; und wenn dem so wre, so wrde es mich glcklich machen um
deinetwillen. - Ja, mein Kind, wenn nur ein frohes Geschick unser Leben
freundlich wenden wollte, so wrde ich Gott auf's Herzlichste danken und es als
eine Belohnung ansehen fr deine unendliche Liebe und Gte fr mich alten Mann
und deine kleinen Geschwister, denen du Alles bist.
    Whrend Herr Staiger so sprach, blickte er wie trumend und mit so
glnzenden Augen, als schaue er wirklich all' das Schne, in den Tannenbaum.
Dabei aber zitterte seine Stimme und seine Blicke verdunkelten sich zuweilen
seltsam, um gleich darauf ein doppeltes Licht auszustrahlen, - zwei Lichtpunkte,
die sich langsam ber seine Wangen hinab bewegten.
    Clara hielt in ihrer Arbeit inne, als ihr Vater so sprach, und ihr Ohr
lauschte glubig seinen Worten. Auch ihr Blick erweiterte sich, ihre Brust hob
sich mhsam, von einem unnennbar sen Gefhl geschwellt, einem Gefhl, das von
der Phantasie des alten Mannes ausgehend, bei ihr eine andere und bestimmtere
Form gewann. Sollte er vielleicht Recht haben, sollte sich der Abend seines
Lebens nochmals verschnern und vielleicht einen noch hellern Glanz auch ber
sie ausgieen? - O nein! nein! das war ja unmglich; sie mochte und konnte nicht
weiter denken, denn ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen; sie legte sanft ihre
Arme um den Hals des Vaters, senkte den Kopf auf seine Brust, und whrend sie
sich darauf bemhte, ihm die Thrnen von den Wangen zu kssen, bemerkte sie
nicht, da auch die ihrigen flossen.
    Wir sind aber recht kindisch, sagte der alte Mann nach einer Pause, indem
er das Gesicht seiner Tochter mit beiden Hnden umfate und es sanft in die Hhe
hob, um ihr in die schnen, edeln und reinen Zge zu sehen. Jetzt geht es uns
wieder einmal etwas gut und wir weinen wie die Kinder.
    Aber nicht aus Schmerz, Vater, versetzte Clara sanft, gewi nicht aus
Schmerz. Vielleicht geht dein schner Traum in Erfllung, und das war der Anfang
von Freudenthrnen.
    Ah! Freudenthrnen sind schn! - Doch jetzt wollen wir lustig sein; bring'
deine Arbeit zu Ende, damit die Kinder drauen nicht zu lange zu warten
brauchen. - - Aber wahr ist es: unser Zimmer ist heute Abend so behaglich, so
angenehm, und mir ist dabei so wohl, ich mchte jeder Ecke, jedem Stuhl und
Tisch guten Abend sagen und die Wnde mit der Hand ptscheln, - es ist hier so
warm und wohnlich. - Und dann, was fr ein kostbares Souper erwartet uns! - Ein
delikater Kalbsbraten und vortreffliche Kartoffeln. Eigentlich eine
Verschwendung; aber nehm' dich ja zusammen, Clara, da dir Alles gut gerth und
der Braten nicht anbrennt; wir mssen unserem Gast alle Ehre anthun, und das
Wenige, was wir geben, mu gut sein.
    Meinst du, er werde auch kommen? fragte Clara schchtern, indem sie sich
gegen den Tannenbaum wandte, um dort noch ein kleines Netz von Papier zu
befestigen.
    O unbesorgt! sprach Herr Staiger mit bestimmtem Tone, er hat es mir
versprochen, und was er mir verspricht, das hlt er auch.
    Ja, ja, Papa, wenn er es dir versprochen hat, so wird er auch sicher
kommen, erwiderte die Tnzerin, whrend um ihren kleinen Mund, den sie fest
zusammen zog, ein ganz leichtes, leichtes, aber hchst liebenswrdiges Lcheln
spielte.
    Da ist mir was eingefallen, sagte Herr Staiger nach einer Pause; wir
htten wohl mit der ganzen Bescheerung warten knnen, bis Herr Arthur gekommen
wre; ich glaube, es wrde ihn freuen, das einmal bei uns mit anzusehen.
    Glaubst du das in der That? fragte eifrig das Mdchen, indem sie sich
rasch herum wandte. - Ach nein! das ist zu kleinlich fr ihn; auch wrden die
Kinder nicht gerne so lange warten.
    O, die Kinder warten schon, wenn wir ihnen sagen, Herr Arthur komme; sie
haben ihn auerordentlich lieb.
    Das ist wahr, sagte nachdenkend die Tnzerin mit ganz leiser Stimme. -
Aber, fuhr sie lauter fort, Herr Arthur wird wahrscheinlich spt kommen. -
Hat er das nicht gesagt?
    Er meinte, es knnte bis acht Uhr reichen; sie haben natrlicherweise zu
Haus auch eine Bescheerung.
    Ah! was werden die vergngt sein bei ihren vielen schnen Sachen!
    Davon hngt's nicht ab, mein Kind, entgegnete Herr Staiger. Hoffen wir
nicht auch vergngt zu sein? Und doch sehe ich bei uns gerade nichts von
Kostbarkeiten. - Also Herr Arthur versprach mir, um acht Uhr zu kommen; er
meinte sich vom Nachtessen dort dispensiren zu knnen und freute sich sehr auf
das unsrige.
    That er das wirklich? fragte Clara anscheinend unbefangen.
    Gewi, gewi, antwortete der alte Mann; das kannst du auch wohl sehen,
da er gerne hier bei uns ist, denn wegen der Illustrationen braucht er nicht so
oft zu kommen, wie er es thut.
    So? - glaubst du wirklich? versetzte die Tnzerin, wobei sie sich rasch
abwandte, um nach dem Vorzimmer zu gehen. Doch blieb sie wieder stehen und sagte
ohne zurckzuschauen: Also meinst du wirklich, wir sollen mit der Bescheerung
warten, bis er kommt? - Aber die Kinder werden schlfrig und ich kann sie nicht
hier in's Zimmer herein nehmen, sonst wrden sie ja alle meine Anstalten sehen.
    Weit du was, meinte Herr Staiger, so setzen wir uns zu ihnen in das
Vorzimmer, es ist da warm genug; unser braver Ofen speit heute Abend eine
auerordentliche Hitze aus.
    Aber du mut die Kinder vorher fragen, ob sie warten wollen; am
Weihnachtsabend haben sie darber zu bestimmen.
    Versteht sich, aber du wirst sehen, wie bereitwillig sie sind.
    Dies war denn auch der Fall, und als die Kinder hrten, ihr lieber Herr
Arthur werde kommen und an der Bescheerung theilnehmen, da waren sie sehr
zufrieden und warteten gern noch lnger.
    Wohl noch eine ganze Viertelstunde, sagte das Bbchen.
    Clara war in dem Zimmer zurckgeblieben und benutzte die augenblickliche
Abwesenheit ihres Vaters, um auch fr diesen die Geschenke aufzustellen.
Smmtliches fr die Familie befand sich auf dem groen Tische; und ber ein
kleines Nhtischchen, das daneben stand, hatte die Tnzerin eine Serviette
gebreitet, darauf lag das bewute Cigarren-Etui neben einem kleinen, kaum
fuhohen Christbaum, den Klara aus grnem Papier knstlich gearbeitet, und der
mit Miniaturkerzen und Zuckerzeug auf's Freundlichste verziert war. Das Geschenk
ihres Vaters fr Arthur, ein kleines Feuerzeug, befand sich ebenfalls dort.
Clara hatte es kopfschttelnd betrachtet, indem sie zu sich selber sprach: Und
dafr will er ber zwei Gulden ausgegeben haben? - Papa versteht aber durchaus
nicht einzukaufen.
    Drauen im Vorzimmer hatte sich unterdessen Herr Staiger zu den Kindern
gesetzt; das Mdchen sa auf dem Schemel und lehnte ihren Kopf an die Kniee des
Vaters, der Knabe sa auf dessen Schoo und war unersttlich im Anhren der
furchtbarsten Geschichten. Herr Staiger mute die Geschichte von der
schrecklichen Wasserschlange, die das Schiff auf dem Weltmeer verfolgt und jeden
Tag eine neue Beute fordert, zum Gott wei wie vielsten Male erzhlen, wobei es
dem Bbchen besonders aber um den Schlu zu thun war; denn nachdem schon sehr
viele Offiziere und Matrosen verzehrt sind, wirft man ihr die ganze
Schiffsapotheke in den Rachen, worauf es der Schlange hundebel wird und sie
pltzlich stirbt.
    Da nun aber dergleichen Geschichten am heutigen Abend noch sehr viele
erzhlt werden muten, mit deren Wiederholung wir den geneigten Leser jedoch
verschonen wollen, bitten wir ihn, whrend dieser Zeit mit uns auf einige
Augenblicke in das Zimmer der Madame Wundel, der Staiger'schen Wohnung
gegenber, zu treten.

                              Fnfzigstes Kapitel.



                              Verschmte Hausarme.

Hier wurde der Weihnachtsabend nicht wie bei den brigen Mitchristen gefeiert;
Madame Wundel, die verschmte Hausarmen-Wittwe, fand es begreiflicherweise
unpassend, am heutigen Abend mit irgend Etwas Geprnge zu machen. Ihre beiden
Tchter waren erwachsen, wehalb ihnen ein Christbaum auch weiter keine Freude
gemacht htte; sich gegenseitig zu beschenken, wre ebenfalls unnthig gewesen,
daher sie denn das Fest still unter sich und unter andchtigen Betrachtungen
feierten. Das klingt fr uns, die wir den Charakter von Mutter und Tchtern
kennen, zwar unglaublich, aber es verhielt sich wirklich so. - Im Ofen brannte
ein sprliches Feuer, so da das Zimmer nur sehr mig erwrmt war; der Tisch
war mit einem groben Tuche bedeckt und auf demselben befand sich eine Schssel
mit Kartoffeln in der Schale neben einem Salzfasse, einem Stcke schwarzen Brode
und einer Flasche voll klaren Wassers.
    Madame Wundel sa an diesem Tische, ihr gegenber die lteste Tochter
Emilie, und Beide hatten Gebetbcher vor sich, in welchen sie eifrig zu lesen
schienen.
    Wir sagen: zu lesen schienen; denn wenn man aufmerksamer hinsah, so bemerkte
man wohl, da die wrdige Wittfrau die Ngel ihrer Finger besah, auch zuweilen
an die Decke blickte, und da Emilie den Kopf auf die Seite hielt, offenbar um
auf den Gang und die Treppe zu lauschen, zu welchem Zweck auch die Stubenthre
halb geffnet war.
    Jetzt kann er wohl drunten sein, sprach die Mutter nach einer lngeren
Pause.
    Ja, mir scheint, er schleiche auf der untersten Treppe, erwiderte die
Tochter. - Richtig! da hre ich ihn auch husten. - Wenn der nur bald
ausgehustet htte!
    Ein langweiliger, miserabler Kerl! meinte die Wittwe.
    Und schleicht wie ein Gespenst in den Husern umher, entgegnete Emilie.
Bin ich doch wirklich erschrocken, als er vorhin fast unhrbar in's Zimmer trat
und sein: Gott sei mit euch, ihr Frauen! krchzte, - der alte Heuchler!
    Ich bin gar nicht erschrocken, lachte Madame Wundel: ich wute wohl aus
alter Praxis, da er diesmal am Weihnachtsabend kommen wrde. Vergangenes Jahr
kam er am Christfest selbst; er wechselt immer so ab. - Das kann euch wieder ein
Beispiel sein, fuhr sie nach einer Pause fort, whrend welcher sie die Hand in
die Tasche gesteckt und dort mit Geld geklappert hatte; da ihr eurer Mutter
unbedingt folgen sollt. Du hattest wieder Lust, zu sieden und zu braten, und
wenn ich deinem Kopfe gefolgt wre, so htte uns der Armenpfleger berrascht,
und - eine milde Gabe gereicht fr Holz und Brod, - diese Worte sprach sie mit
demselben nachffenden Tone wie ihre Tochter, - whrend ein schner Kuchen auf
dem Tische stand und vielleicht eine Flasche Wein daneben.
    Leider ist es eine schlechte Welt, erwiderte Emilie achselzuckend, und
fr die paar miserablen Gulden, die sie uns an den Kopf werfen, leben wir doch
in einer wahren Sklaverei. Gehe ich durch die Straen, bei gewissen Husern
vorbei, da mu ich die Augen niederschlagen und darf hchstens nach einem
kleinen Kinde sehen, das zufllig auf's Gesicht gefallen ist, um es aufzuheben
und ihm aus christlichem Mitgefhl die rotzige Nase abzuwischen, - wenn das
nmlich Jemand sieht. - Pfui Teufel! Ihr httet eigentlich wohl ein anderes
Geschft ergreifen knnen, als das einer verschmten Hausarmen. Uns ist dadurch
jede Carrire abgeschnitten; man kann sich nicht einmal mit einem anstndigen
Liebhaber einlassen, denn das wre ja die grte Versndigung, wenn sie es
erfhren.
    Aber man lebt gut, sagte die Wittwe mit einem breiten, behaglichen
Lcheln. Sei nicht undankbar, Emilie; du weit noch nicht, wie hart es ist, das
Brod durch seine Hndearbeit verdienen zu mssen.
    Aber dann bin ich frei und kann thun was ich will.
    Geht mir mit eurer Freiheit! Man ist da abhngig von den Launen seiner
Herren oder Herrinnen und erst ein rechter Sklave.
    Neulich ging ich in einen Laden, fuhr Emilie rgerlich fort, und wollte
mir zu meinem karrirtseidenen Kleide ein paar Ellen kaufen. Da sehe ich
glcklicherweise noch frh genug den Armenpfleger, der mich lauernd betrachtete.
Vor mir lag ein ganzer Sto Seidenzeug, und da fragte er auf seine widerliche
Manier: - Sie kaufen doch gewi nicht von diesen eitlen Geweben? - Was wollte
ich machen? - Ich mute meine Augen niederschlagen und mit einer halben Elle
grauen Futternessel abziehen.
    Was brigens sehr klug von dir war, erwiderte vergngt Madame Wundel.
Glcklicherweise scheuen sich diese Spione, des Abend auszugehen; und an
gewisse Orte, wo wir uns sehr gut amusiren, kommen sie nie hin.
    Ja, wenn auch das nicht wre, sollte es der Henker aushalten! sagte
Emilie. - Nun, hat er auch was Rechtes gebracht?
    Ich kann nicht darber klagen, schmunzelte vergngt die Mutter. - Am
Weinachtsabend da kommt so allerlei zusammen, da wollen die verschiedenen
Vereine zur heiligen Zeit noch einen rechten Stein in's Brett bekommen und
dehalb flieen da die Untersttzungen ordentlich. - Ach, da doch so viel
Heuchelei in der Welt ist! Die machen sich selbst was wei und bilden sich ein,
es sei ihnen ein Bedrfni des Herzens, den Armen mitzutheilen, und bei den
Meisten ist's nichts wie Eitelkeit: sie wollen Alle im Jahresberichte und im
Wochenblttchen stehen. - Nun also, da habe ich sechs Gulden vom Vereine fr
verschmte Hausarme, vier Gulden aus der Untersttzungskasse fr hilfsbedrftige
Wittwen aus dem Honoratiorenstand. - Und dazu knnen wir uns ja rechnen, seit
dein Vater gestorben ist, denn meine Familie stand ehedem stolz da in der Stadt;
da der Mann so traurige Geschichten gemacht hat, ist ein Unglck. Doch will ich
seiner nicht im Bsen gedenken, denn hier ist ja auch ein Gulden und dreiig
Kreuzer aus der Wittwenkasse fr in ffentlichen Anstalten des Staats
Verbliebene. - Sie wollte nmlich nicht sagen: fr die im Zuchthaus
Gestorbenen, wie es dem seligen Herrn Wundel leider geschehen war, da er
Pflegschaftsgelder auf eine fr ihn zu vortheilhafte Weise angelegt hatte.
    Das sind ja elf Gulden dreiig Kreuzer, sprach Emilie mit zufriedener
Miene; das reicht schon ber die Feiertage.
    O ganz bequem, entgegnete die Mutter. Und dazu kommt noch der zweite
Weihnachtstag, wo ich mich im schwarzen Anzug bei dem Prediger des neuen Bundes
prsentire und darauf hin einige Anweisungen erhalte fr christliche Huser, wo
man anstndige Wittwen zu behandeln versteht.
    O ja, das geht, sprach die Tochter nach einigem Nachdenken. Dann kommt
Neujahr, und dabei werden wir wohl so viel herausschlagen, da man sich am
Carneval ein kleines Vergngen machen kann.
    Die Mutter packte ihr Geld zusammen und steckte es sorgfltig wieder in die
Tasche ihres Kleides, - sie hatte es dort hervor geholt, um ihre Tochter mit dem
Glanz des Silbers zu erfreuen. - Da ist noch eine ganz famose Kasse hier in der
Stadt, sagte sie nach einer Pause, an der wir vielleicht auch nchstens einmal
theilnehmen knnen. - Weit du, man mu sich nicht geniren, und wenn du
wolltest, so knnte ich dorthin bald einmal eine Eingabe versuchen.
    Was ist das fr eine Kasse? fragte Emilie.
    Obendrein ist noch ein Freund von dir dort beschftigt: der Herr Aktuar
Schwarz ist der Sekretr.
    Ah! Mutter, versetzte Emilie etwas spitzig, das mu ich mir alles Ernstes
ausbitten!
    Wie, da der Herr Aktuar Schwarz dein Bekannter ist? fragte Mama mit einer
auerordentlichen Unbefangenheit.
    
    Nein, das nicht, erwiderte entrstet Emilie, sondern da du mir
vorschlagen willst, ich soll mich an den Untersttzungsverein fr alte Jungfern
wenden.
    Ist denn das so was Schlimmes?
    Es ist schlimm genug, wenn man in Verhltnissen lebt, die es Einem
erschweren, eine anstndige Verbindung einzugehen.
    Und wenn uns dieser Freund untersttzt, erwiderte Madame Wundel, indem sie
ihre Haube zurecht zog, bist du dehalb eine alte Jungfer? - Sieh doch mich an,
ich erhalte auch vom Verein fr verschmte Hausarme; sind wir denn dehalb
verschmte Hausarme? - Ich wollte Niemand rathen, das uns in's Gesicht zu sagen.
- Ah! da bitte ich recht schn! Ihr Mdchen habt eigene Begriffe, wenn man nur
einmal ein Wort von einer alten Jungfer fallen lt, so seid ihr beleidigt. Das
ist aber an sich ein ganz respektabler Stand, und wenn die Zeit da ist, da man
eine werden soll, so wird man in Gottes Namen eine. Daran wirst du nichts ndern
wollen. - Jetzt bist du Achtundzwanzig, und wenn dich auch gute Leute fr ein
paar Jahre jnger ansehen, so rckst du doch nach und nach in die Dreiig und
mut da hinein, so sehr du dich auch sperren wirst. Gegen den Strom kann man
nicht schwimmen, und einen heien Ofen nicht kalt blasen. - Larifari!
    Aber ich thu's nun einmal nicht, sagte die Tochter entschlossen. Ich will
mich zu allen Vereinen melden, mgen Sie einen Namen haben, welchen sie wollen;
und ich habe das schon bewiesen, denn als der Verein fr unglckliche, treu los
Verlassene gegrndet wurde, da -
    Schweigen wir davon, entgegnete die Mutter, indem sie die Augenbrauen
zusammen zog, das rgert mich, wenn du davon sprichst. Damals hast du freilich
keinen Anstand genommen, dich fr eine treulos Verlassene auszugeben, obgleich
du dazu gar kein Recht hattest, denn um verlassen zu werden, mu man doch Jemand
haben, der Einen verlt. Und das war bei dir nur so ein kleines Techtelmechtel,
wornach kein Hahn gekrht hat.
    Emilie seufzte tief auf, wahrscheinlich in der Erinnerung an dieses
Verhltni.
    Ja, wrest du damals klug gewesen und httest den jungen Menschen
festgehalten; damit wre was zu machen gewesen. Aber ihr seid nicht pfiffig
genug, nicht gescheidt, nur hochmthig. Das habe ich vorhin wieder so klar und
deutlich gesehen. - Ja, ja, fr eine treulos Verlassene mchtest du alle Tage
gelten, aber nicht fr eine alte Jungfer. O Welt! o Welt!
    Madame Wundel hatte sich so in den Eifer hineingesprochen, da sie unmglich
auf ihrem Stuhle ruhig sitzen bleiben konnte. Sie stand dehalb auf, machte ein
paar Gnge dutch's Zimmer und sagte dann, als ob sie froh wre, etwas zu finden,
woran sie ihren Unmuth auslassen knnte: Werft mir die dummen Kartoffeln vom
Tisch und das fade Wasser! Da hast du den Schlssel, hol' den Kuchen heraus, der
im Schranke steht, und ein paar Glser.
    Und keinen Wein dazu? fragte mrrisch die Tochter, indem sie sich zum
Abgehen anschickte.
    Nein, du brauchst keinen Wein zu bringen; aber schre das Feuer, damit wir
ein behagliches Zimmer bekommen. Ich habe jetzt dem unangenehmen Kerl zulieb
genug gefroren. Dann kannst du auch Wasser zum Kochen aufsetzen; die Madame
Becker wird nachher auf einen Augenblick kommen und Extrakt mitbringen, da
wollen wir uns einen ordentlichen Punsch machen.
    So - die kommt? fragte Emilie mit einem eigenthmlichen Gesichtsausdruck.
- Und wollt ihr allein sein? - Ist man vielleicht im Wege oder kann man da
bleiben?
    Wie du so einfltig fragen kannst! sagte die Mutter; du kannst freilich
dableiben, aber es wre mir nicht lieb, wenn unterdessen Louise - damit meinte
sie die jngere Tochter - nach Hause kme.
    Da kannst du unbesorgt sein, die kommt heute nicht vor elf Uhr nach Haus;
die wei doch noch irgendwo hinzugehen, wo sie sich amusiren kann. - Damit
schritt sie zur Thre hinaus.
    Man hrte sie mit ihren Schlsseln drauen rasseln, auch Glser klirren,
dann schrte sie das Feuer im Ofen, der kurze Zeit darauf eine behagliche Wrme
ausstrmte.
    Madame Wundel hatte unterdessen hchst eigenhndig die Kartoffeln in die
Kche hinaus geworfen, das Wasser entfernt und statt des groben Tischtuchs ein
feineres ausgebreitet, kurz dem ganzen Zimmer in weniger Zeit ein behagliches
Ansehen gegeben.
    Als nun vollends Emilie wieder herein kam, einen groen mrben Kuchen auf
den Tisch stellte, etwas getrocknete Frchte und einige Glser, da sah das Ganze
recht festlich aus, wrdig des Besuchs, der erwartet wurde und den man auch bald
nachher die Treppen herauf kommen hrte.
    Madame Becker - sie war es - ging ziemlich langsam, denn das Treppensteigen
wurde ihr bei vorgercktem Alter und ankommender Krperflle etwas sauer. Sie
hustete schon auf dem zweiten Absatz der Treppe, auf dem dritten pustete sie
gewaltig, und als sie endlich vor der Wohnung der Madame Wundel ankam, brachte
sie nur mhsam einen guten Abend hervor und lie sich sogleich auf einen Stuhl
nieder, den man ihr hinstellte.
    Aber Ihr wohnt recht hoch, Wundel, sprach sie nach tiefem Athemholen und
nachdem sie sich eine Zeit lang umgeschaut. Recht hoch, aber anstndig -
saubere Zimmer.
    So, so, entgegnete die Wittwe. Man kann nicht Alles mit einander
verbinden; will man in unsern Verhltnissen im zweiten oder dritten Stock
wohnen, so mu man sich mit ein paar kleinen finstern Lchern ohne Aussicht und
Luft begngen, und da ist's mir hier oben lieber.
    Das finde ich begreiflich, erwiderte Madame Becker. Ihr habt kein
Geschft, es laufen nicht viele Leute zu Euch; aber ich mu nun leider einmal im
ersten Stock wohnen; wit Ihr, man kann Manchem nicht zumuthen, da er viele
Treppen hinaufsteigt.
    Ah! das ist natrlich, sagte Madame Wundel mit wichtiger Miene; bei Eurer
ausgebreiteten Bekanntschaft. - Aber kommt, legt Euer Umschlagtuch ab; es mu
Euch ja zu warm werden -
    Ich habe nur einen Augenblick ausschnaufen wollen, entgegnete Madame
Becker, whrend sie eine dicke Nadel aus ihrem Halstuch herauszog und dasselbe
nun der Frulein Emilie Wundel berlie, die es sorgfltig auf einen Stuhl
legte. Nachdem diese Hlle gefallen war, erblickte man das freundliche Glnzen
einer Bouteille, welche die Frau in einer Hand trug. Unter dem Arm hatte sie ein
kleines Paketchen, das sie behielt, wogegen sie die Flasche der Wittwe mit einem
angenehmen Lcheln berreichte. Er ist gut, sagte sie, chter Dsseldorfer;
lat uns nur nicht zu viel Wasser dazu nehmen; ich liebe einen starken Punsch.
    Mit diesen Worten hatte sie sich so breit und behaglich wie mglich an den
Tisch gesetzt; sie sttzte den Kopf auf die Hnde und sah der Madame Wundel, die
sich ihr gegenber niederlie, freundlich lchelnd in die Augen. Ihr Paketchen
hatte sie vor sich niedergelegt.
    Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, fuhr sie nach einer Pause fort,
und ich hatte mir schon oft vorgenommen, Euch einmal heimzusuchen, konnte aber
nie dazu kommen, und so dachte ich denn heute: es ist dies ein ruhiger stiller
Abend und recht geschickt, sich nach einer guten Freundin umzusehen.
    Wofr ich Euch sehr dankbar bin, erwiderte Madame Wundel. So ein
Weihnachtsabend ist recht langweilig und man wei nicht, wie man ihn herum
bringen soll.
    Emilie hatte das warme Wasser gebracht, go es in die Glser auf den
Punsch-Extrakt, worauf sich ein angenehmer Geruch in dem Zimmer verbreitete,
dann schnitt sie den Kuchen auf, reichte ihn herum und alle Drei aen, tranken
und waren frhlich und guter Dinge.
    Nach einiger Zeit lehnte sich Madame Becker behaglich in ihren Stuhl zurck
und spielte, anscheinend absichtslos, mit dem Paketchen, das sie neben sich
hingelegt hatte. Es war dies lndlich, mit weiem Papier umwickelt und mit einer
rothen Schnur zusammen geknpft. Auf demselben stand eine Adresse mit einer
festen, regelmigen Handschrift.
    Einkufe? fragte die Wittwe, deren Neugierde erregt war.
    O nein, entgegnete die Andere, es ist ein Geschenk fr meine Nichte
Marie, die Tnzerin. Die bekommen so was immer anonym zugeschickt. Auf der
Strae brachte es mir ein Bedienter, und da er mich erkannte, nahm ich es ihm
gleich ab.
    Also die Marie hat's noch nicht gesehen? meinte Emilie.
    Madame Becker schttelte gleichgiltig mit dem Kopfe. Die sieht's morgen
Frh noch bald genug, sagte sie, wenn sie es berhaupt zu sehen bekommt; und
das hngt ganz von ihrer Auffhrung ab.
    Und was ist wohl darin? fragte Madame Wundel.
    Die Frau bog das Pckchen hin und her, und als sein Inhalt sich weich
anfhlte und biegen lie, antwortete sie: Es werden Handschuhe sein. Doch
knnen wir das ganz genau erfahren: wir machen es einfach auf und sehen nach.
    Damit lste sie die rothe Schnur, machte das Papier aus einander, und Emilie
erblickte mit leuchtenden Augen wenigstens zwei Dutzend seine Pariser Handschuhe
von den verschiedensten Farben.
    Ah! die sind schon! sagte sie. Die Marie ist doch ein glckliches
Mdchen, da sie solche Sachen bekommt. - Ja, so eine Tnzerin!
    Sie sind wirklich hbsch, meinte die Becker. Gefallen sie Ihnen, Mamsell
Emilie?
    Wem sollen die nicht gefallen! - Und das ist gerade meine Gre; siehst du,
Mutter, nicht ein Tpfelchen lnger und breiter knnte ich sie brauchen.
    So will ich Ihnen was sagen, thun Sie mir den Gefallen und nehmen ein
halbes Dutzend von diesen Handschuhen von mir zum Weihnachtsgeschenke an.
    Ah! das wre zu viel, Madame Becker! rief Emilie. Hast du gehrt, Mutter,
ich soll ein halbes Dutzend von diesen prchtigen Handschuhen haben. Wie mich
das glcklich macht! - Aber nein, ich kann's nicht annehmen, gewi ich kann's
nicht annehmen; ich mte mich schmen.
    Madame Wundel, welche befrchtete, es knnte der noch nie da gewesene Fall
wirklich eintreten, da ihre Tochter Emilie sich einmal schmen wrde, etwas
anzunehmen, trat nun mit ihrer Autoritt dazwischen und sprach mit Ruhe: Wenn
die gute Frau Becker dir ein halbes Dutzend Handschuhe zum Geschenk machen will,
so wre es von dir unschicklich, sie nicht dankbarlichst anzunehmen.
    Aber das ist zu viel, Mutter, - ein ganzes halbes Dutzend!
    Possen! versetzte Madame Becker, die, wie der geneigte Leser wohl wei,
ihre guten Grnde hatte, sich die Familie verbindlich zu machen. - Possen!
nicht der Rede werth! - Hier sind sechs von allen Farben, und hier ist auch die
Emballage und die Schnur. - Mdchen bleiben immer kleine Kinder; man mu sie zu
Allem zwingen. Damit wickelte sie lachend die sechs Handschuhe in das weie
Papier, band noch zum Ueberflu die rothe Schnur darum und berreichte sie mit
einer grazis sein sollenden Handbewegung, wobei sie sagte: Der Frulein Emilie
zum Weihnachtsabend.
    Prchtig! prchtig! lachte Madame Wundel. Wie das die Frau Becker alles
zu machen versteht! - Ja, ja! man sieht gleich, da Ihr vornehme Bekanntschaften
habt und viel mit guter Gesellschaft umgeht.
    Die Andere schlo affektirt ihre Augen, zuckte gewaltig die Achseln und
erwiderte mit einem tiefen Seufzer: Ach ja, es ist wahr, ich sehe viel vornehme
Herren und es thut Einem wohl, wenn man so von den respektablen reichen Leuten
geachtet wird wie ich. Aber man hat viel mit ihnen durchzumachen, o
erschrecklich viel!
    Emilie hatte sich entfernt, um ihre Handschuhe aufzuheben, und da sie
vorderhand Punsch und Kuchen genug erhalten, so blieb sie im Nebenzimmer,
vielleicht auch blos aus Taktgefhl, indem sie sich wohl denken mochte, da die
beiden Frauen etwas zusammen zu sprechen haben knnten, wobei ihre Gegenwart
berflssig sei.
    Madame Becker hatte auch diesen Augenblick benutzt, um die eben gehrten
Klagen loszulassen. - Ja schrecklich viel! wiederholte sie jetzt.
    S-o-o? fragte Madame Wundel. Aber Ihr seid doch die Frau dazu, allen
Anforderungen zu entsprechen.
    O nicht immer, nicht immer. Ich stehe so allein in der Welt und habe
Niemand, dem ich mich so recht anvertrauen kann, was ich zuweilen thun wrde.
    Seht Ihr, wie Unrecht es von Euch ist, sagte die Wundel mit einem Anflug
von Rhrung, da Ihr so wenig zu mir kommt. Haben wir nicht immer vortrefflich
zu einander gepat, und haben wir uns nicht manchen guten Rath gegenseitig
gegeben?
    Ja, das ist wahr, Wundel, erwiderte die Andere, und als ich heute so ber
Manches nachdachte, und zu mir selber sprach: mit wem knntest du wohl Dieses
oder Jenes berlegen? da standet Ihr auf einmal vor mir, ja ich sah Euch
leibhaftig und es rief ordentlich: du hast ja die Wundel, die alte treue Seele!
- Die Wundel, die immer offen und brav gegen dich war und die du schon als Kind
gekannt. - Wit Ihr noch, wie wir damals zusammen getanzt? - Ach Gott! wenn ich
an die Zeit denke, so wird es mir ganz traurig zu Muth. - Und darauf kamen wir
so weit auseinander, Ihr heirathetet den seligen Wundel und ich meinen seligen
Becker, und Ihr wit wohl, da die Beiden sich nie leiden konnten. - Du lieber
Gott! ich will es euch nur gestehen, der Wundel machte mir einmal ein wenig die
Cour und da wurde der gute Becker eiferschtig. - Nun, so sind einmal die
Mannsbilder! Aber es waren Beide ein paar brave Narren, und Gott wei, wie es
mich immer noch betrbt, da sie dahin sind.
    Auch Madame Wundel schien dies nachtrglich noch sehr zu betrben, denn als
sie sah, da die Becker sich ihre Wangen wischte, bemhte auch sie sich unter
Beihilfe des starken Punsches ein paar Thrnen ihren trockenen Augen zu
entpressen.
    Also an Euch dachte ich, fuhr die Andere fort, nachdem sich die Rhrung
gelegt, und sagte zu mir: noch heute gehst du dahin und fragst bei der
rechtschaffenen Wundel an, ob sie auch noch was von der frheren Freundschaft
gegen dich im Busen fhlt.
    Gewi, Beckere, entgegnete die Wundel mit einem unverkennbaren Schluchzen.
    Wirklich, Wundel, nun das freut mich.
    Ich habe so oft an Euch gedacht.
    Und ich erst!
    In alter Freundschaft.
    Dabei erhoben die Weiber ihre frisch aufgefllten Glser, stieen auf ein
gegenseitiges Wohl an und tranken darauf den warmen Punsch mit solcher
Standhaftigkeit, da ihre Kpfe ganz roth davon wurden.
    Ja, ja, sagte die Becker nach einigem Stillschweigen, es kommen mir oft
Sachen vor, bei denen ich den Rath einer verstndigen und gescheidten Frau
brauchen knnte.
    So lat mich zum Beispiel hren, sprach Madame Wundel mit vieler
Bescheidenheit.
    Ich habe da gerade eine Sache im Kopfe, die Euch aber nicht interessiren
kann, da Ihr die Personen nicht kennt; aber die Verhltnisse knnte ich Euch
mittheilen.
    So lat hren.
    Da ist ein gewisser Staiger, - ich glaube so eine Art von Literat. - Aber
was macht Ihr fr ein sonderbares Gesicht?
    Ah! den kenne ich ja!
    Den kennt Ihr? rief Madame Becker mit einem erknstelten, aber gut
gemachten Erstaunen. - Ihr kennt den Staiger? - Nun, dann hat die Sache
doppeltes Interesse fr Euch. - Na, seht, das freut mich!
    Er wohnt ja mir gerade gegenber auf demselben Boden.
    Das trifft sich prchtig! - Ist die Mglichkeit! - Da kennt Ihr auch wohl
seine Tochter?
    Die Tnzerin? - Puh!
    Wie so puh?
    Ein Fratz, ein hochmthiger Aff!
    Was der Tausend! - Das mt Ihr mir spter nher erzhlen. - Hat sie
Liebschaften?
    Bis vor Kurzem gar nichts dergleichen.
    Und jetzt -? fragte die Becker besorgt.
    Seit einiger Zeit, erwiderte Madame Wundel, zeigt sich hie und da so was
im Haus, ein junger Mensch, recht gut aussehend, - er hat freilich mit dem Alten
Geschfte, aber uns macht man nichts wei; wir kennen das.
    Ja, wir kennen das, sagte die Andere nachdenkend. - Und wer ist der junge
Mensch?
    Seinen Namen wei ich nicht, aber auf alle Flle was Reiches oder
Vornehmes.
    Wohl ein Offizier?
    Das glaube ich nicht; nein, nein! auf alle Flle Civilist. Oft fhrt er in
einer Droschke an.
    Und das Mdel?
    Ich wei nicht, wie weit sie was mit ihm hat. Wit Ihr, ich komme mit den
Leuten selten in Berhrung; die Clara kommt wohl zuweilen herber -
    So, sie kommt zuweilen? fragte die Becker aufmerksam.
    Freilich; aber ich spreche natrlicherweise nie mit ihr etwas dergleichen,
bekmmere mich auch um die ganze Wirthschaft nicht, meine Emilie aber - fr die
Mdchen ist so was interessant - hat ein paarmal scharf aufgepat und sie an der
Treppe gesehen, wie sie Abschied nahmen.
    Nun?
    Und dabei bemerkt, da etwas im Spiele ist.
    Und ging das Abschiednehmen recht innig vor sich?
    Das nun gerade nicht; ein einziges Mal habe er sie auf die Stirne gekt,
und da habe sie sich losgerissen und sei hastig in's Zimmer zurckgeeilt.
Gewhnlich blieb es beim Kssen der Hnde.
    Ei, sie sind noch am Hndekssen, sagte bedenklich Madame Becker. Das ist
mir nicht lieb, da hlt sie ihn gewaltig in Respekt und hat tiefe Absichten.
    Ja, die hat freilich Absichten. - Wie ich Euch schon sagte, ein
hochmthiger Fratz. Ich glaube, wenn der ein Prinz die Cour machte, so bildete
sie sich ein, er wrde sie heirathen.
    Das thun die meisten, versetzte lchelnd Madame Becker. Ich versichere
Euch, die Hoffnung, mit der so ein Mdchen erfllt ist, und die
Leichtglubigkeit, mit der sie in ihrer Einbildung die unberwindlichsten
Hindernisse wegrumt, das ist ganz erstaunlich. - - Aber Ihr wit nicht, wer
dieser junge Mensch ist?
    Nein, ich kann's nicht sagen; Emilie meint, es sei ein Knstler, wit Ihr,
kein so armer Schlucker, sondern was Ordentliches.
    Das Mdchen ist schn?
    Das kann man nicht leugnen.
    Und nachsagen kann man ihr eigentlich auch nichts?
    Bis jetzt nicht das Geringste.
    Schlimm! schlimm! seufzte Madame Becker und versank in tiefes Nachdenken,
whrend sie, unhrbar fr die Andere, zu sich selber sprach: Die Kommission
soll der Teufel holen. - Aber ich habe es mir gleich gedacht, bin ja schon ein
paarmal tchtig bei dem Mdel angelaufen, und jetzt, wo sie eine kleine
Liebschaft angefangen hat, eine Liebschaft, welche die schlaue Theaterprinze
recht ausbeuten zu wollen scheint, da ist nichts zu machen. - Schlimm! schlimm!
- Wrde mir auch wahrhaftig kein graues Haar darber wachsen lassen, wenn nicht
das verfluchte Siegel auf dem Brief gestanden wre: vor ihm mu ich mich in Acht
nehmen. - Aber ich sehe da keine Mglichkeit.
    Whrend Madame Becker so gedankenvoll dasa, hatte sich die Andere mit einem
neuen Glase Punsch gestrkt und auch das ihres Gastes wieder angefllt und
diesem hingeschoben. - Na, Beckere, sagte sie dabei, was hat Sie denn auf dem
Herzen? - Warum so verschlossen? - bin denn ich nicht Eure gute Freundin? Wenn
Euch was qult, sagt mir's doch; vielleicht wei ich irgend eine Hilfe.
    Madame Becker schttelte den Kopf und sprach, indem sie nach einem tiefen
Seufzer das Punschglas ausschlrfte: Sieht Sie, Wundel, das betrifft eine von
meinen geheimnivollen Geschichten, das ist was aus vornehmer Gesellschaft, eine
der schwierigen Kommissionen, mit denen ich arme Frau immer geplagt bin. Und
dazu gehrt Verstand, sehr viel Verstand; und auch der hilft zuweilen nichts.
    Ja, wenn der Verstand allein helfen wrde, sprach die Wittwe mit einer
unterthnigen und ehrerbietigen Miene, da wrde es Euch niemals fehlen, davon
bin ich berzeugt. Gewi, ich bewundere Euch oft, wie Ihr alle die Geschichten
so allein ausmachen knnt.
    Uebung, erwiderte Madame Becker, augenscheinlich von diesem Lobe
geschmeichelt - Uebung und ein wenig Umsicht. Aber hier habe ich eine
Geschichte, bei der hilft alles das nicht. - Sie seufzte abermals tief auf.
    Nun, so lat mich's hren; eine unbedeutende Person, wie ich bin, wei auch
zuweilen Rath! schmeichelte die Wundel, welche sehr neugierig auf die
Geschichte war.
    Da nun auch der Punsch die Zunge der anderen wrdigen Frau sehr gelst
hatte, so erzhlte sie denn, was der geneigte Leser bereits wei, von einem
Brief, den sie erhalten von Jemand, der die Bekanntschaft der Tnzerin machen
wollte. Natrlicherweise nannte sie keinen Namen. - Man ist dergleichen
thrichte Wnsche von den jungen Herren schon gewhnt, fuhr sie fort, und wenn
es nicht geht, so schttelt man kein Ohr darnach. Aber hier ist ein besonderer
Fall, ich habe meine dringenden Grnde, Allem aufzubieten, um jenem Herrn
gefllig sein zu knnen. - Da habt Ihr die ganze Sache! Ihr kennt nun besser als
ich die Jungfer Klara, und knnt selbst beurtheilen, da da nichts zu machen
ist, und ich wohl Ursache habe, verdrielich zu sein. - Schade! schade! es wre
ein so schnes Geschft geworden.
    Wirklich ein schnes Geschft? fuhr Madame Wundel, indem sie sich so weit
als mglich ber den Tisch hinber zu ihrer Freundin beugte. Also wre was
Tchtiges dabei zu verdienen gewesen?
    Madame Becker schnalzte statt aller Antwort mit der Zunge und blickte
nachdenkend an die Zimmerdecke.
    Ja, ja, fuhr nun Madame Wundel eifrig fort, zu berreden ist die da
drben nicht; ich bin berzeugt, wenn man nur ein Wort von so was sprche, sie
kme auer sich.
    Das wei ich.
    Und jetzt, wo sie die dumme Liebschaft angefangen hat, ist gar nichts zu
machen; wenn man die beiden nur auseinander bringen knnte! Sollte man ihn nicht
vielleicht eiferschtig machen?
    Die Andere zuckte mit den Achseln. Das erfordert viel Zeit, sagte sie,
und nutzt am Ende doch nichts. - Schade! schade! da wren fr jeden Helfer ein
paar Karolin herausgesprungen.
    Fr jeden Helfer? fragte gierig Madame Wundel. Aber knnte man mit List
nichts anfangen?
    Wie so mit List?
    Nun, ich spekulirte zum Beispiel einmal aus, wenn drben Alles fortgegangen
und sie allein zu Hause ist, was zuweilen vorkommt.
    Und dann?
    Dann benachrichtigt man ihn davon, und er soll sein Glck versuchen. Am
Ende kann man doch mit so einem Mdel fertig werden.
    Geht nicht! erwiderte die Becker kopfschttelnd. Dazu ist jener Herr zu
anstndig, wit Ihr, auch zu vornehm. - Und dann, wie knnte man hier so was
riskiren. - Ja, wenn ich sie in meiner Kaserne htte, fuhr sie lchelnd fort,
rechts und links, oben und unten leere Zimmer, und wo man schon gewhnt ist,
auf ein bischen Geschrei nicht zu achten, da ginge so was. - Aber hier; wo denkt
Ihr hin?
    Und zu Euch lt sich die nicht hinlocken?
    Eher zum Teufel! - Nein, ich gebe die ganze Sache dran; man kann sich da
auch garstig die Finger verbrennen.
    Aber der Gewinn! sagte seufzend Madame Wundel.
    Ich htte gern was fr Euch herausgeschlagen, und da wre es, wie schon
gesagt, auf ein paar Karolin nicht angekommen.
    Madame Wundel versank in tiefes Nachsinnen, whrend sich die Andere ein
Stck Kuchen herunter schnitt und langsam verzehrte. Dabei sahen die Zge der
Hauswirthin nachdenkend und finster aus, und sie fuhr sich zuweilen mit der Hand
ber die Stirne, woraus man wohl entnehmen konnte, da sie ihren Kopf
abmarterte, um einen Weg zu den verheienen Goldstcken zu finden.
    Nachdem die Weiber so einige Minuten lang stumm einander gegenber gesessen
hatten, schienen die tiefen Betrachtungen der Wundel von einem Erfolge gekrnt
zu werden; ihre Augenbrauen hoben sich in die Hhe, ihr Mund zog sich in die
Breite, endlich patschte sie mit der Hand schwer auf den Tisch, so da ihr
Gegenber erschrocken auffuhr, und sagte mit triumphirendem Tone: Beckere, ich
hab's! Seht Ihr, es war doch klug, da Ihr Euch an mich gewendet habt.
    Nun, was habt Ihr denn? fragte erstaunt die Andere.
    Ich unternehme die Geschichte.
    Wie so?
    Ich unternehme sie ganz allein; ich liefere Euch das Mdel, wohin Ihr sie
haben wollt.
    Ah! geht mir weg, Wundel! Ich glaube, der Punsch war zu stark. - Macht doch
keine Flausen.
    Nichts von Flausen; wollt Ihr mir freie Hand lassen und - denn das versteht
sich ganz von selbst, - etwas Ordentliches vom Profit versprechen?
    Aber so sagt mir erst -
    Sagen kann ich nichts, entgegnete die Andere, indem sie sich die Hnde
rieb; mir ist auf einmal ein Licht aufgegangen, und so kann es gehen. Wie
gesagt, seid froh, da Ihr zu mir gekommen. Mir ist der Weg, den wir einschlagen
mssen, jetzt ganz klar. Wit Ihr, wenn man so lange in einem Hause zusammen
wohnt, wie ich und die Staiger's, da lernt man sich genau kennen; und wenn es
Einem auch nicht gleich einfllt, mit ein bischen Nachdenken kommt man doch
schon an einen Haken, wo man anbandeln kann. - Aber, fgte sie mit
emporgezogenen Augenbrauen hinzu, etwas Geld brauche ich. Ihr sollt zu Eurem
Zweck kommen, mt aber nicht knickerig sein.
    Wenn ich zu meinem Zweck komme, entgegnete Madame Becker nicht ohne einen
Anflug von Mitrauen, so kommt es mir auf ein paar Thaler mehr oder weniger
nicht an. Aber Ihr solltet mir doch sagen, wie Ihr das anstellen wollt; ich bin
auch in der Praxis ziemlich bewandert, aber im vorliegenden Fall geht mir der
Faden aus.
    Ihr traut mir nicht recht, bemerkte lchelnd Madame Wundel, die den
forschenden Blick ihrer Freundin wohl verstanden. - Aber was habt Ihr dabei zu
riskiren? Hchstens ein paar lumpige Thaler, die ich zur Einleitung des
Geschfts brauche; die Hauptsache zahlt Ihr mir, wenn Alles vorber ist.
    Das lt sich allenfalls hren.
    Und wie viel bekomme ich alsdann spter?
    Nun, was meint Ihr zu zwei Karolin, wie ich vorhin sagte?
    Und vorher ein paar Thaler, die ich nothwendig brauche.
    Meinetwegen auch. - Und wie viel denn?
    Nun, ich denke vier Thaler, die ich aber dann sogleich brauche, damit ich
morgen an's Geschft gehen kann.
    Ihr seid ein merkwrdiges Weib, sprach vergngt lchelnd Madame Becker;
wenn Ihr haltet, was Ihr versprecht, so habe ich eine groe Achtung vor Euch. -
Aber seht Euch vor, da Ihr in keine Ungelegenheit kommt; und etwas bitte ich
mir aus: mein Name darf nicht genannt werden, denn wit Ihr, wenn ich eine Sache
nicht selbst in der Hand behalte, so kann ich auch nicht dafr einstehen.
    Das versteht sich; seid unbesorgt. Unser Vertrag ist ganz einfach; ich
bekomme heute die vier Thaler, ich lasse Euch in einigen Tagen sagen: Alles ist
fertig, Ihr knnt um die und die Stunde den Wagen schicken, Ihr thut so, ich
besorge sie hinein, und dann hat er nach Eurer Anweisung zu fahren, wohin er
soll. Luft Alles glcklich ab, so erhalte ich am andern Tag meine zwei Karolin.
- Ist's so recht?
    Dagegen kann ich nichts einwenden, erwiderte Madame Becker. Und damit Ihr
seht, wie bereitwillig ich bin, den Kontrakt einzugehen, so habt ihr hier die
vier Thaler.
    Sie zog bei diesen Worten eine kleine Brse aus der Tasche und legte das
Geld in vier Stcken hin, welche Madame Wundel vorher genau auf beiden Seiten
besah, ehe sie dieselben still lchelnd in ihre Tasche steckte.
    Hiermit nahm die Unterredung ein pltzliches Ende, denn erstens war die
Sache abgemacht, und zweitens kam Emilie, vor welcher Madame Becker berhaupt
nicht gerne mit der Sprache heraus gegangen wre, wieder aus dem Nebenzimmer
zurck. Da es auch mittlerweile spt geworden war und sie ihren Zweck erreicht
zu haben glaubte, so affektirte sie etwas Mdigkeit und stand nach einigem
vergeblichen Nthigen der Hauswirthin, doch noch dableiben zu wollen, mit einem
unterdrckten Ghnen auf und versicherte, es sei endlich Zeit, da sie nach
ihrem Hauswesen sehe. - Marie wird von einer Bekannten, bei der sie den Abend
zugebracht, schon lange nach Haus zurckgekehrt sein und nicht wissen, wo ich
eigentlich bleibe. - - Da sie nun auf keine Weise zu bestimmen war, noch lnger
in der, wie sie sagte, so angenehmen Gesellschaft ihrer guten Freundin zu
verharren, so wickelte sie die noch brigen Handschuhe in ein Stck Druckpapier
ein, das auf dem Tische lag; Emilie Wundel zndete ein Licht an und begleitete
den Gast bis auf die untere Treppe, wo beide von einander einen recht
freundlichen Abschied nahmen.
    Madame Wundel hatte die vier Geldstcke wieder aus ihrer Tasche heraus
genommen, sie vor sich hingelegt und mit einem triumphirenden Lcheln angesehen.
Sie wollte augenscheinlich ihre Tochter damit berraschen, denn sie war eine
gute Mutter, die mit ihren Kindern so weit als mglich Alles gemeinschaftlich
geno und namentlich vor ihrer Aeltesten keine Geheimnisse hatte. Dehalb zeigte
sie auch, als Emilie wieder in's Zimmer trat, freundlich lachend auf die vier
Thalerstcke, indem sie sagte: Nun, was meinst du dazu? - Verstehe ich es,
Jemand was auszupressen? - He!
    Und das hast du von der Becker? fragte verwundert die Tochter. Was der
heute berfahren ist, begreife ich nicht; geht da her und schenkt mir ein halbes
Dutzend neue Handschuhe. Ist dir je so was vorgekommen?
    Und mir vier Thaler!
    Auch geschenkt?
    Eigentlich nicht: ich will sie redlich verdienen.
    Emilie sah ihre Mutter fragend an.
    Schlie' die Thre, fuhr diese fort, und setze dich daher; ich will dir
was mittheilen, aber natrlicherweise halte mir reinen Mund, das ist ein
Geheimni; sprich auch mit der Louise nicht darber.
    Mit der am allerwenigsten, antwortete Emilie mit geringschtzender Miene.
Damit schlo sie die Thre und setzte sich zu ihrer Mutter hin, welche sich noch
ein neues Glas Punsch gemacht hatte und als eine konomische Frau den, welchen
Madame Becker hatte stehen lassen, in das Glas ihrer Tochter go.
    Apropos! sagte sie darauf, whrend sie ihre Hnde behaglich ber einander
legte, du kennst doch von den Mdchen der Putzmacherin an der Ecke der
Kastellstrae die hbsche schlanke mit dem dunklen Haar? - Sie ist meistens im
Laden. Weit du?
    Ach ja, ich erinnere mich.
    Wenn du die siehst, fllt dir da nichts ein?
    Was soll mir da einfallen? erwiderte Emilie nachdenkend.
    Nun ich meine, erinnert sie dich mit ihrer Figur und ihrem Gesicht nicht an
Jemand? - Besinne dich, es ist mir das von groer Wichtigkeit.
    O, da brauche ich mich nicht lange zu besinnen, sagte die Tochter, die
einigermaen verwundert war ber die seltsamen Fragen ihrer Mutter; die gleicht
der Clara Staiger, und das auf merkwrdige Art.
    Nicht wahr? rief Madame Wundel. Sind die beiden nicht zum Verwechseln?
    Gewi, fr Jemand, der sie nicht ganz genau kennt, erwiderte Emilie. -
Aber was willst du damit?
    Nun, ich will die Beiden auch verwechseln, entgegnete lachend die Mutter.
Worauf sie ihrer Tochter mit kurzen Worten die Verlegenheit aus einander setzte,
in welcher sich ihre wrdige Freundin, die Madame Becker, befand. Da nun,
sagte sie schlielich, mit dem hochmthigen Fratz da drben nichts zu machen
ist, das weit du so gut wie ich. - Aber zwei Karolin sind auch kein Spa, und
obendrein setze ich mich bei der Becker in groen Respekt und kann noch fters
ein Geschft mit ihr machen.
    Vielleicht knnen wir noch fters mit ihr Geschfte machen, versetzte
nachdenkend die Tochter.
    Nun, siehst du also, fuhr Madame Wundel fort, die Putzmacherin kenne ich;
die ist zu Allem bereit; ich theile ihr so viel mit, als sie zu wissen braucht,
natrlicherweise nicht, da sie fr eine Andere gilt. Man lt sie an dem
bezeichneten Abend hieher kommen, und von unserer Hausthre fhrt sie weg. Wenn
es mglich wre, da man unter irgend einem Vorwand von der Clara da drben ihr
Umschlagtuch fr den Abend entlehnen knnte, so wre es auerordentlich gut.
    Das lt sich wohl machen; wir mssen die Louise hinber schicken, der thut
sie schon was zu Gefallen.
    Dann schrft man ihr ein, da sie dicht verschleiert bleibt und ein
ziemlich dunkles Zimmer verlangt, dann kann sie sich entschleiern, soll aber
nicht viel sprechen.
    Und du glaubst, da das gelingen wird?
    Gewi! Er kennt sie wahrscheinlich nicht genau; und dann die berraschung,
die Freude, was wei ich Alles? Ich glaube nicht, da man was merkt. Und wenn er
auch am andern Tage Verdacht schpft und Nachforschungen hlt, so helfen wir uns
durch, so gut wir knnen und bleiben steif und fest dabei, es sei die Clara
gewesen. Dann soll die Becker sehen, wie sie mit ihm zurecht kommt.
    Und mich sollte es obendrein noch freuen, sprach boshaft die Tochter,
wenn es der naseweise junge Mensch spter erfhre, und sie in ein recht
schlechtes Licht bei ihm kme. Das geschhe ihr schon recht, dem hochmthigen
Affen, der aufgeblasenen Theaterprinze! -

                           Einundfnfzigstes Kapitel.



                               Eine Bescheerung.

Whrend solchergestalt in der Wohnung der Madame Wundel ber Clara Staiger
verhandelt wurde, ging diese zu gleicher Zeit in ihrem Wohnzimmer unruhig auf
und ab. Bald eilte sie in die Nebenstube, wo ihr Vater seinen ganzen Reichthum
an Geschichten den Kindern schon mehrere Male erzhlt hatte, und wo nur die
hchst merkwrdigen Schicksale des Dumlings, sowie die Liebe zu Herrn Arthur,
auf welchen man immer noch wartete, im Stande waren, die schlaftrunkenen Augen
des Bbchens offen zu halten. Auch Marie wischte sich hufig die Augen, legte
ihr Kpfchen fters an die Brust des Vaters und fuhr nicht selten aus einem
leichten Schlummer in die Hhe, wenn dieser im Laufe seiner Erzhlung strker
sprach und zum Beispiel sagte: Seht ihr Kinder, so ist es dem Dumling
ergangen.
    Die Tnzerin trat hufig an das Fenster, blickte auf die Strae hinaus und
legte mehrmals ihre heie Stirne an die kalten Scheiben.
    Drauen jagten Schneeflocken und Regen, vom Winde gepeitscht, vorber, und
am Himmel schwammen dichte Wolken in wilden phantastischen und zerrissenen
Formen. Man konnte sie nun sehen, da der Mond hinter ihnen aufgestiegen war und
sie mit seinem vollen Lichte beschien. Dies Licht und die schwarzen Wolken
kmpften auf diese Art miteinander; bald war der weie Schein Sieger und
berstrahlte fr Augenblicke freundlich die nassen tropfenden Dcher und glnzte
auf den Wetterfahnen, die jetzt ein paar Sekunden fast ruhig standen und nur
leicht hin und her wankten, um gleich darauf wieder kreischend herum zu fahren,
wenn neue Windste daher fuhren und mchtigere, schwrzere Wolken vom Horizont
herauf fhrten, die das weie Mondlicht auszulschen schienen und schwarze
drohende Schatten auf die noch einen Augenblick vorher so klar beschienenen
Straen warfen.
    Ringsum war Alles stille; nach der Lust des heutigen Abends hatten sich die
meisten Nachbarn frhe zu Bette begeben; nur hie und da war noch ein Fenster
beleuchtet, nur hie und da hrte man noch ein Gerusch, - vielleicht das
entfernte Rollen eines Wagens, den Futritt eines einsamen Wanderers oder die
schallenden Hammerschlge eines Schusters in der Mansarde gegenber, der noch
mit seinen Stiefeln fr den morgenden Festtag im Rckstande war.
    In Claras Herzen sah es finster und betrbt aus, wie drauen in der
strmischen Nacht, und wenn auch zuweilen, wie dort ein hervorbrechender
Mondstrahl die dunkeln Huser, ein freundlicher Gedanke ihr Inneres erhellte,
wenn sie sich sagte: er kommt gewi noch, es war ihm unmglich, frher seine
Gesellschaft zu verlassen, so zerflo doch gleich darauf wieder dieser schwache
Trost, indem sie dachte: nein, nein, erdenkt nicht an dich; er htte lange da
sein knnen, aber es gefllt ihm, wo er ist, und wenn er auch noch auf einen
Augenblick kommt, so thut er es nur, um der armen Tnzerin noch einen
unbedeutenden Brocken seiner Gunst hinzuwerfen, - die ja glckselig sein wird,
da er berhaupt nicht ganz ausbleibt.
    Und das war ja die Wahrheit; sie konnte sich das nicht verhehlen, und wenn
sie die Hnde auch noch so fest auf das schmerzlich klopfende Herz drckte, so
sprach doch hier der einzige Schlag von ihm und wagte es, ihrem weiblichen
Stolze gegenber zu flstern: ja, wenn er auch nur noch fr einen Augenblick
kommt, und selbst dann erst, wenn er drauen vom Vergngen gesttigt ist, so
will ich glckselig sein und jubeln ber die kleine Minute, die mir ihn zu sehen
noch vergnnt ist. - So innig liebte ihn das Mdchen, da sie dergleichen
dachte, obgleich es fast ihr Herz brach, da sie nur in der Welt sein sollte, um
fr ihn am Ende aller anderen Dinge zu kommen. Und sie weinte im Stillen heie
Thrnen, da es ihr nicht einmal erlaubt war, ihn fragen zu drfen: Warum
kommst du so spt, warum nicht frhe, wie du es versprochen?
    
    Der heilige festliche Weihnachtsabend, auf den sie sich so sehr gefreut, und
zu dem sie zum ersten Mal seit Jahren so schne glnzende Vorbereitungen
getroffen, war dahin geschwunden, traurig und betrbt. Da standen die
Weihnachtsbume noch unangezndet, die Liebesgaben noch mit weien Tchern
bedeckt, und whrend schon alle anderen Kinder nach gehabter Lust in ihren
Bettchen lagen, whrend deren Wangen glhten von den sen Trumen ber den
vergangenen festlichen Abend, sahen ihre armen kleinen Geschwister drauen im
halbdunkeln Vorzimmer; sie warteten wohl noch auf die verheiene Freude, aber
sie sehnten sich nicht mehr darnach, denn der Schlaf stumpfte ihre Gefhle ab,
und dazu froren sie auch ein wenig. - Ja sie froren, denn Clara, deren Inneres
glhte, die aufmerksam lauschte auf das Schlagen der Thurmuhren, und die jede
neue Viertelstunde mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer begrte, Clara, die
sonst so sorgsame Schwester, hatte seit der letzten halben Stunde nicht mehr
nach dem Feuer gesehen; das Holz im Ofen war zusammengefallen, der weie
Aschenhaufen barg wohl noch in der Tiefe einige glhende Kohlen, aber oben an
etlichen halb verbrannten Holzstcken eilten geschftige Fnkchen hin und her,
als wollten sie so bald als mglich eine Stelle verlassen, wo sie so schlecht
gepflegt wrden.
    Da unter solchen Umstnden das vortreffliche Nachtessen kalt wurde, ist
leicht begreiflich. Wie hatte sich der alte Mann so auf die Kartoffeln und den
Kalbsbraten gefreut! Jetzt dampften jene schon lange nicht mehr, die Sauce zu
letzterem war seit geraumer Zeit geronnen, und Herr Staiger, selbst frstelnd,
sa noch immer im Nebenzimmer und erzhlte ruhig und geduldig die Heldenthaten
des Dumlings.
    Clara hatte sich an das Fenster gesetzt, legte die Hnde in den Schoo und
blickte tief athmend auf das Licht vor ihr, das unterdessen herab brannte, wobei
der Docht eine groe schwarze Kohle bildete, um welche die rothe Flamme
ngstlich und wie ersterbend flackerte.
    Da erklangen drauen auf dem Pflaster eilfertige Schritte, die sich dem
Hause nherten. - Clara horchte auf, - ja, das konnte er sein, jetzt mute er
die Hausthre erreicht haben. - Richtig! sie vernahm jetzt die Schritte vom
Hausgange her, und sie drangen nun statt von der Strae durch das Treppenhaus,
aber etwas gedmpfter herauf.
    Es war in der That Arthur, dem es, wie wir wissen, erst gegen zehn Uhr
mglich geworden war, das elterliche Haus zu verlassen; einen Wagen hatte er
nicht mehr auf der Strae gefunden, und so brauchte er noch geraume Zeit, bis er
die Balkenstrae erreicht hatte. Man kann sich denken, da er eilfertig in's
Haus hinein sprang; doch hatte er hiebei fast das Unglck, eine Frau umzurennen,
die ihm unten entgegen kam. Dies war beinahe unter der Hausthre, und da sich an
der anderen Seite der Strae eine Gaslaterne befand, deren voller Schein herber
fiel, so war es dem jungen Manne mglich, das Gesicht der ihm Begegnenden zu
sehen, whrend das seinige im tiefen Schatten blieb.
    Mit einem hflichen: Verzeihen Sie! drckte er sich an die Wand und lie
die Frau vorbei, worauf er etwas langsam die Treppen hinauf stieg. Das Gesicht
der Frau, welche ihm so eben begegnet, hatte er schon irgendwo gesehen. - Aber
wo? - Das Gedchtni eines guten Malers ist scharf, und bald hatte er sich in
dem Chaos von tausenderlei Zgen, die seiner Phantasie vorschwebten, zurecht
gefunden. - Richtig! sprach er zu sich selber, das war jene Frau in der
Kaserne, welcher ich den Brief des Grafen Fohrbach gebracht. - Wie hie sie
doch? - Nun, - ah! - Madame - Madame - ah! Madame Becker!
    Clara hatte droben noch einen Augenblick gelauscht, und sobald sie die
Tritte des jungen Mannes erkannt, wischte sie die Thrnen aus den Augen und ging
eilig in's Vorzimmer, um zu verkndigen, Herr Arthur komme. Bei Marie brachte
diese Nachricht schon eine gehrige Wirkung hervor, sie rieb sich einige Male
die Augen, ghnte auch gelinde, dann aber schlug sie in die Hnde und rief: So
kriegen wir doch jetzt endlich bescheert! - Das Bbchen dagegen war nicht so
leicht zum Bewutsein zu bringen, und als es der Papa auf seine Fe stellte,
wre es umgeplumpst, wenn Clara es nicht noch zur rechten Zeit aufgegriffen
htte.
    In diesem Augenblicke trat Arthur in das Zimmer und blieb berrascht an der
Thre stehen, als er die ganze Familie hier im halb dunkeln und fast ganz kalten
Zimmer bei einander fand. Er hatte geglaubt, ja gehofft, Vater und Tochter
wrden behaglich in der warmen Stube um den Tisch sitzen, Clara mit freundlichem
Lcheln ihm einen Stuhl nher rcken und er nun mit ihr noch eine kleine Stunde
s verplaudern knnen.
    Das Bbchen hatte sich unterdessen ermuntert, und den Einflsterungen seiner
kleinen Schwester war es gelungen, es daran zu erinnern, da es Weihnachtsabend
sei, und da jetzt die Bescheerung vor sich gehen knne, nachdem Herr Arthur
gekommen.
    Aber du bist recht lange ausgeblieben, sagte hierauf Karl; wir haben
gewi fnfzig Stunden auf dich gewartet.
    Sie haben auf mich gewartet? fragte fast erschrocken der Maler. - Wie?
Herr Staiger, - auf mich mit der Weihnachtsbescheerung?
    Ja, wir dachten, es sollte Ihnen Freude machen, entgegnete gutmthig der
alte Mann.
    Aber es ist ja schon so spt.
    Ja, es ist schon spt, sagte Clara mit leiser Stimme.
    Und wir dachten jeden Augenblick, du solltest kommen, warf das Bbchen
ein.
    Das schmerzt mich ordentlich! rief Arthur. Es ist jetzt zehn Uhr, und ihr
habt Alle, auch die armen Kinder, auf mich gewartet?
    In der That glaubten wir, es wre Ihnen vielleicht mglich, frher zu
kommen, meinte der alte Mann.
    O, ich konnte nicht, erwiderte Arthur. Gewi, ich konnte nicht; ich bin
weggegangen, sobald es nur mglich war; ich sagte Ihnen ja auch, bester Herr
Staiger, wenn ich um acht Uhr nicht da sei, so wre ich gezwungen, bis nach dem
Souper zu Hause zu bleiben.
    Ja, ja, ich denke mir jetzt, Sie haben mir das gesagt: es ist so, gewi, es
ist so. Aber jetzt sind Sie da, und nun wollen wir nachtrglich eine prachtvolle
Bescheerung halten. Seht, Kinder, wie gut ihr es habt, setzte er lchelnd
hinzu, alle anderen haben ihre Geschenke erhalten und liegen schon in ihren
Bettchen; ihr aber habt das noch vor euch.
    Clara war in's Nebenzimmer gegangen, um die Lichtchen auf den Bumen
anzuznden. Arthur, der alle Taschen voll Spielzeug hatte, ging ihr nach,
nachdem er drauen gebeten, sich noch einen Augenblick zu gedulden, bis er auch
mit dem Christkindchen gesprochen. Doch blieb er an der Thre stehen und bat
Clara, die sich am Tische beschftigte, sanft um Erlaubni, ihr etwas helfen zu
drfen.
    Sie nickte schweigend mit dem Kopfe und wies ihm auf seine Bitte die
verschiedenen Stellen auf dem Tische, wo sich die Sachen des alten Herrn und die
der beiden kleinen Geschwister befanden. Dorthin legte er verschiedene
Paketchen, wandte aber dabei jede Sekunde den Kopf nach Clara um, die mit
gesenktem Haupte ihre Sachen ordnete. Er fhlte wohl, da er dem Mdchen wehe
gethan, und das schmerzte ihn tief. Mit welcher Liebe hatten all' die guten
Menschen hier an ihn gedacht und hatten ihr Bestes, ihre ganze Freude des
heutigen Abends, fr ihn aufgehoben, da er sie mit ihnen genieen knne! Und
nun war er so lange nicht gekommen; freilich konnte er sich nicht ganz allein
die Schuld hievon beimessen, doch mute er sich sagen, wenn er gewut htte, da
man ihn so frh hier erwartet, so wrde er doch am Ende einen Ausweg gefunden
haben, um sich zu Hause von dem Nachtessen wegzuschleichen. Es war das frher
auch wohl schon geschehen.
    Es ist Ihnen am Ende nicht recht, da ich noch gekommen bin, Clara, sprach
Arthur nach einer Pause, whrend welcher er sich vergeblich bemht, einen Blick
des geliebten Mdchens zu erhaschen.
    Das ist nicht Ihr Ernst, entgegnete sie hierauf mit einem flchtigen
Blick; Sie wissen, wie willkommen Sie uns zu jeder Zeit sind, Herr Arthur. Aber
Sie sehen, da ich jetzt dringend zu thun habe. - Nachher, setzte sie mit einem
tiefen Athemzuge hinzu, plaudern wir hoffentlich noch - recht vergngt mit
einander.
    Nicht wahr, liebe Clara, das thun wir? sagte er mit herzlichem Tone, indem
er eine ihrer Hnde fate und sie innig an seine Lippen drckte.
    Sie zog ihre Hand nicht weg, aber sie zuckte so zusammen, da er sie
unwillkrlich loslie, um in ihre Augen zu blicken; doch wandte sie sich ab und
sprach gleich darauf anscheinend heiter: So, nun bin ich fertig, Herr Arthur.
Jetzt mssen Sie aber an die Thre gehen und sich nicht umsehen, bis ich die
Tcher von dem Tische weggenommen.
    Also ich erhalte auch etwas? fragte er vergngt.
    Gewi, gewi, antwortete die Tnzerin.
    Arthur ging an die Thre, wie sie es ihn geheien hatte, ffnete sie leise
und sprach hinaus: Jetzt Kinder, gebt Achtung! Clara ist fertig, sie wird
sogleich Eins, - Zwei - Drei zhlen, und dann ffne ich die Thre. - Nicht wahr,
Clara, Sie zhlen so?
    Wenn Sie es wnschen, Herr Arthur, will ich es gewi thun. - Also denn!
    Jetzt aufgepat! rief der Maler und fate die Thrklinke.
    Eins - zwei - drei! sagte Clara. Und nun ffnete Arthur die Thre des
Nebenzimmers weit, worauf die Kinder eilfertig herein strzten. Doch blieben sie
ganz erstaunt auf der Schwelle stehen, - ein wahres Lichtmeer, eine fr sie
unerhrte Pracht blendete ihre Augen. So einen Christbaum hatten sie noch nie
gesehen. Was waren die bisherigen dagegen? - Wahrhaftig nicht der Rede werth;
dieser hier reichte fast bis an die Decke des Zimmers, und den beiden kleinen
Kindern war es so feierlich zu Muth, da Vater Staiger sie ordentlich
vorschieben mute. Sie hatten die Augen weit geffnet, die vielen Lichtchen
strahlten darin wieder und erfllten sie mit einem hellen Glanze. Das Bbchen
hielt die Hnde von sich abgestreckt und war vllig auer Stande, all' das
Wunderbare zu begreifen. Endlich sagte es tief aufathmend: Ein Schaukelpferd!
- Und eine Puppe! rief Marie. Worauf Beide vergngt lchelnd an den Tisch
traten und dann langsam um den Baum herum gingen. Es wagte anfnglich keines,
etwas von den schnen Sachen zu berhren; sie wandelten wie in einem Traum und
glaubten wahrhaftig, sobald sie eine dieser Herrlichkeiten anfaten, wrde all'
der Glanz unfehlbar in Nichts zerrinnen.
    Auch der alte Mann trat mit groer Freude an den Platz, wo seine Sachen
lagen, und betrachtete den warmen Winterrock mit so groem Erstaunen, als habe
er ihn heute zum ersten Male gesehen. Arthur hatte daneben ein Kistchen Cigarren
gestellt und eine Spitze von Bernstein, wofr sich Herr Staiger mit gerhrten
Worten und einem herzlichen Hndedruck bedankte.
    Clara hatte unterdessen auch von dem anderen Tischchen, auf welchem der
kleine Weihnachtsbaum stand, das Tuch weggenommen, und Arthur, der allen ihren
Bewegungen folgte, sah wohl an ihrem Blick, da dies fr ihn sei, wehalb er
eilig an ihre Seite trat. Auf dem Tischchen lag die Cigarrendose, welche sie fr
ihn gestickt, sowie das Feuerzeug des Herrn Staiger. Der junge Mann nahm das
kleine zierliche Geschenk mit wahrer Freude in die Hand, denn als er die
eingestickten Perlen und Goldfden betrachtete, dachte er an die Zeit, wo sie
das fr ihn gearbeitet, und war berzeugt, da sie whrend derselben unzhlige
Gedanken an ihn und so viel Herzliches und Liebes mit hinein verwebt habe. Er
sah sie mit einem unaussprechlich sen Blicke an, und Clara sttzte sich mit
der Hand auf den Tisch und schlug ihre Augen nieder. Sie wollte lcheln, als er
sich nun freundlich bei ihr bedankte, doch zuckte ihr Mund schmerzlich, sie
prete die Lippen fest auf einander, und da sie sich dennoch bemeistern wollte,
so ffnete sie ihre Augen, um ihn anzusehen, konnte aber nicht verhindern, da
ihr die hellen Thrnen ber das Gesicht herab flossen.
    Arthur begriff wohl das schmerzliche Gefhl, welches ihr Herz erfllte; er
wute ja, da ihn das Mdchen liebe, innig und treu liebe, und dehalb fhlte er
auch, was ihr Inneres bewegte: sie schmte sich ihrer Liebe nicht, aber sie
frchtete sich davor; Clara sah deutlich die Kluft, welche sie von ihm schied, -
eine Kluft, die er zuweilen zudeckte mit freundlichen Reden und sen Worten,
wenn er bei ihr sa, die sich aber wieder schwarz und trostlos vor ihrem Blicke
aufthat, sobald er ferne war. Zuweilen hoffte sie, und wenn sie ganz allein war,
baute ihre Phantasie eine glnzende Brcke ber jenen Abgrund, eine Brcke, die
sie dann an seiner Hand schauernd betrat, und die sie glcklich in ein wunderbar
prchtiges Land fhrte. - Aber das waren lcherliche Trume, und sie
zerscheuchte sie gewaltsam wieder, ohne jedoch in gnzliche Hoffnungslosigkeit
zu verfallen. Nur an solchen Abenden wie der heutige, wo sie wute, er sei bei
seiner vornehmen und stolzen Familie, und msse den Augenblick, den er hierauf
bei ihr zubringen wolle, vor den Augen seiner Verwandtschaft verheimlichen,
ihnen frmlich abstehlen, wo sie fhlte, da vielleicht alsdann in seiner
Abwesenheit dort ihrer gedacht werden knne mit geringschtzendem Achselzucken,
da man von ihrem liebenden und treuen Herzen sprche, wie von einem Spielzeuge,
das nchstens abgentzt und von ihm auf die Seite geworfen wrde, in solchen
Stunden fhlte sie sich namenlos elend. - Und so heute. -
    Das las Arthur in dem seltsamen Blick ihres Auges, in den langsam
herabtrufelnden Thrnen. Und sollte das arme Mdchen in seinen finsteren
Trumen und Jene in ihren hochmthigen Ideen Recht behalten, sollte er dies
gute, liebende Geschpf wegwerfen fr eines jener kalten und stolzen Herzen, die
sich wohl eine Ehre daraus machten, von ihm, dem reichen jungen Manne, gewhlt
zu werden, ohne ihm dehalb mit zrtlicher Liebe anzuhngen! - Sollte er seine
Clara verlassen, weil sie eine arme Tnzerin war, weil ihre Verwandtschaft nicht
verzeichnet war im goldenen Buche der Stadt, weil ihr nicht offen standen die
geheiligten Schranken irgend einer Rangklasse, weil ihre Tanten und Basen nicht
Sitz und Stimme hatten in den Thee-, Kaffee- und Klatschgesellschaften! - Nein,
nein! so will ich nicht handeln! dachte sein treues Herz, ich will sie an mich
ziehen, fest in meinen Armen halten und mit liebender Sorgfalt ber die Klippen
dieses Lebens, ber die Klippen unserer gesellschaftlichen Zustnde fhren. -
Und werden uns viele solcher Klippen bedrohen? fragte er sich, und sein leichter
Sinn antwortete: o gewi nicht! Man kennt mich, meine Freunde und meine
Bekannten schtzen und ehren meinen Namen, sie werden auch das Mdchen bei sich
aufnehmen und lieb gewinnen, der ich diesen Namen zu geben fr gut befunden, -
meiner Frau. - Bei diesem letzten Worte mute er unwillkrlich lcheln, denn es
kam ihm so sonderbar vor. Er dachte mit einem Male an seine
Junggesellenwirthschaft, an die Zimmer, vollgepfropft mit allerlei
Gerthschaften, an die alterthmlichen schweren Seidenstoffe, die er zu den
Draperien seiner Gemlde brauchte, und die von der Lehne eines alten
geschnitzten Stuhles herab hingen und weit in das Zimmer hinein reichten. - Und
dazwischen sollte Clara stehen, verwundert all' das Seltsame anstaunend und
behutsam auf den Zehenspitzen hin und her schreitend; - ach, und sie schritt so
wunderbar auf den Zehenspitzen, das Rckchen leicht gehoben - damit sie
glcklich zwischen all' dem Chaos durchkomme, ohne hier eine Vase zu berhren
oder dort an ein frisches Gemlde zu streifen. - Ja, ja, meine Frau soll sie
sein, und ich will sie hegen und pflegen mit liebender Sorgfalt, wie ein Kind,
das anfngt, gehen zu lernen. Fort mit allen Rcksichten! Bin ich nicht ein
Knstler und dehalb ein freier Mensch? Ich will meinem Herzen folgen und meinem
Gemthe alle Ehre machen.
    Whrend er das dachte, hatte er unverwandt die Stickerei betrachtet, aber so
lange und anhaltend, da ihm Clara befremdet zuschaute. Sie frchtete schon,
ihre Thrnen haben ihn verletzt und ihm sehr wehe gethan, dehalb bezwang sie
sich gewaltsam, trocknete ihre Augen und blickte wieder hell und freundlich auf.
    Arthur fuhr aus seinen Trumereien empor und mit einem so glcklichen Gefhl
im Herzen, da er es unmglich vollkommen ausdrcken konnte. Etwas davon
spiegelte sich freilich auf seinem Gesichte wieder, und dieser Ausdruck war
schon so heiter und froh, da er nun der Tnzerin ein wirkliches Lcheln
ablockte.
    Ah! Sie haben mich zu schn beschenkt, sagte er; liebe Clara, wie soll
ich Ihnen dankbar dafr sein! Freilich habe ich Ihnen auch Etwas mitgebracht,
aber es ist so unbedeutend und klein, da es Ihnen vielleicht gar nicht einmal
gefllt.
    Es gefllt mir gewi, entgegnete Clara, und lie ihm ihre Hand, die er bei
den letzten Worten ergriffen. Fast htte sie sie aber wieder zurckgezogen, denn
er genirte sich nicht im Geringsten, sondern kte vor den Augen des Vaters ihre
Finger, was er frher nur beim Abschiednehmen auf der halbdunkeln Treppe gethan.
    Sie errthete stark, frchtete sich aber, vor ihm zurckzutreten, denn seine
Augen glnzten so selig, er blickte sie so beraus freundlich an, da sie noch
viel Aergerem entgegen sah, wenn sie sich das nicht geduldig gefallen lie.
    Aber Sie mssen rathen, was ich habe! rief er und hielt etwas in der
rechten zusammen geballten Hand empor.
    Wie ist das mglich? sagte Clara. Nein, nein, ich will nicht rathen; ich
habe Ihnen ja gleich offen und ehrlich gezeigt, was ich fr Sie gemacht, und das
Gleiche mssen Sie auch thun.
    Sie hatten Ihr Geschenk zuerst mit einem Tuche bedeckt, entgegnete er
lustig, und damit Sie auch das meinige nicht gleich sehen, so machen Sie die
Augen zu, bis ich sage, Sie drfen sie wieder ffnen. - Nicht wahr, lieber Herr
Staiger, das kann Clara schon thun?
    Ja, das meine ich auch, erwiderte der alte Mann; du kannst in dem Falle
die Augen schon zumachen.
    Um so mehr, da Ihr Vater sehen wird, was geschieht, fuhr Arthur nicht ohne
Bedeutung fort.
    Nun meinetwegen denn, sprach das liebliche Mdchen, indem sie ber ihre
glnzenden Augen die Augenlider sanft herabfallen lie. - Dabei sah sie sehr
bla aus, und jetzt noch mehr als wie einen Moment vorher; ihr Herz schlug
gewaltsam und sie konnte sich eines eigenthmlichen Gefhls nicht erwehren. Ja,
sie zuckte fast zusammen, als nun Arthur ihre Hand wieder ergriff, als er
langsam ihre Finger ffnete, um einen kalten, glatten Ring daran zu stecken. Sie
hob ihre Hand empor, wagte es aber erst ihre Augen zu ffnen, als sie der junge
Mann bat, dies zu thun. - Da fielen ihre Blicke auf einen kleinen goldenen Reif,
den sie am Finger hatte, einen Ring ohne Zierrath und Stein, einen Ring, dessen
Form sie aber wohl kannte.
    Was sollte das Alles bedeuten? Der alte Mann sah fragend auf Arthur; Clara
schlug ihren Blick nieder und zitterte so heftig, da sie sich am Tische
festhalten mute.
    Auch Arthur war in diesem Augenblicke erblat, und auch sein Athem wand sich
mhsam aus der Brust. - Was das heien soll? sprach er mit einem sonderbaren
Lcheln, wobei seine Augen eigenthmlich blinzelten, das soll heien - da ich
die Clara unendlich liebe, und da sie und keine Andere meine Frau werden soll!
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    Der geneigte Leser wird uns verzeihen, da wir hier dieses Kapitel
schlieen, aber ein Moment, wie der, welchen nun die drei glcklichen Menschen
verlebten, lt sich unmglich der Wahrheit gem schildern. Wir wollen nur noch
sagen, da Herr Staiger, so glcklich er sich fhlte, doch den Kopf schttelte
und von einer Einwilligung seitens der Eltern Arthurs als von einer fast
unmglichen Sache sprach, und da Clara, die anfangs wie betubt gestanden, bald
darauf so voll Glck und Freude war, wie selten eine menschliche Seele; sie
kte tausendmal den Ring an ihrem Finger, denn dieser Ring gab ihr ein Recht
auf die Liebe Arthurs; sie brauchte jetzt nicht mehr sich selbst und ihm zu
verheimlichen, wie unaussprechlich sie ihn liebe, sie war vollkommen glcklich,
sie kannte weiter keine Wnsche und Hoffnungen. - Wenn sie in dem Augenblicke
gestorben wre, so wre sie hingegangen im glcklichsten Moment ihres Lebens -
ein reiner, unschuldsvoller Engel. -

                          Zweiundfnfzigstes Kapitel.



                             Ein nchtlicher Gast.

Wenn man nach einem Abende, wie ihn Arthur im vergangenen Kapitel verlebt, nach
Hause geht, das Herz voll Seligkeit, die Augen strahlend, wenn man zum ersten
Male von dem Mdchen, welches man liebt, ffentlich einen zrtlichen Abschied
genommen und sie fest an's Herz gedrckt, unbekmmert um Vater und Mutter, Tante
und ltere Schwestern, die vielleicht in groer Verlegenheit, da ihnen das
selbst noch nicht begegnet, den Kopf auf die Seite wenden und bedeutsam husten,
so betritt man die Strae mit einem sonderbaren Gefhle. Man lacht in sich
hinein, man reibt sich die Hnde, man betrachtet die Huser, ob es in Wahrheit
noch dieselben seien, die da standen, whrend man heute Abend schon einmal hier
vorbei kam; man freut sich ber den klaren Himmel und ber den finsteren, ber
Mondschein, Schnee und Regen; man findet es, wenn der letztere herabrieselt, von
ihm eine berflssige Mhe, da er den Versuch macht, uns verdrielich zu
stimmen. - Wir lachen ber ihn, auch ber den Wind, der unsern Regenschirm empor
kehrt und unsern Hut zu entfhren droht. Blase nur, blase! Wir wandeln dahin, im
Herzen ein schnes, strahlendes Bild, das uns warm und trocken erhlt, das uns
leuchtet in finsterer Nacht, und das uns wrmt trotz Klte und Wind. Alle
unangenehmen Zuflligkeiten, die sonst wohl uns zu erzrnen im Stande sind,
existiren fr uns heute Abend gar nicht. Was kmmert es uns, ob das Wasser in
den Rinnen dahin schiet, oder ob der Boden so glatt geworden ist, da man nur
fortkommen kann, indem man sich an den Mauern der Huser hlt. - Gleichviel man
springt hinber, oder man glitscht zuweilen aus, fllt auch wohl hin, um dann
lachend wieder aufzustehen.
    Dieses Gefhl trug Arthur mit sich nach Hause, und wenn ihm auch von den
eben erwhnten Unfllen keiner begegnete, so schien er dagegen auch nicht zu
bemerken, da ihm Schnee und Regen in's Gesicht schlugen, und da er, um sich
abzukhlen, den Hut in der Hand hatte. Er betrachtete sinnend den finsteren
Himmel, der sich mehr und mehr berzogen, und blinzelte vergngt nach den
Straenlaternen hin, als wollte er sagen: wtet ihr, was ich wei. Zuweilen
blieb er auch stehen, und schaute lange in die Nacht hinaus. - Alsdann theilten
sich vor seinem innern Auge Finsterni und Mauern, er sah hinein in ihr Stbchen
und war entzckt, wie schn sie da ruhte. Den rechten Arm hatte sie unter den
Kopf gelegt, so da ihr Gesicht fast aufwrts zum Himmel sah; sie athmete bald
leicht und bald schwer, ihre Wangen waren sanft gerthet, und ihre frischen,
leicht geffneten Lippen flsterten leise: Arthur, mein Arthur!
    Nachdem er das im Geiste gesehen, fuhr er sich mit der Hand ber die Augen
und verwischte gewaltsam dies reizende Bild wieder; auch wandte er sich um,
setzte sogar seinen Hut auf und schritt eiliger nach Hause, nicht, um aus der
kalten Nacht zu kommen - die that seinen brennenden Wangen wohl - sondern um in
seiner Wohnung Papier und Bleistift zu ergreifen und ihre Zge in der
Geschwindigkeit noch ein Halbdutzendmal hinzuzeichnen.
    Es mochte fast Mitternacht sein, als er in der Nhe des elterlichen Hauses
ankam. Er ging bei der Hausthre vorbei, denn sein Weg fhrte ihn, wenn er
Abends spt nach Hause kam, durch eine enge Gasse an den hinteren Theil des
Gebudes, wo er durch eine kleine Thre eintreten konnte und sich dann gleich in
der Nhe seiner Zimmer befand.
    Vor dieser kleineren Thr war eine Gaslaterne, welche sie mit hellem Scheine
beleuchtete. Als Arthur unweit des letzteren angekommen war und schon die Hand
in die Tasche gesteckt hatte, um seinen Schlssel heraus zu ziehen, hielt er auf
einmal mit dieser Bewegung inne, blieb stehen und schaute nach dem
Gascandelaber, denn es war ihm, als she er eine menschliche Gestalt, die an
demselben angelehnt stand.
    Das ist seltsam, dachte der Maler und blickte schrfer hin. Richtig! da
war ein Mensch, der auf etwas zu warten schien.
    Arthur mute, um seine Thre zu erreichen, ziemlich dicht bei diesem
Candelaber vorbei gehen; ehe er dies aber that, zog er seinen gewichtigen
Hausschlssel aus der Tasche, fate seinen Stock fester und schritt langsam
vorwrts.
    Sobald er nher kam, lste sich die Gestalt von dem Candelaber ab und trat
ihm einen Schritt entgegen. Sie waren sich jetzt Beide so nahe gekommen, da an
ein Ausweichen nicht mehr zu denken war; auch hatte sich der Unbekannte so
aufgestellt, da er fast vor der kleinen Hausthre stand, wehalb es der Maler
fr das Beste hielt, denselben anzurufen und ihn bestimmt aber hflich zu
fragen, ob er vielleicht irgend eine Absicht verfolge, da er ihm so auffallend
in den Weg trete.
    Bei dieser Frage griff die Gestalt an ihren Kopf und bckte sich leicht. Wir
vermuthen fast, da sie den Hut abnehmen wollte, was aber nicht wohl ausfhrbar
war, da sie keinen auf dem Haupte trug. Dabei ffnete sie ihren Mund, und sie
sprach mit einem leisen und schchternen Tone: Ach, Herr Erichsen, Sie werden
mich wahrscheinlich nicht erkennen.
    Da haben Sie Recht! rief lachend der Maler. Ich mchte wissen, wie es
mglich ist, Jemand zu erkennen, der dicht unter einer Gaslaterne steht und den
Kopf abwrts gesenkt hlt wie Sie. - Aber was wollen Sie von mir? Wenn Sie etwas
Gutes hierher fhrt, so zeigen Sie frei und offen Ihr Gesicht.
    Das ist auch das Klgste, erwiderte die Gestalt, und ich htte das gleich
thun sollen. Damit fuhr sie an die Stirne, strich ihre langen, schwarzen Haare
zurck und lie das Licht der Laterne auf ihr Gesicht fallen, whrend sie aus
dem Schatten heraustrat.
    Herr Beil! rief Arthur berrascht. Sind Sie es wirklich, und wie kommen
Sie daher, bester Beil?
    Es ist Beil, sprach der Andere mit tiefer Stimme, aber ein sehr trauriges
Beil, fast ohne Schneide und Stiel, nur noch der Schatten des frheren.
    Aber sagen Sie mir in aller Geschwindigkeit, was treibt Sie bei so spter
Nachtzeit hier in diese Gegend. Kommen Sie zufllig hier vorbei oder haben Sie
mich hier erwartet?
    Ich habe Sie hier erwartet, erwiderte der ehemalige Commis des Herrn
Blaffer. Schon zwei Abende, und immer bin ich wieder davon geschlichen, sobald
ich Ihre Schritte hrte; auch heute Abend htte ich es beinahe so gemacht, doch
kamen Sie mit so festem, ich mchte sagen vergngtem Schritt daher, auch pfiffen
Sie eine so heitere Melodie, da ich mir ein Herz fate und Sie erwartete.
    O, lieber Beil, was machen Sie fr Geschichten! rief Arthur lachend. Sie
wollen mich also sprechen?
    Der Andere nickte mit dem Kopfe.
    Vielleicht kann ich Ihnen sogar einen Dienst erzeigen?
    Herr Beil zuckte die Achseln.
    Aber warum kommen Sie denn nicht frischweg am Tage, oder laufen des Nachts
weg, wenn Sie mich kommen hren? fragte der Maler.
    Das Erste wird Ihnen selbst klar werden, entgegnete der Andere schchtern,
wenn Sie nmlich die Gte haben wollen, mich in Ihr Zimmer eintreten zu lassen
und dort bei Lichte zu besehen.
    Was sogleich geschehen soll, sprach Arthur lustig. Kommen Sie geschwind,
denn ich fhle jetzt auf einmal, da es hier auen kalt und frostig ist.
    Ja, sehr kalt und frostig! seufzte Herr Beil.
    Hierauf ffnete Arthur die Thre, und als Beide eingetreten waren, schlo er
sie wieder hinter sich zu. Sie befanden sich in einem kleinen Vestibul, von
welchem eine Wendeltreppe in den ersten Stock des Hintergebudes fhrte. Auf den
untersten Stufen dieser Treppe stand ein kleiner silberner Handleuchter mit
einem Wachslichte, das schon tief herabgebrannt war.
    Arthur leuchtete und Beide stiegen hinauf in seine Wohnung. Diese bestand
aus vier Zimmern, war sehr elegant eingerichtet, doch herrschte, namentlich im
Atelier, eine fr einen Maler sehr verzeihliche Unordnung. Die Waffen, Stoffe,
Statuetten, Vasen, von denen er vorhin bei Clara getrumt, lagen und standen
hier in der That berall herum und waren in manchen Ecken so dicht zusammen
gestellt, da es wirklich Mhe kostete, sich dort frei zu bewegen.
    Obgleich Arthur keine eigene Dienerschaft hatte, so wurde er doch von der
smmtlichen des elterlichen Hauses auerordentlich verwhnt, und sein kleines
Interieur so besorgt, da er Niemand Eigenes brauchte. Auch heute Nacht,
obgleich es schon ziemlich spt war, befanden sich in dem Kamine, den Arthur aus
besonderer Vorliebe in seinem Wohnzimmer hatte einrichten lassen, noch glhende
Kohlen genug, so da es nur einer kleinen Anwendung des Blasbalges bedurfte, um
einige Stcke Holz, die er auflegte, sogleich in helle Flammen zu versetzen.
Dann zndete er ein paar Kerzen an, und als diese das Zimmer hell erleuchteten,
blickte er sich nach seinem Gefhrten um, der hndereibend an dem lodernden
Feuer stand.
    In der That, rief Arthur nach einem kleinen peinlichen Stillschweigen, in
der That, lieber Herr Beil, nehmen Sie mir es nicht bel, aber ich begreife
jetzt vollkommen, warum Sie mich nicht am Tage besucht haben.
    Nicht wahr, das ist zu begreifen? entgegnete dieser, indem er einen
trostlosen Blick an sich hinunter laufen lief. Wenn Sie mich auch nie sehr
geputzt und geschniegelt sahen, so habe ich mich bis jetzt auch nicht als Lump
prsentirt - als vollstndiger Lump, wie heute Abend.
    Und Herr Beil sprach die Wahrheit, denn sein Aeueres sah wirklich im
hchsten Grade verwahrlost aus. Haar und Bart hingen ihm zerzaust um den Kopf,
und er schien alle Ursache zu haben, seine Wsche sorgfltig zu verstecken, denn
er hatte nicht blos den Rock bis unter das Kinn zugeknpft, sondern auch noch
den Kragen etwas in die Hhe geschlagen. Seine Beinkleider waren fast bis zu den
Knieen beschmutzt, und seine Stiefel gaben einen seltsam seufzenden Ton von
sich, wenn er auftrat, und lieen sehr verdchtige nasse Spuren zurck, wenn er
seinen Standort wechselte.
    Er wollte sprechen, doch fiel ihm Arthur in's Wort: Lassen Sie fr diesen
Augenblick alle Explikationen; ich sehe schon, da Ihnen was Auerordentliches
passirt ist, was Sie mir wohl spter mittheilen werden. Jetzt aber will ich vor
allen Dingen uns Beide in ein trockenes Gehuse bringen; denn auch mich hat der
Regen von heute Nacht ziemlich scharf mitgenommen. Folgen Sie mir in's
Schlafzimmer, und ich will schon etwas finden, was fr Sie pat.
    Herr Beil wollte einige bescheidene Einwendungen machen, doch legte ihm der
Maler sanft die Hand auf seine Schulter, indem er fortfuhr: Lassen Sie das gut
sein; ich versichere Sie, es wrde mir zu jeder Zeit ein groes Vergngen
gemacht haben, Ihnen aus irgend einer Verlegenheit zu helfen, umsomehr aber am
heutigen Abend, wo mir selbst ein so groes Glck widerfahren ist, da es mich
drngt, den Kummer eines meiner Bekannten zu lindern. - Ich fhle mich als ein
zweiter Polykrates: die Gtter haben mich so mit Gnaden berhuft, da ich gern
einen kostbaren Ring in's Meer schleudern wrde, wenn im Augenblicke Ring und
Meer bei der Hand wren. In Ermanglung des letzteren seien Sie nun so
freundlich, dasselbe vorzustellen, und erlauben mir, die bescheidenen
Kleinigkeiten eines Anzuges, soweit er Ihnen passend ist, in Ihren Schoos zu
werfen.
    Auf diese freundliche Anrede hin senkte der ehemalige Commis sein Haupt,
ergriff, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand Arthurs und drckte sie innig. Dann
folgte er ihm in sein Schlafzimmer.
    Eine frmliche Verwandlung war bald bewerkstelligt, und nach einer kleinen
Viertelstunde lieen sich die Beiden vor dem Kamine nieder, nachdem Arthur aus
dem Magazine seiner Junggesellenwirthschaft etwas kalte Kche und eine Flasche
herbeigebracht, welchen von Herrn Beil eifrig zugesprochen wurde.
    Der Maler sah lchelnd auf sein Gegenber, denn dieser hatte sich wirklich
vortheilhaft verndert. So viel es in der Geschwindigkeit thunlich gewesen, ward
Haar und Bart geordnet und sein ganzer briger Mensch damit in Einklang
gebracht; er war mit allem Nothwendigsten versehen worden, wovon wir aber nicht
weiter sprechen wollen; nur mssen wir erwhnen, da er an den Fen
buntgestickte Pantoffeln trug, auf welche rothe Morgenhosen herabfielen, und da
der carrirte Schlafrock, in den er gehllt war, etwas sehr lang auf dem Boden
nachschleifte.
    Nachdem er sich mit Speise und Trank restaurirt, reichte ihm Arthur eine
Cigarre, die Friedenspfeife, wie er sagte, womit er ihn, den Heimathlosen, nun
gnzlich unter seinen Schutz, unter Dach und Fach nehme.
    Der ehemalige Commis des Herrn Blaffer zndete sich die feine Havanna an,
und sog mit uerstem Wohlbehagen den wohlriechenden Dampf in sich, um ihn dann
langsam wieder von sich zu blasen. Er streckte sich im weichen Fauteuil lang und
bequem vor dem Feuer aus, und es war dabei erklrlich, da ihn ein Schauder
berfuhr, wenn er an die vergangenen drei Tage dachte, namentlich an jenen
schrecklichen Abend, wo ihm das Gespenst erschienen. - O wre er doch lieber
gleich zu Arthur gegangen, nachdem er das Haus seines Prinzipals verlassen! Aber
damals rannte er gerade aus, nicht rechts noch links blickend, seinem Verderben
entgegen, das ihm aber als kein Verderben erschien, sondern als die Einlapforte
in ein stilles, friedliches Thal, wo er sich in einem dunkeln, aber nicht
unheimlichen Winkel ruhig zum Schlafen werde niederlegen knnen. -
    Das Leben ist doch schn! sagt der unsterbliche Schiller. - Und er hat
Recht, fuhr Herr Beil dann seufzend fort: sie ist schwer von sich zu werfen
die se Gewohnheit des Daseins. Jetzt begreife ich nicht mehr, wie es einem
Menschen einfallen kann, seinem Dasein freiwillig ein Ende machen zu wollen.
    Arthur hatte aus seiner Kaminecke zugeschaut, wie ein inniges wonniges
Gefhl freundliche Strahlen auf dem Gesichte seines Gegenber hervorzauberte.
Als derselbe aber hierauf jene Worte ausrief, entgegnete er: Sie sprechen ja
wie ein halber Selbstmrder. Ich habe Sie berhaupt so verndert gefunden, da
Sie mir es nicht bel nehmen knnen, wenn mich eine kleine Neugierde
beschleicht.
    Die zu befriedigen mir eine Erleichterung sein wird, sagte Herr Beil. Und
dann erzhlte er mit groer Gewissenhaftigkeit die Vorflle der letzten Tage bis
zu dem Augenblicke, wo ihm jene Gestalt erschienen und ihm das Versprechen
abgenommen, den thrichten, verbrecherischen Schritt nicht zu thun.
    Das kann unmglich der Teufel gewesen sein, versetzte Arthur, der
aufmerksam zugelauscht, und den, whrend der Andere sprach, zuweilen ein
leichter Schauder berflog; denn Herr Beil erzhlte das Alles so umstndlich,
schilderte so natrlich die Qualen seines Herzens und die Zerrissenheit seiner
Gedanken. - Nein, das war gewi kein bser Geist, denn sonst htte er Sie ruhig
Ihr Vorhaben ausfhren lassen.
    Aber ich hrte ihn nicht verschwinden, fuhr Herr Beil fort; ich blickte
auf, es schlug Ein Uhr und er war nicht mehr da.
    Das ist allerdings seltsam, - und Sie erfuhren nichts mehr von ihm?
    Bis jetzt nicht das Geringste, obgleich ich immer geglaubt, ja gehofft, er
werde mir wieder in den Weg treten, umsomehr, als ich seit jener Mitternacht
wohl gesehen oder gefhlt, da ich bestndig von Jemand beobachtet werde.
    Das ist eine Ausgeburt Ihrer Phantasie, die Nachwirkung jener Stunde,
meinte Arthur. Wenn Sie Jemand beobachtet htte, so mten Sie es doch wissen,
Sie mten Jemand gesehen haben.
    Das habe ich auch, erwiderte der Andere mit leiser Stimme. Schon als ich
in jener Nacht vom Kanal zurckkehrte und die Strae wieder betrat, glaubte ich
oftmals den Klang von Tritten hinter mir zu hren.
    Das Echo der Ihrigen.
    Das dachte ich anfangs auch, denn wenn ich zgerte, so zgerten die
Schritte ebenfalls, wenn ich hielt, so hielten sie auch. Doch um genau zu
untersuchen, ob es wirklich der Klang meiner Schritte sei, blieb ich ein paarmal
ganz pltzlich und unerwartet stehen, und da hrte ich wohl, da es kein Echo
sei, sondern da mir wirklich Jemand folge.
    Nun, da das wenigstens kein Geist war, darber knnen Sie sich beruhigen,
denn die Phantome gleiten, wie Sie wissen, geruschlos dahin.
    Ganz richtig, es war weder ein Gespenst, noch war es jene Gestalt, die ich
am Kanle gesehen. In der Nacht verlebte ich einige miserable Stunden: ich
kauerte mich in einem Winkel zusammen, bis der Tag kam; ach! es war empfindlich
kalt geworden und fror; ich habe schon angenehmere Sonnenaufgnge erlebt. Aber
am Ende geht Alles vorber, und so verschwanden auch jene Stunden der
Morgendmmerung, wobei mir das Mark in den Knochen zu erfrieren drohte. - Ich
sagte vorhin, der, welcher mir gefolgt, sei nicht die Gestalt vom Kanale
gewesen; das sah ich, sobald es Tag wurde, denn nun bemerkte ich in dem
gegenber liegenden Straenwinkel eine Figur, die mich offenbar beobachtete,
obgleich sie unruhig auf- und abschritt, und that, als erwarte sie sonst Etwas.
- Das war mir unheimlich, und ich beschlo, zu untersuchen, ob ich mich nicht
irre. Ich erhob mich und schlich an den Husern dahin; der Andere folgte mir
nicht, wenigstens nicht sogleich. Ich ging einige Straen weiter, absichtlich
ohne mich umzuschauen, und verlor mich endlich in ein Labyrinth von kleinen
finsteren Gassen, wo einer meiner Landsleute wohnte, ein armer Teufel von
Buchbinder, dem ich viele Geflligkeiten erzeigt, und von welchem ich mit Recht
voraussetzte, er werde mir gerne eine Unterkunft bewilligen, fr ein paar Tage
nur, bis ich etwas Anderes gefunden.
    Und Ihr Verfolger? fragte Arthur.
    Ganz richtig! - warten Sie nur. - Als ich, beim Hause des Buchbinders
angekommen, mich pltzlich umwandte, bemerkte ich ihn am Ende der Strae, die
er, anscheinend ohne sich weiter um mich zu bekmmern, berschritt.
    Aber ich begreife immer noch nicht, sagte der Maler, da Sie nicht noch
in derselben Nacht auf den gesunden Einfall gekommen sind, mich aufzusuchen. Sie
wissen, ich habe Sie immer sehr gern gehabt und mich fr Sie interessirt,
obgleich Sie meine angebotene Hilfe jedesmal hartnckig zurckwiesen.
    Ich hatte Unrecht, entgegnete Herr Beil gerhrt. Aber wissen Sie, lieber
Herr Erichsen, wir armen Teufel werden euch reichen Leuten gegenber gar leicht
mitrauisch. Wenn ihr uns auch mit dem besten Herzen eure Hilfe anbietet, so
zucken wir doch schmerzlich zusammen; - es ist ein Almosen, denn wir sind ja
nicht im Stande, euch dafr etwas wiederzugeben. - Aber - beim Blaffer! - ich
hatte Unrecht!
    Ein seltsamer Schwur, sagte Arthur lachend.
    Ich habe mir ihn angewhnt denn man mu selbst dem Teufel kein Unrecht
thun.
    Aber weiter in Ihrer Geschichte! sprach Arthur. Sie sind ja jetzt doch
noch unter meine Hnde gerathen. - Du wolltest fliehen, treuloser Rmer! - du
bist gezwungen, du bleibst bei mir. - Das Schicksal hat Sie mir zugefhrt.
    Ja, das Schicksal, fuhr der Andere seufzend fort. Aber ich lobe das
Schicksal darum, denn ich fhle mich bei Ihnen hier so behaglich, Herr Erichsen,
wie seit langen Jahren nicht. Auch ist mein armes dummes Herz ruhiger geworden;
der Schmerz in demselben summt nur noch leise, wenn ich an jene Nacht und an das
Mdchen denke. - Doch weiter! - Beim Buchbinder aber war es frchterlich, und
obgleich er mich mit der grten Bereitwilligkeit aufgenommen, konnte ich es
doch nicht lange dort aushalten. Ich half ihm, so gut ich es vermochte; war mir
doch sein Geschft nicht unbekannt: es geht ja Hand in Hand mit dem unsrigen,
und wenn ich bei Johann Christian Blaffer und Compagnie die ganzen Bcher
verpackte und wegschickte, so faltete ich jetzt jeden einzelnen Bogen und half
brochiren, was mir brigens nicht schwer wurde. - Nun habe ich Ihnen aber schon
vorher gesagt, da ich sogleich an Sie gedacht, und whrend ein paar Abenden den
Versuch machte, Sie an Ihrer Hausthre abzufangen; leider ohne Erfolg: ich hatte
ja nicht den Muth, mich Ihnen anzuvertrauen. Aber wenn ich so durch die Straen
schlich, und wenn ich oftmals unter der Gaslaterne da unten stand, so brauchte
ich mich nur sphend umzuschauen, und ich bemerkte gewi irgendwo jenen Mann,
der mir damals gefolgt.
    Und Sie irrten sich nicht?
    Ich irrte mich gewi nicht.
    Wenn das der Fall ist, meinte der Maler, so haben Sie am Ende wohl gar
Jemandens Interesse erregt, der sich Ihrer annehmen will, und der mit mchtiger
Hand ber Sie wacht. Geben Sie Achtung, hier wendet sich Ihr Schicksal, und Sie
sind vielleicht noch zu groen Dingen ausersehen.
    Es hat sich heute Abend schon so gut gewendet, versetzte Herr Beil; denn
kann es mir besser gehen als im jetzigen Augenblicke, wo Sie mit Ihrer
liebenswrdigen Gastlichkeit mir Ihr Haus geffnet, mich an Ihren Herd
aufgenommen, mich gespeist und getrnkt, auch Schlafrock und Pantoffeln gegeben!
- Ah! der Contrast ist etwas stark, fuhr er kopfschttelnd fort. - Sie htten
das Leben bei meinem armen Buchbinder kennen sollen; wie diese Leute sich
durchschlagen mssen, davon haben Sie, davon hatte ich bis jetzt kaum eine Idee.
- Zur Wohnung eine einzige Stube und eine finstere und feuchte Kammer, an Betten
ein Ding von morschen Brettern, was die entfernteste Aehnlichkeit mit einem
solchen hatte, und darin ein Strohsack und eine alte mrbe Wollmatratze, die an
allen vier Seiten zu kurz war. Darin lagen die Eltern und zwei Kinder, vier
andere behalfen sich in einer Ecke auf einem zerrissenen Stck Teppich -
    Und Sie? fragte Arthur.
    Ich legte mich zum ersten Mal in meinem Leben fest auf die Literatur, indem
ich mir in der Werkstatt ein Lager von Makulatur machte: bercomplette Bogen
einer Gedichtssammlung rollte ich mir zum Kopfkissen zusammen, und zur Decke
nahm ich meinen Rock, unter welchem ich mich wie ein Igel zusammenkauerte. - In
gewisser Hinsicht war ich eine Hilfe fr die Familie, denn ich fand in meiner
Westentasche noch einen Thalerschein, von dem wir die zwei Tage lang herrlich
und in Freuden lebten. Vermittelst desselben konnte der Buchbinder ein Sckchen
Kartoffeln erschwingen und sich die sechs Kinder wieder ein paarmal recht satt
essen. Sie haben noch ziemlich viel davon, setzte er gutmthig lchelnd hinzu,
denn ich htte mir ein Gewissen daraus gemacht, ihnen den ganzen Vorrath mit
aufzehren zu helfen.
    Die Leute mssen Sie nchstens wieder besuchen, bester Herr Beil, sagte
Arthur, und ihnen eine kleine Hilfe bringen.
    Der Andere nickte schweigend mit dem Kopfe, sttzte diesen darauf in die
rechte Hand und blickte lange und nachdenkend in das Kaminfeuer.
    Die Standuhr zeigte auf Eins.
    Aber es ist schon spt geworden! rief Arthur, indem er aufstand. Jetzt
wollen wir Ihnen ein Lager besorgen und morgen Frh sehen, was weiter zu thun
ist.
    Haben Sie kein Makulatur? fragte mit komischem Ernste der ehemalige
Commis.
    Nein, erwiderte Arthur lachend; aber wenn Sie es einmal mit der Malerei
versuchen wollen, so knnen Sie es sich bei jenen Nymphen bequem machen.
    Gott soll mich bewahren! versetzte Herr Beil. Das wre mir eine
gefhrliche Nachbarschaft. Da unterwerfe ich mich lieber getrost Ihren sonstigen
Anordnungen.
    Und daran that er sehr recht, denn der Maler hatte in kurzer Zeit auf seinem
Sopha im Wohnzimmer ein vollkommen ppiges Lager hergerichtet, worauf er seinem
Schtzling eine gute Nacht wnschte und sich in sein Schlafzimmer zurckzog.
    Herr Beil schlief den Schlaf des Gerechten, und obgleich ihm allerlei
Seltsames trumte von dem finster dahin flieenden Kanal mit der bekannten
Melodie, von den Augen jener Gestalt, die ihn so seltsam anstarrten, auch vom
Buchbinder und dem Makulatur, so erwachte er doch erst am andern Morgen, als der
Tag bereits das Zimmer erhellte. Er blickte verwundert um sich und schien im
ersten Augenblicke nicht recht zu wissen, wo er sich befinde; er lag gegenber
dem Kamin, in welchem schon wieder die freundlichen Flammen spielten; es war,
als seien diese heute Nacht gar nicht erloschen. Vor demselben befand sich eine
ltliche Dienerin des kommerzienrthlichen Hauses, welche beschftigt war, auf
einem kleinen Tisch allerlei Service von sehr freundlichem Aeuern aufzustellen,
dazu auch Teller mit weiem Brod und Butter. Whrend sie aber dies Geschft
versah, blickte sie hufig nach dem Schlfer auf dem Sopha um, und schien
jedesmal zu erschrecken, wenn sie dort zwischen den weien Leintchern die
Unmasse von schwarzen Kopf- und Barthaaren erblickte. Diese in ihrem
verwilderten Zustande hatten auch durchaus nichts Angenehmes fr das Auge, und
man htte glauben knnen, es habe sich dort irgend ein Ungeheuer, ein Alp oder
sonst dergleichen eingenistet. Aus Diskretion hatte Herr Beil die Decke bis
unter das Kinn hinaufgezogen, wodurch sein Aussehen noch eigenthmlicher und
komischer wurde.
    Auch Arthur mute laut auflachen, als er nun aus seinem Zimmer trat und den
sonderbaren Kopf seines Schtzlings sah. - Bleiben Sie ruhig so liegen, rief
er ihm zu, das mu ich zeichnen!
    Die alte Dienerin gab ihrem Herrn einen Wink, fhrte ihn behutsam in eine
Ecke des Zimmers, richtete dann die Augen auffallend gegen den im Bette
Liegenden und fragte mit schchterner Stimme: Was ist denn das, Herr Arthur?
    Das ist ein Gespenst, entgegnete dieser, ich habe es heute Nacht auf der
Strae gefunden und mitgenommen. - Wissen Sie wohl, Sophie, setzte er mit
Betonung hinzu, das bleibt aber ganz unter uns; es braucht's Niemand im Hause
zu erfahren; Mama, wie Sie wohl wissen, kann die Gespenster nicht leiden. Wenn
Sie aber jetzt hinunter gehen, so seien Sie so gut und schicken nach dem Barbier
und dem Friseur; sie sollen zu mir kommen.
    Die Dienerin verlie das Zimmer, nicht ohne noch einen besorgten Blick nach
dem Sopha geworfen zu haben.
    Worauf Herr Beil sein Lager verlie und sich alsdann schleunigst in das
Schlafzimmer von Arthur zurck zog, wo er seine Toilette machte.
    Als die Beiden spter das Frhstck verzehrt hatten, dem natrlicherweise
die unentbehrliche Cigarre folgte, sagte der Maler: Ich konnte gestern Abend
nicht gut einschlafen; ein angenehmes Ereigni, was mich betroffen, und Ihre
Geschichte hielten mich wach. Ich dachte viel an Sie und berlegte, was jetzt
wohl zu beginnen sei. - Wenn ich von jetzt spreche, so versteht sich von selbst,
da ich jene Zeit meine, wo Sie sich von Ihren Strapatzen wieder vollkommen
erholt haben, berhaupt wenn es Ihnen gefllt, an die Zukunft zu denken. Im
Augenblick sind Sie bei mir hier vortrefflich aufgehoben.
    Gewi, auch ich dachte daran, entgegnete Herr Beil; doch habe ich dort am
Kanal einen ganz andern Menschen angezogen; mir graust vor dem Buchhandel.
    Das begreife ich, erwiderte Arthur. Aber Sie fhren eine gute Feder, wie
ich mich erinnere, Sie sind in Ihren Arbeiten pnktlich und umsichtlich; das
erkannte ja sogar Herr Blaffer, und umsomehr mu es wahr sein. Ich habe nun die
Idee, gelegentlich mit Papa und meinem Schwager zu sprechen, vielleicht wre es
mglich, da man Ihnen eine Stelle in unserem Hause geben knnte. - Ich habe Sie
ja, setzte er lachend hinzu, nun einmal an Kindesstatt angenommen, und auf
diese Art behalte ich Sie ganz unter meinen Augen.
    Und wrden mich unendlich glcklich machen, sagte Herr Beil gerhrt. Ich
sehe, da Sie sich meiner ernstlich annehmen wollen, da Sie es gut mit mir
meinen, und das ist fr Jemand, der wie ich so lange in der Welt herumgestoen
wurde, der bisher Jedem eine Last war, ein wahrhaft ses Gefhl. - Er kmpfte
bei diesen Worten gewaltsam seine Bewegung nieder und setzte dann mit heiterem
Tone hinzu: Ich sehe mich im Geiste schon als angehender Bankier oder als
junger Kassier, wie ich den Leuten Zahlungen mache und Wechsel diskontire.
    Denken Sie nur an das kstliche Gesicht des Herrn Blaffer, wenn er zu uns
kommt, - was ja hufig geschieht, - und Sie ihm pltzlich entgegen treten. -
Vorderhand aber denken wir noch nicht daran, fuhr Arthur nach einer Pause fort;
wir lassen erst seit Ihrem Verschwinden aus dem Hause des Herrn Blaffer einige
Zeit vergehen, damit Sie dort etwas in Vergessenheit kommen. Zuerst mssen wir
daran gehen, - Sie werden meine Worte nicht bel deuten? - Ihren ueren
Menschen zu restauriren, und gleich heute Morgen, und zwar mit dem Kopfe
anfangen. Ich kenne freilich Ihre Leidenschaft fr Ihr starkes Haupt- und
Barthaar, aber da mu ich Ihnen wahrhaftig etwas wegsprechen.
    Herr Beil fuhr bei diesen Worten mit einem komischen Schrecken durch seine
schwarzen Haare, worauf er aber lachend sagte: Seien Sie unbesorgt, ich gebe
diesen Lieblingen gern den Abschied! Ich sprach Ihnen ja vorhin schon von einem
andern Menschen, den ich angezogen, und zu ihm passen diese Zeichen einer
frheren Zeit nicht mehr. Auch kann ich nie mehr die fatale Feuchtigkeit
vergessen, die sich am Kanale hier hinein gesetzt, sowie die schauerlichen
Eiszapfen, die an meinem Barte hingen, als ich Morgens in dem Winkel kauerte. -
Ah! das sind schreckliche Erinnerungen! - Machen Sie dehalb mit mir, was Sie
wollen.
    Ich werde es knstlerisch behandeln, erwiderte der Maler, und werde der
Sitzung des Barbiers und des Friseurs mit voller Theilnahme anwohnen. - Schon
hre ich drauen anklopfen; es wird einer der Herren sein, die ich fr Sie
bestellt.
    Und so war es auch; zuerst kam der Barbier und dann der Friseur. Herr Beil
wurde nach den Anordnungen Arthurs von Beiden bedient, wobei sich die Scheere
des Haarknstlers mit einem wahren Appetit in dem dichten Lockenwald seines
Opfers zu verbeien schien. Man hatte gewi dies Instrument lange Zeit nicht so
vergngt klappern hren; rechts und links fielen die dichten schwarzen Bsche,
und als das Werk vollendet war, machte es dem Knstler alle Ehre, und die
Versicherung desselben, aus dem Kopfe sei etwas zu machen, stellte sich als
vllige Wahrheit heraus.
    Nun war das Haar gekrzt, frisirt, der Kinnbart glatt weggeschoren, der
Schnurrbart gestutzt, und als sich Herr Beil hierauf im Spiegel erblickte,
nickte er wohlgefllig mit dem Kopfe und versicherte, er sei vollkommen mit sich
zufrieden. Er sah auch in dem schnen Schlafrock, wie er nun dasa in dem
kleinen Fauteuil, mehr als anstndig, ja fast elegant aus.
    Arthur hatte sich an seine Staffelei gesetzt und einen groen Rahmen mit
weier Leinwand vor sich aufgestellt. Es ist heute ein Festtag, sagte er, und
an solchen mache ich mir das Vergngen, irgend ein Bild zu ebauchiren, lieber
zwei, drei hinter einander, denn es ist eine wahre Wonne fr mich, wenn ich
meiner Phantasie die Zgel schieen lassen, und einen Entwurf um den andern auf
die Leinwand hinwerfen kann. Heute aber bleibt es bei diesem einzigen, und ich
will sehen, ob meine Erinnerung frisch und gut ist.
    Gibt es ein Portrt? fragte Herr Beil.
    Ja und nein, entgegnete Arthur, indem er anfing mit schwarzer Kreide einen
Frauenkopf zu skizziren; es soll eine ideale Gestalt werden, doch fr mich mit
bekannten Zgen. - Aber wie es mir immer geht, fuhr er nach einer Pause fort,
whrend welcher er einige Striche gemacht hatte, so werde ich immer im besten
Arbeiten gestrt. Wenn ich mich nicht irre, so rollt eben ein Wagen durch die
enge Gasse neben dem Hause, und das wird wahrscheinlich mir gelten, denn hier
herum ist eigentlich kein Weg fr Equipagen. - Thun Sie mir den Gefallen, lieber
Freund, treten Sie einen Augenblick an's Fenster und sehen Sie, ob wirklich ein
Wagen da heraus kommt und wo er hingeht.

                          Dreiundfnfzigstes Kapitel.



                                  Im Atelier.

Herr Beil sprang eilfertig an's Fenster, sah eine Weile durch die Scheiben, dann
sagte er: Es ist ein kleiner geschlossener Wagen; jetzt biegt er um die Ecke
und will wahrscheinlich zu Ihnen. - Richtig; er fhrt bei der Thre vor.
    Wirklich hrte man ihn in diesem Augenblick an der Thre halten.
    Ich will aber jetzt nicht gestrt sein! rief der Maler unmuthig. Thun Sie
mir den Gefallen, springen Sie in's Vorzimmer und schlieen Sie die Thre zu.
Sie sollen mich in Frieden lassen.
    Es sind zwei Herren, rief Herr Beil hastig. Und dann sprang er davon, um
den Wunsch seines Freundes zu erfllen.
    Doch kam er zu spt, denn die Beiden waren schon auf der Treppe und htten
das Umdrehen des Schlssels hren mssen, wehalb Herr Beil dies unterlie,
indem er es fr unschicklich hielt, Jemand die Thre dicht vor der Nase
zuzusperren. Er machte das dem Maler durch ein Zeichen mit der Hand begreiflich,
der achselzuckend fortfuhr, auf die Leinwand zu zeichnen.
    Die beiden Herren auf der Treppe waren in eifriger Unterhaltung begriffen;
wenigstens sprach der Eine, ein kleiner und magerer Mann, sehr laut und lebhaft,
whrend der Andere sich begngte, zuweilen mit dem Kopfe zu nicken oder: ja! ja!
zu sagen.
    Der kleine Mann sprang lebhaft die Treppen hinauf, wandte sich aber fast auf
jeder Stufe um, um sein Gesprch dem Andern in's Gesicht hinein mit mehr Erfolg
fortsetzen zu knnen. - Bester Baron! rief er, Sie mgen sagen, was Sie
wollen, - und ich wei wohl, Sie nehmen Partei fr die kniglichen Stallmeister,
aber das ist gleichviel, ich will meine Behauptung der ganzen Welt gegenber
durchfhren; ich habe hier wahrhaftig nicht die Zeit, viele Stunden auf die
Dressur meiner Reitpferde zu verwenden, whrend Jene den ganzen Tag im Sattel
sitzen; aber das versichere ich Sie, und Sie knnen die kompetentesten Richter
aufstellen, ich behaupte: es ist im ganzen Marstall nicht ein einziges Pferd so
sein geritten, so sorgfltig dressirt, und dadurch - beachten Sie das wohl - nur
dadurch von so angenehmen und geflligen Bewegungen.
    Bei diesen letzten Worten war er oben auf der Treppe angekommen und schlug
mit dem Knopfe seines Stockes taktmig in die rechte Handflche, whrend er
seine Stimme erhoben hatte und jede Silbe scharf betonte, sowie mit dem Ausdruck
der grten Ueberzeugung sprach.
    Nicht ein einziges Pferd im ganzen Marstall. - Natrlicherweise nehme ich
die aus, welche vor einigen Tagen zum Geschenk fr die Frau Herzogin angekommen
sind. Die kommen von uns, und da, bester Baron, versteht man zu reiten.
    Hier sind wir am Ziel unserer Fahrt, erwiderte der andere Herr, der die
Rede des kleinen Mannes zu unterbrechen versuchte. Herr Erichsen ist zu Hause?
fragte er den Herrn Beil, welcher die Thre geffnet hielt.
    Der kleine Mann trat lebhaft in das Gemach, schaute Herrn Beil einen
Augenblick forschend in's Gesicht, schien einen Moment nachzudenken, und sagte
dann: Wenn ich nicht ganz irre, so sahen wir uns neulich Abends bei meinem
Freund, dem Grafen Fohrbach; Sie ersuchten mich, Ihr Atelier zu besuchen. Nun
sehen Sie, ich bin da; ich habe eine Stunde fr Sie gefunden und versichere Sie,
bei meinen vielen zahlreichen Geschften will das viel heien. Aber der Baron
Brand sagte mir, ich werde nicht umsonst kommen und einiges recht Gutes sehen.
    Herr Beil hatte diesen Redestrom geduldig ber sich ergehen lassen, es wre
aber auch vergebliche Mhe gewesen, den kleinen Mann zu unterbrechen, denn nach
seiner Gewohnheit sprach er nur Worte, ohne sich viel darum zu bekmmern, ob sie
Jemand anhre. Auch blickte er dabei bald hierhin, bald dorthin, und im Zimmer
umher, am allerwenigsten aber sah er auf die Person, zu der er eben redete. Er
schien berhaupt einen festen menschlichen Blick nicht gut ertragen zu knnen.
    Der andere Herr lie ihn ebenfalls gewhren, und erst, als er geendigt hatte
und nach Luft schnappte, sagte Jener: Sie irren sich, bester Herr von Dankwart,
dies ist nicht Herr Erichsen, - wahrscheinlich einer der Freunde desselben,
setzte er mit einem verbindlichen Lcheln hinzu, indem er sich verbeugte.
    Herr Beil verbeugte sich ebenfalls und bat die beiden Herren, sich in das
dritte Zimmer zu bemhen, wo der Maler immer noch vor seiner Staffelei sa.
    Whrend Herr von Dankwart durch die Zimmer schwebte - man mu diese Bewegung
schweben nennen, denn er tnzelte mit seinen kleinen Beinen nur so dahin,
blickte dabei bald rechts, bald links, ging nie gerade aus, und zu gleicher Zeit
machte sein fr den zarten Krper etwas zu schwerer Kopf allerlei selbststndige
Bewegungen - blieb er jetzt hier, jetzt dort vor einem Bild, irgend einem
seltsamen Mbel, einer Waffe oder sonst etwas stehen, wobei er in Einem fort
fragte, ohne aber, gleich vielen der Gren dieser Erde, eine Antwort
abzuwarten, denn wenn er jetzt von einer Landschaft behauptete, sie sei etwas
dunkel im Kolorit, oder der Rahmen zu breit und zu schwer fr die Leinwand, und
alsdann fragte: Ist sie hier gemalt? - von wem ist sie? - ein Original oder
eine Kopie? so sprang er gleich darauf zu irgend einem interessanten Dolche
ber, um sich zu erkundigen, ob er cht montirt oder ob die Klinge in Wahrheit
ein Damascener oder vielleicht aus Khorassan sei.
    Trotz allem dem htte er sich wahrscheinlich nicht weiter in den beiden
vorderen Zimmern aufgehalten, um diese fr ihn so nothwendigen Bemerkungen zu
machen, wenn er nicht von ungefhr in die Nhe des Fensters gerathen wre, von
wo aus er einen Blick auf die unten stehenden Pferde und Wagen werfen konnte.
Diese fesselten seine ganze Aufmerksamkeit, und er schien das Zimmer, wo er sich
befand, den Knstler, dessen Werke er anschauen wollte, kurz alles Andere auf
der ganzen weiten Welt fr den Augenblick rein vergessen zu haben.
    Ein magnifikes Ensemble! rief er dem Baron zu, der soeben mit Arthur einen
freundlichen Hndedruck gewechselt. In der That vollendet! Bitte Sie, sehen Sie
doch, wie auerordentlich schn die beiden Pferde stehen; dazu die einfachen
Geschirre, schn in ihrer Anspruchslosigkeit. Ah! ich mu mir fr diese
Zusammenstellung selbst ein Kompliment machen. - Und Joseph auf dem Bocke hat
das wahre Air eines Kutschers aus gutem Hause - aus sehr gutem Hause. - Baron,
ich begreife in der That nicht, wie man es bei Hofe verantworten mag, da die
Kutscher beim Stillstehen die Peitschen nach links hinber geneigt halten. Ich
kann mir nun einmal nicht helfen; das gibt der ganzen Tournure eine Schattirung
von Nachligkeit. - Bei uns wagt das kein Kutscher. Sehen Sie Joseph an; Joseph
hat die Peitsche, wie es sich gehrt, auf dem rechten Schenkel aufgesttzt. -
Nur so hlt der Kutscher eines vornehmen Hauses. - Aber Sie mssen das
betrachten, Baron.
    O, ich habe es schon oft gesehen, entgegnete dieser lchelnd. - Aber
bester Herr von Dankwart, wollen Sie nicht erlauben, da ich Sie an den Zweck
unseres Besuches erinnere und Sie mit Herrn Erichsen bekannt mache?
    Gleich! gleich! erwiderte der kleine Mann, indem er sich mit beiden Hnden
auf die Fensterbrstung sttzte und sich auf den Zehen erhob, denn die kurzen
Beinchen erlaubten ihm sonst nicht, auf die Strae zu sehen. - Gleich, bester
Baron, ich verfolge soeben eine auerordentlich schne Idee: wenn ich mir so die
elegante Figur des Handpferdes da unten betrachte, so kommt mir immer wieder der
Gedanke, es sei doch eigentlich schade, da man ein solches Pferd einspannt. -
Glauben Sie mir, bester Baron, es wrde unter dem Sattel Furore machen. - Damit
warf er noch einen letzten, halb schmerzlichen Blick auf die Strae hinab,
worauf er sich nun endlich umwandte und in das Nebenzimmer zu den Anderen eilte.
    An der Thr desselben geschah es ihm nun abermals, da er in seiner
Zerstreutheit den Herrn Beil fr Arthur nahm, denn er klopfte dem Ersteren, der
sich bescheiden am Eingange hielt, sanft auf die Schultern, whrend er mit einer
Protektionsmiene sagte: Da sind wir, in der That, da sind wir. Freue mich sehr,
Ihre Sachen zu sehen. Man ist Allerhchsten Orts auf Sie aufmerksam geworden;
die Frau Herzogin lobt ber alle Maen ihre wunderbare Ansicht von Carrara.
    Herr Beil verbeugte sich verlegen, denn er wute nicht, ob es an ihm sei,
jetzt selbst eine Aufklrung ber seine Person zu wagen, nachdem dies vorhin der
Baron so erfolglos gethan.
    Dieser lchelte sanft in sein Schnupftuch und Arthur zuckte die Achseln.
    Herr von Dankwart hatte es sich unterdessen in einem Fauteuil bequem gemacht
und blickte an den Wnden umher, wo einige Skizzen und Studien hingen. - In der
That, sprach er nach einer kleinen Pause, diese Ansicht von Carrara hat
einiges Aufsehen gemacht; ich gratulire Ihnen. Die Frau Herzogin geruhten, das
Gemlde schn zu nennen; ich glaube versprechen zu knnen, da wenn Sie so
fortfahren, Sie nchstens von uns einige Bestellungen erhalten werden.
    Aber Sie irren sich, Herr von Dankwart, sagte Arthur sehr ruhig und ohne
da er aufhrte, zu zeichnen, die Ansicht von Carrara ist nicht von mir; ich
male berhaupt keine Landschaften.
    Allerdings nicht von Ihnen, entgegnete einigermaen pikirt der kleine
Mann, aber sie ist von Herrn Erichsen dort. Freilich nicht von Ihnen.
    Bei diesen Worten deutete er mit einer leichten Biegung des Kopfes auf Herrn
Beil.
    Bester Herr von Dankwart, lachte nun der Baron laut hinaus, Sie sind
heute unsglich zerstreut. Dort jener Herr an der Staffelei ist der Knstler,
den wir besuchen wollten, Herr Erichsen. Er malt aber keine Landschaften, wie
Sie sich erinnern wollen; die Ansicht von Carrara ist von Herrn Becker.
    Der kleine Mann schaute einen Augenblick befremdet um sich, dann legte er
die Hand an die Stirne, schlo fr ein paar Sekunden die Augen und sagte
hierauf: Ja sehen Sie, meine Herren, wie man mit den Gedanken abwesend sein
kann! Das passirt mir leider sehr hufig. - Ich habe zu viel in meinem Kopfe,
setzte er seufzend hinzu; es geht nicht auf die Lnge der Zeit. Aber
entschuldigen Sie mich, Herr Erichsen; es ist mir wirklich recht angenehm, Ihre
Bekanntschaft zu erneuern - zu erneuern, denn wie Sie wissen, sahen wir uns bei
meinem Freund, dem Grafen Fohrbach. - Dabei neigte er sein Haupt sanft gegen
den Knstler und machte mit der rechten Hand eine Bewegung, die einen
freundlichen Gru ausdrcken sollte.
    Der Baron hatte sich unterdessen ebenfalls in einem Stuhl niedergelassen,
und Arthur reichte ihm eine Cigarre. Auch bot er Herrn von Dankwart eine an, der
sie aber refusirte, eine eigene hervorzog und anzndete.
    Mit Cigarren, sagte der kleine Mann, bin ich difficil; ich halte mir ein
groes Lager und rauche nur sechsjhrige.
    Womit ich leider nicht dienen kann, entgegnete Arthur. Wissen Sie, wir
Knstler leben so von einem Tag in den anderen, kaufen uns heute die Cigarren,
die wir morgen rauchen, und legen uns keinen Vorrath an.
    Aber Sie knnten das, Herr Erichsen, versetzte Herr von Dankwart. Sie
sind ein reicher Mann, wie man mir sagt, der sich keinen schnen Genu des
Lebens zu versagen braucht. Dabei zog er den Mund zusammen wie ein Karpfen und
blies den Dampf der Cigarre horizontal von sich. - Wir sind doch hier in Ihrem
elterlichen Hause? fuhr er darauf fort. Kenne den Papa wohl; mache zuweilen
mit ihm Geschfte. - Apropos! hat er noch immer den kleinen Schimmel? Im
vergangenen Herbst wurde er noch von dem Kommerzienrathe geritten. - Baron,
wandte er sich an diesen, Sie kennen das Pferd nicht? - ein kapitales Thier,
aber alt. Nicht wahr, es ist alt, Herr Erichsen.
    Ja, es ist sehr alt, erwiderte dieser. Dehalb wird es auch von Papa
nicht mehr geritten; es steht drunten im Stalle und soll da in Nutze seine
letzten Tage verleben.
    Schn! schn! rief der kleine Mann. Aber jetzt mssen Sie mir erlauben,
da ich einmal in meiner Brieftasche nachsehe, - ich habe eine Notiz fr Sie
gemacht, eine Notiz von Wichtigkeit, kann mich aber nicht mehr darauf besinnen.
- Sie verzeihen schon einen Augenblick!
    Arthur nickte hflich mit dem Kopfe und dann legte er die Kohle, mit der er
gezeichnet, auf die Staffelei, wischte sich die Hnde ab und wandte sich gegen
den Baron von Brand, der ein kleines Bildchen ergriffen hatte, welches in der
Ecke lehnte, und es aufmerksam betrachtete.
    Herr von Dankwart hatte sein Taschenbuch heraus gezogen und bltterte
langsam darin.
    Unterdessen war Herr Beil in's Nebenzimmer gegangen.
    Sie hatten mir auch versprochen, mich zu besuchen, sagte der Baron zu
Arthur. Erinnern Sie sich, als wir neulich zusammen nach Hause fuhren.
    Und das habe ich nicht vergessen, antwortete der Maler. Wir Knstler sind
aber ein eigenes Volk: oft haben wir Tage und Wochen lang nichts zu thun und
schlendern umher, und dann verschlieen wir uns wieder fr lngere Zeit in unser
Atelier und kommen zu gar nichts.
    Und in diesem Stadium befinden Sie sich gerade?
    Beinahe, entgegnete Arthur lchelnd. Doch bin ich im jetzigen Augenblick
weniger vor der Staffelei als sonstwo beschftigt.
    Ah! ich habe gehrt. Man bereitet in Ihrem Hause ein hbsches Fest vor, ich
glaube, Sie wollen lebende Bilder arrangiren. Das ist eine ganz kstliche Idee!
Ich liebe dergleichen unendlich, das heit, sehe gerne zu; denn sollten Sie es
wohl glauben, mein lieber Herr Arthur, ich bin nicht im Stande, in irgend einem
Bilde mitzustehen. Meine Nerven sind zu schwach dazu. - Sie schtteln unglubig
den Kopf, aber dem ist in Wahrheit so; ich habe es mehrere Male versucht, doch
so bald der Vorhang auseinander geht und ich die Lichter sehe, da fngt Alles
an, mir vor den Augen herum zu tanzen. - Sehen Sie, jetzt schon, wenn ich nur
daran denke, wird es mir hei und eng.
    Bei diesen Worten zog er sein duftendes Taschentuch hervor und fchelte sich
kokett die Stirne damit.
    Herr von Dankwart lie die Hand mit dem Taschenbuche herabsinken und meinte:
Sie sprachen da eben von lebenden Bildern? - Man wei das hier nicht zu
arrangiren; Sie sollten das an unserem Hofe sehen! Ah! das macht einen
wunderbaren Effekt. Ich versichere Sie, wenn man dort die Auswahl der Bilder
betrachtet, die sorgfltig ausgesuchten Darsteller, die trefflich gewhlten
Kostme, das unnachahmliche Arrangement des Lichtes, - das ist superb! Man
glaubt in der That vor einem wirklichen Bilde zu sitzen. - Hiemit erhob er sein
Taschenbuch wieder und suchte abermals emsig darin, ohne sich weiter darum zu
bekmmern, ob einer der Anwesenden seine Meinung bekmpfen werde oder nicht.
    Dies that brigens auch Niemand; der Baron wischte mit dem feinen
Battisttuche ruhig seinen Schnurrbart, worauf er die Cigarre wieder zwischen
seine Lippen nahm. Arthur betrachtete die Leinwand auf der Staffelei und schien
sich zu freuen, da die Zge, die dort hervortraten, wenigstens fr ihn schon
kennbar waren.
    Wer ist der junge Mensch, der eben hier im Zimmer war? fragte nachlssig
Herr von Brand. Ich sah ihn bisher noch nie in Ihrer Gesellschaft.
    Arthur, so pltzlich gefragt, wute nicht gleich, was er antworten sollte.
Er half sich aber, indem er, um Zeit zu gewinnen, entgegnete: Sie meinen den,
welcher eben in's Nebenzimmer gegangen ist? - im rothen Schlafrock?
    Richtig, den im sehr langen rothen Schlafrock, gab der Baron lchelnd zur
Antwort. Ein merkwrdig gescheidtes Gesicht, kluge Augen. - Dabei schlug er
sanft mit der rechten Hand auf die Lehne des Sessels, in welchem er sa. - Ein
Gesicht, welches Zutrauen erweckt, fuhr er alsdann fort; schade, da dieser
Kopf auf einem so unscheinbaren Krper steht.
    Es ist allerdings schade, erwiderte Arthur, da das Aeuere meines
Freundes nicht sehr empfehlend; sein Inneres dagegen ist vortrefflich; Herr Beil
ist ein Mensch voll Herz und Gemth, dem ich mein ganzes unbedingtes Vertrauen
schenken wrde.
    So, er heit Beil? antwortete der Baron. Ja, ja, das Gesicht hat einen
guten Ausdruck. - Was ist er eigentlich?
    Er ist - er sucht, sagte Arthur zgernd, er wnscht - eine Stelle zu
erhalten, ist augenblicklich auer Dienst.
    Also Herr Beil ist Geschftsmann?
    Ein sehr solider und pnktlicher Mensch in allen seinen Arbeiten.
    Fhrt er eine gewandte Feder? - Spricht er fremde Sprachen? fragte der
Andere.
    Ich glaube, da ich hierauf mit Ja antworten kann, und was namentlich das
Letztere anbelangt, so wei ich, da er gelufig franzsisch spricht und
englisch versteht.
    Das wre nicht so bel, meinte Herr von Brand, indem er einen Augenblick
nachdachte. Wrden Sie ihn empfehlen? - das heit, fr seine Rechtlichkeit und
gute Auffhrung garantiren?
    Gewi, entgegnete Arthur und schaute den Andern einigermaen erstaunt an.
Htten Sie vielleicht eine Verwendung fr ihn?
    Ja, versetzte Herr von Brand; Sie wissen, bester Herr Arthur, ich arbeite
nicht gern; es ist ein groer Fehler, ich wei das wohl, aber man kann sich
nicht anders machen, als wie man ist. Nun aber leiden darunter meine Papiere,
meine Korrespondenzen. Fnde ich nun Jemand, auf den ich mich bei diesen
Geschften verlassen knnte, so wre ich sehr froh darber.
    Das trifft sich prchtig! rief der Maler, der entzckt war, eine so
glnzende Unterkunft fr seinen Freund zu finden. Ich garantire fr ihn nach
allen Richtungen, und obendrein thun Sie wirklich ein gutes Werk, wenn Sie sich
seiner annehmen; er steht allein in der Welt.
    Das wre mir um so lieber, entgegnete der Andere, denn ich gestehe
offenherzig, ich mag es gern leiden, wenn meine vertrauten Diener keinen groen
Anhang haben, namentlich nicht in der Stadt, wo ich bin. - Sie wissen, setzte
er lchelnd hinzu, wir jungen Leute treiben so allerlei; man empfngt bald
dies, bald das Billet, man mu bald da, bald dorthin schicken, namentlich bei
einem sehr bewegten Leben, wie ich es fhre, und da ist denn die vollkommenste
Diskretion eine Eigenschaft, die ich an meinen Dienern besonders schtze, und
wenn ich sie einmal gefunden, immense bezahle.
    Was das anbelangt, versetzte Arthur, so glaube ich, da ich darin fr
meinen Freund einstehen kann wie fr mich selbst. Es ist das eine kernige,
ruhige Natur, voll Anhnglichkeit gegen Jemand, der ihr Gutes erzeigt,
schweigsam, wo er nicht sprechen soll, und voll Humor, wenn er sieht, da man
wnscht, unterhalten zu sein.
    Bei all' den guten Eigenschaften, erwiderte Herr von Brand, und bei einer
so vortrefflichen Garantie, wie Sie, bester Herr Arthur, fr mich sind, zaudere
ich nicht lnger, den jungen Mann in meine Dienste zu nehmen. Ich werde ihn sehr
anstndig stellen; er sei mein Geschftsmann, nach Befund mein Vertrauter, und
ich hoffe, wir werden mit einander zufrieden sein. - Abgemacht! Sagen Sie ihm,
er soll sich von heute in drei Tagen Abends um sieben Uhr bei mir einfinden, und
sprechen wir jetzt nicht weiter darber; ich hasse alle Nervenaufregungen, wozu
ich namentlich rechne, wenn mir Jemand danken will.
    Aber ich darf Ihnen doch so ganz im Stillen danken, flsterte Arthur,
indem er seine Hand ergriff.
    Nun meinetwegen denn, sagte gleichgiltig der Baron, indem er affektirt und
matt seine Rechte erhob, die der junge Mann herzlich drckte. - Jetzt aber
htten Sie lange genug gesucht, bester Herr von Dankwart, fuhr er nach einer
Pause laut ghnend fort und wandte seinen Kopf auf die Seite, um den also
Angeredeten beschauen zu knnen. Die Zeit vergeht, und die halbe Stunde, die
ich fr Sie brig hatte, mu lngst verflossen sein. - Sehen wir. - Er zog
seine Uhr heraus, betrachtete das Zifferblatt und rief dann mit groer
Wichtigkeit: Schon elf Uhr! - Coeur de rose! Herr von Dankwart, Sie bringen
mich um meine beste Zeit. - Haben Sie denn noch nicht Ihre Notiz gefunden?
    Schon lngst, entgegnete wichtig der kleine Mann; aber whrend ich
darnach sah, fand ich hier eine andere Bemerkung, welche mir interessant schien
und Sie betrifft, die ich aber whrend des Vortrags bei Allerhchst der Frau
Herzogin so flchtig hingeworfen, da ich aus den paar Worten den Sinn nicht
mehr entrthseln kann.
    So lassen Sie die paar Worte hren, sagte offenbar gelangweilt der Baron.
    Frage an den Baron von Brand, las der kleine Mann und zog die Augenbrauen
hoch empor. Und dahinter steht: Polizei.
    Wa-as? rief lachend der Andere. Fragen Sie mich was und so viel Sie
wollen, aber bleiben Sie mir mit der Polizei vom Leibe.
    Ich kann das auch nicht zusammen reimen: Sie, bester Baron, und die
Polizei. Jetzt zerbreche ich mir seit einer Viertelstunde den Kopf und ich mu
doch am Ende heraus bringen, was es heien soll, denn daneben habe ich noch ein:
F.d.n.N. - heit: fr den nchsten Rapport. - Der Baron Brand und die Polizei!
sagte er mehrmals leise vor sich hin, wobei er mit seinem Bleistift vor die
Stirne schlug.
    Soll Sie der Teufel holen mit Ihrer Polizei! rief der Andere. Ich werde
mich wahrhaftig bei der Frau Herzogin bedanken, da sie mich damit in
Zusammenhang bringt.
    In der besten Absicht, lieber Baron, in der allerbesten Absicht. Ich war es
sogar, der das Gesprch auf Sie lenkte; ich thue das gern fr meine Freunde. -
Warten Sie, - unterbrechen Sie mich nicht! - ich komme darauf. Ich sagte
nmlich, es wre schade, wenn Ihr Aufenthalt hier nur ein vorbergehender wre;
man sollte Sie zu fesseln suchen.
    Coeur de rose! - Auf der Polizei? - Ich danke Ihnen.
    Ja, richtig auf der Polizei, so ist's. - Ich hab's! ich hab's! - Gott sei
gedankt! Die Frau Herzogin sagte nmlich, es sei ihr ein kleines Gercht zu
Ohren gekommen, von einer Liaison, welche der Baron Brand auf der
Polizeidirektion angeknpft. - Jetzt erinnere ich mich ganz genau; wie kann man
so vergelich sein! - Frulein Auguste ist eine liebenswrdige junge Dame. -
Darf man gratuliren?
    Ach, bleiben Sie mir mit so etwas vom Leibe! rief fast entrstet Herr von
Brand. Das ist mein ewiges Unglck, ja das jedes Junggesellen, sowie er ein
Haus betritt, wo heirathsfhige Mdchen sind. - Ist's nicht wahr, Herr Arthur?
Ihnen wird's auch so gehen? - Und von Ihnen gar nicht zu reden, bester Herr von
Dankwart! Denken Sie nur an sich selber; wie oft sagt man Ihnen eine Brautschaft
nach!
    Ja, ja, das ist wahr, entgegnete dieser einigermaen geschmeichelt. -
Also diese Sache ist wieder leeres Geklatsch?
    Vollkommen grundlos. - Ich bitte, das der Frau Herzogin in meinem Namen zu
sagen.
    Werde nicht ermangeln, antwortete Herr von Dankwart; es hat
Allerhchstdieselben wirklich interessirt. - Werde nicht ermangeln. - Damit
schlo er sein Taschenbuch, ohne sich weiter zu erinnern, da er eigentlich
etwas Anderes habe suchen wollen, ja, er erhob sich aus seinem Fauteuil, nachdem
er einen Blick auf die Standuhr ber dem Kamin geworfen, schaute einen
Augenblick mit recht nichtssagender Miene an den Wnden umher, wobei er jetzt
mit dem Kopfe nickte, dann denselben auf die Seite neigte, die Augen halb
schlo, wieder ffnete, und sich darauf vernehmen lie: Ganz gut! - ganz gut! -
superb! - In der That fast vortrefflich! Werde Ihren Namen bestens behalten und
der Frau Herzogin melden, da Sie es verdienen, wenn man etwas fr Ihr Renomme
thut. - Damit streckte er seine beiden Hnde aus, als wollte er sie Jemand
darreichen, besann sich aber glcklicherweise noch, da es nur ein Knstler sei,
der vor ihm stehe, wehalb er die linke wieder sinken lie, mit der rechten
dagegen den Hut ergriff und darauf mit einer steifen Kopfverneigung durch die
Zimmer zur Thre hinaus tnzelte.
    Vergessen Sie mir den Herrn Beil nicht, sagte lchelnd der Baron zu
Arthur. Er hatte den seltsamen Blick wohl verstanden, mit dem der Knstler dem
Allerhchsten Geschftsmann achselzuckend nachgeblickt. - Durch solche Herren,
setzte er flsternd hinzu, wird die Kunst oft bei den Groen der Erde protegirt
und gepflegt. - Damit drckte er dem Maler herzlich die Hand und folgte dem
vorangegangenen Gefhrten, der auf den ersten Stufen der Treppe schon wieder ein
Pferdegesprch begann und dieses fortsetzte, bis er an seinem Coup angekommen
war, worauf er zum Wagenbau berging und hierber manch' Schnes und Lehrreiches
zum Besten gab.
    Sobald der Baron von Brand die Thre hinter sich zugezogen, kam Herr Beil
aus dem Nebenzimmer hervor, sah seinen Freund mit einem launigen Blicke an,
worauf Beide in ein lautes Gelchter ausbrachen.
    Eigentlich ist das nicht zum Lachen, sagte Arthur nach einer kleinen
Pause, indem er abermals seine Kohle ergriff; das kommt her, bringt uns um die
besten Morgenstunden, sieht unsere Sachen gar nicht an, und geht dann spter in
seine vornehmen Cirkel, um ber uns und unsere Leistungen ein Urtheil zu fllen.
- Hole sie Alle mit einander der Teufel! - Es ist doch wei Gott traurig, da
wir Knstler nicht einmal unsere Freiheit haben, da wir mehr oder minder von
ihnen abhngen - ihre Sklaven sind. - - Doch warum fhrt der Wagen drunten nicht
weg, fuhr er fort, nachdem er einige Striche auf der Leinwand gethan. - Hre
ich nicht meinen Namen rufen! - Die doppelten Fenster dmpfen allen Schall;
seien Sie doch so gut, lieber Beil, und schauen ein wenig nach. - Ja, ja, man
ruft mich.
    Und es war in der That so. Kaum hatte Herr Beil den Kopf in's Freie
hinausgestreckt, so zog er ihn hastig wieder zurck und sprach lachend: Da
unten beugt sich der Herr von Dankwart oder wie er heit, zum Halsverdrehen aus
seinem Coup heraus und ruft nach Ihnen.
    Er soll rufen! entgegnete Arthur unmuthig. Hat mich hier fast eine Stunde
mit seinen nichtssagenden Reden aufgehalten, und jetzt soll ich noch da hinunter
und demthig an ihn hintreten - was befehlen Euer Gnaden?
    Aber er hat mich gesehen, versetzte begtigend Herr Beil, der noch immer
am geffneten Fenster stand; er hat sich an mich gewandt, als er zum letzten
Mal Ihren Namen rief.
    Aber was mag er wollen?
    Vielleicht ist ihm jetzt endlich eingefallen, nach was er in seiner
Schreibtafel gesucht, und das er, als er es gefunden, wieder vergessen.
    Meinetwegen; er soll zum Teufel gehen! Ich steige nicht die Treppen
hinunter.
    Thun Sie es doch, bat Herr Beil. Bedenken Sie, da Sie einmal Knstler
sind, und wenn Sie auch nicht nthig haben, fr Geld zu arbeiten, so arbeiten
Sie doch fr Beifall. Und der kann Ihnen ja nicht zu Theil werden, wenn man
Ihnen keine Bestellungen gibt. Auch hat er schon eine ziemliche Zeit gewartet
und nach Ihnen gerufen.
    Ja, Sie haben Recht, entgegnete Arthur rgerlich. Ich sehe ein, ich mu
mich wohl drauen im Regen an den Wagen hinstellen und freundlich meinen Kopf
neigen. - Wer will gegen den Strom schwimmen, ohne am Ende unterzugehen? Ja, ich
fhle meine Fesseln, ich fhle es, da ich so gut wie jeder Andere ein Sklave
der Verhltnisse bin.
    Nach diesen Worten schritt der Maler die Treppen hinab, ohne sich jedoch
gerade sehr zu beeilen, und trat an den Wagen, aus welchem heraus Herr von
Dankwart mit seinen kleinen Armen gegen ihn gestikulirte, whrend er ihm zurief:
Verzeihen Sie meine Vergelichkeit; aber, du lieber Gott! wenn man den Kopf so
voll hat wie ich, so kann einem das schon arriviren. Dieser kstliche Baron mit
seiner Brautschaft ist schuld daran, da ich ganz und gar meinen Auftrag
vergessen. Sehen Sie, hier steht es deutlich geschrieben.
    Damit nahm er sein Taschenbuch vom Schooe, wo er es hingelegt, um es Arthur
zu zeigen, der sich aber stumm und abwehrend verbeugte.
    Die Frau Herzogin haben nmlich erfahren, fuhr der kleine Mann fort, da
Sie ein paar vorzgliche Portrts gearbeitet; eins haben wir sogar gesehen: den
jungen Grafen Fohrbach, - auerordentlich schn! - Man htte das bei uns zu
Hause nicht besser gemacht. Ich versichere Sie, es ist ein liebenswrdiges
Bild.
    Daran ist wohl nur die Persnlichkeit des Grafen schuld, gewi nicht meine
Kunst, erwiderte Arthur mit sehr khlem Tone.
    Sie sind zu bescheiden, mein lieber junger Freund, sagte Herr von
Dankwart, wobei er den Versuch machte, den Knstler auf die Schultern zu
ptscheln. Da aber seine Aermchen zu kurz waren, auch Arthur etwas zurck wich,
so blieb es einfach bei dem Versuche. - Es handelt sich nmlich, fuhr er dann
fort, um das Portrt Seiner Durchlaucht des Herzogs Alfred, des Sohnes der Frau
Herzogin; - ein recht angenehmes Aeuere. Seine Durchlaucht wnscht sich nmlich
von Ihnen gemalt zu sehen, und wenn Sie geneigt wren, das Portrt sehr bald
anzufangen -
    Arthur verbeugte sich stumm.
    So wrde der Herr Herzog auf unser Zureden wohl die Gnade haben, Sie in
nchster Zeit zu den vorbereitenden Sitzungen befehlen zu lassen.
    Ich hoffe nur, da es mir mglich sein wird, sagte Arthur, indem er sich
aufrichtete, meine Zeit mit den Befehlen Seiner Durchlaucht in Einklang zu
bringen. Ich habe im Augenblicke sehr viel zu thun.
    Aber wenn der Herr Herzog es wnscht, mein Lieber? versetzte Herr von
Dankwart mit einem einigermaen verwunderten Tone, indem er den Zeigefinger
leicht erhob und auf das wnscht einen starken Nachdruck legte.
    Ja, wenn Seine Durchlaucht es wnscht! lachte Baron Brand ironisch aus der
anderen Wagenecke. - Coeur de rose! Das will schon etwas heien!
    Ich erwarte also Ihre Befehle, sprach Arthur mit ruhigem Tone und wollte
in das Haus zurcktreten.
    Doch hielt ihn der kleine Geschftsmann mit einer hastigen Handbewegung
zurck. - Halt! halt! rief er; noch eins, mein lieber Herr Erichsen. Htte
ich doch bald wieder etwas vergessen! Die Frau Herzogin, so sehr sie berzeugt
ist von Ihrer groen Kunst, was die Aehnlichkeit anbelangt, wnschen doch - aber
nehmen Sie mir es nicht bel - noch ein bekanntes Gesicht von Ihnen gezeichnet
zu sehen, ehe Sie das Portrt Seiner Durchlaucht anfangen. Wissen Sie, mein
Lieber, nur gezeichnet, oder ein kleines Aquarell, durchaus kein Oelbild.
    Ich verstehe, erwiderte Arthur mit einer bewundernswerthen Ruhe; Ihre
Hoheit wollen nur sehen, ob es mir auch leicht gelingt, Jemanden zu treffen.
    So ist's, so ist's, mein Freund! Die Frau Herzogin wnscht es sehr; und
obgleich meine Zeit auerordentlich in Anspruch genommen ist, so biete ich mich
doch zu dem Versuche an, und will fr Sie zu Haus sein, wenn Sie es wnschen.
    Sie wollen fr mich zu Haus sein? fragte lchelnd der Maler.
    Gewi, wenn es meine Zeit erlaubt.
    Um versuchsweise Ihr Portrt zu machen?
    Ja, ja, mein Freund. - Halten Sie es fr sehr schwierig?
    Nein, gewi nicht! lachte Arthur mit einem sehr bitteren Tone. Ich knnte
das sogar machen, ohne da Sie mir eine Sitzung bewilligten, denn von den beiden
Malen, wo ich die Ehre hatte Sie zu sehen, hat sich Ihr Bild unauslschlich in
mein Inneres geprgt.
    Coeur de rose! - Nehmen Sie sich in Acht, Herr von Dankwart; er macht eine
Karrikatur von Ihnen.
    Das wre unmglich, erwiderte ruhig der Maler.
    Fr welches Wort ihn der kleine Mann einigermaen mitrauisch anblickte,
worauf er sich in die Wagenkissen zurckwarf und ziemlich vornehm sagte: Also
es bleibt dabei, mein lieber Herr! Zuerst eine kleine Skizze von mir und dann
nach Befund das Portrt Seiner Durchlaucht. - Nach Hause, Josef!
    Die Pferde zogen an; doch ehe der Wagen davon fuhr, beugte sich Herr von
Brand noch einmal so weit er konnte vor, und lchelte dem Maler auf eine
eigenthmliche Art zu.
    Der Abschied des Herrn von Dankwart bestand darin, da er mit zwei Fingern
zum Wagenschlag hinaus winkte.
    Arthur blieb trotz des strmenden Regens noch einen Augenblick an der Thre
stehen und sah dem Wagen nach, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann schlug
er eine laute Lache auf und sprach zu sich selbst: Nun, heute habe ich gezeigt,
da ich bereitwillig den linken Backen hinhalte, wenn man mich auf den rechten
geschlagen. - Sogar Onkel Tom mte mit mir zufrieden sein.
    Oben in seinem Atelier angekommen, zog er seinen leichten Morgenrock aus (es
war dies ein kostbares Gewand, aus einem seinen Shawl gemacht), der jetzt von
dem Regen drauen ganz durchnt war. Er warf ihn verchtlich in eine Ecke und
nahm sich alsdann eine frische Cigarre, die er ruhig anzndete.
    Sie sind rgerlich? sagte freundlich Herr Beil; haben auch alle Ursache
dazu. Es ist das von diesen vornehmen Herren eine eigene Art, mit renommirten
Knstlern umzugehen.
    Der Maler betrachtete, ohne augenblicklich eine Antwort zu geben, die holden
Zge, die ihm von der Leinwand auf der Staffelei entgegen lachten. Nach einer
lngeren Pause sagte er erst: Ah! da kann von vornehmen Herren eigentlich gar
nicht die Rede sein! Der Herr von Brand hat allerdings eine anstndige Tournure;
mit wirklich vornehmen Herren ist es angenehm umzugehen. - Aber der Andere! -
Wissen Sie, lieber Herr Beil, solches Volk, das sich aus dem Staube und dem
Dreck herauf geschmeichelt, das, wenn es auch jetzt einen seinen Frack und gute
Handschuhe trgt, doch die freche Bedientenseele nie verleugnen kann, das es
wagt, im ekelhaftesten Hochmuth auf uns herum zu tappen, weil es begnadigt ist,
sich als moralischer Spucknapf seines Herrn gebrauchen zu lassen, - das sind ja
oft leider die Geschpfe, an die wir arme Knstler gewiesen sind, das sind die
Zwischentrger zwischen der reinen heiligen Kunst und den Groen der Erde, denen
persnlich zu nahen so Wenige von uns gewrdigt werden. - Was ich vorhin von der
Sklaverei sagte, ist ganz richtig: all' diese armen Maler und Bildhauer, die mit
Herrn von Dankwart und hnlichem Gelichter zu thun haben, sind arme unglckliche
Sklaven, welche die Arbeit ihrer Tage, die Trume ihrer Nchte fr ein elendes
Honorar verkaufen. Und da das Bild bezahlt ist, soll der Knstler zufrieden
sein; jene hohen Herrschaften aber fhlen nicht, da ihm, so nothwendig er auch
die paar Thaler gebrauchen kann, doch ein freundliches anerkennendes Wort ein
schnerer Lohn wre und ihn anspornen mte zu noch besseren Werken. - Nein, sie
fhlen das nicht, sonst wrden sie nicht solche Dankwarte schicken und uns die
Schmach anthun, da wir aus solchem Munde vernehmen mssen: Seine Hoheit sind
mit Ihnen zufrieden, Seine Hoheit haben Ihr Bild fr etwas Vortreffliches
erklrt. - Damit schwieg er und wischte auf der Leinwand herum.
    Doch, Gott sei Dank! fuhr er nach einer Pause fort, es hat mich
ordentlich beruhigt, da ich mich gegen Sie ein wenig aussprechen konnte. Ich
versichere Sie, mich hatte da unten eine unbeschreibliche Wuth erfat: Herr von
Dankwart schwang da eine artige Geiel gegen mich armen Knstlersklaven; er
verlangte nmlich, ich solle zeigen, ob ich auch in der That etwas verstnde,
und als Probe soll ich sein Gesicht abconterfeien.
    Brrr! machte Herr Beil, der unterdessen den nassen Morgenrock Arthurs aus
der Ecke des Zimmers hervorgeholt. - Und fr alles das haben Sie Ihr
allerliebstes Kleid hier total verdorben?
    Das geht zum Uebrigen in den Kauf, wenn man eine vornehme Kundschaft hat,
entgegnete lachend der Maler. Aber wissen Sie, was mich im Umgange mit solchen
Menschen, wie der Herr von Dankwart ist, am meisten rgert? - Das sind die
Anreden, mit denen sie uns begnadigen: Mein lieber Herr! Mein Freund! und
dergleichen. Ich wei nicht, ob Sie mich verstehen, aber das kann mich zur Wuth
bringen; es soll das herablassend sein, freundlich und gndig. - Mein lieber
Freund! - Es ist aber wie das Du, mit dem ich meinen Bedienten anrede. Und wehe
diesem, wenn er sich unterstnde, ebenso zu antworten! und wehe uns, wenn wir
auf eine solche Anrede ebenfalls antworten wrden: Mein lieber Freund! - Diese
Dankwarte mssen sich absolut etwas Apartes gegen uns heraus nehmen. Wrden sie
einfach unsern Namen nennen, so stnden wir ihnen ja gleich, indem wir auch den
ihren aussprechen; aber nein! Da reichen sie ihre Hand tief hinab in den Staub
und sagen, indem sie weit - weit ber uns hinweg sehen: mein lieber Freund!

                          Vierundfnfzigstes Kapitel.



                                Am Neujahrstage.

Wie immer, so lange wir nach unserem christlichen Kalender rechnen, war das alte
Jahr acht Tage, nachdem die Weihnachtsbume gebrannt, zu Ende gegangen. - Es ist
das fr die Menschen eine angenehme Periode: viel Festtage, Geschenke, Lust und
Freude aller Art, namentlich in der Sylvesternacht, wo Jeder so viel als mglich
sich bemht, vom alten Jahre frhlich Abschied zu nehmen und das neue jubelnd zu
empfangen.
    Trotz den erneuerten Verordnungen einer hochpreislichen Polizei hatte es
auch dieses Mal wieder an allen Ecken der Stadt geknallt, ja selbst in der Nhe
der Polizeidirektion, wo sich einige Mordschlge mit unerhrtem Spektakel
entladen, so da der Prsident erschrocken aus seinem Bette aufgefahren war und
sogleich nach seiner Nase gegriffen hatte, weniger, um sich zu berzeugen, ob
sie ihm nicht weggeschossen worden, als vielmehr, um, whrend er diese treue
Freundin sanft befhlte, mit sich zu Rathe zu gehen, wie dem heillosen Unfuge
ein- fr allemal grndlich zu steuern wre.
    Nach der geruschvollen Sylvesternacht folgte nun ein heiterer Neujahrstag,
heiter insofern, und auch freundlich und gefllig, als er in starkem Froste und
blauem Himmel erschien, die nasse Erde trocknete und sich auf diese Art der
vielen lackirten Stiefel und Stiefelchen, auch schwarzer Frcke und weier
Strmpfe erbarmte, die namentlich am heutigen Vormittag in der Stadt
umherschwrmten. Das lief und rannte, behend und eilfertig, durch einander mit
vergngten Gesichtern, bald hier einem Freunde zurufend, dort einem Bekannten
winkend, jetzt pltzlich stehen bleibend, um mit herabgerissenem Hute einen
Vorgesetzten zu gren, dann wieder davon springend, um in irgend ein
ansehnliches Haus zu verschwinden, wo die schwarzen Frcke und weien Handschuhe
in langer Reihe auf einander folgten.
    Auch vielerlei ward von den Gratulanten in der Hand und unter dem Arme
getragen, als: zierliche Paketchen von weiem Papier mit rothen und blauen
Schnren, Dten mit Zuckerwerk, Blumenbouquets; und alles das wurde sorgfltig
gehtet, da man es nicht in dem Menschengewhl zerdrckte oder zerstie, und
damit es wohlbehalten an den Ort seiner Bestimmung gelange. Dort angekommen,
blinzelte man an dem Hause in die Hhe, nthigte die schchternen Hemdkragen ein
Weniges aus dem schwarzen Halstuche heraus, besah die Handschuhe und schlpfte
dann in den Hausflur.
    Dazwischen rollten Wagen in groer Anzahl durch die Hauptstraen der Stadt,
die Pferde mit den besten Geschirren bedeckt, die Kutscher en grand tenue, die
Lakaien hinten auf, ordentlich triefend von Wichtigkeit.
    Wenn man zufllig in die Gegend kam, wo sich die Ministerien befanden, so
war man ordentlich betubt von all' dem Gerassel, von dem Rufen der Bedienten,
von dem Zuschlagen der Wagenthren. Am allergrten war das Gedrnge der
Equipagen an den Einfahrten des kniglichen Residenzschlosses, und obgleich die
allerhchsten und hchsten Herrschaften die frmliche Gratulationscour abgesagt
hatten, so entleerte doch ein Wagen nach dem andern seinen Inhalt in
reichgestickter Uniform mit Hut und Degen an der groen Freitreppe, die
vermittelst des Marmorvestibuls zu einem Vorzimmer fhrte, wo ein groes Buch
aufgeschlagen lag, in welchem alle ihre Namen und Titel einschrieben.
    Der gewhnliche Rapport war natrlicherweise heute ebenfalls in groer
Uniform erschienen, wo Jeder, der das Glck hatte, vor Seine Majestt zu
gelangen, durch ein unbeschreibliches Achselzucken, durch eine auergewhnliche
Neigung des Kopfes, ja durch ein paar sanft gelispelte Worte kund und zu wissen
that, wie doppelt glcklich er sich schtze, am heutigen Tage, wo alle
Gratulationen verboten seien, dieselben doch wenigstens pantomimisch anbringen
zu knnen.
    Die Rapporte dauerten brigens am Neujahrstage nie lange, und sobald sie
beendigt, beeilte sich Jeder aus dem Schlosse und aus der engen Uniform zu
kommen, um zu Hause im Kreise der Seinigen frei und behaglich aufzuathmen.
    Das Gefolge frhstckte alsdann allein, natrlicherweise, weil es die
hchsten Herrschaften ebenso machten, und weil man sich doch ein wenig
vorbereiten mute auf das groe Hofdiner des heutigen Tages, bei dem ein paar
kleine Toaste fielen, und wo man doch seinem Nachbar und seiner Nachbarin etwas
Angenehmes sagen mute.
    Wie berhaupt an Sonn- und Feiertagen, so besonders am Neujahrstage,
namentlich wenn das Wetter so schn wie heute war, lag das Schlo ziemlich de
und leer. Die Herrschaften waren alsdann spazieren gefahren, das groe und
kleine Gefolge befand sich zu Hause, von den Kammerdienern und Lakaien hatte
sich hinweg gestohlen, wer dies nur mit seiner Dienstpflicht zu vereinbaren
wute, so da sich oft im Vorzimmer, wo zu anderer Zeit drei, vier an den Wnden
zusammen standen, oder in den Ecken mit einander flsterten, sich jetzt
hchstens eine einzelne Livre zeigte, aus der ein melancholisches Gesicht
verdrielich auf den mit Menschen bedeckten Kastellplatz blickte. Ueber allen
Gngen und Treppen lag eine tiefe Stille; nur zuweilen hrte man in der Ferne
eine Thr ffnen, einen Lakaien niesen oder drauen eine Schildwache husten.
    Wahrhaft traurig und schwermthig war an solchen Tagen, wo auf Husern und
Straen ein heller Sonnenschein glnzte, das Zimmer der Adjutanten. Es lag gegen
die Nordseite und ging, wie wir bereits wissen, auf einen kleinen finsteren Hof
hinaus, eigentlich auf einen von drei Gebuden gebildeten Winkel, durch den man
nicht reiten und nicht fahren durfte, durch den nur sehr wenige Menschen gingen,
und den, namentlich an Wintertagen, bestndig kalte und frostige Schatten
ausfllten. Die vorderen und Hauptgebude lieen dorthin kein Licht, und das
Einzige, was man von diesem sah, waren die hoch oben auf einer vergoldeten
Windfahne recht wie zum Hohne glnzenden und blitzenden Sonnenstrahlen.
    Es wird den geneigten Leser einigermaen befremden, da, so oft wir ihn in
dieses Adjutantenzimmer fhren, jedesmal Graf Fohrbach den Dienst hatte; doch
erstens traf dieser ihn sehr hufig, alle vier bis fnf Tage einmal, und
zweitens ist es angenehmer, sich diesen wichtigen Rumen nur dann zu nahen, wenn
man einen Bekannten dort zu finden wei.
    Der Graf hatte also, wie bemerkt, den Dienst, und sa in einer der tiefen
Fensternischen auf einem kleinen Lehnstuhle, von dem schweren dunklen Vorhange
nach auen zu fast verdeckt und ganz wie auf der Lauer. Er betrachtete nmlich
angelegentlich aus seinem Verstecke hervor einige Fenster des zweiten Stocks,
die in den vorhin erwhnten Hof hinaus gingen, und da diese Fenster sich fast in
derselben Flucht mit denen des Adjutantenzimmers befanden, so hatte er trotz
verschiedener Grade Klte eine Fensterscheibe geffnet und seinen Kopf
hinausgestreckt, um besser nach dem bezeichneten Orte sehen zu knnen.
    Da war aber vorderhand nichts zu bemerken: Alles war gleich de und still,
nirgends eine menschliche Seele zu sehen, und wenn man nicht an den Fenstern,
die hier hinaus gingen, da irgend einen farbigen Vorhang, dort die grnen
Bltter einiger Blumen bemerkt htte, so wre dieser Hof wahrhaft trostlos
gewesen.
    Auch dort, wohin der Graf Fohrbach blickte, lieen sich hinter einem
Doppelfenster Bltter und Blthen sehen. Zuweilen schien es dem Grafen auch, als
komme aus dem Innern des Zimmers eine weie Hand und mache sich dort irgend
etwas zu schaffen. Sowie er aber in diesem Falle in grter Geschwindigkeit sein
ungeheures Theaterglas ergriff und hinauf sah, so lie er es doch seufzend
wieder herab sinken, denn entweder hatte er sich geirrt oder war die Hand droben
zurckgezogen worden.
    Wenn er alsdann eine Zeit lang vergebens hinauf geschaut, so schlo er wohl
auf Augenblicke die Fensterscheibe, nahm ziemlich verdrielich ein Buch, das vor
ihm lag, und sah hinein, ohne jedoch auch nur eine einzige Zeile zu lesen.
    Das war Alles heute Nachmittag entsetzlich langweilig, und die Uhr, die er
zu Rathe zog, sagte ihm, es sei erst Zwei. - Also noch volle vier Stunden bis
zur Tafel!
    Graf Fohrbach hatte abermals die Glasscheibe neben sich geffnet, das
Theaterglas ergriffen und vergebens nach den bewuten Fenstern hinauf geblickt
und wollte sich eben wieder zurckziehen, als er von dem Hofe herauf, und zwar
dicht unter seinem Fenster, von einem lauten und krftigen Lachen begrt wurde.
    Aergerlich wandte er den Kopf abwrts; - wer konnte es wagen, ihn auf so
auffallende Art hier in der Ausbung des kniglichen Dienstes zu stren? - Doch
hatte er nicht sogleich den, der vor dem Fenster stand, erkannt, als er, selbst
lustig lachend, hinabrief: He, Major, wo kommst du her? - Hast du am Ende die
vortreffliche Idee, mir an diesem wunderbaren Feiertag-Nachmittag etwas
Gesellschaft zu leisten, so vergelte es dir Gott, und ich will zu allen
Gegendiensten bereit stehen.
    Eigentlich war das nicht meine Absicht, entgegnete der Andere; ich wollte
bei dem schnen kalten Wetter eine Promenade machen. Doch wenn es dich besonders
freut, so halte ich gerne eine halbe Stunde bei dir an.
    Damit ging er dem Eingange zu, verschwand dort, stieg die paar Stufen bis
in's Erdgescho hinauf und trat gleich darauf in das Zimmer.
    Graf Fohrbach hatte unterdessen einen Fauteuil an die andere Seite des
Fensters gerckt, auf welchem sich der Major niederlie, die Beine ber einander
schlug und seinen Freund lchelnd anschaute.
    Es scheint mir, du bist heute guter Laune, Major, sagte der Graf; und es
ist gut; du kannst mich dann ein wenig aufheitern.
    Also bist du verdrielich?
    Gott verzeih' dir diese Frage! Man sieht, da du schon lange am Sonntag
keinen Dienst gethan hast und nicht mehr weit, wie unbeschreiblich leer und de
es hier ist; kein Rappport, keine Audienz fr den Herrn, selten ein Besuch fr
uns, und da drauen Alles bis zum Erschrecken verlassen. Diese Seite des
Schlosses ist wie verwnscht: es zeigt sich nicht einmal ein miserabler
Fugnger.
    Dafr aber hast du Mue, die grndlichsten Fensterbeobachtungen zu machen,
erwiderte pfiffig lchelnd der Major. Und das thust du auch, wie ich sehe,
vermittelst dieses unfehlbaren Glases und einer geffneten Fensterscheibe, bei
dieser Klte den ungeheuersten Schnupfen riskirend.
    O, was die offene Scheibe anbelangt, versetzte der Adjutant, indem er sie
jetzt erst wieder fest zuzog, so bist du im Irrthum: ich blickte nur nach dir.
    Nach mir? fragte der Major. Und ich mute dich erst mit einem wahrhaft
homerischen Gelchter aus deinen Trumereien aufwecken! - Nein, nein, lieber
Freund! gib der Wahrheit die Ehre: du hast da oben hinauf geschmachtet? - Und
ich halte das auch verzeihlich und begreiflich.
    Und wenn dem wirklich so wre, entgegnete zerstreut der Graf und schraubte
sein Glas langsam ein, so hast du eigentlich Recht, mich darber auszulachen,
denn die Fenster da oben sind den ganzen Tag verschlossen, obendrein dicht mit
Blumen besetzt; da dringt kein Blick hinein. Und wie das Zimmer so auch die
Bewohnerin; das ist nach Goethe wie ein eherner Thurm, zu dem die Besatzung
Flgel haben mte.
    Ja, ja, erwiderte der Major, und recitirte darauf mit Pathos:

Schn wie der Mond, der einsam wallt,
So schn bist du, doch auch so kalt,

wie ein anderer Dichter sagt, der brigens noch kein Goethe geworden ist.
    Es ist eigentlich Unrecht, fuhr der diensttuende Adjutant mit einem
komischen Ernste fort, mit einer so wunderbaren Figur, einem solch' schnen
Kopfe und so viel Verstand an den Hof zu kommen, ohne ein Herz mitzubringen.
    La das gut sein, versetzte der Andere bedchtig, indem er seinen
schwarzen Schnurrbart strich, da ist ein Herz, und ich wette, ein sehr gutes
und edles. Aber es hat sich mit einem festen Panzer umgeben. - Vielleicht,
setzte er in geflligem Tone hinzu, weil es geahnet, da es sich in die Nhe
solcher Eroberer, wie du bist, wagen msse.
    Der Graf legte den Kopf in die Hand und entgegnete mit ernster Stimme:
Nein, nein, la die Spttereien! Ich versichere dich - dir im allergrten
Vertrauen zugegeben, was du aber wahrscheinlich schon entdeckt - es geht mir
diesmal ber den Spa. Ich stehe an dem Wendepunkt, und du wirst wissen, wohin
der eine Weg zielt, wenn ich dir sage, da Eugenie von S. einen mchtigen,
unvertilgbarm Eindruck auf mich gemacht.
    Sagst du das dem Freunde oder dem Anverwandten dieses glcklichen
Ehrenfruleins?
    Du kannst nun einmal die Scherze nicht lassen! erwiderte Graf Fohrbach.
Aber man mu sich vor dir in Acht nehmen; nur zum Freunde sprach ich eben.
    Daran thust du sehr Unrecht; du solltest dich dem Verwandten dieses
liebenswrdigen Mdchens in die Arme werfen. Du weit, da liee sich was
arrangiren: meine Frau wre glckselig, eine solche Partie zu Stande bringen zu
drfen. Und nehme mir nicht bel, wenn ein Graf Fohrbach anklopft, so ffnet man
bereitwillig die Thre und setzt keinen Korb davor.
    Das will ich aber eben nicht, du prosaischer Mensch. Htte ich dehalb
mancher Dame den Hof gemacht, und mit einigem Erfolge, um zuletzt eine Ehe
einzugehen unter dem Wappen meines Hauses? - Nein, wahrhaftig nicht! Wenn ich
mich einmal glcklich verheirathen werde, so mte das Mdchen, das ich mir
erwhlt, ihr Alles daran setzen und im Nothfalle Alles zu verlassen im Stande
sein, um mir zu folgen.
    Du hast dich wahrhaftig sehr verndert, bemerkte der Major, denn es ist
das erste Mal, da ich dich eine Bibelstelle citiren hre. - Also der Herr Graf
haben wirklich seine Herrin gefunden? - haben in der That sein erlauchtes Herz
verloren?
    Total! seufzte dieser; total! - und ich glaube, ich finde es niemals
wieder.
    Der Major schaute einige Augenblicke nachdenkend zum Fenster hinaus, sah
hierauf sein Gegenber lange und forschend an, und dann sagte er: Ja, ich habe
so was gemerkt. Du bist nicht mehr der Alte, namentlich wenn sie in der Nhe
ist. Meine Frau hat mich eigentlich darauf aufmerksam gemacht; du benimmst dich
in Eugeniens Gegenwart, um wenig zu sagen, schchtern. Du hast deine ganze
Routine verloren und scheinst mir sogar oftmals um eine pikante Antwort
verlegen, woran es dir doch sonst wahrhaftig nicht gefehlt hat.
    Ich fhle das wohl, entgegnete der Graf, und rgere mich genug darber.
Aber wenn ich in ihre Nhe komme, wenn sie mich mit ihren groen Augen so ruhig
anblickt, wenn sie mit ihrer tiefen Stimme zu mir spricht, so schnrt sie mir
das Herz zusammen, ich kann kaum athmen, und wenn mir auch etwas nicht gerade
Ungescheidtes einfllt, so bin ich oft nicht im Stande, es gehrig in Worte zu
fassen und ihr zu sagen.
    Wir kennen das. Aber du mut diese Aengstlichkeit zu berwinden trachten.
Ein solches Mdchen wie Eugenie, verlangt von Jemand, den sie lieben soll, volle
Gewandtheit des Geistes; da thut's alle Eleganz und alle Geschicklichkeit des
Krpers nicht allein, und wenn du mit deinem Pferde noch halsbrechendere Sprnge
auf dem glatten Pflaster machst als vorgestern, da du ihrem Wagen begegnetest.
    Sprach sie mit dir darber? fragte hastig der Graf.
    Gerade nicht zu mir, erwiderte der Andere, auch sie nicht selbst; sondern
die Oberhofmeisterin, die mit ihr fuhr, erzhlte es dem Herzog Alfred, der
gerade dabei stand und meinte, du seiest beinahe hingestrzt.
    Das ist nicht wahr! rief der Adjutant entrstet.
    Und der Herzog lachte auf seine sonderbare Weise, und meinte dann, nachdem
er die dnnen Lippen zusammen gepret, es sei eigentlich eine Art Thierqulerei,
so mit diesen edlen Pferden umzugehen.
    Eine Thierqulerei, die er freilich nie versucht, weder auf dem Pflaster
noch sonstwo.
    Nun ja, da hast du schon Recht, antwortete nachdenkend der Major, nachdem
er sich mit der Hand ber die Augen gefahren, den Bart gestrichen und dann ruhig
in's Zimmer hinein gesehen. - Mit seinem Reiten ist's nicht weit her - aber, -
setzte er mit Betonung hinzu, er braucht das auch nicht, dafr ist er Herzog,
und was ihm an Krpergewandtheit abgeht, das ersetzt vollkommen seine
unglaubliche Zungenfertigkeit.
    Bei diesen Worten, die der Major sehr ruhig sprach, zuckte der Graf
augenscheinlich zusammen, und dann schaute er seinen Freund fest und mit groen
Augen an, welchen Blick der Major mit einem Lcheln zurckgab.
    Graf Fohrbach sah forschend im Zimmer umher, dann beugte er sich zu seinem
Freunde hinber und sprach mit leiser Stimme: Das hast du nicht ohne Absicht
gesagt!
    Und was denn?
    Du weit schon, was ich meine; es ist das ein Lied ohne Melodie, das ich in
kurzer Zeit fters gehrt. - Ja, er hat eine scharfe und gewandte Zunge; aber
sage mir, Eugen - sage mir die Wahrheit, wir sind ja unter uns - glaubst du, da
sie auch Geschmack an seinen Worten findet und sie gerne anhrt?
    Lieber Freund, erwiderte ruhig der Major, das ist eine Frage, die nicht
gut zu beantworten ist. Ich kann nur meine Worte von vorhin wiederholen: er ist
Herzog und spricht schn und gewandt.
    Da hast du Recht! rief unmuthig Graf Fohrbach. Worauf er die
Theaterlorgnette, mit der er bisher gespielt, etwas heftig auf den Tisch setzte
und von seinem Stuhle aufstand. Dann machte er einige hastige Schritte durch das
Zimmer, so da sein Sbel, den er nicht fest eingehakt hatte, mit dem Ende der
Scheide klirrend auf den Boden fiel, was in dem groen, stillen Gemache einen
gewaltigen Widerhall gab, worauf der Adjutant seine Waffe fest in die Hand nahm,
ohne aber seinen Spaziergang zu unterbrechen, dem der Major kopfschttelnd
zuschaute.
    Nachdem er das Zimmer mehrere Male durchschritten, trat er endlich dicht
neben seinen Freund hin, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach mit
sanfter Stimme: Sei ehrlich gegen mich, Eugen; du sagst nie etwas ohne Absicht,
und deine Worte von vorhin haben einen verborgenen Sinn. Ich wei wohl, was sie
bedeuten sollen; hier in meinem Herzen fhle ich es; aber ich mchte wissen, ob
du dem groen Haufen nachsprichst, denn auch da hrte ich hnliche Aeuerungen,
die ich jedoch verachtete. - Aber nein, nein! du sagst nie eine fremde Ansicht,
du sprichst nur nach Ueberzeugung, und ich bitte dich herzlich, theile mir diese
mit, sage mir, was du weit; das kann ja auf alle Flle nur zu meinem Glcke
sein.
    Der Major hatte den viel jngeren Freund, der vor ihm stand und dessen
ganzes Wesen bei den Worten, die er sprach, gewaltsam erzitterte, mit wahrer
Theilnahme angeblickt. Ja er nahm sanft die Hand, welche er auf seine Schulter
gelegt, und sagte: Hre mich ruhig an. Du wirst hoffentlich berzeugt sein, da
ich Alles thue, was dir ntzlich ist, was dir zu deinem Glcke, wie du sagst,
verhelfen kann, und wenn ich ber die Sache von vorhin etwas Genaueres wte,
htte ich es dir schon lange mitgetheilt. Du behauptest, ich forme mir meine
eigene Ansicht; das ist ganz richtig, und ich spreche nur dann, wie vorhin, die
des groen Haufens aus, wenn sie mit meinen eigenen zusammen stimmt.
    Und das thut sie in diesem Falle? fragte der Graf erschrocken.
    Der Major nickte mit dem Kopfe. - Meine und auch die meiner Frau, sagte
er.
    O! das ist sehr schlimm! rief schmerzlich der junge Mann. Und ihr habt
eure Beweise, da er sich Eugenien nhert? - Vielleicht auch solche, da sie
seine Annherung duldet, da sie ihr sogar lieb ist?
    Nein, nein, nein! sprach bestimmt der Major. Nur nicht gleich wieder
fertig zum Durchgehen! Wenn ich auf deine Frage mit Ja antwortete, so mte ich
ja zugeben, die Beiden seien schon im vollkommensten Einverstndni.
    Ja, das ist wahr, erwiderte der Adjutant nach einer Pause wie aus tiefen
Trumen erwachend. Dann wren sie freilich im Einverstndni; und das sind sie
wohl noch nicht! - Nicht wahr, Eugen? fragte er dringend. - Ah! wenn ich nur
an ein solches Einverstndni denke, so steigt mir das Blut in den Kopf und ich
sehe nichts mehr. - Ein Einverstndni! - Was knnte zwischen den Beiden fr ein
Einverstndni sein?
    Sei nur nicht so exaltirt! bat der Major. Setz' dich ruhig dahin. Es
sollte mich gar nicht wundern, wenn einer der Kammerdiener seine wibegierigen
Ohren an die Thre legte, um dich schreien zu hren.
    Der Graf Fohrbach drckte gewaltsam Schrpe und Sbelkuppel herunter; das
schien ihn Beides im freien Athmen zu hindern. Dann warf er sich, dem Wunsche
des Freundes gehorsam, in seinen Stuhl, der wie wir wissen, so nahe am Fenster
stand, da es ihm leicht wurde, seine brennende Stirne gegen die kalten Scheiben
zu drcken.
    Ich mchte etwas sagen, begann er nach lngerem Stillschweigen wieder;
aber nimm es mir nicht bel: es ist ein frchterlicher Gedanke, der auch dich
schmerzen mu; aber mir zerreit er das Herz, und so vergib denn, wenn ich ihn
ausspreche.
    Nur zu, erwiderte der Andere lchelnd; ich kann mir fast denken, was da
heraus kommen wird. La deinen Phantasieen vollen Lauf; - genire dich gar
nicht.
    O Eugen, das sind nicht blos Phantasieen; ich frchte, es ist etwas Wahres
dahinter. - Eugeniens Vater - es ist leider einmal ein Anverwandter von dir -
    Sehr, sehr entfernt, versetzte der Major.
    Ja, ja; aber dieser Herr von S. steht, wie du weit, in keinem guten
Renomme.
    Er ist etwas Spieler und Aventurier; aber eigentlich Schlimmes kann man ihm
nicht nachsagen.
    Bis jetzt nicht, aber -
    Der Graf stockte, weil ihn ein eigenthmlicher Blick seines Freundes traf.
    Aber - fuhr er nach einer Pause fort - er ist derangirt; wrde er sich
etwas daraus machen, wenn ihm zum Beispiel der Herzog, der sehr reich ist, auf
die eine oder die andere Art wieder emporhelfen wollte? - Doch verzeih' mir, da
ich das sage; ich wei wohl, ich bin auer mir, vielleicht sinnlos. Mir scheint,
ich spreche ohne allen Verstand.
    Nein, du sprichst ganz verstndig, erwiderte der Major mit groer Ruhe,
whrend er mit vieler Sorgfalt ein groes E auf die angehauchte Fensterscheibe
zeichnete. Deine Worte sind nicht sinnlos, und ganz im Vertrauen gesagt, halte
ich den Herrn von S. zu allerlei fhig, Seine Durchlaucht den Herrn Herzog nicht
minder. - Denn haben wir junge Leute zu unserer Zeit Besseres getrieben?
    Aha! doch dergleichen nicht! rief Graf Fohrbach entrstet. Ich wenigstens
habe um einer vergngten Stunde willen nie das ganze Lebensglck eines Mdchens
und desjenigen, der sie liebt, auf das Spiel gesetzt.
    Du nicht? fragte lachend der Major. In deiner Gesellschaft hast du
allerdings dergleichen nicht versucht; aber blicke tiefer hinab, da taucht dir
doch vielleicht irgend eine Erinnerung auf, welche mit dieser Geschichte
Aehnlichkeit hat.
    Du knntest Recht haben, antwortete Graf Fohrbach, nachdem er einige
Augenblicke nachgedacht.
    Aber das gehrt eigentlich nicht hieher, fuhr der Andere fort. Genug, ich
gebe dir zu, der Vater wre vielleicht im Stande, sich die Tochter abkaufen zu
lassen. - Wie kannst du aber nun glauben, da Eugenie, dies unschuldige
Geschpf, dies reine Herz, wie du sie selbst oft genannt, in dergleichen
willigen knne! - Schon der Gedanke mte ein solches Mdchen vor Abscheu
wahnsinnig machen.
    Du bist lter als ich und erfahrener, erwiderte kopfschttelnd der junge
Mann, und es scheint mir, ich mu dich belehren. Man wird es freilich nicht
wagen, ihr einen solchen Antrag zu machen, aber man hilft dem anderen Theile,
indem man ihm die Annherung erleichtert; und die wird uns nicht schwer, fgte
er mit Betonung bei, wenn man Herzog ist und eine gewandte Zunge hat.
    Die dir auch nicht fehlt! rief halb entrstet der Major. - Aber jetzt
habe ich die Geschichte vollkommen satt. Wei der Teufel, da ich mich immer fr
Eugenie herum zanken mu! Kaum bin ich von Hause fort, wo mir meine Frau die
Ohren voll geplaudert, so komme ich vom Regen in die Traufe, und hier an einen
wthenden Liebhaber.
    Siehst du, Verrther! sagte der Graf mit halbem Ernste; deine
vortreffliche Frau denkt und fhlt gewi wie ich. Oh! die Weiber haben darin
einen unbeschreiblichen Takt! Auch sie wird es merken, da hier nicht Alles in
Richtigkeit ist. Nicht wahr? - Sprich! ich habe Recht.
    Was wird sie merken! erwiderte eifrig der Major mit komischem Zorne, da er
sich in die Enge getrieben fhlte. Nichts merkt sie; das ist wieder wie in so
manchen Dingen, viel Lrmen um nichts; Alles, was die Leute sagen und was meine
Frau schwtzt und was du frchtest, luft am Ende auf nichts mehr und nichts
weniger hinaus, als auf eine vielleicht unschuldige Courmacherei.
    Die du also doch am Ende zugibst!
    Ja, die ich am Ende zugebe, entgegnete der Major nach einem tiefen
Athemzuge. - Aber jetzt la mich zufrieden. Da wre mir ein Spaziergang in
frischer Luft auf alle Flle viel besser bekommen.
    Nun, es ist nur gut, da deine Frau wie ich denkt, sprach der Adjutant
nach einigem Nachsinnen. Das ist ein vortreffliches Weib; ich werde mich an sie
halten.
    Um gemeinschaftlich ber mich zu raisonniren? lachte der Major, der sich
von seinem Stuhle erhob. - Nun, das kannst du noch heute Abend thun, freilich
werde ich dabei sein und - Eugenie, aber ihr braucht euch gar nicht zu geniren:
euch zuliebe will ich mich mit dem schnen Ehrenfrulein in irgend einer dunkeln
Ecke festsetzen, und dann kannst du meiner Frau sagen, was du willst.
    Ich verstehe dich nicht recht, erwiderte aufmerksam der Graf, indem er
sich ebenfalls erhob und seinem Freunde, welcher das Zimmer zu verlassen sich
anschickte, folgte. Was faselst du eigentlich von deiner Frau und Eugenie?
    Nun ja, undankbarer Mensch! sagte lachend der Major, dafr, da du meine
Anverwandten verdchtigst, will ich feurige Kohlen auf dein Haupt sammeln; du
darfst heute Abend zu uns kommen.
    Und Eugenie ist auch da? fragte der Andere jubelnd.
    Eugenie ist auch da, und - verstehe mich wohl - sonst Niemand: du, sie,
meine Frau und ich, - die vollstndigste Partie quarr.
    Major, du bist gttlich! rief freudig der junge Mann; es ist ein Unglck,
da Seine Majestt eine Aversion gegen alle Gnadenbezeugungen am Neujahrstage
hat; ich wrde fr dich um den Oberstentitel bitten. - Also wir vier ganz
allein?
    Ganz allein; komm so um acht Uhr, da ist ja die Hoftafel und dein Dienst
vorbei; wir trinken Thee, wir machen einen kleinen Whist, wir plaudern, und da
es Neujahrstag ist, so soll es dir unbenommen sein, meiner Frau und also auch
Eugenie ein kleines Cadeau mitzubringen. Du siehst, ich bin uneigenntzig.
    So uneigenntzig, da mir ordentlich vor dir graut. Du hast alle Anlage zu
einem vortrefflichen Kuppler. Gott stehe dir bei, oder dem armen Menschen, gegen
den du agirst.
    Nun also bis acht Uhr! sagte lachend der Andere; worauf er dem Freunde die
Hand schttelte und sich empfahl.
    Graf Fohrbach begleitete ihn bis in den Vorsaal, wo die Wachen langweilig
auf und ab schritten, und wo der einzige Lakai, der keinen Vorwand gefunden,
sich zu entfernen, hinter dem Ofen sa und sanft den Schlaf des Gerechten
schnarchte.

                          Fnfundfnfzigstes Kapitel.



                              Einladungen zu Hofe.

In sein Zimmer wieder zurckgekehrt, ging der dienstthuende Adjutant mit
leichten, geflligen Schritten eine Zeit lang auf und ab, von einer Thre zur
andern, bei dem groen Spiegel vorbei, in welchen hie und da einen nicht ganz
unzufriedenen Blick zu werfen er sich nicht enthalten konnte. Er trumte von dem
Abend, der vor ihm lag, und sein Herz schlug sehr vergngt; nur zuweilen blieb
er an einem der Fenster stehen, schaute nachdenkend hinaus und zog die
Augenbrauen dster zusammen. In solchen Momenten dachte er an die
Nebenbuhlerschaft des Herzogs und an alle mglichen Folgen derselben; er wute
ganz genau, was bei vielen Frauenherzen die Durchlaucht vor einem Namen zu sagen
hat. Und dann war auch der Herzog in anderer Richtung ein nicht zu verachtender
Gegner. Hbsch war er allerdings nicht, weder am Krper noch am Gesichte, aber
er tanzte gut und unermdlich, und was seine Zunge anbelangte, so war sie glatt
und behende wie ein Aal.
    Wenn Graf Fohrbach das alles berlegte, namentlich aber die Leichtigkeit in
Betracht zog, mit der der Herzog fast zu jeder Stunde des Tages die in den
Gemchern seiner Mutter oder Ihrer Majestt befindlichen Damen sprechen konnte,
so berlief es ihn frstelnd, er fate krampfhaft den Griff seines Sbels und
bohrte die Scheide so heftig in das Parkett ein, da ihn der Hofmarschall, wenn
er es gesehen htte, unfehlbar wegen freventlichen Verderbens des kniglichen
Eigenthums verklagt haben wrde.
    Im anderen Augenblicke dachte er dagegen an die Stunden, die er schon mit
Eugenien zugebracht, sei es bei den Hoffesten, sei es im Hause seines Freundes,
und wenn er sich diese in's Gedchtni zurckrief, so baute er sich aus Blicken,
aus Worten, besonders aber aus einem leisen Drucke ihrer Hand auf seinen Arm,
den er einstens zu fhlen geglaubt, die wunderbarsten Luftschlsser und richtete
daran seine Hoffnungen wieder empor. - Heute Abend, sprach er zu sich selber,
ist in der That ein gnstiger Moment, wir sind ganz allein, ich bin berzeugt,
Eugen wird diskret sein, und dann will ich doch versuchen, ihr irgend ein Wort
zuzuflstern, was mich weiter bringen soll. - Auf jeden Fall weiter, vielleicht
zu einer Entscheidung, sei es nun zu meinem Glcke oder zu meinem Unglcke.
    Damit nahm er seinen Sbel wieder in die Hand und begann seinen Spaziergang
durch das Zimmer auf's Neue, hatte aber dasselbe noch nicht einmal
durchschritten, als sich die Thre des Vorsaals ffnete und der Hofmarschall
herein trat, jetzt schon - es war noch nicht vier Uhr, also noch zwei Stunden
bis zur Tafel - in groer Uniform, den Hut unter dem Arm, das Gesicht wie
gewhnlich mit uerster Wichtigkeit hoch empor haltend.
    Die beiden Herren begrten sich, indem der Graf seine ganze Hand hinhielt,
in welche Seine Excellenz, wie er es in der Regel zu machen pflegte, nur zwei
Finger legte, die aber von dem Adjutanten freundlichst und krftigst geschttelt
wurden.
    Euer Excellenz sind frh bei der Hand, sagte er hierauf. Wir haben ja
noch zwei volle Stunden bis zur Tafel. Nein, das mache ich mir bequemer;
hchstens eine halbe Stunde vorher wird sich angezogen, eine Viertelstunde
darauf steige ich in den Wagen und komme an mit Glockenschlag.
    Dafr sind Sie auch ein freier Mann, mein lieber Graf, erwiderte seufzend
die Excellenz, haben hie und da, wie heute zum Beispiel, eine kleine Funktion,
die aber nach einigen Stunden endet, und an die Sie nicht mehr zu denken
brauchen, sobald Sie den Sbel abgeschnallt und den Federhut weggelegt haben. -
Aber ich! - Dienst! - Dienst! - Dienst! von Morgens frh, wenn ich meine Augen
ffne, bis Nachts, wenn ich sie wieder schliee; und auch dann noch oft keine
Ruhe, denn ich trume davon. - Eine wahre Sklaverei!
    Aber Euer Excellenz nehmen alle Dinge zu schwer; ich glaube, ich wrde es
mir viel bequemer machen.
    Das glaube ich selbst, erwiderte der Hofmarschall mit einem wichtigen
Lcheln, aber nehmen Sie mir nicht bel, da wrde auch Manches drunter und
drber gehen.
    Das ist mglich: was nicht zu halten wre, lie ich eben fallen.
    O ihr jungen Leute habt gut sprechen! Man mu den ganzen Tag mit
Anstrengung aller seiner Krfte die Zgel halten, denn wie man ein bischen
nachlt, so gibt's rechts und links Konfusionen.
    Aber heute zum Beispiel knnte es sich Euer Excellenz doch bequemer machen.
Da gibt's doch bis zur Tafel nichts mehr zu thun: die Einladungen sind gemacht,
das Diner ist seiner Vollendung nahe und die Sle in der besten Ordnung.
    Der Hofmarschall war mit einer wehmthigen Miene an's Fenster getreten und
blickte jetzt achselzuckend nach dem Adjutanten um, der hinter ihm stand. - Ich
will Ihnen einen Beweis geben, wie kurzsichtig ihr jungen Leute seid, mein
lieber Graf, bemerkte er nach einer Pause. Sie sagen, die Einladungen seien
gemacht. Allerdings sind sie gemacht, auch angenommen; aber ist es meine Schuld,
da sich zwei, drei Personen heute Nachmittag unwohl fhlen und mir absagen
lassen? - Zwei, drei Personen, sage ich Ihnen, und eine darunter, die Seine
Majestt sogleich vermissen werden. - Was nun thun?
    Nun, entgegnete der Adjutant, die Tafel um so viel kleiner machen.
    Eine Tafel von hundertundzwanzig Couverts nur so im Handumdrehen kleiner
machen! lachte krampfhaft der Hofmarschall. O Graf Fohrbach! Sie sind ein
vortrefflicher Reiteroffizier und Adjutant, aber - nun, man kann das nicht
anders von Ihnen verlangen.
    So machen Sie ein paar andere Einladungen!
    Als wenn Hofeinladungen zu einem Neujahrsdiner nur so leicht gemacht wren!
Die heutige Gesellschaft wurde gebeten auf den speziellen Befehl Seiner
Majestt. Alles, was ich noch dazu thue, geschieht auf eigene Verantwortung, und
fr drei, die ich selbststndig einlade, bekomme ich dreiig Feinde ber den
Hals, die Alle glauben, an Ihnen wre viel eher die Reihe gewesen. - Ah! ich
habe ein hartes Brod.
    Da wrde ich es machen wie beim Militr, und mir immer eine Reserve
halten.
    Das habe ich auch, erwiderte wichtig die Excellenz. Aber wenn uns die
Reserve ebenfalls im Stich lt! Sehen Sie - damit erhob er den Arm und zeigte
auf eine Fensterreihe im groen Hofe - da hinten wohnt, wie Sie wissen, der
alte pensionirte General- der, wie sich von selbst versteht, ein- fr allemal
zur Hoftafel eingeladen ist, aber sich fast jedesmal hartnckig entschuldigen
lt. Bei dem war ich nun vor einer halben Stunde in Person, um ihn zu bitten,
diesmal doch zu kommen. - Keine Rede davon! Ich vernahm auch schon im Vorzimmer,
da ich vergeblich komme, denn er brllte wieder einmal so laut, da man es
durch drei Zimmer hren konnte.
    Hat er Schmerzen? fragte anscheinend ganz unbefangen der Adjutant.
    Der Hofmarschall wandte den Kopf rckwrts und sah ihn mit einem sonderbaren
Blicke an. Ah! was Schmerzen! versetzte er, Sie kennen den doch lange genug,
um zu wissen, da der keine Schmerzen hat.
    Also vielleicht wieder eine Familienscene?
    Natrlich; das hrt da niemals auf.
    Die arme kleine Frau!
    Na, na! sagte die Excellenz, indem sie leicht mit der Hand an dem
gestickten Uniformskragen herum griff, das nimmt Alles freilich Partei fr die
hbsche Baronin, aber -
    Euer Excellenz sagten: aber - versetzte der Adjutant nach einer lngeren
Pause.
    Allerdings knnte man da auch ein Aber vermuthen, fuhr der Hofmarschall
fort. Ich versichere Sie, lieber Graf, Unsereins, das so lange hier aus und ein
geht, wirft zuweilen einen scharfen Blick hinter die Coulissen.
    Dafr ist Euer Excellenz bekannt, antwortete der Graf im Tone der grten
Ueberzeugung. - Aber die Baronin nimmt sich so in Acht, sie vermeidet vllig
ein Gesprch mit jungen Leuten; sie tanzt auf den Bllen nur mit alten Generalen
und obersten Hofchargen, die dem Gemahl doch unmglich Argwohn einflen
knnen.
    Wie? Weil sie nur mit obersten Hofchargen tanzt? fragte Seine Excellenz
leicht pikirt. Doch fuhr sie gleich darauf in anderem Tone fort: Ja, das ist
Alles wahr; man spricht auch nicht von der Gegenwart, sondern - hier hustete
der Hofmarschall wieder bedeutend, als habe er schon zu viel gesagt.
    Allerdings von der Vergangenheit, nahm der Adjutant leichthin das Wort. -
Wissen Sie, Excellenz, die bse Welt macht sich kein Gewissen daraus, einer
schnen Frau was Uebles nachzusagen. - Und am Ende, was spricht man von der
Baronin?
    Ich nichts; Gott soll mich bewahren!
    Ja, ich auch nichts. Aber ihre Herkunft ist doch wohl sattsam bekannt.
    Der Hofmarschall schttelte leicht mit dem Kopfe.
    Nicht? - Ich habe wenigstens geglaubt, sie sei aus einer bekannten alten
schottischen Familie.
    On dit, erwiderte der Hofmarschall, nachdem er einige Augenblicke vor sich
niedergesehen.
    Nun, dem mag sein, wie ihm wolle! fuhr lebhaft Graf Fohrbach fort. Jetzt
fhrt sie einmal einen guten Namen, und ich setze wirklich den Fall, es sei
etwas in ihrem frheren Leben nicht ganz korrekt, so hat sie das jetzt in ihrer
freudlosen Ehe tausendmal abgebt. Nehmen Sie mir nicht bel, es ist keine
Kleinigkeit, mit dem alten General auszukommen. Er hlt sie wie seine Sklavin,
aber nicht wie seine Frau.
    Die letzten Worte hatte der junge Mann etwas lauter gesprochen, wehalb sich
der Hofmarschall sorgfltig im Zimmer umschaute, ob sie sonst Niemand gehrt.
Dann, als scheine ihm dies Gesprchsthema fr den Ort, wo sie sich befanden, zu
gefhrlich, nderte er es offenbar absichtlich, indem er einen tiefen Seufzer
ausstie und hierauf sagte: Ich hatte geglaubt, Seine Majestt sei schon
zurck; so mu ich mir denn selbst zu helfen suchen.
    Soll ich Ihnen ein paar Einladungen vorschlagen? fragte der Adjutant
lchelnd, nachdem er seiner Excellenz bis zur Thre des Vorsaals gefolgt war.
    Natrlich einige von euch jungen Leuten, entgegnete der Hofmarschall mit
emporgezogenen Augenbrauen.
    Nun, wenigstens welche, von denen man wei, da sie kommen, die in der Nhe
zu finden sind.
    Zum Beispiel?
    Da ist Eduard v. B., unser bisheriger Assessor, der gestern Regierungsrath
geworden ist; er knnte bei dieser Gelegenheit seinen zierlichen Dank anbringen.
- Ich wei, wo er ist.
    Das kann ich ohne Befehl nicht thun.
    Oder den Baron von Brand. - Ich bin gewi, Sie finden die Beiden auf dem
Cavalier-Casino bei einer Partie Piquet.
    Den Baron von Brand? sagte die Excellenz und machte dazu ein Gesicht, als
habe sie pltzlich auf ein Sandkorn gebissen. Nein, nein, nehmen Sie mir nicht
bel, das ist nicht meine Leidenschaft; es thut mir jedesmal leid - aber im
tiefsten Vertrauen gesagt - wenn ich den Herrn auf unserem Silber speisen sehe.
Ich meine immer, es komme ihm das ungewohnt vor.
    Ah! Excellenz haben einen zu scharfen Witz! erwiderte lachend der
Adjutant. Und jetzt fllt mir ein, da ich taktlos war. Richtig, Sie mgen den
Baron Brand nicht leiden.
    Das leugne ich auch gar nicht, und ich behaupte - natrlich Freunden
gegenber - er gehrt nicht an den Hof, nicht einmal in die Gesellschaft.
    Da thun Sie ihm wahrhaftig Unrecht; der Baron ist ein vollkommener Cavalier
und benimmt sich gewi als solcher.
    Aeuerlich! uerlich! entgegnete der Andere mit einigermaen gereiztem
Tone. Sie werden das auch noch erfahren.
    Aber er geht mit den anstndigsten Leuten um! Sie knnen zum Beispiel nicht
leugnen, da er mit dem Herrn Herzog sehr liirt ist.
    Leider! leider! Ich wollte, dem wre nicht so, denn was der Eine nicht
wei, das lernt er vom Andern. Unter uns gesagt, ist Seine Durchlaucht seit
seiner genauen Bekanntschaft mit dem Herrn Baron nicht solider geworden, das
knnen Sie mir glauben.
    Meinen Sie wirklich? fragte der Graf mit dem grten Interesse, das er
aber zu verbergen suchte. - Sind da Geschichten vorgefallen? - O Euer Excellenz
wei doch Alles! Diese letzteren Worte rief er im Tone der grten
Verwunderung.
    Saubere Geschichten, erwiderte wichtig der Hofmarschall; Sie erinnern
sich doch noch des Refus, den der Herzog erhielt, als es ihm neulich pltzlich
einfiel, zum Militr berzugehen und als Offizier in das Gardedragoner-Regiment
einzutreten?
    Gewi - ganz genau; ich hatte damals zufllig den Dienst. Doch glaube ich,
fand man ihn hheren Orts nicht stark genug zum Kavalleriedienst.
    Ah bah! machte der Hofmarschall und sah den Anderen mit einem
eigenthmlichen Blick von der Seite an. - Geschichten, lieber Freund! -
Geschichten, die einigen Eklat gemacht. - Was wei ich, oder was will ich davon!
Es war da begreiflicher Weise ein junges Weibchen im Spiel, aber von einer
anstndigen Brger-Familie; die Sache mu einen sehr unangenehmen Haken gehabt
haben, und man frchtete wohl nicht mit Unrecht, irgend einer der alten
Offiziere des Regiments, die berhaupt diesen Einschiebungen sehr unhold sind,
mchte dadurch Veranlassung finden, diese fatale Angelegenheit zur Sprache zu
bringen. Verstehen Sie mich?
    Wie kann man denn berhaupt Euer Excellenz miverstehen! sagte Graf
Fohrbach mit einer tiefen Verbeugung. Ja, wenn die Geschichten nicht wren!
    Meinetwegen mgen sie auerhalb des Schlosses treiben, was sie wollen,
sprach wrdevoll der Hofmarschall; aber so lange ich den Stab fhre, soll mir
der Burgfriede gehalten werden in jeder Richtung. Diese jungen Herren denken
aber nicht anders, als Alles, was Schnes und Reizendes bei Hof erscheint, sei
nur zu ihrem Vergngen da. Aber das kann ich Sie versichern, Graf Fohrbach: ich
bin auch da. Ordnung mu sein, sogar in diesen Dingen bei Hof, und es gibt eine
Stelle, wo ich als Obersthofmeister Seiner Majestt ebenso kitzlich bin, wie der
hochselige Knig von Spanien. - Es heit doch kitzlich?
    Sterblich bin, verbesserte der Adjutant.
    Nun ja, sterblich bin. Und sehr sterblich bin; das kann ich all' diesen
jungen Herren versichern. Man wei es aber auch.
    Ja, man wei es! rief der Adjutant, indem er eine tiefe Rhrung
affektirte. Und es ist ein wahres Glck, da mit solchen Grundstzen, wie sie
Euer Excellenz aussprechen, die Verwaltung des Hofes geleitet wird.
    Er war innerlich hoch entzckt darber, da er an dem Hofmarschall gegen den
Herzog einen so guten und wichtigen Bundesgenossen erhalten. Der Excellenz blieb
selten etwas verborgen von dem, was im Schlosse vorging, und wenn er also gegen
die angedeuteten Geschichten sei, so arbeite er nur fr sein, des Grafen
Interesse. In der Freude seines Herzens schttelte er die beiden, ihm abermals
dargereichten Finger des Anderen mit auerordentlicher Feierlichkeit, und konnte
sich nicht enthalten, dem Hofmarschall bezglich der Einladungen nachzurufen:
    Wissen Euer Excellenz wohl, womit Sie Seiner Majestt heute bei der
Neujahrstafel ein ungemeines Vergngen bereiten knnten? - Laden Sie doch den
Herrn von Dankwart ein, der refusirt nicht, darauf knnen Sie sich verlassen.
    Oh! oh! machte der Hofmarschall, das knnte allenfalls am jngsten
Hoftage geschehen, wenn es sich darum handelte, mir eine ewige allerhchste
Ungnade zuzuziehen.
    Der Adjutant wollte lachend in sein Zimmer zurcktreten, als er durch die
geffnete Thre des Vorsaales bemerkte, da auf dem Gange sein Jger stehe und
augenscheinlich nur auf das Weggehen des Hofmarschalls warte, um sich bei ihm
melden zu lassen. Er winkte ihm hereinzukommen, und fragte ihn dann, ob zu Hause
etwas vorgefallen sei.
    Franz zog einen Brief aus der Tasche und berreichte ihn seinem Herrn, wobei
er sagte, er sei vom Kammerdiener geschickt worden.
    Nachdem Graf Fohrbach das Couvert abgerissen hatte, fand er einen Zettel, in
welchem ein zweiter kleinerer Brief lag und auf diesem Zettel von der Hand
seines Kammerdieners die Worte: Soeben wurde inliegender Brief fr den Herrn
Grafen gebracht und als sehr eilig bezeichnet. Ich erlaube mir dehalb, ihn
hiermit durch den Jger zu bergeben; Franz soll warten, bis ihn Euer Erlaucht
gelesen und Ihre weiteren Befehle gegeben haben.
    Graf Fohrbach trat an das Fenster und betrachtete sich das Aeuere des
Schreibens, das er hin- und herwandte. Die Aufschrift, offenbar eine
Frauenzimmerhand, war ihm gnzlich unbekannt, ebenso das Siegel des Briefs,
zeugend von einem plumpen Petschaft, ein groes E und B in grobes Siegellack
ausgedrckt. - Was brauche ich da lange zu berlegen? sprach er zu sich
selber; der Brief ist an mich; sehen wir nach, von wem er ist, und was er
enthlt.
    Er setzte sich in einen Stuhl, doch ehe er das Schreiben ffnete, warf er
abermals einen Blick nach dem bewuten Fenster empor. Aber es lie sich dort
jetzt eben so wenig sehen wie frher. Er entfaltete seufzend den Brief und
betrachtete die Unterschrift. - Emilie Becker. - Was ist das? - Ah Teufel! ich
erinnere mich.
    Ew. Erlaucht! lautete der Brief. So groe Mhe es mich auch gemacht hat,
so ist das Geschft, mit dem Sie die Gnade hatten, Ihre gehorsamste Dienerin zu
beehren, um nach vieler Schwierigkeiten von Seite mir und auerordentliche
Ausdauer glcklich zu Stande gebracht. Es hat mich bermig viele Zeit und
Auslagen gekostet, doch davon sage ich nichts, nur von das Glck, das es mich
gelungen, Ew. Erlaucht wahrscheinlich zufrieden gestellt habe sowie auch ihren
hohen Freund.
    Da am heute Abend das Ballet im Achte aus ist, dagegen das Theater bis Zehne
spielen wird, so ist von Seitens der Eltern gar keine Besorgni zu erfahren, wo
sie denn so lange bleiben knnte, bitte auch Ew. Erlaucht dehalb, an der Ecke
von die Prinzenstrae einen Wagen hinbesorgen zu wollen, aber genau im Achte,
bitte auch gndigst selbst zu wollen oder eine vertrauliche Person zu schicken,
damit sie sich nicht erschrickt.
    Auch halte ich mir bestens empfohlen und bitte ihrem hohen Freund zu sagen,
wie viel Mhe ich mir gegeben habe

                                      als
                                                   ihre ganz ergebenste Dienerin
                                                                 Emilie Becker.

    Der Adjutant lie den Brief auf den Tisch niederfallen und fuhr sich mit der
Hand ber die Augen, worauf er in tiefes Nachdenken versank.
    Wie schnell sich die Zeiten ndern! sagte er mit einem Blicke auf das
bewute Fenster. Ja, ich hatte einmal diese Grille und htte viel daran
gesetzt. - Aber jetzt - nie! nie! Gott soll mich bewahren! - Gleichsam als
wollte er seine guten Vorstze bestrken, ffnete er die Scheibe neben sich,
lie den kalten Luftstrom ber sein Gesicht wehen und schaute alsdann wieder
aufwrts zu den Blumen. - Wie man sich ndern kann! - fuhr er nach einer Pause
in sich hinein lchelnd fort. - Wie uns das Bild eines wirklich geliebten
Mdchens so ganz auszufllen vermag! - O meine Eugenie! - Schon diese beiden
Gedanken zu gleicher Zeit ist eine Entweihung; aber gewi, ich fhle es, du bist
vom Himmel dazu bestimmt, ganz mein zu sein, mir ein freudenvolles Leben zu
bereiten. - Weg mit allen Anderen! - Es ist aber so wahr: man soll sich vom
Teufel nicht bei einem Haar fassen lassen; jetzt habe ich diese Geschichte
entrirt und kann sie doch unmglich so mir nichts dir nichts fallen lassen. - So
ein armes Mdchen! - Wenn auch - aber doch einiger Theilnahme werth, denn sie
ist jung, schn und reizend. Hat ihr auch viele Mhe gemacht, wie die Person
hier schreibt. - Nun, das kann auch eine Spekulation auf meine Kasse sein. - Er
berlas den Brief nochmals. - Aber was soll denn das hier heien, fuhr er nach
einer Pause in seinem Selbstgesprch fort, da sie da von einem hohen Freunde
spricht? - Habe keine Idee, was sie damit meint.
    Whrenddem stand der Jger hoch aufgerichtet an der Thre des Zimmers und
schien unausgesetzt das lebensgroe Bild Seiner Majestt zu betrachten, welches
ihm gegenber hing. Doch wenn man ihn schrfer beobachtet htte, so wrde man
wohl bemerkt haben, da er die blitzenden Augen von Zeit zu Zeit auf seinen
Herrn richtete, und dann auf das abgerissene Couvert schaute, das unbeachtet auf
dem Boden lag.
    Wann, sagst du, da dieser Brief gekommen sei? fragte nun der Graf den
Jger.
    Vor einer kleinen halben Stunde, Erlaucht. Der Kammerdiener nahm ihn selbst
in Empfang, siegelte ihn ein und ich eilte augenblicklich damit hierher.
    Graf Fohrbach hatte das Billet leicht in die linke Hand genommen und schlug
damit auf die rechte, whrend er nachdenkend bald an die Zimmerdecke schaute,
bald vor sich auf den Fuboden. - Wenn es eine ganz gewhnliche Geschichte
wre, dachte er, so wrde man einfach weder hingehen, noch Jemand hinschicken.
Selbst hinzugehen ist mir auf alle Flle unmglich; wahrhaftig, es widerstrebt
mir, mich in solche Geschichten zu mischen. - Und wen soll ich hinschicken? -
Einen Bedienten; vielleicht meinen Jger dort, der mir nicht auf den Kopf
gefallen zu sein scheint. - Nein, nein, das wre undelikat. - Einen Bekannten
also? - Aber wen finde ich gleich? Alle Welt macht jetzt Vorbereitungen zum
Diner. - Wenn ich es bei der Hoftafel Jemand sagte! Ich habe so Manchem hnliche
Geflligkeiten erwiesen; ich wrde schon Jemand finden, der vielleicht meine
ganze Rolle bernimmt. - Ah! es ist doch bei Gott ein leichtfertiges Geschlecht,
diese Mdchen! Die da - er schlug in diesem Augenblick mit der Hand auf das
Papier - galt als ein Ausbund von Tugend; und was vermochte hier nicht eine
Handvoll Goldstcke! - Aber man sagte mir spter, sie untersttze einen alten
Vater und kleine Geschwister; das habe ich damals nicht bedacht, und es fllt
mir jetzt schwer auf's Herz. Ah! um so besser, da die Sache so gekommen ist,
denn es wre doch am Ende ein schndlicher Kauf gewesen, den ich da gemacht. -
Aber die Summe soll sie haben, - voll, voll! - Ich danke dem Himmel, da ich
jetzt so denke. - Er warf noch einen Blick zum Fenster hinaus nach der uns
bekannten Richtung, dann erhob er sich und schritt langsam durch das Zimmer auf
seinen Diener zu. Halb Weges blieb er aber wieder stehen, indem er zu sich
selber sagte: Ja, ich werde doch Jemand finden, der fr mich hingeht. - Wenn
ich nur wte, wen sie mit dem hohen Freunde gemeint hat! - Halt! da fllt mir
was ein! - Richtig! Arthur versprach mir, den Brief auf die Post zu werfen oder
selbst zu besorgen er wird das Letztere gethan haben. Vornehm genug sieht er aus
- ja, es mu so sein: die Alte hat eine neue saubere Kundschaft gewittert. -
Aber warum auch nicht? - Ja wahrhaftig, das wre der beste Mensch, der fr mich
dort hingehen knnte. Und er thut's, ich habe ihm auch schon Geflligkeiten
genug erzeigt, und am Ende sieht er das eher fr eine Annehmlichkeit an, als fr
eine Arbeit.
    Damit drehte sich der Graf rasch wieder um, ging zu dem Tische zurck, wo
Schreibmaterialien lagen, steckte den Brief, den er soeben erhalten, in ein
kleines Couvert, siegelte es zu und berschrieb es an Arthur. - Diesen Brief,
sagte er alsdann zu seinem Jger, wirst du augenblicklich besorgen. Du kennst
die Adresse? - Geh' sogleich in das Haus dieses Herrn, wenn er nicht da ist,
frage, wo er sein knne und suche ihn mir auf. Es ist mir viel daran gelegen,
da er diesen Brief erhlt. - Verstehst du? Franz nickte mit dem Kopfe.
    Im Falle du ihn also findest, und ihm den Brief selbst in die Hand gibst -
was unbedingt geschehen mu, denn auf Zwischentrgereien darfst du dich gar
nicht einlassen - so wirst du fragen, ob du mir Ja oder Nein sagen sollst. Heit
es Ja, so kannst du ruhig nach Hause gehen, und die Sache ist fr dich
abgemacht; heit es aber Nein, so lt du den Brief wieder einsiegeln, stellst
dich damit an den groen Saal, wo heute die Tafel ist, und lt mir durch einen
Lakaien sagen, du seiest da. - Hast du mich wohl verstanden?
    Vollkommen, Erlaucht: mit Ja ist Alles besorgt, mit Nein komme ich, mir
neue Anweisungen zu holen.
    Sehr gut, sagte lchelnd der Graf; ich sehe, Franz, du bist zu
gebrauchen.
    Wenn Euer Erlaucht das wirklich glauben, erwiderte der Jger mit einem
seltsam leuchtenden Blick, so soll mich das in der That glcklich machen. Aber
dann bitte ich Euer Erlaucht, mir die Freiheit zu entschuldigen, wenn ich Sie
auf das abgerissene Briefcouvert am Boden aufmerksam mache, welches man
vielleicht vllig zerreien oder wegwerfen knnte.
    Da hast du Recht, versetzte Graf Fohrbach; man braucht dergleichen hier
nicht zu finden. Du bist umsichtig, Franz, das gefllt mir. Ich hoffe, wir
werden zusammen auskommen.
    Das ist mein sehnlichster Wunsch, Erlaucht, erwiderte der Jger mit einer
tiefen, etwas unsicheren Stimme, und es zuckte seine Hand, als wolle er die
seines Herrn ergreifen, um sie zu kssen.
    Doch blieb es bei diesem Gedanken, denn der Adjutant machte eine halbe
Wendung gegen das Kamin, wo die Uhr stand, legte die Hand leicht auf den
Sbelgriff und sagte: Halb Sechs - es ist Zeit. Johann wird wohl mit meinem
Anzge drauen sein.
    Zu befehlen, Euer Erlaucht, er kam mit mir.
    Nun gut, ich gehe, mich umzukleiden. Besorge du jetzt deinen Auftrag, und
nimm dir einen Wagen, damit du keine Zeit verlierst.
    Der Graf schritt gegen die Thre zu, welche der Jger ehrerbietigst ffnete,
und dann verschwanden Beide aus dem kniglichen Vorzimmer.

                          Sechsundfnfzigstes Kapitel.



                      Vor, whrend und nach dem Hofdiner.

Das groe Hofdiner am heutigen Neujahrstage ging, wie alle dergleichen
Festlichkeiten, feierlich und sehr langweilig vor sich. Es war in den Slen eine
auerordentliche Pracht zu sehen an reich gestickten Uniformen, an Sternen,
Ordensbndern, an rauschenden Seide- und Sammetroben, an goldgestickten Stoffen
aller Art, an Brillanten und sonstigem glnzendem Schmucke.
    Ehe die Tafel anfing, stand Alles nach Rang und Stand neben einander an den
Wnden aufgestellt, und Alles blickte auf die hchsten und allerhchsten
Herrschaften, die soeben zur gegenber liegenden Thre hereingetreten waren und
mit freundlichem Kopfnicken die tiefen Knixe und feierlichen Verbeugungen
entgegen genommen hatten.
    Hierauf hielten die Majestten ihre kleinen Cercle, was aus der Hofsprache
fr dich, geliebter Leser, in ganz gewhnliches Deutsch bersetzt, so viel sagen
will, als sie gingen bei den Umherstehenden vorbei, sprachen mit den
Begnstigten einige gndige Worte, nickten den minder Glcklichen huldreich zu,
sahen Andere wenigstens mit einem freundlichen Blicke an und lieen die
Unbedeutenden oder gerade nicht in der Gnade Stehenden so vollkommen links
liegen, als ob diese gar nicht in der Welt existirten.
    Es ist in solchen Augenblicken sehr amusant, anzuschauen, wie sich die
Physiognomien verndern, sobald eine der allerhchsten Herrschaften langsam
vorschreitet. Es ist das gerade, als wenn der Mond aufsteigt und so nach und
nach mit seinem sanften Lichte hier eine frische Wiese, eine freundlich
murmelnde Quelle, eine alte Ruine, dort eine finstere Schlucht, eine kahle
Felspartie und viele steife, langweilige Tannenwlder bestrahlt und milde
beleuchtet. Gerade wie diese Gegenstnde klren sich auch hier die Gesichter
auf; die Augen blicken starr nach dem aufsteigenden Gestirne, der Mund spitzt
sich zierlich oder legt sich in wichtige Falten. Die frische Wiese kokettirt
vielleicht mit ein paar hbschen Armen, indem sie zierlich den Fcher sinken
lt; die Quelle hrt auf zu rauschen, sammelt ihre Wasser, um gleich darauf
eine mchtige Redeschleuse aufziehen zu knnen. Die Ruine denkt vergangener
Tage, wo auch sie in erster Linie stand und blickt sehnschtig nach dem Monde,
der sich aber jetzt zufllig hinter einer Wolke verbirgt, ohne ihr einen sen
Blick geschenkt zu haben. Die finsteren Schluchten und kahlen Felspartieen -
ach! und deren gibt es hier eine groe Anzahl! - zucken die mageren Achseln,
neigen spttisch zusammen flsternd ihre brillantenbedeckten Kpfe und
versichern einander gegenseitig, da es auf der Welt nichts Langweiligeres gbe,
als diese ewigen Cercles vor der Tafel. Ach! fr sie sind diese wirklich
langweilig; dort hinein dringt kein erleuchtender Strahl; diese dstern,
erstorbenen Gegenden werden von keinem freundlichen Scheine mehr belebt. - Aber
die Tannenwlder, sie stehen da in geschlossener Phalanx und trotzig, mit
herausforderndem, wenn auch grmlichem Lcheln. Das sind starke Bume mit
spitzigen Nadeln, und wenn der Mond sie nicht besonders freundlich bescheint, so
sagen sie, er wird vergelich dieser gute Mond, wie wre es ihm sonst mglich,
uns zu bersehen, uns in unserer unergrndlichen Langweiligkeit und Steifheit!
-
    Hinter den hchsten Herrschaften, das heit, sobald sie vorber gegangen
sind, fllt Alles wieder in's frhere trostlose Dunkel zurck; man sieht da
seltsame Blicke, verstecktes aber sehr bedeutungsvolles Achselzucken, und hrt
auch wohl ein spitziges Wort, und, geneigter Leser, die gewissen Husten - von
denen dir zu erzhlen wir schon die Ehre hatten - hier aber so mannigfaltig und
bedeutungsvoll, da man Bnde darber anfllen knnte.
    Aber wie gesagt: der lichte Glanz ist nun vorbei gezogen, verschwunden
gerade wie beim Schattenspiele an der Wand der runde glnzende Kreis, nachdem
die Glser weggezogen und die Lampe ausgelscht ist. Nur hie und da strahlt noch
ein erhelltes Gesicht aus dem allgemeinen Grau hervor; das gehrt vielleicht
einem jungen Ehrenfrulein oder einem neugebackenen Kammerherrn, die zum ersten
Mal bei der Hoftafel erscheinen und die zum ersten Mal mit einem freundlichen
Worte beglckt worden.
    Graf Fohrbach hatte sich mit jngeren Offizieren und anderen Herren vom Hofe
bescheiden in eine Ecke zurckgezogen; sie standen hinter der Person des
Hofmarschalls, der, den Hut unter dem Arm, den Stab in der Hand, in grter
Wichtigkeit verharrte, mit einem Auge die Kammerdiener an der Thre des
Speisesaales, mit dem anderen die Majestten betrachtete.
    Lieber Doktor, sagte der dienstthuende Adjutant zu dem Generalstabsarzte,
der wie immer das ganze Getreibe mit einem eigenthmlichen Grinsen betrachtete,
treten Sie ein bischen vor, neben den Hofmarschall; ich sehe, die Frau Herzogin
brennt vor Begierde, Ihnen ein freundliches Wort zu sagen.
    Ja, ja, entgegnete dieser, ihr httet jetzt wohl wieder einmal Lust zu
sehen, wie eine arme Fliege gegen das Licht hinschnurrt und sich die Flgel
verbrennt. Seit ich Seine Durchlaucht nicht fr tauglich zum Gardedragoner
erklrte, bin ich fr einen Theil der hchsten Herrschaften gar nicht mehr in
der Welt.
    Das wird Sie ungeheuer krnken?
    Ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie es mich betrbt, erwiderte der Arzt
in komischem Tone. Habe ich doch dadurch einen wichtigen Theil meiner Praxis
verloren. Denken Sie sich, Graf, die Kammerfrauen lassen mich des Nachts nicht
mehr holen, wenn sie Abends zu stark soupirt haben.
    Bssst! machte der Hofmarschall leise, ohne brigens Stellung und Miene im
Geringsten zu verndern; denn er hatte Alles wohl verstanden und frchtete die
freche Zunge des Doktors und dessen schrille Stimme.
    Uebrigens soll es mich gar nicht wundern, fuhr dieser fort, wenn mir
nicht heute auf's Eklatanteste gezeigt wird, welch' niedertrchtiger Snder ich
eigentlich bin.
    Und der Doktor hatte diesmal wahrhaftig Recht, denn ein paar Sekunden darauf
machte der Hofmarschall vor der Front eine scharfe Wendung nach links, begleitet
von einer auerordentlich tiefen Verbeugung, welche Ihrer Hoheit, der
ebengenannten Frau Herzogin galt, die rauschend und majesttisch wie ein
prchtiges Gewitter einherzog, gegen den Kreis der jungen Leute, dort anhielt,
um mit einem Major von der Kavallerie einige sehr freundliche Worte zu sprechen.
Dabei aber wandte sie sich so dicht vor dem unglcklichen Leibarzte um, da
dieser kaum Zeit hatte, sich durch einen groen Schritt in die Ecke zu retten,
sonst wrde er unfehlbar mit Ihrer Hoheit zusammen gestoen sein. - Und dann,
welcher Eklat! Da htte man deutlich wieder einmal gesehen, wie diese Leute von
brgerlicher Herkunft doch so entsetzlich ungeschickt sind und sich so gar nicht
in den Hofcirkeln zu benehmen wissen.
    Ihre Hoheiten sprachen fast mit Jedem der ganzen Gruppe, den Doktor
natrlicherweise ausgenommen, der fr sie, wie er vorhin vollkommen richtig
bemerkt hatte, gar nicht mehr in der Welt war.
    Endlich schritt Seine Majestt auf die Thre des Speisesaales zu; die
Flgelthren wurden geffnet, der Hofmarschall schaute auffordernd rings im
Kreise umher, und hinter ihm drein rauschte nun Alles in den anstoenden Saal,
um sich dort an der Tafel und zum Speisen niederzulassen.
    Dies ging nun vor sich fast wie bei einem anderen Diner, nur da am heutigen
Tage die steifen Uniformskrgen und die fest zusammen geschnrten Taillen der
Eingeladenen nicht erlaubten, viel zu sich zu nehmen. Doch - die Ehre macht
satt, meinte der Doktor am unteren Ende der Tafel. Er sa neben dem
dienstthuenden Adjutanten und nicht weit vom Hofmarschall, der aber nur mit hoch
empor gezogenen Augenbrauen und sehr ernstem Gesichte zu ihm sprach.
    Glcklicherweise ging Alles schnell vorber; nachher wurde freilich noch ein
kleiner Cercle gehalten, aber ungezwungener, freier als vor der Tafel.
    Der Adjutant, dessen Dienst nun bald zu Ende ging, erkundigte sich an der
Thre des Saales, ob sein Jger nicht zurckgekommen sei, worauf er sich, als
ihm diese Frage verneint wurde, ber den gegebenen Auftrag beruhigt, an eine
Fensternische zurckzog, theils um auf den Kastellplatz sehen zu knnen, theils
aber auch, um, selbst ungesehen, einige der Anwesenden zu beobachten.
    Wir wissen wohl, wohin seine Blicke gingen, und nicht blos er allein,
sondern die meisten der jungen Leute schauten nach jener prachtvollen Gestalt,
der sich aber, da sie sich unmittelbar bei der Person Ihrer Majestt halten
mute, Niemand ohne hhere Aufforderung so recht nahen durfte; der arme Graf
Fohrbach in seiner dienstlichen Stellung am allerwenigsten.
    Eugenie verdunkelte den ganzen Kreis, in dem sie stand, sowohl durch die
Schnheit ihres Kopfes und ihrer Gestalt, als durch die Einfachheit ihres
Aeueren. Sie trug ein weies, anliegendes Kleid von matter Seide, fast ohne
Schmuck; nur an dem seinen Handgelenk hatte sie ein schwermassives Armband - ein
Erbtheil ihrer Mutter. Ihr schwarzes Haar war glatt gescheitelt, die beraus
dicken Flechten hatte sie einfach um den Kopf geschlungen, und es war das, wie
die Obersthofmeisterin gegen die Hofmarschallin bemerkte, eigentlich keine
Frisur zu nennen - und kann auch nur der Frulein von S. gestattet werden, weil
sie einmal die Frulein von S. ist, ein so schnes und in der That sehr
liebenswrdiges Mdchen.
    Dieses Wort der alten Dame hrte Graf Fohrbach hinter seinem Vorhang und
ebenso wie die Hofmarschallin antwortete:
    Es ist in der That ein einziges Geschpf; man mu sie lieben, denn sie hat
wahrhaftig keinen Fehler.
    Ja, man mu sie lieben! seufzte er in sich hinein. Ah! wenn das sogar
diese beiden alten Excellenzen von Eugenie sagen, welche Worte soll dann ich
gebrauchen?
    Der junge Herr Herzog hatte allein das Recht, sich seiner Mutter und also
auch dem Ehrenfrulein zu nhern. Und er machte von diesem Rechte, wie immer, so
auch heute, einen solch' umfassenden Gebrauch, da sich der arme Graf in der
Fensternische fast die Lippen blutig bi und den Griff seines Sbels fate, als
habe er nicht bel Lust, diesen gegen einen sehr gefhrlichen Feind zu ziehen.
    Bis jetzt hatte der Herzog dort hinten bei der Gruppe, wie es schien, nur
allgemeine Redensarten an die Damen, die um ihn standen, gerichtet; jetzt aber -
der Teufel soll ihn holen! dachte der Adjutant - wute er sich so geschickt zu
drehen, und so schn zwischen den ehrerbietigst ausweichenden Hoffruleins zu
manvriren, da er Eugenie von den Uebrigen trennte, und nun auf einmal abseits
mit ihr stand. - Verdammt! was hat er da zu sagen?
    Der Herzog that eine Frage - Eugenie von S. schlug leicht die Augen nieder
und gab ihm eine kurze, doch wie es schien, nicht unfreundliche Antwort. Darauf
zuckte er die Achseln und machte ein betrbtes Gesicht, schien aber gleich
darauf ber etwas nachzudenken, in Folge dessen sich sein Gesicht aufklrte. Er
that noch einen halben Schritt nher zu dem schnen Mdchen hin und flsterte
ihr etwas auf sehr verbindliche Weise zu. Sie machte eine leichte Verbeugung,
vermittelst welcher sie aber um einen ganzen Schritt zurckwich. Der Herzog
entfernte sich und der Graf athmete tief auf.
    Und doch ist die Sache nicht ohne allen Grund, sprach er nach einer Pause
ergrimmt zu sich selber. Wenigstens von seiner Seite nicht. Teufel! da gilt es,
aufzupassen! Wenn man sich nur wenigstens der Gruppe auch nhern drfte! Aber
Ihre Majestt und die Frau Herzogin scheinen wahrhaftig gerade auf diese Stelle
des Saales wie verpicht zu sein. - Ah! jetzt machen sie ihre Komplimente! - Die
Damen verneigen sich; Gott sei Dank! - Aber auch Eugenie mu folgen. Wei Gott
im Himmel, ich habe heute kein Glck; war es mir doch nicht mglich, auch nur
eine einzige Silbe vor oder nach der Tafel an sie zu richten. - Doch halt! - sie
bleibt an der Thre stehen. Ah! wenn sie sich umschaut! - Vielleicht nach dem
Herzog; doch wenn sie es thut, so werde ich es augenblicklich sehen.
    Der Herzog stand auf der andern Seite des Saales, und also war es in der
That nicht zu verkennen, wohin sich ihre Blicke richten wrden. -
    Jetzt trat sie unter die Thre, in der langen, glnzenden Reihe die Letzte
und Schnste. - Ah! sie blieb wirklich einen Augenblick unter der Thre stehen,
sie wandte wirklich den schnen Kopf rckwrts und blickte nach der Seite hin,
wo der Herzog stand, aber dieser Blick war flchtig wie ein Blitz, und sie
wandte ihn alsbald wieder fort und lie ihn unverkennbar durch den ganzen Saal
gleiten. Suchte sie etwas mit ihren Augen? O, wenn sie ihn suchte! - Wie schlug
sein Herz! Er konnte unmglich ruhig in seinem Verstecke hinter dem Vorhange
stehen bleiben, er mute aus demselben heraustreten, und als er das rasch that,
glitt ihm der Sbel aus der Hand und stie klirrend auf den Parketboden. - Gott
im Himmel! flog nicht in diesem Augenblicke ein leichtes Lcheln ber ihre Zge?
- O Glck! o Seligkeit! Neigte sie nicht leicht das Haupt gegen ihn, ehe sie
durch die Thre verschwand? - Er htte darauf schwren knnen, da sie es
gethan. Doch dies Glck wre zu gro gewesen; er durfte nicht leichtsinniger
Weise daran glauben. - Aber etwas Anderes war nicht wegzustreiten, was in diesem
Augenblicke geschah: Eugenie lie nmlich, auf jeden Fall ganz absichtslos, ihr
Battistsacktuch auf der Thrschwelle fallen, wobei es in der That komisch
anzusehen war, wie im gleichen Moment smmtliche noch anwesende Offiziere und
Herren vom Hofe sich mit einer wahren Wuth darauf strzten.
    Wir brauchen wohl dem geneigten Leser nicht zu versichern, da Graf Fohrbach
eher sein Leben als das Taschentuch in andern Hnden gelassen htte; er hob es
im gleichen Augenblicke auf, als der Herzog neben ihm ankam.
    Dieser streckte die Hand gegen den Adjutanten aus, als wnschte er das
Taschentuch ausgeliefert zu erhalten.
    Es gehrt wohl nicht Euer Durchlaucht? fragte Graf Fohrbach. - Ich werde
mir schon erlauben drfen, es dem Frulein nachzubringen.
    Versteht sich von selbst! entgegnete hhnisch lachend der Herzog, indem er
einen Schritt zurcktrat. Dem Sieger gehrt der Dank, und den will ich Ihnen
nicht streitig machen.
    Wre der arme Graf nur Hofmann gewesen, so wrde er das Tuch respektvollst
dem Herzog zugestellt und sich mit dessen Erkenntlichkeit begngt haben. - So
aber war er verliebt und - eiferschtig, wehalb er denn auch nur eine flchtige
Verbeugung machte und eilig durch die Zimmerreihe davon scho.
    Das Ehrenfrulein hatte schon mehrere Thren hinter sich, und war gerade im
Begriff, das Vestibl zu betreten, wo die Treppe zu ihren Apartements mndete,
als sie vernahm, da Jemand mit klirrenden Schritten ihr eiligen Laufes folge.
Sie wandte den Kopf zurck, und als sie sah, da es Graf Fohrbach sei, der ein
weies Tuch in der Hand hielt, schien sie erst ihren Verlust zu bemerken und
machte ein paar Schritte gegen den glcklichen Finder.
    Dieser, so nahe am Ziele, wo er den fr ihn so kstlichen Fund wieder
abgeben mute, konnte sich nicht enthalten, ehe er das that, das seine Tuch
sanft an seine Lippen zu drcken, worauf er eine Verneigung machte, die mit
einer halben Kniebeugung sehr viel hnlichkeit hatte.
    Ah! ich danke Ihnen, Herr Graf! sagte das schne Mdchen, whrend sie das
Tuch in Empfang nahm. Ich habe meinen Verlust jetzt erst bemerkt, und freue
mich in der That, da gerade Sie der Finder sind.
    Gewi, ein glcklicher Zufall fr mich, Frulein Eugenie, erwiderte er;
denn er verschafft mir das bis jetzt schmerzlich entbehrte Glck, mich Ihnen
einen Augenblick nhern, Ihnen zwei Worte sagen zu drfen.
    Richtig, Sie sind im Dienst, sprach sie lchelnd.
    Wehalb es mir um so weniger erlaubt ist, mich unaufgefordert dem hohen
Kreise zu nhern, wo Sie als Knigin glnzen.
    Ei, ei! Herr Graf! antwortete sie mit einem Lcheln, das gleich darauf
wieder verschwand, als sie rings um sich schaute; solche Unwahrheiten darf man
hier nicht hren.
    Leider! leider! versetzte er hastig. Sie haben Recht, Eugenie; man mu
sich hier in diesen Mauern mit seinen Worten sehr in Acht nehmen; man darf nur
denken. Und das erlauben auch Sie mir, gestrengste aller Damen?
    Da mte ich vor allen Dingen erst wissen, was Sie denken.
    O, ich denke nur - an Sie! wollte er leidenschaftlich ausrufen, doch
schlo er diesen Satz anders, indem er sagte: Ich dachte, ob Sie vielleicht
vorhin im Saale meine ehrerbietige Begrung bemerkten?
    Als Sie so pltzlich aus der Fensternische hervortraten? -
    Also Sie haben mich bemerkt, mein Frulein? sprach er entzckt, denn er
dachte, wenn sie mich gesehen, so galt mir auch jener leichte Gru, - o Gott!
vielleicht sogar die kleine Verwirrung, die ich auf ihrem schnen Gesichte
bemerkt.
    Diese Fensternische ist ein artiger Winkel zum Beobachten, antwortete sie,
seiner Frage ausweichend.
    O, ich habe auch dort beobachtet!
    Das mssen Sie mir ein andermal erzhlen, sagte sie mit einem
liebenswrdigen Lcheln. - Recht bald, vielleicht heute Abend noch. - Sie
kommen doch zu S.?
    Gewi werde ich kommen, Frulein Eugenie, gewi! O ich freue mich wie ein
Kind darauf! - Und Sie? - Er betrachtete sie mit flammendem Blick und erwartete
angstvoll ihre Antwort.
    Auch ich gehe gerne zu S., erwiderte das schne Mdchen und schlug
absichtslos die Augen nieder. Gewi ohne weitere Absicht, als um ihr Bracelett
zu betrachten, da sie an ihrem runden weien Arm ein klein wenig drehte.
Namentlich heute Abend gehe ich gerne hin, weil wir, wie ich hre, ganz unter
uns sind.
    In diesem Augenblick vernahm man Tritte im Nebensaal, wehalb Eugenie dem
Grafen einen flchtigen Gru sagte, in das Vestibl hinaus trat und dort
zwischen den Sulen verschwand.
    Es war gut, da sie ging, denn der entzckte und glckliche junge Mann war
nahe daran, vollkommen den Kopf zu verlieren und dem Ehrenfrulein Ihrer
Majestt hier bei offener Thre eine Liebeserklrung zu machen, wozu er auch in
der That den Zeitpunkt nicht htte schlechter whlen knnen. Denn kaum war
Eugenie verschwunden, so kam der Herzog, gefolgt von einigen Offizieren, lachend
und plaudernd daher.
    Aha! unser Ritter! sagte er. - Haben Sie Ihre Dame noch erreicht? -
Gewi, Sie haben, denn ich sehe das Siegespfand nicht mehr in Ihrer Hand!
    Der Adjutant war zu glcklich, um diese sonderbare Anrede in deren
hhnischem Ton das Verletzende lag, gebhrend zu erwidern. Auch war es ja ein
Prinz des Hauses, der sich einen gndigen Scherz mit ihm erlaubte, wehalb er
sich begngte, Seiner Durchlaucht mit einer hflichen Verbeugung zu antworten:
Ich hatte in der That das Vergngen, Frulein von S. das verlorene Tuch zu
bergeben.
    Diese Adjutanten Seiner Majestt sind doch in Wahrheit bevorzugte Leute,
mischte sich ein Dragoner-Offizier in das Gesprch, augenscheinlich in der
Absicht, um dem Herrn Herzog Stoff zur Fortsetzung eines so pikanten Gesprchs
zu geben.
    Wogegen Graf Fohrbach trotz seiner guten Stimmung durchaus nicht geneigt
schien, einem Anderen auch nur die leiseste Idee eines Scherzes ber sich zu
erlauben, denn er sagte ziemlich ernst und mit festem Blick: Drfte ich wohl um
eine kleine Erluterung Ihrer nicht ganz klaren Aeuerung bitten, Herr von
Werthen?
    Nun das liegt doch auf der Hand, nahm der Herzog das Wort. Werthen meint,
es sei doch eine recht angenehme Beschftigung fr einen Adjutanten Seiner
Majestt, den Ehrenfruleins die Schnupftcher nachzutragen.
    Meint Herr von Werthen das wirklich? fragte der Graf mit einer seltsam
klingenden Stimme.
    Nein, nein, nicht so ganz! antwortete der Dragoner-Offizier mit einem
verlegenen Lachen. Seine Durchlaucht haben den Sinn meiner Worte nicht
vollkommen richtig ausgelegt.
    Ja, sehen Sie, Herr von Werthen, sagte der Adjutant nun ebenfalls lachend,
wobei jedoch seine Mundwinkel leicht zuckten, das kann Einem schon widerfahren,
wenn man sich unberufen in anderer Leute Gesprch mischt. - Wrden Sie dann
jetzt wohl selbst die Freundlichkeit haben, mir den Sinn Ihrer Worte zu
erklren?
    Ah! lassen Sie es gut sein, Werthen! rief der Herzog. Das sieht ja aus
wie eine kleine Neckerei. Auch drfen wir die Zeit des Herrn Grafen nicht so
sehr in Anspruch nehmen: der Herr Graf sind ja im Dienst. Sie sehen - Schrpe
und Cartouche.
    Euer Durchlaucht verzeihen, erwiderte ruhig der Graf, whrend er sich hoch
aufrichtete und jedem Einzelnen, den Herzog nicht ausgenommen, fest in die Augen
blickte, mein Dienst ist nach der Tafel zu Ende und ich habe die vollkommenste
Zeit fr jeden dieser Herren. - Die letzten Worte sprach er mit scharfer
Betonung. Dann fuhr er mit einer geflligen Handbewegung fort: Ich bitte also,
Herr von Werthen!
    Nun ja, bester Graf Fohrbach, entgegnete dieser, indem er sich,
einigermaer in Verwirrung gebracht, hin und her wandte und drehte; ich wollte
in der That nur so viel sagen, als es sei doch recht angenehm, - und es sei
wirklich ein bevorzugter Dienst, der Einem zugleich gestatte, einer so
hochverehrten jungen Dame, wie Frulein Eugenie von S. ist, das Schnupftuch
aufheben zu drfen.
    Ah so! erwiderte nach einem tiefen Athemzuge lchelnd der Adjutant, dem
der hhnische Blick des Herzogs, mit welchem ihn dieser fortwhrend beschaute,
das Blut gewaltsam nach dem Kopfe trieb, ohne ihn jedoch glcklicher Weise
vergessen zu lassen, wen er vor sich habe und wo er sich befinde. - Ah so! also
Sie betrachten das Schnupftuchaufheben nur als eine angenehme Nebenzugabe? Das
kann ich mir schon gefallen lassen. Und da das mit dem Dienst eigentlich nichts
zu thun hat; - sonst wre es ja sehr leicht, Adjutant Seiner Majestt zu werden,
denn Schnupftcher aufheben knnen Viele, Herr von Werthen. Aber in die Umgebung
Seiner Majestt werden nur Wenige gezogen. - Nein, nein! setzte er lachend
hinzu, indem er die Hand des einigermaen erstaunten Offiziers ergriff und sie
freundlich schttelte, ich hatte Sie miverstanden, Herr von Werthen. Stellen
Sie sich aber in meine Lage, oder nehmen Sie an, man sagte zu Ihnen: ein
Schnupftuch grazis aufheben zu knnen sei genug, um zum Beispiel in das
Gardedragoner-Regiment eintreten zu knnen; das wrden Sie ja auch bel nehmen,
mein lieber Herr von Werthen, da Sie doch fest berzeugt sind, da auch noch
andere Sachen dazu gehren, um Adjutant Seiner Majestt oder um Offizier in
einem Gardedragoner-Regiment zu werden.
    Wir wollen gerade nicht behaupten, da diese Aeuerung des Grafen vor den
Umstehenden, namentlich vor dem Herzoge, sehr klug gewesen sei, und sie war
vielleicht nur insofern verzeihlich, als er in Letzterem einen, wenn auch nicht
gefhrlichen, doch zudringlichen und kecken Nebenbuhler sah.
    Seine Durchlaucht bi sich denn auch heftig auf die Lippen und erblate
etwas Weniges, fate sich aber im nchsten Moment wieder, und versuchte ein
Lcheln, welches man aber als sehr milungen betrachten konnte. Besser gelang
ihm eine ziemlich hochmthige Verbeugung, als er im Weggehen sagte: Nun sind
Sie also Wohl ebenso zufrieden gestellt, Werthen, wie der Herr Graf Fohrbach? -
Wenn dem so ist, so knnen wir fr heute diese Unterredung abbrechen; ein
andermal vielleicht findet sich eine bessere Gelegenheit, dieselbe
fortzusetzen.
    Damit eilte er hinweg und seine Begleitung folgte ihm.
    Der Adjutant blickte ihnen eine Weile nach, dann nahm er seinen Sbel unter
den Arm und ging durch die noch immer glnzend erleuchteten Zimmer zurck nach
dem Speisesaal, whrend er vor sich hin murmelte: Es thut auf die Lnge der
Zeit nicht gut, da man diesem hohen Herrn in einigermaen abhngiger Stellung
wie ich heute hier im Schlosse zu begegnen gezwungen ist. Wre er mir so an
drittem Orte gekommen, ich htte ihm einige passende Worte weiter gesagt, und
bin berzeugt, Seine Majestt htte mir das gar nicht bel genommen. - Doch
denken wir nicht mehr daran! Mein Wagen wird unten auf mich warten; fr heute
gute Nacht, Herrendienst! Wenn ich dann in der Ecke meines Coup's sitze, so bin
ich wieder, Gott sei Dank! ein freier Mann. - Und dann wird Eugenie heute Abend
hoffentlich das Gesprch mit mir fortsetzen, um auf meine Fragen von vorhin zu
antworten. - Die Majorin ist eine kluge Frau, wer wei, im Laufe dieses Abends
werde ich vielleicht noch unsglich glcklich werden.
    So dachte der dienstthuende Adjutant Seiner Majestt und schritt mit
wahrhaft seligen Gefhlen im Herzen durch den Speisesaal, wo die Lakaien
eifrigst beschftigt waren, das Tafelgerthe hinweg zu rumen.
    Die Lampen an den groen Lustres waren schon ausgelscht, und nur auf einem
Nebentische, der mit Kristall und Silber bedeckt war, brannten noch die Kerzen
in einigen Armleuchtern; die Thren standen offen und die flackernden Lichter
strahlten auf dem glnzenden Metall, und dem feingeschliffenen Service in einer
Menge buntfarbiger Blitze und feuriger Punkte wieder.
    Als der Graf vorber ging, hustete einer der Lakaien bedeutungsvoll und
sagte zu dem Tafeldecker: Dort kommt Seine Erlaucht.
    Worauf dieser sich umwandte, dem Adjutanten ehrerbietigst sich nherte und
ihm leise zuflsterte: Seine Excellenz, der Herr Hofmarschall, haben schon
einige Mal nach Euer Erlaucht gefragt und werden im Augenblick wieder hieher
zurckkommen.
    Was gibt's denn? fragte Graf Fohrbach rgerlich. Was will man von mir? Es
ist doch heute Abend hier nichts mehr zu thun, denn Seine Majestt sind
wahrscheinlich in's Theater.
    So ist es, entgegnete hndereibend der Tafeldecker.
    Nun denn?
    Ihre Majestt und die Frau Herzogin befahlen eine Whistpartie.
    Dabei habe ich doch nichts zu thun? fragte er so erschrocken, da der
gewandte Hofbediente unwillkrlich lcheln mute, und entgegnete:
    Ich glaube nicht, Euer Erlaucht, denn Seine Excellenz, der Herr
Hofmarschall, sowie der Herr Herzog werden von der Partie sein. - Doch da kommt
seine Excellenz.
    Wirklich erschien auch der Hofmarschall in diesem Augenblicke unter der
Thre des Speisesaals, blickte mit vorgehaltener Hand in diesen hinein, und als
er den Offizier entdeckte, rief er vergngt aus: Ah! da sind Sie ja! Ich habe
Sie lange gesucht. - Bei diesen Worten nahm er ihn unter den Arm und zog ihn
mit sich fort in den Korridor.
    Dem Grafen, der den Hof genau kannte, ahnte nichts Gutes, denn er wute
wohl, da Seine Excellenz nicht so ohne weitere Ursache nach ihm fragen wrde. -
Vielleicht ein Auftrag Seiner Majestt, dachte er sich selbst beruhigend, denn
eine andere Idee, die ihn durchfuhr, wre doch gar zu schrecklich gewesen.
    Die beiden Herren machten einige Schritte in dem halbdunklen Gange, ehe die
Excellenz etwas sprach, und ehe der junge Mann den Muth hatte, eine Frage zu
stellen.
    Es ist mir in der That lieb, da ich Sie gefunden habe, sagte endlich der
Hofmarschall sehr wichtig. Sie wissen, ich protegire Sie, wo ich kann, und habe
das auch heute Abend gethan. Sie sind im Glcke, Graf Fohrbach; ich versichere
Sie, Sie sind im Glck.
    Da ich noch nicht wte, Excellenz! entgegnete der Andere mit beklommener
Stimme. Und ich wre wahrhaftig begierig, das zu erfahren.
    Sogleich - sogleich! - Ihre Majestt haben eine Partie Whist befohlen -
    Das wei ich, unterbrach ihn hastig der Adjutant. - Die Frau Herzogin,
Sie und der Herzog.
    So war es bestimmt, versetzte lchelnd die Excellenz. Doch hat sich der
Herzog bei seiner Mutter entschuldigt.
    Groer Gott! dachte der Graf.
    Nun htte man allerdings den Obersthofmeister Ihrer Majestt zur Partie
nehmen mssen, - aber sehen Sie, Graf Fohrbach, wie sehr ich Ihr Freund bin: ich
habe Sie vorgeschlagen.
    Mich? rief der unglckliche junge Mann mit fast tonloser Stimme.
    Sie, wiederholte die Excellenz, indem sie stehen blieb und den Adjutanten
vertraulich mit dem Finger auf die Brust stie. Sie, junger Mann! Lernen Sie
mich schtzen.
    Als meinen grten Feind, dachte der Andere, als meinen Verderber! -
Gerechter Himmel! womit habe ich diese schreckliche Gnade verdient?
    Jetzt kommen Sie aber, fuhr der Hofmarschall eilig fort. Es ist das keine
Kleinigkeit, mein lieber Freund, zum intimen Spiel Ihrer Majestt gezogen zu
werden. Ich bitte, das morgen Frh dem Papa zu sagen. Wissen Sie: manus manum
lavat, sagt der Lateiner, und mein leichtsinniger Sprling macht gerade sein
Offizier-Examen.
    Da er durchfiele! sprach der Adjutant grimmig zu sich selber, indem er
die Zhne fest bereinanderbi. Da er durchfiele, zehntausend Klaster tief in
den Erdboden hinein, und die ganze Whistpartie ihm nach! - Gott verzeih mir
diesen schrecklichen Gedanken, aber das ist zu frchterlich! - Und wie lange
wird die Partie dauern? fragte er nach einer lngeren Pause ngstlich den
Hofmarschall.
    Dieser nahm den Hut fest unter den Arm und erwiderte: Was wei ich?
Vielleicht bis Zehn, halb Elf, und dann haben wir ein ganz kleines, kleines
Souper; es wre auch mglich, da Seine Majestt noch auf einen Augenblick
kommt. - Nun, freuen Sie sich doch!
    O ich freue mich ber alle Maen! rief der tiefbetrbte Adjutant, dem
allerlei schreckliche Gedanken im Kopfe umher liefen. - Und wo ist denn der
Herzog? fragte er ngstlich nach einer Pause.
    Wo wird der sein! entgegnete die Excellenz, wichtige Geschfte, irgend
eine verliebte Zusammenkunft oder so was. Der denkt ja an nichts Anderes; macht
vielleicht irgendwo eine Partie quarr. - Nun, unter uns gesagt, wre mir das an
seiner Stelle auch lieber, als mit Mama und Tante eine Partie Whist zu spielen.
- Verstehen Sie: fr ihn; aber fr uns ist das etwas ganz Anderes. Wissen Sie,
Graf, morgen wird Sie der ganze Hof beneiden. - Aber hier ist das
Adjutantenzimmer; legen Sie Ihre Schrpe und Geschichten hinein und kommen
gleich hinauf. - Keinen Dank weiter: ich habe das gern fr Sie gethan.
    O ich danke Ihnen herzlich! seufzte der junge Mann, indem er die Hand des
Andern ergriff und sie krampfhaft schttelte. Sie verschaffen mir einen
wunderbar genureichen Abend. - Hol' Sie der Teufel!
    Das Letztere dachte er blos, oder wnschte vielmehr, da dies schon vor
einer halben Stunde geschehen wre.
    In dem Adjutantenzimmer brannte ein einsames Licht, das in den Ecken des
weitlufigen Gemachs tiefe Schatten liegen lie. Der Graf schritt ingrimmig auf
und ab, wie ein gefangener Lwe in seinem Kfig; und gerade so war es ihm auch
zu Muthe. - Freiheit! Freiheit! seufzte er. Bin ich nicht gerade so, als
htten sie mir eine Kette an den Fu geschlossen oder ein Gitter vor mir
herabgelassen, und zeigten mir prchtige, entzckende Gegenden, die ich nicht zu
erreichen vermag, weil ich hier eingesperrt bin wie ein wildes Thier oder wie
ein elender Sklave! - Ja, Sklaverei ist das rechte Wort; und wenn die Ketten
auch von Gold oder Silber sind, Ketten sind und bleiben sie doch einmal. - Und
Sklaverei und Ketten in der schlimmsten Art! Darf ich denn wohl daran rtteln? -
Darf ich wohl den Versuch machen, sie zu brechen? - Darf ich auch nur eine
betrbte Miene zeigen, da ich diese Fesseln wirklich fr Fesseln halte? - Nein!
nein! nein! und zehntausendmal nein! Ich mu ja lcheln unter diesem Hieb, den
mir das harte Schicksal versetzt. - Ja, das ist ein grimmiger Hieb, und in
meiner Lage habe ich wohl das Recht, vom harten Schicksal zu sprechen: dort ein
geliebtes Mdchen, die - o Gott! ich mag nicht daran denken! - mit ihren schnen
Augen vielleicht oftmals nach der Thre blickt, durch welche ich nicht herein
treten werde, dabei ein angefangenes, so ses Gesprch im Herzen, das ich heute
nicht fortsetzen kann. - Und die Frage, ob sie wirklich nach mir gesehen, ob sie
mich gegrt! Heute htte ich um eine Antwort in sie dringen knnen. - Ach! und
es ist so s, von der Geliebten eine Antwort zu erstehen, ihr eine Bejahung zu
erschmeicheln. - Wenn ich aber morgen oder in einigen Tagen davon wieder
anfangen will, so kann ich mich lcherlich machen. - Das Alles steht fr mich
auf dem Spiel. - Ah! und noch viel mehr! - Vielleicht das ganze Glck meines
Lebens, denn wer wei, ob ich sobald wieder eine hnliche gnstige Gelegenheit
finde, mich gegen sie aussprechen zu knnen. - Verdammt! - Nein, sage noch
Jemand, irgend ein Mensch auf dieser Erde habe seinen freien Willen! Das ist
eine Lge, kein Mensch ist frei! Der Wille von Niemanden reicht ber die nchste
Minute hinaus, Jeder hat die Kette am Fu, er fhlt sie nur zuweilen weniger,
wenn nmlich das Schicksal nicht gerade Lust hat, dieselbe schrfer anzuziehen.
-
    Unter diesen anmuthigen Betrachtungen war der Graf an das uns bekannte
Fenster getreten, sttzte sich mit der Hand auf die Stuhllehne und starrte in
den kleinen Hof hinaus. Dieser war jetzt bei Nacht wo mglich noch trostloser
als bei Tage; ein paar einsame Gaslaternen in den Ecken warfen einen zitternden
und ungewissen Schein in einem kleinen Kreise um sich her, einen Schein, der
sich ordentlich vor der Dunkelheit zu frchten schien, denn dort drauen, wo er
mit ihr in Berhrung kam, zuckte er jeden Augenblick zaghaft zusammen, und wenn
er sich auch zuweilen etwas weiter ausdehnte, so flog er doch gleich darauf
wieder erschrocken zurck und rumte der finsteren Nacht das Feld. - Und diese
finstere Nacht hatte sich so behaglich in dem Hofe niedergelassen: die hohen
Mauern der angrenzenden Gebude lagen fast ganz finster da; nur hie und da sah
man ein schwach beleuchtetes Fenster, oder es schimmerte ein Lichtstrahl durch
die Ritze irgend eines Ladens.
    Und ihre Fenster! dachte traurig der junge Mann, indem er die Scheibe
neben dem Tisch, an welchem er stand, ffnete und sich hinaus lehnte, um sie zu
betrachten. Man sah gar nichts von ihnen: Alles war eine einzige schwarzgraue
Flche; - Alles, Alles war verschwunden, was er heute Nachmittag so liebend
angeblickt; verschwunden die Blumen dort oben, verschwunden auch die goldene
Fahne auf dem Dach mit ihrem kleinen Sonnenstrahl, der ihm entgegen geglnzt wie
eine se Hoffnung. - Und der Herzog! dachte er pltzlich und richtete sich
hoch auf; was mag er vorhaben, da er sich bei dem Spiel seiner Mutter
entschuldigt? - Auf jeden Fall etwas Wichtiges, sonst htte er es nicht gethan.
- Bah! wer wei, wo er herumschwrmt! - Nein, nein, sprach er ngstlich nach
einer Pause zu sich selbst, das ist nicht mglich; das wre ja schrecklich! -
Aber er sagte Eugenie einige leise Worte, er fragte sie etwas - sie antwortete
ihm, und dann sah er wie verklrt aus. - Ah, Teufel! - wenn da etwas dahinter
steckte! Wenn sie absichtlich mit mir so freundlich gewesen wre, um allen
Verdacht zu entfernen! - Wenn man ein abgekartetes Spiel mit mir getrieben! -
Wenn der Herzog statt meiner hinginge! - Aber nein, nein! der Major wird und
kann so etwas nicht dulden. - Dulden! wiederholte er darauf grimmig lachend;
dulde ich nicht auch? - Und ist er nicht eben so gut Sklave seiner Verhltnisse
wie ich? - Ich werde hier zum Spiel kommandirt, ihm wird dort befohlen, den
Herzog freundlich zu empfangen. - Wenn ich alles das wirklich glauben knnte,
sagte er nach einer Weile mit ruhigerem Tone, so stnde ich wahrhaftig nicht
fr einige Unannehmlichkeiten, die mir heute Abend bei der allerhchsten
Whistpartei geschehen drften. - Dehalb nein, nein! - nein! - aller Welt zum
Trotz!
    Da hrte er die Stimme eines Lakaien, der unten im Hofe laut und deutlich
rief: Der Wagen des Herrn Herzogs! - Darauf rollte eine Equipage mit dumpfem
Tone unter das gewlbte Thor, der Schlag wurde geffnet, der Tritt fiel herab;
es mute Jemand eingestiegen sein, - jetzt dasselbe Gerusch beim Schlieen des
Wagens. Worauf die Stimme von vorhin abermals rief: Nach dem Hause des Herrn
Major v. S. -
    Im gleichen Augenblicke ffnete einer der Kammerdiener die Thre zum
Adjutantenzimmer und sagte mit leisem angenehmem Flstern: Euer Erlaucht werden
verzeihen - es schlagt soeben acht Uhr; die allerhchsten Herrschaften begeben
sich in's Spielzimmer.

                         Siebenundfnfzigstes Kapitel.



                          Die Spielmarken des Herzogs.

Man spielte in den Apartements der Frau Herzogin. Das waren zierliche, elegant
eingerichtete Gemcher, nicht von den bergroen Dimensionen derer Ihrer
Majestt, und dehalb fr eine kleine Gesellschaft angenehmer und behaglicher.
    Die Frau Herzogin liebte den Komfort und eine freundliche Umgebung. Dehalb
hatte sie aus ihren Zimmern die unvermeidlichen steifen Sopha's mit den dazu
gehrigen zwlf Sesseln, ein gewhnliches Ameublement der Schlsser, das an
einer furchtbaren Familienhnlichkeit leidet, sowie die zopfigen Vasen, die
allzu derben Tabourets und die Tische von Holz, Messing und Marmor entfernen
lassen und dagegen ihre Einrichtung mehr dem heutigen Geschmacke angepat.
    Der junge Herzog hatte viel dazu beigetragen, denn er liebte die dicken
Teppiche, welche den Schritt so unhrbar machen, sowie die weichen Fauteuils und
die tiefen Fensternischen mit Blumenpartien, Sitzgelegenheiten mit den dies
Alles verdeckenden Vorhngen.
    Dieses Apartement der Frau Herzogin, worin sie ihre kleinen Gesellschaften
empfing, bestand aus drei Gemchern, das Vorzimmer natrlicherweise nicht mit
eingerechnet.
    Im ersten, mit grauseidener Tapete sowie Fenstervorhngen und Portiren von
Rosa mit Wei, wurde geplaudert; man konnte nicht leicht in der ganzen Welt
heimlichere, lauschigere Winkel finden als hier. Da war Alles benutzt: die Ecken
und Winkel des Zimmers, die Fensternischen, groe Epheuwnde, um es der
Gesellschaft mglich zu machen, sich in kleinen Partien zu zersplittern und frei
von allen lstigen Fesseln zu Drei oder auch zu Zwei ein animirtes Gesprch
fhren zu knnen. Ueber diesen Gruppen von leise Plaudernden hing ein
Kronleuchter, dessen Lampen durch kunstreiche Porzellanschirme bedeckt und das
Licht so gedmpft wurde, da, wenn man von einem vollkommen hellen Gemach hier
herein trat, einem die Beleuchtung nicht anders erschien, wie das sanfte Licht
des Vollmondes. Die Frau Herzogin litt zuweilen an den Augen, und dann liebte
sie es, sich hier in dieses Halbdunkel zurckziehen zu knnen.
    Das zweite Zimmer, in welchem gespielt wurde, war dagegen glnzend und
strahlend. Seine Wnde, mit gelber Seide bedeckt, warfen jeden Lichtstrahl hell
zurck, die Vorhnge waren blau, und das Ameublement sehr einfach; das heit, es
bestand aus zwei Spieltischen, an denen je vier Sessel standen, einige Fauteuils
daneben fr die Zuschauer, und zwei Eckdivans, vor welchen sich runde Tische
befanden.
    Das dritte Zimmer endlich, das letzte der ganzen Reihe, welches heute Abend
geffnet war, hatte grne Wnde, dunkelbraune Vorhnge, und hier befanden sich
groe, reich incrustirte Tische, auf welchen die prachtvollsten Albums lagen. An
einer Wand war eine riesenhafte Etagre von geschnitztem Palissanderholz in der
angenehmen dunklen Farbe, fast ganz gleich mit der der Sammetvorhnge, welche
man davor hinziehen konnte. Auf dieser Etagre lagen in den kostbarsten
Einbnden die seltensten illustrirten Werke fast aller Nationen - die Bibliothek
der Frau Herzogin.
    So sah dieses kleine Apartement aus, und wenn es, wie heute Abend, durch den
hellen Schein der Kerzen und Lampen freundlich beleuchtet war, so angenehm und
sanft durchwrmt, so durchduftet von Blumen und anderen Wohlgerchen, wenn der
Fu des Eingetretenen so weich auf die dicken Teppiche trat, ja fast hinein
sank, so mute dieser sich gestehen, es sei das eine hchst behagliche, ja
entzckende Wohnung; namentlich aber, wenn er dann zufllig an ein Fenster trat
und den Vorhang aufhob, um in die dunkle Nacht hinaus zu blicken, in die
Straen, durch welche ein eisiger Wind fegte.
    Es hatte eben acht Uhr geschlagen, als Graf Fohrbach, nachdem er drunten auf
die Ermahnung des Kammerdieners hastig seine Schrpe abgeworfen, die Treppe
hinauf eilte und in das graue Vorzimmer trat. Es waren, wie der Hofmarschall
gesagt hatte, nur wenige Personen da: der Obersthofmeister, die
Obersthofmeisterin, ein paar ltere Kammerherren, zwei Damen vom Dienst und
einige pensionirte Excellenzen, deren Leidenschaft es war, dem Spiel Ihrer
Majestt zuzuschauen und leise dafr oder dagegen zu wetten.
    Der dienstthuende Adjutant kam in der That schon etwas spt, denn Ihre
Majestt war bereits eingetreten und die Frau Herzogin hatte bereits die
Anwesenden begrt und sich darauf zu ihrer Schwester in's Spielzimmer
zurckgezogen, wohin sich denn auch Graf Fohrbach auf einen bedeutungsvollen
Blick des Hofmarschalls augenblicklich begab, um mit einer sehr tiefen
Verbeugung gehorsamst einen guten Abend zu sagen und um Entschuldigung zu
bitten, da er so spt komme.
    Die Frau Herzogin geruhten aber gndigst zu bemerken, der Graf habe heute
den Dienst gehabt, und es habe ihn nur dieser einige wenige Augenblicke
zurckgehalten. - Denn, fgte sie lchelnd bei, Sie sind ja sonst ein wahres
Muster von Pnktlichkeit.
    Ihre Majestt begaben sich hierauf an den Spieltisch und bezeichneten den
Hofmarschall als ihren Partner.
    Graf Fohrbach spielte also mit der Frau Herzogin.
    In dem Augenblicke, wo er sich auf seinen Stuhl niederlassen wollte, glitt
der Kammerdiener Ihrer Hoheit wie ein Aal an seine Seite, that, als rcke er
etwas an dem silbernen Leuchter des Spieltisches zurecht, und flsterte mit
einer tiefen Verbeugung und ganz ergebenst die Frage: Seine Durchlaucht, der
Herr Herzog, werden nicht spielen?
    Die Herzogin hatte aber diese Frage ebenfalls vernommen und versetzte, indem
sie die Karten in die Hand nahm: Mein Sohn wird wahrscheinlich erst zum Souper
kommen; ich verga, Ihnen das zu sagen.
    Der Kammerdiener antwortete mit einer tiefen Verbeugung, wodurch er sich zu
bedanken schien, da er aus dem Munde der hohen Gebieterin selbst eine Auskunft
erhalten. Dann aber schnellte er frmlich in die Hhe, hob seine lange bleiche
Nase einige Zoll ber das ihr gebhrende Niveau, nahm eine sehr wichtige Miene
an und spitzte zierlich seinen Mund.
    Graf Fohrbach hatte sich unterdessen niedergelassen und war eben
beschftigt, die Spielmarken an seiner Seite auf einander zu schichten, als er
mit Verwunderung die dnne weie Hand des Kammerdieners bemerkte, der sich mit
einem sen Lcheln bemhte, eben diese Marken an sich zu nehmen. Er sah ihn
fragend an, worauf derselbe mit ganz leiser Stimme entgegnete: Es sind die
Marken Seiner Durchlaucht; ich legte sie dahin, weil ich geglaubt, der Herr
Herzog wrden selbst spielen.
    So lassen Sie sie auch jetzt ruhig liegen, sagte lachend die Herzogin.
Ich wei wohl, mein Sohn gibt sie jedesmal nach dem Spiele in Ihre Hand, aber
ich denke, sie werden hier ganz gut aufgehoben sein.
    Die dnnen Finger zuckten zurck, die Gestalt des Kammerdieners krmmte sich
und er schlich rckwrts auf dem Teppich zurck und in das Nebenzimmer. Seine
blassen Wangen aber hatten sich sanft gerthet, und sein Auge, scharf und
glnzend wie das eines Falken, blickte gierig nach den goldenen Marken.
    Ist etwas Besonderes an ihnen, fragte Ihre Majestt, da der Herzog sie
sorgfltig aufbewahren lt?
    Es ist wahrscheinlich ein Cadeau, entgegnete achselzuckend die Herzogin;
sie sind allerdings von einer netten Arbeit; das Ganze aber ist wohl nichts
mehr und nichts weniger als eine von Alfreds Eigenheiten.
    Lassen Sie doch sehen.
    Der Graf erhob sich schnell und brachte die vier Marken an die Seite Ihrer
Majestt, welche sie in die Hand nahm und betrachtete. Sie scheinen hohl zu
sein, sagte sie; wahrscheinlich kann man sie ffnen; ich kenne dergleichen
Spielereien. - Erinnerst du dich, Hedwig, Papa's Obersthofmeister hatte
ebenfalls dergleichen Marken, er schrieb dann kleine Zettelchen, die er hinein
steckte und den Damen zuschob. - Ein alter, wunderlicher Herr. Ich sah das
hufig, that aber nicht, als ob ich es bemerkte. Die Marken waren gerade gemacht
wie diese, alle vier schraubten sich auf, aber nur eine hatte einen doppelten
Boden. Wenn man aber oben auf die Emaille drckte, welche die Kartenfarbe
darstellt, so sprang eine andere Cuivette auf und darunter verbarg er seine
kleinen Angelegenheiten.
    Das hier gehrt vielleicht dem gleichen Zwecke an, meinte die Herzogin.
Gott! wer kann sich um dergleichen bekmmern! - Ist dir's gefllig, das Spiel
anzufangen?
    Ihre Majestt nickten mit dem Kopfe.
    Coeur ist  tout, sagte ganz ergebenst der Hofmarschall.
    Geneigter Leser, du wirst gewi schon sehr hufig in deinem Leben Whist
gespielt haben. Es ist das an sich ein harmloses Spiel, auerordentlich leicht
und angenehm, wenn man es mit sehr gutmthigen Leuten spielt, die es gerade so
machen, wie du, das heit, ihre dreizehn Karten eine nach der andern auf den
Tisch werfen, die froh sind, wenn sie einen Trique machen, denen es auch nicht
darauf ankommt, da du soeben ihren Piqueknig gestochen, whrend du doch den
Zweier, Dreier und Vierer von dieser schnen Farbe in der Hand behieltest, die
es am Ende auch nicht besonders bel nehmen, wenn zum Schlu vielleicht eine
Karte brig bleibt, oder wenn du quatre d'honneur ansagst, whrend sie doch
selbst A, Knig und Dame besaen.
    Nicht so angenehm ist dagegen dieses Spiel, wenn du es mit Leuten zu thun
hast, die sich einbilden, darin groe Meister zu sein, und die nicht sehr
duldsamer und liebenswrdiger Natur sind, die gerne aufbrausen und in allen
Dingen Recht haben wollen. Du kannst es machen, wie du es willst: du hast
bestndig gefehlt; befolgst du die Regeln des Spiels und es gefllt deinem
Partner nicht, so zuckt er heftig die Achseln, rckt unmuthig auf seinem Stuhle
hin und her, wirft dir einen zornigen Blick zu. Ist es eine Dame, so ergelbt sie
auch wohl ganz gelinde, und man sagt zu dir in gereiztem Tone: Lieber Gott! Man
mu doch zuweilen Ausnahmen zu machen verstehen! - Machst du nun das nchste
Mal eine Ausnahme, so httest du diesmal um Alles in der Welt bei der Regel
bleiben sollen. - Spielst du Coeur, so lacht man dir krampfhaft in das Gesicht,
denn Pique war ja die angezeigte Farbe; Pique htte ein Kind begreifen knnen;
um hier bei dieser Veranlassung nicht Pique zu spielen, mu man doch offenbar
der schlechteste Spieler sein, der je eine Karte in die Hand genommen. Spielst
du nun das nchste Mal bei der ganz gleichen Veranlassung ein unschuldiges
Piqueblttchen aus und hast zufllig die richtige Farbe getroffen, wehalb du
deinen Partner triumphirend anblickst, so erwidert derselbe doch diesen Blick
mit wahrhaftem Entsetzen. Er wiegt den Kopf hin und her, als wollte er sagen:
Bei dieser Ungeschicklichkeit kann man nichts thun, als sich in Geduld fassen.
Und fragst du endlich: War denn Pique diesesmal wieder nicht recht? so lchelt
man vielleicht mitleidig und entgegnet dir: Mein bester Herr, Pique an sich
wre schon nicht ganz unrecht gewesen, aber wie knnen Sie um Gotteswillen den
Zehner ausspielen, wenn Sie den Buben in der Hand haben? Das heit ja muthwillig
Alles auf's Spiel setzen! Ah! Das ist doch ein bischen zu stark!
    Wahrhaft peinlich ist es aber nun, Whist mit hohen Herrschaften zu spielen,
wo du auf alle Flle Unrecht hast, wo du keine Gegenrede wagen darfst, wo du
beim Unglck, durch schlechte Karten herbeigefhrt, dasselbe verschuldet, wo
dich dagegen beim Glcke dein Partner oder Partnerin durch ihr glnzendes Spiel
mit durchgerissen. Hier erhltst du natrlich selten oder nie einen lauten
Vorwurf, aber dafr trifft dich ein sonderbar fragender Blick; ein leichter
Husten ist dir auerordentlich verstndlich; ein kaum bemerkbares Achselzucken
oder ein gelinder Seufzer schmettert dich gnzlich zu Boden. - So ergeht es dem
vortrefflichen Spieler, der mit aller Anstrengung seiner Verstandeskrfte bei
der Sache ist und sich durch nichts zerstreuen lt.
    Welche Qualen dagegen ein Unglcklicher, ein Liebender, ein Eiferschtiger
am Spieltische der hchsten Herrschaften ausstehen mu, davon, geneigter Leser,
bist du vielleicht glcklicherweise nicht im Stande, dir einen Begriff zu
machen.
    Und der arme Graf Fohrbach befand sich in diesem Falle; doch machte er
bermenschliche Anstrengungen, sich vor den strengen Augen der Frau Herzogin
keine Ble zu geben, und das Glck, das ihm heute Abend in der Liebe manquirte,
war ihm denn auch, gem dem Sprichwort, im Spiele gnstig, und er bekam, wie
der Hofmarschall bei jedem Ausgeben seufzend versicherte, immense Karten. Die
Frau Herzogin lchelte holdselig und freundlich, denn Ihre Majestt und Seine
Excellenz waren gro Schlemm geworden und hatten einen sehr starken Rubber
eingebt.
    Und nicht allein die verlorene kleine liebenswrdige Soire bei dem Major v.
S. beschftigte die Phantasie des unglcklichen Grafen, nicht nur der Herzog,
der statt seiner dorthin gefahren, nein, auch die Marken Seiner Durchlaucht, die
vor ihm auf dem Tische lagen, fesselten Seine Aufmerksamkeit, und er mute sie
immer und immer wieder nachdenkend betrachten, als verbrgen sie ihm irgend ein
wichtiges Geheimni. - Warum wollte sie der Kammerdiener so schleunig
fortnehmen? - Sie waren hohl, wie Ihre Majestt meinten, und Ihre Majestt
hatten ferner einer Geschichte gedacht, wo irgend ein seliger Obersthofmeister
in hnlichen Marken den Damen Billete zuzustecken gewut.
    Wie gesagt, der Rubber war zu Ende und Ihre Majestt schienen nicht darauf
zu dringen, augenblicklich einen neuen zu beginnen, sie lehnten sich vielmehr in
ihren Stuhl zurck und sprachen leise mit der Frau Herzogin.
    Auf den Marken befanden sich, wie Ihre Majestt vorhin bemerkt, in Emaille
die vier Kartenfarben. Der Graf spielte mit Treff, nahm die Marke leicht in die
Hand, lie sie, wie ganz absichtslos, unter dem Tische verschwinden, und drehte
daran. - Ihre Majestt hatte Recht: die Marke ffnete sich und bot ein kleines
Gehuse dar, welches aber leer war und auch nichts Weiteres zeigte, als er auf
die Emaille drckte. Ganz geschickt wute er Treff, nachdem er wieder
zugeschraubt hatte, auf den Tisch zu bringen und nahm dafr Caro. - Auch Caro
war und blieb leer, ebenso Pique; - aber Coeur. - Scheu blickte er umher, um zu
sehen, ob Niemand auf ihn achte. Doch die Herrschaften sprachen noch immer leise
zusammen, und der Hofmarschall hatte die Rechnung ber den verlorenen Rubber in
der Hand und berlegte, wie viele Dukaten ihn das Spiel heute Abend kosten
wrde. - Richtig! - Coeur war nicht leer; bei einem Drucke auf die Emaille
sprang die Cuivette auf, und unter derselben lag ein kleines, zusammen
gefaltetes Papier. - War es Unrecht, dies an sich zu nehmen? - Es zu behalten -
gewi! - aber nicht, es nur zu lesen und dann wieder hinein zu legen. - Mit
diesen Gedanken beschwichtigte der junge Mann sein Gewissen. - Es das eine
Kriegslist, sprach er zu sich selber, ich recognoscire nur feindliches
Terrain; denn der Herzog ist in diesem Punkte mein Feind, und ich frchte, wir
werden einen erbitterten Krieg mit einander fhren. - Nein, nein! - Da gilt
keine Schonung. - Wer wei, ob er selbst mich nicht statt seiner hierher
gebracht hat!
    Unter diesen Gedanken hatte er auch schon die Marke geleert, sie wieder
zugeschraubt und auf den Tisch gestellt.
    Wie aber nun das Papier lesen? - Und das mute schnell geschehen, denn
sobald Ihre Majestt zufllig das Spiel aufhob, so hatte er nicht mehr Zeit, den
Zettel in die Marke zu stecken, und der schlaue Kammerdiener mute
augenblicklich den Verlust desselben entdecken.
    Glcklicherweise half ihm der Hofmarschall ber diese Klippe hinweg, indem
er ihm die Whistrechnung sowie den Bleistift darreichte und ihm sagte: Sehen
Sie doch 'mal nach, Graf Fohrbach, da mu irgendwo ein Fehler stecken, Plus und
Minus stimmt mir nicht berein.
    Lassen Sie sehen, versetzte der Graf entzckt, whrend er das Papier
ergriff, seinen Zettel, den er in der hohlen Hand verbarg, geschickt darauf
legte und statt sich um die Zahlen zu bekmmern, die Worte las:
    Bericht - wie gewhnlich um elf Uhr. Vierte Thre neben der blauen
Gallerie, - welche er sich fest in's Gedchtni einprgte.
    Nicht wahr, es ist ein Fehler darin? fragte die Excellenz. Sehen Sie,
hier plus zwanzig und dort minus fnfzehn.
    Lassen Sie mich rechnen, erwiderte der Adjutant, der jetzt erst das andere
Papier betrachtete. - Ach ja! hier steckt der Irrthum; die fnf Points minus
gehren dorthin. Sehen Sie, so gleicht sich die Rechnung vllig aus.
    Ja, Sie haben Recht, sagte die Excellenz, es macht freilich fnf Points
mehr Verlust fr mich, aber man mu auch in kleinen Dingen ehrlich sein.
    Es war ein Glck, da es dem Grafen so schnell gelungen war, das Papier ohne
Aufsehen zu lesen und ebenso in die Marke zurckzustecken, denn Ihre Majestt
schienen jetzt schon alle Lust am Spiele verloren zu haben, lieen Ihre Schulden
durch Ihren Kammerherrn berichtigen und erhoben sich darauf mit der Frau
Herzogin vom Tische.
    Der Hofmarschall und der Adjutant machten eine tiefe Verbeugung; Ersterer
ging in das Bibliothekzimmer, der Andere schritt langsam nach dem grauen
Kabinete, doch blieb er unter der Thre desselben hinter dem Vorhange einen
Augenblick stehen.
    Kaum waren die Herrschaften vom Spieltische aufgestanden, so erschien
alsbald der Kammerdiener und packte die vier Marken seines Herrn zusammen, warf
einen schnellen Blick auf jede einzelne, dann einen andern durch das Zimmer, um
sich zu berzeugen, ob Niemand die Hast bemerkt habe, mit welcher er die Marken
in Sicherheit gebracht.
    Doch hatte ihn der Graf wohl beobachtet, und nachdem dieser das Zimmer
verlassen und nothgedrungen mit einigen Herren und Damen, die ihm gerade in den
Weg traten, ein paar gleichgiltige Worte gewechselt hatte, zog er sich hinter
eine groe Epheuwand zurck und lie sich dort auf ein Sopha nieder.
    Vor allen Dingen mu ich mir klar machen, dachte er, fr wen der Zettel
bestimmt ist. - Ohne Zweifel fr den Herzog. - Aber warum alsdann diese
Heimlichkeiten mit den Marken? Htte ihm der Kammerdiener nicht ebenso gut
dieses Papier in die Hand geben knnen? - Halt! da gibt's was zu berlegen.
Dieser Zettel kam vielleicht whrend der Tafel und wurde an den bewuten Ort
gelegt, damit ihn Seine Durchlaucht ohne Aufsehen an sich nehmen knne. - Der
Herzog will es wahrscheinlich vermeiden, da man ihn geheimnivolle Worte mit
dem Kammerdiener seiner Mutter wechseln sieht. - Oder - nein, nein! - So mu es
sein! - Der Kammerdiener selbst ist nicht eingeweiht, wie man diese Marken
ffnet, er wei nur, da sie fr den Herzog kostbar sind, dehalb wollte er sie
zu sich nehmen. - Ein Anderer aber, ja ein Anderer, der nicht in diesen Kreis
kommt, kennt das Geheimni der Marke und legte den Zettel hinein, um Seine
Durchlaucht zu benachrichtigen. - - Bericht wie gewhnlich, murmelte er vor
sich hin, um elf Uhr. - Das ist sehr unbestimmt, wird aber um elf Uhr heute
Abend heien sollen, denn sonst htte jener Andere ja Zeit gehabt, dem Herzog zu
schreiben. - Die vierte Thre neben der blauen Gallerie. - Das klingt schon
begreiflicher: die blaue Gallerie kenne ich sehr genau, und die vierte Thre
wird nicht schwer zu finden sein. - Aber was an dieser vierten Thre thun? -
Soll der, welcher hinkommt, einen Bericht erhalten oder einen geben? - Das
Letztere wre fr mich sehr unangenehm. - Bah! wie kann ich da zweifeln? Man
kann einen Herzog nicht nur so zum Bericht auffordern. - - Nein, nein! man will
ihm irgend etwas Interessantes anvertrauen. - Und da das Ganze auf hundert
Meilen nach einer Liebesgeschichte riecht, und da Seine Durchlaucht der Herr
Herzog die auerordentliche Gnade haben, Seine leichtfertige Cour einer jungen
Dame zu machen, die ich unbeschreiblich und aufrichtig liebe, - da er ferner
heute Abend meinen Platz eingenommen, so werde ich mir auch wahrhaftig kein
Gewissen daraus machen, als Revanche ein wenig fr ihn zu gelten. - Ja, ich
werde hingehen, denn es ist mir gerade, als mte dort etwas verhandelt werden,
was fr mich am Ende noch von grerem Interesse ist als fr ihn.
    Damit war sein Enschlu gefat; er erhob sich beruhigt aus seiner Ecke und
mischte sich wieder unter die Gesellschaft.
    Die kleine Soire nahm brigens recht langweilig ihren Fortgang, wie es wohl
meistens bei einer hchsten Spielpartie der Fall ist, wo nicht gespielt wird.
Die Herrschaften hatten sich am Kamine niedergelassen und zogen nur hie und da
eine der alten Excellenzen in den Bereich ihrer Unterhaltung, wobei brigens
Ihre Majestt hufig auf die Uhr blickte und sich entweder nach dem Fortgehen
oder dem Souper zu sehnen schienen.
    Das Letztere kam nun gegen halb Elf, und brachte wieder einiges Leben in die
Gesellschaft. Die Damen und Herren in den Ecken des Zimmers hrten auf,
verstohlener Weise ghnen, die Fcher wurden nicht mehr unaufhrlich auf- und
zugeklappt, die Hte nicht mehr in den weien Handschuhen hin und her gedreht.
Es war, als fliege ein allgemeines Ah! durch das Zimmer, und nicht blos die
Bedienten rannten geschftig hin und her, um die gedeckten Tische im Spielzimmer
mit einer Menge Platten voll kalter Kche, mit Frchten und allerlei Weinen zu
bedecken, auch die Herren bewiesen sich liebenswrdig gegen die Damen. Die Hte
wurden in einem Winkel plazirt, die Damen setzten sich nieder, und lieen sich
mit dem, was gerade nach ihrem Geschmacke war, bedienen, worauf man dann bald
nichts mehr hrte, als das Klappern der Teller, Messer und Gabeln, oder das
leise Klingen eines Glases.
    Aber in der Art, wie die Leute ihr Souper einnahmen, lag eigentlich so gar
nichts Behagliches. Die Herren verzehrten ihr Bischen meistens stehend, die
Damen, indem sie abwechselnd einen Blick auf den Teller und dann wieder einen
auf die allerhchsten Herrschaften warfen. Es war keine Ruhe bei diesem Essen:
man konnte sich doch nicht am Ende der Gefahr aussetzen, einen gndigen Wink
oder ein freundliches Lcheln zu bersehen; dehalb die ewige Aufmerksamkeit auf
den allerhchsten Teller und den allerhchsten Mund, und erst als man sicher
war, da Letzterer gerade selbst beschftigt war, zwang man heftig und
unnachsichtlich schluckend irgend einen tchtigen Bissen hinab, um gleich darauf
wieder kampfgerstet zu sein.
    Den Herren erging es zuweilen noch schlimmer, und eine unzeitige Frage Ihrer
Majestt konnte im Stande sein, sie in die furchtbarste Verlegenheit zu setzen.
- Antworte einmal Einer korrekt und deutlich, wenn er vom Viertel eines ziemlich
groen Kapauns im Munde hat; das schluckt sich nicht nur so augenblicklich
hinunter. - Aber auf eine Antwort warten lassen! - Lieber riskirt man im
Verschlingen das Unmgliche.
    Der geneigte Leser wird hieraus ersehen, da das Essen und Trinken bei Hofe
auch seine groen Unannehmlichkeiten hat und da die Herren und Damen desselben
darum gerade nicht zu beneiden sind. Man kann von ihnen in Wahrheit sagen, sie
essen meistens ihr Brod im Schweie ihres Angesichts; und es ist das oftmals ein
hartes Brod, nicht gewrzt durch wahre Freude. Die Meisten von denen, welche der
Spielpartie heute Abend anwohnen muten - wir sagen nicht ohne Absicht muten -
gingen fast mit den gleichen Gefhlen hin, wie der arme Graf Fohrbach. Sie
schleppten am Fu ihre unsichtbare Kette und fhlten sich wohl unglcklicher,
wenigstens gelangweilter, als Tausende von anderen Menschen, die im mig
erwrmten Zimmer um eine Schssel Kartoffeln sitzen, ein Stck Brod in der Hand
und einen freien Willen im Herzen. - Hier betritt man den glnzenden und reich
erleuchteten Salon, nachdem man vor der Thre sich vielleicht heftig auf die
Lippen gebissen und einen letzten tiefen Seufzer gethan, da man an andere
Freuden gedacht, die heute Abend zu genieen wren. Darauf legt sich das Gesicht
in freundliche Falten, das Auge glnzt schalkhaft und liebenswrdig, und diese
Maske mu den ganzen Abend festgehalten werden, obgleich manche dieser scheinbar
so glcklichen Damen sich lieber mit gerungenen Hnden in eine Ecke setzen
wrde, um heie, bittere Thrnen zu weinen. Ja, der Ausdruck der Freude und des
Glckes mu beibehalten werden, bis Ihre Majestt zweimal leicht den Mund
verzieht und dann bemerkt: Es ist sogleich elf Uhr, bis ihr eines der
Ehrenfruleins den weien Burnus umhngt, bis sie die Frau Herzogin auf die
Stirn gekt hat und mit einem adieu ma chre! Abschied genommen. - Dann folgt
noch ein tiefer Knix rings umher, ein zweiter, wenn sich endlich auch die Frau
Herzogin zurckzieht; die Thren zu den Vorzimmern werden geffnet, die
Bedienten reichen Mntel und Shawls, die Herren sagen flchtig eine gute Nacht,
die Damen suchen ihre Wagen oder eilen durch die nun sehr den und halb dunkeln
Gnge des Schlosses nach ihren Zimmern, - und dann erst fllt die Maske, dann
erst trbt sich der bis jetzt so heitere Blick, und Manche denkt an einen
verlorenen Abend, Manche pret die Hand auf das Herz und schaudert leicht
zusammen, wenn sie an so viele dergleichen Abende denkt, die schon hinter ihr
liegen, und an unzhlige, die wahrscheinlicherweise noch auf sie warten. - Und
so ist das auch eine Art Sklavenleben, geliebter und sehr geneigter Leser.
    In der beschriebenen Art ging auch die heutige Soire zu Ende, und wenige
Augenblicke, nachdem sich die Herrschaften zurckgezogen, war das kleine schne
Apartement gnzlich verlassen.
    Was nun den Herrn Herzog anbelangte, so hatte er sich auch nicht beim Souper
sehen lassen, wodurch sich der Graf veranlat sah, mehrere tiefe Seufzer zu
unterdrcken, zuweilen die rechte Hand krampfhaft zu ballen und auf seinem
einmal gefaten Entschlsse, den Bericht selbst anzuhren, fest zu beharren.
    Nachdem er den Herren und Damen, die an ihm vorber geeilt, eine gute Nacht
gewnscht, lie er sich von seinem Jger, der im Vorzimmer auf ihn wartete, den
Mantel umhngen.
    Du hast den Herrn Erichsen getroffen? fragte er ihn.
    Worauf Franz erwiderte: Ich habe den Brief Euer Erlaucht in seine Hnde
gegeben.
    Er las ihn durch?
    Herr Erichsen las ihn durch, lchelte und sagte: ich will es bestens
besorgen.
    Schn; ich danke. Du kannst mit dem Wagen nach Hause zurckkehren, ich
brauche ihn nicht und komme vielleicht in einer Stunde zu Fu. - Gehe aber
vorher drunten in's Adjutantenzimmer und nimm die Schrpe mit, die dort liegen
geblieben.

                          Achtundfnfzigstes Kapitel.



                                  Ein Bericht.

Es war unterdessen elf Uhr geworden; Graf Fohrbach zog seinen Mantel fester um
sich und schritt ber das Vestibl und die groe Treppe hinab, die nur noch
sprlich erleuchtet war. Die blaue Gallerie lag im anderen Theile des Schlosses,
und um dorthin zu kommen, mute er ber einen langen Korridor, der beinahe
gnzlich dunkel war, denn nur an beiden Enden desselben flackerten um diese
Stunde noch ein paar trbe Lampen. Doch kannte er den Weg genau, und wenn er
sehr behutsam dahin schlich, so geschah dies nur, damit seine Sporen auf dem
Steinpflaster nicht klirren und irgend einen der sich unten aufhaltenden
Bedienten oder die Wache beunruhigen mchten.
    Es ist aber eigenthmlich, wie sich in der Stille der Nacht jeder Ton
verdoppelt und hrbar ist, den man am Tage gar nicht beachtet. So vernahm auch
Graf Fohrbach jetzt deutlich seinen leisen, fast geruschlosen Schritt, und wenn
sich zufllig sein Sbel bewegte, so klirrte es gerade so, als rassele Jemand
mit einer Kette.
    Der Adjutant erreichte bald das Ende des Korridors und stieg dort eine
Wendeltreppe hinauf, die ihn auf einen Vorplatz fhrte, den er quer
durchschreiten mute, um zum Eingang der blauen Gallerie zu gelangen. Hier war
es schon schwieriger, sich zurecht zu finden, denn nirgendwo brannte ein Licht,
und die Nacht war so finster, da man kaum die hohen Fenster von der Wand
unterscheiden konnte.
    Hier war die blaue Gallerie; jetzt galt es, die vierte Thre zu finden.
Sehen konnte er nicht eine einzige, er mute also an der Wand hintappen und sich
seinem Gefhle berlassen.
    In dieser greifbaren Finsterni, dachte er, geht mir auf einmal ber
etwas ein Licht auf; ich erklre es mir jetzt vollkommen, zu welchem Zwecke sich
neulich der Herzog drben in dem Laden die kleine elegante Blendlaterne kaufte.
So ein Ding knnte ich auch jetzt hier ganz gut gebrauchen. - Das war die zweite
Thre. - Nun kommt die dritte. - Da ist sie! - Aber nun halt! - Wahrscheinlich
werde ich an der vierten und richtigen ein Zeichen brauchen, um eingelassen zu
werden. Das wre unangenehm, da ich bis hieher so ohne allen Anstand gekommen
und weiter nichts wei. - Vielleicht auch, da ich meine Anwesenheit durch einen
lauten Schritt anzeigen mu. Hier wohnt eigentlich Niemand, wie ich glaube, und
wir knnen schon ein wenig hrbarer auftreten.
    So that er auch, und dies Mannver brachte augenblicklich eine Wirkung
hervor. Es erschien nmlich rechts neben ihm, wo die vierte Thre sein mute,
ein kleiner leuchtender Punkt, wie wenn sich Jemand mit einem Lichte dieser
Thre nherte und der Schein desselben durch das Schlsselloch fiele. - Mit zwei
weiteren Schritten hatte er die Thre erreicht und nun vernahm er zu seinem
groen Vergngen, da dieselbe langsam geffnet werde. Er ergriff mit der Hand
die Klinke, drckte sie ganz auf, trat eilig ber die Schwelle und befand sich
in einem ziemlich kleinen Zimmer, einem jungen Mdchen gegenber, das bei seinem
Anblick so heftig zusammenfuhr, da ihr die Wachskerze, welche sie in der Hand
trug, fast entfallen wre. Einen lauten Aufschrei, der wahrscheinlicherweise
erfolgt wre, verhinderte der Graf, indem er den Finger erhob und dem Mdchen
leise aber eindringlich: stille! zurief. - Darauf verschlo er die Thre,
schob einen Riegel, vor und lie einen schweren Vorhang darber fallen, bei
dessen Anblick er begriff, wehalb er frher keine Spur des Lichtstrahles
gesehen.
    Nachdem dies geschehen, machte er ein paar Schritte weiter in das Zimmer
hinein gegen das Mdchen hin, die mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens gegen
das ebenfalls dicht verhngte Fenster zurckwich.
    Das ist ein sonderbares Abenteuer, dachte er. Sollte es sich hier um ein
einfaches Rendezvous handeln? - - Ich glaube nicht; und wenn dem so wre, mte
ich mich eilig zurckziehen, denn das ginge alsdann ber Indiskretion. - Doch
nein, nein! die Kleine da hat mir ein ganz anderes Aussehen. - Suchen wir auf
eine gescheidte Art zu unserem Berichte zu kommen.
    Das Mdchen hatte den Leuchter auf den Tisch gestellt, ohne ihn aus der Hand
zu lassen, die noch immer heftig zitterte. Sie hatte eine schlanke, schmchtige
Figur, ein schmales, bleiches Gesicht und blondes Haar, welches in zwei dicken,
sehr zierlichen Flechten um ihren Kopf gewickelt lag. Ihr einfacher und sauberer
Anzug war, wie ihn die Kammerjungfer einer anstndigen Dame zu tragen pflegt. -
Sie vermochte es nicht, ein Wort hervor zu bringen und starrte den Eingetretenen
mit ihren groen blauen Augen an, wobei sich ihre feinen Lippen krampfhaft
bewegten.
    Beruhigen Sie sich doch, mein Kind! sagte der Graf so sanft als mglich,
ich werde Ihnen gewi nichts zu Leide thun. Gewi nicht! - auf mein Wort!
Lassen Sie Ihren Leuchter ruhig auf dem Tische stehen und setzen Sie sich
meinetwegen in jene Ecke, whrend ich hier sehr entfernt von Ihnen, auf dem
Tabouret Platz nehmen will. - So thun Sie es doch! - Ich komme, bei Gott! in
keiner schlechten Absicht.
    Nach lngerem Zgern that das Mdchen endlich, wie er ihr geheien. Sie lie
die Hand von dem Tische herabgleiten, ging rckwrts zu dem bezeichneten Stuhl,
blieb aber dort aufrecht stehen und schien sich an der Lehne festzuhalten.
    Sie haben mich nicht hier erwartet? sagte der Graf, nachdem er sie eine
Zeit lang betrachtet.
    Nein, nein, nein! gewi nicht! brachte das Mdchen mhsam hervor.
    Aber Jemand anders sollte kommen? Schtteln Sie nicht den Kopf: ich wei
Alles. - Jemand anders wurde von Ihnen hier um elf Uhr erwartet. Da hilft ja
kein Leugnen. - Sie hatten ihm etwas mitzutheilen. Sehen Sie, Sie schlagen die
Augen nieder. - Nun also, ich komme an seiner Stelle; lassen Sie mich hren, was
Sie zu sagen haben.
    Das Mdchen schttelte mit dem Kopfe, schlug die Hnde zusammen und drckte
sie alsdann heftig an ihre Augen.
    Sie trauen mir nicht, fuhr der junge Mann nach einer Pause fort. Nun, ich
finde das begreiflich. - Sie erwarten Jemand, den Sie schon lnger kennen, nun
erscheint pltzlich ein Unbekannter, - das mu Sie natrlicherweise berraschen.
Wenn ich Ihnen aber sage, - diese letzten Worte sprach er in bestimmtem Tone
und sehr langsam - da Seine Durchlaucht der Herzog Alfred hieher kommen
sollte, da er aber augenblicklich nicht im Schlosse ist und da ich statt
seiner hier bin, ist das alles nicht wahr?
    Das Mdchen lie ihre Hnde herab sinken, schaute ihn mit einem festen
Blicke an und entgegnete alsdann: Was hilft mein Leugnen, Sie haben mich ja in
Ihrer Gewalt.
    Ach was Gewalt! entgegnete er unmuthig. Davon kann gar keine Rede sein.
Schenken Sie mir Ihr Vertrauen; Sie haben es mit keinem Undankbaren zu thun.
    Ein schmerzliches Lcheln flog bei diesen Worten ber ihre Zge, dann
seufzte sie tief auf und flsterte: Es ist etwas Schnes um die Dankbarkeit; o,
wenn auch ich dankbar sein drfte!
    Also Sie erwarteten den Herrn Herzog?
    Ja, sprach das Mdchen nach einer Pause mit festerer Stimme.
    Schn. - Nun bin ich aber da. - Sprechen Sie ohne Rckhalt. Was haben Sie
mir zu sagen?
    Ich brauche nicht zu sprechen, erwiderte das Mdchen mit sanfter Stimme,
ich brauche nur auf Fragen, die an mich gestellt werden, zu antworten. Also
fragen Sie in Gottes Namen.
    Auf diese Worte hustete der Graf gelinde und sah sein Gegenber erstaunt an.
Das ist ein schnes Labyrinth, dachte er. Finde mir da Jemand einen Ausweg!
Ich komme da her, um einen Bericht zu hren, und jetzt soll ich diesen Bericht
mit Fragen heraus locken. - Was soll ich fragen, ohne mir eine Ble zu geben?
Denn ich wei nicht einmal, wer das Mdchen ist, und also auch nicht, worber
sie mir Auskunft zu geben vermag. - Helfen wir uns, so gut wir knnen. Sie mu
doch bei irgend einer Herrschaft sein, nach der wollen wir uns ein wenig
erkundigen; vielleicht gibt sich das Andere von selbst. - Also, begann der
Graf nach einem lngeren Stillschweigen und nachdem er sich mit der Hand ber
das Gesicht gefahren, auch seinen Schnurrbart gedreht und den Mantel etwas von
der Schulter herab genommen, also Sie erwarten meine Fragen?
    Ja, erwiderte das Mdchen.
    Nun denn! - Teufel! dachte er, wer ihre Herrschaft ist, darf ich nicht
fragen, - aber wo sie sich im Augenblicke aufhlt. Das geht! - Nun denn, ist
Ihre Herrschaft zu Hause?
    Das gndige Frulein kamen vor einer halben Stunde.
    Ah! ein Frulein! - Das ist schon etwas! sprach er fr sich. - Und - hm!
- sie - sie blieb zu Hause?
    Sie begab sich zu Bette.
    Natrlich! - es ist schon spt. - Und wo war denn das gndige Frulein,
wenn ich fragen darf?
    Sie fragen nur fr den Abend? - Oder meinen Sie den ganzen Tag?
    Vorderhand ist es mir nur um den Abend zu thun, erwiderte Graf Fohrbach,
der wohl fhlte, da er bald mit seinen Fragen am Ende sei. Dann aber wnsche
ich auch Einiges ber den Tag zu erfahren.
    Das gndige Frulein waren von Sechs bis halb Acht bei der Tafel und fuhren
darauf in Gesellschaft.
    Wohin?
    Zu dem Herrn Major von S.
    Was? rief der Graf im hchsten Erstaunen, indem er heftig zusammenfuhr und
dicht vor das Mdchen hintrat, zu Major von S.? - Trume ich denn? - Zu Major
von S.?
    Um Gotteswillen! - ja. Ich sage gewi die Wahrheit, versetzte sie
erschrocken.
    So ist Ihr Frulein - Eugenie von S.?
    Allerdings! rief das Mdchen, nun ihres Theils berrascht. Das wuten Sie
nicht?
    Nein, beim Teufel! ich wute es nicht. - Ah! das ist ein bischen zu stark!
    So hat Sie auch der Herzog nicht geschickt? fuhr ngstlich das Mdchen
fort.
    Nein, nein, er hat mich gewi nicht geschickt; aber ich danke Gott, da ich
gekommen bin. - Sie also betrifft dieser Bericht? - Eugenie? - O das ist ber
alle Beschreibung! Sprich, Mdchen, fuhr er ernster fort, indem er ihr
Handgelenk fate; jetzt werde ich wirklich Fragen stellen, bitte aber um
richtige und pnktliche Antworten. - Sie haben also den Herrn Herzog hier
erwartet?
    Ja, ich sagte es schon.
    Und er kam schon fter hierher in dieses Zimmer?
    Zuweilen hier, zuweilen anderswo, wie es mir befohlen war.
    Wie es Ihnen befohlen war? - doch davon nachher! - Also Sie trafen hier
oder anderswo mit dem Herrn Herzog zusammen, um ihm - Bericht ber Ihre Herrin
zu geben, ber ihr Leben und Treiben, was sie thut und spricht, zu wem sie geht,
wer zu ihr kommt? - Ah! Verrath ohne Gleichen! - Schndlichkeiten, wie noch
keine da gewesen! Und das fhlen Sie nicht? Ein solches Verbrechen liegt nicht
schwer auf Ihrer Seele? - Pfui der Schande!
    Anfnglich hatte das Mdchen den jungen Mann mit weit aufgerissenen Augen
angestarrt, dann schlug sie die Hnde vor das Gesicht und ein tiefer,
schmerzlicher Seufzer wand sich aus ihrer Brust; zuletzt aber, als sein Auge
flammte und er mit Entrstung des schndlichen Verraths gegen ihre Herrin
erwhnte, lie sie langsam die Hnde von ihrem Gesicht herab sinken, athmete
tief auf und blickte in die Hhe, aber nicht mehr ngstlich oder niedergedrckt,
sondern als wollte sie sagen: Gott sei gedankt! Eine Thrne, die in ihrem Auge
zitterte, bekrftigte diesen Gedanken.
    So sind Sie der Herr Graf Fohrbach? brachte sie darauf mhsam hervor.
    Der bin ich. - Woher kennen Sie meinen Namen?
    O, er wird oft bei uns genannt, entgegnete schchtern das Mdchen.
    Zu jeder andern Zeit htte ihn dies Wort glcklich und vergngt gemacht,
aber in diesem Augenblicke, wo er einer so ausgedachten Verrtherei auf die Spur
gekommen war, einer Verrtherei gegen sie, gegen das Mdchen, das er so innig
liebte, brachte es keine groe Wirkung auf ihn hervor. - Und es war ja nicht nur
eine Verrtherei gegen Eugenie; wer wei, welchen Zweck man hatte, ihre
Handlungen und Worte zu belauschen, ihre Schritte mit Schlingen und Fallen zu
umgeben! - Wohl durchzuckte es ihn seltsam, als das Mdchen sagte, sein Name
werde oft genannt, doch machte er eine ablehnende Handbewegung gegen sie.
    So oft genannt, fuhr sie eifriger fort, da er mir leicht im Gedchtnisse
blieb und da ich immer auf die Stunde hoffte, wo es mir vielleicht vergnnt
sein wrde, Sie zu sprechen, zu Ihren Fen zu fallen, Ihren Schutz anzuflehen.
    Bei diesen Worten that das Mdchen, wie es sagte: es sank neben dem Stuhle
nieder, und als der Graf erstaunt einen Schritt zurcktreten wollte, fate es
nach seinem Mantel.
    Das ist eine sonderbare Kommdie, sagte er. Was Teufel brauche ich Sie zu
schtzen? - Sie scheinen mir selbststndig genug zu sein, stehen ja auch unter
weit mchtigerem Schutze, als der meinige ist. Uebrigens bitte ich recht sehr,
stehen Sie auf; ich mag Sie nicht da liegen sehen, selbst wenn dies am Ende eine
Stellung ist, die Sie wohl verdienen nach dem, was Sie einer gewi so guten und
sanften Herrin gethan.
    O mein Gott! ja, sie ist so gut und sanft, versetzte jammernd das Mdchen.
Dabei lie sie den Mantel los, sttzte sich mit der einen Hand auf den Boden und
schien mit der anderen ihre herabstrzenden Thrnen zurckhalten zu wollen.
    Die Ihnen gewi nie Veranlassung zu diesem Schritte gab, fuhr er entrstet
fort.
    Nie, sagte das Mdchen. - Nie! nie! Man fhlt bei Frulein Eugenie nicht,
da man Dienerin ist; man arbeitet zu seinem Vergngen, indem man ihre
freundlichen Bitten erfllt; man wird belohnt durch Gutmthigkeit und Vertrauen.
- Nie kommt ein hartes Wort ber ihre Lippen, nie hat man bei ihr eine Laune zu
ertragen.
    Und doch, rief der junge Mann, mehr und mehr berrascht, whrend er einen
Blick des Abscheu's auf die Knieende warf, und doch die Verrtherei? - So also
belohnen Sie die Liebe und Gte Ihrer Herrin?
    Ich mu ja wohl! klagte das Mdchen und rang wie verzweifelnd die Hnde.
Bei Gott dem Allmchtigen! ich mu, man zwingt mich dazu!
    Wer kann Sie zwingen? - Sind Sie nicht die Herrin Ihrer Handlungen, sind
Sie nicht in dem Punkte vollkommen frei?
    O nein! o nein! ich bin nicht frei; ich mute diesen Befehlen Folge
leisten.
    Den Befehlen Ihrer Herrin?
    Sie schttelte mit dem Kopfe.
    Hat denn sonst irgend Jemand eine Macht ber Sie?
    Ja.
    Eine Macht, die Sie zwingen kann, gegen Ihre Herrin zu handeln wie Sie
gethan?
    Ja.
    Also ein Wesen, sprach er, mehr und mehr erstaunt, das Sie zwingt, Ihre
Herrin zu verrathen?
    Ja, ja!
    Das Ihnen befiehlt, Eugeniens Thun und Lassen genau zu beobachten und
darber Bericht zu machen?
    O mein Gott, ja!
    Berichte an den Herzog?
    Ja, Herr Graf - Berichte an den Herzog, oder an wen man mir befiehlt.
    Nach diesen Worten faltete sie, immer noch auf den Knieen liegend, die Hnde
und lie den Kopf tief auf die Brust herab sinken.
    Und wer ist dieses Wesen, das eine solche Macht ber Sie ausbt?
    Ich wei es nicht, sagte sie nach einer Pause, indem sie ihren Kopf erhob
und dem jungen Manne mit einem Blick voll Offenheit, ja mit einem Ausdruck
vollkommener Ehrlichkeit in die Augen schaute. - Ich wei nicht, wer es ist,
ich kenne seinen Namen nicht, ich erinnere mich nur noch jenes schrecklichen
Orts, wo ich ihn sah, ihn, der mir den Befehl ertheilte, also zu thun wie ich
gethan.
    Und wo ist dieser Ort?
    Er ist, sprach das Mdchen - doch hielt sie pltzlich inne, ffnete starr
die Augen und lauschte nach dem Gange hin, wobei sie wie beschwrend ihre Hnde
aufhob.
    Auch der Graf wandte leicht den Kopf herum und vernahm, obgleich sehr
gedmpft, feste mnnliche Schritte, die sich von der blauen Gallerie her zu
nhern schienen.
    Der Herzog! flsterte das Mdchen mit fast lautloser Stimme.
    Ja, er wird es sein, sagte der Graf ruhig, aber gleichfalls sehr leise.
Verhalten Sie sich ganz stille; nur stellen Sie das Licht zur doppelten
Vorsicht noch in die Fensternische; durch die Vorhnge wird sein Schein nicht
durchdringen.
    Sie erhob sich vorsichtig von ihren Knieen und that wie ihr geheien; dann
blickte sie angstvoll auf den Grafen, dem ein leichtes Lcheln um den Mund
spielte.
    Die Schritte kamen nher - ganz nahe; jetzt hielt Jemand vor der Thre.
Zuerst hustete es drauen leise, dann wurde sachte an die Thre geklopft, und da
auf alle diese Zeichen keine Antwort erfolgte, so vernahm man deutlich, da eine
Hand die Klinke ergriff und die Thre zu ffnen versuchte, was ihr aber
natrlicherweise nicht gelang. Dasselbe Manver wurde von drauen mehrere Male
probirt, und als es immer gleich erfolglos blieb, vernahm man einige leicht
gemurmelte Worte, worauf sich die Person wieder langsam entfernte. Einmal schien
dieselbe umkehren zu wollen; man vernahm ein Anhalten, dann eine halbe Wendung
auf dem Steinboden des Ganges, doch besann sie sich eines Bessern: gleich darauf
klangen die Schritte wieder regelmig und fest und verloren sich in der tiefen
Stille, die ber dem ganzen Schlosse lag.
    Der gute Herzog sucht, obgleich spt, doch noch zu seinem Rendezvous zu
kommen, dachte der Graf. - Und dann wandte er sich wieder an das Mdchen, das,
ein Bild der Angst, bleich und zitternd an dem Fenstervorhange stand.
    Beruhigen Sie sich, sagte er, diese Gefahr ist gnzlich vorber, denn wie
ich den Herzog kenne, wird er heute Nacht nicht mehr zurckkehren. - Sie knnen
ihm dann vielleicht morgen Ihren Bericht machen.
    Diese letzten Worte sprach er in einem schneidenden Tone.
    Das Mdchen seufzte tief auf und entgegnete: Wie Gott will!
    O nein, erwiderte er heftig, nicht wie Gott will, vielleicht wie der
Teufel will! Denn nur der hat eine Macht ber Menschen, wie die sind, von
welchen Sie soeben gesprochen.
    O, Sie glauben mir nicht, Herr Graf! sagte sie tief bekmmert. - Und es
wre doch fr Alles gut, wenn Sie mir glauben wollten.
    So bringen Sie was Glaubwrdiges vor und ich will mir Mhe geben, Ihren
Worten zu vertrauen.
    Sie blickte sich scheu um, als frchte sie, belauscht zu werden, namentlich
nach dem Fenstervorhang hin, als sei es mglich, da pltzlich Jemand vortrete.
- Ich mute einen frchterlichen Schwur nachsprechen, sagte sie zitternd.
    Einen Schwur, nichts von dem Orte zu verrathen, von dem Sie vorhin
sprachen, und von dem, was man Ihnen dort gesagt?
    Warten Sie einen Augenblick, entgegnete sie nach einer Pause nachdenkend,
indem sie die Hand an ihre Stirne legte. - Nein, nein, das lie er mich gerade
nicht schwren, denn, da das je geschehen knnte, mochte er sich wohl nicht
denken, da er mir Gutes erzeigt. - Aber ich mute schwren, meine neue Herrin zu
beobachten, um, so oft es von mir verlangt wrde, einen Bericht zu machen, wenn
sie ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt, was sie zu Hause macht, an wen
sie schreibt, - ja, das mute ich schwren bei dem allmchtigen Gott, der mich
strafen sollte, wenn ich je meinen Schwur brche. - Nachdem sie das gesagt,
schauerte sie leicht zusammen.
    In allem dem, was das Mdchen sprach, war trotz des Rthselhaften so viel
Glaubwrdiges, auch trugen ihre Worte so den Stempel des Wahren und
Aufrichtigen, da sie der junge Mann mehr und mehr mit Interesse betrachtete und
sein Zorn vor ihrem sanften und klaren Blick zu verschwinden begann.
    Das ist uerst seltsam, sagte er, und ich will Ihren Worten trauen. Wenn
Sie aber wollen, da ich Ihnen vollkommen glauben, mich Ihrer vielleicht
annehmen soll, so lsen Sie mir die Rthsel, die in dieser Geschichte liegen,
und erzhlen mir die Wahrheit, meinetwegen, so weit es Ihnen der geleistete
Schwur erlaubt.
    Ja, das will ich! versetzte sie eifrig. Ihnen will ich alles das sagen,
Herr Graf, - denn ich wei ja, fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, wie
sehr Sie meiner Herrin zugethan sind, und wie Sie gewi Alles, was ich Ihnen
anvertraue, nur zu deren Besten anwenden werden. Ah! und ich wnsche ja meiner
Herrin alles Gute, alles Glck und alles Heil.
    Und das wren Sie vom Herrn Herzog nicht gerade berzeugt? fragte er
forschend.
    Nein, nein! entgegnete sie eifrig; er meint es schlimm und unredlich. O
glauben Sie mir, Herr Graf, ich habe ihm gewi nur Sachen berichtet, die meiner
Herrin nicht schaden knnen; ich habe seinen sonderbaren Zumuthungen nie Gehr
gegeben, ich war gewi keine so schlimme Verrtherin, wie ich wohl scheine.
    Ei, ei! er machte Ihnen Zumuthungen? sagte aufmerksam Graf Fohrbach. - In
Betreff Ihrer Herrin?
    Sehr hufig.
    Und worin bestanden diese Zumuthungen?
    Bald sollte ich ihm dies oder das von ihr verschaffen - ein Band, eine
Haarlocke oder ein Blatt ihres Albums, in welches sie zuweilen kleine Gedichte
schreibt. Auch verlangte er, ich sollte ihn Abends einmal, wenn Frulein Eugenie
ausgegangen, in deren Zimmer fhren.
    Was der Teufel! - Und Sie?
    Bei Gott! ich wies alles das zurck. - Auch wnschte er, ich solle zuweilen
beim Ankleiden auf eine unverfngliche Art die Rede auf ihn bringen, um zu
hren, was das gndige Frulein sagen wrde. - Aber gewi, ich that es nie.
    Sehr gut!
    Was mir befohlen war und wozu mich mein Schwur zwang, habe ich gethan, aber
gewi nur auf die schonendste Art fr Frulein Eugenie. - Wenn Sie, Herr Graf,
fuhr sie nach einer kleinen Pause stockend fort, - geneigt wren, den Worten
eines armen Mdchens Glauben zu schenken, so wrde ich Ihnen bei Allem, was mir
heilig ist, die Versicherung geben, da der Herzog von meiner Dame nie ein
anderes Wort erfuhr, als was die ganze Welt wissen kann.
    Und mir wrden Sie auch nicht mehr sagen? fragte er lchelnd.
    Gewi nicht, Herr Graf, entgegnete sie mit einem festen, offenen Blick.
Sie wrden das auch nicht verlangen, denn - Hier schwieg sie pltzlich.
    Sprechen Sie weiter! sagte er; denn -
    Denn, fuhr sie mit einem kaum bemerkbaren Lcheln fort, denn meine Herrin
wrde Ihnen vielleicht selbst mehr sagen, als ich dem Herzog zu berichten im
Stande bin.
    Ah! Sie glauben? rief er erfreut. Nun, da wir Beide hier einmal auf so
eigenthmliche Art zum Austausche von Geheimnissen kommen, so kann ich Sie
versichern, ein jedes Wort von Frulein Eugenie zu mir gesprochen, ist mir
unaussprechlich kostbar. - Doch wir kommen ganz von unserer Sache ab,
unterbrach er mit einem viel ernsteren Tone sich selbst und seine freundliche
Rede von vorhin. - Wollen Sie mir Ihr Vertrauen schenken? Wohlan! ich will Sie
anhren, ich will Ihnen rathen, wo ich kann.
    Das ist aber eine ziemlich lange und traurige Geschichte, entgegnete das
Mdchen, und ich frchte Sie damit zu ermden, will mich aber so kurz zu fassen
suchen, wie nur mglich.
    Darauf nun erzhlte sie dem Grafen ganz ehrlich und aufrichtig die
Geschichte, welche der geneigte Leser bereits wei, genau so, wie sie solche im
Fuchsbau dem Harfenmdchen anvertraut, wie man sie eines Diebstahls beschuldigt
und fortgejagt, wie sie darauf mit der Harfenspielerin in jenes Wirthshaus
gekommen und wie sie zu Bette gegangen seien. - Dann wurden wir in der Nacht
geweckt, sprach sie weiter: eine alte Frau hie mich aufstehen, meinen Anzug
zurecht machen und brachte mich hinunter in ein Zimmer, wo ich eine Zeit lang
warten mute, - dann fhrten sie mich vor ihn.
    Vor ihn? - Wer war denn das?
    Das wei ich in der That nicht; das schien auch Niemand im Hause zu wissen,
es hie nur immer: er ist gekommen, er ist da. Aber Jeder, der dies sagte,
selbst die rohesten und verwegensten Leute, wie mir schien, sprachen von ihm mit
groer Ehrfurcht, ja mit Angst und Zittern. Die Harfenspielerin sagte zu mir,
als man mich aus dem Schlafzimmer abholte: ja, wenn er dich holen lt, da hilft
kein Widerstreben.
    Das ist sehr seltsam, erwiderte der Graf. - Also Alle schienen ihm zu
gehorchen?
    Unbedingt.
    Sie wurden also vor ihn gebracht. Thun Sie mir jetzt den Gefallen und
nehmen Sie Ihr ganzes Gedchtni zusammen. Wie sah er aus? Wie ein wilder,
verwegener Kerl?
    Nein, nein! entgegnete sie eifrig, so sah er nicht aus; im Gegentheil. Es
war ein noch junger Mann von, ich mchte sagen, angenehmem Aeueren, in Ihrer
Gre, Herr Graf, schlank, von leichten Bewegungen; sein Gesicht hatte eine
ziemlich dunkle Farbe, sein Haar war schwarz, seine Augen aber blau, und sein
gleichfalls schwarzer Bart hing an beiden Seiten des Mundes herab. - Ich
erinnere mich, bei uns Zigeuner gesehen zu haben, fuhr sie nach einem kleinen
Nachdenken fort, gerade so sah er aus, nur da seine Kleidung nicht zerlumpt
war, sondern einfach, aber sehr anstndig.
    Und womit war er ungefhr bekleidet? fragte der Graf mit groer
Aufmerksamkeit.
    Das kann ich nicht sagen, entgegnete das Mdchen; ich war so bestrzt und
berrascht, und in so groer Angst, da ich nur auf das Gesicht blickte.
    Ja, das haben Sie behalten, wie mir scheint, versetzte lchelnd der Graf.
Sie haben mir es wenigstens zum Malen beschrieben. Dunkle Gesichtsfarbe,
schwarzes Haar und Bart und dazu blaue Augen - das Bild eines schnen
Zigeuners.
    Eines noch fllt mir ein, sagte das Mdchen. Ich war an dem Tage von
Kummer, Elend und Mdigkeit so erschpft, da ich vor ihm ohnmchtig wurde. Er
fing mich in seinen Armen auf, vorher aber glitt ich auf den Boden nieder, und
da berhrten meine Wangen etwas Kaltes und Glnzendes an ihm.
    Vielleicht ein Sbel?
    Nein, nein! Ich bemerkte nachher, da es hohe Stiefel waren, die ihm bis an
die Kniee reichten.
    Hatte er berhaupt keine Waffen? fragte der Graf. Sahen Sie keine an
ihm?
    O doch; ich erinnere mich, etwas wie eine Art Dolch gesehen zu haben, mit
weiem Griff, das er an seinem Grtel trug; er hatte es mit der linken Hand
erfat.
    Das klingt ja ganz romantisch, meinte Graf Fohrbach, nachdem er einen
Augenblick sinnend vor sich niedergeschaut. Wenn man mir das von Rom oder
Neapel erzhlte, so wrde ich es unbedingt glauben und begreiflich finden.
    O, glauben Sie mir, Herr Graf! bat das Mdchen. Glauben Sie meinen
Worten: ich habe Ihnen die reinste Wahrheit gesagt.
    Gewi glaube ich Ihnen; aber Sie mssen mir noch einige Fragen ebenso wahr
beantworten. - Als er Sie entlie, was geschah da weiter mit Ihnen?
    Ich wurde in ein anstndiges Zimmer gebracht, und am andern Tage gab man
mir gute Kleider, einen Pa und eine Instruktion, die ich auswendig lernen
mute. Darin stand, wie ich mich fortan zu nennen, sowie Vorschriften in Betreff
der Berichte, die ich ber meine Herrin zu erstatten habe.
    Und wem muten Sie anfnglich diese Berichte machen?
    Das wei ich nicht; an einer mir bezeichneten Straenecke fand ich einen
dicht verschlossenen Wagen, der mich in ein Haus brachte, wo man mich in eine
dunkle Stube fhrte, und wo Jemand aus dem Nebenzimmer mit mir sprach.
    Keine schlechten Vorsichtsmaregeln! - Und dort erhielten Sie auch den
Befehl, hier in diesem Zimmer den Herzog zu erwarten?
    Ja, Herr Graf.
    Aber ich verga das Wichtigste zu fragen. Wie wurden Sie in Ihren jetzigen
Dienst eingefhrt? - Der war doch, wenn ich mich recht erinnere, einer Anderen
zugedacht. Ich selbst empfahl ja den Schtzling eines Freundes.
    Das geschah auf eine eigene Art, entgegnete das Mdchen; ich fand bei der
Instruktion einen versiegelten Empfehlungsbrief an einen vornehmen Herrn, den
ich persnlich abgeben mute, worauf ich ein anderes Schreiben erhielt, das mich
nachher zu Frulein Eugenie von S. wies, die mich in ihren Dienst genommen.
    Und wer war jener vornehme Herr? fragte der Graf in groer Spannung.
Kennen Sie ihn vielleicht?
    O ja, sehr gut; ich sehe ihn fters. Er besucht auch zuweilen das gndige
Frulein.
    Sein Name?
    Es ist der Herr Baron von Brand. In seinem Hause erhielt ich, wie gesagt,
einen Empfehlungsbrief an meine Herrin.
    Das ist seltsam! rief einigermaen bestrzt Graf Fohrbach. Ganz richtig,
der Baron bat mich, Ihnen eine Stelle zu verschaffen, und ich sprach fr Sie, -
auch er. - Das ist eine ganz sonderbare Geschichte. - Und von wem der Brief war,
den Sie dem Baron brachten, wissen Sie nicht?
    Nein; aber soviel erinnere ich mich, da er mit einem groen Wappen
gesiegelt war.
    Der Graf dachte lngere Zeit nach, wobei er, wie in groer Unruhe, im Zimmer
auf und ab schritt. Endlich aber wandte er sich wieder zum Fenster hin und
stellte sich abermals dicht vor das Mdchen. - Die Sache ist sehr ernst und
wichtig, sagte er zu ihr; thun Sie mir den einzigen Gefallen und nehmen Sie
die ganze Kraft Ihres Gedchtnisses zusammen, gehen Sie in Gedanken nochmals
jenen Abend durch, den Sie im sogenannten Fuchsbau verlebten, namentlich aber
jene Augenblicke, wo Sie vor ihm im Zimmer standen. - Ueberlegen Sie sich genau,
ob Sie nicht irgend einen kleinen Umstand vergessen, zum Beispiel irgend ein
Wort, das er sagte, irgend eine Bewegung, die er machte. - Ueberhaupt haben Sie
mir noch nicht erzhlt, wie er zu sprechen pflegte, ob er laut oder leise, ob
krftig und energisch, oder was man bei uns geziert nennt. Es ist mir das sehr
wichtig.
    Nein, er sprach nicht geziert, entgegnete sie, sondern laut und deutlich,
dabei krftig wie Jemand, der gewohnt ist, zu befehlen.
    Und sonst fllt Ihnen nichts mehr bei?
    Warten Sie einmal, erwiderte das Mdchen, indem sie die Augen mit der Hand
bedeckte und dann hinauf an die Decke schaute. Ich besinne mich da auf etwas,
aber es ist zu unbedeutend.
    Bei diesem Vorfall ist nichts unbedeutend.
    Ich habe Ihnen schon gesagt, wie ich glaube, da ich vor ihm ohnmchtig
niedersank. Er hob mich in die Hhe, und als ich wieder zu mir selbst kam,
umwehte mich ein eigenthmlicher Duft.
    Ein eigenthmlicher Duft! rief der Graf in der hchsten Spannung. Wie war
es? - Sprechen Sie! - sprechen Sie!
    Es war ein scharfer Duft, sagte das Mdchen, das etwas erschreckt schien
von der Heftigkeit des Grafen. Es war ein Duft wie von lauter Rosen.
    Ah! schrie Graf Fohrbach, indem er in die Hhe fuhr, als habe er etwas
ganz Erschreckliches gehrt. - Ah! - - Coeur de rose.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nun wissen Sie Alles, sprach ngstlich das Mdchen nach einer kleinen
Pause. - Was soll ich nun weiter thun? - Ich bin jetzt gnzlich in Ihre Hand
gegeben, Herr Graf, setzte sie schmerzlich hinzu. Sie knnen mich nach beiden
Seiten hin verderben: durch eine Anklage bei meiner Herrin, und dadurch, da Sie
von dieser rthselhaften Geschichte etwas laut werden lassen. Dort steht meine
Ehre, meine Zukunft, hier mein Leben auf dem Spiel.
    Whrend sie so sprach, war der Graf abermals heftig im Zimmer auf und ab
geschritten. Doch als sie geendet, wandte er sich rasch zu ihr hin und sagte
feierlich: Gott soll mich bewahren, da eins von Beiden geschehe! Nein, nein!
gewi nicht! Ihr Geheimni ist bei mir gut aufgehoben.
    Aber was soll ich ferner thun?
    Machen Sie Ihre Berichte nach wie vor, aber seien Sie klug und lassen Sie
von Ihrer Herrin nichts erfahren, was derselben schaden knnte; ich will sehen,
was ich fr Sie thun kann. - Das schleicht sehr versteckt einher; man mu ihm
ebenso begegnen, um es sicher zu treffen.
    Aber wenn man mir neue Befehle zukommen liee! Zum Beispiel dies oder das
zu thun; - was wei ich? - Etwas, das wir jetzt nicht vorhersehen knnen?
    Wenn es Ihnen unschuldig erscheint und - verzeihen Sie mir - Ihnen als
kleine Plaudertzaftigkeit oder Nachlssigkeit angerechnet werden knnte, so thun
Sie es in Gottes Namen, suchen mich aber von dem Vorgefallenen gleich in
Kenntni zu setzen. Man mu vorderhand allen Eklat vermeiden. - Sonst, fuhr er
lchelnd fort, verlange ich keinen Bericht von Ihnen. - Aber, bei Gott! es ist
spt! - Ich danke Ihnen, mein Kind. Bleiben Sie Ihrer Herrin getreu; gewi, sie
verdient es.
    Ob sie es verdient! entgegnete fast schwrmerisch das Mdchen.
    Wenn Ihnen diese Sache auch noch Ungelegenheiten machen kann, so hoffen Sie
doch auf die Zukunft und auf mich. Ich werde mich Ihrer fortan erinnern.
    Damit reichte er ihr die Hand, worauf sie das Licht aus der Fensternische
nahm, um ihm ein paar Schritte zu leuchten.
    Gehen Sie nicht zu weit mit mir, sagte der Graf, vielleicht nur bis an
die Wendeltreppe; von da finde ich den Weg schon allein.
    So that sie dann auch, und whrend er behutsam und so geruschlos als
mglich hinab stieg, beugte sie sich oben ber das Gelnder und streckte den
Leuchter von sich, um das dunkle Treppenhaus zu erhellen.
    Es wre brigens besser gewesen, wenn sie das nicht gethan htte, denn
obgleich Mitternacht lngst vorber war und Alles im Schlosse fest zu schlafen
schien, so war dies in Wirklichkeit doch nicht der Fall. Einer der Portiers,
welcher seine Wohnung an eben dieser Wendeltreppe hatte, hrte mit seinem Ohr
die Tritte und ffnete geruschlos ein Fensterchen, welches auf dieselbe
hinausging, und da sah er denn deutlich das Kammermdchen droben stehen, und
einen Offizier, in einen Mantel gehllt, sich sachte hinab schleichen. - Die
meisten Schlobedienten sind auf dergleichen pikante Neuigkeiten begierig und
setzen gerne ihren ganzen Scharfsinn daran, sie zu ergrnden. Dehalb bemhte
sich denn auch der Portier, an einzelnen Kleinigkeiten des Offiziers zu
entdecken, welche Uniform er wohl tragen knnte. Unglcklicherweise lie Graf
Fohrbach unten an der Treppe seinen Mantel etwas von der Schulter herabgleiten,
so da man Epaulettes und Fangschnre sehen konnte.
    Aha! dachte der Portier, einer der Adjutanten. - Wer hatte den Dienst? -
Graf Fohrbach. - Richtig! das ist seine Figur und sein Gang. Damit verschlo er
sein Fensterchen wieder und schlief nach einigen Augenblicken beruhigt weiter.
    Der Graf kam indessen durch das Labyrinth von Gngen, Treppen und Vorpltzen
glcklich in's Freie.
    Es war eine finstere, kalte Nacht, wehalb er seinen Mantel dicht zusammen
zog, als er auf den Kastellplatz hinaus trat. Um von hier nach Hause zu
gelangen, hatte er zwei Wege; der eine fhrte durch die hher gelegenen
vornehmeren Stadttheile, durch breite Straen und ber bequeme Brcken, war aber
bedeutend weiter als der andere, der mitten durch die alte Stadt ging. Doch
hatte der Letztere den Nachtheil, da er meistens durch enge Straen fhrte,
einigemal durch finstere Durchgnge, auch beim Kanal vorbei und ber dessen enge
und schlechte Brcken.
    Doch war es hart gefroren, die Straen auch reinlich und ohne Nsse, wehalb
der Graf den Weg durch die alte Stadt whlte. Er hatte auch nach allem dem, was
er heute Abend gehrt, eine leicht begreifliche Lust, sich die finstere
Husermasse, den Fuchsbau, obgleich er ihn recht wohl kannte, genau anzusehen.
    Er schlenderte dehalb langsam ber den Kastellplatz und kam jenseits
desselben in die engen und winkeligen Straen, welche nach der unteren Stadt
fhrten. Rings war Niemand zu sehen noch zu hren; die Schildwachen hielten sich
in ihren Husern; von den Nachtwchtern bemerkte man nirgendwo eine Spur. Dazu
war, wie wir wissen, der Mond nicht am Himmel, und die Nacht hllte Alles in
dichte Finsterni.
    Wie er so langsam dahin schritt, lie er in seinem Geiste nochmals die
Erlebnisse des heutigen Abends vorber gehen und schttelte nachdenkend den
Kopf, als er wieder an die Erzhlung des Mdchens kam. - Sollte es denn mglich
sein, dachte er, da der Baron wirklich hier im Spiele ist, da das
anscheinend so harmlose, leichtfertige, ja beschrnkte Wesen desselben nur eine
Maske wre, hinter welcher sich eine so rthselhafte, ja unheimliche Gestalt
verbrge, wie mir das Mdchen geschildert! - Wenn dem so wre, welche Zwecke
verfolgt er? Aus welchem Grunde belauscht er die Schritte Eugeniens? - Ah! das
liee sich am Ende erklren; er ist mit dem Herzoge sehr liirt und macht
vielleicht einen angenehmen Zwischentrger. - Aber nein! - Worauf grndet sich
meine Vermuthung, da der Baron hier im Zusammenhange? Auf jenen Odeur, von dem
das Mdchen sprach, den scharfen Rosenduft? - Bah! das ist am Ende ein wenig zu
weit gegangen. Die seinen Unterschiede Zwischen Coeur de rose und gewhnlichem
Rosenl wre ja wohl allein der Baron zu machen im Stande. - Und doch, fuhr er
in seinen Betrachtungen fort, indem er noch langsamer ging, es gibt da so viele
Menschen, die in dem Wesen des Barons etwas Rthselhaftes finden wollen. So
heute noch der Hofmarschall. - Und dann erinnere ich mich auch noch einer
Geschichte, die man mir einstens erzhlen wollte. Ich wei nicht, war es der
Major oder der Assessor, - nein, nein! ich glaube Arthur war es, - richtig! der
sprach mir von einem hchst sonderbaren Vorfalle, worin er den Herrn von Brand
verflochten glaube. Aber ich war damals eilig und hatte keine Zeit, es mir
erzhlen zu lassen. Das wollen wir gleich morgen nachholen. - Ist aber dieses so
natrlich scheinende Wesen des Barons in der That nur eine vortrefflich
durchgefhrte Maske, so mu man sich mit ihm in Acht nehmen, und er wird schwer
zu fassen sein.
    Unter diesen Gedanken war der junge Mann in die Nhe des uns bekannten
Gebudes gekommen, das wie eine dunkle Masse etwas von den brigen Husern
abgesondert mit finsterer, geheimnivoller Miene, ja wir mchten sagen, trotzig
da lag. Von den sprlichen schmalen Fenstern, die nach auen gingen, war keines
erhellt, und die riesenhaften Mauern schienen eine einzige breite Flche zu
bilden, vom Grunde hinauf bis in die Hhe der spitzen Dcher, die aber von den
breiten und hohen Schornsteinen so deutlich berragt wurden. Nur ein einziger
Lichtschein machte sich im Fuchsbau bemerklich, und der kam von der Gaslaterne
in dem uns bekannten Durchgnge, wo die eiserne Thre mndete, die zur
Wirthschaft hinauf fhrte.
    Diesem Durchgange gegenber auf der anderen Seite der Strae blieb der Graf
einen Augenblick stehen und betrachtete sinnend diese Passage. Dort war das
Mdchen, wie sie erzhlt, eingetreten und von da ber eine steinerne
Wendeltreppe in die Schenkstube gelangt. Was aber hinter derselben lge, sei ein
solches Labyrinth von Treppen, Gngen, Zimmern und Hfen, da sie nicht angeben
konnte, nach welcher Richtung man sie ungefhr gefhrt, und wo jenes Zimmer
gelegen, in dem sie ihn, den Namenlosen, gesehen. -
    Halt! unterbrach Graf Fohrbach mit einem fast hrbaren Ausruf seine
Gedanken, es kommt Jemand. Drcken wir uns fester an die Mauer; wer wei, in
wiefern mir heute Abend das Glck gnstig ist.
    Richtig! von seiner linken Seite her klangen Schritte, und die vernahm er so
pltzlich auf dem Pflaster und in der Nhe, da der, von dem sie herrhrten,
soeben aus einem der anliegenden Huser herausgetreten sein mute. - Vielleicht
aus dem Fuchsbau selbst.
    Graf Fohrbach warf leicht den Mantelkragen ber seine Feldmtze, damit das
Silber derselben nicht durch die Dunkelheit glnze und blieb darauf regungslos
stehen, in hchster Spannung, ja Aufregung.
    Jetzt nherte sich ihm in der That von der linken Seite ein Mann, und er
bemerkte anfnglich nur eine dunkle Gestalt, dann aber sah er, da es Jemand
sei, der in einen sogenannten Radmantel gehllt war, dessen eines Ende er ber
die rechte Schulter geworfen hatte. Seine Figur war hoch und schlank; auf dem
Kopfe trug er einen ganz gewhnlichen Hut.
    Dieser Mann trat fest und klingend auf. Ja, es waren Sporen, die auf dem
Pflaster klirrten, und als der Graf seine Blicke herabsenkte - der Fremde war
unterdessen zwischen ihm und dem Durchgange angekommen - so bemerkte er
vielleicht eine Sekunde lang, wie sich der Strahl der Laterne auf etwas Blankem
abspiegelte - glnzende Reitstiefel.
    Der Unbekannte schien aber gar keine Ahnung zu haben, da er belauscht
werde, denn er ging ruhig mit gleichfrmigen Schritten dahin, sogar ohne rechts
oder links zu schauen. Bald war er im Dunkel der Nacht verschwunden.
    Was soll ich thun? sprach der Graf zu sich selber, whrend er in die
Strae hinaus trat. - Ihm folgen, um zu sehen, wo er bleibt? Da mache ich mir
eine undankbare Mhe, denn ist Jener dort wirklich eine verdchtige Person, so
wird er Verstecke genug in der Nhe haben, wo er mir entwischt, und ich mache
ihn auf mich aufmerksam, was alsdann viel schlimmer ist. - Soll ich ihm
nacheilen, ihm gerade auf den Leib gehen und ihn dann zu Rede stellen? - Ich
habe kein Recht dazu, und vielleicht ist er ein ebenso unschuldiger
Spaziergnger wie ich selber. Und gesetzt auch, er wre das nicht, so spiele ich
eine verflucht ungleiche Partie; immer wrde ich als Angreifer gelten und mich
auf diese Art in Sachen mischen, die sich mit dem Rocke, den ich trage, nicht
vereinbaren lassen. Auch wei ich ja vorderhand genug, und habe eine Spur, der
mit Klugheit zu folgen man wohl im Stande sein wird.
    Er verlie den Fuchsbau und schritt die gleiche Strae hinauf, die der
Unbekannte vor ihm gegangen. Ein paar Mal blieb er stehen, und dann glaubte er
wohl hie und da noch die Schritte auf dem Pflaster zu vernehmen, was ihn
eigentlich willenlos jedesmal zu strkerem Gehen anspornte.
    So erreichte er in Kurzem die obere Stadt und trat in eine der breiteren
Straen, wo er abermals anhielt, um zu lauschen. Tiefe Stille herrschte rings
umher; auch nicht das kleinste Gerusch lie sich vernehmen. Doch jetzt - ja, er
irrte sich nicht - vernahm er aus ziemlich weiter Entfernung den leichten Trab
eines Pferdes.


                                  Vierter Band

                          Neunundfnfzigstes Kapitel.

                          Vorbereitungen zum Gefecht.

Unter den vielen Husern, vor welchen der Baron Brand am Neujahrstage seine
Karte abgab, oder in welchen er durch allerlei Gegenreden und verfngliche
Fragen, trotz der Versicherung des Bedienten, es sei Niemand zu Hause, einen
schwachen Versuch machte, seinen Glckwunsch persnlich anzubringen, lie er
sich nun bei der Wohnung des Polizei-Prsidenten gar nicht abweisen und tnzelte
lchelnd die Treppen hinauf, um, wie er sagte, wenigstens droben seine Karte
abzugeben. Das that er denn auch mit auffallendem Gerusche, bat den Bedienten
mit sehr lauter Stimme, doch ja der Herrschaft seine besten Empfehlungen zu
melden, wie unendlich er es bedaure, nicht vorgelassen worden zu sein - und
erreichte damit vollkommen seinen Zweck. Denn als er schon die Thre in der Hand
hatte, um sich wieder fort zu begeben, wurde ihm gegenber der Salon geffnet,
und Frulein Auguste erschien, aber wir knnen versichern, vollkommen
absichtslos; denn als sie den Baron bemerkte, wollte sie sich mit einem kleinen
Aufschrei sogleich wieder zurckziehen. Da ihr aber dies nicht gelang, daran
war nur die Geschwindigkeit des Barons schuld, der sich augenblicklich nherte,
leicht und gewandt ihre Hand ergriff und sie feierlich kte, whrend ein tief
gefhlter Glckwunsch, das neue Jahr betreffend, seinen Lippen entstrmte. Ah!
sagte er hierauf, so grausam zu sein, Frulein Auguste, und dem, den Sie Ihren
Hausfreund nennen, die Thre zu verschlieen!
    Ohne alle Gnade! erwiderte lchelnd das Mdchen. Hoher Befehl von Papa
und Mama. - Und leider ohne Ausnahme, setzte sie leise hinzu.
    Und Sie hatten vor, eine Ausnahme zu machen? fragte entzckt der Baron.
    Ah! jetzt fangen Sie schon wieder an, mich zu examiniren. Man kann sich vor
Ihnen nicht genug in Acht nehmen; aber wie gesagt, keine Ausnahme. - Mama
meint, fgte sie errthend und mit niedergeschlagenen Augen bei, es sei noch
nicht an der Zeit - irgend Jemand Begnstigungen zu erweisen.
    Aber bald, bald! Auguste, versetzte er strmisch, und wandte sich bei
diesen Worten so geschickt auf der Thrschwelle, da er dem Bedienten alle
Aussicht versperrte und es wagen konnte, das leicht zurckweichende Mdchen auf
die Stirne zu kssen. - Und keine Hoffnung, fuhr er nach einer Pause hastig
fort, Sie heute Morgen noch einen kleinen, lieben Moment zu sprechen? - Wird
mich Papa nicht vorlassen?
    Er hat dringende Geschfte und lt heute nur die Beamten vom Dienst vor
sich.
    Die Herren Kommissre?
    Ja, sie machen ihren Bericht.
    Coeur de Rose! rief der Baron, da bin ich ja ganz in meinem Recht;
erinnern Sie sich, Auguste, Papa war so gndig, mir neulich die Erlaubni zu
ertheilen, so einem Berichte anwohnen zu drfen. - Ich lasse mich bei ihm
melden, es gilt nur den Versuch, - und einen Versuch, setzte er zrtlich hinzu,
der, wenn er gelingt, mir das hohe Glck verschafft, Sie - spter sehen und
sprechen zu drfen; denn wenn der Herr Prsident mich einmal in's Zimmer lt,
so mu er mich auch nachher zu Ihnen hinber fhren.
    Ja, ja, thun Sie so, entgegnete sie eilig. Aber jetzt fort! - ich hre
Mama. Damit sprang sie in's Zimmer und schlo die Thre hinter sich zu.
    Der Baron nahm eine wichtige Miene an und bat den Bedienten mit ernster
Stimme, ihn dem Herrn Prsidenten in Geschften zu melden.
    Worauf er denn auch wenige Augenblicke nachher in das Kabinet des
Polizei-Prsidenten gefhrt wurde.
    Dieser war eben im Begriffe, seine Nase spazieren zu fhren, denn er hatte
sie mit der rechten Hand sanft erfat, whrend er, die Linke auf dem Rcken
haltend, auf und ab schritt. Beim Anblick des Barons lie er sie aber los,
worauf sie augenblicklich ein paar Zoll hher schnellte, als er sie gewhnlich
zu tragen pflegte. - Der Prsident wollte hiedurch einigermaen sein Erstaunen,
ja Befremden ausdrcken, sich so in einer wichtigen Stunde gestrt zu sehen.
    Doch war Herr von Brand der Mann nicht, der sich so leicht einschchtern
lie; er nherte sich dem Chef der Polizei mit einer tiefen Verbeugung, wobei er
sagte: Euer Excellenz wollen mir verzeihen, ich komme allerdings in Geschften.
Der Herr Prsident hatten neulich die auerordentliche Gewogenheit, mir zu
erlauben, einem der Rapporte beizuwohnen, und da ich mich unterstehe, heute von
dieser Erlaubni Gebrauch zu machen, so wird mir zu gleicher Zeit das Glck zu
Theil, Ihnen meinen tiefgefhlten und herzlichsten Glckwunsch zu Fen legen zu
drfen. Dabei hatte er die Hand des Prsidenten ergriffen, und drckte sie so
herzlich und gerhrt, da der alte Herr augenblicklich anfing, seine Nase mit
der einen noch freien Hand zu streicheln, was als ein Zeichen einer guten Laune
bei ihm angesehen werden konnte.
    Und so war es denn auch; er verga, da der Baron gegen seinen Willen
eingedrungen, und erwiderte dessen Wunsch zum Beginn des neuen Jahres so
verbindlich als mglich.
    Was aber den Rapport anbelangt, sagte er, so kommen Sie diesmal etwas
spt und auch zu einem ganz interesselosen Zeitpunkt; ich habe nur noch einen
Bericht zu empfangen, und wenn Sie den mit anhren wollen, so habe ich nichts
dagegen. Spter aber hoffe ich, sollen Sie Gelegenheit haben, einen besseren
Blick in die von mir organisirte Maschine des Polizeiwesens werfen zu knnen.
    Bei diesen Worten fing er mit einem gewandten Griffe seine Nase wieder, die
in der Luft umherschnffelte, und indem er sie tief hinab zog, blickte er dem
jungen Mann vterlich und wohlmeinend von unten herauf in die Augen.
    Die Thre ffnete sich und der erwartete Kommissr trat ein, nach einer
tiefen Verbeugung brachte er dem hohen Chef seinen Glckwunsch dar, fing aber
hierauf seinen Bericht nicht sogleich an, sondern blickte bald auf den
Prsidenten, bald auf den Baron von Brand.
    Ich bin ja der geheime Sekretr Euer Excellenz, flsterte der Baron dem
Chef der Polizei zu.
    Worauf dieser seine Nase heftig zwinkte, ihr einen leichten Klapps gab, so
da sie sich zugleich mit dem ganzen Gesichte gegen den Beamten drehte. -
Sprechen Sie nur, sagte er alsdann, dieser Herr ist einer meiner
Vertrautesten, vor welchem ich keine Geheimnisse habe.
    Nun war aber der Bericht des Polizei-Kommissrs fr den Prsidenten in der
That ziemlich unbedeutend, nicht so ganz aber fr den Herrn von Brand. Er
handelte nmlich von dem Hause eines gewissen Meister Schwemmer, welches, so
sagte der Beamte, zuweilen der Aufenthaltsort allerlei Gesindels, das man
gewhnlich in dem berchtigten Fuchsbau anzutreffen pflege, sei. Mir ist
gemeldet worden, berichtete er, da in den nchsten Tagen dort irgend eine
Streitigkeit, ein Zank ausbrechen werde, wehalb ich es fr meine Pflicht halte,
diesen ohnedies sehr abgelegenen Ort beobachten zu lassen.
    Dagegen wute der Polizei-Prsident durchaus nichts zu erinnern, und da der
Andere nichts weiter vorzubringen hatte, so wurde er in Gnaden entlassen und zog
sich rckwrts zur Thre hinaus, nicht ohne sich vorher die Gestalt des Barons -
derselbe hatte sein Gesicht abgewandt - mit einem langen prfenden Blick in's
Gedchtni zu prgen.
    Der Prsident hatte fr heute Morgen seine Arbeitsstunden beendigt, und der
Baron mehrere seiner Zwecke erreicht. Wir sagen mehrere, denn es geschah, was er
vorhin der jungen Dame vorausgesagt: der Papa nahm ihn, ohne mit dem Gang und
dem Bedienten in Berhrung zu kommen, durch eine Reihe der hintern Zimmer mit
sich in den Salon, und dort verplauderte er mit den Damen des Hauses eine hchst
angenehme Stunde.
    Da aber bei dieser Unterredung nichts vorkam, was fr unsere Geschichte von
Interesse wre, so berlassen wir ihn seinem Schicksale, das heit, der scharfen
redseligen Zunge der Prsidentin und den sehr gefhrlichen Augen ihrer Tochter.
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    Einige Tage spter in demselben Monat Januar, an einem frischen und klaren
Nachmittage - es mochte an fnf Uhr sein - gingen zwei Mnner neben einander
nach der ueren Stadt, wo die regelmigen Straen aufhrten und wo nur hie und
da einzelne Huser zwischen Grten lagen.
    Der eine dieser Mnner, eine groe krftige Gestalt, schritt aufrechten
Hauptes einher und hatte im Gehen die Gewohnheit, da er etwas mit dem
Oberkrper hin- und herwankte.
    Der Andere, ein kleines, mageres Mnnchen, hatte die Hnde auf den Rcken
gelegt, und bei jedem Schritte, den er machte, folgte sein Kopf, wohl
unwillkrlich, dieser Bewegung und war dehalb in einem unaufhrlichen Nicken
begriffen.
    Ersterer war der junge Hammer, Sohn des ersten Theatermaschinisten, der
Andere Herr Schellinger, der Theaterschneider.
    Beide gingen eine Zeitlang stillschweigend ihres Weges dahin; nur zuweilen
rusperte sich Herr Hammer, indem er einen Seitenblick auf seinen kleinen
Gefhrten warf, oder Herr Schellinger hob den Kopf in die Hhe, zog seine Nase
empor, schnffelte in der Luft und sagte mit seiner dnnen Stimme: Heute wird's
malitis kalt.
    Bald lieen sie die letzten Huser hinter sich und kamen in die Nhe der
Stadtmauer, wo der Garten lag, durch welchen uns zu begleiten der geneigte Leser
schon einmal so freundlich war, als wir uns nmlich in die Wohnung und in die
Kleinkinderbewahranstalt des Meister Schwemmer begaben.
    Herr Hammer und Herr Schellinger traten ebenfalls in diesen Garten, doch
gingen sie nur bis zum kleinen bauflligen Hause, in welchem, wie wir bereits
wissen, der Garderobegehilfe seine armselige Wohnung hatte.
    Der junge Zimmermann blieb vor der Thre stehen, stemmte die Arme in die
Seite und sagte, whrend er an dem Hause hinauf blickte: Nimm mir nicht bel,
Schellinger, das ist in der That eine scheuliche Baracke. Wenn es Einer von
unserem Handwerk sieht, so mu ihm vllig bel werden. Es ist mir immer, als
sollte ich mit der Schulter auf die eine Seite drcken, da dies Gestell wieder
in's Blei kme. Aber ich frchte, es knnte umfallen. Sind dir die schiefen
Fubden nicht selbst unangenehm?
    Mir gewi nicht, entgegnete ruhig der Schneider, ich bin das so gewohnt;
es erweckt in mir auch eine hchst angenehme Erinnerung, denn von allen Tagen,
die ich auf meinen weiten Reisen zubrachte, waren es die glcklichsten, wo ich
in einem Dorfe lebte, in welchem alle Huser noch weit schiefer standen als
dieses hier.
    Und wo war denn das, Schellinger?
    Das war da vornen, versetzte der Garderobegehilfe, indem er mit dem
Zeigefinger seiner linken Hand vor sich hinwies, in der Wallachei, weit du, wo
alle Mnner, die nicht heirathen, zu Wallachen gemacht werden.
    Teufel auch! sagte lachend der Zimmermann. Wie bist denn du da glcklich
durchgekommen?
    Ah! das ist sehr einfach. Ich habe mich in jedem Orte, wohin ich kam,
provisorisch verheirathet; das geht da vornen herum sehr leicht.
    Ah so!
    Ja wohl, lieber Richard - Aber siehst du, mit dem Dorfe war es so: das lag
nmlich am Fue eines starken Geberges, von welchem im Herbst, wenn der Schnee
schmolz -
    Schellinger, du meinst im Frhjahr.
    Nein, auf Ehre! dort schmilzt er im Herbst. - Und dann kamen dir also die
grausamsten Wasserbche von den Felsen herabgestrzt, und Alles auf das Dach
los, und da die Huser sehr tief lagen, so scho es zu den Fenstern herein; und
dehalb standen alle Gebude schief. - Verstehst du, Richard - damit das
Schneewasser drben ablaufen konnte.
    Ah! das mu ich mir merken; das ist eine schne Einrichtung.
    Ja, sehr schn, sprach melancholisch der Garderobegehilfe, whrend er
seinen Schlssel aus der Tasche zog und anfing, die baufllige Treppe hinauf zu
klettern. Auf der Mitte derselben angekommen, sah er sich aber nach seinem
Gefhrten um, der drunten stehen geblieben war und ihm lachend zurief:
    Geh nur voran, Schellinger! Mich soll der Teufel holen, wenn das Ding da
uns Beide trgt. Wenn dein Hausherr nicht so ein niedertrchtiger Hund wre, da
kme ich aus reiner Menschenliebe her und nagelte es mit ein paar Brettern
zusammen. Das wankt ja, da Einem angst und bange wird.
    Ich mache mir nichts daraus, entgegnete der Schneider, indem er vollends
hinaufstieg. Wenn man zum Beispiel in Amerika reist, da wird man solche Stege,
die immer auf- und abgehen, sehr leicht gewhnt. Weit du, Richard, in den
Smpfen; so ein Sumpf ist seine viertausend Schuh tief, und da mu man hinber,
hat aber weder Damm noch Brcke.
    Da geht man wohl auf Stelzen, bemerkte Herr Hammer, der nun ebenfalls
vorsichtig die Treppe hinauf geklettert war.
    O nein, sagte sehr ernst der Andere, das mten ja Stelzen von
viertausend Fu Lnge sein, und wenn ich mich je unterstehen wollte, euch so
etwas zu erzhlen, da wrde es gleich wieder heien: wie der Schellinger lgt! -
Nein, nein! aber die amerikanische Regierung hat unzhlige Alligatore
angestellt. - Weit du, was ein Alligator ist?
    Ja, ich glaube eine Art Krokodil.
    An die achtzig Schuh lang und zehn Schuh breit. Aus ihrem Fette macht man
die Stearinkerzen. - Verstehst du: die chten; aber das kommt nicht hieher. -
Nun also, die Krokodile werden auf Kosten der Regierung gefttert und sind famos
abgerichtet. Wenn nun ein Reisender kommt (er mu aber einen Schein gelst haben
fr die Krokodilenpost), da ruft er nur: Giv Achtong! und da reihen sich die
Bestien an einander, wobei eins das andere immer in den Schwanz beit. - Und das
ist eine vortreffliche Brcke; aber sie schwankt ein bischen.
    Das kann ich mir denken, Schellinger.
    Aber sonst ist sie vollkommen sicher; man mu sich nur in Acht nehmen, da
man so einem Krokodil nicht gerade auf die Nase tritt, denn sonst fngt es an zu
niesen, und wenn es niest, da hilft dir aller Schutz der amerikanischen
Regierung nicht mehr, da fllst du in den Sumpf, wie es schon manch' Einem
geschehen ist.
    Bei diesen Worten hatte Herr Schellinger seine Stubenthre geffnet, und
Beide traten in das mehr als drftig mblirte Zimmer. Da befand sich nur ein
alter Tisch, eigentlich nur ein Brett, das an der Wand stand, von einem einzigen
Fue untersttzt, ferner zwei sehr wackelige Sthle, und in der Ecke ein
Gerthe, welches die Frechheit hatte, sich fr ein Bett auszugeben, in Wahrheit
aber nichts war, als ein hlzerner Schragen mit einer alten Wollenmatratze,
einem Kopfkissen, auf welchem als Decke ein Stck Teppich lag, sowie ein
langgedienter Reitermantel. Leintcher hatte sich Herr Schellinger lngst
abgewhnt; in Indien nmlich hatte er einen unberwindlichen Abscheu dagegen
gefat wegen der vielen Tausendfe und Schlangen, die sich nach frischer Wsche
sehnen und dehalb zu einem in's Bett kriechen. - Was einen Ofen anbelangt, so
war davon nirgend eine Spur zu sehen, Herr Schellinger behauptete auch, Frieren
und Schwitzen seien Fehler, die man sich abgewhnen knne, und er habe es darin
sehr weit gebracht. Er behandelte dies Kapitel auch heute wieder, als nmlich
Richard sagte: Puh! Schellinger, bei dir ist es kalt! und dabei in seine Hnde
blies.
    Ich zehre immer noch an meinen Reise-Erinnerungen in Brasilien, versetzte
er gleichmthig. Wir haben da eine bermenschliche Hitze ausgestanden. Hier
schwitzt man auch, aber das ist gar nicht der Rede werth. Ich habe einstmals in
Rio bei einem Maler gearbeitet, das heit, ich mute ihm Modell sitzen, denn er
behauptete, mein Kopf she dem des Kaisers Napoleon auf eine wahrhaft
erschreckliche Weise hnlich. Da sa ich nun auf meinem Stuhl und hatte die
Beine um die Fe desselben herum geschlungen; es waren, glaube ich, an dem Tag
hundertundvierzig Grad Hitze. - Nein, es waren hunderteinundvierzig, weil bei
hundertundvierzig noch Schule gehalten wird, aber bei hunderteinundvierzig haben
die Kinder Hitzvakanz. - Da sa ich also, und lief der Schwei so an mir
herunter, da von den beiden Stuhlfen, wo Alles zusammen kam, ein paar
ordentliche Bche bis nach der Stubenthre hinliefen. - Auf Ehre! Richard, ich
bekam fr die Stunde Modellsitzen einen preuischen Thaler.
    Ei Schellinger! rief lachend der Zimmermann, dabei httest du die
schiefen Huser aus der Wallachei brauchen knnen. - Aber wenn es dir nun recht
ist, so wollen wir ein bischen von unserer Angelegenheit reden.
    Dabei hatte er sich einen Stuhl genommen, ihn vorher sorgfltig geprft und
sich dann darauf niedergelassen. Herr Schellinger machte es seufzend und mit
empor gezogenen Augenbrauen ebenso, nur schlug er die Hnde ber einander, die
Jener frstelnd in seine Hosentaschen gesteckt hatte.
    Du weit also, begann Richard, worum es sich eigentlich handelt; wir
wollen, wenn es mglich ist, der Katharine, der armen Weibsperson, wieder zu
ihrem Kinde verhelfen, das, wie du selber meinst, da drben in dem Hause ist.
    Der Beschreibung nach vermuthe ich das wohl, erwiderte der Schneider; sie
lieen mich freilich nur einen kleinen Blick in den Affenstall hinein werfen,
aber da sah ich so ein Ding, wie man es mir beschrieben, auch hatte es ein
blaues wollenes Kleid an.
    Und es sah in dem Stalle so jmmerlich aus.
    O, erwiderte kopfschttelnd Herr Schellinger, ber alle Maen. Ich habe
auch da hinten herum mancherlei Elend gesehen, namentlich bei den
Frosch-Indianern; die wohnen nmlich in Smpfen und quacken wie die Frsche.
Beilufig gesagt, behauptet man, von ihnen stammen die amerikanischen Qucker
her; ich habe aber hierber nicht in's Klare kommen knnen. - Die
Frosch-Indianer nun haben die sehr schlechte Gewohnheit, sich gegenseitig ihre
Kinder aufzuessen, und da das doch die Regierung der Vereinigten Staaten, wo sie
naturalisirt sind, nun einmal nicht leiden kann, so hat sie groe
Kleinindianerkinderbewahranstalten errichten lassen, wo es aber, unter uns
gesagt, arg genug hergeht.
    Ich will dir das recht gern glauben, sagte einigermaen ungeduldig der
Zimmermann. Aber jetzt handelt es sich nicht von Frosch-Indianern, sondern von
Meister Schwemmer und der Katharine ihrem Kind. - Du weit also genau, was du
bei der Geschichte zu thun hast?
    Ja, ich wei es, antwortete der Garderobe-Gehilfe; worauf er in tiefem
Nachsinnen seine Hnde auf den Knieen faltete und den Kopf auf die Brust sinken
lie. Ich wei es ganz genau. - Aber da war dazumal bei den Frosch-Indianern -
nein, nein! ich irre mich: es war bei den Vgelnegern! - ein ganz verfluchter
Kerl, eigentlich ein Verbrecher. - Richard, hast du je Schillers Verbrecher aus
verlorener Ehre gelesen?
    Ich glaube wohl; aber bleibe bei der Sache, Schellinger?
    Gleich, gleich, lieber Richard, erwiderte jener sanftmthig. - Also
dieser Kerl - ich glaube ein Preue - war also auch ein Verbrecher geworden,
nicht aus verlorener Ehre, sondern weil es ihm unmglich war, irgendwo eine
Schraube festsitzen zu lassen.
    Ach dummes Zeug!
    Nein, auf meine Ehre! Richard. Schon als ganz kleines Kind fing er damit
an, wo es sich nur thun lie, eine Schraube heraus zu ziehen; ich sage dir, wenn
er eine sah, so zitterte er ordentlich drauf hinein. Da halfen keine Schlge und
gar nichts; und das ward immer rger, je mehr er heran wuchs.
    Nun, so la ihn in's Teufels Namen heranwachsen, und gib mir einmal eine
vernnftige Antwort, denn wenn du so hartnckig zerstreut bist und immerzu auf
Reisen, da kann ja kein Mensch ein vernnftiges Wort mit dir reden.
    Ja, du hast Recht, lieber Richard, sagte melancholisch der Schneider,
indem er sich mit der Hand ber die Stirne fuhr und tief aufseufzte; es ist das
allerdings eine schlechte Angewohnheit und plagt mich sehr. Es ist ein Unglck,
da ich diese weiten Reisen gemacht habe und es nun einmal nicht lassen kann,
die Menschen aus meiner Erinnerung zu belehren. - Was habe ich davon? - Nichts
als Undank! Ich wei ja wohl, was die Leute sagen, wenn ich weggegangen bin. -
Wie der Schellinger gelogen hat! lachen sie. Und siehst du, Richard, die
Reputation eines Lgners zu haben, ich, der nur die Wahrheit spricht, das bringt
mich noch unter den Boden.
    Das sagt ja auch kein Mensch, entgegnete begtigend der Zimmermann; ich
am allerwenigsten. Nur meinte ich eben, du solltest deine Phantasie ein bischen
bemeistern und auch hie und da einmal von anderen Dingen sprechen, als von
deinen schnen Reisen.
    Ach, die Phantasie! versetzte traurig Herr Schellinger, die ist strker
als unser Wille; ich habe davon die schrecklichsten Beispiele. Glaubst du wohl,
Richard, da ich neulich des Nachts mich so in meinen Phantasieen verlor, da
ich deutlich die Brcke in Hinterindien vor mir sah, wo ich auf meinem Zebra in
den Flu hinabsprang, als mich der Oberst der leichten Braminen-Kavallerie
verfolgte. Es war eigentlich ein Halbtraum, aber so schrecklich und deutlich,
da ich, als ich aufwachte, nachdem ich getrumt, ich sei im Wasser gelegen, nun
ber und ber na war. - Glaubst du das, Richard?
    Ja, ja, ich glaube es dir, Schellinger. Aber jetzt ruf' deine Phantasieen
zurck und la uns einmal ein anderes Gesprch anfangen. - Du wirst also beim
Dunkelwerden hinbergehen?
    In einer halben Stunde.
    Bei Meister Schwemmer setzst du dich wie oft an den Ofen und erzhlst deine
Geschichten, mut aber solche Dinge vortragen, das sie dir nicht glauben.
    Das wird schwer angehen, meinte Herr Schellinger.
    Na, versuch' es nur. - Wenn sie dir also nicht glauben wollen, und das
sagen, so ereiferst du dich und machst ihnen einige Grobheiten. - Das kannst du
doch? - So gibt denn ein Wort das andere; am Ende bedrohen sie dich vielleicht,
du lt dir nichts gefallen, ihr kommt aneinander, und dann machst du von deiner
Waffe Gebrauch. - Du hast doch deine Pistole bei dir?
    Hier ist sie, entgegnete der Schneider und zog ein rostiges
Theater-Terzerol aus der Tasche. Der Inspizient hat es mir geliehen und auch
mit einem schwachen Schusse geladen.
    Es ist aber doch kein Schrot darin?
    Gott bewahre! nur ein leichter Pfropfen. Auch werde ich damit an die Decke
hinauf halten.
    So ist's recht. - Zu gleicher Zeit schreist du um Hilfe, und dann sind wir
wie ein Donnerwetter bei der Hand.
    Was meinst du, Richard, sagte Herr Schellinger nach einer Pause, wenn sie
mir zu hart auf den Leib gehen, soll ich nicht vielleicht den Einen oder Anderen
zu Boden schlagen?
    Nein! entgegnete der Zimmermann, indem er lchelnd die miserable Figur des
Schneiders betrachtete. La das nur bleiben.
    Das ist eigentlich schade, fuhr dieser fort; ich knnte dabei so gut den
Handgriff anbringen, den mich die Tscherkessen gelehrt. Man bewegt nur die Faust
ein wenig, lt sie ganz sanft niederfallen, und wenn man dabei die richtige
Stelle trifft, so strzt dir ein Ochs zusammen. - Aber wenn du meinst, so thue
ich es nicht.
    Ich meine wirklich, es werde besser sein, wenn du es bleiben lt,
Schellinger; du hast berhaupt in dem Augenblick viel zu beobachten. Wenn du um
Hilfe schreist, so mut du im gleichen Augenblicke das Fenster oder die Thre
aufreien. - Jetzt aber noch Eins. Was du hier an Habseligkeiten hast, das
packen wir gleich zusammen, denn dableiben kannst du begreiflicherweise nach der
Geschichte nicht mehr; wir wollen schon ein Quartier fr dich besorgen.
Vorderhand kannst du zu mir ziehen, wir haben eine Kammer und ein Bett, besser
als dieses hier. Es wre gut, wenn du mit dem Einpacken gleich anfingest; ich
lege dann die Geschichten irgendwo hin, von wo wir sie nachher mitnehmen
knnen.
    Das Zusammenpacken ist schnell besorgt, erwiderte trbe lchelnd der
Garderobe-Gehilfe. Wenn ich bedenke, wo all' die schnen Sachen hingekommen
sind - ich kam damals aus Indien zurck mit vierundsechzig Kisten - wo sind sie
geblieben? - Gott wei es! Aber das machte mir keinen Kummer, ich habe mir
vorgenommen, nchstens einmal wieder eine Tour zu machen, und da werde ich schon
wieder was Besonderes finden. - Wenn es dir Spa macht, Richard, so bringe ich
dir einen wahnsinnigen Affen in Lebensgre mit.
    Und warum gerade einen wahnsinnigen, Schellinger?
    Ja siehst du, Richard, die gewhnlichen sind zu toll und unanstndig und
man kann nichts mit ihnen anfangen. Haben sie aber einmal ihren Affenverstand
verloren, so werden sie gelehrig und vernnftig wie ein Mensch. Sie sind
freilich sehr theuer, aber das kommt mir bei dir nicht darauf an.
    Whrend er das sprach, war er aufgestanden, hatte eine alte Kiste unter dem
Bettschragen hervorgezogen, und fing nun an, sie auf den Boden auszuleeren, zu
welchem Zwecke er ein nicht mehr ganz neues Hemd ausbreitete und darauf allerlei
unbedeutende Gegenstnde, als: Knochen, Glas, kleine Stcke Holz, vergilbte
Papiere, Haarbschel, auch abgerutschte Tressen, schmierige Rockaufschlge und
Kragen und dergleichen mehr niederlegte.
    Ich hatte einmal solch einen wahnsinnigen Affen, sagte er whrenddem, und
er war mir lange Jahre ein treuer und redlicher Bedienter. Er war ohne alle
Unarten; nur konnte er es nicht ertragen, wenn man ihm von seinem frheren
Stande sprach. Da wurde er grob und sagte mir oft die bittersten Wahrheiten. -
Siehst du, Richard, unterbrach er sich selbst, indem er ein kleines Papier
hervorzog, es aufmachte und dem Zimmermann eine Wursthaut darreichte, sieh, das
kannst du mitnehmen, es ist ein Stck Brillenschlangenhaut, davon brauchst du
dir nur ein klein wenig um die Finger zu wickeln, und alle Schlangen, die dir
begegnen, ergreifen augenblicklich die Flucht. Es beit dich alsdann keine; auf
Ehre! du kannst es mir glauben. - Da nimm es und thu' mir nur den Gefallen, es
gleich zu probiren. - Ich will ein Lgner sein und ein schlechter Mensch, wenn
du mir morgen nach dem Theater sagen kannst, es habe dich eine einzige
Klapperschlange oder dergleichen Zeug gebissen.
    Hilft es auch gegen die Flhe! fragte lachend der Zimmermann, whrend er
die vertrocknete Wursthaut in die Tasche steckte.
    La einmal sehen. - Gegen die Flhe? erwiderte Herr Schellinger,
streichelte gedankenvoll sein spitzes Kinn und sah zum Fenster hinaus. La doch
einmal sehen, wiederholte er alsdann. - Nein, gegen die Flhe hilft es nicht;
aber hier habe ich was Anderes fr diesen Zweck, was mir in Arabien gute Dienste
geleistet.
    Bei diesen Worten griff er in den Kasten und hndigte seinem Freunde etwas
ein, was dieser laut lachend betrachtete.
    Das ist ja ein Stiefelzieher, sagte er.
    Nein, nein, gewi nicht! Man braucht das in Arabien, um den Flhen die
Zhne auszubrechen.
    Da mssen sie ungeheuer gro sein, Schellinger.
    O, es geht so an, entgegnete der Schneider. Die grten, die ich gesehen
habe, waren wie hier zu Lande ein kleiner Pudel. Doch soll's hinter Palmyra, wie
glaubwrdige Reisebeschreibungen versichern, noch viel grere geben. Ich kam
aber nicht dahin, sie wollten mir in Damaskus meinen Pa nicht weiter visiren,
indem der dortige Oberamtmann behauptete, ich sei von meiner Regierung als
militrpflichtig reklamirt worden.
    Unter diesen Erzhlungen hatte der Schneider sein Bndel gepackt und bergab
es Richard, der ebenfalls aufgestanden war und es unter den Arm nahm. -
    Die Sonne war untergegangen, klar und rein, wie sie den ganzen Tag
geschienen, und hinterlie noch lange nachher eine Rthe am Horizont im Westen,
so tief und glhend, da die Nebel, welche sich im nchsten Augenblick ber die
Stadt lagerten, sie nicht zu bewltigen vermochten, sondern von ihr dunkelroth
gefrbt wurden.
    Der Zimmermann trat an's Fenster und sagte, whrend er hinausblickte: Das
wird eine kalte Nacht werden; ich bin froh, da ich mich warm angezogen habe;
denn wir werden doch eine Zeit lang drauen auf dich warten mssen.
    Ja, kalt wird es werden, meinte auch der Schneider. Schau, wie blutig der
Nebel aussieht. Wenn man an Vorbedeutungen glauben wollte, so knnte man
vielleicht denken, unser Unternehmen mchte nicht ganz gut ablaufen.
    Denkst du etwas dergleichen? fragte Richard. Schellinger! Schellinger! du
hast dich so bereitwillig zu deinem Posten angeboten; noch ist es Zeit,
zurckzutreten, wenn du etwa Furcht haben solltest. - Aber das will ich nicht
glauben, du hast dich immer als muthig bewhrt.
    Furcht? sprach geringschtzend der Garderobe- Ich meine, ich htte in
meinem Leben Muth genug gezeigt; von meinen Reisen will ich diesmal nichts
reden, denn sie sind weltbekannt. Aber du wirst dich wohl erinnern, da ich ein
ganzes Jahr lang Theaterdiener war, als der alte Sttz gestorben.
    Das wei ich freilich. - Aber zu dem Geschft gehrt doch kein besonderer
Muth.
    Muth und Entschlossenheit. Geh' du einmal zu einer ersten Sngerin hinein,
wenn sie ohnehin schlechter Laune ist, wenn sie sich einbildet, heiser zu sein,
weil sie nicht singen mag. Tritt du vor sie hin und fordere ihr irgend eine
Rolle ab. - Lieber Freund, ich habe mancher Lwin ihre Jungen weggenommen - das
thaten wir in Indien zur Bewegung vor dem Frhstck - und habe nie dabei
gezittert. - Aber hier! - Oder bring' einem ersten Knstler den Befehl der
Intendanz, eine, wie er glaubt, untergeordnete Rolle zu spielen, oder auch die
Verweigerung eines neuen Kostms! - Da heit es Courage haben und fest
hinstehen. Aber da drben der Schwemmer, das ist mir ein Kinderspiel.
    Es ist aber nicht nur der Schwemmer allein, erwiderte der Zimmermann,
sondern die Kneipe hinten im Hofe soll eine Auflage alles mglichen Gesindels
sein.
    Das ist schon wahr, fuhr der Schneider nachdenkend fort. Aber ich kenne
sie Alle; wie schon gesagt, der Schwemmer kann kaum von seinem Stuhle aufstehen,
sonst bringt ihn der Husten um. Da ist nun ferner ein Monsieur Struber, ein
hochnasiger Schuft, der aber nicht fr einen Pfennig Muth im Leibe hat. Der
einzige tchtige Kerl, der da sein knnte, ist ein gewisser Mathias. - Doch,
setzte er mit ungewohnter Aufrichtigkeit hinzu, thut er einem armen Schneider,
wie ich bin, nichts zu Leide.
    Fr alle Flle, versetzte Richard nach einer Pause, haben wir auch gute
Freunde, die uns untersttzen werden. - Er lehnte sich bei diesen Worten
abermals an das Fenster und blickte auf die langsam dunkler werdende Stadt, wo
sich schon hie und da einzelne Lichter zeigten. Die Katharina war neulich bei
einem Doktor, dem hat sie ihre Sache anvertraut und erzhlt, da sie
hauptschlich durch deine Hilfe ihr Kind wieder zu erlangen hofft. Es soll das
ein braver Herr sein, und er hat mit dem Polizei-Kommissr dieses Viertels
gesprochen, damit irgend Jemand in der Nhe ist, wenn wir allenfalls Hilfe
brauchten.
    Ich habe mit der Polizei nicht gerne zu thun, sagte Herr Schellinger; es
ist das fr anstndige Leute immer eine unangenehme Geschichte. Das tappt nur so
zu, namentlich im Dunkeln, und wenn sie selbst einmal den Unrechten beim Kragen
nehmen, so lassen sie ihn so bald nicht wieder fahren. - Er schlug die Arme
ber einander und blickte, wie es schien, mit allerlei Gedanken beschftigt,
in's Freie hinaus, an den Himmel empor, wo sich trotz des Nebels einige Sterne
mit blassem Lichte zeigten. - Und wo ist die Katharine? fragte er nach einer
Pause.
    Ganz in der Nhe, entgegnete Richard; in der Verwirrung, wo wir dir zu
Hilfe springen, wird sie in das Haus eilen, nach dem Affenstall, wie du die
Kinderstube nennst, und dort ihr Mdchen holen.
    Schn, schn; das ist nicht schlecht arrangirt. So wollen wir denn jetzt an
die Ausfhrung gehen.
    Ist es nicht noch zu frh.
    Nein, spter lassen sie mich gar nicht mehr in's Haus.
    Und wie lange glaubst du, da es dauern wird, bis wir zu thun bekommen?
    Ich denke, so eine halbe Stunde bis drei Viertel; wenn sie nicht gar zu
sanftmthig gelaunt sind, so ist es Zeit genug, um einen Streit mit ihnen
anzufangen.
    So geh' denn hinunter, Schellinger, sagte der Zimmermann, whrend er ihm
mit komischem Ernste beide Hnde auf die Schultern legte. Denk, du seiest in
Hinterindien oder in Vorderasien und gehest zur Attaque auf irgend einen wilden
Indianerstamm. Halte dich tapfer und schreie zur gehrigen Zeit und recht laut
um Hilfe.
    Daran soll's nicht fehlen, erwiderte der Schneider, der noch einen Blick
rings durch die Stube laufen lie, whrend er sich anschickte, sie zu verlassen.
Pltzlich blieb er stehen, schlug sich vor die Stirne und sagte: Wie kann man
auch so vergelich sein! Htte ich doch bald etwas ganz Nothwendiges bersehen!
- Richard, du mut mir die Liebe thun, da ich selbst keine Zeit mehr dazu habe,
an meine Stubenthre ein Papier zu kleben und darauf zu schreiben: Schellinger
wohnt nicht mehr hier, ist aber zu erfragen auf einem hochpreislichen
Hoftheater-Intendanz-Bureau. - Es ist das fr mich von groer Wichtigkeit, denn
von Tag zu Tag erwarte ich den Besuch eines meiner besten Freunde, eines
russischen Frsten, mit dem ich in Kairo beim Vizeknig zu Gast war. Er
versprach mir, mich in Deutschland zu besuchen, und sagte noch beim Abschied mit
Thrnen in den Augen zu mir: Paschol Durak - Schellinger! was so viel heien
will, als: Schellinger, ich werde dich niemals vergessen. - Nicht wahr, Richard,
das besorgst du mir? - Es war ein guter Kerl, dieser Russe, und er wrde mir
niemals vergeben, wenn er hier vor meine verschlossene Stubenthre kme.
    Der Schneider reichte hierauf seinem Freunde die Hand, bezeichnete auf der
Stubenthre die Stelle, wo er das Plakat angebracht zu haben wnschte, und stieg
hierauf vorsichtig die Treppe hinab. Als er aber unten angekommen war, blieb er
stehen und rief einige Male Richards Namen.
    Was soll's? antwortete dieser in das dunkle Haus hinab, wo er die Gestalt
des Schneiders nicht mehr erkennen konnte.
    Nur noch eine Kleinigkeit, versetzte der Garderobe-Gehilfe. Du mut auf
das Plakat ber die Notiz, wo ich zu finden bin, statt meines einfachen Namens
schreiben: der berhmte Reisende von Schellinger, denn nur so kennt mich mein
Freund, der russische Frst. - Jetzt aber gehab' dich wohl und fall' mir nicht
die Treppen hinunter.
    Richard hrte nun fr den Augenblick nichts weiter, als die tappenden
Schritte, mit welchen Herr Schellinger sich entfernte, sowie das Knarren der
Thre, als derselbe das Haus verlie.

                              Sechzigstes Kapitel.



                                      Er!

Meister Schwemmer sa, wie fast immer, so auch am heutigen Abend auf seinem
gewhnlichen Platz am Ofen, die angeschwollenen Fe in Filzschuhen, auf den
Knieen das unvermeidliche rothkarrirte Tuch, dessen eigentliche Bestimmung es
war, den vielen von den Fingern herabfallenden Schnupftabak wieder aufzufangen.
Hierauf hielt die Frau, und sie verga nie, dieses Tuch mehrmals des Tags in ein
Papier auszuschtteln.
    Vor dem Hausherrn sa rittlings auf einem Stuhle Herr Struber; er hatte die
Hnde auf die Lehne desselben gelegt und rieb sein spitzes Kinn auf ihnen hin
und her. Madame Schwemmer befand sich in einer Ecke des Zimmers und schlte
Kartoffeln, ging aber hufig in die Kche hinaus, um, wie sie sagte, nach dem
Kindsbrei zu sehen, der auf dem Herde schmorte, in Wahrheit aber, um regelmig
eine kleine Herzstrkung zu sich zu nehmen.
    Herr Struber mute etwas erzhlt haben, was den Anderen einigermaen
berrascht, denn dieser schttelte mit dem Kopfe, machte groe Augen und ein
schiefes Maul und meinte alsdann: So, so! - Ei, ei! - und spurlos
verschwunden?
    Spurlos! entgegnete Herr Struber, indem er seinen Kragen in die Hhe zog;
das heit, wohlverstanden, spurlos als Lebender. Freilich todt genug zog man
ihn am andern Morgen aus dem Kanal hervor.
    Ah! das ist doch was Anderes! da wute man also doch, wo er geblieben war!
- Und wer besorgt dergleichen Geschichten?
    Bssst! Meister Schwemmer! darber spricht man nicht gern; es wei es auch
eigentlich Niemand genau, wer da den Scharfrichter spielt. Genug, es ist schon
einige Male vorgekommen, so viel ich wei.
    Und da spricht er ganz einfach einen Urtheilsspruch?
    Nachdem er drei, vier der Andern gehrt hat, und sie seiner Meinung sind.
    Na, da ist doch eigentlich eine Art von Gericht, und dagegen kann man
nichts haben.
    Ganz richtig: dabei wre am Ende auch nichts zu erinnern. Aber er bt auch
sonst - unter uns gesagt - eine zu wahnsinnige Tyrannei aus. Kann Einer von uns
wohl thun, was er mag? - Hat irgend Einer einen freien Willen? - Nein! nein!
beim Teufel! nein! Ich versichere Euch, Meister Schwemmer, ich gehe stark mit
der Absicht um, wieder ehrlich zu werden und mein Brod auf anstndige Weise zu
verdienen. Ich absonderlich tauge nicht in diese Gesellschaft; man hat eine
Erziehung genossen, man hat eine Vergangenheit, und dann - gibt es ein paar zu
schne Augen, die mich oftmals mit heien Thrnen bitten, aus dem Dunkel
hervorzutreten, in das mich unsere Lebensweise hllt. - Schne Augen!
    Nun, wenn die schnen Augen Geld haben, so heirathet sie in Gottes Namen
und lebt Eurer Erziehung und Eurem Stande gem.
    Findet Ihr das nicht auch, Meister: ich bin zu nobel, zu vornehm fr dies
Gewerbe?
    Das wollte ich gerade nicht sagen, meinte hustend der Hausherr. Wit Ihr,
Struber, Euch fehlt der rechte Muth zu unserem Geschft, Ihr habt Angst vor
einem Handgemenge, Ihr seid zu weich.
    Richtig, richtig, Meister Schwemmer! erwiderte schwrmerisch der Andere,
wobei er den Hut, den er auf dem Kopf hatte, fest in die Augen drckte. Das
sagt meine Grfin mit den schnen Augen auch. Was mich dieses Weib liebt, davon
habt Ihr gar keine Vorstellung. - Es frit mir das Herz ab, wenn ich sie so
vornehm und stolz vorber fahren sehe, und dabei bedenke, was ich fr ein
miserabler Sklave bin. - Und Sklaven sind wir, das ist nicht zu leugnen.
    Als Herr Struber von der schnen Grfin sprach, nahm der Hausherr eine
gewaltige Prise und kniff sein linkes Auge zu gegen das Weib hin, das darauf
verchtlich lchelnd die Achseln zuckte.
    Glaubt Ihr nicht, da wir Sklaven sind? fuhr Herr Struber fort, da er
diese Grimasse, welche seiner angeblich vornehmen Bekanntschaft galt,
miverstanden.
    O ja doch, entgegnete Meister Schwemmer; namentlich Ihr vom Fuchsbau.
Mich hier lt er so ziemlich im Frieden.
    Wartet nur; ich sehe es auch noch kommen, da er Euch irgend was am Zeuge
flickt. Er soll neulich zu Mathias gesagt haben: was wit Ihr von der
Wirthschaft bei dem Schwemmer? Da sollen zuweilen saubere Geschichten vor sich
gehen; sagt ihm mein Kompliment und er soll sich in Acht nehmen.
    Hat er das wirklich gesagt? fragte der Meister, der einen pltzlichen
Schrecken mhsam hinter einem leichten Hsteln zu verbergen suchte, wogegen das
Weib Kartoffeln und Messer in den Schoo fallen lie und mit weit offenem Munde
drein schaute.
    Ja, das hat er gesagt? fuhr Herr Struber fort, offenbar sehr befriedigt
durch die Wirkung, welche diese Worte hervorgebracht. - Von mir sprach er
ebenfalls, und nicht gerade besonders schmeichelhaft; er nennt mein unschuldiges
Vergngen, den kleinen Kindern die Ohrringe wegzunehmen, ein gemeines
Verbrechen, eine Schande; er wolle ein Wort mit mir reden, wenn er sich einmal
von der Wahrheit berzeugt. - Nun, ist das keine Sklaverei? Mssen wir uns eine
solche Herrschaft gefallen lassen?
    Der Andere winkte mit der Hand, als wollte er sagen: stille, stille! Und
dann fragte er mit leiser Stimme: Woher erfhrt er denn alle diese
Geschichten?
    Das wei der Teufel! sagte Herr Struber; aber ihm bleibt nicht leicht
etwas verborgen. - Ich habe immer schon gedacht, der Mathias mache zuweilen den
Spion gegen uns.
    Nein, gewi nicht! erwiderte Meister Schwemmer im Tone der Ueberzeugung.
Der Mathias ist ein rauher Kerl, aber verrathen thut der Niemand. - Es ist das
berhaupt ein rthselhafter Herr, fuhr er nach einer Pause fort.
    Wer? - der Mathias?
    Ach nein! er! - Habt Ihr ihn krzlich gesehen?
    Gott sei Dank! nein; nur neulich zufllig erfahren, da er im Hause sei,
wie die Geschichte mit dem Lakaien spielte.
    Aber Ihr spracht ihn frher schon?
    Ein einziges Mal. Und ich mu gestehen, da machte er auf mich einen
gewaltigen Eindruck. Er ist nicht bermig gro, aber seine Stimme geht Einem
durch Mark und Bein, und wenn er eine Bewegung macht, auf und ab geht oder etwas
thut, so meint man, seine Glieder seien von Stahl und Eisen.
    Ja, ja, so ist es, entgegnete der Hausherr, whrend er langsam den Kopf in
die Hand sinken lie. - Aber glaubt Ihr wohl, fuhr er nach einer Pause fort,
da ihn Jemand von den Anderen genau kennt?
    Herr Struber schttelte den Kopf und versetzte: Sehr genau kennt ihn gewi
Niemand, am besten wohl der Mathias, und dann der Josef, dessen Ihr Euch wohl
noch erinnern werdet.
    Richtig, der Josef! - Wo ist der wohl geblieben?
    Hm! hm! machte der Andere. Dann hob er den Kopf in die Hhe und blickte
seinem Gegenber forschend in die Augen, so da dieser fortfuhr:
    Vor mir braucht Ihr Euch nicht zu geniren, denn wir kennen uns lange und
genau genug.
    Das ist schon wahr, meinte Herr Struber und blinzelte mit den Augen. Ich
habe eigentlich auch schon lange mit Euch darber sprechen wollen; jedoch - er
warf einen Blick auf das Weib in der Ecke, welchen der Hausherr vollkommen
verstand, denn er sagte augenblicklich mit seiner heiseren Stimme:
    Geh' hinaus und schaue einmal nach den Kindern; ich meine, ich hr' da ein
Geschrei.
    Worauf sie sich mit einer unmuthigen Bewegung erhob und das Zimmer verlie.
    Nun -?
    Der Josef verschwand also pltzlich spurlos und blieb wenigstens ein ganzes
Jahr weg. Eines Abends erschien er nun wieder einmal im Fuchsbau, ganz zerlumpt
und abgerissen.
    Er hatte wohl eine Kunstreise gemacht?
    Wie ich Euch sage: er schaute zum Erbarmen aus. Es war gerade an jenem
Abend, wo er auch im Fuchsbau war. Er mu auch den Josef gesprochen haben, denn
der Mathias fhrte ihn auf ein Zeichen der Alten aus der Schenkstube hinweg, und
Beide kamen nicht wieder. Mathias freilich nur fr den Abend, der Josef aber
auch am anderen und die folgenden Tage nicht.
    Da wird er wieder auf Reisen gegangen sein?
    Herr Struber lehnte sich mit seinem Stuhle so weit als mglich vorn ber,
worauf er mit den Augen blinzelte und leise flsternd sagte: Unter uns, Meister
Schwemmer, er blieb in der Stadt; ich mchte wenigstens hundert Gulden gegen
einen faulen Apfel wetten, da ich ihn krzlich wieder gesehen.
    Zerlumpt? -
    Im Gegentheil: er stand auf einer herrschaftlichen Kutsche, auf's Schnste
als Jger angezogen.
    Nun, das ist was Rechtes. Da wird er eine Stelle haben, wie der selige
Lakai.
    O nein; mit dem blieben wir bestndig im Rapport, der kannte uns genau und
nickte uns auf der Strae, so oft er nur konnte, verstohlen zu. - Aber Herr
Josef sind stolz und vornehm geworden, ein ganz Anderer, kennt uns nicht mehr
und wenden den Kopf ab, wenn wir ihn ein bischen scharf anblicken.
    Meister Schwemmer schaute an die Decke empor, nahm eine starke Prise und
hielt darauf seine Nase eine Zeit lang mit den Fingern fest, whrend er eifrig
nachdachte. - Das ist allerdings sonderbar, sagte er alsdann. Aber ich will
Euch einen Rath geben, bester Struber; wenn sich die Sache so verhlt, so thut
Euch selbst den Gefallen, und blickt den Joseph nicht so scharf an, denn sonst
knnte er Euch auf kuriose Art zwingen, die Augen niederzuschlagen.
    Immer wieder er! entgegnete der Andere und setzte mit prahlerischem Tone
hinzu: Was will er denn eigentlich? Ich werde doch, beim Blitz! auf der Strae
die Menschen ansehen drfen! - Ihr habt eine gewaltige Angst vor ihm.
    O lieber Freund, antwortete lchelnd der Hausherr, wir wissen wohl, wer
die meiste Angst hat, aber auch das grte Maul. Wollte Euch nur sehen, was Ihr
fr ein Gesicht machen wrdet, wenn er jetzt zufllig zum Fenster herein
schaute.
    Bei diesen Worten blickte der Sprecher, um den Anderen zu necken, etwas
scharf auf die dunkeln Scheiben, worauf Herr Struber erschrocken herumfuhr, und
dann, als Jener laut auflachte, verdrielich sagte: Ah! lat doch die
schlechten Witze! Damit treibt man keinen Spa.
    Na, setzt Euch nur ruhig wieder hin, fuhr Meister Schwemmer nach einem
heftigen Hustenanfall fort. Daher kommt er nicht: wir stehen nicht in seiner
Gnade; er bekmmert sich auch nicht um uns, was mir brigens sehr angenehm ist.
- Aber sagt mir ber Eins Eure Meinung - ich wei, Ihr denkt viel und habt in
manchen Sachen einen auerordentlichen Scharfblick - wofr haltet Ihr ihn
eigentlich?
    Herr Struber zuckte bei diesen Worten hoch und lange die Achseln, dann
schob er seine Unterlippe vor und entgegnete: Das mag der Teufel wissen.
    Na, gebt was los! meinte der Hausherr, da Jener zu zaudern schien. Ihr
habt gewi viel darber nachgedacht und auch Manches in Erfahrung gebracht.
    Erfahren habe ich eigentlich ber ihn nie etwas, erwiderte Herr Struber.
Aber meine Idee steht so ziemlich fest.
    Nun denn? -
    Da er keiner unseres Gleichen ist, das liegt am Tage, ebenso, da die
Gestalt, unter der er bei uns erscheint, nicht seine wahre ist. - Ich halte ihn
mit einem Wort fr einen vornehmen und reichen Herrn, dem es nun einmal Spa
macht, eine solche Rolle zu spielen.
    Ja, ja, das denke ich auch.
    Der eine Freude daran findet, so eine unsichtbare und mchtige Hand ber
die Menschen auszustrecken, und hier und dort Einen zu schtteln und zu kneifen;
dessen Laune es ist, manchmal Jemand, der sich vielleicht seinen Zorn zugezogen,
gewaltig zu treffen. - Denn aus Eigennutz oder des Verdienstes halber hat er
sich nicht mit uns eingelassen, das liegt am Tage.
    Gewi nicht; ich wte mich wenigstens nicht zu erinnern, da er je auch
nur Nadelknopfs werth von dem Erworbenen fr sich in Anspruch genommen.
    Ihr mt aber da etwas unterscheiden, fuhr Herr Struber mit einem
pfiffigen Gesichte fort; er verlangte freilich nie etwas, was fr uns Werth
hat, aber die Sachen, die er sich vorbehielt, und die wir hie und da mitnahmen,
muten doch wohl fr ihn wichtig sein, denn er hat sie uns meistens reich
bezahlt.
    Und was waren das fr Sachen?
    Papiere, lieber Freund! - Dokumente; was wei ich! Oftmals Briefschaften,
ja nur ein einfaches Portrt, das er haben wollte. Und wie genau wute er immer,
wo das zu finden sei. In solchen Fllen gab er das Zimmer an, den Tisch oder den
Schrank, wo sich die und die Kassette befnde; ja er wute oft, wo der Schlssel
war, oder sagte, man msse sie aufsprengen oder ganz mitnehmen.
    Aber Papiere von Geldwerth nahm er nicht?
    Davon habe ich niemals etwas gehrt. - Als ich ihn damals sah - er gab uns
in der Nacht ber einen verwickelten Fall eine sehr genaue Instruktion - sprach
er etwas, das ich nicht vergessen werde. - Einer ist auf dieser Erde der Sklave
des Anderen, sagte er; mir macht es nun einmal Vergngen, so eine recht scharfe
Peitsche ber Alle schwingen zu knnen, nachdem sie mich lange und schwer
gegeielt. - Zu derselben Zeit bekam der Mathias noch einen ganz sonderbaren
Auftrag, den er auch mit einer unglaublichen Gewandtheit ausfhrte. - Was meint
Ihr wohl, Meister? - Er mute sich mit groer Gefahr in ein Haus schleichen,
mehrere Thren ffnen, und das alles nicht um etwas zu nehmen, sondern um etwas
zu bringen.
    Ah! Struber, Ihr bindet mir Eins auf.
    Gewi nicht; mich soll der Teufel holen! Er bekam von ihm ein Paketchen mit
Briefen, und die mute der Mathias dort in einem Schreibtisch in ein ihm genau
bezeichnetes Fach legen.
    Das begreife ein Mensch.
    Ich hab's begriffen, sprach Herr Struber schmunzelnd, indem er die linke
Hand mit ausgespreizten Fingern von sich abstreckte; das war eine Mine, die er
in dem Hause legte, die artig aufplatzte und dort mehr Verwirrung anrichtete,
als wenn wir hunderttausend Thaler gestohlen htten.
    In diesem Augenblicke vernahm man ein leises Klopfen an der Hausthre.
    Wer kann das sein? fragte Meister Schwemmer.
    Vielleicht der Mathias.
    Nein; der klopft nicht so leise, sagte der Hausherr. Geh an die Thre!
rief er seiner Frau, die eben wieder eintrat, zu, und schau, wer da ist. Wir
brauchen keinen Besuch.
    Dem Klopfen nach, meinte sie, ist es der Schneider von drben.
    Ah! mein Freund Schellinger! rief lustig Herr Struber. Den mt Ihr auf
einen Augenblick herein lassen, das ist ein gar zu amsanter Kerl; er soll uns
von seinen Reisen erzhlen. - Nicht, Meister?
    Meinetwegen! entgegnete der Hausherr. Ich habe eigentlich nichts dagegen;
eine halbe Stunde kann er schon da bleiben. Aber dann kommt der Mathias, und der
ist, wie ihr wit, kein Freund von solchen Schnurrpfeifereien.
    Die Frau ffnete die Thre und Herr Schellinger trat ein. Er rieb sich
frstelnd die Hnde, bewegte seine Schultern hin und her, und sagte dann: Guten
Abend bei einander; heute Nacht wird's kalt, ich wollte mir nur noch eine
Handvoll Wrme mitnehmen, ehe ich in mein Bett gehe.
    Ja, Ihr bringt einen wahren Frost mit herein, versetzte Meister Schwemmer
stark hustend. Setzt Euch da auf die Bank und thaut ein bischen auf.
    Der Schneider that wie ihm geheien und lie sich auf einen Schemel an der
Seite des Ofens nieder, wo sich die Stubenthre befand.
    Habe lange nicht das Vergngen gehabt, Freund Schellinger, sprach Herr
Struber. Ihr besucht Eure Freunde so selten.
    Wer zu oft kommt, der wird berlstig, sagte Schellinger lchelnd. Dann
wandte er sich an den Hausherrn und meinte: So ein warmer Ofen thut doch gut;
Ihr solltet mir nchstens auch einen in die Stube setzen lassen.
    Das ertrgt's Geblk nicht, warf lachend Herr Struber ein. Ich frchte
immer, da Ihr's einmal durchbrecht und da ich Euch eines Tags im untern Stock
von der Decke herabhngend finde.
    Der Schneider legte seine Arme auf die Kniee, wie er gern zu thun pflegte,
und lie den Kopf tief sinken, den er nur zuweilen seitwrts erhob, um alsdann
Dem, mit welchem er gerade sprach, mit einem eigenthmlichen Gesichtsausdrucke
von unten herauf in die Augen zu blicken. - Das wre mglich, sagte er, da
ich mich noch einmal selbst da aufhnge; aber vorher warte ich noch auf etwas.
    Und das wre? lachte Herr Struber.
    Da Andere zuerst Euch aufhngen, entgegnete ruhig der Garderobe-Gehilfe.
Ich mchte sehen, wie sich dabei ein Mann von Lebensart und guter Erziehung wie
Ihr ausnimmt.
    Pfui, Schellinger! erwiderte der Andere. Wer kann von so etwas nur
reden!
    Ja Ihr brachtet mich darauf, lchelte der Schneider. Nicht wahr, Meister,
ich fing nicht an?
    Nein, Ihr fingt nicht an, antwortete der Hausherr, whrend er Herrn
Schellinger seine Dose darbot.
    Danke schn. - Bin so frei. - Und wie geht's mit der Gesundheit?
    Ich kann's gerade nicht rhmen, entgegnete Meister Schwemmer. Der Winter
greift mich an; das ist fr Unsereins eine garstige Jahreszeit?
    Ja, das Frhjahr ist besser, mischte sich Herr Struber in's Gesprch, und
nickte dabei dem Schneider bedeutsam zu.
    Es ist etwas Seltsames, sprach dieser kopfschttelnd nach einer Pause und
sah starr vor sich auf den Boden, um so einen starken Schnupfen, wie Ihr habt.
Das kommt in der Geschwindigkeit angeflogen und geht langsam wieder.
    Aber bei mir ist es doch etwas mehr als Schnupfen, meinte trbe lchelnd
der Hausherr.
    Nichts als Schnupfen, entgegnete Herr Schellinger in bestimmtem Tone. Ich
habe ihn einmal in Ruland vier Jahre gehabt, unaufhrlich fort. Und da ich
damals in sehr feine Gesellschaft ging, so brauchte ich tglich vierundzwanzig
Schnupftcher, gerade zwei Dutzend; daran habe ich die Zahl behalten.
    Aber meinen Husten - den hattet Ihr nicht. Seht, das ist oft so arg, ich
knnte wahrhaftig vom Stuhle herunterfallen.
    Der meine war dazumal noch schlimmer; fuhr der Schneider unerschtterlich
fort; ich mute mich oft durch sechs Kosaken halten lassen, nur um nicht
hinzustrzen.
    Und wie wurdet Ihr Euren Schnupfen los? fragte Herr Struber.
    Allein durch Luftvernderung. In der Verzweiflung schlo ich mich an eine
Gesellschaft an, die hinauf an den Nordpol reiste, um dort das groe Loch zu
untersuchen, welches die Erdaxe in's Eis gebohrt hat.
    Aber um einen solchen Husten und Schnupfen los zu werden, meine ich, man
ginge nach dem Sden, dahin, wo es recht warm ist, sagte der Hausherr.
    Das hatte bei mir nicht geholfen, erwiderte Herr Schellinger. Die Aerzte
zuckten bei meinem Anblick die Achseln und behaupteten, mir knne nur die
Frierkur helfen.
    Und wie ist die?
    Man reist also ganz einfach nach dem Nordpol hinauf, dort ist die Anstalt,
wo man die Frierkur durchmacht; man kann auch da Molken trinken, aber sie
schmecken von dem vielen Schneewasser ein bischen salzig. - Nun also werde ich
in dicke Pelze eingehllt, Alles: Krper, Gesicht, Mund und Nase. Dann bohrte
man mir unter der Letzteren zwei Lcher, da hinein steckte man Rhren, durch
welche der Frost auf mich einwirken sollte. Und so wurde ich vier Tage lang
gerade mitten auf die Erdaxe gesetzt, bis der Schnupfen in meinem Kopf erfroren
war, dann nahm man ihn heraus, setzte ihn in Spiritus, und ich habe ihn lange
bei mir verwahrt, verkaufte ihn aber zuletzt auf vieles Zureden an die
Universitt nach Berlin fr zwanzigtausend preuische Thaler.
    Da wurdet Ihr ja auf einmal ein reicher Mann, sprach laut lachend Herr
Struber.
    Htte es sein knnen, entgegnete wehmthig der Schneider. Aber ich
erhielt mein Geld in lauter Papierscheinen zu jener Zeit, als es dort so
ungeheuer viel falsche gab. Das war ein groes Unglck, denn, als ich mir mit
meinen zwanzigtausend Thalern in der Tasche ein Milchbrod kaufen wollte, so
mute ich noch sechs Pfennige darauf legen.
    Das ist allerdings ein hartes Schicksal, meinte der Hausherr. Und das hat
Euch gewi ein- fr allemal Preuen entleidet?
    Ich will das nicht geradezu behaupten, antwortete Herr Schellinger.
Allerdings schmerzte mich der Verlust dieses Geldes; doch Gold lt sich nicht
erwerben. Aber ich verlie dazumal Berlin, - es war im Monat August und es
wimmelte auf den Straen von tollen Hunden -
    Und das machte Euch Angst?
    Es war mir wenigstens nicht besonders angenehm; und da mir die Welt offen
stand, so reiste ich direkt nach Persien. - Aber da fllt mir noch eine
schauerliche Geschichte ein, die damals mit solch' einem wthenden Hunde in
Berlin passirte. Dieser Hund - ich glaube, er hie Sultan - wurde, Gott wei,
aus welcher Ursache, rasend, er bi ein Pferd, das nach gehriger Zeit ebenfalls
wthend wurde, und zwar gerade, als man im Begriff war, es einzuspannen. Dieser
Gaul schlgt wie toll um sich und endlich beit er zu wiederholten Malen in die
Deichsel. - Das hat nun weiter nichts zu sagen, meint ihr; aber ich gebe euch
mein Ehrenwort, da die Sache einen frchterlichen Verlauf nahm. Diese Deichsel
nmlich, ja der ganze Wagen war am anderen Tage angesteckt, und rannte wie toll
durch alle Straen, und in einer Geschwindigkeit, da zwlf Mann Gensdarmerie zu
Pferde kaum im Stande waren ihn einzuholen.
    Aber er hat doch Niemand gebissen? fragte pfiffig blinzelnd Herr Struber.
    Das gerade nicht; aber ich habe Leute gekannt, die bei diesem Anblick in
Ohnmacht fielen, und die, als sie wieder zu sich kamen, ihr ganzes Leben
hindurch behaupteten, sie htten ein herumlaufendes Rad im Kopfe. - Und das ist
keine Kleinigkeit.
    Schellinger ist immer noch der Alte, sagte der Hausherr, nachdem er zuerst
gelacht, dann gehustet und sich darauf in einem wahren Erstickungsanfall die
Seiten zusammengepret hatte.
    Ja, ja, wir bleiben die Alten, entgegnete kopfnickend der Schneider, -
bis an unser seliges Ende.
    Herr Struber verzog bei diesen Worten auf unangenehme Art den Mund und
schnalzte mit der Zunge, als koste er etwas sehr Scharfes und Bitteres. -
Sprechen wir nicht davon, sagte er; ich mag das nicht leiden; es kommt frh
genug.
    So solltet Ihr nicht sprechen, erwiderte der Garderobe-Gehilfe und sah den
Anderen fest an. Unsereins hat bei seinem Tode nichts zu erwarten; wir gehen
abwrts, sieben bis acht Schuh abwrts, und liegen da ruhig, bis uns die
Graswurzeln in's Gesicht wachsen. Aber Ihr, Struber, Ihr geht bei Eurem seligen
Ende ein paar Klafter aufwrts, darauf mchte ich schwren, und erhaltet da
vornehme Gesellschaft, die Euch laut schwtzend umkreisen und sehr vielen
Geschmack an Euch finden wird.
    Wir knnen nicht verschweigen, da Herr Struber bei diesen Worten leicht
zusammenschauerte und sich einigermaen entfrbte.
    Auch Meister Schwemmer bewegte sich unmuthig auf seinem Stuhle, whrend er
sagte: Lat doch diese scheulichen Reden; das greift mir wahrhaftig die Nerven
an.
    Man mu immer an sein Ende denken, versetzte unerschtterlich der
Schneider. Und Ihr werdet doch keine Angst vor dem Tode haben? das ist Euch ja
ein alter lieber Gast, der oft genug hier im Hause einkehrt.
    Der Hausherr war bei diesen Worten erschreckt zusammen gefahren, dann aber
raffte er sich empor und blickte den Schneider mit seinen weit aufgerissenen,
unheimlich glnzenden Augen an, wobei er den Mund ffnete, so da seine dnnen
Backen tief einsanken. Doch versuchte er es gleich darauf wieder, zu lcheln,
whrend er hstelnd sagte: Alter Spavogel, der Schellinger! - Gott sei es
gedankt, mit uns ist der Tod bis jetzt recht suberlich verfahren.
    Der Schneider that gar nicht, als habe er nur das Geringste von der
Aufregung der Andern gesehen; er klopfte sich mit den Hnden auf seine dnnen
Schenkel und schaute an die Decke, als er sprach: Wit Ihr, Meister, die Leute
sagen so; mir kann es ja im Grunde gleichgiltig sein.
    Was sagen die Leute?
    Nun, was werden sie sagen! Da Ihr hinten in Eurem Hause einen Stall habet,
wo die armen kleinen Kinder, die von Gott und den Menschen verlassen sind und
dehalb in Eure Hnde fallen, zu Tode gefttert werden.
    Ah!
    Ja, das sagen sie. Und sie halten das Ganze hier nur fr eine
Seelenverkuferei; und dehalb bin ich auch eigentlich gekommen, um mein
Quartier bei Euch aufzukndigen, denn wenn ich noch ferner wohnen bliebe, so
knnte meine Reputation darunter leiden.
    Herr Struber hatte sich bei diesen seltsamen Worten zoll- und ruckweise von
seinem Stuhle erhoben und den Schneider mit einem wahrhaft glsernen Blicke
betrachtet. Seine rechte Hand tappte dabei hinter sich an die Stuhllehne, als
glaube er dort irgend ein Instrument zum Dreinschlagen finden oder fassen zu
knnen. Zu gleicher Zeit blickte er aber auch auf die Stubenthre und schien in
Erwgung zu ziehen, ob es nicht besser wre, dies Haus, von dem man so
schreckliche Dinge sagte, zu verlassen.
    Ich begreife brigens gar nicht, fuhr der Schneider mit groer
Kaltbltigkeit fort, wie Ihr mich so verwundert anstaunen mgt? Habt Ihr denn
nicht gewut, da die Leute so was sagen?
    Nein, nein! stie der Hausherr mhsam hervor. Das sagt auch Niemand als
Ihr allein.
    Ich? - was geht's mich eigentlich an? Meint Ihr denn, da Jemand, der
Abends hinter der Stadtmauer spazieren geht, nicht zuweilen das Lachen und
Singen Eurer Pflegekinder hrt? - Lachen und Singen, da einem ehrlichen Manne
die Haut schaudern mu.
    Nein, nein, man kann es nicht hren! schrie Meister Schwemmer. Doch da er
augenblicklich heiser war, so setzte er flsternd und kaum hrbar hinzu:
Niemand als ein Spion kann das hren! und ein solcher Spion seid Ihr! - Ihr!
Ihr! Er warf sich bei diesen Worten gewaltsam vorn ber, so da sich seine
spitzige Nase wenige Zoll von der Brust des Schneiders befand, und bei jedem
Ihr! das er mhsam herausbrachte, stie er damit vorwrts, als wollte er
seinem Gegner jedesmal einen Dolchsto versetzen.
    Das Weib war unterdessen wieder in die Stube getreten und hatte sich mit
wankenden Schritten genhert. Ihre Nase war stark gerthet, und aus den Augen
flammte die Trunkenheit; sie hatte die Kartoffeln fallen lassen, das
Kchenmesser dagegen in der Hand behalten.
    Herr Schellinger besa wirklichen Muth; denn Angesichts dieser drohenden
Geberden, die ihn rings umgaben, zuckte er leicht die Achseln und sagte mit
bewundernswrdiger Ruhe, indem er sich langsam erhob: Ich habe das schon lange
gewut: wer die Wahrheit spricht, den beherbergt man nicht; und dehalb halte
ich es fr das Beste, wenn ich nach Hause gehe.
    Bei diesen Worten war er ganz aufgestanden und hatte vorsichtiger Weise den
schweren hlzernen Schemel, auf dem er gesessen, wie einen Schild vor sich
genommen, whrend er sich mit dem Rcken an die Wand lehnte. Er gebrauchte diese
Vorsichtsmaregeln nur wegen des betrunkenen Weibes, deren wilde Leidenschaft er
wohl kannte, und da er ganz richtig berlegte: Wenn ich auch wirklich um Hilfe
schreie, so kann die mir ein paar Zoll ihres Messers in den Leib stoen, ehe
Jemand Amen sagt.
    Nein - nein - er - soll - nicht - von - hier - fort, - jetzt! - rief
Meister Schwemmer. Und dabei machte er den Versuch, sich zu erheben; doch
versagten ihm die kraftlosen Beine den Dienst, so da er in seinen Stuhl zurck
sank. - Er soll - dableiben - bis - der Mathias - kommt. - - Und - der wird -
gleich - hier sein. - Struber - stellt Euch - an die - Thre - und lat - ihn -
nicht - - hinaus!
    Dieser that zgernd wie ihm geheien; er war auffallend erblat, und
obgleich wenigstens einen Kopf grer als Herr Schellinger, schien es doch, er
wrde diesem viel lieber die Thre ffnen und ihn laufen lassen, als da er
genthigt sei, ihn am Fortgehen zu verhindern.
    Kaum aber hatte sich Herr Struber mit dem Rcken dagegen gelehnt, so fuhr
er mit einem Ausruf des Schreckens und wie von einer Feder geschnellt wieder in
das Zimmer hinein, denn hinter ihm wurde eben diese Thre pltzlich geffnet und
der erwartete Mathias trat eilfertig herein.
    Da ist - er schon! schrie Meister Schwemmer eifrig. - Da ist er schon! -
Habt Ihr - die Hausthre geschlossen, Mathias? - So, jetzt - stellt - Euch
wieder vor die Stubenthre-Struber. - Warte - warte, Schneider! - Er htte
wahrscheinlich noch mehr hinzugefgt, doch berfiel ihn ein so furchtbarer
Husten, da es ihn gewaltsam vorn ber und dann wieder zurck an die Stuhllehne
warf, und er lngere Zeit brauchte, ehe selbst Jemand anders zu Wort kommen
konnte.
    Herr Struber, als er sah, da es nur eine neue krftige Hilfe war, die ihn
vorhin so in Schrecken gesetzt, zog hastig seinen schwarzen Frack etwas herab,
drckte mit einem gelinden Klaps den Hut auf dem Kopfe fest und stellte sich
hierauf an die Thre, trotzig und augenscheinlich voll Kampflust.
    Mathias war in die Mitte der Stube getreten und schaute Jeden der Anwesenden
der Reihe nach ruhig an. - Was geht denn hier vor? fragte er dann nach einer
Pause. Sollte man doch wirklich meinen, der Teufel sei auch hier los.
    Der Hausherr, der noch immer nicht sprechen konnte, verzog heftig sein
Gesicht und deutete auf den Schneider.
    Was ist's denn mit ihm? fragte Mathias. Und da Meister Schwemmer nicht
antwortete, so fuhr er zu Struber gewendet fort: So schwtzt Ihr! Das Maul zu
gebrauchen wird Euch doch wohl nicht schwer werden.
    Der Schneider fhrte hier so eben ganz absonderliche Reden, antwortete der
an der Thre. Es ist das ein gefhrlicher Kerl geworden -
    Ein Spion! rief nun der Hausherr mit einer verzweifelten Anstrengung. -
Man mu ihn festhalten, Mathias.
    Teufel auch! entgegnete dieser sehr ernst. Ich gebe sonst nie viel auf
Euer dummes Gerede, aber diesmal mgt Ihr wahrhaftig Recht haben; es ist drauen
nicht richtig.
    Wo? fragte erschrocken Herr Struber.
    Als ich eben zum Garten herein will, fuhr der Andere fort, blickte ich,
wie das meine Gewohnheit ist, scharf nach allen Seiten, und sehe da mehrere
Kerle, die sich links von hier am Zaune aufhalten. Ich mochte natrlicherweise
nicht thun, als ginge das mich etwas an, und schielte nur so herber, bemerkte
aber gleich, da die Sache sehr verdchtig ist, denn ich sah deutlich etwas
glnzen, wie Uniformsknpfe, und vernahm auch das Klirren eines Sbels.
    Das Klirren eines Sbels? sprach angstvoll Herr Struber.
    Fragen wir den da! schrie Meister Schwemmer. Der wei darum.
    Ich wei von nichts, entgegnete der Schneider, indem er zu gleicher Zeit
mit der rechten Hand unter den Rock fuhr, wo er auf der Brust das Theaterpistol
verwahrt hatte. Lat mich ruhig meiner Wege gehen, ich will nichts von Euch.
    Aber wir wollen was von Euch, sagte Mathias sehr ernst und trat einen
Schritt nher. Schellinger! Schellinger! Macht Euch keine Ungelegenheit! Mit
mir ist nicht zu spassen.
    Ich verlange auch nicht nach einem Spasse mit Euch, versetzte der
Schneider. Drum lat mich ruhig meiner Wege gehen. - Sonst, setzte er
unvorsichtigerweise hinzu, schreie ich um Hilfe.
    Ah! rief Mathias, einen halben Schritt zurckfahrend, er will um Hilfe
schreien! - Also mu eine Hilfe in der Nhe sein. - So wollen wir dich lieber
vorher zu Boden schlagen, und dann kannst du nach deinen Helfershelfern
schreien, so lange du magst. - Bei diesen Worten, und noch ehe er sie beendigt,
ergriff er einen der schweren Sthle, die hinter ihm standen, schwang ihn mit
Blitzesschnelle um seinen Kopf und lie ihn auf den Garderobe-Gehilfen
niederfallen.
    Dieser aber zog im gleichen Augenblicke sein Pistol aus der Tasche und erhob
ein lautes Geschrei. Der Schu krachte los, und Herr Struber, der offenbar
meinte, er sei tdtlich getroffen, ri die Stubenthre auf und floh behende auf
den Gang hinaus. Ihm folgte nicht minder behende und gnzlich unversehrt Herr
Schellinger, denn der Schlag, den Mathias mit Riesenkraft nach ihm gefhrt,
hatte glcklicherweise nicht ihn, sondern den Ofen getroffen, und die in ihren
Fugen morschen Eisenplatten desselben so auseinander geschmettert, da das
brennende und rauchende Holz in der Stube herumfuhr und einen Qualm verursachte,
in dem Meister Schwemmer zu ersticken drohte.
    Es war eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung; die Lampe strzte von dem
Tische herunter, und Mathias, den seine rasche That gereute, stand lauschend
inmitten der Dunkelheit und des Qualms, und hrte, wie drauen ein paar Stimmen
riefen: Wir kommen schon - wir kommen, Schellinger! - Rasch eilte er an das
Fenster, warf einen Blick auf den Hof und dann sprang er zurck und rief dem
Hausherrn zu: Ich kann Euch hier zu nichts helfen, und vielleicht nur Schaden
bringen; ich finde schon meinen Weg in's Freie. Damit eilte er durch die Kche
und verschwand hinter dem Hause.
    Schellinger, der einen Augenblick erwartungsvoll im Gange gestanden, hatte
ebenfalls die Stimmen seiner Freunde vernommen und schob den Riegel der
Hausthre zurck.
    Es war Richard, der eintrat, eine schwere Axt in der Hand; ihm folgten ein
paar andere Zimmerleute, von denen Einer eine Laterne trug. Eine weibliche
Gestalt huschte ebenfalls zum Hause herein, wurde aber, als sie rasch vordringen
wollte, von Richard am Arme zurckgehalten, der ihr sagte: Ruhig, Katharine;
gemach, gemach! - La uns nur voran gehen; Schellinger kennt die Gelegenheit.
    Und Schellinger wute in der That ganz genau, wo sich die Kinderstube
befand. Er nahm seinem Kameraden die Laterne ab und eilte an das Ende des
Ganges.
    Die Thre ist offen! rief er. Es mu schon Jemand da hinein sein. - Jetzt
aufgepat, Leute, und vorsichtig.
    Wie viel Mann sind im Hause? fragte entschlossen Richard.
    Nur ein einziger, entgegnete der Schneider; zwei andere, die noch da
sind, zhlen fr gar nichts. Und auch dieser einzige, der mich, beilufig
gesagt, fast todtgeschlagen htte, wird seine guten Grnde gehabt haben, das
Haus zu verlassen; denn sonst htte er euch, wie ich ihn kenne, den Eintritt
ziemlich sauer gemacht.
    Da ist mein Kind! schrie nun Katharine mit lauter Stimme. - Sie war den
Mnnern voraus und, die Warnung Schellingers nicht beachtend, in das Zimmer
gestrzt. - Es lebt! es lebt! - Gott sei gedankt! es lebt! - Damit sank sie zu
dem kleinen Mdchen auf den Boden nieder, prete es heftig in ihre Arme, und
lachte und schluchzte abwechselnd, whrend sie ihm Kopf, Hnde und die
geschwollenen Fe kte, wobei ihre Thrnen reichlich floen. - Seht ihr, da
es nicht todt ist! rief sie triumphirend; ja, ja, seht nur her, es lebt! - Und
der Schein war falsch; die gute Marie hat Recht gehabt. - O wie danke ich euch!
Es sieht wohl ein wenig elend aus, auch ist sein blaues Kleidchen ganz
zerdrckt, aber das thut nichts - du bekommst schon ein neues. - O gewi, ein
neues! - Und wieder ein blaues, denn du bist ja nicht todt. - Ha! ha! ha!
lachte sie krampfhaft hinaus, ja, es lebt, es -
    Diese Aufregung, die Angst und alsdann die Freude war zu viel fr ihren
schwachen Krper. So auf den Knieen liegend und sprechend, knickte sie zusammen,
ihr Kopf sank tief herab, und ohnmchtig, wie sie war, wre sie auf den Boden
niedergestrzt, wenn sie nicht einer der Zimmerleute gehalten htte.
    Das ist gescheidt, - sagte Richard, der sie mitleidig betrachtete und
seltsam mit den Augen blinzelte. - Bravo! Da fllt sie um und das in einem
recht geschickten Augenblick. - Schellinger, du weit mit den Frauenzimmern
umzugehen, bck' dich ein bischen zu ihr herab und schau nach, was da zu machen
ist.
    Der Schneider that wie ihm geheien, richtete ihren Kopf auf und blickte um
sich her, whrend er gerhrt sprach: Das arme Geschpf! Man htte sich das
denken knnen! - Wenn nur etwas Wasser da wre!
    Hier ist welches, sagte eine frische Kinderstimme hinter Richard.
    Und als dieser sich umwandte, sah er einen kleinen Knaben, der sich
anfnglich hinter den Bettschragen verkrochen hatte, jetzt aber ruhigen Muths
zum Vorschein kam. Seine Kleidung sah ziemlich zerlumpt und abgerissen aus, und
er hatte den Kopf mit einem blutigen Tuche verbunden. Doch waren seine Zge
keck, ja fast heiter, und seine dunklen Augen blitzten mit sichtlichem Behagen.
    Hier ist Wasser, wiederholte er und zeigte auf einen groen Krug, der in
der Ecke stand.
    Der Garderobe-Gehilfe tauchte ein Tuch hinein und bespritzte alsdann die
Schlfe der Ohnmchtigen.
    Und wer bist denn du? fragte Richard den Kleinen, der aber statt aller
Antwort pfiffig lchelnd den Kopf schttelte und mit dem Finger unter den
Bettschragen wies.
    Was willst du? - Was ist denn da? fragte der Zimmermann leise, indem er
seine Axt etwas in die Hhe hob.
    Einer, entgegnete das Kind, Einer von Ihnen.
    Auf diese Nachricht bckte sich Richard alsbald nieder, um unter das Gerst
zu schauen, und entdeckte da in der Ecke einen Mann, der augenscheinlich dahin
gekrochen war, um sich zu verbergen.
    He da, mein guter Freund! rief er ihm zu. Kommt einen Augenblick hervor;
ich mchte doch gar gern Jemanden vom Hause zu Gesicht bekommen, dem ich
mittheilen knnte, was wir hier in der Kinderstube zu thun haben. - Kommt nur
hervor, es soll Euch kein Leid geschehen; wir wollen Euch auch ruhig hier
lassen, wenn Ihr nicht vielleicht auch ein gestohlenes Kind seid. - Kommt nur,
kommt, sonst mu ich ein bischen helfen.
    Eine kleine Weile schien sich der unter dem Schragen zu besinnen, dann aber
seufzte er tief auf und schob sich rckwrts hervor. Zuerst kamen ein paar
ziemlich lange Beine zum Vorschein, dann ein schwarzer Frack, der in die Hhe
gerutscht war und so oberhalb der Hose sehr gelbe Wsche sehen lie. Dann
richtete sich die Gestalt in die Hhe, und Herr Struber in ganzer Figur, den
Hut in der Hand, mit einem aschfahlen und verstrten Gesicht, stellte sich der
Gruppe dar.
    Ein gutes Gewissen scheint der mir auch nicht zu haben, sagte Richard zu
den Anderen. - Wer ist das, Schellinger? - Du kennst ja dieses Volk so
ziemlich.
    Der Schneider, dem es unterdessen gelungen war, vermittelst des kalten
Wassers Katharine wieder zu sich zu bringen, schaute in die Hhe und erwiderte:
Das ist Herr Struber, von dem ich dir heute Abend schon Einiges gesagt.
    Ja, Struber ist es in eigener unglckseliger Person, sagte der Schuft mit
einer demthigen Verbeugung. - Erlauben vielleicht die Herren, da ich mich
entferne? setzte er nach einer Pause mit einem falschen Blick hinzu.
    Nein, nein! entgegnete eifrig der Schneider, es ist besser, er bleibt da,
bis wir uns entfernt haben; er knnte uns sonst noch allerlei Unheil bereiten;
weit du, uns aus einem dunkeln Winkel hervor etwas anhngen. Halte ihn an
deiner Seite, bis wir in die obere Stadt kommen, und dann kannst du ihn springen
lassen.
    Der Herr Struber dachte an die Polizei, und hoffte aus der Gesellschaft des
Schneiders und der Zimmerleute unbemerkt entschlpfen zu knnen, wehalb er mit
groer Freundlichkeit erwiderte: Meine Herren, Ihr Vorschlag ist mir sehr
angenehm, und ich mache mir eine Ehre daraus, Sie zu begleiten. Darauf schlug
er zierlich die Hnde auf dem Rcken zusammen, setzte den rechten Fu vor und
schien es tiefgerhrt mit anzusehen, wie die Mutter des armen kleinen Mdchens
durch die Bemhungen des Herrn Schellinger allmhlig wieder zu sich kam und sich
dann mit Richards Hilfe aufrichtete, ohne jedoch ihr Kind aus den Armen zu
lassen. -
    - - Unterdessen hatte sich Meister Schwemmer vorn in der Wohnstube eher von
seiner Ueberraschung und seinem Schrecken erholt, als von dem Erstickungsanfall,
der ihn in Folge des Rauches berfallen. Er hatte sich mhsam erhoben und in die
Kche geflchtet, whrend seine Frau kaltes Wasser auf die brennenden
Holzscheitchen go. Nachdem so das Feuer gelscht war, ri sie das Fenster auf,
um frische Luft einzulassen, dann kehrte sie zitternd vor Zorn und Schrecken zu
ihrem Manne zurck, der lauschend an der Thr stand, die von der Kche auf den
Gang und in das Kinderzimmer fhrte. Er winkte seiner Frau mit der Hand, nher
zu kommen, und als sie neben ihm stand, flsterte er ihr zu: Das war eine
abgekartete Geschichte; aber man will nicht an uns, wie es scheint, nur an die
Kinder.
    Wem mag es gelten? fragte das Weib, das nun vollkommen nchtern geworden
war.
    Vielleicht dem Buben. Ich habe dir immer gesagt, der bringt uns noch in
Ungelegenheiten.
    Horch! rief die Frau. Das ist keines Mannes Stimme. - Auch habe ich ein
Weib mit ihnen kommen sehen; gib du nur Achtung: von dem Buben will Niemand was;
es wird die verrckte Nhterin sein, deren Kind die Bilz gebracht.
    Und wofr wir den Todtenschein des andern gaben, versetzte Meister
Schwemmer, dessen Gesicht sich etwas verlngerte.
    Die Frau nickte stumm mit dem Kopfe. Hrst du, sagte sie nach einer Pause,
whrend welcher sie aufmerksam nach dem Nebenzimmer gehorcht, das ist der
Struber, der spricht.
    Der feige Schuft! - Gott soll ihn verdammen! Er ist zuerst ausgerissen.
    Nun, von dem wundert's mich doch nicht, flsterte giftig das Weib. - Aber
der Mathias! Von dem htte ich nimmer gedacht, da er sich frchtete und seine
Freunde im Stich lasse.
    Der frchtet sich auch nicht; der hat seine Ursachen gehabt. Sprach er
nicht von der Polizei, die das Haus umstellt habe? - Was kann man da machen?
    Und wir sollen sie also ruhig ziehen lassen?
    Soll ich sie vielleicht aufhalten? fragte Meister Schwemmer mit einem
jammervollen Blick auf seine wankende Gestalt. - Ja, vor zwanzig Jahren,
setzte er zhneknirschend hinzu, mit einer gesunden Faust und keinen trben
Erinnerungen, da htte mir Einer so kommen sollen. - Aber jetzt! - Doch ruhig,
Weib; komm' vor in die Wohnstube, da ist's dunkel und wir knnen unbeachtet zum
Fenster hinaus schauen, um zu sehen, wer geht und was sie mitnehmen. - Merk' dir
die Figuren so genau du kannst - das kann spter von groem Nutzen sein. - Der
verfluchte Husten! -
    Bei diesen Worten schlich er aus der Kche in die Wohnstube und nherte sich
leise der Thre, die in den Gang hinaus fhrte. Dabei machte er dem Weibe mit
der Hand ein Zeichen, sie solle geruschlos die Fenster schlieen, denn die
kalte Nachtluft sei ihm im Athmen beschwerlich.
    Die drauen hatten nun das Kinderzimmer verlassen, Katharine drckte ihr
Mdchen fest an die Brust, der Bube schlich hinter den Zimmerleuten drein, ohne
von ihnen gesehen zu werden, und die zurckgebliebenen beiden kleinen Kinder auf
dem Schragen schrieen jmmerlich, da man sie aus ihrem Schlafe geweckt.
    Richard war voran und hatte fast die Hausthre erreicht, als er pltzlich
stehen blieb, denn er bemerkte, da diese weit offen stand und von mehreren
Gestalten besetzt war.
    Eine lste sich rasch aus dem Haufen los, trat in den Gang und rief den
Ankommenden ein Halt! entgegen. Diese Stimme klang nicht gerade bermig
stark, aber der Ton, mit welchem sie ihr Halt! rief, brachte auf den
Zimmermann, der seine Axt schon erhoben hatte, eine eigenthmliche Wirkung
hervor. Es war ihm gerade, als gbe ihm ein Vorgesetzter einen Befehl.
    Schliet die Thre! fuhr die Stimme fort. Ich meine, man htte von dem
verfluchten Lrm drauen genug gehrt.
    Herr Schellinger, der zuletzt kam, trug die Blendlaterne, welche einer der
Zimmerleute mitgebracht hatte. Bei dieser unerwarteten Strung hob er sie hoch
empor, um das Hinderni, welches sich ihnen entgegengestellt, zu beleuchten,
wodurch es Richard mglich wurde, den Mann zu betrachten, der ihn so unerwartet
und befehlend angesprochen.
    Es war das eine ziemlich hohe Figur, in einen weiten Mantel gewickelt,
dessen eines Ende so hoch um Hals und Schultern geschlungen war, da es das Kinn
bedeckte und man so von dem dunkeln Gesichte nichts sah als den langen schwarzen
Bart und die glnzenden Augen, die unter einem gewhnlichen runden Hute
hervorblitzten.
    Ihr macht da ein sauberes Stck Arbeit, fuhr die Gestalt mit groer Ruhe
fort, brecht in anderer Leute Huser ein und geht auf den Kinderraub aus. -
He!
    Richard, der genug persnlichen Muth besa, versicherte spter oftmals, es
sei ihm in diesem Augenblick nicht mglich gewesen, ein unheimliches Gefhl zu
unterdrcken. Die Ruhe und Klte, mit der dieser einzelne Mann - denn die
Hausthre hatte man sogleich hinter ihm geschlossen - nun in dem engen Gange
ihnen gegenber getreten, habe ihm mchtig imponirt; wehalb es denn auch
erklrlich war, da der Zimmermann Schritt vor Schritt zurckwich, whrend Jener
langsam vorwrts schritt.
    An der Stubenthre blieb er stehen, ffnete sie und sprach: Trete Einer von
euch da hinein, auch das Weib mit dem Kinde; die Uebrigen mgen drauen
bleiben.
    Diesem Befehle leistete Richard Folge, indem er Katharine am Arme nach sich
zog.
    Meister Schwemmer war zurckgetreten, als sich die Thre geffnet hatte, und
zog sich langsam nach der Kche hin, um dort zu erwarten, wie sich dieser neue
Vorfall entwickeln werde.
    He! ein Licht! sagte die Stimme von vorhin.
    Soll ich eines bringen? flsterte das Weib ihrem Manne zu. - Und als
dieser versetzte: Gegen die Gewalt ist nichts zu machen, ging sie an den Herd,
zndete eine Lampe an und trug sie mit zgernden Schritten in die Stube.
    Dort stand der fremde Mann im Mantel und wandte langsam den Kopf herum,
wodurch der volle Schein des Lichtes auf sein Gesicht fiel.
    Wre aber in diesem Augenblicke die ganze Polizei erschienen, ja das ganze
Gerichtspersonal inklusive Kerkermeister, es htte auf den Meister Schwemmer
unmglich einen schrecklicheren Eindruck hervorbringen knnen, als der Anblick
des fremden Mannes, der so ruhig mitten in seiner Stube stand. Er fhlte, da
ihm die Kniee den Dienst versagen wollten und hielt sich dehalb mit aller Kraft
an einem Thrpfosten.
    Verzeihen Sie, sagte er alsdann nach einem tiefen Athemzuge, da ich
nicht vorkomme, um Sie bestens zu begren; aber ich bin ein armer kranker Mann,
den seine Fe nicht mehr recht zu tragen vermgen.
    Der aber trotz seiner Schwachheit bestndig die Hand zu Geschichten bietet,
die doch am Ende nothwendigerweise Aufsehen erregen und ihm Strafe auf den Hals
laden mssen. - Nicht wahr?
    Wie so, Herr? fragte Schwemmer erschrocken, whrend er scheu an dem
Fremden hinaufblinzelte, sogleich aber die Augen wieder niederschlug, als er
einem jener flammenden Blicke begegnete.
    Wenn Ihr Euch nur das Fragen abgewhnen knntet! entgegnete der im Mantel
ungeduldig. Gebt mir lieber gute Antworten auf die meinigen, das ist besser!
    Meister Schwemmer fuhr nun wieder zusammen und blieb mit ziemlich gekrmmtem
Rcken stehen.
    Von wem habt Ihr dieses Kind? fragte nun der Fremde nach einer Pause und
zeigte auf das kleine Mdchen.
    Dies Kind ist uns von seiner Mutter anvertraut worden, entgegnete der
Gefragte mit ganz leiser Stimme.
    Nehmt Euch in Acht! - ich will die Wahrheit - die ich wei - aus Eurem
Munde hren. - Wer brachte Euch das Kind?
    Nun denn - die Frau Bilz.
    Der Mann im Mantel nickte mit dem Kopfe, dann warf er einen fragenden Blick
auf das Mdchen, das freudig ausrief:
    Ja, ja, Frau Bilz - so hie sie, der ich mein Kind anvertraute und die mir
in Gegenwart der Madame Becker sagte, es sei gestorben, und mir auch den
Todtenschein einhndigte.
    Der Fremde zuckte verchtlich mit den Achseln und warf auf den Hausherrn
einen Blick, der diesen erbeben machte. Man sah deutlich, wie er zusammenschrak.
Dann aber nickte der Andere mehrmals mit dem Kopfe und fuhr strenge fort: Ja es
wird schon so sein, ich kenne diese Geschichten. - Aber noch einmal dergleichen,
Meister Schwemmer, und alle Schonung hrt auf. - Ihr da, wandte er sich an
Richard, geht ruhig Eurer Wege, das Mdchen kann ihr Kind mitnehmen. - Doch
bitte ich mir eins dafr aus, fgte er in ganz anderem, weit geflligerem Tone
hinzu, sie soll diesem wrdigen Mann da den Todtenschein gelegentlich
zurckschicken und sich auch knftig besser vorsehen, ehe sie das arme Ding da
einer Frau Bilz anvertraut.
    Htte Richard seinen Hut noch auf dem Kopfe gehabt, er wrde ihn unfehlbar
ehrfurchtsvoll abgenommen haben; denn die Art, wie der fremde Mann sprach, und
besonders, wie er mit jenem Gauner, dem Meister Schwemmer, umzuspringen wute,
hatte ihn mit dem allergrten Respekt erfllt. - Bedanke dich, Katharine,
sagte er leise zu dem Mdchen.
    Doch winkte der fremde Mann leicht mit der Hand, als diese einige Worte
stammeln wollte.
    Dann zogen sie sich rckwrts aus der Stube und verlieen das Haus, gefolgt
von den Kameraden und Schellinger, der die Blendlaterne trug.
    Auf dem kleinen Hofe standen mehrere Mnner beisammen, die aber
augenblicklich auseinander waren, als die Anderen aus dem Hause kamen.
    Nur Einer von ihnen trat dicht an den Schneider heran, klopfte ihm leicht
auf die Achseln und sagte: Httest gleich sagen knnen, was du da in dem Hause
wolltest; ich wrde dir wahrhaftig geholfen haben, das Kind wegzuholen. Bist
aber sehr unvorsichtig gewesen, denn wenn mein Stuhl einen halben Zoll mehr
links gekommen wre, dann machtest du keine Stiche mehr, - und auch keine
Reisen, darauf kannst du dich verlassen. - Gute Nacht!
    Gute Nacht! erwiderte Herr Schellinger, indem er eilig den Anderen folgte,
die schon in das baufllige Vorderhaus getreten waren.
    Dort blieb Richard stehen, und als er bemerkte, da ihm keiner seiner
Getreuen fehle, stemmte er die Arme in die Seite, schaute sich rings um und
sprach: Nun, was denket ihr davon? - Ist euch so was in eurem ganzen Leben
vorgekommen? Hat Einer von euch die Figur oder das Gesicht schon gesehen? - Ich
gewi nicht - soll mich der Teufel holen! - Ihr auch wohl nicht? - Und du,
Schellinger?
    Der Schneider war offenbar sehr nachdenkend geworden; man bemerkte das an
seiner ganzen Haltung. Er stand etwas vorn bergebeugt und hatte sein spitzes
Kind mit der linken Hand erfat.
    Nun, Schellinger?
    Habt ihr euch die Mnner im Hofe genau betrachtet? versetzte endlich der
Garderobe-Gehilfe nach einer lngeren Pause.
    Ja wohl, ziemlich genau.
    Hatten sie keine weiten Hosen an und kurze Jacken, oder Pelzmtzen auf dem
Kopfe?
    Beim Henker! nein, lachte einer der Zimmerleute. Dergleichen habe ich
nicht gesehen, und auch du wohl nicht, Richard.
    Dieser, welcher sehr froh war, da das ziemlich gefhrliche Abenteuer so
glnzend und gut abgelaufen, lachte lustig und meinte: Wenn Schellinger Jacken
und Pelzmtzen gesehen hat, so wird er dafr seine Grnde haben. - Nun sprich:
was denkst du denn?
    Ja, ja, es kann nicht fehlen, erwiderte der Garderobe-Gehilfe. Und jetzt
erinnere ich mich ganz genau des Gesichtes wieder. - Siehst du, Richard, welchen
Nutzen es hat, wenn man auf seinen Reisen gute Bekanntschaften macht, - denn,
setzte er flsternd hinzu, ich will ein Lump meines Namens sein, wenn der da
drinnen nicht der russische Frst war, von dem ich dir erzhlt. Er hat uns mit
seinen Kosaken aus dieser verwickelten Geschichte herausgeholfen.
    Damit schlug Herr Schellinger die Hnde auf dem Rcken zusammen, zuckte ein
paarmal mit den Achseln und ging ruhig davon, wobei sein unbedeutendes Kpfchen
auf dem langen und dnnen Halse strker als je vorn ber wankte.
    Die Anderen folgten ihm. -
    Der Fremde in der Wohnstube des Meister Schwemmer hatte ruhig gewartet, bis
Jene das Haus verlassen, dann nahm er das Mantelende von seiner rechten Schulter
herunter, wodurch sein ganzer Kopf frei und auch die Arme sichtbar wurden, von
denen er einen in die Seite stemmte, whrend er sich mit dem anderen auf den
Tisch sttzte.
    Ich will Euch nun zum Abschied einen guten Rath geben, sagte er mit seiner
so eigenthmlich klingenden Stimme. Thut Euch selbst den Gefallen und lat die
Geschfte von der Art, wie das, worber wir soeben verhandelt. In welchem Ruf
Ihr in der Stadt und bei den Behrden steht, wit Ihr selbst am besten; die
letzteren sind nun auf Euch besonders aufmerksam geworden, und die Polizei wrde
Euch heute Abend einen sehr unangenehmen Besuch geschenkt haben, wenn ich es
nicht verhindert htte. - Also nehmt Euch fr die Zukunft in Acht; wenn ich das
nchste Mal komme, geschieht es nicht, um Euch zu warnen.
    Bei diesen Worten wandte er sich nach der Thre um und wollte das Zimmer
verlassen; doch blieb er pltzlich stehen und fragte: Wer ist denn das?
    Meister Schwemmer, der mit zerknirschter Miene die Worte des Fremden
angehrt, blickte in die Hhe und sah den Buben, der sich hinter Richard
unbemerkt in das Zimmer geschlichen hatte und bis jetzt ruhig an der Thre
stehen geblieben war. Er hielt seinen kleinen Krper gerade und aufrecht,
schaute unbefangen in die Hhe und blickte den Mann im Mantel fest mit seinen
blitzenden Augen an. Dabei hatte er ebenso wie dieser den linken Arm in die
Seite gestemmt.
    Das ist ein auffallendes Gesicht, murmelte der Fremde und fuhr sich mit
der Hand ber die Augen. - Dieser Blick! Und die ganze Form des Kopfes. - Bei
Gott! seltsam. - Er wandte sich rasch nach dem Hausherrn um und fragte: Wem
gehrt dieses Kind?
    Dieser bckte sich demthig und zog furchtsam die Achseln in die Hhe, als
er entgegnete: Ich wei es nicht, Herr; gewi, ich wei es nicht.
    Keine Lge, Meister Schwemmer! -
    Auf meine Seele, nein! - Mge ich verderben, wenn ich nicht die Wahrheit
sage. - Der Knabe wurde mir vor Kurzem durch eine Unterhndlerin gebracht, die
ich nennen kann; doch war auch das schon die zweite Hand, durch welche der Bube
gegangen.
    Es ist mglich, da Ihr diesmal nicht lgt, erwiderte der Fremde mit einem
sonderbaren Lcheln. Ich will Euch was sagen, guter Meister Schwemmer: bis
morgen Abend um sechs Uhr wnsche ich auf's Genaueste zu erfahren, wie die erste
Hand heit, die den Knaben in die zweite geliefert. - Habt Ihr mich verstanden?
    Ja, Herr. - Soviel ich indessen wei -
    Fr jetzt nichts Weiteres; ich mag keine Vermuthungen. - Also morgen Abend
um sechs Uhr etwas, worauf ich mich verlassen kann! - Wer bist du? wandte er
sich an das Kind.
    Das wei ich nicht, entgegnete der Knabe mit heller Stimme. Ich kann dir
nur sagen, da ich Karl heie, bei der alten Frau Fischer wohne und von hier
fort will.
    So, du willst von hier fort? - Also gefllt es dir da nicht?
    Das Kind blickte scheu um sich, und als es das Weib mit der rothen Nase
nicht bemerkte, sagte es: Ich mag nicht mehr bleiben; sie sind so bse,
namentlich das Weib mit der rothen Nase. Wir bekommen fast nichts zu essen, sie
schlagen uns viel, und dann ist es drben so arg kalt.
    Der legt ein gutes Zeugni von Eurer Wirthschaft ab, sprach der Fremde mit
einem flammenden Blick. - Aber es ist wirklich erstaunlich, fuhr er ganz leise
fort, welche Aehnlichkeit ich da heraus finde, namentlich in den Augen; ja
sogar, wenn er spricht, die gleichen Bewegungen des Kopfes. - Aber das ist
mglich? - Bei Gott! es knnte sein. Nun, wenn Jemand der Sache auf die Spur
kommen knnte, so wre ich der Mann dazu. - Du sprachst vorhin von einer Frau
Fischer; getraust du dir vielleicht das Haus, wo sie wohnt, aufzufinden?
    Das ist gewi nur ein falscher Name, den man dem Knaben gesagt, denn -
wagte Meister Schwemmer sich in das Gesprch zu mischen. Doch machte ihn ein
Blick des Anderen pltzlich verstummen.
    Von hier werde ich das Haus schwerlich finden, aber wenn man mich auf den
Platz bringt, wo das schne Schlo steht - ich habe da viel gespielt und die
Soldaten gesehen - da glaube ich wohl, ich wrde das Haus finden, wo die gute
Frau Fischer wohnt. - Dies sagte der Knabe mit einer freudigen Erregung, wobei
seine Augen strahlten.
    Nun gut, erwiderte der Fremde, den Versuch wollen wir morgen machen; und
du siehst mir gerade so aus, als wenn du zu halten im Stande wrest, was du
versprichst. - Willst du mit mir gehen?
    Gern! gern! rief das Kind, und eine tiefe Rthe flammte auf seinem
Gesichte auf.
    Aber doch wohl noch lieber zu deiner Frau Fischer? - Oder bliebst du gern
bestndig bei mir?
    Der Knabe besann sich einige Sekunden, dann warf er einen Blick auf den
Meister Schwemmer und das Weib, das unter der Kchenthre erschienen war, um
sogleich wieder zu verschwinden. Hierauf antwortete er: Zuerst mchte ich wohl
die Frau Fischer wieder sehen, um ihr zu sagen, da sie mich hier nicht
todtgeschlagen, dann mchte ich aber zu dir kommen und bei dir bleiben. - Ich
bin gewi berzeugt, du hast auch Waffen zu Haus - Sbel oder Pistolen oder auch
nur ein Messer.
    Und wozu das?
    Damit ich mich wehren kann, wenn sie mich wieder fortbringen wollten. - Ja,
htte ich nur an dem Abend mein kleines Gewehr gehabt, das hat ein ganz spitzes
Bajonnet, oder htte mir Einer ein Messer gegeben. - Bei diesen Worten ballte
er seine kleinen Hnde und erhob sie drohend gegen das Nebenzimmer.
    Der Fremde betrachtete ihn einen Augenblick lchelnd, und, wie es schien,
mit groem Wohlgefallen. Dann legte er die Hand vor die Augen und sprach wie zu
sich selber: Bei dem Anblick dieses Knaben treten blutige Bilder aus meiner
Jugend lebendig hervor. Ganz so stand ich da, nur mit dem Unterschiede, da ich
wirklich ein Messer in der Hand hielt. - Eigenthmlich! Darauf ging er mit
raschen Schritten an das Fenster, blickte hinaus und murmelte: Richtig! Mathias
ist nicht mehr da. Ich wute es ja. - Er wandte sich hierauf an den Meister
Schwemmer und sagte: Ist Jemand im Hause, der das Kind heute Nacht in den
Fuchsbau bringen kann?
    Der Struber wird noch da sein, entgegnete der Hausherr; und dann rief er
in's Nebenzimmer hinein: Geh', such' den Struber, er mu sich noch im Haus
befinden.
    Darauf vernahm man, wie das Weib die Kche verlie und wie sie kurze Zeit
nachher mit Jemand im Gange flsterte.
    Der Fremde lehnte sich ruhig wartend an den Tisch, und Meister Schwemmer
blickte mit der demthigsten Miene von der Welt nach der Stubenthre, die sich
jetzt langsam ffnete.
    Herr Struber trat ein und blieb, den Hut in der Hand haltend, mit gesenktem
Kopfe am Eingange stehen.
    Ah ja, Herr Struber! - Der Beste der Besten! sagte der Fremde,
unverkennbar mit tiefer Verachtung. - Sie sind mir als Begleiter dieses jungen
kleinen Herrn da nicht der Liebste; aber man nimmt, was man hat. - Hren Sie
mich an!
    Der Andere war auf diese ziemlich laut gesprochenen Worte augenscheinlich
zusammengefahren und wagte es nicht, den Kopf zu erheben; er drehte nur seine
Augen in die Hhe und erwiderte mit leiser Stimme: Ich hre.
    Sie gehen also mit diesem Kinde auf dem geradesten Wege nach dem Fuchsbau;
doch verstehen Sie mich wohl: auf dem geradesten Wege, halten auch nirgendwo an
und sprechen mit Niemand, Sie schauen gerade vor sich hin und lassen mir das
Herumgaffen bleiben; es knnte Aufsehen erregen, und ich kenne Sie. - Nehmen Sie
sich aber ja in Acht, Herr Struber, fuhr er in lauterem Tone fort, da Sie
von dieser Instruktion nicht eine Idee abweichen; es knnte Ihnen schlecht
bekommen. - Im Fuchsbau wird Mathias sein; ihm bergeben Sie den Knaben, er soll
ihn fr heute Nacht anstndig unterbringen. Morgen erhlt er meine Befehle.
    Und mit dem soll ich gehen? fragte das Kind.
    Nur eine kleine Strecke, erwiderte bestimmt der Fremde. - Also Gott
befohlen! Morgen wirst du zu deiner Frau Fischer kommen oder vielleicht zu einem
Herrn, der es gut mit dir meint. - Damit reichte er ihm die Hand, und der
Kleine folgte seinem Fhrer, der bereits in den Gang hinaus getreten war.
    Der Fremde trat an die Thre und schaute ihnen nach, wie sie durch die
Hausflur dahin gingen. - Ich empfehle Ihnen den geradesten Weg, Herr Struber,
wiederholte er nochmals und setzte lchelnd hinzu: Mit dem Kinde werden Sie
keinen Versuchungen ausgesetzt sein, denn es ist ja ein Knabe und trgt keine
Ohrringe.
    Sobald die Tritte der Beiden drauen im Hofe verhallt waren, schlug der
Fremde sein Mantelende wieder ber die rechte Schulter, nickte dem Meister
Schwemmer leicht mit dem Kopfe zu und verlie ebenfalls das Haus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am gleichen Abend hielt Graf Fohrbach mit Arthur ein Rendezvous in dem
Kaffeehause auf dem Kastellplatze. Beide Freunde hatten sich schon mehreremal in
ihren Wohnungen verfehlt und sich schriftlich diese Zusammenkunft gegeben. Sie
waren lngere Zeit in einem hinteren Zimmer allein gewesen und hatten eifrig mit
einander gesprochen.
    Der Gegenstand dieser Unterredung, den der geneigte Leser wohl errathen
wird, war fr den Grafen so wichtig, da er es sogar vergessen hatte, Arthur zu
fragen, wie er am Neujahrsabend in jener uns ebenfalls bekannten Angelegenheit
fr ihn gehandelt und welches Resultat seine Unterredung mit der jungen Dame
gehabt habe.
    Die Beiden verlieen nun das Kaffeehaus und schritten in fortgesetztem
Gesprch ber den Kastellplatz dahin.
    Also sein Gesicht konnten Sie damals nicht sehen? fragte der Graf.
    Nein, das war unmglich, wie ich Ihnen schon sagte, erwiderte Arthur,
denn er hatte den Mantel dicht um den unteren Theil des Gesichts geschlungen.
    Aber die Stimme glaubten Sie wirklich zu erkennen?
    Ich glaube nicht, da ich mich darin tusche: es war die des Barons. Nur
sprach er die Worte anders aus, als es sonst seine Art ist; er redete krftig,
energisch, ja befehlend.
    Es ist kein Zweifel, entgegnete Graf Fohrbach nach einer lngeren Pause;
es mute dieselbe Person sein. - Aber haben Sie je eine so furchtbare
Geschichte erlebt? - Was kann und wird Alles daraus entstehen? Denken Sie sich
den Skandal, wenn dieser Mann, der in der Gesellschaft nach allen Richtungen
seine Verbindungen angeknpft hat, pltzlich von der Hand des Gerichtes erfat
wird! - Das mu in unseren Kreisen Verletzungen zurcklassen, die schwer zu
heilen oder zu verwischen sind. Aber vor allen Dingen, lieber Arthur, denken Sie
ja daran, was Sie mir vorhin versprochen - die tiefste Verschwiegenheit ber
Alles, was ich Ihnen mitgetheilt. Wenn wir je zu einem Ziele gelangen knnen, so
ist das nur mglich, wenn wir mit der grten Behutsamkeit vorgehen. Man darf
darber nicht athmen.
    Gewi nicht, Graf Fohrbach; und Sie werden das von mir berzeugt sein.
    Das wissen Sie ja, lieber Arthur; sonst htte ich Ihnen nicht das Ganze so
ohne allen Rckhalt anvertraut. - Sie gehen nach Hause?
    Ja, ich mu. - Und Sie?
    Ich werde noch einen Besuch machen. - Aber lassen Sie sich ja bald bei mir
sehen.
    Schon morgen. Wie Sie wissen, hatte Seine Excellenz der Herr Kriegsminister
die Gnade, mich zu Spiel und Thee einladen zu lassen.
    Richtig! da sehen wir uns ja. - Also, gute Nacht!
    Gute Nacht!
    Damit trennten sich die beiden Freunde; Arthur ging links, der Graf nach
rechts gegen die Polizeidirektion hin, in deren Nhe er seinen Wagen warten
lie.
    Wie wir wissen, war es bereits vollkommen dunkel geworden, doch brannten
berall die Gaslaternen; und namentlich hier, wo es viele Laden und Magazine
gab, war die Strae fast taghell beleuchtet.
    Graf Fohrbach ging gedankenvoll seines Weges und sah nur zuweilen in die
Hhe, um einen Blick in die hellerleuchteten Gewlbe zu werfen oder um hie und
da Jemand auszuweichen. So kam er in die Nhe der Polizeidirektion, als zu
seiner Rechten aus einer engen Gasse, die an der Seite dieses groen Hauses bei
den Hintergebuden und Grten desselben vorbeilief und in eine andere Strae
mndete, zwei Mnner hervortraten, bei deren Anblick er pltzlich seinen raschen
Schritt migte, ja in der nchsten Sekunde wie angefesselt stehen blieb. - Der
Eine dieser beiden Mnner war der Baron Brand. Ja, er konnte sich nicht
tuschen: es war sein Gang, seine Haltung, seine ganze Figur. - Und auch die
Stimme; denn jetzt sprach er einige Worte zu dem Anderen, der neben ihm ging.
Dieser war aber ein Polizei-Kommissr in voller Uniform.
    Der Graf war so berzeugt, den Baron zu erkennen, da er ihn zu jeder
anderen Zeit angerufen htte. Und jetzt - nein, da war keine Tuschung mglich -
jetzt war er sicher, da dies auch derselbe Mann sei, den er in jener Nacht aus
dem Fuchsbau hatte heraus kommen sehen.
    Die Beiden gingen unterdessen im gewhnlichen Schritte dahin und hatten bald
die Thre der Polizeidirektion erreicht. Dort blieben sie stehen; der Mann im
Mantel reichte dem Anderen die Hand, worauf der Kommissr eine tiefe Verbeugung
machte und dann an der Treppe stehen blieb, jenem nachblickend, welcher in eine
Seitenstrae einbog und verschwand.
    Heute wre es eine gnstige Gelegenheit, ihm zu folgen, dachte Graf
Fohrbach, indem er rasch vorwrts eilte. Es ist noch eine ziemlich frhe
Stunde; ich rufe seinen Namen, und da wollen wir sehen, ob er anhlt und mir
Rede steht. - Doch kam ihm im nchsten Augenblicke ein anderer und, wie er
glaubte, besserer Gedanke. Er hatte mit zwei Schritten die Treppe der
Polizeidirektion erreicht, welche der Kommissr soeben langsam hinauf stieg.
    Graf Fohrbach bot ihm laut einen guten Abend.
    Der Beamte wandte sich pltzlich um, und als er beim hellen Lichte der
Gaslaterne den Adjutanten Seiner Majestt erkannte, machte er schon auf der
obersten Stufe eine tiefe Verbeugung und stieg eilig und mit groer Hflichkeit
die Treppen herab, da er wohl bemerkte, da ihn der Graf erwartete.
    Euer Erlaucht haben irgend einen Befehl fr mich? fragte er verbindlich.
    Das nicht, Herr Kommissr, erwiderte der Adjutant. Wrde mir das auch
nicht erlauben; doch wenn Sie mir eine Frage beantworten knnten, wre ich Ihnen
sehr dankbar dafr.
    Mit dem grten Vergngen.
    Wer war jener Herr, der eben mit Ihnen ging und Sie vor wenigen
Augenblicken verlie?
    Der Polizei-Kommissr rieb sich die Hnde und lchelte pfiffig, worauf er
sagte: Das ist eigentlich eine Art Dienstgeheimni, welches aber Euer Erlaucht
mitzutheilen ich mich nicht zu geniren brauche. Jener Herr, der im Mantel, - ich
gebe Euer Erlaucht mein Ehrenwort, da ich seinen Namen nicht einmal wei, -
aber unter uns gesagt, - damit hielt er die rechte Hand an eine Seite des
Mundes und flsterte dem Grafen in's Ohr: Er ist einer der Sekretre Seiner
Excellenz des Herrn Prsidenten, und gehrt zur geheimen Polizei.
    Zur geheimen Polizei? sprach der Graf im Tone des hchsten Erstaunens.
    Es ist so, Euer Erlaucht. - Aber nicht wahr, das bleibt ganz unter uns?

                           Einundsechzigstes Kapitel.



                        Die Soire des Kriegsministers.

Wenn bei Seiner Excellenz dem Kriegsminister groe Soiren stattfanden, was im
Laufe des Winters mehrmals vorkam, so wurden hiezu die unteren Apartements des
palasthnlichen Hauses, die sonst immer verschlossen waren, geffnet. Sie
bestanden aus einem groen Tanzsaal mit Nebenzimmern zu allen mglichen Zwecken;
hier konnten die Tnzer ausruhen, dort konnten Mtter und andere Anverwandte
sich einer angenehmen Konversation hingeben und doch mit einem einzigen Blick
den Ballsaal und somit ihre Tchter und Schutzbefohlenen bersehen. Etwas
entfernter von der rauschenden Musik waren Konversations- und Spielzimmer, sowie
auch ein Gemach, dessen schwere eichene Tische mit Albums aller Art und
illustrirten Werken berladen waren.
    Wie wir bereits wissen, verband der kleine Wintergarten das Haupthaus mit
dem Hintergebude, wo der junge Graf Fohrbach wohnte. An solchen Abenden aber
wie der heutige war nicht blos der Blumengarten geffnet, beleuchtet und zum
Eingang von Gsten eingerichtet, sondern das Apartement des jungen Grafen mit
Ausnahme des Schlafzimmers in die ganze Reihe hinein gezogen, und es wurde hier
gewhnlich soupirt.
    Wenn man nun vor Beginn der Soire durch die ganze Zimmerreihe dahin
schritt, wo die hohen Wachskerzen soeben angezndet waren und der Glanz ihrer
Lichter noch durch keinen Staub getrbt wurde, wo die Blumen in den Ecken und
auf den Tischen noch in ihrer ganzen Frische prangten, wo sich die Mbel der
verschiedenen Zimmer und Salons noch in jener gut berechneten Unordnung
befanden, die dem Auge so wohl thut, wenn die reine Atmosphre noch verst war
durch den Duft der Blumen und Gestruche aus dem geffneten Wintergarten, - so
mute man sich gestehen, da dies Apartement, wenn auch wohl in der Gre und
Ausdehnung manchem andern nachstehend, doch an zierlicher Eleganz, Geschmack und
Lieblichkeit gewi weit und breit seines Gleichen vergeblich suchte. Namentlich
machte es dem jungen Grafen vieles Vergngen, seinen ersten groen Salon, der an
das Gewchshaus stie, immer wieder auf neue Art zu dekoriren und einzurichten.
    Heute nun schien er eine Fortsetzung des Wintergartens zu sein, und wenn man
hinein trat, so glaubte man in ein groes Gewchshaus zu kommen. Alle Ecken
waren mit dichten Gebschpartieen besetzt, von welchen sich nach verschiedenen
Seiten hin Blumen und Strucher in das Zimmer hinein zogen, so da sie dasselbe
in eine ganze Menge kleiner Pflanzenkabinete abtheilten. Diese nun waren auf das
Mannigfaltigste mblirt; hier bot eins Platz fr zehn und zwlf Personen, dort
vielleicht fr fnf und sechs, weiterhin aber sah man recht lauschige Pltzchen,
wo nur ein einsamer Sopha oder zwei Fauteuils standen, wie geschaffen zu einem
heimlichen Zwiegesprch. Einen Kronleuchter hatte der Salon nicht; er wrde auch
die ganze Wirkung dieses knstlichen Gartens zerstrt haben. Zwischen den
Blumenpartieen, namentlich aber am Ende derselben, standen kleine Postamente und
auf diesen Lampen, welche ber die Pflanzen emporragten oder zwischen ihnen
durchschimmerten. Die Kugeln dieser Lampen waren mit knstlichen, gemachten und
transparenten Blumen umgeben, die nun aus dem dunkeln Grn magisch
hervorleuchteten, hier ein Bouquet riesenhafter, glhender Rosen darstellend,
dort einen Strau anderer sanft schimmernder Blthen, oder weiterhin eine Partie
weier, glnzender Lilien.
    Auch zu Anfang des Balles, wo sich Alles in den vorderen Zimmern befand, war
hier ein recht heimlicher, anmuthiger Aufenthalt. Da hrte man aus weiter
Entfernung das Murmeln der Stimmen, die Akkorde der Tanzmusik, oder, wenn diese
einen Augenblick schwieg, das sanfte Pltschern der Springbrunnen in dem
anstoenden Wintergarten. Doch lieen sich wenige Gste hier nieder; man
spazierte nur hindurch, um die schnen Arrangements zu bewundern und zog sich
hierauf wieder nach dem vorderen Theile des Apartements zurck, weil dort Tanz
und Spiel zu finden war, und weil, wie Jedes wute, der zierliche Salon des
jungen Grafen fr die allerhchsten Herrschaften so zu sagen reservirt war,
wohin sich diese auch hufig mit einzelnen auserwhlten Vertrauten zurckzogen.
    Wenige Minuten nach acht Uhr hatte brigens das ganze Apartement am heutigen
Abend den Reiz der Einsamkeit und auch schon theilweise der Frische verloren und
diente nur noch zu dem Aufenthalt eines wahrhaft fabelhaften Glanzes, der sich
in seinen Rumen ausbreitete.
    Vor dem Tanzsaale empfing der Kriegsminister die hohen Herrschaften, wobei
der alte Herr mehrere tiefe Verbeugungen machte, die bald mit vertraulichem Gru
und einigen freundlichen Worten erwidert wurden, bald auch nur mit einem steifen
und sehr vornehmen Nicken des Kopfes, je nachdem man damit eine grere oder
kleinere Gnade andeuten wollte.
    Nachdem so der allgemeine Empfang vorber war, zu welchem sich Alles, was
auf das Recht bemerkt zu werden Anspruch machen konnte, in den Vorzimmern und
dem Eingang des Tanzsaales zusammengedrngt hatte, lsten sich die Anwesenden in
einzelne Gruppen auf, die hohen Personen hielten in den verschiedenen Zimmern
ihre kleinen oder groen Cercles, die jungen Herren und Damen folgten der
rauschenden Tanzmusik, die alten Excellenzen und sonstigen Wrdentrger zogen
sich in die Spielzimmer zurck, und jene Eingeladenen, deren schwarze Frcke
schon mehreren Moden siegreich widerstanden, deren weie Westen etwas zu kurz,
die Handschuhe dagegen etwas zu lang waren, tapezierten die Wnde, standen, in
der Absicht, auffallend bescheiden und schchtern zu sein, Jedermann im Wege,
traten sich gegenseitig auf die Fe, machten vor jedem Stern einen tiefen
Bckling, wobei sie nicht selten von hinten mit einer alten Dame sehr unangenehm
karambolirten, und schwammen im Allgemeinen fr sich und Andere sehr
unerquicklich auf der Woge dieses glnzenden Lebens dahin, bis sie endlich von
der gewaltigen Fluth in ein entferntes Nebenzimmer geschleudert wurden, um hier
in irgend einer Ecke ruhig zu warten, bis sie mit Anstand verschwinden konnten;
oder um ein paar Stunden lang mit groer Geduld und Ausdauer verschiedene Albums
zu durchblttern, wobei sie sehnschtige Blicke auf die Uhr warfen und
schmerzliche auf ihre Fe, deren Hhneraugen unter den engen Schuhen von
Glanzleder entsetzlich brannten und schmerzten.
    Im Uebrigen war jetzt der Ball vollkommen en train; man tanzte, man lachte,
man spielte, man unterhielt sich, und dabei rauschten Kleider und Bnder,
glnzten Diamanten, Perlen und Sterne, glhten frische Wangen und funkelten
schne Augen.
    Der geneigte Leser wird in dem Gewhle hier und in allen Theilen des
Apartements viele seiner Bekannten wieder finden: in dem Spielzimmer die
Excellenzen, denen er im kniglichen Vorzimmer begegnete, hier aber ihrer
wrdevollen Mienen sowie der Uniform entkleidet, und dagegen angethan mit dem
schwarzen Frack, der weien Weste, ber welcher das breite, farbige Ordensband
glnzt; - sowie auch den Herrn von Dankwart, der sich bemht in alle Karten zu
schauen, ber das Spiel im Allgemeinen zu sprechen, oder hie und da gute
Rathschlge im Einzelnen zu ertheilen, die ihm aber hchstens einen erstaunten
Blick eintragen.
    Im Tanzsaale finden wir den Major von S., der, obgleich ber die Jahre des
Tanzens schon fast hinber, sich doch neulich auf heute Abend zu einem Walzer
verpflichtete, ein Leichtsinn, den er nun im Schweie seines Angesichtes abben
mu; den nunmehrigen Regierungsrath Eduard von B., der es an der Zeit findet,
sich grndlich unter den Tchtern des Landes umzuschauen; - sowie auch abermals
den Herrn von Dankwart, der ohne selbst zu tanzen, ber diese Kunst im
Allgemeinen sehr grndlich abspricht und einzelnen jungen Damen Rathschlge
ertheilt, die aber bei den Schnen und Gesuchten ein vornehmes Achselzucken, bei
den Bescheidenern und minder Hervorragenden ein leichtes mitleidiges Lcheln
hervorbringen.
    In den entfernteren Zimmern, an den Tischen mit den Albums sehen wir jene
Herren mit den altmodischen Frcken, Beamte des kriegsministeriellen
Departements, junge, noch schchterne Offiziere und Knstler; - sowie auch
wieder den Herrn von Dankwart, der hier als Protektor und Kritiker auftritt,
sich so hoch streckt, als es seine kleinen Beine erlauben, die Nase gewaltig
erhebt und mit groer Bescheidenheit versichert, wenn auch seine Anwesenheit in
hiesiger Stadt im Allgemeinen noch von keinen groen Folgen gewesen sei, so
msse er sich doch selbst zugestehen, da sein Urtheil, sein Lob und Tadel auf
dem Gebiete der Kunst schon auerordentliche Frchte getragen. - Man frchtet
sich vor mir, sagte er, man wei, wie ich nur das Gute schtze, aber dem
Mittelmigen streng entgegen trete; man mu es anerkennen, da ich die
Aufmerksamkeit der Frau Herzogin auf manches bisher unbekannte Talent gelenkt,
und da ich so zu sagen Knstler erzogen habe, die es noch zu etwas Groem
bringen werden, wenn sie wie bisher meinen Winken und Rathschlgen Folge
leisten.
    Im Wintergarten finden wir einige Hofdamen, die plaudernd auf- und abgehen,
bald vor dieser Blumengruppe, bald vor jener bewundernd stehen bleiben, whrend
sie hufig ausrufen: Charmant! - kstlich! - delicis! - die dabei ihre
weiseidenen Roben sehr in Acht nehmen, damit sie nicht an irgend ein nasses
Blatt streifen, und die Alle mit dem Fcher wedeln, sobald Eine die Bemerkung
macht, in dem Saale sei es unertrglich hei; - sowie auch den unvermeidlichen
Herrn von Dankwart, der ber Blumenzucht im Allgemeinen spricht, auch recht
anerkennend ber den Grtner des Kriegsministers urtheilt, im Einzelnen aber die
bndige Erklrung abgibt, da, obgleich hier viel fr Blumenzucht geschhe, die
hiesigen Gewchshuser doch keinen Vergleich aushalten knnten mit denen, die er
zu Haus verlassen, und da, ohne ungerecht zu sein, was Pflanzen und Blumen
anbetreffe, hier sich gegen dort wie Sibirien zu Italien verhalte.
    Im Salon des jungen Grafen ist dieser selbst und nimmt freundlich und
bescheiden die ausschweifenden Lobsprche einiger alten Hofdamen in Empfang, die
ihn versichern, so etwas Magnifikes und wirklich Grazises noch nie gesehen zu
haben; - sowie auch der Herr von Dankwart, der lchelnd hinzu tritt, und dem
Grafen vertraulich auf die Schulter klopfen will. Es bleibt jedoch bei dem
Versuche, denn Graf Fohrbach macht eine entschieden rckgngige Bewegung, von
einem sonderbaren Blicke begleitet, was aber den Herrn von Dankwart durchaus
nicht abzuschrecken scheint; denn er nhert sich abermals, reibt seine Hnde,
und sagt, indem er sich auf den Fuspitzen wiegt: Bei Gott! dieser gute Graf
hat etwas gelernt. Gestehen Sie, Ihnen hat der Salon der Frstin X. bei uns
vorgeschwebt und Sie haben den hiesigen darnach gebildet, aber wirklich mit
vielem Geschmack und Eleganz. Wahrhaftig, Graf Fohrbach, Ihr Geist ist ein
dankbares Feld fr Bemerkungen, die man Ihnen gelegentlich macht; Sie haben da
meine Idee mit den transparenten Blumen vortrefflich bentzt, - in der That,
vortrefflich bentzt. Nur wissen Sie, was ich hie und da noch besser gemacht
htte? - Zwischen dem Grn hindurch ein Bouquet Wachskerzen. Ich versichere Sie,
der Glanz der Lichter zwischen den Blttern macht eine fabelhafte Wirkung. So
war es auch bei der Frstin X., das allein haben Sie vergessen.
    So plauderte Herr von Dankwart unermdlich fort und eilte dabei mit
auerordentlicher Beweglichkeit, ohne auf seine Reden irgend eine Entgegnung
abzuwarten, zu den verschiedenen Gruppen wo er Wachslichter angebracht zu haben
wnschte, und als er sich endlich wieder zu der Gesellschaft umdrehte, bemerkte
er, da Alle das Zimmer verlassen hatten bis auf eine alte Grfin, die ihm mit
wahrer Bewunderung zuzulauschen schien, denn sie war von der Frau Herzogin sehr
abhngig und erhielt durch die Hand des Herrn von Dankwart vertraulicher Weise
manche Untersttzung.
    Im Vorzimmer, um bis an das Ende des Apartements zu gehen, sah man die
Dienerschaft des Hauses die Erfrischungen herrichten, und die Limonaden sowie
das Gefrorene vorher heimlicher Weise versuchen, ob es auch wohl wrdig sei, den
Gsten prsentirt zu werden; - sowie auch den Herrn von Dankwart, der eigentlich
hieher gehrte, und der einem Kammerdiener anempfahl, es ihm ja augenblicklich
zu melden, sobald der Wagen der Frau Herzogin vorgefahren sei.
    Einen unserer Bekannten suchten wir bis jetzt berall vergebens, den Herrn
von Brand nmlich, der aber eingeladen und auch erschienen war. Doch fanden wir
ihn nicht, weil er, wie der Herr von Dankwart, bald hier bald dort war, brigens
eine ganz andere Rolle spielend; denn whrend dieser sich vordrngte, viel
sprach und also leicht bemerkbar war, zog Jener sich zurck, knpfte fast gar
keine Unterhaltungen an und schien nur aus der Ferne dies und das zu beobachten.
    Jetzt nherte er sich dem Spielzimmer, trat aber dort sogleich in eine
Fensternische und lie sich auf einem kleinen Fauteuil nieder, der ihn durch den
daneben herabhngenden Vorhang fast ganz verbarg.
    Es waren in diesem Zimmer drei Spieltische aufgestellt, und man arbeitete
fast berall mit dem Strohmann; doch war der Stuhl desselben fast nirgendwo
unbesetzt, und wenn sich ein Zuschauer von demselben erhob, so nahm gleich ein
anderer darauf Platz.
    An dem Tische, der dem Baron zunchst stand, sa Seine Excellenz der
Oberststallmeister, der Hofmarschall, sowie ein kleiner alter, vertrockneter
Herr, dessen Bekanntschaft wir noch nicht gemacht. Er hatte ein spitziges
Gesicht von unangenehmem Ausdruck, tief liegende, trbe Augen, wenig Zhne und
auf dem Kopfe eine Percke, deren Farbe offenbar zu dunkel abstach gegen seine
fahle, verlebte Gesichtsfarbe. Der alte Herr sa mit ziemlich gekrmmtem Rcken
da und bckte sich bei jeder Karte, die ein Anderer ausspielte, noch tiefer
hinab, wobei er die Augen blinzelnd zusammen kniff. Zuweilen bediente er sich
auch einer Lorgnette, die neben ihm lag, um einen etwas entfernten Stich
betrachten zu knnen. Seine Finger waren unendlich mager und zitterten oftmals
so heftig, da er mit der rechten Hand nachhelfen mute, um die in Unordnung
gerathenen Karten wieder gehrig aufzurichten.
    Wenn wir dem geneigten Leser sagen, da er von seinen Mitspielenden mit
Excellenz angeredet wurde, da er ber der weien Atlasweste ein breites Band
trug, sowie auf dem schwarzen modischen Frack einen blitzenden Stern, so wird
derselbe versichert sein, da wir ihn soeben mit einer sehr vornehmen Person
bekannt gemacht haben.
    Es war dies Seine Excellenz, der in dieser Geschichte schon einige Mal
erwhnte pensionirte General-Adjutant Baron von W., in seiner Jugend ein
gewaltiger Eroberer in mancherlei Beziehungen, jetzt nur noch eine alte,
verdrieliche Ruine, die nur in solchen Augenblicken etwas freundlicher aussah,
wenn sie von der Sonne allerhchster Huld und Gnade beschienen wurde.
    Neben ihm, auf dem Platze des Strohmanns, sa seine Frau, die Baronin W.,
und man konnte sich keinen grern Kontrast denken, als dieses Ehepaar
darstellte. Sie war eine schne Frau in den Zwanzigen, hatte volle, schwellende
Formen, einen unbeschreiblich weien, aber sehr blassen Teint und die schnsten
hellblonden Haare, die man sehen konnte. Die Baronin war einfach in hellblaue
Seide gekleidet; ihr Schmuck war unbedeutend und bestand nur in Perlen, die sie
am Armband und in den Ohrringen trug. Sie war, wie gesagt, heute noch eine der
reizendsten Erscheinungen, mute aber vor Jahren wunderbar schn gewesen sein,
als sich die Frische der Jugend noch in den Formen ihrer Gestalt ausdrckte und
als ihr jetzt etwas umflortes Auge noch im vollen Glanze strahlte. Sie war etwas
stark geworden und ihre Augenlider hatten eine eigenthmliche Frbung; dunkler
als die Stirne lag ber ihnen ein Schimmer von Rosa und Braun, welches aber das
Gesicht durchaus nicht entstellte, ja es womglich noch anziehender und
interessanter machte. Wie schon gesagt, sa sie an der Stelle des Strohmannes
und hatte den vollen weien Arm so auf die Ecke des Tisches gelegt, da der
Fcher, der am Handgelenke befestigt war, frei herab hing und hin- und
herschwebte, welches Spiel sie angelegentlich zu betrachten schien. Zuweilen
aber, wenn Seine Excellenz einen Ton des Mifallens oder der Freude hren lie,
hob sie die mden Augenlider empor und schaute ber die Karten hin, wobei ein
leichtes Lcheln um ihren Mund spielte, wenn sie den Blicken des Gemahls
begegnete.
    Der Herr von Brand sa so in seiner Ecke, da ihm Seine Excellenz der
General-Adjutant den Rcken zudrehte, er dagegen der Baronin in's Gesicht sehen
konnte.
    Seine Excellenz bekam vortreffliche Karten und nahm hufig ihre Lorgnette,
um die Stiche zu betrachten. Auch lachte sie zuweilen laut hinaus, was zwar
durchaus nicht angenehm klang, aber die Freude ihres Herzens bekundete.
    Die Baronin schien an dieser Freude offenbar Antheil zu nehmen, denn sie
lie ihr Fcherspiel bleiben, sttzte den Kopf auf ihren Arm und begleitete das
triumphirende: enfin - petit Schlemm! Seiner Excellenz mit einem freundlichen
Kopfnicken.
    Als sie in diesem Momente das Gesicht erhob, und, gewi zuflliger Weise,
ihre Blicke durch das Zimmer schweifen lie, begegneten sie denen des Herrn von
Brand, der sie aufmerksam und fest ansah. Es mute fr sie etwas Seltsames in
diesem Anschauen liegen, denn ihre Gesichtszge nderten sich vielleicht whrend
einer Sekunde, was sie fhlte, denn sie blickte fast erschrocken auf ihren
Gemahl, der aber in seine Karten sah und durchaus nichts bemerkt hatte.
    Hierauf drehte sich die Baronin nach und nach an dem Tische so, da sie nach
der Fensternische schauen konnte, whrend die rechte Hand den Spielenden ihr
Gesicht verdeckte. Wir mssen nun eingestehen, da sie jetzt hufig ihre Blicke
dem Baron zuwandte, da dieser ebenfalls scharf herber sah, ja da er kurze
Zeit nachher ein fr uns unverstndliches Zeichen machte, welches die schne
Frau dadurch beantwortete, da sie langsam ihre Augenlider senkte, was offenbar
Ja bedeutete; denn nun erhob sich der Baron aus seiner Fensternische und
schlich, von den Spielenden ungesehen, zum Zimmer hinaus.
    Die Baronin blieb noch eine Zeit lang; dann legte sie ihre volle weiche Hand
auf den schlotternden Aermel ihres Gemahls und sagte mit ihrer sanften Stimme:
Ich wnsche dir alles Glck wie bisher, - worauf der Oberststallmeister galant
erwiderte: Das wird von ihm verschwinden, sobald Sie, gndige Frau, ihn
verlassen.
    Was brigens auch nicht mehr als recht und billig ist, meinte einigermaen
verdrielich der Hofmarschall. Denn Seine Excellenz gehen in der That zu
grausam mit uns um.
    Mais o allez-vous? fragte mrrisch der Gemahl, indem er der Baronin einen
unfreundlichen Blick zuwarf. Man sollte wahrhaftig glauben, es thue dir leid,
mich einmal gewinnen zu sehen - contre la rgle.
    Contre la rgle, lachte laut der Hofmarschall. Nein, gndige Frau,
geniren Sie sich durchaus nicht; verlassen Sie ihn nur, und wenn ihn damit sein
Glck verlt, so hat er es verdient.
    Diese Worte schienen ohne alle andere Deutung gesprochen worden zu sein,
doch riefen sie auf dem Gesichte des Oberststallmeisters ein leichtes Lcheln
hervor, und die andere Excellenz bi sich auf ihre dnnen Lippen, zuckte die
mageren Achseln und sagte mit ihrer schnarrenden Stimme: Ah! je ne pense pas de
vous retenier. - Beim Spiel, setzte er mit scharfer Betonung hinzu, nennt ihr
oft rasendes Glck, was eigentlich doch nur gutes Spiel ist. - Mais dites moi,
o allez-vous?
    Ich will einen Gang durch die Apartements machen, erwiderte die Baronin
mit leiser Stimme. Graf Fohrbach wollte mich schon vorhin durch den
Wintergarten fhren; ich mu doch diese Artigkeit vergelten, indem ich ihn
aufsuche.
    Eh bien donc! sprach verdrielich der General-Adjutant, va - t'en, va -
t'en. Du strst ohnehin meine Aufmerksamkeit. - Den Stich, rief er dem
Hofmarschall zu, haben Sie allein dieser Unterredung zu danken. - Diable!
quelle distraction.
    Die blasse Frau legte nochmals ihre Hand auf seinen Arm, was brigens keinen
weiteren Erfolg hatte, als ein unmuthiges Zucken. Dann schwebte sie leicht und
anmuthig zum Zimmer hinaus.
    Im Tanzsaal erblickte sie der Kriegsminister, der sich ihr augenblicklich
nherte und artig seine Begleitung durch die Zimmer antrug. Doch sagte sie mit
einem freundlichen Lcheln: Ich sehe wohl, wie Euer Excellenz hier noch von
aller Welt umringt sind; auch kommt dort soeben die Frau Herzogin, der Sie nicht
aus dem Wege gehen drfen. Ich will unterdessen schon voraus in den
Wintergarten, und wenn Sie spter einen Augenblick Zeit haben, so werde ich sehr
dankbar fr Ihren freundlichen Unterricht sein.
    Sie haben wirklich Recht, erwiderte der Kriegsminister, indem er sich
umwandte. Aber man kann mit Ihnen, schne Frau, nicht zwei Worte reden, ohne
da man Ihnen zu Dank verpflichtet sein mu. Wahrhaftig, die Frau Herzogin wrde
in ihrer guten Laune gegen mich geglaubt haben, ich suche sie absichtlich zu
vermeiden. - Doch folge ich Ihnen sogleich.
    Sie grte anmuthig und schritt durch den Tanzsaal und die brigen Zimmer in
den Wintergarten hinab, wo sich augenblicklich sehr wenige Gste befanden.
Entfernt von diesen und anscheinend eine prachtvolle Camelie betrachtend, stand
der Baron von Brand in der Nhe des Einganges zu den Zimmern des jungen Grafen
Fohrbach.
    Die Baronin nherte sich, und als sie so dicht bei ihm war, da sie seine
Worte verstehen konnte, sagte er: In den hintern Zimmern ist Niemand; da es
aber auffallen knnte, wenn man uns dort allein trfe, so will ich hier stehen
bleiben, wo ich den ganzen Wintergarten und die Zimmer bis in den Tanzsaal
bersehen kann. Tritt etwas nher zu mir und setze dich hier auf den kleinen
Fauteuil, wo du unbefangen auf Jemand warten kannst, whrend es mir sehr leicht
mglich ist, dort hinaus zu verschwinden.
    Die schne Frau that, wie ihr der Baron gesagt, und als sie sich auf den
kleinen Stuhl niedergelassen hatte, beugte er sich zu ihr hinab und sprach: Ich
habe dir viel zu sagen.
    Ich dir ebenfalls, entgegnete sie. Ich habe heute einen frchterlichen
Tag verlebt.
    Er nickte mit dem Kopfe.
    Ah! wie Recht hattest du, rief sie mit gefalteten Hnden, als du mir
damals schon anbotest, die Angelegenheit des Kleinen in deine Hnde zu nehmen.
    Es wre in der That besser gewesen.
    Aber ich frchtete mich. Du httest das freilich Alles vorsichtiger
behandelt; aber man mu sich doch irgend Jemand anvertrauen, und das Schlimmste,
was fr uns Beide geschehen knnte, wrde doch wohl sein, wenn man auf einmal
ein Einverstndni zwischen uns ahnete.
    Natrlich wre das jetzt unbegreiflich fr die Welt und mte zu den
tollsten Vermuthungen Anla geben, versetzte er mit trbem Blicke. Und damals
ging es nicht an; du wutest ja nichts von mir, wutest nicht, welche Stellung
in der Gesellschaft ich einnehme, ob es mir wohl ergehe oder ob ich nicht
vielleicht langsam in Jammer und Elend verkomme. Wir sind nicht schuld daran,
meine arme Lucie: das Schicksal, welches uns so frh aus einander ri, hat es
nicht anders gewollt. - Doch schweigen wir ber die Vergangenheit, schweigen wir
darber, wie man dies oder das htte anders machen knnen; die Zeit ist ja
hinter uns gerollt, und mit allen Schtzen der Welt, wenn wir sie htten, wrden
wir doch nicht im Stande sein, eine Sekunde zurck zu erkaufen, geschweige denn
einen Tag, einen Monat, ein Jahr. - Also zur Sache!
    Ja, zur Sache! wiederholte die schne Frau und legte sich weit in den
Fauteuil zurck, nachdem sie zuerst einen forschenden Blick durch den
Pflanzengarten geworfen.
    Es kommt Niemand, sagte er und bckte sich so tief hinter den
Camelienbusch hinab, da er das leiseste Flstern ihres Mundes verstehen konnte.
    Du weit, sprach sie, da ich das Kind vor einem Jahre hieher kommen
lie.
    Leider!
    Ich konnte es nicht ertragen, da es so weit entfernt von mir war: ich
mute es zuweilen an mein Herz drcken, zuweilen seine lieben Augen kssen. - Du
kennst ja mein freudeloses Leben und wirst mir im Ernst nicht darber zrnen,
da ich mir unter die vielen Dornen meiner Tage diese einzige Rose flocht. - Ah!
es waren glckselige Stunden, wenn ich das Kind sah.
    Arme Schwester! - Ich kann mir denken, da dies Glck von kurzer Dauer war.
- Aber weiter! - weiter!
    Ich hatte Alles auf's Beste eingerichtet; der Kleine war bei einer sehr
braven und verschwiegenen Frau, deren Wohnung in dem Hause einer Freundin lag,
die ich ohne alles Aufsehen hufig besuchen konnte; und wie ich dir schon sagte,
geno ich auch die Seligkeit, mein Kind hie und da zu sehen, fast ein ganzes
Jahr. - Eines Tages theilte mir aber die Wrterin mit, sie sei verschiedenen ihr
unerklrlichen Nachforschungen ausgesetzt, bei Spaziergngen mit dem Kinde
drnge sich oft ein Mann an sie, knpfe eine Unterredung ber gleichgiltige
Dinge an, frage auch nach dem Knaben und dessen Eltern, kurz, benehme sich
auffallend und ungeschickt.
    Und diese Wrterin ist eine alte Frau?
    Versteht sich, erwiderte die Baronin. - Das Interesse, welches jener Mann
an ihr zu nehmen schien, galt also nur dem Knaben. Schon mehrere Male wnschte
er unter verschiedenen Vorwnden, sie nach Hause zu begleiten; sie verbat es
sich begreiflicherweise, doch mute er ihr neulich gefolgt sein, obgleich sie
auf groen Umwegen und in einem Wagen heimkehrte. - Genug, er fand ihre Wohnung,
erklrte ihr das selbst lachend und ging eines Tages so weit, da er ihr
geradezu sagte, hinter dem Knaben stecke ein Geheimni, das er wohl ergrnden
mchte. Er bot ihr eine bedeutende Summe, wenn sie ihm einige Mittheilungen
machen wollte.
    Das war ein recht dummer Teufel! sagte hhnisch der Baron.
    So standen die Sachen. Da bemerkte ich auf einmal mit dem grten
Schrecken, da das Benehmen meines Mannes zu Haus gegen mich hrter und
tyrannischer wurde als je. Zuweilen lie er sich, anscheinend ohne alle Absicht,
von mir etwas von meinem frheren Leben erzhlen, und konnte dabei oft eine
laute, hliche Lache aufschlagen, oder er verlie mich scheinbar ruhig, aber
mit zitternden Hnden und funkelnden Augen.
    Ja, ja, ich kann mir wohl denken, da diese Nachforschungen von ihm
ausgingen.
    Ich wei es gewi; und da ich seinen heftigen, gewalt thtigen Charakter
kenne und berzeugt war, er werde das Kind mit List oder durch Gewalt in seine
Hnde zu bekommen suchen, um gegen mich einen Anknpfungspunkt zu erhalten, so
war es nothwendig, da ich es verschwinden lie. - Hatte ich nicht Recht?
    Doch; ich will das nicht leugnen. Aber in dem Moment httest du dich an
mich wenden sollen.
    Nein, entgegnete sie eifrig, da gerade konnte ich das nicht thun; ich
wute genau, da ich von Sphern umgeben war, da er von allen meinen Schritten
Kenntni hatte, ja, da die Briefe, die ich schrieb, in seine Hnde gelangten.
Ich konnte nur noch mit jener alten Frau verkehren, die mir unbedingt ergeben
ist.
    Mit der Frau Fischer, sagte er, wie in tiefen Gedanken.
    Du kennst sie? fragte erstaunt die Baronin.
    Ich glaube, du sprachst mir einmal darber, versetzte er ruhig und gefat.
Ja, es mu so sein. - Aber erzhle weiter!
    Die Frau also sagte mir von einer Bekannten, durch deren Vermittlung mein
armes Kind fr eine Zeitlang bei guten, braven Leuten untergebracht werden
knne.
    Hahaha! lachte der Baron.
    Worber lachst du? - Ich bitte dich, sei ernsthaft.
    O das bin ich auch im hchsten Grade. Dies Lachen ist eine Art Krampf, der
mich zuweilen befllt.
    Ich willigte also ein, da sie das Kind zu jenen Leuten brachte.
    That sie das selbst? forschte er emsig.
    Nein, das wre zu gefhrlich gewesen. Sie brachte es zu ihrer Bekannten,
von der ich dir sprach, und diese bergab es einer dritten Hand, welche es zu
jenen Leuten that. - O mein Gott, wer htte ahnen knnen, da er trotz dieser
Vorsichtsmaregeln auf des Kindes Spur komme! - Die Baronin sprach das mit dem
Tone des tiefsten Schmerzes und drckte ihre Hnde einen Augenblick vor das
Gesicht. Darauf fate sie sich wieder mit gewaltiger Kraft, prete eine Sekunde
ihre Lippe fest auf einander und fuhr fort: Ich erhielt hufig Nachrichten von
dem Kinde, gute und befriedigende.
    Immer durch die dritte Hand?
    Sie nickte mit dem Kopfe und entgegnete: Vorgestern die letzte: denn heute
morgen berichtete mir die alte Frau das Entsetzliche, mein Kind sei geraubt, mit
Gewalt jenen guten Leuten entfhrt worden, bei denen es sich befand. - O Henry,
sprach sie nach einer Pause mit gefalteten Hnden, whrend Thrnen in ihren
Augen glnzten, ist das mglich? - Kann so Etwas geschehen? - O mein Gott! ich
martere meinen Kopf den ganzen Tag auf's Frchterlichste ab, ich komme von einer
Vermuthung auf die andere. - Hat mich nicht am Ende jene Frau verrathen? - Ist
es denn wahrscheinlich, da das Kind geraubt werden konnte?
    O ja, das ist wahrscheinlich und mglich.
    Jetzt bin ich am Ende, fuhr sie mit leiser und klagender Stimme fort,
indem ihre Hnde auseinander zuckten und sich ihre Finger krampfhaft schlossen.
Jetzt kann ich weiter nichts thun als klagen und verzweifeln, und auch das ja
nur, wenn ich allein bin. - O Henry! er beobachtet jede meiner Mienen. Wenn du
wtest, welch' unaussprechliche Qualen ich leide, da ich heiter und zufrieden
aussehen soll, whrend mein Herz zerrissen ist.
    Der Baron hatte bei diesen Worten, die sie heftig und leidenschaftlich
herausgestoen, sanft ihre Hand erfat und drckte sie leise. - Beruhige dich,
sagte er, Fassung! Fassung! Schwester. - Denke daran, wo wir uns befinden! Wie
wrden von Hunderten, wenn sie dich hier sehen wrden, Thrnenspuren in deinen
Augen oder auf deinen Wangen gedeutet werden! - Ja, fasse dich und - lchle!
    Ich lcheln? erwiderte sie mit einem trostlosen Blick.
    Ah! bei eurem Leben solltest du daran gewhnt sein, sprach er in bitterem
Tone. - Aber, setzte er mit weicher Stimme hinzu, ich, dein Bruder, verlange
nicht so Entsetzliches von dir: du sollst lcheln, weil ich dir eine angenehmere
Fortsetzung deiner Geschichte erzhlen will.
    Du? rief sie fast laut hinaus und erhob sich rasch von ihrem Stuhle. - O
Henry, spotte meiner nicht!
    Ich spotte nie, sagte er ruhig. Aber fasse dich und lchle; dort sehe ich
einige Personen kommen, unter Anderem Seine Excellenz den Kriegsminister, der
dich wahrscheinlich aufsucht. - Lchle also!
    Ich kann das nicht ohne ein Wort des Trostes. O sage mir: was weit du von
der frchterlichen Geschichte?
    Da dein Kind wieder gefunden ist, versetzte er leise - das Wie und Wo
kann ich dir hier nicht erzhlen - aber da es nicht von ihm geraubt wurde,
sondern da es in meinen Hnden ist.
    Ah! seufzte sie aus tiefer Brust und prete ihre linke Hand auf das Herz.
- Ah, Gott, dir danke ich! Jetzt will ich lcheln, mchte aber lieber laut
hinaus rufen und jubeln.
    Der Baron war verschwunden, und Seine Excellenz der Kriegsminister bot der
schnen Frau, die er hier so ganz allein fand, seinen Arm und fhrte sie durch
den Wintergarten, wobei er ihr all die vielen seltsamen Pflanzen und Blumen
zeigte. Sie freute sich auerordentlich darber, lachte in einem fort und schien
ber die Erklrungen Seiner Excellenz so glcklich und zufrieden, da der alte
Herr sie hocherfreut bis in das Spielzimmer zurckfhrte und dort dem
General-Adjutanten sagte: Bester Baron, es ist eine wahre Freude, Ihrer Frau
Etwas zu zeigen; sie scheint eine groe Liebe fr die Blumen zu haben, und ich
fand noch nie eine liebenswrdigere und gelehrigere Schlerin. -
    Der Pflanzengarten wurde brigens an diesem Abend hufig zu den
verschiedenartigsten Unterredungen bentzt. Kaum hatte ihn der alte Graf
Fohrbach mit der Baronin am Arm verlassen, als ihn der junge Graf betrat.
    Dieser hatte sich lngere Zeit sphend in einer Ecke des Tanzsaales
aufgehalten, und obgleich dort viele Franaisen getanzt wurden, so schien er
doch nur fr die Tanzenden einer einzigen derselben Sinn zu haben. Das Finale
war zu Ende, die Gruppen lsten sich auf, und mehrere Damen, vom Tanzen erhitzt,
stiegen zu den Blumen hinab, um dort die frische, khlere Luft einzuathmen. Auf
diesen Moment hatte der Graf gewartet, denn er, der bis jetzt ganz unbeweglich
in seiner Ecke gestanden, scho pltzlich mit groer Lebhaftigkeit bei den
Gruppen vorbei, die sich im Saale gebildet hatten, und eilte ebenfalls in den
Wintergarten. Vor ihm schritt Eugenie von S. am Arm einer Freundin, welche sie
mit ihrer hohen Figur aber berragte, wie die stolze Lilie das bescheidene
Veilchen; und diese beiden Damen lachten und plauderten mit einander, blieben
hier vor einer prchtigen Blume, dort vor einem murmelnden Springbrunnen stehen.
    Bis jetzt war es mir unmglich, sagte die Kleinere, das ganz allerliebste
Apartement zu besehen; Ihre Majestt hatten jeden Augenblick irgend einen Befehl
oder eine Frage. Wenn es Ihnen recht ist, Eugenie, so machen wir eine kleine
Entdeckungsreise und den Versuch, wie weit wir dort drben in dieses unbekannte
Zauberland eindringen knnen. Der Salon, der an den Wintergarten stt, soll
charmant sein. Nachher beim Souper hat man doch keine rechte Zeit, sich alles
Das zu betrachten.
    Diese Worte hatte Graf Fohrbach, der den Damen folgte, gehrt und sagte so
verbindlich als mglich: Ich wrde mich auerordentlich glcklich schtzen,
wenn es mir erlaubt wre, den Fhrer in diese bescheidene Wohnung machen zu
drfen, welche Sie fr ein Zauberland zu erklren so freundlich waren.
    Wir knnten uns keinen bessern wnschen, entgegnete lachend die kleine
Dame.
    Und auch Eugenie, die ein wenig, wenn auch kaum merklich errthete, nahm
dies Anerbieten dankbar an.
    Die Drei schritten mit einander durch den Wintergarten, und als sie drben
den Salon betraten, sagte der Graf: Hier sind die Grenzen meines Reichs und ich
heie die Damen in meiner Behausung feierlichst willkommen.
    So drfen Sie uns diese Zimmer nicht vorstellen! versetzte neckend die
kleine Hofdame. Gott steh' mir in Gnaden bei! wir sind durchaus nicht in Ihrer
Behausung; wir befinden uns in einem der Salons Seiner Excellenz des Herrn
Kriegsministers, und zwar in dem Salon, wo spter die allerhchsten Herrschaften
soupiren werden, wehalb ich eigentlich hinzufgen darf: ich bin hier in meinem
Dienste, denn als getreuester Hofdame Ihrer Majestt kommt es mir zu, dies
Terrain zu rekognosziren. - Nicht wahr, Eugenie?
    Allerdings, entgegnete diese, indem sie wie aus einem Traume zu erwachen
schien; denn whrend die Andere sprach, hatte es Graf Fohrbach nicht unterlassen
knnen, Eugenien immerfort und aufmerksam in die schnen Augen zu sehen, -
Blicke, die sie, wenn auch nicht erwidert, doch gern geduldet hatte.
    Aber hier ist es in Wahrheit delicis, sagte die Kleine, das ist ja ein
wahres Blumenparadies! - Sagen Sie mir die Wahrheit: sind diese Zimmer immer so
wunderbar dekorirt?
    O nein, entgegnete lchelnd der Graf. Fr mich selbst wre dieser Flor
unpassend; aber fr solche Gste, wie ich sie heute verehre, setzte er mit
einer Verbeugung hinzu, kann die Umgebung nicht reizend genug sein.
    Die kleine Hofdame, die berhaupt eine lebendige Person war, durchschritt
rasch den Salon und freute sich wie ein Kind ber jedes neue Etablissement, das
sie entdeckte. - Es ist da fr Alles gesorgt! rief sie lustig, eine der
vortrefflichsten Einrichtungen, die ich je gesehen. Man kann hier causiren, deux
 deux, dos  dos, oder zu Drei, zu Vier, Fnf, Sechs, wie man gerade will. -
Auch, setzte sie gravittisch hinzu, sind vortreffliche Schmollwinkel hier
oder heimliche Pltzchen, wo man einen Monolog halten kann. Ich will Beides
versuchen; aber strt mich nicht in meiner Andacht.
    Damit tauchte sie hinter die Blumengruppen und lie sich auf einem der Sitze
nieder, die sich dort befanden.
    Der Graf war mit Eugenien allein. Sie machte eine Bewegung, der Freundin zu
folgen, doch hielt sie ein bittender Blick zurck.
    Frulein Eugenie, sagte er, ich bin Ihnen noch eine Erklrung schuldig
ber mein Ausbleiben neulich Abends bei dem Major von S. Ich kann es eigentlich
keine Erklrung nennen, denn Sie werden es bereits erfahren haben, was mich
zurckhielt.
    Ich wei es, versetzte das schne Mdchen mit einem offenen Blick; Seine
Durchlaucht, der Herr Herzog, welcher an Ihrer Stelle kam, erzhlte es lachend
dem Major.
    Ah! er erzhlte es lachend. Und der Major?
    Er meinte, das sei eine auerordentliche Ehre und Sie wrden nicht wenig
darber erfreut sein.
    Aber das war doch nicht Ihre Meinung, Frulein Eugenie? - Gewi, das
dachten Sie nicht.
    Nein, ich dachte das nicht, entgegnete sie offenherzig. Sie hatten mir ja
vorher im Schlosse gesagt, wie sehr Sie sich darauf freuten, mit mir - mit uns,
wollt' ich sagen - den Abend bei Ihrem Freunde zuzubringen.
    Sagen Sie, mit Ihnen, - gewi nur mit Ihnen, Eugenie! sagte Graf Fohrbach
und erhob seine rechte Hand wie beschwrend gegen sie. - Was kmmert mich die
Gesellschaft, wenn Sie nicht da sind, ja die ganze Welt, wenn ich Sie nicht zu
finden wte! - Aber, fuhr er fort, als er sah, wie das Mdchen bei seinen
heftigen Worten die Augen niederschlug, ich war an jenem Abend recht
unglcklich; die sen Stunden in Ihrer Nhe, auf die ich gehofft, mute ich mit
jenem entsetzlich langweiligen Spiel vertauschen. Ich mute den Stellvertreter
des Herzogs machen, der nun statt meiner dorthin ging, wo Sie waren, Eugenie, -
der Sie sehen, Sie sprechen durfte, whrend ich allein blieb mit meinen
qulenden Gedanken. - Ja, gewi, Eugenie, die Anwesenheit des Herzogs bei meinem
Freunde war mir an jenem Abend sehr, sehr unangenehm.
    Und warum das, Graf Fohrbach? entgegnete sie mit einem reizenden Lcheln.
    Weil - weil - sagte er stockend, weil ich wei, Eugenie, da Sie der
Herzog mit Aufmerksamkeiten verfolgt.
    Sie nickte verschiedene Male mit dem Kopfe und betrachtete das
Blumenbouquet, welches Sie in der Hand trug. - Ja, ja, sagte sie alsdann mit
leiser Stimme, es ist so; er erzeigt mir Aufmerksamkeiten, was mir sehr - sehr
peinlich ist. Und er lt nicht davon ab, obgleich ich dieselben gewi nicht
beachte. - - Gewi nicht, Graf Fohrbach, fuhr sie nach einer kleinen Pause
fort, und schaute ihn dabei offen und ehrlich mit ihren hellen und glnzenden
Augen an. - Aber was kann ich thun? Wie will ich mich in der Stellung, in der
ich mich befinde, ein- fr allemal dieser Aufmerksamkeiten erwehren? - Die Frau
Herzogin lchelt darber, und wrde es sehr ungndig aufnehmen, wollte man ihrem
geliebten Sohne diese unschuldige Freude nehmen.
    O, es ist das nicht Ihr Ernst, was Sie da sagen, Eugenie! rief entrstet
der junge Mann.
    Ich fhle, da es bitterer Ernst ist, erwiderte traurig das Mdchen. -
Doch, setzte sie heiterer hinzu, brechen wir dies Gesprch ab, das fr mich
und auch vielleicht fr Sie peinlich ist.
    Fr mich wre dies Gesprch nur in dem Fall peinlich, aber dann auch
frchterlich und schrecklich, wenn es unbeendigt bliebe! rief Graf Fohrbach
entschlossen. Dehalb erlauben Sie mir Eugenie, es noch einen Augenblick
fortzusetzen. - Freilich knnte es auch wohl mit wenigen Worten beendet sein,
setzte er mit sanfter Stimme hinzu, und ergriff dabei leicht die Hand des jungen
Mdchens, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen brachte; und diese wenigen
Worte wrden mich zum Glcklichsten aller Sterblichen machen. Wollen Sie sie
nicht gegen mich aussprechen, Eugenie?
    Ich wei sie nicht, erwiderte sie errthend.
    Aber Sie mssen sie ahnen, Eugenie, fuhr er dringender fort. Sie mssen
sie in meinen Augen gelesen haben, mssen sie in dem Drucke meiner Hand fhlen,
meiner Hand, die jetzt schon schwach und machtlos ist, die bebt und zittert, da
sie die Ihrige berhrt. - Ja, setzte er mit leuchtenden Augen hinzu, Sie
brauchen nicht einmal selbststndige Worte auszusprechen, Eugenie, Sie sollen
mir nur eine Frage erlauben und mir auf diese Frage mit Ja oder Nein antworten.
- Aber hren Sie mich an! die Beantwortung dieser Frage entscheidet ber das
ganze Glck meines Lebens, ja, sie ist so wichtig fr meine Zukunft, da ich Sie
zuerst um Erlaubni bitten mu, jene Frage stellen zu drfen. - Darf ich,
Eugenie?
    So fragen Sie denn, versetzte nach einer lngeren Pause das Mdchen,
nachdem es scheu und ngstlich um sich geschaut, so fragen Sie denn in Gottes
Namen!
    Darf ich Sie lieben, Eugenie? - - - O, ich will ja nicht mehr als mit einem
kleinen Ja hiezu die se Erlaubni, setzte er hinzu, als er bemerkte, wie das
Mdchen ngstlich zusammen schauerte. - Durch die Gewhrung meiner Bitte ist ja
noch nicht bedingt, da Sie mich wieder lieben sollen; freilich hoffe ich auch
auf dieses bergroe Glck, aber ich bin nicht so unbescheiden, so viel
Seligkeiten auf einmal zu verlangen. - -
    In diesem Augenblicke tauchte aus der Ecke des Zimmers die kleine Hofdame
wieder hervor und rief lustig: Jetzt habe ich geschmollt und monologisirt,
gelebt, geliebt und genossen des irdischen Glckes so viel als mglich auf einer
groen Soire - Und Sie, Eugenie, haben Sie auch den Salon betrachtet? - Wenn
dem so ist, so wollen wir wieder zur Gesellschaft zurckkehren.
    Eugenie wandte den Kopf herum, wie es schien, um eines der transparenten
Rosenbouquete zu betrachten, neben welchen sie stand, in Wirklichkeit aber, um
ihr glhendes Gesicht zu verbergen.
    Von den Worten, die sie mit dem Grafen gewechselt, konnte die Andere nichts
verstanden haben: sie waren zu leise gesprochen worden, und diese war zu weit
entfernt gewesen. Darauf baute denn auch der junge Mann, und whrend sich die
kleine Hofdame nherte, wandte er sich nochmals an Eugenie und wiederholte
dringend seine Frage.
    Ehe diese antworten konnte, eilte die Andere aus ihrem Schmollwinkel herbei,
sie hatte einen Blick in den Wintergarten geworfen, und rief mit komischer
Angst: Gerechter Gott! Eugenie, wir mssen verschwinden, dort kommt der
allerhchste Hof. Rckwrts knnen wir nicht hinaus, also rasch vorwrts, da
wir nicht von so vielen erstaunten Augen hier im innersten Heiligthum betroffen
werden! - Kommen Sie!
    Damit sprang sie lebhaft die Treppen hinab, die in den Wintergarten fhrten,
und Eugenie folgte ihr. Doch blieb diese oben auf der Treppe, gedeckt von dem
uns schon bekannten Camelienstrauche, noch einen Augenblick stehen, wandte sich
rasch um und bot dem jungen Manne, der hinter sie getreten war, ihre Hand, wobei
sie mit leiser Stimme sagte: Ja, Graf Fohrbach, ich sage Ja aus vollem Herzen.
    Er blieb oben stehen, sie aber schwebte die Treppen hinab, die schne,
schlanke, majesttische Gestalt, und als sie nun dem allerhchsten Hofe, der
wirklich durch den Wintergarten daher kam, begegnete, und sich grazis vor den
Herrschaften verneigte, konnte man nichts Reizenderes und Anmuthigeres sehen.
    Ah! welches Glck! sprach der Graf tief aufathmend, und drckte seine
Hnde fest auf die Brust. Das ist ein seliger Augenblick, wie ihn ein
Glcklicher nur einmal in diesem Leben geniet.

                          Zweiundsechzigstes Kapitel.



                           Eine einfache Geschichte.

Die Soire, von der wir im vorhergehenden Kapitel dem geneigten Leser Einiges
mitgetheilt, machte nun alle Stadien durch, wie berhaupt smmtliche Feste
dieser Art. Man tanzte, man spielte, man plauderte, man soupirte, die Lichter
brannten herab, die Pflanzen bedeckten sich mit feinem Staube, die Carcelllampen
auf den Kronleuchtern und in den Gruppen fingen an trbe zu brennen und zu
glucksen, die Konversation wurde matter, Eins ertappte das Andere auf einem
unterdrckten Ghnen, und endlich hrte man auf der Treppe Bedienten rufen,
drunten Wagen rasseln; eine Menge Gste drngte sich an den Ausgang des
Tanzsaales und in die Vorzimmer, um, noch ehe sich der allerhchste Hof fort
begab, einen freundlichen Blick zu erhaschen. Man sah ganze Gruppen sich
verneigen, ganze Reihen tief knixen; zum letzten Mal wurde noch mit mglichster
Anstrengung gelacht, geflstert, dann klirrte und rauschte es die Treppen hinab;
die Wagen fuhren davon, von dunkelrothem Licht umgeben, - dem Schein der Fackeln
in den Hnden der Vorreiter und Lakaien, der an den Fenstern der Huser
vorbeizitterte und manchem erschreckten Schlfer, den das Wagengerassel
erweckte, seltsam und unheimlich an den Augen vorbeistrich.
    Jetzt nahm die Gesellschaft droben in den Slen einen ganz anderen Charakter
an; verschwunden schien alle Ruhe und Behaglichkeit, und das Ganze hatte das
Aussehen eines Ameisenhaufens, den ein muthwilliger Knabe aufgestrt. So rannte
Alles durch einander, aus den hinteren Zimmern in die vorderen, aus dem
Wintergarten in den Tanzsaal, hier einen Hndedruck wechselnd, dort einem
Bekannten noch einen freundlichen Gru zurufend, rechts und links Abschied
nehmend und sich darauf beeilend, dem Wirthe ein Kompliment zu machen, dann in
die Mntel und Shawls zu schlpfen, um so schnell als mglich Treppen und Wagen
zu erreichen.
    Kurze Zeit nachher lag das ganze weite Apartement de und leer. Seine
Excellenz stiegen ziemlich fatiguirt die Treppen zu Ihrer Wohnung hinauf, worauf
der Haushofmeister mit smmtlichen Bedienten erschien, um sorgfltig alle
Lichter auslschen und das Silberzeug wegrumen zu lassen, auch Fenster und
Thren zu schlieen und darauf die Zimmer im halb verblichenen Glanz sich selbst
und ihren Trumereien zu berlassen.
    Doch hatten um diese Stunde noch nicht smmtliche Gste das Haus verlassen;
der junge Graf sah es gern, wenn sich nach beendigter derartiger groer Soire
noch einige Bekannte en petit comit in seiner Wohnung versammelten, um sich von
den gehabten Fatiguen bei einem Glase heien Punsches und einer guten Cigarre zu
restauriren.
    Da der groe Salon, wie wir schon wissen, mit zum Feste gedient hatte und
jetzt ebenfalls ziemlich derangirt und trostlos aussah, so hatte der Graf sein
kleineres Arbeits-Kabinet neben dem Schlafzimmer fr seine Gste ffnen lassen,
und der Kammerdiener hatte es so behaglich als mglich eingerichtet.
    Eine halbe Stunde nach Beendigung des Balles fand sich denn auch hier fast
die gleiche Gesellschaft zusammen, die wir schon einmal in diesen Rumen und
zwar zu Anfang unserer Geschichte hier beisammen gefunden. Das einzige
fremdartige Element, welches man unmglich ausschlieen konnte, war der Herzog
Alfred, der es sich nun einmal nicht nehmen lie, ein Glas der Vershnung, wie
er es auf jenen Wortwechsel im Schlosse anspielend nannte, mit dem Grafen zu
trinken, welcher sich fr diese hchste Gnade auerordentlich dankbar zeigen
mute.
    Wenn auch die Anwesenheit des Herzogs nicht das Wnschenswertheste war, was
der Gesellschaft dieser jungen Mnner begegnen konnte, so hatte sie doch ein
Gutes, da sie wenigstens vor dem Dableiben des Herrn von Dankwart schtzte, der
sich Seiner Durchlaucht zu wiederholten Malen so unterthnig und vertraulich als
nur irgend mglich mit der Versicherung genhert hatte, er fr seine Person
kenne nichts Angenehmeres, als nach einer groen Soire noch eine Stunde ruhig
eine Cigarre beisammen rauchen zu knnen. Er hoffte, der Herzog werde ihn zum
Dableiben nthigen; doch schien dieser etwas an Schwerhrigkeit zu leiden, denn
er versicherte den Herrn von Dankwart, er fnde es vollkommen begreiflich, da
er, ein kleiner, schwacher Mann, sich bei seiner Lebhaftigkeit von einer solchen
Soire hchst angegriffen fhle, und er nehme es ihm durchaus nicht bel, wenn
er sich augenblicklich zurckziehe.
    So mute er denn das Zimmer verlassen und sich zu seinem Wagen begeben.
Umsonst versuchte er es, mit dem Hausherrn ein interessantes Pferdegesprch
anzuknpfen: der Graf achtete nicht darauf; umsonst streckte er seine Hnde
rechts und links aus: es war Niemand da, der Lust hatte, sie zu drcken; und so
schlich er sich denn hinaus, lie sich den Mantel umgeben, wobei er dachte, es
sei doch fr einen feinfhlenden Mann sehr unangenehm, in eine Gesellschaft zu
gerathen, die im Punkte der guten Lebensart so sehr weit zurck sei.
    Im kleinen Arbeits-Kabinet etablirten sich unterdessen die Herren auf eine
bequeme und angenehme Art. Um das lodernde Kaminfeuer hatte der Kammerdiener
alle mglichen Fauteuils gestellt, auch kleine Divans, und darauf machte es sich
Jeder so bequem, wie nur irgend mglich. Dem Herzog hatte man die rechte Ecke
eingerumt, und er lag lang ausgestreckt in einer Chaiselongue, mit groer
Behaglichkeit ein Glas Punsch schlrfend und den Dampf aus seiner Cigarre
ziehend. Hinter ihm lehnte aufrecht in der Ecke Baron von Brand, dessen Anzug
noch so korrekt und untadelhaft war, als habe er soeben erst das Ankleidezimmer
verlassen, was man von den brigen Herren nicht sagen konnte; hier bemerkte man
eine gelockerte Halsbinde, dort einen ber der Weste schief zugeknpften Frack;
ja, der Herzog hatte sein groes Ordensband ber die Schulter geworfen und es
hing solchergestalt ber die Lehne herab. Der Major von S. sa in der anderen
Ecke ebenso bequem, wie Seine Durchlaucht in dieser; der neue Rath, Eduard von
B., hatte tausendmal um Entschuldigung gebeten, da er eine Stellung annehmen
msse, die sich eigentlich nicht mit der Etikette vereinbaren lasse, aber es sei
ihm unmglich, den rechten Fu mit einem etwas zu engen Stiefel auf den Boden
niederhngen zu lassen. Arthur sa gerade vor dem Kamine auf einem niedrigen
Sessel und betrachtete aufmerksam die Zge des Herzogs, die er vor ein paar
Tagen auf die Leinwand zu skizziren angefangen.
    So sa die Gesellschaft rauchend und trinkend und unterhielt sich von der
vergangenen Soire, wobei mancherlei sehr Pikantes vorkam; namentlich waren die
Erzhlungen des Herzogs mit den sonderbarsten Einfllen und Bemerkungen gewrzt.
    Ich habe mich bermig angestrengt, sagte er unter Anderem, und mit
einer wahren Aufopferung getanzt. - Steh' mir Einer in Gnaden bei! - aber es ist
wahrhaftig keine Kleinigkeit, all' Das aushalten zu mssen. - Sie, Baron Brand,
wandte er sich an diesen, habe ich recht vermit. - Wo zum Teufel staken Sie
denn fast den ganzen Abend? - Schau mir Einer seine Toilette an und sage mir, ob
der Mann nur einen einzigen Schritt getanzt haben kann?
    Da sind Euer Durchlaucht sehr im Irrthum, erwiderte der Angeredete und
warf einen wohlgeflligen Blick in den Spiegel. Im Gegentheil: ich habe sehr
tchtig getanzt; aber man hat seine Bewegungen in der Gewalt; man echauffirt
sich nie; man behlt immer noch etwas brig und gibt sich nie ganz aus.
    Das ist ein schnes Kompliment fr uns! lachte der Herzog. - Also wir
haben uns vollkommen ausgegeben, sind fertig - ganz hallale? - Aber Scherz bei
Seite, Baron, ich habe mehrmals scharf nach Ihnen ausgeschaut und htte gern von
Ihnen profitiren mgen; ein paarmal wre mir Ihr coeur de rose recht erwnscht
gekommen. Aber wenn man Sie braucht, sind Sie nicht da.
    Er war anderweitig sehr beschftigt, sagte wichtig der Rath.
    Ja, Baron, meinte der Major, wenn man aus der Schule schwtzen wollte! -
    Allons, meine Herren! keine Geheimnisse! rief der Herzog. Wir sind ja
ganz unter uns. - Welchem Ehemann ist er gefhrlich geworden?
    Ich sah ihn mit der Baronin von W. eifrig conversiren, versetzte der Rath.
    Und ich kann schwren, da er der Obersthofmeisterin bedeutend die Cour
machte.
    Der Baron lchelte wohlgefllig und drckte so kokett als mglich sein
duftendes Battisttuch an die Lippen. Nur zu, meine Herren, sagte er, nur zu,
ich halte stille. Ah! ich sehe, dort unser Maler will auch ber mich herfallen,
und ich mu gestehen, der hat mich wenigstens nicht hinterlistig belauscht,
sondern trat mir offen entgegen, als ich in einer sehr angenehmen und eifrigen
Konversation begriffen war. - Aber - Stillschweigen, setzte er mit einem sehr
sen Lcheln hinzu, indem er den Finger auf den Mund legte.
    Und an mich denken Sie nicht? fragte Graf Fohrbach. Nehmen Sie sich
zusammen! Ich knnte Ihrer Snden schlimmste aufdecken.
    Sie? Da wr' ich begierig.
    Der Graf wandte den Kopf herum und blickte den Baron einige Sekunden fest
an; dann nahm er die Cigarre, aus welcher er sehr bedchtig einen langen Zug
gethan, leicht in die Hand und sagte: Baron, denken Sie an die Polizei. - Er
hoffte bei diesen Worten irgend eine Aenderung auf dem offenen und freundlich
lchelnden Gesichte des Herrn von Brand zu entdecken, hatte sich aber vollkommen
geirrt, da zuckte keine Miene, da verrieth nicht der mindeste Schatten eine
Ueberraschung oder Bewegung.
    An die Polizei soll ich denken? - Wie so? fragte er ganz ruhig. Coeur de
rose! was hat die mit schnen Mdchen zu thun?
    O Sie Undankbarer! erwiderte der Hausherr. Soll ich wirklich Ihre Snden
offenbaren? Habe ich denn nicht gesehen, wie Sie der schnen Auguste im
Wintergarten eifrig die Hand gekt!
    Htte ich das wirklich gethan? fragte Herr von Brand, sich affektirt
besinnend. - Ja es ist mglich. Gott! in dem Gewhl passirt Einem so Manches!
    Er ist ein Don Juan, sagte entschieden der Herzog. Aber er mag sich
stellen wie er will, mit der Tochter des Polizei-Prsidenten hat es noch einen
anderen Haken; ich habe allerlei darber munkeln gehrt.
    Die alte Geschichte! entgegnete achselzuckend der Baron. Wei Gott im
Himmel, ich werde noch ein Einsiedler werden mssen, um allem Gerede zu
entgehen.
    In diesem Augenblicke erhob sich im Vorzimmer ein so lautes und anhaltendes
Lachen, da smmtliche Herren erstaunt aufhorchten. Es war das ein so lustiges
Gelchter, da es unmglich von einem der Bedienten herkommen konnte. - Es mute
ein Fremder und doch Bekannter sein.
    Gleich darauf vernahm man auch die Stimme des Kammerdieners, der mit
Entrstung sagte: Aber mein Herr, es ist keine Zeit, dem Herrn Grafen einen
Besuch zu machen; berhaupt dringt man unangemeldet nicht da hinein. - Lassen
Sie mich nur, erwiderte die Stimme; Sie werden sich einen Dank verdienen, wenn
Sie mir helfen, den Grafen zu berraschen.
    Dabei wurde die Thr geffnet und es trat leicht und gewandt ein junger Mann
in das Zimmer, der aber in seinem sonderbaren Anzuge durchaus nicht zu den
schwarzen Frcken, den weien Hals- und Ordensbndern hier pate.
    Es mochte das ein Mann von vielleicht dreiig Jahren sein, hoch und schlank
gewachsen, aber dabei breitschulterig und von energischem, krftigen Wesen. Man
sah das an der Art, wie er in das Zimmer schritt, wie er seinen Kopf trug und an
der abweisenden und gebieterischen Handbewegung, die er gegen die Bedienten
machte, welche ihm folgen zu wollen schienen. Er trug einen kurzen und dicken
Reiserock, hatte um den Hals einen Shawl gewickelt und an den Fen Pelzstiefel,
die ihm bis zum Knie reichten; eine Mtze hielt er in der Hand, doch war diese
Hand klein und zierlich und mit feinen lederfarbenen Glachandschuhen bedeckt.
    Der junge Mann schritt lchelnd auf den erstaunten Kreis der Herren zu, die
am Kamine saen, und wute dabei so zu manvriren, da man sein Gesicht nicht
eher deutlich sah, bis er sich mitten in der Gruppe befand, und es von dem Feuer
und den Wachskerzen hell beschienen wurde.
    Ein Ausruf der Ueberraschung und der Freude entfuhr nun aber dem Munde fast
aller Anwesenden.
    Ist denn das ein Gespenst! schrie der Herzog. - Hol' Sie der Teufel! Wo
kommen Sie her?
    Bist du es wirklich, Hugo? rief Graf Fohrbach, der aufgesprungen war und
dem Angekommenen herzlich die Hand schttelte. - Wo kommst du her?
    Da ich kein Gespenst bin, gndiger Herr, entgegnete der im Reiseanzug
lachend, knnen Sie erfahren, wenn Sie die Gnade haben wollen, mir Ihre Hand zu
reichen. - So! - Da ich direkt von einer Reise komme, werdet ihr brigens
meinem Aeuern anmerken.
    Er ist immer noch der Alte, versetzte der Herzog, whrend er seine Finger
rieb, die ihm Jener etwas heftig gedrckt hatte. - Aber jetzt lassen Sie sich
nieder, unsteter Mensch, und berichten Sie ordentlich, in welchem Welttheil Sie
zuletzt waren!
    Ehe der Angekommene diesem Befehle Folge leistete, blickte er sich rings im
Kreise um, reichte dem Rath freundlich die Hand und machte eine stumme
Verbeugung gegen Arthur und den Baron Brand, die er beide noch nicht kannte. Der
Letztere stand ihm aufrecht gegenber, und als sich diese beiden Mnner nun
pltzlich anblickten, wichen sie, obgleich kaum bemerkbar, vor einander zurck.
- Der Baron fate sich brigens augenblicklich wieder und lchelte so unbefangen
wie vorher. Der Andere fuhr mit der Hand ber das Gesicht bis zum vollen blonden
Barte hinab und verbeugte sich leicht, als Graf Fohrbach sagte: Baron von Brand
- Hugo von Steinfeld - Arthur Erichsen - Beide gute Bekannte und Freunde.
    Ehe ich mich niedersetzen kann, sprach Herr von Steinfeld, mu ich Sie
vorher um Erlaubni bitten, gndiger Herr, eine kleine Toilette machen zu
drfen. - Du gibst mir wohl einen leichten Rock, wandte er sich an den Grafen,
und erlaubst, da ich mir in deinem Schlafzimmer die schweren Stiefel ausziehen
lasse. - Apropos! deine Dienerschaft htte mich bald zur Thre hinaus geworfen.
    Sie htten Ihren Namen sagen sollen! lachte der Herzog. Durch das viele
Bartwerk in Ihrem Gesicht sind Sie sogar fr Ihre besten Freunde unkenntlich
geworden.
    
    Dazu rechnen Euer Durchlaucht doch wohl nicht die Bedienten?
    Du bleibst heute Nacht bei mir? fragte Graf Fohrbach.
    Ja, heute Nacht, und wenn du erlaubst, noch ein paar Tage, bis ich mir eine
passende Wohnung gesucht. - Aber nun komm' in dein Schlafzimmer; es ist mir in
meinem Anzuge viel zu warm; ich mu ein bischen andere Toilette machen.
    Diese war bald beendigt, und wenige Minuten nachher sa der eben Angekommene
mit in der Reihe am Kaminfeuer, whrend Graf Fohrbach seinem Kammerdiener einige
Befehle ertheilte in Betreff eines Zimmers, das eingerichtet werden mute, sowie
auch des Reisewagens des Fremden, den man in einer der Remisen unterbrachte.
    Ich htte schon vor zwei Stunden hier sein knnen, sagte Herr von
Steinfeld, doch erfuhr ich zufllig auf der letzten Station von einer groen
Soire. Da ich nun begreiflicherweise keine Lust hatte, mich heute Abend noch
anzuziehen, so wartete ich und komme nun gerade rechtzeitig zur angenehmen
Nachlese. - Darf ich mich jetzt wohl unterstehen, wandte er sich gegen den
Herzog, Euer Durchlaucht die feierliche Versicherung zu geben, wie
auerordentlich glcklich ich bin, Hochdieselben alsogleich begren zu knnen?
- Doch hatte ich nicht geglaubt, Sie im schwarzen Frack wiederzusehen.
    O schweigen wir davon! erwiderte der Herzog mit einer Handbewegung. Man
glaubt hheren Orts, ich knnte dem Staate besser mit Geist und Feder als mit
Faust und Schwert dienen.
    Woran man hheren Orts wohl nicht Unrecht hat, meinte sich verbeugend der
Andere, denn Euer Durchlaucht groer Verstand wurde mir von allen schnen
Frauen gerhmt, mit denen ich das Glck hatte ber Sie sprechen zu drfen.
    Gehen Sie zum Henker mit Ihrem Verstand! Es ist traurig, wenn die schnen
Frauen nichts Anderes an mir zu rhmen wuten. - Doch wo kommen Sie eigentlich
her? Nur eine hbsche Erzhlung Ihrer Fahrten und Abenteuer kann Sie wieder
einigermaen in meiner Gunst herstellen.
    Ich stehe gleich zu Befehl. Aber Sie werden mir erlauben, gndiger Herr,
da ich mich vorher nach dem Befinden meines lieben Freundes hier erkundige. -
Von dir, wandte er sich an den Grafen, hatte ich die letzten Nachrichten, als
du in die Reihe der Adjutanten aufgenommen wurdest. - Und du bist auch
avancirt, sagte er zum Major v. S. Ich sehe das natrlicherweise an deinen
Epauletten und gratulire bestens. - Wie steht's aber mit unserm theuren
Assessor?
    Vortragender Rath, wenn ich bitten darf! erwiderte Eduard v. B. mit groer
Wichtigkeit.
    Alle Teufel! versetzte der Andere laut lachend. Ihr knnt euch nicht
beklagen; ihr seid von der Sonne kniglicher Gnade ausgebrtet worden, whrend
ich zurckkomme als taubes Ei Gott wei welchen Departements.
    Und ganz nach Verdienst, schaltete der Herzog ein. Wei der Himmel,
lieber Steinfeld, da Sie des Herumschwrmens niemals satt werden. Soll auch
diesmal Ihr Aufenthalt wie gewhnlich nur einige Wochen dauern, oder gedenken
Sie uns auf lngere Zeit zu beglcken?
    Der Andere zuckte die Achseln und entgegnete: Das hngt von vielerlei
Umstnden ab; vorderhand habe ich hier Anker geworfen und will abwarten, ob ich
liegen bleiben mu auf strmischer Rhede oder ob ich hinein bugsirt werde in den
sicheren Hafen.
    Und jetzt kommen Sie von Ruland?
    Ja, gndigster Herr. - Oder auch nein; denn ich war zuletzt im Kaukasus.
    Horreur! rief der Herzog. Doch nicht am Ende gar bei den Tscherkessen?
    Eigentlich focht ich gegen sie, erwiderte Herr von Steinfeld. Doch unter
uns gesagt, lie ich mich eines schnen Tags gefangen nehmen und verbrachte
darauf bei den wilden Shnen des Gebirges ein angenehmes Jahr.
    Davon mut du erzhlen, sagte der Hausherr.
    Halt! rief der Herzog. Ich habe auf seine Mittheilungen ein nheres
Recht; er ist mir in W. desertirt, und das in Folge einer rthselhaften
Geschichte; - ja, meine Herren, in Folge einer Begebenheit, bei der, vielleicht
zum ersten Male, sein Herz mchtig ergriffen war.
    Ist das mglich? sprach erstaunt der Major. Du Umherschweifender,
Wankelmthiger, httest dir wirklich Fesseln anlegen lassen? - Unglaublich! -
Ja, wenn das erzhlbar ist, so stimme ich auch dafr, denn das ist gewi noch
interessanter als deine Tscherkessen-Abenteuer.
    Lat mich lieber von den letzteren erzhlen, bat Herr von Steinfeld mit
viel ernsterer Stimme, nachdem er einen Augenblick trumend in das Kaminfeuer
geschaut. Der Herzog bertreibt: die Sache ist nicht so interessant; ihr Alle
habt dergleichen schon erlebt.
    Lieber Freund, dein Weigern ist uns verdchtig, bemerkte Graf Fohrbach.
Jetzt trete ich auf Seite der Anderen und verlange die Geschichte aus W.
    Eine Geschichte, meine Herren, fuhr der Herzog fort, ber die ich Einiges
habe munkeln hren, und in die auch ich halb verwickelt sein soll. Ich wollte
sie damals schon erfahren, doch wich er mir anfnglich aus, und wenige Tage
nachher war er verschwunden. - Das sind jetzt sechs Jahre; urtheilen Sie selbst,
ob ich lange genug gewartet habe. Sehen Sie, lieber Steinfeld, htten Sie damals
mir allein gebeichtet, so wre Ihnen das heute vor einer greren Versammlung
erspart geblieben.
    Es htte mich damals keine Macht der Erde bewegen knnen, eine Silbe ber
diese Geschichte zu sprechen, entgegnete der Andere sehr ernst. - Doch jetzt
ist ja Alles vorber! setzte er mit einem leisen Seufzer hinzu.
    Also die Begebenheit! rief munter Graf Fohrbach. - Wir sind ja unter
lauter guten Freunden, fuhr er fort und betrachtete die vor dem Kamine
Sitzenden der Reihe nach. - Den Baron Brand hatte er in diesem Augenblicke
vergessen, denn dieser entging seinen Blicken, da er sich wenige Sekunden vorher
auf einen ganz niedrigen Sessel hinter den Herzog gesetzt hatte, und so durch
Seine Durchlaucht vollkommen gedeckt wurde.
    Es mgen also jetzt sechs Jahre sein, da waren wir zusammen in W., Seine
Durchlaucht der Herr Herzog in Begleitung anderer hchster Personen, und ich
wiederum in Begleitung des Herrn Herzogs.
    Aber ohne offiziellen Charakter, sagte dieser lachend.
    Ganz richtig, fuhr der Erzhler fort. Ich hatte das unschtzbare Glck,
Seine Durchlaucht unterhalten zu drfen, wenn Niemand Besseres da war, mit ihr
dejeuniren und diniren zu mssen, Sie auf Spaziergngen, Fahrten und Ritten zu
begleiten; wobei es mir aber nie erlaubt war, meine wunderbare Dragoner-Uniform
anzuziehen.
    Pfui, Steinfeld! rief der Herzog. Wie sind Sie bei den Tscherkssen
verwildert!
    Aber damals war ich es noch nicht, gndiger Herr, das mssen Sie mir
zugestehen; denn wenn Sie mir auch nicht gern etwas Erfreuliches nachsagen, so
knnen Sie doch nicht leugnen, da ich berall gut gelitten war.
    Er war damals ein vollkommener Beau; aber sonst nichts.
    Und dehalb paten wir trefflich zu einander: Euer Durchlaucht hatten den
Verstand, das innere Departement, und ich beschftigte mich stark mit dem
ueren. - Darf ich nun fortfahren? -
    Eines Tages nun wurde auf den Wunsch hoher Personen, erzhlte Herr von
Steinfeld weiter, in einem der Theater ein lngst vergessenes Lustspiel wieder
aufgefhrt, in welchem eins der Hauptmitglieder von jeher excellirt hatte. Seine
Durchlaucht nahmen wie gewhnlich eine Loge und ich hatte die Ehre, Sie
begleiten zu drfen. - Doch damit ich bei der Wahrheit bleibe, so mu ich sagen,
da der Herr Herzog an dem Tage bei Hof speiste und wir uns also in der Loge
treffen sollten. Natrlicherweise war mein Diner blder beendigt als das
seinige, und obgleich ich sehr langsam zu Fu dem Schauspielhause zuschlenderte
- es war im heien Sommer - so kam ich doch wohl eine halbe Stunde vor Beginn
der Vorstellung hin, fand aber das Haus schon dicht besetzt; nur die Logen des
halben ersten Ranges waren noch leer, denn auer der des Herrn Herzogs waren die
anderen ebenfalls fr hohe Personen reservirt worden.
    Ich stieg, durchaus an nichts Arges denkend, langsam die Treppen hinauf,
trat in unsere Loge und ging an die Brstung vor, um mich im Hause umzuschauen.
Hier aber - Gott wei, fr wen man mich gehalten - ward ich augenblicklich das
Ziel der Aufmerksamkeit des smmtlichen Publikums. Alle Augen richteten sich zu
mir empor; ja ich kann wohl sagen, alle Theaterglser und Lorgnetten nahmen die
Richtung nach meiner Loge; von unten im Parterre vernahm man - ich kann es nicht
leugnen - ein hchst beiflliges Gemurmel, und wenn ich mich nicht schleunigst
zurckgezogen htte, so wrde ich einem allgemeinen Vivat nicht entgangen sein.
    Da ward es ihm bange in seiner Lwenhaut und er warf sie ab, sagte
einigermaen hmisch der Herzog.
    Natrlicherweise, fuhr ruhig der Erzhler fort, denn ich wute, da Sie,
gndiger Herr, dieselbe spter mit viel grerem Anstande tragen wrden. - Im
nchsten Augenblick fllten sich denn auch die Logen; die Akklamation des
Publikums ward einem Wrdigeren zu Theil; endlich kam auch der Herzog. Der
Vorhang flog auf und das Stck begann.
    Gleich da bemerkte ich schon, wie unaufhrlich und hartnckig Sie in das
Parterre hinab kokettirten, konnte aber nicht entdecken, wem es galt, denn fr
mich waren drunten lauter alltgliche Gesichter.
    Ich leugne es nicht, da ich hufig hinab sah, doch anfnglich nur aus
einem reinen Gefhle der Dankbarkeit, denn von all' den tausend Gesichtern, die
mich vorhin so neugierig angestarrt, blieb mir nur ein einziges insofern treu,
als es mir hie und da noch einen Blick schenkte, whrend sich alle anderen den
aufgegangenen glnzenderen Sonnen neben mir zuwandten. - Aber die beiden Augen,
die mich zuweilen ansahen, wogen tausend andere auf; sie gehrten einem Mdchen,
das drunten in einem Sperrsitz neben einer lteren Frau sa, einem Mdchen von
so unbegreiflicher und wunderbarer Schnheit, da ich mir mit Erstaunen gestand,
lange, ja noch nie so etwas gesehen zu haben. Eine Beschreibung ist eigentlich
berflssig; ich kann nur sagen, da es ein blasses, aber sehr edles Gesicht
war, von sanftem wrdevollem Ausdruck, mit glnzenden blauen Augen und dem
ppigsten blonden Haar, welches ich in meinem ganzen Leben gesehen. - Ich mu
Euer Durchlaucht hiebei zum Zeugen aufrufen, denn Sie werden sich erinnern, da
Sie spter diesem Mdchen einmal durch Zufall begegneten. - Habe ich bertrieben
oder sprach ich die Wahrheit?
    Ja, ja, erwiderte der Herzog nachdenkend; es war das eine auffallend
reizende Erscheinung.
    Ah himmlisch! unvergelich! fuhr der Andere enthusiastisch fort. Doch
bleiben wir ruhig bei unserer Erzhlung. - In meiner bergroen Bescheidenheit
dachte ich anfnglich, die Blicke, die sie zuweilen herauf sandte, knnen mir
unmglich gelten; ich wollte dehalb eine Probe machen, verlie die Loge und
stellte mich im Parterre so auf, da jenes Mdchen, wenn sie nach rechts
schaute, mich sehen konnte. Hier gerieth ich aber in eine Gruppe junger Leute
meiner Bekanntschaft, Kavaliere der reichsten Huser, Offiziere, die sich alle
mit mir in der gleichen Absicht da versammelt hatten. - Da Sie daher kommen,
rief mir Einer zu, finde ich vollkommen begreiflich; Ihrem Blick entgeht
dergleichen nicht. - Sie meinen jene Dame mit dem schwarzen Haar in der
Parterreloge? fragte ich. - Ah! gehen Sie weg, Sie Heuchler! lachte ein
Anderer, wer wird nach dem schwarzen Haar sehen, wenn man ein so wundervolles
Blond vor sich hat? - Kennen Sie das Mdchen? - Ich nicht. Und Sie? - Keiner
von uns Allen kennt sie; und das will viel sagen, so sprach ein Dritter. Sie
kann noch nicht lange hier sein. - Und das ist wohl Ihre Mutter, die neben ihr
sitzt? - Es scheint so. - Aber haben Sie je etwas Schneres gesehen als das
Mdchen? - Nein, nein, sagten die Anderen. Und so ging es eine Weile fort.
    Hatte das Mdchen nun bemerkt, da sie der Gegenstand dieser Aufmerksamkeit
war, genug, sie blickte lngere Zeit nur auf die Bhne oder sprach mit ihrer
Nachbarin. Endlich aber erhob sie ihre Augen wieder und sah nach unserer Loge
hinauf. Ich mu gestehen, mir schlug das Herz, denn wahrhaftig, es kam mir vor,
als suche sie dort Etwas. - Ich hatte mich in die vordere Reihe meiner Bekannten
gedrngt und schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach ihr hin. -
Richtig! sie senkte jetzt langsam den Blick; ihre Augen fanden die meinigen, und
da sie gerade mich gesucht und gefunden, das sagte mir ein ses Gefhl in
meinem Herzen.
    Glckseliger Hugo! sprach zerstreut Graf Fohrbach.
    Da ich an meinem Platze stehen blieb, knnt ihr euch denken.
    Und mich lie er allein in der Loge, der Undankbare! - Aber nur weiter; ich
bin berzeugt, wir werden in dem Punkte noch schrecklichere Dinge zu hren
bekommen.
    Von dem Stcke sah ich begreiflicherweise gar nichts, fuhr Herr von
Steinfeld fort; auch war es wahrhaftig zu rasch fr mich zu Ende. Whrend des
letzten Aktes aber ging ich hinaus und suchte unsern vortrefflichen
Lohnbedienten. Der kannte smmtliche gewisse junge Damen der ganzen Stadt; doch
es wre mir schrecklich gewesen, wenn er auch diese gekannt htte. Aber ohne
seine Hilfe konnte ich nichts unternehmen, konnte ich nicht erfahren, wer die
Damen seien oder wo sie wohnten. Auch war ich berzeugt, da sich meine
smmtlichen Bekannten in ihren Weg drngen und den Versuch machen wrden, ein
Wort anzubringen. Und das wollte ich fr meine Person gerade vermeiden. Ich
begab mich dehalb mit Baptist an die Ausgangsthre, um zu warten, bis sie
heraus kme. Dabei geschah nun, was ich vorhin andeutete: alle die jungen Leute,
die sie whrend der Vorstellung angestaunt, schwrmten um sie herum; ja die
Kecksten wagten es, die ltere Dame oder sogar sie selbst anzusprechen. Doch
hatten Beide ihre Schleier herabgelassen und wrdigten keine Frage einer
Antwort; sie schritten so rasch durch die Menge dahin, da Baptist kaum Zeit
hatte, sie in Augenschein zu nehmen; doch gengte ihm ein einziger Blick, um
mich versichern zu knnen, da das Mdchen sowie die ltere Frau ihm gnzlich
unbekannt seien. - Aber ich mu um jeden Preis erfahren, entgegnete ich ihm,
wenigstens wo sie wohnen. Baptist, Ihre Belohnung fr diese Nachricht soll
glnzend sein.
    Er nickte mit dem Kopfe und folgte den Damen so schnell, als es das Gewhl
erlaubte. Diese hatten das Haus bereits verlassen und schritten ber die Strae,
einem Fiaker zu, der auf sie zu warten schien. Ohne sich aufzuhalten, stiegen
sie in den Wagen, zogen den Schlag hinter sich zu, und der Kutscher fuhr davon -
aber nicht ohne den vortrefflichen Baptist. Dieser hatte sich hinten
aufgeschwungen, und whrend er sich auf dem Trittbrette als Lakai einrichtete
und die Quasten des Wagens ergriff, nickte er mir zu, als wollte er sagen: seien
Sie vollkommen ruhig; die Sache ist bestens eingefdelt.
    Und so verlor ich fr den Abend meinen Begleiter und meinen Lohnlakaien,
sagte der Herzog. Ich mute eine Viertelstunde warten, ehe es unserem
vortrefflichen Freunde hier einfiel, nach mir und meinem Wagen zu sehen.
    Bedenken Sie aber das Gedrnge, gndigster Herr, entgegnete lachend der
Erzhler, diese Foule von Menschen und Wagen; Sie htten ja doch nicht nach
Hause gekonnt. - Wahrhaftig, auf mich brauchten Sie keine Sekunde zu warten.
    Aber auf den Lohnbedienten wartete ich den ganzen Abend vergebens.
    Das kann ich Eurer Durchlaucht nicht leugnen. Er lie sich erst am andern
Morgen wieder im Hotel sehen, um - mir Bericht zu erstatten.
    Als Bedienter hinten auf dem Wagen war er vom Schauspielhause weg durch
einige Straen glcklich mitgefahren, dann aber muten ihn die Damen entdeckt
haben; genug, sie lieen den Wagen halten und die Alte rief dem Kutscher zu, er
solle nachsehen, wer hinten aufstnde, sie htten keinen Bedienten und brauchten
auch keinen, und er solle sie augenblicklich verlassen. - Was war zu machen?
Baptist kletterte hinab und mute sich bequemen, hinter dem Wagen, der im
scharfen Trabe fuhr, zu laufen. So ging es durch die ganze Stadt, zum
entgegengesetzten Thore hinaus und nach einer der entlegensten Vorstdte.
Baptist aber blieb ausdauernd bei dem Wagen, bis dieser endlich vor einem Hause
hielt, und dort hatte er obendrein die Khnheit, den Schlag zu ffnen, um den
Damen beim Aussteigen behilflich zu sein. Doch stie die jngere verchtlich
seine Hand zurck, und die ltere hielt ihm eine Strafpredigt und sagte, sie
htte wohl nicht bel Lust, die Polizei herbeirufen zu lassen, damit sie
geschtzt sei vor Unberufenen und Spionen. Baptist entschuldigte sich mit dem
Befehl seines Herrn, der ihn beauftragt habe, um jeden Preis zu erfahren, wo die
beiden Damen wohnen, worauf dieser Herr auch nicht ohne einige krftige
Bemerkungen davon kam. Dann gingen sie in's Haus, riegelten hinter sich zu und
lieen Baptist einigermaen verdutzt auf der Strae stehen. Doch merkte er sich
genau die Hausnummer, und da es fr Nachforschungen zu spt war, so stellte er
sie den andern Morgen in aller Frhe an und erfuhr, die ltere Dame sei eine
Wittwe, Frau von Z., das Mdchen ihre Tochter Elise, und Beide erst seit
ungefhr einem halben Jahre in der Stadt. Woher sie gekommen, konnte man ihm
nicht sagen.
    Das war eigentlich eine krftige Abweisung, sagte der Rath. - Ich htte
mich darnach um keinen Preis mehr in der Strae sehen lassen. - Und die Sache
war aus? fragte er.
    Nein, mein Lieber, erwiderte Herr von Steinfeld; sie fing hierauf erst
recht an. Ich hatte nun begreiflicherweise nichts Eiligeres zu thun, als mich
hinzusetzen und ungefhr folgenden Brief zu schreiben: Gndige Frau! - Ich bin
in Verzweiflung. - Durch die ungeschickte Zudringlichkeit meines Bedienten ist
Ihnen gestern Abend, wie ich soeben zu meinem grten Schrecken erfuhr, ein
unangenehmer Moment bereitet worden, was mir um so schmerzlicher ist, da mein
Bedienter, wie ich vernommen, einen Auftrag von mir vorschtzte, der ihn
veranlate, Sie auf so rcksichtslose Weise vom Theater bis in Ihre Wohnung zu
verfolgen. - Leider mu ich bekennen, da ich nicht ganz ohne Schuld bin; doch
als ich, ich gestehe es, berrascht von dem Anblick Ihrer Frulein Tochter, mich
erkundigte, welcher Familie sie angehre, geschah dies gewi nicht in der
Absicht, Ihnen durch Nachforschungen irgend welcher Art lstig zu fallen, wie in
der That geschehen. Da ich es nun aber fr eine dringende Pflicht halte, Sie,
gndige Frau, wegen der Ungeschicklichkeit meines Dieners um Verzeihung zu
bitten, wrde ich es als die grte Gunst ansehen, wenn Sie mir eine Stunde
bestimmen wollten, in welcher es mir vergnnt wre, Ihnen zu sagen, wie
unendlich ich den gestrigen Vorfall bedaure etc.
    Brrr! machte der Major. Damit zogst du eigentlich rger an der Klingel
als dein Bedienter.
    Nein, nein! lachte der Herzog. Er sprach durch die Blume per Besenstiel.
    Es war allerdings ein gewagter Schritt, fuhr der Erzhler fort, so mit
der Thre in's Haus zu fallen. Aber was konnte daraus erfolgen? - Gab sie mir
keine Antwort, so mute ich einen andern Weg einschlagen oder von der ganzen
Geschichte abstehen. An das Mdchen htte ich auf diese Weise nicht geschrieben,
aber der pfiffige Baptist, der in der ganzen Stadt seine Verbindungen hatte,
versicherte mich, Mutter und Tochter seien zwei ganz verschiedene Naturen. Mit
der Alten sei es, wie man ihm gesagt, nicht ganz richtig, aber das Mdchen sei
in jeder Hinsicht ein wahrer Engel. - Genug, ich schrieb; schickte aber den
Brief durch meinen eigenen Bedienten, und erhielt am andern Tage die Antwort,
Frau von Z. sei geneigt, meine Entschuldigung anzunehmen. - Da ich mich zur
bezeichneten Stunde hin begab, brauche ich wohl nicht zu erwhnen.
    Aber ich mu beifgen, da dies in meinem Wagen geschah, sagte der Herzog.
Gtiger Himmel! wozu habe ich damals nicht dienen mssen.
    Ich gestehe, gndiger Herr, da ich allerdings Ihren Wagen nahm, mu aber
dabei bemerken, da er mir von der Mutter sogleich bei meiner Ankunft die
Bemerkung eintrug, es sei durchaus nicht artig von mir, die erhaltene Erlaubni
zu mibrauchen, indem ich in ihrer kleinen bescheidenen Strae mit der
glnzenden Equipage ein solches Aufsehen hervorrufe. Ich nahm auch geduldig
diese Zurechtweisung hin und bat demthig fr meine beiden Vergehen um
Verzeihung. Madame empfing mich allein in ihrem Zimmer; es war das eine Wohnung,
bescheiden aber anstndig mblirt. Ich zog mich aus der Geschichte des gestrigen
Abends so gut als es eben gehen wollte, indem ich versicherte, der Anblick ihrer
Tochter habe auf mein Herz einen unauslschlichen Eindruck gemacht.
    Und das hrte sie geduldig an? fragte der Major.
    Sie lchelte dazu, fuhr Steinfeld fort, und ich sah, da Baptist in dem
einen Theile seines Berichtes vollkommen Recht hatte. Doch wurde mir nicht blos
dies Lcheln zu Theil, sondern sie verzog gleich darauf ihr Gesicht wieder in
ernste Falten, als sie mich versicherte, sie msse mir offenherzig gestehen, da
sie nur mein dringendes Schreiben veranlat habe, mir die Erlaubni zu diesem
Besuche zu ertheilen. Sie sei eine Wittwe mit wenigem Vermgen, fuhr sie fort,
der Alles daran gelegen sein msse, sich ohne Aufsehen, namentlich aber ohne
irgend welche schlimme Nachreden durch die Welt zu schlagen, weil sie nur so im
Stande sei, fr das Glck ihrer einzigen geliebten Tochter dauernd sorgen zu
knnen.
    Und diese einzige und geliebte Tochter sahen Sie nicht alsogleich? fragte
der Herzog.
    Auf mein dringendes Bitten wurde mir spter die Erlaubni zu Theil, auch
deren Verzeihung fr meinen unberlegten Schritt erbitten zu drfen. - Und auch
in Betreff dieses Mdchens hatte Baptist vollkommen Recht, fuhr der Erzhler
mit einem Seufzer fort. Wir wollen darber nicht viele Worte machen, es wrde
das lcherlich vorkommen; aber sie war wirklich in jeder Beziehung ein Engel,
ein vollkommenes Geschpf: schn, unschuldig, rein. - Ja, unschuldig und rein,
wiederholte er, als er die spttische Miene des Herzogs bemerkte. Ich
versichere Sie, gndigster Herr, die Seele dieses Mdchens hatte noch kein Hauch
irgend einer Leidenschaft, irgend eines Lasters getrbt; es war das ein
fleckenloser, glnzender Spiegel, der ungetrbt alle ueren Eindrcke heiter
und lustig empfing und sie ebenso zurckstrahlte.
    Das mu etwas Auerordentliches gewesen sein! sagte spttisch der Herzog.
Bedenken Sie doch, meine Herren, noch nach sechs Jahren diese feurige
Schilderung!
    Und die wrde ich mit demselben Feuer ebenso noch nach sechzig machen, wenn
das mglich wre, versetzte sehr ernst Herr von Steinfeld. Doch wenn das
Innere dieses Mdchens auerordentlich war, so war es ihr Aeueres nicht minder;
ich habe nie mehr eine so vollkommen schn gewachsene Gestalt gesehen, so kleine
Hnde und Fe, solche elastische und edle Bewegungen. Mir war brigens die
ganze Erscheinung von Anfang an ein Rthsel; wenn Frau von Z. ihre Mutter war,
so mute der Vater etwas Vorzgliches gewesen sein; denn von der Mutter konnte
sie weder die Schnheit, weder die Frische des Geistes, noch diese Erziehung
haben. Elise sprach Franzsisch mit sehr gutem Accent, und Englisch wie eine
geborene Englnderin, berhaupt hatte sie in ihrem Gesichte viel von dem Typus
dieser Nation, namentlich ihren klaren, durchsichtigen weien Teint, das schne
blonde Haar und die frischen Zhne und Lippen.
    In diesem Augenblick wandte sich der Herzog heftig auf die Seite, blickte
hinter seinen Stuhl und sagte: Ah! Sie sind's, Baron Brand? Zum Teufel! ich
hatte Sie ganz vergessen, und als ich da auf einmal Ihren tiefen Seufzer hrte,
so war mir das ganz unheimlich. - Fehlt Ihnen etwas?
    Der Baron Brand hatte wirklich vorhin aus tiefster Brust geseufzt; doch als
er jetzt gefragt wurde, nahm er sich zusammen und entgegnete mit etwas
erzwungenem Lcheln: Euer Durchlaucht wissen, da ich ein gefhlvolles Herz
habe, und da Herr von Steinfeld so auerordentlich lebendig und schn erzhlt,
so hat mich seine Schilderung in der That etwas angegriffen.
    Sie sehen wirklich bla aus, nahm Graf Fohrbach, der sich jetzt erst zu
erinnern schien, da Herr von Brand ebenfalls in der Gesellschaft sei, erstaunt
das Wort. Er htte gern seinem Freund ein Zeichen gegeben, die Erzhlung zu
unterbrechen, doch war dies, ohne Aufsehen zu erregen, nicht mglich.
    Schon die erste Unterredung, die ich an jenem Tage mit dem Mdchen hatte,
fuhr Herr von Steinfeld fort, entschied ber mich und ich fhlte, da ich eine
wirkliche Liebe fr sie zu fassen im Begriffe sei. Es war das mehr denn eine
vorbergehende Leidenschaft; und als ich sie nach einer hchst angenehmen Stunde
verlassen und zu Hause angekommen war, ging ich lange mit mir zu Rath, ob es
nicht besser sei, jenes Haus nie mehr zu betreten, ja Elisen weder dort noch
anderswo in ihre schnen, gefhrlichen Augen zu schauen. Mein Verstand
pflichtete diesem Entschlusse bei, aber mein Herz berredete mich leicht, von
der Erlaubni der Frau von Z., zuweilen ihr Haus besuchen zu drfen, den
umfassendsten Gebrauch zu machen.
    Ich ging also hufig hin, blieb so lange wie nur mglich, und Elise wurde
mir mit jedem Tage theurer. Ohne mir zu schmeicheln, kann ich auch wohl sagen,
da sie mich gerne kommen sah, ja, da ich ihr nicht gleichgiltig war. Wenn man
wirklich liebt, so merkt man das ja so leicht an einem Worte, einem Blicke,
einer scheinbar vollkommen bedeutungslosen Berhrung der Hand und dergleichen.
Es sind das nur Kleinigkeiten, aber mit ihnen durchlebt man die sesten
Stunden. Ich geno das Alles wie im Traume; oft sah ich sie in Gesellschaft
ihrer Mutter, fter allein. Frau von Z. schien uns vollkommene Freiheit lassen
zu wollen. Und wir benutzten diese Freiheit auf's Beste, denn schon nach
vierzehn Tagen wute ich, da mich Elise eben so innig liebe wie ich sie.
    Und weiter - wie Oktavio in Don Juan sagt! lachte der Herzog.
    Weiter nichts, gndiger Herr, sprach Herr von Steinfeld sehr, ernst. Ich
versichere Sie wiederholt: es war das ein so edles und reines Geschpf, dabei so
unschuldig und wohlerzogen, da ich es fr ein groes Glck ansah, wenn ich nur
ihre Hand ergreifen und sie leise kssen durfte. - Aber, fuhr er nach einer
Pause fort, solche Liebesgeschichten sind fr Dritte hchst langweilig; ich
mute jedoch der Thatsache erwhnen. Doch gehen wir darber hinweg, und bitte
ich Sie nur noch, meinem Worte Glauben schenken zu wollen, wenn ich Ihnen sage,
da ich es mit einem vollkommen unverdorbenen Wesen zu thun hatte. -
    In all' der Zeit hatte mich die Mutter nie mit irgend einer Frage belstigt,
welche mein Herkommen, meinen Stand, mein Vermgen oder dergleichen betraf,
Elise noch viel weniger; ja sie wich jedem Gesprch aus, das auf dieses Thema
fhren konnte, und pflegte mir oft, nicht ohne Anflug von Schmerz, zu sagen,
wenn ich ber Vergangenheit oder Zukunft sprechen wollte: lassen Sie das; mir
ist das Alles wie ein schner Traum, - trumen wir ihn fort bis zum Erwachen;
Gott allein mag wissen, ob dies Erwachen fr mich schn oder traurig sein wird.
-
    Nun, deine Reden ber die Zukunft, unterbrach ihn Graf Fohrbach, werden
doch fr das arme Mdchen nicht gerade sehr angenehm gewesen sein, denn du
dachtest doch gewi nie an eine Heirath.
    Offenherzig gestanden, es gab Momente, wo ich wohl daran dachte, bis mir
alsdann wieder die immer etwas rthselhafte Mutter vor Augen trat. Das kann ich
euch versichern: htte ich dieses Mdchen in irgend einer noch so bescheidenen,
aber anstndigen und geachteten Brgerfamilie gefunden, ich wrde Alles daran
gesetzt haben, sie zu meiner Frau zu machen; und ich bin berzeugt, da ich mit
ihr vollkommen glcklich geworden wre. - Aber die Verhltnisse hier waren
anders.
    Bei diesen Worten fuhr er sich mit der Hand ber das Gesicht und blickte ein
paar Sekunden in das lodernde Kaminfeuer, zog seine Augenbrauen dichter zusammen
und fuhr dann fort:
    Eines Tages ging ich wie gewhnlich nach ihrem Hause und fand Frau von Z.
allein; ihre Tochter sei ausgegangen, sagte sie. Das war nun schon fter
vorgekommen, befremdete mich auch dewegen nicht, und ich setzte mich in eine
Ecke des Sopha's, um sie zu erwarten. Auf meine Frage aber, ob Elise bald kommen
werde, erwiderte sie: nein; ich habe sie zu einer Bekannten geschickt, um mit
Ihnen einige Worte sprechen zu knnen. - Sie kommen jetzt, sagte Frau von Z.,
einige Wochen in mein Haus, Sie erweisen meiner Tochter alle mglichen
Aufmerksamkeiten, ja Sie werden mir nicht leugnen knnen, da Sie mit derselben
bereits ein kleines Verhltni angeknpft haben. - Ich zuckte beistimmend die
Achseln. - Alles Ding in dieser Welt aber, fuhr sie fort, mu doch am Ende ein
Ziel haben, und ich mchte Sie nun fragen, welches Sie sich in dieser
Angelegenheit eigentlich vorgesteckt haben. - Darauf war nun schwer zu
antworten; ich gab ihr allerdings zu, da mich Elise auerordentlich
interessire, da ich gern in ihrer Gesellschaft sei, ja, da ich eine Neigung
fr sie habe. - Doch werden Sie unmglich an eine Heirath denken knnen,
entgegnete sie lchelnd. Ich kenne Ihre Verhltnisse ganz genau, obgleich wir,
wie Sie selbst wissen, nie darber sprachen. Sie sind der und der; Sie haben
kein bedeutendes Vermgen, und begleiten in diesem Augenblicke Seine
Durchlaucht, den Herrn Herzog Alfred von D., dessen Vertrauter und Freund Sie
sind.
    Alle Teufel! machte der Herzog. Die Geschichte fngt an, mich zu
interessiren.
    Das Alles konnte ich nicht leugnen, erzhlte Herr von Steinfeld weiter. -
Seien Sie offenherzig, fuhr Frau von Z. fort; glauben Sie mir, ich kenne die
Welt und also auch die jungen Kavaliere. - Sie machen meiner Tochter den Hof,
Sie bringen ihr Blumen, Sie kssen ihr die Hand, aber dabei werden Sie nicht
stehen bleiben wollen. - Ich mu gestehen, da mich diese Worte auf's Hchste
berraschten, denn sie sagte das ohne alle Erregung in einem unheimlich kalten
Geschftstone; und obgleich mich ihre Reden eigentlich emprten, so konnte ich
es doch nicht unterlassen, ihr auf ihre wiederholte Frage ganz in der gleichen
Art zu antworten. - Nun gut, sagte ich, da Sie also die Welt und die jungen
Kavaliere so genau kennen, so will ich Ihnen recht gern eingestehen, da ich wie
diese denke und fhle, und in der That einem schnen jungen Mdchen nicht den
Hof mache, um bei einem Handku stehen zu bleiben. - Schn, versetzte sie, Ihre
Offenherzigkeit gefllt mir. Wir werden uns leicht vereinigen. - Ich nehme an,
fuhr sie nach einer Pause fort, da Sie eigentlich im Auftrage des Herrn Herzogs
zu uns kommen. - Ihr knnt euch denken, da ich bei diesen Worten entrstet in
die Hhe sprang, und schon im Begriffe war, ihr eine heftige Erwiderung zu
geben; doch dachte ich: du hast sie falsch verstanden, und bat sie in einem
strengen Tone um eine Erklrung ihrer Worte. Sie sah mich verwundert an und
entgegnete mir mit der grten Ruhe: Sie mssen mich nicht miverstehen;
allerdings wei ich, da Sie Elisen, wenn ich mich so ausdrcken darf, fr
eigene Rechnung den Hof machen, aber ebenso wei ich, da sich der Herzog fr
meine Tochter interessirt, da er Alles daran wenden wird, ihre Bekanntschaft zu
machen. Und Beides, setzte sie mit einem leichten Lcheln hinzu, lt sich ja
ganz gut vereinigen.
    Alle Wetter! Steinfeld, rief der Herzog, mir scheint, Sie haben auf
meinen Namen gesndigt. Das mu ich mir wahrhaftig ausbitten; habe ich doch das
Mdchen nur ein einziges Mal und ganz zufllig gesehen.
    Ich stand erstarrt da, fuhr der Erzhler fort, ohne erst auf diese
Einwendung des Herzogs etwas zu erwidern. Was ich ihr fr harte Worte sagte,
bin ich nicht im Stande euch anzugeben; es ist auch ganz gleichgltig. Nur mu
ich leider gestehen, da nichts vermochte, die freche Stirne dieser Frau
errthen zu machen. Sie setzte mir mit klaren Worten auseinander, die
sorgfltige Erziehung ihrer Tochter habe ihr kleines Vermgen verschlungen, sie
befinde sich dem Nichts gegenber, wenn es ihr nicht gelinge, einen derartigen
glnzenden Sort fr Elisen zu finden.
    Steinfeld ist ein Verrther! rief der Herzog halb im Ernste, halb im
Scherze. Gesteht, meine Herren, wenn er als Freund handeln wollte, so mute er
mir augenblicklich sagen: das habe ich erlebt, das bietet man Ihnen; was denken
Sie davon?
    Der Erzhler warf einen eigenthmlichen Blick auf Seine Durchlaucht und
entgegnete mit kaltem, ironischem Tone: Abgesehen davon, gndiger Herr, da
sich in diesem Falle Frau von Z. wirklich nicht in mir geirrt htte, und ich in
dieser - delikaten Angelegenheit fhig gewesen wre, einen Unterhndler
abzugeben, so wollte ich hauptschlich Ihre Kasse schonen, welcher es gerade in
dem Augenblicke sehr wehe gethan htte, so zehntausend Gulden wegzuwerfen.
    Zehntausend Gulden! sagte nachdenkend der Major. Das ist allerdings eine
schne Summe.
    Welche mir die Mutter mit der grten Ruhe als Kaufpreis fr ihre Tochter
vorschlug.
    Das ist ja vlliger Sklavenhandel, mischte sich der Rath kopfschttelnd in
das Gesprch.
    Aber ein sehr erlaubter, entgegnete Herr von Steinfeld mit bitterem Tone.
Um solche Kleinigkeiten bekmmern sich unsere Philantrophen nicht. - Doch
bleiben wir bei unserer Geschichte. Ich nahm meinen Hut, verlie Zimmer und Haus
auf eine etwas strmische Art, und irrte stundenlang in den Straen umher, ehe
es mir gelang, meiner tiefen und schmerzlichen Bewegung Herr zu werden. Als ich
nach Hause zurckkehrte, fand ich einen Brief der Frau von Z., den ich
begreiflicherweise sogleich vernichtete. Den andern Tag kam ein zweiter, ein
dritter, die ich alle nicht las, also auch nicht beantworten konnte, worauf denn
am darauf folgenden Morgen sie selbst in mein Zimmer trat und mich beschwor,
unsere Unterredung zu vergessen. Sie sei allerdings zu weit gegangen, sagte sie,
und bedaure das unendlich, bitte mich aber dringend, heute noch ihre Tochter zu
besuchen, da Elise - das versicherte sie mich mit einem feierlichen Schwure -
nicht eine Silbe von allem Dem wisse und nicht begreifen knne, wehalb ich
mehrere Tage nicht gekommen sei. - Der Mensch ist schwach; ich lie mich also
erbitten und ging den andern Tag wieder hin. Das Mdchen war allein, machte mir
zrtliche Vorwrfe ber mein Ausbleiben, war aber sonst unbefangen und natrlich
wie immer. War ich ja doch schon vorher vollkommen berzeugt, da sie nicht das
Geringste wute von dem Verkauf, den ihre eigene Mutter mit ihr beabsichtigte!
Mich aber hatte diese Geschichte einigermaen erkltet, nicht sowohl gegen Elise
selbst, als gegen ein Verhltni, das auf so trauriger Unterlage zu ruhen
schien. Wie gesagt, ich war berzeugt, da sie keine Ahnung von dem Vorhaben
ihrer Mutter hatte; aber ich war nicht mehr im Stande, ihr frei und offen wie
frher in die Augen zu sehen. Mir schien der Duft von ihrem Leben
hinweggewischt, und in meinen Trumereien sah ich immer eine fremde kalte Hand,
die gewaltsam diese Blthe entblttern, dies gute, reine Herz zerstren werde. -
    Glcklicherweise hatte ich schon vor dieser Begebenheit von einer Reise
gesprochen, die mich einige Zeit von W. fern halten werde. Ich sagte also in den
nchsten Tagen, da mich meine Geschfte hinweg riefen, und reiste ab. Elise
warf sich mir, ehe ich sie verlie, laut weinend in die Arme und drang so lange
in mich, bis ich ihr feierlich versprach, sobald als mglich zurckzukehren. Nun
hoffte ich aber, die Zerstreuung auf dieser Reise wrde mich das Mdchen so weit
vergessen machen, um, wenn ich je wieder nach W. kme, im Stande zu sein, dies
Verhltni nach und nach aufzulsen. - Aber dem war leider nicht so: je mehr
Tage und Meilen mich von ihr trennten, desto frischer und lebendiger trat ihr
Bild im Wachen und Trumen vor mich; nichts war im Stande, es zu verwischen,
nicht die fremden Stdte und Lnder, die ich sah, nicht die Zerstreuungen, in
welche ich mich gewaltsam strzte, und ich eilte in einer wirklich fieberhaften
Hast immer weiter und weiter, um mir selbst die Mglichkeit abzuschneiden,
frher als ich gewollt nach W. zurckzukehren.
    Ah! das waren die dringenden Geschfte in England, von denen ich damals so
viel hren mute, bemerkte der Herzog. Nun, lange genug blieben Sie aus.
    Mute aber doch endlich zurckkehren, fuhr der Erzhler achselzuckend
fort, und fand bei meinem Bankier unter einer Menge anderer Schreiben
wenigstens ein halbes Dutzend Briefe der Frau von Z., worin sie mich dringend,
ja flehentlich bat, sie doch gleich nach meiner Ankunft zu besuchen. - Ich lie
aber einige Tage vergehen, ehe ich zu ihr ging; und als ich darauf in die
bekannte Strae kam, schnrte mir ein unerklrlicher Schmerz das Herz zusammen,
und meine Hand zitterte, als ich die Stubenthre ffnete.
    Frau von Z. war wie damals allein zu Hause und dankte mir, da ich gekommen,
obgleich sie sich ber meine lange Abwesenheit beklagte, namentlich aber
darber, da ich Elisen nicht ein einziges Mal geschrieben. Ich machte keinen
Versuch, mich der Mutter gegenber zu entschuldigen und fragte nach dem Mdchen.
Sie sei ausgegangen, hie es, werde aber in kurzer Zeit zurckkehren.
    Hier that Herr von Steinfeld einen tiefen Athemzug, heftete den Blick auf
den Boden und sagte mit seltsam bewegter Stimme: Sie sprach darauf zu mir; und
was sie mir mittheilte, das hatte ich whrend der Zeit meiner Abwesenheit in
schlaflosen Nchten oder in wilden Trumen schon vorhergesehen. - Es hatte sich
ein Anderer gefunden, der sich bereit erklrt, die geforderte Summe zu bezahlen.
Die Mutter hatte mit Elisen die frchterlichsten Scenen gehabt, und erst nach
langem verzweifeltem Kampf, und Gott wei durch welche Mittel bezwungen, hatte
das unglckliche Mdchen endlich eingewilligt, ihre Ehre zu verkaufen, um die
Mutter vom Bettelstabe zu erretten. - Das Alles hrte ich wie im Traum, wie ein
fernes Sausen, und ich wei nur unbestimmt, da ich mit den Zhnen knirschte und
krampfhaft meine Hnde zusammen ballte. So viel allein ist mir genau
erinnerlich, da ich mich zu einem Lcheln zwang, um Madame zu ihrem guten
Geschft zu gratuliren. - Wann ist diese schreckliche Geschichte vor sich
gegangen? fragte ich endlich mit tonloser Stimme. Und erst als sie darauf
erwiderte: Die Sache ist nur projektirt und Elise stellte die einzige Bedingung,
zuerst Ihre Ankunft abzuwarten, - da erwachte ich aus meinem Hinbrten, sprang
in voller Wuth empor und schleuderte der Mutter Verwnschungen und Flche
entgegen.
    Sie lie mich ruhig austoben, indem sie die Hnde in den Schoo legte, mich
mit einer unbegreiflichen Ruhe ansah und nur zuweilen leicht die Achseln zuckte.
Sie versuchte gar keine Widerrede, keine Entschuldigung; und erst, als ich
wieder insoweit ruhig war, um mit zitternden Hnden meinen Hut ergreifen zu
knnen, fate sie meinen Arm und sagte mit leicht bewegter Stimme: Hren Sie
mich noch einen Augenblick an, ehe Sie wieder davon eilen wie neulich. Was ich
Ihnen jetzt sage, sage ich im Auftrag meiner Tochter Elise; es sind ihre
Gedanken, aber die Worte konnte das Mdchen nicht selbst gegen Sie aussprechen;
es ist eine Bedingung, die sie mir gestellt, unter welcher allein sie sich
meinem Wunsche fgen wird. -
    - Und dann sagte sie mir, Elise sei freilich zu jenem Schritt entschlossen,
aber vorher wolle sie mir, den sie unaussprechlich und innig liebe, angehren, -
ganz angehren. -
    Ah! die Alte war nicht ihre Mutter, sagte kopfschttelnd der Major. Nicht
wahr, Hugo, das war auch deine Meinung?
    Der Erzhler nickte mit dem Kopfe und entgegnete: Ich bin davon berzeugt,
obgleich ich nie darber etwas Gewisses erfuhr. - Und hier ist eigentlich meine
Geschichte zu Ende.
    Aber Steinfeld! bat der Herzog, das wre grausam und des guten Erzhlers
nicht wrdig, wenn er so rcksichtslos im letzten Kapitel bei einem der
interessantesten Momente abbrechen wollte.
    Herr von Steinfeld verbeugte sich leicht vor dem Herzog und sagte: Wenn es
Sie interessirt, gndigster Herr, so kann ich Ihnen also noch die Versicherung
geben, da ich auf das Gestndni der sogenannten Frau von Z. ein paar
frchterliche Tage verlebte; ich wute mir nicht zu rathen und nicht zu helfen.
Wenn ich auch meine smmtlichen fr den Augenblick disponibeln Mittel zusammen
nahm, so erreichten sie doch bei Weitem nicht die geforderte Summe. - Ja, ich
war schon im Begriff, mich an Euer Durchlaucht zu wenden, aber - hier
unterbrach er seine Worte durch ein trbes Lcheln.
    Sie trauten mir nicht, Steinfeld.
    Ich will das gerade nicht sagen; aber ich verga vorhin in meiner
Erzhlung, da ich der Frau von Z. mein Ehrenwort geben mute, ber die
Mittheilung, die sie mir zu machen hatte, vor Ablauf einiger Jahre nicht zu
sprechen; also war ich gebunden und konnte selbst nicht einmal zu Ihnen sagen:
verschaffen Sie mir zehntausend Gulden zu dem und dem Zweck. - Und dann auch,
fuhr er nach einer Pause achselzuckend fort, was konnte mich und Elisen ein
solches Opfer ntzen? Wie ich den Charakter ihrer angeblichen Mutter kannte, so
war Elise doch nicht vor spterer Verfolgung geschtzt. - Also -
    Willigten Sie endlich in die Bedingung? fragte der Herzog mit einem
seltsamen Lcheln.
    Und als hierauf Herr von Steinfeld einen Augenblick die Antwort schuldig
blieb, bemerkte der Major: Genire dich nicht, Hugo, und sage aus vollem Herzen
Ja. Ich mchte von Einem unter uns wissen, der es anders gemacht htte.
    - Es war das eine schaurig se Nacht, sprach Herr von Steinfeld mit
gesenktem Kopfe, wie in tiefem Traume. Lest Gthe's Braut von Korinth und ihr
habt zu meiner einfachen Geschichte einen hochpoetischen Vorgang. - So war es
ihr und mir zu Muth. - Und auch gestorben war sie fr mich am andern Morgen,
denn ich mute mit einem feierlichen Eide geloben, sie in Zukunft nicht mehr zu
kennen, mge sie mir begegnen, wo sie wolle und unter welchen Verhltnissen es
auch sei.
    Und Sie sahen sie nie wieder? fragte der Herzog.
    Schon die bejahende Beantwortung dieser Frage, gndiger Herr, wre eine
Verletzung meines Gelbnisses, eine Indiskretion. Doch darf ich Ihnen sagen, da
ich Elisen seit jener Stunde nie wieder gesehen.
    Eine seltsame Geschichte! meinte der Major.
    Der man eigentlich htte genauer nachspren sollen, bemerkte der Rath.
Denn da Frau von Z. nicht die Mutter jenes Mdchens war, liegt wohl am Tage.
Es wre das ein Feld fr mich gewesen, wer wei, wohin uns die Fden gefhrt
htten! vielleicht zu einem Mdchenraube, vielleicht zum Schlssel eines
Geheimnisses, vornehme Huser betreffend.
    Das ist die Frage, versetzte der Hausherr. Dies Mdchen konnte auch eine
arme, vater- und mutterlose Waise sein, bei der man gute Anlagen entdeckte und
die man zu dem erzog, was sie spter wurde.
    Dem mag sein, wie ihm will, nahm der Rath wieder das Wort, es bleibt
immer ein abscheulicher Menschenhandel.
    Was meint denn unser Baron dazu? fragte der Herzog und wandte den Kopf
rckwrts. - Sie halten sich da so stille hinter mir, da wir in der That nicht
wissen, ob Sie noch existiren.
    Ich habe alles Das gehrt, erwiderte Herr von Brand mit einer stark
vibrirenden Stimme. Was soll ich darber sagen? Ich kann nur mit Mephisto
sprechen: sie ist die Erste nicht.
    Bei diesen Worten hatte er sich hinter dem Fauteuil des Herzogs erhoben, und
wenn er sich auch zu einem Lcheln zwang, so sah man es doch an seinen
verstrten Zgen, an der auffallenden Blsse, die sein Gesicht bedeckte, und an
seinen starren Augen, da es ihm nicht aus dem Herzen komme.
    Baron, Sie sehen sehr angegriffen aus! rief Graf Fohrbach, der ihn, wie
auch die Uebrigen, erstaunt anschaute.
    Herr von Brand fuhr sich mit seinem duftenden Taschentuche ber das Gesicht
und erwiderte: Ich kann das nicht lugnen; ich fhlte mich schon zu Anfang des
ganzen Abends nicht ganz wohl, mochte aber um keinen Preis eine Einladung zur
Soire Seiner Excellenz versumen. - Doch ist es sehr spt, fuhr er fort,
nachdem er auf die Uhr gesehen, und wenn die Herren noch bei ihrer Sitzung
bleiben, so mu ich mich allein zurckziehen.
    Nein, nein! rief der Herzog, indem er von seinem Sessel aufsprang. Alle
Teufel! schon zwei Uhr! Ich gehe mit; mag bleiben, wer noch will.
    Doch erhoben sich auch die Anderen von ihren Sitzen, reichten dem Hausherrn
die Hand und fuhren davon.
    Nur der Baron Brand schickte seinen Wagen leer nach Hause.

                          Dreiundsechzigstes Kapitel.



                                  Sklavenloos.

Whrend des Restes der Nacht, mit der unser voriges Kapitel schliet, ging der
Baron Brand einsam durch die Straen der Residenz. Er schien sich durchaus
keinen Weg vorgezeichnet zu haben, sondern schritt gerade aus, und wenn die
Strae sich auf der Seite, wo er gerade wandelte, bog, so folgte er dieser
Krmmung unbekmmert darum, da er vielleicht eine halbe Stunde spter wieder
auf demselben Platze anlangte, von dem er ausgegangen war. Sein Anzug pate
nicht fr die kalte Nacht; er trug nichts als seinen leichten schwarzen Frack,
durch welchen der Wind unbarmherzig pfiff, whrend in dem tiefen Schnee seine
feinen lackirten Stiefel bestndig einsanken. Dazu hatte er den Kopf so tief auf
die Brust gesenkt und ging so schwankend und ungewi, da die Schildwachen ihn
fr einen betrunkenen nchtlichen Schwrmer hielten und ihm lachend
nachblickten. Nur zuweilen erhob er den Kopf und blickte verstrt um sich,
worauf er auch wohl mit der Hand ber die Stirne fuhr, mit den Zhnen knirschte
oder die Hnde zusammen ballte.
    Ganz ohne Absicht gelangte er so in die Nhe des Fuchsbau's; hier blieb er
dann aber mit einem Male stehen, blickte in die Hhe und murmelte etwas vor sich
hin. - Es sind ihrer zu viele, die das gehrt, sprach er nach einer Pause mit
lauterer Stimme; ja, beim Teufel! wenn ich gewut htte, da dieser Herr von
Steinfeld so sorglos in seiner Postchaise heute durch den dunkeln Abend gefahren
wre, ich htte wohl Mittel gewut, dem Vorwitzigen ein Schlo vor den Mund zu
legen, um ihn zu verhindern, seine leichtsinnigen Geschichten vor der ganzen
Welt Preis zu geben. - Teufel! Teufel! ich kann da gar nichts machen, ich bin
wehrlos wie ein Kind. Wenn er sie in den nchsten Tagen pltzlich wieder sieht,
so mu er sie erkennen, denn sie hat sich nicht viel verndert. - Und wenn er
auch wirklich sein gegebenes Versprechen hlt und sie nicht wieder erkennen will
- oh! da ist ein Wort genug, ein Blick, um den Verdacht des alten eiferschtigen
Mannes zu erregen. - Die Aermste! -
    Whrend dieses Selbstgesprchs hatte er sich dem uns bekannten Durchgange
genhert und trat hinein, um sich vor dem heftigen und kalten Winde zu schtzen,
der durch die Straen fegte, denn jetzt, wo er aus dem dumpfen Hinbrten erwacht
war, und wieder anfing nachzudenken und zu berlegen, fhlte er wohl, wie
frostig es sei.
    Da bekam ich auch, ehe ich zu dieser verfluchten Soire fuhr, einen Zettel,
den ich noch flchtig lesen konnte. Lat mich ihn doch noch einmal schauen! Er
griff in die Brusttasche seines Frackes und zog ein Papier hervor. Auf demselben
stand: Nach dem Kinde wurden Nachforschungen gehalten, die mir verdchtig
erschienen; man wute bestimmt, da es dort gewesen sei, und man versprach eine
groe Belohnung, wenn man seinen jetzigen Aufenthalt erfahren knne, eine noch
grere, wenn es mglich sei, den Buben nur ein einziges Mal und auch nur ein
paar Augenblicke zu sehen. -
    Schn, schn! murmelte der Baron mit einem bittern Lcheln; wir wollen
Sorge tragen, da das vorderhand nicht geschieht. - Armes Kind. - Ja, ja, ich
will zu ihm, das wird meine Nerven beruhigen, und wenn ich seinen festen,
ungestrten Schlaf sehe, seine regelmigen Athemzge hre, so werden meine
Gedanken stiller, geordneter und klarer werden. - Pfui! wie kann man sich
berhaupt so leicht aus der Bahn werfen lassen.
    Er nahm seinen Hut ab, fuhr mit der Hand ber die Stirne und durch das
dichte Haar, trat, nachdem er sich wieder bedeckt, auf die Strae zurck und
ging mit eiligen Schritten dem obern Theile der Stadt zu.
    In einer der bessern Straen hielt er vor einem kleinen, aber ziemlich
ansehnlichen Hause und blickte in die Hhe, ob sich nicht irgendwo Licht sehen
lasse. Aber es war erst vier Uhr, ein Wintermorgen, wer sollte da schon aus dem
Bette sein! Das dachte auch der Baron; er zog einen zierlichen kleinen Schlssel
aus der Tasche und ffnete mit demselben das groe, aber, wie es schien, uerst
kunstreich gemachte Schlo. Geruschlos drckte er die Thre hinter sich zu und
stieg mit leisen Schritten die Treppen hinauf.
    Das Haus hatte nur zwei Stockwerke; auf dem ersten hielt er, ffnete eine
hier befindliche Glasthre, und zwar abermals vermittelst seines Schlssels,
ging hindurch und trat in ein Zimmer, wo er, ohne lange umherzutappen, einen
Feuerzeug fand und ein Licht anzndete.
    Bis hieher htte man glauben knnen, das Haus sei unbewohnt; doch kaum
erfllte sich das Gemach mit dem hellen Schein des Lichtes und drang durch eine
halbgeffnete Thre in das Nebenzimmer, als von dort einige Tne gehrt wurden,
wie von Jemanden ausgehend, der aus tiefem und festem Schlafe geweckt wird.
    Oho! sagte eine krftige Stimme; beim Blasser! sind wir schon so spt
daran? - Sind Sie es, Frau Fischer? - Nach meiner Idee knnte es hchstens Drei
oder Vier sein; ich habe darin einen merkwrdigen Treff und irre mich selten. -
A - a ah! - Nun, Frau?
    Der Baron nahm aber, ohne zu antworten, das Licht von dem Tische, schritt an
das Nebenzimmer und leuchtete hinein.
    Alle Teufel! rief nun pltzlich die Stimme; zu gleicher Zeit krachte das
Bett und man hrte, wie Jemand eilfertig heraussprang. - Sie sind es, gndiger
Herr? Das htte ich mir nicht trumen lassen. Bitte nur um zwei Sekunden Zeit,
damit ich im Stande bin, meinen ueren Menschen mit meinen Gefhlen von
Hochachtung und Ergebenheit in Einklang zu bringen.
    Thun Sie das, lieber Beil! erwiderte der Baron lachend, indem er das Licht
auf den Tisch zurcktrug und sich in die Ecke des Sopha's setzte.
    Unverhofft kommt oft, sagte die Stimme im Nebenzimmer, aber diesmal hat
das Sprchwort nicht recht, denn Sie kommen mir gar nicht unverhofft, gndiger
Herr.
    Wie so?
    Nun, ich trumte vorhin von Ihnen, aber - bei Blaffer und Compagnie! - es
war ein garstiger Traum.
    So, so, Herr Beil. Lassen Sie hren.
    Ein bser Traum; ich kann ihn wahrhaftig nicht erzhlen: es wre wider den
Respekt.
    Wir sind ja unter uns. Nur heraus damit!
    Nein, bei allen Blaffern der ganzen Welt! er ist unsthetisch.
    Jetzt haben Sie meine Neugierde rege gemacht, und die mssen Sie nun auch
befriedigen.
    Aber es war ein zu garstiger Traum. Das heit, wie man es nimmt; fr mich
war er unangenehm, weil ich ihn mit ansehen mute. Da aber die Trume immer das
Umgekehrte bedeuten, Steine: Geld, Thrnen: Freude, so wird er auch Ihnen ein
Glck prophezeien. Mir trumte nmlich, Sie wren aufgehenkt worden. Ist das
nicht eine groe Lcherlichkeit?
    Allerdings, meinte der Baron. Obgleich aber dabei der Ton seiner Stimme
ein heiterer war, so zog er doch die Augenbrauen dster zusammen und sein Mund
zuckte ein klein wenig. Seien Sie ganz ruhig, sagte er nach einer Pause, der
Traum bedeutet auf jeden Fall etwas Anderes, denn gehenkt werde ich niemals,
darauf knnen Sie sich verlassen.
    In diesem Augenblicke erschien Herr Beil unter der Thre des Nebenzimmers,
sein Nachtlicht in der Hand. Ehe er aber heraustrat, sprach er mit komischem
Ernste: Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern, wenn ich eine gewhlte
Toilette mache, wie es sich gehrt, so mu ich Sie warten lassen, lasse ich Sie
aber nicht warten, so mu ich erscheinen wie ich eben bin.
    Vortrefflich! entgegnete lachend der Baron. Setzen Sie sich dahin, wenn
es Ihnen nmlich nicht zu khl ist; sonst knnen Sie auch auf- und abspazieren.
    Ich werde mich setzen, erwiderte Herr Beil. Darauf zog er seinen
Schlafrock vorn so zchtig als mglich ber einander, und lie sich mit einer
ziemlich steifen Kopfneigung nieder, was in der That so komisch aussah, da der
Baron laut lachte.
    Ich war heute Abend recht verdrielich, sagte dieser darauf. Sie mssen
mir verzeihen, lieber Beil, wenn ich dachte, eine kleine Unterredung mit Ihnen
wrde mich freundlicher stimmen. Und ich bin berzeugt, da ich Recht hatte, ich
fhle mich schon viel leichter und angenehmer. Wenn Sie mir ferner eine gute
Auskunft ber den Kleinen geben, so werde ich Ihre Wohnung heiter verlassen.
    Der Kleine befindet sich vollkommen wohl, gab Herr Beil zur Antwort. Das
ist ein merkwrdiger und gescheidter Bube, etwas eigensinnig, etwas
gewaltthtig, aber ich liebe das und hasse die Duckmuser.
    Er schlft?
    Ob? Seine zehn Stunden, da es kracht.
    Und waren Sie gestern mit ihm aus?
    Versteht sich; wie alle Tage, Ihrem Befehle gem.
    Aber mit der gehrigen Vorsicht?
    Wir fahren vor die Stadt, jeden Tag anderswohin, dort spazieren wir umher,
bis es dunkelt. Es kommt Niemand Unberufenes in unsere Nhe; ich wrde es aber
auch Keinem rathen.
    Das freut mich, sagte der Baron. Also Sie bemerkten bis jetzt Niemand,
der sich Ihnen zudringlich genhert htte?
    Ein einziges Mal etwas der Art vor ein paar Tagen. Ein schbig gekleideter
Kerl, - er trug trotz des kalten Wetters einen dnnen schwarzen Frack, -
begegnete uns, wie es schien, ganz zufllig.
    Er war lang und mager? fragte aufmerksam der Baron.
    Ganz recht, und grte uns, als er vorbei ging. Aber der Kleine benahm sich
musterhaft; obgleich er jenen Gru sah, that er doch nicht dergleichen, und
erst, als wir weit von einander entfernt waren, zupfte er mich am Arme und
sprach: Den habe ich gekannt. Er war es, der mich aus dem garstigen Hause fort
brachte zu dir und der lieben Frau Fischer.
    Und jener Mensch - wo ging er hin?
    Er schlenderte eine Zeit lang hinter uns drein, ich aber nahm auf dem
nchsten Fiakerstand einen Wagen und lie mich an's entgegengesetzte Ende der
Stadt bringen, von wo ich mich vollends zu Fu nach Hause begab.
    Bravo, Herr Beil! lchelte der Baron. O, ich verstehe mich auf das
menschliche Gesicht, ich wute, da ich in Ihnen den rechten Mann fand;
wahrhaftig den rechten, setzte er nach einer Pause wie zerstreut hinzu, und
wiederholte mit halblauter Stimme: ja, den rechten, - Jemand, der Vertrauen
verdient, vollkommenes Vertrauen; und den zu finden war schon lange mein
sehnlichster Wunsch.
    Sie sind zu freundlich gegen mich, erwiderte Herr Beil. Aber was kann
Ihnen meine unbedeutende Persnlichkeit sein, Ihnen mit Ihren groen und
mchtigen Verbindungen. Ich bin ein Nichts, dessen Sie sich gndigst annahmen,
und um nur Ihre Wohlthaten noch mehr zu versen, wiederholen Sie mir bestndig,
sie seien mit meinen geringen Diensten zufrieden, Sie setzen Ihr Vertrauen in
mich.
    Wir wissen nicht, ob der Baron diese schne Rede seines Gegenbers gehrt;
er hatte den Kopf in die Hand gesttzt, und als er jetzt nach einem tiefen
Seufzer empor fuhr und aufstand, sagte er: Ich will einen Augenblick den
Kleinen sehen; wenn es Sie nicht friert, bleiben Sie hier, ich komme gleich
wieder. -
    Wenn es mich nicht friert, dachte Herr Beil, als Jener das Zimmer
verlassen; allerdings ist es nicht berflssig warm, aber dem Manne kann
geholfen werden; die gute alte Frau wird den Ofen schon geladen haben, wie sie
es immer des Abends zu machen pflegt; ich will das Licht darunter halten, und da
werden wir bald im Warmen sitzen. Er that so, zndete das Feuer an, und bald
krachte und prasselte es in dem Ofen; und als der Baron nach einer Viertelstunde
zurck kam, entstrmte demselben schon eine behagliche Wrme.
    Es ist doch besser so, meinte lchelnd Herr Beil; namentlich fr Sie,
gndiger Herr, setzte er forschend hinzu, denn Ihr Anzug kann den kalten
Morgen nicht so gut ertragen als ich. Warum haben Sie Ihren Paletot drauen
gelassen? - Soll ich ihn holen?
    Sie werden ihn nicht finden, entgegnete der Baron; ich brachte ihn nicht
mit, sondern schickte ihn in meinem Wagen nach Hause.
    A-a-h! - So!
    Baron Brand hatte sich in einen Lehnstuhl nahe beim Ofen niedergelassen, er
legte seine Arme auf die Lehne desselben, so da seine Hnde schlaff
herabfielen, ebenso der Kopf, der so tief niedersank bis sein Kinn die Brust
berhrte. So blieb er vielleicht zehn Minuten lang in tiefes Nachsinnen
verloren, sein Gesicht war bleich, seine Augen gerthet, als habe er vor dem
Lager des Kindes geweint. - Jetzt verbarg er seine rechte Hand auf der Brust,
sein ganzer Krper schttelte sich wie im Fieberfrost, er seufzte tief, worauf
er seinen Kopf langsam erhob und Herrn Beil, der ihn forschend betrachtete, mit
einem erzwungenen Lcheln ansah.
    Jetzt habe auch ich getrumt, sagte er nach einer Pause, fast ebenso
finster wie Sie, wachend getrumt, und das ist viel schlimmer. Apropos! erinnern
Sie sich auch noch zuweilen jener Nacht, von der Sie mir erzhlt, wissen Sie, am
Kanale, wo Ihnen das Gespenst erschienen?
    Ich werde das nie vergessen, sagte pltzlich sehr ernst werdend Herr Beil.
    Sie waren damals in einer traurigen, gedrckten Stimmung und erzhlten dem
Phantom ihre Lebensgeschichte.
    Ach ja, und ich mu sagen, fr ein Gespenst war die Gestalt von damals
teilnehmend genug und sprach recht vernnftig.
    Und als Sie erzhlt, fhlten Sie sich sehr erleichtert, und auch auf andere
Gedanken gebracht? - - Nun wohlan, auch ich bin heute in einer solchen Stimmung
wie Sie damals. Wollen Sie mein Gespenst vorstellen und mich eine halbe Stunde
lang geduldig anhren, so hoffe ich, es soll auch mir eine Erleichterung sein.
    Ich werde mich dadurch geehrt fhlen, entgegnete Herr Beil, indem er die
Hand auf's Herz legte.
    Aber Sie wissen, da die Gespenster ein unverbrchliches Stillschweigen
bewahren ber das, was man ihnen anvertraut, da sie schweigsam sind wie das
Grab.
    Aus welchem sie kommen, sagte schaudernd Herr Beil. Ich hre und werde
ebenso schweigsam sein, stumm wie das Grab, - ganz Gespenst.
    Der Baron lehnte sich in seinen Sessel zurck, blickte an die Decke empor
und drckte die Fingerspitzen beider Hnde fest gegen einander. Sie haben noch
nie Deutschland verlassen, sagte er, Sie gingen noch nie sdlich, berstiegen
noch nie die schneebedeckten Alpen, um von ihnen herabsteigend Italien zu
erreichen. Ah! das ist ein schnes, herrliches Land, ein angenehmer Himmel,
prchtige Gegenden, schne Menschen; glcklich, wer dort hindurch fliegen kann
mit einem leichten, frhlichen Herzen, sich bald hier aufhaltend, bald dort, wie
es ihm gerade gefllt, bald in groen, lebhaften Stdten, bald in der
malerischen Einsamkeit des Landes; jetzt an des Meeres prchtigen Felsgestaden,
bewundernd dem Tosen der Wellen zulauschend, jetzt in die Berge hineinfliehend,
wo man nichts mehr vernimmt als das Rauschen der Lorbeer- und Orangenzweige und
den Gesang eines Vogels. -
    Wenn man einmal dort war und man ist zurckgekehrt nach dem kalten Norden,
so zieht es Einen bestndig wieder dorthin, man vergit, da das schne Land
auch seine Plagen, seine Unannehmlichkeiten hat; man denkt nur an den blauen
Himmel und den blitzenden Sonnenschein, der das reichste Gold auf die Landschaft
ausgiet, der hervorzaubert all' die gttlichen Tinten, die wir mit keinem Namen
bezeichnen knnen. Man trumt nur von jenen wunderbar klaren, duftreichen
Nchten, wo die Mondsichel in einer unbegreiflichen Klarheit am Himmel steht, wo
Leuchtwrmer hin- und herschwrmen, wo aus dem dunkeln Laub der Orangen die
weien Blthen sichtbar sind im geheimnivollen und reizenden Schimmer. - Ah!
eine solche Nacht ist herrlich; dazu das Leuchten des Meeres, wenn dein Boot nun
vom Ruder zurckgehalten, an die Ballustrade des prchtigen Gartens rauscht, wo
herberhngende Lorbeerzweige eine sichere Bucht bilden, wo man auf die Gefahr
hin, zu stranden, unaufhrlich nach den dunkeln Gebschen blickt, unter denen
ein flatterndes Gewand hervorleuchtet. - Ah! - Doch weiter! - Dem Sden zu,
gleich den Zugvgeln! Vorbei an dem heitern Florenz, dem ernsten Rom, dem
lustigen Neapel. Lat hinter uns liegen den mchtigen Vesuv mit seiner ewigen
Rauchwolke, die, einer riesigen Pinie gleich, in der klaren Luft fast
unbeweglich ber ihm steht; vorbei an dem tiefblauen Golfe, den die malerischen
Gestade umgeben, aus dem die seltsam geformten Inseln hervortreten, der berst
ist mit weien kleinen Segeln. - Vorbei an allem Dem, ber das Meer hinber, den
Gestaden entlang, welche dir der Steuermann in der Dunkelheit zeigt und die sich
fast grauenhaft bemerkbar machen in der Nacht auf dem finstern Wasser. Funken
und Flammen steigen donnernd aus ihnen empor, und wie glhend bergossen, zeigt
sich blitzartig der Krater, um gleich darauf wieder zu verschwinden - Stromboli.
Noch einige Stunden und Palermo liegt vor dir.
    O Palermo, reizende Stadt! mit deinem prchtigen Hafen, mit dem Monte
Pellegrino, deinem Wahrzeichen und riesenhaften Leuchtthurme; denn glnzt er
nicht weit in die See hinaus, namentlich Abends und Morgens in immer
wechselnden, brennenden Farben! Ja, bis zum spten Abend, wo die violetten
Schatten seiner Schluchten immer grer und bedeutender werden, langsam die
Gluth seiner Lichter auslschen, und ihn endlich mit dem nchtlichen Schleier
berziehen. O Monte Pellegrino, wie oft hing mein Auge an deinen seltsamen,
zackigen Formen, wie oft verfolgte es den Weg, der dich in den eigensinnigsten
Wendungen erklimmt; - und ruhig blickst du auf Palermo, die prchtige glnzende
Stadt mit ihren gelben Kuppeln und strahlenden Zinnen, rings umgeben von den
zahllosen Orangen- und Citronengrten, die mit ihrem tiefdunkeln Laube einen
Kranz um dich bilden, so da es aussieht, als lge sie ganz von Bergen eingefat
- eine kostbare goldglnzende Frucht, mitten in einer ungeheuren Felsenschaale,
sanft gebettet auf dem saftigen Grn. -
    Lat uns still die Stadt durchschreiten, ich will nicht sehen und gesehen
sein, gehen wir hinaus zu einem der Landthore, dem Wege folgend, dessen hohe
Rnder mit uralten Aloen bewachsen sind, theils im frischen Safte prangend, auch
wohl mit verwelkten Blttern, denn sie trieben einen Blthenstengel, der,
dreiig Fu hoch, nach allen Seiten seine zahlreichen Kronen hinaus streckt, und
nun, als er seine Bestimmung erfllt, vergehen mute. - Ueber eine Brcke fhrt
uns der Weg, unten rauscht ber die glatten Kiesel ein klares Wasser still und
behaglich dahin; es fliet im Schatten groer Oleanderbsche, deren prchtige
Blumen sich kokett in seinen Wellen spiegeln. An einfachen gelben Husern kommen
wir vorber, meistens uralten Gebuden von eigentmlicher malerischer Bauart;
man glaubt hinter den vergitterten Fenstern mte noch heute Turban und Kaftan
erscheinen. Schmucklose aber kunstreiche Wasserleitungen lehnen sich an ihre
Ecken oder laufen auch wohl auf schlanken Bgen von einem zum andern;
Schlingpflanzen umranken sie, schauen aber neugierig in die offene Rinne und das
rieselnde Wasser, und die tiefer hngenden Bltter schaukeln sich auf der Fluth,
aufwrts gekehrt und ihre Blthen blicken zu den schlanken Palmen empor, welche
die spitzigen Bltter wie schtzend ber das alte Gemuer ausstrecken. - Alles
hier ist Gluth und Glanz, strahlende Lichter und die tiefsten Schatten neben
einander, keine nebelhaften, matten Uebergnge wie im kalten Norden. -
    So immer weiter wandelnd sind wir langsam aus der Ebene emporgestiegen, und
sehen, rckwrts blickend, die Stadt, die sie umgebenden Grten, den wunderbaren
Berg der heiligen Rosalie, zu seinen Fen die ruhige, dunkle Bucht, und weiter
hinaus das gewaltige Meer, tiefblau und nur an einem Streifen am Horizont
bedeckt von Sonnenglanz und Flimmer.
    Hier sind wir auch am Ziele. Wir stehen vor einem groen Thor, das halb von
berhngenden Bumen verdeckt ist, einem Thor mit Eisengittern und tadellosen
Wappenschildern. Hinter dem Thore beginnt ein weitlufiger Park, in dem Parke
liegt ein groes Schlo und in dessen prachtvollsten Zimmern ward ich seiner
Zeit geboren.
    Ah! machte Herr Beil, aber so leise, da es nur wie ein Seufzer klang. Er
war mit halb geschlossenen Augen trumend der lebendigen Schilderung gefolgt, er
hatte Palermo mit gesehen, er war aus der heien Sonne in den schattigen Park
getreten und sah das Schlo, ja selbst das bezeichnete Zimmer.
    Der Baron fuhr sich mit der Hand ber die Augen und sagte lchelnd, wie aus
einem Traume erwachend: Ach ja, wir sind Beide noch hier. - War mir doch, als
zeigte ich Ihnen die Herrlichkeiten meiner Heimath, knirschte doch ordentlich
der Sand unter meinen Fen; hrte ich doch den Wind durch die Zweige rauschen
wie damals.
    Mir war auch so, meinte Herr Beil; doch ist es das Holz im Ofen, das
knirscht und sthnt, und wenn es auch mit dem Sausen des Winds seine Richtigkeit
hat, so streicht er doch leider nicht durch blthenreiche Zweige, sondern spielt
mit den chzenden Windfahnen und den wackeligen Schornsteinen.
    Und mir ist diese wilde Scenerie lieber, fuhr der Baron fort: ich mag
nicht weich gestimmt sein. - Da ich also geboren wurde, wissen Sie, vorher aber
folgten einige fr mich nicht unwichtige Ereignisse. Meine Mutter war die
Tochter einer der mchtigsten Familien Palermo's, mein Vater aber ein Englnder,
der auf einer groen Vergngungsreise eines Tages mit seiner Yacht in der Bucht
ankerte, an's Land stieg, sich durch gute Empfehlungsbriefe in den besten
Husern einfhrte, meine Mutter sah, sich in sie verliebte und nicht eher ruhte,
bis ihr Vater, der Marchese von B., zu einer Heirath mit dem Fremden willigte.
Die Geburt meines Vaters stand brigens der meiner Mutter nicht nach; er war der
lteste Sohn des Lord K., einer reichen schottischen Familie, deren Einwilligung
zu der Verbindung mit meiner Mutter zu erhalten er als sehr leicht darstellte.
Der alte Marchese, dessen Gunst er sich zu erringen gewut hatte, gab die
Heirath zu und etablirte das junge Paar auf dem Schlosse, von dem ich Ihnen
sprach.
    Wenn auch mein Vater von seinem Vermgen noch nichts erhalten hatte, so
besa er doch Gelder genug, um bis zur erlangten Einwilligung seiner Eltern
glnzend leben zu knnen. Diese Einwilligung aber blieb aus, ja, auf viele
Briefe, welche sowohl der Marchese als mein Vater nach Schottland schrieben,
erfolgte keine Antwort, und als man sich endlich eines Geschftsmannes bediente,
berichtete dieser, Lord K. habe sich in Folge dieser Heirath von seinem ltesten
Sohne losgesagt, ihn enterbt und er existire fr ihn gar nicht mehr in der Welt.
    Das mu ein harter Schlag fr meine Eltern gewesen sein; die Schwestern und
Brder meiner Mutter, in ihrem Stolze gekrnkt, zogen sich von ihr zurck, der
Marchese von B. starb bald darauf, und da nur ein geringer Theil seines
Vermgens meiner Mutter zufiel, auch die Gelder meines Vaters ziemlich
aufgezehrt waren, so mute man sich einschrnken. Uebrigens schien das dem
jungen Paar keinen Kummer zu verursachen, sie liebten sich herzlich; ihre Kinder
- das war ich und eine Schwester - wuchsen zu ihrer Freude gesund und krftig
heran, kurz, es war immer noch eine glckliche Familie.
    Ob und welche Schritte nun whrend dieser Zeit mein Vater in Schottland
gethan, wei ich nicht; genug aber, pltzlich kam die Nachricht, Lord K. wolle
sich mit seinem Sohne ausshnen, er sandte Gelder und Briefe, er schrieb, das
Geschehene soll vergessen sein, nur stellte er die Bedingung, meine Eltern
sollten Sicilien verlassen und nach der Heimath meines Vaters zurckkehren. So
sehr meine Mutter auch ihre schne Insel liebte, so hatte sie doch in der
letzten Zeit so viele Krnkungen erfahren, da sie ihre Vaterstadt, ihre
Familie, nicht ungern verlie.
    Wir schifften uns also ein; ich zhlte damals zehn Jahre, meine Schwester
vier. Unser Beider einziger Kummer war, da wir die alte bekannte Dienerschaft
unseres Hauses zurcklassen muten; so hatte es Lord K. gewnscht. Die Abreise
aus Sicilien schmerzte uns Kinder nicht besonders; uns freute das schne Schiff,
welches wir bestiegen, die bevorstehende Reise, - und als wir Neapel gesehen,
Rom und die hohen schneebedeckten Berge der Schweiz, dachten wir nicht mehr an
unsern Monte Pellegrino, nicht mehr an die schne Bucht Palermo's und noch viel
weniger an die thrnenerfllten Augen der alten Diener unseres Hauses.
    Die Erinnerung an Sicilien trat auch nicht eher wieder lebendig vor uns, als
bis wir uns der Kste Schottlands nherten. Es war ein frostiger und
unheimlicher Herbstabend, das Meer bewegt, die grauen Wellen schwankten hin und
her, und wo sie zusammen stieen, bildeten sich weie Schaumkronen auf dem
schmutzigen Wasser. Vor uns wurde das Land sichtbar, die hellen, zerklfteten
Felsen blickten unbestimmt und geisterhaft aus dichtem Nebel hervor. Schwer
zerrissene Wolkenmassen hingen am Himmel, und dort am Lande hatten sie sich tief
herabgesenkt, da die aufsteigenden Dnste sichtbar mit ihnen in Verbindung
traten. Weie Mven mit ngstlich gellendem Schrei umflatterten in Schaaren
unser Schiff, flohen vor den Windsten dem Lande zu oder schaukelten einige
Augenblicke vor und neben uns auf den Wellen. Mein Vater war unten in der Kajte
beschftigt, die Mutter und wir auf dem Verdeck. Ich vergesse diesen Augenblick
nie, in meinem ganzen Leben nicht: wie schon gesagt, wir dachten so lebhaft an
unsere heimathliche Bucht, die namentlich Abends bei untergehender Sonne so
prchtig glht und glnzt - unser neues Vaterland wollte uns gar nicht gefallen.
Die Mutter war traurig und bewegt, wie ich sie nie gesehen, sie hielt uns Beide
in ihren Armen, sie drckte unsere Kpfchen an sich, und wenn sie sich zu uns
herab beugte, um uns zu kssen, so fhlte ich deutlich, wie ihre heien Thrnen
auf meine kalten Wangen fielen. Ich werde das nie vergessen.
    Bald wurden die Segel eingezogen, die Matrosen eilten auf's Verdeck, das
Schiff legte bei und wir schwammen langsam in das Innere einer kleinen Bucht,
die rings von drohenden Felsen umgeben war. Es war schon so dunkel, da wir auch
diese nur in schwarzen Umrissen an dem helleren Nachthimmel bemerken konnten. Am
Ufer sahen wir ein paar Lichter, welche einsam durch die Nacht leuchteten. Die
Brandung toste, der Wind sauste, es war ein recht unheimlicher Abend. Bald
darauf kamen Boote heran; wir wurden mit Vater und Mutter hinein gebracht, und
in kurzer Zeit erreichten wir das Ufer. Dort standen Wagen bereit; sie waren mit
Reitern umgeben, die Fackeln trugen. Ein alter Mann - ich sehe sein widriges
Gesicht heute noch vor mir - hielt eine solche, stand neben seinem Pferde und
grte meinen Vater ehrerbietig.
    Wir stiegen ein und fort ging's im vollen Galopp, einen Berg hinauf, lange,
lange ber eine de Haide. - Du findest wohl Schottland nicht so schn wie
Italien, sagte mein Vater zur Mutter, die hinaus in das Dunkel starrte und ihre
Hand auf die seinige gelegt hatte. - Ich wei nicht, mein Herz friert, versetzte
sie; es ist aber ein zu hlicher Abend; auch die Kinder scheinen ngstlich. -
Nur Geduld, entgegnete der Vater, morgen bei Sonnenlicht und an Ort und Stelle
wird es euch schon gefallen. O Schottland ist berhmt wegen seiner prachtvollen
Gegenden.
    Wir fuhren vielleicht zwei Stunden bestndig sehr schnell durch die Nacht
dahin; endlich hielt der Wagen. Ein eisernes Thor knarrte und seufzte in seinen
Riegeln; wir fuhren hindurch, die Rder rollten sanft auf einem Sandwege. Wir
befanden uns in einem groen und, wie es schien, sehr schn angelegten Parke.
Gebsche standen am Wege, und hohe Bume, deren Zweige vom Wind hin und her
gejagt wurden, hingen ber unserm Wagen. Zuweilen ffnete sich auch die Aussicht
auf Wiesengrnde, und auf denselben sah man glnzende Linien und Punkte: kleine
Bche, Teiche und Seen. -
    Verzeihen Sie mir, bester Beil, unterbrach hier der Baron lchelnd seine
Erzhlung, da ich etwas zu umstndlich bin; ich knnte Ihnen das alles mit
wenigen Worten berichten, aber es ist so wichtig fr mich, da ich meinen
Zuhrer in eine passende Stimmung bringe.
    Was Ihnen gelungen ist, antwortete der Andere mit leiser Stimme; ich
fhle mich bewegt und erwartungsvoll.
    Endlich hielt der Wagen, fuhr der Baron ruhig fort, wir standen vor einem
groen Schlosse; der alte Mann, den ich schon drunten am Ufer bemerkt, nherte
sich meinem Vater und berreichte ihm ein Schreiben. Dieser ri den Umschlag ab,
durchflog den Inhalt und rief aus: Ah! das ist mir unangenehm. Darauf wandte er
sich zu meiner Mutter und sagte: mein Vater, der uns hier empfangen wollte,
wurde pltzlich unplich und mute in dem Stdtchen C., einige Meilen von hier,
die Nacht zubringen. Er wnscht mich aber sogleich zu sprechen, und du wirst
einsehen, da es meine Pflicht ist, zu ihm hinzueilen.
    Das sah meine Mutter allerdings ein, bat aber schchtern, ihn begleiten zu
drfen. Es sei ihr ngstlich hier allein in dem fremden Schlosse, setzte sie mit
leiser Stimme hinzu. - Wo denkst du hin? entgegnete der Vater. Es ist dunkel und
nach C. ein schlechter Weg. Und dann, liebes Kind, was fabelst du von einem
fremden Schlosse, es ist ja dein eigenes; hier werden wir knftig wohnen. Morgen
mit dem Frhesten bin ich wieder bei dir.
    Nach diesen Worten traten wir in das groe Gebude und wurden von
zahlreicher Dienerschaft empfangen. Lakaien mit silbernen Leuchtern trugen mich
und die Schwester die breiten Steintreppen hinauf, zwei Kammerfrauen kten
ehrerbietig den Saum des Mantels meiner Mutter und folgten ihr, welche, vom
Vater gefhrt, vor uns ging.
    Die Gemcher oben waren wohl prchtig und schn, aber gro und ernst. Wnde
und Decke waren dunkel, mit Schnitzwerk bedeckt, und die Vergoldung an denselben
blickte uns im Glanz der Lichter wie verstohlener Weise mit glhenden Augen an.
Wir speisten zu Nacht, der Vater zeigte uns unsere Zimmer, dann drckte er,
Abschied nehmend, die Mutter herzlich an sich, kte mich und die Schwester und
entfernte sich.
    Die Mutter sank auf einen Fauteuil nieder und nahm meine Schwester in ihre
Arme. Ich schlich mich an das Fenster, schlpfte hinter den schweren Vorhang,
der es bedeckte, und blickte in die Nacht hinaus. Drunten im Hofe war es
lebendig; ich sah den Qualm der Fackeln, und zuweilen, wenn ihn ein Windsto auf
die Seite jagte, flackerten die dunkelrothen Flammen hoch empor und erleuchteten
das finstere Schlo mit seinen vielen Fenstern. Der Vater stieg zu Pferde und
gleich darauf sah man ihn wegreiten; der alte Mann ihm zur Seite, die Reiter mit
den Fackeln vor und hinter ihm. Ich wei nicht, wie sie so dahin galoppirten
durch die grnen Gebsche ber den geschlungenen Weg, jetzt verschwanden, so da
man nichts mehr sah als die berhngenden Zweige von der rothen Gluth der
Fackeln angestrahlt, jetzt wieder zum Vorschein kamen, da schnrte eine
unerklrliche Angst mein Herz zusammen. Sie sahen so unheimlich aus, die
finstern Gestalten auf den dahinjagenden Pferden; mir war gerade so, als
entfhrten sie gewaltsam meinen Vater, als gehe er einem Unglck entgegen und
wisse es selbst nicht. Ich wollte ihn zurckhalten, - er mute gerade den Park
verlassen haben; man sah nur noch einen unbestimmten Schein zwischen den Bumen,
der aber pltzlich erlosch. Ich klopfte an die Scheiben, ich wollte das schwere
Fenster ffnen, indem ich ausrief: Vater! Vater! reite nicht hinweg, verlasse
uns nicht, o du kommst nicht zu uns zurck!
    Bei diesen letzten Worten war der Baron, von der Erinnerung berwltigt,
empor gesprungen, streckte die Hnde von sich ab und hatte die Augen starr und
weit geffnet. - Ah! sagte er nach einer Pause, whrend welcher sich seine Zge
wieder belebt hatten, ich kann es mir nun einmal nicht abgewhnen, zu lebhaft zu
denken. Ich bin ein schlechter Erzhler. Jetzt will ich mich aber zusammen
nehmen.
    Es war das fr uns alle Drei ein trauriger Abend. Die Mutter sa in ihrem
Lehnstuhle, hielt uns Beide in den Armen und starrte nachdenkend vor sich hin,
fuhr aber bei dem geringsten Gerusch, das sich im Schlosse hren lie,
erschreckt in die Hhe und drckte uns ngstlich an sich, als wolle sie uns vor
irgend einer Gefahr beschtzen. Endlich gingen wir zur Ruhe, - wir schliefen in
zwei Zimmern neben einander, ich und meine Schwester in dem einen, die Mutter in
dem anstoenden; die Thre blieb natrlicherweise offen. Ich wei nicht, um
welche Stunde es war, als ich erwachte; ich glaubte Stimmen im Nebenzimmer zu
vernehmen, und als ich mich in meinem Bette aufrichtete, hrte ich wohl, da ich
mich nicht getuscht hatte.
    Der Morgen dmmerte, aber da es spt im Herbst war, drang auch nur ein
schwaches, trbes Licht durch die zugezogenen Fenstervorhnge. Ich blickte nach
meiner Schwester, die ebenfalls aufrecht in ihrem Bette sa. - Was ist das?
fragte ich sie. - Ich wei nicht, gab sie mir zur Antwort. Die Mutter weint und
bittet. - Ich will zu ihr! rief ich aus; ich will ihr helfen. - O ich war damals
ein energisches Kind; Furcht kannte ich nicht. - Die Thren haben sie
zugeschlossen, sagte meine Schwester. Und so war es in der That. Ich glitt von
meinem Lager herab, um sie wieder zu ffnen; doch kaum hatte ich mich auf einige
Schritte dem Nebenzimmer genhert, als eine starke Hand meinen Arm fate. Ich
zuckte zusammen, blickte empor und sah neben mir jenen alten Mann mit den
finstern, unangenehmen Zgen, der uns am Ufer der See empfangen hatte und spter
mit meinem Vater fortgeritten war. -
    Was willst du? fragte er mit strenger Stimme. - Ich will zu meiner Mutter,
sagte ich ihm; hrst du nicht, da sie weint? Wer hat es gewagt, ihr etwas zu
Leide zu thun? - Gewagt! lachte er hhnisch; geh' in dein Bett, Knabe, und
bekmmere dich nicht um Sachen, die dich nichts angehen. Damit lie mich seine
Hand los und stie mich mit der Faust an die Schulter, da ich ein paar Schritte
in das Zimmer hinein taumelte und gefallen wre, wenn ich mich nicht an meinem
Bette gehalten htte. - Ich war gestoen worden, zum ersten Male in meinem Leben
und von der Hand eines Dieners; ich ballte meine Fuste, ich bi meine Lippen
blutig; was sollte ich machen? Das da war ein starker, wohl bewaffneter Mann,
ich ein kleiner, fast unbekleideter Knabe; ich zitterte vor Zorn und Klte,
setzte mich auf mein Bett und strengte Ohren und Augen an, um zu sehen und zu
hren. - Ja, es war die Stimme meiner Mutter, die ich nun im Nebenzimmer wieder
vernahm; sie bat, sie weinte, sie rief nach uns; - so gebt mir wenigstens meine
Kinder! sprach sie; ich will ja weiter nichts, o Gott! o Gott! nur meine Kinder,
meine armen kleinen Kinder! - Ich weinte mit ihr und rief so laut ich konnte:
Mutter! Mutter! hier sind wir, la uns nicht allein! - Der alte Mann, der an's
Fenster getreten war, er, der mich gestoen, streckte mir drohend die Faust
entgegen und sagte hohnlachend: schrei nur, kleine Schlange; man wird dich dafr
zchtigen.
    Im Nebenzimmer war es stille geworden; der Mann wandte sich gegen die
Scheiben und ffnete einen Flgel des Fensters. Unten im Hofe rollten Rder auf
dem Sande, Futritte erschallten auf der Freitreppe vor dem Hause, und ich
glaubte die Seufzer meiner Mutter zu vernehmen. Mit weit aufgerissenen Augen
blickte ich um mich her, ich suchte eine Waffe; ich wollte Mutter und Schwester,
ich wollte mich vertheidigen. Ah! neben meinem Bette befand sich eine Trophe
von Dolchen und Messern aller Art; er hatte mich gestoen, er hatte mich eine
Schlange genannt, ich wollte es sein, - ich wollte ihn stechen. Ich kroch auf
mein Lager zurck, ich fate nach einer der Waffen - es war ein schuhlanges
Messer, zweischneidig, oben breit, unten spitz, das mir am nchsten hing, es
ging leicht aus der Scheide, ich hielt es in meiner Hand, und verbarg es hinter
dem Rcken. - Ah! da vernahm ich abermals die Stimme meiner Mutter; in
herzzerreiendem Tone rief sie vom Hofe zu den Fenstern hinauf: Meine Kinder!
lat mir meine Kinder!
    Der alte Mann beugte sich hinaus und rief hinab: Nur fort! Nur fort! werft
sie in den Wagen und macht, da ihr von dannen kommt. - Darauf hrte ich noch
einen einzigen Schrei drunten, aber einen Schrei, dessen grlichen Ton ich nie
vergessen werde. Man hrte den Wagen schlieen, Peitschen knallen, dann
knirrschten die Rder auf dem Sande. -
    Ich fate das Messer fest in die Rechte, er am Fenster verschlo die
Scheiben wieder und trat in das Zimmer zurck. Jetzt zu dir, Brschlein, sagte
er, und ging direkt auf mein Lager zu. In dem Augenblick war ich kein Kind mehr,
ich fhlte nichts Menschliches in mir, ich war ein reiendes Thier, eine
Schlange, eine wilde Katze. - Komm nur! rief ich ihm entgegen, ich bin keine
wehrlose Frau; komm nur, ich will mich vertheidigen. Damit sprang ich in die
Hhe, so da ich auf meinem Bette stand. Die rechte Hand mit dem Messer hielt
ich hinter meinem Rcken verborgen; er ahnete davon nichts, sondern sprach
lachend: die Peitsche wird dich geschmeidig machen. -
    - Das waren auf dieser Welt seine letzten Worte; er war mir ganz nah, ich
streckte pltzlich meine rechte Hand vor, und klug berechnend, da mir zu einem
Stoe die nthige Kraft fehle, hielt ich den Arm steif und warf mich vom Bette
herab ihm entgegen. Die Wucht meines kleinen aber doch schon schweren Krpers
trieb ihm das zweischneidige Messer in die Brust, - ja in die Brust, und zwar
tief hinein bis an's Heft.
    Gott, im Himmel! rief Herr Beil entsetzt, das war ja ein Mord.
    Der Baron hatte das Letzte mit steigender Heftigkeit erzhlt; sein Arm
zuckte, seine Augen flammten, er warf sich mit dem Oberkrper vorwrts wie
damals, als er jenen Sto gethan; dann flogen seine Finger weit aus einander,
als lasse er das Heft des zweischneidigen Messers fahren; doch versuchte er
hierauf zu lcheln, strich sich mit der Hand ber das Gesicht und sagte nach
einem lngeren Stillschweigen und nachdem er sich wieder vollkommen gesammelt:
Eigentlich war es kein Mord, es war eine Nothwehr; auch rchte ich meine
Mutter. - Ich versichere Sie, bester Beil, eine hhere Macht hatte die Hand des
Knaben gelenkt; jener alte Mann war der Vertraute und schlechte Rathgeber des
Lord K., er hatte zu allem Dem beigetragen, was gegen die Mutter und uns
unternommen wurde. -
    Hier schwieg der Erzhler, ein finsteres Lcheln flog ber seine Zge,
whrend er die Glieder seiner goldenen Uhrkette langsam durch die Finger gleiten
lie.

                          Vierundsechzigstes Kapitel.



                               Ein wildes Leben.

Ah! fuhr nach einer Weile der Baron fort, es ist ein eigenthmliches Gefhl,
eines Menschen Blut zu vergieen. Das ist Ihnen wohl noch nie vorgekommen?
    Gott soll mich in Gnaden bewahren! erwiderte entsetzt der Andere.
    Und wollten sich doch das Leben nehmen! - Sehen Sie, wie vernnftig das
Gespenst fr Sie dachte.
    Meines Nchsten Blut! Mich schaudert's, wenn ich daran denke.
    Ja, ja, erwiderte nachsinnend der Baron, den Nchsten trifft es meistens,
denn bis weithin reicht die Schneide eines Dolches nicht. - Aber keine
Wortklaubereien; - in einem hnlichen Falle wie dem eben erzhlten kann man in
spteren Jahren Alles vergessen, den Anblick dessen, der von unserer Hand fiel,
sein Blut, das wir sahen; nur etwas nicht, das ist das schreckliche Gefhl des
Eindringens der Waffe. Ah! das ist unvergelich!
    Nun, es mu Sie trsten, meinte gutmthig Herr Beil, da Sie damals
eigentlich noch unzurechnungsfhig waren - ein Kind.
    O sagen Sie das nicht, ich durchlebte in dem Moment eine Reihe von Jahren,
und war nachher so bedacht und entschlossen, da man mir jetzt die Mutter nicht
mehr geraubt htte. - Doch das war vorbei. - Genug also, er fiel nieder, ich
lie natrlicher Weise den Griff der Waffe los und zog mich gegen mein Bett
zurck. Die Thren wurden hastig geffnet, die Dienerschaft lief zusammen, ich
hoffte immer, mein Vater werde auch erscheinen. Aber statt seiner erschien ein
ltlicher Herr, mhsam am Stocke gehend, - mein Grovater; ich sah das an der
hnlichkeit mit meinem Vater, ich habe sein Bild nie vergessen. - Das da hat
gute Geschichten gemacht, rief er zornig, nur fort damit! Seht, ob man Hilfe
bringen kann. - Das Letztere war nun nicht mglich; man bemhte sich eifrig um
den Todten - vergeblich. Dann stie man mich aus dem Zimmer, mich und meine
arme, arme Schwester. Da sie furchtbar gelitten bei der eben beschriebenen
Scene, knnen Sie sich wohl denken; sie fhlte, so klein sie war, da ihr Bruder
etwas Schreckliches begangen. - Man brachte uns fort, nachdem man uns vorher
schlechte Kleider angezogen; wir fuhren mehrere Tage und Nchte; anfnglich
wandte ich alle Kraft auf, um den Schlaf von meinen Augen zu verscheuchen, und
ich bemhte mich, wo mglich einzelne Schlsser, Ortschaften, Flsse und
dergleichen meinem Gedchtnisse einzuprgen, um vielleicht spter den Rckweg
nach jenem Schlosse finden zu knnen. Unbegreiflich wird es Ihnen sein, wenn ich
Ihnen sage, da ich den Namen meines Grovaters und Vaters nicht wute; in
Palermo wurde der Letztere von der Mutter und der Dienerschaft nur Sir Robert
genannt. - Wissen Sie wohl, was ich gar zu gern von dort mitgenommen htte? Es
war jenes zweischneidige Messer - eine schne Waffe. Aber merkwrdig genug,
viele Jahre nachher kam es zufllig in meinen Besitz. - Doch weiter!
    Meine Natur unterlag also; obgleich krftig mit dem Schlafe kmpfend,
berwltigte er mich doch, ich verga Alles, und als ich endlich erwachte, war
es durch das Anhalten des Wagens. Doch denken Sie sich meinen Schrecken, als ich
aufwachte und meine Schwester nicht mehr sah. Wo und wie man uns getrennt hatte,
war mir unerklrlich. Ich erinnerte mich deutlich, da ich, ehe ich einschlief,
meinen Arm um ihren Hals geschlungen hatte, und da sie mich fest an sich
drckte, wie es frher die Mutter gethan. O! dieser Verlust traf mich hart,
hatten wir uns doch gegenseitig getrstet.
    Ich wurde in ein Haus gebracht zu einem widerwrtig aussehenden Manne; - es
war ein scheinheiliger Hallunke, der das Gebetbuch nie vom Tische brachte, aber
seinen Nebenmenschen betrog, wo er konnte. - Man zahlte fr mich ein rmliches
Jahrgeld; er sollte sehen, ob etwas aus mir zu machen sei, er sollte mich jedes
Geschft, jedes Handwerk ergreifen lassen, wozu ich Lust in mir versprte. So
sagte er mir; ich aber, wie Sie begreifen werden, frh gereift, klug, umsichtig,
merkte bald, da dieser Mann den Befehl hatte, mich thun zu lassen, was mir gut
duchte, das heit, nur in Lastern und Ausschweifungen. Darin lie man mir allen
Willen, darin konnte ich thun, was ich wollte. Ich trieb mich also den ganzen
Tag herum, ich trank, wo ich etwas bekam, ich spielte, zuerst ehrlich, dann
falsch, und da ich ein hbscher Bube war, mochten mich alle Nachbarn leiden; ich
ritt ihre Pferde, ich suchte mit groem Geschick verloren gegangenes Vieh wieder
auf, ich wurde krftig und gewandt, kein Pferd war mir zu wild, kein Fenster,
kein Baum zu hoch; ich sthlte meinen Krper so, da ich Alles ertragen konnte,
mir war es gleich, ob ich in meinem Bette war, oder die Nacht im Freien
zubrachte unter Sturm und Regen. Bei meinem Erzieher lernte ich aber das
Wichtigste: Verstellung; zuweilen ignorirte er mein wildes Treiben, zuweilen
peitschte er mich wthend dafr aus, und das namentlich, so lange ich ihm offen
und ehrlich meine Streiche bekannte; als ich aber anfing, Alles zu leugnen, die
Augen niederzuschlagen und seufzend im Hause umherzuschleichen, da ging es
besser, und das merkte ich mir bald. -
    Sie knnen sich denken, da ich meine Vergangenheit, Vater, Mutter und
Schwester nicht verga und werden sich wundern, da ich nicht einen
Fluchtversuch unternahm, da man mir die Freiheit lie, in der Nachbarschaft
unseres Dorfes umherzustreichen; aber ich war klug genug, einzusehen, da ich
als Kind, ohne Mittel nichts zu unternehmen im Stande sei. Glauben Sie dehalb
nicht, da ich jene schreckliche Scene vergessen, da ich nicht ganze Nchte an
die furchtbaren Rthsel gedacht, die mich beim Eintritt in dieses Land umgaben.
O ich nhrte meine Rache heimlich aber eifrig, und je lter ich wurde, desto
glorreicher erschien mir jene blutige That. Auch hoffte ich bestndig, von
meiner Mutter, meiner Schwester irgend ein Lebenszeichen zu erhalten, aber
vergeblich. Ach! wie ich diese Letztere liebte, kann ich Ihnen nicht
beschreiben; sie war seit ihrer frhesten Kindheit meine einzige Gespielin
gewesen und ihr weiches Gemth fand sich so leicht in meine wilden Launen, mein
hastiges, heftiges Treiben. Auch sie liebte mich so innig - wir waren ein paar
glckliche Kinder!
    In der Nhe unseres Dorfes lagerten hufig Zigeuner, mit denen ich fters
Verkehr hatte; ich war bei ihnen wohl gelitten, ich begleitete sie bei ihren
kleinen Streifereien, und eines Tags machte mir ihr Hauptmann den Vorschlag, sie
auf einer lngeren Tour zu begleiten. Sie hatten Pferde aus dem schottischen
Gebirg nach England zu bringen: er versprach mir einen guten Antheil am Gewinn;
ich willigte natrlicherweise ein und verlie ohne Bedauern, ohne Kummer das
Haus, in dem ich bis jetzt gelebt. Mein Haar, blond wie das meines Vaters, ward
schwarz gefrbt, und so zogen wir dahin, tagelang in kleinen Mrschen durch das
Land. Wie sphte ich umher, um vielleicht eines der Merkzeichen wieder zu
finden, die ich mir damals eingeprgt - immer vergeblich, obgleich ich hufig
glaubte, irgend etwas wieder zu erkennen. Oefters geschah es mir, da ich
meinte, dies oder das Parkthor sei es, durch welches ich ein- und ausgefahren;
ja, und hinter ihnen sah ich oftmals Teiche und Bche, jenen hnlich, groe
Rasenpltze, alte Schlsser, ganz wie das, wo ich jene Nacht zugebracht. Doch
fand ich bei nherer Besichtigung bestndig irgend eine Verschiedenheit: bald
fehlte die Steintreppe vor dem Portal, bald die Fenster auf den Hof hinaus,
deren Form ich nicht vergessen. - Endlich aber, durch einen sonderbaren Zufall
fand ich, was ich suchte; ich hatte lange einen Park mit hohen Mauern
sehnschtig umkreist, der Pfrtner wollte dem Zigeuner keinen Einla gestatten,
da kam ich an eine Stelle, wo ich lustige Kinderstimmen vernahm; die Federblle
flogen in die Hhe, endlich einer zu mir herber. - O schade! er ist fort, rief
es drinnen; ich aber eilte mit meinem Fund zu dem Pfrtner, und bergab ihm
denselben. Er wollte mich beschenken, doch bat ich ihn nur um die Vergnstigung,
die Grten sehen zu drfen; sein Knabe begleitete mich.
    Ja, dies war das hohe Steinthor von Bumen berschattet, die geschlungenen
Wege, die dichten Gebsche, zwischen welchen ich in jener Nacht den Fackelschein
gesehen, als mein Vater wegritt. Wie klopfte mir das Herz, ich wre gern nach
dem Schlosse geeilt, aber ich mute meinem kleinen Fhrer folgen, der zuerst den
Federball abgeben sollte. Wir kamen auf einen schnen Rasenplatz mit Blumen
umgeben, dort spielten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mdchen von fnf bis sechs
Jahren, die Eltern standen dabei; eine Dame in tiefer Trauer schaute den Spielen
ihrer Kinder zu. Sie dankte mir, und whrend sie mit mir sprach, betrachtete ich
die kleinen schnen Kinder. Ich wei nicht, es war mir so eigen zu Muth, eine
unaussprechliche Wehmuth berwltigte mich, ich htte laut aufweinen, vor die
Kinder hinknieen, ihre feinen Hnde, ihre blonden Haare kssen mgen. Waren es
doch die Bilder meiner Vergangenheit und der meiner Schwester - oh! dies mute
der Park meines Vaters sein. Wie htte auch ich spielen knnen, froh und heiter,
einer glcklichen Zukunft entgegen! und obendrein sah das kleine Mdchen meiner
armen Schwester hnlich. -
    Jetzt rief die Dame die Kinder zu sich, wir schlichen uns fort, ich nicht,
ohne vielmal rckwrts zu schauen. - Aber nun zum Schlosse hin! - Ja, es war
dasselbe, die Steintreppen, die Fenster, ich erkannte es wieder an dem Schlagen
meines Herzens. Was htte ich darum gegeben, sein Inneres betreten zu drfen!
Aber dies wurde mir nicht gestattet; ich fragte den Kleinen aus, ob droben
schne Zimmer seien. - Ja, sagte er. - Mit dunkeln Holzdecken? fuhr ich fort,
und eines, in welchem sich viele schne Messer und Degen befinden? - Ja, ja,
entgegnete er mir; der Vater hat es mir schon oft gezeigt, wenn die Herrschaft
abwesend war. - Und die Herrschaft? fragte ich zgernd, ist sie im jetzigen
Augenblicke hier? - Ei, meinte er, wir haben die Lady ja drunten gesehen, und
auch die Kinder, die Dame in Trauer, denn der Lord K., unser Herr - Sprich!
sprich! rief ich. - Der Herr des Hauses also - er verunglckte vor einem Jahr
auf der Jagd, er starb nach einem heftigen Sturz mit dem Pferde. - Das war mein
Vater.
    Ohne ein Wort weiter zu sprechen, ging ich durch den Park zurck, grte den
Pfrtner und trat in's Freie. Welch schreckliche Rthsel umgaben mein Leben! Ich
hatte die Frau meines Vaters gesehen, die doch nicht meine Mutter war - seine
Kinder - meine Geschwister und mir doch fremd. - Wir blieben die Nacht in einem
benachbarten Dorfe, und da erfuhr ich die Geschichte des Schlosses und meine
eigene. Vor acht Jahren, erzhlte man mir, sei der junge Lord auf eine hchst
liebreiche Einladung seines Vaters aus Italien zurckgekehrt, mit seiner jungen
Frau und zwei Kindern. Gleich nach seiner Ankunft war inde durch seines Vaters
Einflu seine Ehe fr ungiltig erklrt und cassirt, die Mutter nach Hause
geschickt und ber die Kinder als uneheliche disponirt. Der Sohn schien sich,
wider Erwarten, ohne viele Mhe den Ansichten seines Vaters gefgt zu haben,
denn nicht lange darauf heirathete er eine reiche Erbin.
    So war ich also ausgestoen, ohne Namen, ohne Familie. Meine Mutter, hie
es, sei nach Italien zurckgegangen; wo aber war meine Schwester? Mir schien es
am gerathensten, um eine Spur der Verlorenen zu finden, meine Schritte nach
Sicilien zu wenden. Doch - lachen Sie ber mich - ich konnte mich nicht so
schnell entschlieen, meine bisherigen Freunde zu verlassen; ich gestehe es
Ihnen: ich hatte Geschmack an dem wilden Leben gefunden; auch fehlten mir die
Mittel, um mich von ihnen trennen zu knnen. Da mein Herz zerrissen war,
brauche ich Ihnen nicht zu sagen, auch nicht, da ich den ganzen Leichtsinn
meiner Jugend zusammen nehmen mute, um mich zu betuben; ich durfte nicht zu
mir selbst kommen, ich durfte nicht ruhig berlegen, was ich htte werden
knnen, werden mssen, und was ich geworden war. - Ah! rief er nach einer Pause
mit schmerzlicher Stimme, wenn diese Gedanken kamen, so ri ich in meinen
Haaren, so rannte ich mit dem Kopfe gegen die Mauer, so zog ich mein Messer aus
der Scheide. -
    Richtig, fuhr er gleich darauf mit dem ihm eigenen Lcheln fort, von dem
Messer mu ich Ihnen noch sagen, da es dasselbe war; ich hatte es in jenem
Dorfe, wohin es, wer wei durch welchen Zufall, gekommen, an mich gebracht.
    Hier schwieg der Erzhler, zog sein duftendes Taschentuch hervor, wischte
sich damit sorgfltig den blonden Schnurrbart und drckte es alsdann vor die
Augen. Als er die Hand wieder niedersinken lie, war der Ausdruck seines Blickes
unaussprechlich weich, ja traurig. Er streckte seine Rechte dem Zuhrer
entgegen, der sie mit beiden Hnden umfate und innig drckte. - Wenn Sie
wten, sagte er darauf mit weicher Stimme, wie wohl es mir thut, wie es mein
Herz erleichtert, endlich Jemand gefunden zu haben, zu dem ich ohne Rckhalt
sprechen kann! Aber hren Sie mich, mein Freund, - wenn ich meine Vergangenheit
in Ihr Herz niederlege, dies sprach er mit festerem Tone, so mu es sich
darber schlieen, wie das Grab ber dem Todten, wie die Woge des Meeres ber
dem Versunkenen. Geloben Sie mir dies und ich werde fortfahren. Aber ehe Sie es
thun, glauben Sie meiner Versicherung, da Sie das Aergste aus meinem Leben noch
nicht gehrt! - - Sind Sie stark genug, sagte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen mit geflligerem Ausdruck der Stimme, meine kleinen Geheimnisse
bewahren zu knnen, so reichen Sie mir Ihre Hand, - Worte bedarf es weiter
nicht.
    Mit tiefer Bewegung ergriff Herr Beil abermals die dargebotene Rechte,
drckte sie innig und der Baron fuhr fort:
    Von da an wurde ich der Tollste der ganzen Zigeunerbande; ich mu Ihnen
sagen, da man mich bis jetzt von gewissen Geschften und Vorfllen bestndig
fern gehalten. Ich hatte meinen Unterhalt auf anstndige und ehrliche Weise
verdient, jetzt aber lie ich den Hauptmann merken, da ich nicht abgeneigt sei,
auch an andern interessanten Unternehmungen Theil zu nehmen. Da er bei dieser
Erklrung vor Freuden auer sich war, schmeichelte meiner Eitelkeit; er hatte
aber auch alle Ursache dazu, denn trotz meiner damals noch feineren und
schlankeren Gestalt nahm ich es, was Kraft anbelangt, mit Vieren auf, und wo
mich Gewandtheit und List untersttzen konnten, frchtete ich mich nicht vor
einem Dutzend. Natrlich mit kleineren Geschichten wollte ich mich nicht
abgeben; ich sehnte mich nach etwas Groem, wo es Muth galt und Gefahr zu finden
war.
    Wir zogen weiter, und wenige Tage nachher nahm mich der Hauptmann bei Seite
und sagte: Wenn du etwas wagen willst, so knnen wir ber vierundzwanzig Stunden
reiche Leute sein. Natrlich willigte ich mit Freuden in Alles. - Heute Nacht,
sprach er, geht einer der reichsten Gutsbesitzer des Landes nach der Hauptstadt;
er wird einige Bedienten bei sich haben, aber auch eine groe Menge Geld; wollen
wir von den Andern mitnehmen oder wollen wir Beide es allein wagen? - Wir Beide
allein, entgegnete ich ihm. Er war damit einverstanden. Die Nacht kam, wir
nahmen die besten Pferde und ritten gut bewaffnet aus; es ging ber eine Haide
hinweg, das Wetter war strmisch, der Wind pfiff ber die Ebene, wir konnten
kaum unsere Hte halten. In einer kleinen Niederung, die mit Gebsch bewachsen
war, hielten wir. Es mochte Mitternacht sein, als wir von fern her das Rollen
eines Wagens vernahmen; er kam nher, vierspnnig mit zwei Postillonen und zwei
Bedienten auf dem Auensitz. Ich sprengte an die vordern Pferde und ri den
einen Postillon vom Sattel, der Hauptmann an den Schlag, indem er Halt! rief.
Obgleich der Wagen augenblicklich hielt, knallten doch von allen Seiten Schsse,
die wir brigens nicht beantworteten. Whrend der Hauptmann den Wagen bewachte,
glitt ich zur Erde, zog auch den andern Postillon herab, ohne ihm ein Leides zu
thun, und zwang die Beiden mit vorgehaltener Pistole, die unruhigen und
schlagenden Thiere auszuspannen, die nun augenblicklich das Weite suchten. Da
ihnen ihre Reiter in grter Angst zu Fu folgten, hinderte ich durchaus nicht,
ja es erschien mir so komisch, da ich ihnen ein lautes Gelchter nachsandte.
    Der Hauptmann hatte unterdessen gute Arbeit gemacht; er zwang die beiden
Bedienten ruhig auf ihrem Sitz zu bleiben, und ich trat nun an den Schlag des
Wagens, hatte aber dabei die Vorsicht, im nchsten Augenblicke, nachdem ich mich
gezeigt, auf die Seite zu springen, was sehr nothwendig war, denn der
entschlossene Besitzer des Wagens scho zweimal nach mir; die Kugeln pfiffen an
meinem Kopfe vorber. Natrlich bat ich ihn jetzt sehr ernst und dringend,
dergleichen zu unterlassen, und zog ihn aus dem Wagen hervor. Es war ein alter
Herr, und da er ein lahmes Bein hatte und sein Krckstock im Wagen geblieben
war, so mute ich ihn auf einen Stein an der Strae niederlassen, was ich auch
behutsam that, denn ich hatte mein kaltes Blut durchaus nicht verloren, die
Expedition kam mir sehr ungefhrlich vor. - Denken Sie sich aber, wie mir zu
Muthe ward, als ich nun die Wagenlaterne herunter nahm, als der Schein derselben
auf das Gesicht des alten Mannes fiel und ich trotz der langen Jahre und des
einmaligen Sehens jene harten, starren Zge wohl erkannte. - Das Geschft des
Wagendurchsuchens, das Herausnehmen der Cassetten und Brieftaschen berlie ich
dem Andern; ich stand neben dem alten Manne und dachte an jene Nacht, wo wir uns
zum ersten Male gesehen. Ja, wir konnten so nicht scheiden; er mute mich wieder
erkennen, er mute erfahren, da das Schicksal zuweilen strenge Gerechtigkeit
bt. Ich zog langsam ein breites Messer hervor, und als er das sah, zuckte er
zusammen; doch hielt ich es ihm nur leicht vor die Augen und bat ihn, in seinem
Gedchtnisse um acht Jahre zurck zu gehen. Erinnern Sie sich, sagte ich mit
ruhiger Stimme, jener Nacht in dem Schlosse, das Sie vor nicht vielen Stunden
verlassen, jener Nacht, wo Ihr Wille eine ganze Familie aus einander ri, wo Sie
den Vater zu einem Verbrechen zwangen, die Mutter in's Elend verstieen, die
Kinder, Ihre eigenen Enkel, des ehrlichen Namens, des Vermgens, des Fortkommens
beraubten, in das Elend hinaus jagten, dem Laster in die Arme warfen. - Ja, dem
Laster; denn ich, der jetzt an Ihrer Seite in dem Wagen fahren sollte, um Sie -
setzte ich zhneknirschend hinzu - bei einem hnlichen Vorfalle wie der heutige
zu vertheidigen, ich, damals jener Knabe, den Sie dieses selbe Messer handhaben
sahen, stehe jetzt vor Ihnen als Straenruber und knnte vielleicht Ihr Mrder
sein, wenn mir das Schicksal Ihr Herz gegeben htte. -
    Schrecklich, schrecklich!
    Das ist allerdings schrecklich, fuhr der Erzhler ruhig fort, Der Andere
hatte unterdessen die Cassetten auf den Boden niedergestellt und leerte sie mit
groer Behendigkeit in einen Sack, den er zu diesem Zwecke mitgenommen. Wir
sehen uns wohl niemals wieder, sprach ich zu dem alten Herrn, es sei denn, da
es Ihnen einfallen sollte, die Gerichte dafr gegen mich aufzurufen, da ich mir
mein rechtmiges Erbtheil genommen; - in dem Falle freilich und wenn Sie
versuchen sollten, mich noch tiefer zu strzen, wrde ich Ihnen wieder und dann
auch meine Mutter rchend vor Augen treten. Er gab begreiflicherweise keine
Antwort, doch lie er den Kopf tief auf die Brust herab hngen. Dachte er
vielleicht ber das Unrecht nach, welches er mir zugefgt, oder zrnte er ber
seine eigene Ohnmacht, mich in diesem Augenblicke nicht vernichten zu knnen?
    Die Pferde waren beladen, ich steckte mein Messer langsam in die Scheide,
wir schwangen uns auf, und obgleich mein Begleiter in vollem Galopp davon
wollte, nthigte ich ihn doch zu seiner Verwunderung, im Schritt zu reiten; und
so zogen wir langsam querfeldein zum groen Erstaunen der Bedienten, denen gewi
noch nie dergleichen vorgekommen war. Wir ritten noch eine Stunde durch die
Nacht bis zu den Ruinen einer alten Abtei, die dem Zigeuner wohl bekannt war.
Dort saen wir ab und untersuchten unsern Raub. Er war ber alle Maen
betrchtlich; zu gleichen Hlften getheilt, bildete er fr Jeden ein
ansehnliches Vermgen. Wir nahmen diese Theilung rasch vor, und das Einzige, was
ich fr mich allein in Anspruch nahm, war, da ich nur Papiere und Banknoten
nahm und meinem Begleiter dafr den Goldwerth lie. - Ich kann Sie versichern,
der arme Kerl, der sich doch ein wenig vor dem Galgen frchtete, war
berglcklich, nachdem ich ihm mein Verhltni zu jenem alten Herrn aus einander
gesetzt und ihm dabei die Versicherung gegeben hatte, er knne das heute Nacht
Eroberte ruhig genieen und sei nun fr die Zukunft ein gemachter Mann; er war
berglcklich, keinen Raub begangen zu haben, und Sophist genug, um sich zu
berreden, da wir nur meinen rechtmigen Erbantheil vom Vermgen meines
Grovaters getheilt.
    Natrlicherweise trennten wir uns darauf auf Nimmerwiedersehen; er ging zu
den Seinigen zurck, mich aber trieb es aus England fort, und nachdem ich mein
Vermgen geordnet, schiffte ich mich nach dem Continent ber, um so schnell als
mglich nach Sicilien zu gehen. In Paris aber hatte ich den klugen Einfall, nach
Palermo schreiben zu lassen, und erhielt nach einiger Zeit sehr untrstliche
Nachrichten von da. Von meiner armen Mutter und meiner unglcklichen Schwester
hatte man keine Spur. Das Unglck, welches uns betroffen, war dort nicht einmal
in seinem vollen Umfange bekannt; es hie, mein Vater habe sich von der Mutter
scheiden lassen, worauf sie mit einem groen Theil ihres Vermgens England
verlassen und nach Deutschland gegangen sei. Unsere Verwandten in Palermo, so
schrieb mein Sachwalter, liebten es brigens sehr, uns frmlich zu ignoriren,
und wenn uns nicht dringende Veranlassungen dazu trieben, riethe er uns, nicht
nach Palermo zurckzukehren.
    So war mir also auch meine eigentliche Heimath verschlossen; ich hatte
Niemand mehr, dem ich mich anvertrauen, dem ich mein Schicksal erzhlen, von dem
ich Trost und Hlfe erwarten konnte. O, ich fhlte mich einsam und elend; ich
war auf dem Punkte, den gleichen Schritt zu thun, wie Sie; aber auch mich hielt
ein Geist zurck, doch war es mein eigener, der mir, als ich mich ber das
Brckengelnder hinber lehnte, wie hhnend zurief: also feige willst du die
Welt, deine Feinde, die Menschen verlassen, willst keine Vergeltung ben fr all
das Unrecht, welches man dir gethan! - Trotze deinem Schicksal, trete ihm
entgegen, setze ihnen die Ferse auf den Nacken, wie sie es dir gethan, lebe als
freier und unabhngiger Mensch; denke an jene Zeit, wo du ein solcher warst, wo
du auf flchtigem Pferde ber die Haide jagtest, wo deiner Hand jede Blthe,
jedes unschtzbare Gut, das eine Menschenseele vergeben kann, erreichbar war,
denn du hattest den Muth, darnach zu greifen! - So sprach es in mir, so klang es
fort und fort in meinem Herzen und ich folgte der verlockenden Stimme. Reich,
wie ich war, warf ich mich in das Leben der groen Hauptstadt, lernte mich
bewegen in den hchsten Kreisen und knpfte dort Verbindungen an; aber ich griff
auch tiefer hinab in die Schichten der Gesellschaft und erwarb mir auf den
untersten Stufen derselben Bekannte, ja Freunde. - Sie sehen mich mit groen
Augen an, aber ich sage Ihnen die reine Wahrheit; wenn ich Nachts, von einer
glnzenden Soire kommend, aus meinem Wagen stieg, meine reiche Toilette von mir
warf, die Blouse anzog, mein Haar auf eigentmliche Art ordnete, so htte mir
jede der vornehmen Damen, mit denen ich vorhin getanzt, gerne ein Almosen
geschenkt, ohne mich zu erkennen.
    Ah! machte Herr Beil.
    Und glauben Sie ja nicht, da ich mich ungern in diesen untern Kreisen
bewegte! Da sieht man die Menschen in ihrer natrlichen Herzensgte, wie auch in
ihrer natrlichen Schlechtigkeit, ohne Schminke, ohne Verstellung; aber man mu
ihren Kreis nicht als fremdes Element tangiren, man mu zu ihnen gehren, dann
gengt ein Wort, ein Handschlag, und dem, welcher Aufopferung fr sie zeigt,
gehren sie mit Leib und Seele. - O, das war fr mich ein entzckendes Leben,
unsichtbar wie ein Geist durch alle Stufen der Gesellschaft zu schweben,
aufwrts und abwrts; ich war allwissend und allmchtig, keine geheime Polizei
erfuhr und konnte leisten, was ich vermochte. Ich sah die Fden von tausend
Intriguen vor mir spielen, ich knpfte sie an, wo es mir gefiel, und zerri sie,
wenn es mir beliebte; die geheimsten Geschichten lagen offen vor mir da, ich
befrderte ihren Lauf oder hemmte ihn, je nachdem es mir einfiel; ich war Herr
und Gebieter ber Tausende von Sklaven.
    - Und das waren Sie oder sind es noch? fragte der Andere mit gepreter
Stimme.
    Ich bin es noch, entgegnete der Erzhler, indem er sich stolz aufrichtete
und seinem Gegenber fest in die Augen sah. Ja, ich bin es noch und lugne es
Ihnen, dem ich eine offene Beichte ber mein ganzes Leben abgelegt, nicht.
    Also doch! also doch! - Verzeihen Sie, gndiger Herr, meine Ueberraschung,
mein Erstaunen, ja meinen Schrecken, denn Sie erscheinen mir so pltzlich als
ein rthselhaftes Wesen, das in finstern Schatten bei uns vorbeischwebte und
jetzt auf einmal an's Licht tritt, - fast ein Gespenst. - Ja, ein Gespenst,
fuhr er entsetzt fort, indem er sich langsam empor richtete und starr in die
glnzenden Augen sah, welche der Andere fest auf ihn gerichtet hielt. - Gewi
ein Gespenst und dasselbe, welches mir damals am Kanal erschienen. - Aber ich
bin kindisch, fuhr er nach einer Pause mhsam lchelnd fort, wobei er sich ber
die feuchte Stirne strich, Sie sitzen ja krperhaft vor mir, und jenes Phantom
- war ja auch kein Phantom, - Sie waren es.
    Ja, ich war es, mein Freund, entgegnete der Erzhler; ich war es, der Ihr
Leben rettete, der Ihren Leib und Seele erhielt; und wenn ich sage, da ich Sie
fr mich erhielt, so geschah es ja nur, um einen Freund zu gewinnen, der fern
von meinem wilden Treiben steht, dem ich mein Inneres erffnen konnte, der mir
in vorkommenden Fllen seinen guten Rath nicht vorenthalten wird. - O seien Sie
ganz ruhig, ich werde Sie nie in den finsteren Kreis ziehen; dies Haus, dieses
Zimmer sollen rein bleiben wie die Seele des Kindes, das dort drinnen so ruhig
schlft.
    Und dieses Kind - es ist das Ihrige?
    O nein, sagte der Baron mit trbem Lcheln, so glcklich bin ich nicht.
Hren Sie mich noch einen Augenblick an; bald bin ich mit meiner Geschichte zu
Ende. - Anfnglich glaubte ich, ich knnte von dem seltsamen Leben, das ich
angefangen, ebenso leicht wieder lassen, wie man ein Kleid wechselt, wie man
einen Handschuh auszieht. Das wollte ich auch, ich verlie Paris und ging nach
Deutschland. Aber obgleich ich mich in der ersten Zeit fern von Allem hielt, was
mich frher so sehr belustigte, so dauerte das doch nicht lange; wie ich Ihnen
schon gesagt, ich konnte es nun einmal nicht lassen, unsichtbar lohnend und
strafend in die Geschicke der Menschen, die mich interessirten, einzugreifen.
Das Erstere that ich brigens hufiger und ich konnte es. Sie werden mir
glauben, wenn ich Ihnen sage, da ich von meinem Treiben und meinen Verbindungen
nie den geringsten Vortheil zog, nie - nie, obgleich dem Unsichtbaren ungeheure
Summen geboten wurden, obgleich groe Vermgen zu meinen Fen rollten. Ein
Verschwender war ich nie; was ich besa, mehrte sich auf rechtliche Weise, statt
abzunehmen, obgleich ich dem Elend mit vollen Hnden half, wo ich konnte. Da
befand ich mich in W. und unter vielen scandalsen Geschichten, welche die
reichen jungen Leute, mit denen ich verkehrte, erzhlten, interessirte mich eine
ganz besonders: es war das ein frmlicher Sklavenhandel. Eine Mutter, so hie
es, hatte ihre eigene Tochter um eine betrchtliche Summe verkauft, das Mdchen
aber habe eine andere Neigung und sei in Verzweiflung. Das war ein Fall, fr den
ich da war; meine erste Idee war, das arme Geschpf entfhren zu lassen, ihr
eine Existenz zu grnden, sie, wenn mglich mit ihrem Geliebten zu vereinigen. -
Unmglich! Denn leider stand dieser Freund durch Rand und Stand so weit ber
ihr, da an eine Verbindung nicht zu denken war. Ich beschlo, mich also bei ihr
einzufhren, und das that ich auch. - Bei diesen Worten athmete der Erzhler
tief und schwer, und als er darauf mit der Hand ber seinen Bart strich,
zitterte diese leicht; auch hatte er die vorigen Worte nur mhsam
hervorgebracht.
    - Ich ging also dorthin. Um einen Vorwand war ich bei dergleichen nie
verlegen, ich betrat ohne lange zu fragen ihr Zimmer, ich fand das Mdchen
allein, ein Schauer durchflog meinen Krper, meine Zhne schlugen in Fieberfrost
zusammen, - ja, es konnte nicht anders sein, ich fand die Zge des Kindes in der
Erwachsenen wieder - ich stand vor meiner Schwester, - gerechter Gott! vor
meiner Schwester, die von ihrer, von meiner Mutter der Schande verkauft war. -
Aber nein, nein! so frchterlich sollte es nicht kommen, gehen wir mit wenigen
Worten darber hinweg. Ja, meine Schwester war es; aber meine arme Mutter war
lngst gestorben; sie hatte ihr Kind aufgesucht und es auch glcklich in
Schottland gefunden; sie hatten ein kmmerliches Leben gefhrt, meine Mutter
hatte mit ihren zarten Hnden Tag und Nacht gearbeitet, um sich und ihr Kind auf
ehrliche Art zu erhalten; aber alle die schrecklichen Verluste, die sie
erlitten, das Andenken an meinen Vater, der sie so entsetzlich mihandelt, - an
mich, den sie todt geglaubt, hatten ihre Gesundheit zerstrt. - Nach ihrem Tode
stand meine Schwester rathlos da, irgend ein Zufall brachte sie zu jener Frau,
die sich heute ihre Mutter nannte, die sie sorgfltig erzog, aber damals schon
berechnete, das schne geistreiche Mdchen werde sich einstens selbst bezahlt
machen.
    Da ich mit dieser Dame eine starke Unterredung hatte, knnen Sie sich
denken; die fr meine Schwester verlangte Summe gab ich ihr und nahm das arme
Geschpf mit mir, - ja, das arme Geschpf, - denn es waren Sachen vorgefallen,
die mich nthigten, ein Jahr lang mit ihr in tiefster Verborgenheit zu leben.
Sie wurde Mutter eines Kindes, eines Knaben - und was soll ich's verschweigen? -
desselben, der jetzt unter Ihrer Aufsicht lebt und den Sie dehalb nicht weniger
lieben werden, weil seine Geburt keine legitime ist.
    Die Versicherung des Herrn Beil, da er das Kind vielleicht noch mehr lieben
werde, weil es ohne rechtmige Ansprche an einen vterlichen Schutz so allein
in der Welt stehe, schien der Baron gar nicht zu hren. Er hielt beide Hnde vor
das Gesicht und sa so eine Zeit lang in sich versunken da. Als er wieder empor
schaute, seufzte er tief auf und sagte: Glauben Sie mir, ich htte lieber das
Grab meiner Schwester gefunden, als sie selbst auf diese Art. Ich erzhlte Ihnen
schon, wie ich sie als ein kleines Mdchen geliebt. Und diese Liebe hat mit den
Jahren zugenommen; in meinen Trumen sah ich sie vor mir, wachsend, grer und
schner werdend, liebenswrdig und verstndig, wozu sie schon als Kind so schne
Hoffnungen gab. Ach! ihr Kind hat mich vor Vielem bewahrt, namentlich vor einem
wilden Leben und vor manchen unberlegten Handlungen. Ich will es Ihnen
offenherzig gestehen: obgleich ich viele Abenteuer hatte, habe ich doch nie
geliebt; denn so oft ich mein Herz einem weiblichen Wesen zuwenden wollte, trat
mir das Bild meiner Schwester vor die Seele und daneben erblate alles Andere.
Es war wohl mit das schreckliche Unglck unserer Jugend, was mich so fest an sie
hinzog. Einmal, fuhr er nach einer Pause lchelnd fort, und es ist noch gar
nicht lange her, da traf ich mit einem armen Geschpfe zusammen, mit einem
Mdchen, das blonde Haare hatte, wie meine Schwester und auch einen Zug in ihrem
Gesichte, der mich an diese erinnerte. Das durchzuckte mich wunderbar, und wenn
ich dem Mdchen frher begegnet wre - aber das sind nur Phantasieen! - gehen
wir weiter!
    Nachdem das vorber, reiste ich mit meiner Schwester nach Sicilien und
machte dort eine Klage gegen meinen Grovater in England anhngig; ich wute
wohl, da dabei nichts zu gewinnen war, doch prozessirte ich nur in der Absicht,
um einen Namen fr meine Schwester zu erhalten. Dies gelang mir auch; man
erklrte sie fr berechtigt, den Familien-Namen unseres Vaters zu fhren: ich
fr meinen Theil verzichtete darauf: der Enkel des Lord K. war todt und
verschollen; auch meiner Schwester konnte ich ntzlicher sein, wenn ich ihr, sie
unsichtbar schtzend, zur Seite stand. Wer wute auch, wenn wir den gleichen
Namen fhrten, ob sie nicht vielleicht dadurch in Sachen verwickelt werden
konnte, die ihr fern zu halten meine heiligste Pflicht war. Da ich mein
Vermgen redlich mit ihr theilte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. - Und
nun bin ich zu Ende, aber gerne bereit, Ihnen irgend welche Fragen zu
beantworten, die Sie an mich zu richten fr gut finden. Fragen Sie mich ohne
Scheu!
    Wenn ich das thue, sprach Herr Beil nach einigem Zgern, so ist es nicht
Neugierde, die mich treibt; doch mchte ich erfahren, ob die Mutter des Knaben
seinen Aufenthalt wei, ob es ihr erlaubt ist, ihn zu sehen.
    Das Letztere kann ich Ihnen noch nicht sagen, - meine Schwester
verheiratete sich, sie machte, was die Welt eine glnzende Partie nennt; doch
lebt sie kinderlos bei dem alten Gatten und immer noch hngt ihr ganzes Herz an
dem Knaben.
    Und wie habe ich mich zu benehmen, wenn sie einen Versuch machen wollte,
das Kind zu sehen? - Sie sagten mir selbst, man forsche demselben von andern
Seiten nach.
    Ganz recht, da Sie daran denken; sollte Sie also eine Dame zu sprechen und
das Kind zu sehen verlangen, so fragen Sie, ob sie schon lnger in hiesiger
Stadt sei; gibt man Ihnen zur Antwort, sie komme soeben von einer Reise nach
England zurck, so knnen Sie ihr das Kind getrost in die Arme fhren.
    Doch nun ist es Zeit, da ich mich entferne, sagte der Baron nach einer
Pause, indem er sich erhob - meine Pferde schaudern, der Morgen dmmert auf,
kann ich Ihnen mit Mephisto zurufen; ich habe Sie einen wilden Traum
durchtrumen lassen; ich fhrte Sie auch ber de Haiden und selbst ein wenig am
Rabenstein vorber. - Adieu, mein Freund, denken Sie, da ich ganz der Ihrige
bin. Gebieten Sie ber mich: soll ich etwas fr Sie erlangen in der niedrigsten
Htte oder am Throne des Knigs, ich werde es thun. - Leben Sie wohl! Sobald es
mir mglich ist, suche ich Sie wieder auf. Sollten Sie etwas dringendes fr mich
haben, so wissen Sie ja meine Wohnung. - Hierauf drckte er dem Herrn Beil
herzlich die Hand, verlie das Zimmer und gleich darauf das Haus.
    Dieser trat an's Fenster und blickte dem Baron lange nach, wie er leicht und
gewandt ber die Strae dahin schritt und bald um die nchste Ecke verschwunden
war. Ja, der Morgen dmmerte auf, ein trber, kalter Wintermorgen; am Himmel
jagte der Wind graue Wolken, welche, ber die Stadt hinwegfliehend, zuweilen
einzelne Schneeflocken hernieder flattern lieen. Die Windfahnen drehten sich
kreischend, zwischen den entfernteren Husern lag ein feiner frostiger Duft, und
an einem Brunnen, der sich gerade dem Hause gegenber befand, hatten sich seit
einigen Stunden ziemliche Eiszapfen gebildet. Drauen war es unbehaglich, aber
im Zimmer strmte der Ofen eine angenehme Wrme aus. Herr Beil lschte die Kerze
aus, die Flamme derselben konnte dem hereindringenden Tageslicht nicht mehr
widerstehen und brannte mit dunkelrother Gluth. Nachher fuhr er sich mit der
Hand ber das Gesicht und es war ihm zu Muth, als habe er wirklich einen wilden
Traum getrumt oder als habe er whrend der Nacht ein seltsames Buch gelesen,
eine Rubergeschichte, wie sie eigentlich nur in Romanen vorkommt. Er versank in
tiefes Nachsinnen und war ordentlich froh, als bald darauf eine helle
Kinderstimme an sein Ohr schlug, die laut und lustig rief: Onkel Beil, ich bin
erwacht und mchte gern aufstehen!

                          Fnfundsechzigstes Kapitel.



                            Ein gefhrliches Papier.

Der Doktor Eduard Erichsen hatte in seinem sogenannten Studierzimmer einen alten
ledernen Lehnstuhl, den er bei guter Laune seinen olympischen Dreifu zu nennen
pflegte. Es war ein ehrwrdiges Mbel, das er, von jeher ein geordneter Mann,
sich schon auf der Universitt angeschafft hatte, und von dem sich zu trennen
ihm unmglich war. Der Lehnstuhl war ziemlich altmodisch, mit einem Leder
berzogen, dessen Farbe nicht mehr zu erkennen war, und glnzte an verschiedenen
Stellen wie polirt. Ach! wie oft hatte er seinem Herrn freundlich die alten Arme
geffnet und ihn aufgenommen bei Lust und Schmerz; wie viele Gedanken hatten,
hier ruhend, schon des Doktors Kopf durchzogen. Bei gewhnlichen Veranlassungen
brauchte er ihn selten, aber sowie es eines reiflichen Nachdenkens bedurfte, sei
es ber einen schwierigen Krankheitsfall, sei es ber irgend eine
Familienangelegenheit, so vergrub sich Herr Erichsen gern in die alten Kissen.
Auch seinen Platz hatte der Stuhl schon oft wechseln mssen; als sein Besitzer
einstens krank und wieder auf dem Wege der Besserung war, stand er so, da die
ersten Strahlen der Morgensonne ber ihn und den Genesenden hinspielten; auch in
dem Schlafzimmer war er frher hufig, der Doctor hatte ihn gleich zu Anfang
seiner Ehe neben das Bett seiner Frau gerollt, und das waren damals seine
seligsten Augenblicke gewesen, wenn er aus Geschften oder von Gesellschaften
spt heimkehrend noch mit ihr eine angenehme Stunde verplaudern konnte. Ja,
damals hatte der Stuhl eine groe Rolle gespielt: auf ihm hatte der glckliche
Vater zum ersten Mal seinen kleinen Oskar in den Armen gewiegt, auf ihm hatte
die junge schne Mutter zum ersten Mal nach jener verhngnivollen Zeit
ausgeruht, und zum ersten Mal ihr Kind recht innig an die Brust gedrckt. Aber
auch die kleinen Leiden seines Besitzers, die nachher so gro, ja endlich
unheilbar werden sollten, waren auf eben diesem Stuhle berdacht worden, und es
war, als ob das alte Mbel in der That eine beruhigende Kraft auf seinen Herrn
ausbte: denn wenn dieser sich auch in der grten Erregung darauf
niedergelassen hatte, so beschlichen ihn bald sanftere Gedanken, er wurde
nachgiebiger, auch trauriger, wie das gerade eben kam. -
    An alles Das dachte der Doktor, als er wieder einmal und sehr tief vergraben
in den Lederkissen ruhte. Er hatte den Kopf auf die Brust herabgesenkt, die
Augenlider halb geschlossen, die Hnde gefaltet, und man htte glauben knnen,
er schlafe, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer seine Brust geschwellt und
seinen Kopf gewaltsam emporgehoben htte.
    Es mochte zehn Uhr Morgens sein, und im Haus des Doktors, in welchem sich
sonst um diese Zeit ein reges Leben bewegte, wo die Kchin in ihrer Kche
hantirte, wo Kindsfrau und Stubenmdchen plaudernd oder singend ihre Arbeit
thaten, wie die Thre auf und zu ging, war es heute still wie auf einem
Kirchhofe. In der Kinderstube befanden sich allerdings beide eben erwhnten
Dienstboten, doch sa die Eine an diesem, die Andere an jenem Fenster, Beide
machten lange Gesichter, schauten zwar verstohlen gegen einander hin, sprachen
aber kein Wort. Selbst die Kchin machte nicht den geringsten Lrmen; sie stand
an ihrem Herde vor einem Kessel, in welchem das Suppenfleisch kochte, statt es
aber abzuschumen, wie wohl ihre Schuldigkeit gewesen wre, hatte sie
gedankenvoll den Schaumlffel auf den Herd gesttzt, blickte vor sich nieder und
lie die dampfende Brhe berlaufen.
    Auf dem Gange zwischen den Zimmern sah es ganz fremdartig aus; da standen
groe und schwere lederne Kisten, auch Koffer und Hutschachteln, es war gerade,
als wolle sich die ganze Familie auf Reisen begeben.
    Kehren wir nun in das Zimmer des Arztes zurck, so finden wir ihn wie frher
unbeweglich im Lehnstuhle ruhend und selbst nicht einmal Achtung gebend auf das
Spielen der Kinder, die bei ihm im Zimmer waren. Und das Spiel, welches sie
trieben, war doch der Mhe werth, mit angesehen zu werden. Oskar und Anna saen
am Boden und hatten zwischen sich einen Fuschemel, auf dem sich ein drittes
Kind befand, ein ziemlich kmmerlich aussehendes Mdchen, das die erstaunten
Blicke bestndig im ganzen Zimmer umherlaufen lie. Seinen Anzug htte man
komisch nennen knnen; es hatte ein einfaches, etwas rmliches Wollenkleid an,
darber einen kleinen Sammetmantel, den ihm Oskar umgehngt, und auf dem Kopf
einen zierlichen Spitzenhut, von Anna ziemlich schief darauf befestigt. Letztere
hatte in der Hand eine groe Tasse mit Kaffee, in welche Brod eingebrockt war,
das sie dem Kind lffelweis in den Mund gab. Zuweilen nahm dieses davon,
zuweilen aber schlo es die Lippen und wandte den Kopf so heftig auf die Seite,
da der Kaffee ber das Kleid herabflo und auch wohl ber den schnen
Sammetmantel; und dann rief Oskar und Anna wie aus einem Munde: Papa! das
fremde Kind it wieder nicht!
    Das fremde Kind schien sich brigens bei dieser Abftterung und der ihm
bewiesenen allzu groen Aufmerksamkeit gar nicht heimlich zu fhlen; es blickte
fters erschreckt auf den Sammetmantel, schielte besorgt nach dem Spitzenhute,
zuckte unruhig mit den Fen, als wolle es durch einen verzweifelten Sprung den
Versuch machen, seine Freiheit wieder zu gewinnen, kurz es benahm sich wie ein
kleiner Affe, den man eben eingefangen und bei welchem die erste Dressur probirt
wird.
    Jetzt hrte man, da drauen die Glasthre geffnet wurde; rasche Tritte
nherten sich, ihr Klang hrte aber auf Augenblicke auf, als betrachte sich der
Ankommende die Koffer und Kisten im Gange, dann wurden sie eiliger wieder
fortgesetzt, und nun ffnete sich hastig die Thre, ohne da vorher angeklopft
worden wre.
    Arthur erschien auf der Schwelle und blieb kopfschttelnd stehen, als er in
das Zimmer blickte. - Schne Geschichten das! rief er nach einer Pause,
whrend welcher er die Thre hinter sich zugedrckt und sich dem Lehnstuhl
genhert hatte. - Aber um's Himmels willen, Eduard, ist denn die Geschichte
wahr? und du sagtest mir gestern nichts davon! Mu ich das heute Morgen von
Alfons erfahren, der es beim Frhstck auf seine gewohnte Art mit Mama
besprach.
    Der Doktor richtete den Kopf in die Hhe, ohne aber sonst seine Stellung zu
verndern. - Ich wollte gerade zu dir hin, Arthur, entgegnete er mit weicher
Stimme, mein Wagen steht unten schon eingespannt; aber ich gerieth hier an
meinen alten Freund, und der hielt mich fest durch Trumereien und
Erinnerungen. -
    Aber sage, fuhr der Andere dringender fort, will sie wirklich nicht
zurckkehren? Mama hatte ihr doch den Kopf zurecht gesetzt und sie schien ihr
Unrecht einzusehen.
    Sie schien, erwiderte Eduard traurig lchelnd, das heit sie gab der
Mutter nach ihrer gewhnlichen Art keine Antworten, als sie aber euer Haus
verlassen, schrieb sie mir, es sei fr uns besser, wenn sie auf ihrem Entschlu
beharre. Da lies dies merkwrdige Schreiben; ich wei nicht, ob Herr Alfons auch
davon Kenntni hat.
    Der Maler durchflog das ihm dargereichte Papier und warf whrend des Lesens
mehrmals einen Blick auf die Kindergruppe. Dann faltete er das Schreiben
zusammen, gab es seinem Bruder zurck und versetzte achselzuckend: Was wei der
nicht? auch darber sprach er spottend und hhnend. Aber wie hing denn die ganze
Sache eigentlich zusammen? - Ist die das Kind?
    Der Doktor nickte mit dem Kopfe, wobei er sagte: Auf die einfachste Weise
von der Welt. Du weit von unserer groen Scene am Weihnachtsabend; den andern
Tag fuhr sie zu ihrer Mutter, und die wrdige Dame, statt ihre Tochter
zurckzuschicken, oder selbst zu kommen, sandte ihren Sachwalter, denn sie fand
sich in ihrer Tochter hchlich beleidigt. Darauf nun schrieb ich ihr einen
Brief, - ich sage dir, einen Brief, der einen Stein htte erweichen mssen. Nun,
die Folge war denn auch die Unterredung mit der Mutter.
    Richtig! richtig! Wie ist aber die Geschichte mit jenem Kind? Denn, so viel
ich erfahren, fiel die nun dazwischen und warf Alles wieder auseinander.
    Die ist an sich sehr einfach; aber weit du, Arthur, wenn man einen Vorwand
zu Verdchtigungen und Streitigkeiten sucht, so ist er sehr leicht gefunden. Auf
seltsame Art machte ich an demselben denkwrdigen Weihnachtsabend die
Bekanntschaft einer unglcklichen Person, die im hchsten Grade schwindschtig
war, der bse Menschen ihr Kind geraubt, das sie aber wieder erhielt, und die
ich, da sie wie gesagt, krnklich und von aller Hilfe entblt war, regelmig
besuchte und sie untersttzte so gut ich konnte.
    Das ist an und fr sich nichts Schlimmes.
    Sie wurde aber tglich krnker, das Kind verkam ordentlich und als die
Mutter vor ein paar Tagen starb, sah ich denn nichts Arges darin, die Kleine
mitzunehmen und sie so lange hier zu behalten, bis ich eine passende Unterkunft
fr dieselbe gefunden. - Ist daran etwas Unrechtes?
    Fr uns und alle rechtlich denkende Menschen nicht, erwiderte Arthur und
legte seine Rechte sanft auf die Schulter des Bruders. Aber da du damit
willkommenen Anla zu neuen Anklagen gabst, das httest du dir doch, bei Gott!
vorstellen knnen. - Nicht wahr, anonyme Briefe wurden deiner Frau gesandt?
    Versteht sich von selbst; und welches gemeinen und boshaften Inhalts, das
kannst du dir gar nicht denken. Das war ein Verhltni, das ich schon lange
Jahre unterhalten, das natrlicherweise der Welt bekannt war, das man aber bis
jetzt aus Schonung verschwiegen.
    O schndlich! schndlich!
    Endlich konnte aber der redliche Freund, der sich leider nicht nennen
durfte, es nicht mehr ber sich gewinnen, stillschweigend zuzusehen, wie eine
unglckliche Frau so unverantwortlich von ihrem Manne betrogen werde.
    Und die unglckliche Frau glaubte wohl selbst diese Geschichte nicht?
    O sie glaubt sie wohl nicht, aber sie thut, als ob sie sie glaube. Ich
machte gestern einen Besuch bei Mama's liebenswrdiger Freundin, der
Tutelarrthin Wasser; sie war natrlicherweise zurckhaltend, so zu sagen mit
Anstand gepolstert, und wehmthig zum Ueberlaufen. Sie hatte meine Frau
gesprochen und aus deren eigenem Munde jenes infame Gercht vernommen.
    Deine Frau hat es ihr gesagt! rief Arthur entrstet.
    Als Gercht; aber meine Schwiegermutter hatte hinzu gesetzt: das fehle noch
zu der schlechten Behandlung, der Madame bei mir ausgesetzt gewesen sei.
    O, dann ist alles verloren!
    Ja, das fhle ich auch. Du ersiehst ja aus dem Briefe, da meine Frau die
einleitenden Schritte zu einer Scheidung bereits gethan hat. O mein guter Name,
meine armen, armen Kinder!
    Bah! rief der Maler entrstet, ber deinen Namen beruhige dich; an dem
bleibt kein Makel hngen. Man kann dir kein Unrecht geben.
    Den Frauen gegenber haben wir in solchen Fllen immer Unrecht; alle Weiber
nehmen fr sie Partei, und man wird mich verarbeiten und zerreien, da kein
gutes Haar an mir bleibt.
    Aber was soll mit dem Kinde geschehen?
    Ich wei es nicht; hier kann ich es nicht behalten. Denke dir, Arthur, da
meine smmtliche Dienerschaft mir in sittlicher Entrstung den Dienst
aufgekndigt hat.
    Die Canaillen!
    Die Kindsfrau meinte, sie habe sich bei anstndigen und ehrlichen Kindern
verdingt, sei aber nicht dazu gemacht, uneheliche Blge aufzuziehen.
    Das sagte sie dir in's Gesicht?
    O nein; Franz, der Kutscher, hat es mir erzhlt.
    Und der?
    Er bat mich zu gleicher Zeit um Erlaubni, die drei Weibsbilder zum Hause
hinaus werfen zu drfen.
    Die htte ich ihm ertheilt.
    Um noch mehr Skandal zu haben! Du wirst schon sehen, was die drei
Weiberzungen von mir aussagen werden.
    Ja, ja.
    Die haben mein Verhltni zu jener unglcklichen Person schon lange gewut,
oh! ganz genau gekannt. Glaube mir, Arthur, die werden mir einen schnen Namen
machen. Und dagegen vermag kein ehrlicher Mann, keine Macht dieser Welt etwas.
    Onkel Arthur! rief Anna, schau dir unser Kind an. Papa hat es fr uns zum
Spielen mitgebracht; wenn es einmal schne Kleider bekommt und brav ist, so wird
es unser Schwesterchen; nicht wahr, Papa?
    In deinem Hut und Mantel, sagte Oskar mit Kennermiene, sieht es gerade
aus, wie du, Anna.
    Verlangen die Kinder zuweilen nach ihrer Mutter? fragte Arthur leise.
    Selten, eigentlich nie, erwiderte traurig der Bruder. Es ist ihnen etwas
ganz Gewhnliches, da sie sie nicht sehen.
    Hast du drauen die Kisten gesehen und die Koffer, Onkel Arthur? Wir
verreisen; ich wei es ganz gewi.
    Ja, wir gehen, setzte Anna hinzu, weit, weit fort.
    Und haben heute Morgen schon eine Reise gemacht, sprach der Knabe. Anna
gehrt die groe Kiste, mir der Koffer; das sind zwei Kutschen, in denen wir
schon weit weg gefahren sind. Ich war der Fuhrmann; wo hast du meine Peitsche
gelassen? wandte er sich an die Schwester.
    Das geht nun seit gestern so fort, sagte leise und traurig der Vater; die
armen, armen Dinger! Schon als eingepackt wurde, brachten sie auch von ihren
Kleidern und Wsche herbei und wollten nicht begreifen, warum die Sachen von
Mama allein in die Koffer gelegt wrden.
    Qule dich doch nicht selbst mit diesen Gedanken, entgegnete Arthur. Du
bist weicher als die Kinder. Vor allen Dingen la uns ruhig berlegen, was zu
thun ist. Mama hat dir neue Dienstboten besorgt, nicht wahr?
    Ja, sie kommen schon heute.
    Nun denn, was denkst du mit dem Kinde da anzufangen?
    Der Doktor zuckte mit den Achseln. Ich werde es in irgend eine ordentliche
Anstalt thun, sagte er.
    Das ist nichts, erwiderte Arthur. Httest du es von seiner gestorbenen
Mutter weg gleich in eine solche bringen lassen, so wre es ganz gut gewesen.
Aber jetzt, wo nun einmal die fatalen Gerede ber dich in der Stadt gehen, wrde
das nur zu neuen Klatschereien Stoff geben. - Das Kind mu verschwinden, man mu
es zu stillen, verllichen Leuten thun, die es vertrauensvoll aufnehmen, die es
gut behandeln und weiter nicht darber sprechen.
    Solche Leute sind selten, meinte trbe lchelnd der Doktor.
    Wtest du Jemand?
    Allerdings sind sie selten, entgegnete der Maler und blickte nachdenkend
zum Fenster hinaus; sehr selten, aber es gibt noch gute, edle Herzen, die nach
Krften Gutes thun, ohne darber zu sprechen, - edle Menschen, die ihren
Nchsten lieben, namentlich wenn er in Noth ist.
    Die sind schwer zu finden und zu erkennen.
    Zu erkennen leicht, wenn man sie gefunden, sprach Arthur mit Wrme. O,
der Glanz ihres Auges sagt dir, da das Herz gut und edel ist; ein offenes
ehrliches Lcheln lt dich auf den Grund ihrer Seele blicken, ein einziges
Wort, mit dem sen Klang ihrer Stimme gesprochen, lt dich fhlen, da es wahr
und aufrichtig gemeint ist; an dem Hauch, der von einem solchen Wesen ausgeht,
erkennst du, da du es mit einem edlen reinen Geschpfe zu thun hast.
    Arthur! Arthur! sagte erstaunt der Bruder. Du redest dich ordentlich in's
Feuer, du schwrmst. Kennst du vielleicht ein solches Wesen? - Er sttzte den
Kopf in die Hand und blickte fragend in die Hhe. - Ja, fuhr er nach einer
Pause lchelnd fort, du hast soeben ein Portrt skizzirt, und wenn es dem
Originale wirklich hnlich sieht, so mchte ich es wohl kennen.
    Du sollst es kennen, entgegnete Arthur mit weicher Stimme. Das Original,
das ich dir mit voller Wahrheit nicht zu schildern vermag, ist ein Mdchen, das
ich liebe, und wie liebe, Eduard! das mein werden mu, und sollte ich Alles
daran setzen, viel, viel darber verlieren. - O, das wre ein Verlust, bei dem
ich tausendfach gewinnen mte.
    Ja, verlierend zu gewinnen, sagte, glaube ich, ein gewisser Romeo bei einer
hnlichen Veranlassung, meinte der Doktor und betrachtete aufmerksam seinen
Bruder.
    Dieser that einen tiefen Athemzug, legte seine Hnde auf die Schultern
Eduard's und sprach: Gott sei Dank, die Schale, die mein Herz umgibt,
zerspringt, dein Unglck, mein guter Bruder, hat mir den Muth gegeben, mit dir
darber zu sprechen.
    Ist es denn etwas so Schlimmes und Unbegreifliches?
    
    Schlimm allerdings vor den Augen unserer Familie, und es wird der Welt auch
sehr unbegreiflich erscheinen. Ich liebe ein Mdchen, jung, schn, reizend, wie
man sich die Engel vorstellt, und dieses Mdchen will ich heirathen, obgleich
sie keiner bekannten Familie angehrt, obgleich ihr Vater ein armer
Schriftsteller ist, sie selbst eine Tnzerin.
    Also ist die Geschichte doch wahr? erwiderte der Doktor kopfnickend; ich
warf sie weit hinweg, als man mir davon sagte. Alfons zielte schon mehrmals
darauf hin.
    Aber jetzt mchte ich dich fragen, lieber Eduard, ist denn das etwas so
Schlimmes und Unbegreifliches?
    Versteh' mich wohl, Arthur, ich werde ja mit tausend Freuden das Mdchen,
das du dir auserwhlt, als Schwgerin begren; wei ich doch leider am Besten,
da es keine Versicherung fr husliches Glck ist, eine Tochter aus sogenannter
untadelhafter, unbescholtener Brgerfamilie zu heirathen. Habe ich das doch
traurig erlebt! - Wenn das Mdchen nur keine Tnzerin wre!
    Man wird sich allerdings vor Allem daran stoen; aber mir ist es vollkommen
gleichgiltig.
    Du - das gibt frchterliche Szenen mit Mama; wahrhaftig, Arthur, ich
frchte, das wird die alte Frau schwerlich berleben. Hast du dir auch die Sache
grndlich berlegt?
    Wenn ich ein ehrlicher Mensch bleiben will, kann ich nicht mehr zurck.
    Denk an unsere Verwandtschaft, an unsere hochnasigen Bekannten in hiesiger
Stadt; sie werden deiner Frau ihre Thre nicht ffnen.
    Die Hochmthigen und Dummen allerdings nicht; aber was ist an denen
gelegen? Man lernt auf solche Art seine Freunde kennen; - ich versichere dich,
Eduard, das wre mir eben interessant. Ich wei wohl, da sich manche Thre vor
uns verschlieen wird, aber das ist mir gerade recht. Leute von wirklich gutem
Hause, an deren Namen nicht der geringste Makel klebt, - vorausgesetzt, da sie
gescheidt sind und nicht an dnkelhaftem Hochmuth leiden, - werden es mich nicht
fhlen lassen, da ich bei der Wahl meiner Gattin nach ihren Begriffen ein paar
Stufen zu tief hinab stieg. Aber solches Volk von dunkler, zweifelhafter
Herkunft, deren frheres Leben wie ein Sumpf ist, dessen schmutzige Flche
mchtige nachbarliche Schlingpflanzen mitleidig verdecken, - Menschen, die sich
durch allerlei Kunstgriffe, durch rastlose Bemhungen selbst empor
geschmeichelt, die kein gutes Gewissen haben und die es ungeheuer scheuen, von
Herkunft und dergleichen zu reden, ja selbst daran erinnert zu werden, - die
allerdings werden mit einer heiligen Scheu vor uns zurckprallen, werden mich
aber zum grten Dank verpflichten, indem sie mir ihr Haus verschlieen, und
werden mir das Vergngen machen, nie ihren unsaubern Fu ber meine reine
Schwelle zu setzen.
    Brr! machte der Doktor; wenn das Mama's Busenfreundin, die Rthin Wasser,
hrte. An die dachtest du doch?
    Allerdings dachte ich an die kleine halbverwachsene, boshafte Person, aber
solche Wasser gibt's noch viele; man knnte ein ganzes Meer daraus machen, einen
Ocean der Dummheit und des Hochmuthes. - Aber Eduard, kann ich in der
Angelegenheit auf dich rechnen?
    Gern, wenn du mir nur sagst, auf welche Art ich dir dienen kann. Und jetzt
mit Mama zu verhandeln, wre fr mich milich. Aber bei dem allgemeinen Sturme,
der nothwendig erfolgen mu, will ich treu und fest an deiner Seite stehen.
    Schn! nur ist es mir unmglich, gegen die Mama das erste Wort
auszusprechen, und darin kannst du mir auf Umwegen einen Gefallen thun. Erzhle
Alfons die ganze Geschichte, als habest du irgendwo gehrt, ich htte ein
derartiges Verhltni, ich htte einer Tnzerin versprochen, sie zu heirathen,
mache es so schlimm wie du willst, Alfons wird das Seinige noch dazu thun, und
mir ist es dann leichter, die Sache in besserem Licht darzustellen als er.
    Recht gern; das wird mich wenig Mhe kosten. Da aber das vorderhand im
Reinen ist, so sage mir, ob du fr das arme Kind da in der That ein Unterkommen
bei guten Leuten weit.
    Versteht sich, entgegnete Arthur, indem ein frohes Lcheln ber seine Zge
fuhr. Clara wird sich ein Vergngen daraus machen, die Kleine bei sich
aufzunehmen.
    Clara?
    Ja, Clara, meine Braut. Und du knntest mir den Gefallen thun, mich und das
Kind in deinem Wagen dahin zu begleiten, dann kannst du zu gleicher Zeit die
Bekanntschaft des Mdchens machen.
    Das will ich, erwiderte der Doktor. Er erhob sich aus seinem Lehnstuhl,
ordnete seine Haare vor dem Spiegel und griff nach seinem Paletot und Hute,
welche neben dem Fenster auf einem Stuhle lagen. - Da habe ich aber ganz
vergessen, sagte er verdrielich, da ich eigentlich gar nicht von hier fort
kann; oder glaubst du, ich knne meine beiden Kinder bei den rebellischen
Weibsleuten hier im Hause allein lassen? Ich frchte, sie gehen auf und davon
oder bekmmern sich wenigstens nicht um die armen Kinder.
    Du hast nicht ganz Unrecht, meinte Arthur. Doch will ich dir sagen: wir
fahren nach unserem Hause und bitten Marianne, da sie sogleich hieher gehe. Sie
hatte sich ohnedies schon entschlossen, das Amt der Hausfrau zu bernehmen, bis
deine neuen Leute da sind; vielleicht begegnen wir ihr unterwegs.
    So gehen wir. Doch will ich meine gndige Frau von Bendel bestens und
hflichst ersuchen, auf die Kinder Achtung zu geben.
    Ersuche sie bestens, aber nicht hflichst, ermahnte Arthur.
    Der Doktor ging hinaus und kehrte gleich darauf mit der Kindsfrau zurck.
Diese wrdige Dame hatte die Nase sehr hoch erhoben und ein sehr moquanter Zug
machte sich auf ihrem alten Gesichte bemerkbar; die Flgel und Spitzen ihrer
Haube waren drohend emporgekehrt, und sie zog einher wie ein finsteres Gewitter,
das jeden Augenblick bereit ist, sich mit Donner und Blitz zu entladen. Arthur
sah sie fest an und lchelte so sanft als mglich, was sie einigermaen aus der
Fassung zu bringen schien.
    Sie werden auf meine Kinder Achtung geben, bis ich zurck komme, sagte der
Doktor, und werden nicht dulden, da Kchin oder Stubenmdchen das Haus
verlassen. Auch - hier hustete er gelinde, - wollen Sie dem kleinen Kinde da
seinen Hut aufsetzen und das Tuch umbinden; dort liegt es.
    Die Kindsfrau blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, ohne dem gegebenen
Befehl Folge zu leisten.
    Mir scheint, sagte Arthur, in dessen Gesichte die Rthe des Zorns
aufstieg, Madame Bendel leidet an Schwerhrigkeit. - Haben Sie meinen Bruder
verstanden oder nicht? sprach er darauf mit heftiger Stimme und trat dicht vor
die Frau hin, die bei dem Tone, den sie nicht gewohnt war zu hren, zusammen
schrak. - Mein Bruder hat Ihnen befohlen, dieses Kind dort anzuziehen, fuhr
der junge Mann fort, whrend er sie fest ansah. Da wir nun Beide nicht Lust
haben, lange zu warten, so leisten Sie diesem Befehle Folge, und das
augenblicklich. - Er zeigte mit der Hand gebieterisch auf Hut und Tuch, und die
erschreckte Frau nahm Beides und beeilte sich, das Kind fertig zu machen. Darauf
nahm es der Maler bei der Hand.
    Der Doktor ermahnte seine eigenen Kinder, artig zu sein, kte sie heftig
auf den Mund und stieg mit seinem Bruder kopfschttelnd und lchelnd die Treppen
hinab. Als sie in dem Wagen saen, sagte er mit seiner sanften Stimme: Hre,
Arthur, du kannst heirathen, du hast eine gute Art, mit den Weibern umzugehen;
ich glaube, du lieest dir von keiner etwas gefallen.
    Nicht einmal von meiner Frau, entgegnete ernst der Bruder. Das ist das
Kapitel, worber wir schon oft zusammen sprachen, aber leider, leider! immer
vergeblich; ohne Festigkeit geht's nun einmal nicht, namentlich bei dem
herrschschtigen Charakter deiner Frau. Da du nicht im Stande warst, deinen
Willen durchzusetzen, so hat sie dich zum Sklaven gemacht. - Aber jetzt bist du
frei.
    Ach Gott, ja! - leider! seufzte der Andere.
    Arthur lie den Wagen durch die enge Gasse nach dem elterlichen Hause
fahren, und ihn hinten an der Thre seiner Wohnung halten. Alfons controlirte
von seinem Comptoirpulte aus die vordere Hausthre und alle Eintretenden, er
wre ihnen auch augenblicklich in seine Wohnung gefolgt; doch wollten beide
Brder ihre Schwester allein finden. Sie lieen das Kind im Wagen, stiegen auf
der uns bekannten Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf und kamen dann ber
einen Corridor vor die Glasthre an der Wohnung Mariannens.
    Es war eben Besuch da gewesen; zwei Frauenzimmer stiegen die Haupttreppe
hinab, und Arthur, der ihnen nachblickte, sah, da sie freundlich zusammen
sprachen und kicherten. Es war eine ltere Frau in sehr einfachem Anzuge, sie
trug ein graues, wollenes Tuch und eine gewhnliche Haube mit Lilabndern, etwas
Halbtrauer; die andere war jnger und schien die Tochter zu sein; sie trug ein
braunes Merinokleid und einen abgeschossenen Hut von schwarzer Seide; auch waren
Beide, wie schon gesagt, heiteren Humors, und hatten keine Ahnung davon, da sie
beobachtet wrden. Die Alte blieb auf der Ruhebank der Treppe stehen und sprach
mit lustiger Stimme: Das da oben ist eine brave, charmante Frau. Gott! wie dumm
war ich, da ich dies Haus nicht schon frher besucht; das mssen wir ausbeuten.
Denk dir, Emilie, sie hat mir einen Dukaten gegeben, - einen ganzen Dukaten.
    Aber dafr war auch die alte Commerzienrthin drunten desto knauseriger -
einen halben Gulden! Pfui Teufel! die sollte sich schmen! Dreiig Kreuzer auf
so schne Empfehlungsbriefe von zwei Pfarrern und dem brillanten Zeugnisse vom
verschmten Hausarmen-Verein. - Da hast du die Papiere, steck sie wieder ein!
    Gib her! sagte die wrdige Mutter; wo ist denn das Papier, worein ich sie
gewickelt hatte? - Ah! ich lie es droben auf dem Tische liegen; es ist nichts
daran gelegen.
    Weit du das auch genau? fragte die vorsichtigere Tochter; was war es fr
ein Papier?
    Nun, es war das Papier, worin die Becker ihre Handschuhe gewickelt brachte,
reines, weies Papier.
    Nichts darauf geschrieben?
    Ich glaube nicht. Und wenn auch, hchstens eine unschuldige Adresse.
    Nach diesen Worten stiegen die Beiden die Treppen vollends hinab.
    Arthur hatte das Gesicht der Jngeren genau beobachten knnen; er mute das
schon irgendwo gesehen haben, und wenn ihm recht war, im Hause in der
Balkengasse.
    So komm' doch! rief jetzt der Doktor beinahe ungeduldig; er hatte schon
die Glasthre geffnet; Arthur folgte ihm.
    Sie traten in das Zimmer der Schwester und fanden Marianne am Fenster
stehend; sie war vollstndig angekleidet, in Hut und Shawl, zum Ausgehen fertig.
Doch wandte sie den Kopf nicht herum, als die Brder eintraten, ja nicht einmal,
als Arthur sagte: Wir sind es, Marianne.
    Der Doktor trat zu ihr an's Fenster, fate ihre herabhngende linke Hand und
fragte: Was hast du Schwester? Beim Himmel! du weinst ja. Geht dir denn mein
Unglck so zu Herzen?
    Gewi, gewi, Eduard! rief die junge Frau, indem sie sich rasch umwandte,
und, auf die Gefahr hin, ihren feinen Sammethut zu zerdrcken, den Kopf heftig
auf die Schultern des Bruders legte. Gewi, gewi, wir sind recht unglcklich.
    Arthur trat kopfschttelnd nher, ihm war das unbegreiflich; er war noch vor
einer Stunde bei Marianne gewesen und da hatte sie ganz ruhig und gefat ber
Eduard mit ihm gesprochen; ja, sie hatte sogar gemeint, es sei doch am Ende ein
rechtes Glck, da diese ewigen Qulereien einmal aufhrten. Woher denn jetzt
auf einmal diese Thrnen? - Marianne, sagte er nach einer lngeren Pause,
whrend welcher sie heftig weinte, ich begreife dich in der That nicht. Sei
offenherzig gegen uns; dir ist sonst etwas Unangenehmes begegnet. Gewi, du bist
ja ganz auer dir; sei ruhig, setze dich nieder und theile uns mit, was dich
qult. Du lieber Gott, wir sind ja von der Natur angewiesen, uns gegenseitig zu
vertrauen und zu trsten.
    Ja, ja, sprach seufzend der Doktor. Dann machte er die Hnde der Schwester
sanft von seinem Halse los und fhrte sie zu dem Sopha, wo sie sich niederlie
und ihr Taschentuch vor das Gesicht drckte. Dabei entfiel ihrer Hand ein weies
Papier, welches auf den Boden niederflatterte. Arthur blickte darauf hin, und
unwillkrlich kam ihm das Gesprch in den Sinn, welches die beiden Weiber auf
der Treppe zusammen gefhrt. Er bckte sich, um das Papier aufzuheben, doch als
er sah, da Marianne ebenfalls die Hand darnach ausstreckte, zog er sich discret
zurck.
    Nehm' es nur, sagte hierauf die junge Frau; ich will gewi vor euch keine
Geheimnisse haben. Sieh die Aufschrift und betrachte sie genau; auch du, Eduard.
- Wer hat das geschrieben?
    Ueber Arthur's Zge flog ein eigenthmliches Lcheln, als er das Papier
einen Augenblick betrachtet und die Adresse gelesen hatte; doch reichte er es
stillschweigend seinem Bruder, der augenblicklich ausrief: Ah! das hat Alfons
geschrieben; das ist die schne, feste und sehr leserliche Schrift deines
Mannes.
    Sie ist es, rief Marianne emprt. Lies laut, was er schreibt.
    Frulein Marie U. Adresse Frau Wittwe Becker, am Kanal Nro. 20 hier, las
Eduard mit groer Gewissenhaftigkeit laut und deutlich.
    Und wit ihr auch, wer das ist: Frulein Marie U.?
    Nein, sagte der Doktor; wogegen Arthur stillschwieg.
    O, man soll mich nicht betrgen; hier ist das neue Adrebuch; ich habe den
Namen sogleich nachgeschlagen - seht ihr, da steht's. U. - Schreiner U. -
Kaufmann U. - Metzger U. - Marie U., Ballettnzerin. - Eine Tnzerin!
Schndlich! schndlich! eine Tnzerin!
    Der Doktor schielte aus seinen Augenwinkeln bedeutsam nach Arthur hin,
zuckte alsdann mit den Achseln und dachte: so ein Adrebuch ist doch eigentlich
eine gefhrliche Erfindung. Dann sagte er: Nun ja, aber was soll das bedeuten?
    Was das bedeuten soll? rief heftig die junge Frau, - sie war aus dem
Stadium der Wehmuth in das des Zornes bergegangen, und zerknitterte zitternd
ihr Taschentuch in der Hand, - ich will es euch sagen, ich, eine betrogene,
vernachlssigte Frau, ich, die er bestndig hofmeisterte, ich, die nichts von
ihm hrte, als was der Anstand erheische, was die Schicklichkeit verlange, -
ich, die in den lebenden Bildern nicht mitwirken sollte, weil das nicht passend
sei, ich, die bestndig gehtet wurde, wie ein kleines Kind, ich, die auf dem
Balle mit einem Freund unseres Hauses nicht dreimal tanzen durfte, ich! - ich! -
ich! von der man seinen Reden nach htte glauben knnen, ich trachte darnach,
ein freies Leben zu fhren, ja, eine leichtsinnige Frau zu sein, - ich - ich -
hier holte sie nach dem gewaltigen Zornesergu tief Athem und fuhr dann
schluchzend fort: - ja, ich will es euch sagen: am Weihnachtsabend kaufte er
Handschuhe. -
    Das ist wahr, bemerkte der Doktor, ich war dabei.
    Du warst dabei? fragte Marianne mitrauisch.
    Nun ja, wir trafen uns zufllig im Laden; ich kaufte Einiges fr meine
Frau, und er, glaube ich, sprach von Handschuhen, die er gekauft fr -
    Fr wen? rief heftig die junge Frau.
    Nun, fr dich, entgegnete ruhig der Doktor; so sagte er wenigstens.
    Ah! fr mich! lachte Marianne krampfhaft hinaus. Der Verrther! - Er kam
also an jenem Abend nach Haus, die Taschen voll; ich lie ihn natrlicher Weise
auf seinem Zimmer machen, was er wollte, als ich aber zufllig an der Thre
vorbei ging, siegelte er ein Packetchen, welches in dieses Papier gepackt war. -
Handschuhe fr die Tnzerin Frulein Marie U. - Oh! das ist himmelschreiend! -
Fr eine Tnzerin!
    Nun, ob es eine Tnzerin war oder sonst Jemand, meinte begtigend der
Doktor, das ist am Ende gleichviel; das Faktum ist es, woran wir uns halten
wollen.
    Und ich werde mich daran halten! rief Marianne emprt. Jetzt gleich gehe
ich zur Mama und sage ihr die ganze saubere Geschichte.
    Das wre sehr unklug von dir, sprach Arthur. Ueberhaupt was willst du?
    Einen Heuchler entlarven.
    Zugestanden; aber das gelingt dir nicht durch Uebereilung; da mut du der
Sache genau auf den Grund gehen.
    Aber wie kann ich das, eine arme, wehrlose Frau?
    Du nicht, aber wir; ich werde mich deiner Sache annehmen und schon dahinter
kommen.
    Ah! so eine Tnzerin!
    Ach! la die armen Tnzerinnen aus dem Spiel, entgegnete Arthur mit
ernster Stimme; wer wei, ob das Mdchen den Herrn Alfons bis jetzt kennt und
ob er berhaupt nicht vergebliche Versuche gemacht hat.
    Vergebliche Versuche bei einer Tnzerin!
    Nicht wahr, du wrest beruhigter, wenn er die Handschuhe irgend einem
hbschen Mdchen deiner Bekanntschaft geschickt htte.
    Beruhigter nicht, aber es wre doch nicht so sehr gegen allen Anstand.
    O weh! seufzte der Doktor in sich hinein.
    Da knnte man freilich mit dem vornehmen Titel des Vaters die Geschichte
zudecken, meinte Arthur trocken. Wir kennen das. O Welt! o Welt!
    Sei ruhig, Schwester! sagte der Doktor; nur keinen weiteren Skandal! Wir
haben vorderhand genug in unserer Familie; la uns Beide die Sache berlegen und
im Nothfalle fr dich handeln. Aber ein Dienst ist des andern werth; nicht wahr,
du thust mir die Liebe und gehst zu meinen armen Kindern? Sie sind so verlassen
bei meinen frechen Dienstboten.
    Mit tausend Freuden! rief eifrig die junge Frau und zog ihren Shawl fest
um die Schultern; ich war auf dem Wege dahin, und jetzt knnte mir nichts
Erwnschteres kommen; - ich bleibe vorderhand in deinem Hause, setzte sie nach
einer Pause im Tone groer Entschlossenheit hinzu, bei dir und deinen Kindern.
Du kannst mir ein Zimmer geben; ich richte mich dort huslich ein.
    Aber dein eigenes Hauswesen! meinte der Doktor.
    Oh! versetzte Marianne mit neu ausbrechenden Thrnen: Ich habe ja keine
Kinder, die nach mir weinen.
    Und Alfons? sagte Arthur.
    Er wird das freilich im hchsten Grade unanstndig finden, rief Marianne
heftig, aber er soll mir kommen! ich will ihm schon sagen, was anstndig und
unanstndig ist.
    Damit war die Unterredung beendigt und alle Drei verlieen das Zimmer. -
Marianne stieg die Haupttreppe hinab; sie hatte alle Thrnenspuren von ihrem
Gesichte vertilgt und ging aufrechten Hauptes wie nie vorher.
    Du, sprach der Doktor zu seinem Bruder, als sie ihren Wagen wieder
erreicht hatten, da oben wird es changements des decorations geben. Es beginnt
da ein lustiges Trauerspiel.
    Vielleicht kann's auch ein trauriges Lustspiel werden, meinte Arthur
nachdenkend.
    Und damit fuhren Beide nach der Valkengasse, um dort das Kind abzuliefern.

                          Sechsundsechzigstes Kapitel.



                               Unter dem Podium.

Wenn bei einer Theatervorstellung das Ballet nicht selbststndig wirkt, sondern
nur durch Tnze und Gruppirungen eine groe Oper ausschmcken hilft, so geht es
in den Garderoben viel ruhiger her, auch hat in diesem Falle der Theaterwagen
und Schwindelmann nicht so viel zu thun als sonst. Die meisten Tnzerinnen, die
vielleicht erst im dritten oder vierten Akt kommen, gehen zu Fu nach dem
Theater und tragen gewhnlich selbst ihr Pckchen Wsche, das heute, wo sie
keine idealen Figuren darzustellen, sondern im Schleppkleide eine Menuette zu
tanzen haben, nicht besonders gro ist. Andere, die einen complicirteren Anzug
haben, vielleicht am Schlusse, wenn es gerade eine Zauberoper ist, irgend etwas
Feenhaftes hoch in den Wolken darstellen mssen, kommen freilich schon frher,
aber da ihrer wenige sind, so bringen sie kein rechtes Leben in die weitlufigen
Balletgarderobe-Zimmer.
    Hier brennt denn auch nur sprliches Licht vor diesem oder jenem Tischchen;
die Ankleiderinnen, die mit dem Wenigen bald fertig sind, fhlen sich
gelangweilt und legen ihre Hnde in den Schoo. Monsieur Fritz, der Friseur,
lehnt ghnend an einem Spiegel und erzhlt schreckliche Mord- oder
Gespenstergeschichten, von denen er ein besonderer Freund ist.
    Heute Abend wirkt das Ballet nur auf die eben angedeutete Art; es ist eine
Feenoper, im ersten Akte erscheinen einige Elfen und Geister, im dritten kommen
einige Bauerntnze und am Ende des fnften ein Schlutableau, wo die Fee
Amorosa, die Beschtzerin wahrer Liebe, in den Wolken erscheint, um das nach
vielen Schwierigkeiten vereinigte Paar zu segnen.
    In der Garderobe waren Mamsell Therese, Mamsell Clara, Mamsell Marie, noch
drei Andere von der gleichen Altersklasse, sowie ein halbes Dutzend Ratten,
welche Engel und dergleichen zu machen hatten. Die letzten, in sehr safrangelben
Tricots, mit weien Florkleidern, goldenen Grteln und himmelblauen Flgeln,
versuchten ziemlich ungeschickt ihre Gruppirungen, purzelten dabei oft ber
einander hin, und hatten in ihrer Ungelenkigkeit viel mehr das Ansehen kleiner
Kobolde, als Angehriger der himmlischen Heerschaaren.
    Therese stand vor ihrem Spiegel, - eine junge Fee; das schne Mdchen mit
dem vollen Wuchs sah prchtig aus. Sie gefiel sich auch selbst, das sah man an
der Art, wie sie ihre Hften umspannte, den Kopf kokett zurckwarf und sich mit
den blitzenden Augen fest ansah. Eine ihrer Colleginnen, ein blasses
schmchtiges Wesen im Costm einer Hofdame, sa vor ihr, fchelte sich mit ihrem
Fcher und betrachtete hinter demselben hervor nicht ohne einen Anflug von Neid
die schne Tnzerin.
    Aber, Therese, sagte sie nach einer Pause, wenn man dich so sieht,
reizend, strahlend, da kann man es schwer glauben, da du dies glnzende Leben
verlassen willst, um dich als Hausfrau in eine stille Wohnung zurckzuziehen.
    Und doch ist es so, mein Schatz, erwiderte Therese; ich bin fest
entschlossen, mich zurckzuziehen, ich bin um meinen Abschied eingekommen.
    Bei der Intendanz? fragte boshaft die Andere.
    Bei der Intendanz! versetzte Therese, indem sie ihren Kopf noch stolzer in
den Nacken warf. Ich verstehe dich wohl, mein Kind, fuhr sie mitleidig fort;
was das Andere anbelangt, da gebe nur ich Abschiede, la mich aber selbst nie
verabschieden. So mut du es auch machen, wenn du einen guten Rath von mir
annehmen willst. Ich habe dies Leben satt, ich will mich verndern.
    So ist es also wirklich wahr? fragte lachend der Theaterfriseur, der heran
geschlichen war. Die schnen Tage von Aranjuez sind also wirklich vorber? Ich
hatte immer noch gehofft, Therese.
    Auf was denn, Sie - Affe! Ich versichere Sie, Fritz, Sie allein knnen
Einem das Leben hier unleidlich machen.
    Ach, der glckliche Berger! erwiderte Friz seufzend.
    Haben Sie vielleicht die Ehre von ihm gekannt zu sein? fragte trotzig die
Tnzerin.
    Ich kaufe meine Cigarren bei ihm, auch zuweilen Kaffee und Zucker.
    So erhalten Sie uns auch ferner Ihre Kundschaft! lachte die Tnzerin
spttisch; und damit rauschte sie trllernd in das Nebenzimmer.
    Hier befanden sich Clara und Marie in ihrer Ecke, und die erstere sprach mit
ihrer guten und lieben Stimme, wie es schien, Worte des Trostes zu ihrer
Collegin. Wenn man aber das andere Mdchen sah, wie es heute da sa, ein Bild
des Jammers und der Verzweiflung, so htte das hrteste Gemth nicht umhin
gekonnt, sich theilnehmend zu erkundigen, was ihr fehle. Ihr dunkles Haar hing
aufgelst ber ihren Nacken und ihre Schultern bis auf ihren Schoo herab, so
tief hatte sie den Kopf gesenkt. Dabei hielt sie die Hnde gefaltet, und nur
zuweilen zuckten diese zusammen, wenn nmlich von den heien, schweren
Thrnentropfen, die unablssig ihren Augen entquollen, auf ihre Finger
niederfielen. Diesem Zucken folgte ein schwerer Seufzer, ein Sthnen, und dann
sank sie noch tiefer in sich zusammen.
    Es ist Zeit, liebe Marie, sagte Clara mit sanfter Stimme, da du dir dein
Haar machen lt. Richte den Kopf ein wenig auf, da ich deinen Scheitel gerade
herstelle. - O, hr' auf zu weinen; das thut mir in der Seele weh. - Oder sprich
wenigstens zu mir. - Setzest du denn gar kein Vertrauen mehr in mich?
    O doch! - o doch! brachte Marie mhsam hervor; aber du wrdest mich doch
nicht verstehen. Gewi, gute - gute Clara, du kannst mich nicht verstehen. Danke
Gott, da es dir unmglich ist!
    Ja, das begreife ich in der That nicht, erwiderte die Andere, denn wenn
ich Kummer habe, so ist es mir eine Wohlthat, mein Herz gegen irgend Jemand
ausschtten zu knnen.
    Mir auch, mir auch, hauchte Marie. Du weit, Clara, da ich bis jetzt
kein Geheimni vor dir hatte. Aber das kann ich dir nicht sagen.
    So sprich mit Therese, erwiderte Clara zgernd; da kommt sie eben. Du
hast etwas auf dem Herzen, das du los werden mut. Sie wird dir auch dein Haar
gern machen; ich gehe in's andere Zimmer.
    Marie gab keine Antwort, doch nickte sie mit dem Kopfe, hob ihn dann rasch
empor, und als sie Therese bemerkte, die in die Thre trat, prete sie, heftiger
weinend, ihre Hnde vor das Gesicht.
    - So - so - so sieht's hier aus? sagte die Eingetretene, indem sie ihre
rechte Hand in die Seite stemmte und mehrmals mit dem Kopfe nickte. Ist endlich
da was vorgefallen? Nun ja, es wundert mich nicht.
    Die Angeredete blickte scheu um sich, und als sie bemerkte, da Clara fort
gegangen war, sprang sie hastig in die Hhe, ergriff die Hand der andern
Tnzerin und sagte: Therese, ich bin verloren!
    Nun, so schlimm wird's gerade noch nicht sein, entgegnete diese. Fasse
dich nur um Gotteswillen, hre auf zu weinen! da drben die Garderobire und der
naseweise Fritz haben schon aus der Ecke herbergeschielt. Mu denn alle Welt
wissen, da dir ein Unglck passirt ist? Setz' dich ruhig hin und lasse dir dein
Haar aufstecken; whrend dem kannst du mir erzhlen, was du auf dem Herzen hast.
Aber ohne Vorreden, bitte ich; ich kann mir ja doch denken, um was es sich
handelt.
    Ja, du weit es, erwiderte Marie, nachdem sie sich auf ihren Stuhl wieder
niedergelassen, die grliche Geschichte, von der ich dir schon gesprochen.
    Halte deinen Kopf still und dann la mich hren.
    Meine Tante sprach mir also mehrmal und immer dringender von ihm.
    Von dem Heuchler auf der zweiten Gallerie?
    Natrlicherweise wollte ich sie nicht verstehen, bis sie endlich zornig
wurde und sich ganz deutlich erklrte. Ich sollte verkauft werden oder war es
schon; wie flehte ich sie an, mich in Frieden zu lassen, wie stellte ich ihr das
Unglck vor, das ber mich hereinbrechen wrde! - Sie lachte mich aus, als ich
ihr von Richard und von meiner Liebe zu ihm sprach. Das wren Kindereien, sagte
sie, und ich solle mir nicht einbilden, da sie mich als hilfloses Kind
aufgenommen, da sie mich erzogen und gebildet habe, um am Ende die Frau eines
Zimmermanns zu werden. Das sei schwarzer Undank, und wenn ich so dumm sei, mich
zu meinem Glcke zwingen zu lassen, so wolle sie das gern thun; sie msse
ernten, wo sie gest. Ein paar Mal kam er auch, versteht sich verstohlen in der
Dmmerung, er brachte bald Dies, bald Das, er sagte mir alle mglichen
Artigkeiten, und ich mute ruhig sitzen und Das mit anhren. Meine Tante ging ab
und zu, blieb auch eine Zeit lang absichtlich fort, doch merkte er alsdann so
gut meinen Abscheu gegen ihn, da er es nicht wagte, mir nahe zu kommen, ja, er
empfahl sich meistens bald und ging fort. - Am Weihnachtsabend wollte er mir
bescheeren, doch setzte ich es durch, da er nicht kommen durfte; Handschuhe
aber, die er geschickt, mute ich annehmen.
    Weiter! weiter! sagte Therese. Erzhle krzer. Du lieber Himmel! Diese
Einzelheiten kennen wir ja.
    Gestern Nachmittag, fuhr Marie mit leiser Stimme fort, ging meine Tante
aus, wie sie es oft zu machen pflegt; ich war ganz allein in der Stube, fast
allein in dem groen Gebude, denn du weit, da da blos Leute wohnen, die bei
Tage ihren Geschften nachgehen und nur Abends nach Hause kommen. - Da kam er. -
O mein Gott! Therese. Von Neuem begrub sie ihr Gesicht in den Hnden und weinte
so heftig, da die andere Tnzerin achselzuckend die schwere Flechte loslie,
welche sie ihr eben um das Haupt schlingen wollte.
    Nun ja, sagte diese hierauf, er kam, er war zudringlich, du wehrtest
dich?
    Gewi, gewi, lange - lange.
    Und -?
    Und -? O ich hatte Kraft wie ein Mann, ich machte mich los, so oft er mich
an sich ri. - Aber -
    Riefst du um Hilfe?
    Was konnte es mich ntzen? Ich dachte, es knne mich Niemand hren. - -
Endlich aber kam doch Hilfe, aber die Hilfe wird mich in's Verderben bringen.
    Richard kam? rief Therese erschrocken.
    Nein - Schwindelmann. Er wollte die Vorstellung fr heute anfagen.
    Und da warst du gerettet. - Nicht!
    Ich wei es nicht, sagte das arme Mdchen, indem sie den Kopf abermals
tief auf die Brust herabsinken lie. - Verloren bin ich so wie so. Freilich
lie er augenblicklich von mir, als Schwindelmann eintrat, und empfahl sich mit
abgewandtem Gesicht; er wollte nicht erkannt sein.
    Der Schuft!
    Schwindelmann aber blieb ganz entsetzt an der Thre stehen, stotterte
seinen Auftrag her und sagte dann mit betrbter Stimme: O Mamsell Marie, das
htte ich nimmer geglaubt!
    Wei er vielleicht um dein Verhltni zu Richard? fragte eifrig Therese.
    O nein, gewi nicht; aber - verzeih mir, Therese, da ich das sage, - du
weit, Schwindelmann hat mich immer ausgezeichnet, Clara und mich, weil - weil -
aber du nimmst es nicht bel, Therese, weil wir Beide brav wren und keine
Verhltnisse htten. Uns msse es gut gehen, meinte er.
    Nun ja, da mut du ihn ber die Geschichte aufklren, und das bald.
    Er sieht mich gar nicht mehr an, erwiderte das weinende Mdchen; er zuckt
die Achseln und geht mir aus dem Wege. Denk dir, Therese, wie schrecklich! Das
werden die Anderen merken; sie werden die Kpfe zusammenstecken und ber mich
lachen; Richard wird's erfahren - o du mein Gott! Und er hat mir tausendmal
gesagt: weit du, Marie, so lange du unbescholten dastehst und kein ehrlicher
Mann dir was nachsagen kann, bist du mein und ich dein mit Leib und Seele; aber
nimm du dich doppelt in Acht.
    Du httest ihm von der Geschichte sagen sollen, meinte Therese; das ist
eigentlich schlimm.
    Nicht wahr, o wie oft wollte ich es thun, aber ich frchtete mich vor
meiner Tante und vor Richard. Hilf mir, liebe Therese, rathe mir!
    Das will ich gerne thun, doch vor allen Dingen mu ich mir den
Schwindelmann vornehmen. Aber ich kenne ihn wohl: wenn er gegen Eine was
Besonderes hat, so lt er sich den ganzen Abend nicht sehen. Doch wenn wir
fertig sind, entgeht er mir nicht; ich lasse mich zuletzt nach Haus fahren und
da will ich ihm schon Vernunft predigen.
    Unterdessen war Clara wieder in das Zimmer getreten, sie wollte Marie
ermahnen, da es Zeit sei, sich anzuziehen, auch dachte sie wohl, die
Unterredung knnte zu Ende sein. Therese hatte gerade die Frisur beendigt,
befestigte rechts und links in dem dunkeln Haar eine brennend rothe Granatblthe
und sagte: So, nun zieh dein Kleid an, dann bist du fertig.
    Das ist sehr schn geworden, meinte Clara, die nun nher trat. - Ich habe
dich vorhin nur flchtig gesehen, wandte sie sich an Therese; darf ich
gratuliren? du wirst ja nchstens heirathen?
    So ist es, mein Kind, entgegnete das schne Mdchen; nur wei ich nicht,
ob das gerade eine Gratulation verdient. Vielleicht komme ich aus dem Regen in
die Traufe.
    Du machst aber eine gute Partie, was mich herzlich freut. Herr Berger ist
wohlhabend und hat ein schnes Geschft.
    Eine blasse Tnzerin, die auch hinzugetreten war, warf etwas spttisch
dazwischen: Herr Berger gilt fr einen bedeutenden Mann, er ist sogar
Armenpfleger.
    Therese wandte sich bei diesen Worten rasch herum, betrachtete die Kollegin
von oben bis unten und antwortete: Ja, er ist auch Armenpfleger; das kann dir
vielleicht spter noch einmal zu gut kommen, mein Schatz.
    Gewi, ich gratulire herzlich, wiederholte Clara begtigend; das ist
schnell gekommen.
    Schnell und langsam, wie man will, erwiderte Therese, indem sie ihre
rechte Fuspitze weit ausstreckte und damit allerlei Figuren auf dem Boden
beschrieb. Er macht mir schon seit mehreren Jahren die Cour und lie nicht von
mir ab, obgleich ich ihm offenherzig erklrte, ich habe andere Verbindungen und
keine Lust, diese sogleich fallen zu lassen; er wollte mich trotz allem Dem
schon frher heirathen, aber ich mochte nicht.
    So denken gewi Wenige, sagte Clara einigermaen zerstreut.
    O gewi, sehr, sehr Wenige, meinte seufzend Marie.
    Ich habe ihm immer davon abgerathen, mich zu heirathen, fuhr leichtsinnig
die andere Tnzerin fort; er ist um Vieles lter als ich, ich habe meine Launen
und ich glaube nicht, da er wohl daran thut, mich zur Frau zu nehmen.
    Aber warum hast du jetzt deinen Entschlu gendert? fragte Clara.
    Das will ich dir sagen, mein Schatz. Ich habe mich lange genug und oft den
Launen Anderer gefgt, und mich namentlich hier in diesem Hause kommandiren und
hudeln lassen - ein wahres Sklavenleben gefhrt. Jetzt will ich 'mal befehlen
und will sehen, wie es schmeckt, wenn man mir gehorchen mu; ich will das
Regiment im Hause fhren; wenn ich sage: Augen rechts, so soll er rechts sehen,
wenn ich sage: Augen links, so soll er nach links schauen und nicht zucken, bis
ich ihm wieder erlaube, geradeaus zu blicken; das mu recht angenehm sein, und
darauf freue ich mich, das ist Alles, und dehalb will ich mich denn gndigst
herablassen, den Herrn Berger zu meinem Leibsklaven zu ernennen.
    Und die hlt Wort, flsterte die Hofdame von vorhin hinter ihrem Fcher
Clara zu.
    Marie war unterdessen vollstndig angezogen, und als die bewute Klingel
ertnte, schritt Therese stolz zur Garderobe hinaus, gefolgt von ihren
bescheidenen Kolleginnen.
    Die Ouverture sollte anfangen und die Tnzerin ging ber die halb dunkle
Bhne nach dem Hintergrunde, wo in der ersten Scene in der Oper ihr Platz war.
Doch blickte sie scharf nach allen Seiten, um Schwindelmann zu sehen. Aber
Schwindelmann lie sich nicht erblicken; er stand wahrscheinlich am groen
Portal-Vorhang.
    Nachdem die Ouverture und die erste Scene glcklich vorber war, wobei der
Himmel in unbeschreiblicher Klarheit gestrahlt, wobei die Gruppe von den
Tnzerinnen sehr schn ausgefhrt worden war, wobei aber leider die himmelblaue
Brillantbeleuchtung dem Teint der Seligen einigermaen Schaden that und sie
smmtlich sehr bleichschtig aussehen lie, wechselte unter majesttischem
Donner, der brigens etwas zu lange andauerte, die Dekoration. Da diese nun den
ganzen Akt durch stehen blieb, so wurde es bald wieder hinter der achten
Coulisse lebendig, und die Betheiligten des Lever, welches Herr Hammer dort zu
halten pflegte, schlichen von allen Seiten herbei.
    Herr Hammer sa auf einem hlzernen Felsstck und drehte nachdenkend seine
Schnupftabaksdose in der Hand herum; Herr Wander stand vor ihm, aber diesmal
ohne Spritze, auch hatte er den Hut auf dem Kopfe und hielt beide Hnde auf dem
Rcken.
    Ja-a- ja-a, sagte der erste Maschinist; ich versichere Euch, Wander, Ihr
habt Euch vorgestern nicht schlecht gemacht - Anstand; ich sage es immer: die
alte Schule verlugnet sich nicht.
    Herr Wander lchelte geschmeichelt.
    Da ich das versumt habe, mischte sich Schwindelmann in's Gesprch, das
kann ich mir in meinem ganzen Leben nicht verzeihen. Aber wie kam es denn
eigentlich, da Ihr hier auf der kniglichen Bhne aufgetreten seid? Das httet
Ihr Euch niemals trumen lassen.
    Nein! lachte Wander mit ganz breitem Maul. Nun, wie kam es? Fra Diavalo
sollte im ersten Akte herauskommen, da fehlt auf einmal der Chorist, der ihm den
Mantel nachtragen soll. Alle Teufel! die Verlegenheit! Der Herr Intendant stand
zufllig dabei und sagten: wen nehmen wir gleich? Sein Blick fiel auf mich, -
Wander, sagte er da, Sie sind ein alter, routinirter Schauspieler, setzen Sie
einen dreieckigen Hut auf und tragen Sie dem Fra Diavalo seinen Mantel nach. Sie
werden das ohne Probe knnen. - Und ob ich es ohne Probe konnte! Man hat unten
im Hause gezischelt, o, ich vernahm es wohl, es war gerade, als hrte ich meinen
Namen aussprechen. - Das ist Wander! - Wander tritt wieder auf. - Aber nein, ihr
Herren da unten, das ist Tuschung: Wander tritt nicht mehr auf. Aber es freut
mich doch, da ich meine letzte Rolle auf dem kniglichen Hoftheater spielen
durfte. Wer knnte es mir verwehren, wenn ich zum Beispiel von mir sagen wollte:
- nahm auf der kniglichen Hofbhne zu Z. in Fra Diavalo von dem Publikum
Abschied.
    Niemand! lachte Richard, der hinzugetreten war, Ihr kmt dann hchstens
in den Verdacht, als habt Ihr den Fra Diavalo gesungen.
    Wer war denn vorhin an der Donnermaschine? fragte der Inspizient, der mit
seinem Buch aus dem Hintergrunde hervortrat, in sehr ernstem Tone. Habe ich
denn nicht gestern die Geschichte bis zum Ekel einstudirt? Und der letzte schlug
sogar vor dem Blitze ein; das ist doch unerhrt. Wer war's?
    Ich, sagte Schwindelmann, und begreife das nicht, ich donnere fast das
ganze Jahr und nehme mich ungeheuer in Acht.
    Ich pfeife Ihnen in Ihre Donner vom ganzen Jahr, entgegnete wrdevoll der
Inspizient, den heutigen htten Sie mir gut machen sollen. Auf den Blitz htten
Sie mir Achtung geben sollen; wer hat denn je gesehen, da es zuerst donnert und
dann blitzt.
    Das habe ich oft gesehen, erscholl die sanfte Stimme Schellingers, der
zusammengekauert hinter dem ersten Maschinisten sa. Im Himmel, wo man nahe
dabei ist, thut's gar nicht anders.
    Und Sie waren wohl schon oft im Himmel, fragte der Beamte in wegwerfendem
Tone.
    Nicht oft, entgegnete ruhig der Schneider, aber einmal doch, als ich mit
dem groen Luftballon aufstieg.
    Ah was! dumme Possen! meinte der Beamte, indem er hinweg ging.
    Das ist doch so klar wie Tinte, fuhr der Garderobe-Gehilfe fort; hier
sind wir unter dem Gewitter, da leuchtet's und dann kracht's, wenn wir uns aber
darber befinden, hren wir es natrlicherweise umgekehrt, zuerst Donner und
dann Blitz. Dazu braucht man nicht Inspizient zu sein, um das zu begreifen.
    Und stiegst du damals hoch hinauf, Schellinger? fragte Richard.
    Wir haben es nicht ganz genau messen knnen, denn die Schnur, die wir mit
hinauf nahmen, reichte lange nicht aus.
    Aber wie hoch kamt Ihr denn eigentlich?
    Ich glaube, wir kamen bis in den vierten Himmel, sagte der Schneider. Ihr
wit doch, da es deren sieben gibt.
    Ja, ja, sprach Schwindelmann nachdenkend, man sagt zuweilen, man sei bis
in den siebenten Himmel verzckt.
    Bis dahin kamen wir nicht, fuhr Herr Schellinger fort.
    Und wie waren die Himmel beschaffen? fragte Richard lachend.
    In dem untersten war es feucht und kalt, das ist der Regen- und
Schneehimmel, im zweiten wurde es schwl, da hlt sich der Donner und Blitz auf;
im dritten dagegen ist es hei, das ist der Sonnenhimmel; und im vierten fangen
die Engel an.
    Hast du welche gesehen, Schellinger?
    Nicht deutlich, es schimmerte nur gelb, grn, blau und roth, auch waren wir
nur in der untersten Kammer, wo die Regenbogen aufbewahrt liegen. - Aber pfeifen
habe ich die Engel gehrt.
    O, das hrte ich auch schon, meinte Richard lachend, als ich noch beim
Militr war und im Arrest sa.
    Apropos, Schellinger, sprach Herr Hammer nach einer Pause, werden die
Kostme zum neuen Stck fertig? Ihr habt viel daran zu thun.
    Ich sage Euch, nahm Schwindelmann das Wort, das gibt eine Pracht. Die
Offiziers-Uniformen strotzen von goldenen und silbernen Tressen. Das ist doch
berladen.
    Nein, es ist nicht berladen, sagte Schellinger in bestimmtem Tone. Jetzt
macht man freilich keinen Aufwand mehr mit so etwas; aber als ich noch
Regimentsschneider in Berlin war unter dem alten Fritz, da httet ihr andere
Dinge sehen knnen. Ist doch eines Tages der Tambour-Major von den Grenadieren
desertirt, der hatte fr zwanzigtausend Thaler silberne Tressen an sich!
    Schellinger! Schellinger! sagte ernst Herr Hammer, da Ihr Euch das Lgen
nicht abgewhnen knnt. - Die Tambour-Majors sind allerdings sehr reich
angezogen, aber sie zeichnen sich hauptschlich durch ihre Gre aus; da war
keiner, welcher nicht seine acht Fu ma.
    O Herr Hammer! erwiderte der Garderobe-Gehilfe; so gro habe ich noch
keinen gesehen!
    Nicht einmal unter dem alten Fritz! lachte Richard.
    Na, la nur gut sein, fuhr Herr Hammer fort, indem er eine Prise nahm,
wenn wir uns mit dem Schellinger abgeben, so werden wir in alle Ewigkeit nicht
fertig. Und heute gilt's Aufpassen. Der erste Akt thut sich noch, aber in den
andern kommt eine Verwandlung ber die andere. Ist die Flugmaschine zum Schlu
recht in Ordnung, Richard?
    Das will ich meinen, entgegnete dieser schmunzelnd. Die habe ich heute
Nachmittag ein paar Stunden lang probirt; das geht wie geschmiert.
    Und wer nimmt das groe Tau in die Hand, welches die oberste Geschichte
hlt? Daran ist viel gelegen; denn wenn man das einen Zoll fahren liee, so
schlgt uns die ganze Geschichte zusammen; und dann gute Nacht, wer darauf
steht.
    Seid unbesorgt, erwiderte der junge Zimmermann, das nehm' ich selbst in
die Hand, und wenn ich es einmal gepackt habe, da knnt ihr meinetwegen das
ganze Ballet darauf stellen.
    Die armen Tnzerinnen mssen doch rechten Muth haben, sagte Herr Wander;
es ist kein Spa, an so ein paar elenden Drhten zu hngen oder an einem
einzigen Tau, und da hinab zu sehen ein paar Stockwerke tief unter das Podium.
    Die Gewohnheit thut's, versetzte der erste Maschinist.
    Ja, die Gewohnheit thut viel, meinte Herr Schellinger; ich wei das von
der Zeit her, wo ich noch fters auf die Gemsenjagd ging. Da sind wir Tage lang
an Felsen herumgeklettert, die so scharfkantig waren, da sie einem die
Schuhsohlen durchschnitten, rechts ein Abgrund von tausend Fu und links einer
von zweitausend!
    Dann konntet Ihr ja gar nicht mehr gehen, Schellinger!
    O doch! diese Schnitte waren gerade unser Glck, denn sie hielten uns an
dem Felsen fest. Habt Ihr nie gehrt, da sich die Gemsjger in die Fe
schneiden, wenn sie nicht mehr vorwrts knnen, und da das Blut dann am Felsen
festklebt und sie hlt? Das war auch unser Glck.
    Ja-a, ja-a, Schellinger, sprach Herr Hammer ruhig, indem er aufstand, Ihr
habt in Eurem Leben gewi manchen Bock geschossen. - Aber geht an eure Pltze,
sie sind drauen an der letzten Scene; wir werden gleich Aktus haben.
    Beim zweiten und dritten Akt war der Platz hinter der achten Coulisse von
Niemand besucht; es war, wie der erste Maschinist vorhin gesagt, drauen eine
Verwandlung um die andere, viel Donner und Blitz, Wasserflle, die bestndig
gedreht werden muten, und wogende Meere, wo Alles, was disponibel war, unter
der groen, gleich Wasser gemalten Leinwand sa, und wie Frsche auf- und
abhpfte, um die wogende See schn und tuschend darzustellen.
    Therese hatte oft nach Schwindelmann gesehen, aber sie wute nicht, ging er
ihr aus dem Wege oder war es Zufall, da er, so oft sie ihn traf, bei den
Zimmerleuten stand, oder so beschftigt war, da sie ihn nichts fragen konnte.
    Marie sa trotz dem Vorgefallenen in unerklrlicher Angst in der Garderobe
und scheute sich, Richard unter die Augen zu treten, sie wute selbst nicht,
warum. Nur einmal am heutigen Abend hatte sie ihm gezwungen zugelchelt, und das
war nach dem ersten Akt, als er ihr mit einem herzlichen Hndedruck von der
Flugmaschine herunter geholfen und dabei gesagt hatte: aber Marie, heute Abend
hast du prchtig ausgesehen; wenn wir einmal verheirathet sind, so mut du mir
zu Liebe das Haar auch einmal so machen. Fr die Granatblthen will ich schon
sorgen!
    Der letzte Akt kam; die ersten Scenen spielten in einer kurzen Dekoration,
um hinten Platz fr das groe Flugwerk zu gewinnen; die Ratten wurden dort eben
aufgestellt und streckten krampfhaft ihre kleinen dnnen Beine heraus, um ihre
Engelsfiguren recht grazis zu machen; die Tnzerinnen standen in den Coulissen;
hier plauderten ein paar zusammen, dort wurde noch eine Schleife aufgesteckt,
und im Hintergrunde probirte der drre erste Tnzer mit einigen ein paar
Battements.
    Auch das Podium war geffnet, um die groe Flugmaschine hinauf zu lassen und
wir ersuchen den geneigten Leser, einen Blick dort hinab zu werfen. Es ist dies
ein sprlich erhellter Raum unter der Bhne, voller Schnre, Seile, Leitern,
Treppen, Coulissenfen, Verfenkungs-Apparaten und sonstigen Gegenstnden. Hier
ist fr alle Schauerstcke und Feenopern ein wichtiger Platz, denn von hier aus
erschallen die unterirdischen und Geisterstimmen, heulen die Winde aus den
tiefen Schluchten hervor; von hier zngeln die Flammen aus dem Erdboden, wenn
irgend ein finsteres Gespenst ber die Oberflche dahin schreitet, und von hier
steigen Engel und Teufel auf.
    Bei gewhnlichen Vorstellungen ist es da sehr dunkel, nur ein paar trbe
Laternen leuchten sprlich in dem weiten Raume; bei der heutigen Oper aber, wo
alle Freuden des Himmels, alle Schrecknisse der Hlle losgelassen waren, brannte
so viel Licht, um die Gegenstnde rings herum nothdrftig erkennen zu knnen;
auch war die grte Versenkung oben offen, und eine starke Helle fiel von da
herein.
    Richard stand drunten mit seinem Tau, und Schwindelmann, der gerade nichts
zu thun hatte, sa neben ihm auf einer der Treppen. Das Theater verwandelte sich
in die Schludekoration, und droben, von vier Mann getrieben, setzte sich die
groe Flugmaschine in Bewegung. Sie brachte den ganzen Himmel an's Tageslicht,
aus dem nun am Ende Fee Amorosa, die Beschtzerin der wahren Liebe, auf einer
Wolke noch einige zwanzig Fu hher stieg. Vorher aber kamen noch ein paar lange
Scenen, und als droben zur Einleitung in diese eine sanfte Sphren-Musik
erklang, zog Schwindelmann drunten seine Schnupftabaksdose hervor, und bot auch
Richard eine Prise an, der sie lachend nahm und sagte: Jetzt kann ich noch
meine Hand zu etwas gebrauchen, wenn ich aber nachher die Fee in ihrem Himmel
droben festhalten mu, da brauche ich beide Hnde und einen Theil meiner ganzen
Kraft. - Hier aus dem dunklen Raume hinauf gesehen, fuhr er nach einer Pause
fort, schauen die Mdchen wahrhaftig wunderschn aus. Sieh' dir die Therese an,
wie sich die prchtig ausnimmt!
    
    Gott! das haben wir ja schon tausendmal gesehen, entgegnete Schwindelmann
mrrisch. Und dann steckt ja nichts dahinter; wer sie so wie ich von Hause
abholen mu oder nachher in den Wagen hineinschieben, fr den geht alle
Tuschung verloren.
    Na, Schwindelmann, meinte Richard, du bist ein alter, leichtsinniger
Kerl; fr dich ist das doch angenehm.
    Wei Gott im Himmel, entgegnete ernst der Theaterdiener, die meisten
waren mir von jeher gleichgiltig und werden es immer mehr. Weit du, wer sie so
wie ich auch in ihrem Leben zu Haus genau kennt, dem thut es weh, wenn er so
sehen mu, wie jetzt bald die, bald jene dumme Streiche macht. Anfnglich kommen
sie mit den besten Vorstzen hieher; sie sind brav und wollen es bleiben, sie
wehren sich auch, so lange sie knnen, aber du lieber Himmel! die Verfhrung ist
zu gro. Ich habe ja gewi Mitleiden mit den armen Geschpfen. Weit du,
Richard: hier in Sammet und Seide, Pracht und Glanz, - zu Haus Elend und Noth;
hier stehen sie von den reichen Gastereien hungrig auf, um zu Haus auch nicht
viel mehr zu finden, als Kartoffeln und trockenes Brod. Da kommen dann Antrge
und Versprechungen fr eine glnzende Zukunft, da wird dann endlich Leib und
Seele verkauft - 's ist ein Jammer.
    Richard blickte nachdenkend in die Hhe, und der Glanz droben, die Seide,
das Gold, die falschen Brillanten, die rothen Wangen und blitzenden Augen
erschienen ihm minder blendend.
    Ja, es ist ein Jammer, fuhr Schwindelmann fort, indem er heftig auf den
Deckel seiner Dose klopfte. Und man kann es ihnen nicht einmal bel nehmen;
wenn angesehene Brgerstchter, berhaupt wohlhabende Mdchen tugendhaft
bleiben, das sollte sich am Ende von selbst verstehen. Darnach drehe ich keine
Hand herum, aber die da oben - nun, Richard, wehe thut es mir doch, wenn ich es
so erlebe, wie eine nach der andern abfllt.
    Na, Schwindelmann, du bertreibst, sagte Richard, du knntest mir ganz
Angst machen. Es sind doch Manche darunter, die sehr ordentlich sind.
    Ja, es hat noch welche; sonst wre es aber auch zu schlimm.
    Denk nur an deine beiden Schtze, fuhr Richard lachend fort, die Clara
und die Marie, - gelt, alter Kerl, fr die Beiden gehst du durch's Feuer.
    Schwindelmann machte ein Gesicht, als habe er eine saure Pflaume gegessen.
    Richard! rief Herr Hammer durch das Sprachrohr hinab, die obere
Flugmaschine wird gleich in Bewegung gesetzt. Fasse das Tau an; wenn ich dir
zurufe, so wickelst du es um und hltst es fest! Die an der Winde verlassen sich
auf dich. La mir keinen Achtelszoll fahren!
    Kein Haar breit! rief Richard lustig. Jetzt pa' auf, Schwindelmann!
Siehst du deinen Schatz, schau, wie die Marie schn aussieht!
    Auch die mag ich gar nicht mehr ansehen, erwiderte der Theaterdiener
verdrielich, indem er den Kopf wegwandte.
    Was hast du gesagt? meinte Richard und fuhr erschreckt herum. - Hast du
von der Marie nicht gesagt, auch die mchtest du gar nicht mehr ansehen?
    Ja, das habe ich gesagt, versetzte Schwindelmann. Aber was kmmerst du
dich darum? Dich interessirt's ja doch wohl nicht, was die Mdel zu Haus
treiben.
    Der junge Hammer war in diesem Augenblicke schlau genug, diese Frage des
Theaterdieners eifrig zu verneinen. Er dachte sich: da ist vielleicht etwas
vorgefallen; sage ich aber, da mich die Marie interessirt, so schweigt der
vorsichtige Kerl, der Schwindelmann. Eigentlich geht's mich nichts an,
versetzte er dehalb, und ich habe nur gefragt, weil man der Marie durchaus
nichts Schlimmes nachsagen konnte, auch nicht das Geringste; das mut du
zugeben, Schwindelmann.
    Ich habe das bis jetzt nicht nur immer zugegeben, erwiderte der
Theaterdiener, sondern auch eifrig verfochten.
    Diese Worte: bis jetzt - drangen wie ein Dolchstich in die Brust des jungen
Zimmermanns; er zitterte heftig, ja, es wurde ihm schwarz vor den Augen. Mhsam
Athem holend sagte er: Bis jetzt, Schwindelmann - was soll das heien: bis
jetzt?
    Ich wei nicht, erwiderte dieser trotzig.
    Ist das auch recht, meinte mhsam lachend Richard; ein alter Freund wie
du macht einen da neugierig und will dann 's Maul halten? - Pfui, Schwindelmann!
Das thun nur die alten Weiber. - Also, was wolltest du sagen mit dem bis jetzt?
Ich verstehe es nicht.
    Nun denn, bis gestern, wenn dir das deutlicher ist, sprach erbost
Schwindelmann, und nachdem er einen Augenblick hinauf geschaut in die schnen
Zge der Tnzerin, fuhr er fort: Sieht das Mdel unschuldig aus!
    Ah! - Bis gestern, Schwindelmann!
    Nichts, nichts! Es ist unrecht von mir, da ich hier ein solches Gewsch
halte. Was geht's mich, was geht's dich an?
    Dem Zimmermann war es kaum mglich, den Athem in seine Brust zu ziehen. Er
fuhr mit der rechten Hand an die Stirne, und in seiner heftigen Art berlegte
er, ob es nicht vielleicht besser sei, seinen alten Freund Schwindelmann am
Halse zu nehmen und ihn so lange zu schtteln, bis er ihm sage, was er wisse. -
Wer wei auch was geschehen wre, wenn nicht in diesem Augenblicke die Stimme
des ersten Maschinisten herabgerufen htte: Aufgepat da unten und angefat!
Und so wie ich wieder rufe - das Seil fest umgeschlungen!
    Droben flammten zugleich die bengalischen Feuer in rother Gluth und warfen
einen glnzenden Schein auch unter das Podium. Durch alle die Fugen und Dielen
der Versenkungen strahlte es hindurch und es sah hier unten aus, als brenne oben
das ganze Theater. Dabei erklangen Flten und Harfen, und eine sanfte Musik
begleitete das Aufschweben der Beschtzerin der wahren Liebe. - Ah! machte das
Publikum, und man hrte das wie ein entferntes Sausen und Rauschen.
    Aufgepat! tnte es jetzt durch das Sprachrohr herab, und Richard schlang
mit zitternden Hnden das Tau um den eisernen Trger und hielt es fest. Doch war
seine Seele nicht dabei, ja sie schwebte nicht einmal mit der Fee Amorosa in die
Hhe, sondern all' sein Denken, all' seine Fassungskraft konzentrirte sich auf
Schwindelmann, der ruhig eine Prise genommen hatte und nun erzhlte, wie er
gestern in die Wohnung der Mamsell Marie gegangen, um die heutige Vorstellung
anzusagen, wie er schon vor dem Zimmer geglaubt, er hre flstern, wie er dann
aber wieder gemeint, er habe sich geirrt, und darauf leise angeklopft habe. -
Keine Antwort!
    Keine Antwort! wiederholte Richard, dem der Schwei von der Stirne
herabflo.
    Darauf ffnete ich die Thre und - aber gib auf dein Tau Achtung, Richard,
unterbrach sich Schwindelmann, der eiserne Haken ist glatt; es knnte
abrutschen, wenn du dich so stark zu mir herumdrehst.
    Du - ffnetest - also - die Thre - und, - sagte Richard.
    Nun ja, da sah ich die Bescheerung; die Marie war allein, das heit ohne
ihre Tante, und ein Herr war bei ihr, sehr wohl gekleidet, der hielt sie fest in
den Armen.
    O nein, Schwindelmann, das that er nicht! schrie entsetzt der junge
Zimmermann.
    Er that's, Richard; wrde ich es sonst sagen? - Aber natrlich nur einen
Augenblick, denn als ich so unberufen in's Zimmer trat, sprangen Beide vom Sopha
auf.
    Vom Sopha auf! schrie Richard wie wahnsinnig in hchster Aufregung. Auf -
vom Sopha, Schwindelmann? ah - verflucht!
    Bei diesen Worten hatte er seinen Oberkrper heftig nach dem Theaterdiener
herum geworfen, um von dessen Lippen nochmals die Besttigung zu hren. Doch war
dieser wie von einer Feder in die Hhe geschnellt, streckte die Hnde weit von
sich und stie einen grlichen Schrei aus.
    Diesem folgte droben ein anderer, furchtbar und schmerzensvoll. Dumpf tnte
dazwischen die Stimme des ersten Maschinisten durch das Sprachrohr hinab:
Richard! Richard! Die Musik brach ab, das Geschrei auf der Bhne pflanzte sich
im Publikum fort, dort kreischten hundert Stimmen laut auf. Oben auf der Bhne
krachte es zusammen, als breche das Podium ein; eine schwere Masse polterte zu
den Fen des jungen Zimmermanns, eine Masse von Brettern und Balken, und
dazwischen - der Krper eines armen, jungen Mdchens, das noch eine Sekunde
frher droben in Schnheit und Jugend gestrahlt, jetzt regungslos wie todt hier
unten lag.
    Marie! Marie! schrie Schwindelmann. Dabei strzte er sich auf die
Tnzerin, ri die Taue und Balken um sie her fort, nahm sie sanft in seine Arme
und indem er neben sie kniete, legte er ihren Kopf behutsam in seinen Schoo.
    Das hat der Himmel gethan, nicht ich, murmelte Richard mit dumpfer Stimme.
- Er schwankte auf seinen Fen und mute sich an dem eisernen Trger neben sich
halten, um nicht hinzustrzen.
    Ueber alle Treppen und Leitern hinab strzte jetzt das Theaterpersonal, die
Beamten, kurz was sich auf der Bhne befand, herbei, um sich von der Gre des
Unglcks zu berzeugen. Therese war brigens die Erste, die herbei kam, sie
schauderte einen Augenblick wie vor der Todtenblsse des eben noch so frischen
Mdchens, dann fate sie Richards Arm und sagte, whrend ihre Zhne hrbar
zusammenklapperten: Das hast du absichtlich gethan. Du bist ihr Mrder. - Sie
hatte Schwindelmann sogleich gesehen, sie hatte es sich gedacht, welche
Unterredung hier stattgefunden.
    Nein, nein! sagte Richard kaum hrbar, da thun Sie mir Unrecht; ich wei
nicht, wie mir das Seil entschlpft.
    Und hat dir Schwindelmann nichts erzhlt?
    O ja, ich that es, sprach der Theaterdiener mit bekmmerter Stimme.
    O grlich! grlich! rief nun Therese laut weinend und warf sich auf die
Kniee neben Marie hin. Du armes, armes Geschpf! - Aber es ist vielleicht
besser so. Sie wischte ihr leicht ber die Stirne und trocknete ein paar
Tropfen Blut ab, die zwischen den bleichen Lippen langsam hervorgequollen waren.
    In wenigen Augenblicken umstand ein Kreis entsetzter Gesichter und rathloser
Menschen die Unglckliche; viele Stimmen riefen nach einem Arzte, doch dauerte
es lange, bis man einen gefunden. Der Theaterarzt war, wie das zuweilen zu
geschehen pflegt, gerade nicht im Theater, aber einer von denen, die man in die
Stadt gesandt hatte, traf nicht weit vom Theatergebude zuflligerweise auf den
Doktor Erichsen, der mit seinem Bruder im Begriffe war nach Hause zu gehen.
    Der Kreis theilte sich, als der Arzt die Stufen hinabstieg, und Todtenstille
herrschte rings umher, als er den Kopf des leblosen Mdchens langsam
aufrichtete, Hnde und Arme befhlte und ihr in das halbgebrochene Auge schaute.
Kein Laut wurde ringsum hrbar, ja alle hielten den Athem an und jedes Auge
blickte auf den Arzt. - Als dieser nun leicht den Kopf schttelte, die Achseln
zuckte und mit ernster Miene dem Intendanten, der hinter ihm stand, einige Worte
zuflsterte, sahen wohl Alle, da wenig oder gar keine Hoffnung sei. Die
Tnzerinnen, die sich bis jetzt zurckgehalten, strzten nun von allen Seiten
laut weinend neben Marie nieder, kten ihr die Hnde, die aufgegangenen
schwarzen Haarflechten, und ein paar steckten eifrig die Granatblthen zu sich,
die ihrem Haar entfallen waren.
    Aber wie ist denn das Unglck gekommen? rief der Intendant, indem er
bewegt seine Hnde zusammen prete. Wer war unten bei dem Tau?
    Die ihn Umgebenden traten bei diesen Worten scheu vor dem jungen Zimmermann
auf die Seite und Richard stand einen Augenblick allein, das Gesicht mit
Todtesblsse bedeckt, die blulichen Lippen halb geffnet, die Augen starr
aufgerissen.
    Ich bin es, der das gethan, sagte er nach einer Pause mit tiefem
Athemzuge. - Darauf wurde sein Blick pltzlich unsicher, glsern, seine Hnde
griffen um sich, als wollten sie irgend etwas erfassen; seine Kniee knickten
ein, und wenn nicht einige der Zimmerleute ihm beigesprungen wren und ihn
gehalten htten, so wre er zu Boden gestrzt. So aber lieen ihn seine
Kameraden langsam niedersinken, und legten ihm seinen Kopf auf eine der
Treppenstufen.
    Doktor Erichsen verordnete nun, man solle das unglckliche Mdchen aufheben,
und dann in einem Tragkorb in ihre Wohnung bringen. Er schrieb sich Nummer und
Strae derselben auf und entfernte sich mit Arthur. Da Letzterer Gelegenheit
fand, der erschreckten Clara ein freundlich trstendes Wort zuzuflstern,
brauchen wir dem geneigten Leser eigentlich nicht zu sagen.
    Man hob Marie auf, brachte sie sorgfltig auf die Bhne, und vier der
Zimmerleute trugen den Krper des unglcklichen Mdchens in ihre Wohnung.
Therese, entschlossen, wie sie immer war, hatte sich in der Eile nothdrftig
angekleidet, einen warmen Mantel ber das leichte Nymphenkleid geworfen und
begleitete die arme Marie. Unterwegs hatte sie ihre herabhngenden Hnde gefat,
und wenn sie dieselben kte, was oft geschah, so fielen ihre Thrnen auf die
erkalteten Finger. Das sah aber Niemand, als die Tausende von Sternen, die an
dem klaren Himmel glnzten.
    Richard hatte sich langsam wieder erholt, Schwindelmann war bei ihm
geblieben, hatte ihm seine Jacke aufgeknpft und kaltes Wasser in das Gesicht
gespritzt. - Ist sie fort? fragte er, als er die Augen aufschlug; aber nicht
wahr, Schwindelmann, sie lebt noch?
    Der Theaterdiener nickte mit dem Kopfe und dazu zuckten seine Augenlider.
Seine alten Augen waren es seit lange nicht mehr gewohnt, von Thrnen
angefeuchtet zu werden. - Ja, antwortete er, sie lebt noch; aber sage mir,
Richard, -
    Was denn?
    Aber weit du, Richard, du mut dich nicht scheuen, es uns zu gestehen, -
nicht wahr, die Marie war dein Schatz?
    Sie war es, sagte der junge Zimmermann mit bebenden Lippen, und sollte
sie sterben, dann bleibt sie es auch, dann lebt sie fr mich fort; sollte sie
aber wieder frisch und gesund werden und leben bleiben, dann ist sie fr mich
gestorben. -
    Amen! sagte der Theaterdiener mit unsicherer Stimme.
    Darauf stiegen Beide langsam die Treppe hinauf, die zur Bhne fhrt, und
nach all' dem, was vorgefallen, war es unheimlich still unter dem Podium.

                         Siebenundsechzigstes Kapitel.



                                  Im Fuchsbau.

Im Fuchsbau war es in letzter Zeit ziemlich still und geruschlos hergegangen;
Fremde gab es gar keine, und die Stammgste waren auswrts so beschftigt
gewesen, da sie nicht Zeit oder Lust hatten, sich hier hufig zusammen zu
finden. Ueberhaupt war die Schenkstube nur belebt, wenn es nicht viel zu thun
gab, mit andern Worten, wenn nicht viel Geld vorrthig war; dann wurde hier in
Erwartung besserer Zeiten auf Kredit gelebt. Klimperte aber Silber und Gold in
den Taschen, so zog man es vor, andere Kneipen aufzusuchen, nicht weil dort der
Wein besser war, sondern weil man unbeobachtet sein konnte, was im Fuchsbau
nicht so ganz der Fall war. Da hatten die Wnde der Schenkstube Ohren und die
alte Pfrtnerin scharfe Augen; es schwebte selbst fr diese harten Gemther
etwas Drckendes, durch die Rume, und wenn der Klang einer gewissen Klingel
erscholl, so waren Wenige, die ihr Glas an die Lippen brachten, selbst wenn sie
die Hand dazu schon erhoben hatten.
    Auch heute Abend war die Klingel ertnt; da aber auer der Kellnerin sonst
keine menschliche Seele im Zimmer war, so hatte sie nur auf diese ihre Wirkung
ausgebt. So hurtig es ihr die alten Beine erlaubten, war sie aufgesprungen,
hatte nachgeschaut, ob die Drhte der Klingelzge auch wirklich unverwirrt neben
einander hingen, sie war auf einen Stuhl gestiegen und hatte ein kleines
Kstchen betrachtet, welches ungefhr acht Schuh vom Boden an der Wand hing. In
dieses Kstchen fhrte von oben eine kleine feine Kette, welche durch die Decke
kam und irgendwo im Hause gezogen werden konnte. Auch diesen Zug untersuchte
sie, ob er in Ordnung sei und nicht stocken werde; sie zog das kleine Kettchen
vorsichtig in die Hhe, worauf eine Feder anschlug und hell und schrill der
Klang einer Glocke ertnte. Zu gleicher Zeit ffnete sich der Boden des
Kstchens nach unten. Die Alte nickte selbstzufrieden mit dem Kopfe, als sie
sah, da die ganze Maschinerie in Ordnung sei, und drckte den Boden wieder
vorsichtig in die Hhe, dessen Schlo mit einem kleinen Gerusch wieder
zusprang.
    Dies Kstchen hatte eine sehr wichtige Bestimmung; denn wenn die Glocke
anschlug und sich der Boden ffnete, so hatte das alte Weib die Verpflichtung,
augenblicklich den Haupthahnen der Gasbeleuchtungsrhren zuzudrehen und so das
ganze Haus in tiefste Finsterni zu versetzen. So lange nun die Alte als
Pfrtnerin sich hier befand, war das nur ein einziges Mal geschehen und zwar in
einer frchterlichen Nacht, an die sie nur mit Schrecken dachte.
    So de und leer wie das Schenkzimmer waren auch die Treppen und Korridore,
obgleich hell beleuchtet; nur in einem Winkel der letzteren ging ein Mann ruhig
auf und ab, nach Art einer Schildwache. Und diesen Dienst versah er auch. Von
der Stelle aus, wo er sich befand, hatte er zwei lange Gnge, sowie die
Haupttreppe im Auge, und wenn er ruhig stand und horchte, so war es ihm mglich,
den leisesten Tritt, selbst vom entferntesten Theil des Gebudes zu vernehmen.
Die Thre, neben welcher er stand, ist uns nicht unbekannt; sie fhrt in ein
kleines Vorzimmer, und von da in das hohe Gemach mit der dunklen Holzbekleidung.
    Wie an jenem Abend, dessen sich der geneigte Leser vielleicht noch erinnern
wird, waren die dunkeln Vorhnge vor dem Fenster herabgelassen und im Kamine
brannten groe Stcke Holz. Auf dem alten Tische mit der grnen Decke standen
zwei brennende Leuchter, und auf dem Stuhle mit der hohen Lehne, der neben dem
Tische stand, sa er im gleichen Anzuge wie damals. Er hatte die Beine ber
einander geschlagen und die rechte Hand unter sein Kinn gesttzt, whrend seine
Linke nachlssig herabhing und den tscherkessischen Dolch, den er am Grtel
trug, zu wiegen schien. Vor ihm stand Mathias in ehrfurchtsvoller Haltung.
    Du meinst also, sagte er, da sich die Polizei um den Vorfall da drauen
bei dem Schwemmer weiter nicht bekmmert hat?
    Ich wei das sogar genau, erwiderte Mathias; es trieben sich allerdings
einige von ihnen an dem Abend dort herum - aber, setzte er lchelnd hinzu, es
mu da ein guter Freund von uns dabei gewesen sein, denn sie zogen sich leise
zurck, als wir das Haus verlieen, und Einen hrte ich sagen: Ach was! wer wird
sich da hineinmischen! Pack schlgt sich, Pack vertrgt sich!
    Und doch htten sie damals einen guten Fang machen knnen; aber das Eisen
zu deinen Banden, Mathias, liegt noch in tiefer Erde, wird vielleicht niemals
gefunden.
    Das hoffe ich, entgegnete der Andere mit tiefer Stimme. Ich mchte doch
nicht - - so enden.
    Gewi nicht, Mathias; es wre schade um dich. Was meinst du, wenn wir nach
und nach daran dchten, das Geschft abzuwickeln, wie die Kaufleute zu sagen
pflegen.
    Ein leichter Blitz flammte in dem Auge des Mannes auf; doch sprach er gleich
darauf: Sie wissen, Herr, mir gilt nur Ihr Befehl, und wenn Sie verlangen, ich
soll mich morgen selbst angeben, so thue ich es.
    Gewi, Mathias, ich wei das. Aber lassen wir diese Reden! ich hoffe, du
sollst noch einmal Zeit genug bekommen, ein ruhiges Leben zu fhren, meinetwegen
auch zu bereuen und wieder gut zu machen, was du verbrochen. - Also die
Schwemmer'sche Wirthschaft hat aufgehrt? Wann starb er?
    Acht Tage nach jenem Vorfalle, Herr. Vielleicht hat er sich zu sehr
alterirt; viel aushalten konnte er ohnedies nicht - vielleicht auch -
    Nun was? - Warum stockst du?
    Nun, ich meine, vielleicht half ihm auch Jemand ber seine letzten
Lebenstage schnell hinweg kommen.
    Teufel! ich will nicht hoffen.
    Ich wei nichts genau, aber es wollte mir nicht gefallen, da sich seit
jenem Abend der Struber bestndig dort aufhielt. Frher war dem in seinem
lcherlichen Hochmuth das Haus dort viel zu schlecht; wie gesagt, von da an
hielt er es mit der alten versoffenen Schwemmer, und wenige Tage nachher lud sie
uns zum Begrbni ihres Gemahls ein.
    Ich frchte, der Struber wird nchstens ein klgliches Ende nehmen, sagte
er nach einigem Nachdenken, und seine Hand fuhr langsam von der Scheide des
Dolches nach dem Hefte hinauf. Wird er genau beobachtet?
    Allerdings, so genau als es mglich ist; aber er ist schlau wie der Teufel,
hat groe Angst und nimmt sich sehr in Acht.
    Besucht er Huser, in denen er nachweislich nichts zu schaffen hat?
    Das wohl, aber wenn man sich bei ihm erkundigt, so hat er immer die
triftigsten Ausreden.
    Zum Beispiel?
    So treibt er sich gern in der Nhe des Schlosses herum. Ich habe ihn schon
ein paar Mal aus dieser oder jener Thre heraus kommen sehen.
    Immer im schwarzen Frack?
    Und baumwollenen Handschuhen - das versteht sich. Als er mir das erste Mal
da aufstie, folgte ich ihm durch mehrere Straen, und an einer passenden
einsamen Stelle, wo ich that, als trfe ich ihn jetzt erst zufllig, sagte ich
zu ihm: ei, Struber, woher des Wegs? - Ich dachte, er sollte mir irgend eine
Lge aufbinden, und dann wollte ich ihn examiniren; - aber Gott bewahre! er
erzhlte mir ganz ruhig, er komme vom Schlosse, wo er seine kleinen Geschfte
habe.
    Und welche? Gab er vielleicht vor, er handle mit alten Kleidern?
    O nein, dazu ist er zu hochmthig; er sei Agent geworden, sagte er, und
dabei zog er seine schmutzigen Vatermrder stolz in die Hhe. - Agent oder
Kommissionr fr eine privilegirte Leichenkasse.
    Was ist das, Mathias?
    Das sind Anstalten, wo man irgend Jemand versichern lt, um nach dessen
Tod ein gewisses Geld zu bekommen; es pat fr den Struber, und es ist viel
scheues, heimliches Wesen dabei. Man versichert zum Beispiel so einen armen
Teufel in einem Dutzend dergleichen Anstalten, dann stirbt er oder sie lassen
ihn sterben und bekommen eine recht hbsche Summe. Ich wei genau, da der
Struber und die Schwemmer ihren Mann auf diese Art versicherten, und als er
bald darauf an vieler Freundschaft starb, wurde ihnen wacker ausbezahlt.
    Aber was hat er im Schlo zu schaffen?
    Da macht er mit den Bedienten, so sagt er, die oben erwhnten Geschfte.
Aber ich glaube ihm doch nicht; ich sah ihn zu oft in der Gegend herum flaniren,
und Sie knnen sich denken, Herr, da ich ihm eifrig nachspre. Er geht meistens
in den stlichen Seitenflgel: dort wohnt ein alter General, ich glaube Baron
von W.
    Ah! dahin geht er! sprach der Andere, pltzlich sehr aufmerksam werdend,
wobei er hastig seine Stellung vernderte und seinen Oberkrper aufrichtete.
Das interessirt mich auf's Hchste. Sei so gut, Mathias, und nehm' dich der
Sache an; spare keine Mhe, keine Kosten, stelle einen oder zwei Vertraute zur
Beobachtung auf; er soll keinen Schritt mehr thun, den wir nicht erfahren.
Berichte mir tglich darber und so umstndlich als mglich.
    Daran soll's nicht fehlen, erwiderte Mathias lchelnd.
    
    Dann noch eins, Mathias, fuhr der Andere mit ernster Stimme fort. Ich
habe da unter der Hand etwas von einem Kinderhandel, der schwunghaft betrieben
werden soll, gehrt. Pfui Teufel! Das ist 'ne Schande, und ich will das nicht
leiden. Du weit, lieber Mathias, ich spreche nicht gern zweimal von einer
Sache, und wenn ich meine Hand ausstrecke, so zerdrcke ich die Schuldigen,
mgen sie sein wer sie wollen.
    Mathias war bei diesen Worten ein wenig erbleicht und sogar zurckgewichen,
als der Andere die Hand nun wirklich ausstreckte.
    Es ist das eine Schande, fuhr dieser fort, so ein armes Wesen in die Welt
hinaus zu stoen, es zu verkaufen zu den gemeinsten Lastern und Verbrechen, es
eltern- und heimathlos zu machen. - O, ich kenne das! und mchte um Alles in der
Welt damit nichts zu thun haben. Lat die armen, unschuldigen Geschpfe! - Ist
denn die Welt so arm geworden an guten Freunden, die keine Ehre aber viel Geld
haben? Wendet euch dahin, aber lat mir jenen niedertrchtigen Handel; ich wei
wohl, der Schwemmer war die Haupttriebfeder. Nun, er ist dahin, also lat's
bleiben!
    Es soll unterbleiben, erwiderte Mathias mit fester Stimme, verlassen Sie
sich darauf, Herr.
    Schn. - Wie ist mir doch, fuhr er nach einer Pause in leichtem,
geflligem Tone fort, whrend er mit der Hand ber die Stirne strich, da habe
ich einen guten Bekannten, dem knnte ein Besuch nichts schaden, er ist ein
Buchhndler und ein sehr schlechter Kerl, er heit Johann Christian Blaffer. -
Hast du den Namen zufllig gehrt?
    Sie sprachen neulich mit mir darber und gaben mir Befehl, mich nach den
Verhltnissen des Hauses zu erkundigen.
    Richtig! ich hatte das vergessen. - Wird da fr euch was zu holen sein?
    In einigen Tagen eine artige Summe; Herr Blaffer beabsichtigt sein Haus zu
verkaufen und will baar bezahlt sein.
    Ah! Meister Mathias, dehalb hast du wahrscheinlich meinen Befehl so genau
befolgt! - Nun, wer ist in dem Hause?
    Zuerst der Prinzipal, Herr Blaffer, dann ein sehr dummer Lehrling -
    An den ich dir eine Rekommandation verschaffen will, warf der Andere
leicht ein.
    Ferner eine alte Magd, fuhr Mathias mit einer Verbeugung fort, und ein
recht schnes Mdchen.
    Aha, Meister! du nennst das Mdchen zuletzt; das mu einen Haken haben.
    Und einen tchtigen, Herr. Der alte Buchhndler wandte ihr seine Liebe zu,
und dafr betrgt sie ihn so tchtig als mglich.
    Teufel! das mut du mir erzhlen, sagte der Andere aufmerksam und setzte
dann mit leiser Stimme hinzu: Armer Beil! Das soll ihn vollends kuriren.
    Es ist da ein junger, hbscher Kerl, - ich kenne ihn ziemlich -
    Also ein leichter Patron, ein Taugenichts?
    So etwas der Art, aber zum Sterben in das Mdchen verliebt. Er wohnt im
Nebenhause, hat sie scharf angesehen, sie ihn auch, er spielt den groen Herrn
und das hat ihr gefallen.
    So, so, also ziemlich leichte Waare!
    Wohl mglich, Herr; ich mu aber zu ihrer Entschuldigung sagen, da sie
gezwungen den ersten Schritt that und sich dehalb zum zweiten und zu den
folgenden leicht berreden lie.
    Der junge Mensch kommt in's Haus?
    Ja, Herr; ber das Dach des Nebenhauses; er klettert und schleicht wie 'ne
Katze. Ich glaube nicht, da ihn der Buchhndler so leicht erwischen wird.
    Der Andere machte nachdenkend ein paar rasche Gnge durch's Zimmer. -
Schn, schn, sagte er alsdann; sieh dir das Haus genau an, namentlich
erforsche, wo der Buchhndler wohnt und wo das Mdchen wohnt. Melde mir, wenn
die Gelder eingelaufen sind, und dann la dich sehen und hole deine
Instruktionen. Aber, Mathias, befolge sie auf's Wort!
    Wenn aber Zwischenflle eintreten, die man nicht vorher sehen kann?
    So zieht ihr euch unverrichteter Sache zurck. Wenn an der Ausfhrung
meines Planes ein Jota fehlt, so ist die ganze Geschichte nichts werth. - Hast
du mich verstanden? - Weiter habe ich nichts. Josef wird drauen sein; er soll
herein kommen.
    Mathias, der die erhaltenen Befehle nur mit einem Kopfnicken beantwortet
hatte, verlie das Zimmer, und gleich darauf trat Josef, der Jger des Grafen
Fohrbach, herein. Er trug einen grauen, unscheinbaren Jagdrock, doch war sein
voller, schwarzer Bart sorgfltig geordnet.
    Ah! du bist da, Josef - Franz Karner? Du machst dich rar; in eurem Hause
mu wenig Besonderes vorfallen, da du keinen Stoff zu berichten findest. Wie
ist's damit, Herr Josef - Franz Karner?
    Der Jger erschien einigermaen befangen, doch richtete er sein Auge fest
auf den jungen Mann, der, whrend er sprach, ruhig sitzen blieb und mit den
Fingerspitzen auf dem Tische trommelte. - Gewi, Herr, sagte er darauf, es
gibt dort in der That wenig zu berichten, sonst wre ich hufiger gekommen. Wenn
Sie auch den Franz Karner noch nicht genau kennen, so wissen Sie doch, da Ihnen
Josef mit Leib und Seele ergeben ist und da er hlt, was er verspricht.
    
    Selbst wenn ihm das Kummer machen sollte? sprach der Andere mit Betonung.
    Selbst wenn ihm das Kummer machen sollte, wiederholte der Jger
achselzuckend, aber mit unterwrfigem Tone.
    Davon nachher, erwiderte der junge Mann leichthin. Was hast du mir zu
melden, Josef?
    Wir hatten neulich eine groe Soire bei Seiner Excellenz dem Herrn
Kriegsminister.
    Ich wei das, Josef, du nahmst dich in deiner neuen Uniform sehr gut aus.
Nur hast du es verlernt, dich in der Gesellschaft zu bewegen.
    Ah! machte der Jger fast sprachlos vor Erstaunen, Sie haben mich
gesehen, Herr?
    Du lt mich nicht ausreden; das ist ein Beweis fr meine Behauptung. Der
Wald hat dich etwas verwildert; man nimmt sich in Acht und reit nicht nur so
mit seinem Wehrgehng einen ganzen Orangenzweig voll Blthen und Frchten
herunter.
    Bei Gott! das geschah mir, sagte der Jger, tief Athem holend.
    Aber weiter! - In dieser Soire -
    - Traf mein Herr, der Herr Graf, mit jener Dame zusammen und allein im
Zimmer neben dem Glashause.
    Und wo warst du?
    Hinter dem Vorhange, der in's Neben-Kabinet fhrt.
    Bravo, Franz Karner, du bertriffst den Josef.
    Ich kann das Lob nicht annehmen, sagte mit festem Tone der Jger. Bei
Gott im Himmel! ich wollte meinen Herrn nicht belauschen; ich war ganz zufllig
da.
    Nun, das Resultat wird das Gleiche sein, versetzte der Andere in
nachlssigem Tone. Die Beiden waren also allein, und -
    Es erfolgte eine Liebeserklrung.
    Und sie nahm sie an?
    Gern, Herr, sagte der Jger mit froher Stimme. Und ich begreife das.
    Ei der Tausend!
    Ja, Herr, es gibt wenig Kavaliere wie Seine Erlaucht der Graf Fohrbach,
wenig Herren, denen Jedermann, der sie kennen lernt, so zugethan sein mu.
    Wenige! lachte der Andere laut hinaus. Also steht der Graf doch nicht
einzig da? Wen wrdest du zum Beispiel neben ihn setzen? Sei aufrichtig, Josef.
    Sie, Herr, erwiderte der Jger nach kurzer Ueberlegung, wobei er den
jungen Mann mit seinem festen Blicke ansah. - Sie, Herr, wiederholte er, wenn
-
    Nun! weiter! weiter! Gerade heraus, Josef, wie wir es immer gegen einander
hielten.
    Wenn - wenn - Manches anders wre, sagte der Jger mit ganz leiser Stimme.
    Dies Wort mute den Andern ziemlich schwer betroffen haben, denn obgleich er
ein Lcheln versuchte, wurde es doch gleich darauf von einem wehmthigen Zuge
verdrngt. Er lie den Kopf in die Hand sinken und verharrte so einige Sekunden.
Allons! rief er alsdann nach einer Pause in seinem gewhnlichen heiteren Tone,
du hast mir gewi noch mehr zu sagen, Josef, denn wegen einer Bagatelle, wie
diese, lt du dich nicht bei mir sehen.
    Sie haben Recht, Herr, erwiderte der Jger; es trieb mich, aufrichtig
gesagt, nach langem Kampfe, hieher - nicht aus Furcht vor Ihrem Zorn, Herr,
obgleich ich wohl wei, da mich derselbe in einem Nu zermalmen knnte, obgleich
ich wei, da es Sie nur einen Zug an jener Klingel kostet und ich sehe das
Tageslicht nie wieder. Aber ich komme aus Dankbarkeit, fr Alles, was Sie an mir
gethan. Und dies Gefhl ist es auch, welches mich zwingt, Ihnen - diesen Brief
zu bergeben. - Es ist ein Verrath an meinem Herrn, aber ich kann nicht anders.
    Ei, ei, ein zierliches Briefchen! lachte der Andere, indem er das
Schreiben entgegen nahm. Die Aufschrift kann ich mir denken. - Frulein Eugenie
von S. - Dergleichen wirst du viele zu berbringen haben, Josef?
    Es ist der Erste, Herr, versetzte der Jger sehr ernst; und dehalb
dachte ich mir, Sie werden einen Werth darauf legen.
    Vielleicht, sagte der Andere achselzuckend; doch wird nicht viel
Interessantes darin stehen - einige Liebesbetheuerungen, Versprechen ewiger
Treue, so was dergleichen. Wann schrieb es der Graf?
    Seine Erlaucht kamen vor einer Stunde mit dem Herrn von Steinfeld von einer
Whistpartie, ich glaube bei dem Herrn Major von S. Der Herr Graf waren
verdrielich und erregt, und sprachen, whrend sie sich umkleideten, viel mit
dem Herrn von Steinfeld.
    So, so! Und was zum Beispiel?
    Seine Erlaucht sagten: der Herzog wird wahrhaft unertrglich; hast du je so
etwas erlebt? Bietet mir da - freilich unter vier Augen - eine so unsinnige
Wette an - eine Wette, die, wenn er vielleicht mein Verhltni zu Eugenie ahnt,
an's Unverschmte grenzt.
    Brav, Josef! Du hast gut behalten. - Und die Wette?
    Sie betraf Frulein von S. Der Herr Herzog wollte es nmlich von heute bis
ber acht Tagen dahin bringen, da bei dem groen Maskenballe, der am Hofe
stattfindet, das Frulein in ihrem Anzuge Bnder von den Farben des Herrn
Herzogs tragen solle.
    Ah! Seine Durchlaucht sind leichtsinnig im Wetten, aber geniren sich nicht
um den Teufel; das mu biegen oder brechen. Er ist ein gefhrlicher Mensch. -
Diese Worte murmelte er vor sich hin, so da der Jger nicht im Stande war, sie
zu verstehen. - Nun zu dem Briefe! sagte er nach einigen Augenblicken mit
lauter Stimme. - Na, Josef, fuhr er lchelnd fort, du wirst nicht Alles
verlernt haben. Oeffne den Brief geschickt und vorsichtig. Du weit, dort im
Wandschrank befindet sich das Nthige dazu.
    Der Jger zauderte.
    Der Andere betrachtete das Siegel und schien dieses Zaudern nicht zu
bemerken. Er hat sich ein neues ganz gleiches machen lassen, sprach er
lchelnd vor sich hin. Dann fuhr er lauter fort: Es ist fein, aber dick; der
Abdruck ist schwierig; du kannst es hinweg schneiden. - Da.
    Der Jger kmpfte einen schweren Kampf; sein Auge blitzte, seine Brust hob
sich gewaltsam von tiefen Athemzgen. - Verzeihen Sie mir, Herr, sagte er nach
einer lngeren Pause, das kann ich nicht.
    Was kannst du nicht?
    Der Brief ist von meinem Herrn, fuhr er mit weicher, bittender Stimme
fort, von einem gtigen Herrn. O, es ist schon des Verraths genug - aber selbst
ffnen - meine Hand zittert.
    Ah, mein Freund, rief der Andere, und wie es schien gewissermaen lustig,
aus, aber deine Hand zittert nicht, wenn sie auf eigene Rechnung die Bchse
fhrt.
    Josef senkte sein Haupt und entgegnete: Wenn ich Ihnen mit meinem Leben
ntzen kann, Herr, so werde ich nicht einen Augenblick zaudern, es hinzugeben,
aber - es ist ja Ihre Schuld, fuhr er mit einem trben Lcheln fort, warum
brachten Sie mich zu einem solchen Herrn?
    Nun meinetwegen, sei es darum; das soll uns nicht entzweien! Er stand
ruhig von seinem Stuhle auf, ehe er aber den Tisch verlie, blickte er den Jger
fest an, und als er das ein paar Sekunden gethan, wurden seine energischen Zge
weicher; etwas Wehmthiges erschien auf denselben. Dann ging er rasch zur Thre,
die sich, sowie er die Hand auf die Klinke legte, wie von selbst ffnete; er
reichte den Brief hinaus und sagte: Das Siegel behutsam ablsen!
    Unsichtbare Hnde schienen ihn in Empfang zu nehmen, den Befehl
augenblicklich zu vollziehen und ihm das geffnete Schreiben zwischen den
Vorhngen der Thre wieder zu berreichen.
    Er trat an den Tisch zurck und berflog den Brief. In demselben stand:
Verzeihe mir, Eugenie - ah! das Sie wre glcklich bersprungen, murmelte er,
- da ich durch dieses Schreiben mit einer Bitte belstige. Heute Abend wird
bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin die Zusammenkunft stattfinden, wo man ber
die Kostme zu dem bevorstehenden Maskenball berathet. Wenn es dir mglich ist,
die Farbe des deinigen so zu wnschen, da du ein weies Band darauf anbringen
kannst, so wird mich das unendlich glcklich machen. Morgen will ich dir sagen,
wehalb ich diese sonderbare Bitte stelle. - Teufel! dachte der Leser, er geht
gerade darauf los. Da wird der Herzog einen schweren Stand haben. - Nun, ich
wnsche es dem Grafen, wenn er baldigst die Braut heimfhrt; es ist das eine
noble Seele, sie nicht minder - es ist ein Paar, das Gott in der allerbesten
Laune just fr einander geschaffen zu haben scheint. - Er faltete den Brief
zusammen; die unsichtbare Hand hinter dem Vorhang mute ihn schlieen, und dann
gab er ihn dem Jger zurck, wobei er sagte: Ich danke dir, Josef, fr deinen
Eifer, obgleich der Brief nichts Wichtiges enthlt. - Apropos! Du hast von
deiner Frau nichts mehr gehrt?
    Einen Augenblick blieb der Jger die Antwort schuldig, dann sprach er:
Doch, Herr, sie ist mir gefolgt, sie hat mich gefunden.
    Ah! das ist schlimm! Da werde ich helfen mssen; sie wird dich verrathen.
    O nein, Herr! rief der Andere eifrig. Glauben Sie mir, sie ist
berglcklich, mich wieder gefunden zu haben.
    Und du?
    Wei Gott, ich nicht minder, Herr! Sie hat mir die ganze unglckselige
Geschichte erzhlt; sie ist unschuldig - der Andere aber nicht; er hat sein
Schicksal verdient.
    Und wo ist sie? Nehm' dich in Acht: Franz Karner ist nicht verheirathet.
    Aber er wird es sein, sobald Sie wollen, Herr, sagte Josef mit leiser
Stimme, indem er seine Hnde wie bittend zusammenfaltete. Lassen Sie mir dieses
Glck; ich liebe das arme Weib mehr als je.
    Seltsame Menschen! erwiderte der Andere; doch schaute er nicht ohne
Theilnahme in die glnzenden Augen des Jgers. - Nun ja, du sollst die Papiere
haben, aber ein reger Eifer fr mich sei mein Lohn. Du hast mich verstanden? Ich
wnsche dich fter zu sehen als bisher.
    O tausend, tausend herzlichen Dank fr Ihre Gte! rief Josef freudig. Und
wenn das Andere sein mu, so will ich mich bestreben, pnktlich zu sein. - Das
sagte er mit einem Seufzer.
    Es wird dir schwer; du hast dich schon sehr in die Ehrlichkeit hinein
gelebt, Josef. Nun, ich habe heute meine gute Laune; wie wre es, wenn ich dich
von jetzt ab ganz frei liee?
    O mein Gott! Das wrden Sie thun?
    Natrlich wrden wir uns in dem Falle niemals wieder sehen.
    Niemals, Herr?
    Oder nur dann, wenn es dir wieder 'mal schlecht ginge. In dem Falle wrde
ich dir erlauben, mich nochmals hier aufzusuchen.
    Sie berhufen mich mit Gromuth; und ich soll nicht im Stande sein, etwas
- Anderes fr Sie thun zu knnen, Herr?
    Ich glaube nicht. - Doch halt! Vielleicht wre es dir mglich, spter
einmal einem meiner Freunde einen Dienst zu erzeigen, ohne da es dich im
Geringsten kompromittirt. Das wirst du thun!
    O gewi, Herr! rief der Jger freudig aus und fate mit seinen beiden
Hnden die Rechte des jungen Mannes, der sie ihm auch ruhig lie und dabei
sagte:
    Sollte also spter Jemand irgend einen vielleicht auffallenden Dienst von
dir verlangen und sagen zu dir, dem Franz Karner, es geschieht fr mich, Josef,
so wirst du thun, was er wnscht.
    So wahr mir Gott helfe! erwiderte der Jger mit leuchtenden Augen; und
sollte es mich meinen Dienst, ja mein Leben kosten. Er zog hastig die Hand des
jungen Mannes an seine Lippen und kte sie innig. Dieser entwand sie ihm aber
sanft, und als er Josef darauf anblickte, schttelte er traurig lchelnd das
Haupt, da er Thrnen in den Augen des Jgers bemerkte.
    So gehe denn, sagte er mit weicher, fast zitternder Stimme; drunten vor
der Thre schttle den Staub von deinen Fen und wenn du kannst, so vergi es,
da du je diese Mauern betreten! Fr deine Papiere werde ich sorgen, - sowie
auch dafr, setzte er leise hinzu, da es dir nicht zu schwer wird, dir und
deiner Frau einen neuen Hausstand zu grnden. - Jetzt verla mich!
    Er streckte die Hand gebietend gegen die Thre aus und der Jger befolgte
diesen Befehl mit zgernden Schritten. Doch ehe er hinaus ging, wandte er sich
nochmals um, strzte dem jungen Manne zu Fen und sprach, indem er seine beiden
Hnde ergriff: O verzeihen Sie mir, Herr, so konnte ich nicht scheiden; wenn
man sich Jahre lang gekannt, wie wir, so wird es Einem hart, unendlich hart,
sich zu trennen. Gott mge Sie behten und mge es gndig fgen, da wir uns
einstens freudig wieder sehen! - Damit sprang er auf und war verschwunden.
    Amen! sagte der junge Mann nach einer Pause, whrend er sich langsam mit
der Hand ber das Gesicht fuhr. Darauf blieb er noch einen Augenblick
nachdenkend an dem Tische stehen und verlie alsdann das Zimmer auf die frher
dem geneigten Leser schon beschriebene Art.

                          Achtundsechzigstes Kapitel.



                         Achselbnder und Karrikaturen.

Am gleichen Abend, in dem unser voriges Kapitel schliet, vielleicht eine starke
Stunde spter, verlie der Baron von Brand seine Wohnung; er trug einen sehr
eleganten Paletot von dunklem Tuch, den er fest zugeknpft hatte; sein blonder
Bart war wie immer sorgfltig zugespitzt und parfmirt; er schritt lustig
trllernd die Treppe hinab, wobei er seine Handschuhe zuknpfte, und als er
hierauf vor die Hausthre trat, warf er einen Blick an den Himmel hinauf,
welcher ruhig und klar war und, wie oft im Winter, in glnzender Sternenpracht
funkelte. Es lag kein Schnee auf dem Boden, auch war dieser hart gefroren,
wehalb Herr von Brand keinen Wagen befohlen hatte.
    Kaum aber wollte er den Fu auf das Pflaster setzen, so fuhr eine Equipage,
die in vollem Trabe aus der Mitte der Strae abgelenkt war, dicht an das Haus
hin, wo die Pferde augenblicklich still standen. Der Baron zog seinen Fu
zurck, und that wohl daran, denn der Wagen war so nah bei der Thrschwelle
vorgefahren, da er den Heraustretenden beinahe in Gefahr gebracht htte.
    Zum Teufel! rief dieser dem Kutscher zu, ist das auch eine Manier,
harmlose Fugnger jhlings zu berfallen! Heh! mein Freund! Wei Er wohl, da
er mich um ein Haar berfahren htte?
    Ah! Sie sind es selbst, bester Herr von Brand! hrte er nun eine laut
lachende Stimme aus dem Wagen. Wenden Sie Ihren Zorn von dem Unschuldigen
drauen auf mich. Es drngte mich, Sie zu sehen, und dehalb befahl ich, so
schnell zu fahren.
    Coeur de rose! entgegnete der Baron, indem er an den Schlag trat. Aber,
gndiger Herr, ich versichere Sie, mein kostbares Leben schwebte in
augenscheinlicher Gefahr, oder, was fast noch schlimmer ist, meine geraden
Gliedmaen. - Wollen Euer Durchlaucht vielleicht aussteigen?
    Nein, nein, versetzte lachend der Herzog; Sie wollten eben ausgehen, und
da kann ich mich nicht unterstehen, Ihre besetzte Zeit so sehr in Anspruch zu
nehmen. Auch bin ich selbst eilig wie immer.
    Wie Sie befehlen, gndiger Herr. Aber da Sie zu mir wollten, so mu ich mir
schon erlauben, Sie zu fragen, womit ich Ihnen dienen kann.
    Ich habe zwei Worte mit Ihnen zu sprechen, sagte der Herzog, indem er den
Schlag von innen ffnete, und wre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie fr wenige
Augenblicke in meinen Brougham steigen wollten. - Aber Sie mssen mir im Voraus
verzeihen, bester Baron, da ich Sie zu so ungewohnter Stunde berfalle und
meinen Besuch nur halb mache; doch wissen Sie, ich bin immer so ungeheuer
beschftigt, und wenn ich mir auch oft vornehme, nach Ihnen zu sehen -
    So kommen Euer Durchlaucht doch nur, wenn Sie Ihre wichtigen Grnde haben,
schlo der Baron von Brand mit dem ihm eigenen sen Lcheln den Satz. Bei
diesen Worten war er in den Wagen gestiegen und lie sich neben dem Herzog auf
die weichen Kissen nieder.
    Ich war heute wieder bei dem Major von S., sagte Seine Durchlaucht.
    Da wurde Whist gespielt, warf der Baron leicht hin.
    Nachher rauchten wir unsere Cigarre, der Major zeigte Steinfeld einige
Waffen, ich und Graf Fohrbach wir traten an's Fenster.
    Da proponirten Sie ihm eine Wette.
    Woher wissen Sie das? fragte erstaunt der Herzog.
    Nun, ich wei es eben, gndiger Herr; ich erfahre so Manches.
    Teufel auch! so habe Sie den Grafen Fohrbach gesehen!
    Coeur de rose! - seit mehreren Tagen nicht.
    Oder den Herrn von Steinfeld, oder den Major, denen Graf Fohrbach
vielleicht getratscht.
    Ebenso wenig.
    Unbegreiflich! sagte der Herzog; nun wenn Sie allwissend sind, so brauche
ich Ihnen auch nicht zu sagen, wehalb wir gewettet.
    Gewi nicht, gndiger Herr, denn ich wei das ganz genau. Die Konversation
betraf Frulein von S., und Sie vermaen sich - nehmen mir Euer Durchlaucht
nicht bel - leichtsinniger Weise, das Frulein zu bestimmen, Ihre Farben zu
tragen. Ah! Durchlaucht, das ist stark!
    Alle Teufel! Baron, woher wissen Sie das? rief der Herzog in hchstem
Erstaunen. Es ist so, wie Sie sagen: ich sehe in ungeheurer Achtung zu Ihnen
empor. Wahrhaftig, Baron, ich bin glcklich, da ich Sie Freund nennen darf.
    Weil Sie wahrscheinlich einen Wunsch auf der Seele haben, gndigster Herr,
entgegnete Herr von Brand. Und wenn es in dem Wagen nicht so dunkel gewesen
wre, so htte der Herzog nothwendig sehen mssen, von welch' verchtlichem
Lcheln diese Worte begleitet waren.
    Bei Gott! den habe ich auch, Sie Allwissender; und einen ziemlich groen
Wunsch.
    Den ich mir denken kann. Ich soll Ihnen helfen Ihre Wette gewinnen.
    Ja und Nein, sagte Seine Durchlaucht. Die Wette ist nicht zu gewinnen,
denn der Graf nahm sie gar nicht an: aber meinen Willen durchzusetzen, das wre
mein hchster Wunsch.
    Da das Frulein bei dem Hofball Ihre Farben trgt?
    Ja, das mu ich durchsetzen, sprach der Herzog eifrig. Dann fuhr er auf
vertrauliche Art und sehr leise fort: Dabei mssen Sie mir helfen; ich
versichere Sie, Baron, ich gewinne nicht einen halben Pas bei dem starrkpfigen
Mdchen. Was ntzt mich das Frwort des Vaters? - was ntzt es mich, da wir sie
von allen Seiten umgarnt haben? - was helfen mich Ihre sonst so vortrefflichen
Berichte? Ueber Alles, was ich erfahre, mu ich mich rgern! - Wo geht sie hin?
- Zum Kriegsminister oder zum Major von S. - Wer ist da tglicher Gast? - Graf
Fohrbach! - Baron, wir mssen einen Hauptcoup ausfhren; ich mu mit einem Mal
das verlorene Terrain wieder gewinnen. Sie mu auf dem Hofball meine Farben
tragen und sich so kompromittiren.
    Das Letztere kann nicht ausbleiben, wenn wir sie zu dem Ersteren vermgen.
Das wird aber sehr, sehr schwer sein.
    Schwer, haben Sie gesagt, bester Baron! jubelte der Herzog, also doch
nicht unmglich. O, meine Dankbarkeit wre unbegrenzt. Sprechen Sie, ist was zu
machen?
    Das will sehr berlegt sein. Und wie lange haben wir Zeit?
    Noch acht bis zehn Tage, dann ist der groe Maskenball bei Hof. - Sprechen
Sie, Baron, machen Sie mich zu Ihrem ewigen Schuldner!
    Ich frchte, gndiger Herr, erwiderte Herr von Brand lachend, Ihre
Ewigkeiten sind sehr kurz und vergnglich. - Doch will ich's darauf hin wagen.
Aber erschrecken Sie nicht, wenn auch ich nchstens anfange, meine Forderungen
zu stellen.
    Verlangen Sie! erwiderte der Herzog bestimmt. So lieb es mir ist, Ihr
Schuldner zu sein, so sollen Sie mich doch jederzeit bereit finden, fr Sie zu
thun, was in meinen Krften steht.
    Das hre ich jetzt schon zum zweiten Male, und es wird nchstens die Zeit
kommen, wo ich Euer Durchlaucht fest beim Worte nehme.
    Ich hoffe es; aber meine Angelegenheit - sprechen Sie, bester Baron!
    Soll - besorgt werden.
    Bei meiner Ehre! Baron, rief erfreut der Herzog, versprechen Sie nicht zu
viel?
    Das thue ich nie, erwiderte ruhig Herr von Brand. Es ist das freilich
keine leichte Kommission, aber ich thu' Alles, um Sie mir zu verpflichten. Doch
bedarf ich ein klein wenig Ihrer Hilfe; - heute Abend ist bei der Frau Herzogin
eine Zusammenkunft, der Sie wahrscheinlich anwohnen werden.
    Ich habe von Mama die gndige Erlaubni erhalten, lachte der Herzog; ich
als einziger Mann zwischen ein paar Dutzend Hofdamen und Ehrenfruleins.
    Sie Glcklicher! - Nun also, da werden Sie erfahren, welches Kostm dem
Frulein von S. zugedacht ist. Sorgen Sie darnach fr die bewuten Bnder in den
Farben, die Sie wollen, sei es als Haar- oder Busenschleife, wenn sie irgend ein
vollkommenes Damenkostm whlt, sei es als Achselbnder, wenn man sie vielleicht
zu einer der Ecuyren Ihrer Majestt bestimmt. Und das bin ich berzeugt bei der
prachtvollen Gestalt des jungen Mdchens!
    Ach ja, bei ihrer prachtvollen Gestalt! seufzte der Herzog.
    Aber die Schleifen und Achselbnder mssen mir in der von Ihnen bestimmten
Farbe vollkommen fertig, auf's Zierlichste gemacht, in drei Tagen, von heute ab,
bergeben werden.
    Das werde ich selbst besorgen, bester Baron, und zugleich meinen herzlichen
Dank berbringen.
    Mit Letzterem wollen wir warten bis nach dem Hofballe, entgegnete Herr von
Brand, denn ich bin nicht allmchtig; auch mir kann etwas milingen.
    Nein, nein, rief triumphirend der Herzog, Ihnen nicht. Glauben Sie mir,
ich staune Sie an. Ich bin doch auch mit den Hofintriguen ziemlich bekannt, aber
welche Wege Sie gehen, ist mir unerklrlich; ber welch' immense Krfte und
Mittel mssen Sie zu verfgen haben!
    Sie irren, gndiger Herr, erwiderte der Baron leicht, die Krfte, die ich
anwende, sind klein und unbedeutend wie ich selbst; es trifft sich nur zufllig,
da ich Ihnen dienen kann.
    Sie sind wahrhaftig zu bescheiden. Doch will ich jetzt Ihre Zeit nicht
lnger in Anspruch nehmen, versetzte der Herzog; ich wrde Sie einladen, mit
mir zu kommen, aber ich mu, wie Sie wissen, bei jener wichtigen Zusammenkunst
erscheinen. - Sie waren zu Fu, wie ich sehe, kann ich Sie irgendwo absetzen?
    Ich gehe zu Ihrem Rivalen, sagte lachend der Baron von Brand; Sie sehen,
wie ich offenherzig bin. Wenn Sie mich dahin bringen wollen, ist es mir
angenehm.
    Und genirt es Sie nicht, wenn Sie in meinem Wagen anfahren?
    Ganz und gar nicht, gndiger Herr, versetzte der Baron in sehr harmlosem
Tone. - Coeur de rose! der Graf Fohrbach wird gar kein Gewicht darauf legen, ob
ich von Euer Durchlaucht oder von Hause komme.
    So fahren wir also! sprach der Herzog. Er lie die Scheibe des Schlages
herab und rief seinem Kutscher zu: Zum Adjutanten, Graf Fohrbach!
    Dumpf rollte der Wagen dahin, durch erhellte und belebte Straen, und bog
bald rechts, bald links. Zuweilen fielen Lichtstrahlen aus einem der glnzenden
Magazine in den Wagen hinein, und dann htte man sehen knnen, wie der Herzog
zuweilen aber kaum merklich forschend den Baron Brand anblickte, dieser dagegen
zum Wagenschlage hinaussah und die erhellten Lden sowie die vorberhuschenden
Spaziergnger angelegentlich zu betrachten schien.
    Jetzt hielten die Pferde; Herr von Brand sagte: Ah! da sind wir schon! und
whrend er leicht und gewandt auf die Erde stieg, fate er die dargereichte Hand
des Herzogs, welche ihm dieser mit Empressement nachstreckte. Auf einen Zug an
der uns bekannten Klingel ffnete sich die kleine Thre, der Baron ging durch
den Garten in das Haus, wurde von dem alten Diener mit einer steifen,
feierlichen Verbeugung empfangen, und trat in den Salon, wo sich der Hausherr
befand, auch der Major von S., Arthur Erichsen und Herr von Steinfeld.
    Smmtliche Herren blickten auf, als er eintrat, Arthur und Graf Fohrbach
wechselten einen bedeutungsvollen Blick mit einander; doch als htten sie sich
wohl verstanden, winkte der Maler dem Eintretenden freundlich mit der Hand, und
Graf Fohrbach, sich gewaltsam von einer kleinen Befangenheit losmachend, rief
laut lachend: Da kommt der Baron! das ist unser Mann, der kann uns au fait
setzen.
    Der Baron grte verbindlich der Reihe nach, wobei er den Kopf senkte und
mit den Augen nach aufwrts schielte. Er zog bedchtig sein Sacktuch heraus,
wischte seinen Bart und wedelte sich hstelnd einige Wohlgerche zu. Man konnte
ihm das nicht bel nehmen, denn der Dampf der Cigarren in dem Gemach war
wahrhaft schrecklich; er konnte auch nichts Gescheidteres thun, als sich selbst
eine anzuznden, was auch sogleich geschah, und dann erst, nach einigen starken
Zgen, versicherte er, in der Verfassung zu sein, Rede und Antwort stehen zu
knnen.
    Baron Brand ist mir schon recht, meinte Arthur, und ich unterwerfe mich
seinem Urtheilsspruch.
    Um was handelt es sich? fragte jener geziert.
    Sie waren neulich bei mir, fuhr der Maler fort, oder Sie kamen vielmehr
mit Herrn von Dankwart. Sie erinnern sich, da dieser Protektor aller schnen
Knste vorlufig ein Portrt des Herrn Herzogs bei mir bestellte.
    Vorher aber sollten Sie an seinem eigenen Kopfe beweisen, ob Sie auch fhig
seien, ein gutes Portrt zu liefern. - Ganz recht, entgegnete der Baron.
    Und dies Portrt hat er gemacht! jubelte der Hausherr. Vortrefflich!
Arthur, lassen Sie es sehen.
    Sie bringen mich wahrhaftig in Verlegenheit, Graf Fohrbach, sagte lachend
der Maler; ich habe Ihnen eine Zeichnung prsentirt, aber sie nicht als das
Bildni des Herrn von Dankwart ausgegeben. Gott soll mich bewahren! das ginge
wider allen Respekt.
    So lassen Sie sehen, sprach gravittisch der Baron, und zupfte seinen
Halskragen sanft in die Hhe; wir wollen unparteiisch entscheiden.
    Meinetwegen! entgegnete der Maler. Aber ich ersuche die Herren, meine
Verwahrung zu Protokoll zu nehmen. Er erhob sich und nahm aus seiner Mappe, die
in einer Ecke lehnte, ein Blatt, welches er dem Herrn von Brand bergab.
    Dieser legte seine Cigarre auf das Kamin, wandte den Rcken gegen die Lampe,
die auf dem Gesims stand, und als nun das volle Licht derselben auf jenes Bild
fiel, fuhr ein hchst angenehmes Lcheln ber seine Zge. Seine Oberlippe erhob
sich kokett und zeigte die blendend weien Zhne. - In der That vortrefflich!
sagte er nach lngerem Betrachten; superb! - gttlich! Das ist das Bild eines
Schimpanse, und hat zugleich groe Aehnlichkeit mit Herrn von Dankwart.
    Zeigen Sie auch die anderen! rief Graf Fohrbach.
    Und der Maler brachte noch fnf andere Bltter zum Vorschein, worin der
Schimpanse und Herr von Dankwart nach der bekannten Spielerei behandelt waren,
mittelst welcher man in hundert Abbildungen mit ganz unmerklichen Aenderungen,
wodurch zwei Bltter immer vollkommen hnlich sind, dennoch den groen Sprung
von einem ausgespannten Frosch bis zum Apoll von Belvedere zurcklegen kann.
Hier aber gengten vollkommen sechs Bltter, um aus einem gerechten und
untadelhaften Schimpanse zur vollstndigen Figur des Herrn von Dankwart
berzugehen.
    Die Bltter sind kostbar, sagte Herr von Brand nach einer Pause; ich gbe
was darum, wenn ich sie meinem Album einverleiben knnte. Lieber Herr Erichsen,
knnte sie ein armer Mann, wie ich bin, bezahlen?
    Wenn es eine prsentable Arbeit wre, erwiderte der Maler, indem er seine
Bltter wieder zusammen packte, so wrde ich, mich aller Ihrer Geflligkeiten
erinnernd, mir ein Vergngen daraus machen, sie in Ihr Album zu stiften. Aber
verzeihen Sie mir, in diesem Falle wre das vielleicht fr uns Beide ein
gefhrliches Wagstck.
    Was geht uns Herr von Dankwart an? meinte der Baron.
    Aber seine Herrin desto mehr, warf der Major dazwischen, er steht in der
allerhchsten Gnade; Sie knnen morgen bei ihm vorfahren und ihm gratuliren; er
hat wieder einen neuen Orden bekommen.
    Das wrde ich wahrhaftig thun, sagte lachend der Baron, wenn ich jene
sechs kostbaren Bltter htte, um sie nachher zur Abkhlung prsentiren zu
knnen.
    Das wrden Sie nicht thun, versetzte aufmerksam Graf Fohrbach. Ich kenne
und bewundere Ihren Muth in jeder Hinsicht, aber das wrden Sie bleiben lassen.
    Das kme auf eine Wette an, entgegnete Herr von Brand in geflliger Weise.
    Die ich annehmen wrde; Zehn gegen Eins!
    Halt! halt! ihr Herren! sprach der Major. Das wr' eine Wette, die uns
Alle, wie wir hier versammelt sind, theuer zu stehen kommen knnte.
    Die auch nie stattfinden kann, sagte Arthur, denn ich wrde die Bltter
nie, namentlich aber nicht zu einem solchen Zwecke, hergeben.
    Genug! genug! mischte sich Herr von Steinfeld, der bisher in einem Buch
geblttert hatte, in das Gesprch, man mu nicht so in ein Wespennest schlagen
wollen. Aber sage mir, vortrefflicher Hausherr, darf ich dich um eine Tasse Thee
bitten?
    Ich wei nicht, wo er so lange bleibt, erwiderte Graf Fohrbach. Doch hatte
er kaum die Klingel gezogen, als auch schon der Kammerdiener, fast unhrbar, in
das Zimmer glitt, den Thee in der uns bekannten Art aufstellte, und darauf mit
den Bedienten wieder verschwand.
    Jeder nahm sich eine Tasse, dann sagte Herr von Steinfeld mit Beziehung auf
das Gesprch von vorhin: Unsereins, der lang in der Fremde war und fast
unbekannt geworden ist, knnte sich durch so etwas empfehlen. - Alle Wetter! Wer
hat die Wette gemacht? wrde es freilich heien. - Graf Fohrbach, bei sich zu
Hause in einer kleinen Gesellschaft. - Wer war da? - Nun, Erichsen, der die
Bltter gezeichnet, Major von S., Herr von Steinfeld -
    Ja, ja, sagte der Major, das knnte uns Allen ein paar verdrieliche
Gesichter eintragen.
    Der Hausherr hatte achselzuckend zugehrt und bedchtig seine Tasse
ausgetrunken, dann sagte er: Ja, wir werden alt, es ist kein Spa mehr da und
kein Humor. - Apropos! fuhr er nach einer Pause fort, du bist mit deinen
Besuchen ziemlich fertig. Man hat dich doch berall gndig aufgenommen?
    Darber kann ich nicht klagen. - Doch da fllt mir etwas ein, worber ihr
mich vielleicht aufklren knnt. - Als ich bei deinem Papa war, wandte er sich
an den Hausherrn, - Seine Excellenz empfingen mich sehr zuvorkommend - traf ich
den alten General-Adjutanten Baron von W. mit seiner Frau.
    Herr von Brand zuckte, aber fast unmerklich, zusammen.
    Wenn ich sage traf, so meine ich damit, ich begegnete ihm an der Thre des
Salons; er ging, ich kam. Es war so auf der Schwelle, da ich nicht prsentirt
werden konnte. Der Bediente meldete mich, und da war es mir, als wenn sich die
Baronin von W. bei Nennung meines Namens pltzlich und auffallend von mir
abwende.
    Wer wei, wilder Mensch, sagte der Major, ob du sie nicht vielleicht
frher einmal gekannt, ihr die Cour gemacht oder sie auffallend vernachlssigt
hast?
    Unmglich! erwiderte Herr von Steinfeld. Als ich damals noch hier war,
war der alte Baron auf weiten Reisen und heirathete in meiner Abwesenheit. Ich
machte natrlich auch in seinem Hause meinen Besuch, er empfing mich; Madame,
hie es, sei unplich.
    Das ist so seine Art, meinte gleichgiltig Graf Fohrbach, er ist ein
alter, eigensinniger Herr, der sein Haus Niemanden ffnet, und nur genaue
Bekannte seiner Frau vorstellt.
    Ihr knnt euch denken, fuhr Herr von Steinfeld fort, da das meine
Neugierde erregt, und da ich Alles daran setzen werde, ihre Bekanntschaft zu
machen. - Ist sie schn? -
    O nicht bel, wie soll ich sie dir beschreiben? sprach der Hausherr, und
fuhr gleich darauf lachend fort: Richtig! betrachte dir dort den Baron Brand.
    Dieser war in tiefe Gedanken versunken und starrte in die Theetasse, die er
vor sich hin hielt. Als er nun so pltzlich seinen Namen nennen hrte, wre ihm
diese fast aus der Hand gefallen, so schrak er zusammen. Doch fate er sich
augenblicklich wieder, lchelte und sagte: Was beliebt, Graf Fohrbach?
    Herr von Steinfeld hatte brigens, der an ihn ergangenen Aufforderung gem,
seinen Blick auf den Baron geworfen und mute in dessen Gesicht etwas gefunden
haben, was ihn fesselte, denn er betrachtete ihn eine Zeit lang mit groer
Aufmerksamkeit, dann aber starrte er vor sich hin, augenscheinlich in tiefe
Gedanken versunken. - Wirklich, sagte er darauf, indem er mit der Hand ber
die Augen fuhr; also Herr von Brand she der Frau von W. hnlich?
    Die alte Geschichte, entgegnete dieser achselzuckend und slich lchelnd,
wobei er sich aber nicht enthalten zu knnen schien, einen Blick in den Spiegel
an seiner Seite zu werfen. - Das ist die alte Geschichte dieses guten Grafen
Fohrbach. Das belustigt ihn: man lasse ihm diese Grille.
    Nein, nein, es ist was daran, meinte auch der Major. Wir haben schon
frher darber gesprochen; haben Sie noch nicht in Ihren Geschlechtsregistern
nachgesehen?
    Spsse! Nehmen Sie nur unsere beiderseitigen Namen.
    Aus welcher Familie ist die Baronin? fragte Herr von Steinfeld.
    Aus einem groen sicilianischen Hause, auf icci endigend; wer kann das
behalten?
    Aber das blonde Haar fr eine Italienerin?
    Der Vater war ein Englnder oder Schotte. Es liegt noch ein gewisses Dster
ber ihrer Herkunft.
    Ich mu sie sehen, sagte bestimmt Herr von Steinfeld.
    Lieber Baron Brand, lachte der Hausherr, ich lasse mir die Aehnlichkeit
doch nicht abstreiten. Wer wei, wie das zusammenhngt!
    O, mir wre ein solcher Zusammenhang gar nicht unlieb, sagte der Baron.
Dann trank er seine Tasse leer, und stellte sie, Mdigkeit affektirend, auf den
Tisch.
    Der Major hatte sich erhoben und machte Anstalten zum Fortgehen. - Ich habe
Dienst, bemerkte er lchelnd auf die Frage des Grafen, und setzte hinzu, als
ihn dieser unglubig ansah: Ich versprach meiner Frau, sie im Schlosse
abzuholen.
    Ah! sie ist auch bei der groen Berathung! Du Glcklicher, da erfhrst du
heute Abend schon, welche Kostme befohlen werden.
    Was mich im Grunde gar wenig interessirt, denn ich liebe die Maskerade
nicht, erwiderte der Major und setzte, sich umschauend, hinzu: Wer von den
Herren geht mit?
    Der Baron von Brand und Herr von Steinfeld nahmen darauf hin ebenfalls von
dem Hausherrn Abschied, Arthur wollte ihnen folgen, doch bat ihn Graf Fohrbach,
zu bleiben und noch eine Stunde mit ihm zu verplaudern.
    An der Thre wandte sich Herr von Brand um und rief dem Maler mit einem
etwas erzwungenen Lcheln zu: Bester Herr Erichsen, bitte, berlegen Sie es
sich ernstlich, ob und zu welchen Bedingungen ich die sechs Bltter bekommen
kann.
    Der Teufel auch, sagte der Hausherr, nachdem er gehrt, da die Thren
drauen geschlossen worden; was mag ihm so an dem Portrt des Herrn von
Dankwart gelegen sein! Da wren Ihre Bltter in guten Hnden. Nehmen Sie sich in
Acht! - Ich glaube wohl, setzte er nach kurzem Besinnen hinzu, da er einen
guten Gebrauch davon machen wrde, und ich mchte schon Dankwrtchen einen
kleinen Aerger wnschen; aber Sie werden sich um's Himmelswillen nicht mit dem
Baron einlassen.
    Aber Sie proponirten ihm doch selbst eine Wette!
    Weil ich gewi war, da Sie die Bltter nicht hergeben wrden. - Apropos,
Arthur, Sie erinnern sich der paar Worte, die wir neulich auf dem Balle zusammen
sprachen; ich mu Ihnen wiederholen: nur durch die grte Behutsamkeit, dem
Baron gegenber, knnen wir im Stande sein, seine Aufmerksamkeit, ja seinen
Verdacht nicht zu erregen. Sie werden dehalb auch in meinem Betragen gegen ihn
durchaus keine Aenderung merken.
    Ich hoffe, da Sie ber diesen Punkt auch mit mir zufrieden sein werden,
meinte Arthur.
    Vollkommen. - Ich hielt Sie nicht ohne Absicht hier zurck; neulich machte
ich einen Besuch bei unserem Polizeidirektor; ich gehe da zuweilen hin, es ist
das ein sehr anstndiges Haus, doch will ich Ihnen gestehen, da ich diesmal
meinen besonderen Zweck dabei hatte. Ich brachte das Gesprch auf die Zustnde
unserer Residenz, namentlich was das Departement des Polizeidirektors anbelangt,
und erzhlte dann leicht hingeworfen die Geschichte meines Petschafts, das
neulich so rthselhaft verschwand. Der alte Herr ri nach seiner Gewohnheit
heftig an der Nase und legte der Sache eine grere Wichtigkeit bei, als ich
gedacht; ja, er erlie mir ein frmliches Verhr nicht und ich mute ihm zu dem
Ende auf sein Arbeitszimmer folgen, wohin er auch seinen ersten Sekretr
beschied, - unter uns gesagt, ist dieser ein junger, sehr gescheidter Mann, der
in seinem kleinen Finger mehr Verstand hat, als Seine Excellenz im ganzen
Krper. - Nun gut! Ich mu das Petschaft beschreiben, wo es gelegen, wann ich es
vermit und noch mehr dergleichen fr die Polizei so wichtige Kleinigkeiten. -
Es sei sonderbar, sagte mir der Sekretr, da hnliche Diebsthle so hufig
vorkmen, und oft Sachen betrfen, die an und fr sich gar keinen Werth htten,
Briefe, ganze Korrespondenzen, Dokumente und dergleichen; auch wrden sie mit
einer Sicherheit begangen, die an's Fabelhafte streife. Ja, es sei vorgekommen,
da Diesem oder Jenem, namentlich in der hheren Gesellschaft, ein Blatt, ein
Brief pltzlich gefehlt habe, irgend eines Inhaltes, aber geeignet, ihn vor
einer anderen Person schwer zu kompromittiren, und es sei unglaublich, aber
wahr, da man kurze Zeit darauf eben jener andern Person das betreffende Papier
in die Hnde gespielt und so wie muthwillig die erbittertsten Feindschaften
hervorgerufen habe.
    Unerklrlich.
    Dazwischen hindurch zgen sich, so erzhlte der Polizeidirektor, nun eine
ganze Menge wirklicher und schwerer Diebsthle, mit einer Sicherheit und einem
Muthe ausgefhrt, wie sie nur durch die wohlorganisirteste Bande geschehen
knnten, durch eine Bande, die mit ebenso viel Umsicht als Energie geleitet
wrde.
    Also endlich glaubt man an die Existenz einer solchen? sagte Arthur. Es
ist gut, da ihnen droben einmal ein Licht aufgeht. Wir geringeren Leute drunten
haben schon lange nicht mehr daran gezweifelt; mein Vater, der viel mit den
Vtern der Stadt zu verkehren hat, machte oft darber Andeutungen und sprach von
dem Hause, das zwischen uns Beiden neulich auch genannt wurde, dem sogenannten
Fuchsbaue, als dem Herde aller dieser Geschichten. - Aber mir scheint, die Thre
ihres Schlafzimmers wurde geffnet, unterbrach er sich; die Vorhnge haben
sich soeben bewegt.
    O, es wird mein Jger sein, entgegnete der Graf und fuhr dann fort:
Dasselbe vermuthete man auch auf der Polizeidirektion; doch haben die
schrfsten Hausaussuchungen noch nie etwas ergeben; das soll freilich eine
solche Verwirrung, ein solcher Knul von Treppen, Stuben und Gngen sein, da
sich ein Uneingeweihter dort selbst am hellen Tage nicht ausfinden knne. Der
Sekretr des Polizeidirektors meinte, man knne da nur durch eine Radikalkur
helfen, indem man von Staatswegen die ganzen Gebulichkeiten ankaufe und
niederreie.
    Das wre schade fr uns Maler, versetzte Arthur lchelnd, denn es hat
dort wahrhaft prachtvolle Ansichten, finstere, melancholische Winkel, wie sie
die khnste Phantasie nicht ersinnen kann.
    Richtig! sagte ebenfalls lachend der Graf; und diese Winkel und engen
Gassen lieben Sie absonderlich. Warten Sie, man kommt hinter Ihre Schliche.
    Wie so? fragte der Maler.
    Wenn man sich nicht weit vom Fuchsbau am Kanale hin verliert, so kommt man
in kleine Straen, wo Sie, theuerster Arthur, eigentlich nichts zu schaffen
htten, und wo man Sie doch hufig herumwandeln sieht.
    Das leugne ich auch ganz und gar nicht.
    Also in der That ein kleines Verhltni?
    Sagen Sie lieber ein groes Verhltni, Graf Fohrbach. Ich gestehe Ihnen,
dem Freunde, da mich mehr als eine mige Laune dorthin zieht. Ja, warum sollte
ich es leugnen! Ich habe dort ein Mdchen gefunden, das ich unendlich liebe, -
das ich Ihnen in vielleicht nicht zu langer Zeit als meine Frau vorzustellen
habe.
    Aus jenen engen Gchen? sagte der Graf im hchsten Erstaunen. Was wird
Papa Erichsen dazu sagen, und vor Allem, Mama, die sehr strenge
Kommerzienrthin?
    Das ist freilich noch eine schroffe Klippe, die ich umschiffen mu und
will. - Gewi, Graf Fohrbach, ich scherze nicht, ich bin dazu fest
entschlossen.
    Und ihr liebt einander, wie es sein soll? erwiderte der Graf mit wahrer
Theilnahme. - Und wenn das Mdchen gut und anstndig ist, woran ich brigens
eben so wenig zweifle, als an ihrer Schnheit, denn Ihr guter Geschmack ist mir
bekannt, so haben Sie Recht, sich ber unsere kleinlichen Verhltnisse
hinwegzusetzen. Sie sind ja ein freier Mann, ein Knstler, - Sie knnen am Ende
handeln wie Sie wollen, setzte er mit einem kleinen Seufzer hinzu.
    Ich wute wohl, erwiderte Arthur mit Wrme, da Sie meinen Entschlu
billigen wrden, und sollten Sie das Mdchen kennen lernen, so wrden Sie mir
noch unbedingter Recht geben.
    Ach, lieber Arthur, versetzte der Graf nach einer Pause, diesmal kann
meine Zustimmung fr Sie eigentlich wenig Werth haben, denn ich befinde mich
fast in gleicher Lage und fhle dehalb parteiisch fr Sie.
    Sie - Graf Fohrbach? fragte Arthur erstaunt.
    Ja, bester Freund, auch ich liebe; eigentlich zum ersten Mal in meinem
Leben, und auch mir treten die Verhltnisse hemmend entgegen. Doch auch ich bin
fest entschlossen, dieselben niederzuwerfen, denn ich liebe, Arthur, und vor
allen Dingen, werde ebenso wieder geliebt.
    Dann wollen wir uns gegenseitig gratuliren, sprach lachend der Maler,
indem er seine beiden Hnde ausstreckte, welche Graf Fohrbach herzlich
schttelte, und darauf erwiderte:
    Verlassen Sie sich auf mich, Sie werden jederzeit, unter allen
Verhltnissen und Lagen einen treuen und ergebenen Freund an mir finden. Haben
Sie mir doch bestndig die besten Beweise Ihrer Zuneigung gegeben, sogar in
Geschichten, an welche nur zu denken ich mich jetzt fast schme, und wo ich am
Ende Ihr Verfhrer geworden bin, wenn Ihre Liebe Sie nicht geschtzt hat, wie
mich die meinige.
    O ja, sie schtzte mich vollkommen, entgegnete lchelnd der junge Mann.
Richtig! wir sprachen noch nicht darber, und damit hngt doch auch etwas
zusammen, was wieder auf unsern rthselhaften Baron zurckfhrt.
    Ah! lassen Sie hren; darauf bin ich begierig.
    Sie baten mich damals, Ihnen den Brief zu besorgen an eine gewisse Madame
Becker, Kanalstrae, glaube ich. Das war an jenem Tage, wo Ihr Petschaft
verschwand.
    Richtig! richtig! und ich bentzte das Siegel des Herrn von Brand.
    Also habe ich doch Recht! rief berrascht der Maler. Ich bemerkte wohl
arabische Schriftzge auf demselben, doch fiel es mir erst spter ein, da Ihnen
vielleicht der Baron damit aus der Verlegenheit geholfen.
    Und was hat es mit diesem Siegel fr ein Bewandtni?
    Die bewute Madame Becker erschrak, als sie es bemerkte; und doch schien
sie es wieder anzutreiben, Ihren Wunsch zu erfllen. Das beschftigte mich,
sobald ich das Haus in der Kanalstrae verslassen; Ihr Siegel - ich kannte es ja
- ein einfaches F., sogar ohne Wappen und Krone, konnte unmglich einen solchen
Eindruck auf die Frau machen.
    Sie haben wahrhaftig Recht, sprach der Graf nach einigem Besinnen. Als
ich in jenem Brief von der Frau das Bewute verlangte, dachte ich selbst nicht,
da es mglich sei, und war in der That berrascht, als sie mir einige Zeit
nachher anzeigte, die Angelegenheit habe sich arrangirt. Dabei schrieb sie auch
von einem hohen Freunde, dem ich sagen solle, wie viel Mhe sie sich gegeben.
Damit war offenbar der Baron gemeint, dessen Siegel sie also erkannt; und wenn
sie dies erkannt, so mu sie schon in hufige Berhrung mit ihm gekommen sein.
    Und nicht blos in Berhrungen, wie die andern vornehmen Herren, meinte
Arthur lchelnd, sondern ihr Schreck zeigte mir deutlich, da sie ihn frchte.
    Wie ein fr sie mchtiges Wesen, sagte der Graf rasch einfallend. - Bei
Gott! Arthur, es ist so: ich scheue mich fast, es auszusprechen; aber wenn ich
meine Begegnung mit ihm in der Nacht am Fuchsbaue, namentlich den Bericht jenes
unglcklichen Geschpfs im Schlosse und so all die verschiedenen Sachen
zusammenstelle so drngt sich mir die feste Ueberzeugung auf, der sogenannte
Baron von Brand stehe an der Spitze einer weit verbreiteten Bande von Flschern,
Dieben, vielleicht Mrdern.
    Entsetzlich! rief Arthur ergriffen. Und wenn dem so wre, wrden Sie zu
seiner Entdeckung, zu seiner Bestrafung etwas beizutragen im Stande sein? Wrden
Sie es ber sich vermgen, den Mann, der hier unzhlige Mal in Ihrem Zimmer
gewesen, der von Ihrem Thee getrunken, von Ihren Cigarren geraucht, den
vielleicht verdienten Ketten und Banden zu bergeben?
    Nein, nein, dazu wre ich nicht im Stande, obgleich ich es gewi nicht
ungern sehen wrde, wenn wir von diesem wirklich gefhrlichen Menschen befreit
wrden. Ja, ich wrde vielleicht meinen kleinen Einflu aufbieten, um ihm die
freie Entfernung von hier zu erleichtern. Aber wie sich mit ihm darber
verstndigen? Da sich langsam ein Garn um seine Fe zieht, bin ich fest
berzeugt, und darum thut es mir leid, wenn ich, wie heute Abend, sehen mu, da
er so unbewut, sicher, aber unaufhaltsam der Gefahr entgegen geht.
    Und letzteres ist doch noch die Frage, entgegnete Arthur. Ist Baron Brand
wirklich der, fr den wir ihn halten, so ist er ein auergewhnlicher Mensch,
dem ich meine Bewunderung nicht versagen kann, und der nicht so unklug sein
wird, auf seinem gefhrlichen Pfade blindlings dahin zu gehen. Glauben Sie mir,
der hat die Augen offen so gut wie wir; und ich bin berzeugt, da die erste
Hand, die sich nach ihm ausstreckt, ihn spurlos verschwinden macht.
    Gewi, lieber Arthur; aber da wir einmal dieses Kapitel begonnen, so ist es
vielleicht nicht indiskret, wenn ich Sie frage, wie jenes Rendezvous am
Neujahrsabend eigentlich abgelaufen ist; ich mu darauf dringen, da Sie auch in
dieser Angelegenheit Auslagen fr mich gehabt haben.
    Diese sind so unbedeutend, da es gar nicht der Rede werth ist. Auch ist
Ihr Verlangen durchaus nicht indiskret, denn ich kann Sie versichern, was ich
mit dem Mdchen verhandelt, htte die ganze Welt sehen knnen. Ich erhielt also
Ihren Brief und ging um acht Uhr, wie derselbe von mir oder vielmehr von Ihnen
verlangte, an die Ecke der Prinzenstrae; einen Wagen lie ich mir folgen und im
Schatten der Huser halten. Ich brauchte auch nicht lange zu warten, so sah ich
ein Frauenzimmer, obgleich mit ziemlich unsichern Schritten, auf mich zugehen.
Sie war in einen langen, dunkeln Shawl gewickelt, so da man von ihrer Figur so
gut wie gar nichts entdecken konnte; um den Kopf trug sie eine schwarzseidene
Kapuze mit sehr langen Spitzen, die so dicht auf ihr Gesicht niederfielen, da
es unmglich war, die Gesichtszge des Mdchens zu erkennen.
    Das glaube ich wohl, denn es war eine dunkle Nacht.
    Ich hatte mich so aufgestellt, da sie sehen konnte, wie ich an der
Straenecke auf Jemand zu warten schien.
    Welchen Weg kam sie?
    Sie schien vom Theater zu kommen.
    Ah!
    Als ich nahe bei ihr war und sie mir in's Gesicht sah, welches ich mir
auch, im Gegensatz zu ihr, gar keine Mhe gab, zu verbergen, stutzte sie und
schien sich abwenden zu wollen. Ich sagte ihr: Sie erwarten jemand Anderes als
mich zu finden; Graf F. aber ist verhindert und bittet vielmal um
Entschuldigung. - Man mu doch hflich sein. - Er wird vielleicht das Vergngen
haben, fuhr ich fort, Sie ein anderes Mal zu sehen; fr heute war es ihm gewi
unmglich.
    Und sie gab keine Antwort?
    Nicht eine Silbe; ja sie wandte mir fast den Rcken zu und nickte ein paar
Mal mit dem Kopfe, namentlich als ich sie fragte ob sie sich des Wagens bedienen
wolle, um nach Hause zu fahren.
    Das nahm sie an? - Aber sagte Ihnen keine Adresse?
    Das war unnthig, wute ich doch selbst die Wohnung der Madame Becker; ich
fragte sie, ob sie in die Kanalstrae fahren wolle, da nickte sie abermals mit
dem Kopfe. Ich hob sie alsdann in den Wagen, sagte dem Kutscher, wohin er fahren
solle, und empfahl mich auf's Hflichste.
    Arthur, rief der Graf lachend, ich glaube in der That, da Ihre Liebe
aufrichtig und wahr ist. Aber Sie knnen doch froh sein, da eben dies Mdchen
sich so dicht verschleiert und verhllt hielt, und in kalter, dunkler Nacht vor
Sie hintrat; denn, nehmen Sie mir es nicht bel, ich wollte doch fr nichts
stehen, wenn es Ihnen mit aller seiner Schnheit im warmen Zimmer beim Schein
der Lichter unter den angegebenen Verhltnissen erschienen wre.
    Also war es ein gutes Abenteuer?
    Das will ich meinen! Es betraf ein Mdchen, nach der Tausende vergeblich
gesehen, die bis jetzt unbescholten dastand.
    Ah! eine Verfhrung!
    Nur durch die Macht des Goldes; sonst wrde ich mir noch grere Vorwrfe
gemacht haben, als ich damals schon that, namentlich da sie einer armen Familie
angehrt und durch ihren Erwerb Vater und Geschwister untersttzen mu.
    Ein sauberer Erwerb! sagte kopfschttelnd der Maler.
    Ich meine das nicht, wie Sie es nehmen, entgegnete der Graf. Ihr Erwerb
ist sehr anstndig, kann es wenigstens sein; sie ist sogar eine Kollegin von
Ihnen, Arthur - eine Knstlerin.
    Ah! wenn ich das gewut htte, so wrde ich ein Gesprch mit ihr angeknpft
haben. - Aber ihre Kunst besteht wohl im Gebrauch der Nadel.
    Gefehlt, Arthur! Hher hinauf, oder wenn Sie wollen, tiefer hinab, denn die
Kunst dieser jungen Dame besteht im Gebrauch ihrer Fe; sie ist eine -
Tnzerin.
    Arthur wute nicht, warum ihn dieses Wort so schmerzlich berhrte. War es
die leichtfertige Betonung, mit der sein Freund dies Wort aussprach, war es,
weil auch sie eine Tnzerin, und weil es also wieder eine ihrer Kolleginnen war,
die hier so zweideutig aufgetreten. Ja, es prete ihm das Herz zusammen, und er
htte viel darum gegeben, wenn Graf Fohrbach dies nicht gesagt htte.
    Dieser aber hatte keine Ahnung davon, wie wehe er Arthur damit gethan. Ja,
fuhr er fort, wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, hatte mich der Erfolg meiner
Bemhungen selbst berrascht; ich glaubte nicht daran, und wunderte mich sehr,
als jener Brief der Madame Becker an mich kam. Wenige Tage nachher schickte sie
mir ihre Rechnung, sie war ziemlich stark, aber ich sandte ihr noch mehr, als
sie verlangte; es wird jenem armen Geschpf auch zu gut kommen, und - wenn auch
in allen Ehren, so interessire ich mich immer noch fr die schne Clara.
    Fr die schne Clara? sagte der Maler, und trotzdem er diese Worte ganz
leise, fast unhrbar sprach, so schien er doch kaum genug Athem gehabt zu haben,
um sie heraus zu stoen.
    Der Graf hatte bei den letzten Worten seine Cigarre weggeworfen und den
Fauteuil gegen das Kamin gedreht, wo er sich damit beschftigte, die glhenden
Kohlen zusammen zu scharren und einen angebrannten Holzblock darauf zu legen. Er
konnte dehalb nicht sehen, wie Arthur pltzlich so bleich wurde, wie er seine
Hand krampfhaft auf das Herz prete, dann ber die Augen fuhr und hierauf
gezwungen lchelnd mit dem Kopfe schttelte. - O! nein! - nein! dachte der
Maler, so eine Idee ist ja lcherlich. - Aber eine Tnzerin war es, hat er
gesagt. - Die schne Clara. - Wer trgt sonst noch diesen Namen? - Mein ganzes
Vermgen, Alles, was ich habe und kann, fr eine gute Auskunft!
    Man darf so ein Kaminfeuer nie ausgehen lassen, meinte Gras Fohrbach.
Finden Sie nicht, da es hier schon kalt geworden ist?
    Nein, gewi nicht - gewi nicht! brachte Arthur mhsam hervor. Mir ist es
hei, sehr hei.
    Der Andere hatte den kleinen, zierlichen Blasbalg ergriffen, der am Kamine
hing, und fachte damit die Gluth von Neuem an.
    Arthur sa da mit den Gefhlen eines Unglcklichen, ber den das
Richtschwert gezckt wird. Der blanke Stahl flimmerte ihm schon vor den Augen,
er brauchte nur eine Frage zu thun und dann fiel vielleicht der tdtliche
Streich, sein Lebensglck fr ewig zerstrend. - Sollte er diese Frage thun?
sollte er die beiden Hnde seines Freundes ergreifen, ihm flehend in die Augen
blicken und um Gottes und aller Liebe willen um den vollstndigen Namen jenes
Mdchens bitten? - Dann mute er ihm auch sein ganzes Unglck offenbaren. - Oder
sollte er ihn in gleichgiltigem Tone darum ersuchen? - Gewi! er mute das
Letztere whlen. Und er that es unter den tiefsten Schmerzen, mit der
frchterlichsten Anstrengung. - Ja, er lachte dazu, aber sein Lachen klang
heiser, fast wie ein Geheul, und wenn der Graf nicht so sehr mit seinem Feuer
beschftigt gewesen wre, htte er aufmerksam werden mssen.
    Die - schne - Clara, sagten Sie, sprach der unglckliche junge Mann. Ah!
- damit haben Sie mir Ihr Geheimni verrathen.
    Oh! es soll fr Sie gar keines sein, erwiderte der Graf. Wir kennen uns
zu genau, und ich bin fest berzeugt, da Sie den Namen dieses armen Mdchens
Niemanden sagen werden, der vielleicht Interesse an ihr nimmt.
    Nein, das thue ich gewi nicht.
    Sie haben ihn ja auch schon errathen; und ist sie nicht in der That
reizend, ja liebenswrdig, die schne Clara? - Clara Staiger, eine unserer
grazisesten Tuzerinnen.
    Da war es heraus, und Arthur sank momentan in sich zusammen, wobei er
brigens so viel Geistesgegenwart besa, beide Hnde vor die Augen zu drcken,
damit der Andere seine hervorstrzenden Thrnen nicht sehen mge. Doch hielt es
ihn nicht lnger in dem Zimmer; es schien sich mit ihm zu drehen, die Mauern
schienen ihm zu wanken; es lag ihm centnerschwer auf der Brust, er mute hinaus
in's Freie, in die kalte Nachtluft, um wieder athmen zu knnen. Und doch durfte
er nicht so davon strzen, das war seine Qual. Obgleich wie im Fieber zitternd,
mute er sich langsam und frmlich erheben; obgleich sein Blut in den Adern
raste, mute er Ruhe und Mdigkeit affektiren, und mute mit dem Grafen noch
einige gleichgiltige Worte wechseln. Glcklicherweise war es ziemlich spt
geworden, wehalb ihn dieser nicht lange zurckhielt. Und doch duchte es dem
Unglcklichen eine Ewigkeit, bis er seinen Hut ergriffen und die Thre erreicht
hatte. Ja, dort mute er noch einen Augenblick warten, denn Graf Fohrbach machte
ihn auf die Mappe aufmerksam, die er vergessen. - Endlich - endlich - ffnete
sich ihm die Hausthre, endlich trat er auf die Strae hinaus, und erst da
schpfte er tief Athem, als ihm die kalte Nachtluft seine brennende Stirne
khlte.

                          Neunundsechzigstes Kapitel.



                        Das Siegel des Herrn von Brand.

Wie lange Arthur in jener Nacht auf den Straen umhergeirrt, bald mit den Zhnen
knirschend und die Fuste geballt, bald wieder leise weinend und ihren Namen
ausrufend, zuerst mit weichem, liebendem Tone, dann immer heftiger und heftiger,
bis ihn wieder die frhere Wuth erfate, das wre er selbst nicht im Stande
gewesen anzugeben. Ja, von dem Abend und der Nacht blieb ihm nur der Klang ihres
Namens vollkommen gegenwrtig; es war, als wandelte eine Schaar Teufel mit ihm,
die: Clara Staiger - Clara Staiger! hohnlachend in seine Ohren schrieen. Alles
Andere erschien ihm wie ein wster Traum, - ein wacher Traum, denn er htte die
Personen willkrlich hervorrufen knnen, mit denen er gesprochen, ja, er
erinnerte sich, da er leibhaftig an den Orten gewesen war, wo er jene Leute
htte finden knnen, - mit jenem Weib, jener schndlichen Kupplerin hatte er
zuerst und lange zu thun gehabt; er wute, da er vor ihrem Hause am Kanal
gewesen, er hatte ihre Fenster gesehen und einen schwachen, ihm unheimlich
dnkenden Lichtschimmer: ja unheimlich, denn er zuckte ber ein bleiches
Gesicht, welches gestern noch in Flle der Gesundheit geprangt. Er hatte in
Gedanken mit jenem Weibe gesprochen, er hatte sie um Auskunft gebeten, welcher
Dmon ihr die Macht verliehen ber das bisher so reine und unschuldige Geschpf.
Sie hatte gleichgiltig die Achseln gezuckt, und hatte ihm gesagt: ja, wenn Sie
mir keinen Brief bringen mit dem bewuten Siegel, so brauche ich Ihnen keine
Antwort zu geben. Darauf war er vor dem Hause des Baron von Brand gewesen und
hatte lange an die dunklen Fenster hinauf geblickt, und darauf war es ihm, als
habe er ihn um das Siegel bitten wollen, doch war Jener abwesend und er mute
ihn im Fuchsbau aufsuchen. Und das that er auch: hastig, eilig.
    Da lagen vor ihm die finsteren Gebudemassen, da war der Durchgang, wo das
einsame Licht brannte, und die eiserne Gitterthre, wo er damals jenen Mann im
Mantel gesehen, der dem Baron von Brand so hnlich sah. - Aber auch hier ward
ihm kein Einla, und es trieb ihn immer wieder fort, wie in einem Rundlauf, an
dem stillen Wasser des Kanals vorbei, vor das Haus jenes rthselhaften Mannes,
abermals an den Fuchsbau, und erst als der Morgen anfing zu grauen, hie und da
an den Husern Lichter blitzten, sich Hausthren ffneten und Menschen
erschienen, und er also nicht mehr, gefolgt von seinen wilden Phantasieen,
allein und ungesehen durch die Straen schweifen konnte, da schwankte er seinem
Hause zu, und als er es erreicht, lehnte er lange die immer noch heie Stirn an
den kalten Stein, ehe er aufschlo und in sein Zimmer hinauf ging. Ach! das
schienen ihm gar nicht mehr die traulichen Gemcher zu sein, in denen er bis
jetzt so gern verweilt; bei seiner Gemthsstimmung und dem falben Lichte des
Wintermorgens erschien ihm Alles hier unheimlich und gespensterhaft. Seine
Waffen funkelten ihn so verstohlen an, die weien Statuen schienen verlegen auf
den Boden zu blicken, der schwere Seidenstoff, der nachlssig ber seinem Divan
hing, schien ihm ein Grabtuch zu sein, und erst ihr Portrt, das auf der
Staffelei stand, hatte gar keine lebendige Frbung mehr, sondern duchte ihm wie
das Bild einer Leiche, die nichts mehr hier oben auf der freundlichen Welt zu
schaffen hat, die tief hinabgesenkt werden mu, damit man sie nie mehr sehe, und
sich bei ihrem Anblick entsetze. - Ah! ihm schauderte vor ihren Zgen; sie waren
so bleich und leblos. - Und du konntest so an mir handeln! sagte er, vom
tiefsten Schmerz ergriffen, du, an die ich mein Alles gesetzt! -
    Als er so dachte, kam es ihm vor, als flamme eine leichte Rthe, das
Bewutsein ihrer Schuld, ber das schne Gesicht. - Doch nein! er hatte sich nur
geirrt; es war das letzte Aufflackern des tief herabgebrannten Lichtes, das die
ganze Nacht vergeblich auf seine Rckkunft gewartet hatte. - Er nahm ruhig den
Seidenstoff und deckte ihn ber Bild und Staffelei. Dann versank er abermals in
Trumereien, aber er schlief nicht, und hrte nur wie fernes Rauschen, als es so
nach und nach auf der Strae und im Hause lebendig wurde. Erst als die Sonne
einen freundlichen Strahl in's Zimmer sandte, erhob er sich und brachte ruhig
seinen Anzug in Ordnung, ohne dabei vor der Blsse zu erschrecken, die auf
seinen verstrten Zgen lag.
    Was er whrend des Umherschweifens heute Nacht gedacht, beschlo er nun
auszufhren; vor allen Dingen wollte er sich Gewiheit verschaffen, welche
Mittel Clara vermocht, so entsetzlich tief zu fallen. Oh! sprach er zu sich
selber, das kann kein Anfang sein, das ist nur eine Fortsetzung. Er zwang sich
ruhig zu werden, er khlte sein Gesicht mit kaltem Wasser, er ordnete sein Haar,
und sobald es ihm die Stunde erlaubte, ging er nach der Wohnung des Baron von
Brand. Vorher aber hatte er aus der Mappe die bewuten sechs Bltter genommen,
sie zusammen gerollt und zu sich gesteckt.
    Der Baron hatte sich, wie sein Kammerdiener sagte, eben erhoben; doch lie
er den Maler augenblicklich in sein Zimmer und schien erfreut, ihn zu sehen. Er
lag in einem kleinen Fauteuil, trug einen seidenen Schlafrock, und sein Kopf war
ber und ber mit Papilloten bedeckt, ein Zustand seiner Toilette, wegen welchem
er in der bekannten slichen Manier tausendmal um Verzeihung bat. Neben ihm
befand sich ein sehr niedriger runder Tisch, auf welchem sein Frhstck stand;
er nthigte Arthur, eine Tasse Kaffee zu nehmen und bot ihm eine Cigarre an,
welche dieser aber ablehnte.
    Sie werden sich wundern, Herr Baron, sagte der Maler, da ich Sie schon
frh belstige, aber ich komme nur, um Ihnen einen Beweis meiner Ergebenheit
darzubringen. Gestern Abend schienen Sie groen Werth darauf zu legen, die sechs
Bltter - eines gewissen Portrts zu besitzen; hier sind sie.
    Wirklich? erwiderte der Baron erstaunt; das htte ich mir nicht trumen
lassen. Doch will ich Ihnen in der That unendlich dankbar dafr sein; ich freue
mich, in den Besitz dieser Bltter zu kommen; aber alle Freundschaft bei Seite -
die Zeichnungen sind kostbar und ich nehme sie nur an, wenn Sie mir Ihre
Bedingungen nennen, die ich brigens im Voraus acceptire.
    Versprechen Sie nicht zu viel, Herr Baron, sagte Arthur sehr ernst. Die
Bltter sind allerdings sehr kostbar, nicht wegen ihres knstlerischen Werthes,
wohl aber wegen der Folgen, die eine solche Arbeit fr mich haben kann. -
Dagegen, fuhr er mit einer Handbewegung fort, als er sah, da der Baron etwas
erwidern wollte, sind auch meine Forderungen vielleicht sehr hoch - vielleicht
aber auch sehr gering.
    Ich verstehe Sie wahrhaftig nicht, bester Herr Erichsen: erklren Sie sich
deutlicher, nennen Sie diese Forderungen!
    Dazu mu ich Einiges vorausschicken, sagte der Maler. - Ich habe
Geschfte mit einer gewissen Frau Becker, die Sie vielleicht nicht kennen.
    Nein, sagte der Baron mit vllig unbeweglichem Gesicht.
    Die aber Sie kennt, fuhr Arthur fort.
    Coeur de rose! lachte der Baron; ob das fr mich schmeichelhaft ist, wei
ich nicht. Aber gleichviel - gehen wir weiter!
    Diese Frau mu mir ber irgend etwas eine Auskunft geben, eine bestimmte
und wahre Auskunft. Und dazu bedarf ich Ihres Frwortes.
    Meines Frwortes, bester Herr Erichsen? Wie gesagt, ich kenne die Frau ja
nicht.
    Aber sie kennt Sie desto besser.
    Bah! gehen Sie! Sie sprechen in Rthseln. Aber ich will Sie geduldig
anhren: worin besteht denn dieses Frwort?
    Sie mten mir auf ein Blatt Papier schreiben, fuhr der junge Mann tief
Athem holend fort, ungefhr so: Der Ueberbringer ist mein Freund - wenn ich mir
damit schmeicheln darf? - und ich wnsche, da Sie ihn als solchen betrachten.
    Das ist ja eine ganz rthselhafte Geschichte, eine komische Grille! lachte
berlaut der Herr von Brand. Und sein Lachen war so natrlich und ungezwungen,
da man darauf htte schwren sollen, er sehe wirklich in der Forderung Arthur's
nur eine komische Grille desselben.
    Die Sie erfllen werden? fragte ngstlich der Maler.
    Coeur de rose! das kommt darauf an. Und das Blatt mu ich unterschreiben?
    Nicht einmal; aber - Ihr Siegel beifgen.
    Mein Siegel! Das wird immer geheimnivoller.
    Und zwar das Siegel, welches dort neben dem Uhrenschlssel an der Kette
befestigt ist.
    Mein Talisman, bester Herr Erichsen? rief der Baron lustig. Das wird
wahrhaftig nicht angehen. Nehmen wir meinetwegen ein anderes Siegel.
    Nein, es mu der Talisman sein, bat Arthur. Er soll es auch mir sein, um
einen Mund zu ffnen, der wahrscheinlich sonst fr mich verschlossen bliebe. -
Finden Sie meine Forderung gegenber meiner Arbeit vielleicht zu hoch?
    O nein, die ist mir unschtzbar; aber ich verstehe, beim Himmel! nicht, wie
mein armer Talisman auf jene Madame - wie haben Sie doch gesagt? -
    Madame Becker.
    Richtig! - Madame Becker wirken soll. Erklren Sie mir doch den
Zusammenhang!
    Ich wei ihn nicht, entgegnete Arthur. Doch sah er den Baron scharf an,
als er fortfuhr: Vielleicht glaubt jene Frau, das Siegel gehre Jemand, den sie
frchten mu; - den Herrn Baron von Brand kennt sie wahrscheinlich nicht.
    Und woher vermuthen Sie das?
    Erinnern Sie sich, Herr Baron, da Graf Fohrbach mit demselben Talisman vor
einiger Zeit siegelte; es war ein Brief an eben jene Frau, den ich aus
Geflligkeit dort abgab. Was der Graf verlangte - wei ich nicht, - aber so viel
wei ich, fuhr er mit zitternder Stimme fort, da die Frau nur durch den
Anblick jenes Siegels bewogen wurde, seinen Wunsch zu erfllen. - Ah! und sie
erfllte ihn meisterhaft.
    Auf dem Gesicht des Barons war nicht die geringste Bewegung zu lesen; sein
Lcheln drckte Aufmerksamkeit, Neugierde aus, und als er sagte: Das ist
wirklich seltsam! klang das, wie im Tone der unschuldigsten Ueberraschung
gesprochen.
    Bewilligen Sie meine Bitte, fuhr Arthur dringend fort. Ein Blatt ohne
Ihren Namen, was kann es Ihnen schaden? Und obendrein verspreche ich Ihnen
feierlich, da Sie es noch am heutigen Tage zurckerhalten sollen. Was dagegen
meine Bltter anbelangt, so bleiben sie in Ihrer Hand und mit ihnen ein Theil
meiner Zukunft, wenn ich diese je in hiesiger Stadt suchen sollte.
    Der Baron schlrfte kopfschttelnd seinen Kaffee, stie bedchtig die Asche
von seiner Cigarre und sagte alsdann: Sie sind einer von den Menschen, lieber
Erichsen, fr welche ich Sympathieen fhle, und dehalb will ich Ihren komischen
Wunsch erfllen. Wenn Sie mir das Blatt zurckbringen, ist mir's recht, ich bin
aber auch zufrieden, wenn es nur in Ihrer Hand bleibt. Hierauf erhob er sich
langsam, und als er seinem Schreibtische zuging, warf er einen Blick in den
Spiegel und sprach affektirt: Wahrhaftig, Sie haben, wenn ich so sagen darf,
einen groen Stein bei mir im Brette, denn Sie durften mich im tiefsten Neglig
sehen - mit Papilloten in den Haaren. Coeur de rose! wenn Sie mich je verrathen
wrden! Wissen Sie wohl, da alle Damen darauf schwren, mein Haar sei natrlich
gelockt; ich gebe mich ganz in Ihre Hand. Bei diesen Worten hatte er das
Verlangte geschrieben, gesiegelt und berreichte es Arthur.
    Von Ihnen gilt der Ausspruch Napoleons nicht, entgegnete der Maler
lchelnd; Sie bleiben ein groer Mann selbst im tiefsten Neglig, ja in jeder
Verkleidung. Er hatte das ohne Absicht gesagt, als er gerade sein Papier
zusammen faltete, wehalb er auch nicht sehen konnte, welch seltsamer Strahl aus
den Augen des Barons auf ihn fiel. Meinen herzlichen Dank, sprach Arthur,
hier sind die Bltter; machen Sie einen migen Gebrauch davon. Er schttelte
dem Baron die Hand, welche ihm dieser mit dem bekannten matten Lcheln
darreichte, und verlie eilig das Zimmer.
    Kaum hatte sich die Thre hinter ihm geschlossen, so schien Herr von Brand
ein ganz Anderer zu sein. Sein Auge glnzte entschlossen und feurig, alle seine
Muskeln schienen sich heftig anzuspannen, er schlug die Arme ber einander und
rief aus, indem er hart mit dem Fue auftrat: Teufel! was ist das? - Mein
Talisman! Ah! ich lie damals den Grafen ungern damit siegeln. - Und was wollte
er mit seinen Verkleidungen sagen? - Zum Henker! Das will bedacht und berlegt
sein.
    Arthur hatte unterdessen seine eiligen Schritte nach der Kanalstrae
gelenkt. Bald hatte er die alte Kaserne erreicht, und sein guter Ortssinn lie
ihn in Kurzem die richtige Treppe finden. Doch als er gerade im Begriffe war,
hinauf zu steigen, hrte er droben eine Thre ffnen, dann Tritte, und vernahm,
da es zwei Personen waren, die sich, ziemlich leise zusammen sprechend, der
Treppe nherten. Es war dies eine Wendeltreppe mit festen, glatten Wnden, oben
gewlbt, woher es denn auch kam, da Arthur jedes Wort, das droben, obgleich
ziemlich leise, gesprochen wurde, unten ziemlich deutlich vernahm. Es war sonst
wahrhaftig nicht seine Art, zu lauschen, aber hier, wo er sich einem feindlichen
Lager nherte, glaubte er sich das als eine Vorsichtsmaregel schuldig zu sein,
umsomehr, da er eine der Stimmen, die einer Frau, zu erkennen meinte. -
    Wenn es sich also leicht thun lt, sagte diese, so sehe ich gar nicht
ein, warum wir den Profit nicht mitnehmen wollen. Hat mir doch das ungerathene
Geschpf allen Verdienst, den ich durch sie zu machen dachte, mit in den Himmel
genommen! Und ich sage Euch, Struber, glaubt mir, die ganze Geschichte schadet
meinem Erwerb, denn das wird ruchbar und die Herren werden sich vor mir
geniren.
    Bah! versetzte der Andere. Ihr seht zu schwarz, Frau. Das macht die
Trauergeschichte hier im Hause; das ist in acht Tagen vergessen, und dann habt
Ihr Freunde - gute Freunde; schaut auf mich! - Also die Sache werde ich
besorgen; keine Einrede; ich nehme Alles auf mich. Es ist doch wunderbar, da
mir vorgestern gerade wie etwas von einem Unglck in den Gliedern lag, und da
ich eine Person, die nicht genannt sein wollte, in sechs Leichenkassen
versicherte. Das kostet freilich doppelte Prmien und ihr mt im Nothfalle
beschwren knnen, da Eure Marie damit gemeint war. Das macht sechsmal fnfzig
Gulden gleich Dreihundert. - Nun, bin ich ein Geschftsmann?
    Gewi, sprach die Frau, daran zweifelt Niemand; und wenn Ihr Euch ein
wenig zurckzieht - Ihr versteht mich wohl - so kann es Euch nicht fehlen.
    Und das werde ich thun, seid ruhig. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis
er bricht, und die ganze Geschichte bald aus dem Leim. Denkt an mich: den
Fuchsbau heben sie nchstens auf!
    Gott im Himmel! Das gibt viel Unglck. - Und er?
    Er, flsterte der Andere; was ist er? - Alles und gar nichts, leider ein
Phantom, das nicht zu fassen ist. Gebt nur Achtung: wenn sie alle Andern
zusammen erwischen, so fliegt er zum Schornstein hinaus oder verschwindet
irgendwo durch die Mauer. - Wit Ihr, ich habe mich schon halb und halb
losgesagt.
    Aber um Gotteswillen! seid klug. Es sollte mir leid um Euch thun; sie
spaen nicht da unten; es sind da schreckliche Sachen vorgefallen.
    Nur keine so trben Erinnerungen, Frau, keine momenti moris! Ihr sprecht ja
wie ein Todtenkopf.
    Ach! und dazu htte ich alle Ursache; ich versichere Euch, es ist mir ganz
schwarz vor den Augen. Ihr knntet wohl heute Abend kommen und mir ein bischen
Gesellschaft leisten.
    Nein, das kann ich nicht versprechen, sagte entschieden der Andere; ich
habe nun einmal eine Abneigung vor allen Husern, wo Todte liegen; da gruselt es
mir bestndig, ich mu mich rechts und links umschauen, und dabei ist mir, als
zupfe mich etwas Unsichtbares bald hier und bald dort am Rock.
    Aber morgen!
    Morgen - versteht sich von selbst! Ich werde wohl das Geld bringen. -
Adieu, Frau!
    Adieu denn!
    Bei den letzten Worten war Arthur dem Eingange wieder zugeschritten; er
mochte nicht von dem Manne, der nun herunter kam, in Hrweite angetroffen
werden.
    An der Thre begegneten sich denn auch Beide, und Arthur blickte dem Andern
berrascht nach; es war das eine drre Gestalt in schwarzem, abgeschabtem Frack,
mit gelblichem, zerknittertem Hemdkragen und schmierigen, baumwollenen
Handschuhen; dazu hatte er den Hut keck auf das rechte Ohr gesetzt, schwang
einen abgebrochenen Spazierstock, trug die Nase hoch und hatte das Maul
gespitzt, als pfeife er sich selbst etwas vor.
    Sobald der Maler droben kein Gerusch mehr vernahm, stieg er die Treppen
hinauf.
    Das alte Haus war unheimlich und finster wie immer; nur hatte sich die
Atmosphre, sonst moderig und feucht, etwas gendert; es roch dazwischen wie
nach halb verwelkten Blumen und Weihrauch oder Wachskerzen; es war ein Odeur,
der unwillkrlich trbe stimmt. Dazu war es in dem Hause todtenstill, und als
Arthur leise an die Thre klopfte, warf das Echo in dem langen Gange drei dumpfe
Schlge zurck. - Herein! klang es von innen, und auch hier war derselbe
unangenehme Geruch, nur starker Blumenduft vorherrschend.
    Madame Becker sa wie damals an dem Tische, doch hatte sich ihr Aeueres und
ihre Haltung sehr verndert; sie war ganz schwarz gekleidet und lie den Kopf
hngen; ihre Augen waren matt und glanzlos, und da ihre Unterlippe ziemlich
schlaff herab hing, so hatten ihre Gesichtszge etwas Verlebtes, Ausdrucksloses.
Sie belebten sich ein klein wenig, als sie des jungen, eleganten Mannes
ansichtig wurde, auch stand sie eilig auf und nickte ihm zu, schritt aber
alsdann gegen das Nebenzimmer, dessen halb offen stehende Thre sie langsam in's
Schlo zog.
    Arthurs Kehle war wie zugeschnrt, er konnte kaum ein Wort hervorbringen,
und er lie sich schweigend auf den Stuhl nieder, den ihm die Frau an den Tisch
gerckt hatte. - Sie erinnern sich meiner? sagte er nach einer Pause.
    Kaum, kaum, entgegnete die Frau und fuhr mit der Hand ber die Augen. -
Es war was dabei von einem Brief und einer Bestellung.
    Ganz richtig: ein Brief des Grafen Fohrbach.
    Richtig! jetzt habe ich die Sache wieder, sprach lebhafter die Frau, wobei
sie sich vornber beugte und so dem jungen Manne nherte. Jetzt kenne ich den
Herrn, aber ich meine, Sie hatten damals einen greren Bart; heute sehen Sie
etwas anders aus, etwas kahler.
    Vielleicht blsser.
    Auch mglich. - Richtig! vom Herrn Grafen Fohrbach - ein vornehmer und sehr
braver Herr. Er war zufrieden?
    Auerordentlich.
    Jetzt legte die Frau die Finger auf den Mund, wobei sie sich einen
Augenblick nach dem Nebenzimmer umsah. Dann sagte sie flsternd: War er nicht
berrascht?
    O er war sehr berrascht, brachte Arthur mhsam hervor.
    Das will ich wohl glauben, erwiderte Frau Becker. Und ich kann Sie
versichern, Herr - Baron, da keine Andere als ich das zu Stande gebracht htte.
- Keine Andere, wiederholte sie und berhrte mit ihren Fingern den Arm des
jungen Mannes.
    Arthur zuckte zusammen, doch fate er sich gewaltsam.
    Also doch! dachte er. - Sei ruhig, Herz; wenigstens hat es ihr Mhe
gekostet. - Er zwang sich sogar zu einem Lcheln, doch brauchte er dazu einige
Sekunden, dann fuhr er fort: Ich komme nochmals in derselben Angelegenheit.
    Wollen Sie sie auch kennen lernen?
    Nein, nein, nein! rief er hastig. Ich habe nur eine Bitte an Sie, einige
Fragen, die Sie vielleicht so freundlich sind, mir wahr zu beantworten. - Aber
wahr, Frau Becker! Es soll mir auf eine gute Belohnung nicht ankommen.
    Die Frau sah ihn einigermaen mitrauisch an. Dann sagte sie: Vor allen
Dingen bitte ich den Herrn Baron, leise zu sprechen. - Was wollen Sie denn
eigentlich wissen?
    Sie kannten die Clara - - Staiger schon lnger?
    O ja, ich kannte sie, so - so!
    Und sie war Ihnen bis dahin als ein braves und tugendhaftes Mdchen
bekannt? - Ja, ja, das mute doch wohl sein, fuhr Arthur fort, als die Frau
keine Antwort gab, denn sonst htte es Ihnen ja keine Mhe gemacht, sie zu
ver-kuppeln.
    Wer konnte es dem jungen Manne bel nehmen, da ihm in seinem tiefen
Schmerze dies Wort entfuhr. Unbedachtsam aber war es auf jeden Fall, denn die
Frau fuhr davor zurck, als sei sie von einer Schlange gestochen worden; auch
mochte sie in den seltsam glnzenden Augen Arthurs etwas entdecken, was ihr
nicht gefiel. Vor allem aber war sie eine kluge Frau, die verdchtige Blicke und
Worte schnell ihren Verhltnissen anzupassen wute. - Halt, dachte sie, wer
wei, wen ich vor mir habe, und was geschehen knnte, wenn ich dumm genug wre,
ihm zu gestehen, da wir eine Unschuld geliefert! Dies berlegend, machte sie
eine steife Verbeugung und sagte: Verzeihen Sie, Herr Baron, ich bin heute
nicht in der Verfassung, Geschfte abzumachen; ich bin in Trauer, wie Sie wohl
sehen, und mu ein anderes Mal um die Ehre bitten. - Sie dachte: Zeit bringt
Rath.
    Arthur brachte mhsam ein Lcheln zu Stande. Ah! Sie trauen mir nicht,
sagte er. Eigentlich haben Sie Recht, ich stellte da indiskrete Fragen, ohne
mich bei Ihnen gehrig legitimirt zu haben. Doch soll das sogleich geschehen. -
Er zog das bewute Papier hervor und reichte es der Frau, die es hastig
durchlas, das Siegel betrachtete, und dann schweigend in Ihren Stuhl zurcksank.
Ihre Hand und das Papier zitterten ein wenig.
    Sind Sie damit zufrieden? fragte der junge Mann.
    Bei allen Heiligen, ja! rief die Frau, nachdem sie heftig geschluckt.
Aber, Herr Baron, sagen Sie einer armen Wittwe die Wahrheit: soll noch mehr
Unglck ber mich herein brechen? Will er mir ein Leides thun?
    Arthur war zu sehr mit seiner eigenen Sache beschftigt, um augenblicklich
an ihn, an den Baron zu denken, um sich bewut zu werden, da zwischen dem
Siegel und jenem rthselhaften Er ein Zusammenhang stattfnde. - Ihnen soll
gewi nichts zu Leid geschehen, entgegnete er der Frau auf ihre Frage, wenn
Sie mir die Wahrheit sagen; aber die volle Wahrheit.
    Das will ich ja; gewi, ich will es.
    Nun gut. - Hatten Sie frher ber das bewute Mdchen, ber deren
Auffhrung etwas Nachtheiliges vernommen? - Scheuen Sie sich gar nicht, die
Wahrheit zu sagen.
    Nein, das hatte ich nie, erwiderte eifrig die Frau; im Gegentheil, mir
hat man sie immer als die Tugend selbst geschildert, und so kannte ich sie auch.
Das mssen der Herr Baron mir selbst bezeugen!
    Ich? fragte Arthur erstaunt.
    Ja, Sie. - Erinnern Sie sich, was ich Ihnen damals sagte, als Sie den Brief
brachten, worin der Herr Graf das verlangte? - Das wird schwer angehen, sagte
ich, das ist fast unmglich, sagte ich, das kann ich nicht unternehmen, sagte
ich. Nun sehen Sie, es war auch in der That schwer.
    Und doch gelang es! seufzte Arthur.
    Frau Becker hatte whrend dieser Zeit immer scheu nach dem Nebenzimmer
geblickt, auch flsterte sie ihre Worte ganz leise. Ja, wenn der junge Mann
etwas lauter sprach, so hob sie ihre Hand auf und machte: s - s - st! Dabei
wandte sie sich hin und her, drehte ihren Kopf vielmals um, zupfte an ihren
Haubenbndern, schluckte hufig und sagte dazwischen: Ja, sehen Sie, das ging
so - Gott soll mich bewahren, der Clara etwas Schlimmes nachzusagen - nein, sie
war vollkommen brav. - Whrend dieser Redensarten hatte sie sich einen
Feldzugsplan entworfen, und dabei ihrer Freundin Wundel gedacht. - Richtig,
sprach sie zu sich selber, die soll es ausbaden; was brauche ich die Wundel zu
schonen. Und wenn er ihr auf den Leib geht, da soll sie sehen, wie sie sich
herauslgt. - Ich wute gleich, wandte sie sich an Arthur, da das eine
delikate Sache sei, glauben Sie mir, Herr Baron, - dabei faltete sie ihre Hnde
und blickte gen Himmel - Unsereins hat auch Gewissen; und ich hatte immer das
Vergngen, die Familie Staiger als eine anstndige Familie zu kennen. - Gott!
die Clara, der arme Aff, wie mute sich abplagen, damit ihre Geschwister nur
etwas zu beien hatten.
    Weiter! sprach Arthur finster.
    Sie kam oft daher.
    Zu Ihnen?
    Eigentlich zu der unglcklichen Marie. Ach Gott! Herr Baron, Sie kennen ja
wohl das Unglck, das uns betroffen, heute roth - morgen todt! - Da liegt sie im
Nebenzimmer und sie erweisen ihr die letzte Ehre. - Hier holte sie ihr
Schnupftuch hervor und fing auffallend heftig an zu weinen. - O du lieber Gott
im Himmel! schluchzte sie, da ich das erleben mute! Meine arme Marie! mein
Stolz, meine Sttze! - Aber mich soll der Himmel bewahren, Herr Baron, da ich
Sie mit meinen Klagen aufhalten will. Gewi nicht; ich bezwinge meinen Schmerz.
Dies schien auch der Frau Becker leicht zu werden, denn ein paar Sekunden nach
diesem Ergu waren ihre Augen wieder vollkommen trocken, ihr Gesicht gnzlich
beruhigt. - Also ich hatte zu viel Gewissen, fuhr sie fort, die Sache mit dem
Mdchen auf eigene Hand zu unternehmen.
    Und wer half Ihnen? fragte Arthur dringend.
    Von Helfen ist eigentlich nicht die Rede, erwiderte listig das schlaue
Weib; sondern ich bergab die ganze Sache einer Bekannten.
    Und darf ich Sie um den Namen dieser Bekannten ersuchen?
    O gewi! warum nicht! Nur bitte ich, Herr Baron, da ihr nichts geschieht.
    Nein, nein - wer ist's?
    Es ist die Frau Wundel; sie wohnt in der Balkenstrae Numero vierzig.
    Ah! im gleichen Hause.
    Ganz richtig, wo auch Clara wohnt.
    Und die hat das Geschft geleitet?
    Sie konnte es am besten, da sie sich auf gleichem Boden mit der Familie
Staiger befindet.
    Richtig! o du mein Gott! Das war gut berlegt. Da konnte man Stunde um
Stunde arbeiten. Wenn ich es auch nicht begreife, so fange ich doch an, die
Fden dieses Gewebes zu verstehen.
    S - s - st! machte Frau Becker; man kommt.
    Die Thre des Nebenzimmers ffnete sich langsam und - Clara trat herein.

                             Siebenzigstes Kapitel.



                                Marie und Clara.

Ob das Erschrecken Arthurs bei ihrem Anblick oder das Erstaunen des jungen
Mdchens grer gewesen, als Beide sich nun so auf einmal hier Auge gegen Auge
gegenber standen, ist wohl schwer anzugeben. Aus Beider Herzen stiegen seltsame
Gedanken, aus dem seinen bittere, traurige, und auch ihre Ueberraschung war
keine frohe zu nennen. - Was macht er hier, dachte sie, in dem Hause, das ich
nur scheu und zitternd betreten, einzig und allein in der edlen Absicht, der
dahin geschiedenen Freundin den letzten Liebesdienst zu erzeigen? Er bi heftig
auf seine Lippen, indem er zu sich sagte: Ah! es ist Alles so, wie ich
erfahren; sie geht hier ein und aus.
    Obgleich Madame Becker aus dem vorhergehenden Gesprch wohl entnommen, da
er ein Interesse an dem Mdchen nahm, so hatte sie doch keine Ahnung davon, wie
genau Beide mit einander bekannt seien, und hielt es auf alle Flle fr
schicklich, den Herrn Baron - einen ihrer Bekannten der Tnzerin vorzustellen.
    Zuerst wollte Arthur gegen den Titel eines Bekannten protestiren und htte
es vor ein paar Tagen noch lachend und eifrig gethan, jetzt aber, von der
Untreue und Schlechtigkeit Clara's berzeugt, dachte er: Ei, das wird mich in
ihren Augen nicht heruntersetzen, und es soll mir ganz gleichgiltig sein, ob ich
auf diese Art vor ihr kompromittirt werde.
    Die Vorstellung der Madame Becker und der pltzliche Anblick Arthurs hier in
diesem Hause hatten aber auf das junge Mdchen erschreckend gewirkt; sie war,
jedoch unmerklich, zusammen gezuckt, ein tiefes, unerklrliches Weh durchzog ihr
Herz, und ihr Gesicht, ohnedies heute nicht frisch und rosig wie sonst, sah
bleich und erschreckt aus.
    Ihm waren das Beweise ihrer Schuld, und wenn sich auch seine Hand unter dem
Tische krampfhaft zusammenballte, so bezwang er sich doch, stand lchelnd auf
und sagte, indem er eine leichte Verbeugung machte, es freue ihn sehr, die
schne Tnzerin, Frulein Clara Staiger - hier so unverhofft zu sehen.
    Dem Mdchen war dieser Ton und der kalte Blick, womit er begleitet war,
freilich rthselhaft; da er unter diesem Besuche hier im Hause etwas Anderes
vermuthen knnte, fiel ihr gar nicht ein; sie begriff nicht, da Arthur im
Stande wre, ihr reines Herz, das sie ihm so offen hingelegt, zu verkennen. Und
da sie sich rein wute, frei von jeder Schuld, so bezog sie ihrerseits wieder
sein verndertes Benehmen auf seine Verlegenheit, da sie ihn hier bei der
Madame Becker gesehen; denn er hatte ihr ja nie gesagt, da er diese Frau kenne.
Viel weiter dachte dieses reine, arglose Herz natrlich nicht.
    Uebrigens war es fr alle Drei ein peinlicher Moment; sogar Madame Becker
hatte ihre gewohnte Sicherheit verloren und meinte ziemlich linkisch, der Herr
Baron mchten doch nur Platz behalten und sich vor der Frulein Clara gar nicht
geniren. - Ach! seufzte sie und machte dazu einen neuen, aber gnzlich
vergeblichen Versuch, ihren trockenen Augen einige Thrnen zu entpressen, sie
war mit meiner armen Marie wie ein Leib und eine Seele.
    Arthur, der es nicht ber sich vermochte, wie er es im ersten Augenblicke
gewollt, das Zimmer schnell und strmisch zu verlassen, wollte auch etwas sagen
und erkundigte sich nach dem schrecklichen Vorfalle im Theater, von dem er ja
selbst Zeuge gewesen und ber welchen er von seinem Bruder die beste Auskunft
erhalten hatte. Es war ihm auch ganz recht, als ihm Madame Becker ein Langes und
Breites darber erzhlte, und wenn er dabei, scheinbar mit gespannter
Aufmerksamkeit, an ihren Lippen hing, so zeigte doch sein mhsames, ungestmes
Athemholen, sowie das Umherirren seiner Augen, da sein Geist mit ganz anderen
Sachen beschftigt sei.
    Clara fhlte das wohl und sie folgte angstvoll seinen wilden Blicken, und
wenn hie und da einer derselben sie traf, so zuckte sie wiederholt zusammen und
schlug ihre Augen nieder.
    Ja, Herr Baron, sagte die Becker schluchzend, so traf mich dieses
entsetzliche Unglck. Hier aus dieser Stube ging das arme Mdchen heiter und
wohl, in voller Gesundheit, und ein paar Stunden nachher brachten sie sie
sterbend zurck. Du Gott im Himmel! womit habe ich das verdient!
    Arthur zuckte die Achseln und bat die Frau in der hflichsten Art, ihre
Thrnen geflligst trocknen zu wollen und ihren Schmerz zu migen. Er brachte
auch allerlei Gemeinpltze vor, als: das Schicksal nehme nun einmal seinen
traurigen Lauf, was beschlossen, sei nicht zu ndern, Alles in der Welt, selbst
das Entsetzlichste, sei am Ende doch zu etwas gut - und bei diesen letzten
Worten blickte er nach Clara, die ihre Hnde gefaltet hielt und leicht mit dem
Kopfe schttelte; denn so kalt hatte sie ihn nie sprechen gehrt.
    Haben Sie die Marie gekannt? fragte Madame Becker nach einer Pause,
whrend welcher sie ihre Thrnen getrocknet hatte.
    O ja, ich erinnere mich ihrer, ich sah sie hufig; es war ein schnes,
blhendes Mdchen.
    Das war sie, sagte eifrig die Frau, und jetzt, da sie todt daliegt, ach!
ganz todt, ganz todt, sollte man das nicht glauben; man meint, sie schlafe nur.
Wenn es Ihnen keinen Schauder macht, Herr Baron, etwas Todtes zu sehen, so
sollten Sie wirklich hinein gehen und sich das arme Kind betrachten.
    Warum sollte mir der Anblick von unser aller Ende unangenehm sein!
erwiderte der junge Mann mit leiser Stimme. Wenn es Ihren Schmerz nicht zu sehr
wieder aufregt, so wrde ich Sie bitten, mich hinein zu fhren.
    Ach ja, es wird meinen Schmerz sehr aufregen, versetzte die Frau mit
affektirter Bewegung. Ach! der Anblick des armen bleichen Gesichtes bringt mich
noch unter den Boden!
    Wenn es dem Herrn - - gleichgiltig wre, meinte schchtern die Tnzerin,
so wrde ich ihn zu Marie hinein fhren.
    Ah! das wollten Sie? sagte Arthur mit einem schrecklichen, fast lustigen
Tone. Gewi, ich nehme Ihre Begleitung an. Der Himmel soll mich bewahren, den
Schmerz dieser unglcklichen Frau zu vergrern!
    Clara neigte still ihr Haupt und schritt ohne ein Wort zu sprechen in das
Nebenzimmer.
    Arthur folgte ihr.
    Es war dasselbe, aus dessen Fenstern in der gestrigen Nacht der schwache
Lichtschimmer auf die Strae hinaus gezittert hatte; der Docht in der kleinen
Lampe, welche ihn erzeugt, brannte auch heute noch; man hatte vielleicht
vergessen, das Licht auszulschen oder man hatte sein mattes Aufflackern und
ersterbendes Zusammensinken hier im Zimmer der Todten fr passend erachtet. Auf
einer Erhhung am Boden lag die Leiche des jungen Mdchens, wei gekleidet, die
wachsbleichen Hnde gefaltet; um den Kopf hatte sie einen Kranz von weien
Blthen und rings um sie her lagen Blumen, bald einzeln, bald in Bouquets
zusammen gebunden. Man hatte die arme Marie noch nicht in ihr letztes trauriges
Haus gelegt, und wenn man sie so betrachtete, wie sie auf den weien Kissen
dalag, so htte man auch der Frau drauen wirklich Recht geben knnen, als sie
sagte, man glaube, das Mdchen schlafe nur. Obgleich ihr bleiches Gesicht schon
jenen eigenthmlichen aschfarbenen Ton angenommen hatte, so war doch von der
Rthe ihrer Wangen etwas brig geblieben, ungefhr wie der leichte Schimmer
inmitten einer weien verwelkten Rosenknospe. Auch die Lippen sahen noch frisch
und roth aus, und die Augenlider hatten nichts Eingefallenes und Starres; sie
schienen leicht herabgesunken und zeichneten sich nur scharf ab durch die langen
schwarzen, seidenartigen Haare der Wimpern.
    Wenn auch Arthur durchaus von keinem Gefhl des Schauders ergriffen war, so
zog sich doch sein Herz wie krampfhaft zusammen, als er neben der Mdchenleiche
stand; ja, als er sah, wie sich Clara ber sie niederbeugte und ihre kalte Stirn
kte, athmete er krzer und immer krzer, ein leichtes Frsteln berflog seinen
Krper und demselben folgten wohlthtige heie Thrnen. Ja, heute waren sie fr
ihn wohlthtig und beruhigend, es waren ja nicht mehr die Thrnen des Hasses und
der Wuth, die er gestern Nacht geweint, auflsende Wehmuth und Trauer hatten
sich seines Herzens bemchtigt, und wenn er auch ebenso tief fhlte, was er
verloren, so dachte er weniger an seinen eigenen Verlust, als an das Verderben
jener armen Seele.
    Clara blickte zu ihm empor und sagte nach lngerem Stillschweigen: Ach! sie
war sehr unglcklich geworden, die arme Marie! er liebte sie so innig und sie
sollte ihm nicht angehren drfen.
    Das ist allerdings sehr, sehr traurig, versetzte Arthur kaum hrbar. Aber
warum durfte sie ihm nicht angehren.
    Ich wei das nicht so genau; aber ich glaube, ihre Tante wollte sie
zwingen, gegen einen Andern freundlich zu sein.
    Und sie lie sich zwingen?
    Ach! die Ueberredung.
    Ja - richtig, die Ueberredung! - Und er hat es erfahren, da sie ihm
treulos geworden?
    Ja, er hat es erfahren. Schwindelmann sagte es ihm; und der that sehr
Unrecht, denn Marie dachte nicht daran, treulos zu werden. Wissen Sie aber wohl,
Herr Erichsen, aller Schein war gegen sie und das ist sehr schlimm!
    Herr Erichsen hat sie mich lange nicht mehr genannt, dachte Arthur. -
Sehr schlimm, versetzte er darauf.
    Es ist fr ihn ein noch greres Unglck, als fr sie, fuhr das Mdchen
mit gefalteten Hnden fort, indem sie einen Blick auf die Leiche warf; sie ist
ja todt und es kann sie Niemand mehr krnken oder foltern. Aber ihm geht das
nach wie ein Gespenst; sie sagen auch, der Richard sei ganz tiefsinnig geworden,
denn was man beim Theater munkelt, er habe das Tau absichtlich ausgleiten
lassen, ist ihm zu Ohren gekommen.
    Und was glauben Sie? Hat er es absichtlich gethan?
    O gewi nicht, Herr Erichsen; er war nur erschreckt, als ihm der
Schwindelmann von ihrer Untreue erzhlte. Ich glaube wohl, da er da nicht mehr
wute, was er that, denn das mu ja schrecklich sein.
    Meinen Sie das wirklich, Frulein Clara? fragte Arthur tief aufathmend.
    Warum nennt er mich Frulein Clara? dachte das junge Mdchen.
    Sehen Sie, fuhr er mit zitternder Stimme, aber deutlich betonend fort, so
etwas kommt im Leben hufig genug vor. - O um Gottes Barmherzigkeit willen,
Clara, schauen Sie mich nicht so zweifelhaft an! unterbrach er sich heftig -
hufig genug, sprach er ruhiger; Untreue bald von der, bald von der Seite.
Aber nicht immer nimmt es ein so klgliches Ende wie hier. - Hren Sie mich
deutlich an, Clara, denn ich spreche jetzt von Ihnen und nicht von der Todten;
ich habe Ihnen absonderliche Dinge zu sagen.
    Das habe ich Ihnen angesehen, versetzte erschrocken das Mdchen.
    Ich kann mir denken, da Sie es erwartet; aber es ist besser, wenn ich es
Ihnen hier sage. Der Anblick des unglcklichen Geschpfes da zwischen uns stimmt
mich wehmthiger und ruhiger; - sonst, sprach er mit heftigem Tone, mte ich
das, was ich Ihnen zu sagen habe, hinaus schreien mit lauter Stimme; wenn es in
Ihres Vaters Hause geschhe, Clara - und geschehen mu es doch einmal - so mte
ich Ihren Vater bei der Hand fassen und ihn vielleicht mit verantwortlich
machen, da Sie mich - betrogen.
    Herr Gott im Himmel! schrie entsetzt die Tnzerin.
    Hier aber, fuhr er mit weit aufgerissenen Augen fort, whrend seine Hnde,
die er gegen die Leiche ausstreckte, heftig erzitterten, hier vor dieser da,
mu ich mich bezwingen und darf nur flstern. Aber Sie werden auch dieses
Flstern verstehen, Clara. - Ja, sagte er nach einem tiefen Athemzuge, wobei er
schmerzlich nach ihr hinblickte, ja, Clara, du hast mich betrogen, entsetzlich
betrogen. Wehalb du es gethan - ich wei es nicht. War es, weil dein Herz
falsch ist, weil du mich nicht geliebt, war es eine Laune - Gott wei es! Mir
soll es, hoff' ich, ewig ein Geheimni bleiben!
    Clara war neben der todten Marie auf die Kniee gesunken, blickte einen
Augenblick entsetzt in die Hhe und verbarg ihr Gesicht in beide Hnde.
    Es ist, fuhr er sanfter fort, fast die gleiche Geschichte, wie mit dem
armen Mdchen da, nur da sie unschuldig ist. Aber als er von ihrer Untreue
hrte, er, der sie gewi nicht inniger liebte, als ich dich, er, der ihr kein
besseres und glnzenderes Schicksal bereiten wollte, als ich dir - lie er sie
niederstrzen, wirklich niederstrzen, und sie zerschmetterte vor seinen Fen.
- Ich aber, sagte er mit leiser, jedoch schrecklicher Stimme, ich kann und
will das Gleiche nicht thun, ich will dich nicht leiblich zu meinen Fen
niederstrzen sehen, kein Haar soll dir gekrmmt werden, nicht dein schnes
Gesicht verunstaltet, kein Glied deines prchtigen Krpers beschdigt werden,
obgleich du auch an mir hingst, von mir abhingst. - Aber auch ich zerreie dies
Band, auch ich lasse dich, wenn gleich im Geiste, zu meinen Fen niederstrzen,
und wenn ich mich von dir lossage, was hier feierlich vor dieser Todten
geschieht - dabei streckte er beide Hnde weit von sich ab - so wirst du
vielleicht deinen Gott anflehen, er mge dir ein gleiches Schicksal zu Theil
werden lassen, wie dieser da.
    Clara war unter der furchtbaren Last dieser Vorwrfe und entsetzlichen Reden
mit dem Kopf auf die Leiche niedergesunken, und da es ihr unmglich war, etwas
zu antworten, so hatte sie nur flehend und wie schtzend die Hnde ber ihr
Haupt erhoben, als wolle sie dadurch den Fluch abwehren, den er auf dasselbe
herabschleuderte. Als sie sich endlich wieder fate, als sie rief: Arthur! um
Gotteswillen, Arthur! und aufsprang, da war er verschwunden. Sie blickte
zweifelnd in dem Zimmer umher, fuhr mit der Hand ber die Augen und wollte sich
einreden, sie habe hier bei der todten Marie einen schrecklichen Traum gehabt,
und er sei in Wahrheit gar nicht da gewesen. - Oh! wenn dem so gewesen wre!
    Aber dem war nicht so. Madame Becker, die heftig erregt herein trat, sagte:
Hat sich die Leiche nicht bewegt, als Jener im Zimmer war? Das sollte so sein,
wenn Gerechtigkeit wre, sie htte drohend die Hand gegen ihn aufheben sollen. O
da ich ihn nicht frher gekannt, da ich seinen Namen nicht gewut! ich erfuhr
ihn erst vorhin, als er wie toll zur Thre hinausstrzen wollte. - Clara,
Clara! wandte sie sich an diese, nimm dich in Acht vor der Familie! Einer von
ihnen ist schuld an dem Tode meiner Marie.
    Und der Andere - wird schuld an dem meinigen sein! seufzte das
unglckliche Mdchen und legte ihr Gesicht auf die Hand der Todten, als suche
sie hier Schutz und Trost.

                          Einundsiebenzigstes Kapitel.



                                Alles verloren.

In dem Hause des Herrn Staiger hatte sich, seitdem Herr Blaffer das Honorar so
bedeutend erhht, allerlei auf's Vortheilhafteste verndert. Um das einzige
Fenster prangte nun ein Vorhang von buntem Kattun, unter dem Schreibtisch lag
ein altes Rehfell; freilich schien dasselbe in der Mauser zu sein, und die
einstmalige blaue Tucheinfassung war nicht mehr zu erkennen. Aber es that seine
Dienste, indem es die Fe des alten Herrn wrmte. Auch dem Ofen war etwas vom
besseren Verdienste zu gute gekommen, man gab ihm reichlicheres und hrteres
Holz, und er, dafr dankbar, verbreitete um sich her eine angenehme Wrme. Und
dabei sott und prasselte es in ihm ganz behaglich; es war beinahe Mittagszeit,
und Clara, die wegen eines halben Feiertags heute die Tanzstunde nicht zu
besuchen gebraucht, hatte Kartoffeln zum Mittagessen eingestellt, und war
unterdessen in das Haus der Madame Becker gegangen, wie wir bereits wissen. Die
Sorge fr Kartoffeln und Suppe war unterdessen dem Papa Staiger bertragen
worden, der sich hiezu, als seines Adjutanten, des Bbchens bediente, das er vor
den Ofen gestellt und beauftragt hatte, Lrm zu schlagen, sobald Suppe oder
Kartoffeln irgend eine auergewhnliche Bewegung zu machen anfingen. Zuerst
hatte Karl einige Einwendungen gemacht, denn er war an dem heutigen Morgen
auerordentlich beschftigt; die Familie Staiger hatte nmlich, wie wir bereits
wissen, einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei wohl nicht zu bemerken,
da das kleine Mdchen, welches Arthur gebracht, mit herzlicher Liebe
aufgenommen worden war. Natrlicherweise hatte der Maler die Bedingung dabei
gestellt, da die Bedrfnisse des armen Wesens ausschlielich ihm zur Last
fallen mten, und in Folge dessen hatte sich der Anzug der Kleinen wesentlich
gebessert; auch erschien sie nicht mehr so scheu und ngstlich, denn ihr Herz
schlug freudiger, sobald es die Wrme gesprt hatte, mit der sie von diesen
guten Menschen behandelt wurde. Karl hatte sie unter seinen besonderen Schutz
genommen, lehrte sie all' die sinnreichen Spiele, die er zu treiben pflegte,
wobei sie ihm bald als Pferd, bald als Armee dienen mute. Heute war sie sogar
seine Prinzessin; er hatte das Fubnkchen Clara's umgekehrt, das Mdchen hinein
gesetzt, die Trmmer eines Pferdes davor gespannt und kutschirte seine
Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt. Doch mute dem Befehl des
Vaters Folge geleistet werden, wehalb das Bbchen den Fuschemel wieder
umkehrte, das fremde Kind darauf setzte, ihm ein Bilderbuch in die Hand gab, und
sich darauf, als er das Pferd ausgespannt hatte, an den Ofen begab.
    Das Geschft, welches ihm der Vater bertragen, besorgte brigens nun der
Kleine mit einer so bergroen Pnktlichkeit, da er dadurch die Arbeit des
Vaters weit fter unterbrach, als nothwendig gewesen wre. Jeden Augenblick
glaubte er, der groe Moment sei gekommen, wo die Suppe Neigung zeige,
berzukochen, und dann prallte er mit einem lauten Aufschrei zurck, wobei es
bereits zweimal vorgekommen war, da er ber sein kleines kopfloses Pferd
stolperte, welches er an einem Bindfaden hinter sich drein schleifte. Das gab
dann begreiflicherweise eine groe Verwirrung und es kostete den Herrn Staiger
mehrere werthvolle Minuten, bis Bbchen, Pferd und Bindfaden wieder aus einander
gewickelt waren, bis der alte Herr nach seiner Suppe gesehen und darauf der
Lauerposten wieder aufgestellt worden war.
    Dem Bbchen war brigens auch etwas von dem Glanze der Familie zu gute
gekommen; er hatte ein neues und warmes Rckchen an, seine kleinen Schuhe waren
untadelhaft, und Clara hatte aus einem ihrer alten Kattunkleider eigenhndig
eine Bettdecke genht, welche der Stolz der beiden Kinder war.
    Es war seltsam, aber nicht zu leugnen, da auf den Herrn Staiger allein sein
grerer Verdienst eine andere Wirkung ausbte, als man sich wohl htte denken
sollen. Er, der sonst Alles hergab, was er einnahm, er, der seine Tochter Clara
frher zur Verschwendung angetrieben, wie sie oftmals lachend sagte, war geizig
geworden, ja recht geizig, und Clara mute es zu ihrem groen Erstaunen erleben,
da er anfing, seine Kasse selbst zu verwalten, indem er ihr nur das nthige
Geld fr die Haushaltung abgab und alles Uebrige in seinem Schreibtisch
verschlo. Da er nicht die Absicht hatte, von diesem Gelde etwas fr sich zu
verwenden, lag klar am Tage, denn sogar das abgenutzte Rehfell hatte ihm Clara
oktroyiren mssen, und als sie auf einen neuen Anzug zum Ausgehen fr ihn drang,
hatte er sich bestimmt dagegen erklrt, indem er vorgab, er fhle doch, es sei
seiner Gesundheit viel zutrglicher, wenn er whrend der Winterszeit wenig
ausgehe; im Sommer werde man dann schon sehen.
    Und Herr Staiger verdiente recht viel Geld: Onkel Tom war so gut wie
beendigt, aber Herr Blaffer hatte mit ihm neue weitlufige Arbeiten besprochen
und sein Honorar wunderbarer Weise abermals erhht.
    Seit ihn das Bbchen zum letzten Mal gestrt, hatte er die Feder nicht
wieder aufgenommen, sich vielmehr in seinen Sessel zurckgelehnt und schaute,
die Arme ber einander geschlagen, an die Zimmerdecke empor. Es muten keine
unangenehmen Gedanken sein, die ihn beschftigten, denn er machte ein
freundliches Gesicht, spitzte behaglich den Mund und zog nur zuweilen, wie in
wichtiger Betrachtung, die Augenbrauen hoch empor. - Das Ganze ist mir immer
noch zu schn und traumartig, sprach er zu sich selber, die Abendrthe, die am
Ende meines Leben leuchtet, kann dem neuen jungen Tage wohl schnes Wetter
bringen, aber ebenso leicht Sturm und Regen. Nun auf alle Flle thu' ich das
Meinige; was der Himmel ber uns verhngt, das wollen wir jederzeit geduldig und
gern hinnehmen, - obgleich, meinte er schmunzelnd, das Bessere immer
angenehmer ist; und ich mu schon gestehen, wenn man seine Kinder liebt wie ich,
so kann es einen hoch entzcken, wenn man Aussichten hat, da es ihnen gut gehen
soll. - An meinem Leben wrde ich freilich nichts ndern, ich wrde fleiig
arbeiten, so lange es geht, und nur Sonntags mir ein kleines Vergngen machen
und wohlgekmmt nach meinen Kindern sehen, nach meinem Schwiegersohn - Herrn
Arthur Erichsen. - Gott! wie man in seinem Alter noch so kindisch sein kann!
unterbrach der alte Mann seine Betrachtungen, die er aber doch nicht unterlassen
konnte, still denkend fortzusetzen. Ja, der alte eitle Mann sah sich schon im
saubern Anzuge, er hatte sogar Handschuhe an und trat in das Haus seiner
Tochter, wo man ihn an einem gewissen Sonntag zum Mittagessen erwartete. Clara
machte die Honneurs wie eine Prinzessin; mit ihrem stillen, ruhigen und
liebevollen Wesen entzckte sie ihren Mann, leitete die Dienstboten und hielt
ihre kleinen Kinder in Ordnung, - ja, wir knnen es nicht leugnen, Herr Staiger
hatte sogar die Verwegenheit, an Enkel zu denken. Diese Ideenverbindung leitete
sich brigens wohl aus dem Anblick seines eigenen Bbchens her, welches, um sich
die Zeit zu vertreiben, bis zu dem groen Moment, wo es der Suppe gefllig wre,
berzukochen, allerlei sonderbare Zhlbungen anstellte. Clara hatte ihm in den
Abendstunden das Zhlen von Eins bis Zehn beigebracht, auch, da Eins und Eins -
Zwei, Zwei und Eins - Drei sei, und das mischte er nun Alles auf die
abenteuerlichste Weise durch einander.
    Eins und Eins ist Vier, Fnf, Sechs und Eins ist Zehn, sagte er und rief
alsdann mit lauter Stimme: aber jetzt, Papa, kocht sie ber. Geschwind,
geschwind, sonst zankt Clara!
    Damit sprang er abermals rckwrts, erinnerte sich aber glcklicherweise des
hinter ihm stehenden Gaules, wehalb sich der Zusammensto zwischen Beiden so
gestaltete, da das Pferd ein paar Schritte rckwrts flog zwischen die Fe des
Herrn Staiger, der eilig nher kam und nun fast das Schicksal seines Sprlings
erlitten htte.
    Aber potz Tausend, Karl! sagte der alte Herr, man mu auch hinter sich
sehen knnen. Jetzt wirfst du mir dein Pferd auf die Fe und ich bin berzeugt,
du machst wieder viel Lrmen um gar nichts.
    Aber es luft schon aus dem Topfe heraus in den Ofen hinein, erwiderte das
Bbchen, und das stinkt und Clara wird es riechen, wenn sie nach Haus kommt,
und da werden wir Beide gezankt.
    Ja, da hast du Recht, versetzte lachend der Vater, und es thut weh, wenn
Clara Jemand zankt. Nicht wahr, davor frchtest du dich mehr, als wenn ich dich
zanke.
    Ja wohl, sagte der Kleine bestimmt. Denn wenn Clara zankt, so habe ich
etwas gethan.
    Und wenn ich zanke?
    Oh! erwiderte das Bbchen, indem es die Hnde auf dem Rcken zusammen
legte, das geschieht ja niemals; du kannst gar nicht zanken.
    Sieh Einer den kleinen Bsewicht! sprach lachend Herr Staiger; und dabei
zog er die Suppenschssel etwas nach vorn, damit der Inhalt, von der Gluth des
Feuers entfernt, nicht mehr so heftig sprudle. - So, so, du meinst, ich knnte
nicht zanken!
    Nein, denn du sagst ja immer: wartet nur, Clara wird euch recht zanken.
    Nun, da werde ich es nchstens selbst lernen mssen, meinte gutmthig der
alte Mann. Denn wenn Clara einmal fort geht -
    Ah! sie geht ja immer fort.
    Ganz richtig, Karl, sagte der Vater; aber nchstens geht sie ganz fort
und kommt gar nicht wieder.
    Wie, Papa? fragte erschrocken das Kind. Clara kme nchstens einmal nicht
wieder? - aber doch zum Essen?
    Nein, mein Sohn.
    Aber doch zum Schlafen?
    Auch das nicht.
    Dies gab dem Bbchen zu denken; er schaute vor sich auf den Boden nieder,
doch muten seine Gedanken sehr unerfreulicher Art sein, und ohne weiter viel
Worte zu verlieren und nachdem es ein paar Mal wehmthig um seinen Mund gezuckt,
brach er pltzlich in ein so lautes und anhaltendes Weinen aus, da Herr Staiger
alle Mhe hatte, ihn zu trsten, und ihm zuletzt gutmthig, wie er war,
versprechen mute, da, wenn er recht brav sei, Clara dableiben wrde; im andern
Falle aber stehe er fr gar nichts.
    Es war ein Glck, da in diesem Augenblicke die kleine Schwester, aus der
Schule kommend, hereintrat, um den Vater im Geschft des Trstens abzulsen;
denn Herr Staiger hatte eigentlich gar kein Talent darin und er pflegte in
solchen Augenblicken gern allerlei zu versprechen, was ihm spter, bei dem guten
Gedchtni des Bbchens fr dergleichen Dinge, viel zu schaffen machte.
    Die kleine Marie war recht gut und sauber angezogen, ihre langen Zpfe
untadelhaft geflochten, und fr Tafel und Bcher hatte sie von Clara eine Tasche
erhalten, in welcher diese frher Schuhe und Weizeug mit in die Tanzschule zu
nehmen pflegte. Dieser neue und bessere Anzug hatte recht erhebend auf das
Gemth des kleinen Mdchens eingewirkt, sie trug ihr Kpfchen so hoch als
mglich, sprach gern altklug und nahm sich mit einer gewissen Ostentation der
Haushaltungsgeschfte an. So auch heute sah sie bei ihrem Eintritte, nachdem sie
ihren Bchersack abgelegt, sogleich nach, ob im Zimmer nicht etwas zu finden
sei, was nicht in Ordnung wre. Da nun das fremde Mdchen statt zu lesen, was
sie auch nicht gekonnt htte, aufmerksam bald Herrn Staiger, bald den Ofen
betrachtete und dazu an dem Bilderbuche kaute, so verwies ihr das Marie, nahm
ihr die Lektre, wischte ihr die Nase und brachte ihr eine Puppe, mit welchem
Tausch brigens das Kind sehr zufrieden zu sein schien. Darauf ging sie nach dem
Ofen, betrachtete die Kocherei, wobei die Versuche des Herrn Staiger in dieser
Richtung von ihr ziemlich geringschtzend angesehen wurden.
    Du httest die Suppe nicht vom Kochen wegziehen sollen, Papa, sagte sie,
sondern lieber mit dem groen Lffel den Schaum herunter nehmen, wie es Clara
macht.
    Nun, wenn du es besser weit, kleiner Hofmeister, so thu' also, bemerkte
geduldig Herr Staiger, ohne von seiner Arbeit, die er wieder begonnen,
aufzusehen.
    Um das Gesicht des Bbchens wetterleuchtete immer noch unverkennbar etwas
Wehmthiges, das sich steigerte, sobald die kleine Schwester an den Ofen trat;
denn er liebte es in dergleichen Fllen, gefragt zu werden, warum er weine. Dies
geschah denn auch bald und Marie sagte: Du hast wieder einmal geheult.
    Das habe ich auch, entgegnete er.
    Und warum denn?
    Weil Papa gesagt hat, die Clara gehe fort und komme nicht mehr nach Haus
zum Essen und auch nicht zum Schlafen.
    Und dehalb weinst du so arg? fragte das Mdchen mit sehr ernstem Tone.
Wenn Clara wirklich fort geht, so ist es gut fr sie und fr uns Alle. Und
darber sollen wir nicht weinen.
    Aber dann habe ich ja Niemand mehr! heulte das Bbchen, worauf Marie mit
sehr wichtigem Tone entgegnete: So bin ich immer noch da, und auch ich kann
bald kochen und dich zu Bett legen.
    Von dem Bbchen aber wurde dieses Versprechen durchaus nicht als Trost
aufgenommen, vielmehr schluchzte es strker und sagte mit sehr klglichem Tone:
Aber die Clara soll nicht fort - und dann htten wir Niemand mehr - denn du
bist gar nichts.
    Herr Staiger sah sich abermals veranlat, mit Trstungen und Versprechungen
den Wortwechsel, der sich zwischen den beiden Geschwistern zu entspinnen schien,
zu Ende zu bringen, und wollte dabei versuchen, dem Bbchen begreiflich zu
machen, wie man auf dieser Welt nicht immer beisammen bleiben knne, wie er
vielleicht nchstens nach dem Himmel abgehe, das Bbchen selbst in die Schule
und Clara auch irgendwo hin, wo sie es gut htte. Doch war er mit seiner Rede
noch nicht weit gekommen, als sich die Thre ffnete und Clara eintrat. Der alte
Mann, zufrieden, nun nicht weiter sprechen zu mssen, sagte: Es ist wie immer
ein wahrer Segen, da du kommst; jetzt kannst du dich selbst mit ihnen abgeben.
Er wandte sich dann eilig seiner Schreiberei wieder zu und bemerkte dehalb
nicht sogleich das verstrte, bleiche Gesicht seiner ltern Tochter.
    Clara ging schwankend wie im Schlafe; sie hatte die Augen auf den Boden
geheftet, und erst, als sie in das Zimmer getreten war, erhob sie sie wieder und
blickte die alten bekannten Gegenstnde ringsum an, dann zuckte ein trbes
Lcheln um ihren blassen Mund, sie schaute alsdann lange gen Himmel, und da sie
zu gleicher Zeit die Hnde faltete, so konnte sie ihren Thrnen nicht verwehren,
langsam ber ihre Wangen hinab zu rollen.
    Clara, meine gute Clara! rief das Bbchen, wobei es auf sie zusprang und
ihre Kniee umfate; ich habe auch soeben geweint und um dich arg, arg geweint -
so arg. Aber ich bin nicht unartig gewesen, gewi nicht.
    Clara zuckte zusammen, als sei sie aus einem tiefen Traume erwacht, und
beugte sich auf das Kind nieder, hob sein liebes, unschuldvolles Gesichtchen zu
sich empor und kte es heftig und wiederholt.
    Ja, er hat geweint, sagte der alte Mann, wobei er aber fortfuhr zu
schreiben; doch war sein Kummer wie gewhnlich nicht weit her; auch vermagst du
ihn gleich zu lindern, meine gute Clara, wie du denn berhaupt nicht blos die
Segenbringende der Familie, sondern auch unser Aller Trsterin - ein kostbarer
Schatz bist, den wir gewi Alle ungern verlieren werden. Aber, wie Gott will!
    Amen! entgegnete die Tnzerin in einem Tone des tiefsten Wehes, und darauf
blickte sie abermals gen Himmel.
    - Und ich koche, liebe Schwester Clara, sprach das kleine Mdchen wichtig
thuend, Papa hat die Suppe verschleimen lassen und der kleine Bub' hat gar
nichts gesagt.
    O ja, ich habe geschrieen, erwiderte dieser trotzig.
    
    Das kann ich bezeugen, meinte Herr Staiger lchelnd. Er hat geschrieen
und ist dabei in vollem Eifer ber sein Pferd gepurzelt. - Aber warum bleibst du
an der Thre stehen, liebe Clara, und legst deinen Hut nicht ab?
    Ja - ja - so! versetzte die Tnzerin tief athmend.
    Du bist bekmmert, mein Kind, sagte der Vater, der seine Brille fester an
die Augen drckte und nun seine Tochter erst recht betrachtete. Du siehst bla
aus und hast geweint. - Nun ja, ich begreife das; du kommst von einer armen,
gestorbenen Freundin, und der Anblick hat dein gutes Herz so aufgeregt. Nun was
macht denn die Madame - die Frau Tante? - Gott verzeihe mir, aber das ist ein
schlimmes Weib. Die arme Marie, da die Sache nun einmal geschehen, ist
wahrhaftig besser daran, als hier auf der Welt. Aber beruhige dich, mein Kind.
Komm', setz dich zu mir her. So alterirt warst du ja nie. Hast du vielleicht bis
jetzt noch keinen Todten gesehen? - Doch! doch! was red' ich fr Unsinn, und
denke nicht mehr an unsere eigene arme, kleine Leiche! Siehst du, so leicht ist
man vergessen.
    Ja, man ist leicht vergessen, erwiderte Clara mit leiser Stimme. Und als
sie sich dem Tische nherte, an dem ihr Vater sa, legte sie Hut und Tuch ab,
welches ihr die kleine Schwester dienstfertig abnahm und wobei das Bbchen nicht
unterlassen konnte, einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufassen und
tragen zu helfen, whrend er mit der andern sein hlzernes Pferd hinter sich
drein schleifte.
    Clara stellte sich hinter ihren Vater, legte ihre beiden Arme auf seine
Schultern und ihr Gesicht auf seinen Kopf - eine Stellung, die sie hufig
annahm, wenn er mit ihr sprach und dazu Bewegungen mit den Hnden machte, was er
gern zu thun pflegte. Heute aber nahm sie ihren Platz absichtlich so, denn sie
konnte ihre Thrnen nicht zurckhalten, die jetzt, wo die allgemeine Liebe ihrer
Familie ihr Herz erweichte und erwrmte, unaufhaltsam floen.
    Was sagte ich doch eben? fuhr Herr Staiger fort, indem er mit seinem
Papiermesser hin und her fuhr. - Richtig! ich meinte, es sei am Ende fr die
arme Marie ein Glck, so unschuldig in den Himmel zu kommen. Gott verzeihe es
ihrer Tante, aber durch deren schauerliches Leben hat doch der Ruf der armen
Marie einen kleinen Schaden erlitten. Ach! die Menschen sind so schlecht und
bsartig; glaube mir, Clara, ein Wort, eine Anspielung, ein seltsamer Blick, von
Einem mit Beziehung gesagt oder gethan, wird von den Andern begierig
aufgegriffen und vergrert weiter erzhlt. Und das unschuldigste Gemth, einmal
vom Gifte der Verleumdung angespritzt, erhlt gewhnlich Verwundungen, die ein
ganzes langes Leben hindurch nicht mehr heilbar sind.
    O gewi, o gewi - gewi, sagte Clara.
    Dehalb aber auch hasse ich alle Verleumder, rger als den Teufel, rger
als die Snde. Und aus der Verleumdung entsteht oftmals die letztere, und eine
reine Seele, die von schndlichen Klatschereien mit scheulichem Gift und Geifer
bespritzt wurde, fiel schon oftmals eben dadurch der Snde anheim. Der Glaube an
ihre Reinheit war verloren, die Liebe zu den Nebenmenschen erschttert und die
Sttzen gebrochen, welche sie aufrecht erhielten, und da sank so ein
unglckliches Geschpf immer tiefer und tiefer. - Fluch ber solche, die mit dem
guten Namen ihres Nebenmenschen spielen und so oft ein ganzes Lebensglck
zerstren!
    Ja, ja, ein Lebensglck zerstren, hauchte Clara.
    Aber warum weinst du so heftig, liebe Clara? sprach der alte Mann, indem
er sich halb umwandte. Ich fhle deine heien Thrnen auf meinen Kopf fallen,
dich haben doch meine Worte nicht betrbt? - Wie wre das mglich? Dein
Lebensglck fngt erst an aufzublhen; gewi, mein Kind, du stehst rein da, dein
Ruf ist unbefleckt. Wer sollte sich an ihn wagen?
    Vater! Vater! entgegnete die Tnzerin mit leiser Stimme und sie haben das
doch gethan.
    Was? - Gott im Himmel! erwiderte erschrocken der alte Mann. Dir htte man
Uebles nachgesagt - dir, Clara? - O nein, das ist unmglich!
    Es ist so, Vater; ich komme soeben von der Marie, ich habe zum letzten Mal
ihr Haar gemacht und den Kranz darin befestigt, den sie nie mehr ablegen wird. -
O Gott! o Gott! rief sie in lautes Weinen ausbrechend; warum bin ich nicht an
ihrer Stelle, Warum hat sie mir nicht diesen Liebesdienst erzeigt?
    Stille! stille! sagte Herr Staiger; stille, Clara! Die kleinen Kinder
dort geben Achtung und wissen nicht, was das bedeuten soll. Er fate ihre
beiden Hnde und zog seine Tochter sanft hinter seinem Stuhle vor, damit er ihr
in's Auge sehen konnte. Du hast gelitten, arme Clara, sprach er nach einer
Pause kopfschttelnd, sehr, sehr gelitten. Das ist nicht mehr dein gutes,
unbefangenes Gesicht; sage deinem Vater, was es gegeben hat, ich kann dir rathen
und vielleicht auch helfen.
    Helfen gewi nicht, erwiderte sie mit traurigem Lcheln; es ist Alles,
Alles aus. O Vater! es war aber auch zu schn; es konnte nicht so kommen, wie
ich es mir in entzckenden Trumen ausgedacht.
    Herr Staiger nickte mit dem Kopfe, als wollte er sagen: ich verstehe. Dann
fragte er: Du hast Arthur gesehen?
    Ja, Vater.
    Doch nicht bei jener Frau Becker?
    Doch, Vater, er war da, und die Frau sagte, er sei ein Bekannter von ihr.
    Hm! hm! Das will mir nicht besonders gefallen. - Und dann?
    Clara schlug in Erinnerung des Schrecklichen, was sie gehrt und das sie nun
wiederholen sollte, ihre Hnde vor das Gesicht und brachte alsdann mhsam nach
einer kleinen Weile hervor: Arthur sagte mir, zwischen uns sei Alles zu Ende,
er lasse mich fallen, tief, tief hinab fallen. Ach! und er hat Recht: bei seinen
Worten strzte ich so tief darnieder, da Alles um mich her schwarz und traurig
ist, - so tief hinab, da ich nicht einmal mehr wei, ob es noch einen Himmel
gibt.
    Kind! Kind! erwiderte der alte Mann, das sind ja schreckliche Reden! -
Aber was sagte er dir eigentlich?
    Er sprach viele, viele Worte, aber ich hrte nur immer und immer fort, da
es mit uns Beiden aus sei, und sah, wie er die Hnde gegen mich ausstreckte, als
wollte er mich weit von sich stoen. - Ah! seufzte sie und ein Schauder
durchflog ihren Krper.
    Das Bbchen hatte sich unterdessen nher geschlichen, hatte Clara's Knie
umfat und schon einige Zeit, ohne da es Jemand bemerkt, ebenfalls heftig
geweint. Jetzt schluchzte es aber so laut, da der alte Mann aufmerksam werden
mute und das Kind sanft von seiner Schwester wegzog. Du mut nicht so weinen,
Karl, sagte er; was hast du denn?
    Die Clara weint ja auch, entgegnete das Bbchen, und es ist doch wahr,
was du vorhin gesagt; sie weint, weil sie fortgehen soll. Nicht wahr, Clara, du
willst fortgehen?
    Nein, mein Kind! rief das Mdchen, wobei sie ihre Arme um den Hals des
kleinen Bruders schlang; ich gehe nicht fort, gewi nicht, ich bleibe bei euch;
will auch nicht mehr weinen, denn ich kann vielleicht doch wieder froh werden.
Ihr liebt mich ja Alle, unvernderlich und treu, und wit es, da ich eure gute,
gute Clara bin.
    Whrend dem war an die Thre geklopft worden, ohne da es die Gruppe am
Tische des Vaters gehrt hatte. Nur das kleine Mdchen, das in groer
Wichtigkeit mit ihrem Kochlffel am Suppentopfe stand, hatte es vernommen und
keck herein! gerufen.
    Die Thre ffnete sich und Mademoiselle Therese trat in das Zimmer. Sie war
wie immer sehr elegant gekleidet; doch lag in der Art, wie sie heute ihren
langen Shawl um sich herum gezogen, ja man htte sogar glauben knnen, in der
Weise, wie sie ihren Hut aufgesetzt hatte, noch etwas Herausfordernderes als
gewhnlich. Sie trug ihren Kopf so hoch als mglich, blieb aber berrascht auf
der Schwelle stehen, als sie Clara und ihren Bruder weinen und den alten Herrn
sehr ernst vor sich niederblicken sah.
    Sobald Clara die Eingetretene bemerkte, versuchte sie ihre Augen zu
trocknen, ja sie lchelte, als sie der schnen Tnzerin entgegen trat und als
sie sagte, sie freue sich ber ihren Besuch.
    Therese machte dem Herrn Staiger eine freundliche Verbeugung, nickte den
Kindern zu und zog dann, ohne weitere Umstnde zu machen, Clara mit sich in die
Fensternische, wo sie zu ihr mit gedmpfter Stimme sprach: Du weit, mein Kind,
ich bekmmere mich sonst nur um anderer Leute Sachen, wenn man mich dazu
auffordert. Diesmal aber gehe ich von dieser Regel ab und du wirst mir eine
Frage erlauben. - Du warst vorhin bei der Becker?
    Ja, sagte Clara.
    Da sahst du Herrn Arthur Erichsen? - Er hat dich schlecht behandelt, wie
die Becker sagte, denn er strzte wie ein Wahnsinniger fort und du bliebst in
Thrnen zurck. Ja, in Thrnen, sprach sie heftiger, als Clara das verleugnen
zu wollen schien; sie flieen noch, gestehe es mir, er hat dich schlecht
behandelt. - Herr Gott im Himmel! soll denn diesen Leuten Alles ungestraft
hingehen? Damit schlug sie ihre feinen Handschuhe heftig zusammen. Armes
Mdchen! Was kann man von dir Uebles denken? - Du, die Beste von uns Allen! -
Nun, fuhr sie sonderbar lachend fort, das wre gerade nicht zu viel gesagt,
aber du, so gut und brav, da sich smmtliche Mdchen der Residenz ein Muster
daran nehmen knnten! - Sage mir um's Himmels Willen, Kind, was ist denn
vorgefallen? Gib mir Erlaubni und ich setze ihm seinen Kopf zurecht. Ich will
mit ihm reden.
    O nein, nein! um Gotteswillen nicht! bat Clara. Was es gab, das kann fr
jetzt nur in meinem Herzen verschlossen bleiben; spter will ich es dir
vielleicht sagen.
    Spter, wenn wohl Alles verloren ist, entgegnete Therese wegwerfend.
Clara, du bist zu gut und zu eigensinnig; es wre mir eine Freude gewesen,
einmal mit den Herren anzubinden, - denn, fuhr sie mit entschlossenem Tone
fort, mit einem Andern aus der Familie habe ich ein sehr ernstes Wort zu
reden.
    Ich bitte dich, liebe Therese, versetzte Clara, la das gut sein. Glaube
mir, ich danke dir fr deine Theilnahme. Aber - ber das, was er mit mir sprach,
lt sich kein Wort weiter verlieren.
    Die Andere zuckte heftig mit den Achseln, warf den Kopf empor und sagte: Du
hast meinen guten Willen gesehen, und ich nehme dir auch gar nicht bel, da du
mich abweisest. Das magst daraus entnehmen, wenn ich dich versichere, da ich zu
jeder Zeit bereit sein werde, fr dich einzutreten, - denn, setzte sie mit
sanfter, fast weicher Stimme hinzu, ich habe dich sehr lieb, meine gute Clara.
Wenn ich dich so ansehe, so denke ich mir immer: so htte ich auch werden mgen.
- Bah! 's hat anders kommen sollen, und ich halte mich noch immer viel zu gut
fr diese miserable Welt.
    Damit legte sie ihre beiden Hnde auf Clara's Haar, drckte einen langen Ku
auf deren kalte Stirne und war gleich darauf ebenso pltzlich verschwunden, wie
sie gekommen war.
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    Marie hatte unterdessen den Tisch gedeckt, den Bruder und das fremde Kind
daran gesetzt, Beiden einen weien Lappen umgebunden, damit sie sich beim Essen
nicht schmutzig machen mchten, und sagte nun mit sehr wichtigem Tone: Jetzt
ist die Suppe fertig! Auch braucht Niemand mehr Salz dazu zu thun, denn ich habe
zwei groe Lffel voll hinein geworfen.


                                  Fnfter Band

                         Zweiundsiebenzigstes Kapitel.

                             Mademoiselle Therese.

Sobald es im Hause des Kommerzienraths Erichsen auf der groen Schwarzwlder Uhr
Zwei schlug, erschien der alte Bediente mit dem Kaffee, und es war der Mann
darin so pnktlich, da ihn Arthur einmal antraf, Kaffeebrett und Tasse in der
Hand, mit den Augen geduldig dem Lauf des Zeigers folgend, der noch circa eine
halbe Minute bis zu der angegebenen Stunde zu laufen hatte. - Es hatte also
heute zwei Uhr geschlagen, zu gleicher Zeit waren auch Bedienter und Kaffee
erschienen, doch war es bereits halb Drei und Niemand von der Familie, selbst
nicht einmal der Kommerzienrath, der sonst diesem Augenblicke sehnschtig
entgegen sah, hatte daran gedacht, das Aufgestellte zu berhren.
    Die Kommerzienrthin sa in ihrer Sophaecke wie gewhnlich, aber noch
aufrechter und unbeweglicher als sonst. Mit den grauen und harten Zgen ihres
Gesichts, aus denen die lange, spitze Nase drohender als je hervortrat, mit
ihrem einfachen Kleide von einer Farbe, die ebenfalls in's Gruliche spielte,
hatte sie sehr viel Aehnlichkeit mit einer Versteinerung. Ja sogar ihre Augen
hafteten fest auf einem Fleck in der andern Ecke des Zimmers, und ihre kncherne
Hand, die auf dem Tische lag, obgleich offenbar bereit zum Trommeln, hielt sich
doch noch ruhig und hatte nur die Finger weit ausgespreizt. Marianne sa neben
ihr in der anderen Ecke; die Arme ber die Lehne gelegt und die Hnde gefaltet,
den Kopf tief gesenkt, schien sie in ernste Betrachtungen versunken und sich gar
nicht um die Anwesenden zu bekmmern.
    In einem Fauteuil am Fenster lag der Kommerzienrath, aber sein Aeueres
zeigte nicht wie sonst um diese Stunde Ruhe und Behaglichkeit. Sein Gesicht war
etwas aufgedunsen und mehr als gewhnlich gerthet, seine Unterlippe hing
schlaff herab, und zu gleicher Zeit hatte er die Augenbrauen hoch empor gezogen,
was seinem gutmthigen Gesichte einen ganz eigenthmlichen Ausdruck gab. Hinter
ihm stand der Doktor, die Arme fest verschlungen und blickte so finster, als es
sein offenes und freundliches Gesicht nur erlaubte, auf seinen Schwager Alfons,
der, beide Hnde auf den Rcken gelegt, in dem weiten Zimmer auf- und
abspazierte, und sich dabei offenbar in weit behaglicherer Gemthsstimmung
befand als alle Uebrigen. Er sprach, whrend er so einher schritt, wobei er die
Augen auf den Boden heftete und nur erhob, so oft er sich umwandte, um alsdann
Eines der Anwesenden eine Sekunde lang anzuschauen.
    Eine Scheidung, sagte er, hat immer etwas Unangenehmes fr die Familie,
in welcher dergleichen vorkommt; und ich wrde schon aus dem Grunde Alles
anwenden, um die Geschichte zu verhindern. - Ich wei wohl, wandte er sich an
Eduard, da bei Madame bis jetzt alle Mhe vergeblich war; aber man mu ihr
begreiflich machen und deutlich sagen, da bei einer Scheidung vor den Augen der
Welt immer einiger Makel auf beiden Theilen haften bleibt.
    Deine Reden wren recht schn, erwiderte der Doktor, wenn du es nur
einmal lassen knntest, sie mit den ewigen Gehssigkeiten zu untermischen; da
die Scheidung fr mich und meine armen Kinder allerdings ein Unglck ist, wei
ich wohl, aber was dadurch fr ein Makel auf meinen Namen fallen soll, begreife
ich nicht.
    Aber ich begreife es, sprach streng die Kommerzienrthin, und ihre Finger
zuckten leise; von dem Mann wird man sagen: er war ein unordentlicher Mann,
vielleicht ein unsolider Mann; und ber die ganze Familie zuckt man die Achseln
und spricht: es ist doch nichts Rechtes dahinter.
    O Mama, entgegnete der Doktor, Sie sehen zu finster; in der Welt kommt so
Manches vor, wovon man heute vielleicht spricht, morgen aber denkt Niemand mehr
daran.
    Die Rthin hustete leise, dann versetzte sie: Das ist darnach, wem so etwas
passirt. Bei einer Familie, die Schimpf und Schande gewohnt ist, da thut
freilich ein bischen mehr auch nicht viel. Aber bei einer Familie, wie die
unsrige - dabei erhob sie ihre Stimme und ihre Hand bewegte sich - einer
Familie, die in ihrem Thun und Lassen klar wie der Tag dastand, die noch nie
Gelegenheit gab, gehssig ber sich sprechen zu machen, da schimpfirt so etwas,
wie wenn man die Augen verliert oder die Nase aus dem Gesicht.
    Nun, eine kleine Schmarre haben wir schon auf die Backen bekommen, sagte
hmisch Herr Alfons.
    Die Rthin wandte mit einer steifen Bewegung den Kopf nach ihm herum; ihre
scharfen, grauen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen und die erhobene Nase
drckte deutlich aus: sprich weiter!
    Das that denn auch der Schwiegersohn und bemerkte: Nun, ich dachte nur an
den Skandal bei der Probe lebender Bilder. Das war nur eine kleine Ouverture,
der vielleicht noch Manches nachfolgt.
    O ja, meinte der Doktor, der vielleicht noch Manches nachfolgt.
    Marianne erhob ihren Kopf und wechselte einen Blick mit ihrem Bruder. Darauf
seufzte das arme Weib tief auf und versank wieder in ihre Betrachtungen.
    Und du kannst dich wahrhaftig nicht arrangiren, Eduard? fragte der
Kommerzienrath mit verdrielichem Ton und matter Stimme. Ich versichere dich,
das Fragen und Schwtzen ber diese leidige Angelegenheit ist nicht zu ertragen.
Sogar auf der Brse mu ich davon hren.
    Sogar auf der Brse! wiederholte wrdevoll die Rthin. Das kann dem
Kredit des Hauses schaden. Sie trommelte leicht auf dem Tische, aber nur wenige
Takte; dann sa sie wieder so steif und unbeweglich da wie vorhin.
    Alfons spazierte einige Male im Zimmer auf und ab, wobei ihn brigens nichts
besonders Unangenehmes zu beschftigen schien, seine Mundwinkel zuckten und
seine Hnde rieben sich behaglich an einander. - Was nun die andere Sache
anbelangt, meinte er nach einer Pause, so befahlen Mama, sie ebenfalls zur
Sprache zu bringen.
    Die Rthin nickte mit dem Kopfe, und der Doktor schaute so pltzlich und
fragend auf Alfons, da dieser genthigt war, ihm sagen: Es betrifft Arthur's
hchst kuriose Geschichte. Er macht ja kein Geheimni mehr daraus, und wie ich
aus seinen Reden zu entnehmen glaubte, ist es ihm sogar nicht unangenehm, wenn
man darber verhandelt.
    Ihn soll der Teufel holen! seufzte der Kommerzienrath mit ziemlich
erzwungenem Zorn, wofr ihm aber ein strenger Blick seiner Gemahlin zu Theil
wurde. - Es ist aber auch nicht zu sagen, fuhr der geplagte Bankier fort, was
man nicht Alles erleben mu. Ich hab' das satt und will meinem Herrn Sohn
zeigen, wo er her ist. Alle Wetter! das ging mir ab. Eine - eine - Tnzerin! -
Wie heit die Person doch?
    Die Rthin wandte ihm majesttisch das Gesicht zu und sprach: Ich hoffe, du
bist weit genug gegangen in deinen Reden; du wrest freilich im Stande, sogar
den Namen jener Mademoiselle vor uns zu nennen. Pfui!
    Da Einem die Galle berluft ist kein Wunder, fuhr der alte Herr Erichsen
fort; kommt nicht einmal mehr zu Tisch, der saubere Herr! Also da keine Ruhe,
weil man sich rgern mu, und nachher wieder keine, dabei schielte er mit
schmerzlichem Gesichtsausdrucke nach dem unberhrten Kaffee. Ja, es ist eine
Schande, fgte er nach einer Pause bei, als Niemand sprach, fr einen jungen
Menschen von Talent, der etwas Rechtes gelernt hat.
    Da liegt eben der Fehler, entgegnete etwas lebhafter die Kommerzienrthin:
Httest du ihn was Rechtes lernen lassen, so htte er kein Knstler zu werden
gebraucht, und wre vielleicht mit - dergleichen Volk nie in Berhrung
gekommen.
    Aber was will er denn eigentlich? fragte Marianne, die sich fr ihren
Bruder lebhaft interessirte.
    Nun, er will sie hei - erwiderte der Kommerzienrath; doch lie ihn ein
wahrhaft furchtbarer Blick seiner Gemahlin dies Wort nicht beendigen. Sie
hustete heftig und bedeutsam und sagte:
    Dergleichen soll vor meinen Ohren nicht genannt werden. So etwas will ich
nicht hren; wenn man ber diese - Geschichte sprechen will, so soll man sich
passender Ausdrcke bedienen.
    Aber, Mama, Sie sind in der That komisch, bemerkte Alfons. Er denkt sehr
stark an eine Heirath, wie ich gehrt.
    Ich bin nie komisch, Herr Schwiegersohn, entgegnete die Rthin, am
allerwenigsten in einem Falle wie der vorliegende. Und von einem Zusammenlaufen
meines Sohnes mit jener Person kann durchaus keine Rede sein.
    Sie scheinen Arthur nicht zu kennen, denn was er sich einmal vorgesetzt
hat, das thut er, meinte Alfons.
    Was in dem Falle Herr Arthur zu thun gesonnen ist, kann mir gleichgiltig
sein; von meinem Sohne ist alsdann nicht mehr die Rede. Dies sprach die Rthin
und machte dazu eine entschiedene horizontale Bewegung mit der Hand, worauf sie
ihre Finger wieder auf den Tisch niederfallen lie und einen wahren Siegesmarsch
trommelte, als wollte sie damit anzeigen, da die Regeln des Anstandes ber
jedes andere Gefhl den Sieg davon getragen haben.
    Der Kommerzienrath wagte es, leicht mit dem Kopfe zu schtteln, ja sogar
einen mibilligenden Blick seiner Ehehlfte zuzusenden.
    Doch bemerkte diese es nicht, denn sie schaute gerade vor sich hin und sagte
unter einzelnen bedeutsamen Schlgen auf den Tisch: Die Scheidung, von der wir
vorhin sprachen, wird, ich sehe das wohl ein, nicht wohl zu hindern sein. Mein
Herr Schwiegersohn hat Recht, wenn er meint, es knne das einen Makel auf die
Familie werfen, und daher kommt mir eben die andere Geschichte, ich mchte fast
sagen, erwnscht. Man mu der Welt zeigen, welche - Opfer man bringt, um den
Namen des Hauses fleckenlos zu erhalten; man mu ihr zeigen, da man ungerathene
Glieder der Familie wegwirft; man mu der Welt deutlich zu verstehen geben: ich
habe so gewollt und gethan. Dann werden die Menschen vielleicht so gerecht sein
und, jene Scheidung betreffend, sagen: eine Frau, die den einen ihrer
ungerathenen Shne verstie, wrde auch den andern nicht geschont haben, wenn
sie in seinem Thun und Lassen etwas Unrechtes entdeckt htte. - Und so wird es
auch geschehen; lieber will ich allein und verlassen, aber mit Ehren, sterben,
als von Kindern umgeben, deren guter Name befleckt ist.
    Nach diesen Worten zog sie ihr Taschentuch hervor, hielt es vor den Mund und
hustete leise hinein. Auch schaute sie ihre beiden Kinder an und als sie den
traurigen Blick Eduards bemerkte, sowie da die Augen ihrer Tochter voll Thrnen
standen, zuckte es ein klein wenig in ihrem harten, finstern Gesicht, wie ein
leuchtender Blitz, der bei Nacht durch eine Ruine fhrt.
    In diesem Augenblicke hrte man Tritte auf dem Gange, die Thre ffnete sich
und Arthur trat herein. Wenn er in gewhnlicher Gemthsverfassung gewesen wre,
so htte er wohl gemerkt, da man soeben von ihm gesprochen, und wrde sich,
unbefangen und freimthig wie er war, darnach erkundigt haben. So aber schien er
das pltzliche und auffallende Verstummen des Gesprchs, sowie die seltsamen
Blicke, welche der Vater, seine Geschwister und sein Schwager zusammen
wechselten, nicht zu verstehen. Er ging gegen seine sonstige Gewohnheit gebckt
und schwankend, seine Zge waren bleich und zerstrt, und berhaupt war sein
Benehmen vollkommen rthselhaft; er grte kaum die Anwesenden, er entschuldigte
sich nicht einmal, da er nicht zu Tische gekommen, er setzte sich ohne
Aufforderung neben seine Mutter hin, die mit einem strengen, fragenden Blick
etwas von ihm wegrckte; ja, er nahm, was selten vorkam, fast mit Gewalt die
eine Hand seiner Mutter und drckte sie an seine Lippen.
    Die Rthin schien das Alles fr Bitten anzusehen, und es schauerte sie
leicht. Sie hob ihren Kopf noch hher, sie war im Begriff, ihre Hand krftig
zurckzuziehen, als der Ausdruck ihres Gesichts mit einem Mal an seiner Hrte
verlor, ja ihre Zge augenscheinlich milder wurden, worauf sie ihr Haupt ein
wenig zu ihrem Sohne neigte und ihn mit einem fast mtterlichen Tone fragte:
Was hast du, mein Kind?
    Wir wollen dem geneigten Leser nicht vorenthalten, da die Rthin auf ihrer
kalten Hand, als Arthur dieselbe gekt, heie Tropfen fhlte, Thrnen aus den
Augen ihres Sohnes, von welchem dies so ungewohnt und seltsam war, und etwas so
Trauriges, das damit in Verbindung stehen mute, anzeigte, da sich sogar das so
fest umpanzerte Mutterherz der Kommerzienrthin davon ergriffen fhlte.
    Gott sei Dank! dachte Herr Erichsen, der besorgt einem Sturme
entgegengesehen, das Wetter scheint sich aufzuklren; vielleicht kommen wir
noch Alle zu einer guten Vershnung, und ich, wenn gleich zu einem halbkalten
Kaffee. Bei Veranlassungen wie die gegenwrtige, bei Errterungen ernster Art
nahm es nmlich die Rthin gewaltig bel, wenn man dazwischen gleichgiltige
Dinge trieb, wie zum Beispiel Kaffeetrinken oder auch Essen, hauptschlich wenn
eine brennende Tagesfrage zufllig beim Diner verhandelt wurde.
    Nun, was hast du, Arthur? wiederholte die Rthin.
    Nichts Besonderes, entgegnete der junge Mann, ohne aufzublicken, doch mit
so lauter Stimme, da es alle im Zimmer deutlich vernahmen. Ich kam nur, Ihnen
zu sagen, da ich fhle, wie sehr Sie Recht hatten, wenn Sie bemht waren, die
Schranke aufrecht zu erhalten, die einen Stand der Gesellschaft vom andern
trennt. Ich wollte Ihnen nur zugestehen, Mama, da Sie vollkommen die Welt
kennen, und da, wie Sie so oft sagten, sich Niemand ungestraft ber die
Meinungen seiner Mitmenschen wegzusetzen vermag.
    Die Kommerzienrthin sah einigermaen triumphirend rings im Kreise umher.
Der Doktor zuckte die Achseln, selbst Alfons war berrascht, und Marianne
betrachtete mit einem traurigen Lcheln auf den Lippen ihren jngeren Bruder.
Sie wute um Arthur's Liebe, sie wute, welch' schne Hoffnungen er sich
gemacht, und sie mit ihrem weichen Frauenherzen fhlte wohl, da ihm etwas
Entsetzliches begegnet sein mute, denn nur etwas der Art war im Stande, seine
bisher so freien und widerstrebenden Ideen den schroffen Ansichten der Mutter zu
unterwerfen.
    Wahrscheinlich wre es auch hierber noch zu Errterungen gekommen, wenn
nicht in diesem Augenblicke der alte Diener eingetreten wre und der
Kommerzienrthin eine Dame gemeldet htte, welche sie in einer dringenden
Angelegenheit zu sprechen wnsche.
    Es war dies nicht die Zeit, in welcher Besuche zu der Kommerzienrthin
kamen, wehalb sie auch ziemlich befremdet fragte: Wer ist die Dame? Hat sie
meinen Namen deutlich genannt? - Will sie mich allein sprechen?
    Den Namen der Frau Rthin hat sie deutlich ausgesprochen, entgegnete der
Diener; doch glaube ich nicht, da sie darauf bestehen wird, Sie allein zu
sprechen.
    So soll sie ihren Namen nennen, meinte die Rthin nach einigem Besinnen.
    Sie wnschte das nicht zu thun.
    So bin ich begreiflicher Weise fr sie nicht zu Hause, sprach die Rthin
mit groer Wrde. Sagen Sie ihr das!
    Den Fall hat die Dame vorgesehen, erwiderte achselzuckend der Diener,
denn sie sagte mir, sie wnsche berhaupt nur Jemand von der Familie zu
sprechen, sei es nun die Frau Rthin oder der Herr Rath, oder auch Madame
Marianne.
    Rthselhaft! meinte der Kommerzienrath; ich denke, man lt sie herein
kommen, das wird nicht gegen den Anstand verstoen.
    Ich glaube, man ist's der Dame jetzt schuldig, bemerkte Alfons lachend,
denn Friedrich blieb so lange aus, da die drauen wohl merken kann, es sei
Jemand zu Hause, und man berathschlage, ob sie anzunehmen sei oder nicht.
    Das wre fr mich kein Grund, Herr Schwiegersohn, antwortete hochmthig
die Rthin. Aber meinetwegen kann sie sich sehen lassen. - Sie nickte dem
Bedienten zu, der augenblicklich hinaus ging, und gleich darauf die Thre von
auen langsam ffnete.
    Jedes Auge richtete sich dorthin, und fr fast Alle - fr fast Alle, sagen
wir, nur nicht fr Arthur - war es eine vllige fremde Person, die auf sehr
anstndige, ja elegante Weise herein trat, den beiden Damen eine zierliche
Verbeugung machte, gegen die Herren den Kopf neigte und dann leicht und gewandt
gegen das Sopha vorschritt, auf welchem die Rthin sa. - Was kann das
bedeuten? - Mademoiselle Therese! dachte Arthur fast erschrocken.
    Der Kommerzienrath, der sich damit schmeichelte, eine wirklich vornehme Frau
stets an ihrer Tournure zu erkennen, und der nicht daran zweifelte, eine Dame
aus hhern Stnden vor sich zu haben, erhob sich, indem er den Gru derselben
tief erwiderte, und rollte einen kleinen Fauteuil in die Nhe des Sopha's, auf
welchem sich Mademoiselle Therese - denn sie war es in der That - hchst
unbefangen niederlie.
    Obgleich die Rthin im Aeuern und im Benehmen der Fremden durchaus nichts
Verdchtiges witterte, war sie doch behutsamer als ihr Gemahl; sie erwiderte den
Gru derselben frmlich und kalt, hustete leicht und sa dann wieder so steif
und aufrecht da, als habe sie eine betrchtliche Anzahl Bleistifte verschluckt.
Marianne hatte mit einem Blicke die Toilette der Fremden gemustert, fand aber
weder an dem weien Atlashute, von welchem eine einzige Feder herabhing, noch an
der Art, wie sie ihren Shawl trug, noch an der Farbe der Handschuhe und der
Faon der kleinen eleganten Stiefel das Geringste auszusetzen.
    Mademoiselle Therese schien eine Frage zu erwarten und recognoscirte
unterdessen mit einem schnellen Blick das Terrain. - Ah! dachte sie, das ist
der alte Herr Erichsen, das sein Sohn, der Arzt, dies die arme kleine Frau, und
der Herr dort mit der Brille mein Freund. Ein kaum bemerkbares schalkhaftes
Lcheln spielte um ihren Mund, verlor sich aber sogleich wieder, als sie Arthur
erkannte, der sehr erstaunt neben seiner Mutter sa.
    Sie haben mich zu sprechen gewnscht, sagte endlich die Rthin. - Mit wem
habe ich das Vergngen.
    Das thut eigentlich nichts zur Sache, gndige Frau, erwiderte Therese.
    Doch - ich mu bitten.
    Die Brust der schnen Tnzerin hob sich etwas strker, denn sie wute ganz
genau, da die Nennung ihres Namens ein Allarmschu wre, mit dem sie einen
heftigen, aber sehr ungleichen Kampf beginnen wrde. Doch war sie genugsam mit
sicher treffender Munition versehen und scheute sich gar nicht, das Gefecht zu
erffnen.
    Obgleich mein Name gewi nichts zur Sache thut, gndige Frau, wiederholte
sie, und er Ihnen wahrscheinlich vllig unbekannt ist, so mache ich mir doch
ein Vergngen daraus, ihn zu nennen. Ich heie Therese Selbing und bin Tnzerin
bei der kniglichen Hofbhne.
    Die Wirkung, welche die letzten Worte in dem stillen Familienkreise
hervorbrachten, war komisch und doch schrecklich. Das Gesicht der Rthin
verlngerte sich zusehends, doch schien sie ein Lcheln zu unterdrcken und
wischte sich ber die Augen, wie man es nur nach einem schweren Traume zu thun
pflegt, um den hlichen Kobold, der einem erschienen, zu verscheuchen. Aber der
hbsche, der hier in den Kreis getreten, war durch keine solche Pantomime zu
verjagen, und betrachtete sich sogar sehr anmuthig die hchst berraschten
Gesichter rings umher.
    Marianne schrak am auffallendsten zusammen; vielleicht ahnete ihr mit Recht,
was daraus erfolgen knne, und obgleich noch vor Kurzem entschlossen, einen
Familien-Skandal nicht zu scheuen, bebte sie doch jetzt davor zurck. Sie warf
einen schnellen Blick auf ihren Mann, der hinter seinen Brillenglsern mit den
Augen zwinkerte, und, obgleich er sich das Ansehen gab, den Auftritt
einigermaen komisch zu finden, nicht ganz unbefangen erschien.
    Der Kommerzienrath, der sich anfnglich rgerte, den Fauteuil so bereit
willig an den Tisch gerollt zu haben, betrachtete sich einige Sekunden nachher
das elegante und schne Mdchen etwas genauer und war so frei, bei sich zu
denken: Nun, anstndig genug sieht sie aus, und Manche knnte sich wnschen,
eine solche Tournure zu besitzen.
    Unterdessen hatte die Rthin bei sich berlegt, was zu thun sei. Am liebsten
htte sie sich erhoben, und wre mit steifem Nacken aus dem Gemach gerauscht.
Doch wre das unklug gewesen, denn es leuchtete ihr wohl ein, da die
Mademoiselle eine triftige Ursache haben msse, um mit solcher Frechheit in
ein anstndiges Brgerhaus einzudringen. Sie warf einen Blick auf ihren Sohn
Arthur, der indessen ganz ruhig und unbefangen dasa, worauf sie mit einem
leichten Kopfnicken sprach: Mademoiselle, so bitte ich, mir zu sagen, was Sie
hergefhrt; der Name Selbing ist mir gnzlich unbekannt.
    Therese betrachtete lchelnd die Spitzen ihrer Fe, dann hob sie den Kopf
empor und erwiderte: Ich glaube wohl, gndige Frau, da Ihnen der Name gnzlich
unbekannt ist. Und doch wurde er - es sind einige Jahre her - vor Ihnen genannt,
oder vielmehr vor Ihrer Frau Tochter dort. Ich habe eine Schwester, ein armes
Mdchen, aber ehrlich und anstndig, obgleich nur eine Nhterin. Sie suchte um
eine Stelle nach, die damals in Ihrem Hause offen war; sie war nicht schlecht
empfohlen, ihr Aeueres gefiel auch Ihrer Frau Tochter.
    Ach ja, ich erinnere mich, sagte Marianne.
    Dann werden auch Madame nicht vergessen haben, fuhr die Tnzerin fort,
da Ihr Herr Gemahl, ich glaube jener Herr mit der Brille dort, meiner armen
Schwester die Stelle abschlug, nicht, weil man ihr irgend etwas Uebles nachsagen
konnte, ebensowenig, weil sie ihre Arbeiten nicht verstanden htte, sondern aus
dem einfachen Grunde, weil sie eine Schwester habe, die Tnzerin sei, mit der
man ja vielleicht zufllig spter einmal in Berhrung kommen knnte, was fr ein
so achtbares Haus, wie das Ihrige, doch keine groe Ehre sei. Jene Schwester
aber, von der die Rede war, bin ich. Ich war inde damals zu jung und
unerfahren, um die Beleidigung, die man mir und meinen armen Eltern angethan, zu
verstehen.
    Mademoiselle! sagte streng die Rthin.
    Als ich sie endlich verstehen lernte, trug sie wahrhaftig nicht dazu bei,
mich auf dem Wege der Tugend zu erhalten, denn ich dachte bei mir: man sieht
dich deines Standes halber ber die Achseln an, man rmpft die Nase ber dich,
weil du arm und schn bist und dich gut kleidest; du bist ein verlorenes Wesen,
weil deine Mutter und gute Freunde nicht im Stande sind, bei so und so viel
vornehmen Bekannten mit deiner Tugend und vortrefflichen Auffhrung zu prahlen.
- Sei es darum, dachte ich, und lie Alles den Weg gehen, den es gerade gehen
wollte!
    Aber ich verstehe nicht, Mademoiselle, sagte nun der Kommerzienrath, wie
diese Einleitung auf ein Thema fhren kann, das uns zu interessiren im Stande
wre.
    Sie werden mich nicht fr so thricht halten, versetzte Therese mit
einiger Rthe auf den Wangen, denn die Worte, welche sie eben gesprochen, hatten
ihr Blut erregt, da ich ber Sachen zu sprechen anfange, die mit Ihnen in
keinem Zusammenhange stehen.
    Doch mchte ich in der That wissen, meinte Herr Alfons spitzig, auf
welche Weise wir die Ehre gehabt htten, mit Ihrer Person und der Ihrer
Schwester in Berhrung gekommen zu sein.
    Es handelt sich vorderhand nicht um Personen, sondern um Meinungen,
entgegnete die Tnzerin mit einem kalten Lcheln. Und namentlich um eine
seither sehr genderte Meinung. Mit diesen Worten wandte sie sich direkt an
Herrn Alfons und zwar mit so festem und sicherem Blicke, da dieser
achselzuckend seine Augen zu Boden schlug.
    Die Kommerzienrthin sa da, trommelnd und hustend, und rthlich angestrahlt
von einem aufsteigenden Zorne. So etwas war ihr in ihrem ganzen Leben noch nicht
vorgekommen. Diese - fremde Person war in ihr Haus gedrungen und wagte es, mit
einem ihrer Angehrigen ber vernderte Meinungen zu sprechen, und zwar mit
ihrem Schwiegersohn, dessen Meinungen, er mochte sonst sein wie er wollte, doch
bestndig fest und gleich geblieben waren in Anstand und guten Sitten.
    Mademoiselle, sagte sie in sehr strengem Tone, ich glaube, wir haben das
Vergngen, zu wenig mit einander bekannt zu sein, um uns gegenseitig ber unsere
Meinungen aufzuklren. Ich mu also bitten, zum wahren Zweck Ihres Besuches
berzugehen, oder mir zu erlauben - damit erhob sie sich einige Zoll vom Sopha,
so ihre Rede pantomimisch beschlieend.
    Der Doktor hatte mit Arthur einige Blicke gewechselt, und Marianne war bei
den letzten Worten der Tnzerin ber und ber roth geworden. - Ich dchte
Mama, meinte Eduard nach einer augenblicklichen Pause, statt Demoiselle
Selbing von dem uns interessanten Thema wegzudrngen, sollten Sie ihr erlauben,
sich nher auszudrcken, was sie unter diesen vernderten Meinungen versteht.
Ich glaube, Alfons mu darauf dringen.
    Ja, ja, stotterte dieser. Aber vor allen Dingen begreife ich diese
Keckheit nicht.
    S - s - s - t! machte der Kommerzienrath, indem er langsam seine Hand
erhob.
    Fr diese Aufforderung bin ich Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor Erichsen,
wandte sich Therese an diesen. Allerdings haben Sie das Recht, Aufklrungen
ber meine etwas khnen Worte zu verlangen. Ich wollte damit nur so viel sagen,
fuhr sie mit sehr langsamem Tone fort, wobei sie ihren Fauteuil so weit drehte,
da sie Herrn Alfons im Auge behielt, Ihr Herr Schwiegersohn, der damals der
Meinung war, es passe sich fr eine Dienerin seines Hauses nicht, eine Schwester
zu haben, die Tnzerin sei, habe seine Meinung so weit verndert, da er - nicht
jenen Schritt wieder gut machte, sondern noch viel weiter ging und der - Freund
einer Tnzerin selbst werden wollte; ein Versuch, der jedoch fr die arme
Betreffende sehr unglcklich ausfiel.
    Ah! machte Arthur erschrocken, denn er fing an, einen schauerlichen
Zusammenhang zwischen seinem Schwager und jenem unglcklichen Mdchen zu ahnen,
dessen Leiche er heute Morgen gesehen.
    Man htte in diesem Augenblicke glauben knnen, die Rthin habe ein Gespenst
gesehen oder sonst etwas Entsetzliches. Sie sa da, die Augen weit aufgerissen,
den Mund geffnet, das Gesicht mit einer Todtenblsse berzogen, whrend ihre
Hand zitternd auf dem Tische lag. Ihre Augen hatten starr an den Lippen des
Mdchens gehangen, jetzt erhob sie dieselben und schaute ihren Schwiegersohn an,
der mit einem Male seine Fassung gnzlich verloren hatte. Seine Augen irrten hin
und her, er wurde bald bleich, bald roth; er zuckte mit den Achseln, versuchte
zu lcheln und machte jetzt ein paar Schritte gegen den Doktor, und darauf ein
paar gegen seine Frau, welche weinend mit dem Kopfe in die Kissen des Sopha's
gesunken war.
    Bei all' ihren Fehlern war die Kommerzienrthin eine sehr verstndige Frau,
welche namentlich die Gewalt ber sich selbst hchst selten und dann nur auf
Momente verlor. Auch jetzt, nachdem sie das Terrain berschaut, schien sie bald
im Reinen zu sein und fate sich augenblicklich wieder. Sie sa straffer da als
vorhin, ihr Husten klang wie ein ferner Donner, und ihre, obgleich zuckenden
Finger trommelten mit aller Energie einen Sturmmarsch. - Fahren Sie fort -
Mademoiselle, sprach sie gelassen zu Therese.
    Alfons wischte sich den Schwei von der Stirne und nherte sich, wenn gleich
mit wankenden Schritten, dem Tische. Er sttzte die rechte Hand darauf und
sagte, nachdem er heftig geschluckt: Frau Schwiegermama - Sie geben jener
Person die Erlaubni, in den ehrenrhrigsten Reden gegen mich fortzufahren.
Gestatten Sie mir aber dann - da ich mich entferne.
    Nein, du bleibst! schrie Marianne pltzlich laut auf und sprang von ihrem
Sitze in die Hhe. Nein, du bleibst - Heuchler! und lt dir von fremden Leuten
sagen, was deine arme Frau leider nicht den Muth hatte, gegen dich
auszusprechen.
    Marianne! sagte die Kommerzienrthin, ohne aber eine Miene zu verziehen.
    Wie wir vorhin schon angedeutet, war die Periode ihrer Emotion vorber und
jetzt htte noch Schlimmeres ber sie hereinbrechen knnen, nichts wre im
Stande gewesen, eine Miene ihres unbeweglichen Gesichts zu verndern.
    Aber um Christi willen! sprach jammernd der alte Herr, indem er die Hnde
zusammen schlug; was sind das fr furchtbare Geschichten? Wache ich denn oder
trume ich? Er erhob sich etwas schwerfllig und ging dann so eilig als mglich
an die Thre, um zu sehen, ob sie auch fest verschlossen sei.
    Marianne war in diesem Augenblicke nicht mehr zu kennen. Dies sanfte,
furchtsame Weib, welches sich durch einen gebietenden Blick ihres Mannes in
jeden beliebigen Winkel scheuchen lie, trat ihm nun fest entgegen, sttzte die
Hand ebenfalls auf den Tisch und sagte mit flammenden Augen: Diese Dame spricht
die Wahrheit. Du, dessen zweites Wort Sitte und Anstand war, du, der du die
unschuldigste Sache so lange zu drehen wutest, bis du ihr eine gehssige Seite
abgewinnen konntest, du, der du jeden Blick auf's Schlimmste deutetest, du, der
hochmthig ber die verderbte Welt und die Laster der Menschen absprach, du -
bist selbst einer jener Snder, und um so schlimmer, da du ein heuchlerischer
Snder bist. - Mademoiselle hat Recht, und wie schon Mama Sie bat, so bitte auch
ich Sie, in Ihrer Rede fortzufahren. - Fr mich ist das ja gleichviel, setzte
sie laut weinend hinzu, denn ich wei Alles.
    Alfons machte einen letzten Versuch, die total verlorene Schlacht wieder zu
gewinnen; er fuhr das schwere Geschtz der Unverschmtheit und Frechheit auf, er
verbarg seine Hand auf der Brust, hob seine Nase hoch empor und sagte in dem
entschiedenen Tone, durch welchen er schon fters Recht behalten: Madame, ber
Ihre Taktlosigkeit, dergleichen gehssigen Dinge ber Ihren eigenen Mann - vor
einer fremden - zudringlichen - und lgenhaften Person auszusprechen, werde ich
Sie spter zur Rechenschaft ziehen. Was die Sache aber an sich anbelangt, so
erklre ich sie fr eine infame Verleumdung, und bin bereit, gegen Jeden
aufzutreten, der es wagen sollte, nur durch eine Miene seinen Glauben daran zu
verrathen.
    Dabei schaute er herausfordernd im Kreise umher, und wollte einen
vernichtenden Blick auf Therese fallen lassen; doch erhob sich diese langsam aus
ihrem Fauteuil, trat ihm fest entgegen und wollte ihm gerade eine gehrige
Antwort geben, als Madame abermals emporsprang, sich zwischen Beide drngte und
vor die Augen ihres Mannes ein Papier hielt, bei dessen Anblick seine
angespannten Gesichtszge schlaffer wurden und er unwillkrlich einen Schritt
zurck trat.
    Kennen Sie, wandte sich die arme Frau an Therese, kennen Sie eine
Tnzerin Marie U.?
    Ich kannte sie. - Sie ist todt.
    Ohne eigentlich zu wissen warum, durchzuckte dies Wort widrig die
Kommerzienrthin; sie seufzte tief auf und hustete darauf lange und anhaltend in
ihr Taschentuch.
    Todt? fragte Marianne zurckfahrend.
    Todt! sagte auch Alfons mit allen Zeichen des Schreckens auf seinem
Gesicht.
    Sprechen Sie! rief der Doktor, der eilig nher trat; ist es das arme
Mdchen, das den frchterlichen Fall im Theater gethan?
    Therese nickte mit dem Kopfe.
    Ah! sie ist gefallen! murmelte Alfons aufathmend. Was geht das mich an?
    Sie kennen also dies Papier und den Namen der Tnzerin? fragte die Rthin
mit einem Tone, der eines Inquisitors wrdig gewesen wre.
    O, er kennt ihn! rief Marianne. Er wagt es nicht, seine Handschrift zu
verleugnen.
    Und wenn ich diese Schrift anerkenne, was folgt daraus?
    Da du dich um jenes arme Mdchen bemht, entgegnete Marianne, da du sie
durch Geschenke bestechen wolltest, du, der von dergleichen Personen nur
achselzuckend und mit wegwerfendem Tone sprach. Es beweist, da du ein
schlechter Heuchler bist.
    Marianne -! rief abermals die Rthin.
    Ach ja, Mama, erwiderte die kleine Frau, indem sie die Hand an ihre Stirne
drckte und tief aufathmete; ich verga mich.
    So ersuche ich um Ruhe, fuhr die Rthin in einem majesttischen Tone fort.
Mademoiselle, wandte sie sich an die Tnzerin, reden Sie.
    Es ist ja nicht viel mehr zu reden, erwiderte Therese, die auch nicht
einen Augenblick ihre Fassung verloren hatte, sondern ruhig dastand, in bester
Haltung, ihren Shawl fest um sich gezogen, den Kopf erhoben. - Sie starb, das
Nhere darber kann Ihnen der Herr Doktor Erichsen mittheilen, der in's Theater
gerufen wurde. Sie starb in Folge jenes schrecklichen Falles, und die Sache ist
um so trauriger, da dies Unglck von einem jungen Manne verschuldet wurde, der
die arme Marie auf's Innigste liebte, sie in der nchsten Zeit heirathen wollte,
und der in jenem Augenblicke erfuhr, sie sei ihm untreu geworden.
    Marianne zuckte schmerzlich zusammen.
    Ich war bei ihr und verlie sie keinen Augenblick bis zu ihrem Tode. Mir
theilte sie die ganze traurige Geschichte mit, mir nahm sie das feierliche
Versprechen ab, jenen Mann, der sie verfolgt, der sie unglcklich gemacht, der
sie - ja, ich sage es frei - gemordet, von den schrecklichen Umstnden ihres
Todes in Kenntni zu setzen, ihm hoffentlich zur ewigen Strafe. - Und ich nahm
den Auftrag gerne an, fgte sie mit blitzenden Augen nach einer kurzen Pause
bei, ich nahm ihn gerne an, beschlo aber ihn nicht unter vier Augen zu
erfllen, sondern offen und frei, vor so vielen ihm unangenehmen Zeugen als nur
mglich. - Und so that ich. Damit machte sie eine Handbewegung gegen Alfons,
welcher noch einen Augenblick am Tische wie erstarrt stehen blieb, dann fast in
sich zusammenbrach, sich aber aufraffte, mit der rechten Hand durch sein Haar
fuhr, und dann pltzlich zur Thre hinausstrzte.
    Ich bin fertig, wandte sich die Tnzerin gegen die alte Dame und wenn ich
Sie verletzt, so will ich Sie um Entschuldigung bitten. Sie machte darauf
smmtlichen Anwesenden eine tiefe Verbeugung und wandte sich zum Weggehen.
    Die Kommerzienrthin hatte einen Augenblick berlegt, worauf sie sagte: Ich
danke Ihnen, Mademoiselle; Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan. Bei diesen
Worten erhob sie sich und begleitete die Tnzerin bis zur Zimmerthre in
ruhiger, wrdevoller Haltung. Sobald sich brigens die Thre hinter der Fremden
geschlossen, blieb die alte Frau einen Augenblick wie betubt stehen und prete
die Hand vor die Stirne. Dann aber sprach sie: Komm Marianne, ich habe mit dir
zu reden. Und beide Damen verlieen das Zimmer. Die Herren machten es gleich
darauf ebenso, nicht ohne viele oh! und ach! von Seiten des Kommerzienrathes,
der ber alle Maen verdrielich war, denn er sah nun eine lange Reihe
unangenehmer Auftritte vor sich, von denen er ein groer Feind war, und
berlegte auch, da die Geschichte noch einmal schlimm endigen knne. Doch
mssen wir leider gestehen, da er dabei weniger an seine arme Tochter dachte,
als an sein Bankiergeschft, welchem Herr Alfons eine Hauptsttze war.

                         Dreiundsiebenzigstes Kapitel.



                    Johann Christian Blaffer und Compagnie.

Seit dem Abgange des Herrn Beil hatte sich der Chef der Firma Johann Christian
Blaffer und Compagnie keinen neuen Commis mehr angeschafft. August, der
Lehrling, wurde an dessen Stelle befrdert, ohne durch diese Befrderung das
Geringste zu profitiren, im Gegentheil hatte er mehr zu arbeiten; denn seine
bisherigen Geschfte, das Einpacken und auch wohl das Austragen der Pakete
sollte er nach wie vor noch nebenbei besorgen, und eine Folge davon war, da
jetzt gar nichts mehr geschah, wie es htte geschehen sollen.
    Herr Blaffer schien sich berhaupt mit den beiden Geschwistern etwas
verrechnet zu haben; so auch, was August's Schwester anbelangt. Hier hatte er
das Angenehme mit dem Ntzlichen verbinden wollen, und dem Mdchen eines Tags
auf die seste Art vorgeschlagen, sie mge einen Versuch machen, ihm in den
Geschften des Comptoirs zu helfen. Das wre fr mich doch wohl angenehm,
hatte er gesagt, denn du wrdest an dem Tische im Nebenzimmer arbeiten, ich
kme zuweilen herein, she nach dir und erfreute mich an deinem Flei und deinem
lieben Gesichte. - - Der Prinzipal hatte dabei gehofft, das kluge Mdchen wrde
alsdann bald die Geschfte erlernen und ihm dadurch fr bestndig ein Commis
entbehrlich werden. Er hatte sich aber, wie gesagt, auch hierin wie in vielem
Anderen gewaltig verrechnet.
    Den Tag nach jener denkwrdigen Nacht, in welcher Herr Beil das Haus
verlassen, war Marie auf ihrem Zimmer geblieben und hatte lange Stunden in tiefe
Gedanken versunken auf einem Stuhle gesessen. Es muten mitunter schreckliche
Gedanken gewesen sein, die sie beschftigt, denn zuweilen griff sie in ihr
dichtes Haar oder lie den Kopf in beide Hnde sinken, um ein Zeitlang
bitterlich zu weinen. Ja, ein paar Mal nahm sie hastig ihr Tuch und ihren Hut,
um das Haus zu verlassen. Vielleicht wollte sie dem dunklen Wege folgen, den ihr
Herr Beil vorgezeichnet; aber dann blieb sie schaudernd stehen und sagte: Nein,
nein, ich kann nicht; mir fehlt der Muth, und das Leben ist doch so schn! Mit
dem letzteren Gedanken schien sie sich dann auch schon im Laufe des Tages und
Abends mehr zu befreunden; sie erhob sich langsam aus ihrem Nachdenken, sie
athmete tief auf, fuhr dann mit der Hand ber die Augen und lchelte
schmerzlich. Aber sie lchelte doch. Ja, noch ehe es Abend wurde, vermochte sie
es ber sich, einen flchtigen Blick in den Spiegel zu werfen, und darauf fing
sie an, ihr Haar zu ordnen und eine einfache, aber hbsche Toilette zu machen.
    Herr Blaffer hatte es wohl im Laufe des Tags einige Mal gewagt, an ihre
Thre zu klopfen, auch dieselbe sogar zu ffnen, doch hatte sie sich alsdann mit
einem solchen Ausdruck des Hasses oder vielmehr des Zornes erhoben, da er, der
Tyrann, schchtern zurckgetreten war und erst Abends es wieder wagte, sich ihr
zu nhern: das heit, der alte Buchhndler lie sich so weit herab, August
hinaufzuschicken und bei der Schwester anfragen zu lassen, ob sie zum Nachtessen
herabkommen wolle, oder ob sie wnsche, da man bei ihr droben erscheine. August
hatte kopfschttelnd diese Botschaft und einigermaen zaghaft die Antwort des
Mdchens hinterbracht, welche dahin lautete, Herr Blaffer mge machen, was er
wolle, nur solle er sie in Ruhe und auf ihrem Zimmer lassen. Und er, der hierauf
einen Zornausbruch des Prinzipals gefrchtet, sah zu seinem Erstaunen, da er
sich getuscht hatte. Freilich war ber die Stirne des Herrn Blaffer eine Wolke
gefahren und er hatte mit den Achseln gezuckt; doch war darauf das Unerhrte
geschehen, da er seinem Lehrling einen Gulden schenkte, ihm die Erlaubni gab,
damit in's Wirthshaus zu gehen und, was noch nie geschehen war, sogar die
Freiheit ertheilte, nach zehn Uhr vermittelst Hausschlssels nach Hause kommen
zu drfen. Der Lehrling hatte hievon einen umfassenden Gebrauch gemacht und
seine Dachkammer aufgesucht, nachdem von dem Gulden nichts mehr brig war und
der Nachtwchter die zwlfte Stunde abgerufen.
    Am andern Morgen war er etwas zaghaft beim Frhstck erschienen, weil er
frchtete, fr seine nchtlichen Ausschweifungen derb ausgescholten zu werden.
Auch hatte ihn Herr Blaffer mit finsterem Stirnrunzeln empfangen und schon
angefangen, ein ernstes Wort zu sprechen, als sich Marie, die wieder erschienen
war, dergleichen auf's Bestimmteste verbat, indem sie sagte, ihr Bruder sei kein
Kind mehr und einem jungen Menschen in seinem Alter knne man es nicht bel
nehmen, wenn er zuweilen etwas lange ausbleibe. Darauf hatte Herr Blaffer
geschwiegen, zum grenzenlosen Erstaunen Augusts; ja, der Prinzipal hatte sogar
gelchelt, als das Mdchen hinzusetzte, bei den alten Leuten sei ja keine Tugend
zu finden, was man denn eigentlich von den jungen erwarten wolle.
    Da sich in dem Getriebe des Hauses berhaupt Vieles von Tag zu Tag
vernderte, sah der Lehrling wohl, doch hatte er glcklicherweise nicht Verstand
genug, um die Kraft zu entdecken, welche hier im Geheimen wirkte. Er dachte auch
weiter nicht darber nach, da das Resultat fr ihn so angenehm war. Herr Blaffer
behandelte ihn besser, ja, er setzte ihm sogar, obgleich mit sichtlichem
Widerstreben, ein kleines Taschengeld aus; Marie sorgte fr seine Garderobe und
als der Herr Blaffer bei einer vorgelegten Rechnung die Hnde ber dem Kopfe
zusammenschlug, schlug das Mdchen dem wrdigen Prinzipal die Thre vor der Nase
zu und meinte, wegen solcher Kleinigkeiten habe sie keine Lust, dessen
verdrieliche Gesichter anzusehen.
    Da nun August sah, da er unter dem mchtigen Schutze seiner Schwester
stehe, so berarbeitete er sich auch durchaus nicht, sondern vertrdelte seine
Zeit, so gut es eben gehen mochte. Und wenn die Geschfte des Hauses Johann
Christian Blaffer und Compagnie nicht total vernachlssigt werden sollten, so
mute sich der Prinzipal entschlieen, Abends noch eine Stunde zuzugeben, was er
denn auch seufzend that.
    Das Alles war freilich nicht das Resultat eines Tages oder einer Woche, aber
ein paar Monate hatten hingereicht, aus dem Alleinherrscher Blaffer, aus dem
Sklavenhndler, wie ihn Herr Beil genannt, der unerbittlich seine Peitsche
schwang, selbst einen demthigen Sklaven zu machen, der schwieg und sich duckte,
sobald das trotzige, energische, schne Mdchen fest gegen ihn auftrat.
    Htte der ehemalige Commis nur hie und da eine Stunde unsichtbar auf dem
Comptoir zubringen knnen, er wrde sich vollkommen gercht gefhlt haben. Marie
und ihr Bruder, der Lehrling mit dem bldsinnigen Lcheln, wie er ihn
bezeichnet, die beiden herrschten in dem Hause und Herr Blaffer duldete und
schwieg.
    Doch schien er sich anfnglich in dieser Sklaverei glcklich zu fhlen, und
wenn das junge Mdchen einen kostspieligen Wunsch aussprach, so strubte er sich
mit verhaltenem Lcheln dagegen, und es schien ihm Spa zu machen, wenn sie nun
den Kopf in die Hhe warf, mit dem Fue auftrat und zornig das Zimmer verlie;
dann eilte er ihr nach, billigte gern, was sie verlangt, und begab sich
hndereibend an seine Arbeit. Auf einmal aber schien dieses stille Vergngen des
Herrn Blaffer gnzlich verschwunden zu sein; er wurde nachdenklich, bald starrte
er stundenlang auf seine Arbeit, ohne die Feder zu bewegen, in tiefes Nachsinnen
versunken, bald wieder hatte er keinen Augenblick Ruhe und verlie hufig sein
Pult, um durch das Haus zu gehen, zu irgend einem Fenster hinaus zu schauen und
heimlich an Marien's Thre zu lauschen und durch das Schlsselloch in's Innere
zu sehen. Es mute ihn etwas auerordentlich Unangenehmes in Bewegung setzen,
die frheren finstern Gedanken traten wieder hervor, und er versuchte abermals,
sich in allerlei Gehssigkeiten gegen den Lehrling und selbst gegen Marie Luft
zu machen; es mute Etwas vorgefallen sein, das ihn seine eigene Schwche
verwnschen lie; er versuchte es, den Prinzipal von ehedem wieder zu spielen.
Aber die Zgel waren seiner Hand entschlpft und er sah mit Schrecken ein, da
er alles Terrain verloren. August gab ihm trotzige Antworten oder lachte ihn aus
und das Mdchen zuckte verchtlich die Achsel. Suchte Herr Blaffer nun den
Streit mit ihr weiter fortzusetzen, so nahm sie ruhig ihren Hut und Shawl und
verlie das Haus, um erst spt Abends zurckzukehren, worauf dann Herr Blaffer
wie ein Besessener durch alle Zimmer rannte, auch wohl schrie und tobte, um sie
bei ihrer Zurckkunft dann freundlicher als je zu empfangen.
    Da er bei diesen Gemthszustnden krperlich nicht gedeihen konnte, war
wohl natrlich; magerer als er war, konnte er fglich nicht wohl werden, doch
fiel sein Gesicht mehr und mehr ein, seine Augen verloren allen Glanz, seine
Gestalt knickte frmlich zusammen, sein Gang wurde noch schwankender und
schlrfender, kurz, er war nur noch der Schatten des ehemaligen Blaffer.
    Vielleicht brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu sagen, da es die
Eifersucht war, welche den Buchhndler auf so traurige Art verndert hatte, ja,
die glhendste wildeste Eifersucht, und eine Eifersucht, die gewi nicht ohne
Grund war, aber deren Gegenstand zu ergrnden ihm nicht gelingen wollte. Er
fhlte es wohl, da sie ihn betrogen, da sie ihn nicht liebte und ihn nie
geliebt. Hatte sie sich doch stets sichtbar bezwingen mssen, ihren Abscheu vor
ihm zu verbergen, hatte ihn doch immer die Klte ihres Herzens zurckgeschreckt.
Ach! und worum er fast zu ihren Fen gebettelt, wofr er so viel geopfert, das
gab sie vielleicht einem Anderen aus vollem warmem Herzen, freiwillig mit
berstrmendem Gefhl. Wie glhend mute dies Mdchen lieben knnen! Wie selig
mute der sein, dem sie bereitwillig ihre Arme ffnete, den sie hei an die
Brust drckte! - Und es lebte Jemand, dem ein weicher, duftiger Nachtwind die
Frchte neckend zuwarf, nach denen er sich mhsam emporstreckte. Ja, das fhlte
er, und dabei drckte er krampfhaft seine Hnde zusammen, knirschte mit den
Zhnen und war unsglich unglcklich. Am Tage lie es ihm bei seinen Arbeiten
keine Ruhe, Nachts schreckte es ihn aus seinen Trumen auf; ihm ahnte wohl, da
in seinem Hause irgend Jemand ungehindert aus- und einging, aber es war wie ein
Gespenst, unsichtbar, nicht zu fassen. Zuweilen glaubte er eine Thre knarren zu
hren, ja ein leises Gelchter zu vernehmen, aber wenn er angstvoll
emporlauschte, so war alles wieder still, und einzig und allein machte sich der
Wind bemerkbar, der durch den Schornstein heulte. Vergebens hatte er dem Bruder
geschmeichelt; entweder wute dieser nichts von dem Treiben der Schwester, oder
war er schlau genug, nichts zu verrathen. Wenigstens halfen weder Geschenke noch
Versprechungen bei ihm.
    Herr Blaffer htte das Mdchen fortschicken knnen, aber dazu fehlte ihm die
Kraft: er konnte nicht ohne sie leben. Endlich, nach langem Nachsinnen entschlo
er sich, seine Buchhandlung um eine runde Summe zu verkaufen, mit Marie die
Stadt zu verlassen und irgendwo an einem stillen Orte mit ihr zu leben. Er htte
sie alsdann geheirathet, wenn sie gewollt; doch hatte sie schon einige Mal seine
Hand ausgeschlagen, und das war es, was ihm den ersten Argwohn gegen sie
eingeflt hatte. Herr Blaffer aber hoffte von der Zukunft, und da ihm mit einem
Male in Betreff seiner Buchhandlung gute Antrge gemacht wurden, so nahm er sie
an, bedingte baare Zahlung und verlangte von dem neuen Eigenthmer, er solle fr
sehr geringen Gehalt einen Gehilfen annehmen, den ihm Herr Blaffer empfehlen
werde. Auf solche Weise hoffte er sich Augusts zu entledigen.
    Um die Unterhandlungen zu beschleunigen und den Verkauf abzuschlieen, hatte
der Prinzipal das Haus verlassen und August befand sich allein auf dem Comptoir.
Er sa an seinem Pulte und machte sich das unschuldige Vergngen, einzelne
Buchstaben einer Buchhndler-Zeitung, welche vor ihm lag, gehrig mit Speichel
zu durchnssen und dann nach einem starken Druck mit dem Daumen wegzunehmen.
Diese klebte er alsdann an einer andern unpassenden Stelle wieder auf und
brachte so die sonderbarsten Worte zu Tage - ein Spiel, welches ihm Herr Blaffer
oft verwiesen, denn der Prinzipal stutzte jedesmal und rgerte sich, wenn er
eine so prparate Zeitung in die Hand bekam und nun selbst gezwungen war, alle
mglichen Confusionen abzulesen. August hatte eben den Satz, der Buchhandel sei
ungewhnlich flau, in einem Aufsatz aus der Feder des Herrn Blaffer dahin
abgendert, da der Buchhandel ungewhnlich faul sei, als es an der Thre
klopfte. Er rief sehr laut und deutlich: Herein! - Die Schchternheit, mit der
er das frher gethan, hatte er sich schon lange abgewhnt.
    Es trat ein Mann in das Zimmer, den der Lehrling noch nie gesehen - eine
groe, stmmige Gestalt mit einem breiten, etwas aufgeschwollenen Gesichte,
welches durch freundliches Lcheln gutmthig aussehen sollte, eigentlich aber
schlau und energisch erschien; dichtes rthliches, empor gestrichenes Haar
bedeckte seinen Kopf. Der Eingetretene war einfach aber anstndig gekleidet; er
hatte einen dunkeln Ueberrock an, einen runden Hut auf dem Kopfe und einen
gewichtigen Stock in der Hand. - Verzeihen Sie, sagte er, wenn ich Sie in
Ihren Arbeiten stre, aber ich mchte gern mit dem Gehilfen des Herrn Blaffer
einige Worte im Geheimen sprechen.
    August schwang sich von dem Comptoirstuhle herab und stellte sich als erster
Gehilfe der Handlung vor.
    Das ist wohl mglich und Sie sehen allerdings so aus, meinte der Fremde,
aber da mein Auftrag an eben diesen Gehilfen von besonderer Wichtigkeit ist, so
verzeihen Sie mir, da ich mich vorher berzeuge, ob Sie auch der rechte sind.
    Wenn das beliebt, entgegnete August einigermaen gekrnkt, so mssen Sie
warten, bis Herr Blaffer nach Hause kommt, damit er Brgschaft fr mich stellt.
- Im Uebrigen, setzte er etwas hochmthig hinzu, habe ich Sie ja gar nicht
gerufen und ich bin auch nicht zu Ihnen gekommen, sondern Sie zu mir.
    Na, na, machte lchelnd der Fremde, wir knnen uns leicht verstndigen.
Bitte, seien Sie so gtig und nennen Sie mir den Namen des besten Freundes, den
Sie je gehabt.
    Der Lehrling schaute den Andern verwundert an, doch erinnerte er sich
augenblicklich seines ehemaligen Vorgesetzten und rief mit Lebhaftigkeit: Ach!
mein einziger und bester Freund ist Herr Beil. Bringen Sie mir Nachricht von
ihm?
    Herr Beil; - ganz recht! erwiderte der Fremde. Direkte Nachrichten bringe
ich gerade nicht.
    Und wo ist Herr Beil? Ist er in der Stadt? - Gewi nicht, denn sonst htte
er mich aufgesucht.
    Daran zweifle ich auch nicht, sagte der Andere, und dehalb ist Ihre
Vermuthung die richtige; Herr Beil ist nicht in der Stadt, aber er lt Sie
durch mich freundlich gren.
    Wie mich das freut! rief August. In der That, recht sehr freut es mich.
Ach! mein lieber Herr Beil! Es geht ihm hoffentlich gut?
    Vortrefflich; und er wnscht das Gleiche von Ihnen zu erfahren.
    Ich habe seine Stelle angetreten, entgegnete der Lehrling, indem er sich
in die Brust warf, ja, ich fhre eigentlich das ganze Geschft, da der Herr
Blaffer hufig abwesend ist.
    Das kann ich mir denken, sprach der fremde Mann mit einem lchelnden
Gesichtsausdruck. Herr Beil hat auch nie daran gezweifelt, und wenn ich ihm das
besttige, so wird's ihn freuen. - Aber wenn Sie erlauben, sage ich Ihnen nun
den Auftrag, den ich an Sie habe. Darf ich vielleicht bitten, mit mir in's
Nebenzimmer zu treten? Mein Auftrag ist ziemlich geheimnivoll und ich mchte
nicht, da man mich vom Gange aus hrte.
    O unbesorgt, entgegnete August, der sehr geschmeichelt war, einen geheimen
Auftrag zu vernehmen; es wird uns Niemand hier belauschen. Aber wenn es Ihnen
gefllig ist, so gehen wir in's Nebenzimmer!
    Ich bitte darum.
    Damit traten die Beiden in das Arbeitszimmer des Herrn Blaffer, der fremde
Mann betrachtete es, indem er sich auf seinen Stock sttzte und sagte: Sie
haben hier eine vortreffliche Comptoirgelegenheit. Dies ist wohl das
Arbeitszimmer des Herrn Prinzipals? - Sehr geschickt, sehr geschickt. Ja, diese
Herren verstehen sich ihr Leben einzurichten. - Die Thre dort - er zeigte auf
eine andere, als durch welche sie eingetreten waren - fhrt wohl in die
Wohnzimmer? - Sehr geschickt, sehr geschickt!
    Nein, erwiderte August, diese fhrt auf die Treppe und zu einer
Hinterthre, durch welche man in den Hof geht.
    Ah! machte der Fremde und streichelte sein Kinn mit der Hand. Aber jetzt
meinen Auftrag! Herr Beil wohnte mit Ihnen lngere Zeit zusammen in diesem
Hause, oben unter dem Dach; Herr Beil verlie dies Haus in einer strmischen
Nacht mit etwas verwirrtem Kopfe.
    Ach ja, das ist wahr.
    Sehen Sie, wie genau ich unterrichtet bin! Er verlie also das Haus eilig
und verga, etwas mitzunehmen.
    Davon hat er mir nichts gesagt.
    Natrlicherweise; da er es verga, konnte er Ihnen nichts davon sagen. Aber
jetzt werden Sie es von mir hren. Herr Beil lie nmlich unter dem Dache in
einem Winkel, den er mir genau bezeichnet, eine Brse mit Geld liegen.
    Eine Brse mit Geld? - Das htte ich nimmermehr vermuthet!
    Ganz gewi, es waren langjhrige Ersparnisse. Mich hat er nun ersucht,
diese Brse fr ihn zu holen. Er wre selbst gekommen, aber erstens ist er nicht
in der Stadt und zweitens, wie Sie am besten wissen, wrden ihm die unangenehmen
Verhltnisse zu seinem bisherigen Prinzipal einen solchen Besuch etwas peinlich
machen. - Sie haben mich doch vollkommen verstanden?
    Nach dem verblfften Gesichtsausdruck des Lehrlings zu schlieen, schien
dies nicht der Fall zu sein. Er schaute den Fremden mit aufgesperrtem Munde an
und sein Kopf schien sich mit dem Gedanken, Herr Beil habe hier Geld
zurckgelassen, nicht recht befreunden zu knnen. Aber der Fremde behauptete es,
wollte ihm das Faktum beweisen und so mute er am Ende wohl glauben.
    Haben Sie einen Augenblick Zeit, mit mir in die Dachkammer zu steigen?
sagte dieser nach einer Pause. Das heit, wenn es im jetzigen Augenblick
angeht. Ich mchte aber nicht gerne dem Herrn Blaffer begegnen: Sie verstehen
mich wohl. Er stand mit seinem Commis nicht gut und da knnte auch ich schief
angesehen werden.
    Unbesorgt! erwiderte August. Herr Blaffer hat Geschfte; er kommt
schwerlich vor Mittag nach Hause. Der Lehrling war sicher, da dem so sei, denn
auch Marie hatte unter einem Vorwand das Haus verlassen und er wute bestimmt,
da der wrdige Prinzipal in solchen Fllen nicht frher heimkehrte. Das Mdchen
aber kam, einmal ausgegangen, selten vor Essenszeit zurck.
    Wenn es Ihnen also gefllig ist, meinte der fremde Mann mit einer vornehm
sein sollenden Verbeugung, die August imponiren sollte und auch ihren Zweck
nicht verfehlte, so wollen wir hinauf gehen!
    Gehen wir!
    Apropos, junger Herr, sagte der Andere unter der Thre mit einem
vterlichen Tone, nehmen Sie es mir nicht bel, doch Sie sind ein wenig
unvorsichtig; Sie lassen da die Kasse offen stehen. O, in jetziger Zeit mu man
vorsichtig sein. Er drckte sanft die Augen zu, schmatzte dabei leicht mit den
Lippen und zeigte auf einen eisernen Kasten in der Ecke, der frher freilich zum
Kassenbehlter gedient hatte, jetzt aber zum Papierkorb heruntergekommen war.
    Darin knnen sich Diebe amsiren, antwortete der Lehrling lachend, indem
er die Thre des Comptoirs hinter sich zuzog. O, Herr Blaffer ist viel zu
ngstlich, als da er seine Gelder hier unten im Hause, wo Niemand schlft,
aufbewahrt. Die Kasse hat er im Schlafzimmer hinter seinem Bette stehen.
    Der Fremde blieb bei diesen Worten stehen, legte die Hnde auf seinen Stock
und sagte mit Salbung: Herr Blaffer ist ein kluger Mann, - ein wrdiger Mann,
das kann ich Sie versichern. Aber steigen wir hinauf, meine Zeit ist etwas
gemessen.
    Beide betraten nun die Treppen und der Fremde schien sich in das Haus des
Herrn Blaffer gnzlich verliebt zu haben. Das ist ein schnes Gebude, eine
behagliche Wohnung, sprach er einmal um's andere Mal. Alles ist so zweckmig
eingerichtet - vortrefflich. - Da ist die Kche, natrlich da geht es auf die
Strae, hier Comptoir und Nebenzimmer, rechts wahrscheinlich Bchermagazine -
habe ich's errathen, junger Herr?
    So ist's; es sind das zwei groe Zimmer - das Lager der Handlung.
    Freut mich, da ich das errathen. Doch jetzt will ich Ihnen einmal einen
Begriff davon geben, wie ich die Neigungen Ihres wrdigen Prinzipals verstehe.
Er liebt die Ruhe - namentlich bei Nacht - das Bchermagazin geht wahrscheinlich
auf den Hof hinaus, und ber demselben, um durch nichts im Schlafe oder in
seinen Betrachtungen gestrt zu werden, befindet sich das Schlafzimmer des Herrn
Blaffer. - He?
    Darin haben Sie Recht, versetzte August halb und halb verwundert. Und da
sie nun auf dem ersten Stock angekommen waren, so zeigte er auf eine Thre und
sagte: Dort ist das Schlafzimmer. Wollen Sie einen Blick hinein werfen?
    O ich bin nicht so unbescheiden. Gehen wir lieber hinauf in die bewute
Dachkammer. Ich versichere Sie, werthgeschtzter junger Herr, meine Zeit ist mir
heute kostbar.
    Hierauf gingen sie weiter und erreichten die Wohnung des Herrn Beil.
    Ja, das ist das Zimmer! rief der Fremde aus, wie er es mir beschrieben.
Ach, mein guter Herr Beil! Also hier wohnte er? Das knnte mich ganz traurig
machen, wenn ich nicht die Hoffnung htte, ihn in ein paar Tagen wieder zu
sehen.
    Ach, das mchte ich auch, sagte August. Nicht wahr, Sie werden mir seine
Adresse geben?
    Mit dem grten Vergngen wrde ich es thun, aber das hat er mir
ausdrcklich verboten. Gewisse Umstnde nthigen ihn dazu, doch wird er Ihnen
nchstens schreiben. - Sie knnen sich fest darauf verlassen! Doch jetzt bleiben
Sie an der Thre stehen und geben genau Achtung; Sie werden sehen, wie schnell
ich das Versteckte finde.
    Darauf war nun August sehr begierig, denn er setzte einigen Zweifel in das
zurckgelassene Vermgen seines Freundes; er war daher nicht wenig erstaunt, als
sich der Fremde, nachdem er kurze Zeit hinter einer Vertfelung der Dachfenster
herum gegriffen, nun pltzlich herumwandte und triumphirend einen kleinen Beutel
in die Hhe hielt. Er schttelte den Inhalt in die Hand, und vor des Lehrlings
erstaunten Augen funkelte ein kleiner Haufen Dukaten.
    Ich htte nimmer geglaubt, sagte dieser, da Herr Beil solche Schtze
besitze. Er sprach mir immer von seiner Armuth und wie er ohne alle Hilfe in die
Welt hinaus gehe.
    Unerklrlich, murmelte der Fremde; aber da das Gold einmal da ist, so
lt es sich nicht wegleugnen. Mein Auftrag ist erfllt, und wenn ich Ihnen
herzlich fr Ihre Geflligkeit danke, so wage ich ganz schchtern, einen Wunsch
des Herrn Beil auszusprechen. Die Verhltnisse desselben haben sich gebessert,
auf das Ueberraschendste gestaltet, und er bittet Sie durch mich, die Hlfte
dieser Summe als einen Beweis seiner Freundschaft annehmen zu wollen.
    O nein, nein! rief August, whrend er begierig auf das Gold schaute, das
ist ja eine groe Summe, wie kann ich so etwas annehmen! Und durch Sie, mein
Herr, einen Fremden, den ich gar nicht kenne! Wenn er selbst da wre, so wre es
etwas ganz Anderes.
    Herr Beil kennt Ihr Zartgefhl und hatte diesen Fall vorgesehen, doch sagte
er: Herr Brander - ich heie Brander - bitten Sie meinen lieben August dringend
darum, er mge mir die Freundschaft erzeigen, und diese Kleinigkeit -
Kleinigkeit in meinen jetzigen Verhltnissen - mit mir theilen. Will er mir
danken, so werde ich ihm Gelegenheit geben, dies in den nchsten Tagen
persnlich gegen mich thun zu knnen.
    So kommt er hieher? rief hchlich erfreut der Lehrling.
    Er kommt, sprach gerhrt Herr Brander.
    Bald?
    Sehr bald; - jetzt, da ich Ihre aufrichtige Freude sehe, Ihr Entzcken, den
vermiten Freund wieder zu umarmen, darf ich es Ihnen anvertrauen. Herr Beil ist
in der Stadt und wartet nur auf einen gnstigen Augenblick, um Sie an sein Herz
zu drcken.
    Sprechen Sie! sprechen Sie! rief August. Herr Beil ist in der Stadt?
    Der Fremde fuhr sich gerhrt mit der Hand ber die Augen, dann blickte er
den jungen Mann einen Augenblick mit groer Wrme an und entgegnete: Ja, Herr
Beil ist in der Stadt, und vielleicht morgen schon wird es Ihnen vergnnt sein,
ihn zu sehen.
    So kme ich zu ihm?
    Das verbieten ihm seine Verhltnisse. Aber er kommt zu Ihnen - hieher. Nur
mchte er um Alles in der Welt dem Herrn Blaffer nicht begegnen. Aber da es ihn
sehr drngt, Sie wieder zu sehen und auch seine ehemalige Behausung, so erbittet
er sich einen Rath, wie das anzufangen sei.
    Nichts einfacher als das! rief August erfreut; ich ffne ihm Abends die
Hausthre, die Herr Blaffer sorgfltig verriegelt. Er kennt ja den Weg hier
herauf ganz genau, er wird ihn im Dunkeln finden.
    Herr Brander schien sich einige Thrnen der Rhrung aus den Augen zu
wischen; ja sein Gefhl berwltigte ihn und er drckte den Lehrling sanft an
sein Herz. Bei Gott! sprach er, mein Freund, Herr Beil, hat sich nicht
getuscht. Sie sind ihm zugethan, wie ehedem. Aber er wute das und zweifelte
nicht daran. Sagte er mir doch: alle meine Ersparnisse hier in diesem Beutel
waren fr August bestimmt - fr August, den ich schtze und liebe. Geben Sie
ihm, bat er mich dringend, nicht die Hlfte, nein, das Ganze, wenn er sich
seines ehemaligen Gefhrten warm und aufrichtig erinnert. Keine Worte weiter,
keine falsche Scham! Nehmen Sie, junger edler Mann, ich schwre Ihnen, da ich
dieses Gold nie mehr anrhren werde.
    Bei diesen Worten drckte er dem Lehrling die kleine Brse mit solcher
Energie in die Hand und schritt dabei so hastig der Treppe zu, da August
einsah, es sei berflssige Mhe, hier noch lnger zu wiederstreben. Er folgte
also dem Herrn Brander, der mit seinem Gefhl nun absichtlich das Gesprch auf
einen anderen Gegenstand brachte, und abermals die zweckmige Bauart des Hauses
bewunderte.
    Vortrefflich! sagte er; und smmtliche Zimmer hier im ersten Stock gehen
wohl durcheinander?
    Verzeihen Sie, entgegnete August; die zwei Zimmer, welche Herr Blaffer
bewohnt, haben ihren eigenen Ausgang, ebenso die meiner Schwester.
    Also Herr Blaffer wohnt nach der Strae, versetzte der Fremde in einem
leicht begreiflichen Irrthum, den aber August alsbald berichtigte, indem er die
Thre zum Schlafzimmer des Prinzipals ffnete, um zu zeigen, wie er frher schon
gesagt, da die Fenster auf den Hof gingen; worauf Herr Brander einen einzigen
Blick in das Schlafzimmer warf und dann in's untere Stockwerk hinabstieg.
    An der Hausthre angekommen, schttelte er dem jungen Manne herzlich die
Hand und ging auf die Strae. Doch kehrte er gleich darauf wieder zurck und
sagte: Apropos! fast htten wir vergessen, ein Zeichen abzureden, wenn Sie
Herrn Beil erwarten drfen. Wie machen wir das gleich? - Richtig, sehen Sie hier
neben dem Hause die Gaslaterne; ihr Licht brennt doch jeden Abend?
    Jeden Abend, sobald es dunkel wird, zndet man sie an.
    Schn, schn! Betrachten Sie sich also die Laterne. Brennt in ihr das Licht
wie gewhnlich, so ist nichts zu erwarten, bemerken Sie aber, da es ausgelscht
ist, so kommt Herr Beil. - Haben Sie mich verstanden?
    Vollkommen! Dann ffne ich langsam die Hausthre.
    Und ziehen sich in Ihr Zimmer zurck. Sie werden mich verstehen: die Freude
des Wiedersehens auf der Treppe knnte einigen Spektakel verursachen und den
Herrn Blaffer beunruhigen.
    Verlassen Sie sich ganz auf mich.
    Das werde ich, vortrefflicher junger Mann, sagte Herr Brander, worauf er
das Haus eilig verlie und dicht an den Husern vorbei die Strae hinab schritt.
    August kehrte in das Comptoir zurck und berzhlte dort seinen Schatz - die
Ersparnisse des guten Herrn Beil.

                         Vierundsiebenzigstes Kapitel.



                        Johann Christian Blaffer allein.

Am Tage nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen, an sich gewi sehr
unbedeutenden Vorfalle, befand sich Herr Blaffer allein in seinem Comptoir und
sa gedankenvoll an seinem Pulte. Er hatte die Fe auf die hchsten Sprossen
des Stuhles gesetzt, wehalb seine spitzigen Kniee so hoch empor ragten, da er
die Ellbogen darauf sttzen konnte, auf welchen, oder vielmehr seinen Hnden,
nun der Kopf ruhte, was seiner ganzen Figur ein hchst sonderbares, nicht gerade
angenehmes Aussehen gab. Dazu hatte sein Gesicht einen finstern, unheimlichen
Ausdruck, den ein hhnisches Lcheln zuweilen berflog, ohne seine Zge zu
verschnern. Vielmehr lag in dem Lcheln etwas so Tckisches, da vielleicht
selbst Herr Beil davor erschrocken wre, wenn er sich seinem wrdigen Prinzipal
noch gegenber befunden htte. Herr Blaffer war offenbar in sehr trber
Gemthsstimmung und hatte in den letzten Tagen um eben so viele Jahre gealtert.
Er hatte auch traurige Erfahrungen gemacht: er hatte beim Verkauf seines
Geschftes gefunden, da dasselbe in den Augen der Welt ziemlich herunter
gekommen erschien, denn er hatte um mehrere tausend Gulden wohlfeiler verkaufen
mssen, als er noch vor Kurzem geglaubt. Mit seinem Hause, das er ebenfalls zu
Geld gemacht, war es ihm nicht besser gegangen; man hatte demselben alle
mglichen Fehler nachgewiesen, und da Herr Blaffer obendrein auf baarer
Bezahlung bestand, mute er sich auch hier wieder zu einem ziemlichen Opfer
entschlieen. Auch Schulden hafteten noch darauf; doch, nachdem Alles abbezahlt
war, blieb dem Verkufer fr Geschft und Haus immer noch die schne runde Summe
von zwanzigtausend Gulden brig, die er in Werthpapieren und Gold droben in
seiner Kasse eingeschlossen hatte.
    Aber auch Erfahrungen anderer Art hatte Herr Blaffer gemacht, und wenn er
daran dachte, so berflog kein, wenn auch noch so finsteres Lcheln seine Zge;
wenn ihm das einfiel, so knirschte er mit den Zhnen, so bi er auf die dnnen,
blassen Lippen, so fuhr er sich durch den sprlichen Haarwuchs, und dann warf er
einen scheuen Seitenblick in den Spiegel, und grinste sich selbst an, indem er
ausrief: Ja, das hat so kommen mssen, aber - hier - hier - fuhr er auf sein
Herz schlagend grimmig fort, hier thut das weh, o ber alle Beschreibung weh!
    Eine Folge dieser momentanen Aufregung war es nun, da er darauf wieder in
sein trbes Nachsinnen verfiel, da sein Gesicht dabei wohl finster und gehssig
blieb, aber da einige Zeit darnach das hhnische Lcheln wieder wie grelle
Blitze darber hinflog. In dem Augenblicke dachte er an die zwanzigtausend
Gulden in seiner Kasse, da er damit in den nchsten Tagen die Stadt verlassen,
Marie mitnehmen, sich mit ihr in irgend einem kleinen Winkel verbergen und sie
dort auf den Hnden tragen wolle, wenn es ihm gelnge, ihre Liebe zu erwerben;
da er sie im andern Fall aber qulen wolle, wie nie eine Menschenseele geqult
worden sei. - Ah! und ich werde sie qulen mssen, sagte er mit bebender
Stimme und fuhr dabei mit der Hand an die Stirne, denn es wird nur zu wahr
sein, was ich in der Stadt gehrt, was mir die Magd unseres Hauses endlich
eingestanden hat. Sie liebt, sie wird wieder geliebt, es schwelgt Jemand in
meinem Eigenthume - und ich bin betrogen.
    Dabei sank er wieder tiefer in sich zusammen und ruhte lngere Zeit so. Ein
Unbefangener htte glauben mgen, er schlafe. Doch ging hierzu sein Athem zu
unregelmig; bald stie er ihn leis, aber schnell wie im Fieber, heraus, bald
zog er ihn aus tiefer Brust an sich, und dann waren es schwere, schmerzliche
Seufzer.
    Nur der Anblick eines Papieres, welches vor ihm lag, ri ihn zeitweise aus
seinen Trumereien etwas empor. Es war der Verkaufs-Contrakt der Buchhandlung;
er hatte sich darin, wie wir wissen, die Anstellung eines Commis vorbehalten,
ohne August vorderhand zu nennen, hatte diesem Commis ein sehr krgliches
Einkommen auswerfen lassen und allerlei fr denselben bestimmt, was den Zweck
hatte, ihm das Leben ziemlich sauer zu machen. So hatte er fr den Bruder des
Mdchens gesorgt, das er liebte, und er lchelte abermals, indem er an die
unangenehme Ueberraschung seines ehemaligen Lehrlings dachte, wenn dieser seine
neue Anstellung erfhre.
    In diese Gedanken versunken mochte Herr Blaffer schon mehrere Stunden
gesessen haben, und er war so menschenfreundlich gesinnt, da er schon zu
wiederholten Malen auf fteres Klopfen an die Comptoirthre keine Antwort gab.
Die bescheidenen Besucher waren dann meistens wieder fortgegangen, zu furchtsam
oder zu diskret, um heftig an die Thre zu pochen oder dieselbe gar zu ffnen.
Endlich aber mute Jemand davor stehen, der nicht so dachte, denn einem
einmaligen Klopfen folgte ein strkeres und dann drei so krftige Schlge, da
der Buchhndler empor fuhr und mit wilder Stimme: Herein denn in's Teufels
Namen! rief. Dabei machte er ein Gesicht wie ein reiendes Thier, das auf seine
Beute losspringen will. Auch seine zusammengekauerte Stellung schien dies
Vorhaben untersttzen zu wollen, wehalb denn auch wohl der junge Mann, der nun
in die Thre trat, berrascht auf der Schwelle stehen blieb.
    Bei allen Gttern! sagte der Eintretende mit einem leichten Lcheln auf
den Lippen, Sie blicken mich an, Herr Blaffer, als sei es Ihnen sehr
unangenehm, mich hier zu sehen.
    Verzeihen Sie, verzeihen Sie, entgegnete dieser nach einem tiefen
Athemzuge; bitte sehr zu entschuldigen, Herr Erichsen; ich hatte da meine
tiefen Gedanken.
    So stre ich Sie; das thut mir leid! versetzte der Maler.
    O, Ihr Besuch strt nie; er erfreut nur! gab der Buchhndler zur Antwort;
wobei er von seinem Comptoirstuhl herunter kletternd seine langen Gliedmaen
wahrhaft spinnenartig aus einander streckte. Bitte, Platz zu nehmen. Sie machen
sich selten, Herr Erichsen, sehr selten.
    Es ist wahr, erwiderte Arthur, indem er sich niederlie, ich war lange
nicht auf dem Comptoir; wir verkehrten brieflich. Aber unsere Arbeiten wurden
dehalb nicht vernachlssigt.
    Gewi nicht; Ihre Illustrationen kamen immer zur Zeit. Da gab's nie eine
Stockung.
    Aber jetzt knnte es eine geben, Herr Blaffer, erwiderte Arthur, und sah
dabei auf den Boden nieder und zeichnete mit seinem Spazierstocke allerlei
Linien in den Staub, eine Stockung, die mich betrifft, nicht Ihr Geschft.
    Wie verstehe ich das, bester Herr Erichsen?
    Ich habe eine groe Reise vor, antwortete der Maler gedankenvoll, in die
Schweiz, vielleicht nach Italien, wehalb ich nicht mehr im Stande bin, die mir
bergebenen Illustrationen auszufhren. Doch wie schon gesagt: Das Geschft soll
nicht darunter leiden, ich habe einen Stellvertreter gefunden, einen
talentvollen jungen Mann, der es mindestens ebenso schn macht wie ich.
    Na, na, Herr Erichsen, sagte der Buchhndler hflichst, das ist
unmglich. Aber ich begreife vollkommen, da Sie sich wegen solcher Bagatelle
nicht binden werden. - Ihm war es ja vollkommen gleichgiltig, wer knftig die
Illustrationen fr das verkaufte Geschft mache, ja es war ihm lieb, wenn sein
Nachfolger einen guten Arbeiter verlor. Herr Blaffer nahm sein Lineal zwischen
die Zhne, nickte mit dem Kopfe und sprach gedankenvoll: So, so, Sie reisen? -
Sie glcklicher Mensch! Das entschliet sich von heute auf morgen, packt ein,
lt sich Kreditbriefe geben und bricht alle Verbindungen leicht ab.
    Arthur seufzte ein wenig und entgegnete: Wenn man reist, bricht man
freilich seine Verbindungen fr einige Zeit ab, aber es ist noch die Frage, ob
einem das leicht wird.
    Ah! Ich verstehe! rief Herr Blaffer mit einem pfiffig sein sollenden
Lcheln, das aber nur ein Grinsen war. Verzeihen Sie meine Indiscretion, aber
in der Balkengasse wird der Abschied sehr schwer fallen.
    Der Maler zuckte mit den Achseln und erwiderte, ohne Herrn Blaffer
anzusehen: Da sind Sie im Irrthum. - In - der - Balkengasse - ich wei wohl,
worauf Sie anspielen - ist nichts, was meinen Abschied erschweren knnte.
    Nichts? fragte lauernd der Buchhndler.
    Nichts, wiederholte Arthur.
    Aber doch etwas Vorbergehendes?
    Sehr vorbergehend, meinte Arthur gedankenvoll.
    Der Buchhndler klopfte mit dem Lineal auf seinen magern Schenkel und sagte:
Schaut, wie ihr jungen Leute eigentlich seid. Da fat ihr eine Grille auf, da
seht ihr ein schnes Gesicht, und da mu nun alle Welt helfen, damit sich so ein
Geschpfchen leichter verfhren lt.
    Bitte recht sehr, Herr Blaffer, sprach ernst der Maler.
    Nun, Sie werden mir das nicht bel nehmen, fuhr der Andere lchelnd fort.
Ich meine es ja nicht bse; und so ganz Unrecht habe ich auch nicht; ich will
Ihnen das beweisen. Mute da nicht die arme Handlung Johann Christian Blaffer
und Compagnie mehr als zu viel thun an Honorar fr den armen Staiger! Ich
versichere Sie: Viel mehr als zu viel, denn das ursprngliche Honorar war fr
seine Leistungen gengend.
    Mglich, versetzte Arthur trumerisch.
    Ich habe es auch nur Ihretwillen gethan. Nun, das hat er auch wohl gemerkt,
und die Tochter wird nicht undankbar gewesen sein. - Er sprach das mit einem
sehr widrigen Lcheln, welches aber der junge Mann nicht sah, da er zu Boden
blickte, denn sonst wrde der Ton, mit welchem er antwortete: Ich bitte darber
nicht mehr zu reden, gewi ein noch viel schrferer gewesen sein. Doch setzte
Arthur gleich darauf hinzu: Ich kann Sie versichern, der alte Mann hat keine
Ahnung davon, da er mir die Erhhung seines Honorars zu verdanken hat.
    Das kann ich nicht glauben, erwiderte Herr Blaffer mit knstlichem
Erstaunen. So wird er sich nicht berschtzen. Sechs Gulden fr den kleinen
Bogen! sagte er mit fast heulendem Tone. Wenn er da nicht einsieht, da ihm
eine starke Hand geholfen, so ist es mehr als undankbar. Ueberhaupt -
    Was berhaupt? Fahren Sie nur fort, Herr Blaffer.
    Nehmen Sie guten Rath an, mein lieber Herr Erichsen; ich kenne die Welt.
Man mu sich mit solchen Leuten nicht so tief einlassen; das benutzt einen, so
lange als mglich, kommt dann ein Anderer, vornehmer, reicher - oder jnger,
setzte er leise und zhneknirschend hinzu - so wird der gut Denkende auf die
Seite geschoben - verlassen.
    Ja verlassen, sagte kaum hrbar der Maler.
    Doch verstand ihn Herr Blaffer vollkommen; ja nicht allein das Wort, sondern
auch die zerstreute und traurige Miene, mit der es Arthur sprach.
    Dieser fuhr nach einer kleinen Pause trbe lchelnd fort: Wir wollen
darber nicht weiter reden; es war ein Geschft und ist abgemacht. Apropos!
Haben Sie nichts mehr von Herrn Beil gehrt?
    Der Schuft! entgegnete Herr Blaffer und stie das Lineal heftig auf den
Stuhl. Nein, nein! Gott sei Dank! Ich wei nicht, wo er crepirt ist. Ich sage
Ihnen, Herr Erichsen, das war eine niedertrchtige Seele.
    Sie standen nie gut mit ihm; aber fr schlecht htte ich ihn nicht
gehalten: fr etwas unberlegt - ja zu lustigen Streichen stets bereit.
    Boshaft, Herr Erichsen, boshaft wie ein Affe. Und wie konnte sich der Kerl
verstellen! Zum Beispiel, haben Sie je ein Talent zum Zeichnen an ihm bemerkt?
    Nichts Auffallendes der Art.
    Ich frher auch nicht. Aber denken Sie, als er fort war, visitire ich
seinen Pult und finde da ein Paketchen zugebunden, gesiegelt und mit der
Ueberschrift: Meinem lieben Prinzipal, Herrn Blaffer. Htte ich nur meiner
ersten Idee nachgegeben und es in's Feuer geworfen! Aber so plagt mich der
Teufel der Neugierde und ich finde eine ganze Menge der scheulichsten
Karrikaturen.
    Ah! machte fast lchelnd der Maler, denn ihm kam pltzlich die Idee, Herr
Blaffer spreche von den Zeichnungen, die er, Arthur selbst, auf dem Pulte des
Herrn Beil hie und da verfertigt.
    Karrikaturen der schndlichsten Art, und mit Beziehung auf unsern Roman:
Onkel Tom's Htte. Und mich hat er immer zur Hauptfigur genommen, mich, seinen
Prinzipal und Wohlthter.
    Das ist unerhrt! entgegnete Arthur, indem er mhsam ein ernstes Gesicht,
machte. Das htte ich hinter Herrn Beil nicht gesucht. - Doch schien er das
Gesprch und berhaupt seinen Besuch abbrechen zu wollen, denn er stand auf,
reichte dem Buchhndler die Hand und sagte: So halten Sie mich im besten
Andenken, Herr Blaffer, und wenn ich von meiner Reise mit vollen Mappen
zurckkehre, so knnen wir vielleicht eine Art Reisebeschreibung daraus machen.
    Herr Blaffer war hierauf schon im Begriff, ber den Verkauf des Geschftes
zu sprechen, doch dachte er: Es ist besser, ich schweige darber. Er
schttelte dehalb die dargebotene Hand, affektirte einige Rhrung und
begleitete den Maler bis an die Hausthre, worauf dieser sich entfernte.
    Der Buchhndler trat in sein Comptoir zurck und ging mit groen Schritten
auf und ab, wobei er das Lineal auf dem Rcken hielt und sich zuweilen damit auf
die Schulterbltter klopfte. - Auch der hat bittere Erfahrungen, sagte er nach
einiger Zeit in einem hhnischen Tone, und ist doch hbsch und jung. Ja, trau'
Einer dem verfluchten Weibergeschlecht! Wenn mich nur die dumme Grille dieses
Herrn Erichsen nicht ein paar hundert Gulden gekostet htte, die ich an das
Bettelpack weggeworfen. Aber ich will mich noch dafr revanchiren! Ein recht
artiger Brief an den Herrn Staiger soll mein letztes Geschft als Chef der
Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie sein. Damit trat er an den Pult
und schrieb mit sichtlichem Wohlbehagen:

                P.P.

    Die schlechten Zeiten, unter denen gegenwrtig der Buchhandel seufzt,
veranlassen uns, Sie zu ersuchen, Ihre Arbeiten fr unsere Handlung einstellen
zu wollen. Onkel Tom ist beendigt, und wir sind auer Stande, das neue
Unternehmen, fr welches ja ohnedies noch kein Kontrakt zwischen uns
abgeschlossen ist, in's Leben treten zu lassen.
    Genehmigen Sie indessen die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung,
mit der wir sind

                                             Johann Christian Blaffer und Comp.

    Wohlgefllig betrachtete der Buchhndler den subern Schnrkel unter seinem
Namen, setzte vorsichtig das Datum von gestern bei und siegelte den Brief. Dann
rieb er sich die Hnde, als habe er ein gutes Werk gethan, verschlo das
Comptoir und ging in sein Schlafzimmer hinauf.
    Als es einige Stunden darauf dunkel wurde, sa August an dem Fenster seiner
Kammer, den Blick auf die Strae gerichtet, wo man nach und nach alle Gaslampen
angezndet hatte; auch die bewute vor dem Hause brannte hell und lustig, und so
sehr der Lehrling auch umher sphte, nirgendwo lie sich Jemand sehen, der Lust
zu haben schien, diese einzige Flamme wieder auszulschen und so den sehnlichst
erwarteten Besuch des Herrn Beil anzuzeigen.
    Endlich wurde August zum Nachtessen gerufen, und das ging trbselig vorber,
wie die meisten in der letzten Zeit. Herr Blaffer sprach nichts und warf nur
zuweilen finstere Blicke ber den Tisch hinber nach Marie, welche in tiefe
Gedanken versunken zu sein schien, und wohl aus diesem Grunde hufig etwas
Unpassendes sagte oder da lachte, wo es gerade nicht nothwendig war - ein
Benehmen, welches die gute Laune des Buchhndlers durchaus nicht erhhte, ja ihm
einige beiende Bemerkungen ablockte, welche von dem jungen Mdchen nicht gerade
auf die ehrerbietigste Art beantwortet wurden. Dann wurde der Prinzipal heftig,
grob und krnkend, was zur Folge hatte, da sie ihm einen verchtlichen Blick
zuwarf, den Teller hastig zurckstie, sich vom Tische erhob und auf ihr Zimmer
ging.
    Glcklicherweise lie sich August durch diese Scene gar nicht anfechten,
sondern speiste mit groer Gemthsruhe, wornach auch er seine Dachkammer
aufsuchte. Trotzdem es ihm aber in der letzten Zeit besser in dem Hause
gegangen, so erschien ihm doch Manches dafr so unheimlich und widerwrtig, da
er sich nach der frheren Zeit zurcksehnte, und namentlich nach Herrn Beil, mit
dem er so manche Stunde angenehm verplaudert, und der es so vortrefflich
verstanden, seine guten Lehren humoristisch in artige Gleichnisse einzukleiden,
und der selbst Pffe und Katzenkpfe auf ungezwungene und fast angenehme Art zu
geben wute, so da man ihm gar nicht einmal darber bse sein konnte. Ach!
sogar dieser Pffe erinnerte sich August sehnschtig, und er htte gern
dergleichen wieder ausgehalten, dann wre ja der gute Herr Beil wieder bei ihm
gewesen. - Aber er hatte seinen Besuch noch nicht angezeigt, denn drunten die
Gasflamme brannte hell wie immer, bestrahlte den eisernen Kandelaber und warf
einen weiten Lichtkreis vor sich auf den Boden. - Doch halt! was war das?
Pltzlich war das Licht verlscht, und August hatte doch Niemand gesehen, der
sich demselben genhert. Wie schlug ihm sein Herz! Er eilte an die Kammerthre
und horchte in's Haus hinab. Drunten war Alles stille; der Buchhndler hatte
sich zur Ruhe begeben, und als August aufmerksamer lauschte, hrte er ihn aus
seinem Schlafzimmer leise husten. Er wartete noch eine lange, lange halbe
Stunde, dann lie er sich an dem Treppengelnder hinab gleiten. Er hatte dieses
Manver oft ausgefhrt, wenn er sich verschlafen hatte und von dem Prinzipal
nicht gehrt sein wollte. Unten angekommen, schlich er leise zur Hausthre,
drehte den Schlssel zweimal, schob die schweren Riegel zurck und kehrte nun,
gehorsam dem erhaltenen Befehl, mit verhaltenem Athem in seine Dachkammer
zurck.
    Jede Minute, die er hier oben zubringen mute, duchte ihm eine Ewigkeit. Er
hielt das Ohr an die Thre und lauschte angestrengt in's Haus hinunter. - Alles
ruhig und still, sogar Herr Blaffer hstelte nicht mehr; wahrscheinlich war
derselbe eingeschlafen. Doch jetzt vernahm August ein Gerusch - aber nein, es
kam nicht unten vom Hause herauf, es kam vom Dache her. Was konnte das sein? Ja,
in der Nebenkammer, wo ehedem die Schwester geschlafen, vernahm er es jetzt.
Dort schlich etwas auf dem Boden, dort tappte es an der Wand fort und suchte die
Thre zu finden. Das konnte doch nicht Herr Beil sein, der sollte ja, was
natrlich war, unten zur Hausthre herein kommen. Und doch - es war keine
Tuschung mglich - ihm gegenber an der anderen Kammerthre bewegte sich etwas.
Vorsichtig wurde auf die Klinke gedrckt, und sie hob sich ganz geruschlos.
Doch ehe die Thre geffnet wurde, hatte August die Geistesgegenwart, sein Licht
auszulschen. Darauf lugte er wieder auf den Gang hinaus, whrend sein Herz so
heftig klopfte, da er frchtete, die Schlge mssen seine Gegenwart verrathen;
dabei hatte er ein eigenes Gefhl in den Haarwurzeln; es war ihm, als drehe sich
jedes einzelne Haar langsam herum. Er dachte an Ruber, Mrder und Gespenster.
An die letzteren zumeist; denn das, was ihm gegenber jetzt die Thre geffnet
hatte und ber den Gang dahin schwebte, konnte unmglich ein menschliches Wesen
sein. Er hrte keinen Tritt, er sah nur einen Schatten gegen die Treppe schweben
und dann auf dem tieferen Dunkel derselben verschwinden. - Was war das? Htte er
nicht den Herrn Beil erwartet und sich also gefrchtet, Lrmen zu machen, so
wrde er unfehlbar durch sein Geschrei das Haus erweckt haben. So aber eilte er
an das Fenster zurck, betrachtete sich nochmals die finstere Gaslaterne und sah
dann auf die Strae, ob sich nicht eine Spur von dem erwarteten Freunde
entdecken liee. Wer aber beschreibt seine Ueberraschung, als er sich wieder
umwandte und unter der Thre der Kammer ein helles Licht gewahrte, welches ihm
so blendend in die Augen fiel, da er nicht im Stande war, den Trger desselben
zu erkennen. Sollte das vielleicht Herr Beil sein? - Aber warum dann so still
und stumm in das Zimmer treten? Die Nerven des armen Lehrlings waren so
aufgeregt, da er, anstatt eine Frage zu thun, die Hnde vor das Gesicht prete
und auf einen Stuhl niedersank.
    Die Laterne an der Thre oder vielmehr der Trger derselben bewegte sich
in's Zimmer herein und eine Stimme, die nicht wie die des Herrn Beil klang, aber
auch keine ganz fremde fr den Lehrling war, sagte ihm: Sie haben Ihr Wort
gehalten; ich danke Ihnen dafr.
    Gott sei Dank! dachte August, indem er die Hnde langsam herabsinken lie,
das spricht doch jetzt und schleicht nicht mehr so gespensterhaft im Hause
umher. Er wagte es auch aufzublicken, und da nun der Eingetretene die kleine
Blendlaterne, welche er in der Hand trug, von sich abhielt, so erkannte August
mit Erstaunen die Zge des Herrn Brander, welcher ihm den Besuch des Freundes
angezeigt hatte.
    Sie wundern sich, mich hier zu sehen, sagte dieser. Das kann ich mir
denken. Aber es anders zu machen war unmglich. Herr Beil ist verhindert und ich
komme, Ihnen das zu sagen.
    Dafr bin ich Ihnen sehr verbunden, erwiderte kleinlaut der Lehrling.
Doch erlauben Sie mir eine Frage. Warum kamen Sie nicht zur Hausthre herein
und die Treppen herauf und zogen es lieber vor, ber das Dach in's Haus zu
klettern?
    Hrten Sie Jemand ber das Dach in's Haus klettern? fragte aufmerksam der
Andere.
    So leise Sie auch gingen, so hrte ich Sie doch und sah auch, wie Sie die
Treppe hinab schwebten.
    Ah! er ist schon da, murmelte Herr Brander. Nun, er hat den Weg oft genug
gemacht und die Liebe treibt ihn. - Sie irren, wandte er sich laut an den
Lehrling, ich stieg die Treppen herauf.
    Und der Andere? fragte angstvoll der Lehrling, dem es anfing bei der Sache
unheimlich zu werden.
    Der Andere ist ein guter Freund von mir und Herrn Beil, der hier einige
kleine Geschfte zu besorgen hat.
    Zu dieser Stunde? versetzte August, der endlich, obgleich spt genug
ahnte, er habe einen dummen Streich gemacht, fremden Leuten bei Nacht die Thre
zu ffnen.
    Ja, zu dieser Stunde, mein lieber junger Mann, entgegnete freundlich Herr
Brander. Er besorgt seine kleinen Geschfte, hat aber dabei immer noch Zeit,
aus irgend einem Winkel hervor seine Augen auf Sie zu richten.
    Wo? fragte angstvoll der junge Mensch, indem er sich erschreckt umschaute.
    Das ist gleichgiltig; auch habe ich nicht lange Zeit zu Erklrungen. Hren
Sie mich aber geflligst einen Augenblick aufmerksam an! Sie erwarten Herrn
Beil, Herr Beil aber ist verhindert zu kommen, heute, morgen, die brigen Tage.
Aber er wnscht sehnlich Sie zu sehen und wird nicht verfehlen, Ihnen in den
nchsten Tagen einen Weg zu diesem Zwecke anzeigen zu lassen. Doch verlange ich
Eins von Ihnen: Sie bleiben ruhig auf Ihrem Zimmer, schlieen Ihre Thre ab und
bekmmern sich nicht um das, was Sie allenfalls von drunten im Hause hren
sollten.
    O mein Gott! rief August in klglichem Tone. Sie haben Schlimmes vor.
Aber ich will mich nicht daran betheiligen, ich werde nach Hilfe schreien und
den Prinzipal wecken.
    Versuchen Sie das, sagte der Andere mit drohender Stimme. Rufen Sie um
Hilfe, rufen Sie meinetwegen die Polizei! Ich werde mich ruhig hieher setzen und
mich mit Ihnen fangen lassen, denn der Hehler ist wie der Stehler; ich bezahlte
Sie reichlich dafr, da Sie mir die Hausthre ffneten und will das vor aller
Welt beschwren. - Seien Sie kein Kind, fuhr er nach einer Pause fort, als er
sah, da der Lehrling seinen Kopf abermals in die Hnde vergrub und darauf mit
einer Jammermiene empor blickte. Glauben Sie mir, es soll Niemand ein Leides
geschehen. Sollten Sie aber, sobald ich diese Kammer verlasse, dennoch Gerusch
machen, um Hilfe rufen oder dergleichen Tollheiten treiben, so vergessen Sie ja
nicht, da Jener, der vorhin ber den Gang schlich, in Ihrer Nhe ist und da
Sie beim ersten Laut ein Kind des Todes sind.
    August konnte vor Entsetzen kein Wort hervorbringen; er blickte scheu um
sich, denn pltzlich war das Licht der Blendlaterne nicht mehr sichtbar, doch
fhlte er die Hand des fremden Mannes, welcher ihn an der Schulter rttelte und
ihm in's Ohr raunte: Haben Sie Ihr Leben lieb und machen Sie keinen Lrm! -
    Bevor sich an diesem Abend Herr Blaffer zur Ruhe begeben hatte, war er noch
lngere Zeit in tiefem Nachdenken im Zimmer auf- und abspaziert. Seine Sachen
waren geordnet, die Papiere ber den Kauf ausgewechselt, das Geld lag im Kasten,
er war im Begriff, in ein ganz neues Verhltni einzutreten, wehalb es denn
auch leicht begreiflich war, da er den vergangenen Tagen einen kleinen
Rckblick schenkte. Herr Blaffer hatte von seiner frhesten Jugend an tchtig
gearbeitet, seine Zeit, sein Geld zu Rath gehalten, was ihm brigens leicht war,
da er nicht von den gewhnlichen Leidenschaften der Menschen berhrt wurde. Er
trank nicht, er spielte nicht, er war gegen das schne Geschlecht vollkommen
gleichgiltig. So mute es denn auch kommen, da er etwas vor sich gebracht: ja,
Herr Blaffer war auf dem Punkte, ein recht wohlhabender Mann zu werden, als ihm
einige Unternehmungen fehlschlugen und ihn eine bedeutende Summe kosteten. Das
entmuthigte ihn und von dem Augenblicke an trachtete er mehr darnach, sein
Vermgen zu erhalten, als zu vermehren.
    Da kam jenes Mdchen in sein Haus, und die Flamme, die sein Herz pltzlich
ergriff, brannte um so gefriger, als dieses Herz alt, drr und trocken war.
Vergebens hatte er eine Zeit lang gegen diese Leidenschaft angekmpft: sie war
strker als sein Wille, er unterlag, und jedes Opfer, welches er gezwungen war,
derselben zu bringen, duchte ihm leicht zu sein. Dehalb hatte es ihm auch
wenig Kummer gemacht, da die Firma, die er gegrndet, in fremde Hnde berging,
da das Haus, in welchem er geboren, jetzt von Andern bewohnt werden sollte.
Alles Das beschftigte seinen Geist wenig, aber eine andere Frage lag auf seiner
Seele und verursachte ihm ein Gefhl, als tropfe von Sekunde auf Sekunde
flssiges Metall auf sein Herz, die Frage: ist sie dir wirklich untreu geworden?
- eine Frage, die tausend Teufel in seiner Brust mit jubelndem Ja beantworteten.
Dann ballte er krampfhaft die Hnde, fuhr in sein sprliches Haar und sthnte:
O nur Gewiheit darber, nur Gewiheit, da ich ein Recht htte, sie zu fassen
und langsam zu verderben.
    Endlich begab er sich zur Ruhe, und nachdem er sich lange umhergeworfen, kam
der Schlaf auf seine Augen, ohne ihn zu beglcken. Denn die wilden Gedanken, die
ihn wachend beschftigt, hatten sich schon in schlimmere Trume verwandelt, die
ihm alles, Das, was er frchtete, in den schrecklichsten, ppigsten Bildern
vormalten. Ihm trumte wieder, es schleiche Jemand durch das Haus und komme an
ihre Zimmerthre. Diese wurde langsam geffnet und von Licht und Glanz
berflossen empfing sie den Geliebten, den wirklich und einzig Geliebten. Das
sah man an dem innigen Blick ihres feuchten Auges, an dem Lcheln um ihren
leicht geffneten Mund, an dem Zittern ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte
und mit der sie ihn alsdann hastig zu sich in's Zimmer zog. - Ah! -
    Es gibt einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem man sich emporreien kann,
erwachen durch die Kraft des Willens: so auch der Schlfer hier, als ihm dies
getrumt. Er that einen tiefen Athemzug, er ffnete gewaltsam die Augen, er
erwachte, er horchte, wie er oft in der Nacht that. Spielten denn seine Trume
in die Wirklichkeit ber, wie sich vorher seine Gedanken in Trume verwandelt?
Konnte er sich diesmal tuschen? - Schlich nicht Jemand drauen auf dem Gange?
    Im Nu war Herr Blaffer aus dem Bette und stand mit verhaltenem Athem an der
Stubenthre. Oh! der Buchhndler war nicht so leicht zu berlisten! Schon lange
schlo er seine Thre nicht mehr fest, damit das Gerusch des Schlosses ihn
nicht verrathe, wenn er auf den Gang blicken wollte. Allabendlich lschte er
sein Licht aus und dann zog er den Thrflgel so viel zurck, da er durch die
entstandene Spalte hinaus schauen konnte.
    So war es auch heute Abend geschehen, und als er zitternd vor Erwartung
davor stand, sah er genau dasselbe, was ihm wenige Augenblicke vorher getrumt.
Sie stand an ihrer Stubenthre und von Licht und Glanz bergossen empfing sie
den Geliebten - den wirklich und einzig Geliebten. Das sah man an dem innigen
Blick ihres Auges, an dem Lcheln um ihren leicht geffneten Mund, an dem
Zittern ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte und mit der sie ihn alsdann
hastig zu sich in's Zimmer zog. Darauf schlo sich die Thre wieder - und der
Riegel wurde vorgeschoben. - Nein, er auf dem dunkeln Gange trumte nicht mehr,
wie er wohl gehofft, wie er glaubte, denn er schlug sich so lange vor die Stirn,
bis sie ihn schmerzte, er prete die Hand krampfhaft auf die Brust und fhlte
sein Herz schlagen. Er wollte vorwrts strzen und die Thre mit einem Fusto
eintreten. Aber er besann sich eines Bessern; der da drinnen war vielleicht
strker als er, und da er Rache nehmen wollte, blutige Rache, so mute er sich
eine Waffe suchen. Wo war etwas der Art im Hause? Er dachte eine Sekunde nach,
dann trat er in's Zimmer zurck, warf sich mit fiebrischer Hast in die Kleider
und schlich auf den bloen Fen die Treppen hinab nach dem Magazine, dessen
Thre er geruschlos ffnete. Dort in einer Ecke neben der Wage lag das groe
Packmesser. Als er das kalte Heft desselben ergriff, durchschauerte es ihn
unheimlich; er fuhr mit der andern Hand an die glhende Stirn und wischte sich
die Schweitropfen davon ab. Auch bedeckte er einen Moment lang seine Augen,
denn trotz der tiefen Finsterni, die ihn umgab, gaukelten allerlei formlose
Gestalten um ihn her. Das war sein emprtes Blut, welches ihn auch Funken und
Blitze sehen lie, die seinen Augen zu entspringen schienen. Dabei hatte er das
Gefhl, als wanke der Boden unter ihm, und als er nun doch vorwrts strebte, dem
Ausgang und der Treppe zu, schwankte er hin und her, und mute sich an den
Wnden halten und zuweilen einen Augenblick ausruhen, um nicht niederzustrzen.
Von seinen verwirrten Sinnen blieb nur ein einziger klar und thtig - das Gehr.
In seinen wildesten Gedanken, mitten in den qualvollsten Anstrengungen des
kraftvollen Vorwrtsstrebens lauschte er angestrengt - und jetzt - hrte er
abermals schleichende Tritte. Ja, das war er, dem das Mdchen die Thre
geffnet; er mute es sein. - Und doch! Er sammelte einen Augenblick seine
zerstrten Gedanken, um sich zu erinnern, wo er sich befinde, und als ihm klar
wurde, da er im Magazine sei, wute er auch sogleich, da die Tritte, die er
hrte, aus seinem eigenen Schlafzimmer herunter tnten und nicht aus dem
ihrigen. Er horchte angestrengter. Er vernahm ein leises Klirren; - ja, er irrte
sich nicht: droben wurde ein schweres Schlo geffnet. - Herr des Himmels! das
seiner Kasse. Er zuckte aus seiner horchenden Stellung empor, er strebte die
Thre zu erreichen, und als er gerade auf den Gang hinaus wollte, vernahm er,
da droben ein Fenster geffnet wurde. Unwillkrlich wandte er den Kopf und
blickte auf die untern Fenster, die von dem Magazin auf den Hof gingen und mit
denen seines Schlafzimmers correspondirten. Da sah er, wie sich von oben ein
Krper langsam herab bewegte: es war ein Mann, der sich an einem Stricke
herunter lie. - Ruber! Ruber! schrie Herr Blaffer, so laut er konnte. Dabei
strzte er gegen das Fenster, ri es auf und da in diesem Augenblicke der Krper
eines Menschen, eines Diebes, gerade vor demselben schwebte, so stie er
demselben mit aller Kraft das groe Packmesser in den Leib, so da er
augenblicklich den Strick loslie und drhnend zu Boden fiel.
    Leider lie sich Herr Blaffer darauf verleiten, dem Fallenden nachzublicken,
aber nur eine Sekunde lang streckte er seinen Kopf zum Fenster hinaus. Dann
taumelte er von einem furchtbaren Schlage auf denselben getroffen in das Zimmer
zurck, wo er regungslos liegen blieb. -
    Der Lehrling hatte droben zitternd in einem Winkel seiner Dachkammer
gesessen. Mehrmals war er aufgesprungen und im Begriff, herunter zu eilen, doch
jedesmal hielt ihn eine groe Angst zurck. Er war sicher, sobald er auf den
Gang hinaus trte, augenblicklich zu Boden geschlagen zu werden. Wohl hatte er
vernommen, das Jemand das Schlafzimmer des Prinzipals verlasse, - wahrscheinlich
Herr Blaffer selbst, der sich in das Magazin hinunter begab. Spter hrte er
andere Tritte, die sich in dem Schlafzimmer verloren; vielleicht war der
Buchhndler wieder herauf gekommen. Ein Fenster wurde geffnet und kurze Zeit
darauf war es die Stimme des Prinzipals, welche Ruber! Ruber! rief.
    Jetzt eilte August auf den Gang hinaus und wollte die Treppen hinab, als er
unten im Hause flsternde Stimmen vernahm: die seiner Schwester und die eines
Mannes. Was war das? Von all' diesem Rthselhaften berrascht, blieb er oben an
dem Gelnder stehen und horchte. Zwei Personen schlichen die Treppen hinab,
durch den Gang nach der Hausthre, und darauf vernahm er deutlich, wie diese
letztere zugezogen wurde. Er hrte das Schlo zuschnappen, dann war Alles
todtenstill im Hause. - Langsam, auf jeder Stufe stehen bleibend, stieg nun der
Lehrling die Treppe hinab. Die Stille in dem Hause war ihm frchterlich. Endlich
gelangte er in die Kche, neben welcher die alte Magd in einem Verschlage
schlief. Sie hatte von dem Lrmen nichts gehrt und war schwer zu erwecken.
August hatte die Thre vorsichtig hinter sich geschlossen, und erst als er Licht
angezndet und die Magd bereit war, ihm zu folgen, wagte er sich wieder in den
Gang hinaus.
    Die Thre des Magazins stand offen und in demselben lag Herr Blaffer am
Boden, schwer athmend, doch ohne uere Verletzung. Der Schlag auf den Kopf
hatte ihn betubt, doch kam er bald wieder zu sich; und als er sich des
Geschehenen erinnerte, als ihm all' das Schreckliche einfiel, welches geschehen,
prete er beide Hnde gegen seine Schlfe und eilte zhneknirschend in das Haus
hinauf, um ber die Gre des angerichteten Unglcks in's Klare zu kommen.
    Dies konnte nun nicht grer sein und war fr ihn niederschmetternd. Die
Thre zu Mariens Schlafzimmer stand offen, sie selbst war verschwunden. Mit
wankenden Schritten kehrte er in sein Zimmer zurck und wagte es kaum, seine
geffnete Kasse mit scheuem Blick zu betrachten: sie war leer - er war ein
ruinirter Mann, und man hatte ihm Alles, Alles gestohlen.
    Als am andern Morgen die Polizei, von dem Vorfall in Kenntni gesetzt, sich
an Ort und Stelle begab, hatte es der Chef derselben fr wichtig genug gefunden,
sich selbst dorthin zu verfgen, um in seinem Besein die Lokal-Inspektion
vornehmen zu lassen. Herr Blaffer, den die schrecklichen Vorflle auf das Bett
geworfen hatten, sagte ohne Rckhalt, was er wute. August dagegen hatte sich
vorgenommen, Einiges, wie zum Beispiel den Besuch des Herrn Brander, die
Geschichte mit den Dukaten, sowie das Oeffnen der Hausthre, als unwichtig zu
bergehen. Doch waren der Polizeidirektor, namentlich aber sein erster Sekretr,
nicht die Leute, denen eine Persnlichkeit, wie der blonde Lehrling, im Stande
gewesen wre, etwas zu verschweigen. August wurde in die Enge getrieben, und als
ihm der Prsident mit angefater Nase, die er zornig bald rechts bald links zog
und alsdann drohend in die Hhe schnellen lie, auseinandersetzte, da es ein
wahres Verbrechen sei, der Polizei etwas zu verheimlichen, berichtete er die
ganze Geschichte, ja er wurde gezwungen, am Schlusse weinend den Namen des Herrn
Beil anzugeben, als des Freundes, den er erwartet.
    Man kann sich denken, da Herr Blaffer ber seinen ehemaligen Commis das
Schlimmste aussagte, was namentlich den Polizeiprsidenten veranlate, ein
genaues Signalement des Herrn Beil aufzunehmen, eine Sache, die bei der
auffallenden Krperbeschaffenheit desselben nicht schwer war.
    Da bei dieser Lokalinspektion die Fenster, durch welche sich der Dieb
herabgelassen, sowie der Hof auf's Genaueste untersucht wurden, brauchen wir
wohl nicht zu sagen. Auf dem weichen Boden des letztern fand man brigens genaue
Spuren von dem, was hier vorgefallen. Man sah, da hier ein menschlicher Krper
niedergestrzt war, man bemerkte Blutspuren und rings herum Futritte, welche
deutlich anzeigten, da mehrere Personen da gewesen, den Gefallenen aufgehoben
und ber die niedrige Mauer auf die Strae geschafft hatten. Der ganze Boden war
mit schweren Stiefelabstzen zertreten, und als sich einer der Polizeibeamten in
seinem Geschftseifer das Vergngen machte, mehrere dieser Fuspuren der Lnge
und Breite nach zu messen, entdeckte er zufllig ein Papier, welches fast ganz
in die feuchte Erde hinein getreten war. Da bei dergleichen Geschichten Alles
von Wichtigkeit ist, so zog er es suberlich hervor und hndigte es dem Sekretr
Seiner Excellenz ein. Dieser entfaltete es behutsam, warf einen Blick hinein und
sein trockenes Amtsgesicht strahlte darauf vor Freude und Ueberraschung. Euer
Excellenz, sagte er, als er das Papier dem Prsidenten berreichte, hier ist
der deutliche Beweis fr meine Behauptung, die ich schon lange Zeit aufzustellen
wagte, da nmlich in hiesiger Stadt eine wohlorganisirte Bande besteht, welche
von mchtiger Hand und, man kann es nicht leugnen, bis jetzt mit groer Umsicht
gefhrt wurde. Dieses Papier enthlt eine Instruktion ber den hier verbten
Einbruch, in der Alles auf das Genaueste vorgesehen ist. Wenn es nicht eine so
schlechte Sache betrfe, so wrde ich es auerordentlich nennen.
    Die Nase Seiner Excellenz hatte sich gerade nach dem oberen Fenster
gerichtet, doch fing er sie mit einem gewandten Griffe ein und zog sie auf das
zerknitterte und beschmutzte Papier herab. Auf diesem stand mit sehr
undeutlichen und verwischten Schriftzgen Folgendes: Zwei, Sechs, Acht und Zehn
sollen sich dabei betheiligen, sie umstellen das Haus, whrend Eins durch die
geffnete Thre eintritt. Der Bewute ist bereit, das Mdchen zu entfhren; er
erhielt Gelder und Papiere und wird nicht eingeholt werden. Gerusch an ihrer
Zimmerthre mu den Andern hervorlocken. Forcirt er die Thre, so mu ihn der
junge Mensch auf sich nehmen, bis das Geschft drben beendigt ist. Es soll
keine Gewalt angewandt, vielmehr wenn sich Hindernisse finden, die ganze Sache
verschoben werden!
    Da ist kein Zweifel mehr, sagte der Prsident mit groer Wichtigkeit, als
er gelesen, und fgte hinzu, nachdem er sich rings umgeschaut: Vor allen Dingen
gilt es nun, ber die ganze Geschichte ein unverbrchliches Stillschweigen zu
beobachten. Unsere Leute sind durch ihren Eid gebunden; der Buchhndler wird
ohnedies nicht darber sprechen, und was den jungen, angehenden Taugenichts
anbelangt, so wollen wir den ein wenig in Gewahrsam nehmen. Das ist eine Sache,
wandte er sich mit leiser Stimme an seinen Sekretr, die reiflich berlegt sein
will und klug eingefdelt. Hauptschlich mu uns Alles daran gelegen sein, den
Aufenthalt des gewissen Beil zu erfahren, damit wir den fassen knnen. Der
Prsident untersttzte bei diesen Worten seine Rede pantomimisch dadurch, da er
mit seinen fnf Fingern die eigene Nase umspielte und sie dann pltzlich und
unversehens ergriff. Der Sekretr aber spitzte wohlgefllig seinen Mund, schlo
dabei die Augen und sein angenehmes Lcheln schien sagen zu wollen: o der ist
uns sicher!

                         Fnfundsiebenzigstes Kapitel.



                             General und Prsident.

Vielleicht hat der geneigte Leser noch nicht vergessen, da man von dem
kniglichen Adjutantenzimmer gerade vor sich einen Flgel des Schlobaues sah,
denselben, nach dessen Fenstern Graf Fohrbach, sowie seine jungen Kameraden
zuweilen ihre Beobachtungen anzustellen pflegten. Der erste Stock dieses Baues
war, wie wir ebenfalls wissen, von seiner Excellenz, dem General-Adjutanten
Baron von W., bewohnt, einem alten Herrn, dessen Bekanntschaft wir auf der Soir
e des Kriegsministers Excellenz gemacht.
    Der Baron hatte seine groen Eigenthmlichkeiten, und eine fr die
kniglichen Adjutanten gerade nicht angenehme bestand darin, da er stundenlang
an einem Fenster seiner Wohnung sa und mit einer Lorgnette die Umgebung des
Schlosses, die An- und Abfahrenden, Fugnger und Reiter beobachtete. Es war
gerade, als fhrte der alte Herr darber ein Journal, denn wenn er zufllig
etwas entdeckte, was nicht jeden Tag vorkam, so verga er das niemals und wute
es spter bei einer Hoftafel, einem Ball oder dergleichen immer so anzubringen,
da irgend Jemand darber in Verlegenheit kam, oder doch in den Fall sich
entschuldigen zu mssen. Viele suchten die Ursache dieser bsartigen
Schwatzhaftigkeit Seiner Excellenz in dem Alter desselben oder in der
Einsamkeit, in der er seine meisten Stunden verbrachte, denn Kinder hatte er
keine, und mit der Baronin, seiner Frau, so munkelte die bse Welt, lebte er auf
gar keinem vertraulichen und mittheilsamen Fue. Die lteren Herren bei Hofe
aber, die ihn noch von der Zeit her kannten, wo er als Adjutant des hochseligen
Knigs fungirte, nannten ihn, wenn sie allein waren, einen boshaften Affen,
dessen einziges Vergngen es von jeher gewesen sei, die Leute unter einander zu
verhetzen, berall Zwietracht zu sen und sich dann hndereibend an den
unangenehmen Scenen zu erfreuen, die er angestiftet.
    Wenn man brigens die alte Excellenz sah, wie sie so mit gekrmmtem Rcken
dahin schlich, die Hnde hinter sich haltend, in der Rechten eine goldene Tabati
re, die sie mit zitternden Fingern bestndig drehte, leise und vorsichtig dahin
gleitend, um kein Aufsehen zu erregen, von einem Salon in den andern, und dazu
das spitze, gelbe vertrocknete Gesicht, die lebhaften, listigen Augen und die
schwarze Percke, so mute man, nach dem Aeuern urtheilend, unbedingt der
Ansicht Derer sein, welche den General fr einen Schleicher hielten und ihm
nichts Gutes zutrauten.
    Bei den jngern Adjutanten und Ordonnanz-Offizieren galt er berdies fr
einen Hofwetter-Propheten, und alle behaupteten steif und fest, wer von ihnen
den Baron drben des Morgens vor dem Rapporte in seiner weien Nachtmtze am
Fenster erscheinen sehe, der habe unbedingt im Laufe des Tages irgend eine
Unannehmlichkeit zu erwarten. Und diese bse Vorbedeutung konnte nur paralisirt
werden, wenn sich zuflligerweise auch die Baronin sehen lie. Denn da die arme
Frau der gute Geist des Hauses sei, die Schnheit, Liebenswrdigkeit und Grazie
in Person, darber waren nicht blos die jngeren und lteren Herren, sondern,
was viel sagen will, selbst die alten Hofdamen einig.
    Die arme Frau fhrte aber bei ihrem Tyrannen ein beklagenswerthes Leben.
Fast tglich berichteten die Adjutanten einander ber Scenen, die es drben
gegeben, und wenn man gerade nichts sah, so hrte man fters die schrille Stimme
des Barons, oder entnahm einen vorbergegangenen Sturm aus allerhand kleinen
Anzeichen. Man bemerkte dann die schne Frau mit verweinten Augen, man sah sie
in ihrem Coup ausfahren, in welchem auf seinen Befehl die grnen Vorhnge fest
herabgezogen waren.
    Der General wute brigens ganz genau, da man ihn vom Schlosse aus
beobachte, und dehalb hatte er schon fters wochenlang seine Fensterlden fest
verschlossen gehalten. Doch konnte er sich nicht entschlieen, die andere Seite
seiner Wohnung zu beziehen, denn es war ihm, wie schon frher bemerkt, ein
Bedrfni geworden, die Ein- und Ausgnge des Schlosses vor Augen zu haben.
    Es war kurz vor der Carnevalszeit und der Major von S. hatte den Dienst in
dem kniglichen Vorzimmer. Er stand vor dem schon oft erwhnten Fenster, neben
ihm Graf Fohrbach, und das Gesprch war unter Anderem auf die Bewohner des
Schlobaues gekommen, und beide Herren ergingen sich in hnlichen Betrachtungen,
wie wir sie eingangs dieses Kapitels unseren Lesern mitgetheilt haben.
    Es mu da drben in der letzten Seit etwas vorgefallen sein, meinte der
Major. Du hast wohl auch davon gehrt?
    O ja. Aber im Hause selbst ist nichts passirt; du meinst die Geschichte auf
dem neulichen Hofkonzerte.
    Ja, aber ich wei sie nicht genau. Ich hatte an dem Tag den Dienst und war
sehr dankbar dafr, da es uns freigestellt wurde, zu bleiben oder zu gehen. Ich
zog begreiflicherweise das Letztere vor.
    Ich dagegen war glcklich, da man mich eingeladen, lachte der Graf.
    Das glaube ich. Du durftest schmachtend die Augen niederschlagen und sie
wieder ffnen; du durftest dir mit vielsagendem Blick durch das Haar fahren und
deinen Schnurrbart kruseln, du durftest hsteln durch alle Nuancen.
    Allerdings. Aber trotzdem sah ich, was bei Hofe vorging und bin geneigt,
dir darber zu rapportiren. Du weit, ich fuhr mit Steinfeld hieher. Der arme
Kerl, viele Jahre abwesend, war aus allen Bekanntschaften heraus und mute sich
vorstellen lassen wie ein neuer, eben erst bei Hof erscheinender Kammerherr.
Nun, ich sorgte fr ihn und machte ihm die Honneurs bei Hofe.
    Da fingst du bei dem jngsten Ehrenfrulein an; ich kann mir das denken.
    Im Gegentheil. Ich sparte Eugenie fast bis zuletzt auf, aber du httest
seine groen Augen sehen sollen, als wir nun zurcktraten und ich ihm zuraunte:
Das ist die knftige Grfin Fohrbach.
    Hm! machte der Major. Aber die Geschichte.
    Der Graf sah ihn einen Augenblick fragend an, doch kannte er ihn zu genau,
um sich die vergebliche Mhe zu machen, ihn wegen des hm! zu befragen.
Endlich also, fuhr er fort, suchte ich Hugo auch der Baronin v. W. zu
prsentiren. Ich hatte sie zu Anfang des Konzerts gesehen, dann aber war sie mir
aus den Augen verschwunden. Nun, ich prsentirte Steinfeld ihrem Manne, dem
alten General, und bat ihn um die Erlaubni, meinen Freund der Baronin
vorstellen zu drfen. - ,Meine Frau,' sagte er, ,klagt ber Kopfweh und zog sich
in die hinteren Zimmer zurck.' Wir suchten sie also auf.
    Das httest du nicht thun sollen. Eine so kluge Frau wie die hat immer ihre
guten Grnde, wenn sie sich aus dem Cercle zurckzieht. Sie wollte vielleicht
von Jemanden nicht gesehen sein.
    Du knntest Recht haben; aber ich bin noch nicht alt genug, um alle Nuancen
des Hoflebens zu verstehen. Nun also, wir fanden sie, ich stellte Hugo vor -
    Und die Baronin erschrak vielleicht?
    Nein, die Baronin erbleichte nur, wenn man das bei ihrem ohnedies bleichen
Teint sagen kann. Aber Steinfeld erschrak, fuhr zusammen, drckte krampfhaft
meinen Arm und kam so aus aller Contenance, da ich mich mit meiner bekannten
Geistesgegenwart - die auch du kennst, setzte er lchelnd hinzu - in das
Gefecht werfen mute, um mit meinem Vorgestellten nicht eine totale Niederlage
zu erleben.
    Und sein Erschrecken war auffallend?
    Ungeheuer. Die kleine U., die daneben stand, machte ein langes,
berraschtes Gesicht.
    Und der alte General war in der Nhe?
    Der Teufel fhrte ihn gerade daher, oder vielmehr der Herr Herzog, denn
dieser brachte ihn gerade in dem ungeschickten Moment in die hinteren Zimmer.
    Das ist eine rthselhafte Geschichte, meinte der Major, indem er den
rechten Arm gegen das Fenster lehnte und den Kopf darauf sttzte. Und hast du
auch gehrt, wie man behaupten will, da der General harte Worte zu seiner Frau
sagte?
    Etwas davon vernahm ich schon; begreiflicherweise zogen wir uns aber
zurck, dehalb konnte ich an der Thre nur verstehen, da der General zu seiner
Frau sagte: Madame, wir fahren nach Hause!
    Vielleicht hat er berhaupt weiter nichts gesagt, denn du Weit, wie in der
Welt jedes Wort auseinander gezerrt wird. Die kleine U. war bei meiner Frau und
wollte allerlei gehrt haben, von Einverstndnissen, die die ganze Welt merken
msse und die er, der General, schon entdecken wolle.
    Unter uns gesagt, Steinfeld erschien mir hchst merkwrdig. Er war wie
verwandelt, wollte Niemand mehr sehen, sprach nicht mehr, und kurze Zeit nachher
war er verschwunden. - Aber jetzt habe ich dir diese interessante Geschichte
erzhlt, dafr bezeige dich dankbar und sage mir, warum hast du vorhin hm!
gemacht, als ich von der zuknftigen Grfin Fohrbach sprach?
    Der Major lachte laut auf. Man kann sich bei dir nicht genug in Acht
nehmen, sprach er; ich glaube, du controlirst sogar meine Mienen.
    Weil die immer etwas zu bedeuten haben, und weil du obendrein hm! machtest,
und hinter deinen Hms steckt immer etwas.
    Es steckt eigentlich nichts dahinter, entgegnete der Andere mit ernsterem
Tone. Aber wenn man so seine Brautschaften Freunden proklamirt, da mu auch
Alles in Ordnung sein, glatt und eben und der Altar in Sicht.
    Nun, bei Gott! erwiderte einigermaen verdrielich der Graf, ich sehe
auch keine groen Steine mehr im Wege. Eugenie und ich -
    Ihr seid einig, das wissen wir, sagte der Major mit einer Handbewegung
gegen seinen Freund. Mama werden auch ber den mangelnden Reichthum der Braut
hinweg sehen, auch sind der Herr Kriegsminister ein guter Vater; aber vergi
nicht, da deine Heirath in hohen Kreisen etwas miliebig angesehen wird, und
wenn Seine Excellenz einen tchtigen Wink erhlt, so knnte es kommen, da man
dich avancirte, zum Major machte und als Anhngsel zu irgend einer Gesandtschaft
schickte.
    Zum Henker! Du siehst immer schwarz! rief der Graf. Ich wei wohl, du
meinst, der Herzog machinire gegen mich. Nun, ich glaube wohl, da er trotz
allen fehlgeschlagenen Versuchen noch nicht den Muth verloren hat.
    Ich sehe nicht schwarz, lieber Freund, erwiderte der Major. Aber ich
kenne mein Terrain, und leugnen wirst du mir nicht, da der Herzog auf Tod und
Leben in das schne Mdchen verliebt ist. Sie ist arm, aber von sehr gutem
Hause; ihn selbst verheirathet sehen, ist der sehnlichste Wunsch der Herzogin.
Meinst du, es sei am Ende nicht mglich, da sich der Herzog seiner Mutter
declarirte und Eugenie zu seiner Frau machte, da sie ihm nichts Anderes sein
will?
    Graf Fohrbach blickte mit dem Ausdruck eines groen Schreckens auf das
Gesicht seines Freundes, ob dort nicht ein lchelnder Zug den Scherz verrathe.
Aber die Zge des Letzteren blieben vollkommen gleich und ernst.
    Ich habe keine bestimmte Idee, sagte er, da dies so kommen knnte, aber
wie die Verhltnisse nun einmal liegen, sollst du als Verliebter die Sache nicht
so leicht nehmen, sondern alle Schrauben anziehen, um baldigst zu einem Ziele zu
gelangen. - Mich hat, fuhr der Major nach einer Pause fort, whrend der Graf
Fohrbach nachdenkend zum Fenster hinausgeblickt, die Wette, welche dir der
Herzog neulich proponirt, verletzt, ja erschreckt. Mach' mir keine Einreden in
Betreff Eugeniens. Ich kenne die groe und auch feste Seele dieses Mdchens;
aber sie steht auf glattem Boden. Ja, ich sage es offen, nur ein Narr proponirt
dergleichen Wetten ohne irgend welche Aussicht auf Erfolg. Und ein Narr ist der
Herzog gerade nicht.
    Nun, diese Aussichten sind gering, versetzte nach einem tiefen Athemzuge
lchelnd der Graf. Da lies dies Billet; ich erhielt es gestern von Eugenien.
    Der Major nahm das dargereichte zierliche Briefchen, entfaltete es und las:
Wie leid thut es mir, da ich deinen Wunsch so ohne alle Schwierigkeiten
erfllen kann! Ich bin fr den Maskenball zu einer der Ecuyren Ihrer Majestt
ernannt, und da ich mit den beiden andern Damen Achselbnder in einer der Farben
des angenommenen Wappens tragen soll, wei, grn und Gold, so ward es mir
leicht, die erste Farbe fr mich zu whlen. O, wie sie mir lieb ist, da ich
wei, da du sie gerne siehst! - Ja, das ist recht schn und es freut mich,
sprach der Major, nachdem er gelesen.
    Und das ist noch nicht Alles, entgegnete der Graf, indem er sich dem
Freunde nherte und die Stimme dmpfte, als frchte er unsichtbare Ohren in dem
leeren Zimmer. Eugenie will mit der Frau Herzogin sprechen, und, im Falle diese
uns gndig gesinnt ist, ebenfalls an ihrem Hute eine weie Schleife tragen.
    Nun, Gott gebe seinen Segen dazu, sagte der Major. Dann zog er seine Uhr
hervor und fuhr fort: Nimm mir nicht bel, Eugen, ich habe einen Fremden
anzumelden. Wenn du noch ein bischen verziehen willst, so setz' dich nieder und
nimm ein Buch, es dauert nicht lange.
    Der Graf hatte sein Billet sorgfltig wieder eingesteckt und erwiderte
lachend: Ich danke dir herzlich; nur die Lust, mit dir ein paar Worte zu
sprechen, hielt mich hier zurck. Ohnedies habe ich ja morgen wieder die Ehre,
ein Sklave dieser Rume zu sein. Dehalb will ich mich heute meiner Freiheit
freuen. Leb' wohl!
    Heute Abend sehen wir dich? fragte der Major.
    Natrlich, deine Frage veranlat mich, das Schlo schleunigst, zu
verlassen. Gott der Gerechte! Man knnte mich am Ende wieder zu einer
Whistpartie da behalten wollen!
    Mit diesen Worten ging er fort, der Major blieb allein zurck, nahm eine
sehr wichtige Miene an, rckte Schrpe und Sbelkuppel zurecht, und erwartete
auf-und abschreitend die lispelnde Meldung des Kammerdieners.
    Als der Graf das Schlo verlassen hatte und ber den Hof dahin schritt, ging
er sehr langsam und schaute lange rckwrts zu einem Fenster hinauf, an welchem
sich Blumen befanden. Dort war leider heute nichts sichtbar als eben nur diese,
und das hartnckige Hinaufschauen htte den Grafen beinahe in Schaden gebracht,
denn da er nicht auf seinen Weg blickte, gerieth er fast zwischen die Pferde
einer Equipage, die ziemlich rasch um die Ecke des Schlosses herumkam. Erst auf
das Hoje! des Kutschers prallte er auf die Seite, und erblickte das Coup des
Polizeiprsidenten, der ihm lchelnd mit dem Finger drohte und zurief: Welches
Unglck, Graf Fohrbach, wenn ich Sie berfahren htte!
    Ein Unglck fr uns Beide, erwiderte lustig der Graf, denn wie htten das
Euer Excellenz, verantwortlich fr die Sicherheit der Einwohner, rechtfertigen
knnen!
    Damit ging er seiner Wege, und der kleine Wagen des Andern beschrieb einen
Bogen auf dem weichen Sande des hintern Schlohofes und hielt vor der Thre des
General-Adjutanten Baron v. W.
    Da nun wir, geneigter Leser, Flaneurs vergleichbar sind, die sich nur da
aufhalten und beobachten, wo sie etwas Interessantes zu entdecken glauben, und
es so unsere Art ist, Diesen zu verlassen und Jenem nachzugehen, so wollen wir
den Grafen Fohrbach ruhig seiner Wohnung zuschreiten lassen und der Equipage
Seiner Excellenz folgen.
    Der Polizeiprsident schien in dem Hause, in welches er eintrat, erwartet
worden zu sein. Ein alter Bedienter in einer maulbeerfarbenen Livre ffnete
nach einer tiefen Verbeugung den Schlag, und zog dann eine Glocke, die im ersten
Stock klingelte, sobald der Prsident die Treppen hinanstieg. Oben ffnete ihm
ein schwarzgekleideter Kammerdiener die Glasthre und fhrte ihn durch mehrere
Zimmer in das Kabinet des Generals, rollte einen Fauteuil vor das lodernde
Kaminfeuer und bat ihn, einige Sekunden zu verziehen, indem Seine Excellenz
gleich erscheinen wrde. Der Prsident lie sich nieder, rieb sich die Hnde vor
dem Feuer, befhlte darauf tastend seine Nase und blickte schmunzelnd in die
lodernden Flammen.
    Alle Kammern seines Gehirns waren mit Rubern und Mrdern angefllt, und
sein Geist beschftigte sich seit mehreren Tagen nur noch mit dem uns bekannten
Einbruch, den er hin und her beleuchtete, um Fden zu finden, durch deren Hilfe
er in allerlei schauerliche Schlupfwinkel dringen knne und mit denen er die
gefrchtete Ruberbande, die also doch wirklich existirte, zu umgarnen hoffte.
    Whrend dieser Betrachtungen blickte Seine Excellenz zuweilen an der linken
Seite seines Frackes herunter, wo sich noch eine leere Flche befand, wogegen
das Knopfloch mit mehreren buntfarbigen Bndchen besetzt war. Man wird so groe
Dienste zu belohnen wissen, dachte er bei sich, und ich werde nach dieser
glorreichen Geschichte nicht lnger des Sterns zu entbehren haben, der mir schon
lange gehrt.
    In diesem Augenblicke erschien der alte General, und beeilte sich so viel
als mglich, den Polizei-Prsidenten auf seinem Fauteuil festzuhalten, denn
dieser schickte sich an, mit einem Anfluge von Respektsgefhl in die Hhe zu
fahren. - Aber, alter Freund, welche Geschichten! rief kopfschttelnd die
militrische Excellenz. Sitzenbleiben. -Parbleu! Gerade thun, als wenn man zu
Hause wre. Alle Hagel! Wenn man sich auch nicht so viel sieht, so bleiben doch
die freundschaftlichen Gefhle zwischen uns dieselben, he!
    Was nun die Bemerkung des Generals, da sie sich selten sehen, anbelangte,
so hatte der letztere vollkommen Recht, war aber selbst die Ursache, da er sich
mit seinem frher sehr intimen Freunde, damaligen geheimen Rathe, jetzt
Polizei-Prsidenten, etwas brouillirt hatte. Er hatte ihm auch einstens eine
seiner kleinen Bosheiten zugefgt, sich eine giftige, aber sehr komische
Bemerkung bei Hofe ber ihn erlaubt, freilich dadurch die Lacher auf seine Seite
gebracht, aber den Freund von sich zurckgestoen. Das war nun allerdings nach
und nach wieder so weit verglichen worden, da sich Beide in Gesellschaften
freundlich begegneten, auch wohl einen Rubber zusammen spielten, aber eine
eigentliche Vertraulichkeit hatte nie mehr stattgefunden. Dehalb wunderte sich
denn auch der Polizei-Prsident, als er am heutigen Morgen ein hchst amicables
Billet des Generals erhielt, mit: Mein lieber Freund! anfangend und mit:
stets Ihr Getreuester! schlieend, worin derselbe um den Besuch des
Polizei-Prsidenten bat, weil ihn leider ein Unwohlsein verhindere, selbst
auszugehen.
    Nach dem Aussehen des Generals war Letzteres sehr glaubwrdig; seine Wangen
waren, wenn mglich, noch eingefallener als sonst, sein Gang gebckter, und
nachdem er dem Prsidenten beide Hnde geschttelt, lie er sich wie erschpft
auf einem gegenberstehenden Fauteuil nieder. Ma foi! sagte er, man wird alt;
doch Sie scheinen nichts davon zu spren, sehen in der That vortrefflich aus,
wie vor zwanzig Jahren, als ich ebenfalls noch im Dienste war. Vraiment,
Prsident, die Ruhe ist ein Unglck. Sie bleiben geschmeidig wie polirt, whrend
ich einroste. Enfin, was will man machen? Das ist der Lauf der Welt.
    Euer Excellenz sollten nicht so sprechen, erwiderte der Andere seufzend.
Ich will ber meine Gesundheit nicht klagen, aber das kann ich Sie versichern:
Mein gutes Aussehen ist eigentlich nur Echauffement, Erregtheit. Glauben Sie
mir, dieses bestndige Arbeiten, die Last, die auf mir liegt, drckt mich
langsam zu Boden. Ich kann kaum aufathmen. Jetzt ruft man rechts, jetzt ruft man
links. Nein, nein, Sie fhren ein glcklicheres Leben, beschftigen sich nur mit
angenehmen Erinnerungen, promeniren, reiten, kurz Sie thun, was Ihnen beliebt.
    Was an Ihrer Behauptung Wahres ist, mon cher, das wollen wir sehen. Ich
habe mir nmlich vorgenommen, Ihnen einige Konfidenzen zu machen.
    Dem alten Freunde! erwiderte der Prsident halb gerhrt, wobei er seine
Nase tief herab zog und aufwrts blinzelte.
    Dem alten Freunde - ja! sagte der General, und fuhr dann mit sehr scharfem
Tone fort: Eigentlich mehr noch dem Polizei-Prsidenten.
    Der Andere lie erstaunt seine Nase los, welche sich frei fhlend,
augenblicklich in die Hhe schnellte. Seine Augen drckten groes Erstaunen aus,
wehalb der General hinzusetzte:
    Comprenez, mon enfant, dem Polizei-Prsidenten - par ce qu'il est mon ami.
Hierauf hstelte er in sich hinein, polirte dann den Deckel seiner goldenen
Schnupftabaksdose und bot seinem Gegenber ein Prise an.
    Doch bedankte sich der Prsident, denn er hatte einen wahren Abscheu vor dem
Schnupfen, ja, seine Nasenflgel zitterten scheinbar entrstet ob dieser
Zumuthung.
    Dagegen aber schnupfte der General fr Zwei, und nachdem er sich den Tabak
aus dem dnnen Schnurrbart gewischt, Cravatte und Morgenrock gesubert, sagte
er: Eh bien, ich bin ein alter Soldat und gehe gerade darauf los. Nur bitte
ich, mon cher, da Sie mir einige Aufmerksamkeit schenken mgen. - Sie wissen,
es gibt in jeder Familie einen Haken, den man nicht gern anschaut, an dem man
sich stot, den man nicht wegbringen kann, und der unsern guten lieben
Nebenmenschen Veranlassung gibt, alles Bse daran aufzuhngen.
    Der Prsident nickte schweigend mit dem Kopfe.
    Meistens, fuhr die alte Excellenz fort, sind es Anverwandte, die einem
Kummer bereiten, oder gottlose Kinder, falsche Freunde, Ungnaden von ober
herunter, aber alles das habe ich nicht. Ueberhaupt kann ich in meiner Carrire
von Unglck nicht sprechen, j'ai fait rapidement mon chemin, mein Vermgen lie
mich alles mitmachen, ich lebte glcklich und zufrieden, bis mich der Teufel
plagte und ich eine Frau nahm.
    Oh! machte der Prsident. Sie spassen, General.
    Soll mich - wenn ich spasse! D'honneur! Es ist das mein blutiger Ernst.
Sehen Sie, Prsident, damals htten wir Beide nicht so weit von einander stehen
sollen. Ich wei, da Sie es immer gut mit mir meinten; Sie wren aufrichtig
gewesen und htten mir gesagt: Mon vieux, crois-mois, la das Heirathen bleiben.
Nun, man hat mir wohl dergleichen unter die Nase gerieben, aber Mademoiselle war
sehr schn, ich ein verblendeter alter Narr - enfin! Darber lt sich nichts
mehr sagen, ich habe meinen Willen durchgesetzt, voil tout.
    Der Prsident wute nicht, was er bei dieser Erklrung fr eine Miene machen
sollte. Er fhlte wohl, da der General in manchen Dingen Recht habe, aber wenn
Jemand sich selbst Grobheiten sagt, so kann man ihm doch unmglich darin
beistehen. Der Chef der Polizei fhlte ein Jucken oben an seiner Nase, und um
diesen Kitzel zu befriedigen, senkte er sie tief herab, - das Beste, was er thun
konnte, denn dies gab ihm ein Aussehen von Nachdenken, von gerhrter Theilnahme,
wehalb ihm denn auch der General die Hand auf den Arm legte und fortfuhr:
    Lassen Sie sich das gar nicht anfechten, theuerster Freund. Wie gesagt: Wir
sind darber hinaus. Nichts von Leidenschaften, nichts von Klagen, nur eine
ruhige Besprechung.
    So sei es, entgegnete der Prsident, und dabei streckte er dem General mit
einer ziemlich wehmthigen Geberde seine Hand entgegen. Also eine Besprechung.
    Zum Freunde, aber auch zum Chef der Polizei.
    Beide hren.
    Sie kennen meine Frau, - eine schne Frau, vraiment, die Welt sagt auch,
eine geistreiche, liebenswrdige, charmante Frau, kurz, die Welt, die sonst gern
Bses spricht, macht mit meiner Gemahlin eine seltene Ausnahme.
    Und diesmal, glaube ich, hat die Welt Recht, wagte der Prsident zu sagen.
    Ein bitteres Lcheln flog ber die Zge des Generals; nichtsdestoweniger
aber fuhr er ruhig fort: Da aber von eben dieser bsen Welt eine Familie, ein
Haus nie ungerupft davon kommt, so ist auch in dem meinigen ein bses Prinzip,
ein finsterer Geist, Schatten neben Licht - und dieser Schatten bin ich.
    Wie kann man nur so etwas denken! sprach scheinbar entrstet der
Prsident, und knipste dann seine Nase, so da sich dieselbe wie erschrocken
abwandte. Nur nicht dergleichen Grillen, lieber Freund! Die Welt kennt Sie,
achtet und liebt Sie.
    Amen! sagte hmisch der General. Das ist mir auch von der Welt sehr
gleichgiltig. Doch gehen wir weiter. Meine Frau also, dieser Engel der
Sanftmuth, Aufrichtigkeit, Ehrbarkeit und was man Alles will, hat mir von jeher
Veranlassung zu - nun, wie soll ich sagen? - zu Mitrauen gegeben. Anfnglich
kmpfte ich es nieder: Ich schmte mich vor mir selber. Was mir Alles verdchtig
erschien, kann ich nicht sagen - ein Blick, ein Wort, ein Brief, eine seltsame
Bekanntschaft, Vieles war vielleicht folie et pure imagination de ma part, mais
- mir ward immer klarer, in dem Leben meiner Frau sei etwas Ungehriges, sie sei
sich einer Schuld gegen mich bewut, sie habe mir etwas zu verbergen.
    Aber lieber Freund, entgegnete der Polizei-Prsident mit sanfter Stimme,
nehmen Sie mir nicht bel: Da ist freilich viel Phantasie im Spiel. Das Leben
der Baronin hier in diesem Hause liegt so klar und offen da, ihr ganzes Betragen
ist durchsichtig wie Kristall. Alle Wetter! fuhr er mit einem scheinbaren
Anfluge von Humor fort, wir von der Polizei wissen mehr, als man glaubt. Wir
sehen in viele Intriguen hinein. Uns sollte ein Ehemann fragen, wenn er seiner
Frau mitraut.
    In diesem Fall, erwiderte spttisch der General, wrde er viel erfahren!
Wir sind ja unter uns, mon cher. Gehen Sie mir mit der Allwissenheit Ihrer
Polizei. Ihr seht nur das, was auf der Oberflche schwimmt; tief hinein wagt ihr
eure Nase nicht zu stecken. - Au nom de Dieu, je vous prie, was Sie vom jetzigen
Leben meiner Frau sagen, mag sehr wahr sein, aber ich denke ja an die
Vergangenheit! Von da her zieht sich durch ihr Wesen ein finsterer Ton, ein
schwarzer Faden, den sie nicht abbrechen kann, den sie bestndig mit Geist und
Liebenswrdigkeit zuzudecken sucht, dem ich aber auf die Spur gekommen bin.
    Sie erschrecken mich.
    Ich habe meine Frau eigentlich nie daran gehindert, auszugehen,
auszufahren, kurz, zu thun, was ihr beliebt. Wohl ist es wahr, da ich ein
auffallendes Umhertreiben nie leiden konnte, und mich dehalb zuweilen veranlat
sah, der bestndigen Lust meiner Frau, Besuche zu machen, einen Zgel anzulegen.
Ich gestehe es, ich bestand zuweilen, namentlich nach kleinen Scenen unter uns,
darauf, da sie das Haus nicht verlasse, und da sie gerade dann oft ausfuhr,
machte mich aufmerksam. Je l'piais.
    Das war sehr gefhrlich, bester General.
    So besuchte sie eines Tags eins unserer groen Magazine, lie ihren Wagen
drauen halten, ging zur vorderen Thre hinein, zur hinteren aber wieder hinaus,
so da meine Leute glauben muten, sie sei stundenlang mit ihren Einkufen
beschftigt.
    Und das war sie nicht?
    Que Diable! Sie hren ja, da sie den Laden verlie. Sie bediente sich
eines Fiakers und fuhr in eine kleine Strae. Sie stieg an einem unscheinbaren
Hause ab, ging in den ersten Stock und sah dort -
    O General!
    Sah dort - einen Knaben von circa sechs Jahren, mit dem sie sich auf's
Zrtlichste unterhielt.
    Einen Knaben! -
    Einen Knaben, den sie in ihre Arme prete, dessen Gesicht sie mit Kssen
und Thrnen bedeckte, den sie mit der Liebe einer Mutter an sich drckte.
    Mit der Liebe einer Mutter?
    So ist es Prsident.
    Teufel! Teufel! Aber, General, Sie erzhlen mir da eine Geschichte, die
mich ganz confus macht. - Ein Knabe; - was soll es mit dem Knaben? Wer ist der
Knabe?
    Es ist der schwarze Faden im Leben meiner Frau, von dem ich vorhin sprach,
voil l'affaire! Woher der Knabe mit seiner Wrterin so pltzlich erschienen, je
l'ignore compltement, sowie Sie, lieber Freund, der Chef der Polizei. Damals
aber schon war ich im Begriff, mich an Sie zu wenden, ich wollte mich mit Ihrer
Hilfe des Knaben bemchtigen.
    Das war auch der richtigste Weg, um etwas zu erfahren, entgegnete der
Prsident, der in diesem Augenblicke ganz Polizeimann war.
    Aber die Andern dachten Aehnliches, fuhr der General mit einem trockenen
Lachen fort, und pltzlich war Kind und Wrterin verschwunden.
    Sehen Sie, General, sehen Sie, sprach ernst der Andere, indem er den
Zeigefinger drohend erhob und ihn dann an die linke Seite seiner Nase drckte.
Htten Sie Ihrer ersten Eingebung gefolgt und uns von der Sache benachrichtigt,
so wre uns Wrterin und Kind nicht entwischt. Ah! wir htten ein Wort mit ihr
gesprochen; man hlt sich nicht so unbefugter Weise und ohne Erlaubni in
hiesiger Residenz auf; ich mu mir das ausbitten, ich, der Chef der Polizei.
    Ein leichtes Lcheln berflog bei diesen Worten das vertrocknete Gesicht des
alten Generals. Die Sache lt sich wieder gut machen, meinte er nach einer
kleinen Pause. Wir haben die Spur des Knaben wieder gefunden.
    Das ist mir sehr lieb, sagte aufathmend der Prsident. Es ist ja fr mich
komplett unheimlich, von dergleichen Geschichten zu hren, die unbemerkt von der
Polizei getrieben werden. - Nun also?
    Offen gestanden, sie hatte den Knaben so gut versteckt, da wir ihn nimmer
gefunden htten, wenn sich nicht glcklicherweise bei mir Jemand gemeldet htte,
der sich anheischig machte, mich fr eine ziemliche Summe auf die Spur zu
leiten.
    Und -
    Dieser Jemand, natrlicherweise ein mauvais sujet, ist im Hause. Ich habe
ihn auf heute bestellt, er kam und steht zu Ihrer Verfgung. Sie sehen, bester
Prsident, da Ihr Gang zu mir sich vielleicht belohnen knnte. Man knnte dabei
noch allerlei Anderem auf die Spur kommen.!
    Und wei dies Subjekt, da es vor mir, dem Polizei-Prsidenten, zu
erscheinen hat?
    Man hat ihm begreiflicherweise nichts davon gesagt. Dieu nous en garde!
    Schn, sprach der Andere mit groer Wichtigkeit, wobei er seine Nase fest
zwischen die Finger einklemmte. Lassen Sie ihn erscheinen, bester General, ich
werde auf den ersten Blick sehen, wen wir vor uns haben. - Apropos! hat die
Baronin von diesen Schritten Kenntni? Das heit, verstehen Sie mich wohl, kann
sie eine Ahnung davon haben, da der Aufenthalt ihres - des Knaben, verbesserte
er sich, abermals entdeckt ist?
    Une belle affaire, ma foi! meinte der General, da wrden wir abermals das
Nachsehen haben. Davon ahnt sie nichts. Vor kurzer Zeit noch aufgeregt, fast
fieberhaft, ist sie jetzt ruhig und sicher geworden. Sie sieht sich ungestrt im
Besitz des geliebten Knaben. Bei diesen letzten Worten prete der General die
Lippen aufeinander, dann ffnete er die Thre des Nebenzimmers, und sagte dem
Kammerdiener, welcher unter derselben erschien, einige Worte.
    Der Polizei-Prsident war aufgestanden, machte ein paar Gnge durch's Zimmer
und dann stellte er sich so in die Vertiefung des Fensters, da der dunkle
Vorhang sein Gesicht beschattete.
    Jetzt ffnete sich die Thre des Nebenzimmers wieder, und ein Mann trat
herein, der, den Hut in der Hand, schchtern und befangen auf der Schwelle
stehen blieb. Es war eine schmchtige Gestalt, und wenn wir dem geneigten Leser
zum Ueberflusse sagen, da er einen schwarzen Frack trug, scheu und ngstlich um
sich blickte, und eine Fassung dadurch erheuchelte, da er seinen gelben
Hemdkragen in die Hhe zog, so wird Niemand mehr im Zweifel sein, da es Herr
Struber ist, den wir vor uns haben.
    Treten Sie nher, sagte der General. Ich lie Sie zu mir bitten, um Ihnen
zu sagen, da ich die verlangte Summe bewilligen will, Sie aber dabei
auffordere, mir Ihre Aussagen im Beisein eines meiner Freunde zu machen. -
Wollen Sie?
    Herr Struber warf einen schnellen Blick auf das Fenster, an welchem der
Prsident stand, doch deckte jetzt der Vorhang auch vollkommen die Gestalt
desselben.
    Warum nicht! sagte der Schuft nach einer kleinen Pause. Doch was mir Eure
Erlaucht, der Herr Graf, versprach: meinen Namen geheim zu halten, diese
Bedingung wird der andere Herr wohl auch eingehen?
    Natrlich, versetzte der General. So sprechen Sie. Sie wissen also, wo
das bewute Kind ist?
    Ich wei es.
    Begreiflicherweise verlangen Sie zuerst Ihr Geld und werden mir dann erst
den Aufenthalt nennen. Ich finde das in Ihrer Stellung nicht mehr als billig,
und habe darauf gerechnet. Hier zhlen Sie diese Papiere durch.
    Herr Struber wollte einige hfliche Einwendungen machen, doch warf der
General verchtlich seinen Kopf empor und sagte in bestimmtem Tone: Sie werden
das Geld zhlen und dann sprechen.
    Halt! mischte sich der Prsident aus seinem Versteck heraus in's Gesprch,
die Partie ist zu ungleich. Wenn Sie diesen - Herrn auch im Voraus bezahlen
wollen, so wre doch zu verlangen, da er sich ber die Glaubwrdigkeit seiner
Angaben einigermaen legitimirt. Den Teufel auch! er knnte Ihnen da fr chtes
Geld eine falsche Adresse geben.
    Fr Leute, wie Herr Struber, die mit einem schlechten Gewissen behaftet,
begreiflicherweise in einer fortwhrenden Angst leben, ist es immer unheimlich,
eine Stimme zu hren, wenn man das dazu gehrige Gesicht nicht sehen kann.
Umsonst versuchte er es, hinter den Vorhang zu schielen, er mute sich endlich
zu einer Antwort bequemen, da nun auch der General der Ansicht des Andern
beitrat.
    Und wie soll ich mich vor den Herren legitimiren? fragte zaghaft Herr
Struber.
    Auf die einfachste Art von der Welt. Wenn Sie wirklich dem Aufenthalt des
Kindes nachgesprt haben, so beschftigen Sie sich schon lngere Zeit damit und
werden also ersucht, uns zu sagen, wo das Kind in hiesiger Stadt sich frher
befand, und wie es an seinen jetzigen Aufenthaltsort kam.
    Herr Struber schluckte einige Mal und blickte verlegen zu Boden. Er drehte
seinen abgerissenen Hut zwischen den Fingern, und wenn ihm auch die angebotene
Summe recht hbsch vorkam, und bereits sehr erreichbar schien, so war ihm doch
die auferlegte Verbindlichkeit nicht angenehm. Den jetzigen Aufenthalt des
Knaben anzugeben, darin htte er nichts Arges gesehen, namentlich keine
Verrtherei, vor der er sich ber alle Maen scheute, aber wenn er von den
frheren Vorfllen, jenen Knaben betreffend, sprach, so mute er auch die
Wohnung des seligen Schwemmer nennen, ja er mute eine gewisse Person auftreten
lassen, eine Person, bei der ihn ein tiefer Schauder berflog, wenn er nur an
sie dachte. Herr Struber beschlo, klug zu Werk zu gehen, dehalb erhob er
seine Augen, blickte den General so treuherzig an, als ihm nur mglich war, und
sagte: Verzeihen mir Euer Erlaucht, Herr Graf, so war eigentlich die Bedingung
nicht, unter welcher ich mich verpflichtete, aber da es dem andern Herrn
wnschenswert erscheint, so stehe ich gern zu Befehl. Der Knabe, um den es sich
handelt, wohnte in der E.'schen Strae, im Haus Numero zehn bei einer gewissen
Frau Fischer, die seine Wrterin war.
    Ist das nicht vielleicht seine Mutter? fragte scheinbar unbefangen der
General.
    Herr Struber lchelte eigenthmlich, als er antwortete: Darber habe ich
keine Gewiheit; so viel ich erfuhr, war Frau Fischer die Wrterin.
    Weiter!
    Die Angehrigen des Knaben, die ich brigens nicht kenne, fuhr Herr
Struber fort, fanden es nun mit einem Male angemessen, denselben verschwinden
zu lassen.
    Aus welchem Grunde? fragte der General.
    Euer Erlaucht, ich wei das nicht. Die Wrterin blieb in dem Hause Numero
zehn wohnen, der Knabe kam durch die Vermittlung einiger Personen, die ich nicht
kenne, in eine Privat-Erziehungsanstalt hiesiger Stadt, wo er es, wie ich
vermuthe, sehr gut hatte.
    Richtig, c'est cela mme, sagte nachdenkend der General. Und aus dieser
Privaterziehungsanstalt verschwand clandestinement das Kind eines Tags auf
geheimnivolle Weise, wie Sie mir selbst sagten.
    Wo war diese Privaterziehungsanstalt? fragte der Polizei-Prsident.
    Herr Struber hustete verlegen, zupfte an seinen Vatermrdern und entgegnete
nach einem kleinen Stillschweigen: Die gndigen Herren werden mir vielleicht
den Namen dieser Anstalt erlassen; dieselbe war auf gegenseitige
Verschwiegenheit gegrndet, auch kann der Name hier nichts zur Sache thun, da
der Eigenthmer dieser an sich vortrefflichen Anstalt vor kurzer Zeit starb,
tief betrauert von seinen Pfleglingen.
    Bei diesen Worten trat der Polizei-Prsident rasch aus der Fensternische
hervor, und als er sich dem Herrn Struber genhert, ihm fest in das Gesicht
gesehen, schien diesen alle Geistesgegenwart zu verlassen, seine Kniee knickten
zusammen, und seine ohnedies ungesunde Gesichtsfarbe wurde fahl und bleich. Er
hatte augenblicklich den Chef der Polizei erkannt, und ihn berschlich pltzlich
die Idee, er selbst stehe hier an einem sonderbaren Lebensabschnitte.
    Der Prsident wechselte einen Blick mit dem General, dann, wandte er sich an
den so auffallend Erschreckten und sagte mit ruhiger, aber sehr ernster Stimme:
Der wrdige, vor kurzer Zeit verstorbene Vorsteher jener
Privaterziehungsanstalt hie Schwemmer und war - das Folgende sprach er zum
General - einer der abgefeimtesten Spitzbuben, die je in hiesiger Stadt gelebt.
Dabei schlau wie der Teufel, wute er bestndig durchzuschlpfen, und gewhrte
nie eine Handhabe, woran man ihn fassen konnte. Er hilt allerdings eine
Kleinkinderbewahranstalt, doch war dies Geschft nur der Deckmantel fr andere,
und wir sind fest berzeugt, da in jenem Hause die gleichen Zusammenknfte
gehalten wurden, wie in dem bekannten Fuchsbau -
    Herr Struber zuckte.
    - Und da eben dieser Schwemmer und sein Weib Hehlerei, Betrug, Kuppelei im
Groen betrieben. Ah! wahrhaftig, wir sind auf der richtigen Fhrte, alle Fden
in meiner Hand! Dabei fate der Prsident sanft seine Nase und zog sie abwrts,
so da seine Augen bequem die Stelle auf dem Frack erblicken konnten, wo noch
immer der gewisse Stern fehlte.
    Herr Struber hatte sich ziemlich rasch wieder von seinem Schrecken erholt.
Er heuchelte ein groes Erstaunen, prete beide Hnde unter seinem Hute
zusammen, und sagte mit groer Schlauheit, whrend er die Achseln zuckte: Das
htte ich nimmer gedacht. Mir wurde das Haus als ganz respektabel geschildert,
sonst htte ich meinen Fu nie hinein gesetzt. Beim Himmel! in welche
Verlegenheiten kann man unschuldigerweise kommen! Ich ging nur dorthin, um mich
nach dem Knaben zu erkundigen. Wenn ich bedenke, mein ehrlicher Name htte
Schaden leiden knnen!
    Der Prsident hustete bedeutungsvoll und zwinkerte dem General aus den
Augenwinkeln so schnell zu, da der Andere, der gerade zerknirscht zu Boden
schaute, es nicht sah. Von dem, was Sie sagen, sind wir vollkommen berzeugt,
sprach der Chef der Polizei. Wer sieht den Leuten in's Herz! Beruhigen sie
sich, was wir verhandeln, bleibt streng unter uns; fahren Sie aber in Ihrem
Berichte fort, ich habe wahrhaftig nicht mehr viel Zeit zu verlieren.
    Einen Augenblick zauderte der Angeredete, doch hielt der General wie
absichtslos das Papier mit den Banknoten in die Hhe, und es war das wie eine
Angel mit trefflichem Kder, auf welche Herr Struber zuschnappte und sich daran
verbi. - Der Knabe also war bei diesem verruchten Schwemmer, und ich erfuhr,
da es dem Kinde dort nicht gerade besonders gefalle, da es gewaltsam
zurckgehalten werde, konnte aber nichts Bses dabei ahnen, denn ich hielt den
Knaben fr ein unartiges Brschlein, Herrn Schwemmer aber fr einen Biedermann.
So kann man sich irren, meine gndige Herren. - Ja, sogar als ich erfuhr, da
dem Knaben nachgeforscht wrde, vermuthete ich noch nichts Bses, und ich
gestehe offenherzig, nur die Hoffnung auf einen groen Gewinn bewog mich, mit
den Leuten, die jenem Kinde nachforschten, in Unterhandlung zu treten. Und so
kam ich vor seine Erlaucht den Herrn Grafen.
    Fast ist es so, doch eine andere Lesart. Wodurch dieser Herr erfuhr, ich
lasse die Spur jenes Kindes suchen, vraiment, ich wei es nicht - genug, er bot
sich mir an, und ich trug kein Bedenken, seine Hilfe anzunehmen.
    Das ist an sich auch gleichgiltig, sagte der Prsident, Jetzt haben sie
nichts weiter zu thun, als mit wenigen Worten Ihr Geld zu verdienen.
    Und dann lt man mich ruhig meiner Wege ziehen? fragte Struber
vorsichtig.
    Wer wird Sie halten? versetzte der General trotz des bedeutsamen Hustens
seines Freundes. Sie geben die Adresse, hier ist das Geld und Sie verlassen
ungekrnkt das Haus. Je vous en donne ma parole.
    Der Prsident zuckte mit den Achseln und ri ungeduldig an seiner Nase.
    Euer Erlaucht, sprach Herr Struber offenbar befriedigt, wissen Sie die
Schilderstrae? Am Ende derselben, fast wo sie in die Wallstrae mndet,
befindet sich ein groer Brunnen mit Einem Rohr. Dies Rohr zeigt gerade auf ein
kleines Haus Numero sechsunddreiig. Dort ist der Knabe.
    Und wem gehrt das Haus?
    Das kann ich nicht sagen. Ich wei nur so viel, da er dort bei seiner
ehemaligen Wrterin, der Frau Fischer, wohnt und sich unter der Aufsicht eines
Mannes befindet, der ihn unterrichtet, und eine Art Hofmeister ist.
    Ich mu gestehen, sagte ingrimmig der General, man sorgt fr den Buben
wie fr einen kleinen Prinzen. Er mu par Dieu eine vornehme Herkunft und reiche
Beschtzer haben. Und etwas Nheres ber den Mann, seinen Hofmeister wissen Sie
nicht?
    Ich sah ihn einmal mit dem Knaben spazieren gehen: es ist das eine
sonderbare Persnlichkeit, sehr klein mit vollkommen ausgewachsenem Oberkrper
und Kopf, aber mit ziemlich verwahrlosten Beinen.
    Der Polizei-Prsident stand da wie vom Schlage getroffen. Genau so hatte
Herr Blaffer das Signalement seines ehemaligen Commis angegeben. Sollte ihm
vielleicht von dieser unbekannten Seite auf die Spur desselben geholfen werden?
- Fassung! Fassung! sprach er zu sich selber, wobei er sich, um sein
berraschtes Gesicht zu verbergen, wieder angelegentlich mit seiner Nase
beschftigte, die er auf allen Seiten streichelte. Das mu ja ein Zwerg sein,
brachte er endlich ziemlich unbefangen hervor.
    Fast so, entgegnete Herr Struber. Auf jeden Fall komisch genug, wenn man
den martialischen Gesichtsausdruck des kleinen Mannes betrachtet.
    Was kmmert uns der! sprach ungeduldig der General. Hier ist Ihr Geld.
Er reichte ihm das Packetchen, doch als Herr Struber gierig darnach langte, zog
es der General einen Zoll zurck, wobei er sagte:
    Wenn es Ihnen genehm wre, knnten Sie noch eine kleine Zulage von circa
fnfzig Gulden verdienen, oui, certes, cinquante florins. Ich bin nmlich
berzeugt, seit Sie jenes Haus, den Aufenthalt des Knaben entdeckt, haben Sie
dasselbe fters umschlichen und wissen genau, ob und wer sonst noch da aus- und
eingeht. - Fnfzig Gulden, Herr, fr eine freundliche Mittheilung - pour un mot,
Monsieur.
    Der Chef der Polizei stand da wie auf Kohlen, es prickelte ihn in allen
Gliedern. Vielleicht wute dieser Mensch auch den Namen des sogenannten
Hofmeisters!
    Herr Struber schien eine Weile unschlssig, doch wollen wir dem geneigten
Leser gestehen, da er bedeutende Reiseprojekte hegte und bei sich dachte:
Fnfzig Gulden bringen mich schon einige Meilen weiter. Und im Uebrigen, was
habe ich fr Verpflichtungen gegen Leute, die ich gar nicht kenne? -
Allerdings, sprach er laut, sich gegen den General wendend, umschlich ich das
Haus hufig, um mir Gewiheit zu verschaffen.
    Und es kamen Besuche?
    Zuweilen ein junger Mann, eine ziemlich hohe Figur, schlank, in einen
weiten Mantel gewickelt.
    Que Diable! Was geht mich ein Mann an! rief ungeduldig der General. - Und
vielleicht doch! Wer kam sonst noch?
    Auch eine Dame kam zuweilen in einem Wagen.
    Ah!
    Eine schne junge Dame mit blondem Haar und einer weichen, angenehmen
Stimme. Ich vernahm das, wie sie dem Kutscher sagte, er solle in einer Stunde
wieder kommen.
    Die Augen des Generals glhten wie die einer wilden Katze. Der Prsident bi
sich auf die Lippen und zuckte bedeutsam die Achseln.
    Also die Dame htten wir, sprach der General mit zitternder Stimme. Jetzt
interessirt mich auch der Mann.
    Nicht wahr? rief eifrig der Prsident - der kleine zwergartige
Hofmeister?
    Zum Teufel mit Ihrem Hofmeister! Ich meine den Andern, den im Mantel. Er
war hoch und schlank? - dunkles Haar?
    Erlaucht werden mir verzeihen, es war gewi blond.
    Meinetwegen auch blond. Und um welche Zeit ging er gewhnlich hin? - je
vous prie.
    Sehr unbestimmt - meistens spt in der Nacht.
    Aber dann war sie nicht da!
    Nur einmal, da kamen sie mit einander in einem kleinen eleganten Wagen. Da
war sie sehr reich gekleidet, ich glaube in weier Seide mit Spitzen und
Brillanten; ich werde das nicht vergessen, denn da der Wagen nicht dicht an's
Haus fahren konnte, und es ziemlich schmutzig war, so trug sie der Mann in die
Hausthre.
    Die Zge des Generals berflog bei diesen Worten eine tiefe Rthe, die aber
sein graues Gesicht gelblich frbte. Seine Augen starrten vor sich hin, und mit
den Hnden suchte er in den Taschen seines Rockes umher, wobei er eine Handvoll
zusammen geknitterter Papiere hervorbrachte, welche er dem Berichterstatter
einhndigte.
    Besorgt trat ihm der Chef der Polizei nher, legte ihm die Hand auf die
Schulter und sagte: Ruhig, mein Freund! Lassen Sie das gut sein, wir wollen
unsere Schritte schon thun. Erlauben Sie mir nur einen Augenblick, diesen Mann
noch ber den Hofmeister auszufragen. Das ist eine Sache, die mich von meinem
Standpunkte aus hchlich interessirt.
    Der General seufzte tief auf, fuhr sich mit der Hand ber die Augen, und als
er mit dem Kopfe genickt, lie er sich auf einen Fauteuil niedergleiten, wo er
in tiefem Nachsinnen zusammensank.
    Eilfertig hatte Herr Struber sein Geld eingeschoben und wandte sich mit
einer tiefen Verbeugung nach der Thre. Noch einen Augenblick! rief ihm der
Polizei-Prsident nach. Was Sie von dem Hofmeister sagen, interessirt mich.
Wissen Sie vielleicht den Namen desselben?
    O ja, entgegnete Herr Struber. Es ist ein sonderbarer Name; ich hrte
ihn, aber ich habe ihn wohl vergessen. Warten Euer Gnaden einen Augenblick -
Herr Axt - nein! - Herr Messer - auch nicht - aber es ist etwas Schneidiges
dabei.
    Herr Beil? sprach erwartungsvoll der Prsident.
    Richtig - Beil, so heit er. Ja wohl, Herr Beil, darauf knnen Sie sich
fest verlassen.
    Bei diesen Worten drckte sich Herr Struber rckwrts zur Thre hinaus und
eilte, so schnell er konnte, die Treppen hinab. Erst als er auf der Strae
angekommen war, athmete er tief auf, drckte mit der Hand an das Geldpaket, das
er auf der Brust verwahrt hatte, und wandte seine hastigen Schritte gegen den
Eisenbahnhof. Er dachte an eine angenehme Fahrt, an frische Winterluft,
vorberfliegende Bume und Huser und ein gutes Nachtquartier, wo er in der
warmen Stube bei einem gewhlten Nachtessen sitzen wolle, der Stadt, dem
Fuchsbau, der Polizei, sogar ihm ein Schnippchen schlagen, und bei einem guten
Glase Wein berlegen, was weiter zu thun sei.
    So dachte Herr Struber, und ihm ahnte nicht, da derweilen ein finsteres
Verhngni hinter ihm drein schreite, die ewige Gerechtigkeit, - diesmal in
blauer Uniform mit einem dreieckigen Hut, unter welchem eine rothe spitze Nase
drohend hervorsah.
    Der Polizei-Prsident war an den Fauteuil seines Freundes getreten und hatte
mit wirklichem Mitgefhl gesagt: Bester General, das ist in der That eine
verwickelte Geschichte. Sie wollten mich vorhin nicht zu Worte kommen lassen,
als ich mich nach jenem Hofmeister erkundigte. Wie Sie hrten, that ich dies
aber doch, und die Auskunft, die ich erhielt, macht mich schaudern. So wehe es
mir thut, kann ich es Ihnen doch nicht verschweigen: Jener Hofmeister - Beil
heit er - ist der Theilnahme an einem krzlich verbten Einbruch dringend
verdchtig, und ist derselbe jedenfalls Mitglied einer weit verzweigten
Diebesbande, die in hiesiger Stadt ihr Unwesen trieb, der wir aber, Gott sei
Dank! auf der Spur sind, und die wir berraschen und schonungslos aufgreifen
mssen. Schonungslos sage ich, und wir mssen, so leid es mir thut, mit dem
Hofmeister jenes Knaben anfangen.
    Hier schwieg der Prsident einen Augenblick, und erst als der General
achselzuckend mit dumpfer Stimme entgegnete: Thun Sie so, Sie haben Recht,
fuhr er fort:
    Dabei aber, bester Freund, knnte vielleicht der Fall eintreten, da man
auch jenen jungen Mann, der dort zuweilen hingehen soll, in dem Hause antrfe.
    Sie wollen sagen: jene Frau, entgegnete zhneknirschend der General.
    Auch das wre mglich, und es sollte mir wahrhaftig leid thun, setzte der
Prsident wie sich entschuldigend hinzu. Doch knnte man dafr sorgen, da jene
Dame nicht dort getroffen wrde.
    Im Gegentheil! rief der General mit funkelnden Augen, wobei er von seinem
Stuhl in die Hhe sprang. Man soll sie finden, au nom de Dieu! Man soll sie
finden, et je m'en charge, prsident. Bereiten Sie Alles vor, das Haus zu
durchsuchen, aber warten Sie, bis Sie von mir zwei Zeilen erhalten. Das wird
gewi heute noch geschehen. Dann aber greift, was ihr findet, ohne Schonung, und
haltet fest, was da ist. In demselben Augenblicke werde ich mir allerhchsten
Ortes eine Audienz ausbitten - point de menagments, je vous prie!
    Er reichte dem Polizei-Prsidenten schweigend die Hand, und dieser, die
Gemthsstimmung des Generals verstehend, entfernte sich schweigend.

                         Sechsundsiebenzigstes Kapitel.



                                 Achselbnder.

Gewhnlich wurden jedes Jahr bei Hof zwei groe Maskenblle gegeben. Es war das
so herkmmlich, und wenn sich vielleicht auch Niemand besonders dabei amusirte,
so sah man diesen Festen doch mit einigem Interesse und Neugierde entgegen; es
war eine Unterbrechung in dem bestndigen Einerlei der Diners und Frhstcke,
der Hofkonzerte und gewhnlichen kleineren und greren Blle. Es fiel da
meistens allerlei vor, worber man ein paar Wochen lang sprechen konnte, es gab
da Kostme zu bewundern und zu bekriteln. Selbst das Hofmarschallamt, das bei
diesen Festen Arbeit und Sorge genug hatte, liebte dergleichen ein paar Mal im
Jahr; es war das, wie wenn das Militr in neuen Anzgen, Waffen und Fahnen
paradirt - so glnzte dann der Hofmarschall mit den besten Livren, den
schnsten Slen, prchtiger Beleuchtung und dem groen Silberzeug. Dehalb glich
auch schon mehrere Tage vor diesen groen Bllen ein Theil des Schlosses,
namentlich der, wo sich die Kchen befanden, einem Bienenschwarme, und wie in
einem solchen summte es auch hier aus und ein. Die Kchenjungen glhten vor
Eifer und Maulschellen, die Schloknechte liefen in einem bestndigen Hundetrab
hin und her, die gesetzteren Lakaien nahmen in den Gngen und Zimmern des
Schlosses noch verstohlener als sonst ihre Prise, und erinnerten sich an
Carnevalblle aus diesem oder jenem Jahrgang, wo dies und jenes geschehen war,
meistens an und fr sich etwas sehr Unbedeutendes, aber unvergelich fr das
Gemth eines Hofbedienten, als zum Beispiel eine abgetretene Schleppe, eine
verschttete Sauce, eine allerhchste Nase dem Hofmarschallamt gespendet, oder
dergleichen mehr. Gefhrlich war es brigens an diesen Tagen in den Kchen
selbst und zwar an den Pltzen, wo der regierende Koch Hochselbst zu komponiren
und zu arbeiten pflegte. Diesen Ort umschlichen die Kchenjungen mit wahrem
Grausen und schtzten sich glcklich, wenn sie eine Kasserole berbracht, ohne
dafr einen Futritt oder eine Kopfnu eingehandelt zu haben.
    In den Slen wurden die Kronleuchter nachgesehen, in den Nebenzimmern
Buffets und Tische aufgeschlagen, die Treppen mit Teppichen bedeckt, und das
alles von den hheren Hofbediensteten auf's Sorgfltigste berwacht. Sogar der
Hofmarschall war an diesen Tagen ernster als gewhnlich, seufzte zuweilen, zog
die Augenbrauen in die Hhe und dachte gern an jenen Moment, wo Alles glcklich
vorber sein werde und wo sich die hchsten Herrschaften nach genug ertragener
Langeweile mde, aber zufrieden in ihre Gemcher zurckziehen wrden.
    Wenn auch in den brigen Theilen des Schlosses, die mit den festlichen
Rumen in gar keiner Verbindung standen, uerlich an diesen Tagen keine
Vernderung wahrzunehmen war, so beschftigte man sich doch auch hier mehr oder
minder mit dem bevorstehenden Feste. Selbst im Adjutantenzimmer wurde die
Dominofrage verhandelt: ob Seine Majestt dieses Jahr Hchstselbst vermummt
erscheinen werde und welche Farben man zu Ihrem Anzuge bestimmen wrde? Solche
Gesprche hrte der Leibkammerdiener mit einem unaussprechlichen Lcheln an,
denn er allein wre im Stande gewesen, die Herren ber die Sache au fait zu
setzen.
    Da die eingeladene jngere Generation sich auf's Eifrigste mit ihren
Kostmen beschftigte, brauchen wir wohl nicht erst zu bemerken. Und da man an
diesem Tage groe Geheimnisse vor einander hatte und sich gerne Ueberraschungen
bereitete, so waren die Garderoben der Herren und Damen, wo Schneider, Nhterin
und Kammerjungfer arbeiteten, fr Uneingeweihte fast hermetisch verschlossen.
    Am Tage des Balles selbst klrte sich nun das wilde Getreibe in den unteren
Rumen des Schlosses so ziemlich ab und es begann dort Stille und Ruhe zu
herrschen - die drckende Stille vor einem Sturm. Selbst die Kchentyrannen
waren umgnglicher geworden: man mute nun eben Alles gehen lassen, wie es ging.
An der fertigen Arbeit war nichts mehr zu ndern, selbst die gewaltigste Hand
konnte nicht mehr die Speichen des Rades regieren, das unaufhaltsam den Berg
hinab rollte. Nur in den oberen Rumen des Schlosses wurde fast noch emsiger
gearbeitet, als an den vorhergehenden Tagen, namentlich in den Garderoben der
Hofdamen und Ehrenfruleins der Frau Herzogin. Dieselbe hatte sich, wie sie gern
zu thun pflegte, eine kleine Ueberraschung ausgesonnen. Dem Fest-Programme nach
sollte sie mit ihren Damen erst auf dem Balle zum Gefolge Ihrer Majestt stoen.
Daran nderte sie nun freilich nichts, doch wollte sie vorher maskirt erscheinen
und sich selbst mit den hchsten Herrschaften einige unschuldige Spsse
erlauben. Sie hatte sich das Kostm einer Zauberin gewhlt und ihre Damen
sollten sie als phantastisch gekleidete Gehilfinnen oder vielmehr dienende
Geister umgeben. Den Damen war dieses Projekt erst zwei Tage vor dem Ball und
zwar mit dem allerhchsten Wunsche der strengsten Geheimhaltung anvertraut und
ihnen dabei befohlen worden, nach mitgetheilter Figurine schleunigst fr ihre
Kostme zu sorgen.
    Daran wurde nun auf's Emsigste gearbeitet, und da es ein trber nebeliger
Tag war, so hatte man in der Garderobe der Frulein Eugenie von S. schon in
frher Nachmittagsstunde die Fenstervorhnge herabgelassen und Lichter
angezndet. Tische und Sthle waren mit seidenen und durchsichtigen Stoffen
bedeckt; geffnete Kartons standen auf dem Fuboden und zeigten ihren bunten
Inhalt: knstliche Blumen, Bnder, Federn. An einem Arbeitstische in der Ecke
des Zimmers saen zwei Mdchen, die einen langen Schleier von grauer Seidengaze
vor sich ausgebreitet hatten und beschftigt waren, denselben mit kleinen
silbernen Sternen zu bedecken. Eins dieser Mdchen war schlank und schmchtig,
und sein schmales, seines, etwas blasses Gesicht wurde von starkem blondem Haar
beschattet. Die Andere, die um mehrere Jahre lter erschien, war eine krftige,
derbe Person, ihr Gesicht hatte eine gesunde Farbe und dunkle, lebhafte Augen,
sowie etwas stark aufgeworfene Lippen gaben ihm einen lustigen, ja beinahe
kecken Ausdruck.
    Die Blonde nhte eifrig darauf los, whrend sich die Andere in den Stuhl
zurcklehnte, den einen Fu auf einen Schemel setzte und sich die Arbeit
wohlgefllig betrachtete. Sie hielt eine eingefdelte Nadel in der einen Hand,
sowie einen der silbernen Sterne in der andern, und meinte lachend, sie mchte
auch wohl eine vornehme Dame sein und sich einmal in solch prachtvollem Anzuge
in einem glnzend erleuchteten Saale bewegen. Eigentlich wre ein solch' langer
Schleier bei einem Balle doch nichts fr mich, fuhr sie nach einer Pause fort,
denn weit du, Henriette, ich tanze gern und daran hindert einen doch die
Schleppe des Schleiers.
    So ist der Geschmack verschieden; ich mache mir aus dem Tanze gar nichts.
Aber das kann ich schon sagen, einmal so einen glnzenden Ball zu sehen, schn
vermummt, wrde mir auch vielen Spa machen.
    Die Andere begann ihren Stern aufzuheften und sagte zwischen der Arbeit,
wobei sie einen Augenblick mit pfiffigem Gesichtausdruck aufwrts schielte:
Weit du wohl, da es gar nicht so schwer wre, so einen Ball anzusehen? Wir
brauchten uns nur ein paar Dominos zu verschaffen, was hier im Schlosse nicht
schwer wre und keck zur Thre hinein zu gehen. Es wrde uns Niemand kennen.
    Du bist in der That unverbesserlich, Nanett, erwiderte die Blonde mit
leichtem Kopfschtteln. Ich glaube, du wrest im Stande, so etwas auszufhren!
    Und warum denn nicht? Man mu das Leben genieen, so lange man kann. Aber
du bist auch zu gar nichts zu gebrauchen.
    Ich thue meine Pflicht nach meinen Krften.
    Das mu dir der Neid lassen. Und dein Frulein knnte sich keine bessere
Kammerjungfer wnschen, als du bist; immer zu Hause, immer am Arbeiten und
verschlossen wie das Grab. Du bist wirklich ein Muster.
    Wenn du das einsiehst, Nanett, erwiderte die Blonde nach einer Pause, und
es dein Ernst ist, was du eben sagtest, so httest du dich wohl ein wenig nach
mir richten und dich auch in mancher Beziehung ndern knnen.
    Ich mich noch mehr ndern! rief Nanette mit erknsteltem Erstaunen, wobei
sie aber lustig die Hnde zusammenschlug. Bin ich nicht ganz und gar anders
geworden, seit wir uns zum ersten Mal gesehen? Weit du noch, an jenem Abend in
dem finstern Hause, dem Fuchsbau!
    O davon schweige mir! Wenn ich den Namen hre, so frstelt es mich.
    Ja, es war allerdings zu der Zeit unangenehm, aber es hatte auch wieder
seine schnen Seiten. Ich komme mir jetzt wahrhaftig oft wie ein gefangener
Vogel vor. Und wenn ich so zuweilen in das Land hinaus schaue und dabei zufllig
auf der Strae eine Orgel hre, so erfat mich oftmals eine solche Sehnsucht und
Wehmuth, da ich laut hinaus weinen knnte. Wahrhaftig, Henriette, ich wei
nicht, was ich an dir fr einen Narren gefressen habe und wehalb ich Alles thun
mu, was du von mir verlangst. Aber wenn du nicht da wrest, htte ich schon
lange meine Harfe wieder genommen und wre hinausgezogen in die freie Natur.
    Das verstehe ich nicht, entgegnete die Blonde mit einem traurigen Lcheln.
Hast du hier nicht Alles, was du wnschest? Die Damen, bei denen du arbeitest,
mgen dich leiden, ja, sie lachen ber deine lustige Laune, und wenn du oft
singst, statt zu nhen, so beschenken sie dich noch obendrein. Dabei hast du ein
gutes Einkommen und kannst etwas zurcklegen fr deine Heirath, von der du
zuweilen sprichst.
    Nanette strich sich die Haare aus dem Gesicht, dehnte sich ein wenig auf
ihrem Stuhle und erwiderte dann: Das alles hat der gefangene Vogel auch; er
wohnt in einem hbschen Hause, er bekommt gutes Essen und Trinken und darf
singen. Aber nur so lange es seiner Herrin gefllt! Denn wenn er einmal recht
anfngt zu schmettern und zu jubiliren, so hngt man ein Tuch ber seinen Kfig,
damit er aufhrt. Was nun meine Heirath anbelangt, so ist das eine kuriose
Geschichte. Du weit, Schatz - ich sagte es dir ja damals - da ich bei den
Andern eine Verbindung hatte, natrlicherweise lie ich die fahren, als ich ein
neues Leben anfing. Doch that es mir recht leid und ich kann's immer noch nicht
vergessen. Der Leiblakai will mich allerdings heirathen, aber er ist so
furchtbar zahm und geschniegelt; er kmmt sein bischen Haar so glatt auf den
Kopf und hat bestndig ein so wichtiges Gesicht. - So! - Bei diesen Worten
machte sie eine so komische Grimasse, da die Andere eben laut auflachen mute.
Gewi, Henriette, fuhr das ehemalige Harfenmdchen fort, glaub mir, du bist
es allein, die mich zurckhlt, und wenn du dich je einmal verndern wrdest, so
knnte ich mich allein damit trsten, da ich alsdann wieder in das Land hinaus
zge und laut in Feld und Wald snge:

Im Drfchen, nicht weit ist's von hier,
Da lag ich einmal im Quartier.
Tralalalala - a! -
Da lag ich einmal im Quartier.

    Um Gotteswillen! bat die Andere besorgt, gleich wird das gndige Frulein
kommen und sich nach dem Lrmen erkundigen. Mach' fort, mach' fort, wir haben
noch viele Sterne aufzuheften.
    Bah! du drohst mir wie den kleinen Kindern. Das gndige Frulein ist gar
nicht da, du weit so gut wie ich, da sie ausgefahren ist. Ich wei auch
wohin, fuhr sie schelmisch lachend fort.
    Und wohin denn?
    Zu der Frau Majorin von S. Es ist dir bekannt, da ich hufig da arbeite,
und fast jedes Mal, wenn ich da bin, kommt auch dein gndiges Frulein. Und
gleich darauf, wie das Amen nach der Predigt -
    Nun, was denn? Sprich nur weiter!
    Gleicht darauf fhrt ein kleiner Wagen vor und der Herr Graf Fohrbach
erscheinen. Oder wenn er nicht herauf kommt, so reitet er wenigstens am Hause
vorbei. Aber das kennst du gerade so gut wie ich. Nicht wahr? - Sage mir doch,
fuhr sie nach einigem Stillschweigen fort, als die Andere keine Antwort gab,
weit du, ob bald die Hochzeit sein wird?
    Ich wei von gar nichts, erwiderte Henriette bestimmt.
    Nun, so will ich dir's sagen. Sie werden sich heirathen mit dem frhesten
Frhjahr und eine groe Reise machen. Siehst du, glckselige Kreatur, da darfst
du auch mit! Und ich - ich sollte hier bleiben in der finstern Stadt? Nein,
liebe Henriette, das wirst du nicht von mir verlangen. Glaube mir, - dies
sprach sie mit auffallend ernstem Tone - so wehe es mir in dem Falle thut, dich
zu verlieren, so freue ich mich doch auf den Zeitpunkt, wo ich meine Freiheit
wieder erhalte.
    Hat es soeben nicht geklopft? sagte Henriette aufblickend.
    Ich habe nichts gehrt.
    Doch, doch! es klopft wieder.
    Richtig! wer kann da kommen? - Herein!
    Du bist recht unvorsichtig, flsterte die Kammerjungfer. Du weit ja, wir
drfen fr Niemand zu Haus sein. Glcklicherweise habe ich den Riegel
vorgeschoben. Sieh, man bemht sich vergeblich, die Thre aufzumachen.
    Wirklich wurde von auen mehrmals an der Klinke gedreht, und als sich das
Schlo nicht ffnete, von Neuem geklopft.
    Was machen wir? fragte Nanette. Man hat uns jedenfalls drauen sprechen
hren.
    Glaubst du? Das wre unangenehm.
    Allerdings; dehalb mu man wenigstens nachsehen, wer da ist.
    Aber es knnte Jemand sein, der dem gndigen Frulein unangenehm wre.
    Wenn ich mich unter die Thre stelle, entgegnete Nanette mit groer
Bestimmtheit, so kommt nur herein, wen ich gerade herein lasse. Ich wollte
sehen, wer gegen meinen Willen eindringt. Damit erhob sie sich, warf den Kopf
trotzig in die Hhe und sprach mit lautem Tone, als sich das Klopfen immer
wiederholte: Nur Ruhe da drauen; man kommt schon. Sie hatte die Thre
erreicht, schob den Riegel zurck und ffnete sie ein klein wenig, um hinaus zu
sehen. Doch wurde von auen so stark daran gedrckt, da Nanette ihre ganze
Kraft brauchte, um nicht weggedrngt zu werden. Was soll denn das? rief sie
zornig. Wer untersteht sich -
    Doch kam sie nicht zur Beendigung dieses Satzes. Mit dem Ausdruck des
grten Schreckens, als habe sie auf dem Gange ein Gespenst gesehen, fuhr das
sonst so muthvolle Mdchen zurck. Jesus Maria! rief sie, indem sie die Hnde
auf das Gesicht prete, dann schwankte sie erschrocken zurck bis zu ihrem
Stuhle hin, auf den sie lautlos niedersank.
    Die Thre war offen stehen geblieben, und die Kammerjungfer, welche bei dem
sonderbaren Benehmen ihrer Gefhrtin ebenfalls erschrocken aufgesprungen war,
sah auf dem halbdunklen Gange drauen eine Gestalt, die in einen groen Mantel
gehllt war. Nur der Kopf derselben war frei, und als sie in die leuchtenden
Augen schaute, strmte eine schreckliche Erinnerung auch auf sie so heftig ein,
da sie sich am Tische halten mute. - Groer Gott! ja, sie erkannte den Blick,
die ganze Gestalt war ihr unvergelich, denn sie hatte sie oft in wilden Trumen
vor sich gesehen. Das waren die Augen, die sie ernst aber nicht unfreundlich
angeschaut, das war der Arm, der sie aufrecht erhalten, das waren die hohen
glnzenden Stiefel, welche ihre heie Wange berhrt hatten und deren Klte und
Gltte sie wieder zum Bewutsein erweckt.
    Die Gestalt trat langsam in das Zimmer und wie sie das that, erhob sich das
ehemalige Harfenmdchen mit dem Ausdruck des tiefsten Schreckens von ihrem
Stuhle und ohne einen Blick von dem Eintretenden wegzuwenden, zog sie sich
langsam zum Fenster zurck.
    
    Der im Mantel trat mit leichten Schritten bis in die Mitte des Zimmers vor
und sagte in geflligem Tone zu der Kammerjungfer: Bitte, die Zimmerthre
wieder zu schlieen; ich wnschte ein paar Augenblicke mit dir zu reden.
    Bei diesen Worten huschte Nanette eilfertig an der Wand des Zimmers hin
gegen die Thre zu, vielleicht um diesem Befehl Folge zu leisten, vielleicht
aber auch, um aus der fr sie so entsetzlichen Nhe zu entwischen. Etwas der Art
mochte sich brigens der Fremde auch denken, denn er wandte sich langsam um,
folgte den Bewegungen des Mdchens mit den Augen, und als sie an der Thre
angekommen war, sagte er mit ruhiger Stimme: Nur schlieen und den Riegel
vorschieben - so- Darauf machte er eine Handbewegung, welche Nanette
unwillkrlich zwang, ihren Platz am Fenster wieder einzunehmen. Als sie wieder
da angekommen war und der Schein des Lichts auf ihr Gesicht fiel, sprach der
Fremde lchelnd zu der Kammerjungfer: So, so, du protegirst und hast die
Gefhrtin von damals nachgezogen? Dagegen kann man nichts einwenden, es gefllt
mir sogar, nur htte ich geglaubt, du wrdest mir eine kleine Anzeige davon
machen. Doch bist du berhaupt keine Freundin von Berichten und dieselben werden
von Tag zu Tag mangelhafter.
    Das Mdchen zuckte bei diesen Worten zusammen und blickte auf den Boden.
    Es ist auch Zeit, da ich mich in deinem Gedchtni wieder einmal
auffrische; ich glaube, du httest mich sonst ganz vergessen.
    Nie! nie! hauchte das erschrockene Mdchen.
    Oder deine Verpflichtungen, fuhr der Andere lchelnd fort. Ah! sagte er
nach einer Pause, whrend welcher er sich rings im Zimmer umgesehen, du zeigst
wenig Eifer fr uns und man hat die doch in eine Position gebracht, die angenehm
zu nennen ist. Es ist das aber so der Welt Lauf, da man Wohlthaten gern
vergit; aber Eines ersuche ich dich nicht zu vergessen, da nmlich meine Hand
ber dir schwebt, da ich dich halten kann oder dich tief hinab strzen,
zermalmen, in Nichts zurcksinken lassen, wie es mir gerade einfllt. Damit
hatte er seine Rechte langsam ausgestreckt, sie geffnet, und als er sie nun
wieder zusammenzog, schauerte es den beiden Mdchen und es war ihnen gerade, als
ffne sich zu ihren Fen ein finsterer Abgrund, mit glattem schlpfrigen Rande,
wo hinein zu strzen es fr sie nicht mehr als eines Lufthauch bedrfe.
    Doch genug, sprach der Fremde in geflligerem Tone, ich bin eigentlich
nicht gekommen, dir Vorwrfe zu machen oder dir Mitrauen zu bezeigen. Im
Gegentheil, ich will dir mein Vertrauen beweisen und dich sogar um eine kleine
Geflligkeit bitten, die du mir nicht abschlagen wirst.
    Ich stehe in Ihrer Hand, erwiderte Henriette, ohne aufzublicken. Das wei
ich wohl und mu Ihren Befehlen Folge leisten. Sie knnen mich zwingen.
    Ich mchte aber diesmal, da du es freiwillig thtest. Auch verlangt man
nichts Schlimmes von dir.
    O wenn es mich betrfe, so wrde ich mit tausend Freuden Ja sagen.
    Der Mann im Mantel warf fast verchtlich die Lippen auf und versetzte
achselzuckend: Deine Person betrifft es nicht, nur deinen Dienst.
    Das arme Mdchen fuhr zusammen und warf einen schchternen Blick auf ihre
Gefhrtin.
    Der Fremde hatte diesen Blick wohl bemerkt, er lie langsam das eine Ende
des Mantels von der Schulter herabgleiten, legte die linke Hand leicht auf den
Griff seiner Waffe, die er heute wie damals trug, und sagte, whrend er das
ehemalige Harfenmdchen scharf anschaute: Nur unbesorgt: wir sind ganz unter
uns. - Hre mich an.
    Ich hre, entgegnete Henriette mit gesenktem Kopfe.
    Heute Abend ist ein Maskenball hier im Schlosse. Der Hof wird gegen zehn
Uhr da sein, um welche Zeit ein kleines Maskenspiel beginnt, welches von den
hohen Herrschaften arrangirt wurde. Vorher aber wird sich die Frau Herzogin mit
ihren Damen noch einen kleinen Spa machen und vermummt erscheinen.
Natrlicherweise ist auch deine Herrin dabei. Dort liegt ein Theil ihres
Kostms. Er zeigte auf den Schleier mit den silbernen Sternen. Bei dem
Maskenfeste aber ist Frulein Eugenie von S., eine der Ecuyren Ihrer Majestt.
Ich sehe dort ihren Anzug, das dunkelblaue Oberkleid mit den weien
Achselbndern. - Ist's nicht so?
    So ist es, brachte Henriette mhsam hervor.
    Nun wohl - hre mich an: So viel ich wei, wirst du dich gegen zehn Uhr zum
Umkleiden deiner Herrin in eine der Garderoben neben dem groen Saal begeben.
Gut, daran wird nichts gendert. Ehe du aber den dunkelblauen Anzug dorthin
bringst, wirst du die weien Achselbnder von demselben lostrennen und dafr
diese hier aufnhen. Bei den Worten zog er ein kleines Paketchen unter dem
Mantel hervor, ri die Papiere ab und reichte dem auf's Hchste berraschten
Mdchen zierlich gemachte Achselbnder, in Blau, Grn mit Silber. - Das Ganze
ist eine Ueberraschung fr Frulein von S. fuhr er nach einer Pause lchelnd
fort, du mut nicht denken, da hinter meinen Befehlen immer etwas Gefhrliches
stecke. Wie gesagt, nur ein Scherz, eine Ueberraschung. Du wirst also wohl
begreifen, da deine Herrin davon nichts ahnen darf und hast es denn auch so
einzurichten, da sie die neuen Achselbnder erst dann sieht, wenn sie
vollkommen angezogen ist.
    Aber wie ist das mglich? fragte das Mdchen, whrend es die Hnde
zusammenfaltete. Trotz der Versicherung des Unbekannten glaubte sie doch nicht,
da die Verwechslung der Farben so gar wenig zu bedeuten habe, und zitterte wenn
sie daran dachte, da aus diesem Tausch Schlimmes fr ihre Herrin entstehen
knnte.
    Wie es zu machen ist, da Frulein von S. die Farben nicht frher
entdeckt? meinte der im Mantel lchelnd. Auf die einfachste Art von der Welt.
Um die Achselbnder zu schonen, umnhst du sie mit seinem Papier, welches du nur
loszureien hast, sobald Frulein von S. vollstndig angezogen ist. Hast du mich
verstanden?
    Ja, sagte das schmerzlich bewegte Mdchen.
    So hre noch Eins: Wenn du diese Sache gut besorgst, so wird es mich freuen
und ich will dein Schuldner sein. Hte dich aber, Jemanden, es sei, wer es
wolle, davon zu sprechen, auf welche Art der Tausch der Achselbnder vor sich
gegangen.
    Aber man wird mich darber befragen, auf das Genaueste befragen.
    Daran zweifle ich nicht. Und du wirst antworten: diese Achselbnder seien
heute Abend geschickt worden mit dem Befehl deiner eigenen Herrin, sie statt der
weien an das Kostm zu heften.
    Die Kammerjungfer schttelte betrbt den Kopf. Wenn dem so wre, sprach
sie, so mte ich doch mit dem gndigen Frulein darber sprechen, wenn sie
nach Hause kme und mte ihr die neuen Achselbnder zeigen.
    Allerdings, versetzte der Fremde, das mtest du als vorsichtige Dienerin
thun. Aber du wirst heute Abend einmal unvorsichtig sein, vergelich. Erst wenn
Frulein von S. kostmirt ist, fllt es dir ein, da du andere Achselbnder
aufgeheftet. Hast du mich verstanden?
    O ich verstehe Alles.
    Nun, so verstehe mich auch vollkommen und merke dir: es ist mein Wille,
mein Befehl, da es so geschieht, wie ich gesagt. Glaube nicht, da dich diese
Mauern schtzen, wenn du meinem Befehl ungehorsam wrest. - Doch, setzte er mit
weicher Stimme hinzu, ich will dir keine Furcht einflen, ich will mich an
deine Dankbarkeit wenden, und von diesem Gefhle in deinem Herzen bin ich
berzeugt, da es dir helfen wird, meinen Wunsch zu erfllen. Er fate bei
diesen Worten ihre Hand, mit welcher sie sich fast gewaltsam am Tische
festhielt, und als sie bei dieser Berhrung zusammenfuhr, sprach er mit einem
angenehmen Lcheln: Der kleine Dienst, den du mir leisten wirst, soll dein
letzter fr mich sein. Damals sagte ich dir, es sei unwahrscheinlich, aber doch
mglich, da ich dich nochmals wiedershe, heute dagegen versichere ich dich
auf's Bestimmteste, da wir uns nie mehr begegnen werden, wenn du meinen Wunsch
pnktlich erfllst. - Etwas Anderes wre es freilich, fuhr er mit gnzlich
verndertem Tone fort, wenn du an mir zur Verrtherin werden wolltest. In dem
Momente blicke um dich und schaudernd wirst du mich wiedersehen.
    Ah! machte das gengstigte Mdchen und prete schmerzlich bewegt ihre
beiden Hnde vor das Gesicht. Als sie dieselben langsam wieder sinken lie, war
er verschwunden und sie sah an dem erschrockenen Blick ihrer Freundin, welchen
diese auf die nun wieder offene Thre geheftet hielt, da er das Zimmer
verlassen. Henriette sank auf ihren Stuhl nieder, reichliche Thrnen floen ber
ihr Gesicht herab, wobei sie ausrief: O ich wute es wohl, da dies glckliche,
friedliche Leben von nicht langer Dauer sei! Sie wird mich von sich stoen, ich
bin verloren!
    Drauen auf dem Korridor warf er den Mantel ber die Schultern, so da sein
Gesicht fast von demselben verdeckt wurde, und dann verlie er, die
hellerleuchteten Gnge und Treppen vermeidend, aus einer hinteren Thre das
Schlo. Auf der Strae angekommen, schien er einen Augenblick unschlssig, wohin
er sich wenden solle. Er machte ein paar Schritte gegen den Kastellplatz zu,
wandte aber gleich darauf wieder um, trat in eine der kleinen dunklen Straen,
von denen mehrere in der Nhe des Schlosses mndeten und ging auf dieser fort,
der oberen Stadt zu.
    Bald erreichte er eine Strae, an deren Ende sich ein Springbrunnen befand,
dorthin wandte er seine Schritte, und bei dem Brunnen angekommen, stellte er
sich mit dem Rcken gegen denselben und blickte das gegenber liegende Haus an;
entweder war in keinem der Zimmer ein Licht oder man hatte dichte Vorhnge
herabgelassen. Ich wei nicht, wie mir ist, sprach er zu sich selber und zog
seine Uhr hervor, jetzt treibt es mich diesen Abend schon zum dritten Male vor
dies Haus - unerklrlich! Gerne ginge ich einen Augenblick hinauf, doch ist mir
mein Anzug hinderlich. Beil wrde mich nicht geniren, aber die alte Frau und das
Kind; und dann knnte auch sie wohl da sein. Er hielt das Zifferblatt der Uhr
gegen die Gaslaterne. Erst Sieben; ich knnte mich rasch umkleiden und dann
einen Augenblick hinaufgehen. - Ah bah! Man mu sich von seinen Nerven nicht
zwingen lassen. - Und doch war ich lange nicht so weich gestimmt, wie am
heutigen Abend; ich glaube fast, meine Hand zittert. Ja, ich fhle mich
aufgeregt; htte das Mdchen im Schlosse mich mit Bitten bestrmt, ich htte die
Achselbnder des Herzogs zu allen Teufeln fahren lassen.
    Der im Mantel hatte Recht, als er so vor sich sprach, denn wer ihn frher
htte nchtlich durch die Straen dahin gehen oder beobachtend vor dem Hause
stehen sehen, wrde wohl heute einen groen Unterschied haben wahrnehmen knnen.
Er sphte nicht eifrig umher, wie er sonst wohl zu thun pflegte, er hemmte nicht
den Schritt und wandte den Kopf bei dem leisesten Gerusch, sondern er ging ganz
gegen seine Gewohnheit wie trumend einher, den Blick auf den Boden gesenkt,
unachtsam, stolpernd. Sein Geist war offenbar beschftigt und zerstreut, woher
es denn auch wohl kommen mochte, da er nicht gewahr wurde, wie sich whrend der
Zeit, die er am Brunnen zubrachte, die Gestalt eines Menschen, welche im
tiefsten Schatten des gegenberliegenden Hauses versteckt stand, zuweilen gegen
ihn vorbog und ihn whrend der ganzen Zeit, die er dort zubrachte, unablssig
und aufmerksam anschaute. Ja, als er sich hinweg begab, folgte ihm die Gestalt,
wobei dieselbe immerfort die Schatten der Huser bentzte, um nicht von ihm
gesehen zu werden. Doch, wie schon bemerkt, sie htte sich diese Vorsicht sparen
knnen, denn er ging die Strae hinab den Kopf gesenkt, nicht auf- noch
rckwrts blickend.
    Er wandte seine Schritte dem Fuchsbau zu und die Gestalt hinter ihm lie ihn
nicht aus den Augen. Sie war ihm gefolgt, den Kopf vorgestreckt, die Augen weit
geffnet. Auf einmal aber stutzte sie und blieb stehen; sie wandte den Kopf
jetzt halb rechts, jetzt halb links und strzte darauf mit ein paar raschen
Schritten vorwrts, um hierauf abermals stehen zu bleiben. Als sie so zum
zweiten Male stehen blieb, war das dicht vor der hohen Mauer eines Hauses,
welches mit dem Fuchsbau zusammenhing. An dieser Mauer war der vor ihr Wandelnde
verschwunden; der Teufel mochte wissen, wo er hingekommen war. Da befand sich
weder Thre noch Fenster, ja nicht einmal eine Spalte, wo eine Maus htte
durchkriechen knnen, der Verfolgte aber war verschwunden und der Verfolger
stand kopfschttelnd vor der hohen Mauer, ging erst zwanzig Schritte rechts,
dann ebensoviele links, um vielleicht hier einen Eingang zu ersphen, umkreiste
nach dieser vergeblichen Bemhung den ganzen Huserkomplex und eilte dann mit
ziemlich raschen Schritten nach der obern Stadt zurck.

                        Siebenundsiebenzigstes Kapitel.



                                  Im Fuchsbau.

Der Andere war indessen durch den fast nur ihm allein bekannten sehr kunstreich
versteckten Eingang in das Innere des Fuchsbaues gelangt, immer noch ohne
Ahnung, da ihn Jemand bis an die Mauern desselben verfolgt. Ein schmaler Gang
nahm ihn auf, der sprlich erhellt war von einer einzigen Lampe, die in einer
Nische brannte. Neben sie legte er seinen Mantel hin, stieg langsam eine Treppe
hinauf, und trat wenige Augenblicke nachher in das uns bekannte Zimmer. Hier
befand sich Niemand, berhaupt herrschte im ganzen Hause, wenigstens in diesem
Theile desselben, die gewhnliche tiefe Stille. Auf dem Tische brannten zwei
Lichter, im Kamin loderte ein helles Feuer. Der Eingetretene legte seinen Hut
auf den Tisch, fuhr sich mit der Hand ber die Stirne, schrnkte darauf die Arme
ber der Brust, und ging mit groen Schritten im Zimmer auf und ab.
    Ihn beschftigte das Haus bei dem Brunnen in der oberen Stadt, er wute
selbst nicht warum. Er htte so gerne Herrn Beil besucht und das Kind, und da
er es unterlassen, verursachte ihm jetzt ein unbehagliches Gefhl. Doch konnte
er sich von diesem Gefhl keine Rechenschaft geben. Wie oft war er schon Nachts
bei diesem Hause vorbergegangen, ohne es zu betreten; er hatte die dunkeln
Fenster gesehen wie heute, er hatte gedacht: sie schlafen schon oder befinden
sich in den hinteren Zimmern; er war beruhigt fortgegangen, ja oftmals vor sich
hin lchelnd, wenn er sich den guten Beil vorgestellt, wie er jetzt mit der
wichtigen Miene eines Hofmeisters die Kapitel aus Geographie und Geschichte
seinem Zgling wiederholte, die er selbst am Morgen erst mhsam erlernt. Heute
hatte er sich den Herrn Beil nicht in so behaglichem Zustande denken knnen. -
Bei Gott! sprach er zu sich selber, ein solches Gefhl hat mich noch selten
getuscht, es ist da etwas vorgefallen. Ich mu mir Gewiheit verschaffen. Er
ri heftig an dem neben ihm befindlichen Glockenzug, und ein heller Klang
ertnte augenblicklich darauf in dem Wirthszimmer.
    Eine Weile darauf hrte man die eiligen Schritte eines Mannes, die Thre
wurde hastig geffnet, und Herr Scharffer trat herein, ehrerbietig auf der
Schwelle stehen bleibend. Er war etwas schnell gelaufen, sah echauffirt aus, und
blies hastig den Athem von sich, so da sein weit abstehender, schwarzer und
struppiger Backenbart eine seltsame Bewegung machte.
    Der Andere trat ihm rasch entgegen und sagte: Mathias soll herkommen.
    Mathias? fragte der Wirth erstaunt. Der wird sobald nicht kommen knnen.
    Ah Teufel, wie konnte ich das vergessen, Meister Scharffer! Gewi, ich habe
heute Abend meine Gedanken nicht beisammen. Und doch beschftigte ich mich fast
den ganzen Tag mit Mathias. Wie geht es ihm?
    Der Wirth zuckte die Achseln, verzog seinen breiten Mund und entgegnete:
Die Wahrheit zu sagen, Herr - schlecht. Gott mge den verdammen, der den Sto
gefhrt; er ist tief, sehr tief gegangen. Er drang in die Seite ein und
verletzte, wie der Chirurge sagte, die Lunge so schwer, da - ja, ich kann's
nicht verschweigen, sein Aufkommen sehr ungewi ist.
    Erschreckt trat der Andere einen halben Schritt zurck, fate den Griff
seines Dolches und bi sich heftig auf die Lippen.
    Er hat auch viel Blut verloren, ehe sie ihn herbrachten, fuhr Herr
Scharffer fort. Viel Blut; und das geht ihm bestndig nach, denn er fllt von
einer Ohnmacht in die andere, oder man knnte eher sagen, er kommt selten mehr
zum Bewutsein, denn er liegt die meiste Zeit schwer athmend da und mit
geschlossenen Augen.
    So mu ich nach ihm sehen. Er ist doch gut verpflegt?
    Wie knnen Sie zweifeln, Herr? versetzte der Wirth im Tone eines leichten
Vorwurfs. Mathias, der uns Allen in's Herz gewachsen ist! Ich versichere Sie,
Alle im Fuchsbau sind voll Jammer und Betrbni.
    Fhrt mich hinauf. Ich mu ihn sehen.
    Sogleich Herr. Aber ich verga zu melden, da Josef drauen ist; er suchte
Sie schon seit mehreren Tagen und kam nun vor wenig Augenblicken, sah aber sehr
bleich und erschreckt aus und wollte gleich zu Ihnen herein. Ich bemerkte ihm,
es sei noch kein Zeichen mit der Glocke gegeben worden und Sie auch demnach noch
nicht im Hause. Darauf bi er sich heftig auf die Ngel und lief, allerlei
murmelnd in der Stube auf und ab. Sagen Sie mir doch, Herr, fuhr er mit einem
lauernden Gesichtsausdruck fort, trauen Sie dem Josef vllig?
    Wie mir selbst. - Aber wozu die Frage?
    Nun, er ist zuweilen in der Nhe der Polizeidirektion gesehen worden, und
Sie wissen wohl selbst, Herr, da wir mit den Lakaien im Allgemeinen Unglck
haben.
    Seid unbesorgt, mit dem da nicht. Er soll sogleich herein kommen. Ihr knnt
in der Nhe bleiben; ich habe vielleicht Auftrge fr Euch.
    Der Wirth zog sich mit einer tiefen Verbeugung des Kopfes hinaus; gleich
darauf trat Josef herein. Herr Scharffer hatte brigens recht, wenn er
behauptete, der Jger she unruhig und zerstrt aus. Dem war wirklich so; sein
Gesicht war noch blsser als gewhnlich, und seine Augen hatten einen seltsamen
Ausdruck.
    Der junge Mann stand mitten im Zimmer, er hatte die eine Hand in die Hfte
gestemmt, mit der andern winkte er dem Eintretenden lchelnd zu, wobei er sagte:
Ei, Josef, ich htte nicht geglaubt, dich so bald wieder hier zu sehen. Du mut
mir Auergewhnliches zu melden haben.
    So ist es auch, erwiderte Josef nach einem tiefen Athemzuge. Ich erlaubte
mir, Sie schon mehrmals aufzusuchen, Herr, aber Sie waren seit mehreren Tagen
nicht mehr hier im Fuchsbau; und auch Mathias lie sich niemals sehen.
    Ach ja, der arme Mathias! sagte der Andere.
    So ist es also wahr, Herr, was ich mir gedacht, als ich von jenem Einbruche
und der Verwundung eines der Beteiligten sprechen gehrt? Und Mathias ist -
todt?
    Nein, aber leider schwer verwundet. Doch sprich, was hast du mir zu sagen?
Dein Aussehen gefllt mir nicht, Josef; du hast Schlimmes zu berichten.
    Sehr Schlimmes, Herr.
    Nur zu, nur zu, man mu auf Alles gefat sein. Erzhle ohne Vorrede; du
weit, ich liebe kurze Mittheilungen.
    Josef verbeugte sich und holte mhsam Athem, als er sprach: Neulich war
mein Herr mit einem Bekannten spt Abends allein in seinem Kabinet.
    Wann war das?
    Vergangenen Freitag.
    Ah! - und welcher seiner Bekannten blieb bei ihm?
    Der Herr Maler Erichsen.
    Richtig, richtig! murmelte der junge Mann. Er blickte auf den Boden und
dachte: das war an jenem Abend, wo Erichsen seine Portrts des Herrn Dankwart
vorzeigte. Den andern Morgen war er bei mir und verlangte die bewute Schrift
mit einem Abdruck meines Talisman. Hren wir, was dazwischen vorfiel. - Whrend
er so nachdachte und zu Boden schaute, hatte das dunkle Auge des Jgers
aufmerksamer als je zuvor abwechselnd auf seinen Zgen, namentlich aber auf
seiner Gestalt geruht. Es schien, als stellte er Vergleichungen an, und je
lnger er das that, um so mehr verlngerten sich eine Zge, um so mehr nahmen
sie den Ausdruck des Schreckens an. Er fuhr ordentlich zusammen, als nun der
Andere sagte: Und was geschah an dem Abend, Josef?
    Die beiden Herren, fuhr der Jger mit bebender Stimme fort, sprachen ber
- eine rthselhafte Person, die in der Gesellschaft umhergehe, die meisten
vornehmen Huser besuche, die sich das Ansehen eines unabhngigen, hochstehenden
Mannes gbe, die aber im Verborgenen - allerlei seltsame und sonderbare
Geschichten treibe.
    Wre der junge Mann nicht so vollkommen Meister seiner selbst gewesen, so
htte man auf seinem Gesicht eine Bewegung wahrnehmen mssen. Denn obgleich ihn
die Worte des Jgers gnzlich unvorbereitet berfielen, wute er doch sofort,
wen dieser meinte, und dehalb waren die Worte desselben tief einschneidend wie
die Schrfe einer Axt, die, mit sicherer Hand gefhrt, den Baum trifft. Doch
verzog sich keine Miene; nur eine Sekunde lang zuckten seine Augenlider. Ja,
etwas wie Verwunderung flog ber sein Gesicht, als er entgegnete: Und wer ist
diese rthselhafte Person?
    Sie nannten den Herrn Baron von Brand.
    Ah! den Baron von Brand! Unser guter Bekannter, durch dessen Vermittlung du
deine Stelle erhieltst.
    Derselbe, Herr.
    Er kommt fter zum Grafen Fohrbach?
    O - sehr - oft.
    Natrlich sahst du ihn zuweilen?
    Ja - Herr, hufig. Aber ich ging ihm aus dem Wege, ich wute nicht, ob es
ihm angenehm sei, mir zu begegnen.
    Daran thast du sehr klug. Teufel! man mu das dem Baron mittheilen.
    Ich that es ja schon, Herr, rief der Jger in gewaltiger Bewegung. Ja,
Herr, verzeihen Sie mir; ich kann nicht anders, ich mu Sie warnen, denn es
ginge mir an's Leben, wenn Ihnen ein Unglck zustiee! Bei diesen Worten war
der Jger vor dem Andern auf die Kniee gestrzt, ein Paar Thrnen liefen ber
seine bleichen Wangen herab, und obgleich der junge Mann einen Schritt
zurckgetreten war, hatte Josef seine Hnde ergriffen und hielt sie mit den
seinigen krampfhaft zitternd fest.
    He, Josef! entgegnete der junge Mann, indem er seine Hnde loszumachen
versuchte, du spielst eine eigene Komdie. La die Narrheiten, steh' auf. Er
wollte in seinen Ton eine Hrte legen, was ihm aber nicht vollkommen gelang. Ja
er brachte diese Worte nur mhsam, gepret hervor.
    Stoen Sie mich nicht zurck, Herr, fuhr der Jger leidenschaftlicher
fort. Sie sagten schon mehrmals, Sie schenken mir Ihr unbedingtes Vertrauen. O
thun Sie es in Wahrheit; glauben Sie meinen Worten und treffen Sie schleunigst
Ihr Maregeln!
    Gewi, Josef, sei nicht kindisch, - steh auf! Was geht mich dein Baron von
Brand an? Was er angerichtet hat, soll er verantworten. Und so will ich es
gerade machen. - Aber steh' auf. Fr deinen Eifer danke ich dir herzlich, danke
ich dir wie ein Freund dem andern dankt. Bei diesen Worten zitterte seine
Stimme, und als er den Jger empor hob, fhlte dieser einen festen Hndedruck. -
Doch du bist mit deinen Unglcksbotschaften noch nicht zu Ende. Sprich weiter,
ich bin auf Alles vorbereitet.
    O wenn es so wre! seufzte Josef. Soeben kam mein Herr aus dem Schlosse;
er hatte den Dienst; Sie wissen, Herr, da man dort im Vorzimmer zuweilen
Manches erfhrt, was eigentlich verschwiegen bleiben sollte.
    Ja, ich wei das, sagte der Andere aufmerksam.
    Der Polizei-Direktor war vor der Tafel bei Seiner Majestt.
    Nachmittags gegen fnf Uhr? - Eine auergewhnliche Stunde.
    So kam es dem Herrn Grafen auch vor; und ich glaube, es war Seiner Erlaucht
auffallend genug, um darber Erkundigungen einzuziehen.
    Bei dem Kammerdiener oder bei dem Polizei-Prsidenten selbst? O wenn die
Stillschweigen gelernt htten! - Nun, es wird 'was Unbedeutendes gewesen sein.
    Nein, Herr, es war etwas sehr Bedeutendes. - Sie kennen ein kleines Haus in
der Schilderstrae; gegenber steht ein Brunnen.
    Ich kenne es nicht, entgegnete der Andere scheinbar unbefangen.
    Sie gingen oft dahin, Herr.
    Ich? - Niemals!
    Ah! verzeihen Sie, ich meinte den Herrn Baron von Brand.
    Das ist etwas Anderes. - Aber weiter! weiter! Obgleich die Stimme des
jungen Mannes wieder vollkommen ruhig geworden war, so athmete er doch fast
hrbar, seine Augen glnzten und seine Finger irrten auf dem Griffe des Dolches
hin und her.
    In dem Hause, fuhr Josef mit festem Blicke fort, hat die Polizei heute
Nachforschungen gehalten.
    Die Polizei! - und wehalb? - Wer gab ihr das Recht dazu? - Was fand sie?
    Achselzuckend fuhr der Jger fort: Ich wei Ihnen nur die letzte Frage zu
beantworten, Herr. Sie fanden in dem Hause eine alte Frau, einen kleinen Knaben,
einen jungen Mann - und eine Dame.
    Bei jedem Worte, welches der Jger aussprach, war der Andere sichtlich
zusammengefahren, doch hatte er sich gewaltsam bezwungen, wobei er sich die
Lippen fast blutig bi. Als aber Josef sagte: eine Dame, da behielt er seine
mhsame Fassung nicht lnger, er erbleichte auf eine furchtbare Art, seine Augen
starrten weit aufgerissen, er fate die Hand des Jgers mit zitternden Fingern
und sprach fast lautlos: Du hast gesagt: auch eine Dame -?
    Eine Dame, Herr - die Frau Baronin von W., Gemahlin des frheren
General-Adjutanten.
    Bei diesen Worten war es, als wollte der Andere in die Kniee sinken; sein
Krper schien sich unter dem Eindruck dieser Mittheilung frmlich zu beugen, er
prete die Hnde vor das Gesicht und rief in herzzerreiendem Tone: Meine
Schwester! - o meine arme Schwester!
    Dieses Wort hatte Josef doch nicht erwartet. Ihn fate ein jher Schreck bei
dem Ausrufe des Andern, es war ihm, als hebten sich rings herum schwarze
Schleier, als stiegen wilde unheimliche Geister aus den Ecken des Zimmers. Der
Luftzug, der durch den Kamin herabdrang, machte ihn schaudern. Er fhlte sich
wie von Furchtbarem umgeben; es schien ihm, als bewegten sich die
Fenstervorhnge und es dringe hie und da eine Faust durch die Scheiben und
suchte tappend die schweren Riegel zu erfassen, um die Flgel zu ffnen, und
einer unheilvollen Macht Eingang zu gestatten. Dann aber erfate ihn wieder eine
tiefe Wehmuth, als er die krftige Gestalt des jungen Mannes vor sich erblickte,
die durch seine Mittheilungen vollstndig gebrochen schien; als er bedachte,
welch' gewaltiger Geist, welch' edles Herz und tiefes Gefhl in diesem krftigen
Krper wohnte, welchen Weg dieser Mann htte gehen knnen, und wie er nun vor
ihm stand, vielleicht schon von allen Seiten umgarnt, im nchsten Augenblicke
vor der unerbittlichen Gerechtigkeit - die leider, leider diesmal nur gerecht zu
nennen war! - Josef war kein gewhnlicher Mensch, sein Eintritt in diese Welt
hatte ihm Hoffnungen erffnet, die leider nie in Erfllung gingen. Und an alles
dies denkend, hatte er seine Hnde gefaltet und langsam tropfte eine Thrne um
die andere aus seinen Augen und verlor sich in dem dichten, schwarzen Barte.
    Der Andere hatte sich unterdessen wieder gefat, doch als er die Hnde
langsam von seinem Gesicht entfernte, fielen seine Arme wie gelhmt herab. -
Aber er lchelte. Doch dieses zuerst traurige und dann erschreckliche Lcheln
schnitt dem Getreuen, der vor ihm stand, noch tiefer in die Seele, als vorhin
der Ausbruch des wilden Schmerzes.
    La es gut sein, Josef, fuhr der junge Mann fort. Jeder Mensch hat seine
Schwchen, hat eine Stelle, an der er verwundbar ist. Du hast sie mit deinen
Worten getroffen und tief verletzt. - Aber das ist jetzt vorber, setzte er
schwer Athem holend hinzu. Was hast du mir weiter zu sagen?
    Herr Major von S. war bei meinem Herrn und Beide sprachen darber, da die
Baronin von W. in dem erwhnten Hause festgehalten wrde. Der Gemahl derselben,
der sie lange beargwohnt, habe seine Zustimmung gegeben, und ber alles dies
drckten sich beide Herren ziemlich emprt aus.
    Ah! sie nahmen die Polizei nicht in Schutz?
    Der Polizei-Prsident soll von Seiner Majestt eine Bemerkung haben
hinnehmen mssen, die sehr einer Nase hnlich gesehen habe; er sei ziemlich
zerknirscht in das Vorzimmer gekommen und habe ber undankbaren Dienst und
drckende Verhltnisse gesprochen.
    Das gibt mir einige Hoffnung, sagte der Andere mit leiser Stimme. Du
kannst mir einen Dienst erweisen, Josef. Suche in das Haus in der Schilderstrae
zu dringen, erkundige dich, was man dort macht, und bringe mir eine Antwort
hieher. Willst du?
    Mit tausend Freuden, antwortete Josef. Aber ich wrde einen vergeblichen
Gang thun, Herr. Ich war schon droben bei dem Hause; ich versuchte es, hinein zu
kommen, ich habe da einen Bekannten, aber man examinirte mich und schickte mich
fort. Als ich eben weggegangen war, sah ich Sie, Herr. Sie stellten sich an den
Brunnen und schauten an dem Hause hinauf.
    Das ist wahr. Aber ich habe dich nicht bemerkt.
    O Herr, verzeihen Sie mir, sprach Josef kopfschttelnd, Sie sahen
berhaupt nicht so um sich her, wie gewhnlich auf der Strae. Sonst htten Sie
an den gegenberliegenden Husern einen Menschen bemerken mssen, der sie
beobachtete.
    Der mich beobachtete?
    Auf das Genauste. Er hinderte mich, Sie anzureden, und ich konnte Ihnen nur
von weitem folgen, denn der Andere schlich vor mir ziemlich dicht hinter Ihnen.
    Der junge Mann fuhr sich mit der Hand ber die Stirn und entgegnete: Ja,
ich war in Gedanken. Aber was wollte Jener von mir? Folgte er mir bis hieher an
den Fuchsbau?
    Bis an die Mauer, wo Sie verschwanden. Das schien ihn hchlich zu wundern,
denn er betrachtete die Steine aufmerksam, suchte auch rechts und links nach
einer Thr, und als er nichts fand, umschritt er das ganze Gebude. Jetzt folgte
ich ihm und htte gern ein ernstes Wort mit ihm gesprochen, aber ich war ohne
Waffen, und er, der Polizeisoldat, hatte seinen Sbel bei sich.
    So, er war von der Polizei? Das ist gerade nicht angenehm. Was denkst du,
Josef?
    Wenn ich meine Gedanken frei aussprechen darf, so sage ich, da Ihnen Jener
nicht ohne Absicht gefolgt ist, da er davon ging um einen Bericht zu machen,
und da vielleicht in diesem Augenblicke schon der Fuchsbau umstellt ist.
    Du knntest vielleicht Recht haben, Josef, erwiderte der junge Mann ruhig,
indem er die linke Hand auf den Tisch setzte, und das wre schlimm fr dich,
den man hier nicht finden darf. - Sieh mich nicht so sonderbar an, ich wei
wohl, da es dir nicht an Muth fehlt, und kenne auch deine Treue. Aber du kannst
hier, bei Gott! Niemanden helfen, nur dich selbst zu Grunde richten. Also geh',
ich will es. Er winkte mit der Hand, und als der Jger dieselbe ergriff und
fest drckte, erwiderte er diesen Druck und sagte dabei: Gott sei mit dir,
Josef!
    Sobald dieser das Zimmer verlassen hatte, trat der Wirth ungerufen herein.
Er war aufgeregt, erhitzt und stolperte in seinem Eifer fast ber die Schwelle
in das Gemach, so da ihm der junge Mann entgegenrief: Hoho! Meister Scharffer,
Ihr strzt ja daher, als wenn Ihr gejagt wrdet.
    Das wird auch also kommen, erwiderte der Wirth in seiner plumpen Manier.
Wissen Sie, Herr, da drunten der Teufel los ist?
    Ah! Ihr seid der Mann, ihn zu bndigen, erwiderte der Andere lachend.
    Ja, da hat sich was zu bndigen! Es sind da eben sechs Kerle in die
Schenkstube gedrungen, und als wir uns weigerten, ihnen Wein zu geben, meinten
sie, das wollten sie doch einmal sehen, das sei hier ein, Wirthshaus, so gut wie
ein anderes.
    Da hatten sie vollkommen Recht, Meister. Und statt da Ihr davon strztet
und Aufsehen erregt, httet Ihr bei Euren Gsten bleiben und sie angenehm
unterhalten sollen.
    Da unterhalte sich Einer, wenn ihm das Herz vor Schrecken still steht. Drei
von den Sechsen kenn' ich. Wenn die nicht bei der Polizei sind, so will ich auf
meinem Rasirmesser reiten. Einer von ihnen machte sich mit der alten Margareth
zu schaffen und erkundigte sich freundlich, was das fr Klingelschnre seien,
die neben ihrem Sitze herabhngen.
    Das ist allerdings verdchtig.
    Der dicke Wirth hatte so hastig gesprochen, da er ganz auer Athem gekommen
war. Whrend er sich den Schwei von der Stirn wischte, that er einen tiefen
Athemzug und fuhr dann fort: Auch kommt soeben der Johann nach Haus und meint,
er habe drunten auf der Strae in der Nhe des Fuchsbaues Gesichter gesehen, die
ihm gar nicht gefallen. Aber das ist noch nicht das Schlimmste, er brachte auch
die Nachricht heim, da der Struber eingesteckt Worden sei.
    Der Struber? fragte der Andere, offenbar unangenehm berrascht, und zog
dabei seine Augenbrauen finster zusammen. Der Struber? - das ist fatal.
    Auf dem Bahnhof, fuhr Meister Scharffer fort, er hatte sich gerade ein
Billet gelst.
    Wohin?
    Nach St.
    Beim Teufel! Das ist schlimm. Also wollte er ber die Grenze. Da hat der
Schuft etwas angestellt, was ihn zwingt, Stadt und Land zu verlassen. Bei
diesen Worten ging der junge Mann nachdenkend mit raschen Schritten auf und ab
und der Wirth schaute ihm mit einem hchst berraschten Gesichte zu, wobei er
sich in dem schwarzen, buschigen Backenbarte kratzte. Er mochte Wohl denken:
jetzt ist es keine Zeit zum Promeniren, jetzt sollte der da handeln. Doch
trstete er sich gleich darauf: er wird schon wissen, was zu thun ist. Der
Andere trat wieder an den Tisch zurck und sagte achselzuckend: Wohl mglich,
da sie wieder eine Hausaussuchung halten.
    Wie schon oft.
    Aber heut' ist das schlimmer.
    Warum? Wir haben nichts Verdchtiges im Hause.
    Vergeht Ihr den Mathias? sagte der junge Mann mit sehr ernster Stimme.
    Alle Heiligen! das ist wahr! rief erbleichend der Wirth. Wenn sie den
finden mit seiner Wunde in der Seite, so sind wir verloren. O, wenn er nur schon
todt wre.
    Hol' Euch der Teufel, Meister! - Und warum das?
    Sie wissen wohl, wir htten dann ein gutes Versteck fr ihn. Aber einen
Lebenden kann man nicht da hinein postiren.
    Ehe ich das Haus verlasse, mu ich nach ihm sehen. Leuchtet mir hinauf.
    Lassen Sie das um Gotteswillen bleiben, Herr, bat der Wirth. Nehmen Sie
mir ein Wort nicht bel - wer wei, ob man es nicht auf Sie selbst abgesehen
hat? Verlassen Sie das Haus, so lange es noch Zeit ist, schonen Sie sich fr
uns. - Horch! was war das?
    Von unten herauf lie sich ein dumpfes Krachen vernehmen. Beide lauschten
und der junge Mann sagte: Man bricht eine Thre auf. Wahrhaftig, das scheint
ernstlich zu sein. Haben sie Lichter bei sich?
    Nein, darnach habe auch ich gleich gesehen.
    Wer ist von uns im Hause?
    Der Johann, der Schnapper und zwei fremde Gesellen, die heute mit guter
Rekommandation ankamen. Als ich die sechs Andern eintreten sah, hie ich sie auf
ihr Zimmer gehen.
    Wo sind sie?
    Auf Numero vier, ber uns.
    Und Mathias?
    Auf Numero zwei. Ah! ich verga, Fritz ist bei dem als Krankenwrter.
    Der junge Mann stand da hoch aufgerichtet, sein blitzendes Auge blickte
starr in eine Ecke des Zimmers, er zog seinen schwarzen Schnurrbart zu beiden
Seiten des Mundes herunter und dachte nach. - Das ist ganz einfach, sagte er
nach einer Pause, die Hauptsache ist: Mathias mu weggeschafft werden, und das
mssen Johann und Fritz besorgen. Beide sind stark, sie knnen ihn tragen.
Freilich kann es ihn das Leben kosten, fuhr er fort, nachdem er die Augen einen
Moment mit der Hand bedeckt hatte. Aber was ist da zu machen? Lieber todt, es
wre grlich, wenn er ihnen lebend in die Hnde fiele. Und Mathias hat eine
starke Natur, er wird's vielleicht ertragen.
    Aber wohin mit ihm? fragte zweifelnd der Wirth. O, glauben Sie, Herr, die
auf der Polizei sind auch klger geworden. Sie werden ringsum das Haus besetzt
haben.
    Natrlich, erwiderte der Andere mit einem verchtlichen Lcheln. Aber wir
lassen uns doch nicht berlisten, und wenn Ihr genau meine Befehle befolgt, so
kommt der arme Mathias glcklich durch.
    Und Sie, Herr?
    O, ich verschwinde wie gewhnlich. - Ihr lat den Mathias auf Numero Eins
bringen; dort, wit Ihr, hngen an der Wand alte Landkarten. Nehmt sie ab und
schlagt durch die ganz dnne Wand, die sich dort befindet, ein Loch, nicht
grer, als da Johann und Fritz mit ihrer Last durchkommen.
    Aber in dem Hause nebenan haben wir keine Verbindungen, Herr. Das ist ein
Pietist, ein scheinheiliger Satan, der gleich Lrm machen wird.
    Ohne auf diese Worte zu achten, hatte der Andere seinen Rock aufgeknpft,
und die Uhr hervorgezogen, von der er ein Petschaft lste. Dann fuhr er ruhig
fort: Auf das Gerusch des Wanddurchschlagens wird der Eigenthmer
augenblicklich erscheinen. Johann soll ihm dies bergeben und er wird fr den
Mathias sorgen. Verget mir aber nicht, da die groe Landkarte wieder an ihren
Platz gehngt wird.
    Meister Scharffer empfing das Petschaft mit einem Blicke der Ehrfurcht, den
er auf den jungen Mann warf. Er hatte den Nachbar immer gefrchtet, ja er hatte
ihn gekannt als Jemand, der im Rufe der grten Rechtlichkeit stehe, der das
Getreibe im Fuchsbau tief verabscheue und der bei allen Genossen im Verdacht
stand, als habe er die Polizei schon mehrmals zu Haussuchungen veranlat. Und
nun hatte sein Meister dort ebenfalls Verbindungen angeknpft!
    Nur fort, sprach jetzt der junge Mann ungeduldig. Sagt dem Johann und
Fritz, was sie zu thun haben, und dann begebt Euch an die Haupttreppe und
schimpft als guter Wirth dort hinab ber die Vagabunden, die Eure Thren
erbrechen. Hrt nur, sie machen immer weiter. Aber jetzt hinauf, Meister
Scharffer, befolgt auf's Pnktlichste meine Befehle. Ich werde Euch hier
erwarten.
    Der dicke Wirth schien Lust zu haben, sich ein wenig in seinem Haar zu
raufen, und er hob schon die Hnde an den Kopf empor, als er aus dem Zimmer
eilte; doch lie er sie wieder sinken, schttelte vielmehr sein Haupt, als er
sich auf der Schwelle nochmals umschaute und nun bemerkte, wie der junge Mann
einen Stuhl an den Tisch zog und sich ruhig darauf setzte, als ob gar nichts
vorgefallen wre.
    Whrend Meister Scharffer die Treppen hinauf sprang, bekreuzte er sich und
dachte: Um Ende wre es doch besser, wenn man sich der Polizei selbst
berlieferte. Der da drunten im Zimmer ist offenbar der leibhaftige Teufel.
    Die auerordentliche Ruhe aber, mit welcher der junge Mann handelte, war
theilweise erzwungen, um auch dem Andern Muth einzuflen, denn als dieser
verschwunden war, sprang er auf und trat unruhig an die Thre, um in das Haus
hinabzulauschen. Obgleich nun das Zimmer, in welchem er sich befand, von der
Schenkstube sehr weit entfernt war, so vernahm er doch einen wsten Lrm von
dorther und mitunter Tne, als ob man Mbel wegrckte, Kasten niederstellte,
Thren gewaltsam ffnete. - Sonderbar! sprach der Horcher zu sich selber, sie
treiben ihre Sache auf wunderbare Art. Statt sich rasch ber das ganze Haus zu
verbreiten, halten sie sich in einem Theile desselben auf, wo sie noch nie 'was
gefunden haben. Ich glaube, wir haben die ganze Geschichte dem Herrn Blaffer zu
verdanken. Wenn nur Mathias schon fort wre! - Ah! sie gehen dran, ihn
wegzuschaffen. Er lauschte wieder aufmerksam und vernahm von droben das Gehen
von Mnnern, deren schwerem Auftreten man es wohl anmerkte, da sie eine
gewichtige Last trugen. Zu gleicher Zeit hrte er, aber sehr gedmpft, ein
Gerusch, wie wenn man Steine losbrche, und dann das leichte Krachen von
Holzwerk. Gott sei Dank! sagte der junge Mann, er wird bald drben sein. Wenn
er's nur aushlt! Das Loch in der Wand kostet mich viel. Ich hatte diesen Ausweg
fr mich selbst aufgehoben. Aber was gilt ein Freund nicht! Und ein solcher war
mir Mathias hier im Hause. Ich htte ihm vielleicht folgen sollen, wer wei, ob
das nur eine Hausaussuchung ist und ob sie nicht vielleicht das Haus so umstellt
haben, da es mir auf meinem gewhnlichen Wege schwer wird, zu entkommen. - Bah!
man mu nicht das Schlimmste denken. - Doch - jetzt ist Mathias drben. In
diesem Augenblicke vernahm er nmlich die scheltende Stimme des Wirthes, der auf
der Treppe stand, die in das untere Stockwerk fhrte und laut hinabschrie: Was
fr ein Lrmen wird in der Schenkstube getrieben? Glaubt ihr denn, man knne in
dem Hause treiben, was man wolle? He, Marie, ruf' den Hausknecht! Nachdem er
dies gesagt, kehrte er in das Zimmer zurck, wo der Andere unterdessen die
beiden Lichter auf dem Tische ausgelscht hatte, so da es vollkommen finster
gewesen wre, wenn nicht eine Gaslampe auf dem Gange einige Helle in das Zimmer
geworfen htte.
    Mathias ist fort, aber jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen, Herr, suchen
Sie sich einen Ausweg. Als ich droben vom Fenster auf die Strae hinabschaute,
habe ich verdchtige Gestalten bemerkt.
    Auf welcher Seite?
    Auf der, wo sie gewhnlich das Haus verlassen.
    Das ist ungeschickt. So mu ich den Weg durch den Keller nehmen.
    Ich glaube auch, da der sicherer ist, sagte angstvoll der Wirth. Nur
mssen Sie dabei ber die Haupttreppe hinab, bei der Schenkstube vorbei.
    Ich wei wohl, doch hat das nichts zu sagen. Margarethe wird auf ihrem
Posten sein.
    Gewi; die lt sich eher in Stcke reien.
    So will ich ihr ein Zeichen geben und dann vorwrts, Meister. Ihr steigt
scheltend die Treppe hinab und ich folge Euch. Sowie er dies sagte, zog er an
einer Klingelschnur, die neben der Thre hing, und wenige Sekunden darauf
verlschte die Gaslampe drauen auf dem Gange. Von unten herauf aber erscholl
ein lauter Aufschrei, die klgliche Stimme der alten Kellnerin und darauf
polterte Meister Scharffer die Treppen hinab, fluchend und scheltend mit aller
Kraft seiner Lunge.
    Der Andere ging hinter ihm drein, er setzte die Fe so leicht auf, da man
von Beiden jedesmal nur einen einzigen Tritt hrte; sein Auge versuchte es, die
Finsterni, die auf dem ganzen Hause lag, zu durchdringen. Dabei blieb er dicht
hinter dem dicken Wirthe, der, auf dem untern Treppenabsatz angekommen, gleich
von krftigen Armen gefat wurde. Doch ermangelte er nicht, dies durch lautes
Geschrei seinem Hintermanne kund zu thun, der einen Augenblick unbeweglich
stehen blieb, dann das Treppengelnder erfate, und sich nun mit solcher Gewalt
die Treppe vollends hinab schwang, da er zwei Mnner, die dort Posto gefat
hatten, so vollkommen unvermuthet berfiel, da diese ihr Gleichgewicht verloren
und schwerfllig die Treppe hinab kollerten, ihm nach, der schon mit leichtem
Fu die unterste Stufe erreicht hatte. Hier war der Fliehende nicht einen
Augenblick zweifelhaft, welchen Weg er einzuschlagen habe. Eine Thre, die er
suchte, fand er unverzglich, trat durch dieselbe in ein Gewlbe, glitt hier
abermals einige Stufen hinab und erreichte nun einen weiten Keller, in dem er
fortschritt.
    Dieser hatte nach der Strae einige halbkreisfrmige Oeffnungen, die man
brigens kaum bemerken konnte, da die Nacht sehr finster war. An einer dieser
Oeffnungen hatte man in der Mauer mehrere Steine weggebrochen und so eine
frmliche Leiter gebildet, auf der ein gewandter Mann ohne groe Mhe
emporsteigen konnte. Ehe er sich aber vollstndig dort hinaufschwang, horchte er
aufmerksam, und erst, als sich in der engen Gasse, in welche diese Fenster
mndeten, nicht das geringste Gerusch vernehmen lie, stieg er vorsichtig aus
dem Keller empor.
    Glcklicherweise warfen die nahestehenden Huser, sowie ein Mauervorsprung
neben dem Fenster einen so tiefen Schatten auf die Stelle, wo er emporgestiegen
war, da ihn selbst ein Spher hier nicht htte entdecken knnen. Auch brauchte
er die Vorsicht, eine Zeitlang unbeweglich stehen zu bleiben, worauf er endlich
mit zwei groen Schritten die andere Seite der Gasse erreichte. Hier blieb er
abermals stehen und schaute nach dem Hause zurck, doch fate er im nchsten
Augenblicke unwillkrlich den Griff seines Dolches, denn mit seinem scharfen
Auge bemerkte er an zwei Stellen der dunklen Mauer des Hauses, von dem er eben
herkam eine Bewegung, gerade als seien dort ein Paar Personen, die sich etwas
von der Mauer entfernten. Sobald er aber regungslos stehen blieb, sah er auch
drben nichts mehr. - Und doch! er hatte sich nicht getuscht. Kaum hatte er
einen Schritt gemacht, so bewegten sich auch dort die beiden dunkeln Flecken
wieder - zwei Gestalten mit ihm im gleichen Mae fortschreitend. Das sind
Aufpasser und Verfolger, dachte er sich. Was ist zu thun? Bei einem Ueberfall,
den sie aber wahrscheinlich in der Nhe des Hauses nicht wagen, mich ihrer mit
meinem Dolche entledigen; wenn sie mich aber verfolgen, sie, wenn es mglich
ist, irre fhren!
    Das Letztere aber war ein schweres Unternehmen, denn wenn auch die beiden
Gestalten nicht Willens schienen, die Entfernung zwischen sich und dem Andern zu
krzen, so lieen sie sie auch nicht vergrern. Denn machte er lngere und
raschere Schritte, so thaten sie das Gleiche, blieb er stehen, so machten sie es
ebenso. Letzteres that er mehrmals und berlegte sich dabei, ob es nicht besser
wre, umzuwenden und seinen Verfolgern direkt auf den Leib zu gehen. Dies zu
thun war er schon im Begriff, doch hatte er mittlerweile die enge Gasse
verlassen und eine breite, lange Strae erreicht, die von mehreren Gaslampen
hell beschienen war, und sah bei deren Licht dort zwei hnliche verdchtige
Gestalten, die ihm auf ein Zeichen seiner ersten Begleiter ebenfalls folgten. -
Vier wrden ein zu groes Aufsehen geben, dachte er bei sich. Also nichts von
Gewalt; hier mu List entscheiden und Schnelligkeit. Behutsam warf er einen
Blick um sich; die letzten seiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritte
entfernt, die ersten schlichen auf der andern Seite der Strae. Er beschleunigte
seinen Gang und als er eine enge Seitengasse erreicht hatte, scho er dort mit
einem gewaltigen Satze hinein. Doch muten die vordern seiner Verfolger diese
Absicht errathen haben, denn Einer strzte ihm so rasch nach, da er ihn in der
nchsten Sekunde dicht an seiner Seite laufen hrte. Die Andern blieben nicht
weniger zurck und er hrte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaster der
sonst menschenleeren Straen im schnellsten Tempo.
    Vor allen Dingen galt es jetzt sich seines nchsten Verfolgers zu
entledigen, und als er ein Mittel hiezu gefunden, mute er selbst darber
lcheln. Er wandte seinen Lauf etwas nach der Mitte der Strae, gegen einen
Gaskandelaber, so zwar, da sich dieser jetzt zwischen ihm und seinem Verfolger
befand. In diesem Augenblicke fate er die eiserne Stange desselben mit der
Hand, schwang sich um sie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht
seines Krpers, da dieser laut drhnend zu Boden strzte. Hierauf nderte er
die Direktion seines Weges abermals und flog nun in raschen Stzen ber die
dunklen Straen dahin, einem Stadttheile zu, wo wenig Verkehr war und sprliche
Gasflammen brannten und wo an groe herrschaftliche Huser viele Grten stieen.
Seine Verfolger blieben brigens dicht hinter ihm und so stark und ausdauernd er
auch war, so fhlte er doch nach und nach, wie ihm das Athmen schwerer wurde und
wie es ihm groe Mhe zu verursachen anfing, den beschleunigten Lauf
fortzusetzen. Wohin sollte er sich wenden? Er hatte gehofft, seine Verfolger zu
ermden und ihnen auf diese Weise zu entgehen. - Vergebens. Wenn er auch
zuweilen mehrere Schritte Vorsprung hatte, so strengten sich die Andern desto
mehr an, in seine Nhe zu kommen, und sie hatten dies leichter, da sie sich
theilen, ihm zuweilen den Weg abschneiden und so denselben fr sich abkrzen
konnten. Glcklicherweise hatte Keiner von ihnen Schiewaffen bei sich, sie
htten es aber auch vielleicht nicht gewagt, davon Gebrauch zu machen, denn der
da vorn, den sie verfolgten, mute doch am Ende lebend in ihre Hnde fallen.
Nachlassen wollte Keiner und jetzt am allerwenigsten, wo die Hscher deutlich
sahen, da der Flchtling da vorn seinen Lauf nicht mehr so rasch fortsetzte wie
bisher. Ja, er schien ungewi zu sein, welchen Weg er nehmen sollte. Er schaute
um sich, gewi in der Absicht, den Ort zu erkennen, wo er sich befnde. - Stand
er dort nicht stille? Ja, er hatte sich an die Mauer gelehnt, gewi konnte er
nicht weiter und wollte sich ergeben. Mit erneuerter Kraft, das Ende ihres
Laufes vor sich sehend, strzten die Polizeibeamten vorwrts. Jetzt hatten sie
die Stelle erreicht, wo sich Jener befand. Schon streckte der Vorderste den Arm
nach ihm aus, als er sah, da der Flchtling verschwunden war, an einer Mauer
verschwunden war, viel zu hoch, um darber hinwegspringen zu knnen, aber in der
Nhe eines Gartenpavillons, den sie jedoch bei nherer Untersuchung fest
verschlossen fanden, und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeiprsidenten
gehrte.

                         Achtundsiebenzigstes Kapitel.



                           Auf der Polizeidirektion.

Whrend die vier Polizei-Beamten ganz ermattet und sehr verblfft vor dem
Gartenpavillon standen, befand sich der Flchtling in demselben in Sicherheit.
Er blieb dicht an der Thre stehen, und htete sich vor dem geringsten Gerusch,
ja er bezwang so viel als mglich seine keuchende Brust, damit das Athemholen
drben nicht gehrt wrde. Ringsum war es stille, und er von seinen Verfolgern
nur durch eine dnne Bretterwand geschieden; er fhlte sich jetzt wie der
Schiffer auf strmischem Meer. Nher als vorhin und auch jetzt noch war er dem
Verderben nie gewesen. Die Nervenaufregung, das Bewutsein, handeln zu mssen,
hatten ihn bis jetzt nicht dazu kommen lassen, seine Lage zu bersehen - seine
Lage, und vor Allem die seiner unglcklichen Schwester. Jetzt aber, wo sein
Krper ermattet war, wo die Gefahr hinter ihm zu liegen schien, wo er trotzdem
immer noch wie angefesselt stehen mute, jagten seine Gedanken in tollen und
wilden Bildern durch sein Gehirn. Und was sie ihm Schreckliches zeigten, das
waren leider keine Gebilde der Phantasie, das war Alles wahr, nur zu wahr! Sein
mchtiger Geist breitete in rascher Aufeinanderfolge Alles Gehrte und Gesehene
vor sich aus, er berlegte, verglich, verwarf und kam zu dem entsetzlichen
Resultat, da der Boden, auf dem er bisher gelebt, anfange unter seinen Fen zu
wanken, da er auf schlpfrigem Bergrande stehe, schon hinabgleitend, ohne da
sich seinem suchenden Auge ein sicherer Anhaltspunkt, eine rettende Sttze
gezeigt htte. - Als er mit seinen Gedanken so weit gekommen war, da er seine
Lage klar erkannte, prete ein wilder Schmerz sein Herz zusammen und er mute
gewaltsam einen Schrei der Verzweiflung unterdrcken, der sich nun momentan in
ein schreckliches Gefhl verwandelte, und jede Muskel seines krftigen Krpers
erzittern machte. Das war der Augenblick, wo er, um Allem mit einem Male ein
rasches Ende zu machen, an die Thre zu klopfen versucht war, um sich seinen
Verfolgern zu bergeben. Doch warf er in der nchsten Sekunde trotzig den Kopf
in die Hhe und sprach zu sich selber: Verdammt, da ich mich auf dieser
Feigheit ertappe, ein, wenn gleich verlorenes Spiel wegzuwerfen, da man nicht
den Muth hat, es zu Ende zu fhren. - Ah! wie konnte mir eine solche Idee
kommen! Nein, ich werde meine Zgel fest in der Hand behalten, ich werde die
Rder meines Lebenswagens vor dem Sturz in diesen Abgrund zu bewahren wissen,
wenn mir auch drben ein anderer nicht minder gefhrlicher winkt. War es doch
von jeher mein Grundsatz, das Angefangene zu beendigen. Also auch diese Partie
bis zum letzten Stiche, bis zu meinem groen Schlemm! Dann die Karten fein und
suberlich geordnet und zusammengelegt, das Conto bezahlt und - gute Nacht!
    Die Vier drauen hatten sich hinter ihren langen Ohren gekratzt, und Einer
meinte, es sei doch wahr, was man vom Fuchsbau sage, da dort der Teufel los
sei. Alles in Allem genommen, so mag der Henker wissen, was wir verfolgt,
vielleicht eine Art Geist oder einen Schatten. Dagegen nun protestirte ein
Anderer heftig und sagte zu seinen Kameraden: da das kein Schatten gewesen sei,
habe er bei dem Gaskandelaber drunten wohl gesprt; so sei er in seinem ganzen
Leben noch nicht umgerannt worden. Brummend meinte er, dafr wren sie
eigentlich nicht bezahlt, und wenn das noch einmal vorkme, so knne
Polizeidiener sein, wer Lust habe. Ein Dritter sprach, er glaube, da helfe Alles
nichts mehr; mge es nun Schatten oder Mensch gewesen sein, er sei nun einmal
unter sehr verdchtigen Umstnden verschwunden am Gartenpavillon des
Polizei-Prsidenten, und er halte dafr, die ganze Sache dem Kommissr zu melden
und dessen Urtheil zu hren. Der Vierte aber war der Klgste von Allen; er
rieth, so lange ber die Geschichte reinen Mund zu halten, bis sie den Garten
untersucht htten. Und zu dem Zweck sollten zwei hier bleiben, und zwei vorn zum
Hause hinein gehen, um, wohlverstanden, in aller Heimlichkeit nach dem
Entflohenen zu fahnden. Fnde man nichts, so bliebe die Sache auf sich beruhen
und werde nicht weiter gemeldet. Dieser Vorschlag wurde angenommen und Zwei
machten sich alsbald auf den ziemlich langen Weg nach der Polizeidirektion, zu
welchem Zweck sie ein paar Stadttheile umwandern muten.
    Dies Gesprch hatte die Gedanken des Verfolgten unterbrochen und zwang ihn,
alsbald auf seine Rettung zu denken. Was sollte er thun? Das einzige Mittel, zu
entkommen, schien ihm, durch den langen Garten in das Haus des
Polizei-Prsidenten zu gehen, denn abgesehen von der hohen Mauer, die zu beiden
Seiten hinlief, war es ihm heute Abend zu gefhrlich, sich der Nachbarschaft
anzuvertrauen. Aber wie sollte er aus dem Hause des Polizei-Prsidenten auf die
Strae gelangen? Er mute da an der Wachtstube vorbei, die sich im Erdgescho
befand, und wre dort einem unangenehmen, gefhrlichen Verhre nicht entgangen.
Der Himmel war wolkenlos, ein heller Streifen, der sich im Osten langsam
ausbreitete, zeigte den Aufgang des Mondes an; die Luft war kalt, ein scharfer
Wind sauste durch die drren Zweige der Bume, der Boden war hart gefroren.
Glcklicherweise sprachen die beiden Polizeidiener drauen so laut, da es dem
Flchtling mglich war, sich whrend ihrer Unterredung langsam aus dem Pavillon
zu entfernen. Einmal aus ihrer Hrweite, beschleunigte er seinen Schritt und
erreichte den gepflasterten Hof, welcher an die hintere Seite des Hauses stie.
Die Wagenremise war geffnet, beim Schein einer Laterne spannte der Kutscher
seine Pferde ein und unterhielt sich mit einem der Soldaten, welche zur Wache
des Hauses gehrten. Und so eine Geschichte dauert lang? fragte der Soldat. -
Heute Abend wenigstens bis zwei Uhr, versetzte der Kutscher. Ich sage dir, so
ein Maskenball bei Hof, der lt nicht mit sich spassen.
    Er, der in diesem Augenblicke mit geruschlosen Schritten ber den Hof ging,
hatte bei all' dem Schrecklichen, was er erlebt, die tglichen Angelegenheiten
vollkommen vergessen. Als der Kutscher von dem Maskenballe bei Hof sprach,
erinnerte er sich des heutigen Abends, und eine kecke, wenn gleich gefahrvolle
Idee zu seiner Rettung blitzte in seinem Kopfe auf. Es war das ein Gedanke, den
er seiner Seltsamkeit wegen augenblicklich festhielt und auszufhren beschlo.
Er zog seine Uhr, und nachdem er einen Blick darauf geworfen, murmelte er: Erst
Acht; die Zeit knnte nicht besser sein. Jetzt hatte er das Haus erreicht,
jetzt die breite Treppe, die in den ersten Stock fhrte, zur Wohnung des
Polizei-Prsidenten. Auf derselben war Alles hell erleuchtet, und beim Schein
des glnzenden Gaslichtes untersuchte er mit prfendem Auge den Zustand seiner
Toilette. Dank dem festgefrornen Boden war an den glnzenden Reitstiefeln kein
Stubchen zu sehen, ebenso untadelhaft war sein enganliegendes Beinkleid; nur
die Blouse von dunkelblauem Wollenstoffe hatte sich bei dem scharfen Laufen
etwas verschoben. Doch war dem leicht abzuhelfen. Er zog den ledernen Grtel,
den er um den Leib trug, fester an, das Oberkleid herab, brachte seine
Halsbinde, so gut sich das ohne Spiegel thun lie, in Ordnung, und somit war
sein Anzug bis auf das Haar wieder hergestellt. Das mute schon sorgfltiger
behandelt werden, doch gab es auch hiefr ein leichtes Auskunftsmittel. Der
junge Mann wute in dem Hause genau Bescheid, er stieg festen Fues die Treppe
hinauf und trat oben, statt nach dem Empfangszimmer zu gehen, in einen kleinen
Korridor, ffnete dort eine Thre und wollte eintreten.
    Hier befand sich ein junges Mdchen, das bei dem Anblick der fremden
Gestalt, die so pltzlich auf der Schwelle erschien, laut aufschrie und flchten
wollte. Bleiben Sie ruhig, Louise, sagte der Eintretende lachend. Ah! bei
Gott! meine Maske ist gut, da sogar Sie mich nicht erkennen.
    Das Wort Maske schien die Kammerjungfer, welche in den letzten Tagen viel
von dergleichen gehrt, einigermaen zu beruhigen. Doch hielt sie immer noch die
Klinke zur Thre des Nebenzimmers in der Hand, als sie entgegnete: Ja, die
Maske ist so gut, da ich den Trger derselben nicht zu erkennen vermag. Und
wenn er sich nicht augenblicklich nennt, so werde ich Lrm machen.
    Coeur de rose! lachte der junge Mann. Wie sind Sie heute Abend so wild!
So will ich mich denn also nennen, und mich zu gleicher Zeit noch besser in
Ihrem Gedchtnisse auffrischen. Bei diesen Worten hatte er die Hand unter die
Blouse gesteckt, sie wieder hervorgezogen, und als er darauf dem erstaunten
Mdchen ein paar Dukaten in die Hand gleiten lie, sagte er flsternd: Baron
Brand wnscht die Frau Prsidentin zu berraschen, vorher aber einen Augenblick
Ihre schne Gebieterin zu sehen.
    Die Kammerjungfer war wie umgewandelt. Sie sind aber in der That ein
gefhrlicher Herr, sprach sie lachend. Habe ich doch in meinem ganzen Leben
nicht gesehen, da Jemand eine andere Figur so tuschend darstellen knnte!
Frulein Auguste ist fertig; ich werde Sie melden.
    Damit verschwand das Mdchen, um gleich darauf zurckzukehren und dem
Wartenden zu sagen, da sein Besuch willkommen sei. Ehe der Baron brigens das
Zimmer verlie, brachte er vor dem kleinen Spiegel desselben seine Haare sowie
seinen Bart in Ordnung, und als er darauf den uns bekannten Salon betrat,
erschien die Tochter des Prsidenten zu gleicher Zeit von der andern Seite, doch
blieb sie beim Anblick der fremdartigen, seltsamen Gestalt zgernd auf der
Schwelle stehen, und erst, als sich ihr der Baron in seiner eleganten und
liebenswrdigen Weise nherte, ihre Hand ergriff, sie feurig kte und dazu wie
mit einem Anflug von Empfindlichkeit sagte: Ah! auch Sie erkennen mich nicht
einmal! Auch Ihnen, schne Auguste, ist mein Bild so wenig gegenwrtig, lachte
das reizende Mdchen laut auf und rief einmal ber das andere Mal: Prchtig!
suberb! magnifique! - Baron, ich kann Ihnen nicht verschweigen, Sie haben sich
da einen gefhrlichen Nebenbuhler erschaffen.
    Diese Aeuerung knnte mich unglcklich machen, Auguste, sagte zrtlich
der Baron. Und darauf knnen Sie sich verlassen, schne Unbestndige, da der
Nebenbuhler nach dem heutigen Abend verschwinden und nie mehr zum Vorschein
kommen soll.
    Also eiferschtig auf sich selbst! lachte das schne Mdchen.
    Ja, auf mich selbst, entgegnete er feurig. Auf Jeden, der es wagt, Sie
anzusehen, auf das Licht, das in Ihrem schnen Auge glnzt, auf die Luft, die
Sie einathmen, auf diesen goldenen Reif, der das Glck hat, Ihren reizenden Arm
zu umschlieen. Dabei kte er ihn vielmal, das heit den Arm, nicht den Reif.
Und eiferschtig bin ich, fuhr er mit einem leisen Seufzer fort, auf die
Blume in Ihrem Haar, ach! und auf die Spitzen, jene feinen, neidischen Gewebe,
welche beseligt sind, Ihnen so nahe sein zu drfen.
    Welche Wortverschwendung! versetzte Auguste heiter und frhlich. Aber
jetzt seien Sie vernnftig, Baron. Ja, wenn Sie sich einen Augenblick zu mir
hersetzen und verstndig sein wollen, so will ich Ihnen dagegen gestehen, da es
mich recht - nein, das will ich gerade nicht sagen - aber da es mich freut, Sie
noch vor dem Balle zu sehen. Aber setzen Sie sich!
    Der Baron that wie ihm befohlen, und obgleich die beiden Fauteuils ziemlich
weit von einander standen, so wute er doch durch eine khne Schwenkung seinen
dem ihrigen nher zu bringen. Da ich ehrlich bin, mssen Sie mir zugestehen,
Auguste. So mein Kostm preisgeben! Wie htte ich Sie intriguiren knnen! Er
beugte sich zu ihr hinber, und whrend er seinen Arm so auf die Lehne des
Fauteuils sttzte, da er mit seinen Fingerspitzen bald den khlen, glatten
Goldreif, bald ihren warmen, vollen Arm berhren konnte, blickte er ihr von
unten herauf so forschend in die Augen, da sie die ihrigen niederschlug.
    Nach einer Weile sagte sie: Ich htte Sie doch erkannt, Baron. Freilich,
Ihr Kostm ist schn, Ihr Gesicht gnzlich fremd, aber Ihr Wesen, Ihre Art zu
sprechen, knnen Sie nicht verleugnen.
    Coeur de rose, erwiderte er lachend, da irren Sie sich.
    Gewi nicht, versetzte das schne Mdchen. Sie haben etwas Weiches -
etwas Gutes, wenn Sie wollen, in Ihrer Sprache, in Ihrem Auftreten, in Ihrer Art
zu sein, und das ist im Widerspruch mit Ihrem wilden Kostm, ja mit dem Blitz,
der jetzt aus Ihren Augen flammt.
    Bei diesen Worten erhob sich der junge Mann langsam aus seinem Stuhl, und
als er aufrecht da stand, schien er gegen frher um ein paar Zoll gewachsen zu
sein. Seine Haltung war eine ganz andere; er legte die linke Hand leicht und
grazis auf den Griff seines Dolches und sagte mit jener ernsten, klingenden
Stimme, die uns bekannt ist, mit jenem Tone, der die wildesten Gesellen
erzittern machte: So hren Sie mich denn, Auguste. Ich bin in der Verkleidung
nicht ohne Absicht zu Ihnen gekommen - zu dir, deren Herz mir gehrt.
Verhltnisse, die ich dir unmglich jetzt auseinandersetzen kann, erlauben mir
nicht, dich auf dem gewhnlichen und schicklichen Wege die Meine nennen zu
knnen. - Auguste, fuhr er mit wildem und doch zrtlichem Ausdrucke fort,
meine Auguste, du mut Vater und Mutter verlassen und mut mit mir fliehen,
noch heute Nacht fliehen; ich habe alle Vorbereitungen getroffen, am Schlosse
halten Wagen und Pferde, im Gewhl des Balles wird es uns leicht, zu
verschwinden. Willst du, meine Auguste? Willst du? Ein kurzes Wort, Ja oder
Nein!
    Das auf's Hchste berraschte Mdchen hatte die nun auch in ihrem Wesen so
ganz fremde und verwandelte Gestalt staunend angeschaut und hatte zitternd seine
Worte gehrt; aber sie zitterte nicht, weil sie dachte, es sei jetzt der
Augenblick der Vereinigung gekommen mit dem Manne, dem sie gestanden, da sie
ihn liebe, dem sie feurige Ksse erlaubt, dem sie einen Schlssel anvertraut,
von dem er einen groen Mibrauch htte machen knnen, sondern sie bebte, weil
sie seinen Worten vllig glaubte, und aus denselben eine Absicht hervortreten
sah, die mit der ihrigen durchaus nicht harmonirte, an die sie nimmermehr
gedacht, zu der sie nie ihre Zustimmung geben wrde. Dem Baron Brand hatte sie
erlaubt, da er sie liebe, aber vor aller Welt liebe; sie wute, da er reich
war, da er schne Equipagen hatte, in allen Gesellschaften gern gesehen war;
sie wre hier in der Residenz gerne vor den Altar getreten; wie htte man sie
beneidet, wie htte man der Baronin Brand gehuldigt! Dies schne, glnzende
Gewebe hatte er mit seinen Worten gnzlich zerstrt, sie sah die goldenen Fden
davon flattern, und hatte leider nicht Verstand genug, sie zu erhaschen und ihn
selbst mit kluger Hand damit zu umgarnen.
    Er lauschte gespannt aus ihre Antwort, und als er bemerkte, da, nachdem er
geendet, ihre Zge kalt, ernst und frmlich wurden, flog fast unmerklich ein
triumphirendes Lcheln ber sein Gesicht.
    Herr Baron, sagte sie, wenn es auch mglich wre, da Sie vorhin im
Scherze sprachen, so sind das doch Worte, die ich nicht hren darf, und Sie
werden mir erlauben, da ich Mama rufe. Bei diesen Worten wandte sie sich gegen
die Mitte des Salons, doch sprang ihr der Baron mit einem zierlichen Schritte
nach, indem er lachend ausrief: Coeur de rose! schnste Auguste, sehen Sie
wohl, da es mir gelungen, mein ganzes Wesen zu ndern? Ah! Sie haben meinen
Worten geglaubt. Sehen Sie, wie ich Sie gefangen!
    Welcher von Beiden ist nun er selbst? dachte sie, mehr und mehr berrascht.
Gewi, ich that ihm Unrecht, und ich habe mich in der That fangen lassen.
    Wie ist es so s, sagte schwrmerisch der Baron, den Zorn eines
geliebten Gegenstandes zu erregen! Hat man doch alsdann das Recht, Verzeihung zu
erbitten, was ich hiemit kniefllig thue. Damit warf er sich ihr zu Fen,
fate ihre Hnde, doch blieb es nicht allein bei dem Kssen derselben.

                     Halb zog er sie, halb sank sie hin,

sagt bei einem nicht ganz unhnlichen Falle der Dichter. Doch knnen wir nicht
hinzusetzen: Und ward nicht mehr gesehen, mssen vielmehr der Wahrheit gem
sagen, da in diesem Augenblick die Prsidentin die Thr ffnete und berrascht
auf der Schwelle stehen blieb, als sie den fremden, wild aussehenden Mann auf so
seltsame Art bei ihrer Tochter traf. Als kluge Frau, die sie immer war, hustete
sie bedeutsam, bei welchem Ton Auguste zusammenschrak, aber, von den Armen des
jungen Mannes festgehalten, sich nicht sogleich befreien konnte.
    Doch wandte sie ihren Kopf, der wieder frei geworden war, der Mutter zu und
rief: Herr Baron von Brand, fr den heutigen Abend als Ruber maskirt, ist in
der That so abscheulich, Mama, da ich bei Ihnen Schutz suchen mu. Whrend sie
das aber sagte, fhlte er einen leichten Druck ihrer Hand, die eben gesprochenen
Worte Lge strafend.
    Aber das sind schreckliche Geschichten, versetzte nun berrascht die
Prsidentin, die ebenfalls nicht im Stande war, die so bekannten Zge des Barons
zu entdecken.
    Coeur de rose! lachte dieser, ich bin verrathen, gndige Frau. Ich kann
nicht mehr zurck.
    Auguste schien zu errthen, und die Prsidentin hustete whrend eines
sanften Lchelns.
    Es entstand eine kleine Pause, dann sprach das junge Mdchen mit lispelnder
Stimme: Ach, Mama, er ist wirklich zu abscheulich, der Baron; er hat mich auf
eine so hinterlistige Art auf die Probe gestellt.
    Die Sie aber siegreich wie Wenige bestanden, erwiderte der Baron nicht
ohne einen Anflug von Ironie. - Aber finden Sie meine Maskerade nicht
vortrefflich? fuhr er fort, sich an die Prsidentin wendend. Nicht wahr, ich
bin vollkommen unkenntlich? Doch verzeihen Sie, Gndigste, vor allen Dingen mu
ich mich entschuldigen, da ich es gewagt, Sie zu berraschen; meine Gedanken
sind eigentlich zu hufig in Ihrem Hause und schleppen mich zuweilen willenlos
mit.
    Nicht wahr, sagte Auguste etwas schchtern, es ist eigentlich lieb von
dem Baron, da er sich uns vorher zu erkennen gab? Er htte uns schn in
Verlegenheit bringen knnen.
    Doch jetzt wollen wir Andere intriguiren! lachte er lustig. Sie mssen
mir schon erlauben, da ich mich heute Abend zuweilen an Ihrer Seite sehen
lasse. Ja, ich htte noch einen khneren Wunsch, aber ich wage es nicht, ihn
auszusprechen.
    Immer zu, Baron, entgegnete gndig die Mutter. Sie sind heute Abend ein
gefhrlicher Mensch, dem man nichts abschlagen darf.
    Auch nicht einen Platz in Ihrem Wagen?
    Ah, Baron, das ist viel. Was wird die Welt sagen? Wie soll ich mich da
heraus reden? Sie wissen ohnedies, setzte sie mit leiser Stimme gegen ihn
hinzu, da man Sie gerne mit dem Departement der Polizei in Berhrung bringen
mchte.
    O ja, ich wei das, sprach er seufzend.
    Und ich mu doch den Leuten eine Aufklrung geben knnen, warum ich in
Begleitung eines so furchtbaren Rubers erscheine.
    Begreiflicherweise. Aber, wenn es die schne Auguste erlaubt, so stellen
Sie den furchtbaren Ruber als - den Brutigam Ihrer Tochter vor.
    Ah, Baron, Sie erschrecken mich! rief das Mdchen aus und schlug die Augen
nieder, doch blitzten dieselben vor Freude und Genugthuung.
    Und welchen Namen trgt der Ruber? fragte lchelnd die Mutter.
    Nun, ich dchte, meinen Namen kennten Sie vollkommen. Doch da kommt soeben
der Herr Prsident; bitte, gndige Frau, fangen Sie Ihre Vorstellungen an.
    Wirklich erschien der Prsident in diesem Augenblicke im Salon, blieb aber
ebenfalls auf's Hchste berrascht an der Thre stehen, als er den fremden Mann
bei seinen Damen stehen sah. Seine Nase wollte sich unmuthig erheben, doch
dachte er noch zur rechten Zeit an den Karneval und fing sie dehalb sanft
wieder ein. Seine Ueberraschung verminderte sich brigens nicht, als nun die
Prsidentin den jungen Fremden als Brutigam der Tochter vorstellte.
Glcklicherweise aber sprach Auguste den Namen aus, worauf ein momentanes
Lcheln die etwas bekmmerten Zge des Prsidenten berflog; er war aber klug
genug, die Sache vorderhand als Scherz zu behandeln, mit dem aufrichtigen
Wunsche im Hintergrunde, da sie sich recht bald in Ernst verkehren mge, denn
er wnschte sich einen vornehmen und reichen Schwiegersohn. Aufmerksam
betrachtete er den Baron, dann sagte er: Sie haben da ein eigenthmliches
Kostm; liegt demselben eine Idee zu Grunde?
    Eine besondere nicht, entgegnete scheinbar sehr lustig der junge Mann. Es
ist eine Phantasie, eine Grille.
    Ein eleganter Ruber, bemerkte stolz die Prsidentin.
    So etwas schwebte mir auch vor, erwiderte der Baron laut lachend. Und ich
dachte dadurch unserem verehrten Herrn Prsidenten eine kleine Aufmerksamkeit zu
erzeigen. Wie man in der Stadt hrt, sind Sie ja mitten in Rubergeschichten
darin und soll man merkwrdigen Sachen auf die Spur gekommen sein.
    Der Prsident klopfte an seine Nase und versetzte mit groer Wichtigkeit:
Allerdings; aber wir mssen klug vorgehen, denn wir haben es mit der
Quintessenz von Schelmen und Schlauheit zu thun. Ich leite selbst die ganze
Geschichte.
    Die armen Ruber! sagte der Baron sehr schmeichelhaft fr den Chef der
Polizei.
    Aber, Kinder, es ist Zeit, sprach der Prsident. Gleich neun Uhr; der
Wagen ist vorgefahren - Baron, wo haben Sie den Ihrigen?
    Ah! Herr Prsident, entgegnete dieser lachend, ich wollte Ihre Damen
berraschen und zu solchem Zwecke fhrt man nicht im Wagen.
    Der Baron hat einen Platz bei uns acceptirt, sagte bestimmt die Mutter.
Sie htte um keinen Preis den Ruber, knftigen Schwiegersohn und Baron aus der
Hand gelassen.
    Er selbst hatte keinen andern Ausweg und mute unter mehreren Uebeln das
Kleinste whlen. Seine vier Verfolger trieben sich sicherlich in der Nhe der
Polizeidirektion herum, wahrscheinlich war das ganze Stadtviertel von ihnen
besetzt. Also die einzige Mglichkeit, zu entrinnen, war, wenn er unter dem
mchtigen Schutze des Prsidenten selbst das Haus verlie und so an's andere
Ende der Stadt, in's Schlo, kam. Hier wurde es ihm leicht, im Gedrnge zu
verschwinden, den Wagen eines Bekannten zu finden und nach Hause zu fahren, um
sich umzukleiden.
    Der Bediente meldete, da vorgefahren sei, die Damen hllten sich in ihre
Mntel, und der Baron rief mit sehr gut gespielter Ueberraschung: Ah! jetzt
beginnt schon die Strafe fr meinen Leichtsinn. Ich verga, mir einen Paletot
bringen zu lassen; sehen Sie, gndige Frau, so mu ich Sie dennoch verlassen und
zuerst nach Hause eilen. Mit leiser Stimme setzte er, gegen das Mdchen
gewendet hinzu: Ich fhlte keine Klte, als ich hieher eilte, meine geliebte
Auguste.
    Das ist kein Grund, Baron, entgegnete die Mutter. Ich darf Ihnen einen
Mantel meines Mannes anbieten.
    Ja, Baron, wenn Sie mit einem Dienstmantel vorlieb nehmen wollen, sagte
lchelnd der Prsident. Wir alten Herren sind nicht so mit Ueberflssigem
versehen, wie ihr jungen Leute.
    Natrlicherweise bat der Baron noch einige Mal, sich nicht zu derangiren,
lie sich aber doch endlich zu dem Dienstmantel herbei, der ihm denn auch eilig
von dem Bedienten umgehngt wurde. Es war ein langgedientes Kleidungsstck von
braunem Tuch mit hellblauem Kragen - ganz Ordonnanz.
    So stieg man die Treppen hinab, bei der Wachtstube vorbei, an deren Thre
einige Polizeisoldaten standen, welche ziemlich betrbte und verdrieliche
Gesichter machten. Nachdem der Schlag des Wagens geschlossen war, sagte der
Bediente zu dem Kutscher: Nach dem Schlosse! und als die Pferde anzogen, that
der Baron von Brand einen tiefen Athemzug.

                         Neunundsiebenzigstes Kapitel.



                              Maskenball bei Hof.

An einem Abend wie der heutige glnzte das knigliche Schlo innen und auen von
Lichtern. Da brannten alle Gaskandelaber rings umher und umgaben die gewaltigen
Gebudemassen mit einem hellen, weien, blitzenden Kranz; der groe Platz vor
dem Schlo, ja die angrenzenden Straen waren mit Pechpfannen besetzt, deren
dunkelrothe Gluth wild und trotzig gegen die zierlichen Gasflammen erschien. Die
lodernden Flammen warfen einen hellen Schein auf den weiten Platz, wo eine
unzhlige Menge von Irrlichtern ihr Wesen zu treiben schienen. Das waren die
Laternen der vielen Wagen, die von allen Richtungen her kamen, sich kreuzten,
hier geradeaus fuhren, dort einen Bogen beschrieben. Eine groe Menschenmenge
umlagerte den Haupteingang des Schlosses, um von den anfahrenden Masken so viel
zu sehen, als die neidischen Verhllungen, Mntel, Shawls, Paletots erlaubten.
Neugierig drngten sich diese Zuschauer vor und wagten sich oftmals so dicht
heran, da die aufgestellten Posten, Krassiere hoch zu Ro, kaum im Stande
waren, die Eingnge frei zu halten, denn wenn auch Alles vor dem stampfenden
Pferde oder sobald man nur den strahlenden Kra und die glnzende
Pallaschklinge erblickte, augenblicklich zurckwich, so drngten doch die
Hinteren immer wieder vor, und es war hier eine fortwhrende lebendige Ebbe und
Fluth.
    Dies hinderte brigens die Wagen nicht, wenn gleich im langsamsten Tempo,
anzufahren und sich ihres Inhalts zu entledigen. Freilich war die Reihe sehr
lang; wer daher spt vom Hause weggefahren, sich an's Ende derselben anschlieen
mute - im Falle er nmlich nicht zu den Bevorzugten gehrte - konnte lange
warten, bis er die Treppen erreichte. Zu diesen Bevorzugten gehrte der Wagen
des Polizeiprsidenten, der, von einem der Krassiere begleitet, sogleich an den
Eingang gelangte. Beide Damen und Herren stiegen aus, und als sie das Vestibul
erreicht hatten, wo sich in der Nhe des Tanzsaals die groen Garderoben
befanden, drangen ihnen schon die rauschenden Klnge einer Polonaise entgegen.
    Geschwind, geschwind! rief die Prsidentin, die Polonaise beginnt, man
darf das nicht versumen, wenn man einen Ueberblick ber das Ganze erhalten
will.
    Der Baron, welcher gehofft hatte, sogleich beim Eintritt in den Saal
verschwinden zu knnen, sah sich genthigt, der Tochter seinen Arm zu geben,
whrend die Mutter von einem schon lange auf diesen wichtigen Moment harrenden
jngern Polizeirath gekapert und in die Reihe weggefhrt wurde. Der Prsident
fate ngstlich seine Nase und war schon im nchsten Augenblicke in den Strudel
der Masken hineingerissen.
    Ein gewhnlicher Maskenball ist von einem solchen bei Hofe wenig
verschieden. Hier sind nur die Rume prchtiger, die Beleuchtung glnzender, der
Eingeladenen mehr und dabei in den einzelnen Slen, wo sich Alles
zusammendrngt, eine unertrgliche Hitze, ein fabelhafter Staub und ein Gemisch
von Parfums der verschiedensten Art. Im Uebrigen gleicht ein Maskenball dem
andern auf's Haar. Hier wie dort sieht man prchtige Kostme, geschmackvolle
Anzge, neben andern, die recht bel gewhlt, ja mitunter sehr fade erscheinen.
Auch die Konversation bleibt sich im Ganzen ziemlich gleich. Geistreiche
Bemerkungen wechseln ab mit den dummsten Phrasen, und das bekannte: Maske, ich
kenne dich! ist ebenso hier wie dort, nur hier gewhnlich in's Franzsische
bersetzt, zu Hause.
    Einen Vorzug haben brigens die gewhnlichen Blle, da sich nmlich
smmtliche Anwesende gleichfrmig ber das ganze Lokal vertheilen, wogegen hier
die Sle und Zimmer, in denen sich gerade die allerhchsten Herrschaften
aufhalten, frmlich belagert sind, von einer Menschenmasse besetzt, die Kopf an
Kopf steht, in der Jeder sich vordrngt, um gleich darauf wieder sanft
zurckgedrckt zu werden, wo Jeder den Hals so lang als mglich emporstreckt und
das seste Lcheln auf seinem Gesichte hervorruft, um gleich gerstet zu sein,
sobald ein gndiger Blick herberdringt.
    Die Polonaise bewegte sich durch das ganze Apartement in einer fast endlosen
Linie und hatte zuletzt den kleinen Thronsaal zu passiren, wo sich der
allerhchste Hof befand und auf diese Art alle anwesenden Masken Revue passiren
lie. Die Musik spielte ein so langsames Tempo, da man nur so dahin zu
schlendern brauchte, wodurch es auch den Herrschaften mglich war, sich jeden
Einzelnen genau zu betrachten, und Diesen oder Jenen mit einem gndigen Worte zu
beglcken.
    Vergeblich hatte der Baron Brand den Versuch gemacht, die junge Dame, welche
er fhrte, zu berreden, mit ihm in eins der leereren Zimmer zu treten, um, wie
er sagte, die langweilige Polonaise mit sem Geplauder zu vertauschen; - es war
ihm unangenehm, ja ihm bangte ordentlich davor, durch den Thronsaal zu gehen.
Auguste dagegen htte um Vieles ihren Platz nicht verlassen. Sie hrte gern das
Flstern um sich her und vernahm es mit Stolz, wenn man sich ber ihren seltsam,
aber elegant kostmirten Begleiter in allerlei Muthmaungen erging. Der Baron
mute vorwrts und da es nun einmal nicht zu ndern war, so hob er den Kopf
leicht empor und schritt dahin, als sei ihm Alles daran gelegen, die
Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen.
    Der ganze Hof war versammelt; Ihre Majestt im geschmackvollen Kostme einer
reichen Burgfrau sa da, von Ihrem ritterlichen Gefolge umgeben. Aus diesem
hervor machten sich besonders vier schne Stallmeisterinnen bemerkbar, welche
sie zunchst umstanden. Eine derselben war Eugenie v. S., und sobald der Baron
den Saal betrat, konnte er es begreiflicherweise nicht unterlassen, mit seinem
scharfen Auge sogleich dieses reizende Mdchen aufzusuchen. Da stand sie, die
prchtige, schlanke Gestalt, zunchst am Sessel Ihrer Majestt, auf dessen Lehne
sie eine Hand aufgesttzt hatte. Sie trug das eng anliegende dunkelblaue
Reitkleid, welches ihre schnen Krperformen wunderbar hervorhob. - Wehalb es
ihn schmerzlich berhrte, wute der Baron selbst nicht, aber als er von ihrer
Schulter die bekannten Achselbnder in Blau, Grn mit Silber herabflattern sah,
verursachte ihm das ein widriges Gefhl. Dazu war das Gesicht des schnen
Mdchens von einer erschrecklichen Blsse und ihre Augen waren gerthet, als
habe sie geweint; ja zuweilen zuckten ihre bleichen Lippen und es war, als msse
sie sich alle Gewalt anthun, um ihre Thrnen zurckzuhalten. - Wo aber war der
Herzog? - Richtig, dort stand er hinter ihr und hatte dieselben Farben, welche
Eugenie trug, an seinem Anzuge nicht gespart. Zuweilen beugte er sich
angelegentlich und auffallend zu ihr hinber und flsterte ihr lchelnd einige
Worte zu, welche sie ja nicht unfreundlich erwidern durfte. Doch sah das
Lcheln, welches alsdann ber ihr Gesicht flog, so eisig, ja unheimlich aus, da
es dem Baron ordentlich davor graute. Er verwnschte den Dienst, den er dem
Herzog geleistet, und htte sich vielleicht noch grere Vorwrfe darber
gemacht, wenn seine Gedanken heute Abend nicht mit Wichtigerem beschftigt
gewesen wren. - Warum hatte er dem Herzog dergleichen Dienste geleistet? Um ihn
seinerseits ebenfalls gebrauchen zu knnen und eine innige Verbindung mit ihm
anzuknpfen, die ihm spter vielleicht von Nutzen sein konnte. Und dieses spter
- o es kam vielleicht nie, denn der Baron fhlte schmerzlich, da der Zeiger
seiner Lebensuhr eine Stunde anzeigte, so spt, da mit dem Schlage derselben
die Uhr gnzlich abgelaufen sein mochte! Und doch - wenn es irgend mglich war,
sollte dem Herzog nichts geschenkt sein. Unter diesen Gedanken durchschritt er
den Saal, stolz, mit hoch erhobenem Kopfe, die erstaunten Blicke zurckgebend,
die sich gegen ihn richteten. Es mute etwas Eigenthmliches in seiner
Erscheinung liegen, denn wo er vorbei kam, bewegten sich flsternd die Lippen
gegen den Nachbar, und selbst Eugenie erhob ihren Blick und heftete die dunkeln,
schwermthigen Augen eine Sekunde lang fest auf ihn. Vor Etwas bangte brigens
dem Baron: vor dem Anblick des jungen Grafen Fohrbach, den er lieb gewonnen und
der auch ihm stets mit gleicher Freundlichkeit entgegen gekommen war.
Wahrhaftig, ihn reute die Geschichte mit den Achselbndern und er htte Gott
wei was darum gegeben, wenn er sie htte ungeschehen machen knnen. - Ach, wie
so Vieles! - Dort stand der Graf in einem sehr geschmackvollen Anzuge von
violettem Sammet mit Silberstickerei; dort stand er, und als er jetzt den Baron
erblickte, schien etwas Furchtbares in seinem Herzen vorzugehen. Seine Hnde
ballten sich zusammen, sein Auge flammte einen Moment, dann aber spiegelte sich
etwas wie Bestrzung und Schrecken in demselben. Da diese Aufregung des jungen
Mannes ihm gelte, fhlte der Baron wohl, doch war sie ihm unerklrlich, denn
erstens erkannte er ihn gewi nicht und dann konnte er ja auch keine Ahnung
davon haben, da er, der Baron Brand, bei jener Geschichte mit Eugenie und dem
Herzog die Hand im Spiele habe. Da aber Graf Fohrbach bei seinem Anblick auf's
Hchste erschreckt geschienen, ja, da sein Auge zornig gefunkelt, war nicht zu
leugnen; hatte er doch deutlich dessen Bewegung gesehen, als wenn er vorstrzen
wolle, und hatte bemerkt, da ihn der alte Leibarzt ironisch lachend bei dem Arm
ergriff und zurckzog. Auch folgte er ihm mit den Blicken, und als der Baron
schon das Ende des Thronsaales erreicht hatte und nochmals rckwrts schaute,
sah er, wie ihm der Graf noch immer mit vorgestrecktem Halse und starren Augen
nachblickte.
    Die Polonaise ging bald darauf zu Ende, der Baron brachte seine Tnzerin
nach mhsamem Umhersuchen endlich glcklich zu ihrer Mutter und wollte sich nun
so schnell als mglich zurckziehen. Doch lie ihn die Prsidentin nicht so
wohlfeilen Kaufes davon; er mute sich den Polizeirath vorstellen lassen und die
kluge Frau bentzte hiezu den Augenblick, als er gerade Arm in Arm mit der
Tochter vor sie hintrat. Es war diese Vorstellung gewissermaen eine Lehre fr
den Polizeirath, denn vor einem Jahre hatte man ihm zu verstehen gegeben, da
eine Verbindung mit dem Hause des Prsidenten, fr ihn, der von sehr guter
Familie war, vielleicht nicht unerreichbar sei. Er hatte aber bereits eine
thrichte Liebe in seinem Herzen und zu wenig Weltklugheit, um einer knftigen
Carrire selbst ein so kleines Opfer zu bringen.
    Der Baron hatte brigens nachgerade an der Komdie genug, in die er sich so
leichtsinnig hinein gewagt, und blickte rings auf das Gewhl, um eine Direktion
zu finden, bei welcher er sich am leichtesten zurckziehen knne. Doch sagte ihm
die Prsidentin: Sehen Sie, wie ich alterirt bin, Baron. Haben Sie denn schon
von der unglckseligen Geschichte mit der Baronin v. W. gehrt? Gerechter Gott!
man hat es mir schon von mehreren Seiten gesagt und denkt, ich, als Frau des
Prsidenten, msse darum wissen; hatte aber keine Ahnung davon. Mein Mann
spricht niemals ber so etwas. Haben Sie es denn gewut?
    Baron Brand zuckte mit den Achseln und entgegnete: Ich erfuhr es ebenfalls
vorhin. Das ist freilich eine traurige Geschichte. Und man wei nichts Nheres?
    Man sagt dies und das; Gott, wenn nur der Prsident kme! Wer wei, wo der
Mann wieder am Spieltische sitzt! Ich sollte doch eigentlich den Leuten
gegenber etwas Genaueres wissen.
    Der Polizeirath, der sich vorhin zurckgezogen, nherte sich jetzt eilig
wieder und sagte: Der Herr Herzog sucht den Herrn Polizeiprsidenten. Dort
kommen Seine Durchlaucht.
    Nach diesen Worten trat er mit einem tiefen Bckling zurck, um dem Herzoge
Platz zu machen, der nun zu der Gruppe trat, sich vor Mutter und Tochter etwas
verneigte und den ihm Fremden, der neben der Tochter stand, von der Seite
anblickte. Der Baron, der an der Prsentation von vorhin genug hatte, wandte
sich an den Herzog und sagte ihm lchelnd: Gndigster Herr, ich erlaube mir,
Ihnen einen guten Abend zu wnschen.
    Ah! die Stimme sollte ich kennen, erwiderte der Herzog, wobei er den
Andern forschend betrachtete. Wren Sie es wirklich, Baron Brand?
    In eigener Person; Coeur de rose! ich mu mir wahrhaftig auf meine
Vermummung etwas einbilden.
    Ich mache Ihnen mein Kompliment, entgegnete Seine Durchlaucht; suchte Sie
auch schon eine gute Weile, Sie und den Herrn Polizeiprsidenten. Wissen Sie,
ich kann Sie nun einmal von dem Departement nicht trennen. - Gndige Frau,
wandte er sich an die Prsidentin, Sie mssen diesem gefhrlichen Menschen den
Zutritt in Ihr Haus nicht so sehr erleichtern.
    Die Mutter lchelte sanft und erwiderte: Es gibt Verhltnisse, Euer
Durchlaucht, unter deren Schutz man viel gestatten kann.
    Ah! es gibt Verhltnisse! rief lachend der Herzog. Was Teufel! Baron, hat
man Sie endlich erwischt, - Sie Heuchler und Verrther! - Frulein Auguste, darf
ich Ihnen meine Gratulation machen?
    Das Mdchen knixte und blickte sehr schchtern zu Boden. Mama erhob ihren
Kopf sehr wrdevoll, wobei sie den Fcher spielen lie, und Herr von Brand stand
wie auf Nadeln.
    Glcklicherweise erinnerte sich der Herzog, wehalb er eigentlich gekommen,
und sprach zur Prsidentin: Haben Sie keine Idee, wo ich Ihren Herrn Gemahl
treffen kann? Ich mu ihn dringend sprechen.
    Abermals trat der Polizeirath, und diesmal noch schchterner, zu der Gruppe
und meldete gehorsamst, sein hoher Chef sei im runden gelben Salon und eben im
Begriff, eine Whistpartie zu finden.
    Zum Glck flsterte in diesem Augenblicke Auguste ihrer Mutter etwas zu,
wehalb es dem Baron mglich wurde, dem Herzog zuzuraunen: Nehmen Sie mich
mit.
    Dank Ihnen, wandte sich dieser an den Rath und sagte dann zu den Damen:
Sie werden entschuldigen, da ich Ihnen den Baron auf einige Minuten entfhre.
- Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zu sprechen.
    Beide entfernten sich und es gelang ihnen ohne Mhe, durch das Gedrnge zu
kommen, denn berall wurde dem Herzog auf das Ehrerbietigste Platz gemacht.
Dieser schob seinen Arm unter den des Herrn von Brand, und als sie in eine
Gallerie kamen, wo sich nur wenige Gste ergingen, sagte er: Baron, ich bin
ungeheuer in Ihrer Schuld. Sie haben die Sache mit den Achselbndern
vortrefflich arrangirt. Wenn ich nur eine Ahnung davon htte, wie Sie das
angefangen? Ich zweifelte daran und war nicht weniger berrascht als Graf
Fohrbach, dessen Gesicht Sie htten sehen sollen. Ah! das war komisch; haben Sie
ihn nicht zufllig erblickt?
    Nein, erwiderte der Andere mit groer Ruhe. Aber ich bemerkte, da
Frulein Eugenie sehr bla und angegriffen aussah.
    Das ist mir recht, bemerkte der Herzog eifrig. Glauben Sie mir, dieser
Farbenwechsel kann gute Frchte tragen.
    Meinen Sie?
    Oho! es war das auffallend genug. Der ganze Hof erkannte augenblicklich
meine Farben; ich sah viele lchelnde Gesichter. Das hat sie ungeheuer
compromittirt.
    Das thte mir wahrhaftig leid.
    Teufel auch! - Bei solchem Kriege gelten alle Mittel, sprach der Herzog,
und fuhr seufzend fort: ich bin in das Mdchen rasend verliebt, und es ist
nicht blos faon de parler, wenn ich wiederholt versichere, da ich Ihnen mit
meinem ganzen Einflu zu Gebote stehe.
    Davon hoffe ich baldigst Gebrauch zu machen, erwiderte der Baron. Sie
suchen den Polizeiprsidenten?
    Soll ich vielleicht bei dem fr Sie sprechen? fragte lachend Seine
Durchlaucht. Apropos, ist denn wirklich wahr, was Madame uns vorhin gesagt?
    Der Baron zuckte die Achseln und warf leicht hin: Man kann sich nie genug
in Acht nehmen. - Aber wenn ich mir eine Frage erlauben drfte: was suchen Sie
bei der Polizei, gndigster Herr?
    Haben Sie denn noch nicht von der skandalsen Geschichte gehrt?
    Von welcher? fragte so unbefangen wie mglich der Baron.
    Nun, mit der Baronin W. Der ganze Hof, die Gesellschaft sind emprt
darber. Ich suche den Prsidenten im Namen Ihrer Majestt.
    Sie sehen mich ganz erstaunt; ich wei von nichts.
    Sie wissen so gut wie ich, da der alte General bestndige Differenzen mit
seiner Frau hatte. Der Whrwolf! Eine so schne, liebenswrdige Frau! Wei der
Teufel, was sie fr eine Geschichte gehabt hat, denn unter uns gesagt: in dem
Punkt ist es nicht ganz richtig. Genug, da ist ein Haus in der Schilderstrae,
das hat sie zuweilen incognito besucht. Nun hat aber auch - wehalb wei ich
noch nicht - die Polizei auf eben dies Haus ein Auge. Denken Sie, Baron, man
besetzt das Haus mit dem Befehl, Alles was sich dort befnde, festzuhalten und
arretirt zu gleicher Zeit die unglckliche Frau, die sich zuflligerweise in
einem Zimmer des ersten Stocks befindet -
    Man arretirt sie? rief der Andere erschreckt.
    Das heit, man verbietet ihr bis auf Weiteres, das Haus zu verlassen. Nun
mag der Teufel wissen, wehalb zu gleicher Zeit die alte Excellenz von der
Geschichte gehrt hat. Genug, der General schlgt einen unerhrten Skandal auf
und bringt die Sache direkt vor Seine Majestt.
    Das ist ja eine furchtbare Geschichte! - Und was soll der Polizeiprsident
thun?
    Einfach der armen Frau gestatten, da sie das Haus verlt.
    Und wem gehrt das Haus?
    Das wissen die Gtter. Es soll sehr elegant mblirt sein. Entre nous, die
Sache hat schon ihren Haken. Aber Sie, der hinter Alles kommt, sollten das auch
ergrnden. Nicht wahr?
    Wenn man mir den Auftrag dazu gbe, entgegnete ruhig der Baron.
    Nun, den gibt man Ihnen mit tausend Freuden, sagte eifrig Seine
Durchlaucht.
    Aber wer, gndigster Herr?
    Nun, meinetwegen Ihre Majestt; ich will das verantworten.
    Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Majestt, meinte lchelnd der Baron,
aber um jetzt da 'was vorzunehmen, mte man einen Befehl des Prsidenten
haben, mit der Gefangenen verkehren zu drfen.
    Den wrde Ihnen der knftige Schwiegerpapa gewi nicht abschlagen.
    Scherz bei Seite, gndiger Herr! Da kann ich nichts machen. Aber wenn Sie
im Auftrage Ihrer Majestt dem Prsidenten scharf zu Leibe gehen, so wird es
Ihnen leicht, ihm einen Befehl auszupressen, der mir erlaubt, das Haus in der
Schilderstrae zu besuchen.
    Und darf ich Sie ihm nennen.
    Versteht sich von selbst; machen Sie von meinem Namen jeden beliebigen
Gebrauch.
    Diese Unterredung hatten beide Herren im Durchschreiten der langen Gallerie
gehalten, waren aber dabei jeden Augenblick stehen geblieben und hatten jetzt
das Ende derselben erreicht. In dem Moment, als sie dieselbe verlassen wollten,
fast unter der Ausgangsthre, stieen sie auf den Grafen Fohrbach, der am Arme
des Herrn von Steinfeld eilig eintrat. Beim Anblick des Herzogs und des Barons
trat der Graf mit einem seltsamen Ausdruck im Gesichte auf die Seite und schien
einige Sekunden unschlssig, ob er nher treten oder sich entfernen solle.
Augenscheinlich hatte der Graf den Herrn von Brand aufgesucht, hielt es aber bei
der Anwesenheit Seiner Durchlaucht nicht fr geeignet ihn anzureden. Letzterer
lchelte auf eine eigenthmliche Art - es war das ein Lcheln, welches eine
tiefe Rthe auf dem Gesichte des Adjutanten hervorrief, was brigens der Baron,
der sich hastig von dem Arme des Herzogs losgemacht hatte, nicht zu bemerken
schien. Wie von einer pltzlichen, sehr wichtigen Idee getrieben, trat er auf
den Herrn von Steinfeld zu, der aber befremdet einen halben Schritt zurcktrat.
    Es war diese Begegnung brigens fr alle vier ein peinlicher Moment, welchem
der Herzog dadurch entging, da er eine leichte Verbeugung machte und seinem
Begleiter sagte: Erwarten Sie mich in der Nhe, Baron, ich hoffe Ihnen das
bewute Papier sogleich zu berbringen.
    Graf Fohrbach blickte dem Herzog nach, bis derselbe im Nebenzimmer
verschwunden war. Dann wandte er sich an den Baron, der wohl vorhersehend, was
jetzt kommen wrde, ruhig stehen geblieben war.
    Wir haben Sie aufgesucht, Herr von Brand, sagte der Adjutant nach einer
Pause in einem Tone, dem man deutlich anhrte, da sich der Sprecher zwang, ihn
so ruhig als mglich zu halten.
    Beide Herren haben mich aufgesucht? erwiderte der Baron auf die
verbindlichste Art von der Welt. Also fhrt Sie eine gemeinsame Angelegenheit
zu mir? Und es trifft sich das fr mich sehr angenehm, denn ich war ebenfalls im
Begriff, beide Herren aufzusuchen. - Gewi, Graf Fohrbach; beide Herren. Die
Haltung, welche der Baron bei den letzten Worten angenommen hatte, sowie die
Art, wie er seine Worte betonte, waren so gnzlich verschieden von seiner
sonstigen Weise, da sie unmglich ihren Eindruck auf die Andern verfehlen
konnten.
    Es ist hier eigentlich nicht der Ort zu Erklrungen, sagte Herr von
Steinfeld, und mssen wir Sie bitten, uns in eins der leeren Nebenzimmer zu
folgen.
    Auch zu dem, was ich mitzutheilen habe, erwiderte der Baron beipflichtend,
sind die Sle eigentlich nicht passend und wrde ich den beiden Herren folgen,
wohin es ihnen beliebte, doch vernahmen Sie selbst den Befehl Seiner
Durchlaucht, welcher mich hier an diesen Platz fesselt.
    Und die Befehle des Herrn Herzogs werden pnktlich befolgt, erwiderte Graf
Fohrbach ironisch.
    Doch schien der Baron das nicht verstehen zu wollen, denn er fuhr ruhig
fort: Sollten Sie es aber vorziehen, in einer sptern Stunde ber mich zu
verfgen, so fge ich mich, Wo es immer sei, Ihren Wnschen.
    Ich wrde es als eine Geflligkeit ansehen, wenn Sie jetzt einen Augenblick
fr uns htten, sagte der Graf. Du bist ebenfalls frei, wandte er sich an den
Herrn von Steinfeld, wer wei, wozu man spter commandirt wird! Es ist hier
nebenan ein kleines Kabinet, wo wir von Lauschern sicher sind.
    Der Baron Brand verbeugte sich und einer Handbewegung des Adjutanten
folgend, die ihn nthigte, voran zu gehen, verlie er die Gallerie und betrat
das bezeichnete Kabinet. Die Andern folgten ihm.
    In diesem Kabinete war man freilich von den Lauschern sicher. Es bildete
eine Ecke des Schlosses und hatte auf diese Art keine Seitenzimmer. Die Wnde
desselben waren mit dunkelrothen Seidentapeten bedeckt, wodurch es, nur von zwei
Wachskerzen erhellt, ziemlich dunkel erschien. In dem Kamine von polirtem Stahl
brannte ein mchtiger Holzsto und in kleinen Fauteuils vor demselben lieen
sich der Graf, sowie Herr von Steinfeld nieder. Der Baron dagegen zog es vor,
stehen zu bleiben und lehnte sich mit dem Rcken so gegen das Kamingesims, da
weder der Schein des Feuers in demselben, noch der der Wachskerzen auf sein
Gesicht fiel. Rings umher war alles so still, da es der von ferne sehr gedmpft
herber dringenden Tne der Musik bedurfte, um sich zu erinnern, da man in der
unmittelbaren Nhe eines Ballfestes sei.
    Es dauerte brigens lngere Zeit, ehe Einer von den Dreien das Wort ergriff.
So sehr es den Grafen gedrngt, den Baron aufzufinden, den er mit Recht im
Verdacht hatte, bei der Geschichte der Achselbnder mitgewirkt zu haben - denn
er erinnerte sich wohl jenes Berichtes, den er damals im Schlosse angehrt - so
versank er doch jetzt, vor den spielenden Flammen sitzend, momentan in tiefe
Gedanken, aus denen ihn Herr von Steinfeld nicht weckte, da er mehr Zeuge als
Selbsthandelnder war, ebensowenig der Baron, der die Arme ber einander
geschlagen hatte und angelegentlich die Tapete betrachtete, die jetzt fast
schwarz erschien, und gleich darauf, wenn die Flamme aus dem Holzstoe strker
emporloderte, wie glhend roth angestrahlt wurde. Dieser hatte so seine eigenen
Gedanken, - wilde schreckliche Gedanken, wie vor ein paar Stunden in dem Garten
der Polizeidirektion; nur war jetzt mehr Klarheit hineingekommen, er wute, was
er wollte, und nachdem er noch eine Weile schwer mit sich gekmpft, sah er es
deutlich vor sich, das Ende seines vielbewegten, seltsamen Lebens. Er fuhr aus
seinen Trumereien empor und wandte sich mit den Worten an die beiden Herren:
Sie wollten mir Mittheilungen machen? -Erlauben Sie mir, da ich das Wort
ergreife, und wenn ich zu Ende bin, werden Sie wohl eingestehen, da ich
vielleicht die meisten Ihrer Fragen ohne sie zu kennen beantwortet. - -

                              Achtzigstes Kapitel.



                               Gnade und Ungnade.

Der Chef des Polizeidepartements - er war wie die meisten alten Herren im
schwarzen Frack, ber dessen Rcken etwas wie eine schwarzseidene Schrze
flatterte, einen Domino vorstellend - bedauerte unendlich, da die berhmte
Geschichte mit der Diebsbande nicht schon vor ein paar Monaten eclatrirt war,
wegen der sehr leeren linken Seite seines Frackes im traurigen Gegensatz zu den
andern Departementschefs, die bei den groen Gelegenheiten wie ein wandelndes
Stck Firmament aussahen. Er war sich aber seiner Wichtigkeit, namentlich im
gegenwrtigen Augenblicke, vollkommen bewut, und seine Nase, nachdem er sie
gehtschelt und sanft geklopft, erhielt die Freiheit, hoch ber Vernderlich
auf Schn Wetter zu steigen, um als getreuer Barometer dem Publikum
anzuzeigen, da ihr Herr auerordentlich mit sich zufrieden sei.
    So war er durch die Zimmer stolzirt, und wenn es auch sonst nicht gerade zu
seinen Gewohnheiten gehrte, sich vorzudrngen, so that er doch heute Abend
etwas dergleichen und wandelte zu dem Zweck den innern Appartements zu, wo der
allerhchste Hof seinen kleinen Cercle hielt, wo man unter einander plauderte
oder mit Vertrauten sprach. Man mochte hier im Allgemeinen den Prsidenten wohl
leiden. Die Herren schtzten ihn, weil selbst der geordnetste Mann wohl einmal
in den Fall kommen konnte, von seiner mchtigen Hilfe Gebrauch machen zu mssen,
und die Damen, weil er ein kleines Original war, pikante Geschichten zu erzhlen
wute und whrend des Winters ein paar recht hbsche Blle gab.
    Der Hof war gruppirt, wie es sich von selbst versteht: die glnzenden Sonnen
waren von den leuchtenden Planeten umgeben, diese wieder umtanzt von den Monden,
denen sie ihr Licht verliehen, und umringt von dem zahllosen Heer des gemeinen
Gestirnes. Zuweilen scho auch ein Komet durch den strahlenden Kranz in Gestalt
eines bescheidenen Assessors oder unternehmenden Lieutenants, ein schchterner
Komet, der nun aus Alteration, sich in den hchsten Cirkel verirrt zu haben,
ohne sich aufzuhalten, bis an's Ende smmtlicher Sle sauste und sich erst da,
wo ihn Niemand mehr bemerkte, erschreckt umwandte.
    Der Prsident betrat diesen Salon, gewi nicht in der Absicht, dort zu
bleiben, sondern nur um hier durch in den gelben Saal zu einer Partie Whist zu
gelangen. Er htte freilich auch noch einen andern Weg dorthin nehmen knnen,
aber die kleinen Strahlen hchster Gunst, die bei solchen Gelegenheiten selten
verfehlten, ihn zu beglcken, thaten seinem alten Herzen so wohl. Die Frau
Herzogin besonders war ihm ziemlich gewogen und ermangelte nie einen huldreichen
Spa mit ihm zu machen; ja, Ihre Majestt hatten, am Whisttische sitzend, schon
die auerordentliche Gnade gehabt, ihm einen Blick in Hchstihre Karten zu
gestatten, und selbst Seine Majestt bemerkten ihren Chef der Polizei nicht
ungern und hatten immer etwas Angenehmes fr ihn in Bereitschaft, war es nur ein
spahaftes Wort oder eine huldreiche Handbewegung. Der Prsident verlie den
allerhchsten Kreis nie, ohne solchergestalt reichlich bedacht worden zu sein.
    So empfnglich fr alles Gute, betrat er auch heute diesen Saal und zufllig
durch eine Thre, welche ihn vis  vis Ihrer Majestt brachte, die ihn einen
Augenblick fixirten, die Augen zusammen zogen, und sich dann, ohne die tiefe
Verbeugung des Chefs der Polizei zu bemerken, nach der andern Seite wandten,
wobei Ihre Majestt zu der Frau Herzogin sagten, da sich die neue blaue
Seidentapete doch vortrefflich ausnhme. Der Prsident, etwas erstaunt, tnzelte
zierlich bei den Herrschaften vorbei, und als er in den Gesichtskreis der Frau
Herzogin trat, brachte er auch hier pflichtmig seine Verbeugung gegen
Hochdieselbe an. Diese wandte sich nun gerade nicht herum, doch dankte sie mit
einer Neigung des Kopfes so kalt, so steif und frmlich, da der Prsident
unwillkrlich hinter sich schielte, ob sich dort nicht zufllig ein neu
erschaffener Kammerherr zeige oder die Frau eines alten Beamten von sehr jungem
Adel, denen dieser Gru gegolten. Aber hinter ihm war nichts als ein groer
Spiegel, der seine eigene Gestalt und sein bestrztes Gesicht wie neckend
zurckwarf.
    Da der Prsident nicht falsch gesehen, bemerkte er als Mann, der den Hof
kannte, an den Gesichtern der Cavaliere, durch welche er hindurch schritt, und
von denen die meisten sonst fr ihn voll Aufmerksamkeit waren. Heute erging es
ihm wie dem Herrn von Dankwart, denn wenn er rechts und links seine Hnde
ausgestreckt htte, wre Niemand da gewesen, um sie zu ergreifen und zu
schtteln. Wo er selbst ein freundliches Wort sprach, da wich man
augenscheinlich zurck und hatte nur ein verlegenes Grinsen statt aller Antwort.
Die Nase des Prsidenten sank auf Vernderlich herab; er sprte schlechtes
Wetter, und an dem Benehmen der Excellenzen in dem gelben Salon, die ihn sonst
gerne zu ihrer Spielpartie zogen, fand er seine Vermuthungen besttigt. Alle
Tische waren bereits besetzt, und wo sich allenfalls noch ein Platz zeigte, da
wurde fast angesichts des Prsidenten ein Nebenstehender gepret, um den leeren
Platz einzunehmen.
    Es ist wundersam, wie in der Welt oft des Einen Schaden dem Andern zum
Nutzen wird. So ging es bei der eben erwhnten Veranlassung - dem Pressen eines
Mitspielers nmlich - dem Herrn von Dankwart. Vergeblich hatte dieser lngere
Zeit in dem Dunstkreis der hchsten Herrschaften herum geschwnzelt, - es wollte
keines, selbst nicht einmal eines der Gestirne dritten Ranges, eine
Anziehungskraft auf ihn ausben. Seine geflligsten und geistreichsten
Bemerkungen waren nur fr den leeren Raum gesprochen, und als ihm endlich eine
etwas kecke Annherung an die Frau Herzogin ein pikantes Wort eingetragen hatte,
sah er sich veranlat, den Kreis der Sonnen und Planeten zu verlassen und als
unglckliche Sternschuppe in's Nebenzimmer abzublitzen. Zum Glck fr ihn fiel
er hier an den Tisch Seiner Excellenz des Oberststallmeisters, der mit dem
Hoftheater-Intendanten auf den dritten Mann wartete, und nun beim Anblick des
Prsidenten in der Noth zum Herrn von Dankwart griff, als kluger Mann denkend,
da man immer unter zwei Uebeln das kleinste whlen msse.
    Der Prsident wute nicht, was er von allem dem zu halten habe; er schien
seine Nase befragen zu wollen, indem er sie fate und tief herabzog, aber
dieselbe blieb stumm und antwortete nur durch ein stilles Seufzen. Er wandelte
nach und nach bei smmtlichen Spieltischen vorbei, bald hier bald dort eine
Bemerkung in das Gesprch werfend, doch waren die Antworten, die er erhielt,
ebenfalls kalt und frmlich, ja mancher schaute sich um, ob wohl Jemand bemerke,
da der arme Prsident neben ihm stehe. So kam er auch an die andre Thre des
gelben Salons, wo er mit Herzog Alfred, der ihm hastig entgegen kam,
zusammentraf. - Ah! rief dieser mit lauter Stimme, Sie habe ich lange
gesucht.
    Dem Chef der Polizei war es bei diesen Worten zu Muth, als ginge ihm in
finsterer Nacht ein Stern auf. Gott sei Dank! seufzte er in sich hinein,
endlich doch einmal ein Wesen, das menschlich denkt. Unter Larven die einzig
fhlende Brust. Das Aussehen des Herzogs war leutselig und freundlich wie
immer, und dazu sprach er mit so hrbarer Stimme, da fast smmtliche Spielende
ihre Kpfe herumdrehten.
    Haben Sie einen Augenblick fr mich brig, fuhr Seine Durchlaucht fort,
so wre es mir angenehm, wenn Eure Excellenz einen Gang mit mir durch die
Zimmer machten.
    Auf's Hchste geschmeichelt, verbeugte sich der Prsident, und Beide traten
in das anstoende Gemach.
    Aber, Prsident, sagte der Herzog, als sie allein waren, was machen Sie
um Gotteswillen fr Geschichten!
    Da man mich im Verdacht hat, als mache ich seltsame Geschichten, habe ich
schon bemerkt, entgegnete der Chef der Polizei in klglichem Tone. Aber ich
kann Euer Durchlaucht versichern, da ich so wenig wei, wessen man mich
beschuldigt, als wenn ich ein neugeborenes Kind wre.
    Der Teufel auch! Da haben Sie ein schlechtes Gedchtni oder sind wirklich
wie ein unschuldiges Kind. Meinen Sie, es knnte Ihrer Majestt und der Frau
Herzogin gleichgiltig sein, wenn Sie so mir nichts dir nichts einer Dame
Hausarrest geben, die mit den Herrschaften so hufig en petit comit war?
    Ah! machte verblfft der Prsident, denn ihm flammte ein kolossales Licht
auf. Doch sagte er schchtern: Ich kann Euer Durchlaucht versichern, da ich
vorher Rcksprache mit dem Gemahl dieser Dame genommen.
    In dessen Falle Sie gegangen sind! sprach ungeduldig der Herzog. Kennen
Sie den alten Fuchs so wenig? Er hat einen Skandal herbeigesucht, um sich mit
Anstand von seiner Frau trennen zu knnen; er gab Ihnen freilich seine
Zustimmung, aber eine Viertelstunde nachher verklagte er Sie bei Seiner Majestt
als - roh und gewaltthtig.
    Welche Immoralitt! - Und bei Seiner Majestt sagen Sie?
    Bei Seiner Majestt, und Dieselben sollen sich geuert haben, das sei ein
Akt der Rcksichtslosigkeit, wie ihm selten etwas Aehnliches vorgekommen.
    Ich bin verloren, sprach der Prsident mit schmerzlicher Stimme und
schielte unter seiner Nase hinweg, die betrbt herabgesunken war auf den so
leeren Fleck an der linken Seite seines Frackes.
    Aber was dachten Sie eigentlich bei der Geschichte? Es heit, Sie seien
einer Spitzbubenbande auf der Spur; aber ich bitte, wie knnen Sie dergleichen
mit jener armen Frau zusammen bringen! Ah! Prsident, ich kenne Sie gar nicht
mehr.
    Gott soll mich bewahren, da ich die Baronin verdchtigen wollte! Aber das
Haus ist verdchtig, und da man sie da fand, war man quasi genthigt, sie
festzuhalten.
    Ich habe Sie nie als einen so furchtbaren Wtherich gekannt.
    Und dann kann ich auch Euer Durchlaucht versichern, da der alte General
die Verhaftung nicht nur gut geheien, sondern auch seine Frau im hchsten Grade
mir verdchtigt hat.
    Hol' ihn der Teufel! Aber wie gesagt, Prsident, wir mssen einlenken.
Wissen Sie, man wird von Oben herab nie befehlend in Ihre Geschfte eingreifen,
aber man erwartet dagegen, da Sie etwas thun, um allerhchste Wnsche, deren
Ueberbringer ich bin, zu erfllen.
    Der Prsident berlegte zaudernd.
    Ich mchte um Alles in der Welt nicht melden, da sich Euer Excellenz lange
bedacht, sprach ernst der Herzog. Und thun Sie gleich, was Sie thun wollen:
ich mchte gern so bald wie mglich anzeigen, da Alles in Ordnung sei.
    Da ich den Arrest aufgehoben, der auf den Bewohnern jenes Hauses liegt?
    Natrlich vor allen Dingen, da Sie die Baronin freigegeben. Mit dem andern
Volke knnen Sie machen, was Sie wollen.
    Der Prsident schttelte leicht den Kopf und erwiderte: So wie Euer
Durchlaucht meinen, geht das nicht. Vielleicht kennen Sie das groe Wort:
Gleichheit vor dem Gesetze. Ich mu entweder Alle behalten oder Alle freigeben,
und in letzterem Falle erklren, die Polizei habe sich geirrt. - Das wre
schrecklich.
    So thun Sie einmal das Schreckliche; fr die unglckliche Frau wird es auch
besser sein, wenn man sagen kann, es sei ein Irrthum vorgefallen. - Ah! dies
schne Weib! setzte er leise mit einem Seufzer hinzu, wie wurde sie zu solch'
unvorsichtigen Geschichten getrieben! Ich wollte nur, ich htte mich ihrer
angenommen.
    Der Prsident hatte mit sich selbst gekmpft, endlich aber rief er aus: In
Gottes Namen! Wenn ich nur einen meiner Rthe im Gewhl finde, den ich
hinschicken kann!
    Das bedarf's gar nicht, sagte freudig der Herzog. Geben Sie mir zwei
Zeilen, der Baron Brand hat sich angeboten, die Sache heute Abend noch zu
arrangiren. Kommen Sie, da ist Papier und Feder.
    Mit einem unterdrckten Seufzer setzte der Prsident einige Zeilen auf,
unterschrieb und hielt sie dem Herzog hin. Ehe er sich aber das Papier aus
seiner Hand nehmen lie, sagte er: Bevor der Baron Brand, der mir, natrlich in
einem andern Kostm, als Unterhndler ganz recht ist, die Geschichte besorgt,
mchte ich demselben noch ein paar Instruktionen geben.
    Aber, Prsident, keine Contre-Ordre! meinte der Herzog lachend.
    Wo denken Sie hin? erwiderte der Prsident, und fuhr nach einer kleinen
Pause, whrend welcher er das Papier in der Hand auf- und abbewegte, fort: Ein
Dienst ist des andern werth, Euer Durchlaucht. Hier haben Sie den Befehl, aber
dafr fhren Sie mich durch das gelbe Spielzimmer und den Salon, wo die
Herrschaften sind, in freundlichem Gesprch.
    Arm in Arm mit dir! sagte laut lachend der Herzog, indem er das Papier
nahm, so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken.
    Und dann gingen die Beiden dahin, wirklich Arm in Arm, bei den erstaunten
Spielern vorbei, in den kleinen Salon, wo die Frau Herzogin, ihrem Sohne
freundlich zunickend, meinte: es freue sie recht besonders, endlich auch den
Polzeiprsidenten zu sehen. Ihre Majestt sa am Spieltische und lieen in
diesem Augenblick eine Karte fallen, welche der Chef der Polizei aufzuheben das
Glck hatte, um sich dann berauscht in den gelben Saal zurckzuziehen, wo ihm
alsbald mehrere Stroh- oder todte Mnner angeboten wurden.
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    In dem rothen Kabinet hatte unterdessen der Baron von Brand, unbeweglich an
dem Kamingesims lehnend, seinen beiden Zuhrern eine furchtbare Geschichte
erzhlt - die Geschichte seines Lebens. Er hatte dabei nichts verschwiegen,
nichts beschnigt, er hatte sich selbst gezeichnet mit seinen schnen und
herrlichen Eigenschaften, mit seinen Fehlern und Lastern. Herr von Steinfeld,
der vor dem Feuer sa, hatte seine Arme auf die Kniee gesttzt und lie das
Gesicht in beiden Hnden ruhen.
    Jetzt wissen Sie Alles, schlo Herr von Brand. Und nach einem tiefen
Seufzer, der seiner Brust entstieg, fuhr er sich mit der Rechten ber das
Gesicht.
    Graf Fohrbach hatte sich whrend dessen langsam erhoben, war dem Erzhler
nher getreten, hatte in tiefer Bewegung seine beiden Hnde erfat und
schttelte sie herzlich.
    Es ist mir um Vieles leichter, fuhr dieser fort, da es mir vergnnt war,
die Geschichte meines Lebens in die Herzen zweier Ehrenmnner niederzulegen, die
nun gewi Manches klarer sehen und Manches gelinder beurtheilen werden. Jetzt
habe ich nur noch die Bitte, meine Lage in's Auge zu fassen, sie ernstlich und
prfend von allen Seiten zu beschauen und mir ihre Meinung zu sagen.
    Schrecklich! schrecklich! murmelte Herr von Steinfeld.
    Da meines Bleibens hier nicht sein kann, versteht sich von selbst. Mich
hlt ja auch nichts zurck, als das Schicksal meiner armen unglcklichen
Schwester, das, wie ich hoffe, in gute Hnde gelegt sein wird.
    Hugo von Steinfeld schaute einen Augenblick in die Hhe, nickte stumm mit
dem Kopfe und versank dann wieder in seine Trumereien.
    Was meine andern Verbindungen anbelangt, so sind dieselben theilweise schon
gelst. Fr einige von Denen, die mir anhnglich waren, habe ich bereits
gesorgt; fr die Uebrigen werde ich es noch thun. Dann bin ich fertig mit der
Welt.
    Ah! Sie wollen doch nicht -? rief der Graf erschreckt aus.
    Dem natrlichen Lauf der Dinge vorgreifen? versetzte lchelnd der Baron.
O gewi nicht; das wrde ja einen Schatten auf meinen Namen werfen und den
theuren Freunden, die ich hier zurcklasse, unangenehm sein. - O nein, denken
Sie das nicht; ich will nur ein wenig der Lenker meines eigenen Schicksals sein,
und wenn mich dasselbe zwingt, diese Welt zu verlassen, so wird es auf die
alleranstndigste und unbefangenste Weise geschehen.
    Baron, Sie sprechen in Rthseln.
    Die Ihnen baldigst klar werden sollen, das verspreche ich Ihnen. Doch keine
vorzeitige Trauer, Herr von Steinfeld, nicht dies erschreckte Auge, Graf
Fohrbach! Denken Sie, es habe Ihnen Jemand ein vielleicht nicht uninteressantes
Kapitel eines Romanes vorgelesen. Grbeln Sie nicht weiter darber nach,
schlagen Sie fr heute das Buch zu; Sie sollen in einiger Zeit den Schlu des
Romanes erfahren und er wird Sie nicht unbefriedigt lassen. - Aber, coeur de
rose! fuhr er nach einer Pause, nachdem er auf die Uhr gesehen, in dem uns
bekannten leichten und gezierten Tone fort, wir haben hier fast eine Stunde
verplaudert und ich glaube, es ist unsere Pflicht, uns jetzt wieder dem Balle zu
widmen. Damit trat er von dem Kamine weg, dehnte sich ein wenig und wollte in
den Saal zurck.
    Noch Eins! bat Graf Fohrbach, ihn zurckhaltend. Wre es von mir
indiskret, zu fragen, ob Sie bei der Geschichte mit den Achselbndern die Hand
im Spiele gehabt? O, wenn es Ihnen mglich ist, so sagen Sie es mir; mein ganzes
Lebensglck hngt daran.
    Seien Sie unbesorgt, erwidert lchelnd der Baron, noch eine Stunde vor
dem Balle waren die Achselbnder wei, und ich mchte Zehn gegen Eins wetten,
da sie wieder so erscheinen, ehe der Ball zu Ende geht.
    Darnach will ich schauen! rief entzckt der junge Mann, drckte dem Andern
die Hand und eilte davon.
    In diesem Augenblicke trat der Herzog von der entgegengesetzten Seite in die
Gallerie und als er den Bekannten erschaute, zeigte er ihm schon von Weitem ein
Papier. Nher kommend sagte er: Das hat einige Mhe gekostet, aber es ist ganz
so, wie wir es gewollt. Sie knnen heute noch davon Gebrauch machen. - Aber was
geschieht nachher mit der armen Frau? Sie wird nicht in das Haus ihres Gemahls
zurckkehren wollen. Was meinen Sie: soll ich sie unter meinen Schutz nehmen?
    Mir wre der von der Frau Herzogin schon lieber, versetzte lchelnd der
Baron. Wollen sich Euer Durchlaucht erinnern, da es mir gelang, Ihnen einige
kleine Dienste zu leisten und da Sie versprachen, mir Gleiches mit Gleichem
vergelten zu wollen.
    Allerdings und ich nehme mein Wort nicht zurck.
    Nun wohlan, Sie haben jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenden Sie Ihren
Einflu dazu an, der Baronin v. W. ein anstndiges Asyl zu verschaffen - bei der
Frau Herzogin, am liebsten aber bei Ihrer Majestt selbst.
    Das wird schwer angehen, bester Baron.
    Aber es wird doch gehen, Durchlaucht, erwiderte der Andere bestimmt.
Sehen Sie, ich gebe Ihnen Ihre Antworten von frher zurck, und wenn Sie so
sprachen, so that ich mein Uebermgliches und die Sache ging.
    Ja, das wissen wir, versetzte lachend der Herzog. Und ich will denn
gerade so thun, auf die Gefahr hin, meinen guten Ruf zu verlieren.
    Ihr herzogliches Wort darauf, Durchlaucht?
    Mein Wort. - Und gleich will ich die Sache in's Werk zu setzen versuchen;
man mu das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Damit eilte er nach dem
Tanzsaale zurck.
    Der Andere trat wieder in das rothe Kabinet, wo Hugo von Steinfeld noch
immer zusammengekauert vor dem Kaminfeuer sa. Der Baron berhrte leise seine
Schulter und als er in die Hhe fuhr, zeigte ihm derselbe das erhaltene Papier
und sagte mit sanfter Stimme: Dies hier gibt mir das Recht, der Frau von W.
noch heute Abend ihre Freiheit anzukndigen.
    Und dann? fragte der Andere, wobei ein lebhafter Blitz seinen Augen
entfuhr.
    Dann wird Ihre Majestt der Unglcklichen ein Asyl bei sich vergnnen, bis
-
    Ah! Baron, ich zittere! rief Herr von Steinfeld. - Bis -
    Bis ihre Scheidung ausgesprochen ist, was nicht lange dauern kann, da beide
Parteien vollkommen einverstanden sind und ihre Wnsche von Oben herab gewi
protegirt werden. Und dann - setzte der Baron mit einem eigenthmlichen Blick
hinzu.
    Dann knnen wir Alle, Alle vielleicht noch glcklich werden! rief
strmisch der junge Mann. O meine Elise, o mein armes, kleines Kind!
    Die Augen des Barons funkelten auf eine sonderbare Art, als der Andere so
sprach; er drckte ihm die Hand und sagte: Wenn es Ihnen recht ist, so
begleiten Sie mich nachher.
    Ah, wie danke ich Ihnen, Baron! - Gehen wir sogleich!
    In einer Viertelstunde, erwiderte der Baron mit ruhigem Tone. Kommen Sie,
ich mu vorher noch einen nothwendigen Gang durch die Apartements machen.
    Im groen Saal ward unterdessen beharrlich getanzt, im kleinen Salon
anhaltend geplaudert, und im gelben Zimmer ziemlich stark gespielt worden. Herr
von Dankwart, der, wie wir wissen, so glcklich gewesen war, zum Spiel der
beiden Excellenzen gezogen zu werden, hatte sich dort behauptet und wrde diesen
Platz, so nahe bei den frstlichen Personen, um Alles in der Welt nicht
verlassen haben. Doch spielte er dabei ziemlich zerstreut, was ihm schon hie und
da eine kleine Rge eingetragen hatte.
    Das ist zu stark! rief jetzt der Hofmarschall mit einem zornigen Blick auf
den kleinen Mann; Sie sind wirklich ber alle Maen zerstreut, da haben Sie
wahrhaftig meinen Buben gestochen.
    Allerdings, fgte lchelnd der Oberststallmeister, der mit dem Blinden
spielte, bei. Herr von Dankwart ist in der That mit seinen Gedanken anderswo.
Was beschftigt denn so Ihren Geist?
    Er wird in Gedanken bei den vortrefflichen Abbildungen sein, die ein
berhmter Knstler von ihm gemacht, sagte pltzlich eine klangvolle Stimme
hinter den Schultern des kleinen Herrn.
    Worauf dieser rasch herumfuhr und mit zornigem Blicke einen Mann hinter sich
stehen sah, der ein einfaches, aber auffallendes Kostm trug, und obgleich nicht
maskirt, ihm doch unbekannt war.
    Der Fremde lchelte, als er diese Worte gesprochen hatte, dann sttzte er
die Rechte an die Seite und die Linke auf den weien Griff eines
Tscherkessendolches, den er am Grtel trug.
    Hm! hm! machte der Hofmarschall ein klein wenig verlegen, und Seine
Excellenz der Oberststallmeister bi sich mit einem halb unterdrckten Lcheln
auf die Lippen.
    Ein Maskenscherz, sagte nun Herr von Dankwart mit einem sehr erknstelten
Lachen.
    Durchaus kein Maskenscherz, fuhr der Fremde fort. Es sind in Wahrheit
sechs Portraits, jedes so sprechend hnlich, wie ich nie etwas gesehen.
    Also Sie haben sie gesehen? fragte lauernd der kleine Mann.
    Es kann sie Jedermann sehen, der den Eigenthmer besucht.
    Und wer ist dieser Eigenthmer? rief Herr von Dankwart mehr und mehr
aufgeregt.
    Ich habe keine Ursache, das zu verschweigen, entgegnete der Andere ruhig.
Baron von Brand macht kein Geheimni daraus, diese sechs werthvollen
Abbildungen zu besitzen.
    Aber was ist denn das mit den sechs Abbildungen? fragte boshafter Weise
der Hofmarschall.
    Eine Schndlichkeit, eine Niedertrchtigkeit! brauste endlich Herr von
Dankwart auf, die man hheren Orts nicht ungeahndet lassen wird. Wissen Sie,
meine Herren, ein elender Maler, ein Sudler, den ich mit mehreren schlechten
Bildern abzuweisen fr nothwendig hielt, hat sich nun dafr gercht, indem er
niedertrchtige Karrikaturen auf mich gemacht. Nun, ich theile dies Loos mit den
bedeutendsten Mnnern aller Zeitalter, bin auch nicht kleindenkend genug, jenen
unbedeutenden Pfuscher dafr zu fassen. Aber mit dem Herrn von Brand, der sich,
wie ich schon seit einigen Tagen gehrt, ein boshaftes Vergngen daraus macht,
die schlechten Bltter bald Diesem, bald Jenem zu zeigen, werde ich ein ernstes
Wort reden.
    Darauf ist Herr von Brand gefat und sehr begierig, dies ernste Wort zu
vernehmen.
    Der kleine Mann ma den ihm zur Seite Stehenden, der brigens in sehr
ruhigem Tone sprach, von Oben bis Unten, und sagte dann nach einer Weile: Und
wer sind Sie, der sich hier unberufen eindringt?
    Nicht unberufener als mancher Andere, erwiderte der Fremde. Uebrigens bin
ich einer Ihrer Verehrer, Herr von Dankwart. Ich staune Sie an, denn Sie haben
Groes geleistet.
    Der Angeredete beantwortete dieses zweifelhafte Kompliment mit verchtlicher
Miene und einem Achselzucken.
    Ja, Sie haben Groes gethan; Sie haben es in der kurzen Zeit Ihres
Hierseins verstanden, sich durch Ihr anmaendes Betragen, durch Ihren
unergrndlichen Hochmuth, durch Ihre beispiellose Grobheit bei Hoch und Niedrig
verhat zu machen. Und das ist keine Kleinigkeit bei der allgemeinen Liebe und
Achtung, welche Ihre Herrin geniet, von deren Glanze, wenn auch unverdienter
Weise, etwas auf Sie berging.
    Obgleich diese Worte mit groem Ausdruck gesprochen wurden, so hatte der
Fremde seine Stimme doch dabei gedmpft, so da sie nur von den Mitspielenden
verstanden wurde. Doch sprang Herr von Dankwart bleich vor Zorn von seinem
Stuhle auf und sagte mit zitternder Stimme: Ihren Namen, Herr, ich mu Ihren
Namen wissen! Danken Sie es diesem Orte, da ich nicht anders mit Ihnen
verfahre. Aber wenn Ihre Unverschmtheit nicht von Feigheit begleitet ist, so
werden Sie mir Ihren Namen sagen.
    Coeur de rose! lachte nun pltzlich der Fremde mit ganz anderer Stimme,
Sie und ich haben meinen Namen vorhin schon ausgesprochen, und der Baron von
Brand wird Ihnen gern den Gefallen thun, ihn nochmals vor diesen beiden Herren
zu nennen.
    Die Excellenzen hoben erstaunt die Augen empor, und wenn sie auch die Stimme
des Barons erkannten, und dehalb wuten, da er es sei, war es ihnen doch nicht
mglich, auch nur einen Zug des ihnen wohlbekannten Gesichtes zu entdecken.
    Eine vortreffliche Maske! rief der Oberststallmeister.
    Und der Hofmarschall setzte argwhnisch hinzu: Ja, recht vortrefflich; Herr
von Brand versteht das meisterhaft, zweierlei Gesichter zu zeigen.
    Herr von Dankwart that einen tiefen Athemzug, dann sagte er: Ah! also Herr
Baron von Brand! - Nun gut, - das Uebrige wird sich finden. Darauf setzte er
sich wieder zur Spielpartie nieder, doch zitterten die Karten auffallend in
seiner Hand.
    Der Baron zog sich lchelnd zurck, als er aber das Zimmer verlassen hatte,
wurden seine Zge furchtbar ernst und er murmelte: Das wre in Ordnung! Eine
grlichere Strafe kann sich Niemand selbst vorschreiben. -
    Graf Fohrbach hatte unterdessen nach den bewuten Achselschnren gespht,
und - o Wonne! - wie der Baron vorhergesagt, flatterten jetzt weie von den
Schultern des schnen Mdchens herab. Eugenie hatte den ersten freien Augenblick
bentzt, um die verhaten Farben von sich zu werfen. Wie glnzten die Blicke des
jungen Mannes, und wie verschwand bei diesen Blicken die Blsse von ihren
Wangen! Und da er als geschickter Offizier natrlicherweise gut zu manvriren
wute, so gelang es ihm, die junge Stallmeisterin von dem brigen Gefolge
abzuschneiden und sie in einem halbdunkeln Durchgange zu treffen, wo er es wagen
durfte, ihr feierlich die Hand zu kssen. Eugenie aber flsterte ihm mit einem
leichten Errthen zu: Meine Schleifen haben das grte Recht, wei zu sein;
denn ich hoffe, da unser Leben nun klar vor uns liegt. Mit der Frau Herzogin
sprach ich vor dem Balle, sie hat nichts gegen unsere Verbindung einzuwenden.
    Also bist du mein! jauchzte der berglckliche Adjutant. Und wenn nicht in
diesem Augenblicke ein dicker Hoffourier, gefolgt von mehreren Lakaien, an dem
Durchgange erschienen wre, so htte er das erschreckte Mdchen in seine Arme
gedrckt.
    Ehe der Baron von Brand den Saal verlie, zeigte er sich nochmals bei der
Prsidentin und ihrer Tochter, und nahm die zrtlichen Vorwrfe, die er hier
erhielt, ruhig in Empfang; doch besnftigte er die Damen dadurch, da er sich
noch ein paarmal rechts und links prsentiren lie. Obgleich er aber jede
Gratulation nur mit einer Verbeugung erwiderte, so war fr Alle sein Verhltni
zur Tochter des Prsidenten doch eine ausgemachte Sache, und der Baron von Brand
wurde frmlich als Brutigam betrachtet.

                           Einundachtzigstes Kapitel.



                              Gesellschaftliches.

Wieder einmal war es Nachmittags zwei Uhr lngst vorber, und wieder einmal
stand das Kaffeegeschirr auf dem Tisch, an dem die Kommerzienrthin sa,
gnzlich unberhrt. Wenn dies vorkam, so konnte man es als ein untrgliches
Zeichen ansehen, da irgend eine Strung vorgefallen war. Aus den leblosen
Gegenstnden des Hauses lie sich auf diese Art eher etwas errathen, als aus der
lebenden Hauptperson - der Kommerzienrthin selbst. Denn diese sa in ihrer
Sophaecke starr und aufrecht wie immer, mit unbeweglichen Gesichtszgen und fr
jeden Uneingeweihten war durchaus keine Aufregung, von welcher Art auch immer,
an ihr zu merken. Wer sie aber genauer kannte, der sah wohl, da sie die Augen
hufig schlo und ffnete, auch abwechselnd mit ihrem gewhnlichen Husten
zuweilen heftig schluckte. Mit der rechten Hand hielt sie, wie sie immer zu thun
pflegte, ihr Schnupftuch, die Linke bedeckte einige Papiere, die vor ihr auf dem
Tisch lagen.
    Marianne stand am Fenster, den Kopf gesenkt, die Hnde gefaltet und ihre
Blicke waren auf den Boden geheftet. Der Kommerzienrath zeigte im Gegensatz zu
den Damen mehr Leben. Er hatte die Hnde unter seine Fracksche gesteckt und
brachte die rechte gelegentlich vor, um mit derselben in der Luft umher zu
fahren, seine Reden bekrftigend und begleitend. Ueberhaupt sprach er heute
energischer als sonst, htete sich aber wohlweislich, dabei seine Frau
anzusehen, denn er wute wohl, da einer jener scharfen Blicke aus den grauen
Augen ihn leicht aus der Fassung zu bringen im Stande war; er wandte sich daher
auch nur an Marianne, selbst wenn er etwas sagte, was nur an die
Kommerzienrthin gerichtet sein konnte.
    Summa Summarum denn, sprach er mit groer Entschiedenheit, versteht ihr
die Sachen nicht und knnt euch nicht denken, wie lhmend es fr alle Geschfte
ist, eine Hand entbehren zu mssen und einen Kopf, der schon seit Jahren Alles
berwachte, und, wenn auch allerdings unter meiner Leitung, fast das Ganze
besorgte. Glaubt mir nur, ein solcher Teilnehmer eines Geschfts, wie Alfons,
war wie ein Generalhauptbuch, man brauchte nur irgendwo anzuklopfen und man
hatte augenblicklich die Antwort. Das fehlt mir, fuhr er achselzuckend fort;
ich werde auch alt, kann mich an so Manches nicht mehr erinnern, wehalb Vieles
nur so so besorgt wird; mit Einem Wort, darunter leidet der Kredit des Hauses.
    Die Rthin warf ihrem Mann einen bedeutsam fragenden Blick zu, da er ihn
aber nicht sah, so hustete sie auffallend, was er verstand und dehalb
augenblicklich hinzusetzte:
    Natrlicherweise meine ich blos den Kredit, den die Geschftsfhrung
bedingt, das pnktliche und augenblickliche Besorgen aller Auftrge, welches
sonst bei uns Mode war und worein wir unsern Stolz setzten. - Mgt ihr es
nehmen, wie ihr es wollt: ich habe schon zweimal an Alfons geschrieben und ihn
ersucht, zurck zu kommen. - Ah! man vernachlssigt eine immense Firma wie die
unsrige nicht wegen solcher Bagatellen.
    Die Rthin trommelte leise auf dem Papiere unter ihrer Hand und Marianne
fragte schmerzlich: Bagatellen, Papa? Das sind aber doch eigentlich keine
Bagatellen.
    Nun, nun, ich meine in geschftlicher Beziehung, verbesserte sich der alte
Herr, habe ich da Unrecht? Was Teufel genirt es die groen Banken, ob mein
Schwiegersohn einmal einen dummen Streich der Art gemacht hat! Nicht so viel!
Dabei hatte er den Muth, ber seine Handflche zu blasen. Und meine Wechsel
sind gesucht wie keine andern.
    Jetzt endlich sprach die Rthin; zuvor aber hustete sie leicht, dann sagte
sie: Was dein geschftliches Leben anbelangt, so magst du vielleicht Recht
haben, in unser gesellschaftliches dagegen hat diese Geschichte einen schweren
Ri gethan. Und das kommt daher, weil unser Haus von jeher voranleuchtend war,
was Sitte und Anstand anbelangt, eine glatte, glnzende, polirte Flche, und
dehalb sieht man auf ihr jedes Stubchen.
    Und dieser Ri in gesellschaftlicher Beziehung, lachte krampfhaft der alte
Herr, macht dich so bodenlos unglcklich? Es knnte zum Lachen sein, wenn es
nicht zum Weinen wre, - einer Gesellschaft, die, um mich deines Bildes zu
bedienen, auf der glatten, polirten Flche das geringste Stubchen entdeckt und
nun sich Mhe gibt, dieselbe mit dem Essig der bsen Reden und dem Scheidewasser
der Verleumdung total mit Rost zu berziehen. Und hat man das nicht gethan?
fuhr er hitziger fort. Ist man bei dem stehen geblieben, was man, leider
Gottes! von den unseligen Geschichten unseres Hauses erfahren? Hat man nicht
versucht, uns Allen etwas aufzubringen? Mit Arthur anzufangen, der freilich nur
ein Maler ist und bei dem es schon leicht wurde, einen Haken zu finden; aber
auch ber deine arme Tochter Marianne hat man die Achseln gezuckt; in den
Kaffeeklatschgefellschaften ist dies arme sanfte Weib als eine Xantippe
hingestellt worden, die ihrem Manne das Leben verleidet und ihn so zu dem
Skandal getrieben. O diese Gesellschaft! rief er abermals und fuchtelte mit der
rechten Hand in der Luft umher. Hat sie vielleicht meinen Dokter geschont,
diesen braven Kerl, der nie ein Wasser getrbt? Haben sie ihm nicht nachgesagt,
er sei eine liederliche Pflanze? - Ja, ja, fuhr er fort, als er bemerkte, wie
ihn Marianne erstaunt anblickte, Eduard hat ein paar arme Familien zu seinen
Kunden, deren Kinder er zu Weihnachten mit Spielwaren beschenkt; das hat man
sich achselzuckend und hohnlachend in der gehssigsten Weise mitgetheilt. Aber
weiter! O ich sehe so ein gallsichtiges Gesicht vor mir, so eine Person, wie sie
die Achseln zuckt und sagt: wissen Sie, Frau Hofrthin, natrlich so ein Arzt,
der hat alle Gelegenheit; aber zu bunt soll er es doch getrieben haben, der Herr
Doktor Erichsen. - Hol sie Alle der -! Und haben sie dich, wandte er sich im
vollsprudelnden Strom seiner Rede an die Rthin, haben sie dich im Frieden
gelassen, mein Schatz? Gott bewahre! Du warst die Mutter dieser sauberen Familie
und es ist dir lange gelungen, alle diese Unanstndigkeiten zuzudecken. Hier
schpfte er tief Athem, setzte seine beiden Arme in die Seite und fuhr dann nach
einer Pause fort: Aber Eins hat mich amusirt, da sie nmlich ber mich gesagt,
ich sei nicht so schlimm, sei von jeher ein lustiger, alter Herr gewesen und
wenigstens kein Heuchler.
    Aber um Gotteswillen! Papa, woher weit du alle diese schrecklichen
Geschichten? Das kann dir doch Niemand in's Gesicht gesagt haben.
    Freilich hat man mir's in's Gesicht gesagt, aber weit du, darin hat man
eine eigene Manier; es kommt so eine schleichende Canaille, nicht um dir zu
sagen: Herr Kommerzienrath, Der und Der hat das ber Sie gesagt; fassen Sie ihn!
O nein! sondern er spricht mit niedergeschlagenen Augen von der verderbten Welt,
von der Sucht, Jeden zu verleumden, sieht dich dabei achselzuckend an, seufzt,
kurz, geberdet sich so auffallend, da du deutlich siehst, er habe was auf dem
Herzen. Du fragst ihn; er lt dich lange bitten. Endlich mit er dir das Gift
tropfenweise zu, indem er spricht: man sagt so allerlei, man will das und das
wissen, man glaubt dies, man glaubt das, und schlgt dir so eine Ohrfeige nach
der andern hin mit lauter Man's, die ungreifbar sind. - Gott soll mich bewahren,
sagt er auf dein Drngen, da ich Personen nenne, ich will in keine Geschichten
hinein kommen; aber da man allgemein spricht, was ich Ihnen vorhin erzhlt, das
knnen Sie mir auf mein Wort glauben. So geht er fort, nachdem er dir einen
Dolch in's Herz gestoen; und an der Ecke schaut er sich um, ob du noch nicht
wankest oder hinfallest. - Und wegen solchem Volke sollen wir uns grmen?
fragte er schlielich mit einem Tone so entschieden, wie man ihn eigentlich
nicht an dem alten Herrn gewhnt war. Ich nicht!
    Die Kommerzienrthin hatte aufmerksam zugehrt, obgleich sie sich ihrem
Gesichte nach ebenso gut mit etwas ganz Anderem htte beschftigen knnen. Sie
hustete leicht und erwiderte: Es ist das wahr, was du eben gesprochen.
    Nun, Gott sei gelobt, da du es endlich einsiehst!
    Hat mir doch die Wasser, fuhr die Rthin fort, ohne auf die Worte ihres
Gemahls zu achten, gerade in Betreff Eduards einen wahrhaft impertinenten Brief
geschrieben.
    Du hast da berhaupt schne Korrespondenzen, schaltete der alte Herr
hndereibend ein.
    Und Marianne setzte mit leiser Stimme hinzu: Madame Wasser ist ganz auf die
Seite meiner Schwgerin Bertha getreten.
    Um sie auszuhorchen und viel Bses ber uns zu hren, denn -! rief der
alte Herr. Doch machte ihn ein Blick seiner Frau verstummen.
    Diese hatte ihren Kopf drohend erhoben, als sie sich so unterbrochen sah,
und sagte dann, nachdem sie leise auf die Briefe getrommelt: Die Wasser
schreibt mir, es sei doch ein bischen stark von Eduard gewesen, das bewute Kind
der Person in sein eigenes Haus zu bringen. Was man ber dieses Kind denke, habe
er schon daraus entnehmen knnen, da smmtliche Dienstboten des Hauses -
vortreffliche Dienstboten, wie die Wasser sagt - darauf hin augenblicklich
gekndigt htten.
    Der Kommerzienrath lachte krampfhaft hinaus, er hatte dazu den Moment
bentzt, als die Rthin schwieg und einen der vor ihr liegenden Briefe
entfaltete.
    - Ich habe es von jeher fr meine Pflicht gehalten, las die Rthin aus
diesem Brief, Ihnen nur die Wahrheit zu sagen; dehalb erlaube ich mir auch,
Ihnen ein paar Worte zu bemerken, was die Einladung anbelangt, welche Sie fr
die nchste Woche an die Meinigen ergehen lieen. Nehmen Sie mir nicht bel,
hochverehrteste Frau Rthin, ich kann Sie fr dieses Mal nicht acceptiren, denn
es ist mir zu schmerzlich, dort Leute zu sehen, die hinter Ihrem Rcken die Nase
rmpfen, die Ihnen freundlich in's Gesicht sind und unter sich die gehssigsten
Dinge ber Ihr Haus aussagen; ja recht gehssige Dinge. - Und was das Schlimmste
ist, beste Frau Rthin, man kann ihnen noch nicht einmal in Allem widersprechen.
Sie wissen, wie schtzenswerth es mir stets war, in Ihrem Hause so gut und
freundlich aufgenommen worden zu sein. Aber - doch erlassen Sie mir das Uebrige;
o knnten Sie sehen, wie sehr es mich angegriffen hat, Ihnen die vorliegenden
Zeilen zu schreiben! Im Uebrigen bin ich wie immer mit alter Freundschaft

                                      Ihre
                                                               Albertine Wasser,
                                                                                
                                                     verwittwete Tutelarrthin.

    Ein vortrefflicher Brief das, meinte der Kommerzienrath. Aber da du
einmal bei der Korrespondenz bist, so la uns auch hren, was deine theure
Freundin Louise schreibt.
    Die Bitte des Gemahls wre eigentlich berflssig gewesen, denn Madame
Erichsen hatte schon unaufgefordert das andere Billet erffnet und las:
    Liebe Lotte! Du hast uns auf nchste Woche zu einer Soire eingeladen und,
wie ich hre, sollen viele Leute kommen. Nimm mir nicht bel, aber ich wrde das
an deiner Stelle nicht thun. Die traurigen Geschichten deines Hauses sind noch
zu neu und die Leute sagen, das entwickle sich noch immer mehr. Wie ich denke,
liebe Lotte, weit du, aber wir Beide knnen nun einmal die Welt nicht anders
machen. Ich schreibe dir eilig, damit du deine Einladungen noch nicht machst.
Wenn die Menschen nur nicht so bse wren! Aber glaube mir, Viele haben die
Probe der lebenden Bilder und die Geschichte mit der Doktorin F. noch lange
nicht vergessen. Da ich am allerwenigsten auf Stadtgeklatsch etwas gebe,
brauche ich dir wohl nicht zu sagen; auch wundert mich gar nichts mehr, denn die
Menschen sind zu bsartig, und wenn ich auch gewi nicht dazu beigetragen habe
und beitragen werde, dergleichen Klatschereien zu verbreiten, so kann ich dir
doch nicht verschweigen, da in der That das Gerede geht, du beabsichtigest, um
der ganzen Gesellschaft zu zeigen, da du dich um ihre Meinung gar nicht
kmmerst, uns deine neue Schwiegertochter zu prsentiren, die sogenannte Braut
des Herrn Arthur. Soll ich dir nochmals wiederholen, da dergleichen
Verleumdungen auf mich nicht den geringsten Eindruck machen? Ich halte das fr
berflssig; denn du weit, wie sehr ich bin und bleibe

                              deine treue Freundin
                                                                        Louise.

    Die Hand der alten Dame zitterte leicht, whrend sie die Briefe
zusammenfaltete und vor sich hinlegte.
    Und das schreiben deine bewhrtesten Freundinnen, Mama? fragte schmerzlich
Marianne.
    Es ist doch ein wahres Sprichwort, bemerkte zornig der alte Herr, Gott
bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich schon fertig
werden. Und die sogenannten Feinde unseres Hauses, eigentlich nur die Feinde von
Mama, setzte er mit Nachdruck hinzu, wie haben sie sich benommen, seit diese
traurigen Geschichten ruchbar wurden! Ich will nur an den Doktor und namentlich
an die Doktorin F. erinnern. - Gesteh' es mir, Charlotte, wandte er sich an
seine Frau, die neuliche Unterredung mit der Letzteren, die liebevollen Worte,
die sie zu dir sprach, haben selbst dich ergriffen und gerhrt.
    Warum selbst mich? fragte strenge die Rthin, ohne dabei einen Zug ihres
Gesichts zu verndern.
    Ah! selbst dich, - das kann man in dem Falle doch wohl sagen, meinte
behutsam der alte Herr. Du hattest doch ein Vorurtheil gegen die Doktorin.
    Ja, ich hatte es, erwiderte nach einer Pause die Rthin. Und als sie nach
diesen Worten in ihr Sacktuch hinein hustete, klang dieser Husten viel weicher,
auflsender als sonst.
    Nun, wenn ich recht verstanden habe, entgegnete etwas heiterer Herr
Erichsen, so war das ein gutes Wort, das Mama eben aussprach.
    Und Mama hat so Recht darin, sagte liebevoll Marianne, indem sie sich dem
Sopha nherte. Glauben Sie mir, die Doktorin F. ist eine herrliche,
vortreffliche Frau.
    Die Rthin schaute ihre Tochter mit einem einigermaen argwhnischen Blicke
an.
    Und hheren Orts sehr gelitten, fgte wichtig der Kommerzienrath bei. Ich
wei bestimmt, da sie zuweilen in die kleinen Cirkel der Frau Herzogin kommt.
    Die Rthin schaute ihren Mann an.
    Und mir ist das sehr angenehm, fuhr Marianne fort, denn ich bin
berzeugt, die Doktorin wird denen die Geschichten unseres Hauses auf wahre und
gute Art auseinandersetzen.
    Der Blick der Rthin, den sie jetzt auf ihre Tochter warf, war nicht mehr
argwhnisch, ja man htte glauben knnen, sie nicke mit dem Kopfe, doch war
dies, wenn es wirklich geschehen, so undeutlich, da man es nicht recht
behaupten konnte.
    Was brigens die hhere Gesellschaft anbelangt, sagte der Kommerzienrath,
indem er sich in die Brust warf, so kennt man dort das Haus Erichsen, und wenn
wir gewollt htten, wrde es uns ein Kleines gewesen sein, uns dort hinein zu
lanciren, zum furchtbaren Aerger deiner Freundin Wasser und deiner treuen
Louise. - Wie steht Arthur mit all den Leuten? fuhr er nach einer Pause
eifriger fort. Vortrefflich! und selbst wenn er jenen sonderbaren Streich
ausgefhrt htte -
    Die Rthin schaute ernst auf ihren Mann.
    Nun ja, ich sage, wenn er ihn ausgefhrt htte, so htte ihm das bei den
vernnftigen Leuten da oben nicht den geringsten Schaden gethan.
    Der Blick der Rthin wurde fragender.
    Weit du, Charlotte, man kann ber Alles sprechen. Die Sache ist, wie ich
hre, vorber. Nun gut, Arthur erzhlte mir neulich, da ihm einer seiner
Bekannten, Graf Fohrbach, Adjutant Seiner Majestt und Sohn Seiner Excellenz des
Herrn Kriegsministers, der im Begriff steht, eine der Hofdamen Ihrer Majestt zu
heirathen, das schne Frulein von S. - eine alte Familie - gesagt, Arthur soll
sich nur auf ihn, den Grafen verlassen - er wolle - im Falle - da Arthur -
Hier stockte der Kommerzienrath, denn der Blick seiner Frau war auerordentlich
scharf geworden.
    Und was denn? fragte sie ungeduldig.
    Nun, sich verheirathen mit -
    Nun denn, mit -?
    Du weit ja schon, Charlotte, mit jener Tnzerin. Man setzt ja nur den
mglichen Fall, und in dem Falle wrde sich die Grfin Fohrbach ein Vergngen
daraus machen, die Madame Erichsen bei sich zu sehen.
    Die Rthin schttelte den Kopf und sagte in bestimmtem Tone: Unmglich!
    Natrlich, fr deine treuen Freundinnen wre so etwas unmglich, namentlich
fr solche, die selbst mit einem verdchtigen Herkommen zu kmpfen haben und die
von jeher des weitesten Mantels der christlichen Liebe bedurft, um ihre Blen
zu bedecken. Aber man spricht ja vergeblich darber; die Sache ist vorbei.
    Der arme Arthur! seufzte Marianne.
    Arthur ist eine noble Seele, fuhr der alte Herr mit einem Anflug von
Rhrung fort, Arthur ist selbststndig. Er konnte sagen: das ist einmal mein
Glck und ich will glcklich sein.
    Und ungehorsam gegen seine Eltern, versetzte streng die Rthin.
    Allerdings, aber ich bin fest berzeugt, jenes arme Mdchen - sie htte
nichts gegen unsern Willen gethan.
    Hier lchelte die Rthin zum ersten Mal whrend der Unterredung, aber es war
ein unangenehmes Lcheln, ein spttisches Lcheln.
    Gewi, Mama, sagte Marianne in festem Tone, sie wrde das nicht gethan
haben. Das Mdchen hat einen festen, herrlichen Charakter.
    Und wer hat euch das gesagt? fragte mitrauisch die Rthin.
    Vater und Tochter wechselten schnell einen Blick, woraus Letztere fortfuhr:
Eduard sprach mit uns darber; er kam zufllig als Arzt in das Haus.
    Wie so - zufllig? fragte noch immer argwhnisch die Rthin.
    Ganz zufllig! nahm Herr Erichsen das Wort. Du erinnerst dich doch der
Geschichte mit dem Kinde, welches Eduard zu sich in's Haus nahm und das zu so
schlimmem Gerede Veranlassung gab. Nun, man kann den armen Wurm doch nicht auf
die Strae werfen und da erbot sich denn Arthur, es in jene Familie zu thun.
    Die Rthin trommelte leise auf den Tisch und sagte dann: Das sind saubere
Geschichten. Nun, sie werden Herrn Arthur schn empfangen haben!
    Sehr schn, erwiderte ernst Marianne; liebevoll nahmen sie das verwaiste
Kind auf, obgleich sie selbst nicht viel haben, und Mamsell Clara behandelte es
ganz wie ihre eigenen Geschwister. - So sagte nmlich Eduard, setzte sie hastig
hinzu, als sie bemerkte, da ihr die Mutter einer sonderbaren Blick zuwarf.
    Und Eduard sieht fters nach dem Kind, fuhr der Kommerzienrath fort, aber
in letzter Zeit auch nach ihr selber - nach der Tnzerin nmlich. Und er meint,
das Mdchen leide furchtbar, und er hat mir neulich unwillig gesagt - ja, ich
kann es dir nicht verschweigen, Charlotte, wenn gleich - auch dein Unmuth -
Hier schien sich der Flu seiner Rede vor dem strengen Angesicht seiner Gattin
abermals im Sand verlaufen zu wollen. Doch munterte ihn ein Blick Mariannens auf
und er fuhr muthig fort: Eduard sagt also, es sei - eine Schande, da man ein
so liebliches und gutes Geschpf so unglcklich und langsam dahin welken sehen
msse.
    Die grauen Augen der Rthin schauten bald den alten Herrn, bald Marianne an;
doch war der Blick derselben nicht mehr ganz so scharf und kalt wie bisher. Auch
wurde der Husten immer auflsender, und - wenn man sich so ausdrcken darf -
trommelten ihre Finger nicht mehr in Dur, sondern in Moll. Nach einer Pause
sprach sie jedoch: Ihr schmiedet da ein artiges Komplott gegen mich; Arthur
wird euch sehr dankbar dafr sein.
    Ich habe gedacht, erwiderte Marianne, da Sie so sprechen wrden, Mama.
Aber bei Allem, was mir und Ihnen heilig ist, schwre ich Ihnen zu, da Arthur
mit uns nie ber diesen Gegenstand geredet, Ja er vermeidet es, die Sache zu
berhren, und gab mir schon einige Mal zur Antwort: La das ruhen, es ist
vorber.
    Das ist brav von Arthur, meinte die Rthin mit sanfterer Stimme, da er
so den Willen seiner Mutter respektirt. - Aber was will denn Eduard, da er sich
der Sache so annimmt?
    Der handelt auch nicht ganz aus eigenem Antriebe und noch weniger im
Auftrage Arthur's. Du weit, welche groe Stcke der Leibarzt des Knigs auf
deinen Sohn hlt; nun, der hat ihn neulich wegen der Geschichte vorgenommen.
    Ei sieh doch! sagte erstaunt die Rthin. Wenn der mit seinem ewigen Spott
sich jener Demoiselle ernstlich annimmt, da mchte freilich etwas Absonderliches
dahinter sein.
    Das habe ich mir auch gedacht, fuhr der alte Herr trocken fort, aber ich
kann dir sagen, Charlotte, da der alte Leibarzt jenes Mdchen schtzt und
liebt. Er hat sie am Todtenbette eines kleinen Schwesterchens von ihr kennen
gelernt und sprach darber wahrhaft enthusiastisch. Das sei ein reiches und
edles Herz, meint er, ein Gefhl, warm und rein, wie er selten welches gefunden,
kurz ein Geschpf, ber das man die Hnde wehklagend zum Himmel erheben mchte,
da die Verhltnisse es hinderten, glcklich zu sein und glcklich zu machen.
    Nun, versetzte die Rthin mit etwas schrferem Tone, dazu knnte ja bei
dem Leibarzte Rath werden; er hat ja selbst zwei Shne; vielleicht liee sich da
'was arrangiren.
    Marianne warf ihrem Vater einen wahrhaft trostlosen Blick zu und auch dieser
zuckte die Achseln, Beide, wie sie glaubten, ungesehen von der Mama. Doch hatten
deren graue Augen blitzschnell nach rechts und links geguckt, starrten aber
jetzt wieder gerade vor sich hin, als sie sagte: Es ist bedauerlich, da meine
Angehrigen, die mich umgeben, so leicht durch den uern Schein zu bestimmen
sind. Bei dieser Sache ist es wahrhaftig ein Glck, da Arthur so respektabel
ist und sich meinen Wnschen, meinen vernnftigen Grnden ohne Weiteres fgt.
    Was mir eigentlich unbegreiflich ist, fuhr dem alten Herrn heraus, denn
wer das Mdchen einmal gesehen, versteht nicht, wie man es selbst dem Willen der
Eltern zulieb so leicht aufgeben kann. Mir ist das, namentlich bei dem Charakter
Arthurs, gnzlich unverstndlich.
    Die Rthin sah lchelnd vor sich nieder.
    Aber Arthur leidet ebenfalls sehr, meinte Marianne; das sieht man ihm
deutlich an. Er hat sich in letzter Zeit sehr verndert; glauben Sie mir, Mama,
wenn er auch Ihren Befehlen folgt, so wird ihm sein Gehorsam Zeitlebens
nachgehen, und wer wei, ob er nicht spter einmal bedauert, gehorsam gewesen zu
sein!
    Die Rthin hatte leise auf ihre Briefe getrommelt, sich dann mit dem
Schnupftuche die Stirne abgewischt und entgegnete nun nach einem ziemlich langen
Stillschweigen: Ja, Arthur ist recht gehorsam gewesen, und es ist das, wie
schon gesagt, sehr respektabel von ihm. Er vertraut seiner Mutter, von der er
wei, da sie fest an ihren Grundstzen hngt, der Leidenschaft nicht leicht
Gehr gibt und vor allen Dingen selbst prft, ehe sie einen einmal gefaten
Beschlu zu ndern pflegt.
    Die letzteren Worte waren mit einem ganz andern Ausdruck gesprochen worden,
fast warm und gefhlvoll, so zwar, da der Kommerzienrath seine Tochter erstaunt
anblickte, worauf diese einen tiefen Athemzug that, sich niederbckte und,
whrend sie sanft die Hand auf den Arm ihrer Mutter legte, diese auf die Stirn
kte. Die Kommerzienrthin raffte ihre Briefschaften zusammen, erhob sich von
dem Sopha, wobei sie lchelnd sagte: Die Sitzung ist aufgehoben, aber ich will
euch nicht verschweigen, da es mir leichter um's Herz ist, als vor einer
Stunde, wo ich mit diesen beiden Briefen in's Zimmer trat. Da war ringsum fr
mich Alles schwarz bezogen, jetzt hat sich's etwas aufgeklrt und es ist als
schimmerte ein kleiner Lichtstrahl in mein Herz. - Komm, Marianne.
    Damit gingen die beiden Damen fort, der Kommerzienrath blieb allein zurck
und verhalf sich nachtrglich noch zu einer Tasse wenn gleich schon ziemlich
kalten Kaffees. Dabei aber schien er pltzlich guten Humors geworden zu sein und
es war rhrend und komisch zugleich, wie er nach genossenem Kaffee zum Zimmer
hinaus tnzelte.

                          Zweiundachtzigstes Kapitel.



                              Die Familie Wundel.

Der Brief, den Herr Blaffer an jenem denkwrdigen Abend dem Herrn Staiger
geschrieben hatte, war der Post bergeben worden und glcklich an seine Adresse
gelangt. Der alte Mann hatte bedenklich den Kopf geschttelt, nachdem er ihn
gelesen, aus tiefster Brust dazu geseufzt und bei sich berlegt, ob er seine
Tochter Clara davon in Kenntni setzen solle oder nicht. Doch sah er wohl ein,
da sich ein solch trauriger Umschwung in ihren Verhltnissen vor der Tochter
nicht lange wrde verheimlichen lassen, denn leider kannte er fr den Augenblick
keine anderen Quellen, welche im Stande gewesen wren, ihm die verkmmerte
Einnahme zu ersetzen. Er lchelte, wenn er an all' die schnen Trume dachte,
denen er sich in den letzten Wochen so leichtsinniger Weise hingegeben.
    Clara las den Brief des Buchhndlers, ohne eine groe Bewegung zu verrathen,
doch zitterte ihre Hand, als sie ihn wieder zusammenfaltete und dem Vater
zurckgab. Und was meinst du? fragte sie mit tonloser Stimme. Sollte das wohl
von ihm kommen?
    Herr Staiger htte hierauf um Alles in der Welt kein Ja geantwortet; er
fhlte wohl, da das ein neuer Dolchsto fr das unglckliche Mdchen gewesen
wre. Er entgegnete also: O nein, meine gute Clara; wer wei, wie das zusammen
hngt! Mich hat Herr Blaffer nie leiden knnen, und wenn Herr Arthur mit uns
nicht zerfallen wre, so htte mir der Andere meine Arbeit vielleicht doch
genommen. - So sagte er, dachte aber anders; er ahnte vielmehr einen
Zusammenhang, ohne sich klar zu werden, worin dieser eigentlich bestehe. Ja, es
gab Augenblicke, wo er Arthur fr schuldiger hielt, als dieser in der That war.
    Leider machte sich die entzogene Arbeit und das hiedurch verminderte
Einkommen nur zu bald in der Haushaltung der armen Leute fhlbar. Obendrein
hatten sich die Ausgaben des Herrn Staiger wegen des kleinen Mdchens noch
vermehrt, und dabei wollte er sich nicht dazu verstehen, fr die Unterhaltung
desselben das Geringste anzunehmen, obgleich Doktor Erichsen, der, wie wir
wissen, zuweilen in das Haus gekommen, ihm das dringend angeboten hatte. Das
war frher nicht ausgemacht, hatte ihm der alte Mann geanwortet; ich nahm das
Kind gerne auf, weil es arm und hilflos in der Welt dastand; auch sind die
Kosten fr dasselbe ja nicht der Rede werth. Und dann, hatte er mit sehr
gezwungenem Lcheln hinzugesetzt, sind wir nicht so arm, als der Herr Doktor
wohl glauben, und es ist uns wahrhaftig ein Vergngen, auch etwas Gutes zu
thun.
    Eigenthmlich war es, da Clara das fremde Kind auerordentlich lieb
gewonnen hatte. Ihr war es wie ein Geschenk Arthurs, und wenn sie so neben ihm
sa, ihm sein Kleidchen geordnet oder seine Haare geglttet, so versank sie oft
in Trumereien und dachte: Ich erziehe mir hiemit einen lebendigen Zeugen
meiner Unschuld. Das Kind wird grer und lter werden, es wird fhlen und
begreifen, wie ich Arthur geliebt und noch liebe, denn ich habe ja keine
Ursache, das hier vor den Meinigen zu verschweigen; es wird auch schon noch
sehen, was hier bei uns geschieht, wie hier so gar nichts Heimliches und
Unrechtes vorfllt, wird erkennen, da ich ja nie im Stande gewesen bin, treulos
zu werden und wird dann - vielleicht wohl erst nach langen, langen Jahren,
fgte sie mit trbem Lcheln bei, im Stande sein, ihm das alles zu sagen und
ihm so die Augen zu ffnen - ber das Unrecht, das er an mir begangen. -
    Wohl htte ihm Clara das alles selbst sagen knnen, denn wenn Arthur seit
jenem Vorfall auch nicht mehr in das Haus kam, so fhlte sie wohl, da er ihren
Weg zum Oefteren durchkreuzte. Wenn sie in den Theaterwagen stieg oder denselben
an der Thre ihres Hauses verlie, so begann ihr Herz heftiger zu schlagen, der
Athem stockte ihr zuweilen pltzlich und sie vermied es alsdann, rechts oder
links zu schauen. Sie wute auch ganz genau, da es nur des geringsten Zeichens
von ihrer Seite bedrfe, nur ein Stehenbleiben, einen Blick um sich her, um ihn
augenblicklich heran zu ziehen. Doch das wollte sie gerade vermeiden. Sie war zu
stolz, sie fhlte sich zu sehr verletzt, um nach dem, was er ihr Alles gesagt,
eine Errterung herbeizurufen, wenn sie eine solche auch zuweilen
herbeiwnschte. Aber diesen Wunsch hatte sie nur, wenn sie allein war, wenn sie
trotz des dunkeln Zimmers ihr Gesicht noch hinter ihren Hnden verbarg, damit
Niemand sehen mge, wie ihre Lippen schmerzlich zuckten, wie die Thrnen
unaufhaltsam aus ihren Augen herabfloen.
    Die kleine Schwester Clara's war schon verstndig genug, um weder diese noch
den Vater zu befragen, warum sie ihr Leben so pltzlich gendert habe. Sie
dachte sich, es msse eine Ursache haben, da namentlich die Kche des Hauses
noch unendlich einfacher, als dies frher geschehen, besorgt wurde. Das Bbchen
dagegen konnte dies gar nicht begreifen und verlangte fast jeden Tag
Aufklrungen, warum denn beinahe gar kein Fleisch mehr kme, und immer
Kartoffeln mit Suppe abwechselten. Ihr seid alle sehr dumm, sagte es, da ihr
es nicht besser haben wollt, und morgen verlange ich einen Kalbsbraten,
bermorgen Kuchen und dann so fort.
    Vater Staiger konnte seine Klagen in diesen Fllen nur beschwichtigen, wenn
er ihm irgend ein Mrchen erzhlte. Er hatte jetzt leider auch recht viele Zeit
zum Mrchenerzhlen, denn wenn er auch durch die Rekommandation eines alten
Bekannten eine kleine Arbeit erhalten hatte, so war diese doch nicht der Art,
da sie seinen Geist in Anspruch nahm. Es waren nmlich ein paar Abschriften,
die er zu befolgen hatte, und bei deren Anfertigung ihm volle Mue blieb, seinem
kleinen Sohn auf alle mglichen Fragen zu antworten.
    Da die Jahreszeit schon vorgerckt und es nicht mehr so kalt war, so hatte
Herr Staiger seinen Tisch nher an's Fenster gebracht und so konnte er auch
Abends lnger schreiben, ohne ein Licht anznden zu mssen. Ihm gegenber sa
Clara mit einer Stickerei beschftigt, eine Stickerei, die sie in besseren Tagen
angefangen, und die sie nicht lassen konnte, langsam zu vollenden. Marie hatte
sich des kleinen Kindes angenommen und zeigte ihm Bilder in einem groen, halb
zerrissenen Buche - ein Amusement, welches das Bbchen durchaus nicht mehr
befriedigte. Das ist Alles dummes Zeug, sagte er mit groer Bestimmtheit, und
das brauche ich nicht mehr anzusehen, denn ich wei es genau. Auch ist Alles
nicht wahr, was in dem Buche steht, und es gibt keine Riesen, die kleine Buben
auffressen. Ich habe noch nie einen lebendigen gesehen.
    Das glaube ich wohl, entgegnete lchelnd Herr Staiger, diese Riesen
lassen sich auch nur sehen, wenn die Kinder ber alle Beschreibung unartig sind.
Und ich hoffe, so arg schlimm bist du doch nicht.
    O er ist schon schlimm genug, bemerkte die kleine Schwester, denn er hat
gestern meiner Puppe das linke Bein ausgerissen und hat ihr auch den Kopf
abgeschlagen.
    Das ist aber sehr hlich von dir, Karl, sprach Clara, Jetzt hast du alle
deine eigenen Sachen entzwei gemacht, und nun verdirbst du auch die von Marie!
    Die Puppe war nicht mehr schn, erwiderte der Knabe, und wollte auch nicht
Seiltanzen.
    Kannst denn du Seiltanzen? fragte der Vater.
    O ja, wenn ich will, - aber ich will nicht. Und es ist auch nicht wahr,
wenn Clara sagt, ich mache meine Spielsachen entzwei; das Schnste habe ich doch
noch. Bei diesen Worten griff er in die Tasche seiner Hschen und zog den Rest
einer Mundharmonika hervor, auf welcher er auch sogleich zu blasen anfing und
die klglichsten Tne hervorbrachte. Glcklicherweise liebte er sehr das Piano,
und wenn er einen Ton so lange anhielt, bis fast gar nichts mehr zu hren war,
so blickte er zu gleicher Zeit wie in tiefe Gedanken versunken nachsinnend vor
sich hin, als wolle er den Ton verfolgen, der sich scheinbar in weite, weite
Fernen verlor. Pltzlich aber verstrkte er ihn, brach dann schrillend ab und
sagte: Clara, ich habe Hunger.
    Das ist man bei dir gewohnt, antwortete die ltere Schwester trbe
lchelnd. Du bist ein kleiner Fresser, der an nichts Anderes denkt. Jetzt sind
es kaum ein paar Stunden, da wir zu Mittag gegessen haben; wie kannst du schon
wieder Hunger haben?
    Weil ich keinen Kaffee mehr bekomme wie frher, erwiderte finster das
Bbchen; da hat man doch auch den Nachmittag was zu thun gehabt.
    Ich denke mir, meinte der Vater, du httest gern alle Stunden mit Essen
und Trinken abgewechselt.
    Das htte ich auch, entgegnete Karl, und immer was Besseres.
    Und wenn du nun das Allerbeste gehabt httest, was es gibt, dann -?
    Dann - wiederholte der Knabe, ohne zu verstehen, was der Vater eigentlich
sagen wollte, denn von einem Kulminationspunkt hatte er noch keine Idee.
    Dann wre es dir ergangen wie den beiden Fischersleuten, die im Wassertopfe
wohnten.
    Und den kostbaren Zauberfisch fingen, rief Marie.
    Ganz richtig, versetzte Herr Staiger, indem er seine Feder niederlegte und
gedankenvoll an die Decke blickte. Die wollten auch immer etwas Besseres,
zuerst Geld, dann ein Haus, dann Frst werden, dann Knig, und zuletzt Pabst.
Das erhielten sie und wurden auch Alles nach und nach, als aber die Frau des
Fischers endlich der liebe Gott selbst werden wollte - pumps dich! da hatten sie
nichts mehr und muten wieder in ihrem Wassertopfe wohnen und trockenes Brod
essen. - Das ist ein verstndiges Mrchen, fuhr der alte Mann trumerisch fort,
und wir Alle haben etwas von den Fischersleuten in uns. Heute begngen wir uns
mit einer einfachen Mahlzeit, morgen ist uns die bessere nicht mehr gut genug,
denn wir wnschen alsdann dazu auch ein stattliches Zimmer, endlich ein Haus und
obendrein noch gar einen Titel.
    Ich glaube nicht, da ich so wre, sagte Clara. O, ich htte eine Grenze
gewut, bei der angekommen ich vollkommen glcklich und zufrieden gewesen wre!
    Der alte Mann blickte seine Tochter bewegt an, dann entgegnete er: Ich
verstehe dich wohl, mein armes Kind, aber wenn auch damit fr jetzt der Horizont
deiner Wnsche abgeschlossen wre, so glaube mir zu deinem Troste, da, wenn du
alles das erreicht httest, doch die Zeit gekommen wre, wo neue Wnsche dein
Herz bewegt htten.
    Clara wollte etwas erwidern, doch wandte sie ihren Kopf pltzlich gegen die
Kammer vor dem Wohnzimmer, wo man deutlich vernahm, da dort die Thre geffnet
wurde und sich Schritte nherten. Darauf klopfte es ziemlich laut und
vernehmlich, so da sich die kleine Marie beeilte, Herein! zu rufen.
    Die Thre ffnete sich und es erschienen zwei Personen auf der Schwelle,
eine Dame und ein Herr, von denen sich die Erstere lachend der Tnzerin nherte,
und ehe diese aufstehen konnte, freundlich ihre Hnde ergriff. Es war
Mademoiselle Therese, die lustig und strahlend hereintrat und sich
augenblicklich auf den Stuhl niederlie, den ihr Herr Staiger hinstellte, ohne
sich dabei viel um ihren Begleiter zu bekmmern, der, den Hut in der Hand,
ziemlich schchtern an der Thre stehen geblieben war. Es war das ein Mann,
vielleicht in den Vierzigen, ziemlich drr, mit einem ernsten, eingefallenen
Gesichte, hoch emporgezogenen Augenbrauen und etwas herabhngender Unterlippe.
Sein Haar war einfach zurckgekmmt, und da er hiebei den Kopf etwas geneigt
trug, so gab ihm das ein demthiges Aussehen, welches noch untersttzt wurde
durch die etwas gebeugte Haltung des Krpers und die verlegene Art, mit welcher
er seinen Hut in beiden Hnden so hielt, da sich seine Blicke in denselben
hinein, man mchte fast sagen: verkriechen konnten. Auf Momente erhob er die
Augen und dann fuhr aus ihnen ein eigenthmlicher Blitz ber die Tnzerin.
Dieser Herr trug einen braunen Ueberrock bis an den Hals zugeknpft, so da man
nichts sah als eine weie Halsbinde, wodurch brigens die fahle Gesichtsfarbe
ein wenig aufgefrischt wurde.
    Therese hatte sich nach Clara's und ihres Vaters, sowie auch nach dem
Befinden der Kinder erkundigt, auch gesagt, sie habe schrecklich viel zu thun
und wisse nicht, wo ihr der Kopf stehe, whrend welcher Zeit ihr Begleiter in
der Nhe der Thre verharrte. Erst als sich Clara erhob, um denselben zu
begren und ihn mit einem Blick auf Therese zu bitten, geflligst nher treten
zu wollen, wandte diese den Kopf herum und sprach leichthin: Du brauchst dich
hier gar nicht zu geniren, Berger, das ist Herr Staiger und meine gute Freundin
Clara; wir sind hier ganz unter uns. Dort ist ein Stuhl, den kannst du dir
mitbringen. - Mein Brutigam, wandte sie sich mit einer Handbewegung an Herrn
Staiger, dann warf sie den Kopf etwas in die Hhe und fuhr ernster fort: Ich
brauche dir wohl nicht zu sagen, liebe Clara, da ich meine Brautvisiten mache.
- Gott! es ist das schrecklich langweilig, setzte sie leiser hinzu.
    Ah! da gratulire ich, versetzte herzlich Herr Staiger, indem er dem
Brutigam die Hand schttelte und demselben dabei mit einem kleinen Rucke zum
Sitzen verhalf, denn Herr Berger schwebte einige Sekunden lang ber dem Stuhle,
und schien es fr passend zu halten, auf diese Art die Gratulation in Empfang zu
nehmen.
    Da hast du viel zu thun, sagte Clara nach einer Pause, whrend welcher sie
den Brutigam und ihre schne Freundin einen Augenblick forschend betrachtet.
    Es geht so, erwiderte Therese in nachlssigem Tone; ich habe anfnglich
gar keine Besuche machen wollen, aber Berger meint, es sei nothwendig, und ich
meines Theils habe mir auch die neue Verwandtschaft ein bischen ansehen wollen.
- Und das war in der That der Mhe werth, platzte sie nach einigen Sekunden
lachend heraus. Du httest die Gesichter sehen sollen! Berger hat eine groe
und auch, was man so nennt, eine vornehme Verwandtschaft: wohlhabende Kaufleute,
ja Regierungs- und Kanzleirthe. Ich sage dir, Clara, ein Paar von diesen Damen
schnitten mir Gesichter, als mten sie Rhabarber verschlucken; aber wie du mich
kennst, hat mich das ungeheuer amsirt. Nicht wahr, Berger, ich habe mich gar
nicht blde benommen?
    O nein, erwiderte der Brutigam, wobei er seinen Hut herumdrehte und nun
angelegentlich die obere Flche betrachtete. - Du hast ihnen recht gut
gefallen.
    Das will ich meinen, fuhr Therese lachend fort. Auch ich bin so ziemlich
mit ihnen zufrieden; ich habe sie meiner ganzen Gnade versichert, und wenn sich
deine Verwandtschaft gut auffhrt, so soll sie mit mir zufrieden sein.
    Und Sie werden bald heirathen? fragte Herr Staiger, der den Brutigam
schon eine Zeitlang theilnehmend betrachtet hatte.
    Dieser schielte zu dem alten Herrn hinber und erwiderte: O ja, recht bald
- wenn Therese will.
    Das versteht sich von selbst. Man mu doch mit der Geschichte einmal ein
Ende machen. Ich hoffe, liebe Clara, du erhltst mich in deiner Freundschaft.
Hast du einen Augenblick fr mich brig? setzte sie leise hinzu; ich htte dir
etwas zu sagen, was nur uns allein angeht.
    Du weit, entgegnete Clara errthend, da wir auer der Kammer drauen
nur dieses Zimmer haben. Wenn du mit mir dorthin gehen willst -
    O das ist gar nicht nthig, versetzte die Andere, indem sie sich erhob,
komm, treten wir an den Ofen. Das hatte sie Alles in gedmpftem Tone
gesprochen, und setzte nun mit lauter Stimme hinzu: Berger, du wirst dich einen
Augenblick mit Herrn Staiger unterhalten; ich habe mit Clara etwas abzumachen.
Damit nahm sie diese unter dem Arm und trat mit ihr an den Ofen. Herr Berger
begann, dem erhaltenen Winke gem, augenblicklich ber das Wetter zu sprechen,
und meinte, es sei noch immer recht kalt, doch da jetzt der Winter vorbei sei,
habe man Hoffnung, da, dem gewhnlichen Laufe der Dinge nach, nun doch am Ende
das Frhjahr erscheine.
    Therese sttzte die rechte Hand auf die kleine Kinderbettlade, die hinter
dem Ofen stand, und sah ihrer Freundin so fest und forschend in die Augen, da
sie dieselben niederschlug. Nun wie steht's mit deiner Sache? fragte sie
darauf.
    Clara erhob den Blick, schttelte leicht mit dem Kopfe und entgegnete mit
sanftem Tone: Ich wei von nichts, will auch von nichts wissen.
    Und er hat gar nicht einmal den Versuch gemacht, dich zu sprechen?
versetzte die Andere, wobei sie den Kopf rgerlich in die Hhe warf. Nicht
einmal den Versuch gemacht?
    O doch, sagte Clara nach einem kleinen Stillschweigen, wobei ihre Blicke
abermals den Boden suchten. Wie es mir scheint, machte er zuweilen den Versuch,
mich zu sehen; aber ich weiche ihm aus und vermeide ihn.
    Daran thust du nicht ganz unrecht, aber du mut es nicht zu weit treiben.
    Was ist denn da noch weit zu treiben? sprach Clara schmerzlich. Wer wei,
warum er mir in den Weg tritt! Vielleicht, um seine Vorwrfe zu erneuern, wenn
ich dieselben anhren wollte.
    Vielleicht auch thut ihm sein Betragen leid und er mchte dich um
Verzeihung bitten.
    Clara schttelte den Kopf mit einem trben Lcheln. O nein, sagte sie, er
kam ja fters hieher in unsere Wohnung und wei gewi, da ich ihm hier fr ein
offenes, ehrliches Wort gerne Rede stehen wrde.
    Er wird sich scheuen; er wei nicht, wie du ihn empfangen wrdest. Du mut
schon ein bischen nachgiebiger sein, mein Kind. Weit du, fuhr Therese fort,
indem sie ihren Shawl ordnete und denselben fest um ihre schlanke Taille zog,
es ist leider einmal so in der Welt, und wenn man noch so sehr in seinem Rechte
ist, so mu man sich doch zuweilen beugen und schmiegen, und immer das Ziel im
Auge behalten, das man am Ende erreichen will.
    Clara prete die Hand auf ihr Herz und erwiderte: Ach! Therese, glaube mir,
ich habe kein anderes Ziel mehr vor Augen als das, welches uns allen
gemeinschaftlich ist. O er hat mein Herz gebrochen; ich fhle das; und nur die
grte Wonne, die reinsten Freuden wren vielleicht im Stande, es zu heilen.
Aber dergleichen habe ich ja nicht mehr zu erwarten; htte er mit mir ber
irgend etwas einen kleinen Streit angefangen, htte er mich heftig wegen Fehler
oder Unarten gezankt, ich wre ihm dankbar dafr gewesen, aber er hat mir in
kaltem Tone vorgeworfen, ich sei ein treuloses Geschpf, und dabei hat er mir
Worte gesagt, so frchterlich, da ich sie nicht vergessen kann. Es ist mir, als
ob sie irgend ein bser Geist bestndig neben mir aussprche, und Nachts werden
sie zu Trumen und qulen mich entsetzlich. - O das ist unertrglich! fuhr sie
nach einer Pause fort, whrend welcher sie ihr Gesicht mit beiden Hnden bedeckt
hatte. Ich sehe ihn immer und immer vor mir stehen, wie er, mich verwnschend,
die Hnde gegen mich ausstreckte und wie er sagte: ich zerreie dieses Band;
hier vor der todten Marie sage ich mich feierlich von dir los. - Ah!
entsetzlich!
    Therese hatte ihre Hand ergriffen, das arme Mdchen sanft an sich gezogen
und drckte nun den Kopf derselben auf ihre Schulter nieder. Dabei kte sie ihr
innig das schwarze Haar und lie sie eine Weile so ruhen, ehe sie ihr leicht den
Kopf wieder erhob, und sie alsdann auch herzlich auf die thrnenden Augen kte.
    O du bist wirklich gut, sagte Clara, du hast ein braves, fhlendes Herz.
    Ich bin vielleicht nicht so schlimm, als man glaubt, entgegnete die schne
Tnzerin, und dabei zuckte ein wehmthiger Zug um ihren Mund. Aber, setzte sie
entschlossener bei, keine Klagen, keinen Schmerz, liebe Clara! Fr jetzt bin
ich noch nicht da, um mit dir zu weinen; das kann spter geschehen. Jetzt wollen
wir einen Moment deine Angelegenheit ruhig in's Auge fassen, um zu ergrnden,
was da vorgefallen sein knnte. - Da er die Sache nicht vom Zaune gebrochen
hat, ist klar; weit du, liebes Kind, wenn man sich mit einer Geliebten
entzweien will, ohne Ursachen zu haben, blos weil sie einem nicht mehr gefllt,
so besorgt man das auf andere Art. Nein hier ist etwas vorgefallen.
    Aber ich habe nichts gethan, sprach Clara erschrocken.
    Auf das hin fate Therese lchelnd ihre beiden Hnde, sah ihr in die Augen
und erwiderte: Das brauchst du mir nicht zu sagen, mein gutes Geschpf. Herr
Arthur ist sehr unerfahren, oder sehr dumm, da er dich, mein Engel, mit deinem
offenen Gesicht, und deinen klaren, ehrlichen Augen irgend etwas Schlimmen
beschuldigen konnte. Es ist das rein unbegreiflich. Aber weiter Antworte mir ein
bischen genau auf meine Fragen: Hast du vielleicht in der letzten Zeit oder auch
frher Jemand bemerkt, der sich fr dich lebhaft interessirte, der dir
nachgegangen wre, der es versuchte, dich zu sprechen, dir Briefe oder auch
vielleicht Blumen geschickt? Aber thue mir den Gefallen, liebes Kind, und genire
dich nicht vor mir; ich mu Alles wissen.
    Clara lchelte einen Augenblick unter ihren Thrnen hervor und entgegnete:
Ach, es ist mir hart, ber so etwas zu sprechen, aber ich wei wohl, da du es
gut mit mir meinst. - Ja, es hat sich wohl Jemand, wie du es nennst, fr mich
interessirt, mir auch Blumen geschickt, sogar einmal ein Billet, doch habe ich
es nicht angenommen.
    Das ist gleichviel. Und wer war das? Graf Fohrbach.
    Ah! der Adjutant Seiner Majestt, sagte Therese mit einem komischen
Ausdrucke. Nicht so bel! sieh! sich! Das ist ein Faden, an dem wir uns halten
knnen. Und Arthur kennt den Grafen?
    O ja, sehr genau. Sollte der vielleicht ber mich gesprochen haben?
    Nichts Schlimmes, wenn du, wie du sagst, nichts mit ihm zu thun hattest. O
du brauchst es nicht zu betheuern, ich kenne dich. Graf Fohrbach ist einer der
anstndigsten jungen Leute der Stadt. Und die Scene, die du mit Arthur hattest,
ging bei der Becker vor sich? Was machte Herr Erichsen da?
    Ich wei es nicht, versetzte Clara. Darber habe ich dich schon fragen
wollen. Was hat er wohl da zu thun gehabt?
    Therese zuckte die Achseln und erwiderte: Die Becker ist ein schlimmes Weib
und treibt ein fr junge Mdchen sehr gefhrliches Handwerk. Doch das verstehst
du nicht ganz. Da sie auch fr den Herrn Grafen Fohrbach kleine Unterhandlungen
zu fhren hatte, wei ich ganz genau. - Es wre mglich, sagte sie nachdenkend,
da sich der Graf wegen dir - du brauchst nicht zu erschrecken - an die Becker
gewendet. Ja, bei Gott! das wre mglich, da die ihm etwas vorgeschwindelt und
Arthur das erfahren. Das ist ein kleines Licht. - Und die Becker ist dir nie in
den Weg getreten? fragte sie nach einer Pause.
    O nein, bei uns war sie nie. Aber, halt einmal! Hier im Hause ist sie doch
einmal gewesen. Und das ist schon lange?
    Um Weihnachten, glaube ich. Da war sie hier nebenan bei der Frau Wundel,
die dort mit ihren beiden Tchtern wohnt.
    Therese blickte einen Augenblick in die Hhe, dann fragte sie: Frau Wundel
- wer ist das?
    Es ist eine sonderbare Familie, erwiderte Clara achselzuckend. Was sie
eigentlich treiben, wei ich nicht, sie ist eine Wittwe, arm, und lebt wie ich
glaube von Untersttzungen.
    Ah! da mu mein Brutigam sie kennen, versetzte Therese eifrig und rief
alsdann laut: Berger, kennst du eine Familie Wundel?
    Der Gefragte wandte den Kopf herum, nickte und entgegnete: O ja, ich kenne
sie - sehr, sie mu hier in diesem Hause wohnen.
    Was sind das fr Leute? forschte die Tnzerin weiter.
    Herr Berger zuckte mit den Achseln, machte ein saures Gesicht und sagte:
Sogenannte verschmte Hausarme, aber unter uns bemerkt, nicht viel daran, haben
jedoch Konnexionen, denen sie Untersttzungen aller Art zu erpressen wissen.
    Therese warf ihrer Freundin einen bedeutsamen Blick zu, dann fuhr sie fort:
Werden wir dieser Familie einen Besuch machen?
    Es lag das durchaus nicht in meiner Absicht, gab der Brutigam in
bestimmtem Tone zur Antwort. In dienstlicher Eigenschaft mu ich zuweilen
hingehen, aber es ist mir das unangenehm genug.
    So gehe einmal in dienstlicher Eigenschaft hin, sagte das schne Mdchen.
Und als sie Herr Berger einigermaen erstaunt und fragend anblickte, fgte sie
mit erhobenem Kopfe bei: Ich wnsche das, mein Lieber. Nimm dir ein paar Gulden
in die Hand und thue so, als habest du ihnen irgend eine Untersttzung zu
bringen.
    Und du? fragte Herr Berger mitrauisch.
    Nun, ich begleite dich, meinte Therese lachend. Habe ich doch auch meine
Freude am Wohlthun.
    Nach diesen Worten erhob sich der Brutigam frmlich und steif, doch schien
er ziemlich an Gehorsam gewhnt zu sein, denn er versuchte keine weitere
Widerrede. Er schttelte dem Herrn Staiger freundlich die Hand, machte Clara
eine tiefe Verbeugung und schritt zur Thre hinaus, gefolgt von Therese, die
ihre Freundin nochmals auf die Stirne kte, wobei sie ihr sagte: Noch ist
vielleicht nicht Alles verloren, gute Clara, ich will deine Angelegenheit in die
Hand nehmen.
    - - Htte die Familie Wundel eine Ahnung davon gehabt, mit welch'
ungewhnlichem Besuch sie die Aussicht hatte erfreut zu werden, so wrde sie ihr
Zimmer in andere Verfassung gebracht haben oder htte ihre Thre fest
verschlossen gehalten, und das wrdigste Mitglied derselben, Madame Wundel,
htte nicht auf so bereitwillige Art Herein! gerufen, als von drauen sehr
bescheiden angeklopft wurde. Leider geschah dies zu der unglckseligen Stunde,
als die brave Wittwe im Gefhl ihrer Dankbarkeit gegen Madame Becker diese zu
einer guten Chokolade eingeladen hatte. Auf dem Tische dampfte eine angenehme
Kanne dieses vortrefflichen Getrnks rings umher Wohlgeruch verbreitend, daneben
stand ein Teller mit prchtigem Backwerk, sanft gebrunter Gugelhopfen, welcher
von oben durch den darauf gestreuten Zucker wie ein Schneegebirge aussah, auch
freundlich glnzender Zwieback, sowie etwas Krftigeres: Butterbrod mit einigem
Fleischwerk. Der Ofen verbreitete eine behagliche Wrme, und ein Kesselchen mit
warmem Wasser, welches auf der Kohlengluth stand, und neben demselben am Boden
eine Flasche Punschessenz, zeigten deutlich an, da Madame Becker ihr
Lieblingsgetrnk der sanften Chokolade vorzog. Sie mochte auch schon mehrere
Glser davon zu sich genommen haben, denn ihre Wange war sanft gerthet, sie
schluckte hufig ohne Ursache und ihr Lachen war mehr ein Grinsen zu nennen,
auch blickte sie still in das Punschglas hinein und summte die Melodie eines
bekannten Liedes. Dabei befand sich die Frau in Trauer, doch gab ihr lachendes
Gesicht einen starken Gegensatz zu der schwarzen Farbe ihrer Kleider. Neben ihr
sa Madame Wundel bestens aufgeputzt und strahlte vor Wohlbehagen; sie schien
soeben eine Tasse Chokolade geleert zu haben und schmatzte noch vergngt mit den
Lippen. Emilie war beschftigt, den Gugelhopfen zu zerschneiden und nur die
jngere Tochter Louise schien am wenigsten Antheil an der Gesellschaft zu
nehmen, denn sie sa auf einem Stuhle an der unteren Seite des Tisches und hatte
ihren Arm nachlssig und solchergestalt ber die Lehne gelegt, da sie den
Anderen zur Hlfte den Rcken zudrehte.
    Es klopfte also, Madame Wundel rief: Herein! und die Thre ffnete sich. -
    Wren aber in diesem Augenblicke der selige Becker und der selige Wundel
erschienen, mit himmlischen Feierkleidern angethan und bereit, ihre theuren
Hlften in's bessere Jenseits abzuholen, das Entsetzen htte nicht grer sein
knnen, als beim Anblick des Armenpflegers, der seinerseits nicht weniger
erstaunt war, seine Unterlippe noch tiefer herabhngen lie und die Augenbrauen
bis an die Grenzen der Mglichkeit hinauf zog.
    Madame Wundel, gnzlich auer sich, ohne alle Geistesgegenwart und so
berrascht jeder Verstellung unfhig, lie beide Hnde auf den Tisch sinken und
starrte mit einem trostlosen Blicke den Eintretenden an. Emilie behielt mehr
ihre Fassung und machte den vergeblichen Versuch, den Gugelhopfen vom Tisch
verschwinden zu lassen, doch war ihre Bewegung zu heftig und rechts und links
fielen die aufgeschnittenen Stcke ber Tassen und Tischtuch dahin. Louise
allein beharrte in ihrer Stellung, ja sie zuckte mit den Achseln und lchelte
hhnisch.
    Madame Becker, die den Armenpfleger wohl kannte und dehalb vollkommen das
Entsetzen ihrer Freundin begriff, fate, auch wohl von dem starken Getrnk
ermuthigt, sich am schnellsten wieder, schttelte ihre Nachbarin am Arme und
sagte mit ihrem breiten, gemeinen Tone und etwas sehr schwerer Zunge: Ach,
Wundel, erschreck' Sie nur nicht so, der Herr Armenpfleger wird es wahrhaftig
nicht bel nehmen, wenn arme Kreaturen, wie wir sind, sich einmal einen
vergngten Tag machen. - Was knnt Ihr auch dafr, setzte sie mit einem
pfiffigen Blinzeln hinzu, da es mir nun einmal in den Kopf gekommen ist, Euch
mit Chokolade und was Gutem zu traktiren!
    Ja, was kann ich dafr! sprach die Wundel nach einem tiefen Athemzuge,
indem sie begierig diesen Rettungsanker ergriff. Die Becker ist eine so gute
Seele, eine so brave Frau und denkt gern an uns arme Leute. Ach Gott? fuhr sie
fort und schlug ihre Augen scheinheilig auf, wie kme auch sonst was so Gutes
an uns!
    Das mignnt uns der Herr Armenpfleger gewi nicht, sagte auch Emilie
etwas gefater.
    Die erstaunten Blicke des Herrn Berger fuhren indessen, auf's Hchste
berrascht, auf dem ganzen Tisch umher; ihm war es unfalich, da verschmte
Hausarme ein solch' angenehmes Leben zu fhren im Stande seien, und wenn es ihm
unbegreiflich war, woher Madame Wundel das Geld zu diesen Ausgaben nahm, so
glaubte er doch nicht den Worten der Becker, namentlich nicht, als er in das
Gesicht seiner Begleiterin blickte, die mit einem unnachahmlichen, hchst
ergtzlichen Lcheln die Gesellschaft am Tische betrachtete.
    Einen Stuhl! - Zwei Sthle! - schrie nun pltzlich Madame Wundel, indem
sie hastig aufsprang. Der Herr Armenpfleger thun uns die Ehre an, sich einen
Augenblick an unsern schlechten Tisch zu setzen.
    Auch Emilie schnellte auf die Seite und Madame Becker erhob sich
schwerfllig. Ist es nicht wie ein Fingerzeig von Oben, sagte diese lallend,
da Ihr heute Euer Zimmer in so guter Verfassung habt, wo Ihr so schnen Besuch
bekommt? Ach! und auch Frulein Therese, fuhr sie knixend fort; jetzt wei
ich, wehalb Euch der Herr Berger die Ehre anthut, - es ist eine Brautvisite, ja
wahrhaftig, eine Brautvisite.
    Madame Wundel, die noch immer nicht recht ihre Sprache gefunden hatte,
knixte zu wiederholten Malen und Emilie wiederholte mit einem bitterbsen
Lcheln und einem Seufzer das Wort: Brautvisite. Louise war unterdessen
ebenfalls aufgestanden und hatte zwei Sthle an den Tisch gestellt.
    Herr Berger lie sich auf einen derselben zgernd nieder, auch lie er sich
erst nieder, als er sah, da Therese es sich auf ungenirte Art bequem machte,
mit vornehmem Kopfnicken den dargebotenen Platz annahm und darauf die Damen der
Reihe nach musterte.
    Nein, die Ehre und das Vergngen! sagte jetzt auch Madame Wundel, indem
sie die Hnde zusammenschlug. Htte ich mir das doch nicht trumen lassen! Und
wollen Frulein Therese die Gnade haben, meinen ganz ergebenen Glckwunsch
anzunehmen, ebenfalls der Herr Armenpfleger nicht weniger, und wollen versichert
sein, da es mir das grte Vergngen macht, Sie auf Ihrer Brautvisite zu sehen.
- Ein schnes Paar, sagte sie scheinbar leise zur Becker, doch so laut, da man
es allenfalls im Nebenzimmer gehrt htte.
    Therese that aber natrlich nicht dergleichen, vielmehr blickte sie die
Wundel so unbefangen wie mglich an und versetzte: Ja, wir machen unsere
Brautvisiten und da wir zufllig im Hause waren, ja auf demselben Stockwerke, so
fand es mein Brutigam fr angemessen, auch Ihnen, Madame Wundel, die Sie ihm
als eine stille christliche Frau bekannt sind, ebenfalls einen Besuch zu
machen.
    Der Armenpfleger spitzte seinen Mund wie eine Karpfe, lie die Augen einen
Moment ber den Tisch und das darauf befindliche Backwerck hingleiten und senkte
sie dann auf seinen Hut hinab, wo er emsig die Firma des Fabrikanten studirte.
    Madame Wundel hustete leicht und sprach: Ah! Frulein Therese waren also
schon im Hause, schon auf demselben Stocke?
    Allerdings, entgegnete diese, und zwar bei meiner besten Freundin, Clara
Staiger - die Sie ja wahrscheinlich kennen, fuhr sie nach einer Pause lchelnd
fort.
    O ja, wir kennen sie vom Aus- und Eingehen, meinte die wrdige Wittwe,
indem sie auf dem Tisch ihre Hnde ber einander legte. Wie man sich so kennt,
als Nachbarn, oberflchlich.
    So, nur oberflchlich? erwiderte die Tnzerin, aber obgleich sie das Wort
nur einmal aussprach, so schien es doch an alle Anwesenden gerichtet zu sein und
sie blickte jede derselben der Reihe nach scharf an. Sie ist ein sehr braves
und geordnetes Mdchen, meine Freundin, sagte sie darauf wie fragend.
    Das ist sie, bekrftigte die Wundel, das ist sie, bei Gott, der Neid mu
es ihr nachsagen.
    Solid, sehr solid, meinte die Becker; doch lchelte sie dazu auf
eigenthmliche Art. Und Emilie setzte etwas boshaft hinzu: Ein wahres Muster;
man knnte sie allen jungen Mdchen zum Exempel vorstellen.
    In diesem Augenblicke wechselte die Wittwe mit Madame Becker einen Blick,
der, so schnell das auch vor sich ging, von Therese nicht unbemerkt geblieben
war.
    O ich wei, wie gut und lieb sie ist, fuhr die Tnzerin fort. Aber,
setzte sie sehr langsam und mit scharfer Betonung hinzu, um so auffallender ist
es, da trotz allem dem Unangenehmes ber ihren Lebenswandel verbreitet wurde -
ja, absichtlich verbreitet wurde.
    Ah! machte die Wittwe mit gut gespieltem Erstaunen, ist das die
Mglichkeit! Habt Ihr was davon gehrt, Becker? Oder du, Emilie? Ja, die
Menschen sind schlimm.
    Natrlicherweise wollte Niemand etwas davon vernommen haben, und um diesen
unangenehmen Gesprchsgegenstand zu unterbrechen, legte Madame Wundel ihren Mund
in recht se Falten und fragte, ob sie nicht die Ehre haben knne, dem Herrn
Armenpfleger oder Frulein Therese mit einer Tasse Chokolade aufzuwarten?
    Herr Berger verneinte das eifrigst, Therese aber nahm es an. Und sie hatte
ihre guten Grnde dafr. Hatte sie dann doch ein paar Augenblicke, in denen sie
nicht zu sprechen, nur zu hren brauchte; und sie bedurfte einige Zeit zum
Nachdenken.
    Louise hatte eine Tasse geholt, sie vor Therese hingestellt und dabei nicht
ermangelt, ihr eigens zu gratuliren, was sie vorhin im allgemeinen Chorus
unterlassen. Dazu sagte sie: Es wird Clara gewi gefreut haben, Sie so bei sich
zu sehen, denn Clara ist gut und nimmt den innigsten Antheil daran, wenn es
ihren Bekannten wohl geht. Madame Wundel unterlie nicht, ihrer Tochter einen
mibilligenden Blick dafr zuzusenden, da sie ihre Nachbarin wieder erwhnte,
doch kehrte sich diese nicht im Geringsten daran, vielmehr fuhr sie fort: Es
ist wahr, Frulein Clara hat in den letzten Tagen Unangenehmes gehabt; ich wei
nicht, ob sie Ihnen davon sagte.
    O ja, sie sprach mir davon, entgegnete Therese. Ich glaube, es betraf
einen Vorfall im Hause der Madame Becker dort, an dem Tage, wo Marie begraben
wurde. Wie war doch die Geschichte?
    Wie wird das gewesen sein! erwiderte nach einigem Zgern die Becker, wobei
sie verlegen die Achseln zuckte. Ich wei es selbst nicht mehr genau, es betraf
einen jungen Herrn.
    Herrn Arthur Erichsen, versetzte Therese. Er hat, so viel ich wei, ein
kleines Verhltni mit Clara und beschuldigte nun das arme Mdchen - gerade in
Ihrem Hause - einer Untreue, glaube ich, die sie gegen ihn begangen.
    Madame Becker hatte ihren Arm auf den Tisch gesttzt, vorher aber einen
starken Zug aus dem Punschglase gethan, dann blinzelte sie mit ihren etwas
rthlich unterlaufenen Augen und meinte: Nun ja, es mu etwas derart gewesen
sein; wild genug hat er sich angestellt, und wenn er mit mir so hart gesprochen
htte, wrde ich ihm anders die Wege gezeigt haben - so einem Naseweis.
    Uebermthig ist er schon, versetzte die schlaue Tnzerin. Was wird's
gewesen sein! Eine Eiferschtelei! Hat sich vielleicht die Clara sonstwo ein
wenig den Hof machen lassen?
    Versteht sich! rief die Becker erzrnt und klopfte auf den Tisch. Da
kommt so ein junger Mensch her, spricht was von guten Absichten und meint nun,
dann drfe ein anderer rechtschaffener Cavalier so ein Mdchen gar nicht mehr
ansehen.
    Aber Frulein Clara lt sich auch von sonst Niemand ansehen, sagte
ngstlich Madame Wundel, mit einem bedeutungsvollen Seitenblick auf ihre Tochter
Emilie, welche die Zhne auf einander bi und die Becker giftig ansah.
    Diese trank ihr Glas vollends leer, schnalzte mit der Zunge und sprach: Hat
sich was zum Ansehen! Daran stirbt man nicht und das schadet auch Niemand. Die
Clara wre eine rechte Gans, wenn sie sich von dem Maler da hofmeistern liee.
    Aber sie thut es doch, bemerkte erzrnt die Wundel. Clara ist die Tugend
selbst, und einer von den jungen vornehmen Herren wrde schn ankommen, wenn er
sich in ihre Nhe wagen wollte. Bei diesen Worten stie sie ihre Nachbarin
heftig unter dem Tische mit dem Fue an, doch hatte sich diese schon zu tief mit
dem Punsche eingelassen, um diese Berhrung fr mehr als eine zufllige zu
nehmen.
    Und ich sage, die Clara hatte Recht, den Maler zu verabschieden, rief sie
mit schwerer Zunge. Da ist der Herr Graf doch ein anderer Mann, und mich freut
es, da sie ihn erhrt.
    So schwer diese Worte auch die Tnzerin trafen, so verzog sich doch keine
Miene ihres Gesichtes, ja sie trank lchelnd ihre Chokolade, nicht ohne einen
Blick auf Emilie zu werfen, die ihre Hnde zusammenballte und in hchster Wuth
die alte Schwtzerin gegenber mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
    Aber was faselt Ihr fr dummes Zeug! sagte Madame Wundel, die mhsam an
sich hielt. Wie knnt Ihr ber meine Nachbarin, ber Mamsell Clara, ber die
genaue Freundin unserer zuknftigen Frau Armenpflegerin so etwas aussagen! Von
was schwtzt Ihr denn eigentlich?
    Therese hatte ihre Tasse ruhig hingesetzt und warf dann leicht ein: Wir
wissen wohl, wovon Madame Becker spricht, von dem Verhltni Clara's mit dem
Grafen Fohrbach.
    Das ist's, sprach die Becker mit lallender Zunge. Und das ist ein schnes
Verhltni, ein dauerndes Verhltni. O Wundel, Ihr solltet euch Eurer Arbeit
nicht schmen; Ihr habt doch groe Mhe damit gehabt und die Sache geschickt
angefangen. Ehre dem Ehre gebhrt!
    Da Euch der - sprach die wrdige Wittwe und wollte hinzusetzen: Ihr
betrunkenes Weibsbild! - Wie knnt Ihr so garstiges Zeug plappern? Ich bin eine
ruhige Wittfrau; was htte ich mit Euren Geschichten fr Arbeit gehabt! Was
gehen uns Eure schmutzigen Verhltnisse an! Nicht wahr, Emilie? Was htten wir
fr Euch geschafft!
    Oho! rief die Becker und ihr Auge funkelte zornig, seh' mir Einer die
wrdige Wittfrau! Jetzt nennt sie das schmutzige Verhltnisse, womit sie ein so
schweres Sndengeld verdient.
    Der Armenpfleger hatte seine Augen langsam aus dem Hute erhoben, blickte
achselzuckend gen Himmel und sagte alsdann zu seiner Braut mit leiser Stimme:
Ich glaube, es wre besser, wir verlieen diese Wohnung. Dabei begann er sich
von dem Stuhle zu erheben.
    Therese aber zog ihn eifrig wieder nieder, that als wolle sie ihr Sacktuch
aufheben, das ihr entfallen und flsterte ihm zu:
    Es ist ein gutes Werk, Berger, wenn du noch einige Augenblicke bleibst.
Hier gilt es, schlechte Menschen zu entlarven und einem unglcklichen Mdchen zu
helfen.
    Unterdessen hatten sich Madame Wundel sowie Emilie ber den Tisch
hinbergebeugt und blickten Madame Becker an, ganz mit dem zrtlichen Ausdruck
eines Paares wilder Katzen, die begierig sind, einer Freundin die Augen
auszukratzen. Louise hielt sich fern, sie hatte sich an's Fenster gestellt und
blickte hmisch lachend auf die Gruppe am Tische.
    Pfui! rief Emilie nach einer Pause, schmt Euch, Becker, ber Euer
ungewaschenes Maul!
    Larifari, entgegnete diese laut lachend; ich brauche mich nicht zu
schmen, ich wohne am Kanal in der Kaserne, stehe fr mein Geschft ein und
heie Becker. Ich leugne nicht, was ich treibe; schmt ihr euch selbst, ihr -
verschmte Hausarme, setzte sie, pltzlich sehr ernst werdend, hinzu; und dann
kreischte sie: Seh' mir Einer die Wundel an! Hat bei meinem Geschft schweres
Geld verdient und will sich nun meiner schmen! O du Weibsstck!
    Die Wundel war mit ihrer Tochter Emilie in die Hhe gesprungen und es schien
einen Augenblick, als wollten sich diese Bekenntnisse edler Seelen in einen
erbitterten Kampf verwandeln. Doch erblickte die Wittwe vor sich das ernste,
mibilligende Gesicht des Armenpflegers, dehalb fate sie sich mit
bermenschlicher Anstrengung, schluckte einige Mal heftig, sttzte beide Fuste
auf den Tisch und sagte alsdann: Herr Armenpfleger! - Gott soll mich bewahren,
da ich Reden, wie das Weib da eben verfhrt, vor Ihren Ohren auf mir sitzen
liee. O nein! rief sie mit einem Anflug erknstelter Wehmuth, was habe ich
arme Wittfrau sonst als Ihre Meinung, Herr Armenpfleger! Stehe ich ohne Sie
nicht ganz verlassen da in dieser Welt mit meinen beiden armen Wrmern, ohne
Hilfe, ohne Verdienst -
    Ohne Verdienst! hohnlachte die Becker. Hat Sie von mir nicht schweres
Geld fr das Geschft bekommen! Aber bei Ihr bleibt nichts - Sie ist wie ein
Sieb - Sie - Hier stockte das Weib pltzlich in ihrer Rede, und wir glauben
nicht, aus pltzlich eingetretenem Zartgefhl, vielmehr veranlat durch die
Faust der Mademoiselle Emilie, welche drohend hinter dem Stuhl der Sprechenden
stand. Auch duckte sich diese scheu zusammen und schien, obgleich zu spt, zu
fhlen, da sie sich hier zu Eins gegen Drei befand.
    Hren Sie also, fuhr Madame Wundel im Tone gekrnkter Unschuld fort. Ja,
es ist wahr, dieses Weib da forderte mich auf, ihr in einer ihrer unsaubern
Geschichten zu helfen.
    Sie sollten vermitteln zwischen Clara und dem Grafen Fohrbach? fragte die
Tnzerin.
    Ja, schrie die Becker, indem sie, sich dann nach Emilien umsehend, mit der
Faust krftig auf den Tisch schlug. Und sie that es, sie lieferte mir das
Mdchen.
    Die wrdige Wittfrau warf einen Blick an die Decke des Zimmers, dann sagte
sie achselzuckend und mit groe Milde: Herr Armenpfleger, man mu es der Frau
verzeihen, sie geht zu viel mit gemeinem Volke um, sie hat keine Idee davon, da
es noch rechtliche Menschen gibt, die so viel als mglich Unheil zu verhten
suchen.
    Und Sie verhteten also das Unheil? forschte die Tnzerin.
    Ach ja, Frulein Therese, fuhr Madame Wundel fort. Und ich glaube, es ist
keine meiner schlechtesten Thaten. Das Weib wandte sich freilich an uns, wir
aber kannten Frulein Clara, wie Sie sie selbst kennen, und nur in der Absicht -
gewi nur in der Absicht, um die Becker von ihrer Spur abzuleiten, unternahmen
wir die unangenehme Kommission -
    Ein Rendezvous zu vermitteln, sagte Emilie, indem sie sich vordrngte.
    Und kam zu Stande? fragte Therese.
    Ja, es kam zu Stande! rief triumphirend die Becker. Glauben Sie mir, wenn
dies Weib seine Krallen einmal einschlgt, da hlt sie fest.
    Es kam allerdings zu Stande, bemerkte Madame Wundel nach einem abermaligen
Blick an die Zimmerdecke, aber ich brauche Ihnen nicht zu sagen, da Clara
gnzlich aus dem Spiele blieb.
    Ah, ich verstehe! sprach Therese freudig. Ich danke Ihnen fr diese
Aufklrung.
    Madame Becker ihrestheils schien das nicht sogleich zu verstehen. Endlich
aber begriff auch sie, da die Wundel sie geprellt und eine Andere zu dem
bewuten Rendezvous geschickt worden war. Wie sie langsam zu dieser Erkenntni
kam, verwandelten sich alle ihre Gesichtszge. Anfnglich war sie hohnlachend
dagesessen, jetzt aber fiel ihre Unterlippe schlaff herab, ihre Augen stierten
ein paar Momente starr vor sich hin; dann aber blitzte das Feuer des Zorns in
ihnen auf, ihre Lippen schloen und ffneten sich krampfhaft, und schumend
sagte sie: Also so wollt Ihr meine noble Kundschaft verderben! - Ihr Pack!
Dabei hatte sie sich langsam erhoben, hatte ihr Gesicht mit einem
unbeschreiblich frechen Ausdruck auf Zollweite dem der Wittwe genhert, welche,
wie das Vgelein vor dem Blicke der Schlange leider nicht im Stande war,
zurckzuweichen. Leider sagen wir, denn in der nchsten Sekunde brannte eine so
ungeheure Maulschelle auf der Wange der Madame Wundel, da diese laut
aufkreischend in ihren Stuhl zurckfiel. Es war eigentlich komisch anzusehen,
wie im gleichen Augenblicke der Armenpfleger von seinem Sitz emporschnellte,
Therese am Arme ergriff, mit zwei Schritten die Stubenthr erreicht hatte und
das Zimmer verlie. Erst hinter der geschlossenen Thre blieb er tief athmend
stehen und setzte bedchtig seinen Hut auf.
    Gott sei Dank! jubelte Therese, da das so gekommen ist. Glaube mir,
Berger, um keinen Preis der Welt wollte ich das eben nicht gehrt haben. War dir
die Scene unangenehm?
    Sie hat auch fr mich ihr Gutes, erwiderte bedchtig der Armenpfleger,
indem er seine Schreibtafel herauszog, darin bltterte und durch den Namen der
Wittwe Wundel einen sehr dicken Strich machte.
    Da brigens Madame Becker dem rchenden Geschick ebenfalls nicht entging,
brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu versichern. Wenn sich auch Louise
Wundel von dem Kampf, der nun erfolgte, fern hielt, so waren doch die Wittwe und
Emilie krftig genug, um der Madame Becker einen gehrigen Denkzettel zu geben.
    Die Tnzerin blieb zaudernd auf der Treppe stehen. Gern mchte ich Clara
sprechen, sagte sie, doch ist es besser, ich versuche es, den Herrn Erichsen
zu finden. - Komm, Berger.
    Beide stiegen nun vollends die Stufen hinunter, setzten sich in den Wagen,
der drunten auf sie wartete, und fuhren davon.

                          Dreiundachtzigstes Kapitel.



                                     Clara.

Vielleicht war es zufllig, da Arthur sich an diesem Nachmittage in der Nhe
der Balkenstrae befand, genug, Therese, die aufmerksam umhersphte, erblickte
ihn wenige Straen von dem Hause Clara's entfernt; sie klopfte dem Kutscher an
die Fensterscheiben und lie halten.
    Arthur, welcher sich bei seinem Namen gerufen hrte, nherte sich dem
zweisitzigen Wagen und war nicht wenig erstaunt, die schne Tnzerin in
demselben zu sehen. Sie theilte ihm auch gleich lachend den Zweck ihres
Umherfahrens mit, stellte ihm den Herrn Berger vor, nannte auch diesem den Namen
des Malers und fragte dann, ob er nicht Zeit habe, sie einen Augenblick zu
begleiten. Sowohl Arthur als Herr Berger sahen bei dieser Aufforderung das
schmale Coup an und Ersterer sagte zu Therese, so angenehm es ihm auch wre,
sie zu begleiten, so frchte er doch sehr, sie in ihrem Platz zu derangiren.
    Aber ich mu Sie sprechen und zwar auf der Stelle sprechen, erwiderte
hartnckig die Tnzerin; ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen. Und was den
Platz anbelangt, da kann man schon Rath schaffen, Berger ist wohl so gut und
setzt sich fr ein paar Minuten drauen zum Kutscher. Du kannst deinen
Regenschirm aufspannen, dann erkennt dich Niemand, man hlt dich hchstens fr
einen Lohnbedienten.
    Aber, meinte Arthur leise, Sie verlangen zu viel.
    Und was soll der Kutscher denken, mein Kind! versetzte Herr Berger. Doch
hatte er den Schlag schon halb geffnet, um hinaus zu steigen.
    Machen Sie nur keine Umstnde, rief die Tnzerin dem Maler zu. Kommen Sie
geschwind herein. - Und was den Kutscher anbelangt, wandte sie sich an den
Andern, der schon drauen auf dem Tritte schwebte, so kannst du ihm meinetwegen
sagen, es sei dir hier im Wagen zu warm gewesen und du wollest drauen ein wenig
frische Luft schpfen. Weit du, Berger, fuhr sie leise fort, indem sie sich
zum Wagen hinausbeugte, ich mag dem Kutscher nicht laut zurufen, da er nach
der Balkenstrae, dem Hause Clara's, zurckfahren soll, das kannst du besorgen.
    Das htte ich thun knnen und doch wieder in den Wagen hineinsteigen,
entgegnete der Armenpfleger in klglichem Tone.
    Aber es ist besser so, sagte Therese und zog den Schlag hinter ihm zu.
    Arthur war lchelnd in den Wagen gestiegen. Herr Berger hatte den Bock
erklettert, seinen Regenschirm aufgespannt und bot neben dem Kutscher nichts
Auffallendes. Er sah in der That aus wie ein Lohnbedienter und schielte auch wie
ein solcher, dessen Geschft es ist, die Fremden auf alle Merkwrdigkeiten
rechts und links aufmerksam zu machen, zuweilen hinter sich in den Wagen.
    Ich komme soeben von Clara, begann Therese in demselben. O Herr Erichsen,
wenden Sie sich nicht unmuthig weg! Glauben Sie mir, Sie haben dieses gute und
edle Mdchen unverantwortlich behandelt. Sagen Sie mir um Gotteswillen, Sie sind
doch auch schon mit vielen Leuten umgegangen, Sie haben doch auch
Menschenkenntni. Schauen Sie ihr doch in das klare und unschuldige Auge, kann
der Blick trgen? Glauben Sie wirklich, Clara sei fhig gewesen, Sie zu
hintergehen? - Die gute Clara, mit dem Gemth eines Kindes, die nicht einmal
wei, was Betrug ist! O ich mchte fast sagen: Sie verdienen dies Herz nicht,
das Sie so leichtsinnig weggeworfen. Und nun erzhlte sie ihm in aller Eile,
ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, was soeben in der Wohnung der Wittwe Wundel
vorgefallen, und beschwor ihn, jetzt sogleich hinauf zu gehen, er werde die
ganze saubere Gesellschaft noch beisammen finden und es werde ihm nicht schwer
werden, von denselben das Gestndni wiederholt zu erhalten.
    Damit hielt der Wagen vor dem bekannten Hause und als Arthur, der mit
klopfendem Herzen den Worten Theresens gelauscht, nun die dunkle Thre mit den
ausgetretenen Stufen vor sich sah, ber die er so oft voll Freude und Glck auf-
und abgestiegen war, die er darauf tief betrbt so lange vermieden, fr ihn eine
Ewigkeit, obgleich er das Haus selbst vermittelst der umliegenden Straen
unaufhrlich umkreist, sowohl bei Tag als bei Nacht, als er nun wieder davor
stand, glaubend an die Worte der Tnzerin, da schwand aller Groll, aller Argwohn
aus seinem Herzen, eine unendliche Liebe fr Clara erfllte es mehr als vordem,
und nach herzlichem Dank und Gru gegen Therese sprang er in den dunklen
Hausflur hinein.
    Die schne Tnzerin blickte ihm ein paar Sekunden nach, dann fuhr sie mit
der Hand ber die Augen und sprach zu sich selber: Das ist mein schnstes
Hochzeitsgeschenk. Ach! die Vershnung da oben mu entzckend sein. Wie
glcklich werden sich diese Beiden fhlen, zu einander hingezogen, innig
verbunden durch gleiche herzliche Liebe. Hierauf legte sie sich seufzend und
nachsinnend in die Ecke des Wagens, doch hatte sie vorher an die Scheiben
geklopft und dem Herrn Berger gesagt: So, nun kannst du wieder herein kommen.
    Arthur gelangte brigens nicht so schnell in den oberen Stock; je hher er
stieg, desto mehr Gedanken huften sich auf sein Herz und hingen sich schwer an
seine Schritte. Er gedachte jenes Abends, wo er an des Grafen Stelle das junge
Mdchen empfangen, er bemhte sich, die Figur derselben auf's Genauste in seiner
Phantasie festzustellen, und nachdem er das zum ersten Mal seit jenem Vorfalle
ruhig gethan, begriff er selbst nicht mehr, da er Jene mit Clara habe
verwechseln knnen. Dann dachte er auch eifrig darber nach, wo er sie nach
jenem Abende wieder gesehen und ob er da wohl eine Spur von Befangenheit, irgend
etwas Verlegenes in ihrem Betragen gegen ihn bemerkt. Ach! er erinnerte sich
jetzt genau, da sie ihm den andern Tag mit offener Stirn und ehrlichem Blick
wie immer entgegen gesprungen war, da sie ihm freudig beide Hnde dargereicht
und da sie darauf schchtern wie immer und halb errthend seinen etwas
strmischen Ku geduldet. - Ach! und diese sen Ke, er hatte sie so lange
entbehren mssen, er hatte so lange nicht mehr in ihr gutes, liebes Auge
geblickt! Jetzt kam ihm sein ganzer Argwohn wie ein Wahnsinn vor, jetzt konnte
er es nicht begreifen, warum er nicht gleich offen und ehrlich mit Clara
gesprochen, ihr seine Unterredung mit dem Grafen Fohrbach mitgetheilt und ihr
gesagt: wie kann das zusammenhngen? Noch viel weniger aber begriff er, da er
nicht gleich nach jenem schrecklichen Tage, wo er sie zum letzten Mal an der
Leiche der unglcklichen Marie gesehen, zu der Wundel geeilt war, die ihm von
Madame Becker als Unterhndlerin genannt worden war. Kopfschttelnd und
unzufrieden mit sich selbst stieg er die Stufen hinauf.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Clara hatte sich wieder an ihre Arbeit niedergesetzt, sobald Therese vorhin
das Zimmer verlassen. Doch wollte ihr dieselbe nicht mehr so von der Hand gehen
wie vor der Unterredung. Sie war in den letzten Tagen ruhiger geworden, sie
hatte die Erinnerung an jene schreckliche Stunde gewaltsam zurckgedrngt, und
diese trat nun zugleich mit dem strkeren Klopfen ihres Herzens allmhlig wieder
lebendiger und schrecklicher vor sie hin. Warum hatte sie sich von jenem
Augenblick berwltigen lassen, warum hatte sie, statt seinen Vorwrfen
gegenber zu schweigen, nicht ruhig eine Erklrung verlangt ber das, was er
ihre Treulosigkeit genannt? - Sie wute es selbst nicht. Es war vielleicht eine
richtige Eingebung des Moments gewesen, es war ihr weiblicher Stolz, der sich im
Gefhle gekrnkter Unschuld dagegen emprt hatte. Ach! und wie hatte sie
gelitten nach jener Unterredung; wie war ihr die ganze Zukunft finster
erschienen, wie alles Glck von ihr gewichen - und nirgends, nirgends ein
Hoffnungsstrahl! Jetzt - sie wute selbst nicht warum - regte sich in ihrem
Herzen ein Gefhl, als sei vielleicht noch nicht Alles verloren, als wrde die
Nacht in ihrem Gemthe nicht ewig whren, als knne auch fr sie noch ein neuer
Tag anbrechen, nochmals die Sonne hell und glnzend aufsteigen.
    Herr Staiger, der vor sich seine Tochter in tiefen Trumereien sah, hatte
die Feder wieder ergriffen und schrieb langsam fort, nicht ohne zuweilen einen
Blick auf Clara zu werfen.
    Die Kinder hatten whrend des Besuchs diesen aufmerksam betrachtet und Marie
hatte zum groen Ergtzen des Bbchens den Gang und die Haltung der zuknftigen
Madame Berger nachgeahmt, worauf sich Karl veranlat sah, die Rolle des
Armenpflegers zu bernehmen. Er knpfte sein Jckchen bis unter das Kinn zu,
holte sich des Vaters Hut aus der Ecke und schaute unverwandt in denselben
hinein, wobei er so steif als mglich auf und ab ging. Dann nahm er einen
kleinen Fuschemel, trug ihn zwischen Vater und Clara an den Tisch und setzte
sich selbst darauf, wobei er die Haltung des Herrn Berger auf so komische Art
karrikirte, da der Vater, der zufllig aufblickte, laut und herzlich zu lachen
anfing. Auch Clara, die hierdurch aus ihren Trumen aufgeschreckt wurde, mute
lcheln, als sie die kleine Figur vor sich sitzen sah, die, den Kopf steif in
die Hhe haltend, sie unverwandten Blicks betrachtete.
    Es ist eigentlich nicht schn von dir, Karl, sagte der alte Mann, da du
Leute nachmachst, die uns besuchen. Man nennt das: Jemand verspotten; und aller
Spott thut weh.
    Aber ich will Niemand verspotten, sagte das Bbchen, ich habe nur Clara
zum Lachen bringen wollen, denn sie schaut immer so betrbt vor sich hin und
bekmmert sich gar nicht mehr um mich.
    Das kannst du gewi nicht sagen, erwiderte Clara, indem sie die Arme in
den Schoo sinken lie, ich bekmmere mich um dich gerade so viel wie sonst.
    Der Kleine schttelte mit dem Kopfe.
    Nicht? fragte Clara, und warum glaubst du das?
    Du spielst nicht mehr mit mir, sagte Karl. Du hast mir schon lange nicht
mehr aus dem Bilderbuche vorgelesen, auch keinen Schlitten mehr gemacht und die
Bilder, die mir Herr Arthur geschenkt, willst du gar nicht mehr ansehen.
    Als Clara hierauf schwieg, sprach Herr Staiger: Das wird Alles wieder
kommen; Clara wird dir wieder Schlitten machen und auch wieder die Bilder
ansahen.
    Aber Herr Arthur hat lange keine Bilder mehr gebracht, meinte Marie, die
hinzugetreten war. Warum lt er sich nicht mehr sehen?
    O ich hab' ihn gestern gesehen, sprach eifrig das Bbchen.
    Du wirst dich irren, versetzte Clara, indem sie errthend mit dem Kopfe
schttelte.
    Nein, ich irre mich nicht! Er stand gestern am Ende unserer Strae; ich
konnte ihn von der Hausthre aus gut sehen.
    Und warum riefst du ihm nicht? fragte Marie.
    Als ich das thun wollte, ging er gerade fort, versetzte Karl. Er mu mich
nicht gesehen haben.
    Gewi, so ist es, meinte Clara traurig, er hat dich nicht gesehen. Er
wei nicht mehr, da wir hier wohnen. So ruhig sie dies anscheinend sagte, so
stockte doch ihr Athem, als sie die Worte aussprach, ihre Augen fllten sich mit
Thrnen, und sie war nicht im Stande, den bunten Faden, den sie in der Hand
hielt, einzufdeln. Dienstfertig drngte sich die kleinere Schwester nher, und
als sie ihr Faden und Nadel aus der Hand genommen hatte, was Clara ruhig
geschehen lie, fate diese mit ihren beiden Hnden den Kopf des jungen Mdchens
und drckte ein paar innige Ksse auf das blonde Haar desselben.
    Diesen Moment mochte Karl nicht so vorbei gehen lassen; er sprang von der
andern Seite an den Stuhl der Schwester, fate sie mit dem Arm sanft um den Leib
und sagte, er wolle auch eine Nadel einfdeln, um einen Ku zu bekommen.
    Clara hatte sich gerade in herzlicher Liebe zu ihm niedergebeugt, hatte ihn
wiederholt auf die kleinen frischen Lippen gekt und ihn nothgedrungen zu sich
emporgehoben, da er sich an sie hing und seine Arme um ihren Hals geschlungen
hatte, wobei er lauter jubilirte und lachte als gerade nothwendig war, als die
junge Tnzerin sah, da ihr Vater sich mit einer Verbeugung eilig vom Tische
erhob und der Thre zuschritt, welche langsam geffnet wurde. Auch vernahm sie
eine Stimme, welche sagte: Bitte um Entschuldigung, aber ich klopfte mehrmals,
was man wahrscheinlich nicht gehrt hat.
    Es war eine ltliche Dame, von der diese Worte ausgingen, in einfacher
Kleidung, der man aber ansah, da sie den hheren Stnden angehrte. Sie hatte
ein ernstes, wrdevolles Gesicht, eine etwas spitze Nase und lebhafte graue
Augen, mit denen sie aufmerksam das Zimmer und namentlich die Gruppe am Tisch zu
betrachten schien.
    Der armen Clara war es zu Muthe, als trte das Verhngni in Person,
Vergangenheit und Zukunft, drohend vor sie hin. Sie hielt das Bbchen fest in
ihren Armen, ja sie drckte es an sich und zwar so, als wollte sie Schutz bei
demselben suchen vor etwas Erschrecklichem, was in der nchsten Sekunde ber sie
hereinbrechen msse. Sie kannte die alte Dame wohl, obgleich sie nie ein Wort
mit ihr gewechselt. Aber mit welchem Interesse hatte sie dieselbe betrachtet in
der Kirche, auf der Strae, im Theater, wenn die Tnzerin an der uns bekannten
Oeffnung im Vorhange stand und nicht davon wegzubringen war, wenn die Dame
droben in ihrer Loge sa! Da war sie wie festgebannt und mute unverwandten
Blickes hinaufsehen. O sie waren so kalt und theilnahmlos, diese Zge, nicht
eine Miene bewegte sich in dem Gesicht, kaum merklich nickte sie rechts oder
links, wenn sie auf einen ganz ergebenen Gru dankte. Ja, wenn sie gesprochen,
so wischte sie sich mit ihrem Sacktuch die Lippen ab, und wenn sie lngere Zeit
stillschwieg, was meistens vorkam, so hielt sie die spitzen Finger der linken
Hand unbeweglich auf die Logenbrstung. Wie oft hatte sie ihn - Arthur - ber
diese Frau gefragt, ob sie zu Haus auch so einsilbig und verdrielich sei, ob
sie denn nie freundlich spreche oder gar lache, und es hatte sie ein kleiner
Schauder berflogen, ja ein Schauder, trotzdem es sie auch glcklich gemacht
hatte, wenn er zu ihr sagte: Du wirst sie ja noch kennen lernen, Clara. Ihr
Herz ist gut, auch theilnehmend, und sie hat dieses allzuernste und gemessene
Wesen nur so angenommen; gewi, sie kann auch freundlich sein und sogar lachen.
Wie oft hatte das junge Mdchen von dieser Dame getrumt! Und dann war sie ihr
immer als bser Engel erschienen, hatte die magere Hand zwischen sie und Arthur
gestreckt, hatte mit dem Kopfe geschttelt, und darauf war Alles, Alles aus
gewesen. Wenn alsdann Clara in diesen Trumen auch flehend ihre Hnde nach
Arthur ausstreckte, und, verzweiflungsvoll seinen Namen rufend, vorwrts
strebte, ihn wieder zu erreichen, so war es doch, als treibe eine gewaltige
Luftstrmung die beiden Liebenden aus einander, immer weiter und weiter, bis
sein Bild undeutlich wurde, ein Schatten, und dann ganz erblate, obgleich das
Bild der alten Dame gleich lebendig, gleich starr, drohend und ernst in der
Mitte stehen blieb. - Ah! und ihr Blick war dann gerade so wie jetzt, als sie
nun in Wirklichkeit in's Zimmer trat.
    Herr Staiger war ihr entgegen gegangen, hatte der fr ihn Unbekannten eine
respektvolle Verbeugung gemacht, und war, als diese mit einem einfachen
Kopfnicken erwidert wurde, hndereibend und etwas verlegen an die Seite
getreten, eine Anrede erwartend. Die Dame blickte aber eben so unverwandt auf
Clara, auf das Bbchen und auf Marie, die sich ebenfalls an die ltere Schwester
geschmiegt, als erstere sie unaufhrlich ansah. Mochte sie nun den entsetzten
Blick der Tnzerin bemerken, und ihr die weit aufgerissenen Augen der kleinen
Kinder etwas komisch vorkommen, genug, sie wandte sich mit einem etwas
freundlicheren Gesichtsausdruck zu Herrn Staiger, indem sie ihm sagte: Ich habe
mir erlaubt, Sie in einer gewissen Angelegenheit zu besuchen, wenn Sie nmlich
ein paar Augenblicke fr mich brig haben.
    Der alte Mann verbeugte sich abermals, rieb sich wiederholt und noch
verlegener die Hnde, denn ihm kam die Idee, als setze die Dame voraus, sie
msse nothwendig von ihm gekannt sein, was denn aber durchaus nicht der Fall
war. Dabei murmelte er etwas von groer Ehre, vielem Vergngen, und als die Dame
hierauf langsam in das Zimmer hinein dem Tische zuschritt, leerte er rasch einen
Stuhl, indem er Bcher und Papiere mit dem Arm auf den Boden niederstrich.
    In demselben Verhltni, in dem sich die Dame dem Tische nherte, lie Clara
das Bbchen auf den Boden gleiten und erhob sich langsam von ihrem Stuhle. Dabei
sah sie sehr bleich aus und ihre Hand, die sie auf dem Tische aufgesttzt hatte,
zitterte heftig, auch holte sie mhsam Athem, und als sie nun der Nherkommenden
eine tiefe Verbeugung machte, scho ihr das Blut in's Gesicht, und eine
pltzliche Rthe berflog ihre vor einer Sekunde noch so blassen Zge.
    Die Dame lie sich ruhig auf dem angebotenen Stuhle nieder, und als Herr
Staiger, der ehrerbietig neben ihr stehen geblieben war, sich nun ein Herz fate
und sie unverkennbar fragend ansah, sagte sie: Sie scheinen mich nicht zu
kennen; ich bin die Frau des Kommerzienraths Erichsen.
    Sobald der alte Herr diesen Namen gehrt, trat er unwillkrlich einen
Schritt zurck, blickte die Dame mit einem wahren Erschrecken an und brachte
mhsam die Worte hervor: Oh! - das ist zu viel Ehre!
    Die Kommerzienrthin schien brigens gar keine Antwort zu erwarten und auch
seine Worte nicht zu hren, denn sie sah unverwandt auf Clara, welche vor diesem
ernsten Blick zuerst ihre Augen niederschlug, sie aber dann im Gefhl ihres
redlichen und unschuldsvollen Herzens langsam wieder erhob und die Rthin
ehrfurchtsvoll, aber fest anschaute.
    Das ist Ihre Familie? sprach diese nach einer Pause, whrend welcher sie
alle Anwesenden der Reihe nach betrachtete.
    Das ist meine Familie, ja wohl, Frau Kommerzienrthin, entgegnete Herr
Staiger, der nicht im Stande war, sich so rasch von seinem Erstaunen zu erholen,
und der hufig nach Clara hinber blickte, um vielleicht auf dem Gesichte
derselben lesen zu knnen, was das wohl zu bedeuten habe. Es ist meine
Familie, wiederholte er. Das ist meine Tochter Clara, das die kleine Marie,
und das ist Karl.
    Und dort die Kleine? fragte die Rthin.
    Ist eine arme Waise, versetzte Herr Staiger, ein verlassenes Kind, das
auch hier so bei uns ist.
    Fr dessen Unterhaltung Sie sorgen? fragte Madame Erichsen.
    O ja, sagte lchelnd der alte Mann. Aber es ist nicht der Rede werth; das
kleine Ding macht uns weder Kosten noch Mhe.
    Und Ihre Frau? forschte die Rthin weiter.
    Ist schon vor einigen Jahren gestorben; es war das hart fr mich, doch lie
mir der liebe Gott da meine Clara heranwachsen, und sie vertrat Mutterstelle bei
den kleinen Geschwistern - ja wohl!
    Sie sind aber nicht viel zu Hause, Mademoiselle? wandte sich Madame
Erichsen an die Tnzerin. Wie ich mir sagen lie, haben Sie den ganzen
Vormittag Ihre Geschfte auerhalb demselben, und Abends ist auch Ihre Zeit
meistens beschrnkt.
    Clara zuckte unmerklich zusammen, als die Rthin nun zum ersten Male ihre
Worte direkt an sie richtete; doch waren diese Worte ziemlich weich, ja
freundlich gesprochen, wehalb sie es auch vermochte, nach einem tiefen
Athemzuge zu antworten. Unsere Verhltnisse sind klein, sagte sie, und da ist
auch die Arbeit gering. Wir haben zwei Zimmer, wenig Bedrfnisse, und dafr
finde ich Zeit genug.
    Und haben wohl noch Mue, daneben andere Sachen zu arbeiten? bemerkte
Madame Erichsen. Lassen Sie doch sehen. Sie machen da eine superbe Stickerei.
Bei diesen Worten streckte sie ihre Hand aus, und Clara reichte ihr die
angefangene Arbeit. Doch flammte eine tiefe Rthe auf ihrem Gesichte auf, als
die Rthin nun gleichmthig ein paar Nadeln herauszog, welche die halbfertige
Stickerei zusammen hielten, diese auseinander rollte und ein Sophakissen zeigte
von wirklich herrlicher Arbeit, auf's Sauberste ausgefhrt. Es war ein
Blumenkranz auf blauem Grunde, in der Mitte prangte deutlich und verrtherisch
ein groes A.
    In der That eine schne Arbeit, sprach die Rthin; das ist wohl der
Anfangsbuchstabe des Namens Ihres Vaters? sagte sie nach nherem Betrachten,
ohne aufzublicken.
    Die Tnzerin kmpfte gewaltig mit sich selbst, sie unterdrckte einen tiefen
Seufzer und erwiderte mit leiser Stimme: Ja, gndige Frau.
    Jetzt schaute diese in die Hhe; sie schien eine andere Antwort erwartet zu
haben, und blickte dehalb forschend auf das Mdchen. Als aber Clara schweigend
die Augen niederschlug, schttelte sie lchelnd den Kopf und wandte sich an die
kleine Marie, welche ihre ltere Schwester offenbar verwundert ansah. Dabei
deutete die Rthin mit ihrem langen Zeigefinger auf das verhngnivolle A. und
sagte: Du, Kleine, was soll der Buchstabe heien?
    Einen Augenblick blieb sie die Antwort schuldig und schaute, wie Rath
erholend, bald Clara, bald ihren Vater an. Doch zuckte dieser leicht mit den
Achseln, jene aber schien es zu vermeiden, dem Blicke des Kindes zu begegnen.
    Nun? fragte die Rthin abermals, was heit das?
    Es heit Herr Arthur, entgegnete das kleine Mdchen.
    Und wer ist Herr Arthur? forschte die Dame weiter. Weit du das nicht?
    Aber ich wei es, sprach mit einem Male das Bbchen, indem es seinen Kopf
hinter dem Arme Clara's hervorstreckte. Herr Arthur ist mein Freund, der Herr
Erichsen, der mir sehr schne Drachen macht und Bilderbcher mitbringt. Er ist
aber lange nicht da gewesen; warum, das wei ich nicht.
    So, er ist lange nicht da gewesen? versetzte die Rthin mit weicherer
Stimme und blickte abermals angelegentlich auf die Stickerei.
    Clara schrak ordentlich zusammen, als das Bbchen jenen Namen genannt; Herr
Staiger rieb sich strker die Hnde, hustete verschiedene Male und sagte:
Allerdings besuchte uns Herr Erichsen zuweilen, doch in der letzten Zeit gar
nicht mehr; vordem hatten wir eine gemeinschaftliche Arbeit, wenn ich mich so
ausdrcken darf; ich bersetzte Onkel Tom's Htte und Herr Arthur machte die
Illustrationen dazu fr die Buchhandlung Johann Christian Blaffer und
Compagnie.
    Die Kommerzienrthin hatte langsam ihr Tuch vor den Mund genommen und
whrend sie hinein hustete, blickte sie lange und forschend auf Clara.
    Diese hatte sich gefat; obgleich ihre Hand noch leicht zitterte und ihre
Gesichtszge bleicher waren, als vorhin, so hielt sie doch ihre Blicke nicht
mehr niedergeschlagen, sondern schaute die alte Dame offen und ehrlich an. Sie
fhlte ihr Unrecht, da sie Arthur anfnglich verleugnet, sie wollte das nicht
mehr thun, mochte auch daraus erfolgen, was da wolle, und wenn auch ihre Lippe
schwieg, so sprach desto beredter ihr Auge. Dabei wollen wir gestehen, da die
Rthin diese Sprache verstand, ja sie erkannte in dem glnzenden Blicke die
klare und reine Seele des Mdchens, sie las in der Gluth, welche aus diesen
schnen Augen aufblitzte, ihre grenzenlose Liebe zu Arthur, und die Thrnen,
welche dieselben einen Moment nachher verschleierten, diese Thrnen des
Schmerzes waren ebenfalls fr sie keine Rthsel mehr. Hatte doch das Bbchen
gesagt, Herr Arthur sei in der letzten Zeit gar nicht mehr gekommen.
    Es war das ein eigenthmlicher Moment, und wir nehmen an, da die Rthin,
ihrer Gewohnheit gem, gern auf den Tisch getrommelt htte, doch sa sie etwas
zu weit von demselben entfernt. Herr Staiger rusperte sich gelinde, und Marie,
sowie das Bbchen, zogen sich scheu zurck und blickten mit Furcht und Grauen in
das strenge Gesicht der Dame. Doch wurden diese Zge auch allmhlig weicher und
weicher, und wir glauben annehmen zu drfen, da Clara die Gunst der Rthin
gewonnen. War dieselbe doch mit der Absicht hieher gekommen, vershnend
aufzutreten, hatte sie ihrem Sohne doch schon die Leidenschaft fr die Tnzerin
verziehen, wegen seines Gehorsams, seiner kindlichen Liebe zu ihr, wie sie
meinte, der er seine Liebe geopfert! Sie hatte wohl bemerkt, wie schmerzlich es
seinem Herzen gewesen, dem Mdchen zu entsagen, und sie hatte das nicht recht
begreifen wollen. Jetzt aber, wo sie Clara vor sich sah, wo deren gewinnendes
Aeuere seinen Zauber auch auf ihr Herz ausgebt, verstand sie es vollkommen,
wie Arthur schmerzlich gekmpft, welches Opfer er ihr gebracht. Da auch noch
andere Schatten zwischen diese beiden reinen Seelen getreten waren, wute sie
freilich nicht; sie schrieb Alles Arthurs kindlicher Liebe fr sie zu, und da es
ihrem Stolze schmeichelte, da der Sohn ihr dieses groe Opfer gebracht, so
hatte sie beschlossen, eben diesen Stolz aus ihrem Herzen zu verbannen und
Arthur glcklich zu machen. Auch wollen wir nicht verschweigen, da zugleich mit
diesen edlen Gefhlen auch die Bitterkeit gegen die Kreise, in denen sie sich
bisher bewegt, mitgeholfen hatte, den Entschlu zu fassen. Daneben hatte auch
Eduard und Marianne, ja selbst der Kommerzienrath mitgewirkt, nicht zu bersehen
der Kommerzienrthin vertrauteste Freundin, die Tutelarrthin Wasser, welche in
allen ihren Kreisen verbreitet hatte, mit dem Hause Erichsen gehe es stark
abwrts, denn sie wisse aus bester Quelle, Arthur werde eine Tnzerin heirathen,
- Arthur, auf den sich so manche Tochter der verschiedenen Rangklassen Hoffnung
gemacht, Arthur, fr den die Tutelarrthin selbst eines ihrer Wsserchen
bestimmt!
    Die Pause, die wir hier in unserer Erzhlung gemacht, fand auch in
Wirklichkeit in der, obgleich ohnedies vorher schon sprlichen Unterhaltung der
Anwesenden in der Staiger'schen Wohnung statt. Da ein Augenblick der Erklrung
heranrcke, fhlten Vater und Tochter wohl. Es war eine Pause der peinlichsten
Ungewiheit, es sollte jetzt ein Moment kommen, entscheidend fr das Glck oder
Unglck zweier Leben.
    Die Kommerzienrthin hatte die Stickerei wieder zusammengerollt, und selbst
die Nadeln wieder sorgsam eingesteckt, dann sagte sie mit ruhiger Stimme:
Beendigen Sie Ihre Arbeit so bald als mglich - Clara, - bei diesem Worte
blickte sie in die Hhe - und wenn Sie dieselbe beendigt haben, so bringen Sie
sie mir.
    Das waren an sich unbedeutende Worte, welche die Dame gesprochen, doch war
es Clara gerade, als habe sich der Himmel geffnet und als habe ein Engel ihr
tausend Worte des Trostes und der Hoffnung zugerufen. Sie prete ihre Hnde auf
das wildschlagende Herz, sie blickte innig und dankend in die Hhe, als wolle
sie dort etwas Sichtbares ersphen, die mchtige Hand, welche Segen auf sie
herabgestreut. - Ach! und doch waren diese Worte nur ein vorbergehender
Sonnenblick, und gleich darauf verhllten wieder schwarze, drohende Wolken ihren
schnen heiteren Himmel. Sie gedachte jener Stunde am Sarge der unglcklichen
Marie, sie hrte seine vernichtenden Worte - es war ja Alles fr sie verloren!
Und im Ueberma des tiefen Schmerzes drckte sie ihre Hnde vor die Augen und
weinte laut hinaus. Freude und Schmerz hatten gleich heftig ihre Seele erfat,
und da nun der Letztere die Oberhand behielt, so fhlte sie sich um so tiefer
von der Hhe herabgestrzt, auf welche sie die trstlichen Worte der Mutter
Arthurs erhoben.
    Da fhlte sie mit einem Male, da zwei Hnde die ihrigen erfaten und sanft
von ihrem Gesichte wegzuziehen versuchten, und als sie das fhlte, zitterte sie
heftig, denn aus diesen Hnden strmte eine Wrme auf die ihrigen ber, eine
Wrme, die sich ihrem Gesichte mittheilte und dieses pltzlich tief erglhen
lie. Fest und innig hatte Jemand ihre Finger erfat und zog sie ihr langsam vom
Gesichte herab. Aber es durchschauerte sie so dabei, da sie unwillkrlich die
Augen schlieen mute, doch nur auf einen Moment, eine Sekunde, denn darauf
vernahm sie eine bekannte Stimme, die ihr leise und schmeichelnd sagte: Meine
gute, gute Clara - mein innig geliebtes Mdchen!
    Es war ganz sonderbar, als sie nun die Augen ffnete, da sie Niemand vor
sich sah, ja, sie mute die Blicke herabsenken, um Jemanden wahrzunehmen, der zu
ihren Fen lag, der abwechselnd ihre Hnde kte, dann wieder flehend zu ihr
aufblickte und dazwischen sprach: O meine gute, gute Clara, verzeihe mir -
verzeihe mir, mein unschuldiges Mdchen; ich habe Alles erfahren.
    Wie sich Arthur in das Zimmer geschlichen, war Allen unbegreiflich; aber es
unterlag keinem Zweifel, da er da war, und da er voller Freuden da war,
glcklich und selig. Jetzt sprang er hastig in die Hhe, ohne Clara's Hand
loszulassen, vielmehr zog er sie hastig zu seiner Mutter hin, die in Ermanglung
eines Tisches sanft auf die zusammengewickelte Stickerei trommelte. Das ist
meine Clara! rief er jubilirend, nicht wahr, eine liebe und schne Clara, und
nicht wahr, Mama, Sie haben nichts mehr gegen uns Beide?
    Hierauf hustete die Kommerzienrthin laut und geruschvoll, aber sie that es
in diesem Augenblicke nur, um ihre heftige und unschickliche Rhrung zu
verbergen. Herr Staiger genirte sich weniger, denn obgleich sein Mund lchelte,
floen ihm doch die Thrnen ber die Wangen herab, so da die kleine Marie ganz
bestrzt darber war und alle Anwesenden der Reihe nach erstaunt ansah. Das
Bbchen allein schien von der Wiederkunft Arthurs nur die praktische Seite zu
bedenken; es schaute uerst vergngt auf seinen Freund und sah im Geiste eine
Menge ungeheurer Bilderbcher, sowie Drachen mit den allerlngsten Schwnzen.
    Wir, die wir dies niederschreiben, und der geneigte Leser, der es liest,
befinden uns in dem Falle, als stnden wir gerade vor der geffneten Thre der
Staiger'schen Wohnung und als shen wir, selbst unbemerkt, all' diese
Glckseligkeit, all' diese leuchtenden Augen, all' diese Thrnen der Freude.
Wenn uns auch Niemand bel nehmen wird, da wir mitfhlend einen Augenblick
stehen blieben, die schne Gruppe betrachtend, Mancher hoffend auf ein hnliches
Glck, so halten wir es doch fr passend, gleich darauf still vorberzugehen,
nachdem wir leise die Thre vor jedem ferneren neugierigen Blicke verschlossen,
und somit auch dieses Kapitel beendigt haben.

                          Vierundachtzigstes Kapitel.



                           Whist mit dem todten Mann.

Vor dem Hause, welches der Baron Brand in dieser Eigenschaft bewohnte, hielt ein
schwerer Reisewagen vollstndig bepackt und bespannt; die Laternen waren
angezndet, die beiden Postillone standen neben ihren Pferden, und ein Diener in
einfacher Reiselivre hatte den Schlag geffnet und irgend etwas herausgenommen,
welches er einer Kammerfrau einhndigte, die auf dem hohen Hintersitze des
Wagens dicht in einen Mantel mit Kaputze eingewickelt sa. Darauf schlo der
Bediente den Schlag, zog die Ledermtze in's Gesicht und sagte zu dem einen
Postillon: Jetzt wird's bald losgehen, es kann keine Viertelstunde mehr
dauern. Nach diesen Worten nahm er zwei Mntel, die er ber den Schlag gelegt
hatte, einen groen und einen kleinen, auf den Arm, und stieg die Treppen
hinauf.
    Der Baron befand sich in seinem kleinen Salon, er stand hier neben einem
hohen Fauteuil, in welchem die Baronin von W. sa. Obgleich es in dem Zimmer
sehr warm war, so sa diese doch zusammengekauert da, als friere sie, und dabei
hielt sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt. Neben ihr stand ein uns
wohlbekannter kleiner Knabe, der seine Hnde um einen ihrer Arme geschlungen
hatte, den Kopf fest an ihre Schulter drckte und zugleich aufwrts schaute in
das Gesicht des Herrn von Brand, der zuweilen mit den Fingern durch das dichte,
krause Haar des Kindes fuhr, wobei sich ein trauriges Lcheln auf seinen Zgen
bemerklich machte.
    So wren wir also fertig, sagte der Baron nach einer Pause. Du gehst nach
Dornhofen, dessen Kauf ich gestern in Richtigkeit brachte. Beil wird mit den
nothwendigen Papieren und allem Uebrigen wahrscheinlich schon morgen folgen. Wie
ich heute vom Grafen Fohrbach vernahm, von dem Kriegsminister nmlich, ist deine
Scheidung von dem General schon so gut wie ausgesprochen; in ein paar Wochen,
meine liebe Schwester, bist du frei.
    Bei diesen Worten fate die schne Frau nach ihrem Kinde, drckte ihre
Lippen auf seine Stirn, dann sprach sie mit leiser Stimme: Aber, Henry, du bist
mir immer noch eine Antwort schuldig. Warum schickst du mich von hier fort?
Oder, wenn du es fr besser hltst, da ich jetzt nicht in der Residenz bleibe,
warum gehst du selbst nicht mit? Steinfeld wei ja um die traurige Geschichte
unseres Hauses, und da du mein Bruder bist. Ich wei nicht, Henry, wie mir ist,
aber ich meine, ich sollte dich nicht aus den Augen lassen, ja ich spreche es
aus, da ich berzeugt bin, da du nicht aberglubisch bist - es ist mir immer,
als drohe dir ein Unglck. Du hast Feinde.
    Aber er hat auch Waffen, sagte der Knabe, der seinen Kopf aus den Hnden
der Mutter losgemacht hatte und muthig in die Hhe schaute. Du hast recht
scharfe Waffen, nicht wahr? Und wenn man die hat, braucht man sich vor keinen
Feinden zu frchten.
    Waffen habe ich allerdings, erwiderte der Baron dem Kinde, da er es
vermeiden zu wollen schien, die Fragen seiner Schwester direkt zu beantworten.
Doch gibt es Feinde, setzte er hinzu, indem er den Kopf mit einem trben
Lcheln schttelte, gegen die man keine Waffen gebrauchen kann.
    Warum nicht? fragte der Knabe. Und die Baronin seufzte tief.
    Man ist dehalb doch nicht wehrlos, fuhr der Baron fort, whrend er sich
hoch aufrichtete. Weit du, mein Sohn, wenn die Feinde mit den Waffen in der
Hand kommen, so geht man ihnen gerade so entgegen; fassen sie uns aber mit List,
Falschheit und Heuchelei, so stellen wir ihnen das Gleiche entgegen; und da
fragt es sich dann immer noch, wer der Klgste ist?
    O, du bist der Klgste, sprach entschieden das Kind und ffnete seine
groen Augen weit. Herr Beil hat es immer gesagt.
    Der Baron nickte mit dem Kopfe, doch antwortete er erst nach einem kleinen
Stillschweigen, wobei er gedankenvoll vor sich hinblickte: O ja, ich war
zuweilen recht klug, aber dafr auch wieder so unklug, da oft eine Stunde
zerstrte, was ich in langen Tagen vorher mhsam aufgebaut. - Doch da fhren wir
ein Gesprch, welches meine Behauptung rechtfertigt; so etwas ist unklug fr
eine Abschiedsstunde.
    Ja, fr eine Abschiedsstunde, sagte Frau von W. mit leisem Ton. Dann hob
sie pltzlich den Kopf in die Hhe, fate mit ihren beiden Hnden die Rechte des
Barons und sprach mit einer Stimme, welche das tiefe Weh ihres Herzens verrieth:
Aber ich sehe dich bald wieder, Henry, nicht? - in den nchsten Tagen, das
versprichst du mir?
    Ich glaube, da ich dir das versprechen kann, erwiderte ruhig der Baron,
wenn mich nmlich alle meine Entwrfe und Plne nicht im Stiche lassen und
meine Voraussetzungen nicht trgen.
    Aber bald, Henry.
    Ich denke wohl, meine gute, gute Lucie. Doch es ist acht Uhr, sagte er
beinahe unruhig. Wenn du noch lnger zgerst, wirst du sehr spt ankommen.
    Warum treibst du mich so von dir? fragte sie mit weicher Stimme. O, ich
htte dir noch so viel zu sagen, was mir im Augenblicke gar nicht in den Kopf
kommen will; aber wenn du mir bis morgen Zeit lt, so wird mir Alles wieder
einfallen.
    Zeit bis Morgen! versetzte er lchelnd. Ich kenne das, nein Lucie, fr
heute mu es geschieden sein. - Fr heute, und fr morgen, setzte er mit
pltzlich vernderter Stimme hinzu. O mein Gott! Bei diesen Worten beugte er
seinen Kopf tief herab und drckte seine Lippen fest und innig auf die weie
Stirne seiner Schwester. - Ja, meine geliebte Lucie, sagte er nach einer
lngeren Pause, gehe jetzt, denn sonst ist des Abschiednehmens kein Ende. Und
doch, da du gehst, ist es mir, als snke meine Lebenssonne unter und liee mich
in schwarzer Nacht allein.
    Frau von W. war rasch aus dem Fauteuil aufgestanden und hatte beide Arme um
den Hals ihres Bruders geschlungen. Henry! flehte sie, la mich nicht
abreisen, la mich bei dir bleiben! Warum willst du nicht vor der Welt erklren,
da du mein Bruder bist? O la uns zusammen ein friedlich stilles Leben fhren!
    Das ist zu spt! entgegnete er nach einer Pause. Doch war der Ton, mit dem
er das sagte, so eisig kalt, so schrecklich, und dabei der Blick seiner Augen so
wild und starr, da die arme Frau ihn erschreckt betrachtete.
    Nicht dieses Wort, Henry, bat sie, nicht diesen Blick! Du versinkst
wieder in deine seltsamen Trumereien. Starre nicht so vor dich hin. Es ist ja
Niemand da, der dich und mich bedroht.
    Sagt' ich nicht, es sei zu spt? fuhr er nach einem lngeren
Stillschweigen empor, und setzte darauf in leichterem Tone hinzu, als er in die
bleichen, schreckensvollen Zge seiner Schwester blickte: Zu spt, sagt' ich?
Ich wollte sagen: spt genug. Und das ist es auch, meine gute Lucie. - Der
Zeiger der Uhr steht auf Acht; so lebe denn wohl, mein Kind, so lebe wohl, meine
Schwester, so lebe wohl, mein Alles, was ich auf dieser Welt habe!
    Nach diesen Worten, die er leidenschaftlich herausgestoen, machte er sanft
ihre Hnde von seinem Nacken los, drckte dieselben schweigend an seine Lippen,
schaute einen Augenblick mit zusammengebissenen Lippen in die Hhe, und dann
beugte er sich schnell zu dem Knaben herab, den er in seine Arme nahm und
unzhlige Mal auf die frischen Lippen und die leuchtenden Augen kte.
    Adieu, Lucie! adieu, ihr Lieben! - Und als traue er seiner eigenen Strke
nicht, klingelte er heftig mit einer Glocke, die auf einem der Tische stand, und
als der Kammerdiener erschien, sagte er: Den Mantel fr die Frau Baronin. -
Der alte Diener verbeugte sich, ging hinaus und lie die Thre offen, unter
welcher nun der Bediente erschien, den wir vorhin unten am Wagen gesehen.
    Noch einmal wandte sich die Baronin ihrem Bruder zu und reichte ihm beide
Hnde, die er an seine Lippen drckte. Noch einmal kte er den Knaben innig auf
die Stirn, dann schritt er der Thre zu, begleitete die Baronin an die Treppe
und kehrte in sein Zimmer zurck. - Da aber wurde sein Schritt so wankend, da
er sich mit der einen Hand fest am Tische halten mute, whrend er sich mit der
andern ber die Augen fuhr. Es berfiel ihn ein Schwindel, doch dauerte er nur
ein paar Sekunden, worauf es dem Baron mglich war, an das Fenster zu treten. Er
drckte seine brennende Stirn an die kalten Scheiben und blickte auf den Wagen
nieder, der soeben von dem Bedienten geschlossen wurde. Die Postillone schwangen
sich in die Sttel - er sah noch einmal das Gesicht der Schwester, die aufwrts
schaute, ihn suchte, fand und darauf auch das Kind an das Fenster des Wagens
hob. Dann zogen die Pferde an und der Wagen rollte davon. - O haltet! haltet!
sagte er droben, der einsam zurckgeblieben. Ich Thor, sie nicht noch eine
halbe Stunde lnger gehalten zu haben! - - Und doch, es ist besser so. Leb wohl
- leb wohl auf ewig! - - -
    Der Augenblick htte mir eigentlich erspart werden knnen, sprach er nach
einer Pause halblaut zu sich selber, wie noch mancher andere, der auch nicht
angenehm sein wird, durch eine sicher treffende, mitleidige Kugel, deren so
viele an meinem Kopf vorbersausten. Aber wer kann seiner Bestimmung entgehen?
Nun, das Schwerste wre berstanden; was jetzt noch kommt, ist Kinderspiel und
nicht der Rede werth. Er machte einen raschen Gang durch das Zimmer und als er
sich nach einigen Sekunden im Spiegel beschaute, schien er mit seinem Aussehen
zufrieden zu sein. Seine Zge waren wieder gnzlich beruhigt und nachdem er den
Bart etwas emporgekruselt, bemerkte man nichts mehr von dem Sturme, der wenige
Minuten vorher noch sein Herz erschttert.
    Herr von Steinfeld! sagte der Kammerdiener, der geruschlos in das Zimmer
getreten war. Worauf der Angemeldete eintrat und von dem Baron freundlichst
empfangen wurde.
    Sie kommen absichtlich ein paar Minuten zu spt, sagte er, ich verstehe
Sie vollkommen. Aber Sie sahen sie doch noch?
    O gewi, erwiderte der Andere; sie reichte mir die Hand zum Schlage
heraus.
    Es ist ein gutes Weib, meinte trumerisch der Baron, und ich hoffe, sie
wird glcklich sein.
    Glcklich sein und glcklich machen, entgegnete Herr von Steinfeld. O,
ich versichere Sie, es ist gut, da Alles so kommen mute, das wird das Glck
meines Lebens begrnden. - Aber Sie, Henry, wie ist's mit Ihnen? Wenn ich Ihnen
sage, da ich nicht im Stande bin, weder an Lucie noch an das Kind zu denken,
da ich mich nur immer mit Ihrem Schicksal beschftige, so rede ich die
Wahrheit. Seien Sie nicht so verschlossen gegen mich, gewhren Sie mir nur den
geringsten Lichtschein in dieser Finsterni!
    Das ist nicht gut mglich, antwortete lchelnd der Baron. Sie wissen, da
mir das Dunkel zuweilen behagt. Verlangen Sie fr den Augenblick nichts Anderes;
ich besorge in demselben meine kleinen Geschfte, und glauben Sie mir, die Zeit
liegt nicht fern, wo Ihnen Alles, Alles klar werden wird.
    Der Andere wandte unmuthig den Kopf.
    Haben Sie Vertrauen zu mir, fuhr der Baron fort, ich kann Ihnen jetzt
kein Licht geben, es wrde ihre Blicke nur verwirren und mich hindern; ich kann
Sie nicht in die Karten meines Spiels sehen lassen. Glauben Sie mir aber, ich
berschaue es, und wenn ich auch den letzten Stich verliere, so gewinne ich doch
die Partie.
    Ihre Zuversicht und Heiterkeit knnten mich beruhigen, wenn nicht -
    Lassen Sie mir die Wenn's, sagte lachend der Baron; ich habe fr jedes
derselben mein Aber. Beantworten Sie mir lieber eine Frage, die mir wichtig ist!
Spricht man in der Stadt von einem Duell, das nchstens zwischen Herrn von
Dankwart und mir stattfinden soll?
    Im Gegentheil, erwiderte erstaunt der Andere, Herr von Dankwart selbst
widerspricht diesem Gercht auf's Eifrigste.
    Ah! machte der Baron und zog eine verdrieliche Miene, worauf er aber
wieder heiter lchelnd sagte: Natrlich, er will die Sache verheimlichen. Unter
uns gesagt, er hat mich fordern lassen.
    Durch wen?
    Das ist mein Geheimni.
    Und mir unbegreiflich, erwiderte Herr von Steinfeld kopfschttelnd. Herr
von Dankwart hat ffentlich erklrt, Sie, Baron, seien ein guter Kerl und htten
niemals die Absicht gehabt, ihn zu beleidigen. Die Aeuerungen auf dem Hofballe
lasse er der Maskenfreiheit gelten, und was die bewuten Zeichnungen anbelange,
so werde er sich dehalb an den Maler halten, dem dafr auch hheren Orts ein
sehr ehrenvoller Auftrag, der ihm bereits ertheilt gewesen, wieder entzogen
worden.
    Und das glauben Sie? sagte der Baron mit sehr ernstem Blick.
    Ich hrte es mit meinen eigenen Ohren.
    Das ist sehr ehrenhaft von Herrn von Dankwart; er will von dem vorhabenden
Duell kein Gerede machen. - Auch, fuhr er nach einigem Nachsinnen fort, hat
sich seit heute Morgen der Stand der Angelegenheiten verndert; es wurde mir
eine Aeuerung des Herrn von Dankwart hinterbracht, die er vielleicht nicht
gethan, genug, ich sah mich darauf veranlat, ihm einen etwas heftigen Brief zu
schreiben. Ich war aufgeregt, mistimmt, enfin! man ist nicht immer Herr seiner
selbst.
    Herr von Steinfeld hatte ruhig zugehrt, dann warf er auf den Baron, der
sich damit beschftigte, die Nadel seines Halstuches fester zu stecken, einen
vielsagenden Blick und bemerkte darauf mit entschiedenem Tone: Baron, Sie
suchen ein Duell.
    Ich vermeide wenigstens keins, erwiderte dieser achselzuckend. Und wenn
Sie mir einen Dienst erzeigen wollen, Hugo, einen wahren Freundschaftsdienst,
sprach er mit Wrme, so verbreiten Sie in der Stadt, natrlicherweise unter der
Hand, indem Sie hie und da bei Bekannten ein Wort fallen lassen, ich htte
morgen ein ernstliches Rencontre.
    Mit Herrn von Dankwart?
    Sie brauchen meinetwegen keinen Namen zu nennen. Das Faktum ist gengend.
Haben Sie mich verstanden, Hugo?
    Dieser schaute, ohne eine Antwort zu geben, den Baron lange und mit einem
festen Blicke an, dann sagte er mit leiser Stimme, whrend er seine Hand ergriff
und drckte: Ja, ich glaube, Henry, da ich Sie verstanden habe.
    Nun denn - und was weiter? entgegnete fast lustig der Baron. Auch Sie
haben sich nicht vor einer Kugel gescheut und vor jedem Duell gedacht: es kann
ausfallen wie es will!
    Das habe ich nie gedacht, versetzte kopfschttelnd der Andere. Ich
hoffte, das gestehe ich Ihnen, und Sie hoffen nicht mehr.
    Ich hoffe auch, denn ich zweifle nicht -
    An dem Ausgang dieses sogenannten Duells. - Sie kennen das blutige Ende
desselben.
    Vielleicht. Und wenn dem so wre? fuhr Herr von Brand nach einer Pause in
schrecklich ruhigem Tone fort. Wenn mir nur noch vierundzwanzig Stunden gegeben
wren - eine kurze Frist, in der ich mich zu entscheiden habe, ob ich, was wir
so nennen, mit Ehren von diesem Schauplatz abtreten soll, oder in Schande und
Schmach fortleben? - Keine Einrede, Hugo, hren Sie mich: Ich habe eine
Schwester, sprach er mit bewegter Stimme; die Welt wei das freilich noch
nicht, aber lassen Sie den Baron Brand - Veranlassung geben, da man sich
eifrigst, aber unerbittlich um sein frheres Leben bekmmert, o so wird man
Fden finden, glauben Sie mir, die bis zu jener Zeit zurckreichen, wo ich Hand
in Hand mit meiner Schwester ging. Die Welt wird erfahren, da es der Bruder
ist, den man des sorgfltigen Aufhebens fr werth erachtet, das wird ihre
Zukunft vergiften, die ihres Kindes. Und soll ich Ihnen noch weiter sagen, Hugo,
wen es unglcklich machen mu, wenn ich die letzten mir bewilligten
vierundzwanzig Stunden nicht auf's Sorgfltigste anwende? O, Sie mssen das
einsehen. Jener Pistolenschu - den im Duell meine ich - zerreit alle Fden,
und mag dann mein Schwiegervater in spe, setzte er schrecklich lachend hinzu,
seine Nase noch so bedchtig herabziehen, er wird auf einen stillen Grund
stoen und auf einen stillen Mann, dem es unmglich ist, ihm Rede und Antwort zu
stehen.
    Schrecklich! sprach Herr von Steinfeld tief ergriffen. Entsetzlich,
Henry, so enden zu mssen!
    Enden? das ist eben die Frage, entgegnete der Baron in leichtem,
geflligem Tone; ich habe mich heute stark mit dem gttlichen Hamlet
beschftigt und mir, wie der Dnenprinz selbst gesagt:

- Sterben - schlafen -
Schlafen! Vielleicht auch trumen! - Ja, da liegt's;
Was in dem Schlaf fr Trume kommen mgen,
Wenn wir den Drang des Ird'schen abgeschttelt,
Das zwingt uns still zu steh'n. - - - -

Wissen Sie, Hugo, wenn man seine Papiere ordnet, kommen einem seltsame Gedanken,
und es ist mir oft wie ein Trost, wenn ich denke, da doch vielleicht jenseits
Fesseln brechen und andere angelegt werden, da sich vielleicht das
Sklavenleben, dem wir hier entgehen, drben in groartigem Mastabe fortsetzt,
denn mag es sein, wie es will, eine Fortdauer ist doch schn, und was uns allein
vor dem Tode zurckbeben macht, ist der Gedanke gnzlicher Vernichtung, der ja
auch unserer Eitelkeit so ganz unfalich erscheint. - Aber jetzt genug der
Plaudereien und verzeihen Sie mir, Hugo, wenn ich Sie bitte, mich allein zu
lassen. Bis morgen also!
    Gewi, Henry, bis morgen! Versprechen Sie mir das?
    Auf alle Flle, entgegnete der Baron mit sehr freundlichem Tone. Morgen
sollen Sie mich wiedersehen.
    Noch einmal drckte ihm der Andere herzlich beide Hnde, dann verlie er
schweigend das Zimmer.
    Der Baron schaute ihm einige Augenblicke in tiefe Gedanken versunken nach,
dann sprach er zu sich selber: Es durchschauert mich ein winterliches Gefhl;
es ist mir, als stnde ich auf hohem Berge, ein stolzer Baum, als flatterte ein
Blatt um das andere von meinen Zweigen herab und als hrte ich entfernt das
Sausen des Sturms, dem ich nicht ferner widerstehen kann. - Doch weg mit diesen
finstern Bildern! Damit ging er an den Tisch, lutete abermals mit der Glocke,
und als der Kammerdiener eintrat, sagte er: Herr Beil soll kommen.
    Es dauerte nicht lange, so trat der Gerufene ein; es war mit kleinen
Vernderungen noch immer der alte Beil von frher. Diese Vernderungen bestanden
in einem sehr geordneten Anzuge und einem gewissen Ernst, der sich auf seine
Zge gelagert hatte; er schritt ziemlich wrdevoll einher, trug verschiedene
Papiere in der Hand und hatte ganz das Ansehen eines dienstthuenden Sekretrs.
Als solcher fungirte er auch in der That. Der Baron wnschte ihm freundlich
einen guten Abend, lie sich dann in seinen Fauteuil nieder, worauf ihm der
Andere einige der mitgebrachten Papiere vorlegte. Herr von Brand sah dieselben
bald flchtig bald aufmerksam durch, blickte jetzt nachsinnend an die Decke
empor und nickte dann mit dem Kopfe.
    Sie haben das jetzt so ziemlich studirt, sagte er hierauf, und wissen so
gut wie ich, was ich auf der Welt mein nenne. Geben Sie meinem Verwaltungstalent
die Ehre und gestehen mir zu, da ich mich sehr der Ordnung befleiigt.
    Musterhaft, entgegnete Herr Beil. Obgleich mir die Berechnungen, die hier
zu Grunde liegen, bis jetzt ziemlich unbekannt waren, so ist doch Alles so klar
auseinandergesetzt, da ich mich leicht hinein fand.
    Und nach den gegebenen Schemas, meinte der Baron, wobei er sich nachlssig
in seinen Sessel zurcklehnte, wren Sie demnach wohl im Stande, die Verwaltung
eine Zeitlang selbststndig zu fhren, wenn ich zum Beispiel, was leicht
geschehen knnte, eine lngere Reise machen und Sie zurcklassen mte?
    Es sollte vielleicht gehen, sprach Herr Beil. Doch haben Sie wohl nicht
die Absicht, uns in der nchsten Zeit zu verlassen?
    Wenn Sie morgen die nchste Zeit nennen, so mu ich Ihnen mit Ja antworten.
Allerdings habe ich morgen einen kleinen Ausflug vor, denke aber jedenfalls
morgen Abend um diese Zeit wieder zurck zu sein. Darnach projektire ich
freilich eine weitere Reise, warf er leicht hin. - Apropos, fuhr er nach
einer Pause fort, indem er den Ton der Stimme und das Gesprch pltzlich
nderte, Sie haben meinen Auftrag bei Seiner Durchlaucht, dem Herrn Herzog,
ausgerichtet; ich bin begierig, etwas darber zu vernehmen.
    Ich gab Ihren Brief in der Garderobe ab und nach ungefhr fnf Minuten lie
mich Seine Durchlaucht herein kommen.
    Natrlich. Und Sie trugen ihm meinen Wunsch vor?
    Fast mit den gleichen Worten, mit denen Sie mir ihn aufgetragen. Und darauf
lachte seine Durchlaucht laut auf und meinte, es solle an ihm durchaus nicht
fehlen; er freue sich darauf und werde pnktlich sein.
    Das wollen wir sehen, entgegnete der Baron lchelnd, wobei er auf die
Standuhr blickte, die auf dem Kamin stand. Wir haben noch eine halbe Stunde
Zeit, aber auch noch Einiges zu besprechen, lieber Beil, dehalb wollen wir
keine Minute verlieren. Meine Schwester ist abgereist, sagte er mit einem
leichten Seufzer.
    Ich hatte noch das Glck, die Frau Baronin zu sehen, entgegnete Herr Beil,
sowie auch meinen lieben, kleinen Pflegebefohlenen. Es that mir wahrhaftig weh,
als ich ihn davonfahren sah. Man gewhnt sich leicht an so eine krftige und
gute Natur.
    Was ich gerne aus Ihrem Munde hre, antwortete der Andere. Ich bin in der
That glcklich, da auch das Kind an Sie so anhnglich ist; und ich hoffe, Sie
sollen lange, lange Jahre bei ihm bleiben, und wenn auch nicht sein Lehrer, doch
sein Erzieher sein.
    Zum ersten Posten, erwiderte Herr Beil lachend, fhle ich mich leider
nicht gewachsen, es mte denn sein, da er den Buchhandel studiren sollte.
Darin knnte ich schon was leisten.
    Dazu ist wohl keine Aussicht vorhanden, versetzte der Baron, aber Sie
bringen mich da auf etwas Anderes, was ich gerne erfahren mchte. Welche
Nachricht haben Sie von unserem Prinzipal, von Johann Christian Blaffer und
Compagnie? In der Zeit, wo Sie fr ihn litten, verga ich ganz darnach zu
fragen.
    Herr Beil schttelte sein Haupt und sein Blick war scharf und forschend, als
er sagte: Von einer gewissen Geschichte haben Sie vielleicht zufllig gehrt?
    Ganz zufllig, aber doch wei ich den Hergang ziemlich genau. Nur was
nachher geschah, erfuhr ich nicht.
    Herr Blaffer hatte seine Handlung verkauft, sprach der Andere mit ernster
Stimme, Firma, Bchervorrthe, Verlagsrechte und Haus.
    Weiter! weiter!
    Er beging die Unklugheit, die ihm ausgezahlte Kaufsumme in baarem Gelde bei
sich zu verwahren. Sie wurde ihm geraubt, er war ein ruinirter Mann.
    Worin man einige Gerechtigkeit entdecken knnte, meinte der Baron.
    Die ich aber nicht verantworten mchte, sagte ruhig Herr Beil. Anfnglich
war er natrlich in Verzweiflung und wie ich vernahm, so soll er sogar in einer
gewissen Nacht am Kanal gesehen worden sein, kehrte aber lebend zurck.
    Ohne da ihn ein Gespenst gewarnt, bemerkte der Baron in sehr ernstem
Tone. Nun ja, es war das nicht der Mhe werth, sich das Leben zu nehmen; ich
halte Herrn Blaffer fr einen spekulativen Kopf, er wird sich wieder
emporarbeiten.
    Nie mehr, entgegnete Herr Beil, wobei er zu Boden blickte. Sein Muth ist
gebrochen, seine Lebenskraft vernichtet; er verlor in jener Nacht Alles.
    Ein Verlust, der auch Sie betraf, mein armer Beil, sprach der Baron. Doch
Sie werden sich zu trsten wissen.
    Ich lie alles das am Kanal zurck, oder vielmehr schon in dem Hause
selbst; ich hatte ja gar keine Aussichten, ich wute, da sie fr mich verloren
war. Doch hren Sie weiter! In dem Verkaufs-Vertrage bedingte sich Herr Blaffer
eine kleine Stelle; es war das eine Stellung mit miserablen Bedingungen, zu
wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Er hatte sie fr unsern bisherigen
Lehrling, fr den Bruder jenes Mdchens bestimmt. Als er sich aber nach jenem
Vorfalle so gnzlich hilflos fand, sah er sich gezwungen, sie selber anzunehmen,
und Johann Christian Blaffer ist nun jngster Kommis der Handlung von Johann
Christian Blaffer und Compagnie.
    Ah! machte der Baron erstaunt. Da wre ihm vielleicht doch besser
gewesen, wenn ihm jenes Gespenst, aber nicht abrathend, erschienen wre. So sein
Leben zu beschlieen, ist schrecklich.
    Ja, das ist schrecklich, sagte auch Herr Beil, indem er seinen Kopf tiefer
auf die Brust sinken lie. Fr meinen ehemaligen Kollegen, den Lehrling des
Hauses, ihren Bruder, habe ich nach meinen geringen Krften gesorgt, aber weiter
zu thun war mir unmglich.
    Der Andere schaute einen Augenblick stumm vor sich nieder, es schienen ihn
ernste, finstere Gedanken zu bewegen, er prete die Lippen auf einander, dann
seufzte er und zuckte mit den Achseln. Wer wei, murmelte er darauf nach einer
Pause vor sich hin, ob es am Ende nicht doch noch besser wre, Johann Christian
Blaffer zu sein! - Aber ber diesen Phantasieen vergesse ich unsere Geschfte.
Noch Eins: Sie werden bei meinen Papieren finden, da ich eine kleine Summe zur
Untersttzung anwies, zur Untersttzung fr arme, zweideutige Gesellen wird sie
die redliche Welt nennen, die sich vielleicht nach lngerer oder krzerer Zeit
bei Ihnen melden werden. Verstehen Sie mich?
    Herr Beil nickte mit dem Kopfe.
    Es ist fr den Fall, da ich lnger abwesend sein sollte.
    In diesem Augenblicke ffnete der Kammerdiener leise die Thre, der Baron
wandte den Kopf nach ihm um und bemerkte wohl, da der alte Mann was
Auerordentliches zu melden habe, denn sein sonst so ruhiges Gesicht trug den
Ausdruck groer Bestrzung, auch hatte er die Thre ganz gegen seine Gewohnheit
ziemlich hastig aufgerissen. Gndigster Herr! stotterte er, ich wei nicht,
was das bedeuten soll; als ich eben zufllig zum Fenster hinausblickte, bemerkte
ich zwei Mnner vor der Hausthre, welche dieselbe angelegentlich zu betrachten
schienen. Beim Schein der Gaslaternen sah ich auch ein verdchtiges Funkeln an
ihrer Kleidung, entweder Waffen oder messigne Knpfe, welche ja nur das Militr
zu tragen pflegt oder Polizeibeamte. Um mich zu berzeugen, ob ich recht
gesehen, ging ich die Treppen hinab und trat an die Hausthre. Ja, gndiger
Herr, ich hatte mich nicht geirrt, es sind wirklich Polizeibeamte, welche mir,
Ihrem Kammerdiener, den Austritt aus Ihrem eigenen Hause verwehren wollten.
    Schon jetzt? sagte ruhig Herr von Brand, indem er einen Blick auf die Uhr
warf. Doch ja, es ist drei Viertel auf Neun. Teufel auch, lieber Beil, wandte
er sich hastig an diesen, wir haben zu lange geplaudert. Sehen Sie, wie es
einem gehen kann; ich hatte mir vorgenommen, einen recht schnellen Abschied von
Ihnen zu nehmen, und nun hielt ich Sie hin, weil ich Sie lieb habe, weil es mir
am heutigen Abend schwer fiel, Sie, einen meiner besten Freunde, mit einem
flchtigen Hndedruck zu verabschieden.
    Und warum umstellt man das Haus? fragte Herr Beil auf's Hchste
berrascht. Wuten Sie darum, gndiger Herr?
    So genau, entgegnete lchelnd Herr von Brand, und so mit allen
Nebenumstnden, da ich Ihnen voraussagen kann: punkt neun Uhr wird Seine
Excellenz der Polizeidirektor in hchsteigener Person erscheinen, um mich zu
verhaften.
    Herr Gott im Himmel! Und das sagen Sie so ruhig? rief erschreckt Herr Beil
aus, whrend der Kammerdiener stumm die Hnde rang.
    Allerdings sage ich Ihnen das sehr ruhig, entgegnete der Baron. Wissen
Sie, zwischen Verhaftenwollen und wirklich Verhaften ist immer noch ein kleiner
Unterschied. Und dann bedenken Sie mein gutes Gewissen! Mit diesen Worten
ffnete der Baron ein kleines Kstchen auf dem Tische, nahm sich eine Cigarre
heraus und bot auch dem Herrn Beil eine an, welcher sie aber kopfschttelnd und
erstaunt einen Schritt zurckweichend ablehnte. Nachdem sich der Baron die
seinige angezndet, gab er seinem Kammerdiener einen Wink, worauf sich dieser
anschickte, das Zimmer zu verlassen. Ehe derselbe aber zur Thre hinaus ging,
rief er ihm noch nach: Melde mir jeden Besuch recht frhzeitig. Darauf machte
er ein paar Gnge durch's Zimmer und stellte sich alsdann vor Herrn Beil hin,
indem er ihm sagte: Obgleich ich alles das kommen sah, obgleich ich wohl wute,
da mein Wagen stark den Abhang hinabrollt, so gestehe ich Ihnen offenherzig,
da mir allerdings jener Umstand unerwartet kam, der mir, um das eben
angedeutete Bild fortzusetzen, die Zgel aus der Hand schnellte und die Pferde
durchgehen machte. Doch glauben Sie mir, ich habe sie jetzt wieder in meiner
Hand, bin aber nicht mehr im Stande, ihren rasenden Lauf dem Abgrunde zu
aufzuhalten; nur liegt es noch in meiner Macht, mir die Stelle auszusuchen, wo
mein Fahrzeug zerschellen soll und ich untergehen. Und das habe ich bereits
gethan - ich sehe sie vor mir. - Um weniger in Bildern zu reden, fuhr er nach
einer Pause lchelnd fort, so war es vielleicht noch gestern mglich, der mir
drohenden Verhaftung zu entgehen; aber einmal das Feld heimlich verlassen, gebe
ich allen Verleumdungen, allen Gerchten das vollkommenste Recht, ber mich
herzufallen. Mein Name ist auf ewige Zeiten gebrandmarkt - und das, setzte er
mit geflligem Tone hinzu, mchte ich gar zu gern vermeiden.
    Aber der Polizei-Prsident wird gegen Sie keine Schonung kennen. Hat er
nicht die gegrndetste Ursache, Sie zu hassen?
    Sie meinen schon wegen seiner Tochter, der armen Auguste? entgegnete Herr
von Brand mit einem Seufzer. Da haben Sie allerdings Recht. Aber glauben Sie
nicht, da ich eine Schonung von ihm verlange; ich habe mich selten in meinen
Berechnungen getuscht und es sollte mich Alles trgen, wenn mir nicht in ein
paar Stunden erlaubt wre, eine kleine Lustfahrt zu machen, und wenn ich nicht
morgen um diese Zeit, setzte er mit einem dstern Blicke hinzu, eine der
freiesten Seelen wre, die sich je zwischen Himmel und Erde befunden. Hier
schwieg er ein paar Sekunden, dann sagte er in gewhnlichem Tone: Aber ich
danke Ihnen, lieber Beil, Sie haben mich an etwas erinnert, das ich fast
vergessen htte. Damit ging er auf seinen Schreibtisch zu, ffnete eine
Schublade und zog ein kleines versiegeltes Paketchen heraus. Dies, sagte er,
behalten Sie ein paar Tage bei sich und bringen es alsdann in meinem Namen an
seine Adresse. Lesen Sie!
    Frulein Auguste! Herr Beil blickte erstaunt in die Hhe.
    Es ist so, fr die Tochter des Polizei-Prsidenten. Aber, sagte er,
pltzlich den Kopf herumwendend, ich hre einen Wagen, es wird Seine
Durchlaucht sein. Thun Sie mir den Gefallen, lieber Beil, treten Sie an die
Thre und nehmen, sobald der Polizei-Prsident erscheint - er wird nicht lange
auf sich warten lassen - eine ziemlich respektvolle Stellung an. So ungefhr,
sprach er lustig, wie vielleicht an jenem Tage, als Sie sich dem Herrn Blaffer
vorstellten. Ruhig!
    Seine Durchlaucht, der Herr Herzog! meldete der Kammerdiener mit einem
sehr bleichen Gesicht, dann setzte er leiser hinzu: Seine Excellenz, der Herr
Polizeidirektor traten auch soeben in das Haus.
    Sind mir sehr willkommen, erwiderte Herr von Brand ruhig. Aber noch Eins,
Friedrich, - mit diesen Worten hielt er den Kammerdiener zurck - leg' in's
Vorzimmer auf einen Stuhl neben der Thre meinen Mantel und Hut und unter
denselben die neuen Pistolen, welche man mir heute Morgen gebracht.
    Pistolen? fragte erschreckt Herr Beil.
    Duell-Pistolen, versetzte Herr von Brand, indem er die ersten Silben mit
starker Betonung aussprach. Ich habe morgen ein kleines Rencontre. Vergi mir
die Pistolen nicht, dann la an allen Thren die Portiren herab. An Ihren
Platz, Herr Sekretr!
    In diesem Augenblick trat der Herzog ein, ziemlich geruschvoll wie immer
und laut lachend. Nehmen Sie mir es nicht bel, lieber Baron, rief er schon im
Vorzimmer, da unten an Ihrem Hause sehe ich verteufelte Anstalten. Was haben
Sie denn in's Kukuks Namen mit der heiligen Hermandad zu schaffen?
    Coeur de rose! ist das nicht unangenehm! lachte der Baron. Aber Euer
Durchlaucht sollen die Ursache gleich erfahren. Nicht wegen einer Kleinigkeit
erlaubte ich mir, Sie hieher zu bitten. Sie hatten mehrmals die Gnade, mich
Ihrer Erkenntlichkeit zu versichern und vorkommenden Falls Ihre Hilfe zu
geloben. Ich mu dieselbe fr heute Abend in Anspruch nehmen.
    Thun Sie das, bester Baron; Sie werden sehen, ob Sie einen Undankbaren an
mir finden. Ich werde Ihre groen Dienste nie vergessen, obgleich unser letzter
Coup, der mit den Achselbndern, gegen uns selbst explodirt hat. Sie wissen doch
bereits, da die Verlobung zwischen Eugenie und Graf Fohrbach bestimmt ist und
morgen beim Diner des Kriegsministers deklarirt werden soll, auch da die
Hochzeit in ganz kurzer Zeit stattfinden wird? O, die Undankbare!
    Ja, sie hat ihren Vortheil nicht verstanden, entgegnete Herr von Brand mit
einem ironischen Lcheln.
    Aber schnell, bester Baron! rief der Herzog, womit kann ich Ihnen dienen?
Sie wissen, da ich immer pressirt bin, namentlich heute Abend. Unter uns
gesagt, man stellt im kleinen Cercle ein neues Ehrenfrulein vor. Die Stelle der
stolzen Eugenie mu doch besetzt werden und dabei -
    Drfen Sie Glcklicher zugegen sein. Also keine Zeit verloren, schnell zu
unserem Geschft! Sie haben die Polizei gesehen?
    Pfui Teufel! ja.
    Haben Euer Durchlaucht gestern oder heute keine Gerchte ber mich in der
Stadt gehrt?
    Der Herzog sann einen Augenblick nach. Ja, versteht sich! rief er alsdann,
Duell mit Herrn von Dankwart. Er widerspricht freilich, aber die Stadt ist voll
davon. - Ah, Teufel! jetzt versteh' ich. Das will man verhindern.
    So scheint es.
    Sie haben Hausarrest!
    Ich vermuthe fast.
    Ah! Das leiden wir nicht. Und wollen Sie nicht mehr als meine Hilfe, um
dieser Polizei unten eine Nase zu drehen?
    Nicht blos der Polizei da drunten allein, versetzte laut lachend der
Baron, sondern auch Seiner Excellenz, dem Prsidenten, der jeden Augenblick
erscheinen kann, natrlicherweise, um sich wegen der genommenen Maregeln -
setzte er in leichtem Tone hinzu - gegen mich zu entschuldigen.
    Vortrefflich. Deuten Sie mir aber nur geflligst das Wie ein wenig an.
    Vor allen Dingen, erwiderte der Baron, indem er auf Beil wies, steht dort
der Sekretr Euer Durchlaucht, - ein junger, talentvoller Arzt, sagte er
flsternd, den ich vielleicht morgen nothwendig brauche.
    Schn, schn, bemerkte lachend der Herzog, also mein Sekretr, den ich
natrlicherweise nach Hause schicke, sobald der Prsident da ist. Aber nun die
weitere Instruktion.
    Seine Excellenz, der Herr Polizeiprsident! meldete der Kammerdiener mit
zitternder Stimme.
    Aeuerst angenehm! rief der Baron sehr laut, dann sagte er eilig und
flsternd zum Herzog: Sie sind indignirt, gndiger Herr, Polizei auf der Treppe
des Hauses zu finden, das Sie mit Ihrem Besuch beehren, und entfernen sich so
bald als mglich. Nach diesen Worten wandte er sich rasch herum und eilte dem
Prsidenten mit dem Ausruf entgegen: Ah! wie glcklich macht es mich, Euer
Excellenz so spt bei mir zu sehen! Doch nicht unerwartet, setzte er etwas
pikirt scheinend hinzu - Euer Excellenz haben sich, wie mir mein Kammerdiener
sagte, schon vor mehr als einer Stunde drunten anmelden lassen.
    Da der Polizeiprsident die Wohnung des Barons, gestern noch sein
zuknftiger Schwiegersohn, heute - o, es war schrecklich, nur daran zu denken! -
mit einem beklemmenden Gefhl betrat, war gewi sehr zu entschuldigen. Doch
obgleich sein Herz heftig schlug, obgleich seine Augen etwas zwinkerten und
seine untere Kinnlade ein wenig bebte, ging er doch aufrechten Hauptes, mit hoch
emporgehobener Nase diesem groen Momente entgegen. Er wute, wem er im nchsten
Augenblick entgegen treten wrde; die vier Polizeibeamten hatten ihre Schande
nicht verschweigen knnen und wehklagend berichtet von dem Flchtlinge, den sie
in jener Nacht verfolgt, hatten sein Aeueres beschrieben und da er bei dem
Garten des Polizeiprsidenten verschwunden sei. Entsetzlich genug fr Seine
Excellenz! Denn Jener hatte darauf seine Wohnung betreten und hatte des
Prsidenten eigene Tochter auf den Hofball gefhrt! Aufgestachelt durch all das,
hatte der Prsident den Wirth des Fuchsbaues einsetzen lassen, der brigens
Alles hartnckig leugnete; ebenso Herrn Struber, der sich nicht lange bitten
lie, so vollstndig zu beichten, als man nur wnschen konnte. Auch hatte
Letzterer Zerknirschung und Reue geheuchelt, hatte jammernd versichert, wie
glcklich er sich fhle, da jenes elende Leben aufhre, und da ihm nun endlich
Gelegenheit gegeben wrde, in der stillen Zelle eines Gefngnisses ber seine
Vergangenheit nachdenken zu drfen. Herr Struber war ein Mann von Umsicht und
Phantasie, ihm war es nicht unbekannt, da man bei einem unumwundenen
Gestndnisse den Inkulpaten der Gnade zu empfehlen pflege, er wute ferner, da
es ihm mit einiger Heuchelei gelingen knne, selbst im Zuchthause nach und nach
zu einer wrdigen Stellung zu gelangen, vielleicht Aufseher irgend einer
Werksttte zu werden. Dann dachte er auch: die Gefangenschaft wird nicht ewig
dauern, und wenn ich heraus komme, werden die kleinen Kapitlchen, bei den Damen
Becker und Schwemmer angelegt, unterdessen auch ihre Zinsen getragen haben. Dies
machte ihn biegsam und nachgiebig, und diese Nachgiebigkeit hatte ihm sogar die
Gunst des Prsidenten verschafft.
    Dieser, der wohl wute, da es bei der Gewandtheit des Barons gefhrlich
sei, und auch fr ihn als Vater unangenehm, sich mit demselben in Errterungen
einzulassen, hatte sich vorgenommen, ihm mit einem kurzen: Im Namen des
Knigs! entgegenzutreten. Dehalb stierten seine Augen gerade aus, dehalb war
seine Nase so drohend gerichtet, und schon wollte er den Mund ffnen, als er zu
seiner groen Bestrzung den Herzog erblickte, der sich in einen Fauteuil
geworfen hatte, lachend ein Bein ber das andere schlug und Seiner Excellenz
auf's Allerfreundlichste einen guten Abend bot. Der Prsident in seinem
Amtseifer befand sich im Zustande eines Rennpferdes, dem pltzlich die Bahn
versperrt ist und das nun mit den Zgeln gewaltsam zurckgerissen werden mu.
Sein Zgel aber war die Nase, die er beim Anblick des Herzogs hastig ergriff,
ziemlich unsanft herabdrckte, also parirte und zu gleicher Zeit vor dem
Angehrigen des kniglichen Hauses eine Verbeugung zu Stande brachte.
    Ja, in der That, der Prsident war unangenehm berrascht, den Herrn Herzog
hier zu finden, auch klang das Lachen Hochdesselben etwas herausfordernd, ebenso
der Ton, mit dem er ihm seinen guten Abend bot. Auf die Bemerkung des Barons von
vorhin eingehend, sagte er alsdann: In der That, Euer Excellenz waren
vortrefflich angemeldet. Alle Wetter! so viel Lrmen um Nichts! - Bitt'
tausendmal um Verzeihung! korrigirte er sich, ich will damit sagen, es sei
eigentlich Luxus, eine so groe Macht aufzubieten wegen so geringfgiger
Ursache. Denn wir kennen genau den Zweck Ihres Besuchs; nicht wahr, Baron?
    Vollkommen, entgegnete dieser, wobei er seine Cigarre dem Herzog hinhielt,
der die seinige damit anzndete. Excellenz rauchen nicht? wandte er sich
hierauf verbindlich an den Chef der Polizei.
    Dieser war mehr und mehr berrascht; er hatte geglaubt, ja sich damit
geschmeichelt, sein Erscheinen mit bewaffneter Macht werde eine unsgliche
Bestrzung bei dem Baron hervorbringen, und jetzt that derselbe, als she er
durchaus nichts Auergewhnliches darin, ja, er und der Herzog nannte diese
Ursache eine ganz geringfgige! Der Prsident befhlte seine Nase, er klapste
leicht mit dem Finger daran, hob sie aber alsdann hoch empor, als ihm der Baron
einen Fauteuil hinrollte, in den er sich, obgleich sehr wrdevoll, niederlie.
    Jetzt erinnerte sich Seine Durchlaucht Hchstihres Sekretrs und sagte dem
Herrn Beil, indem er sich lange in dem Fauteuil ausstreckte: Sie knnen jetzt
gehen, ich habe nichts mehr fr Sie.
    Dieser hatte sich so aufgestellt, da ihn der Prsident nicht sehen konnte,
und bei dem Befehl des Herzogs zog er sich augenblicklich hinter die Portiren
in's Vorzimmer. Doch hatte er das Gemach noch nicht lange verlassen, als der
Kammerdiener des Barons hereintretend meldete: Die auf der Treppe aufgestellten
Polizeibeamten weigerten sich, den Sekretr seiner Durchlaucht passiren zu
lassen.
    Wie ist das, Excellenz? fragte der Herzog scheinbar erzrnt den Chef der
Polizei. Man will meinen Sekretr nicht passiren lassen? Haben Excellenz,
fgte er mit schneidendem Tone bei, vielleicht den Befehl dazu gegeben oder ist
die Sache Miverstndni? Ich denke wohl das Letztere, Herr Prsident, und
bitte, da dasselbe so bald als mglich aufgeklrt werde.
    Der Chef der Polizei war einigermaen betreten, beeilte sich aber, dem
Herzog mit einer tiefen Verbeugung zu erklren, da hier selbstredend ein
Miverstndni obwalte, doch werde er augenblicklich den Befehl geben, dem
Sekretr seiner Durchlaucht den Weg frei zu lassen.
    Bravo! vortrefflich! flsterte leise der Baron.
    Ueberhaupt mu ich mir erlauben, fuhr der Herzog fort, Euer Excellenz zu
bemerken, da ich es, mildestens gesagt, fr etwas stark halte, mit Polizei die
Treppe eines Hauses zu besetzen, wo ich mich gerade befinde. Wenn Sie das nicht
fhlen, Herr Prsident, so erlaube ich mir, es Ihnen zu sagen.
    Euer Durchlaucht werden zu Gnaden halten, entgegnete Seine Excellenz,
aber ich versichere Sie, ich hatte keine Ahnung davon, den Herrn Herzog hier zu
finden. Gewi, keine Ahnung, setzte er mit einem Seitenblick auf den Baron
hinzu; es hat mich wahrhaftig berrascht. Doch werde ich mich beeilen zu thun,
was ich in der That Euer Durchlaucht schuldig zu sein glaube. Nach einer tiefen
Verbeugung ging er alsdann in das Vorzimmer, und man hrte ihn mit lauter Stimme
befehlen: Der Sekretr Seiner Durchlaucht passirt, auch sollen sich die Leute
von der Treppe vor das Haus zurckziehen. Da er dagegen einem der
Polizeikommissre zuflsterte, in das Vorzimmer zu treten und sich in die
Fensternische zu stellen, hrte man nicht.
    Nun schnell meine Instruktion! - flsterte drinnen der Herzog.
    Ist fast unnthig, bei der mir bekannten hohen Intelligenz Euer
Durchlaucht: Verzeihen Sie mir, aber Entfernung so bald wie mglich! Bei diesen
Worten rauschten die Thrvorhnge, und als der Prsident hierauf eintrat, sagte
der Herzog ghnend und wie gelangweilt: Es ist heute Abend verdrielich bei
Ihnen, Baron, ich ziehe mich zurck. Sieht man Sie morgen?
    O ja. ich hoffe, Sie werden mich sehen, gndigster Herr, versetzte der
Baron und fgte lchelnd bei: wenn bis dahin mein Hausarrest vorber ist.
    Das versteht sich doch wohl von selbst, sprach der Herzog. Nicht wahr,
Herr Prsident? Und auf alle Flle, wenn man Sie nicht loslt, so engagire ich
den Major, hieher zu kommen. Vielleicht auch wird uns Seine Excellenz selbst das
Vergngen machen, einer Partie Whist  trois zu assistiren.
    Der Baron lchelte so sonderbar, als er darauf entgegnete: Eine charmante
Idee, Whist  trois - mit dem todten Manne. Hierauf fuhr er sich mit der Hand
ber die Stirn und fuhr in geflligem Tone fort: Ehe Euer Durchlaucht gehen,
erlaube ich mir noch eine Bitte auszusprechen: Darf ich zwei Zeilen schreiben
und Sie damit belstigen? Die Adresse ist Ihnen sehr bekannt.
    Mit Vergngen, erwiderte der Herzog. Ihr Kammediener soll unterdessen
meinen Wagen vorfahren lassen.
    Whrend der Herzog in's Vorzimmer ging, schrieb der Baron einige Zeilen,
doch streckte Seine Durchlaucht gleich darauf den Kopf durch die Portiren
herein und rief lachend: Ich bedarf eines Befehls Euer Excellenz, um fortfahren
zu knnen. Teufel, Baron! Sie sind gut bewacht.
    Ich selbst fange an das zu glauben, entgegnete dieser, indem er sein
Billet faltete und es dem Herzog bergab. Gleich nachher er sein Billet faltete
und es dem Herzog bergab. Gleich nachher zu bergeben, sprach er mit scharfer
Betonung.
    Der Prsident htte gar zu gern die Adresse gesehen, da er vermuthete, der
Brief sei an eine allerhchste Person gerichtet.
    Ich lasse Sie also allein, sagte der Herzog, allein mit unserem grten
Tyrannen. Allein seien Sie menschlich, Herr Prsident; vergessen sie das
Sprichwort nicht: eine Hand wscht die andere, das heit, wenn ich kann, so
helfe ich dem Baron aus der Patsche, denn wewegen er heute Ihre Aufmerksamkeit
erregt, dafr kann ich Ihnen morgen ebenfalls empfohlen werden.
    Das wre erschrecklich, meinte Seine Excellenz. Aber es ist, sprach
bestimmt der Herzog. Zum Henker! man mu uns jungen Leuten nicht alle Freiheit
nehmen wollen.  Der Prsident machte eine tiefe Verbeugung, und als der Baron
dies ebenfalls that, ohne von der Stelle zu gehen, sagte der Herzog: Ich hoffe,
Sie werden mich doch bis an die Grenzen Ihres Reichs begleiten, wenigstens bis
zur Treppe. Ich habe das anzusprechen.
    Herr von Brand warf achselzuckend und lchelnd einen Blick auf den
Prsidenten, der selbst im Zweifel zu sein schien, was er thun solle. Doch fate
er sich schnell und bemerkte mit einem freundlichen Grinsen: Euer Durchlaucht
haben die Gnade, uns an unsere Schuldigkeit zu erinnern. Auch ich werde die Ehre
haben, Sie bis an die Treppe zu begleiten; mu ich doch auch den Befehl geben,
da man Sie passiren lt, setzte er lchelnd hinzu. Damit fate er
triumphirend seine Nase und ging hinter dem Herzog und vor dem Baron in das
Vorzimmer, nicht aber ohne einen Blick hinter sich zu werfen, ob ihm dieser auch
folge.
    Dabei bitte ich aber, sprach lustig der Herzog, da Sie meinen Namen
nicht hinab rufen. Der Teufel auch, die Leute drauen, die Ihre Polizei sehen,
knnten ja glauben, der Baron und ich seien in Ausbung Gott wei welchen
Verbrechens hier abgefat worden!
    In dem Vorzimmer angekommen, blieb seine Durchlaucht stehen, hustete
einigermaen verlegen, denn ihm fehlte alle Instruktion zur weiteren Hilfe. Doch
fate er pltzlich einen sehr glcklichen Gedanken, und als der Prsident, der
zur Treppe gegangen war und hinabgerufen hatte: Man lt den Herrn, der jetzt
kommt, passiren! reichte er dem Baron zum Abschied die Hand und dann traten
alle Drei auf den Vorplatz auf die Treppe. In diesem Augenblick hatte auch der
Kommissr seinen Platz am Fenster verlassen und sich der Thre genhert, welche
sich nur einen Schritt von dieser Treppe befand; der Baron dagegen hatte im
Herausgehen einen bedeutungsvollen Blick mit seinem Kammerdiener gewechselt, der
auch vollkommen zu verstehen schien, um was es sich hier handle und, anscheinend
ganz absichtslos, die offenstehende Thr des Vorzimmers gegen die Treppe hin mit
der Hand fate.
    Der Herzog, der seine Rechte auf das Treppengelnder legte, hob seinen Fu,
um hinuntersteigend auf die erste Stufe zu treten. Doch zog er ihn wieder
zurck, schlug sich an die Stirn und sagte: Wie kann man auch so vergelich
sein? Habe ich doch fr Euer Excellenz eine Nachricht von ziemlicher
Wichtigkeit! Damit fate er den Rockknopf des alten Herrn und machte einen
Schritt gegen das Vorzimmer zurck. Heute Abend, bemerkte er hierauf, indem er
jedes Wort sehr langsam aussprach, war Familiendiner, - Familiendiner, acht
Couverts. Der Herzog lie den Rockknopf nicht los und stand jetzt wieder auf
der Schwelle des Vorzimmers. Der Prsident, der diese wichtige Nachricht nicht
verlieren mochte, folgte ihm, lie aber zu gleicher Zeit den Baron nicht aus dem
Auge, der ganz ruhig an dem Treppengelnder lehnte und, wie aus Diskretion,
zurckblieb. - Acht Couverts, fuhr der Herzog fort, und Seine Majestt waren
uerst gndig. - Bei dem Dessert sprachen Allerhchstdieselben von dem bewuten
Vorfalle - Sie erinnern sich doch des Vorfalls, Herr Prsident? -
    Ich wei in der That nicht, was Euer Durchlaucht meinen, versetzte Jener
unaufmerksam, indem er dem Polizeikommissr einen Wink gab und mit den Augen auf
die Treppe deutete.
    Wie Sie vergelich sind, bester Prsident! sagte der Herzog, der nur einen
Schritt von der Thre entfernt stand. Nun, ich meine den Vorfall mit der
Baronin von W. Bei diesen Worten hatte er so vortrefflich manvrirt, da der
Polizeikommissr, der sich unverholen nherte, die Thre nicht erreichen konnte,
er htte denn den Herzog auf die Seite drcken mssen.
    Der Baron lehnte noch immer ruhig an dem Treppengelnder, und diese
Unbeweglichkeit war wohl schuld daran, da der Polizeikommissr keinen
gewaltsamen Versuch machte, auf den Vorplatz zu gelangen.
    Der Kammerdiener hielt mit zitternder Hand die Thre, und seine Blicke
bohrten sich in die Augen des Herzogs. Er fhlte es, da er in diesem wichtigen
Momente von demselben einen Wink erwarten mute.
    Man ist mit Ihrem Benehmen sehr zufrieden, flsterte der Herzog, sehr
zufrieden. Damit erhob er seine Augen, ma den Raum zwischen sich und der
Thre, blickte den Kammerdiener eine Sekunde fest an, und dessen Absicht
durchschauend, nickte er leicht mit dem Kopfe.
    Die Thre flog zu, der Prsident schrie laut auf, der Polizeikommissr
rannte an das Fenster, und whrend der Herzog, wie ein Besessener lachte und
jubilirte, hrte man drunten vor dem Hause das Rollen eines Wagens und den
scharfen Trab zweier ungeduldigen Pferde, die des langen Wartens mde, nun mit
voller Kraft ber das Pflaster dahingingen. Man konnte nicht drei Sekunden
zhlen, so wurde das Rollen schwcher und verlor sich in der Ferne. In diesen
drei Sekunden aber war die Beschftigung der Anwesenden im Vorzimmer des Barons
sehr bemerkenswerth und bezeichnend.
    Kaum hatte der Kammerdiener die Thre zugeschlagen, so warf er sich mit
seinem Krper gegen dieselbe und mit einem Blicke, als wollte er sagen: nur ber
meine Leiche geht der Weg ber diese Schwelle, einem Blicke, vor dem der
Prsident, der hinaus wollte, zurckschrak und darauf in seiner Gemthsbewegung
mit beiden Hnden an seiner Nase ri, wie es andere Menschen wohl mit ihren
Haaren zu machen pflegen. Der Polizeikommissr hatte versucht, ein Fenster zu
ffnen, doch war dasselbe von Innen mit festschlieenden Lden versehen, und ehe
er die Riegel derselben losbrachte, deutete ihm schon das Rollen des Wagens an,
da alle seine Bemhungen vergebens seien.
    Der Herzog hatte sich in einen Stuhl geworfen, und je grer augenblicklich
die Verwirrung im Zimmer war, desto toller lachte er.
    Wir haben ja einen reitenden Gensdarmen in der Nhe, sprudelte endlich der
Prsident, zugleich heftig nach Athem schnappend, hervor. Lassen wir
augenblicklich dem Wagen nachsetzen.
    Der Gensdarme mte ein vortreffliches Pferd haben, jubelte der Herzog,
wenn er meine Ungarn einholen wollte. - Ah! der Spa wre fr eine Million
nicht zu theuer.
    Jetzt erst fielen die umherirrenden Blicke des Prsidenten auf Seine
Durchlaucht, und seine Hnde, die sich krampfhaft ffneten und schloen,
schlugen nun heftig zusammen, indem er verzweiflungsvoll ausrief: Und Sie
knnen ber diese entsetzliche Geschichte lachen, wie - wie - o Gott! nein,
wissen denn Euer Durchlaucht auch -
    O ich wei Alles, sagte der Herzog, vor Lachen fast erstickend.
    Da der Baron - verhaftet werden sollte -
    Von einer halben Kompagnie Polizeisoldaten, gefhrt von mehreren
Kommissren und befehligt von dem Chef der Polizei in Person. Das ist ja gerade
der Hauptspa. Nehmen Sie mir nicht bel, Excellenz, das ist eine Geschichte fr
das morgige Frhstck, die nicht zu bezahlen ist.
    Gerechter Gott! bin ich denn ein Narr oder - hier schien der Prsident
sich wegen dieser wichtigen Frage bei seiner Nase Raths erholen zu wollen. Er
hielt sie ein paar Sekunden fest, dann aber sagte er mit vor Bewegung zitternder
Stimme: Also Euer Durchlaucht wissen Alles?
    Alles, Excellenz.
    Da der Baron verhaftet werden sollte?
    Alles - um ein Duell mit dem Herrn von Dankwart zu verhindern.
    Bei diesen Worten fuhr der Prsident einen Schritt zurck, um darauf wieder
zwei vorwrts zu schnellen, bis dicht vor Seine Durchlaucht, welche ob dieser
heftigen Bewegung mit seinem Lachen pltzlich inne hielt und erstaunt
aufblickte. Dabei hob der Prsident die Hnde gen Himmel und schrie: Nein!
nein! nein! O ber die Thorheit von euch jungen Leuten! - Der Baron - Gott
verdamm' ihn! - O was, Baron! - wegen eines Duells, glauben Sie, htte ich ihn
verhaften wollen? - Wissen Euer Durchlaucht, wem Sie fortgeholfen haben? - dem
Chef einer Ruberbande, dem gefhrlichsten Menschen im ganzen Knigreiche. - O
heilige Vorsehung! Ich hatte ihn so gut in meiner Hand - und jetzt! - Damit
schien ihn alle Kraft verlassen zu haben, er warf noch einen wehmthigen Blick
auf die linke, leere Seite seines Fracks und knickte darauf zusammen wie ein
Taschenmesser. Ja, er wre unfehlbar auf den Boden niedergesunken, wenn ihn
nicht der Kommissr mit starkem Arme aufgefangen htte. An dessen blauem Busen -
er trug nmlich eine Uniform von dieser Farbe - erholte er sich langsam wieder,
faltete dann trauernd seine Hnde und wandte seinen Kopf herum, indem er sprach:
Braun, wer uns das vor einer Stunde prophezeit htte!
    Der Herzog war brigens bei den Worten, welche ihm die Excellenz vorhin
zugerufen, wie ein Bild der hchsten Ueberraschung dagesessen. Jedes Lcheln war
von seinem Gesichte verschwunden, und da er an dem Jammer, in dem sich der
Prsident befand, wohl sah, da sich dieser wrdige Staatsbeamte keinen Scherz
mit ihm erlaubte, so bi er sich heftig auf die Lippen und sagte, indem er die
Augenbrauen finster zusammenzog: Alle Teufel! Herr Prsident, das htten Sie
mir auch schon vorhin sagen knnen!
    Lieen Sie mich denn zu Worte kommen? jammerte der Andere. Zuerst mute
ich die fabelhafte Geschichte von dem Diner hren, an der - ich bitte um
Verzeihung - gewi kein wahres Wort ist; und dann lachten Sie wie - wie ich in
meinem Leben nichts Aehnliches gehrt. Euer Durchlaucht, fuhr er sich ermannend
fort, das ist ein schlimmer Handel. Ich htte natrlicherweise keine
Rcksichten sollen gelten lassen. Aber wie mir Euer Durchlaucht mitgespielt, das
kann ich unmglich Seiner Majestt verschweigen.
    Der Herzog zuckte die Achseln, als wolle er sagen: daran ist nichts zu
ndern. Dann aber rief er auf einmal: Warten Euer Excellenz einen Augenblick.
Da habe ich ein Schreiben des Barons an Sie. Alle Wetter! das htte ich beinahe
vergessen. Lesen wir, lesen wir, und dann wollen wir Kriegsrath halten.
    Begierig nahm der Prsident das Billet aus den Hnden des Herzogs und
entfaltete es. Der Polizeikommissr hielt das Licht und der Herzog schaute dem
Prsidenten ber die Schulter, whrend er las:

                Euer Excellenz

werden es einem alten und genauen Bekannten nicht zu ungndig nehmen, da er
sich heute Abend der Ehre Ihrer Gesellschaft entzieht. - Sehr dringende
Geschfte veranlassen mich, heute Nacht und morgen von Hause abwesend zu sein.
    Da ich aber zu gleicher Zeit berzeugt bin, da Euer Excellenz nicht ohne
die triftigsten Grnde mit so groem Gefolge in meiner Wohnung erschienen sind,
so werde ich nicht ermangeln, mich morgen um diese Stunde hier einzufinden.
    Indem ich mir erlaube, den Scherz Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs mir
zu eigen zu machen, bin ich so frei, Euer Excellenz demgem auf morgen Abend zu
einer Partie Whist einzuladen, und zwar  trois mit einem todten Mann.
    So las der Prsident, und Alle schauten sich verwundert an; der Kommissr
schttelte den Kopf und Seine Excellenz meinten: Glaub' das der Henker!
    Der Herzog allein nahm die Partei des Verschwundenen, indem er bemerkte:
Das ist jedenfalls ein Ausweg; ich bitte, ich beschwre Sie, Herr Prsident,
warten Sie bis morgen Abend. Wie ich den Baron kenne, bin ich berzeugt, er
stellt sich. Dehalb machen Sie um Gotteswillen heute Abend und morgen keinen
Lrm; lassen Sie ihren Leuten drunten sagen, Sie htten dem Baron wegen eines
Duells einen Hausarrest ankndigen wollen, er sei aber verschwunden. Kehrt er
morgen Abend zurck, so machen Sie, was Sie wollen, kehrt er nicht zurck, so
haben Sie immer noch Zeit, die Sache bekannt werden zu lassen.
    Was meinen Sie, Braun? fragte der Prsident, nachdem er einen Augenblick
berlegt hatte. Der Karren ist so wie so verfahren, und wenn er wirklich
wiederkme, so htten wir in der That die ganze blamable Geschichte nicht zu
erzhlen.
    Der Polizeikommissr zuckte die Achseln und pflichtete ebenfalls nach
einiger Ueberlegung Seiner Durchlaucht Meinung bei.
    So sei es denn also, sprach bestimmt der Prsident, indem er das Billet
wieder zusammenfaltete. Aber wir, die wir hier beisammen sind, geloben uns bis
morgen Abend ein feierliches Stillschweigen. Was diesen alten Herrn da
anbelangt, fuhr er mit einem Wink auf den Kammerdiener fort, so ist es meine
Ansicht, denselben scharf unter Aufsicht zu halten. Braun, lassen Sie dehalb
ein paar vertraute Leute im Hause. Und nun, sprach er achselzuckend und mit
einem tiefen Seufzer, sind wir fertig, und wenn Euer Durchlaucht also befehlen
-
    Mir thut die verdrieliche Geschichte wahrhaftig leid, entgegnete dieser,
whrend er seinen Hut nahm. Aber seien Excellenz versichert, da ich Ihnen mit
meinem ganzen Einflu zur Seite stehen werde. Thun Sie mir dagegen die Liebe,
bester Prsident, und erzhlen mir beim Nachhausefahren, was es denn eigentlich
mit dem Baron fr ein Bewandtni hat. - Horreur! der Chef einer Ruberbande,
haben Sie gesagt?
    Whrend Seine Excellenz trbselig mit dem Kopf nickte, gingen die Beiden der
Treppe zu, doch ehe sie hinabstiegen, meinte der Prsident: Was er nur mit
seiner Einladung hat sagen wollen? Zu einem Whist  trois mit einem todten
Manne. Ich verstehe das nicht. -
    Aber ich verstehe es, sprach tief aufseufzend der alte Kammerdiener
drinnen im Zimmer; dann sank er auf einen Stuhl nieder und verbarg sein Gesicht
in beide Hnde.

                          Fnfundachtzigstes Kapitel.



                              Des Jgers Bericht.

Whrend geschah, was wir in den letzten Kapiteln erzhlten, war der Winter
ziemlich vorber gegangen, und das beginnende Frhjahr zeigte sich schon in
einzelnen schnen, heiteren Tagen - Tagen, an welchen das Land von der Sonne
erwrmt, einen erdigen, aber angenehmen Duft ausstrmen lt, wo die Grashalme
sich zu strecken scheinen, und die Zweige den innigsten Trieb zeigen, sich
baldigst mit Knospen zu bedecken. Um diese Zeit werden die Glashuser und
Frhbeete nach und nach von ihrer Umhllung befreit, man lockert die Rosen auf,
die whrend des Winters mit Erde bedeckt, ruhig schlummerten, man gibt auch den
in ihren glsernen Kfigen eingesperrten Pflanzen Luft, indem man schon auf
lngere Zeit die Fenster offen lt und Sonnenlicht und frische, erquickende
Luft ber ihre sehnschtig zitternden Bltter dahinstrmen lt.
    So war man auch in dem kleinen Garten beschftigt, welcher den Pavillon
umgab, in dem Graf Fohrbach wohnte. Obgleich es drei Uhr Nachmittags war,
standen doch die Fenster seines Salons offen, und die hereinstrmende, jetzt
schon wieder etwas khle Luft vermischte sich wehend mit der warmen, die das
lodernde Feuer des Kamins umspielte.
    Der Graf war nicht in seinem Salon, sondern befand sich im Ankleidezimmer,
dessen Thre aber ebenfalls geffnet war; er lag in einem Fauteuil, hatte diesen
so gedreht, da die khlere Luft von drauen, geschwngert mit den oben
erwhnten Frhlingsdften, ber sein Gesicht hinstrich. Neben ihm in der
Sophaecke sa der Major von S. Beide rauchten vortreffliche Cigarren, doch
verscheuchte der Graf den Dampf, den er von sich blies, augenblicklich wieder
mit der Hand, um alsdann wieder einen tiefen Zug Luft zu sich zu nehmen.
    An einem solchen Tage, sagte er, wenn man so recht merkt, da der Winter
hinter uns liegt, fhlt man sich doch wie dem Gefngni entsprungen. Hinter uns
finstere, schwarze Mauern, die bisher fest verschlossenen Thore weit geffnet,
und vor uns Freiheit, sowie herrliche, gttliche Luft.
    Das wirst du diesmal ganz besonders finden, meinte der Major lchelnd,
bricht doch fr dich nchstens ein Frhling an, so s und berauschend, wie man
ihn in diesem Leben nur ein einziges Mal genieen kann. Habe ich das doch auch
erlebt!
    Wenn ich daran denke, entgegnete der Andere, indem er einen Moment seine
Augen mit der Hand bedeckte, so hrt mein Herz auf zu schlagen, und ich kann
nur mhsam Athem holen. Ist es dir auch so ergangen?
    Gerade so, erwiderte der Major lachend. Und ich will nur hoffen, da sich
deine Erinnerungen an diese Zeit nie trben mgen. Doch davon bin ich berzeugt,
denn Eugenie ist ein so vortreffliches Wesen, ein so reiches und liebes Herz,
da du mit ihr glcklich werden mut.
    Und mir wirst du hoffentlich ebenfalls einige Vortrefflichkeit und Liebe
nicht absprechen?
    Ja, du hast gute Eigenschaften, und bei sorgfltiger Erziehung kann mit der
Zeit noch was Rechtes aus dir werden.
    Der Graf blickte lchelnd vor sich auf den Boden, stie die Asche von der
Cigarre und dachte ber seine knftige Erziehung nach.
    Wie ist es denn mit dem heutigen Diner? fragte der Major nach einer Pause,
es ist wohl sehr gro und wird eine starke Feierlichkeit absetzen? - Ah! wenn
das schon vorber wre! Ich werde wohl einen Toast halten mssen, und das kommt
mich immer entsetzlich sauer an. Sind wir in der That sehr zahlreich?
    An die vierzig Couverts, glaub' ich. Papa hat's nun einmal nicht anders
gethan.
    Doch alle unsere genauen Bekannten?
    Versteht sich. Nur Steinfeld wird fehlen; er ist pltzlich abgereist. Ah!
ich verstehe das - der arme Kerl!
    Warum arm? meinte der Major. Er liebt die Baronin noch so
leidenschaftlich wie damals, als er sie zum ersten Male gesehen. Erinnerst du
dich noch des Abends drauen in deinem Salon nach dem Balle drben, als er uns
jene Geschichte erzhlte? Damals waren sechs Jahre vorber. Und mit welchem
Feuer, welcher Leidenschaft sprach er von der Begebenheit!
    Er wird die Baronin heirathen? fragte der Graf.
    Versteht sich von selbst. Die Scheidung wird in den nchsten Tagen
ausgesprochen. Ich bin berzeugt, die Beiden werden sehr glcklich mit einander
sein. Natrlich wird er vorderhand nicht hieher kommen knnen und wollen.
    Das begreift sich. Aber der General hat sich so verhat gemacht, da Alles
Partei fr die arme Frau nimmt.
    Und er? fragte der Major nach lngerem Stillschweigen.
    Der Graf zuckte die Achseln, whrend ein dsterer Schatten ber seine vorhin
so freundlichen Zge flog. Das ist ein rthselhafter Mensch, sagte er nach
einer Pause.
    Fr dich und Steinfeld wohl nicht so sehr als fr uns Andere, meinte
lchelnd der Major. Aber ich achte euer Geheimni. Ich mag den Baron wohl
leiden. Coeur de rose ist nicht so bel.
    Bei diesen Worten trat der Kammerdiener leise in den Salon, blieb dort
stehen, bis die Blicke des Grafen auf ihn fielen, dann sagte er mit leiser
Stimme: Soeben ist der Jger zurckgekommen und wnscht Euer Erlaucht sprechen
zu drfen.
    Darauf bin ich begierig! rief der Graf, indem er aufsprang. Er soll
augenblicklich hereinkommen. Bleibe nur, wandte er sich an den Major, der sich
ebenfalls erheben wollte. Ich will in dieser Sache keine Geheimnisse vor dir
haben. Was mir der Jger zu sagen hat, ist fr uns Alle sehr ernst und wichtig
und betrifft den, von welchem wir eben sprachen.
    Den Baron von Brand?
    Der Graf nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: Er hat mich gestern um meinen
Jger gebeten; ich wei nicht, wehalb er zu dem Rencontre von seinen eigenen
Leuten Niemand nehmen wollte.
    Zu welchem Rencontre? fragte berrascht der Major.
    Mit Herrn von Dankwart. Es scheint, sie haben sich heute geschossen.
    Das ist seltsam, meinte der Major kopfschttelnd; ich habe Herrn von
Dankwart gestern Abend noch gesprochen; von der betreffenden Angelegenheit
versicherte er mich gerade das Gegentheil.
    Aus Diskretion.
    Und sagte, der Baron habe ihm einen vershnenden Brief geschrieben, den er
im Nothfall berall zeigen knne.
    So hren wir den Jger! Ich bin fest berzeugt, die Sache ist anders.
    Hier trat Franz in den Salon, und sein Herr, der schnell nach ihm
hinblickte, fuhr betroffen zurck. Ah! sagte er zu dem Major, die Sache ist
ernsthaft. So verstrt sah ich das Gesicht meines Jgers, dieses sonst so
ruhigen Menschen, nie.
    Und so war es auch in der That. Franz Karner, der auf einen Wink des Grafen
langsam nher schritt, ging gegen seine Gewohnheit ziemlich gebeugt. Sein
Gesicht war bleich, seine Augen roth unterlaufen, seine Lippen zuckten, und da
er das wohl fhlen und doch nicht sehen lassen mochte, bi er sie fest ber
einander.
    Der Major war ebenfalls aufgestanden und blickte bestrzt bald den Jger,
bald seinen Freund an.
    Ah! du bist zurck! rief dieser. Nun sprich, was ist geschehen? Ein
Unglck - gewi ein Unglck!
    Der Jger wagte es nicht, zu sprechen, und nickte stumm mit dem Kopfe.
    Dem Baron ist ein Unglck geschehen? fuhr Graf Fohrbach hastig fort.
Sammle dich, Franz, und erzhle uns die Geschichte ruhig dem Verlaufe nach. -
Ah, Teufel! sei ein Mann! fuhr er nach einer Pause fort, als er bemerkte, da
der Blick des Andern seltsam flimmernd wurde. So la doch hren!
    Der Jger ffnete langsam die Lippen, nachdem er mit der Hand ber die Augen
gefahren war, dann sagte er mit tiefer, fast tonloser Stimme: Ehe ich Euer
Erlaucht berichte, was gestern und heute geschehen, will ich zur Rechtfertigung
meines auffallenden Betragens nicht verschweigen, da ich den Herrn Baron von
Brand frher gekannt und genau gekannt, ehe ich in den Dienst Euer Erlaucht
trat.
    Ich wei das, er hat dich mir ja empfohlen.
    Da er fters mein Wohlthter wurde, da ich ihn achtete und liebte. - O,
sehr liebte, denn er war ein guter Herr. Euer Erlaucht werden mir verzeihen,
aber ich mu die Wahrheit sagen, sollte auch fr mich daraus erfolgen, was da
wolle! Ich kannte alle seine Verhltnisse.
    Das habe ich mir gedacht, erwiderte der Graf nach einer Pause. Aber
gleichviel, Franz. Fr mich ist der Baron von Brand nur der Baron von Brand, und
was dich betrifft, so gehen mich deine frheren Verhltnisse nichts an.
    Das lohne Ihnen Gott, versetzte der Jger; und er wird Sie dafr
belohnen. Er murmelte diese Worte nur, doch verstand sie der Graf vollkommen.
Dann streckte sich der Jger lang in die Hhe, unterdrckte einen tiefen Seufzer
und fuhr fort: Auf die Bitte des Herrn Baron von Brand erlaubten mir Euer
Erlaucht, denselben begleiten zu drfen. Zu diesem Zweck erwartete ich gestern
Abend den Herrn Baron um neun Uhr vor dem E'schen Thor mit dem Wagen. So hatte
er es mir befohlen.
    War es ein Reisewagen? fragte der Graf.
    Nein, ein leichtes Coup, aber mit vier Pferden bespannt. - Es mochte fast
halb zehn Uhr sein, da hrte ich, da sich ein Wagen dem Thor nherte, und zwar
so schnell, als zwei tchtige Pferde nur zu laufen im Stande sind. Es war das
die Equipage Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs Alfred. Trotzdem es sehr
dunkel war, erkannte ich den Kutscher, der seine Pferde neben dem Coup parirte.
Der Herr Baron von Brand sprang heraus, und der Wagen, mit dem er gekommen,
kehrte augenblicklich in die Stadt zurck. Der Herr Baron begrte mich
freundlich, befahl, auf der Chaussee nach der ersten Station zu fahren, und
stieg eilig in den Wagen.
    Wie war er gekleidet? fragte aufmerksam der Graf.
    Ueber dem gewhnlichen Anzug trug er einen weiten Radmantel und auf dem
Kopfe hatte er einen runden Hut.
    Und war bewaffnet?
    Ja, Euer Erlaucht, mit zwei Pistolen.
    Der Graf warf seinem Freunde einen bezeichnenden Blick zu und sagte hierauf:
Und sonst war Niemand dabei?
    Niemand. - Ich stieg auf den Bock und wir fuhren davon. Die Postillone,
denen ein gutes Trinkgeld versprochen war, lieen tchtig laufen, so da wir
bald die Station erreichten. Dort wurde umgespannt und wir fuhren weiter.
    Aha! nach Knigshofen, sagte kopfschttelnd der Major. Es ist das der
gewhnliche Ort.
    In Knigshofen, erzhlte der Jger weiter, begab sich der Herr Baron in
das dortige Wirthshaus, lie sich ein Zimmer geben, befahl mir darauf zu Bette
zu gehen, ihn aber heute Morgen vor Tagesanbruch zu wecken. Ich verabschiedete
die Postillone, mochte aber nicht schlafen gehen, vielmehr schritt ich Stunden
lang um das Haus herum, und bemerkte wohl, da in dem Zimmer des Herrn Baron
immerfort ein helles Licht brannte. Er war ebenfalls nicht zu Bette gegangen,
denn als ich, dem Befehle gem, vor Tagesanbruch seine Thre ffnete, sa er an
seinem Tische und siegelte Briefschaften zu. Ah! du bist schon da! rief er mir
entgegen; die Zeit ist schnell verstrichen. - Ich habe mich bemht, Erlaucht,
seine Worte in meinem Gedchtnisse festzuhalten; es schien mir das wichtig,
sagte der Jger in bestimmtem Tone. - Der Tag fing an zu grauen, fuhr Franz
darauf in gewhnlichem Tone fort, und der Herr Baron wollten seine Toilette
machen, doch hatte er Alles mitzunehmen vergessen. Ich sorgte so gut als mglich
dafr, und nachdem ich ihm das Haar einigermaen arrangirt, zog er sein
Schnupftuch hervor und roch daran. Ich wollte, sprach er alsdann, da ich nicht
vergessen htte, gestern Abend noch ein paar Tropfen aufzutrufeln. Ich liebe
den Geruch und er htte mir so manche Erinnerung noch einmal frisch vor die
Seele gefhrt.
    Coeur de rose, sagte nachdenkend der Graf. Wer htte das gedacht, als wir
uns hier vor einigen Monaten ber sein Odeur lustig machten! Doch weiter!
    Er gab mir einige Briefe, um sie auf die Post zu werfen. Die Pistolen nahm
er selbst unter den Mantel, dann verlieen wir das Haus, gingen durch
Knigshofen durch und stiegen hinter dem Dorfe die Anhhe hinaus.
    Der Weg fhrt nach einer einsamen Waldlichtung, ich kenne ihn wohl, sprach
nachdenkend der Major.
    Und was dachtest du von allem dem? fragte der Graf seinen Jger.
    Fast das Gleiche fragte mich der Herr Baron, als wir den Wald hinauf
gingen. Ich antwortete ihm, er knne wohl ein Duell vorhaben, doch sehe ich
weder Gegner noch Sekundanten. - Die kommen Alle von der andern Seite,
entgegnete er mir. Und du bist wohl klug genug, einzusehen, da hier eine Sache
vor sich geht, die mit groer Heimlichkeit betrieben werden mu.
    Der Major wechselte mit seinem Freunde einen bedeutsamen Blick, welch'
Letzterer die Achseln zuckte und sehr ernst nach Oben sah.
    Ja, ich habe ein Duell vor, so fuhr der Baron fort, und einen gefhrlichen
Gegner. Ich wei wohl, wie der schiet, sagte er sonderbar lchelnd, fehlt auf
fnfundzwanzig Schritte nie ein A und kann auch wohl die Kugeln auf einer
starken Messerklinge theilen. - Da mte er ja fast so gut schieen wie Sie,
gndiger Herr, erlaubte ich mir zu bemerken, worauf er entgegnete: ganz genau
wie ich, dehalb ist die Sache sehr zweifelhaft, da er den ersten Schu hat, und
befolge daher genau, was ich dir auftrage: Hier mssen wir scheiden, zieh deine
Uhr hervor und richte sie nach der meinigen. - Es war sechs Uhr. - In einer
halben Stunde wird wohl Alles vorber sein. Dann folgst du dem schmalen Weg, den
ich jetzt hinaufsteige, und findest oben eine Waldlichtung. Da wirst du schon
selbst sehen, was zu thun ist. - Ich bat ihn, mich mitzunehmen, doch er
wiederholte seinen Befehl ernst und strenge. Und er konnte sehr ernst sein, der
Herr Baron, sagte der Jger gedankenvoll. - Er nahm also Abschied von mir,
indem er mir noch vorher seine Brieftasche bergab, um die Rckfahrt fr die
Postillone zu bezahlen, sagte er. Dann stieg er zwischen den Bumen aufwrts und
meine Blicke folgten ihm. Euer Erlaucht werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen
gestehe, da es mir fast das Herz zerbrach, als ich ihn so leicht und gewandt da
hinaufsteigen sah, ein Herr in den besten Jahren, ja in voller Kraft der
Jugend.
    Und warum folgtest du ihm nicht? fragte fast athemlos und tief bewegt der
Graf.
    Sein Befehl war gemessen, Erlaucht. Und dann kannte ich auch meinen
ehemaligen Herrn. Er htte mich niedergeschossen, wenn ich ihm gefolgt wre,
ohne da mein Tod, setzte er trbe lchelnd hinzu, sein Duell verhindert
htte. - Mehrmals blieb er stehen und wandte sich rckwrts gegen das Thal. Man
sieht von dort oben weit in der Ferne die Residenz vor sich ausgebreitet liegen.
Dahin schien er mehrmals zu schauen, aber auch auf mich fiel sein Blick, und als
er mich so ruhig da unten warten sah, winkte er mir noch einmal freundlich mit
der Hand zu. - O sehr freundlich! - Und gleich darauf war er zwischen den Bumen
verschwunden. - -
    Diese letzten Worte hatte der Jger mit kaum verstndlicher Stimme
gesprochen. Dann aber sagte er: Verzeihen mir Euer Erlaucht, aber ich kann
nicht anders! - worauf er seine Hnde vor die Augen prete und einige Sekunden
so verblieb.
    Der Graf hatte seine Cigarre weggeworfen, und er sowie der Major blickten in
der grten Spannung auf den Jger, der nun die Hnde langsam niedersinken lie,
tief aufseufzte und fortfuhr: Darauf befand ich mich allein in dem Walde. O es
waren das schreckliche Augenblicke! Und ich horchte wohl athemlos auf jedes
Gerusch, wenn weit von mir entfernt irgend ein Wild durch das drre Laub
raschelte, wenn ein welkes Blatt neben mir zu Boden fiel, so schrak ich
zusammen, indem ich befrchtete, irgend etwas Anderes berhrt zu haben. O Herr
Graf, wenn man im dichten Walde auf etwas lauscht, wobei das Herz mit im Spiele
ist, so ist die Stille, die uns umgibt, feierlicher und ernster als die Ruhe
eines Kirchhofes! Ich kenne das, setzte er mit leiserer Stimme bei. - Auf
einmal knallte ein Schu. - Gndiger Herr, ich habe Schsse knallen hren unter
schauerlichen Verhltnissen - aber so wie dieser heute Morgen hat mich nie etwas
erschttert! Gleich darauf fiel ein zweiter. Ich ri meine Uhr heraus und als
ich sah, da es halb Sieben war, strzte ich den Waldweg hinan. So eilig ich
auch war, so blieb ich doch zuweilen zitternd stehen und lauschte. Was konnte es
mich auch ntzen, da ich schnell an Ort und Stelle kam, mir ahnete ja doch, was
ich finden wrde? Dann spiegelte ich mir auch wohl eine falsche Hoffnung vor und
blieb in der Absicht stehen, um vielleicht die Schritte der andern Partei zu
vernehmen. Aber, setzte er trbe lchelnd hinzu, ich hrte nichts dergleichen.
Der Wald war entsetzlich stille, nur das Laub rauschte unter meinen Fen, hie
und da flatterte ein Vogel und von weit her sang der Kukuk sein melancholisches,
einfrmiges Lied.
    Endlich fandest du ihn! rief gespannt der Graf, als der Jger vor sich
hinstarrend schwieg.
    In der Waldlichtung - Herr, wie er mir vorausgesagt.
    Allein?
    Ganz allein.
    Und -
    - - Todt, sagte der Jger nach einem tiefen Athemzuge. Die Kugel war ihm
durch's Herz gegangen.
    Ah! das ist entsetzlich! rief der Major. Du sahst Niemand? Du vernahmst
also wirklich keine Schritte, die sich entfernten?
    Ich sah nichts als die Sonne, die ihren Strahl ber seine bleichen Zge
warf, und ich hrte nichts als die eigenen Worte des Jammers, mit welchen ich
mich neben ihn hinwarf. Denn, Herr Graf, ich hatte ihn sehr geliebt, meinen
ehemaligen Herrn, den Baron von Brand.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und was denkst du ber die ganze Geschichte? fragte der Graf nach einer
langen, langen Pause.
    Ich denke nur, was er mir sagte, erwiderte der Jger mit feierlicher
Stimme. Ich will mein Leben dafr lassen, da er im Duell gefallen. Denn so hat
er ja gewollt, da man glaube.
    Ja, er hat so gewollt, sprach Graf Fohrbach nachdenkend, sein Lauf war zu
Ende, wie er mir auf jenem denkwrdigen Maskenballe sagte, und er soll einen
ehrenvollen Tod gestorben sein.
    Von der Hand des - fragte der Major mit bedeutsamem Blick.
    Worauf der Andere entgegnete: Herr von Dankwart ist bei allen seinen
kleinen Schwchen ein Ehrenmann, das ist nicht zu bestreiten.
    Allerdings nicht, meinte der Major. Aber er wird die ganze Geschichte
hartnckig leugnen.
    Nehmen wir an, aus Diskretion, wie ich vorhin sagte, erwiderte Graf
Fohrbach, die Welt wird doch an das Duell glauben, und so hat es der
Unglckliche gewollt. Er ruhe sanft. - Doch la uns das Ende deiner Geschichte
hren, wandte sich der Graf nach einigem Stillschweigen an seinen Jger.
    Ich holte Leute aus dem Dorfe, fuhr dieser fort, und brachte ihn nach
Knigshofen zurck. Ich lie Aerzte kommen, obgleich ich wute, da das unntz
war. Darauf brachte ich ihn in seinen Wagen und kehrte langsam nach der Residenz
zurck.
    Und wo ist er jetzt?
    In seinem Hause. Ich habe ihn dem alten Kammerdiener bergeben, der darauf
vorbereitet zu sein schien. Denn obgleich er trostlos und verzweifelt that,
sagte er doch unter Thrnen, er habe das wohl vorher gewut.
    Und die Briefschaften, die dir der Baron gab?
    Warf ich auf die Post bis auf einen Brief, den er mich beauftragte, Punkt
neun Uhr Seiner Excellenz dem Herrn Polizeiprsidenten eigenhndig zu bergeben,
wozu vielleicht Euer Erlaucht so gndig sind, mir spter Urlaub zu ertheilen.
    Der Graf Fohrbach wechselte mit dem Major einen Blick, dann erwiderte er dem
Jger: Allerdings, du sollst berhaupt den heutigen Nachmittag und Abend fr
dich haben, und erst morgen frh, setzte er mit Betonung hinzu, den Dienst bei
mir wieder in deiner gewohnten Pnktlichkeit und - Treue antreten.
    Wie danke ich Ihnen fr dies Wort! sprach der Jger, tief erschttert.
Dann verlie er auf einen Wink seines Herrn Kabinet und Salon.
    Es ist ein trauriges und doch gutes Ende fr den Baron, sagte Graf
Fohrbach nach einer Pause. Wir mssen brigens seinen letzten Willen erfllen
und das Gercht verbreiten helfen, er sei im Duell gefallen. Herr von Dankwart
wird das heftig leugnen, aber nachher, wenn er sieht, da man ihm doch nicht
glaubt, wird er am Ende gezwungen, das Rencontre achselzuckend zuzugeben.
    Verla dich auf mich, entgegnete der Major, es soll auf ihm hngen
bleiben. Aber sage mir, Eugen, wie verstehe ich das? Hat der Baron wirklich
etwas mit der Polizeidirektion zu schaffen gehabt? Auf dem letzten Hofball
sprach man von einer Brautschaft zwischen ihm und der Tochter des Prsidenten.
    Ich hrte auch davon, glaubte aber nicht daran.
    Mu man, meinte der Major, heute noch den Tod des Barons geheim halten
oder kann man nach Tisch darber sprechen?
    Natrlich wollen wir darber sprechen, um so mehr, da Herr von Dankwart da
ist. Wir werden berhaupt nicht die Einzigen sein, die die Sache erfahren
haben.
    Schn, versetzte der Andere, indem er sich zum Weggehen anschickte; ich
verlasse dich jetzt. Es ist vier Uhr und du hast doch etwas Sammlung
nothwendig.
    Und Toilette! lachte der Graf, whrend er seinem Freunde die Hand reichte.
    Adieu denn bis nachher!
    Adieu, Major!
    Mit kurzen Worten wollen wir dem Leser noch sagen, da das heutige Diner bei
Seiner Excellenz dem Kriegsminister uerst glnzend war, da bei demselben die
Verlobung zwischen Eugenie und dem jungen Grafen proklamirt wurde, und da der
Major einen hierauf bezglichen gar schnen Toast ausbrachte. Das unglckliche
Ende des Barons war brigens schon bekannt geworden und man schrieb dasselbe
allgemein einem Duell mit Herrn von Dankwart zu. Es half auch nichts, da dieser
auf's Feierlichste das Gegentheil versicherte, ja da er sich anheischig machte,
ein Alibi beweisen zu wollen. Man zuckte die Achseln, man verbeugte sich
lchelnd, sobald aber Herr von Dankwart den Rcken gewendet und anderswohin
getnzelt war, so sagte man: Das ist erstaunlich; wer htte das gedacht!
    Und der Baron war ein immenser Pistolenschtze, meinte ein Anderer, und
ein Dritter setzte hinzu: Was mich bei Herrn von Dankwart nur wundert, ist
einzig und allein, wie man nach einer so furchtbaren Katastrophe - am gleichen
Tage mit der Ruhe sein Diner einnehmen kann.
    Erstaunlich!
    Erstaunlich! wiederholten Alle, und Herr von Dankwart wurde von da an mit
weit grerer Ehrfurcht betrachtet, als dies bisher geschehen.
    Auch der Prsident war bei dem Diner gewesen, war aber sehr still und
nachdenkend und verkehrte fast nur mit dem Herzog Alfred, mit dem er sich
lngere Zeit in einer Ecke des Salons eifrig unterhielt. Gegen acht Uhr verlie
er die Gesellschaft und fuhr nach Hause. Dort hatte er mit seiner Gemahlin eine
heftige Scene, bei welcher endlich auch Frulein Auguste, aber sehr
niedergeschlagen und mit rothgeweinten Augen erschien. Wer der Gegenstand der
Unterhaltung in der Familie war, werden wir dem Leser nicht zu sagen brauchen,
dagegen wollen wir nicht verschweigen, da Seine Excellenz, die Nase mit der
Hand festhaltend, lange im Salon auf- und abschritt und einer lngeren Rede der
Prsidentin lauschte, welche eifrig zu ihm sprach. Und wenn Alles so wre, wie
du mir sagtest, fuhr sie fort, so knnen smmtliche Gerichte des Landes ihn
doch nicht wieder lebendig machen und zur Verantwortung ziehen. Welchen Nutzen
brchte es dir also, die Sache an die groe Glocke zu hngen, sie stadt- und
landkundig zu machen? - Nutzen, du lieber Gott! rief sie weinend. Nur Schande,
o welche Schande! Wird nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns deuten? O der
Skandal!
    Und meine Ehre als Chef der Polizei? sprach stehen bleibend der Prsident,
wobei seine losgelassene Nase hoch empor fuhr.
    Und meine Ehre? sagte Auguste weinend. Bin ich nicht unglcklich genug
durch diese schreckliche Geschichte geworden!
    Der Prsident setzte abermals schweigend seinen Spaziergang fort und mit
einem tiefen Seufzer blickte er auf die linke, immer noch leere Seite seines
Frackes. Eine allerhchste Belohnung, redete er schwermthig, htte mir
diesmal nicht entgehen knnen. O ich war so nah daran! - Damit meinte er den
Stern, nach dem er so lange geschmachtet. - Wer wei, wenn es wieder einem
Hauptverbrecher gefllt, sich von mir einfangen zu lassen!
    In diesem Augenblicke meldete der Bediente einen herrschaftlichen Jger,
welcher Seine Excellenz zu sprechen wnsche. Auf ein Kopfnicken des Letzteren
trat Franz ein und bergab einen Brief, indem er sagte: Von dem Herrn Baron von
Brand.
    Man kann sich denken, wie der Prsident bei dieser Meldung zurckfuhr und
da er mit zitternden Fingern das Couvert abri. Auch schien ihn die Einlage
desselben nicht zu beruhigen; es war ein einfaches Blatt, auf welchem die Worte
standen: Der Baron von Brand gibt sich die Ehre, Seine Excellenz den Herrn
Polizeiprsidenten daran zu erinnern, da er heute Abend erwartet wird und zwar
zu einem Whist  trois mit dem todten Mann.
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    Im Hause des Kommerzienrathes Erichsen hatte man in diesen Tagen ebenfalls
eine Verlobung gefeiert, nicht so geruschvoll wie bei Seiner Excellenz dem
Kriegsminister, aber darum nicht minder herzlich. Zwar sa die Rthin auch bei
dieser Veranlassung steif wie immer in ihrer Sophaecke, doch lag ber ihren
Zgen eine angenehme Weichheit, ihre Augen blickten freundlich und sie wandte
den Kopf hufig nach der rechten Seite, wo Herr Staiger sa, an dem die alte
Dame ihr besonderes Wohlgefallen zu finden schien. Der Mann hatte so ein gutes
warmes Herz und ein ehrliches Gemth, das sich bei jedem seiner Worte kund gab;
dabei konnte er so angenehm erzhlen, und bei dem, was er am heutigen Tage
vorbrachte, kam es denn heraus, da seine Eltern mit denen der Kommerzienrthin
vor langen Jahren in einem sehr freundschaftlichen Verhltni gestanden, was zu
vernehmen der Madame Erichsen nicht gerade unlieb war.
    Marianne hatte sich der Verlobten ihres Bruders herzlich und innig
angenommen und liebte sie schon nach den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft wie
eine Schwester. Ja, sie hatte der Kommerzienrthin erklrt, da sie selbst keine
Kinder habe, so wolle sie sich des guten armen Mdchens annehmen und mache sich
ein wahres Vergngen daraus, derselben eine glnzende Aussteuer zu geben.
    Der Kommerzienrath hatte sich wie immer Diner und Champagner wohl schmecken
lassen und war glckselig, da die verdrielichen Geschichten in seinem Hause
sich wieder anfingen aufzuklren und da er Hoffnung hatte, nchstens wieder ein
stilles und harmloses Leben fhren zu knnen. Wenn auch leider alle Bemhungen
gescheitert waren, um seine Schwiegertochter Bertha wieder in das Haus ihres
Mannes zurck zu bringen, obgleich bis jetzt noch keine Scheidung erfolgt war,
so hatte er dagegen einen Brief von seinem Schwiegersohn Herrn Alfons in der
Tasche, worin sich dieser an seine Frau wandte, sein Unrecht vollkommen einsah
und versprach, bei seiner Rckkunft - er hatte nmlich zu seiner Zerstreuung
eine kleine Reise unternommen - so viel in seinen Krften stnde, Alles wieder
gut machen zu wollen.
    Auch bei diesem Diner fielen Toaste, und als das Dessert aufgesetzt wurde,
ergriff sogar die Kommerzienrthin ihr Glas, nachdem sie vorher, diesmal mit
beiden Hnden, auf den Tisch getrommelt, und brachte die letzten Tropfen ihres
Champagnerkelches allen denen zu, welche ihre Nebenmenschen ohne Neid und
Migunst liebten, die statt gehssig die Fehler Anderer aufzudecken, lieber
deren gute Seiten hervorheben, die dabei Freunde der Wahrheit und Feinde
jeglicher Verleumdung seien.
    Ein Trinkspruch, zu welchem aus vollem Herzen Amen zu sagen auch wir uns
gedrngt fhlen und mit uns gewi der grte Theil unserer verehrlichen Leser.

                          Sechsundachtzigstes Kapitel.



                                    Schlu.

Es ist sehr schwer, von dem Schlu einer Geschichte wie die vorliegende zu
sprechen. Eine solche Geschichte schliet sich eigentlich nie ab. Die Wenigen
ausgenommen, ber deren Lebensende berichten zu mssen wir so unglcklich waren,
befinden sich alle Uebrigen in Flle der Gesundheit, und wenn es unsere Zeit und
die Geduld des Lesers erlaubten, so knnten wir aus dem ferneren Leben und
Treiben der aufgetretenen Personen noch eine Menge der allerschnsten, zur
Mittheilung geeigneten Sklavengeschichten auffinden. Ein Erzhler darf aber
nicht gegen die Nachsicht seines Publikums sndigen, und es ist seine
Schuldigkeit, so bald er glaubt, er habe sein Mgliches gethan, eine hbsche
Gelegenheit zu ergreifen, um sich dem Leser zu empfehlen und sein Buch zu
beschlieen. Wir glauben dies in keinem passenderen Zeitpunkt thun zu knnen,
als jetzt und wollen nur mit wenigen Worten hinzufgen, was in der nchsten
Zukunft sich mit einigen der Personen zugetragen, die in unserer sehr
wahrhaftigen Geschichte aufgetreten. Wir knnen dies um so weniger unterlassen,
da hierbei noch ein paar kleine Sklavengeschichten zu Tag kommen, deren Details
sich der Leser, wenn er gleiche Verhltnisse bei sich oder Andern sieht, am
besten selbst auszumalen im Stande sein wird.
    Gewhnlich folgt auf eine Verlobung die Hochzeit. So war es auch bei dem
Grafen Fohrbach und Arthur Erichsen der Fall. Obgleich die Freundschaft dieser
Beiden in gleicher Strke fortdauerte, so hatten sie sich doch in letzter Zeit
nicht so hufig gesehen wie frher. Zufllig aber war die Hochzeit beider Paare
an demselben Tage, und fast zur gleichen Stunde verlieen sie die Stadt, um eine
lngere Reise anzutreten. Graf Fohrbach zog gen Norden, wo seine Familie
weitlufige Gter besa, Arthur aber nach Italien, nach dem herrlichen Lande,
das er schon lange zu sehen gewnscht. Der Abschied Clara's von ihrem Vater war
ziemlich schmerzlich gewesen, denn Herr Staiger meinte, bei seinem Alter knne
die Trennung von einem halben Jahre wohl zu einer ewigen werden. Doch besttigte
sich diesmal die Vermuthung des alten Herrn nicht, Clara fand ihn vielmehr als
sie nach der angegebenen Zeit zurckkehrte, frisch und gesund wieder, obgleich
nicht mehr in der Balkengasse, wo sie ihn verlassen. Die Kommerzienrthin hatte
nmlich ihren Schtzling dem Gemahl dringend empfohlen, und die Folge davon war,
da Herr Staiger auf dem Kassenamt des groen Bankierhauses angestellt wurde, wo
er vermge seiner Ordnungsliebe und Rechtlichkeit die vortrefflichsten Dienste
leistete.
    Was man so Brautvisiten nennt, hatten Clara und Arthur vor ihrer Abreise
nicht gemacht; als sie aber zurckkamen und ihr Haus einrichteten zeigten sie
dies ihren Freunden und Bekannten, sowie auch auf den Wunsch der
Kommerzienrthin denen des Erichsen'schen Hauses pflichtschuldigst an. Wenn sich
aber manche stille Familie mit unversorgten Tchtern, die frher den Herrn
Arthur Erichsen sehr hoch gehalten, sowie manche andere, die voll Neid und
Migunst es der armen Clara nicht verzeihen konnten, da sie nicht unter dem
Schutze irgend einer Rangklasse geboren, von dem jungen Paare zurckzogen, so
verursachte ihnen das doch durchaus keinen Kummer. Sie lebten in einem
freundlichen und ausgewhlten Kreise, und Arthur war Philosoph genug, um ber
schiefe Blicke und vornehm germpfte Nasen herzlich zu lachen.
    Um noch einen Augenblick beim Hause des Kommerzienraths zu verweilen, so
kehrte Herr Alfons wenige Tage nach der Verheirathung Arthurs von seiner Reise
zurck. Doch hatte sich das Verhltni zu seiner Frau gnzlich verwandelt; das
Scepter, welches ihm an jenem Tage entfallen, hatte die kluge Frau ergriffen,
und vom unumschrnkten Herrn, auf dessen Winke und Stirnerunzeln sie sonst
ngstlich Achtung gegeben, war er zum Sklaven herabgesunken, welcher sich den,
obgleich nicht unbilligen Wnschen seiner Frau in aller Demuth fgte. Machte er
je einmal einen Versuch, seine Ketten zu brechen, so trat die Kommerzienrthin
in's Mittel, und wenn sie ihre spitze Nase erhob, ihn mit den grauen Augen
scharf anblickte und dazu auf dem Tische zu trommeln begann, so rumte er
achselzuckend das Zimmer und begab sich in sein Comptoir, wo ihn dann oftmals
der Kommerzienrath zu trsten suchte, indem er sprach: Glauben Sie mir, es ist
weit angenehmer fr uns, wenn man die Weiber machen lt; meine Frau hat mich
und die Kinder nun schon an die dreiig Jahre regiert und ich habe mich recht
wohl dabei befunden. Uebrigens sind die Metalliques und die Fnfprozentigen
gestiegen, was eigentlich doch die Hauptsache ist.
    Die Scheidung des Doktor Erichsen von seiner Frau war unerwartet auf ein
Hinderni gestoen. Dieses Hinderni bestand in der Weigerung der Madame Bertha
selbst. Wir wissen, da sie sich zu ihrer Mutter begeben, um sich, wie sie
sagte, von ihrem Manne nicht lnger wie eine Sklavin behandeln lassen zu mssen.
Sie hatte sich ihr elterliches Haus und sich selbst noch ganz so wie frher
gedacht, fand aber in Beiden gewaltig viel verndert. Sie konnte es nicht
vergessen, da sie ein Hauswesen gehabt und zwei liebe Kinder, und es noch viel
weniger ertragen, da sie, welche bei sich unbedingt die Erste gewesen, nun bei
ihrer Frau Mama die Dritte sein sollte. Wir sagen die Dritte, denn Mama, alt und
grmlich geworden, hatte sich bei der Verheirathung ihrer Tochter eine
Haushlterin zugelegt, ein groes, sehr drres Frauenzimmer mit unbeschreiblich
scharfer Zunge, welche das Hauswesen und ihre Gebieterin nicht nur beherrschte,
sondern sogar tyrannisirte. Madame Bertha war noch nicht vier Wochen da, als sie
sich schon unsglich elend fhlte, denn die Launen der Mutter waren
unertrglich, und die drre Haushlterin schien es sich zur Aufgabe gemacht zu
haben, bestndig von den Freuden des Ehestandes zu phantasiren, wobei sie
versicherte, eine geschiedene Frau sei ein Unding und man wisse gar nicht, zu
welcher Klasse der menschlichen Gesellschaft man sie eigentlich zhlen solle.
Hierauf fing Madame Bertha an, sich ihrem Hause wieder zu nhern, indem sie ihre
Kinder hufig aber heimlich sah. Das lie der Doktor, der es erfuhr, wohl
geschehen; auch htte er sich mit seinem weichen Herzen gern seiner Frau wieder
genhert, doch als Arthur abreiste, hatte dieser ihm das Versprechen abgenommen,
bis zu dessen Zurckkunft keinen Schritt zu thun, der von der Doktorin als
annhernd betrachtet werden knnte, indem er gesagt: Wenn du zu bald nachgibst,
so hast du in einem halben Jahre wieder dieselbe Geschichte. -
    Herr Beil hatte von seinem Freunde Arthur den herzlichsten Abschied
genommen, bevor er die Residenz verlie, um dem Auftrag des Herrn von Brand
gem nach dem Gute der Baronin von W. zu fahren, deren Vermgen er in Zukunft
zu verwalten hatte. Vorher berbrachte er aber noch das bewute Paketchen der
Tochter des Prsidenten, die dasselbe im Beisein ihrer Mutter erwartungsvoll
ffnete. Es enthielt ein reiches Armband in Brillanten mit der Bitte des Barons,
dieses Andenken von einem Freunde zu nehmen, dem leider traurige Verhltnisse
nicht erlaubt, der schnen Auguste mehr als dies sein zu knnen. Frulein
Auguste hatte sich brigens von dem harten Schlage, der sie betroffen, noch
nicht gnzlich wieder erholt. Bei dem gewissen Hofball war die Mutter leider zu
besorgt gewesen, die Brautschaft ihrer Tochter allzuvielen Menschen zu
verkndigen, und da nun der Prsident, dem Rathe seiner Gemahlin folgend, des
Baron Brand nur als solchen gedachte, so sah sich Auguste genthigt,
Kondolationen entgegen zu nehmen, die sich brigens nicht lange nachher in
Gratulationen verwandelten, als sie eine neue Brautschaft antrat, die diesmal
ein glcklicheres Ende nahm.
    Unmglich knnen wir dem geneigten Leser verschweigen, da es ferner den
Bemhungen des Herrn Beil in seinen jetzigen besseren Verhltnissen gelungen
war, seinem Freunde, dem ehemaligen Lehrling August, eine ertrgliche Stelle zu
verschaffen. Obgleich August ein gutes Gemth hatte und nicht rachgierig war, so
gehrte es doch zu seinen besonderen Vergngungen und er rechnete es fast zu
seinen Feiertagen, wenn er einen Bestellzettel oder dergleichen der Firma Johann
Christian Blaffer und Compagnie zu berbringen hatte. Dies Geschft war von zwei
jungen Leuten angekauft worden, welche der eingegangenen Bedingung gem den
ehemaligen Chef der Handlung als letzten Commis beibehalten muten. Die Gefhle,
mit welchen Herr Blaffer an seinem Pulte sa, brauchen wir nicht zu schildern;
beinahe wahnsinnig prete er seine mageren Hnde vor die Stirne, wenn August in
das Comptoir trat, und er sich nun um so lebhafter der frheren Zeiten
erinnerte, seines Lehrlings und des verschwundenen Mdchens, von welchem man
brigens nichts mehr gehrt.
    Als Graf Fohrbach am Tage seiner Hochzeit die Stadt verlie, geschah dies in
einem groen, schweren Reisewagen, auf dessen hinterem Bock der Jger Franz
Karner sa, sowie Henriette, die Kammerjungfer der jungen Grfin. Da Diener und
Dienerin sich erst krzlich kennen gelernt hatten, so fand zwischen ihnen keine
lebhafte Unterhaltung statt. Sie blickte rechts und er links, zuerst auf die
Huser, an denen sie vorbeifuhren, dann auf die Pappeln der Allee und was ihnen
sonst noch begegnete. Auf der zweiten Station - - der Ort hie Knigshofen -
sprang Graf Fohrbach aus dem Wagen und fragte seinen Jger, der ihm den Schlag
ffnete: Nicht wahr, da hinaus ginget ihr? Dabei zeigte er auf den Wald, der
sich hinter dem Dorfe erhob. - So ist's, Euer Erlaucht, erwiderte der Jger
und als er wieder auf seinen hohen Sitz geklettert war, blieb er aufrecht
stehen, und starrte lange, lange nach dem Wald hinber - er htte gar zu gern
die Lichtung noch einmal gesehen. Der Wagen rollte aber unaufhaltsam dahin, und
bald legten sich andere Berge und Wlder zwischen ihn und jenen verhngnivollen
Platz. Derselbe ward aber doch Veranlassung, da Franz mit der Kammerjungfer ein
Gesprch anknpfte. Sein Herz war zu voll, es war ihm ein Bedrfni, von jenem
unglcklichen Morgen sowie von einem gewissen Baron Brand, der hier geendet, mit
dem Mdchen zu sprechen. Wie erstaunte er aber, da diese die Geschichte fast so
genau wute wie er selbst, ja da sie den Baron Brand zu kennen und die
innigste, herzlichste Theilnahme an seinem Schicksal zu nehmen schien! Ein Wort
gab das andere, und da Leute, welche auf einem engen Wagensitze so den ganzen
Tag mit einander fahren, leicht zu Mittheilungen geneigt sind, so erzhlten sie
sich Beide noch im Laufe des Nachmittags ihre Schicksale, da er sowohl
Kammerjungfer als Jger an ein und demselben Morgen dem Grafen Fohrbach
empfohlen.
    So fuhren sie dahin und es war spt am Nachmittage, als der Wagen vor einem
Wirthshause umgespannt wurde, in dem sich ziemlich viele Gste befanden, welche
durch ein Harfenmdchen unterhalten wurden, die mit lauter Stimme allerlei
lustige Lieder sang. Als die Knstlerin den Wagen heranrollen hrte, kam sie vor
das Haus, fuhr aber pltzlich wieder zurck, als sie das Gesicht der Dame im
Wagen gesehen hatte. Doch bemerkte man, wie sie ihre Harfe in das Zimmer
hinstellte, und dann dieses sowie das Haus durch eine Hinterthre verlie.
Gleich darauf fhlte Henriette, da sie Jemand an ihrem Mantel zupfe. Sie wandte
sich um und schaute in das lustige Gesicht ihrer ehemaligen Gefhrtin, welche
ihr lachend die Hand reichte. Siehst du, sagte dieselbe, uns Beiden ist es
nach Wunsch gegangen. Du fhlst dich glcklich in den Fesseln deines Dienstes,
und ich mich nicht minder mit meiner Harfe in der prchtigen Freiheit.
    Der Jger war nicht wenig berrascht, Nanette, die er wohl kannte, hier
wieder zu sehen, und auch das Mdchen schien sich herzlich ber die Begegnung zu
freuen. Es ist auch sonst noch ein Bekannter von uns hier, flsterte sie ihm
zu, Mathias, aber er liegt noch immer krank an seiner Wunde darnieder. Freilich
geht's ihm besser, doch hat ihn die Nachricht, da man den Wirth zum Fuchsbau
eingesteckt und da er, den er so sehr geliebt, elend umgekommen sei, wieder
auf's Neue sehr darniedergeworfen.
    Sag' ihm meinen Gru, antwortete Franz, und zu gleicher Zeit, da die
Nachricht von ihm falsch sei. Er ist wohl verschwunden, aber nicht elend
umgekommen.
    Das wird ihn erheitern, versetzte das Harfenmdchen. Jetzt aber lebt
wohl, eure Pferde sind angespannt.
    Leb wohl! sagten Henriette und der Jger, und Beide drckten der Andern
herzlich die Hand. Letzterer lie seine Geldbrse darin zurck, indem er sagte:
Es ist fr Mathias, er soll sich pflegen, und wenn er das Vergangene vergessen
kann, so wird es mir vielleicht mglich sein, spter mehr fr ihn zu thun.
    Dahin flog der Wagen, Jger und Kammerjungfer sprachen lange nichts mit
einander, aber in dem Wirthshaus ertnte gleich darauf wieder lustig wie frher
Harfe und Gesang. -
    Was nun den Fuchsbau anbelangt, nach dessen finsteren Rumen uns der
geneigte Leser schon fters freundlich begleitet, so wurde er vom Staate
angekauft und zu einem Arbeitshause fr weibliche Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft eingerichtet, welche durch bsen Lebenswandel der wachenden
Gerechtigkeit Veranlassung gaben, sich um ihr Privatleben zu bekmmern. Leider
knnen wir aber nicht verschweigen, da sich noch vor Ablauf eines Jahrs, von
dem Zeitpunkt an gerechnet, an welchem unsere wahrhaftige Geschichte schliet,
einige unserer Bekannten dort ein Rendezvous gaben, und zwar Madame Becker,
Madame Wundel und deren Tochter Emilie, leider jedoch nicht zu Kaffee und
Punsch, wohl aber zu Wasser und Brod und sehr dnner Erbsensuppe. Das uns wohl
bekannte Gemach mit der braunen Decke und den gleichen Holzwnden gehrte zur
Wohnung des Aufsehers, doch liebte dieser das Gemach nicht besonders. Er
behauptete, es sei unheimlich da, und wenn er bei fest verschlossenen Fenstern
und Thren zuweilen am Kamin sitze, so spre er hinter sich einen Zugwind, von
dem er durchaus nicht ermitteln knne, woher er komme. Dehalb vermied er
endlich die Zimmer, verschlo es am Ende gnzlich und sprach nur achselzuckend
davon.
    Der Wirth zum Fuchsbau war allerdings eingesteckt worden, auch hatte man ihm
fr einige Zeit ein wohl verwahrtes Quartier verschafft, ihm aber weiter nichts
anhaben knnen. Herr Scharffer leugnete hartnckig, beweisen konnte man ihm nur,
da er zweideutige Gesellen beherbergte, auch der Diebshehlerei nicht fremd
gewesen, und so kam er mit einem halbjhrigen Gefngni davon. Er verlie
dasselbe mit noch strkerem Backenbart, im Uebrigen aber sehr abgemagert.
    Nicht so gut erging es dem Herrn Struber. Nach und nach kamen die meisten
seiner kleinen Liebhabereien und Phantasien an den Tag. Seine Taschendiebereien
und Gelste nach den Ohrringen wehrloser Kinder htten ihn aber wohl nur auf ein
paar Jahre in's Zuchthaus gebracht; doch wie auf dieser Welt Eins dem Andern
folgt, so erschien nach und nach die Korrespondenz, welche er im Auftrag des
Meister Schwemmer fr den schwunghaft betriebenen Kinder-und Menschenhandel
gefhrt. Darauf wurde das Verhltni dieser beiden wrdigen Herren selbst nher
beleuchtet, und Herr Struber vermochte es im Laufe der Untersuchung nicht, sich
von der Anschuldigung frei zu machen, als habe er in Gemeinschaft mit der Dame
Schwemmer, dem natrlichen Laufe vorgreifend, den Ehegemahl der Letzteren frher
zu den Freuden und Leiden des Jenseits verholfen. Es war eine Strafanstalt fr
schwere Verbrecher, welche eine ihrer stillen Zellen dem Herrn Struber ffnete.
Er mute den schwarzen Frack und die baumwollenen Handschuhe fr immer ablegen,
sein vornehmer Anstand und seine feine Bildung verschwanden gnzlich unter dem
groben Strflingsgewand, und da sein hochfliegender Geist sich lange nicht
herablassen wollte, die Handgriffe des Wollspinnens zu erfassen, so war die
verdrieliche Folge hievon, da er Dunkelarrest, Hunger und Prgel kennen lernte
- sehr unangenehme Zuthaten zum Gefngnileben.
    Mademoiselle Therese hatte bei jener Theatervorstellung, die so traurig fr
die unglckliche Marie geendet, zum letzten Mal getanzt. Sie war um ihren
Abschied eingekommen, hatte ihn auch erhalten und reichte nun dem Herrn Berger
ihre Hand. Da sie den Entschlu, mit ihrem Gemahl ein kleines Stck
Sklavenleben aufzufhren, im weitesten Umfange verwirklichte, kann uns der
geneigte Leser auf's Wort glauben. Doch schien sich Herr Berger nicht bel dabei
zu befinden, wenigstens nahm er krperlich zu und wurde aus einem drren,
grmlichen Manne, ein wohlbeleibter, freundlicher Herr. Therese dagegen blieb
sich gleich und behielt ihre schne Taille.
    Die Hochzeit des Paares war wenige Tage, nachdem Arthur abgereist, mit
auerordentlichem Glanze gefeiert worden. Die Tnzerin hatte befohlen, da eine
Deputation ihrer ehemaligen Kolleginnen dabei sein msse, vor allen Dingen aber
Schwindelmann, Herr Hammer, Richard und Schellinger. Fritz, der Theaterfriseur,
war nicht so glcklich gewesen, eine Einladung zu bekommen, hatte es aber doch
nicht unterlassen, das Haar der schnen Braut, wohl zum letzten Mal, wie er
seufzend gesagt, an ihrem Hochzeitstage zu ordnen. Da Therese in ihrem weien
Atlaskleide den Spitzenschleier im grnen Myrthenkranz, wie eine Frstin aussah,
versteht sich von selbst. Herr Berger hrte auch mit Wohlgefallen, wie man ihre
prchtige Gestalt bewunderte und ihn glcklich pries. Auch der Hochzeitsschmaus
ging sehr lustig vorber, und unter allen Anwesenden sah man nur zwei Gesichter
mit trben Mienen. Das waren Richard und Schwindelmann; Letzterer versicherte
fast weinend, man knne es gar nicht glauben, wie ihm jetzt sein Geschft
verleidet werde. Die Clara fort, die arme Marie nicht mehr da, und jetzt auch
noch Mademoiselle Therese, die uns verlt! Es ist Alles aus, seufzte er,
nichts mehr bei dem Ballet; solche, wie diese drei kommen nicht wieder! Dabei
sprach er die Absicht aus, sich nchstens zur Stelle des Anfhrers der Statisten
zu melden, indem er meinte: Die wechseln ohnedies jeden Tag und da hngt man
doch sein Herz an gar nichts. Was Richard anbelangte, so konnte man ihn
eigentlich nicht zu den Hochzeitsgsten rechnen, denn er kam nur auf wenige
Augenblicke, um der Braut zu gratuliren und sich dann, wohl fr immer, von ihr
und den andern Freunden zu verabschieden. Er hatte seine Stelle beim Theater
aufgegeben und war im Begriff, nach Amerika auszuwandern. Hier thut sich's
nicht mehr, sagte er zu Therese, und wenn ich das Theater nur von auen
ansehe, so drckt es mir die Brust zusammen und zerbricht mir fast das Herz. Es
war mit dem schnen und krftigen Mann seit jener Zeit eine groe Vernderung
vorgegangen. Seine glnzenden Augen waren eingefallen, seine sonst so blhenden
Wangen bla geworden, und er, der sonst so rhrig war wie Keiner, konnte nun
stundenlang in irgend eine Ecke starren, an seiner Unterlippe nagend. Er drckte
der schnen Braut herzlich die Hand, sprach einige Worte mit dem alten Herrn
Hammer und winkte alsdann Schwindelmann und Schellinger, die sich fr eine
kleine halbe Stunde entschuldigten und dann mit ihm fortgingen.
    Es war in spter Nachmittagsstunde, und die Drei schritten neben einander
durch die Straen dahin, Richard aufrecht in der Mitte, zu seiner Rechten
Schwindelmann, der besonders wehmthig gestimmt war und von Zeit zu Zeit heftig
schluckte, zu seiner Linken der Garderobe-Gehilfe, welcher den Oberkrper
vornber hielt und seiner Gewohnheit gem die Hnde auf dem Rcken hatte.
Schweigend gingen sie so mit einander fort, durch eine Strae um die andere,
endlich durch das Thor, bis sie einige hundert Schritte vor demselben an ein
eisernes Gitter kamen, durch welches man allerlei Kreuze und Steine blinken sah.
Folgt mir nur, sagte Richard mit leiser Stimme, ich wei schon, wo sie
liegt. Damit schritten sie ber die Grber dahin und kamen endlich an einen
kleinen Hgel, auf welchem ein einfaches Kreuz stand, ber das ein frischer
Immergrnkranz hing. Hier blieben alle Drei mit gefalteten Hnden stehen, der
alte Schellinger zog die Augenbrauen in die Hhe und bemhte sich, seine Wehmuth
zu verbergen, whrend dem weicheren Schwindelmann die Thrnen ber die Wangen
herabtropften. Der Himmel war den ganzen Tag mit finstern Wolken bedeckt
gewesen, die sich jetzt eben am Horizont ein wenig erhoben und der glhenden
Abendsonne erlaubten, einen letzten glnzenden Blick auf das einsame Grab zu
werfen. Dabei erhob sich ein leichter Wind, der Kranz von Immergrn rauschte. -
- Amen! sprach Richard. Dann bckte er sich nieder, brach ein paar Zweige
Immergrn ab und nahm eine Hand voll Erde von dem Grabe. Das soll man mir
spter einmal in das letzte Kopfkissen nhen, sagte er dann.
    Schwindelmann wischte sich die Augen, und als sich die Drei zum Weggehen
anschickten, zeigte er auf ein eingesunkenes Grab, nicht weit von dem anderen
und sagte: Dort liegt die arme Nhterin, wit ihr, dieselbe, der ihr damals
geholfen, ihr Kind wieder zu verschaffen.
    Wo? fragte der Zimmermann.
    Hier, Richard.
    Da war kein Kreuz zu sehen, nur ein kaum bemerklicher Erdhgel ohne Blumen,
selbst ohne Gras.
    Wo ist denn das Kind geblieben? fragte Richard nach einer Pause.
    O es ist gut versorgt worden, entgegnete Schwindelmann. Herr Arthur
Erichsen hat sich seiner angenommen und es geht ihm ganz vortrefflich.
    Bei diesen Worten zuckte ein gewaltiger Schmerz auf dem Gesichte Richards,
und er sprach mit dumpfer Stimme: Die Marie hat mir einmal erzhlt, da jene
Nhterin ihr gesagt: Wenn du einmal glcklich verheirathet bist und du siehst
mein armes Kind an einer Ecke stehen, so schenke ihm ein Almosen. - O Gott! und
nun liegen Beide hier!
    Schweigend, wie sie gekommen, schritten die Drei wieder nach der Stadt
zurck, durch die dunkeln Straen bis an den Gasthof, wo die Hochzeit gehalten
wurde. Hier war es glnzend erleuchtet, und lustige Tanzmusik schallte in die
Nacht hinaus.
    Ich mag nicht mehr hinauf gehen, meinte Richard; sagt meinem Vater, da
ich ihn zu Haus erwarte. Euch seh' ich auch wohl noch. Um elf Uhr fhrt der
Wagen ab, und bis dahin wird die Geschichte oben fertig sein. Er reichte Beiden
eine Hand, und schritt alsdann, ohne sich umzusehen, nach Hause.

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    Die freundlichen Leser einer lngeren Geschichte wie die vorliegende sind
den Theilnehmern an einer Landpartie zu vergleichen. Beim ersten Grauen des
Morgens, sobald man die Thore der Stadt hinter sich hat, hier beim Anfang des
ersten Kapitels, ist die Schaar der Lustwandelnden dicht geschlossen;
wohlgeordnet und emsig geht es fort ber Berg und Thal, Sonnenschein oder Regen
entgegen, und wie dort das lachende, muntere Vlkchen ber die heie Chaussee
dahinzieht oder durch den Schatten des Waldes, so laufen hier emsig die
blitzenden Augen ber die Bltter des Buchs, durch die Linien frisch und
wohlgemuth. Bei manchem der da drauen Wandelnden ebenso wie bei den Lesern ist
indessen der Reiz der Neuheit bald vorbei; sie blicken seufzend auf den Weg, den
sie noch zurckzulegen haben, und die bunten Bilder, die sich vor ihnen
aufrollen, sind ihnen schon entleidet. Diesem ist die Flche, die er
durchwandern mu, zu einfrmig, Jenem zu abwechselnd; dem Einen scheint die
Sonne zu hell, der Andere rgert sich ber die finsteren Wolken, die am Horizont
emporsteigen, auch gefallen ihm nicht die Gesichter, die ihm begegnen, oder die
Kleidung der Leute, denen sie angehren; bald scheinen sie ihm zu geputzt, zu
geziert, bald gar zu sehr bedeckt mit dem Schmutze dieses Lebens. Unmuthig
seufzt der Spaziergnger auf der staubigen Strae und der Leser mit dem Buche in
der Hand. Er findet Kameraden, die wie er denken und die sich stillschweigend
verbinden, langsam zurckzubleiben. Manche werden schon nach den ersten Kapiteln
zu Marodeurs, Andere bei der ersten Rast, hier am Schlu des ersten Bandes. Die
Zurckbleibenden folgen nicht mehr dem Winke des Voranmarschirenden, sie lagern
hier und dort an der Strae, und da bses Beispiel ansteckend ist, so werden der
Marodeurs immer mehrere, je mehr man sich dem Ziel der Reise nhert. Viele gehen
nicht weiter als bis zum Schlu des zweiten Bandes, Andere schauen noch in den
dritten hinein; da aber der Anfang desselben nicht ganz ihren Erwartungen
entspricht, so schlagen sie ihn ungeduldig zu und wenden sich mimuthig ab.
Wenige halten aus bis zum Schlu; diese Wenigen aber sind die Freunde des
Fhrers, und wenn er sich am Ziele angekommen nun ebenfalls ausruhend niederlt
und zurckblickt auf den Weg, den er durchlaufen, so belobt er die freundlich,
die fest bei ihm ausgehalten, und entschuldigt den langen Marsch, den er ihnen
zugemuthet, indem er ihnen sagt: wenn derselbe auch vielleicht nicht so ganz
nach ihren Wnschen ausgefallen sei, so habe doch gewi Jeder etwas gefunden,
was sein Herz erfreut, sei es nun ein glnzender Stein, eine bunte Blume, ein
Blick in den dstern Wald oder auf ein offenes, von der Sonne beschienenes Thal.
Dabei bedankt er sich fr gtige Theilnahme und versichert, wenn er nchstens
wieder einen Spaziergang vorschlage, so wolle er sich nach besten Krften
bemhen, eine schnere Gegend zu finden, einen angenehmeren Pfad mit noch mehr
Abwechslungen, durch Wrme, Klte, Sonne, Regen, Staub, Nsse, Licht und
Schatten - eine wahre Musterkarte, auf der jeder sich aussuchen knne, was ihm
gerade am meisten behage oder was am besten fr ihn passe. Und das sind auch fr
diesmal meine letzten Worte an Dich, freundlicher und wohlgeneigter Leser!
