
                               Keller, Gottfried

                       Der grne Heinrich [Erste Fassung]

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                Gottfried Keller

                               Der grne Heinrich

                                        

                                [Erste Fassung]

                                    Vorwort

Von diesem Buche liegt der erste Band schon seit zwei Jahren, der zweite seit
einem Jahre fertig gedruckt, whrend die Beendigung des dritten und vierten
Bandes durch verschiedenes Ungeschick bis vor kurzem verzgert wurde. Absicht
und Motive blieben dabei unverndert dieselben wie am ersten Tage der
Konzeption, whrend in der Ausfhrung whrend mehrerer Jahre der Geschmack des
Verfassers sich notwendig ndern mute, oder ehrlich herausgesagt: ich lernte
ber der Arbeit besser schreiben. Die ersten Bogen dieses Romanes datieren noch
aus dem Jahr 1847, die letzten entstanden in diesen Tagen, und die
Entstehungsweise des Ganzen gleicht derjenigen eines ausfhrlichen und langen
Briefes, welchen man ber eine vertrauliche Angelegenheit schreibt, oft
unterbrochen durch den Wechsel und Drang des Lebens. Man lt den Brief ganze
Zeitrume hindurch liegen, man wird vielfltig ein anderer; aber wenn man das
Geschriebene wieder zur Hand nimmt, fhrt man genau da fort, wo man aufgehrt
hatte, und wenn sich auch in dem, was man betont oder verschweigt, der Wechsel
des Lebens kundtut, findet sich doch, da man gegen den, an welchen der Brief
gerichtet, und in dieser Sache der alte geblieben ist. Man hat den Brief mit
einer gewissen redseligen Breite begonnen, welche eher von Bescheidenheit zeugt,
indem man sich kaum Stoffes genug zutraute, um den ganzen schnen Bogen zu
fllen. Bald aber wird die Sache ernster; das Mitzuteilende macht sich geltend
und verdrngt die gemtlich ausgeschmckte Gesprchigkeit, und endlich zwingt
sich von selbst, und noch gedrngt durch die ueren Ereignisse und Schicksale,
nicht eine theoretische, sondern im Augenblick praktische konomie in die in der
Eile besonnene Feder, so da nur das Wesentliche sich lsen darf aus dem Fluge
der Gedanken, um sich gegen den Schlu des Briefes hin wenigstens soviel Raum zu
erkmpfen, als ntig ist, mit der warmen Liebe des Anfanges zu endigen. So
entsteht freilich nicht ein streng gegliedertes Kunstwerk, aber vielleicht ein
um so treuerer Ausdruck dessen, was man war und wollte mit dem Briefe. Eine
andere Frage aber ist es nun, ob das Gleichnis hinreiche, eine gewisse
Unfrmlichkeit vorliegenden Romanes zu entschuldigen oder zu beschnigen. Ich
bin weit entfernt, dies versuchen zu wollen; einzig und allein mchte ich durch
das Gleichnis die Hoffnung andeuten, der geneigte Leser werde wenigstens, wenn
auch nicht den Genu eines reinen und meisterhaften Kunstwerkes, so doch den
Eindruck einer wahr empfundenen und mannigfach bewegten Mitteilung davontragen.
- Besagte Unfrmlichkeit hat ihren Grund hauptschlich in der Art, wie der Roman
in zwei verschiedene Bestandteile auseinanderfllt, nmlich in eine
Selbstbiographie des Helden, nachdem er eingefhrt ist, und in den eigentlichen
Roman, worin sein weiteres Schicksal erzhlt und die in der Selbstbiographie
gestellte Frage gewissermaen gelst wird. Der eine dieser Teile ist viel zu
breit, um als Episode des andern zu gelten, und so bleibt nur zu wnschen, da
die Einheit des Inhaltes beide genugsam mge verbinden und die getrennte Form
vergessen lassen. ber den eigentlichen Inhalt wei ich hier nichts zu sagen,
als da man das Buch leider als ein Tendenzbuch wird ansehen knnen, whrend es
in der Tat nur insofern ein solches ist, als es mit Absicht nichts verschweigt,
was in den notwendigen Kreis seines Stoffes gehrt. Stoff und Form aber will ich
hiemit bescheidenst dem ungewissen Stern jedes ersten Versuches anheimstellen.

Berlin 1853
                                                                   Der Verfasser


                                  Erster Band

                                 Erstes Kapitel

Zu den schnsten vor allen in der Schweiz gehren diejenigen Stdte, welche an
einem See und an einem Flusse zugleich liegen, so da sie wie ein weites Tor am
Ende des Sees unmittelbar den Flu aufnehmen, welcher mitten durch sie hin in
das Land hinauszieht. So Zrich, Luzern, Genf; auch Konstanz gehrt
gewissermaen noch zu ihnen. Man kann sich nichts Angenehmeres denken als die
Fahrt auf einem dieser Seen, z.B. auf demjenigen von Zrich. Man besteige das
Schiff zu Rapperswyl, dem alten Stdtchen unter der Vorhalle des Urgebirges, wo
sich Kloster und Burg im Wasser spiegeln, fahre, Huttens Grabinsel vorber,
zwischen den Ufern des lnglichen Sees, wo die Enden der reichschimmernden
Drfer in einem zusammenhngenden Kranze sich verschlingen, gegen Zrich hin,
bis, nachdem die Landhuser der Zricher Kaufleute immer zahlreicher wurden,
zuletzt die Stadt selbst wie ein Traum aus den blauen Wassern steigt und man
sich unvermerkt mit erhhter Bewegung auf der grnen Limmat unter den Brcken
hinwegfahren sieht. Das ganze Treiben einer geistig bedeutsamen und schnen
Stadt drngt sich an den leicht dahinschwebenden Kahn. Soeben versammelt sich
der gesetzgebende Rat der Republik. Trommelschlag ertnt. In einfachen schwarzen
Kleidern, selten vom neuesten Schnitte, ziehen die Vertreter des Volkes auf den
Ufern dahin. Auch die Gesichter dieser Mnner sind nicht immer nach dem neusten
Schnitte und verraten durchschnittlich weder elegante Beredsamkeit noch groe
Belesenheit; aber aus gewissen Strahlen der lebhaften Augen leuchtet
Besonnenheit, Erfahrung und das glckliche Geschick, mit einfachem Sinn das
Rechte zu treffen. Von allen Seiten wandeln diese Gruppen, je nach den
Tagesfragen und der verschiedenen Richtung begrt oder unbegrt vom
zahlreichen emsigen Volke, nach dem dunklen schweren Rathause, das aus dem
Flusse emporsteigt. Stolz neben diesen Gestalten hin rasseln diplomatische
Fremdlinge ber die Brcken in wunderlichem Aufputze, und ihre komischen Livreen
ergtzen, wie billig, einen Augenblick lang das einfache Volk. Zwischendurch
steuert der deutsche Gelehrte mit gedankenschwerer Stirne nach seinem Hrsaal;
sein Herz ist nicht hier, es weilt im Norden, wo seine tiefsinnigen Brder, in
zerrissenen Pergamenten lesend, finstere Dmonen beschwrend, sich ein Vaterland
und ein Gesetz zu grnden trachten. Ausgeworfen von der Grung dieses groen
Experimentes, begegnet ihm der Flchtling mit unsichern, zweifelhaften Augen und
kummervollen Mienen und vermehrt die Mannigfaltigkeit und Bedeutung dieses
Treibens. Jetzt ertnt das Getse des Marktes von einer breiten Brcke ber
unserm Kopfe; Gewerk und Gewerb summt lngs des Flusses und trbt ihn teilweise,
bis die rauchende Husermasse einer der grten industriellen Werksttten voll
Hammergetnes und Essensprhen das Bild schliet. Aus dem pfeilschnell
vorbergeflossenen Gemlde haben sich jedoch zwei Bilder der Vergangenheit am
deutlichsten dem Sinne eingeprgt rechts schaute vom Mnsterturme das sitzende
riesige Steinbild Karls des Groen, eine goldene Krone auf dem Lockenhaupt, das
goldene Schwert auf den Knien, ber Strom und See hin; links ragte auf steilem
Hgel, turmhoch ber dem Flusse, ein uralter Lindenhain, wie ein schwebender
Garten und in den schnsten Formen, grn in den Himmel. Kinder sah man in der
Hhe unter seinen Lautgewlben spielen und ber die Brustwehr herabschauen. Aber
schon fhrt man wieder zwischen reizenden Landhusern und Gewerben, zwischen
Drfern und Weinbergen dahin, die Obstbume hangen ins Wasser, zwischen ihren
Stmmen sind Fischernetze ausgespannt. Voll und schnell fliet der Strom, und
indem man unversehens noch einmal zurckschaut, erblickt man im Sden die weite
schneereine Alpenkette wie einen Lilienkranz auf einem grnen Teppich liegen.
Jetzt lauscht ein stilles Frauenkloster hinter Uferweiden hervor, und da nun gar
eine mchtige Abtei aus dem Wasser steigt, so befrchtet man die schne Fahrt
wieder mittelalterlich zu schlieen; aber aus den hellgewaschenen Fenstern des
durchlfteten Gotteshauses schauen statt der vertriebenen Mnche blhende
Jnglinge herab, die Zglinge einer Volkslehrerschule. So landet man endlich zu
Baden, in einer ganz vernderten Gegend. Wieder liegt ein altes Stdtchen mit
mannigfachen Trmen und einer mchtigen Burgruine da, doch zwischen grnen
Hgeln und Gestein, wie man sie auf den Bildern der altdeutschen Maler sieht.
Auf der gebrochenen Veste hat ein deutscher Kaiser das letzte Mahl eingenommen,
eh er erschlagen wurde; jetzt hat sich der Schienenweg durch ihre Grundfelsen
gebohrt.
    Denkt man sich eine persnliche Schutzgttin des Landes, so kann die
durchmessene Wasserbahn allegorischerweise als ihr kristallener Grtel gelten,
dessen Schluhaken die beiden alten Stdtchen sind und dessen Mittelzier Zrich
ist, als grere edle Rosette.
    So haben Luzern oder Genf hnliche und doch wieder ganz eigene Reize ihrer
Lage an See und Flu. Die Zahl dieser Stdte aber um eine eingebildete zu
vermehren, um in diese, wie in einen Blumenscherben, das grne Reis einer
Dichtung zu pflanzen, mchte tunlich sein indem man durch das angefhrte,
bestehende Beispiel das Gefhl der Wirklichkeit gewonnen hat, bleibt hinwieder
dem Bedrfnisse der Phantasie grerer Spielraum, und alles Mideuten wird
verhtet.
    Unser See bildet scheinbar ein weites ovales Becken, welches aus den
blulichen Farbenabstufungen des umgebenden Gebirges nur ahnen lt, da in der
Ferne da und dort das Wasser in Buchten ausluft und in den verschiedenen
Seitentlern neue Seen bildet. Aus dem Hintergrunde der klaren Gewsser steigt
die mchtige Gletscherwelt empor, senkt sich dann, im Kranze um den See herum,
zum flachern Gebirge herab, bis sich dieses in zwei schnen Bergen schliet,
welche den migen Strom zwischen sich durchtreten lassen, in das ebene Land
hinaus. Am jenseitigen Berge, der seinen sonnigen runden Abhang, dem Sden
zugewendet, aus dem See erhebt, liegt die Stadt hingegossen, fast von seinem
Scheitel bis in das Wasser herunter, da ihr steinerner Fu sich noch in die
splende Flut hineintaucht. Vom diesseitigen Berge aber, welcher aus schroffen
waldbewachsenen Felsen besteht, kann man in die Stadt hinein und hinber
schauen, wie in einen offenen Rarittenschrein, so da die kleinen fernen
Menschen, die in den steilen alten Gassen herumklimmen, sich kaum vor unserm
Auge verbergen knnen, indem sie sich in ein Quergchen flchten oder in einem
Hause verschwinden. Es ist eine seltsame Stadt, mit einem altergrauen Haupte und
neuen glnzenden Fen. Denn der Verkehr und das ttige Leben haben unten am
Ufer, wo die befrachteten Schiffe ab- und zugehen, nichts Altes und Unbequemes
gelassen und die Steinmasse fortwhrend erneuert, whrend das Alter sich am
Berge hinaufflchtete, mitten an demselben, auf einem platten Vorsprunge in der
khlen byzantinischen Stadtkirche ausruhte und oben zuletzt auf der
halbzerfallenen Burg stehenblieb. Seinen innigen Zusammenhang mit dem
gegenwrtigen Leben beweist es jedoch in den riesenhaften Burglinden, welche
ewig grn ihre Aste zu einem mchtigen Kranze verschlingen hoch ber der Stadt,
unmittelbar unter dem Himmel. Wo der Flu sich schon merklich verengt und seine
eigene Strmung annimmt, steht noch ein malerisches festes Brckentor und sendet
eine lange hlzerne Brcke herber, bedeckt von einem altertmlichen Dache,
dessen Geblke mit Schnitzwerk und verblichenen Schildereien berladen ist.
Diesseits empfngt sie wieder ein grauer Turm, und aus diesem hervor fhren
mehrere Wege, teils dem Flusse entlang nach der Flche hinaus, teils auf jhen
Steigen auf den Felsenberg. An dessen Mitte ragt ebenfalls ein betrchtliches
Plateau hinaus; es trgt, wie es oft bei Flustdten vorkommt, eine Art
Anhngsel oder kleinern Teil der Stadt, bestehend aus einem Kastell und
ehemaligen Kloster, deren innere Rume und Hfe vollstndig mit Grbern
angefllt sind, da sie der Stadt schon seit Jahrhunderten zum Kirchhofe dienen.
Die Gebude aber enthalten ein Irrenhaus, ein Armenhaus oder Hospital und
dergleichen mehr. Seltsam und dster haben sich Tod und Elend zwischen dem alten
winklichten Gemuer eingenistet, aus dessen Dunkelheiten die herrliche
schimmervolle Landschaft das Auge um so mehr blendet. Und ber die Grber hin
fhrt der Weg dann vollends, sich durch efeubewachsene Nagelflhe emporwindend,
auf den Berg, wo er sich in einem weitgedehnten prchtigen Buchenwalde verliert.
    Unter einer offenen Halle dieses Waldes ging am frhsten Ostermorgen ein
junger Mensch; er trug ein grnes Rcklein mit bergeschlagenem schneeweien
Hemde, braunes dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmtze, in deren
Falten ein feines wei und blaues Federchen von einem Nuhher steckte. Diese
Dinge, nebst Ort und Tageszeit, kndigten den zwanzigjhrigen Gefhlsmenschen
an. Es war Heinrich Lee, der heute von der bisher nie verlassenen Heimat
scheiden und in die Fremde nach Deutschland ziehen wollte; hier heraufgekommen,
um den letzten Blick ber sein schnes Heimatland zu werfen, beging er zugleich
den Akt eines Naturkultus, wie es hufig bei hoffnungsreichen und
enthusiastischen Jnglingen geschieht.
    Sowenig, auer dem tiefen ruhigen Strmen des Flusses, ein Ton in dieser
Frhe hrbar wurde, ebensowenig war an der weiten tiefen himmlischen
Kristallglocke der leiseste Hauch eines Wlkleins zu sehen. Der weite See
verschmolz mit den Fen des Hochgebirges in eine blaugraue Dmmerung; die
Schneekuppen und Hrner standen milchbla in der Frhe. Als Heinrich an den Rand
des Waldes trat, berflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die
geisterhaften Gebilde; ber dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der
Morgenstern.
    Indem unser Knabe starr nach ihm hinsah, tat er einen jener stummen,
flchtigen Gebetseufzer, die, wenn sie in Worte zu fassen wren, ungefhr so
lauten wrden Das ist sehr schn, o Gott ich danke dir dafr, ich gelobe, das
Meinige auch zu tun! Wo und wer du auch seist, habe Nachsicht mit mir, du weit,
wie alles kommt in deiner Welt, brigens mache mit mir, was du willst!
    Die Brust des jungen Menschen hob und senkte sich sehr stark; aber seine
Seele war so keusch, da er vor allem pathetischen Verweilen, vor aller
Selbstgeflligkeit solcher Augenblicke floh, ehe sich obige wenigen Stze in
seinem Sinne deutlich entwickeln konnten. Also drehte er sich wie der Blitz auf
seinem Absatze herum und eilte, nach Norden und Westen zu schauen. Die Sonne war
aufgegangen; whrend im Sden die Alpenkette nun im frhlichsten hellsten Golde
glnzte, hatte das westliche und nrdliche flache Land, gegen das Rheingebiet
hin, die Rosenfarbe des Morgens angenommen, besonders wo sich die laublosen, fr
diese Farbe empfnglichen Waldungen und violetten Brachfelder dehnten; was
junggrnes Saatland war, schimmerte mehr silbergrau in der Ferne. Von Schnee war
auer dem Gebirge keine Spur mehr zu finden; aber das wenige Grn war noch
trocken und taulos.
    Die Tiefe des Himmels und mit ihr das Gewsser waren jetzt blau und das Land
sonnig geworden. Nur der untere Teil der Stadt und der Flu lagen noch im
Schatten, und letzterer ging tief grn, und blo die lnglich ziehenden Spiegel
seiner Wellen warfen von ihren glattesten Stellen etwas Blau zurck.
    Heinrich Lee sah in seine Vaterstadt hinber. Die alte Kirche badete im
Morgenschein, hie und da blitzte auch ein geffnetes Fenster, ein Kind schaute
heraus und sang, und man konnte aus der Tiefe der Stube die Mutter sprechen
hren, die es zum Waschen rief. Die vielen Gchen, durch mannigfaltiges
steinernes Treppenwerk unterbrochen und verbunden, lagen noch alle im Schatten,
und nur wenige freiere Kinderspielpltze leuchteten bestreift aus dem Dunkel.
Auf allen diesen Stufen und Gelndern hatte Heinrich gesessen und gesprungen,
und die Kinderzeit dnkte ihm noch vor der Tre des gestrigen Abends zu liegen.
Schnell lie er seine Augen treppauf und - ab in allen Winkeln der Stadt
herumspringen, die traulichen Kinderpltze waren alle still und leer wie
Kirchensthle am Werktag. Das einzige Gerusch kam noch vom groen Stadtbrunnen,
dessen vier Rhren man durch den Flugang hindurch glaubte rauschen zu hren;
die vier Strahlen glnzten hell, ebenso was an dem steinernen Brunnenritter
vergoldet war, sein Schwertknauf und sein Brustharnisch, welch letzterer die
Morgensonne recht eigentlich auffing, zusammenfate und sein funkelndes Gold
wunderbar aus der dunkelgrnen Tiefe des Stromes herauf widerscheinen lie.
Dieser reiche Brunnen stand auf dem hohen Platze vor dem noch reichern
Kirchenportale, und sein Wasser entsprang auf dem Berge diesseits des Flusses,
auf welchem Heinrich jetzt stand. Es war frher sein liebstes Knabenspiel
gewesen, hier oben ein Blatt oder eine Blume in die verborgene Quelle zu
stecken, dann neben den hlzernen Rhren hinab, ber die lange Brcke, die Stadt
hinauf zu dem Brunnen zu laufen und sich zu freuen, wenn zu gleicher Zeit oben
das Zeichen aus der Rhre in das Becken sprang; manchmal kam es auch nicht
wieder zum Vorschein. Er pflckte eine eben aufgehende Primel und eilte nach der
Brunnenstube, deren Deckel er zu heben wute; dann eilte er die unzhligen
Stufen zwischen wucherndem Efeugewebe hinunter, ber den Kirchhof, wieder
hinunter, durch das Tor ber die Brcke, unter welcher die Wasserleitung auch
mit hinberging. Doch auf der Mitte der Brcke, von wo man unter den dunklen
Bogen des Geblkes die schnste Aussicht ber den glnzenden See hin geniet,
selbst ber dem Wasser schwebend, verga er seinen Beruf und lie das arme
Schlsselblmchen allein den Berg wieder hinaufgehen. Als er sich endlich
erinnerte und zum Brunnen hinanstieg, drehte es sich schon emsig in dem Wirbel
unter dem Wasserstrahle herum und konnte nicht hinauskommen. Er steckte es zu
dem Federchen auf seiner Mtze und schlenderte endlich seiner Wohnung zu durch
alle die Gassen, in welche berall die Alpen blau und silbern hineinleuchteten.
Jedes Bild, klein oder gro, war mit diesem bedeutenden Grunde versehen vor der
niedrigen Wohnung armer Leute stand Heinrich still und guckte durch die
Fensterlein, die, einander entsprechend, an zwei Wnden angebracht waren, quer
durch das braune Germpel in die blendende Ferne, welche durch das jenseitige
Fenster der Stube glnzte. Er sah bei dieser Gelegenheit den grauen Kopf einer
Matrone nebst einer kupfernen Kaffeekanne sich dunkel auf die Silberflche einer
zehn Meilen fernen Gletscherfirne zeichnen und erinnerte sich, da er dieses
Bild unverndert gesehen, seit er sich denken mochte.
    So spielte dieser Jngling wie ein Kind mit der Natur und schien seine
bevorstehende, fr seine kleinen Verhltnisse bedeutungsvolle Abreise ganz zu
vergessen. Allein pltzlich fiel es ihm schwer aufs Herz, als er nun vor seinem
dstern Vaterhause stand und die Mutter ihm ungeduldig aus dem Fenster winkte.
Schnell eilte er die engen Treppen hinauf, den Wohngemchern der Haushaltungen
vorbei, die alle im Hause wohnten.
    Wo bleibst du denn so lang? empfing ihn die Frau Lee, eine geringe Frau
von etwa fnfundvierzig Jahren, an welcher weiter nichts auffiel, als da sie
noch kohlschwarze schwere Haare hatte, was ihr ein ziemlich junges Ansehen gab;
auch war sie um einen Kopf kleiner als ihr Sohn.
    Da habe ich schon angefangen, deinen Koffer zu packen, weil du sonst vor
Abgang der Post nicht mehr fertig wrdest.
    Heinrich guckte in den Koffer; mit richtigem Sinn hatte die gute Frau Mappen
und Bcher auf den Boden gebreitet; nur hatte sie mit weniger Zartheit
verschiedene Bogen und Papiere nicht genugsam zusammengeschichtet, so da einige
derselben an den Wnden des Koffers gekrmmt wurden, was der Sohn eifrig
verbesserte. Fr Papier haben die meisten Hausfrauen berhaupt nicht viel
Gefhl, weil es nicht in ihren Bereich gehrt. Die weie Leinwand ist ihr
Papier, die mu in groen, wohlgeordneten Schichten vorhanden sein, da schreiben
sie ihre ganze Lebensphilosophie, ihre Leiden und ihre Freuden darauf. Wenn sie
aber einmal ein wirkliches Briefchen schreiben wollen, so findet sich kaum ein
veraltetes Blatt dazu, und man kann sich alsdann mit einem hbschen Bogen
Postpapier und einer wohlgeschnittenen Feder sehr beliebt bei ihnen machen.
    Auch hier erwies es sich, da die Mutter eigentlich die schweren Gegenstnde
zuunterst gepackt hatte, um die zwlf schnen neuen Hemden zu schonen, welche
sie jetzt hineinlegte.
    Trage doch recht Sorge fr deine Hemden, sagte sie, ich habe das Tuch
selbst gesponnen; siehst du, diese sechs sind fein und schn, sie stammen aus
meinen jngeren Jahren, diese sechs hingegen sind schon grber, meine Augen sind
eben nicht mehr so scharf. Alle aber sind schneewei, und wenn du auch, whrend
sie noch gut sind, feinere Kleider anschaffen knntest, so darfst du doch meine
Wsche dazu tragen, weil es anstndige und ehrbare Leinwand ist. Wechsle recht
gleichmig ab, wenn du sie der Wscherin gibst, damit nicht ein Teil zuviel
gebraucht wird, und verfasse immer einen genauen Waschzettel. Und da du mir nur
das Weizeug und dergleichen mehr estimierst als bisher und nichts verzettelst!
Denn bedenke, da du von nun an fr jedes Fetzchen, das dir abgeht, bares Geld
in die Hand nehmen mut und es doch nicht so gut bekmmst, als ich es verfertigt
habe. Wenigstens untersteh dich nicht mehr und wische deine kotigen Schuhe auf
Spaziergngen mit neuen Taschentchern ab, welche du nachher wegwirfst, wie du
neulich getan hast! Halte auch deine zwei Rcklein gut und ordentlich und hnge
sie immer in den Schrank, anstatt sie zu Hause anzubehalten und halbe Tage lang
so zu lesen, wie ich dich schon oft ertappt habe. Besonders wenn du sie
ausbrstest, fahre nicht mit der Brste darauf herum wie der Teufel im Buch
Hiob, da du alle Wolle abschabst!
    Das verwnschte Kleiderputzen, entgegnete hierauf der Sohn, welcher
unterdessen beim Ausbreiten der Kleidungsstcke seine Hnde auch immer
unntzerweise im Koffer hatte, das verwnschte Kleiderputzen wird berhaupt nun
ein Ende nehmen; denn wenn man in der Fremde ist und sich eine ordentliche
Wohnung mieten mu, so bekommt man die Bedienung mit in den Kauf. Es reut mich
jeder Augenblick, den ich mit dem widerlichen Geschft zugebracht habe.
    Das ist wieder der Hans Obenhinaus! rief etwas heftig die Mutter,
Bedienung! ich sage dir, lasse dich lieber nicht bedienen, wenn du dich dadurch
billiger einrichten kannst. Ich sehe nicht ein, warum du nicht selbst deine
Sachen in Ordnung halten solltest, whrend du sonst stundenlang in die Berge
hineinstarrst!
    Das verstehst du halt nicht! htte Heinrich fast gesagt, fand es aber fr
gut, die Worte zu verschlucken und sich dafr mit dem festen Vorsatze zu
wappnen, hinfro keine Schuhbrste mehr anrhren zu wollen. Das undankbare Kind
verga hiebei gnzlich, wie rhrend ihn die Mutter oft berrascht hatte, wenn er
beim Antritt irgendeiner kleinen Reise, oder wenn Fremde im Hause waren, seine
Schuhe glnzend gewichst fand, just wenn er mit Seufzen und falscher Scham vor
dem Besuche an das verhate Geschft gehen wollte.
    Indessen war Frau Lee besorgt, noch eine Menge Kleinigkeiten auf die
geschickteste Weise in dem Koffer unterzubringen. Dann brachte sie ein mchtiges
Stck feine Seife, wohl eingewickelt, eine zierliche Nadelbchse, Faden und
Knpfe aller Art in einem artigen Schchtelchen, eine Schere, eine gute neue
Kleiderbrste, unterschiedliche Tuchabschnitzel, welche seinen Kleidungsstcken
entsprachen, zusammengerollt und mit einem Bindfaden vielfach umwunden, und die
sie ihm ja nicht zu verlieren empfahl, indem ein gewandter Schneider die
Existenz eines Rockes mit dergleichen manchmal um ein volles Jahr zu fristen
vermge. Sie geriet hiebei wieder in einigen Konflikt mit dem Sohne, welcher
alle vorhandenen Lcken fr die verschiedenen Bruchstcke einer alten Flte, fr
ein Lineal, eine Farbenschachtel, einen bauflligen Operngucker usw. in Beschlag
nehmen wollte. Ja, er machte, obgleich er kein Mediziner war, doch einen
vergeblichen Versuch, einen defekten Totenschdel, mit welchem er seinem
Kmmerchen ein gelehrtes Ansehen zu geben gewut hatte, noch unter den Deckel zu
zwngen. Die Mutter jagte ihn aber mit widerstandsloser Energie von dannen, und
man behauptet, da das greuliche Mbel nicht lange nachher einem ehrlichen
Totengrber bei Nacht und Nebel nebst einem Trinkgelde bergeben worden sei.
    Sie schlossen mit Mhe den vollgepfropften Koffer; denn auch das Kind der
unbemitteltsten Eltern, wenn es aus den Armen einer treuen Mutter scheidet,
nimmt immer noch etwas weniges ber seine Bedrfnisse hinaus mit und ist in
einem gewissen Sinne wohlausgestattet. Die Tage sind traurig, wo diese
Ausstattung, diese warme Hlle sich nach und nach auflst und verliert und mit
bitteren, oft reuevollen Erfahrungen durch wildfremdes Zeug ersetzt werden mu.
    Whrend Heinrich noch eine groe, schwere Mappe einwickelte, die ganz mit
Zeichnungen, Kupferstichen und altem Papierwerk angefllt war, sein wanderndes
Museum, besorgte seine Mutter das Frhstck und ermahnte ihn, unterdessen noch
bei den Hausgenossen Abschied zu nehmen. Das Haus gehrte ihr und war ein hohes
altes brgerliches Gebude, dessen unterstes Gescho noch in romanischen
Rundbogen, die Fenster der mittleren im altdeutschen Stil und erst die zwei
obersten Stockwerke modern, doch regellos gebaut waren. Alles war dster und
geschwrzt. Drei oder vier Handwerkerfamilien bewohnten seit langen Jahren in
guter Eintracht mit der Frau Hausmeisterin das Haus. Bei ihnen trat Heinrich
nacheinander ein und sagte sein Lebewohl. Die braven Leute wnschten ihm mit
herzlicher Teilnahme alles Glck und ermahnten ihn, nicht zu lange in der Welt
herumzufahren, sondern bald wieder zu ihnen und zu der Mutter zurckzukehren.
Die glckliche Festtagsruhe, in welcher er die zufriedenen und nach nichts
weiter verlangenden Menschen antraf, trat ihm ans Herz, und er bat sie, seiner
Mutter, die nun ganz allein sei, mit Rat und Tat beizustehen. Die ernsthaften
Hausvter, den sonntglichen Seifenschaum um Mund und Kinn, versicherten, da
seine Bitte unntig sei, holten bedchtig aus ihren bescheidenen Pulten einen
harten Taler hervor und drckten denselben dem Scheidenden mit diplomatischer
Wrde verdeckt in die Hand. Obgleich er, nach der Behauptung seiner Mutter, ein
Obenhinaus war, so durfte er doch durch diese brgerliche schne Sitte sich
nicht beleidigt finden. Auch lag ein rechter Segen in diesem sauer erworbenen
und mit ernstem Entschlusse geschenkten Gelde; es schien Heinrich die ersten
Tage seiner Reise hindurch, wo er es zuerst gebrauchte, um seine Hauptkasse zu
schonen, als ob es gar nicht ausgehen wollte.
    Endlich sa er seiner Mutter beim Frhstck gegenber, auf dem Stuhle, auf
welchem der dreijhrige Knabe schon geschaukelt hatte. Es war nun alles getan
und vorbereitet; ein Mann hatte den Koffer nach der Post geholt - es war eine
Totenstille in der Stube. Die Morgensonne umzirkelte die altertmlichen,
ererbten Porzellantassen, welche Heinrich schon zwanzig Jahre lang durch die
Hnde seiner Mutter gehen sah, ohne da je eine zerbrochen wre. Es war ein
feierlicher Moment gewesen, als er fr wrdig erfunden ward, sein
Kinderschsselchen mit einer dieser bunten und vergoldeten Tassen versuchsweise
zu vertauschen.
    Frau Lee htte ihrem Sohne noch gern allerlei gesagt; aber sie konnte mit
ihm gar nicht sentimental sprechen, sowenig als er mit ihr. Endlich sagte sie
schchtern und abgebrochen:
    Werde nur nicht leichtsinnig und vergi nicht, da wir eine Vorsehung
haben! Denke an den lieben Gott, so wird er auch an dich denken, und mach, da
du bald etwas lernst und endlich selbstndig werdest; denn du weit genau,
wieviel du noch zu verbrauchen hast und da ich dir nachher nichts mehr werde
schicken knnen, das heit, wenn es dir bel ergehen sollte, so schreibe mir ja,
solange du weit, da ich selbst noch einen Pfennig besitze, ich knnte es doch
nicht ertragen, dich im Elend zu wissen.
    Der Sohn schaute whrend dieser Anrede stumm in seine Tasse und schien nicht
sehr gerhrt zu sein. Die Mutter erwartete aber keine andern Gebrden, sie wute
schon, woran sie war, und fhlte sich etwas erleichtert. Ach, du lieber Himmel!
dachte sie, eine Witwe mu doch alles auf sich nehmen; diese Ermahnungen zu
erteilen, dazu gehrt eigentlich ein Vater, eine Frau kann solche Dinge nicht
auf die rechte Weise sagen; wenn das arme Kind nicht zurechtkommt, wie werde ich
die Sorge mit dem gehrigen klugen Ernste vereinigen knnen?
    Heinrich aber war jetzt mit seinen Gedanken schon weit in der Ferne; die
Neugierde, die Hoffnung, Lebens- und Wanderlust hatten ihn mchtig angewandelt,
und die Ungeduld bernahm ihn. Er sprang auf und sagte Jetzt mu ich gehen, leb
wohl, Mutter! Die Trnen strzten ihr in die Augen, als sie ihm die Hand gab,
und er fhlte, als er vor ihr her die vier Treppen hinabeilte, da sein Gesicht
ganz hei wurde, aber er bezwang sich. Die Hausgenossen kamen auch noch unter
die Haustre, wo Heinrich allen zumal noch die Hand gab, ohne seine Mutter dabei
stark auszuzeichnen, wenn man einen letzten flchtigen und wehmtigen Blick, den
er auf sie warf, ausnehmen will. Das Volk, das mit der ueren Sorge sein Leben
lang zu kmpfen hat, erweist sich selbst wenig sichtbare Zrtlichkeit. Von
verwandtschaftlichen Umarmungen und Kssen ist wenig zu finden; niemand kt
sich als die Kinder und die Liebenden und selbst diese mit mehr Dezenz als die
gebildete und sich bewute Gesellschaft. Da Mnner einander kten, wre
unerhrt und berschwenglich lcherlich. Nur groe Ereignisse und Schicksale
knnen hierin eine Ausnahme bewirken.
    Als Heinrich Lee mit schnellen Schritten nach dem Posthause hinlief und
einige Minuten darauf, oben auf dem schwerflligen Wagen sitzend, ber die
Brcke und neben dem Flusse das enge Tal entlangfuhr, mit begeisterten Augen das
offene Land erwartend, die Primel noch auf seiner Mtze da konnte dieser
sonderbare Bursche fr die Hlfte der Zuschauer etwas vorteilhaft Anregendes,
aber gewi auch fr die andere Hlfte etwas ungemein Lcherliches haben.
Feingefhlig und klug sah er darein, jedoch sein ueres war zugleich seltsam
und unbeholfen. Was er eigentlich war und wollte, das mssen wir mit ihm selbst
zuerst erfahren und erleben; da man es in jenem Augenblick nicht recht wissen
konnte, machte seiner Mutter genugsamen Kummer.
    Sie war auf ihre Stube zurckgekehrt. Ein tiefes Gefhl der Verlassenheit
und der Einsamkeit berkam sie, und sie weinte und schluchzte, die Stirn auf den
Tisch gelehnt. Der frhe Tod ihres Mannes, die Zukunft ihres sorglosen Kindes,
ihre Ratlosigkeit, alles kam zumal ber ihr einsames Herz. Ein mchtiges
Ostermorgengelute weckte und mahnte sie, Trost in der Gemeinschaft der vollen
Kirche zu suchen. Schwarz und feierlich gekleidet ging sie hin; es ward ihr wohl
etwas leichter in der Mitte einer Menge Frauen gleichen Standes; allein da der
Prediger ausschlielich das Wunder der Auferstehung sowie der vorhergehenden
Hllenfahrt dogmatisierend verhandelte, ohne die mindesten Beziehungen zu einem
erregten Menschenherzen, so geno die gute Frau vom ganzen Gottesdienste nichts
als das Vaterunser, welches sie recht inbrnstig mitbetete, dessen innerste
Wahrheit sie aufrichtete.
    Die Erinnerung an empfangene Liebe, als ein Zeugnis, da man einmal im Leben
liebenswrdig und wert war, ist es vorzglich, welche die Sehnsucht nach der
frheren Jugend nie ersterben lt. Wer nicht das Glck hatte, eine aufknospende
zarte und heilige Jugendliebe zu genieen, der hat dagegen gewi eine treue und
liebevolle Mutter gehabt, und in den sptern Tagen bringen beide Erinnerungen
ungefhr den gleichen Eindruck auf das Gemt hervor, eine Art reuiger Sehnsucht.
Wer aber in jeder Weise verwaist und einsam aufgewachsen ist, der kann wohl
sagen, da er um einen Teil des Lebens zu kurz gekommen sei.

                                Zweites Kapitel


Indem eine Grundlinie der Landschaft nach der anderen sich verschob und
vernderte und aus dem heitern Ziehen und Weben ein ganz neuer Gesichtskreis
hervorging, welcher allmhlich wieder in einen neuen sich auflste, war
Heinrich, mit hellen Jugendaugen aufmerkend, seinem eigenen Wesen zurckgegeben.
Die verlassene Mutter und Heimat bildeten wohl eine zarte und weiche Grundlage
in seinem Gemte; doch auf ihr spielten mit ungebrochenen Farben alle Bilder der
neuen Welt, welche ihm aufging. Denn obgleich schon ziemlich die weite Welt in
leicht erfaten Bildern seinem innern Sinne vorbeigezogen war und besonders sein
Knstlergedchtnis die Formen und Gestalten der fernsten Zonen bewahrte, so war
ihm doch jetzt die kleinste Neuheit, welche durch jede weitere Stunde Wegs
gebracht wurde, das Nchste und Wichtigste. Eine neue Art von bemalten
Fensterladen oder Wirtshausschildern, eine eigentmliche Gattung von
Brunnensulen oder Dachgiebeln in diesem oder jenem Dorfe, besonders aber die
bald vor-, bald seitwrts, bald fern, bald nah, immer frisch auftauchenden
Bergzge und Erdwellen machten ihm die grte Freude. Es war ein windstiller,
lieblicher Frhlingstag. Lange Zeit sah er eine milde weie Wolke ber dem
Horizonte stehen, zu seiner Rechten oder auch zur Linken, wie der Wagen eben
fuhr; die sanften, bald fern blauen, bald nah grnen oder braunen Wogen der Erde
flossen still darunter hin, sie aber blieb immer dieselbe, bis sie endlich, als
er sie eine Weile vergessen hatte und wieder suchte, auch verschwunden war. Am
meisten freute ihn jedoch, wenn er, immer mehr sich von der Geburtsstadt
entfernend, stets noch an einem ihm unbekannten Orte ein bekanntes Gesicht
vorbergleiten sah, das er sonst an Wochenmrkten oder Festtagen in der
beschrnkten Stadt bemerkt hatte; wohl zehn Stunden von zu Hause weg, sah er
sogar an einem Brunnen noch ein schnes falbes Pferd trinken, welches ihm zu
Hause schon fters aufgefallen war, als vor ein buntes Wgelchen gespannt, auf
welchem ein dicker Mller sa. Richtig lie sich auch der Mller im
Sonntagsstaate sehen, und Heinrich wute nun, wo das falbe Pferd zu Hause war.
Dieses waren alles noch Zeichen der Heimat, freundliche Begleiter und sozusagen
die letzten Trsteher, welche ihn wohlwollend entlieen.
    Aber nicht nur in der ueren Umgebung, auch an sich selbst empfand er den
Reiz eines neuen Lebens. Dann und wann begegnete ein reisender Handwerksbursch,
ein alter zitternder Mann, ein verlaufenes bleiches Bettlerkind dem
dahinrollenden Wagen. Whrend keiner der andern Reisenden sich regte, wenn die
demtig Flehenden mhsam eine Weile neben dem schnellen Fuhrwerke hertrabten,
suchte Heinrich immer mit eifriger Hast seine Mnze hervor und beeilte sich, sie
zu befriedigen. Dabei fiel es ihm nicht schwer, es mit einer Miene zu tun,
welche den Bettler gewissermaen zu ihm heraufhob, statt noch mehr abwrts zu
drcken, und je nach dem besondern Erscheinen des Bittenden leuchtete aus
Heinrichs Augen ein Strahl des Verstndnisses, der unbefangenen Teilnahme, eines
sinnigen Humores oder auch ein Anflug mrrischen, lakonischen Vorwurfes; immer
aber gab er, und die von ihm Beschenkten blieben oft berrascht und nachdenklich
stehen. Weil Gewohnheit und Sitte nur eine kleine Gabe, ein Unmerkliches
verlangen, so hielt er es um so mehr fr wrdelos, je einen Armen erfolglos
bitten zu lassen, mge nun geholfen werden oder nicht, mge Erleichterung oder
Liederlichkeit gepflanzt werden; ein gewisser menschlicher Anstand schien ihm
unbedingt zu gebieten, da mit einer Art Zuvorkommenheit diese kleinen
Angelegenheiten abgetan wrden. Er hatte noch nicht die Kenntnis erworben, da
bei dem faulen und haltlosen Teile der Armen durch wiederholtes Abweisen jenes
Gekrnktsein und dadurch jener Stolz geweckt werden mssen, welche endlich
Selbstvertrauen hervorbringen.
    Allein bisher war es ihm nur sprlich vergnnt, dem Zuge seines Herzens zu
folgen. Indem er als einziges Kind bei seiner vorsichtigen und haushlterischen
Mutter lebte, welche, whrend er seinen Trumen nachhing, ihm sozusagen den
Lffel in die Hand gab, geschah es selten, da er mit etwelcher Mnze versehen,
und wenn er es war, so brannte sie ihm in der Hand, bis er sie ausgegeben hatte.
So kam es, da ihn immer ein Schrecken berfiel, sobald er von fern einen
Bettler ahnte und ihm auszuweichen suchte. Konnte dies nicht geschehen, so ging
er rasch abweisend vorbei, und wenn der Bettler nachlief, hllte er seine
Verlegenheit in einen rauhen, unwilligen Ton, wobei aber sein weies Gesicht
eine flammende Rte berlief. Er konnte so rechte Unglckstage haben, wo er
viele und verschiedenste arme Teufel antraf, ohne einem einzigen etwas geben zu
knnen, und er mute fortwhrend ein bses Gesicht machen; denn als er einst
ganz gemtlich und vertraulich einem groen Schlingel gesagt hatte, er bese
selbst kein Geld, forderte ihn dieser hhnisch auf, mit ihm betteln zu gehen. In
allem diesen lag nun freilich, wie viele Leute sagen wrden, mehr ein unbefugter
Hochmut als eine demtige Barmherzigkeit; vielleicht aber knnte man auch sagen
Es ist die knigliche Gesinnung eines ursprnglichen und reinen Menschen,
welche, allgemein verbreitet, die Gesellschaft in eine Republik von lauter
liebevollen und wahrhaft adelig gesinnten Knigen verwandeln wrde; es ist die
immerwhrende Erhebung des Herzens, welche nach der Tat trachtet; es ist die
gttliche Einfalt, welche nur ein Ja und ein Nein kennt und letzteres verwahrt
und verbirgt wie ein schneidendes Schwert.
    Wenigstens fahr Heinrich wie ein wahrer Knig in die helle Welt hinaus. Er
war nun sich selbst berlassen und konnte in den Kreis seines Geschickes
aufnehmen, was sein leichtes Herz begehrte; und indem er gewissenhaft den Armen
seinen Kreuzer mitteilte, rechnete er dieses zu den seinem Leben ntigen
Ausgaben. Er dachte bermtig Zwei Pfennige sind immer genug, um den einen
wegzuschenken! und so trug er wenige Taler in der Tasche, aber ein Herz voll
Hoffnung und blhenden Weltmutes in der Brust. Wre er ein Knig dieser Welt
gewesen, so htte er vermutlich viele Millionen verschleudert, so aber konnte
er nichts vergeuden als das wenige, was er besa seines und seiner Mutter Leben.
    Gegen Mittag fuhr der Postwagen durch ein groes ansehnliches Dorf, wie sie
in der flachern Schweiz hufig sind, wo Flei und Betriebsamkeit, im Lichte
frhlicher Aufklrung und unter oder vielmehr auf den Flgeln der Freiheit, aus
dem schnen Lande nur eine freie und offene Stadt erbauen. Wei und glnzend
standen die Huser lngs der breiten sauberen Landstrae, dehnten sich aber auch
in die Runde, mannigfaltig durch Baumgrten schimmernd. Auch vor dem geringsten
war ein Blumengrtchen zu sehen, und im rmsten derselben blhten eine Hyazinthe
oder einige Tulpen hervor, Pflanzen, welche sonst nur von Vermglicheren gezogen
wurden. Es ist aber auch nichts so erbaulich, als wenn durch einen ganzen
Landstrich eine fromme Blumenliebe herrscht. Ohne da die Hausvter im
geringsten etwa unntze Ausgaben zu beklagen htten, wissen die Frauen und
Tchter durch allerlei liebenswrdigen Verkehr ihren Grten und Fenstern jede
Zierde zu verschaffen, welche etwa noch fehlen mag, und wenn eine neue Pflanze
in die Gegend kommt, so wird das Mitteilen von Reisern, Samen, Knollen und
Zwiebeln so eifrig und sorgsam betrieben, es herrschen so strenge Gesetze der
Geflligkeit und des Anstandes darber, da in kurzer Zeit jedes Haus im Besitze
des neuen Blumenwunders ist. So sind in neuerer Zeit eine der schnsten
Erscheinungen die Georginen. Vor zehn oder fnfzehn Jahren blhten sie nur noch
in den stattlich umhegten Grten der Reichen, in der Nhe der Stdte oder vor
glnzenden Landhusern; dann verbreiteten sie sich unter dem Mittelstande, sich
zugleich in hundertfarbigen Arten entfaltend durch die Kunst der Grtner, und
jetzt steht ein Strauch dieser merkwrdigen Blume, wo nur ein Fleck Erde vor der
Htte des lndlichen Tagelhners frei ist. Wie die flchtig wandernden
Stammvter eines spter groen Weltvolkes sind die ersten einfachen Exemplare
der Georginen aus dem fernen Reiche der Montezumas herbergekommen, und schon
bedecken ihre Enkel zahllos unsere Grten, aus der Tiefe ihrer Lebenskraft
entwickeln sie eine endlose Farbenpracht, wie sie die Hochebenen Mexikos nie
gesehen haben. Kinder des neuweltlichen Westens, herrschen sie nun neben den
Kindern des alten Ostens, den Rosen, wie sonst keine Blume. Freilich noch immer
geben diese allein den sen Duft und jenes khlende Rosenwasser, welches
krankgeweinte Augen erfrischt, und noch immer eignen sie sich am besten dazu,
einen vollen Becher zu schmcken. Aber darin wetteifern die bunten Scharen
Amerikas mit dem glhenden Rosenvolke des Morgenlandes, da sie mit
unverwstlicher Lebenslust unser Herz bis an das Ende des Jahres begleiten und
ihre samtenen Brste ffnen, bis der kalte Schnee in sie fllt.
    Hell und aufgeweckt erschien das Dorf, durch welches die Reisenden fuhren,
in vielen Erdgeschossen erblickte man die Abzeichen von Gewerben Uhrmachern,
Krschnern, sogar Goldschmieden, und von Krmereien, welche man sonst nur in den
Stdten findet; einige Huser erschienen so herrisch, die Grten davor so
wohlgepflegt, da man in den Besitzern mit Recht reiche Dorfmagnaten vermutete.
Doch wenn auch der eine, gleich einem Deputierten der franzsischen Bourgeoisie,
im eleganten Schlafrock, die Zigarre im Munde, aus dem Fenster schaute, so stand
dafr der andere in bloen weien Hemdsrmeln auf der Hausflur, und seine
braunen Hnde verkndeten, ungeachtet des stdtischen Hauses, den rstigen
Ackersmann, ja, vor einem seiner Fenster hing zum Durchlften die Uniform eines
gemeinen Soldaten, whrend aus der Dachluke seines Knechtes diejenige eines
Unteroffiziers in der Frhlingsluft flaggte. Bei all dieser Stattlichkeit war
nun aber das Schulhaus doch das schnste Gebude im Dorfe, welches in der ganzen
Gegend fter der Fall war. Auf einem freien geebneten Platze ragte es mit hohen
blinkenden Fenstern empor und verriet heitere gerumige Sle; von seiner Front
schimmerte in kolossalen goldenen Buchstaben das Wort Schulhaus. Hier, auf dem
sonnigen Vorplatze und auf der breiten steinernen Treppe, welche fast
tempelartig den ganzen vordern Sockel bekleidete, mochte der Ort sein, welchen
sonst die alten Dorflinden bezeichnen; denn eine Gruppe lterer und jngerer
Mnner unterhielt sich hier behaglich, sie schienen zu politisieren; aber ihre
Unterredung war um so ruhiger, bewuter und ernster, als sie vielleicht,
dieselbe bettigend, noch am gleichen Tage einer wichtigen ffentlichen
Pflichterfllung beizuwohnen hatten. Die Physiognomien dieser Mnner waren
durchaus nicht national ber einen Leisten geschlagen, auch war da nichts
Pittoreskes, weder in Tracht noch in Haar- und Bartwuchs, zu bemerken; es
herrschte jene Verschiedenheit und Individualitt, wie sie durch die
unbeschrnkte persnliche Freiheit erzeugt wird, jene Freiheit, welche bei einer
unerschtterlichen Strenge der Gesetze jedem sein Schicksal lt und ihn zum
Schmied seines eigenen Glckes macht. So erschienen hier die einen von rastloser
Arbeit gebrunt und getrocknet, zh und hart, andere in Energie und Gewandtheit
aufblhend, andere wieder von Spekulation gefurcht. Alle aber waren uerlich
ruhig, ungebeugt und sahen kundig und auch ziemlich prozeerfahren in die Welt.
    So bereinstimmend mit seinen rhrigen Bewohnern nun das schne Dorf
dastand, um so fremdartiger ragte die Kirche aus ihm hervor. Dem Stile oder
besser Nichtstile nach stammte sie aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein ovales
nchternes Gebude mit kreisrunden Fenstern, frmlichen Lchern, war nicht alt
und nicht neu, weder der verbrauchte Baustoff noch die mageren geschmacklosen
Verzierungen, sowenig als der gedankenlose Turm, taten die mindeste Wirkung; man
ahnte schon von auen die langweiligen hlzernen Bankreihen und die kleinliche
Gipsbekleidung des Innern, den unfrmlich bauchigen Taufstein, das lcherliche
braune Kanzelfa; ohne Begeisterung gebaut und keine erweckend, verkndete das
Gebude den untrstlichen Schlendrian, mit welchem es gebraucht wurde. Es sah
aus wie ein unntzes sonderbares Mbel in einem Hause, welches der Besitzer aber
eigensinnig um keinen Preis veruern will, weil er seit langen Jahren gewohnt
ist, seinen Hut darauf zu stellen, wenn er nach Hause kehrt, oder, wenn man ein
wenig artiger sein will, weil sein Firnis auf eine ihm angenehme Weise den
Sonnenblick auffngt und auf den Stubenboden wirft.
    Aus diesem herzlos unschnen Gebude nun bewegte sich ein langer Zug
sechszehnjhriger Konfirmandinnen quer ber die Strae, von einem dicken
jovialen Pfarrherrn angefhrt, so da der Postwagen anhalten mute, bis alle
vorbei waren. Schwarz gekleidet, mit gebeugten Huptern, die trnenden Augen in
weie Taschentcher gedrckt, wallten die zarten Gestalten paarweise langsam
vorber, die keuschen Lippen noch feucht von dem Weine, welchen man ihnen als
Blut zu trinken, in der Kehle noch das Brot, welches man ihnen als
Menschenfleisch zu essen gegeben hatte. Diese dunkle Mdchenschar mit dem
rotnasigen Pfarrer an der Spitze kam Heinrich vor wie ein Flug gefangener
Nachtigallen aus dem Morgenlande, welche ein betrunkener Vogelhndler zum
Verkauf umherfhrt. Der Zug schlngelte sich aber auch traumhaft genug unter dem
klaren Himmel und durch Land und Leute hin.
    Wenn wir solche Dinge in der Weise schildern, wie sie sich dem jungen
Wanderer eindrckten, so wird man in derselben nicht die rcksichtslose Art der
Jugend verkennen, welche mit einer gewissen, brigens gesunden Unbestechlichkeit
zwischen dem scheinbaren und dem wirklich Anstigen durchaus keinen Unterschied
zugeben will. Da religise Gegenstnde vor allem nur Sache des Herzens sind, so
bringt dieses in seiner aufwachenden Bltezeit das Recht zur Geltung, die
berlieferungen mit seinen angebornen reinen Trieben in Einklang zu setzen. Wer
erinnert sich nicht jener glcklichen Tage, wo man, im geruschvollen
schwindelnden Kreisen dieses Rundes erwachend, mit den neuen feinen Fhlhrnern
der jungen Seele um sich tastend, von keiner Autoritt Notiz nehmen und den
Mastab seines unverdorbenen Gefhles auch an das Ehrwrdigste und Hchste legen
will? Wer will wohl bestreiten, da vielleicht, wenn das Ursprngliche und also
auch wohl Gttliche, das in der jungen Menschenseele liegt, nicht in das
hanfene, drrgeflochtene Netz eines Katechismus, heie er, wie er wolle,
abgefangen wrde, die schneidende blutige Kritik des Mannesalters und die
wildesten Kmpfe verhtet wrden? Heinrich hegte eine besondere Piett gerade
fr die Begriffe Brot und Wein, das Brot schien ihm so sehr die ewig
unvernderte unterste Grundlage aller Erden- und Menschheitsgeschichten, der
Wein aber die edelste Gabe der geistdurchdrungenen lebenswarmen Natur zu sein,
da nichts ihn so geeignet dnkte zur Feier eines gemeinsamen symbolischen
Mahles der Liebe als edles weies Weizenbrot und reiner goldener Wein. Daher war
es ihm auch anstig, diese wichtigen, aber einfachen und reinlichen Begriffe
mit einer heidnisch-mystischen und, wie ihm vorkam, widermenschlichen Mischung
zu trben. Auf das Historische des vorhandenen Sakramentes konnte er nun um so
weniger Rcksicht nehmen, als ihm die theologischen Einsichten und Kenntnisse
abgingen.
    Als die Sonne sich bereits zu neigen anfing, machte der Wagen an einem Dorfe
wieder halt, damit die Pferde gewechselt werden konnten. Heinrich trat mit den
andern Reisenden in das Gasthaus, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Der
eine whlte ein Glas Wein, der andere eine Schale Kaffee, der dritte verlangte
schnell etwas Krftiges zu essen, es ging geruschvoll zu mit Genieen,
Geldwechseln und Bezahlen; alle taten wichtig, zerstreut oder nur auf sich
achtsam und liefen stumm aneinander vorbei in der Stube umher. Auch Heinrich,
spreizte sich, lie es sich schmecken und zum berflu noch eine schlechte
Zigarre geben, welche er ungeschickt in Brand zu stecken suchte. Da gewahrte er
in einem Winkel der Stube eine rmliche Frau mit ihrem jungen Sohne, welcher ein
groes Felleisen neben sich auf der Bank stehen hatte. Beide waren ihm als
Nachbarsleute bekannt. Er grte sie und vernahm, da auch dieser junge Bursche,
welcher das Handwerk eines Malers und Lackierers erlernt hatte, heute die Reise
in die Fremde antrat, da seine Mutter, die Feiertage benutzend, lange vor
Tagesanbruch sich mit ihm auf den Weg gemacht und sie so, die Fu- und Feldwege
aufsuchend, bis hierher gekommen seien, wo sie sich nun trennen wollten. Die
gute Frau gedachte dann bis zur vlligen Dunkelheit noch ein Stck Weges
zurckzuwandern und bei bekannten Landleuten ber Nacht zu bleiben. Sie tranken
einen blassen dnnen Wein und aen Brot und Kse dazu; doch war es eine Freude
zu sehen, wie sorglich die Frau die Gottesgabe behandelte, ihrem Sohne zuschob
und fr sich fast nur die Krumen zusammenscharrte. Dazwischen schrfte sie ihm
ein, wie er seinen Meistern gehorchen, bescheiden und fleiig sein und keine
Hndel suchen sollte. Dann mute er seinen Geldbeutel nochmals hervorziehen;
vier oder fnf neue groe Geldstcke wurden als bekannte Gren einstweilen
beiseite gelegt, dagegen eine Handvoll kleineres Geld berzhlt, betrachtet und
ausgeschieden. Der Junge steckte seinen Schatz wieder ein, die Mutter aber
entwickelte aus einem Zipfel ihres Schnupftuches etwas Kupfermnze und bezahlte
die Zeche.
    Inzwischen rollte das bewegliche Wanderhaus mit seinen ewig wechselnden
Bewohnern wieder auf der Strae, eine Anhhe hinan und der khlen Nacht
entgegen. Heinrich schaute fortwhrend zurck nach Sden; rein, wie seine
schuldlose Jugend, ruhte die Luft auf den Gebirgszgen seiner Heimat, aber diese
waren ihm in ihrer jetzigen Gestalt fast ebenso fremd wie die Schwarzwaldhhen
im dmmernden Norden, denen er sich allmhlich nherte und ber welchen rtliche
Wolkengebilde einen rtselhaften Vorhang vor das deutsche Land zogen.
    Fern hinter dem Wagen sah er seinen jungen Nachbar den Hgel hinankeuchen,
noch kaum erkennbar mit seinem schweren Felleisen. ber denselben hinweg
gleiteten Heinrichs Augen noch einmal nach dem sdlichen Horizonte; er suchte
diejenige Stelle am Himmel, welche ber seiner Stadt, ja ber seinem Hause
liegen mochte, und fand sie freilich nicht. Desto deutlicher hingegen sah er
nun, als er, sich in den Wagen zurcklehnend, die Augen schlo, die mtterliche
Wohnstube mit allen ihren Gegenstnden, er sah seine Mutter einsam umhergehen,
ihr Abendbrot bereitend, dann aber kummervoll am Tische vor dem Ungenossenen
dasitzen. Er sah sie darauf einen Band eines groen Andachtswerkes, fast ihre
ganze Bibliothek, nehmen und eine geraume Zeit hineinblicken, ohne zu lesen;
endlich ergriff sie die stille Lampe und ging langsam nach dem Alkoven, hinter
dessen schneeweien Vorhngen Heinrichs Wiege gestanden hatte. Hier mute er den
Mantel ein wenig vor sein Gesicht drcken, es war ihm, als ob er schon jahrelang
und tausend Stunden weit in der Ferne gelebt htte, und es befiel ihn eine
pltzliche Angst, da er die Stube nie mehr betreten drfe.
    Er konnte sich nicht enthalten, jene Familien bitterlich zu beneiden, welche
Vater, Mutter und eine hbsche runde Zahl Geschwister nebst briger
Verwandtschaft in sich vereinigen, wo, wenn je eines aus ihrem Schoe scheidet,
ein andres dafr zurckkehrt und ber jedes auerordentliche Ereignis ein
behaglicher Familienrat abgehalten wird, und selbst bei einem Todesfalle
verteilt sich der Schmerz in kleinere Lasten auf die zahlreichen Hupter, so da
oft wenige Wochen hinreichen, denselben in ein fast angenehm-wehmtiges Erinnern
zu verwandeln. Wie verschieden dagegen war seine eigne Lage! Das ganze Gewicht
ruhte auf zwei einzigen Seelen; wurden die auseinandergerissen, so kannte jede
die Einsamkeit der anderen, und der Trennungsschmerz wurde so verdoppelt.
    Haben wohl, dachte er, jene Propheten nicht unrecht, welche die jetzige
Bedeutung der Familie vernichten wollen? Wie khl, wie ruhig knnten nun meine
Mutter und ich sein, wenn das Einzelleben mehr im Ganzen aufgehen, wenn nach
jeder Trennung man sich gesichert in den Scho der Gesamtheit zurckflchten
knnte, wohl wissend, da der andere Teil auch darin seine Wurzeln hat, welche
nie durchschnitten werden knnen, und wenn endlich demzufolge die
verwandtschaftlichen Leiden beseitigt wrden!
    Im Mittelalter wurde der Tod als ein menschliches Skelett abgebildet, und es
hat sich daraus eine ganze Knochenromantik entwickelt; sogar leblose
Gegenstnde, wie Meerschiffe, wurden skelettisiert und muten auf dem Meere als
Totenschiff spuken. Denkt man sich solcherweise das fliegende Gerippe einer
Krhe, so war es der Schatten derselben, welchem der Gedanke glich, der soeben
ber Heinrichs Seele lief. Die warme Sonne schien reichlich durch das drre
Gitter der Knchlein und Gebeine.
    Nein, rief ihm sein innerstes Gefhl zu, der Zustand, den sich diese
Menschen wnschen, gleicht zu sehr der stabilen gedankenlosen Seligkeit, welche
das hchste Ziel der meisten Christen ist. Man mu wohl unterscheiden zwischen
Leiden und Leiden; das eine ist zu dulden, ja zu ehren, whrend das andere
unzulssig ist!
    Der beste Mastab, dachte er weiter, ist vielleicht der sthetische. Alle
Leiden lassen sich in schne und unschne einteilen, in sittliche und
unsittliche, unsittlich fr die, welche sie ansehen und in ihrer Nhe dulden.
Eine Waise, die auf einem Grabhgel in Trnen zerfliet, ist schn, und ihr
Schmerz wird ihr durch das ganze Leben wohltuend sein; aber ein Kind, welches
verkommen und hungerig im Staube liegt, ist eine Schande fr die ganze
Landschaft, und fr es selbst erwchst nicht die mindeste ersprieliche Regung
aus diesem Zustande; eine greise Mutter, welche ihre Kinder und Enkel
dahinsterben sieht, wird geheiligt durch ihr Weh, und ihr Lebensabend ist fr
sie und andere feierlicher; aber eine alte gebrechliche Frau, welche zitternd um
den Tagelohn arbeitet, eine Brde auf dem gebeugten Rcken, ist ein peinlicher
Anblick und gereicht ihrer Gemeinde zum brennenden Vorwurf. Der Jngling, der
mit mchtigen Leidenschaften ringt und seine Grundstze dem Leben Schritt fr
Schritt abstreitet, ist, so unglcklich er sich oft fhlt, bei alledem wohl
daran, whrend uns der Bauernknecht in den Augen weh tut, der verachtet und
vergessen, unwissend und trotzig vor seiner Stalltre liegt und nach nichts
verlangt als nach seinem Vesperbrot. Jener Jngling gewinnt in jedem Sturme, und
seine Energie erfreut den Zuschauer, dieser unglckliche Faulpelz aber wird
durch das langweilige Trpfeln seiner nakalten Tage zuletzt ganz verdorben.
Kurz, man soll nur dasjenige Unglck dulden, was seinem Trger zur eigentlichen
Zierde gereicht, alles andere ist in einer anstndigen Gesellschaft auszurotten.
    So spekulierte Heinrich in der Finsternis seines Postwagens; er verga
indessen eine Hauptsache, nmlich da seine anstndigen und unanstndigen Leiden
manchmal so durcheinandergemischt und mit Schuld und Unschuld so durchwebt sind,
da ein eigener Linne ntig wre, sie einzureihen, und gerade fr den sthetiker
knnten bei unvorsichtigem Aufrumen die seltensten Exemplare verlorengehen.

                                Drittes Kapitel


Nicht ohne Herzklopfen vernahm er nun, da man sich dem Rheine nhere, und bald
sah er den schnen Flu im Mond lichte glnzend daherwallen. Die Post hielt in
einem kleinen Grenzorte, und als das Nachtquartier besorgt war, ging Heinrich
wieder hinaus; denn die freie Natur, der nchtliche Himmel waren nun seine
einzigen Bekannten. Einen jungen Fischer, der singend in seinem Kahne sa, bewog
er, ein wenig stromaufwrts zu fahren. Die Nacht war schn; das deutsche Ufer
zeichnete sich dunkel mit seinen Wldern auf den heitern Himmel. Noch eine
Ruderlnge, und Heinrich konnte den Fu auf dies Land setzen, dessen Namen ihn
mit dunklen lockenden Erwartungen erfllte. Das badische Ufer war gerade nicht
sehr verschieden vom schweizerischen. Es war finster und still, eine einsame
Zollsttte ruhte unter Bumen, ein mattes Licht brannte darin. Aber schimmernd
umfate die Rheinflut den steinigen Strand, und ihre Wellen zogen gleichmig
krftig dahin, hell glnzend und spiegelnd in der Nhe, in der Ferne in einem
mildern Scheine verschwimmend. Und ber diese Wellen war fast alles gekommen,
was Heinrich in seinen Bergen Herz und Jugend bewegt hatte. Hinter jenen Wldern
wurde seine Sprache rein und so gesprochen, wie er sie aus seinen liebsten
Bchern kannte, so glaubte er wenigstens, und er freute sich darauf, sie nun
ohne Ziererei auch mitsprechen zu drfen. Hinter diesen stillen schwarzen
Uferhhen lagen alle die deutschen Gauen mit ihren schnen Namen, wo die vielen
Dichter geboren sind, von denen jeder seinen eigenen mchtigen Gesang hat, der
sonst keinem gleicht, und die in ihrer Gesamtheit den Reichtum und die Tiefe
einer Welt, nicht eines einzelnen Volkes, auszusprechen scheinen. Er liebte sein
helvetisches Vaterland; aber ber diesen Strom waren dessen heiligste Sagen, in
unsterblichen Liedern verherrlicht, erst wieder zurckgewandert; fast an jedem
Herde und bei jedem Feste, wo der rstige Schatten mit Armbrust und Pfeil
heraufbeschworen wurde, trug er das Gewand und sprach die Worte, welche ihm der
deutsche Snger gegeben hat. Er schwrmte nur fr die deutsche Kunst, von
welcher er allerlei Wundersames erzhlen hrte, und verachtete alles andere,
Frankreich liebte er, wie man ein schnes liebenswrdiges Mdchen mitliebt, dem
alle Welt den Hof macht, und wenn etwas Gutes in Paris geschah, so freute er
sich hchlich, kam etwas Widerwrtiges vor, so wute er allerlei galante
Entschuldigungen aufzubringen. Erblickte hingegen in Deutschland etwas Gutes das
Licht, so machte er nicht viel Wesens daraus, als ob sich das von selbst
verstnde, und des Schlechten schmte er sich, und es machte ihn zornig. Alles
aber, was er sich unter Deutschland dachte, war von einem romantischen Dufte
umwoben. In seiner Vorstellung lebte das poetische und ideale Deutschland, wie
sich letzteres selbst dafr hielt und trumte. Er hatte nur mit Vorliebe und
empfnglichem Gemte das Bild in sich aufgenommen, welches Deutschland durch
seine Schriftsteller von sich verfertigen lie und ber die Grenzen sandte. Das
nchterne praktische Treiben seiner eigenen Landsleute hielt er fr Erkaltung
und Ausartung des Stammes und hoffte jenseits des Rheines die ursprngliche Glut
und Tiefe des germanischen Lebens noch zu finden. Dabei hatte er alle Richtungen
und Frbungen desselben ineinandergeflochten, ohne Kenntnis und Beurteilung
ihrer natrlichen Stellung unter- und gegeneinander. Dem Rationalismus hing die
romantische Caprice am Arm, das Schillersche Pathos und der britische Humor,
Jean Paulsche Religiositt und Heinesche Eulenspiegelei schillerten
durcheinander wie eine Schlangenhaut; die Beschwrungsformeln aller Richtungen
hatte er im Gedchtnis und sah darum begeistert das vor ihm liegende Land als
einen groen alten Zaubergarten an, in welchem er als ein willkommener Wanderer
mit jenen Stichworten kstliche Schtze heben und wieder in seine Berge
zurcktragen drfe.
    Neugierig schaute Heinrich, nher hinzufahrend, in die dmmernde Waldnacht
hinein, welche nur sprlich vom Mondlicht durchschienen ward, und als ein Reh
aus dem Busche an das Ufer trat, ein in der Schweiz schon seltenes Tier, da
begrte er es freudigen Mutes als einen freundlichen Vorboten. Es war brigens
gut, da er keine solidere und gefhrlichere Schmuggelware in seinem leichten
Fahrzeuge fhrte als solche Hoffnungen; denn ein Wchter des deutschen
Zollvereins war dem Schifflein schon geraume Zeit mit gespanntem Hahn
nachgeschlichen, um zu sphen, wo es etwa landen mchte. Sein Rohr blinkte hin
und wieder matt vom Scheine der mondbeglnzten Wellen.
    Der Ostermontag sah den jungen Pilger schon frh den Rhein hinauf und
Hussens Brandsttte vorbei ber den weithin leuchtenden Bodensee fahren. Das
schne Gewsser, welches vom Mai bis zum Weinmonat der paradiesischen Landschaft
zur Folie dient, machte jetzt noch seinen Reiz und seine Klarheit fr sich
selbst geltend, und das mehr und mehr im blauen Dufte verschwindende Ufer des
Thurgaus schien nun blo um der schnen Umgrenzung des Sees willen dazusein.
Sanft und rasch trugen die Fluten das Schiff an das fremde Gebiet hinber, und
erst als eine Schar grmlich-hflicher Bewaffneter den pltzlich Gelandeten
umringte und von allen Seiten musterte, tat es ihm fast weh, da an der Schwelle
seines Vaterlandes ihn gar niemand um sein Weggehen befragt und besichtigt
hatte.
    Ein Fuhrmann mit einer leer dastehenden alten Reisekutsche trug Heinrich fr
wenig Geld die Weiterbefrderung an, und bald kutschierte dieser tief in das
Land der Zukunft hinein. Die Sonne schien tapfer, er sa hoch auf dem Bock,
immer noch die verwelkte Primel auf der Mtze, und fhrte die Zgel der beiden
mageren Gule, whrend der Fuhrmann neben ihm sich einem sen Miggange
berlie und mit den befreundeten Stallknechten aller Gasthuser am Wege
gelufige Witz- und Schimpfworte austauschte. Das Land wurde bald flach und
kornreich, doch die Ortschaften lagen unverbunden und einsam da, das Volk war
schweigsam und eintnig in seinem Aussehen. Aber Heinrich besa eine
unverwstliche Piett fr die Natur; wo keine Gebirge und Strme waren, da fand
er jedes Gehlz, einen stillen Ackergrund, einen besonnten Hgel reizend um der
Stimmung willen, die darauf lag, und seine Verbndeten waren hiebei die
Atmosphre und die Sonne, welche ihm jeden Busch zu etwas gestalten halfen. Und
schon frh hatte er, ohne theoretische Einpflanzung, unbewut, die glckliche
Gabe, das wahre Schne von dem blo Malerischen, was vielen ihr Leben lang im
Sinne steckt, trennen zu knnen. Diese Gabe bestand in einem treuen Gedchtnis
fr Leben und Bedeutung der Dinge, in der Freude ber ihre Gesundheit und volle
Entwicklung, in einer Freude, welche den uern Formenreichtum vergessen kann,
der oft eigentlich mehr ein Barockes als Schnes ist. So war er imstande, einen
mchtig in den Himmel strebenden Tannenbaum mit frohem Auge zu betrachten,
whrend ein anderer denselben sogleich auf die Kunst bezog und die strende
steife Linie hinwegwnschte und irgendeinem recht zerrissenen verkrppelten
Birnbaum nachlief. Das glnzende ungebrochene Grn einer Wiese, eines
Buchenwaldes im Frhling erquickte seinen Blick, indessen jener den giftigen
Ton beklagte und ein Stck faulen Sumpf bewunderte. In dieser Weise, die Natur
zu ergreifen, war er ber das malerische Verstndnis hinaus zum allgemeinen
Dichterischen zurckgelangt, welches vom Anfang an in jedem Menschen liegt, und
dieses zeigte ihm auch noch etwas Schnes, wo der Maler darbte.
    Deswegen lie Heinrich auch jetzt seine Augen schweifen, links und rechts
vom Wege, und guter Laune wurde in einem ansehnlichen Dorfe haltgemacht. Der
arme fahrende Schler sah sich an den runden Sondertisch des Gasthauses versetzt
und begann eben, still auf seinen Teller schauend, an die heimatliche
Mittagstafel zu denken, als ein herrschaftlicher Wagen mit Wappen und Bedienten
heranfuhr und seine Inhaber unter groem Gerusch der Wirtsleute in die Stabe
traten. Es waren eine schne Dame von etwa dreiig, ein noch schneres Mdchen
von funfzehn Jahren und ein groer feiner Herr im besten Mannesalter, welcher
von dem Wirt untertnigst Herr Graf genannt wurde. Diese Umstnde waren
hinreichend, um fr den unerfahrenen Heinrich ein kleines Abenteuer zu sein.
Obgleich er sich gegen allen ungebhrlichen Respekt gewappnet fhlte, konnte er
doch nicht umhin, einige neugierige Blicke nach diesen berbrgerlichen Wesen
hinzuwerfen, von denen er noch keines in der Nhe gesehen hatte und die jetzt am
gleichen Tische Platz nahmen.
    Das nahe Rauschen und Knistern der seidenen Gewnder machte ihn befangen und
behaglich zugleich, und whrend er sich mit seinen Hnden und seinem Ewerkzeuge
mglichst enge zusammenhielt, htte er sich doch um keinen Preis ganz von seinem
Pltzchen hinweglocken lassen; denn wie zwei Frhlingssonnen ruhten die offenen
kindlichen Augen des jungen Mdchens auf ihm. Er wagte auch bald das zweite Paar
Blicke auszusenden, welche diesmal auf die ltere Dame trafen, wie sie ihn mit
einem eiskalten, merkwrdigen Gesichte ansah und gar nicht zu bemerken schien,
da er sie ebenfalls betrachtete. Nachdem sie den rotgewordenen Heinrich eine
Weile angesehen hatte, wandte sie ihre Augen wieder von ihm, wie wenn sie nur
auf einem Krug oder einem Stuhl geruht htten, ohne irgendeinen jener feinen
bergnge, welche artigen und rcksichtsvollen Leuten in solchen Fllen schnell
zu Gebote stehen. Diese Augengrobheit bewirkte, da er von nun an nicht mehr
aufsah und sich bestrebte, so bald als mglich vom Tische zu kommen. In diesem
Bestreben schien ihn ein allerliebstes Bologneserhndchen untersttzen zu
wollen, welches, auf dem Tische umherlaufend, pltzlich vor seinem Teller ein
Mnnchen machte. Ach, sieh den kleinen Schelm! rief die Dame mit kindlicher
Freude; Heinrich hielt dem Tiere unwillkrlich ein Stckchen Kuchen hin, da rief
sie dasselbe sogleich zurck, und als es nicht kam, ergriff sie es unwillig beim
Pelze und setzte es vor sich hin. Willst du wohl dableiben, du Landstreicher?
sagte sie, als der Graf hinzutrat und bemerkte Aber, Emilie, tu doch den Hund
vom Tisch, wir sind ja nicht allein! Emilie aber entgegnete mit einer
unnachahmlichen Unbefangenheit Ach Gott, das arme Tierchen wird doch niemanden
genieren? Jetzt erst merkte Heinrich die neue Ungezogenheit und wollte diese
bermtige Person heimlich mit irgendeinem Schimpfworte bedienen, als die Kleine
das Hndchen auf den Scho nahm und mit ihren feinen Hndchen in festen Banden
hielt. Zugleich trat der Herr zu ihm und redete ihn an:
    Mein Herr, ich habe soeben von Ihrem Kutscher vernommen, da wir den
gleichen Weg reisen. Auch ich bin hierhergekommen, um mittelst der Post bis zur
nchsten Eisenbahnstation zu gelangen. Da Sie aber ganz allein sind, so haben
Sie vielleicht nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen geselle? Denn ich ziehe
die gemtliche Kutsche bei diesem Wetter dem dumpfen Postwagen vor; auch mein
Gepck, welches nicht betrchtlich ist, drfte noch neben dem Ihrigen Platz
finden.
    Heinrich erwiderte etwas unbeholfen, da er gar nichts zu verfgen htte,
indem es dem Kutscher freistnde, so viel Passagiere aufzunehmen, als er
unterbringen knne. Die groe Dame hingegen rief Du wirst dich doch nicht in
den alten Rumpelkasten setzen wollen, mit dem schmutzigen Fuhrmann auf dem Bock?
Nein, da dank ich dafr!
    Wenn du ein Herz fr mich hast, liebe Schwester, sagte der Herr, so
wnschest du mir vielmehr Glck dazu, da ich einige Stunden lang die freie Luft
und das schne Wetter genieen kann!
    Gut, da wir diesmal nicht mitreisen, sonst wrdest du uns am Ende noch
zwingen, mit einzusitzen!
    Ebensowenig als ich euch zumuten wrde, die Post zu gebrauchen!
    Zur Strafe werden wir deine glorreiche Abfahrt aber auch nicht abwarten,
sondern sogleich zurckfahren!
    Das kann ich auch gern erlauben; denn dieser Herr und ich werden uns
unmittelbar nach euch auf den Weg machen.
    Whrend dieses Gesprches hatte sich zwischen Heinrich und dem jungen
Dmchen ein artiger stummer Verkehr entsponnen. Das Hndchen auf ihrem Schoe
blickte bestndig nach dem Stckchen Kuchen hin, welches verlassen und
unerreichbar auf dem Tische lag, das Mdchen langte danach, Heinrich anblickend,
wie um Erlaubnis zu bitten, konnte es aber nicht erreichen, so da er es ihr
nher hinschob. Der Hund mute nun seine Knste machen, ehe er den Kuchen
erhielt, Heinrich legte ein anderes Stck auf die neutrale Mitte des Tisches,
von wo es das freundliche Kind wegholte, und so ging es fort, bis der Vorrat
verzehrt war. Dabei hatte sie den Fremden nicht mehr angesehen, jedoch so laut
und frhlich zu dem Tierchen gesprochen und die Hnde so fest und traulich nach
dem Backwerke bewegt, da er sich wohl als zur Gesellschaft gehrig betrachten
durfte, und er erwiderte auch diese Freundlichkeit durch die grte Stille und
Bescheidenheit. Als der Graf nun die Damen nach dem Wagen hinausfhrte, um dort
von ihnen Abschied zu nehmen, grte die Kleine unter der Tre Heinrich ganz
allerliebst, und dieser machte dem unerwachsenen Kinde ein so ernsthaftes
Kompliment, als wenn er die ehrwrdigste Matrone vor sich gehabt htte.
    Indessen hatte sich im Gastzimmer eine Gesellschaft von sechs bis sieben
Mnnern eingefunden, smtlich mit runden vollen Gesichtern und blonden
Schnurrbrten verschiedensten Schnittes. Sie trugen graue Jagdrcke mit grnen
Aufschlgen, und einige waren mit Sporen versehen. Bald hatte jeder einen
schumenden Krug Bier vor sich, welches, nebst einer beabsichtigten Kegelpartie,
auch der Hauptinhalt des lauten Gesprches war, aus welchem es sich weiter
ergab, da smtliche Gesellschaft aus Gerichtsassessoren, Forstleuten,
Steuerbeamten und dergleichen bestand; auch ein Physikus war dabei. uerlich
konnte man sie nicht unterscheiden, weil alle gleich rstig und forstmig
aussahen, und Heinrich betrachtete sie mit Wohlgefallen und gestand sich, da
diese sporenklirrenden Beamten in ihren Jagdtrachten sich keck und malerisch
ausnhmen im Gegensatz zu den nchternen und friedlichen Wrdetrgern in den
Drfern seines Vaterlandes. Die Mnner sprachen viel von Bchsen und Kugeln, und
er schrieb ihnen deswegen auch einen gehrigen Verstand zu, von seiner Heimat
her gewohnt, denselben meistens bei guten Schtzen und wehrhaften Leuten zu
finden. ber diesen Betrachtungen hatte er achtlos den Kopf bedeckt, um sich das
Anlegen seines Mantels, das Bezahlen seiner Zeche und dergleichen bequemer zu
machen, und nherte sich schon der Tre, als einer der Herren vor ihn hintrat
und ihm die Mtze vom Kopfe nahm mit den Worten Wenn Sie nicht wissen, mein
Herr, was hierzulande Sitte ist, so ist man gentigt, es Ihnen deutlich zu
zeigen! - Heinrich sah ganz verblfft auf den Redner, dann auf die groen
Bierkrge und in der braunen Stube umher; seine Augen glitten aber ab von den
hhnischen Gesichtern, auf welche sie trafen und die darauf hinwiesen, da diese
Szene das Resultat einer frmlichen, vorhergehenden Beratung war; denn alle
Genossen des Angreifers standen im Kreise um ihn herum. Jetzt erst wurde er
feuerrot und stammelte zornig Wie knnen Sie sich unterstehen -, dabei hob er
seine Mtze vom Boden auf, drehte sie krampfhaft zusammen und hatte nicht bel
Lust, den Mann damit ins Gesicht zu schlagen. Zugleich riefen verschiedene
Stimmen Sein Sie ruhig, oder man wird Sie hinauswerfen!
    Ich ersuche Sie, das bleibenzulassen, meine Herren! sagte der Graf,
welcher hereinkommend alles mit angesehen hatte, mit entschiedener Stimme und
trat neben Heinrich. Wenn hier jemand, fuhr er fort, keine Lebensart besitzt,
so ist es jedenfalls nicht dieser junge Mann, und insbesondere verwahre ich mich
dagegen, da es deutscher Sitte gem sei, einen harmlosen Reisenden durch
Ttlichkeiten zu belehren!
    Die Anwesenden hatten sich schon stillschweigend zurckgezogen, und der
dicke Wirt, welcher vorhin keine Miene gemacht hatte, den Fremden in seinem
Hause zu beschtzen, war in angstvoller Verlegenheit. Nur der Anfhrer der
Beamtengesellschaft erwiderte mit unsicherer Stimme Wenn wir von einem Fremden
die gebhrliche Achtung verlangen, so geschieht es in Rcksicht auf des Knigs
Majestt, dessen Stellvertreter wir sind.
    Es liegt schwerlich im Wunsche des Knigs, da seine Beamten sich hinter
den Bierkrug lagern, um darber zu wachen, da jeder Reisende im Lande den Hut
abzieht! Damit fate der Graf seinen Schtzling unter den Arm und ging mit ihm
hinaus.
    Die Beamten liefen in groer Verwirrung in der Stube umher und ergriffen
stumm und grimmig ihre Krge; sie schmten sich nicht voreinander, sondern vor
den Wirtsleuten, welche Zeugen ihrer Demtigung gewesen waren. Nur einer sagte
Das war wieder einmal Wasser auf seine Mhle, da konnte er seine merkwrdigen
Launen wieder auslassen! Schade, da er mit seinem Spleen nicht in England zu
Hause ist!
    Ich glaube, er wrde noch lieber nach Amerika gehren, versetzte ein
anderer mit pfiffigem Ausdruck. -
    In dem alten Wagen, als derselbe auf der Landstrae dahinfuhr, saen die
beiden Neubekannten anfangs schweigend und verstimmt. Heinrich aus guten
Grnden; denn die leiseste Berhrung einer fremden mnnlichen Hand in
feindlicher Absicht jagt das Blut immer in eine heftige Wallung und hat schon
oft genug Mord und Totschlag zur Folge gehabt; sein Begleiter hingegen mochte
etwas rgerlich darber sein, da er in so kurzer Zeit einen unscheinbaren
Fremden wiederholt gegen die Ungezogenheit der eigenen Umgebung hatte schtzen
mssen, wozu noch die Ungewiheit kam, ob diese in Beziehung auf den innern Wert
des Schtzlings wohl auch notwendig sei? Wie um sich hierin zu versichern,
erffnete er endlich das Gesprch, indem er Heinrich nach seinem Herkommen
befragte. Als dieser erwiderte, da er Schweizer sei und zum ersten Mal in
Deutschland reise, versetzte der Graf Und sind Sie berrascht durch die vorige
Tlpelei, oder finden Sie irgendeine vorgefate Meinung besttigt?
    Ich soll eigentlich nicht berrascht sein, wenn ich bedenke, da jedes Volk
seine eigenen Sitten hat, welche kennenzulernen der Fremde wohltut. Ich erinnere
mich jetzt wirklich, da in meiner Heimat dem Reisenden hnliche
Unannehmlichkeiten widerfahren, indem dort das Landvolk, wenn es von Begegnenden
nicht gegrt oder sein Gru nicht erwidert wird, dem Fehlenden Schimpf und
Spott nachsendet. Dabei herrscht eine so genaue Etikette, da der Ankommende
oder Vorbergehende denjenigen, der an einer Stelle sitzt oder steht, zuerst
begren mu, wenn er nicht ausgescholten werden will.
    Da scheint mir aber doch eine schnere Sitte allgemeiner Freundlichkeit und
Zutraulichkeit zugrunde zu liegen, als die tolle Respektwut unserer Honoratioren
ist. Oder ist es vielleicht die gleiche moralische Triebfeder, indem Ihr
Landvolk sich als republikanischer Souvern respektiert wissen will?
    Durchaus nicht! Das Volk bei uns hat nicht ntig, sich seine Bedeutung
durch solche Dinge zu vergegenwrtigen; es atmet seine Lebensluft, ohne daran zu
denken; der Herzschlag seines politischen Lebens gehrt ebensowohl zu den
unwillkrlichen Bewegungen als derjenige seines physischen Krpers. Auch sind
Leute, welche eine absolute persnliche Nichtsnutzigkeit und Hohlheit
fortwhrend durch ihren berkommenen Anteil an der brgerlichen Souvernett
bertnchen wollen, nicht besonders angesehen. So mag es kommen, da das Volk
auf den Straen den Postzug eines durchreisenden gekrnten Hauptes mit
kindlicher Verwunderung begafft und, wenn es etwas recht Groes und Reiches
bezeichnen will, die Worte Knig und kniglich so wohl anwendet wie alle brige
Welt, oft mit solcher Naivett, da der geschulte Demokrat sich darob rgern
mag.
    Wenn Sie hierin noch die glckliche Stimmung Ihres Volkes teilen, werden
Sie sich also nicht unbequem fhlen whrend Ihres Aufenthaltes in einer
Monarchie?
    Solange ich die Gewiheit habe, zurckzukehren, sobald ich will, wohl
nicht. Indessen mu ich Ihnen gestehen, mein Herr, da doch schon eine
sonderbare Stimmung anfngt, sich meiner zu bemchtigen, und der heutige
Auftritt machte dieselbe nur klarer. Es ist mir zu Mute, wie wenn irgendeiner
zarten und bisher unberhrten Saite meines Innern pltzlich Gewalt angetan wre;
jeder Stein, jeder Baum scheint hier einen Stempel zu tragen, noch neben dem der
Gottheit und der Natur. Jedes Postschild scheint mir zuzurufen Du mut dich auch
zeichnen lassen wie ich, hier ist alles das erste und letzte Eigentum eines
einzelnen Menschen! Und je weniger das Wort in Wirklichkeit wahr ist, besonders
in einer gesetzlich eingerichteten Monarchie, desto mehr kommt es mir als ein
unwrdiger Spa, als ein blauer Dunst vor, den man sich mit ernsthaftem Gesicht
vormacht; je weniger ich, wenn ich recht tue, nach jemandem zu fragen habe,
desto lstiger ist es mir, wenn ich mich doch so anstellen soll, vor einer
Namenschiffer den Hut abzuziehen und den Nachbar dabei zu versichern, da dies
mein hchster Ernst sei. Eigentlich regieren berall doch diejenigen, welche die
ntige Einsicht und berlegenheit im Guten wie im Bsen dazu haben; manchmal ist
es der Frst, manchmal der letzte Hirtensohn seines Reiches, zuletzt fast immer
die ffentliche Meinung oder die Mehrheit, und angesichts dieser Tatsache wird
wohl nur darum die Republik in der weiten Welt fast unmglich, weil sie von
ihren Verkndigern anstatt zur Sache der khlen Vernunft und Lebenspraxis zur
Sache des Gefhls, zum religisen Ideal gemacht wird, welches wieder der
Heuchelei, der Schwrmerei und einem politischen Pfaffentum Tr und Tor ffnet.
    Ei, Sie sprechen ja wie ein Buch, junger Freund! Sie sind wohl ein eifriger
Politiker?
    Das gerade nicht mehr, als ntig ist! Ich habe aber als ein
Buchrepublikaner darber nachgedacht, da mein Volk so wenig Aufhebens macht mit
seiner Republik, whrend es sich wahrhaft und nicht vorbergehend unglcklich
fhlte, wenn es, durch irgendeine bermacht bezwungen, auch von dem besten
Frsten zu besitzen und zu regieren versucht wrde. Und je mehr sich dieses Volk
von uns, die wir Bcher lesen und den weltgeschichtlichen Begriff der Republik
kennen, unterscheidet, desto liebenswrdiger ist es in seiner Duldsamkeit gegen
Andersglubige, gegen monarchische Untertanen, denen es nicht das brutale car
tel est notre plaisir entgegenzuschreien braucht, welches der bornierte Royalist
hervorkehrt, wenn er ber seine Anhnglichkeit an eine Dynastie, von der er in
seinem Leben noch keinen kleinen Finger gesehen hat, keine Rechenschaft weiter
geben kann. Ich fr mich aber kann mir bereits vorstellen, wie es einem ist, der
in der Trkei reist, dem Drehtanze eines Derwisches zusehen und sich wohl hten
mu, den Mund zu verziehen.
    Auf dieses wenig schmeichelhafte Gleichnis, sagte der Graf lchelnd, kann
ich Ihnen entgegnen, da ein Royalist vielleicht in hnlicher Lage ist auf einer
Reise durch die Schweiz und da demselben die dortigen Zustnde sehr barbarisch,
zufllig und roh vorkommen drften!
    Dagegen, erwiderte Heinrich ebenfalls lachend, knnte ich nur das alte
Sprichwort halten, welches am Ende der besprochenen Toleranz meiner gemeinen
Landsleute zugrunde liegt ber den Geschmack ist nicht zu streiten!
    Da haben Sie ganz recht, sagte Heinrichs Begleiter und gab ihm die Hand,
auch ich bin vielleicht am wenigsten im Fall, mit Ihnen zu streiten. Und was
fhrt Sie denn, wenn ich fragen darf, nach unserm monarchischen Deutschland? Dem
Anscheine nach sind Sie entweder Student oder ein junger Knstler?
    Beides zusammen, wenn Sie wollen! letzteres im engern Sinne, ersteres
berhaupt, insofern ich mir in der Mitte meines groen Stammvolkes selbst seine
geistigen Errungenschaften aneignen und diejenigen allgemeinen Grundlagen und
Anschauungen erwerben mchte, welche nur bei groen Sprachgenossenschaften zu
finden sind und ohne welche es der einzelne zu nichts Ganzem und Hherm bringen
kann.
    Wie, eure schweizerische Nationalitt gengt euch also doch nicht fr den
Hausgebrauch in allen Dingen? Sie gibt euch keine Ideen fr ein hheres
Bedrfnis?
    Jedes Ding hat zwei Seiten, mein Herr! und, wie ich glaube, auch die
Nationalitt, oder was man so nennen mag. Man kann ein sehr guter Hausvater, ein
anhnglicher, pflichtgetreuer Sohn sein und doch das entsprechende Gebiet fr
verschiedene Bedrfnisse und Fhigkeiten auer dem Hause suchen und finden. Und
wie die Familie die sicherste, trostreichste Zuflucht ist nach jeder
Abschweifung und Irrfahrt, so ist das Vaterland, wenn seine Grenzen einen
natrlichen Zusammenhang haben und wenn es zudem noch den sichern Scho eines
aufgeweckten und vergnglichen brgerlichen Lebens bildet, der erste und letzte
Zufluchtsort fr alle seine besseren Kinder, und je ungleicher diese sich an
Stamm und Sprache manchmal sind, desto fester ziehen sie sich, nach gewissen
Gesetzen, gegenseitig an, freundlich zusammengehalten durch ein gemeinsam
durchgekmpftes Schicksal und durch die erworbene Einsicht, da sie zusammen so,
wie und wo sie nun sich eingerichtet haben, am glcklichsten sind. Eine solche
Lage ist die unsrige. Um einen uralten Kern hat sich nach und nach eine
mannigfaltige Genossenschaft angesetzt, welche die berlieferungen desselben,
soweit sie in ihrer Bedeutung noch lebendig sind, mit aufnahm und sich bestrebt,
sie fortwhrend in gangbare Mnze umzusetzen. hnliche Neigungen in der durchweg
hnlichen, schnen Landschaft, eine Menge nachbarlicher Berhrungen bei der
gemeinsamen Zhigkeit, den Boden unabhngig zu erhalten, haben ein von jedem
andern Nationalleben unterschiedenes Bundesleben hervorgebracht, welches allen
seinen Teilnehmern wieder einen gleichmigen Charakter bis in die feineren
Schattierungen der Sitten und Sinnesart verliehen hat. Und je mehr wir uns in
diesem Zustande geborgen glauben vor der Verwirrung, die uns berall umgibt, je
mehr wir die trumerische Ohnmacht der altersgrauen groen Nationalerinnerungen,
welche sich auf Sprache und Farbe der Haare sttzen, rings um uns zu erkennen
glauben, desto hartnckiger halten wir an unserm schweizerischen Sinne fest. So
kann man wohl sagen, nicht die Nationalitt gibt uns Ideen, sondern eine
unsichtbare, in diesen Bergen schwebende Idee hat sich diese eigentmliche
Nationalitt zu ihrer Verkrperung geschaffen.
    Ich kann mich nun, versetzte der Graf, allerdings schon leichter in
dieses sonderbare Nationalgefhl hineindenken, mu aber um so eher darauf
bestehen, da die Schweizer folgerechterweise auch einer ebenso eigentmlichen,
aus ihren Verhltnissen erwachsenden Geisteskultur bedrfen sollten!
    Das ist eben die andere Seite! Es gibt zwar viele meiner Landsleute, welche
an eine schweizerische Kunst und Literatur, ja sogar an eine schweizerische
Wissenschaft glauben. Das Alpenglhen und die Alpenrosenpoesie sind aber bald
erschpft, einige gute Schlachten bald besungen, und zu unserer Beschmung
mssen wir alle Trinksprche, Mottos und Inschriften bei ffentlichen Festen aus
Schillers Tell nehmen, welcher immer noch das Beste fr dieses Bedrfnis
liefert. Und was die Wissenschaft betrifft, so bedarf diese gewi noch weit mehr
des groen Weltmarktes und zunchst der in Sprache und Geist verwandten greren
Vlker, um kein verlorener Posten zu sein. Der franzsische Schweizer schwrt zu
Corneille, Racine und Moliere, zu Voltaire oder Guizot, je nach seiner Partei,
der Tessiner glaubt nur an italienische Musik und Gelehrsamkeit, und der
deutsche Schweizer lacht sie beide aus und holt seine Bildung aus den tiefen
Schachten des deutschen Volkes. Alle aber sind bestrebt, alles nur zur greren
Ehre ihres Landes zurckzubringen und zu verwenden, und viele geraten sogar ber
diesem Bestreben in ein gegen die Quellen undankbares und lcherliches Zopftum
hinein.
    Es ist vielleicht, wandte Heinrichs Begleiter ein, ein unbescheidener
Mibrauch, welchen ich mit einem wackern Volke treiben mchte, wenn ich auf
meiner alten Behauptung beharre und sogar wnsche, da ihr es einmal
versuchsweise darauf anlegtet, in allen Dingen ganz selbstndig und naturwchsig
zu sein und ganz auf eurem Boden eine eigene Weisheit zu pflegen. Dem Lande wie
seiner Verfassung eigenst angemessen, mte gewi etwas Frisches und fr uns
andere Erbauliches zustande kommen. Sie wrden vielleicht umkehren, junger Mann,
wenn Sie wten, wie sich bei uns groen Nationen die Bildung im ewigen Kreise
herumdreht, wie einflulos unsere Heroen, die in jedermanns Munde sind, an
unserm innersten Herzen vorbergehen und wie bis zur dumpfen Verzweiflung sich
Ungeschmack und Unsinn jeden andern Tag wieder so breit macht, als wre er nie
berwunden worden!
    Mit diesen Worten stie der Graf einen ziemlichen Seufzer aus; Heinrich aber
schttelte den Kopf und sagte:
    Nein, nein! erstens tun Sie sich selbst unrecht, und zweitens knnen wir
uns doch nicht abschlieen! Zu einer guten patriotischen Existenz braucht es
jederzeit nicht mehr und nicht weniger Mitglieder, als gerade vorhanden sind.
Mit den Kulturdingen ist es anders; da sind vor allem gute Einflle, soviel als
immer mglich, notwendig, und da deren in vierzig Millionen Kpfen mehrere
entstehen als nur in zwei Millionen, ist auer Zweifel!
    Das ist freilich ein praktischer und triftiger Grund! sagte der Graf mit
herzlichem Lachen, ich will Ihnen ferner auch nichts einwenden und wnsche
Ihrer Jugend wie Ihren Hoffnungen das beste Gedeihen. Es sollte mich recht
freuen, spter einmal zu erfahren, wie Sie Ihre Rechnung befunden haben. Ich
verlasse mich auch darauf; denn wenn man mit so klarem, schnem Willen in die
Welt geht, so wird man gewi etwas aus sich machen!
    Da die friedlich wackelnde Kutsche an einem Haltorte der Eisenbahn
angekommen war und in demselben Augenblicke auch ein mchtiger Wagenzug
heranpfiff, so stiegen sie nun aus und nahmen Abschied, indem der Graf, seinen
jungen Gefhrten mit fast wehmtiger Teilnahme ansehend, ihm noch ein
freundliches Aufs Wiedersehen nachrief. Heinrich drngte sich noch mit seinem
Gepcke unter den Leuten umher, um seinen Platz in der dritten Klasse
aufzufinden, whrend der vornehme Herr schon in einem bequemen und prchtigen
Coupe der ersten Klasse sich ganz allein ausstreckte. Er rutschte aber unruhig
hin und her und sagte zu sich selbst Wunderliches Verhltnis! Da wrde ich nun
gern mit diesem muntern Jungen weiterplaudern, aber der Unterschied unserer
Geldbeutel reit uns auseinander, und ich darf ihm keinen Platz bei mir
anbieten, whrend ich zu weichlich bin, mich unter das Volk hinauszusetzen! Doch
was hindert mich eigentlich daran? Und schon wollte er wieder aussteigen, als
der Zug sich mit einem grellen Pfiff in Bewegung setzte und bald ber das Feld
hinglitt, die Sonne im Rcken lassend.
    Dieselbe nherte sich bei der Ankunft in der groen Hauptstadt, dem
Reiseziele Heinrichs, schon ihrem Untergange und vergoldete mit ihren letzten
Strahlen die weite Ebene samt der Stadt mit ihren Steinmassen und Baumwipfeln.
Heinrich hatte kaum seine Sachen in einem Gasthofe untergebracht, so lief er
ungeduldig wieder auf die Strae und strzte sich unter das Wogen und Treiben
der Stadt.
    Da glhten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische
Trme; Sulen der verschiedensten Art tauchten ihre geschmckten Hupter noch in
den Rosenglanz, helle gegossene Bilder, funkelneu, schimmerten aus dem
Helldunkel der Dmmerung, indessen buntbemalte offene Hallen schon durch
Laternenlicht erleuchtet waren und von geschmckten Frauen durchwandelt wurden.
Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die Luft, Knigsburgen,
Palste, Theater, Kirchen bildeten groe Gruppen zusammen, Gebude von allen
mglichen Bauarten, alle gleich neu, sah man hier vereinigt, whrend dort alte
geschwrzte Kuppeln, Rat- und Brgerhuser einen schroffen Gegensatz machten. Es
herrschte ein aufgeregtes Leben auf den Straen und Pltzen. Aus Kirchen und
mchtigen Schenkhusern erscholl Musik, Gelute, Orgel- und Harfenspiel; aus mit
allerlei mystischen Symbolen berladenen Kapellentren drangen Weihrauchwolken
auf die Gasse; schne und fratzenhafte Knstlergestalten gingen scharenweis
vorber, Studenten in Schnrrcken und silbergestickten Mtzen kamen daher,
gepanzerte Reiter mit glnzenden Stahlhelmen ritten gemchlich und stolz ber
einen Platz, ppige Kurtisanen mit blanken Schultern zogen nach hellen
Tanzslen, von denen Pauken und Trompeten herniedertnten; alte dicke Weiber
verbeugten sich vor dnnen schwarzen Mnchen, welche zahlreich umhergingen;
unter offenen Hausfluren saen wohlgenhrte Spiebrger hinter gebratenen Gnsen
und mchtigen Krgen und genossen den lauen Frhlingsabend; glnzende Wagen mit
Mohren und Jgern fuhren vorbei und wurden aufgehalten durch einen ungeheuern
Knuel von Soldaten und Handwerksburschen, welche sich die Kpfe zerbleueten. Es
war ein unendliches Gesumme berall und ein seltsamer bergang der katholischen
Festandacht und der kirchlichen Glockentne in die laute Lustbarkeit des zweiten
Osterabends.
    Heinrich hatte sich aus dem Lrm verloren in eine lange und weite Strae,
welche ganz von mchtigen neuen Gebuden besetzt war. Steinerne Bildsulen
standen vor ernsten byzantinischen Fronten, die still und hoch in den dunkelnden
Himmel hinaufstiegen, bald dunkelrot gefrbt, bald blendend wei, alles wie erst
heute und zur Mustersammlung fr lernbegierige Schler aufgestellt. Da und dort
verschmelzten sich die alten Zierarten und Formen zu neuen Erfindungen, die
verschiedensten Gliederungen und Verhltnisse stritten sich und verschwammen
ineinander und lsten sich wieder auf zu neuen Versuchen; es schien, als ob die
tausendjhrige Steinwelt, auf ein mchtiges Zauberwort in Flu geraten, nach
einer neuen Form gerungen htte und ber dem Ringen in einer seltsamen Mischung
wieder erstarrt wre. Wie zum Spotte ragte tief im Hintergrunde eine kolossale
alte Kirche im Jesuitenstile ber alle diese Schpfungen empor, und die tollen
Schnrkel und Schlangenlinien derselben schienen in dem schwachen Mondlichte auf
und nieder zu tanzen. Das Getse der inneren Stadt summte nur von ferne in die
einsame, stille Strae herein, man hrte fast keines Menschen Tritt gehen, nur
ein hoher, magerer Mann kam mit langen Schritten und wunderlichen Bewegungen
durch das ersterbende Zwielicht daher und trat, als Heinrich ihn zerstreut
ansah, pltzlich auf denselben zu und schlug ihm die Mtze vom Kopfe, da sie
auf den Boden fiel. Es lag aber etwas Schwrmerisches und gutmtig Edles in den
Augen dieses Mannes, so da Heinrich verlegen dastand, sich hinter den Ohren
kratzte und nicht wute, was nun wieder zu tun sei. Der Fremde rief ihm aber mit
lauter Stimme zu Warum gaffen Sie mich an und gren nicht? Was ist das fr
eine Ungezogenheit? Heinrich sagte Ich kenne Sie ja gar nicht, Herr! - So?
Wissen Sie, ich bin der Knig! Artig sein, Respekt haben, junger Mann! und ohne
eine fernere Rede abzuwarten, schritt er rasch von dannen.
    Heinrich hob seine Mtze vom Boden, schlug den Staub ab und suchte eiligst
seine Herberge auf.

                                Viertes Kapitel


Am andern Tage hantierte Heinrich Lee bereits in einem ge mieteten Zimmer umher
und war bemht, seine Siebensachen in den verschiedenen Hausgerten
unterzubringen. Sein gewaltiger altvterlicher Holzkoffer stand mitten auf dem
Boden und schien sich nicht erschpfen zu wollen; denn auer dem reichlichen
Vielerlei, womit ihn die Mutter fr des Leibes Bedrfnis versorgt hatte, fhrte
er auch einen ziemlichen Vorrat an sonstigen Dingen mit, von denen er sich nicht
hatte trennen knnen, obschon ein guter Teil keinen andern Wert hatte, als da
Heinrich bisher die Sachen tglich vor Augen und in Hnden sah. Er kannte den
Zustand noch nicht, wo man jedes entbehrliche Buch, jedes Kstchen oder
Schchtelchen aus alter Zeit, Briefschaften, sogar musikalische Instrumente, die
einem fast an die Hand gewachsen sind, ber Bord wirft und, starr und ngstlich
seine Zukunft suchend, welche immer zurckzuweichen scheint, whrend sie
fortwhrend um uns herumschleicht und hinter unserm Rcken unbemerkt zur
Vergangenheit wird, mit dem zusammengepreten Gepcke eines Kuriers jahrelang
dahinlebt, in Wohnungen, die ebenso knapp eingerichtet sind, ein Bett, ein
Tisch, ein Sofa, vier Sthle, und das alles in der jmmerlichen Eleganz, wie sie
der Laden eines Trdlers oder Mbelverleihers darbietet und der Geschmack einer
hungrigen Witwe zusammenstellt. Da ist keine trauliche Uhr an der Wand, ja kein
berzhliges Tischchen am Fenster, kein Blumenstock vor demselben; statt da
klare weie Vorhnge schlicht darberhangen, schlingt sich tollgewordener roter
und gelber Kattun um einen trbselig vergoldeten Spie, welcher schon zwlfmal
verkauft und wieder gekauft wurde. Und trotz dieser Armseligkeit hat die einzige
Kommode im Nu das Mitgebrachte des fahrenden Bewohners verschlungen, wie ein
Haifisch eine Katze, und lt nichts zu sehen brig als hier einen Bogen
Briefpapier, dort eine Haarbrste. Es ist ein unerquickliches Leben in dieser
baumwollenen Pracht der Mietzimmer, immer den Reisekoffer neben dem Ofen!
    Die Wohnung jedoch, welche Heinrich gefunden hatte, entsprach mehr seinen
mitgebrachten mannigfaltigen Habseligkeiten. Sie war einfach, aber bequem und
hatte in ihrer Einrichtung das Ansehen einer seit lange so bestandenen
ordentlichen Wohnstube. Die Fenster gingen auf einen stillen Hof, die Sessel an
denselben standen noch auf besonderen Erhhungen, und noch ein anderer
behaglicher Sitz zum trumerischen Ausruhen versprach die endlich geleerte Arche
No Heinrichs zu werden, welche er zwischen den Ofen und das Bett hineinschob.
    Er sa auch schon auf dem soliden Deckel, ausruhend und nachdenklich wie
einer, der fr den Augenblick nicht wei, was eigentlich zunchst nun zu
beginnen ist. Ohne Empfehlungen und Bekanntschaften in dieser Stadt angekommen,
mute er sich ganz allein zu helfen und nach eigenem berblick und Urteil seine
Ttigkeit zu ordnen suchen. In der Hand hielt er ein eingebundenes Manuskript
und bltterte darin umher, als ob er eine Richtschnur oder wenigstens die
Anknpfungspunkte fr eine solche herausfinden wollte. Es war die Geschichte
seiner bisherigen Jugend, welche er in jugendlicher Subjektivitt und
Schreibseligkeit whrend der letzten Zeit vor seiner Abreise niedergeschrieben
hatte, um sich eine Art Abschlu und bersicht zu bilden.
    Bis seine neuen Verhltnisse eine bestimmte Gestalt angenommen haben, wollen
wir das mige Bchlein durchlesen, um ihn selbst wie sein ferneres Geschick
desto klarer beurteilen zu knnen. Schon da er dasselbe geschrieben, ist so
bezeichnend, da auch der Inhalt denjenigen weiter anregen mu, der berhaupt an
unserm Helden teilnehmen mag.




                             Eine Jugendgeschichte


Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von
einer seit vielen Jahrhunderten verschollenen Familie hat. Niemand wei mehr, wo
einst das Schlo gestanden, von dem man in den Chroniken noch schwache Spuren
findet; ebensowenig wei man, wann der letzte Edle dieses Namens gestorben
ist; aber das Dorf steht noch da, seelenreich und belebter als je, whrend das
halbe Dutzend Familiennamen unverndert geblieben ist und fr die zahlreichen,
weitlufigen Geschlechter fort und fort ausreichen mu. Der kleine Gottesacker,
welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer schneewei geputzte Kirche
schmiegt und niemals erweitert worden ist, besteht in seiner Erde buchstblich
aus den aufgelsten Gebeinen der vorbergegangenen Geschlechter; es ist
unmglich, da bis zur Tiefe von zehn Fu ein Krnlein sei, welches nicht seine
Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die brige Erde
mit umgraben geholfen hat. Doch ich bertreibe und vergesse die vier
Tannenbretter, welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten
Riesengeschlechtern auf den grnen Bergen rings entstammen; ich vergesse ferner
die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden, welche auf diesen Fluren wachs,
gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehrt wie jene
Tannenbretter und nicht hindert, da die Erde unseres Kirchhofes so schn khl
und schwarz sei als irgend eine. Es wchst auch das grnste Gras darauf, und die
Rosen nebst dem Jasmin wuchern in gttlicher Unordnung und berflle, so da
nicht einzelne Studlein auf ein frisches Grab gesetzt, sondern das Grab mu in
den Blumenwald hineingehauen werden, und nur der Totengrber kennt genau die
Grenze in diesem Wirrsal, wo das frisch umzugrabende Gebiet anfngt.
    Das Dorf zhlt etwa zweitausend Bewohner, von welchen je etwa dreihundert
den gleichen Namen fhren; aber hchstens zwanzig bis dreiig von diesen pflegen
sich Vetter zu nennen, weil die Familienerinnerungen selten bis zum Urgrovater
hinaufsteigen. Aus der unergrndlichen Tiefe der Zeiten an das Tageslicht
gestiegen, sonnen sich diese Menschen darin, so gut es gehen will, rhren sich
und wehren sich ihrer Haut, um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu
verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wenn sie ihre Nasen in die Hand
nehmen, so sind sie sattsam berzeugt, da sie eine ununterbrochene Reihe von
zweiunddreiig Ahnen besitzen mssen, und anstatt dem natrlichen Zusammenhange
derselben nachzuspren, sind sie vielmehr bemht, die Kette ihrerseits nicht
ausgehen zu lassen. So kommt es, da sie alle mglichen Sagen und wunderlichen
Geschichten ihrer Gegend mit der grten Genauigkeit erzhlen knnen, ohne zu
wissen, wie es zugegangen ist, da der Grovater die Gromutter nahm. Alle
Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen, wenigstens diejenigen, welche nach
seiner Lebensweise fr ihn wirkliche Tugenden sind, und was die Missetaten
betrifft, so hat der Bauer so gut Ursache wie der Vornehme, die seiner Vter in
Vergessenheit begraben zu wnschen; denn er ist zuweilen eine so wste und wilde
Bestie wie manches andere Menschenkind.
    Ein groes rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches
unverwstliches Vermgen der Bewohner; doch ist es eigentlich nicht ganz rund,
indem mancher mchtige Acker, manche Zelle Laub- und Nadelholz jenseits der
Hgel hinunter khn und naseweis in das Gebiet anderer Gemeinden eingreift,
whrend jene sich gelegentlich durch die glckliche und listige Erwerbung eines
diesseitigen Grenzstckes rchen und daher das Ganze einen so zerfetzten Rand
hat wie ein Bettlermantel. Dieser Reichtum blieb sich von jeher so ziemlich
gleich; wenn auch hie und da eine Braut einen Teil verschleppt, so unternehmen
die jungen Bursche dafr hufige Raubzge bis auf acht Stunden weit und sorgen
fr hinlnglichen Ersatz sowie dafr, da die Gemtsanlagen und krperlichen
Physiognomien der Gemeinde die gehrige Mannigfaltigkeit bewahren, und sie
entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht fr ein frisches
Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die
europischen Frstengeschlechter.
    Die Einteilung dieses Besitzes aber verndert sich von Jahr zu Jahr
teilweise und mit jedem halben Jahrhundert ganz bis zur Unkenntlichkeit. Die
Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe, und die Nachkommen
dieser treiben sich morgen mhsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu
verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.
    Mein Vater starb so frh, da ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte
erzhlen hren, ich wei daher so gut wie nichts von diesem Manne; nur so viel
ist gewi, da damals die Reihe einer ehrbaren Unvermglichkeit an seiner
engeren Familie war. Da ich nicht annehmen mag, da der ganz unbekannte
Urgrovater ein liederlicher Kauz gewesen sei, so halte ich es fr
wahrscheinlich, da sein Vermgen durch eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft
zersplittert wurde; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern, welche
ich kaum noch zu unterscheiden wei, die, wie die Ameisen krabbelnd, bereits
wieder im Schwunge sind, ein gutes Teil der viel zerhackten und durchfurchten
Grundstcke an sich zu bringen. Ia, einige Alte unter denselben sind in der Zeit
schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden.
    Dazumal war es nicht ganz mehr jene erbrmliche Schweiz, wie sie Goethe im
Wertherschen Nachlasse geschildert hat, und wenn auch die junge Saat der
franzsischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall streichischer, russischer
und selbst franzsischer Quartierbilletts bedeckt worden war, so gestattete doch
die kluge Mediationsverfassung einen gelinden Nachsommer und verhinderte meinen
Vater nicht, die Khe, die er weidete, eines Morgens stehenzulassen und, einem
hhern Triebe folgend, nach der Stadt zu gehen, um ein gutes Handwerk zu
erlernen. Von da an verscholl er so ziemlich fr seine Mitbrger; denn nach
langen und harten, aber meisterlich bestandenen Lehrjahren fhrte ihn sein
Trieb, einen immer khnern Schwung nehmend, in die Ferne, und er durchschweifte
als ein geschickter Steinmetz entlegene Reiche. Indessen aber hatte der
sanftknisternde Papierblumenfrhling, welcher nach der Schlacht bei Waterloo
aufging, wie berallhin, so auch in die geheimsten Winkel der Schweiz sein
bluliches Kerzenlicht verbreitet, und der groe Dichter htte sich jetzt eher
wieder zurechtfinden knnen, wenn nicht unterdessen auch sein wackerer Lavater
gestorben und mit demselben das letzte Restchen Phantasie aus dem stdtischen
Zopftume der Schweizer entflohen wre. Auch in meines Vaters Geburtsdorf, dessen
Bewohner in den neunziger Jahren ebenfalls entdeckt hatten, da sie seit
undenklichen Zeiten mitten in einer Republik lebten, war die ehrwrdige und
zugleich muntere Dame Restauration mit allen ihren Schachteln und Kartons
feierlich eingezogen und richtete sich in dem Neste so gut ein, als sie konnte.
Schattige Wlder, Hhen und Tler mit den angenehmsten Freudenpltzen, ein
fischreicher, klarer Flu und die Wiederholung aller dieser guten Dinge in einer
weiten, belebten Nachbarschaft, welche sogar noch mit einigen bewohnten
Schlssern gespickt war, zogen den einwohnenden Herrschaften jahraus und - ein
eine Menge jagender, fischender, tanzender, singender, essender und trinkender
Gste aus der Stadt zu. Man bewegte sich um so leichter, als man den Reifrock
und die Percke weislich da liegenlie, wohin sie die Revolution geworfen hatte,
und das griechische Kostm der Kaiserzeit, wenn auch in diesen Gegenden etwas
nachtrglich, angetan hatte. Die Bauern sahen mit Verwunderung die weiumflorten
Gttergestalten ihrer vornehmen Mitbrgerinnen, ihre sonderbaren Hte und noch
merkwrdigeren Taillen, welche dicht unter den Armen gegrtet waren. Die
Herrlichkeit des aristokratischen Regimentes entfaltete sich am hchsten im
Pfarrhause. Die reformierten Landgeistlichen der Schweiz waren keine armen,
demtigen Schlucker wie ihre Amtsbrder im protestantischen Norden. Da alle
Pfrnden im Lande ausschlielich den Brgern der herrschenden Stdte
offenstanden, so bildeten sie zu den weltlichen Ehrenstellen eine Ergnzung im
Systeme der Herrschaft, und die Pfarrer, deren Brder das Schwert und die Waage
handhabten, nahmen teil an der Glorie, wirkten und regierten auf ihre Weise im
Sinne des Ganzen krftig mit oder berlieen sich einem sorgenfreien,
vergnglichen Dasein, gleich den vornehmen Geistlichen der katholischen Kirche.
Sehr oft waren sie von Haus aus reich, und die lndlichen Pfarrhuser glichen
eher den Landsitzen groer Herren; auch gab es eine Menge adeliger Seelenhirten,
welche die Bauern Junker Pfarrer nennen muten. Ein solcher war nun zwar der
Pfarrer meines Heimatdorfes nicht, auch nichts weniger als ein reicher Mann;
doch sonst einer sehr alten Brgerfamilie angehrend, vereinigte er in seiner
Person und in seinem Hauswesen allen Stolz, Kastengeist und Lustbarkeit eines
warmgesessenen Stdtetumes. Er tat sich etwas darauf zu gut, ein Aristokrat zu
heien, und vermischte seine geistliche Wrde ungezwungen mit einem derben,
militrischjunkerhaften Anstriche; denn man wute dazumal noch nichts, weder von
dem Namen noch von dem Wesen des modernen, weinerlichen und heuchlerischen
Konservatismus. Es ging in seinem Hause geruschvoll und lustig her, die
Pfarrkinder steuerten reichlich, was Feld und Stall abwarf, die Gste holten
sich selbst aus dem Forste Hasen, Schnepfen und Rebhhner, und da Treibjagden
doch nicht landesblich waren, so wurden die Bauern dafr zu groen Fischzgen
freundschaftlich angehalten, welches jedesmal ein Fest gab, und so war das
Pfarrhaus nie ohne Freude und Lrm. Man durchzog das Land ringsumher, stattete
Besuche ab in Masse und empfing solche, schlug Zelte auf und tanzte darunter
oder spannte sie ber die lauteren Bche, und die Griechinnen badeten darunter;
man berfiel in hellen Haufen eine einsame khle Mhle oder fuhr in
vollgepfropften Nachen auf Seen und Flssen, der Pfarrer immer voran mit einer
Entenflinte ber dem Rcken oder ein mchtiges spanisches Rohr in der Hand.
    Geistige Bedrfnisse waren in diesen Kreisen nicht viele vorhanden; die
weltliche Bibliothek des Pfarrers bestand, wie ich sie noch gesehen habe, aus
einigen altfranzsischen Schferromanen, Geners Idyllen, Gellerts Lustspielen
und einem stark zerlesenen Exemplar des Mnchhausen. Zwei oder drei einzelne
Bnde von Wieland schienen aus der Stadt geliehen und nicht mehr zurckgeschickt
worden zu sein. Man sang Hltys Lieder, und nur die lugend fhrte etwa einen
Matthisson mit sich. Der Pfarrer selbst, wenn einmal von dergleichen Dingen die
Rede war, pflegte seit dreiig Jahren regelmig zu fragen Haben Sie Klopstocks
Messias gelesen? und wenn das, wie natrlich, bejaht wurde, schwieg er
vorsichtig. Ein steinalter Herr, welcher sich in seiner Jugend einige Zeit in
Berlin umhergetrieben hatte und in der Gesellschaft des Pfarrhauses allerlei
schlechte Spe ber den ehrwrdigen Beruf des Hausherrn zum besten gab, sprach
viel von Voltaire und mischte ein pikantes Grauen in den unbefangenen Frohsinn
der Damen. Im brigen gehrten die Gste nicht zu jenen feinsten Kreisen, welche
die Kultur der herrschenden Interessen durch erhhte Geistesttigkeit pflegen
und durch eine edle Bildung zu befestigen suchen, sondern zu der gemtlichen
Klasse, welche sich darauf beschrnkt, die Frchte jener Bemhungen zu genieen
und sich ohne weiteres Kopfzerbrechen lustig zu machen, solange es Kirchweih
ist.
    Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich
selbst. Der Pfarrer hatte einen Sohn und eine Tochter, welche beide in ihren
Neigungen von denjenigen ihrer Umgebung abwichen. Whrend der Sohn, ebenfalls
ein Geistlicher und dazu bestimmt, seinem Vater im Amte zu folgen, vielfache
Verbindungen mit jungen Bauern anknpfte, mit ihnen ganze Tage auf dem Felde lag
oder auf Viehmrkte fuhr und mit Kennerblick die jungen Khe betastete, hing die
Tochter, sooft sie mir immer konnte, die griechischen Gewnder an den Nagel und
zog sich in Kche und Garten zurck, dafr sorgend, da die unruhige
Gesellschaft etwas Ordentliches zu beien fand, wenn sie von ihren Fahrten
zurckkehrte. Auch war diese Kche nicht der schwchste Anziehungspunkt fr die
genschigen Stdtebewohner, und der groe gutbebaute Garten zeugte fr einen
ausdauernden Flei und treffliche Ordnungsliebe.
    Der Sohn endigte sein Treiben damit, da er eine begterte rstige
Bauerntochter heiratete, in ihr Haus zog und alle sechs Werktage hindurch ihre
cker und ihr Vieh bestellte. In Anwartschaft seines hheren Amtes bte er sich,
als Semann den gttlichen Samen in wohlberechneten Wrfen auszustreuen und das
Bse in Gestalt von wirklichem Unkraut auszujten. Der Schrecken und der Zorn
hierber waren gro im Pfarrhause, zumal wenn man bedachte, da die junge
Buerin einst als Hausfrau dort einziehen und herrschen sollte, sie, welche
weder mit der gehrigen Anmut im Grase zu liegen noch einen Hasen standesgem
zu braten und aufzutragen wute. Deshalb war es der allgemeine Wunsch, da die
Tochter, welche allmhlich schon ber ihre erste Jugend hinausgeblht hatte,
entweder einen standesgetreuen jungen Geistlichen ins Haus locken oder sonst
noch lange die zusammenhaltende Kraft desselben bleiben mchte. Aber auch diese
Hoffnungen schlugen fehl.
    Denn eines Tages geschah es, da das ganze Dorf in groe Bewegung gesetzt
wurde durch die Ankunft eines schnen, schlanken Mannes, der einen feinen grnen
Frack trug nach dem neusten Schnitte, enganliegende weie Beinkleider und
glnzende Suwarowstiefeln mit gelben Stulpen. Wenn es regnerisch aussah, so
fhrte er einen rotseidenen Schirm mit sich, und eine groe goldene Uhr von
feiner Arbeit gab ihm in den Augen der Bauern einen ungemein vornehmen Anstrich.
Dieser Mann bewegte sich mit einem edlen Anstande in den Gassen des Dorfes umher
und trat freundlich und leutselig in die niederen Tren, verschiedene alte
Mtterchen und Gevattern aufsuchend, und war niemand anders als der weitgereiste
Steinmetzgeselle Lee, welcher seine lange Wanderschaft ruhmvoll beendigt hatte.
Man kann wohl sagen ruhmvoll, wenn man bedenkt, da er vor zwlf Jahren, als ein
vierzehnjhriger Knabe, arm und blo das Dorf verlassen hatte, hierauf bei
seinem Meister die Lehrzeit durch lange Arbeit abverdienen mute, mit einem
drftigen Felleisen und wenig Geld in die Fremde zog und nun solchergestalt als
ein frmlicher Herr, wie ihn die Landleute nannten, zurckkehrte. Denn unter dem
niedern Dache seiner Verwandten standen zwei mchtige Kisten, von denen die eine
ganz mit Kleidern und feiner Wsche, die andere mit Modellen, Zeichnungen und
Bchern angefllt war. Es war etwas Schwungvolles in dem ganzen Wesen des etwa
sechsundzwanzig Jahre alten Mannes, seine Augen glhten wie von einem
anhaltenden Glanze innerer Wrme und Begeisterung, er sprach immer hochdeutsch
und suchte das Unbedeutendste von seiner schnsten und besten Seite zu fassen.
Fr hatte ganz Deutschland vom Sden bis zum Norden durchreist und in allen
groen Stdten gearbeitet; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange
fiel mit seinen Wanderjahren zusammen, und er hatte die Bildung und den Ton
jener Tage in sich aufgenommen, insofern sie ihm verstndlich und zugnglich
waren; vorzglich teilte er das offene und treuherzige Hoffen der gebildeten
Mittelklassen auf eine bessere, schnere Zeit der Wirklichkeit, ohne von den
geistigen berfeinerungen und Wunderseligkeiten etwas zu wissen, welche in
manchen romantischen Elementen dazumal als deutsches Wesen durch die hhere
Gesellschaft wucherten.
    Es waren nur wenige gleichgesinnte Arbeitsgenossen, welche die ersten,
seltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbstveredlung und Aufklrung,
so den wandernden Handwerkerstand zwanzig Jahre spter durchdrang, und welche
einen Stolz darauf setzten, die besten und gesuchtesten Arbeiter zu sein, und
dadurch, verbunden mit erhhtem Fleie und Migkeit, die Mittel erlangten, auch
ihren Geist zu bilden und uerlich wie innerlich schon in ihren Wanderjahren
als achtungswerte, tchtige Mnner dazustehen. berdies war dem Steinhauer in
den groen Werken altdeutscher Baukunst ein Licht aufgegangen, welches seinen
Pfad noch mehr erleuchtete, indem es ihn mit heiteren Knstlerahnungen erfllte
und den dunklen Trieb jetzt erst zu rechtfertigen schien, welcher ihn von der
grnen Weide hinweg dem gestaltenden Leben der Stdte zugefhrt hatte. Er lernte
zeichnen mit eisernem Fleie, brachte ganze Nchte und Feiertage damit zu, Werke
und Muster aller Art durchzupausen, und nachdem er den Meiel zu den
kunstreichsten Gebilden und Verzierungen fhren gelernt und ein vollkommener
Handarbeiter geworden war, ruhte er nicht, sondern studierte den Steinschnitt
und sogar solche Wissenschaften, welche andern Zweigen des Bauwesens angehren.
Er suchte berall an groen ffentlichen Bauten unterzukommen, wo es viel zu
sehen und zu lernen gab, und brachte es durch seine Aufmerksamkeit bald dahin,
da ihn die Baumeister ebensoviel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen- oder
Schreibtische verwendeten als auf dem Bauplatze. Da er dort nicht feierte,
sondern manche Mittagsstunde damit zubrachte, alles mgliche durchzuzeichnen und
alle Berechnungen zu kopieren, welche er erhaschen konnte, versteht sich von
selbst. So wurde er zwar kein akademischer Knstler mit einer allseitigen
Durchbildung, aber doch ein Mann, welcher wohl den khnen Vorsatz fassen durfte,
in der Hauptstadt seiner Heimat ein wackerer stdtischer Bau- und Maurermeister
zu werden. Mit dieser ausgesprochenen Absicht trat er nun auch im Dorfe auf zur
groen Bewunderung seiner Sippschaft, und das Erstaunen wurde noch grer, als
er, mit einem feinen Manschettenhemd bekleidet und sein reinstes Hochdeutsch
sprechend, sich mitten unter die franzsisch-griechischen Gestalten des
Pfarrhauses mischte und um die Pfarrerstochter warb. Der lndlich gesinnte
Bruder mochte hiezu eine Vermittlung, wenigstens ein aufmunterndes Beispiel
darbieten; die Jungfrau schenkte dem blhenden Freier bald ihr Herz, und die
Verwirrung, welche dadurch zu entstehen drohte, lste sich schnell, als die
Eltern der Braut kurz hintereinander starben.
    Also hielten sie eine stille Hochzeit und zogen in die Stadt, sich weiter
nicht nach der glanzvollen Vergangenheit des Pfarrhauses umsehend, in welches
alsobald der junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Sensen, Sicheln, Dreschflegeln,
Rechen, Heugabeln, mit gewaltigen Himmelbetten, Spinnrdern und Flachshecheln
und mit seiner kecken, frischen Frau einzog, welche mit ihrem gerucherten Speck
und mit ihren derben Mehlklen schnell smtliche Musselingewnder, Fcher und
Sonnenschirmchen aus Haus und Garten vertrieben hatte. Nur eine Wand voll
vortrefflicher Jagdgewehre, die auch der Nachfolger zu fhren wute, lockte im
Herbst einzelne Jger auf das Dorf und unterschied das Pfarrhaus einigermaen
von einem Bauernhause.
    In der Stadt fing der junge Baumeister damit an, da er einen oder zwei
Arbeiter anstellte und, selbst arbeitend vom Morgen bis zum Abend, ganz kleine
Auftrge aller Art annahm und darin so viel Geschick und Zuverlssigkeit zeigte,
da noch vor Ablauf eines Jahres sein Geschft sich erweiterte und sein Kredit
sich begrndete. Er war so erfinderisch und einsichtsvoll, gewandt und schnell
beraten, da bald viele Brger seinen Rat und seine Arbeit suchten, wenn sie im
Zweifel waren, wie sie etwas verndern oder neu bauen lassen sollten. Dabei war
er immer bestrebt, das Schne mit dem Ntzlichen zu verbinden, und war froh,
wenn ihn seine Kunden nur gewhren lieen, so da sie manche Zierde, manches
Fenster und Gesims von reineren Verhltnissen erhielten, ohne da sie deswegen
den Geschmack ihres Baumeisters teurer bezahlen muten.
    Seine junge Frau indessen fhrte mit wahrem Fanatismus das Hauswesen,
welches durch verschiedene Arbeiter und Dienstboten schnell erweitert wurde. Sie
beherrschte mit Kraft und Meisterschaft das Fllen und Leeren einer Anzahl
groer Speisekrbe und war der Schrecken der Marktweiber und die Verzweiflung
der Schlchter, welche alle Gewalt ihrer alten Rechte aufbieten muten, einen
Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen, wenn das Fleisch fr die Frau Lee
gewogen wurde. Obgleich Meister Lee fast keine persnlichen Bedrfnisse hatte
und unter seinen zahlreichen Grundstzen derjenige der Sparsamkeit in der ersten
Reihe stand, so war er doch so gemeinntzig und groherzig, da das Geld fr ihn
nur Wert hatte, wenn etwas damit ausgerichtet oder geholfen wurde, sei es durch
ihn oder durch andere; daher verdankte er es nur seiner Frau, welche keinen
Pfennig unntz ausgab und den grten Ruhm darein setzte, jedermann weder um ein
Haar zuwenig noch zuviel zukommen zu lassen, da er nach Verflu von zwei oder
drei Jahren schon solche Ersparnisse vorfand, welche seinem unternehmenden
Geiste nebst dem Kredite, den er bereits geno, eine reichlichere Nahrung
darboten. Er kaufte alte Huser an fr eigene Rechnung, ri sie nieder und baute
an der Stelle stattliche Brgerhuser, in welchen er eine Menge Einrichtungen
fremder oder eigener Erfindung anbrachte. Diese verkaufte er mehr oder weniger
vorteilhaft, sogleich zu neuen Unternehmungen schreitend, und alle seine Gebude
trugen das Geprge eines bestndigen Strebens noch Formen- und Gedankenreichtum.
Wenn ein gelehrter Architekt auch oft nicht wute, wohin er alle angebrachten
Ideen zhlen sollte und vieles der Unklarheit oder Unharmonie zeihen mute, so
gestand er doch immer, da es Gedanken seien, und belobte, wenn er unbefangen
war, den schnen Eifer dieses Mannes mitten in der geistesarmen und nchternen
Zeit des Bauwesens, wie sie wenigstens in den abgelegenen Provinzen des
Kunstgebietes bestand.
    Dies ttige Leben versetzte den unermdlichen Mann in den Mittelpunkt eines
weiten Kreises von Brgern, welche alle zu ihm in Wechselwirkung traten, und
unter diesen bildete sich ein engerer Ausschu gleichgesinnter und empfnglicher
Mnner, denen er sein rastloses Suchen nach dem Guten und Schnen mitteilte. Es
war nun um die Mitte der zwanziger Jahre, wo in der Schweiz eine groe Anzahl
hochgebildeter Mnner aus dem innersten Schoe der herrschenden Klassen selbst,
die abgeklrten Ideen der groen Revolution wiederaufnehmend, einen frucht- und
dankbaren Boden fr die Julitage vorbereiteten und die edlen Gter der Bildung
und Menschenwrde sorgsam pflegten. Zu diesen bildete Lee mit seinen Genossen,
an seinem Orte, eine tchtige Fortsetzung im arbeitenden Mittelstande, um so
bedeutender, als viele Mitglieder in der Tiefe des Volkes auf den Landschaften
umher ihre Wurzeln hatten. Whrend jene Vornehmen und Gelehrten die knftige
Form des Staates, philosophische und Rechtswahrheiten besprachen und im
allgemeinen die Fragen schnerer Menschlichkeit zu ihrem Gebiete machten,
wirkten die rhrigen Handwerker mehr unter sich und nach unten hin, indem sie
einstweilen ganz praktisch so gut als mglich sich einzurichten suchten. Eine
Menge Vereine, fter die ersten in ihrer Art, wurden gestiftet, welche meistens
irgendeine Versicherung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehrigen zum
Zwecke hatten. Schulen wurden gesellschaftsweise gegrndet, um den Kindern des
gemeinen Mannes eine bessere Erziehung zu sichern, da die damaligen, sehr gut
eingerichteten Stadtschulen nur den wohlhabenden Altbrgerkindern zugnglich und
die Volksschulen in einem elenden Zustande waren; kurz, eine Menge
Unternehmungen dieser Art, zu jener Zeit noch neu und verdienstlich, gab den
braven Leuten zu schaffen und Gelegenheit, sich daran emporzubilden. Denn in
zahlreichen Zusammenknften muten Statuten und Verfassungen aller Art
entworfen, beraten! durchgesehen und angenommen, Vorsteher gewhlt und nach
auen wie nach innen Rechte und Formen erklrt und gewahrt werden.
    Zu diesen verschiedenen Elementen kam und berhrte sie gemeinschaftlich der
griechische Freiheitskampf, welcher auch hier, wie berall, zum ersten Mal in
der allgemeinen Ermattung die Geister wieder erweckte und erinnerte, da die
Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei. Die Teilnahme an den
hellenischen Bettigungen verlieh auch den nicht philologischen Genossen zu
ihrer brigen Begeisterung einen edlen kosmopolitischen Schwung und benahm den
hellgesinnten Gewerbsleuten den letzten Anflug von Spie- und Pfahlbrgertum.
Lee war berall der Erste, ein zuverlssiger, hingebender Freund fr alle,
seines reinen Charakters und seiner gehobenen Gesinnung wegen allgemein
geachtet, ja geehrt. Er war glcklich zu nennen, um so mehr, als er von
keinerlei Art Eitelkeiten befangen war, und erst jetzt fing er von neuem an zu
lernen und nachzuholen, was ihm immer erreichbar war. Er trieb auch seine
Freunde dazu an, und es war bald keiner derselben mehr, der nicht eine kleine
Sammlung geschichtlicher und naturwissenschaftlicher Werke aufzuweisen hatte. Da
fast allen in ihrer Jugend die gleiche drftige Erziehung zuteil geworden, so
ging ihnen nun besonders bei ihrem Eindringen in die Geschichte ein reiches und
ergiebiges Feld auf, welches sie mit immer grerer Freude durchwandelten. Ganze
Stuben voll waren sie an Sonntagsmorgen beisammen, disputierten und teilten sich
die immer neuen Entdeckungen mit, wie allezeit die gleichen Ursachen die
gleichen Wirkungen hervorgebracht htten und dergleichen. Wenn sie auch Schiller
auf die Hhen seiner philosophischen Arbeiten nicht zu folgen vermochten, so
erbauten sie sich um so mehr an seinen geschichtlichen Werken, und von diesem
Standpunkte aus ergriffen sie auch seine Dichtungen, welche sie auf diese Weise
ganz praktisch nachfhlten und genossen, ohne auf die knstlerische
Rechenschaft, die der groe Schriftsteller sich selber gab, weiter eingehen zu
knnen. Sie hatten die grte Freude an seinen Gestalten und wuten nichts
hnliches aufzufinden, das sie so befriedigt htte. Seine gleichmige Glut und
Reinheit des Gedankens und der Sprache war mehr der Ausdruck fr ihr schlichtes,
bescheidenes Treiben als fr das Wesen mancher Schillerverehrer der vornehmen
heutigen Welt. Aber einfach und durchaus praktisch, wie sie waren, fanden sie
nicht volles Gengen an oder dramatischen Lektre im Schlafrock; sie wnschten
diese bedeutsamen Begebenheiten leibhaftig und farbig vor sich zu sehen, und
weil von einem stehenden Theater in den damaligen Schweizerstdten nicht die
Rede war, so entschlossen sie sich, wiederum angefeuert von Lee, kurz und
spielten selbst Komdie, so gut sie konnten. Die Bhne und die Maschinen waren
freilich schneller und grndlicher hergestellt, als die Rollen erlernt wurden,
und mancher suchte sich ber den Umfang seiner Aufgabe selbst zu tuschen, indem
er mit vergrerter Wut Ngel einschlug und Latten entzweisgte; doch ist es
nicht zu leugnen, da ein groer Teil der Gewandtheit im Ausdruck und des uern
Anstandes, welche fast allen jenen Freunden eigen geblieben ist, auf Rechnung
solcher bungen gesetzt werden darf. Wie sie lter wurden, lieen sie
dergleichen Dinge wieder bleiben, aber sie behielten den Sinn fr das Erbauliche
in jeder Beziehung getreulich bei. Wrde man heutzutage fragen, wo sie denn die
Zeit zu alledem hergenommen haben, ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu
vernachlssigen: so wre zu antworten, da es erstens noch gesunde und naive
Mnner und keine Grbler waren, welche zu jeder Tat und jeder auerordentlichen
Arbeit einen Schatz von Zeit verschwenden muten, indem sie alles zerfaserten
und breitquetschten, ehe es geniebar war, und da zweitens die tglichen
Stunden von sieben bis zehn Uhr abends, gleichmig benutzt, eine viel
ansehnlichere Masse von Zeit ausmachen, als der Brger heute glaubt, welcher
dieselben hinter dem Weinglase im Tabaksqualm verbrtet. Man war damals noch
nicht einer Rotte von Schenkwirten tributpflichtig, sondern zog es vor, im
Herbste das edle Gewchs selbst einzukellern, und es war keiner dieser
Handwerker, vermglich oder arm, der sich nicht geschmt htte, am Schlusse der
abendlichen Zusammenknfte ein Glas derben Tischweines mangeln zu lassen oder
denselben aus der Schenke holen zu mssen. Whrend des Tages sah man keinen,
oder hchstens flchtig und heimlich, vor den Gesellen es verbergend, ein Buch
oder eine Papierrolle in die Werkstatt eines andern bringen, und sie sahen
alsdann aus wie Schulknaben, welche unter dem Tische einen Roman lesen, und
versumten wohl auch ebensowenig ihr zeitliches Wohl dabei.
    Doch sollte dies aufgeregte Leben auf andere Weise Unheil bringen. Lee hatte
sich, bei seinen gehuften Arbeiten in steter Anstrengung, eines Tages stark
erhitzt und achtlos nachher erkltet, was den Keim gefhrlicher Krankheit in ihn
legte. Anstatt sich nun zu schonen und auf jede Weise in acht zu nehmen, konnte
er es nicht lassen, sein Treiben fortzusetzen und berall mit Hand anzulegen, wo
etwas zu tun war. Schon seine vielfltigen Berufsgeschfte nahmen seine volle
Ttigkeit in Anspruch, welche er nicht pltzlich schwchen zu drfen glaubte. Er
rechnete, spekulierte, schlo Vertrge, ging weit ber Land, um Einkufe zu
besorgen, war im gleichen Augenblick zuoberst auf den Gersten und zuunterst in
den Gewlben, ri einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und tat einige
gewichtige Wrfe damit, ergriff ungeduldig den Hebebaum, um eine mchtige
Steinlast herumwlzen zu helfen, hob, wenn es ihm zu lange ging, bis Leute
herbeikamen, selbst einen Balken auf die Schultern und trug ihn keuchend an Ort
und Stelle, und statt dann zu ruhen, hielt er am Abend in irgendeinem Verein
einen lebhaften Vortrag oder war in spter Nacht ganz umgewandelt auf den
Brettern, leidenschaftlich erregt, mit hohen Idealen in einem mhsamen Ringen
begriffen, welches ihn noch weit mehr anstrengen mute als die Tagesarbeit. Das
Ende war, da er pltzlich dahinstarb als ein junger, blhender Mann, in einem
Alter, wo andere ihre Lebensarbeit erst beginnen, mitten in seinen Entwrfen und
Hoffnungen und ohne die neue Zeit aufgehen zu sehen, welcher er mit seinen
Freunden zuversichtlich entgegenblickte. Er lie seine Frau mit einem
fnfjhrigen Kinde allein zurck, und dies Kind bin ich.
    Der Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so hoch
an als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die langen Erzhlungen
der Mutter immer mehr mit Sehnsucht und Heimweh nach meinem Vater erfllt,
welchen ich nicht mehr gekannt habe. Meine deutlichste Erinnerung an ihn fllt
sonderbarerweise um ein volles Jahr vor seinem Tode zurck, auf einen einzelnen
schnen Augenblick, wo er an einem Sonntagabend auf dem Felde mich auf den Armen
trug, eine Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen
zeigte, schon bestrebt, Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schpfer in mir zu
erwecken. Ich sehe noch jetzt das grne Kleid und die schimmernden Metallknpfe
zunchst meinen Wangen und seine glnzenden Augen, in welche ich verwundert sah
von der grnen Staude weg, die er hoch in die Luft hielt. Meine Mutter rhmte
mir nachher oft, wie sehr sie und die begleitenden Mgde erbaut gewesen seien
von seinen schnen Reden. Aus noch frheren Tagen ist mir seine Erscheinung
ebenfalls geblieben durch die befremdliche berraschung des vollen
Waffenschmuckes, in welchem er eines Morgens Abschied nahm, um mehrtgigen
bungen beizuwohnen; da er ein Schtze war, so ist auch dies Bild mit der lieben
grnen Farbe und mit heiterm Metallglanze fr mich ein und dasselbe geworden.
Aus seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck
behalten, und besonders seine Gesichtszge sind mir nicht mehr erinnerlich.
    Wenn ich bedenke, wie hei treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern
hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen knnen, so finde ich es
hchst unnatrlich, wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und
preisgeben, weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben, und ich
preise die Liebe eines Kindes, welches einen zerlumpten und verachteten Vater
nicht verlt und verleugnet, und begreife das unendliche, aber erhabene Weh
einer Tochter, welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte
beisteht. Ich wei daher nicht, ob es aristokratisch genannt werden kann, wenn
ich mich doppelt glcklich fhle, von ehrenvollen und geachteten Eltern
abzustammen, und wenn ich vor Freude errtete, als ich, herangewachsen, zum
ersten Male meine brgerlichen Rechte ausbte in bewegter Zeit und in
Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat, mir die Hand schttelte
und sagte, er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich, mich auch
auf dem Platze erscheinen zu sehen; als dann noch mehrere kamen und jeder den
Mann gekannt haben und hoffen wollte, ich werde ihm wrdig nachfolgen. Ich
kann mich nicht enthalten, sosehr ich die Torheit einsehe, oft Luftschlsser zu
bauen und zu berechnen, wie es mit mir gekommen wre, wenn mein Vater gelebt
htte, und wie mir die Welt in ihrer Kraftflle von frhester Jugend an
zugnglich gewesen wre; jeden Tag htte mich der treffliche Mann weitergefhrt
und wrde seine zweite Jugend in mir verlebt haben. Wie mir das Zusammenleben
zwischen Brdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife, wie
solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft auerwrts suchen, so
erscheint mir auch, ungeachtet ich es tglich sehe, das Verhltnis zwischen
einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer, unbegreiflicher und
glckseliger, als ich Mhe habe, mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu
vergegenwrtigen.
    So aber mu ich mich darauf beschrnken, je mehr ich zum Manne werde und
meinem Schicksale entgegenschreite, mich zusammenzufassen und in der Tiefe
meiner Seele still zu bedenken Wie wrde er nun an deiner Stelle handeln, oder
was wrde er von deinem Tun urteilen, wenn er lebte? Er ist vor der Mittagshhe
seines Lebens zurckgetreten in das unerforschliche All und hat die berkommene
goldene Lebensschnur, deren Anfang niemand kennt, in meinen schwachen Hnden
zurckgelassen, und es bleibt mir nur brig, sie mit Ehren an die dunkle Zukunft
zu knpfen oder vielleicht fr immer zu zerreien, wenn auch ich sterben werde.
- Nach vielen Jahren hat meine Mutter, nach langen Zwischenrumen, wiederholt
getrumt, der Vater sei pltzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne, Glck
und Freude bringend, zurckgekehrt, und sie erzhlte es jedesmal am Morgen, um
darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken, whrend ich, von
einem heiligen Schauer durchweht, mir vorzustellen suchte, mit welchen Blicken
mich der teuere Mann ansehen und wie es unmittelbar werden wrde, wenn er
wirklich eines Tages so erschiene.
    Je dunkler die Ahnung ist, welche ich von seiner ueren Erscheinung in mir
trage, desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir
aufgebaut, und dies edle Bild ist fr mich ein Teil des groen Unendlichen
geworden, auf welches mich meine letzten Gedanken zurckfhren und unter dessen
Obhut ich zu wandeln glaube.

                                Fnftes Kapitel


Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war fr seine Witwe eine schwere Zeit
der Trauer und Sorge. Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des
vollen Umschwunges und erforderte weitlufige Verhandlungen, um sie ins reine zu
bringen. Eingegangene Vertrge waren mitten in ihrer Erfllung abgebrochen,
Unternehmungen gehemmt, groe laufende Rechnungen zu bezahlen und solche
einzuziehen an allen Ecken und Enden, Vorrte von Baustoffen muten mit Verlust
verkauft werden, und es war zweifelhaft, ob bei der augenblicklichen Lage der
Verhltnisse auch nur ein Pfennig brig bleiben wrde, wovon die bekmmerte Frau
leben sollte. Ge-richtsmnner kamen, legten Siegel an und lsten sie wieder; die
Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschftsleute gingen ab und zu, halfen
und ordneten; es wurde durchgesehen, ge rechnet, abgesondert, gesteigert. Kufer
und neue Unternehmer meldeten sich, suchten die Summen herunterzudrcken oder
mehr in Beschlag zu nehmen, als ihnen gebhrte, es war ein Gerusch und eine
Spannung, da meine Mutter, welche immer mit wachsamen Augen dabeistand, zuletzt
nicht mehr wute, wie sie sich helfen sollte. Allmhlich klrte sich die
Verwirrung auf, ein Geschft um das andere war abgetan, alle Verbindlichkeiten
gelst und die Forderungen gesichert, und es zeigte sich nun, da das Haus, in
welchem wir zuletzt wohnten, als einziges Vermgen brigblieb. Es war ein altes
hohes Gebude, mit vielen Rumen und von unten bis oben bewohnt wie ein
Bienenkorb. Der Vater hatte es gekauft in der Absicht, ein neues an dessen
Stelle zu setzen; da es aber von altertmlicher Bauart war und an Tren und
Fenstern viele schne berbleibsel knstlicher Arbeit trug, so konnte er sich
schwer entschlieen, es einzureien, und bewohnte es indessen nebst einer Anzahl
von Mietsleuten. Auf diesem Hause blieben zwar noch einige fremde Kapitalien
ruhen, jedoch hatte es der rhrige Mann in der Schnelligkeit so gut eingerichtet
und vermietet, da ein jhrlicher berschu an Mietgeldern meiner Mutter ein
bescheidenes Auskommen sicherte. Die alte Wohnung ist seither unverndert
geblieben, wie er sie verlassen hat, und wir haben darin gelebt bis auf diesen
Tag, und eine einzige Geschftsidee des frh Verstorbenen hat hingereicht,
seinen Hinterlassenen das Brot zu verschaffen, dessen sie bis jetzt bedurften.
    Das erste, was meine Mutter begann, war eine gnzliche Einschrnkung und
Abschaffung alles berflssigen, wozu voraus jede Art von dienstbaren Hnden
gehrte. In der Stille dieses Witwentumes fand ich me n erstes deutliches
Bewutsein, welches seinen Inhaber zur bung treppauf und - ab im Innern des
Hauses umherfhrte. Die untern Stockwerke sind dunkel, sowohl in den Gemchern
wegen der Enge der Gassen als auf den Treppenrumen und Fluren, weil alle
Fenster fr die Zimmer benutzt wurden. Einige Vertiefungen und Seitengnge gaben
dem Raume ein dsteres und verworrenes Ansehen und blieben noch zu entdeckende
Geheimnisse fr mich; je hher man aber steigt, desto freundlicher und heller
wird es, indem der oberste Stock, den wir bewohnen, die Nachbarhuser berragt.
Ein hohes Fenster wirft reichliches Licht auf die mannigfaltig gebrochenen
Treppen und wunderlichen Holzgalerien des luftigen Estrichs, welcher einen
heitern Gegensatz zu den khlen Finsternissen der Tiefe bildet. Die Fenster
unserer Wohnstube gehen auf eine Menge kleiner Hfe hinaus, wie sie oft von
einem Huserviertel umschlossen werden und ein verborgenes behagliches Gesumme
enthalten, welches man auf der Strae nicht ahnt. Den Tag ber betrachtete ich
stundenlang das innere husliche Leben in diesen Hfen; die grnen Grtchen in
denselben schienen mir kleine Paradiese zu sein, wenn die Nachmittagssonne sie
beleuchtete und die weie Wsche in denselben wehte, und wunderfremd und doch
bekannt kamen mir die Leute vor, welche ich darin gesehen hatte, wenn sie
pltzlich einmal in unsrer Stabe standen und mit der Mutter plauderten. Unser
eigenes Hfchen enthlt zwischen hohen Mauern ein ganz kleines Stckchen Rasen
mit zwei Vogelbeerbumchen; ein nimmermdes Brnnchen ergiet sich mit ewigem
Gepltscher in ein ganz grn gewordenes Sandsteinbecken, und der ganze Winkel
ist khl und fast schauerlich, ausgenommen im Sommer, wo die Sonne gegen Abend
einige Stunden lang darin ruht. Alsdann schimmert das verborgene Grn durch den
dunklen Hausgang so kokett auf die Gasse, wenn die Haustr aufgeht, da den
Vorbergehenden immer eine Sehnsucht nach dem Freien befllt. Im Herbste werden
diese Sonnenblicke immer krzer und milder, und wenn dann die Bltter an den
zwei Bumchen gelb und die Beeren brennend rot werden, die alten Mauern so
wehmtig vergoldet sind und das Wsserchen einigen Silberglanz dazugibt, so hat
dieser kleine abgeschiedene Raum einen so wunderbar melancholischen Reiz, da
ich spter noch oft aus der schnsten offenen Landschaft nach Hause gelaufen
bin, wenn ich wute, da die Sonne jetzt in den Hof schien. Gegen
Sonnenuntergang jedoch stieg meine Aufmerksamkeit an den Husern in die Hhe und
immer hher, je mehr sich das Meer von Dchern, das ich von unserm Fenster aus
bersah, rtete und vom schnsten Farbenglanze belebt wurde. Hinter diesen
Dchern war fr einmal meine Welt zu Ende; denn den duftigen Kranz von
Schneegebirgen, welcher hinter den letzten Dachfirsten halb sichtbar ist, hielt
ich, da ich ihn nicht mit der festen Erde verbunden sah, lange Zeit fr eins mit
den Wolken. Als ich spter zum ersten Male rittlings auf dem obersten Grate
unseres hohen, ungeheuerlichen Daches sa und die ganze ausgebreitete Pracht des
Sees bersah, aus welchem die Berge in festen Gestalten, mit grnen Fen
aufstiegen, da kannte ich freilich ihre Natur schon von ausgedehnteren
Streifzgen im Freien; fr jetzt aber konnte mir die Mutter lange sagen, das
seien groe Berge und mchtige Zeugen von Gottes Allmacht, ich konnte und mochte
sie darum nicht von den Wolken unterscheiden, deren Ziehen und Wechseln mich am
Abend fast ausschlielich beschftigte, deren Name aber ebenso ein leerer Schall
fr mich war wie das Wort Berg. Da die fernen Schneekuppen bald verhllt, bald
heller oder dunkler, wei oder rot sichtbar waren, so hielt ich sie wohl fr
etwas Lebendiges, Wunderbares und Mchtiges wie die Wolken und pflegte auch
andere Dinge mit dem Namen Wolke oder Berg zu belegen, wenn sie mir Achtung und
Neugierde einflten. So nannte ich, ich hre das Wort noch schwach in meinen
Ohren klingen, und man hat es mir nachher oft erzhlt, die erste weibliche
Gestalt, welche mir wohlgefiel und ein Mdchen aus der Nachbarschaft war, die
weie Wolke, von dem ersten Eindrucke, den sie in einem weien Kleide auf mich
gemacht hatte. Mit mehr Richtigkeit nannte ich vorzugsweise ein langes hohes
Kirchendach, das mchtig ber alle Giebel emporragte, den Berg. Seine gegen
Westen gekehrte groe Flche war fr meine Augen ein unermeliches Feld, auf
welchem sie mit immer neuer Lust ruhten, wenn die letzten Strahlen der Sonne es
beschienen, und diese schiefe, rotglhende Ebene ber der dunklen Stadt war fr
mich recht eigentlich das, was die Phantasie sonst unter seligen Auen oder
Gefilden versteht. Auf diesem Dache stand ein schlankes, nadelspitzes Trmchen,
in welchem eine kleine Glocke hing und auf dessen Spitze sich ein glnzender
goldener Hahn drehte. Wenn in der Dmmerung das Glckchen lutete, so sprach
meine Mutter von Gott und lehrte mich beten; ich fragte Was ist Gott? ist es
ein Mann? und sie antwortete Nein, Gott ist ein Geist! Das Kirchendach
versank nach und nach in grauen Schatten, das Licht klomm an dem Trmchen
hinauf, bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen Wetterhahne funkelte, und eines
Abends fand ich mich pltzlich des bestimmten Glaubens, da dieser Hahn Gott
sei. Er spielte auch eine unbestimmte Rolle der Anwesenheit in den kleinen
Kindergebeten, welche ich mit vielem Vergngen herzusagen wute. Als ich aber
einst ein Bilderbuch bekam, in dem ein prchtig gefrbter Tiger ansehnlich
dasitzend abgebildet war, ging meine Vorstellung von Gott allmhlich auf diesen
ber, ohne da ich jedoch, sowenig wie vom Hahne, je eine Meinung darber
uerte. Es waren ganz innerliche Anschauungen, und nur wenn der Name Gottes
genannt wurde, so schwebte mir erst der glnzende Vogel und nachher der schne
Tiger vor. Allmhlich mischte sich zwar nicht ein klareres Bild, aber ein
edlerer Begriff in meine Gedanken. Ich betete mein Vaterunser, dessen vollendet
schne Einteilung und Abrundung mir das Einprgen leicht und das Wiederholen zu
einer angenehmen bung gemacht hatte, mit groer Meisterschaft und vielen
Variationen, indem ich diesen oder jenen Teil doppelt und dreifach aussprach
oder nach raschem und leisem Hersagen eines Satzes den folgenden langsam und
laut betonte und dann rckwrts betete und mit den Anfangsworten Vater unser
schlo. Aus diesem Gebete hatte sich eine Ahnung in mir niedergeschlagen, da
Gott ein Wesen sein msse, mit welchem sich allenfalls ein vernnftiges Wort
sprechen liee, eher als mit jenen Tiergestalten.
    So lebte ich in einem unschuldig vergnglichen Verhltnisse mit dem hchsten
Wesen, ich kannte keine Bedrfnisse und keine Dankbarkeit, kein Recht und kein
Unrecht und lie Gott einen herzlich guten Mann sein, wenn meine Aufmerksamkeit
von ihm abgezogen wurde.
    Ich fand aber bald Veranlassung, in ein bewuteres Verhltnis zu ihm zu
treten und zum ersten Mal meine menschlichen Ansprche zu ihm zu erheben, als
ich, sechs Jahre alt, mich eines schnen Morgens in einen groen,
melancholischen Saal versetzt sah, in welchem etwa fnfzig bis sechzig kleine
Knaben und Mdchen unterrichtet wurden. In einem Halbkreise mit sieben andern
Kindern um eine Tafel herum stehend, auf welcher riesige Buchstaben gemalt
waren, war ich sehr still und gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Da
wir smtlich Neulinge waren, so hatte der Oberschulmeister, ein ltlicher Mann
mit einem groen groben Kopfe, die erste Leitung selbst bernommen fr eine
Stunde und forderte uns auf, abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen.
Ich hatte schon seit geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehrt, und es
gefiel mir ungemein, nur wute ich durchaus keine leibliche Form dafr zu
finden, und niemand konnte mir eine Auskunft geben, weil die Sache, welche
diesen Namen fhrt, einige hundert Stunden weit zu Hause war. Nun sollte ich
pltzlich das groe P benennen, welches mir in seinem ganzen Wesen uerst
wunderlich und humoristisch vorkam, und es ward in meiner Seele klar, und ich
sprach mit Entschiedenheit Dieses ist der Pumpernickel! Ich hegte keinen
Zweifel, weder an der Welt noch an mir, noch am Pumpernickel, und war froh in
meinem Herzen; aber je ernsthafter und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem
Augenblicke war, desto mehr hielt mich der Schulmeister fr einen durchtriebenen
und frechen Schalk, dessen Bosheit sofort gebrochen werden mte, und er fiel
ber mich her und schttelte mich an den Haaren eine Minute lang so wild hin und
her, da mir Hren und Sehen verging. Dieser berfall kam mir seiner Fremdheit
und Neuheit wegen wie ein bser Traum vor, und ich machte augenblicklich nichts
daraus, als da ich, stumm und trnenlos, aber voll innerer Beklemmung den Mann
ansah. Die Kinder haben mich von jeher gergert, welche, wenn sie gefehlt haben
oder sonst in Konflikt geraten, bei der leisesten Berhrung oder schon bei deren
Annherung in ein abscheuliches Zetergeschrei ausbrechen, das einem die Ohren
zerreit; und wenn solche Kinder gerade dieses Geschreies wegen oft doppelte
Schlge bekommen, so litt ich am entgegengesetzten Extrem und verschlimmerte
meine Hndel stets dadurch, da ich nicht imstande war, eine einzige Trne zu
vergieen vor meinen Richtern. Als daher der Schulmeister sah, da ich nur
erstaunt nach meinem Kopfe langte, ohne zu weinen, fiel er noch einmal ber mich
her, um mir den vermeintlichen Trotz und die Verstocktheit grndlich
auszutreiben. Ich litt nun wirklich; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen,
ward es zum zweiten Male in mir klar, und ich rief flehentlich in meiner Angst
Sondern erlse uns von dem Bsen! und hatte dabei Gott vor Augen, von dem man
mir so oft gesagt hatte, da er dem Bedrngten ein hilfreicher Vater sei. Fr
den guten Lehrer aber war dies zu stark, der Fall war nun zum auerordentlichen
Ereignisse gediehen, und er lie mich daher stracks los, mit aufrichtiger
Bekmmernis darber nachdenkend, welche Behandlungsart hier angemessen sei. Wir
wurden fr den Vormittag entlassen, der Mann brachte mich selbst nach Hause.
Erst dort brach ich heimlich in Trnen aus, indem ich abgewandt am Fenster stand
und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte, whrend ich anhrte, wie der
Mann, der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt fremd und feindlich erschien,
eine ernsthafte Unterredung mit der Mutter fhrte und versichern wollte, da ich
schon durch irgendein bses Element verdorben sein mte. Sie war nicht minder
erstaunt als wir beiden andern, indem ich, wie sie sagte, ein durchaus stilles
Kind wre, welches bisher noch nie aus ihren Augen gekommen sei und keine groben
Unarten gezeigt htte. Allerlei seltsame Einflle htte ich allerdings
bisweilen; aber sie schienen nicht aus einem schlimmen Gemte zu kommen, und,
meinte sie ganz vernnftig, ich mte mich wohl erst ein wenig an die Schule und
ihre Bedeutung gewhnen. Der Lehrer gab sich zufrieden, doch mit Kopfschtteln,
und war innerlich berzeugt, wie sich aus wiederholten Fllen ergab, da ich
gefhrliche Anlagen zeige. Er sagte auch sehr bedeutsam beim Abschiede, da
stille Wasser gewhnlich tief wren. Dieses Wort habe ich seither in meinem
Leben fter hren mssen, und es hat mich immer gekrnkt, weil es keinen grern
Plauderer gibt als mich, wenn ich mit jemand zutraulich bin. Ich habe aber
bemerkt, da viele Menschen, welche immer das groe Wort fhren, aus denen nie
klug werden, welche ihretwegen nie zu Worte kommen. Sie pflegen dann pltzlich
einmal sich ber das Schweigen zu verwundern und zur Teilnahme aufzufordern; ehe
aber diese laut werden kann, haben sie schon wieder das Wort genommen und auf
ein anderes Gebiet gefhrt, und wenn sie einmal einer Antwort Raum geben, so
verstehen sie die einfache und kurze Logik nicht, an welche sich der Schweigende
bei seinem Zuhren gewhnt hat. Die meisten Gesellschaften lassen in ihrem
Gesprche nicht so viel Raum fr ein einzuschaltendes Wort, da man mit einer
Nhnadel dazwischenstechen knnte. Es gibt keinen Menschen, welcher nicht das
Bedrfnis der Mitteilung empfnde; nur mu man sich soweit entuern knnen,
zuweilen in seine Weise einzugehen und ihm die Fesseln zu lsen. Unter den
Erwachsenen ist der Mangel dieser Kunst kein so groer belstand, und die ans
Schweigen Gewiesenen befinden sich manchmal nur um so gemtlicher dabei. Im
Umgange mit stillen Kindern aber kann es ein wahres Unglck werden, wenn die
groen Schwtzer sich nicht anders zu helfen wissen als mit dem elenden
Gemeinplatze Stille Wasser sind tief!
    Am Nachmittage wurde ich wieder in die Schule geschickt, und ich trat mit
groem Mitrauen in die gefhrlichen Hallen, welche die Verwirklichung seltsamer
und bengstigender Trume zu sein schienen. Ich bekam aber den bsen Schulmann
nicht zu Gesicht; er hielt sich in einem Verschlage auf, welcher eine Art Bureau
vorstellte und ihm zur Einnahme von kleinen Kollationen diente. An der Tre
dieses Verschlages befand sich ein rundes Fensterchen, durch welches der Tyrann
fter den Kopf zu stecken pflegte, wenn drauen ein Gerusch entstand. Die
Glasscheibe dieses Fensterchens fehlte seit geraumer Zeit, so da er durch den
leeren Rahmen sein Haupt weit in die Schulstube hineinstrecken konnte zur
sattsamen Umsicht. An diesem verhngnisvollen Tage nun hatte der Hausmeister
gerade whrend der Mittagszeit die fehlende Scheibe ersetzen lassen, und ich
schielte eben ngstlich nach derselben, als sie mit hellem Klirren zersprang und
der umfangreiche Kopf meines Widersachers hindurchfuhr. Die erste Bewegung in
mir war ein Aufjauchzen der herzlichsten Freude, und erst als ich sah, da er
bel zugerichtet war und blutete, da wurde ich betreten, und es ward zum dritten
Male klar in meiner Seele, und ich verstand die Worte Und vergib uns unsere
Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! So hatte ich an diesem
ersten Tage schon viel gelernt; zwar nicht, was der Pumpernickel sei, wohl aber,
da man in der Not einen Gott anrufen msse, da derselbe gerecht sei und uns zu
gleicher Zeit lehre, keinen Ha und keine Rache in uns zu tragen. Aus dem
Gebote, seinen Beleidigern zu vergeben, entsteht, wenn es befolgt wird, von
selbst die Kraft, auch seine Feinde zu lieben; denn fr die Mhe, welche uns
jene berwindung kostet, fordern wir einen Lohn, und dieser liegt zunchst und
am natrlichsten in dem Wohlwollen, welches wir dem Feinde schenken, da er uns
einmal nicht gleichgltig bleiben kann. Wohlwollen und Liebe knnen nicht gehegt
werden, ohne den Trger selbst zu veredeln, und sie tun dieses am glnzendsten,
wenn sie dem gelten, was man einen Feind oder Widersacher nennt. Diese
eigentmlichste Hauptlehre des Christentums fand eine groe Empfnglichkeit in
mir vor, da ich, leicht verletzt und aufgebracht, immer ebenso schnell bereit
war zu vergessen und zu vergeben, und es hat mich spter, als mein Sinn sich der
Offenbarungslehre zu verschlieen anfing, lebhaft beschftigt zu ermitteln,
inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit
vorhandenen und erkannten Bedrfnisses sei; denn ich sah, da es nur von einem
bestimmten Teile der Menschen rein und uneigenntzig befolgt wurde, von
denjenigen nmlich, welche ihre natrlichen Gemtsanlagen dazu trieben. Die
andern, welche ihr ursprngliches Rachegefhl berwanden und auf das
Vergeltungsrecht mit Mhe verzichteten, schienen mir oft dadurch mehr Vorteil
ber ihren Feind zu gewinnen, als sich mit dem Begriffe der reinen
Selbstentuerung vertrug; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit, die
zugleich im Verzeihen liegt, der Widersacher allein es ist, welcher sich in
seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet. Dies Verzeihen ist es auch,
was in groen geschichtlichen Kmpfen die berlegenheit des Siegers, nachdem er
einen Handel mnnlich ausgefochten hat, vermehrt und beurkundet, da dieselbe
auch moralisch eine reifgewordene ist. So ist das Schonen und Aufrichten des
gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit und vor der Einfhrung
des Christentums wohl so oft zur Geltung gekommen als nach derselben verleugnet
worden; das eigentliche Lieben aber des Feindes, in voller Blte und solange er
uns Schaden zufgt, habe ich nirgends gesehen, weil ich auch bei einigen armen
und ungebildeten Sektierern, welche in ihrem heien Bestreben, das Evangelium
ganz wrtlich zu nehmen, neben andern verpntern Dingen auch diese Tugend bten,
das aufrichtige Wesen nicht sattsam von dem ngstlichen Scheine unterscheiden
konnte.
    Im Verlaufe meiner ersten Schuljahre fand ich nun hufige Gelegenheit,
meinen Verkehr mit Gott zu erweitern, da die kleinen Erlebnisse sich vermehrten.
Ich hatte mich bald in den Weltlauf ergeben und tat, wie die andern Kinder, was
ich nicht lassen konnte. Dadurch war ich abwechselnd zufrieden und geriet in
Bedrngnis, wie es das Wohlverhalten oder die Vernachlssigung meiner Pflichten
nebst allerhand kindischem Unfuge mit sich brachten. In jeder blen Lage aber
rief ich Gott an und betete in meinem Innern in wenigen wohlgesetzten Worten,
wenn die Krisis zu reifen begann, um eine gnstige Entscheidung und um Rettung
aus der Gefahr, und ich mu zu meiner Schande gestehen, da ich immer entweder
das Unmgliche oder das Ungerechte verlangte. Oft war es der Fall, da meine
Snden bersehen wurden; und alsdann lie ich es nicht an herzlichen Dankgebeten
aus dem Stegreife fehlen, welche um so vergnglicher waren, als mir der Sinn fr
die Verdientheit der Strafe so lange verschlossen blieb, bis ich bewute Fehler
beging. So bestand der Stoff meiner Anrufungen aus der wunderlichsten Mischung;
das eine Mal bat ich um die gelungene Probe eines schwierigen Rechnenexempels
oder da der Vorgesetzte fr einen Tintenklecks in meinem Hefte mit Blindheit
geschlagen werde, das andere Mal, ein zweiter Josua, um Stillstand der Sonne,
wenn ich mich zu verspten drohte, oder auch um Erlangung eines fremden
reizenden Backwerkes. Als die Jungfrau, welche ich die weie Wolke nannte, einst
fr lange Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm, whrend ich
schon in meinem Bettchen lag, jedoch alles hrte, bat ich meinen himmlischen
Vater in sehnlichen Ausdrcken, er mchte bewirken, da sie mich hinter meinen
Vorhngen nicht vergesse und noch einmal tchtig ksse. Ich schlief ber der
steten Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und wei zur Stunde
noch nicht, ob meine Bitte in Erfllung gegangen ist.
    Eines Tages wurde ich zur Strafe ber die Mittagszeit in der Schule
zurckbehalten und eingeschlossen, so da ich erst auf den Abend etwas zu essen
bekam. Das war das erste Mal, wo ich den Hunger kennen und zugleich die
Ermahnungen meiner Mutter verstehen lernte, welche mir Gott vorzglich als den
Erhalter und Ernhrer jeglicher Kreatur anpries und als den Schpfer unsers
schmackhaften Hausbrotes darstellte, der Bitte gem Gib uns heut unser
tgliches Brot! welches nie fehlen drfe, wenn die Sache nicht schiefgehen
sollte. berhaupt gewann ich fr Essen und Trinken ein groes Interesse und
manche Einsicht in die Beschaffenheit derselben, indem ich fast ausschlielich
den Verkehr von Frauen mit ansah, dessen Hauptinhalt der Erwerb und die
Besprechung von Lebensmitteln war, und die Wichtigkeit, welche ich diesem
Verkehre beilegen sah, trug sich mir auch auf meine Bitte um das tgliche Brot
ber. Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmhlich tiefer in den
Haushalt der Mitbewohner ein und lie mich oft aus ihren Schsseln bewirten, und
undankbarerweise schmeckten mir die Speisen berall besser als bei meiner
Mutter. Jede Hausfrau verleiht, auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind,
doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack, welcher
ihrem Charakter entspricht. Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewrzes oder
eines Krautes, durch grere Fettigkeit oder Trockenheit, Weichheit oder Hrte,
bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter, welcher das genschige
oder nchterne, weichliche oder sprde, hitzige oder kalte, das
verschwenderische oder geizige Wesen der Kchin ausspricht, und man erkennt
sicher die Hausfrau aus den wichtigsten Speisen des Brgerstandes, nmlich dem
Rindfleisch und dem Gemse, dem Braten und dem Salate; ich meinerseits, als ein
junger frhzeitiger Kenner, habe aus einer bloen Fleischbrhe den Instinkt
geschpft, wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe. Die
Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten, sozusagen, aller und jeder
Individualitt. Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager, der Kaffee nicht
stark und nicht schwach, sie verwendete kein Salzkorn zuviel, und keines hat je
gefehlt, sie kochte schlecht und recht, ohne Manieriertheit, wie die Knstler
sagen, in den reinsten Verhltnissen; man konnte von ihren Speisen eine groe
Menge genieen, ohne sich den Magen zu verderben. Sie schien mit ihrer weisen
und mavollen Hand, am Herde stehend, tglich das Sprichwort zu verkrpern Der
Mensch it, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen! Nie und in keiner Weise
war ein berflu zu bemerken und ebensowenig ein Mangel. Diese nchterne
Mittelstrae langweilte mich, der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo
bedeutend reizte, und ich begann, ber ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu
ben, sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war. Da ich mit meiner
Mutter immer allein bei Tische sa und sie lieber auf Gesprch und Unterhaltung
dachte als auf ein genaues Erziehungssystem, so wies sie mich nicht kurz und
strafend zur Ruhe, sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir
hauptschlich vor, auf Menschenschicksale und Lebenslufe bergehend, wie ich
vielleicht eines Tages froh sein wrde, an ihrem Tische zu sitzen und zu essen;
dann werde sie aber nicht mehr dasein. Obgleich ich dazumal nicht recht einsah,
wie das zugehen sollte, so wurde ich doch jedesmal gerhrt und von einem
geheimen Grauen ergriffen und so fr einmal geschlagen. Machte sie alsdann auch
noch auf die Undankbarkeit aufmerksam, welche ich gegen Gott beging, indem ich
seine guten Gaben tadelte, so htete ich mich mit einer heiligen Scheu, den
allmchtigen Geber ferner zu beleidigen, und versank in Nachdenken ber seine
trefflichen und wunderbaren Eigenschaften.
    Nun geschah es aber, da in dem Mae, als ich ihn deutlicher erfate und
sein Wesen mir unentbehrlicher und ersprielicher wurde, mein Umgang mit Gott
sich verschmt zu verschleiern begann und, als meine Gebete einen vernnftigen
Sinn erhielten, mich eine wachsende Scheu beschlich, sie laut herzusagen. Meine
Mutter ist eines einfachen und nchternen Gemtes und nichts weniger als das,
was man eine warm andchtige Frau nennt, sondern schlechthin gottesfrchtig. Ihr
Gott war dazumal schon nicht der Befriediger und Erfller einer Menge dunkler
und drangvoller Herzensbedrfnisse, sondern klar und einfach der versorgende und
erhaltende Vater, die Vorsehung. Ihr gewhnliches Wort war Wer Gott vergit, den
vergit er auch; von der inbrnstigen Gottesliebe dagegen hrte ich sie nie
reden, und ich selbst habe eine Stimmung dieser Art erst spter empfunden, als
das Wesen Gottes mir endlich meiner reiferen Empfnglichkeit und Erkenntnis
entsprechend sich ausgebildet hatte. Desto eifriger aber hielt sie darauf, und
es ward ihr in unserer Verlassenheit fr die lange und dunkle Zukunft eine
Hauptsache, da Gott der Ernhrer und Beschtzer mir immer vor Augen sei, und
sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem unwandelbaren Gottvertrauen
in mich. Infolge dieses rhrenden Bestrebens wollte sie eines Sonntags, als wir
uns eben zu Tische gesetzt hatten, das Tischgebet einfahren, welches bis dahin
nicht blich gewesen in unserm Hause, und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines
altes Volksgebet vor, mit der Aufforderung, es jetzt und in Zukunft nachzubeten.
Aber wie erstaunte sie, als ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und
dann pltzlich verstummte und nicht weiterkonnte! - Das Essen dampfte auf dem
Tische, es war ganz still in der Stube, die Mutter wartete, aber ich brachte
keinen Laut hervor. Sie wiederholte ihr Verlangen, aber ohne Erfolg; ich blieb
stumm und niedergeschlagen, und sie lie es fr diesmal bewenden, da sie mein
Benehmen fr eine gewhnliche Kinderlaune hielt. Am folgenden Tage wiederholte
sich der Auftritt, und sie wurde nun ernstlich bekmmert und sagte Warum willst
du nicht beten? Schmst du dich? Das war nun zwar der Fall, ich vermochte es
aber nicht zu bejahen, weil, wenn ich es getan, es doch nicht wahr gewesen wre
in dem Sinne, wie sie es verstand. Der gedeckte Tisch kam mir vor wie ein
Opfermahl, obgleich ich von einem solchen noch nichts wute, und das Hndefalten
nebst dem feierlichen Beten vor den duftenden Schsseln wurde zu einer
Zeremonie, welche mir alsobald unbesieglich widerstand. Es war nicht Scham vor
der Welt, wie es der Priester zu nennen pflegt; denn wie sollte ich mich vor der
einzigen Mutter schmen, vor welcher ich bei ihrer Milde nichts zu verbergen
gewohnt war? Es war Scham vor mir selber; ich konnte mich selbst nicht sprechen
hren und habe es auch nie mehr dazu gebracht, in der tiefsten Einsamkeit und
Verborgenheit laut zu beten.
    Nun sollst du nicht essen, bis du gebetet hast! sagte die Mutter, und ich
stand auf und ging vom Tische weg in eine Ecke, wo ich in groe Traurigkeit
verfiel, mit einigem Trotze vermischt. Meine Mutter aber blieb sitzen und tat
so, als ob sie essen wrde, obgleich sie es nicht konnte, und es trat eine Art
dstrer Spannung zwischen uns ein, wie ich sie noch nie gefhlt hatte und die
mir das Herz beklemmte. Sie ging schweigend ab und zu und rumte den Tisch ab;
als jedoch die Stunde nahte, wo ich wieder zur Schule gehen sollte, brachte sie
mein Essen, indem sie sich die Augen wischte, als ob ein Stubchen darin wre,
wieder herein und sagte Da kannst du essen, du eigensinniges Kind! worauf ich
meinerseits unter einem Ausbruche von Schluchzen und Trnen mich hinsetzte und
es mir tapfer schmecken lie, sobald die heftige Bewegung nachlie. Auf dem Wege
zur Schule lie ich es nicht an einem vergngten Dankseufzer fehlen fr die
glckliche Befreiung und Vershnung.
    Als ich in spteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war, wurde ich an das
Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte, welche sich vor mehr als
hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck
auf mich machte. In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine steinerne Tafel
eingelassen, welche nichts als ein halbverwittertes Wappen und die Jahrzahl 1713
trug. Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzhlten
allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben, wie es ein
vornehmes Kind aus der Stadt, aber in das Pfarrhaus, in welchem dazumal ein
gottesfrchtiger und strenger Mann wohnte, verbannt gewesen sei, um von seiner
Gottlosigkeit und unbegreiflich frhzeitigen Hexerei geheilt zu werden. Dieses
sei aber nicht gelungen; vorzglich habe es nie dazu gebracht werden knnen, die
drei Namen der hchsten Dreieinigkeit auszusprechen, und sei in dieser gottlosen
Halsstarrigkeit verblieben und elendiglich verstorben. Es sei ein
auerordentlich feines und kluges Mdchen in dem zarten Alter von sieben Jahren
und dessenungeachtet die allerrgste Hexe gewesen. Besonders htte es erwachsene
Mannspersonen verfhrt und es ihnen angetan, wenn es sie nur angeblickt, da
selbe sich sterblich in das kleine Kind verliebt und seinetwegen bse Hndel
angefangen htten. Sodann htte es seinen Unfug mit dem Geflgel getrieben und
insbesondere alle Tauben des Dorfes auf den Pfarrhof gelockt und selbst den
frommen Herrn verhext, da er dieselben fter inbehalten, gebraten und zu seinem
Schaden gespeist habe. Selbst die Fische im Wasser habe es gebannt, indem es
tagelang am Ufer sa und die alten klugen Forellen verblendete, da sie bei ihm
verweilten und in groer Eitelkeit vor ihm herumschwnzelten, sich in der Sonne
spiegelnd. Die alten Frauen pflegten diese Sage als Schreckmnnchen fr die
Kinder zu gebrauchen, wenn sie nicht fromm waren, und fgten noch viele seltsame
und phantastische Zge hinzu. Im Pfarrhause hingegen hing wirklich ein altes
dunkles lgemlde, das Bildnis dieses merkwrdigen Kindes enthaltend. Es war ein
auerordentlich zart gebautes Mdchen in einem blagrnen Damastkleide, dessen
Saum in einem weiten Kreise starrte und die Fchen nicht sehen lie. Um den
schlanken feinen Leib war eine goldene Kette geschlungen und hing vorn bis auf
den Boden herab. Auf dem Haupte trug es einen kronenartigen Kopfputz aus
flimmernden Gold- und Silberblttchen, von seidenen Schnren und Perlen
durchflochten. In seinen Hnden hielt das Kind den Totenschdel eines andern
Kindes und eine weie Rose. Noch nie habe ich aber ein so schnes, liebliches
und geistreiches Kinderantlitz gesehen wie das blasse Gesicht dieses Mdchens;
es war eher schmal als rund, eine tiefe Trauer lag darin, die glnzenden dunklen
Augen sahen voll Schwermut und wie um Hilfe flehend auf den Beschauer, whrend
um den geschlossenen Mund eine leise Spur von Schalkheit oder lchelnder
Bitterkeit schwebte. Ein schweres Leiden schien dem ganzen Gesichte etwas
Frhreifes und Frauenhaftes zu verleihen und erregte in dem Beschauenden eine
unwillkrliche Sehnsucht, das lebendige Kind zu sehen, ihm schmeicheln und es
kssen zu drfen. Es war auch der Erinnerung des alten Dorfes unbewut lieb und
wert, und in den Erzhlungen und Sagen von ihm war ebensoviel unwillkrliche
Teilnahme als Abscheu zu bemerken.
    Die eigentliche Geschichte war nun die, da das kleine Mdchen, einer
adeligen, stolzen und hchst orthodoxen Familie angehrig, eine hartnckige
Abneigung gegen Gebet und Gottesdienst jeder Art zeigte, die Gebetbcher zerri,
welche man ihm gab, im Bette den Kopf in die Decke hllte, wenn man ihm
vorbetete, und klglich zu schreien anfing, wenn man es in die dstere, kalte
Kirche brachte, wo es sich vor dem schwarzen Manne auf der Kanzel zu frchten
vorgab. Es war ein Kind aus einer unglcklichen ersten Ehe und mochte sonst
schon ein Stein des Anstoes sein. So beschlo man, als es durch keine Mittel
von der unerklrlichen Unart abgebracht werden konnte, das Kind jenem wegen
seiner Frmmigkeit und Strengglubigkeit berhmten Pfarrherrn versuchsweise in
Pflege zu geben. Wenn schon die Familie die Sache als ein befremdliches und
ihrem Rufe Unehre bringendes Unglck auffate, so betrachtete der dumpfe, harte
Mann dieselbe vollends als eine unheilvolle infernalische Erscheinung, welcher
mit aller Kraft entgegenzutreten sei. Demgem nahm er seine Maregeln, und ein
altes vergilbtes diarium, von ihm herrhrend und im Pfarrhause aufbewahrt,
enthlt einige Notizen, welche ber sein Verfahren sowie das weitere Schicksal
des unglcklichen Geschpfes hinreichenden Aufschlu geben. Folgende Stellen
habe ich mir ihres seltsamen Inhaltes wegen abgeschrieben und will sie diesen
Blttern einverleiben und so die Erinnerung an jenes Kind in meinen eigenen
Erinnerungen aufbewahren, da sie sonst verlorengehen wrde.

Heute habe ich von der hochgebornen und gottesfrchtigen Frau von M. das
schuldende Kostgeld fr das erste Quartal richtig erhalten, alsogleich quittiret
und Bericht erstattet. Ferner der kleinen Meret (Emerentia) ihre wchentlich
zukommende Correction ertheilt und verscherpft, indeme sie nackent auf die Bank
legte und mit einer neuen Ruthen zchtigte, nicht ohne Lamentiren und Seufzen
zum Herren, da Er das traurige Werk zu einem guten Ende fhren mge. Hat die
Kleine zwaren jmmerlich geschrieen und de- und wehmthig um Pardon gebeten,
aber nichts desto weniger nachher in ihrer Verstocktheit verharret und das
Liederbuch verschmhet, so ich ihr zum Lernen vorgehalten. Habe sie derowegen
krzlich verschnauffen lassen und dann in Arrest gebracht in die dunkle
Speckkammer, allwo sie gewimmert und geklaget, dann aber still geworden ist, bis
sie urpltzlich zu singen und jubiliren angefangen, nicht anders wie die drey
seligen Mnner im Feuerofen, und habe ich zugehret und erkennt, da sie die
nmliche versificirten Psalmen gesungen, so sie sonsten zu lernen refusirete,
aber in so unntzlicher und weltlicher Weise, wie die thrichten und einfltigen
Ammen- und Kindslieder haben; so da ich solches Gebahren fr ein neue
Schalkheit und Mibrauch des Teufels zu nemen gezwungen ward.
    Ferner:
    Ist ein hchst lamentables Schreiben arriviret von Madame, welche in
Wahrheit eine frtreffliche und rechtglubige Person ist. Sie hat besagten Brief
mit ihren Thrnen benetzet und mir auch die groe Bekmmerni des Herren Gemahls
vermeldet, da es mit der kleinen Meret nicht besser gehen will. Und ist dieses
gewilich eine groe Calamitt, so diesem hochansehnlichen und berhmten
Geschlecht passiret und mchte man der Meinung seyn, mit Respect zu sagen, da
sich die Snden des Herren Gropapa vterlicher Seits, welches ein gottloser
Wtherich und schlimmer Cavalier ware, an diesem armseligen Geschpflein
vermerken lassen und rechen. Habe mein Tractament mit der Kleinen changiret und
will nunmehr die Hungerkur probiren. Auch hab ich ein Rcklein von grobem
Sacktuch durch meine Ehefrau selbsten anfertigen lassen und verbothen, der Meret
ein ander Habit anzulegen, sintemal diese Bukleidung ihr am besten conveniret.
Verstocktheit auf dem gleichen Puncto.
    Sahe mich heute gezwungen, die kleine Demoiselle von allem Verkehr und
Unterhalt mit denen Baurenkindern abzusperren, weill sie mit selbigen in das
Holz gelauffen, allda gebadet im Holzweiher, das Buhemdlein, so ich ihr
ordiniret, an ein Baumast gehenkt hat und nackend davor gesprungen und getanzt
und auch ihre Gespanen zu frechem Spott und Unfug aufgereizet. Betrchtliche
Correction.
    Heut ein groer Spectakel und Verdru. Kame ein groer, starker Schlingel,
der junge Mllerhans, und richtete mir Hndel an von wegen der Meret, welche er
alltglich schreien und heulen zu hren vorgegeben, und disputirte ich mit
demselben, als auch der junge Schulmeister, der Tropf, herankam und drohete,
mich zu verklagen, und fiel ber die schlimme Creatur her, herzete und kssete
sie etc. etc. Lie den Schulmeister alsogleich arretiren und zum Landvogt
fhren. Dem Mllerhans mu ich auch noch beikommen, obgleich selbiger reich und
gewaltthtig ist. Mchte bald selber glauben, was die Bauersleute sagen, da das
Kind eine Hexe sey, wenn diese Opinion nicht der Vernunft widersprche. Jeden
Falls steckt der Teufel in ihr und habe ich ein schlimmes Stck Arbeit
bernommen.
    Diese ganze Woche habe ich einen Mahler im Hause tractiret, so mir Madame
bersendet, damit er das Portrait der kleinen Frulein anfertige. Die bedrngte
Familie will das Geschpfe nicht mehr zu sich nemen und allein zum traurigen
Angedenken und zur bufertigen Anschauung, auch von wegen der groen Schnheit
des Kindes, ein Conterfey behalten. Insbesundere will der Herr nicht von dieser
Idee lassen. Meine Ehefrau verabreicht dem Mahler alltglich zwei Schoppen Wein,
woran er nicht genug zu haben scheinet, da er allabendlich in den rothen Lwen
gehet und dorten mit dem Chirurgo spielet. Ist ein hochfahrendes Subject und
setze ihm daher fter ein Schnepfen oder ein Hechtlein vor, welches in dem
Quartal Conto der Madame zu vermerken ist. Wollte anfenglich mit der Kleinen
sein Wesen und Freundlichkeit treiben und hat sie sich sogleich an ihn
attachiret, daher ich ihme bedeutet habe, mir in meinem Process nicht zu
interveniren. Wie man der Kleinen ihr verwahrte Habit und Sonntagsstaat
herfrgehohlt und angelegt benebst der Schapell und der Grtlen, so hat sie
groen Plaisir gezeiget und zu tanzen begonnen. Diese ihre Freude ist aber bald
verbittert worden, als ich nach dem Befelch der Frau Mama 1 Todtenschedel hohlen
liee und in die Hand zu tragen gab, welchen sie partout nicht nemen wollen und
hernachmalen weinend und zitternd in der Hand gehalten, wie wenn es ein feurig
Eisen wr. Zwaren hat der Mahler behauptet, er knne den Schedel auwendig
malen, weill solcher zu denen allerersten Elementen seiner Kunst gehre, habe es
aber nicht zugegeben, sintemal Madame geschrieben hat: Was das Kind leidet, das
leiden auch wir, und ist uns in seinem Leiden selbst Gelegenheit zur Bue
gegeben, so wir fr ihn's thun knnen; derohalb brechen Ew. Wohlehrwrden in
Nichts ab, Euere Frsorge und Education betreffend. Wenn das Tchterlein
dereinst, wie ich zum allmchtigen und barmherzigen Gott verhoffe, hier oder
dort erleuchtet und gerettet seyn wird, so wird es ohnzweifelhaft sich hchlich
erfreuen, ein gutes Theil seiner Bue schon mit seiner Verstocktheit abgethan zu
haben, welche ber ihn's zu verhngen der unerforschliche Meister beliebt hat!
Diese tapferen Worte vor Augen, habe ich auch diese Gelegenheit fr dienlich
erachtet, der Kleinen mit dem Schedel eine ernsthafte Bue anzuthun. Man hat
brigens einen kleinen leichten Kindsschedel gebrauchet, dieweill der Mahler
sich beschwehret, da der groe Mannsschedel zu unfrmlich seye fr die kleinen
Hndlein, in Betracht seiner Kunst-Regula und hat sie denselben nachher lieber
gehalten; auch hat ihr der Mahler ein weies Rslein dazugesteckt, was ich wohl
leiden mochte, weil es als ein gutes Symbolum gelten kann.
    Habe heut pltzlich ein Contreordre erhalten in Betreff des Tableau und
soll nun selbiges nicht nach der Stadt spediren, sondern hier behalten. Es ist
Schad um die brave Arbeit, so der Mahler gemacht hat, weil er ganz charmiret war
von der Anmuth des Kinds. Htt' ich es frher gewut, so htt' der Mann fr
diesen Kostenaufwand mein eigen Conterfey auf das Tuch mahlen knnen, wenn die
schnen Victualien nebst Lohn einmal drauff gehen sollen.
    Es ist mir fernerer Befelch zu Handen gekommen, mit aller weltlichen
Instruction abzubrechen, besonders mit dem Franzsischen, da solches nicht mehr
nthig erachtet werde, so wie auch meine Gemahlin mit dem Unterricht auf dem
Spinett aufhren solle, was der Kleinen leid zu thun scheinet. Vielmehr soll ich
sie fortan als ein einfaches Pflegekind tractiren und allein frsorgen, da sie
kein ffentlich rgerni gebe.
    Vorgestern ist uns die kleine Meret desertiret und haben wir groe Angst
empfunden, bis da sie heute Mittag um 12 Uhr zu obrist auf dem Buchberge
ausgespret wurde, wo sie entkleidet auf ihrem Buhabit an der Sonne sa und
sich ba wrmete. Sie hat' ihr Haar ganz aufgeflochten und ein Krnzlein von
Buchenlaub darauff gesetzet, so wie ein dito Scherpen um den Leib gehenkt, auch
ein Quantum schner Erdteeren vor sich liegen gehabt, von denen sie ganz voll
und rundlich gegessen war. Als sie unser ansichtig ward, wollte sie wiederum
Reiaus nemen, schmete sich aber ihrer Ble und wollte ihr Habitlein
berziehen, dahero wir sie glcklich attrapiret. Sie ist nun krank und scheinet
confuse zu seyn, da sie keine vernnftige Antwort gibt.
    Mit dem Meretlein gehet es wiederum besser, jedoch ist sie mehr und mehr
verndert und wird des Gnzlichen dumm und stumm. Die Consultation des
herbeygeruffenen Medicus verlautet dahin, da sie irr- oder bldsinnig werde und
nunmehr der medicinischen Behandlung anheim zu stellen sey; er offerirte sich
auch zu derselbigen und hat verheien, das Kind wieder auf die Beine zu bringen,
wenn es in seinem Hause placiret wrde. Ich merke aber schon, da es dem
Monsieur Chirurgo nur um die gute Pension benebst denen Prsenten von Madame zu
thun seye, und berichtete derohalb, was ich fr gut befunden, nemlich da der
Herr seinen Plan nunmehr an ein Ende zu fhren scheine mit seiner Creatur und
da Menschenhnde hieran Nichts changiren mchten und drften, wie es in
Wirklichkeit auch ist.
    Nach berschlagung von fnf bis sechs Monaten heit es weiter:
    Es scheinet dieses Kind in seinem blden Zustande einer trefflichen
Gesundheit zu genieen und hat ganz muntere rothe Backen bekommen. Hlt sich nun
den ganzen Tag in den Bohnen auf, wo man sie nicht siehet und weiter nicht um
sie bekmbert, zumalen sie weiter kein rgernu giebet.
    Das Meretlein hat sich in Mitten des Bohnenpltz ein kleinen Salon
arrangiret, so man entdecket, und hat dorten artliche Visites acceptiret von
denen Baurenkindern, welche ihme Obst und andere Victualia zugeschleppet, so sie
gar zierlich vergraben und in Vorrath gehalten hat. Daselbst hat man auch jenen
kleinen Kindsschedel begraben gefunden, welcher lngst abhanden gekommen und
dahero dem Custos nicht restituiret werden konnte. Dergleichen auch die Spatzen
und andere Vgel herbeygezogen und zahm gemacht, da die den Bohnen viel Abbruch
gethan und ich jedoch nicht mehr in die Bohnenstauden schieen knnen, von wegen
der kleinen Insa. Item hat sie mit einer giftigen Schlangen ihr Spiel gehabt,
welche durch den Hag gebrochen und sich bei ihr eingenistet; in summa, man hat
sie wieder ins Haus nemen und inne behalten mssen.
    Die rothen Backen sind wiederum von ihr gewichen und behauptete der
Chirurgus, sie werde es nicht mehr lang prstiren. Habe auch schon an die Eltern
geschrieben.
    Heut vor Tag schon mu das arme Meretlein aus seinem Bettlein entkommen, in
die Bohnen hinau geschlichen und dort verschieden seyn; denn wir haben sie
alldort fr todt gefunden in einem Grblein, so sie in den Erdboden hinein
gewhlet, als ob sie hineinschlpfen wollte. Sie ist ganz gestabet gewesen und
ihr Haar so wie ihr Hemdlein feucht und schwer vom Thau, als welcher auch in
lauteren Tropfen auf ihren fast rthlichen Wnglein gelegen, nicht anders denn
auf einem Apfelblust. Und haben wir einen heftigen Schrecken bekommen und bin
ich in groe Verlegenheit und Confusion gerathen den heutigen Tag, dieweill die
Herrschaft aus der Stadt angelanget, just wie meine Ehefrau verreiset ist nach
K., um allda einiges Confect und Provision einzukaufen, damit die Herrschaften
hflichst zu regaliren. Wute derohalb nicht, wo mir der Kopf gestanden, und war
ein groes Rennen und Laufen, und sollten die Mgde das Leichlein waschen und
ankleiden, und zugleich fr ein guten Imbi sorgen. Endlich habe ich den grnen
Schinken braten lassen, so meine Frau vor acht Tagen in Essig geleget, und hat
der Jakob drei Stck von denen zahmen Forellen gefangen, welche noch hin und
wieder an den Garten kommen, obgleich man die selige (?!) Meret nicht mehren zum
Wasser hinau gelassen. Habe zum Glck mit diesen Speien noch ziemliche Ehre
eingeleget und haben dieselbigen der Madame wohl geschmecket. Ist eine groe
Traurigkeit gewesen und haben wir mehr denn zwei Stunden in Gebeth und
Todesbetrachtungen verbracht, desgleichen in melankolischen Reden von der
unglckseligen Krankhaftigkeit des verstorbenen Mgdleins, da wir nun annemen
mssen zu unserem vermehrten Trost, da selbe in einer fatalen Disposition des
Bluts und Gehirns ihren Ursprung gehabt. Daneben haben wir auch von den
sonstigen groen Gaben des Kinds geredet und von seinen oftmaligen klugen und
anmuthigen Einfllen und Impromptus und Alles nicht zusammenreimen knnen in
unserer irdischen Kurzsichtigkeit. Morgens am Vormittag wird man dem Kind ein
Christlich Begrbni geben und ist die Prsenz der frnehmen Eltern dazu
kommlich, ansonsten die Pauren sich widersatzen mgten.
    Dieses ist der allerwunderbarste und schreckhafteste Tag gewesen, nicht nur
allein, seit wir mit dieser unseligen Creatur zu schaffen, sondern der mir
berhaupt in meiner ruhsamen Existenz aufgestoen ist. Denn als die Stunde
gekommen und es zehn Uhr geschlagen, haben wir uns hinter dem Leichlein her in
Bewegung gesetzet und nach dem Gottesacker begeben, indessen der Sigrist die
kleine Glocken gelutet, was er aber nicht mit sehrem Fleie gethan, dieweil es
fast erbrmlich geklungen und das Gelute zur Halbpart vom starken Winde
verschlungen worden, der unwirsch gewehet hat. Und war auch der Himmel ganz
dunkel und schwl, sowie der Kirchhof von Menschen entblet auer unserer
kleinen Compagnie, hergegen auerhalb denen Mauren die ganze Baursame versammelt
und hat neugierig die Kpfe herber gerecket. Wie man aber so eben das
Todtenbumlein (Todtenbaum = Sarg) in das Grab hinunter senken wollen, hat man
ein seltsamen Schrei gehrt aus dem Todtenbumlein hervor, so da Wir auf das
Heftigste erschrocken sind und der Todtengrber auf und davon gesprungen ist.
Der Chirurgus aber, welcher sich auch herzugemachet, hat schleunigst den Deckel
losgemacht und abgehebt, und hat sich das Tdlein als lebendig aufgerichtet und
ist ganz behende aus dem Grblein gekrochen und hat uns angeblicket. Und wie im
selbigen Moment die Sonne seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen, so
hat es in seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krnlein ausgesehen
wie ein Feyen- oder Koboltskind. Die Frau Mama ist alsobald in eine starke
Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestrzet. Ich selbst
habe mich vor Verwunderung und Schrecken nicht gerhret und in diesem Moment
steif an ein Hexenthum geglaubt. Das Mgdlein aber hat sich bald ermannt und ist
ber den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gesprungen, wie eine Katz, da alle
Leute voll Entsetzen heimgelaufen sind und ihre Thren verriegelt haben. Zu
selbiger Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf
die Gasse gekommen, und als das kleine Zeugs die Sache gesehen, hat man die
Kinder nicht halten knnen, sondern ist eine groe Schar dem Leichlein
nachgelaufen und hat es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit
dem Bakel gesprungen. Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und
nicht eher Halt gemacht, als bis es auf dem Buchberg angekommen und leblos
umgefallen ist, worauf die Kinder um dasselbe herumgekrabbelt und es vergeblich
gestreichelt und caressiret haben. Dieses Alles haben wir nach der Hand
erfahren, weil wir mit groer Noth in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer
Desolation verharret sind, bis man das Leichlein wiederum gebracht hat. Man hat
es auf ein Matraz gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit
Hinterlassung einer kleinen Steintafell, worein Nichts als das Familienwappen
und Jahrzahl gehauen ist. Nunmehr liegt das Kind wieder fr todt und getrauen
wir uns nicht, zu Bett zu gehen aus Furcht. Der Medicus sitzet aber bey ihm und
meint nun, es sey endlich zur Ruh gekommen.
    Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklrt, da das
Kind wirklich todt seye und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und
nichts Weiteres arriviret usf.

                                Sechstes Kapitel


Ich kann nicht sagen, da, nachdem Gott einmal die bestimmte und nchterne
Gestalt eines Ernhrers und Aushelfers fr mich gewonnen hatte, er mein Herz in
jenem Alter mit zarteren Empfindungen oder hheren Gemtsfreuden erfllt habe,
zumal er aus dem glnzenden Gewande des Abendrotes sich verloren, um in viel
spterer Zeit es wieder umzunehmen. Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen
Dingen sprach, so fuhr sie fort, vorzglich im Alten Testamente zu verweilen,
bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wste oder bei den Kornhndeln
Josephs und seiner Brder, bei der Witwe lkrug, der hrenleserin Ruth und
dergleichen oder ausnahmsweise bei der Speisung der fnftausend Mnner im Neuen
Testamente. Alle diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl, und sie trug mir
dieselben mit warmer Beredsamkeit vor, whrend diese mehr einem unparteiischen
und pflichtgem frommen Erzhlen Raum gab, wenn das bewegte und blutige Drama
von Christi Leidensgeschichte entwickelt wurde. Sosehr ich daher den lieben Gott
respektierte und in allen Fllen bedachte, so blieben mir doch die Phantasie und
das Gemt leer, solange ich keine neue Nahrung schpfte auer den bisherigen
Erfahrungen, und wenn ich keine Veranlassung hatte, irgendeinen angelegentlichen
Gebetvortrag abzufassen, so war mir Gott nachgerade eine farblose und
langweilige Person, die mich zu allerlei Grbeleien und Sonderbarkeiten reizte,
zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor. So
gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual, da ich eine krankhafte
Versuchung empfand, Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpfworte anzuhngen, wie
ich sie etwa auf der Strae gehrt hatte. Mit einer Art behaglicher und
mutwillig zutraulicher Stimmung begann immer diese Versuchung, bis ich nach
langem Kampfe nicht mehr widerstehen konnte und im vollen Bewutsein der
Blasphemie eines jener Worte hastig ausstie, mit der unmittelbaren
Versicherung, da es nicht gelten solle, und mit der Bitte um Verzeihung; dann
konnte ich nicht umhin, es noch einmal zu wiederholen, wie auch die reuevolle
Genugtuung, und so fort, bis die seltsame Aufregung vorber war. Vorzglich vor
dem Einschlafen pflegte mich diese Erscheinung zu qulen, obgleich sie nachher
keine Unruhe oder Uneinigkeit in mir zurcklie. Ich habe spter gedacht, da es
wohl ein unbewutes Experiment mit der Allgegenwart Gottes gewesen sei, welche
ebenfalls anfing, mich zu beschftigen, und da schon damals das dunkle Gefhl
in mir lebendig gewesen sei Vor Gott knne keine Minute unseres innern Lebens
verborgen und wirklich strafbar sein, sofern er das lebendige Wesen fr uns sei,
fr das wir ihn halten.
    Indessen hatte ich eine Freundschaft geschlossen, welche meiner suchenden
Phantasie zu Hilfe kam und mich von diesen unfruchtbaren Qulereien erlste,
indem sie, bei der Einfachheit und Nchternheit meiner Mutter, fr mich das
wurde, was sonst sagenreiche Gromtter und Ammen fr die stoffbedrftigen
Kinder sind. In dem Hause gegenber befand sich eine offene dunkle Halle, welche
ganz mit altem und neuem Trdelkram angefllt war. Die Wnde waren mit alten
Seidengewndern, gewirkten Stoffen und Teppichen aller Art behangen. Rostige
Waffen und Gertschaften, schwarze zerrissene lgemlde bekleideten die
Eingangspfosten und verbreiteten sich zu beiden Seiten an der Auenseite des
Hauses; auf einer Menge altmodischer Tische und Gerte stand wunderliches
Glasgeschirr und Porzellan aufgetrmt, mit allerhand hlzernen und irdenen
Figuren vermischt In den tieferen Rumen waren Berge von Betten und Hausgerten
bereinandergeschichtet und auf den Hochebenen und Abstzen derselben, manchmal
auf einem gefhrlichen einsamen Grate, stand berall noch eine schnrkelhafte
Uhr, ein Kruzifix oder ein wchserner Engel und dergleichen mehr. Im tiefsten
Hintergrunde aber sa jederzeit eine bejahrte, dicke Frau in altertmlicher
Tracht in einem trben Helldunkel, whrend ein noch lteres, spitziges,
eisgraues Mnnchen mit Hilfe einiger Untergebenen in der Halle herumhantierte
und eine zahlreiche Menge Leute abfertigte, welche fortwhrend ab und zu ging.
Die Seele des Geschftes war aber die Frau, und von ihr aus gingen alle Befehle
und Anordnungen, ungeachtet sie sich nie von ihrem Platze bewegte und man sie
noch weniger je auf einer Strae gesehen hatte. Sie trug immer bloe Arme und
hatte schneeweie Hemdsrmel, auf eine knstliche Weise gefltelt, wie man es
sonst nirgends mehr sah und es vielleicht vor hundert Jahren schon so getragen
wurde. Es war die originellste Frau von der Welt, welche schon vor dreiig
Jahren mit ihrem Manne blutarm und unwissend in die Stadt gezogen, um da ihr
Brot zu suchen. Nachdem sie mit Tagelohn und saurer Arbeit eine Reihe von
mhseligen Jahren durchgekmpft hatte, gelang es ihr, einen kleinen Trdelkram
zu errichten, und erwarb sich mit der Zeit durch Glck und Gewandtheit in ihren
Unternehmungen einen behaglichen Wohlstand, welchen sie auf die eigentmlichste
Weise beherrschte. Sie konnte nur gebrochen Gedrucktes lesen, hingegen weder
schreiben noch in arabischen Zahlen rechnen, welche letzteren es ihr nie zu
kennen gelang; sondern ihre ganze Rechnenkunst bestand in einer rmischen Eins,
einer Fnf, einer Zehn und einer Hundert. Wie sie diese vier Ziffern in ihrer
frhen Jugend, in einer entlegenen und vergessenen Landesgegend, berkommen
hatte, berliefert durch einen jahrtausendalten Gebrauch, so handhabte sie
dieselben mit einer merkwrdigen Gewandtheit. Sie fhrte kein Buch und besa
nichts Geschriebenes, war aber jeden Augenblick imstande, ihren ganzen Verkehr,
der sich oft auf mehrere Tausende in lauter kleinen Posten belief, zu bersehen,
indem sie mit groer Schnelligkeit das Tischblatt mittelst einer Kreide, deren
sie immer einige Endchen in der Tasche fhrte, mit mchtigen Sulen jener vier
Ziffern bedeckte. Hatte sie aus ihrem Gedchtnisse alle Summen solchergestalt
aufgesetzt, so erreichte sie ihren Zweck einfach dadurch, da sie mit dem nassen
Finger eine Reihe um die andere ebenso flink wieder auslschte, als sie
dieselben aufgesetzt hatte, und dabei zhlend die Resultate zur Seite
aufzeichnete. So entstanden neue kleinere Zahlengruppen, deren Bedeutung und
Benennung niemand kannte als sie, da es immer nur die gleichen vier nackten
Ziffern waren und fr andere aussahen wie eine altheidnische Zauberschrift. Dazu
kam noch, da es ihr nie gelingen wollte, mit Bleistift oder Feder oder auch nur
mit einem Griffel auf einer Schiefertafel das gleiche Verfahren vorzunehmen,
indem sie nicht nur rumlich einer ganzen Tischplatte bedurfte, sondern auch nur
mittelst der weichen Kreide ihre markigen Zeichen zu bilden imstande war. Sie
beklagte oft, da sie sich gar nichts Fixiertes aufbewahren knne, war aber
gerade dadurch zu ihrem auerordentlichen Gedchtnisse gelangt, aus welchem jene
wimmelnden Zahlenmassen pltzlich gestalt- und lebenvoll erschienen, um ebenso
rasch wieder zu verschwinden. Das Verhltnis zwischen Einnahme und Ausgabe
machte ihr nicht viel zu schaffen; sie bestritt alle huslichen Bedrfnisse und
sonstige Ausgaben vorweg aus dem gleichen Seckel, welcher auch den
Geschftsverkehr begrndete, und wenn eine berflssige Summe Geldes beieinander
war, so wechselte sie dieses sogleich in Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer
Schatztruhe, wo es fr immer liegenblieb, wenn nicht ein Teil davon fr eine
besondere Unternehmung oder fr ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen
wurde, da sie sonst auf Zinsen kein Geld auslieh. Sie hatte besonders mit
Landleuten von allen Seiten her Verkehr, welche sich ihre gertschaftlichen
Bedrfnisse bei ihr holten, und gab ihre Waren jedermann auf Borg, gewann oft
viel dabei und verlor auch oft. So kam es, da eine Menge von Leuten von ihr
abhngig waren oder in einem verbindlichen oder feindlichen Verhltnisse zu ihr
standen und da sie bestndig von Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert
war, welche ihr, zur Beherzigung oder als Dank, die mannigfaltigsten Gaben
darbrachten, nicht anders als einem alten Landpfleger oder einer reichen
btissin. Feld- und Baumfrchte jeder Art, Milch, Honig, Trauben, Schinken und
Wrste wurden ihr in gewichtigen Krben zugetragen, und diese reichlichen
Vorrte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben, welches alsobald
begann, wenn das geruschvolle Gewlbe geschlossen war und in der noch
seltsameren Wohnstube das husliche Abendleben zur Geltung kam. Dort hatte Frau
Margret diejenigen Gegenstnde zusammengehuft und als Zierat angebracht, welche
ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen hatten, und sie nahm keinen
Anstand, etwas fr sich aufzubewahren, wenn es ihr Interesse erweckte. An den
Wnden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den Fenstern gemalte
Scheiben, und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine merkwrdige Geschichte
oder sogar geheime Krfte zu, was ihr dieselben heilig und unveruerlich
machte, sosehr auch Kenner sich manchmal bemhten, die wirklich wertvollen
Denkmler ihrer Unwissenheit zu entreien. In einer Truhe von Ebenholz bewahrte
sie goldene Schaumnzen, Ketten, Becher, silberne Filigranarbeiten und andere
kstliche Spielereien, fr welche sie eine groe Vorliebe trug und dieselben nur
wieder veruerte, wenn ein besonderer Gewinn sich damit verband, was fters der
Fall war. Endlich war auf einem Wandgestelle eine betrchtliche Zahl
unfrmlicher alter Bcher aufgespeichert, welche sie mit groem Eifer
zusammenzusuchen pflegte. Es waren verschiedene Bibeln, alte Kosmographien mit
zahllosen Holzschnitten, fabelgespickte Reisebeschreibungen, vorzglich
nordische, indische und griechische Mythologien aus dem vorigen Jahrhundert mit
groen zusammengefalteten Kupferstichen, welche vielfach zerknittert und
zerrissen waren; sie nannte diese naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden-
oder auch Gtzenbcher. Ferner hielt sie eine reiche Sammlung solcher
Volksschriften, welche Nachricht gaben von einem fnften Evangelisten, von den
Jugendjahren Jesu, noch unbekannten Abenteuern desselben in der Wste, von einer
Auffindung seines wohlerhaltenen Leichnams nebst Dokumenten von der Erscheinung
und den Bekenntnissen eines in der Hlle leidenden Freigeistes; einige
Chroniken, Kruterbcher und Prophezeiungen vervollstndigten diese Sammlung.
Fr Frau Margret hatte ohne Unterschied alles, was gedruckt war sowohl wie die
mndlichen berlieferungen des Volkes, eine gewisse Wahrheit, und die ganze Welt
in allen ihren Spiegelungen, das fernste sowohl wie ihr eigenes Leben, waren ihr
gleich wunderbar und bedeutungsvoll; sie trug noch den lebendigen ungebrochenen
Aberglauben vergangener krftiger Zeiten an sich ohne Verfeinerung und Schliff.
Mit neugieriger Liebe erfate sie alles und nahm es als bare Mnze, was ihrer
wogenden Phantasie dargeboten wurde, und sie bekleidete es alsbald mit den
sinnlich greifbaren Formen der Volkstmlichkeit, welche massiven metallenen
Gefen gleichen, die trotz ihres hohen Alters durch den steten Gebrauch immer
glnzend geblieben sind. Alle die Gtter und Gtzen der alten und jetzigen
heidnischen Vlker beschftigten sie durch ihre Geschichte sowohl als durch ihr
ueres Aussehen in den Abbildungen, hauptschlich auch daher, da sie dieselben
fr wirkliche lebendige Wesen hielt, welche durch den wahren Gott bekmpft und
ausgerottet wrden; das Spuken und Umgehen solcher halb berwundenen schlimmen
Kuze war ihr ebenso schauerlich anziehend wie das grauenvolle Treiben eines
Atheisten, unter welchem sie nichts anderes verstand und verstehen konnte als
einen Menschen, welcher seiner berzeugung von dem Dasein Gottes zum Trotz
dasselbe hartnckig und mutwillig leugne. Die groen Affen und Waldteufel der
sdlichen Zonen, von denen sie in ihren alten Reisebchern las, die fabelhaften
Meermnner und Meerweibchen waren nichts anderes als ganze gottlose, nun
vertierte Vlker oder solche einzelne Gottesleugner, welche in diesem
jammervollen Zustande, halb reuevoll, halb trotzig, Zeugnis gaben von dem Zorne
Gottes und sich zugleich allerlei mutwillige Neckereien mit den Menschen
erlaubten.
    Wenn nun am Abend das Feuer prasselte, die Tpfe dampften, der Tisch mit den
soliden volkstmlichen Leckereien bedeckt wurde und Frau Margret behaglich und
ansehnlich auf ihrem zierlich eingelegten Stuhle sa, so begann sich nach und
nach eine ganz andere Anhngerschaft und Gesellschaft einzufinden, als die den
Tag ber in dem Gewlbe zu sehen waren. Es waren dies arme Frauen und Mnner,
welche, teils durch den Duft des wohlbesetzten Tisches, teils durch die belebte
Unterhaltung von hheren Dingen angezogen, hier mannigfache Erholung von den
Mhen des Tages suchten und fanden. Mit Ausnahme einiger weniger heuchlerischer
Schmarotzer hatten sonst alle ein aufrichtiges Bedrfnis, sich durch Gesprche
und Belehrungen ber das, was ihnen nicht alltglich war, zu erwrmen und
besonders in betreff des Religisen und Wunderbaren eine krftigere Nahrung zu
suchen, als die ffentlichen Kulturzustnde ihnen darboten. Nichtbefriedigung
des Gemtes, ungelschter Durst nach Wahrheit und Erkenntnis, erlebte
Schicksale, hervorgerufen durch die versuchte Befriedigung solcher unruhigen
Triebe in der sinnlichen Welt, trieben diese Leute hier zusammen und berdies
noch in mancherlei seltsame Sekten hinein, von deren innerm Leben und Treiben
sich Frau Margret fleiig Bericht erstatten lie; denn sie selbst war zu
weltlich und zu derb, als da sie so weit gegangen wre, dergleichen
mitzumachen. Vielmehr tadelte sie mit scharfen Worten die Kopfhnger und wurde
sarkastisch und bitter, wenn sie allzu mystischen Unrat merkte. Sie bedurfte das
Wunderbare und Geheimnisvolle, aber in der Sinnenwelt, in Leben und Schicksal,
in der ueren wechselvollen Erscheinung; von innern Seelenwundern, bevorzugten
Stimmungen, Auserwhlten und dergleichen wollte sie nichts hren und kanzelte
ihre Gste tchtig herunter, wenn sie mit solchen Dingen auftreten wollten.
Auer da Gott als der kunst- und sinnreiche Schpfer all der wunderbaren Dinge
und Vorkommnisse fr sie existierte, war er ihr vorzglich in einer Richtung
noch merk- und preiswrdig nmlich als der treue Beistnder der klugen und
rhrigen Leute, welche, mit nichts und weniger als nichts anfangend, ihr Glck
in der Welt selbst machen und es zu etwas Ordentlichem bringen. Deshalb hatte
sie ihre grte Freude an jungen Leuten, welche sich aus einer dunklen drftigen
Abkunft heraus durch Talent, Flei, Sparsamkeit, Klugheit usf. in eine gute
Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe Protektion genossen. Das
Heranwachsen des Wohlstandes solcher Schtzlinge war ihr wie eine eigene Sache
angelegen, und wenn dieselben endlich dahin gediehen waren, einen behaglichen
Aufwand mit gutem Gewissen geltend zu machen, so fhlte sie selbst die grte
Genugtuung, ihrerseits reichlich beizusteuern und sich des Glanzes mitzufreuen.
Sie war von Grund aus wohlttig und gab immer mit offenen Hnden, den Armen und
arm Bleibenden im gewhnlichen abgeteilten Mae, denjenigen aber, bei welchen
Hab und Gut anschlug, mit wahrer Verschwendung fr ihre Verhltnisse. Es lag
meistens ganz in der Natur solcher Emporkmmlinge, neben ihren anderweitigen
grern Beziehungen auch die Gunst dieser seltsamen Frau sorglich zu pflegen,
bis sie durch einen jngern Nachwuchs endlich verdrngt wurden, und so fand man
nicht selten diesen oder jenen feingekleideten und vornehm aussehenden Mann
unter den armen Glubigen, der durch sein gemessenes Betragen dieselben
verschchterte und unbehaglich machte. Auch nahmen sie wohl, wenn er abwesend
war, Veranlassung, der Frau Weltsinn und Lust an irdischer Herrlichkeit
vorzuwerfen, was dann jedesmal lebhafte Errterungen und Streitreden hervorrief.
    Von ihrer Freude an gedeihlichem Erwerb und emsiger Ttigkeit mochte es auch
kommen, da mehrere Schacherjuden in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen
waren. Die Unermdlichkeit und stetige Aufmerksamkeit dieser Menschen, welche
fter bei ihr verkehrten und ihre schweren Lasten abstellten, volle Geldbeutel
aus unscheinbarer Hlle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten, ohne
irgendein Wort oder eine Schrift zu wechseln, ihre kindliche Gutmtigkeit und
neugierige Bescheidenheit neben der unberckbaren Pfiffigkeit im Handeln, ihre
strengen Religionsgebruche und biblische Abstammung, sogar ihre feindliche
Stellung zum Christentume und die groben Vergehungen ihrer Voreltern machten
diese vielgeplagten und verachteten Leute der guten Frau hchst interessant und
gern gesehen, wenn sie sich bei den abendlichen Zusammenknften vorfanden, am
Herde der Frau Margret koschern Kaffee kochten oder sich einen billig
erstandenen Fisch buken. Wenn die fromm christlichen Frauen ihnen schonend
vorhielten, wie es noch nicht gar zu lange her sei, seit die Juden doch schlimme
Kuze gewesen, Christenkinder geraubt und gettet und Brunnen vergiftet htten,
oder wenn Margret behauptete, der Ewige Jude Ahasverus htte vor zwlf Jahren
einmal im Roten Bren bernachtet und sie htte selbst zwei Stunden vor dem
Hause gepat, um ihn abreisen zu sehen, jedoch vergeblich, da er schon vor
Tagesanbruch weitergewandert sei, dann lchelten die Juden gar gutmtig und fein
und lieen sich nicht aus ihrer guten Laune bringen. Da sie jedoch ebenfalls
Gott frchteten und eine scharf ausgeprgte Religion hatten, so gehrten sie
noch eher in diesen Kreis, als man zwei weitere Personen darin vermutet htte,
welche allerdings irgend anderswo zu suchen waren als gerade hier; und doch
schienen sie eine Art unentbehrlichen Salzes fr die wunderliche Mischung zu
sein. Es waren dies zwei erklrte Atheisten. Der eine, ein schlichter,
einsilbiger Schreinersmann, welcher schon manches Hundert Srge gefertigt und
zugenagelt hatte, war ein braver Mann und erklrte dann und wann einmal mit
drren Worten, er glaube ebensowenig an ein ewiges Leben, als man von Gott etwas
wissen knne. Im brigen hrte man nie eine freche Rede oder ein Spottwort von
ihm; er rauchte gemtlich sein Pfeifchen und lie es ber sich ergehen, wenn die
Weiber mit flieenden Bekehrungsreden ber ihn herfuhren. Der andere war ein
bejahrter Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem, unntzem Herzen, der
schon mehr als einen schlimmen Streich verbt haben mochte. Whrend jener sich
still und leidend verhielt und nur selten mit seinem drren Glaubensbekenntnisse
hervortrat, verfahr dieser angriffsweise und machte sich ein Vergngen daraus,
die glubigen Seelen durch derbe Zweifel und Verleugnungen, rohe Spe und
Profanationen zu verletzen und zu erschrecken, als ein rechter Eulenspiegel das
einfltige Wort zu verdrehen und mit dick aufgetragenem Humor in den armen
Leuten eine sndhafte Lachlust zu reizen. Er besa weder groen Verstand noch
Piett fr irgend etwas, selbst fr die Natur nicht, und schien einzig ein
persnliches Bedrfnis zu haben das Dasein Gottes zu leugnen oder wegzuwnschen,
indessen der Schreiner sich blo nicht viel daraus machte, hingegen auf seinen
Wanderjahren die Welt aufmerksam betrachtet hatte, sich fortwhrend noch
unterrichtete und von allerlei merkwrdigen Dingen mit Liebe zu sprechen wute,
wenn er auftaute. Der Schneider fand nur Gefallen an Rnken und Schwnken und
lrmenden Znkereien mit den begeisterten Weibern; auch sein Verhalten zu den
Juden, gegenber demjenigen des Sargmachers, war bezeichnend. Whrend jener
wohlwollend und freundlich mit ihnen verfuhr als mit seinesgleichen, neckte und
qulte sie der Schneider, wo er nur konnte, und verfolgte sie mit echt
christlichem bermute mit allen trivialen Judenspen, die ihm zu Gebote
standen, so da die armen Teufel manchmal wirklich bse wurden und die
Gesellschaft verlieen. Frau Margret pflegte alsdann auch ungeduldig zu werden
und verwies den Dmon aus dem Hause; aber er fand sich bald wieder ein und wurde
immer wieder gelitten, wenn er sein altes Wesen mit etwas Vorsicht und glatten
Worten wieder begann. Es war, als wenn die viel redenden und disputierenden
Genossen seiner als eines lebendigen Exempels des Atheismus bedurften, wie sie
ihn verstanden; denn dies war er am Ende auch, indem es sich nicht undeutlich
erwies, da er den Gedanken Gottes und der Unsterblichkeit mehr zu unterdrcken
suchte, weil er ihn in einem kleinlichen und nutzlosen Treiben beschrnkte und
belstigte, und als er spterhin starb, tat er dies so verzagt und zerknirscht,
heulend und zhneklappend und nach Gebet verlangend, da die guten Leute einen
glnzenden Triumph feierten, indessen der Schreiner ebenso ruhig und
unangefochten seinen letzten Sarg hobelte, welchen er sich selbst bestimmte, wie
einst seinen ersten.
    Dieser Art war die Versammlung, welche an vielen Abenden, zumal im Winter,
bei Frau Margret zu treffen war, und ich wei nicht, wie es kam, da ich mich
pltzlich am Tage oft in dem kurzweiligen Gewlbe mitten unter den Geschftigen
und am Abend zu den Fen der Frau sitzen fand, welche mich in groe Gunst
genommen hatte. Ich zeichnete mich durch meine groe Aufmerksamkeit aus, wenn
die wunderbarsten Dinge von der Welt zur Sprache kamen. Die theologischen und
moralischen Untersuchungen verstand ich freilich in den ersten Jahren noch
nicht, obschon sie oft kindlich genug waren; jedoch nahmen sie auch schon damals
nicht zu viele Zeit in Anspruch, da sich die Gesellschaft immer bald genug auf
das Gebiet der Begebenheiten und sinnlichen Erfahrungen und damit auf eine Art
von naturphilosophischem Feld hinberverfgte, wo ich ebenfalls zu Hause war.
Man suchte vorzglich die Erscheinungen der Geisterwelt sowie die Ahnungen,
Trume usw. in lebendigen Zusammenhang zu bringen und drang mit neugierigem
Sinne in die geheimnisvollen Lokalitten des gestirnten Himmels, in die Tiefe
des Meers und der feuerspeienden Berge, von denen man hrte, und alles wurde
zuletzt auf die religisen Meinungen zurckgefhrt. Es wurden Bcher von
Hellsehenden, Berichte ber merkwrdige Reisen durch verschiedene Himmelskrper
und andere hnliche Aufschlsse gelesen, nachdem sie der Frau Margret zur
Anschaffung empfohlen worden, und alsdann darber gesprochen und die Phantasie
mit den khnsten Gedanken angefllt. Der eine oder andere fgte dann noch
aufgeschnappte Berichte aus der Wissenschaft hinzu, wie er von dem Bedienten
eines Sternguckers gehrt hatte, da man durch dessen Fernrohr lebendige Wesen
im Monde und feurige Schiffe in der Sonne sehen knne. Frau Margret hatte immer
die lebendigste Einbildungskraft, und bei ihr ging alles in Fleisch und Blut
ber. Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzustehen und aus dem Fenster zu
schauen, um nachzusehen, was in der stillen dunklen Welt vorging, und immer
entdeckte sie einen verdchtigen Stern, der nicht wie gewhnlich aussah, ein
Meteor oder einen roten Schein, welch allem sie gleich einen Namen zu geben
wute. Alles war ihr von Bedeutung und belebt; wenn die Sonne in ein Glas Wasser
schien und durch dasselbe auf den hellpolierten Tisch, so waren die sieben
spielenden Farben fr sie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichkeiten, welche
in der Sonne selbst sein sollten. Sie sagte: Seht ihr denn nicht die schnen
Blumen und Krnze, die grnen Gelnder und die roten Seidentcher? diese
goldenen Glcklein und diese silbernen Brunnen? und sooft die Sonne in die
Stube schien, machte sie das Experiment, um ein wenig in den Himmel zu sehen,
wie sie meinte. Ihr Mann und der Schneider lachten sie dann aus, und der erste
nannte sie eine phantastische Kuh. Jedoch auf einem festern Boden stand sie,
wenn von Geistererscheinungen die Rede war, denn hier hatte sie feste und
unleugbare Erfahrungen die Menge, welche sie schon Schwei genug gekostet
hatten, und fast alle andern wuten auch davon zu erzhlen. Seit sie nicht mehr
aus dem Hause kam, waren freilich ihre Erlebnisse auf ein hufiges Pochen und
Rumoren in alten Wandschrnken und etwa auf das Umherschleichen eines schwarzen
Schafes in der nchtlichen Strae beschrnkt, wenn sie um Mitternacht oder gegen
Morgen ihre Inspektionen aus dem Fenster hielt. Ausnahmsweise begegnete es ihr
noch einmal, da sie ein kleines Mnnchen vor der Haustr entdeckte, welches,
whrend sie mit scharfen kritischen Augen dasselbe beobachtete, pltzlich in die
Hhe wuchs bis unter ihr Fenster, da sie dasselbe kaum noch zuschlagen und sich
ins Bett flchten konnte. Hingegen in ihrer Jugend war es lebhafter hergegangen,
als sie, besonders noch auf dem Lande, bei Tag und Nacht durch Feld und Wald zu
gehen hatte. Da waren kopflose Mnner stundenweit ihr zur Seite gegangen und
nher gerckt, je eifriger sie betete, umgehende Bauern standen auf ihren
ehemaligen Grundstcken und streckten flehend die Hand nach ihr aus, Gehenkte
rauschten von hohen Tannen hernieder mit schreckbarem Geheul und liefen ihr
nach, um in den heilsamen Bereich einer guten Christin zu kommen, und sie
schilderte mit ergreifenden Worten den peinlichen Zustand, in dem sie sich
befand, wenn sie nicht unterlassen konnte, die unheimlichen Gesellen von der
Seite anzuschielen, whrend sie doch wute, da dieses hchst schdlich sei.
Einige Male war sie auch ganz aufgeschwollen auf der Seite, wo die Gespenster
gelaufen waren, und mute den Doktor herbeirufen. Ferner erzhlte sie von den
Zaubereien und bsen Knsten, welche zur Zeit ihrer Jugend, gegen das Ende des
vorigen Jahrhunderts, noch gang und gbe waren unter den Bauern. Da waren in
ihrer Heimat reiche gewaltige Bauernfamilien, welche alte Heidenbcher besaen,
mittelst deren sie den schlimmsten Unfug trieben. Da sie mit offener Flamme
Lcher durch Strohbunde brennen konnten, ohne diese zu zerstren, oder auf dem
Wasser gehen oder den Rauch aus den Schornsteinen in beliebiger Richtung
aufsteigen und possierliche Figuren bilden zu lassen verstanden, gehrte nur zu
den unschuldigen Scherzen. Aber greulich war es, wenn sie ihre Feinde langsam
tteten, indem sie fr dieselben drei Ngel in einen Weidenbaum schlugen unter
den gehrigen Sprchen (Margrets Vater siechte lange Zeit infolge dieser
freundschaftlichen Manipulation, bis sie entdeckt und er durch Kapuziner
gerettet wurde), oder wenn sie den armen Leuten das Korn in der hre
verbrannten, um sich nachher zu verhhnen, wenn sie hungerten und Not litten.
Man hatte zwar die Genugtuung, da der Teufel den einen oder andern mit groem
Aufwand abholte, wenn er reif war; allein das geriet den gerechten Leuten selbst
wieder zum Schrecken, und es war eben nicht angenehm, den blutigen Schnee und
die gelassenen Haare auf dem Platze zu sehen, wie es der Erzhlerin selbst
begegnet war. Solche Bauern hatten Geld genug und maen es bei Hochzeiten und
Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu. Die Hochzeiten waren dazumal
noch sehr groartig. Sie hatte selbst noch eine solche gesehen, wo smtliche
Gste, Mnner und Weiber, beritten waren und nahe an hundert Pferde beisammen.
Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und seidene Kleider mit drei- bis
vierfach umgewundenen Ketten von zusammengerollten Dukaten; aber der Teufel ritt
unsichtbar mit, und es ging nach dem Nachtessen nicht am ehrbarsten zu. Diese
Bauern hatten whrend einer groen Hungersnot in den siebziger Jahren ihren
Hauptspa daran, mit zwlf Dreschern in weitgeffneten Scheunen zu dreschen,
dazu einen blinden Geiger aufspielen zu lassen, welcher auf einem groen Brote
sitzen mute, und nachher, wenn genug hungrige Bettler vor der Scheune
versammelt waren, die grimmigen Hunde in den wehrlosen Haufen zu hetzen.
Bemerkenswert war es, da der Volksglaube diese reichen Dorftyrannen vielfach
die verbauerten Nachkommen der alten Zwingherren sein lie, unter welchen man
alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Trme verstand, die im Lande
zerstreut waren. Ein anderes ergiebiges Feld fr abenteuerliche Kunden war der
Katholizismus mit seinen hinterlassenen leeren Klosterrumen und den noch
lebendigen Klstern, welche etwa in der katholisch gebliebenen Nachbarschaft
sich befanden. Dazu trugen die Ordensgeistlichen der letztern vieles bei,
besonders die Kapuziner, welche sich heute noch mit den Scharfrichtern
freundschaftlich in die Arbeit teilen, bei den aberglubischen reformierten
Bauern Teufelsbannerei und Sympathieknste zu treiben. In den abgelegenen
Landesgegenden herrschte damals ein bewutloser verkommener Protestantismus; die
Landleute standen nicht etwa ber den katholischen, als hinwegsehend ber
verdummte Menschen, sondern sie glaubten alle Mrchen derselben getreulich mit,
nur hielten sie den Inhalt fr bel und verwerflich, und sie lachten nicht ber
den Katholizismus, sondern sie frchteten sich vor demselben als vor einer
unheimlichen heidnischen Sache. Ebensowenig als es ihnen mglich war, sich unter
einem Freigeiste einen Menschen vorzustellen, welcher wirklich in seinem Innern
nichts glaube, sowenig waren sie imstande, von jemandem anzunehmen, da er zu
vieles glaube; ihr Ma bestand einzig darin, sich nur zu denjenigen geglaubten
Dingen zu bekennen, welche vom Guten und nicht vom Bsen seien.
    Der Mann der Frau Margret, Vater Jakoblein genannt, von ihr schlechthin
Vater, war funfzehn Jahre lter als sie und nherte sich den Achtzigen. Er besa
eine fast ebenso lebhafte Einbildungskraft wie seine Frau, dabei reichten seine
Erinnerungen noch tiefer in die Sagenwelt der Vergangenheit zurck; doch fate
er alles von einer spahaften Seite auf, da er von jeher ein spahaftes und
ziemlich unntzes Mnnlein gewesen war, und so wute er ebensoviel lcherlichen
Spuk und verdrehte Menschengeschichten zu erzhlen als seine Frau ernsthafte und
schreckliche. In seine frhste lugend waren noch die letzten Hexenprozesse
gefallen, und er beschrieb mit Humor aus der mndlichen berlieferung geschpfte
Hexensabbate und Bankette ganz genauso, wie man sie noch in den aktenmigen
Geschichten jener Prozesse, in den weitlufigen Anklagen und erzwungenen
Gestndnissen liest. Dieses Gebiet sagte ihm besonders zu, und er versicherte
feierlich von einigen seltsamen Personen, da sie sehr wohl auf dem Besenstiele
zu reiten verstnden, versprach auch von einem Tage zum andern, solange er
lebte, von einem Hexenmeister seiner Bekanntschaft die Salbe herbeizuschaffen,
mit welcher die Besen bestrichen wrden, um darauf aus dem Schornsteine fahren
zu knnen. Dieses gedieh mir immer zum grten Jubel, besonders wenn er mir die
projektierte Fahrt bei schnem Wetter, wo ich dann vorn auf dem Stiele sitzen
sollte, von ihm festgehalten, mit lustigen Aussichten ausmalte. Er nannte mir
manchen schnen Kirschbaum auf einer Hhe oder einen trefflichen Pflaumenbaum
aus seiner Bekanntschaft, bei welchem haltgemacht und genascht, oder einen
delikaten Erdbeerschlag in diesem oder jenem Walde, wo tapfer geschmaust werden
solle, indessen der Besen an eine Tanne gebunden wrde. Auch benachbarte
Jahrmrkte wollten wir besuchen und in die verschiedenen Schaubuden, ohne
Eintrittsgeld, durch das Dach eindringen. Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf
einem Dorfe mten wir freilich, wenn wir anders von seinen berhmten Wrsten
etwas zu beien bekommen wollten, den Besen im Holze verstecken und vorgeben,
wir seien zu Fu gekommen, um bei dem herrlichen Wetter den Herrn Pfarrer ein
bichen heimzusuchen; hingegen bei einer reichen Hexenwirtin in einem andern
Dorfe mten wir keck zum Schornstein hineinfahren, damit sie, in der trichten
Meinung, ein Paar angehender hoffnungsvoller Hexer bei sich zu sehen, uns mit
ihren vortrefflichen Pfannkuchen mit Speck und mit frischem Honig ohne Rckhalt
bewirte. Da unterwegs auf hohen Bumen und Felsen Einsicht in die seltensten
Vogelnester genommen und das Tauglichste von jungen Vgeln ausgesucht wrde,
verstand sich von selbst. Wie alles ohne Schaden zu unternehmen sei, dafr hatte
er bereits eine Auskunft und kannte die Formel, mit welcher der Teufel, nach
beendigtem Vergngen, um seinen Teil gebracht wrde.
    Auch in dem Gespensterwesen war er sehr erfahren; doch auch hier verdrehte
sich ihm alles zum Lustigen. Die Angst, welche er bei seinen Abenteuern
empfunden, war immer eine hchst komische und endete fter mit einem pfiffigen
Streiche, welchen er den Qulgeistern spielte.
    Auf diese Weise ergnzte er trefflich das phantastische Wesen seiner Frau,
und ich hatte so die Gelegenheit, unmittelbar aus der Quelle zu schpfen, was
man sonst den Kindern der Gebildeten in eigenen Mrchenbchern zurechtmacht.
Wenn der Stoff auch nicht so rein und zierlich unbefangen war wie in diesen und
nicht fr eine so unschuldige kindliche Moral berechnet, so enthielt er
nichtsdestoweniger immer eine menschliche Wahrheit und machte, besonders da in
dem vielfltigen Sammelkrame der Frau Margret eine reiche Fundgrube die
sinnliche Anschauung vervollstndigte, meine Einbildungskraft freilich etwas
frhreif und fr starke Eindrcke empfnglich, etwa wie die Kinder des Volkes
frh an die krftigen Getrnke der Erwachsenen gewhnt werden, ohne zu
verderben. Denn was ich hrte, beschrnkte sich nicht allein auf diese
bersinnliche Fabelwelt; sondern die Leute besprachen auch auf die
leidenschaftlichste Weise ihre eigenen und fremde Schicksale, und hauptschlich
das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes war reich an ernsten und
heitern Geschichten, an Beispielen der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, der
Gefahr, Not, Verwicklung und Befreiung; Hunger, Krieg, Aufruhr und Pestilenz
hatten sie gesehen; jedoch ihr eigenes Verhltnis zueinander war so sonderbar
von Leidenschaften bewegt, und es traten so ursprnglich dmonische Gewalten der
Menschennatur darin zutage, da ich mit kindlich erstauntem Auge in die wilde
Flamme sah und fr ein spteres Verstndnis schon tiefe Eindrcke empfing.
    Whrend nmlich die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem
Haushalte war, den Grund zum jetzigen Wohlstand gelegt hatte und jederzeit das
Heft in den Hnden hielt, war ihr Mann einer von denjenigen, welche nichts
Erkleckliches gelernt haben noch sonst tun knnen und daher darauf angewiesen
sind, mehr den Handlanger einer tatkrftigen Frau zu machen und auf eine mige
Weise unter dem Schilde ihres Regimentes ein weichliches ruhmloses Dasein zu
fhren. Als die Frau, besonders in frhern Jahren, durch kecke Benutzung der
Zeitlufe und durch wahrhaft geistvolle Unternehmungen und originelle
Handstreiche in wrtlichem Sinne Gold zusammenhufte, spielte er nur die Rolle
eines dienstbaren Hauskoboldes, welcher, wenn er seine Handleistungen getan
hatte, mit dem, was ihm die Frau gab, sich gtlich tat und dazu allerhand Spe
trieb, welche mnniglich ergtzten. Seine unmnnliche Ratlosigkeit und
Unzuverlssigkeit, die Erfahrung, da sie in kritischen Fllen nie einen
krftigen Schutz in ihm fand, lieen Frau Margret auch seine sonstige
Ntzlichkeit bersehen und erklrten die Rcksichtslosigkeit, mit welcher sie
ihn ohne weiteres von der Mitherrschaft ber die Geldtruhe ausschlo. Es hatte
auch lange Zeit keines von beiden ein Arges dabei, bis einige Ohrenblser,
worunter auch jener rnkeschtige Schneider, dem Manne das Demtigende seiner
Lage vorhielten und ihn aufhetzten, endlich eine gesetzliche Teilung des
Erworbenen und vollstndige Mitherrschaft zu verlangen.
    Sogleich schwoll ihm der Kamm gewaltig, und er drohte, die schlimmen
Ratgeber hinter sich, der bestrzten Frau mit den Gerichten, wenn sie nicht
seinen Anteil an dem gemeinschaftlich erworbenen Gute herausgbe. Sie fhlte
wohl, da es mehr um einen gewaltsamen Raub als um ein ehrliches Mitwirken zu
tun sei, und strubte sich mit aller Kraft dagegen, zumal sie wohl wute, da
sie nach wie vor die einzig erhaltende Kraft im Hause sein wrde. Sie hatte aber
die Gesetze gegen sich, da diese nicht auf eine Ausscheidung der beitragenden
Krfte eingehen konnten, und zudem gab der Mann vor, sich allerlei mutwilliger
Anklagen bedienend, sich nach geschehener Teilung von ihr trennen zu wollen, so
da sie betubt und berfhrt wurde und, krank und halb bewutlos, die Hlfte
von allem Besitze herausgab. Er nhete sogleich seine schimmernden Goldstcke,
je nach der Art, in lange, seltsame Beutel, legte dieselben in einen Koffer, den
er am Boden festnagelte, setzte sich darauf und schlug seinen Helfershelfern,
welche auch ihren Anteil zu erschnappen gehofft hatten, ein Schnippchen. Im
brigen blieb er bei seiner Frau und lebte nach wie vor bei und von ihr, indem
er nur dann zu seinem Schatze griff, wenn er eine Privatliebhaberei befriedigen
wollte. Sie erholte sich indessen wieder und hatte nach einiger Zeit ihren
eigenen Schatz wieder vervollstndigt und mit den Jahren verdoppelt; aber ihr
einziger Gedanke war seit jenem Tage der Teilung, mit der Zeit wieder in den
Besitz des Entrissenen zu gelangen, und das war nur mglich durch den Tod ihres
Mannes. Daher ging ihr jedesmal ein Stich durch das Herz, wenn er ein Goldstck
umwechselte, und sie harrte unverwandt auf seinen Tod. Er hingegen wartete
ebenso sehnlich auf den ihrigen, um Herr und Meister des ganzen Vermgens zu
werden und in voller Unabhngigkeit den Rest seines langen Lebens zuzubringen.
Dieses grauenhafte Verhltnis htte man freilich, auf den ersten Blick nicht
geahnt; denn sie lebten zusammen wie zwei gute alte Leutchen und nannten sich
nur Vater und Mutter. Insbesondere war die Margret in allem einzelnen auch gegen
ihn die gute und verschwenderische Frau, die sie sonst war, und sie htte
vielleicht ohne den vierzigjhrigen Lebensgenossen und sein spahaftes
Umhertreiben nicht einen Tag leben knnen; auch ihm war es mittlerweile wohl
genug, und er besorgte mit humoristischer Geschftigkeit die Kche, whrend sie
im Kreise ihrer schwrmerischen Genossen die berfllte Phantasie entzgelte.
Doch in jeder Jahreszeit einmal, wenn in der Natur die groen Vernderungen
geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergnglichkeit ihres Lebens
erinnerten und ihre krperlichen Gebrechen fhlbarer wurden, erwachte, meistens
in dunklen schlaflosen Nchten, ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen, da sie
aufrecht in ihrem breiten altertmlichen Bette saen, unter dem einen
buntbemalten Himmel, und bis zum Morgengrauen, bei geffneten Fenstern, sich die
tdlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten, da die stillen Gassen
davon widerhallten. Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden,
sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus,
welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen,
wo seitdem ganze dichte Wlder entweder gewachsen oder verschwunden, und deren
Teilnehmer lngst in ihren Grbern vermodert waren. Dann stellten sie sich
darber zur Rede, welchen Grund das eine denn zu haben glaube, das andere
berleben zu knnen? und verfielen in einen elenden Wettstreit, welches von
ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde, das andere tot vor sich zu sehen.
Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam, so wurde der greuliche Streit vor jedem
Eintretenden, ob fremd oder bekannt, fortgefhrt, bis die Frau erschpft war und
in Weinen und Beten verfiel, indes der Mann anscheinend munterer wurde, lustige
Weisen pfiff, sich einen Pfannkuchen backte und fortwhrend irgendeine Flause
dazu herumreite. Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch nichts
sagen als immer: Einundfunfzig! einundfunfzig! einundfunfzig! oder zur
Abwechslung einmal: Ich wei nicht, ich glaube immer, die alte Kunzin da drben
ist heute frh spazierengeritten! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft! ich
habe so was in der Luft flattern sehen, das sah ungefhr aus wie ihr roter
Unterrock; sonderbar! hm! einundfunfzig usf. Dabei hatte er Gift und Tod im
Herzen und wute, da seine Frau durch das Betragen doppelt litt; denn sie hatte
keine Bosheit noch Mutwillen, um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen. Was
aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten, bestand dann gewhnlich in
einer verschwenderischen Freigebigkeit, womit sie alles beschenkten, was ihnen
nahekam, gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz aufzehren,
nach dem ein jedes trachtete.
    Der Mann war gerade kein gottloser Mensch, sondern lie, indem er in der
gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen, so auch an Gott und
seinen Himmel glaubte, denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im
mindesten daran, sich auch um die moralischen Lehren zu bekmmern, welche aus
diesem Glauben entspringen muten; er a und trank, lachte und fluchte und
machte seine Schnurren, ohne je zu trachten, sein Leben mit einem ernsteren
Grundsatze in Einklang zu bringen. Aber auch der Frau fiel es niemals ein, da
ihre Leidenschaften mit dem religisen Gebaren im Widerspruche sein knnten, und
sie zeichnete sich vor ihren Glaubensschwestern darin aus, da sie niemals dem
Ausdrucke dessen, was sie bewegte, einen Zgel anlegte. Sie liebte und hate,
segnete und verwnschte und gab sich unverhllt und ungehemmt allen Regungen
ihres Gemtes hin, ohne je an eine eigene mgliche Schuld zu denken und sich
unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mchtigen Einflu berufend.
    Jede der Ehehlften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute,
welche im Lande zerstreut wohnten. Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das
gewichtige Erbe um so mehr, als Frau Margret, zufolge ihrer hartnckigen
Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende, ihnen nur sprliche Gaben von
ihrem berflusse zukommen lie und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und
trnkte. Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen,
Schwestern und Schwger mit ausgehungerten langnasigen Tchtern und bleichen
Shnen und trugen Scklein und Krbe herbei, welche die kmmerlichen Gaben ihrer
Armut enthielten, um die alten launenhaften Leute fr sich zu gewinnen, und
worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften. Diese Sippschaft
war schroff in zwei Lager geschieden, welche sich nach dem Streite, der zwischen
den Hauptpersonen herrschte, ebenfalls den Hoffnungen auf den frhern Tod des
Gegners hingaben, um einst ein vergrertes Erbe zu erhalten. Sie haten und
befeindeten sich ebenso stark untereinander, als die Leidenschaften Margrets und
ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben, und es entstand jedesmal, nachdem die
zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten berflusse gesttigt und gewrmt
hatte und der bermut den anfnglichen Zwang auflste, ein mchtiger Zank
zwischen beiden Parteien, da sich die Mnner die briggebliebenen Schinken, ehe
sie dieselben in ihre Querscke steckten, um die Kpfe schlugen und die armen
Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und ber
dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und rger auf den Heimweg trugen. Ihre
Augen funkelten stechend unter den drftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor,
wenn sie mit langen Schritten, die vollgepfropften Bndel unter dem Arme, aus
dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten, um den
entlegenen Htten zuzueilen.
    Solcherweise ging es viele Jahre, bis die alte Frau Margret mit dem Sterben
den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster
selber hinberging. Sie hinterlie unerwarteterweise ein Testament, welches
einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte; es war der letzte
und jngste jener Gnstlinge, an deren Gewandtheit und Wohlergehen sie ihre
Freude gehabt hatte, und sie war mit der berzeugung gestorben, da ihr gutes
Gold nicht in ungeweihte Hnde bergehe, sondern die Kraft und die Lust
tchtiger Leute sein werde. Bei ihrem Leichenbegngnisse fanden sich smtliche
Verwandte beider Ehegatten ein, und es war ein groes Geheul und Gelrm, als sie
sich also getuscht fanden. Sie vereinigten sich in ihrem Zorne alle gegen den
glcklichen Erben, welcher ganz ruhig seine Habe einpackte, was irgend von
Nutzen war, und auf einen ungeheuerlichen Wagen lud. Er berlie den armen
Leuten nichts als die vorhandenen Vorrte an Lebensmitteln und die gesammelten
Seltsamkeiten und Bcher der Seligen, insofern sie nicht von Gold, Silber oder
sonstigem Gehalte waren. Drei Tage und drei Nchte blieb der wehklagende Schwarm
in dem Trauerhause, bis der letzte Knochen zerschlagen und dessen Mark mit dem
letzten Bissen Brot aufgetunkt war. Sodann zerstreuten sie sich allmhlich, ein
jeder mit dem Andenken, das er noch erbeutet hatte. Der eine trug eine Partie
Heiden- und Gtzenbcher auf der Schulter, mit einem tchtigen Stricke
zusammengebunden und mit einem Scheite geknebelt, und unter dem Arme ein
Scklein getrockneter Pflaumen; der andere hing ein Muttergottesbild an seinem
Stabe ber den Rcken und wiegte auf dem Kopfe eine kunstreich geschnitzte Lade,
sehr geschickt mit Kartoffeln angefllt in allen ihren Fchern. Hagere lange
Jungfrauen trugen zierliche altmodische Weidenkrbe und buntbemalte Schachteln,
angefllt mit knstlichen Blumen und vergilbtem Flitterkram, Kinder schleppten
wchserne Engel in den Armen oder trugen chinesische Krge in den Hnden, es
war, als she man eine Schar Bilderstrmer aus einer geplnderten Kirche kommen.
Doch gedachte ein jeder seine Beute als ein wertes Angedenken an die Verstorbene
aufzubewahren, sich schlielich an das genossene Gute erinnernd, und zog mit
Wehmut seine Strae, indessen der Haupterbe, neben seinem Wagen
einherschreitend, pltzlich haltmachte, sich besann, darauf die ganze Ladung
einem Trdler verkaufte und auch nicht einen Nagel aufbewahrte. Dann ging er zu
einem Goldschmied und verkaufte demselben die Schaumnzen, Kelche und Ketten und
zog endlich mit rstigen Schritten aus dem Tore, ohne sich umzusehen, mit seiner
dicken Geldkatze und seinem Stabe. Er schien froh zu sein, eine verdrieliche
und langwierige Angelegenheit endlich erledigt zu sehen.
    In dem Hause aber blieb der alte Mann allein und einsam zurck mit dem
zusammengeschmolzenen Reste jener frheren Teilung. Er lebte noch drei Jahre und
starb gerade an dem Tage, wo das letzte Goldstck gewechselt werden mute. Bis
dahin vertrieb er sich die Zeit damit, da er sich vornahm und ausmalte, wie er
im Jenseits seine Frau haranguieren wolle, wenn sie da mit ihren verrckten
Ideen herumschlampe, und welche Streiche er ihr angesichts der Apostel und
Propheten spielen wrde, da die alten Gesellen was zu lachen bekmen. Auch an
manchen Toten seiner Bekanntschaft erinnerte er sich und freute sich auf die
Wiederbelebung verjhrten Unfuges beim Wiedersehen. Ich hrte ihn immer nur in
solch lustiger Art vom zuknftigen Leben sprechen. Er war nun blind und bald
neunzig Jahre alt, und wenn er, von Schmerzen, Trbsal und Schwche heimgesucht,
traurig und klagend wurde, so sprach er nichts von diesen Dingen, sondern rief
immer, man sollte die Menschen totschlagen, ehe sie so alt und elend wrden.
    Endlich ging er aus wie ein Licht, dessen letzter Tropfen l aufgezehrt ist,
schon vergessen von der Welt, und ich, als ein herangewachsener Mensch, war
vielleicht der einzige Bekannte frherer Tage, welcher dem zusammengefallenen
Restchen Asche zu Grabe folgte.
    Gleich dem Chorus in den Schauspielen der Alten hatte ich von meiner
frhsten lugend an das Leben und die Ereignisse in diesem nachbarlichen Hause
betrachtet und war ein allezeit aufmerksamer Teilnehmer. Ich ging ab und zu, a
und trank, was mir wohlgefiel, setzte mich in eine Ecke oder stand mitten unter
den Handelnden und Lrmenden, wenn etwas vorfiel. Ich holte die Bcher hervor
und verlangte, wessen ich von den Sehenswrdigkeiten bedurfte, oder spielte mit
den Schmucksachen der Frau Margret. Alle die mannigfaltigen Personen, welche in
das Haus kamen, kannten mich, und jeder war freundlich gegen mich, weil dieses
meiner Beschtzerin so behagte. Ich aber machte nicht viele Worte, sondern gab
acht, da nichts von den geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging. Mit
all diesen Eindrcken beladen, zog ich dann ber die Gasse wieder nach Hause und
spann in der Stille unserer Stube den Stoff zu groen trumerischen Geweben aus,
wozu die erregte Phantasie den Einschlag gab. In der Tat mu ich auf diese erste
Kinderzeit meinen Hang und ein gewisses Geschick zurckfhren, an die
Vorkommnisse des Lebens erfundene Schicksale und verwickelte Geschichten
anzuknpfen und so im Fluge heitere und traurige Romane zu entwerfen, deren
Mittelpunkt ich selbst oder die mir Nahestehenden waren, die mich viele Tage
lang beschftigten und bewegten, bis sie sich in neue Handlungen auflsten, je
nach der Stimmung und dem uern Ergehen. In jener ersten Zeit waren es kurze
und wechselnde Bilder, welche sich rasch und unbewut formierten und
vorbeigingen, wie die befreiten Erinnerungen und Traumvorrte eines Schlafenden.
Sie verflochten sich mir mit dem wirklichen Leben, da ich sie kaum von
denselben unterscheiden konnte.
    Daraus nur kann ich mir unter anderm eine Geschichte erklren, welche ich
ungefhr in meinem siebenten Jahre anrichtete und die ich gar nicht begreifen
knnte, da die schlimme Art derselben sonst nicht in meinem Wesen liegt und sich
zeither auch in keiner Weise wiederholt hat. Ich sa einst hinter dem Tische,
mit irgendeinem Spielzeuge beschftigt, und sprach dazu einige unanstndige,
hchst rohe Worte vor mich hin, deren Bedeutung mir unbekannt war und die ich
auf der Strae gehrt haben mochte. Eine Frau sa bei meiner Mutter und
plauderte mit ihr, als sie die Worte hrte und meine Mutter aufmerksam darauf
machte. Sie fragten mich mit ernster Miene, wer mich diese Sachen gelehrt htte,
insbesondere die fremde Frau drang in mich, worber ich mich verwunderte, einen
Augenblick nachsinnend, und dann den Namen eines Knaben nannte, den ich in der
Schule gesehen hatte. Sogleich fgte ich noch zwei oder drei andere hinzu,
smtlich Jungen von zwlf bis dreizehn Jahren und einer vorgerckteren Klasse
meiner Schule angehrig, mit denen ich aber kaum noch ein Wort gesprochen hatte.
Einige Tage darauf behielt mich der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der
Schule zurck sowie jene vier angegebenen Knaben, welche mir wie halbe Mnner
vorkamen, da sie an Alter und Gre mir weit vorgeschritten waren. Ein
geistlicher Herr erschien, welcher gewhnlich den Religionsunterricht gab und
sonst der Schule vorstand, setzte sich mit dem Lehrer an einen Tisch und hie
mich neben ihn sitzen. Die Knaben hingegen muten sich vor dem Tische in eine
Reihe stellen und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Sie wurden nun mit
feierlicher Stimme gefragt, ob sie gewisse Worte in meiner Gegenwart
ausgesprochen htten; sie wuten nichts zu antworten und waren ganz erstaunt.
Hierauf sagte der Geistliche zu mir: Wo hast du die bewuten Dinge gehrt von
diesen Buben? Ich war sogleich wieder im Zuge und antwortete unverweilt mit
trockener Bestimmtheit: Im Brderleinsholze! Dieses ist ein Gehlz, eine
Stunde von der Stadt entfernt, wo ich in meinem Leben nie gewesen war, das ich
aber oft nennen hrte. Wie ist es dabei zugegangen, wie seid ihr dahin
gekommen? fragte man weiter. Ich erzhlte, wie mich die Knaben eines Tages zu
einem Spaziergange berredet und in den Wald hinaus mitgenommen htten, und ich
beschrieb mit merkwrdiger Wahrheit die Art, wie etwa grere Knaben einen
kleinern zu einem mutwilligen Streifzuge mitnehmen. Die Angeklagten gerieten
auer sich und beteuerten mit Trnen, da sie teils seit langer Zeit, teils gar
nie in jenem Gehlze gewesen seien, am wenigsten mit mir! Dabei sahen sie mit
erschrecktem Hasse auf mich, wie auf eine bse Schlange, und wollten mich mit
Vorwrfen und Fragen bestrmen, wurden aber zur Ruhe gewiesen und ich
aufgefordert, den Weg anzugeben, welchen wir gegangen. Sogleich lag derselbe
deutlich vor meinen Augen, und angefeuert durch den Widerspruch und das Leugnen
eines Mrchens, an welches ich nun selbst glaubte, da ich mir sonst auf keine
Weise den wirklichen Bestand der gegenwrtigen Szene erklren konnte, gab ich
nun Weg und Stege an, die an den Ort fhren, und nannte hier ein Dorf, dort eine
Brcke oder eine Wiese. Ich kannte dieselben nur vom flchtigen Hrensagen, und
obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte, stellte sich nun jedes Wort zur rechten
Zeit ein. Ferner erzhlte ich, wie wir unterwegs Nsse heruntergeschlagen, Feuer
gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten, auch einen Bauernjungen jmmerlich
durchgebleut htten, welcher uns hindern wollte. Im Walde angekommen, kletterten
meine Gefhrten auf hohe Tannen und jauchzten in der Hhe, den Geistlichen und
den Lehrer mit lcherlichen Spitznamen benennend. Diese Spitznamen hatte ich,
ber das uere der beiden Mnner nachsinnend, lngst im eigenen Herzen
ausgeheckt, aber nie verlautbart; bei dieser Gelegenheit brachte ich sie
zugleich an den Mann, und der Zorn der Herren war ebenso gro als das Erstaunen
der vorgeschobenen Knaben. Nachdem sie wieder von den Bumen heruntergekommen,
schnitten sie groe Ruten und forderten mich auf, auch auf ein Bumchen zu
klettern und oben die Spottnamen auszurufen. Als ich mich weigerte, banden sie
mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten, bis ich alles
aussprach, was sie verlangten, auch jene unanstndigen Worte. Indessen ich rief,
schlichen sie sich hinter meinem Rcken davon, ein Bauer kam in demselben
Augenblicke heran, hrte meine unsittlichen Reden und packte mich bei den Ohren.
Wart, ihr bsen Buben! rief er, diesen hab ich! und hieb mir einige
Streiche. Dann ging er ebenfalls weg und lie mich stehen, whrend es schon
dunkelte. Mit vieler Mhe ri ich mich los und suchte den Heimweg in dem dunklen
Wald. Allein ich verirrte mich, fiel in einen tiefen Bach, in welchem ich bis
zum Ausgange des Waldes teils schwamm, teils watete, und so, nach Bestehung
mancher Gefhrde, den rechten Weg fand. Doch wurde ich noch von einem groen
Ziegenbocke angegriffen, bekmpfte denselben mit einem rasch ausgerissenen
Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht.
    Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie
bei dieser Erzhlung. Es kam niemand in den Sinn, etwa bei meiner Mutter
anfragen zu lassen, ob ich eines Tages durchnt und nchtlich nach Hause
gekommen sei? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang, da der
eine und andere der Knaben nachgewiesenermaen die Schule geschwnzt hatte,
gerade um die Zeit, welche ich angab. Man glaubte meiner groen Jugend sowohl
wie meiner Erzhlung; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen
Himmel meines sonstigen Schweigens. Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt
als verwilderte bsartige junge Leute, da ihr hartnckiges und einstimmiges
Leugnen und ihre gerechte Entrstung und Verzweiflung die Sache noch
verschlimmerten; sie erhielten die hrtesten Schulstrafen, wurden einige Wochen
lang auf die Schandbank gesetzt und berdies noch von ihren Eltern geschlagen
und eingesperrt.
    Soviel ich mich dunkel erinnere, war mir das angerichtete Unheil nicht nur
gleichgltig, sondern ich fhlte eher noch eine Befriedigung in mir, da die
poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schn und sichtbarlich abrundete, da
etwas Auffallendes geschah, gehandelt und gelitten wurde, und das infolge meines
schpferischen Wortes. Ich begriff gar nicht, wie die mihandelten Jungen so
lamentieren und erbost sein konnten gegen mich, da der treffliche Verlauf der
Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ndern konnte
als die alten Gtter am Fatum.
    Die Betroffenen waren smtlich, was man schon in der Kinderwelt rechtliche
Leute nennen knnte, ruhige, gesetzte Knaben, welche bisher keinen Anla zu
grobem Tadel gegeben und aus denen seither stille und arbeitsame junge Brger
geworden. Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und
das erlittene Unrecht, und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten,
erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte, und fast
jedes Wort ward wieder lebendig. Erst jetzt qulte mich der Vorfall mit
verdoppelter nachhaltiger Wut, und sooft ich daran denke, steigt mir das Blut zu
Kopfe, und ich mchte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtglubigen
Inquisitoren schieben, ja sogar die plauderhafte Frau anklagen, welche auf die
verpnten Worte gemerkt und nicht geruht hatte, bis ein bestimmter Ursprung
derselben nachgewiesen war. Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und
lachten, als sie sahen, wie mich die Sache nachtrglich beunruhigte, und sie
freuten sich, da ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl
erinnerte. Nur der vierte, ein etwas beschrnkter Mensch, der viele Mhe mit dem
Leben hat, konnte niemals einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und
dem sptern Alter und trug mir die angetane Unbilde so nach, als ob ich sie erst
heute, mit dem Verstande eines Erwachsenen, begangen htte. Mit dem tiefsten
Hasse geht er an mir vorber, und wenn er mir beleidigende Blicke zuwirft, so
vermag ich sie nicht zu erwidern, weil das Unrecht doch auf mir ruht und keiner
von uns es vergessen kann.

                               Siebentes Kapitel


Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in
derselben, da das erste Lernen rasch aufeinanderfolgte und, leicht falich,
tglich fortschritt. Auch die Einrichtung derselben hatte viel Kurzweiliges, ich
ging gern und eifrig hinein, sie bildete mein ffentliches Leben und war mir
ungefhr, was dem neugierigen Athenienser die Gerichtssttte und das Theater. Es
war keine ffentliche Anstalt, sondern das Werk eines gemeinntzigen wohlttigen
Vereins und dazu bestimmt, bei dem damaligen Mangel guter niedriger
Volksschulen, den Kindern drftiger Leute eine bessere Erziehung zu verschaffen,
und hie daher Armenschule. Die Pestalozzische Unterrichtsweise wurde
angewendet, und zwar mit einem Eifer und einer Hingebung, welche gewhnlich nur
Eigenschaften von leidenschaftlichen Privatschulmnnern zu sein pflegen. Mein
Vater hatte bei seinen Lebzeiten fr die Einrichtung und fr die Ergebnisse
dieser Anstalt geschwrmt und oft den Entschlu ausgesprochen, meine ersten
Schuljahre in derselben verflieen zu lassen, schon darin eine
Erziehungsmaregel suchend, da ich mit den rmsten Kindern der Stadt meine
frhsten Jugendjahre zubrchte und aller Kastengeist und Hochmut so im Keime
erstickt wrden. Diese Absicht war fr meine Mutter ein heiliges Vermchtnis und
erleichterte ihr die Wahl der ersten Schule fr mich. In einem groen Saale
wurden etwa hundert Kinder unterrichtet, zur Hlfte Knaben, zur Hlfte Mdchen,
vom fnften bis zum zwlften Jahre. Sechs lange Schulbnke standen in der Mitte,
von dem einen Geschlechte besetzt, jede bildete eine Altersklasse, und davor
stand ein vorgeschrittener Schler von elf bis zwlf Jahren und unterrichtete
die ganze Bank, welche ihm anvertraut war, indessen das andere Geschlecht in
Halbkreisen um sechs Pulte herum stand, die lngs den Wnden angebracht waren.
Inmitten jedes Kreises sa auf einem Sthlchen ebenfalls ein unterrichtender
Schler oder eine Schlerin. Der Hauptlehrer thronte auf einem erhhten Katheder
und bersah das Ganze, zwei Gehlfen, aus ehemaligen Schlern herangezogen,
standen ihm bei, machten die Runde durch den ziemlich dstern Saal, hier und
dort einschreitend, nachhelfend und die gelehrtesten Dinge selbst beibringend.
Jede halbe Stunde wurde mit dem Gegenstande gewechselt, der Oberlehrer gab ein
Zeichen mit einer Klingel, und nun wurde ein treffliches Manver ausgefhrt,
mittelst dessen die hundert Kinder in vorgeschriebener Bewegung und Haltung,
immer nach der Klingel, aufstanden, sich kehrten, schwenkten und durch einen
wohlberechneten Contre-Marsch in einer Minute die Stellung wechselten, so da
die frher funfzig Sitzenden nun zu stehen kamen und umgekehrt. Es war immer
eine unendlich glckliche Minute, wenn wir, die Hnde reglementarisch auf dem
Rcken verschrnkt, die Knaben bei den Mdchen vorbeimarschierten und unsern
soldatischen Schritt gegen ihr Gnsegetrippel hervorzuheben suchten. Ich wei
nicht, war es eine artige herkmmliche Vergessenheit, oder eine Piett, oder gar
eine Absicht, da es erlaubt war, Blumen mitzubringen und whrend des
Unterrichts in den Hnden zu halten, wenigstens habe ich diese hbsche Lizenz in
keiner andern Schule mehr gefunden; aber es war immer gut anzusehen whrend des
lustigen Marsches, wie fast jedes Mdchen eine Rose oder eine Nelke in den
Fingern auf dem Rcken hielt, whrend die Buben die Blumen im Munde trugen wie
Tabakspfeifen oder dieselben burschikos hinter die Ohren steckten. Es waren
alles Kinder von Holzhackern, Tagelhnern, armen Schneidern, Schustern und von
almosengenssigen Leuten. Habliche Handwerker durften ihres Ranges und Kredits
wegen die Schule nicht benutzen. Daher war ich der best und reinlichst
gekleidete unter den Buben und galt fr halb vornehm, obgleich ich bald sehr
vertraulich war mit den buntscheckig geflickten armen Teufeln, ihren Sitten und
Gewohnheiten, insofern sie mir nicht allzu fremd und unfreundlich waren. Denn
obgleich die Kinder der Armen nicht schlimmer und etwa boshafter sind als die
der Reichen oder sonst Geborgenen, im Gegenteil eher unschuldiger und
gutmtiger, so haben sie doch manchmal uerliche grinsende Derbheiten in ihren
Gebrden, welche mich bei einigen Mitschlern abstieen.
    Die erste mnnliche Kleidung, welche ich erhielt, war grn, da meine Mutter
aus der Schtzenkleidung des Vaters eine Zwillingstracht fr mich schneiden
lie, fr den Sonntag einen Anzug und fr die Werktage einen. Auch fast alle
nachgelassenen brgerlichen Gewnder waren von grner Farbe; bis zu meinem
zwlften Jahre aber reichte der Nachla zur Herstellung von grnen lacken und
Rcklein aus bei der groen Strenge und Aufmerksamkeit der Mutter fr Schonung
und Reinhaltung der Kleider, so da ich von der unvernderlichen Farbe schon
frh den Namen grner Heinrich erhielt und in unserm Stdtchen bis auf den
heutigen Tag trug. Als solcher machte ich in der Schule und auf der Gasse bald
eine bekannte Figur und benutzte meine grne Popularitt zur steten Fortsetzung
meiner Beobachtungen und chorartiger Teilnahme an allem, was geschah und
gehandelt wurde. Die tatkrftigen und stimmfhrenden Gren der Bubenwelt lieen
meine Nhe immer gelten, nahmen mich in Schutz und entdeckten fter mit
wohlwollender Herablassung, da ich zu mehrerem zu gebrauchen sei, als es den
Anschein hatte; einzelne schlossen sich an mich an und blieben mir dann lngere
Zeit getreu in allerlei Bestrebungen. Ich drang mit den verschiedensten Kindern,
je nach Bedrfnis und Laune, in die elterlichen Huser und war als ein
vermeintlich stilles gutes Kind gern gesehen, whrend ich mir genau den Haushalt
und die Gebruche der armen Leute ansah und dann wieder wegblieb, um mich in
mein Hauptquartier bei der Frau Margret zurckzuziehen, wo es am Ende immer am
meisten zu sehen gab. Sie freute sich, da ich bald imstande war, nicht nur das
Deutsche gelufig vorlesen, sondern auch die in ihren alten Bchern hufigen
lateinischen Lettern erklren zu knnen sowie die arabischen Zahlen, die sie nie
verstehen lernte. Ich verfertigte ihr auch allerlei Notizen in Frakturschrift
auf Papierzettel, welche sie aufbewahren und bequem lesen konnte, und ward auf
diese Weise ihr kleiner Geheimschreiber. Schon sah sie, die mich fr ein groes
Genie hielt, einen ihrer zuknftigen, klugen Glckmacher in mir und war im
voraus meiner glnzenden Laufbahn froh. Wirklich machte mir das Lernen weder
Mhe noch Kummer, und ich war, ohne zu wissen wie, zu der Wrde herangediehen,
die kleineren Genossen unterrichten zu drfen. Dieses geriet mir zu einer neuen
Lust, vorzglich weil ich, ausgerstet mit der Macht zu lohnen und zu strafen,
kleine Schicksale kombinieren, Lcheln und Trnen, Freund- und Feindschaft
hervorzaubern konnte. Sogar die Frauenliebe spielte ihre ersten schwachen
Morgenwlkchen dazwischen. Wenn ich in einem Halbkreise von neun bis zehn
kleinen Mdchen sa, so war der erste ehrenvollste Platz bald zunchst meiner
Seite, bald war es der letzte, je nach der Gegend in dem groen Saale. So
geschah es, da ich die Mdchen, welche ich gern sah, entweder fortwhrend oben
hielt in der Region des Ruhmes und der Tugend oder aber sie stets niederdrckte
in die dunkle Sphre der Snde und der Vergessenheit, in beiden Fllen immer
zunchst meinem tyrannischen Herzen. Dieses aber ward selbst reichlich
mitbewegt, wenn ich oft von der ohne Verdienst erhobenen Schnen kein Lcheln
des Dankes erhielt, wenn sie die unverdiente Ehre hinnahm, als ob sie ihr
gebhrte, und es mir durch mutwillige rcksichtslose Streiche unendlich
erschwerte, sie auf der glatten Hhe zu halten ohne auffallende Ungerechtigkeit.
Wenn ich hingegen eine andere Geliebte, jede kleine Unaufmerksamkeit benutzend,
nach und nach heruntergebracht hatte bis auf den letzten ruhmlosen Platz an
meiner Seite, nicht achtend auf ihre kummervollen Trnen oder vielmehr angenehm
durchschauert durch dieselben, so suchte ich das Leid dann durch verdoppelte
Freundlichkeit aufzuhellen, bis mich die hartnckige Trauer, welche nichts von
meinen wahren Gefhlen ahnen wollte, langweilte und ich die sprde Unglckliche
jhlings wieder hinaufjagte in die heitere khle Hhe, wo sie wieder frhlich
wurde, whrend ich eine kleine unverbesserliche Snderin ohne Mhe an den ihr
gebhrenden Schandenplatz herniederdonnerte, wo dieselbe gar wohl gedieh, meinem
Zorne lchelte und sich im geheimen alle mglichen Neckereien gegen mich
erlaubte, die ich halb murrend, halb verliebt erduldete.
    Nur zwei Dinge waren mir in dieser Schule qulend und unheimlich und sind
eine unliebliche Erinnerung geblieben. Das eine war die dstere kriminalistische
Weise, in welcher die Schuljustiz gehandhabt wurde. Es lag dies teils noch im
Geiste der alten Zeit, an deren Grenze wir standen, teils in einer
Privatliebhaberei der Personen und harmonierte bel mit dem brigen guten Ton.
Es wurden ausgesuchte peinliche und infamierende Strafen angewendet auf dies
zarte Lebensalter, und es verging fast kein Monat ohne eine feierliche Exekution
an irgendeinem armen Snder. Zwar wurden meistens wirkliche frhzeitige
Schlingel betroffen, war aber immerhin verkehrt, indem es die Kinder zu einem
frhen gelufigen Verdammen und Pharisertum hinfhrte; so schon ist es eine
seltsame Erscheinung, da die Kinder, selbst wenn sie das Bewutsein des
gleichen Fehlers in sich haben, aber verschont geblieben sind, ein bestraftes
und bezeichnetes verachten, verfolgen und verhhnen, bis die letzten Wirkungen
verklungen oder die Verfolger selbst in das Netz gefallen sind. Solange das
Goldene Zeitalter nicht gekommen, mssen kleine Buben geprgelt werden; ich
fhle die doppelte Wohltat noch jetzt nach, wie mich ein tchtiger Prgelschauer
wie ein Gewitter von einer drckenden Schwle befreite und einem frischen
Wohlverhalten wieder Raum verschaffte, da ich zu Hause nie gezchtigt wurde.
Allein einen widerlichen Eindruck machte es, wenn ein bser Junge, nach
gehaltener Standrede, in ein abgelegenes Zimmer gefhrt, dort ausgezogen, auf
eine Bank gelegt und abgehauen wurde, oder als einmal ein ziemlich groes
Mdchen mit einer umgehngten Tafel auf einem Schranke stehen mute, einen
ganzen Tag lang. Ich hatte groes Mitleid mit ihr, obgleich sie etwas Groes
begangen haben mute. Vielleicht war sie auch unschuldig verurteilt! Ein paar
Jahre spter ertrnkte sich das gleiche Mdchen whrend des
Konfirmationsunterrichtes, ich wei nicht mehr weshalb, erinnere mich aber noch
der trauernden Teilnahme, welche ich fr die Tote hegte, als ich sie begraben
sah, gefolgt von einer groen Schar weigekleideter Mdchen zwischen fnf- und
sechszehn Jahren, welche Blumen trugen. Man erwies ihr, ungeachtet ihres
unchristlichen Todes, diese Ehre ihrer Jugend wegen, weil man zugleich das
grelle Ereignis damit verhllen und migen konnte.
    Die andere peinliche Erinnerung an jene Schulzeit sind mir der Katechismus
und die Stunden, whrend deren wir uns damit beschftigen muten. Ein kleines
Buch voll hlzerner, blutloser Fragen und Antworten, losgerissen aus dem
frischen Leben der biblischen Schriften, nur geeignet, den drren Verstand
bejahrter und verstockter Menschen zu beschftigen, mute whrend der so
unendlich scheinenden Jugendjahre in ewigem Wiederkuen auswendig gelernt und in
verstndnislosem Dialoge hergesagt werden. Harte Worte und harte Buen waren die
Aufklrungen, beklemmende Angst, keines der dunklen Worte zu vergessen, die
Anfeuerung zu diesem religisen Leben. Einzelne Psalmstellen und Liederstrophen,
ebenfalls aus allem Zusammenhange gezerrt und deshalb unlieber einzuprgen als
ein ganzes organisches Gedicht, verwirrten das Gedchtnis, anstatt es zu ben.
Wenn man diese, gegen die verwilderte Sndhaftigkeit ausgewachsener Menschen
gerichteten, vierschrtigen nackten Gebote neben den bersinnlichen und
unfalichen Glaubensstzen gereiht sah, so fhlte man nicht den Geist wehen
einer sanften menschlichen Entwicklung, sondern den schwlen Hauch eines rohen
und starren Barbarentums, wo es einzig darauf ankommt, den jungen, zarten
Nachwuchs auf der Schnell- und Zwangbleiche so frh als mglich fr den ganzen
Umfang des bestehenden Lebens und Denkens fertig und verantwortlich zu machen.
Die Pein dieser Disziplin erreichte ihren Gipfel, wenn mehrere Male im Jahre die
Reihe an mich kam, am Sonntage in der Kirche, vor der ganzen Gemeinde, mit
lauter vernehmlicher Stimme das wunderliche Zwiegesprch mit dem Geistlichen zu
fhren, welcher in weiter Entfernung von mir auf der Kanzel stand und wo jedes
Stocken und Vergessen zu einer Art Kirchenschande gereichte. Viele Kinder
schpften zwar gerade aus dieser bung Gelegenheit, mit Salbung und
Zungengelufigkeit, wohl gar mit ihrer Frechheit zu prunken, und der Tag geriet
ihnen immer zu einem Triumph- und Freudentag. Gerade bei diesen erwies es sich
aber jederzeit, da alles eitel Schall und Rauch gewesen. Es gibt geborene
Protestanten, und ich mchte mich zu diesen zhlen, weil nicht ein Mangel an
religisem Sinne, sondern, freilich mir unbewut, ein letztes feines Ruchlein
verschollener Scheiterhaufen, durch die hallende Kirche schwebend, mir den
Aufenthalt widerlich machte, wenn die eintnigen Gewaltstze hin- und
hergeworfen wurden. Nicht als ob ich mir einbilden wollte, ein scharfsinnig
polemisches Wunderkind gewesen zu sein; sondern es war reine Sache des
angeborenen Gefhles.
    So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurckgedrngt, und
ich beharrte auf meiner Sitte, meine Gebete und Verhandlungen selbst zu
verfassen nach meinem Bedrfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann
anzuwenden, wenn ich ihrer bedurfte. Einzig das Vaterunser wurde morgens und
abends regelmig, aber lautlos, gebetet.
    Aber nicht nur dieses geschah. Auch aus meinem innern und uern Spiel- und
Lustleben wurde der liebe Gott verdrngt und konnte weder durch die Frau Margret
noch durch meine Mutter darin erhalten werden. Fr lange Jahre wurde mir der
Gedanke Gottes zu einem prosaischen nchternen Gedanken, in dem Sinne, wie die
falschen Poeten das wirkliche Leben fr prosaisch halten im Gegensatze zu dem
erfundenen und fabelhaften. Das Leben, die sinnliche Natur waren
merkwrdigerweise mein Mrchen, in dem ich meine Freude suchte, whrend Gott fr
mich zu der notwendigen, aber nchternen und schulmeisterlichen Wirklichkeit
wurde, zu welcher ich nur zurckkehrte wie ein mdgetummelter, hungriger Knabe
zur alltglichen Haussuppe und mit der ich so schnell fertig zu werden suchte
als mglich. Solches bewirkte die Art und Weise, wie die Religion und meine
Kinderzeit zusammengekuppelt wurden. Wenigstens kann ich mich, trotzdem da jene
ganze Zeit wie ein heller Spiegel vor mir liegt, nicht entsinnen, da ich vor
dem Erwachen der Vernunft je einen Andachtschauer, wenn auch noch so kindlich,
empfunden htte.
    Selbst die biblischen Geschichten, welche wir lasen, verschmolzen sich ganz
mit den weltlichen Unterhaltungen, und ich gewann an der Geschichte Josephs und
seiner Brder und andern prchtigen Episoden nur einen Stoff mehr fr meine
profanen Kompositionen. Aus diesem Grunde waren die biblischen Erzhlungen, wie
sie gewhnlich fr Kinder ausgezogen werden, lange Zeit mein Hauptbuch neben der
Bibliothek der Frau Margret, und nur selten fhrte mich ein Anflug von
Gelehrsamkeit dazu, mich in die Bibel zu vertiefen und ein ergiebiges
Quellenstudium zu betreiben, da der hohe Schwung der Sprache fr das Kind
unzugnglich war und nur Stoff zum Lcherlichmachen dessen gab, was ich nicht
begriff.
    Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten
Jahre, welche deren wohl sieben bis achte andauerte, als eine kalte de Strecke
und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber. Denn wenn
ich recht scharf in jenen vergangenen dmmerhaften Seelenzustand zurckzudringen
versuche, so entdecke ich noch wohl, da ich den Gott meiner Kindheit nicht
liebte, sondern nur brauchte und da damit das lebendige Gefhl der Liebe auch
fr alles brige Leben nicht zum Erwachen kam und nur schwer durch die
unnatrlich bergeworfene Eisdecke dringen konnte. Jetzt erst wird mir der trbe
kalte Schleier ganz deutlich, welcher ber jener Zeit liegt und mir dazumal die
Hlfte des Lebens verhllte, mich blde und scheu machte, da ich die Leute
nicht verstand und mich selbst nicht zu erkennen geben konnte in meiner vollen
Natur, so da die weisen Erzieher vor mir standen als vor einem Rtsel und
sagten Dieses ist ein seltsames Gewchs, man wei nicht viel damit anzufangen!
    Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst, in der Welt, die ich
mir allein zu bauen gezwungen war. Meine Mutter kaufte mir nur uerst wenig
Spielzeug, immer und einzig darauf bedacht, jeden Heller fr meine Zukunft zu
sparen, und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe fr berflssig, welche nicht
unmittelbar fr das Notwendigste geopfert wurde. Sie suchte mich dafr durch
fortwhrende mndliche Unterhaltungen zu beschftigen und erzhlte mir tausend
Dinge aus ihrem vergangenen Leben sowohl wie aus dem Leben anderer Leute, indem
sie in unserer Einsamkeit selbst eine se Gewohnheit darin fand. Aber diese
Unterhaltung sowie das Treiben im wunderlichen Nachbarhause konnte doch zuletzt
meine Stunden nicht ausfllen, und ich bedurfte eines sinnlichen Stoffes,
welcher meiner schaffenden Gewalt anheimgegeben war. So war ich bald darauf
angewiesen, mir mein Spielzeug selbst zu schaden. Das Papier, das Holz, die
gewhnlichen Aushelfer in diesem Falle, waren schnell abgebraucht, besonders da
ich keinen mnnlichen Mentor hatte, welcher mich mit Handgriffen und Knsten
bekannt machte. Was ich so bei den Menschen nicht fand, das gab mir die stumme
Natur. Ich sah aus der Ferne bei vornehmern Knaben, da sie artige kleine
Naturaliensammlungen besaen, besonders Steine und Schmetterlinge, und von ihren
Lehrern und Vtern angeleitet wurden, dergleichen selbst auf ihren Ausflgen zu
suchen. Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen
lngs der Bach- und Flubette zu unternehmen, wo ein buntes Geschiebe an der
Sonne lag. Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glnzender und farbiger
Mineralien beisammen, Glimmer, Quarze, bunte Kiesel und solche Steine, welche
mir durch ihre abweichende Form auffielen, wie Schieferstcke, gegenber einem
seltsam verwaschenen Kiesel usw. Glnzende Schlacken, aus Httenwerken in den
Strom geworfen, hielt ich ebenfalls fr wertvolle Stcke, Glasperlen fr
Edelsteine, und der Trdelkram der Frau Margret lieferte mir einigen Abfall an
polierten Marmorscherben und halb durchsichtigen Alabasterschnrkeln, welche
berdies noch eine antiquarische Glorie durchdrang. Fr diese Dinge verfertigte
ich Fcher und Behlter und legte ihnen wunderlich beschriebene Zettel bei. Wenn
die Sonne in unser Hfchen schien, so schleppte ich den ganzen Schatz herunter,
wusch Stck fr Stck in dem kleinen Brnnlein und breitete sie nachher an der
Sonne aus, um sie zu trocknen, mich an ihrem Glanze erfreuend. Dann ordnete ich
sie wieder in die Schachteln und hllte die glnzendsten Dinge sorglich in
Baumwolle, welche ich aus den groen Ballen am Hafenplatze gezupft hatte. So
trieb ich es lange Zeit; allein es war nur der uere Schein, der mich erbaute,
und als ich sah, da jene Knaben fr jeden Stein einen bestimmten Namen besaen
und zugleich viel Merkwrdiges, was mir unzugnglich war, wie Kristalle und
Erze, auch ein Verstndnis dafr gewannen, welches mir durchaus fremd war, so
starb mir das ganze Spiel ab und betrbte mich. Dazumal konnte ich nichts Totes
und Weggeworfenes um mich liegen sehen; was ich nicht brauchen konnte,
verbrannte ich hastig oder entfernte es weit von mir; so trug ich eines Tages
die smtliche Last meiner Steine mit vieler Mhe an den Strom hinaus, versenkte
sie in die Wellen und ging ganz traurig und niedergeschlagen nach Hause.
    Nun versuchte ich es mit den Schmetterlingen und Kfern. Meine Mutter
verfertigte mir ein Garn und ging oft selbst mit mir auf die Wiesen hinaus; denn
die Einfachheit und Billigkeit dieser Spiele leuchteten ihr ein. Ich fing
zusammen, wessen ich habhaft werden konnte, und setzte eine Unzahl Raupen in
Gefangenschaft. Allein ich kannte die Speise dieser letzteren nicht und wute
sie sonst nicht zu behandeln, so da kein Schmetterling aus meiner Zucht
hervorging. Die lebendigen Schmetterlinge aber, welche ich fing, wie die
glnzenden Kfer machten mir saure Mhe mit dem Tten und dem unversehrten
Erhalten; denn die zarten Tiere behaupteten eine zhe Lebenskraft in meinen
mrderischen Hnden, und bis sie endlich leblos waren, fand sich Duft und Farbe
zerstrt und verloren, und es ragte auf meinen Nadeln eine zerfetzte
Gesellschaft erbarmungswrdiger Mrtyrer. Schon das Tten an sich selbst
ermdete mich und regte mich zu sehr auf, indem ich die zierlichen Geschpfe
nicht leiden sehen konnte. Dieses war keine unkindliche Empfindsamkeit; mir
widerwrtige oder gleichgltige Tiere konnte ich so gut mihandeln wie alle
Kinder; es war vielmehr ein aristokratisches Mitgefhl fr diese edleren
Kreaturen, denen ich wohlgewogen war. Jeder der unseligen Reste machte mich um
so melancholischer! als er das Denkmal eines im Freien zugebrachten Tages und
eines Abenteuers war. Die Zeit von seiner Gefangennehmung bis zu seinem
qualvollen Tode war ein Schicksal, welches mich interessierte, und die stummen
berbleissel redeten eine vorwurfsvolle Sprache zu mir.
    Auch diese Untemehmung scheiterte endlich, als ich zum ersten Male eine
groe Menagerie sah. Sogleich fate ich den Entschlu, eine solche anzulegen,
und baute eine Menge Kfige und Zellen. Mit vielem Fleie wandelte ich dazu
kleine Kstchen um, verfertigte deren aus Pappe und Holz und spannte Gitter von
Draht oder Faden davor, je nach der Strke des Tieres, welches dafr bestimmt
war. Der erste Insasse war eine Maus, welche mit eben der Umstndlichkeit, mit
welcher ein Br installiert wird, aus der Mausefalle in ihren Kerker
hinbergeleitet wurde. Dann folgte ein junges Kaninchen; einige Sperlinge, eine
Blindschleiche, eine grere Schlange, mehrere Eidechsen verschiedener Farbe und
Gre, ein mchtiger Hirschkfer mit vielen andern Kfern schmachteten bald in
den Behltern, welche ordentlich aufeinandergetrmt waren. Mehrere groe Spinnen
versahen in Wahrheit die Stelle der wilden Tiger fr mich, da ich sie
entsetzlich frchtete und nur mit groem Umschweife gefangen hatte. Mit
schauerlichem Behagen betrachtete ich die Wehrlosen, bis eines Tages eine
Kreuzspinne aus ihrem Kfige brach und mir rasend ber Hand und Kleid lief. Der
Schrecken vermehrte jedoch mein Interesse an der kleinen Menagerie, und ich
ftterte sie sehr regelmig, fhrte auch andere Kinder herbei und erklrte
ihnen die Bestien mit groem Pathos. Ein junger Weih, welchen ich erwarb, war
der groe Knigsadler, die Eidechsen Krokodile, und die Schlangen wurden sorgsam
aus ihren Tchern hervorgehoben und einer Puppe um die Glieder gelegt. Dann sa
ich wieder stundenlang allein vor den trauernden Tieren und betrachtete ihre
Bewegungen. Die Maus hatte sich lngst durchgebissen und war verschwunden, die
Blindschleiche war lngst zerbrochen, so wie die Schwnze smtlicher Krokodile,
das Kaninchen war mager wie ein Gerippe und hatte doch keinen Platz mehr in
seinem Kfig, alle brigen Tiere starben ab und machten mich melancholisch, so
da ich beschlo, sie smtlich zu tten und zu begraben. Ich nahm ein dnnes
langes Eisen, machte es glhend und drang mit zitternder Hand damit durch die
Gitter und begann ein greuliches Blutbad anzurichten. Aber die Geschpfe waren
mir alle lieb geworden, auch erschreckte mich das Zucken des zerstrten
Organismus, und ich mute innehalten. Ich eilte in den Hof hinunter, machte eine
Grube unter den Vogelbeerbumchen, worin ich die ganze Sammlung, tote, halbtote
und lebende, in ihren Kasten kopfber warf und eilig verscharrte. Meine Mutter
sagte, als sie es sah, ich htte die Tiere nur wieder ins Freie tragen sollen,
wo ich sie geholt htte, vielleicht wren sie dort wieder gesund geworden. Ich
sah dies ein und bereute meine Tat; der Rasenplatz war aber lange eine
schauerliche Sttte fr mich, und ich wagte nie jener kindlichen Neugierde zu
gehorchen, welche es immer antreibt, etwas Vergrabenes wieder auszugraben und
anzusehen.
    Bei Frau Margret tat sich mir die nchste Spielerei auf. In einer
verrckten, marktschreierischen Theosophie, welche ich unter ihren Bchern fand,
war eine Anweisung enthalten, die vier Elemente zu veranschaulichen, nebst
andern kindischen Experimenten und den dazugehrigen Tafeln. Nach diesen
Vorschriften nahm ich eine groe Phiole, fllte sie zum Vierteile mit Sand, zum
Vierteile mit Wasser, dann mit l, und das letzte Vierteil lie ich mit Luft
gefllt. Die Materien sonderten sich nach ihrer Schwere auseinander und stellten
nun in dem geschlossenen Raume die vier Elemente vor: Erde, Wasser, Feuer (das
Brennl!) und Luft. Ich schttelte sie tchtig durcheinander, daraus entstand
das Chaos, welches sich wieder aufs schnste abklrte, und ich sa sehr vergngt
vor der hchst gelehrten Erscheinung.
    Dann nahm ich Bogen Papier und zeichnete darauf, nach den Angaben jenes
Buches, groe Sphren mit Kreisen und Linien kreuz und quer, farbig begrenzt und
mit Zahlen und lateinischen Lettern besetzt. Die vier Weltgegenden, Zonen und
Pole, Himmelsrume, Elemente, Temperamente, Tugenden und Laster, Menschen und
Geister, Erde, Hlle, Zwischenreich, die sieben Himmel, alles war toll und doch
nach einer gewissen Ordnung durcheinandergeworfen und gab ein angestrengtes,
lohnendes Bemhen. Alle Sphren wurden mit entsprechenden Seelen bevlkert,
welche darin gedeihen konnten. Ich bezeichnete sie mit Sternen und diese mit
Namen; der glckseligste war mein Vater, zunchst dem Auge Gottes, noch
innerhalb des Dreieckes, und schien durch dieses allsehende Auge auf die Mutter
und mich herunterzuschauen, welche in den schnsten Gegenden der Erde
spazierten. Meine Widersacher aber schmachteten smtlich in der Hlle, wo der
Bse mit einem ansehnlichen Schwanze begabt war. Je nach dem Verhalten der
Menschen vernderte ich ihre Stellungen, befrderte sie in reinere Gegenden oder
setzte sie zurck, wo Heulen und Zhnklappen war. Manchen lie ich prfungsweise
im Unbestimmten schweben, sperrte auch wohl zwei, die sich im Leben nicht
ausstehen mochten, zusammen in eine abgelegene Region, indessen ich zwei andere,
die sich gern hatten, trennte, um sie nach vielen Prfungen zusammenzubringen an
einem glckseligern Orte. Ich fhrte so ganz im geheimen eine genaue bersicht
und Schicksalsbestimmung aller mir bekannten Leute, jung und alt.
    In der Theosophie war ferner anbefohlen, geschmolzenes Wachs in Wasser zu
gieen, um ich wei nicht mehr was zu versinnbildlichen. Ich fllte mehrere
Arzneiglser mit Wasser und belustigte mich an den Bildungen, welche durch das
hineingegossene Wachs entstanden, verschlo die Glser und vermehrte dadurch
meine gelehrte Sammlung. Dieses Glserwesen sagte mir sehr zu, und ich fand
einen neuen Stoff dafr, als ich einst mit tiefem Grauen durch eine kleine
anatomische Sarmmlung lief, welche dem stdtischen Krankenhause beigegeben war.
Einige Reihen von Embryonen und Ften in ihren Glsern jedoch erwarben sich
meinen lebhaften Beifall und boten einen trefflichen Gegenstand fr meine
Sammlung dar, indem ich dergleichen nachzubilden versuchte. In einem Schranke
verwahrte die Mutter die aufgeschichtete Leinwand ihrer Jugendzeit in rohen und
gebleichten Stcken, und daselbst lagen auch, verborgen und vergessen, mehrere
Scheiben reinlichen Wachses, die verjhrten Zeugen einer einstigen fleiigen
Bienenzucht. Von diesen brach ich immer ansehnlichere Stcke los und formte nun
im kleinen solche grokpfige wunderliche Burschen, wie ich sie gesehen, und
bestrebte mich, die Verschiedenheit ihrer phantastischen Bildung noch zu
vergrern. Ich trieb Glser auf, soviel ich konnte, von allen Formen und
Gren, und richtete die Bildwerke darnach ein. In langen schmalen
Klnischwasserflaschen, denen ich die Hlse abschlug, baumelten ebenso lange
schmchtige Gesellen an ihrem Faden, in kurzen dicken Salbenglsern hausten
knollenartige Gewchse. Statt mit Weingeist fllte ich die Glser mit Wasser an
und gab jedem Bewohner derselben einen Namen, welcher meinem humoristischen
Interesse entsprach, das ber der belustigenden Arbeit aus dem blo gelehrten
entstanden war. Es waren schon einige dreiig Mitglieder dieses artigen Vereins
beisammen und das Wachs nahezu aufgebraucht, als ich meine Geschpfe taufte mit
Namen wie Schnurper, Fark, Vogelmann, Sbelbein, Schneider, Schmerbauch,
Nabelhans, Wachsbeier, Wchserich, Honigteufel und dergleichen, und ich empfand
ein dauerndes Vergngen, indem ich zugleich fr jeden eine kurze
Lebensbeschreibung verfate, die sich in dem Berge zugetragen hatte, aus welchem
nach unserm Ammenmrchen die kleinen Kinder geholt werden. Ich verfertigte auch
eigene Sphrentafeln fr sie, worauf jeder verzeichnet war mit seiner
tugendlichen oder schlimmen Auffhrung, und wenn einer mein Mifallen erregte,
so wurde er so gut an einen schlechtern Ort gebracht als die lebendigen Leute.
Ich trieb diese Dinge alle in einer abgelegenen Kammer, wo ich eines Abends in
der Dmmerung alle Glser auf meinen Lieblingstisch stellte, ein altes braunes
Mbel mit etlichen Auszgen. Ich reihte die Glser in einen groen Kreis, die
vier Elemente in der Mitte, und breitete meine bunten Tabellen aus, beleuchtet
von einigen Wachsmnnern, denen Dochte aus erhobenen Hnden brannten, und
vertiefte mich nun in die Konstellationen auf den Karten, whrend ich die
betreffenden Schicksalstrger einzeln vortreten lie und musterte, den
Wchserich und den Hrlimann, den Meyer oder den Vogelmann. Von ungefhr stie
ich an den Tisch, da alle Glser erzitterten und die Wachsmnnchen schwankten
und zappelten. Dies gefiel mir, so da ich anfing, nach dem Takte auf den Tisch
zu schlagen, wozu die Gesellen tanzten, ich schlug immer strker und wilder und
sang dazu, bis die Glser wie toll aneinanderschlugen und erklangen. Auf einmal
schneuzte es in einer Ecke, ein Paar feurige Augen funkelten hervor. Eine fremde
groe Katze war in die Kammer gesperrt, hatte sich bisher ruhig verhalten und
wurde nun scheu. Ich wollte sie verscheuchen, da stellte sie sich drohend gegen
mich, strubte die Haare und pustete gewaltig; ich machte in der Angst ein
Fenster auf und warf ein Glas nach ihr, sie sprang hinauf, konnte aber nicht
weiter gelangen und kehrte sich wieder gegen mich. Nun schleuderte ich einen
Wachsmann um den andern auf sie, sie schttelte sich furchtbar und rstete sich
zum Sprunge, und als ich zuletzt die vier Elemente ihr an den Kopf warf, fhlte
ich ihre Krallen an meinem Halse. Ich fiel am Tisch nieder, die Lichter lschten
aus, und ich schrie in der Dunkelheit, obgleich die Katze schon wieder weg war.
Meine Mutter trat herein, whrend dieselbe hinausschlpfte, und fand mich halb
bewutlos und blutend am Boden liegen mitten in den Glasscherben, Wasserbchen
und Kobolden. Sie hatte nie auf mein Treiben in der Kammer geachtet, zufrieden,
da ich so still und vergnglich war, und wute sich nun meine ganze Geschichte
und verwirrte Erzhlung um so weniger zu reimen. Inzwischen entdeckte sie die
gewaltige Abnahme ihres Wachses und betrachtete nun mit halbem Zorne und halber
Lachlust die Trmmer der untergegangenen Welt.
    Die Sache machte Aufsehen. Frau Margret lie sich erzhlen und die bemalten
Bogen nebst brigen Trmmern zeigen und fand alles hchst bedenklich. Sie
befrchtete, da ich am Ende in ihren Bchern gefhrliche Geheimnisse geschpft
htte, welche bei ihrem mangelhaften Lesen ihr selbst unzugnglich wren, und
verschlo die bedenklichsten Bcher mit hchst bedeutungsvollem Ernste. Jedoch
konnte sie sich einer gewissen Genugtuung nicht erwehren, da es sich zu
besttigen schien, wie hinter diesen Sachen mehr stecke, als man geglaubt habe.
Sie war der festen Meinung, da ich auf dem besten Wege gewesen sei, durch ihre
Bcher ein angehender Zaubermann zu werden.
    ber solchen Migeschicken verleidete mir die einsame Beschftigung im
Hause, und ich schlo mich nun einigen Knaben an, welche sich gut zu unterhalten
schienen, indem sie in einem groen alten Fasse Komdie spielten. Sie hatten
einen Vorhang davorgezogen und lieen eine begnstigte Anzahl Kinder respektvoll
harren, bis sie ihre geheimnisvollen Vorbereitungen geendet. Dann wurde das
Heiligtum geffnet, einige Ritter in papiernen Rstungen fhrten ein gedrngtes
Zwiegesprch tchtiger Schimpfreden, um sich darauf schleunigst durchzubleuen
und unter dem Fallen des durchlcherten Teppichs tot hinzustrecken. Ich wurde
bald eingeweiht als ein anstelliger Junge und brachte vor allem aus einen
bestimmtern Stoff in das Fa, indem ich kurze Handlungen aus der biblischen
Geschichte oder den Volksbchern auszog und die vorkommenden Reden wrtlich
abschrieb und durch einige Wendungen verband. Ich fand auch, da es wnschbar
wre, wenn die Helden einen besondern Eingang htten, um vorher ungesehen
auftreten zu knnen. Deshalb wurde in die Hinterwand ein Loch gesgt,
geschnitten und gekratzt, bis ein Wohlgewappneter bescheiden durchkriechen
konnte, was sehr possierlich aussah, wenn er mit seinen donnernden Reden begann,
ehe er sich vllig aufgerichtet hatte. Sodann wurden grne Zweige geholt, um das
Innere des Fasses in einen Wald umzuwandeln; ich nagelte sie ringsherum fest und
lie nur oben das Spundloch frei, durch welches berirdische Stimmen
herniederzuschallen hatten. Ein Junge brachte eine ansehnliche Dte Theatermehl
und hiemit ein neues prchtiges Element in unsere Bestrebungen.
    Eines Tages wurde David und Goliath gegeben. Die Philister standen auf dem
Plane, fhrten sich heidnisch auf und traten vor das Fa hinaus in das
Proszenium. Dann krochen die Kinder Israel herein, lamentierten und waren
verzagt und traten auf die andere Seite des Einganges, als Goliath, ein groer
Bengel, erschien und bermtige Possen machte zum groen Gelchter beider Heere
und des Publikums, bis David, ein unterwachsener bissiger Junge, pltzlich dem
Unfug ein Ende machte und dem Riesen aus seiner Schleuder, die er trefflich
fhrte, eine groe Rokastanie an die Stirne schleuderte. Darber wurde dieser
wtend und hieb dem David ebenso derb auf den Kopf, und sogleich waren beide im
heftigsten Raufen ineinander verknuelt. Die Zuschauer und die beiden Chre
klatschten Beifall und nahmen Partei; ich selbst sa rittlings oben auf dem
Fasse, ein Lichtstmpfchen in der einen und eine tnerne Pfeife mit Kolophonium
in der andern Hand, und blies als Zeus Donnerer gewaltige, ununterbrochene
Blitze durch das Spundloch hinein, da die Flammen durch das grne Laub
zngelten und das Silberpapier auf Goliaths Helm magisch erglnzte. Dann und
wann guckte ich schnell durch das Loch hinunter, um dann die tapfer Kmpfenden
ferner wieder mit Blitzen anzufeuern, und hatte kein Arges, als die Welt, welche
ich zu beherrschen whnte, pltzlich auf ihrem Lager wankte, berschlug und mich
aus meinem Himmel schleuderte; denn Goliath hatte endlich den David berwunden
und mit Gewalt an die Wand geworfen. Es gab ein groes Geschrei, der Eigentmer
des Fasses kam heran und schlo kraft hhern Machtspruches das rollende Haus,
nicht ohne Schelten und ausgeteilte Pffe, als er die willkrlichen
Vernderungen entdeckte, welche angebracht waren. Insbesondere mifiel ihm die
Art, wie wir ein umgekehrtes Fa des Regulus hergestellt hatten, indem eine
Anzahl Ngel mit den Spitzen nach auen ragten, gleich den Borsten eines
Stachelschweines, und hingegen die Kpfe gemtlich nach innen streckten.
    Jedoch vermiten wir dies verbotene Paradies nicht allzusehr, da bald darauf
eine deutsche Schauspielergesellschaft in unsere Stadt kam, um mit
obrigkeitlicher Bewilligung vor den Bewohnern die Bretter, welche die Welt
bedeuten, in einem vollkommenern Mae aufzubauen, als bisher von Liebhabern und
Kindern geschehen war. Der wandernde Knstlerverein schlug seinen Sitz im
grten Gasthause der Stadt auf, wandelte den gerumigen Tanzsaal in ein Theater
um und fllte zugleich alle bescheideneren Zimmer und Rume mit seinem
huslichen Leben. Nur der Direktor bewohnte vornehm ein glnzenderes Gemach.
    berdies zog uns das belebte Haus nicht nur whrend der abendlichen
Vorstellungen an, sondern wir hatten auch whrend des Tages genug vor demselben
zu stehen und zu beobachten, teils um die bewunderten Helden und Kniginnen in
ihrer verwegenen und anmutigen Tracht und Haltung aus- und eingehen zu sehen,
teils um keine Maschine, keinen Korb mit roten Mnteln und Degen, kein Requisit
aus den Augen zu verlieren, welches hineingetragen wurde. Vorzglich hielten wir
uns auch vor einem offenen Hintergebude auf, wo ein khner Maler inmitten einer
Anzahl auf Kohlen stehender Tpfe, aufrechtstehend und die eine Hand in der
Hosentasche, mit einem unendlich verlngerten Pinsel Wunder auf das
ausgebreitete Papier warf. Ich erinnere mich deutlich des tiefen Eindruckes,
welchen die einfache und sichere Art auf mich machte, mit welcher er duftige und
durchsichtige weie Vorhnge um die Fenster eines roten Zimmers zauberte; mit
den wenigen weien, wohlangebrachten Strichen und Tupfen auf dem roten Grunde
ging ein erwrmendes Licht in meiner Seele auf, welche vor solchen Dingen, wenn
sie in der nchtlichen Beleuchtung vor mir standen, begriffslos gestaunt hatte.
Es entstand in mir die erste ahnende Einsicht in den Geist der Malerei; das
freie Auftragen von dichten deckenden Farben auf durchsichtige Unterlagen machte
mir vieles klar, und ich begann nachher der Grenze dieser zwei Gebiete
nachzuspren, wo ich ein Gemlde zu sehen bekam, und meine Entdeckungen hoben
mich ber den wehrlosen Wunderglauben hinaus, welcher es aufgibt, jemals
dergleichen selbst zu verstehen. Diese Befangenheit ist allgemein in den untern
Kreisen des Volkes, wo selten, vermge der beschrnkten Erziehung, ein frher
Einblick in das Technische der Knste vergnnt wird, sondern nur die fertigen
Frchte in ehrerbietiger Entfernung und unnahbarer Vollendung vor dem staunenden
Auge stehen.
    An den Abenden, wo gespielt wurde, waren wir vollzhlig und unfehlbar auf
unserm Platze und schlichen wie die Katzen um das Gebude herum. Da ich bei der
Sparsamkeit meiner Mutter keine Mglichkeit sah, auf legalem Wege in das Innere
des Kunsttempels zu gelangen, so befand ich mich doppelt wohl bei meinen
Genossen der Armenschule, welche ebenfalls darauf gewiesen waren, entweder durch
kleine Dienstleistungen oder durch verwegene Schlauheit durchzuschlpfen. Es
gelang mir auch mehrere Male, mich mit klopfendem Herzen in den angefllten Saal
zu schleichen, und berflog mit befriedigten Blicken die Dekorationen, wenn der
Vorhang aufging, dann die Kostme und Trachten der Spieler, um endlich, nachdem
schon Erkleckliches gesprochen war, mich in das Studium der Fabel zu vertiefen.
Dieses machte mir am meisten Vergngen bei den Opern, weil es dort am
schwierigsten war; bei den Schauspielen war es zu leicht und ri mich zu schnell
hin, indem es mir alle Objektivitt sowie die gehrige Mue benahm, welche jene
durch die unverstandene Musik darboten. Ich war bald ein groer Kenner und
disputierte reichlich, unter angenommener Kaltbltigkeit, mit meinen Freunden.
Dieser Zwiespalt, die angenommene kennerhafte Ruhe und das unausbleiblich
leidenschaftliche Hingeben auch an das verworfenste Stck fing an mich zu
rgern, und ich sehnte mich auch sonst, mit einem Schlage hinter die Kulissen zu
kommen und das berckende Spiel und seine Spieler, wie ihre Mittel, in der Nhe
zu besehen; denn es bednkte mich, da es dort besser zu leben sein musse als
irgendwo in der Welt, leidenschaftslos und berlegen. Doch dachte ich nicht so
leicht an eine Erfllung meines Wunsches, als ein gnstiger Stern dieselbe
unverhofft darbrachte.
    Wir standen eines Abends ziemlich mutlos vor einer Seitentr, als eben der
Faust gegeben wurde. Wir hatten gehrt, da man den famosen Doktor Faust, den
wir genugsam kannten, nebst dem Teufel und allen seinen Herrlichkeiten sehen
wrde, fanden aber heute alle Hindernisse unbersteiglich, welche auf unsern
gewohnten Schlupfwegen sich entgegenstellten. So hrten wir betrbt die Klnge
der Ouvertre, welche von den vornehmen Liebhabern der Stadt aufgefhrt wurde,
und zerbrachen die Kpfe ber einem noch mglichen Eindringen. Es war ein
dunkler Herbstabend und regnete khl und anhaltend. Es fror mich, und ich dachte
ans Nachhausegehen, zumal sich die Mutter ber das abendliche Umhertreiben
beklagt hatte, als die dunkle Tr sich ffnete, ein dienstbarer Geist
heraussprang und rief: Heda, ihr Buben! Drei oder vier von euch mgen
hereinkommen, die sollen einmal mitspielen! Auf dieses Zauberwort drngten sich
sogleich die Strksten in das Haus; denn dies war ein Fall, wo ein jeder nur an
sich selbst denken durfte. Er wies sie aber zurck, indem er sie fr zu gro und
dick erklrte und mich, der ich ohne sonderliche Hoffnungen im Hintergrunde
stand, heranrief und sagte: Der da ist recht, der wird eine gute Meerkatze
sein! Dazu ergriff er noch zwei andere, schmchtig gewachsene Jungen, schlo
die Tr hinter uns und marschierte an unserer Spitze nach einem kleinen Saale,
welcher als Garderobe diente. Dort hatten wir nicht Zeit, die aufgehuften
Gewnder, Waffen und Rstungen zu betrachten; denn wir wurden schnell unserer
Kleider entledigt und in abenteuerliche Pelze gesteckt, welche vom Kopf bis zum
Fue eine Hlle bildeten.
    Das Meerkatzengesicht konnte wie eine Kapuze zurckgeschlagen werden, und
als wir solchergestalt verwandelt dastanden, die langen Schwnze in der Hand
haltend, lchelten wir ganz vergngt und beglckwnschten uns nun erst zu unserm
unverhofften Glcke. Nun wurden wir auf die Bhne gefhrt, wo wir von zwei
groen Meerkatzen lustig begrt und in aller Eile fr unsere bevorstehende
Aufgabe unterrichtet wurden. Wir begriffen dieselbe bald und leisteten eine
gelungene Probe verschiedener Purzelbume und Affensprnge, spielten auch
zierlich mit einer Kugel, so da wir bis zu unserm Auftreten entlassen wurden.
Wir spazierten gravittisch unter dem Gedrnge herum, das sich auf dem schmalen
Raume zwischen den vier wirklichen und den gemalten Wnden schob und mischte;
ich schaute unverwandt bald auf die Bhne, bald hinter die Kulissen und
beobachtete mit hoher Freude, wie aus dem unkenntlichen, unterdrckt lrmenden
und streitenden Chaos sich still und un merklich geordnete Bilder und Handlungen
ausschieden und auf dem freien, hellen Raume erschienen wie in einer jenseitigen
Welt, um wieder ebenso unbegreiflich in das dunkle Gebiet zurckzutauchen. Die
Schauspieler lachten, scherzten, koseten und zankten, hier und da ging einer
pltzlich von seiner Gruppe weg und stand in einem Augenblicke einsam und
feierlich mitten auf dem Zauberbanne und machte ein so frommes Gesicht gegen die
mir unsichtbare Zuschauerwelt hinaus, als ob er vor den versammelten Gttern
stnde. Ehe ich mich dessen versah, war er wieder mit einem Sprunge unter uns
und setzte die unterbrochenen Schimpf- oder Schmeichelreden fort, indessen schon
irgendein anderer sich ausgeschieden hatte, um es ebenso zu machen. Die Menschen
fhrten ein doppeltes Leben, wovon das eine ein Traum sein mochte; aber ich
wurde nicht klug daraus, welches davon der Traum und welches fr sie die
Wirklichkeit war. Lust und Leid schien mir in beiden Teilen gleich gemischt
vorhanden zu sein; doch im innern Raume der Bhne, wenn der Vorhang geffnet
war, schien Vernunft und Wrde und ein heller Tag zu herrschen und somit das
wirkliche Leben zu bilden, whrend, sobald der Vorhang sank, mit ihm alles in
trbe, traumhafte Verwirrung zu sinken schien. Auch dnkte es mich, da
diejenigen, welche sich in diesem wsten Traume am heftigsten und
leidenschaftlichsten gebrdeten, dort in dem bessern Stck Leben, wenn die Sonne
des Kronleuchters hereinschien, die edelsten und ausdruckvollsten Gestalten
waren; diejenigen aber, welche in der Nhe ruhig, kalt und friedfertig
herumstanden, in jenem Glanze eine ziemlich traurige Rolle spielten. Der Text
des Stckes war die Musik, welche das Leben in Schwung brachte. Sobald sie
schwieg, stand der Tanz still, wie eine abgelaufene Uhr. Die Verse des Faust,
welche jeden Deutschen, sobald er einen davon hrt, elektrisieren, diese
wunderbar gelungene und gesttigte Sprache klang fortwhrend wie eine edle
Musik, mache mich froh und setzte mich mit in Schwung, obgleich ich nicht viel
mehr davon verstand als mancher Professor, der zum zwlften Male ber Faust
liest.
    Indessen fhlte ich mich pltzlich beim Schwanze gefat und rcklings in die
Hexenkche gezogen, wo bereits smtliche Katzen umhersprangen und ein Schein und
Gefunkel unzhliger Gesichter und Augen aus dem Parterre hereinschimmerte. Ich
hatte bisher ber meinen Betrachtungen die zutage getretene Dekoration der
Hexenkche bersehen und daher vieles nachzuholen; denn die phantastischen Dinge
um mich her, die Zerrbilder und Gespenster reizten mich sowohl wie das Treiben
Mephistos, der Hexe und der andern Meerkatzen. Als ob ich nicht selbst eine
Meerkatze wre und meine Aufgabe zu erfllen htte, verga ich ganz die
eingelernten Sprnge und Possen und sah ruhig und selbstvergessen den anderen
zu. Nun schaute Faust voll Entzcken in den Zauberspiegel, und es nahm mich
hchlich wunder, was es dort zu sehen gebe? Indem ich in der gleichen Richtung
nachahmend hinsah, gingen meine Blicke dem leeren, gemalten Spiegel vorbei
hinter die Kulisse und entdeckten dort in der Wirrnis des jenseitigen Lebens das
Bild, welches Faust zu sehen vorgab. Gretchen war unterdessen auf die Bhne
gekommen und legte sich, einige tiefbewegte Worte nach rckwrts rufend, eben
die letzte Schminke auf, nachdem sie sich Augen und Wangen mit einem weien
Tuche sorglich und fest getrocknet hatte, als ob sie geweint htte. Es war eine
sehr schne Frau, von welcher ich kein Auge mehr abwandte, ungeachtet der
heimlichen Pffe und Schelten, welche ich von meinen fleiigen Mitmeerkatzen
erhielt. So verlangte ich, der ich mich vorher nach dieser hheren Sphre
gesehnt hatte, nun nichts weiter, als dorthin zurckzukehren, wo die volle
schne Frauengestalt wandelte.
    Die Zeit unseres Wirkens ging endlich vorber, und ich machte meinen ersten
und einzigen guten Sprung, als ich leidenschaftlich vom Schauplatze abtrat oder
sprang und mich mglichst in die Nhe des gesehenen Bildes zu bringen suchte.
Aber in demselben Augenblicke befand sie sich ihrerseits einsam in der Handlung,
und ich konnte sie nur wieder von ferne sehen.
    Sie schien irgendeinen tiefen Verdru in sich zu tragen, und daher war ihr
Spiel halb aus Anmut und halb aus sichtbarem Zorne gemischt. Diese Mischung
brachte zwar kein gutes Gretchen hervor, aber sie verlieh der Spielerin einen
eigentmlichen Reiz, ich nahm Partei fr sie gegen ihre unbekannten Feinde und
dachte mir sogleich den Roman aus, in welchen sie etwa verwickelt sein mchte.
Doch lste sich dieses flchtige Gespinste bald auf und verschmolz sich mit der
dargestellten Dichtung, als Gretchens Schicksal tragisch wurde. Als sie im
Kerker auf dem Stroh lag und nachher irreredete, spielte sie so meisterhaft, da
ich furchtbar erschttert ward und doch in durstig heier Aufregung das Bild des
im grenzenlosesten Unglcke versunkenen Weibes in mich hineintrank; denn ich
hielt das Unglck fr wirklich und war ebenso erstaunt als gesttigt durch die
Szene, welche an Strke alles bertraf, was ich bisher gesehen, gehrt oder
selbst kombiniert hatte.
    Der Vorhang war gefallen, und alles lief auf dem Theater bunt durcheinander,
whrend ich einigen Papieren nachschlich, welche ich in den Hnden des Direktors
und der Knstler gesehen hatte und in einem Winkel hinter einer gemalten Mauer
fand. Ich war begierig, Einsicht zu nehmen von dem Geschriebenen, welches so
groe Wirkung hervorgebracht; daher war ich bald in das Lesen der Rollen
versenkt. Aber obgleich ich die krperlichen Erscheinungen gefat und empfunden
hatte, so waren doch nun die geschriebenen Worte, als die Zeichensprache eines
gereiften und groen mnnlichen Geistes, dem unwissenden Kinde vollkommen
unverstndlich; der kleine Eindringling fand sich bescheidentlich wieder vor die
verschlossene Tre einer hheren Welt gestellt, und ich schlief ber meinen
Forschungen schnell und fest ein.
    Als ich wieder erwachte, war das Theater leer und still, die Lampen
ausgelscht, und der Vollmond go sein Licht zwischen den Kulissen ber die
seltsame Unordnung herein. Ich wute nicht, wie mir geschah noch wo ich mich
befand; doch als ich meine Lage erkannte, ward ich voll Furcht und suchte einen
Ausgang, fand aber die Tren verschlossen, durch welche ich hereingekommen war.
Nun schickte ich mich in das Geschehene und begann von neuem, alle Seltsamkeiten
dieser Rume zu untersuchen. Ich betastete die raschelnden, papiernen
Herrlichkeiten und legte das Mntelchen und den Degen des Mephistopheles, welche
auf einem Stuhle lagen, ber meinen Meerkatzenhabit um. So spazierte ich in dem
hellen Mondscheine auf und nieder, zog den Degen und fing an zu gestikulieren.
Dann entdeckte ich die Maschinerie des Vorhanges, und es gelang mir, denselben
aufzuziehen. Da lag der Zuschauerraum dunkel und schwarz vor mir, wie ein
erblindetes Auge; ich stieg in das Orchester hinab, wo die Instrumente
umherlagen und nur die Violinen sorgfltig in Kstchen verschlossen waren. Auf
den Pauken lagen die schlanken Hmmer, welche ich ergriff und zagend gegen das
Fell schlug, da es einen dumpf grollenden Ton gab. Jetzt wurde ich khner und
schlug strker, bis es zuletzt wie ein Gewitter durch den leeren,
mitternchtlichen Saal hallte. Ich lie den Donner anschwellen und wieder
abnehmen, und wenn er verklang, so dnkten mich die unheimlichen Pausen noch
schner als das Gerusch selbst. Endlich erschrak ich ber meinem Tun, warf die
Schlegel hin und getraute mir kaum, ber die Bnke des Parterre hinwegzusteigen
und mich zuhinterst an der Wand hinzusetzen. Ich war kalt und wnschte zu Hause
zu sein, auch ward es mir bange in meiner Einsamkeit. Die Fenster in diesem
Teile des Saales waren dicht verschlossen, so da nur die Bhne, welche immer
noch den Kerker vorstellte, durch das Mondlicht magisch beleuchtet war. Im
Hintergrunde stand das Pfrtchen noch offen, hinter welchem Gretchen gelegen
hatte, ein bleicher Strahl fiel auf das Strohlager, ich dachte an das schne
Gretchen, welches nun hingerichtet sein werde, und der stille mondhelle Kerker
kam mir zauberhafter und heiliger vor als dem Faust einst Gretchens Kammer. Ich
sttzte meinen Kopf auf beide Hnde und sah mit sehnenden Blicken hinber,
besonders in die vom Lichte halb bestreifte Vertiefung, wo das Stroh lag. Da
regte es sich im Dunkel, atemlos sah ich hin, und jetzt stand eine weie Gestalt
in jenem Winkel; es war Gretchen, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Mich
schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe, meine Zhne schlugen zusammen, whrend
doch ein mchtiges Gefhl glcklicher berraschung mich durchzuckte und
erwrmte. Ja, es war Gretchen, es war ihr Geist, obgleich ich in der Entfernung
ihre Zge nicht unterscheiden konnte, was die Erscheinung noch geisterhafter
machte. Sie schien mit dunklen Blicken in dem Raume umherzusuchen, ich richtete
mich empor, es zog mich vorwrts, wie mit gewaltigen, unsichtbaren Hnden, und
whrend mein Herz hrbar klopfte, schritt ich ber die Bnke gegen das
Proszenium hin, jeden Schritt einen Augenblick anhaltend. Die Pelzumhllung
machte meine Fe unhrbar, so da mich die Gestalt nicht bemerkte, bis ich, an
dem Souffleurkasten hinaufklimmend, in meiner befremdlichen Tracht vom ersten
Mondstrahle bestreift wurde. Ich sah, wie sie entsetzt ihr glhendes Auge auf
mich richtete und, doch lautlos, zusammenfuhr. Einen leisen Schritt trat ich
nher und hielt wieder ein; meine Augen waren weit geffnet, ich hielt die Hnde
zitternd erhoben, indes ich, von einem frohen Feuer des Mutes durchstrmt, auf
das Phantom losging. Da rief es mit gebieterischer Stimme: Halt! kleines Ding!
was bist du? und streckte drohend den Arm gegen mich, aus, da ich fest auf der
Stelle gebannt blieb. Wir sahen uns unverwandt an; ich erkannte jetzt ihre Zge
wohl, sie hatte ein weies Nachtkleid umgeschlagen, Hals und Schultern waren
entblt und gaben einen milden Schein, wie nchtlicher Schnee. Ich witterte
alsogleich das warme Leben, und der abenteuerliche Mut, den ich dem Gespenste
gegenber empfunden hatte, verwandelte sich in die natrliche Bldigkeit vor dem
lebendigen Weibe. Sie hingegen war immer noch zweifelhaft ber meine dmonische
Erscheinung, und sie rief daher noch einmal: Wer seid Ihr, kleiner Bursch?
Kleinlaut antwortete ich: Ich heie Heinrich Lee und bin eine von den
Meerkatzen; man hat mich hier eingeschlossen!
    Da trat sie auf mich zu, streifte meine Maske zurck, fate mein Gesicht
zwischen ihre Hnde und rief, indem sie laut lachte: Herr Gott! das ist die
aufmerksame Meerkatze! Ei, du kleiner Schalk! bist du es, der den Lrm gemacht
hat, als ob ein Gewitter im Hause wre? - Ja! sagte ich, indem meine Augen
fortwhrend auf dem weien Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten
Male wieder so andchtig erfreut war wie einst, wenn ich in das glnzende Feld
des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte. Dann betrachtete
ich in vollkommener Ruhe ihr schnes Gesicht und gab mich unbefangen dem sen
Eindrucke ihres reizenden Mundes hin. Sie sah mich eine Weile still und
ernsthaft an, dann sprach sie: Mich dnkt, du bist ein feiner Junge; doch wenn
du einst gro sein wirst, so wirst du ein Lmmel sein, wie alle! Und hiemit
schlo sie mich an sich und kte mich mehrere Male auf meinen Mund, der nur
dadurch leise bewegt wurde, da ich heimlich, von ihren Kssen unterbrochen, ein
herzliches Dankgebet an Gott richtete fr das herrliche Abenteuer.
    Hierauf sagte sie: Es ist nun am besten, du bleibest bei mir, bis es Tag
ist; denn Mitternacht ist lngst vorber! und sie nahm mich bei der Hand und
fhrte mich durch mehrere Tren in ihr Zimmer, wo sie vorher schon geschlafen
hatte und durch mein nchtliches Spuken geweckt worden war. Dort ordnete sie am
Fuende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hllte sie
sich dicht in einen sammetnen Knigsmantel, legte sich der Lnge nach auf das
Bett und sttzte ihre leichten Fe gegen meine Brust, da mein Herz ganz
vergnglich unter denselben klopfte. Somit entschliefen wir und glichen in
unserer Lage nicht bel jenen alten Grabmlern, auf welchen ein steinerner
Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Fen. Nur lag hier anstatt
des starren Ritters ein lebendiges, leicht atmendes Weib und an der Stelle des
Hundes ein Knabe, dem in Kopf und Herz das frhe Leben zu rumoren begann.

                                 Achtes Kapitel


Infolge der Angst, welche die Mutter ber mein nchtliches Wegbleiben empfunden
hatte, war mir das abendliche Umher treiben und der Besuch des Theaters
strengstens untersagt worden; auch am Tage wurde ich sorgfltiger beaufsichtigt
und in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschrnkt, welchen man
flschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb. So
hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen, ohne da ich jene Frau, der
mein Herz nun ganz gehrte, wiedergesehen, ausgenommen einmal von ferne, wo sie
mich zu sich winkte, ich aber scheu vor ihr floh, um mich in den stillen Rumen
unserer Wohnung um so leidenschaftlicher mit ihrem Bilde zu beschftigen. Als
ich hrte, da die Gesellschaft fortgereist sei, bemchtigte sich meiner eine
tiefe Traurigkeit, welche lngere Zeit anhielt. Je unbekannter mir die Gegend
war, wo sie hingezogen sein mochte, desto mehr war mir alles Land, welches
jenseits der Berge lag, ein Land unbestimmter Wnsche und dunklen Verlangens,
und diesen Zug empfinde ich seither immer, wenn jemand, den ich gern habe, die
Gegend verlt, wo ich lebe.
    Um diese Zeit schlo ich mich enger an einen Knaben, dessen erwachsene,
lesebegierige Schwestern eine Unzahl schlechter Romane zusammengetragen hatten.
Verlorengegangene Bnde aus Leihbibliotheken, niedriger Abfall aus vornehmen
Husern oder von Trdlern um wenige Pfennige erstanden, lagen in der Wohnung
dieser Leute auf Gesimsen, Bnken und Tischen umher, und an Sonntagen konnte man
nicht nur die Geschwister und ihre Liebhaber, sondern Vater und Mutter, und wer
sonst noch da war, in die Lektre dieser schmutzig aussehenden Bcher vertieft
finden. Die Alten waren trichte Leute, welche in dieser Unterhaltung Stoff zu
trichten Gesprchen suchten; die Jungen hingegen erhitzten ihre gemeine
Phantasie an den gemeinen unpoetischen Machwerken, oder vielmehr sie suchten
hier die bessere Welt, welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane
zerfielen hauptschlich in zwei Arten. Die eine enthielt den Ausdruck der blen
Sitten des vorigen Jahrhunderts in jmmerlichen Briefwechseln und
Verfhrungsgeschichten, die andere bestand aus derben Ritterromanen. Die Mdchen
hielten sich mit groem Interesse an die erste Art und lieen sich dazu von
ihren teilnehmenden Liebhabern sattsam kssen und liebkosen; uns Knaben waren
aber diese prosaischen und unsinnlichen Schilderungen einer verwerflichen
Sinnlichkeit glcklicherweise noch ungeniebar, und wir begngten uns damit,
irgendeine Rittergeschichte zu ergreifen und uns mit derselben zurckzuziehen.
Die unzweideutige Genugtuung, welche in diesen groben Dichtungen waltete, war
meinen angeregten Gefhlen wohlttig und gab ihnen Gestalt und Namen. Wir wuten
die schnsten Geschichten bald auswendig und spielten sie, wo wir gingen und
standen, mit immer neuer Lust ab, auf Estrichen und Hfen, in Wald und Berg, und
ergnzten das Personal vorweg aus willfhrigen Jungen, die in der Eile
abgerichtet wurden. Aus diesen Spielen gingen nach und nach selbsterfundene,
fortlaufende Geschichten und Abenteuer hervor, welche zuletzt dahin ausarteten,
da jeder seine groe Herzens- und Rittergeschichte besa, deren Verlauf er den
andern mit allem Ernste berichtete, so da wir uns in ein ungeheures Lgennetz
verwoben und verstrickt sahen; denn wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse
gegenseitig einander so vor, als ob wir unbedingten Glauben forderten, und
gewhrten uns denselben auch, in eigenntziger Absicht, scheinbar. Mir ward
diese trgliche Wahrhaftigkeit leicht, weil der Hauptgegenstand unserer
Geschichten beiderseits immer eine glnzende und ausgezeichnete Dame unserer
Stadt war und ich diejenige, welche ich fr meine Lgen auserwhlt, bald mit
meiner wirklichen Neigung und Verehrung bekleidete. Daneben hatten wir mchtige
Feinde und Nebenbuhler, als welche wir angesehene, ritterliche Offiziere
bezeichneten, die wir oft zu Pferde sitzen sahen. Verborgene Reichtmer waren in
unserer Gewalt, und wir bauten aus denselben wunderbare Schlsser an entlegenen
Punkten, welche wir mit wichtiger Geschftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben.
Jedoch beschftigte sich die Einbildungskraft meines Genossen berdies mit
allerhand Kniffen und Rnken und war eher auf Besitz und leibliches Wohlsein
gerichtet, in welcher Beziehung er die sonderbarsten Dinge erfand, whrend ich
alle Erfindungsgabe auf meine erwhlte Geliebte verwandte und seine kleinlichen
und mhsamen Geldverhltnisse, welche er unablssig zusammentrumte, mit einer
kolossalen Lge von einem gehobenen unermelichen Schatze berbot und kurz
abfertigte. Dieses mochte ihn rgern, und whrend ich, zufrieden in meiner
ersonnenen Welt, mich wenig um die Wahrheit seiner Prahlereien bekmmerte, fing
er an, mich mit Zweifeln an der Wahrheit der meinigen zu qulen und auf Beweise
zu dringen. Als ich einst flchtig von einer mit Gold und Silber gefllten Kiste
erzhlte, welche ich in unserm Kellergewlbe stehen htte, drang er auf das
heftigste darauf, dieselbe zu sehen. Ich gab ihm eine Stunde an, zu welcher dies
mglich wre, und er fand sich pnktlich ein und versetzte mich in eine
Verlegenheit, an welche ich im mindesten bisher noch nie gedacht hatte. Aber
schnell hie ich ihn eine Weile warten vor dem Hause und eilte in die Stube
zurck, wo in dem Sekretr meiner Mutter ein altertmliches hlzernes Kstchen
stand, welches einen kleinen Schatz an alten und neuen Silbermnzen und einige
Dukaten enthielt. Dieser Schatz umfate einesteils die Patengeschenke aus der
Kinderzeit meiner Mutter, andersteils meine eigenen und war smtlich mein
erklrtes Eigentum. Die Hauptzierde aber war eine mchtige goldene Schaumnze
von der Gre eines Talers und bedeutendem Werte, welche Frau Margret in einer
guten Stunde mir geschenkt und der Mutter zum sichern Verwahrsam eingehndigt
hatte zum treuen Angedenken, wenn ich einst erwachsen, sie hingegen nicht mehr
sein werde. Ich durfte das Kstchen hervornehmen und den glnzenden Schatz
beschauen, sooft ich wollte, auch hatte ich denselben schon in allen Gegenden
des Hauses herumgetragen. Ich nahm ihn also jetzt und trug ihn in das Gewlbe
hinunter und legte das Kstchen in eine Kiste, welche mit Stroh gefllt war.
Dann hie ich den Zweifler mit geheimnisvoller Gebrde hereinkommen, lftete den
Deckel der Kiste ein wenig und zog das Kstchen hervor. Als ich es ffnete,
blinkten ihm die blanken Silberstcke gar hell entgegen, als ich aber die
Dukaten und zuletzt die groe Mnze hervornahm, da sie im Zwielichte seltsam
funkelte und der alte Schweizer mit dem Banner, der darauf geprgt war, sowie
der Kranz von Wappenschilden zutage traten, da machte er groe Augen und wollte
mit allen fnf Fingern in das Kstchen fahren. Ich schlug es aber zu, legte es
wieder in die Kiste und sagte: Siehst du, solcher Dinge ist die Kiste voll!
Damit schob ich ihn aus dem Keller und zog den Schssel ab. Er war nun fr
einmal geschlagen, denn obgleich er von der Unwirklichkeit unserer Mrchen
berzeugt war, so gestattete ihm doch der bisher festgehaltene Ton unseres
Verkehrs nicht, weiterzudringen, da es auch hier die rcksichtsvolle Hflichkeit
des Lebens erforderte, den mit guter Manier vorgetragenen blauen Dunst bestehen
zu lassen. Vielmehr gab meinem Freunde diese vorlufige Toleranz Gelegenheit,
mich zu weiteren Lgen zu reizen und auf immer bedenklichere Proben zu stellen.
    Wir trafen bald darauf, als es gerade Mezeit war, am Seeufer zusammen, vor
den Krambuden flanierend, welche dort in langen Reihen aufgeschlagen waren, und
begrten uns wie Macbeths Hexen mit: Was hast du geschafft? Wir standen vor
dem Magazine eines Italieners, welcher neben sdlichen Ewaren auch glnzende
Bijouterien und Spielereien feilbot. Feigen, Mandeln und Datteln, Kisten voll
reinlich weier Makkaroni, besonders aber Berge ungeheurer Salamiwrste reizten
den Sinn meines Gesellen zu khnen Phantasien, indessen ich zierliche
Frauenkmme, lflschchen und Schalen voll schwarzer Rucherkerzchen betrachtete
und ungefhr dachte, wo diese Dinge gebraucht wrden, da wre es gut sein. Ich
habe soeben, begann mein Lgengefhrte, solch eine Salamiwurst gekauft, zur
Probe, ob ich fr mein nchstes Bankett eine Kiste voll anschaffen soll. Ich
habe sie angebissen, fand sie aber abscheulich und schleuderte sie in den See
hinaus; die Wurst mu noch dort schwimmen, ich sah sie den Augenblick noch. Wir
blickten auf den schimmernden Wellenspiegel hinaus, wo zwischen den
Marktschiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umhertrieb, aber keine
Salami zu sehen war. Ei, es wird wohl ein Hecht danach geschnappt haben! sagte
ich gutmtig, und er gab diese Mglichkeit zu und fragte mich, ob ich nicht auch
Einkufe machen wolle? Freilich, erwiderte ich, ich mchte wohl diese Kette
haben fr meine Geliebte! und wies auf eine unechte, aber schn vergoldete
Halskette. Jetzt lie er mich nicht mehr los, sondern umwickelte mich mit einem
moralischen Zwangsnetze, indem ihm die Neugierde, ob ich wirklich ber meinen
geheimnisvollen Schatz zu verfgen htte, die Worte dazu lieh. So hatte ich
keinen andern Ausweg, als nach Hause zu laufen und mir mit meinem Sparkstchen
zu schaffen zu machen. Einige Augenblicke nachher ging ich wieder davon, einige
glnzende Silberstcke in der festverschlossenen Hand, mit klopfender Brust dem
Markte zu, wo mein lauernder Dmon mich empfing. Wir handelten um die Kette oder
gaben vielmehr, was der Italiener forderte, ich whlte noch ein Armband von
Achatschildern und einen Ring mit einer roten Glaspaste; der Kaufmann besah mich
und die schnen Gulden mit wunderlichen Blicken, steckte sie aber
nichtsdestoweniger ein; ich aber wurde schon auf dem Wege nach dem Hause
fortgedrngt, wo meine Dame wohnte. Auf einem abgelegenen Platze standen etwa
sechs Patrizierhuser, deren Besitzer sich durch den Seidenhandel auf der Hhe
frherer Vornehmheit erhielten. Weder eine Schenke noch ein sonstiges niederes
Gewerbe zeigte sich in dieser Gegend, welche still und einsam in ihrer
Reinlichkeit ruhte; das Pflaster war weier und besser als in anderen
Stadtteilen, und kostbare eiserne Gartengelnder begrenzten dasselbe. In dem
grten und vornehmsten dieser Palste wohnte der Gegenstand meiner Lgen, eine
jener jungen, anmutigen Damen, welche, schn und elegant gewachsen, mit rosiger
Gesichtsfarbe, groen, lachenden Augen und freundlichen Lippen, mit reichen
Locken, wehenden Schleiern und seidenen Gewndern die Unerfahrenheit bercken
und selbst gefurchte Stirnen aufheitern, solange sie durch Unschuld
liebenswrdig sind. Wir standen schon vor dem prchtigen Portale, und mein
Begleiter schlo seine berredungen, da ich jetzt oder nie meiner Gebieterin
die Geschenke berbringen mte, endlich dadurch, da er frech den goldenen
Griff der Hausglocke packte und anzog. Aber trotz seiner Frechheit, wrde ein
Aristokrat sagen, reichte doch die Energie seines Plebejertumes nicht aus, ein
krftiges Geklingel hervorzubringen; es gab nur einen einzigen zaghaften Ton,
welcher im Innern des groen Hauses verhallte. Nach einigen Sekunden ruckte der
eine Torflgel um ein Unmerkliches, und mein Begleiter schob mich hinein, was
ich, aus Furcht vor allem Gerusche, willenlos geschehen lie. Da stand ich in
unsglicher Beklemmung neben einer breiten steinernen Treppe, welche sich oben
zwischen gerumigen Galerien verlor. Ich hielt Armband und Ring in die Hand
gepret, und die Kette quoll teilweise zwischen den Fingern hervor; in der Hhe
ertnten Tritte, welche von allen Seiten widerhallten, und jemand rief herunter,
wer da sei? Doch hielt ich mich still, man konnte mich nicht sehen und ging
wieder, Tren hinter sich zuschlagend. Nun stieg ich langsam die Treppe hinan,
mich vorsichtig umsehend; an allen Wnden hingen groe lgemlde, entweder
wunderliche Landschaften oder Ahnenbilder enthaltend; die Decken waren in
weier, reicher Stukkatur gearbeitet mit kleinen Fresken dazwischen, und in
abgemessenen Entfernungen standen hohe dunkelbraune Tren von Nubaumholz,
eingefat von Sulen und Giebeln von der gleichen Art, alles glnzend poliert.
Jeder meiner Schritte erweckte Gerusch in den Wlbungen, ich wagte kaum zu
gehen und dachte doch nicht daran, was ich sagen wollte, wenn ich berrascht
wrde. Vor jeder Tr lag eine Strohmatte, aber vor einer allein lag eine
besonders reich und zierlich geflochtene von farbigem Stroh; daneben stand ein
altes, vergoldetes Tischchen und auf diesem ein Arbeitskrbchen mit Strickzeug,
einigen pfeln und einem hbschen, silbernen Messerchen zuuerst am Rande, als
ob es soeben hingestellt wre. Ich vermutete, da hier der Aufenthalt der Dame
sei, und im Augenblicke nur an sie denkend, legte ich meine Kleinodien mitten
auf die Matte, nur den Ring zuunterst in das Krbchen auf einen feinen
Handschuh. Dann aber eilte ich trepphinunter aus dem Hause, wo ich meinen
Qulgeist ungeduldig meiner wartend fand. Hast du es getan? rief er mir
entgegen. Ja freilich, erwiderte ich mit leichterem Herzen. Das ist nicht
wahr, sagte er wieder, sie sitzt ja die ganze Zeit an jenem Fenster dort und
hat sich nicht gerhrt. Wirklich war die schne Frau hinter dem glnzenden
Fenster sichtbar und gerade in der Gegend des Hauses, wo jene Zimmertr sein
mochte. Ich erschrak heftig, sagte aber Ich schwre dir, ich habe die Kette und
das Armband zu ihren Fen gelegt und den Rind an ihren Finger gesteckt! - Bei
Gott? - Ja, bei Gott! rief ich. Nun mut du ihr aber noch eine Kuhand
zuwerfen, und wenn du es nicht tust, so hast du falsch geschworen; sieh, sie
schaut gerade herunter! Wirklich ruhten ihre glnzenden frohen Augen auf uns;
aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer; denn lieber htte ich dem
Teufel selbst ins Gesicht gespieen, als diese Zumutung erfllt. Durch meinen
jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme geraten, es war kein
Ausweg. Rasch kte ich meine Hand und bewegte sie gegen das Fenster hinauf. Das
Mdchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun ganz unbndig, indem es
freundlich herunternickte; doch ich lief, so schnell ich konnte, davon. Das Ma
war gefllt, und als mein Gefhrte mich in der nchsten Strae wieder erreichte,
trat ich bleich vor ihn hin und sagte: Wie ist's eigentlich mit deiner
Salamiwurst? meinst du, dieselbe sei hinreichend, dergleichen Sachen, wie ich
bestehe, das Gegengewicht zu halten? Damit warf ich ihn unversehens nieder und
schlug ihn mit der Faust ins Gesicht, bis mich ein Mann weghob und rief: Die
Teufelsjungen mssen sich doch immer raufen!
    Das war das allererste Mal in meinem Leben, da ich einen Schul- und
Jugendgenossen schlug; ich konnte denselben nicht mehr ansehen, und zugleich war
ich vom Lgen fr einmal grndlich geheilt.
    In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten
Bchern und die Torheit immer grer. Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu,
wie die armen Tchter immer tiefer in ein einfltig verbuhltes Wesen
hineingerieten, Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem
heimgefhrt wurden, so da sie mitten in der belriechenden Bibliothek
sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder, welche mit den zerlesenen Bchern
spielten und dieselben zerrissen. Die Lesewut wuchs nichtsdestominder
fortwhrend, weil sie nun Zank, Not und Sorge vergessen lie, so da man in der
Behausung nichts sah als Bcher, aufgehngte Windeln und die vielfltigen
Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter, als gemalte Blumenkrnze
mit Sprchen, Stammbcher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel,
knstliche Ostereier, in welchen ein kleiner Amor verborgen lag, und
dergleichen. Alles in allem genommen will es mir scheinen, da auch dieses Elend
sowohl wie das entgegengesetzte Extrem, die religise Sektiererei und das
fanatische Bibelauslegen armer Leute, wie ich es im Hause der Frau Margret fand,
nur die verwischte Spur eines edlern Herzensbedrfnisses und das heie Suchen
nach einer schneren Wirklichkeit sei.
    Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich, als er grer wurde, die vielgebte
Phantasie auf andere, nicht minder bedenkliche Weise geltend. Er wurde sehr
genuschtig, lag schon als Handelslehrling in den Wirtshusern als ein eifriger
Spieler und war bei allen ffentlichen Vergngen zu sehen. Dazu brauchte er viel
Geld, und um sich dieses zu verschaffen, verfiel er auf die sonderbarsten
Erfindungen, Lgen und Rnke, welche ihm nur eine Art Fortsetzung der frheren
Romantik waren. Jedoch hielt dies nur halb verdchtige Treiben nicht lange vor,
vielmehr sah er sich bald darauf Verwiesen, zuzugreifen, wo er konnte. Denn er
gehrte zu jenen Menschen, welche nicht gesonnen sind, sich in ihren Begierden
im mindesten zu beschrnken, und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nchsten
mit List oder Gewalt das entreien, was er gutwillig nicht lassen will. Diese
niedere Gesinnung ist gleichmig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener
Erscheinungen. Sie beseelt den ungeliebten Herrscher, welcher, in seinem Dasein
jedem Kinde im Lande ein berdru, doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht
zu stolz ist, sich vom Herzblute des verachteten und gehaten Volkes zu nhren;
sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten, welcher, nachdem er
einmal die bestimmte Erklrung der Nichterwiderung erhalten hat, sich nicht
sogleich bescheidet und in den edlen Schmerz der Entsagung hllt, sondern mit
gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert; wie in allen diesen
Zgen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht des Betrgers und Diebes
jeglicher Art, gro und klein, berall ist sie ein unverschmtes Zugreifen, zu
welchem mein ehemaliger Gefhrte nun auch seine Zuflucht nahm. Ich hatte ihn im
Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren, whrend er schon mehrere Male im
Gefngnisse gesessen hatte, und dachte vor ungefhr einem Jahre an nichts
weniger als an ihn, da ich einen verkommenen Menschen durch die Hscher dem
Zuchthause zufhren sah. In demselben ist er seither gestorben.
    Ich war nun zwlf Jahre alt, so da meine Mutter auf meine weitere
Schulbildung denken mute. Der Plan des Vaters, da ich der Reihe nach die von
freisinnigen Vereinen begrndeten Privatanstalten besuchen sollte, war nun
zerschnitten, indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete ffentliche
Schulen berflssig geworden; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte
zuerst auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet. Der alte Gelehrten- und
Lehrerstand der Stdte wurde durch einberufene deutsche Schulmnner reichlich
erweitert und in den meisten Kantonen an eine groe Zwillingsschule verteilt,
welche aus einem Gymnasium und einer Gewerbsschule bestand. Bei der letzteren
brachte mich die Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gngen unter,
und die Leistungen meiner bescheidenen Armenschule, aus welcher ich halb
wehmtig und halb frhlich schied, erwiesen sich bei der Aufnahmeprfung so
vorzglich, da ich neben den Zglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen
bestand. Denn diese wohlhabenden Brgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen
Einrichtungen angewiesen. So fand ich mich pltzlich in eine ganz neue Umgebung
versetzt. Statt wie frher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschler
zu sein, war ich in meinen grnen Jckchen, welche ich aufs uerste ausnutzen
mute, nun einer der unansehnlichsten und bescheidensten, und das nicht nur in
Ansehung der Kleidung, sondern auch des Benehmens. Die Mehrzahl der Knaben
gehrte dem altherkmmlichen bewutvollen Burgerstande an, einige waren vornehme
feine Herrenkinder, und einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten, alle
aber hatten ein sicheres Auftreten und Gebaren, entschiedene Manieren und einen
fixen Jargon im Sprechen und Spielen, vor welchem ich blde und unsicher
dastand. Wenn sie sich stritten, so schlugen sie sich gleich mit raschen
Bewegungen ins Gesicht, da es klatschte, und mehr Mhe als das neue Lernen
machte mir das Zurechtfinden in diese neue Umgangsweise, wenn ich nicht zuviel
Unbilden erleiden wollte. Ich erkannte nun erst, wie mild und gutmtig die
Gesellschaft der armen Kinder gewesen war, und schlpfte noch oft zu ihnen, die
mich mit wehmtigem Neide von meinen jetzigen Verhltnissen erzhlen hrten.
    In der Tat brachte jeder Tag neue Vernderungen in meiner bisherigen
Lebensweise. Seit alter Zeit war die Jugend der Stdte in den Waffen gebt
worden, vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militrdienste des
Jnglingsalters; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens
gewesen, und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen, war nicht
gezwungen. Nun aber wurden die Waffenbungen fr die smtliche schulpflichtige
Jugend gesetzlich geboten, da jede Kantonsschule zugleich: ein soldatisches
Korps bildete. Wir wurden in grne Uniform gesteckt, ich glaubte schon mit
meiner besonderen Grnheit in der allgemeinen aufgehen zu knnen und von meinem
Spitznamen erlst zu sein; aber weit gefehlt, meine Mutter lie es sich nicht
nehmen, die grnen Rcke meines Vaters, welche kein Ende nehmen zu wollen
schienen, dem Schneider unterzuschieben, und so ermangelte meine Uniform
niemals, um einen Grad dunkler oder heller zu sein als alle brigen und mich
fortwhrend auszuzeichnen. Mit den kriegerischen bungen war das Turnen
verwandt, zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden, so da einen Abend
exerziert und den andern gesprungen, geklettert und geschwommen wurde. Ich war
bisher aufgewachsen wie ein Gras, mich biegend und schmiegend, wie jedes
Lftchen der Lebensregungen und der Laune es wollte; niemand hatte mir gesagt,
mich grad zu halten, kein Mann mich an See und Flu gefhrt und da
hineingeworfen, wo es am tiefsten war, nur in der Aufregung hatte ich ein und
andern Sprung getan, den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen vermochte. Mein
Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben, wie etwa die Shne anderer
Witwen, da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich war. Meine
jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen alle wie
die Fische im See herum, sprangen und kletterten wie Katzen, und es war
hauptschlich ihr Spott, welcher mich zwang, mir einige Haltung und Gewandtheit
zu erwerben, da sonst wohl mein Eifer bald erkaltet wre. Denn es ist nicht zu
leugnen, da das allzu pedantische Betreiben solcher Dinge nicht nur
gedankenreichen Erwachsenen, sondern auch einem Kinde, dessen Phantasie fters
spazierengeht, unbequem werden kann.
    Aber noch viel tiefer sollten die Vernderungen in mein Leben einschneiden.
Ich war nun in eine Umgebung geraten, welche smtlich mit einem mehr oder minder
genugsamen Taschengelde versehen war, teils infolge huslicher Wohlhabenheit,
teils auch nur infolge herkmmlichen stdtischen Wohllebens und sorgloser
Prahlerei der Eltern. An reichlicher Gelegenheit, Ausgaben zu machen, fehlte es
noch weniger, da nicht nur bei den gewhnlichen bungen und Spielen auf den
entlegenen Pltzen Obst und Backwerk zu kaufen blich war, sondern auch bei
greren Turnfahrten und militrischen Ausflgen mit klingendem Spiel es fr
mnnlich galt, sich in den entfernten Drfern hinter Wurst und Wein zu setzen.
Dazu kamen noch die Ausgaben fr allerhand Spielereien, welche in der Schule
abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande ntzlicher Beschftigung, ferner der
lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswrdigkeiten, von welchem allem sich
regelmig entfernt halten zu mssen einen unertrglichen Anstrich von
Drftigkeit und Verlassenheit verlieh. Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem
Eifer alle die ungewohnten Ausgaben fr Lehrmittel, Instrumente und Material und
gab mir hierin sogar fr eine gewisse Verschwendung Raum. Mit den feinen Zirkeln
des Vaters durchstach ich das schnste Papier in der Klasse; jede Gelegenheit
nahm ich wahr, ein neues Heft zu errichten, und meine Bcher waren immer am
elegantesten gebunden. Allein fr alles andere, was im geringsten des
berflusses verdchtig schien, beharrte sie unerbittlich auf dem Grundsatze, da
kein Pfennig unntz drfe ausgegeben werden und da ich dies frhzeitig lernen
msse. Nur fr die allgemeinsten Ausflge und Unternehmungen, von denen
zurckzubleiben ein zu groer Schmerz fr mich gewesen wre, gab sie mir ein
krgliches Geld, welches jedesmal schon in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt
war. Dabei hielt sie mich in weiblicher Unkenntnis der Welt nicht etwa in der
Abgeschiedenheit zurck, wie es sich zu ihrer strengen Sparsamkeit geschickt
htte, sondern lie mich meine ganze Zeit in der Gemeinschaft der anderen
zubringen, mich nur unter lauter wohlgezogenen Knaben und unter der Aufsicht des
groen, angesehenen Lehrerpersonales whnend, whrend gerade dadurch das
Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich in tausend Verlegenheiten
und schiefe Stellungen geriet. In der Einfachheit und Unschuld ihres Gemtes und
ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem unheilvollen Giftkraute,
welches falsche Scham genannt wird und in den frhesten Tagen des mnnlichen
Lebens um so mehr zu wuchern beginnt, als es von der Insolenz der alten Menschen
eher gehtschelt und gepflegt als unterschieden und ausgereutet wird. Unter
tausend Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es
vielleicht keine zwlf, welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das
Abc des kindlichen Gemtes besinnen und wissen, wie sich daraus die
verhngnisvollen Worte bilden, und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf
aufmerksam machen, sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und
errichten darber ein Statut.
    Auf Pfingsten ward einst ein groer jugendlicher Feldzug verabredet;
smtliche kleine Mannschaft, einige Hundert an der Zahl, sollte mit klingendem
Spiel ausrcken und, ber Berg und Tal marschierend, die bewaffnete Jugend einer
benachbarten Stadt besuchen, um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und
bungen abzuhalten. Es herrschte eine allgemeine Aufregung, gemischt aus der
Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung. Kleine Tornister wurden
vorschriftsmig bepackt, Patronen wurden so viele als mglich ber die
bestimmte Zahl angefertigt, unsere Zweipfnderkanonen sowie die Fahnen bekrnzt,
und berdies ging unterderhand das Gerede, wie unsere Nachbaren nicht nur
propere und gedrillte Soldaten, sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und
Kameraden wren, da es also nicht nur gelte, sich mglichst blank und strack zu
halten, sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen htte, um den
berhmten Nachbaren auf jede Weise die Stange zu halten. Dazu wuten wir, da
dort die weibliche Jugend ebenfalls teilnehmen, festlich gekleidet und bekrnzt
uns beim Einmarsche begren und da nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt
wrde. Auch in dieser Hinsicht ware wir nicht gesonnen, uns etwas zu vergeben;
es hie, jeder solle sich weie Handschuhe verschaffen, um beim Balle ebenso
galant als militrisch zu erscheinen, und alle diese Dinge wurden hinter dem
Rcken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt, da es mir angst und
bange ward, allem zu gengen. Zwar war ich einer der ersten, welcher Handschuhe
aufzuweisen hatte, indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen
Vorrten ihrer Jugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weiem Leder
hervorzog und unbedenklich die Hnde vorn abschnitt, welche mir vortrefflich
paten. Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrbten Aussicht,
jedenfalls eine gedrckte und enthaltsame Rolle spielen zu mssen. In solchen
Betrachtungen sa ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel, als mir
pltzlich ein Gedanke durch den Kopf fuhr, ich das Hinausgehen der Mutter
abwartete und dann zu dem Schranke eilte, in welchem mein Schatzkstchen lag.
Ich ffnete es zur Hlfte und nahm unbesehen ein groes Geldstck heraus, das
zuoberst lag; die anderen rckten alle ein klein wenig von der Stelle und
machten ein leises Silbergerusch, in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine
gewisse Gewalt lag, die mich schauern machte. Schnell brachte ich meine Beute
zur Seite, befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung, die mich scheu
und wortkarg gegen meine Mutter machte. Denn wenn der frhere Eingriff mehr die
Folge eines vereinzelten uern Zwanges gewesen und mir kein bses Gewissen
hinterlassen hatte, so war das jetzige Unterfangen freiwillig und vorstzlich;
ich tat etwas, wovon ich wute, da es die Mutter nimmer zugeben wrde, auch die
Schnheit und der Glanz der Mnze schienen von der profanen Verausgabung
abzumahnen. Jedoch verhinderte der Umstand, da ich mich selbst bestahl zum
Zwecke der Nothilfe in einem kritischen Falle, ein eigentliches Diebsgefhl; es
war mehr etwas von dem Bewutsein, welches im verlornen Sohne dmmern mochte,
als er eines schnen Morgens mit seinem vterlichen Erbteil auszog, es zu
verschwenden.
    Am Pfingsttage war ich schon frh auf den Fen; unsere Trommler, als die
allerkleinsten auch die muntersten Bursche, durchzogen in ansehnlichem Haufen
die Stadt, umschwrmt von marschbereiten Schlern, und ich beeilte mich, zu
ihnen zu stoen. Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen; sie fllte
meinen Tornister mit Ewaren, hing mir ein artiges Reiseflschchen um, mit sem
Wein gefllt, steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute
Verhaltungsregeln. Ich hatte lngst mein Gewehr auf der Schulter und die
Patrontasche umgehngt, worin unter den Patronen mein groer Taler steckte, und
wollte mich endlich ihren Hnden entreien, als sie ganz verwundert sagte, ich
werde doch etwas Geld mitnehmen wollen? Hierauf nahm sie das bereits Abgezhlte
hervor und unterwies mich, wie ich es einzuteilen htte. Es war zwar nicht
berreichlich, doch hchst anstndig und vollkommen hinreichend und selbst fr
unvorhergesehene Flle berechnet. In einem Papiere war noch ein besonderes Stck
eingewickelt, welches ich in dem gastfreundlichen Hause, wo ich einquartiert
wrde, den Dienstboten zu geben htte. Wenn ich die Sache recht betrachtete, so
war dies auch die erste Gelegenheit, wo eine gute Ausstattung eigentlich
notwendig schien, und die Mutter lie es also nicht an dem Ihrigen fehlen. Aber
nichtsdestominder war ich berrascht, ich geriet in die grte Verlegenheit und
Aufregung, und indem ich die Treppen hinunterstieg, drangen mir seltenerweise
Trnen aus den Augen, da ich sie hinter der Haustr abtrocknen mute, ehe ich
auf die Strae trat und zu dem frhlichen Haufen stie. Der allgemeine Jubel
htte in meinem Gemte, welches durch die liebevolle Sorge der Mutter bewegt
war, einen um so empfnglichern Grund gefunden, wenn nicht der Taler in meiner
Giberne wie ein Stein auf meinem Herzen gelegen htte. Jedoch als sich die ganze
Schar zusammenfand, das Kommando erklang und wir uns ordneten und abzogen,
wurden meine dstern Gedanken gewaltsam unterdrckt, und als ich, zur Vorhut
eingeteilt, schon auf den freien Hhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und
der lange Zug, schimmernd und singend, mit wehenden Fahnen, sich zu unsern Fen
heranbewegte, da verga ich alles und lebte nur dem Augenblicke, welcher, Perle
fr Perle, von der glnzenden Schnur der nchsten Erwartung fiel. Wir fhrten
ein lustiges Vorhutleben, ein alter Kriegsmann, in fremden Diensten ergraut und
nun dazu verwendet, uns kleinen Nesthpfern das Handwerk beizubringen, leitete
uns an zu allerlei Schabernack und lie sich unablssig bestrmen, aus unsern
Feldflaschen zu trinken, was er mit scharfer Kritik des Inhalts tat. Wir waren
stolz, keinen der Schulmnner bei uns zu haben, welche die groe Kolonne
begleiteten, und hrten andchtig die Kriegsabenteuer, so uns der alte Soldat
erzhlte.
    Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt;
der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt, um welche sich das
junge Kriegsvolk lagerte. Wir Leute der Vorhut aber standen auf einem Berge und
schauten zufrieden auf das ferne frhliche Gewhl hinunter. Wir waren still
geworden und schlrften den stillen glanzvollen Tag ein; der alte Feldwebel lag
froh an der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus, ber blaue
Strme und Seen hin. Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schnheit zu
sagen wuten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fhlten wir
alle doch ganz die Natur, und das um so mehr, weil wir mit unserm Freudenzuge
eine wrdige Staffage in der Landschaft bildeten, weil wir handelnd darin
auftraten und daher der peinlichen Sehnsucht der unttigen bedeutungslosen
Naturbewunderer enthoben waren. Denn ich habe erst spter erfahren und
eingesehen, da das unttige und einsame Genieen der gewaltigen Natur das Gemt
verweichlicht und verzehrt, ohne dasselbe zu sttigen, whrend ihre Kraft und
Schnheit es strkt und nhrt, wenn wir selbst auch in unserm uern Erscheinen
etwas sind und bedeuten ihr gegenber. Und selbst dann ist sie in ihrer Stille
uns manchmal noch zu gewaltig; wo kein rauschendes Wasser ist und gar keine
Wolken ziehen, da macht man gern ein Feuer, um sie zur Bewegung zu reizen und
sie nur ein bichen atmen zu sehen. So trugen wir einiges Reisig zusammen und
fachten es an, die roten Kohlen knisterten so leis und angenehm, da auch unser
graue und rauhe Fhrer vergngt hineinsah, whrend der blaue Rauch dem
Heerhaufen im Tale ein Zeichen unseres Aufenthaltes war; trotz der mittglichen
Sonnenhitze schien uns die erhhte Glut des Feuers lieblich, wir verlschten es
ungern, als wir abzogen. Gar zu gern htten wir einige Schsse in die stille
Luft gesandt, wenn es nicht streng untersagt gewesen wre; ein Knabe hatte schon
geladen und mute den Schu kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen, was ihm
so peinlich war als einem Schwtzer das Unterdrcken eines Geheimnisses.
    Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich die befreundete Stadt vor uns,
aus deren mit Blumen und grnen Zweigen bekleidetem, altertmlichem Tor die so
wie wir gerstete Jugend uns entgegentrat, umgeben von den schaulustigen und
freundlichen Eltern und Geschwistern. Ihre Artillerie lste uns zu Ehren eine
Anzahl von Schssen, wir betrachteten mit kritischem Auge, wie die kleinen
Kanoniere neben der Mndung mit ebenso zierlicher Verrenkung sich zurckbogen,
wenn die Lunte sich dem Brander nherte, um mit einer ebenso verchtlichen
Schwenkung wieder zur Erde gewandt zu werden, wie das alles bei uns blich war.
Noch mehr Ursache zur Eifersucht gaben uns die hbschen Perkussionsgewehre,
womit unsere Kameraden versehen waren, da wir selbst nur alte Steinschlosse
hatten, welche sich dann und wann erlaubten zu versagen. Die Regierung dieses
Standes war ein wenig im Geruche, in ihrem aufgeweckten Sinne fr alles Gute und
Schne manchmal mehr Aufwand zu machen, als sich mit haushlterischer
Bedchtigkeit vertrge, und hatte demgem fr ihre Schuljugend solche neue
Waffen beschafft zu einer Zeit, wo dergleichen erst bei greren Militrstaaten
in der Einfhrung begriffen waren. So hrten wir denn, whrend unsere Freunde
uns wohlgefllig erklrten, wie bei ihnen whrend der Ladung die Bewegung des
Patronbeiens nun wegfiele, unsere erwachsenen Begleiter heimlich einen
bedchtigen Tadel ber solchen Aufwand aussprechen. Doch waren wir endlich
ermdet und gaben uns willig den Einladungen der Familien hin, welche sich so
eifrig um unsere Beherbergung stritten, da unsere ganze Schar in ihren offenen
Armen so schnell verschwand, wie ein flchtiger Regenschauer im heien durstigen
Erdreiche versiegt. Wir sahen uns nun vereinzelt in die Mitte huslicher
Wirtlichkeit versetzt als Gegenstand des festlichsten Wohlwollens und belohnten
diese Gastfreundschaft dadurch, da wir, als ob wir in Feindesland wren, beim
Schlafengehen unsere Flintchen mitnahmen und neben die groen Gastbetten
stellten, welche zu ersteigen wir alle unsere Turnerknste aufbieten muten.
    Das Fest des andern Tages erfllte alle Erwartungen. Der Wetteifer lie
beide Parteien bei den bungen gleich wohl bestehen; gegen die
Perkussionsgewehre unserer Nebenbuhler aber hatten wir einen andern Trumpf
auszuspielen. Indem ihre Artillerie nmlich nur blind zu schieen gewohnt war
und keine Kugeln kannte, scho die unserige so geschickt nach dem Ziele, da das
bei solcher Gelegenheit stehende Sprichwort: Die Kleinen machten es wahrlich
besser denn die Groen! diesmal nicht ganz unrichtig war und die Nachbaren dem
ernsthaften Richten der Geschtze verwundert zuschauten.
    Ein groes Festmahl, welches einige tausend junge und alte Menschen
vereinigte, wurde auf einer blhenden Wiese eingenommen. Beliebte Jugendfreunde
hielten Tischreden und trafen in denselben das Rechte, indem sie, anstatt uns in
hohlem, frhreifem Ernste zu halten, in reinem Humor den Ton unschuldiger
Frhlichkeit anstimmten, ihr Alter vergaen, ohne kindisch zu tun, und uns
dadurch; desto leichter lehrten, die Freude nicht ohne Witz zu genieen. Darauf
zog eine lange Reihe feiner Mdchen aus dem Tore an uns vorbei auf einen
geebneten Rasenplatz und lud uns mit Gesang zu Spiel und Tnzen ein. Sie waren
alle wei und rot gekleidet und entfalteten sich in der lieblichsten Blte vom
kindlichen Lockenkopfe bis zur angehenden Jungfrau, hinter dem weiten Kranze
ragte manch weibliches Haupt in reifer Schnheit, um die zarten Pflnzlinge zu
berwachen und bei guter Gelegenheit selbst noch ein bichen jugendlicher ber
den Rasen zu schlpfen, als in sonstigen Tagen erlaubt war. Hatten doch die
Mnner ihrerseits die Gelegenheit auch ersehen und die Lust der Kinder bereits
zu ihrer eigenen Sache erklrt und schon mit mancher Flasche besiegelt! Unsere
tapfere Schar nherte sich in dichtem Haufen dem flsternden Kreise der Schnen,
keiner wollte recht der vorderste sein, unsere Sprdigkeit lie uns fast
feindlich und dster aussehen, whrend das Anziehen der weien Handschuhe ein
weitgedehntes Flimmern und Schimmern verursachte. Doch es zeigte sich nun, da
die Hlfte der Handschuhe berflssig war, indem wir in zwei verschiedene Teile
zerfielen, in solche Knaben nmlich, welche grere Schwestern zu Hause hatten,
und in solche, welche dieses angenehme Glck nicht kannten. Die ersteren zeigten
sich alle als zierliche Tnzer und Kavaliere, welche bald gesucht und
ausgezeichnet wurden, indessen die letzteren wie ungeleckte Bren ber den Rasen
stolperten und nach einigen milungenen Abenteuern sich aus den Reihen stahlen
und bei den Trinktischen zusammenfanden, wo wir mit energischem Gesang ein
wildes Soldatenleben fhrten, als rauhe Krieger und Weiberfeinde, und uns
gegenseitig einzubilden suchten, da die Mdchen doch hufig nach unserm
tchtigen Treiben herberschielten. Unser Zechen bestand zwar mehr in einer
bescheidenen Nachahmung der Alten und berwand den natrlichen Widerwillen gegen
Unmigkeit nicht, der noch in jenem Lebensalter liegt; doch bot es
hinlnglichen Spielraum fr unsere kleinen Leidenschaften. Der Weinbau dieser
Landschaft war bedeutender und edler als bei uns, daher hatten unsere jungen
Nachbaren schon eine entschiedenere Frbung in ihrer Frhlichkeit und vertrugen
ein strkeres Glas Wein als wir, so da sie ihren Ruf vollkommen rechtfertigten.
Da galt es nun, sich hervorzutun; ich gab mich diesem Bestreben ohne Rckhalt
hin, meine wohlversehene Kasse verlieh mir die ntige Sicherheit und Freiheit,
und dieser folgte alsobald eine gewisse Achtung meiner Umgebung. Wir durchzogen
Arm in Arm die Stadt und die Lustpltze vor derselben, das schne Wetter, die
Freude, der Wein regten mich auf und machten mich beredsam und ausgelassen, keck
und gewandt; aus einem stillen und blden Fernesteher war ich urpltzlich ein
lauter Tonangeber geworden, der sich in bermtigen Bemerkungen, Witzworten und
Erfindung von Schwnken erging und welchen die brigen Wortfhrer, die sich
bisher wenig aus mir gemacht, sogleich anerkannten und htschelten. Die
Eigenschaft als Fremder, der neue Schauplatz erhhte noch die Stimmung; es ist
schwer zu entscheiden, was grer war, ob meine Redseligkeit, mein Freudenrausch
oder meine erwachte Eitelkeit, kurz, ich schwamm in einem ganz neuen Glcke,
welches am dritten Tage womglich noch zunahm, als wir heimwrts zogen und die
allseitige Zufriedenheit sowie die freiere Ordnung und Haltung eine neue Reihe
frhlicher Auftritte veranlaten.
    Als ich mit Sonnenuntergang das Haus meiner Mutter betrat, bestaubt und
sonnverbrannt, die Mtze mit einem Tannenreise geschmckt, die Mndung des
Gewehrchens und der eigene Mund prahlerisch von Pulver geschwrzt, da war ich
nicht mehr der gleiche, wie ich ausgezogen, sondern einer, der sich mit den
kecksten Fhrern der Knabenwelt in verschiedene Verabredungen und Versprechungen
eingelassen hatte zur Fortsetzung des begonnenen Tones, mittelst welcher wir
auch in unserer Stadt eine Rolle zu spielen gedachten. Hauptschlich sollten die
tanzkundigen Feintuer oder Weichlinge, wie wir sie nannten, verhindert werden,
uns bei der einheimischen Schnheit etwa in den Schatten zu stellen; wir wollten
daher ihren zierlichen Knsten ein derbes militrisches Wesen, khne Taten und
allerlei Streifereien und Unternehmungen entgegensetzen zur Begrndung eines
bedenklichen Ruhmes. Voll von diesen Ideen und noch voll der durchlebten Freude,
die ich sowenig erschpft hatte als sie mich, fhlte ich mich in der besten
Laune und erging mich in unserm Hause in lauten Erzhlungen und prahlerischem,
barschem Wesen, bis ich durch einige magische Witzkrner, die meine Mutter in
die unbescheidene Brandung warf, fr einmal zu Ruhe und Schlaf gebracht wurde.
    Meine neuen Freunde lieen mir nicht Zeit, aus meiner Verirrung zu kommen;
schon der nchste Tag, an dem ich, selbst eine Art von Gre, in der
renommiertesten Gesellschaft unserer Stadt zu sehen war, weckte alle neuen
Erinnerungen wieder, die Nachklnge des Festes gaben Gelegenheit, den Rest
meiner Barschaft anzubringen und dagegen erneute Lorbeeren einzutauschen. Fr
einen der nchsten Sonntage wurde ein groer Spaziergang verabredet, welches
wieder eine Demonstration gegen die Feinspinner werden sollte. In meinem
Leichtsinn hatte ich nicht bedacht, woher ich die ntigen Mittel nehmen solle,
also auch keinen Vorsatz gefat; als aber der Augenblick da war, griff ich
wieder in den Schrein, ohne etwas anderes zu fhlen als das zwingende Bedrfnis
und eine Art dunklen Entschlusses, da es das letzte Mal sein solle.
    So ging es den ganzen kurzen Sommer hindurch. Die veranlassende Laune war
lngst verflogen, die Teilnehmer hatten sich dem ordentlichen Lauf der Dinge
wieder gefgt, auch ber mich htten Ma und Bescheidenheit ihre Herrschaft
wiedergewonnen, wenn nicht eine andere Leidenschaft aus der Sache erwachsen
wre, nmlich die des unbeschrnkten Geldausgebens, der Verschwendung an sich.
Es reizte mich, jeden Augenblick die kleinen Herrlichkeiten, wonach jenes Alter
gelstet, kaufen zu knnen; immer hatte ich die Hand in der Tasche, um mit
Mnzen hervorzufahren; Gegenstnde, welche Knaben sonst vertauschen, kaufte ich
nur mit barem Gelde, gab solches an Kinder, Bettler und beschenkte einige
Gesellen, die meinen Schweif bildeten und meine Verblendung benutzten, solange
es ging Denn es war eine wirkliche Verblendung. Ich bedachte im mindesten nicht,
da die Sache doch ein Ende nehmen msse, nie mehr ffnete ich das Kstchen ganz
und bersah das Geld, sondern schob nur die Hand unter den Deckel, um ein Stck
herauszunehmen, und berdachte auch nie, wieviel ich schon verschleudert haben
msse. Ich empfand auch keine Angst vor der Entdeckung, in der Schule und bei
meinen Arbeiten hielt ich mich nicht schlimmer als frher, eher besser, weil
keine unbefriedigten Wnsche mich zu trumerischem Miggange verleiteten und
die vollkommene Freiheit des Handelns, welche ich beim Geldausgeben empfand,
sich auch im Arbeiten durch eine gewisse Raschheit und Entschlossenheit uerte.
Zudem fhlte ich das dunkle Bedrfnis, das unsichtbare Unheil, welches ber mir
sich sammelte, durch sonstige Pflichterfllung einigermaen aufzuwiegen.
    Jedoch trotz allem befand ich mich jenen ganzen Sommer hindurch in einem
unheimlichen und peinvollen Zustande, dessen Erinnerung, verbunden mit
derjenigen an den blauen Himmel und Sonnenschein, an die stillen grnen
Waldschenken, in welche wir uns zu heimlichen Gelagen verkrochen, eine seltsame
Empfindung wachruft. Meine Genossen muten lngst gemerkt haben, da es mit
meinem Gelde nicht mit rechten Dingen zugehe, aber sie hteten sich sorgfltig,
einen Verdacht zu uern oder die leiseste Frage an mich zu tun; vielmehr
stellten sie sich, als ob sich alles von selbst verstnde, waren mir
stillschweigend behilflich, die aufflligen blanken Silberstcke umzuwechseln,
ohne in Errterungen einzugehen, und als die Herrlichkeit ein Ende nahm, wandten
sie sich ganz trocken und unbeteiligt von mir, ganz wie erwachsene brave
Geschftsleute, welche in aller Seelenruhe auch den Gewinn der Unredlichen an
sich bringen, ohne ber den Ursprung desselben Forschungen anzustellen. Dies
vorausgeahnte Benehmen drckte mich um so mehr, als ich bald bemerkte, da sie
sich sonderbar gemessen gegen mich betrugen und nur wrmer wurden, wenn ich
wieder ein Geldstck auf die Strae brachte, daneben aber sich anderweitig ber
mich zu besprechen schienen. Whrend jedoch die kleinliche und gewhnliche Art
der Mehrzahl keine heftige und leidenschaftliche Trennung bedingte, sollte mir
die energische Selbstsucht eines einzigen und der daraus entspringende Ha
Kummer und Leiden bereiten, wie sie wohl selten in diesem Alter sich zeigen.
Derselbe war ein kleiner Bursche mit kleinen regelmigen Gesichtszgen, welche
von Sommersprossen bedeckt waren. Er besa einen frhreifen Verstand, lernte
fleiig und genau, bestrebte sich gegen ltere Leute, besonders gegen Frauen, in
wohlgesetzten, altklugen Worten auszudrcken und galt daher fr einen
ordentlichen ersprielichen Jungen. Er war fast in allen bungen geschickt,
durch Aufmerksamkeit und Ausdauer, und brachte alles, was er unternahm, auf eine
zierliche Weise zustande. Meierlein, so hie er, besa aber kein tieferes
Talent; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder
Eigenes sichtbar, sondern er brachte nur das gut zuwege, was er sich vorgemacht
sah, und ihn beseelte nur ein unablssiges Bedrfnis, sich alles Erdenkliche
anzueignen. Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche
Papparbeit hervorbringen als ber einen breiten Graben setzen oder Ball schlagen
oder mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen, alles
durch langsame und anhaltende bung; seine Schulhefte waren korrekt und in
bester Ordnung, seine Schrift klein und zierlich, besonders seine Zahlen wute
er ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen. Seine vorzglichste
Gabe aber war eine gewisse Fhigkeit, mit verstndiger Besprechung alles zu
berspinnen, Verhltnisse auszuklgeln und mit vielsagender Miene Aufschlsse
und Vermutungen aufzustellen, welche ber unser Alter hinausgingen. Dabei war er
ein zuverlssiger und kurzweiliger Gesell, gesucht und ntzlich, fing wenig
Streit an, aber focht einen solchen hchst hartnckig aus und war daher um so
respektierter, als er immer wohlbedchtig auf der Seite stand, wo das wirkliche
oder scheinbare Recht ersichtlich war.
    Er war anderthalb Jahre lter als ich, hatte sich indessen enger an mich
geschlossen als alle brigen, so da wir eine besondere Freundschaft bildeten
und jeden freien Augenblick beisammen waren. Er ergnzte mich vortrefflich und
sagte mir daher sehr zu. Meine Unternehmungen gingen immer auf das
Phantastische, Bunte und Wirksame aus, whrend er durch Genauigkeit und
Dauerhaftigkeit der mechanischen Arbeit meinen flchtigen und rohen Entwrfen
Nutzen und Ordnung verlieh. Meierlein lie mein Geheimnis ebenso vorsichtig
bestehen wie die anderen, obwohl es fr seine verstndige Aufmerksamkeit noch
weniger eines sein konnte; doch lie er nicht ebenso zwischendurch seine
Einsicht ahnen, sondern bestrebte sich vielmehr, mich von den zu leichtsinnigen
Ausgaben abzuhalten und meine Wnsche auf scheinbar ntzliche und gute Dinge zu
richten mit gesetzten Worten, was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich
verlieh. Nur fr sich selbst war er mit noch grerm Eifer bedacht als die
brigen, und sich nicht begngend mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit,
errichtete er mit groer Einsicht ein Schuldverhltnis zwischen mir und ihm,
indem er sich haushlterisch aus meinem Gelde eine kleine Kasse ansammelte, aus
welcher er mir, wenn ich augenblicklich nicht ber mein Kstchen konnte, mige
Vorschsse machte, die wir gemeinsam verbrauchten und die er in ein zierlich
angefertigtes Bchelchen eintrug, dessen Seiten mit Soll und Haben ansehnlich
berschrieben waren. berdies wute er mir eine Menge kindischer Gegenstnde zu
verkaufen, deren Betrag er durchaus nicht in bar annehmen wollte, sondern in
sein Buch setzte. Seine Gewandtheit in den verschiedensten bungen verwertete er
ebenfalls, er war mein dienstbarer Dmon, der alles konnte und alles in Angriff
nahm, was wir wnschten, aber jede Dienstleistung durch kleine Mnzsorten in
meinem Schuldregister bezeichnete. Auf Spaziergngen reizte er mich stets, seine
Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen. Soll ich mit diesem Steinchen jenes
drre Blatt treffen? sagte er, und ich erwiderte: Das kannst du nicht! -
Willst du mir einen Kreuzer schuldig sein, wenn ich es tue? - Ja, und er
traf es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal
zwlfmal hintereinander, ohne sie je zu verfehlen. Dann schrieb er den Betrag
genau in sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen, was mir solches
Vergngen gewhrte, da ich laut auflachte. Er aber sagte ernsthaft, da sei gar
nichts zu lachen, ich sollte bedenken, da ich alles einmal berichtigen mte
und da sein Bchlein eine ordentliche Bedeutung und Gltigkeit htte vor jedem
Geschftsmann! Dann veranlate er mich wieder zu zahlreichen Wetten, ob z.B. ein
Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen, ob ein vom Winde bewegter Baum
sich das nchste Mal so oder so tief niederbeugen, ob am Gestade des Sees mit
dem fnften oder sechsten Wellenschlage eine groe Welle ankommen wrde. Wenn
bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen lie, so setzte er in seinem
Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes Zhlchen, welches
sich in seiner Einsamkeit hchst wunderlich ausnahm und mir neuen Stoff zum
Lachen, ihm hingegen zu ernsthaften Redensarten gab. Er suchte mich eifrigst zu
berzeugen, da Schulden eine wichtige Ehrensache seien, und eines Tages, als
der Sommer sich seinem Ende nahte, berraschte mich Meierlein mit der Nachricht,
da er nun abgerechnet habe, und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren
Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei, da es nun
tunlich wre, wenn ich darauf dchte, ihm den Betrag einzuhndigen, indem er
wnsche, aus seinen Ersparnissen sich ein schnes Buch zu kaufen. Doch erwhnte
er hierber die nchsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen eine neue
Rechnung an, welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein seltsames
Betragen uerte. Er wurde nicht unfreundlich, aber die alte Frhlichkeit und
Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden. Eine groe Traurigkeit
beschlich mich, welche Meierlein durchaus nicht zu stren schien; vielmehr nahm
er selber einen elegischen Ton an, ungefhr wie er Abraham berkommen haben
mochte, als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich letzten Gang tat. Nach
einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung, diesmal mit Entschiedenheit, doch
nicht unfreundlich, sondern mit einer gewissen Wehmut und vterlichem Ernste.
Nun erschrak ich und fhlte eine heftige Beklemmung, indessen ich versprach, die
Sache abzumachen. Jedoch konnte ich mich nicht ermannen, die Summe zu entnehmen,
und verlor selbst den Mut, meine gewhnlichen Eingriffe fortzusetzen. Das Gefhl
meiner Lage hatte sich jetzt ganz ausgebildet, ich schlich trbselig umher und
wagte nicht zu denken, was nun kommen sollte. Ich fhlte eine bengstigende
Abhngigkeit gegen meinen Freund, seine Gegenwart war mir drckend, seine
Abwesenheit aber peinlich, da es mich immer zu ihm hintrieb, um nicht allein zu
sein und vielleicht eine Gelegenheit zu finden, ihm alles zu gestehen und bei
seiner Vernunft und Einsicht Rat und Trost zu finden. Aber er htete sich wohl,
mir diese Gelegenheit zu bieten, wurde immer gemessener im Umgange und zog sich
zuletzt ganz zurck, mich nur aufsuchend, um seine Forderung nun mit kurzen,
fast feindlichen Worten zu wiederholen. Er mochte ahnen, da eine Krisis fr
mich nahe bevorstehe; daher war er besorgt, noch vor dem Ausbruche derselben
sein so lang und sorglich gepflegtes Schfchen ins trockene zu bringen. Und so
war es auch. Um diese Zeit war meine Mutter durch die versptete Mitteilung
eines Bekannten aufmerksam gemacht worden, sie erfuhr endlich mein bisheriges
Treiben auer dem Hause, woran hauptschlich die brigen Kumpane schuld sein
mochten, die sich schon frher von mir gewendet hatten, als meine
Niedergeschlagenheit begonnen.
    Eines Tages, als ich am Fenster stand und fr meine Blicke auf den besonnten
Dchern, im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube
hinter mir zu vergessen suchte, rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim
Namen; ich wandte mich um, da stand sie neben dem Tische und auf demselben das
geffnete Kstchen, auf dessen Boden zwei oder drei Silberstcke lagen.
    Sie richtete einen strengen und bekmmerten Blick auf mich und sagte dann:
Schau einmal in dies Kstchen! Ich tat es mit einem halben Blicke, der mich
seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der
geplnderten Lade sehen lie. Er ghnte mir vorwurfsvoll entgegen. Es ist also
wahr, fuhr die Mutter fort, was ich habe hren mssen und was sich nun
besttigt, da sich mein guter und sorgloser Glaube, ein braves und gutartiges
Kind zu besitzen, so grausam getuscht sieht? Ich stand sprachlos da und sah in
eine Ecke, das Gefhl des Unglckes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern
so stark und gewaltig, als es nur immer im langen und vielfltigen Menschenleben
vorkommen kann; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke
der Vershnung und Befreiung. Der offene Blick meiner Mutter auf meine
unverhllte Lage fing an, den Alp zu bannen, der mich bisher gedrckt hatte, ihr
strenges Auge war mir wohlttig und lste meine Qual, und ich fhlte in diesem
Augenblicke eine unsgliche Liebe zu ihr, welche meine Zerknirschung
durchstrahlte und fast in einen glckseligen Sieg verwandelte, whrend meine
Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte. Denn die Art meines
Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite, sozusagen ihren Lebensnerv getroffen
einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religisen Rechtlichkeit,
andernteils ihre ebenso religise Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage. Sie
hatte keine Freude beim Anblick des Geldes, nie bersah sie unntigerweise ihre
Barschaft, aber jedes Guldenstck war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des
Schicksals, wenn sie es in die Hand nahm, um es gegen Lebensbedrfnisse
auszutauschen. Desnahen war sie nun weit schwerer mit Sorge erfllt, als wenn
ich irgend etwas anderes begangen htte. Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu
berzeugen, hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann
wiederholt: Ist es denn wirklich wahr? Gestehe! Worauf ich ein kurzes Ja
hervorbrachte und mich meinen Trnen berlie, ohne indessen viel Gerusch zu
machen; denn ich war nun vllig befreit und fast vergngt. Sie ging tiefbewegt
auf und nieder und sprach So wei ich nun nicht, was werden soll, wenn du dich
nicht fest und fr immer bessern willst! Damit legte sie das Kstchen wieder in
ihren Schreibtisch und lie den Schlssel desselben an dem gewohnten Ort.
Sieh, sagte sie, ich wei nicht, ob du, wenn du deine paar Geldstcke noch
verbraucht httest, alsdann auch nach meinem Gelde, welches ich so sparen mu,
gegriffen haben wrdest; es wre nicht unmglich gewesen; aber mir ist es
unmglich, dasselbe vor dir zu verschlieen. Ich lasse daher den Schlssel
stecken, wie bisher, und mu es darauf ankommen lassen, ob du freiwillig dich
zum Bessern wendest; denn sonst wrde doch alles nichts helfen, und es wre
gleichgltig, ob wir beide ein bichen frher oder spter unglcklich wrden!
    Es waren gerade etwa acht Tage Ferien, ich blieb von selbst im Hause und
suchte alle Winkel auf, in denen ich den Frieden und die Ruhe der frheren Tage
wiederfand. Ich war grndlich still und traurig, zumal die Mutter ihren Ernst
beibehielt, ab- und zuging, ohne vertraulich mit mir zu sprechen. Am traurigsten
war das Essen, wenn wir an unserm kleinen Etischchen saen und ich nichts zu
sagen wagte oder wnschte, weil ich das Bedrfnis dieser Trauer selbst fhlte
und mir sogar darin gefiel, whrend meine Mutter in tiefen Gedanken sa und
manchmal einen Seufzer unterdrckte.
    So verharrte ich im Hause und gelstete nicht im mindesten ins Freie und zu
meinen Genossen zurck. Hchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster, was
auf der Strae vorfiel, und zog mich sogleich wieder zurck, als ob die
unheimliche Vergangenheit zu mir heranstiege. Unter den Trmmern und
Erinnerungen meines verflogenen Wohlstandes befand sich ein groer Farbenkasten,
welcher gute Farbentafeln enthielt, statt der harten Steinchen, die man sonst
den Knaben fr Farben gibt, die aber auch den heiesten Bemhungen nicht eine
wohlwollende Tinte preisgeben. Ich hatte schon durch, Meierlein erfahren, da
man nicht unmittelbar mit dem Pinsel diese Tfelchen aushhlen, sondern
dieselben in Schalen mit Wasser anreiben msse. Sie gaben reichliche, gesttigte
Tinten, ich fing an, mit selben Versuche anzustellen, und lernte sie mischen.
Besonders entdeckte ich, da Gelb und Blau das verschiedenste Grn herstellten,
was mich sehr freute, daneben fand ich die violetten und braunen Tne. Ich hatte
schon lngst mit Verwunderung eine alte in l gemalte Landschaft betrachtet,
welche an unserer Wand hing; es war ein Abend, der Himmel, besonders der
unbegreifliche bergang des Roten ins Blaue, die Gleichmigkeit und Sanftheit
desselben reizte mich ungemein, ebensosehr der Baumschlag, welcher mich
unvergleichlich dnkte. Obgleich das Bild unter dem Mittelmigen steht, schien
es mir ein bewundernswertes Werk zu sein, denn ich sah die mir bekannte Natur um
ihrer selbst willen mit einer gewissen Technik nachgeahmt. Stundenlang stand ich
auf einem Stuhle davor und versenkte den Blick in die anhaltlose Flche des
Himmels und in das unendliche Blattgewirre der Bume, und es zeugte eben nicht
von grter Bescheidenheit, da ich pltzlich unternahm, das Bild mit meinen
Wasserfarben zu kopieren. Ich stellte es auf den Tisch, spannte einen Bogen
Papier auf ein Brett und umgab mich mit alten Untertassen und Tellern; denn
Scherben waren bei uns nicht zu finden. So rang ich mehrere Tage lang auf das
mhseligste mit meiner Aufgabe; aber ich fhlte mich glcklich, eine so wichtige
und andauernde Arbeit vor mir zu haben, vom frhen Morgen bis zur Dmmerung sa!
ich daran und nahm mir kaum Zeit zum Essen. Der Frieden, welcher in dem
gutgemeinten Bilde atmete, stieg auch in meine Seele und mochte von meinem
Gesichte auf die Mutter hinberscheinen, welche am Fenster sa und nhte. Noch
weniger, als ich den Abstand des Originales von der Natur fhlte, strte mich
die unendliche Kluft zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde. Es war ein
formloses, wolliges Geflecksel, in welchem der gnzliche Mangel jeder Zeichnung
sich innig mit dem unbeherrschten Materiale vermhlte; wenn man jedoch das Ganze
aus einer tchtigen Entfernung mit dem lbilde vergleicht, so kann man noch
heute darin einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden. Kurz, ich
wurde zufrieden ber meinem Tun, verga mich und fing manchmal an zu singen, wie
frher, erschrak jedoch darber und verstummte wieder. Doch verga ich mich
immer mehr und summte anhaltender vor mich hin, wie Schneeglckchen im Frhjahr
tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor, und als die
Landschaft fertig war, fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen
der Mutter hergestellt. Als ich eben den Bogen vom Brette lste, klopfte es an
die Tr, und Meierlein trat feierlich herein, legte seine Mtze auf einen Stuhl,
zog sein Bchlein hervor, rusperte sich und hielt einen frmlichen Vortrag an
meine Mutter, indem er in hflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die
Frau Lee wollte gebeten haben, meine Verbindlichkeiten zu erfllen; denn es
wrde ihm leid tun, wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte! Damit
berreichte der kleine Knirps sein unvermeidliches Buch und bat, gefllige
Einsicht zu nehmen. Meine Mutter sah ihn mit groen Augen an, dann auf mich,
dann in das Bchelchen und sagte: Was ist das nun wieder? Sie durchging die
reinlichen Rechnungen und sagte: Also auch noch Schulden? Immer besser, ihr
habt das Ding wenigstens groartig betrieben! whrend Meierlein immer rief: Es
ist alles in bester Ordnung, Frau Lee! Diesen letzten Posten nach der
Hauptrechnung bin ich jedoch erbtig nachzulassen, wenn Sie mir jene berichtigen
wollten. Sie lachte rgerlich und rief: Ei, ei! So, so? Wir wollen die Sache
einmal mit deinen Eltern besprechen, Herr Schuldenvogt! Wie sind denn diese
artigen Schulden eigentlich entstanden? Da reckte sich der Bursche empor und
sagte: Ich mu mir ausbitten, ganz in der Ordnung! Die Mutter aber fragte mich
streng, da ich ganz verblfft und in neuer Beklemmung dagestanden: Bist du dem
Jungen dieses schuldig und auf welche Weise? Sprich! Ich stotterte verlegen ja
und einige Tatsachen ber die Natur der Schulden. Da hatte sie schon genug und
jagte den Meierlein mit seinem Buche aus der Stube, da er sich mit frechen
Gebrden davonmachte, nachdem er noch einen drohenden Blick auf mich geworfen.
Nachher befragte sie mich weitlufig ber den ganzen Hergang und geriet in
groen Zorn; denn es war vorzglich das ehrbare Ansehen dieses Knaben gewesen,
welches sie ber meine Vergehungen keine Ahnung empfinden lie. Sodann nahm sie
Gelegenheit, grndlicher auf alles Geschehene einzugehen und mir eindringliche
Vorstellungen zu machen, aber nicht mehr im Tone der strengen und strafenden
Richterin, sondern der mtterlichen Freundin, die bereits verziehen hat. Und nun
war alles gut.
    Allein doch nicht alles. Denn als ich nun wieder in die Schule trat,
bemerkte ich, da mehrere Schler, um Meierlein versammelt, die Kpfe
zusammensteckten und mich hhnisch ansahen. Ich ahnte nichts Gutes, und als die
erste Stunde zu Ende war, welche der Rektor der Schule selbst gegeben, trat mein
Glubiger respektvoll vor ihn hin, sein Bchlein in der Hand, und erhob in
gelufiger Rede seine Anklage wider mich. Alles war gespannt und horchte auf,
ich sa wie auf Kohlen. Der Rektor stutzte, durchsah das Heft und begann das
Verhr, welches Meierlein zu beherrschen suchte. Aber der Vorsteher gebot ihm
Stille und forderte mich zum Sprechen auf. Ich gab einige kmmerliche Nachricht
und htte gern alles verschwiegen; doch der Mann rief pltzlich: Genug, ihr
seid beide Taugenichtse und werdet bestraft! Damit trat er zu den aufliegenden
Tabellen und bedachte jeden von uns mit einer scharfen Note. Meierlein sagte
betreten: Aber, Herr Professor - - Still, rief dieser und nahm das
verhngnisvolle Buch, welches er in tausend Stcke zerri, wenn noch ein Wort
darber verlautet oder sich dergleichen wiederholt, so werdet ihr eingesperrt
und als ein Paar recht bedenkliche Gesellen abgestraft! Pack dich!
    Whrend der brigen Unterrichtsstunden schrieb ich ein Briefchen meinem
Widersacher, worin ich ihm versicherte, da ich ihm nach und nach meine Schuld
abtragen und ihm jeden Kreuzer zustellen wolle, den ich von nun an ersparen
knnte. Ich rollte das Papier zusammen, lie es unter den Tischen zu ihm hin
befrdern und erhielt die Antwort zurck Sogleich alles oder nichts! Nach
Beendigung der Schule, als der Lehrer fort war, stellte sich der Dmon an der
Tr auf, umgeben von einer schaulustigen Menge, und wie ich hinausgehen wollte,
vertrat er mir den Weg und rief: Seht den Schelm! Er hat den ganzen Sommer
hindurch Geld gestohlen und mich um fnf Gulden dreiig Kreuzer betrogen! Wit
es alle und seht ihn an! - Ein artiger Schelm, der grne Heinrich! ertnte es
nun von mehreren Seiten, ich rief ganz glhend: Du bist selbst ein Schelm und
Lgner! Allein ich wurde berschrieen, fnf oder sechs boshafte Burschen,
welche stets einen Gegenstand der Mihandlung suchten, scharten sich um
Meierlein, folgten mir nach und lieen Schimpfworte ertnen, bis ich in meinem
Hause war. Von jetzt an wiederholten sich solche Vorgnge beinahe tglich;
Meierlein warb sich eine frmliche Verbindung zusammen, und wo ich ging, hrte
ich irgendeinen Ruf hinter mir. Ich hatte mein renommistisches Benehmen schon
verloren und war wieder ungeschickt und blde geworden; das reizte den Mutwillen
und die Spottsucht meiner Verfolger, bis sie endlich mde wurden. Es waren alles
solche Kumpane, welche selbst schon irgendeinen Streich verbt oder nur auf
Gelegenheit warteten, Werg an die Kunkel zu bekommen. Es war auffallend, da
Meierlein trotz seines altklugen und fleiigen Wesens sich nicht zu hnlich
beschaffenen Naturen hielt, sondern immer in Gesellschaft der Leichtsinnigen,
der Mutwilligen und Trichten zu sehen war, wie mit mir und den brigen. Dagegen
nahmen nun die Ruhigen und Unbescholtenen unseres Alters teil gegen das
verfolgungsschtige Wesen jener, beschtzten mich zu wiederholten Malen vor
ihren Anfllen und lieen mich berhaupt weder Verachtung noch Unfreundlichkeit
fhlen, so da ich mehr als einem herzlich zugetan wurde, den ich vorher kaum
beachtet hatte. Zuletzt blieb Meierlein ziemlich allein mit seinem Grolle, der
aber dadurch nur heftiger und wilder wurde, so wie auch in mir jedes Vorgefhl
einer Vershnung erstarb. Wenn wir uns begegneten, so suchte ich wegzublicken
und ging stumm vorber; er aber rief mir laut ein giftiges und tdliches Wort
zu, wenn wir allein in der Gegend oder nur fremde Menschen zugegen; waren wir
aber nicht allein, so murmelte er dasselbe leise vor sich hin, da nur ich es
hren konnte. Ich hate ihn nun wohl so bitter, als er mich hassen konnte; aber
ich wich ihm aus und frchtete den Augenblick, wo es einmal zur Abrechnung kme.
So ging es ein volles Jahr lang, und der Herbst war wieder gekommen, wo eine
groe militrische Schlubung stattfinden sollte. Wir freuten uns immer auf
diesen Tag, weil wir da nach Herzenslust schieen durften. Aber fr mich waren
alle gemeinsamen Freuden trb und kalt geworden, da mein Feind zugleich teilnahm
und fter in meine Nhe geriet. Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hlften
geteilt, von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel eine Anhhe
besetzen, die andere aber den Flu berschreiten, den Hgel umgehen und
einnehmen sollte. Ich gehrte zu dieser, mein Feind zu jener Abteilung. Wir
hatten schon die ganze Woche vorher mit kstlicher Freude einen leichten,
spielzeugartigen Brckenkopf gebaut und kleine Palisaden zugespitzt und
eingerammelt, whrend einige Zimmerleute eine Brcke ber das seichte Wasser
geschlagen. Nun erzwangen wir mit unserm Geschtze hherer Verabredung gem den
bergang und trieben rstig den Feind berghinan. Die Hauptmasse zog auf einem
schneckenfrmigen Fahrweg aufwrts, indessen eine weitgedehnte Plnklerkette das
Gebsch suberte und ber Stock und Stein vorwrtsdrang. Bei dieser war das
grte Vergngen und auch die strkste Aufregung; die einzelnen Leute rckten
sich auf den Leib, die zum Rckzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen,
man brannte sich die Schsse fast ins Gesicht, einige wurden ertappt, wie sie
Steinchen in den Lauf steckten, und mehr als ein Ladstock schwirrte, im Eifer
vergessen, durch die Bume, und nur das Glck der Jugend verhtete ernstliche
Unflle; auch war der alte Feldwebel, welcher die Plnkler beaufsichtigte,
gentigt, mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich zu fluchen, um
die Disziplin einigermaen zu wahren. Ich befand mich auf einem uersten Flgel
dieser Kette, teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht, sondern ging
gedankenlos vorwrts, ruhig und melancholisch meine Schsse abgebend und mein
Gewehr wieder ladend. Bald hatte ich mich von den brigen verloren und befand
mich mitten am Abhange einer wilden, mir unbekannten Schlucht, in deren Tiefe
ein Bchlein rieselte und die mit altem Tannenwalde erfllt war. Der Himmel
hatte sich bedeckt, es ruhte eine dstere und doch weiche Stimmung auf der
Landschaft, das Schieen und Trommeln aus der Ferne hob noch die tiefe Stille
der unmittelbaren Nhe, ich stand still und lehnte mich ausruhend auf das
Gewehr, indem ich einer halb weinerlichen, halb trotzigen Laune anheimfiel,
welche mich fter beschlichen hat gegenber der groen Natur und welche der
Bedrngten Frage nach Glck ist. Da hrte ich Schritte in der Nhe, und auf dem
schmalen Felspfade, in der tiefen Einsamkeit, kam mein Feind daher, das Herz
klopfte mir heftig, er sah mich stechend an und sandte mir gleich darauf einen
Schu entgegen, so nah, da mir einige Pulverkrner ins Gesicht fuhren. Ich
stand unbeweglich und starrte ihn an; hastig lud er sein Gewehr wieder, ich sah
ihm immer zu, dies verwirrte ihn und machte ihn wtend, und in unsglicher
Verblendung der Gescheitheit, der vermeintlichen Dummheit und Gutmtigkeit
mitten ins Gesicht zu schieen, wollte er in dichter Nhe eben wieder anlegen,
als ich, meine Waffe wegwerfend, auf ihn losfuhr und ihm die seinige entwand.
Sogleich waren wir ineinander verschlungen, und nun rangen wir eine volle halbe
Stunde miteinander, stumm und erbittert, mit abwechselndem Glcke. Er war behend
wie eine Katze, wandte hundert Mittel an, um mich zu Falle zu bringen, stellte
mir das Bein, drckte mich mit dem Dom hinter den Ohren, schlug mir an die
Schlfe und bi mich in die Hand, und ich wre zehnmal unterlegen, wenn mich
nicht eine stille Wut beseelt htte, da ich aushielt. Mit tdlicher Ruhe
klammerte ich mich an ihn, schlug ihm gelegentlich die Faust ins Gesicht, Trnen
in den Augen, und empfand dabei ein wildes Weh, welches ich sicher bin, niemals
tiefer zu empfinden, ich mag noch so alt werden und das Schlimmste erleben.
Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln, welche den Boden bedeckten, er
fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermaen wider eine Fichtenwurzel,
da er fr einen Augenblick gelhmt wurde und seine Hnde sich ffneten.
Sogleich sprang ich unwillkrlich auf, er tat das gleiche; ohne uns anzusehen,
ergriff jeder sein Gewehr und verlie den unheimlichen Ort. Ich fhlte mich an
allen Gliedern erschpft, erniedrigt und meinen Leib entweiht durch dieses
feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde. Die knstliche Verlngerung des
menschlichen Armes durch eiserne Waffen ist gewi die Hauptursache der
unaustilgbaren Streitsucht; denn wenn die Mnner sich von Hand zu Hand angreifen
mten, so wrden sie ohne Zweifel die wilde Bestialitt, nicht maskiert durch
den kalten Stahl, eher innewerden und das ftere Zusammentreffen scheuen.
    Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen; er mochte aus meiner
verzweifelten Entschlossenheit herausgefhlt haben, da er im ganzen doch an den
Unrechten gerate, und vermied jetzt jede Reibung. Aber der Streit war
unentschieden geblieben, und unsere Feindschaft dauerte fort, ja sie nahm zu an
innerer Kraft, whrend wir uns in den Jahren, die vergingen, nur selten sahen.
Jedes Mal aber reichte hin, den begrabenen Ha aufs neue zu wecken. Wenn ich ihn
sah, so war mir seine Erscheinung, abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung,
an sich selbst unertrglich, vertilgungswrdig; ich empfand keine Spur von der
milden Wehmut, welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit
dem Unwillen vermischt; ich fhlte den reinen Ha und da, wie sonst
Jugendfreunde fr das ganze Leben, auch bei getrennten Verhltnissen, eine
Zuneigung bewahren, dieser im gleichen Sinne der Dauer mein Jugendfeind sein
wrde. Ganz die gleichen Empfindungen mochte er bei meinem Anblicke erfahren,
wozu noch der Umstand kam, da die engere Veranlassung unserer Feindschaft, die
Geschichte des Schuldbuches, fr ihn an sich selbst unvergelich sein mute. Er
war unterdessen in ein Comptoir getreten, hatte seine eigentmlichen Fhigkeiten
fort und fort ausgebildet, bewies sich als sehr brauchbar, klug und
vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines Vorgesetzten, eines schlauen
und gewandten Geschftsmannes; kurz, er fhlte sich glcklich und sah voll
Hoffnung auf sein zuknftiges Selbstwirken. So kann ich mir gar wohl denken, da
die arge Enttuschung, welche sein erster jugendlicher Versuch, ein Geschft zu
machen, erfuhr, fr ihn ebenso nachhaltig schmerzlich sein mute als einer
kindlichen Dichter- oder Knstlernatur der erste verneinende Hohn, welcher ihren
naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird.
    Wir waren schon konfirmiert, er etwa achtzehn, ich siebzehn Jahre alt, wir
begannen uns selbstndiger zu bewegen und lernten nun Verhltnisse und Menschen
kennen. Wenn wir an ffentlichen Orten zusammentrafen, so vermieden wir, uns
anzusehen, aber jeder weihte seine Freunde in seinen Ha ein, welcher manchmal
um so gefhrlicher zu wirken und auszubrechen drohte, als nun ein jeder mit
solchen jungen Leuten umging, die seiner Beschftigung und seinem Wesen
entsprachen und also einen empfnglichen Boden fr eine weiterzndende
Feindschaft bildeten. Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das
denn nun das ganze Leben hindurch in der kleinen beschrnkten Stadt gehen
sollte? Allein, diese Sorge war unntz, indem ein trauriger Fall ein frhes Ende
herbeifhrte. Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebude
gekauft, welches frher eine stdtische Ritterwohnung gewesen und mit einem
starken Turme versehen war. Dies Gebude wurde nun wohnlich eingerichtet und in
allen Winkeln mit Vernderungen heimgesucht. Fr den Sohn war dies eine goldene
Zeit, da nicht nur das Unternehmen berhaupt eine Spekulation war, sondern es
auch eine Menge Geschicklichkeiten und Selbsthilfe an den Tag zu legen gab. Jede
Minute, die er frei hatte, steckte er unter den Bauleuten, ging ihnen an die
Hand und bernahm viele Arbeiten ganz, um sie zu ersetzen und zu sparen. Mein
Weg zur Arbeit fhrte mich jeden Tag an diesem Hause vorber, und immer sah ich
ihn zwischen zwlf und ein Uhr, wenn alle Arbeiter ruhten, und am Abend wieder,
mit einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gersten
stehen. Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in
seiner Emsigkeit, an den ungeheuerlichen Mauern hngend, hchst seltsam aus; ich
mute unwillkrlich lachen und htte fast einem freundlichern Gefhle Raum
gegeben, da er in diesem Wesen doch liebenswrdig und tchtig erschien, wenn er
nicht einst die Gelegenheit wahrgenommen htte, einen ansehnlichen Pinsel voll
Kalkwasser auf mich herunterzuspritzen.
    Eines Tages, als ich des Hauses bereits ansichtig war, fhrte mich mein
milder Stern durch eine Seitenstrae einen andern Weg; als ich einige Minuten
spter wieder in die Hauptstrae einbog, sah ich viele erschreckte Leute aus der
Gegend jenes Hauses herkommen, welche eifrig sprachen und lamentierten. Um die
Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen, hatten die
Bauleute erklrt, ein erhebliches Gerste anbringen zu mssen. Der Unglckliche,
der sich alles zutraute, wollte die Kosten sparen und whrend der Mittagsstunde
die Fahne in aller Stille abnehmen, hatte sich auf das steile hohe Dach
hinausbegeben, strzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot
auf dem Pflaster.
    Es durchfuhr mich, als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges
weiterging, wohl ein Grauen, verursacht durch, den Fall, wie er war; aber ich
mag mich durchwhlen, wie ich will, ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen
oder Reue entsinnen, die mich durchzuckt htte. Meine Gedanken waren und blieben
ernst und dunkel, aber das innerste Herz, das sich nicht gebieten lt, lachte
auf und war froh. Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut, so
glaube ich zuversichtlich, da mich Mitleid und Reue ergriffen htten; doch das
unsichtbare Wort, mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr, gab mir nur
Vershnung, aber die Vershnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes, der
Rache und nicht der Liebe. Ich konstruierte zwar, als ich mich besonnen, rasch
ein knstliches und verworrenes Gebet, worin ich Gott um Verzeihung, um Mitleid,
um Vergessenheit bat; mein Inneres lchelte dazu, und noch heute, nachdem wieder
Jahre vorbergegangen, frchte ich, da meine nachtrgliche Teilnahme an jenem
Unglcke mehr eine Blute des Verstandes als des Herzens sei, so tief hatte der
Ha gewurzelt!

                                Neuntes Kapitel


Um wieder zu jener Schulzeit zurckzukehren, so kann ich nicht bekennen, da
dieselbe hell und glcklich gewesen sei. Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich
nun erweitert, die Ansprche waren ernster geworden, ich hatte ein dunkles
Gefhl, da es sich um Wichtiges und Schnes handle, und auch einen gewissen
Drang, diesem Gefhle zu gengen. Aber die bergnge von einer Stufe zur anderen
waren mir nie klar und gingen mir immer verloren. Das einzige Element, in dem
ich sicher lebte wie in der Lebensluft, war die Sprache. Meine Schulabteilung
war fr solche bestimmt, welche sich spter dem Gewerb- oder Handelsstande
widmen wollten; daher wurde in den niederen Klassen, durch welche ich gelangte,
auer dem Deutschen nur Franzsisch und Italienisch gelehrt. Letztere beiden
bestritt ich ohne Mhe, indem ich, ber die grammatikalischen und
Vokabelnaufgaben flchtiger hinwegeilend, durch die Gelufigkeit in der
Muttersprache untersttzt, leicht erriet und daher gut ins Deutsche bersetzte.
Sollte ich dagegen von diesem in die fremden Sprachen bersetzen, so kam mir
eine groe Geschicklichkeit im augenblicklichen Nachschlagen zustatten, da ich
einmal sogleich fhlte, was tauglich und wo es zu suchen sei. Dies tuschte die
Lehrer, da sie mich berall fr gut beschlagen hielten, mich zu denen zhlten,
welchen man weniger aufmerken msse, und zufrieden waren, wenn ich die
bersetzungen und Stilbungen pnktlich und ertrglich einlieferte. Mein
deutsches Lernen hingegen konnte gar keine Arbeit, sondern nur ein Vergngen
genannt werden. Schon vor Jahren in der ersten Schule hatte ich Orthographie und
Interpunktion mir vollkommen angeeignet und wie man sprechen lernt. Nachher
hielt meine kleine Schreibkunst mit meiner Erfahrung Schritt, und was ich sagen
wollte, konnte ich richtig niederschreiben und wunderte mich, wie gerade dies so
viele Schler in Verzweiflung setzte. Stilknste und Wendungen merkte ich aus
den gelesenen Bchern; was mir, nach meinem jeweiligen Geschmacke, auffiel, das
wandte ich aus Nachahmungstrieb an, bis ich besser unterscheiden lernte. Daher
fielen meine Aufstze umfangreich und berschwenglich aus, ich schriftstellerte
frmlich darin mit groer Liebhaberei und erschpfte jedesmal den Stoff nach
allen Seiten, soweit der Verstand reichte. Whrend meines Besuches der Schule
waren sich zwei verschiedene deutsche Lehrer gefolgt. Der erste war ein
patriotischer Mann, welcher uns mit Begeisterung die Schweizergeschichte
vorerzhlte und stckweise als Stoff zu schriftlichen Arbeiten aufgab. Dieser
Stoff war mir zu knapp, da er jedesmal nur fr zwei oder drei Seiten berechnet
war und ich hier fglich nicht viel hinzutun konnte. Ich half mir mit allerlei
Schilderungen der Lokalitten und Personen, welche etwas seltsam und unntz
ausfielen und den Lehrer aufmerksam machten. Als wir zur Geschichte des Tell
kamen, hatte ich das Schillersche Drama schon gelesen und glaubte mich im
Besitze besonderer Quellen. Mein Aufsatz war eine prosaische Wiedererzhlung des
Gedichtes und besonders die Liebesgeschichte weitlufig ausgemalt. Als der
Lehrer mit den durchgesehenen Heften in die Stunde und die Reihe des Beurteilens
an mich kam, fragte er mich freundlich, wo ich diese und jene Umstnde
hergenommen htte. Ich frchtete unrecht getan zu haben und schwieg auf sein
wiederholtes Andringen hartnckig still. Beim Nachhausegehen forderte er mich
auf, nchstens zu ihm in sein Haus zu kommen. Ich war ihm sehr zugetan und ahnte
wohl, da mir Gutes geschehen sollte; aber ich war zu schchtern und ging nicht
hin. Der Mann starb, und ein anderer folgte auf ihn, welcher die Aufgaben aus
dem Leben griff und uns anwies, die verschiedenen Vorkommnisse desselben zu
beschreiben. So muten wir einmal unsere Ferienreise aufzeichnen; ich hatte
keine gemacht, sondern die ganze Zeit ber bei der Mutter hinter dem Ofen
gesessen, erfand aber ein ganzes Heft voll mutwilliger Abenteuer, welche in dem
witzelnden Jargon irgendeines satirischen Buches, das ich gelesen, gehalten
waren. Ein andermal sollten wir einen vom Gewitter berfallenen Jahrmarkt
schildern; auch dieser Aufsatz spann sich mir sehr lang aus, steckte aber so
voller Possen, da ich ihn sowenig eingab wie jene Ferienreise. Der Lehrer
fragte aber gar nicht darnach, weil er wute, da ich alles konnte, was er von
dieser Klasse verlangte, und da ich mich sonst still hielt, lie er mich
gnzlich in Ruhe und tat, als ob ich nicht da wre, so da ich whrend seiner
Stunden immer las. Gelegentlich wurde ich etwa aufgerufen, um irgendeinen
lateinischen Ausdruck der Grammatik zu sagen; diese hatte ich aber lngst
vergessen und kenne sie auch jetzt nicht, weil ich ohne sie oder vielmehr neben
ihr vorbei schreiben gelernt hatte. Doch der Lehrer hielt mein Schweigen fr
Vorstzlichkeit und war froh, mich gelinde bestrafen zu knnen, um mich nicht zu
stolz werden zu lassen.
    Er war ein Schngeist und diktierte uns dann und wann als Leckerbissen eine
Stelle aus einem deutschen Klassiker, welche fr uns zugnglich war. Solche
Bruchstcke lieen mich das Untaugliche alles brigen Treibens lebhaft fhlen;
ich schrieb sie sorglich ins reine, las sie wieder und arbeitete sogleich in dem
betreffendern Stile. In der Schule sah ich voll Sehnsucht auf die
schngebundenen Bcher, die der khle Mann mitbrachte, und nahm mir fest vor,
diesmal zu ihm zu gehen, wenn er mich etwa einladen wrde wie der Verstorbene.
Er starb indessen auch, ohne es je getan zu haben; entweder liebte er
dergleichen nicht oder war berzeugt, da ich fr einmal genug Deutsch
verstnde.
    Nicht so gut erging es mir mit dem brigen Lernen. In allen Schulen, wo kein
Latein getrieben wird, betrachtet man den Unterricht als einen Dampf, der
mglichst rasch durch das Gehirn der Jugend gejagt werden msse, um wieder zu
verfliegen. Dies einmal und nie wieder Hren der Gegenstnde, dies regelmige
und vollkommene Vergessen dessen, was die einzelnen Naturen in den Jahren des
Unverstandes nicht ansprach und was sie spter doch so gerne wissen mchten, hat
etwas Grauenhaftes in sich; es ist, als ob dies Unkraut nur da wre, um auch das
zu beeintrchtigen und zu schmlern, was man wirklich versteht und gerne lernt.
Es sind vielleicht nicht die schlechteren Gewchse der Schule, welche fr das,
dessen Zweck sie einstweilen nicht einsehen, bswilligst keinen Sinn zeigen und
beharrlich darin nichts tun, und es fragt sich, ob manche Lehre nicht erst dann
begonnen werden sollte, auch in ihren Anfngen, wenn man imstande ist, den
groen und erhabenen Endzweck klar und eindringlich zu machen. Die meisten
Schulmnner haben ihr Leben lang nichts getrieben als das Fach, in welchem sie
vierzehnjhrige Knaben unterweisen sollen. Von frhster Jugend an haben sie
besondere Neigung dafr gezeigt, dann studierten sie, hrten das gleiche Thema
drei-, viermal bei verschiedenen Lehrern, reisten und hrten es wieder, lasen
nichts anderes! als was davon handelte, und nun treten sie vor die Jugend und
verlangen von ihr, da sie aus einigen trockenen, grmlichen Einleitungsworten
die ganze Einsicht und Begeisterung fr eine lange Reihe von Unterrichtsstunden
schpfe und ebenso berzeugt sei von der Klarheit und Notwendigkeit jedes
Punktes als sie selbst von ihrer Weisheit. Die Kinder des Latein und des
Griechisch, der Student, werden freilich gehtschelt und gepflegt, damit die
Kaste nicht ausgehe; aber alle Lehrer, welche in den geheiligten Mauern nicht
unterkommen knnen, betrachten sich auf den Profanschulen als unglckliche
Verbannte, welche Perlen vor die Sue zu werfen haben. Ich habe auch Schulmnner
gesehen, deren Lebensaufgabe darin bestand, die Volkserziehung zu verbessern.
Tag und Nacht arbeiteten sie daran, reisten herum auf Kongressen, schrieben
Bcher und fhrten Polemik; ein inneres Feuer verzehrte sie. Was Wunder, wenn
sie verdrielich und einsilbig in die Stunde kamen und ngstlich darber
wegeilten, um nur wieder an die Lsung ihres einen Rtsels gehen zu knnen?
    Man begann uns Weltgeschichte zu diktieren, und unzhlige Namen
orientalischer Urvlker schwirrten an uns vorber, whrend wir gleichzeitig die
Geographie von Europa betrieben, von dessen Bewohnern wir nichts vernahmen zu
selber Zeit, und als die Sache umgekehrt wurde, hatten die meisten die
entsprechende Kenntnis schon grndlich vergessen oder wuten sie nicht
anzuwenden; denn eben diese Einsicht kommt erst mit der reiferen Jugend, welcher
die Welt anfngt deutlich und wichtig zu werden.
    Die Lehrer der verschiedenen mathematischen bungen begannen ihren Kursus,
mit wenigen Ausnahmen, durch einige magere Worte ber den Sinn des Titels und
begannen dann unaufhaltsam die Sache selbst, vorwrtsschreitend, ohne umzusehen,
ob einer mit dem Verstndnis zurckbleibe oder nicht. Daher gab es unter vierzig
Schlern vielleicht hchstens drei, welche von dem Gegenstande am Schlusse eine
wirkliche Rechenschaft geben konnten, solche, deren Neigungen und Fhigkeiten er
entsprach. Die brigen schleppten sich entweder mit mhseliger Aufmerksamkeit
und angstvollem Fleie von Stunde zu Stunde, ohne je recht klar zu sein, oder
sie lieen gleich im Anfange die Hoffnung sinken und sich regelmig bestrafen.
Was ich selbst tat, wei ich kaum mehr zu sagen; ich lebte fortwhrend wie in
einem qulenden Traume. Manchmal hatte ich den Faden einige Tage hindurch wieder
erwischt, dann verlor ich ihn pltzlich wieder, freilich durch eigene Schuld;
aber die Schuld der Alten war eben, da ein Moment der Unaufmerksamkeit fr
dieses Alter unwiederbringlich und zu einer Todsnde werden konnte.
    Einst wurde uns ein edler stiller Mann vorgefhrt, welcher uns die
Pflanzenkunde lehren sollte. Er begann mit langsamen, fabaren Worten ganz von
vorne, wir hatten ganz reinen Tisch, und er fuhr so fort, da nur die wirklich
stumpfen Geister zurckblieben. Nachdem er uns die uerliche Stellung der
Pflanzen in der Natur klargemacht und uns fr sie eingenommen hatte, ging er auf
ihre allgemeinen Eigenschaften und auf die Erklrung ihres Organismus ber,
wobei wir die ersten Blicke in die Bedeutung dieses Wortes erhielten, welche wir
von nun an nicht vergaen. Schon freuten wir uns der nahen Aussicht, einige
Kenntnis im Bestimmen der einzelnen Gewchse zu erhalten, und mehr als einer war
vielleicht in der Klasse, bei welchem eine einflureiche Anhnglichkeit an die
Natur und ihre Kenntnis geweckt worden wre, als der von uns trotz seiner
Einsilbigkeit hochgehaltene Lehrer erkrankte und den Unterricht aufgeben mute.
Statt da nun ein anderer Botanikbeflissener gesandt worden wre, welcher auf
Grund unserer smtlich musterhaften Hefte fortzufahren versucht htte, wurde das
Ganze unverhofft abgebrochen, und ein geistlicher Herr, welcher als Dilettant
etwas Naturwissenschaft trieb, berfiel uns mit einem Heere wilder Bestien,
indem er uns etwas aphoristische Zoologie vortrug. Whrend wir so mit jener
liebgewonnenen Botanik ein organisches Ganzes verloren, erhielten wir dafr nur
einige Tiergestalten; denn die Zoologie, welche man vierzehnjhrigen Knaben
lehrt, nhrt nicht ihren Geist, weil sie ohne vergleichend anatomische
Kenntnisse, mit einem Worte ohne wissenschaftliche Anknpfungen bloes Futter
fr die Neugierde ist.
    Solches blindes Einwirken des Zufalles in unser Fortschreiten kam mehr als
einmal vor, und es verletzt das ohnehin zarte Gewebe des zusammenhngenden
Verstndnisses rauher, als man denkt.
    Ich hatte ein sehr gutes Gehr und war ein eifriger Snger. Wir hatten fr
die erste Schulzeit eine einfache Notenlehre gekannt, welche nun eines Morgens
mit der eigentlichen verwickelteren Theorie verwechselt wurde. Die erste Stunde,
in welcher der Musikus etwas ber die Bedeutung und allgemeine Einrichtung
derselben gesagt haben mochte, war ich abwesend, und als ich wieder eintraf,
fand ich meine Mitschler im ngstlichen Lesen der verschiedenen Skalen und
Tonarten begriffen. Ich war nun ein fr allemal vor die Tr gesetzt; wenn wir
sangen, nachdem der Lehrer auf seiner Geige den Ton angegeben, krhete ich mit
heller Stimme, traf immer sicher und wurde fter gebraucht, die Hhe des Tones
zu halten. Sollte ich aber das Lied lesen, so stockte ich bald und wurde als
bswillig bezeichnet.
    berall war dieser unselige Zwiespalt zwischen klarem Zweck und scheinbarer
Zwecklosigkeit, zwischen vorausgenommener Fertigkeit in diesem Ganzen und
nachschleppendem Unverstndnis jenes Einzelnen. Und doch war die Anstalt gut und
besser als viele andere; denn das bel liegt oder lag in der ganzen
Erziehungsweise, in den verwendeten Menschen. Der Staat gibt die rechte Parole
und bringt die grten Opfer, mit denen er seiner Ehre gengt; aber ehe sie
Frchte tragen, mu die ganze alte Generation der Pdagogen aussterben und ein
neues Geschlecht entstehen, welches ein ganz anderes Fhlen, Sehen und Hren
mitbringt als das alte.
    Doch als ich mich ungefhr dem funfzehnten Jahre nherte und die Stimme sich
zu verndern begann, brach durch alle Verwirrung hindurch ein helleres Licht; in
dem Mae als man uns Heranwachsende ernster, aber auch rcksichtsvoller
behandelte, fing an die eigentliche Lernbegierde aufzutauen, und wie ich ahnte,
da alle Kenntnisse wohl ineinander mnden und sich zu einem lichten Zwecke
verflechten wrden, lernte ich die wirkliche und gewissenhafte Mhe kennen,
welche nicht nur mit dem Talente spielen, sondern auch mit Lust arbeiten kann.
Ich freute mich mit andern auf die hheren Klassen, welche wir bald antreten
sollten, und wir warfen hoffnungsvolle Blicke in die wohlbestellten und
geordneten Sammlungen, auf die mannigfaltigen Mittel, die jenen zu Gebote
standen, auf das gesetzte und selbstndigere Wesen, das dann seinen Anfang
nehmen sollte. Ich fhlte die Wichtigkeit und ntige Fruchtbarkeit der nchsten
Jahre; zu welchem Lebensberufe ich mich dann entscheiden wrde, darber konnte
ich mir noch keine Rechenschaft geben. Denn auch insofern war die Anstalt
vortrefflich geschaffen, da gegen das Ende ihrer Studien, mitten aus ihr
heraus, mit vollem berblicke man sich einen Entschlu fassen konnte, ja mute,
wer nicht durch frh ausgesprochene Neigung schon bestimmt war. Nur zwei
Richtungen drngten sich deutlicher vor meine Augen und spielten unbestimmt
ineinander. Es war der groe Zeichnungssaal mit seinen vielen Gipsabgssen,
schnen Kunstvorlagen und dem ganzen knstlerischen Treiben darin, und
anderseits die tiefere und ausfhrlichere Behandlung der Sprache, das Lesen und
Erklren von Schriftstellern verschiedener Zungen, worauf ich mich freute und
welche ich ganz zu benutzen mir vornahm. Allein zwischen der Zukunft und der
Gegenwart lag noch eine tiefe und breite Kluft.
    Es lehrte an unserer Schule ein Mann, welcher mit wahrer Herzensgte und
ehrlichem Sinne eine groe Unerfahrenheit, mit der Jugend umzugehen, und ein
schwchliches und seltsames ueres verband. Er hatte in dem Kampfe, welcher den
Umschwung der Dinge und besonders das erneute Schulwesen herbeifhrte, tapfer
mitgewirkt und war in der konservativen Stadt als ein leidenschaftlicher
Liberaler verschrieen. Wir Knaben waren allzumal gute Aristokraten, mit Ausnahme
derer, die vom Lande kamen. Auch ich, obgleich meines Ursprunges halber auch ein
Landmann, aber in der alten Stadt geboren, heulte mit den Wlfen und dnkte mich
in kindischem Unverstande glcklich, auch ein stdtischer Aristokrat zu heien.
Meine Mutter politisierte nicht, und sonst hatte ich kein nahestehendes Vorbild,
welches meine unmageblichen Meinungen htte bestimmen knnen. Ich wute nur,
da die neue radikale Regierung einige alte Trme und Mauerlcher vertilgt
hatte, welche Gegenstand unserer besonderen Zuneigung gewesen, und da sie aus
verhaten Landleuten und Emporkmmlingen bestand.
    Gleich beim Beginne der neuen Schulen, als der ungeschickte Lehrer seine
Ttigkeit mit vieler Gemtlichkeit antrat, brachte ein Schler, der Sohn eines
fanatischen Stadtbrgers, mit wichtigen Worten die Nachricht unter uns, wie der
Lehrer geschworen htte, uns Aristokratenkinder mit eiserner Rute zu bndigen.
Er war nmlich in einer Gesellschaft aufmerksam gemacht worden, wie er es
teilweise mit einer durch altes Herkommen bermtigen und ausgelassenen
Stadtjugend zu tun haben wrde, worauf er antwortete, er werde mit den
Brschlein schon fertig zu werden wissen. Auf obige Weise dargestellt, wurde
diese Rede nun, wahrscheinlich nicht ohne Zutun der Alten, unter unsere
verstandlose Masse geworfen, und sie begann sogleich zu wirken. Wir nahmen den
Handschuh auf, die Verwegensten erffneten einen geordneten Widerstand und ein
leichtes Geplnkel des Unfuges. Schon dies verwirrte ihn, und anstatt mit
Sarkasmen und ruhiger, berlegener Entschiedenheit die Angreifer zurckzuwerfen,
rckte er sogleich mit seiner Hauptmacht und dem schweren Geschtze vor, indem
er jeden kleinen Mutwillen, auch jede unabsichtliche Tat blindlings mit den
schwersten und einflureichsten Strafen belegte, die ihm zu Gebote standen und
welche sonst nur in seltenen Fllen angewendet wurden. Dadurch entzog er sich in
unsern Augen den guten Rechtsboden, da wir in der Abschtzung des Verhltnisses
zwischen Strafe und Vergehen eine groe Gewandtheit besaen. Seine Strafen
wurden bald wertlos und zuletzt eine Ehrensache, ein Martyrium. Es entstand
offener Skandal in den Stunden, welcher sich auch in die anderen Sle
verbreitete, wo der Gehetzte zu erscheinen hatte. Nun beging er einen neuen
Fehlgriff; statt die Bewegung in sich selbst zerfallen zu lassen und eine
Zeitlang ihr zu stehen, fing er an, jeden Schler aus der Stube zu jagen, der
das Geringste verbte. Eine unschuldig gestellte Frage an ihn, das absichtliche
oder unabsichtliche Fallenlassen eines Gegenstandes reichte hin, ins Freie
befrdert zu werden. Wir merkten uns dies, und bald hielt er regelmig nur mit
zwei oder drei Frommen seinen Unterricht, whrend der helle Haufen vor der Tr
sich auf seine Kosten belustigte. Das Einschreiten oberer Behrden oder auch
seine eigene Energie, wenn er, trotz des Verbotes, die Schler zu schlagen,
einige ein einziges Mal bei den Kpfen genommen und tchtig durchgebleut htte,
wrden hingereicht haben, die Ruhe herzustellen. Zu letzterm besa er nicht die
geeignete Persnlichkeit, das erstere unterblieb, da die unmittelbar folgende
Instanz aus Schulmnnern bestand, welche dem Verfolgten abgeneigt waren und so
lang als mglich die Vorflle nicht zu bemerken schienen. Die Schler erzhlten
in ihren Familien mit Ruhmredigkeit ihre Taten, wobei sie nicht unterlieen, den
Lehrer als den schreckbarsten Popanz darzustellen. Die behbigen Brger, sich
mit Wohlgefallen ihrer eigenen Knabenstreiche erinnernd und in der Erfahrung der
alten Zeit aufgewachsen, da die Schule nur eine Art Unterkommen bilde, bis das
wrdige Brgerkind, ohne sich den Kopf zerbrechen zu mssen, in das behagliche
Privilegien- und Zunftwesen der guten alten Stadt aufgenommen wrde, bestrkten
ihre Shnlein durch unverhohlenes Lcheln, wo nicht durch direkte Aufreizung, in
ihrem Treiben. Obgleich die Sache lngst Aufsehen gemacht hatte, wurde sie nach
oben hin stets so geschildert, als ob alle Schuld an dem Verfolgten lge; es kam
etwa ein Herr in die Stunde, um selbst zu sehen, dann hteten wir uns aber wohl,
etwas zu beginnen, so wie wir auch in den Stunden der brigen Lehrer uns doppelt
ruhig verhielten. Der Unglckliche war ein Ableiter fr allen bsen Stoff,
welcher in der Schule steckte. So schleppte er sich beinahe ein Jahr lang hin,
bis er endlich fr eine Zeitlang suspendiert wurde. Er wre so gerne ganz
weggeblieben, indem er Schaden an seiner Gesundheit litt und ganz abmagerte;
aber eine zahlreiche Familie schrie nach Brot, und er war auf diesen Beruf
angewiesen. So trat er eines Tages seinen Leidensweg wieder an, so vershnlich
und bescheiden als mglich; allein er fand keine Barmherzigkeit, ein wilder
Jubel brach los, das alte Unwesen wiederholte sich, und er mute nach wenigen
Tagen gnzlich entlassen werden.
    Ich hatte mich lange Zeit ziemlich ruhig verhalten und nur den zahlreichen
Auftritten behaglich zugesehen. Gegen den Mann selbst verging ich mich nicht ein
einziges Mal, da es mir widerstand, einem Erwachsenen gegenber aufzutreten.
Erst als das Hinausschieben der ganzen Klasse begann, suchte ich auch
teilzunehmen und bewerkstelligte dies durch kleine schchterne Streiche oder
wischte auch so mit hinaus; denn erstens ging es sehr lustig her drauen, und
zweitens htte ich um keinen Preis bei den wenigen verpnten Gerechten bleiben
mgen, welche in der Stube saen. Desto lauter wurde ich, wenn ich einmal
drauen war, half Aufzge und Umgnge anordnen und berlie mich, nach langer
Zurckgezogenheit, einer so wilden Freude, da mir das Herz heftig klopfte und
mein Blut ganz in Wallung war, wenn wir bei dem folgenden Lehrer wieder an
unseren Pltzen saen. Ich kann mir fest gestehen, da ich mich damals ber die
Freude selbst freute und keinerlei Bosheit in mir trug. Vielmehr empfand ich ein
heimliches Mitleid mit dem Armen, welches ich zu uern aber unterlie, um nicht
lcherlich zu werden. Einst traf ich ihn ganz allein auf einem Feldwege; er
schien einen Erholungsgang zu machen; unwillkrlich zog ich ehrerbietig meine
Mtze, was ihn so freute, da er mir zuvorkommend dankte und mich dabei so
mrterlich ansah, als ob er um Barmherzigkeit flehte. Ich wurde gerhrt und
dachte fest, da es anders werden msse. Gleich am nchsten Tage trat ich zu
einer Gruppe der wildesten Mitschler, um geradezu am rechten Flecke anzugreifen
und ein Wort des Mitgefhls, des Nachdenkens unter sie zu werfen; ich hatte den
richtigen Instinkt, da dieses gewi, wenn auch nicht augenblicklich,
weiterwirken und die Laune der Menge anziehen wrde. Sie sprachen eben von dem
Lehrer, hatten eben einen neuen Spitznamen erfunden, der so komisch klang, da
alles bester Laune war und auflachte; die vorbedachten Worte verdrehten sich mir
auf der Zunge, und anstatt meine Pflicht zu tun, verriet ich ihn und mein
besseres Selbst, indem ich das gestrige Abenteuer auf eine Weise vortrug, die
der gegenwrtigen Stimmung vollkommen entsprach und dieselbe erhhte!
    Nach seiner Entfernung wurde es still unter uns; die Lrmbedrftigen und
Schlimmgesinnten wandten sich unbehaglich hin und her, zehrten von der
Erinnerung und konnten sich nicht zurechtfinden. Eines Abends, nach dem Schlusse
des Unterrichts, ging ich ruhig meiner Wege und hatte bald meine Wohnung
erreicht, als ich rufen hrte: Grner Heinrich! hierher! Ich wandte mich um
und erblickte in einer anderen Strae einen ansehnlichen Haufen Schler, welche
durcheinandertrieben wie ein Ameisenhaufen und sehr geschftig schienen. Ich
erreichte sie, man teilte mir mit, da man in Gesamtheit dem verabschiedeten
Lehrer noch einen Besuch abstatten und ein rechtes Schluvergngen veranstalten
wolle, und forderte mich auf teilzunehmen. Der Plan wollte mir gar nicht
einleuchten, ich lehnte kurz ab und ging weg. Jedoch die Neugier wandte mich,
da ich von ferne nachzog und sehen wollte, wie es abliefe. Der Haufen bewegte
sich vorwrts, andere Schulen, deren Bestandteile um diese Zeit alle in den
Gassen wimmelten, wurden angeworben, da bald ein Zug von hundert Jungen aller
Art sich fortwlzte. Die Brger standen unter den Tren und betrachteten mit
Verwunderung das Tun, ich hrte einen sagen: Was mgen die Teufelsbuben nur
wieder vorhaben? Die sind bei Gott fast so munter, als wir gewesen sind! Diese
Worte klangen in meinen Ohren wie Kriegsdrometen, meine Fe wurden lebendiger,
und schon trat ich dem letzten Manne des Zuges auf die Fersen. Es war ein
unsgliches Vergngen in der Menge, hervorgerufen durch das improvisierte
Beisammensein aus eigener Machtvollkommenheit. Ich ward immer wrmer, schob mich
vorwrts und sah mich pltzlich bei der Spitze angelangt, wo die hohen Hupter
gingen und mich mit Jubel begrten. Der grne Heinrich ist doch noch
gekommen! hie es, der Name erschallte lngs des ganzen Zuges und vermehrte den
Stoff zu Gerusch und gegenstandloser Freude. Mir schwebten sogleich gelesene
Volksbewegungen und Revolutionsszenen vor. Wir mssen uns in gleichmigere
Glieder abteilen, sagte ich zu den Rdelsfhrern, und in ernstem Zuge ein
Vaterlandslied singen! Dieser Vorschlag wurde beliebt und sogleich ausgefhrt;
so durchzogen wir mehrere Straen, die Leute sahen uns mit Staunen nach, ich
schlug vor, noch einen Umweg zu machen und dies Vergngen so lange als mglich
andauern zu lassen. Auch dies geschah, allein zuletzt langten wir doch am Ziele
an. Was wollen wir nun eigentlich beginnen?, fragte ich, ich dchte, wir
sngen hier ein Lied und zgen dann wieder mit einem Hurra davon! - Ins Haus!
ins Haus! tnte es zur Antwort, wir wollen ihm eine Dankrede fr sein Wirken
abstatten! - So sollen wenigstens alle fr einen stehen und keiner
davonlaufen, damit alle die gleiche Strafe tragen, wenn es etwas absetzt! rief
ich, worauf der ganze Schwarm in das kleine enge Haus einstrmte und die Treppen
hinantobte. Ich blieb an der Haustr stehen, teils um nicht dem Manne vor das
Angesicht treten zu mssen, weil ich keinerlei Trieb dazu fhlte, teils um
keinen Mitschuldigen sich einzeln entfernen zu lassen. Es war ein furchtbarer
Lrm im Innern, die Knaben waren ganz berauscht von ihrer eigenen Aufregung; der
Gesuchte lag krank in einem verschlossenen Zimmer, die Frauen waren bemht, die
brigen Tren zu verschlieen, und sahen sich aus den Fenstern nach Hilfe um.
Doch schmten sie sich zu rufen, die Nachbaren wuten nicht, was alles zu
bedeuten htte, und sahen hchst verwundert zu; ich blieb mit nichts weniger als
heiteren Gedanken auf meinem Posten. Das Haus war von unten bis oben angefllt,
die Lrmenden erschienen unter den Dachluken, warfen alte Krbe heraus und
stiegen sogar auf das Dach, die Luft mit ihrem Geschrei erfllend. Ein altes
Weib drang endlich beherzt aus einem Kmmerchen und trieb, geschtzt durch Alter
und Geschlecht, den ganzen Schwarm mit einem Besen allmhlich aus dem Hause.
    Dies Attentat war denn doch zu auffllig gewesen, als da die oberen
Behrden nicht endlich aufmerksam wurden. Sie verlangten eine strenge
Untersuchung. Wir wurden in einem Saale versammelt und einzeln aufgerufen, um
vor ein Tribunal zu treten, welches in einer Nebenstube sa. Das Verhr dauerte
einige Stunden, die Zurckkehrenden gingen sogleich weg, ohne Bericht zu geben;
zwei Dritteile der Versammelten waren schon fort, und noch wurde ich nicht
aufgerufen; dagegen bemerkte ich, da zuletzt alle, welche aus der Verhrstube
kamen, mich ansahen, ehe sie weggingen. Zuletzt hie es, der ganze Rest solle
hereinkommen mit Ausnahme des grnen Heinrich.
    Wenn ich nicht berzeugt wre, da die Kindheit schon ein Vorspiel des
ganzen Lebens ist und bis zu ihrem Abschlusse schon die Hauptzge der
menschlichen Zerwrfnisse im kleinen abspiegele, so da spter nur wenige
Erlebnisse vorkommen mgen, deren Umri nicht wie ein Traum schon in unserm
Wissen vorhanden, wie ein Schema, welches, wenn es Gutes bedeutet, froh zu
erfllen ist, wenn aber bles, als frhe Warnung gelten kann, so wrde ich mich
nicht so weitlufig mit den kleinen Dingen jener Zeit beschftigen.
    Endlich kam die Reihe an mich; der letzte Trupp erschien wieder und hie
mich hineingehen. Ich wollte fragen, was denn vorginge, erhielt aber keine
Antwort, vielmehr sputeten sie sich ngstlich von hinnen. So trat ich in die
Nebenstube, halb von Neugierde vorwrtsgedrngt, halb von jener beklemmenden
Furcht zurckgehalten, welche die Jugend vor den Alten empfindet, wenn sie in
ihnen an Verstand berlegene und allmchtige Wesen voraussetzt. Es saen zwei
Herren am obern Ende eines langen Tisches, zu dessen Fu ich stand, einige
Stcke Papier und ein Bleistift vor sich. Der eine war der nchste Vorsteher der
Schule, der auch selbst Unterricht erteilte und mich kannte, der andere ein
hherer gelehrter Herr, welcher wenig sagte. Zu jenem stand ich in einem
eigentmlichen Verhltnisse; er war ein gemtlicher Poltron, gern viele Worte
machend und froh, wenn ein Schler durch bescheidene Widerrede ihm Gelegenheit
gab, sich grndlich ber ein Faktum zu verbreiten. Im Anfange hatte er mir
wohlgewollt, da ich gerade bei ihm mich sehr ordentlich auffhrte; aber meine
Eigenschaft, den Vorwrfen, Ermahnungen und Strafen bei vorkommenden Fllen ein
unwandelbares Schweigen entgegenzusetzen, hatte mir seine Abneigung zugezogen.
Das ngstliche Leugnen, die Zungengelufigkeit, Strafe von sich abzuwenden, das
hartnckige Feilschen um dieselbe waren mir unmglich; glaubte ich eine solche
verdient zu haben, so nahm ich sie schweigend hin, schien sie mir zu ungerecht,
so schwieg ich ebenfalls, und nicht aus Trotz, sondern ich lachte innerlich ganz
frohmtig darber und dachte, der Richter htte das Pulver auch nicht erfunden.
Darum hielt mich der Herr fr einen unbrauchbaren, bedenklichen Burschen und
fuhr mich nun mit drohender Miene an: Hast du an dem Skandale teilgenommen?
Schweig! leugne nicht, es wird nichts helfen! Ich brachte ein leises Ja hervor,
der weiteren Dinge gewrtig. Doch wie um mich in seinen Augen, da ihm einmal zur
Weckung guter Laune durchaus ein grndlicher Wortwechsel ntig war, noch zu
retten, tat er, als ob er ein Nein vernommen htte, und schrie: Wie, was?
Heraus mit der Wahrheit! - Ja! wiederholte ich etwas lauter. Gut, gut, gut!
sagte er, du wirst gewi noch einen finden, der dir gewachsen ist, einen Stein,
der eine Beule in deine eiserne Stirne schlgt! Diese Worte beleidigten mich
und taten mir weh; denn sie schienen nicht nur eine arge Verkennung meines
Wesens zu enthalten, sondern auch eine ungehrige Voraussagung der Zukunft, eine
persnliche Bitterkeit zu sein. Er fuhr fort Hast du auf dem Wege
vorgeschlagen, einen frmlichen Zug zu ordnen und ein Lied zu singen? Diese
Frage machte mich stutzen, meine Genossen hatten also mich verraten und deshalb
ohne Zweifel sich reingewaschen; ich schwankte, ob ich nicht leugnen sollte,
aber es kam wieder ein Ja hervor, zumal ich unmglicherweise denken konnte, da
alles auf mich gewlzt werde. Hast du am Hause des Herrn... erklrt, da keiner
sich zurckziehen drfe, und dieser Erklrung durch Bewachung der Tr Folge
gegeben? Das bejahte ich unbedenklich, da es mir weder eine Schande noch ein
besonderes Vergehen zu sein schien. Diese beiden Momente, aus den ersten Fragen
an die Mitschuldigen schon zutage getreten, schienen dem Herrn auf den
Haupturheber hinzudeuten; sie ragten auch wohl am fabarsten aus all dem wirren
Treiben hervor, und er hatte allein auf sie hin verhrt. Jeder bejahte
regelmig die Frage darnach und war froh, nicht ber sich selbst sprechen zu
mssen.
    Ich wurde entlassen und ging etwas bewegt, doch gemchlich nach Hause; das
Ganze schien mir nicht sehr wrdig zu verlaufen. Zwar fhlte ich eine tiefe
Reue, aber nur gegen den mihandelten Lehrer. Zu Hause erzhlte ich der Mutter
den ganzen Vorgang, worauf sie mir eben eine Strafrede halten wollte, als ein
Schuldiener hereintrat mit einem groen Briefe. Dieser enthielt die Nachricht,
da ich von Stund an und fr immer von dem Besuche der Schule ausgeschlossen
sei. Das Gefhl des Unwillens und erlittener Ungerechtigkeit, welches sich
sogleich in mir uerte, war so berzeugend, da meine Mutter nicht lnger bei
meiner Schuld verweilte, sondern sich ihren eigenen bekmmerten Gefhlen
berlie, da der groe und allmchtige Staat einer hilflosen Witwe das einzige
Kind vor die Tre gestellt hatte mit den Worten: Es ist nicht zu brauchen!
    Wenn ber die Rechtmigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender
Streit obwaltet, so kann man fglich die Frage, ob der Staat das Recht hat, ein
Kind oder einen jungen Menschen, die gerade nicht tobschtig sind, von seinem
Erziehungssysteme auszuschlieen, zugleich mit in den Kauf nehmen. Gem jenem
Vorgange wird man mir, wenn ich im sptern Leben in eine hnliche ernstere
Verwicklung gerate, bei gleichen Verhltnissen und Richtern, wahrscheinlich den
Kopf abschlagen; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschlieen heit
nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben kpfen. Der
Staat hat nicht darnach zu fragen, ob die Bedingungen zu einer weiteren
Privatausbildung vorhanden seien oder ob trotz seines Aufgebens das Leben den
Aufgegebenen doch nicht fallenlasse, sondern manchmal noch etwas Rechtes aus ihm
mache er hat sich nur an seine Pflicht zu erinnern, die Erziehung jedes seiner
Kinder zu berwachen und zu Ende zu fhren. Auch ist am Ende diese Erscheinung
weniger wichtig in bezug auf das Schicksal solcher Ausgeschlossenen, als da sie
den wunden Fleck auch der besten unserer Einrichtungen bezeichnet, die
moralische Faulheit nmlich, die Trgheit und Bequemlichkeit der mit diesen
Dingen Beauftragten, derer, welche sich als Erzieher par excellence geben. Das
Ausstoen auch des nichtsnutzigsten Schlers ist nichts als ein Armutszeugnis,
welches eine Schule sich gibt.
    Der Kummer und die Niedergeschlagenheit meinerseits waren nicht allzu gro;
ich hatte dem Lehrer des Franzsischen einige Bcher zurckzustellen, da er mir
mit Wohlwollen ehrwrdige Franzbnde franzsischer Klassiker zu leihen pflegte
Auch fhrte er mich einige Male in einer groen Bibliothek umher, mir
respektvolle Vorbegriffe vom Bcherwesen beibringend. Als ich zu ihm kam,
drckte er mir sein Bedauern ber das Geschehene aus und gab mir zu verstehen,
wie ich es nicht allzu hoch aufzunehmen htte, da seines Wissens die Mehrzahl
der Lehrer, gleich ihm, nicht unzufrieden mit mir wren. Ferner lud er mich ein,
ihn zu besuchen und seinen Rat zu holen, wenn ich Lust htte, das Franzsische
weiter zu betreiben. Ich sah ihn zwar nicht wieder im Wechsel der Zeit, aber
seine Worte gaben mir eine gewisse Genugtuung, da ich mich nun frei fhlte wie
der Vogel in der Luft, zumal ich die Bedeutung des Augenblickes und die
Wichtigkeit der Zukunft nicht zu bersehen vermochte.
    Meine Mutter hingegen befand sich in groer Bedrngnis; sie konnte bestimmt
annehmen, da der Vater meine Schulbildung jetzt noch nicht abgeschlossen haben
wrde, wenn er noch lebte, und doch sah sie bei ihren beschrnkten Mitteln keine
Mglichkeit, mir Privatlehrer zu halten oder mich auf eine auswrtige Schule zu
schicken, noch konnte sie sich den Beruf denken, welchen ich nun am besten
ergriffe, da gerade fr eine einsichtvollere Selbstbestimmung der erweiterte
Gesichtskreis der nun verschlossenen hheren Klassen htte Gelegenheit bieten
sollen. Meine husliche Beschftigung hatte in letzter Zeit beinahe
ausschlielich in Zeichnen und Malen bestanden, und auch in dieser Hinsicht
befand ich mich in einem sonderbaren Verhltnis zur Schule. Dort galt ich fr
nichts weniger als fr einen talentvollen Zeichner. Monatelang klebte der
gleiche Bogen auf meinem Reibrette, ich qulte mich verdrossen ab, einen
kolossalen Kopf oder ein Ornament mit dem magern Bleistifte zu kopieren,
Dutzende von Linien wurden ausgelscht und blieben halb sichtbar, bis die
richtige stehenblieb, das Papier wurde beschmutzt und durchgerieben und
verkndete einen faulen und verdrielichen Zeichner. Sobald ich aber nach Hause
kam, warf ich diese Schulkunst beiseite und machte mich mit eifrigem Fleie
hinter meine Hauskunst. Nach jenem ersten Versuche, eine gemalte Landschaft zu
kopieren, hatte ich fortgefahren, dergleichen Gebilde in Wasserfarben
hervorzubringen; da ich nun aber weiter keine Vorbilder besa, mute ich sie auf
eigene Faust ins Leben rufen und tat dieses mit anhaltendem und dankbarem
Fleie. Der gemalte Ofen unserer Stube enthielt eine Menge ganz naiv poetischer
kleiner Landschaftsmotive, eine Burg, eine Brcke, einige Sulen an einem See
und solches mehr; ein altes Stammbuch der Mutter sowie eine kleine Bibliothek
verjhrter Damenkalender aus ihrer Jugend bargen einen Schatz sentimentaler
Landschaftsbilder, dem lyrischen Texte entsprechend, mit Tempeln, Altren und
Schwnen auf Teichen, mit Liebespaaren, in Khnen sitzend, und dunklen Hainen,
deren Bume mir unvergleichlich gestochen schienen. Aus allem diesem zusammen
bildete sich eine hchst unschuldige und sozusagen elementare Poesie, welche
meinem eifrigen Machen zugrunde lag und mich whrend desselben beglckte. Ich
erfand eigene Landschaften, worin ich alle poetischen Motive reichlich
zusammenhufte, und ging von diesen auf solche ber, in denen ein einzelnes
vorherrschte, zu welchem ich immer den gleichen Wanderer in Beziehung brachte,
unter dem ich, halb unbewut, mein eigenes Wesen ausdrckte. Denn nach dem
immerwhrenden Milingen meines Zusammentreffens mit der brigen Welt hatte eine
ungebhrliche Selbstbeschauung und Eigenliebe angefangen mich zu beschleichen,
ich fhlte ein weichliches Mitleid mit mir selbst und liebte es, meine
symbolische Person in die interessanten Szenen zu versetzen, welche ich erfand.
Diese Figur, in einem grnen, romantisch geschnittenen Kleide, eine Reisetasche
auf dem Rcken, starrte in Abendrten und Regenbogen, ging auf Kirchhfen oder
im Walde oder wandelte auch wohl in glckseligen Grten voll Blumen und bunter
Vgel. Das Machwerk an der betrchtlichen Sammlung solcher Bilder, welche sich
bereits angehuft hatte, blieb immer auf dem nmlichen Standpunkte gnzlicher
Erfahrungs- und Unterrichtslosigkeit; nur eine gewisse Keckheit und Fertigkeit
im Auftragen der grellen Farben, welche ich durch die unablssige bung erwarb,
verbunden mit der khnen Absicht meiner Unternehmungen berhaupt, unterschied
mein Treiben einigermaen von sonstigen knabenhaften Spielen mit Bleistift und
Farbe und mochte meinen vorlufigen Ausspruch, da ich ein Maler werden wolle,
veranlassen. Doch wurde jetzt nicht nher darauf eingegangen, sondern bestimmt,
da ich einige Zeit in dem lndlichen Pfarrhause bei meinem mtterlichen Oheime
zubringen sollte, um ber die nchsten Monate meines Ungemaches auf gute Weise
hinwegzukommen, indessen eine taugliche Zukunft fr mich ermittelt wrde. Das
Heimatdorf lag in einem uersten Winkel des Lndchens, ich war noch nie dort
gewesen, so wie auch meine Mutter seit meinem Gedenken es nie mehr besucht hatte
und die dortigen Verwandten, mit seltenen Ausnahmen, nie in der Stadt
erschienen. Nur der Oheim Pfarrer kam jedes Jahr einmal auf seinem Klepper
geritten, um an einer Kirchenversammlung teilzunehmen, und schied immer mit
jovialen Einladungen, endlich einmal hinauszuwandern. Er erfreute sich eines
halben Dutzends Shne und Tchter, welche mir noch so unbekannt waren wie ihre
Mutter, meine rstige Muhme und geistliche Buerin. Auerdem lebten dort
zahlreiche Verwandte des Vaters, vor allen auch seine leibliche Mutter, eine
hochbejahrte Frau, welche, schon lngst an einen zweiten, reichen und finstern
Mann verheiratet, unter dessen harter Herrschaft in tiefer Zurckgezogenheit
lebte und nur selten mit den Hinterlassenen ihres frh gestorbenen Sohnes einen
sehnschtigen Gru aus der Ferne wechselte. Das Volk lebte noch in der stillen
Einschrnkung und Entsagung vergangener Jahrhunderte, wo besonders die Frauen,
wenn sie einmal durch einige Meilen getrennt waren, einander nicht wieder oder
nur bei seltenen, hochwichtigen Ereignissen sahen, bei welchen es alsdann
wahrhaft episch herging und Trnen der Rhrung und schmerzlicher oder froher
Erinnerung ihren Augen entflossen, whrend die Mnner wohl sich vom Orte
bewegten, aber in ernstem Geschftssinne an den Tren halbverschollener
Verwandter vorbergingen, wenn sie keinen Rat zu bringen oder zu holen hatten.
Jetzt ist das Volk wieder lebendiger geworden; durch die erleichterten
Verkehrsmittel, durch das wiedererstandene ffentliche Leben und zahlreiche
Volksfeste veranlat, bewegt es sich frhlich von der Stelle und macht damit
zugleich seinen Geist wieder jung und fruchtbar, und nur beschrnkte Eiferer
predigen noch gegen die festliche Wanderlust derer, die den Pflug fhren, und
ihrer Kinder.
    Meine Mutter befahl mir, insbesondere der einsamen berlebenden Gromutter
so viele Zeit als mglich zu widmen und in Ehrerbietung und Liebe bei ihr
auszuharren, solange es ihr gefiele, mich um sich zu haben und von meinem Vater,
ihrem Sohne, zu reden.
    So machte ich mich eines Morgens vor Sonnenaufgang auf die Fe und trat den
weitesten Weg an, den ich bis dahin unternommen hatte. Ich geno zum ersten Male
das Morgengrauen im Freien und sah die Sonne ber nachtfeuchten Waldkmmen
aufgehen. Ich wanderte den ganzen Tag, ohne mde zu werden, kam durch viele
Drfer und war wieder stundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien
heien Hhen, mich oft verirrend, aber die verlorne Zeit nicht bereuend, weil
ich fortwhrend in meinen Gedanken beschftigt war und zum ersten Mal, durch
mein stilles Wandern bewegt, von der ernsten Betrachtung des Schicksals und der
Zukunft erfllt wurde. Kornblumen und roter Mohn und in den Wldern bunte Pilze
begleiteten mich lngs der ganzen Strae, wunderschne Wolken bildeten sich
unablssig und zogen am tiefen stillen Himmel dahin, ich ging immerzu, indessen
mich das selbstgefllige Mitleid mit mir selbst, welches mir die Welt
aufgedrngt hatte, wieder berkam, bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich
weinte. Ich wute mich vor Betrbnis nicht zu lassen und sa an einer schattigen
Quelle nieder, immer schluchzend, bis ich mich schmte, mein Gesicht wusch und
ber mich selbst lchelnd den Rest des Weges zurcklegte. Endlich sah ich das
Dorf zu meinen Fen liegen in einem grnen Wiesentale, welches von den
Krmmungen eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen
umgeben war. Die Abendsonne lag warm auf dem Tale, die Kamine rauchten
freundlich, einzelne Rufe klangen herber. Bald befand ich mich bei den ersten
Husern, ich fragte nach dem Pfarrhause, und die Leute, welche an meinen Augen
und meiner Nase erkannten, da ich zu dem Geschlechte der Lee gehre, fragten
mich, ob ich vielleicht ein Sohn des verstorbenen Baumeisters sei?
    So gelangte ich zu der Wohnung meines Oheims, welche von dem rauschenden
Flchen besplt und mit groen Nubumen und einigen hohen Eschen umgeben war;
die Fenster blinkten zwischen dichtem Aprikosen- und Weinlaube hervor, und unter
einem derselben stand mein dicker Oheim in grner Jacke, ein silbernes
Waldhrnchen, in welchem eine Zigarre rauchte, im Munde und eine Doppelflinte in
der Hand. Ein Flug Tauben flatterte ngstlich ber dem Hause und drngte sich um
den Schlag, mein Oheim sah mich und rief sogleich: Haha, sakerment, Herr Neveu!
das ist gut, da du da bist, schnell heraufspaziert! Dann sah er pltzlich in
die Hhe, scho in die Luft, und ein schner Raubvogel, welcher ber den Tauben
gekreist hatte, fiel tot zu meinen Fen. Ich hob ihn auf und trug ihn, durch
diesen tchtigen Empfang angenehm begrt, meinem Oheim entgegen.
    In der Stube fand ich ihm allein neben einer langen Tafel, die fr viele
Personen gedeckt war. Eben kommst du recht! rief er, wir halten heute das
Erntefest, gleich wird das Volk dasein! Dann schrie er nach seiner Frau, sie
erschien mit zwei mchtigen Weingefen, stellte sie ab und rief: Ei, ei, was
ist das fr ein Bleichschnabel, fr ein Milchgesicht? Warte, du sollst nicht
mehr fort, bis du so rote Backen hast wie dein seliger Vater! Wie geht's der
Mutter, was ist das, warum kommt sie nicht mit? Sogleich richtete sie mir an
der Tafel ein vorlufiges Mahl zu und trug mich, als ich zgerte, ohne weiteres
wie ein Kind auf den Stuhl und befahl mir, stracks zu essen und zu trinken.
Indessen nherte sich Gerusch dem Hause, der hohe Garbenwagen schwankte unter
den Nubumen heran, da er die untersten ste streifte, die Shne und Tchter
mit einer Menge anderer Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher unter
Gelchter und Gesang, der Oheim, seine Flinte reinigend, schrie ihnen zu, ich
wre da, und bald fand ich mich mitten im frhlichen Getmmel. Erst spt in der
Nacht legte ich mich zu Bette bei offenem Fenster; das Wasser rauschte dicht
unter demselben, jenseits klapperte eine Mhle, ein majesttisches Gewitter zog
durch das Tal, der Regen klang wie Musik und der Wind in den Forsten der nahen
Berge wie Gesang, und die khle erfrischende Luft atmend, schlief ich sozusagen
an der Brust der gewaltigen Natur ein.


                                  Zweiter Band

                                 Erstes Kapitel

Am frhen Morgen, als Sonnenglanz durch das viele Laubwerk ins Zimmer drang,
wurde ich auf eigentmliche Weise geweckt. Ein junger Edelmarder mit zartem
Pelze sa auf meiner Brust und beschnffelte mit den feinen hastigen Atemsten
seiner spitzen khlen Schnauze meine Nase und huschte, als ich die Augen
aufschlug, unter die Bettdecke, blinzelte da und dort hervor und versteckte sich
wieder. Als ich aus dieser Erscheinung nicht klug wurde, brachen meine jungen
Vettern aus ihrer Schlafkammer, in welcher sie gelauscht hatten, lachend hervor,
veranlaten das behende Tier zu den anmutigsten und possierlichsten Sprngen und
erfllten das Zimmer mit Frhlichkeit. Dadurch herangelockt, drang eine Meute
schner Hunde herein, ein zahmes Reh erschien neugierig unter der Tr, eine
prachtvolle graue Katze folgte und schmiegte sich durch das Getmmel, die
spielenden und zutppischen Hunde wrdevoll abweisend, Tauben saen auf dem
Fenster, Menschen und Tiere, die ersteren kaum halb angezogen, jagten sich
durcheinander; alle aber hielt der kluge Marder zum besten und schien viel eher
mit uns zu spielen als wir mit ihm. Nun erschien auch der Oheim mit dem
rauchenden Waldhrnchen, uns eher noch zu Unfug anspornend als abwehrend; seine
frisch blhenden Tchter folgten ihm, um nach der Ursache des Gerusches zu
sehen und uns zu Frhstck und Ordnung zu rufen, muten sich aber bald ihrer
Haut wehren, da ein Krieg allgemeiner Neckerei sich gegen sie entspann, an dem
sogar die Hunde teilnahmen, welche sich die Parole der erlaubten Ausgelassenheit
am frhen Morgen nicht zweimal geben lieen, sondern sich tapfer an die starken
Kleidersume der scheltenden Mdchen hingen. Ich sa an dem offenen Fenster und
atmete die balsamische Morgenluft; die glitzernden Wellen des raschen Flchens
flimmerten wider an der weien Zimmerdecke, und ihr Reflex berstrahlte das
Angesicht jenes seltsamen Kindes, dessen altertmliches Bild an der Wand hing.
Es schien unter dem Wechseln des spielenden Silberscheines zu leben und
vermehrte den Eindruck, den alles auf mich machte. Dicht unter dem Fenster wurde
Vieh getrnkt, Khe, Ochsen, junge Rinder, Pferde und Ziegen gingen in der Mitte
des klaren Wassers, tranken in bedchtigen Zgen und sprangen mutwillig davon;
das ganze Tal war lebendig und glnzte vor Frische, und sein Rauschen vermischte
sich mit dem Gelchter in meinem Zimmer, ich fhlte mich so glcklich wie ein
junger Frst, bei welchem glnzendes Lever gehalten wird. Endlich erschien die
Muhme und befahl uns ohne Widerstand zum Frhstck.
    Ich sah mich wieder an den langen Tisch versetzt, um welchen die zahlreiche
Familie mit ihren Schtzlingen und Arbeitern versammelt war. Letztere kamen
schon von mehrstndiger Arbeit und erholten sich von der ersten leichten Mde,
von der erstarkten Sonne als Morgengru gesendet. Alles a krftige Hafersuppe,
in welche reichlich Milch gegossen wurde; nur am obern Ende, zwischen Vater,
Mutter und der ltesten Tochter, herrschte die Kaffeetasse, und ich, als Gast
diesem vornehmen Anhngsel beigefgt, sah mit Neid in die frische Suppenregion
hinber, wo frhliche Witzworte getauscht wurden und die geneckten Mdchen, mit
braunen Wangen und Armen, doch mit schneeweien Hemden und Halstchern,
geschtzt durch den Anstand des versammelten Tisches, die vorlauten Jungen
glnzend heimschickten. Doch bald brach die Gesellschaft wieder auf, um zur
Arbeit auf dem fernen heien Felde oder in Scheunen und Stall sich zu
zerstreuen. Die Auszge des Tisches wurden ineinandergeschoben, da er, eine
schwere Masse glnzenden Nubaumholzes, still in der geleerten Stube stand, bis
die Hausfrau einen mchtigen Korb Hlsenfrchte darauf schttete, um sie fr das
Mittagsmahl vorzubereiten, und dem Oheim kaum fr seine Hefte Raum lie, in
welchen er den diesjhrigen Ertrag seiner Felder eintrug, mit den frheren
Jahrgngen, und berdies noch das Verhalten der einzelnen cker untereinander
verglich. Der jngste Sohn, etwa in meinem Alter, mute ihm, hinter seinem
Stuhle stehend, Bericht erstatten, und als er seiner Pflicht gengt hatte,
forderte er, selbst noch nicht zu anhaltender Arbeit verbunden, mich auf, mit
ihm hinauszustreifen und etwa mitzuarbeiten, wo es uns am besten gefiele,
vorzglich aber uns bei dem Zwischenimbi einzufinden, der auf dem Felde
gehalten wrde und wo es an Scherz nicht fehle. Indessen erschien aber ein
Sendbote der Gromutter, die von meiner Ankunft gehrt hatte und mich einlud,
sogleich zu ihr zu kommen. Mein Vetter bot sich mir zur Begleitung an, ich
putzte mich, nicht ohne Affektation, halb einfach lndlich, halb komdiantisch
heraus, und wir gingen auf den Weg, welcher zuerst ber den Kirchhof fhrte, der
auf einer kleinen Hhe gelegen ist. Dort duftete es gewaltig von tausend Blumen,
eine flimmernde, summende Welt von Licht, Kfern und Schmetterlingen, Bienen und
namenlosen Glanztierchen webte ber den Grbern hin und her. Es war ein feines
Konzert bei beleuchtetem Hause, wogte auf und nieder, erlschte bis auf das
gehaltene Singen eines einzelnen Insektes, belebte sich wieder und schwellte
mutwillig und volltnig an; dann zog es sich in die Dunkelheiten zurck, welche
die Jasmin- und Holunderbsche ber den Grabzeichen bildeten, bis eine brummende
Hummel den Reigen wieder ans Licht fhrte, die Blumenkelche nickten im Rhythmus
vom fortwhrenden Absitzen und Auffliegen der Musikanten. Und unter diesem
zarten Gewebe lag das Schweigen der Grber und der Jahrhunderte, beredt und
vollmchtig, und schwoll hinunter bis in die Tage, wo dieser Zweig alemannischen
Wandervolkes sich hier festgesetzt und die erste Grube gegraben. Ihr Wort,
Spuren ihrer Sitte und ihrer Gesetze leben noch im grnen Gau, in den kleinen
grauen Steinstdten, die an den Flssen hangen oder an Halden lehnen, und ein
heiliges Bewutsein der Geschichte tat sich auf auf diesem Friedhofe. Daher
empfand ich eine Art von Scheu, vor die ergraute Frau zu treten, die ich noch
nie gesehen und mir eher als eine gestorbene Vorfahrin denn als eine lebendige
Gromutter erschien. Auf engen Pfaden, unter fruchtbeschwerten Bumen hin, um
stille Gehfte herum gelangten wir endlich vor, ihr Haus, welches in tiefgrnem
schweigendem Schatten lag sie stand unter der braunen Tr und schien, die Hand
ber den Augen, sich nach mir umzusehen. Sogleich fhrte sie mich in die Stube
hinein und hie mich mit sanfter Stimme willkommen, ging zu einem blanken
zinnernen Giefasse, welches in gebohnter Nubaumnische ber einer schweren
zinnernen Schale hing, drehte den Hahn und lie sich das klare Wasser ber die
kleinen gebrunten Hnde strmen. Dann setzte sie Wein und Brot auf den Tisch,
stand lchelnd, bis ich getrunken und gegessen hatte, und setzte sich hierauf
ganz nahe zu mir, da ihre Augen schwach waren, betrachtete mich unverwandt,
whrend sie nach der Mutter und unserm Ergehen fragte und doch zugleich in
Erinnerung frherer Zeit versunken schien. Auch ich sah sie aufmerksam und
ehrerbietig an und behelligte sie nicht mit kleinen Berichten, welche mir nicht
hieher zu gehren schienen. Sie war schlank und fein gewachsen, trotz ihres
hohen Alters beweglich und aufmerksam, keine Stdterin und keine Buerin,
sondern eine wohlwollende Frau; jedes Wort, das sie sprach, war voll Gte und
Anstand, Duldung und Liebe, Freude und Leid, von aller Schlacke bler Gewohnheit
gereinigt, gleichmig und tief. Es war noch ein Weib, von dem man begreifen
konnte, wie die Alten das verdoppelte Wergeld des Mannes forderten, wenn es
erschlagen oder beschimpft wrde. Freilich war sie von ihrem Manne weder
geachtet noch geliebt, sondern geknechtet, soweit dies mglich war; aber da
nicht mehr alle Mannen sind, kann auch das Weib seinen Vollwert nicht mehr
haben.
    Ihr Mann erschien, ein diplomatischer und gemessener Bauer; er begrte mich
mit freundlicher Teilnahmlosigkeit, und nachdem er mit einem Blicke gesehen, da
ich eine hnliche phantastische Natur wie mein Vater und desnahen in der
Zukunft weder Ansprche noch Streitigkeiten zu befrchten seien, lie er seine
Frau in ihrer Freude gewhren, gab ihr sogar gelassen zu verstehen, da sie mich
nach Gefallen bewirten drfe, und ging wieder seine Wege.
    Ich blieb einige Stunden bei ihr, ohne da wir viel sprachen; sie sa
stillvergngt neben mir und schlief endlich lchelnd ein. ber ihre
geschlossenen Augen ging eine leise Bewegung wie das Wallen eines Vorhanges,
hinter welchem etwas vorgeht, man ahnte, da sich dort Bilder in zartem,
verjhrtem Sonnenscheine zeigten, und die freundlichen Lippen verkndeten es in
schwachen Regungen. Als ich mich erhob, um behutsam fortzugehen, erwachte sie
sogleich, hielt mich an und betrachtete mich fremd; wie in ihrer Person das
meinem Dasein Vorhergegangene gro und unvermittelt vor mir stand, mochte ich
als die Fortsetzung ihres Lebens, als ihre Zukunft dunkel und rtselhaft vor ihr
stehen, da meine Tracht wie meine Sprache von allem abwich, in dem sie sich
lebenslang bewegt hatte. Sie schritt gedankenvoll in die Nebenkammer, wo sie in
einem hohen Schranke einen Vorrat neuer Kleinigkeiten aufbewahrte, die sie von
fahrenden Krmern zu kaufen pflegte, um sie gelegentlich an das junge Volk zu
verschenken. Statt eines mchtigen Taschentuches ergriff sie, ihres blden
Gesichtes wegen, ein kleines rotseidenes Halstuch, wie es Bauermdchen tragen,
und gab mir es, noch in das gleiche Papier gewickelt, in dem sie es gekauft. Ich
mute ihr versprechen, jeden Tag zu kommen und nchstens einmal dort zu speisen.
    Mein Vetter hatte sich lngst entfernt, und ich suchte allein meinen
Heimweg, das rote Tchelchen in der Tasche. Bei einem Hause vorbeigehend,
bemerkte ich einige derbe Kinder, welche wie der Blitz hineinliefen und dort
lrmend etwas riefen. Eine Frau kam heraus, holte mich ein, kndigte sich als
Base an und fragte, ob ich denn nichts von ihr und ihrer Familie wisse? Ich
bejahte die Frage, indem ich mich entschuldigte, sie nicht gekannt zu haben. Sie
ntigte mich nun in das Haus, wo es von frischgebackenem Brote duftete und eine
lange Treppe von unten bis oben mit groen viereckigen und runden Kuchen bedeckt
war, auf jeder Staffel einer, um zu verkhlen. Whrend diese Base, ein rstiges
Weib in voller Blte der Arbeitslust und Kraft, schnell ihre Haare zurckstrich
und eine Schrze umband, hockten die Kinder alle hinter dem heien Ofen und
guckten scheu, doch kichernd hervor, ohne da ich die Gewandtheit besa, sie
zahm zu machen, weil ich selbst noch zu nah an ihrem Alter stand und ihnen
zuwenig berlegen war. Meine neue Gnnerin verkndigte, da ich gerade zu einer
guten Stunde gekommen sei, da sie heute gebacken htte, zerschnitt sogleich
einen gewaltigen Kuchen in vier Stcke und setzte Wein dazu, um dann den Tisch
fr das Mittagsmahl zu decken. Dieses Haus hatte nicht den patriarchalischen
Anstrich wie dasjenige der Gromutter; man sah keine Gerte von Nubaum, sondern
nur von lackiertem Tannenholz, die Wnde waren noch von frischer Holzfarbe, die
Ziegel auf dem Dache hellrot wie das zutage tretende Geblke und vor dem Hause
wenig oder kein Baumschatten; die Sonne berwand spielend die jungen
Obstbumchen und lag hei auf dem weiten Gemsegarten, in welchem nur ein
bescheidenes Blumenrevier verkndete, da diese Haushaltung einen jungen
Wohlstand zu begrnden im Begriffe und vorderhand an den prosaischen Nutzen
gewiesen sei. Nun kam der Mann vom Felde mit dem ltesten Knaben, besorgte,
obgleich er vernahm, da ich in der Stube sei, erst seine Ochsen und Khe, wusch
sich am Brunnen gemchlich die Hnde und trat dann, dieselben mir reichend, fest
und ruhig herein, sogleich nachsehend, ob seine Frau mich gehrig bewirte. Dabei
zeigten die Leute keinerlei Ziererei, als ob ihre Gaben zu gering wren und
dergleichen. Der Bauer ist der einzige, welcher nur sein Brot als das beste
erachtet und es als solches jedermann anbietet. Seine Leckerbissen sind die
Erstlinge jeder Frucht; die neue Kartoffel, die erste Birne, die Kirschen und
die Pflaumen gehen ihm ber alles, und er schtzt sie so hoch, da er wunder
glaubt was zu gewinnen, wenn er von fremden Bumen im Vorbergehen eine Handvoll
erhaschen kann, whrend er an den bunten Leckereien der Stdte gleichgltig
vorbergeht und seinen Lieben hchstens ein ungeniebares Bonbon von Strkemehl
kauft, weil es die Form eines Herzens hat und ein hbscher Spruch darauf steht.
Eine andere Delikatesse, die er aus der Stadt mitbringt, ist einfaches Weibrot;
hier holt er sich nur wieder zurck, was er selbst hervorgebracht hat, und
deswegen zeichnet er es aus. Diese berzeugung, da er das Beste und Gesundeste
biete, welche in unverdorbenen und noch nicht servilen Gegenden nicht ohne
Ostentation hervortritt, geht auf den Gast ber, welcher sich alsbald einer
krftigen Elust hingibt, ohne sie zu bereuen. Darum sa ich schmchtiges
Vetterlein wieder tapfer schmausend hinter dem Tische, obgleich ich heute
schon ein Erkleckliches getan hatte. Mit Wohlwollen berhuften mich die
Verwandten und betrachteten mich, wie jeden Stdter, der nicht ein Zinsherr ist,
als einen Hungerschlucker. Sie fhrten ein lebhaftes Gesprch ber unser
Schicksal und befragten mich des genauesten nach allen unseren Umstnden. Die
Frau erkundigte sich, ob ihre jhrlichen Geschenke an Feldfrchten immer richtig
ankmen, und versprach, gewi selbst einmal nach der Stadt zu kommen; der Mann
erzhlte von meinem Vater, wie derselbe als kleines Jngelchen, wenn man ihn
gefragt habe, was er geben wolle, geantwortet Ein'n Herr ab! nmlich abgeben,
was aber lustigerweise geklungen htte wie Ein Herab! Nun, fgte der Vetter
hinzu, wenn er gelebt haben wrde, so wre er noch ein vollstndiger Herr
geworden; eigentlich war er an sich schon mehr als unsereiner! Aber nun msset
Ihr aufmerken, Vetterlein, da Ihr es auch zu was bringt und das zu Ende fhret,
was er angefangen hat. Allem Anscheine nach werdet Ihr fr die Feder gut sein,
sonderlich da Euch die Mutter gut schulen lt, soviel wir hren, und was
ehrenfest von ihr gehandelt ist. Da msset Ihr vor allem aus nicht stolz werden
und nicht so ein Fuchsschwanz, sondern Euch immerdar zu uns halten, damit Ihr
ein rechter Volksmann werdet und wir auch was an Euch haben. Denn wir leiden in
unserm Dorfe Not an gelehrten Leuten und mssen unseren Bezirksnachbaren trotz
unserer starken Zahl bei Wahlen immer die Vorhand lassen, weil wir keine
Federhelden aufbringen knnen. Wenn Ihr, gutes Vetterlein, daher etwas Rechtes
werdet, so brauchet Ihr alsdann die Herren in der Stadt gar nicht, wir wollen
Euch schon zu etwas machen. Obgleich Euer Vater schon lange tot ist und es dann
noch lnger sein wird, so hat er doch in dieser Gegend ein solches Andenken
hinterlassen, und Ihr selbst seid so mitten unter uns brgerlich, da Ihr weiter
keine Gunst brauchet als Euere Tchtigkeit!
    Diese Rede, an sich etwas zu frh an mich gerichtet, betrbte mich, da ich
ganz stillschwieg; denn erstens war es nun mit der Schule vorbei, was der Mann
noch nicht wute, und zweitens fhlte ich mich nicht nach dem Geschftsleben
hingezogen, fhlte vielmehr eine Art von Grauen vor demselben.
    Nachdem ich noch den Stall besehen und in der Scheune jeder Kuh eine Gabel
voll Klee hinbergeschoben, verabschiedete ich mich; die Base lie es sich aber
nicht nehmen, mich ein Stck Weges zu begleiten, um mich schnell noch einer
anderen Base vorzustellen, wo ich mich nicht lange aufzuhalten brauche fr
dieses Mal. Ich fand eine freundliche Matrone, nicht ganz von dem edlen und
feinen Wesen meiner Gromutter, aber doch voll Anstand und Wohlwollen. Sie lebte
allein mit einer Tochter, welche frher, einer hufigen Sitte gem, zwei Jahre
in der Stadt gedient, dann einen vermglichen Bauer geheiratet hatte, welcher
bald gestorben, und nun Witwe bleiben wollte, wie sie versicherte, obgleich sie
erst ungefhr dreiig Jahre alt war. Sie war von hohem und festem Wuchse, ihr
Gesicht hatte den ausgeprgten Typus unserer Familie, aber durch eine seltsame
Schnheit verklrt; besonders die groen braunen Augen und der Mund mit dem
vollen ppigen Kinn machten augenblicklichen Eindruck. Dazu schmckte sie ein
schweres dunkles, fast nicht zu bewltigendes Haar. Sie galt fr eine Art
Lorelei, obschon sie Judith hie, auch niemand etwas Bestimmtes oder
Nachteiliges von ihr wute. Dies Weib trat nun herein, vom Garten kommend, etwas
zurckgebogen, da sie in der Schrze eine Last frischgepflckter Erntepfel und
darber eine Masse gebrochener Blumen trug. Dies schttete sie alles auf den
Tisch, wie eine reizende Pomona, da ein Gewirre von Form, Farbe und Duft sich
auf der blanken Tafel verbreitete. Dann grte sie mich mit stdtischem Akzente,
indessen sie aus dem Schatten eines breiten Strohhutes neugierig auf mich
herabsah, sagte, sie htte Durst, holte ein Becken mit Milch herbei, fllte eine
Schale davon und bot sie mir an; ich wollte sie ausschlagen, da ich schon genug
genossen hatte, allein sie sagte lachend Trinkt doch! und machte Anstalt, mir
das Gef an den Mund zu halten. Daher nahm ich es und schlrfte nun den
marmorweien und khlen Trank mit einem Zuge hinunter und mit demselben ein
unbeschreibliches Behagen, wobei ich sie ganz ruhevoll ansah und so ihrer
stolzen Ruhe das Gleichgewicht hielt. Wre sie ein Mdchen von meinem Alter
gewesen, so htte ich ohne Zweifel meine Unbefangenheit nicht bewahrt. Doch war
dies alles nur ein Augenblick, und als ich mir darauf mit den Blumen zu schaffen
machte, zwang sie gleich einen groen betubenden Strau von Rosen, Nelken und
stark duftenden Krutern zusammen und steckte mir denselben wie ein Almosen in
die Hand; das alte Mtterchen fllte meine Taschen mit pfeln, da ich nun, mit
Gaben frmlich beladen, ohne Widerrede gedemtigt, von dannen zog, von
smtlichen Frauen zu fleiigem Besuche bei ihnen, wie bei den noch brigen
Verwandten, aufgefordert.
    Es war schon tiefer Nachmittag, als ich endlich das Haus meines Oheims
wiederfand; es war verschlossen, weil alle Bewohner im Freien waren; doch wute
ich, da ich durch Scheune und Stall ein Schlupfloch finden wrde. In der
Scheune sprang mir das Reh entgegen und schlo sich mir unverweilt an, da es ihm
langweilig sein mochte, im Stalle sahen sich die Khe, Unterhaltung fordernd,
nach mir um, und ein lediges Rind tappte halbwegs auf mich zu, sah mich
verwundert an und machte Anstalt, einen vertraulichen Satz gegen mich zu nehmen,
da ich mich furchtsam in den nchsten Raum salvierte, der ganz mit
Ackergertschaften und Holzgermpel angefllt war. Aus dem dunklen Wirrsal
hervor scho mit vergnglichem Murren der Marder, welcher sich hier einsam
amsiert hatte, und sa mir im Augenblicke auf dem Kopfe, mir mit dem Schwanz um
die Backen schlagend und vor Freude tollen Unsinn treibend, da ich laut lachen
mute. So gelangte ich mit meiner Gesellschaft in den hellern, bewohnten Teil
des Hauses und fand endlich die Wohnstube, wo ich meine Brde von Blumen,
Frchten und Tieren abwarf. Auf dem Tische stand mit Kreide geschrieben, wo ich
zu essen finden wrde, im Falle ich Lust htte, nebst allerlei beigefgten
Witzen des jungen Volkes; aber ich zog vor, mir das Geburtshaus meiner Mutter
nun gemchlich anzusehen.
    Mein Oheim hatte schon seit einigen Jahren seiner geistlichen Pfrnde
entsagt, um sich ganz seinen Neigungen hinzugeben. Da der Staat ohnehin willens
war, der Gemeinde ein neues Pfarrhaus zu bauen, kaufte der Oheim dazumal das
alte Pfarrhaus von ihm, welches ursprnglich eigentlich der Landsitz eines
Aristokraten gewesen war und daher steinerne Treppen mit Eisengelndern, in Gips
gearbeitete Plafonds, einen Saal mit einem Kamine, viele Zimmer und Rume und
berall eine Unzahl geschwrzter lgemlde enthielt, Tierstcke, Stilleben,
Landschaften und Perckenbilder. In dieses Wesen hinein hatte der Oheim, unter
das gleiche Dach, seine Landwirtschaft geschoben, indem er einen Teil der
Wohnung herausgebrochen, da sich beide Elemente, das junkerhafte und das
buerliche, verschmolzen und durch wunderliche Tren und Durchgnge verbanden.
Aus einem mit Jagden bemalten und mit alten theologischen Werken versehenen
Zimmer sah man sich, wenn man eine Tapetentr ffnete, pltzlich auf den
Heuboden versetzt, das Parkett und die Decke des Kaminsaales waren mit Falltren
versehen, welche mit Tenne und Speicher korrespondierten, und ich verwunderte
mich nachher, als ich in dem khlen und heitern Saale meinen Sitz aufgeschlagen
und an nichts dachte, als pltzlich eine schwere Garbe aus dem Boden stieg, an
einem Seile aufgezogen, und in den Gipsblumen der Decke wieder verschwand, wie
ein Traum von den sieben fetten Jahren. Von der Decke dieses Saales hingen
berdies groe glserne Kugeln herab, welche inwendig mit Herren und Damen in
Reifrcken und Percken, auf Papier gemalt, beklebt waren; dazwischen ein
Kronleuchter, aus Hirschgeweihen zusammengesetzt, und neben der Flgeltr ragte
eine in Holz geschnittene und bemalte Meerfrau aus der Wand, zwischen ihren
Hnden eine zierliche Walze haltend, ber welche ehemals ein langes Handtuch
gehangen wurde zu allgemeinem Gebrauche. Unter dem Dache fand ich eine kleine
Mansarde, deren Wnde mit alten Hirschfngern und Galanteriedegen sowie mit
unbrauchbarem Schiegewehr bedeckt waren; eine berlange spanische Klinge mit
herrlich gearbeitetem sthlernem Griffe war ein seltenes Prachtstck und mochte
schon seltsame Tage gesehen haben. Ein paar Folianten lagen bestubt in der
Ecke, in der Mitte des Zimmers stand ein mit Leder bezogener zerfetzter
Lehnstuhl, so da nur der Don Quixote fehlte, um das Ganze zu einem Bilde zu
machen. brigens setzte ich mich behaglich hinein und dachte an den guten Herrn,
dessen Geschichte ich, unter der Leitung meines ehemaligen Lehrers, aus dem
Franzsischen des Mr. Florian bersetzt hatte. Ich hrte ein seltsames Gerusch,
Gurren und Krabbeln an der Wand, schlug einen hlzernen Schieber zurck und
steckte den Kopf hindurch in - den heien Taubenschlag, welcher alsobald in
solchen Alarm geriet, da ich mich zurckziehen mute. Ferner entdeckte ich die
Schlafzimmer der Tchter, stille Gelasse mit grnen Fenstergrtchen und berdies
von treuen Baumwipfeln bewacht, mit geretteten Stcken blumiger Tapeten
bekleidet, wo die zahlreichen Rokokospiegel des ehemaligen Herrensitzes eine
ehrenvolle Zurckgezogenheit gefunden hatten; so auch die groe Kammer der
Shne, welche mit den Spuren einiger nicht zu tiefen Studien und den Werkzeugen
des lndlichen Migganges, mit Angelzeug und Vogelgarnen, verziert war.
    Gegen Osten sahen die Fenster des Hauses in das Wirrsal von Obstbumen und
Dachgiebeln des Dorfes, aus welchem der erhhte Kirchhof mit der schneeweien
Kirche wie eine geistliche Festung emporragte, nach der Abendseite schaute die
hohe lange Fensterflucht des Saales ber ein sattgrnes Wiesental, durch welches
sich der Flu in vielen Armen und Windungen buchstblich silbern schlngelte, da
er hchstens zwei Fu tief war und wie Brunnenwasser in lebendigen heftigen
Wellen ber weies Geschiebe flo. Jenseits dieses Wiesengrundes stieg eine
waldige Berghalde oder haldiger Bergwald auf, an welchem alle Laubarten
durcheinanderwogten, von dsteren Felswnden und Kuppen unterbrochen. Die
untergehende Sonne aber hatte einen freien Eingang ber fernere Blauberge in das
Tal und bergo es alle Abend mit Glut, da man an den Fenstern des Saales im
Roten sa, ja die Rte drang durch diesen hin, wenn seine Tren geffnet, ins
Innere des Hauses und berzog Gnge und Wnde. Gemse- und Blumengrten,
vernachlssigte Zwischenrume, Holunderbsche und eingefate Quellen, alles von
Bumen berschattet, bildeten eine reizende Wildnis weit herum und dehnten sich
noch mittelst einer kleinen Brcke ber das Wasser Hinaus. Die etwas weiter oben
liegende Mhle aber gab sich nur durch das Gerusch und durch das Blitzen und
Stuben des Rades kund, welches unter den Bumen durchleuchtete. Das Ganze war
eine Verschmlelzung von Pfarrei, Bauernhof, Villa und Jgerhaus, und mein Herz
jubelte, als ich alle Schnheit und Poesie entdeckte und bersah, umgaukelt von
der geflgelten und vierfigen Tierwelt. Hier war berall Farbe und Glanz,
Bewegung, Leben und Glck, reichlich, ungemessen, dazu Freiheit und berflu,
Scherz, Witz und Wohlwollen. Der erste Gedanke war eine freie ungebundene
Ttigkeit. Ich eilte auf mein Zimmer, welches auch nach der Abendseite lag, und
begann meine indessen angekommenen Sachen auszupacken, meine Schulbcher und
abgebrochenen Hefte, welche ich so gut mglich noch zu pflegen gedachte,
vorzglich aber einen ansehnlichen Vorrat von Papier verschiedener Art, Federn,
Bleistifte und Farben, vermittelst deren ich zu schreiben, zu zeichnen, zu malen
gedachte, was wei ich was alles! In diesem Augenblicke wandelte sich der
bisherige Spieltrieb in eine ganz ernsthafte und gravittische Lust zu Schaffen
und Arbeit, zu bewutem Gestalten und Hervorbringen um. Mehr als alles
vorhergehende Ungemach weckte dieser eine, so einfache und doch so reiche Tag
den ersten Schein der Klarheit, die Morgendmmerung der reiferen Jugend in mir
auf. Als ich meine bisher bermalten Streifen und Bogen auf dem groen Bette
ausbreitete, da es mit wunderlich bunter Decke bezogen war, fhlte ich mich mit
einem Male ber diese Dinge hinausgerckt und mit dem Bedrfnis auch den Willen,
sogleich einen Fortschritt aus mir selbst hervorzuzwingen. Es lag in der Luft,
es lag in mir oder wei Gott wo, da ich das nchste Blatt mit mehr Energie und
Geschick angegriffen vor mir schweben sah. Zuletzt eigentlich mochte ich nur die
uere Anregung vorausempfinden, die sich in diesem Augenblicke mir nherte.
    Mein Oheim trat, von einer Aufsichtswanderung zurckgekehrt, zu mir herein
und fate eine gutmeinende Verwunderung, als er mich von meinem Krame umgeben
sah. Die kindliche Renommisterei und Keckheit meiner Machwerke, die
marktschreierischen Farben imponierten seinem ungebten Auge, und er rief Ei,
du bist ja ein ganzer Maler, Herr Neveu! Das ist nun recht; da hast du ja auch
eine Menge Papier und Farben? Gut! Was hast du hier fr Sachen, wo hast du sie
hergenommen? Ich erwiderte, da ich alles aus dem Kopfe gemacht htte. Ich
will dir nun andere Aufgaben stellen, sagte er, du sollst nun unser Hofmaler
sein! Gleich morgen sollst du versuchen, unser Haus zu zeichnen mit Grten und
Bumen, und alles genau nachbilden! Auch kann ich dir manchen schnen Punkt in
unserer Gegend zeigen, wo du interessante Prospekte aufnehmen magst; das wird
dich ben und dir ntzlich sein. Ich wollte selbst, ich htte dergleichen gebt.
Halt, ich kann dir einige hbsche Sachen zeigen, welche von einem Herrn
herrhren, der vor dreiig Jahren oft bei uns zu Gast war, als wir immer Besuch
aus der Stadt hatten. Er malte zu seinem Vergngen in l, in Wasserfarben und
stach in Kupfer oder radierte, wie er es nannte, und war geschickt, trotz einem
Knstler!
    Er holte eine uralte Mappe herbei, welche mit einer ansehnlichen Schnur
umwickelt war, und indem er sie ffnete, sagte er Ich habe bei Gott diese Dinge
lngst vergessen, ich seh sie selbst einmal gern wieder! Der gute Junker Felix
liegt in Rom begraben, schon manches lange Jahr; er war ein alter Junggesell,
trug gepuderte Haare und ein Zpfchen noch anfangs der zwanziger Jahre; er malte
und radierte den ganzen Tag, ausgenommen im Herbste, wo er mit uns jagte.
Damals, zu Anfang der zwanziger Jahre, kamen ein paar junge Herren aus Italien
zurck, worunter ein Malergenie. Diese Bursche machten einen Teufelslrm und
behaupteten, die ganze alte Kunst sei verkommen und wrde eben jetzt in Rom
wiedergeboren von deutschen Mnnern. Alles, was vom Ende des vorigen
Jahrhunderts her datiere, das Geschwtz des sogenannten Goethe von Hackert,
Tischbein und dergleichen, das sei alles Lumperei, eine neue Zeit sei
angebrochen. Diese Redensarten strten meinen armen Felix urpltzlich in seinem
bisherigen Lebensfrieden; umsonst suchten ihn seine alten Knstlerfreunde, mit
denen er schon manchen Zentner Tabak verraucht hatte, gelassen zur Ruhe zu
bringen, indem sie sagten, er mge doch die jungen Fnte schreien lassen, die
Zeit werde so gut ber sie hinweggehen wie ber uns! Alles umsonst! Eines
Morgens schlo er seinen hagestolzlichen Kunsttempel zu und rannte wie verrckt
nach dem St. Gotthard, hinber und kam nicht wieder. Nachdem ihm die Halunken zu
Rom den Zopf abgeschnitten bei einer Sauferei, verlor er allen Halt und alle
Ehrbarkeit und starb in seinen alten Tagen nicht an Altersschwche, sondern an
dem rmischen Wein und an den rmischen Weibsbildern. Diese Mappe lie er
zufllig bei uns zurck.
    Wir durchbltterten nun die vergilbten Papiere; es waren ein Dutzend
Baumstudien in Kreide und Rotstift, nicht sehr krperlich und sicher gezeichnet,
doch von einem tchtigen dilettantischen Streben zeugend, nebst einigen
verblaten Farbenskizzen und einer groen in l gemalten Eiche. Dies nannte er
Baumschlag, sagte mein Oheim, und machte ein groes Wesen daraus. Das
Geheimnis desselben hatte er im Jahre 1780 in Dresden erlernt bei seinem
verehrten Meister Zink, oder wie er ihn nannte. Es gibt, pflegte er zu sagen,
zwei Klassen von Bumen, in welche alle zerfallen, in die mit runden und die mit
gezackten Blttern. Daher gibt es zwei Manieren die gezackete Eichenmanier und
die gerundete Lindenmanier! Wenn er bestrebt war, unsern jungen Damen das
gelufige Schreiben dieser Manieren beizubringen, so sagte er, sie mten sich
vor allem an einen gewissen Takt gewhnen, z.B. beim Zeichnen dieses oder jenes
Baumschlages zhle Eins, zwei, drei - vier, fnf, sechs! - Das ist ja der
Walzertakt! schrieen die Mdchen und begannen um ihn herumzutanzen, bis er
wtend aufsprang, da ihm der Zopf wackelte!
    So gewann ich auf dem seltsamen Wege einer Tradition, deren Trger selbst
der Sache fremd war, den ersten Anhaltspunkt. Ich betrachtete die Bltter stumm
und aufmerksam und bat mir die Mappe zur freien Verfgung aus. Sie enthielt
berdies noch eine Anzahl radierter Landschaften, einige Waterloos, einige
idyllische Haine von Gener mit sehr hbschen Bumen, deren Poesie mich
frappierte und sogleich einnahm, bis ich eine Radierung von Reinhart entdeckte,
gelb und beschmutzt, knapp am Rande beschnitten, deren Kraft, Schwung und
Gesundheit mchtig zu mir sprach und aus dem verzettelten Stckchen Papier
gewaltig herausleuchtete. Whrend ich staunend das Blatt in der Hand hielt (ich
hatte bis jetzt nie etwas wahrhaft Knstlerisches gesehen), kam der Oheim wieder
und rief Komm mit, Neveu Maler! der Herbst wird bald genug dasein, und da
mssen wir sehen, wie es vorlufig um die Hslein und Fchslein, um Hhner und
derlei Volk steht! Es ist ein schner Abend, wir wollen ohne Gewehr ein bichen
auf den Anstand gehen, da kann ich dir zugleich hbsche Prospekte zeigen.
    Er ergriff aus einem Winkel, wo eine Menge alter spanischer Rohre versammelt
war, einen tchtigen Stock, gab mir auch einen solchen, pustete aus seinem
Waldhrnchen den abgebrannten Zigarrenstumpf heraus, da er gewaltsam an die
Decke flog, steckte einen frischen Glimmstengel hinein, pfiff aus dem Fenster in
weithin schallenden Tnen, worauf sogleich die Hunde aus allen Ecken des Dorfes
wie der Blitz herbeisprangen, und wir zogen, umgeben von den bellenden Tieren,
dem abendlichen Bergwalde zu.
    Bald war die Meute weit voraus und im Gehlze verschwunden, aber kaum
begannen wir die Hhe hinanzusteigen, so hrten wir sie ber uns anschlagen und
in voller Jagd am Berge hinziehen, da die Schluchten widerhallten. Meinem Oheim
lachte das Herz, er zog mich vorwrts und behauptete, wir mten rasch nach
einer kleinen Waldwiese eilen, um das Tier zu sehen; doch auf dem Wege horchte
er auf und nderte die Richtung, indem er rief Es ist bei Gott ein Fuchs!
dorthin mssen wir gehen, schnell, pst! Kaum hatten wir einen schmalen Pfad
betreten, welcher neben einem trockenen Waldbache hinlief, zwischen zwei
bewachsenen Abhngen, als er mich pltzlich anhielt und lautlos vorwrts wies,
ein rtlicher Streif scho still ber Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine
Minute nachher heulten die sechs Hunde hintendrein, rasend, toll! Hast du ihn
gesehen? sagte der Oheim so vergngt, als ob er am Vorabend seiner Hochzeit
stnde; dann fuhr er fort Sie haben ihn verloren, doch in jenem Schlag mssen
sie notwendig ein Hschen auftun! Wir wollen vollends hier hinaufgehen! Wir
gelangten auf eine kleine Hochebene, welche ein von der sinkenden Sonne
gertetes Haferfeld enthielt, umsumt von stillglhenden Fhren. Hier hielten
wir an und stellten uns am Rande auf, in wohligem Schweigen, unfern eines
verwachsenen Weges, der ins Dunkle fhrte. Wir mochten so eine Viertelstunde
gewartet haben, als das Gebell in groer Nhe pltzlich wieder begann und mein
Oheim mich anstie. Zugleich bewegte sich der Hafer vor uns, er flsterte Was
Teufel ist denn da los? und es erschien eine riesenhafte Bauernkatze, welche
uns ansah und davonschlich. In groem Zorne rief der geistliche Herr Du
vermaledeite Bestie, was hast denn du hier zu schaffen? Da sieht man, wo die
jungen Hasen hinkommen! Wart, ich will dir jagen helfen! und er schleuderte ihr
einen mchtigen Stein nach. Sie sprang wieder mitten in den Hafer hinein,
indessen die Hunde an uns vorberbrausten und mein zorniger Oheim ganz verblfft
sagte Da! nun haben wir den Hasen nicht gesehen! Die Hunde waren ebenfalls im
Haferfelde verschwunden, auch war es still geworden, und wir bemerkten nur, da
fnfzig Schritte von uns eine groe Bewegung darin herrschte, und zugleich sahen
wir dort sechs vergngte Hundeschwnze ber den Halmen wedeln. Sie haben
entweder die Katze oder ein armes junges Hschen! rief mein Fhrer. Wir begaben
uns nach der Stelle und entdeckten beides. Die Katze hatte das zarte Tierchen
erschnappt, nicht ahnend, da es sechs Hunde hinter sich habe, und diese
zerrissen sie in selbem Augenblicke samt ihrem Opfer. Wir hatten genug zu tun,
mit unseren Stcken den Knuel auseinanderzutreiben. Mein Oheim war verdrielich
ber den Verlust des Hasen, und er trstete sich nur mit dem Tode der unbefugt
jagdliebenden Katze.
    Genug fr heute, sagte er und steckte das Hschen in seine weite
Rocktasche, da wir einmal unwillkrliche Wilddiebe sind, so wollen wir das Ding
morgen braten! Nun la uns noch da vornenhin gehen, wo du das Hochgebirge sehen
kannst, dem du jetzt ein bichen ferner gerckt bist.
    Am entgegengesetzten Rande des hohen Feldes, wo die Fhren sich lichteten,
sah man ber zuerst grne, dann immer blauer werdende Bergrcken hin nach dem
Gebirge im Sden, welches in seiner ganzen Ausdehnung von Ost nach West vor uns
lag, von den Appenzeller Kuppen bis zu den Berner Alpen, aber so fern, da man
nur den hohen Schnee sah in schwachem Rosenlichte; der Jura lag zu tief, und der
See bei meiner Stadt lag vollends in der Tiefe unsichtbar begraben. Dieser
ferne, weite Kranz kam mir ganz fremd vor, da ich das Gebirge bisher nur in
grerer Nhe und massenhafter, aber auch vereinzelter gesehen hatte.
    Dadurch wurde ich auch auf den Charakter der mich umgebenden Landschaft
aufmerksamer. Dieselbe war schon mehr in der Art, wie ich mir deutsches Gebirge
vorstelle, grn, felsig und bebaut, in kleinerm Mastabe, aber immer poetisch.
Eine Menge Tler und Einschnitte, von Gewssern durchzogen, versprachen eine
reiche Zuflucht fr fortwhrende Streifereien, vorzglich war es ein rechtes
Waldland. Die Formen waren eben nicht malerisch, meistens sogar monoton, und
doch waren die Gegenstnde gro und schn durch ihr Dasein, durch ihre
Bedeutung, durch den Kontrast, in welchem sie zueinander standen, und erst in
den ber- und Durchgngen gab es eine Menge malerischer Anblicke, welche gesucht
sein wollten, indessen das reichste Detail an Bumen und Steinen bei jedem
Schritte entgegensprang. Kurz, es war nicht eine raffinierte schne Gegend,
deren Hauptzge in einem Tage erschpft sind, sondern eine solide Landschaft,
welche bei anscheinender Hrte und Schroffheit tief und lebendig war. Dieser und
jener Berg lag gleich einem Walrosse trg und einfrmig da, aber wenn man in ihn
hineinging, so bot er alle Wunder der Phantasie so reichlich, da einem die Wahl
schwer wurde.
    Indessen wir auf einem andern Wege nach Hause kehrten, wechselten die
reizenden Bilder vor meinen Augen bis in die Schatten der Nacht hinein und
schlossen mit dem hellsten Mondscheine, der auf Mhle, Pfarrhaus und auf dem
Wasser flimmerte, als wir anlangten. Die jungen Leute jagten sich auf dem Platze
unter den Eschen umher und drngten einander in das Flchen, die Tchter sangen
im Garten, die Muhme rief aus dem Fenster, ich wre ein Landstreicher, den man
den ganzen Tag nie gesehen htte, und mein Oheim sagte, wir wollten das Hschen
lieber heute noch braten, es werde ein trefflicher Nachtbissen sein!

                                Zweites Kapitel


Der nchste junge Tag lie mich von allen Seiten mit dem Rufe Maler! begren.
Guten Morgen, Maler! Haben der Herr Maler wohl geruht? Maler, zum Frhstck!
hie es, und das Vlklein handhabte diesen Titel mit derjenigen gutmtig
spottenden Freude, welche es immer empfindet, wenn es fr einen neuen
Ankmmling, den es nicht recht anzugreifen wute, endlich eine gelufige
Bezeichnung gefunden hat. Ich lie mir jedoch den angewiesenen Rang trefflich
munden und nahm mir im stillen vor, denselben nie mehr aufzugeben. Ich brachte
aus Pflichtgefhl die erste Morgenstunde noch ber meinen Schulbchern zu, mich
selbst unterrichtend; aber mit dem grauen Lschpapier dieser melancholischen
Werke kam die Ode und die Beklemmung der Vergangenheit wieder heran; jenseits
des Tales lag der Wald in silbergrauem Duft, die Terrassen hoben sich merklich
voneinander los, ihre laubigen Umrisse, von der Morgensonne bestreift, waren
hellgrn, jede bedeutende Baumgruppe zeichnete sich gro und schn in dem
zusammenhaltenden Dufte und schien ein Spielwerk fr die nachahmende Hand zu
sein; meine Schulstunde wollte aber nicht vorbergehen, obschon ich lngst nicht
mehr aufmerkte.
    Ungeduldig ging ich, ein Lehrbuch der Physik in der Hand, hin und her und
durch mehrere Zimmer, bis ich in einem derselben die weltliche Bibliothek des
Hauses entdeckte; ein breiter alter Strohhut, wie ihn die Mdchen zur Feldarbeit
brauchen, hing darber und verbarg sie beinahe ganz. Wie ich denselben aber
wegnahm, sah ich eine kleine Schar guter Franzbnde mit goldenem Rcken, ich zog
einen Quartband hervor, blies den dichten Staub davon und schlug die Generschen
Werke auf, in dickem Schreibpapier, mit einer Menge Vignetten und Bildern
geschmckt. berall, wo ich bltterte, war von Natur, Landschaft, Wald und Flur
die Rede, die Radierungen, von Geners Hand mit Liebe und Begeisterung gemacht,
entsprachen diesem Inhalte, ich sah meine Neigung hier den Hauptinhalt eines
groen, schnen und ehrwrdigen Buches bilden. Als ich aber auf den Brief ber
die Landschaftsmalerei geriet, worin der Verfasser einem jungen Manne guten Rat
erteilt, las ich denselben berrascht vom Anfang bis zum Ende durch. Die
unschuldige Naivett dieser Abhandlung war mir ganz falich; die Stelle, wo
geraten wird, mannigfaltig gebrochene Feld- und Bachsteine auf das Zimmer zu
tragen und darnach Felsenstudien zu machen, entsprach meinem noch halbkindischen
Wesen und leuchtete mir ungemein in den Kopf. Ich liebte sogleich diesen Mann
und machte ihn zu meinem Propheten. Nach mehr Bchern von ihm suchend, fand ich
ein kleines Bndchen, nicht von ihm, aber seine Biographie enthaltend. Auch
dieses las ich auf der Stelle ganz durch. Er war ebenfalls ein hoffnungsloser
Schler gewesen, indessen er auf eigene Faust schrieb und knstlerischen
Beschftigungen nachhing. Es war in dem Werklein viel von Genie und eigener Bahn
und solchen Dingen die Rede, von Leichtsinn, Drangsal und endlicher Verklrung,
Ruhm und Glck. Ich schlug es still und gedankenvoll zu, dachte zwar nicht sehr
tief, war jedoch, wenn auch nicht klar bewut, fr die Bande geworben.
    Es ist bei der besten Erziehung nicht zu verhten, da dieser folgenreiche
und gefhrliche Augenblick nicht ber empfngliche junge Hupter komme,
unbemerkt von aller Umgebung, und wohl nur wenigen ist es vergnnt, da sie erst
das leidige Wort Genie kennenlernen, nachdem sie unbefangen und arglos bereits
ei gesundes Stck Leben, Lernen, Schaffen und Gelingen hinter sich haben. Ja, es
ist berhaupt die Frage, ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine dichte
Unterlage von bewuten Vorstzen und allem Apparate genialer Grbelei gehre,
und der Unterschied mchte oft nur darin bestehen, da das wirkliche Genie
diesen Apparat nicht sehen lt, sondern vorweg verbrennt, whrend das blo
vermeintliche ihn mit groem Aufwande hervorkehrt und um seine mageren
Gestaltungen wirft wie einen Theatermantel.
    Den berckenden Trank schpfte ich jedoch nicht aus einem anspruchsvollen
und blendenden Zauberbecher, sondern aus einer bescheidenen lieblichen
Hirtenschale; denn bei allen Redensarten war dies Genersche Wesen durchaus
einfacher und unschuldiger Natur und fhrte mich fr einmal nur mit etwas mehr
Bewutsein unter grnen Baumschatten und an stille Waldquellen.
    In der Biographie machte ich auch die Bekanntschaft mit dem alten Sulzer,
welcher in Berlin des jungen Gener Gnner gewesen; wie ich nun unter den
Bchern einige stattliche Bnde der Theorie der schnen Knste wahrnahm, nahm
ich sie als in mein neuentdecktes Gebiet gehrig in Beschlag. Dies Buch mu
seinerzeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben, da man es fast in allen
alten Bcherschrnken findet und es auf allen Auktionen spukt und fr wenig Geld
erstanden werden kann. Wie ich die enzyklopdische Einrichtung desselben
bemerkte, schlug ich flugs den Artikel Landschaftsmalerei nach und, als ich ihn
gelesen, alle mglichen brigen Begriffe, die ich teils schon gehrt, teils aus
eben diesem Artikel abgezogen hatte, ber Schulen, Meister, Farbe, Licht,
Perspektive und dergleichen; las dazwischen schnell einen Artikel ber ein
anderes Gebiet, der gerade neben einem Malerartikel stand und mir auffiel, und
als der Mittag herannahte, war mein Kopf von Gelehrsamkeit vollgepfropft, ich
fhlte beinahe selbst den gravittischen Hochmut in meinen festgeschlossenen
Lippen und aufgespannten Augen und schleppte smtliche Kunstliteratur in mein
Zimmer hinber zu der Mappe des Junker Felix.
    Kaum nahm ich mir nach Tische noch Zeit, bei der Gromutter einen kurzen
Besuch abzustatten, ein Glas Wein zu trinken, welchen sie schon seit Vormittag
fr mich bereitgehalten, und ein kleines Testamentchen mit Goldschnitt und
silbernem Schlchen, welches nach ihrer Angabe ein versptetes Patengeschenk
fr meinen schon fortgezogenen Vater gewesen, vergessen worden und lange Jahre
in ihrem Schranke liegengeblieben und welches sie treulich fr mich aufgehoben
hatte kaum nahm ich mir Zeit, dies rhrende und zierliche Geschenk einzustecken,
und eilte wieder davon. Die Gromutter sah mir, so weit ihre schwachen Augen
reichten, etwas wehmtig nach; denn sie hatte mir die heilige Gabe mit
besonderer Liebe und Feierlichkeit einhndigen wollen. Aber ich schwand ihr
eilig aus dem Gesichte, allein begierig, meine angefachte Kunsteinsicht an den
Mann oder vielmehr an die Bume zu bringen.
    Mit einer Mappe und Zubehr versehen, schritt ich bereits unter den grnen
Hallen des Bergwaldes hin, jeden Baum betrachtend, aber nirgends eigentlich
einen Gegenstand sehend, weil der stolze Wald eng verschlungen, Arm in Arm stand
und mir keinen seiner Shne einzeln preisgab; die Strucher und Steine, die
Kruter und Blumen, die Formen des Bodens schmiegten und duckten sich unter den
Schutz der Bume und verbanden sich berall mit dem groen Ganzen, welches mir
lchelnd nachsah und meiner Ratlosigkeit zu spotten schien. Endlich trat ein
gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prchtigem Mantel und Krone
herausfordernd vor die verschrnkten Reihen, wie ein Knig aus alter Zeit, der
den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder
Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, da seine Sicherheit
mich blendete und ich mit leichter Mhe seine Gestalt bezwingen zu knnen
whnte. Schon sa ich vor ihm, und meine Hand lag mit dem Stifte auf dem weien
Papiere, indessen eine geraume Weile verging, ehe ich mich zu dem ersten Strich
entschlieen konnte; denn je mehr ich den Riesen an einer bestimmten Stelle
genauer ansah, desto unnahbarer schien mir dieselbe, und mit jeder Minute verlor
ich mehr meine Unbefangenheit. Endlich wagte ich, von unten anfangend, einige
Striche und suchte den schngegliederten Fu des mchtigen Stammes festzuhalten;
aber was ich machte, war leben- und bedeutungslos, die Sonnenstrahlen spielten
durch das Laub auf dem Stamme, beleuchteten die markigen Zge und lieen sie
wieder verschwinden, bald lchelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige
Moosstelle aus dem Helldunkel, bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes
Zweiglein im Lichte, ein Reflex lie auf der dunkelsten Schattenseite eine neue
mit Flechten bezogene Linie entdecken, bis alles wieder verschwand und neuen
Erscheinungen Raum gab, whrend der Baum in seiner Gre immer gleich ruhig
dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flstern vernehmen lie. Aber
hastig und blindlings zeichnete ich weiter, mich selbst betrgend, baute Lage
auf Lage, mich ngstlich nur an die Partie haltend, welche ich gerade zeichnete,
und gnzlich unfhig, sie in ein Verhltnis zum Ganzen zu bringen, abgesehen von
der Formlosigkeit der einzelnen Striche. Die Gestalt auf meinem Papiere wuchs
ins Ungeheuerliche, besonders in die Breite, und als ich an die Krone kam, fand
ich keinen Raum mehr fr sie und mute sie, breitgezogen und niedrig, wie die
Stirne eines Lumpen, auf den unfrmlichen Klumpen zwingen, da der Rand des
Bogens dicht am letzten Blatte stand, whrend der Fu unten im Leeren taumelte.
Wie ich aufsah und endlich das Ganze berflog, grinste ein lcherliches Zerrbild
mich an, wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel, die lebendige Buche aber strahlte
noch einen Augenblick in noch grerer Majestt als vorher, wie um meine
Ohnmacht zu verspotten; dann trat die Abendsonne hinter den Berg, und mit ihr
verschwand der Baum im Schatten seiner Brder. Ich sah nichts mehr als eine
grne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien. Ich zerri dasselbe, und so
hochmtig und anspruchsvoll ich in den Wald gekommen, so kleinlaut und
gedemtigt war ich nun. Ich fhlte mich abgewiesen und hinausgeworfen aus dem
Tempel meiner jugendlichen Hoffnung, der trstende Inhalt des Lebens, den ich
gefunden zu haben whnte, entschwand meinem innern Blicke, und ich kam mir nun
vor wie ein wirklicher Taugenichts, mit welchem wenig anzufangen sei. Ich brach
verzagt und weinerlich auf, mit gebrochenem Mute nach einem andern Gegenstande
suchend, welcher sich barmherziger gegen mich erwiese. Allein die Natur, mehr
und mehr sich verdunkelnd und verschmelzend, lie mir kein Almosen ab; in meiner
Bedrngnis tat sich mir das Wort kund Aller Anfang ist schwer und mit
demselben die Einsicht, da ich ja erst jetzt anfange und diese Mhsal eben den
Unterschied von dem frhern Spielwerke begrnde. Aber diese Einsicht stimmte
mich nur trauriger, da mir Mhseligkeit und saurer Flei bisher spanische Drfer
gewesen und keineswegs sehr verlockend, vielmehr der Arbeit die Seele und die
freudige Lust zu nehmen schienen. Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal
zu Gott, der mir im Rauschen des Waldes und in meinem eingebildeten Elende
wieder nahe getreten, und bat ihn flehentlich, mir zu helfen um meiner Mutter
willen, deren sorgenvoller Einsamkeit ich nun auch gedachte.
    Da traf ich auf eine junge Esche, welche mitten in einer Waldlcke auf einem
niedrigen Erdwalle emporwuchs, von einer sickernden Quelle getrnkt. Das
Bumchen hatte einen schwanken Stamm von nur zwei Zoll Dicke und trug oben eine
zierliche Laubkrone, deren regelmig gereihte Bltter zu zhlen waren und sich,
so wie der Stamm, einfach, deutlich und anmutig auf das klare Gold des
Abendhimmels zeichneten. Weil das Licht hinter der Pflanze war, sah man nur den
scharfen Umri des Schattenbildes, es schien wie absichtlich zur bung eines
Schlers hingestellt.
    Ich setzte mich noch einmal hin und wollte flugs das kindliche Stmmchen mit
zwei parallelen Linien auf mein Papier stehlen; aber noch einmal wurde ich
gehhnt, indem der einfache, grnende Stab im selben Augenblicke, wo ich ihn zu
zeichnen und genauer anzusehen begann, eine unendliche Feinheit und
Mannigfaltigkeit der Bewegung annahm. Die beiden aufstrebenden Linien schmiegten
sich in allen kaum merklichen Biegungen so streng aneinander, sie verjngten
sich nach oben so fein, und die jungen ste gingen endlich in so gemessenen
Winkeln daraus hervor, da um kein Haar abgewichen werden durfte, wenn das
Bumchen seine schne Gestalt behalten sollte. Doch nahm ich mich zusammen und
klammerte mich ngstlich und aufmerksam an jede Bewegung meines Vorbildes,
woraus endlich nicht eine sichere und elegante Skizze, sondern ein zaghaftes,
aber ziemlich getreues Gebilde hervorging. Ich fgte, einmal im Zuge, mit
Andacht die nchsten Grser und Wrzelchen des Bodens hinzu und sah nun auf
meinem Blatte eines jener frommen nazarenischen Stengelbumchen, welche auf den
Bildern der alten Kirchenmaler und ihrer heutigen Epigonen den Horizont so
anmutig und naiv durchschneiden. Ich war zufrieden mit meiner bescheidenen
Arbeit und betrachtete sie noch lange abwechselnd mit der schlanken Esche, die
sich im leisen Abendhauche wiegte und mir wie ein freundlicher Himmelstote
erschien. Als ob ich wunder was verrichtet htte, zog ich hochvergngt dem Dorfe
zu, wo meine Verwandten begierig waren, die Frchte meiner mit soviel Anspruch
unternommenen Waldfahrt zu sehen. Nachdem ich aber mein Bumlein mit seinen
hchstens vier Dutzend Blttern hervorgezogen, lste sich die Erwartung in ein
allgemeines Lcheln auf, welches bei den Unbefangensten zum Gelchter wurde; nur
dem Oheim gefiel es, da man doch gleich ein junges Eschchen erkannte, und er
munterte mich auf, unverdrossen fortzufahren und die Waldbume recht zu
studieren, wozu er mir als Forstmann behilflich sein wolle. Er besa noch so
viel stdtische Erinnerung, da ihm dergleichen nicht lcherlich vorkam; auch
mochten leidenschaftliche Jger von jeher die Malerei wohl leiden, insofern sie
den Schauplatz ihrer Freuden und ihre Taten selbst verherrlicht. Daher begann er
nach dem Abendessen noch sogleich einen Kursus mit mir und sprach von den
Eigentmlichkeiten der Bume und von den Stellen, wo ich die lehrreichsten
Exemplare finden wrde. Zuvrderst aber empfahl er mir, die Studien des Junkers
Felix zu kopieren, was ich an den folgenden Tagen mit groem Eifer tat, indessen
wir an den schnen Abenden unsere Rekognoszierungen fr die nchste Jagdzeit
fortsetzten und dabei die reizendsten Grnde und Hhen durchstreiften, umgeben
und begleitet von der reichsten Baumwelt.
    So ging die erste Woche meines lndlichen Aufenthaltes angenehm zu Ende, und
um diese Zeit wute ich schon die meisten Bume voneinander zu unterscheiden und
freute mich, die grnen Gesellen mit ihren Namen begren zu knnen; nur
hinsichtlich der reichen Kruterwelt des feuchten oder trockenen Bodens
bedauerte ich erst jetzt wieder lebhaft die Unterbrechung jener botanischen
Anfnge in der Schule, da ich wohl fhlte, da fr die Kenntnis dieser kleinen,
aber weit mannigfaltigeren Welt einige grobe Umrisse nicht gengten, und doch
htte ich so gern die Namen und Eigenschaften aller der blhenden Dinge gekannt,
welche den Boden bedeckten.
    Auf den ersten Sonntag meiner Anwesenheit war schon ein Besuch verabredet
worden, welchen wir jungen Leute hinter dem Walde abstatten wollten. Dort wohnte
auf einem einsamen und abgelegenen Hofe ein Bruder meiner Muhme mit einer jungen
Tochter, welche mit meinen Basen eine eifrige Mdchenfreundschaft pflag. Ihr
Vater war frher Dorfschulmeister gewesen, hatte aber nach dem Tode seiner Frau
sich in jenen beschaulichen Waldhof zurckgezogen, da er ein hinlngliches
Vermgen besa und das gerade Gegenteil meines Oheims darstellte. Whrend
dieser, von stdtischer Abkunft und in einigen geistlichen Studien aufgewachsen,
dieses alles hinter sich geworfen und vergessen hatte, um sich ganz der braunen
Ackererde und dem wilden Forste hinzugeben, strebte jener, von buerischem
Herkommen und drftiger Bildung, allein nach milden und feinen Sitten, nach dem
Leben und Ruhme eines Weisen und Gerechten und vertiefte sich in beschauliche
geistliche und philosophische Spekulationen, betrachtete die Natur nach
Anleitung allerlei seltsamer Bcher und freute sich, vernnftige Gesprche
anzuknpfen, sooft sich hiezu die Gelegenheit bot, wobei er eine groe Artigkeit
zu entfalten bestrebt war. Sein Tchterchen, ungefhr von vierzehn Jahren, lebte
still und fein in dem milden Lichte solcher Gesinnungsweise und stellte nach den
Wnschen ihres Vaters eher ein zartes Pfarrerskind vor denn eine
Landmannstochter, indessen die weibliche Nachkommenschaft meines Oheims, zur
derben Arbeit gehalten, einen starken Anhauch von Regen und Sonnenschein zeigte,
welcher sie aber viel eher zierte als entstellte und dem Glanze ihrer frischen
Augen entsprach.
    Meine drei Basen, von zwanzig, sechszehn und vierzehn Jahren, mit stdtisch
verwelschten Namen: Margot, Lisette und Caton, hielten am Sonntagnachmittag
lange Konferenz in ihren Kmmerchen, einander wechselseitig besuchend und die
Tren hinter sich abschlieend. Wir Bursche, deren Toilette lngst beendigt war,
harrten ungeduldig und konnten nur durch Schlssellcher und Trspalten
bemerken, da die Kleiderschrnke weit geffnet und die Mdchen mit wichtigen
Gebrden ratschlagend davorstanden. Ein starker Geruch verschiedener Spezereien
verbreitete sich und bildete mit den neuen Stoffen und Siebenschelchen, welche
in den Schrnken lagen, jenen behaglichen Duft, der sich aus geffneten
Frauenschrnken oder sonstigen Mobilien entwickelt. Um uns die Zeit zu
vertreiben, begannen wir die andchtigen Tchter zu necken und drangen endlich
mit hellem Haufen in ihre Mitte, ber einen mchtigen Schrank herfallend, um die
Nasen in die hundert Schchtelchen, Bchschen und Heimlichkeiten zu stecken.
Aber mit dem Mute wilder Lwinnen, denen man die Jungen rauben will, wurden wir
hinausgeworfen und fhrten vor den Tren einen vergeblichen Kampf, dieselben
wieder aufzubrechen. Da gingen sie mit einem Male nach einer kurzen Stille von
selber auf, und heraus traten, verschmt und unwillig, und doch siegbewut, die
drei armen Kinder, bunt und prchtig, nach der vorjhrigen Mode gekleidet, mit
vorweltlichen Parasols und wunderbar geformten Ridikls, der eine einem Sterne
gleich, der andere einem Halbmonde, der dritte ein Mittelding zwischen
Sbeltasche und Lyra.
    Dies alles mute um so grern Eindruck machen, wenn man bedachte, da die
guten Mdchen Autodidaktinnen waren und in Sachen des Putzes ganz allein und
ratlos in der Welt dastanden; denn ihre Mutter hatte einen Abscheu vor aller
Stadtkleidung und ri jedesmal, wenn sie aus der Kirche kam, die furchtbare
Horiahaube, welche sie als Pfarrfrau trug, sogleich herunter. Die Damen des
neuen Pfarrers, auerdem die einzigen im Dorfe, waren stolz, unzugnglich und
bezogen ihren Putz fertig aus der Stadt. So waren meine Basen ganz auf sich
selbst, auf eine intelligente Dorfnhterin und auf einige Traditionen des Hauses
gewiesen, welche sie als eifrige Forscherinnen der dunklen Vergangenheit
entlockten. Deswegen waren ihre Erfolge doppelt achtungswert, und wenn wir sie
mit einem spttischen Ah! empfingen bei ihrer heutigen Erscheinung, so war
dieser Spott nur ein verstellter und die Maske einer aufrichtigen Bewunderung.
    Indessen entsprach unsere Tracht an khner und eleganter Mischung vollkommen
derjenigen der Jungfrauen. Die Vettern trugen Jacken von ziemlich grobem Tuche,
welchen aber der Dorfschneider in Betracht ihres Ranges einen kecken, ja hchst
gewagten Zuschnitt gegeben hatte, indem er in die tiefsten Abgrnde seiner
Phantasie und Erfahrung hinuntergestiegen. Diese Jacken waren mit einer Unzahl
blanker Knpfe besetzt, auf welchen die Tiere des Waldes gepret in
jagdgerechten Sprngen erschienen und welche der Oheim einst bei guter
Gelegenheit en gros eingehandelt und sich so fr Kind und Kindeskind versehen
hatte. Die abgefallenen Stcke dieser Zierat gingen unter der Dorfjugend als
gangbare Mnze und wogen beim Spiele sechs Horn- oder Bleiknpfe auf. Daher
mochte es kommen, da die Jacken des jngsten Sohnes, welcher noch in lebhaftem
Verkehre mit den Knopfkapitalisten stand, uerlich immer dieser Zierde beraubt
waren und sie dagegen im Innern ihrer Taschen verbargen, da sogar den
Kleidungsstcken der lteren Brder mehr Knpfe abgingen, als nach der
Haltbarkeit des derben Zwirnes jenes Jackendichters zu berechnen war. Ich selber
trug zu meinem grnen Soldatenrock mit roten Schnrchen weie Beinkleider, keine
Weste ber dem burschikosen Hemde, hingegen das rote Seidentuch der Gromutter
malerisch umgeschlungen, und berdies hing die goldene Uhr meines Vaters, die
ich ererbt, aber nie recht in Ordnung zu halten verstand, an einem tchtigen
blauen Bande mit gestickten Blumen, das ich den Schachteln meiner Mutter
entnommen hatte. Von der Mtze hatte ich lngst den philisterisen Schirm
abgetrennt, da sie die Stirn frei lie, und ich htte wie ein vollendeter
Jahrmarktsbursche ausgesehen, wenn nicht die Unschuld und Schchternheit des
Alters den unbescheidenen Aufzug gemildert htten. Menschen, welche etwas
Besseres und Tieferes ahnen und wnschen, werden sich, wie ich glaube, mehr und
mehr aller lcherlichen uerlichkeiten enthalten, je mehr sie dem geahnten
Inhalte durch Erfahrung und Tat nahe treten; je mehr sie aber noch davon
entfernt sind, desto ngstlicher klammern sie sich an solche Schnrkeleien.
Allein gerade diese uerlichkeit verhindert oft das Innere, sich rasch zu
entwickeln, wenn nicht ein Mann und Vater vorhanden ist, welcher sie mit
gesundem Spotte beschneidet und unterdrckt, indessen er dem aufstrebenden Sohne
das Wahre mit fester Hand vorzeichnet.
    Man konnte auf zwei Wegen zu der Wohnung des alten Schulmeisters gelangen
entweder muten wir einen langgedehnten Berg hinter dem Dorfe ersteigen und,
lngs auf demselben fortgehend, endlich jenseits niedersteigen, wo wieder ein
Tal lag, hnlich dem unserigen, nur kleiner und runder und beinahe ganz mit
einem tiefen dunklen See erfllt; oder wir konnten lngs des Flusses unser Tal
durchwandern und mit dem in Gehlzen sich verlierenden Wasser um den Berg herum
an den See gelangen, in welchen jenes sich ergo und an welchem das befreundete
Halls lag.
    Wir zogen es vor, mit dem kurzweiligen Flchen den Hinweg zurckzulegen und
erst in der Abendkhle ber den Berg heimzukehren, und unsere bunte, weithin
glnzende Gesellschaft bewegte sich bald durch das grne Tal hin, bis wir in
eine reizende Wildnis gelangten, wo der Wald von beiden Seiten an das Gewsser
niederstieg und dasselbe khl und dunkel berschattete. Bald fate er es mit
undurchdringlichen Laubwnden ein, da wir die berhangenden Zweige zurckbiegen
muten, bald weitete er sich aus und lie eine Schar lichter, hoher Tannen auf
sonnigem Boden vorrcken, dann lagen herabgestrzte Felsblcke am Rande und im
Wasser und verursachten Wasserflle, indessen zurckgebliebene Trmmer aus dem
Gebsche der Abhnge hervorragten; kleine Seitenwege lockten ins Dunkel, und
berall enthllten sich die lieblichsten Geheimnisse. Die roten, blauen und
weien Gewnder der Mdchen leuchteten herrlich in dem dunklen Grn, die Vettern
sprangen von Stein zu Stein, da ihre Goldknpfe aufblitzten und mit den
Silberkringeln der Wellen wetteiferten. Allerhand Getier machte sich sichtbar,
hier sahen wir die Federn einer Taube, die unzweifelhaft von einem Raubvogel
zerrissen worden, dort scho eine Schlange durch die Uferwellen ber die glatten
Kiesel hin, und in einer abgetrennten Untiefe hatte sich eine schimmernde
Forelle gefangen, welche mit ihrer Schnauze ngstlich an den abschlieenden
Steinen herumtastete, bei unserer Annherung aber einen Salto mortale machte und
im strmenden Elemente verschwand.
    So waren wir unbemerkt um den Berg herumgekommen, die holde Wildnis
erweiterte sich und lie mit einem Male den stillen dunkelblauen, mit Silber
besprengten See sehen, der mit seiner friedevollen Umgebung im lautlosen Glanze
eines Sonntagnachmittages ruhte. Ein schmaler Streifen bebauter Erde zog sich um
den See herum, hinter demselben setzte sich berall der ansteigende Wald fort,
welcher aber da und dort wieder ein stilles Ackerfeld bergen mute, da hier und
da ein rotes Dach oder eine blaue Rauchsule aus dem Dickicht emporstieg. Nur
auf der Sonnenseite lag ein ansehnlicher Weinberg und zu Fen desselben das
Haus des Schulmeisters, dicht am See, unmittelbar ber den hchsten Weinreihen
aber hing der reine tiefe Himmel, und dieser spiegelte sich in dem glatten
Wasser, bis wo er durch den gelben Kornstreifen, die smaragdenen Kleefelder und
den dahinter liegenden Wald, welche alle sich gnzlich unverndert in der Flut
auf den Kopf stellten, begrenzt wurde. Das Haus war wei getncht, das Fachwerk
rot angestrichen und die Fensterladen mit groen Muscheln und Blumen bemalt, aus
den Fenstern wehten weie Gardinen, und aus der Haustr trat, ein zierliches
Treppchen herunter, das junge Bschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in
einem weien Rckchen und mit einem himmelblauen Bande gegrtet, mit goldbraunen
Haaren, blauen uglein, einer etwas eigensinnigen Stirne und einem kleinen
lchelnden Mndchen. Auf den schmalen Wangen wallte ein Errten ber das andere
hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle
Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengrtchen fhrte uns
Anna, nachdem sie sich mit meinen Basen so zrtlich und feierlich begrt hatte,
als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen, in das vor Reinlichkeit und
Aufgerumtheit widerhallende Haus, wo uns ihr Vater, in einem saubern grauen
Fracke und weier Halsbinde, in gestickten Pantoffeln einhergehend, herzlich und
zufrieden willkommen hie. Er hatte den beschaulichen Sonntag ber Bchern
zugebracht, welche noch auf dem Tische lagen, und mochte nun froh sein,
unverhofft eine so hbsche Anzahl Zuhrer fr seine Beredsamkeit vor sich zu
sehen. Als ich ihm vorgestellt wurde, schien er sich besonders zu freuen, seine
Manieren und gelehrte Reden mit Anerkennung an den Mann bringen zu knnen, da er
mich mitten aus dem blhendsten hhern Schulwesen herkommend vermutete. Er hatte
auch alle Ursache, sich an mich zu halten; denn schon hatten meine Vettern sich
aus dem Staube gemacht, noch ehe der Schulmeister einen Stoff ergriffen, und ich
sah, wie sie drauen am Ufer alle drei ihre Kpfe tief in die ffnung eines
Fischkastens steckten, da man nichts von ihnen sehen konnte als ihre sechs
Beine. Sie untersuchten aufmerksam den Fischbestand ihres Oheims, indessen die
Schwestern seinem Tchterchen und einer alten Magd in Kche, Keller und Garten
gefolgt waren.
    Der Schulmeister merkte bald, da ich ein andchtiger und bescheidener
Zuhrer und auf seine Fragen nicht ohne Geschick einzugehen imstande sei.
Freilich nahm er das stille Dasitzen, welches nicht immer auf die summenden
Worte achtet und sie, etwas heuchlerisch, als angenehmes Wiegenlied zu einem
anderweitigen Trumen benutzt, fr bare Mnze, um so mehr, als ich in solcher
Lage doch immer wach genug war, auf die bergnge zu merken. Nachdem er mich
ber die neuen Schuleinrichtungen angelegentlich befragt, fuhr er fort Aber
etwas bunt mu es doch noch zugehen! Da habe ich eben in der Zeitung gelesen,
da in einer Abteilung unserer Kantonsschule die bekannten Strungen endlich
dadurch gehoben worden, da man den unpraktischen Lehrer und den unntzesten
Schler, einen wahren kleinen Revolutionr, zugleich entfernt und dadurch die
Ruhe grndlich hergestellt habe. Da man nun den Lehrer entlassen hat, scheint
mir ganz vernnftig, wenn man ihn nur anderweitig versorgt; hingegen mit dem
Schler will es mir nicht recht einleuchten, es will mich bednken, als ob man
demselben damit verdeutet habe Du bist nun auer unsere Gemeinschaft gestellt
und magst zusehen, was du aus dir machst! Dies ist nicht christlich gehandelt,
und unser Herr und Meister wrde das verirrte Schaf gewi zunchst unter die
Falten seines Mantels genommen haben. Kennt Ihr, liebes Vettermnnchen, den
verstoenen Knaben?
    Der Mann weckte durch diese Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre
Fassung zugleich eine tiefe Wehmut in mir auf, und ich antwortete, kleinlaut und
eine Trne im Auge, ich wre es selbst.
    Ganz erstaunt trat er einen Schritt zurck und betrachtete mich mit groen
Augen; es war verlegen, einen angehenden Teufel in so harmloser Gestalt so nahe
vor sich zu sehen. Doch hatte ich ihn schon zu sehr fr mich eingenommen, als
da diese Verlegenheit zu lange andauern konnte, und mein eigenes Benehmen
mochte ihn belehren, da er mit seiner vorher ausgesprochenen milden Ansicht
nicht das Unrechte getroffen.
    Ich habe mir es doch gleich gedacht, versetzte er, da die Sache ein
Hklein habe; denn ich sehe und will es gern glauben, da der Vettermann ein
junger Mensch ist, mit dem sich ein vernnftiges Wort reden lt! Doch erzhlt
mir nun den Verlauf dieser schlimmen Geschichte recht getreulich, es nimmt mich
sehr wunder, wie sich darin die Schuld und das Unrecht verteilen!
    Nachdem ich dem freundlichen Schulmeister den ganzen Hergang aufrichtig und
weitlufig, zuletzt etwas leidenschaftlich berichtet, da ich zum ersten Mal
seither mein Herz leeren konnte, besann er sich eine Weile, indem er
verschiedene Hm! und Soso! hervorstie, und fuhr dann fort:
    Das ist ein ganz eigenes Geschick! Zuerst msset Ihr nun Euch nicht
berheben und etwa einen hochmtigen Groll auf das Erlittene begrnden, welcher
Euch fr das ganze Leben schdlich sein knnte! Ihr msset bedenken, da Ihr
doch das Unrecht und den Mutwillen der brigen geteilt habt, und Euch hienach
glcklich preisen, da Ihr in so frhem Alter schon von Gott selbst eine ernste
Strafe und Belehrung empfangen; denn das, was Euch widerfahren, ist nicht die
Gerechtigkeit der Menschen, sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der
Welt, womit er Euch frhzeitig gewrdigt und gezeigt hat, da er mit Euch nicht
zu spaen gedenkt, sondern Euch seine eigenen strengen Wege fhren will. Nachdem
Ihr also dieses scheinbare Unglck dankbar und reuevoll angenommen und das
vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen, mt Ihr allein darauf bedacht
sein, dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben, und gewrtig, da
jede Abweichung von der Bahn des Rechten und Guten sich an Euch empfindlicher
rchen werde als an anderen, auf da Ihr dadurch in der bung des Guten gerade
fleiiger und strker werdet als viele, denen nicht solches geschieht. Nur auf
diese Weise vermag das Ereignis etwas Heilbringendes und der Trost ber sich
selbst zu sein, ohne dies aber wrde es nur eine fatale und rgerliche
Geschichte bleiben, mit welcher ein so junges Leben zu beladen nicht die Absicht
und das Vergngen Gottes sein kann. Freilich ist nun die Wahl eines Berufes das
Nchste und Wichtigste, und wer wei, ob nicht Euere Bestimmung ist, gerade
durch diese pltzliche Bedrngnis Euch frher zu entscheiden, als sonst
geschehen wre! Gewi habt Ihr schon die Lust zu irgendeinem besondern Berufe in
Euch versprt?
    Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleich ich den ernsten
moralischen Sinn derselben nicht sonderlich fate, so ergriff ich doch den
Gedanken an eine hhere Bestimmung und Leitung Gottes hchst lebendig und dnkte
mich glcklich, mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu
wissen; es ging mir ein heller Stern auf, und ich sagte unumwunden Ja, ich
mchte ein Maler werden!
    Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem
frhern Gestndnisse, weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der
Kultur am wenigsten an dies Wort gedacht hatte. Doch besann er sich ebenfalls
schnell und sprach:
    Ein Maler? Ei sieh, das ist seltsam! Doch lasset sehen! Es hat allerdings
eine Zeit gegeben, wo es Maler gegeben hat, welche von gttlichem Geiste erfllt
waren, welche den drstenden Vlkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in
Ermangelung des lebendigen Wortes, das wir Jetzt haben. Allein so wie schon
dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmtigen Kirche
geworden, so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein bloes
Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein. Ich habe zwar
durchaus keine Kenntnis von den Knsten, wie sie jetzo in der Welt hantiert
werden, kann mir aber desto weniger vorstellen, wie sich ein ernsthaftiges und
geistiges Leben dabei fhren lt! Habt Ihr denn so groe Lust und Geschick,
allerlei unntzes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter fr
Bezahlung abzubilden?
    Zuvrderst will ich ein Landschaftsmaler werden, erwiderte ich, und habe
dazu allerdings groe Lust und hoffe, der liebe Gott werde mir auch das Geschick
geben!
    Ein Landschaftsmaler? das heit, merkwrdige Stdte, Gebirge und
Weltgegenden abbilden? Hm! Dieses scheint mir nicht so bel zu sein, da lernt
man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher; Lnder, Meere und
allenfalls auch die Menschen dazu; aber dazu gehrt besonderer Mut und eigenes
Glck, wie mich dnkt, und vor allem soll, meines Erachtens, ein junger Mensch
darauf denken, wie er im Lande bleiben und sich redlich nhren, auch seinen
Mitbrgern sich ntzlich und seinen Eltern dienstbar erweisen kann!
    Die Landschaftsmalerei, die ich im Sinne habe, ist nicht sowohl, was Ihr
hiemit darunter versteht, Herr Vetter! als etwas ganz anderes!
    Nun, und das wre?
    Sie besteht nicht darin, da man merkwrdige und berhmte Orte aufsucht und
nachmacht, sondern darin, da man die stille Herrlichkeit und Schnheit der
Natur betrachtet und abzubilden sucht, manchmal eine ganze Aussicht, wie diesen
See mit den Wldern und Bergen, manchmal einen einzigen Baum, ja nur ein
Stcklein Wasser und Himmel.
    Da der Vetter hierauf nichts entgegnete, sondern auf eine Fortsetzung zu
warten schien, fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine
Begeisterung und Beredsamkeit, die ich frher nicht gekannt hatte. Der zwischen
Sonnenglanz und Waldesschatten schwebende See ruhte majesttisch vor den klaren
Fenstern, von fernem Bergrcken schienen einige schlanke Eichen, die in die
himmelhohe Sonntagsluft stiegen, mir zuzuwinken, fern, leise, aber eindringlich;
ich blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine hhere Erscheinung, indem ich
sprach:
    Warum sollte dies nicht ein edler und schner Beruf sein, immer und allein
vor den Werken Gottes zu sitzen, die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld
und ganzen Schnheit erhalten haben, sie zu erkennen und zu verehren und ihn
dadurch anzubeten, da man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht? Wenn man
nur ein einfltiges Struchlein abzeichnet, so empfindet man eine Ehrfurcht vor
jedem Zweige, weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen
des Schpfers; wenn man aber erst fhig ist, einen ganzen Wald oder ein weites
Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen, und wenn man endlich dergleichen
aus seinem Innern selbst hervorbringen kann, ohne Vorbild, Wlder, Tler und
Gebirgszge, oder nur kleine Erdwinkel, frei und neu, und doch nicht anders, als
ob sie irgendwo gewachsen und sichtbar sein mten, so dnkt mir diese Kunst
eine Art wahren Nachgenusses der Schpfung zu sein. Da lsset man die Bume in
den Himmel wachsen und darber die schnsten Wolken ziehen und beides sich in
klaren Gewssern spiegeln! Man spricht es werde Licht! und streut den
Sonnenschein beliebig ber Kruter und Steine und lt ihn unter schattigen
Bumen erlschen. Man reckt die Hand aus, und es steht ein Unwetter da, welches
die braune Erde bengstigt, und lt nachher die Sonne in Purpur untergehen! Und
dies alles, ohne sich mit schlechten Menschen vertragen zu mssen; es ist kein
Miton im ganzen Tun!
    Gibt es denn eine solche Art der Kunst, und wird sie anerkannt? fragte der
gute Schulmeister ganz verblfft.
    Jawohl, erwiderte ich, in den Stdten, in den Husern der Vornehmen, da
hngen schne glnzende Gemlde, welche meistens stille grne Wildnisse
vorstellen, so reizend und trefflich gemalt, als she man in Gottes freie Natur,
und die eingeschlossenen, gefangenen Menschen erfrischen ihre Augen an den
unschuldigen Bildern und nhren diejenigen reichlich, welche sie zustande
bringen!
    Der Schulmeister trat an das Fenster und schaute etwas berrascht hinaus.
    Also dieser kleine See zum Beispiel, diese meine holdselige Einsamkeit
wrde ein genugsamer Gegenstand sein fr die Kunst, obgleich niemand den Namen
kennte, blo wegen der Milde und Macht Gottes, die sich auch hier offenbart?
    Ja gewi! ich hoffe noch, Euch diesen See mit seinem dunklen Ufer, mit
dieser Abendsonne so zu malen, da Ihr mit Vergngen diesen Nachmittag darin
erkennen sollt und selbst sagen mt, es sei weiter hiezu nichts ntig, um
bedeutend zu sein; das heit, wenn ich ein Maler werden kann und etwas Rechtes
lerne! setzte ich hinzu.
    Jetzt habe ich alter Mensch wieder etwas Neues gelernt, sagte mein Vetter
gerhrt, es ist doch hchst merkwrdig, in wie vielen Weisen der menschliche
Geist sich uern kann. Mir scheint, Ihr seid auf einem guten und frommen Wege,
und wenn Ihr ein solches Stck zustande bringen knnt, so mchte es leichtlich
so verdienstvoll sein als ein gutes geistliches Frhlings- oder Erntelied. He,
ihr Knaben! rief er den jungen Fischkennern zu, welche immer noch an ihrem
Geschfte waren, holt ein Gef und sucht ein tchtiges Gericht Fische aus,
Aale, Forellen oder Hechte, da die Weiber sie backen knnen!
    Indessen waren die Mdchen wieder in die Stube gekommen und hatten teilweise
unser Gesprch angehrt, so da der redselige Mann nicht verlegen war, auf einen
neuen Stoff berzugehen und alle fr denselben pflichtig zu machen. Ich selbst
wurde wieder still und ziemlich befangen, da die zierliche Anna ungehrt wieder
da war und leise mit einer Base flsterte. Der Alte sprach nun von der Ernte,
von den Weinhoffnungen, von den Baumfrchten mit den Mdchen, aber alles in
einer feinen und salbungsvollen Weise, mir nebenbei manche Aufklrung gebend,
wenn er meine Unbekanntschaft mit diesen Dingen voraussetzte. Ich aber sagte fr
der nichts, sondern befand mich glcklich und wohlgemut in der Nhe des
lieblichen Mdchens, ohne sie jedoch anzusehen, und nur angenehm berhrt, wenn
sie einmal ihr Stimmchen erhob.
    Ein mchtiger Kchenduft verbreitete sich durch das Haus, zog die Knaben
herbei und veranlate den Schulmeister, auf ein Zeichen der alten Kchin, zum
Aufbruch in das obere Stockwerk aufzufordern. Dort war ein kleiner, heller und
khler Saal, welcher zwischen seinen ganz geweiten Wnden nichts enthielt als
einen lnglichen Tisch, Sthle und eine alte Hausorgel. Der Tisch war gedeckt,
wir setzten uns zu einem frhlichen Abendessen, welches aus den Fischen bestand,
so die Vettern mit wenig Bescheidenheit ausgewhlt hatten. Lndliches Backwerk
und Frchte und ein milder unschuldiger Wein, an der Hhe hinter dem Hause
gewachsen, schmckten das einfache und in seiner Art doch gewhlte und
anstndige Mahl, der Alte wrzte es mit sinnigen Reden, die Jungen scherzten und
gaben sich naive Rtsel und Wortspiele auf, und dies alles bergoldete ein
gehobener sonntglicher Ton, anders als ob man zu Hause, und anders als ob man
in einer gewlmlichen Bauernfamilie wre. Als wir uns genugsam erfrischt,
schritt der Schulmeister zu der Orgel hin und ffnete dieselbe, da die
glnzende Pfeifenreihe zutage trat und das Innere der beiden Flgeltrchen das
gemalte Paradies zeigte mit Adam und Eva, Blumen und Tieren. Er setzte sich
davor, wir muten uns in einen Kreis um ihn herumstellen, Anna teilte einige
alte Musikbcher aus, und nachdem ihr Vater gar anmutig prludiert, sangen wir
zu seinem Spiele und Vorsang einige schne kirchliche Sommerlieder und hernach
einen knstlichen Kanon. Wir sangen in heiterer Freude und aus voller Brust und
doch mit Ma und Haltung, die Dankbarkeit gegen den Augenblick brachte bessere
Musik hervor als die strengste Schulprobe, und ich selbst lie mein inneres
Glck unbefangen und frei in den Gesang strmen; denn dieser Tag war fr mich
wieder neuer und schner als alle frheren. Wenn wir einen Vers geendigt hatten,
erklang ber den See her, von einer Wand im Walde, ein harmonisch verhallendes
Echo, die Orgeltne und Menschenstimmen verschmelzend zu einem neuen wunderbaren
Tone, und zitterte eben aus, indem wir selbst den Gesang wieder anhoben. An
verschiedenen Stellen, in der Hhe und Tiefe, wurden freudige Menschenstimmen
wach, welche ihre Lust in die still webenden Lfte sangen und jauchzten, so da
unser Kanon, mit welchem wir schlossen, sozusagen sich ber das ganze Tal
verbreitete.
    Doch nun muten wir aufbrechen, da die Sonne sich schon den Bergen nherte;
der Schulmeister entlie uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit
entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens. Ich mute ihm versprechen, auf meinen
Streifzgen so oft als mglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen
Sitz aufzuschlagen, als ob er ebenfalls mein Oheim wre. Anna wollte uns noch
bis auf die Berghhe begleiten, und so machten wir uns viel aufgeregter und
lauter auf den Weg, als wir gekommen waren. Die Mdchen, so schon durch ein
Nichts, durch die bloe freie Gelegenheit, in die hchste Stimmung reiner
mutwilliger Lust versetzt, sangen fort und fort mit glnzenden Augen und
verlockten uns mitzusingen, indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten.
Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten
unter den Geschwistern geltend, das ganze se Geplauder jenes hoffnungsreichen
Alters befreite sich aus den offenen Gemtern und umspann alle mit gern gehrten
Anspielungen, verstelltem Widerstande und schelmischer Rckantwort. Nur Anna
schien vor den Angriffen sicher zu sein, whrend sie hie und da einen
schchternen Scherz hinwarf, und ich sagte gar nichts dazu, weil mein Herz voll
war von den Begebnissen des Tages. Wir standen nun auf der Hhe, welche von der
Glut der untergehenden Sonne bergossen war, vor mir schwebte die federleichte,
verklrte Gestalt des jungen Mdchens, und neben ihr glaubte ich den lieben Gott
lcheln zu sehen, den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler, als welchen
ich ihn heute in dem Gesprche mit dem Schulmeister entdeckt hatte; das
scheidende Mdchen errtete noch strker in die Abendrte hinein, als sie
zuletzt auch mir die Hand bot. Wir berhrten uns kaum mit den Fingerspitzen und
nannten uns hflich Sie; aber die Vettern lachten uns aus, und die Basen
verlangten ernsthaft, da wir uns mit Du anreden sollten, da hierzulande nichts
anderes geduldet wrde unter jungen Leuten.
    So wechselten wir unsere Taufnamen, verzagt und sprde; aber der meinige
schlpfte wie ein Fltenton in mein Ohr, und als Anna schnell und ngstlich im
Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen,
hatte ich zwei Dinge erworben einen groen und mchtigen Kunstgnner, der
unsichtbar ber die dmmernde Welt hinschritt, und ein allerliebstes Schtzchen
von meinem Alter im Herzen.

                                Drittes Kapitel


Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht lnger ertragen, sondern
suchte unter meinen Sachen nach einem feinen Blttchen Papier, um einen Brief an
meine Mutter zu schreiben, den ersten in meinem Leben. Als ich ganz zuoberst am
Rande das Liebe Mutter! hinsetzte, schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor,
ich empfand diesen feinen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl, und meine
Schreibgelufigkeit lie mich anfnglich im Stiche und kaum die ersten Stze
finden. Doch fhrten mich die Schilderungen meiner Reise und des Aufenthaltes im
Pfarrhause sowie der sonstigen Erlebnisse bald in das Geleise zurck, und meine
Beschreibung fiel nur allzu geschmckt und prahlerisch aus. Ich trug ein groes
Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben, welches sich nachher
mehrmals wiederholte, auf meine Mutter mit einem glcklichen Befinden und mit
meinen verschiedenen Taten und Abenteuern eine Art Eindruck zu bewirken, eine
frmliche Sucht, auf naive Weise sie zu unterhalten und zugleich da durch mich
geltend zu machen, als ob ich auch ohne den Quell meines Lebens dieses zu finden
und zu bezwingen wte. Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens ber
und erklrte ihr weitlufig, da ich nun durchaus glaubte, ein Maler werden zu
mssen, und infolgedessen bat ich sie, sich vorlufig umzusehen und mit den
verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten. Die
Familienberichte und Gre sowie einige wichtige Auftrge ber kleine
Gegenstnde bildeten den Schlu des Briefes, ich faltete ihn eng und knstlich
zusammen und verschlo ihn mit meinem Leibsiegel, einem unbehilflichen Anker,
das Zeichen der Hoffnung, welches ich lngst in ein weiches Stckchen Alabaster
selbst gegraben hatte und nun zum ersten Mal zu einem wirklichen Zwecke
gebrauchte. Die Adresse schrieb ich sehr ausfhrlich und besonders das An Frau
Lee, ne Hartmann mit ungemeiner Ansehnlichkeit.
    Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre
Staatskleidung, schlicht und einfarbig, bauschte ein frisches Taschentuch
zusammen, das sie in die Hand nahm, und begann feierlich ihren Rundgang bei den
ihr zugnglichen Autoritten.
    Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor, welcher viel
in vornehmen Husern verkehrte und Weltkenntnis besa. Als Freund meines seligen
Vaters pflegte er noch Freundschaft und Wohlwollen fr uns, so wie er auch die
Bildungsbestrebungen jener Tage eifrig fortsetzte. Nachdem er Vortrag und
Bericht der Mutter ernstlich angehrt, erwiderte er kurzweg, das sei nichts und
hiee so viel, als das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft aussetzen.
Man solle sich umschauen, so viele Maler in unserm Gebiete sich noch htten
blicken lassen, so viele arme Teufel und verkommene Menschen wren es auch! So
wies er vorzglich auf einen Portrtmaler hin, welcher jedes Jahr zweimal in
unsere Stadt gekommen, um die inzwischen entstandenen Brute und solche bejahrte
Herrschaften zu malen, die ihre silberne oder goldene Hochzeit feierten, daneben
auch etwa einen angesehenen Magistraten, welcher sich durch hinlngliches
ffentliches Wirken fr die Verewigung auf eindringliches Bitten seiner Verehrer
reif erachtete. Dieser Knstler war ein Habenichts und Branntweinsufer gewesen,
hatte immer Schulden hinterlassen, trotz dem reichlichen Verdienste, und war
endlich auf der Landstrae erfroren. Hingegen wute der Schreiner bessern Rat,
wenn einmal etwas Knstlerisches ergriffen werden msse. Ein junger Vetter von
ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als Landkartenstecher ausgebildet und
geno einen reichlichen und anstndigen Erwerb, so da er in den Augen seiner
Sippschaft als etwas Rechtes dastand. Daher erbot sich der Ratgeber, mich aus
besonderer Freundschaft in der Nhe dieses Mannes unterzubringen, wo ich dann,
wenn wirklich etwas Tchtiges in mir stke, es nicht nur bis zum Stechen,
sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen knne, indem ich meine Zeit
wohl anwende zur Erwerbung der ntigen Kenntnisse. Dies wre dann ein feiner,
ehrenvoller und zugleich ein ntzlicher und in das groe Leben passender Beruf.
    Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gnner
und auch einem Freunde ihres Mannes. Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und
bedruckten Tchern, welcher sein ursprnglich geringes Geschft nach und nach
erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute. Er erwiderte den
Bericht meiner Mutter folgendermaen:
    Dieses Ereignis, da der junge Heinrich, der Sohn unseres unvergelichen
Freundes, sich fr eine knstlerische Laufbahn erklrt, und die Nachricht, da
er schon lange sich vorzugsweise mit Stift und Farben beschftigt, kommt sehr
erfreulich einer Idee entgegen, die ich schon einige Zeit in bezug auf den
Knaben hege. Es entspricht ganz dem Geiste seines wackern Vaters, da er seine
Neigung einer feineren Ttigkeit zuwendet, zu welcher Talente und ein hherer
Schwung erforderlich sind; allein diese Neigung mu auf eine solide und
vernnftige Bahn gelenkt werden. Nun ist Euch, werteste Frau und Freundin, die
Art meines nicht unbedeutenden Geschftes bekannt; ich fabriziere bunte Stoffe,
und wenn ich einen leidlichen Verdienst erzwecke, so geschieht es hauptschlich
dadurch, da ich mit Aufmerksamkeit und Raschheit allezeit die neuesten und
gangbarsten Dessins zu bringen und selbst den herrschenden Geschmack durch ganz
Neues und Originelles zu berbieten suche. Hiezu sind eigene Zeichner vorhanden,
deren Aufgabe es ist, lediglich neue Dessins zu erfinden und, in der behaglichen
Stube sitzend, nach Herzenslust Blumen, Sterne und Linien durcheinanderzuwerfen.
In meiner bescheidenen Anstalt habe ich drei solcher Leute, die gerade keine
groen Kirchenlichter sind, denen ich aber ein lsterliches Geld bezahlen und
sie obenhinein noch sehr glimpflich behandeln mu. Sie sind, obgleich sie ganz
geschickt den Gang des Geschftes begreifen und verfolgen, doch nur zufllig zu
diesem Berufe gekommen und durch keinerlei innere Kraft vorherbestimmt. Was
knnte mir nun willkommener sein als ein junger Mensch, der mit solcher Energie
sich fr Papier und Farben erklrt, in so frhem Alter, der den ganzen Tag, ohne
weitere Anregung, Bume und Blumengrtchen malt? Wir wollen ihm schon Blumen
genug verschaffen, in geordneten Reihen soll er sie auf die Tcher zaubern,
unerschpflich, immer neu; er soll aus der reichen Natur die wunderbarsten und
zierlichsten Gebilde abstrahieren, welche meine Konkurrenten zur Verzweiflung
bringen! (Und der treffliche Mann erging sich hier, meine Mutter beinahe
vergessend, in den khnsten Spekulationen.) Kurz, gebt mir Euren Sohn ins Haus!
Ich werde ihn bald so weit gebracht haben wie die anderen, und wenn er einige
Jahre lter ist, so tun wir ihn nach Paris, wo die Sache ins Groe betrieben
wird und die ausgezeichnetsten Dessinateurs der verschiedensten Industriezweige
leben wie die Frsten und von den Geschftsleuten auf Hnden getragen werden.
Hat er dort sich gehrig emporgeschwungen und seine Erfahrung bereichert, so ist
er ein gemachter Mann und kann sein Los selbst bestimmen. Will er alsdann sich
wieder mit mir verbinden, so wird das mir zur Freude und zum Vorteil gereichen,
findet er aber sein Glck anderswo, so habe ich nichtsdestoweniger meine
Zufriedenheit daran. Bedenket Euch, ich glaube mich nicht zu tuschen!
    Er fhrte hierauf meine Mutter in seinem Geschfte herum und zeigte ihr die
bunten Herrlichkeiten, die geschnittenen Holzmdel und vor allem die khnen
Kompositionen seiner Zeichner. Es leuchtete ihr alles vollkommen ein und
erfllte sie wieder mit Hoffnung. Abgesehen von dem gesicherten und reichlichen
Erwerbe, welchen ein gewandter Geschftsmann verbrgte, war ja diese ganze Kunst
dem Dienste der Frauen gewidmet und so reinlich und friedsam, da ein Sohn in
ihrem Schoe wohl geborgen schien. Auch mochte es vielleicht eine Ader
verzeihlicher Eitelkeit erwecken, wenn sie sich in einen der bescheideneren
Stoffe meiner Erfindung gekleidet dachte. Sie war so mit diesen angenehmen
Gedanken beschftigt, da sie fr diesmal ihre Wanderung einstellte, um sich
ganz in denselben zu ergehen.
    Der folgende Tag jedoch rief sie wieder zu gnzlichen Erfllung ihrer
Mutterpflicht auf und fhrte sie mit neuen Sorgen und Zweifeln auf den Weg. Sie
gelangte zu einem dritten Freunde des Vaters, einem Schuster, der im Geruche
tiefen Verstandes lebte und ein gewaltiger Politiker war. Seit dem Tode meines
Vaters war er durch die Zeitereignisse in eine strenge demokratische und
sozialistische Richtung hineingetreten. Nach milaunischer Anhrung des
Berichtes und des Erfolges der gestrigen Bemhungen brach er barsch los:
    Maler, Landkartenmacher, Blmchenzeichner, Stubensitzer, Herrenknecht!
Handlanger der Geldaristokraten, Gehilfe des Luxus und der Verweichlichung, als
Landkartenmacher sogar direkter Vorschubleister des bestialischen Kriegswesens!
Handwerk, ehrliche und schwere Handarbeit ist uns vonnten, gute Frau! Wenn Euer
Mann lebte, so wrde er den Jungen so gewi durch schwere Handarbeit ins Leben
fhren, als zwei mal zwei vier sind! Zudem ist der Junge schon ein bichen
schwchlich und verwhnt durch Euere Weiberwirtschaft; lat ihn ein Maurer oder
Steinmetz werden, oder besser, gebt ihn mir, so wird er die gehrige Demut und
damit den rechten Stolz eines Mannes aus dem Volke gewinnen, und bis er imstande
ist, einen guten Schuh fix und fertig zu arbeiten, soll er gelernt haben, was
ein Brger ist, wenn er anders seinem Vater nachfolgt, den wir sehr vermissen,
wir andere Handwerksleute! Besinnt Euch, Frau Lee! von der Pike auf dienen, das
macht den Mann! Waren die neuen Schuhe doch nicht zu eng, die ich letzthin
schickte?
    Die Frau Lee ging aber nicht sonderlich erbaut fort und murmelte vor sich
her Schlag du nur deine Zwecke ein, bei mir erreichst du deinen Zweck nicht,
Herr Schuster, ungehobelter Mann! Bleib nur bei deinem Leisten und warte, bis
mein Kind kommt, dir Gesellschaft zu leisten! Draht ist nicht Rat! Wenn du Gott
furchten wrdest, so brauchtest du nicht vor dem Gerber zu fliehen! Wer Pech
angreift, besudelt sich! Unter solchen Sarkasmen, welche sie nachher
wiederholte, sooft sie auf diese Unterredung zu sprechen kam, zog sie die
Klingel an einem hohen und schnen Hause, welches der Vater einst fr einen
vornehmen Herrn gebaut hatte. Es war ein feiner und ernster Mann, der in den
Staatsgeschften stand, nicht viele Worte machte, jedoch fr uns einige
Geneigtheit bezeigte und schon mehrmals mit entscheidendem Rat an die Hand
gegangen war. Als er vernommen, worum es sich handelte, erwiderte er mit hflich
ablehnenden Worten:
    Es tut mir leid, gerade in dieser Angelegenheit nicht dienen zu knnen! Ich
verstehe soviel wie nichts von der Kunst! Nur wei ich, da auch fr das
ausgezeichnetste Talent lange Studienjahre und bedeutende Mittel erforderlich
sind. Wir haben wohl groe Genies, welche sich durch besondere Widerwrtigkeiten
endlich emporgeschwungen; allein um zu beurteilen, ob Ihr Sohn hiezu nur die
geringsten Hoffnungen biete, dazu besitzen wir in unserer Stadt gar keine
berechtigte Person! Was hier an Knstlern und dergleichen lebt, ist ziemlich
entfernt von dem, was ich mir unter wirklicher Kunst vorstelle, und ich knnte
nie raten, einem hnlichen verfehlten Ziele entgegenzugehen. Dann besann er
sich eine Weile und fuhr fort Betrachten Sie mit Ihrem Sohne die ganze Sache
als eine kindische Trumerei; kann er sich entschlieen, sich von mir in einer
unserer Kanzleien unterbringen zu lassen, so will ich hiezu gern die Hand bieten
und ihn im Auge behalten. Ich habe gehrt, da er nicht ohne Talent sei,
besonders in schriftlichen Arbeiten. Wrde er sich gut halten, so knnte er sich
mit der Zeit ebensogut zu einem tchtigen Verwaltungsmanne emporarbeiten als
mancher andere wackere Mann, welcher ebenso von unten angefangen und als armer
Schreiberjunge in unsere Kanzleien getreten ist. Diese Bemerkung mache ich
brigens nicht, um irgend groe Hoffnungen zu erregen, sondern nur um Ihnen zu
zeigen, da der Knabe auch auf diesem Wege nicht unbedingt an ein dunkles und
drftiges Los gebunden ist.
    Diese Rede, indem sie meiner Mutter eine ganz neue Aussicht erffnete, warf
sie gnzlich in Ungewiheit zurck, ob sie nicht ernstlich mich zur nderung
meines Sinnes bestimmen solle. Denn hier war, noch mehr als beim Fabrikanten,
die Brgschaft eines angesehenen und seiner Worte sichern Mannes zur Hand,
welcher einen groen Teil unserer Verhltnisse ebenso klar durchschaute als mit
beherrschte und wohl imstande war, diejenigen ber dem Wasser zu halten, die
sich seinem Rate anvertrauten.
    Sie schlo hier ihren beschwerlichen Gang und beschrieb mir in einem groen
Briefe smtlichen Erfolg desselben, jedoch die Vorschlge des Fabrikanten und
des Staatsmannes besonders hervorhebend, und ermahnte mich, meinen bestimmten
Entschlu noch hinauszuschieben und eher darauf zu denken, auf welche Weise ich
am fglichsten im Lande bleiben, mich redlich nhren, ihr selbst ein Trost und
eine Sttze des Alters und doch meinen natrlichen Anlagen gerecht werden knne;
denn da sie je dazu helfen wrde, mich gewaltsam zu einem mir widerstrebenden
Lebensberufe zu bestimmen, davon sei keine Rede, da sie hierber die Grundstze
des Vaters genugsam kenne und es ihre einzige Aufgabe wre, annhernd so zu
verfahren, wie er getan haben wrde.
    Dieser Brief war berschrieben Mein lieber Sohn!, und das Wort Sohn, das
ich zum ersten Male hrte von ihr, rhrte mich und schmeichelte mir aufs
eindringlichste, da ich fr den brigen Inhalt sehr empfnglich und dadurch an
mir selbst irre und in Zweifel gesetzt wurde. Ich fhlte mich ganz allein und
wehrlos mit meinen grnen Bumen gegenber dem ernsten kalten Weltleben und
seinen Lenkern. Aber whrend ich schon begann, mich mit dem Gedanken, auf immer
vom geliebten Walde zu scheiden, vertraut zu machen (ich wute von keinem
Dilettantismus und da man auch als Weltmann seine Muestunden dergleichen
Neigungen widmen knne), gab ich mich nur um so inniger der Natur hin und
schweifte den ganzen Tag in den Bergen, und die drohende Trennung lie mich
manches angehende Verstndnis sicherer ergreifen, als es sonst geschehen wre.
Ich hatte schon smtliche Studien des Junker Felix nachgezeichnet und dadurch
einige Ausdrucksweise gewonnen, so da meine Bltter wenigstens ordentlich wei
und schwarz wurden von Stift und Tusche.
    Oft, am Morgen oder am Abend, stand ich auf der Hhe ber dem tiefen See, wo
unten der Schulmeister mit seinem Tchterchen wohnte, oder ich hielt mich auch
einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf, unter einer Buche oder Eiche,
und sah das Haus abwechselnd im Sonnenscheine oder im Schatten liegen; aber je
lnger ich zauderte, desto weniger konnte ich es ber mich gewinnen
hinabzugehen, da mir das Mdchen fortwhrend im Sinne lag und ich deshalb
glaubte, man wrde mir auf der Stelle ansehen, da ich seinetwegen kme. Meine
Gedanken hatten von der feinen Erscheinung Annas pltzlich so vollstndigen
Besitz ergriffen, da ich alle Unbefangenheit ihr gegenber im gleichen
Augenblicke verloren und in beschrnkter Unerfahrenheit von ihrer Seite sogleich
das gleiche voraussetzte. Indem ich jedoch mich nach dem Wiedersehen sehnte, war
mir die Zwischenzeit und meine Unentschlossenheit gar nicht peinlich und
unertrglich, vielmehr gefiel ich mir in diesem gedanken- und erwartungsvollen
Zustande und sah einem zweiten Begegnen eher mit Unruhe entgegen. Wenn meine
Basen von ihr sprachen, tat ich, als hrte ich es nicht, indessen ich doch nicht
von der Stelle wich, solange das Gesprch dauerte, und wenn sie mich fragten, ob
es denn nicht ein allerliebstes Kind sei, erwiderte ich ganz trocken Ja,
gewi!
    In diesen Tagen fand ich kaum Zeit, bei meiner Gromutter den tglichen
kurzen Aufenthalt zu nehmen, und vernachlssigte die anderen Verwandten so
ziemlich, wenn ich nicht gerade bestimmt eingeladen war zur Teilnahme an einem
Ausnahmegericht oder sonstigem Schmause, wie solche durch den Wechsel der
Feldfrchte oder durch Schlachten und Backen hervorgerufen werden.
    Auf diesen Wegen war ich hufig am Hause der schnen Judith vorbergekommen
und, da ich eben deswegen, weil sie ein schnes Weib war, auch einige
Befangenheit fhlte und Anstand nahm einzutreten, von ihr gebieterisch
hereingerufen und festgehalten worden. Nach der Weise der aufopfernden und
nimmermden alten Frauen und auch aus unentbehrlicher Gewohnheit befand sich
ihre Mutter beinahe immer auf dem warmen Felde, whrend die krftige Tochter das
leichtere Teil erwhlte und im khlen Haus und Garten gemchlich und halb mig
waltete. Deswegen war diese bei gutem Wetter fast immer allein zu Hause und sah
es gern, wenn jemand, den sie leiden mochte, bei ihr vorkehrte und mit ihr
plauderte. Als sie meine Malerknste entdeckt hatte, trug sie mir sogleich auf,
ihr ein Blumenstruchen zu malen, welches sie mit Zufriedenheit in ihr
Gesangbuch legte. Sie besa ein kleines Stammbchelchen von der Stadt her, das
nur zwei oder drei Inschriften und eine Menge leerer Bltter mit Goldschnitt
enthielt; von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige, da ich eine Blume
oder ein Krnzchen darauf male (Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr
deponiert, und sie verwahrte dieselben sorgfltig), dann wurde ein Vers oder
verliebter Spruch darunter geschrieben und ihr Kirchenbuch mit solchen Bildchen,
die ich in ein paar Minuten anfertigte, angefllt. Die Verse wurden einer groen
Sammlung bedruckter Papierstreifchen entnommen, welche sie als berbleibsel
frher genossener Bonbons aufbewahrte. Durch diesen Verkehr war ich heimisch und
vertraut bei ihr geworden, und indem ich immer an die junge Anna dachte, hielt
ich mich gern bei der schnen Judith auf, weil ich in jener unbewuten Zeit ein
Weib fr das andere nahm und nicht im mindesten eine Untreue zu begehen glaubte,
wenn ich im Anblicke der entfalteten vollen Frauengestalt behaglicher an die
abwesende zarte Knospe dachte als anderswo, ja als in Gegenwart dieser selbst.
Manchmal traf ich sie am Morgen, wie sie ihr ppiges Haar kmmte, welches
geffnet bis auf ihre Hften fiel. Mit dieser wallenden Seidenflut fing ich
neckend an zu spielen, und Judith pflegte bald, ihre Hnde in den Scho legend,
den meinigen ihr schnes Haupt zu berlassen und lchelnd die Liebkosungen zu
erdulden, in welche das Spiel allmhlich berging. Das stille Glck, welches ich
dabei empfand, nicht fragend, wie es entstanden und wohin es fhren knne, wurde
mir Gewohnheit und Bedrfnis, da ich bald tglich in das Haus huschte, um eine
halbe Stunde dort zuzubringen, eine Schale Milch zu trinken und der lachenden
Frau die Haare aufzulsen, selbst wenn sie schon geflochten waren. Dies tat ich
aber nur, wenn sie ganz allein und keine Strung zu befrchten war, so wie sie
auch nur dann es sich gefallen lie, und diese stillschweigende bereinkunft der
Heimlichkeit lieh dem ganzen Verkehre einen sen Reiz.
    So war ich eines Abends, vom Berge kommend, bei ihr eingekehrt; sie sa
hinter dem Hause am Brunnen und hatte soeben einen Korb grnen Salat gereinigt,
ich hielt ihre Hnde unter den klaren Wasserstrahl, wusch und rieb dieselben wie
einem Kinde, lie ihr kalte Wassertropfen in den Nacken trufeln und spritzte
ihr solche endlich mit unbeholfenem Scherze ins Gesicht, bis sie mich beim Kopfe
kriegte und ihn auf ihren Scho prete, wo sie ihn ziemlich derb zerarbeitete
und walkte, da mir die Ohren sausten. Obgleich ich diese Strafe halb und halb
bezweckt hatte, wurde sie mir doch zu arg; ich ri mich los und fate meine
Feindin, nach Rache drstend, nun meinerseits beim Kopfe. Doch leistete sie,
indem sie immer sitzen blieb, so krftigen Widerstand, da wir beide zuletzt
heftig atmend und erhitzt den Kampf aufgaben und ich, beide Arme um ihren weien
Hals geschlungen, ausruhend an ihr hangen blieb; ihre Brust wogte auf und
nieder, indessen sie, die Hnde erschpft auf ihre Knie gelegt, vor sich hinsah.
Meine Augen gingen den ihrigen nach in den roten Abend hinaus, dessen Stille uns
umfchelte; Judith sa in tiefen Gedanken versunken und verschlo, die Wallung
ihres aufgejagten Blutes bndigend, in ihrer Brust innere Wnsche und Regungen
fest vor meiner Jugend, whrend ich, unbewut des brennenden Abgrundes, an dem
ich ruhte, mich arglos der stillen Seligkeit hingab und in der durchsichtigen
Rosenglut des Himmels das feine, schlanke Bild Annas auftauchen sah. Denn nur an
sie dachte ich in diesem Augenblicke, ich ahnte das Leben und Weben der Liebe,
und es war mir, als mte ich nun das gute Mdchen alsogleich sehen. Pltzlich
ri ich mich los und eilte nach Hause, von wo mir der schrille Ton einer
Dorfgeige entgegenklang. Smtliche Jugend war in dem gerumigen Saale versammelt
und benutzte den khlen, migen Abend, nach den Klngen des herbeigerufenen
Geigers sich gegenseitig im Tanze zu unterrichten und zu ben; denn die lteren
Mitglieder der Sippschaft befanden fr gut, auf die Feste des nahenden Herbstes
den jngern Nachwuchs vorzubereiten und dadurch sich selbst ein vorlufiges
Tanzvergngen zu verschaffen. Als ich in den Saal trat, wurde ich aufgefordert,
sogleich teilzunehmen, und indem ich mich fgte und unter die lachenden Reihen
mischte, ersah ich pltzlich die errtende Anna, welche sich hinter denselben
versteckt hatte. Sogleich war ich zufrieden und innerlich hoch vergngt; aber
obgleich schon zwei Wochen vergangen, seit ich sie zum ersten Male gesehen, lie
ich meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich, nachdem ich sie kurz
begrt, wieder von ihr, und als meine Basen mich aufforderten, mit ihr, die
gleichfalls anfing, einen Tanz zu tun, suchte ich ungehobelt und unter tausend
Ausflchten auszuweichen. Dieses half nichts, widerstrebend fgten wir uns
endlich und tanzten, einander nicht ansehend und uns kaum berhrend, etwas
ungeschickt und beschmt einmal durch den Saal. Ungeachtet es mir schien, als ob
ich einen jungen Engel an der Hand fhrte und im Paradiese herumwalzte, trennten
wir uns doch nach der Tour so schleunig wie Feuer und Wasser und waren in selbem
Augenblicke an den entgegengesetzten Enden des Saales zu sehen. Ich, der ich
kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der groen und schnen Judith
zwischen meine Hnde gepret, hatte jetzt gezittert, die schmale, fast wesenlose
Gestalt des Kindes zu umfangen, und dieselbe fahrenlassen wie ein glhendes
Eisen. Sie verbarg sich ihrerseits wieder hinter die frhlichen Mdchen und war
sowenig mehr in die Reihen zu bringen als ich, hingegen bestrebte ich mich,
meine Worte an die Gesamtheit zu richten und so zu stellen, da sie von Anna
auch hingenommen werden muten, und bildete mir ein, sie meine es mit den
wenigen Wrtchen, die sie hren lie, ebenfalls so.
    Sie war, da sie mit den Tchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr
fhrte, mit einem Krbchen voll junger Tubchen hergekommen, was hauptschlich
das Heraufrufen des herumziehenden Geigers veranlat hatte. Nun wurde
verabredet, da die Tanzbungen mehrere Male wiederholt werden sollten und Anna
denselben beiwohnen. Fr jetzt aber war es notwendig, da es dunkel geworden, da
jemand sie nach Hause begleite, und dazu wurde ich ausersehen. Diese Kunde klang
mir zwar wie Musik, doch drngte ich mich nicht sonderlich vor und stellte mich
eher, als ob es mir verdrielich und unbequem wre; denn es erwachte ein Stolz
in mir, der es mir fast unmglich machte, gegen das junge Ding freundlich zu
tun, und je lieber ich es in meinem Herzen gewann, desto mrrischer und
unbeholfener wurde mein ueres. Das Mdchen aber blieb immer gleich, ruhig,
bescheiden und fein und band gelassen seinen breiten Strohhut um, auf welchem
einige Kornblumen und eine brennendrote Mohnblte lagen; der Nachtkhle wegen
brachte die Muhme einen prachtvollen weien Staatsshawl aus alter Zeit, mit
Astern und Rosen beset, den man um ihr blaues, halb lndliches Kleid schlug,
da sie mit ihren Goldhaaren und dem feinen Gesichtchen aussah wie eine junge
Englnderin aus den neunziger Jahren. So wandte sie sich nun anscheinend ganz
ruhig zum Gehen, gewrtig, wer sie begleiten wrde, aber sich deswegen nicht
unentschlossen aufhaltend. Sie lchelte, durch den Mutwillen der Basen belebt
und gedeckt, ber meine Ungeschicklichkeit, ohne sich nach mir umzublicken, und
vermehrte so meine Verlegenheit, da ich gegenber den zusammenhaltenden und
verschworenen Mdchen allein dastand und fast willens war, im Saale
zurckzubleiben. Doch erbarmte sich die lteste Base meiner und rief mich noch
einmal entschieden heran, so da es mit meiner Ehre vertrglich war, mich
wenigstens dem Zuge anzuschlieen, der sich vor das Haus bewegte. Wir gingen
gemeinschaftlich bis an das Ende des Dorfes, wo der Berg anhub, ber welchen
Anna zu gehen hatte. Dort wurde Abschied genommen; ich stand im Hintergrunde und
sah, wie sie ihr Tuch zusammenfate und sagte Ach, wer will nun eigentlich mit
mir kommen? indessen die Mdchen schalten und sagten Nun, wenn der Herr Maler
so unartig ist, so mu eben jemand anders dich begleiten! und ein Bruder rief
Ei, wenn es sein mu, so gehe ich schon mit, obgleich der Maler ganz recht hat,
da er nicht den Jungfernknecht spielt, wie ihr es immer gern einfhren
mchtet! Ich trat aber hervor und sagte barsch Ich habe gar nicht behauptet,
da ich es nicht tun wolle, und wenn es der Anna recht ist, so begleite ich sie
schon. - Warum sollte es mir nicht recht sein? erwiderte sie, und ich
schickte mich an, neben ihr herzugehen. Allein die brigen riefen, ich mte sie
durchaus am Arme fhren, da wir so feine Stadtleutchen seien, ich glaubte dies
und schob meinen Arm in den ihrigen, sie zog ihn rasch zurck und fate mich
unter den Arm, sanft, aber entschieden, indem sie lchelnd nach dem spottenden
Volke zurcksah; ich merkte meinen Fehler und schmte mich dergestalt, da ich,
ohne zu sprechen, den Berg hinanstrmte und das arme Kind mir beinahe nicht
folgen konnte. Sie lie sich dies nicht ansehen, sondern schritt tapfer aus, und
sobald wir allein waren, fing sie ganz gelufig und sicher an zu plaudern ber
die Wege, welche sie mir zeigen mute, ber das Feld, ber den Wald, wem diese
und jene Parzelle gehre und wie es hier und dort vor wenigen Jahren noch
gewesen sei. Ich wute wenig zu erwidern, whrend ich aufmerksam zuhrte und
jedes Wort wie einen Tropfen Muskatwein verschlang; meine Eile hatte schon
nachgelassen, als wir die Hhe des Berges erreichten und auf seiner Ebene
gemchlich dahingingen. Der funkelnde Sternhimmel hing weit gebreitet ber dem
Lande, und doch war es dunkel auf dem Berge, und die Dunkelheit band uns nher
zusammen, da wir, unsere Gesichter kaum sehend, einander auch besser zu hren
glaubten, wenn wir uns fest zusammenhielten. Das Wasser rauschte vertraulich im
fernen Tale, hier und da sahen wir ein mattes Licht auf der dunklen Erde
glimmen, welche sich massenhaft mit ihrem schwarzen Schatten vom Himmel
sonderte, der sie am Rande mit einem blassen Dmmergrtel umgab. Ich beachtete
dieses alles, lauschte den Worten meiner Begleiterin und bedachte zugleich fr
mich meine Freude und meinen Stolz, eine Geliebte am Arme zu fhren, als welche
ich sie ein fr allemal betrachtete. Wir sprachen nun ganz munter und aufgerumt
von tausend Dingen, von gar nichts, dann wieder mit wichtigen Worten von unseren
gemeinsamen Verwandten und ihren Verhltnissen, wie alte kluge Leute. Je nher
wir ihrer Wohnung kamen, deren Licht bereits in der Tiefe glhte wie ein
Leuchtwurm, desto sicherer und lauter wurde Anna, ihre Stimme bimmelte
unaufhrlich und fein, gleich einem fernen Vesperglckchen, ich setzte ihren
artigen Einfllen die besten meiner eigenen Erfindung entgegen, und doch hatten
wir uns den ganzen Abend noch nie unmittelbar angeredet, und das Du war seit
jenem einen Male nie mehr zwischen uns gefallen. Wir hteten es, wenigstens ich,
im Herzen gleich einem goldenen Sparpfennige, den man auszugeben gar nicht ntig
hat; oder es schwebte wie ein Stern weit vor uns in neutraler Mitte, nach
welchem sich unsere Reden und Beziehungen richteten und sich dort vereinigten
wie zwei Linien in einem Punkte, ohne sich vorher unzart zu berhren. Erst als
wir in der Stube waren und ihren sie erwartenden Vater begrt hatten, nannte
sie, die Ereignisse des Abends froh erzhlend, beilufig ganz unbefangen meinen
Namen, sooft es erforderlich war, und nahm, unter dem Schutze ihres Vaterhauses,
wo sie sich geborgen fhlte wie eine Taube im Neste, unbesehens das Wrtchen Du
hervor und warf es unbekmmert hin, da ich es nur aufzunehmen und ebenso arglos
zurckzugeben brauchte. Der Schulmeister machte mir Vorwrfe ber mein langes
Ausbleiben, und um sicher zu gehen, forderte er mich zu dem Versprechen auf,
gleich am nchsten Morgen frh zu kommen und den ganzen Tag an seinem See
zuzubringen. Anna bergab mir den Shawl, den ich wieder zurcktragen sollte,
dann leuchtete sie mir vor das Haus und sagte adieu mit jenem angenehmen Tone,
der ein anderer ist nach einer stillschweigend geschlossenen Freundschaft als
vorher. Kaum war ich aus dem Bereiche des Hauses, so schlug ich das blumige
weiche Tuch, das mir eine Wolke des Himmels zu sein dnkte, um Kopf und
Schultern und tanzte darin wie ein Besessener ber den nchtlichen Berg. Als ich
auf seiner Hhe war unter den Sternen, schlug es unten im Dorfe Mitternacht, die
Stille war nun nah und fern so tief geworden, da sie in ein geisterhaftes
Getse berzugehen schien, und nur wenn sich diese Tuschung zerstreute und man
gesammelt horchte, rauschte und zog der Flu immer vernehmlich, doch leise, wie
ein im Traume klagendes Kind. Ein seliger Schauer schien, als ich einen
Augenblick stand wie festgebannt, rings vom Gesichtskreise heranzuzittern an den
Berg, in immer engeren Zirkeln bis an mein Herz heran. Das Glck des Lebens
schien seinen Rundgang ber die schlafende Welt zu machen und, mich auf dem
Berge wachend findend, mich an die Hand und fr immer an seine Seite zu nehmen.
Ich entledigte mich andchtig meiner nrrischen Umhllung, legte sie zusammen,
stieg trumend den Abhang hinunter und fand den Weg durch stockfinstere Waldwege
nach Hause, ohne zu wissen wie.
    Am nchsten Morgen legte ich denselben Weg, der von Tau und Sonne funkelte
und blitzte, mit meinem Gerte beladen, zurck und sah bald den See unter dem
Morgendufte hervorleuchten, Haus und Garten waren vom jungen Tag bergoldet und
warfen ein reizendes Farbenbild in die unbewegte Flut, zwischen den Beeten
bewegte sich eine blaue Gestalt, so fern und klein wie in einem Nrnberger
Spielzeuge, das Bild verschwand wieder hinter den Bumen, um bald desto grer
und nher hervorzutreten und mich in seinen Rahmen mit aufzunehmen.
Schulmeisters hatten mit dem Frhstcke auf mich gewartet, ich war sehr elustig
geworden durch den weiten Weg und sah mich daher mit groer Zufriedenheit hinter
dem Tische, whrend Anna die Tugenden eines angehenden Hausmtterchens aufs
lieblichste spielen lie und sich endlich neben mich setzte und so zierlich und
mig an dem Essen nippte wie eine Elfe und als ob sie keine irdischen
Bedrfnisse htte. Ich sah sie indes kaum eine Stunde nachher mit einem
mchtigen Stck Brot in der Hand und, mir auch ein solches bringend, unbefangen
und tchtig dreinbeien mit ihren kleinen weien Zhnen, und dies begierige
Essen im Gehen und Plaudern stand ihr ebenso wohl an wie vorher der bescheidene
Anstand am Tische und reizte mich, meinen Pferdekopf, wie wir die groen
Brotstcke nannten, ebenso schnell und lustig zu verzehren, trotz des reichlich
genossenen Frhstckes.
    Nach diesem war der Vater mit der alten Magd in seinen Weinberg gestiegen,
um von den reifenden Trauben das Laub zu brechen, welches den Sonnenstrahlen den
Zugang versperrte. Die Besorgung des Weinberges war, nebst dem Schlagen und
Kleinmachen des Holzes, seine Hauptarbeit in seinem beschaulichen Leben. Ich
hingegen sah mich nach einem Gegenstande meiner Ttigkeit um. Anna hatte eine
mchtige Wanne voll grner Bohnen der Schwnzchen und Fden zu entledigen und an
lange Fden zu reihen, um sie zum Drren vorzubereiten. Damit ich in ihrer Nhe
bleiben konnte, gab ich vor, ich mte nun zur Abwechselung einmal Blumen nach
der Natur malen, und bat sie, mir einen Strau derselben zu brechen. Der
Zusammenstellung wegen begleitete ich sie in den Garten, und nach einer guten
halben Stunde hatten wir endlich ein hbsches Bouquet beisammen und setzten es
in ein altmodisches Prunkglas, dieses auf einen Tisch, der in einer Weinlaube
hinter dem Hause stand; Anna schttete ihre Bohnen rings darum her, und wir
setzten uns einander gegenber, bis zur Mittagsstunde arbeitend und von unseren
gegenseitigen Lebenslufen, Eltern und Familien erzhlend. Ich war nun ganz
erwrmt und heimisch geworden und begann bald mit der berlegenheit eines
Bruders dem guten Kinde mit wichtigen Urteilen, eingestreuten Bemerkungen und
Belehrungen zu imponieren, indessen ich meine Blumen mit verwegenen bunten
Farben anlegte und sie mir erstaunt und vergngt zuschaute, ber den Tisch
gebeugt und ein Bschel Bohnen in der einen, das kleine Taschenmesserchen in der
anderen Hand. Ich zeichnete den Strau in natrlicher Gre auf einen Bogen und
gedachte damit ein rechtes Prunkstck im Hause zurckzulassen. Inzwischen kam
die Magd vom Berge und forderte meine Gespielin auf, ihr zum Bereiten des Essens
behilflich zu sein. Diese kurze Trennung, dann das Wiedersehen am Tische, die
Ruhestunde nach demselben, das aufrichtige Bewundern meiner vorgeschrittenen
Arbeit von seiten des Schulmeisters, gewrzt mit weisen Sprchen, und endlich
die Aussicht auf ein abermaliges Zusammensein bis zum Abend in der Laube
veranlaten ebenso viele angenehme Bewegungen und Zwischenspiele. Anna schien
auch meines Sinnes zu sein, da sie eben wieder einen ansehnlichen Haufen Bohnen
auf den Tisch schttete, welcher bis zum Abend auszureichen schien. Allein die
Haushlterin erschien pltzlich und erklrte, da Anna mit in den Weinberg
mte, damit man heute mit demselben noch fertig wrde und eines kleinen
berbleibsels wegen nicht am andern Tage hinzugehen brauche. Diese Erklrung
betrbte mich, und ich ward sehr rgerlich ber die alte Frau, Anna hingegen
brach sogleich willig und freundlich auf und bezeigte weder Freude noch Verdru
ber die nderung ihres Planes. Die Alte, als sie mich bleiben sah, sagte, ob
ich nicht auch mitkomme, ich werde doch nicht allein hiersein wollen und es sei
recht schn im Weinberge. Allein ich war nun schon zu tief betrbt und unwillig
und erklrte, ich mte meine Zeichnung zu Ende fhren. Demgem wurde mir ein
kleines Flschchen Wein und Brot in der Stube zurechtgesetzt fr die Vesperzeit
und der Hausschlssel bergeben, den ich neben mich legte. Bald war ich allein
in der einsamen Gegend und der Nachmittagsstille und fhlte mich nun doch wieder
zufrieden. Auch kam dies Alleinsein meinem Machwerke zu gut, indem ich mir mehr
Muhe gab, die natrlichen Blumen vor mir wirklich zu benutzen und an ihnen zu
lernen, whrend ich am Vormittage mehr nach meiner frheren Kindermanier
drauflosgepinselt hatte. Ich mischte die Farben genauer und verfuhr reinlicher
und aufmerksamer mit den Formen und Schattierungen, und dadurch entstand ein
Bild, welches an der Wand unschuldiger Landbewohner etwas vorstellen konnte.
    Darber verflo die Zeit schnell und leicht und brachte den Abend, indessen
ich mit Liebe die Zeichnung nach meiner Einsicht vervollkommnete und berall ein
Blatt oder einen Blumenstiel ausbesserte und einen Schatten verstrkte, dort
einen vergessenen Staubfaden hinzufgte. Die Neigung fr das Mdchen lehrte mich
dies gewissenhafte Fertigmachen und Durchgehen der Arbeit, welches ich bis dahin
noch nicht gekannt, und als ich gar nichts mehr anzubringen sah, schrieb ich in
eine Ecke des Blattes Heinrich Lee fecit, was ich mir anderswo schon gemerkt
hatte, und unter den Strau mit schner Schrift den Namen der knftigen
Eigentmerin.
    Der Weinberg mute inzwischen noch ein groes Stck Arbeit gegeben haben,
denn schon schwebte die Sonne dicht ber dem Waldrande und warf ein
feuerfarbenes Band ber das dunkelnde Gewsser her, und noch hrte ich nichts
von meinen Gastfreunden. Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Hause, den Wein
und das Brot neben mir, wie ein Arbeiter, der seines Lohnes wert ist. Die Sonne
ging hinab und lie eine hohe Rosenglut zurck welche auf alles einen sterbenden
Nachglanz warf und die Zeichnung auf meinen Knien samt meinen Hnden wunderbar
rtete und etwas Rechtem gleichsehen lie. Da ich sehr frh aufgestanden war und
in diesem Augenblicke auch sonst nichts Besseres zu tun wute, schlief ich
allmhlich ein, und als ich erwachte, standen die Zurckgekehrten in der
vorgerckten Dmmerung vor mir und am dunkelblauen Himmel wieder die Sterne.
Meine Malerei wurde nun in der Stube bei Licht besehen, die Magd schlug die
Hnde ber den Kopf zusammen und hatte noch nie etwas Ahnliches erblickt, der
Schulmeister fand mein Werk gut und belobte meine Artigkeit gegen sein
Tchterchen mit schnen Worten und freute sich darber, Anna lchelte vergngt
auf das Geschenk, wagte aber nicht, es anzurhren, sondern lie es auf dem
flachen Tische liegen und guckte nur hinter den anderen hervor darber hin. Wir
nahmen nun das Nachtmahl ein, nach welchem ich aufbrechen wollte; aber der
Schulmeister verhinderte mich daran und gab Befehl, mir ein Lager zu bereiten,
da ich mich auf dem dunklen Berge unfehlbar verirren wrde. Obgleich ich
einwandte, da ich den nchtlichen Weg ja schon einmal zurckgelegt htte, lie
ich mich doch leicht bereden, aus bloer Freundschaft dazubleiben, worauf wir in
den kleinen Saal mit der Orgel gingen. Der Schulmeister spielte, und Anna und
ich sangen dazu einige Abendlieder und, der Magd zu Gefallen, welche gern
mitsang, einen Psalm, den sie mit heller Stimme beherrschte. Dann ging der Alte
zu Bette. Doch jetzt begann erst die Herrschaft der alten Katherine, welche
unten in der Stube einen ungeheuren Vorrat von Bohnen aufgetrmt hatte, welche
heute nacht noch smtlich bearbeitet werden sollten. Denn da sie nachts nicht
viel schlafen konnte, beharrte sie hartnckig auf der lndlichen Sitte,
dergleichen Dinge bis tief in die Nacht hinein vorzunehmen. So saen wir bis um
ein Uhr um den grnen Bohnenberg herum und trugen ihn allmhlich ab, indem jedes
einen tiefen Schacht vor sich hineingrub und die Alte den ganzen Vorrat ihrer
Sagen und Schwnke heraufbeschwor und uns beide, die wir wach und munter blieben
wie Wieselchen, so lachen machte, da uns die Trnen ber die Wangen liefen.
Anna, welche mir gegenbersa, baute ihren Hohlweg in die Bohnen hinein mit
vieler Kunst, eine Bohne nach der anderen herausnehmend, und grub unvermerkt
einen unterirdischen Stollen, so da pltzlich ihr kleines Hndchen in meiner
Hhle zutage trat, als ein Bergmnnchen, und von meinen Bohnen wegschleppte in
die grauliche Finsternis hinein. Katherine belehrte mich, da Anna der Sitte
gem verpflichtet sei, mich zu kssen, wenn ich ihre Finger erwischen knne,
jedoch drfe der Berg darber nicht zusammenfallen, und ich legte mich deshalb
auf die Lauer. Nun grub sie sich noch verschiedene Wege und begann mich auf die
listigste Weise zu necken; die Hand in der Tiefe des Bohnengebirges versteckt,
sah sie mich ber dasselbe her mit ihren blauen Augen neckisch an, indessen sie
hier eine Fingerspitze hervorgucken lie, dort die Bohnen bewegte, wie ein
unsichtbarer Maulwurf, dann pltzlich mit der ganzen Hand hervorscho und wieder
zurckschlpfte, wie ein Muschen ins Loch, ohne da es mir je gelang, sie zu
haschen. Sie trieb es so weit, mir immer auf die Augen sehend, da sie pltzlich
eine Bohne, die ich eben ergreifen wollte, meinen Fingern entzog, ohne da ich
wute, wo dieselbe hingekommen. Katherine bog sich zu mir herber und flsterte
mir ins Ohr: Lat sie nur machen, wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht ber
den vielen Lchern, so mu sie Euch auf jeden Fall kssen! Anna wute jedoch
sogleich, was die Alte zu mir sagte; sie sprang auf, tanzte dreimal um sich
selbst herum, klatschte in die Hnde und rief: Er bricht nicht! er bricht
nicht! er bricht nicht! Beim dritten Male gab Katherine mit ihrem Fue dem
Tische schnell einen Sto, und der unterhhlte Berg strzte jammervoll zusammen.
Gilt nicht, gilt nicht! rief Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer
umher, wie man es gar nicht hinter ihr vermutet htte. Ihr habt an den Tisch
gestoen, ich hab es wohl gesehen!
    Es ist nicht wahr, behauptete Katherine, Heinrich bekommt einen Ku von
dir, du Hexe!
    Ei, schme dich doch, so zu lgen, Katherine, sagte das verlegene Kind,
und die unerbittliche Magd erwiderte Sei dem, wie ihm wolle, der Berg ist
gefallen, ehe du dich dreimal gedreht hast, und du bist dem Herrn Heinrich einen
Ku schuldig!
    Den will ich auch schuldig bleiben, rief sie lachend, und ich, selbst
froh, der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem
Vorteile lenkend, sagte Gut, so versprich mir, da du mir immer und jederzeit
einen Ku schuldig sein willst!
    Ja, das will ich, rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine
dargebotene Hand, da es schallte. Sie war jetzt berhaupt ganz lebendig, laut
und beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am
Tage. Die Mitternacht schien sie zu verwandeln, ihr Gesichtchen war ganz
gertet, und ihre Augen glnzten vor Freude. Sie tanzte um die unbehilfliche
Katherine herum, neckte sie und wurde von ihr verfolgt, es entstand eine Jagd in
der Stube umher, in welche ich auch verwickelt wurde. Die alte Katherine verlor
einen Schuh und zog sich keuchend zurck, aber Anna ward immer wilder und
behender. Endlich haschte ich sie und hielt sie fest, sie legte ohne weiteres
ihre Arme um meinen Hals, nherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise, vom
hastigen Atmen unterbrochen:

Es wohnt ein weies Muschen
Im grnen Bergeshaus;
Das Huslein wollte fallen,
Das Muslein floh daraus;

worauf ich in gleicher Weise fortfuhr:

Man hat es noch gefangen,
Am Fchen angebunden
Und um die Vorderttzchen
Ein rotes Band gewunden;

dann sagten wir beide im gleichen Rhythmus und indem wir uns geruhig hin und her
wiegten:

Es zappelte und schrie
Was hab ich denn verbrochen?
Da hat man ihm ins Herzlein
Ein goldnen Pfeil gestochen.

Und als das Liedchen zu Ende war, lagen unsere Lippen dicht aufeinander, aber
ohne sich zu regen; wir kten uns nicht und dachten gar nicht daran, nur unser
Hauch vermischte sich auf der neuen, noch ungebrauchten Brcke, und das Herz
blieb froh und ruhig.
    Am andern Morgen war Anna wieder wie gewhnlich, still und freundlich; der
Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen, und da ergab es sich,
da sie von Anna schon in den unzugnglichsten Gelassen ihres Kmmerchens
verwahrt und begraben worden. Sie mute dieselbe aber wieder hervorholen, was
sie ungern tat, der Vater nahm einen Rahmen von der Wand, in welchem eine
vergilbte und verdorbene Gedchtnistafel der Teuerung von 1817 hing, nahm sie
heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas. Es ist endlich
Zeit, da wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen sagte er, da es selber
nicht lnger vorhalten will. Wir wollen es zu anderen verschollenen und
verborgenen Denkzeichen legen und dafr dieses blhende Bild des Lebens
aufpflanzen, das uns unser junge Freund geschaffen. Da er dir die Ehre erwiesen
hat, liebes nnchen, deinen Namen unter die Blumen zu setzen, so mag die Tafel
zugleich deine Ehren-und Denktafel in unserm Hause sein und ein Vorbild, immer
heiter, mit geschmckter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und
ehrbaren Werke Gottes!
    Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rckkehr; Anna erinnerte sich,
da heute wieder Tanzbung stattfinde, und erbat sich die Erlaubnis, gleich mit
mir gehen zu drfen. Zugleich verkndete sie, da sie bei ihren Basen
bernachten wrde, um nicht wieder so spt ber den Berg zu mssen. Wir whlten
den Weg lngs des Flchens, um im Schatten zu gehen, und da dieser Pfad
vielfach feucht war und von tiefen Krutern und Gestruchen beengt, schrzte sie
das hellgrne, mit roten Punkten besetzte Kleid, nahm den Strohhut der
berhngenden Zweige wegen in die Hand und schritt anmutig neben mir her durch
das Helldunkel, durch welches die heimlich leuchtenden Wellen ber rosenrote,
weie und blaue Steine rieselten. Ihre Goldzpfe hingen tief ber den Nacken
hinab, ihr Gesicht war von einer allerliebsten weien Krause von eigener
Erfindung eingefat, und dieselbe bedeckte noch die jungen schmalen Schultern.
Sie sagte nicht viel und schien sich ein wenig der vergangenen Nacht zu schmen;
berall, wo ich nichts gewahrte, sah sie verborgene Blten und brach dieselben,
da sie bald alle Hnde voll zu tragen hatte. An einer Stelle, wo das Wasser
sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und stillestand, warf sie ihre
smtliche Last zu Boden und sagte Hier ruht man aus! Wir setzten uns an den
Rand des Teiches; Anna flocht einen feinen Kranz aus den kleinen vornehmen
Waldblumen und setzte ihn auf. Nun sah sie ganz aus wie ein holdseliges Mrchen,
aus der tiefen, dunkelgrnen Flut schaute ihr Bild lchelnd herauf, das wei und
rote Gesicht wie durch ein dunkles Glas fabelhaft berschattet. Aus der
gegenberliegenden Seite des Wassers, nur zwanzig Schritte von uns, stieg eine
Felswand empor, beinahe senkrecht und nur mit wenigem Gestruche behangen. Ihre
Steile verkndete, wie tief hier das kleine Gewsser sein msse, und ihre Hhe
betrug diejenige einer groen Kirche. An der Mitte derselben war eine Vertiefung
sichtbar, die in den Stein hineinging und zu welcher man durchaus keinen Zugang
entdeckte. Es sah aus wie ein recht breites Fenster an einem Turme. Anna
erzhlte, da diese Hhle die Heidenstube genannt wrde. Als das Christentum in
das Land drang, sagte sie, da muten sich die Heiden verbergen, welche nicht
getauft sein wollten. Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flchtete sich
in das Loch dort oben, man wei gar nicht auf welche Weise. Und man konnte nicht
zu ihnen gelangen, aber sie fanden den Weg auch nicht mehr heraus. Sie hausten
und kochten eine Zeitlang, und ein Kindlein nach dem andern fiel ihnen ber die
Wand herunter ins Wasser hier und ertrank. Zuletzt waren nur noch Vater und
Mutter brig und hatten nichts mehr zu essen und nichts zu trinken und zeigten
sich als zwei Jammergerippe am Eingange und starrten auf das Grab ihrer Kinder,
zuletzt fielen sie vor Schwche auch herunter, und die ganze Familie liegt in
diesem tiefen, tiefen Wasser; denn hier geht es so weit hinunter, als der Stein
hoch ist!
    Wir schauten, in tiefem Schatten sitzend, in die Hhe, wo der obere Teil des
grauen Felsens im Sonnenscheine glnzte und die seltsame Vertiefung erhellt war.
Wie wir so hinschauten, sahen wir einen blauen glnzenden Rauch aus der
Heidenstube dringen und lngs der Wand hinsteigen, und wie wir lnger
hinstarrten, sahen wir ein fremdartiges Weib, lang und hager, in der webenden
Rauchwolke stehen, herabblicken aus hohlen Augen und wieder verschwinden.
Sprachlos sahen wir hin, Anna schmiegte sich dicht an mich, und ich legte meinen
Arm um sie; wir waren erschreckt und doch glcklich, und das Bild der Hhle
schwamm verwirrt und verwischt vor unseren emporgerichteten Augen, und als es
wieder klar wurde, standen ein Mann und ein Weib in der Hhe und schauten auf
uns herab. Eine ganze Orgelpfeifenreihe von Knaben und Mdchen, halb oder ganz
nackt, sa unter dem Loche und hing die Beine ber die Wand herunter. Alle Augen
starrten nach uns, sie lchelten schmerzlich und streckten die Hnde nach uns
aus, wie wenn sie um etwas flehten. Es war uns bange, wir standen eilig auf,
Anna flsterte, indem sie perlende Trnen vergo Oh, die armen, armen
Heidenleute! Denn sie glaubte fest, die Geister derselben zu sehen, besonders
da man in der Gegend berzeugt war, da kein menschlicher Weg zu jener Stelle
fhre. Wir wollen ihnen etwas opfern, sagte das Mdchen leise zu mir, damit
sie unser Mitleid gewahr werden! Sie zog eine Mnze aus ihrem Beutelchen, ich
ahmte ihr nach, und wir legten unsere Spende auf einen Stein, der am Ufer lag.
Noch einmal sahen wir hinauf, wo die seltsame Erscheinung uns fortwhrend
beobachtete und mit dankenden Gebrden nachschaute.
    Als wir im Dorfe anlangten, hie es, man habe eine Bande Heimatloser in der
Gegend gesehen und man wrde dieselben nchster Tage aufsuchen, um sie ber die
Grenze zu bringen. Anna und ich konnten uns nun die Erscheinung erklren, es
mute doch ein geheimer Weg dorthin fhren, welcher nur unter dem unglcklichen
Volke, das solche Schlupfwinkel braucht, bekannt sein mochte. Wir gaben uns in
einem einsamen Winkel feierlich das Wort, den Aufenthalt der Armen nicht zu
verraten, und hatten nun ein artiges Geheimnis zusammen.
    So lebten wir, unbefangen und glcklich, manche Tage dahin, bald ging ich
ber den Berg, bald kam Anna zu uns, und unsere Freundschaft galt schon fr eine
ausgemachte Sache, an der niemand ein Arges fand, und ich war am Ende der
einzige, welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab, weil mir einmal nach alter
Weise alles sich zum entschiedenen Romane gestaltete.
    Um diese Zeit erkrankte meine Gromutter, nach und nach, doch immer
ernstlicher, und nach wenigen Wochen sah man, da sie sterben wrde. Sie hatte
genug gelebt und war mde; solange sie noch bei guten Sinnen war, sah sie gern,
wenn ich eine Stunde oder zwei an ihrem Bette verweilte, und ich fgte mich
willig dieser Pflicht, obgleich der Anblick ihres Leidens und der Aufenthalt in
der dumpfen Krankenstube mir ungewohnt und trbselig waren. Als sie aber in das
eigentliche Sterben kam, welches mehrere Tage dauerte, wurde mir diese Pflicht
zu einer ernsten und strengen bung. Ich hatte noch nie jemanden sterben sehen
und sah nun die bewutlose oder wenigstens so scheinende Greisin mehrere Tage
rchelnd im Todeskampfe liegen, denn ihr Lebensfunke mochte fast nicht
erlschen. Die Sitte verlangte, da immer mindestens drei Personen in dem
Gemache sich aufhielten, um abwechselnd zu beten und den fremden Besuchern,
welche unablssig eintraten, die Ehren zu erweisen und Nachricht zu geben. Nun
hatten aber die Leute, bei dem goldenen Wetter, gerade viel zu arbeiten, und
ich, der ich nichts zu tun hatte und gelufig las, war ihnen daher willkommen
und wurde den grten Teil des Tages am Todesbette festgehalten. Die Weiber
hatten zudem insbesondere ein groes Bedrfnis, die Traurigkeit und den
Schrecken des Todes recht auszubeuten, und da die Mnner sich niemals lange in
der Kammer aufhielten, waren sie froh, mich fr alle ben zu lassen, und
erklrten, der Tod meiner Gromutter msse sich mir recht einprgen, dies wrde
mir fr immer ntzlich sein. Auf einem Schemel sitzend, ein Buch auf den Knien,
mute ich mit vernehmlicher Stimme Gebete, Psalmen und Sterbelieder lesen,
erwarb mir zwar durch meine Ausdauer die Gunst der Frauen, wofr ich aber den
schnen Sonnenschein nur von ferne und den Tod bestndig in der Nhe betrachten
durfte.
    Ich konnte mich gar nicht mehr nach Anna umsehen, obschon sie mein sester
Trost in meiner asketischen Lage war; da erschien sie, schchtern und
manierlich, unversehens auf der Schwelle der Krankenstube, um die ihr sehr
entfernt Verwandte zu besuchen. Das junge Mdchen war beliebt und geehrt unter
den Buerinnen und daher jetzt willkommen geheien, und als sie sich, nach
einigem stillen Aufenthalte, anbot, mich im Gebete abzulsen, wurde ihr dies
gern gestattet, und so blieb sie die noch brige Sterbenszeit an meiner Seite
und sah mit mir die ringende Flamme verlschen. Wir sprachen selten miteinander,
nur wenn wir uns die geistlichen Bcher bergaben, flsterten wir einige Worte,
oder wenn wir beide frei waren, ruhten wir behaglich nebeneinander aus und
neckten uns im stillen, da die Jugend einmal ihr Recht geltend machte. Als der
Tod eingetreten und die Frauen laut schluchzten, da zerflo auch Anna in Trnen
und konnte sich nicht zufriedengeben, da sie doch der Todesfall weniger berhrte
als mich, der ich als Enkel der Toten, obgleich ernst und nachdenklich,
trockenen Auges blieb. Ich ward besorgt fr das arme Kind, welches immer
heftiger weinte, und fhlte mich sehr niedergeschlagen und unglcklich noch zu
der Trauer ber den Tod hinzu; denn ich konnte das zarte Mdchen nicht leiden
sehen. Ich fhrte sie in den Garten, streichelte ihr die Wangen und bat sie
instndigst, doch nicht so sehr zu weinen. Da erheiterte sich ihr Gesicht, wie
die Sonne durch Regen, sie trocknete die Augen und sah mich urpltzlich lchelnd
an.
    Wir genossen nun wieder freie Tage, und ich begleitete Anna zur Erholung
sogleich nach Hause, um dort zu bleiben bis zum Leichenbegngnisse. Ich blieb
die Zeit ber ziemlich ernst, da der ganze Verlauf mich angegriffen und mir
berdies die Gromutter sehr lieb und verehrungswrdig gewesen, ungeachtet ich
sie seit kurzem kannte. Diese Stimmung war nun wiederum meiner Freundin
unbehaglich, und sie suchte mich mit tausend Listen aufzuheitern und glich
hierin den brigen Frauen, welche alle wieder plaudernd und rsonierend vor
ihren Husern standen.
    Der Mann der toten Gromutter tat nun, whrend er sich bequem fhlte, als ob
er sehr viel verloren und seine Frau im Leben wertgehalten htte. Er ordnete
eine pomphafte Leichenfeier an, woran ber sechzig Personen teilnehmen sollten,
und lie es an nichts fehlen, alle alten Gebruche in ihrem vollen Umfange zu
beobachten.
    Am bezeichneten Tage begab ich mich mit dem Schulmeister und mit Anna auf
den Weg; er trug einen feierlichen schwarzen Frack mit sehr breiten Schen und
eine gestickte weie Halsbinde, Anna ebenfalls ihr schwarzes Kirchengewand und
eine ihrer eigentmlichen Krausen, worin sie aussah wie eine Art Stiftsfrulein.
Den Strohhut hingegen lie sie zu Hause und trug ihre Haare besonders kunstreich
geflochten, dazu durchdrang sie heute eine tiefe Frmmigkeit und Andacht, sie
war still und ihre Bewegungen voll Sitte, und dieses alles lie sie in meinen
Augen in neuem, unendlichem Reize erscheinen. In meine traurige festliche
Stimmung mischte sich ein ser Stolz, mit diesem liebenswrdigen und seltenen
Wesen so vertraut zu sein, und zu diesem Stolze gesellte sich eine innige
Verehrung, da ich meine Bewegungen ebenfalls ma und zurckhielt und mit
eigentlicher Ehrerbietung neben ihr herging und ihr dienstbar war, wo es der
unebene Weg erforderte.
    Wir machten vorerst im Hause meines Oheims halt, dessen Familie schon
gerstet war und sich, als die Totenglocke lutete, uns anschlo. Im Sterbehause
wurde ich von meinen smtlichen Begleitern getrennt, da meine Stellung als Enkel
die Gegenwart unter den nchsten Leidtragenden mit sich brachte, und als der
jngste und unmittelbarste Nachkomme befand ich mich in meinem grnen Habit an
der Spitze der ganzen Trauergesellschaft und war den umstndlichen und
langwierigen Zeremonien zuerst ausgesetzt. Die nhere Verwandtschaft war in der
aufgerumten groen Wohnstube versammelt und harrte auf das weibliche
Geschlecht, welches erscheinen sollte, um hier seine Beileidsbezeugungen
abzustatten. Nachdem wir eine geraume Weile stumm und aufrecht lngs den Wnden
gestanden, traten nach und nach viele bejahrte Buerinnen herein, in schwarzer
Tracht, fingen bei mir an, eine um die andere, indem sie mir die Hand boten,
ihren Spruch sagten und zum nchsten fortschritten auf gleiche Weise. Diese
Matronen gingen grtenteils gebckt und zitternd und sprachen ihre Worte mit
Rhrung als alte Freundinnen und Bekannte der Seligen und als solche, welche die
Nhe des Todes doppelt empfanden. Sie sahen mich alle fest und bedeutungsvoll
an, ich mute jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen, was ich ohnehin
getan htte, da mir jede dieser Gestalten ihres ausgeprgten Lebens und
Schicksales wegen auffallen mute. Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle
alte Frau darunter, welche aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich
sah, dann folgte aber gleich wieder ein gebeugtes Mtterchen, welche an ihrem
eigenen Leiden dasjenige der Geschiedenen zu kennen und zu schtzen schien Doch
wurden die Frauen immer jnger, und in gleichem Verhltnisse mehrte sich die
Zahl; die Stube war nun vollstndig mit dunklen Gestalten angefllt, die sich
herbeidrngten, Weiber von vierzig und dreiig Jahren, voll Beweglichkeit und
Neugierde, die verschiedenen Leidenschaften und Eigentmlichkeiten waren kaum
durch die gleichmachende Trauerhaltung verschleiert. Der Andrang schien kein
Ende nehmen zu wollen; denn nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen
aus der Umgegend waren erschienen, weil die Gromutter eines groen Ruhmes unter
ihnen geno, der, zum Teil verjhrt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich
geltend machte. Endlich wurden die Hnde gltter und weicher, das jngste
Geschlecht zog vorber, und ich war schon ganz mrbe und mde, als meine Basen
herzutraten, mir aufmunternd und freundlich die Hand boten, und gleich hinter
ihnen, wie ein Himmelsbote, die allerliebste Anna, welche, bla und aufgeregt,
mir flchtig das Hndchen reichte und schimmernde Trnen darber fallen lie.
Weil ich seltsamerweise gar nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte,
schwebte sie mir jetzt um so berraschender und reizender vorber, wie ein Bild
aus glcklicheren Rumen.
    Zuletzt erschpfte sich doch die Frauenwelt, und wir traten vor das Haus, wo
eine unabsehbare Schar bedchtiger Mnner harrte, um mit uns, die wieder eine
Reihe bildeten, den gleichen Gebrauch vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeutend
krzer und rascher als ihre Weiber, Tchter und Schwestern, allein dafr
gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hnde wie Schmiedezangen und
Schraubstcke, und aus mancher Faust brauner Ackermnner glaubte ich meine Hand
nicht mehr heil zurckzuziehen.
    Endlich schwankte der Sarg vor uns her, die Weiber schluchzten, und die
Mnner sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder, der Geistliche erschien
auch und machte seine Wrde geltend, und ohne viel zu wissen, wie es zugegangen,
sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann
in die khle Kirche versetzt, welche von der Gemeinde ganz angefllt wurde. Ich
hrte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprnglichen Familiennamen,
die Abstammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob der Gromutter von der
Kanzel verknden und stimmte von Herzen in das Vershnungs- und Ruhelied,
welches zum Schlusse gesungen wurde. Als ich aber die Schaufeln klingen hrte
vor der Kirchentr, drngte ich mich hinaus, um in das Grab zu schauen. Der
einfache Sarg lag schon darin, viele Menschen standen umher und weinten, die
Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmhlich; ich sah
erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor, und die Tote in der Erde
erschien mir auch fremd, und ich fand keine Trnen. Erst als es mir durch den
Sinn fuhr, da es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen, und an meine
Mutter dachte, welche einst auch also in die Erde gelegt werde, da
vergegenwrtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem Grabe, und das
harte Wort Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht! verlor die
scheinbare Klte seiner Notwendigkeit.
    Der eingeladene Teil der Versammlung begab sich nun wieder nach dem
Trauerhause, dessen Rume alle mit den Vorrichtungen des Leichenmahles erfllt
waren. Als man zu Tische sa, versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des
finstern Witwers, wo ich zwei volle Stunden aushalten mute, ohne mit jemandem
sprechen zu knnen, solange die erste herkmmliche Essenszeit mit allen ihren
unvermeidlichen Gerichten dauerte. Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte
den Schulmeister und sein Kind, welche auch anwesend waren; sie muten aber im
anstoenden Zimmer sein, denn ich fand sie nicht.
    Anfnglich wurde mig und bedchtig gesprochen und die Speisen in groer
Ehrbarkeit eingenommen. Die Bauern saen aufrecht an ihre Sthle oder an die
Wand gelehnt, in betrchtlichem Abstand vom Tische, und stachen die
Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem Arme an, die Gabel am uersten Ende
haltend. So fhrten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum Munde und tranken
den Wein in kleinen, zchtigen, aber hufigen Zgen. Die Aufwrterinnen trugen
die breiten Zinnschsseln in erhobenen Hnden in der Hhe ihres Gesichtes heran,
mit gemessenem Paradeschritt, die Hften gewaltig hin und her wiegend. Wo sie
die Tracht auf den Tisch setzten, muten die beiden Zunchstsitzenden einen
Wettstreit beginnen, indem sie ihnen ihre Glser zum Trinken boten und jeder
wenigstens zwei gute Witze auf den Nebenbuhler loslie; dieser kleine Kampf
wurde dann dadurch geschlichtet, da die Aufwrterin aus jedem Glase nippte und
mehr oder weniger zufrieden mit der Ausfhrung dieser Etikette sich zurckzog.
    Nach Verflu zweier langen Stunden wurden die Gerichte feiner und leckerer,
die Roheren unter den Gsten nherten sich immer mehr dem Tische, legten die
Arme darauf und begannen nun erst, auf dem mglichst krzesten Wege, ein
ungeheures und heftiges Essen, wozu sie den Wein in tiefen Zgen schluckten. Die
lteren und Feineren aber wurden lauter im Gesprche, rckten ihre Sthle mehr
zusammen und lieen die Unterhaltung allmhlich in eine gehaltene Frhlichkeit
bergehen. Diese war wohl zu unterscheiden von einer gewhnlichen lustigen
Stimmung und eine symbolische Absicht, welche eine heitere Ergebung in den Lauf
der Dinge und das Recht des Lebens gegen den Tod bedeuten sollte.
    Ich fand nun endlich Raum, meinen Platz zu verlassen und umherzugehen. Im
nchsten Zimmer fand ich an einer kleineren Tafel Anna neben ihrem Vater sitzen,
welcher im Kreise einiger Klugen und Frommen die weise und frhliche Ergebung in
das Unvermeidliche mit ausgezeichneter Kunst bte. Er machte einigen bejahrten
Frauen den Hof und wute jeder noch zu sagen, was sie vor dreiig Jahren gern
gehrt; dafr schmeichelten sie der kleinen Anna, lobten ihre Manieren und
priesen den Alten glcklich. Zu dieser Gruppe setzte ich mich und horchte neben
Anna auf die beschaulichen Reden der Alten. Dabei hielten wir zwei, denen nun
erst vergnglich zu Mute wurde, noch eine kleine Mahlzeit aus der gleichen
Schssel und tranken zusammen ein Glas Wein.
    Auf einmal fing es ber unseren Kpfen an zu brummen und zu quieken. Geige,
Ba und Klarinette wurden angestimmt, und ein Waldhorn erging sich in schwlen,
verliebten Tnen. Whrend der rstige Teil der Versammlung aufbrach und nach dem
gerumigen Boden hinaufstieg, sagte der Schulmeister So mu es also doch
getanzt sein? Ich glaubte, dieser Gebrauch wre endlich abgeschafft, und gewi
ist dies Dorf das einzige weit und breit, wo er noch manchmal gebt wird! Ich
ehre das Alte, aber alles, was so heit, ist doch nicht ehrwrdig und tauglich!
Indessen mgt ihr einmal zusehen, Kinder, damit ihr spter noch davon sagen
knnt; denn hoffentlich wird das Tanzen auf Leichenbegngnissen endlich doch
verschwinden!
    Wir huschten sogleich hinaus, wo auf der Flur und der Treppe, die nach oben
fhrte, die Menge sich zu einem Zuge ordnete und paarte, denn ungepaart durfte
niemand hinaufgehen. Ich nahm daher Anna bei der Hand und stellte mich in die
Reihe, welche sich, von den Musikanten angefhrt, in Bewegung setzte. Man
spielte einen elendiglichen Trauermarsch, zog nach seinem Takte dreimal auf dem
Boden herum, der zum Tanzsaal umgewandelt war, und stellte sich dann in einen
groen Kreis. Hierauf traten sieben Paare in die Mitte und fhrten einen
schwerflligen alten Tanz auf von sieben Figuren mit schwierigen Sprngen,
Kniefllen und Verschlingungen, wozu schallend in die Hnde geklatscht wurde.
Nachdem dieses Schauspiel seine gehrige Zeit gedauert hatte, erschien der Wirt,
ging einmal durch die Reihen, dankte den Gsten fr ihre Teilnahme an seinem
Leid und flsterte hier und dort einem jungen Burschen, da es alle sahen, in
die Ohren, er mchte sich die Trauer nicht allzusehr zu Herzen gehen und ihn in
seinem Schmerze jetzt nur allein und einsam lassen, er empfhle ihm vielmehr,
sich nun wieder des Lebens zu freuen. Hierauf schritt er wieder gesenkten
Hauptes von dannen und stieg die Treppe hinunter, als ob es direkt in den
Tartarus ginge. Die Musik aber ging pltzlich in einen lustigen Hopser ber, die
lteren zogen sich zurck, und die Jugend brauste jauchzend und stampfend ber
den drhnenden Boden hin. Anna und ich standen, noch immer Hand in Hand,
verwundert an einem Fenster und schauten dem dmonischen Wirbel zu. Auf der
Strae sahen wir die brige Jugend des Dorfes dem Geigenklange nachziehen; die
Mdchen stellten sich vor die Haustr, wurden von den Knaben heraufgeholt, und
wenn sie einen Tanz getan, hatten sie das Recht erworben, aus den Fenstern die
Burschen, die noch unten waren, heraufzurufen. Es wurde Wein gebracht und in
allerhand Dachwinkeln kleine Trinksttten hergestellt, und bald verschmolz alles
in einen rauschenden und tobenden Wirbel der Lust, welche sich in ihrem Lrm um
so sonderbarer ausnahm, als es Werktag war und das Dorf ringsherum in
gewhnlicher stiller Arbeit begriffen.
    Nachdem wir lange Zeit zugeschaut, fortgegangen und wiedergekommen waren,
sagte Anna errtend, sie mchte einmal probieren, ob sie in der groen Menge
tanzen knne. Dieses kam mir sehr gelegen, und wir drehten uns im selben
Augenblicke in den Kreisen eines Walzers dahin. Von nun an tanzten wir mehrere
Stunden ununterbrochen, ohne mde zu werden, die Welt und uns selbst vergessend.
Wenn die Musik eine Pause machte, so standen wir nicht still, sondern setzten
unsern Weg durch die Menge fort in raschem Schritte und fingen mit dem ersten
Tone wieder zu tanzen an, wir mochten gerade gehen, wo es war.
    Mit dem ersten Tone der Abendglocke aber stand auf einmal der Tanz still
mitten in einem Walzer, die Paare lieen ihre Hnde fahren, die Dirnen wanden
sich aus den Armen der Tnzer, und alles eilte, sich ehrbar begrend, die
Treppe hinunter, setzte sich noch einmal hin, um Kaffee mit Kuchen zu genieen
und dann ruhig nach Hause zu gehen. Anna stand, mit glhendem Gesichte, noch
immer in meinem Arme, und ich schaute verblfft umher. Sie lchelte und zog mich
fort; wir fanden ihren Vater nicht mehr im Hause und gingen weg, ihn beim Oheim
aufzusuchen. Es war Dmmerung drauen, und die allerschnste Nacht brach an. Als
wir auf den Kirchhof kamen, lag das frische Grab einsam und schweigend, vom
aufgehenden goldfarbenen Monde bestreift. Wir standen vor dem braunen, nach
feuchter Erde duftenden Hgel und hielten uns umfangen, zwei Nachtfalter
flatterten durch die Bsche, die vielen Blten gaben einen mchtigen Duft, und
Anna atmete erst jetzt schnell und stark. Wir gingen zwischen den Grbern umher,
fr dasjenige der Gromutter einen Strau zu sammeln, und gerieten dabei, im
tiefen tauigen Grase wandelnd, in die verworrenen Schatten der ppigen
Grabgestruche. Da und dort blinkte eine matte goldene Schrift aus dem Dunkel
oder leuchtete ein Busch weier Rosen wie Schnee hervor, Anna brach, da hier von
abgegrenztem Eigentume nicht die Rede war, ihr aufgeschrztes schwarzes Kleid
ganz voll weier und roter Rosen, und als sie, damit beladen und beide Hnde
beschftigt, mit dem Kpfchen sich in den Zweigen eines dichten dunklen
Holunderstrauches fing, ich sie befreien wollte und wir beide so in der stark
duftenden Finsternis standen, da flsterte sie, sie mchte mir jetzt etwas
sagen, aber ich mte sie nicht auslachen und es verschweigen. Ich fragte Was?
und sie sagte, sie wolle mir jetzt den Ku geben, den sie mir von jenem Abend
her schuldig sei. Ich hatte mich schon zu ihr geneigt, und wir kten uns zwei
oder drei Mal, aber hchst ungeschickt, wir schmten uns, eilten zum Grabe, Anna
warf die Blumenlast darauf hin, wir fielen uns um den Hals und kten uns eine
Viertelstunde lang unaufhrlich, zuletzt ganz vollendet und schulgerecht.

                                Viertes Kapitel


Als Anna mit ihrem Vater noch spt sich verabschiedete, war ich in dem
Augenblicke nicht zugegen, und sie konnte mir daher nicht adieu sagen. Obgleich
schmerzlich betroffen war, als ich sie nicht mehr zugegen fand, berwog doch
mein junges Seelenglck; auf meiner Kammer lag ich noch eine volle Stunde unter
dem Fenster und sah die Cestirne ihren fernen Gang tun, und die Wellen unter mir
trugen das Mondensilber auf ihren klaren Schultern hastig und kichernd zu Tal,
als ob sie es gestohlen htten, warfen hier und da einige Schimmerstcke ans
Ufer, als ob sie ihnen zu schwer wrden, und sangen fort und fort ihr
mutwilliges Wanderlied. Auf meinem Munde lag es unsichtbar, aber s und warm
und doch frisch und taukhl.
    Als ich schlafen ging, spukte und rauschte es die ganze Nacht auf meinen
Lippen, durch Traum und Wachen, welche oft und heftig wechselten; ich sank von
Traum zu Traum, farbig und blitzend, dunkel und schwl, dann wieder sich
erhellend aus dunkelblauer Finsternis zu blumendurchwogter Klarheit, ich trumte
nie von Anna, aber ich kte Baumbltter, Blumen und die lautere Luft und wurde
berall wiedergekt, fremde Frauen gingen ber den Kirchhof und wateten durch
den Flu mit silberglnzenden Fen, die eine trug Annas schwarzes Gewand, die
andere ihr blaues, die dritte ihr grnes mit den roten Blmchen, die vierte ihre
Halskrause, und wenn mich dies ngstigte und ich ihnen nachlief und darber
erwachte, war es, als ob die wirkliche Anna von meinem Lager soeben und
leibhaftig wegschliche, da ich verwirrt und betubt auffuhr und sie laut beim
Namen rief, bis mich die stille Glanznacht, welche getreulich im Tale lag, zu
mir selbst brachte und in neue Trume hllte.
    So ging es in den hellen Morgen hinein, und beim Erwachen war ich wie von
einem heien Quell der Glckseligkeit durchtrnkt und berauscht. Die Nacht in
meinem Bewutsein war wie ein groes schnes Ereignis, und alle ihre verwirrten
Trume lieen den Eindruck der schnsten Wirklichkeit zurck ich war wie ein
neuer Mensch, reicher an Wissen und Erfahrung als gestern, und doch wute ich
nichts und htte es in keine Worte fassen knnen.
    Ich ging, noch immer trunken und trumend, unter meine Verwandten und fand
in der Wohnstube den benachbarten Mller vor, welcher mit einem leichten
Fuhrwerke meiner harrte, um mich mit nach der Stadt zu nehmen. Meine Rckkehr
war nmlich, seit einiger Zeit bestimmt, an die Geschftsreise dieses Mannes
geknpft und zufllig verabredet worden, da das Fahren mit ihm einige
Bequemlichkeit bot. Ich fragte nach dieser ohnehin nicht viel, der Mller
erschien zudem unerwartet und frher, als man geglaubt, mein Oheim und seine
Sippschaft forderten mich auf, ihn fahren zu lassen und zu bleiben, in meinem
Herzen schrie es nach Anna und nach dem stillen See - aber ich versicherte
ernsthaft, da meine Verhltnisse gebten, diese Gelegenheit zu benutzen,
frhstckte eilig, nahm einige meiner Sachen zusammen und von den verblfften
und fast unwilligen Verwandten Abschied und setzte mich mit dem Mller auf das
Wgelchen, welches ohne Aufenthalt zum Dorfe hinausund bald auf der staubigen
Landstrae dahinrollte. Dies alles tat ich halb unbewut in der Verwirrung, zum
Teil weil ich whnte, man wrde mir auf der Stelle ansehen, da ich wegen Anna
bliebe und da ich sie wirklich liebe, und endlich auch aus unerklrlicher
Laune.
    Sobald ich hundert Schritte vom Dorfe entfernt war, reute mich meine
Abreise, ich wre gern vom Wagen gesprungen und drehte den Kopf immerwhrend
zurck nach den Hhen, welche, um den See lagen, und schaute sie an, ohne zu
gewahren, wie sie unter meinen Augen blau und klein wurden und hinter meinem
Rcken das Hochgebirge aus grern und tiefern Seen emporstieg.
    Ich konnte mich in den ersten Tagen meiner Rckkehr kaum zurechtfinden. Im
Angesichte der groartigen und schnen Landschaft, welche die Stadt umgibt,
schwebte mir nun die verlassene Gegend wie ein Paradies vor, und ich fhlte erst
jetzt jeden Reiz ihrer einfachen und anspruchlosen, aber so ruhigen und
lieblichen Bestandteile. Wenn ich auf der hchsten Hhe ber unserer Stadt in
das Land hinaussah, so war mir der kleine versteckte Strich blauen
Fernegebietes, wo das Dorf und nicht weit davon des Schulmeisters See zu
vermuten waren, die schnste Stelle des Gesichtskreises, die Luft wehte reiner
und glcklicher von dorther, der mir unsichtbare Aufenthalt Annas in jener
entlegenen blulichen Dmmerung wirkte magnetisch ber alles dazwischenliegende
Land her; ja wenn ich, in der Tiefe gehend, jenen glcklichen Horizont nicht
sah, so suchte und fhlte ich doch die Himmelsgegend und sah mit Heimweh und
Sehnsucht das dorthin gehende Stck Himmel von nheren Bergen begrenzt.
    Indessen erneuerte sich die Frage ber meine Berufswahl und machte sich
tglich dringender geltend, da man mich nicht lnger halb mig und planlos
sehen konnte. Ich war einmal an den Tren des Fabrikgebudes vorbeigestrichen,
wo der eine Gnner hauste. Ein hlicher Vitriolgeruch drang mir in die Nase,
und bleiche Kinder arbeiteten innerhalb und lachten mit rohen Grimassen hervor.
Ich verwarf unbedingt die Hoffnungen, die sich hier darboten, und zog es vor,
lieber ganz von solchen halbknstlerischen Ansprchen fernzubleiben und mich dem
Schreibertume entschieden in die Arme zu werfen, wenn einmal entsagt werden
msse, und ich gab mich diesem Gedanken schon geduldig hin. Denn nicht die
mindeste Aussicht tat sich auf, bei irgendeinem guten Knstler untergebracht zu
werden.
    Da gewahrte ich eines Tages, wie eine Menge der gebildeten Leute der Stadt
in einem ffentlichen Gebude aus und ein gingen. Ich erkundigte mich nach der
Ursache und erfuhr, da in dem Hause eine Kunstausstellung stattfinde, welche,
von einem Vereine mehrerer grerer Schweizerstdte veranlat, in diesen bereits
ihre Runde gemacht und nun noch durch die kleineren Stdte zirkuliere, um auch
hier der Kunst mehr Freunde zu gewinnen. Da ich sah, da nur feingekleidete
Leute hineingingen, lief ich nach Hause, putzte mich ebenfalls mglichst heraus,
als ob es in die Kirche ginge, und wagte mich alsbald in die geheimnisvollen
Rume. Ich trat in einen hellen Saal, in welchem es von allen Wnden und von
groen Gestellen in frischen Farben und Gold erglnzte. Der erste Eindruck war
ganz traumhaft, groe klare Landschaften tauchten von allen Seiten, ohne da ich
sie vorerst einzeln besah, auf und schwammen vor meinen Blicken mit zauberhaften
Lften und Baumwipfeln; Abendrten brannten, Kinderkpfe, liebliche Studien
guckten dazwischen hervor, und alles entschwand wieder vor neuen Gebilden, so
da ich mich ernstlich umsehen mute, wo denn dieser herrliche Lindenhain oder
jenes mchtige Gebirge hingekommen seien, die ich im Augenblicke noch zu sehen
geglaubt? Dazu verbreiteten die frischen Firnisse der Bilder einen sonntglichen
Duft, der mir angenehmer dnkte als der Weihrauch einer katholischen Kirche,
obschon ich diesen sehr gern roch.
    Es ward mir kaum mglich, endlich vor einem Werke stillzustehen, und als
dies geschah, da verga ich mich vor demselben und kam nicht mehr weg. Einige
groe Bilder der Genfer Schule, mchtige Baum-und Wolkenmassen in mir
unbegreiflichem Schmelze gemalt, waren die Zierden der Ausstellung, eine Menge
Genrebildchen und Aquarellen reizten dazwischen als leichtes Plnklervolk, und
ein paar Historien und Heiligenscheine wurden kalt bewundert. Aber immer kehrte
ich zu jenen groen Landschaften zurck, verfolgte den Sonnenschein, welcher
durch Gras und Laub spielte, und prgte mir voll inniger Sympathie die schnen
Wolkenbilder ein, welche von Glcklichen mit leichter und spielender Hand
hingetrmt schienen.
    Ich stak, solange es dauerte, den ganzen Tag in dem wonniglichen Saale, wo
es fein und anstndig herging, die Leute sich hflich begrten und vor den
glnzenden Rahmen mit zierlichen Worten sich besprachen. Nach Hause gekommen,
sa ich nachdenklich umher und beklagte fortwhrend mein Schicksal, da ich auf
das Malen verzichten msse, da es meiner Mutter durchs Herz ging und sie
nochmals eine Rundschau anstellte mit dem Vorsatze, mir meinen Willen zu tun,
mchte es gehen, wie es wolle.
    So trieb sie endlich einen Mann auf die Beine, welcher in einem alten
Frauenklsterlein vor der Stadt, wenig beachtet, einen wunderlichen Kunstspuk
trieb. Er war ein Maler, Kupferstecher, Lithograph und Drucker in einer Person,
indem er, in einer verschollenen Manier, vielbesuchte Schweizerlandschaften
zeichnete, dieselben in Kupfer kratzte, abdruckte und von einigen jungen Leuten
mit Farben berziehen lie. Diese Bltter versandte er in alle Welt und fhrte
einen dankbaren Handel damit. Dazu machte er, was ihm unter die Finger kam,
sonst noch, riskierte Portrts, fertigte Etiketten und Visitenkarten,
Taufscheine mit Taufstein und Paten und Grabschriften mit Trauerweiden und
weinenden Genien; wenn dazwischen ein Unkundiger gekommen wre und ihm gesagt
htte Knnt Ihr mir ein Bild malen, so schn es zu haben ist, das unter Kennern
zehntausend Taler wert ist? ich mchte ein solches! so wrde er die Bestellung
unbedenklich angenommen und sich, nachdem die Hlfte des Preises zum voraus
bezahlt, unverweilt an die Arbeit gemacht haben. Bei diesem Treiben untersttzte
ihn ein tapferes Huflein Gerechter, und der Schauplatz ihrer Taten war das
ehemalige Refektorium der frommen Klosterfrauen. Dessen beide Langseiten waren
jede mit einem halben Dutzend hoher Fenster versehen mit runden Scheibchen,
welche wohl Licht ein-, aber bei ihrer wellenfrmigen Oberflche keinen Blick
hinauslieen, was auf den Flei der hier waltenden Kunstschule wohlttigen
Einflu bte. Jedes dieser Fenster war mit einem Kunstbeflissenen besetzt,
welcher, dem Hintermanne den Rcken zukehrend, dem Vordermanne ins Genick sah.
Das Haupttreffen dieser Armee bildeten vier bis sechs junge Leute, teils Knaben,
welche die Schweizerlandschaften blhend kolorierten; dann kam ein krnklicher,
hustender Bursche, der mit Harz und Scheidewasser auf kleinen Kupferplatten
herumschmierte und bedenkliche Lcher hineinfressen lie, auch wohl mit der
Radiernadel dazwischenstach und der Kupferstecher genannt wurde. Auf diesen
folgte der Lithograph ein froher und unbefangener Geist, der verhltnismig das
weiteste Gebiet umfate, nchst dem Meister, da er stets gewrtig und bereit
sein mute, das Bildnis eines Staatsmannes oder eine Wein karte, den Plan einer
Dreschmaschine wie das Titelblatt fr eine Erbauungsschrift junger Tchter auf
den Stein zu bringen mit Kreide, Feder, graviert oder getuscht. Im Hintergrunde
des Refektoriums arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei schwrzliche Gesellen,
der Kupfer- und der Steindruckergehilfe, jeder an seiner Presse, indem sie die
Werke obiger Knstler auf feuchtes Papier abzogen. Endlich, im Rcken der ganzen
Schar und alle bersehend, sa der Meister, Herr Kunstmaler und Kunsthndler
Habersaat, Besitzer einer Kupfer- und Steindruckerei und sich allen
entsprechenden Auftrgen empfehlend, an seinem Tische mit den feinsten und
schwierigsten Aufgaben, meistens jedoch mit seinem Buche, Briefschreiben und dem
Verpacken der fertigen Sachen beschftigt.
    Es herrschte ein streng ausgeschiedener Geist in den Ansprchen und
Hoffnungen des Refektoriums. Der Kupferstecher und der Lithograph waren fertige
Leute, die selbstndig in die Welt schauten, bei Meister Habersaat um einen
Gulden tglich ihre acht Stunden arbeiteten und sich weiter weder um ihn was
bekmmerten noch groe Hoffnungen nhrten. Mit den jungen Koloristen hingegen
verhielt es sich anders. Diese lustigen Geister gingen mit wirklichen, leichten
und durchsichtigen Farben um, sie handhabten den Pinsel in Blau, Rot und Gelb,
und das um so frhlicher, als sie sich um Zeichnung und Anordnung nichts zu
bekmmern hatten und mit ihrem buntflssigen Elemente vornehm ber die dstern
Schwarzknste des Kupferstechers wegeilen durften. Sie waren die eigentlichen
Maler in der Versammlung, ihnen stand noch das Leben offen, und jeder hoffte,
wenn er nur erst aus diesem Fegefeuer des Meisters Habersaat entronnen, noch ein
groer Knstler zu werden. In dieser Cruppe erbte sich durch alle Generationen,
welche schon im Dienste des Meisters durch das Refektorium geschwunden, die
groe Knstlertradition von Samtrock und Barett fort; aber nur selten erreichte
einer dies Ziel, indem immer der Flug vorher ermdete und die Mehrzahl der
Getuschten nach ihrem Austritte noch ein gutes Handwerk erlernte. Es waren
immer Shne blutarmer Leute, welche, in der Wahl eines Unterkommens verlegen,
von dem rhrigen Manne in sein Refektorium gelockt wurden unter der Aussicht,
eine Art Maler und Herren zu werden, die ihr Auskommen finden und immer noch
etwas ber dem Schneider und Schuster stehen wrden. Da sie gewhnlich keine
Gelder beibringen konnten, so muten sie sich verbindlich machen, den Unterricht
in der Malerkunst abzuverdienen und vier Jahre fr den Meister zu arbeiten. Er
richtete sie dann vom ersten Tage an zum Frben seiner Landschaften ab und
brachte sie, ungeachtet ihrer gnzlichen Unberufenheit, durch Strenge so weit,
da sie ihre Arbeit bald reinlich und klar und nach den berlieferten Gebruchen
verrichteten. Nebenbei durften sie, wenn sie wollten, an Feiertagen ein
verkommenes oder zweckloses Blatt nachzeichnen zur weiteren Ausbildung, und sie
whlten meistens solche Gegenstnde, welche nichts zu lernen darboten, aber fr
den Augenblick am meisten Effekt machten und die ihnen der Meister korrigierte,
wenn er nicht allzu beschftigt war. Er sah es aber nicht einmal gern, wenn sie
diesen Privatflei zu weit trieben; denn er hatte schon einigemal erfahren, da
solche, welche Geschmack daran fanden und eine knstlerische Ader in sich
entdeckten, beim Kolorieren seiner Prospekte unreinlich und verwirrt geworden.
Sie muten streng und anhaltend arbeiten und steckten um so mehr voll Possen und
Schwnke, die sich in jedem freien Augenblicke Luft machten, und erst gegen das
vierte Jahr hin, wenn die schnste Zeit zur Erlernung von etwas Besserm
verflossen war, wurden sie gebeugt und gedrckt, von den Eltern mit Vorwrfen
geplagt, da sie immer noch von ihrem Brote en, und dachten ernstlich darauf,
whrend sie noch pinselten, bei guter Zeit noch etwas Eintrglicheres zu
ergreifen, und auch solche, die wirklich aus einem innern Antriebe gekommen
waren und auergewhnliches Geschick bezeigten, fielen ohne weiteres ab, da sie
in ihrer ganzen Erfahrung zufllig nie gehrt, da man nur durch Entbehren,
Dulden und Ausharren ans Ziel gelange, und dagegen einzig wuten, da man so
bald als mglich Geld verdienen msse. Die Jugendjahre von wohl dreiigen
solcher Knaben und Jnglinge hatte Habersaat schon in blauen Sonntagshimmeln und
grasgrnen Bumen auf sein Papier gehaucht, und der hstelnde Kupferstecher war
sein infernalischer Helfershelfer, indem er mit seinem Scheidewasser die
schwarze Unterlage dazu tzte, wobei die melancholischen Drucker, an das
knarrende Rad gefesselt, fglich eine Art gedrckter Unterteufel vorstellten,
nimmermde Dmonen, die unter der Walze ihrer Pressen die zu bemalenden Bltter
unerschpflich, endlos hervorzogen. So begriff er vollstndig das Wesen heutiger
Industrie, deren Erzeugnisse um so wertvoller und begehrenswerter zu sein
scheinen fr die Kufer, je mehr schlau entwendetes Kinderleben darin
aufgegangen ist. Es saen im Refektorium zehnjhrige ffchen in Hschen und
Jckchen, die ihnen zu kurz waren, und lieen ihre Finger ruhlos tanzen, in
strengster Reinlichkeit die leichteren Anlagen bereitend; die Unglcklichen
waren in dies Paradies geraten, weil sie zu Hause allzu emsig die Titelbltter
und Vignetten ihrer Testamente illuminiert und so ihre Eltern irre und die
Aufmerksamkeit des Herrn Habersaat auf sich geleitet hatten. Er machte auch ganz
ordentliche Geschfte und galt daher fr einen Mann, bei dem sich was lernen
liee, wenn man nur wolle.
    Von irgendeiner Seite her war meiner Mutter angeraten worden, sich mit ihm
zu besprechen und sein Geschft einmal anzusehen, da es wenigstens fr den
Anfang eine Zuflucht zu weiterm Vorschreiten bte, zumal wenn man mit ihm
bereinkme, da er mich nicht zu seinem Nutzen verwende, sondern gegen
gengende Entschdigung nach seinem besten Wissen unterrichte. Er zeigte sich
gern bereit und erfreut, einen jungen Menschen einmal als eigentlichen Knstler
heranzubilden, und belobte meine Mutter hchlich fr ihren kundgegebenen
Entschlu, die ntigen Summen hieran wenden zu wollen; denn jetzt schien ihr der
Zeitpunkt gekommen zu sein, wo die Frucht ihrer unablssigen Sparsamkeit
geopfert und auf den Altar meiner Bestimmung mit voller Hand gelegt werden
msse. Es ward also ein Kontrakt geschlossen auf zwei Jahre, welche ich gegen
regelmige Quartalzahlungen des Honorars im Refektorium zubringen sollte unter
den zweckdienlichsten bungen. Nach gegenseitiger Unterschreibung desselben
verfgte ich mich eines Montags Morgen in das alte Kloster und trug meine
smtlichen bisherigen Versuche und Arbeiten in bunter Mischung bei mir, um sie
auf Verlangen des neuen Meisters vorzuzeigen. Er bezeugte, indem meine
wunderlichen Bltter herumgingen, nachtrglich seine Zufriedenheit mit meinem
Eifer und meinen Absichten und stellte mich dem Personale, das sich erhoben
hatte und neugierig herumstand, als einen wahren Bestrebten vor, wie er
beschaffen sein msse schon vor dem Eintritte in eine Kunsthalle. Sodann
erklrte er, da es ihm recht zum Vergngen gereichen werde, einmal eine
ordentliche Schule an einem Schler durchzufhren, und sprach seine Erwartungen
hinsichtlich meines Fleies und meiner Ausdauer feierlich aus.
    Einer der Koloristen mute nun seinen Platz am Fenster rumen und sich neben
einen andern setzen, indessen ich dort eingerichtet wurde, und hierauf, als ich,
erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten, vor dem leeren Tische stand,
brachte Herr Habersaat eine landschaftliche Vorlage aus seinen Mappen hervor,
den Umri eines einfachen Motives aus einem lithographierten Werke, wie ich es
schon in den Schulen vielfach gesehen hatte. Dies Blatt sollte ich vorerst
aufmerksam und streng kopieren. Doch bevor ich mich hinsetzte, schickte mich der
Meister wieder fort, Papier und Bleistift zu holen, an welche ich nicht gedacht,
da ich berhaupt keinen Begriff von dem ersten Beginnen gehabt hatte. Er
beschrieb mir das Ntige, und da ich kein Geld bei mir trug, mute ich erst den
weiten Weg nach Hause machen und dann in einen Laden gehen, um es gut und neu
einzukaufen, und als ich wieder hinkam, war es eine halbe Stunde vor Mittag.
Dieses alles, da man mir fr diesen Anfang nicht einmal ein Blatt Papier und
einen Stift gab, sondern fortschickte, welche holen, ferner das Herumschlendern
in den Straen, das Geldfordern bei der Mutter und endlich das Beginnen kurz vor
der Stunde, wo alles zum Essen auseinanderging, erschien mir so nchtern und
kleinlich und im Gegensatze zu dem Treiben, das ich mir dunkel in einer
Knstlerbehausung vorgestellt hatte, da es mir das Herz beengte.
    Jedoch ward es bald von diesem Eindrucke abgezogen, als die unscheinbaren
Aufgaben, die mir gestellt wurden, mir mehr zu tun gaben, als ich mir anfnglich
eingebildet; denn Habersaat sah vor allem darauf, da jeder Zug, den ich machte,
genau die gleiche Gre des Vorbildes ma und das Ganze weder grer noch
kleiner erschien. Nun kamen aber meine Nachbildungen immer grer heraus als das
Original, obgleich in richtigem Verhltnisse, und der Meister nahm hieran
Gelegenheit, seine Genauigkeit und Strenge zu ben, die Schwierigkeit der Kunst
zu entwickeln und mich behaglich fhlen zu lassen, da es doch nicht so rasch
ginge, als ich wohl geglaubt htte.
    Doch fand ich mich wohl und geborgen an meinem Tische (die Abwesenheit von
Staffeleien, die ich mir als besondere Zierde einer Werkstatt gedacht, empfand
ich freilich) und arbeitete mich tapfer durch diese kleinlichen Anfnge
hindurch. Ich kopierte getreulich die lndlichen Schweinstlle, Holzschuppen und
derlei Dinge, aus welchen, in Verbindungen mit allerlei magerm Strauchwerk,
meine Vorbilder bestanden und die mir um so mhseliger wurden, je verchtlicher
sie meinen Augen erschienen. Denn mit dem Eintritte in den Saal des Meisters
hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der
Nchternheit und Leerheit ber diese Dinge ergossen fr meinen ungebundenen und
willkrlichen Geist. Auch kam es mir fremd vor, den ganzen Tag, an meinen Platz
gebunden, ber meinem Papiere zu sitzen, zumal man nicht im Zimmer umhergehen
und unaufgefordert nicht sprechen durfte. Nur der Kupferstecher und der
Lithograph fhrten einen bescheidenen Verkehr mit sich und den betreffenden
Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister, wenn es ihnen gut
dnkte, ein bichen zu plaudern. Dieser aber, wenn er guter Laune war, erzhlte
allerlei Geschichten und gelufige Kunstsagen, auch Schwnke aus seinem frhern
Leben und Zge von der Herrlichkeit der Maler. Sowie er aber bemerkte, da einer
zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darber verga, brach er ab und beobachtete
eine geraume Zeit weise Zurckhaltung.
    Ich geno das Vorrecht, meine Vorlagen selbst hervorzuholen, und verweilte
dabei immer lngere Zeit, die vorhandenen Schtze durchzugehen. Sie bestanden
aus einer groen Menge zufllig zusammengeraffter Gegenstnde, aus guten alten
Kupferstichen, einzelnen Fetzen und Blttern ohne Bedeutung, wie sie die Zeit
anhuft, Zeichnungen von einer gewissen Routine, ohne Naturwahrheit, und einem
unendlichen brigen Mischmasch. Was mich zunchst betraf, waren einige Hefte
franzsischer Landschaftsstudien, mit Eleganz und Bravour auf Stein gezeichnet,
welche mir fr das eigentliche Studium in Aussicht gestellt waren.
Handzeichnungen nach der Natur, Bltter, die um ihrer selbst willen da waren und
denen man angesehen htte, da sie freie Luft und Sonne getrunken, fanden sich
nicht ein einziges Stck vor, denn der Meister hatte seine Kunst und seinen
Schlendrian innerhalb vier Wnden erworben und begab sich nur hinaus, um so
schnell als mglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen, wobei alle seine Bume
einen neutralen Typus erhielten und Erde, Weg und Steine mit den gleichen
Tuschen und Charakteren gebildet wurden, da sie alle aus dem nmlichen Stoffe
zu bestehen schienen. Indessen zeigten diese Arbeiten alle ein fertiges Geschick
in betreff der Klarheit und Sauberkeit der Tinten; dieselben waren nicht wahr
und bestanden aus sogenannten Phantasiefarben, welche in der Natur nicht
anzutreffen waren, wenigstens nicht an der Stelle, wo sie gerade angewendet
erschienen; allein sie spielten glnzend und ansprechend ineinander fr den
unkundigen Beschauer. Diese gewandte, obschon falsche Technik war das
eigentliche Wissen meines Meisters, und er legte alles Gewicht seines
Unterrichtes auf diesen Punkt. Da er, whrend meiner bungen mit Stift, Kreide
und Feder, ber den Zweck derselben, als da sind die Eigentmlichkeiten in den
Ausladungen, den Silhouetten und Laubmassen der Bume, sowie ihrer Charaktere,
der Rinden und liste, nicht viel zu sagen wute, so veranlate er mich bald, die
lithographierten Pariser Bltter, welche groe effektvolle Baumgruppen
enthielten, in Tusche, Sepia und dergleichen zu kopieren. Da diese Sachen nicht
sehr grndlich und gut gezeichnet, hingegen in Ton und Haltung uerst klar und
krftig waren, wobei vieles der vollendeten Technik des Steindruckes
zugeschrieben werden konnte, so boten sie meinem Vorgesetzten gnstige
Gelegenheit, seine Erfahrung und Strenge hinsichtlich durchsichtiger und reiner
Tne und Halbtone an den Mann zu bringen.
    Anfnglich hielt er mich eine Weile in respektierlicher Abhngigkeit, indem
ich den Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem ruigen
stumpfen Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah; doch
endlich, durch das fortwhrende Pinseln, geriet ich hinter das Geheimnis, und
nun fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge brillanter Tuschzeichnungen
an, ein Blatt ums andere. Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte
meine Freude an der anschwellenden Mappe, kaum da bei meiner Wahl die
wirkungsvollsten und auffallendsten Gegenstnde mir noch eine weitere Teilnahme
abgewannen. So war, noch ehe der erste Winter ganz zu Ende, schon meines Lehrers
ganzer Vorrat an Vorlagen von mir durchgemacht, und zwar auf eine Weise, wie er
es selbst ungefhr konnte; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel
einer sorgfltigen und reinlichen Behandlung gemerkt, erstieg ich bald den Grad
gelufiger Pinselei, welchen der Meister selbst innehatte, um so schneller, als
ich in dem wahren Wesen und Verstndnis um so mehr und gnzlich zurckblieb.
Habersaat war desnahen schon nach dem ersten halben Jahre in einiger
Verlegenheit, was er mir vorlegen sollte, da er mich aus Sorge fr sich selbst
nicht schon in seine ganze Kunst einweihen mochte; denn er hatte nun nur noch
seine gewandte Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte, welche, wie er sie
verstand, ebenfalls keine Hexerei war. Weil Nachdenken und geistige
Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren, so bestand alles Knnen
in demselben aus einer bald erworbenen leeren uerlichkeit. Doch fand ich
selbst einen Ausweg, als ich erklrte, eine kleine Sammlung groer Kupferstiche
mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen. Er besa in derselben etwa sechs
schne Bltter nach Claude Lorrain, von Haldenwang und anderen gestochen, zwei
groe Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige hbsche
Stiche nach Ruisdael und Waterloo. Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in
meiner gelufigen frechen Manier. Die Claudes und Rosas gerieten nicht so bel,
da sie, abgesehen davon, da sie selbst etwas konventionell gestochen waren,
auch sonst mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten; die feinen
und natrlichen Niederlnder hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise,
und niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein.
    Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung, und
die schnen und durchdachten Formen, die ich vor mir hatte, hielten dem brigen
Treiben ein wohlttiges Gegengewicht und lieen die Ahnung des Bessern nie ganz
in mir verlschen. Auf der anderen Seite aber heftete sich an diese gute Seite
sogleich wieder ein Nachteil, indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte
und ich, durch die einfache Gre der klassischen Gegenstnde verfhrt, zu Hause
anfing, selber dergleichen heroische Landschaftsbilder zu entwerfen, und diese
Ttigkeit bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte, meine
Entwrfe in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Pinselvirtuositt
ausfhrend. Herr Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht, sondern sah es
vielmehr gern, da es ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder enthob;
er begleitete die ungeheuerlichen und unreifen Gedanken, welche ich zutage
brachte, mit ansehnlichen Redensarten von Komposition, historischer Landschaft
und dergleichen, und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt,
da ich bald fr einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der
Zukunft, Reise nach Italien, Rom, groe lbilder und Kartons, was man mir alles
vormalte, geschmeichelt hinnahm. Doch berhob ich mich nicht in diesen Dingen,
sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft
froh, das ewige Sitzen unterbrechen zu knnen, indem ich ihnen, die zugleich der
Hausfrau untertnig waren, einen Haufen Brennholz unter Dach bringen oder ihre
smtlichen Betten auf dasselbe breiten und ausklopfen half. berhaupt drngte
sich die Frau, eine zungenfertige und streitbare Dame, mit Hauswesen und
Familiengeschichten, Kind und Magd, hufig in das Refektorium und machte es zum
Schauplatze heientbrannter Kmpfe, in welche nicht selten die ganze Mannschaft
verwickelt wurde. Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm ergebenen Gruppe
der Frau gegenber, welche mit mchtigem Gerusche vor ihrem Anhange sich
aufstellte und nicht eher abzog, als bis sie alles niedergesprochen hatte, was
sich ihr entgegensetzte; manchmal befand sich auch das Ehepaar zusammen gegen
das ganze brige Haus im Streite, oft auch, begann der Kupferstecher oder der
Lithograph eine drohende Bewegung als Vasall, indessen die gemeinen
Sklavenemprungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden. Ich selbst
kam mehr als einmal in gefhrliche Lage, indem mich die heftigen Szenen
belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst eine
solche theatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des Hauses
mit den jungen Malern zur Auffhrung brachte. Denn obgleich ich um diese Zeit
empfnglich und geneigt gewesen wre, ein feines und reinstrebendes Leben zu
fhren, da whrend der schnen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir
erwacht war, so sah ich mich doch, von aller mnnlichen Stutze und Leitung
entblt, an das derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug
getreulich und lebhaft mit, weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte
und am wenigsten mich auf weise Zurckhaltung und halbe Teilnahme verstand. Und
es war wohl auch am besten so; indessen der innere edlere Teil des Menschen
unentwickelt blieb, bte sich wenigstens der uere tchtig in der Reibung mit
anderen, in Verteidigung und Angriff, und streifte viel Unbebolfenbeit und
weichliches Wesen ab; zugleich lernte ich meine Nebenmenschen und dadurch mich
selbst besser kennen und bereicherte meine Erfahrung sowie meine
Einbildungskraft. Nur das gnzliche Stillestehen und die absolute
Bewegungslosigkeit sind das eigentliche Schlimme und gleichen dem Tode.
    Da aber das Heulen mit den Wlfen mir nicht Schaden tat, wie ich glaube,
verhtete der freundliche Stern Anna, der immer in meiner Seele aufging, sobald
ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gngen wieder allein war. An
sie knpfte ich alles, wessen ich ber den Tag hinaus bedurfte, und sie war das
stille Licht, welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete, wenn die
rote Sonne niederging, und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch
unser gute Freund, der liebe Gott, sichtbar, der um diese Zeit mit erhhter
Klarheit begann, seine hochherrlichen und ewigen Rechte auch an mir geltend zu
machen.
    Ich hatte, nach Bchern herumsprend, in der Leihbibliothek unserer Stadt
einen Roman des Jean Paul in die Hnde bekommen. In demselben schien mir
pltzlich alles trstend und erfllend entgegenzutreten, was ich bisher gewollt
und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden gefhlerflltes und scharf
beobachtetes Kleinleben und feine Spiegelung des nchsten Menschentums mit dem
weiten Himmel des geahnten Unendlichen und Ewigen darber; heitere, mutwillige
Schrankenlosigkeit und Beweglichkeit des Geistes, die sich jeden Augenblick in
tiefes Sinnen und Trumen der Seele verwandelte; lchelndes Vertrautsein mit Not
und Wehmut, daneben das Ergreifen poetischer Seligkeit, welche mit goldener Flut
alle kleine Qual und Grbelei hinwegsplte und mich in glckliche Vergessenheit
tauchen lie; vor allem aber die Naturschilderung an der Hand der entfesselten
Phantasie, welche berauscht ber die blhende Erde schweifte und mit den Sternen
spielte wie ein Kind mit Blumen, je toller, desto besser! Diese Herrlichkeit
machte mich stutzen, dies schien mir das Wahre und Rechte! Und inmitten der
Abendrten und Regenbogen, der Lilienwlder und Sternensaaten, der rauschenden
und pltschernden Gewitter, die der aufgehenden Sonne das Kinderantlitz wuschen,
da es einen Augenblick sich weinend verzog und verdunkelte, um dann um so
reiner und vergngter zu strahlen, inmitten all des Feuerwerkes der Hhe und
Tiefe, in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehllt der Unendliche, gro,
aber voll Liebe, heilig, aber ein Gott des Lchelns und des Scherzes, furchtbar
von Gewalt, doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend
aus einem Kindesauge, wie das Osterhschen aus Blumen! Das war ein anderer Herr
und Gnner als der silbenstecherische Patron im Katechismus!
    Frher hatte ich dergleichen etwas getrumt, die Ohren hatten mir gelutet,
nun ging mir der Morgen auf in den langen Winternchten, welche hindurch ich an
dreimal zwlf Bnde des unsterblichen Propheten las. Und als der Frhling kam
und die Nchte krzer wurden, las ich von neuem in den kstlichen Morgen hinein
und gewhnte mir darber an, lange im Bette zu liegen und am hellen Tage, die
Wange auf dem geliebten Buche, den Schlaf des Gerechten zu schlafen. Dazumal
schlo ich einen neuen Bund mit Gott und seinem Jean Paul, welcher Vaterstelle
an mir vertrat, und mag diesen die wandelbare Welt in ihrer Vergnglichkeit zu
dem alten Eisen werfen, mag ich selbst dereinst noch meinen und glauben, was es
immer sei ihn werde ich nie verleugnen, solange mein Herz nicht vertrocknet!
Denn dieses ist der Unterschied zwischen ihm und den andern Helden und Knigen
des Geistes bei diesen ist man vornehm zu Gaste und geht umher in reichem Saale,
wohlbewirtet, doch immer als Gast, bei ihm aber liegt man an einem Bruderherzen!
Was kmmert uns da der wunderliche Bettlermantel seiner Kunst und Art, der uns
beide so nrrisch umhllt? Er teilt ihn mit uns, noch liebevoller als St.
Martin, denn er gibt uns nicht ein abgeschnittenes Stck, sondern zieht uns
unter dem Ganzen an seine Brust, whrend jene sich stolz in ihren Purpur hllen
und im innersten Winkel ihres Herzens sprechen Was willst du von mir?

                                Fnftes Kapitel


Als der Frhling kam, welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte, begab ich mich
in den ersten warmen Tagen ins Freie, ausgerstet mit der erworbenen Fertigkeit,
um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen. Das
smtliche Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine
umstndlichen Zurstungen; denn es war das erste Mal, da eines seiner
Mitglieder die Sache so groartig betrieb, und das Zeichnen nach der Natur war
bisher ein wunderbarer Mythus gewesen. Ich selbst ging nicht mehr mit der
unverschmten, aber gutmeinenden Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die
runden, krperlichen und sonnebeleuchteten Gegenstnde der Natur, sondern mit
einer weit gefhrlicheren und selbstgeflligen Borniertheit. Denn was mir nicht
klar war oder zu schwierig erschien, das warf ich, mich selbst betrgend,
durcheinander und verhllte es mit meiner unseligen Pinselgewandtheit, da ich,
anstatt bescheiden mit dem Stifte anzufangen, so gleich mit den angewhnten
Tuschschalen, Wasserglas und Pinsel hinausging und bestrebt war, gleich ganze
Bltter in allen vier Ecken bildartig anzufllen. Die Bume waren noch
unbelaubt, und ich htte daher Gelegenheit gefunden, einstweilen den Bau ihrer
Stmme, ste und Zweige, die Verschiedenheit und Anmut im Verlaufe derselben zu
beobachten und mir einzuprgen; statt dessen aber zog ich es vor, solche
Gegenstnde zu whlen, welche jetzt schon ein Ganzes vorstellten, und geriet
deshalb an die schwierigsten und fr jetzt zwecklosesten Dinge. Ich ergriff
entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging im Walde den Bergbchen
Dach, wo ich eine Menge kleiner und hbscher Wasserflle fand, welche sich
ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen lieen. Das lebendige, geistige und
zarte Spiel des Wassers im Fallen, Schumen und eiligen Weiterflieen, seine
Durchsichtigkeit und tausendfltige Widerspiegelung ergtzte mich, aber ich
bannte es in die plumpen und renommistischen Formeln meiner lcherlichen
Virtuositt, da Leben und Glanz verlorengingen, indessen nicht meine Mittel, ja
nicht einmal die Materialien hinreichten, das bewegliche Wesen wiederzugeben.
Leichter htte ich die mannigfaltigen und schnen Steine und Felstrmmer der
Bche, in reicher Unordnung bereinandergeworfen, beherrschen knnen, wenn nicht
mein knstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wre. Wohl regte sich dieses oft
mahnend, wenn ich perspektivische Feinheiten und Verkrzungen der Steine,
trotzdem da ich sie sah und fhlte, berging und verhudelte, statt den
bedeutenden Linien nachzugehen, mit der Selbstentschuldigung, da es auf diese
oder jene Flche nicht ankomme und die zufllige Natur ja wohl auch so aussehen
knnte, wie ich sie nachbildete; allein die ganze Weise meines Arbeitens lie
solche Gewissensbisse nicht zur Geltung kommen, und der Meister, wenn ich ihm
meine Machwerke vorzeigte, war nicht darauf eingerichtet, der fehlenden
Naturwahrheit nachzuspren, die sich gerade in den vernachlssigten Zgen htte
zeigen sollen, sondern er beurteilte die Sachen immer von seiner Stubenkunst
aus.
    Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durchsichtigkeit des
Vortrages hegte er, in Beziehung auf innern Gehalt, nur noch eine einzige
Tradition, welche er in seinem Geschfte zwar nicht selbst anwandte, als zu
luxuris und unpraktisch, die er aber mir zu berliefern fr angemessen hielt,
nmlich die des Sonderbaren und Krankhaften, was mit dem Poetischen oder
Malerischen und Genialen verwechselt wurde. Er wies mich an, hohle, zerrissene
Weidenstrnke, verwitterte Bume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen
mit den bunten Farben der Fulnis und des Zerfalles, und pries mir solche Dinge
als interessante Gegenstnde an. Dies sagte mir sehr zu, indem es meine
Phantasie reizte, und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen
Erscheinungen. Doch die Natur bot sie mir nur sprlich, sich einer volleren
Gesundheit erfreuend, als mit meinen Wnschen vertrglich war, und was ich an
unglcklichem Gewchse vorfand, das wurde meinen berreizten Augen bald zu blde
und harmlos, wie einem Trinker, der nach immer strkerm Schnapse verlangt. Das
blhende Leben in Berg und Wald fing daher an, mir gleichgltig zu werden im
einzelnen, und ich streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher, ohne
etwas zu tun, und berlie mich einem trumerischen Miggange. Ich ging immer
schwer bepackt frh hinaus, warf mich an einer einsamen Stelle nieder und
verzehrte zuerst die Ewaren, so mir die Mutter fr den ganzen Tag mitgegeben;
alsdann las ich in einem mitgenommenen Buche, schaute in die Wellen der
plaudernden Bche, machte mit jedem Stein Bekanntschaft und wiederholte wohl gar
lngst vergessene kindische Spiele, wie wenn ich dieselben vor Jahren nicht ganz
ausgespielt htte, indem ich allerlei Wasserbauten auffhrte, irrende Insekten
verfolgte und schamhaft um mich sphte, ob mich niemand dabei belausche. Auch
sah ich Tag fr Tag das Hervordringen des grnen jungen Laubes und beobachtete
genau, wie ein und derselbe Baum nach und nach voll und rund wurde und die
hervorkeimenden Pflanzen am Boden mit Blumen endigten, deren Art ich neugierig
erwartet hatte. Ich drang immer tiefer in bisher nicht gesehene Winkel und
Grnde; fand ich eine recht abgelegene und geheimnisvolle Stelle, so lie ich
mich dort nieder und fertigte rasch eine Zeichnung eigener Erfindung an, um ein
Produkt nach Hause zu bringen. In derselben hufte ich die seltsamsten Gebilde
zusammen, die meine Phantasie hervorzutreiben vermochte, indem ich die bisher
wahrgenommenen Eigentmlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit
verschmolz und so Dinge hervorbrachte, die ich Herrn Habersaat als in der Natur
bestehend vorlegte und aus denen er nicht klug werden konnte. Er gratulierte mir
zu meinen Entdeckungen und fand seine Aussprche ber meinen Eifer und mein
Talent besttigt, da ich hiemit beweise, da ich unverkennbar ein scharfes und
glckliches Auge fr das Malerische htte und Dinge auffnde, an welchen tausend
andere vorbergingen. Diese gutmtige Tuschung erweckte mir eine ble Lust,
dergleichen fortzusetzen und es frmlich darauf anzulegen, den guten Mann zu
hintergehen. Ich erfand, irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend, immer tollere
und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bumen und freute mich im voraus, da
sie mein Lehrer fr wahr und in nchster Umgebung vorhanden erachten wrde. Doch
mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen, da ich in alten Kupferblttern,
z.B. von Swanefeldt, die abenteuerlichsten Formationen als lbliche Meisterwerke
vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte, dieses sei das Wahre und
immerhin eine gute bung. Denn schon waren die edlen und gesunden Formen Claude
Lorrains im flchtigen Jugendgemte wieder unter die Oberflche getreten.
Whrend der Winterabende war im Refektorium etwas Figurenzeichnen getrieben
worden, und ich hatte mir, indem ich eine Menge radierter bekleideter
Staffagefiguren kopierte, einige grobe bung und Kenntnis im Entwerfen solcher
erworben. So erfand ich nun zu meinen wunderlichen Landschaftsstudien noch viel
wunderlichere Menschen, zerlumpte Kerle, welche ich gesehen zu haben vorgab und
welche das ganze Haus des Lehrers oft unmig zum Lachen brachten. Es war ein
nichtsnutziges und verrcktes Geschlecht, welches in Verbindung mit der
seltsamen Gegend eine Welt bildete, die nur in meinem Gehirne vorhanden war und
endlich doch meinem Vorgesetzten verdchtig und rgerlich wurde. Doch bemerkte
er nicht viel hierber, sondern lie mich meine Wege gehen, da ihm einerseits
das frische junge Gemt mangelte, um dem Gedankengange und den Rnken meines
Treibens nachzuspren und mich darber zu ertappen, und anderseits die vllige
berlegenheit des eigenen Wissens. Diese beiden Vermgen bilden ja das Geheimnis
aller Erziehung unverwischte lebendige Jugendlichkeit und Kindlichkeit, welche
allein die Jugend kennt und durchdringt, und die sichere berlegenheit der
Person in allen Fllen. Eines kann oft das andere zur Notdurft ersetzen, wo aber
beide fehlen, da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in der Hand des
Lehrers, die er nur durch Zertrmmerung ffnen kann. Beide Eigenschaften gehen
aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor aus unbedingter
Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Bewutseins.
    Der Sommer war nun auf seine volle Hhe geschritten, als ich, die Zeit
allgemeiner Erholung ersehend, meinem geheimen Verlangen nach der andern Heimat,
dem entlegenen Dorflande, nachgab und mit meinen Siebensachen hinauszog. Die
Mutter blieb wieder zurck in entsagender Unbeweglichkeit und
Selbstbeschrnkung, ungeachtet aller freundlichen Aufforderungen, die Wohnung
doch ganz zu schlieen und wieder einmal an den Orten ihrer Jugend sich zu
ergehen. Ich aber fhrte die umfangreichen Frchte meiner zwischenweiligen
Ttigkeit mit mir, da ich mittelst derselben ein gnstiges Aufsehen zu erregen
gedachte.
    Die zahlreichen, krftig geschwrzten Bltter verursachten im Hause meines
Oheims allerdings einige Verwunderung, und im allgemeinen sah man, mich nun
wirklich fr einen Maler haltend, die Sache mit ziemlichem Respekt an; als
jedoch der Oheim die Zeichnungen betrachtete, welche ich nach der Natur
gefertigt haben wollte (denn ich glaubte nun wie ein verstockter Lgner beinahe
selbst daran und wute berdies, da ich die Dinge einmal unter freiem Himmel und
immerhin unter dem Einflusse der Natur zuwege gebracht, keine andere Bezeichnung
dafr aufzufinden), da schttelte er bedenklich den Kopf und wunderte sich, wo
ich denn meine Augen gehabt htte. In seinem realistischen Sinne, als tchtiger
Land- und Forstmann, fand er trotz aller Unkunde in Kunstdingen den Fehler
schnell und leicht heraus.
    Diese Bume, sagte er, sehen ja einer dem andern hnlich und alle
zusammen gar keinem wirklichen! Diese Felsen und Steine knnten keinen
Augenblick so aufeinanderliegen, ohne zusammenzufallen! Hier ist ein Wasserfall,
dessen Masse einen der greren Flle verkndet, die aber ber kleinliche
Bachsteine strzt, als ob ein Regiment Soldaten ber einen Span stolperte; hiezu
wre eine tchtige Felswand erforderlich, indessen nimmt es mich eigentlich
wunder, wo zum Teufel in der Nhe der Stadt ein solcher Fall zu finden ist! Dann
mchte ich auch wissen, was an solchen verfaulten Weidenstcken Zeichnenswertes
ist, da dnkte mich doch eine gesunde Eiche oder Buche erbaulicher usf.
    Die Frauensleute hingegen rgerten sich ber meine Vagabunden, Kesselflicker
und Fratzengesichter und begriffen nicht, warum ich im Felde nicht lieber ein
artiges vorbergehendes Landmdchen oder einen anstndigen Ackersmann abgebildet
habe, als mich fortwhrend mit solchen Unholden zu beschftigen; die Shne
belachten meine ungeheuerlichen Berghhlen, die unmglichen und lcherlichen
Brcken, die menschenhnlichen Steinkpfe und Baumkrppel und gaben jeder
solchen Tollheit einen lustigen Namen, dessen Lcherlichkeit auf mich zu fallen
schien. Ich stand beschmt da als ein Mensch, der voll nrrischer und eitler
Dinge ist, und die mitgebrachte knstliche Krankhaftigkeit verkroch sich vor der
einfachen Gesundheit dieses Hauses und der lndlichen Luft.
    Gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft stellte mir der Oheim, um mich
wieder auf eine reale Balm zu leiten, die Aufgabe, seine Besitzung, Haus, Garten
und Bume, genau und bedchtig zu zeichnen und ein getreues Bild davon zu
entwerfen. Er machte mich aufmerksam auf alle Eigentmlichkeiten und auf das,
was er besonders hervorgehoben wnschte, und wenn seine Andeutungen auch eher
dem Bedrfnisse eines rstigen Besitzers als denjenigen eines Kunstverstndigen
entsprachen, so ward ich doch dadurch gentigt, die Gegenstnde wieder einmal
genau anzusehen und in allen ihren eigentmlichen Oberflchen zu verfolgen. Die
allereinfachsten Dinge am Hause selbst, sogar die Ziegel auf dem Dache, gaben
mir nun wieder mehr zu schaffen, als ich je gedacht hatte, und veranlaten mich,
auch die umstehenden Bume in gleicher Weise gewissenhafter zu zeichnen; ich
lernte die aufrichtige Arbeit und Mhe wieder kennen, und indem darber eine
Arbeit entstand, die mich in ihrer anspruchlosen Durchgefhrtheit selbst
unendlich mehr befriedigte als die marktschreierischen Produkte der jngsten
Zeit, erwarb ich mir mit saurer Mhe den Sinn des Schlichten, aber Wahren.
    Inzwischen erfreute ich mich des Wiederfindens alles dessen, was ich im
letzten Jahre hier verlassen, beobachtete alle Vernderungen, welche etwa
vorgefallen, und harrte im stillen auf den Augenblick, wo ich Anna wiedersehen
oder wenigstens zuerst ihren Namen hren wrde. Aber schon waren einige Tage
verflossen, ohne da die geringste Erwhnung fiel, und je lnger dies andauerte,
desto minder brachte ich die Frage nach ihr hervor. Man schien sie vllig
vergessen zu haben, sie schien nie dagewesen zu sein, und, was mich innerlich
krnkte, niemand schien die geringste Ahnung zu haben, da ich irgendeine
Veranlassung oder ein Bedrfnis haben knnte, von ihr zu hren. Wohl ging ich
halbwegs ber den Berg oder in den Schatten des Flutales, allein jedesmal
kehrte ich pltzlich um aus unerklrlicher Furcht, ihr zu begegnen. Ich ging auf
den Kirchhof und stand an dem Grabe der Gromutter, welche nun schon seit einem
Jahre in der Erde lag, aber die Luft war windstill vom Gedchtnisse Annas, die
Grser schienen nichts von ihr zu wissen, die Blumen flsterten nicht ihren
Namen, Berg und Tal schwiegen von ihr, nur mein Herz tnte ihn laut hinaus in
die undankbare Stille.
    Endlich wurde ich gefragt, warum ich den Schulmeister nicht besuche? und da
ergab es sich zufllig, da Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im
Lande sei und da man meine Kunde hierber vorausgesetzt habe. Ihr Vater hatte,
in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht,
da nach seinem Tode sein Kind, das einmal fr eine Buerin zu zart sei,
verlassen in der rauhen drflichen Umgebung bleiben wrde, sich pltzlich
entschlossen, Anna in eine Bildungsanstalt der franzsischen Schweiz zu bringen,
wo sie sich feinere Kenntnisse und Selbstndigkeit des Geistes erwerben sollte.
Er lie sich, als sie ihre Abneigung dagegen aussprach, durch ihre Trnen nicht
erweichen, allein auf die Befriedigung seiner Wnsche bedacht, und begleitete
das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen, vornehm-religisen Erziehers,
wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte. Diese Nachricht
traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel. Nun wurde das ganze Land wieder
beredt und voll ihres Lobes! Jedes Gras und jedes Blatt am Baume sprach mir von
ihr, der blaue Himmel hier schien mir tausendmal schner und sehnschtiger als
anderswo, die blauen Bergzge und die weien Wolken zogen ihr nach, und von
Westen her, wo Anna weilte, dnkte es mir leis, aber selig ber die Bergrcken
herzuluten.
    Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater, begleitete ihn auf seinen Wegen und
hrte von ihr sprechen; oft blieb ich mehrere Tage dort, alsdann wohnte ich in
ihrem Kmmerchen, wagte mich jedoch fast nicht zu rhren darin und betrachtete
die wenigen einfachen Gegenstnde, welche es enthielt, mit heiliger Scheu. Es
war klein und enge, die Abendsonne und der Mondschein fllten es immer ganz aus,
da kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes, bei
diesem wie ein silbernes Juwelenkstchen aussah, dessen Kleinod ich nicht
verfehlte mir hineinzudenken.
    Wenn ich nach malerischen Gegenstnden umherstreifte, so suchte ich
vorzglich die Stellen auf, wo ich mit Anna geweilt hatte; so war die
geheimnisvolle Felswand am Wasser, wo ich mit ihr geruhet und jene Erscheinung
gesehen, schon von mir gezeichnet worden, und ich konnte mich nun nicht
enthalten, auf der schneeweien Wand des Kmmerchens ein sauberes Viereck zu
ziehen und das Bild mit der Heidenstube, so gut ich konnte, hineinzumalen. Dies
sollte ein stiller Gru fr sie sein und ihr spter bezeugen, wie bestndig ich
an sie gedacht.
    Diese fortwhrende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich,
insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde; ich begann lange
Liebesbriefe an sie zu schreiben, die ich zuerst verbrannte, dann aufbewahrte,
und zuletzt ward ich so verwegen, alles, was ich fr Anna fhlte, auf ein
offenes Blatt zu schreiben, in den heftigsten Ausdrcken, mit Vorsetzung ihres
vollen Namens und Unterschrift des meinigen, und dies Blatt auf das Flchen zu
legen, da es vor aller Welt hinabtrieb, dem Rheine und dem Meere zu, wie ich
kindischerweise dachte. Ich kmpfte lange mit diesem Vorsatze, allein ich
unterlag zuletzt; denn es war eine befreiende Tat fr mich und ein Bekenntnis
meines Geheimnisses, wobei ich freilich voraussetzte, da es in nchster Nhe
niemand finden wrde. Ich sah, wie es gemchlich von Welle zu Welle schlpfte,
hier von einer berhngenden Staude aufgehalten wurde, dann lange an einer Blume
hing, bis es sich nach langem Besinnen losri; zuletzt kam es in Schu und
schwamm flott dahin, da ich es aus den Augen verlor. Allein der Brief mute
sich spter doch wieder irgendwo gesumt haben, denn erst tief in der Nacht
gelangte er zu der Felswand der Heidenstube, an die Brust einer badenden Frau,
welche niemand anders als Judith war, die ihn auffing, las und aufbewahrte.
    Dies erfuhr ich erst spter, denn whrend meines jetzigen Aufenthaltes im
Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfltig. Das
Jahr, um welches ich lter geworden, lie mich mit Beschmung auf das
vertrauliche Verhltnis von frher zurckblicken und flte mir eine trotzige
Scheu ein vor der krftigen und stolzen Gestalt; ich verbarg mich, ohne zu
gren, rasch, als sie einmal am Hause vorberging, und sah ihr doch verlangend
nach, wenn ich sie von fern durch Grten und Kornfelder schreiten sah. Meine
Wnsche, wenn sie aus der Weite ruhlos zurckkehrten, flatterten Obdach suchend
hin und her und nisteten sich endlich bei der Judith ein, als ob sie dort ein
gutes Wort und das Geheimnis der Liebe erhaschen knnten.
    Ich kehrte diesmal frher nach der Stadt zurck, mit einer tiefen Sehnsucht
im Gemte, welche sich nun gnzlich ausgebildet hatte und alles umfate, was mir
fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte.
    Mein Lehrer fhrte mich nun auf die letzten Stufen seiner Kunst, indem er
mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu
deren sauberer und flinker Anwendung anhielt. Da jedoch die Natur nicht in Frage
kam, oder doch nur hchst berlieferungsweise, so lernte ich bald, durch das
endlich erreichte Ziel, mit Farben umzugehen, zu neuem Fleie gereizt,
gefrbte Zeichnungen hervorbringen, wie sie ungefhr als das Beste im Hause
verlangt wurden, einzig aufgehalten und behindert, wenn ich gesehene Farben der
Natur, die sich mir whrend des vielen Zeichnens eingeprgt hatten, anbringen
wollte und dadurch mit den im Refektorium herkmmlichen Mitteln in Widerspruch
geriet. Alsdann wurden meine Arbeiten unrein und ungeschickt, und der Meister
war froh, mich der Unachtsamkeit und des Eigensinnes zu beschuldigen. Noch lange
ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende war, sah ich nicht viel mehr und bte
mich, auf den Rat des Lehrers, in den verschiedensten Fertigkeiten, die dort
sonst getrieben wurden. Ich radierte, laborierte in Scheidewasser, pfuschte auf
Stein herum, fertigte schlecht gezeichnete, aber buntgemalte kleine Portrts an,
half den Genossen die Kupferdrucke frben, lernte solche verpacken und sonst mit
allen den kleinen Geschften solchen Betriebes umgehen, kurz, ich wuchs den
Winter hindurch zu einer Art Tausendknstler und Faktotum heran, der nun fr
eine Bahn, wie sie Habersaat verfolgte, reif war und eigentlich das wirklich
erreicht hatte, was dieser ihm beizubringen sich verpflichten konnte, der aber
von dem Ziele, das ihm vorschwebte, entfernter als je war. Ich fhlte dunkel,
da ich eigentlich erst jetzt mit einigem Verstande beginnen sollte, und sah
mich doch mit einer bedenklichen und leeren Fertigkeit ausgerstet und ohne
etwas Rechtes zu knnen. Dies gestand ich mir zwar nicht, aber es verursachte
doch einen untrstlichen Widerspruch; ich langweilte mich in dem alten Kloster
und blieb wochenlang zu Hause, um dort zu lesen oder Arbeiten zu beginnen, die
ich vor dem Meister verbarg. Dieser suchte meine Mutter auf, beschwerte sich
ber meine Zerstreutheit, rhmte meine Fortschritte und schlug vor, ich sollte
nun in ein anderes Verhltnis zu ihm treten, in seinem Geschfte fr ihn
arbeiten, fleiig und pnktlich, aber gegen reichliche Entschdigung, da ich ihm
gute Dienste zu leisten imstande wre, zufolge seiner Erziehung. Es sei dies,
erklrte er, das zweite Stadium, wo ich, indessen ich mich vorlufig immer mehr
ausbilde, mich an vorsichtige Arbeit gewhnen und zugleich Ersparnisse machen
knne, um in einigen Jahren in die Welt zu gehen, wozu es doch noch zu frh sei.
Er versicherte, da es nicht die Schlechtesten unter den berhmten Knstlern
wren, welche sich durch jahrelange anspruchlosere Arbeit endlich auf die Hhe
der Kunst geschwungen, und eine mhevolle und bescheidene Betriebsamkeit dieser
Art lege manchmal einen tchtigern Grund zur Ausdauer und Unabhngigkeit als
eine vornehme und ausschlieliche Knstlererziehung. Er habe, sagte er,
talentvolle Shne reicher Eltern gekannt, die es nur deswegen zu nichts gebracht
htten, weil sie nie zu Selbsthilfe und raschem Erwerb gezwungen gewesen und in
ewiger Selbstverhtschelung, falschem Stolze und Sprdigkeit sich verloren
htten.
    Diese Worte waren sehr verstndig, obgleich sie auf einigem Eigennutze
beruhen mochten; allein sie fanden keinen Anklang bei mir. Ich verabscheute
jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem
geraden Wege ans Ziel gelangen. Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr
als ein Hindernis und eine Beengung; ich sehnte mich darnach, in unserm Hause
mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen, so gut es
ginge, und eines Morgens verabschiedete ich mich, noch vor Beendigung meiner
Lehrzeit, bei Herrn Habersaat und erklrte der Mutter, ich wrde nun zu Hause
arbeiten, wenn sie verlange, da ich etwas verdienen solle, so knne ich dies
auch ohne ihn tun, zu lernen wte ich nichts mehr bei ihm.
    Vergngt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf, in
einer Dachkammer, welche ber einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah,
deren Fenster am frhen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick
auffingen. Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit, mir hier eine
eigene Welt zu schaffen, und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der
Kammer zu. Die runden Fensterscheiben wurden klargewaschen, vor dieselben auf
ein breites Blumenbrett, mit der Mutter Beihilfe, ein kleiner Garten gepflanzt
und inwendig die Pfosten sowie die nchste Wand mit Efeu bezogen, zu welchem im
Sommer noch blhende Schlingpflanzen kamen, so da das helle groe Fenster von
einem grnen Urwald umgeben war. Die geweiten Wnde behing ich teils mit
Kupferstichen und solchen Zeichnungen, welche irgendeinen abenteuerlichen
Knalleffekt enthielten, teils zeichnete ich mit Kohle seltsame Larven oder
schrieb Lieblingssprche und gewaltsame Verse, die mir imponiert hatten, darauf.
Ich stellte die ltesten und ehrwrdigsten unserer Gerte hinein, schleppte
herzu, was nur irgend einem Buche gleichsah, und stellte es auf die gebrunten
Mbeln, die verschiedensten Gegenstnde huften sich nach und nach an und
vermehrten den malerischen Eindruck; in der Mitte aber ward eine mchtige
Staffelei aufgepflanzt, das Ziel meiner langen Wnsche, und auf groe
Blendrahmen gespanntes Papier darauf gestellt; denn ich sehnte mich nach
tchtigem Hantieren in weitlufiger, handgreiflicher Materie, und da ich noch
keinen Weg zur lmalerei offen sah, so half ich mir dadurch, da ich einstweilen
auf grobem Papiere mit Kohle, Kreide und krftigen Farbentnen sattsam
herumfegte. Ich freute mich groer Baumgruppen und Gebirgsformen, die ich ohne
vieles Grbeln hervorrief, die Einzelnheiten, die sich mir whrend meines
Herumtreibens in der freien Natur mehr oder minder eingeprgt hatten, harmlos
anwendend, Gestein und Bume reichlich mit Moos, Wurzel- und Flechtwerk
bekleidend. Das Beste davon waren noch die mannigfaltigen bewegten Lfte; da ich
von meiner hohen Warte aus ein weites Himmelsfeld beherrschte, so sah ich den
ganzen Tag die Wolken kommen und gehen in allen Farben, und dies erregte in mir
den Gedanken, eigene Luftstudien zu machen. Sooft ich daher eine schne
Wolkenmasse entdeckte, bildete ich sie schnell mit meinen Wasserfarben nach,
indessen mich die kompakten und doch schmelzvollen Gebilde eine unbestimmte
Sehnsucht nach der lpalette empfinden lieen. Doch erreichte ich eine ziemliche
bung und begann den lebendigen Himmel zu verstehen; ich ging leidenschaftlich
den tausend Reizen der Wolken nach, besonders wandelten meine Blicke friedevoll
durch die tiefen plastischen Tler, ber die weien Hhen und um die sonnigen
Vorsprnge und Abhnge dieser luftigen Gebirge herum, sie schlichen verwegen
unter der schattigen blauen Basis hindurch, die ungeheure Ausdehnung in der
scheinbaren Verkrzung ermessend. Als ich spter hrte, da diese bung
allerdings ein sehr eifrig gepflegter Weg landschaftlicher Kunst sei, war ich
nicht wenig stolz darauf, in meiner Abgeschiedenheit von selbst darauf verfallen
zu sein, wie ich berhaupt erfuhr, da das Bedrfnis solche Hilfen immer selbst
erfindet und die allgemeine Wahrheit sich in jedem abgeschiedenen, aber
lebendigen Bestreben Bahn bricht.
    Erst jetzt, als die erste Begierde nach Staffelei und umfangreichen Flchen
gestillt war, gewann es neuen Reiz fr mich, daneben kleine saubere und
zierliche Arbeiten auszufhren, und ich hatte immer einen idyllischen Gedanken
in Bereitschaft, welchen ich in kleinem Umfange mit bunten und glnzenden
Farbentnen aufs sorgsamste ausfhrte, im Gegensatze zu den greren verwegenen
Unternehmungen. Diese doppelte Art der Ttigkeit entsprach einem natrlichen
Bedrfnisse und mochte als ein weiterer Beweis gelten, da sich solches immer
von selbst ausbildet und hilft, wo es nicht durch einseitige Schule gehindert
wird.
    Ich war nun ganz mir selbst berlassen, vollkommen frei und unabhngig, ohne
die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift. Ich knpfte
abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten, an denen mich ein verwandter Hang
oder ein freundliches Eingehen anzog, am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen,
die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir, mich in meiner Klause
besuchend, getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem,
was in den Schulen vorkam. Diese Gelegenheit benutzte ich, noch ein und andere
Brocken aufzuschnappen, und sah fter schmerzlich durch die verschlossenen
Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung, erst jetzt recht
fhlend, was ich verloren. Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und
manchen Anknpfungspunkt kennen, von wo aus ich weitertappte am drftigen Faden,
und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner
Abgeschiedenheit, gefiel ich mir in einer komischen, hchst unschuldigen
Gelehrsamkeit, welche meine Beschftigungen seltsam bereicherte und vermehrte.
Ich schrieb am frhen stillen Morgen oder in spter Nacht hochtrabende Aufstze,
begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf
tiefsinnige Aphorismen, die ich, mit Skizzen und Schnrkeleien vermischt, in
Tagebchern anbrachte. So glich meine Zelle, in welcher sich gesuchte
Gegenstnde und Zieraten immer mehr anhuften, dem kochenden Herde eines
Hexenmeisters oder Alchimisten, auf welchem ein ringendes Leben gebraut wurde.
Das Anmutige und Gesunde und das Verzerrte und Sonderbare, Ma und Willkr
brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken
aus.
    Und ungeachtet meines uerlich stillen Lebens trat doch manche frhe
Trbung hinzu, welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte. Mein Trieb,
mich zu unterrichten und zu unterhalten, und meine Sammlungslust fhrten mich
berallhin, wo alte Bcher, Kupferstiche und sonstige Dinge zu kaufen waren;
denn die Bcher meines Vaters, deren Hauptzierde Schiller war, hatte ich lngst,
soweit sie mir verstndlich, durchgelesen und zu eigen gemacht, und selbst das
Unverstndliche bersetzte ich in eine eigens erfundene fabelhafte Wissenschaft,
mit Worten spielend; Kupferstiche aber, wenn ich sie sah, reizten mich zum
Besitz und bildeten berdies fast die einzige uere Hilfsquelle fr mich, so
da ihre Erwerbung mir Pflicht schien. Unsere Stadt zeugte in einer Menge alter
guter Sammlungen von Bchern und Kupferstichen, welche fr wenig Geld fast
unerschpflich in Winkeln und Magazinen zu finden waren, da in den guten
Husern, aus welchen sie herrhrten, in der vergangenen Zeit groe Bildung
gepflegt worden sei. Je mehr ich in Bchern und Bildwerken mich zurechtfand und
mir was zugute tat, in Namen und Zeit bewandert zu sein, desto eifriger wurde
meine Besitzlust; ich kaufte anfnglich manches fr meine wenige Barschaft, dann
entdeckte ich den verfhrerischen Ausweg schon frh, zu whlen und zu bestellen
und sich, von der Bereitwilligkeit der Handelsleute untersttzt, reichliche
Sendungen zuschicken und grere Rechnungen anlegen zu lassen. Diese waren nun
bei alledem nie sehr bedenklich, und der Name meiner sparsamen Mutter gab mir
einen guten Kredit. Allein da ich fr mich allein handelte und meine Einkufe
selbst bezahlen wollte durch verkaufte Arbeiten, diesen Verkauf aber nicht
einmal versuchte und vor dem Augenblicke scheu zurckwich, wo ich jemanden etwas
antragen sollte, ohne was doch kein Anfang denkbar war, blieben meine Rechnungen
so lange unbezahlt, bis es den Antiquaren und wunderlichen Trdelleuten endlich
auffiel und sie mich durch hfliche Briefe mahnten. Dadurch geriet ich in
tausend ngsten, dachte aber nur unbestimmt auf Abhilfe, bis diese Mahnungen mir
nicht mehr schrecklich waren. Dann erschienen meine Glubiger mit feierlich
langgezogenen Gesichtern unversehens im Hause, meine Mutter erschreckend und mir
selbst nun streng und unheimlich vorkommend, die mich sonst so freundliche
bejahrte Leutchen gednkt hatten. Diese Umwandlung der sonst so harmlosen
Persnlichkeiten durch ein Schuldverhltnis, aus einem unscheinbaren
Trdelmnnchen zum Beispiel in einen gefrchteten Verfolger, beunruhigte mich
und lie mich das Peinliche des Schuldenmachens empfinden, bis die Mutter,
nachdem sie mich eine gute Weile hatte zappeln lassen, endlich unter ernsten
Ermahnungen mich erlste. Diese Weise sagte ihr gar nicht zu und war bisher
unbekannt gewesen in ihrem Hause. Daher gedachte sie solche Frhlingsschwalben,
die mit dem neuen Knstlerleben so zeitig einzogen, am besten zu vertreiben,
wenn sie mich die Unbequemlichkeit eine Zeitlang fhlen liee.
    Ferner hatte ich um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund, welcher
meine Neigungen strker teilte als alle anderen Bekannten, viel mit mir
zeichnete und poetisch schwrmte und, da er noch die Schulen besuchte,
reichlichen Stoff von da in meine Kammer brachte. Doch war unser Verkehr mehr
ein prahlerisches Feuerwerk und glnzende bung genialer und origineller Formen,
die wir nachahmend aus Gelesenem erhaschten. Zugleich war er lebenslustig und
trieb sich ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshusern herum, von deren
Herrlichkeiten und energischen Gelagen er mir dann erzhlte. Ich blieb meistens
wehmtig zu Hause, da mich meine Mutter in dieser Beziehung uerst knapp hielt
und keine Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe dieser Art einsah. Deswegen sah
ich dem froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der
Hhe fliegenden und trumte von der Freiheit einer glnzenden Zukunft, wo ich
eine Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm. Inzwischen aber mibilligte
ich, wie der Fuchs, dem die Trauben zu sauer sind, fter die Wildheit meines
Freundes und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln. Dies
verursachte manche Mistimmung zwischen uns, und ich freute mich endlich
innerlich seiner Abreise in die Ferne, welche zu einem feurigen Briefwechsel die
willkommene Gelegenheit gab. Wir erhoben nun unser Verhltnis zu einer idealen
Freundschaft, nicht getrbt von dem persnlichen Zusammensein, und boten in
regelmigen Briefen die ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf. Nicht
ohne Selbstgeflligkeit und Absicht suchte ich meine Episteln so schn und
schwungreich als immer mglich zu schreiben, und es kostete mich viele bung im
Nachdenken, meine unerfahrene Philosophie einigermaen in Form und Zusammenhang
zu bringen, weil die bisher erworbene Gestaltungskraft beim Zeichnen und damit
verbundene Einsicht in meine Schreibbungen berging und mich auch ohne Logik
ein Bedrfnis von Harmonie empfinden lie. Leichter wurde es, den ernsten Teil
der Briefe in ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hllen und mit dem bei
meinem Jean Paul gelernten Humor zu verbrmen; allein wie sehr ich mich auch
erhitzte und allen meinen Eifer aufbot, so bertrafen die Antworten des Freundes
dieses alles jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an feinerm
und gewhltem Witze, der mir beschmend das Schreiende und Unruhige meiner
Ergsse hervorhob. Ich bewunderte meinen Freund, war stolz auf ihn und nahm mich
doppelt zusammen, indem ich mich an seinen Briefen bildete, derselben wrdige
und ebenbrtige Sendungen aufzubringen. Doch je mehr ich mich erhob, um so hher
und unerreichbarer wich er zurck, wie ein glnzendes Luftbild, nach welchem ich
fruchtlos zu schlagen strebte, ich rang gleichsam mit einem neckischen
Heldenschatten. Dazu trugen seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem
ewigen Meere, ebenso reizend launenhaft und berraschend und ebenso reich an
Quellen, die aus der Tiefe, von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu
strmen schienen; ich staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle
groartige Erscheinung, deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tag Greres
versprach, und rstete mich allen Ernstes, an ihrer Seite ins Leben hinaus
mglichst Schritt zu halten.
    Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch ber die Einsamkeit in die Hnde,
von welchem ich schon viel gehrt und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde
las, bis ich auf die Stelle traf, welche anfngt Auf deiner Studierstube mchte
ich dich festhalten, o Jngling! Jedes Wort ward mir bekannter, und endlich
fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu abgeschrieben.
Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots unmageblichen Gedanken
ber die Zeichnung, welche ich bei einem Antiquar erworben, und fand so die
Quelle jener Schrfe und Klarheit, die mir so imponiert hatten. Und wie lange
getrennte Ereignisse und Zuflle pltzlich haufenweise zutage treten und sich
ein verabredetes Rendezvous zu geben scheinen, so trat nun rasch eine Entdeckung
nach der anderen hervor und enthllten eine seltsame Mystifikation. Auch sprte
ich den Bchern nach, von denen er in seinen Briefen beilufig erwhnte. Ich
fand Stellen aus Rousseau wie aus dem Werther, aus Sterne und Hippel sowohl wie
aus Lessing, glnzende Gedichte aus Byron und Heine in briefliche Prosa
umgewandelt, sogar Aussprche tiefsinniger Philosophen, die, unverstanden, mich
mit Achtung vor dem Freunde erfllt hatten. Mit solchen hellen Sternen hatte ich
ohnmchtig gerungen; ich war wie vom Blitz getroffen, ich sah im Geiste meinen
Freund ber mich lachend und konnte mir seine Handlungsweise nur durch eigenen
Unwert erklren. Doch fhlte ich mich schmerzlich beleidigt und schrieb nach
einigem Schweigen einen spttischen und anzglichen Brief, mittelst dessen ich
seine angemate geistige Herrschaft abzuwerfen, doch nicht unsere Freundschaft
aufzuheben, vielmehr ihn zu treuer Wahrheit zurckzufhren gedachte. Allein mein
verletzter Ehrgeiz lie mich zu heftige und spitzige Ausdrcke whlen, mein
Gegner hatte sich nicht ber mich lustig machen, sondern nur mit wenig Mhe
meinem Eifer die Waage halten wollen, wie er sich auch nachher, in ernsteren
Dingen, immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte, obgleich er die Talente zu
wirklichem Streben in vollem Mae und daher auch Selbstgefhl besa so kam es,
da er, um seine Verlegenheit zu bedecken und rgerlich ber meine Auflehnung,
noch gereizter und beleidigter antwortete. Es stieg ein mchtiges Zorngewitter
zwischen uns auf, wir schalten uns rcksichtslos, und je mehr wir uns zugetan
gewesen, mit desto mehr Aufwand und tragischen, feindlichen Worten kndeten wir
uns pltzlich die Freundschaft auf und bestrebten uns blindlings, jeder der
erste zu sein, der den andern aus seinem Gedchtnis verbanne!
    Aber nicht nur seine, sondern auch meine eigenen harten Worte schnitten mir
ins Herz, ich trauerte mehrere Tage lang tief und schmerzvoll, indessen ich den
Geschiedenen zu gleicher Zeit noch achtete, liebte und hate; ich empfand nun
zum zweiten Male, in vorgerckterm Alter, das Weh beim Brechen einer engen
Freundschaft, aber um so edler und feiner und daher schmerzvoller, als die
Verhltnisse edler waren. Die innere Grundlosigkeit eines solchen Bruches lt
denselben um so dmonischer und einschneidender fahlen, da er durch ein
feindliches unvermeidliches Schicksal herbeigefhrt scheint.
    In diese Bewegungen herein spielten abwechselnd das gepflegte Andenken an
Anna und die Hoffnung auf ihr Wiedersehen sowie die Angst vor meinen gemtlichen
Glubigern, wenn sie mit Rechnungen kamen fr allerhand alte Schwarten,
Kupferstiche und verstmmelte Gipsfiguren, so da ich komischerweise frh den
Spruch auf mich anwenden konnte:

Widersacher, Weiber, Schulden -
Ach, kein Ritter wird sie los!


                                Sechstes Kapitel

Der Frhling war gekommen; schon lagen viele Frhpflanzen, nachdem sie flchtige
schne Tage hindurch mit ihren Blten der Menschen Augen vergngt, nun in
stiller Vergessenheit dem stillen Berufe ihres Reifens, der verborgenen
Vorbereitung zu ihrer Fortpflanzung ob. Schlsselblmchen und Veilchen waren
spurlos unter dem erstarkten Grase verschwunden, niemand beachtete ihre kleinen
Frchtchen. Hingegen breiteten sich Anemonen und die blauen Sterne des Immergrn
zahllos aus um die lichten Stmme junger Birken, am Eingange der Gehlze, die
Lenzsonne durchschaute und berschien die Rumlichkeiten zwischen den Bumen,
vergoldete den bunten Waldboden; denn noch sah es hell und gerumig aus, wie in
dem Hause eines Gelehrten, dessen Liebste dasselbe in Ordnung gebracht und auf
geputzt hat, ehe er von einer Reise zurckkommt und bald alles in die alte tolle
Verwirrung versetzt. Bescheiden und abgemessen nahm das zartgrne Laubwerk
seinen Platz und lie kaum ahnen, welche Gewalt und Herrlichkeit in ihm harrte.
Die Blttchen saen symmetrisch und zierlich an den Zweigen, zhlbar, ein wenig
steif, wie von der Putzmacherin angeordnet, die Einkerbungen und Fltchen noch
hchst exakt und sauber, wie in Papier geschnitten und gepret, die Stiele und
Zweigelchen rtlich lackiert, alles uerst aufgedonnert. Frohe Lfte wehten, am
Himmel kruselten sich glnzende Wolken, es kruselte sich das junge Gras an den
Rainen, die Wolle auf dem Rcken der Lmmer, berall bewegte es sich leise
mutwillig, die losen Flocken im Genicke der jungen Mdchen kruselten sich, wenn
sie in der Frhlingsluft gingen, es kruselte sich in meinem Herzen. Ich lief
ber alle Hhen und blies an einsamen, schn gelegenen Stellen stundenlang auf
einer alten groen Flte, welche ich seit einem Jahre besa. Nachdem ich die
ersten Griffe einem musikalischen Schuhmachergesellen abgelernt, war an weitern
Unterricht nicht zu denken, und die ehemaligen Schulbungen waren lngst in ein
tiefes Meer der dunkelsten Vergessenheit geraten. Darum bildete sich, da ich
doch bis zum berma anhaltend spielte, eine wildgewachsene Fertigkeit aus,
welche sich in den wunderlichsten Trillern, Lufen und Kadenzen erging. Ich
konnte ebenso fertig blasen, was ich mit dem Munde pfeifen oder aus dem Kopfe
singen konnte, aber nur in der hrteren Tonart, die weichere hatte ich
allerdings empfunden und wute sie auch hervorzubringen, aber dann mute ich
langsam und vorsichtiger spielen, so da diese Stellen gar melancholisch und
vielfach gebrochen sich zwischen den brigen Lrm verflochten. Musikkundige,
welche in entfernterer Nachbarschaft mein Spiel hrten, hielten dasselbe fr
etwas Rechtes, belobten mich und luden mich ein, an ihren Unterhaltungen
teilzunehmen. Als ich mich aber mit meiner mchtigen braunen Rhre einfand,
deren Klappe einer messingenen Trklinke glich, und verlegen und mit bsem
Gewissen die Ebenholzinstrumente mit einer Unzahl silberner Schlssel, die
stattlichen Notenbltter sah, bedeckt von Hieroglyphen, da stellte es sich
heraus, da ich rein zu gar nichts zu gebrauchen, und die Nachbaren schttelten
verwundert die Kpfe. Desto eifriger erfllte ich nun die freie Luft mit meinem
Fltenspiele, welches dem schmetternden und doch monotonen Gesange eines groen
Vogels gleichen mochte, und empfand, unter stillen Waldsumen liegend, innig das
schferliche Vergngen des siebzehnten Jahrhunderts, und zwar ohne Absicht und
Gemachtheit.
    Um diese Zeit hrte ich ein flchtiges Wort, Anna sei in ihre Heimat
zurckgekehrt. Ich hatte sie nun seit zwei Jahren Nicht gesehen, wir beide
gingen unserm sechszehnten Geburtstage entgegen. Sogleich rstete ich mich zur
bersiedelung nah dem Dorfe und machte mich eines Sonnabends wohlgemut auf die
geliebten Wege. Meine Stimme war gebrochen, und Ich sang, dieselbe mibrauchend,
mich md durch die hallenden Wlder. Dann hielt ich inne, und die seit kurzem
gekommene Tiefe meiner Tne bedenkend, dachte ich an Annas Stimme und suchte mir
einzubilden, welchen Klang sie nun haben mge. Darauf bedachte Ich ihre Gre,
und da ich selbst in der Zeit rasch gewachsen, so konnte ich mich eines kleinen
Schauers nicht erwehren, wenn ich mir die Gestalt sechszehnjhriger Mdchen
unserer Stadt vorstellte. Dazwischen schwebte mir immer das halbkindliche Bild
am See oder auf jenem Grabe vor, mit seiner Halskrause, seinen Goldzpfen und
freundlich unschuldigen Augen. Dies Bild verscheuchte einigermaen die
Unsicherheit und Zaghaftigkeit, welche sich meiner bemchtigen wollten, da Ich
getrost frba schritt und am Abend das Haus meines Oheims in alter Ordnung und
lauter Frhlichkeit fand.
    Doch nur die lteren Personen waren sich eigentlich ganz gleichgeblieben,
das junge Volk lie einen etwas vernderten Ton in Scherz und Reden merklich
werden. Als nach dem Nachtessen sieh die ltern zurckgezogen und einige junge
ledige Dorfbewohner beiderlei Geschlechtes dafr ankamen, um noch einige Stunden
zu plaudern, bemerkte ich, da die Gegenstnde der Liebe und der
geschlechtlichen Verhltnisse nun ausschlielicher und ausgeprgter der Stoff
der neckischen Gesprche geworden, aber so, da die Jnglinge mit gleichgltig
verwegener und etwas spttischer Galanterie eine groe Sprdigkeit,
Mnnerverachtung und jungfruliche Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen
bemht schienen, und an der Art und Weise, wie die sich kreuzenden Scherze und
Angriffe hier reizten, dort scheinbar verletzten, war nicht zu verkennen, da
hier die Kristallelemente zusammenzuschieen auf dem Punkte waren.
    Ich war anfangs still und suchte mich in den wort-und witzreichen
Scharmtzeln zurechtzufinden; die Mdchen betrachteten mich als einen
anspruchlosen Neutralen und schienen einen frommen und bescheidenen Knappen an
mir gewinnen zu wollen. Doch unversehens nahm ich, das Scheingefecht fr vollen
Ernst haltend, die Partei meines Geschlechts. Die vermeintliche
Bedrfnislosigkeit und stolze Selbstverklrung der Schnen schien mir gefhrlich
und beleidigend und entsprach nicht im mindesten meinen Gefhlen. Aber leider
setzte ich, anstatt mich der praktischeren und beliebteren Waffen meiner
Genossen zu bedienen, knabenhafter- und ungalanterweise den Mdchen ihre eigene
Kriegfhrung entgegen. Der trotzige Stoizismus, welchen ich gegen das
jungfruliche Selbstgengen aufwandte, warf mich um so schneller in eine
isolierte und gefhrliche Stellung, als ich in meiner Einfalt augenblicklich
selber daran glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr. Ich vereinigte sogleich
alle Pfeile des Spottes auf mich als ein nicht zu duldender Aufrhrer; die
mnnlichen Teilnehmer lieen mich auch im Stich oder hetzten mich
flschlicherweise auf, um bei den erzrnten Mdchen desto besser ihre Rechnung
zu finden, worber ich wieder verdrielich und eiferschtig ward, und es rgerte
mich gewaltig, wenn ich bemerkte, wie mitten im Kriege die verstndnisvollen
Blicke hufiger fielen und der schone Feind seine Hnde den Burschen immer
anhaltender und williger berlie. Kurz, als die Gesellschaft auseinanderging
und ich die Treppe hinanstieg als ein erklrter Weiberfeind, verfolgten mich die
drei Basen, jede ihr Nachtlmpchen tragend, spottend bis vor die Tr meines
Schlafzimmers. Dort wandte ich mich um und rief Geht, ihr trichten Jungfrauen
mit euren Lampen! Obgleich jede nur zu bald ihren irdischen Brutigam haben
wird, frchte ich doch, das l eurer Geduld reiche nicht aus fr die krzeste
Frist; lscht eure Lichter und schmt euch im Dunklen, so spart ihr das bichen
l, ihr verliebten Dinger!
    Eine Magd trug gerade ein Becken mit Wasser hinein; sie tauchten ihre Finger
in das Wasser und spritzten mir dasselbe ins Gesicht, whrend sie mit ihren
brennenden Lmpchen mir um Haar und Nase herumzndeten und mich hart bedrngten.
Mit Feuer und Wasser, sagten sie, taufen wir dich zu ewigem Frauenhasse! Nie
soll eine wnschen, diesen Ha schwinden zu sehen, und das Licht der Liebe soll
dir fr immerdar erloschen! Schlafen Sie recht wohl, gestrenger Herr, und
trumen Sie von keinem Mdchen! Hiemit bliesen sie meine Kerze aus und huschten
auseinander, da ihre Lichtchen in dem dunklen Hause verschwanden und ich im
Finstern stand. Ich tappte in das Zimmer, stie an alle Gegenstnde und streute
in der Dunkelheit mimutig meine Kleider auf dem Boden umher. Und als ich
endlich das Kopfende des Bettes gefunden und mich rasch unter die Decke
schwingen wollte, fuhr ich mit den Fen in einen verwnschten Sack, da ich sie
nicht ausstrecken konnte, sondern in meiner gewaltsamen Bewegung auf das
unangenehmste gehemmt und zusammengebogen wurde. Die Leintcher waren, infolge
einer lndlich-sittlichen Neckerei, so knstlich ineinandergeschrzt und -
gefaltet, da es allen meinen ungeduldigen Bemhungen nicht gelang, sie zu
entwirren, und ich mute mich in der unbequemsten und lcherlichsten Lage von
der Welt zum Schlafe zusammenkauern. Allein dieser wollte trotz meiner Mdigkeit
sich nicht einfinden; ein rgerliches und beschmendes Gefhl, da ich mich in
eine schiefe Stellung geworfen, die Besorgnis, wie Anna sich Zu all diesem
verhalten wurde, und das verhexte Bett lieen mich die Augen nur auf Augenblicke
schlieen, wo dann die unruhigsten Traumbilder mich verfolgten. Die Nacht im
Tale war unruhig und geruschvoll, denn es war diejenige des Sonnabends auf den
Sonntag, in welcher die ledigen Bursche bis zum Morgen zu schwrmen und ihren
Liebeswegen nachzugehen pflegen. Ein Teil derselben durchzog in Haufen singend
und jauchzend die nchtliche Gegend, bald fern, bald nah laut werdend; ein
anderer Teil schlich einzeln um die Wohnungen her, mit verhaltner Stimme
Mdchennamen rufend, Leitern anlegend, Steinchen an Fensterladen werfend. Ich
stand auf und ffnete das Fenster; balsamische Mailuft strmte mir entgegen, die
Sterne zwinkerten verliebt hernieder, ein Ktzchen duckte sich um die eine
Hausecke, um die andere bog ein schlanker Schatten mit einer langen Leiter und
lehnte sie an das Haus, drei oder vier Fenster von mir. Rstig klomm er die
Sprossen entlang und rief halblaut den Namen der ltesten Base, worauf das
Fenster leise aufging und ein trauliches Geflster begann, von einem Gerusche
unterbrochen, welches von demjenigen feuriger Ksse nicht im mindesten zu
unterscheiden war. Oho! dachte ich, das sind feine Geschichten! und indem ich so
dachte, sah ich einen andern Schatten aus dem Fenster der mittleren Base, welche
eine Treppe tiefer schlief, sich auf den Ast eines nahen Baumes schwingen und
flink zur Erde gleiten; kaum war er aber fnfzig Schritte entfernt, so brach er,
den fernen Nachtschwrmern antwortend, in ein mrderliches Jauchzen aus, welches
weithin widerhallte.
    Mit sehr gemischten Empfindungen machte ich vorsichtig das Fenster zu und
suchte in meinem boshaften Leinwandlabyrinth Mdchen, Liebe, Mainacht und
Verdru zu vergessen.
    Noch gemischten Gefhle jedoch kehrten zurck, als ich am Morgen meine
gemachten Erfahrungen bedachte. Zuerst machte sich eine Art von Zorn geltend
gegen meine Basen und ihre Liebhaber, oder vielmehr eine gewisse
Unbehaglichkeit, mir bekannte und nahstehende Mdchen in einem engen Verhltnis
zu fremden Personen zu sehen. Es machte mir den Eindruck, wie wenn in einem
heimlichen verschlossenen Garten allerlei Freimaurerei getrieben wrde und ich
als ein Verhhnter vor dem Tore stnde. Dann stellte sich aber sogleich das
Bewutsein heraus, mich im Besitze eines Geheimnisses zu finden, welches die
Mdchen stark berhrte, und mit diesem Bewutsein noch schneller eine vorlufige
Beratschlagung, in welcher Weise das Geheimnis am vorteilhaftesten fr meine
Stellung zu dem schnen Geschlechte zu verwenden sei? Hier mu ich zu meiner
Schande aufrichtig gestehen, da ich sehr unbefangen die Wahl zwischen
Verschwiegenheit und Verrat ganz in der Ordnung fand, ja nicht einmal darber
dachte und allein meinen Nutzen ins Auge fate. Es fragte sich, ob ich mich
durch offene Mitteilung mit einem Schlage in das erzwungene Vertrauen der
Mdchen setzen oder durch ein schonendes allmhliches Merkenlassen ihre Gunst
besser erwerben knne; denn wenn auch das, was ich wute, nicht fr sie
gefhrlich oder schdlich war und man ohnehin von jeder herangewachsenen Schnen
bestimmt voraussetzen konnte, da sie mit ihrem Erwhlten in der Sitte keine
Ausnahme machen werde, wo dann der Grad der Hingabe immer noch von dem
persnlichen Charakter abhing, wie andere Dinge mehr im Leben so war doch das
Bekanntwerden des einzelnen Falles verpnt und vielmehr das Gesetz beliebt Du
sollst dich nicht erwischen lassen! wie bei anderen Dingen mehr, und ich
entschlo mich, gelegentlich und mit guter Manier die eine und andere meiner
Basen in meine Mitwissenschaft blicken zu lassen und durch ein vertrautes
Verhltnis meine Ungeschicklichkeit aufzuwiegen, zumal ich nun schon merkte, da
ich dem gewohnten Krieg und Verkehr nicht gewachsen war. Ich dachte mir nun
nicht anders, als die Liebe wre das Geheimnis eines gemeinschaftlichen Ordens,
in welchem voraus alle Frauen und Mdchen inbegriffen, der aber jedem Neuling,
welcher sich ungeschickt anstelle, den Eintritt erschwere, und doch glaubte ich
seiner schon vollkommen wrdig und fhig zu sein.
    Indessen beschlo ich, als es darauf ankam, in die groe Wohnstube zu gehen
und mein nchstes Benehmen zu bedenken, welches mir keineswegs klar war,
vorderhand gnzliche Verschwiegenheit zu ben, und dieser Entschlu kam mir so
edel und gromtig vor, da ich, ganz aufgeblht davon, whnte, die Mdchen
mten mir meine Gromut auf der Stelle ansehen, als ich in die Stube trat. Ich
erregte jedoch nicht die mindeste Aufmerksamkeit; wohl aber sah ich an einem der
Fenster eine schlank aufgewachsene jungfruliche Gestalt stehen, umgeben von
meinen drei Basen. An ihren eigentmlichen Zgen und der vernderten und doch
gleich lieblich gebliebenen Stimme erkannte ich sogleich Anna; sie sah fein und
nobel aus, und ich blieb ganz ratlos und verblfft stehen. Fein und bescheiden
schaute sie in die Landschaft hinaus, und die Basen sprachen gedmpft, zierlich
und vertraulich mit ihr, wie es die Weiber zu tun pflegen, wenn sie einen Besuch
haben, der ihrer Gesellschaft zum Schmucke gereicht. Es ging so freundlich
andchtig zu, als ob die vier hbschen Kinder geraden Weges aus einer
Klosterschule kmen, und besonders die Tchter des Hauses schienen nicht die
leiseste Erinnerung an den Ton des gestrigen Abends zu hegen. Unbefangen grten
sie mich, als ich endlich bemerkt wurde, und stellten mich der Anna vor. Wir
sahen auf den Boden und boten uns die Fingerspitzen, die sich kaum berhrten,
wobei sie, wie ich glaube, einen kleinen hflichen Knicks machte. Ich sagte ganz
verlegen Sie sind also wieder zurckgekehrt? worauf sie erwiderte Ja - mit
dem Tone eines Glckchens, welches nicht recht wei, ob es anfangen soll, Mittag
oder Vesper zu luten. Hierauf sah ich mich wieder aus dem Mdchenkreise
herausversetzt, ohne zu wissen auf welche Weise, und machte mir eifrig mit einer
Katze zu schaffen, indessen ich Anna verstohlen betrachtete. Sie war eine ganz
andere Gestalt geworden, schmal und hoch, von einem schwarzen Seidenkleide
umwallt, ihr Goldhaar lag schlicht und vornehm gebunden und lie eine
sorgfltige Toilette ahnen, whrend frher manche Lckchen sich auf eigne Hand
gekruselt und zwischen den Flechten hervorgeguckt hatten. Die Gesichtszge
waren in ihrer Eigentmlichkeit ganz gleichgeblieben, nur hielten sie sich nun
viel ruhiger, und die armen, schnen blauen Augen hatten ihre Freiheit verloren
und lagen in den Banden vornehm bewuter Sitte. Dies alles unterschied ich im
Augenblick nicht genau, allein es machte zusammen einen solchen Eindruck auf
mich, da ich erschrak, als ich mich zum Frhstck, welches inzwischen
aufgetragen war, neben sie setzen mute; denn der Oheim hatte, da Anna aus
Welschland kam, seine franzsischen Knste aus der eleganten Zeit des
Pfarrhauses wieder zusammengelesen und zu mir gesagt: Eh bien! monsieur le
neveu! prenez place auprs de Mademoiselle votre cousine, s'il vous plat, h,
parbleu! est-ce que vous n'avez pas bien dormi? vous faites une triste figure,
il me parat! und zu Anna, mit einem komischen Kratzfue, indem er mit seinem
Waldhrnchen salutierte: Veuillez accepter les services de ce pauvre jeune
homme de la triste figure, Mademoiselle! souffrez, s'il vous plat, qu'il fasse
votre galant, pour que notre illustre maison revisse les beaux jours
d'autrefois! allons parler franais toute la compagnie! Nun begann eine
drollige Unterhaltung in franzsischen Brocken, welche sich auf die lustigste
Weise kreuzten, indem niemand sich schmte, seine Schwerflligkeit und Unkunde
zu verraten, und der Scherz als eine Art Huldigung der Anna Gelegenheit geben
sollte, ihre erworbene feine Bildung zu zeigen. Auch nahm sie bescheiden, aber
sicher an dem seltsamen Gesprche teil und brachte ihre Reden mit artigem
Akzente vor, geziert mit den Wendungen welscher Konversation als: En vrit!
voil qui est curieux! ah que c'est joliment dit! extrmement, je vous dis!
tenez! voyez! usf., wozwischen der Oheim, seine Geistlichkeit vergessend, einige
diables! einfgte. Mir waren diese Formen keineswegs gelufig, und ich konnte
meine Meinungen nur in strikter und nackter bertragung vorbringen, dazu nicht
in dem lieblichsten Akzente; daher sagte ich nur dann und wann oui und non oder
je ne sais pas! Die einzige Redensart, welche mir zu Gebote stand, war Que
voulez-vous que je fasse! und ich brachte diese Blte mehrere Male an, ohne da
sie gerade pate. Als hierber gelacht wurde, machte mich dies trbselig und
verstimmt, denn mit jedem Augenblicke, seit ich an das seidene Kleid Annas
streifte, wurde es mir bnger, da ich als gnzlich wertlos und unbedeutend zum
Vorschein kme, whrend ich doch bisher berzeugt war, das Beste und Hchste
schtzen und erstreben zu wollen und gerade dadurch selber einen nicht
unerheblichen Wert in mir zu tragen. In der Theorie hatte ich schon die Welt
erobert und auch verdient und besonders ber Anna durchaus verfgt; da nun aber
die Praxis begann, so beschlich mich gleich im Anfange eine verzagte Demut,
welche ich ungefhr in folgende trotzige und gewaltige Rede zusammenfate: Moi,
j'aime assez la bonne et vnrable langue de mon pays, qui est heureusement la
langue allemande, pour ne pas plaindre mon ignorance du franais. Mais comme
Mademoiselle ma cousine a le got franais et comme elle doit visiter l'glise
de notre village, c'est beaucoup a plaindre, qu'elle n'y trouvera point de ses
orateurs vaudois, qui sont si levs, lgants et savants. Aussi, que son
dplaisir ne soit trop grand, je vous propose, Monsieur mon oncle, de remonter
en chaire, nous ferons un petit mais lgant auditoire et vous nous ferez de
beaux sermons franais! Que voulez- que je fasse, fgte ich etwas verlegen
hinzu, als ich diese Rede so hastig und flieend als mglich gehalten hatte. Die
Gesellschaft war sehr verwundert ber diese langatmige Phrase und betrachtete
mich als einen unvermuteten Teufelskerl von Franzosen, besonders da sie wegen
der Schnelligkeit, mit der ich sprach, nichts davon verstanden hatten, auer dem
Oheim, welcher vergnglich lachte. Man ahnte freilich nicht, da ich die Rede im
stillen frmlich ausgedacht und da ich keineswegs mit dieser Gelufigkeit
fortzufahren imstande wre. Anna war die einzige Person, welche alles
verstanden, und sie sagte kein Wort hierauf und schien innerlich beleidigt zu
sein, denn sie ward rot und sah verlegen vor sich nieder. Sie verstand nmlich,
wie es sich spter zeigte, keinen Spa in bezug auf die waadtlndischen
Geistlichen, die sie in dem Anflug kirchlichen Wesens, den das junge Ding nebst
dem Franzsischen davongetragen, sehr verehrte und deren Andenken fr sie eine
schne und bewutvolle Erinnerung war. Da ich bemerkte, da die verkehrte Art,
meine innere Mutlosigkeit zu uern, fast einen blen Eindruck gemacht, so
flchtete ich mich, sobald mglich, vom Tische hinweg. Es lutete nun das letzte
Zeichen zur Kirche, und die ganze Familie rstete sich zum Kirchgange. Anna zog
feine glnzende Lederhandschuhe an, und die drei Mdchen des Hauses, welche
bisher, obgleich stdtisch gekleidet, wie die Landmdchen ohne Handschuhe zur
Kirche gegangen, brachten nun ebenfalls deren gestrickte aus Seide oder
Baumwolle zum Vorschein und putzten sich damit aus. Anna zeigte, als man zum
Gehen bereit war, ein gesammeltes und andchtiges Wesen, sprach nicht mehr viel
und sah vor sich nieder, und die brigen Bschen, welche von jeher lachend und
frhlich zur Kirche gegangen, gaben sich nun auch ein feierliches Ansehen, da
ich ganz aus der Verfassung kam und nicht wute, wie ich mich gebrden sollte.
Ich stand aus Verlegenheit am Ofen, obschon die junge Sommersonne auf dem Garten
sich lagerte; man fragte mich, ob ich denn nicht mitginge? worauf ich, um
endlich mir wieder etwas Geltung zu verschaffen, mit Wichtigkeit sprach nein,
ich htte nicht Zeit, ich mte schreiben!
    Diesmal ging das ganze Haus zur Kirche, wohl Anna zu Ehren, und nur ich
allein blieb zurck. Durch das Fenster sah ich dem ansehnlichen Zuge nach,
welcher sich durch die Wiesen unter den Bumen hinbewegte und dann auf der Hhe
des Kirchhofes zum Vorschein kam, um endlich in der Kirchentr zu verschwinden.
Diese wurde bald darauf geschlossen, das Gelute schwieg, der Gesang begann und
hallte deutlich und schn herber. Auch dieser schwieg, und nun verbreitete sich
ein Meer von Stille ber das Dorf, welches einzig dann und wann durch einen
krftigern Ruf des Predigers unterbrochen wurde. Das Laub und die Millionen
Grser waren muschenstill, trieben aber nichtsdestominder mit Hin- und
Herwackeln allerlei lautlosen Unfug, wie mutwillige Kinder whrend einer
feierlichen Verhandlung. Die abgebrochenen Tne der Predigt, welche durch einen
offenen Fensterflgel sich in die Gegend verloren, klangen seltsam und manchmal
wie hollaho! manchmal wie juchhe! oder hopsa! bald in hohen Fisteltnen, bald
tief grollend, jetzt wie ein nchtlicher Feuerruf und dann wieder wie das
Gelchter einer Lachtaube. Whrend der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken
aufmerksam und still dasitzen sah, nahm ich Papier und Feder und schrieb meine
Gefhle fr sie in feurigen Worten nieder. Ich erinnerte sie an die zrtliche
Begebenheit auf dem Grabe der Gromutter, nannte sie mit ihrem Namen und brachte
so hufig als mglich das Du an, welches ehedem zwischen uns gebruchlich
gewesen. Ich ward ganz beglckt ber diesem Schreiben, hielt manchmal inne und
fahr dann in um so schneren Worten wieder fort. Das Beste, was in meiner
zuflligen und zerstreuten Bildung angesammelt lag, befreite sich hier und
vermischte sich mit der Empfindung meiner augenblicklichen Lage. berdies wob
sich eine schwermtige Stimmung durch das Ganze, und als das Blatt
vollgeschrieben war, durchlas ich es mehrere Male, als ob ich damit jedes Wort
der Anna ins Herz rufen knnte. Dann reizte es mich, das Blatt offen auf dem
Tische liegenzulassen und in den Garten zu gehen, damit es der Himmel oder sonst
wer durch das offene Fenster lesen knne; aber nur die vllige Sicherheit, da
jetzt doch keine menschliche Seele in der Nhe sei, gab mir diese Verwegenheit,
mit welcher ich zwischen den Beeten auf und nieder spazierte, nach dem Fenster
hinaufschauend, hinter welchem meine schne Liebeserklrung lag. Ich glaubte
etwas Rechtes getan zu haben und fhlte mich zufrieden und befreit, verfgte
mich aber bald wieder in die Stabe, da ich dem Frieden doch nicht recht traute,
und kam gerade dort an, als das Blatt, durch den Luftzug getragen, zum Fenster
hinaussuselte. Es setzte sich auf einem Apfelbaume nieder; ich lief wieder in
den Garten; dort sah ich es sich erheben und mit einem gewaltigen Schusse auf
das Bienenhaus zufliegen, wo es hinter einem vollen summenden Bienenkorbe sich
festklemmte und verschwand. Ich nherte mich dem Korbe, allein die Bienen waren,
in Betracht der kurzen Sommerzeit, polizeilich von der Sonntagsfeier dispensiert
und in vollster Bewegung und Ttigkeit begriffen; es summte und kreuzte sich vor
dem Hause wie auf einem Jahrmarkte, da an kein Durchkommen zu denken war.
Unschlssig und ngstlich blieb ich stehen, doch ein empfindlicher Stich auf die
Wange bedeutete mir, da meine Liebeserklrung fr einmal der bewaffneten Obhut
dieses Bienenstaates anheimgegeben sei. Fr einige Monate lag sie allerdings
sicher hinter dem Korbe; wenn aber der Honig ausgenommen wurde, so kam sicher
auch mein Blatt zutage, und was dann? Indessen betrachtete ich diesen Vorfall
als eine hhere Fgung und war halb und halb froh, meine Erklrung aus dem
Bereiche meines Willens einer allflligen Entdeckung ausgesetzt zu wissen,
gleich einem verlornen Samenkorn des Aufblhens harrend. Meine gestochene Wange
reibend, verlie ich endlich die Bienen, nicht ohne genau nachzusehen, ob
nirgends ein Zipfelchen des weien Blattes hervorgucke. Der Gesang in der Kirche
ertnte wieder, die Glocken luteten, und die Gesellschaft kam in einzelnen
Gruppen zerstreut nach Hause. Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas
Gestalt durch das Grne allmhlich herannahen. Ihren weien Hut abnehmend, stand
sie vor dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleiigen Tierchen mit
Wohlgefallen zu betrachten; mit noch grerm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch
sie, welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand, und ich bildete
mir ein, da die Ahnung desselben sie an der blhenden und lieblichen Stelle
festhalte. Als sie heraufkam, zeigte sie jene zufriedene Frhlichkeit
Andchtiger, welche aus der Kirche kommen, und machte sich nun ein wenig lauter
und zugnglicher als vorher. Beim Mittagessen, wo ich wieder neben ihr zu sitzen
kam, begann jedoch meine herb annehmliche Schule wieder. An Sonn- und Festtagen
glich der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwrdige
und malerische Zusammensetzung in allen Stcken. Drei Vierteile desselben, von
der Jugend und den Dienstleuten besetzt, trugen groe lndliche Schsseln mit
den entsprechenden Speisen mchtige Stcke Rindfleisch und gewaltige Schinken.
Neuer Wein aus einem groen Kruge wurde in einfache grnliche Glser geschenkt,
Messer und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Lffel von Zinn. Nach
der Spitze der Tafel zu, wo der Oheim und die allflligen Gste saen,
vernderte sich die Gestalt dieser Dinge. Dort waren die Ergebnisse der Jagd
oder des Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen
aufgestellt; denn da die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht
grn war, so behandelte sie dieselben apothekerhaft und zimpferlich, gleich
einem Grobschmied, der eine Uhr zusammensetzen will. Auf einem bunten alten
Porzellanteller lag hier ein gebratener Vogel, dort ein Fisch, einige rote
Krebse oder ein feines Saltchen. Alter starker Wein stand in kleineren
Flaschen, uralte Zierglser der verschiedensten Form dabei; die Lffel waren von
Silber, und das brige Besteck bestand aus den Trmmern frherer Herrlichkeit,
hier ein Messer mit einem Elfenbeinhefte, dort eine komisch gezackte Gabel mit
Emailgriff. Aus dem Gewimmel dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie
ein Berg empor, als ein mchtiger Auslufer des untern Speisengebirges, dessen
Anwohner sich an der Ausschlielichkeit der oberen Feinschmecker dadurch
rchten, da sie eine scharfe Kritik ber deren Geschicklichkeit im Essen
ausbten. Wer nicht rasch und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die
Knchelchen eines Vogels zu zerlegen wute, hatte fr den Spott nicht zu sorgen.
Da ich bei der Mutter an die einfachste Lebensweise gewhnt war, so war meine
Gewandtheit in Fisch- und Vogelessen nur gering, und ich sah mich daher am
meisten den Witzen der Tischgenossen ausgesetzt. So hielt mir auch heute ein
Knecht einen Schinken her und bat mich, ihm diesen Taubenflgel zu zerlegen, da
ich so geschickt hierin sei; ein anderer hielt mich fr vortrefflich geeignet,
den Rckgrat einer Bratwurst zu benagen. Dazu sollte ich als angeblicher Galan
meine Schne bedienen, was mir durchaus unbequem war; denn auer da es mir
lcherlich vorkam, ihr ein Gericht vorzuhalten, das ihr vor der Nase stand, und
ich ihr lieber mit dem Herzen als mit den Hnden dienen wollte, wo es nicht
ntig war, reichte meine Kenntnis hiefr nicht aus, indem ich manchmal den
Schwanz eines Fisches prsentierte, wo der Kopf gut war, und umgekehrt. Ich lie
sie auch bald unbedient sitzen und freute mich unbeschwert ihrer Nhe; aber der
Oheim weckte mich aus diesem Vergngen, indem er mich aufforderte, Anna einen
Hechtkopf auseinanderzulegen und ihr die Symbole des Leidens Christi zu zeigen,
welche darin enthalten sein sollten. Allein ich hatte diesen Kopf unbesehens
gegessen, obschon man frher davon gesprochen, und stellte mich nun zugleich als
einen unwissenden Heiden dar; darber rgerlich, ergriff ich mit der Faust den
mittlerweile entblten Schinkenknochen, hielt ihn der Anna unter die Augen und
sagte, hier wre noch ein heiliger Nagel vom Kreuze. Ich behielt nun freilich
wieder recht in den Augen der Sptter, doch Anna hatte gerade solche Grobheit
Nicht verdient, da sie mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen
hatte. Sie wurde ber und ber rot, Ich fhlte augenblicklich mein Unrecht und
htte aus Reue gern den Knochen verschlungen. Verlegen legte ich ihn auf meinen
Teller und fgte noch ein paar schlechte Witze hinzu. Diese Reliquie, sagte
ich, wrde allerdings ein artiger Sparren im Kopfe sein! Indessen mag es
manchen Heiligen geben, dessen christliche Ideen einem Schinkenknochen
gleichen. Hierauf antwortete niemand etwas auer meinem Oheim, welcher mich
ernstlich ersucht haben wollte, dergleichen Mitteilungen zu unterlassen. Das
Rotwerden war nun an mir, und ich sagte nichts mehr whrend der brigen Zeit,
die man am Tische zubrachte. Ich zog mich zurck in bitterm Unmute und gedachte
mich nicht mehr sehen zu lassen, bis meine Bschen mich aufsuchten und mich
aufforderten, mit ihnen und ihren Brdern Anna nach Hause zu begleiten und den
Schulmeister zu besuchen. Da Ich durch den seltenen Verweis des Vaters in eine
beschmende Lage geraten, so fanden sie es angemessen, mich durch diese
Freundlichkeit daraus zu ziehen; denn sie wuten wohl, da ich sonst nach der
Etikette jenes Alters nicht mitkommen konnte, wo das Schmollen eine Ehrensache
und an bestimmte Gesetze gebunden ist.
    Wir zogen also aus und gingen dem Flchen nach durch den Wald. Ich blieb
still, und als wir, durch die Enge des Weges getrennt, hintereinander gehen
muten, marschierte ich als der letzte hintendrein, dicht nach Anna, aber immer
in tiefem Schweigen. Meine Augen hingen mit Andacht und Liebe an ihrer Gestalt,
immer bereit, sich abzuwenden, sobald sie zurckschauen wrde. Doch tat sie dies
nicht ein einziges Mal; hingegen bildete ich mir mit innerlichem Vergngen ein,
da sie hie und da mit einer kaum sichtbaren Absicht, zu gefallen, sich ber
schwierige Stellen hinbewegte. Ich machte ein paarmal schchterne Anstalten, ihr
behilflich zu sein, allein immer kam sie meinen Hnden zuvor. Da stand an einer
erhhten Stelle des Weges die schne Judith unter einer dunklen Tanne, deren
Stamm wie eine Sule von grauem Marmor emporstieg. Ich hatte sie lange nicht
mehr gesehen; sie schien mit der Zeit noch immer schner zu werden und hatte die
Arme bereinandergeschlagen, eine Rosenknospe im Munde, mit welcher ihre Lippen
nachlssig spielten. Sie grte eines um das andere, ohne sich in ein Gesprch
einzulassen, und als ich schlielich auch an die Reihe kam, nickte sie mir
leicht zu mit einem etwas spttischen Lcheln.
    Der Schulmeister begrte uns mit Freuden und vor allen seine Tochter, die
er sehnlich zurckerwartet. Denn sie war nun die Erfllung seines Ideales
geworden, schn, fein, gebildet und von andchtigem, edlem Gemte, und mit dem
bescheidenen Rauschen ihres Seidenkleides war, nicht in schlimmem Sinne, eine
neue schne Welt fr ihn aufgegangen. Er hatte zu seinem bisherigen Vermgen
noch eine gute Erbschaft gemacht und benutzte diese, ohne Vornehmtuerei, sich
mit allerhand anstndigen Annehmlichkeiten zu umgeben. Was seine Tochter nach
den aus Welschland mitgebrachten Bedrfnissen irgend wnschen konnte, schaffte
er augenblicklich an und unter diesem Vorwande berdies eine Menge schner
Bcher fr seine eigenen Wnsche. Auch hatte er seinen grauen Frack mit einem
feinen schwarzen Leibrock vertauscht, wenn er ausging, und im Hause trug er
einen ehrbaren talarartigen Schlafrock, um mehr das Ansehen eines wrdigen,
halbgeistlichen Privatgelehrten zu gewinnen. Was irgend mit einer Stickerei
geziert werden konnte an seiner Person oder an seinem Gerte, das zeigte diesen
Schmuck in allen Manieren und Farben, da ihm solcher ausnehmend gefiel und Anna
reichlich dafr sorgte. In dem kleinen Orgelsaale stand nun ein prchtiges Sofa
mit buntgestickten Kissen, und vor demselben lag ein groblumiger Teppich von
Annas Hand. Diese reiche Farbenpracht, an einer Stelle zusammengehuft, nahm
sich vortrefflich und eigentmlich aus im Gegensatze zu dem einfachen
weigetnchten Saale. Nur die Orgel bot noch einigen Schmuck in glnzenden
Pfeifen und mit ihren bemalten Trchen. Anna erschien nun in einem weien Kleide
und setzte sich an die Orgel. Sie hatte in der Pension Klavier spielen mssen,
lehnte es aber ab, ein Klavier zu haben, als ihr Vater sogleich ein solches
anschaffen wollte; denn sie war zu klug und zu stolz, die gewhnliche Klimperei
fortzusetzen. Dagegen wandte sie das Erlernte dazu an, sich fr einfache Lieder
auf der Orgel einzuben, sie begleitete also jetzt unsern Gesang, und der
Schulmeister stand dafr singend in unserm Kreise. Er sah fortwhrend seine
Tochter an, und ich ebenfalls, da wir ihr im Rcken standen; sie sah wirklich
aus wie eine heilige Ccilie, whrend die Stellung ihrer weien Finger auf den
Tasten noch etwas Kindliches ausdrckte. Als wir des musikalischen Vergngens
satt waren, gingen wir vor das Haus; dort war auch vieles verndert. Auf dem
Treppchen standen Mandel- und Oleanderbumchen, das Grtchen war nicht mehr ein
krauses Rosen- und Gelbveigeleingrtchen, sondern, Annas jetziger Erscheinung
mehr angemessen, mit fremden Gewchsen und einem grnen Tische nebst einigen
Gartensthlen versehen. Nachdem wir hier eine kleine Abendmahlzeit eingenommen,
gingen wir an das Ufer, wo ein neuer Kahn lag; Anna hatte auf dem Genfersee
fahren gelernt und der Schulmeister deswegen das Fahrzeug machen lassen, das
erste, welches auf dem kleinen See seit Menschengedenken zu sehen war. Auer dem
Schulmeister stiegen wir alle hinein und fahren auf das ruhige glnzende Wasser
hinaus; ich ruderte, da ich als Anwohner eines grern Sees auch meine Knste
zeigen wollte, und die Mdchen saen dicht beisammen, die Bursche aber hielten
sich unruhig und suchten Scherz und Hndel. Endlich gelang es ihnen, das Gefecht
wieder zu erffnen, zumal sich ihre Schwestern aus der gemessenen Haltung heraus
nach freier Bewegung sehnten. Sie hatten sich nun genug darin gefallen, mit Anna
die Feinen und Gestrengen zu machen, und wnschten vorzglich die Frchte des
Spukes, welchen sie sich mit meinem Bette erlaubt hatten, mit Glanz einzuernten.
Deshalb wurde ich bald der Gegenstand des Gesprches; Margot, die Alteste,
berichtete Anna, da ich mich als einen strengen Feind der Mdchen dargestellt
htte und da nicht zu hoffen wre, da ich jemals mich eines schmachtenden
Herzens erbarmen wrde; sie warne daher Anna zum voraus, sich nicht etwa frher
oder spter in mich zu verlieben, da ich sonst ein artiger junger Mensch sei.
Darauf bemerkte Lisette, es wre dem Schein nicht zu trauen; sie glaube
vielmehr, da ich innerhalb lichterloh brenne vor Verliebtheit, in wen, wisse
sie freilich nicht; allein ein sicheres Zeichen davon wre mein unruhiger
Schlaf, man htte am Morgen mein Bett im allersonderbarsten Zustande gefunden,
die Leintcher ganz verwickelt, so da zu vermuten, ich habe mich die ganze
Nacht um mich selbst gedreht wie eine Spindel. Scheinbar besorgt fragte Margot,
ob ich in der Tat nicht gut geschlafen habe? Wenn dem so wre, so wte sie
allerdings nicht, was sie von mir halten mte. Sie wolle inzwischen hoffen, da
ich nicht ein solcher Heuchler sei und den Mdchenfeind mache, whrend ich vor
Liebe nicht wte, wo hinaus! berdies wre ich doch noch zu jung fr solche
Gedanken. Lisette erwiderte, eben das sei das Unglck, da ein Grnschnabel wie
ich schon so heftig verliebt sei, da er nicht einmal mehr schlafen knne. Diese
letzte Rede brachte mich endlich auf, und ich rief Wenn ich nicht schlafen
konnte, so geschah das, weil ich durch euere eigene Verliebtheit die ganze Nacht
gestrt wurde, und ich habe wenigstens Nicht allein gewacht! - O gewi sind
wir auch verliebt, bis ber die Ohren! sagten sie etwas betroffen, faten sieh
aber sogleich, und die Altere fuhr fort Weit du was, Vetterchen, wir wollen
gemeinsam zu Werke gehen; vertraue uns einmal deine Leiden, und zum Danke dafr
sollst du unser Vertrauter werden und unser Rettungsengel in unseren
Liebesnten! - Es dnkt mich, du hast keinen Rettungsengel notwendig,
antwortete ich, denn an deinem Fenster steigen die Engel schon ganz lustig die
Leiter auf und nieder! - Hrt, nun redet er irre, es mu schon arg mit ihm
stehen! rief Margot, rot werdend, und Lisette, welche noch beizeiten sieh
verschanzen wollte, setzte hinzu Ach, lat den armen Jungen in Ruh, er ist mir
recht lieb und dauert mich! - Schweig du! sagte ich noch mehr erbost, dir
fallen die Liebhaber von den Bumen in die Kammer!
    Die Bursche klopften in die Hnde und riefen Oho, steht es so? Der Maler
hat gewi etwas gesehen, freilich, freilich, freilich! Wir haben's schon lange
gemerkt! und nun nannten sie die begnstigten Liebhaber der beiden Dmchen,
welche uns den Rcken wandten mit den Worten Larifari! ihr seid alle verlogene
Schelme und der Maler ein recht bser Hauptlgner! Lachend und flsternd
unterhielten sie sieh hierauf mit den anderen beiden Mdchen, die nicht recht
wuten, woran sie waren, und alle wrdigten uns keines Blickes mehr. So hatte
ich das Geheimnis, das Ich am Morgen gromtig zu verschweigen gelobt, noch vor
Untergang der Sonne ausgeplaudert. Dadurch, war der Krieg zwischen mir und den
Schnen erklrt, und ich sah mich pltzlich himmelweit von dem Ziele meiner
Hoffnungen gerckt; denn Ich dachte mir alle Mdchen als eng verbndet und
gleichsam eine Person, mit welcher man im ganzen gut stehen msse, wenn man ein
Teilchen gewinnen wolle.

                               Siebentes Kapitel


Um diese Zeit wurde der zweite Lehrer des Dorfes versetzt, und an seine Stelle
kam ein blutjunges Schulmeisterlein von kaum siebzehn Jahren, welches bald ein
Original in der Gegend wurde. Es war ein wunderhbsches Brschchen mit
rosenroten Wnglein, einem kleinen lieblichen Munde, mit einem kleinen
Stumpfnschen, blauen Augen und blonden gelockten Haaren. Er nannte sich selbst
einen Philosophen, weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde, denn sein
Wesen und Treiben war in allen Stcken absonderlich. Mit einem vortrefflichen
Gedchtnisse begabt, hatte er die zu seinem Berufe gehrigen Kenntnisse bald
erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen mglichen
Philosophien abgegeben, welche er der Reihe nach auswendig lernte; der Direktor
dieser Anstalt war ein Mann, welcher seinen Zglingen, obgleich sie nur
Volkslehrer werden sollten, gern zum allgemeinsten Wissen verhalf, wenn sie sich
durch Flei die ntige Zeit dazu erwarben. Das hatte freilich zur Folge, da
alle, welche wirklich ein hheres und grndliches Wissen erreichten oder fr
erreichbar hielten, so bald als mglich der Volksschule Valet sagten und andere
Bahnen verfolgten. Dies war indessen nur billig; wenn das Seminar dabei seinen
unmittelbaren Zweck verfehlte, so vergab es doch seiner Wrde nichts, indem es
armen Bauersshnen die Welt auftat. Auch behielten diese, wenn sie ansehnliche
Gelehrte oder Staatsbeamte wurden, doch immer eine besondere Anhnglichkeit und
Liebe fr die Volksschule, welcher sie sich anfnglich geweiht hatten, und was
dieser oft zu Schutz und Gedeihen gereichte.
    Aber es gab auch eine andere Art Wibegieriger, welche, mehr vom uern
Schein und Hochmut getrieben, vieles erschnappten, ohne Fe den rechten Schlssel
zum wissenschaftlichen Leben zu finden, auch sonst behindert und ohne Talent,
Schulmeister bleiben muten und manchmal tchtige Lehrer abgaben, wenn sie
Eitelkeit und Unzufriedenheit berwunden, manchmal aber auch unntze Gesellen
wurden, welche alle Liebe fr ihren Beruf verloren, whrend sie doch von
jedermann die unbedingteste Hochachtung verlangten, ihre Zeit zwischen
Dorfintriguen und Kartenspiel teilten oder unausgesetzt um alle Mdchen im Lande
sich bewarben, die einige tausend Gulden zu erben hatten. Am liebsten heirateten
sie endlich, nach vielen verfehlten Plnen, irgendeine verwitwete
Schenkebesitzerin, wo sie alsdann als gelehrte Wirte stattlich figurierten,
froh, dem Schulstaube entronnen zu sein.
    Zu allen diesen gehrte jedoch der Philosoph nicht. Er behauptete, der beste
Volksschulmeister wre nur derjenige, welcher auf dem hchsten und klarsten
Gipfel menschlichen Wissens stnde, mit dem umfassenden Blicke ber alle Dinge,
das Bewutsein bereichert mit allen Ideen der Welt, zugleich aber in Demut und
Einfalt, in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den Kleinen, womglichst mit den
Kleinsten. Demgem lebte er wirklich, aber dies Leben war seiner groen Jugend
wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur. Gleich einem Stare wute er alle
Systeme von Thales bis auf heute herzusagen, allein er verstand sie immer im
wrtlichsten und sinnlichsten Sinn, wobei besonders seine Auffassung der
Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug hervorbrachte. Wenn er von Spinoza
sprach, so war ihm nicht etwa die Idee aller mglichen Sthle der Welt, als ein
Stck zweckmig gebrauchter Materie, der Modus, sondern der einzelne Stuhl, der
gerade vor ihm stand, war ihm der fertige und vollstndige Modus, in welchem die
gttliche Substanz in wirklichster Gegenwart steckte, und der Stuhl wurde
dadurch geheiligt. Bei Leibniz fiel ihm nicht etwa die Welt in einem greulichen
Monadenstaub auseinander, sondern die Kaffeekanne auf dem Tisch, mit welcher er
gerade exemplierte, drohte auseinanderzugehen und der Kaffee, welcher im
Gleichnis nicht mitbegriffen, auf den Tisch zu flieen, so da der Philosoph
sich beeilen mute, durch die prstabilierte Harmonie die Kanne
zusammenzuhalten, wenn wir den erquickenden Trank genieen wollten. Bei Kant
hrte man das gttliche Postulat so leibhaftig und zierlich erklingen wie ein
Posthrnchen, aus der tiefen Ferne der innersten Brust; bei Fichte verschwand
wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in Auerbachs Keller, nur da wir
nicht einmal an unsere Nasen glauben durften, welche wir in den Hnden hielten;
wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes, als was der Mensch aus seinem
eigenen Wesen und nach seinen Bedrfnissen abgezogen und zu Gott gemacht hat,
folglich ist niemand als der Mensch dieser Gott selbst, so versetzte sich der
Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus und betrachtete sich selbst mit
anbetender Verehrung, so da bei ihm, indem er die religise Bedeutung des
Wortes immer beibehielt, zu einer komischen Blasphemie wurde, was im Buche die
strengste Entsagung und Selbstbeschrnkung war. Am drolligsten nahm er sich
jedoch aus in seiner Anwendung der alten Schulen, deren Lebensregeln er in
seinem uern Behaben vereinigte. Als Cyniker schnitt er alle berflssigen
Knpfe von seinem Rocke, warf die Schuhriemen weg und ri das Band von seinem
Hute, trug einen derben Prgel in der Hand, welcher zu seinem zarten Gesichtchen
seltsam kontrastierte, und legte sein Bett auf den bloen Boden; bald trug er
sein schnes Goldhaar in langen, tausendfach geringelten Locken, weil die Schere
berflssig sei, bald schnitt er es so dicht am Kopfe weg, da man mit dem
feinsten Zngelchen kaum ein Hrchen htte fassen knnen, indem er die Locken
als schnden Luxus erklrte, und er sah dann mit seinem geschorenen
Rosenkpfchen noch viel lustiger aus. Im Essen war er hinwieder Epikureer, und
die gewhnliche Dorfkost verschmhend, schmorte er sich ein saures Eichhrnchen,
briet ein Fischchen oder eine Wachtel, die er gefangen hatte, und a ausgesuchte
kleine Bhnchen, junge Krutchen und dergleichen, wozu er ein halbes Glschen
alten Wein trank. Als Stoiker hingegen richtete er allerhand spahafte Hndel an
und brachte die Leute in Harnisch, um in dem entstandenen Lrm dann einen kalten
Gleichmut zu behaupten und sich nichts anfechten zu lassen; insbesondere aber
erklrte er sich als einen Verchter der Frauen und fhrte einen bestndigen
Krieg mit ihnen, welche mit ihren sinnlichen Reizen und ihrem eitlen Wesen die
Mnner ihrer Tugend und Ernsthaftigkeit berauben wollten. Als Cyniker verfolgte
er die Frauen und Mdchen berall mit Natrlichkeiten, als Epikureer mit
erotischen Witzen, und als Stoiker sagte er ihnen Grobheiten, war aber immer zu
finden, wo drei beieinanderstanden. Sie wehrten sich mit geruschvollem
Entsetzen gegen ihn, so da berall, wo er erschien, ein lustiger Spektakel
losging; nichtsdestominder sah man ihn berall gern, die Mnner achteten nicht
auf ihn, und die Kinder hingen mit groer Liebe an ihm; denn mit diesen war er
auf einmal wie ein Lamm und stand in dem reinsten und schnsten Verhltnisse zu
ihnen. Er hatte die Allerkleinsten zu besorgen, und er tat dies so vortrefflich,
da man noch nie einen so wohlgearteten und sittigen Schlag kleiner Jngelchens
und Dirnchens im Dorfe gesehen hatte. Deshalb bersah man seine brigen
Geschichten, die er anrichtete und die man seiner tollen Jugend zuschrieb, und
selbst da er sich fr einen Atheisten ausgab, konnte ihn der Gunst des
weiblichen Dorfes nicht berauben.
    Er fand sich auch im Hause meines Oheims ein, wo eine gute Anzahl Mdchen
und junger Bursche, die durch vielfltigen Besuch noch verstrkt wurde, fr
seine Auffhrungen empfnglich war. Ich gesellte mich dem Philosophen bei,
einesteils von seinem Philosophieren angezogen, andernteils von seinem
Weiberkriege, da dieser gerade mit meiner schiefen Lage zu den Mdchen
zusammentraf. Wir machten groe Spaziergnge, auf welchen er mir die Systeme der
Reihe nach vortrug, wie er sie im Kopfe hatte und wie ich sie verstehen konnte.
Es kam mir alles uerst wichtig und erbaulich vor, und ich ehrte bald, gleich
ihm, jede Lehre und jeden Denker, gleichviel ob wir sie billigten oder nicht.
ber den christlichen Glauben waren wir bald einig und machten in die Wette
unsern Krieg gegen Pfaffen und Autorittsleute jeder Art; als ich aber den
lieben Gott und die Unsterblichkeit aufgeben sollte und der Philosoph dieses mit
hchst unbefangenen Auseinandersetzungen verlangte, da lachte ich ebenso
unbefangen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, die Sache ernstlich zu
untersuchen. Ich sagte, am Ende wre die Hauptformel einer jeden Philosophie,
und sei diese noch so logisch, eine ebenso groe und greuliche Mystik wie die
Lehre von der Dreieinigkeit, und ich wollte von gar nichts wissen als von meiner
persnlichen angeborenen berzeugung, ohne mir von irgendeinem Sterblichen etwas
dazwischenreden zu lassen. Auerdem da ich nicht gewut htte, was ich anfangen
sollte ohne Gott, und ich die Ahnung hatte, da ich einer Vorsehung im Leben
noch sehr bentigt sein wrde, band mich ein knstlerisches Bewutsein an diese
berzeugung. Ich fhlte, da alles, was Menschen zuwege bringen, seine Bedeutung
nur dadurch hat, da sie es zuwege bringen konnten und da es ein Werk der
Vernunft und des freien Willens ist; deshalb konnte mir die Natur, an die ich
gewiesen war, auch nur einen Wert haben, wenn ich sie als das Werk eines mir
gleich fhlenden und voraussehenden Geistes betrachten konnte. Ein
sonnedurchschossener Buchengrund konnte nur dann ein Gegenstand der Bewunderung
sein, wenn ich ihn mir durch ein hnliches Gefhl der Freude und der Schnheit
geschaffen dachte. Sehen Sie diese Blume, sagte ich zum Philosophen, es ist
gar nicht mglich, da diese Symmetrie mit diesen abgezhlten Punkten und
Zacken, diese wei und roten Streifchen, dies goldene Krnchen in der Mitte
nicht vorhergedacht seien! Und wie schn und lieblich ist sie, ein Gedicht, ein
Kunstwerk, ein Witz, ein bunter und duftender Scherz! So was macht sich nicht
selbst! - Auf jeden Fall ist sie schn, sagte der Philosoph, sei sie gemacht
oder nicht gemacht! Fragen Sie einmal! Sie sagt nichts, sie hat auch nicht Zeit
dazu, denn sie mu blhen und kann sich nicht um Ihre Zweifel kmmern! Denn das
sind alles Zweifel, was Sie vorbringen, Zweifel an Gott und schnde Zweifel an
der Natur, und es wird mir bel, wenn ich nur einen Zweifler hre, einen
empfindsamen Zweifler! O weh! Er hatte diesen Trumpf beim Disputieren lterer
Leute gehrt und brachte denselben wie hnliche Gewandtheiten, die er sich
angeeignet, gegen mich vor, so da ich zuletzt immer geschlagen wurde; besonders
sagte er zuletzt immer, ich verstehe eben die Sache noch nicht und wte nicht
richtig zu denken, was mich dann gewaltig erboste, und wir gerieten manchmal in
grimmigen Zank. Doch vereinigten wir uns immer wieder, wenn wir mit den Mdchen
zusammentrafen, wo wir einen gemeinsamen Kampf zu bestehen hatten, von allen
Seiten angegriffen. Wir schlugen unsere Feinde eine Zeitlang mit unseren
Sarkasmen siegreich zurck, wenn sie aber nicht mehr weiterkonnten und zu sehr
gereizt waren, so ging der Krieg in Ttlichkeiten ber; eine einzelne begann
damit, einem von uns unversehens ein Glas Wasser ber den Kopf zu gieen, und
alsobald war ein hitziges Jagen und Verfolgen durch Haus und Grten im Gange.
Andere Bursche machten sich schnell herbei, denn fnf bis sechs zornige Mdchen
waren eine zu reizende Gelegenheit fr sie. Man warf sich mit Frchten, schlug
sich mit ausgerissenen Nesselstauden, suchte sich gegenseitig ins Wasser zu
drngen, wobei man ins allerengste Handgemenge kam, und ich war sehr verwundert,
die tollen Kinder so rhrig und wehrbar zu finden. Wenn ich eine junge Wilde mit
aller Kraft umfat hielt, um sie zu bndigen, whrend sie mich bslich zu
schdigen suchte, so stritt ich ganz ehrlich und tapfer, ohne irgendeinen
Nebenvorteil zu suchen, und ich wute gar nicht, da ich ein Mdchen in den Arm
prete. Solche Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit; einst aber
entzndete sich der Streit in ihrer Gegenwart, ohne da man es gewollt hatte;
sie suchte sich schleunigst zu salvieren, ich aber, der eben hitzig einer
anderen nachstellte, um sie fr eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen, kriegte
pltzlich Anna zu fassen und lie erschrocken meine Hnde sinken.
    So mutig ich an der Seite des Philosophen war, um so kleinlauter war ich,
wenn ich den Mdchen allein gegenberstand, denn alsdann war keine Rettung, als
alles ber sich ergehen zu lassen. Der Philosoph frchtete sich vor dieser
Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hlle von zwlf
jungen und alten Weibern umher, und er triumphierte um so lauter, je bler er
von ihren Zungen und Hnden zugerichtet wurde, wenn er ihnen weiberschmhende
Aussprche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf. Ich hingegen
rumte das Feld, wenn mir die Sache zu arg wurde, oder ich stellte mich, als ob
ich nicht ungeneigt wre, mich belehren und bekehren zu lassen. Wenn ich
vollends mit einem der Mdchen ganz allein war, so wurde stets ein
Waffenstillstand geschlossen, und ich war immer halb bereit, unsere Sache zu
verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen. Jedoch mu ich diese
Neigung schlecht zu uern gewut haben, denn niemals schien man sie zu
bemerken, und ich mute zufrieden sein, sonst ein vernnftiges Wort zu wechseln.
Ich wnschte durch diesen gemigten und freundlichen Verkehr allmhlich dahin
zu gelangen, auch mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen, und
glaubte dies trichterweise immer am besten auf weitlufigem Wege zu
bewerkstelligen, indem ich mich an die anderen hielt, statt Anna einfach einmal
bei der Hand zu nehmen und anzureden. Allein dies letztere schien mir eben noch
himmelweit zu liegen und eine reine Unmglichkeit; lieber htte ich einen
Drachen gekt, als so leichtsinnig die Schranke gebrochen, obgleich es
vielleicht nur an diesem Drachenku, an diesem ersten Worte hing, die schne
Jungfrau Vertraulichkeit aus der Verzauberung wiederzugewinnen. Allein wer
konnte wissen! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler auf dem Dache!
Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten, als durch die beleidigte Ehre
gentigt zu sein, auf immer zu scheiden! Dadurch ward ich immer mehr und mehr
verhrtet, und zuletzt ward es mir unmglich, das gleichgltigste Wort an Anna
zu richten; so kam es, als sie auch nichts zu mir sagte, da nach einer sehr
stillschweigenden bereinkunft wir freinander gar nicht da waren, ohne uns
deswegen zu meiden. Sie kam ebensooft zu uns herber, wenn ich da war, wie
sonst, und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor, wo sie sich dann
zufrieden herumzubewegen schien, ohne sich um mich zu bekmmern. Indessen kam es
mir wunderlich vor, da kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien,
obgleich es doch gewi auffallen mute, da wir auch gar nie etwas zueinander
sagten. Die lteste Base, Margot, hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Mller
verlobt, welcher ein stattlicher Reitersmann war, die mittlere duldete offen die
Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes, und die jngste, ein Ding von sechszehn
Jahren, welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebrdet,
war unmittelbar oder fast whrend eines der hitzigsten Gefechte berrascht
worden, wie sie in einer Laube sich schnell von dem Philosophen kssen lie; die
Wolken der Zwietracht hatten sich daher verzogen, der allgemeine Friede war
hergestellt, nur zwischen mir und Anna, welche nie im Kriege gelegen
miteinander, war auch kein Friede, oder vielmehr ein sehr stiller, denn unser
Verhltnis blieb sich immer gleich. Anna hatte die erste uere Garnitur aus dem
Welschland schon abgelegt und war wieder frischer und freier geworden; allein
sie blieb doch ein feines und sprdes Kind, das berhaupt nicht viel sprach,
leicht beleidigt und gereizt wurde, was ein schnelles Errten immer anzeigte,
und besonders stellte sieh ein leichter Stolz heraus, der sich mit etwas
Eigensinn verband. Diesem Charakter zufolge war sie unerbittlich und htte eher
den Tod genommen, als da sie sich durch das geringste Entgegenkommen etwas
vergeben htte. Desto verliebter aber wurde ich mit jedem Tage, so da ich mich
fortwhrend mit ihr beschftigte, wenn Ich allein war, mich hchst unglcklich
fhlte und sehnschtig trumend die Wlder und Hhen durchstreifte; denn da ich
nunmehr wieder der einzige war, welcher seine Liebe verbergen mute, wie ich
wenigstens glaubte, so ging ich auch vorzugsweise wieder allein und auf mich
selbst angewiesen. Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu, mit meinem
Handwerkszeuge versehen; allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur, sondern
wenn ich eine recht geheime Stelle gefunden, wo ich sicher war, da niemand mich
berraschte, zog ich ein groes schnes Stck Pergament hervor, auf welchem ich
Annas Bildnis aus dem Gedchtnis in Wasserfarben malte. Dies war fr mich das
allergrte Glck, wenn ich mich an einem klaren Spiegelwsserchen unter dichtem
Bltterdache so wohnlich eingerichtet hatte, das Bild auf den Knien. Ich konnte
nicht zeichnen, daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus, was ihm bei der
Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab. Jeden Tag
betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild, bis
es zuletzt ganz hnlich wurde. Es war in ganzer Figur und stand in einem reichen
Blumenbeete, dessen hohe Blten und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen
Himmel ragten; der obere Teil der Zeichnung war bogenfrmig abgerundet und mit
Rankenwerk eingefat, in welchem glnzende Vgel und Schmetterlinge saen, deren
Farben ich noch mit Goldlichtern erhhte. Alles dies sowie Annas Gewand, welches
ich phantasievoll bereicherte, war mir die angenehmste Arbeit whrend vieler
Tage, die ich im Walde zubrachte, und ich unterbrach diese Arbeit nur, um auf
meiner Flte zu spielen, welche ich bestndig bei mir fhrte. Auch des Abends,
nach Sonnenuntergang, ging ich oft mit der Flte noch aus, strich hoch ber den
Berg, bis wo der See in der Tiefe und des Schulmeisters Haus daran lag, und lie
dann meine selbsterfundenen Weisen oder auch ein schnes Liebeslied durch Nacht
und Mondschein ertnen. Hierauf schien kein Mensch zu achten oder sich
wenigstens so zu stellen; denn ich htte sogleich aufgehrt, wenn irgend jemand
sich darum bekmmert htte, und doch suchte ich gerade dies und blies meine
Flte wie einer, der gehrt sein will. So gingen die Sommermonate vorber; ich
verbarg das Bild sorgfltig und gedachte es noch lange zu verbergen, indem es
von jedermann als ein ziemlich deutliches Gestndnis der Liebe angesehen werden
mute. An einem sonnigen Septembernachmittage, als der herbstliche Schein mild
auf dem Garten lag und das Gemt zur Freundlichkeit stimmte, wollte ich eben
ausgehen, als ein ganz kleines Knbchen mir die Botschaft brachte, ich mchte in
die grere Gartenlaube kommen. Ich wute, da smtliche Mdchen dort mit
Margots Aussteuer beschftigt waren und da Anna ihnen half; das Herz klopfte
mir daher sogleich, weil ich irgend etwas Angenehmes ahnte, doch ging ich erst
nach einer kleinen Weile mit gleichgltiger Miene hin. Die Mdchen saen in
einem Halbkreise um das weie Leinenzeug herum, unter dem grnen Rebendache, und
sie sahen alle schn und blhend aus. Als ich eintrat und fragte, was sie
begehrten, lchelten und kicherten sie eine Zeitlang verlegen, da ich trotzig
schon wieder umkehren und weggehen wollte. Jedoch Margot ergriff das Wort und
rief So bleib doch hier, wir werden dich nicht fressen! und nachdem sie sich
geruspert, fuhr sie fort Es sind mannigfaltige Klagen ber dich angesammelt,
und wir haben daher uns als eine Art Gerichtshof hieher gesetzt, um dich zu
richten und ins Verhr zu nehmen, lieber Vetter! und wir fordern dich hiemit
auf, uns auf alle Fragen treu, wahr und bescheiden zu antworten! Erstlich
wnschen wir zu wissen - je, was wollten wir denn zuerst fragen, Caton? - Ob
er gern Aprikosen esse, erwiderte diese, und Lisette rief Nein, wie alt er
sei, mssen wir zuerst fragen, und wie er heie! - Bitte, macht euch nicht gar
zu unntz, sagte ich, und rckt heraus mit eurem Anliegen! Doch Margot sagte
Kurz und gut, du sollst einmal sagen, was du gegen die Anna hast, da du dich
so gegen sie benimmst? - Wieso? antwortete ich verlegen, und Anna wurde ganz
rot und sah auf ihre Leinwand; Margot fuhr fort Wieso? das mchte ich auch noch
fragen! Mit einem Wort was hast du fr einen Grund, seit deiner Ankunft bei uns
kein Sterbenswrtchen zu Anna zu sagen und zu tun, als ob sie gar nicht in der
Welt wre? Dies ist nicht nur eine Beleidigung fr sie, sondern fr uns alle,
und schon des ffentlichen Anstandes wegen mu es gehoben werden auf irgendeine
Weise; wenn Anna dich beleidigt hat, ohne es zu wissen, so erklre es, damit sie
dir demtige Abbitte tun kann. brigens brauchst du hierauf nicht stolz zu sein
oder zu glauben, es sei auf deine kostbare Gunst abgesehen! Einzig und allein
mu durch gegenwrtige Verhandlung die Schicklichkeit und das gute Recht gewahrt
werden! Ich erwiderte, da ich die Grnde fr mein Benehmen gegen Anna angeben
knne, sobald sie mir diejenigen fr ihr eigenes Verhalten mitteilen wolle,
indem ich mich ebensowenig eines an mich gerichteten Wortes rhmen knne. Auf
diese Rede ward mir vorgehalten ein Frauenzimmer knne immer noch tun, was sie
wolle; jedenfalls mte ich den Anfang machen, worauf dann Anna sich
verpflichten wrde, in einem gesellschaftlich freundlichen und zuvorkommenden
Verkehr mit mir zu leben wie mit anderen.
    Dies lie sich hren und schien mir ganz in dem Sinne gesagt zu sein, in
welchem ich die Frauen als eine verschworene Einheit betrachtet hatte; es klang
mir wie ein angenehmer Beweis davon, da es gut sei, wenn sie eine Sache
wohlwollend an die Hand nhmen. Ihre hochtrabenden Worte beirrten mich nicht,
und ich bildete mir gleich ein, da man mich sehr ntig habe. Lchelnd erwiderte
ich, da ich mich einem vernnftigen Wort gern fge und da ich nichts Besseres
verlange, als mit aller Welt in Frieden zu leben. Nun stand ich aber wieder da,
ohne Anna weiter anzusehen, welche emsig nhte. Lisette ergriff nun das Wort und
sagte Um einen Anfang zu machen, gib mm der Anna die Hand und versprich ihr mit
deutlichen Worten, jedesmal, wo du mit ihr zusammentriffst, sie mit ihrem Namen
zu gren und sie zu fragen, wie es ihr geht; hiebei soll festgesetzt sein, da
jedesmal, wo du sie zuerst an dem Tage siehst, die Hand gereicht werde, wie es
unter Christen gebruchlich ist! Ich nherte mich Anna, hielt meine Hand hin
und sprach eine verworrene kleine Rede; ohne aufzusehen, gab sie mir die Hand,
wobei sie die Nase ein bichen rmpfte und ein wenig lchelte. Als ich hierauf
mich aus der Laube entfernen wollte, begann Margot wieder: Geduld, Herr Vetter!
Es kommt nun der zweite Punkt, welcher zu erledigen ist. Sie schlug die Tcher,
welche den Tisch bedeckten, auseinander und enthllte mein Bild Annas. Wir
wollen, fuhr sie fort, nicht lange errtern, wie wir zu diesem geheimnisvollen
Werke gelangt, genug, es ist entdeckt, und wir wnschen nun zu wissen, mit
welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mdchen ohne ihr Wissen abkonterfeit
werden?
    Anna hatte einen flchtigen Blick auf das bunte Pergament geworfen und sa
ebenso verlegen und unruhig da, als ich beschmt und trotzig war. Ich erklrte,
da das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung
darber schuldig wre, gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im
verborgenen liege, wo ich knftig meine Sachen zu lassen bitte. Damit wollte ich
meine Zeichnung ergreifen; allein die Mdchen deckten sie schleunig mit Leinwand
zu und trmten die ganze Aussteuer darauf. Es knne ihnen nicht gleichgltig
sein, sagten sie, ob ihre Bildnisse heimlich und zu unbekanntem Zwecke
angefertigt wrden. Ich mte also bestimmt erklren, fr wen ich besagtes Werk
angefertigt habe oder was ich damit zu machen gedenke; denn da ich es fr mich
behalten wolle, sei nach meinem bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen, auch
wre dies nicht zu gestatten. Die Sache ist sehr einfach, erwiderte ich
endlich, ich habe dem Schulmeister, Annas Vater, eine kleine Freude zu seinem
Namenstage machen wollen und gedachte dies am besten durch ein Portrt seiner
Jungfer Tochter zu erreichen; habe ich damit unrecht getan, so tut es mir leid,
ich werde es nicht wieder tun! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines
Hauses und Gartens am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten, mir
verschlgt es nichts?
    Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes, das mir auch
der Mhe und Arbeit wegen lieb geworden war, zugleich aber schnitt ich der
unbequemen Verhandlung den Faden ab, indem die Mdchen hiegegen nichts mehr
einzuwenden wuten und meine aufmerksame Gesinnung fr den Schulmeister noch zu
loben veranlat wurden. Doch beschlossen sie, das Pergament aufzubewahren bis
zum bestimmten Tage, wo wir es smtlich dem Schulmeister feierlich berbringen
wrden. So kam ich um meinen Schatz, verhehlte aber meinen Verdru, indessen die
kleine Caton, noch nicht zufrieden, wieder anfing Ihm verschlgt es nichts! ob
er das Haus zeichne oder Anna, sagte er! Was soll das wohl heien? Und Margot
erwiderte Das soll heien, da er ein hochmtiger Gesell ist, welchem ein Haus
und ein schnes Mdchen gleich unbedeutend sind! Hauptschlich aber soll es
heien Glaubt ja nicht etwa, da ich das mindeste besondere Interesse an diesem
Gesichtchen hatte, als ich es malte! Dies ist eine neue Beleidigung, und der
armen Anna gebhrt eine glnzende Genugtuung! Margot zog nun ein
zusammengefaltetes Blatt aus dem Busen, entfaltete es und beauftragte Lisette,
es laut und feierlich vorzulesen. Ich war sehr begierig, was es sein mchte,
Anna wute ebenfalls nicht, was das bedeute, und sah ein wenig auf; nach den
ersten Worten aber erkannte ich, da es meine Liebeserklrung aus dem
Bienenhause war. Es wurde mir kalt und hei whrend des Lesens, Anna kam, soviel
ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, erst nach und nach auf die Spur, die
brigen Mdchen, welche anfangs bermtige und lachende Gesichter zeigten,
wurden durch die Stille whrend des Lesens und durch die ehrliche Schnheit und
Kraft jener Worte betroffen und beschmt, und sie errteten der Reihe nach, wie
wenn die Erklrung sie selber betroffen htte. Indessen gab mir die Angst schon
eine neue List ein, die Angst, welche ich vor dem Verklingen des letzten Wortes
hatte. Als die Leserin schwieg, selbst in nicht geringer Verlegenheit, sagte ich
so trocken als mglich Teufel! das kommt mir ganz bekannt vor, zeigt einmal
her! - Richtig! das ist ein altes Blatt Papier, von mir beschrieben!
    Nun? weiter? sagte Margot etwas verblfft, denn sie wute nun ihrerseits
nicht, wo es hinaussollte. Wo habt ihr das gefunden? fuhr ich fort, das ist
ein Stck bersetzung aus dem Franzsischen, das ich schon vor zwei Jahren hier
im Hause gemacht habe. Die ganze Geschichte steht in dem alten vergoldeten
Schferroman, der im Dachstbchen liegt bei den alten Degen und Folianten; ich
habe damals statt des Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spae. Hole
einmal das Buch herunter, kleine Caton! ich will euch die Stelle franzsisch
vorlesen.
    Hol einmal selbst, kleiner Heinrich, wir sind gerade gleich alt! versetzte
die Kleine, und die brigen machten ganz enttuschte Gesichter, da meine
Erfindung zu natrlich und wahrhaft ansah. Nur Anna mute wissen, da die
Erklrung doch ausschlielich an sie gerichtet war, weil sie allein an der
Berufung auf das Grab der Gromutter erkennen konnte, da Stoff und Datum neu
waren. Sie rhrte sich nicht. So war nun der Inhalt des fliegenden Blattes doch
noch an seine rechte Bestimmung gelangt, und ich konnte seine Wirkung sich
selbst berlassen, ohne mit meiner Person unmittelbar dazu zu stehen und ohne
da die Mdchen einen Triumph davon hatten. Ich wurde so sicher und khn, da
ich das Papier nahm, zusammenfaltete und es der Anna mit einer komischen
Verbeugung und den Worten berreichte Da man dieser Stilbung einmal einen
hhern Zweck zugeschrieben hat, so geruhen Sie, verehrtes Frulein! dem irrenden
Blatte ein schtzendes Obdach zu geben und dasselbe als eine Erinnerung an
diesen denkwrdigen Nachmittag von mir anzunehmen! Sie lie mich erst eine
Weile stehen und wollte das Papier nicht nehmen; erst als ich eben links
abschwenken wollte, nahm sie es rasch und warf es neben sich auf den Tisch.
    Mein Witz war indessen zu Ende, und ich suchte mit guter Manier aus der
Laube zu kommen. Mit einer zweiten scherzhaften Verbeugung empfahl ich mich,
smtliche Mdchen standen zierlich auf und entlieen mich unter
spttisch-hflichen Verneigungen. Der Spott kam von ihrem weiblichen Grolle, da
sie mich nicht gedemtigt und untergekriegt hatten, die Hflichkeit von der
Achtung, welche ihnen mein Benehmen einflte; denn whrend das Bild sowohl wie
das beschriebene Blatt von dem Vorhandensein einer bestimmten Neigung zeugten,
war ich doch nicht aufdringlich und schwchlich mit derselben und hatte trotz
der ffentlichkeit der Verhandlung das eigentliche zarte Geheimnis so zu
schtzen gewut, da unter dem Mantel des Scherzes nicht nur ich, sondern auch
Anna die volle Freiheit behalten hatte, anzuerkennen, was ihr beliebte.
    Hchst zufrieden zog ich mich in das Dachstbchen zurck, wo ich meinen Sitz
aufgeschlagen hatte, und vertrumte dort eine kleine Stunde in der grten
Seligkeit. Anna kam mir so liebenswert und kstlich vor wie noch niemals, und
indem mein eigenschtiger Sinn sie sich nun unentrinnbar verfallen dachte,
bedauerte ich sie in ihrer Feinheit beinahe und fhlte eine Art zrtlichen
Mitleidens mit ihr. Doch machte ich mich bald wieder auf die Beine und schlich,
da die Septembersonne sich schon zu neigen begann, dem Garten zu, um dem Tage
die Krone aufzusetzen und zu sehen, ob ich Anna nach Hause geleiten knnte, zum
ersten Male wieder seit den schnen Kindertagen. Sie aber war schon fort und
allein ber den Berg gegangen, die Basen rumten ihre Arbeit zusammen und taten
sehr gleichmtig und ruhig, ich berblickte den leeren Tisch, htete mich aber
wohl zu fragen, ob Anna das Papier wirklich mitgenommen habe, und schlenderte
das Tal hinauf in den Schatten hinein, unmutig wie einer, welcher von einem
frhlichen Mittagsmahle kommt und nicht wei, wie er den Abend zubringen soll;
denn ich dachte nicht daran, da Anna, wenn sie mich liebte, nun ja auch allein
ber den Berg wanderte.
    Die nchsten Tage kam sie nicht zu uns, und ich getraute mir auch Nicht zum
Schulmeister zu gehen; sie hatte nun ein schriftliches Gestndnis von mir in den
Hnden, weswegen mir nun unser beider Freiheit verloren und deshalb unser
Benehmen schwieriger schien, weil ich die Gewaltsamkeit einer solchen Erklrung
wohl fhlte. Ich sehnte mich auch nicht sowohl nach einer Erwiderung von ihrer
Seite als nach einem schweigenden und ruhigen Einverstndnis und nach sicheren
Zeichen, da nicht etwa eine andere Neigung in ihrem Herzchen entstanden sei.
Wie nun ein Tag nach dem andern vorberging, verschwand meine vergngte
Sicherheit wieder, besonders da ich gar keinerlei Erwhnung und Spuren von dem
Vorgange in der Laube erfuhr, und Ich war eben wieder auf dem Punkte, in meinem
Herzen trotzig zu verstocken, als der Namenstag des Schulmeisters, welchen ich
in der Not angerufen hatte, wirklich da war und die Bschen erklrten, wir
wrden auf den Abend alle hingehen, um ihn zu beglckwnschen. Erst jetzt bekam
ich mein Bild wieder zu sehen, welches ganz fein eingerahmt war. An einem
verdorbenen Kupferstiche hatten die Mdchen einen schmalen, in Holz auf das
zierlichste geschnittenen Rahmen gefunden, welcher wohl siebenzig Jahr alt sein
mochte und eine auf einen schmalen Stab gelegte Reihe von Mschelchen
vorstellte, von denen eins das andere halb bedeckte. An der inneren Kante lief
eine feine Kette mit viereckigen Gelenken herum, fast ganz freistehend, die
uere Kante war mit einer Perlenschnur umzogen. Der Dorfglaser, welcher
allerlei Knste trieb und besonders in verjhrten Lackierarbeiten auf
altmodischem Schachtelwerk stark war, hatte den Muscheln einen rtlichen Glanz
gegeben, die Kette vergoldet und die Perlen versilbert und ein neues klares Glas
genommen, so da ich hchst erstaunt war, meine Zeichnung in diesem Aufputze
wiederzufinden. Sie erregte die Bewunderung aller lndlichen Beschauer, und
besonders meine Blumen und Vgel sowie die Goldspangen und Edelsteine, womit Ich
Anna geschmckt, auch die fromme und sorgfltige Ausarbeitung ihrer Haare und
ihrer weien Halskrause, die schnblauen Augen und die rosenroten Wangen, der
tiefrote Mund, alles entsprach dem phantasiereichen Sinne der Leute, welche ihre
Augen an den mannigfaltigen Gegenstnden vergngten. Das Gesicht war fast gar
nicht modelliert und ganz licht, und dies gefiel ihnen nur um so mehr, obgleich
dieser vermeintliche Vorzug in meinem Nichtknnen seinen einzigen Grund hatte.
    Ich mute das allerherrlichste Werk eigenhndig tragen, als wir fortgingen,
und wenn die Sonne sich in dem glnzenden Glase spiegelte, so erwies es sich
recht eigentlich, da kein Fdelein so fein gesponnen, das nicht endlich an die
Sonne kme. Auch machten die Mdchen reichliche Witze, wenn sie sich nach mir
umsahen, der den Rahmen sorgfltig in acht nehmen mute und daher aussah, als ob
ich ein Palladium im Schweie meines Angesichts ber den Berg trge. Aber die
Freude, welche der Schulmeister bezeugte, entschdigte mich reichlich fr alles
sowie ber den Verlust des Bildes, zumal ich mir vornahm, fr mich selbst noch
ein viel schneres zu entwerfen. Ich war der Held des Tages, als das Bild nach
genugsamem Betrachten ber dem Sofa im Orgelsaale aufgehngt wurde, wo es sich
wie das Bild einer mrchenhaften Kirchenheiligen ausnahm. Doch dies alles trug
dazu bei, meine Annherung zu Anna zu erschweren; es war mir unmglich, diese
Gelegenheit zu benutzen und mit ihr schnzutun, ich begriff ebenfalls, da sie
jetzt eben sich sehr gemessen benehmen mute, und ich erkannte, da es
eigentlich gar kein Spa sei, einem Mdchen seine Neigung so bestimmt kundzutun.
Desto besser stand ich mit dem Schulmeister, mit welchem ich vielfach
disputierte. Sein Bildungskreis umfate hauptschlich das christlich moralische
Gebiet in einem halb aufgeklrten und halb mystisch andchtigen Sinne, wo der
Grundsatz der Duldung und Liebe, gegrndet auf Selbsterkenntnis und auf das
Studium des Wesens Gottes und der Natur, zu oberst stand. Daher war er sehr
bewandert in den memoirenartigen Schriften geistreich andchtiger Leute aus
verschiedenen Nationen, und er besa und kannte seltene und berhmte Bcher
dieser Art, die ihm die berlieferung gleicher Bedrfnisse in die Hnde gegeben
hatte. Es war viel Schnes, Vornehmes und allgemein Wahres zu lesen in diesen
Bchern, und ich hrte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vortrgen zu,
indem das Grbeln nach dem Wahren und Guten mich immer mehr anzog. Meine
Einsprachen bestanden darin, da ich gegen das Christliche protestierte, welches
das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte. Ich befand mich in dieser
Hinsicht in einem peinlichen Zerwrfnisse. Whrend ich die Person Christi
liebte, wenn sie auch, wie ich glaubte, in der Vollendung, wie sie dasteht, eine
Sage sein sollte, und whrend ich vielfach das Wohltuende ihrer Erinnerung
empfand, war ich doch gegen alles, was sich christlich nannte, ganz feindlich
gesinnt geworden, ohne recht zu wissen warum, und ich war sogar froh, diesen Ha
zu empfinden; denn wo sich Christentum geltend machte, war fr mich reizlose und
graue Nchternheit. Ich ging deswegen schon seit ein paar Jahren nicht mehr in
die Kirche als an hohen Festtagen, und die christliche Unterweisung besuchte ich
sehr selten, obgleich ich gesetzlich dazu verpflichtet war; im Sommer kam ich
durch, weil ich grtenteils auf dem Lande lebte, im Winter ging ich zwei- oder
dreimal, und man schien dies nicht zu bemerken, wie man mir berhaupt keine
Schwierigkeiten machte, aus dem einfachen Grunde, weil ich der grne Heinrich
hie, d.h. weil ich meiner ganzen Vergangenheit nach eine abgesonderte und
abgeschiedene Erscheinung war; auch machte ich ein so finsteres Gesicht dazu,
da die Geistlichen mich gern gehen lieen. So geno ich einer vollstndigen
Freiheit und, wie ich glaube, nur dadurch, da ich mir dieselbe, trotz meiner
Jugend, entschlossen angemat; denn ich verstand durchaus keinen Spa hierin.
Jedoch ein- oder zweimal im Jahre mute ich genugsam fr dieselbe bezahlen, wenn
nmlich an mich die Reihe kam, in der Kirche aufzusagen, d.h. in der
ffentlichen Kinderlehre nach vorhergegangener Einbung einige auswendig
gelernte Fragen zu beantworten und schlielich eine Liederstrophe herzusagen.
Dies war vor vielen Jahren schon eine Pein fr mich gewesen, nun aber geradezu
unertrglich; und doch unterzog ich mich dem Gebrauche oder mute es vielmehr,
da, abgesehen von dem Kummer, den ich meiner Mutter gemacht htte, das endliche
gesetzliche Loskommen daran geknpft war. Auf die nchste Weihnacht sollte ich
nun konfirmiert werden, was mir ungeachtet der gnzlichen Freiheit, welche mir
nachher winkte, groe Sorgen verursachte. Daher uerte ich mein Antichristentum
jetzt gegen den Schulmeister mehr, als ich sonst getan haben wrde, obgleich es
in ganz anderer Weise geschah, als wenn ich mit dem Philosophen zusammen war;
ich mute nicht nur den Vater Annas, sondern berhaupt den bejahrten Mann ehren,
und besonders seine duldsame und liebevolle Weise schrieb mir von selber vor,
mich in meinen Ausdrcken mit Ma und Bescheidenheit zu benehmen und sogar die
Voraussetzung, da ich als ein junger Bursche noch was zu lernen mglich fnde,
nicht aufzugeben. Auch war der Schulmeister eher froh ber meine abweichenden
Meinungen, indem sie ihm Veranlassung zu geistiger Bewegung gaben und er Ursache
fand, mich frmlich liebzugewinnen, der Mhe wegen, die ich ihm machte. Er
sagte, es sei ganz in der Ordnung, ich sei wieder einmal ein Mensch, bei welchem
das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht der Kirche sein wrde, und
werde noch ein rechter Christ werden, wenn ich erst etwas erfahren habe. Der
Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und behauptete, ihre
gegenwrtigen Diener wren unwissende und rohe Menschen. Ich habe ihn aber ein
wenig im Verdacht, da dies nur darin seinen Grund hatte, da sie Hebrisch und
Griechisch verstanden, was ihm verschlossen war. Ich lernte bei ihm viele Bcher
kennen, die wieder eine ganz andere Welt enthielten als diejenigen des
Philosophen, welcher ein mchtiges Zuckerfa voll philosophischer Bcher ins
Dorf gebracht hatte.
    Indessen war die Ernte lngst vorber, und ich mute an die Rckkehr denken.
Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Tchter
mitnehmen, von denen die zwei jngeren noch gar nie dort gewesen. Er lie eine
alte Kutsche bespannen, welche seit Menschengedenken im Wirtshause stand, und so
fuhren wir davon, die Tchter in ihrem besten Staate, zum Erstaunen aller
Dorfschaften, durch welche wir kamen. Der Oheim fuhr am gleichen Tage mit Margot
zurck, Lisette und Caton blieben eine Woche bei uns, wo die Reihe an ihnen war,
die Blden und Schchternen zu spielen, denn ich zeigte ihnen mit wichtiger
Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat, als ob mir dies alles gehrte.
Nicht lange nachdem sie fort waren, kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk vor
unser Haus gerollt, und heraus stiegen der Schulmeister und sein Tchterchen,
letzteres durch einen fliegenden grnen Schleier gegen die scharfe Herbstluft
geschtzt. Eine lieblichere berraschung htte mir gar nicht widerfahren knnen,
und meine Mutter hatte die grte Freude an dem guten Kinde. Der Schulmeister
wollte sich umsehen, ob fr den Winter eine geeignete Wohnung zu finden wre,
indem er doch allmhlich sein Kind mit der Welt mehr in Berhrung bringen mute,
um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu lassen. Es sagte ihm jedoch
keine Gelegenheit zu, und er behielt sich vor, lieber im nchsten Jahre ein
kleines Haus in der Nhe der Stadt zu kaufen und ganz berzusiedeln. Diese
Aussicht erfllte mich teils mit Freuden, teils aber htte ich mir Anna doch
lieber fr immer als das Kleinod jener grnen entlegenen Tler gedacht, die mir
einmal so lieb geworden. Indessen habe ich das heimliche Vergngen, zu sehen,
wie meine Mutter Freundschaft schlo mit Anna und wie diese ebenso tiefen
Respekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte und zu meiner allergrten
Genugtuung gern zu zeigen schien. Wir wetteiferten nun frmlich, ich, dem
Schulmeister meine Achtung darzutun, und sie meiner Mutter, und ber diesem
angenehmen Streite fanden wir keine Zeit, miteinander selbst zu verkehren, oder
wir verkehrten vielmehr nur dadurch miteinander. So schieden sie von uns, ohne
da ich mit ihr einen einzigen besondern Blick gewechselt htte.
    Nun rckte der Winter heran und mit ihm das Weihnachtsfest. Wchentlich
dreimal frh um fnf Uhr mute ich in das Haus des Pfarrhelfers gehen, wo in
einer langen schmalen riemenfrmigen Stube an vierzig junge Leute zur
Konfirmation vorbereitet wurden. Wir waren Jnglinge, wie man uns nun nannte,
aus allen Stnden; am obern Ende, wo einige trbe Kerzen brannten, die Vornehmen
und Studierenden, dann kam der mittlere Brgerstand, unbefangen und mutwillig,
und zuletzt, ganz in der Dunkelheit, arme Schuhmacherlehrlinge, Dienstboten und
Fabrikarbeiter, etwas roh und schchtern, unter denen nur dann und wann eine
plumpe Strung vorfiel, whrend weiter oben man sich mit Geschicklichkeit
fortwhrend unruhig verhielt. Diese Ausscheidung war gerade nicht absichtlich
angeordnet, sondern sie hatte sich von selbst gemacht. Wir waren nmlich nach
unserm Verhalten und nach unserer Ausdauer geordnet; da nun die Vornehmsten von
Haus aus zum uern Frieden mit der Kirche streng erzogen wurden und die meiste
Sicherheit im Sprechen besaen und dies Verhltnis durch alle Grade
herunterging, so war dem Scheine nach die Rangordnung ganz natrlich, besonders
da die Ausnahmen sich dann von selbst zu ihresgleichen hielten und durchaus
nicht sich unter die anderen Stnde mischen wollten. Es geziemte sich auch, da
diejenigen, welche vermge ihrer Verhltnisse darauf gewiesen waren, als Mnner
einst in der Kirche eine Sttze fr ihre politischen und sozialen Grundstze und
einen Schutz fr das Eigenturn zu finden, in dieser geweihten Werksttte des
Christentumes obenan saen und sich aufmerksam verhielten, whrend dem
gezeichneten Huflein, welchem eingeprgt werden mute, da Christi Reich nicht
von dieser Welt sei, zur heilsamen bung auch hier der unterste Platz gebhrte.
    Schon das pnktliche Aufstehen und Hingehen am kalten dunklen Wintermorgen,
an regelmigen Tagen, und das Hinsitzen an einen bestimmten Platz war mir
unertrglich, da ich seit der Schulzeit dergleichen nicht mehr gebt. Nicht da
ich gnzlich unfgsam war fr irgendeine Disziplin, wenn ich einen notwendigen
und vernnftigen Zweck einsah; denn als ich zwei Jahre spter meiner
Militrpflicht gengen und als Rekrut mich an bestimmten Tagen auf die Minute am
Sammelplatze einfinden mute, um mich nach dem Willen eines versoffenen
Exerziermeisters sechs Stunden lang auf dem Absatze herumzudrehen, da tat ich
dies mit dem grten Vergngen und war ngstlich bestrebt, mir das Lob des alten
Kommibruders zu erwerben. Allein hier galt es, sich zur Verteidigung des
Vaterlandes und seiner Freiheit fhig zu machen; das Land war sichtbar, ich
stand darauf und nhrte mich von seiner Frucht. - Dort aber mute ich mich
gewaltsam aus Schlaf und Traum reien, um in der dsteren Stabe zwischen langen
Reihen einer Schar anderer schlaftrunkener Jnglinge das allerfabelhafteste
Traumleben zu fhren unter dem eintnigen Befehl eines weichlichen
Schwarzrockes, mit dem ich sonst auf der Welt nichts zu schaffen hatte.
    Was unter fernen stlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben,
teils von heiligen Trumern getrumt und niedergeschrieben worden war, ein Buch
der Sage, zart und luftig und weise wie alle Sage, das wurde hier als das
hchste und ernsthafteste Lebenserfordernis, als die erste Bedingung, Brger zu
sein, Wort fr Wort durchgesprochen und der Glaube daran auf das genaueste
reguliert. Die wunderbarsten Ausgeburten menschlicher Phantasie, bald heiter und
reizend, bald finster, brennend und blutig, aber immer durch den Duft einer
entlegenen Ferne gleichmig umschleiert, muten als das wirklichste und
festeste Fundament unseres ganzen Daseins angesehen werden und wurden uns nun
zum letzten Male und ohne allen Spa bestimmt erklrt und erlutert, zu dem
Zwecke, im Sinne jener Phantasien ein wenig Wein und ein wenig Brot am
richtigsten genieen zu knnen; und wenn dies nicht geschah, wenn wir uns dieser
fremden wunderbaren Disziplin nicht mit oder ohne berzeugung unterwarfen, so
waren wir ungltig im Staate, und es durfte keiner nur eine Frau nehmen. Von
Jahrhundert zu Jahrhundert war dies so gebt, und die verschiedene Auslegung der
poetischen Vorstellung hatte Schon ein Meer von Blut gekostet, der jetzige
Umfang und Bestand unseres Staates war grtenteils eine Folge jener Kmpfe, so
da fr uns die Welt des Traumes auf das engste mit der merklichsten und
greifbarsten Wirklichkeit verbunden war. Was als geschichtliches Dokument
vergangener Geistestrume von der grten poetischen Meisterschaft und
knstlerischen Vernunftmigkeit war, wenn man es unbefangen betrachten durfte,
das wurde als aufgedrungene gegenwrtige Realitt mit einem Schlage zu einem
bengstigenden Unsinn, und es ward mir zu Mute, wenn Ich den widerspruchlosen
Ernst sah, mit welchem ohne Mienenverzug das Fabelhafte behandelt wurde, als ob
von alten Leuten ein Kinderspiel mit Blumen getrieben wrde, bei welchem jeder
Fehler und jedes Lcheln Todesstrafe nach sieh zog.
    Welchen Boden die ausgestreute Lehre in dem Herzen jedes einzelnen fand, war
Nicht zu merken. Alle hatten von Kindheit auf die gleichen Worte und Bilder des
Christentumes gehrt, immer ein wenig deutlicher; alle fhlten jetzt, da man
nun das wahre Verstndnis von ihnen verlange als ein Hauptkennzeichen ihrer
Menschlichen Tauglichkeit und als eine Hauptbedingung ihrer Glckseligkeit, aber
alle setzten dem beredten Lehrer ein farbloses und stummes Schweigen entgegen,
durch ihre knappen Antworten nur drftig unterbrochen. Die starrsinnigen
Knppelstirnen sowohl wie die glatten und heiteren, die engherzig schmalen und
niederen wie die hohen freien Wlbungen, diejenigen Stirnen, welchen in der
Mitte nur ein Knpfchen fehlte, um ganz ein viereckiges Schubldchen
vorzustellen, wie diejenigen, welche in edler Rundung eine ganze runde Welt
abbildeten, alle waren in der gleichen khlen Ruhe gesenkt; weder der knftige
Freigeist noch der knftige Fanatiker gaben ein Zeichen ihrer Natur von sich,
weil der grte Proselytenmacher, das Menschenschicksal, nicht mit in der Stube
war. Doch waren alle einstweilen aufmerksam, und ich selbst merkte wohl auf die
inneren christlichen Grundlehren, whrend ich auf das wunderbare Gewand
derselben, auf die biblischen Gestaltungen der gttlichen Persnlichkeiten,
nicht achtete, und ich wei mich nicht einmal einer Zeit zu entsinnen, wo ich
darauf geachtet oder angefangen htte, nicht daran zu glauben. Desto mehr hatte
ich in meinem Herzen gegen jenen innern Gehalt zu eifern, welcher uns einzig
unter der Bedingung zu gut kommen sollte, da wir an die uere Gestalt
glaubten, und mein Herz behauptete, da es jenen Gehalt mit auf die Welt
gebracht habe, soweit er brauchbar sei, und da der Erlser in ihm erwache,
sobald nur ein zweites Herz hinzukomme. Meine unchristliche und ungeistliche
Gesinnung war mir damals nicht klar, und ich hielt mich halb und halb selbst fr
unfromm und lachte dazu, indem ich dabei doch keinerlei Schuld empfand. Die
Sache war aber die, da ich schon lebhaft fhlte, da jener angeborene und
berechtigte Gehalt viel zu zarter Natur war, als da er in eine Staatsreligion
gespannt oder auch nur mit einem andern als dem schlechtweg menschlichen oder
gttlichen Namen bezeichnet werden knnte.
    Das erste, was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und
worauf er eine weitlufige Wissenschaft grndete, war das Erkennen und Bekennen
der Sndhaftigkeit. Diese Lehre traf auf eine verwandte Richtung in mir, welche
tief in meiner Natur begrndet ist, wie in derjenigen jedes ordentlichen
Menschen; sie besteht darin, da man jeden Augenblick sich selbst klaren Wein
einschenken soll, nie und in keiner Weise sich einen blauen Dunst vormachen,
sondern das Unzulngliche und Fratzenhafte, das Schwache und Schlimme sich und
andern offen eingestehen. Der natrliche Mensch betrachtet sich selbst als einen
Teil vom Ganzen und darum ebenso unbefangen wie dieses oder einen andern Teil
desselben; daher darf er sich ebenso wichtig und erbaulich vorkommen wie alles
andere, sich selbst unbedenklich hervorkehren, wenn er nur zu gleicher Zeit
jedes kranke Pnktchen an sich selbst ebenso genau sieht und ins Licht setzt.
Ferner mu man die besonderen Umstnde seiner Fehler oder Vergehen in Betracht
ziehen und die jedesmalige Verantwortlichkeit feststellen, welche immer eine
andere ist; denn das gleiche Vergehen kann bei dem einen Menschen fast
unbedeutend sein, whrend es fr den andern eine Snde ist; ja fr ein und
denselben Menschen ist es zu der einen Stunde unverzeihlicher und schwerer als
zu der anderen Stunde. Das richtige und augenblickliche Erkennen ist nicht eine
weitlufige und schwerfllige Kunst oder bung, sondern eine ganz leichte,
flssige und schmiegsame, weil jeder alsbald recht wohl wei, wo ihn der Schuh
drckt. Das eine Mal besteht unser Vergehen nur darin, da wir nicht auf der Hut
waren und in der selbstbeherrschenden Haltung, welche wir uns nach dem Grade
unserer Einsicht, Fhigkeit und Erfahrung zu eigen gemacht und welche bei jedem
wieder einen andern Mastab verlangt, nachgelassen haben, ohne dessen
innezuwerden; das andere Mal besteht aber das Vergehen so recht in und durch
sich selbst, indem wir es uns in der vollen Gegenwart unserer Einsicht und
Erfahrung zuschulden kommen lassen. Alsdann geht die Snde sozusagen mit der
Erkenntnis und Reue zusammen, und es gibt allerdings eine Hlfte Menschen,
welche ihr Leben hindurch an der einen Hand die Snde, an der anderen Hand die
Reue gleichzeitig fahren, ohne sich je zu ndern; aber ebenso gewi gibt es eine
Hlfte, welche im Verhltnis zu ihrer Erfahrung und Verantwortlichkeit in einem
gewissen Grade von Schuldlosigkeit lebt, und jeder einzelne, wenn er sich recht
besinnen will, kennt gewi einzelne, bei welchen diese Schuldlosigkeit zu
vlliger Reinheit wird. Mge nun dieses auch eine bloe Folge von
zusammengetroffenen glcklichen Umstnden sein, so da solche Erscheinungen zum
Beispiel durch ein passives Fernsein vom Bsen von jeher schuldlos blieben warum
denn nicht ebenso gern an eine Unschuld des Glckes, ja der Geburt glauben als
an eine Schuld des Migeschickes, der Vorherbestimmung? Solchen Glcklichen,
welche, ohne zu wissen warum und wie, gerecht und rein sind, die Phantasie
verderben und verunreinigen mit dem Gedanken angeborener ekler Sndlichkeit, ist
im hchsten Grade unntz und abgeschmackt, und wenn man nicht zu ihnen gehrt,
fr sich selber das Bekenntnis der Snden professionsmig betreiben, verwandelt
jene natrliche und unbefangene Selbsterkenntnis mit einem Schlage in ein
manieriertes Zopftum, aus welchem mich eine unsgliche frostige Nchternheit und
Schlaffheit anweht. Daher gedeiht diese Lehre am besten bei den entnervten und
erschpften Seelen; denn die Manieriertheit ist der Zeremonienmeister des
Unvermgens auf jedem Gebiete, und sie ist es, welche die frischen Geister von
jedem Gebiete wegscheucht, wo sie sich breitmacht.
    Nach der Lehre von der Snde kam gleich die Lehre vom Glauben, als der
Erlsung von jener, und auf sie ward eigentlich das Hauptgewicht des ganzen
Unterrichtes gelegt; trotz aller Beifgungen, wie da auch gute Werke vonnten
seien, blieb der Schlugesang doch immer und allein der Glaube macht selig! und
dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten, wandte der
geistliche Mann die mglichst annehmliche und vernnftig scheinende Beredsamkeit
auf. Wenn ich auf den hchsten Berg laufe und den Himmel abzhle, Stern fr
Stern, als ob sie ein Wochenlohn wren und ich sie smtlich in der Hosentasche
htte, so kann ich darunter kein Verdienst des Glaubens entdecken, und wenn ich
mich auf den Kopf stelle und den Maiblmchen unter den Kelch hinaufgucke, so
kann ich nichts Verdienstliches am Glauben ausfindig machen. Wer an eine Sache
glaubt, kann ein guter Mann sein, wer nicht, ein ebenso guter. Wenn ich zweifle,
ob zwei mal zwei vier seien, so sind es darum nicht minder vier, und wenn ich
glaube, da zwei mal zwei vier seien, so habe ich mir darauf gar nichts
einzubilden, und kein Mensch wird mich darum loben. Wenn Gott eine Welt
geschaffen und mit denkenden Wesen bevlkert htte, darauf sich in einen
undurchdringlichen Schleier gehllt, das geschaffene Geschlecht aber in Elend
und Snde verkommen lassen, hierauf einzelnen Menschen auf auerordentliche und
wunderbare Weise sich offenbart, auch einen Erlser gesendet unter Umstnden,
welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen werden konnten, von dem
Glauben daran aber die Rettung und Glckseligkeit aller Kreatur abhngig gemacht
htte, alles dieses nur, um das Vergngen zu genieen, da an Ihn geglaubt
wrde, Er, der seiner doch ziemlich sicher sein drfte so wrde diese ganze
Prozedur eine gemachte Komdie sein, welche fr mich dem Dasein Gottes, der Welt
und meiner selbst alles Trstliche und Erfreuliche benhme. Glaube! O wie
unsglich blde klingt mich dies Wort an! Es ist die allerverzwickteste
Erfindung, welche der Menschengeist machen konnte in einer zugespitzten
Lammslaune! Wenn ich des Daseins Gottes und seiner Vorsehung bedrftig und gewi
bin, wie entfernt ist dies Gefhl von dem, was man Glauben nennt! Wie sicher
wei ich, da die Vorsehung ber mir geht gleich einem Stern am Himmel, der
seinen Gang tut, ob ich nach ihm sehe oder nicht nach ihm sehe. Gott wei, denn
er ist allwissend, jeden Gedanken, der in meinem Innern aufsteigt, er kennt den
vorigen, aus welchem er hervorging, und sieht den folgenden, in welchen er
bergeht; er hat allen meinen Gedanken ihre Bahn gegeben, die ebenso
unausweichlich ist wie die Bahn der Sterne und der Weg des Blutes; ich kann also
wohl sagen ich will dies tun oder jenes lassen, ich will gut sein oder mich
darber hinwegsetzen, und ich kann durch Treue und bung es vollfhren; ich kann
aber nie sagen ich will glauben oder nicht glauben; ich will mich einer Wahrheit
verschlieen, oder ich will mich ihr ffnen! Ich kann nicht einmal bitten um.
Glauben, weil, was ich nicht einsehe, mir niemals wnschbar sein kann, weil ein
klares Unglck, das ich begreife, noch immer eine lebendige Luft zum Atmen fr
mich ist, whrend eine Seligkeit, die ich nicht begriffe, Stickluft fr meine
Seele wre.
    Dennoch liegt in dem Worte Der Glaube macht selig! etwas Tiefes und Wahres,
insofern es das Gefhl unschuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet, welches
alle Menschen umfngt, wenn sie gern und leicht an das Gute, Schne und
Merkwrdige glauben, gegenber denjenigen, welche aus Dnkel und Verbissenheit
oder aus Selbstsucht alles in Frage stellen und bemkeln, was ihnen als gut,
schn oder merkwrdig erzhlt wird. Wo das religise Glauben bei mangelnder
berlegungskraft seinen Grund in jener liebenswrdigen und gutmtigen
Leichtglubigkeit hat, da sagt man mit Recht, es mache selig, und denjenigen
Unglauben, welcher aus der anderen Quelle herrhrt, kann man billig unselig
nennen. Allein mit der eigentlichen dogmatischen Lehre vom Glauben haben beide
rein nichts zu tun; denn whrend es christlich Glubige gibt, welche in allen
anderen Dingen die unangenehmsten Bezweifler und Bemkler sind, gibt es ebenso
viele Unglubige, sogar Atheisten, welche sonst an alles Hoffnungsvolle und
Erfreuliche mit allbereiter Leichtigkeit glauben, und es ist ein beliebtes
Argument der christlichen Polemiker, da sie solchen hhnisch vorhalten, wie sie
jeden auffallenden Quark als bare Mnze annhmen und sich von Illusionen
nhrten, whrend sie nur das Groe und Eine nicht glauben wollten. So haben wir
das komische Schauspiel, wie Menschen sich der abstraktesten aller Ideologien
hingeben, um nachher jeden, der an etwas erreichbar Gutes und Schnes glaubt,
einen Ideologen zu nennen; sie bilden eine eigene wunderliche Bank der Sptter,
vom Csar Napoleon bis herunter zum letzten Zappler und Stnker, der vor Hochmut
und Unruhe nicht wei, was er anfangen soll und, da es ihm an jedem Krnlein von
Autoritt und Witz mangelt, sich an die Rckwand des Glaubens lehnt, um was
hinter sich zu haben, von wo aus er rumoren kann. Der Csar ehrt den Glauben als
Tyrann und Aristokrat, der Zappler und Stnker schtzt ihn als geistiger
Proletarier und Skandalmacher, beide aus Selbstsucht. Will man die Bedeutung des
Glaubens kennen, so mu man nicht sowohl die orthodoxen Kirchenleute betrachten,
bei denen der Institutionen wegen alles ber einen Kamm geschoren ist und das
Eigentmliche daher zurcktritt, als vielmehr die undisziplinierten Wildlinge
des Glaubens, welche auerhalb der Kirchenmauern frei umherschwirren, sei es in
entstehenden Sekten, sei es in einzelnen Personen. Hier treten die rechten
Beweggrnde und das Ursprngliche in Schicksal und Charakter hervor und werfen
Licht in das verwachsene und fest gewordene Gebilde der groen geschichtlichen
Masse.
    Es lebte in unserer Stadt ein Mann, welcher sich ein Vergngen daraus
machte, den Leuten, welche sich mit ihm abgaben, allerlei Erfindungen und
Aufschneidereien vorzutragen, um sie nachher ihrer Leichtglubigkeitwegen zu
verhhnen, indem er erklrte, die Geschichte sei gar nicht wahr. Jemand anders
aber mochte erzhlen, was er wollte, so stellte der Mann es in Abrede und hatte
eine ganz eigene tckische Manier, die Treuherzigkeit, mit welcher ihm etwas
gesagt wurde, ins Lcherliche zu ziehen, auf die gleiche Weise, wie er die
Treuherzigkeit derer, welche ihm glaubten, spttisch zu machen wute. Er a
keine Krume Brotes, die er sich Nicht durch eine Lge verschafft; denn er wre
lieber Hungers gestorben, eh als er in ein auf gradem Wege erworbenes Stck Brot
gebissen htte. A er aber sein Brot, so sagte er, es sei gut, wenn es schlecht
war, und schlecht, wenn es gut war; hatte er Hunger, so benagte er es
zimpferlich und warf die Brocken umher; hatte er keinen Hunger, so nahm er
anderen den Bissen weg, den sie eben in den Mund stecken wollten, und fra sich
so voll, da er krank wurde; alsdann behauptete er, sich sehr wohl zu befinden!
berhaupt ging sein ganzes Streben dahin, sich immer fr etwas anderes zu geben,
als er war, was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte, so da er, der
eigentlich nichts tat und nie etwas gentzt hatte, doch zu jeder Minute in der
kompliziertesten Ttigkeit begriffen war. Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten
Schleichens und Lauerns, teils um die gnstigen Momente zu erhaschen, um seine
Narrheiten vorzubringen, teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen, da
eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand, die ganze Welt der Unwahrheit und
Lge zu berfhren, und es war nichts Lustigeres zu sehen, als wenn er, soeben
hinter einer Tr, wo er gelauert hatte, auf den Zehen hervorhpfend, pltzlich
strack und steif dastand, mit rollenden Augen um sich stierte und mit
bombastischen Worten seine Gradheit, Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrhmte.
Da er bei alledem wohl fhlte, da jedermann besser daran war als er, so
erfllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele, welches ihn verzehrte wie
ein glhendes Feuer und welches sich dadurch uerte, da sein drittes Wort
immer das Wort Neid war. Er versicherte, sich in einer ewig glckseligen
moralischen berlegenheit zu befinden, und sah daher in jedem Blatte, das nicht
nach seiner Weise suselte, einen neidischen Widersacher, und die ganze Welt war
nur ein vor Neid zitternder Wald fr ihn. Widersprach ihm jemand, so schrieb er
jeden Widerspruch dem Neide zu, schwieg man whrend seiner Vortrge, so ward er
wtend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten, um denselben des
Neides zu beschuldigen, so da seine ganze Rede durch das unaufhrlich
wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum neidisch tnenden Gesange des
Neides selbst wurde. So war er in allem der persnliche Feind der Wahrheit und
atmete nur in Abwesenheit derselben, wie die Muse auf dem Tische tanzen, wenn
die Katze nicht zu Hause ist, und die Wahrheit rchte sich auf die einfachste
Weise an ihm. Sein Grundbel war, da er schon im Mutterleibe hatte gescheiter
sein wollen als seine Mutter, und infolgedessen konnte er nur leben, wenn er
nichts zu glauben brauchte, was irgend ein Mensch sagte, alle Menschen aber
glaubten, was er sagte. Nun konnte er sich freilich stellen, als ob dem so wre,
und er tat es auch, was schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen
Verlogenheiten und seine Hauptlge war; allein der Beweis vom wahren
Sachverhalte machte sich doch zu offenbar im Gelchter seiner Nebenmenschen.
Daher fand er kurz und gut seinen besten Sttzpunkt in derjenigen Lehre, welche
den unbedingten Glauben zum Panier erhebt. Schon da die allgemeine Richtung der
Zeit sich vom Glauben abwandte und die Mehrzahl der denkenden Menschen, wenn sie
sich auch nicht dagegen aussprachen, doch denselben gut sein lieen und in der
Praxis nur auf das Begreifliche und Erkennbare bauten, war ihm Grund genug, sich
dieser Richtung schnurstracks entgegenzustellen und dabei zu behaupten, der Hang
und Drang der Zeit ginge unverkennbar auf den erneuten Glauben los; denn er
konnte das Lgen nirgends lassen. Diejenigen, welche wirklich glaubten, waren
ihm hchst langweilig, und er bekmmerte sich nicht um sie, daher er auch nie in
einer Kirche oder religisen Gemeinschaft gesehen wurde. Dagegen hatte er es um
so mehr mit denen zu tun, welche nicht glaubten. Nicht da er sich um das
Seelenheil derselben viel gekmmert htte, obgleich er die Sache mit ngstlicher
Hast verfolgte; seine Angst war die hatte er einmal gesagt, da er glaube, so
muten fr ihn alle, welche nicht glaubten, Esel sein, und wenn dies auf sein
Wort hin nicht angenommen wurde, so glaubte er selbst als ein Esel dazustehen.
Er hatte sich im Mutterleibe schon gesagt wenn du nun ans Licht kommst, so wird
die Frage deiner Existenz die sein: Entweder bist du ein Esel, oder alle anderen
sind Esel! Er verriet dies in schwachen Augenblicken des Streites, wenn er sich
in eine Sackgasse verrannt, indem ihm alsdann das Wort entschlpfte Nun, da
mte ich also ein Esel sein, wenn ich so was glaubte, was nicht wahr wre! und
er bezeichnete damit, ohne es zu wollen, seinen Standpunkt und auch das Herz,
welches er fr seine Sache hatte. In der Tat knnte man den unseligen Streit die
Eselfrage nennen, da gewi von tausend Fanatikern, welche fr ihre religise
Meinung im Blute wateten, neunhundertneunundneunzig nur aus dem Grunde den
Frieden verrieten und Scheiterhaufen anzndeten, weil ihnen aus dem Trotze der
Verfolgten das Wort Esel entgegenzutnen schien. Nichts hate der Mann mehr als
die gewissenhafte und redliche Forschung und die Entdeckungen der Wissenschaft;
wenn irgendein Ergebnis derselben bekannt wurde, so zappelte er mit Hnden und
Fen dagegen und suchte es lcherlich zu machen, und wenn es sich als richtig
erwies und seine bedeutenden Folgen auf allen Gassen zu sehen und zu greifen
waren, so tobte er erst recht und nannte es ins Angesicht eine Lge. Das
Einmaleins und eine chemische Schale waren ihm unertrglicher als dem Teufel
Vaterunser und Weihkessel; aber auch die Natur rchte sich lchelnd an ihm. Denn
whrend er die fnf Sinne nicht gelten lie, war er stets bemht, dieselben
durch einige erfundene Sinne zu vermehren, durch deren possierliche Ausmalung er
die christliche Wunderwelt erklren wollte. Wenn er hiedurch vielfach gegen den
christlichen Geist verstie und man ihm dies durch das Neue Testament bewies, so
sagte er, er pfeife auf das Neue Testament, er habe seinen eigenen Kopf, im
gleichen Augenblicke, wo er es das Buch des Lebens genannt hatte. Trotz alledem
glaubte er aufrichtig, denn nach irgendeiner Seite hin mu jeder Mensch sich
ergeben, und er glaubte um so aufrichtiger, als einesteils der Gegenstand des
Glaubens unerwiesen, unbegreiflich und berirdisch war, anderenteils ihn das
innere Gefhl seines verunglckten Witzes sentimental und weinerlich machte.
    Eines Tages ging er mit einer lustigen Gesellschaft ber eine Felsenhhe am
Seeufer. Er war ursprnglich gut gewachsen, doch die andauernde Verdrehtheit
seiner Seele hatte seinen Krper ganz windschief gemacht, da er aussah wie ein
verbogener Wetterhahn. Sein schner Wuchs war aber ein Lieblingsthema seiner
Rede, und jeden Augenblick war er bereit, sich auszukleiden und ihn zu zeigen,
whrend er an allen Sterblichen etwas auszusetzen hatte, ungefragt diesem einen
Hcker andichtete, jenem krumme Beine. Als er nun etwas verstimmt vor den
brigen Gesellen herging, die ihn schon verschiedentlich aufgezogen hatten, rief
pltzlich einer, welcher ihn zum ersten Mal genauer ins Auge fate Sie! Herr
lfinger! Sie sind eigentlich verteufelt krumm! Erstaunt kehrte er sich um und
sagte Sie trumen wohl, oder soll das ein Witz sein? Der andere wandte sich
aber zur Gesellschaft und forderte sie auf, ihn ebenfalls nher zu betrachten;
man hie ihn einige Schritte vorwrts gehen, er tat es, und jedermann besttigte
nun ja, er sei schief! Aufgebracht stellte er sich sogleich neben den Angreifer
und wollte ihm beweisen, da dieser selbst der Migewachsene sei. Der war aber
schlank wie eine Tanne, und die Gesellschaft fing an zu lachen. Sprachlos und
hastig kleidete er sich aus und ging splitternackt vor den brigen her; die
rechte Schulter war vom unaufhrlichen spttischen Achselzucken hher als die
linke, die Ellbogen von seiner eitlen Gespreiztheit nach auswrts gedreht und
die Hften verschoben; dazu wurde er durch das Bestreben, grade zu scheinen, nur
noch krummer; er machte in seiner Nacktheit die wunderlichsten Beine, als er so
dahinschritt und sich dann und wann ngstlich umsah, ob ihm noch nicht Beifall
und Achtung der Gesellschaft nachfolge. Als diese aber in ein maloses Gelchter
ausbrach, geriet er in groen Zorn und begann, um sich Achtung zu erzwingen,
ungeheuerliche Sprnge und Kunststcke zu machen, um die Strke seines Krpers
zu zeigen. Das Gelchter wurde immer grer, und die Lachenden muten sich auf
die Erde setzen. An jener Stelle war vorzeiten ein Fichtenwald in den See
gestrzt und wurde in der Tiefe durch die nachgerollten Felsblcke festgehalten.
Wie nun der nackt Umhertanzende sah, da die lachenden Menschen sich bereits auf
der Erde wlzten mit nassen Augen, sprang er pltzlich, in einem Anfall von
unsglicher Wut und irgend etwas Wunderbares erzwingen wollend, mit einem
mchtigen Satz ber den Rand hinaus in den See, hoch hinunter, wo der versunkene
Wald lag. Erst eine geraume Weile nachher, als die lachende Gesellschaft sich
einigermaen gesammelt hatte, bemerkten sie sein Verschwinden, suchten ihn
berall, traten an den Rand des Abgrundes, aber niemand hat ihn wiedergesehen.
    Dies krankhafte Beispiel von den wunderbaren Gngen, welche die Entstehung
des Glaubens in den Menschen verfolgt, mag nun freilich sehr vereinzelt
dastehen; doch wenn sie auch bei der Mehrzahl einen edlern Grund und Boden hat,
so werden ihre Schneckenlinien doch nicht grad. Ich wrde mich schmen, wenn ich
jemals dahin kommen wrde, jemanden seines Glaubens wegen zu verachten oder zu
verhhnen oder den Gegenstand desselben nicht zu ehren, wenn der Glubige darin
seinen Trost findet; aber die nackte und gewaltsame Forderung des Glaubens,
sozusagen die Theorie des Glaubens selbst, ist eine so miliche Sache fr mich,
da ich, indem ich diese meine geheime Schreiberei bersehe, mein Herz durch die
lange Kundgebung gegen den Glauben beinahe so staubig, trocken und unangenehm
fahle, als wenn ich ein ehrbarer Theologe wre und fr den Glauben polemisiert
htte, und ich mu mich beeilen, aus diesem unerquicklichen Gebiete wieder zu
den Gestalten des einfachen wirklichen Lebens zu gelangen.
    Die dritte Hauptlehre, welche der Geistliche uns als christlich vortrug,
handelte von der Liebe. Hierber wei ich nicht viel Worte zu machen; ich habe
noch keine Liebe bettigen knnen, und doch fhle ich, da solche in mir ist,
da ich aber auf Befehl und theoretisch nicht lieben kann. Inwiefern durch die
stete Wiederholung des Worts das Christentum einen gewissen Bestand wirklicher
Liebe in die Welt gebracht habe, wage ich nicht zu beurteilen; doch dnkt es
mich, es habe vor zweitausend Jahren auch Liebe gegeben und gebe auch jetzt
noch, wo das Christentum nicht hingelangt ist, wenn man nur die verschiedenen
Formen unterscheiden will, in welche das wahre Gefhl sich hllt. Gewi ist
schon mancher einzelne Unglcksmensch und mancher arme rauhe Volksstamm durch
das eindringlich und hei ausgesprochene Wort Liebe aufgeweckt und einem hellern
und schnern Dasein gewonnen worden; wenn aber solche gewonnenen Vlker, einmal
dem Christentum einverleibt, endlich das ganze Bewutsein und die Bildung der
christlichen Welt, welche wir alle zusammen ausmachen, erreicht haben, dann wird
jenes naive Morgengefhl der Liebe wieder untergehen in der allgemeinen Klte
der alten Christenwelt und nur da bestehen, wo es ursprnglich in den Menschen
wurzelte, also zuletzt berall auferstehen. Schon die unmittelbare Rcksicht auf
den lieben Gott ist mir hinderlich und unbequem, wenn sich die natrliche Liebe
in mir geltend machen will. Da einmal bei unseren Handlungen das Denken an Gott
und das Verdienst in den Augen Gottes so fest in die Menschenwelt gewebt ist, so
kann man oft trotz aller Unbefangenheit nicht verhindern, da bei guten oder
vielmehr pflichtmigen Handlungen nicht im tiefsten Innern der Hinblick auf
Gott auftaucht mit der eigenntzigen Hoffnung, da Er uns die Tat wohlgefllig
gutschreiben werde. Schon oft ist es mir begegnet, da ich einen armen Mann auf
der Strae abwies, weil ich, whrend ich ihm eben das wenige geben wollte, das
ich hatte, zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und nicht aus Eigennutz
handeln wollte. Dann dauerte mich aber der Arme, ich lief zurck; allein whrend
des Zurcklaufens dnkte meiner Selbstsucht gerade dieses Bedauern wieder artig
und verdienstlich, ich kehrte nochmals um, bis ich endlich auf den vernnftigen
Gedanken kam mge dem sein, wie ihm wolle, der arme Teufel msse jedenfalls zu
seiner Sache kommen, das sei die erste Frage! Manchmal kommt dieser Gedanke aber
zu spt, und die Gabe bleibt in meiner Tasche, wo sie mir alsdann unertrglich
ist. Daher freue ich mich immer wie ein Kind, wenn es mir passiert, da ich
unbedacht meine Pflicht erfllt habe und es mir erst nachtrglich einfllt, da
das etwas Verdienstliches sein drfte; ich pflege dann hchst vergngt ein
Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen Siehst du, alter Papa!
nun bin ich dir doch durchgewischt! Das hchste Vergngen erreiche ich aber,
wenn ich mir in solchen Augenblicken denke, wie ich Ihm nun sehr komisch
vorkommen msse; denn da der liebe Gott alles versteht, so mu er auch Spa
verstehen, obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann, der liebe Gott
verstehe keinen Spa!
    Das Heiterste und Schnste war mir die Lehre vom Geiste, als welcher ewig
ist und alles durchdringt. Er war mchtig im Christentume, dessen Beweglichkeit
und Feinheit die Welt fortbaute, solange es geistig war; als es aber geistlich
wurde, war diese Geistlichkeit die Schlangenhaut, welche der alte Geist abwarf.
Denn Gott ist nicht geistlich, sondern ein weltlicher Geist, weil er die Welt
ist und die Welt in ihm; Gott strahlt von Weltlichkeit.
    Alles in allem genommen, glaube ich doch, da ich unter Menschen, welche
rein in dem ursprnglichen geistigen Christentum lebten, glcklich sein und auch
nicht ganz ohne deren Achtung leben wrde, und wenn ich dies Annas Vater, dem
Schulmeister, eingestehen mute, forderte er, das Wunderbare und die
Glaubensfragen einstweilen freisinnig beiseite setzend, mich auf, das
Christentum wenigstens dieser geistigen Bedeutung nach anzuerkennen und darauf
zu hoffen, da es in seiner wahren Reinheit erst noch erscheinen und seinen
Namen behaupten werde; etwas Besseres sei einmal nicht da noch abzusehen.
Hierauf erwiderte ich aber der Geist knne wohl durch einen Menschen leidlich
schn ausgesprochen, niemals aber erfunden werden, da er von jeher und unendlich
sei; daher die Bezeichnung der Wahrheit mit einem Menschennamen ein Raub am
unendlichen Gemeingute sei, aus welchem der fortgesetzte Raub des Autoritts-
und Pfaffenwesens aller Art entspringe. In einer Republik, sagte ich, fordere
man das Grte und Beste von jedem Brger, ohne ihm durch den Untergang der
Republik zu vergelten, indem man seinen Namen an die Spitze pflanze und ihn zum
Frsten erhebe; ebenso betrachte ich die Welt der Geister als eine Republik, die
nur Gott als Protektor ber sich habe, dessen Majestt in vollkommener Freiheit
das Gesetz heilighielte, das er gegeben, und diese Freiheit sei auch unsere
Freiheit, und unsere die seinige! Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der
Unsterblichkeit, so sei mir auch jede Morgenwolke die goldene Fahne der
Weltrepublik! In welcher jeder Fhndrich werden kann! sagte freundlich lachend
der Schulmeister; ich aber behauptete die moralische Wichtigkeit dieses
Unabhngigkeitssinnes scheine mir sehr gro und grer zu sein, als wir es uns
vielleicht denken knnten.
    Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende; wir muten auf unsere
Ausstattung denken, um wrdig bei der Festlichkeit zu erscheinen. Es war
unabnderliche Sitte, da die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack
machen lieen, den Hemdekragen in die Hhe richteten und eine steife Halsbinde
darum banden, auch die erste Hutrhre auf den Kopf setzten; zudem schnitt jeder,
wer jugendlich lange Haare getragen, dieselben nun kurz und klein, gleich den
englischen Rundkpfen. Dies waren mir alles unsgliche Greuel, und ich schwur,
dieselben nun und nimmermehr nachzumachen. Die grnen Kleider meines Vaters
waren endlich zu Ende, und zum ersten Male mute neues Tuch gekauft werden. Die
grne Farbe war mir einmal eigen geworden, und ich wnschte nicht einmal meinen
bernamen abzuschaffen, der mir noch immer gegeben wurde, wenn man von mir
sprach. Leicht wute ich meine Mutter zu berreden, grnes Tuch zu whlen und
statt eines Frackes einen hbschen kurzen Rock mit einigen Schnren machen zu
lassen, dazu statt des gefrchteten Hutes ein schwarzes Sammetbarett, da Hut und
Frack doch selten getragen und wegen meines Wachstums sowie wegen der Mode also
eine unntze Ausgabe sein wrden. Es leuchtete ihr klar ein, um so mehr, da die
armen Lehrlinge und Tagelhnershne auch keinen schwarzen Habit zu tragen
pflegten, sondern in ihren gewhnlichen Sonntagskleidern erschienen, und ich
erklrte, es sei mir vollkommen gleichgltig, ob man mich zu den ehrbaren
Brgersshnen zhle oder nicht. So breit ich konnte, schlug ich den Hemdekragen
zurck, strich mein langes Haar khn hinter die Ohren und erschien so, das
Barett in der Hand, am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen, wo noch eine
herzliche und vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte. Als ich mich unter
die feierliche, steif geputzte Jugend stellte, wurde ich mit einiger
Verwunderung betrachtet, denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein
vollendeter Protestant da; weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich
eher zu verbergen suchte, so verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter
beachtet. Die Ansprache des Geistlichen gefiel mir sehr wohl; ihr Hauptinhalt
war, da von nun an ein neues Leben fr uns beginne, da alle bisherigen
Vergehungen vergeben und vergessen sein sollten, hingegen die knftigen mit
einem strengern Mae gemessen wrden. Ich fhlte wohl, da ein solcher bergang
notwendig und die Zeit dazu gekommen sei; darum schlo ich mich mit meinen
ernsten Vorstzen, welche ich insbesondere fate, gern und aufrichtig diesem
ffentlichen Vorgange an und war auch dem Manne gut, als er angelegentlich uns
ermahnte, nie das Vertrauen zum Bessern in uns selbst zu verlieren. Aus seiner
Behausung zogen wir in die Kirche vor die ganze Gemeinde, wo die eigentliche
Feier vor sich ging. Dort war der Geistliche pltzlich ein ganz anderer; er trat
gewaltig und hoch auf, holte seine Beredsamkeit aus der Rstkammer der
bestehenden Kirche und fhrte in tnenden Worten Himmel und Hlle an uns
vorber. Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit steigender Spannung auf einen
Moment hin gerichtet, welcher die ganze Gemeinde erschttern sollte, als wir,
die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden, ein lautes und feierliches Ja
aussprechen muten. Ich hrte nicht auf den Sinn seiner Worte und flsterte ein
Ja mit, ohne die Frage deutlich verstanden zu haben; jedoch durchfuhr mich ein
Schauer, und ich zitterte einen Augenblick lang, ohne da ich dieser Bewegung
Herr werden konnte. Sie war eine dunkle Mischung von unwillkrlicher Hingabe an
die allgemeine Rhrung und von einem tiefen Schrecken, welcher mich ber dem
Gedanken ergriff, da ich, so jung noch und unerfahren, doch einer so uralten
Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft, von der ich ein unbedeutendes
Teilchen war, abgefallen gegenberstand.
    Am Weihnachtsmorgen muten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen, um
nun das Nachtmahl zu nehmen. Ich war schon in der Frhe guter Laune, noch ein
paar Stunden, und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange, frei wie der
Vogel in der Luft! Ich fhlte mich daher mild und vershnlich gesinnt und ging
zur Kirche, wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht, mit welcher man
nichts gemein hat, daher der Abschied aufgeweckt und hflich ist. In der Kirche
angekommen, durften wir uns unter die lteren Leute mischen und jeder seinen
Platz nehmen, wo ihm beliebte. Ich nahm zum ersten und letzten Male in dem
Mnnerstuhle Platz, welcher zu unserm Hause gehrte und dessen Nummer mir die
Mutter in ihrem huslichen Sinne sorglich eingeprgt hatte. Er war seit dem Tode
des Vaters, also viele Jahre, leer geblieben, oder vielmehr hatte sich ein armes
Mnnchen, das sich keines Grundbesitzes erfreute, darin angesiedelt. Als er
herankam und mich an dem Orte vorfand, ersuchte er mich mit kirchlicher
Freundlichkeit, seinen Ort rumen zu wollen, und fgte belehrend hinzu, in
diesem Reviere seien alles eigentmliche Orte. Ich htte als ein grner Junge
fglich dem bejahrten Mnnchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen
knnen; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrngens mitten im Herzen
christlicher Kirche reizte meine kritische Laune; zweitens wollte ich den
frommen Kirchgnger fr seine gemtliche Anmaung bestrafen, und drittens tat
ich dieses nur in dem Bewutsein, da der Abgewiesene alsobald wieder und fr
immer seinen gewohnten Platz einnehmen knne, und dieser Gedanke machte mir das
grte Vergngen. Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn ganz verblfft
und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen
aufsuchen sah, nahm ich mir vor, ihm am andern Tage anzudeuten, da er sich
immerhin meines Stuhles bedienen solle, indem ich denselben nicht brauche.
Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen, wie es mein Vater getan.
Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche, denn alle hohen Feste erfllten
ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute, indem er den groen und guten Geist,
welchen er in aller Welt und Natur sich erfllen sah, alsdann besonders fhlte
und verehrte. Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten waren ihm die
herrlichsten Freudentage, an welchen es mit edlen Betrachtungen, Kirchenbesuch,
duftendem Mittagsmahl und frohen Spaziergngen auf grne Berge hoch herging.
Diese Art hat sich auf mich vererbt, nmlich das frohe Genieen der Festtage,
und wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem duftigen Berge stehe in der
kristallklaren Luft, so ist mir das Glockengelute in der fernen Tiefe die
allerschnste Musik, und ich habe schon oft darber spintisiert, durch welchen
Gebrauch bei einer allflligen Abschaffung des Kirchentumes das schne Gelute
wohl erhalten werden drfte. Es wollte mir jedoch nichts einfallen, was nicht
tricht und gemacht ausgesehen htte, und ich fand zuletzt immer, da der
sehnschtige Reiz der Glockentne gerade in dem jetzigen Zustande bestehe, wo
sie fern aus der blauen Tiefe herberklangen und mir sagten, da dort das Volk
in alten glubigen Erinnerungen versammelt war. In meiner Freiheit ehrte ich
dann diese Erinnerungen wie diejenigen der Kindheit, und eben dadurch, da ich
von ihnen geschieden war, wurden mir die Glocken, die so viele Jahrhunderte in
dem alten schnen Lande klangen, wehmtig ergreifend. Ich empfand, da man
nichts machen kann und da die Vergnglichkeit, der ewige Wandel alles
Irdischen schon genugsam fr poetisch sehnschtigen Reiz sorgen.
    Der Freiheitssinn meines Vaters in religiser Hinsicht war vorzglich gegen
die bergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und
Verkncherung reformierter Orthodoxen gerichtet, gegen absichtliche Verdummung
und Heuchelei jeder Art, und das Wort Pfaff war bei ihm daher fter zu hren.
Wrdige Geistliche ehrte er aber und freute sich, ihnen Ergebenheit zu zeigen,
und wenn es womglich ein erzkatholischer, aber ehrenwerter Priester war,
welchem er Ehrerbietung beweisen konnte, so machte ihm dies um so greres
Vergngen, gerade weil er sich im Schoe der Zwinglischen Kirche sehr geborgen
fhlte. Zwinglis Erscheinung ist reiner und milder als diejenige Luthers. Er
hatte einen freiern Geist und einen weitern Blick, war viel weniger ein Pfaff
als ein humaner Staatsmann und besiegelte sein Wirken mit einem schnen Tode auf
dem Schlachtfeld, das Schwert in der Hand. Daher war sein Bild meinem Vater ein
geliebter sichrer Fhrer und Brge. Ich aber stand nun auf einem andern Boden
und fhlte wohl, da ich bei aller Ehrerbietung fr den Reformator und Helden
doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein wrde, whrend ich seiner
vollkommenen Duldsamkeit und Achtung fr die Unabhngigkeit meiner berzeugung
gewi war. Dieses friedliche und achtungsvolle Ausscheiden in Glaubenssachen
zwischen Vater und Sohn feierte ich nun in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den
Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gesprch mit ihm fhrte, und als
die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied Dies ist der Tag,
den Gott gemacht! anstimmte, sang ich es fr meinen Vater laut und froh mit,
obgleich ich Mhe hatte, den richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein
alter Kupferschmied, links ein gebrechlicher Chorherr, welche mich mit den
wunderbarsten Variationen von der rechten Bahn zu locken suchten, und dies um so
lauter und khner, je standhafter ich blieb. Dann hrte ich aufmerksam auf die
Predigt, kritisierte sie und fand sie gar nicht bel; je nher das Ende rckte
und mir die Freiheit winkte, desto trefflicher fand ich die Predigt, und ich
nannte in meinem Herzen den Pfarrer einen wackern Mann. Meine Stimmung ward
immer heiterer, endlich wurde das Nachtmahl genommen; aufmerksam verfolgte ich
die Zurstungen und beobachtete alles sehr genau, um es nicht zu vergessen; denn
ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen. Das Brot besteht aus weien
Blttern von der Gre und Dicke einer Karte und sieht feinem glnzendem Papiere
hnlich. Der Kster backt es, und die Kinder kaufen sich bei ihm die Abflle als
einen unschuldigen Leckerbissen, und ich selbst hatte mir manchmal eine Mtze
voll erworben und mich gewundert, da man eigentlich doch nichts daran e.
Zahlreiche Kirchendiener bieten es aus, den Reihen entlang, worauf die
Andchtigen eine Ecke davon brechen und die Bltter weitergeben, whrend andere
Beamtete den Wein in hlzernen Bechern nachfolgen lassen. Manche Leute,
besonders die Frauen und Mdchen, behalten gern ein Blttchen zurck, um es
andchtig in ihr Gesangbuch zu legen. Auf ein solches, das ich im Buche einer
meiner Basen gefunden, hatte ich einst ein Osterlmmchen gemalt mit einem Amor,
der darauf reitet, und bei der Entdeckung ein strenges Verhr nebst Verweis zu
bestehen gehabt; als ich jetzt mehrere solcher Bltter in der Hand hielt,
erinnerte ich mich daran und mute lcheln; auch gelstete es mich einen
Augenblick lang, eins zurckzubehalten, um irgendein lustiges Erinnerungszeichen
an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen. Aber ich besann mich, da ich
in dem vterlichen Stuhle stand, und gab das Brot weiter, nachdem ich eine Ecke
davon in den Mund gesteckt zum andchtigen, aber allerletzten Abschiede von der
Kinderzeit und der Kinderspeise, die ich beim Kster gekauft hatte. Als ich den
Becher in der Hand hielt, blickte ich fest in den Wein, ehe ich trank; aber es
rhrte mich nicht, ich nahm einen Schluck, gab die Schale weiter, und indem ich,
mit den Gedanken schon weit auf dem Wege nach Hause, den Wein hinabschluckte,
drehte ich ungeduldig mein Sammetbarett in der Hand und mochte kaum das Ende des
Gottesdienstes abwarten, da es mich anfing gewaltig an den Fen zu frieren und
das Stillstehen sehr schwierig wurde.
    Als die Kirchentren geffnet wurden, drngte ich mich geschmeidig durch die
vielen Leute, ohne die Freude meiner Freiheit sichtbar werden zu lassen und ohne
jemanden anzustoen, und war bei aller Gelassenheit doch der erste, der sich in
einiger Entfernung von der Kirche befand. Dort erwartete ich meine Mutter,
welche sich endlich in ihrem schwarzen Gewande demtig aus der Menge
hervorspann, und ging mit ihr nach Hause, gnzlich unbekmmert um meine
Genossenschaft des geistlichen Unterrichts. Es war kein einziger darunter, mit
welchem ich in nherer Berhrung stand, und viele derselben sind mir bis jetzt
noch gar nicht wieder begegnet. In unserer warmen Stube angekommen, warf ich
vergngt mein Gesangbuch hin, indessen die Mutter nach dem Essen sah, welches
sie am Morgen in den Ofen gesetzt hatte. Es sollte heute so reichlich und
festlich sein, wie unser Tisch seit den Tagen des Vaters nie mehr gesehen hatte,
und eine arme Witwe war dazu eingeladen, welche der Mutter manche kleine Dienste
leistete und sich jetzt pnktlich einfand. Am Weihnachtstage wird immer das
erste Sauerkraut genossen, und so wurde es auch hier aufgestellt mit
schmackhaften Schweinsrippchen. Die Beurteilung desselben gab den Frauen einen
guten Anfang zum Gesprche. Die Witwe war von ebenso gutmtiger als polternder
Gemtsart; als hierauf eine Pastete kam, schlug sie die Hnde ber dem Kopfe
zusammen und versicherte, sie esse gewi nichts davon, es wre schade dafr. Den
Schlu machte ein gebratener Hase, den der Oheim gesendet hatte. Diesen,
ermahnte die Frau, sollten wir unangetastet lassen und auf den zweiten Feiertag
versparen, es sei nun schon mehr als genug; trotzdem aen wir alle mit
trefflichem Appetit und saen lange bei Tisch, aufs beste unterhalten von der
armen Frau, welche die Tischreden mit der Erzhlung ihres Schicksales
durchflocht und die Schleusen ihres Herzens weit ffnete. Sie hatte vor langer
Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnutzigen Mann gehabt, der in alle Welt
gegangen mit Hinterlassung eines Sohnes, welchen sie mit groer Not so weit
gebracht, da er als Geselle bei Dorfschneidern sich kmmerlich umhertreiben
konnte, whrend sie in der Stadt ihr Brot mit Wassertragen, Waschen und solchen
Dingen verdienen mute. Schon die Beschreibung ihres Mannes, des Lumpenbundes,
wie sie ihn nannte, machte uns hchlich lachen, doch noch mehr das Verhltnis,
in welchem sie zu ihrem Sohne stand. Whrend sie ihn als eine Frucht des
Lumpenhundes mit der grten Verachtung bezeichnete, war derselbe doch der
einzige Gegenstand ihrer Liebe und ihrer Sorge, so da sie fortwhrend von ihm
sprach. Sie gab ihm alles, was sie irgend konnte, und gerade die Kleinheit
dieser Gaben, die fr sie so viel waren, mute uns rhren und zugleich zum
Lachen reizen, wenn sie die Opfer, welche sie fortwhrend bringe, mit
gutmtiger Prahlerei aufzhlte. Letzte Ostern, erzhlte sie, habe er ein rot und
gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten, auf Pfingsten ein Paar Schuh, und zu
Neujahr htte sie ihm ein Paar wollene Strmpfe und eine Pelzkappe bereit, dem
miserablen Kerl, dem Knirps, dem Milchsuppengesicht! Seit drei Jahren htte er
an zwei Louisdor nach und nach von ihr empfangen, der Suberling, die elende
Krautstorze. Aber fr alles msse er ihr eine Bescheinigung zustellen, denn, so
wahr sie lebe, msse ihr Mann, der Landstreicher, ihr jeden Liard ersetzen, wenn
er sich nur einmal sehen liee. Die Bescheinigungen ihres Sohnes, des
Stuhlbeines, seien sehr schn, denn derselbe knne besser schreiben als der
eidgenssische Staatskanzler, auch blase er die Klarinette gleich einer
Nachtigall, da man weinen msse, wenn man ihm zuhre. Allein er sei ein ganz
miserabler Bursche, denn nichts gedeihe bei ihm, und so viel Speck und
Kartoffeln er auch verschlinge, wenn er mit seinem Meister bei den Bauern auf
Kundschaft gehe, nichts helfe es, und er bleibe mager, grn und bleich wie eine
Rbe. Einmal habe er die Idee gehabt zu heiraten, da er nun doch dreiig Jahr
alt sei. Da sie aber nun gerade ein Paar Strmpfe fr ihn fertig gehabt, habe
sie selbige unter den Arm genommen, auch eine Wurst gekauft, und sei auf das
Dorf hinausgerannt, um ihm die saubere Idee auszutreiben. Bis er die Wurst
fertig gegessen, habe er auch sich endlich in sein Schicksal ergeben, und
nachher habe er noch auf das schnste die Klarinette geblasen. Er knne nhen
wie der Teufel, so wie auch sein Vater nicht auf den Kopf gefallen sei und die
besten Garnhspel zu machen verstehe weit und breit; allein es wre einmal ein
bses Blut in diesen verteufelten Burschen, und daher msse der junge Suberling
im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorsichtig verfahren werden. Sie lobte
das Essen unaufhrlich und pries jeden Bissen mit den berschwenglichsten
Worten, nur bedauernd, da sie ihrem Galgenstrick nichts davon geben knne,
obschon er es nicht verdiene. Dazwischen brachte sie die Geschichte von drei
oder vier Meisterfamilien an, bei denen ihr Shnchen gearbeitet, die
unschuldigen Zerwrfnisse mit denselben und lustige Vorflle, welche sich in den
Drfern ereignet, wo Meister und Geselle geschneidert hatten, so da die
Schicksale einer groen Menge unser Mahl wrzten, ohne da diese etwas davon
ahnte. Nach dem Essen nahm die Frau, durch ein paar Glser Wein lustig geworden,
meine Flte und suchte darauf zu blasen, gab sie dann mir und bat mich, einen
Tanz aufzuspielen. Als ich dies tat, fate sie ihre Sonntagsschrze und tanzte
einmal zierlich durch die Stube herum, wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und
waren alle hchst zufrieden. Sie sagte, seit ihrer Hochzeit habe sie nicht mehr
getanzt, es sei doch der schnste Tag ihres Lebens, wennschon der Hochzeiter ein
Lumpenhund gewesen; und am Ende msse sie dankbar bekennen, da der liebe Gott
es immer gut mit ihr gemeint und fr ihr Brot gesorgt, auch ihr noch jederzeit
eine frhliche Stunde gegnnt habe; so htte sie noch gestern nicht gedacht, da
sie einen so vergngten Weihnachtstag erleben wrde. Dadurch wurden die beiden
Frauen veranlat, ernsthaftere und zufriedene Betrachtungen anzustellen,
indessen ich Gelegenheit hatte, einen Blick in das Leben einer Witwe zu werfen,
welche aus ihrem Sohne einen Mann machen mchte und hiezu nichts tun kann, als
demselben Strmpfe stricken. Auch mute ich gestehen, da meine
Lebensverhltnisse, welche mir oft arm und verlassen schienen, wahrhaftes Gold
waren im Vergleich zu der drftigen Verlassenheit und Getrenntheit, in welcher
die Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten und die mir wie schlechtes Blei
vorkamen.

                                 Achtes Kapitel


Einige Wochen nach Neujahr, als ich eben den Frhling herbeiwnschte, erhielt
ich vom Dorfe aus die Kunde, da mehrere Ortschaften jener Gegend sich verbunden
htten, dieses Jahr zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine groartige
dramatische Schaustellung zu verherrlichen. Die ehemalige katholische
Faschingslust hat sich nmlich als allgemeine Frhlingsfeier bei uns erhalten,
und seit einer Reihe von Jahren haben sich die derben Volksmummereien nach und
nach in vaterlndische Auffhrungen unter freiem Himmel verwandelt, an welchen
erst nur die reifere Jugend, dann aber auch frhliche Mnner teilnahmen; bald
wurde eine Schweizerschlacht dargestellt, bald eine Handlung aus dem Leben
berhmter Schweizerhelden, und nach dem Mastabe der Bildung und des Wohlstandes
einer Gegend wurden solche Aufzge mit mehr oder weniger Ernst und Aufwand
vorbereitet und ausgefhrt. Einige Ortschaften waren schon berhmt und jedesmal
stark besucht durch die selben, andere suchten es zu werden. Mein Heimatdorf war
nebst ein paar anderen Drfern von einem benachbarten Marktflecken eingeladen
worden zu einer groen Darstellung des Wilhelm Tell, und infolgedessen war ich
wieder durch meine Verwandten aufgefordert worden, hinauszukommen und an den
Vorbereitungen teilzunehmen, da man mir manche Einsicht und Fertigkeit besonders
als Maler zutraute, um so mehr, als unser Dorf in einer fast ausschlielichen
Bauerngegend lag und in solchen Dingen wenig Gewandtheit besa. Ich war
vollstndig Herr meiner Zeit, auch war eine Unterbrechung zu solchem Zwecke zu
sehr im Geiste meines Vaters, als da die Mutter dagegen Bedenken erhoben htte;
also lie ich es mir nicht zweimal sagen und ging jede Woche fr einige Tage
hinaus, wobei mir schon das stete Wandern zu dieser Jahreszeit, manchmal durch
die schneebedeckten Felder und Wlder, die grte Freude machte. Ich sah nun das
Land auch im Winter, die Winterbeschftigungen und Winterfreuden der Landleute
und wie dieselben dem erwachenden Frhling entgegengehen.
    Man legte der Auffhrung Schillers Tell zugrunde, welcher in einer
Volksschulausgabe vielfach vorhanden war und welchem nur die Liebesepisode
zwischen Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz fehlte. Das Buch ist den Leuten
sehr gelufig, denn es drckt auf eine wunderbar richtige Weise die
schweizerische Gesinnung aus, und besonders der Charakter des Tell entspricht
ganz der Wahrheit und dem Leben, und wenn Brne darin nur ein selbstschtiges
und philistrses Ungeheuer finden konnte, so scheint mir dies ein Beweis zu
sein, wie wenig die krankhafte Empfindsamkeit der Unterdrckten geeignet ist,
die Art und Weise unabhngiger Mnner zu begreifen. Weitaus der grere Teil der
Teilnehmer sollte als Hirten, Bauern, Fischer, Jger das Volk darstellen und in
seiner Masse von Schauplatz zu Schauplatz ziehen, wo die Handlung vor sich ging,
getragen durch solche, welche sich zu einem khnen Auftreten fr berufen
hielten; in den Reihen des Volks nahmen auch junge Mdchen teil, sich hchstens
in den gemeinschaftlichen Gesngen uernd, whrend die handelnden Frauenrollen
blhenden Jnglingen bertragen waren. Es sollte nur vorgefhrt werden, was
wirklich geschichtlich ist, mit Weglassung aller Vorbereitungen und dramatischen
Zwischenspiele, das Geschichtliche aber mit dem Schillerschen Personal und
Dialog, auerdem aber auch seine poetische Frbung ber dem Ganzen walten. Der
Schauplatz der eigentlichen Handlung war auf alle Ortschaften verteilt, je nach
ihrer Eigentmlichkeit, so da dadurch ein festliches Hin- und Herwogen der
kostmierten Menge und der Zuschauermassen bedingt wurde.
    Ich erwies mich als brauchbar bei den Vorbereitungen und wurde mit manchen
Geschften betraut, welche in der Stadt zu besorgen waren. Ich stberte alle
Magazine durch, wo sich etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden mochte, und
suchte das Tauglichste vorzuschlagen, besonders da andere Beauftragte geneigt
waren, zuerst nach dem Grellen und Auffallenden zu greifen. Ja, ich kam sogar
mit den Beamten der Republik in Berhrung und fand Gelegenheit, mich als einen
tapfern Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen, da mir die Auswahl und
bernahme der alten Waffen bergeben wurde, welche die Regierung unter der
Bedingung treuer Sorgfalt bewilligte. Weil aber gerade diesmal mehrere hnliche
Feste stattfanden, so muten beinahe alle Vorrte gerumt werden, und nur die
wertvollsten Trophen, an welche sich bestimmte Erinnerungen knpften, blieben
zurck. berdies stritten sich die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen,
alle wollten dasselbe haben, obschon es nicht fr alle sich schickte; eine
Anzahl groer Schlachtschwerter und Morgensterne, welche ich fr meine
Eidgenossen ausgesucht, wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden,
ungeachtet ich ihm vorstellte, da er fr den Schwabenkrieg, aus welchem seine
Leute eine Schlacht spielen wollten, ganz anderer Gegenstnde bedrfe. Ich
berief mich endlich auf den Zeugwart, welcher mir recht gab, und der ansehnliche
starke Wirt aus den Drfern, welcher hinter mir stand, um die Sachen
wegzufhren, triumphierte und respektierte mich freundlich. Allein die Gegner
hielten mich nun fr einen gefhrlichen Burschen, der das Beste vorwegnhme, und
gingen mir auf Schritt und Tritt nach in dem alten Zeughause, gerade das
ausersehend, was ich ins Auge fate, so da ich nur mit der uersten
Beharrlichkeit noch einen Wagen voll Eisenhte und Hellebarden fr meine
reisigen Tyrannenknechte zur Seite brachte. So kam ich mir sehr wichtig vor, als
ich mit den Aufsehern das Verzeichnis der verabfolgten Sachen feststellte,
obgleich der Wirt der eigentliche Gewhrsmann war und dasselbe unterschrieb.
    Dann hatte ich wieder auf dem Lande vollauf zu tun und begab mich mit
einigen Paketen Farbstoff und mchtigen Pinseln hinaus, um ein schnes neues
Bauernhaus an der Strae noch vllig in Stauffachers Wohnung umzuwandeln
mittelst bunter Zieraten und Sprche; denn nicht nur sollte da die Unterredung
zwischen Stauffacher und seinem Weibe stattfinden, sondern der Zwingherr vorher
selbst heranreiten und seine bse Harangue loslassen.
    Im Hause des Oheims war ich ein eigentliches Faktotum und eifrig bestrebt,
die Kleidung der Shne so historisch als mglich zu machen und die Tchter,
welche sich sehr modern aufputzen wollten, von solchem Beginnen abzuhalten. Mit
Ausnahme der Braut wollten sich alle Kinder des Oheims beteiligen, und sie
suchten auch Anna zu berreden, welche berdies von dem leitenden Ausschusse
dringend eingeladen war. Allein sie wollte sich durchaus nicht dazu verstehen,
ich glaube nicht nur aus Zaghaftigkeit, sondern auch ein wenig aus Stolz, bis
der Schulmeister, fr diese Veredlung der alten roheren Spiele durchaus
begeistert, sie entschieden aufforderte, auch das Ihrige beizutragen. Nun war
aber die groe Frage, was sie vorstellen sollte; ihre Feinheit und Bildung
sollte dem Feste zur Zierde gereichen, whrend doch alle hervorragenden
Frauenrollen jungen Mnnern zuteil geworden. Ich hatte mir aber lngst etwas fr
sie ausgedacht und berzeugte bald meine Basen und den Schulmeister von der
Trefflichkeit meines Vorschlages. Obgleich die Rolle der Berta von Bruneck
gnzlich wegfiel, so konnte sie doch als stumme Person das ritterliche Gefolge
Gelers verherrlichen. Dieses war sonst vom Volkshumor ziemlich schofel und
wild, und besonders der Tyrann sehr fratzenhaft und lcherlich dargestellt
worden; dagegen hatte ich nun durchgesetzt, da der Aufzug des Landvogts recht
glnzend und herrisch sein msse, weil der Sieg ber einen elenden Widersacher
nichts Absonderliches sei. Ich selbst hatte den Rudenz bernommen, auch sein
Verhltnis zum Attinghausen fiel weg, und erst am Schlusse hatte er zum Volke
berzugehen, so da mir viel Freiheit und Zeit zu mancher Aushilfe und vor allem
wenig zu sprechen blieb. Einer der Vettern machte Rudolf den Harras, und Anna
konnte also sich im Schutze von zwei Verwandten befinden. Zufllig war die
Originalausgabe von Schiller gar nicht bekannt im Hause, und selbst der
Schulmeister las diesen Dichter nicht, weil seine Bildung nach anderen Seiten
hinstrebte; also ahnte kein Mensch die Beziehungen, welche ich in meinen Plan
legte, und Anna ging arglos in die ihr gestellte Falle. Das Schwerste war, sie
zum Reiten zu bringen; ein kugelrunder gemtlicher Schimmel stand im Stalle
meines Oheims, welcher nie jemandem ein Haar gekrmmt hatte und auf welchem der
Oheim ber Land zu reiten pflegte. Auf dem Boden befand sich ein vergessener
Damensattel aus der alten Zeit; dieser wurde mit rotem Plsch neu bezogen,
welchen man einem ehrwrdigen Lehnstuhle entnahm, und als Anna zum ersten Mal
sich darauf setzte, ging es ganz trefflich, besonders da der reitkundige Nachbar
Mller einige Anleitung gab, und Anna fand zuletzt groes Vergngen an dem guten
Schimmel. Eine mchtige hellgrne Damastgardine, welche einst ein Himmelbett
umgeben hatte, wurde zerschnitten und in ein Reitkleid umgewandelt; auch besa
der Schulmeister als ein altes Erbstck eine Krone von silbernem Flechtwerke,
wie sie ehemals die Brute getragen; Annas goldglnzendes Haar wurde nur
zunchst der Schlfe zierlich geflochten, unterhalb aber in seiner ganzen Lnge
frei ausgebreitet und dann die Krone aufgesetzt, auch ein breites goldenes
Halshand umgetan, auf meinen Rat einige Ringe ber die weien Handschuhe
gesteckt, und als sie zum ersten Mal diesen ganzen Anzug probierte, sah sie
nicht nur aus wie ein Ritterfrulein, sondern wie eine Feenknigin, und das
ganze Haus war in ihrem lieblichen Anblick verloren. Aber jetzt weigerte sie
sich aufs neue, an dem Spiele teilzunehmen, weil sie sich selber so fremd
vorkam, und wenn nicht die ganze Bevlkerung in ihren ehrbarsten Familien bei
der Sache gewesen wre, so htte man sie nicht dazu gebracht Unterdessen hatte
ich nicht geruht und mit meinen Herren Vettern ein wenig ins Sattlerhandwerk
gepfuscht, indem wir die nicht sehr sauberen Zgelriemen des Oheims mit rotem
Seidenzeuge umnhten, welches wir von einem Juden billig gekauft; denn Annas
Hnde sollten das alte Lederwerk nicht unmittelbar berhren.
    Meinen eigenen Anzug hatte ich lngst in Ordnung gebracht und denselben grn
und jgermig gewhlt, da dadurch eine grere Einfachheit mglich war fr
meine geringen Mittel. Doch war er noch ertrglich getreu, eine groe
zimmetfarbene Decke, ohne Beschdigung in einen faltenreichen Mantel
umgewandelt, verhllte die Unvollkommenheiten; auf dem Rcken trug ich eine
Armbrust und auf dem Kopfe einen grauen Filz. Allein da der Mensch immer eine
schwache Seite haben mu, so schnallte ich den langen Toledodegen um aus der
Dachkammer; ich hatte alle anderen zu historischer Treue ermahnt, hatte
zeitgeme Waffen in Menge selbst aus dem Zeughause geholt, und doch whlte ich
diesen spanischen Bratspie, ohne da ich mir heute klarmachen kann, was ich mir
dabei dachte!
    Der wichtige und ersehnte Tag brach an mit dem allerschnsten Morgen; der
Himmel war ganz wolkenlos, es war in diesem Hornung schon so warm, da die Bume
anfingen auszuschlagen und die Wiesen grnten. Mit Sonnenaufgang, als eben der
Schimmel an dem funkelnden Flchen stand und gewaschen wurde, tnten
Alpenhrner und Herdengelute durch das Dorf herab, und ein Zug von mehr als
hundert prchtigen Khen, bekrnzt und mit Schellen versehen, kam heran,
begleitet von einer groen Menge junger Bursche und Mdchen, um das Tal hinauf
zu ziehen in die anderen Drfer und so eine Bergfahrt vorzustellen. Die Leute
hatten nur ihre altherkmmliche Sonntagstracht anzuziehen gebraucht, mit
Ausschlu aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufgung einiger Prachtstcke
ihrer Eltern und Groeltern, um ganz festlich und malerisch auszusehen, und der
strkste Anachronismus waren die kurzen Pfeifen, welche die Bursche unbekmmert
im Munde trugen. Die frischen Hemdrmel der Jnglinge und Mdchen, ihre roten
Westen und blumigen Mieder leuchteten weithin in frohem Gewimmel, und als sie
vor unserm Hause und der benachbarten Mhle anhielten und unter den Bumen
pltzlich das bunteste Gewhl entstand, von Gesang, Jauchzen und Gelchter
begleitet, als sie mit lautem Gren einen Frhtrunk verlangten, da fuhren wir
vom reichlichen Frhstck, um welches wir, mit Ausnahme Annas, schon angekleidet
versammelt waren, lustig auf, und die Freude berraschte uns in ihrer
Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger, als wir bei aller Erwartung darauf
gefat waren. Schnell begaben wir uns mit den bereitgehaltenen Weingefen und
einer Menge Glser in das Gewimmel, der Oheim und seine Frau mit groen Krben
voll lndlichen Backwerkes. Dieser erste Jubel, weit entfernt, eine frhe
Erschpfung zu bedeuten, war nur der sichere Vorbote eines langen Freudentages
und noch herrlicherer Dinge. Die Muhme prfte und pries das schne Vieh,
streichelte und kraute berhmte Khe, welche ihr wohlbekannt waren, und machte
tausend Spe mit dem jungen Volke; der Oheim schenkte unaufhrlich ein, seine
Tchter boten die Glser herum und suchten die Mdchen zum Trinken zu berreden,
whrend sie wohl wuten, da ihr ehrsames Geschlecht am frhen Morgen keinen
Wein trinkt. Desto munterer sprachen die Hirtinnen den schmackhaften Kuchen zu
und versorgten mit denselben die vielen Kinder, welche nebst ihren Ziegen den
Zug vergrerten. In der Mitte des Gedrnges stieen wir auf die Mllersleute,
welche den Feind von der anderen Seite her angegriffen hatten, angefhrt vom
jungen Mller, der als geharnischter Reiter schwer einherklirrte und sein
verjhrtes Eisengewand andchtig verehren und betasten lie. Auf einmal zeigte
sich Anna, schchtern und verschmt; doch ihre Zaghaftigkeit ward von der Gewalt
der allgemeinen Freude sogleich vernichtet, und sie war in einem Augenblicke wie
umgewandelt Sie lchelte sicher und wohlgemut, ihre Silberkrone blitzte in der
Sonne, ihr Haar wehte und flatterte schn im Morgenwind, und sie ging so anmutig
und sicher in ihrem aufgeschrzten Reitkleide, das sie mit den ringgeschmckten
Hnden hielt, als ob sie ihr Leben lang ein solches getragen htte. Sie mute
berall herumgehen und wurde mit staunender Bewunderung begrt. Endlich aber
bewegte sich der Zug weiter, und mit seinem Aufbruche teilte sich auch unser
Hausstand. Die zwei jngeren Basen und zwei ihrer Brder schlossen sich
demselben an, die verlobte Schwester und der Schulmeister setzten sich in ein
leichtes Fuhrwerk, um als Zuschauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns
gelegentlich zu treffen, auch um Anna aufzunehmen, im Falle ihr die Sache nicht
zusagen wrde. Der Oheim und die Frau blieben zu Hause, um andere Herumschwrmer
zu bewirten und abwechselnd etwa sich in der Nhe umzusehen. Anna, Rudolf der
Harras und ich aber setzten uns nun zu Pferde, eskortiert von dem klirrenden
Mller. Dieser hatte fr mich unter seinen Pferden einen ehrlichen Braunen
ausgesucht und ber den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz
geschnallt. Doch kmmerte ich mich im mindesten nicht um die Reitkunst, und da
auch kein Mensch sich um dergleichen bekmmerte, so schwang ich mich ganz
unbefangen auf den Braunen und tummelte denselben mit einer Keckheit herum, die
ich jetzt gar nicht mehr begreife. Auf dem Lande kann jedermann reiten, der von
einem dressierten Pferde herunterfallen wrde. So ritten wir stattlich das Dorf
hinauf und gaben nun selbst ein Schauspiel fr die Leute, welche zurckblieben,
und fr eine Menge Kinder, welche uns nachliefen, bis eine andere Gruppe ihre
Auf- merksamkeit erregte. Vor dem Dorfe sahen wir es bunt und schimmernd von
allen Seiten her sich bewegen, und als wir eine Viertelstunde weit geritten
waren, kamen wir an eine Schenke an einer Kreuzstrae, vor welcher die sechs
barmherzigen Brder saen, welche den Geler wegtragen sollten. Dies waren die
lustigsten Bursche der Umgegend, hatten sich unter den Kutten ungeheure Buche
gemacht und schreckliche Brte von Werg umgebunden, auch die Nasen rot gefrbt;
sie gedachten den ganzen Tag sich auf eigene Faust herumzutreiben und spielten
gegenwrtig Karten mit groem Hallo, wobei sie andere Spielkarten aus den
Kapuzen zogen und statt der Heiligen an die Leute austeilten. Auch fhrten sie
groe Proviantscke mit sich und schienen schon ziemlich angeglht, so da wir
fr die Feierlichkeit ihrer Verrichtung bei Gelers Tod etwas besorgt wurden. Im
nchsten Dorf sahen wir den Arnold von Melchthal ruhig einem Stadtmetzger einen
Ochsen verkaufen, wozu er schon seine alte Tracht trug; dann kam ein Zug mit
Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange, um in der Umgegend das
hhnische Gesetz zu verknden. Denn dies war das Schnste bei dem Feste, da man
sich nicht an die theatralische Einschrnkung hielt, da man es nicht auf
berraschung absah, sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit
heraus und wie von selbst an den Orten zusammentraf, wo die Handlung vor sich
ging. Hundert kleine Schauspiele entstanden dazwischen, und berall gab es was
zu sehen und zu lachen, whrend doch bei den wichtigen Vorgngen die ganze Menge
andchtig und gesammelt zusammentraf. Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen,
um mehrere Berittene und auch durch Fuvolk verstrkt, welche alle zu dem
Ritterzuge gehrten; wir kamen an eine neue Brcke, die ber einen groen Flu
fhrt; von der anderen Seite nherte sich ein groer Teil der Bergfahrt, um das
Vieh nach Hause zu bringen und nachher wieder als Volk zu erscheinen. Nun war
ein knauseriger Zolleinnehmer auf der Brcke, welcher durchaus von Khen und
Pferden den Zoll erheben wollte, gem dem Gesetze; er hatte den Schlagbaum
heruntergelassen und lie sich durchaus nicht bereden, diesmal von seiner
Forderung abzustehen, indem man jetzt nicht eingerichtet und aufgelegt sei,
diese Umstndlichkeiten zu befolgen. Es entstand ein groes Gedrnge, ohne da
man jedoch wagte, mit Gewalt durchzukommen. Da erschien unversehens der Tell,
welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges ging. Es war ein berhmter fester
Wirt und Schtze, ein angesehener und zuverlssiger Mann von etwa vierzig
Jahren, auf welchen die Wahl zum Tell unwillkrlich und einstimmig gefallen war.
Er hatte sich in die Tracht gekleidet, in welcher sich das Volk die alten
Schweizer ein fr allemal vorstellt, rot und wei mit vielen Puffen und Litzen,
rot und weie Federn auf dem eingekerbten rot und weien Htchen. berdies trug
er noch eine seidene Schrpe ber der Brust, und wenn dies alles nichts weniger
als dem einfachen Weidmann angemessen war, so zeigte doch der Ernst des Mannes,
wie sehr er das Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte; denn in
diesem Sinne war der Tell nicht nur ein schlichter Jger, sondern auch ein
politischer Schutzpatron und Heiliger, der nur in den Farben des Landes, in
Sammet und Seide, mit wallenden Federn denkbar war. Der Schnitt seines Kleides
war aus dem sechszehnten Jahrhundert, so wie er berhaupt als alte
Schweizertracht noch bei dem Volke gilt und aus den letzten groen Heldentagen
der Schweizer herrhrt. Sie pflegten sich mit einer Last von Federn zu schmcken
und sonst groen Aufwand zu treiben aus Beute und fremdem Gold und gingen so in
den Tod fr fremde Herren. Aber in seiner braven Einfalt ahnte unser Tell die
Ironie seines prchtigen Anzuges nicht; er trat mit seinem eigenen Knaben, der
wie eine Art Genius aufgeputzt war, besonnen auf die Brcke und fragte nach der
Verwirrung. Als man ihm die Grnde angab, setzte er dem Zllner auseinander, da
er gar kein Recht habe, den Zoll zu erheben, indem smtliche Tiere nicht aus der
Ferne kmen oder dahin gingen, sondern als im gewhnlichen Verkehr zu betrachten
seien. Der Zollmann aber, erpicht auf die vielen Kreuzer, beharrte spitzfindig
darauf, da die Tiere in einem groen Zuge los und ledig auf der Strae
getrieben wrden und gar nicht vom Felde kmen, also er den Zoll zu fordern
berechtigt sei. Hierauf fate der wackere Tell den Schlagbaum, drckte ihn wie
eine leichte Feder in die Hhe und lie alles durchpassieren, die Verantwortung
auf sich nehmend. Die Bauern ermahnte er, sich zeitig wieder einzufinden, um
seinen Taten zuzusehen, uns Rittersleute aber grte er kalt und stolz, und er
schien uns auf unseren Pferden fr wirkliches Tyrannengesindel anzusehen, so
sehr war er in seine Wrde vertieft.
    Endlich gelangten wir in den Marktflecken, welcher fr heute unser Altorf
war. Als wir durch das alte Tor ritten, fanden wir das winzige Stdtchen,
welches nur einen migen Platz bildete, schon ganz belebt, voll Musik, Fahnen
und Tannenreiser an allen Husern. Eben ritt Herr Geler hinaus, um in der
Umgegend einige Untaten zu begehen, und nahm den Mller und den Harras mit; ich
stieg mit Anna vor dem Rathause ab, wo die brigen Herrschaften versammelt
waren, und begleitete sie in den Saal, wo sie von dem Ausschusse und den
versammelten Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrt wurde. Ich war hier nur
wenig bekannt und lebte nur in dem Glanze, welchen Anna auf mich warf. Jetzt kam
auch der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin; sie gesellten sich zu
uns, nachdem das Gefhrt notdrftig untergebracht, und erzhlten, wie soeben auf
der Landschaft dem jungen Melchthal die Ochsen vom Pfluge genommen, er flchtig
geworden und sein Vater gefangen worden sei, wie die Tyrannen berhaupt ihren
Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwrdige Szenen stattgefunden
htten vor vielen Zuschauern. Diese strmten auch bald zum Tore herein; denn
obgleich nicht alle berall sein wollten, so begehrte doch die grere Zahl die
ehrwrdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu schauen und vor allem den
Tellenschu. Bereits sahen wir auch aus dem Fenster des Rathauses die
Spieknechte mit der verhaften Stange ankommen, dieselbe mitten auf dem Platze
aufpflanzen und unter Trommelschlag das Gesetz verknden. Der Platz wurde jetzt
gerumt, das smtliche Volk, mit und ohne Kostm, an die Seiten verwiesen und
vor allen Fenstern, auf Treppen, Galerien und Dchern wimmelte die Menge. Bei
der Stange gingen die beiden Wachen auf und ab, jetzt kam der Tell mit seinem
Kanben ber den Platz gegangen, von rauschendem Beifall begrt; er hielt das
Gesprch mit dem Kinde nicht, sondern wurde bald in den schlimmen Handel mit den
Schergen verwickelt, dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah, indessen
Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertr
hinausbegaben und zu Pferde stiegen, da es Zeit war, uns mit dem Gelerschen
Jagdzuge zu vereinigen, der schon vor dem Tore hielt. Wir ritten nun unter
Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange, den Tell in
groen Nten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt, den Helden
seinen Drngern zu entreien. Doch als der Landvogt seine Rede begann, wurde es
still. Die Rollen wurden nicht theatralisch und mit Gebrdenspiel gesprochen,
sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung, laut, eintnig und etwas
singend, da es doch Verse waren; man konnte sie auf dem ganzen Platze vernehmen,
und wenn jemand, eingeschchtert, nicht verstanden wurde, so rief das Volk
Lauter, lauter! und war hchst zufrieden, die Stelle noch einmal zu hren,
ohne sich die Illusion stren zu lassen. So erging es auch mir, als ich einiges
zu sprechen hatte; ich wurde aber glcklicherweise durch einen komischen Vorgang
unterbrochen. Es trieben sich nmlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte
herum, arme Teufel, welche weie Hemden ber ihre rmlichen Kleider gezogen
hatten, ganz mit bunten Lppchen besetzt, auf dem Kopfe trugen sie hohe
kegelfrmige Papiermtzen, mit Fratzen bemalt, und vor dem Gesicht ein
durchlchertes Tuch. Dieser Anzug war sonst die allgemeine Vermummung gewesen
zur Fastnachtszeit und in derselben allerlei Spe getrieben worden; er scheint
von der lblichen Tracht herzurhren, in welcher einst die verurteilten Ketzer
verhhnt wurden und welche nachher in den Fastnachtsspielen sich erhielt. Die
armen Kerle waren den neueren Spielen nicht grn, da sie in dieser seltsamen
Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher fr deren Erhaltung
begeistert waren. Sie stellten gewissermaen den Rckschritt und die
Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen
umher. Besonders zwei derselben strten das Schauspiel, als ich eben reden
sollte, indem sie einander am Rckteile des Hemdes herumzerrten, welches mit
Senf bestrichen war. Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie, indem er
sie a, an dem Hemde des andern, whrend sie fortwhrend sich im Kreise
herumdrehten wie zwei Hunde, die einander nach dem Schwanze schnappen. Auf diese
Weise tanzten sie zwischen Geler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun
in ihrer Unwissenheit; auch erfolgte ein schallendes Gelchter, indem das Volk
im ersten Augenblicke seinen alten Ncken nicht widerstehen konnte. Doch
alsobald erfolgten auch derbe Pffe und Ste mit Schwertknufen und Partisanen,
die erschrockenen Spamacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten, wurden
aber berall mit Gelchter zurckgestoen, so da sie lngs der frhlichen
Reihen kein Unterkommen fanden und ngstlich umherirrten, mit zerzausten Mtzen
und furchtsam ihre Verhllung an das Gesicht drckend, damit sie nicht erkannt
wrden. Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und
mich, den mihandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen, und so wurde ich
meiner Rede enthoben. Dies strte brigens nicht, da man gar nicht die Worte
zhlte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrcken
verzierte, so wie es die Bewegung eben mit sich brachte. Doch machte sich der
Volkshumor im Schoe des Schauspieles selbst geltend, als es zum Schusse kam.
Hier war seit undenklichen Zeiten, wenn bei Aufzgen die Tat des Tell auf derbe
Weise vorgefhrt wurde, der Scherz blich gewesen, da der Knabe whrend des
Hin- und Herredens den Apfel vom Kopfe nahm und zum groen Jubel des Volkes
gemtlich verspeiste. Dies Vergngen war auch hier wieder eingeschmuggelt
worden, und als Geler den Jungen grimmig anfuhr, was das zu bedeuten htte,
erwiderte dieser keck Herr! Mein Vater ist ein so guter Schtz, da er sich
schmen wrde, auf einen so groen Apfel zu schieen! Legt mir einen auf, der
nicht grer ist als Euere Barmherzigkeit, und der Vater wird ihn um so besser
treffen! Als der Tell scho, schien es ihm fast leid zu tun, da er nicht seine
Kugelbchse zur Hand hatte und nur einen blinden Theaterschu absenden konnte.
Doch zitterte er wirklich und unwillkrlich, indem er anlegte, so sehr war er
von der Ehre durchdrungen, diese geheiligte Handlung darstellen zu drfen. Und
als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt, whrend
alles Volk in atemloser Beklemmung zusah, da zitterte seine Hand wieder mit dem
Pfeile, er durchbohrte den Geler mit den Augen, und seine Stimme erhob sich
einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der Leidenschaft, da Geler erblate
und ein Schrecken ber den ganzen Markt fuhr. Dann verbreitete sich ein frohes
Gemurmel, tief tnend, man schttelte sich die Hnde und sagte, der Wirt wre
ein ganzer Mann, und solange wir solche htten, tue es nicht not! Doch ward der
wackere Mann einstweilen gefnglich abgefhrt, und die Menge strmte aus dem
Tore nach verschiedenen Seiten, teils um anderen Szenen beizuwohnen, teils um
sich sonst vergnglich umherzutreiben. Viele blieben auch im Orte, um dem Klange
der Geigen nachzugehen, welche da und dort sich hren lieen. Auf die
Mittagsstunde machte sich aber alles bereit, auf dem Grtli einzutreffen, wo der
Bund beschworen wurde, mit Weglassung der Schillerschen Stellen, die sich auf
die Nacht bezogen. Eine schne Wiese an dem breiten Strom, von ansteigendem
Gehlz umschlossen, war dazu bestimmt, wie auch der Strom berhaupt den See
ersetzen mute und den Fischern und Schiffsleuten zum Schauplatz diente. Anna
setzte sich zu ihrem Vater in das Gefhrt, ich ritt nebenher, und so begaben wir
uns gemchlich auf den Weg dahin, um als Zuschauer auszuruhen und ausruhend zu
genieen. Auf dem Grtli ging es sehr ernst und feierlich her; whrend das bunte
Volk auf den Abhngen unter den Bumen umhersa, tagten die Eidgenossen in der
Tiefe. Man sah dort die eigentlichen wehrbaren Mnner mit den groen Schwertern
und Brten, krftige Jnglinge mit Morgensternen und die drei Fhrer in der
Mitte. Alles begab sich auf das beste und mit vielem Bewutsein, der Flu wogte
breit glnzend und zufrieden vorber; nur tadelte der Schulmeister, da die
Jungen und die Alten bei der feierlichen Handlung keinen Augenblick die Pfeifen
aus dem Munde tten und kaum Walter Frst und Stauffacher die ihrigen beiseite
getan htten; Melchthal aber, der viel Geld mit dem Ochsenhandel verdiente,
rauchte eine Zigarre, und der Pfarrer Rsselmann schnupfte unaufhrlich. Das
strte in der Tat aber niemand als den Schulmeister, welcher weder rauchte noch
schnupfte.
    Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher
beschworen war, setzte sich die ganze Menge, Zuschauer und Spieler
untereinandergemischt, in Bewegung; der grte Teil wogte wie eine
Vlkerwanderung nach dem Stdtchen, wo ein einfaches Mahl bereitet und fast
jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war, sei es fr Freunde und Bekannte,
sei es fr Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig; denn so unbefangen, wie wir
die Aufzge des Stckes durcheinandergeworfen, hielten wir auch fr gut, sie
durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen, um nachher die gewaltsamen
Schluereignisse mit desto frischerm Mute herbeizufhren. Der eigentliche
Festwirt hatte in Betracht des ungewhnlich warmen Wetters rasch den Markt, oder
besser gesagt, den ganzen und einzigen innern Raum des Stdtchens in einen
Speisesaal umgeschaffen; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt fr
diejenigen der Verkleideten und sonstigen Ehrenpersonen, welche das gemeinsame
Essen teilen wollten, die brigen besetzten die Huser und viele einzelne
Tische, welche vor die Huser gestellt waren. So gewann das Stdtchen doch
wieder das Ansehen einer einzigen Familie, aus allen Fenstern blickten die
abgesonderten Gesellschaften auf die groe Haupttafel, und diejenigen vor den
Husern sahen bald wie unregelmige Verzweigungen derselben aus. Den Stoff zu
den lauten Gesprchen lieh die allgemeine Theaterkritik, die sich ber alle
Tische verbreitete und deren mndliche Artikel die Knstler selbst verfaten.
Diese Kritik befate sich weniger mit dem Inhalte des Dramas und mit der
Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der Helden und mit der
Vergleichung mit ihrem gewhnlichen Behaben. Daraus entstanden hundertfache
scherzhafte Beziehungen und Anspielungen, von denen kaum der Tell allein
freigehalten wurde; denn dieser schien unangreifbar. Aber der Tyrann Geler
geriet in ein solches Kreuzfeuer, da er in der Hitze des Gefechtes einen
kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natrliche Weise
darzustellen imstande war. Die heitersten Scherze veranlaten die jungen Leute,
welche in Frauentracht an der Tafel saen. Es waren drei oder vier Bursche wie
Milch und Blut, mit Sorgfalt gekleidet, und benahmen sich sehr zchtig und
zimpferlich; whrend sie verliebter und kecker Natur und angehende Don Juans
waren, lieen sie sich nun von ihren Kameraden, den lndlichen Kavalieren,
sprde den Hof machen und ahmten aufs beste die Art sittsamer Frauen nach. Die
wirklichen Mdchen betrachteten aus der Entfernung ziemlich wohlgefllig ihre
neuen Rivalinnen; doch wenn die verkleideten Schlke pltzlich sich unter sie
mischten und ein mdchenhaft vertrauliches Wort flstern wollten, fuhren sie
schreiend auseinander. Aber dies alles belustigte mich nicht sehr, da ich mich
genug um Anna zu kmmern hatte. Sie sa am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater und
dem Regierungsstatthalter, gegenber dem Tell und seiner wirklichen anwesenden
Ehefrau. Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung wegen die
allgemeine Aufmerksamkeit erregt, machte sich nun auch der ehrbare Ruf ihres
Vaters, ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend; ich
mute zu meiner groen Bekmmernis sehen, wie der Platz, wo sie sa, von
allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde, ja wie alle vier Fakultten
sich bestrebten, dem gravittischen Schulmeister zu Gefallen zu leben. Ein
frisch patentierter junger Doktor spielte den Erfahrenen, ein Jurist machte
Witze, ein Vikarius verdrehte die Augen und sprach von der Poesie wie eine Kuh
von der Muskatnu (um das Sprichwort zu gebrauchen), und ein rationeller
Landwirt, der die Philosophie vertrat, zog alle Augenblicke eine groe
Schweinsblase hervor, welche wenigstens funfzig Gulden in allen Silbersorten
enthielt, und suchte mit starkem Gerassel einige Kreuzer, um einen Aufwrter zu
bezahlen. Doch alle waren stattliche blhende Bursche mit einer behaglichen
Zukunft; ich war arm und hatte einen Beruf gewhlt, der nicht nur mit ewiger
Armut verbunden war nach meinen eigenen Begriffen und zu meinem stolzen
Vergngen, sondern berhaupt bei allen diesen Leuten nichts gelten konnte,
whrend der Stand eines jeden der vier Hoffnungsvollen, selbst wenn diese arm
waren, groes Ansehen bei dem Volke geno, wie alles, was es nach seinen
Begriffen fr notwendig hlt und vom Staate kontrolliert oder besoldet sieht.
Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken, welch einer geschlossenen
Macht ich gegenberstand. Anna war gegen alle gleich freundlich, so unbefangen
und offen, wie ich sie gar nie gesehen und am wenigsten gegen mich; aber
obgleich mich gerade das htte beruhigen sollen und ich berdies die
ungewhnlich edle Denkart des Schulmeisters kannte, so wurde es mir doch ganz
hei, und ich beschuldigte sogleich die Weiber, da sie unter dem Vorwande der
Selbstverleugnung und des kindlichen Gehorsams es doch immer vorzgen, wenn auch
unter heuchlerischen Trnen, sich unvermerkt dahin zu salvieren, wo guter Rat
und Wohlstand wre, und wenn sie eine Ausnahme machten, so geschhe das weniger
aus Liebe als aus Eigensinn, welcher sich auch in bertreibung und
Ungebrdigkeit alsobald kundgebe! Doch kam mir kein Gedanke an einen besondern
Vorwurf gegen Anna, weil mir alles achtungswert und notwendig schien, was sie
tat oder je tun wrde, und ich entschuldigte sie sogar im voraus, wenn sie etwa
in den Fall geraten sollte, nach dem Willen ihres Vaters einem Angesehenen und
Reichen ihre Hand zu geben. Auch achtete ich diese ganze mchtige Volksschaft zu
sehr und fhlte mich nur unbedeutend und unntz in diesem Augenblicke. Betrbt
erhob ich mich von meinem Sitze, wo ich zufllig zwischen zwei fremde Personen
geraten war, und schlenderte um die Tische herum, meine Vettern und Basen
aufsuchend, die sich im vollen Jubel befanden. Sie waren zu sehr mit ihrer
Freude beschftigt, als da sie meinen Trbsinn htten bemerken knnen, und ich
war nahe daran, in das empfindsame Mitleid mit mir selbst, das ich in frheren
Tagen gekannt, zu verfallen, als Margot, die Braut, welche in stiller
Glckseligkeit neben dem Mller sa, mich heranwinkte, mit freudestrahlenden und
doch teilnehmenden Augen fragte, warum ich mich so einsam und dster
umhertreibe, mich mit ungewohnter Herzlichkeit beim Arme nahm und an ihrem
Stuhle festhielt. Ich htte sie aus Dankbarkeit umhalsen und kssen mgen, zumal
sie mir so schn und liebenswrdig vorkam wie frher nie. Eine Braut zur
Beschtzerin zu haben, schien mir halb gewonnenes Spiel. Ich empfand sogleich
eine warme und treue Freundschaft fr sie, und auch sie schien froh zu sein, die
dnne Scheidewand der bisherigen Ironie zwischen uns fallenzulassen und einen
ihrem knftigen Hause ergebenen Vetter aus mir zu machen. Sie unterhielt sich
fortwhrend und angelegentlich mit mir und veranlate den Mller, an dem
vertraulichen Geplauder teilzunehmen. Das tat er denn auch mit
freundschaftlicher Kraft, wir wurden herzlicher und offener gegeneinander, kurz,
ich glaubte endlich zu meinem groen Troste zu entdecken, da man mich achtete
und werthielt. Zutraulich bei diesem hbschen Paare stehend, sah ich nun ruhiger
ber die Versammlung hin und rckte endlich ein Stck weiter, um mich bei dem
Schulmeister und seiner Tochter einzufinden. Trotz des Verkommnisses in der
Gartenlaube war unser Verkehr nicht sehr fortgeschritten, wir wechselten kaum
einige Worte, im brigen blieben wir still und zufrieden in unserer
gegenseitigen Nhe, und selbst heute hatten wir fast nichts unmittelbar
zueinander gesprochen. Als ich mich nachlssig hinter Annas Stuhl lehnte, bot
mir der Schulmeister, whrend er mit den Nachbaren sprach, leichthin das Glas,
wie man einem Angehrigen tut, den man oft sieht; seine Tochter kehrte sich
nicht einmal um und fuhr fort, ihre Verehrer anzuhren. Das schmeichelte mir nun
wieder, vor einer Viertelstunde htte es meine Betrbnis vermehrt; ich schlug
die Arme bereinander und hrte gelassen dem Gesprche zu. In ihrem Wetteifer
waren die vier jungen Herren ein wenig khn und prahlerisch geworden; ihre
Studentenbildung und die Sitten ihres lndlichen Herkommens gerieten wunderlich
durcheinander, sie verloren ihren Takt gegenber dem feinen Kinde, das sie wie
eine Mcke zu fangen glaubten, sagten Dummheiten ohne alle Anmut, und als das
Zeichen zum Aufbruch erklang, gaben sie Anna ihre Visitenkarten! Was das heien
sollte, wute kein Mensch; einer hatte angefangen, die anderen wollten nicht
zurckbleiben. Sie hatten diese Karten beim Abgange von der Universitt machen
lassen, wie sie es bei anderen gesehen, die Hlfte davon gegen diejenigen ihrer
Freunde vertauscht, indem sie einander besuchten, wenn sie nicht zu Hause waren,
die andere Hlfte war nun noch vorrtig, und obgleich hierzulande keine
Visitenkarten abgegeben wurden, wenn die Leute nicht zu Hause waren, so trugen
sie doch stets einige bei sich, wie die Habichte auf einen gnstigen Zufall
lauernd, wo sie eine derselben anbringen konnten. Jetzt hatten sie mit khner
Hand sich die Gelegenheit vom Zaun gebrochen und ohne weiteres die glnzenden
Dinger hervorgeholt. Anna hielt sie anscheinend bewunderungsvoll in der Hand;
auf einem stand Dr. med., auf dem andern Cand. jur., auf dem des Vikars V. D. M.
Als Anna fragte, was letzteres bedeute, lag es mir auf der Zunge, zu sagen VerD
ammter Mucker! Denn der arme junge Priester war zwar ein sogenannter
freisinniger Theologe, hatte aber von der Universitt eine bedenkliche
sthetische Muckerei heimgebracht. Er erklrte aber, es hiee Verbi Divini
Minister. Nur der rationelle Landwirt besa keine Karte; dafr zog er noch
einmal seine Blase heraus, setzte sie klirrend auf den Tisch, grub einen Franken
aus derselben hervor und warf denselben ohne alle Veranlassung einem Kinde hin.
Ich bemerkte, da dies von den Anwesenden sehr mifllig angesehen wurde, und
triumphierte nun vollkommen in meinem schadenfrohen Gemte. Es kann mich aber
vielleicht entschuldigen, da alle vier sechs bis sieben Jahre lter als ich und
schon gereist waren; auch haben sie seither nach ihrem Wunsche achtbare und
vermgliche Frauen bekommen und sind ebenso tchtige als geachtete junge Mnner
mit Ausnahme des Verbi Divini Minister, welcher einen schlimmen Handel bekam und
auer Landes ging.
    Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich, ihr die Karten aufzubewahren;
sie bemerkte lchelnd, ich mchte ja recht Sorge dazu tragen, und als ich sie
einsteckte, war mir, als ob ich alle vier Helden in der Tasche trge. Doch diese
mochten auch bereits einsehen, da sie einen unschicklichen und trichten
Streich begangen, und verloren sich aus unserer Umgebung; denn als kluger Bauern
ebenso kluge Shnlein waren sie nur oberflchlich in solche Schnrkeleien
hineingeraten und soeben durch Annas feines Wesen flschlich zu deren Anwendung
verlockt worden.
    Whrend man nun von allen Seiten aufbrach, hatte sich in unserer Nhe, wo
der Statthalter, Wilhelm Tell, der Wirt, und andere Mnner von Gewicht saen,
eine bedchtige Unterhandlung entsponnen. Es handelte sich um die Richtung einer
neuen Strae erster Klasse, welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an
die Grenze gefhrt werden sollte. Zwei verschiedene Plne standen sich in bezug
auf unser engeres Gebiet entgegen, welche mit gleichwiegenden Vorteilen und
Schwierigkeiten verbunden waren; die eine Richtung ging ber eine gedehnte
Anhhe, fast zusammenfallend mit einer lteren Strae zweiten Ranges, mute aber
im Zickzack gefhrt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht; die andere
ging mehr grad und eben ber den Flu, allein hier war das anzukaufende Land
teurer und berdies ein Brckenbau notwendig, so da die Kosten also sich
gleichkamen, whrend die Verkehrsverhltnisse die Wnschbarkeit ebenfalls
ziemlich gleich verteilten. Aber an der lteren Strae auf der Anhhe lag das
Gastbaus des Tell, weit hinschauend und viel besucht von Geschftsmnnern und
Fuhrleuten; durch die groe Strae in der Niederung wrde sich der Verkehr dort
hingezogen haben und das alte berhmte Haus vereinsamt worden sein; daher sprach
sich der wackere Tell, an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhhe,
energisch fr die Notwendigkeit aus, da die neue Strae ber dieselbe gezogen
werde. In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhndler, die Schiffahrt
abwrts benutzend, seine weitlufigen Rume angelegt, dem nun die Strae zum
Transport aufwrts unentbehrlich schien Er war seit einer Reihe von Jahren,
schon in der Restaurationszeit, Mitglied des Groen Rates und einer jener
Mnner, die weniger ideellen Stoff in eine gesetzgebende Behrde bringen, als
durch geschftliche Sach-und Lokalkenntnis ebenso schlichte als unentbehrliche
und darum stehende Erscheinungen in denselben und jeder herrschenden Partei von
Nutzen sind. Er war radikal und stimmte in allen politischen Fragen im Sinne des
Fortschrittes, aber ohne viel Umstnde, indem er mehr durch sein Beispiel als
durch Reden wirkte. Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel eingriff, pflegte er
die Debatte mit genauen Errterungen und Bedentlichkeiten aufzuhalten; denn auch
der Radikalismus war ihm ein Geschft und er der Meinung, mit den uersten
Ersparnissen, die man den Kosten von sechs Unternehmungen abgezwackt, knne man
eine siebente obendrein ermglichen. Er wollte die Sache der Freiheit und
Aufklrung nach der Weise eines klugen Fabrikanten betrieben wissen, welcher
nicht darauf ausgeht, mit ungeheuren Kosten auf einmal ein kolossales
Prachtgebude herzustellen, in welchem er die Arbeiter zur Not beschftigen
knnte, sondern der es vorzieht, unscheinbare rucherige Gebude, Werkstatt an
Werkstatt, Schuppen an Schuppen zu reihen, wie es Bedrfnis und Gewinn erlauben,
bald provisorisch, bald solid, nach und nach, aber immer rascher mit der Zeit,
da es raucht und dampft, pocht und hmmert an allen Ecken, whrend jeder
Beschftigte in dem lustigen Wirrsal seinen Griff und Tritt kennt. Deswegen
eiferte er immer gegen die schnen groen Schulhuser, gegen die erhhten
Besoldungen der Lehrer und dergleichen, weil ein Land, welches mit einer Menge
bescheidener, aber mit allen Mitteln vollgepfropfter Schulstuben gespickt sei,
in bequemer Nhe berall, wo ein paar Kinder wohnen, und wo an allen Ecken und
Enden tapfer und emsig gelernt wrde in aller Unscheinbarkeit, erst die wahre
Kultur aufzeige. Der gravittische Aufwand, behauptete der Holzhndler,
behindere nur die tchtige Bewegung; nicht ein goldenes Schwert tue not, dessen
mit Edelsteinen besetzter Griff die Hand geniere, sondern eine scharfe leichte
Axt, deren hlzerner Stiel, vom rstigen Gebrauche geglttet, der Hand
vollkommen gerecht sei zur Verteidigung wie zur Arbeit, und die ehrwrdige
Politur an einem solchen Axtstiele sei ein viel schnerer Glanz, als Gold und
Steine jenes Schwertgriffes darbten. Ein Volk, welches Palste baue, bestelle
sich nur zierliche Grabsteine, und der Wandelbarkeit knne noch am besten
widerstanden werden, wenn man sich unter ihrem Panier schlau durch die Zeit
bugsiere, leicht und behende; erst ein Volk, das dies begriffen, immer bewaffnet
und marschfertig, ohne unntzes Gepck, aber mit gefllter Kriegskasse versehen
sei, dessen Tempel, Palast, Festung und Wohnhaus in einem Stck das leichte,
luftige und doch unzerstrbare Wanderzelt seiner geistigen Erfahrung und
Grundstze sei, berall mitzufhren und aufzuschlagen, knne sich Hoffnung auf
wahre Dauer machen, und selbst seinen geographischen Wohnsitz vermge ein
solches lnger zu behaupten. Besonders von den Schweizern wre es ein Unsinn,
wenn sie ihre Berge mit schnen Gebuden bekleben wollten; hchstens am Eingange
wren allenfalls ein paar ansehnliche Stdte zu dulden, sonst aber mten wir es
ganz der Natur berlassen, die Honneurs zu machen; dies sei nicht nur das
billigste, sondern auch das klgste. Von den Knsten lie er einzig Beredsamkeit
und Gesang gelten, weil sie seinem Wanderzelte entsprachen, nichts kosten und
keinen Platz einnehmen. Sein eigenes Besitztum sah ganz nach seinen Grundstzen
aus; Brenn- und Bauholz, Kohlen, Eisen und Steine bildeten in ungeheuren
Vorrten ein groes Labyrinth, dazwischen kleine und groe Grten, denn wenn ein
Platz fr einen Sommer frei war, so wurde schnell Gemse darauf geset; hie und
da beschatteten mchtige Tannen, die er noch hatte stehenlassen, eine Sgemhle
oder Schmiede. Sein Wohnhaus lag mehr wie eine Arbeiterhtte als wie ein
Herrenhaus dazwischen hingeworfen, und seine Frauensleute muten fr ein
bescheidenes Ziergrtchen einen fortwhrenden Krieg fhren und mit demselben
stets um das Haus herum flchten; bald wurde es an diese, bald an jene Ecke
geschoben, von Hecken oder Gelndern war auf dem ganzen Grundstck nichts zu
sehen. Es lag ein groer Reichtum darin, aber dieser nderte tglich seine
uere Gestalt; selbst die Dcher von den Gebuden verkaufte der Mann manchmal,
wenn sich gnstige Gelegenheit bot, und doch sa er seit langer Zeit auf diesem
Besitze, und die fragliche Strae schien demselben die Krone aufzusetzen; denn
eine gute Strae dnkte ihm das beste Ding von der Welt, nur msse sie ohne
kostspielige Meilenzeiger und ohne Akazienbumchen und derlei Firlefanz sein.
Auch war er fast immer auf der Strae in einem leichten, einfachen, aber
vortrefflichen Fuhrwerke, dessen Remise ebenfalls auf steter Wanderung begriffen
war und lediglich aus losen Bauhlzern bestand. Der Holzhndler meinte nun, der
Wirt msse oben seine Htte zuschlieen und einen Gasthof unten an die neue
Strae und Brcke bauen, wo noch ein grerer Verkehr zu erwarten wre, da hier
noch die Schiffsleute hinzukmen. Allein der Wirt war der entgegengesetzten
Gesinnung. Er sa in dem Hause seiner Vter; es war seit alten Zeiten immer ein
Gastbaus gewesen; von seiner sonnigen Hhe war er gewohnt, ber das Land
hinzublicken, und das Haus hatte er mit schnen Schweizergeschichten bemalen
lassen. Von der Verteidigung mit einer schlechten Axt wollte er nichts hren,
dieselbe sei hchstens zum gelegentlichen Erschlagen eines Wolfenschieen gut;
sonst bedurfte er einer trefflichen und fein gearbeiteten Bchse, die bung mit
derselben war ihm der edelste Zeitvertreib. Er war auch, der Meinung, ein freier
Brger msse arbeiten und sorgen, sieh ein unabhngiges Auskommen zu schaffen
und zu erhalten, aber Nicht mehr, als ntig sei, und wenn die Sache in sichrem
Gange, so zieme dem Mann eine anstndige Ruhe, ein vernnftiges Wort beim Glase
Wein, eine erbauliche Betrachtung der Vergangenheit des Landes und seiner
Zukunft. Er betrieb einen beschrnkten Weinhandel, nur mit gutem und wertvollem
Wein, mehr gelegentlich als geschftsmig; in seinem Hause ging alles seinen
Gang, ohne da er viel umhersprang, wozu er auch zu beleibt war. Auch er war ein
Mann des Rates und der Tat, aber mehr in der moralischen Welt, und in
politischen Dingen ein einflureicher Volksmann, ohne da er im Groen Rate sa.
Bei den Wahlen hrten viele auf ihn; daher mochte die Regierung ihn sowenig
gegen sich aufbringen als den Holzhndler. Sie hatte dem Groen Rate, behufs
eines Gesetzes ber den fraglichen Straenbau, ihr Gutachten vorzulegen; man
wnschte, da der betreffende Nachteil des Entscheides nicht den Behrden zur
Last gelegt, sondern an Ort und Stelle ausgekocht wrde, und zu diesem Ende hin
hatte der Statthalter diese Gelegenheit ergriffen, die beiden Mnner
aneinanderzubringen und zu einer Verstndigung aufzufordern. Der Statthalter war
ein freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hbschen Gesichte und vornehm
grauen Haaren; er trug feine Wsche und einen feinen Rock, an der feinen Hand
goldene Ringe und lachte gern. Immer war er gelassen, fhrte seine Geschfte mit
Festigkeit durch, ohne sieh auf die Gewalt zu berufen und als Regierungsperson
zu brsten. Er war sehr gebildet, allein davon zeigte er jederzeit nur, soviel
ntig war, und tat dies auf eine Weise, als ob er den Bauern nur etwas erzhlte,
das er zufllig erfahren und sie ebensogut wissen knnten, wenn es sich just
gefgt htte. Mit seinem feinen Rock und seinen Manschetten ging er berallhin,
wo ein Bauersmann hinging, nahm seinen Putz nicht in acht dabei und verdarb ihn
doch nicht. Zu den Leuten verhielt er sich nicht wie ein Vogt zu seinen
Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen Soldaten, auch nicht wie ein Vater
zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen Hirten, sondern unbefangen wie ein
Mann, der mit dem andern ein Geschft zu verrichten und eine Pflicht zu erfllen
hat. Er strebte weder herablassend noch leutselig zu sein, am wenigstens suchte
er den besoldeten Diener des Volkes zu affektieren. Er grndete seine Festigkeit
gar nicht auf die Amtsehre, sondern auf das Pflichtgefhl; doch wenn er nicht
mehr sein wollte als ein anderer, so wollte er auch nicht weniger sein. Oder
vielmehr wollte er gar nicht, denn er war alles, was er vorstellte. Und doch war
er kein unabhngiger Mann; einer reichen, aber verschwenderischen Familie
entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger Vogel, kehrte er mit
erlangter Besonnenheit gerade in das vterliche Haus zurck, als dasselbe in
Verfall geriet; es war gar nichts zu leben briggeblieben, sein verkommener,
lrmender Vater mute noch erhalten werden; so sah sich der junge Mann gentigt,
gleich ein Amt zu suchen, und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen
einer von denen geworden, die ohne ihr Amt Bettler und Regierungspersonen von
Profession sind. Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklrung dieser
verrufenen Lebensart gelten; den ersten Schritt hatte er in der Jugend und in
der Not getan, und als es nachher nicht mehr zu ndern war, zog er sich
wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache. Der Schulmeister pflegte
von ihm zu sagen er sei einer von den wenigen, die durch das Regieren weise
werden. Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht, den Holzhndler und den Wirt zu
einer Verstndigung zu bringen, damit er der Regierung berichten knne, welcher
Zug der Strae in der Gegend allgemein gewnscht werde. Jeder der beiden Mnner
verteidigte hartnckig seinen Vorteil; der Holzhndler hielt sich schlechtweg an
den Vernunftgrund, da die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und
zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein msse, und barg so seinen
eigenen Vorteil hinter die Vernunft; auch lie er merken, da er als Mitglied
der Behrde derselben zum Siege zu verhelfen hoffe. Der Wirt dagegen sagte
geradezu, er wolle sehen, ob er es um die Regierung verdient habe, da man ihm
das Haus seiner Vter in eine Einde setze! Herabzusteigen und an dem feuchten
Wasser sich anzunisten wie eine Fischotter, dazu werde man ihn nicht berreden;
oben, wo es trocken und sonnig, sei er geboren, und dort werde er auch bleiben!
Hierauf versetzte sein Gegner lchelnd das mge er unbehindert tun und von der
Freiheit trumen, whrend er ein Untertan seiner Vorurteile sei; andere zgen es
vor, in der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben. Schon fing die
Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen Anhngern Worte wie
Starrsinn und Eigennutz! laut zu werden, als ein frhlicher Haufe den Tell zur
Fortsetzung seiner Taten abholte; denn er sollte noch auf die Platte springen
und den Vogt erschieen. Etwas zornig brach er auf, indes auch die brigen sich
zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen blieben. Die Unterredung
hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht; besonders am Wirt hatte mich
dies unverhohlene Verfechten des eigenen Vorteiles, an diesem Tage und in
solchem Gewande, gekrnkt; diese Privatansprche an ein ffentliches Werk, von
vorleuchtenden Mnnern mit Heftigkeit unter sich behauptet, das Hervorkehren des
persnlichen Verdienstes und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde, welches
von dem unparteiischen und unberhrten Wesen des Staates in mir war und das ich
mir auch von den berhmten Volksmnnern gemacht hatte. Ich uerte diesen
Eindruck in vorlauten Worten gegen Annas Vater, hinzufgend, da mir der Vorwurf
der Kleinlichkeit, des Eigennutzes und der Engherzigkeit, welcher den Schweizern
von fremden, namentlich deutschen Reisenden gemacht wrde, nun bald gerecht
erschiene. Der Schulmeister milderte in etwas meinen Tadel und forderte mich zur
Duldsamkeit auf mit der menschlichen Unvollkommenheit, welche auch diese sonst
wackeren Mnner berschatte. brigens, meinte er, sei nicht zu leugnen, da
unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein Gewchs der Scholle sei und da unseren
Fortschrittsmnnern die wahre Religiositt fehle, welche in das schwere
politische Leben jenen heitern, frommen, liebevollen Leichtsinn bringe, der aus
warmem Gottvertrauen entspringe und erst die rechte Opferfreudigkeit, die
allerfreieste Beweglichkeit von Leib und Seele mglich mache. Wenn unsere
fleiigen Mnner einmal einshen, da im Evangelio noch eine viel aufgewecktere
und schnere Beweglichkeit gelehrt wrde, als diejenige sei, welche der
Holzhndler predige, so werde das Politisieren noch viel erklecklicher
vonstatten gehen und erst die reifen Frchte bringen. Ich wollte eben hiegegen
mein rundes Veto einlegen, als jemand mir auf die Achsel klopfte; als ich mich
umwandte, stand der Statthalter hinter uns, welcher freundlich sagte Obgleich
ich nicht der Ansicht bin, da man in einer guten Republik stark auf die
Meinungen der Jugend achte, solange die Alten das Salz nicht verloren haben und
Toren geworden sind, so will ich doch versuchen, junger Herr! Euern Kummer zu
lindern, damit Euch ber vermeintlichen trben Erfahrungen nicht dieser schne
Tag zuschanden gehe; zudem habt Ihr noch nicht einmal jenes Jugendalter
erreicht, welches ich eigentlich meine, und da Ihr schon so krftig zu tadeln
wit, so versteht Ihr gewi noch ebensogut zu lernen. Vor allem freut es mich,
Euch in betreff der beiden Mnner, welche soeben weggingen, Euern Mut
wiederaufzurichten; es mgen allerdings nicht alle gleich sein in unserm
Schweizerlande; doch vom Herrn Kantonsrat sowohl wie vom Leuenwirt mgt Ihr
sicher glauben, da sie Hab und Gut sowohl dem Lande in Gefahr hingeben als es
einer fr den andern opfern wrde, wenn er ins Unglck geriete, und das
vielleicht gerade desto unbedenklicher, als der andere sich heut krftiger um
die Strae gewehrt hat. Sodann merkt Euch fr Eure knftigen Tage wer seinen
Vorteil nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht, der
wird auch nie imstande sein, seinem Nchsten aus freier Tat einen Vorteil zu
verschaffen! Denn es ist (hier schien sich der Statthalter mehr an den
Schulmeister zu wenden) ein groer Unterschied zwischen dem freien Preisgeben
oder Mitteilen eines erworbenen, errungenen Gutes und zwischen dem trgen
Fahrenlassen dessen, was man nie besessen hat, oder dem Entsagen auf das, was
man zu schwchlich ist zu verteidigen. Jenes gleicht dem wohlttigen Gebrauche
eines wohlerworbenen Vermgens, dieses aber der Verschleuderung ererbter oder
gefundener Reichtmer. Einer, der immer und ewig entsagt, berall sanftmtig
hintenansteht, mag ein guter harmloser Mensch sein; aber niemand wird es ihm
Dank wissen und von ihm sagen dieser hat mir einen Vorteil verschafft! Denn
dieses kann, wie schon gesagt, nur der tun, der den Vorteil erst zu erwerben und
zu behaupten wei. Wo man dies aber mit frischem Mute und ohne Heuchelei tut, da
scheint mir Gesundheit zu herrschen und gelegentlich ein tchtiger Zank um den
Vorteil ein Zeichen von Gesundheit zu sein. Wo man nicht frei heraus fr seinen
Nutzen und fr sein Gut einstehen kann, da mchte ich mich nicht niederlassen;
denn da ist nichts zu erholen als die magere Bettelsuppe der Verstellung, der
Gnadenseligkeit und der romantischen Verderbnis, da entsagen alle, weil allen
die Trauben zu sauer sind, und die Fuchsschwnze schlagen mit bittersem Wedeln
um die drren Flanken. Was aber die Meinung der Fremden betrifft (hier wandte er
sich wieder mehr an mich), so werdet Ihr einst auf Euern Reisen lernen, weniger
darauf zu achten. Man macht den Englndern und den Amerikanern die gleichen
Vorwrfe der Engherzigkeit, des Eigennutzes; uns, die wir als kleine Schar unter
den Tadlern leben, hngt man scharfsinnigerweise noch die Kleinlichkeit an; wenn
Ihr aber einst die Grenzen berschreitet, so werdet Ihr erleben, da der groe
Sinn nicht mit den Quadratmeilen zunimmt und, wo etwas dergleichen in den Lften
zu schweben scheint, es eigentlich nur ein trgerischer Wolkenmantel der
Unentschlossenheit und der Verzweiflung ist.
    Nach dieser Rede schttelte uns der Statthalter die Hnde und entfernte
sich. Ich war indessen nicht berzeugt worden, sowenig als dem Schulmeister die
Wendung des Gesprchs zu behagen schien. Doch kamen wir darin berein, da er
ein liebenswrdiger und kluger Mann sei, und indem ich ihm, mich durch seine
Ansprache geehrt fhlend, wohlwollend nachblickte, pries ich ihn gegen den
Schulmeister als einen verdienstvollen und daher gewi glcklichen Mann. Der
Schulmeister schttelte aber den Kopf und meinte, es wre nicht alles Gold, was
glnze. Er hatte seit einiger Zeit angefangen, mich zu duzen, und fuhr daher
jetzt fort Da du ein nachdenklicher Jngling bist, so gebhrt es dir auch,
frher als viele einen Blick in das Leben der Menschen zu gewinnen; denn ich
halte dafr, da die Kenntnis recht vieler Flle und Gestaltungen jungen Leuten
mehr ntzt als alle moralischen Theorien; diese kommen erst dem Manne von
Erfahrung zu, gewissermaen als eine Entschdigung fr das, was nicht mehr zu
ndern ist. Der Statthalter eifert nur darum so sehr gegen das, was er Entsagung
nennt, weil er selbst eine Art Entsagender ist, das heit weil er selbst
diejenige Wirksamkeit geopfert hat, die ihn erst glcklich machen wrde und
seinen Eigenschaften entsprche. Obgleich diese Selbstverleugnung in meinen
Augen eine Tugend ist und er in seiner jetzigen Wirksamkeit so verdienstlich und
ntzlich dasteht, als er es kaum anderswie knnte, so ist er doch nicht dieser
Meinung, und er hat manchmal so dstere und prfungsreiche Stunden, wie man es
seiner heiteren und freundlichen Weise nicht zumuten wrde. Von Natur nmlich
ist er ebenso feuriger Gemtsart als von einem groen und klaren Verstande
begabt und daher mehr dazu geschaffen, im Kampfe der Grundstze beim
Aufeinanderplatzen der Geister einen tapfern Fhrer abzugeben und im groen
Menschen zu bestimmen, als in ein und demselben Amte ein stehender Verwalter zu
sein. Allein er hat nicht den Mut, auf einen Tag brotlos zu werden, er hat gar
keine Ahnung davon, wie sich die Vgel und die Lilien des Feldes ohne ein fixes
Einkommen nhren und kleiden, und daher hat er sich der Geltendmachung seiner
eigenen Meinungen begeben. Schon mehr als einmal, wenn durch den Parteienkampf
Regierungswechsel herbeigefhrt wurden und der siegende Teil den unterlegenen
durch ungesetzliche Maregeln zwacken wollte, hat er sich wie ein Ehrenmann in
seinem Amte dagegen gestemmt, aber das, was er seinem Temperament nach am
liebsten getan htte, nmlich der Regierung sein Amt vor die Fe zu werfen,
sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen und mittelst seiner Einsicht und
seiner Energie die Gewalthaber wieder dahin zu jagen, von wannen sie gekommen
das hat er unterlassen, und dies Unterlassen kostet ihn zehnmal mehr Mhe und
Bitterkeit als seine ununterbrochene arbeitsvolle Amtsfhrung. Den Landleuten
gegenber braucht er nur zu leben, wie er es tut, um in seiner Wrde fest zu
stehen. Bei den Behrden aber und in der Hauptstadt braucht es manches
verbindliche Lcheln, manche wenn auch noch so unschuldige Schnrkelei, wo er
lieber sagen wrd: Herr! Sie sind ein groer Narr! oder Herr! Sie scheinen ein
Spitzbube zu sein! Denn wie gesagt, er hat ein dunkles Grauen vor dem, was man
Brotlosigkeit nennt.
    Aber zum Teufel! sagte ich, sind denn unsere Herren Regenten zu
irgendeiner Zeit etwas anderes als ein Stck Volk, und leben wir nicht in einer
Republik?
    Allerdings, mein lieber Sohn! erwiderte der Schulmeister; allein es
bleibt eine wunderbare Tatsache, wie besonders in neuerer Zeit ein solches Stock
Volk, ein reprsentativer Krper durch den einfachen Proze der Wahl sogleich
etwas ganz merkwrdig Verschiedenes wird, einesteils immer noch Volk und
andernteils etwas dem ganz Entgegengesetztes, fast Feindliches wird. Es ist wie
mit einer chemischen Materie, welche durch das bloe Eintauchen eines Stbchens,
ja sogar durch bloes Stehen auf geheimnisvolle Weise sich in ihrem ganzen Wesen
verndert. Manchmal will es fast scheinen, als ob die alten patrizischen
Regierungen mehr den Grundcharakter ihres Volkes zu zeigen und zu bewahren
vermochten. Aber lasse dich ja nicht etwa verfahren, unsere reprsentative
Demokratie nicht fr die beste Verfassung zu halten! Besagte Erscheinung dient
bei einem gesunden Volke nur zu einer wohlttigen Heiterkeit, da es sich mit
aller Gemtsruhe den Spa macht, die wunderbar verwandelte Materie manchmal
etwas zu rtteln, die Phiole gegen das Licht zu halten, prfend hindurchzugucken
und sie am Ende doch zu seinem Nutzen zu verwenden.
    Den Schulmeister unterbrechend, fragte ich, ob denn der Statthalter als ein
Mann von solchen Kenntnissen und solchem Verstande sich nicht reichlicher durch
eine Privatttigkeit ernhren knnte als durch ein Amt? Worauf er antwortete
Da er dies nicht kann oder nicht zu knnen glaubt, ist wahrscheinlich eben das
Geheimnis seiner Lebenslage! Der freie Erwerb ist eine Sache, fr welche manchen
Menschen der Sinn sehr spt, manchen gar nie aufgeht. Vielen ist es ein
einfacher Tick, dessen Verstndnis ihnen durch ein Handumdrehen, durch Zufall
und Glck gekommen, vielen ist es eine langsam zu erringende Kunst. Wer nicht in
seiner Jugend durch bung und Vorbild seiner Umgebung, sozusagen durch die
berlieferung seines Geburtshauses, oder sonst im rechten Moment den rechten
Fleck erwischt, wo der Tick liegt, der mu manchmal bis in sein vierzigstes oder
funfzigstes Jahr ein umhergeworfener und bettelhafter Mensch sein, oft stirbt er
als ein sogenannter Lump. Viele Personen des Staates, welche zeitlebens tchtige
Angestellte waren, haben keinen Begriff vom Erwerbe; denn alle ffentlich
Besoldeten bilden unter sich ein Phalansterium, sie teilen die Arbeit unter
sich, und jeder bezieht aus den allgemeinen Einknften seinen Lebensbedarf ohne
weitere Sorge um Regen oder Sonnenschein, Miwachs, Krieg oder Frieden, Gelingen
oder Scheitern. Sie stehen so als eine ganz verschiedene Welt dem Volke
gegenber, dessen ffentliche Einrichtung sie verwalten. Diese Welt hat fr
solche, die von jeher darin lebten, etwas Entnervendes in bezug auf die
Erwerbsfhigkeit. Sie kennen die Arbeit, die Gewissenhaftigkeit, die
Sparsamkeit, aber sie wissen nicht, wie die runde Summe, welche sie als Lohn
erhalten, im Wind und Wetter der Konkurrenz zusammengekommen ist. Mancher ist
sein Leben lang ein fleiiger Richter und Exekutor in Geldsachen gewesen, der es
nie dazu brchte, einen Wechsel auf seinen Namen in Umlauf zu setzen. Wer essen
will, der soll auch arbeiten; ob aber der verdiente Lohn der Arbeit sicher und
ohne Sorgen sein oder ob er auer der einfachen Arbeit noch ein Ergebnis der
Sorge, des Geschickes und dadurch zum Gewinst werden soll, welches von beiden
das Vernnftige und von hherer Absicht dem Menschen Bestimmte sei das zu
entscheiden wage ich nicht, vielleicht wird es die Zukunft tun. Aber wir haben
beide Arten in unseren Zustnden und dadurch ein verworrenes Gemisch von
Abhngigkeit und Freiheit und von verschiedenen Anschauungen. Der Statthalter
glaubt sich abhngig und enthlt sich whrend jeder Krise mit edlem Stolze
gleichmig aller eigenen Kundgebung und wei dabei nicht einmal, wie viele sich
bemhen, hinter seinem Rcken seine innersten Gedanken zu erfahren, um sich
danach zu richten.
    Ich empfand eine groe Teilnahme fr den Statthalter und ehrte ihn
aufrichtig, ohne mir darber Rechenschaft geben zu knnen; denn ich mibilligte
hchlich seine Scheu vor der Armut, und erst spter ward es mir klar, da er das
Schwerste gelst habe eine gezwungene Stellung ganz so auszufllen, als ob er
dazu allein gemacht wre, ohne mrrisch oder gar gemein zu werden. Indessen
waren mir die Reden des Schulmeisters ber das Erwerben und ber den rechten
Tick keine liebliche Musik; es wurde mir ngstlich, ob ich diesen auch erwischen
wrde, da ich einzusehen begann, da fr alles dies rstige Volk die Freiheit
erst ein Gut war, wenn es sich seines Brotes versichert hatte, und ich fhlte
vor den langen, nun leeren Tischreihen, da selbst dieses Fest bei hungrigem
Magen und leerem Beutel ein sehr trbseliges gewesen wre. Ich war froh, da wir
endlich aufbrachen. Annas Vater schlug vor, wir beide sollten uns zu ihm ins
Fuhrwerk setzen, damit wir zusammen dem Schauspiele nachfhren; doch gab sie den
Wunsch zu erkennen, lieber noch einmal den Schimmel zu besteigen und noch ein
wenig hinauszureiten, da es spter unter keinem Vorwande mehr geschehen wrde.
Hiemit war der Schulmeister auch zufrieden und erklrte so wolle er wenigstens
mit uns fahren, bis er etwa Gelegenheit finde, einer bejahrten Person den
Heimweg zu erleichtern, da ihn die Jungen alle im Stiche lieen. Ich aber lief
mit frohen Gedanken nach dem Hause, wo unsere Pferde standen, lie dieselben auf
die Strae bringen, und als ich Anna in den Sattel half, klopfte mir das Herz
vor heftigem Vergngen und stand wieder still vor angenehmem Schreck, weil ich
voraussah, bald allein neben ihr durch die Landschaft zu reiten.
    Dies traf auch ein, obgleich noch auf andere Weise, als ich es gehofft
hatte. Wir waren noch nicht weit aus dem Tore, als der gastliche Schulmeister
sein Wgelchen schon mit drei alten Leutchen beladen hatte und in lustigem Trabe
vorausfuhr, der angenommenen hohlen Gasse zu. Still ritten wir nun im Schritte
dahin und grten sehr beflissen die frhlichen Leute, denen wir begegneten,
links und rechts, bis wir in die Nhe der wogenden und summenden Menge kamen und
dieselbe beinah erreichten. Da stieen wir auf den Philosophen, dessen schnes
Gesichtchen vor Mutwillen glhte und den tollen Spuk verkndigte, welchen er
schon ausgebt. Er war in gewhnlicher Kleidung und trug ein Buch in der Hand,
da er nebst einem andern Lehrer das Amt eines Einblsers bernommen, um berall
zur Hand zu sein, wenn einen Helden die Erinnerung verlassen sollte. Doch
erzhlte er jetzt, wie die Leute gar nichts mehr hren wollten und alles von
selber seinen ziemlich wilden Gang ginge; er habe daher, rief er, nun die
schnste Mue, uns beiden zu der Jagdszene zu soufflieren, die wir ohne Zweifel
aufzufhren so einsam ausgezogen wren; es sei auch die hchste Zeit dazu und
wir wollten uns ungesumt ans Werk machen!
    Ich wurde rot und trieb die Pferde an; aber der Philosoph fiel uns in die
Zgel; Anna fragte, was denn das wre mit der Jagdszene, worauf er lachend
ausrief er werde uns doch nicht sagen mssen, was alle Welt belustige und uns
ohne Zweifel mehr als alle Welt! Anna wurde nun auch rot und verlangte standhaft
zu wissen, was er meine. Da reichte er ihr das aufgeschlagene Buch, und whrend
mein Brauner und ihr Schimmel behaglich sich beschnupperten, ich aber wie auf
Kohlen sa, las sie, das Buch auf dem rechten Knie haltend, aufmerksam die
Szene, wo Rudenz und Berta ihr schnes Bndnis schlieen, von Anfang bis zu
Ende, mehr und mehr errtend. Die Schlinge kam nun an den Tag, welche ich ihr so
harmlos gelegt, der Philosoph rstete sich sichtbar zu endlosem Unfuge, als Anna
pltzlich das Buch zuschlug, es hinwarf und hchst entschieden erklrte, sie
wolle sogleich nach Hause. Zugleich wandte sie ihr Pferd und begann feldein zu
reiten auf einem schmalen Fahrwege, ungefhr in der Richtung nach unserm Dorfe.
Verlegen und unentschlossen sah ich ihr eine Weile nach; doch fate ich mir ein
Herz und trabte bald hinter ihr her, da sie doch einen Begleiter haben mute;
whrend ich sie erreichte, sang uns der Philosoph ein loses Lied nach, welches
jedoch immer schwcher hinter uns verklang, und zuletzt hrten wir nichts mehr
als die muntere, aber ferne Hochzeitsmusik aus der hohlen Gasse und vereinzelte
Freudenrufe und Jauchzer an verschiedenen Punkten der Landschaft. Diese erschien
aber durch die Unterbrechungen nur um so stiller und lag mit Feldern und Wldern
friedevoll und doch so freudenvoll im Glanze der Nachmittagssonne, wie im
reinsten Golde. Wir ritten nun auf einer gestreckten Hhe, ich hielt mein Pferd
immer noch um eine Kopflnge hinter dem ihrigen zurck und wagte nicht ein Wort
zu sagen. Da gab Anna dem Schimmel einen kecken Schlag mit der Gerte und setzte
ihn in Galopp, ich tat das gleiche; ein lauer Wind wehte uns entgegen, und als
ich auf einmal sah, da sie, ganz gertet die balsamische Luft einatmend, und
whrend ihr Haar wie ein leuchtender Streif waagrecht schwebte, langhin
flatternd da sie so ganz vergngt vor sich hin lchelte, den Kopf hoch
aufgehalten mit dem funkelnden Krnchen, da schlo ich mich dicht an ihre Seite,
und so jagten wir wohl fnf Minuten lang ber die einsame Hhe dahin. Aber diese
fnf Minuten, kurz wie ein Augenblick, schienen doch eine Ewigkeit von Glck zu
sein, es war ein Stck Dasein, an welchem die Zeit ihr Ma verlor, welches einer
Blume vollkommen glich, einer Blume, von der man keine Frucht zu verlangen
braucht, weil die bloe Erinnerung ihrer Bltezeit ein volles Gengen und ein
Schatzbrief ist fr alle Zukunft. Der Weg war noch halb feucht und doch fest,
rechts unter uns zog der Flu, wir sahen seine glnzende Lnge hinauf, jenseits
erhob sich das steile Ufer mit dunklem Walde, und darber hin sahen wir ber
viele Hhenzge weg im Nordosten ein paar schwbische Berge, einsame Pyramiden,
in unendlicher Stille und Ferne. Im Sdwesten lagen die Alpen weit herum, noch
tief herunter mit Schnee bedeckt, und ber ihnen lagerte ein wunderschnes
mchtiges Wolkengebirge im gleichen Glanze, Licht und Schatten ganz von gleicher
Farbe wie die Berge, ein Meer von leuchtendem Wei und tiefem Blau, aber in
tausend Formen gegossen, von denen eine die andere bertrmte, Gletscherhupter
und Wolken durcheinandergeworfen. Das Ganze war eine senkrecht aufgerichtete
glnzende und wunderbare Wildnis, gewaltig und nah an das Gemt rckend und doch
so lautlos, unbeweglich und fern. Wir sahen alles zugleich, ohne da wir
besonders hinblickten; wie ein unendlicher Kranz schien sich die weite Welt um
uns zu drehen, bis sie sich verengte, als wir allmhlich bergab jagten, dem
Flusse zu. Aber es war uns nur, als ob wir im Traume in einen getrumten Traum
trten, als wir auf einer Fhre ber den Flu fuhren, die durchsichtig grnen
Wellen sich rauschend am Schiff brachen und unter uns wegzogen, whrend wir doch
auf Pferden saen und uns in einem schnen Halbbogen ber die Strmung weg
bewegten. Und wieder glaubten wir uns in einen andern Traum versetzt, als wir,
am andern Ufer angekommen, langsam einen dunklen Hohlweg emporklommen, in
welchem schmelzender Schnee lag. Hier war es kalt, feucht und schauerlich; von
den dunklen Bschen tropfte es und fielen zahlreiche Schneeklumpen, wir befanden
uns ganz in einer krftig braunen Dunkelheit, in deren Schatten der alte Schnee
traurig schimmerte, nur hoch ber uns glnzte der goldene Himmel. Auch hatten
wir den Weg nun verloren und wuten nicht recht, wo wir waren, als es mit einem
Male grn und trocken um uns wurde. Wir kamen auf die Hhe und befanden uns in
einem hohen Tannenwald, dessen Stmme drei bis vier Schritte auseinander
standen, dessen Boden dicht mit trockenem Moose bezogen war und dessen ste hoch
oben ein dunkelgrnes Dach bildeten, so da wir vom Himmel fast nichts mehr
sehen konnten. Ein warmer Hauch empfing uns hier, goldene Lichter streiften hier
und da ber das Moos und an den Stmmen, der Tritt der Pferde war unhrbar, wir
ritten gemchlich zwischendurch, um die Tannen herum, bald trennten wir uns, und
bald drngten wir uns nahe zusammen zwischen zwei Sulen durch, wie durch eine
Himmelspforte. Eine solche Pforte fanden wir aber gesperrt durch den
quergezogenen Faden einer frhen Spinne; derselbe blitzte in einem Streiflichte
in allen Farben, blau, grn und rot, wie ein Diamantstrahl. Wir bckten uns
einmtig darunter weg, und in diesem Augenblicke kamen sich unsere Gesichter so
nah, da wir uns unwillkrlich kten. Wir hatten schon im Hohlweg zu sprechen
angefangen und plauderten nun eine Weile ganz glckselig, bis wir uns darauf
besannen, da wir uns gekt, und sahen, da wir rot wurden, wenn wir uns
anblickten. Da wurden wir wieder still. Der Wald senkte sich nun auf die andere
Seite hin und stand wieder im tiefen Schatten. In der Tiefe sahen wir ein Wasser
glnzen und die gegenberstehende Berghalde, ganz nah, leuchtete mit Felsen und
Fichten im hellen Sonnenscheine durch die dunklen Stmme, unter denen wir zogen,
und warf ein wunderbares Zwielicht in die schattigen Hallen unseres
Tannenwaldes. Der Boden wurde jetzt so abschssig, da wir absteigen muten. Als
ich Anna vom Pferde hob, kten wir uns zum zweiten Male, sie sprang aber
sogleich weg und wandelte vor mir ber den weichen grnen Teppich hinunter,
whrend ich die beiden Tiere fhrte. Wie ich die reizende, fast mrchenhafte
Gestalt so durch die Tannen gehen sah, glaubte ich wieder zu trumen und hatte
die grte Mhe, die Pferde nicht fahrenzulassen, um mich von der Wirklichkeit
zu berzeugen, indem ich ihr nachstrzte und sie in die Arme schlo. So kamen
wir endlich an das Wasser und sahen nun, da wir uns bei der Heidenstube
befanden, in einem wohlbekannten Bezirke. Hier war es womglich noch stiller als
in dem Tannenwalde, und am allerheimlichsten; die besonnte Felswand spiegelte
sich in dem reinen Wasser, ber ihr kreisten drei groe Weihen in der Luft, sich
unaufhrlich begegnend, und das Braun auf ihren Schwingen und das Wei an der
inneren Seite wechselten und blitzten mit dem Flgelschlage und den Schwenkungen
im Sonnenscheine, whrend wir unten im Schatten waren. Ich sah dies alles in
meinem Glcke, indessen ich den guten Gulen, welche nach dem Wasser begehrten,
die Zume abnahm. Anna erblickte ein weies Blmchen, ich wei nicht, was fr
eines, brach es und trat auf mich zu, es auf meinen Hut zu stecken; ich sah und
hrte jetzt nichts mehr, als wir uns zum dritten Male kten. Zugleich umschlang
ich sie mit den Armen, drckte sie mit Heftigkeit an mich und fing an, sie mit
Kssen zu bedecken. Erst hielt sie zitternd einen Augenblick still, dann legte
sie ihre Arme um meinen Hals und kte mich wieder; aber bei dem fnften oder
sechsten Kusse wurde sie totenbleich und suchte sich loszumachen, indessen ich
ebenfalls eine sonderbare Verwandlung fhlte. Die Ksse erloschen wie von
selbst, es war mir, als ob ich einen urfremden, wesenlosen Gegenstand im Arme
hielte, wir sahen uns fremd und erschreckt ins Gesicht, unentschlossen hielt ich
meine Arme immer noch um sie geschlungen und wagte sie weder loszulassen noch
fester an mich zu ziehen. Mich dnkte, ich mte sie in eine grundlose Tiefe
fallen lassen, wenn ich sie losliee, und tten, wenn ich sie ferner
gefangenhielt; eine groe Angst und Traurigkeit senkte sich auf unsere
kindischen Herzen. Endlich wurden mir die Arme locker und fielen auseinander,
beschmt und niedergeschlagen standen wir da und blickten auf den Boden. Dann
setzte sich Anna auf einen Stein, dicht an dem klaren tiefen Wasser, und fing
bitterlich an zu weinen. Erst als ich dies sah, konnte ich mich wieder mit ihr
beschftigen, so sehr war ich in meine eigene Verwirrung und in die eisige Klte
versunken, die uns berfallen hatte. Ich nherte mich dem schnen, trauernden
Mdchen und suchte eine Hand zu fassen, indem ich zaghaft ihren Namen nannte.
Aber sie hllte ihr Gesicht fest in die Falten des langen grnen Kleides,
fortwhrend reichliche Trnen vergieend. Endlich erholte sie sich ein wenig und
sagte blo Oh, es war so schn! wir waren so glcklich bis jetzt! Ich glaubte
sie zu verstehen, weil ich ziemlich das gleiche fhlte, nur nicht so tief und
fein wie sie; daher erwiderte ich nichts, sondern setzte mich still neben sie,
sie lehnte sich auf meine Schulter, und so blickten wir mit dsterm Schweigen in
das feuchte Element, von dessen Grund unser Spiegelbild, Haupt neben Haupt, zu
uns heraufsah.
    
    Nicht nur unsere Neigung, sondern unsere ganze gegenseitige Art war zu ernst
und zu tief, als da ein so frhzeitiges unbeschrnktes Liebkosen, Herzen und
Kssen derselben htte entsprechen knnen; wir waren keine Kinder mehr, und doch
lagen noch zu viele Jugendjahre vor uns, deren allmhliche Blten voraus zu
brechen unsere Natur zu stolz war. Meine Phantasie war zwar schon seit geraumer
Zeit, eigentlich von jeher wach; allein abgesehen davon, da zwischen Phantasie
und Wirklichkeit eine jhe Kluft liegt, hatte ich, wenn mich verlangte, schne
Frauen zu liebkosen, immer mir sonst gleichgltige, meist nicht ganz junge
Weiber im Sinne, nicht ein einziges Mal aber Anna, welcher immer nah zu sein und
sie mein eigen zu wissen mein einziger Wunsch war. Um wieviel mehr mute sie
betroffen sein, welche ein Mdchen und dazu tausendmal feiner, reiner und
stolzer war als alle anderen! Indem ich sie so gewaltsam an mich drckte und
kte und sie in der Verwirrung dies erwiderte, neigten wir den Becher unserer
unschuldigen Lust zu sehr; sein Trank berschttete uns mit pltzlicher Klte,
und das fast feindliche Fhlen des Krpers ri uns vollends aus dem Himmel.
Diese Folgen einer so unschuldigen und herzlichen Aufwallung zwischen zwei
jungen Leutchen, welche als Kinder schon genau dasselbe getan ohne alle
Bekmmernis, mgen vielen nrrisch vorkommen; uns aber dnkte die Sache gar
nicht spahaft, und wir saen mit wirklichem Grame an dem Wasser, das um keinen
Grad reiner war als Annas Seele. Unsere Lage war um so peinlicher, als wir uns
diese Rechenschaft darber damals nicht zu geben vermochten. Ich meinerseits
befand mich in der vlligsten Verwirrung. Da wir etwas Unrechtes getan, konnte
mir nicht einfallen; ich glaubte daher, da der Vorfall irgend etwas Fremdes,
Unheimliches zwischen uns ans Licht gefhrt, gar gezeigt htte, da eines von
uns das andere nicht liebe; und doch fhlte ich wahrer als je meine Liebe und
wagte auch nicht zu denken, da Anna mich nicht lieben sollte. Den wahren Grund
der schreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht; denn ich hatte keine Ahnung
davon, da in jenem Alter das rote Blut weiser sei als der Geist und sich von
selbst zurckdmme, wenn es in ungehrige Wellen geschlagen worden. Anna
hingegen mochte sich hauptschlich vorwerfen, da sie nun doch fr ihr
Nachgeben, dem Feste beizuwohnen, bestraft und ihre eigene Art und Weise, unser
Verhltnis nach ihrem freien und zarten Fhlen sich entwickeln zu lassen,
gewaltsam gestrt worden sei. Wre ich ein paar Jahre lter gewesen als sie, so
htte ich ein gewisses Recht und damit auch die Kraft und Sicherheit gehabt,
ihre Sprdigkeit zu berwinden und zu beruhigen; so aber vermehrte meine eigene
Ratlosigkeit die Vorwrfe, die sie sich machte, whrend doch alle Schuld auf mir
lag. Ja, es schien nun ausgemacht, da eigentlich mein Plan, da sie heute die
Bruneckerin vorstellen sollte, whrend ich den Rudenz machte, das Ereignis
herbeigefhrt und da unsere Ksse in den seltsamen Kleidern wohnten, welche wir
anhatten. Jedenfalls htte ich ohne diesen Umstand noch lange warten knnen, bis
uns eine solche Vertraulichkeit widerfahren wre.
    Ein gewaltiges Rauschen in den Baumkronen rings um uns weckte uns aus der
melancholischen Versenkung, die eigentlich schon wieder an eine andere Art von
schnem Glck streifte; denn meiner Erinnerung sind die letzten Augenblicke, ehe
uns der starke Sdwind wachrauschte, nicht weniger lieb und kostbar als jener
Ritt auf der Hhe und durch den Tannenwald. Auch Anna schien sich zufriedener zu
fhlen; als wir uns erhoben, lchelte sie flchtig gegen unser verschwindendes
Bild im Wasser, doch schienen ihre anmutig entschiedenen Bewegungen zugleich zu
sagen Wage es ferner nicht, uns berhrend zu begegnen, bis die rechte Stunde
gekommen!
    Die Pferde hatten lngst zu trinken aufgehrt und standen verwundert in der
engen Wildnis, wo sie zwischen Steinen und Wasser keinen Raum fanden, zu
stampfen oder zu scharren; ich legte ihnen das Gebi an, hob Anna auf den
Schimmel, und denselben fhrend, suchte ich auf dem schmalen, oft vom Flchen
beeintrchtigten Pfade so gut als mglich vorwrtszudringen, whrend der Braune
geduldig und treulich nachfolgte. Wir gelangten auch wohlbehalten auf die Wiesen
und endlich unter die Bume vor dem alten Pfarrhause. Kein Mensch war daheim,
selbst der Oheim und seine Frau waren auf den Abend fortgegangen, und alles
still um das Haus. Derweil Anna sogleich hineineilte, zog ich den Schimmel in
den Stall, sattelte ihn ab und steckte ihm sein Heu vor. Dann ging ich hinauf,
um fr den Braunen etwas Brot zu holen, da ich auf ihm noch dem Schauspiele
zuzueilen gedachte. Auch forderte mich Anna gleich dazu auf, als ich in die
Stabe kam. Sie war schon umgekleidet und flocht eben ihr Haar etwas hastig in
seine gewohnten Zpfe; ber dieser Beschftigung von mir betroffen, errtete sie
aufs neue und ward verlegen. Reut dich denn, sagte ich, dieser Tag so ganz
und gar? - O nein! erwiderte sie, auf ihr Kostm deutend, welches schon
zusammengelegt auf dem Tische lag, die Krone obenauf, ich will auch diese
Sachen aufbewahren, und sie sollen nie mehr getragen werden!
    Ich ging hinab, den Braunen zu fttern, und whrend ich ihm das Brot
vorschnitt und ein Stck um das andere in das Maul steckte, stand Anna an dem
offenen Fenster, ihr Haar vollends aufbindend, und schaute mir zu. Die
gemchliche Beschftigung unserer Hnde in der Stille, die ber dem Gehfte
lagerte, erfllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glcklichen Ruhe, und
wir htten jahrelang so verharren mgen; manchmal bi ich selbst ein Stck von
dem Brote, ehe ich es dem Pferde gab, worauf sich Anna ebenfalls Brot aus dem
Schranke holte und am Fenster a. Darber muten wir lachen, und wie uns das
trockene Brot so wohl schmeckte nach dem festlichen und geruschvollen Mahle, so
schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu
sein, in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir
bleiben sollten. Anna gab ihre Zufriedenheit auch dadurch zu erkennen, da sie
das Fenster nicht verlie, bis ich weggeritten war, und mir noch ein liebevoll
schalkhaftes Adieu nachrief.
    Gleich vor dem Dorfe kam der Schulmeister heimgefahren mit dem oheimlichen
Ehepaar, denen ich sagte, da Anna schon zu Hause sei, und ein Stck weiter
stie ich auf des Mllers Knecht, welcher dessen Pferd nach Hause fhrte. Da ich
vernahm, da schon alles bei dem Zwinguri versammelt und dort ein groes Hallo
sei, auch der Weg dahin nicht mehr weit war, gab ich meinen Gaul auch dem Knecht
und eilte zu Fu weiter. Zum Zwinguri hatte man eine verfallene Burgruine
bestimmt, welche auf dem hchsten Punkte einer Bergallmende steht und eine weite
Aussicht ins Gebirge hinber gewhrt. Die Trmmer waren durch einiges Stangen-
und Brettergerst so bekleidet, als ob sie eben im Aufbau statt im Verfalle
wren, und mit den Krnzen der triumphierenden Tyrannei behangen. Die Sonne ging
eben unter, als ich ankam und sah, wie das Volk das Gerste zusammenbrach und
mit den Krnzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen
anzndete. Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich, statt vor seinem
Hause, doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung, sondern infolge einer
allgemeinen Erfindungslust, wie der Augenblick sie in den tausend Kpfen
erweckte, und der Schlu der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende
Freudenfeier ber. Die weggejagten Zwingherren mit ihrem Trosse waren wieder
herangeschlichen und gingen um unter dem Volke als vergngte Gespenster; sie
stellten die harmloseste Reaktion vor. Auf allen Hgeln und Bergen sahen wir
jetzt die Fastnachtsfeuer brennen; das unsrige flammte bereits in groem
Umfange, wir standen in einem Kreise hundertweise darum, und Tell, der Schtz,
zeigte sich jetzt auch als einen guten Snger, sogar als einen Propheten, indem
er ein krftiges Volkslied von der Sempacherschlacht vorsang, dessen Chorzeilen
von allen wiederholt wurden. Wein war in Menge vorhanden, es bildeten sich
mehrere Liederchre, schlichte, einstimmige, welche alte Lieder sangen, wie
vierstimmige Mnnerchre mit neuen Liedern, gemischte Singschulen von Mdchen
und Jnglingen, Kinderscharen, alles sang, klang und wogte durcheinander auf der
Allmende, ber welche das Feuer einen rtlichen Schein verbreitete. Vom Gebirge
herber wehte immer strker und wrmer der Fhn und wlzte groe Wolkenzge ber
den Himmel; je dunkler die Luft wurde, desto lauter ward die Freude, welche,
zunchst um Burgtrmmer und Feuer in einem groen Krper lagernd, weiterhin die
Halde hinab sich in viele Gruppen und einzelne verteilte, die bald noch im
rtlichen Scheine streiften, bald in der Dunkelheit jauchzten. Noch weiterhin
summte die Lust aus den dunklen Gefilden und widerglnzte zuletzt wieder
sichtbar in den zahlreichen Flammen am Horizonte. Der uralte gewaltige
Frhlingshauch dieses Landes, obschon er Gefahr und Not bringen konnte, weckte
ein altes, trotzig frohes Naturgefhl, und indem er in die Gesichtet und in die
wilden Flammen wehte, ging die Ahnung zurck vom Feuerzeichen des politischen
Bewutseins, ber die Christenfeuer des Mittelalters, zu dem Frhlingsfeuer der
Heidenzeit, das vielleicht zur selben Stunde, auf derselben Stelle gebrannt. In
den dunklen Wolkenlagern schienen Heerzge verschwundener Geschlechter
vorberzuziehen, manchmal anzuhalten ber dem nchtlich singenden und tnenden
Volkshaufen, als ob sie Lust htten, herabzusteigen und sich unter die zu
mischen, welche ihre Spanne Zeit am Feuer vergaen. Es war aber auch eine
kstliche Stelle, diese Allmende; der brunliche Boden, vom ersten Anflug des
ergrnenden wilden Grases berschossen, dnkte uns weicher und elastischer als
Sammetpolster, und vor der frnkischen Zeit schon war er fr die Bewohner der
Gegend dasselbe gewesen, was heute.
    Die Stimmen der Weiber waren mit der Nacht lauter geworden; whrend die
lteren schon fortgegangen und die verheirateten Mnner sich zusammentaten, um
vertraute Zechstuben aufzusuchen, begannen die Mdchen ihre Herrschaft
unbefangener auszuben, erst in lachenden Kreisen, bis zuletzt alles beieinander
war, was zusammengehrte, und jedes Paar auf seine Weise sich zeigte oder
verbarg. Doch als das Feuer zusammenfiel, lsten sich die verschlungenen
Menschenkrnze und begannen in groen und kleinen Gruppen dem Stdtchen
zuzuziehen, wo auf dem Rathause sowie in einigen Gasthusern Pfeifen und Geigen
sie erwarteten. Ich hatte mich in dem Gedrnge unstet herumgetrieben; denn wo es
die Geschlechter miteinander zu tun haben, wird auf den Vereinzelten keine
Rcksicht genommen, und jeder ist nur mit dem Gegenstande seiner Neigung
beschftigt, das Errungene festhaltend oder das noch nicht Errungene mit seinen
Wnschen verfolgend. So war ich achtlos zurckgeblieben und vergngte mich an
der verlschenden Glut, um welche auer einigen Knaben nur noch jene
Fratzgestalten herumtanzten, weil das fr sie nichts kostete. Sie sahen in den
flatternden Hemden und mit den hohen Papiermtzen aus wie Gespenster, die dem
grauen Gemuer entstiegen. Einige zhlten auch die Mnzen, welche sie etwa
erhascht, andere suchten aus dem Feuer noch ein verkohltes Holzscheit zu ziehen,
und besonders sah ich einen, welcher sich zu den tollsten Sprngen angestrengt
und den ich fr einen jungen Taugenichts gehalten, nunmehr nach der Entlarvung
als ein eisgraues Mnnchen zum Vorschein kommen und sich hastig mit einem
rauchenden Fichtenklotze abqulen.
    Ich wandte mich endlich hinweg und ging langsam davon, unschlssig, ob ich
nach Hause gehen oder dem Stdtchen zusteuern sollte. Mein Mantel, der Degen und
die Armbrust waren mir lngst hinderlich; ich nahm alles zusammen unter den Arm,
und indem ich rascher von der Allmende herunterschritt, fhlte ich mich so
munter und lebenslustig wie am frhen Morgen, und je lnger ich ging, desto
strker erwachte mir ein unbndiger Durst, einmal die Nacht zu durchschwrmen,
und zugleich ein mchtiger Zorn, da ich Anna so leichten Kaufes entlassen. Ich
bildete mir ein, ganz der Mann dazu zu sein, in hohem Liebesglcke ein Liebchen
eine festliche Nacht entlangzufhren, unter Tanz, Becherklang, Scherz und Ku.
Ich machte mir die bittersten Vorwrfe, den einzigen Tag so ungeschickt und
schwachmtig verpfuscht zu haben, und stellte mir zugleich voll Eitelkeit vor,
da es Anna ebenso ergehe und sie vielleicht schlaflos auf ihrem Lager sich nach
mir sehne; denn es mochte schon zehn Uhr vorber sein. Unversehens war ich in
dem Flecken angelangt, welcher von Musik ertnte, und als ich in einen
bervollen Saal trat, in welchem die blhenden Paare sich drehten, da klopfte
mein Blut immer unwilliger und heier; ich bedachte nicht, da wir die einzigen
sechszehnjhrigen Leutchen gewesen wren, die sich im offenkundigen Vereine
zeigten, noch weniger, da unsere heutigen Erlebnisse zehnmal schner und
bedeutsamer waren als alles, was diese lrmende Jugend hier genieen konnte, und
da ich mich in der Erinnerung derselben reich und glcklich genug htte fhlen
sollen. Ich sah nur die Freude der Zwanzigjhrigen, der Verlobten und
Selbstndigen, und mate mir ihr Recht an, ohne im mindesten zu ahnen, da mein
prahlerisches Blut, sobald ich Anna wirklich zur Seite gehabt htte,
augenblicklich wieder zahm und sittig geworden wre. Es gereicht mir auch nicht
zur Ehre, da es ihrer leibhaften Gegenwart bedurft htte, zur Bescheidenheit
zurckzukehren. Doch als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren
Geglaubter tapfer begrt und in den Strudel gezogen wurde, blendete mich das
Licht der Freude, da ich mich und meinen Arger verga und der Reihe nach mit
meinen drei Basen tanzte. Nach diesen tanzte ich mit einem fremden zierlichen
Mdchen; allein ich erhitzte mich immer mehr, ohne zufrieden zu sein; die Lust,
welche im ganzen soviel Gerusch machte, ging mir im einzelnen viel zu langsam
und nchtern vor sich. So freudestrahlend alle die jungen Leute dreinblickten,
schien es mir doch nur ein matter Schimmer zu sein gegen den Glanz, der in
meiner Phantasie wach geworden. Unruhig streifte ich durch einige Trinkstuben,
die neben dem Saale waren, und wurde von einer Gesellschaft junger Burschen
angehalten, welche purpurroten Wein tranken und dazu sangen. Hier schien meine
Sehnsucht endlich ein Ziel zu finden, ich trank von dem khlen Wein, dessen
schne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an zu
singen. Kaum hatte ein Lied geendet, so begann ich ein anderes, schlug ein
rascheres Tempo an und erhob bei ausdrucksvollen Stellen die Stimme, da sie
bald die anderen bertnte. Verwundert, da der Duckmuser aus der Stadt noch
besser trinken und lrmen knne als sie, wollten die Burschen nicht
zurckbleiben, wir feuerten uns gegenseitig an, ich sang und sang immerzu und
bemerkte erst bei einem Rundgesange, wo ich eine Weile schweigen mute, da
smtliche Bschen durch die Tre guckten und mich mit vergngtem Erstaunen in
meiner Gloria sitzen sahen. Sie lachten mir zu, winkten mir drohend, weil ich
ihr Panier verlassen, und forderten mich auf, wieder zu tanzen. Aber ich war nun
ein gemachter und angesehener Mann unter meinen Gesellen, ganz wie einst als
Knabe, wo ich eine Zeitlang den Renommisten gespielt, und als einige davon sich
wieder nach Mdchen umsahen, brach ich mit zwei wilden Jnglingen auf, das
Stdtchen zu durchziehen. Arm in Arm strmte ich mit den gesunden Bauersshnen
ber die Strae, wir gaben uns die lustigsten Redensarten zum besten, sangen und
empfanden das reine und edle Vergngen, welches entsteht, wenn Ungleiches sich
eint und zu Gefallen lebt. Doch schon im nchsten Tanzhause, in welches wir
traten, verlor ich einen um den andern meiner neuen Freunde, indem sie hier
fanden, was sie wahrscheinlich gesucht hatten, und ich setzte allein, aber
rastlos, meinen Streifzug fort. Hie und da schaute ich einen Augenblick zu,
trank bei Bekannten ein Glas, erwiderte ungesumt und etwas gesalzen die Spe,
die man an mich richtete, bis ich in eine Stube kam, wo an einem groen runden
Tische noch vier von den barmherzigen Brdern saen. Zwei waren schon abgefallen
und verschwunden; die hier saen, hatten bereits ihren dritten Rausch hinter
sich und befanden sich nun in jenem lssigen Zustande, in welchem erfahrene
Zechbrder einen lustigen Tag austnen lassen, wohlgeschliffene Witze machen und
ihren Wein so trinken, als ob sie nicht mehr viel darum gben, sich aber wohl
hten, schlielich einen Tropfen stehenzulassen. Etwas entfernt von ihnen sa am
gleichen Tische die Judith, welcher die Brder der Sitte gem ein Glas geboten.
Sie schien sich ganz allein bei dem Feste umgesehen zu haben und sich nun am
besten zu gefallen, die Witze und Verfnglichkeiten dieser Herren schlagfertig
zurckzugeben und sie in Respekt zu halten, wozu es keiner geringen Gewandtheit
und Kraft bedurfte. Sie sa ebenso lssig da, zurckgelehnt und halb abgewandt,
und warf ihre Erwiderungen gleichmtig hin. Die Mnche hatten ihre Flachsbrte
abgelegt und die gefrbten Nasen gewaschen; nur der lteste, welcher einen
angehenden Kahlkopf und eine natrliche Feuernase besa, prangte noch mit dem
hohen Rot derselben. Dies war der Unntzeste und rief mir zu, als ich
vorbergehen wollte Heda, Grnspecht! wo hinaus? Ich stand still und erwiderte
Guter Freund! Ihr habt vergessen, den Zinnober von Eurer Nase zu wischen, wie
die anderen Herren doch getan! Ich mache Euch hiemit aufmerksam, damit Ihr nicht
etwa Euer Kopfkissen rot macht.
    Das Gelchter der brigen nahm mich sogleich in den holden Bund auf; ich
mute mich setzen und ein Glas annehmen, worauf sie sagten Und dennoch, knnt
Ihr glauben, da dieser Kerl es noch fr ntig befunden hat, heut seine Nase zu
schminken? - Das war freilich, erwiderte ich, ebenso tricht, als wenn man
eine Rose schminken wollte!
    Und dazu viel gefhrlicher, versetzte ein anderer, denn eine Rose
schminken heit ein Werk Gottes verbessern wollen, und der liebe Gott verzeiht!
Aber eine rote Nase schminken heit den Teufel verhhnen, und der verzeiht
nicht!
    So ging es fort; sie verhandelten nun seinen Kahlkopf, wobei ich aber bald
weit zurckblieb, indem sie ber diesen Gegenstand allein wohl zwanzig
verschiedene Witze machten, welche in der Phantasie die lcherlichsten
Vorstellungen erregten und von denen einer den andern an Neuheit und Khnheit
der Bilder berbot. Judith lachte, als die Taugenichtse ber sich selbst
herfuhren, und als der Angegriffene dies sah, suchte er sich aus dem Feuer zu
retten, indem er sich gegen sie wendete. Sie sa da in einem schlichten braunen
Kleide, die Brust mit einem weien Halstuche bedeckt, welches ein wenig ihren
prchtigen Hals sehen lie; um diesen lag eine feine Goldkette und verlor sich
im Halstuche, sonst trug sie keinen Putz als ihr schnes braunes Haar. Der
Kahlkopf blinzelte mit den Augen und sang:

Mein Schatz, um deinen weien Hals
Geht eine Schnur von Katzengold,
Die fhrt an deinem Busam
Teuf in dein falsches Herz!

Judith erwiderte schnell Damit Ihr meinen weien Hals einmal verget, will ich
Euch auch ein Lied von etwas Weiem berichten! und sie sang nicht, sondern
sagte einfach wohlklingend:

Es ist eine ble Zeit!
Luna, die weiland keusche Maid,
Liebugelt auf den Kpfen alter Snder
Am hellen Tag und hhnt uns arme Kinder.
Schm dich, Mondschein!

Ich tat das Fenster auf
In dunkler Nacht und suchte Lunas Lauf;
Da glnzt' sie frech an meines Hauses Schwelle,
Wild go ich Wasser auf die weie Stelle.
Schm dich, Mondschein!

Ihre Mutter war gestorben, auch hatte sie seither in einer auslndischen
Lotterie mehrere tausend Gulden gewonnen, da sie aus langer Weile sich mit
dergleichen Dingen befate. So schien sie nun mehr als je fr schwere und
leichte Schnapphhne ein guter Fang, und der Kahle glaubte sie, nachdem er
verschiedene Anleihen bei ihr gemacht, welche sie ihm lachend gewhrte, im
Sturme nehmen zu knnen, ward aber ebenso lachend abgewiesen. Das obige Liedchen
aber schien sogar auf ein schlimmes Abenteuer zu deuten, welches er auf seiner
Freite bestanden. Denn mit einer ganz heillosen Diskretion sahen sich die drei
brigen an, mit funkelnden Augen und mhsam verhaltenem Munde, indem sie
anfingen, halblaut zu summen:

Hm! hm! - hm! hm! hm!
hm! hm! hm! - hm! hm! hm!

Der Rhythmus dieses Gesummes war so verfhrerisch, da ich mit einstimmte und
eine stolze Glckseligkeit empfand, mit den Spttern singen zu drfen hm hm hm!
hm hm hm! - es war still und feierlich in der nur noch schwach erleuchteten
Stube, und mit feierlicher Behaglichkeit setzten wir die seltsamen Takte fort.
Judith lachte hell auf und rief O ihr Kindskpfe! Da brachen wir laut aus Ha
ha ha! - ha ha ha! Der Gehhnte aber sphte umher, zog unversehens dem
lautesten Sptter ein hervorguckendes Blatt aus der Kutte und las dessen
berschrift Christliche Wochenbtin, ein konservatives Volksblttlein. Der
Spott entlud sich nun auf den berraschten, dessen schwache Seite sein
Konservatismus war, den er weder genugsam zu erklren noch zu verteidigen
vermochte. Diese Benennung war erst seit einiger Zeit im Umlauf und fing einige
Leute, welche vorher im Nebelhaften geschwebt. Der Kahle forderte den
Konservativen auf, er solle einmal sagen, was er sich eigentlich darunter denke,
wenn er behaupte, konservativ zu sein. Dieser wollte tun, als ob er hierber
keinen Spa verstehe, und wnschte mit wichtigem Gesicht, nicht zu politisieren!
Doch ein anderer rief Die Erklrung ist schon im Paradies zu suchen! Als Adam
den Tieren ihren Namen gab, war eines darunter, das wedelte gar bedchtig mit
den Ohren und sagte, es sei konservativ; es konnte aber keinen Grund hiefr
angeben, und Adam sagt: Du sollst Esel heien! Erbost rckte dieser nun mit
seinem innersten und eigentlichen Grunde, der seine fixe Idee war, heraus und
warf dem Radikalismus vor, da er den Wein versuert und verteuert htte. Wenn
man noch ein ses und billiges Glas trinken wolle, so sei dieses einzig in den
abgelegenen altvterischen Wirtschaften zu finden, wo die alten Zpfe
hinkrchen, sich vor der Welt zu verbergen. Sauft, schrie er, den radikalen
Rachenputzer eurer berhmten politischen Wirte! Ich halt es mit den Zpfen! Da
allerdings etwas Wahres in diesem Vorwurfe lag, so entbrannten die drei brigen
ihrerseits im Zorne, schalten den Konservativen einen Verleumder und suchten ihm
zu beweisen, da er ohne den Radikalismus gar keinen Wein zu riechen bekme,
weder guten noch schlechten, da er selbst als konservativer Parteibedienter
vllig berflssig wre und von seinen Zpfen den Schuh unter den Rcken
erhielte statt des strkenden Weinchens der Proselytenbelohnung. Dies fhrte zu
einem hitzigen Gefechte, worin die Herren gegenseitig ihre Grundstze, Tatsachen
und Parteichefs heruntermachten, und das in Ausdrcken, Vergleichungen und
Wendungen, Schlag auf Schlag, wie sie kein dramatischer Dichter fr seine
Volksszenen treffender und eigentmlicher erfinden knnte; nicht einmal
nachzuschreiben wren sie, so leicht und blitzhnlich entsprangen die Witze aus
den Voraussetzungen, welche bald scharf zutreffend, bald bslich ersonnen, doch
immer sich auf die Verhltnisse und Personen grndeten und zu immer neuen
Gruppen verschlangen. Ein Leitartikel oder eine Rede wre zwar aus diesem
Turnier nicht zu schpfen gewesen; doch konnte man sehen, welch eine ganz
vertrackte Kritik das Volk auf seine Weise fhrt und wie sehr sich derjenige
trgt, welcher, von der Tribne herunter zu zweifelhaften Zwecken das biedere,
gute Volk anrufend, irgendein wohlwollendes und naives Pathos voraussetzt.
Selbst uerlichkeiten, Angewhnungen und krperliche Gebrechen, wurden in einen
solchen Zusammenhang mit den Worten und Handlungen hervorragender Mnner
gebracht, da die letzten nur eine notwendige Folge der ersten zu sein schienen
und man glaubte, in den ungelehrten, aber phantasiereichen Volksherren die
doktrinrsten Physiognomisten vor sich zu sehen. Mancher angesehene Mann ward
hier zu einem lcherlichen oder unheimlichen Popanz umgeschaffen, da er
leibhaft zu sehen war, und selbst die Verteidigung desselben htte etwas
Demtigendes fr ihn gehabt, wenn er sie gehrt htte. Wie in einer ganz anderen
Welt war ich hier als bei dem Schulmeister; und doch fhlte ich mich gleich zu
Hause und schlrfte die starken und rcksichtslosen Redensarten, die spttischen
und wilden Einflle ebenso andchtig ein wie die gewhlten ruhigen Worte von
Annas Vater, ohne deswegen den Verkehr mit diesem zu verachten. Ich schien mir
dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein. Ich
freute mich, da mein Leben eine Seite um die andere vor mir auftat, und war
stolz darauf, indem ich mir einbildete, da diese lustigen Mnner mich ihrer
Gesellschaft wrdig hielten und ihre Witze vor mir nicht zurckhielten. Mit
Vergngen dachte ich an den Schulmeister und wie ich frder ernsthaft und
anstndig mit ihm disputieren wolle, whrend ich doch noch von was anderm wte;
denn es schien mir nun darauf anzukommen, nirgends ausgeschlossen zu sein und
alles zu bersehen, in welchem Vorsatze ich mir unendlich klug vorkam und nicht
bemerkte, da meine Einsicht bereits hintergangen war und ich als ein rechter
Knabe in den Schlingen der schnen Judith sa; denn ihrer Anwesenheit war ein
guter Teil meiner Behaglichkeit zuzuschreiben.
    Die barmherzigen Brder waren durch die Politik wieder rstig und munter
geworden und hatten die Flaschen wieder fllen lassen, obgleich Mitternacht
lange vorber, als Judith pltzlich aufbrach und sagte Frauen und junge Knaben
gehren nun nach Hause! Wollt Ihr nicht mitkommen, Vetter, da wir den gleichen
Weg haben? Ich sagte ja, doch mte ich erst nach meinen Verwandten sehen,
welche wahrscheinlich auch mitkommen wrden. Die werden wohl schon fort sein,
erwiderte sie, denn es ist spt; wenn ich nicht darauf gerechnet htte, da ich
mit Euch gehen knnte, so wre ich auch lngst fort. - Oho! riefen die
Zecher, als ob wir nicht auch da wren! Wir alle begleiten Euch! Das soll nicht
gesagt sein, da die Judith nicht Begleiter zur Auswahl habe! brachen auf und
sorgten, noch den frischen Wein unterzubringen, whrend Judith mir winkte und,
auf dem Flur angekommen, sagte Diese vier Heiden wollen wir schn anfhren!
Auf der Strae sah ich, da der Saal, wo meine Vettern und Basen sich
aufgehalten, schon dunkel war, und mehrere Leute besttigten ihre Heimkehr. So
mute ich der Judith folgen, als sie mich durch ein dunkles Seitengchen ins
Freie und durch einige Feldwege auf die Landstrae fhrte, da wir einen
Vorsprung gewannen und die vier Mnner hinter uns rufen hrten. Indem wir eilend
weiterschritten, gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her; ich
hielt mich sprde zurck, whrend mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch
leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm.
Die Nacht war dunkel, aber das Frauenhafte, Sichere und die Flle ihres Wesens
wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich, da ich alle
Augenblicke hinberschielen mute, gleich einem angstvollen Wanderer, dem ein
Feldgespenst zur Seite geht. Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein
christliches Bewutsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter,
trug ich whrend des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der
Sprdigkeit und der Unfehlbarkeit in mir. Judith sprach von den Mnnern und
lachte ber sie, erzhlte mir unbefangen die Dummheiten, die der eine ihr
gemacht, und fragte mich, ob Luna nicht eine alte Mondgttin wre? Wenigstens
habe sie das immer vermutet, wenn sie jenes Lied in einem alten Buche gelesen;
es habe auch gut fr den Schlingel gepat. Dann fragte sie mich pltzlich, warum
ich so stolz geworden sei und sie seit Jahren nie mehr angesehen, viel weniger
besucht habe? Ich wollte mich damit entschuldigen, da sie keinen Verkehr mit
dem Hause meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise nicht allein sie
besuchen knne. Ach was! sagte sie, Ihr seid ja auch noch mein Vetter und
knnt mich von Rechts wegen wohl heimsuchen, wenn Ihr wollt! Damals, wo Ihr so
jung gewesen, habt Ihr mich so gern gehabt, und Ihr seid mir immer ein wenig
lieb; aber jetzt habt Ihr ein Schtzchen, in welches Ihr verliebt seid, und
meint, keine andere Frau mehr ansehen zu drfen! - Ich ein Schtzchen?
erwiderte ich, und als sie diese Behauptung wiederholte und Anna nannte,
leugnete ich die Sache auf das bestimmteste. Wir waren unversehens beim Dorfe
angekommen, in welchem noch viele Stimmen laut wurden und die jungen Leute ber
die Strae gingen; Judith wnschte ihnen aus dem Wege zu gehen, und obgleich ich
nun fglich meine Strae htte ziehen knnen, leistete ich doch keinen
Widerstand und folgte ihr unwillkrlich, als sie mich bei der Hand nahm und
zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal fhrte, um ungesehen in ihr
Haus zu gelangen. Sie hatte ihre cker verkauft und nur einen schnen Baumgarten
nchst dem Hause behalten, in welchem sie ganz allein wohnte. Der genossene Wein
erhhte die Aufregung, in welcher ich mich befand, wie wir so durch die engen
Wege hinschlpften, und als, bei dem Hause angekommen, Judith sagte Kommt
herein, ich will noch einen Kaffee kochen! und ich hineinging und sie die
Haustre fest hinter uns verriegelte, da klopfte mir das Herz wie mit Hmmern,
whrend ich mich bermtig des Abenteuers freute und mich verma, dasselbe zu
meiner Ehre, aber verwegen zu bestehen. An Anna dachte ich gar nicht, mein
wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und lie nur den Stern meiner Eitelkeit
durchschimmern; denn genau erwogen, wollte ich nur um meiner selbst willen meine
Standhaftigkeit erproben. So stark ist die Selbstsucht, da sie selbst da noch
leuchtet, wo die reinste Liebe untergeht, und mit trgerischen Vorspiegelungen
den Willen zu gngeln wei. Doch darf ich mir gestehen, da es im Grunde eine
Art romantischen Pflichtgefhls war, welches mich unbefangen antrieb, keiner
merkwrdigen Erfahrung auszuweichen. Auch verlor sich die unheimliche Aufregung,
sobald Judith Licht angezndet und ein helles Feuer entflammt hatte. Ich sa auf
dem Herde und plauderte ganz vergnglich mit ihr, und indem ich fortwhrend in
ihr vom Feuer beglnztes Gesicht sah, glaubte ich stolz mit der Gefahr spielen
zu knnen und trumte mich in die Lage der Dinge zurck, wie ich vor zwei Jahren
noch ihr Haar auf-und zugeflochten hatte. Whrend der Kaffee singend kochte,
ging sie in die Stube, um ihr Halstuch abzulegen und ihr Sonntagskleid
auszuziehen, und kam im weien Untergewande zurck, mit bloen Armen, und aus
der schneeweien Leinwand enthllten sich mit blendender Schnheit ihre
Schultern. Sogleich ward ich wieder verwirrt, und erst allmhlich, indem ich
unverwandt sie anschaute, entwirrte sich mein flimmernder Blick an der ruhigen
Klarheit dieser Formen. Ich hatte sie schon als Knabe ein- oder zweimal so
gesehen, wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete, und obgleich ich
jetzt anders sah als damals, schien doch die gleiche Vorwurfslosigkeit auf
diesem Schnee zu ruhen, auch bewegte sich Judith so sicher und frei, da diese
Sicherheit auch auf mich berging. Sie trug den fertigen Kaffee in die Stube,
setzte sich neben mich, und indem sie das herbeigeholte Kirchenbuch aufschlug,
sagte sie Seht, ich habe alle die Bildchen noch, die Ihr mir gezeichnet habt!
Wir betrachteten die komischen Dinger, eins ums andere, und die unsicheren
Striche von damals kamen mir hchst seltsam vor, wie vergessene Zeichen einer
unabsehbar entschwundenen Zeit. Ich erstaunte vor diesen Abgrnden der
Vergessenheit, die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen, und betrachtete die
Blttchen sehr nachdenklich; auch die Handschrift, womit ich die Sprche
hineingeschrieben, war eine ganz andere und noch diejenige aus der Schule. Die
ngstlichen Zge sahen mich traurig an; Judith sah auch eine Zeitlang still auf
das gleiche Bildchen mit mir, dann sah sie mir pltzlich dicht in die Augen,
indem sie ihre Arme um meinen Hals legte und sagte Du bist immer noch der
gleiche? An was denkst du jetzt? - Ich wei nicht, erwiderte ich. Weit du,
fuhr sie fort, da ich dich gleich, fressen mchte, wenn du so studierst, ins
Blaue hinaus? und sie drckte mich enger an sich, whrend ich sagte Warum
denn? - Ich wei selbst nicht recht; aber es ist so langweilig unter den
Leuten, da man oft froh ist, wenn man an etwas anderes denken kann; ich mchte
dies auch gern, aber ich wei nicht viel und denke immer das gleiche, obschon
mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht; wenn ich dich nun so staunen sehe, so
ist es mir, als ob du gerade an das denkst, woran ich auch gern sinnen mchte,
ich meine immer, es mte einem so wohl sein, wenn man mit deinen geheimen
Gedanken so in die Weite spazieren knnte! Oh, es mu einem da so still und
klug, so traurig und glckselig zu Mute sein! So etwas hatte ich noch niemals
zu hren bekommen; obgleich ich wohl einsah, da die Judith sich allzusehr zu
meinen Gunsten tuschte, was meine inneren Gedanken betraf, und ich tief
beschmt errtete, da ich glaubte, die Rte meiner brennenden Wange msse ihre
weie Schulter anglhen, an welcher sie lag so sog ich doch Wort fr Wort dieser
sesten Schmeichelei begierig ein, und meine Augen ruhten dabei auf der Hhe
der Brust, welche still und gro aus dem frischen Linnen emporstieg und in
unmittelbarster Nhe vor meinem Blicke glnzte wie die ewige Heimat des Glckes.
Judith wute nicht, oder wenigstens nicht recht, da es jetzt an ihrer eigenen
Brust still und klug, traurig und doch glckselig zu sein war. Es dnkt mich,
die Ruhe an der Brust einer schnen Frau sei der einzige und wahre irdische Lohn
fr die Mhe des Helden jeder Art und fr alles Dulden des Mannes und mehr wert
als Gold, Lorbeer und Wein zusammen Nun war ich zwar sechszehn Jahr alt und
weder ein Held noch Mann, der was getan hatte; doch fhlte ich mich ganz auer
der Zeit, wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem Augenblicke, und mir
ging es durch das Herz, als ob ich jetzt jene schne Ruhe vorausnhme fr alles
Leid und alle Mhe, die noch kommen sollten. Ia, dieser Augenblick schien so
sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen, da ich nicht einmal
aufschreckte, als Judith, in dem Gesangbuch bltternd, ein zusammengefaltetes
Blatt hervorzog, es aufmachte, mir vorhielt und ich nach langem Sinnen jenes
beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erkannte, das ich vor Jahren
einst den Wellen bergeben hatte. Leugnest du noch, da dies gute Kind dein
Schtzchen sei? sagte sie, und ich leugnete es aus Mutwillen zum zweiten Male,
das Blatt als eine vergessene Kinderei erklrend. In diesem Augenblicke riefen
Stimmen vor dem Hause, welche wir als diejenigen der vier Mnner erkannten.
Sogleich lschte sie das Licht aus, da wir im Dunkeln saen; doch die unten
begehrten nichts desto minder Einla, indem sie riefen So macht doch auf,
schne Judith, und wartet uns mit einer Tasse heiem Kaffee auf! wir wollen uns
ehrbar benehmen und noch ein vernnftiges Wort sprechen! Aber macht auf, zum
Lohn dafr, da Ihr uns so angefhrt habt; es ist Fastnacht, und Ihr drft ohne
Gefhrde einmal die vier ruhmwrdigsten Kumpane des Landes bewirten! Wir
hielten uns aber ganz still; schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben, es
wetterleuchtete sogar, und in der Ferne donnerte es, da es klang, als wre es
Mai oder Juni; um Judith kirre zu machen, sangen die Mnner mit heuchlerischer
Sorgfalt ein vierstimmiges Lied, so schn sie konnten, und ihr berwachter
Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerhrt Vibrierendes. Als dies alles
nichts half, fingen sie an zu fluchen, und einer kletterte am Spalier zum
Fenster empor, um in die dunkle Stube zu sehen. Wir bemerkten wohl seine
spitzige Kapuze, die er ber den Kopf gezogen hatte; da erhellte mit einem Mal
ein Blitz die Stabe, und der Spher konnte Judith ihres weien Zeuges wegen
erkennen. Die verwnschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch! rief
er gedmpft hinunter; ein anderer sagte La mich einmal sehen! Doch whrend
sie sich ablsten und die Stube wieder finster war, huschte Judith schnell zu
ihrem Bett, nahm die weie Decke desselben und warf sie ber den Stuhl, worauf
sie mich leis nach dem Bett hinzog, welches man vom Fenster aus nicht sehen
konnte. Als jetzt ein zweiter, noch strkerer Blitz die Stube ganz klar machte,
sagte der Mann, welcher die Augen wie eine Doppelbchse auf den Stuhl gerichtet
hatte Es ist sie nicht, es ist nur ein weies Tuch; das Kaffeegeschirr steht
auf dem Tisch, und das Kirchenbuch liegt dabei. Der Himmelteufel ist am Ende
frmmer, als man glaubt! Judith aber flsterte mir ins Ohr Der Schelm htte
dich jetzt ganz gewi erblickt, wenn wir sitzen geblieben wren! Doch die
gewaltigen Regengsse, Blitz und Donner, die nun hereinbrachen, vertrieben den
Spher vom Fenster; wir hrten, wie sie ihre Kutten schttelten und
auseinandersprangen, um im Dorfe ein Unterkommen zu suchen, da sie alle weit von
Hause waren. Als wir nichts mehr von ihnen hrten, saen wir noch eine Weile
ganz still auf dem Bette und lauschten auf das Gewitter, welches das Huschen
erzittern machte, so da ich mein eigenes leises Zittern nicht recht davon
unterscheiden konnte. Ich umfate Judith, um nur dies beklemmende Zittern zu
unterbrechen, und kte sie auf den Mund; sie kte mich wieder, fest und warm;
doch dann lste sie meine Arme von ihrem Hals und sagte Glck ist Glck, und es
gibt nur ein Glck; aber ich kann dich nicht lnger hierbehalten, wenn du mir
nicht gestehen willst, da du und des Schulmeisters Tochter einander gern habt!
Denn nur das Lgen macht alles schlimm!
    Ohne Rckhalt begann ich nun, ihr die ganze Geschichte zu erzhlen von
Anfang bis zu Ende, alles was je zwischen Anna und mir vorgefallen, und verband
die beredte Schilderung ihres Wesens mit derjenigen der Gefhle, die ich fr sie
empfand. Ich erzhlte auch genau die Geschichte des heutigen Tages und klagte
der Judith meine Pein in betreff der Sprdigkeit und Scheue, welche immer wieder
zwischen uns traten. Nachdem ich lange so erzhlt und geklagt, antwortete sie
auf meine Klagen nicht, sondern fragte mich Und was denkst du dir jetzt
eigentlich darunter, da du bei mir bist? Ganz verwirrt und beschmt schwieg
ich und suchte ein Wort; dann sagte ich endlich zaghaft Du hast mich ja
mitgenommen! - Ja, erwiderte sie, aber wrest du mit jeder anderen hbschen
Frau ebenso gegangen, die dich gelockt htte? Besinne dich einmal hierauf! Ich
besann mich in der Tat und sagte dann ganz entschieden Nein, mit gar keiner! -
Also bist du mir auch ein bichen gut? fuhr sie fort. Jetzt geriet ich in die
grte Verlegenheit; denn die Frage zu bejahen, fhlte ich nun deutlich, wrde
die erste eigentliche Untreue gewesen sein, und doch, indem es mich trieb,
ehrlich nachzudenken, konnte ich noch weniger ein Nein hervorbringen. Endlich
konnte ich doch nicht anders und sagte Ja - aber doch nicht so wie der Anna! -
Wie denn? Ich umschlang sie ungestm, und indem ich sie streichelte und ihr
auf alle Weise schmeichelte, fuhr ich fort Siehst du! fr die Anna mchte ich
alles mgliche ertragen und jedem Winke gehorchen; ich mchte fr sie ein braver
und ehrenvoller Mann werden, an welchem alles durch und durch rein und klar ist,
da sie mich durchschauen drfte wie einen Kristall, nichts tun, ohne ihrer zu
gedenken, und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben, auch wenn ich von heute an
sie nicht mehr sehen wrde! Dies alles knnte ich fr dich nicht tun! Und doch
liebe ich dich von ganzem Herzen, und wenn du zum Beweis dafr verlangtest, ich
sollte mir von dir ein Messer in die Brust stoen lassen, so wrde ich in diesem
Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig auf deinen Scho flieen
lassen! Ich erschrak sogleich ber diesen Worten und entdeckte zugleich, da
sie nichts weniger als bertrieben, sondern ganz der Empfindung gem waren, die
ich von jeher fr Judith unbewut getragen. Mit meinen Liebkosungen pltzlich
innehaltend, lie ich die Hand auf ihrer Wange liegen, und in diesem Augenblicke
fhlte ich eine Trne darauf fallen. Zugleich seufzte sie und sagte Was tue ich
mit deinem Blute! - Oh! nie hat ein Mann gewnscht, brav, klar und lauter vor
mir zu erscheinen, und doch liebe ich die Wahrheit wie mich selbst! Betrbt
sagte ich Aber ich knnte doch nicht dein ernsthafter Liebhaber oder gar dein
Mann sein? - Oh, das wei ich wohl und fllt mir auch gar nicht ein!
erwiderte sie, ich will dir auch sagen, was du von mir zu denken hast! Ich habe
dich zu mir gelockt, erstens, weil ich wieder einmal ein wenig kssen wollte,
was ich auch gleich hernach tun will, du bist mir dazu gerade recht! Zweitens
wollte ich dich als ein hochmtiges Brschchen ein wenig in die Schule nehmen,
und drittens macht es mir Vergngen, in Ermangelung eines andern, den Mann zu
lieben, der noch in dir verborgen ist, wie ich dich schon als Kind gern gesehen
habe. Mit diesen Worten packte sie mich und fing an, mich zu kssen, da es mir
gluthei wurde und ich nur, um die Glut zu khlen, ihre feuchten Lippen
festhalten und wiederkssen mute. Als ich Anna gekt, war es gewesen, als ob
mein Mund eine wirkliche Rose berhrt htte; jetzt aber kte ich eben einen
heien, leibhaften Mund, und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem Innern
eines schnen und starken Weibes strmte in vollen Zgen in mich ber. Dieser
Unterschied fiel mir so auf, da mitten im heftigen Kssen Annas Stern aufging,
eben als Judith mehr wie fr sich flsterte: Denkst du nun auch an dein
Schtzchen? - Ja, erwiderte ich, und ich geh nun! und wollte mich
losmachen. So geh! sagte sie lchelnd, doch lste sie ihre weichen nackten
Arme auf eine so sonderbare Weise auseinander, da es mir schneidend weh tat,
mich frei zu fhlen, und eben wieder im Begriffe war, in dieselben zu sinken,
als sie aufsprang, mich noch einmal kte und dann von sich stie, indem sie
leise sagte Nun pack dich, es ist jetzt Zeit, da du heimkommst! Beschmt
suchte ich meinen Hut und eilte davon, da sie laut lachte und mir kaum
nachkommen konnte, um mir die Haustre aufzumachen. Halt, flsterte sie, als
ich davonlaufen wollte, geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig
ums Dorf herum! und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande,
obgleich es regnete und strmte, was vom Himmel heruntermochte. Am Gatter stand
sie still und sagte Hr einmal! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause, und du
bist der erste, den ich seit langer Zeit gekt! Ich habe Lust, dir nun erst
recht treu zu bleiben, frage mich nicht warum, ich mu etwas probieren fr die
lange Zeit, und es macht mir Spa. Dafr verlange ich aber, da du jedesmal zu
mir kommst, wenn du im Dorfe bist, in der Nacht und heimlich; am Tage und vor
den Leuten wollen wir tun, als ob wir uns kaum ansehen mchten. Ich verspreche
dir, da es dich nie gereuen soll. Es wird in der Welt nicht so gehen, wie du es
denkst, und vielleicht auch mit Anna nicht; das alles wirst du schon sehen; ich
sage dir nur, da du spter froh sein sollst, wenn du zu mir gekommen bist! -
Nie komme ich wieder! rief Ich etwas heftig. - Bst! nicht so laut, sagte
sie; dann sah sie mir ernsthaft in die Augen, da Ich trotz Sturm und Dunkelheit
die ihrigen glnzen sah, und fuhr fort Wenn du mir Nicht heilig und auf deine
Ehre versprichst, da du wiederkommen willst, so nehm Ich dich sogleich wieder
mit, nehme dich zu mir ins Bett, und du mut bei mir schlafen! Das schwre ich
bei Gott! Es kam mir gar nicht in den Sinn, ber diese Drohung zu lachen oder
dieselbe zu verachten; vielmehr versprach ich, so schnell ich konnte, in Judiths
Hand, da Ich wiederkommen wollte, und eilte davon. Ich lief daraufzu, ohne zu
wissen wohin; denn der strmende Regen tat mir wohl; so war ich bald aus dem
Dorfe und auf eine Hhe gekommen, auf welcher ich weiterging. Der Morgen graute
und warf ein schwaches Licht in das Unwetter; Ich machte mir die bittersten
Vorwrfe und fhlte mich ganz zerknirscht, und als ich pltzlich zu meinen Fen
den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte, kaum erkennbar durch den
grauen Schleier des Regens und der Dmmerung, da sank ich erschpft auf den
Boden und brach gar jmmerlich in Trnen aus. Es regnete immerfort auf mich
nieder, die Windste fahren und pfiffen durch die Luft und heulten erbrmlich
in den Bumen, ich weinte dazu, was nur die Augen fassen mochten; seltsamerweise
machte ich niemandem Vorwrfe als mir selbst und dachte nicht daran, der Judith
irgendeine Schuld beizumessen. Ich fhlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und
htte mich vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der Anna verbergen mgen.
Ich gelobte aber, nie wieder zur Judith zu gehen und mein Versprechen zu
brechen; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna, die ich in der
grauen feuchten Tiefe zu meinen Fen jetzt so still schlafend wute. Endlich
raffte Ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter; der Rauch stieg aus den
Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen, Ich sann etwas
gefater darber nach, was ich im Hause meines Oheims ber mein nchtliches
Ausbleiben vorgeben wolle. Ich wollte sagen, ich htte mich verirrt und sei die
ganze Nacht umhergestreift. Dies war seit den kritischen Knabenjahren das erste
Mal, wo ich zu einem eigenntzigen Zwecke wieder lgen mute; mehrere Jahre
hindurch hatte ich nicht mehr gewut, was lgen sei, und diese Entdeckung machte
mir vollends zu Mute, als ob ich aus einem schnen Garten hinausgestoen wrde,
in welchem ich eine Zeitlang zu Gast gewesen.


                                  Dritter Band

                                 Erstes Kapitel

Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag; als ich erwachte, wehte noch immer
der warme Sdwind, und es regnete in einem fort. Ich sah aus dem Fenster und
erblickte das Tal auf und nieder, wie Hunderte von Mnnern am Wasser arbeiteten,
um die Wehren und Dmme herzustellen, da in den Bergen aller Schnee schmelzen
mute und eine groe Flut zu erwarten war. Das Flchen rauschte schon
ansehnlich und graugelblich daher; fr unser Haus war gar keine Gefahr, da es an
einem sicher abgedmmten Seitenarme lag, der die Mhle trieb; doch waren alle
Mannspersonen fort, um die Wiesen zu schtzen, und ich sa mit den Frauensleuten
allein zu Tische. Nachher ging ich auch hinaus und sah die Mnner ebenso rstig
und entschlossen bei der Arbeit, als sie gestern die Freude angefat hatten. Sie
hantierten wie die Teufel in Erde, Holz und Steinen, standen bis ber die Knie
in Schlamm und Wasser, schwangen xte und trugen Faschinen und Balken umher, und
wenn so acht Mann unter einem schweren Werkstcke einhergingen, hielten die
Witzbolde unter ihnen ohne Zeitverlust keinen Einfall zurck; nur der
Unterschied war gegen gestern, da man keine Tabakspfeifen sah, da dies Volk bei
der Arbeit wohl wute, was guter Ton ist. Ich konnte nicht viel helfen und war
den Leuten eher im Wege; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser
hinaufgeschlendert, kehrte ich oben durch das Dorf zurck und sah auf diesem
Gange die Ttigkeit auf allen ihren gewohnten Wegen. Wer nicht am Wasser
beschftigt war, der fuhr ins Holz, um die dortige Arbeit noch schnell abzutun,
und auf einem Acker sah ich einen Mann so ruhig und aufmerksam pflgen, als ob
weder der Nachtag eines Festes noch eine Gefahr im Lande wre. Ich schmte mich,
allein so mig und zwecklos umherzugehen, und um nur etwas Entschiedendes zu
tun, entschlo ich mich, sogleich nach der Stadt zurckzukehren. Zwar hatte ich
leider nicht viel zu versumen, und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in
diesem Augenblicke gar keine lockende Zuflucht, ja sie kam mir schal und nichtig
vor; da aber der Nachmittag schon vorgerckt war und ich durch Kot und Regen in
die Nacht hinein wandern mute, so lie eine asketische Laune mir diesen Gang
als eine Wohltat erscheinen, und ich machte mich trotz aller Einreden meiner
Verwandten ungesumt auf den Weg.
    So strmisch und mhevoll dieser war, legte ich doch die bedeutende Strecke
zurck wie einen sonnigen Gartenpfad; denn in meinem Innern erwachten alle
Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rtsel des Lebens wie mit einer
goldenen Kugel, und ich war nicht wenig berrascht, mich unversehens vor dem
Stadttore zu befinden. Als ich vor unser Haus kam, merkte ich an den dunklen
Fenstern, da meine Mutter schon schlief; mit einem heimkehrenden Hausgenossen
schlpfte ich ins Haus und auf meine Kammer, und am Morgen tat meine Mutter die
Augen weit auf, als sie mich unerwartet zum Frhstck erscheinen sah.
    Ich bemerkte sogleich, da in unserer Stube eine kleine Vernderung
vorgegangen war. Ein artiges Lotterbettchen stand an der Wand, welches die
Mutter aus Geflligkeit von einem Bekannten gekauft, der dasselbe nicht mehr
unterzubringen wute; es war von der grten Einfachheit, leicht und zierlich
gebaut und statt des Polsters nur mit wei und grnem Stroh berflochten und
doch ein allerliebstes Mbel. Aber auf demselben lag ein ansehnlicher Sto
Bcher, an die fnfzig Bndchen, alle gleich gebunden, mit roten Schildchen und
goldenen Titeln auf dem Rcken versehen und durch eine starke vielfache Schnur
zusammengehalten, wie nur eine Frau oder ein Trdler etwas zusammenbinden kann.
Es waren Goethes smtliche Werke, welche einer meiner Plagegeister hergebracht
hatte, um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. Es war mir zu Mute,
als ob der groe Schatten selbst ber meine Schwelle getreten wre; denn so
wenige Jahre seit seinem Tode verflossen, so hatte sein Bild in der Vorstellung
des jngsten Geschlechtes bereits etwas Dmonisch-Gttliches angenommen, das,
wenn es als eine Gestaltung der entfesselten Phantasie einem im Traume erschien,
mit ahnungsvollem Schauer erfllen konnte. Vor einigen Jahren hatte ein
deutscher Schreinergeselle, welcher in unserer Stube etwas zurechthmmerte,
dabei von ungefhr gesagt Der groe Goethe ist gestorben, und dies unbeachtete
Wort klang mir immer wieder nach. Der unbekannte Tote schritt fast durch alle
Beschftigungen und Anregungen, und berall zog er angeknpfte Fden an sich,
deren Enden nur in seiner unsichtbaren Hand verschwanden. Als ob ich jetzt alle
diese Fden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur, welche die Bcher umwand,
beisammen htte, fiel ich ber denselben her und begann hastig ihn aufzulsen,
und als er endlich aufging, da fielen die goldenen Frchte des achtzigjhrigen
Lebens auf das schnste auseinander, verbreiteten sich ber das Ruhbett und
fielen ber dessen Rand auf den Boden, da ich alle Hnde voll zu tun hatte, den
Reichtum zusammenzuhalten. Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr
vom Lotterbettchen und las dreiig Tage lang, indessen es noch einmal strenger
Winter und wieder Frhling wurde; aber der weie Schnee ging mir wie ein Traum
vorber, den ich unbeachtet von der Seite glnzen sah. Ich griff zuerst nach
allem, was sich durch den Druck als dramatisch zeigte, dann las ich alles
Gereimte, dann die Romane, dann die Italienische Reise, dann einige
knstlerische Monographien, und als sich der Strom hierauf in die prosaischen
Gefilde des tglichen Fleies, der Einzelmhe verlief, lie ich das Weitere
liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die einzelnen Sternbilder in
ihren schnen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glnzende
Sterne, wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini. So hatte ich noch
einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und
entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit. Ich
war eben mit diesem einmal zu Ende, als der Trdler hereintrat und sich
erkundigte, ob ich die Werke behalten wolle, da sich sonst ein anderweitiger
Kufer gezeigt habe. Unter diesen Umstnden mute der Schatz bar bezahlt werden,
was weit ber meine Krfte ging; die Mutter sah wohl, da er mir etwas Wichtiges
war, aber mein dreiigtgiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen, und
darber ergriff der Mann wieder seine Schnur, band die Bcher zusammen, schwang
den Pack auf den Rcken und empfahl sich.
    Es war, als ob eine Schar glnzender und singender Geister die Stube
verlieen, so da diese auf einmal still und leer schien; ich sprang auf, sah
mich um und wrde mich wie in einem Grabe gednkt haben, wenn nicht die
Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Gerusch verursacht htten. Ich
machte mich ins Freie; die alte Bergstadt, Felsen, Wald, Flu und See und das
formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Mrzsonne, und indem meine
Blicke alles umfaten, empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergngen, das
ich frher nicht gekannt. Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und
Bestehende, welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den
Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet. Diese Liebe steht hher als das
knstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigenntzigem Zwecke, welches
zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune fhrt; sie steht auch hher als das
Genieen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien, und nur
sie allein vermag eine gleichmige und dauernde Glut zu geben. Es kam mir nun
alles und immer neu, schn und merkwrdig vor, und ich begann, nicht nur die
Form, sondern auch den Inhalt, das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen
und zu lieben. Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen
Bewutsein herumlief, so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus
aus jenen dreiig Tagen, so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse
ursprnglich zuzuschreiben sind.
    Nur die Ruhe in der Bewegung hlt die Welt und macht den Mann; die Welt ist
innerlich ruhig und still, und so mu es auch der Mann sein, der sie verstehen
und als ein wirkender Teil von ihr sich widerspiegeln will. Ruhe zieht das Leben
an, Unruhe verscheucht es; Gott hlt sich muschenstill, darum bewegt sich die
Welt um ihn. Fr den knstlerischen Menschen nun wre dies so anzuwenden, da er
sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorberziehen
lassen als ihnen nachjagen soll; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht,
kann denselben nicht so beschreiben wie der, welcher am Wege steht. Dieser ist
darum nicht berflssig oder mig, und der Seher ist erst das ganze Leben des
Gesehenen, und wenn er ein rechter Seher ist, so kommt der Augenblick, wo er
sich dem Zuge anschliet mit seinem goldenen Spiegel, gleich dem achten Knige
im Macbeth, der in seinem Spiegel noch viele Knige sehen lie. Auch nicht ohne
uere Tat und Mhe ist das Sehen des ruhig Leidenden, gleichwie der Zuschauer
eines Festzuges genug Mhe hat, einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten.
Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen.
    Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen. Ich
hatte mir, ohne zu wissen wann und wie, angewhnt, alles, was ich in Leben und
Kunst als brauchbar, gut und schn befand, poetisch zu nennen, und selbst die
Gegenstnde meines erwhlten Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht
malerisch, sondern immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse,
welche mich anregend berhrten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der
Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen Dinge
poetisch oder der Widerspiegelung ihres Lebens wert macht; aber in bezug auf
manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte ich nun, da das Unbegreifliche
und Unmgliche, das Abenteuerliche und berschwengliche nicht poetisch sind und
da, wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung, hier nur Schlichtheit und
Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen mssen, um etwas Poetisches
oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernnftiges
hervorzubringen, mit einem Wort, da die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst
nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf. Dies ist zwar eine alte
Geschichte, indem man schon im Aristoteles ersehen kann, da seine stofflichen
Betrachtungen ber die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten
Rezepte auch fr den Dichter sind.
    Denn wie es mir scheint, geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung,
Zurckfhrung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf
einen Lebensgrund, und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft
und Flle und in seinem ganzen Wesen darzustellen, ist Kunst; darum
unterscheiden sich die Knstler nur dadurch von den anderen Menschen, da sie
das Wesentliche gleich sehen und es mit Flle darzustellen wissen, whrend die
anderen dies wiedererkennen mssen und darber erstaunen, und darum sind auch
alle die keine Meister, zu deren Verstndnis es einer besonderen
Geschmacksrichtung oder einer knstlichen Schule bedarf.
    Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen
Gestalt zu tun und fhlte mich nur glcklich und zufrieden, da ich auf das
bescheidenste Gebiet mit meinen Fu setzen konnte, auf den irdischen Grund und
Boden, auf dem sich der Mensch bewegt, und so in der poetischen Welt wenigstens
einen Teppichbewahrer abgeben durfte. Goethe hatte ja viel und mit Liebe von
landschaftlichen Dingen gesprochen, und durch diese Brcke glaubte ich ohne
Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu knnen.
    Ich wollte sogleich anfangen, nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die
Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten, nichts berflssiges
oder Miges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein. Im Geiste
sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir, welche alle hbsch,
wert- und gehaltvoll aussahen, angefllt mit zarten und starken Strichen, von
denen keiner ohne Bedeutung war. Ich setzte mich ins Freie, um das erste Blatt
dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen; aber nun ergab es sich, da ich eben
da fortfahren mute, wo ich zuletzt aufgehrt hatte, und da ich durchaus nicht
imstande war, pltzlich etwas Neues zu schaffen, weil ich dazu erst etwas Neues
htte sehen mssen. Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand
und die prchtigen Bltter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflsten,
wenn ich den Stift auf das Papier setzte, so brachte ich ein trbseliges
Gekritzel zustande, indem ich aus meiner alten Weise herauszukommen suchte,
welche ich verachtete, whrend ich sie jetzt sogar nur verdarb. So qulte ich
mich mehrere Tage herum, in Gedanken immer eine gute und sachgeme Arbeit
sehend, aber ratlos mit der Hand. Es wurde mir angst und bange, ich glaubte
jetzt sogleich verzweifeln zu mssen, wenn es mir nicht gelnge, und seufzend
bat ich Gott, mir aus der Klemme zu helfen. Ich betete noch mit den gleichen
kindlichen Worten wie schon vor zehn Jahren, immer das gleiche wiederholend, so
da es mir selbst auffiel, als ich halblaut vor mich hinflsterte. Darber
nachsinnend, hielt ich mit der hastigen Arbeit inne und sah in Gedanken verloren
auf das Papier und mit einem wehmtigen Lcheln. Da berschattete sich pltzlich
der weie Bogen auf meinen Knien, der vorher von der Sonne beglnzt war;
erschrocken schaute ich um und sah einen ansehnlichen, fremd gekleideten Mann
hinter mir stehen, welcher den Schatten verursachte. Er war gro und schlank,
hatte ein bedeutsames und ernstes Gesicht mit einer stark gebogenen Nase und
einem sorgfltig gedrehten Schnurrbart und trug sehr feine Wsche. In
hochdeutscher Sprache redete er mich an Darf man wohl ein wenig Ihre Arbeit
besehen, junger Herr? Halb erfreut und halb verlegen hielt ich meine Zeichnung
hin, welche er einige Augenblicke aufmerksam besah; dann fragte er mich, ob ich
noch mehr in meiner Mappe bei mir htte und ob ich wirklicher Knstler werden
wollte. Ich trug allerdings immer einen Vorrat des zuletzt Gemachten mit mir
herum, wenn ich nach der Natur zeichnete, um jedenfalls etwas zu tragen, wenn
ich einen unergiebigen Tag hatte, und whrend ich nun die Sachen nach und nach
hervorzog, erzhlte ich fleiig und zutraulich meine bisherigen
Knstlerschicksale; denn ich merkte sogleich an der Art, wie der Fremde die
Sachen ansah, da er es verstand, wo nicht selbst ein Knstler war. Dies
besttigte sich auch sogleich, als er mich auf meine Hauptfehler aufmerksam
machte, die Studie, welche ich gerade vorhatte, mit der Natur verglich und mir
an letzterer selbst das Wesentliche hervorhob und mich es sehen lehrte. Ich
fhlte mich berglcklich und hielt mich ganz still, wie jemand, der sich
vergnglich eine Wohltat erzeigen lt, als er einige Laubpartien auf meinem
Papier mit ihrem Vorbilde in der Natur verglich, mir zeigte, wie ich es ganz
anders machen mte, Schatten und Licht klarmachte und auf dem Rande des Blattes
mit einigen mhlosen Meisterstrichen das herstellte, was ich vergeblich gesucht
hatte. Er blieb wohl eine halbe Stunde bei mir, dann sagte er: Sie haben vorhin
den wackern Habersaat genannt; wissen Sie, da ich vor fnfzehn Jahren auch ein
dienstbarer Geist in seinem verwnschten Kloster war? Ich habe mich aber
beizeiten aus dem Staube gemacht und bin seither immer in Italien und Frankreich
gewesen. Ich bin Landschafter, heie Rmer und gedenke mich eine Zeitlang in
meiner Heimat aufzuhalten. Es soll mich freuen, wenn ich Ihnen etwas nachhelfen
kann, ich habe viele Sachen bei mir, besuchen Sie mich einmal, oder kommen Sie
gleich mit mir nach Hause, wenn's Ihnen recht ist!
    Ich packte eilig zusammen und begleitete in feierlicher Stimmung den Herrn
Rmer und mit nicht geringem Stolze. Ich hatte oft von ihm sprechen gehrt; denn
er war eine der groen Sagen des Refektoriums, und Meister Habersaat tat sich
nicht wenig darauf zu gut, wenn es hie, sein ehemaliger Schler Rmer sei ein
berhmter Aquarellist in Rom und verkaufe seine Arbeiten nur an Frsten und
Englnder. Auf dem Wege, solange wir noch im Freien waren, zeigte mir Rmer
allerlei gute Dinge in der Natur, sei es in Licht und Tnen, sei es in Form und
Charakter. Aufmerksam begeistert sah ich hin, wo er mit der Hand fein
wegstreichend hindeutete; ich war erstaunt, zu entdecken, da ich eigentlich, so
gut ich erst krzlich noch zu sehen geglaubt, noch gar nichts gesehen hatte, und
ich staunte noch mehr, das Bedeutende und Lehrreiche nun meistens in
Erscheinungen zu finden, die ich vorher entweder bersehen oder wenig beachtet.
Jedoch freute ich mich, sogleich zu verstehen, was mein Begleiter jeweilig
meinte, und mit ihm einen krftigen und doch klaren Schatten, einen milden Ton
oder eine zierliche Ausladung eines Baumes zu sehen, und nachdem ich erst einige
Male mit ihm spaziert, hatte ich mich bald gewhnt, die ganze landschaftliche
Natur nicht mehr als etwas Rundes und Greifliches, sondern nur als ein gemaltes
Bilder-und Studienkabinett, als etwas blo vom richtigen Standpunkte aus
Sichtbares zu betrachten und in technischen Ausdrcken zu beurteilen.
    Als wir in seiner Wohnung anlangten, welche aus ein paar eleganten Zimmern
in einem schnen Hause bestand, setzte Rmer sogleich seine Mappen auf einen
Stuhl vor das Sofa, hie mich auf dieses neben ihn sitzen und begann die
Sammlung seiner grten und wertvollsten Studien eine um die andere umzuwenden
und aufzustellen. Es waren alles umfangreiche Bltter aus Italien, auf starkes
grobkrniges Papier mit Wasserfarben gemalt, doch auf eine mir ganz neue Weise
und mit unbekannten khnen und geistreichen Mitteln, so da sie ebensoviel
Schmelz und Duft als Klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem
Striche bewiesen, da sie vor der lebendigen Natur gemacht waren. Ich wute
nicht, sollte ich ber die glnzende und angenehm nahetretende Meisterschaft der
Behandlung oder ber die Gegenstnde mehr Freude empfinden, denn von den
mchtigen dunklen Zypressengruppen der rmischen Villen, von den schnen
Sabinerbergen bis zu den Ruinen von Pstum und dem leuchtenden Golf von Neapel,
bis zu den Ksten von Sizilien mit den zauberhaften hingehauchten, gedichteten
Linien tauchte Bild um Bild vor mir auf mit den kstlichen Merkzeichen des
Tages, des Ortes und des Sonnenscheins, unter welchem sie entstanden. Schne
Klster und Kastelle glnzten in diesem Sonnenschein an schnen Bergabhngen,
Himmel und Meer ruhten in tiefer Blue oder in heitrem Silberton, und in diesem
badete sich die prchtige, edle Pflanzenwelt mit ihren klassisch einfachen und
doch so reichen Formen. Dazwischen sangen und klangen die italienischen Namen,
wenn Rmer die Gegenstnde benannte und Bemerkungen ber ihre Natur und Lage
machte. Manchmal sah ich ber die Bltter hinaus im Zimmer umher, wo ich hier
eine rote Fischerkappe aus Neapel, dort ein rmisches Taschenmesser, eine
Korallenschnur oder einen silbernen Haarpfeil erblickte; dann sah ich meinen
neuen Beschtzer aufmerksam und von Grund aus wohlwollend an, seine weie Weste,
seine Manschetten, und erst, wenn er das Blatt umwandte, fuhr mein Blick wieder
auf dasselbe, um es noch einmal zu berfliegen, ehe das nchste erschien.
    Als wir mit dieser Mappe zu Ende waren, lie mich Rmer noch flchtig in
einige andere blicken, von denen die eine einen Reichtum farbiger Details, die
andere eine Unzahl Bleistiftstudien, eine dritte lauter auf das Meer, Schiffahrt
und Fischerei Bezgliches, eine vierte endlich verschiedene Phnomene und
Farbenwunder wie die Blaue Grotte, auergewhnliche Wolkenerscheinungen,
Vesuvausbrche, glhende Lavabche usw. enthielten. Dann zeigte er mir noch im
andern Zimmer seine gegenwrtige Arbeit, ein greres Bild auf einer Staffelei,
welches den Garten der Villa d'Este vorstellte. Dunkle Riesenzypressen ragten
aus flatternden Reben und Lorbeerbschen, aus Marmorbrunnen und blumigen
Gelndern, an welchen eine einzige Figur, Ariost, lehnte, in schwarzem
ritterlichen Kleide, den Degen an der Seite. Im Mittelgrunde zogen sich Huser
und Bume von Tivoli hin, von Duft umhllt, und darber hinweg dehnte sich das
weite Feld, vom Purpur des Abends bergossen, in welchem am uersten Horizonte
die Peterkuppel auftauchte.
    Genug fr heute! sagte Rmer, kommen Sie fter zu mir, alle Tage, wenn
Sie Lust haben; bringen Sie mir Ihre Sachen mit, vielleicht kann ich Ihnen dies
und jenes zum Kopieren mitgeben, damit Sie eine leichtere und zweckmigere
Technik erlangen!
    Mit der dankbarsten Verehrung verabschiedete ich mich und sprang mehr, als
ich ging, nach Hause. Dort erzhlte ich meiner Mutter das glckliche Abenteuer
mit den beredtesten Worten und verfehlte nicht, den fremden Herrn und Knstler
mit allem Glanz auszustatten, dessen ich habhaft war; ich freute mich, ihr
endlich ein Beispiel rhmlichen Gelingens als einen Trost fr meine eigene
Zukunft vorfhren zu knnen; besonders da ja Rmer ebenfalls aus Herrn
Habersaats kmmerlicher Pflanzschule hervorgegangen war. Allein die fnfzehn in
der weiten Ferne zugebrachten Jahre, welche zu diesem Gelingen gebraucht worden,
leuchteten meiner Mutter nicht sonderlich ein, auch hielt sie dafr, da es noch
gar nicht ausgemacht wre, ob der Fremde wirklich glcklich sei, indem er als
solcher so einsam und unbekannt in seiner Heimat angekommen sei. Ich hatte aber
ein anderweitiges geheimes Zeichen von der Richtigkeit meiner Hoffnungen,
nmlich das pltzliche Erscheinen Rmers, unmittelbar nachdem ich gebetet hatte.
Hievon sagte ich aber nichts zu meiner Mutter, denn erstens war zwischen uns
nicht herkmmlich, da man viel von solchen Dingen sprach, besonders wenn sie
nach salbungsvoller Prahlerei ausgesehen htten, und dann baute die Mutter wohl
fest auf die Hilfe Gottes, aber es wrde ihr nicht gefallen haben, wenn ich mich
eines so eklatanten und theatralischen Falles gerhmt htte, und als ein solcher
wre ihr meine Erzhlung ohne Zweifel erschienen, da sie viel zu schlicht und
bescheiden war, um ein solches Einschreiten in solchen Angelegenheiten von Gott
zu erwarten. Sie war froh, wenn er das Brot nicht ausgehen lie und fr schwere
Leiden, fr Flle auf Leben und Tod seine Hilfe in Bereitschaft hatte. Sie htte
mich wahrscheinlich ziemlich ironisch zurechtgewiesen; desto mehr beschftigte
ich mich den Abend hindurch mit dem Vorfalle und mu gestehen, da ich dabei
doch eine grbelnde Empfindung hatte. Ich konnte mir die Vorstellung eines
langen Drahtes nicht unterdrcken, an welchem der fremde Mann auf mein Gebet
herbeigezogen sei, whrend, gegenber diesem lcherlichen Bilde, mir ein Zufall
noch weniger munden wollte, da ich mir das Ausbleiben desselben nun gar nicht
mehr denken mochte. Seither habe ich mich gewhnt, dergleichen Glcksflle, so
wie ihr Gegenteil, wenn ich nmlich ein unangenehmes Ereignis als die Strafe fr
einen unmittelbar vorhergegangenen, bewuten Fehler anzusehen mich immer wieder
getrieben fhle, als vollendete Tatsachen einzutragen und Gott dafr dankbar zu
sein, ohne mir des genauern einzubilden, es sei unmittelbar und insbesondere fr
mich geschehen. Doch kann ich mich bei jeder Gelegenheit, wo ich mir nicht zu
helfen wei, nicht enthalten, von neuem durch Gebet solche hbsche faits
accomplis herbeizufhren und fr die Zurechtweisungen des Schicksals einen Grund
in meinen Fehlern zu suchen und Gott Besserung zu geloben.
    Ich wartete ungeduldig einen Tag und ging dann am darauffolgenden mit einer
ganzen Last meiner bisherigen Arbeiten zu Rmer. Er empfing mich freundlich
zuvorkommend und besah die Sachen mit aufmerksamer Teilnahme. Dabei gab er mir
fortwhrend guten Rat, und als wir zu Ende waren, sagte er, ich mte vor allem
die ungeschickte alte Manier, das Material zu behandeln, aufgeben, denn damit
liee sich gar nichts mehr ausrichten. Nach der Natur sollte ich fleiig
vorderhand mit einem weichen Blei zeichnen und fr das Haus anfangen, seine
Weise einzuben, wobei er mir gerne behilflich sein wolle. Auch suchte er mir
aus seinen Mappen einige einfache Studien in Bleistift sowie in Farben, welche
ich zur Probe kopieren sollte, und als ich hierauf mich empfehlen wollte, sagte
er Oh! bleiben Sie noch ein Stndchen hier, Sie werden den Vormittag doch
nichts mehr machen knnen; sehen Sie mir ein wenig zu, und plaudern wir ein
bichen! Mit Vergngen tat ich dies, hrte auf seine Bemerkungen, die er ber
sein Verfahren machte, und sah zum ersten Mal die einfache freie und sichere
Art, mit der ein Knstler arbeitet. Es ging mir ein neues Licht auf, und es
dnkte mich, wenn ich mich selbst auf meine bisherige Art arbeitend vorstellte,
als ob ich bis heute nur Strmpfe gestrickt oder etwas hnliches getan htte.
    Rasch kopierte ich die Bltter, die Rmer mir mitgab, mit aller Lust und
allem Gelingen, welche ein erster Anlauf gibt, und als ich sie ihm brachte,
sagte er Das geht ja vortrefflich, ganz gut! An diesem Tage lud er mich ein,
da das Wetter sehr schn war, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und auf
diesem verband er das, was ich in seinem Hause bereits eingesehen, mit der
lebendigen Natur, und dazwischen sprach er vertraulich ber andere Dinge,
Menschen und Verhltnisse, welche vorkamen, bald scharf kritisch, bald
scherzend, so da ich mit einem Male einen zuverlssigen Lehrer und einen
unterhaltenden und umgnglichen Freund besa. Ich erzhlte ihm vieles von meinen
Verhltnissen und Geschichten, fast alles, mit Ausnahme der Anna und Judith, und
er fate alles so auf, wie ich nur wnschen konnte, vom Standpunkte eines freien
und erfahrenen Menschen und als Knstler. So stellte sich schnell ein
ungezwungener Umgang her, bei welchem ich mich ganz konnte gehenlassen und
keinen Einfall zu unterdrcken brauchte, ohne da ich die Bescheidenheit und
Ehrerbietung zu sehr verletzte, und wenn ich dies tat, so glich die
widerspruchslose Bereitwilligkeit, welche jenes Alter den Zurechtweisungen der
wahren und wohlmeinenden Autoritt entgegenbringt, den Fehler bald wieder aus.
    Bald fhlte ich das Bedrfnis, immer und ganz in seiner Nhe zu sein, und
machte daher immer hufiger von meiner Freiheit, ihn zu besuchen, Gebrauch, als
er eines Tages, nachdem er mir grndlich und schon etwas strenger eine Arbeit
durchgesehen, zu mir sagte: Es wrde gut fr Sie sein, noch eine Zeit ganz
unter der Leitung eines Lehrers zu stehen; es wrde mir auch zum Vergngen und
zur Erheiterung gereichen, Ihnen meine Dienste anzubieten; da aber meine
Verhltnisse leider nicht derart sind, da ich dies ganz ohne Entschdigung tun
knnte, wenigstens wenn es nicht durchaus sein mu, so besprechen Sie sich mit
Ihrer Frau Mutter, ob Sie monatlich zwei Louisdors daranwenden wollen. Ich
bleibe jedenfalls einige Zeit hier, und in einem halben Jahre hoffe ich Sie so
weit zu bringen, da Sie spter besser vorbereitet und selbst imstande, einigen
Erwerb zu finden, Ihre Reisen antreten knnten. Sie wrden jeden Morgen um acht
Uhr kommen und den ganzen Tag bei mir arbeiten.
    Ich wnschte nichts Besseres zu tun und lief eiligst nach Hause, den
Vorschlag meiner Mutter zu hinterbringen. Allein sie war nicht so eilig wie ich
und ging, da es sich um Ausgabe einer erklecklichen Summe handelte und ich
selbst einen Teil des an Habersaat Bezahlten fr verlorenes Geld hielt, erst
jenen vornehmen Herrn, bei dem sie schon frher einmal gewesen, um Rat zu
fragen; denn sie dachte, derselbe werde jedenfalls wissen, ob Rmer wirklich der
geachtete und berhmte Knstler sei, fr welchen ich ihn so eifrig ausgab. Doch
man zuckte die Achseln, gab zwar zu, da er als Knstler talentvoll und in der
Ferne renommiert sei; ber seinen Charakter jedoch hllte man sich ins Unklare,
wollte nicht viel Gutes wissen, ohne etwas Nheres angeben zu knnen, und meinte
schlielich, wir sollten uns in acht nehmen. Jedenfalls sei die Forderung zu
gro, unsere Stadt sei nicht Rom oder Paris, auch hielte man dafr, es wre
geratener, die Mittel fr meine Reisen aufzusparen und diese desto frher
anzutreten, wo ich dann selbst sehen und holen knne, was Rmer bese.
    Das Wort Reisen war nun schon wiederholt vorgekommen und war hinreichend,
meine Mutter zu bestimmen, jeden Pfennig zur Ausstattung aufzubewahren. Daher
teilte sie mir die bedenklichen uerungen mit, ohne zuviel Gewicht auf die den
Charakter betreffenden zu legen, welche ich auch mit Entrstung zunichte machte;
denn ich war schon dagegen gewaffnet, indem ich aus verschiedenen rtselhaften
uerungen Rmers entnommen, da er mit der Welt nicht zum besten stehe und viel
Unrecht erlitten habe. Ja, es hatte sich schon eine verstndnisvolle eigene
Sprache ber diesen Punkt zwischen uns ausgebildet, indem ich mit ehrerbietiger
Teilnahme seine Klagen entgegennahm und so erwiderte, als ob ich selbst schon
die bittersten Erfahrungen gemacht oder wenigstens zu erwarten htte, welche ich
aber festen Fues erwarten und dann zugleich mich und ihn rchen wollte. Wenn
Rmer hierauf mich zurechtwies und erinnerte, da ich die Menschen doch nicht
besser werde kennen als er, so mute ich dies annehmen und lie mich mit
wichtiger Miene belehren, wie es anzufangen wre, sich gehrig zu stellen, ohne
da ich eigentlich wute, worum es sich handelte und worin jene Erfahrungen denn
bestnden.
    Ich entschlo mich kurz und sagte zur Mutter, ich wolle das Gold, welches in
meinem ehemals geplnderten Sparkstchen briggeblieben, fr die Sache
verwenden. Hiegegen hatte sie nichts einzuwenden und schien eher froh zu sein,
diesen Mittelweg zu sehen, auf welchem ich wenigstens meine Selbstbestimmung
bettigen konnte. Ich nahm also die Schaumnze und einige Dukaten, welche dabei
waren, und trug alles zu einem Goldschmied, welcher mir acht Louisdors in Silber
dafr bezahlte, brachte das Geld zu Rmer und sagte, das sei alles, was ich
verwenden knnte, und ich wnschte wenigstens vier Monate dafr seines
Unterrichtes zu genieen. Zuvorkommend sagte er, das sei gar nicht so genau zu
nehmen! Da ich tue, was ich knne, wie es einem Kunstjnger gezieme, so wolle er
nicht zurckbleiben und ebenfalls tun, was er knne, solange er hier sei, und
ich solle nur gleich morgen kommen und anfangen.
    So richtete ich mich mit groer Befriedigung bei ihm ein. Den ersten und
zweiten Tag ging es noch ziemlich gemtlich zu; allein schon am dritten begann
Rmer einen ganz andern Ton zu singen, indem er urpltzlich hchst kritisch und
streng wurde, meine Arbeit erbarmungslos heruntermachte und mir bewies, da ich
nicht nur noch nichts knne, sondern auch lssig und unachtsam sei. Das kam mir
hchst wunderlich vor, ich nahm mich ein wenig zusammen, was aber nicht viel
Dank einbrachte; im Gegenteil wurde Rmer immer strenger und ironischer in
seinem Tadel, den er nicht in die rcksichtsvollsten Ausdrcke fate. Da nahm
ich mich ernstlicher zusammen, der Tadel wurde ebenfalls ernstlich und fast
rhrend, bis ich endlich mich ganz zerknirscht und demtig daranmachte, mir bei
jedem Striche den Platz, wo er hinsollte, wohl besah, manchmal ihn zart und
bedchtig hinsetzte, manchmal nach kurzem Erwgen pltzlich wie einen Wrfel auf
gut Glck hinwarf und endlich alles genauso zu machen suchte, wie Rmer es
verlangte. So erreichte ich endlich etwelches Fahrwasser, auf welchem ich ganz
still dem Ziele einer leidlichen Arbeit zusteuerte. Der Fuchs merkte aber meine
Absicht und erschwerte mir unversehens die Aufgaben, so da die Not von neuem
anging und die Kritik meines Meisters schner blhte denn je. Wiederum steuerte
ich endlich nach vieler Mhe einer angehenden Tadellosigkeit entgegen und wurde
nochmals durch ein erschwertes Ziel zurckgeworfen, statt da ich, wie ich
gehofft, ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen konnte.
So erhielt mich Rmer einige Monate in groer Unterwrfigkeit, wobei jedoch die
mystischen Gesprche ber die bitteren Erfahrungen und ber dies und jenes
fortdauerten, und wenn die Tagesarbeit geschlossen war oder auf unseren
Spaziergngen blieb unser Verkehr der alte. Dadurch entstand eine seltsame
Weise, indem Rmer mitten in einer traulichen und tiefsinnigen Unterhaltung mich
jhlings andonnerte Was haben Sie da gemacht! Was soll denn das sein! O Herr
Jesus! Haben Sie Ru in den Augen? so da ich pltzlich still wurde und voll
Ingrimm ber ihn und mich selbst meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerksamkeit
wieder aufnahm.
    So lernte ich endlich die wahre Arbeit und Mhe kennen, ohne da mir
dieselbe lstig wurde, da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung
und Verjngung trgt, und ich sah mich in den Stand gesetzt, eine groe Studie
Rmers, welche schon mehr ein ganzes Bild mit den verschiedensten Bestandteilen
vorstellte, vornehmen zu drfen und dieselbe so zu kopieren, da mein Lehrer
erklrte, es sei nun genug in dieser Richtung, ich wrde ihm sonst seine ganzen
Mappen nachzeichnen; dieselben seien sein einziges Vermgen, und er wnsche bei
aller Freundschaft doch nicht, eine frmliche Doublette desselben in anderen
Hnden zu wissen.
    Durch diese Beschftigung war ich wunderlicherweise im Sden weit mehr
heimisch geworden als in meinem Vaterlande. Da die Sachen, nach welchen ich
arbeitete, alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren, auch die
Erzhlungen und Bemerkungen Rmers fortwhrend meine Arbeit begleiteten, so
verstand ich die sdliche Sonne, jenen Himmel und das Meer beinahe, wie wenn ich
sie gesehen htte, wute Kakteen, Aloe und Myrtenstrucher besser darzustellen
als Disteln, Nesseln und Weidorn, Pinien und immergrne Eichen besser als
Fhren und nordische Eichen, und Zypressen und lbume waren mir bekannter als
Pappeln und Weiden. Selbst der sdliche Boden war mir viel leichter in der Hand
als der nordische, da jener mit bestimmten glnzenden Farben bekleidet war und
sich im Gegensatze zu der tiefen Blue der mittleren und fernen Grnde fast von
selbst herstellte, indessen dieser, um wahr und gut zu scheinen, eine
unmerkliche, aber verzweifelt schwer zu treffende Verschiedenheit und Feinheit
in grauen Tnen erforderte. Am See von Nemi war ich besser zu Hause als an
unserm See, die Umrisse von Capri und Ischia kannte ich genauer als unsere
nchsten Uferhhen. Die roten, mit Efeu bekleideten Bogen der Wasserleitungen in
der sonnverbrannten braungelben rmischen Campagne mit den blauen Hhenzgen in
der Ferne und dem graurtlichen Duft am Himmel konnte ich auswendig herpinseln.
    Und wie schn waren alle diese Gegenstnde! Auf einer sizilianischen
Kstenstudie war vorn zwischen goldenen Felsen eine Stelle im Meere, welche in
der allerfabelhaftesten purpurnen Blue funkelte, wie sie der ausschweifendste
Mrchendichter nicht auffallender htte ersinnen knnen. Aber sie war hier an
ihrem rechten und gesetzmigen Platze und machte daher eine zehnmal poetischere
Wirkung, als wenn sie in einer erfundenen Landschaft unter anderen Umstnden
angebracht worden wre.
    Einen besondern Reiz gewhrten mir die Trmmer griechischer Baukunst, welche
sich da und dort fanden. Ich empfand wieder Poesie, wenn ich das weie, sonnige
Marmorgeblke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben mute. Die
horizontalen Linien an Architrav, Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der
Sulen muten mit der zartesten Genauigkeit, mit wahrer Andacht, leis und doch
sicher und elegant hingezogen werden; die Schlagschatten auf diesem weigoldenen
edlen Gestein waren rein blau, und wenn ich den Blick fortwhrend auf dies Blau
gerichtet hatte, so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu
sehen. Jede Lcke im Geblke, durch welche der Himmel schaute, jede Scharte an
den Kannelierungen war mir heilig, und ich hielt genau ihre kleinsten
Eigentmlichkeiten fest.
    Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk ber Architektur, in welchem
die Geschichte und Erklrung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit
allem Detail enthalten waren. Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig,
um die Trmmer besser zu verstellen und ihren Wert ganz zu kennen. Auch
erinnerte ich mich der Italienischen Reise von Goethe, welche ich krzlich
gelesen, Rmer erzhlte mir viel von den Menschen und Sitten und der
Vergangenheit Italiens. Er las fast keine Bcher als die deutsche bersetzung
von Homer und einen italienischen Ariost. Den Homer forderte er mich auf zu
lesen, und ich lie mir dies nicht zweimal sagen. Im Anfange wollte es nicht
recht gehen, ich fand wohl alles schn, aber das Einfache und Kolossale war mir
noch zu ungewohnt, und ich vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten. Am
meisten fesselten mich nur die bewegtesten Vorgnge, besonders in der Odyssee,
whrend die Ilias mir lange nicht nahetreten wollte. Aber Rmer machte mich
aufmerksam, wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Ntige und
Angemessene anwende, wie jedes Gef und jede Kleidung, die er beschreibe,
zugleich das Geschmackvollste sei, was man sich denken knne, und wie endlich
jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen
Einfachheit von der gewhltesten Poesie getrnkt sei. Da verlangt man
heutzutage immer nach dem Ausgesuchten, Interessanten und Pikanten und wei in
seiner Stumpfheit gar nicht, da es gar nichts Ausgesuchteres, Pikanteres und
ewig Neues geben kann als so einen homerischen Einfall in seiner einfachen
Klassizitt! Ich wnsche Ihnen nicht, lieber Lee, da Sie jemals die ausgesuchte
pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt
vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden
lernen! Wollen Sie wissen, wie dies zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest!
Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und von Ihrer Mutter und allem, was
Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen, und Sie haben viel gesehen und
viel erfahren, haben Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen so wird
es Ihnen des Nachts unfehlbar trumen, da Sie sich Ihrer Heimat nhern; Sie
sehen sie glnzen und leuchten in den schnsten Farben; holde, feine und liebe
Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie pltzlich, da Sie zerfetzt,
nackt und kotbedeckt einhergehen; eine namenlose Scham und Angst fat Sie, Sie
suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen in Schwei gebadet. Dies ist,
solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes, und
so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit
herausgenommen!
    Da es mir einmal bestimmt scheint, immer ruckweise und durch kurze Blitze
und Schlagwrter auf eine neue Spur zu kommen, so bewirkten diese Andeutungen
Rmers, besonders diejenigen ber das Pikante, mehr, als wenn ich den Homer
jahrelang so fr mich gelesen htte. Ich war begierig, selbst dergleichen
aufzufinden, und lernte dadurch mit mehr Bewutsein und Absicht lesen.
    Inzwischen war es gut, da das Interesse Rmers, hinsichtlich des Kopierens
seiner Sammlungen, sich mit dem meinigen vereinigte; denn als ich nun, gem
seiner Aufforderung, mich wieder vor die Natur hinsetzte, erwies es sich, da
ich Gefahr lief, meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu
einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen. Es kostete mich die grte
Beharrlichkeit und Mhe, ein nur zum zehnten Teile so anstndiges Blatt zuwege
zu bringen, als meine Kopien waren; die ersten Versuche milangen fast gnzlich,
und Rmer sagte schadenfroh Ja, mein Lieber, das geht nicht so rasch! Ich habe
es wohl gedacht, da es so kommen wrde; nun heit es auf eigenen Fen stehen
oder vielmehr mit eigenen Augen sehen! Eine gute Studie leidlich kopieren, will
nicht soviel heien! Glauben Sie denn, man lt sich ohne weiteres fr andere
die Sonne auf den Buckel znden? usf. Nun begann der ganze Krieg des Tadels
gegen das Bemhen, demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu spielen,
von neuem; Rmer ging mit hinaus und malte selbst, so da er mich immer unter
seinen Augen hatte. Es war hier nicht geraten, die Torheiten und Flausen zu
wiederholen, die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte, da Rmer durch Steine
und Bume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte, ob derselbe gewissenhaft
sei oder nicht. Er sah es jedem Aste an, ob derselbe zu dick oder zu dnn sei,
und wenn ich meinte, derselbe knnte ja am Ende so gewachsen sein, so sagte er
Lassen Sie das gut sein! Die Natur ist vernnftig und zuverlssig; brigens
kennen wir solche Finessen wohl! Sie sind nicht der erste Hexenmeister, welcher
der Natur und seinem Lehrer ein X fr ein U machen will!
    Doch rckte ich allmhlich vorwrts; aber leider mu ich gestehen, da mehr
ein uerer Ehrgeiz mich dazu antrieb als eine innere Treue. Denn es war mir
hauptschlich darum zu tun, da die Arbeiten, welche ich selbst nach der Natur
machte, nicht zu sehr zurckstehen mchten gegen meine kopierte Sammlung, und
recht bald ein geistiges Eigentum von einigem Wert zu haben. Ich gelangte auch
im Laufe des Sommers in Besitz von einem Dutzend starker und solider
Papierbogen, auf welchen sich ansehnliche Baumgruppen, Steingerlle und
Buschwerke ziemlich keck und sachgem darstellten, die einen Vorrat von guten
Motiven enthielten, die Spuren der Natur und einer knstlerischen Leitung
zeigten und desnahen, wenn sie auch weit entfernt waren, etwas Meisterhaftes zu
verraten, doch als eine erste ordentliche Grundlage zu der Mappe eines Knstlers
betrachtet werden konnten, welche man nicht nur der Erinnerung, sondern auch der
fortdauernden Nutzbarkeit wegen aufbewahren mag. In diesen Blttern war dann
noch diese oder jene Lieblingsstelle, wo ich einen glcklichen Ton getroffen und
der Natur einen guten Blick abgelauscht, ohne es zu wissen, irgendein gutes
Grnlich-Grau oder ein deutliches Sonnenlicht auf einem schwrzlichen Steine,
womit Rmer so zufrieden war, da er es der Brauchbarkeit halber fr sich
kopierte. Er konnte dies unbeschadet seiner Strenge tun; denn ich durfte nur
einen Blick auf seine eigenen Studien werfen, welche er in diesem Sommer machte,
so verging mir alle berhebung, und wenn ich noch so viel Freude an meinen
Schlerwerken empfand, so war diese Freude noch viel grer und schner, wenn
ich Rmers glnzende und meisterhafte Arbeiten sah. Aber dster und einsilbig
legte er sie zu seinen brigen Sachen, als ob er sagen wollte was hilft das
Zeug! whrend ich die meinigen mit stolzer Hoffnung aufbewahrte und die Zeit
nahe sah, wo ich ebensolche Meisterwerke mein nennen wrde.
    Neben den ausgefhrten Studien sammelte sich noch ein artiger Schatz von
kleinen und fragmentarischen Bleistift- und Federskizzen, die alle wohl zu
brauchen waren und mein erstes, auf eigene Arbeit und wahre Einsicht gegrndetes
Besitztum vervollstndigten.
    Weil ich die mir durch den Aufenthalt Rmers zugemessene Zeit wohl benutzen
mute, so konnte ich nicht daran denken, das Dorf zu besuchen, obschon ich
verschiedene Gre und Zeichen von daher erhalten hatte. Um so fleiiger dachte
ich an Anna, wenn ich arbeitete und die grnen Bume leise um mich rauschten.
Ich freute mich fr sie meines Lernens und da ich in diesem Jahre so reich an
Erfahrung geworden gegen das frhere Jahr; ich hoffte einigen wirklichen Wert
dadurch erhalten zu haben, der in ihren Augen fr mich sprche und in ihrem
Hause die Hoffnung begrnde, die ich selbst fr mich zu hegen mir erlaubte.
    Wenn ich aber nach getaner Arbeit in meines Lehrers Wohnung ausruhte, seinen
Erzhlungen vom sdlichen Leben zuhrte und dabei seine Sachen beschaute,
worunter manches Studienbild einer schnen vollen Rmerin oder Albanerin
dunkelugig glnzte, so trat unversehens Judiths Bild vor mich und wich nicht
von mir, bis es, von selbst Annas Gestalt hervorrufend, von dieser verdrngt
wurde. Wenn ich eine blendendweie Sulenreihe ansah und mit lebendiger
Phantasie das Weben der heien Luft zu fhlen glaubte, in welcher sie stand, so
schien Judith pltzlich hinter einer Sule hervorzutreten, langsam die
verfallenden Tempelstufen herabzusteigen und, mir winkend, in ein blhendes
Oleandergebsch zu verschwinden, unter welchem eine klare Quelle hervorflo.
Folgten meine Gedanken aber dahin, so sahen sie Anna im grnen Kleide an der
Quelle sitzen, das silberne Krnchen auf dem Kopfe und silberblinkende Trnchen
vergieend.
    Der Herbst war gekommen, und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging
und in unsere Stube trat, sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen
Mantel liegen. Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu, hob das leichte
angenehme Ding in die Hhe und besah es von allen Seiten, auf der Stelle Annas
Mantel erkennend. Ich eilte damit in die Kche, wo ich die Mutter beschftigt
fand, ein feineres Essen als gewhnlich zu bereiten. Sie besttigte mir die
Ankunft des Schulmeisters und seiner Tochter, setzte aber sogleich mit besorgtem
Ernst hinzu, da dieselben nicht zum Vergngen gekommen wren, sondern um einen
berhmten Arzt zu besuchen. Whrend die Mutter in die Stube ging und den Tisch
deckte, deutete sie mir mit einigen Worten an, da sich bei Anna seltsame und
bengstigende Anzeichen eingestellt htten, da der Schulmeister sehr bekmmert
sei und sie, die Mutter, selbst nicht minder, denn nach der ganzen Erscheinung
des armen Mdchens glaube sie nicht, da das feine zarte Wesen lange leben
wrde.
    Ich sa auf dem Ruhbette, hielt den Mantel fest in meinen Hnden und hrte
ganz verwundert auf diese Worte, die mir so unerwartet und fremd klangen, da
sie mir mehr wunderlich als erschreckend vorkamen. In diesem Augenblicke ging
die Tr auf, und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gste traten herein.
berrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen, und erst als ich Anna die Hand
geben wollte, sah ich, da ich immer noch ihren Mantel hielt. Sie errtete und
lchelte zugleich, whrend ich verlegen dastand; der Schulmeister warf mir vor,
warum ich mich den ganzen Sommer ber nie sehen lassen, und so verga ich ber
diesen Begrungen ganz die Mitteilung der Mutter, an welche mich auch nichts
Auffallendes erinnerte. Erst als wir am Tische saen, wurde ich durch eine
gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit, mit welcher meine Mutter Anna
behandelte, erinnert und glaubte jetzt nur Zu sehen, da sie gegen frher fast
grer, aber auch zugleich zarter und schmchtiger erschien; ihre Gesichtsfarbe
war wie durchsichtig geworden, und um ihre Augen, welche erhht glnzten, bald
in dem kindlichen Feuer frherer Tage, bald in einem trumerischen tiefen
Nachdenken, lag etwas Leidendes. Sie war heiter und sprach ziemlich viel,
whrend ich schwieg, hrte und sie ansah; denn sie hatte ein dreifaches Recht zu
sprechen als Gast, als Mdchen und als die Hauptperson dieses Besuches, wenn
auch die Ursache traurig war. Andchtig und gern beschied ich mich und gnnte
von ganzem Herzen Anna die Ehre, bei Tische mit den Eltern auf gleichem Fue zu
stehen, zumal sie durch ihr Schicksal diese Ehre mit frhen Leiden zu erkaufen
bestimmt schien. Auch der Schulmeister war heiter und ganz wie sonst; denn bei
den Schicksalen und Leiden, welche uns Angehrige betreffen, benehmen wir uns
nicht lamentabel, sondern fast vom ersten Augenblicke an mit der gleichen
Gefatheit, mit dem gleichen Wechsel von Hoffnung, Furcht und Selbsttuschung
wie die Betroffenen selbst. Doch ermahnte jetzt der Schulmeister seine Tochter,
nicht zuviel zu sprechen, und mich fragte er, ob ich die Ursache der kleinen
Reise schon kenne, und fgte hinzu Ja, lieber Heinrich! meine Anna scheint
krank werden zu wollen! Doch lat uns den Mut nicht verlieren! Der Arzt hat ja
gesagt, da vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun wre. Er hat uns einige
Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen, ruhig zurckzukehren und dort zu
leben, anstatt hierher zu ziehen, da die dortige Luft angemessener sei. Fr
unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von Zeit zu Zeit selbst
hinauskommen und nachsehen.
    Ich wute hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen;
vielmehr wurde ich ganz rot und schmte mich nur, nicht auch krank zu sein. Anna
hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lchelnd an, als ob sie Mitleid
mit mir htte, so peinliche Dinge hren zu mssen.
    Nach dem Essen verlangte der Schulmeister, von meinen Beschftigungen zu
wissen und etwas zu sehen; ich brachte meine wohlgefllte Mappe herbei und
erzhlte von meinem Meister; doch sah man jetzt wohl, da er zu sehr von seiner
Sorge befangen war, als da er lange bei diesen Dingen htte verweilen knnen.
Er machte sich bereit, einige Gnge zu tun und Einkufe zu machen, welche
hauptschlich in einigen auslndischen Produkten zu Nahrungsmitteln fr Anna
bestanden, welche der Arzt einstweilen verordnet. Meine Mutter begleitete ihn,
und ich blieb allein mit Anna zurck. Sie fuhr fort, meine Sachen aufmerksam zu
beschauen; auf dem Ruhbett sitzend, lie sie sich alles von mir vorlegen und
erklren. Whrend sie auf meine Landschaften sah, blickte ich auf sie nieder,
manchmal mute ich mich beugen, manchmal hielten wir ein Blatt zusammen in den
Hnden lange Zeit, doch ereignete sich sonst gar nichts Zrtliches zwischen uns;
denn whrend sie fr mich nun wieder ein anderes Wesen war und ich mich scheute,
sie nur von ferne zu verletzen, hufte sie alle uerungen der Freude, der
Aufmerksamkeit und sogar der Ehrenbezeugung allein auf meine Arbeiten, sah sie
fort und fort an und wollte sich gar nicht von denselben trennen, whrend sie
mich selbst nur wenig ansah.
    Pltzlich sagte sie Unsere Tante im Pfarrhaus lt dir sagen, du sollest
mit uns sogleich hinausfahren, sonst sei sie bse! Willst du? Ich erwiderte
Ja, jetzt kann ich schon! und setzte hinzu Was fehlt dir denn eigentlich? -
Ach, ich wei es selbst nicht, ich bin immer mde und leide manchmal ein wenig;
die anderen machen mehr daraus als ich selbst!
    Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurck; neben den seltsamen und
fremdartigen Paketen, die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch legte,
brachte er einige Geschenke fr Anna mit, feine Kleiderstoffe, einen schnen
groen Shawl und eine goldene Uhr, als ob er mit diesen kostbaren und auf die
Dauer berechneten Sachen eine gnstige Wendung des Geschickes erzwingen wollte.
Als Anna darber erschrak, sagte er, sie habe diese Dinge schon lange verdient
und das bichen Geld htte gar keinen Wert fr ihn, wenn er nicht ihr eine
kleine Freude dadurch verschaffen knnte.
    Er zeigte sich zufrieden, da ich mitfahren wollte; meine Mutter sah es auch
gern und legte mir einige Sachen zurecht, indessen ich das Gefhrt aus dem
Gasthause holte, wo es eingestellt war. Anna sah allerliebst aus, als sie
wohlvermummt und verschleiert dem Schulmeister zur Seite sa. Ich behauptete den
Vordersitz und hatte das Leitseil des gutgenhrten Pferdes ergriffen, welches
ungeduldig scharrte; die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und
wiederholte dem Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und, wenn es
notwendig wrde, hinzukommen und Anna zu pflegen; die Nachbaren steckten die
Kpfe aus den Fenstern und vermehrten mein angenehmes Selbstbewutsein, als ich
endlich mit meiner liebenswrdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Strae
entlangfuhr.
    Es glnzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande. Wir fuhren durch
Drfer und Felder, sahen die Gehlze und Anhhen im zarten Dufte liegen, hrten
die Jgerhrnchen in der Ferne, begegneten berall zahlreichem Fuhrwerke,
welches den Herbstsegen einbrachte; hier machten die Leute die Gefe zur
Weinlese zurecht und bauten groe Kufen, dort standen sie reihenweise auf den
ckern und gruben Kartoffeln aus, anderswo wieder pflgten sie die Erde um, und
die ganze Familie war dabei versammelt, von der Herbstsonne hinausgelockt;
berall war es lebendig und zufrieden bewegt. Die Luft war so mild, da Anna
ihren grnen Schleier zurckschlug und ihr liebliches Gesicht zeigte. Wir
vergaen alle drei, warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren; der
Schulmeister war gesprchig und erzhlte uns viele Geschichten von den Gegenden,
durch welche wir kamen, zeigte uns die heiteren Wohnungen, wo berhmte Mnner
hausten, deren wohlgeordnete und gepflegte Rume und Grten die weise Klugheit
ihrer Besitzer verkndeten oder deren weie Giebelwnde und glnzende Fenster
auch von entlegenen Halden im Sonnenschein die gleiche Kunde gaben. Da und dort
wohnte eine berhmte Tochter oder deren zwei, von denen etwas zu erblicken wir
im Vorberfahren uns bemhten, und wenn dies gelang, so benahm sich Anna mit dem
bescheidenen Anstande derjenigen, welche selbst Blumen des Landes sind.
    Doch dunkelte es eine geraume Weile, ehe wir ans Ziel gelangten, und mit der
Dunkelheit fiel es mir pltzlich ein, da ich Judith das Versprechen gegeben,
sie jedesmal zu besuchen, wenn ich ins Dorf kme. Anna hatte sich wieder
verhllt, ich sa nun neben ihr, da der Schulmeister, welcher die Wege besser
kannte, die Zgel genommen, und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer
waren, so hatte ich Zeit, darber nachzudenken, was ich tun wollte.
    Je unmglicher es mir schien, mein Versprechen zu halten, je weniger ich das
Wesen, welches ich mir zur Seite fhlte und das sich nun sanft an mich lehnte,
auch nur in Gedanken beleidigen und hintergehen mochte, desto dringender ward
auf der andern Seite die berzeugung, da ich am Ende doch mein Wort halten
msse, da mich Judith nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen,
und ich nahm keinen Anstand, mir einzubilden, da das Brechen desselben sie
krnken und ihr weh tun wrde. Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr
nicht unmnnlich als einer erscheinen, welcher aus Furcht ein Versprechen gbe
und aus Furcht dasselbe brche. Da fand ich einen sehr klugen Ausweg, wie ich
dachte, der mich wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte. Ich brauchte
nur bei dem Schulmeister zu wohnen, so war ich nicht im Dorfe, und wenn ich am
Tage dasselbe besuchte, so brauchte ich Judith nicht zu sehen, welche sich nur
meinen nchtlichen und geheimen Besuch whrend eines Aufenthaltes im Dorfe
ausbedungen hatte.
    Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem
Sohne und zwei Tchtern vorfanden, welche uns erwarteten, teils um sogleich zu
hren, was der Arzt gesprochen, teils um dem Schulmeister das Zurckbringen des
geliehenen Fuhrwerks zu ersparen, als sie nun mich mitnehmen wollten und der
Schulmeister sich freundlich dagegen beschwerte, erklrte ich unversehens,
hierbleiben zu wollen, und die alte Katherine, welche jetzt Annas wegen sehr
sorgenvoll und kleinlaut war, eilte, mir ein Unterkommen zu bereiten, indessen
Anna, welche ganz ermdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde,
sich sogleich zu Bett begeben mute. Sie fhrte mich an einen artig
eingerichteten Tisch, auf welchem ihre Bcher und Arbeitssachen, auch Papier und
Schreibzeug lagen, setzte Licht darauf und sagte lchelnd Mein Vater bleibt
alle Abend bei mir, bis ich eingeschlafen bin, und liest mir manchmal etwas vor.
Hier kannst du dich vielleicht so lange beschftigen. Sieh, hier mache ich etwas
fr dich! und sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe, welche sie
nach jener Blumenzeichnung verfertigte, die ich vor mehreren Jahren in der
Weinlaube gemacht und ihr geschenkt hatte. Das naive Bild hing ber ihrem
Tische. Dann gab sie mir die Hand und sagte wehmtig leise und doch so
freundlich: Gut' Nacht! und ich sagte ebenso leise: Gut' Nacht!
    Einige Augenblicke nachher, als sie gegangen, kam der Schulmeister herein,
und ich sah, da er ein schn eingebundenes Andachtsbucht mitnahm, als er sich
wieder entfernte, um in Annas Zimmer zu gehen. Ich hingegen beschaute alle
Schelchen, welche auf dem Tische lagen, spielte mit ihrer Schere und konnte mir
gar nicht ernstlich denken, da irgendeine Gefahr fr Anna sein sollte.

                                Zweites Kapitel


Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war, so er wachte ich am Morgen
sehr frh, noch eh eine Seele sich regte. Ich machte das Fenster auf und sah
lange auf den See hinaus, dessen waldige Uferhhen vom Morgenrote beglnzt
waren, indessen der spte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich krftig im
dunklen Wasser spiegelte. Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne,
welche nun die gelben Kronen der Bume vergoldete und einen zarten Schimmer ber
den erblauenden See warf. Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu
verhllen, ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle
Gegenstnde, und indem er ein glnzendes Bild um das andere auslschte, da sich
rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte, wurde der
Nebel pltzlich so dicht, da ich nur noch das Grtchen vor mir sehen konnte,
und zuletzt verhllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster. Ich schlo
dieses zu, trat aus der Kammer und fand die alte Katherine in der Kche an dem
traulichen hellen Feuer.
    Ich plauderte lange mit ihr; sie ergo sich in zrtlichen Klagen ber Annas
bedenklichen Zustand, berichtete mir, seit wann derselbe begonnen, ohne da ich
jedoch ber seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde, da sie sich mancher
dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente. Dann begann sie mit rhrender,
aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verknden und ihr bisheriges
Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurck, und ich sah deutlich vor mir
das dreijhrige Engelchen umherspringen, in genau beschriebener Kleidung, aber
freilich auch ein frhes und leidenvolles Krankenlager, auf welches das kleine
Wesen dann jahrelang gelegt wurde, so da ich nun ein schlohweies,
lnglichgestrecktes Leichnamchen erblickte, mit geduldigem, klugem und immer
lchelndem Angesicht. Doch das kranke Reis erholte sich, der wunderbare Ausdruck
der durch das Leiden hervorgebrachten frhen Weisheit verschwand wieder in seine
unbekannte Heimat, und ein rosig unbefangenes Kind blhte, als ob nichts
vorgefallen wre, der Zeit entgegen, wo ich es zuerst sah.
    Endlich zeigte sich der Schulmeister, welcher, da seine Tochter nun des
Morgens lnger im Bette bleiben mute und lnger schlief als frher, sich des
frhen Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach
derjenigen seines kranken Kindes richtete. Nach einer guten Weile erschien auch
Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frhstck, indessen wir das
gewhnliche verzehrten. Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut ber den
Tisch, welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit berging, als wir
drei sitzen blieben und uns unterhielten. Der Schulmeister nahm ein Buch, die
Nachfolge Christi von Thomas a Kempis, und las einige Seiten daraus vor,
indessen Anna ihre Stickerei vornahm. Dann hob ihr Vater ber das Gelesene ein
Gesprch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der
herkmmlichen Weise meine Urteilskraft zu prfen, zu mildern und zu gemeinsamer
Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken. Aber ich hatte durch
den letzten Sommer die Lust an solchen Errterungen fast gnzlich verloren, mein
Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet, und selbst die
rtselhaften Betrachtungen ber die Erfahrungen, die ich mit Rmer anstellte,
gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich. Auerdem fhlte ich, da ich
nun die grte Rcksicht auf Anna nehmen mute, und als ich bemerkte, da sie
sogar froh schien, mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke
preisgegeben zu sehen, htete ich mich wohl, einen Widerspruch zu uern, gab
denjenigen Stellen, welche eine innere Wahrheit enthielten oder tief, schn und
kraftvoll ausgedrckt waren, meinen aufrichtigen Beifall oder berlie mich
einer reizenden Langweile, die schnen Farben an Annas Seidenknulchen
beschauend.
    Sie hatte sich wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein, so da
kein groer Unterschied gegen ihr frheres Wesen whrend des Tages bemerklich
war. Der angenehme Aufenthalt in ihrem Hause diente daher nur dazu, meinen
Leichtsinn und meine Sorglosigkeit zu bestrken und eine Bewegungslust in mir
anzufachen, die mich hinaustrieb. Auerdem mute ich ja am Tage meine Verwandten
im Dorfe besuchen, wenn ich den kasuistischen Ausweg, Judith zu hintergehen,
anwenden wollte.
    Als ich daher in den dichten Nebel hinausging, war ich, noch mehr aufgeweckt
durch den frischen Herbstgeruch, sehr guter Dinge und mute lachen ber meine
seltsame List, zumal das verborgene Wandeln in der wei verhllten Natur meinen
Gang einem Schleichwege noch vollstndig hnlich machte. Ich ging ber den Berg
und gelangte bald zum Dorfe; doch verfehlte ich hier des Nebels wegen den
rechten Weg und sah mich bald in ein Netz von schmalen Garten- und Wiesenpfaden
versetzt, welche bald zu einem entlegenen Hause, bald wieder gnzlich zum Dorfe
hinausfhrten. Ich konnte nicht vier Schritte vor mir sehen, Leute hrte ich
immer, ohne sie zu erblicken, aber zuflligerweise traf ich niemanden auf meinen
Wegen. Da kam ich zu einem offenstehenden Pfrtchen und entschlo mich,
hindurchzugehen und alle Gehfte gerade zu durchkreuzen, um endlich wieder auf
die Hauptstrae zu kommen. Ich sah mich in einen prchtigen groen Baumgarten
versetzt, dessen Bume alle voll der schnsten reifen Frchte hingen. Man sah
aber immer nur einen Baum ganz deutlich, die nchsten standen schon halb
verschleiert im Kreise umher, und dahinter schlo sich wieder die weie Wand des
Nebels. Es war daher, als ob man in einen weiten Tempel getreten, dessen Sulen
von Rucherwolken und Seidengeweben umhllt und von dessen Decke grne Krnze
mit goldenen und rubinfarbigen Frchten herabhingen. Pltzlich sah ich Judith
mir entgegenkommen, welche einen groen Korb mit pfeln gefllt in beiden Hnden
vor sich her trug, da von der krftigen Last die Korbweiden leise knarrten. Das
Einsammeln des Obstes war fast die einzige Arbeit, der sie sich mit Liebe und
Eifer hingab. Sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen etwas aufgeschrzt und
zeigte die schnsten Fe; ihr Haar war von Feuchte schwer und das Gesicht von
der Herbstluft mit reinem Purpur gertet. So kam sie gerade auf mich zu, auf
ihren Korb blickend, sah mich pltzlich, stellte erst erbleichend den Korb zur
Erde und eilte dann mit den Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude
auf mich zu, fiel mir um den Hals und drckte mir ein Dutzend voll und rein
ausgeprgte Ksse auf die Lippen. Ich hatte Mhe, dies nicht zu erwidern, und
rang mich endlich von ihrer Brust los.
    Sieh, sieh! du gescheites Brschchen! sagte sie froh lachend, du bist
heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze, mich noch vor Nacht
heimzusuchen; das htte ich dir nicht einmal zugetraut! - Nein, erwiderte
ich, zur Erde blickend, ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister,
weil Anna krank ist. Unter diesen Umstnden kann ich jedenfalls nicht zu dir
kommen! Judith schwieg eine Weile, die Arme bereinandergeschlagen, und sah
mich klug und durchdringend an, da mein Blick in die Hhe gezogen und auf den
ihrigen gerichtet wurde.
    Das wre allerdings noch gescheiter, als wie ich es meinte, sagte sie
endlich, wenn es dir nur etwas helfen wrde! Doch, weil unser armes Schtzchen
krank ist, so will ich billig sein und unsere bereinkunft abndern. Der Nebel
wird sich wenigstens zwei Wochen lang tglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise
zeigen. Wenn du jeden Tag whrend desselben zu mir kommst, so will ich dich fr
die Nacht deiner Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen, dich nie zu
liebkosen und dich selbst zurechtzuweisen, wenn du es tun wolltest; nur mut du
mir jedesmal auf ein und dieselbe Frage ein einziges Wrtchen antworten, ohne zu
lgen! - Welche Frage? sagte ich. Das wirst du schon sehen! erwiderte sie;
komm, ich habe schne pfel!
    Sie ging mir voran zu einem Baume, dessen ste und Bltter edler gebaut
schienen als die der brigen, stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und
brach einige schn geformte und gefrbte pfel. Einen derselben, der noch im
feuchten Dufte glnzte, bi sie mit ihren weien Zhnen entzwei, gab mir die
abgebissene Hlfte und fing an, die andere zu essen. Ich a die meinige
ebenfalls und rasch; sie war von der seltensten Frische und Gewrzigkeit, und
ich konnte kaum erwarten, bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte. Als
wir drei Frchte so gegessen, war mein Mund so s erfrischt, da ich mich
zwingen mute, Judith nicht zu kssen und die Se von ihrem Munde noch
dazuzunehmen. Sie sah es, lachte und sprach Nun sage bin ich dir lieb? Sie
blickte mich dabei fest an, und ich konnte, obgleich ich jetzt lebhaft und
bestimmt an Anna dachte, nicht anders und sagte Ja! Zufrieden sagte Judith
Dies sollst du mir jeden Tag sagen!
    Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte Weit du eigentlich, wie es mit
dem guten Kinde steht? Als ich erwiderte, da ich allerdings nicht klug daraus
wrde, fuhr sie fort Man sagt, da das arme Mdchen seit einiger Zeit
merkwrdige Trume und Ahnungen habe, da sie schon ein paar Dinge vorausgesagt,
die wirklich eingetroffen, da manchmal im Traume wie im Wachen sie pltzlich
eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme, was entfernte Personen, die ihr
lieb sind, jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden, da sie jetzt ganz
fromm sei und endlich auf der Brust leide! Ich glaube dergleichen Sachen nicht,
aber krank ist sie gewi, und ich wnsche ihr aufrichtig alles Gute, denn sie
ist mir auch lieb um deinetwillen. - Aber alle mssen leiden, was ihnen bestimmt
ist! setzte sie nachdenklich hinzu.
    Whrend ich unglubig den Kopf schttelte, durchfuhr mich doch ein leichter
Schauer, und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas
Gestalt, welche meinem innern Auge vorschwebte. Und fast in demselben
Augenblicke war es mir auch, als ob sie mich jetzt sehen msse, wie ich
vertraulich bei der Judith stand; ich erschrak darber und sah mich um. Der
Nebel lste sich auf, schon sah man durch seine silbernen Flocken den blauen
Himmel, einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und
beglnzten die Tropfen, welche von denselben fielen; schon sah man den blauen
Schatten eines Mannes vorbergehen, und endlich drang die Klarheit berall
durch, umgab uns und warf, wie wir waren, unser beider Schlagschatten auf den
matt besonnten Grasboden.
    Ich eilte davon und hrte in dem Hause meines Oheims die Besttigung dessen,
was mir Judith mitgeteilt; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt
durch das vertrauliche Gesprch, lchelte ich wieder unglubig und war froh, in
meinen jungen Vettern Genossen zu finden, welche sich auch nicht viel aus
dergleichen machten. Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurck,
da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen, der Anspruch auf dieselben mir
beinahe eine Anmaung zu sein schien, die ich der guten Anna zwar keineswegs,
aber doch einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte, in
welchem ich sie jetzt befangen sah. So trat ich ihr, als ich abends
zurckkehrte, mit einer gewissen Scheu entgegen, welche jedoch durch ihre
liebliche Gegenwart bald wieder zerstreut wurde, und als sie nun selbst, in
Gegenwart ihres Vaters, leise anfing von einem Traume zu sprechen, den sie vor
einigen Tagen getrumt, und ich daher sah, da sie willens sei, mich in das
vermeintliche Geheimnis zu ziehen, glaubte ich unverweilt an die Sache, ehrte
sie und fand sie nur um so liebenswrdiger, je mehr ich vorhin daran gezweifelt.
    Als ich mich allein befand, dachte ich mehr darber nach und erinnerte mich,
von solchen Berichten gelesen zu haben, wo, ohne etwas Wunderbares und
bernatrliches anzunehmen, auf noch unerforschte Gebiete und Fhigkeiten der
Natur selbst hingewiesen wurde, so wie ich berhaupt bei reiflicher Betrachtung
noch manches verborgene Band und Gesetz mglich halten mute, wenn ich meine
grte Mglichkeit, den lieben Gott, nicht zu sehr blostellen und in eine de
Einsamkeit bannen wollte.
    Ich lag im Bette, als mir diese Gedanken klar wurden und ich mit denselben
der Unschuld und Redlichkeit Annas gedachte, als welche doch auch zu
bercksichtigen wren; und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung, so
streckte ich mich anstndig aus, kreuzte die Hnde zierlich ber der Brust und
nahm so eine hchst gewhlte und ideale Stellung ein, um mit Ehren zu bestehen,
wenn Annas Geisterauge mich etwa unbewut erblicken sollte. Allein das
Einschlafen brachte mich bald aus dieser ungewohnten Lage, und ich fand mich am
Morgen zu meinem Verdrusse in der behaglichsten und trivialsten Figur von der
Welt.
    Ich raffte mich hastig zusammen, und wie man des Morgens Gesicht und Hnde
wscht, so wusch ich gewissermaen Gesicht und Hnde meiner Seele und nahm ein
zusammengefates und sorgfltiges Wesen an, suchte meine Gedanken zu beherrschen
und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein. So erschien ich vor Anna, wo mir
ein solch gereinigtes und festtgliches Dasein leicht wurde, indem in ihrer
Gegenwart eigentlich kein anderes mglich war. Der Morgen nahm wieder seinen
Verlauf wie gestern, der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich
hinauszurufen. Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel, Judith aufzusuchen, so war
dies weniger eine malose Unbestndigkeit und Schwche als eine gutmtige
Dankbarkeit, die ich fhlte und die mich drngte, der reizenden Frau fr ihre
Neigung freundlich zu sein; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten
Freude, in welcher ich sie gestern berrascht, durfte ich mir nun wirklich
einbilden, von ihr herzlich geliebt zu sein. Und ich glaubte ihr unbedenklich
sagen zu knnen, da sie mir lieb sei, indem ich sonderbarerweise dadurch gar
keinen Abbruch meiner Gefhle fr Anna wahrnahm und es mir nicht bewut war, da
ich mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach, ihr recht heftig
um den Hals zu fallen. Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute
Gelegenheit, mich zu beherrschen und in der gefhrlichsten Umgebung doch immer
so zu sein, da mich ein verrterischer Traum zeigen durfte.
    Unter solchen Sophismen machte ich mich auf, nicht ohne einen ngstlichen
Blick auf Anna zu werfen, an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels
wahrnahm. Drauen zgerte ich wieder, fand aber den Weg unbeirrt zu Judiths
Garten. Sie selbst mute ich erst eine Weile suchen, weil sie, mich gleich am
Eingange sehend, sich verbarg, in den Nebelwolken hin und her schlpfte und
dadurch selbst irre wurde, so da sie zuletzt stillstand und mir leise rief, bis
ich sie fand. Wir machten beide unwillkrlich eine Bewegung, uns in den Arm zu
fallen, hielten uns aber zurck und gaben uns nur die Hand. Sie sammelte immer
noch Obst ein, aber nur die edleren Arten, welche an kleinen Bumen wuchsen; das
brige verkaufte sie und lie es von den Kufern selbst vom Baume nehmen. Ich
half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bume, wo sie nicht
hingelangen konnte. Aus Mutwillen stieg ich auch zuoberst auf einen hohen
Apfelbaum, wo sie mich des Nebels wegen nicht mehr sehen konnte. Sie fragte mich
unten, ob ich sie liebhtte, und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein
Ja. Da rief sie schmeichelnd Ach, das ist ein schnes Lied, das hr ich gern!
Komm herunter, du junger Vogel, der so artig singt!
    So brachten wir alle Tage eine Stunde zu, eh ich zu meinem Oheim ging; wir
sprachen dabei ber dies und jenes, ich erzhlte viel von Anna, und sie mute
alles anhren und tat es mit groer Geduld, nur damit ich dabliebe. Denn whrend
ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte, suchte Judith
wieder etwas Edleres in meiner Jugend, als ihr die Welt bisher geboten; und doch
sah sie wohl, da sie nur meine sinnliche Hlfte anlockte, und wenn sie auch
ahnte, da mein Herz mehr dabei war, als ich selbst wute, so htete sie sich
wohl, es merken zu lassen, und lie mich ihre tgliche Frage in dem guten
Glauben beantworten, da es nicht so viel auf sich htte.
    Oft drang ich auch in sie, mir von ihrem Leben zu erzhlen und warum sie so
einsam sei. Sie tat es, und ich hrte ihr begierig zu. Ihren verstorbenen Mann
hatte sie als junges Mdchen geheiratet, weil er schn und kraftvoll aussah.
Aber es zeigte sich, da er dumm, kleinlich und klatschhaft war und ein
lcherlicher Topfgucker, welche Eigenschaften sich alle hinter der schweigsamen
Bldigkeit des Freiers versteckt hatten. Sie sagte unbefangen, sein Tod sei ein
groes Glck gewesen. Nachher bewarben sich nur solche Mnner um sie, welche ihr
kleines Vermgen im Auge hatten und sich schnell anderswohin richteten, wenn sie
ein paar hundert Gulden mehr versprten. Sie sah, wie blhende, kluge und
handliche Mnner ganz windschiefe und blasse Weibchen heirateten mit spitzigen
Nasen und vielem Gelde, weswegen sie sich ber alle lustig machte und sie
schnde behandelte. Aber ich mu selbst Bue tun, fgte sie hinzu, warum hab
ich einen schnen Esel genommen!
    Nach acht Tagen kehrte ich zur Stadt zurck und nahm meine Arbeit bei Rmer
wieder auf. Da es mit dem Zeichnen im Freien vorbei und auch nichts weiter zu
kopieren war, leitete mich Rmer an, zu versuchen, ob ich aus dem Gewonnenen ein
Ganzes und Selbstndiges herstellen knne. Ich mute unter meinen Studien ein
Motiv suchen und selbiges zu einem kleinen Bilde ausdehnen und abgrenzen. Da
wir hier ohne alle Mittel sind, sagte er, auer meiner eigenen Mappe, welche
Sie mir diesen Winter hindurch in die Ihrige hinberpinseln wrden, wenn ich es
zugbe, so ist es am besten, wir machen es so Sie sind zwar noch zu jung dazu
und werden noch ein- oder zweimal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen
mssen, ehe Sie etwas Dauerhaftes machen. Indessen wollen wir immerhin
versuchen, ein Viereck so auszufllen, da Sie es im Notfall verkaufen knnen!
    Mit der ersten Probe ging es ganz ordentlich; ebenso mit der zweiten und
dritten. Die frische Luft, die Einfachheit des Gegenstandes und Rmers sichere
Erfahrung lieen die Grnde sich wie von selbst aneinanderfgen, das Licht wurde
ohne Schwierigkeit verteilt und jede Partie in Licht und Schatten vernnftig und
klar ausgefllt, so da keine nichtssagenden und verworrenen Stellen
brigblieben. Groes Vergngen gewhrte es mir, wenn ich einen oder einige
Gegenstnde, zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren, in
Schatten setzen mute oder umgekehrt, wo dann durch eigenes Nachdenken und
Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde, nach den
Bedingungen der Lokalfarbe, der Tageszeit, des blauen oder bewlkten Himmels und
der benachbarten Gegenstnde, welche mehr oder weniger Licht und Farbe
zurckwerfen muten. Gelang es mir, den wahrscheinlichen Ton zu treffen, der
unter hnlichen Verhltnissen ber der Natur selbst geschwebt htte - was man
gleich sah, indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentmlichen Zauber bt - ,
so beschlich mich ein pantheistisch stolzes Gefhl, in welchem mir meine
Erfahrung und das Weben der Natur eins zu sein schienen. Dazu war es hchst
vergnglich, in Gedanken um einen schnen gemalten Baum herumzugehen und seine
andere Seite zu betrachten, um zu ermessen, wieviel Licht sie wohl auf einen
benachbarten Baum werfen knne. Ich sah dann allerlei Geheimnisse um ste
suseln, die nicht auf dem Papiere waren, und guckte auf diesen Wanderungen auch
nebenaus in verborgene Winkel und Grnde der Landschaft. Dies war besonders im
Winter sehr angenehm, wenn die Schneeflocken vor dem Fenster tanzten.
    Allein das Vergngen wurde bald schwieriger, als umfang- und inhaltsreichere
Sachen unternommen wurden und, durch diese Ttigkeit hervorgerufen, trotz
Goethe, Natur und gutem Lehrer, meine Erfindungslust wieder auftauchte und
berwucherte. Das gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang
in den Ohren, und ich lie, als ich nun frmliche Skizzen entwarf, die zur
Ausfhrung bestimmt waren, meinem Hange den Zgel schieen. berall suchte ich
poetische Winkel und Pltzchen, geistreiche Beziehungen und Bedeutungen
anzubringen, welche mit der erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch
gerieten. Rmer lie mich eine solche Skizze unbeschnitten ausfhren und das
Bild nach allen Erfahrungen des Naturstudiums und der Technik fertig machen, und
als das Machwerk mir selbst nicht behagen wollte, ohne da ich wute warum,
zeigte er mir triumphierend, da die technischen Mittel und die Naturwahrheiten
im einzelnen der anspruchsvollen und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung
tun, zu keiner Gesamtwahrheit werden knnten und um meine hervorstechende
Zeichnung hingen wie bunte Flitter um ein Gerippe, ja da sogar im einzelnen
keine frische Wahrheit mglich sei, auch bei dem besten Willen nicht, weil vor
der berwiegenden Erfindung vor dem anmaenden Spiritualismus (wie er sich
ausdrckte) die Naturfrische sich sogleich sozusagen aus der Pinselspitze in den
Pinselstiel sprde zurckziehe.
    Es gibt allerdings, sagte Rmer, eine Richtung, deren Hauptgewicht auf
der Erfindung, auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit, beruht. Solche Bilder
sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus, wie es
ja auch Gedichte gibt, welche mehr den Eindruck einer Malerei machen mchten als
eines geistig tnenden Wortes. Wenn Sie in Rom wren und die Arbeiten des alten
Koch oder Reinharts shen, so wurden Sie, Ihrer deutlichen Neigung nach, sich
entzckt den alten Kuzen anschlieen; es ist aber gut, da Sie nicht dort sind,
denn dies ist eine gefhrliche Sache fr einen jungen Knstler. Es gehrt dazu
eine durchaus gediegene, fast wissenschaftliche Bildung, eine strenge, sichere
und feine Zeichnung, welche noch mehr auf dem Studium der menschlichen Gestalt
als auf demjenigen der Bume und Strucher beruht, mit einem Wort ein groer
Stil, welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung bestehen kann, um
den Glanz gemeiner Naturwahrheit vergessen zu lassen; und mit allem diesem ist
man erst zu einer ewigen Sonderlingsstellung und Armut verdammt, und das mit
Recht, denn die ganze Art ist unberechtigt und tricht!
    Ich fgte mich diesen Reden aber nicht, weil ich ihm schon abgemerkt hatte,
da das Erfinden und ein tieferer Gehalt nicht seine Strke waren; denn schon
mehr als einmal hatte er, meine Anordnungen korrigierend, Lieblingsstellen in
Bergzgen oder Waldgrnden, die ich recht bedeutsam glaubte, gar nicht einmal
gesehen, indem er sie mit dem markigen Bleistifte schonungslos berschraffierte
und zu einem krftigen, aber nichtssagenden Grunde ausglich. Wenn sie auch
strten, so htte er meiner Meinung nach wenigstens sie bemerken, mich verstehen
und etwas darber sagen mssen.
    Ich wagte daher zu widersprechen, schob die Schuld auf die Wasserfarben, in
welchen keine Kraft und Freiheit mglich sei, und sprach meine Sehnsucht aus
nach guter Leinwand und lfarben, wo alles schon von selbst eine respektable
Gestalt und Haltung gewinnen wrde. Hiemit griff ich aber meinen Lehrer in
seiner Existenz an, indem er glaubte und behauptete, da die ganze und volle
Knstlerschaft sich hinlnglich und vorzglich nur durch etwas weies Papier und
einige englische Farbentfelchen bettigen und zeigen knne. Er hatte seine Bahn
abgeschlossen und gedachte nichts anderes mehr zu leisten, als er schon tat;
daher beleidigte ihn, wie ich nun zu erkennen gab, da ich das durch ihn
Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereits mich darber hinweg zu etwas
Hherem berufen fhle. Er wurde um so empfindlicher, als ich einen lebhaften und
wiederholten Streit ber diesen Gegenstand hartnckig aushielt, von meinen
Hoffnungen nicht ablie und seine Aussprche, wenn sie ins Allgemeine gingen,
nicht mehr unbedingt annahm, vielmehr ungescheut bestritt. Hieran war
hauptschlich der Umstand schuld, da seine sonstigen Gesprche und Mitteilungen
einerseits immer deutlicher, andererseits aber immer sonderbarer und
auffallender geworden und meine Achtung vor seiner Urteilskraft geschwcht
hatten. Manches fiel zusammen mit den dunklen Gerchten, die ber ihn ergingen,
so da ich eine Zeitlang in der peinlichsten Spannung mich befand, aus einem
geehrten und zuverlssigen Lehrer die seltsamste und rtselhafteste Gestalt sich
herausschlen zu sehen.
    Schon seit einiger Zeit wurden seine uerungen ber Menschen und
Verhltnisse immer hrter und zugleich bestimmter, indem sie sich
ausschlielicher auf politische Dinge bezogen. Er ging alle Abende in den
Lesezirkel unserer Stadt, las dort die franzsischen und englischen Bltter und
pflegte sich vieles zu notieren, so wie er auch in seiner Wohnung allerlei
geheimnisvolle Papierschnitzel handhabte und sich oft ber wichtigem Schreiben
betreffen lie. Vorzglich machte er sich oft mit dem Journal des Debats zu
schaffen. Unsere Regierung nannte er einen Trupp ungeschickter Krhwinkler, den
Groen Rat aber ein verchtliches Gesindel und unsere heimischen Zustnde im
ganzen dummes Zeug. Darber ward ich stutzig und hielt mit meinen Zustimmungen
zurck oder verteidigte unsere Verhltnisse und hielt ihn fr einen malkontenten
Menschen, welchen der lange Aufenthalt in fremden groen Stdten mit Verachtung
der engen Heimat gefllt habe. Er sprach oft von Louis Philippe und tadelte
dessen Maregeln und Schritte wie einer, der eine geheime Vorschrift nicht
pnktlich befolgt sieht. Einst kam er ganz unwirsch nach Hause und beklagte sich
ber eine Rede, welche der Minister Thiers gehalten. Mit diesem vertrackten
kleinen Burschen ist nichts anzufangen! rief er, indem er ein Zeitungsexzerpt
zerknitterte, ich htte ihm diese eigenmchtige Naseweisheit gar nicht
angesehen! Ich glaubte in ihm den gelehrigsten meiner Schler zu haben. -
Zeichnet denn der Herr Thiers auch Landschaften? fragte ich, und Rmer
erwiderte, indem er sich bedeutungsvoll die Hnde rieb Das eben nicht! lassen
wir das!
    Doch bald darauf deutete er mir an, da alle Fden der europischen Politik
in seiner Hand zusammenliefen und da ein Tag, eine Stunde des Nachlasses in
seiner angestrengten Geistesarbeit, die seinen Krper aufzureiben drohe, sich
alsobald durch eine allgemeine Verwirrung der ffentlichen Angelegenheiten
bemerklich mache, da eine konfuse und ngstliche Nummer des Journal des Debats
jedesmal bedeute, da er unplich oder abgespannt und sein Rat ausgeblieben
sei. Ich sah meinen Lehrer ernsthaft an, er machte ein unbefangenes und
ernsthaftes Gesicht, die gebogene Nase stand wie immer mitten darin, darunter
der wohlgepflegte Schnurrbart, und ber die Augen flog auch nicht das leiseste
ungewisse Zucken.
    Mein Erstaunen gewann nicht Zeit, sich aufzuhellen, indem ich ferner erfuhr,
da Rmer, whrend er der verborgene Mittelpunkt aller Weltregierung, zugleich
das Opfer unerhrter Tyranneien und Mihandlungen war. Er, der vor aller Augen
auf dem mchtigsten Throne Europas htte sitzen sollen von mehr als eines
Rechtes wegen, wurde durch einen geheimnisvollen Zwang gleich einem gebannten
Dmon in Verborgenheit und Armut gehalten, da er kein Glied ohne den Willen
seiner Tyrannen rhren kannte, whrend sie ihm tglich gerade so viel von seinem
Genius abzapften, als sie zu ihrer kleinlichen Weltbesorgung gebrauchten.
Freilich, wre er zu seinem Recht und zu seiner Freiheit gekommen, so wrde im
selben Augenblicke die Musewirtschaft aufgehrt haben und ein freies, lichtes
und glckliches Zeitalter angebrochen sein. Allein die winzigen Dosen seines
Geistes, welche nun so tropfenweise verwandt wrden, sammelten sich doch
allmhlich zu einem allmchtigen Meere, indem es ihre Art sei, da keine davon
wieder vergehen oder aufgehoben werden knne, und in jenem allbezwingenden Meere
werde sein Wesen zu seinem Rechte kommen und die Welt erlsen, daher er gerne
seine krperliche Person wolle verschmachten lassen.
    Hren Sie diesen verfluchten Hahn krhen? rief er, dies ist nur ein
Mittel von tausenden, die sie zu meiner Qual anwenden; sie wissen, da der
Hahnenschrei mein ganzes Nervensystem erschttert und mich zu jedem Nachdenken
untauglich macht; deshalb hlt man berall Hhne in meiner Nhe und lt sie
spielen, sobald man die verlangten Depeschen von mir hat, damit das Rderwerk
meines Geistes fr den brigen Tag stillstehe! Glauben Sie wohl, da dies Haus
hier ganz mit verborgenen Rhren durchzogen ist, da man jedes Wort hrt, das
wir sprechen, und alles sieht, was wir tun?
    Ich sah mich im Zimmer um und versuchte einige Einwendungen zu machen,
welche jedoch durch seine bestimmten, geheimnisvollen und wichtigen Blicke und
Worte unterdrckt wurden. Solange ich mit ihm sprach, befand ich mich in der
wunderlichen Stimmung, in welcher ein Knabe halbglubig das Mrchen eines
Erwachsenen anhrt, welcher ihm lieb ist und seiner Achtung geniet; war ich
aber allein, so mute ich mir gestehen, da ich das Beste, was ich bisher
gelernt, aus der Hand des Wahnsinns empfangen habe. Dieser Gedanke emprte mich,
und ich begriff nicht, wie jemand wahnsinnig sein knne. Eine gewisse
Unbarmherzigkeit erfllte mich, ich nahm mir vor, mit einem klaren Worte die
ganze unsinnige Wolke gewi zerstreuen zu wollen; stand ich aber dem Wahnsinne
gegenber, so mute ich seine Strke und Undurchdringlichkeit sogleich fhlen
und froh sein, wenn ich Worte fand, welche, auf die verirrten Gedanken
eingehend, dem Leidenden durch Mitteilung einige Erleichterung gewhren konnten.
Denn da er wirklich unglcklich und leidend war und alle eingebildeten Qualen
wirklich fhlte, konnte ich nicht verkennen. Unter seinen Einbildungen war eine
einzige, welche ihm ein Ersatz fr den brigen Schaden zu sein schien und
zugleich so komisch, da sie mich zum Gelchter reizte. Er lebte nmlich der
berzeugung, da er bei allen hohen diplomatischen Verheiratungen eine Art Recht
der ersten Nacht gensse, teils um einer jeden europischen Verbindung durch
seine persnliche Einwirkung die rechte Weihe zu geben, teils um ihn durch
solche Annehmlichkeit einzuschlfern und ihn abzuhalten, eine eigene hohe Heirat
einzugehen, um seine Selbstndigkeit zu verhindern, da, wie er behauptete, durch
die feste Verbindung des Mannes mit dem Weibe jener erst seine volle Freiheit
und Bedeutung erhielte. Wenn daher in den Zeitungen eine wichtige politische
Heirat gemeldet wurde, so machte er sich fr eine kurze Zeit unsichtbar und
berlie sich nachher noch lange einer geheimnisvollen sen Trumerei, deren
Schleier er mich nur mit verhllten Worten durchblicken lie. Ich mute mir
alsdann die Mglichkeit vorzustellen suchen, wie er an einem Tage an das
entfernteste Ende Europas und wieder zurckgelangen konnte.
    Jedoch fiel aus dem Unsinne manch vernnftiges Gesprch, und die
Errterungen ber sein Unglck und die dasselbe veranlassenden Menschen waren
oft lehrreich. Einst sagte er Ich kann mich ganz genau des Wendepunktes
entsinnen, wo mein Geschick sich verfinsterte. Ich war in Rom und lag auf diesem
alten Weltplatze meinen tiefen Studien ob. Nebenbei betrieb ich die
Landschaftmalerei, teils um durch sie nach und nach das Terrain von ganz Europa
auf die genaueste Weise kennenzulernen, teils um, wie ich selbst fr ntig fand,
das Geheimnis meiner Person zu verhllen. Die diplomatische Welt hatte diese
Maske akzeptiert und nahm mich unter derselben bei sich auf. Wenn von meinen
Arbeiten gesprochen wurde, so war dies nur eine symbolische Blumensprache, die
jeder Eingeweihte verstand. Ich glaubte mich auf dem besten Wege, zu meiner
offenen und freien Tatkraft zu gelangen, als ich einen hochgestellten Mann
unversehens gegen mich einnahm; es war der ...sche Gesandte, welcher zum
Zeitvertreibe Kunstnotizen in ein auswrtiges weitverbreitetes Blatt schrieb und
in einer solchen auch meiner erwhnte, dessen geniale Aquarellen in rmischen
Kreisen ein gnstiges Aufsehen fr de bescheidenen jungen Mann erregten. Er
legte ein Hauptgewicht auf meine vermeintliche Bescheidenheit, obgleich der Esel
gar nicht wissen konnte, ob ich bescheiden oder nicht bescheiden sei. Die
Besprechung meiner Arbeiten war insofern nicht bel, als man in Paris, London
und Petersburg leidlich verstehen konnte, was darunter gemeint sei; die
ausfhrliche Beschreibung meiner Bescheidenheit hingegen war die erste Sonde,
die man an mich legte, um zu erfahren, ob ich das volle Gefhl meiner Gre in
mir trage. Ich ging richtig in die Falle und warf dem unbescheidenen
Geschftsmacher seine Anmaung vor, indem ich ihm erklrte, ich sei gar nicht
bescheiden und er habe kein Recht, dies von mir zu sagen. Von diesem Tage an
desavouierte mich die groe Welt ffentlich und fesselte mich an mein
unglckseliges Joch; denn sie fhlte wohl, da das Bewutsein meiner Gre sie
bald auseinanderblasen wrde. Ich rate Ihnen wohlmeinend, junger Mann! wenn
einst ein einfltiger Gnner von Ihnen sagen sollte, Sie seien ein bescheidener
Mensch, so widersprechen Sie nicht, sonst sind Sie verloren!
    Ich verschwieg Rmers Irrsinn lange gegen jedermann und selbst gegen meine
Mutter, weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte, wenn ein so
trefflicher Lehrer und Knstler als toll erschien, und weil es mir widerstrebte,
den schlimmen Gerchten, die ber ihn in Umlauf waren, entgegenzukommen. Es war
mir auch aufgefallen, da Rmer ganz vereinsamt lebte und, trotzdem da er
mehrere Herren aus angesehenen Husern kannte, die sich zu gleicher Zeit mit ihm
in jenen groen Stdten aufgehalten, doch von denselben gemieden wurde. Daher
wollte ich seine Lage nicht noch verschlimmern. Doch verlockte mich einst ein
unwilliges republikanisches Gefhl zum Plaudern. Nachdem er nmlich fter
bedeutungsvoll bald von den Bourbonen, bald von den Napoleoniden, bald von den
Habsburgern gesprochen, ereignete es sich einst, da die Knigin-Mutter aus
Neapel, eine alte Frau mit vielen Dienern und Schachteln, einige Tage sich in
unserer Stadt aufhielt. Sogleich geriet Rmer in eine groe Aufregung, lenkte
auf Spaziergngen unsern Weg an dem Gasthofe vorbei, wo sie logierte, ging in
das Haus, als ob er mit der Dame, die er als sehr intrigant beschftigt und
seinetwegen hergekommen schilderte, wichtige Unterredungen htte, und lie mich
lange unten warten. Doch bemerkte ich, da er sich nur an dem geheimsten und
zugleich zugnglichsten Ort des Hauses aufhielt, welches ein unangenehmer Duft
verriet, den er an die frische Luft mit sich brachte. Diese Narrenpossen, von
einem Manne mit so edlem und ernstem uern, emprten mich um so mehr, da sie
mit einer lcherlichen Listigkeit betrieben wurden. Ein andermal, nach dem
Straburger Attentat, als Frankreich die Auslieferung des Urhebers Louis
Napoleon verlangte, mit Gewalt drohte und deshalb zum Schutze des Asylrechtes
oder vielmehr des Brgerrechtes eine groe Aufregung herrschte und sogar schon
Truppen aufgeboten wurden, stellte er sich, als ob Thiers nur nach seinen, des
Schweizers, Vorschriften handelte und das Ganze nur ein berechneter Zug in
seinem groen Schachspiele wre. Dazumal hielt sich der besagte Prinz zwei Tage
in der Stadt auf, um seine Angelegenheit auch in unserm Kanton zu empfehlen;
denn er hatte sich noch nicht entschlossen, freiwillig das Land zu verlassen.
Wir trafen ihn auf der Strae als einen jungen bleichen Mann mit einer groen
Nase, der in Begleitung eines ltern Mannes ging, welcher ein rotes Bndchen im
Knopfloch trug. Die Leute blickten ihm ernsthaft nach, besonders die Frauen
sahen gar bedenklich darein, da ihre Mnner und Shne schon in Waffen
umhergingen und bereits stundenlang im Regen standen, um zum Abmarsche Pulver
und Blei, xte, Kessel und dergleichen zu fassen. Nur Rmer fhlte von allem
nichts und grte im Vorbergehen den Fremdling vertraulich lchelnd wie ein
ebenbrtiger Vornehmer, wobei ich zugleich bemerkte, da er vor Aufregung
zitterte, einem Napoleoniden so nahe zu sein.
    Wenn ich den Wahnsinn verzeihen und tragen mute, so konnte ich hier die
innere Ursache nicht verzeihen, welche demselben zugrunde zu liegen und nichts
anderes zu sein schien als jene unertrgliche Sucht eitler Menschen, von der
wesentlichen und inhaltvollen Einfachheit der Heimat abzufallen und dem
lcherlichen Schatten auslndisch-diplomatischer Klug- und Feintuerei
nachzutrachten. Die aufbrausende Jugend war dazumal so schon erzrnt ber einige
gereiste Gelbschnbel, welche sich eine Zeitlang darin gefielen, in dem
lppischen Stile miger Gesandtschaftsbedienter Berichte ber unsre Heimat in
fremde Bltter zu senden und sich dabei das Ansehen zu geben, als ob sie durch
ihre Diplomatie dem Lande oder ihrer Partei wunder was gentzt htten. Als Rmer
sich ein Stckchen rotes Band an einem Frack befestigte und diesen wie von
ungefhr auf einen Stuhl legte, schien er mir die zusammengezogene Erscheinung
jenes verwerflichen Unsinnes zu sein, und ich ging mit groem Zorne weg und
beklagte mich zu Hause ber den Unglcklichen. Es waren gerade Leute da, welche
mehr von ihm wuten, und ich erfuhr, da es lngst von ihm bekannt sei, da er
sich bald fr einen Sohn Napoleons, bald fr den Sprling dieser oder jener
lteren Dynastie halte. Von seinen einzelnen und ausfhrlichen Narrheiten wuten
nur wenig Leute, hingegen hielt man jene fixe Idee fr eine absichtliche
Verstellung, um mittelst derselben sich ungehrige Vorteile zu verschaffen,
andere ums Geld zu bringen und ein miges, abenteuerliches Leben zu fhren, da
er nicht gern arbeite und vom Hochmute besessen sei, und man schrieb ihm
demzufolge einen gefhrlichen Charakter zu. Diese Beurteilung war im hchsten
Grade oberflchlich und ungerecht, und ich habe mit Mhe nach und nach folgenden
Sachverhalt herausbringen knnen.
    Er war auf dem Lande geboren und als ein kleiner Junge nach der Stadt zu
Habersaat gebracht worden, da er groe Neigung verriet, etwas anderes zu werden
als ein Ackerbauer. Es war in der Restaurationszeit, wo arme Bauernkinder, wenn
sie etwas lernen wollten, nur die Wahl hatten zwischen einem Handwerk und einem
Pltzchen in einem stdtischen Gewerbe. Es war ein Glck fr sie, wenn sie als
Laufbrschchen in Handelshusern, Fabriken oder Kanzleien ein Fleckchen fanden,
auf dem sie Fu fassen und, wenn etwas an ihnen war, sich aufarbeiten konnten.
Da Habersaats Anstalt auch eine Unterkunft dieser Art war, obgleich eine
schlimme, so geriet Rmer ganz zufllig dahin, ohne viel zu wissen, was man aus
ihm machen wrde. Er war fleiig und hielt seine Zeit aus, nach welcher ihn ein
franzsischer Kunsthndler, welcher durchreiste, um ein Werk schweizerischer
Prospekte vorzubereiten, nebst einigen anderen jungen Leuten mit nach Paris
nahm, indem der Mann dort die Habersaatsche Art, welche er sehr praktisch fand,
anwenden wollte. Rmer hielt sich tapfer; nach wenigen Jahren hatte er eine
artige Summe erspart, mit welcher er nach Rom ging, entschlossen, etwas Rechtes
zu werden. Indem er sich umsah, ergriff er alsobald die englische Art, in
Aquarell zu malen, hielt sich aber dabei grndlich an die Natur und verbesserte
das Mittel durch einen reinern Zweck, so da seine Arbeiten einiges Aufsehen
erregten und er unter dem Zusammenflu von Knstlern aller Nationen bald seine
eigentmliche Stellung einnahm. Indessen suchte er sich auch sonst auszubilden
und stellte sich endlich als ein feiner und unterrichteter Mann in jeder Weise
dar. Seine geistreichen und zugleich eleganten Zeichnungen kamen besonders dem
Bedrfnis der vornehmen Welt entgegen; einer rmischen Prinzessin gefielen sie
so sehr, da er berufen wurde, ihr in seiner Technik Unterricht zu geben, und
tglich in den Palast ihres Gemahles gehen mute. Dies verdrehte ihm den Kopf
oder lenkte ihn vielmehr auf den Weg, dessen Anfang von je in ihm war; er machte
irgendeine Dummheit, auch mochte der Vorfall mit der Bescheidenheit, den er auf
seine Weise mir erzhlt, dazukommen sein Gluck verlie ihn pltzlich, er wurde
vermieden und ging nach Paris zurck. Dort gelang es ihm durch den Kunsthndler,
auf gnstige Weise bekannt zu werden; er mute eines Tages in die Tuilerien
gehen, seine Mappen vorlegen und sah sich in einen allerliebsten kleinen Salon
versetzt, in welchem die blhenden Kinder des Knigs, Mdchen und Shne,
scherzend und lachend um seine Arbeiten sich drngten und Bltter fr ihre
Albums auswhlten. Diese Auszeichnung wurde in den Pariser Journalen gemeldet,
und er las seinen Namen im Journal des Debats, aber zum ersten und letzten Male,
obgleich er seither keinen Tag ruhig schlafen konnte, wenn er dies Blatt nicht
gelesen.
    Von nun an nahm der Irrsinn vollstndig Platz in ihm, er behandelte seinen
Beruf als Nebensache und trachtete mehr danach, seinen eingebildeten Rechten
Geltung zu verschaffen. Zum zweiten Mal von der vornehmen Welt zurckgewiesen,
mute er in einen nachteiligen Verkehr mit Hndlern treten, um nur dann und wann
ein Blatt zu verkaufen. Von wohlhabenden Landsleuten, die sich zum Vergngen in
Paris aufhielten und den Umgang des Knstlers gesucht hatten, lieh er Geld, wenn
er in Not war, und da er dieses mit ernsthaften und anstndigen Manieren tat,
das Geliehene aber nicht zurckgab, vielmehr von groen und wichtigen Dingen
sprach, whrend er doch sonst ein kluger und einsichtiger Mann schien, so hielt
man ihn bald fr einen durchtriebenen und gefhrlichen Schelm, der nur darauf
ausgehe, andere auf tckische Weise um das Ihrige zu bringen. Da er in der
festen berzeugung lebte, jeden Tag sein groes Schicksal aufgehen zu sehen, wo
er als ein Knig dieser Welt alles Empfangene hundertfach vergelten knne, wurde
ihm nicht angerechnet; vielmehr verzieh man ihm nicht, wenn er einmal verrckt
sei, da er doch mit soviel schlauem Anstand und wahrer Menschenkenntnis seine
wohlhabenden Bekannten wiederholt habe anfhren knnen. Er fhlte dies recht gut
mit seiner vernnftigeren Hlfte, welche durch die Not immer zur Not
wachgehalten wurde; denn whrend unserer seltsamen Gesprche ber die
Erfahrungen sagte er mir einst Wenn Sie einst in Verlegenheit geraten und Geld
leihen mssen, so tun Sie dies ja nicht auf eine anstndige und geschickte
Weise, wie es ernsten Leuten geziemt, wenn Sie nicht ganz sicher sind, es auf
den bestimmten Tag zurckzugeben, sonst wird man Sie fr einen abgefeimten
Betrger halten! Vielmehr tun Sie es ohne alle Scham und auf liederliche,
nrrische Weise, damit die Leute sagen knnen Es ist ein Lump, aber ein guter
Teufel, man mu ihm helfen!
    berhaupt erschien er sonst in allen Dingen als ein gewandter und
verstndiger Mann und wute seinen Irrsinn lange zu verbergen. Auch hatte er
nach Art der Irren doch immer ein bses Gewissen, welches ihn trachten lie, die
Leute ber ihn im unklaren zu halten, um nicht gewaltsam in seinen
Gedankengngen gestrt zu werden, und jene List, welche sich manchmal vernnftig
stellt, um einen freiern Spielraum zum Unsinne zu gewinnen. In einem solchen
Gefhle war er endlich in seine Heimat zurckgekehrt, um sich da auszuruhen und
durch fleiige Arbeit und ein vernnftiges Leben zu Krften und zu einem festern
Standpunkte zu gelangen, von dem aus er seinen Stern erwarten knnte. Allein er
fand durch die Familien von einem oder zweien jener Muttershnchen, denen er
mige Summen schuldete, die Stimmung so gegen sich eingenommen, da er berall
abgestoen und mit Verdacht umgeben ward. Er schrieb dies Migeschick den
Kabalen der europischen Kabinette zu, hielt sich ganz still, um diese zu
tuschen und einzuschlfern, und machte dabei die schnsten Zeichnungen. Diese
sandte er aber nicht an namhafte Pltze, weil er der Meinung war, seine Feinde
wrden den Verkauf verhindern, sondern an entlegene Orte, von wo sie immer
unverkauft zurckkamen. Ich glaube, da Rmer whrend der Zeit seines
Aufenthaltes keine anderen Mittel hatte als das wenige Geld, was er von mir
empfangen. Es stellte sich erst nachher heraus, da er nie etwas Warmes
genossen, sondern sich heimlich mit Brot und Kse ernhrte, und seine grte
Ausgabe bestand in der Unterhaltung seiner feinen Wsche und der Handschuhe. Zu
seinen Kleidern wute er so Sorge zu tragen, da sie bei seiner Abreise noch
ebenso gut aussahen wie bei der Ankunft, obschon er immer dieselben trug.
    Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht, wollte ich mich
zurckziehen, indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete.
Doch er wiederholte seine uerung, da es hiemit nicht so genau zu nehmen und
die Studien deshalb nicht abzubrechen wren; es sei ihm im Gegenteil ein
angenehmes Bedrfnis, unsern Verkehr fortzusetzen. So arbeitete ich zwar nicht
mehr anhaltend in seiner Wohnung, besuchte ihn aber jeden Tag, emfing seinen Rat
und richtete mich manchmal auch vorbergehend bei ihm ein. Weitere vier Monate
vergingen so, whrend welcher er, durch die Not gezwungen, aber leichthin und
beilufig mich anfragte, ob meine Mutter ihm mit einem kleinen Darlehen auf
kurze Zeit aushelfen knne? Er bezeichnete ungefhr eine gleiche Summe wie die
schon empfangene, und ich brachte ihm dieselbe noch am gleichen Tage. Im
Frhjahr endlich gelang es ihm, aber erst infolge eines mhseligen
Briefwechsels, wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen, wodurch er zum ersten Mal
seit langer Zeit eine Summe in die Hnde bekam. Mit dieser beschlo er, wieder
nach Paris zu gehen, da ihm hier kein Heil blhen wollte und ihn sonst auch der
Wahn forttrieb, durch Ortsvernderung ein besseres Los erzwingen zu knnen. Denn
trotz allem scharfsinnigen Instinkte, den ein Irrsinniger und Unglcklicher hat,
ahnte er von ferne nicht, da sein wirkliches Geschick viel schlimmer als sein
eingebildetes Leiden und da die Welt bereingekommen war, seine armen schnen
Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen, was man von seiner vermeintlichen
Schlechtigkeit hielt.
    Ich fand ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen
bezahlte. Er kndigte mir seine Abreise an, die am andern Tage erfolgen sollte,
und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir, noch einige geheimnisvolle
Andeutungen ber den Zweck der Reise beifgend. Als ich meiner Mutter die
Nachricht mitteilte, fragte sie sogleich, ob er denn nichts von dem geliehenen
Gelde gesagt habe?
    Ich hatte bei Rmer einen entschiedenen Fortschritt gemacht, mein ganzes
Knnen abgerundet und meinen Blick erweitert, und es war gar nicht zu berechnen
und schon nicht mehr zu denken, wie es ohne dies alles mit mir htte gehen
sollen. Deswegen htten wir das Geld fglich als eine wohlangewandte
Entschdigung ansehen mssen, und dies um so mehr, als Rmer mir die letzte Zeit
nach wie vor seinen Rat gegeben hatte. Allein wir glaubten nur einen Beweis von
der Richtigkeit jener Gerchte zu sehen und wuten auch dazumal noch nicht, wie
kmmerlich er lebte; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel, denn er hatte
seine Armut sorgfltig verborgen. Meine Mutter bestand darauf, da er das
Geliehene zurckgeben msse, und war zornig, da jemand von dem zum Besten ihres
Shnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen
wolle. Was ich gelernt, zog sie nicht in Betracht, weil sie es fr die
Schuldigkeit aller Welt hielt, mir mitzuteilen, was man irgend Gutes wute.
    Ich dagegen, teils weil ich zuletzt auch gegen Rmer eingenommen war und ihn
fr eine Art Schwindler hielt, teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der
Summe beredet, und endlich aus Unverstand und Verblendung, hatte nichts
einzuwenden und war vielmehr fast schadenfroh, Rmer etwas Feindliches anzutun.
Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah, da er, wenn er
entschlossen war, das Geld zu behalten, die Mahnung einer in seinen Augen
gewhnlichen Frau nicht beachten werde, kassierte ich das Schreiben meiner
Mutter, welche ohnedies verlegen war, an einen so ansehnlichen und fremdartigen
Mann zu schreiben, und entwarf ein anderes, welches, ich mu es zu meiner
Schande gestehen, hchst zweckmig eingerichtet war. In hflicher und
geistreicher Sprache berechnete ich halb seine fixen Ideen, halb seinen Stolz
und sein Ehrgefhl (dieses dachte ich durch jene zu zwingen), und indem das
bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde, wenn es unbercksichtigt
blieb, war es, wenn Rmer alles das verlachen sollte, schlielich so beschaffen,
da er doch nicht lachen, sondern sich durchschaut sehen konnte. Soviel brauchte
es indessen gar nicht; denn als wir das Machwerk hinschickten, kehrte der Bote
augenblicklich mit dem Gelde zurck. Ich war etwas beschmt; doch sprachen wir
jetzt alles Gute von ihm, er sei doch nicht so bel usf., nur weil er uns das
elende Hufchen Silber herausgegeben.
    Ich glaube, wenn Rmer sich eingebildet htte, ein Nilpferd oder ein
Speiseschrank zu sein, so wre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn
gewesen; da er aber ein groer Prophet sein wollte, so fhlte sich meine eigene
Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den uerlichen scheinbaren
Grnden.
    Nach einem Monate erhielt ich von Rmer folgenden Brief aus Paris:


                          Mein werter junger Freund!

Ich bin Ihnen eine Nachricht ber mein Befinden schuldig, da ich gern annehme,
mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu drfen. Bin ich Ihnen
doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig. Durch Ihre Vermittlung,
indem Sie das Geld von mir zurckverlangten (welches ich nicht vergessen hatte,
aber Ihnen in einem freiern Augenblicke zurckgeben wollte), bin ich endlich in
den Palast meiner Vter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben!
Aber es kostete Mhseligkeit. Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten
Aufenthalte hier zu verwenden; da Sie aber selbige zurckverlangten, so blieb
mir nach Abzug der Reisekosten noch 1 Franc brig, mit welchem ich von der Post
ging. Es regnete sehr stark, und verwandte ich daher den besagten Franc dazu,
nach dem Mont piete zu fahren und dorten meinen Koffer zu versetzen. Bald darauf
sah ich mich gentigt, meine Sammlungen einem Trdler fr ein Trinkgeld zu
verkaufen, und erst jetzt, als ich endlich von aller angenommenen Knstlermaske
und allem Kunstapparate glcklich befreit und hungernd in den Straen umherlief,
ohne Obdach, ohne Kleider, doch jubelnd ber meine Freiheit, da fanden mich
treue Diener meines erlauchten Hauses und fhrten mich im Triumph heim! Aber
noch beobachtet man mich zuweilen, und ich benutze eine gnstige Gelegenheit,
dies Zeichen zu senden. Sie sind mir wert geworden, und ich habe etwas Gutes mit
Ihnen vor! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank fr die gnstige Wendung, die Sie
herbeigefhrt! Mge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren, jugendlicher Held!
Mgen Hunger, Verdacht und Mitrauen Sie liebkosen und die schlimme Erfahrung
Ihr Tisch- und Bettgenosse sein! Als aufmerksame Pagen sende ich Ihnen meine
ewigen Verwnschungen, mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen treulichst
empfehle!
                                                       Ihr wohlgewogener Freund.

Dies nur in Eile, ich bin zu sehr beschftigt!

Erst vor einem Jahre erfuhr ich, da Rmer in einem franzsischen Irrenhause
verschollen sei. Wie es dazu kam, wird in obigem Briefe ziemlich klar. Meine
Mutter, welcher ich alles verhehlte, konnte keine Schuld treffen als diejenige
aller Frauen, welche aus Sorge fr ihre Angehrigen engherzig und rcksichtslos
gegen alle Welt werden. Ich hingegen, der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und
strebsam glaubte, sah nun ein, welche Teufelei ich begangen hatte. Ich log,
verleumdete, betrog oder stahl nicht, wie ich es als Kind getan, aber ich war
undankbar, ungerecht und hartherzig unter dem Scheine des uern Rechtes. Ich
mochte mir lange sagen, da jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das
Geliehene gewesen sei, wie sie alle Welt versucht, und da weder meine Mutter
noch ich je gewaltsam darauf bestanden htten, ich mochte mir lange sagen, da
Erfahrung den Meister mache und man auch diese Art Unrecht, als die gangbarste
und am leichtesten zu begehende, am besten durch ein tchtiges Erlebnis recht
einsehen und vermeiden lerne, mochte ich mich auch berreden, da Rmers Wesen
und Schicksal mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine
Erfllung erreicht htte; alles dies hinderte nicht, da ich mir doch die
bittersten Vorwrfe machen mute und mich schmte, sooft Rmers Gestalt vor
meinen Sinn trat. Wenn ich auch die Welt verwnschte, welche dergleichen
Handlungen als klug und recht anerkennt (denn die rechtlichsten Leute hatten ms
zu der Wiedererlangung;, der Summe beglckwnscht), so fiel doch alle Schuld
wieder auf mich allein zurck, wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts
dachte, welches ich so recht con amore und ohne die mindeste Mhe geschrieben
und gleichsam aus dem rmel geschttelt hatte. Ich war bald achtzehn Jahre alt
und entdeckte jetzt erst, wie ruhig und unbefangen ich seit den Knabensnden und
Krisen gelebt, sechs lange Jahre! Und nun pltzlich diese Teufelei! Wenn ich
schlielich bedachte, wie ich jenes unverhoffte Erscheinen Rmers als eine
hhere Fgung angesehen, so wute ich nicht, sollte ich lachen oder weinen ber
den Dank, den ich dafr gespendet. Den unheimlichen Brief wagte ich nicht zu
verbrennen und frchtete mich, ihn aufzubewahren; bald begrub ich ihn unter
entlegenem Germpel, bald zog ich ihn hervor und legte ihn zu meinen liebsten
Papieren, und noch jetzt, sooft ich ihn finde, verndere ich seinen Ort und
bringe ihn anderswohin, so da er auf steter Wanderschaft ist.

                                Drittes Kapitel


Diese Demtigung traf mich um so strker, als ich, in Annas Trumen und Ahnungen
rein und gut zu erscheinen, den Winter ber ein puritanisches Wesen angenommen
hatte und nicht nur meine uerliche Haltung, sondern auch meine Gedanken
sorgfltig berwachte und mich bestrebte, wie ein Glas zu sein, das man jeden
Augenblick durchschauen drfe. Welche Ziererei und Selbstgeflligkeit dabei
ttig war, wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Strung deutlich, und
meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefhl der Narrheit und Eitelkeit
verbittert.
    Anna hatte whrend des Winters streng das Zimmer hten gemut und wurde im
Frhling bettlgerig. Der arme Schulmeister kam in die Stadt, um meine Mutter
abzuholen; er weinte, als er in die Stube trat. Wir schlossen also unsere
Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus, wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder
empfangen und geehrt wurde. Sie enthielt sich jedoch, alle die Orte, die ihr
teuer waren, aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen, sondern eilte,
sich bei dem kranken Kinde einzurichten; erst nach und nach benutzte sie
gnstige Augenblicke, und es dauerte monatelang, bis sie alle Jugendfreunde
gesehen, obgleich die meisten in der Nhe wohnten.
    Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See
hinber. Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten; den Tag ber
schlummerte sie oder lag lchelnd im Bette, und ich sa an demselben, ohne viel
zu wissen, was ich sagen sollte. Unser Verhltnis trat uerlich zurck vor dem
schweren Leiden und der Trauer, welche die Zukunft nur halb verhllte. Wenn ich
manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr sa, so hielt ich ihre Hand,
whrend sie mich bald ernst, bald lchelnd ansah, ohne zu sprechen, oder
hchstens, um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen. Auch
lie sie sich oft ihre Schchtelchen und kleinen Schtze auf das Bett bringen,
kramte dieselben aus, bis sie mde war, wo sie mich dann alles wieder einpacken
lie. Dies erfllte uns mit einem stillen Glcke, und wenn ich dann beinahe
stolz auf dies so zarte und reine Verhltnis fortging, so konnte ich nicht
begreifen, wie und warum ich Anna in Erwartung schmerzenvoller Qualen
zurcklie.
    Der Frhling blhte nun in aller Pracht; aber das arme Kind konnte kaum und
selten ans Fenster gebracht werden. Wir fllten daher die Wohnstube, in welcher
ihr weies Bett stand, mit Blumenstcken und bauten vor dem Fenster ein breites
Gerste, um auf demselben durch grere Tpfe mglichst einen Garten
einzurichten. Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir
der warmen Maisonne das Fenster ffneten, der silberne See durch die Rosen und
Oleanderblten hereinglnzte und Anna in ihrem weien Krankenkleide dalag, so
schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden.
    Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhltnismig
redselig; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und fhrten ein gemchliches
Gesprch ber Personen und Begebenheiten, bald heiterer Natur und bald ernster,
so da Anna Bericht erhielt von dem, was unsere kleine Welt bewegte. Eines
Tages, als meine Mutter in das Dorf gegangen war, fiel das Gesprch auf mich
selbst, und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem
Gegenstande so wohlwollend festhalten zu wollen, da ich mich uerst
geschmeichelt fhlte und aus behaglicher Dankbarkeit die grte Aufrichtigkeit
entgegenbrachte. Ich benutzte den Anla, mein Verhltnis zu dem unglcklichen
Rmer zu erzhlen, ber welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen,
und ich brach in die heftigsten Klagen ber den Vorfall und mein Verhalten aus.
Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht; denn er wollte mich beruhigen
und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen, und was darin doch gefehlt
war, sollte mich aufmerksam machen, da wir eben allzumal Snder und der
Barmherzigkeit des Erlsers bedrftig seien. Das Wort Snder war mir aber ein
fr allemal verhat und lcherlich und ebenso die Barmherzigkeit; vielmehr
wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich
verurteilen auf gut weltlich gerichtliche Art und durchaus nicht auf geistliche
Weise. Pltzlich aber bekam Anna, welche sich bisher still verhalten, aufgeregt
durch meine Erzhlung und durch mein Gebaren, einen heftigen Anfall ihrer
Krmpfe und Leiden, da ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen
hilflosen Qual verfallen sah. Groe Trnen, durch Not und Angst erpret, rollten
ber ihre weien Wangen, ohne da sie dieselben aufhalten konnte. Sie war ganz
durch die Bewegungen ihrer Leiden beschftigt, so da bald alle Rcksicht und
Haltung verschwinden muten, und nur dann und wann richtete sie einen kurzen
irrenden Blick auf mich, wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus;
zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ngstigen, so malos vor mir leiden
zu mssen; und ich mu bekennen, da meine Verlegenheit, so gesund und
ungeschlacht vor dem Heiligtume dieser Leidenssttte zu stehen, fast so gro war
als mein Mitleiden. berzeugt, da ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung
verschaffe, lie ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestrzt und
beschmt davon, meine Mutter herbeizuholen.
    Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben, um das kranke Kind zu
pflegen, blieb ich den Rest des Tages im oheimlichen Hause, mir Vorwrfe machend
ber mein plumpes Ungeschick. Nicht nur mein Unrecht gegen Rmer, sondern sogar
das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehssigen
Schein auf mich, und ich fhlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen,
wo einem der Zweifel aufsteigt, ob man wirklich ein guter, zum Glck bestimmter
Mensch sei? wo es scheint, als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens
und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes, des Geschickes
einem anhafte, welche noch unglcklicher macht als die entschiedene Teufelei.
Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedrfnisse, mich zu uern, da das
immerwhrende Verschweigen wie die milungene Aufrichtigkeit den Anstrich des
Unheimlichen noch vermehrt. Ich stand nach Mitternacht auf, kleidete mich an und
schlich mich aus dem Hause, um Judith aufzusuchen. Ungesehen kam ich durch
Grten und Hecken, fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr. Ich stand
einige Zeit unschlssig vor dem Hause; doch kletterte ich zuletzt am Spalier
empor und klopfte zaghaft an das Fenster; denn ich frchtete mich, das gereifte
und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken, ich
besorgte zu meiner Beschmung erfahren zu mssen, da ein solches Weib zuletzt
doch manchmal zu tun fr gut finden knne, was nicht jeder Junge zu wissen
brauche. Aber sie war ganz allein, hrte und erkannte mich sogleich, stand auf,
zog sich leicht an und lie mich zum Fenster hinein. Dann machte sie Licht,
Helle zu verbreiten, weil sie glaubte, ich sei in der Absicht gekommen, irgend
einige Liebkosungen zu wagen. Aber sie war sehr verwundert, als ich anfing,
meine Geschichten zu erzhlen, erst die gewaltsame Strung, welche ich heute in
die stille Krankenstube getragen, und dann die unglckliche Geschichte mit
Rmer, deren ganzen Verlauf ich schilderte. Nachdem ich meinen kunstreichen
Mahnbrief und den darauf erhaltenen Pariser Brief beschrieben, aus dessen Inhalt
wir wohl Rmers Schicksal ahnen konnten, nur da wir statt des Irrenhauses gar
ein Gefngnis vermuteten, rief Judith Das ist ja ganz abscheulich! Schmst du
dich denn nicht, du Knirps? Und indem sie zornig auf und nieder ging, malte sie
recht genau aus, wie Rmer sich vielleicht erholt htte, wenn man ihm nicht die
Mittel zu seinem ersten Aufenthalte in Paris entzogen, wie ihn der
Erhaltungstrieb vielleicht, ja sicher eine Zeitlang htte klug sein lassen und
hieraus unberechenbar eine bessere Wendung auf diese oder jene Weise mglich
gewesen. Oh, htte ich den armen Mann pflegen knnen, rief sie aus, gewi
htte ich ihn kuriert! Ich htte ihn ausgelacht und ihm geschmeichelt, bis er
klug geworden wre! Dann stand sie still, sah mich an und sagte Weit du wohl,
Heinrich, da du allbereits ein Menschenleben auf deiner grnen Seele hast?
Diesen Gedanken hatte ich mir noch nicht einmal klargemacht, und ich sagte
betroffen Ho, so arg ist es wohl nicht! Im schlimmsten Falle wre es ein
unglcklicher Zufall, den ich nicht herbeizufhren je whnen konnte! - Ja,
erwiderte sie sachte, wenn du eine einfache, sogar grobe Forderung gestellt
httest? Durch deinen saubern Hllenzwang aber hast du ihm frmlich den Dolch
auf die Brust gesetzt, wie es auch ganz einer Zeit gem ist, wo man sich mit
Worten und Brieflein totsticht! Ach, der arme Kerl! er war so fleiig und gab
sich Mhe, aus der Patsche zu kommen, und als er endlich ein Rllchen Geld
erwarb, nimmt man es ihm weg! Es ist so natrlich, den Lohn der Arbeit zu seiner
Ernhrung zu verwenden; aber da heit es Gib erst zurck, wenn du geborgt hast,
und dann verhungere!
    Wir saen beide eine Weile dster und nachdenklich da; dann sagte ich Das
hilft nichts, geschehene Dinge sind einmal nicht zu ndern. Die Geschichte soll
mir zur Warnung dienen; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen, und
da ich mein Unrecht einsehe und bereue, so mut du es mir endlich verzeihen und
mir die Gewiheit geben, da ich deswegen nicht hassenswert und garstig
aussehe!
    Ich merkte nmlich erst jetzt, da ich darum hergekommen und allerdings
bedrftig war, durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes
die Vertilgung eines drckenden Gefhles oder Verzeihung zu erlangen, wenn ich
mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung strubte. Aber Judith
antwortete Daraus wird nichts! Die Vorwrfe deines Gewissens sind ein ganz
gesundes Brot fr dich, und daran sollst du dein Leben lang kauen, ohne da ich
dir die Butter der Verzeihung darauf streiche! Dies knnte ich nicht einmal;
denn was nicht zu ndern ist, ist eben deswegen auch nicht zu vergessen, dnkt
mich, ich habe dies genugsam erfahren! brigens fhle ich leider nicht, da du
mir irgend widerwrtig geworden wrest; wozu wre man da, wenn man nicht die
Menschen, wie sie sind, liebhaben mte? Und sie drckte, da sie auf dem Rande
des Bettes und ich auf einer altmodisch bemalten Kiste zu ihren Fen sa,
meinen Kopf auf ihren Scho und verband ihre Hnde liebevoll unter meinem Kinn.
    Diese seltsame uerung in Judiths Munde machte mich tief betroffen und
verursachte mir ein langes Nachsinnen; je lnger ich sann, desto gewisser wurde
es mir, da Judith das Rechte getroffen, und ich gelangte zu einem Schlu,
welcher, indem er zugleich zu einem Entschlu wurde, nmlich das Bewutsein des
begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische
tragen zu wollen, mir die einzig mgliche Ausgleichung zu sein schien. Nur einer
kann und soll verzeihen und vergessen, der von Unrecht Betroffene selbst, der
Tter und alle anderen knnen es niemals, solange eine innere oder uere Spur
brigleibt. Dies kann man am deutlichsten an den groen Beispielen der
Geschichte sehen. Die Tausende, welche Philipp der Zweite verbrennen lie, haben
ihm gewi lngst verziehen und betrachten ihn wie einen andern Mann, der gefehlt
hat, whrend die Millionen Protestanten, welche leben, ihm immer noch nicht
verzeihen knnen, weil die Wirkungen seiner Tat noch tglich vor unser aller
Augen sind, und ihn selbst betreffend, ist es gar nicht denkbar, da er sein
weltgeschichtliches Unrecht habe vergessen knnen; denn wenn er auch mit seinem
Tode als Knig abgesetzt und in den Wirbel der anderen Wesen gerissen wurde, so
hrte er darum nicht auf, Philipp der Zweite zu sein, vielmehr, wenn er es je
gewesen ist, wird er es ewig bleiben. Dadurch aber, da nur die vom Unrecht
Betroffenen unmittelbar verzeihen, was man so verzeihen nennt, bleibt zuletzt
doch kein Ha brig als derjenige gegen das Bse, das man in sich selber hat;
denn das Nichtverzeihen der brigen ist wieder etwas anderes.
    Es ist merkwrdig, da die Menschen immer nur groe Dummheiten, die sie
begangen, glauben nicht vergessen zu knnen, sich bei deren Erinnerung vor den
Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen, zum Zeichen, da sie nun klger
geworden; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmhlich vergessen zu
knnen, whrend es in der Tat nicht so ist, schon deswegen, weil das Unrecht mit
der Dummheit nahe verwandt und hnlicher Natur ist. Ja, dachte ich, so
unverzeihlich mir meine Dummheiten sind, wird es auch mein Unrecht sein! Was ich
an Rmer getan, werde ich von nun an nie mehr vergessen und, wenn ich
unsterblich bin, in die Unsterblichkeit hinbernehmen, denn es gehrt zu meiner
Person, zu meiner Geschichte, zu meinem Wesen, sonst wre es nicht passiert!
Meine einzige Sorge wird sein, zu trachten, da ich noch so viel Rechtes tue,
da mein Dasein ertrglich bleibt!
    Ich sprang auf und verkndete der Judith diese Ausfhrung und Anwendung
ihrer einfachen Worte; denn es dnkte mir ein wichtiges Ereignis, so fr immer
auf das Vergessen einer beltat zu verzichten. Judith zog mich nieder und sagte
mir ins Ohr Ja, so wird es sein; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem
Handel schon deine moralische Jungfernschaft verloren! Nun kannst du dich in
acht nehmen, Brschchen, da es nicht so fort geht! Der drollige Ausdruck, den
sie gebrauchte, stellte mir die Sache noch in ein neues und lcherlich
deutliches Licht, da ich einen groen rger empfand und mich einen ausgesuchten
Esel, Laffen und aufgeblheten Popanz schalt, der sich so blindlings habe
bertlpeln lassen. Judith lachte und rief Denke daran, wenn man am
gescheitesten zu sein glaubt, so kommt man am ehesten als ein Esel zum
Vorschein! - Du brauchst nicht zu lachen! erwiderte ich rgerlich, ich habe
dir soeben, als ich kam, auch einen Tort angetan ich habe gefrchtet, da du
vielleicht einen fremden Mann bei dir haben knntest!
    Sie gab mir sogleich eine Ohrfeige, doch, wie es mir schien, mehr aus
Vergngen als aus Zorn und sagte Du bist ein recht unverschmter Gesell und
glaubst wohl, du brauchst deine schndlichen Gedanken nur einzugestehen, um von
mir absolviert zu sein! Freilich sind es nur die beschrnkten und vernagelten
Leute, welche nie etwas eingestehen wollen; aber die brigen machen deswegen
damit auch nicht alles gut! Zur Strafe gehst du mir jetzt gleich zum Tempel
hinaus und machst, da du nach Hause kommst! Morgen des Nachts darfst du dich
wieder zeigen! Sie trieb mich unerbittlich aus dem Hause; denn sie hatte jetzt
genugsam gemerkt, da es mich stark zu ihr hinzog und da ich eiferschtig auf
sie war.
    Ich begab mich nun, sooft es anging, des Nachts zu ihr; sie brachte den Tag
meistens allein und einsam zu, whrend ich entweder weite Streifzge unternahm,
um zu zeichnen, oder in des Schulmeisters Haus, als in einer Schule des Leidens,
mich still und gemessen halten mute. So hatten wir in diesen Nchten vollauf zu
plaudern und saen oft stundenlang am offenen Fenster, wo der Glanz des
nchtlichen Himmels ber der sommerlichen Welt lag, oder wir machten dasselbe
zu, schlossen die Laden und setzten uns an den Tisch und lasen zusammen. Ich
hatte ihr im Herbst auf ihr Verlangen nach einem Buche eine deutsche bersetzung
des Rasenden Roland zurckgelassen, welchen ich selbst noch nicht nher kannte;
Judith hatte aber den Winter ber oft darin gelesen und pries mir jetzt das Buch
als das allerschnste in der Welt an. Judith zweifelte nicht mehr an Annas
baldigem Tod und sagte mir dies unverhohlen, obgleich ich es nicht zugeben
wollte; durch diesen Gegenstand und meine Berichte von jenem Krankenlager wurden
wir trbselig und dster, jedes auf seine Weise, und wenn wir nun im Ariost
lasen, so vergaen wir alle Trbsal und tauchten uns in eine frische glnzende
Welt. Judith hatte das Buch erst ganz volkstmlich als etwas Gedrucktes
genommen, wie es war, ohne ber seinen Ursprung und seine Bedeutung zu grbeln;
als wir aber jetzt zusammen darin lasen, verlangte sie manches zu wissen, und
ich mute ihr, so gut ich konnte, einen Begriff geben von der Entstehungsweise
und der Geltung eines solchen Werkes, von dem Wollen und den bewuten Absichten
des Dichters, und ich erzhlte, soviel ich wute, von Ariost. Nun wurde sie erst
recht frhlich, nannte ihn einen klugen und weisen Mann und las die Gesnge mit
verdoppelter Lust, da sie wute, da diesen so heiteren und so tiefsinnigen
Wechselgeschichten eine helle und tiefgefhlte Absicht zugrunde lag, ein Wollen,
Schaffen und Gestalten, eine Einsicht und ein Wissen, das ihr in seiner Neuheit
wie ein Stern aus dunkler Nacht erglnzte. Wenn die in Schnheit leuchtenden
Geschpfe rastlos an uns vorberzogen, von Tuschung zu Tuschung, und,
leidenschaftlich sich jagend und haschend, immer eins dem andern entschwand und
ein drittes hervortrat, oder wenn sie in kurzen Augenblicken bestraft und
trauernd ruheten von ihrer Leidenschaft oder vielmehr sich tiefer in dieselbe
hineinzuruhen schienen an klaren Gewssern, unter wundervollen Bumen, so rief
Judith O kluger Mann! Ja, so geht es zu, so sind die Menschen und ihr Leben, so
sind wir selbst, wir Narren!
    Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes zu
sein, wenn ich mich neben einem Weibe sah, welches ganz wie jene Fabelwesen auf
der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schnheit stillzustehen und dazu
angetan schien, unablssig die Leidenschaft fahrender Helden zu erregen. An
ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug ein siegreiches festes Geprge, und die
Faltenlagen ihrer einfachen Kleider waren immer so schmuck und stattlich, da
man durch sie hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar
schimmernde Waffenstcke zu ahnen glaubte. Entblte jedoch das ppige Gedicht
seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte ihre blogegebene Schnheit in
offene Bedrngnis oder in eine mutwillig verfhrerische Lage, whrend ich mich
nur durch einen dnnen Faden von der blhendsten Wirklichkeit geschieden sah, so
war es mir vollends, als wre ich ein trichter Fabelheld und das Spielzeug
eines ausgelassenen Dichters; nicht nur das platonische Pflicht- und Treuegefhl
gegen das von christlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens,
sondern auch die Furcht, schlechtweg durch Annas krankhafte Trume verraten zu
werden, legten ein Band um die verlangenden Sinne, whrend Judith aus Rcksicht
fr Anna und mich und aus dem Bedrfnisse sich beherrschte, in dem zierlich
platonischen Wesen der lugend noch etwas mitzuleben. Unsere Hnde bewegten sich
manchmal unwillkrlich nach den Schultern oder den Hften des andern, um sich
darumzulegen, tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem
zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln, so da wir nrrischerweise zwei jungen
Katzen glichen, welche mit den Pftchen nacheinander auslangen, elektrisch
zitternd und unschlssig, ob sie spielen oder sich zerzausen sollen.
    In solchen Augenblicken rafften wir uns auf; Judith zog ihre Schuhe an und
begleitete mich in die Sommernacht hinaus; es reizte uns, ungesehen ins Freie zu
gelangen und auf nchtliche Abenteuer durch den Wald und ber die Hhen zu
gehen. Solche romantische Gewohnheiten vergngten meine Begleiterin um so mehr,
als sie ihr neu waren und sie noch nie ohne einen bestimmten und
auerordentlichen Zweck nchtlicherweise aus dem Dorfe gegangen war. Sie freuete
sich aber dieser Freiheit um ihrer selbst willen und nicht aus Naturschwrmerei,
weil sie einmal ein abgesondertes und eigenes Leben fhrte, obgleich
ursprnglich niemand besser als sie zu einem frischen Zusammenleben geschaffen
war. Sie stellte daher keine gefhlvollen Betrachtungen ber den Mondschein an,
sondern sie rauschte mutwillig und rasch durch die Gebsche oder knickte halb
unmutig manchen grnen Zweig, mit dem sie mir ins Gesicht schlug, als ob sie
damit alles wegzaubern wollte, was zwischen mir und ihr lag, die Jahre, die
fremde Liebe und den ungleichen Stand. Sie wurde dann ganz anders, als sie erst
in der Stube gewesen, und frmlich boshaft, spielte mir tausend Schabernack,
verlor sich im dunklen Dickicht, da ich sie pltzlich zu fassen bekam, oder hob
beim Springen ber einen Graben das Kleid so hoch, da ich in Verwirrung geriet.
Einmal erzhlte ich ihr das Abenteuer, das ich als kleiner Junge mit jener
Schauspielerin gehabt, und vertraute ihr ganz offen, welchen Eindruck mir der
erste Anblick einer bloen Frauenbrust gemacht, so da ich dieselbe noch immer
in dem weien Mondlicht vor mir sehe und dabei der lngst entschwundenen Frau
fast sehnschtig gedenke, whrend ihre Gesichtszge und ihr Name schon lange bis
auf die letzte Spur in meinem Gedchtnis verwischt. Wir gingen gerade dem
Waldbache entlang, ber welchem der Mond ein geheimnisvolles Netz von Dunkel und
Licht zittern lie; Judith verschwand pltzlich von meiner Seite und huschte
durch die Bsche, whrend ich verblfft vorwrtsging. Dies dauerte wohl fnf
Minuten, whrend welcher ich keinen Laut vernahm auer dem leisen Wehen der
Bume und dem Rieseln der Wellen. Es wurde mir zu Mute, wie wenn Judith sich
aufgelst htte und still in die Natur verschwunden wre, in welcher mich ihre
Elemente geisterhaft neckend umrauschten. So gelangte ich unversehens in die
Gegend der Heidenstube und sah nun die graue Felswand im hellen Vollmond, der
ber den Bumen stand, in den Himmel ragen; das Wasser und die Steine zu meinen
Fen waren ebenfalls beschienen. Auf den Steinen lagen Kleider, zuoberst ein
weies Hemd, welches, als ich es aufhob, noch ganz warm war, wie eine soeben
entseelte irdische Hlle. Ich vernahm aber keinen Laut, noch sah ich etwas von
Judith, es wurde mir wirklich unheimlich zu Mute, da die Stille der Nacht von
einer dmonischen Absicht ganz getrnkt erschien. Ich wollte eben Judith beim
Namen rufen, als ich seltsame, halb seufzende, halb singende Tne vernahm, aus
denen zuletzt ein deutliches altes Lied wurde, das ich schon hundertmal gehrt
und jetzt doch einen zauberhaften Eindruck auf mich machte. Sein Inhalt war die
Tiefe des Wassers, etwas von Liebe und sonst nichts weiter; aber zuletzt war es
von einem fast sichtbaren verfhrerischen Lcheln durchdrungen und von einem
silbernen Gerusch begleitet, wie wenn jemand im Wasser pltschert und sich
dasselbe in sanften Wellen gegen die Lenden schlgt. Wie ich so hinhorchte,
entdeckte ich endlich mir gegenber eine undeutliche weie Gestalt, welche sich
im Schatten hinter dem Felsen bewegte, sich an berhngende Zweige hing und den
Krper im Wasser treiben lie oder pltzlich sich hoch aufrichtete und eine
Weile gespenstisch unbeweglich hielt. Es fhrte ein untiefer Damm des Geschiebes
zu jener Stelle, und zwar in einem ziemlich weiten Bogen, und als ich einen
Augenblick mich vergessen hatte, sah ich unversehens die nackte Judith schon auf
der Mitte dieses Weges angelangt und auf mich zukommen. Sie war bis unter die
Brust im Wasser; sie nherte sich im Bogen, und ich drehete mich magnetisch nach
ihren Bewegungen. Jetzt trat sie aus dem schief ber das Flchen fallenden
Schlagschatten und erschien pltzlich im Mondlichte; zugleich erreichte sie bald
das Ufer und stieg immer hher aus dem Wasser, und dieses rauschte jetzt
glnzend von ihren Hften und Knien zurck. Jetzt setzte sie den triefenden
weien Fu auf die trockenen Steine, sah mich an und ich sie; sie war nur noch
drei Schritte von mir und stand einen Augenblick still; ich sah jedes Glied in
dem hellen Lichte deutlich, aber wie fabelhaft vergrert und verschnt, gleich
einem berlebensgroen alten Marmorbilde. Auf den Schultern, auf den Brsten und
auf den Hften schimmerte das Wasser, aber noch mehr leuchteten ihre Augen, die
sie schweigend auf mich gerichtet hielt. Jetzt hob sie die Arme und bewegte sich
gegen mich; aber ich, von einem heikalten Schauer und Respekt durchrieselt,
ging mit jedem Schritt, den sie vorwrts tat, wie ein Krebs einen Schritt
rckwrts, aber sie nicht aus den Augen verlierend. So trat ich unter die Bume
zurck, bis ich mich in den Brombeerstauden fing und wieder stillstand. Ich war
nun verborgen und im Dunkeln, whrend sie im Lichte mir vorschwebte und
schimmerte; ich drckte meinen Kopf an einen khlen Stamm und besah unverwandt
die Erscheinung. Jetzt ward es ihr selbst unheimlich; sie stand dicht bei ihrem
Gewande und begann wie der Blitz sich anzuziehen. Ich sah aber, da sie erst
jetzt in Verlegenheit geriet, und trat unwillkrlich, meine eigene Verwirrung
vergessend, hervor, half ihr zitternd den Rock ber der Brust zuheften und
reichte ihr das groe weie Halstuch. Hierauf umschlang ich ihren Hals und kte
sie auf den Mund, gewissermaen um keinen migen Augenblick aufkommen zu
lassen; sie fhlte dies wohl; denn sie war nun ber und ber rot bis in die noch
feuchte Brust hinein; sie steckte hastig ihre feinen Strmpfe in die Tasche und
schlpfte mit bloen Fen in die Schuhe, worauf sie mich noch einmal umschlo
und heftig kte, dann quer durch die Bume die Halde hinaneilte und verschwand,
indessen ich das Wasser entlang nach Hause ging. Ich fhlte sonderbarerweise die
Schuld dieses Abenteuers allein auf mir ruhen, obgleich ich mich leidend dabei
verhalten, whrend ich schon empfand, wie unauslschlich der nchtliche Spuk,
die glnzende Gestalt fr immer meinen Sinnen eingeprgt sei und wie ein weies
Feuer in meinem Gehirne und in meinem Blute umging.
    Zu diesen so ganz entgegengesetzten Aufregungen der Tage und der Nchte
kamen diesen Sommer noch verschiedene Auftritte im lndlichen Familienleben,
welche bei aller Einfachheit doch den gewaltigen Wechsel des Lebens und sein
unaufhaltsames Vorbergehen ins Licht stellten. Der Haushalt des jungen Mllers
lie seine Heirat nicht lnger aufschieben, und es wurde also eine dreitgige
Hochzeit gefeiert, bei welcher die sprlichen berreste stdtischen Gebrauches,
so die Braut aus ihrem Hause mitbrachte, gar jmmerlich dem lndlichen Pomp
unterliegen muten. Die Geigen schwiegen nicht whrend der drei Tage; ich ging
jeden Abend hin und fand Judith festlich geschmckt unter dem Gedrnge der
Gste; ein und das andere Mal tanzte ich bescheiden und wie ein Fremder mit ihr,
und auch sie hielt sich zurck, obgleich wir whrend der geruschvollen Nchte
Gelegenheit genug hatten, uns unbemerkt nahe zu sein. Aber erst dadurch empfand
ich recht, welch ein zwingender Reiz in einem solchen Doppelleben und welch ein
Zauber in dem Geheimnis liegt; ich war innerlich wie berauscht, und die schne
Judith sah es wohl und bewegte sich um so ruhiger und mit allen Leuten lachend,
plaudernd herum, wobei es mir doch wohlgefiel, da sie im geheimen doch auch
ernster und leidenschaftlich bewegt schien. Alles war mir wie ein Mrchen; die
Geigen und die Glser klangen, die Leute sangen und tanzten, berall fate man
sich bei den Hnden und lachte sich an, und wenn mich soeben ein lustiges
Mdchen gestellt und angeredet und ich schweigend etwa das goldene Herzchen, das
ihr vor der klopfenden Brust tanzte, in die Hand genommen und von allen Seiten
beschaut, bis sie mir auf die Finger schlug, so ging ich um so nachdenklicher
weiter. Dann kam die glckliche Braut, welche der Reihe nach mit aller Welt
einer geheim vertraulichen Unterhaltung pflag, zog auch mich beiseite, fragte,
warum ich nicht lustiger sei, und versicherte mir angelegentlich, da ich ein
guter Junge und ihr sehr lieb sei. Ich ward gerhrt und betroffen und mute mich
von ihr wenden, da mir die Trnen nahe waren, ohne da ich eigentlich wute,
warum, und sie noch weniger. Noch tiefer fhlte ich mich betroffen, als ich an
einem der Tage meine Mutter, welche auf ein halbes Stndchen erschienen war,
fortbegleitete und pltzlich aus dem Lrm und Gedrnge der Hochzeit heraus mich
auf die stillen grnen Sommerpfade versetzt sah. Meine Mutter war so ruhig,
zufrieden und gesprchig im Gefhle der erfllten Pflicht und eines immer
gleichen anspruchlosen Lebens, da mein leidenschaftlich bewegtes Treiben im
grellsten Lichte dagegen abstach und ich, obgleich ich nun schon ein anderes
Sittengesetz zu kennen glaubte als das berkommene, mir den Gedanken nicht
verwehren konnte, da ich sie mit dem hintergehe, wovon sie keine Ahnung hatte.
    Kaum war die Hochzeit vorber, so erkrankte die Muhme, welche noch nicht
funfzig Jahre alt war, und starb in Zeit von drei Wochen. Sie war eine starke
und gesunde Frau, daher ihre Todeskrankheit um so gewaltsamer, und sie starb
sehr ungern. Sie litt heftig und unruhig und ergab sich erst in den letzten zwei
Tagen, und an dem Schrecken, der sich im Hause verbreitete, konnte man erst
sehen, was sie allen gewesen. Aber wie nach dem Hinsinken eines guten Soldaten
auf dem Felde der Ehre die Lcke schnell wieder ausgefllt wird und der Kampf
rstig fortgeht, so erwies sich die Art des Lebens und des Todes dieser tapferen
Frau auch auf das schnste dadurch, da die Reihen ohne Lamentieren rasch sich
schlossen, die Kinder teilten sich in Arbeit und Sorge und versparten den
beschaulichen Schmerz bis auf die Tage, wo geruht und wo ihnen der Verlust ihrer
Mutter erst ein schweres Wahrzeichen des Lebens werden wird. Nur der Oheim
uerte erst einige tiefere Klagen, fate diese aber bald in das Wort meine
selige Frau zusammen, das er nun bei jeder Gelegenheit anbrachte. An dem
Leichenbegngnisse sah ich Judith unter den fremden Frauen. Sie trug ein
stdtisches schwarzes Kleid bis unter das Kinn zugeknpft, sah demtig auf den
Boden und ging doch hoch und stolz einher.
    Wenige Wochen spter erschien der junge philosophische Schullehrer im Hause
und bewarb sich unversehens um die jngste Tochter. Die Jungen wuten zwar schon
lngst, da die beiden sich leidenschaftlich verbunden; allein dem Vater kam es
ganz unerwartet, und man sah nun an seinem Erstaunen und an seinem Unwillen, den
er wenig verhehlte, welch ein unwillkommener Gast er bei allem Scherz fr eine
engere Verbindung war. Der Oheim wies ihn ab oder wenigstens auf die Zukunft,
wegen des krzlichen Todes seiner Frau und weil er auch deswegen jetzt keine
Tochter mehr entbehren knne, am wenigsten die jngste. Doch der Philosoph gab
sich nicht zufrieden, sondern wandte ein, da er, zum Oberlehrer vorgerckt, nun
einen eigenen Haushalt zu fhren und eine Frau zu haben wnsche, berhaupt er
kein Hindernis sehe zu heiraten, da er und das Mdchen einverstanden seien.
Hierauf setzte er eine lange Denkschrift auf, in welcher er durch philosophische
und rechtliche Grnde seine Sache verteidigte, mit groer Logik vom
naturrechtlichen Standpunkt aus in die verwickelteren Verhltnisse unseres Land-
und Familienrechtes berging und alle Konsequenzen in Aussicht stellte, welche
er zu benutzen oder hervorzurufen wissen werde. Alles war in den kunstreichsten
und ernsthaftesten Phrasen abgefat, und er erschien mit der Schrift und las
dieselbe nach verlangter Erlaubnis mit seinem Silberstimmchen vor. Der Vater und
die Shne, welche letztere durch sein rcksichtsloses Benehmen nun auch gegen
ihn eingenommen waren, glaubten nun ihre Sache gewonnen und entschieden, da sie,
besonders wenn sie das immer noch zierliche Miniaturgesichtchen des Philosophen
ansahen, einer so spahaften Wendung unmglich eine ernste Folge zuschreiben
mochten. Aber sie tuschten sich sehr. Sie warfen ihn zwar aus dem Hause, wobei
sie auf das Schwesterchen keine groe Rcksicht nahmen, allein der seltsame
Werber verklagte sie sogleich und begann einen Proze um sein Recht, den er mit
solcher Konsequenz und Energie durchfhrte, da der Oheim entrstet und
aufgeregt schon auf halbem Wege erklrte, das Kind knne laufen, wohin es wolle.
Noch glaubte man, das junge Mdchen, das man immer noch als Kind anzusehen
gewohnt war, wrde jetzt wenigstens noch eine Zeit bleiben, bis es im Frieden
gehen knne, und man konnte seinen Abfall von der Familie nicht begreifen und
schrieb denselben einem strrischen und mangelhaften Herzen zu; aber es kmmerte
sich nicht darum, sah nicht Vater noch Schwestern und Brder und kaum das Grab
seiner Mutter an und zog ohne Aussteuer, ohne Sang und Klang mit dem Philosophen
aus dem Dorfe. Mit Verwunderung sah ich, wie Logik und Leidenschaft im Bunde in
noch so jungen Kpfchen wohl soviel Bewegung verursachen knnen als Erfahrung
und gereifter Wille der Alten. Denn das Philosphchen hatte sich vorgenommen,
streng nach seiner Vernunft und seinem Naturrechte zu handeln, und auch seine
Handlungen ganz in diesem Sinne durchgefhrt, so da er sich unter der ganzen
Lehrerschaft ein groes Ansehen erwarb, als ein Besieger des Vorurteils, whrend
das Mdchen durch seine unerwartete und rcksichtslose Leidenschaft, fr die es
auf der ganzen Welt keine Richtschnur mehr gab als der Wille des Geliebten,
weitherum ein wunderliches Aufsehen erregte.
    So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verndert und durch
die verschiedenen Vorgnge alles lter und ernster geworden. Von der traurigen
Schaubhne ihres Krankenbettes sah die arme Anna alle diese Vernderungen, aber
schon mehr als uerlich getrennt von den Ereignissen. Sie hatte eine geraume
Zeit im gleichen Zustande verharrt, und alle hofften, da sie am Ende wieder
aufleben wrde. Aber da man es am wenigsten dachte, erschien eines Morgens im
Herbste der Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim, welcher selbst noch
schwarz ging, und verkndete ihren Tod.
    In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfllt, sondern auch
die benachbarte Mhle, und die Vorbergehenden verbreiteten das Leid im ganzen
Dorfe. Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod grogezogen worden,
und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedaurens
aufgespart zu haben; denn fr eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige
schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste.
    Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde; denn wenn ich auch bei freudigen
Anlssen laut wurde und unwillkrlich eine anmaende Rolle spielte, so wute ich
dagegen, wo es traurig herging, mich gar nicht vorzudrngen und geriet immer in
die Verlegenheit, fr teilnahmlos und verhrtet angesehen zu werden, und dies um
so mehr, als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen
Mistimmungen, die innere Berhrung der Menschen, nie aber das unmittelbare
Unglck oder der Tod Trnen zu entlocken vermochten.
    Jetzt aber war ich erstaunt ber den frhen Tod und noch mehr darber, da
dies arme tote Mdchen meine Geliebte war. Ich versank in tiefes Nachdenken
darber, ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden, obgleich ich das
Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfhlte. Nicht einmal die
Erinnerung an Judith verursachte mir Unruhe. Nachdem der Schulmeister einige
Anordnungen getroffen, wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen,
indem er mich aufforderte, nunmehr mit ihm zurckzugehen und einige Zeit bei ihm
zu wohnen. Wir machten uns auf den Weg, indessen die brigen Verwandten,
besonders die noch im Hause lebende Tochter und die junge Mllerin, versprachen,
sogleich nachzukommen.
    Auf dem Wege fate der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die
nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens, das gegen Morgen
eintraf, Worte. Ich hrte alles aufmerksam und schweigend an; die Nacht war
bengstigend und leidenvoll gewesen, der Tod selbst aber fast unmerklich und
sanft.
    Meine Mutter und die alte Katherine hatten die Leiche schon geschmckt und
in Annas Kmmerchen gelegt. Da lag sie, nach des Schulmeisters Willen, auf dem
schnen Blumenteppich, den sie einst fr ihren Vater gestickt und man jetzt ber
ihr schmales Bettchen gebreitet hatte; denn nach solchem Dienste gedachte der
gute Mann diese Decke immer zunchst um sich zu haben, solange er noch lebte.
ber ihr an der Wand hatte Katherine, deren Haar nun schon ganz ergraut war und
die aufs heftigste und zrtlichste lamentierte, das Bild hingehngt, das ich
einst von Anna gemacht, und gegenber sah man immer noch die Landschaft mit der
Heidenstube, welche ich vor Jahren auf die weie Mauer gemalt. Die beiden
Flgeltren von Annas Schrank standen geffnet, und ihr unschuldiges Eigentum
trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von
Leben. Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen, die vor dem
Schranke sich aufhielten, und half ihnen die zierlichsten und
erinnerungsreichsten Schelchen, deren die Selige von frher Kindheit an
gesammelt, hervorziehen und beschauen. Dies gewhrte ihm eine lindernde
Zerstreuung, welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog.
Manches holte er sogar aus seinem eigenen Verwahrsam herbei, wie z.B. ein
Bndelchen Briefe, welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben; diese
legte er, nebst den Antworten, die er nun im Schranke vorfand, auf Annas kleinen
Tisch und ebenso noch andere Sachen, ihre Lieblingsbcher, angefangene und
vollendete Arbeiten, einige Kleinode, jene silberne Brautkrone. Einiges wurde
sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt, so da hier unbewut und gegen den
sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Vlker gebt
wurde. Dabei sprachen sie immer so miteinander, als ob die Tote es noch hren
knnte, und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen.
    Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschauete sie mit
unverwandten Blicken; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes
nicht klger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als
vorhin. Anna lag da, nicht viel anders, als ich sie zuletzt gesehen, nur da die
Augen geschlossen waren und das bltenweie Gesicht auf den Wangen
wunderbarerweise mit einem leisen rosigen Hauche berflogen, wie vom Widerschein
eines fernen, fernen Morgen- oder Abendrotes. Ihr Haar glnzte frisch und
golden, und ihre weien Hndchen lagen gefaltet auf dem weien Kleide mit einer
weien Rose. Ich sah alles wohl und empfand beinahe eine Art glcklichen
Stolzes, in einer so traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schne tote
Jugendgeliebte vor mir zu sehen. Erst als mir die alte Katherine jene Stickerei
in die Hnde gab, welche Anna zu einer Mappe fr mich bestimmt und mhsam
vollendet hatte, mit dem Bericht, da die Leidende whrend der verwichenen Nacht
pltzlich einmal gesagt, man solle nicht vergessen, mir das Geschenk zu
bergeben, sobald ich wiederkomme, erst jetzt fiel es mir ein, da wir
unsterblich sind, und fhlte mich durch ein unauflsliches Band mit Anna
verbunden.
    Auch meine Mutter und der Schulmeister schienen stillschweigend mir ein
nahes Recht auf die Verstorbene zuzugestehen, als man verabredete, da
fortwhrend jemand bei der Toten weilen und ich die erste Wache halten sollte,
damit die brigen sich in ihrer Erschpfung einstweilen zurckziehen und etwas
erholen konnten. Ohne jene Voraussetzung htten sie mir eine solche zugleich
zarte und ernste Zumutung wohl nicht gestellt.
    Ich blieb aber nicht lange allein mit der Anna, da bald die Basen aus dem
Dorfe kamen und nach ihnen viele andere Mdchen und Frauen, denen ein so
rhrendes Ereignis und eine so berhmte Leiche wichtig genug waren, die
drngendste Arbeit liegenzulassen und dem ehrfurchtsvollen Dienste des
Menschengeschickes, des Todes, nachzugehen. Die Kammer fllte sich mit
Frauensleuten, welche erst einer feierlich flsternden Unterhaltung pflagen,
dann aber in ein ziemliches Geplauder gerieten. Sie standen dichtgedrngt um die
stille Anna herum, die jungen mit ehrbar aufeinandergelegten Hnden, die ltern
mit untergeschlagenen Armen. Die Kammertr stand geffnet fr die Ab- und
Zugehenden, und ich nahm die Gelegenheit wahr, mich hinauszumachen und im Freien
umherzuschlendern, wo die nach dem Dorfe fhrenden Wege ungewhnlich belebt
waren.
    Erst nach Mitternacht traf mich die Reihe wieder, die Totenwache zu
versehen, welche wir seltsamerweise nun einmal eingerichtet. Ich blieb nun bis
zum Morgen in der Kammer; aber so schnell mir die Stunden vorbergingen, wie ein
Augenblick, sowenig wte ich eigentlich zu sagen, was ich gedacht und
empfunden. Es war so still, da ich durch die Stille hindurch glaubte das
Rauschen der Ewigkeit zu hren; das tote weie Mdchen lag unbeweglich fort und
fort, die farbigen Blumen des Teppichs aber schienen zu wachsen in dem schwachen
Lichte. Nun ging der Morgenstern auf und spiegelte sich im See; ich lschte die
Lampe ihm zu Ehren, damit er allein Annas Totenlicht sei, sa nun im Dunkeln in
meiner Ecke und sah nach und nach die Kammer sich erhellen. Mit dem
Morgengrauen, welches in das reinste goldene Morgenrot berging, schien es zu
leben und zu weben um die stille Gestalt, bis sie deutlich und reglos im
goldenen Tage dalag. Ich hatte mich erhoben und vor das Bett gestellt, und indem
ihre Gesichtszge klar wurden, nannte ich ihren Namen, aber nur hauchend und
tonlos; es blieb totenstill, und als ich zugleich zaghaft ihre Hand berhrte,
zog ich die meinige entsetzt zurck, als ob ich an glhendes Eisen gekommen
wre; denn die Hand war kalt wie ein Huflein khler Ton.
    Wie dies abstoende kalte Gefhl meinen ganzen Krper durchrieselte, lie es
mir nun auch pltzlich das Gesicht der Leiche so seelenlos und abwesend
erscheinen, da mir beinahe der erschreckte Ausruf entfuhr Was hab ich mit dir
zu schaffen? als aus dem Saale her die Orgel in milden und doch krftigen Tnen
erklang, welche nur manchmal in leidvollem Zittern schwankten, dann aber wieder
zu harmonischer Kraft sich, ermannten. Es war der Schulmeister, welcher in
dieser Morgenfrhe seinen Schmerz und seine Klage durch die Melodie eines alten
Liedes zum Lob der Unsterblichkeit zu lindern suchte. Ich lauschte der Melodie,
sie bezwang meinen krperlichen Schrecken, ihre geheimnisvollen Tne ffneten
die unsterbliche Geisterwelt, und reuevoll gelobte ich Anna ewige Treue.
    Ich fhlte mich stolz und glcklich durch diesen Entschlu; aber zugleich
wurde mir nun der Aufenthalt in der Totenkammer zuwider, und ich war froh, mit
dem Gedanken der Unsterblichkeit hinauszukommen ins lebendige Grne. Es erschien
an diesem Tage ein Schreinergesell aus dem Dorfe, um hier den Sarg zu machen.
Der Schulmeister hatte vor Jahren schon eigenhndig ein schlankes Tannlein
gefllt und zu seinem Sarge bestimmt. Dasselbe lag in Bretter gesgt hinter dem
Hause, durch das Vordach geschtzt, und hatte immer zu einer Ruhebank gedient,
auf welcher der Schulmeister zu lesen und seine Tochter als Kind zu spielen
pflegte. Es zeigte sich nun, da die obere schlankere Hlfte des Baumes den
schmalen Totenschrein Annas abgeben knne, ohne den zuknftigen Sarg des Vaters
zu beeintrchtigen; die wohlgetrockneten Bretter wurden abgehoben und eines nach
dem andern entzweigesgt. Der Schulmeister vermochte aber nicht lange
dabeizusein, und selbst die Frauen im Hause klagten ber den Ton der Sge. Der
Schreiner und ich trugen daher die Bretter und das Werkzeug in den leichten
Nachen und fuhren an eine entlegene Stelle des Ufers, wo das Flchen aus dem
Gehlze hervortritt und in den See mndet. Junge Buchen bilden dort am Wasser
eine lichte Vorhalle, und indem der Schreiner einige der Bretter mittelst
Schraubzwingen an den Stmmchen befestigte, stellte er eine zweckmige
Hobelbank her, ber welcher die goldenen Laubkronen der Buchen sich wlbten.
Zuerst mute der Boden des Sarges zusammengefgt und geleimt werden. Ich machte
aus den ersten Hobelspnen und aus Reisig ein Feuer und setzte die Leimpfanne
darauf, in welche ich mit der Hand aus dem Bache Wasser trufelte, indessen der
Schreiner rstig darauf lossgte und - hobelte. Whrend die gerollten Spne sich
mit dem fallenden Laube vermischten und die Bretter wei wurden, machte ich die
nhere Bekanntschaft des jungen Gesellen. Es war ein Norddeutscher von der
fernsten Ostsee, gro und schlank gewachsen, mit khnen und schn geschnittenen
Gesichtszgen, hellblauen, aber feurigen Augen und mit starkem goldenem Haar,
welches man immer ber die freie Stirn zurckgestrichen und hinten in einen
Schopf gebunden zu sehen glaubte, so urgermanisch sah er aus. Seine Bewegungen
bei der Arbeit waren elegant, und dabei hatte sein Wesen doch etwas Kindliches.
Wir wurden bald vertraut, und er erzhlte mir von seiner Heimat, von den alten
Stdten im Norden, vom Meere und von der mchtigen Hansa. Wohlunterrichtet,
erzhlte er mir von der Vergangenheit, den Sitten und Gebruchen jener
Seeksten; ich sah den langen und hartnckigen Kampf der Stdte mit den
Seerubern, den Vitalienbrdern, und wie Klaus Sturzenbecher mit vielen Gesellen
von den Hamburgern gekpft wurde; dann sah ich wieder, wie am ersten Mai aus den
Toren von Stralsund der jngste Ratsherr mit einem glnzenden Jugendgefolge im
Waffenschmuck zog und in den prchtigen Buchenwldern zum Maigrafen gekrnt
wurde mit einer grnen Laubkrone und wie er abends mit einer schnen Maigrfin
tanzte. Auch beschrieb er die Wohnungen und Trachten nordischer Bauern, von den
Hinterpommern bis zu den tchtigen Friesen, bei welchen noch Spuren mnnlichen
Freiheitsinnes zu finden; ich sah ihre Hochzeiten und Leichenbegngnisse, bis
der Geselle endlich auch von der Freiheit deutscher Nation redete und wie bald
die stattliche Republik eingefhrt werden mte. Ich schnitzte unterdessen nach
seiner Anleitung eine Anzahl hlzerner Ngel, er aber fhrte schon mit dem
Doppelhobel die letzten Ste ber die Bretter, feine Spne lsten sich gleich
zarten glnzenden Seidenbndern und mit einem hell singenden Tone, welcher unter
den Bumen ein seltsames Lied war. Die Herbstsonne schien warm und lieblich
drein, glnzte frei auf dem Wasser und verlor sich im blauen Duft der Waldnacht,
an deren Eingang wir uns angesiedelt. Jetzt baueten wir die glatten weien
Bretter zusammen, die Hammerschlge hallten wider durch den Wald, da die Vgel
berrascht aufflogen und die Schwalben erschreckt ber den Seespiegel streiften,
und bald stand der fertige Sarg in seiner Einfachheit vor uns, schlank und
ebenmig, der Deckel schn gewlbt. Der Schreiner hobelte mit wenigen Zgen
eine schmale zierliche Hohlkehle um die Kanten, und ich sah verwundert, wie die
zarten Linien sich spielend dem weichen Holze eindrckten; dann zog er zwei
schne Stcke Bimsstein hervor und rieb sie aneinander, indem er sie ber den
Sarg hielt und das weie Pulver ber denselben verbreitete; ich mute lachen,
als er die Stcke geradeso gewandt und anmutig handhabte und abklopfte, wie ich
bei meiner Mutter gesehen, wenn sie zwei Zuckerschollen ber einem Kuchen rieb.
Als er aber den Sarg vollends mit dem Steine abschliff, wurde derselbe so wei
wie Schnee, und kaum der leiseste rtliche Hauch des Tannenholzes schimmerte
noch durch, wie bei einer Apfelblte. Er sah so weit schner und edler aus, als
wenn er gemalt, vergoldet oder gar mit Erz beschlagen gewesen wre. Am Haupte
hatte der Schreiner der Sitte gem eine ffnung mit einem Schieber angebracht,
durch welche man das Gesicht sehen konnte, bis der Sarg versenkt wurde; es galt
nun noch eine Glasscheibe einzusetzen, welche man vergessen, und ich fuhr nach
dem Hause, um eine solche zu holen. Ich wute schon, da auf einem Schranke ein
alter kleiner Rahmen lag, aus welchem das Bild lange verschwunden. Ich nahm das
vergessene Glas, legte es vorsichtig in den Nachen und fuhr zurck. Der Geselle
streifte ein wenig im Gehlze umher und suchte Haselnsse; ich probierte
indessen die Scheibe, und als ich fand, da sie genau in die ffnung pate,
tauchte ich sie, da sie ganz bestaubt und verdunkelt war, in den klaren Bach und
wusch sie sorgfltig, ohne sie an den Steinen zu zerbrechen. Dann hob ich sie
empor und lie das lautere Wasser ablaufen, und indem ich das glnzende Glas
hoch gegen die Sonne hielt und durch dasselbe schaute, erblickte ich das
lieblichste Wunder, das ich je gesehen. Ich sah nmlich drei reizende,
musizierende Engelknaben; der mittlere hielt ein Notenblatt und sang, die beiden
anderen spielten auf altertmlichen Geigen, und alle schaueten freudig und
andachtsvoll nach oben; aber die Erscheinung war so lustig und zart
durchsichtig, da ich nicht wute, ob sie auf den Sonnenstrahlen, im Glase oder
nur in meiner Phantasie schwebte. Wenn ich die Scheibe bewegte, so verschwanden
die Engel auf Augenblicke, bis ich sie pltzlich mit einer anderen Wendung
wieder entdeckte. Ich habe seither erfahren, da Kupferstiche oder Zeichnungen,
welche lange, lange Jahre hinter einem Glase ungestrt liegen, whrend der
dunklen Nchte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr dauerndes
Spiegelbild in demselben zurcklassen. Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen,
als ich die fromme Schraffierung altdeutscher Kupferstecherei und in dem Bilde
die Art van Eyckscher Engel entdeckte. Eine Schrift war nicht zu sehen und also
das Blatt vielleicht ein seltener Probedruck gewesen, der in diese Tler auf
ebenso wunderbare Weise gekommen, als er wieder verschwunden war. Jetzt aber war
mir die kostbare Scheibe die schnste Gabe, welche ich in den Sarg legen konnte,
und ich befestigte sie selbst an dem Deckel, ohne jemandem etwas von dem
Geheimnis zu sagen. Der Deutsche kam wieder herbei; wir suchten die feinsten
Hobelspne, unter welche sich manches gefallene Laub mischte, zusammen und
breiteten sie zum letzten Bett in den Sarg; dann schlossen wir ihn zu, trugen
ihn in den Kahn und schifften mit dem weithin scheinenden weien Gert ber den
glnzenden stillen See, und die Frauen mit dem Schulmeister brachen in lautes
Weinen aus, als sie uns heranfahren und landen sahen.
    Am folgenden Tage wurde die rmste in den Sarg gelegt, von allen Blumen
umgeben, welche in Haus und Garten augenblicklich blheten; aber auf die Wlbung
des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weien Rosen gelegt,
welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten, und auerdem noch so
viele einzelne Strue weier duftender Blten aller Art, da die ganze
Oberflche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb, durch welche
man das weie zarte Gesicht der Leiche sah.
    Das Begrbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden, und zu diesem
Ende hin mute Anna erst ber den Berg getragen werden. Es erschienen daher eine
Anzahl Jnglinge aus dem Dorfe, welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern
nahmen, und unser kleines Gefolge der nchsten Angehrigen begleitete den Zug.
Auf der sonnigen Hhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf
die Erde gesetzt. Es war so schn hier oben! Der Blick schweifte ber die
umliegenden Tler bis in die blauen Berge, das Land lag in glnzender
Farbenpracht rings um uns. Die vier krftigen Jnglinge, welche die Bahre
zuletzt getragen, saen ruhend auf den Tragewangen derselben, die Hupter auf
ihre Hnde gesttzt, und schaueten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus.
Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende weie Wolken und schienen ber dem
Blumensarge einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen
zu gucken, welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte
im Widerscheine der Wolken. Wir saen, wie es sich traf, umher, und selbst mich
rhrte jetzt eine groe Traurigkeit, so da mir einige Trnen entfielen, als ich
bedachte, da Anna nun zum letzten Mal und tot ber diesen schnen Berg gehe.
    Als wir ins Dorf hinuntergestiegen, lutete die Totenglocke zum ersten Mal;
Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause, wo man den Sarg unter die
Nubume vor die Tr hinstellte. Wehmtig gewhrten die Verwandten der Toten das
Gastrecht bei dieser letzten Einkehr; es waren nun kaum anderthalb Jahre
vergangen, seit jener frhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben
Bumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrte.
Bald war der Platz voll Menschen, welche sich herandrngten, um der Seligen zum
letzten Mal ins Angesicht zu schauen.
    Nun ging der Leichenzug vor sich, welcher auerordentlich gro war; der
Schulmeister, welcher dicht hinter dem Sarge ging, schluchzte fortwhrend wie
ein Kind. Ich bereute jetzt, keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen, denn
ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grnen Habit wie ein
fremder Heide. Die Kirche war ganz mit Leuten angefllt, obgleich es im Felde
viel zu tun gab. Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und
mit einem Choral beschlossen, scharte man sich drauen um das Grab, wo die ganze
Jugend, auergewhnlicherweise, einige sorgfltig eingebte Figuralgesnge mit
heller und reiner Stimme sang. Ich hatte mich dicht an den Rand des Grabes
gestellt, whrend die brigen Verwandten mit dem leidvollen Vater in der Kirche
blieben. Jetzt ward der Sarg hinabgelassen; der Totengrber reichte den Kranz
und die Blumen herauf, da man sie aufbewahre, und der arme Sarg stand nun blank
in der feuchten Tiefe. Der Gesang dauerte fort, aber alle Frauen schluchzten.
Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe in das bleiche
Gesicht, das darunter lag; das Gefhl, das ich jetzt empfand, war so seltsam,
da ich es nicht anders als mit dem fremden hochtrabenden und kalten Worte
objektiv benennen kann, welches die deutsche sthetik erfunden hat. Ich
glaube, die Glasscheibe tat es mir an, da ich das Gut, was sie verschlo,
gleich einem in Glas und Rahmen gefaten Teil meiner Erfahrung, meines Lebens,
in gehobener und feierlicher Stimmung, aber in vollkommener Ruhe begraben sah;
noch heute wei ich nicht, war es Strke oder Schwche, da ich dies tragische
und feierliche Ereignis viel eher geno als erduldete und mich beinahe des nun
ernst werdenden Wechsels des Lebens freute.
    Der Schieber wurde zugetan, der Totengrber und sein Gehilfe stiegen herauf,
und bald war der braune Hgel aufgebaut.
    Judith lie sich nicht sehen am Grabe; in einem demtigen und entsagenden
Gefhle der Fremdheit hielt sie sich in ihrem Hause verschlossen.
    Am andern Tage, als der Schulmeister zu erkennen gab, da er nun seinen
Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott berwinden wolle, schickte ich
mich an, mit der Mutter nach der Stadt zurckzukehren. Vorher ging ich zur
Judith und fand sie beschftigt, ihre Bume zu mustern, da die Zeit wieder
gekommen war, wo man das Obst einsammelte. Der Herbstnebel traf gerade heute zum
ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen
Gewebe. Judith war ernst und etwas verlegen, als sie mich sah, da sie nicht
recht wute, wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte, whrend sie
doch schon die Zeit vor sich sah, wo ich mich wenigstens so lange ihr ohne
Rckhalt hingeben konnte, bis das Leben mich weiterfhrte.
    Ich sagte aber ernsthaft, ich wre gekommen, um Abschied von ihr zu nehmen,
und zwar fr immer; denn ich knnte sie nun nie wiedersehen. Sie erschrak und
rief lchelnd, das werde nicht so unwiderruflich feststehen; sie war bei diesem
Lcheln so erbleicht und doch so freundlich, da dieser Zauber mich beinahe
umkehrte, wie man einen Handschuh umkehrt. Doch ich bezwang mich und fuhr fort
da es ferner nicht so gehen knne, da ich Anna von Kindheit auf gern gehabt,
da sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert
gewesen sei. Treue und Glauben mten aber in der Welt sein, an etwas Sicheres
mte man sich halten, und ich betrachte es nicht nur fr meine Pflicht, sondern
auch als ein schnes Glck, in dem Andenken der Verstorbenen, im Hinblick auf
unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen so klaren und lieblichen Stern fr das
ganze Leben zu haben, nach dem sich alle meine Handlungen richten knnten.
    Als Judith diese Worte hrte, erschrak sie noch mehr und wurde zugleich
schmerzlich berhrt. Es waren wieder von den Worten, von denen sie behauptete,
da niemals jemand zu ihr welche gesagt habe. Heftig ging sie unter den Bumen
umher und sagte dann Ich habe geglaubt, da du mich wenigstens auch etwas
liebtest!
    Gerade deswegen, erwiderte ich, weil ich wohl fhle, da ich heftig an
dir hange, mu ein Ende gemacht werden!
    Nein, gerade deswegen mut du erst anfangen, mich recht und ganz zu
lieben!
    Das wre eine schne Wirtschaft! rief ich, was soll dann aus Anna
werden?
    Anna ist tot!
    Nein! Sie ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen, und ich kann doch nicht
einen ganzen Harem von Frauen fr die Ewigkeit ansammeln!
    Bitter lachend stand Judith vor mir still und sagte:
    Das wre allerdings komisch! Aber wissen wir denn, ob es eigentlich eine
Ewigkeit gibt?
    So oder so, erwiderte ich, gibt es eine, und wenn es nur diejenige des
Gedankens und der Wahrheit wre! Ja, wenn das tote Mdchen fr immer in das
Nichts hingeschwunden und sich gnzlich aufgelst htte, bis auf den Namen, so
wre dies erst ein rechter Grund, der armen Abwesenden Treue und Glauben zu
halten! Ich habe es gelobt, und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend
machen!
    Nichts! rief Judith, o du nrrischer Gesell! Willst du in ein Kloster
gehen? Du siehst mir darnach aus! Aber wir wollen ber diese heikle Sache nicht
ferner streiten; ich habe nicht gewnscht, da du nach der traurigen Begebenheit
sogleich zu mir kommest, und habe dich nicht erwartet. Geh nach der Stadt und
halte dich ein halbes Jahr still und ruhig, und dann wirst du schon sehen, was
sich ferner begeben wird!
    Ich seh es jetzt schon, erwiderte ich, du wirst mich nie wieder sehen und
sprechen, dies schwre ich hiemit bei Gott und allem, was heilig ist, bei dem
bessern Teil meiner selbst und -
    Halt inne! rief Judith ngstlich und legte mir die Hand auf den Mund; du
wrdest es sicher noch einmal bereuen, dir selbst eine so grausame Schlinge
gelegt zu haben! Welche Teufelei steckt in den Kpfen dieser Menschen! Und dazu
behaupten sie und machen sich selber weis, da sie nach ihrem Herzen handeln.
Fhlst du denn gar nicht, da ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann,
zu lieben, wo es geliebt wird, wenn es dies kann? Du kannst es und tust es
heimlich doch, und somit wre alles in der Ordnung! Sobald du mich nicht mehr
leiden magst, sobald die Jahre uns sonst auseinanderfhren, sollst du mich ganz
und fr immer verlassen und vergessen, ich will dies ber mich nehmen; aber nur
jetzt verla mich und zwinge dich nicht, mich zu verlassen, dies allein tut mir
weh, und es wrde mich wahrhaft unglcklich machen, allein um unserer Dummheit
willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glcklich sein zu drfen!
    Diese zwei Jahre, sagte ich, mssen und werden auch so vorbergehen, und
gerade dann werden wir beide glcklicher sein, wenn wir jetzt scheiden; es ist
nun gerade noch die hchste Zeit, es, ohne sptere Reue und das Bisherige
gutzumachen, zu tun. Und wenn ich dir es deutsch heraussagen soll, so wisse, da
ich mir auch dein Andenken, was immer ein Andenken der Verirrung fr mich sein
wird, doch noch so rein und schn als mglich retten und erhalten mchte, und
das kann nur noch durch ein rasches Scheiden in diesem Augenblicke geschehen. Du
sagst und beklagst es, da du nie teilgehabt an der edleren und hheren Hlfte
der Liebe! Welche bessere Gelegenheit kannst du ergreifen, als wenn du aus Liebe
zu mir mir freiwillig erleichterst, deiner mit Achtung und Liebe zu gedenken und
zugleich der Verstorbenen treu zu sein? Wirst du dich dadurch nicht an jener
tieferen Art der Liebe beteiligen?
    Oh, alles Luft und Schall! rief Judith, ich habe nichts gesagt, ich will
nichts gesagt haben! Ich will nicht deine Achtung, ich will dich selbst haben,
solange ich kann!
    Sie suchte meine beiden Hnde zu fassen, ergriff dieselben, und whrend ich
sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemhte, indes sie mir ganz flehentlich in
die Augen sah, fuhr sie nicht leidenschaftlichem Tone fort:
    O liebster Heinrich! Geh nach der Stadt, aber versprich mir, dich nicht
selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwre und Gelbde!
La dich -
    Ich wollte sie unterbrechen, aber sie verhinderte mich am Reden und
berflgelte mich:
    La es gehen, wie es will, sag ich dir! Auch an mich darfst du dich nicht
binden, du sollst frei sein wie der Wind! Gefllt es dir -
    Aber ich lie Judith nicht ausreden, sondern ri mich los und rief:
    Nie werd ich dich wiedersehen, so gewi ich ehrlich zu bleiben hoffe!
Judith! leb wohl!
    Ich eilte davon, sah mich aber noch einmal um, wie von einer starken Gewalt
gezwungen, und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen, die Hnde noch
ausgestreckt von dem Losreien der meinigen und berrascht, kummervoll und
beleidigt zugleich mir nachschauend, ohne ein Wort hervorzubringen, bis mir der
von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte.
    Eine Stunde spter sa ich mit meiner Mutter auf einem Gefhrt, und einer
der Shne meines Oheims fhrte uns nach der Stadt. Ich blieb den ganzen Winter
allein und ohne allen Umgang; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich
kaum ansehen, da es mich immer an den unglcklichen Rmer erinnerte und ich mir
kaum ein Recht zu haben schien, das, was er mich gelehrt, fortzubilden und
anzuwenden. Manchmal machte ich den Versuch, eine neue und eigene Art zu
erfinden, wobei sich aber sogleich herausstellte, da ich selbst das Urteil und
die Mittel, die ich dazu verwandte, nur Rmern verdankte. Dagegen las ich fort
und fort, vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein. Ich las immer
deutsche Bcher und auf die seltsamste Weise. Jeden Abend nahm ich mir vor, den
nchsten Morgen, und jeden Morgen, den nchsten Mittag die Bcher beiseite zu
werfen und an meine Arbeit zu gehen; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den
Termin; aber die Stunden stahlen sich fort, indem ich die Buchseiten umschlug,
ich verga sie buchstblich; die Tage, Wochen und Monate vergingen so sachte und
heimtckisch, als ob sie, leise sich drngend, sich selbst entwendeten und zu
meiner fortwhrenden Beunruhigung lachend verschwnden. Sonst, wenn ich die
Bcher alter und fremder Vlker las, fllten mich dieselben stets mit frischer
Lust zur Arbeit, und selbst die neueren franzsischen oder italienischen Sachen
waren, selbst wenn ihr Gehalt nicht vom erlauchtesten Geiste, doch von solcher
Gestaltungslust getrnkt, da ich sie oft frhlich wegwarf und auf eigenes Tun
sann. Durch die deutschen Bcher hingegen wurde ich tief und tiefer in einen
schmerzlichen Genu unrechtmiger Ruhe und Beschaulichkeit hineingezogen, aus
welchem mich der immer wache Vorwurf doch nicht reien konnte. Ja, ich empfand
trotz des bsen Gewissens sogar mehr und mehr eine Sehnsucht, selbst ber den
Rhein zu setzen und erst recht mitten in diese Welt zu geraten.
    Jedoch brachte der Frhling eine krftige Erlsung aus diesem unbehaglichen
Zustande; ich hatte nun das achtzehnte Jahr berschritten, war militrpflichtig
geworden und mute mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden, um die
kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen. Ich stie auf ein
summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Stnden, welche
jedoch bald von einer Handvoll grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht,
abgeteilt und whrend vieler Stunden als ungefger Rohstoff hin- und
hergeschoben wurden, bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten. Als sodann
die bungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen
seltsamen Vorgesetzten, welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren,
zusammenkamen, wurde mir, der ich nichts bedacht hatte, unter Gelchter mein
langes Haar dicht am Kopfe weggeschnitten. Aber ich legte es mit dem grten
Vergngen auf den Altar des Vaterlandes und fhlte behaglich die frische Luft um
meinen geschorenen Kopf wehen. Jetzt muten wir aber auch die Hnde darstrecken,
ob sie gewaschen und die Ngel ordentlich beschnitten seien, und nun war die
Reihe an manchem biedern Handarbeiter, sich geruschvoll belehren zu lassen.
Dann gab man uns ein kleines Bchelchen, das erste einer ganzen Reihe, in
welchem Pflichten und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Stzen als
Fragen und Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren. Jeder Regel war aber
eine tchtige kurze Begrndung beigefgt, und wenn auch manchmal diese in den
Satz der Regel, die Regel aber hintennach in die Begrndung hineingeraten war,
so lernten wir doch alle jedes Wort eifrig und andchtig auswendig und setzten
eine Ehre darein, das Pensum ohne Stottern herzusagen. Endlich verging der Rest
des ersten Tages ber den Bemhungen, von neuem geradestehen und einige Schritte
gehen zu lernen, was unter dem Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich
vollendete.
    Es galt nun, sich einer eisernen Ordnung zu fgen und sich jeder
Pnktlichkeit zu befleien, und obgleich dies mich aus meiner vollkommenen
Freiheit und Selbstherrlichkeit herausri, so empfand ich doch einen wahren
Durst, mich dieser Strenge hinzugeben, so komisch auch ihre nchsten kleinen
Zwecke waren, und als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte, und zwar nur
aus Versehen, berkam mich ein wahrhaftes Schamgefhl vor den Kameraden, welche
sich ihrerseits ganz hnlich verhielten.
    Als wir soweit waren, mit Ehren ber die Strae zu marschieren, zogen wir
jeden Tag auf den Exerzierplatz, welcher im Freien lag und von der Landstrae
durchschnitten wurde. Eines Tages, als ich mitten in einem Gliede von etwa
fnfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors, der unermdlich rckwrts vor
uns herging, schreiend und mit den Hnden das Tempo schlagend, so schon
stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen und vielfach in
unseren Schwenkungen die vielen anderen Abteilungen gekreuzt hatte, kamen wir
pltzlich dicht an die Landstrae zu stehen und machten dort halt und Front
gegen dieselbe. Der Exerziermeister, welcher hinter der Front stand, lie uns
eine Weile regungslos verharren, um einige nicht schmeichelhafte Bemerkungen und
Ausstellungen an unseren Gliedmaen anzubringen. Whrend er hinter unserm Rcken
lrmte und fluchte, soweit es ihm Gesetz und Sitte nur immer erlaubten, und wir
so mit dem Gesichte gegen die Strae gewendet ihm zuhrten, kam ein groer, mit
sechs Pferden bespannter Wagen angefahren, wie die Auswanderer ihn herzurichten
pflegen, welche sich nach den franzsischen Hfen begeben. Dieser Wagen war mit
ansehnlichem Gute beladen und schien einer oder zwei stattlichen Familien zu
dienen, die nach Amerika gingen. Zwei krftige Mnner gingen neben den Pferden,
vier oder fnf Frauen saen auf dem Wagen unter einem bequemen Zeltdache, nebst
mehreren Kindern und selbst einem Greise. Aber diesen Leuten hatte sich Judith
angeschlossen; denn ich entdeckte sie, als ich zufllig hinsah, hoch und schn
unter den Frauen, mit Reisekleidern angetan. Ich erschrak heftig, und das Herz
schlug mir gewaltig, whrend ich mich nicht regen noch rhren durfte. Judith,
welche im Vorberfahren, wie mir schien, mit finsterm Blicke auf die
Soldatenreihe sah, erschaute mich mitten in derselben und streckte sogleich die
Hnde nach mir aus. Aber im gleichen Augenblicke kommandierte unser Tyrann
Kehrt euch! und fhrte uns wie ein Besessener im Geschwindschritte ganz an das
entgegengesetzte Ende des weiten Platzes. Ich lief immer mit, die Arme
vorschriftsmig lngs des Leibes angeschlossen, die kleinen Finger an der
Hosennaht, die Daumen auswrts gekehrt, ohne mir was ansehen zu lassen,
obgleich ich heftig bewegt war; denn in diesem Augenblicke war es mir, als ob
sich mir das Herz in der Brust wenden wollte. Als wir endlich das Gesicht wieder
der Strae zukehrten, nach den magebenden Zickzackgedanken im Gehirne des
Fhrers, verschwand der Wagen eben in weiter Ferne.
    Glcklicherweise ging man nun auseinander, und indem ich mich sogleich
entfernte und die Einsamkeit suchte, fhlte ich, da jetzt der erste Teil meines
Lebens fr mich abgeschlossen sei und ein anderer beginne.
    In diesem Frhling traf es sich noch, da ich mich zugleich in anderer Weise
zum ersten Mal als Brger geltend machen durfte, indem eine Integral-Erneuerung
der gesetzgebenden Behrde und die von dieser abhngige Erneuerung der
verwaltenden und richterlichen Gewalt vor sich ging und die Wahlen dazu
festgesetzt waren.
    Als ich mich aber, hiezu aufgefordert, in einige Vorversammlungen und
endlich am ersten Maisonntage in die Kirche begab, um meine Stimme abzugeben,
fand ich darin nicht jene Erhebung, auf welche ich mich schon lange gefreut,
obgleich ich von den immer noch lebensfrohen Freunden meines Vaters tapfer
begrt und aufgemuntert wurde. Ich sah, da alle anderen jungen Leute, die zum
ersten Mal hier erschienen, als Handwerker, Kaufleute oder Studierende entweder
schon selbstndig oder durch ihre Vter oder durch einen bestimmten, nahe
gesteckten Zweck mit der ffentlichen Wohlfahrt in einem klaren und sichern
Zusammenhang standen; und wenn selbst diese Jnglinge sich hchst bescheiden und
still verhielten bei der Ausbung ihres Rechtes, so mute ich dies noch weit
mehr tun und sogar von einer gewissen khlen Schchternheit befangen werden, da
ich noch gar nicht absah, wie bald und auf welche Weise ich ein ntzliches und
wirksames Glied dieser Gesamtheit werden wrde. Bis jetzt war durch mich noch
nicht ein Bissen Brot in die Welt gekommen, und mein bisheriges Treiben hatte
mich weit von dem betriebsamen Verkehr abgefhrt; ich gab also ohne groen
Aufwand von Gefhlen meine Erstlingsstimme in ffentlichen Dingen, mehr um
einstweilen mein Recht zu wahren und dasselbe blo andeutungsweise einmal
auszuben, ehe ich in die Weite ging, um erst etwas zu werden. Indessen
betrachtete ich mit Vergngen die versammelten Mnner und ihr Behaben und freute
mich an ihnen sowohl wie an den zahllosen Blten, welche berall die Erde
bedeckten, und an dem blauen Maihimmel, welcher ber alle sich ausspannte.
    Mein einziges Trachten ging aber von nun an dahin, so bald als mglich ber
den Rhein zu gelangen, und um mir bis dahin die Stunden zu verkrzen, habe ich
mir diese Schrift geschrieben.

                           Ende der Jugendgeschichte

                                Viertes Kapitel


Das zweite Jahr ging seinem Ende entgegen, seit Heinrich in der deutschen
Hauptstadt, dem Sitze eines vielseitigen Kunst-, Gelehrten- und Volkslebens,
sich aufhielt, mitten in einem Zusammenflusse von Fremden aller Gegenden in und
auer Deutschland. Er hatte Lngst sein Sammetbarett und den beschnrten grnen
Rock abgelegt und ging in schlichten Kleidern und mit einem Hute, der nur durch
etwas breitere Krempen und durch die sorglose Art, mit welcher er behandelt und
getragen wurde, den Knstler bezeichnete. Aber desto tiefer hatte sich der
inwendige grne Heinrich das Barettchen in die Augen gezogen und in das
nrrische Rckchen eingeknpft, und wenn unser Held in der groen Stadt rasch
die Freiheit und Sicherheit der uerlichen Bewegung unter den vielen jungen
Leuten angenommen hatte, so verkndete dagegen sein selbstvergessenes und wie im
Traume blitzendes Auge, da er nicht mehr der durch Einsamkeit frh reife und
unbefangene Beobachter seiner selbst und der Welt war, wie er sich in seiner
Jugendgeschichte gezeigt, sondern da er von der Gewalt einer groen
Nationalkultur, wie diese an solchem Punkte und zu dieser Zeit gerade bestand,
gut oder schlecht, in ihre Kreise gezogen worden. Er schwamm tapfer mit in
dieser Strmung und hielt vieles, was oft nur Liebhaberei und Ziererei ist, fr
dauernd und wohnlich, dem man sich eifrig hingeben msse. Denn wenn man von
einer ganzen Menge, die eine eigene technische Sprache dafr hat, irgendeine
Sache ernsthaft und fertig betreiben sieht, so hlt man sich leicht fr
geborgen, wenn man dieselbe nur mitspielen kann und darf.
    Da ihn aber dennoch irgendein Gefhl ahnen lie, da auch diese Zeit mit
ihren Anregungen vorbergehen werde, so gab er sich nur mit einem bittersen
Widerstreben hin, von dem er nicht wute, woher es kam. Heinrich war ausgezogen,
die groe Germania selbst zu kssen, und hatte sich statt dessen in einem der
schimmernden Haarnetze gefangen, mit welchen sie ihre seltsamen Shne zu
schmcken pflegen.
    Sein tglicher Umgang bestand in zwei Genossen, welche, gleich ihm vom
uersten Saume deutschen Volkstumes herbeigekommen, in verschiedener und doch
hnlicher Lage sich befanden. Der Zufall welcher das Kleeblatt zusammengefhrt,
schien bald ein notwendiges Gesetz zu sein, so sehr gewhnten sie sich
aneinander.
    Der erste und hervorragendste an krperlicher Gre und Wohlgestalt war
Erikson, ein Kind der nrdlichen Gewsser, ein wahrer Riese, welcher selbst
nicht wute, ob er eigentlich ein Dne oder ein Deutscher sei, indessen gern
deutsch gesinnt war, wenn er um diesen Preis den groen Stock der Deutschen,
gewissermaen das Reich der Mitte, wie er es nannte, als charakterlos und aus
der Art geschlagen tadeln durfte. Er war ein vollkommener Jger, ging stets in
rauher Jgertracht und hielt sich hufig auf dem Lande, im Gebirge auf, um
Birkhhner zu schieen, sich in der Gemsjagd zu versuchen oder sich selbst den
Mnnern des Gebirges anzuschlieen, wenn sie nach einem seltenen Bren auszogen.
Alle Vierteljahr malte er regelmig ein Bildchen vom allerkleinsten Mastabe,
nicht grer als sein Handteller, das in einem oder anderthalb Tagen fertig war.
Diese Bildchen verkaufte er jedesmal ziemlich teuer, und aus dem Erlse lebte er
und rhrte dann keinen Pinsel wieder an, bis die Barschaft zu Ende ging. Seine
kleinen Werke enthielten weiter nichts als ein Sandbord, einige Zaunpfhle mit
Krbissen oder ein paar magere Birken mit einem blassen schwindschtigen
Wlkchen in der Luft. Warum sie den Liebhabern gefielen und wie er selbst dazu
gekommen, sie zu malen, wute er nicht zu sagen und niemand. Erikson war nicht
etwa ein schlechter Maler, dazu war er zu geistreich; er war gar kein Maler. Das
wute er selbst am besten, und aus humoristischer Verzweiflung verhllte er die
Nchternheit und Drre seiner Erfindungen und seine gnzliche Unproduktivitt
mit so verzwickten zierlichen Pinselstrichen, geistreichen Schwnzchen und
Schnrkelchen, da die reichen Kenner ihn fr einen ausgesuchten Kabinettsmaler
hielten und sich um seine seltsamen Arbeiten stritten. Seine grte,
tiefsinnigste Kunst, und von wahrhaftem Verdienst, bestand in der weisen
komonie, mit welcher er seine Bildchen so anzuordnen wute da weder durch den
Gegenstand noch durch die Beleuchtung Schwierigkeiten erwuchsen und die
Inhaltlosigkeit und Armut als elegante Absichtlichkeit erschienen. Aber trotzdem
waren jedesmal die anderthalb Tage Arbeit ein hllisches Fegefeuer fr den
biedern Erikson. Seine Hnengestalt, die sonst nur in ruhig krftiger Tat sich
bewegte, ngstigte sich alsdann in peinlicher Unruhe vor dem kleinen Rhmchen,
das er bemalte; er stie mchtige Rauchwolken aus der kurzen Jgerpfeife, welche
ihm an den Lippen hing, seufzte und sthnte, stand hundertmal auf und setzte
sich wieder und klagte, rief oder brummte O heiliges Donnerwetter! Welcher
Teufel mute mir einblasen, ein Maler zu werden! Dieser verfluchte Ast! Da hab
ich zuviel Laub angebracht, ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche
Masse Baumschlag zusammenbringen! Welcher Hafer hat mich gestochen, da ich ein
so kompliziertes Gestruch wagte? O Gott, o Gott, o Gott, o Gott! O wr ich, wo
der Pfeffer wchst! ei, ei, ei, ei! Das ist eine saubere Geschichte - wenn ich
nur diesmal noch aus der Tinte komme! Oh! warum bin ich nicht zu Hause geblieben
und ein ehrlicher Seemann geworden!
    Dann fing er aus Verzweiflung an zu singen, denn er sang so schn und
gewaltig wie ein alter Seeknig, und sang mit mchtiger Stimme:

O war ich auf der hohen See
Und se fest am Steuer!

Er sang Lied auf Lied, Trinklieder, Wanderlieder, Jagdlieder, der Glanz und Duft
der Natur kam ber ihn, er pinselte in seiner Angst khn darauf los, und seine
winzige Schilderei erhielt zuletzt wirklich einen gewissen Zauber. War das
Bildchen fertig, so versah es Erikson mit einem prachtvollen goldenen Rahmen,
sendete es weg, und sobald er die gewichtigen Goldstcke in der Tasche hatte,
htete er sich, an die berstandenen Leiden zu denken oder von Kunst zu
sprechen, sondern ging unbekmmert und stolz einher, war ein herrlicher Kumpan
und Zechbruder und machte sich bereit, ins Gebirge zu ziehen, aber nicht mit
Farben und Stift, sondern mit Gewehr und Schrot.
    Der Hervorragendste an feinem Geiste und berlegenem Knnen in dem Bunde war
ein Hollnder aus Amsterdam, namens Ferdinand Lys, ein junger Mann mit
anmutigen, verfhrerischen Gesichtszgen, der letzte Sprling einer reichen
Handelsfamilie, ohne Eltern und Geschwister, schon frh in der Welt
alleinstehend und von halb schwermtiger, halb lebenslustiger Gemtsart, gewandt
und selbstndig und wegen des Zusammentreffens seines groen Reichtumes, seiner
Einsamkeit und seines genudrstigen Witzes ein groer Egoist.
    Whrend mehrerer Jahre, welche Ferdinand in der Werkstatt eines berhmten
genialen Meisters zugebracht, hatte sich sein glnzendes Talent immer bestimmter
und siegreicher hervorgetan; indem er sich eifrig und aufrichtig der neuen
deutschen Kunst anschlo, schrieb er mit seiner Kohle schon fast ebenso schn
und sicher wie der Meister auf den Karton die menschliche Gestalt, nackt oder
bekleidet, in einem Zuge, langsam, fest und edel, gleich dem Zuge des Schwanes
auf dem glatten Wasserspiegel. Ebenso zeigte er sich in Aneignung und
Verstndnis der Farbe von Tag zu Tag blhender und mnnlicher, und die seltene
Reife in der Vereinigung beider Teile berraschte jedermann, erwarb ihm die
Achtung von Alten und Jungen und erweckte die grten Hoffnungen, wenn Erfahrung
und Jahre ihm auch den tiefern Inhalt und das Ziel fr diese glnzenden
Fortschritte brchten.
    Als Ferdinand aber von einem vorlufigen einjhrigen Aufenthalt in Italien
zurckkehrte, war er wie umgewandelt. Er zerri alle seine frheren Entwrfe und
Skizzen von Schlachten, Staatsaktionen, mythologischen Inhalts und diejenigen,
welche nach Dichtungen gebildet waren, was er alles in seiner alten Wohnung
aufgehuft fand, in tausend Stcke und lie nichts bestehen als seine schnen
musterhaften Studien nach der Natur und seine Kopien nach den alten Italienern.
Eh er nach Rom gegangen, war er ein stolzer und sprder Jngling, der mit
jugendlichem Ernste nach dem Ideale der alten herkmmlichen groen Historie
strebte und von Zeit und Leben keine Erfahrung hatte. Italien, seine Luft und
seine Frauen lehrten ihn, da Form, Farbe und Glanz nicht nur fr die Leinwand,
sondern auch zum lebendigen Gebrauch gut und dienlich seien. Er wurde ein
Realist und gewann von Tag zu Tag eine solche Kraft und Tiefe in der Empfindung
des Lebens und des Menschlichen, da die berlieferungen seiner Jugend und
Schlerzeit dagegen erbleichen muten. Wohl drngte sich diese Kraft gleich in
die Malerhand; aber indem er mit gewissenhaftem Fleie sich in die Werke der
Alten vertiefte, mute er sich berzeugen, da diese groen Realisten schon
alles getan, was in unserm Jahrtausend vielleicht berhaupt erreicht werden
konnte, und da wir einstweilen weder so erfinden und zeichnen werden wie
Raffael und Michelangelo noch so malen wie die Venezianer. Und wenn wir es
knnten, sagte er sich, so htten wir keinen Gegenstand dafr. Wir sind wohl
etwas, aber wir sehen wunderlicherweise nicht wie etwas aus, wir sind bloes
bergangsgeschiebe. Wir achten die alte Staats-und religise Geschichte nicht
mehr und haben noch keine neue hinter uns, die zu malen wre, das Gesicht
Napoleons etwa ausgenommen; wir haben das Paradies der Unschuld, in welchem jene
noch alles malen konnten, was ihnen unter die Hnde kam, verloren und leben nur
in einem Fegefeuer. Wenigstens war es bei ihm wirklich der Fall. Lys ghnte
schon, wenn er von weitem ein historisches, allegorisches oder biblisches Bild
sah, war es auch von noch so gebildeten und talentvollen Leuten gemacht, und
rief Der Teufel soll den holen, welcher behauptet, ergriffen zu sein von dieser
Versammlung von Brten und Nichtbrten, welche die Arme ausrecken und
gestikulieren! Von dem Anlehnen des Malers an die Dichtung oder gar an die
Geschichte der Dichtung wollte er jetzt auch nichts mehr wissen; denn seine
Kunst sollte nicht die Bettlerin bei einer anderen sein. Alle diese Widersprche
zu berwinden und ihnen zum Trotz das darzustellen, was er nicht fhlte noch
glaubte, aber es durch die Energie seines Talentes doch zum Leben zu bringen,
nur um zu malen, dazu war er zu sehr Philosoph und, so seltsam es klingen mag,
zu wenig Maler.
    So schlo er sich nach seiner Rckkehr ab, malte nur wenig und langsam, und
was er malte, war wie ein Tasten nach der Zukunft, ein Suchen nach dem
ruhevollen Ausdruck des menschlichen Wesens, in dem Beseligtsein in seiner
eigenen krperlichen Form, sei sie von Lust oder Schmerz durchdrungen. Er malte
am liebsten schne Weiber nach der Natur oder solche mnnliche Kpfe, deren
Inhaber Geist, Charakter und etwas Erlebnis besaen. Die wenigen Bilder, welche
er jahrelang unvollendet und doch mit groem Reiz bergossen bei sich stehen
hatte, enthielten einzelne oder wenige Figuren in ruhiger Lage, und zuletzt
verfiel er ganz auf einen Kultus der Persnlichkeit, dessen naive Andacht,
verbunden mit der berlegenheit des Machwerkes, allein das Lachen der anderen
verhindern konnte. Dieser Kultus, heie Sinnlichkeit und eine geheimnisvolle
Trauer waren ziemlich die Elemente seiner Ttigkeit.
    Er hatte drei oder vier Bilder, die er nie ganz vollendete, die niemand
auer seinen nchsten Freunden zu sehen bekam, aber auf jeden, welcher sie sah,
einen immer neuen tiefen Eindruck machten. Das erste war ein Salomo mit der
Knigin von Saba. Es war ein Mann von wunderbarer Schnheit, der sowohl das
Hohelied gedichtet als geschrieben haben mute Es ist alles eitel unter der
Sonne! Die Knigin war als Weib, was er als Mann, und beide, in reiche, ppige
Wnder gehllt, saen allein und einsam sich gegenber und schienen, die
brennenden Augen eines auf das andere geheftet, in heiem, fast feindlichem
Wortspiele sich das Rtsel ihres Wesens, der Weisheit und des Glckes
herauslocken zu wollen. Das Merkwrdige dabei war, da der schne Knig in
seinen Gesichtszgen ein zehnmal verschnter und verstrkter Ferdinand Lys zu
sein schien.
    Ein anderes Bild stellte einen Hamlet dar, aber nicht nach einer Szene des
groen Trauerspieles, sondern als Portrt und so, als ob ein anachronischer van
Dyck den Prinzen in seinen Staatsgewndern gemalt htte, ganz jung, blhend und
hoffnungsvoll, und doch mit seinem ganzen Schicksal schon um Stirn und Augen.
Dieser Hamlet glich ebenfalls stark dem Maler selbst.
    Obgleich im strengsten Stil gehalten, machte doch einen berwltigenden,
verfhrerischen Eindruck eine Knigin, welche, schon von jeder Hlle entblt,
eben mit dem Fu in einen klaren Bach zum Bade tritt und vergessen hat, ihre
goldene Krone vom Haupte zu tun. So trat sie, mit derselben geschmckt, dem
Beschauer gerade entgegen, jeder Zoll ein majesttisches Weib, aus einem
Lorbeergebsch hervor, den ruhigen Blick auf das khle Wasser gesenkt. Dies
Bild, so gewaltig es war, war doch, mit wahrhaft klassischer Liebe und
Kindlichkeit ausgeschmckt und ausgefhrt. Das Beiwerk, die glnzenden Steine im
Bach, die durchsichtigen spielenden Wellen, die stahlblauen Libellen darber,
die Blumen am Ufer, die Lorbeerbumchen und endlich die Wolken am tiefblauen
Himmel, alles war so frisch und leuchtend und doch so streng und fromm geformt,
da die sinnliche Gewalt, welche auf den reichen Gliedern der Hauptfigur
herrschte, auf dem heiligsten Rechtsboden zu stehen schien.
    Das Hauptbild aber, und auf welches er den meisten Flei verwandte, war eine
grere Komposition, deren Veranlassung die Psalmworte gegeben Wohl dem, der
nicht sitzet auf der Bank der Sptter! Auf einer halbkreisfrmigen Steinbank in
einer rmischen Villa, unter einem Rebendache, saen vier bis fnf Mnner in der
Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, einen antiken Marmortisch vor sich, auf
welchem Champagner in hohen venezianischen Glsern perlte. Vor dem Tische, mit
dem Rcken gegen den Beschauer gewendet, sa einzeln ein ppig gewachsenes
junges Mdchen, festlich geschmckt, welches eine Laute stimmt und, whrend sie
mit beiden Hnden damit beschftigt ist, aus einem Glase trinkt, das ihr der
nchste der Mnner, ein kaum neunzehnjhriger Jngling, an den Mund hlt. Dieser
sah beim lssigen Hinhalten des Glases nicht auf das Mdchen, sondern fixierte
den Beschauer, indessen er sich zu gleicher Zeit an einen silberhaarigen Greis
mit kahler Stirn und rtlichem Gesicht lehnte. Der Greis sah ebenfalls auf den
Beschauer und schlug dazu spttisch mutwillig Schnippchen mit der einen Hand,
indessen die andere sich gegen den Tisch stemmte. Er blinzelte ganz verzwickt
freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines Neunzehnjhrigen,
indessen der Junge, mit trotzig schnen Lippen, mattglhenden schwarzen Augen
und unbndigen Haaren, deren Ebenholzschwrze durch den verwischten Puder
glnzte, die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen schien. Auf der Mitte
der Bank, deren hohe, zierlich gemeielte Lehne man durch die Lcken bemerkte,
sa ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst, welcher mit offenbarem Hohne,
die Nase verziehend, aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch noch
beleidigender machte, da er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose das
Ansehen gab, als wolle er denselben gutmtig verhehlen. Auf diesen folgte ein
stattlicher ernster Mann; dieser blickte ruhig, fast schwermtig, aber mit
mitleidigem, bedauerlichem Spott drein, und endlich schlo den Halbkreis, dem
Jngling gegenber, ein eleganter Abb in seidener Soutane, welcher, wie eben
erst aufmerksam gemacht, einen forschenden stechenden Blick auf den Beschauer
richtete, whrend er eine Prise in die Nase drckte und in diesem Geschft einen
Augenblick anhielt, so sehr schien ihn die Lcherlichkeit, Hohlheit oder
Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu heillosen Witzen aufzufordern.
So waren alle Blicke, mit Ausnahme derer des Mdchens, auf den gerichtet,
welcher vor das Bild trat, und sie schienen mit unabwehrbarer Durchdringung jede
Selbsttuschung, Halbheit, Schwrmerei, jede verborgene Schwche, jede unbewute
Heuchelei aus ihm herauszufischen oder vielmehr schon entdeckt zu haben. Auf
ihren eigenen Stirnen und ber ihren Augen, um ihre Mundwinkel ruhte zwar
unverkennbare Hoffnungslosigkeit; aber trotz ihrer Marmorblsse, die alle, ohne
den rtlichen Greis, berzog, staken sie in einer so unverwstlichen muntern
Gesundheit, und der Beschauer, der nicht ganz seiner bewut war, befand sich so
bel unter diesen Blicken, da man eher versucht war auszurufen Weh dem, der da
steht vor der Bank der Sptter! und sich gern in das Bild hineingeflchtet
htte.
    Waren nun Absicht und Wirkung dieses Bildes durchaus verneinender Natur, so
war dagegen die Ausfhrung mit der positivsten Lebensessenz getrnkt. Jeder Kopf
zeigte eine inhaltvolle eigentmlichste Individualitt und war fr sich eine
ganze tragische Welt oder eine Komdie und nebst den schnen arbeitlosen Hnden
vortrefflich beleuchtet und gemalt. Die gestickten Kleider der wunderlichen
Herren, der grne Sammet und der rote Atlas an der reichen Tracht des Weibes,
ihr blendender Nacken, die Korallenschnur darum, ihre von Perlenschnren
durchzogenen schwarzen Zpfe und Locken, die goldene sonnige Bildhauerarbeit an
dem alten Marmortische, die Glser mit den aufschumenden Perlen, selbst der
glnzende Sand des Bodens, in welchen sich der reizende Fu des Mdchens
drckte, diese zarten weien Knchel im rotseidenen Schuh alles dies war so
zweifellos, breit und sicher und doch ohne alle Manier und Unbescheidenheit,
sondern aus dem reinsten naiven Wesen der Kunst und aus der Natur heraus gemalt,
da der Widerspruch zwischen diesem freudigen, kraftvollen Glanz und dem
kritischen Gegenstand der Bilder die wunderbarste Wirkung hervorrief. Dies klare
und frohe Leuchten der Formenwelt war Antwort und Vershnung, und die ehrliche
Arbeit, das volle Knnen, welche ihm zugrunde lagen, waren der Lohn und Trost
fr den, der die skeptischen Blicke der Sptter nicht zu scheuen brauchte oder
sie tapfer aushielt.
    Lys nannte dies Bild seine hohe Kommission, seinen Ausschu der
Sachverstndigen, vor welchen er sich selbst zuweilen mit zerknirschtem Herzen
stelle; auch fhrte er manchmal einen armen Snder, dessen gezierte Gefhligkeit
und Weisheit nicht aus dem lautersten Himmel zu stammen schien, vor die
Leinwand, wo dann der Kauz mit seltsamem, etwas einfltigem Lcheln seine Augen
irgendwo unterzubringen suchte und machte, da er bald davonkam.
    Heinrich wurde von seinen beiden Freunden und anderen Gesellen auch hier der
grne Heinrich genannt, da er sie einst mit diesem Titel bekannt gemacht, und er
trug ihn, wie man ihn gab, um so lieber, als er seiner grnen Bume und seiner
hoffnungsvollen Gesinnung wegen denselben wohl zu verdienen schien und sich
berdies heimatlich dadurch berhrt fhlte. brigens war er, wie es einst der
unglckliche Rmer prophezeit, richtig in den Hafen der gelehrten und
stilisierten Landschaften eingelaufen und gab sich, indem er seit seinem
Hiersein nicht mehr aus den Mauern der groen Stadt gekommen, rckhaltlos einem
Spiritualismus hin, welcher seinen grnen, an den frischen Wald erinnernden
Namen fast zu einem bloen Symbol machte.
    Sobald er die angehuften Kunstschtze der Residenz und dasjenige, was von
Lebenden tglich neu ausgestellt wurde, gesehen, auch sich in den Mappen einiger
junger Leute umgeschaut, welche aus poetischen Schulen herkamen, ergriff er
sogleich diejenige Richtung, welche sich in reicher und bedeutungsvoller
Erfindung, in mannigfaltigen, sich kreuzenden Linien und Gedanken bewegt und es
vorzieht, eine ideale Natur fortwhrend aus dem Kopfe zu erzeugen, anstatt sich
die tgliche Nahrung aus der einfachen Wirklichkeit zu holen.
    Der Verfasser dieser Geschichte fhlt sich hier veranlat, sich
gewissermaen zu entschuldigen, da er so oft und so lange bei diesen
Knstlersachen und Entwickelungen verweilt, und sogar eine kleine Rechtfertigung
zu versuchen. Es ist nicht seine Absicht, sosehr es scheinen mchte, einen
sogenannten Knstlerroman zu schreiben und diese oder jene Kunstanschauungen
durchzufhren, sondern die vorliegenden Kunstbegebenheiten sind als reine
gegebene Facta zu betrachten, und was das Verweilen bei denselben betrifft, so
hat es allein den Zweck, das menschliche Verhalten, das moralische Geschick des
grnen Heinrich und somit das Allgemeine in diesen scheinbar zu absonderlichen
und berufsmigen Dingen zu schildern. Wenn oft die Klage erhoben wird, da die
Helden mancher Romane sich eigentlich mit nichts beschftigen und durch einen
andauernden Miggang den fleiigen Leser rgern, so drfte sich der Verfasser
sogar noch beglckwnschen, da der seinige wenigstens etwas tut, und wenn er
auch nur Landschaften verfertigt. Das Handwerk hat einen goldenen Boden und ganz
gewi in einem Romane ebensowohl wie anderswo. brigens ist nur zu wnschen, da
der weitere Verlauf die Endabsicht klarmachen und der aufmerksame Leser
inzwischen solche Stellen dulden und von besagtem Standpunkte aus ansehen mge.
    Also Heinrich versenkte sich nun ganz in jene geistreiche und symbolische
Art. Da er seine Jugendjahre meistens im Freien zugebracht, so bewahrte er in
seinem Gedchtnisse, untersttzt von einer lebendigen Vorstellungskraft und
seinen alten Studienblttern, eine ziemliche Kenntnis der grnen Natur, und
dieser Jugendschatz kam ihm jetzt gut zustatten; denn von ihm zehrte er diese
ganzen Jahre. Aber dieser Vorrat blate endlich aus, man sah es an Heinrichs
Bumen; je geistreicher und gebildeter diese wurden, desto mehr wurden sie grau
oder brunlich, statt grn; je knstlicher und beziehungsreicher seine
Steingruppierungen und Steinchen sich darstellten, seine Stmme und Wurzeln,
desto blasser waren sie, ohne Glanz und Tau, und am Ende wurden alle diese Dinge
zu bloen schattenhaften Symbolen, zu gespenstigen Schemen, welche er mit wahrer
Behendigkeit regierte und in immer neuen Entwrfen verwandte. Er malte berhaupt
nur wenig und machte selten etwas ganz fertig; desto eifriger war er dahinter
her, in Schwarz oder Grau groe Kartons und Skizzen auszufhren, welche immer
einen bestimmten, sehr gelehrten oder poetischen Gedanken enthielten und sehr
ehrwrdig aussahen.
    Und merkwrdigerweise waren diese Gegenstnde fast immer solche, deren Natur
er nicht aus eigener Anschauung kannte, ossianische oder nordisch mythologische
Wsteneien, zwischen deren Felsenmlern und knorrigen Eichenhainen man die
Meereslinie am Horizonte sah, dstere Heidebilder mit ungeheuren Wolkenzgen, in
welchen ein einsames Hnengrab ragte, oder frmliche Kulturbilder, welche etwa
einen deutschen Landstrich im Mittelalter, mit gotischen Stdtchen, Brcken,
Klstern, Stadtmauern, Galgen, Grten, kurz ein ganzes Weichbild aus einem
andern Jahrhundert ausbreiteten, endlich sogar hochtragische Szenen aus den
letzten Bewegungen der Erdoberflche, wo dann die rstige Reikohle gnzlich in
Hypothesen hin und wider fegte.
    Da Heinrich, dem doch so frh ein guter Sinn fr das Wahre und Natrliche
aufgegangen war, sich dennoch so schnell und anhaltend diesem knstlichen und
absonderlichen Wesen hingeben konnte, davon lag einer der Grnde nahe genug.
    Er hatte von Jugend auf, seit er kaum sein inneres Auge aufgetan, alle
berlieferung und alles Wunder von sich gestoen und sich einem selbstgemachten,
manchmal etwas flachen Rationalismus hingegeben, wie ihn eben ein sich selbst
berlassener Knabe einseitig gebren kann.
    In dem zweifelhaften Lichte dieser Aufklrung stand einsam und unvermittelt
sein Gott, ein wahrer Diamantberg von einem Wunder, in welchem sich die Zustnde
und Bedrfnisse Heinrichs abspiegelten und in flchtigen Regenbogenfarben
ausstrahlten. Er glaubte diesen Diamantfels ureigen in seiner Menschenbrust
begrndet und angeboren, weil unvorbereitet und ungezwungen ein inniges und
tiefes Gefhl der Gottheit ihn erfllte, sobald er nur einen Blick an den
Sternenhimmel warf oder Bedrfnis und Verwirrung ihn drngten.
    Er wute oder bedachte aber nicht, da das Angeborne eines Gedankens noch
kein Beweis fr dessen Erfllung ist, sondern ein bloes Ergebnis der langen
Fortpflanzung in den Geschlechtsfolgen sein kann; wie es denn wirklich sittliche
oder unsittliche Eigenschaften gibt, welche sich unbestritten in einzelnen
Familien wie in ganzen Stmmen fortpflanzen und oft ganz nah an das Gebiet der
Ideen streifen, aber dennoch nicht unaustilgbar sind. Es ist wahrscheinlich, da
die angelschsische Rasse nahezu lange genug frei gewesen ist, um das
Freiheitsgefhl physisch angeboren zu besitzen, ohne es deswegen fr alle
Zukunft gesichert zu haben, whrend den Russen die Zusammenfassung und
Verherrlichung der Nationalitt in einer absoluten und despotischen Person und
der daraus entspringende Unterwrfigkeitstrieb ebensowohl angeboren ist, ohne
deswegen unsterblich zu sein. Da also beide, der Freiheitssinn sowohl wie das
Untertanenbewutsein, im Menschen angeboren vorkommen, so kann keines sich
darauf berufen, um sich als die unbedingte Wahrheit darzustellen; aber beide
bestehen in der Tat um so krftiger, als ihr Dasein eben die Frucht
tausendjhrigen Wachstumes ist.
    Wo nun der Fall eintritt, da der Gegenstand eines angeborenen Glaubens und
Fhlens, welches durch Jahrtausende sich im Blut berliefert, auer dieser
krperlichen Welt sein soll, also gar nicht vorhanden ist, da spielt das
erhabenste Trauer- und Lustspiel, wie es nur die ganze Menschheit mit allen, die
je gelebt haben und leben, spielen kann und zu dessen Schauen es wirklicher
Gtter bedrfte, wenn nicht eben diese Menschheit aus der gleichen Gemtstiefe,
aus welcher sie die groe Tragikomdie dichtete, auch das volle Verstndnis zum
Selbstgenu schpfen knnte.
    Zahllos sind die Verschlingungen und Variationen des uralten Themas und
erscheinen da am seltsamsten und merkwrdigsten, wo sie mit Bildung und
Sinnigkeit verwebt sind.
    Weil Heinrich auf eine unberechtigte und willkrliche Weise an Gott glaubte,
so machte er unter anderm auch allegorische Landschaften und geistreiche, magere
Bume; denn wo der wunderttige Spiritualismus im Blute steckt, da mu er trotz
Aufklrung und Protestation irgendwo heraustreten. Der Spiritualismus ist
diejenige Arbeitsscheu, welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der
Erfahrungen und berzeugungen hervorgeht und den Flei des wirklichen Lebens
durch Wunderttigkeit ersetzen, aus Steinen Brot machen will, anstatt zu ackern,
zu sen, das Wachstum der hren abzuwarten, zu schneiden, dreschen, mahlen und
zu backen. Das Herausspinnen einer fingierten, knstlichen, allegorischen Welt
aus der Erfindungskraft, mit Umgehung der guten Natur, ist eben nichts anderes
als jene Arbeitsscheu; und wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen
Tag schreiben, dichten, malen und operieren, so ist dies alles nur Trgheit
gegenber derjenigen Ttigkeit, welche nichts anderes ist als das notwendige und
gesetzliche Wachstum der Dinge. Alles Schaffen aus dem Notwendigen und
Wirklichen heraus ist Leben und Mhe, die sich, selbst verzehren, wie im Blhen
das Vergehen schon herannaht; dies Erblhen ist die wahre Arbeit und der wahre
Flei; sogar eine simple Rose mu vom Morgen bis zum Abend tapfer dabeisein mit
ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das Welken. Dafr ist sie aber eine
wahrhaftige Rose gewesen.
    Es war so artig und bequem fr Heinrich, da er eine so lebendige
Erfindungsgabe besa, aus dem Nichts heraus fort und fort schaffen,
zusammensetzen, binden und lsen konnte! Wie schn, lieblich und mhelos war
diese Ttigkeit, wie wenig ahnte er, da sie nur ein bertnchtes Grab sei, das
eine Welt umschlo, welche nie gewesen ist, nicht ist und nicht sein wird! Wie
wunderbar dnkte ihm die schne Gottesgabe des vermeintlichen Ingeniums, und wie
s schmeckte das Wunder dem rationellen, aber dankbaren Gottglubigen! Er wute
sich nicht recht zu erklren und ging darber hinweg, da sein Freund Lys, wenn
er nur einige Stunden in der Woche still und aufmerksam gemalt hatte, viel
zufriedener und vergngter schien, obgleich er ein arger Atheist war, als
Heinrich, wenn er die ganze Woche komponiert und mit der Kohle gedichtet. Desto
bescheiden wohlgeflliger nahm er die Achtung vieler jungen Deutschen hin,
welche sein tiefsinniges Bestreben lobten und ihn fr einen hchst respektablen
Scholaren erklrten.
    Warum Heinrich nicht auf dem krzesten Wege, durch das gute Beispiel
Ferdinands, das ihm so nahe war, zur gesunden Wahrheit zurckkehrte, fand seinen
Grund eben in der Verschiedenheit ihrer religisen Einsichten. Der Hollnder
hatte ohne besondere Aufregungen abgeschlossen und war ruhig; Heinrich griff ihn
bestndig an; aber Ferdinand setzte ihm jene Art von berlegenheit entgegen,
welche nicht sowohl aus der Wahrheit als aus der Harmonie der Grundstze mit dem
brigen Tun und Lassen entspringt, whrend Heinrich die Unruhe einer einzelnen,
verfrhten oder verspteten berzeugung uerte und sonderbarerweise, um dem
Spotte, an welchen vielleicht niemand dachte, zuvorzukommen, Scharfsinn und
Phantasie aufbot, Andersdenkende durch Witze in die Enge zu treiben. Wenn er vor
Ferdinands hoher Kommission, vor der gemalten Bank der Sptter, stand, so lachte
er den wunderlichen Kuzen ins Gesicht und freute sich ber sie; denn er hielt
sich wegen seines Rationalismus, auf den er sich gutmtig viel zu gut tat, halb
und halb von der Gesellschaft, bis ihn pltzlich die zornige Ahnung berkam, da
es auch auf ihn gemnzt wre, und der gute Lys, welcher Heinrich wirklich liebte
und wohl wute, da er nicht vor dies Tribunal gehre, mute dann hundert
Angriffe und Sarkasmen aushalten.
    Auer diesem Umstande verursachte noch ein anderer eine Ungleichheit
zwischen beiden Freunden. Lys, der wie Erikson um sechs bis sieben Jahre lter
war als Heinrich, liebte das Gluck bei den Weibern und sah, wo er es fand, ohne
bisher ein Gefhl fr Treue und bindende Dauer empfunden zu haben. Er war
hflich und aufmerksam gegen sie, ohne fr sie eine allzu groe Achtung in sich
zu beherbergen, whrend Heinrich zurckhaltend, scheu und fast grob gegen sie
war und doch eine herzliche Achtung fr jedes weibliche Wesen hegte, das sich
nur einigermaen zu halten wute. So seltsam vertraut und sinnlich sein Umgang
mit Judith gewesen, hatte ihn doch der Instinkt der Jugend und die ganze Lage
der Dinge vor dem uersten bewahrt, und diese Rettung, auf die er sich nun mit
der Koketterie der Zwanzigjhrigen viel zugute tat, betrachtete er nun als ein
zu erhaltendes Glck und als eine Erleichterung, dem reinern Andenken Annas
leben zu knnen. Denn obgleich er nun auch bereits merkte, da jenes jugendliche
Gelbde ein Traum gewesen sei, so war er doch weit entfernt, irgendeine neue
Liebe zu hoffen und nahe zu sehen, und seine Sehnsucht ging mit ihren Bildern
und Trumen daher immer in die Vergangenheit zurck. Dies gab seiner Denkungsart
etwas Zartes und Edles, welches er wirklich fhlte und ihn ber sich selbst
tuschte.
    Wenn daher Ferdinand die Weiber beurteilte wie ein Kenner eine Sache, wenn
er in galanten, eleganten und ausgesuchten, ja frivolen Dingen, Gertschaften,
Gesprchen und Gebruchen sich gefiel, wenn er wirklich auf ein Abenteuer
ausging oder von einem solchen erzhlte, so wurde Heinrich in seiner Gesinnung
betroffen und verlegen. Ferdinand besa ein mit einem Schlosse versehenes Album,
in welches er alle seine Liebesabenteuer in verschiedenen Lndern gezeichnet
hatte. Man erblickte die bald empfindsamen, bald leichtfertigen Schnen in den
verschiedensten Lagen, bald schmollend, zornig, weinend, bald bermtig und
zrtlich in Ferdinands Armen, diesen aber immer mit der grten Sorgfalt hnlich
gemacht bis auf die Kleidungsstcke, und nicht zu seinem Nachteile, whrend den
zornigen und schmollenden Schnen durch allerlei Schabernack, entblte Waden
oder triviale Faltenlagen in den Gewndern weniger ein Reiz als ein Anflug von
Lcherlichkeit und Erniedrigung gegeben war. Dies Buch konnte Heinrich nicht
ausstehen; sein Freund schien ihm darin sich selbst herabgewrdigt zu haben;
aber weit entfernt, mit ihm darber zu disputieren oder den Sittenrichter zu
spielen, lchelte er vielmehr dazu. Anders als in den religisen Fragen, wo er
die Existenz seines Bewutseins auf dem Spiele glaubte, zwang er sich hier, die
Art und Weise anderer gelten zu lassen und sie sogar anzuerkennen. Es war ein
Zeichen seiner gnzlichen geistigen Unschuld; denn bei mehr Erfahrung htte das
Verhltnis gerade umgekehrt sein mssen.
    Aber alles zusammengenommen bewirkte, da Heinrich glaubte, sich seinen
eigenen Weg in jeder Hinsicht freihalten zu mssen, und fr Ferdinands
knstlerisches Beispiel unzugnglich wurde, zumal in dessen fertiger und
bewuter Tchtigkeit etwas von der Keckheit und Erfahrungsreife, von dem
Liebesglcke Ferdinands zu liegen schien.
    Sonst waren die drei, Lys, Erikson und Heinrich, die besten Freunde von der
Welt, und jeder gab seinen Charakter in der unbefangensten Weise dem andern zum
besten. Sie waren um so lieber und unzertrennlicher zusammen, als noch ein
besonderes gemeinsames Band sie vereinigte. Jeder von ihnen stammte aus einer
Heimat, wo germanisches Wesen noch in ausgeprgter und alter Feste lebte in
Sitte, Sprachgebrauch und persnlichem Unabhngigkeitssinne; alle drei waren von
dem Sonderleben ihrer tchtigen Heimat abgefallen und zu dem groen Kern des
beweglichen deutschen Lebens gestoen, und alle drei hatten dasselbe, erstaunt
und erschreckt ber dessen Art, in der Nhe gesehen. Schon die Sprache, welche
der groe Haufen in Deutschland fhrt, war ihnen unverstndlich und beklemmend;
die tausend und aber tausend Entschuldigen Sie geflligst, Erlauben Sie
gtigst, Wenn ich bitten darf, Bitt' um Entschuldigung, welche die Luft
durchschwirrten und bei den nichtssagendsten Anlssen unaufhrlich verwendet
wurden, hatten sie in ihrem Leben nie und in keiner anderen Sprache gehrt,
selbst das Pardon Monsieur der hflichen Franzosen schien ihnen zehnmal krzer
und stolzer, wie es auch nur in dem zehnten Falle gebraucht wird, wo der
Deutsche jedesmal um Verzeihung bittet. Aber durch den dnnen Flor dieser
Hflichkeit brachen nur zu oft die harten Ecken einer inneren Grobheit und
Taktlosigkeit, welche ebenfalls ihren eigentmlichen Ausdruck hatten. Sie
erinnerten sich, niemals, weder in ihrer Heimat noch in fremden Sprachen, die in
Deutschland so gelufigen Gesellschaftsformeln gehrt zu haben Das verstehen
Sie nicht, mein Herr! Wie knnen Sie behaupten, da Sie nicht einmal zu wissen
scheinen! Das ist nicht wahr! oder so hufige leise Andeutungen im
freundschaftlichen Gesprche, da man das, was ein anderer soeben gesagt, fr
erlogen halte - welches wieder auf einen andern noch tiefern belstand schlieen
lie. Auch die allgemeine deutsche Autorittssucht, welche so wunderlich mit der
unendlichen Nachgiebigkeit und Unterwrfigkeit kontrastierte, machte einen
peinlichen Eindruck auf die Deutschen vom Grenzsaume des groen Volkes; einer
donnerte, die Vorteile seiner Stellung benutzend, den andern an, und wer niemand
mehr um sich hatte, den er anfahren, dem er imponieren konnte, der prgelte
seinen Hund. Recht eigentlich weh aber tat den Freunden die gegenseitige
Verachtung, welche sich die Sd- und Norddeutschen bei jeder Gelegenheit
angedeihen lieen und welche ihnen ebenso auf ganz grundlosen Vorurteilen zu
beruhen als schdlich schien. Bei Vlkerfamilien und Sprachgenossenschaften,
welche zusammen ein Ganzes bilden sollen, ist es ein wahres Glck, wenn sie
untereinander sich etwas aufzurcken und zu sticheln haben; denn wie durch alle
Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit, und das
Ungleiche und doch Verwandte hlt besser zusammen; aber es mu Gemt und
Verstand in dem Scherzkampfe sein und dieser zutreffend auf das wahre Wesen der
Gegenstze. Das, was die Nord- und Sddeutschen sich vorwerfen, ist tdlich
beleidigend, indem diese jenen das Herz, jene aber diesen den Verstand
absprechen, und zugleich kann es keine unbegrndetere und unbegreiflichere
Tradition und Meinung geben, die nur von wenigen der tchtigsten Mnner beider
Hlften nicht geteilt wird. Wo im Norden wahrer Geist ist, da ist immer und
zuverlssig auch Gemt, wo im Sden wahres Gemt, da auch Geist. Es gibt in
Norddeutschland Unwissende und Strohkpfe unter den Gebildeten und in
Sddeutschland unter den Bauern Witzbolde und Spekulanten. Wenn nun die drei so
oft hren muten, wie die Nordmnner die Sddeutschen fr einfltige Leutchen,
fr eine Art gemtlicher Duseler ausgaben, und diese ihre nordischen Brder
hinter dem Rcken anmaende Schwtzer und unertrgliche Prahlhnse schalten, so
schnitt ihnen dies widerliche Schauspiel ins Herz, weil sie gekommen waren, den
Herd des guten lebendigen deutschen Geistes zu finden, und nun eine groe
Waschkche voll unntzen Geplauders zu sehen glaubten.
    Wie es Fremdlingen oft zu ergehen pflegt, welche in einem Lande oder in
einer Stadt im Genusse des Gastrechtes zusammentreffen, da sie, dasselbe bel
vergeltend, Geist und Sitten, welche sie vorfinden, mit der entfernten Heimat
vergleichen und sich in gemeinsamem Tadel auf Kosten des gastlichen Landes
einigen, bertrieben auch die drei Freunde vielfach ihren Tadel, nachdem sie
einmal den Schmerz einer groen Enttuschung empfunden zu haben glaubten, und
sie redeten sich oft in einen groen Zorn hinein und sagten Deutschland
feierlich ab. Erikson sagte, er wolle seiner Zwitternatur ein Ende machen und
ein guter Dne werden; Lys behauptete, man msse an den Deutschen ihr Groes und
Eigentmliches benutzen und sich im brigen nichts um sie bekmmern; nur der
grne Heinrich hing mit seinem ganzen Herzen an Deutschland. Er schmhte es zwar
auch mit dem Munde und sprach vielleicht noch Strkeres als die anderen; er
sagte, da er vor allem aus Schweizer sei, wnsche er manchmal ein Welscher zu
sein, um nicht mehr deutsch denken zu mssen, und er sei beinahe versucht,
franzsisch schreiben und denken zu lernen. Aber gerade weil es ihm hiemit
bitterer Ernst war und mehr als den Freunden, war auch sein Verdru tiefer und
grndlicher. In der Sprache, mit der man geboren, welche die Vter gesprochen,
denkt man sein ganzes Leben lang, so fertig man eine andere spricht; und dies
anders zu wnschen, die Sprache, in der man sein Geheimstes denkt, vergessen zu
wollen, zeigt, wie tief man getroffen ist und wie sehr man gerade diese Sprache
liebt.
    Aber dessenungeachtet ward er mit jedem Tage trumerischer und deutscher und
baute alle Hoffnungen auf das Deutsche; denn seit er in Deutschland war, hatte
er die Krankheit berkommen, aller Einsicht zum Trotz das Gegenteil von dem zu
tun, was er sprach und Theorie und Praxis himmelweit voneinander zu trennen.

                                Fnftes Kapitel


Die beste Gelegenheit, ihren Unmut und Groll zu vergessen und sich wenigstens an
dem heraufbeschworenen Glanze frhe rer deutscher Herrlichkeit zu erheitern,
fanden sie, als die ganze reichgeartete Knstlerschaft sich zusammentat, um in
einem groen Schau-und Festzuge fr die kommende Faschingszeit ein Bild
untergegangener Reichsherrlichkeit zu schaffen; denn es war ein wirkliches
Schaffen, nicht mittelst Leinwand, Pinsel, Stein und Hammer, sondern wo man die
eigene Person als Stoff ein setzte und in vielhundertfltigem Zusammentun jeder
ein lebendiger Teil des Ganzen war und das Leben des Ganzen in jedem einzelnen
pulsierte, von Auge zu Auge strahlte und eine kurze Nacht sich selber zur
Wirklichkeit trumte.
    Es sollte das alte Nrnberg wiederauferweckt werden, wie es wenigstens in
beweglichen Menschengestalten sich darstellen konnte und wie es zu der Zeit war,
als der letzte Ritter, Kaiser Maximilian I., in ihm Festtage feierte und seinen
besten Sohn, Albrecht Drer, mit Ehren und Wappen bekleidete. In einem einzelnen
Kopfe entstanden, wurde die Idee sogleich von achthundert Mnnern und
Jnglingen, Kunstbeflissenen aller Grade, aufgenommen und als tchtiger
Handwerksstoff ausgearbeitet, geschmiedet und ausgefeilt, als ob es glte, ein
Werk fr die Nachwelt zu schaffen. Das Vollkommene hat in dem Augenblicke seinen
ganzen Wert, wo es geworden ist, und in diesem Augenblicke liegt eine Ewigkeit,
welche durch eine Dauer von Jahren nur weggespottet wird; die Knstler empfanden
daher in der sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine anhaltend wachsende
Lust und Geselligkeit, welche wohl von der Freude der eigentlichen Feststunden
berboten wurde, aber in der Erinnerung endlich der hellere und deutlichere Teil
vom Ganzen blieb.
    Der groe Festzug zerfiel in drei einzelne Hauptzge, von denen der erste
die nrnbergische Brger-, Kunst- und Gewerbswelt, der zweite den Kaiser mit
Reichsrittern und Helden und der dritte einen mittelalterlichen Mummenschanz
umfate, wie von der reichen Stadt dem gekrnten Gast etwa gegeben wurde. In
diesem letzten Teile, welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt
werden konnte, in welchem die in historische Vergangenheit sich Zurcktrumenden
mit den Sinnen dieser Vergangenheit das Mrchen und die Sage schauten, hatten
die drei Freunde ihren Raum gewhlt, um als verdoppelte Phantasiegebilde dem
Phantasiebilde der gestorbenen Reichsherrlichkeit vorzutanzen.
    Die Tchter, Schwestern und Brute vieler Knstler hatten sich artig und
froh ergeben, dem lebendigen Kunstwerke zum hchsten Schmucke zu gereichen, in
manchem Hause waren die Hnde geschftig, schne Frauenkrper in die weiblichen
Prachtgewnder der alten Reichsstadt zu kleiden, und es war nicht das geringste
Vergngen der Knstler, auch hier die Hand anzulegen und, die alten
Trachtenbcher und den Weikunig vor sich, in Stoff, Schnitt und Schmuck die
eigensinnigen Neigungen, den unkundigen Modegeschmack der Frauensleute im Zaum
zu halten. Wo Liebe mithalf, da spielte der anmutigste Roman in den Sammet- und
Goldstoffen und um die Perlenschnre, und manche zur Probe Vollgeschmckte
entzog sich den verlangenden Armen ihres augenseligen Geliebten mit einem
Lcheln, welches den weisen Sinn der Schnen verriet, da sie auf einen bessern
Augenblick zu hoffen wisse, wann Pauken und Trompeten ertnten und die
glnzenden Paarreihen sich schwngen.
    Heinrich sah solchem Glcke halb gleichgltig, halb sehnschtig zu und war,
als frei und ledig und mit seinen eigenen Sachen handlich und ohne Gerusch bald
fertig, anderen dienstbar in ihren vermehrten Geschften. Es war sein
mtterliches Erbteil, da er still und rasch seine eigene Person zu versehen und
zugleich alle Aufmerksamkeit anderen zu schenken wute. Solche Zge verknden
ein tchtiges Geblt und weit mehr ein wahrhaft gutes Herkommen als alle
angelernten Hflichkeiten und Anstandsformen. Wo sie sich, wie hier, in
unwichtigen Dingen, sogar nur in Sachen des Vergngens uern, whrend ihre
Ausbildung und Bettigung in den groen Lebenslagen stockt, da mu ein ernstes
Schicksal, eine tiefe Verirrung im Anzuge sein, welche sich nur dem unkundigen
Beobachter verbergen.
    Beide Freunde Heinrichs waren zwei reizenden Wesen fr das kommende Fest
verpflichtet. In einer vergessenen altertmlichen Gegend der Stadt lag ein ganz
kleiner, gevierter sonniger Platz, wo zwischen anderen ein schmales Huschen im
Renaissancestil zierlichst sich auszeichnete, in der Breite ein einziges Fenster
von den schnsten Verhltnissen zeigend. Beide Stockwerke bildeten zusammen
einen kleinen Turm oder eher ein Monument und waren durch den Gedanken der
Gliederung ein Ganzes; die wohlgefgten, von der Zeit geschwrzten Backsteine
zeigten eine scharfe und gediegene Arbeit, und selbst der Trklopfer von Erz,
welcher ein schlankes, den schmalen Leib khn hinausbiegendes Meerweibchen
vorstellte, verriet die Spuren vortrefflicher Knstlerarbeit. ber der
reichverzierten Tr ragte ein morgenlndisches Marienbild von schwarzem Marmor,
das auf einem stark im Feuer vergoldeten metallenen Halbmonde stand. So
erinnerte das Ganze an jene kleinen zierlichen Baudenkmler, welche einst groe
Herren fr irgendeine Geliebte, oder berhmte Knstler zu ihrem eigenen
Wohnsitze bauten. Hierher hatte Ferdinand seine Schritte zu lenken; denn in dem
reichgesimsten Fenster sah man ein dunkles Mdchenhaupt auf schmalem Krper
schwanken, wie eine Mohnblume auf ihrem Stengel. Die Witwe eines Malers aus der
vorhergegangenen Periode wohnte in dem Huschen, eines Malers, der zu seiner
Zeit oft genannt wurde, von welchem aber nirgends mehr die Werke zu finden
waren; sogar seine seltsame Witwe, die einst nur auerordentlich schn gewesen,
hatte das letzte Fetzchen gefrbter Leinwand weggerumt und dafr das alte Haus
inwendig bekleidet mit allen Erzeugnissen der Modenindustrie und den Spielereien
der Bequemlichkeit. Nur ihr pomphaftes Bildnis, wie der Verstorbene sie einst
als geschmckte Braut gemalt in aller ihrer Schnheit, bewahrte sie an einem
altarhnlichen Platze und betete das Bild unverdrossen an. Sonst war die
achtzehnjhrige Tochter Agnes der einzige sthetische Nachla des Mannes, und
man bedauerte bei ihrem Anblick den rmsten, da er dieses sein bestes Kunstwerk
nicht selber mehr sehen konnte, und man bedauerte um so tiefer, als die Witwe
gar kein Auge fr das liebliche Wunder zu haben schien, sondern, in die
Betrachtung ihrer eigenen frheren Schnheit versunken, die zarte Blume des
Kindes schwanken und blhen lie, wie sie eben wollte.
    Von einer Schulter zur andern, mit Inbegriff beider, war Agnes kaum eine
Spanne breit, aber Hals und Schultern waren bei aller Feinheit wie aus Elfenbein
gedrechselt und rund wie die zwei kleinen vollkommenen Brstchen und wie die
schlanken Arme, deren Ellbogen bei aller Schlnke ein anmutiges Grbchen
zeigten. Bis zu den Hften wurde der Leib immer schlangenartiger, und selbst die
Hften verursachten eine fast unmerkliche Wlbung; aber diese war so schn, da
sie beinahe mehr Kraft und Leben verriet als die breitesten Lenden. Das Gewand
sa ihr schn und sicher auf dem Leibe; sie liebte es ganz knapp zu tragen, so
da ihre ganze Schmalheit erst recht zutage trat, und doch berauschten sich die
Augen dessen, der sie sah, mehr in dieser Erscheinung als in den reichen Formen
eines ppigen Weibes, und wer einer vollen Schnheit kalt vorberging, glaubte
dies schmale Wesen augenblicklich in die Arme schlieen zu mssen. Auf solchem
schwanken Stengel aber wiegte sich die wunderbarste Blume des Hauptes. In dem
marmorweien Gesicht glnzten zwei groe dunkelblaue Augen und ein kirschroter
Mund, und das Rund des Gesichtes spitzte sich stark in dem kleinen reizenden
Kinne zu, und doch war dies Kinn nicht so klein, da es nicht noch die
reizendste Andeutung einer Verdoppelung geziert htte. Aber der breiteste Teil
der ganzen Gestalt im wrtlichen Sinne schien das groe volle Haar zu sein,
welches sie krnte; die gewaltige, tiefschwarze Last, vielfach geflochten und
gewunden und immer mit grnem Seidenbande durchzogen, wuchtete rund um den
kleinen Kopf, und da, wenn die schlanke Geschmeidige sich anmutig und leicht
bewegte und das schne Haupt senkte, dies unwillkrlich die Vorstellung erregte,
das Gewicht des dunklen Haarbundes verursache das liebliche Schwanken und
Beugen, so rief sie von selbst das Bild einer Blume hervor; aber noch froher
berraschte es, wenn sie sich unversehens frei aufrichtete und die schwere Krone
so leicht und unbewut trug wie ein schlanker Hirsch sein Geweih.
    In ihr geistiges Leben war noch kein sicherer Blick zu tun. Meist schien sie
kindlicher zu sein, als es ihrem Mdchenalter eigentlich zukam; gelernt hatte
sie auch nicht viel und las nicht gern, ausgenommen komische Erzhlungen, wenn
sie deren habhaft werden konnte; aber sie muten gut, ja klassisch sein, und
alsdann studierte sie dieselben sehr ernsthaft und verzog nicht den Mund.
Manchmal schien sie entschieden beschrnkten Verstandes und unbehilflich; sobald
aber Ferdinand da war, berflo sie von klarem kristallenem Witze, der noch in
der Sonne der Kindheit funkelte, indessen ihre Augen eine reife Sinnenwrme
ausstrahlten, wenn sie neckend und zrtlich an seinem Halse hing. Er durfte aber
alsdann nicht wagen, sie kosend ebenfalls zu umfassen, wie er berhaupt sich
leidend verhalten mute, wenn er sie nicht erzrnen und von sich scheuchen
wollte.
    Wie Ferdinand in das Haus gekommen, wute er selber kaum mehr zu sagen; er
hatte das seltene Gebilde im Rahmen des alten Fensters gesehen, und es war ihm
nachtwandlerhaft gelungen, sich also gleich einzufhren und der tgliche
Besucher zu werden.
    Aber bald mute er in einen Zwiespalt mit sich selbst geraten, da das
eigentmliche und rtselhafte Wesen nicht die gewohnte Art zulie, das Glck bei
Frauen zu erhaschen. Diese Erscheinung war zu kstlich, zu selten und zugleich
zu kindlich und zu unbefangen, als da sie durfte zum Gegenstande einer
vorbergehenden Neigung gemacht werden, und auch wieder zu eigen und
absonderlich unbestimmt, um gleich den Gedanken einer Verbindung fr das Leben
zu erlauben. Ferdinand sah, da das Kind ihn liebte, und er fhlte auch, da er
ihr von Herzen gut war, noch ber das leidenschaftliche Wohlgefallen hinaus,
welches ihr ueres erregte; aber er glaubte berhaupt nicht an seine Liebe, er
bildete sich ein, nicht dauernd lieben zu knnen oder zu drfen, und wute
nicht, da Liebe im Grunde leichter zu erhalten als auszulschen ist; und gerade
dieser verzweifelte Zweifel an sich selbst lie keine tiefere Neigung in ihm
reif werden.
    Sie ist ein Phnomen! sagte er sich und glaubte zu erschrecken bei dem
Gedanken, sich fr immer ein solches zu verbinden oder, einfach gesagt, ein
Phnomen zur Frau zu haben. Und doch war es ihm unmglich, nur einen Tag
vorbergehen zu lassen, ohne das reizende Wunder zu sehen. Nun beschuldigte er
sich wieder, da solches Bedrfnis nur die geheime Begierde sei, die Blume zu
brechen, um sie dann zu vergessen, und da er fest gewillt war, sich treu und
ehrlich zu verhalten, schon aus einer Art von knstlerischem Gewissen die
Verpflichtung fhlend, dies auergewhnliche Dasein nicht zu verwirren und zu
stren, so hielt er sich standhaft in seiner passiven Stellung und suchte
derselben einen brderlich freundschaftlichen Anstrich zu geben. Er behandelte
sie mehr als Kind und nahm scheinbar ihre Liebkosungen als diejenigen einer
kleinen Freundin hin, suchte sie zu unterrichten und nahm hin und wieder ein
kaltes und ernsthaftes Ansehen an. ngstlich vermied er, das Wort Liebe
auszusprechen oder es zu veranlassen, und vermied, mit dem Mdchen allein zu
sein. So glaubte er als ein Mann zu handeln und seiner Pflicht und Ehre zu
gengen und ahnte nicht, da er echt weiblich zu Werke ging. Denn er war nun
wirklich auf dem Punkte angelangt, wo liebenswrdige und geistreiche Mnner
gerade so auf eigenntzige Weise mit weiblichen Wesen spielen, wie es
tugendhafte Koketten mit jungen Mnnern zu tun pflegen.
    Auch wute das rmste Kind ihm keinen Dank dafr. Sie achtete nicht auf
seinen Unterricht und wurde traurig oder unmutig, wenn er die vterliche Art
annahm. Hundertmal suchte sie das Wort auf Liebe und verliebte Dinge schchtern
zu lenken; allein er stellte sich, als kennte er dergleichen nicht, und der
erwachende Trotz verschlo ihr den Mund. Hundertmal liebkoste sie ihn jetzt und
hielt sich dann ein Weilchen geduckt und still, damit er das Kosen erwidern
solle, und sie war nicht mehr bereit, zornig davonzufliehen; allein er rhrte
sich nicht und ertrug das ungeduldige Spiel des schmalen schlangenhnlichen
Krpers mit der grten Standhaftigkeit. Dennoch sah die Arme recht gut, da er
mit ganz anderen Gefhlen zu ihr kam als mit denen eines Bruders oder
schulmeisterlichen Freun des, und sah wohl das verhaltene Feuer in seinen Augen,
wenn sie ihm nahe trat, und das unablssig betrachtende Wohlgefallen, wenn sie
umherging; und sie war nur bekmmert, den Grund seines Betragens nicht zu
kennen, und frchtete, da sie die Welt nicht kannte, ihr verborgene, unheilvolle
Dinge, die gar in ihr selbst lgen, drften ihrem Glcke im Wege stehen.
    In dem Mae aber, in welchem sie tglich verliebter und trauriger wurde,
gewann ihr Wesen an Entschiedenheit und Klugheit, und im gleichen Mae wuchs die
Verlegenheit Ferdinands; denn er sah nun ein, da er nicht lnger sich also
verhalten durfte. Ihr verliebtes und sich hingebendes Wesen schreckte ihn
durchaus nicht ab, weil er dessen Grund und Natur durchschaute und sie darum nur
um so reizender fand; dagegen mute er nun gestehen, da wohl eine artige und
kstliche Frau aus ihr zu machen wre, und schttelte sich innerlich bei dem
Gedanken, sie je in eines andern Hnden zu sehen, whrend der Unselige doch
immer noch sich nicht entschlieen konnte, seine Selbstherrlichkeit mit einem
andern Wesen fr immer zu teilen und noch fr eine zweite Hlfte zu leben.
    Beide Waagschalen standen sich vollkommen gleich, und das Znglein seiner
Unentschlossenheit schwebte still in der Mitte, als das Knstlerfest herannahte.
Agnes sollte daran teilnehmen; Ferdinand war beflissen, ihre Gestalt vollends zu
einem Feenmrchen zu machen, und fate dabei den Vorsatz, es nunmehr darauf
ankommen zu lassen, ob das Fest eine Entscheidung herbeifhre oder nicht; er
wollte eine solche weder suchen noch ihr widerstehen; denn noch immer hielt er
sich in seiner Selbstsucht fr vollkommen frei. Wenn er aber das Mdchen nur ein
einziges Mal gekt habe, gab er sich das Wort, so solle sie unverbrchlich die
Seinige sein.
    Agnes aber hatte einen hnlichen Plan in ihrem Herzchen ausgesponnen, der
indessen sehr einfach war. Sie gedachte, in einem geeigneten gnstigen
Augenblicke ohne weiteres mit ihren Armen den Geliebten zu umstricken und zum
Gestndnis seiner Neigung zu zwingen und, falls dies noch nicht hlfe, die
Aufregung der Festfreude benutzend, ihn so mit Liebeschmeicheln zu berauschen
und frmlich zu verfhren, da er das Opfer ihrer Unschuld nhme. Dieser
verzweifelte Plan gor und rumorte in ihrem pochenden Busen, da sie wie eine
Trumende umherging und nicht einmal bemerkte, wie Ferdinand starr auf ihren
jungen Busen hinsah, als er einen Augenblick beim Probieren der schimmernden
Festgewnder entblt wurde. Sie war in ihrer Unschuld fest berzeugt, da
Ferdinand, wenn ihr Plan gelnge, alsdann fr immer der Ihrige wrde.
    In nicht so bedenklicher Lage befand sich Erikson, welchem sich alle Dinge,
auer seinen Bildern, mhelos und krnig gestalteten; er schritt auch mit
ausreichenden Weidmannsschritten, obwohl nicht ohne die ntige Behutsamkeit,
durch sein Liebesverhltnis und auf das Teil zu, das er oder das Schicksal sich
erwhlt.
    Eine reiche und schne Brauerswitwe hatte bei der Verlosung der groen
Gemldeausstellung ein Bildchen von ihm gewonnen, welches ihm teuer bezahlt
worden war. Die Dame stand nicht im Rufe einer besonderen Kunstfreundin, und
Erikson hoffte, sie wrde froh sein, ihm den Gewinst um einen ermigten Preis
wieder abzutreten; er gedachte dann das Bild anderwrts zu versenden zu erhhtem
Preise und so abermals eine Summe einzunehmen, ohne der Qual und Mhsal des
Erfindens und der Ausfhrung eines neuen Gegenstandes ausgesetzt zu sein. Diese
Aussicht gewhrte ihm so viel Vergngen, da er sich unverweilt aufmachte und
mit dem Wunsche, alle seine sauern Arbeiten noch einmal und immer wieder
verkaufen zu knnen, das Haus der Witwe aufsuchte.
    Bald stand er auf dem Vorsaale des stattlichen Witwensitzes, dessen Pracht
das Gercht von dem unmigen hinterlassenen Vermgen des verstorbenen
Bierbrauers zu besttigen schien. Eine alte Aufwrterin, welcher er sein
Anliegen mitteilen mute, brachte ihm indessen gleich den Bericht, da die
Herrin das Bild mit Vergngen wieder abtrete, da er aber ein andermal
vorsprechen mge. Weit entfernt, ber diese Willfhrigkeit und Geringschtzung
empfindlich zu sein, ging Erikson ein zweites und drittes Mal hin, und erst das
dritte Mal wurde er etwas betroffen und erbost, als dieselbe Aufwrterin endlich
kundtat, da die bequeme Dame das Bild um ein Viertel des angegebenen Wertes
wieder verkaufe und die Summe fr die Armen bestimme, da der Herr Maler, um ihm
nicht fernere Mhe zu machen, es am andern Tage bestimmt abholen und das Geld
mitbringen mchte. Er trstete sich indessen mit der Aussicht, nunmehr sicher
ein Vierteljahr nicht malen zu mssen, und das Wetter betrachtend, ob es gute
Jagdtage versprche, machte er sich zum vierten Male auf den Weg.
    Die unvermeidliche Alte fhrte ihn in ihr kleines Wrtergemach und lie ihn
da stehen, um das Kunstwerkchen herbeizuholen. Dieses war aber nirgends zu
finden; immer mehr Bedienstete, Kchin, Kammermdchen und Hausknecht rannten
umher und suchten in Kche, Keller und Kammern. Endlich rief das Gerusch die
schne Witwe selbst herbei, und als sie, die, nach dem kleinen wunderlichen
Bildchen urteilend, gewhnt hatte, einen ebenso kleinen und drftigen Urheber zu
finden, als sie nun den gewaltigen Erikson dastehen sah, der mit der Stirn
beinahe die Decke des niedern Verschlages berhrte, indessen sein nordisches
Goldhaar glnzend auf die breiten Schultern fiel, da geriet sie in die grte
Verlegenheit, zumal er, aus einem ruhigen Lcheln erwachend, sie jetzt mit
festem und wohlgeflligem Blick betrachtete. Sie war aber auch des lngsten
Anschauens wert kaum sechsundzwanzig Sommer alt, stand Rosalie liebreizend da,
von der Rosenfarbe der Gesundheit und Lebensfrische berhaucht, von freundlichen
Gesichtszgen, mit braunem Seidenhaar und noch brauneren lachenden Augen.
Indessen, um ihre Verlegenheit zu endigen, lud sie den Maler ein, in das Zimmer
zu kommen, und wie sie eintraten, sahen sie beide zugleich die kleine
Gemldekiste, welche als Fuschemel unter dem Arbeitstischchen der Witwe stand,
dieser selbst unbewut und vergessen, da sie schon seit einigen Tagen mit ihren
Fchen mutwillig darauf getrommelt.
    Errtend lachte sie und zog das Bild eigenhndig hervor. Zugleich aber sagte
sie, indem sie einen flchtigen Blick auf Erikson warf, sie htte sich eines
anderen besonnen und bedaure, ihm das Bild nicht mehr fr ein Viertel, sondern
nur fr die Hlfte des Wertes lassen zu knnen. Besorgt, sie mchte noch mehr
den Preis steigern, zog er seine Brse und legte die Goldstcke auf den Tisch,
indessen sie das Bild anscheinend aufmerksam betrachtete und wieder begann je
mehr sie die Arbeit, welche sie bisher nur oberflchlich besehen, ins Auge
fasse, desto besser gefiele sie ihr, sie msse nunmehr wirklich die volle Summe
fordern! Seufzend bot er drei Vierteile der Summe. Allein die schne Witwe war
unerbittlich und sagte Ihr Eifer, mein Herr, durch bares Geld Ihr eigenes Bild
wiederzuerwerben, beweist mir den Wert, den ich erst verkannt habe. Ich fordere
nun die doppelte Summe, die Freiheit der Frauenlaune benutzend, oder ich will
das Werk lieber behalten.
    Als Erikson diese seltsame Steigerung auffiel und er sie zu seinen Gunsten
auszulegen und zu wenden beschlo, verbeugte er sich lchelnd, strich sein Geld
wieder ein und erwiderte Da mein kleines Bild eine so gute Stelle gefunden,
wre es lieblos von mir, es derselben zu berauben! Die Schne aber fuhr fort
Und damit Sie sehen, da nicht Habsucht mich zu dieser Steigerung antrieb,
bitte ich, mir ein Seitenstck um diesen verdoppelten Preis zu malen, so bald
als mglich, und mir jetzt gleich den Platz fr beide Bilder aussuchen zu
helfen!
    Erikson spazierte wohl eine Stunde mit ihr in den Gemchern herum, bis er
den geeigneten Platz gefunden, und als er sich verabschiedete, grte sie ihn
freundlich, aber kurz, und lud ihn nicht ein, sonst wiederzukommen.
    Aber er hatte wohlweislich vergessen, das Ma des Bildchens gleich zu
nehmen, und sah sich daher gezwungen, am zweiten Tage sich wieder hinzubegeben,
um vieles sorgfltiger gekleidet. Sie erschien sogleich selbst und fhrte ihn zu
dem Bildchen, hielt ihn aber nach getaner Verrichtung durchaus nicht weiter auf.
Und doch schien sie dem Weggehenden so froh und munter whrend des kurzen
Besuches, da er hchst zufrieden nach Hause ging und die neue Arbeit begann.
Auch vergingen kaum einige Tage, als ihn Rosalie hchst dringend rufen lie, um
sich wegen des Rahmens mit ihm zu besprechen derjenige des ersten Bildes gefiele
ihr ausnehmend wohl, und sie wnsche einen ganz gleichen zum zweiten zu
bekommen.
    Als er sie ber diesen Punkt einigermaen beruhigt, entlie ihn die ihn
stets schner dnkende Rosalie auf das freundlichste, doch nicht ohne ihn auf
den kommenden Sonntag zu Tische gebeten zu haben, indem sie, wie sie anmutig
sich ausdrckte, diese Gelegenheit nun zu benutzen wnsche, ihr Haus mit einiger
Knstlerschaft zu zieren und etwas zu lernen, damit solche grobe Verste, wie
der begangene, immer weniger wiederkehren knnten.
    Erikson betrug sich ruhig und bescheiden, und wie ein Jger auf ein edles
Wild ging er auf sein schnes Ziel los mit klopfendem Herzen, aber ohne einen
Schritt zuviel noch zuwenig zu tun, und zwar nicht aus allzutiefer Berechnung,
sondern aus natrlicher Klugheit.
    Inzwischen malte er das bestellte Bildchen und lie sich alle Zeit dazu; er
malte diesmal mit wahrer Zufriedenheit ein recht hoffnungsgrnes
Frhlingslandschftchen, welches fast reich und anmutig zu nennen war; denn es
schwante ihm, da dieses seine letzte Schilderei sein werde.
    Es war im Sptherbste, als ihm dies Abenteuer begegnete, und im Februar war
er schon so weit, da Rosalie unter seinem offenen Schutze an dem Knstlerfeste
erscheinen wollte. Noch hatte weder Erikson Ferdinands wundersame Agnes noch
dieser die anmutsvolle und freundliche Witwe gesehen, und beide waren
bereingekommen, da dies am Feste zum ersten Male geschehen sollte. Heinrich
hingegen war beiden Geliebten als ein ungefhrliches junges Blut gelegentlich
vorgestellt worden, und er freute sich, ohne leidenschaftlich beteiligt zu sein,
die kommende Festzeit in dem Scheine solcher zwei Sterne mitgenieen zu knnen.

                                Sechstes Kapitel


Das groe Theater war in einen Saal umgewandelt und hatte, voll erleuchtet,
bereits die beiden Hauptkrper des Festheeres, die, welche das Fest geben, und
die, welche es sehen sollten, in sich aufgenommen. Whrend in den Logenreihen
die wohlhabendere und gebildete Hlfte der Stadt in vollem Schmucke versammelt
harrte, den kniglichen Hof in der Mitte, waren die Seitensle und Gnge dicht
angefllt von den sich ordnenden Knstlerscharen. Hier wogte es hundertfarbig
und schimmernd durcheinander. Jeder war fr sich eine inhaltvolle Erscheinung,
und indem er selber etwas Rechtem gleichsah, betrachtete er freudig den
Nchsten, welcher, durch die schne Tracht gnzlich umgewandelt, nun ebenfalls
so vorteilhaft und krftig erschien, wie man es gar nicht in ihm gesucht htte.
    Allen klopfte das Herz vor froher Erwartung, und doch hielten sie sich ruhig
und gemessen, wie Leute, welche fhlten, da ihnen eine schnere uere
Erscheinung fr das ganze Leben gebhrte und nicht blo fr eine Nacht.
    Seltsame Zeit, wo die Menschen, wenn sie sich freudig erheben wollen, das
Gewand der Vergangenheit anziehen mssen, um nur anstndig zu erscheinen! Und
allerdings ist es ein prickliges Gefhl, zu wissen, da die Nachkommen unsere
jetzige Tracht nur etwa hervorziehen werden, um sich im Spotte zu ergehen, wie
wir dies jetzo mit derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts tun, welches sich
selbst doch so wohl gefiel. Und wir knnen uns nicht anders rchen, als indem
wir, wie fter geschieht, die verborgene Zukunft in mutmaenden Zerrbildern
lcherlich machen und zum voraus beschimpfen! Wann wird wieder eine Zeit kommen,
wo wir uns um die eigene Achse drehen und uns in eigener Gegenwart gengen?
    Nun ffneten sich endlich die Tren, und die Trompeter und Pauker, welche
klangvoll erschienen, verbargen in ihrer Breite den hinter ihnen anschwellenden
Zug, so da man ungeduldig harrte, bis sie weiter vorgeschritten und der reichen
Entfaltung Raum gaben. Ihnen folgten zwei Zugfhrer mit dem alten Wappen von
Nrnberg, dem Jungfernadler auf den weien und roten Wappenrcken, und hinter
ihnen schritt schlank und zierlich einher, in dieselben Farben gekleidet, aber
mit einem mchtigen Laubkranze auf dem Kopfe, der Zunftfhrer, welcher der
stattlichen Zunft der Meistersnger voranging mit seinem goldenen Stabe. Alle
bekrnzt, ging jetzt die gute Schar der nrnbergischen Meistersnger daher mit
ihrer Spruchtafel, die Jugend, in welcher noch das abenteuernde Wanderblut
wallte, voran in kurzer Tracht mit der Zither auf dem Rcken; dann aber folgten
die Alten, um den ehrwrdigen Hans Sachs gesellet; dieser stellte sich dar in
dunkelfarbigem Pelzmantel, ehrbar und stattlich wie ein wohlgelungenes Leben und
doch mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weie Haupt. Das junge Weib mit
voller Brust und rundem Leib, wie Goethe sang, hatte ihm gezeigt:

Der Menschen wunderliches Weben,
Ihr Wirren, Suchen, Stoen und Treiben,
Schieben, Reien, Drngen und Reiben,
Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,
Der Ameishauf durcheinander kollert! -
Unter dem Himmel allerlei Wesen,
Wie ihr's mcht in sein'n Schriften lesen.

Welcher auch das alte Weiblein zu ihm gleiten sah:

Man nennet sie Historia,
Mythologia, Fabula.
Sie ist rumpfet, strumpfet, bucklet und krumb,
Aber eben ehrwrdig darumb -

auch welcher tat einen Narren spren

mit Bocks- und Affensprngen hofiren;

welchem endlich stieg

auf einer Wolke Saum
Herein zu's Oberfensters Raum
Die Muse, heilig anzuschaun
Wie 'n Bild unsrer lieben Fraun.
Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit,
Immer krftig wirkender Wahrheit. -

Und obgleich hier der Sngergreis ganz erschien, wie ihn sein wackerer Schler
Puschmann beschrieben:

In dem Saal stund unecket
bedecket
ein Tisch mit Seiden grn,
am selben sa
ein Alt Mann, was
Grau und wei, wie ein Taub derma,
der hett ein'n groen Bart frbas;
in ein'm schnen groen Buch las
mit Gold beschlagen schn;

so verstand der Darsteller doch sein Urbild so wohl, da man ihm noch ansah, was
Goethe wieder sang:

Ein holdes Mgdlein sitzend warten
Am Bchlein beim Holunderstrauch;
Mit abgesenktem Haupt und Aug
Sitzt's unter einem Apfelbaum
Und sprt die Welt rings um sich kaum;
Hat Rosen in ihr'n Scho gepflckt
Und bindet ein Krnzlein gar geschickt
Mit hellen Knospen und Blttern drein.
Fr wen mag wohl das Krnzel sein? -
- Wie er den schlanken Leib umfat,
Von aller Mh er findet Rast;
Wie er ins runde rmlein sinkt,
Neue Lebenstg und Krfte trinkt. -
- So wird die Liebe nimmer alt
Und wird der Dichter nimmer kalt. -

So ging er jetzt im Schmucke des Alters und der Poesie daher, ein groes Buch
tragend.
    Aber das brgerliche Lied war dazumal so reich und berquellend, da es mit
jeder Meisterschaft unzertrennlich war und hauptschlich auch unter dem Banner
der nun folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging. Da war
unter den krnzegeschmckten Gesellen Hans Rosenplt, genannt der Schnepperer,
der vielgewanderte Schalks-und Wappendichter, ein krummbuckliger munterer Gesell
mit einer groen Klistierspritze im Arm. Mit langen Schritten folgte diesem der
hochbeinige magere Hans Foltz von Worms, der berhmte Barbier und Dichter der
Fastnachtsspiele und Schwnke und als solcher Geno des Rosenplt und Vorznder
des Hans Sachs. Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher pflegten so das zarte Scho
des deutschen Theaters.
    Liederreich waren alle die alten Znfte, die jetzt folgten in ihren
bestimmten Farben an Kleid und Banner; die Schffler und Brauer, die Metzger,
welche in rotem und schwarzem, mit Fuchspelz verbrmten Zunftgewande hchst
tchtig aussahen, sowie die hechtgrauen und weien Bcker; die Wachszieher,
lieblich in Grn, Rot und Wei, und die berhmten Lebkchler, hellbraun mit
Dunkelrot gekleidet; die unsterblichen Schuster, schwarz und grn, in die Farbe
des Peches und der Hoffnung gehllt; buntflickig die Schneider; die Damast- und
Teppichwirker, bei welchen das Knstlichere den Anfang nahm und schon
meisterliche Namen aufzeichnete; denn diese webten und wirkten die frstlichen
Teppiche und Tcher, mit denen die Huser der groen Kaufherren und Patrizier
angefllt waren.
    Alle nun folgenden Znfte waren angefllt mit einer wahren Republik
kraftvoller, erfindungsreicher und arbeittreuer Handwerks- und Kunstmnner. Die
Tchtigkeit teilte sich sowohl unter die Gesellen, welche manchen handlichen
berhmten Burschen aufzuweisen hatten, als unter die Meister. Schon die Dreher
zeigten den Meister Hieronymus Grtner, welcher mit kindlich frommem Eifer aus
einem Stcklein Holz eine Kirsche schnitzte, so zart, da sie auf dem Stiele
schwankte und die Fliege, welche auf ihr sa, mit den Flgeln wehte und auf den
Fen sich bewegte, wenn man daran hauchte - der aber zugleich ein erfahrener
Meister und Errichter von Wasserwerken und kunstreichen Brunnen war.
    Unter den Hufschmieden, rot und schwarz gekleidet wie Feuer und Kohle, ging
Meister Melchior, der die groen eisernen Schlangengeschtze aus freier Hand
schmiedete; unter den Bchsenmachern der erfindungsreiche Geselle Hans Danner,
welcher schon dazumal von den harten Metallen Spne trieb, als htte er weiches
Holz unter den Hnden, und sein Bruder Leonhard, der Erfinder von
mauerstrzenden Brechschrauben. Da ging auch der Meister Wolff, Danner, der
Erfinder des Feuersteinschlosses an den Gewehren und Bchsen, die er trefflich
schmiedete und knstlich ausbohrte, und neben ihm Bheim, der Meister der
Geschtzgieer, welche ihre gleienden, wohlverzierten Geschtzrhren, Kanonen,
Metzen und Kartaunen durch alle Welt berhmt machten.
    berhaupt war der Krieg die zehnte Muse. Die Zunft der Schwertfeger und
Waffenschmiede allein umfate eine mehrfach gegliederte Welt kunstreicher,
feiner und fleiiger Metallarbeiter. Der Schwertfeger der Haubenschmied, der
Harnischmacher, jeder von diesen brachte den Teil der kriegerischen Rstung, der
seinem Namen entsprach, zur grten Gediegenheit und Zierlichkeit und bewhrte
darin ein nachhaltiges Knstler dasein. Wunderbar lste sich diese strenge
Einteilung und Beschrnkung in die Freiheit und Allseitigkeit, mit welcher die
schlichten Zunftmnner wieder zu den wichtigsten Taten und Erfindungen
vorschritten und alle wieder alles konnten, oft ohne lesen und schreiben zu
knnen. So der Schlosser Hans Bullmann, der Verfertiger groer Uhrwerke mit
Planetensystemen und musizierenden Figuren, und der Vervollkommner dieser,
Andreas Heinlein, welcher auch so kleine Uhren zuwege brachte, da sie im Knopfe
der Spazierstcke Platz fanden; auch Peter Hele, der eigentliche Erfinder der
Taschenuhren, ging hier unter dem handfesten Namen eines Schlossermeisters.
    Gleich auf dies handlich sinnige Zunftwesen folgte dasjenige, welches am
schrfsten diese Zeit von einem frhern Jahrtausend unterschied, nmlich das der
Buchdrucker und Formschneider, welche fr Wort und Bild die Schleusen der
unendlichen Vervielfltigung auftaten und den Strom loslieen, der nun die Welt
berschwemmt. Vor bald vierhundert Jahren haben sie den Zapfen ausgestoen, da
das Brnnlein sprang, und wo stehen wir jetzt? Es ist ein groes unentbehrliches
Mittel geworden, welches der Unsinn ebenso behende braucht als die Vernunft; es
ist die Luft, welche der Gerechte wie der Ungerechte atmet, und der Tischklopfer
badet sich so munter und unbefangen in seiner Flut wie der Sperling im Bache.
Weit hinter dieser Flut ist die langsame, aber stete Bewegung des eigentlichen
Geistes geblieben, des Geistes, der nicht auf dem Papier, sondern in Fleisch und
Blut lebt und sich nur von Leib zu Leib, von Auge zu Auge, von Ohr zu Ohr
mitteilt, berzeugt, trennt und einigt.
    Auch hier kommt zuletzt alles wieder auf den persnlichen Menschen an, wie
er leibt und lebt und zu dem andern hintritt mit seiner Wahrheit oder Tuschung.
    Aber nichtsdestominder wollen wir die Gruppe der Meister hchlich ehren,
welche nun schwarz und wei gekleidet daherkam. Es waren die Mnner, welche
nebst der unschtzbaren Bibel freilich auch das Corpus juris druckten, aber
daneben auch eifrig bemht waren, stattliche Ausgaben der wiedererstandenen
Klassiker herzustellen, und eine Ehre dareinsetzten. So wackere und fhige
Werkleute waren sie, da sie nicht nur das kitzlige und zusammengesetzte
Handwerkszeug selbst anfertigten und verbesserten, sondern auch die griechischen
und lateinischen Bcher selbst zu korrigieren verstanden.
    Es lag aber etwas Griechisches in der Luft jener Zeit, und wie alle Gewerke
schon durch den Meistergesang mit der Kunst verbunden waren, so ging beinahe
jedes einzelne unmittelbar in die bildende Kunst ber und hatte bei derselben
als Legaten die Sprlinge seiner Werkstatt. So waren hier mit den Buchdruckern
die Formschneider gepaart, deren Kunst alsobald der jungen Buchdruckerei zur
Seite ging und in dem damaligen Drange, jedem geeigneten Raume Form und Bild
aufzudrcken, sich blhend entfaltete. Ein tdlicher Frost ist dann lange Jahre
hindurch auf diesen Bltendrang, der in allem Handwerk trieb, gefallen, und erst
in neuester Zeit erholt er sich wieder ein wenig und fngt gerade, die bis zur
berfeinerung gediehene Kupferstecherei der verdunkelten Jahre berspringend,
wieder da an wie ehemals, nmlich beim Holzschnitt. Aber noch wuchert mit der
zehnfachen Mhe, mit welcher das Gute zu tun wre, das Krabbelige, Charakterlose
und Schwchliche und berwuchert das Klare und Feste, und das bel scheint von
oben zu kommen, wo man den festen Gedanken, der zur festen Form gehrt, nicht
freigeben will. Bezeichnend hiefr ist ein Zug, welcher sich unlngst zutrug.
Der Knig eines groen deutschen Staates hatte ber seine eigenen
Porzellanwerksttten in ernster Kunst ergraute Mnner gesetzt, da sie die
Formen der Gefe berwachten und den unreinen Geschmack austrieben und
fernhielten. Allein eine berroyalistische Zeitung tadelte des Knigs Maregel
und bemerkte ziemlich unbotmig, da sich die vornehme Welt wohl keinen
Geschmack vorschreiben liee und den Rokokostil, welchen sie einmal zu ihrem
Zeichen erhoben, aufrechtzuhalten wissen werde. Diese Palastrevolution gelang
denn auch insofern, als die Pairs des Landes nicht des Knigs rein geformte
Blumengeschirre kauften, sondern sich anderwrts mit solchen versahen, welche
einem aufrechtstehenden gefrorenen Waschlappen gleichen, und die Wchter des
Geschmackes bewachten trauernd des Knigs Ladenhter.
    Neben Hans Schufelein, dem fleiigen Schler Albrecht Drers, ging unter
den Holzschneidern ein kleines Mnnchen in einem Mntelchen von Katzenpelz und
einer ebensolchen Zipfelkappe. Dies war Hieronymus Rsch, ein groer
Katzenfreund, in dessen stiller Arbeitsstube berall spinnende Katzen saen, am
Fenster, auf Bnken und auf dem Tische.
    Auf das dunkle Katzenmnnchen folgte eine lichte Erscheinung, die
Silberschmiede, in himmelblauem und rosenrotem Gewand mit weiem berwurf, die
Klarheit und das kunstweckende Wesen ihres Metalles verkndend, whrend die Gold
schmiede, ganz rot gekleidet in schwarzdamastenem Mantel und reich mit Gold
gestickt, den tiefern Glanz ihres Stoffes zur Schau trugen. Silberne Bildtafeln
und goldgetriebene Schalen wurden ihnen vorangetragen; die plastische Kunst
lchelte hier aus silberner Wiege, und die neugeborene Kupferstecherkunst hatte
hier ihren metallischen Ursprung, wunderlich getrennt von dem Holzschnitt,
welcher mit der schwrzlichen Buchdruckerei ging.
    Mit Holz und Kupfer nur hatten es die nun auftretenden Kupfertreiber und
Ornamentschneider zu tun, dafr waren sie aber schon ganz Knstler und
unbezweifelte Bildwerker. Sebastian Lindenast arbeitete seine kupfernen Gefe
und Schalen so schn und kostbar, da ihm der Kaiser das Vorrecht verlieh, sie
zu vergolden, welches sonst niemand durfte. Obgleich dergleichen fr heute nicht
mehr ziemte, so kann es doch keine sinnigere Beschrnkung und Befreiung von
derselben geben als diese, wo ein kunstreicher treuer Mann vom obersten Haupte
der Nation, des Reiches die Befugnis erhielt, sein geringes Metall der edlen
Form wegen, die er ihm zu geben wute, mit Goldglanz zu umgeben und es so zum
Golde zu erheben.
    Neben dieser um dieses Umstandes willen so lieblichen und wohltuenden
Gestalt des Lindenast (wie deutsch und grn wehend war schon dieser Name!) ging
Veit Sto, der Mann von wunderlichster Mischung. Dieser schnitzte aus Holz so
holde Marienbilder und Engel und bekleidete sie so lieblich mit Farben, gldenem
Haar und Edelsteinen, da damalige Dichter begeistert seine Werke besangen. Dazu
war er ein miger und stiller Mann, der keinen Wein trank und fleiig seines
Werkes oblag, die frommen Wunderbilder fr die Altre zutage frdernd. Welch
reines Gemt mute dieser Knstler in sich tragen. Aber er machte eifrigst
falsche Wertpapiere, um sein Gut zu erhhen, und als er ertappt ward, durchstach
man ihm beide Wangen ffentlich mit glhendem Eisen. Aber weit entfernt, von
solcher Schmach gebrochen zu werden, erreichte er in aller Gemchlichkeit ein
Alter von fnfundneunzig Jahren und schnitt nebenbei schne und lehrreiche
Reliefkarten von Landschaften mit Stdten, Gebirgen und Flssen; auch malte er
und stach in Kupfer.
    Noch ein sinnreicher Arbeiter in Kupfer war Hans Frei, Drers
Schwiegervater, welcher reizende und mutwillige Frauenfiguren in Kupfer trieb,
die aus den Brsten und aus dem Kopfputze Wasser springen lieen; zugleich
spielte er trefflich die Harfe und war in Musik und Poesie wohlerfahren. Seine
schne bse Tochter Agnes aber, in welcher sich Liebreiz und Unertrglichkeit
unablssig vermhlten, brachte den schnheitbedrftigen und sanftmtigen
Altrecht unter den Boden.
    Doch als ein ganzer und klassischer Geno trat nun, unter dem schlichten
Namen der Gelb- und Rotgieer, Peter Vischer einher mit seinen fnf Shnen, die
Hantierer in glnzendem Erze. Er sah aus mit seinem krftig gelockten Bart,
seiner runden Filzmtze und seinem Schmiedefell wie der wackere Hephstos
selber. Sein freundliches groes Auge verkndete, da es ihm gelang, aus
reinlichem Erz sich ein unvergngliches Denkmal zu setzen, reich in der Arbeit
vieler Jahre und beschienen von der fernen Sonne griechischer Welt. Noch heute
steht sein Grabmal des heiligen Sebaldus, ein schlank edler Aufbau von
romantischer Phantasie und klassischer Anmut, der reiche Wohnsitz einer Schar
edler mannigfaltiger Bildwerke, die in lichtem Raume den silbernen Sarg des
Heiligen hten. Er wohnte mit seinen fnf Shnen samt deren Weibern und Kindern
in einem Hause, an einer Werkstatt und konnte so mit seiner Familie einem
geheiligten Baume verglichen werden, in dessen sten die kstlichen Frchte von
Erz reiften, die in alle Lnder hin sich verbreiteten. Die Wiege eines Helden,
Staatsmannes oder Dichters mte einmal in solcher Werkstatt stehen, wo unter
leidenschaftlich bewegter Arbeit die ehernen Gestalten und eine Welt ebenmiger
Zieraten aus einem Kerne sich bilden und das lang ausdauernde Schaffen einem
lebendigen Epos gleicht.
    Zu den edelsten und vertrauenswertesten Gestalten einer wohlbestehenden
Stadt gehren die kundigen Baumeister. Sie stehen unter allen Knstlern dem Rat
am nchsten und sind dem Brgerkinde stets eine werte Erscheinung, welche ihm
Einsicht, Ma und Zierde bedeutet, Rat und Tat fr das ffentliche Ganze wie fr
das Bedrfnis des einzelnen. Sie sind am innigsten mit Land und Boden verbunden;
denn sie bauen das Unbewegliche und mssen daher kundig sein in Fels und Wald
wie am rauschenden Wasser. Ganz in diesem Sinne erschien in dem Zuge mit den
Maurer- und Zimmermeistern besonders der eine der beiden Behaims, Hans, von dem
die Nachrichten sagen, er sei angesehen gewesen bei Rat und Gemeinde, freundlich
und gtigen Bescheids gegen jedermann wie gegen die geringsten seiner
Arbeitsleute. Wenn man an die zierbegabten und gewaltigen Bauwerke jener
Glanzzeit denkt, so mu man dieses Mannes vorzglich zugleich gedenken. Wir
aber, die wir nach menschlicher Schwachheit immer lieber das auffallende und
seltsame Gute als das in gereihter sicherer Ordnung Erwachsene betrachten, sehen
jetzt mit Vorliebe jenen groen dickstarken Mann heranschreiten, den Zimmermann
Georg Weber, zu dessen grauem Kleide es einer Unzahl von Ellen handfesten Tuches
bedurfte. Dieser war ein rechter Wldervertilger; denn mit seinen Werkleuten,
die er alle so gro und stark aussuchte, wie er selber war, mit dieser
Riesenschaft werkte er so mchtig in Bumen und Balken und zugleich so sinnreich
und knstlich, da er seinesgleichen nicht fand. Aber er war auch ein trotziger
Volksmann und machte im Bauernkrieg den Bauern Geschtze aus grnen Waldbumen,
aus welchen sie ganz emsig auf die Adeligen schossen. Er sollte desnahen zu
Dinkelsbhl gekpft werden. Allein der Rat von Nrnberg lste ihn wegen seiner
Kunst und Nutzbarkeit aus und machte ihn zum Stadtzimmermeister; denn er baute
nicht nur schnes und festes Sparren- und Balkenwerk, sondern auch Mhl- und
Hebemaschinen und gewaltige lasttragende Wagen und fand fr jedes Hindernis,
eine jede Gewichtmasse einen Anschlag unter seiner starken Hirnschale. Das
merkwrdigste war nun, da er weder lesen noch schreiben konnte und bei aller
dieser trotzigen Strke doch so genau, matreffend, sorgfltig und fast zart in
seinem Werke war, wie es nur die mit frommer Kindesunschuld gepaarte Kraft des
Volkes sein kann.
    Endlich erschien, erffnet von zwei Lehrbuben, die eigentliche Zunft der
Maler und Bildhauer; wie bei allen anderen Znften folgten auch hier nach den
Lehrlingen die Trger der Zunftzeichen und nach diesen zwei Gesellen der Maler
Hans Spring in Klee, Drers Schler und Hausgeno und kunstreich im Malen auf
Pergament, in zierlich goldschimmernden und azurblauen Arabesken und Figuren,
dann der Bildhauer Peter Fltner, ein geistvoller handsicherer Gesell und
Knstler. Einzeln ging jetzt ein schner Edelknabe mit dem Wappen, das in
himmelblauem Felde drei silberne Schildchen zeigt und von Maximilian dem groen
Meister fr die ganze geehrte Knstlerschaft gegeben worden ist. Der Sinn dieses
Wappens drfte sich am einfachsten in den Begriff von Tafeln oder Schilderei
auflsen. Htten die Maler selbst es bestimmen drfen, so wrden sie
wahrscheinlich in hergebrachtem Sinne eine Trophe der bekannten
Malergertschaften gewhlt haben; der wappenkundige und poetische Kaiser aber
wute das einfache Besondere in die einfachste allgemeine sinnige Form zu
kleiden.
    Hinter diesem anmutigen Wappen schritt nun Albrecht Drer, zwischen seinem
Lehrer Wohlgemuth und Adam Kraft, wie zwischen den guten Genien seines eigenen
Namens. Fr seine Person hatte sich ein Maler gefunden, der sein ueres, mit
Ausnahme der Kleidung, nicht zu ndern brauchte, um dem Bildnisse des deutschen
Meisters, das dieser selbst von sich gefertigt, beinahe ganz zu gleichen. Die
hellen Ringellocken fielen, zu beiden Seiten gleich gescheitelt, ganz so auf die
breiten pelzgeschmckten Schultern nieder, das gedankentiefe, fromme heitere
Antlitz schien aus jenem Bilde herausgeschnitten, und ein schlankgeformter
geschmeidiger Leib bewegte sich in dem schwarzen Untergewande. Diese Erscheinung
war ganz germanisch und ganz christlich, und wenn sich auch in den geringelten
Haaren ein anmutiger Schalk ahnen lie, so war auch dieser christlich und lie
sich von der kirchlich angetrauten bsen Ehehlfte geduldig unter die Erde
zanken.
    Wie anders jener rmische Raffael, der, vom Anschauen des alten Marmors
gesttigt, im Christlichen nur das Menschliche sah und sein kurzes blhendes
Leben in freudebringendem gewaltigem Schaffen und freier Frauenliebe verzehrte.
Albrecht war ein eifriger Reformationsmann, eben weil er ein tiefer Christ war;
htte Raffael die Reformation empfunden und mitgelebt, er wrde vielleicht nicht
Raffael gewesen sein. Der Glckliche trumte in einer anderen Welt, und Papst
wie Luther gingen wie Schatten an seinem Auge vorber.
    Albrecht Drer schlo als der letzte die vorberwandelnde Schar der Bildner
und Werkleute. Sie war der bedeutsamste Teil des ganzen Zuges gewesen, weil sie
fr alle noch eine Wahrheit war. Wenn auch nicht als organisches, republikanisch
brgerliches Gemeinwesen erwachsen wie jenes reichsstdtische, sondern durch das
Wort eines zuflligen Frsten zusammengerufen, gepflegt und bestrkt, hatten
alle diese Mnner und Jnglinge nicht nur durch die ungebrochene uere Gestalt,
sondern auch durch ihr Knnen und Wollen die Fhigkeit und das Recht, jene
bewhrten Vorfahren darzustellen. Denn es war kein dilettantisches Bestreben,
was in dieser Stadt herrschte, sondern die Meisterschaft blhte in hundert
Zweigen in glnzend reifender Technik. Auer den vielen Malern und Bildhauern
gingen Baumeister, Erzgieer, Glas- und Porzellanmaler, Holzschneider,
Kupferstecher, Steinzeichner, Medailleure und viele andere Angehrige eines
vollen Kunstlebens. In den Giehusern standen zwlf Ahnenbilder fr den Palast
des Knigs, soeben vollendet, jedes zwlf Fu hoch und vom Scheitel bis zur Zehe
im Feuer vergoldet; zahlreiche kolossale Statuen von Frsten, Dichtern und
anderen Groen der Nation, zu Ro und Fu, samt den reichen Bildwerken ihrer
Fugestelle, waren schon vollendet und ber Deutschland zerstreut, riesenhafte
Unternehmungen begonnen, und es ging in diesen Feuerhusern wohl schon so
gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem Guofen zu Florenz, als Benvenuto
seinen Perseus go. In Fresko und in Wachs waren schon unabsehbare Wnde bemalt,
ja in diesem Gebiete war ein Unerhrtes und Neues geschehen, indem ein
schlichter Meister lange Hallen mit italienischen und hellenischen Landschaften
auf eine magebende und bleibende Weise, und zwar so bemalt hatte, da die
Griechen, deren plastischem Auge unsere heutige Landschafterei wahrscheinlich
ungeniebar wre, diese Bilder verstanden und genossen und darin unserer Zeit
einen Vorteil beneidet htten. Haushohe Glasfenster wurden hier gebrannt und
zusammengesetzt in einem Farbenfeuer und mit solch bewutem Geschmacke, da sie
gegen die alten Reste, die wir besitzen, als eine neue Tat gelten konnten, und
was die Gemldesammlungen des Staates an seltenen und unersetzbaren Schtzen auf
verwitterter Leinwand bewahrten, wurde zur Erhaltung von bewhrten Arbeitern mit
anspruchlosem Fleie auf Porzellanplatten und edle Gefe getreu bertragen mit
einer Kunst, die man selbst vor zwanzig Jahren nicht gebt hatte. Neue
bedeutsame Sammlungen entstanden auf diese Art.
    Nachdem nun, was eine Stadt baut und ziert und von ihr liebend gehegt wird,
vorangegangen, trat gewissermaen die Stadt selbst auf, wenn der nun folgende
Zug von jenem irgend noch zu trennen ist; denn beide zusammen machten ja das
Ganze aus, und sein rhmliches Wohl kannte nur einen Boden fr seine Wurzeln.
    Von zwei brtigen Hellebardierern begleitet, wurde das groe Stadtbanner
getragen. Hoch trug der kecke Trger im wei und roten, ppig geschlitzten
Kleide die wallende Fahne, die eine Faust stattlich in die Seite gestemmt und
anmutig den Fu vorsetzend. Alsdann kam der Stadthauptmann, kriegerisch
prachtvoll in Rot und Schwarz gekleidet, mit einem Brustharnisch angetan und den
Kopf mit breitem, von Federn wogendem Baretthute bedeckt.
    Ihm folgten gleich die beiden Brgermeister, staatsmnnischen und weisen
Ansehens, dann der Syndikus und die Ratsherren, unter denen manch ein im weiten
Reich angesehener und demselben ersprielicher Mann war.
    Von den beiden Stadtschreibern, welche nebeneinander gingen, war der eine
schmchtige Schwarzgekleidete, mit der schngeschnitzten Elfenbeinbrille auf der
Nase, in Wirklichkeit der Literator der Knstlerschaft und der gelehrte
Beschreiber des Festes. Sein rhmliches Gedenkbuch ist unserm Gedchtnis dankbar
zur Hilfe genommen.
    Den Schlu bildeten nun die festlichen Reihen der ehrbaren Geschlechter.
Seide, Gold und Juwelen glnzten hier in schwerem berflu. Diese kaufmnnischen
Patrizier, deren Gter auf allen Meeren schwammen, die zugleich in kriegerischer
Haltung mit dem selbstgegossenen trefflichen Geschtze ihre Stadt verteidigten
und an Reichskriegen teilnahmen, bertrafen den Adel an Pracht und Reichtum und
unterschieden sich von ihm durch Gemeinsinn und sittliche Wrde, vom gemeinen
Brger aber durch weitsehenden Blick und umfassenden erhaltenden Sinn. Ihre
Frauen und Tchter rauschten wie groe lebende Blumen einher, und die Damen
muten sich selbst gestehen, da man vor vierhundert Jahren sich auch zu putzen
wute. Einige gingen mit goldenen Netzen und Hubchen um die schngezpften
Haare, andere mit federwallenden Baretten und Hten; manche die Brste straff in
Goldstoff und Perlenstickerei gespannt, zwei Rubinen auf den hchsten Punkten,
mit feinstem Linnen den Hals umschlossen, manche aber mit prchtig entblten
Schultern, von kstlichem Rauhwerk eingefat. Das Fremde und Eigensinnige im
Schnitt der Gewnder entstellte nicht, wie sonst verjhrte oder unkluge Moden,
sondern es schmckte auf das hchste und berauschte den Blick durch
Eigentmlichkeit und Phantasie. Diese Trachten waren allerdings den klassischen
einfachen Gewandmassen griechischer Welt gerade entgegengesetzt; aber
nichtsdestominder verkndeten sie eine kecke Freude am Leben und am Leiblichen,
nur da der persnliche Sinn, der im Christentume liegt, sich in den wunderlich
ausgedachten Umspannungen und Angehngseln des schnen Krpers zeigte.
    berhaupt machte der ganze Festzug durch die bloe Tracht, welche auf das
genaueste wiedergegeben war, einen ganz andern Eindruck, als unsere neuesten
frmmelnden Romantiker in ihren unkundigen und siechen Schilderungen des
Mittelalters beabsichtigen.
    Inmitten diesen glnzenden Reihen gingen einige venezianische Patrizier und
Maler, als Gste gedacht, poetisch in ihre welschen, purpurnen und schwarzen
Mntel gehllt um Haupt und Schultern. Diese Gestalten lenkten trefflich die
Vorstellungskraft auf die Lagunenstadt und von da ins ungemessene Weite an die
Ksten der Alten und Neuen Welt, um von da wieder zurckzukehren zur
spitzbogigen Wunderstadt mitten im Festlande.
    Trompeter und Pauker, gefolgt von drei Zugfhrern in Gold und Schwarz mit
dem Reichsadler, erffneten jetzt den Zug des Kaisers und Reiches, mit allem,
was dieses an Tapferkeit und Glanz um jenen geschart hatte.
    Ein Haufen Landsknechte mit seinem robusten Hauptmann gab sogleich ein
lebendiges Bild jener Kriegszeit und ihres unruhigen, auf Abenteuer gehenden,
wilden und doch sanglustigen kindlichen Volkstumes. Diese frommen Landsknechte,
einen Wald von achtzehn Schuh langen Spieen tragend, sahen sehr unfromm aus in
ihrer bunten, aus aller Herren Lndern zusammengeraubten Tracht. Die rechte und
linke Seite an demselben Mann war nicht nur ungleichfarbig, sondern auch
ungleich geschnitten; das rechte Bein, der linke Arm steckten in ungeheuer
aufgebauschten, fabelhaft zerschlitzten und bebnderten Gewandstcken, whrend
der rechte Arm und das linke Bein in knappester Umhllung sich formten. Der eine
trug Hals und Schultern nackt und sonnenverbrannt, der andere mit einem
erbeuteten Panzerstck bedeckt; diesem sa das leichtfertig gekerbte Barett
schief auf dem Kopfe, indessen die langen angehuften Federn ihm unten an die
Kniekehle schlugen; jener hatte es auf dem Rcken hngen und schleifte die
gestohlenen Federn gar am Boden. Sonst nannten sie nichts ihr als den sichern
Tod im Felde, und auf dies schlimme Gut, auf Wein und Weibsbilder und etwa noch
auf ihren geliebten Fhrer Frundsberg dichteten sie die artigsten Liedchen. In
diesen weithinziehenden Fuknechten sah der innere Blick Berg und Tal, Wlder,
Burgen und Festen, deutsches und welsches Land sich ausbreiten, nachdem die
schngebaute, mauergeschtzte und mavolle Stadt sich vorhin kundgetan.
    Vier Edelknaben mit den Wappenschildern von Burgund, von Holland, von
Flandern und von sterreich, dann vier Ritter mit den Bannern von Steier, Tirol,
Habsburg und mit dem kaiserlichen Paniere folgten; dann ein Schwerttrger und
zwei Herolde mit dem schwarzen Doppeladler auf dem goldenen Brust-und Rckenteil
ihrer Rcke. Auf die Flamberge tragende Leibwache des Kaisers kam eine zarte
Schar Edelknaben in kurzen goldstoffenen Wmsern, goldene Pokale tragend, dem
kaiserlichen Mundschenk vorauf. Ebenso gingen grne Jger und Falkoniere dem
Oberjgermeister voran, und wiederum Edelknaben dem Kaiser selbst.
    Fackeltrger mit vergittertem Gesicht umgaben diesen. Rock und
Hermelinmantel von schwarzdurchwirktem Goldstoff, einen goldenen Brustharnisch
tragend, nebst goldenem Schwert in roter Sammetscheide, und auf dem Barett den
kniglichen Zackenreif, ging Maximilian I. heroisch daher, das edle Angesicht
auf das Heldenmtige, Ritterhafte, Gemt-und Sinnreiche gerichtet. So konnte man
sagen selbst bei diesem lebenden Konterfei. Denn es hatte sich fr das Bild des
Kaisers ein junger Mann aus den fernsten Gauen des ehemaligen Reiches
eingefunden, der, ein merkwrdiges Naturspiel, von edler Haltung und edlem
Angesicht, wie dazu geschaffen war, ganz dasselbe offene, mannhafte und
angenehme Gesicht, die starke gebogene Nase, die bei den besseren Habsburgern
immer angenehm hervortretende Unterlippe und das krftige schlichte, rund um den
Kopf gleichgeschnittene Haar.
    Unmittelbar hinter dem Kaiser ging sein lustiger Rat Kunz von der Rosen,
aber nicht gleich einem Narren, sondern wie ein kluger und wehrbarer Held
launiger Weisheit. Er war ganz in rosenroten Sammet gekleidet, knapp am Leibe,
aber mit weiten ausgezackten hngenden Oberrmeln. Auf dem Kopfe trug er ein
arzurblaues Barett mit einem Kranze von je einer Rose und einer goldenen
Schelle; an der Hfte aber hing an rosenfarbenem Gehnge ein breites langes
Schlachtschwert von gutem Stahl. Wie sein Held und Kaiser war er nicht sowohl
ein Dichter als, was schner ist, selbst ein Gedicht.
    Der Erbschenk von Krnten und Statthalter der innersterreichischen Lande,
Siegmund von Dietrichstein, der als vertrautester und treuester Rat Maximilians
zu dessen Seite begraben liegt, und der zum tchtigen Feldherrn gediehene
gelahrte Doktor der Rechte, Ulrich von Schellenberg, erffneten nun die lange
Reihe dessen, was die Tafelrunde Maxens an glnzenden Ritter- und
Frstengestalten aufzuweisen hatte. Da schritt in Stahl gehllt und
waffenklirrend einher, was von der Lneburger Heide bis zur alten Stadt Rom, von
den Pyrenen bis zur trkischen Donau gefochten, geblutet und gesiegt hatte.
Schlachten und harte Belagerungen, Schieen, Mauerbrechen, Hngen und Kpfen,
ritterlich treues Leben und ruhmreiche Taten knpften sich an die Namen aller
dieser Kmpen, welche alle jedoch von den rastlosen wunderbaren Abenteuern und
Taten des einzigen Kaisers bertroffen wurden.
    Den Feldherrnstab auf die Hfte gesttzt, trat zuerst auf Georg von
Frundsberg, allein schon eine ganze Kriegszeit und Historie. Das Schwert Franz
I. von Frankreich wurde ihm auf goldenem Kissen vorangetragen mit der Inschrift:
Pavia 1525. Ein brtiger Landsknecht trug seine Hellebarde; denn er liebte es,
mit gutem Wertzeug in der Schlacht hie und da selbst mit einigen Streichen
nachzuhelfen und auszubessern, wie ein guter Handwerksmeister, und man sah ihn
dann dergestalt hantieren, da er mit jedem Schlage einen Mann niederschlug und
dazu hauchte wie ein Holzhacker. Ein Bergschtz aus seinem Stammland Tirol, mit
Armbrust, Kcher, Panzerhemd und Schwert, trug seinen Wappenschild.
    Ihm folgte ein hoher gewaltiger Ritter, Herzog Erich von Braunschweig;
seinen Stahlhelm zierte die Herzogskrone, aus welcher ein schillernder Busch von
Pfauenfedern emporschwankte, und ber diesem schwebte hoch ein goldener Stern.
Voraus ging ein Edelknabe mit einer bhmischen Fahne, auf welcher geschrieben
stand Regensburg 1504. Die wilde Bhmenschlacht, in welcher er dem Kaiser das
Leben gerettet, trat hiemit vor das geistige Auge.
    Schwer an Erinnerung und Bedeutsamkeit folgte Franz von Sickingen, in Eisen
gehllt, mit seinem langen, gerechten und freiheitliebenden Schwert, seinem
langen Arm. Ein Edelknabe trug die Fahne der Picardie voran mit der Inschrift:
Bouillon 1518. Zwei geharnischte Reiterknechte gingen hinter ihm mit Waffen und
Schild, der seinen Wahlspruch glnzen lie: Gottes Freund, aller Welt Feind. Er
selbst aber sah wohl aus wie der, welcher in der Not eines blutigen wilden
Belagerungstodes im Harnischkasten begraben wurde.
    Wilhelm von Roggendorf und Graf Niklas Salm, jener von maurischen
Siegeszeichen und der Inschrift: Berg Spadan 1522, dieser mit trkischen und der
Inschrift: Wien 1529 begleitet, gaben das Bild einer schnen Heldenfreundschaft.
Denn der eine, welcher als Jngling in die Waffenlehre des andern gegeben ward,
wurde in seltsam leidenschaftlicher Umkehrung des Weltlaufes der jugendliche
Schwiegervater des Heldengreises, der seine Tochter liebte und auch vor ihm in
heier Trkenschlacht in seinen Armen starb. Beide aber ruhen in derselben
Gruft.
    Dem Grafen Andreas von Sonnenburg ward die franzsische Fahne mit der
Inschrift: Guinegaste 1479 vorgetragen. Ein Bergschtz aus seiner tirolischen
Grafschaft, in Panzerhemd und Jgerhut, mit breitem Grtel, langem Bogen und
Kcher folgte und trug den Schild mit dem alten schwbischen Wappen, zu Ehren
seines Ahnherrn, der dem letzten Hohenstaufen im Tode beistand.
    Dem Frsten Rudolf von Anhalt ging eine Fahne mit der Inschrift:
Stuhlweienburg 1490 voran, und seine Knappen trugen Lanze und Schild mit den
Worten: Anhalt das treue Blut. Und endlich trug dem in blauer Rstung und
schwarzem Helmbusch schreitenden Marx Sittich von Hohenems ein Edelknabe die
venezianische Fahne mit der Inschrift: Verona 1516 voran.
    Jetzt erschienen die gelehrten Rte des Kaisers; allein gleich der erste
derselben, der berhmte Willibald Pirckheimer war wieder ein Stck Krieg, und
nicht nur Schriftsteller, Altertumskenner und Beschtzer aller Gelehrten und
Knstler, sondern auch zuweilen Feldherr; der edle und treue Freund Drers
fhrte eine Kriegsschar seiner Vaterstadt Nrnberg, ein zweiter Xenophon, gegen
die Schweizer im Schwabenkriege; und der gelehrte Mann mute sich freilich mit
noch bewhrteren Kriegsfrsten trsten, wenn er in dieser schlimmen Gegend nicht
die Lorbeeren holte wie auf den ruhigen Gefilden der Wissenschaft.
    Melchior Pfinzing, Verfasser des Teuerdank, und Marx Treitzsauerwein, der
Geheimschreiber des Kaisers und Ordner des Weikuniges, erschienen als die
Zeugen der sinnreichen und fabelweisen Gemtsrichtung des rmischen Knigs.
    Ein reicher Hof von Rittern und Edelfrauen und endlich ein einsamer
fahrender Ritter, geharnischt und die Zither ber der Schulter, schlossen das
Gefolge des Kaisers, welches ein zweiter Haufen Landsknechte von dem folgenden
Zuge trennte.
    Auch diese Ritter- und Kriegswelt, von friedlichen Knstlern dargestellt,
zeigte sich dessenungeachtet wahr und wesentlich, getragen von stattlich
krperlicher Befhigung. Hier waren vorzugsweise die in mnnlicher Reife, Kunst
und brgerlicher Stellung vorgerckten Mitglieder vertreten, deren durch
rstiges und gelungenes Schaffen erreichter Wohlstand die kostbaren Gewnder
mglich machte. Sie trugen mit kriegerischem Anstand die reichgeschmiedeten
Rstungen aus dem Zeughause, und die kecken, mannigfach geschnittenen Brte
schienen weniger die Zeichen malerischen Behabens als die Zierden wirklich
tatenreicher Kmpen zu sein. Da nun aber jeder einzelne Mann nicht etwa ein
schngewachsenes Schema, ein bloer Statist, sondern eine bedeutende
Persnlichkeit, ein rechter Schmied seines Glckes war, der aus diesem, der aus
jenem Winkel deutschen Volkstumes hervorgekommen, so mute man beim Anblick so
vieler unwillkrlich die Hoffnung fassen, da ein solches Volk doch noch zu was
anderm fhig sei als zur Darstellung der Vergangenheit und da diese krperliche
Wohlgestalt, welche so hnliche Bilder toter Helden und Kaiser zeigte,
unausbleiblich einst die wahren Kaiser, die rechten Schmiede und Herrscher des
eigenen Geschickes, die selbstndigen Mnner der Zukunft hervorbringen werde.
    Whrend die Scharen aller bisher Vorbergeschrittenen weithin dem Blicke
entschwanden und im weiten Rundgange sich kreuzten, rauschte und tanzte jetzt
die Mummerei heran, in welcher alles, was die Knstlerschaft an bermtigen
Sonderlingen, Witzbolden, seltsamen Lckenbern und Kometennaturen in sich
hegte, Platz gewhlt hatte.
    Der Mummereimeister Peter von Altenhaus erffnete auf einem launischen Esel
den trumerischen Zug, und hinter ihm kollerten die altdeutschen
Narrengestalten, die zierlichen bunten Narren Gylyme, Pck und Guggerillis und
die verwachsenen Schlke Metterschi und Duweindel daher nebst vielen anderen
Narren, welche aber nie beisammenblieben, sondern unaufhrlich zwischen den
Gruppen des Zuges herumfuhren.
    Dann kam der bekrnzte Thyrsustrger, welcher die behaarte, gehrnte und
geschwnzte Musikbande fhrte. In ihren Bockshuten nach der eigenen Musik
hpfend und hopsend, brachten diese Gesellen eine uralte, seltsam schreiende und
brummende Musik hervor, bald in der Oktave, bald in lauter Quinten pfeifend und
schnarrend, jetzt in schwindelnder Hhe, dann in der tiefsten Tiefe.
    Mit goldenem umlaubtem Thyrsusstabe schritt der Anfhrer des Bacchuszuges
vor. Ein Kranz blauer Trauben umschattete tief seine glhende Stirn; von den
Schultern flatterte und wallte eine festliche Last buntgestreifter Seidenbnder
bis auf die Fe und verhllte wehend den unbekleideten Krper. Nur die Fe
waren mit goldenen Sandalen versehen.
    In biblischer Erinnerung trugen hierauf, umtanzt von halb mittelalterlich,
halb antik geschrzten Winzern mit Krgen, Traubenbutten, die zwei Kundschafter
aus dem Gelobten Lande an schwer gebogener Stange die groe Traube. Vier noch
kernhaftere Mnner trugen an vier aufrechten Fichten eine noch viel grere
Traube. Auch der dicke Silen, welcher unbehilflich und ngstlich zu Fu ging,
und die tobende Schar von Schenken, Faunen und Winzern, welche den Wagen des
Bacchus zogen, schoben und umschwrmten, Schalen, Becken und Stbe
zusammenschlagend, waren halb modern, halb mythologisch gekleidet. Selbst der
junge, efeubekrnzte Bacchus, sonst ganz nackt, trug, mittelalterlich gedacht,
ein zierliches Kferschrzchen um die runden Hften. Eine Rebenlaube wlbte
sich, und die dichten Trauben bildeten einen dunkelblauen Himmel ber ihm, in
den er sehnschtig hineinlchelte. Es war ein schner rosiger Jngling mit
schwarzgelocktem Haar.
    Knige mit Krone und Zepter, zerlumpte Bettler mit dem Schnappsack, Pfaffen
und Juden, Trken und Mohren, Knaben und weie Greise zogen nun den Triumphwagen
der Venus herbei. Diese war niemand anders als die schne Rosalie in aller Anmut
ihres rosig lachenden Wesens. Sie ruhete auf einem Rosenlager unter
durchsichtiger Blumenlaube, in ein seidenes antikes Purpurkleid gehllt, mit
bloen Armen und Fen. ber der Stirn strahlte ein goldener Stern aus den
dunklen Locken, in der Hand hielt sie eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei
silberne Tubchen saen, die, mit den Flgeln schlagend, sich schnbelten. Zwei
Kreuzfahrer gingen unter den Gefangenen der Venus zu beiden Seiten des Wagens
und gereichten ihr mit aufmerksamer Haltung zu besonderm Schutzgeleit. Sie aber
sah sich dann und wann begierig und lchelnd um, da gleich hinter ihrem Wagen
der biedere Erikson, welcher den Zug der Diana anfhrte, als wilder Mann
einherschritt, seinen kraftvollen schnen Krper nur um Lenden und Stirn mit
dichtem Eichenlaub geziert, er berragte um einen Kopf seine Umgebung, obgleich
noch manche stattliche Gestalt dabei war. Viele Jger folgten ihm mit grnen
Zweigen auf Hten und Kappen, die groen Hifthrner mit Laubwerk umwunden, das
Jagdkleid aber mit Iltisfellen, Luchskpfen, Rehpfoten und Eberzhnen besetzt.
Einige fhrten Rden und Windspiele, einige, mit Gebirgsschuhen und Steigeisen
am Grtel, trugen Gemsbcke auf dem Rcken, andere Auerhhne und Bndel von
Fasanen und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirsche mit versilberten
Hauern, Geweihen und Pfoten. Dann trug eine Schar trotziger wilder Mnner einen
wandernden Wald belaubter Bume aller Gattung, in welchen Affen, wilde Katzen
und Eichhrnchen kletterten und Vgel nisteten. Durch die Stmme dieses Waldes
aber sah man bereits die silberne Gestalt der schmalen Diana schimmern, der
lieblichen Agnes, wie sie von Ferdinand geschmckt worden war. Ihr Wagen war von
allem mglichen Wilde bedeckt, und dessen Kpfe umkrnzten ihn mit vergoldetem
Gehrn und bunten Federn. Sie selbst sa mit Bogen und Pfeil auf einem bemoosten
Fels, aus welchem ein lebendiger Quell in ein natrliches Becken von
Tropfsteinen sprang, an welches die wilden Mnner und Jger sich manchmal
durstig niederbeugten und aus der Hand tranken.
    Agnes war in ein Gewand von Silberstoff gekleidet, welches bis tief auf die
Hften ganz anliegend war und alle ihre geschmeidigen Formen wie in Silber
gegossen erscheinen lie. Die kleine klare Brust war wie von einem Silberschmied
zierlich getrieben. Vom Schoe abwrts aber, der von einem grnen Grtel
mehrfach umwunden war, flo das Gewand weit und faltig, mehrfach geschrzt, doch
bis auf die Fchen, welche mit silbernen Sandalen keusch hervorguckten. Im
schwarzen, griechisch geknpften Haare machte sich mit Mhe die strahlende
Mondsichel sichtbar, und wenn sich Agnes nur ein bichen regte, so wurde sie von
den dunklen Locken zeitweise ganz bedeckt. Ihr Gesicht war wei wie Mondschein
und noch bleicher als gewhnlich; ihr Auge flammte dunkel und suchte den
Geliebten, whrend in dem silberglnzenden Busen der khne Anschlag, den sie
gefat, pochte und rumorte.
    Ferdinand aber, welcher das Gewand eines jagdliebenden Knigs gewhlt hatte,
um der Diana nahe zu sein, hatte sich lngst unter den Triumphzug der Venus
gemischt, betrachtete sie wie ein Trumender unverwandt und wich keinen Schritt
von ihrem Wagen, ohne sich dessen innezuwerden; denn kaum hatte er Rosalien beim
Beginne des Festes gesehen, so lie er Agnes, die er geschmckt und soeben auf
den Wagen gehoben, wie sie war, und folgte jener gleich einem Nachtwandler.
    Heinrich hatte sich in ein laubgrnes Narrenkleid gehllt und trug einen
Jagdspie statt des Kolbens; um die Schellenkappe hatte er ein Geflecht von
Stachelpflanzen und Stechpalme mit ihren roten Beeren geschlungen als eine
grnende Dornenkrone. Was er damit wollte, wute er selbst kaum zu sagen; es war
eine mehr unwillkrliche Geschmacksuerung, welche der innersten Seelenstimmung
entsprang. Er ging, nur hie und da sich umsehend und durch den wandelnden Wald
huschend, immer der Diana zur Seite, da sonst kein Befreundeter um sie war; denn
Erikson, der wilde Mann, hielt sein Auge auf Rosalien und Ferdinand gerichtet,
ohne indessen stark aus seiner Gemtsruhe zu geraten.
    Als nordisches Mrchen folgte diesen sdlichen Bildern der Zug des
Bergknigs. Ein ansehnliches Gebirge von glnzenden Erzstufen und Kristallen war
auf seinem Wagen errichtet, und darauf thronte die riesige Gestalt in grauem
Pelztalar, den schneeweien Bart wie das Haar bis auf die Hften gebreitet und
diese davon umwallt. Das Haupt trug eine hohe goldene Zackenkrone.
    Um ihn her schlpften und gruben kleine Gnomen in den Hhlen und Gngen;
dieses waren wirkliche kleine Bbchen; aber der kleine Berggeist, welcher vorn
auf dem Wagen stand, ein strahlendes Grubenlicht auf dem Kpfchen, den Hammer in
der Hand, war ein kaum drei Spannen hoher, ausgewachsener Knstler, aber dennoch
ebenmig fein gebaut, mit mnnlich schnem Gesichtchen, wundervollen blauen
Augen und blondem Zwickelbart; das kleine Wesen, einem Zaubermrchen gleichend,
war nichts weniger als eine bloe Seltsamkeit, vielmehr ein wohlbewuter und
rhmlicher Maler.
    Hinter dem Bergknig auf demselben Wagen schlug der Prgemeister aus Silber
und blankem Kupfer (statt des Goldes) kleine Denkmnzen auf das Fest; ein Drache
speiete sie in ein klingendes Becken, und sie diesem entnehmend, warfen zwei
Pagen, Gold und Silber, die schimmernden Mnzen unter das schauende Volk.
    Ganz zuletzt und einsam schlich der Narr Glichisch her, traurig und
achselzuckend den geleerten Beutel schttelnd, umkehrend und rings umherzeigend.
Es war aber noch nicht ernst gemeint mit diesem Bedauern; denn dem nachhinkenden
Narren auf dem Fue folgte wieder der glnzende Anfang; wieder gingen die
Znfte, das alte Nrnberg, Kaiser und Reich und die Fabelwelt vorber, und so
zum dritten Male, bis aller Augen sich an dem Gestaltenwechsel gesttigt hatten.
    Dann scharte sich die ganze Masse in gedrngte Ordnung; die sangkundige
Menge der Knstler lie die Festlieder ertnen und brachte dem vergngten
wirklichen Knige, in dessen Machtkreis zuletzt diese ganze Traumwelt hing, ein
opferndes Lebehoch. Durch den Logensaal der kniglichen Familie, wo diese
versammelt war, bewegte sich nun der ganze Zug und auf bedeckten Gngen in die
Residenz hinber, durch deren Sle und Korridore, welche alle von begnstigten
Zuschauern angefllt waren.
    Als Heinrich in die Nhe des zufriedenen Knigs kam, gedachte er jenes
wunderlichen Auftrittes, wo dieser ihm die Mtze heruntergeschlagen hatte. Er
hatte ihn nie wieder so nahe gesehen bis jetzt und ihm lngst verziehen; denn
wenn die Knige nicht beleidigt werden drfen, so knnen sie auch nicht
beleidigen noch beschimpfen, da ihre einsame Willkr alle gewhnliche Wirkung
aufhebt. Doch mute er jetzt lachen, als er sich vorstellte, wie schn der Knig
sich nun vergreifen wrde, wenn er ihm die stachlichte Schellenkappe abschlagen
wollte. Mutwillig bot er ihm sein bestechpalmtes Haupt hin und sagte leise: He,
Knig! schlag mir die Kappe runter! Der Knig sah ihn betroffen an, schien sich
zu erinnern und sagte kein Wort. Heinrich sah ihn ernsthaft an, klingelte
bedeutsam mit den Schellen auf seinem Kopfe und sprang davon.
    In den Gemchern und Gngen des Palastes wie in den Gartenarkaden gingen die
Knstler recht durch ihr eigenes Werk, das in vielfltiger Gestalt, von Sulen,
Wnden, Decken und Treppen, in Gold, Farben und Marmor sie umglnzte. Und als
sie ber den von Pechflammen erleuchteten Platz zogen, durch das Gewoge des
Stadtvolkes hin, ragte wieder berall ihr Werk in Erzbildern und hohen Gebuden.
    Doch mndete nun der Zug in das benachbarte groe Odeon und ergo sich froh
aufatmend in den zu Bankett und Spiel geschmckten mchtigen Saal. Mit Mhe
gelang es den Fhrern und Zeremonienmeistern die Pltze zu ordnen, da die
traumhafte Selbsttuschung auch hier fortdauern und die Teilnehmer nach Rang und
Bedeutung bankettieren sollten. Ein erhhtes Halbrund war mit des Knigs
kostbaren Teppichen, welche er samt reichem Tischzeug, Silbergeschirr und
goldenen Pokalen und Kannen aus seinen Kammern gegeben, bekleidet, um den Kaiser
mit seinen Grafen und den Patriziern aufzunehmen. Mit groem Anstande nahmen sie
Platz, und noch mehr als der glnzende Kaiser, welcher sich mit wirklich
monarchischem Behagen gefiel, wuten sich die schnen Damen in adeligem Tun zu
gefallen. Die Mundschenken und Edelknaben aber dienten und warteten auf und
fanden hierin, unter Lust und Scherz, ihre volle Zufriedenheit.
    An langen Tafeln saen die Znfte und die Landsknechte; nur Albrecht Drer
hatte seinen Platz neben dem Kaiser, wo auch der majesttische mrchenhafte
Bergknig ragte.
    Von hohen, mit goldgestickten Teppichen behangenen, blumenberwlbten
Galerien tnten die lauten Musikchre, bald selbstndig, bald die Bankettlieder
begleitend; es war nicht ein Schuh von moderner prosaischer Kleidung im Saale,
und selbst in den Nebengemchern, wo noch viele kleinere Kreise tafelten und
zechten, sah man nichts als Mittelalter bis auf die Leute des Wirtes, welche
alle kostmiert waren. Darum verbreitete sich ein prchtig rauschender Strom der
Freude ber die Menge, in welchem sie sich froh und aufblhend badete. Kaum
konnte der Kaiser mit der schnsten Dame den altertmlichen Fackeltanz erffnen,
bis die Reihen der Handwerksmnner und Landsknechte, welche an den springenden
goldenen Weinquellen saen, allmhlich sich zurckdrngen lieen, und sie taten
es endlich um so williger, als die prchtigen Damen sich weigerten, mit den
Schustergesellen und wilden Fuknechten zu tanzen. Denn die Schnen hatten sich
schon so tief in ihre Gewnder hineingelebt, da sie vergaen, wie mancher der
Verschmhten von gleichem Range mit ihnen war und, obgleich er ein reinliches
neues Schurzfell trug und in weien Hemdsrmeln ging, doch gleich ihnen sich
freute, von einem wrdigen Kaufmann, Professor oder geheimen Registrator
abzustammen. Fr den Anblick gewann jedoch durch diese Wunderlichkeit der Tanz
an Schnheit, als die Ritterpaare, Raum gewinnend, mit wogenden Federn und
wehenden Mnteln in langsamem Walzer oder anderen Tnzen sich feierlich
bewegten.
    Doch wurde der Tanz fters unterbrochen durch die Schauzge, welche in immer
neuer Gestaltungslust durch den Saal tosten. Bald erschien der Mummenschanz,
welcher nicht satt wurde, sich in neue Mrchen umzubilden und seine einzelnen
Teile fabelhaft zu vermischen, bald strmten die singenden Landsknechte vorbei,
welche es so gut trieben, da sich von diesem Feste her noch lang eine frmliche
Landsknechtskultur erhielt in Bild und Lied, und deren Zechweise und verlorenes
Leben als das lblichste Bild deutscher Romantik erschien. Bald gaben die Znfte
eine Schaustellung, bald fhrten die Narren dem Kaiser ihre Schwnke auf.
    Die Meistersnger hielten in einem kleinern Saale bei offenen Tren eine
Singschule. Es wurde unter den znftigen Gebruchen wettgesungen, ein
Schulfreund oder Singer zum Meister gesprochen und dergleichen. Die
vorgetragenen Gedichte enthielten Lobpreisungen und Danksagungen gegen den
kunstsinnigen Knig, dann aber hauptschlich Hecheleien der verschiedenen
Kunstrichtungen, Verspottung irgendeiner anmalichen oder eigensinnigen Gestalt
der Knstlerschaft, Klagen ber Verwaltung gemeinsamer Anstalten, gesellige
belstnde und solches mehr. Es war sozusagen eine allgemeine Abrechnung, und
vorsorglich hatte jede Richtung und jede Gre ihren Vertreter mit fertigem
Gedicht unter die Meistersnger gesteckt. Es erklangen fter ganz scharfe und
satirische Verse, aber dieser Inhalt nahm sich hchst seltsam aus in den
trockenen und feierlichen Formen, in denen er vorgebracht wurde, und mit dem
komischen Wesen dieser Formen. Denn whrend alle Singenden in demselben
eintnigen und schalkhaften Leierton ihr Gedicht sangen und in denselben
Knittelversen, so wurde doch bei jedem vorher mit lautem Ausruf eine andere neue
Weise angegeben, wie sie ehemals von den wackeren Meistersngern erfunden und
getauft wurden. Da wurde angeblich gesungen in der glatten Seidenweise, der
rotbacketen pfelinweise, der Strohhalmweise, der Schreibpapierweise, in der
Stechpalmweise, sen Pfirsichweise, blauen Traubenweise, Silberweise, berhohen
Bergweise, glitzerigen Thurngockelweise, Rosentonweise, spitzigen Pfeilweise,
krummen Zinkenweise, Orpheus' sehnlicher Klagweise, in der gelben
Lwenhautweise, stachlichten Igelweise, in der schwarzen Agtsteinweise, blauen
Kornblmelweise wie in der verschlossenen Helmweise. Das Gelchter war gro,
wenn nach diesen pomphaften, malerischen und poetischen Ankndigungen sich immer
der alte grmliche Leierton mit den trockenen Witzen hren lie. Aber nicht alle
Gedichte waren dieses satirischen Inhaltes. Einige blutjunge Meistersingerlein
wagten es, ihre durch den lauschenden Frauenkranz angeregten Gefhle zu uern
und diese oder jene Gestalt nicht undeutlich zu besingen. Ein blhendes
Schuhmcherlein pries, um Rache zu nehmen fr den Stolz, welchen die Damen beim
Tanz gezeigt hatten, sein heimliches Glck bei mehr als einer goldenen Grfin,
und sogleich nahm ein lustiger Schneiderlehrling den Kampf mit ihm auf in
Festsetzung der Liebes- und Glcksregeln im Frauendienst. Der Schuster
behauptete, da Tiefsinnigkeit, poetisches Wesen und stolze Bescheidenheit die
Frauen gewnnen; der Schneider hingegen verlangte zu solchem Glcke Anmaung,
Mutwillen und leichtsinniges Aufgeben der eigenen Person. Hans Rosenplt, der
Schnepperer, aber schlichtete den Streit und erklrte die Frauen fr wunderliche
Wesen, welche stets die eine Art liebten, wenn die andere gerade nicht zu haben
wre, und da beide abwechselnd ihres Glckes genssen.
    In einer schn geschmckten groen Nische war um Rosalien ein ordentlicher
Venushof versammelt. Zwei oder drei anmutige Frauen hatten sich ihr zugesellt,
weil es hier frhlich und galant herging und sich der ganze Schwarm der
Gefangenen der Schnheit mit groer Geschicklichkeit und Aufrichtigkeit in seine
Rolle fand.
    In einer anderen Nische, welche mit dieser durch eine offene Tr verbunden
war, hatten die Jger ihren Sitz aufgeschlagen und einige lustige junge Mdchen
zur Gesellschaft der Diana herbeigelockt. Heinrich sa Agnes zur Seite und
beschtzte sie insbesondere. Erikson, der wilde Mann, ging ab und zu; er konnte
seiner seltsamen Tracht wegen nicht wohl tanzen noch sich in zu groe Nhe der
Frauen setzen und beschrnkte sich daher, hier und dort einen Becher zu trinken
oder an den improvisierten Spielen teilzunehmen. Fast bereute er, diese Rolle
gewhlt zu haben, und sah ziemlich unbehaglich, wie Ferdinand fort und fort
Rosalien den Hof machte; sie hatte sich mit weien Atlasschuhen versehen und
tanzte zuweilen mit Ferdinand, der in seinem Hubertusgewande sehr wohl aussah
und sich mit sicherm Anstande betrug. Er hatte einige kostbare Brillanten,
Zeichen seines hollndischen Reichtumes, in Ringen und Spangen angelegt, und die
reiche Rosalie benahm sich gegen ihn mit der heiteren Ungezwungenheit, welche
die gesicherten Reichen gegenseitig zu ben pflegen. Sie lachte, scherzte und
strahlte von freundlichem Liebreiz, indem sie gegen alle sich hold und froh
zeigte, gegen Ferdinand aber ihre Unwissenheit beklagte und bedauerte, welche
sie so lange von den wahrhaft frohen und klugen Kreisen der Knstler
ferngehalten habe und sie selbst jetzt nur ihre Freude, nicht aber den Ernst
ihrer Arbeit verstehen lasse. Sie drckte sich aber mit so artigen und klugen
Worten aus, da Ferdinand von ihrem naiven, anmutigen Geiste entzckt wurde und
immer weniger seine Blicke von ihr wandte oder von ihrer Seite wich. Es wehte
ein ser Hauch der Frauenhaftigkeit ihn an, wenn sie lchelte und sprach, und
der Stern in ihren Locken glnzte wirklich wie der Stern der Venus.
    Er fhlte eine Fesselung aller Sinne, welche ihn alles andere vergessen und
alles Trachten auf das reizende Weib richten lie, von dem sie ausging, als ob
sonst kein Heil in Zeit und Ewigkeit zu finden wre. Bei den meisten Mnnern ist
dies ein vorbergehendes inneres Begehren, eine rasche, allmhlich verwehende
Aufwallung des Denkens, die hundertmal entsteht und hundertmal verschwindet.
Ferdinand war aber einer von denen, welche, in allen anderen Dingen klar und
besonnen, in diesem einen Punkte die Verblendung und Aufwallung mit
schrankenloser und unverhllter Selbstsucht kundgeben. Rosalie lieh seiner
beredten Aufmerksamkeit ein williges Ohr und blickte ihn dabei mit groem
Wohlwollen an, nur zuweilen einen flchtigen, aber zufriedenen Blick auf die
prachtvoll und mchtig geformte Gestalt Eriksons werfend, wenn er vorberging,
so da dieser mit der Wahl seines Kostmes sich ausgeshnt, wenn er diese Blicke
gesehen htte. Er lie aber den Unmut nicht ber sich Herr werden, sondern
betrug sich gleichmtig und stolz, und nur wenn sein Blick denjenigen Rosaliens
traf, sah er sie mit groen fragenden Augen an.
    Agnes hatte schon lange stumm neben Heinrich gesessen; sie wiegte, trauernd
und den Busen von ungestmem Schmerze bewegt, das schwarzgelockte Haupt auf den
schmalen Silberschultern, und nur zuweilen scho sie einen flammenden Blick zu
Ferdinand und Rosalien hinber, zuweilen sah sie verwundert und wehmtig hin,
aber immer sah sie dasselbe Schauspiel.
    Heinrich, welcher aus Ferdinands Betragen nicht klug wurde, indem ihm eine
solche Unmittelbarkeit des Wechsels und unter solchen Umstnden doch nicht
glaubhaft schien, versank in tiefes Sinnen. Die vergangene Zeit kam ber ihn,
und indem er an die bemalte Decke des Saales emporsah, erinnerte er sich jener
Fastnacht, wo er unter dem freien Himmel der Heimat, auf luftigen Bergen, unter
Vermummten sich umgetrieben oder neben der toten Anna durch den Wald geritten.
Er verfiel mehr und mehr auf das Andenken dieses guten Mdchens, und eine groe
Verliebtheit erfllte ihn, wie er sie lange nicht empfunden.
    Ein tiefer Seufzer weckte ihn auf, welchen die silberne Agnes neben ihm tat,
und sogleich schlossen sich seine Empfindungen, die aus dem Schattenreiche
gleich Abendnebeln aufgestiegen, an diesen lebendigen Kern; er sah ihre seltsame
Schnheit und trank verwirrt aus seinem Weinglase, als Agnes ihn pltzlich
aufforderte, mit ihr zu tanzen. Schon drehten sie sich rasch durch die
rauschende Menge, und jedermann lachte voll Vergngen, als der grngekleidete
Narr mit der elfengleichen Diana dahinwalzte. Sie tanzten zwei- und dreimal um
den Saal und begegneten jedesmal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und
den mit ihr tanzenden Lys zeitweise halb verhllte. Dieser grte das Dianenpaar
froh und zufrieden, wie man Kinder grt, welche sich gut zu unterhalten
scheinen, denn er war in dieser Sache so verblendet, da er sich vollkommen
unverpflichtet und frei glaubte, blo weil er mit dem armen Mdchen absichtlich
noch nie von Liebe gesprochen hatte. Rosalie hingegen, welche von der frheren
Bewandtnis dieses Verhltnisses nichts wute, freute sich ber das zierliche
Kind und verlangte dasselbe in ihrer Nhe zu haben, als Heinrich mit anderen an
einigen lustigen Spielen, die aufgefhrt wurden, teilnehmen mute.
    Kunz von der Rosen fhrte an einem langen Seile alle vorhandenen Narren
durch das Gedrnge; jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner
Narrheit, und von den leichteren und liebenswrdigeren Narrheiten schied der
lustige Rat neun schwere aus und stellte mit ihnen vor dem Kaiser ein Kegelspiel
auf. So standen da vor aller Augen Hochmut, Neid, Vielwisserei, Grobheit,
Eitelkeit, Wankelmut in der Hoffnung, Halsstarrigkeit, tatlose
Vergleichungssucht und unfruchtbare Selbstbespiegelung. Mit einer ungeheuren
Kugel, welche die leichteren Narren mit komisch heftigen Gebrden herbeiwlzten,
versuchte nun mancher Ritter und Brger nach den neun Narren zu schieben, aber
nicht einer wankte allen diesen Einzelwrfen, bis endlich der kaiserliche,
tadellose Held, in welchem sich gewissermaen das ganze deutsche Volk
darstellte, sie alle mit einem Wurfe ber den Haufen warf, da sie possierlich
bereinanderpurzelten.
    Kunz von der Rosen richtete die Gefallenen halb auf und ordnete sie zu einer
plastisch-mimischen Darstellung der Niobidengruppe, und von diesem Scherze ging
er zur Bildung anderer berhmten Gruppen ber drei reizende, nicht vllig
ausgewachsene Schler im Narrenhabit stellten die Grazien dar, und das so
anmutig schalkhaft, da sie, kaum auseinandergegangen, in den Kreis der Damen
gelockt wurden, ohne zu wissen wie, und sich dort aufs liebreichste
geschmeichelt und gehtschelt sahen. Des gleichen Vorzuges geno ein schner
Zwerg, der kleinere Bruder jenes Koboldes auf dem Wagen des Bergknigs, welcher
mit klassischem Anstande den sterbenden Fechter machte in seinem
Schellenkleidchen. Dann stellte Erikson den Laokoon vor, durch mchtige
Papierschlangen mit zwei jungen Narren verbunden.
    Als er in der beschwerlichen Stellung dasa und sich nicht rhren durfte,
indessen seine krftigen Muskeln alle in wunderschnem Spiele seiner Bewegung
gehorchten, sah er, wie Rosalie, deren Augen unverwandt an ihm gehangen, fast
gewaltsam von Ferdinand weggezogen und durch die Rume gefhrt wurde. Er hielt
es nun nicht lnger aus, und kaum von den Schlangen losgewickelt, durchstrmte
er das Haus und bettelte sich von befreundeten Gestalten Gewandstcke zusammen,
die sie in der vorgerckten Stunde nun wohl entbehren konnten, und warf sich
dieselben hastig ber. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Mnch, ein Jger und
ein wilder Mann, den Kopf noch grn belaubt, suchte er die engere Gesellschaft
auf und setzte sich dicht an die andere Seite Rosaliens; denn die Bacchusleute,
die Jger und der Hof der Venus hatten sich nun in einem groen Kreise
vereinigt, um bis zum nahenden Morgen gemeinsam zu jubilieren, und Ferdinand
wich nicht von der Seite der schnen Witwe. Mit der grten Tollheit fuhr er
fort, ihr den Hof zu machen, obgleich er die Hoffnungen Eriksons wohl kannte.
Dieser sa und lauschte seinen Worten, ohne da er sich seine Unruhe anmerken
lie und ohne seine Schne zu belstigen, welche ebenfalls fortfuhr, Ferdinands
Huldigungen ihre Freundlichkeit entgegenzusetzen und sich von ihm aufs
angenehmste unterhalten zu lassen. Erikson besorgte wohl, da der Teufel sein
Spiel treiben und ihm die Jagd verderben knnte; aber als ein erfahrener Jger
verharrte er unbeweglich auf dem Anstande, weil ihm das zu erjagende Wild zu
kostbar und edel war, als da er sich durch Leidenschaftlichkeit verwirren
wollte.
    Gegenber an dem groen Tische sa Agnes, welche den grnen Heinrich
ngstlich bei sich festhielt, da er Ferdinands Freund und das einzige Band war,
welches sie mit diesem Ungetreuen einigermaen zusammenhielt. Alles freute und
ergtzte sich, klang und jubelte in gewichtiger rauschender Pracht um sie her,
nur sie allein verzehrte sich in ungestillter Begierde. Die Nacht nherte sich
ihrem Ende, und statt die gehoffte Liebesentscheidung zu bringen, sah sie ihr
Glck deutlich entfliehen.
    In der schmerzlichsten Aufregung verlangte sie wieder zu tanzen und zog
Heinrich fort. Dieser berauschte sich, indem er sie zum Tanze umfing, an ihrem
Anblick; ein heftiges Begehren wallte durch seinen ganzen Krper, da der
uerste Zipfel an seiner grnen Kappe erzitterte und die Schelle daran leise
erklang. Als aber Agnes pltzlich anhielt, ihm die Hand auf die Schulter legte
und leidenschaftlich schmeichelnd bat, er mchte doch sogleich hingehen und
Ferdinand bitten, da er nur einmal mit ihr tanze, lief er gehorsam, ja eifrig
hin, zog seinen Freund zur Seite und beschwor ihn mit zrtlichen Worten, es zu
tun. Lys bat ihn angelegentlich, statt seiner mit Agnes zu tanzen, und entzog
sich ihm rasch.
    Die beiden jungen Leute drehten sich nun wieder heftig und lustig herum. Das
Mdchen atmete so hoch, da die schmale Spanne ihrer Silberbrust wogte und
funkelte, wie die glnzenden Wellen im Mondschein, und alle Glckchen an
Heinrichs Kleid und Kappe zitterten und klangen.
    Abermals sandte sie ihn zu Ferdinand mit dem nmlichen Auftrag, und da
Heinrich diesen mit eindringlichen und tadelnden Worten, sehr aufgeregt,
ausrichtete, fuhr ihn jener an und sagte: Was ist denn das fr eine Sitte von
einem jungen Mdchen? Tanzt miteinander und lat mich zufrieden!
    Heinrich fhlte sich halb erzrnt und halb erfreut ber diese Antwort, und
die dmonische Lust, eine schlimme Sachlage zu benutzen, stieg in ihm auf; doch
bis er zu dem harrenden Mdchen gelangte, siegte das Mitleid und die natrliche
Artigkeit, und er hinterbrachte ihr nicht Ferdinands harte Worte, sondern suchte
sie zu vertrsten.
    Noch einmal tanzten sie und noch bewegter und ungestmer herum, und noch
einmal sandte sie ihn zu dem Wankelmtigen und lie diesen bitten, sie nach
Hause zu bringen.
    Ferdinand eilte jetzt sogleich herbei, besorgte den warmen Mantel des
Mdchens und ihre berschuhe, und als sie gut verhllt war, fhrte er sie unter
die Haustr, legte ihren Arm in denjenigen Heinrichs und bat diesen, indem er
sich von Agnes in freundlich vterlichem Wohlwollen verabschiedete, seine kleine
Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause zu geleiten.
    Zugleich verschwand er, nachdem er beiden die Hnde gedrckt, wieder in der
Menge, welche die breite Treppe auf- und niederstieg.
    Da standen sie nun auf der Strae; der Wagen, welcher sie hergebracht, war
nicht zu finden, und nachdem Agnes traurig an das erleuchtete Haus, in welchem
es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie ihm noch trauriger den Rcken und
trat, von Heinrich gefhrt, den Rckweg an durch die stillen Gassen, in denen
der Morgen graute.
    Sie hielt das Kpfchen tief gesenkt und vermochte nicht auf den Mantel
achtzugeben, welcher alle Augenblicke von den Schultern sank, so da ihr feiner
Oberkrper durch das Zwielicht schimmerte, bis Heinrich sie wieder verhllte. In
der Hand trug sie unbewut den groen eisernen Hausschlssel, welchen ihr Lys in
der Zerstreuung zugesteckt, statt ihrem Begleiter. Sie trug ihn fest umschlossen
in dem dunklen Gefhle, da Ferdinand ihr das kalte rostige Eisen gegeben. Als
sie bei dem Hause angekommen waren, stand sie schweigend und rhrte sich nicht,
obgleich Heinrich sie wiederholt fragte, ob er die Glocke ziehen sollte, und
erst als er den Schlssel in ihrer Hand entdeckte, aufschlo und sie bat,
hineinzugehen, legte sie ihm langsam die Arme um den Hals und kte ihn, aber
wie im Traume und ohne ihn anzusehen. Sie zog hierauf die Arme enger zusammen
und kte ihn heier und heier, bis Heinrich unwillkrlich sich regte und sie
auch in die Arme schlieen wollte. Da erkannte sie ihn, eilte wie wahnsinnig ins
Haus und schlug die Tr zu. Heinrich hrte, wie sie, die Treppe hinaufgehend,
sich wiederholt an den Stufen stie. Alles war dunkel und still in dem
romantischen Hause; die Mutter schien fest zu schlafen, und nachdem Heinrich
eine Weile auf dem kleinen Platze, von seltsamen Empfindungen und Gedanken
erfllt, umhergegangen, schlug er endlich den Rckweg nach dem Odeon ein.
    Die Sonne ging eben auf, als er in den Saal trat. Alle Frauen und viele
ltere Mnner waren schon weggegangen; die groe Menge der Jungen aber, von
hchster Lust bewegt, tummelte sich singend durcheinander und schickte sich an,
eine Reihe von Wagen zu besteigen, um unverzglich, ohne auszuruhen, ins Land
hineinzufahren und das Gelage in den Forsthusern und Waldschenken fortzusetzen,
welche romantisch an den Ufern des breiten Gebirgsstromes lagen.
    Rosalie besa in jener Gegend ein Landhaus, und sie hatte die frhlichen
Leute der Mummerei eingeladen, sich auf den Mittag dort einzufinden, bis wohin
sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein wrde. Insbesondere hatte sie viele
Damen gebeten, und diese hatten ausgemacht, da es einmal Fasching sei, in der
mittelalterlichen Tracht hinauszufahren; denn auch sie wnschten so lange als
mglich sich des schnen Ausnahmezustandes zu erfreuen.
    Erikson war nach Flause geeilt, um sich nun gnzlich umzukleiden; mit Hilfe
einer ganzen Schneiderwerkstatt brachte er in einigen Stunden noch ein gutes
ehrbares Jgergewand zustande, in welchem er hinauseilte. Aber auch Ferdinand
war nicht mig. Er nahm einen Wagen, kaufte teure Stoffe ein und fuhr von
Schneider zu Schneider, jedem ein Stck in die Arbeit gebend und dieselben zur
grten Eile anspornend. In kaum einer Stunde war die Tracht eines
altorientalischen Knigs fertig, von feinster weier Leinwand und Purpurseide.
Dann fuhr er zu einem Bankier und von da zu allen Juwelieren, den tauglichsten
Schmuck aussuchend und sich mit demselben bedeckend; er verwandte eine solche
Summe fr Gold und Steine, als ob er damit handeln wollte, und doch wute er
recht gut, da es nur eine vorbergehende Leidenschaft, eine Art Tollwut sei,
fr welche er so hartnckig alles daransetzte, der sonst kein Verschwender war,
sondern vielmehr mit groer Sparsamkeit und sehr zweckmig die Mittel abwog,
welche er an sein Leben und Vergngen wandte.
    Zuletzt lie er sich das lockige Haar salben mit den kstlichsten len; die
Arme trug er blo und mit goldenen Spangen geschmckt, und so erschien er
mittags, ohne vorher die im Walde lagernden Knstler aufgesucht zu haben, in
Rosaliens Landhaus.
    Heinrich hingegen fuhr gleich in der Morgenfrhe mit der brigen Schar
hinaus. Groe Wagen, mit Landsknechten ber und ber beladen und von deren
Spieen starrend, fuhren voraus, und ihnen nach die lange Reihe der bunten
Gestalten in die helle Morgensonne hinein, am Rande der schnen Buchenwlder,
hoch auf dem Ufer des tiefliegenden Stromes, der in glnzenden Windungen sich um
die Geschiebe-und Gebschinseln wlzte. ber den Wldern sah man wie blaue
Schatten die Kuppen des fernen Hochlandes.
    Es war ein milder Februartag und der Himmel blau; die herrlichen Buchen
wurden bald von der wrmenden Sonne durch schossen, und wenn ihnen das Laub
fehlte, so glnzte das weiche Moos am Boden und auf den Stmmen um so grner,
und in der Tiefe dampfte und leuchtete das blaue Bergwasser.
    Der Zug ergo sich ber eine malerische Gruppe von Husern, welche vom Wald
umgeben auf der Uferhhe lag. Ein Forsthof, ein altertmliches Wirtshaus und
eine Mhle an schumendem Waldbach waren bald in ein gemeinsames, von Farben
glnzendes Freudenlager verwandelt und verbunden; die stillen Bewohner sahen
sich wie von einem lebendig gewordenen Traume berfallen und umklungen; den
Knstlern aber weckte die freie Natur, der erwachende Lenz den Witz in der
tiefsten Seele. Die frische Luft verwehte den Rausch der Nacht und legte die
zartesten und beweglichsten Fhlfden der Freude und Aufgeregtheit blo; wenn
die Lust der verschwundenen Festnacht zum grten Teil auf Verabredung und
Einrichtung beruhte, so lockte dagegen die heutige, ganz frei und in sich selbst
gegrndet, wie eine am Baume prangende Frucht, zum lssigen Pflcken. Die
schnen, dem phantastischen Fhlen und Genieen angemessenen Kleider waren nun
wie etwas Hergebrachtes, das schon nicht mehr anders sein kann, und in ihnen
begingen die Glcklichen tausend neue Scherze, Spiele und Tollheiten von der
geistreichsten wie von der allerkindlichsten Art, oft pltzlich unterbrochen
durch den wohlklingenden, festen Mnnergesang.
    Heinrich trieb sich berall umher und verga sich selber; er war berwacht
und doch nicht mde, vielmehr neugierig und begierig, erst recht in den
glnzenden Becher des Lebens zu schauen. Das klare Licht, das Land, die Leute,
der Gesang umwirkten ihn seltsam. Als alle die Hundert auf den nrrischen
Einfall eines einzelnen pltzlich auf die Bume geklettert waren und wie ein
groer Schwarm fremder, farbiger Vgel in den kahlen sten saen, blieb er,
nachdem sie voll Gelchter hinabgesprungen, in Gedanken auf einer schwanken
Birke sitzen; denn er verwunderte sich, wie nun das ganze Wesen in die Runde
gleich einer stillen weiten Ferne um ihn war und die Rufe und Lieder selbst wie
ber eine weite See her klangen, auch die Gestalten wirr und traumhaft sich
bewegten. Es war einer jener Augenblicke, wo die Zeit eine Minute stillzustehen
scheint und man, von aller Auenwelt losgelst, endlich sich selbst sieht, fhlt
und bemerkt. Es fiel ihm auf, da er nun schon bei fnf und sechs Jahren
zurckzhlen konnte, ohne aus dem Bereiche des bewuten, reifenden Alters zu
geraten; er fhlte zum ersten Male die Flucht des Lebens. Er war nun
zweiundzwanzig Jahre alt; pltzlich kam es ihm in den Sinn, da er in seiner
Wohnung diese und jene kleine Gegenstnde besa, ein Pappdeckelchen, eine
Schachtel oder gar etwas, das an Spielzeug grenzte, welche unmittelbar aus der
Kinderzeit stammten und die er in fortwhrendem Gebrauche um sich gehabt, ohne
sich dessen innezusein.
    Er sah deutlich ihre Gestalt, kleine Beschdigungen, und erinnerte sich, wo
und wann er sie verfertigt, ein Stckchen Papier abgerissen oder mit dem
Federmesser daran gekritzelt hatte.
    Sogleich glaubte er vom Baume herunterspringen, nach Hause laufen und die
unschuldigen Sachen vernichten zu mssen. Denn sie kamen ihm nun ganz
unertrglich vor. Er sah auch seine Jugendgeschichte vor Augen, ihren Einband,
den er selbst verfertigt, das Geschreibsel, alles wrde er sogleich zerrissen
und vernichtet haben, wenn er es in Hnden gehabt htte.
    Alles Vergangene erschien ihm tricht, dumpf und beschmend, auch erinnerte
er sich genau aller Dummheiten, die er gemacht, sogar solcher, die er im
Kinderrckchen begangen, und er fhlte sich rot werden ber alle, weil er sich
jetzt unendlich klug und gereift vorkam. Auch nahm er sich vor, von diesem
Augenblicke an ganz klug zu sein und durchaus nichts Trichtes mehr anzustellen.
    Aber alles dies geschah mit reiender Schnelligkeit in wenig Augenblicken,
und er lie sich, schon von anderen Gedanken ergriffen, von der Birke herunter,
als eben Erikson aus der Stadt herangeschritten kam.
    Ihr erstes Gesprch war das Benehmen Ferdinands. Erikson sagte nicht viel,
whrend Heinrich mit groer Beredsamkeit sein Erstaunen ausdrckte, wie jener
ein solches Wesen, wie Agnes sei, also behandeln knne. Er ergo sich in den
bittersten Tadel, und um so lauter, als er selbst in das schne Kind verliebt
war und sein Gewissen ihm sagte, da das nichts weniger als in der Ordnung sei.
    Erikson hrte nicht viel darauf, sondern sagte: Ich will wetten, da er das
arme Ding heute sitzenlt und nicht mitbringt. Wir sollten ihm aber einen
Streich spielen, damit er zur Vernunft kommt. Nimm einen der Wagen, fahre in die
Stadt und sieh ein wenig zu! Findest du den verliebten Teufel nicht zu Hause
noch bei dem Mdchen, so bring dieses ohne weiteres mit, und zwar in Rosaliens
Namen und Auftrag, so kann die Mutter nichts dagegen haben; ich werde dies
verantworten. Zu Lys wirst du nachher einfach sagen, da du das fr deine
Pflicht gehalten, da er dir die Schne am Abend vorher so hartnckig
anvertraut.
    Heinrich lie sich nicht zweimal auffordern und fuhr sogleich in die Stadt.
Auf dem Wege traf er Ferdinand ganz allein in einer Kutsche.
    Wohin willst du? rief er Heinrich zu. Ich soll, erwiderte dieser, dich
aufsuchen und sehen, da du das feine Mdchen mitbringst, im Fall du es nicht
ohnehin tun wrdest. Dies scheint nun so zu sein, und ich will sie holen, wenn
du nichts dagegen hast. Eriksons schne Witwe wnscht es.
    Tu das, mein Sohn! erwiderte Ferdinand ganz gleichgltig, indem er sich
dichter in seinen Mantel hllte, und fuhr seines Weges, und Heinrich hielt bald
darauf vor Agnesens Wohnung an. Das Rollen und pltzliche Stillstehen der Rder
widerhallte auffallend auf dem kleinen stillen Platze, so da Agnes im selben
Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr. Als sie Heinrich aussteigen
sah, verschleierte sich der Blick wieder, doch harrte sie neugierig, da er in
die Stube trte.
    Ihre Mutter empfing ihn, beschaute ihn um und um, und indem sie fortfuhr,
mit einer Straufeder, die sie in der Hand hielt, ihren Altar, das darauf
stehende Bild ihrer vergangenen Schnheit, die Porzellansachen und Prunkglser
davor, abzustuben und zu reinigen, begann sie mit einem seelenlosen, singenden
Tone zu plaudern: Ei, da kommt uns ja auch ein Stck Karneval ins Haus, gelobt
sei Maria! Welch allerliebster Narr ist der Herr! Aber was Tausend habt Ihr
denn, was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen? Da sitzt sie den
ganzen Morgen, sagt nichts, it nichts, schlft nicht, lacht nicht und weint
nicht! Dies ist mein Bild, Herr! wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin! Dank
sei unserm Herrn Jesus Christ, man darf es ansehen! Sagen Sie nur, was ist es
mit dem Kinde? Gewi hat sie Herr Lys zurechtweisen mssen, ich sag es immer,
sie ist noch zu ungebildet fr den feinen Herrn, sie lernt nichts und betrgt
sich unanstndig. Ja, ja, sieh nur zu, Nesi! lernst du das von mir? Siehst du
nicht auf diesem Bild, welchen Anstand ich hatte, als ich jung war? Sah ich
nicht aus wie eine Edeldame?
    Heinrich antwortete auf alles dies mit seiner Einladung, welche er sowohl in
Ferdinands als in Rosaliens Namen ausrichtete; er suchte einige Grnde hervor,
warum er und nicht jener selbst komme, indessen die Mutter einmal ber das
andere rief: So mach, so mach, Nesi! Jesus Maria, wie reiche Leute sind da
beisammen! Ein bichen zu klein, ein kleines bichen, ist die gndige Frau,
sonst aber reizend! Nun kannst du nachholen, was du gestern etwa versumt und
verbrochen! Geh, kleide dich an, Undankbare! mit den kostbaren Kleidern, die
Herr Ferdinand dir geschenkt! Da liegt der kstliche Halbmond am Boden. Aber
komm, jetzt mu ich dir das Haar machen, wenn's der Herr erlaubt!
    Agnes setzte sich mitten in die Stube; ihre Augen funkelten, und die Wangen
rteten sich leis von Hoffnung. Ihre Mutter frisierte sie nun mit groer
Geschicklichkeit; sie fhrte mit groer Anmut den Kamm, und Heinrich mute
gestehen, als er die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schnen
Anlagen und Zge ihres Gesichtes sah, da sie wenigstens einen wahren Grund
ihrer Eitelkeit gehabt. Doch wurde sein Auge bald von Agnes allein beschftigt.
Sie sa mit bloem Halse, von der Nacht der aufgelsten Haare umschattet; um die
langen Strnge zu kmmen und zu salben, mute die Mutter weit von ihr
zurcktreten. Sie sprach fortwhrend, indessen weder Heinrich noch Agnes etwas
sagten. Er htte gewnscht, ein Jahr in dieser Ruhe zu verharren und keinen
andern Anblick zu haben als diesen.
    Endlich war das Haar gemacht, und Agnese ging in ihre Kammer, das
Dianengewand wieder anzuziehen; die Mutter ging mit, ihr zu helfen; allein
sobald sie einigermaen damit zustande gekommen, erschienen sie wieder und
vollendeten den Anzug in der Stube, weil die Alte sich unterhalten wollte.
    Agnes sah nun womglich noch wunderbarer aus als gestern; denn ihr seltsamer
Zustand, in dem sie nicht geschlafen hatte, whrend sie doch von neuer Hoffnung
und Sehnsucht belebt und durchglht war, warf einen geisterhaften Glanz ber
sie.
    Sie fuhren in verschlossenem Wagen durch die Stadt; sobald sie aber im
sonnigen Freien waren, lie Heinrich die Decke zurckschlagen. Agnes atmete auf
und fing an zu plaudern. Heinrich mute ihr erzhlen, wie die heutige
Lustbarkeit sich veranlat habe, wer drauen zu treffen und wo Ferdinand sei.
Sie wurde immer vertraulicher, sah ihm freundlich lchelnd in die Augen und
ergriff seine Hand; denn er war ihr wie ein guter Engel erschienen, der sie zum
Glcke fhren sollte. Die Landleute am Wege sahen mit Verwunderung das einzelne
Prchen dahinfahren, das wie aus einer anderen Welt kam, und Heinrich fhlte
sich zufrieden und beglckt.
    Der Mensch nhrt sich, wird gut oder bse, vom Schein. Wenn ihm das Glck
eine bloe Situation gibt, so wurzelt er daran, wie eine Pflanze am nackten
Felsen. Weil Heinrich nun wieder mit einem reizenden und ungewhnlichen Mdchen,
in schner Tracht, in vertrautem Zusammensein unter dem blauen Himmel dahinfuhr
wie vor Jahren, als er mit einem wirklichen Liebchen ber den Berg geritten,
erklrte sich sein Herz zufrieden und verlangte nichts Besseres.
    Er fate sich also zusammen und nahm sich vor, ordentlich zu sein. Zwar
fhlte er sich noch mehr als gestern in Agnes verliebt, aber er fhlte nun auch,
da er ihr herzlich gut war und nur Gutes wnschte. Daher entschlo er sich, ihr
als treuer Freund zu dienen und alles daranzusetzen, da ihr kein Unrecht
geschhe.
    Als sie schon das weie Landhaus in geringer Entfernung glnzen sahen,
geriet Agnes aufs neue in groe Aufregung; sie wurde bald rot, bald bla, und da
sich eine kleine lndliche Kapelle am Wege zeigte, verlangte sie auszusteigen.
    Sie eilte, ihr langes Silbergewand zierlich zusammennehmend, in die Kapelle;
der Kutscher nahm seinen Hut ab und stellte ihn neben sich auf den Bock, um die
fromme Mue auch zu einem Vaterunser zu benutzen, und Heinrich trat verlegen
unter die offene Tr. Das Innere der Kapelle zeigte nichts als einen
wurmstichigen Altar, bedeckt mit einer verblichenen veilchenblauen Decke. Das
Altarbild enthielt einen Englischen Gru, und vor demselben stand noch ein
kleines Marienbildchen in einem starren Reifrckchen von Seide und
Metallflittern in allen Farben. Rings um den Altar hingen geopferte Herzen von
Wachs, in allen Gren und auf die mannigfaltigste Weise verziert; im einen stak
ein Papierblmchen, im andern eine Flamme von Rauschgold, das dritte durchbohrte
ein Pfeil, wieder ein anderes war ganz in rote Seidenlppchen gewickelt und mit
Goldfaden umwunden, eines war gar mit groen Stecknadeln besteckt, wie ein
Nadelkissen, wohl zum Zeichen der schmerzvollen Pein seiner Spenderin.
    Auf den Bnken aber lagen zahlreiche Abdrcke eines Gebetes, das auf Pappe
gezogen auch an der Tr hing und folgende berschrift trug Gebet zur
allerlieblichsten, allerseligsten und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau
Maria, der gnadenreichen und hilfespendenden Frbitterin Mutter Gottes.
Approbiert und zum wirksamen Gebrauche empfohlen fr bedrngte weibliche Herzen
durch den hochwrdigsten Herrn Bischof usf.
    Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefgt, wie viele Ave und andere
Sprche dazwischen zu beten seien.
    Agnes lag auf den Knien vor dem Altar, und den Rosenkranz, den sie aus dem
Busen gezogen, um die Hnde gebunden, betete sie leise, aber inbrnstig, das
Gebet vor sich auf dem Boden. Wenn sie einige Worte abgelesen hatte, so schaute
sie flehend auf zu dem Marienpppchen und bat die gttliche Frau mit heiligem
Ernst, ihr beizustehen in ihrer Bedrngnis und in ihrem Vorhaben.
    Endlich stand sie mit einem groen Seufzer auf und ging nach dem Weihkessel,
in welchen sie ihre weien Finger tauchte. Da sah sie Heinrich in die Tr
gelehnt, wie er sie unverwandt betrachtete, und an seiner Haltung sah sie, da
er ein Ketzer sei. ngstlich tauchte sie den vorhandenen Wedel tief in den
Kessel, eilte damit auf Heinrich zu, wusch ihm frmlich das Gesicht und
besprengte ihn ber und ber mit Wasser, indem sie mit dem Wedel unaufhrliche
Kreuze schlug. Nachdem sie so die schdliche Einwirkung seiner Ketzerei auf ihre
Andacht gebannt, ergriff sie beruhigter seinen Arm und lie sich wieder in die
Kutsche heben.
    Heinrich zog sein Taschentuch und trocknete sich das Gesicht, welches von
Weihwasser troff; Agnes wollte ihn daran verhindern und zog ihm das Tuch weg,
und indem sie so in einen Streit gerieten, der zuletzt zum mutwilligen Scherz
wurde, vergaen sie ganz, da sie bereits an dem Garten Rosaliens angekommen
waren.
    Die zahlreiche Gesellschaft, welche schon in dem Landhause versammelt war,
begrte die liebliche Erscheinung mit lauter Freude. Rosalie hatte auer den
Knstlern und den Damen von gestern noch mehrere ihrer Verwandten und Freunde
holen lassen, welche sich nun in sonntglicher moderner Kleidung unter die
Vermummten mischten, wovon die Gesellschaft ein zuflliges und leichtes Ansehen
gewann. Rosalie selbst, um ihren Pflichten als Wirtin besser nachzukommen,
zeigte sich in einfacher huslicher Tracht, welcher sie auf das anmutvollste
einigen heitern Schmuck beigefgt hatte.
    Als Agnes Ferdinand in seinem fremdartigen und fast weiblichen Schmucke
erblickte, blieb sie einen Augenblick offenen Mundes stehen und geriet in eine
verwirrte Berauschung, da er zrtlich auf sie zueilte, Heinrich fr seine Mhe
dankte und mit voller Aufmerksamkeit fr sie besorgt war. Erst nach und nach kam
sie wieder zum Bewutsein, wachte nun auf in froher Hoffnung und ging, indem es
ihr wie ein Stein vom Herzen fiel, in eine blhende Frhlichkeit ber. Sie fing
an zu zwitschern, wie ein Vgelchen im Frhling, und schaute vergngt um sich;
denn sie sah nun wirklich Ferdinand neben sich sitzen und hrte seine vertraute
Stimme in artigen Worten, die er an sie richtete.
    Das kleine, schn gebaute Haus war mit Gsten angefllt. In dem migen
Saale und den wohnlichen Zimmern brannte lockendes Kaminfeuer, indessen die
Sonne wrmend durch die Fenster schien und auf dem Garten lag, so da man durch
die offenen Glastren aus und ein ging. berall blhten Hyazinthen und Tulpen,
und das Treibhaus, welches im schnsten Flore stand, war zwischen seinen grnen
Gebschen mit gedeckten Tischchen versehen. Einige Musiker waren bestellt, und
man tanzte in dem Saale, jedoch ohne Hast und ohne Zeremonien, sondern behaglich
und abwechselnd. Es war anmutig zu sehen, wie ein Teil der Gesellschaft zierlich
und frhlich tanzte, whrend ein anderer Teil sich in Spielen und Erfindungen
erging in Haus und Garten, indessen ein dritter sich im traulichen Zimmer in
weitem Ringe um den runden Tisch reihte und die Champagnerglser hob. Die Wirtin
war so unermdlich und liebenswrdig, da der Fremdeste sich bald zu Hause
fhlte. Jedem wute sie durch einen einzigen Blick, durch ein Wort oder eine
Frage dies Gefhl zu geben, und diejenigen jungen Leute, welche aus drftiger
Dachkammer herabgestiegen, nur durch ihr Faschingsgewand in diese Rume der
Wohlhabenheit und Zierlichkeit gefhrt und wenig an die Gebruche der
sogenannten guten Gesellschaft gewhnt waren, richteten sich nichtsdestominder
mit groer Unbefangenheit an ihren Trinktischen ein, und Rosalie schien geehrt
und erfreut zu sein durch das treuherzige Schenkeleben, welches sie mit Ma und
Sitte zur Schau stellten.
    Dadurch gewann sie sich die Herzen aller Anwesenden, so da sich alle mehr
oder weniger in sie verliebten. Sie war sozusagen die Frau von Gottes Gnaden,
deren Anmut Wohlwollen und Trost ausstrahlte und allgemeines Wohlwollen erntete,
und indem in ihrer Umgebung jeder einzelne bei ihrem Anblick des Glaubens wurde,
da sie ihm besonders freundlich sei, so begngte er sich mit diesem Gefhle,
und sie sah sich von der Bescheidenheit und Sitte aller umgeben.
    Nur Ferdinand verhrtete sich immer mehr in seiner Leidenschaft. Er hatte
sein Benehmen gegen Agnes nur gendert, um ihren Wert und ihre Schnheit erst
recht an das Licht zu stellen, zu zeigen, welch ein seltenes Wesen er so gut wie
in der Hand htte, wie dieses ihn aber ganz unberhrt lasse, ja, wie er sie ganz
und gar nur als ein liebliches Kind betrachte, welches neben der gereiften
Schnheit Rosaliens nicht in Rede kommen knne. Er hatte auch mit groer
Feinheit seine Rolle gespielt, so da niemand deren Falschheit bemerkte als
Rosalie und Agnes selbst, welche bald nach ihrer ersten Freude die alte Weise
Ferdinands erkannte und darber tdlich erschrak.
    Rosalien war seine vernderte kokette Tracht aufgefallen, und sie fhlte
sich dadurch beleidigt; auch hatte sie von Erikson, soviel dieser davon wute,
sein Verhltnis zu Agnes erfahren und war erst willens, durch ein kluges
Verfahren dem jungen seltsamen Mdchen, das ihr wohlgefiel, zu seinem Rechte zu
verhelfen und Ferdinand in Gte zu ihr hinzulenken. Im Verlauf des Tages sah sie
aber ein, da er kein Glck sei fr ein so naives Kind und da sie mit gutem
Gewissen nicht in dessen Geschick eingreifen drfe, und sie entschlo sich, den
selbstschtigen Untreuen seinen Weg gehen zu lassen und ihn auf ihre Weise zu
bestrafen.
    Als er daher Agnes, nachdem er sie der Obhut Heinrichs bergeben, pltzlich
wieder verlie und begann, seine Bewerbungen um Rosalien fortzusetzen, empfing
sie ihn mit alter Freundlichkeit, und als er sie auf Schritt und Tritt
begleitete, hrte sie ihn holdselig an und tat, als ob sie weder dies noch die
mibilligende Verwunderung der Gesellschaft bemerkte.
    In einem Seitengemache gefiel sich eine gewhlte Gesellschaft darin, in den
glnzenden Fabelgewndern ruhig eine Partie Whist zu spielen. Rosalie und
Ferdinand traten ein, um sich hier umzusehen, und beteiligten sich am Spiele. Er
benutzte dasselbe, um allerlei Galanterien zu begehen und ungestrt eine Weile
ihr gegenberzusitzen. Sie lchelte ihm zu und hielt gut mit ihm zusammen. Als
die Partie geendet, ergriff sie die Karten und bat die Spieler und andere,
welche in der Nhe waren und welche alle aus vermglichen Personen bestanden,
eine kleine Rede von ihr anzuhren.
    Ich habe mich, sagte sie, bisher arg gegen die Kunst versndigt und,
trotzdem da ich mit Glcksgtern gesegnet bin, soviel wie nichts fr sie getan;
ich bin um so tiefer beschmt, als ich durch dieses Fest die sinnige, treuliche
Lebenslust empfinden gelernt habe, welche in den Knstlern ist und von ihnen
ausgeht, und ich mchte einen bessern Anfang machen und wnsche in meiner
Dankbarkeit, da heute in meinem Hause, welches durch die frhliche Anwesenheit
so vieler Knstler geehrt wird, etwas Gutes geschhe und da ich, was, wie ich
glaube, fr die rechte Kunstbefrderung ebenso notwendig ist, auch andere
veranlasse, etwas Gutes zu tun. Ich sehe unter meinen Gsten so manches junge
Brschchen mit glnzenden Augen, dem es aber, nach seiner schchternen Haltung
zu urteilen, nicht zum besten geht. Wie schn wre es, wenn wir wenigstens einen
oder zwei dieser flggen Vgel unmittelbar aus dieser Festfreude heraus nach
Italien schicken knnten! Da ich aber an niemanden bestimmte Anforderungen
machen darf, so will ich hier Bank halten und diejenigen, welche es knnen, zum
Spiele einladen. Was gewonnen wird, legen wir zusammen, ich verdoppele die Summe
alsdann, und je nach dem Befunde whlt dann die anwesende Gesellschaft
denjenigen aus ihrer Mitte, welchen sie fr den Wrdigsten und Bedrftigsten
hlt!
    Und mit verbindlichem Lcheln sich zu Ferdinand wendend und ihn zum Tische
ziehend, sagte sie: Herr Lys, Sie sind ein reicher Mann! Geben Sie ein gutes
Beispiel und fangen Sie an!
    Ferdinand hatte von der bedeutenden Summe, welche er in seiner Narrheit bei
den Juwelieren ausgegeben, noch zehn bis zwlf Louisdors brig, die er in ein
Papier gewickelt in den Busen gesteckt hatte, da in der Eile an seinem ganzen
Kostm nicht eine Tasche angebracht worden. Verlegen zog er das Geld hervor, wie
ein Mdchen einen Liebesbrief, und verlor es schnell an die schne Bankhalterin.
    Sie warf es in eine leere Fruchtschale und dankte ihm, indem sie zugleich
bedauerte, da er nicht mehr zu verlieren habe. Ihm schien aber das Verlorene
schon zuviel zu sein, und um wieder etwas davon zu gewinnen, warf er, scheinbar
um noch mehr beizutragen, den kleinsten seiner Ringe hin.
    Allein er verlor auch diesen. Rosalie hatte zu ihrer groen Freude ein
merkwrdiges Glck, Ferdinand verlor Stuck um Stck von seinem Schmucke;
Armspangen, Agraffen, Ringe und Ketten warf er auf den Tisch in dem aufgeregten
Bestreben, wieder zu dem Seinigen zu kommen; Rosalie setzte gemnztes Gold
dagegen, aber nach wenigen Schwankungen lag der ganze Schmuck Ferdinands, im
Wert von ber dreitausend Gulden, schimmernd in der Schale.
    Rosalie klatschte in die Hnde und verkndete unverhohlen ihre Freude ber
dies unverhoffte Gelingen, und als sie Ferdinand holdselig dankend die Hand
reichte, mute auch dieser eine gute Miene machen, obgleich er nun eine seltsame
Figur spielte, da der noch seltsamere Schmuck jetzt erst recht die
Aufmerksamkeit erregte.
    Aber nun ging es erst recht an. Die Damen wurden von den Edelsteinen mchtig
angezogen, und in der Hoffnung, dies oder jenes, was ihnen besonders gefiel, zu
gewinnen, drngten sich bald alle um den Tisch und spielten eifrig um den
Schmuck; denn sie nahmen sich samt und sonders vor, ihre Mnner oder Vter zu
bewegen, den verhofften Gewinst mit barem Gelde auszulsen. Allein Rosalie hatte
unverwstliches Glck und hufte endlich fast alles vorhandene Geld zu dem
Schmuck in die Schale, und als zuletzt niemand mehr spielte, rief sie: Obgleich
mein Unternehmen einen Umfang gewonnen hat, weit ber das erwartete Ziel hinaus,
so freue ich mich dennoch, mein Wort zu halten und diesen ganzen Gewinst zu
verdoppeln!
    Einige angesehene ltere Knstler und ein anwesender Kaufmann berieten nun
die Sache, und es fand sich, da man zwei junge Leute reichlich ausstatten knne
auf einige Jahre.
    Das Ereignis erregte das grte Erstaunen und den freudigsten Jubel im
ganzen Hause, und die Freude war so pltzlich gekommen, da nicht der leiseste
Schatten von Neid sich daruntermischte, als man nun auf Rosaliens Wunsch die
zwei jungen Maler auswhlte, welche die Reise nach Italien machen sollten.
    Die Wahl war ein neues und das edelste Vergngen von allen bisherigen, und
es wurde auf das sinnreichste und lieblichste hin und her gewandt, da es so gut
schmeckte, und endlich wurden zwei Brder gewhlt, welche sich ebenso durch
ihren Flei als durch ihre Armut auszeichneten, zwei liebenswrdige Brschchen
aus Sachsen, welchen whrend ihres Aufenthaltes in der Kunststadt Vater und
Mutter gestorben und jeder Unterhalt verloren war. Man begriff nicht, wie sie
leben konnten, so kmmerlich nhrten sie sich, und doch waren sie der Kunst so
anhnglich und treu und immer so guten Mutes, da sie bei aller Armut und
Sparsamkeit doch immer einige blanke Gulden bereit hatten, jedes Knstlerfest
mitzufeiern und jedermann durch ihre bescheidene Frhlichkeit zu erfreuen.
    Die zwei Kirchenmuse wuten nicht, wie ihnen geschah, und kten in ihrer
Verwirrung der reizenden Urheberin dankbar die Hand. Rosalie konnte sich nicht
enthalten, den schchternen jungen Brschchen die Wangen zu streicheln, und
htte sie gern gekt, wenn es sich htte tun lassen.
    Sie wurden im Triumph herumgefhrt, woraus sich ein neues Anordnungs- und
Wandervergngen ergab.
    Indessen verfiel Ferdinand gnzlich seinem Geschick. Es begab sich mit ihm,
was sich immer begeben hat, er geriet durch das Schiefe und Unrechte der einen
Leidenschaft in eine Niedrigkeit des Empfindens und Denkens, welche sonst nicht
in ihm lag. Er war allerdings selbstschtig und sparsam gegen andere, sobald es
Geld oder Gut betraf, aber doch nicht in dem Grade, da es sich nicht im
allgemeinen mit einem anstndigen und liebenswrdigen Charakter vertragen htte;
er wrde ber den erlittenen Verlust unter allen Umstnden verdrielich geworden
sein, aber nicht so sehr, da der Verdru im mindesten auf andere Ideen und
Vorstellungen eingewirkt oder dieselben getrbt htte. Jetzt aber verband sich
mit seinem geheimen rger sogleich der Gedanke, sich zu entschdigen; er machte
in seinem Innern Rosalien sich verpflichtet und hielt sie durch den Vorfall fr
gebunden an ihn durch ein starkes Band.
    Diese bedenkliche Ausschweifung verwirrte ihn ganz und trieb ihn demgem
zum Handeln. Er nahm sich also uerlich zusammen, da er in seiner Torheit
seiner Sache sicher zu sein glaubte, und beobachtete Rosalien mit mehr Ruhe, um
den gnstigen Augenblick zu finden, sie allein zu sehen.
    Rosalie schien ihn hierin zu untersttzen; denn er bemerkte, da sie
mehrmals allein wegging auf eine Weise, als ob sie wnsche, da jemand ihr folge
und sie aufsuche.
    Sie hatte Spiel, Schmuck und Ferdinand vergessen und war jetzt mit einem
andern Gedanken beschftigt, und dieser Gedanke rtete ihre Wangen und entfachte
ihre Augen in holder Glut. Sie wnschte, da Erikson sie suchte und allein
sprche, ohne da sie ihn geradezu aufforderte. Aber dieser merkte von allem
nichts, und anstatt da er selber auf den Gedanken kam, den er vielmehr beinahe
scheute wie eine gefhrliche Entscheidung, beobachtete er Ferdinand, der sich
nun ruhiger hielt, und glich einem Jger, der nach einer anderen Seite sieht, wo
er etwa einen Fuchs vermutet, whrend das schne Reh in Schuweite vor ihm
hinspringt.
    Ferdinand aber verlor nun keine Zeit mehr, sondern verschwand unversehens
aus dem Saale, als er gesehen, da Rosalie sich wiederum entfernt habe. Sobald
er auf dem Gange war, folgte er ihr mit strmischen Schritten, da seine
assyrischen Gewnder nur so flogen, erreichte sie in einem abgelegenen stillen
Zimmerchen, welches zur Sommerzeit ihr Boudoir war, ergriff ihre beiden Hnde
und begann dieselben leidenschaftlich zu kssen. Sie hatte gehofft, da Erikson
hinter ihr herkme; aber bald erkannte sie an dem leichten Schritte, da er es
nicht sei, und wute nun in der Verwirrung nicht sogleich, was sie anfangen
sollte.
    Doch entzog sie ihm die Hnde, indessen er sagte: Schnste Frau! Sie haben
zwei Glckliche gemacht! Beglcken Sie den dritten, indem Sie mir erlauben,
Ihnen zu sagen, wie tief ich von Ihrer Schnheit und Anmut, von Ihrem ganzen
Wesen ergriffen bin!
    Rosalie zappelte mit ihren Hndchen, ihn abwehrend, und rief halb ngstlich,
halb lachend: Herr Lys! Herr Lys! ich bitte Sie! Sehen Sie denn nicht, da ich
heute in meinen Alltagskleidern stecke und nicht mehr die Gttin der Liebe bin?
    O schne, liebe Rosalie! rief Lys und fuhr fort mit schner Beredsamkeit,
mehr als je sind Sie die Schnheit und Liebe selbst und alles das, was die
Alten so tiefsinnig vergttert haben! Sie sind eine ganze Frau im edelsten Sinne
des Wortes, in Ihnen ist nur Anmut und Wohlwollen, und Sie verwandeln alles
dazu, was um Sie ist. O jetzt begreife ich, warum ich ein Ungetreuer und
Wankelmtiger war mein Leben lang! Wie kann man treu und ganz sein, wo man immer
nur das halbe und durch Sonderlichkeit getrbte Weib trifft, bald unfertig in
seinem Bewutsein, bald eigensinnig und berreif in demselben? Sie sind das
wahre Weib, in dem der Mann seine Ruhe und seinen dauernden Trost findet, Sie
sind heiter und sich selber gleich, wie der Stern der Venus, den Sie gestern
trugen! O verkennen Sie sich nicht, erkennen Sie Ihr eigenes Wesen! Diese
gttliche Freundlichkeit, welche Sie beseelt, ist nichts als Liebe, welche
gewhren mu, sobald sie erkannt und verstanden wird! Sie mu sich uern hoch
ber der trben Welt von Tugend und Snde, Pflicht und Verrat, in der Hhe des
klaren unvernderlichen Lebens ihres eigenen Wesens!
    Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und sah jetzt so schn und aufrichtig
aus, da sie ihm nicht gram werden konnte; sie lie ihm desnahen noch eine Weile
die Hand und sagte mit groer Anmut und Freundlichkeit: Sie sind jetzt sehr
liebenswrdig, Herr Lys! und ich will deshalb vernnftig mit Ihnen sprechen. Ich
bin weit entfernt, Ihre Grundstze zu verdammen oder Ihnen eine zimperliche
Predigt halten zu wollen, da ich sehe, da dieselben nicht leere Worte eines
unsichern Mannes, vielmehr nur zu deutlich die uerung einer tiefer begrndeten
Lebensrichtung sind. Sehen Sie zu, wie Sie dabei Ihr Glck und Ihre Ruhe finden,
von der Sie sprechen! Aber ich mu Ihnen wenigstens sagen und kann Sie auf das
heiligste versichern, da ich mich selber sehr wohl kenne und da Sie sich
hinsichtlich meines Wesens vollkommen getuscht haben. Sehen Sie, Herr Lys! (und
hier zog sie ihre Hand zurck und ma ihm eine rosige Fingerspitze vor, indessen
sie etwas ungeduldig mit den Fchen strampelte) ich empfinde nicht so viel
Neigung fr Sie, und ich schwre Ihnen, da, was meine Freundlichkeit betrifft,
dieselbe nun und nimmermehr das fr Sie sein wird, was Sie Liebe nennen oder was
ich Liebe nenne! Ja vielmehr steht sie auf dem Punkte, in Ha und Abscheu
umzuschlagen, wenn Sie Ihr Benehmen nicht sogleich ndern! Entschlieen Sie sich
dazu, oder ich bitte Sie, mein Haus zu verlassen, denn Sie stren mir alle
Freude und machen ein unntzes Aufsehen!
    Als sie dies sprach, funkelte zuletzt durch alle lchelnde Freundlichkeit
ein lichter Zorn in ihren Augen, gleich einem Blitz im Sonnenschein, welcher
zwar bezaubernd, aber auch so deutlich und entschieden war, da Lys nicht ein
Wort zu erwidern wute. Er sah sie erstaunt und wehmtig an, wie einer, der aus
seiner ganzen persnlichen Beschaffenheit und berzeugung heraus gehandelt hat
und darber traurig ist, da er keinen Anklang findet. Dann ging er, ohne ein
Wort zu sagen, langsam aus dem Zimmer.
    Rosalie schaute ihm nach, und whrend sie aufatmend sich auf ein Sofa warf,
mischte sich in den freundlichen Spott, den sie empfand, doch ein geheimstes
bedauerndes Gefhl, da ihr Wohlwollen nicht etwas der Art sein drfe, fr was
Lys es gehalten wissen wollte.
    Inzwischen hatte Erikson endlich ihre und Ferdinands gleichzeitige
Abwesenheit entdeckt, und da er Rosalien zu sehr ehrte und liebte in seiner
breiten Brust, um sie genauer zu kennen, und auch ein ziemlicher Neuling in
dieser Lage war, so verlie ihn pltzlich sein bisheriges Phlegma, und er geriet
in die heftigste Aufregung.
    Die abenteuerlichsten und graulichsten Geschichten von der geheimen
Verworfenheit und Schwachheit der Weiber, welche er in Schenken und
Mnnergesellschaften gehrt, fuhren ihm wie Gespenster durch den Kopf, die
wunderlichsten Eroberungen und berrumpelungen durch khne Gesellen, unter den
schwierigsten Umstnden, kamen ihm in den Sinn und wechselten mit dem Bilde der
sich immer gleichen Rosalie, und dies Bild verscheuchte dann alle jene Schrecken
fr einen Augenblick; aber sie kehrten wieder und peinigten ihn auf das rgste.
    Und als er sie endlich gewaltsam unterdrckte, sagte er sich Und was wre es
denn, wenn mir dieser Teufel zuvorkme und das tte, was ich schon lngst htte
wagen sollen? Wer wre zu tadeln als ich selbst? Soll mir die liebe Schne sich
selbst auf einem Teller prsentieren? Hole der Henker das Geld! Ich glaube, ich
wre nicht halb so blde, wenn sie nicht so reich wre! Aber was tut das zur
Sache? Sie ist ein Weib, ich ein Mann, Himmel! sie wird mir den Kopf nicht
abbeien!
    Als ob seine Seligkeit auf dem Spiele stnde, durchma er alle Zimmer, und
als er sie nirgends fand, ri er voll Furcht und Zorn die letzte Tr auf, die
ihm noch brigblieb, trat hastig in das schwach erleuchtete Stbchen und fand
Rosalien auf dem Sofa sitzend. Sie hielt sich ganz still und sah ihn an, und
Erikson stand pltzlich ratlos da.
    Nachdem er eine Weile gestanden, indessen sich die Schne nicht gerhrt,
gewann er ber ihrem Anblicke seine Bewegung wieder, strker als vorhin, aber
nun rein und gleichmig, eine schne, mchtige Wallung. Er tat einen Schritt
auf sie zu, ergriff ihren Arm so fest, da es sie schmerzte, und gab nun seinen
Gefhlen und Meinungen Worte, so gut er sie zu finden vermochte.
    Rosalie beklagte sich nicht ber den Druck seiner starken Hand, es schien
sogar, als ob ihr der kleine Schmerz das grte Vergngen gewhre. Sie hrte ihn
mit schwer verhaltenem Lcheln an, und eine Viertelstunde nachher sah man ihn
feierlich und zufrieden durch die Rume kommen, mit glnzenden Augen einige
Verwandte Rosaliens zusammenzusuchen und zu ihr zu berufen, und abermals eine
Viertelstunde nachher erschienen diese wieder und ordneten in dem Saale eine
Abendtafel fr die gesetztere Hlfte der Gesellschaft und besonders fr
smtliche Verwandte und Freunde Rosaliens, deren noch manche schnell geholt
wurden; und als alles dies zustande gekommen, indessen auch die Lichter
angesteckt wurden, verkndete ein ehrwrdiger Oheim die unverhoffte Verlobung,
und das glckliche Paar nahm die berraschten Glckwnsche von allen Seiten
frohlauschend auf.
    Alle, die in gewhnlicher Kleidung anwesend waren, fhrten unter sich
alsbald eine gelinde Kritik ber die seltsame Verlobung und die knstlerischen
Neigungen der reichen Witwe, die so rasch nacheinander zutage trten; doch wenn
sie, besonders die Schnen, auf Erikson blickten, so blieben ihre Worte nur noch
tnende, whrend das Auge gestehen mute, da die feine Rosalie wohl zu whlen
gewut habe.
    Die Knstler aber freuten sich unbndig ber diese neue glckliche Wendung
zu Ehren ihres Standes und machten Erikson glckwnschend zu ihrem Helden, nicht
ahnend, welcher Abfall von Pinsel und Palette mit dieser Verlobung sich
vollende. Denn Erikson hat in der Tat nie wieder gemalt, obgleich er den
Knstlern zugetan blieb und mit vieler Behaglichkeit sich spter eine
Bildersammlung anlegte.
    Nur Ferdinand ertrug diesen Vorfall nicht; er verlor sich in der grten
Uneinigkeit mit sich selbst aus dem Hause und strmte in den Buchenwald hinaus,
in welchem viele einzelne Masken umherirrten und lrmten. Viele kamen auch von
den Forsthusern auf die Kunde von den artigen Begebenheiten in das Landhaus der
Witwe oder nunmehrigen Braut und wurden da bewirtet. Erikson rhrte sich
sogleich lustig als knftiger Herr des Hauses und schaffte mit ausgiebiger
Bewegung Raum und Stoff in die Verwirrung, die rauschend hereingebrochen war.
    Dann aber geleitete er Rosalien, die sich zurckziehen wollte, als sie alles
im besten Gange und durch treue Freunde und Diener berwacht sah, nach der
Stadt. Sie erbebte in der Dunkelheit vor Vergngen, als er sie in den Wagen hob
und als der leichte Kasten heftig schaukelte, da der hnenmige Erikson
einstieg.
    Whrend sich dies alles begeben, hauste in dem Gewchshause ein kleines
Trppchen Leute, abgelegen und vergessen von der groen Gesellschaft, und fhrte
zwischen den Myrten- und Orangenbumen ein wunderlich verborgenes Leben. Da sa
an einem Tischchen der fabelhafte Bergknig, welcher mit seiner Krone und seinem
weien Barte aussah, als wre er eben aus den Fluten des Rheines, aus der
Nibelungenzeit heraufgestiegen, und sang, indem er das lange Kelchglas
schwenkte, die lustigsten Lieder; neben ihm zechte ein Winzer aus dem
Bacchuszuge, ein wirklicher Rheinlnder, welcher eine Anzahl Champagnerflaschen
erhascht und unter den Myrten verborgen hatte. Es war ein untersetzter Mann von
dreiig Jahren mit einem braunen Krauskopfe und kindlich lachenden Augen, welche
bald mit frommem Ausdrucke in die Welt schauten, bald in schlauer Lustigkeit
funkelten. Seine Hnde verkndeten einen fleiigen Metallarbeiter und der
weichgeschnittene Mund einen andchtigen Trinker, indessen doch die Mundwinkel
einen sinnenden festen Zug hatten vom hufigen Verschlieen und Verziehen des
Mundes ber der beharrlichen plastischen Arbeit. Man nannte ihn den kleinen
Gottesmacher, weil er nicht nur alle fr den katholischen Kultus notwendigen
Silbergefe, sondern auch sehr wohlgearbeitete Christusbilder in Elfenbein
verfertigte. Nebenbei war er ein trefflicher Musikus, der mehrere Instrumente
spielte und ein Kenner der alten Kirchenmusik sowohl als einer Menge
melancholischer Volkslieder war. Diese sang er jetzt abwechselnd mit dem
Bergknig und dem grnen Heinrich, welcher mit Agnes den kleinen Kreis
vervollstndigte.
    Das verzweifelte Mdchen hatte sich hierher zurckgezogen, weil sie nicht
unter den anderen Frauensleuten sein mochte, die alle glcklich waren und sich
ihres Lebens freuten. Sie sa nun wieder stumm und still und lauschte auf die
Worte Heinrichs, welcher ihr fortwhrend Hoffnung machte und zuflsterte, sie
solle nur Geduld haben; wenn erst diese tolle Zeit vorber sei, so wrde sich
Ferdinand schon besinnen und msse es, er wolle ihn dazu zwingen. Als das
Gerusch der Verlobung sich verbreitete, eilte Heinrich weg, um Ferdinand
aufzusuchen, whrend Agnes mit banger Hoffnung und aufblitzender Lebenslust
seiner harrte. Aber er fand ihn nirgends und kehrte allein zurck.
    Agnes versank in eine tiefe Erstarrung, alles vergessend, was um sie war.
Der Bergknig und der Winzer begannen jetzt ihren Zustand zu erkennen und
bewhrten sich als bescheidene und treuherzige Gesellen, welche mit herzlicher
Schicklichkeit ihrer schonten und zugleich mit derselben sie aufzuwecken und zu
beleben suchten.
    Heinrich bot ihr an, sie nach Hause zu bringen; allein sie verweigerte es
und ging nicht von der Stelle, indem sie behauptete, Ferdinand msse sie nach
Hause begleiten und wrde gewi noch kommen. Sie trank nun mehreremal von dem
brausenden Weine, den sie in ihrem Leben noch nie getrunken, und als derselbe
seine Wrme durch ihr Blut ergo, wurde sie allmhlich laut und ergab sich einer
selbstbetubenden Freude. Sie sang nun selbst mit den Gesellen und lie eine so
wohlklingende Stimme ertnen, da alle bezaubert wurden. Sie wurde immer
lustiger und trank in kurzer Zeit einige Glser aus.
    Die drei Burschen, wenig erfahren in so bedenklichen Sachen, lieen sich nun
ohne Arg von ihrer Ausgelassenheit hinreien und freuten sich ber das reizende
lustige Mdchen, ber welches ein eigentmlicher dmonischer Zauber gegossen
war. Sie brach blhende Myrten- und Lorbeerzweige und flocht Krnze daraus; sie
plnderte das ganze Gewchshaus, um Strue zu binden, und indem sie ihre
Zechbrder mit den fremden Wunderblumen aufputzte und ihnen die Krnze aufsetzte
sowie sich selbst, tanzte sie nicht wie eine Diana, sondern wie eine kleine
angehende Bacchantin herum, ohne da indes die ganze Szene das geringste von
ihrer Unschuld und Harmlosigkeit verloren htte.
    Aber pltzlich, als die Lust am grten war, vernderte sich ihr Gesicht,
und sie fing bitterlich an zu weinen; sie warf sich auf einen Stuhl und weinte
mehr und mehr, es war, als ob alle Quellen des Leides sich geffnet htten, und
bald war das Tischtuch, auf das sie ihr schluchzendes Haupt niederbeugte, von
ihren strmenden Trnen benetzt, die sich mit dem Champagner ihres umgestrzten
Glases vermischten.
    Mit durchdringender, klagender Stimme rief sie, vom Schluchzen unterbrochen,
nach Ferdinand, nach ihrer Mutter. In grter Ratlosigkeit suchten die Gesellen
sie zu beruhigen und aufzurichten, zugleich befrchtend, da andere Gste
herbeikommen und Agnesens bedenklichen Zustand sehen mchten.
    Allein ihr Schrecken wurde noch grer, als die Trnen unversehens
versiegten, Agnes vom Stuhle sank und in wilde Krmpfe und Zuckungen verfiel.
Sie warf ihre feinen weien Arme umher, die Brust drohte das spannende
Silbergewand zu sprengen, und die schnen dunkelblauen Augen rollten wie irre
Sterne in dem bleichen Gesicht. Heinrich wollte nach Hilfe rufen, aber der
Bergknig, welcher der lteste war, hielt ihn davon ab, um einen allgemeinen
Auftritt zu verhten. Sie hofften, der Anfall wrde vorbergehen, sprengten ihr
Wasser ins Gesicht und lfteten das Brustgewand, da der kleine pochende Busen
offen leuchtete. Heinrich hielt das schne tobende Mdchen, das mehr dem Tode
als dem Leben nahe schien, auf seinen Knien, da kein geeigneter Ruhesitz im
Treibhause war, und indem er das zrtlichste Mitleid fr sie fhlte, verwnschte
er den eigenschtigen Ferdinand, welcher nun wei Gott wo umherschweifen mochte.
    Als aber der unglckliche Zustand, anstatt vorrberzugehen, immer schlimmer
und bedrohlicher wurde, indem die Zuckende kaum mehr zu halten war, entschlossen
sie sich in der grten Angst, die Kranke vorsichtig nach dem Hause zu tragen.
    Der Bergknig und der Winzer hoben sie auf ihre Arme und trugen die tobende
Diana auf dem dunkelsten Seitenwege durch den Garten, indessen Heinrich
voranging und die Gelegenheit ersphte. So gelangten sie mit der verrterisch
glnzenden und chzenden Last mit Mhe endlich durch eine Hintertr in das Haus
und in das obere Stockwerk, wo sie ein mit Betten versehenes Zimmer fanden. Sie
legten dort das arme Kind hin und suchten in der Stille einige weibliche Hilfe
herbei. Es war auch die hchste Zeit, denn sie lag nun in tiefer Ohnmacht;
zugleich erregte aber die herbeigeeilte Grtnersfrau, die Heinrich gefunden, ein
solches Lamento, da bald alle noch anwesenden Damen in dem Zimmer waren, der
Vorfall nun mit dem grten Aufsehen bekannt ward und die betroffenen drei
Zecher sich in den Hintergrund ziehen muten.
    Es gelang endlich, die Ohnmchtige wieder ins Leben zu rufen, und da sich
auch zweckmige Hilfsmittel fanden, erholte sie sich in etwas, ohne jedoch zum
klaren Verstande zu kommen. Doch konnte keine Rede davon sein, sie noch heute
nach Hause zu bringen, obgleich ein schnell herbeigekommener Arzt die Sache
nicht fr gefhrlich erklrte und Ruhe und Schlaf als die sicherste Hilfe zur
gnzlichen Erholung bezeichnete.
    Heinrich machte sich auf den Weg nach der Stadt, um Agnesens Mutter zu
benachrichtigen. Die Fahrstrae war bedeckt mit Wagen, die, mit Tannenreis
geschmckt, die heimkehrenden Masken trugen, und dazwischen von vielen
Fugngern. Um schneller vorwrts zu gelangen und ungestrter zu sein, schlug
Heinrich einen Fupfad ein, welcher im lichten Walde sich hinzog zur Seite der
Strae. Als er einige Zeit gegangen, holte er Ferdinand ein, dessen weiter
seidener Mantel sowie der Saum des batistenen langen Rockes sich unablssig in
den Struchern und Dornen verwickelten und zerrissen und so sein Fortkommen
erschwerten. Fluchend schlug er sich mit dem Gestrpp herum, als Heinrich zu ihm
stie.
    Sobald sie sich erkannten, erzhlte Heinrich das Vorgefallene, und in einem
Tone, welcher deutlich verriet, wo der Erzhler hinauswollte. Ferdinand, welcher
ein ausdauernder Trinker war, aber alle eigentliche Betrunkenheit schon an
Mnnern verabscheute, empfand einen tiefen Verdru und suchte berdies mit der
uerung desselben den weiteren Auslassungen Heinrichs zuvorzukommen.
    Das ist eine schne Geschichte! rief er, ist das nun deine grte
Heldentat? Ein unerfahrenes Mdchen berauscht zu machen? Wahrhaftig, ich habe
das arme Kind guten Hnden bergeben!
    bergeben! Verlassen, verraten willst du sagen! rief Heinrich und bergo
nun seinen Freund mit einer Flut der bittersten Vorwrfe.
    Ist es denn so schwer, schlo er, seinen Neigungen einen festen Halt zu
geben und gerade dadurch die Gesamtheit der Weiber recht zu lieben und zu ehren,
da man einer treu ist? Denn es ist ja doch eine wie die andere, und in der
einen hat man alle!
    Ferdinand hatte sich indessen aus den Dornen losgewickelt; er sah nun aus
wie ein zerzauster und gerupfter Vogel. Da er sah, da er Heinrich nicht
einschchtern konnte, ergab er sich und sagte ruhig, indem sie weitergingen:
La mich zufrieden, du verstehst das nicht!
    Heinrich brauste auf und rief: Lange genug habe ich mir eingebildet, da in
deiner Sinnes- und Handlungsweise etwas liege, was ich mit meiner Erfahrung
nicht bersehen und beurteilen knne! Jetzt aber sehe ich nur zu deutlich, da
es die trivialste und nchternste Selbstsucht und Rcksichtslosigkeit ist,
welche dich treibt, so leicht erkennbar als verabscheuenswert. Oh, wenn du
wtest, wie tief dich diese Art entstellt und befleckt und allen denen weh tut,
welche dich kennen und achten, du wrdest aus eben dieser Selbstsucht heraus
dich ndern und diesen hlichen Makel von dir tun!
    Ich sage noch einmal, erwiderte Lys, du verstehst das nicht! Und das ist
deine beste Entschuldigung in meinen Auge fr deine unziemlichen Reden! Nun, du
Tugendheld! Ich will dich nicht an deine Jugendgeschichte erinnern, die du so
artig aufgeschrieben hast, erstens um dein Vertrauen nicht zu mibrauchen, und
zweitens, weil dir nach meiner Ansicht aus derselben wirklich nichts vorzuwerfen
ist. Denn du hast getan, was du nicht lassen konntest, du tust es jetzt, und du
wirst es tun, solange du lebst -
    Halt, sagte Heinrich, ich hoffe wenigstens, da ich immer weniger das
tue, was ich lassen kann, und da ich zu jeder Zeit etwas lassen kann, das
schlecht und verwerflich ist, sobald ich es nur erkenne!
    Du wirst zu jeder Zeit, erwiderte Ferdinand kaltbltig, das lassen, was
dir nicht angenehm ist!
    Heinrich wollte ihn ungeduldig nochmals unterbrechen, allein Lys bersprach
ihn und fuhr fort: Angenehm oder unangenehm aber ist nicht nur alles Sinnliche,
sondern auch die moralischen Hirngespinste sind es. So bist du jetzt sinnlich
verliebt in das eigentmliche Mdchen, dessen absonderliche Gestalt und Art die
uersten Sinne reizt, wie ich nun an mir einsehe; dies ist dir angenehm; aber
weil du wohl merkst, da du dabei kein rechtes Herz hast, nicht in deinem
eigentlichen Sinne liebst, so verbindest du mit jenem Reiz noch die moralische
Annehmlichkeit, dich fr das schmale Wesen ins Zeug zu werfen und den
uneigenntzigen Beschtzer zu machen. Wisse aber, wenn du einen Funken
eigentlicher Leidenschaft versprtest, so wrdest und mtest du allein darnach
trachten, deinen Schtzling meinem Bereiche ganz zu entziehen und dir
anzueignen. Du hast aber die wahre Leidenschaft noch nie gekannt, weder in
meinem noch in deinem Sinne. Was du als halbes Kind erlebt, war das bloe
Erwachen deines Bewutseins, das sich auf sehr normale Weise sogleich in zwei
Teile spaltete und an die ersten zuflligen Gegenstnde haftete, die dir
entgegentraten. Die sinnliche Hlfte an das reife krftige Weib, die zartere
geistige an das junge transparente Mdchen, das du an jenes verraten hast. Dies
wrdest du, trotz deiner selbst, nie getan haben, wenn eine wirkliche ganze
Liebe in dir gewesen wre! Wisse ferner, was mich betrifft jeder ganze Mann mu
jedes annehmliche Weib sogleich lieben, sei es fr krzer, lnger oder immer,
der Unterschied der Dauer liegt blo in den ueren Umstnden. Das Auge ist der
Urheber, der Vermittler und der Erhalter oder Vernichter der Liebe; ich kann mir
vornehmen, treu zu sein, aber das Auge nimmt sich nichts vor, das gehorcht und
fgt sich der Kette der ewigen Naturgesetze. Luther hat nur als Normalmann,
nicht als einer von denen gesprochen, welche Religionen stiften oder subern und
die Welt verndern, wenn er sagte, er knne kein Weib ansehen, ohne ihrer zu
begehren! Erst durch ein Weib, welches durch spezifisches Wesen, durch Reinheit
von allem eigensinnigen, krnklichen und absonderlichen Beiwerke eine
Darstellung einer ganzen Welt von Weibern ist, durch ein Weib von so
unverwstlicher Gesundheit, Heiterkeit, Gte und Klugheit wie diese Rosalie -
kann ein kluger Mann fr immer gefesselt werden. Wie beschmt sehe ich nun ein,
welche vergngliche Spezialitt, welch phnomenartiges Wesen ich in dieser Agnes
mir zu verbinden im Begriffe war! Du aber schme dich ebenfalls, als solch ein
zierlich entworfenes, aber noch leeres Schema in der Welt umherzulaufen wie ein
Schatten ohne Krper! Suche, da du endlich einen Inhalt, eine solide Fllung
bekommst, anstatt anderen mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu fallen!
    Vielfach beleidigt schwieg Heinrich eine Weile; er war tief gereizt, und es
kochte und grte gewaltig in ihm; denn er war in seinem besten Bewutsein
angegriffen und fhlte sich um so verletzter und verwirrter, als in Ferdinands
Worten etwas lag, das er im Augenblick nicht zu erwidern wute. Der genossene
Wein und die nun schon vierundzwanzigstndige ununterbrochene Aufregung taten
auch das Ihrige, seine Lust, die Sache vollends auszufechten, zu entflammen, und
er begann daher wieder mit entschiedener Stimme: Nach deiner vorhinnigen
uerung zu urteilen, bist du also nicht sehr willens, dem Mdchen die
Hoffnungen, die du ihr leichtsinnigerweise angeregt, zu erfllen?
    Ich habe keine Hoffnungen angeregt, sagte Lys, ich bin frei und meines
Willens Herr, gegen ein Weib sowohl wie gegen alle Welt! brigens werde ich fr
das gute Kind tun, was ich kann, und ihr ein wahrer und uneigenntziger Freund
sein, ohne Ziererei und ohne Phrasen! Und zum letztenmal gesagt Kmmere dich
nicht um meine Liebschaften, ich weise es durchaus ab!
    Ich werde mich aber darum kmmern, rief Heinrich, entweder sollst du
einmal Treue und Ehre halten, oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen,
da du unrecht tust! Das kommt aber nur von dem trivialen trostlosen Atheismus!
Wo kein Gott ist, da ist kein Salz und kein Schmalz, nichts als haltloses Zeug!
    Ferdinand lachte laut auf und rief: Nun, dein Gott sei gelobt! Dacht ich
doch, da du endlich noch in diesen glckseligen Hafen einlaufen wrdest! Ich
bitte dich aber jetzt, grner Heinrich, la den lieben Gott aus dem Spiele, der
hat hier ganz und gar nichts damit zu tun! Ich versichere dich, ich wrde mit
oder ohne Gott ganz der gleiche sein! Das hngt nicht von meinem Glauben,
sondern von meinen Augen, von meinem Hirn, von meinem ganzen krperlichen Wesen
ab!
    Und von deinem Herzen! rief Heinrich zornig und auer sich, ja, sagen wir
es nur heraus, nicht dein Kopf, sondern dein Herz kennt keinen Gott! Dein
Glauben oder vielmehr dein Nichtglauben ist dein Charakter!
    Nun hab ich genug, Verleumder! donnerte Ferdinand mit starkem und
erschreckendem Tone, obgleich es ein Unsinn ist, den du sprichst, welcher an
sich nicht beleidigen kann, so wei ich, wie du es meinst; denn ich kenne diese
unverschmte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker, die ich dir nie, nie
zugetraut htte! Sogleich nimm zurck, was du gesagt hast! Denn ich lasse nicht
ungestraft meinen Charakter antasten!
    Nichts nehm ich zurck und werfe dir deinen Verleumder zu eigenem Gebrauche
zu! Nun wollen wir sehen, wie weit dich deine gottlose Tollheit fhrt! Dies
sagte Heinrich, whrend eine wilde Streitlust in ihm aufflammte. Ferdinand aber
antwortete mit bitterer verdruvoller Stimme: Genug des Schimpfens! Du bist von
mir gefordert! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit, einmal mit der
Klinge in der Hand fr deinen Gott einzustehen, fr den du so weidlich zu
schimpfen verstehst! Sorge fr deinen Beistand, und nun geh deines Weges und la
mich allein!
    Er brauchte dies nicht zweimal zu sagen; denn Heinrich hatte unter anderen
Torheiten, als er fechten gelernt, sich auch das grolndische Benehmen in
sogenannten Ehrensachen gemerkt und angeeignet, ohne da er es bis jetzt
bettigen konnte; und obgleich er noch genug auf dem Herzen hatte und gern noch
lange gesprochen und gezankt htte, gleich den alten Helden, welche wenigstens
ebenso viele Worte als Streiche auszugeben wuten und bei aller Tatkrftigkeit
doch gern vorher den Streit grndlich besprachen, so ging er doch jetzt ebenso
stramm und lautlos von hinnen wie ein geforderter Student oder Gardeoffizier,
whrend der Zipfel seiner Kappe gemtlich klingelte und sein Herz gewaltig
klopfte.
    Beide erzrnte Freunde fanden nur zu leicht und bald andere Trichte unter
den heimwrts schwrmenden Knstlern, welche sogleich mit feierlicher
Bereitwilligkeit die erforderlichen Verabredungen und Vorbereitungen trafen. Das
Duell sollte in Ferdinands Wohnung stattfinden.
    Dieser begab sich nach Hause und blieb den brigen Teil der Nacht auf, ohne
sich umzukleiden. Er schrieb einige Briefe und versiegelte sie, warf das
erotische Album, das ihm in die Hnde fiel, unwillkrlich und errtend ins
Feuer, ordnete dies und jenes, und als er damit zu Ende war, lschte er das
Licht, setzte sich an das Fenster und erwartete den anbrechenden Morgen. Ohne
Ha gegen Heinrich zu empfinden, war er doch sehr traurig und gekrnkt durch das
unbedachte und bsartige Wort, welches dieser ihm ins Gesicht geworfen. Er
unterdrckte daher den Gedanken, als der ltere die Beleidigung zu verzeihen und
sich bei kaltem Blute mit dem jungen Freunde auszugleichen, und gedachte dem
Unbesonnenen als einem Vertreter einer ganzen Gattung und Lebensrichtung einmal
eine Lektion zu geben oder wenigstens durch den Ernst des Vorfalles ihm die
Augen zu ffnen. Fr sich war er nicht besorgt, und es war ihm in seiner
jetzigen Stimmung gleichgltig, was ihn betreffen mchte, ja er wnschte, da
Heinrich ihn trfe und sein Blut vergsse, damit er recht empfindlich fr seine
leichtsinnige Krnkung bestraft wrde.
    Dann richtete er seine Gedanken auf Rosalien, die ihm nun, da sie liebte und
verlobt war, noch schner und wnschenswerter erschien. Er glaubte berzeugt zu
sein, da er sie dauernd geliebt htte, und sah sich die schne Frau wie ein
guter Stern entschwinden, der nie wiederkehrt.
    Heinrich fhlte sich so aufgeregt und munter, da er, anstatt nach Hause zu
gehen und auszuruhen, sich bis zum Morgen in verschiedenen Zechstuben
herumtrieb, wo die unermdlichsten der Knstler die zweite Nacht ohne Schlaf bei
Wein und Gesang vollendeten. Auch sagte ihm ein schlauer Instinkt, da er, wenn
er anders das tchtige Erlebnis, das tatkrftige Gebaren, das ihn lockend
durchfieberte, nicht verlieren wollte, die Sache nicht vorher beschlafen und mit
der Einkehr in seine Behausung und bei sich selbst etwa auf nchterne Gedanken
kommen drfe.
    Er sah jetzt nur das Kreuzen der glnzenden Klingen, mit welchem er das
Dasein Gottes entweder in die Brust des liebsten Freundes schreiben oder es mit
seinem eigenen Blute besiegeln wollte. Beides reizte ihn gleich angenehm, und er
dachte daher an Ferdinand mit ungewhnlicher Zrtlichkeit, wie an ein kstliches
Pergament, auf welches man seine heiligste berzeugung schreiben will. Der
Morgen ging endlich auf, und Heinrich eilte an den verabredeten Ort. Unterwegs
kam er an seiner Wohnung vorbei; aber er ging nicht hinein, um nur das Geringste
zu besorgen, sondern eilte hastig weiter. An einem Brunnen wusch er sich
sorgfltig Gesicht und Hnde und ordnete seine Kleider, und darauf trat er
frisch und munter, mit seltsam gespannter Lebenskraft, in Ferdinands groes
Atelier, wo schon alle Beteiligten versammelt waren.
    Man hatte kurze dreikantige Stodegen gewhlt, welche mit einer vergoldeten
Glocke versehen waren, sehr hbsch aussahen und Pariser genannt wurden. Jeder
nahm seine Waffe, ohne den andern anzusehen; doch als sie sich gegenberstanden,
muten sie unwillkrlich lcheln und begannen mit sehnschtiger Lust die Klingen
in behaglicher Langsamkeit aneinander hingleiten zu lassen.
    Sie standen gerade vor dem wandgroen Bilde, auf welchem die Bank der
Sptter gemalt war. Das schne Bild glnzte im Morgenlicht und in all seiner
festen vollen Farbenpracht, und die Sptter schienen die Kmpfenden neugierig
und launig zu betrachten. Der Abb nahm seine Prise, der Alte schlug ein
Schnippchen, und der Taugenichts hielt die Rose vor den hhnischen Mund.
    Bis jetzt war das Fechten ein Spiel gewesen, bei welchem nichts herauskommen
konnte, da jeder mit Leichtigkeit die Ste des andern bersah und parierte. Die
scharfgeschliffenen Spitzen, welche vor ihren Augen herumflirrten, bten aber
eine unwiderstehliche Lockung, und beide gingen fast gleichzeitig in ein
rascheres Tempo ber. Heinrich, welcher der Hitzigere und Betrtere war, in
welchem auch eine Menge Weines glhte, wurde noch ungestmer und entschiedener,
und unversehens trat Lys mit einem leisen Schrei einen Schritt zurck und sank
dann auf einen Stuhl.
    Er war in die rechte Seite getroffen, das Blut tropfte erst langsam durch
das weie Kleid, bis der Arzt die Wunde untersuchte und offenhielt, worauf es in
vollen Strmen sich ergo. Nach einigen Minuten, whrend welcher Ferdinand sich
munter und aufrecht hielt, beruhigte der Arzt die Anwesenden mglichst und
erklrte die Verletzung zwar fr gefhrlich und bedenklich, aber nicht fr
unbedingt tdlich. Die Lunge sei verletzt, und alle Hoffnungen oder
Befrchtungen eines solchen Falles mten mit ruhiger Vorsicht abgewartet
werden.
    Heinrich hrte dies aber nicht, obgleich er dicht bei dem Verwundeten stand
und denselben umfat hielt. Er war nun totenbleich und sah sich ganz verwundert
um. Die Kraft verlie ihn, und er mute sich selbst auf einen Stuhl setzen, wo
er wie durch einen Traum hindurch das rote Blut flieen sah.
    Erikson, welchen es trieb, die Freunde aufzusuchen und, da er sich nun
geborgen sah, in gemtlichem Scherze den verunglckten Ferdinand zu trsten und
etwas zu hnseln, trat jetzt ein und sah mit Schrecken das angerichtete Unheil,
nicht wissend, was es bedeute.
    Was zum Teufel treibt ihr denn da? rief er und eilte bestrzt und besorgt
auf Ferdinand zu.
    Nichts weiter, sagte dieser schmerzlich lchelnd, der grne Heinrich hat
nur die Feder, mit welcher er seine Jugendgeschichte geschrieben, an meiner
Lunge ausgewischt - ein komischer Kauz -
    Weiter konnte er nicht sprechen, da ihm Blut aus dem Munde drang und eine
tiefe Ohnmacht ihn befiel.


                                  Vierter Band

                                 Erstes Kapitel

Da der wunderliche Zweikampf in Ferdinands Wohnung vorgefallen war und der
schwer Verwundete ohne Aufsehen daselbst gepflegt wurde, so konnte der
unglckliche Vorfall ohne Mhe gnzlich geheimgehalten werden. Es wurde
ausgesagt, Lys habe eine Reise angetreten, und Heinrich hielt sich ebenfalls in
seiner Werkstatt verschlossen, ohne sich sehen zu lassen.
    Agnes sa in trostloser Traurigkeit in ihrem Huschen; sie hatte die
vorgebliche Abreise Ferdinands vernommen, da er weit, weit fortgegangen sei,
und whnte der alleinige Grund dieser pltzlichen Entfernung zu sein. In der
Stadt hatte sich das Gercht gebildet, da das seltsame Mdchen sich an dem
Feste hchst leidenschaftlich und ungebrdig bernommen, sich berauscht und so
den reichen Hollnder, dessen Hand ihr schon sicher gewesen sei, von sich
abgeschreckt und zu eiliger Flucht bewogen htte. Diese Sage drang auch in ihr
Haus, die zornige Mutter, welche eine geborgene glanzvolle Zukunft sich
entschwinden sah, berhufte die Arme mit ihren singenden monotonen Vorwrfen,
und so sa Agnes, welche selbst einen Teil dieses Geredes fr wahr hielt und
sich schuldig glaubte, voll Scham und Furcht und in verlorner Sehnsucht da.
    Da Heinrich in jener Nacht ber dem Streite mit Ferdinand ganz seine Absicht
vergessen hatte, Agnesens Mutter von dem Unfalle zu benachrichtigen, und also
weder diese noch Ferdinand, noch Heinrich wieder in dem Landhause erschienen, so
hatte sich das verlassene Mdchen aufgerafft und entschieden begehrt, in die
Stadt gebracht zu werden. Sie war daher in einen Wagen gesetzt und durch die
Grtnersfrau begleitet worden. berdies hatte sich der rheinische Gottesmacher
auf den Bock gesetzt und war treulich besorgt gewesen, die kranke Schne in
ihrer Behausung unterzubringen.
    Als einige Tage verflossen waren und die Blume jenes Gerchtes vllig
aufgegangen, versammelte der Gottesmacher einige Musikgenossen, mit welchen er
gewhnlich Quartett spielte, und bte mit ihnen einen ganzen Tag lang. Am Abend
fhrte er sie vor Agnesens kunstreiches Huschen; der Violoncellist, welcher ein
Landschafter war, hatte seinen Feldstuhl mitgenommen und setzte sich auf
denselben zum Spiele, die anderen drei standen neben ihm, und nachdem sie leise
und sorgfltig die Saiten gestimmt, erklangen die harmonischen, gehaltenen Tne
der Geigen ber den kleinen, stillen Platz. Augenblicklich ffneten sich alle
Fenster in der Runde, die Nachbaren steckten neugierig entzckt die Kpfe in die
laue Mrznacht hinaus, und die Frauen und Mdchen sphten, wem die unerwartete
Serenade gelten mchte.
    Die Musiker spielten einige ernste, klagende Stellen aus lteren Tonwerken,
deren edle, krftige Unbefangenheit s und wohllautend das helle Mondlicht
durchklang und in ihrer klaren Bestimmtheit mit den scharfen Umrissen der voll
beleuchteten Gegenstnde wetteiferte. Agnes sa zuhinterst in der matt
erleuchteten Stube; die schne Musik tnte in ihren dumpfen Schmerz hinein, sie
erhob das schwere Kpfchen und lauschte alsobald mit kindlich neugierigem
Wohlbehagen den Tnen, ohne sich zu wundern noch zu kmmern, woher sie kmen.
Ihre Mutter dagegen eilte ans Fenster, und sobald sie sich berzeugt hatte, da
die Herren nur an ihr Haus hinaufspielten, rief sie Bei Marias Hilf und frommer
Frbitte! Wir haben ein Stndchen! Wir haben ein Stndchen! Sie zndete
sogleich die zwei rosenroten Wachskerzen an, welche sonst immer wie
Altarleuchter vor ihrem Bildnisse standen, und stellte dieselben feierlich auf
den Tisch, damit jedermann an der hell erleuchteten Stube sehen sollte, wem die
Musik gelte. Dann zog sie ihre Tochter, die sie kurz vorher gescholten hatte,
freundlich zum Fenster, und Agnes sah lchelnd auf die freundlichen Musiker
nieder. Diese gingen nun in einen raschern Takt und in hellere Weisen ber, und
nachdem sie dieselben mit krftigem Bogenstrich geschlossen, begannen sie
pltzlich, ebenso gebt im Gesange wie im Spiel, ein vierstimmiges Frhlingslied
zu singen, da der wohltnende Gesang heiter in die Lfte stieg. Sie begleiteten
sich selbst auf ihren Instrumenten, bald mit zartem Bogenstrich, bald mit der
Hand die Saiten rhrend.
    In der zarten und doch festen Tchtigkeit dieses Vortrages tat sich ein
wohlbestelltes Gemt kund, und die zusammenklingenden Mnnerstimmen richteten
Agnesens Seelchen auf und drangen mit ehrendem und trstendem Schmeicheln in ihr
verzagtes Blut.
    Sie errtete freundlich und schlief diese Nacht wieder zum ersten Mal froh
und ruhig, in beiden zierlichen Ohrmuscheln die wohltuenden Tne bewahrend.
    Am andern Tage fand sich der Gottesmacher im Huschen der Malerswitwe ein
und stellte sich als den Urheber des nchtlichen Konzertes vor. Die Alte
errtete noch mehr als ihre Tochter, und alle drei befanden sich in einiger
Verlegenheit. Um diese zu unterbrechen, erbat sich der Rheinlnder
Entschuldigung fr die Freiheit, die er sich genommen, so ohne weiteres mit
einer Nachtmusik aufzuwarten, und zugleich die Erlaubnis, seine Besuche
fortsetzen zu drfen. Diese wurde ihm gewhrt; das junge Mdchen fand sich durch
die musikalische Ehrenrettung aus einer peinvollen und den Lage erlst; sie
fhlte nun reiner das sherbe Weh des Liebesunglckes, und in ihr Leid um
Ferdinand Lys mischte sich mit nicht abzuwehrender Wrme die Dankbarkeit gegen
den wohlgesinnten Gottesmacher.
    Dieser brachte mehrere Male seine Freunde samt den Instrumenten mit und
fhrte mit ihnen in Agnesens Wohnung kleine Konzerte auf, denen niemand zuhrte
als sie und ihre Mutter. Die klare Musik, die wohlgemessenen Tne hellten ihren
Geist auf und erweckten reifende, bewute Gedanken in ihr, so da eine ernste
Haltung, ein inhaltsvollerer Blick mit ihrer Kindlichkeit und ihrem naiven Wesen
sich mit groem Reize vereinigten.
    Als eines Abends der Gottesmacher sich mit seinen Freunden entfernt hatte,
kehrte er gleich darauf allein zurck und in sonderbarer angenehmer Aufregung,
und indem er einen glnzenden Blick auf die reizende Gestalt des Mdchens warf,
kte er der Mutter die Hand, nahm sich zusammen und hielt, im Anfang nicht ohne
Stottern, folgende Rede:
    Sie sind, liebekstliche Agnes - Ihre Tochter ist, verehrte Frau! von einem
glnzenden Liebhaber herzlos verlassen. Weder mit den persnlichen Vorzgen noch
mit den Reichtmern jenes Treulosen begabt, fhle ich dennoch mich unaufhaltsam
getrieben und gezwungen, das Glck herauszufordern, mich an die Stelle des
Verschwundenen zu drngen und mit meiner Hand der Verlassenen ein
leidenschaftlich erregtes, aber dauerhaftes und treues Herz anzubieten! - Ich
bin ein Silberschmied und am Rhein zu Hause; meine Eltern sind mir schon frh
gestorben, so da ich von Jugend auf allein in der Welt stand. Aber nachdem ich
in Arbeit, Musik und Lustigkeit viele sorgenvolle und lustige, klangvolle Jahre
zugebracht, fiel mir von weiter Verwandtschaft her das Erbe eines schnen,
frommen und nhrenden Heimwesens zu, durch den Schutz der gebenedeiten Jungfrau.
Ich hatte nun reichlicher zu leben und durfte, einigen knstlerischen Neigungen
folgend, mit denen ich versehen bin, auf einige Jahre hierherkommen, um in
dieser gut katholischen Stadt mein Handwerk durch etwas gute Bildnerei
verbessern zu lernen. Die vorgesetzte Zeit ist nun vorber, ich kehre nchstens
an den schnen Strom zurck, wo Kirchen, Klster und vornehme Prlaten meine
Arbeiten begehren. Mein Gut liegt zwischen zwei uralten Stdtchen am sonnigen
Abhang, aus dem Hause tritt man in den Garten und schaut den goldenen Rheingau
hinauf und hinunter, Trme und Felsen schwimmen in blulichem Dufte, durch
welchen sich das glnzende Wasser zieht; hinter dem Hause legt sich der edle,
eintrgliche Wein, der mir Gut und Freude bringt, an den aufsteigenden Berg, und
oben steht eine Kapelle unserer lieben Frau, die weit ber die Gauen, Wlder und
in die Berge hineinschaut und sich ins letzte Abendrot taucht. Dicht daneben
habe ich ein kleines Lusthuschen gebaut und unter demselben einen kleinen
Keller in den Felsen gehauen, wo stets ein Dutzend Flaschen klaren Weins liegen.
Wenn ich nun einen neuen kunstreichen Kelch fertig habe, so steige ich, eh ich
ihn inwendig vergolde, hier hinauf, und nachdem ich der Jungfrau meinen Dank
abgestattet fr ihre Hilfe bei der Arbeit, probiere und weihe ich das Gef in
dem luftigen Huschen und leere es drei-, auch wohl viermal auf das Wohl aller
Heiligen und aller unschuldigen frohen Leute. Ich fahre dies hier an, weil ich
damit meine Schwche bekenne, da ich nmlich bis jetzt ein bichen viel Wein
getrunken habe, zwar nie so viel, da ich nicht jenen Berg wieder allein htte
hinuntergehen knnen, so steil er auch ist. Meine Silberarbeit, Musik und Wein
sind meine einzige Freude gewesen und meine schnsten Tage die sonnigen
Kirchentage der Mutter Gottes, wenn ich zu ihrem Preise auf dem Chore der
benachbarten Kirchen spielte, whrend unten am belaubten und bekrnzten Altare
meine Gefe glnzten. Ein klingendes und singendes Weinruschchen an heiterer
Pfaffentafel, in Refektorien oder in schn gebohnten, duftenden Pfarrhusern war
dann der Gipfel des vergngten Daseins. - Aber seit einiger Zeit sehnten sich
meine Lippen auch nach einem andern Tranke, es war mir immer, als mchte ich die
unsichtbare Himmelsknigin einmal kssen, und wenn ich die Bilder, die ich von
ihr in Silber oder Elfenbein machte, zu kssen mich gewaltsam bekmpfen mute,
bat ich die schne Gottesfrau schmerzlich, mir aus meiner Not zu helfen. - Da
habe ich dich bei dem Feste gesehen, rmste, schnste Agnes, und sogleich war es
mir, als htte die Jungfrau selbst deine Gestalt angenommen, mir zur Freude und
meinem Silber, meinem Elfenbein zu Vorbild und Richtschnur; denn was ich bislang
an zartem Gebilde in Traum und Wachen vergeblich gesucht und angestrebt, das sah
ich nun pltzlich lebendig vor mir! Ich wute nicht drngte es mich zuerst, zu
Stift und Griffel zu greifen, um deine kostbare Erscheinung hastig dem edlen
Metalle einzugraben, oder dich mit dem Schwure zu umschlieen, da ich dich nun
und immerdar mir aneignen und auf Hnden tragen wolle, das lichte Seelchen, das
in deiner Gestalt wohnt, in Frmmigkeit kssend! Kommst du mit mir in meine
Heimat, so soll die Zeit des Weines fr mich vorber sein und die Zeit der Liebe
und Schnheit beginnen! Das Land ist schn und fromm und frhlich, Ruhe und
Heiterkeit sollen dich und deine geehrte Mutter umgeben, indessen jeder Punkt
deines Daseins und deiner Erscheinung ein Gegenstand meiner immerwhrenden
Verehrung sein wird. Zahlreiche Kapellen und Kirchlein unserer lieben Frau, die
aus allen lauschigen Winkeln, auf Bergen und im Strome glnzen, stehen bereit,
deine sonstigen Wnsche und Anliegen und meine Dankgebete fr die eine Gnade
deines Besitzes aufzunehmen.
    Als der Gottesmacher seine Rede in schner und einnehmender Erregtheit
geendet und, Agnesens Hand ergreifend, sie mit seinen lebhaften uglein, die in
gemtvollem poetischem Feuer funkelten, anblickte, wollte die Mutter mit
diplomatischer Gebrde das Wort ergreifen; allein ihre Tochter, welche whrend
der Zeit ihr prchtiges Auge mit melancholischem Lcheln auf die Erde gerichtet
hatte, richtete sich jetzt auf, unterbrach die Alte und erwiderte mit einem
freien und vollen Blicke auf den Rheinlnder, indem sie ihm die Hand lie:
    Ja, ich will dein sein, mein lieber Freund! Du hast mir Ehre erwiesen und
Trost gebracht, und deine schne Musik hat ein helles Licht in meinem verwirrten
Gemte verbreitet! Und indem ich berlege, wie ich es dir am besten und wahrsten
danken kann, fhle ich wohl und fhle es gern, da es am besten mit meinem
verlassenen Selbst geschieht, das nun nicht mehr verlassen ist! Ohne zu
forschen, ob deine Neigung fest und dauernd sei, will ich mich mit all der
Sehnsucht meiner verschmhten Liebe unter den Schutz deines frhlichen Herzens
flchten und so zugleich das Unheil einer neuen Verschmhung verhten. Ich will
nicht rckwrts schauen und nur fhlen, da ich mit meiner einen Kraft liebe und
wiedergeliebt werde. Sollte es mir geschehen, da ich einmal den Namen des
Verschwundenen statt des deinigen ausspreche, so sei mir nicht bse, ich will
dich dafr zweimal ans Herz drcken! Was den Wein betrifft, so bitte ich dich,
wegen meiner nicht einen Becher weniger zu trinken! Dieser goldene Schelm hat
mir weh getan, und ich habe ihn schmerzlicherweise dafr liebgewonnen; ich sah,
da an seinen Quellen ehrliche Freude, Herzlichkeit und Artigkeit wohnen; jene
Stunden zwischen den Myrten und Orangen, obgleich ich sie nie zurckwnsche,
sind wie ein unauslschliches Mrchen in meinem Gedchtnis, wie ein schmerzlich
ser Traum, welchen ich zwischen neuen, unbekannten und doch vertrauten
treuherzigen Gestalten getrumt.
    Aber noch eines mu ich sagen. In die vielen Kirchen und Kapellen am Rheine
werde ich nicht eintreten! Ich habe in meiner Not um den Ungetreuen zu der
fabelhaften Frau im Himmel gefleht, und sie hat mir nicht geholfen! Oder ich
habe um Ungehriges und Sndliches gefleht; dann aber dnkt es mich, da ein
wahres gttliches Wesen hiezu niemals verlocken kann. Als ich noch hoffte, den
schlimmen Ferdinand mein zu nennen, wute ich, da er nichts glaubte und im
stillen ber mein Vertrauen zur Jungfrau lchelte. Ich war darber bekmmert und
gedachte in meiner Kindheit, ihn noch gut katholisch zu machen. Jetzt, wo seine
Entfernung und sein selbstschtiger Verrat mir seine Grundstze doppelt
verdchtig und verhat machen sollten, fhle ich mich seltsamerweise zu
denselben hingezogen, ja ich wnsche zuweilen, wie wenn ich nach seinem Beifall
lstern wre, da er es wissen mchte!
    Zrne nicht hierber, liebster frommer Gottesmacher! Ich will dir kein
rgernis geben, sondern dein gehorsames und treues Haus- und Bergfrulein sein!
Ich will fromm deiner Trauben pflegen und dir jeden Becher kredenzen, den du
trinkst!
    Die Zuhrer waren hchlich verwundert ber diese Reden; die Mutter bekreuzte
sich dreimal, indem sie sowohl ber Agnesens Beredsamkeit als ber den Inhalt
ihrer Worte sich entsetzte, und sie wollte ein lautes Lamentieren beginnen. Aber
sie wurde wieder unterbrochen durch den Gottesmacher, welcher, nachdem er sich
von seinem Erstaunen erholt, erwiderte:
    Ich htte allerdings nicht vermutet, da meine ehrwrdige, von frommen
Meistern gesetzte Musik ein Licht dieser Art in einem jugendlichen Frauenhaupte
aufstecken und eine solche anmutige Beredsamkeit erzeugen wrde! Doch die Wege
des Herrn sind wunderbar! mchte ich fast sagen, wenn nur dieses Sprichwort hier
besser angewendet wre!
    Ich bin in dem andchtigen Glauben an Gott und seine Heiligen erzogen, und
insbesondere das Bild der Maria hat mich von Kindheit auf in seiner Milde und
Schnheit angelacht. Ihr Kultus hat mich zur Kunst begeistert und mir Brot
gegeben, als ich arm, verlassen und unwissend war; sie war mir Mtterchen,
Geliebte, gttliche Frbitterin, Muse in Bild und Tnen, und berdies belebte
sie wie eine allgegenwrtige Gttin die Fluren meiner schnen Heimat. Aus der
Blue des Himmels, auf goldenen Wolken, im Glnzen des Gewssers, im leuchtenden
Grn der Wlder, auf den Blumensternen, auf den roten Rosen lchelte mir die
unsichtbare Himmelsfrau sichtbar entgegen und weckte ein ses Sehnen in meiner
Brust. Jetzt ist mir beinahe, als wre dies Sehnen gestillt, auch wei ich gar
wohl, da derlei katholische Dinge von aufgeklrten oder auch nur unbefangenen
Leuten nicht mehr geglaubt werden; aber warum wollen wir die selige Menschgttin
unserer Jugendzeit, die uns Unschuld und Anmut bedeutet, so ohne weiteres
absetzen? Ist es uns nicht lieblicher und vertrauter, die Altbekannte, Schne
ferner ber unseren Fluren zu ahnen und sie mit dem armen Volke in den
geschmckten Tempeln zu verehren, in denen wir so wohl zu Hause sind, als uns
den Kopf zu zerbrechen und fr das, was uns beglckt, gelehrte heidnische Namen
oder gar nur tnende Worte zu gebrauchen? Wenn ich erst einmal anfinge, mich in
solche Dinge einzulassen, so htte ich nicht mehr Zeit, mein Silber zu treiben;
denn mein Kopf ist nicht zu leichten bergngen eingerichtet und mu alles
grndlich einben. Also schlage ich vor, da wir uns diese Sache nicht unntig
schwer machen, vielmehr dieselbe, sozusagen, der Heiligen Jungfrau selbst
berlassen! Was jenen unglcklichen Verrter betrifft, so wage ich zu hoffen,
da ich sein Andenken je lnger, je weniger zu frchten brauche, ja sogar da
das Bestreben, in Glauben oder Unglauben zu gefallen, eines Tages sich mir
gnzlich zuwenden werde; denn ich fhle eine solche Ganzheit und Sicherheit der
Liebe zu dir in mir, da ich mir Meisterschaft und Kunst genug zutraue, den Lauf
deines Gebltes endlich ganz zu meinen Gunsten zu lenken!
    Agnes blickte whrend dieser Worte wieder vor sich nieder, ohne den Mund zu
verziehen, wie in tiefen Gedanken verloren; doch dann stand sie auf und kte
den Gottesmacher mehrere Male auf den Mund.
    Es wurde nun beschlossen, gleich mit dem Beginne des Frhlings die Hochzeit
zu begehen und nach dem Rheine zu ziehen, was auch alles auf das beste geschah,
und der Gottesmacher war und blieb so glcklich, da daraus notwendig auf
Agnesens eigenes Glck zu schlieen war. Ihre Mutter war erst in der groen
belebten Stadt geblieben, da ihrem eiteln Sinne dieselbe zur Unterlage ntig
schien; auch hoffte sie im geheimen durch die Abwesenheit der strenden
Schnheit ihrer Tochter noch einen stillen und erbaulichen Nachsommer ihrer
eigenen Person zu genieen, wenn auch nur vor sich selbst und angesichts ihres
Bildes. Aber bald mute sie zu ihrem Schrecken erfahren, da ihr Licht nicht
mehr genugsam leuchtete und da sie, ohne es zu wissen, schon bislang im
Widerschein von ihres Kindes Schnheit geatmet hatte. Sie fhlte sich einsam,
alt und verwelkt, mehr als sie es im Grunde war, erhob einen groen Jammer, bis
sie zu dem jungen Paare reisen konnte, und es war rhrend zu sehen, wie sie sich
klagend beeilte, nur wieder in den Bereich der lugend und Schnheit zu kommen,
die lugend von ihrer Jugend und Schnheit von ihrer Schnheit war.
    Ehe aber das seltsam erregte Paar abgereist, hatte es auf den besondern
Wunsch Agnesens den abgeschlossenen Heinrich aufgesucht, um sich bei ihm zu
verabschieden.
    Die erste Gefahr in Ferdinands Zustande war einstweilen vorber, und der
Verwundete ging einer leidlichen Herstellung entgegen. Heinrich hatte ihn aber
noch nicht wieder gesehen. Eine tiefe Verwirrung und Scham, welche ihn in der
starken Abspannung nach jenen aufgeregten Tagen befiel, mischte sich mit einer
Art trotziger Scheu, sich an das Krankenbett zu drngen, und als die
Lebenskrfte des Kranken sich wieder gesammelt, fragte er wohl nach Heinrich,
aber er verlangte ihn nicht zu sehen. Ein bitteres Schmollen waltete zwischen
beiden, welches zwar bei jedem mehr gegen sich selbst gerichtet war, aber doch
den andern mit hineinzog, da ohne denselben die begangene gefhrliche Torheit
nicht mglich geworden wre. Und wie eine sndliche Torheit, in Aufregung und
Verblendung hereingebrochen und fr einmal noch, gndig ablaufend, doch den
Vorhang lftet vor einem unliebsamen Dunkel, das in uns zu wogen scheint, so
zeigte das Vorgefallene dem melancholischen grnen Heinrich eine dunkle Leere in
sich selber, in welcher seine eigene Gestalt, mit tausend Fehlern und Irrtmern
behaftet, ganz unleidlich auf- und niedertauchte.
    Er wohnte lngst nicht mehr in jenem behaglichen Stbchen, das er bei seiner
Ankunft gemietet, sondern in einem groen saalartigen Raume mit hohen grauen
Wnden, der durch ein mchtiges helles Fenster erleuchtet war. Seine
ungeheuerlichen Kartons mit den abenteuerlichen Kompositionen, die groen
blassen Bilder auf Leinwand bildeten zusammen ein Labyrinth von verschiedenen
helldunklen Gelassen und Winkeln, als ob eine kolossale spanische Wand, mit
spanischen Schlssern bemalt, sich durch den Raum zge. Der einzige
Luxusgegenstand im Zimmer war ein mchtiges breites Sofa, das aber ganz mit
Papier und Bchern bedeckt war und dadurch verriet, da der junge Bewohner Sich
noch stramm und aufrecht zu halten gewohnt war und trotz seiner Melancholie
keines Lotterbettes bedurfte. Sonst war jede Zierlichkeit und Flle vermieden;
auf ein paar wackeligen Tischchen lagen bestubt die Gerte Heinrichs, auf dem
Boden seine Mappen, die Wnde waren kahl und de, und wenn er frher einer
museumartigen Flle, einer beschaulichen Kramseligkeit bedurft hatte, um sich zu
gefallen, so schien er jetzt mit einer dsteren Leere und Schmucklosigkeit zu
kokettieren. Nur ein etwa anderthalb Fu hoher borghesischer Fechter, trefflich
gearbeitet, aber vielfach beschdigt und beruchert, stand in einer Ecke auf dem
Boden, und von der Fensternische herab hing zerrissen und verdorrt eine groe
Efeuranke. Auf der kahlen Mauer, wo der Efeu frher in die Hhe gewachsen, sah
man dieselbe Ranke mit Kohle hchst sorgfltig und reinlich nachgezeichnet,
nmlich nach den Umrissen des Schattens, welchen der Efeu einst in der frhen
Morgensonne auf die Mauer geworfen hatte.
    Aber diese Spur eines melancholischen Migganges war noch hchst heiter und
tchtig zu nennen im Vergleich zu einer anderen, welche in Heinrichs Werkstatt
zu entdecken war oder vielmehr dem ersten Blicke auffiel. Unter den groen
Schildereien ragte besonders ein wenigstens acht Fu langer und entsprechend
hoher Rahmen hervor, mit grauem Papiere bespannt, der auf einer mchtigen
Staffelei im vollen Lichte stand. Am Fue desselben war mit Kohle ein
Vordergrund angefangen, und einige Fhrenstmme, mit zwei leichten Strichen
angegeben, stiegen in die Hhe. Davon war einiges bereits mit der Schilffeder
markiert, dann schien die Arbeit stehengeblieben. ber den ganzen brigen leeren
Raum schien ein ungeheures graues Spinnennetz zu hangen, welches sich aber bei
nherer Untersuchung als die sonderbarste Arbeit von der Welt auswies. An eine
gedankenlose Kritzelei, welche Heinrich in einer Ecke angebracht, um die Feder
zu proben, hatte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen
angesetzt, welches er jeden Tag und fast jede Stunde in zerstreutem Hinbrten
weiterspann, so da es nun den grten Teil des Rahmens bedeckte. Betrachtete
man das Wirrsal noch genauer, so entdeckte man den bewunderungswertesten
Zusammenhang, den lblichsten Flei darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge
von Federstrichen und Krmmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen
ausmachten, ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu
verfolgen war. Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermaen eine neue
Epoche der Arbeit, neue Muster und Motive, oft sehr zart und anmutig, tauchten
auf, und wenn die Summe der Aufmerksamkeit, Zweckmigkeit und Beharrlichkeit,
welche zu dieser unsinnigen Mosaik erforderlich war, verbunden mit Heinrichs
gesammeltem Talente, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wre, so htte
er ein Meisterwerk liefern mssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder
grere Stockungen, gewissermaen Verknotungen in diesen Irrgngen einer
zerstreuten, gramseligen Seele, und die sorgsame und kluge Art, wie sich die
Federspitze aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies deutlich, da das
trumende Bewutsein Heinrichs aus irgendeiner Patsche hinauszukommen suchte.
    Schon seit vielen Wochen hatte er jeden Tag zur eigentlichen Arbeit
angehoben und war alsobald, ohne es zu wissen noch zu wollen, in dunklem
Selbstvergessen an die Fortsetzung der kolossalen Kritzelei geraten, und er
arbeitete eben wieder mit eingeschlummerter Seele, aber groem Flei und
Scharfsinn an derselben, als an die Tr geklopft wurde.
    Er erschrak heftig und fuhr zusammen, als ob er ber einem Verbrechen
ertappt wre. Agnes und ihr Brutigam traten herein, und kaum hatte man sich
begrt, so erschien Erikson mit seiner nunmehrigen Frau Rosalie, und Heinrich
sah sich von Gerusch, Leben und Schnheit wachgerttelt. Er hatte weder von
Eriksons Hochzeit als von Agnesens Verlobung etwas gewut, und der Zufall
wollte, da beide Paare am folgenden Tage abreisen wollten, das eine nach dem
Rheine, das andere nach Italien.
    Meine Frau, sagte Erikson, bestand darauf, mit hinaufzukommen, als ich,
unten vorbeigehend, mich beurlauben wollte, um dir adieu zu sagen. Wir bleiben
bis zum Juni im Sden, dann gehen wir durch Frankreich nach dem Norden,
streichen in meiner Heimat herum und sehen, wo wir da einmal leben wollen.
Vielleicht in einer Seestadt, etwa Hamburg. Hernach besuchst du uns auf einige
Zeit, wir wollen dich protegieren und ein bichen zurechtstutzen! Rosalie
unterbrach ihn und verlangte auf das freundlichste von Heinrich das Versprechen,
da er sie aufsuchen werde, und Agnes nebst dem Gottesmacher begehrten, da er
jedenfalls den Rhein hinunterfahren und auch sie besuchen solle.
    Inzwischen hatte sich Erikson vor die Staffelei gestellt und betrachtete
hchst verwundert Heinrichs neuste Arbeit. Dann betrachtete er mit bedenklichen
Blicken den Urheber, welcher in peinlicher Verlegenheit dastand, und sagte Du
hast, grner Heinrich, mit diesem bedeutenden Werke eine neue Phase angetreten
und begonnen, ein Problem zu lsen, welches von grtem Einflusse auf unsere
deutsche Kunstentwicklung sein kann. Es war in der Tat lngst nicht mehr
auszuhalten, immer von der freien und fr sich bestehenden Welt des Schnen,
welche durch keine Realitt, durch keine Tendenz getrbt werden drfe, sprechen
und rsonieren zu hren, whrend man mit der grbsten Inkonsequenz doch immer
Menschen, Tiere, Himmel, Sterne, Wald, Feld und Flur und lauter solche trivial
wirkliche Dinge zum Ausdrucke gebrauchte. Du hast hier einen gewaltigen Schritt
vorwrts getan von noch nicht zu bestimmender Tragweite. Denn was ist das
Schne? Eine reine Idee, dargestellt mit Zweckmigkeit, Klarheit, gelungener
Absicht! Diese Million Striche und Strichelchen, zart und geistreich oder fest
und markig, wie sie sind, in einer Landschaft auf materielle Weise placiert,
wrden allerdings ein sogenanntes Bild im alten Sinne ausmachen und so der
hergebrachten grbsten Tendenz frnen! Wohlan! du hast dich kurz entschlossen
und alles Gegenstndliche hinausgeworfen! Diese fleiigen Schraffierungen sind
Schraffierungen an sich, in der vollkommensten Freiheit des Schnen schwebend,
dies ist der Flei, die Zweckmigkeit, die Klarheit an sich, in der holdesten,
reizendsten Abstraktion! Und diese Verknotungen, aus denen du dich auf so
treffliche Weise gezogen hast, sind sie nicht der triumphierende Beweis, wie
Logik und Kunstmigkeit erst im Wesenlosen recht ihre Siege feiern, im Nichts
sich Leidenschaften und Verfinsterungen gebren und sie glnzend berwinden? Aus
Nichts hat Gott die Welt geschaffen! Sie ist ein krankhafter Absze dieses
Nichts, ein Abfall Gottes von sich selbst. Das Schne, das Poetische, das
Gttliche besteht eben darin, da wir uns aus diesem materiellen Geschwr wieder
ins Nichts zurckabstrahieren, nur dies kann eine Kunst sein! - Aber mein Lob
mu sogleich einen Tadel gebren, oder vielmehr die Aufforderung zu weiterm
energischen Fortschritt! In diesem reformatorischen Versuch liegt noch immer ein
Thema vor, welches an etwas erinnert, auch wirst du nicht umhinknnen, um dem
herrlichen Gewebe einen Sttzpunkt zu geben, dasselbe durch einige verlngerte
Fden an den listen dieser Fhren zu befestigen, sonst frchtet man jeden
Augenblick, es durch seine eigene Schwere herabsinken zu sehen. Hiedurch aber
knpft es sich wiederum an die abscheulichste Realitt! Nein, grner Heinrich!
nicht also! nicht hier bleibe stehen! Die Striche, indem sie bald sternfrmig,
bald in der Wellenlinie, bald rosettenartig, bald geviereckt, bald radienartig,
strahlenfrmig sich gestalten, bilden ein noch viel zu materielles Muster,
welches an Tapeten oder bedruckten Kattun erinnert. Fort damit! Fange oben in
der Ecke an und setze einzeln nebeneinander Strich fr Strich, eine Zeile unter
die andere; von zehn zu zehn mache durch einen verlngerten Strich eine
Unterabteilung, von hundert zu hundert eine wackere Oberabteilung, von tausend
zu tausend einen Abschlu durch einen tchtigen Sparren. Solches Dezimalsystem
ist vollkommene Zweckmigkeit und Logik, das Hinsetzen der einzelnen Striche
aber der in vollkommener Tendenzfreiheit in reinem Dasein sich ergehende Flei.
Zugleich wird dadurch ein hherer Zweck erreicht. Hier in diesem Versuche zeigt
sich immer noch ein gewisses Knnen; ein Unerfahrener, Nichtknstler htte diese
Gruselei nimmer zustande gebracht. Das Knnen aber ist von zu leibhafter Schwere
und verursacht tausend Trbungen und Ungleichheiten zwischen den Wollenden; es
bringt die tendenzise Kritik hervor und steht der reinen Absicht fort und fort
feindlich entgegen. Das moderne Epos zeigt uns die richtige Bahn! In ihm zeigen
uns begeisterte Seher, wie durch dnnere oder dickere Bnde hindurch die
unbefleckte, unschuldige, himmlisch reine Absicht gefhrt werden kann, ohne je
auf die finsteren Mchte irdischen Knnens zu stoen! Eine goldschnittheitere
ewige Gleichheit herrscht zwischen der Brderschaft der Wollenden! Mhelos und
ohne Kummer teilen sie einige tausend Zeilen in Gesnge und Strophen ab; der
wahre Flei an sich freut sich seines Daseins, kein schlackenbeschwerter
Knnender strt die Harmonie der Wollenden. Und weit entfernt, da der Bund der
Wollenden etwa eine einfrmige, langweilige Schar darstellte, birgt er vielmehr
die reizendste Mannigfaltigkeit in sich und kommt auf den verschiedensten Wegen
zum Ziele. Hauptschlich teilt er sich in drei groe Heerlager; das eine dieser
Heerlager will, das heit arbeitet, ohne etwas gelernt zu haben; das zweite
wendet mit eiserner Ausdauer das Gelernte, aber nicht Begriffene an; das dritte
endlich arbeitet und will, ohne das Gelernte und Begriffene auf sich selber
anzuwenden, und alle drei Heerzge vereinen sich an einem friedlichen Ziele. Wer
kann ermessen, wie nahe die Zeit ist, wo auch die Dichtung die zu schweren
Wortzeilen wegwirft, zu jenem Dezimalsystem der leichtbeschwingten Striche
greift und mit der bildenden Kunst in einer ueren Form sich vermhlt? Alsdann
wird der reine Schpfer- und Dichtergeist, welcher in jedem Brger schlummert,
durch keine Schranke mehr gehemmt, zutage treten, und wo sich zwei
Stdtebewohner trfen, wre der Gru hrbar: Dichter? - Dichter! oder Knstler?
- Knstler! Ein zusammengesetzter Senat geprfter Buchbinder und Rahmenvergolder
wrde in wchentlichen olympischen Spielen massenhaft die Wrde des
Prachteinbandes und des goldenen Rahmens erteilen, nachdem sie sich eidlich
verpflichtet, whrend der Dauer ihres Richteramtes selbst keine Epen und keine
Bilder zu machen, und ganze Kohorten wissenschaftlich wie sthetisch verbildeter
Verleger wrden die gekrnten Epen in stndlich folgenden Auflagen von je einem
Exemplare ber ganz Deutschland hin so tiefsinnig verlegen, da sie kein Teufel
wiederfinden knnte!
    Lieber Mann, was befllt dich, wo willst du hin? rief Rosalie, die wie die
anderen mit offenem Munde dagestanden und abwechselnd bald den ber und ber
bekritzelten Rahmen, bald den Redner betrachtet hatte, indessen Heinrich, mit
Rot begossen, dann bleich werdend, in der unglckseligsten Laune verharrte.
Lat es gut sein! sagte Erikson, dieser Witz, dieses Geschwtz sei fr einmal
mein gerhrter Abschied von Deutschland! Von nun an wollen wir dergleichen
hinter uns werfen und uns eines wohlangewandten Lebens befleien! Dann nahm er
mit ernsterm Blicke Heinrich bei der Hand, fhrte ihn hinter einen groen Karton
und sagte leise zu ihm Lys lt dich freundlichst gren; der Arzt hat ihm
geraten, nun sogleich nach dem Sden zu gehen und sich dort wenigstens zwei
Jahre aufzuhalten. Er wird nach Palermo und dort genesend in sich gehen; die
Krankheit scheint doch etwas an ihm gendert zu haben. Dein Gekritzel da auf dem
Rahmen zeigt mir, da du dich bel befindest und nicht mit dir einig bist; sieh,
wie du aus der verfluchten Spinnwebe herauskommst, die du da angelegt hast, und
wenn du dich mit dem Ding, mit der Kunst oder deren Richtung irgend getuscht
fndest, so besinne dich nicht lange und stelle die Segel anders! Ich bin im
gleichen Falle und mu erst jetzt sehen, wie ich noch etwas Tchtiges hantieren
werde, da einige ntzliche Bewegung von mir ausgeht!
    Heinrich ward sehr beklemmt und erwiderte nichts als Wann geht Ferdinand
fort? - ln den nchsten Tagen, sagte Erikson, er wnscht indes, da ihr euch
fr jetzt nicht sehet; berhaupt lat uns alle drei aufs Geratewohl
auseinandergehen, ernst und doch leicht, und es der Zukunft berlassen, was sie
aus jedem machen und ob sie uns wieder zusammenfhren wird! Ein dreifaches
stilles Gedenken mag um so treuer in uns leben; du besonders bist uns beiden
anderen lieb, wie ein kleiner Benjamin, und es nimmt uns hchlich wunder, was
aus dir, welcher soviel jnger ist als wir, eigentlich sich noch hervorspinnen
wird.
    Als sie wieder hinter ihrer Kulisse hervorgetreten, wurde rasch Abschied
genommen. Erikson und der Gottesmacher drckten ihm krftig die Hand; Rosalie,
welche mit feinem Sinne wohl ahnte, da Heinrich etwas fehlte, dmpfte mit
zartem Gefhl den muntern Glanz des Glckes in ihren Augen, als sie ihm die Hand
reichte und freundlich lchelte, und Agnes, welche sich zugleich herandrngte,
scho vollends einen warmen, dunklen Blick in seine Augen, und zwischen ihren
schwarzen Wimpern schimmerte es wie silberner Tau. Er fhlte, da das wundersame
Wesen ihm mit wenigem viel sagen mchte, da sie dem Vertrauten jener
schmerzlichen Freudentage ihre tiefbewegte Verwunderung ber sich selbst, ber
den Lauf der Welt verschweigen mute. Selbst verwundert stand Heinrich einen
Augenblick zwischen zwei reizvollen Weibern, dann sah er sich allein und schaute
in dem grauen, zum Teil dstern, zum Teil mit grellem Lichte durchstrahlten Raum
herum, in welchem soeben sich krftige und schne, glcklich gepaarte
Menschengestalten bewegt hatten.
    Er sah auf die Tr, durch welche sie verschwunden und welche mit ihrer
weigestrichenen Flche vor seinen Augen schwirrte und flimmerte wie eine
Leinwand, von welcher mit einem Zuge ein lebendiges Gemlde weggewischt worden.
Er sah durch das hohe Fenster, dessen untere Hlfte verhllt war, in die leere
Luft hinaus, das freundliche Stck blauen Himmels schien anderswohin
niederzublicken auf rstig bewegtes Menschengewimmel; sein Blick irrte hierauf
ber die umherstehenden anspruchsvollen Arbeiten hin, welche grau in grau, als
wesenlose Fiktionen von Bumen und Steinen, ineinanderschwammen. Eine
beklemmende Unruhe bemchtigte sich seiner, heftig schritt er auf und nieder,
und sich Raum schaffend, rckte und schob er die Bilder und Kartons ringsherum
zurck, zusammen, drngte sie auf einen Haufen an die Wand, bis das groe Zimmer
leer und gerumig erschien. Wie einen guten trstenden Freund entdeckte er da
die Gipsfigur des borghesischen Fechters, welche aus ihrem Winkel zutage trat.
Unwillkrlich hob er sie empor und setzte sie auf ein Tischchen mitten in das
hereinstrmende Licht.
    Alles war Leben in dem von Sonne, Wind und Wetter gereiften Krper dieses
abgehrteten Kriegers, der mit ehrlichem Fleie sich seiner Haut wehrte. Den
feindlichen Angriff abwehrend und zugleich selbst kraftvoll angreifend, war der
ganze Mann mit allen Gliedern in der Anregung dieses Doppelzweckes gespannt;
Verteidigung und Ausfall, Selbsterhaltung und Wirkung nach auen, Zusammenziehen
und Ausdehnung vereinigten sich in einem Momente, in welchem das schnste Spiel
der Muskeln darstellte, wie das Leben recht eigentlich durch sich selbst um sich
selber kmpfte in dieser munteren Menschenkrabbe.
    Trotz des brckligen beschmutzten Gipses ging ein Licht von dem rstigen,
tapfern Bilde aus, welches erhellend in Heinrichs Augen fiel. Er hatte
sonderbarerweise noch nie einen ernstlichen Versuch zur kundigen Nachahmung der
menschlichen Gestalt gemacht und gerade seit seinem Aufenthalte in der
Kunstresidenz, wo Mittel und Aufforderung genug im grten Mastabe sich
aufdrngten, sich eigensinnig davon zurckgehalten, in der willkrlich
bescheidenen Einbildung, da Beruf und Bestimmung die ausschlieliche Ausbildung
des einmal gewhlten Zweiges erforderten. Nicht nur verkannte er das Gesetz,
da, je weiter und mannigfaltiger die Kunde verwandter Gegenstnde ist, desto
freier und vollkommener ein Auserwhltes betrieben werde, sondern es verbarg
sich in jener Bescheidenheit auch die Anmaung, schlielich in dem einen Fache
so glnzen zu wollen, da alle andere Kenntnis entbehrlich erschiene. Nicht
sowohl in der Erkenntnis dieses Irrtums als mehr, um sich irgend Luft zu
verschaffen, spitzte er rasch eine schlanke Reikohle scharf zu, stemmte einen
Blendrahmen, mit frischem Papier bezogen, gegen die Knie und begann aufmerksam
und aufgeregt den Fechter zu zeichnen. Obschon er nicht die mindeste Kenntnis
von dem besa, was unter der Haut wirkte und sich darstellte, und kaum eine
zufllige Ahnung vorn Knochengerste hatte, ging es doch in der ersten
Anspannung und Hitze ganz gut vonstatten, und er freute sich sogar, die Dinge zu
nehmen, wie er sie unmittelbar sah, und mit natrlichem Scharfblicke sich
zurechtzufinden.
    Er zeichnete anhaltend mehrere Stunden und brachte nicht eine elegante
Studie, sondern eine Arbeit zustande, welche ihn unvermuteterweise wenigstens
nicht abschreckte. Aber je lnger er zeichnete, desto wunderlicher erging es
ihm; die Phantasie eilte, indem die Kohle in der Hand rstig arbeitete, mchtig
voraus und sah sich bereits weit vorgeschritten in der Behandlung und Verwendung
der menschlichen Gestalt. Und wie in der fieberischen Aufregung die Glieder des
Fechters sich verhltnismig leicht gestalteten und die kraftvollen
Muskelwlbungen sich reihten, deren Namen und Bedeutung er nicht kannte, flog
die Phantasie in die Vergangenheit zurck, und Heinrich erinnerte sich
pltzlich, wie frhere und frheste Versuche in Figuren, in der Heimat aus
Scherz oder Laune unternommen, ihn eigentlich nicht ein Jota mehr Mhe gekostet
als andere Dinge; er malte sich die Erinnerung, die Gegenstnde und Anlsse auf
das genaueste aus und glaubte deutlich zu sehen, wie nur der Mangel an Pflege
und Fortsetzung schuld sei, warum er nicht in diesem Gebiete ebensoviel und
vielleicht Besseres leistete als in der erwhlten Landschaft. Mit einem Worte,
mit einem seltsamen Frsteln berzeugte er sich, aufspringend und die Tafel von
sich schleudernd, da seine geliebte und begeisterte Wahl, der er vom
vierzehnten Jahre an bis heute gelebt, nicht viel mehr als ein Zufall, eine
durch zufllige Umstnde bedingte Ideenverbindung gewesen sei.
    Jnglinge von zwei- oder dreiundzwanzig Jahren wissen noch nicht, da jedes
Leben seinen eigenen Mann macht, und haben noch keine Trostgrnde fr Jahre,
welche sie verloren whnen. Wenn sie schon bei acht Jahre zurckzhlen knnen,
die sie ber einer Lebensttigkeit zugebracht, so befllt sie eine Art heiligen
Grauens, selbst wenn diese Jahre wohl angewandt sind. Sie vertndeln, vertrumen
die Stunden und Tage, aber sie hegen einen tiefen Respekt vor den Jahren, tun
sich auf ihre Jugend soviel als mglich zu gut und stecken sich unaufhrlich
feste Ziele, welche sie in so oder so viel Jahren erreichen wollen.
    Um so verdutzter und bitterlicher lchelte Heinrich jetzt vor sich hin. Er
ergriff in der Verwirrung seine alte Flte, tat einige seiner naturwchsigen
selbsterfundenen Lufe darauf und warf sie wieder weg. Der rmste ahnte aber
nicht einmal, was die verklungenen Tne gesungen hatten und da, wenn zufllig
ein Klavier in seinem elterlichen Hause gestanden und er etwa als Kind einen
Musikkundigen in der Nhe gehabt htte, es sich vielleicht jetzt gar nicht
einmal um Bume oder Menschen handeln, sondern er irgendwo als eingebter
Musikant oder gar als hoffnungsvoller Komponist existieren wrde, der auf seinen
selbstgewhlten Beruf schwre, ohne auf einem festern Grunde zu stehen, kurz,
da ihn der Zufall auf hundert andere vermeintliche Bestimmungen htte fhren
knnen.

                                Zweites Kapitel


Mehr um fr seine verwirrten Gedanken ein Unterkommen zu finden als aus einem
festen Entschlusse drehte nun Heinrich den Fechter herum und zeichnete denselben
whrend mehrerer Tage von verschiedenen Seiten. Sobald aber das erste
instinktive Geschick und Feuer sich abgekhlt, drngte es ihn, die
Erscheinungen, welche sich auf dieser bewegten Oberflche zeigten, in ihrem
Grund und Wesen nher zu kennen. In der Meinung, keine Zeit mehr zu verlieren,
ging er vor allem aus, eine genauere Kunde vom menschlichen Krper zu erwerben,
und suchte zu diesem Zwecke einige junge Mediziner auf, die er als Landsleute
kennengelernt und zuweilen gesehen hatte. Sie zeigten ihm bereitwillig ihre
anatomischen Atlanten, erklrten aus ihrem Wissen heraus, was ihnen gut dnkte,
und fhrten ihn in die ffentlichen Sammlungen, wohl auch durch die Sle, wo ein
blhendes Geschlecht von Jnglingen, geleitet von gewandten Mnnern, mit
vergngtem Eifer einen Vorrat von Leichen zerlegte.
    Als Heinrich erstaunte, so viele begeisterte Leute zu sehen, welche ein und
denselben Gegenstand in allseitigster Bestrebung hin und her wandten und sich
der bloen Erkenntnis freuten, ohne etwas dazu- noch davonzutun, noch die
mindeste Erfindungslust zu besitzen, als er noch mehr erstaunte ber die reiche
Welt selbst, welche sich bei nherer Einsicht an diesem einzigen Gegenstande
selbst auftat, mit weiten unerforschten Gebieten, Vermutungen, Hoffnungen,
welche so voll und wichtig klangen wie diejenigen, welche die Vorgnge des
Weltraumes, des gestirnten Himmels zum Gegenstande hatten; als er endlich nicht
wute, wie er sich zu all diesem verhalten sollte, riet ihm ein junger Doktor,
eine berhmte Vorlesung ber Anthropologie zu besuchen, welche eben in diesen
Tagen ihren Anfang nahm. Der kluge junge Mann wute wohl, da dergleichen
allgemeine, einleitende Lehren am besten geeignet wren, die erste verzeihliche
Neugierde zu stillen, den Nichtberufenen aber gerade dadurch abhielten, sich
dann ferner da zwecklos umherzutreiben, wo er nicht hingehrte.
    So trat Heinrich zum ersten Male in das weitlufige, palastartige
Universittsgebude und sah sich unter die summende Menge junger Leute
verwickelt, welche aus allen Slen strmte und auf den Gngen und Treppen sich
kreuzte. Heinrich mute alle diese jungen Mnner als seit zartester Jugend der
Schule angehrend sich denken, unter dem doppelten Schutze des Staates und der
Familie ununterbrochen lernend ins mnnliche Alter und in die Selbstndigkeit
hinberreifend, und zwar so, da mit der letzten Prfung zugleich der sichere
Eintritt in das brgerliche Leben verbunden war. Sie bildeten gewissermaen die
Staatsjugend, gegenber welcher er sich als obskuren Gegenstand, als Stoff des
Staates fhlte, besonders da sein heimatliches demokratisches Bewutsein hier
zurcktrat vor der allgemeinen Kluft, welche durch alle europische Erziehung
sich ausdehnt. Diese durcheinanderwogenden Jnglinge erschienen ihm auf den
ersten Blick rcksichtslos und selbstgefllig, und in Erwartung von Amt und
Wrden, welche sie zu verhhnen vorgaben, einstweilen ihren Entwicklungszustand
zu einer Art souverner Autoritt machend, von welcher aus alles sich bemessen
und verachten liee; ja innerhalb derselben schien es noch verschiedene Kasten,
Stufen und Abzeichen zu geben, als reichliche Gelegenheit, schon hier, unter dem
Deckmantel der akademischen Freiheit, den Korporalsstab der Autoritt tchtig zu
schwingen, und mancher jugendliche Fhrer sah schon leibhaftig aus wie ein
Rekruten qulender Korporal.
    Doch diese Eindrcke wechselten rasch mit anderen, als Heinrich in den
bezeichneten Hrsaal trat, dessen Bnke noch leer waren. Die kahle Wand, die
schwarze Tafel an derselben, die zerschnittenen und mit Tinte beklecksten
Tische, alles erweckte in ihm das Gefhl, als verwirkliche sich jener ngstliche
Traum aller Autodidakten, welche sich im Mannesalter, ja mit grauen Haaren in
die Schulstube versetzt sehen, mitten unter ein Geschlecht mutwilliger Knaben,
den alten strengen Lehrer vor sich, der sie beschmt und um ganze Reihen von
blhenden Buben hinunterrcken lt. Er frchtete sich, aufgefordert zu werden,
aufzustehen und Rechenschaft zu geben von allem, was er nicht gelernt habe.
    Nun fllte sich aber allmhlich der Saal, und voll Verwunderung nderte sich
Heinrichs Stimmung wieder, als er die gedrngte Versammlung bersah. Neben einer
Menge junger Leute seines Alters, welche hchst selbstndig und rcksichtslos
ihre Pltze einnahmen und behaupteten, erschienen viele vorgerckteren Alters,
gut oder schlecht gekleidet, welche schon stiller und bescheidener unterzukommen
suchten, und sogar einige alte Herren mit weiem Haar, selbst rhmliche Lehrer
in anderen Gebieten, nahmen entlegene Seitenpltze ein, um dort zu sehen, was es
noch fr sie zu lernen gbe. So mochten ber hundert Zuhrer versammelt sein,
welche des Vortragenden harrten, jeder mit anderer Empfnglichkeit, anderen
Absichten und anderen Erfahrungen, so da eigentlich jeder im wahren Sinne des
Wortes hier ein Autodidakt war, das heit ein solcher, der sich am Ende selbst
zu dem macht, was er ist und wird. Dies wurde in der Tat augenscheinlich, als
der berhmte Mann endlich in die Tr trat, sich das Haar zurechtstrich, rasch
und anstndig nach seinem Knzelchen eilte und dort mit achtungsvoller Anrede
seinen Vortrag begann nicht wie einer, der streng und trocken lehren will,
sondern wie ein Knstler, welcher durch Artigkeit, Wahl der Worte, Verbindung
der Gedanken, durch Geist und Witz sich hervortun mchte und sichtlich bestrebt
ist, sich den Beifall auch der geringsten seiner Zuhrer zu erwerben. Aus der
leichten Anordnung und dem rednerischen flieenden Vortrage des Gegenstandes,
ohne alle geschriebene Vorlage, machten sich nicht im mindesten die mhseligen
Studien und die gewissenhaft sorgfltigen Arbeiten fhlbar, welche sie gekostet
hatten; die schnell vorbergehende anschauliche Rede schien mehr eine Anregung
und Aufforderung zu eigener Belehrung als eine feststehende unvernderliche
Lehre zu sein, bei jedem wieder anders wirkend und sein unmittelbares
Selbsturteil erweckend. Der gleiche Gegenstand fhrte den einen sofort und
vielleicht fr immer zu philosophischem Denken, den andern zu umfassender
Naturbetrachtung, den dritten zur besonderen Erforschung des menschlichen
Krpers oder zur Heilkunst; der vierte endlich, durch die Darstellung des
Nahrungsprozesses, verfiel gar auf nationalkonomische Studien und wurde
vielleicht ein groer Politikus, whrend der fnfte, sechste und siebente die
gleichen Dinge nur anhrten und niederschrieben, um sie in einem halben Jahre
gnzlich zu vergessen und spter als groe Theologen, Seelenkundige und
Sittenlehrer von Fleischeslust, Herzensverstocktheit, Augen- und Ohrendienst zu
reden, ohne eine klare Vorstellung von den betreffenden Organen zu besitzen.
    Auf Heinrich, welcher arglos gekommen war, zu uerer plastischer Verwendung
einige gute Kenntnisse zu holen, wirkte schon die erste Stunde so, da er sowohl
seinen Zweck als alle seine Verhltnisse verga und allein gespannt war auf die
zustrmende Erfahrung. Hauptschlich beschftigte ihn alsobald die wunderbar
scheinende Zweckmigkeit in den Einzelheiten des tierischen Organismus; jede
neue Tatsache schien ihm ein Beweis zu sein von der Scharfsinnigkeit und
Geschicklichkeit Gottes, und obgleich er sich sein Leben lang die ganze Welt nur
als vorgedacht und geschaffen vorgestellt hatte, so war es ihm nun bei diesem
ersten Einblicke zu Mut, als ob er bisher eigentlich gar nichts gewut htte von
der Erschaffung der Kreatur, dagegen jetzt mit der lebendigsten berzeugung
wider jedermann das Dasein und die Weisheit des Schpfers behaupten knne und
wolle. Aber nachdem der kluge Lehrer die Trefllichkeit und Unentbehrlichkeit der
Dinge auf das schnste geschildert, lie er sie unvermerkt in sich selbst ruhen
und so vollkommen ineinander aufgehen, da die ausschweifenden Schpfergedanken
ebenso unvermerkt zurckkehrten und in den geschlossenen Kreis der Tatsachen
gebannt blieben, welcher jener Schlange der Ewigkeit gleicht, die sich selbst in
den Schwanz beit. Und wo ein Teil noch unerklrlich war und dunkel ins
Fabelhafte verschwand, da holte der Redner ein helles Licht aus dem Erklrten
und lie es in jene Dunkelheit glnzen, so da wenigstens alle unbescheidenen
und ungehrigen Seitengedanken vertrieben wurden und der dunkle Gegenstand
unberhrt und jungfrulich seiner Zeit harrte, wie eine ferne Kste im
Frhlichte. Selbst da, wo er entsagen zu mssen glaubte auf eine jemalige
Erkenntnis, tat er dies mit der berzeugenden Hinweisung, da doch alles mit
rechten Dingen zuginge und in der Grenze des menschlichen Wahrnehmungsvermgens
keineswegs eine Grenze der Folgerichtigkeit und Einheit der Natur lge. Hiebei
brauchte er keinerlei gewaltsame Reden und vermied gewisse theologische
Ausdrcke so gut wie den Widerspruch dagegen; die Stumpfsinnigen und
Eingenommenen merkten auch von allem nichts und schrieben unverdrossen nieder,
was ihnen zweckdienlich schien fr Eigenliebe und aufzustellende Meinungen,
whrend die Unbefangenen alle Hintergedanken fahrenlieen und bei des Lehrers
klugen Wendungen mit frohem Lcheln die Achtung vor dem reinen Wissen lernten.
    Auch im zuhrenden Heinrich traten die willkrlichen Voraussetzungen und
Anwendungen bald in den Hintergrund, ohne da er wute, wie ihm geschah, als er
sich den Einwirkungen der einfachen Tatsachen hingab; denn das Suchen nach
Wahrheit ist immer ohne Arg, unverfnglich und schuldlos; nur in dem
Augenblicke, wo es aufhrt, fngt die Lge an bei Christ und Heide. Er versumte
nun keine Stunde in dem Hrsaal und nahm begierig ein neues Ganzes in sich auf,
welches er vom Anfang bis zum Ende verstand und bersehen konnte. Wie ein Alp
fiel es ihm vom Herzen, da er nun doch noch etwas zu wissen anfing; im gleichen
Augenblicke bereute er auch nicht mehr die gewaltsame und lange Unterbrechung
des Lernens, da dasselbe dem Stillen des leiblichen Hungers gleicht sobald der
Mensch zu essen hat, empfindet er nichts mehr von der Pein und der Ungeduld des
Hungers. Das Glck des Wissens gehrt auch dadurch zum wahren Glcke, da es
einfach und rckhaltlos und, ob es frh oder spt eintrete, immer ganz das ist,
was es sein kann, ohne Reue ber das Versumte zu erwecken; es weiset vorwrts
und nicht zurck und lt ber dem unabnderlichen Bestand und Leben des
Gesetzes die eigene Vergnglichkeit vergessen.
    Heinrich wurde von Wohlwollen und Liebe erfllt gegen den beredten Lehrer,
von dem er nicht gekannt war und mit welchem er nicht ein Wort gesprochen hatte;
denn es ist nicht eine schlimme Eigenschaft des Menschen, da er fr geistige
Wohltaten dankbarer ist als fr leibliche, und sogar in dem erhhten Mae, da
die Dankbarkeit und Anhnglichkeit wchst, je weniger selbst die geistige
Wohltat irgendeinem unmittelbaren uerlichen Nutzen Vorschub zu leisten
scheint. Nur wenn leibliches Wohltun so hingebend und unwandelbar ist, da es
Zeugnis gibt von einer moralischen Kraft, also dem Empfnger wiederum zu einer
geistigen Erfahrung und Wohltat, zu einem innern Halt- und Sttzpunkte wird,
erreicht seine Dankbarkeit eine schnere Hhe, welche ihn selber bildet und
veredelt. Die Erfahrung, da unbedingte Tugend und Gte irgendwo sind, ist ja
die schnste, die man machen kann, und selbst die Seele des Lasterhaften reibt
sich vor Vergngen ihre unsichtbaren dunklen Hnde, wenn sie sich berzeugt, da
andere fr sie gut und tugendhaft sind.
    Mit dem praktischen Sinne und dem raschen Aneignungsvermgen des
Autodidakten fand sich Heinrich zurecht in der reichen Welt, die sich ihm
auftat; mit der plastischen Anschauungsweise, welche er als Knstler mitbrachte,
wute er die verschiedenen Momente des organischen Wesens lebendig aufzufassen,
auseinanderzuhalten, wieder zu verbinden und sich deutlich einzuprgen und so
die Kunde von dem, woraus er eigentlich bestand, wodurch er atmete und lebte, in
dem edelsten Teile desselben selbst aufzubewahren und mit sich herumzutragen,
ein Vorgang, dessen Natrlichkeit jetzt endlich wohl so einleuchtend werden
drfte, da er zum Gegenstande allgemeinster Erziehung gemacht wird. Mit dieser
Kenntnis, auf welche der Mensch das erste Anrecht hat, mten alle Volksschulen
abschlieen; sie ist es, welche alle anderen von selbst anzieht, und in
notwendigster Weise sehr zweckmig gerade je nach Beschaffenheit des lernenden
jungen Menschen. Alle Einwrfe und Altklugheit, Halbverstndnis oder gar von
Verbreitung einer allgemeinen Hypochondrie in das unbefangene Volksgemt werden
verstummen, sobald die klassische Form fr den groen ffentlichen Unterricht
vom leiblichen Menschen gefunden ist.
    Die Kenntnis vom Charakteristischen und Wesentlichen der Dinge lt
diejenige vom letzten Grunde einstweilen eher vermissen oder fhrt wenigstens
auf den Weg, denselben auf eine vernnftigere und mildere Weise zu suchen,
whrend sie zugleich alle unntzen, migen Mrchen und Vorurteile hinwegrumt
und dem Menschen einen schnen, wirklichen Stoff und Halt zum Nachdenken gibt,
ein Nachdenken, welches dann zu dem einzig mglichen Ideal, zu dem, was wirklich
besteht, hinfhrt. Welch ein Unterschied ist zwischen dem theosophischen
Phantasten, der immerdar von der Quelle des Lichtes als von einem irgendwo ins
Zentrum gesetzten sprhenden Feuertopfe spricht, und zwischen dem sterbenden
Goethe, welcher nach mehr Licht rief, aber ein besseres Recht dazu besa als
jener, der nie sich um einen wahrhaften wirklichen Lichtstrahl bekmmert hat.
Welch ein Ersatz fr das hergebrachte begriffslose Wort Ewigkeit ist die
Kenntnisnahme von der Entfernung der Himmelskrper und der Schnelligkeit des
Lichtes, von der Tatsache, da wir allaugenblicklich Licht, also Krper mit
ihren Schicksalen, in ihrem Bestehen, wahrnehmen, welches vor einem Jahre, vor
hundert, tausend und mehr Jahren gewesen ist, da wir also mit einem Blicke
tausend Existenzen tausend verschiedener Zeitrume auffassen, vom nchsten Baume
an, welchen wir gleichzeitig mit seinem wirklichen augenblicklichen Dasein
wahrnehmen, bis zu dem fernen Stern, dessen Licht lnger unterwegs ist, als das
Menschengeschlecht unsers Wissens besteht, und der vielleicht schon nicht mehr
war, ehe dasselbe begann, und den wir doch jetzt erst sehen.
    Wo bleibt da noch eine Unruhe, ein zweifelhaftes Sehnen nach einer
unbegriffenen Ewigkeit, wenn wir sehen, da alles entsteht und vergeht, sein
Dasein abmit nacheinander und doch wieder zumal ist?
    Das Licht hat aber den Sehnerv gereift und ihn mit der Blume des Auges
gekrnt, gleich wie die Sonne die Knospen der Pflanzen erschliet; es hat das
Auge scheinbar selbstndig sich gegenber gesetzt, so da, wenn das Auges des
Tieres und des bewutlosen Menschen sich schliet, fr dasselbe auch kein Licht
mehr in der Welt ist; aber im bewuten Menschen bleibt die Erfahrung, und durch
die Generationen vereinigt die eingeborne Kunde wieder die Welle mit der Quelle,
das Auge mit dem Lichte, so da beide eines sind, und wenn ein Auge sich
schlieet, so wei es noch ist das Licht da und genug Augen, es zu sehen. Das
Licht hat den Gesichtssinn hervorgerufen, die Erfahrung ist die Blte des
Gesichtssinnes, und ihre Frucht ist der selbstbewute Geist; durch diesen aber
gestaltet sich das Krperliche selbst um, bildet sich aus, und das Licht kehrt
in sich selber zurck aus dem von Geist strahlenden Auge. Denn der Geist,
welchen die Materie die Macht hat in sich zu halten, hat seinerseits die Kraft,
in seinen Organen dieselbe zu modifizieren und zu veredeln, alles mit
natrlichen Dingen, und jeder Lebende, der mit Vernunft lebt und insofern er
sich fortpflanzt oder erhebliche Geistestaten bt, hat im strengsten Sinne des
Wortes seinen bestimmten Anteil z.B. an der Ausbildung und Vergeistigung des
menschlichen Gehirnes, seinen ganz persnlichen, wenn auch unmebaren Anteil.
    Nur diesen Kreislauf knnen wir sehen und erkennen, und wir tun es; was
darber hinaus liegen sollte, das geht uns zunchst nichts an und darf uns
nichts angehen; denn so erfordert es die groe konomie des Weltlebens und der
Welterkenntnis. Sollte wider allen sinnlichen Anschein und alles sinnliche
Gefhl ein bernatrliches geistiges Gottwesen der Urgrund der Natur und unser
aller sein, so wrde erst recht dieses Wesen selbst solche konomie in die Welt
gelegt und angeordnet haben, auf da alles seinen Gang gehe und nichts
vorweggenommen werde. Diese konomie verlangt, da wir an das Natrliche
glauben, solange wir es nicht ausgemessen haben und mit unseren kleinen Schdeln
an den Rand gestoen sind, und sie ist es, welche uns zuruft Was wollet ihr aus
der Schule laufen und suchet ein Verdienst darin, an das bernatrliche zu
glauben, welches der Tod des Natrlichen ist, solange eure khnsten und
erhabensten bernatrlichen Einbildungen und Vorstellungen noch tausendmal
dunkler, ungewisser und kleiner sind als die natrlichen Wirklichkeiten, zu
deren Erkenntnis und Begriff ihr ein sicheres Pfand in der Hand habt? Ist das
Verdienst, Treue, Ausdauer und Weisheit? Nein, es ist Untreue, Feldflchtigkeit
und Torheit!
    Dergleichen Dinge lie der vortragende Lehrer, nicht in solchen Ausdrcken,
aber mit solchen Eindrcken seine Zuhrer gelegentlich zwischen den Zeilen
lesen. Heinrich gehrte zu denen, welche recht wohl zwischen den Zeilen zu lesen
wuten, und zwar weil er einen natrlichen Sinn fr das Erhebliche besa, auf
welches es ankommt, und mit der Aufmerksamkeit und dem raschen Instinkte der
Autodidakten das Wesentliche ersah, das hinter den Dingen liegt. Er merkte auch
bald, da es sich um nichts Geringeres als um seinen Glauben an Gott und
Unsterblichkeit handle; aber indem er denselben fr lange geborgen und es nicht
fr ntig hielt, auf seine Rettung bedacht zu sein, war er um so freisinniger
beflissen, alles aufzufassen und zu begreifen, was die innere Notwendigkeit,
Identitt und Selbstndigkeit der natrlichen Dinge bewies; denn eine wahrhaft
wahre und freie Natur steht nicht an, sondern sie sucht es geflissentlich,
Zugestndnisse zu machen, wo sie nur immer kann, gleich jenem idealen Knige,
der noch nie dagewesen ist und von welchem man trumt, da er nicht aus
Klugheit, sondern um ihrer selbst willen und rein zu seinem Vergngen
Konzessionen mache. Rechthaberei und Not sind die Mtter der Lge; aber die
Notlge ist ein unschuldiges Engelskind gegenber der Lge aus Rechthaberei,
welche eines ist mit Hochmut, Eitelkeit, Engherzigkeit und nackter Selbstsucht
und nie ein Zugestndnis macht, eben um keines zu machen. So entstand aus der
Lge die Rechtglubigkeit auf Erden und aus der Rechtglubigkeit wieder die
Lge; freilich auch ein Kreislauf und eine Identitt!
    Heinrich freute sich im Gegenteile, im Namen seines liberalen und genersen
Gottes jedes Fleckchen Welt einzurumen, das sich selbst bewirtschaften konnte,
und er gab sich redlich Mhe, ein festes Bewutsein von solcher freien
Notwendigkeit oder notwendigen Freiheit zu gewinnen, nicht zweifelnd, da alles
zur greren Ehre Gottes geschehe wie des Menschen, dessen Ehre mit der greren
Selbstndigkeit und Verantwortlichkeit wachsen mute.
    Er suchte sich daher auch auer den anthropologischen Stunden so gut als
mglich zu unterrichten, und wie er z.B. durch die Lehre vom Auge zum ersten
Male veranlat wurde, sich in das Wesen des Lichtes einen Blick zu verschaffen,
dadurch in die unendlichen Rume der Auenwelt gefhrt ward und von da wieder in
den selbstbewuten Punkt seines eigenen sehenden Auges zurckkehrte, so geschah
es noch in manch anderer Hinsicht, und alles das ohne zu groe Mhe noch
Zeitaufwand. Die Ergebnisse der wahren Wissenschaft haben die gute Eigenschaft,
da sie sich auf den ersten Blick von allem Phantastischen und Willkrlichen
unterscheiden und in krzerer oder lngerer Zeit zum berzeugenden festen
Lehrsatz eignen ohne fortwhrende Probe ihres besondern Rechenexempels. Der
Satz, da die Erde sich um die Sonne bewegt, wird in allen Kinderschulen
gelehrt, und die Kinder nehmen ihn in ihr Wissen auf, ohne die physikalische
Untersuchung seines Beweises anzustellen, whrend sie fr ein einziges
religises Dogma bis zu ihrer Mndigwerdung mit allem katechetischen Apparate
unterwiesen werden, ohne am Ende mehr zu wissen als am Anfange und ohne wider
den Zweifel geschtzt zu sein. Noch nie hat es einen Krieg gegeben wegen
verschiedener Meinungen ber Naturgesetze, weil ihre Art friedfertig, rein und
gengend ist, und es gelang den Theologen nicht einmal, eine wehrbare Sekte fr
die stehende Erde oder zum Schutze der mosaischen Schpfungsgeschichte auf die
Beine zu bringen; Religionskriege aber wird es geben, solange es Priester,
Dogmen und Bekenntnisse gibt. Im Kleinen schaut man diesen Vorgang alle Tage hat
jemand eine gute Wahrheit oder Tatsache geuert, und sie wird ihm angezweifelt,
so fllt es ihm nicht ein, darber aufgebracht zu werden und sich ins Zeug zu
werfen; wenn derselbe Mensch aber eine Sache erzhlt oder vorgibt, von der er
doch nicht so recht berzeugt und berfhrt ist, so wird er alsobald in die
grte Hitze geraten und Ehre, Gut und Leben verpfnden, am liebsten aber
demjenigen gleich an den Kragen gehen, der ihm einen Zweifel entgegensetzt. Wenn
ein Bauersmann sagt Ich habe das Korn besehen; es ist reif! der Nachbar aber
erwidert Ich glaube nicht, da es reif ist! so wird er ruhig sprechen Das ist
Eure Sache! Ich halt es fr reif und werde es schneiden! Wenn derselbe Bauer
aber sagt Ich sah vergangene Nacht einen Geist auf meinem Markstein sitzen, und
der Nachbar spricht Das ist nicht mglich, denn es gibt keine Geister! so wird
der Bauer einen groen Lrm erheben, erstlich weil man ihm abstreitet, was er
mit eigenen Augen gesehen haben will, zweitens weil man die Geister leugnet, und
endlich weil man infolgedessen wohl gar nicht an ein anderes Leben und an eine
Wiedervergeltung nach dem Tode glaubt. Ia, er wird deswegen vielleicht dem
Nachbar gar nicht antworten, aber demselben nichts mehr vertrauen und allen
Umgang mit ihm abbrechen; und doch htte er als Bauer mehr Grund, jenem zu
mitrauen, welcher die Reife des Kornes nicht zu beurteilen wei, da derselbe in
seinen Augen notwendig ein schlechter Landwirt sein mu. Aber er tut dies im
Grunde auch ganz gewi; nur macht er kein Aufhebens davon und lt es sich nicht
anmerken, da er ber die Sache klar und ruhig ist, da er sie bersieht und wei,
da Zank die Wahrheit nicht ndert, das Korn nicht unreif macht und die Regeln
des Ackerbaues nicht aufhebt. Sein Lrm gegen den Gespensterleugner hingegen ist
ein blinder Lrm und Trotz, der mehr gegen sich selbst gerichtet ist, gegen die
Dunkelheit und Unsicherheit des eigenen Bewutseins ber den kitzligen Punkt.
Und so ist es von je gewesen, ist es und wird es sein. Jeder, der einem andern
moralische oder physische Gewalt antut wegen dessen, was er nur glaubt oder
behauptet, aber nicht wei, gibt mit jedem Gewaltstreiche sich selbst eine
Ohrfeige, und dieser geheime belstand verleiht solchem Streite den
schmerzlichen, bitterlichen und fanatischen Charakter, den Religionskriegen das
vertrackte hypochondrische Ansehen.
    Ketzer braten ist ein durchaus hypochondrisches, trbsinniges Vergngen, ein
selbstqulerisches und wehmtiges Geschft und gar nicht so lustig, wie es den
Anschein hat.
    Heinrich fate indessen alles Wissen, das er erwarb, sogleich in
ausdrucksvolle poetische Vorstellungen, wie sie aus dem Wesen des Gegenstandes
hervorgingen und mit demselben eines waren, so da, wenn er damit hantierte, er
die allerschnsten Symbole besa, die in Wirklichkeit und ohne Auslegerei die
Sache selbst waren und nicht etwa darber schwammen wie die Fettaugen ber einer
Wassersuppe So waren ihm die beiden Systeme des Blutkreislaufes und der Nerven
mit dem Gehirne, jedes in sich geschlossen und in sich zurckkehrend, wie die
runde Welt, und doch jedes das andere bedingend, die schnsten plastischen
Charakterwesen, welche ihm allezeit bewundernswert, geheimnisvoll und anlockend
waren, ohne mystisch zu sein. Das schne rote Blut, sicht-, fhl- und hrbar,
unablssig umgetrieben und wandernd, gegenber dem unbeweglichen, still
verharrenden und farblosen Nervensystem, welches doch der allgegenwrtige und
allmchtige Herr der Bewegung ist, mit geheimnisvoller Blitzesschnelle
herrschend, whrend jenes in ehrlicher und handgreiflicher Arbeit wandern mu,
das Blut war ihm der allgemeine Strom organischen Lebens, angefllt mit
sphrischen Krpern, jeder schon eine kleine Welt und ungezhlt wie die Sterne
des Himmels; und jeder dieser Myriaden Krper, der einige Pulsschlge lang
kreiste, ehe er unterging, war ihm so wichtig und merkwrdig wie jene
leuchtenden Globen, welche Millionen Jahre sich im Strome fortschwingen, ehe sie
eben auch wieder anderen Platz machen. Wenn man dem Menschen einen bestimmten
Teil seines Blutes entzieht und weggiet, so wird er dadurch weder verstmmelt
noch verndert, und jenes Blut ersetzt sich unaufhrlich; daher sah der grne
Heinrich recht eigentlich in ihm das rote Lebensbchlein, das vorberfliet, an
welchem erst die bleiche geheimnisvolle Individualitt des Nervensystemes sitzt,
wie der Knabe an der Quelle, immer durstig daraus trinkend, behende um sich
schauend und dabei ein wahrer Hexenmeister von Proteus, bald Gesicht, bald
Gehr, bald Geruch, bald Gefhl, jetzt Bewegung und jetzt Gedanke und
Bewutsein, und doch bezwingbar wie Proteus, sich in seiner wahren Gestalt zu
zeigen, wenn man das seltsame Wesen unerschrocken greift und festhlt.
    Die Menschen, insofern sie sich unterrichten, zerfallen unter sich
vorzglich in zwei verschiedene Arten oder Klassen. Die eine derselben lernt
ohne plastischen und drastischen Anknpfungspunkt alles, was ihr unter die Zhne
gert, alles zumal, alles mit gleicher Leichtigkeit oder Schwierigkeit, das
Wichtige wie das Unwichtige, und alles zu uerlichem Gebrauche, schnell es
ausgebend und noch schneller vergessend, oder auch wohl die tnende Formel
unermdlich wiederholend, whrend der lebendige Inhalt schon lngst tot und
verschwunden ist. Da diese Heerschar das Wesentliche vom Unwesentlichen, wie es
von Zeit und Umstnden bedingt wird, nie unterscheidet, sondern beides mit
gleichem Eifer betreibt, das Wesentliche aber seiner gewichtigeren Natur nach
unter diesem Eifer leicht zu Boden fllt, so bleibt ihr meistens die Spreu des
Unwesentlichen zwischen den Fingern, welche sie hastig hin und her wendet,
besieht und an die Nase hlt. Weil sie das Wesentliche immer entschlpfen lt,
so hlt sie es fr schwieriger und hchst geheimnisvoll, zunftmig und
exklusiv, streitet sich darber mit den Manieren und Eigenschaften des
Unwesentlichen, mit dem sie es gewhnlich zu tun hat, oder behandelt dieses mit
dem Gewichte des Wesentlichen, welches ihr lngst unter den Hnden verschwunden
ist. In der Tat ist aber beides gleich leicht und gleich schwer zu lernen, das
Wesentliche und das Unwesentliche, wenn es nur zur rechten Stunde geschieht, und
die Verkennung dieser Tatsache, welche mit dem ganzen Gesetz der Natur innig
verbunden und vereint ist, bringt den Lrm und Ruf der falschen Gelehrsamkeit
hervor, welche die Welt erfllt, verwirrt und verdunkelt, statt sie zu erhellen.
    Die zweite Klasse der Lernenden besteht aus denjenigen, welche nichts
lernen, ohne da der innere Antrieb und die Einsicht des vernnftigen Zweckes
mit dem uern Anlasse zusammenfllt, welche absolut nichts verstehen, was nicht
vernnftig und wesentlich fr sie ist, denen alle Mittel furchtbare Rtsel sind,
solange sie nicht das Gesetz einsehen, das sie bewegt, und den Zweck, um
dessentwillen sie da sind. Vor allem Unwesentlichen stehen diese wie Dummkpfe
und begreifen das Treiben der Welt nicht, und sie verharren in ihrer Demut und
halten das auch wohl fr etwas, was sie eben nicht verstehen; gewohnt, selbst
nur das Wesentliche und Lebendige zu begreifen und zu verstehen, setzen sie dies
auch von allen anderen voraus, welche vorgeben, etwas zu verstehen. Aus diesem
letztern Umstande, wenn sie endlich doch einen Zipfel erhaschen, sich Luft
verschaffen und mit der ersten Klasse zusammenstoen, entstehen alsdann neue
sonderbare Miverstndnisse und Verwirrungen, indem die Leute des Wesentlichen
den Leuten des Unwesentlichen das, worauf es ankommt, entgegenhalten, was diese
nicht verstehen; diese aber das, worauf es nicht ankommt, hervorkehren, was jene
hinwieder nicht begreifen. Beide Abteilungen verfallen aber einer sehr
tragischen Schuld die eine, weil sie sich immer mit Dingen abgibt, auf welche es
unter den gegebenen Umstnden niemals ankommt, lt sich eine mutwillige und
unntze Ttigkeit zuschulden kommen; die andere, weil in der allgemeinen
Verwirrung ihr leicht alles eitel und wertlos erscheint, hat eine Neigung, es
dem Zufall zu berlassen, ob er ihr Anknpfungspunkte zum Erfassen und
Durcharbeiten zufhren wolle, und einen bedenklichen Hang zur Trgheit, anstatt
die Dinge zu schtteln und das Wesentliche aus freiem Entschlusse an die
Oberflche und an sich heranzuziehen. Jene leben daher in munterer
Begehungssnde, diese leiden an Unterlassungssnden.
    Heinrich fhlte pltzlich, da er, was wenigstens das Unterlassen betrifft,
bis anher zu der letzteren Sndenschar gehrt habe, als der Professor die
Nervenlehre mit einigen Bemerkungen ber den sogenannten freien Willen abschlo.
Denn obgleich er schon hundertmal diesen Ausdruck gehrt und gelesen, auch
gengsam wilde Philosophie und Theologie, wie sie in seinem Garten wuchs,
getrieben hatte, so war es ihm doch noch nie eingefallen, darber nachzudenken,
oder hielt hchstens den freien Willen fr eine Art migen Lckenbers fr
zusammengesetzte Dinge, woran er nicht ganz unrecht tat, nur da er dazu nicht
reif und befhigt war, ehe er die fragliche Sache nher kannte und verstand. Es
gibt eine Redensart, da man nicht nur niederreien, sondern auch aufzubauen
wissen msse, welche von gemtlichen und oberflchlichen Leuten allerwege
angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Ttigkeit oder Disziplin unbequem in
den Weg tritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo man abspricht oder negiert,
was man nicht durchlebt und durchdacht hat, sonst aber ist sie berall ein
Unsinn; denn man reit nicht immer nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil,
man reit recht mit Flei nieder, um einen freien Raum fr das Licht und die
frische Luft der Welt zu gewinnen, welche von selbst berall da Platz nehmen, wo
ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. Wenn man den Dingen ins Gesicht sieht
und sie mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst behandelt, so ist nichts negativ,
sondern alles ist positiv, um diesen Pfefferkuchenausdruck zu gebrauchen, und
die wahre Philosophie kennt keinen andern Nihilismus als die Snde wider den
Geist, d.h. das Beharren im selbstgefhlten Unsinn zu einem eigenntzigen oder
eitlen Zwecke.
    Was aber Heinrich besonders zu seinen Gedanken ber den freien Willen
antrieb, das war die auffallende Energie, welche in den kurzen Bemerkungen des
Lehrers lag, gegen dessen sonstige Gewohnheit in solchen heiklen Punkten. Denn
es war das Steckenpferd des sonst durchaus unbefangenen und duldsamen Mannes,
die Lehre vom freien Willen des Menschen berall anzugreifen und abzutun, wo und
wie er ihr nur beikommen konnte, und er lie sich desnahen sogar in seinen
Vorlesungen an dieser Stelle jedesmal zu einer kurzen, aber sehr krftigen
Demonstration gegen das Dasein der moralischen Kraft, die man freien Willen
nennt, hinreien in einem auf die Spitze getriebenen materialistischen Sinne.
Diese Absonderlichkeit war nun zwar durchaus keine negative nihilistische Manie,
sondern sie ruhte auf der positiven Grundlage einer durchgefhrten Nachsicht
und Geduldsamkeit fr die Irrtmer, Schwchen und trbselig tierischen
Handlungen der schlechtbestellten Menschenkinder; aber nichtsdestominder hatte
sie ihren Grund in der unglcklichen Neigung vieler, selbst ausgezeichneter
Naturalisten, auch an ungehriger Stelle die Materie auf abstoende und ganz
berflssige Weise zu betonen. Wenn man aus einem grnen Tannenbaum drei Dinge
macht eine Wiege, einen Tisch und einen Sarg, so sagt man nicht, solange diese
Dinge ihre nutzbare Bestimmung erfllen bringt mir das Tannenholz, das dermalen
eine Wiege formiert; setzt euch an das Tannenholz, welches auf vier Beinen sich
zum Tische erhebt, legt mich in das sechsbretterige Tannenholz; sondern man
nennt diese Gegenstnde schlechtweg eine Wiege, einen Tisch und einen Sarg, und
erst wenn sie ihre vergngliche Bestimmung erfllt haben, erinnert man sich
wieder an das Holz, aus welchem sie gemacht, und man sagt beim Anblicke ihrer
Trmmer Dies ist altes Tannenholz, lasset es uns verbrennen; alles zu seiner
Zeit!
    Ihre Zeit hat auch die Rose. Wer wird, wenn sie erblht, um sie
herumspringen und rufen He! dies ist nichts als Pottasche und einige andere
Stoffe, in den Boden damit, auf da der unsterbliche Stoffwechsel nicht
aufgehalten werde! Nein, man sagt Dies ist zurzeit eine Rose fr uns und nichts
anderes, freuen wir uns ihrer, solange sie blht!
    Whrend Schiller, der idealste Dichter einer groen Nation, seine
unsterblichen Werke schrieb, konnte er nicht anders arbeiten, als wenn eine
Schublade seines Schreibtisches gnzlich mit faulen Apfeln angefllt war, deren
Ausdnstung er begierig einatmete, und Goethe, den groen Realisten, befiel eine
halbe Ohnmacht, als er sich einst an Schillers Schreibtisch setzte. So
niederschlagend dieser ausgesuchte Fall fr alle verklrten und bernatrlichen
Idealisten sein mag, so wird whrend des Genusses von Schillers Geistestaten
deswegen niemand an die faulen Apfel denken oder mit besonderer Aufmerksamkeit
bei ihrer Erinnerung verweilen.
    Aber der Professor konnte sich von der Vorstellung des ununterbrochenen
aktiven und passiven Verhaltens des Gehirnes und der Nerven, als des
hervorbringenden lebendigen Ackergrundes, niemals trennen zugunsten des
Hervorgebrachten, der moralischen Frucht, als ob eine hre und eine Erdscholle
nicht unzweifelhaft zwei Dinge, zwei Gegenstnde wren.
    Das kam daher, da er jedesmal auf diesem Punkte einer kleinen Verwirrung
anheimfiel, welche seine Begeisterung fr seinen materiellen Gegenstand
anrichtete und in welcher er ein wenig zu jener groen Schule derer gehrte, die
das Wesentliche vom Unwesentlichen nicht zu unterscheiden wissen; denn in dem
Augenblicke, wo es sich um eine moralische Welt handelt, hrt die Materie, so
fest jene an diese geschmiedet ist, auf, das Hchste zu sein, und nach dem
Edleren mu man trachten, sonst wird das, was man schon hat, blind und unedel.
    Es reizte Heinrich, auch in dieser Frage die Welt seinem Gotte, zwar immer
in dessen Namen, unabhngig gegenberzustellen und einen moralischen freien
Willen des Menschen, als in dessen Gesamtorganismus begrndet und als dessen
hchstes Gut, aufzufinden. Sogleich sagte ihm ein guter Sinn, da, wenn auch
dieser freie Wille ursprnglich in den ersten Geschlechtern und auch jetzt noch
in wilden Vlkerstmmen und verwahrlosten einzelnen nicht vorhanden, derselbe
sich doch einfinden und auswachsen mute, sobald berhaupt die Frage nach ihm
sich einfand, und da, wenn Voltaires Trumpf Wenn es keinen Gott gbe, so mte
man einen erfinden! viel mehr eine Blasphemie als eine positive Redensart
war, es sich nicht also verhalte, wenn man dieselbe auf das Dasein des freien
Willens anwende, und man vielmehr nach Menschenpflicht und - recht sagen msse
Wenn es bis diesen Augenblick wirklich keinen freien Willen gegeben htte, so
wre es des Schweies der Edlen wert, einen solchen zu erringen,
hervorzubringen und seinem Geschlechte fr alle Zeiten zu bertragen.
    Gegenber den materialistischen sowohl als den mystischen Gegnern des freien
Willens, den Leuten von der Gnadenwahl, steht die rationelle Richtung, die
Vernunftglubigkeit von Gottes Gnaden, die Bekennerin des bestimmten und
unbeschrnkten freien Willens, gttlichen Ursprungs, unzweifelhafter Allmacht
und der untrgliche Richter seiner selbst. Aber diese Richtung hegt, bei diesem
Anlasse, ebensowenig Achtung vor dem Krperlich-Organischen und dessen
bedingender Kontinuitt als die Materialisten von der grbsten Sorte vor dem
vermeintlichen Abstraktum, und ihr absoluter rationalistischer freier Wille ist
ein kleiner Springinsfeld, dessen Leben, Meinungen und Taten eben auch nicht
weiter reichen, als es gelegentlich allerlei Umstnde erlauben wollen. Heinrich,
welcher seinen bisherigen Meinungen nach ganz dazu angetan war, sich zu dieser
Fahne zu schlagen, hatte jetzt schon zuviel Aufmerksamkeit und Achtung fr das
Leibhafte und dessen gesetzliche Macht erworben, als da er es unbedingt getan
htte. Vielmehr geriet er auf den natrlichen Gedanken, da das Wahrste und
Beste hier wohl in der Mitte liegen drfte, da innerhalb des ununterbrochenen
organischen Verhaltens, der darin eingeschachtelten Reihenfolge der Eindrcke,
Erfahrungen und Vorstellungen, zuinnerst der moralische Fruchtkern eines freien
Willens keime zum emporstrebenden Baume, dessen ste gleichwohl wieder sich zum
Grunde hinabbgen, dem sie entsprossen, um dort unablssig aufs neue Wurzeln zu
schlagen.
    Diesen Proze, sagte er sich, kann man am fglichsten mit einer Reitbahn
vergleichen. Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt, ber welches es gilt
hinwegzukommen auf gute Manier, und kann zugleich den festen derben Grund aller
Materie vorstellen. Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das besondere,
immer noch materielle Organ, der Reiter darauf der gute menschliche Wille,
welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet, um auf
edlere Weise ber jenen derben Grund wegzukommen; der Stallmeister endlich mit
seinen hohen Stiefeln und seiner Peitsche ist das moralische Gesetz, das aber
einzig und allein auf die Natur und Eigenschaften des Pferdes gegrndet ist und
ohne dieses gar nicht vorhanden wre, nicht gedacht werden knnte, wie die
Juden sagen. Das Pferd aber wrde ein Unding sein, wenn nicht der Boden da wre,
auf welchem es traben kann, so da also smtliche Glieder dieses Kreises durch
einander bedingt sind und keines sein Das ein ohne das andere hat, ausgenommen
den Boden der stummen und blinden Materie, welcher daliegt, ob jemand ber ihn
hinreite oder nicht. Nichtsdestoweniger gibt es gute und schlechte Reitschler,
und zwar nicht allein nach der krperlichen Befhigung, sondern auch, und zwar
vorzglich, infolge des freien entschlossenen Zusammennehmens. Den Beweis dafr
liefert das erste beste Reiterregiment, das uns ber den Weg reitet. Die tausend
Mann Gemeine, welche keine Wahl hatten, mehr oder weniger aufmerksam zu lernen,
sondern durch eine eiserne Disziplin in den Sattel gewhnt wurden, sind alle
gleich zuverlssige und brave Reiter, keiner zeichnet sich besonders aus, keiner
bleibt zurck, und um das Bild von einem tchtigen und gesunden Schlendrian des
gemeinen Lebens vollstndig zu machen, kommen ihnen die zusammengedrngten und
in die Reihe gewhnten Pferde auf halbem Wege entgegen, und was der Reiter etwa
versumen sollte, tut unfehlbar sein Organ, das Pferd, von selbst. Erst wo
dieser Zwang und Schlendrian oder das bitter Notwendige der Masse aufhrt und wo
die Freiheit beginnt, beim hochlblichen Offzierkorps, gibt es sogenannte gute
Reiter, schlechtere Reiter und vorzgliche Reiter; denn diese haben es in ihrer
Gewalt, ber das geforderte Ma hinaus mehr oder weniger zu leisten. Das
Ausgezeichnete, Khne, was der Gemeine erst im Drange der Schlacht, in
unausweichlicher Gefahr und Not unwillkrlich und unbewut tut, die groen Stze
und Sprnge, bt der Offizier alle Tage zu seinem Vergngen, aus freiem Willen
und gewissermaen theoretisch; doch fern sei es von ihm, da er deswegen
allmchtig sei und nicht trotz allem Mut und aller seiner Kunst von einem
erschreckten Pferde einmal abgeworfen oder von seinem allzu berlegenen Tiere
bewogen werden knne, durch ein anderes Strlein zu reiten, als er eigentlich
gewollt hat. Ob nun ein gutes Reiterregiment denkbar wre, das aus lauter
Offizieren bestnde, das heit aus Leuten, welche ihren freien Willen zur
Grundlage ihrer Tchtigkeit machten, und in Betracht, da Brgerwehrkavallerie,
wo dies der Fall ist, nicht viel taugt, dies zu beantworten gehrt nicht
hierher, da jedes Gleichnis hinkt, welches man ber seine Bestimmung hinaus
verfolgt.
    Wird der Steuermann, fuhr Heinrich fort, zuflliger Strme wegen, die ihn
verschlagen knnen, der Abhngigkeit wegen von gnstigen Winden, wegen
schlechtbestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen, wegen verhllter
Leitsterne und verdunkelter Sonne sagen Es gibt keine Steuermannskunst! und es
aufgeben, nach bestem Vermgen sein vorgenommenes Ziel zu erreichen?
    Nein, gerade die Unerbittlichkeit, aber auch die Folgerichtigkeit,
Notwendigkeit der tausend ineinandergreifenden Bedingungen in ihrer Klarheit
mssen uns reizen, das Steuer nicht fahrenzulassen und wenigstens die Ehre eines
tchtigen Schwimmers zu erkmpfen, welcher in mglichst grader Richtung quer
durch einen stark ziehenden Strom schwimmt. Nur zwei werden nicht ber solchen
Strom gelangen derjenige, welcher sich nicht die Kraft zutraut und sich von den
Wellen widerstandslos fortreien lt, und der andere, welcher vorgibt, er
brauche gar nicht zu schwimmen, er wolle hinberfliegen in der Luft, er wolle
nur noch ein Weilchen warten, bis es ihm recht gelegen und angenehm sei!
    Dann kam Heinrich noch einmal auf den Satz zurck, wiederholte ihn und
befestigte ihn recht in sich Die Frage nach einem gesetzmigen freien Willen
ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfllung derselben, und wer
einmal diese Frage getan, hat die Verantwortung fr eine sittliche Bejahung auf
sich genommen.
    Dies war einstweilen das Schluergebnis, welches er aus jenen
anthropologischen Vorlesungen davontrug, und indem er dasselbe sich ernsthaft
vorsagte, merkte er erst, da er bis jetzt vom Zuflligen sich habe treiben
lassen, wie ein Blatt auf dem Bache; oder er dachte sogleich an seine
aufgeschriebene Jugendgeschichte, die in seinem alten Koffer lag, und an alles
seither Erlebte, und alles kam ihm nunmehr mit einem Blicke vor wie ein
unbewuter Traum. Zugleich fhlte er aber, da er von nun an sein Schifflein
tapfer lenken und seines Glckes und des Guten Schmied sein msse, und ein
sonderbares, verantwortlichkeitsschwangeres Wesen kruselte sich tief in seinem
Gemte, wie er es bis jetzt noch nie empfunden zu haben sich erinnerte.

                                Drittes Kapitel


Aber der freie Wille des Menschen gleicht dem Keime, der im Samenkorne liegt und
des feuchten und warmen Erdreiches bedarf, um sich entwickeln und wachsen zu
knnen. Heinrich mute sogleich erfahren, da dieser Keim, dieser lbliche
Vorsatz des freien Willens, auch beim besten Willen, noch ber seine Meinung
hinaus das bedingteste Wesen von der Welt ist und ohne die notwendige Nahrung,
ohne einen gesttigten Grund von Erfahrung, Einsicht und bereits erfllten
Bestimmungen so ruhig schlft wie das Weizenkorn auf dem Speicher. Dieser Grund,
dieser Humus aber ist fr jede Anlage ein anderer, gleichwie die Distel nicht da
gedeiht, wo das Korn wchst, die Fichte noch fortkommt, wo die Tanne
verschwindet, und selbst auf dem gleichen Boden bildet der Lindenkeim ein rundes
Blatt, die Eiche ein gezacktes.
    Heinrichs Lage erforderte, da er sich nun mit allem Ernste in seinem
erwhlten Berufe an ein Ziel bringe, entweder seine eingetretene Mutlosigkeit
und Tuschung in der Wahl, wenn dieselbe eine vorbergehende war, berwinde
oder, wenn er sich darber klar gemacht, mit raschem Entschlusse ein anderes
Bestimmtes ergreife, ehe noch mehr Jahre ins Land gingen. Allein eben zu diesem
Entschlusse noch zu irgendeinem hatte er durchaus keine Wahl, weil er sich zu
dieser Zeit an Erfahrung und Umsicht tausendmal rmer fhlte als frher, da er
ein bescheidenes, aber sicher begrenztes Ziel verfolgt hatte. Doch er war sich
nicht einmal dieses Mangels einer Wahl und eines freien Entschlusses bewut,
sondern wie der Keim eines Samenkornes, sobald er etwas Wrme und Feuchte
versprt, nur erst ein Wrzelchen auszudehnen und ein Stmmchen an das Licht zu
bringen sucht, ehe er seine besondere Blattform ansetzt, so wurde Heinrich durch
seinen Instinkt getrieben, das Bewutsein ohne Nutzanwendung und Migung zu
bereichern und zu erfahren, was es eigentlich berhaupt zu lernen und zu bebauen
gbe in der Menschengeschichte.
    So sog er, whrend er mit ernstem Pathos einen bewuten freien Willen zu
ben whnte, aber willenlos alle seine Angelegenheiten und bisherige Ttigkeit
da liegenlie, wo sie zuletzt gelegen, so sog er jetzt, einer willenlosen
durstigen Pflanze gleich, die Nahrung der Erfahrung und das Lebenslicht der
Einsicht in sich und setzte damit nur den im zarten Knabenalter gewaltsam
unterbrochenen Proze fort, aber mit um so grerer Schwere, als er unterdessen
ein erwachsener Mensch geworden.
    Sein liebster Aufenthalt war nun das Universittsgebude. Er besuchte die
verschiedensten Vorlesungen und sah berall, was da gelernt werde, darber alle
Sorgen vergessend und das uere Auge vor der Zukunft verschlieend, aber
innerlich umhertastend gleich der Raupe, die fr ihren bestimmungsvollen
Heihunger ein anderes Baumblatt sucht.
    Zu der Zeit seiner Jean Paulschen Belesenheitsbildung hatte er das
Rechtswesen fr eine Sache gehalten, von der absolut nichts zu wissen noch zu
ahnen eine Ehre fr jeden wohlangelegten Menschen sein msse, und die Juristen
waren ihm eine Art unglcklicher, in keiner Beziehung beneidenswerter
Schicksalsgenossen gewesen, deren unterste Stufe etwa die Hscher und Abdecker
wren, vom Abhub und Eiter der Gesellschaft lebend. Der Zivilrichter war ihm
dazumal noch viel verchtlicher als der Prozeschtige und dessen Advokat; denn,
sagte er, wenn die Menschen stupid und schlecht genug sind, unklare und falsche
Ansprche gegeneinander zu erheben und sich um des Kaisers Bart zu zanken, so
ist derjenige noch der viel grere Esel, der sich dazu hergibt, sich von den
Zankbolden anschreien und belgen zu lassen und ihre schmutzige Wsche rein zu
machen. Vielmehr, meinte er, sollte man alle Leute sich so lange zanken lassen,
bis der eine oder der andere Gewalt braucht, diesen alsdann beim Kopf nehmen,
dem Strafrichter berweisen und erst jetzt zugleich mit dem Strafprozesse die
zivilrechtliche Frage entscheiden, den aber noch besonders abstrafen, der den
Proze verliert. Denn mit dem Strafrichter allein machte er eine Ausnahme, und
der war ihm eine geheiligte Person.
    Solche harmlose Aussprche der Unschuld vergessend, war Heinrich jetzt fter
in den verrufensten aller Vorlesungen, in den Pandekten zu finden, fast
leidenschaftlich beflissen, ein Stck Textur und Gewebe rmischen Rechtes vor
seinen Augen ausbreiten und erklren zu sehen. Er sah aus den naturwchsig
konkreten Anfngen mit ihren plastischen Gebruchen das allgemeinste, in sich
selbst ruhende Rechtsleben hervorgehen, zu einer ungeheuren, fr Jahrtausende
magebenden Disziplin sich entwickeln, doch in jeder Faser eine Abspiegelung der
Menschenverhltnisse, ihrer Bestimmungen, Bedrfnisse, Leidenschaften, Sitten
und Zustnde, Fhigkeiten und Mngel, Tugenden und Laster darstellen. Er sah,
wie dies ganze Wesen, dem Rechts- und Freiheitsgefhl einer Rasse entsprossen,
in seiner Befhigung zur Allgemeinheit, seither neben der staatlichen
Verkommenheit und der Knechtschaft hergehend, von dieser allein gebt und
gepflegt, gerade seiner in sich wurzelnden Allgemeinheit wegen als eine
Fhigkeit des menschlichen Geschlechtes eher geeignet war, unter den
betrbtesten Verhltnissen den Sinn des Rechtes und mit diesem den Sinn der
Freiheit, wenn auch schlafend, aufzubewahren, als das germanische Recht, welches
seiner Gewohnheitsnatur, seiner eigensinnigen Liebhabereien, seines uerlichen
Gebrauchswesens und seines unechten Individualismus halber sich unfhig gezeigt
hat, den vielgerhmten germanischen Sinn fr Recht und Freiheit im ganzen und
groen zu erhalten, sowenig als sich selbst. Denn das Recht ist eigentlich
nichts als Kritik; diese soll so allgemein und grundstzlich als mglich sein,
und das produktive Leben, der Gegenstand dieser Kritik, ist es, welches allzeit
naturwchsig und individuell sein soll.
    Dafr regte das, was er vom germanischen Recht erfate, durch den poetischen
und ehrwrdigen Duft und Glanz seiner verjhrten Sprache und durch das
malerische Kostm seine Begier und Aufmerksamkeit fr die Geschichte. Er hatte,
durch den fragmentarischen Einblick in diese Disziplinen aufgefordert, damit
geschlossen, sich einen allgemeinen Begriff von der Rechtsgeschichte zu
verschaffen, und indem er, durch das Lesen deutscher Rechtsaltertmer veranlat,
Vergangenheit und Ursprung der deutschen Sprache in den von trefflichen Mnnern
dargebotenen Werken betrachtete, erstaunte er, in dieser Sprachgeschichte, die
zugleich die schnste Vlkergeschichte war, ein wahrhaftes, groes, singendes
und klingendes Epos zu finden, in zahllosen Vlkerstmmen herberziehend und
rauschend aus den grnen Waldschatten der Vorzeit, an Strmen und Meerborden hin
und her wandelnd, Vlkerschlachten schlagend, Stdte bauend und eine Geschichte
lebend in frommem Ernst und derbem Schwank, in Festglanz und Todesschauern. Die
uralte heilige Ehrbarkeit, mit welcher in der Menschensprache berall das
Abgeteilte, Zahl, Ma und Gewicht, Trockenes und Flssiges, Bodeneinteilung und
Geschlechtsverwandtschaft erschienen, wies von selbst wieder hin auf die
Rechtsgeschichte und besttigte deren Qualitt in der Menschennatur, so wie die
ehrwrdige und ursprngliche Allgemeinheit der Wrter fr die wichtigsten
physischen Gegenstnde mit der inneren Einfachheit und Allgemeinheit der Natur
selbst zusammentraf, wie er sie in den betreffenden Betrachtungen und Studien
kennen und ehren gelernt hatte.
    So gewann nun Heinrich, durch die unmittelbare Anschauung solcher Dinge,
erst eine lebendige Liebe zu der Geschichte, wie berhaupt die unmittelbare
Kenntnis der Faser und der Textur der Wirklichkeit tiefere, nachhaltigere und
fruchtbarere Begeisterung erweckt in allen bungen als alles abstrakte
Phantasieren. Und selbst diejenigen, welche nur teilweise Kenntnis genommen
haben vom Bestehen dieses organisch-notwendigen Gewebes, dieser Textur der
Dinge, werden dem Ganzen ersprielicher sein durch die erworbene Fhigkeit, sich
alles gewaltsamen Rsonierens zu enthalten und nicht lnger eine ungleichmtige
Verwirrung bald feiger, bald bermtiger Stimmungen und Forderungen ber die
Dinge auszugieen, die sie nicht begreifen und die sich doch von selbst
verstehen und machen.
    Heinrich trug ein zwiefaches praktisches Ergebnis von seinem
Selbstunterricht in der Geschichte davon. Erstlich gewhnte er sich gnzlich ab,
irgendeinen entschwundenen Vlkerzustand, und sei er noch so glnzend gewesen,
zu beklagen, da dessen Untergang der erste Beweis seiner Unvollstndigkeit ist.
Er bedauerte nun weder die beste Zeit des Griechentums noch des Rmertums, da
das, was an ihr gut und schn war, nichts weniger als vergangen, sondern in
jedes bewuten Mannes Bewutsein aufbewahrt und lebendig ist und in dem Grade,
nebst anderen guten Dingen, endlich wieder hervortreten wird, als das Bewutsein
der Menschengeschichte, d.h. die wahre menschliche Bildung allgemein werden
wird. Insofern bestimmte Geschlechter und Personen die Trger der Tugenden
vergangener Glanztage sind, mssen wir ihnen, da diese Hingegangenen Fleisch von
unserm Fleische sind, den Zoll weihen, der allem Wesentlichen, was war und ist,
gebhrt, ohne sie zurckzuwnschen, da sonst wir selbst nicht Raum noch Dasein
htten.
    Sodann lernte er die unruhigen Gegenstze von Hoffnung und Furcht, wie sie
durch Fortschritt und Rckschritt in der Geschichte wachgehalten werden, in sich
bndigen und ausgleichen, und zwar in bezug auf den Teil davon, den die nchste
Zeit und der einzelne selbst erlebt. Er sah, da die Geschichte nicht einem
schlechten Romane gleicht, wo eine Anzahl gemtlicher und tadelloser Menschen
von der willkrlichen Teufelei absoluter Schurken gehemmt und verwickelt wird,
sondern da in ihr das Unheil eben nur der Lckenber und hrenleser des
Heiles, d.h. der Rckschritt nichts anderes als der stockende Fortschritt ist;
oder mit deutlicheren Worten gesagt, wenn ein sogenannter Fortschritt nicht
stichhlt, so ist er eben keiner gewesen.
    Daher ist der Grund und das Wesen einer Reaktion nicht in ihr selbst zu
suchen, als in einer selbstndigen feindlichen Kraft, sondern in der
Unvollkommenheit des Fortschrittes; denn es gibt nur eine wirkliche Bewegung,
diejenige nach vorwrts; alle Vlker und Menschen wollen vorwrtsschreiten auf
ihre Weise, und die Reaktionre von Profession, die sich so nennen, wissen
selbst nicht, warum und woher sie in der Welt sind. Sie sind nmlich nur die
Fuschwielen der vorwrtsschreitenden Menschheit. Sowenig die Physiker der Wrme
gegenber eine eigentmliche Klte kennen, sowenig es dem Schnen gegenber eine
absolute dmonische Hlichkeit gibt, wie die dualistischen sthetiker glauben,
sowenig wie es ein gehrntes und geschwnztes Prinzip des Bsen, einen
selbstherrlichen Teufel gibt, sowenig gibt es eine Reaktion, welche aus eigener
innewohnender Kraft und nach einem ursprnglichen Gesetze zu bestehen vermchte.
    Der hervorspringendste Beweis hievon ist die umfangreichste Tat der
Reaktion, wie sie ist, der Jesuitismus. Dieser ist an sich nichts als die
Anziehung und Beschftigung aller unntzen und eitlen Kpfe, welche zur Ausbung
ihres Unsinnes einer kolossalen Methode bedrfen, um sich selbst zu gengen.
Dies ist das innerste Geheimnis des Jesuitismus.
    Da er eine ungeheure hohle Blase ist, ein eingefleischter Widerspruch und
Mutwillen, beweist die frchterliche Dummheit, mit welcher er tiefer zu sein
glaubt als die Kluft zwischen Wahrheit und Lge, die greuliche Naivett, mit
welcher er allen Ernstes glaubt, etwas Erkleckliches hervorzubringen durch die
krasse Weltklugheit, die er in tausend verbohrte Schdel pflanzt, geschwollen
von Herrschund Imponiersucht, und der Khlerglaube, da eine Armee solcher
methodisierten Hansnarren eine hhere positive Welt bauen und sichern werden,
die einen eigenen Leib und Geist habe.
    Welch eine kindische Unbefangenheit fr Leute, welche etwas Groes wollen
fortwhrend mit der einen Hand eine sogenannte Kasuistik anzuwenden und mit der
anderen abzuleugnen, als ob der Weltgang Mue und Unschuld genug htte, auf
dergleichen Torheiten einzugehen, und als ob ein groer Zweck mit kleinlichen
Mitteln erreichbar wre! Deswegen ist auch der Jesuitenspruch. Der Zweck heiligt
die Mittel! ein charakteristischer Hauptunsinn; denn nicht nur heiligt kein
Zweck ihm entgegengesetzte Mittel, sondern er kennt gar keine solchen Mittel in
seiner Eigenschaft als Zweck. Htten die Jesuiten einen einfachen, offen
auszusprechenden, materiell weltlichen Zweck fr ihr Dasein, so wrden ihre
materielle Machtverbreitung, ihre Schlauheit, ihre Politik, ihre Gewaltsamkeit
und Fgsamkeit, ihre tausend Knste vielleicht groe Mittel sein; sowie sie aber
einen religisen, geistlichen, berweltlichen Zweck zu haben auch, nur vorgeben,
so werden in einem Handumkehren alle jene Anstrengungen zu unsglich kleinen
migriffenen und trichten Mitteln, welche die ewigen Henker ihres eigenen
Zweckes sind. Auch arbeiten die Jesuiten, als moderne Sisyphusse, im Schweie
ihres Angesichtes an ihrer unausgesetzten Selbstaufhebung, und wo sich die
rechtmige Weltbewegung, die keine Rnke bt, nur im Schlafe schttelt, mssen
sie davonlaufen oder der Bewegung dienen ohne Dank. Am seltsamsten nehmen sich
in solchen Katastrophen alle jene Miggnger aus, welche unter dem drohenden
Namen von geheimen Jesuiten in aller Welt herumliegen und tun, als ob sie was
zu tun htten auer der zwecklosen Unruh-und Zwietrachtserregung, die ihr
nrrisches Gebaren hervorbringt!
    Weil die Reformation ihrer Zeit und Mglichkeit nach eine Halbheit war, so
entstand durch ihre Bewegung sogleich der Jesuitismus, um den leeren Raum zu
fllen; oder vielmehr war er selbst eine leere Lwenhaut, in welche sich, dem
wirklichen Lwen der Reformation gegenber, andere Tiere steckten, vom Esel an
bis zum Wolf und Tiger, und selbst wenn sich ein lwenartiges Tier darin
verbarg, so hob sich dieses selbst wieder auf durch die doppelte Haut, wie zwei
Nein sich aufheben oder zwei Ja wirkungslos und matt werden.
    Diese Lwenhaut ist eben die Methode, die Verfassung, die Weltverbreitung,
das scheinbare Gelingen der Jesuiten, und das tragikomische Schicksal dieses
gewaltigen Balges ohne ein eingewachsenes, eigentmliches Tier hat ein neuerer
Schriftsteller wohl bezeichnet, wenn er sagt dadurch, da der Jesuitismus in
die weltliche Gesellschaft eintritt und sich mit ihr vereinigt, wird er unfhig,
sich von ihr loszumachen, d.h. sie etwas Besonderes zu lehren, die Welt bat ihn
erobert, nicht er die Welt.
    Es gibt daher, wenigstens in unserer Zeit, keinen edleren Prinzipienkampf
gegen ihn, sondern nur Polizei, Exekution und Austreibung, wo immer er sich mit
fleiiger Rhrigkeit dazu reif gemacht hat. Die neue Bundesverfassung der
Schweizer tat sehr wohl daran, die Verpnung der Jesuiten unmittelbar neben den
Paragraphen zu setzen, welcher von den gemeingefhrlichen Seuchen handelt; denn
ebenso uerlich wie diese kommt, verschwindet und kommt wieder der Jesuitismus
Gegen ihn selbst soll darum keine tiefere Leidenschaft des Hasses mehr Raum
finden; dagegen soll sich diese wider alles das kehren, was dem Jesuitismus
Nahrung gibt, d.h. wir mssen das edle Pathos des wahren Hasses zur Reinigung
unserer selbst gegen das wenden, was im allgemeinen Vorrat unserer
Eigenschaften, Neigungen und Zustnde dem Jesuitismus den Stoff und die
Werkzeuge liefert. Der Stoff ist das zu verfahrende, zu beherrschende oder zu
bestimmende Volk; dieses dem Jesuitismus abzuringen, ist der einzig radikale Weg
sich in allen Rnken den Jesuiten gerade entgegengesetzt zu verhalten, in der
Tat und in der Wahrheit. Was dies heien will, darber soll jeder im
vorkommenden Fall nachdenken. Die Werkzeuge sind obige unntze und eitle Kpfe,
blasierte und verdorbene Fhigkeiten aller Art, deren verknsteltem und
autorittsschtigem Wesen es besser zusagt, sich in eine marktschreierische und
methodische Autorittskompanie zu retten, wenn auch als Leichnam, als sich der
offenen, einfachen und naiven Weltbewegung, die sie in ihrer Verschrobenheit fr
trivial halten, anzuschlieen. Es ist eine Krankheit, welche man die
Talentfulnis nennen knnte und welche vorzglich in bergangszeiten entsteht
und wuchert. Den damit Behafteten ist es nicht gegeben und nicht mglich, ihre
Anlagen reifen zu lassen und mit anderen ehrlichen Leuten an derselben
unmittelbaren Sonne des Lebens zu gehen und zu wirken; sie wollen das Allgemeine
berholen und berlisten, und indem sie einen Vorsprung zu gewinnen trachten,
geben sie sich dem Gemachten und Knstlichen, dem Komplizierten und Mittelbaren
hin, dem Unechten und dem Erlogenen, und von diesem Gebiete aus, wo es ihnen
nicht mehr mglich ist, recht zu tun, werden sie die geschworenen Feinde des
Allgemeinen, das schlecht und recht vorwrtsgeht. Dies Unwesen in allen Graden,
auf jedem Boden und in jeder Umgebung zu bekmpfen und zu ersticken und jedes
kranke Glied abzuschneiden, ist der beste Kampf auch gegen den Jesuitismus.
    So kam Heinrich zu der berzeugung, da das historische und politische
Bewutsein weniger in der Ausbildung eines spezifischen Hasses gegen die Hemmung
als in der Reinigung und Befestigung seiner selbst bestehen und hiedurch
wesentlich die Aufmerksamkeit, Ttigkeit und Hoffnung gelenkt werden solle.
Schon weil alles das, was sich reaktionr nennt, jederzeit haerfllt, straf-
und rachschtig ist, so kann es der Fortschritt unmglich sein, oder er ist
keiner. Die Reaktion liebt z.B. das Blut, folglich darf es der Fortschritt nicht
lieben, wenn er ihr wahrhaft berlegen sein will. Auch die gerechteste Rache
fhrt den eigenen schlielichen Untergang mit sich, und die heldenmtigsten
Rcher bringen mit ihrem Siege hchstens eine groe Tragdie zustande; es
handelt sich aber eben in der Geschichte und Politik um das, was die kurzatmigen
Helden und Rhetoren nie einsehen nicht um ein Trauerspiel, sondern um ein gutes
Ziel und Ende, wo die geluterte unbedingte Einsicht alle vershnt, um ein
groes heiteres Lustspiel, wo niemand mehr blutet und niemand weint. Langsam,
aber sicher geht die Welt diesem Ziele entgegen.
    Mit einem Worte, Heinrich erlangte die gute und ntzliche Erkenntnis alles,
was wir an unseren Gegnern verwerflich und tadelnswert finden, das mssen wir
selber vermeiden und nur das an sich Gute und Rechte tun, nicht allein aus
Gutmtigkeit und Neigung, sondern recht aus Zweckmigkeit und energischem
geschichtlichen Bewutsein.
    Wie er nun dazu noch sah, da jede geschichtliche Erscheinung genau die
Dauer hat, welche ihre Grndlichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient und
der Art ihres Entstehens entspricht, wie die Dauer jedes Erfolges nur die
Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prfung des Verstndnisses ist und wie
gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in der Geschichte weder hoffen noch
frchten, weder jammern noch toben, weder bermut noch Verzagtheit etwas hilft,
sondern Bewegung und Rckschlag ihren wohlgemessenen und begrndeten Rhythmus
haben, so gab er besonders acht auf die Zeit- und Dauerverhltnisse in der
Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und Zustnde mit ihrer
Dauer und dem Wechsel ihrer Folge welche Art von anhaltenden Zustnden z.B. ein
pltzliches oder ein allmhliches Ende nehmen oder welche Art von unerwarteten
raschen Ereignissen dennoch einen dauernden Erfolg haben und warum? welche
Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen, einen gnzlichen oder teilweisen
Rckschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar tuschen und in die Irre
fhren und welche den erwarteten Gang offen gehen? in welchem Verhltnis
berhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhythmus der Jahrhunderte,
der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe usw.? Dies
alles betrieb er nicht, um eine Kalenderwissenschaft aufzustellen, sondern
lediglich, um die eine moralische Anschauung von allen Dingen zu verstrken.
Durch diese Anschauung wurde er befhigt, schon im Beginn einer Bewegung nach
ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschrnken, die
er auf sie zu setzen hatte, wie es einem besonnenen, freien Staats und
Weltbrger geziemt. Es ist, nicht leider, sondern glcklicherweise, kein
Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit, da in der Geschichte berall keine
Hexerei, sondern das Sprchlein? Wie man's treibt, so geht's! die lehrreichste
Erklrung fr alles ist.
    Der ruhige feste Gleichmut, welcher aus solcher Auffassung des Ganzen und
Vergleichung des einzelnen hervorgeht, glcklich gemischt mit lebendigem Gefhl
und Feuer fr das nchst zu Ergreifende und Selbsterlebte, macht erst den guten
und wohlgebildeten Weltbrger aus. Denn wenn er in diesen, in seinen eigenen
Bestrebungen scheitert oder ein groes Milingen oder einen Untergang miterlebt,
so gibt nur jene Ruhe ihm denjenigen Trost und Halt, ohne welchen kein
selbstbewutes menschliches Wesen denkbar ist und leben kann.
    Heinrich erwarb sich indessen nichts weniger als eine groe Gelehrsamkeit
oder gar die bloe Einbildung einer solchen; lediglich schaute er sich um, von
einem dringenden Instinkte getrieben, erhellte sein Bewutsein von den Dingen,
die da sind, gelehrt, gelernt und betrieben werden, und hatte an allem eine
ungetrbte gleichmige Freude, ohne sich anzumaen, sich selbst etwa hervortun
zu wollen, oder sich fr dies oder jenes selbstttig entscheiden zu knnen.
Alles, was grndlich und zweckmig betrieben wurde und echt menschlich war,
erschien ihm jetzt gleich preiswrdig und wesentlich, und jeder schien ihm
glcklich und beneidenswert, der, seinen Beruf recht begreifend, in Bewegung und
Gesellschaft der Menschen, mit ihnen und fr sie, unmittelbar wirken kann.
    Dies alles hatte die kleine Figur des borghesischen Fechters veranlat, und
Heinrich trieb es wie etwa der Sohn eines wohlhabenden guten Hauses, welcher
sich zu seiner Formierung im Auslande aufhlt und einige allgemeine Studien
treibt, von allem ein bichen lernt, um dereinst einen wohlbestellten und
unterrichteten Brgersmann vorzustellen, welcher wei, worum es sich handelt,
und, ohne gelehrt zu sein, doch in manchem Falle, wo er nicht schon eine eigene
Meinung hat, imstande ist, sich eine solche auf dem krzesten Wege anzueignen.
    So verging die Zeit, und whrend Heinrich ohne freien Willen, denn er konnte
gar nicht anders, rcksichtslos und gnzlich die Zeit verwendete, sich Zeug und
Stoff fr seinen freien Willen zu verschaffen, nmlich Einsicht, wute er
bereits nicht mehr, wovon er leben sollte, und sah sich pltzlich zu seinem
groen Erstaunen von Not und Sorge umgeben, so da er kaum wute, wie ihm
geschah.

                                Viertes Kapitel


Als er vor nun bald vier Jahren sein Vaterhaus und seine Heimat verlie, war zu
seinem Eintritt in die Welt die mige Barsumme bestimmt, welche seine Mutter
whrend ihres Witwenstandes, trotz ihrer beschrnkten Verhltnisse und
ungeachtet sie zu gleicher Zeit einen Sohn erzog, doch unbemerkt erspart hatte.
Diese Summe war bei bescheidener Lebensweise fr etwa ein Jahr hinreichend, nach
dessen Ablauf sich ernhren und zugleich weiterbilden zu knnen Heinrich nicht
zweifelte und seine Mutter ebenso sicher hoffte, da es geschehen mute und sie
ihrer ganzen Lebensart nach selbst von nichts anderm wute, als dem Notwendigen
sich zu fgen und ihm gerecht zu werden. Sie nannte dies sich nach der Decke
strecken und verzierte jeden ihrer Briefe, die sie an den Sohn schrieb,
sorgfltigst am Eingang und am Schlusse mit dieser Metapher, und der Sohn nannte
dieselbe scherzweise das Prokrustesbette seiner Mutter. Indessen, um fr alle
Flle das Ihrige zu tun, vernderte sie sogleich am Tage nach seiner Abreise
ihre Wirtschaft und verwandelte dieselbe beinahe vollstndig in die Kunst, von
nichts zu leben.
    Sie erfand ein eigentmliches Gericht, eine Art schwarzer Suppe, welches sie
jahraus, jahrein, einen Tag wie den andern um die Mittagszeit kochte, auf einem
Feuerchen, welches ebenfalls beinahe von nichts brannte und ein Klafter Holz
ewig dauern lie. Sie deckte whrend der Woche nicht mehr den Tisch, da sie nun
ganz allein a, nicht um die Mhe, sondern die Kosten der Wsche zu ersparen,
und setzte ihr Schsselchen auf ein einfaches Strohmttchen, welches immer
sauber blieb, und indem sie ihren abgeschliffenen Dreiviertelslffel in die
Suppe steckte, rief sie pnktlich den lieben Gott an, denselben fr alle Leute
um das tgliche Brot bittend, besonders aber fr ihren Sohn. Nur an den Sonn-
und Festtagen deckte sie den Tisch frmlich und setzte ein Pfndchen Rindfleisch
darauf, welches sie am Sonnabend eingekauft. Diesen Einkauf selber machte sie
weniger aus Bedrfnis - denn sie htte sich fr ihre Person auch am Sonntage
noch mit der lakonischen Suppe begngt, wenn es htte sein mssen - als
vielmehr, um noch, einen Zusammenhang mit der Welt und Gelegenheit zu haben,
wenigstens einmal die Woche auf dem alten Markt zu erscheinen und den Weltlauf
zu sehen. So marschierte sie denn still und eifrig, ein kleines Krbchen am Arm,
erst nach den Fleischbnken, und whrend sie dort klug und bescheiden hinter dem
Gedrnge der groen Hausfrauen und Mgde stand, welche lrmend und stolz ihre
groen Krbe fllen lieen, machte sie hchst kritische Betrachtungen ber das
Behaben der Leute und rgerte sich besonders ber die munteren leichtsinnigen
Dienstmgde, welche sich von den lustigen Metzgerknechten also betren lieen,
da sie, whrend sie mit ihnen scherzten und lachten, ihnen unversehens eine
ungeheure Menge Knochen und Luftrhrenfragmente in die Waagschale warfen, so da
es die Frau Elisabeth Lee fast nicht mit ansehen konnte. Wenn sie die Herrin
solcher Mdchen gewesen wre, so htten diese ihre Verliebtheit an den
Fleischbnken teuer ben und jedenfalls die Knorpel und Rhren der falschen
trgerischen Gesellen selbst essen mssen. Allein es ist dafr gesorgt, da die
Bume nicht in den Himmel wachsen, und diejenige, welche von allen anwesenden
Frauen vielleicht die bseste und strengste gewesen wre, hatte dermalen nicht
mehr Macht als ber ihr eigenes Pfndlein Fleisch, das sie mit Umsicht und
Ausdauer einkaufte. Sobald sie es im Krbchen hatte, richtete sie ihren Gang
nach dem Gemsemarkt am Wasser und erlabte ihre Augen an dem Grn, an den
frischen Frchten, welche aus Grten und Fluren hereingebracht waren. Sie
wandelte von Korb zu Korb und ber die schwanken Bretter von Schiff zu Schiff,
das aufgehufte Wachstum bersehend und an dessen Schnheit und Billigkeit die
Wohlfahrt des Staates und dessen innewohnende Gerechtigkeit ermessend, und
zugleich tauchten in ihrer Erinnerung die grnen Landstriche und die Grten
ihrer Jugend auf, in welchen sie einst selbst so gedeihlich gepflanzt hatte, da
sie zehnmal mehr wegzuschenken imstande war, als sie jetzt bedchtig und teuer
einkaufen mute. Htte sie noch groe Vorrte fr eine zahlreiche Familie
einzukaufen und zu ordnen gehabt, so wrde das ein Ersatz gewesen sein fr das
Pflanzen und Graben; aber auch dieser Beruf war ihr genommen, und daher war die
Handvoll grner Bohnen, Spinatblttchen oder junger Rbchen, welche sie endlich
in ihr Krbchen tat, nachdem sie manchen scharfen Verweis und Zuspruch wegen
berteuerung ausgeteilt, ihr ein notdrftiges Pfand und Symbolum, samt dem
Bschelchen Petersilie oder Schnittlauch, das sie gratis erkmpft. Dies war ihre
Poesie, Elegie und Samstagstragdie.
    Das schne weie Stadtbrot, das bislang in ihrem Hause gegolten, schaffte
sie nach Heinrichs Abreise sogleich ab und bezog alle vierzehn Tage ein billiges
rauhes Landbrot, welches sie so sparsam a, da es zuletzt immer steinhart
wurde, und dasselbe vergnglich und zufrieden bewltigend, schwelgte sie
ordentlich in ihrer freiwilligen Askese.
    Zugleich wurde sie karg und herb gegen jedermann, in ihrem
gesellschaftlichen Leben vorsichtig und zurckhaltend, um alle Ausgaben zu
vermeiden, und bewirtete niemanden, oder doch so knapp und ngstlich, da sie
bald fr geizig und ungefllig gegolten htte, wenn sie nicht durch eine
verdoppelte Bereitwilligkeit mit dem, was sie durch die Mhe ihrer Hnde, ohne
andere Kosten, bewirken konnte, jene herbe Sparsamkeit aufgewogen htte.
berall, wo sie mit Rat und Tat beistehen konnte, im ganzen Umkreise ihrer
Nachbarschaft, war sie immer wach und rstig bei der Hand, keine Mhe und
Ausdauer vermeidend, insofern sie nur nichts kostete, und da sie fr sich bald
fertig war und sonst nichts zu tun hatte, so verwandte sie fast ihre ganze Zeit
zu solchen Dienstleistungen, still und fleiig denselben obliegend, bald in
diesem Hause, bald in jenem, wo Krankheit oder Tod die Menschen bedrngten.
    Aber berallhin brachte sie ihre strenge Einteilung und Sparsamkeit mit, so
da die unerfahrenen und behbigen Weiber, whrend sie dankbar und rhmend ihre
unermdliche Hilfe sich gefallen lieen, doch hinter ihrem Rcken sagten, es
wre eigentlich doch eine Snde von der Frau Lee, da sie gar so ngstlich sei
und sprde in sich verschlossen dem lieben Gott nichts berlassen knne oder
wolle. Dies war aber durchaus nicht der Fall; sie berlie der Vorsehung des
Gottes alles, was sie nicht verstand, vorerst die Verwicklungen und
Entwicklungen der moralischen Welt, mit denen sie nicht viel zu tun hatte, da
sie sich nicht in Gefahr begab; nichtsdestominder war Gott ihr auch der
Grundpfeiler in der Viktualienfrage; aber diese hielt sie fr so wichtig, da es
fr sie eine eigentliche Ehrensache war, sich zuerst selber mit Hand und Fu zu
wehren. Denn ein doppelter Strick halte besser, und wenn auf Erden und im Himmel
zugleich gesorgt wrde, so knne es um so weniger fehlen!
    Und mit eiserner Treue hielt sie an ihrer Weise fest; weder durch die
Sonnenblicke der Frhlichkeit noch durch dsteres Unbehagen, weder im Scherz
noch im Ernst lie sie sich verleiten und berrumpeln, auch die kleinste
ungewohnte Ausgabe zu machen. Sie legte Groschen zu Groschen, und wo diese
einmal lagen, waren sie so sicher aufgehoben wie im Kasten des eingefleischten
Geizes. Mit der Ausdauer und Konsequenz des Geizes sammelte sie Geld, aber nicht
zu ihrer Freude und zur Lust ihrer Augen, denn das Gesammelte beschaute sie
niemals und berzhlte es nie, und hiedurch unterschied sich ihr Tun und Lassen
von demjenigen der Geizigen.
    Allein diese ihre Art, indem sie zurckhaltend, ngstlich und geizig
erschien und zugleich dienstfertig, still, hilfereich und liebenswrdig war,
verlieh ihr einen eigentmlichen und einsamen Charakter, so da die Leute ihre
freundliche und ntzliche Seite annahmen und ber ihr stilles, strenges Sorgen,
Hoffen und Frchten sie nicht befragten.
    Zudem wrden sie dasselbe weder begriffen noch gebilligt haben; denn alle
verlangten von ihren eigenen Shnen, wenn sie nicht Gelehrte wurden, da sie
sich zeitig selbst ernhrten, und wenn je einmal eine ganz behagliche Familie
ihrem in die Klemme geratenen Sohn Schreiner oder Schlosser einige Taler
bersandte, so geschah dies mit einem erheblichen Aufwande von Lrm, und des
Goldeinwechselns, Verpackens, Versiegelns, Versicherns auf der Post und des
Sprechens von alledem war kein Ende; da aber Heinrich schon abgereist war, um
frmlich im Auslande von einer bestimmten Summe zu leben, dazu hatten die
Nachbaren schon die Kpfe geschttelt und gemeint, er htte doch schon genug
gekostet und knnte nun sehen, etwas zu verdienen, wie anderer Leute Kinder
auch. Deshalb sagte seine Mutter zu niemandem, warum sie so sparsam sei.
    Der Held dieser Geschichte reichte auch mit jener Summe fr ein Jahr so
knapp aus; denn obgleich dieselbe sehr bescheiden war, so waren seine
Gewohnheiten und Ansprche zu jener Zeit trotz aller Anlage zu einem tchtigen
Aufschwunge ebenso bescheiden, und da die Mutter ihm das Geld vorsorglich nur in
vielen kleinen Abteilungen bersandte, jede in einen Brief mit obigem Motto
gewickelt, so kam mit den guten Silberstcken, von denen sie jedes einzelne in
den sparsamen Hnden gehabt, jedesmal auch ihr huslicher Machteinflu und die
eiserne Gewohnheit der Bescheidenheit und des Respektes mit. Als jedoch das
erste Jahr und mit ihm die rntterlichen Sendungen zu Ende gingen, da hatte
Heinrich noch nicht die mindesten Anstalten getroffen, sich auf eigene Faust zu
ernhren; denn hier trat nun der Zeitpunkt ein, wo die allgemeine und doch so
geheimnisvolle Macht dieser modernen Kunst und Heldenschaft sich ihm offenbaren
sollte. In der heutigen Welt sind alle, die in der Werkstatt der
fortschreitenden Kultur beschftigt sind und es mit einem Zweige derselben zu
tun haben, geschieden von Acker und Herde, vom Wald und oft sogar vom Wasser.
Kein Stck Brot, sich zu nhren, kein Bndel Reisig, sich zu wrmen, keine
Flocke Flachs oder Wolle, sich zu kleiden, in groen Stdten keinen frischen
Trunk Wasser knnen sie unmittelbar durch eigene frohe Mhe und Leibesbewegung
von der Natur gewinnen. Viele unter ihnen, wie die Knstler und Schriftmenschen,
empfangen ihre Nahrung nicht einmal von denen, welche der Natur nherstehen,
sondern wieder von solchen, welche ihr ebenso entfernt stehen wie sie selbst und
eine knstliche abstrakte Existenz fhren, so da der ganze Verkehr ein Gefecht
in der Luft, eine ungeheure Abstraktion ist, hoch ber dem festen Boden der
Mutter Natur. Und selbst dann noch, wenn die einen die Mittel ihres Daseins von
den anderen empfangen, geschieht dieses so unberechenbar, launenhaft und
zufllig, da jeder, dem es gelungen ist, dies nicht als den Lohn seines
Strebens, sein Verdienst betrachten darf, sondern es als einen blinden
Glcksfall, als einen Lotteriegewinst preisen mu. In diesem seltsamen
Zusammentreffen der Geister, oder vielmehr der Leiber, ist der unmittelbare
Proze des Essens, des Zusichnehmens der Nahrung zwar noch nicht offen als eine
Tugend und Ehre an sich ausgesprochen, und noch immer gilt zur Notdurft die
Moral, da das Essen eine verdienstlose Notwendigkeit sei, obgleich mancher sein
Brot so it, da man sieht, er macht sich das Beien und Kauen schon zur Ehre
und kaut dem, der keines hat, recht unter die Nase; aber der glckliche Erwerb
des Brotes ist zu dieser Zeit aus einer einfachen Naturpflicht zu einer
ausgesuchten Ehrentugend und Ritterschaft geworden, zu deren Erlangung der
Neuling nicht ohne weiteres zugelassen wird, sondern verschiedene
freimaurerische Grade der Niedertrchtigkeit oder der Verdrehtheit und
zweckwidrigen Unsinnes jeder Art durchmachen mu. In der Bevlkerung, welche ihr
Leben unmittelbar der Natur und dem untersten Bedrfnis abgewinnt, ist die
Heiligkeit und die Bedeutung der Arbeit noch klar und verstndlich; da versteht
es sich von selbst, da keiner dem andern zusehen darf, wie er grbt und
schaufelt, um ihm das Herausgegrabene wegzunehmen und zu verzehren. Alles, was
einer da tut, hilft ihn und die Welt erhalten und hat einen unbezweifelten,
wahren und sichern Zweck. In jener hheren abstrakten Welt aber ist einstweilen
alles auf den Kopf gestellt und die Begriffe von der Bedeutung der Arbeit
verkehrt bis zum Unkenntlichwerden.
    Hier fhrt ein bloes Wollen, ein glcklicher Einfall ohne Mhe zu
reichlichem Erwerb, dort eine geordnete und nachhaltige Mhe, welche mehr der
wirklichen Arbeit gleicht, aber ohne innere Wahrheit, ohne vernnftigen Zweck,
ohne Idee. Hier heit Arbeit, lohnt sich und wird zur Tugend, was dort
Nutzlosigkeit, Miggang und Laster ist. Hier ntzt und hilft etwas teilweise,
ohne wahr zu sein; dort ist etwas wahr und natrlich, ohne zu ntzen, und immer
ist der Erfolg der Knig, der den Ritterschlag in dieser knstlichen Welt
erteilt. Und alle diese Momente vermischen und kreuzen sich auf so wunderliche
Weise, da fr die gesunde Vernunft das Urteil schwer wird.
    Ein Spekulant gert auf die Idee der Revalenta arabica und bebaut dieselbe
mit aller Umsicht und Ausdauer; sie gewinnt eine auffallende Ausbreitung und
gelingt glnzend; Hunderttausende, vielleicht Millionen werden dadurch in
Bewegung gesetzt und gewonnen, und doch sagt jedermann Es ist ein Betrug und ein
Schwindel! Und doch mu man die Sache nher ansehen. Betrug und Schwindel nennt
man sonst, was gewinnen soll ohne Arbeit und Mhe, gegrndet auf eine
Vorspiegelung oder Tuschung. Niemand wird aber sagen knnen, da das
Revalentageschft ohne Arbeit betrieben werde; es herrscht da gewi eine so gute
Ordnung, Fleiigkeit, Betriebsamkeit, Um- und bersicht wie in dem
notwendigsten, solidesten Handelszweige oder Staatsgeschfte; es ist, gegrndet
auf den Einfall des Spekulanten, eine umfassende Ttigkeit, eine wirkliche
Arbeit entstanden.
    Die Beschaffung des Mehles, die Anfertigung der Blechbchsen, die Verpackung
und Versendung, der Vertrieb in den verschiedensten Lndern schafft vielen
Menschen Handarbeit und Gewinn. Die zahllosen marktschreierischen Ankndigungen,
mit einer durchdachten und mhevollen Umsicht betrieben, bringen Hunderten von
Zeitungen reichlichen Gewinn, und diese brauchen in gleichem Mae vermehrte
Arbeitskrfte; Setzer und Drucker finden viele Tage Nahrung in dem weitesten
Umkreise nur durch die Inserate der Revalentamnner, und diese selbst, das Ganze
beherrschend, nennen ihre Ttigkeit gewi nicht minder Arbeit, wenn sie aus
ihrem Comptoir kommen, als ein Rothschild die seinige. Hier sind der spekulative
Einfall, oder was die Unternehmer wahrscheinlich die Idee nennen, und die Mhe,
die wirklichste Arbeit verbunden; es wird gewirkt und gentzt im vollen Mae und
wohl niemandem was geschadet, und doch ist das Ganze ein skandalser Schwindel
und sein Kern eine hohle Nu, indem die Hauptsache, der vorgegebene Zweck;, die
Eigenschaft des Gegenstandes dieser ganzen Ttigkeit eine offenkundige Tuschung
ist und dessenungeachtet doch wieder der Chef dieser ungeheuren Blase der Zeit
in seiner Umgebung so geachtet und geschtzt wie jeder andere Geschftsmann. Wo
liegt hier die Ehre und wo die Schande? Dies ist aber nur ein grobes Beispiel
aus dem grbern Weltverkehr. Es wird Revalenta arabica gemacht in Kunst und
Wissenschaft, in Theologie und Politik, in Philosophie und brgerlicher Ehre
aller Art, nur mit dem Unterschied, da es nicht immer so unschdliches
Bohnenmehl ist, aber mit der gleichen rtselhaften Vermischung von Arbeit und
Tuschung, innerer Leerheit und uerm Erfolg, Unsinn und weisem Betriebe, von
Zwecklosigkeit und stattlich ausgebreitetem Gelingen, bis der Herbstwind des
Todes alles hinwegfegt und auf dem den Stoppelfelde nichts briglt als hier
ein seltsam zusammengewrfeltes Vermgen, dort ein Haus, dessen Erben nicht zu
sagen wissen, auf welchem Grund und mit welchem Recht es gegrndet ist, und wenn
dies Erbe auch noch verweht ist, so ist weder eine geistige noch leibliche Spur,
noch ein Zusammenhang mehr zu finden zum Zeugnis, da jene Betriebsamen einst
auch dagewesen seien und sich, obgleich fleiig, doch mit Recht und Ehre genhrt
haben, whrend jeder wohlbestellte Acker ein Denkmal ist dessen, der ihn einst
geackert hat.
    Will man hingegen aus der groen ffentlichen Welt ein Beispiel
wirkungsreicher Arbeit, die zugleich ein wahres und vernnftiges Leben ist,
betrachten, so mu man das Leben und Wirken Schillers ansehen. Dieser, aus dem
Kreise hinausflchtend, in welchem Familie und Landesherr ihn halten wollten,
alles das im Stiche lassend, zu was man ihn machen wollte, stellte sich in
frher Jugend auf eigene Faust, nur das tuend, was er nicht lassen konnte, und
schaffte sich, um ein eigengehriges Leben zu beginnen, sogar durch eine
schreiende Ausschweifung, durch eine berschwengliche und wilde
Rubergeschichte, durch einen Jugendfehler Luft und Licht; aber sobald er dies
gewonnen, veredelte er sich unablssig von innen heraus, und sein Leben ward
nichts anderes als die Erfllung seines innersten Wesens, die folgerechte und
kristallreine Arbeit der Wahrheit und des Idealen, die in ihm und seiner Zeit
lagen. Und dieses einfach fleiige Dasein verschaffte ihm alles, was seinem
persnlichen Wesen gebhrte; denn da er, mit Respekt zu melden, bei alledem ein
Stubensitzer war, so lag es nicht in demselben, ein reicher und glnzender
Weltmann zu sein. Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen
Charakter, die eben nicht Schillerisch war, und er wre es auch geworden. Aber
nach seinem Tode erst, kann man sagen, begann sein ehrliches, klares und wahres
Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfhigkeit zu zeigen, und wenn man
ganz absieht von seiner geistigen Erbschaft, welche er der Welt hinterlassen, so
mu man erstaunen ber die materielle Bewegung, ber den blo leiblichen Nutzen,
den er durch das bloe treue Hervorkehren seines geistigen Ideales hinterlie.
So weit die deutsche Sprache reicht, ist in den Stdten kaum ein Haus, in
welchem nicht seine Werke ein- oder mehrfach auf Gesims und Schrnken stehen,
und in Drfern wenigstens in einem oder zwei Husern. Je weiter aber die Bildung
der Nation sich verbreitet, desto grer wird die jetzt schon ungeheure
Vervielfltigung dieser Werke werden und zuletzt in die niederste Htte dringen.
Hundert Geschftshungrige lauern nur auf das Erlschen des Privilegiums, um die
edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die
Bibel, und der umfangreiche leibliche Erwerb, der whrend der ersten Hlfte
eines Jahrhunderts stattgefunden, wird whrend der zweiten Hlfte desselben um
das Doppelte wachsen und vielleicht im kommenden Jahrhundert noch einmal um das
Doppelte. Welch eine Menge von Papiermachern, Papierhndlern,
Buchdruckersleuten, Verkufern, Laufburschen, Kommentatoren der Werke,
Lederhndlern, Buchbindern verdienten und werden ihr Brot noch verdienen, welch
eine fortwhrende Tat, welch nachhaltiger Erwerb im materiellsten Sinne waren
also die kurzen Schillerschen Arbeits- und Lebensjahre. Dies ist, im Gegensatz
zu der Revalenta arabica manches Treibens, auch eine umfangreiche Bewegung, aber
mit einem sen und gehaltreichen Kern, und nur die uere derbe Schale eines
noch grern und wichtigern geistigen Glckes, der reinsten nationalen Freude.
    Gegenber diesem einheitlichen organischen Leben gibt es nun auch ein
gespaltenes, getrenntes, gewissermaen unorganisches Leben, wie wenn Spinoza und
Rousseau groe Denker sind ihrem innern Berufe nach und, um sich zu ernhren,
zugleich Brillenglser schleifen und Noten schreiben. Diese Art beruht auf einer
Entsagung, welche in Ausnahmsfllen dem selbstbewuten Menschen wohl ansteht,
als Zeugnis seiner Gewalt. Die Natur selbst aber weist nicht auf ein solches
Doppelleben, und wenn diese Entsagung, die Spaltung des Wesens eines Menschen
allgemein gltig sein sollte, so wrde sie die Welt mit Schmerz und Elend
erfllen. So fest und allgemein wie das Naturgesetz selber sollen wir unser
Dasein durch das nhren, was wir sind und bedeuten, und das mit Ehren sein, was
uns nhrt. Nur dadurch sind wir ganz, bewahren uns vor Einseitigkeit und
berspanntheit und leben mit der Welt im Frieden, so wie sie mit uns, indem wir
sie sowohl bedrfen mit ihrer ganzen Art, mit ihrem Genu und ihrer Mh, als sie
unser bedarf zu ihrer Vollstndigkeit, und alles das, ohne da wir einen
Augenblick aus unserer wahren Bestimmung und Eigenschaft herausgehen.
    Wenn nun schon unter den hervorragenden Existenzen jenes knstlichen
Ernhrungsverkehres ein solches Durcheinander von Geltung, Pflicht, Ehre und
Zweckmigkeit herrscht, so da diese in jedem Augenblicke und an jeder Stelle
einen andern Mastab und eine andere Anerkennung verlangen, eine andere Energie
und eine andere Geschicklichkeit, wie schwierig wird diese Verwickelung erst fr
den unbefangenen und einfach gearteten Neuling, Kleinen und Werdenden! Weit
entfernt, sein wahres Wesen hervorkehren zu drfen und dieses einfach wirken zu
lassen, soll er tausend kleine Knste und Fhigkeiten lgen oder gewaltsam
erwerben, welche zu allem, was er sonst ist, treibt und gelernt hat, sich
vollkommen unsinnig und zweckwidrig verhalten. Er soll lernen, auf den Vorteil
zu schieen, wie eine Spinne auf die Mcke, whrend vielleicht die besondere
Natur seines Berufes langsam, grndlich und beschaulich ist; er soll demtig und
kriechend sein, wo er stolz sein mchte, und hinwieder unverschmt und
prahlerisch, wo er nur bescheiden sein kann; er mu geizig und zurckhaltend
sein mit dem Reifen und Fertigen, das sich wie die Frucht von dem Baume seines
Daseins ablsen will, und er mu hinwieder mit blutendem Herzen freigebig sein
mit dem Unreifen und Werdenden und es wegwerfen um des Erwerbes willen. Wenn er
nimmt, was ihm gebhrt, so mu er dafr danken, und erst wenn er empfngt, was
ihm nicht gebhrt, so ist er des Dankes quitt und hat Ehre davon, so da schon
die notwendige Angewhnung und Gewandtheit des Erwerbes unwillkrlich nach einem
verwerflichen Ziele fhrt.
    Welch eine Menge von kleinen persnlichen und gesellschaftlichen
Verumstndungen gehrt dazu, wenn es dem jungen Knstler gelingen soll, sein
Erstlingswerk an den Mann zu bringen, und von diesem einzigen Erfolge hngt
meistens das weitere glckliche Fortschreiten der nchsten fnf, ja zehn Jahre
ab, die Entscheidung, ob die lange Jugend bis tief in die Mnnerjahre hinein
eine blhende und glckliche Zeit oder eine drre und finstere sein, freilich
auch oft, ob der Mann auf der leichtfertigen und oberflchlichen oder auf der
tieferen und nachhaltigen Seite des Lebens stehen soll. Gleich dem armen Weibe,
dessen Leben im Niedergange ist und welches aus zarter Baumwolle und etwas
Goldschaum ein Schfchen wickelt, dasselbe auf den Weihnachtsmarkt trgt und
dort mit seinen vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein setzt,
gewrtigend, ob einer von den tausend Vorbergehenden seinen Blick auf das
Schfchen lenke und dasselbe kaufe, stellt in der Regel der junge Kunstmann,
dessen Leben im Aufgange ist, sein erstes Werk an einen ffentlichen Ort, und
all sein Vertrauen und seine Hoffnung auf das, was er gelernt und geleistet hat,
vergessend, ist er schon bereit, nur den Zufall zu preisen, der einen geneigten
Kufer vor sein Weihnachtslmmchen fhrt und durch ein halbes Almosen vielleicht
seinem Lebenslaufe den Ausschlag gibt.
    Als Heinrich zu Ende des ersten Jahres seinen letzten Taler in der Hand
hielt, und vorher keinen Augenblick, machte er endlich ernstliche Anstalten,
sich sein Brot zu erwerben, und zweifelte nicht im mindesten, da dieses bei der
ersten offenen Bemhung sofort gelingen werde, zumal er tglich Arbeiten
verkaufen sah, welche zustande zu bringen er fr kein Hexenwerk hielt. Er
beschlo, ein Bild auszustellen, und ersann zu diesem Ende hin ein anmutiges und
reichhaltiges Motiv, welches nicht nur die Entfaltung poetischer Einflle und
feiner Zeichnung, sondern auch schne Farbenverhltnisse von selbst bedingte und
mithin ein sehr glcklich und richtig gewhltes war.
    Als er es entworfen hatte, ersuchte er einen Knstler, welchem er vom Sehen
einigermaen bekannt war, ihn einmal mit seinem Besuch zu beehren und seines
guten Rates teilhaftig zu machen. Der Knstler, ein stattlicher verheirateter
Mann mit einem ansehnlichen Leibe, war einer von denen, die in der Wolle sitzen,
und er verdiente es auch vollkommen; denn er war ein gesunder und meisterhafter
Kumpan und schritt mit seinen schn und energisch gemalten Bildern, die von
selbst eine glnzende Kritik alles Schwchlichen waren, rstig ber den
krabbelnden und kletternden Anspruch des gedankenlosen Haufens hinweg. Sein
Wahlspruch war Erst etwas recht lernen und dann gute Musik machen! Nichts
trbseliger, als allerlei lernen und dann schlecht musizieren!
    Es war seit Jahren das erste Mal, da ein erfahrener Meister wieder
Heinrichs Arbeit beriet und kritisierte, und dieser fand alle Ursache, ber sein
eigenes Ungeschick zu erstaunen, als der Mann in seinem Entwurfe
herumwirtschaftete und denselben so trefflich behandelte und zusammenrckte, da
durch die Anwendung der krftigen und praktischen Meisterknste des dicken Herrn
Heinrichs Idee erst schn und wahrhaft idealisiert wurde. Es zeigte sich, da
das reale technische Wissen und Empfinden allein die Gedanken gut macht und noch
bessere von sich aus vermittelt und hervorzurufen imstande ist. Durch das bloe
Besprechen und Durcharbeiten der ueren technischen Seite des Gegenstandes
taten sich mehrere ganz neue und glckliche Motive auf, welche gewissermaen in
der Natur der Sache lagen und doch die ursprnglichen Erfindungen des armen
Heinrich, so geistreich dieselben waren, an Wirkung weit hinter sich lieen.
    Der Knstler hatte in einer halben Stunde, immerfort sprechend, auf ein
besonderes Blatt seine Meinung hingezeichnet und so in aller Raschheit eine
treffliche Meisterskizze hergestellt, welche fglich fr eine wertvolle
Handzeichnung gelten konnte und welche Heinrich mit uerstem Wohlgefallen
betrachtete. Als aber die Audienz beendigt war, faltete der Meister ruhig das
Blatt zusammen, steckte es in die Tasche und berlie den dankbaren Heinrich
freundlich seinen weiteren Bestrebungen.
    Dieser setzte sich denn auch rstig an die Arbeit; allein hier ahnte er eben
nicht, woran es lag, da sein Bild nun doch nicht so wurde, wie es nach allen
diesen Umstnden htte werden sollen. Das zu einer Sache berufene besondere
Talent macht diese, sobald ihm ein Licht aufgesteckt ist, ohne weiteres immer
gut, und das erste, was es von Hause aus mitbringt, ist ein glckliches Geschick
zum vollstndigen Gelingen. Der allgemeine wohleingerichtete Kopf aber kann sich
mit hundert Dingen beschftigen, dieselben verstehen und einsehen, ohne es darin
zu einem reif gestalteten Abschlu zu bringen; nur eine lange und bittere
Erfahrung oder eine augenblickliche Erleuchtung knnen manchmal ein
vorbergehendes Zusammenraffen und eine Ausnahme hervorbringen, welche aber das
ganze Wesen nur noch rtselhafter und meistens milicher machen. Dies ist das
innere Wesen des gebildeten, strebsamen, talentvollen Dilettantismus, und
tausend Existenzen in allen Lebensttigkeiten, berhmt oder unberhmt, haben in
ihm ihr Geheimnis. Sie treiben und betreiben, suchen und haschen im Schweie
ihres Angesichtes und mit hochtrabender Zufriedenheit, whrend ihr wahres
Geschick, ihre eigentmliche Kraft schlummert fr ewige Zeiten oder fr eine
andere Sache aufbewahrt bleibt. Besonders in Literatur und Kunst sucht der
Dilettantismus die mangelnde naive Meisterschaft durch Neuheit und
Betriebsamkeit in allerhand Versuchen zu ersetzen, zeichnet sich fortwhrend
durch halbe Anlufe aus und gewinnt nach diesen einige Poesie, einiges Pathos in
einem wehmtigen elegischen Ende. Er bereitet die Bltenzeit vor, bringt sie zu
Fall und verscharrt sie eifrigst, dngt aber wieder ihr Grab zu neuem Wachstum.
Er ist der groe Vermittler, Dmpfer und Hinhalter in der Weltkonomie; denn
wenn die schlafenden Meisternaturen, die zweifelsohne jeden Augenblick vorhanden
sind, aber unbewut hinter dem Pfluge gehen oder auf dem Dreifu des Schusters
sitzen, alle ihre Bestimmung entdecken und erfllen wrden, so wrde unsere
Erdenherrlichkeit lngst ihr Lied abgeschnurrt haben, gleich einer Uhr, aus
welcher man die Hemmung genommen hat; denn jenes Liedchen hat eigentlich einen
einfachen und eintnigen Inhalt. Indessen ist der Dilettantismus trotz seiner
umfangreichen Macht ein unerfreuliches Dasein; im Grunde sind trotz aller
ueren Schicksale nur die Meister glcklich, d.h. die das Geschft verstehen,
was sie betreiben, und wohl jedem, der zur rechten Zeit in sich zu gehen wei.
Er wird, einen Stiefel zurechthmmernd, ein souverner Knig sein neben dem
hypochondrischen Ritter vom Dilettantismus, der im durchlcherten Ordensmantel
melancholisch einherstolziert.
    Heinrichs Werklein, als es fertig war, sah nun hchst seltsam aus. Er hatte
sich die vollsaftige Frische des Vortrages, auf welche die von dem Meister
geratene Anordnung durchaus berechnet war, doch nicht geben knnen und war
unwillkrlich wieder in seine blasse traumhafte Malerei verfallen, whrend die
vielen naiven und liebenswrdigen Zge eines erfindungslustigen Gemtes, welche
auch ein solches mangelhaftes Werk gewissermaen ansprechend und unterhaltend
machen, daraus entfernt waren. So stellte es nun durch seinen gesichteten Inhalt
und das magere scheinlose Machwerk den gebten geistreichen Dilettantismus dar,
obgleich es auf der Stube noch ziemlich respektabel aussah und von den Leuten,
welche das ernstlich Angestrebte, aber nicht ganz Gelungene immer zrtlicher
behandeln als das schlechtweg Gute, vergnglich belobt wurde.
    Er lie es nun mit einem knappen hlzernen Rahmen versehen, um dem Bilde
noch mehr ein ernstgemeintes und gelehrtes Ansehen zu geben, brachte es auf den
Saal, wo wchentlich die neuesten Arbeiten ausgestellt wurden, gab schchtern
und verschmt die Anzeige der Verkuflichkeit und den Preis ab, der ihn nun bis
auf weiteres ernhren sollte, und zog sich so eilig aus dem Hause zurck, als ob
er etwas darin habe entwenden wollen.
    Als der Sonntagmorgen kam, wo ein elegantes Publikum die Rume fllte, in
welchen die neuen glnzenden Bilder hingen, ging Heinrich mit einigen Bekannten
hin und sah sein Werk, weit weg an ihm vorbergehend, mit einem halben Blick
dahngen. Sogleich kam es ihm, indem sein Auge auf andere stattliche Gegenstnde
hinberstreifte, unertrglich vor in seiner bleichen Farblosigkeit. Als er aber
in einen Nebensaal trat, hing da im besten Lichte der gleiche Gegenstand,
unbertrefflich gemalt mit wenigen sehr zweckmigen Abnderungen von jenem
tchtigen Meister, welcher seine Skizze kritisiert und die hbsche Kritik in die
Tasche gesteckt hatte. Wie vom Donner gerhrt, betrachtete Heinrich das Bild und
konnte nicht umhin, ber das, was der Knstler daraus gemacht hatte, die grte
Freude allmhlich zu empfinden und sich sogar geschmeichelt zu fhlen. brigens
war das Bild schon mit einem Zettel versehen, welcher anzeigte, da die
Kommission dasselbe bereits zu einem sehr erklecklichen Preise angekauft, noch
ehe es ausgestellt gewesen, und jedermann lobte den Kauf.
    Heinrichs Bekannte, welche so schlecht und recht zum betriebsamen, nicht
ungeschickten Mittelschlage gehrten, waren hchlich entrstet ber das
Verfahren eines wohlversorgten und glcklichen Meisters und nannten sein frisch
und munter glnzendes Werk einen Diebstahl und eine rcksichtslose Ruberei,
eine Herzlosigkeit und eine Gemeinheit. Heinrich jedoch schwieg still und
verarbeitete, als ein lblicher und gelehriger Jngling, die soeben gemachte
Erfahrung, die er sogleich begriff da es in Sachen der Kunst keinerlei Patent
gibt, sondern nur den einen Satz Mach's, wer kann! sei's, wer's wolle, wenn's
nur entsteht! und da, wer eine gute Idee schlecht ausfahrt, dem Rabenvater
gleicht, welcher ein Kind aussetzt, wer sie rettet, demjenigen, der es aufnimmt
und pflegt!
    Er fhlte keinen Groll gegen den behenden Meister, sondern veranstaltete
stracks die Wegnahme seiner eigenen Arbeit und steckte beschmt jenen Zettel
wieder ein, auf welchem er seinen Preis angegeben hatte nebst seinem Namen.
    Dies war einstweilen der erste und letzte Versuch Heinrichs, durch seiner
Hnde Arbeit sein Leben zu gewinnen, und nichts ging daraus hervor als die
unbezahlte Rechnung fr den ernsthaften stoischen Rahmen. Er begann zwar bald
einige andere Sachen, welche er besser zu machen gedachte, und man sollte
glauben, da er bei seiner Unbefangenheit und Einsicht dies wirklich htte
mssen zuwege bringen; aber es ist eben das Kennzeichen der berufenen Meister
einer Are, da sie von selbst mit dem Guten und Richtigen den Drang verbinden
nach gemeiner Brauchbarkeit und Geniebarkeit und das Ziel erreichen, ohne ihrer
Ehre zu vergeben; der Dilettanten dagegen, da sie immer wieder in ihren
unfruchtbaren Eigensinn zurckfallen und dem angenehmen Erfolge hochfahrend
entsagen. Dies nennen sie meistens edlen Stolz und treues Beharren am Hheren.
Bei Heinrich war es indes nicht sowohl dieser Eigensinn als die zustrmende
Gedankenttigkeit, welche, keinen andern Ausweg sehend, ihn abermals bald auf
das alte Erfindungswesen und die wechselnde Unternehmungslust geraten lie, das
dringende Lebensbedrfnis allmhlich vergessend. Dazu war er scheu und zag
geworden, der Welt seine Arbeit gegen Geld anzubieten, und war aufrichtig
berzeugt, da dieses unrechtmig gewonnen wre, solange er nicht selbst
zufrieden sei mit seinen Erzeugnissen, ungleich jenen rstigen Weltmenschen,
welche sich desto mehr mit einem glckhaften Erwerbe brsten, je wertloser und
trichter das ist, was sie leisten und durch irgendeine verkehrte Laune des
Geschmackes unterzubringen wissen.
    Whrend er aber solche stolze Ehrlichkeit besa, besann er sich, da er
Kredit fand als ein unbescholtener junger Mensch, gar nicht, Schulden zu machen,
und fand es ganz in der Ordnung, auf diese Weise bequem und ohne weiteres
Kopfzerbrechen das zweite Jahr hindurch zu leben.
    Die Schulden sind fr den modernen Menschen eine ordentliche hohe Schule, in
welcher sich sein Charakter auf das trefflichste entwickeln und bewhren oder in
welcher er, falls dieser von Hause aus fest ist, sein Urteil und seine
Anschauungsweise der Welt grnden und regulieren kann. Jener beliebte Paragraph
in den gang und gben Verhaltungslehren eines Vaters an seinen Sohn Borge von
niemandem, aber borge auch niemandem, denn das Borgen entfremdet die besten
Freunde und strt alle Verhltnisse! ist ein gedankenloser, schbiger Paragraph,
der Paragraph der Kindskpfe, die nichts erfahren haben, nichts erfahren wollen
und nichts sein und bleiben werden als eben Kindskpfe. Verhltnisse, welche
durch Schulden zerstrt werden, haben von Anfang an nichts getaugt, und es ist
ein nrrisches Wesen der Leute, da sie wollen Leute sein und gute Freunde
bleiben, ohne ihr gemtliches Vertrauen, ihre Achtung und Liebe irgendwie auf
eine wirklich unbequeme Weise prfen und beweisen zu mssen. Ein kluger Mann
wird daher jene kurzgeschorene Kahlmuser-Weisheit kassieren und zu seinem Sohne
sagen Mein Sohn! wenn du ohne Not und sozusagen zu deinem Vergngen Schulden
machst, so bist du in meinen Augen nicht sowohl ein Leichtsinniger als vielmehr
eine niedrige Seele, die ich im Verdachte eines schmutzigen Eigennutzes habe,
der andere unter dem Deckmantel einer gemtlichen Liederlichkeit absichtlich um
ihre Habe bringt. Wenn aber ein solcher von dir borgen will, so weise ihn ab;
denn es ist besser, du lachest ber ihn als er ber dich! Wenn du hingegen in
Verlegenheit gertst, so borge, soviel es sein mu, und ebenso diene deinen
Freunden, ohne zu rechnen, und alsdann trachte, fr deine Schulden aufzukommen,
Verluste verschmerzen oder zu dem Deinigen gelangen zu knnen, ohne zu wanken
und ohne schimpflichen Zank; denn nicht nur der Schuldner, der seine
Verpflichtungen einhlt, sondern auch der Glubiger, der ohne Zank dennoch zu
dem Seinigen kommt, beweist, da er ein wohlbestellter Mann ist, welcher
Ehrgefhl um sich verbreitet. Bitte keinen zweimal, der dir nicht borgen will,
und la dich ebensowenig drngen; denke immer, da deine Ehre an die Bezahlung
der Schulden geknpft sei, oder vielmehr denke das nicht einmal, denke an gar
nichts, als da soundso viel zu bezahlen sei; aber hte dich, ber einen andern,
der dir ein gegebenes Versprechen nicht einhalten kann, sogleich den Stab zu
brechen und dich auf seine Ehre zu berufen. Nach dem Mae aber, in welchem du
dich in Verpflichtungen begibst und deine in dir selbst liegenden Krfte dabei
in Erwgung ziehst, wirst du erfahren, ob du dich berhaupt unter- oder
berschtzest, und wenn eines von beiden der Fall wre, so wrde es gleichgltig
sein, ob du es gerade noch in Schuldsachen ttest, da du es in allen anderen
Dingen doch auch tun und ein unglckseliger Patron mit oder ohne Schulden sein
wrdest. Wenn du aus alledem unbescholten und als ein Freund deiner Freunde
hervorgehst, so bist du mein Mann! Du wirst die Abhngigkeit unseres Daseins
menschlich fhlen gelernt haben und das Gut der erkmpften Unabhngigkeit auf
eine edlere Weise zu brauchen wissen als der, welcher nichts geben und nichts
schuldig sein will.
    Idealisiert ist das wahre Wesen des ehrlichen Schuldenmachens im Cid,
welcher den Juden eine Kiste voll Sand versetzt und sagt Es ist Silber darin!
und dann erst auszieht, um auf gut Glck mit dem Schwerte in der Hand seine Lge
wahr zu machen! Welche Verdrielichkeiten, wenn ein Neugieriger vor der Zeit die
Kiste erbrochen und untersucht htte! Und doch wre es derselbe Cid gewesen,
dessen Leiche noch das Schwert ein bichen aus der Scheide zog, als sie ein Jude
am Bart zupfen wollte!
    Wir wollen indessen den grnen Heinrich nicht mit jenem tapfern Cid
vergleichen, welcher in seinem Manneshandwerk ein Meister war und jeden
Augenblick wute, was er wollte. Heinrich wute dies, als er wie ein Robinson in
der zivilisierten Wildnis nach Nahrungsmitteln ausgehen sollte, schon nicht mehr
deutlich, und die beiden Entdeckungsreisen, diejenige nach seiner menschlichen
Bestimmung und diejenige nach dem zwischenweiligen Auskommen, trafen auf hchst
miliche Weise zusammen. Genug, da er vor allem Mue brauchte, so war er sein
eigener Mzen und machte Schulden.

                                Fnftes Kapitel


Er verschwieg dies sorgsam vor seiner Mutter, schrieb ihr aber auch nicht, da
er etwas erwerbe, da es ihm nicht einfiel, sie anzulgen, und da es ihm in der
Tat bei seiner Sorglosigkeit und seinem sichern Gefhl, da er schon etwas
werden msse und wrde, ganz gut erging, so berichtete er der Mutter in jedem
Briefe, es ginge ihm gut, und erzhlte ihr weitlufig allerlei lustige Dinge,
die ihm begegneten oder welche er in dem fremden Lande beobachtete. Die Mutter
hingegen glaubte echt frauenhaft, wenn man von einem bel nicht spreche, so
bleibe es ungeschehen, und htete sich, ihn nach etwaigen Schulden zu befragen,
in der Meinung, da wenn solche noch nicht vorhanden wren, so wrden sie durch
diese Erkundigung hervorgerufen werden; auch hatte sie keine Ahnung davon, da
ihr Shnchen, welches sie so knappgehalten hatte, in seiner Freiheit etwa so
lange Kredit finden wrde. Sie hielt ihre Ersparnisse fortwhrend bereit, um sie
auf die erste Klage teilweise oder ganz abzusenden, whrend Heinrich seine Lage
verschwieg und sich an das Schuldenwesen gewhnte, und es war rhrend komisch,
wie beide Teile ber diesen Punkt ein feierliches Schweigen beobachteten und
sich stellten, als ob man von der Luft leben knnte; der eine Teil aus
Selbstvertrauen, der andere aus weiblicher Klugheit.
    Gerade mit einem Jahreslaufe ging aber Heinrichs Kredit zu Ende oder
vielmehr bedurften die Leute ihr Geld, und in dem Mae, als sie ihn zu drngen
anfingen und er hchst verlegen und kleinlaut war, wurden auch seine Briefe
seltener und einsilbiger, so da die Mutter Angst bekam, die Ursache erriet und
ihn endlich zur Rede stellte und ihm ihre Hilfe anbot. Diese ergriff er nun ohne
besondere dankbare Redensarten, die Mutter sandte sogleich ihren Schatz ab,
froh, zur rechten Zeit dafr gesorgt zu haben, und zweifelte nicht, da damit
nun etwas Grndliches und Rechtes getan sei. Der Sohn aber hatte nun
Gelegenheit, die andere Seite des Schuldenmachens kennenzulernen, welche ist die
nachtrgliche Bezahlung eines schon genossenen und vergangenen Stck Lebens,
eine unerbittliche und khle Ausgleichung, gleichviel ob die gelebten Tage,
deren Morgen- und Abendbrot angeschrieben steht, etwas getaugt haben oder nicht.
Ehe zwei Stunden verflossen, hatte Heinrich in einem Gange die zweijhrige
Ersparnis der Mutter nach allen Winden hin ausgetragen und behielt gerade soviel
brig, als zu dem Mitmachen jenes Knstlerfestes erforderlich war.
    Ein recht vorsichtiger und gewissenhafter Mensch wrde nun ohne Zweifel in
Rcksicht auf die Umstnde und auf die Herkunft des kostbaren Geldes sich vom
Feste zurckgezogen und doppelt sparsam gelebt haben; aber derselbe htte sich
auch recht bescheiden und rmlich angestellt, die Gre der erhaltenen
mtterlichen Gelder verschwiegen und seine Glubiger demtig und vorsichtig
hingehalten, alles aus der gleichen Rcksicht, und htte seine Vorsicht mit dem
lebendigen Gefhl der Kindespflicht gerechtfertigt. Heinrich aber, da er dies
nicht tat, befand sich nach dem Feste wieder wie vorher, und wenn er sich
darber nicht verwunderte oder grmte, so geschah dies nur, weil seine Gedanken
und Sorgen durch jene anderweitigen Folgen der bel abgelaufenen Lustbarkeit
abgelenkt wurden.
    Er lebte also von neuem auf Borg, und da er diese Lebensart nun schon
eingebt hatte, auch dieselbe nach der stattgehabten Abrechnung trefflich
vonstatten ging, Heinrich zugleich aber nicht mehr an der zusammenhaltenden
Handarbeit sa und auch nicht mehr mit solchen Freunden umging, die den Tag ber
an zurckgezogener werkttiger Arbeit saen, sondern mit allerlei studierendem,
oft halbmigem Volke, so gewann dies neue Schuldenwesen wieder einen andern
Anstrich als das frhere; je weniger er bei seinem neuen Treiben ein nahes Ziel
und eine Auskunft vor sich sah, desto mehr verlor und verga er sein armes
Muttergut und den Mutterwitz der konomischen Bescheidenheit und Sparsamkeit,
die Kunst, sich nach der Decke zu strecken, und den Mastab des Mglichen auch
mitten in der Verwirrung. Er verlor dies Muttergut zwar nicht von Grund aus und
fr immer wie einen Anker, den ein Verzweifelter sinken lt, sondern wie ein
Gert, welches fr einen gewagten Auszug nicht recht pat und welches man
unwillkrlich liegenlt, um es bei der Rckkehr wieder aufzunehmen, wie eine
feine kostbare Uhr, welche man vor einer zu erwartenden Balgerei von sich legt,
oder wie das ehrbare Brgerkleid, welches man in den Schrank hngt beim Einbruch
der Elemente, der Regenflut und des Schmutzwetters.
    Die vermehrten Vorstellungen und Kenntnisse, das tglich neu genhrte
Denkvermgen, welches so lange geschlummert, erweckten von selbst eine rhrige
Bewegung, so da Heinrich sich vielfach umtrieb und mit einer Menge von Leuten
umging, welche den verschiedensten Studien, Richtungen und Stimmungen
angehrten. Es wiederholte sich jener Vorgang aus seiner Kinderzeit, als er,
indem er seine Sparbchse verschwendete, pltzlich ein lauter und beredter
Tonangeber geworden war. Auch jetzt entwickelte er unversehens eine groe
Beredsamkeit, ward, was er sich frher auch einmal sehnlich gewnscht hatte, ein
meisterlicher Zecher, welcher die deutsche Zechweise mit so viel Phantasie und
Geschicklichkeit betrieb, da die so verbrachten Stunden und Nchte eher ein
lehrreicher Gewinn, eine Art peripatetischer Weisheit schienen als ein Verlust.
Das, was man lernte und sich mitteilend kehrte und wendete, geriet durch das
aufgeregte Blut erst recht in Bewegung und durch die gesellschaftlichen
Gegenstze, durch die hundert bald komischen, bald ernsten Konflikte in
lebendigen Flu, und das scheinbar rein Wissenschaftliche und Farblose bekam
durch das gesellschaftliche und moralische Verhalten der Leute bestimmte Frbung
und Anwendung oder diente diesem zu sofortiger Erklrung. Erst war die gewohnte
Art herrschend gewesen, bei hervortretendem Widerspruche sich unwiderruflich auf
seiner Seite zu halten, die Ehre in der Hartnckigkeit zu suchen, mit welcher
man um jeden Preis eine Meinung behaupten zu mssen glaubt, und im allgemeinen
bei allen Andersdenkenden einen bsen Willen oder Unfhigkeit und Unwissenheit
vorauszusetzen. Heinrich aber, welchen nun die Dinge von Grund aus zu berhren
anfingen und welcher sich mit warmer Liebe um das Geheimnis ehrlicher
Weltwahrheit bekmmerte, wie sie im Menschen sich birgt, ihn bewegt oder
verlt, brachte mit unbefangener und durchdringender Kraft zur anfnglichen
Verwunderung der anderen die Lebensart auf, Recht- oder Unrechthaben als ganz
gleichgltige Dinge zu betrachten und erst ihre Quellen als einen
beachtenswerten Gegenstand aufzunehmen, in der hflichen und artigen
Voraussetzung, da es alle gut meinen und alle fhig wren, das Gute einzusehen.
Dabei war er, wenn er sich ins Unrechthaben hineingeredet hatte, selbst der
erste, welcher darber nachdachte und bei khlerm Blute sich selbst preisgab,
die Sache wieder aufnahm und seinen Irrtum auch nach den eifrigsten und
hrtesten; uerungen eingestand und von neuem untersuchen half, jene falsche
Hflichkeit verdrngend, welche mit dem kalten Aufsichberuhenlassen einer Sache
einen um so grern heimlichen Hochmut und einen Dorn im Bewutsein aller
davontrgt. Diese Weise machte sich um so leichter geltend, als es sich bald
bemerklich machte, da nur diejenigen, welche einen wirklich bsen Willen oder
eine gewisse Unfhigkeit besitzen mochten, mit jenem kalthflichen Abbrechen
sich zurckzuziehen beliebten und jeder also auch den Schein hievon vermeiden
wollte. In solchen Fllen stellte es sich dann auf das liebenswrdigste heraus,
da durch diesen bloen Schein die innerlich Widerstrebenden und Murrenden doch
eine goldene Brcke fanden und unvermerkt auf die bessere Seite gezogen wurden
und so einen Gewinn davontrugen, den sie frher nie gekannt in ihrem verstockten
Wesen. Zugleich kam die lbliche Manier auf, alles im gleichen Flusse und mit
gleicher Schwere oder Leichtigkeit zu behandeln und die anmaliche Art zu
unterdrcken, einzelne vorbergehende Entdeckungen, Einflle und Bemerkungen
feierlich zu betonen und steifschreierisch vorzutragen, als ob jeden Augenblick
eine Perle gefunden wre zu ungeheuerster Erbauung, welche Art derjenigen
schlechter Skribenten gleicht, die alle Augenblicke ein Wort unterstreichen,
einen neuen Absatz machen und ihre magere Schrift mit allen aufgehuften
interpunktorischen Mitteln berstreuen. Denn die gute schriftliche Rede soll so
beschaffen sein, da, wenn sie durch Zeit und Schicksale aller ueren
Unterscheidungszeichen beraubt und nur eine zusammengelaufene Schriftmasse
bilden wrde, sie dennoch nicht ein Jota an ihrem Inhalt und an ihrer Klarheit
verlre.
    Alle diese Lebensart gewann nun einen gewissermaen veredelnden und
rechtfertigenden Anstrich dadurch, da von dem Verkehr mit Weibern keine Rede
war, sondern zufllig eine Schar junger Leute zusammentraf, welche sich darin
gefiel, in diesen Dingen unberhrt zu heien oder hchstens einer Neigung sich
bewut zu sein, welche heiliggehalten und unbesprochen sein wollte. Heinrich war
sogleich seiner ueren leiblichen Unschuld froh und verga gnzlich, da er
jemals nach schnen Gesichtern gesehen haue und da es solche berhaupt in der
Welt gab, die Fhigkeit des Menschen erfahrend, zu jeder Zeit neu werden zu
knnen, wenn er die letzten zarten Schranken der Dinge nirgends berwltigt und
durchbrochen hat. Er fhlte diese ganze Seite des Lebens wohltuend in sich ruhen
und schlummern, und je frher und strker seine Phantasie und seine Neigungen
sonst wach gewesen waren, um so khler und unbekmmerter lebte er jetzt und
glich einen langen Zeitraum hindurch an wirklicher Reinheit der Gedanken dem
jngsten und sprdesten der Gesellen. Hchstens spielten die Frauen als
Gegenstand der Betrachtung und Untersuchung in den Gesprchen eine zierliche
Rolle, wobei sie denn freilich, da die Erfahrung der rstigen Meinungskraft
nicht gleichkam, meistens nicht zu gerecht beurteilt wurden. So war denn auch
sogar dieser Umstand schon in jener Knabenzeit vorgezeichnet, wo die jungen
Zecher und Prahler zugleich die Mdchenfeinde spielten.
    Sollte sich nun vollends jener Abschlu der Knabenzeit, die Ausstoung aus
der Schule, als eine solche Vorzeichnung erweisen und Heinrich in der Schule des
Lebens unhaltbar werden, so waren seine Aussichten nicht die rosenfarbensten,
und ein Gefhl dieser Art, abgesehen von dem neulich Erlebten, gab seinem
Treiben eine dunkle Grundlage. Indessen war es ihm unmglich, aus sich
herauszugehen, und da er sich unterrichtete und zugleich deutsche Luft atmete,
so war es erklrlich, da er in seiner rhetorischen Welt ein Weiser und
Gerechter, ein geachteter Tonangeber war, uerst Weises und Gerechtes dachte
und sprach, ohne im mindesten etwas Gerechtes wirklich zu tun, d.h. fr
Gegenwart und Zukunft ttlich einzustehen.
    Das Ende davon war, da er sich nach Verlauf einer guten Zeit mit noch weit
bedeutenderen Schulden berhuft sah als das erste Mal, und diesmal war er es,
welcher zuerst das Schweigen brach und, da er sich durchaus zu leben und etwas
zu werden getraute, seiner Mutter in einem berzeugenden und hoffnungsvollen
Briefe die Notwendigkeit dartat, noch einmal eine grndliche und umfangreichere
Aushilfe zu veranstalten. Es war dies weniger eine unedle und selbstschtige
Zumutung als das ehrliche Bestreben, ehe man die fremden Menschen
beeintrchtige, mit allem, was einem angehrt, und also auch mit dem Gute seiner
Angehrigen einzustehen und von diesen zuerst zu verlangen, volles Vertrauen in
das Dasein der Ihrigen zu setzen und mit denselben zu stehen oder zu fallen.
    Die Mutter erschrak heftig ber seinen Brief; statt desselben hatte sie den
Sohn selber bald erwartet, und jetzt schien alles wieder in Frage gestellt.
Jedoch da er ja mehrere Jahre lter war, in der Fremde lebte unter soviel
gescheiten Leuten, und besonders da sie erfuhr, da er manches lerne und
studiere und so doch noch von der wenig empfohlenen Knstlerei abzukommen
schien, hauptschlich aber weil in ihm der gleiche Trieb, etwas zu werden, wie
im verstorbenen Vater zu leben schien und sie selbst ja sich nur als eine
Vermittlung zwischen diesen beiden Gliedern betrachtete, zuletzt aber auch
einzig und allein, weil das Kind dessen bedrftig war und es forderte, so traf
sie unverweilt Anstalten, dem Verlangen zu gengen. Die Ersparnisse wollten aber
diesmal nicht viel sagen, und sie mute, um die angegebenen Mittel aufzubringen,
eine Summe auf ihr Haus aufnehmen und eintragen lassen. Dies war nun seit langen
Jahren das erste Mal, da an ihrem kleinen Besitztum eine eingreifende
Vernderung vorgenommen wurde, und zwar nicht zu dessen Vermehrung; zudem
herrschte gerade eine Geldklemme, so da die gute Frau viele Mhe und viele
saure Gnge bei Geschftsleuten und Unterhndlern aller Art zu bestehen hatte,
bis endlich das Geld in ihrem Schreibtische lag und sie dazu noch die Darleiher,
welche fr ihren Nutzen hinlnglich gesorgt hatten, als groe Wohltter
betrachten mute. Nur war sie aber auch so mde und eingeschchtert, da sie
nicht vermochte, sich etwa nach einem bequemen Wechselbrief umzusehen, sondern
sie wickelte das Geld in vieles starkes Papier ein, umwand es mit vielen dicken
Schnren und wandte es seufzend und unter Trnen um und um, berall das heie
Siegelwachs auftrufelnd und hchst ungeschickt siegelnd und petschierend. Dann
legte sie das schwere unbeholfene Paket in ihren Strickbeutel, nahm diesen auf
den Arm und schlich damit auf Seitenwegen zur Post; denn sie wnschte um alles
in der Welt nicht, da jemand sie she, und zwar aus dem Grunde, weil sie,
befragt, wo sie mit dem Gelde hinwolle, durchaus um eine Antwort verlegen
gewesen wre. Sie reichte, den seidenen Ridikl verschmt und zitternd
abstreifend, den Pack durch das Schiebefensterchen, der Postbeamte besah die
Adresse und dann die Frau, gab ihr den Empfangschein, und sie machte sich davon,
als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben htte. Der linke Arm,
auf welchem sie das Geld getragen, war ganz steif und ermdet, und so kehrte sie
auch krperlich angegriffen in ihre Behausung zurck und war froh, als sie dort
war. Nichtsdestominder fhlte sie einen gewissen mtterlichen Stolz, als sie
durch, so viele selbstzufriedene und prahlende Mnner und Weiber hindurchging,
welche unfehlbar ihren Gang scharf getadelt htten und selbst eher dafr, da
sie den Knieriemen tchtig handhabten, sich am liebsten von ihren Kindern gleich
einen Erziehergehalt ausbezahlen lieen, anstatt irgend etwas Ungewhnliches fr
sie zu opfern oder zu wagen.
    Mit Heinrich, als er das Geld empfing, begab sich jetzt etwas sehr
Natrliches und doch wieder sehr Sonderbares. Er hatte seiner Mutter gerade um
soviel Geld geschrieben, als seine Schulden betrugen, aus Gewissenhaftigkeit und
Bescheidenheit mitten im Leichtsinn, und erst als die Summe unterwegs war, fiel
ihm ein, da er ja, wenn die Schulden bezahlt seien, abermals auf dem gleichen
Punkte stehe wie vorher. Er nahm sich also vor, diesmal weltklug zu sein und,
wie er es schon fter bei anderen ganz ehrbaren Leuten gesehen, seinen
Glubigern einstweilen die Hlfte ihrer Forderungen zu tilgen, mit der anderen
Hlfte aber dann gut hauszuhalten und ganz gewi mit festem Willen den Anfang zu
einem selbstndigen Leben zu machen. Die Glubiger waren alles solche, welche
den entschieden und verstndig angebrachten Antrag gern angenommen htten, und
auch der zweite Vorsatz war bei dem erweiterten Gesichtskreis und guten Willen
keine Unmglichkeit; vielmehr kam es nur auf frische Lust, gute Laune und
einiges Glck an, das jeder Tag bringt, wenn der Mensch nur bereit ist, es zu
haschen. Als aber die Glubiger, die diesmal sich nicht aufsuchen lieen,
erschienen und sich freuten, sich auch hier nicht getuscht zu haben in der
Ehrlichkeit der Jugend, da brachte es Heinrich nicht ber sich, auch nur bei
einem einzigen mit seinem Vorschlag herauszurcken; er befriedigte vielmehr
einen jeden bei Heller und Pfennig, ohne zu zgern und zu seufzen, und dem
letzten, welcher weniger eilig war und sich nicht sehen lie, brachte er sein
Guthaben ngstlich ins Haus beim rgsten Regenwetter. Jetzt hatte er noch einige
Taler in der Hand, welche er, ohne einen Groschen weniger auszugeben,
aufbrauchte und zu Ende gehen sah. Dies geschah auch in kurzer Zeit, und eines
Morgens, als er aufstand, erinnerte er sich, da er nicht einen Pfennig mehr im
Vermgen hatte. Obgleich er dies vorausgewut, so war er doch ganz verblfft
darber und noch, mehr, als er nun klar fhlte, da er unmglich jetzt von neuem
borgen knne; denn teils wute er nun bestimmt, da er neue Schulden nicht mehr
bezahlen knne, teils widerstrebte es ihm, nach Verlauf einiger Tage abermals
bei denen anzuklopfen, die er soeben befriedigt hatte, kurz, auf einmal verlie
ihn alle die Herrlichkeit, Weisheit und Gewandtheit, der Schleier fiel von der
drren Lage der Dinge, und er ergab sich ganz demtig und geduldig dem Gefhle
der nackten Armut. Als der Mittag kam, ging er aus in alter Gewohnheit, verbarg
sich aber vor allen Bekannten; er kehrte wieder in seine Wohnung, und als der
Abend kam, war er doch hchlich verwundert, nichts gegessen zu haben an diesem
Tage. Als aber der nchste Tag ebenso verlief und es ihn anfing tchtig zu
hungern, erinnerte er sich pltzlich der weisen Tischreden seiner Mutter, wenn
er als kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie ihm dann vorhielt, wie er
einst vielleicht froh sein wrde, nur solches Essen zu haben. Das erste Gefhl,
was er hiebei empfand, war ein Gefhl der Achtung vor der ordentlichen
Regelmigkeit und Folgerichtigkeit der Dinge, wie alles so schn eintreffe; und
in der Tat ist nichts so geeignet, den notwendigen und grndlichen Weltlauf
recht einzuprgen, als wenn der Mensch hungert, weil er nichts gegessen hat, und
nichts zu essen hat, weil er nichts besitzt, nichts besitzt, weil er sich nichts
erworben hat. An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen sich
dann von selbst alle weiteren Folgerungen und Untersuchungen, und Heinrich,
indem er nun in seiner Einsamkeit vollstndige Mue hatte und von keiner
irdischen Nahrung beschwert war, berdachte sein Leben und seine Snden, welche
jedoch, da der Hunger ihn unmittelbar zum Mitleid mit sich selbst stimmte, mehr
als die Sttigung, welche manche bermtige und geistreiche Askese hervorbringt,
noch ziemlich glimpflich ausfielen. Im ganzen befand er sich nicht sehr
trbselig; die Einsamkeit tat ihm eher wohl, und das Hungern verwunderte ihn
immer aufs neue, whrend er in des Knigs Grten auf abgelegenen sonnigen Pfaden
spazierte oder durch die belebte Stadt nach Hause ging; auch wunderte es ihn,
da ihm das niemand ansah und ihn niemand befragte, ob er gegessen habe? worauf
er sich sogleich antwortete, da dies sehr gesetzmig der Fall sei, da es
niemanden was anginge und er sich auch nichts ansehen lasse, woran sich denn
wieder weitere Gedanken knpften. Am dritten Tage, als er begann, sich wirklich
schwcher zu fahlen, und eine bedenkliche Mattigkeit in den Fen sich kundgab,
kam ihm dies erst lcherlich vor; dann aber begann er ngstlich zu werden, und
als er sich zum dritten Mal ungegessen ins Bett legen mute, ward es ihm hchst
weinerlich und rgerlich zu Mute, und er gedachte, durch den in seiner Schwche
rumorenden Leib gemahnt, sehnlich und bitterlich seiner Mutter, nicht besser als
ein sechsjhriges Mdchen, das sich verlaufen hat. Wie er aber an die Geberin
seines Lebens dachte, fiel ihm auch der hchste Schutzpatron und
Oberviktualienmeister seiner Mutter, der liebe Gott, ein, und da Not beten
lehrt, so betete er ohne weiteres Zgern, und zwar zum ersten Mal sozusagen in
seinem Leben um das tgliche Brot. Denn bisher hatte er nur um Aushilfe in
moralischen Dingen oder um Gerechtigkeit und gute Weltordnung gebeten in
allerhand Angelegenheiten fr andere Leute; in den letzten Jahren zum Beispiel,
da der liebe Gott den Polen helfen und den Kaiser von Ruland unschdlich
machen mge oder da er den Amerikanern ber die Kalamitt der Sklavenfrage auf
eine gute Weise hinweghelfen mchte, damit die Republik und Hoffnung der Welt
nicht in Gefahr kme, und dergleichen Dinge mehr. Jetzt aber widersetzte er sich
nicht mehr, um seine Lebensnahrung zu beten; doch benahm er sich noch hchst
manierlich und anstndig dabei, indem er trotz seines bedenklichen Zustandes
erst bei der Bitte fr die Mutter anfing, dann einige andere edlere Punkte
vorbrachte und dann erst mit der Efrage hervorrckte; jedoch nicht sowohl, um
den lieben Gott hinter das Licht zu fhren, als um zwangsweise den allgemeinen
Anstand zu wahren, auch vor sich selbst.
    Jedoch betete er nicht etwa laut, sondern es war mehr ein stilles
Zusammenfassen seiner Gedanken, und er dachte das Gebet nur, und trotzdem war es
ihm ganz seltsam zu Mute, sich wieder einmal persnlich an Gott zu wenden,
welchen er zwar nicht vergessen oder aufgegeben, aber etwas auf sich beruhen
gelassen und unter ihm einstweilen alle ewige Weltordnung und Vorsehung gedacht
hatte.
    Am Morgen stand er in aller Frhe auf und pfiff, so gut es mit seiner immer
ngstlicher schnappenden Lunge gehen mochte, munter ein Liedchen; es war ihm,
als ob jetzt eine gute Mahlzeit alsogleich vor der Tr sein msse, denn weiter
als an eine solche dachte er nicht mehr. Zugleich ergriff er unwillkrlich ein
stattliches und hchst inhaltreiches Buch, das da zunchst bestaubt auf einer
Tischecke lag, ging damit zu einem Bchertrdler, dem er schon manches Buch
abgekauft hatte, und trug einige Augenblicke darauf mehrere nagelneue blanke
Guldenstcke davon, welche der gute Jude freundlich aus seinem ledernen
Beutelchen geklaubt. Heinrich hatte die lieblichen Mnzen nur beim bergang aus
des Juden Tasche in die seinige flchtig blinken gesehen; aber dies Blinken
machte auf ihn in seiner Leibesschwche vollkommen den Eindruck wie der
Sonnenaufblitz eines unmittelbaren allernchsten Wunders. Er gewann auch
unmittelbar durch diesen bloen Eindruck einige Lebensgeister, so da er,
obgleich es nun schon der vierte Fasttag war, sich vornahm, doch nicht vor
Mittag zu Tische zu gehen, sondern seinen wunderlichen Zustand noch recht
erbaulich auszugenieen. Er begab sich also wieder in den Schatten eines
lieblichen Wldchens, setzte sich auf eine Bank und zog unverweilt die schnen
Gulden hervor, sie nunmehr in aller Behaglichkeit betrachtend. Es war ihm, als
ob er niemals Geld besessen htte, als ob es eine Ewigkeit her wre, seit er in
der Gesellschaft von Menschen gewesen und sich gleich ihnen genhrt, und so ein
hinflliges Ding ist der Mensch, da Heinrich eine kindliche Freude ber den
Besitz dieser paar elenden Mnzen empfand und sie mit gierigen Blicken
verschlang. Es schien ihm das reinste und hchste Glck zu sein, was er da in
der Hand hielt; denn es war die unzweifelhafteste Lebensfristung, Rettung und
Erquickung, und darber hinaus dachte der Frohe gar nicht. Er dankte dem lieben
Gott sehr zufrieden fr die Erhrung seines Gebetes, wie in den Tagen seiner
Kindheit; sonst dachte er nicht viel, denn die Gedanken waren allbereits sehr
kurz und dnn geset; er geno nur mit stillem Wohlgefhl den durch das Grn
flimmernden Sonnenschein und den Glanz der klingenden Silberstcke.
    Hier wird sich nun der dogmatische Leser in zwei Heersulen spalten die eine
wird behaupten, da es allerdings die Kraft des Gebetes und die Hilfe der
Vorsehung gewesen sei, welche die magischen Guldenstcke auf Heinrichs Hand
legten, und sie wird diesen Moment, da wir bereits mitten im letzten Bande
stehen, als den Wendepunkt betrachten und sich eines erbaulichen Endes versehen;
die andere Partei wird sprechen Unsinn! Heinrich wrde sich sowieso endlich
dadurch haben helfen mssen, da er das Buch oder irgendeinen andern Gegenstand
verkaufte, und das Wunderbare an diesem Helden ist nur, da er dies nicht schon
am ersten Tage tat! Es sollte uns brigens nicht wundern, wenn der dnne Feldweg
dieser Geschichte doch noch in eine frmmliche Kapelle hineinfhrt! Wir aber
als die verfassenden Geister dieses Buches knnen hier nichts tun, als das
Geschehene berichten, und enthalten uns diesmal aller Reflexion mit Ausnahme des
Zurufes Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Selbst wenn wir nun
gleich erzhlen, welches Verhalten Heinrich annahm, nachdem er sich durch einige
gute Nahrung gestrkt, so werden wir durchaus nicht unsere Meinung hinzufgen,
ob der nchterne oder der gesttigte grne Heinrich recht habe.
    Er begab sich also nun mit kurzen Schritten nach dem gewohnten Speisehaus,
welches ihm als der allerseligste Aufenthalt vorkam, und der Geruch der Speisen
dnkte ihn kstlicher denn der Duft von tausend Rosengrten. Die aufwartenden
Mdchen, welche sonst schon hbsch und munter waren, erschienen ihm wie
huldreiche Engel, in deren Obhut es gut wohnen sei, und gerhrt darber, da es
in der Welt doch so wohlmeinend zugehe, setzte sich der gnzlich Ausgehungerte
und mrbe Gewordene zu Tisch, in der festen Absicht, sich fr das Fasten
grndlich zu entschdigen.
    Hatte aber der bloe Anblick; des vielvermgenden Geldes ihn aufgemuntert,
so strkte ihn jetzt das Essen zusehends, da er ordentlich zu Gedanken kam, und
schon whrend er die krftige Fleischbrhe einschlrfte, besann er sich und nahm
sich vor, nicht mehr zu essen als gewhnlich und sich berhaupt anstndig zu
verhalten. Als er jedoch ein saftiges Stck Ochsenfleisch und einen guten Teller
Blumenkohl verzehrt, dazu einen Krug schumenden Bieres vor sich stehen hatte,
strich und kruselte er sich wieder ganz selbstbewut den jungen Bart, und indem
er das ganze Abenteuer gemchlich berdachte, schmte er sich jetzt pltzlich
seines Wunderglaubens und da er so ganz haltlos in die Falle gegangen, in
seiner Schwche den trivialsten Vorgang von der Welt als eine unmittelbare
Einwirkung einer hheren Vorsehung zu nehmen. Er bat den lieben Gott sogar um
Verzeihung fr die Zumutung, sich mit seiner Ernhrung unmittelbar zu
behelligen, den natrlichen Lauf der Dinge unterbrechend, whrend er selbst die
Hnde in den Scho gelegt.

                                Sechstes Kapitel


Als er solchergestalt diese Dinge betrachtete, nicht eben denkend, da sie damit
noch lange nicht zu Ende seien, und einen krftigen Zug aus seinem Kruge tat,
kamen einige seiner Bekannten heran und berhuften ihn mit Fragen, warum er
sich so lange nicht sehen lassen und wo er gewesen sei. Heinrich tat, als ob
nichts geschehen wre, und froh, wieder unter frohen Menschen zu sein, zechte
und scherzte er mit ihnen, whrend in seinem Gemte dieser erste krftige Sto
des stillen, aber unerbittlichen Lebens langsam verschmerzte. Denn er fhlte
erst jetzt, als mitten in Scherz und Gelchter die Brust sich noch heftig
bewegte und er eine nur allmhlich sich legende Aufregung empfand, wie so
vielsagend und schonungslos dieser Sto gewesen, da er sich wie geschndet
fhlte und ihn unwillkrlich verschwieg.
    Er ging dessenungeachtet mit dem wenigen Gelde um, als ob er ohne alle
Sorgen wre, und das betrachten wir eher als eine Tugend denn als einen Fehler.
Die einen Menschen verhalten sich unablssig im Kleinen hchst zweckmig,
ausdauernd und ngstlich, ohne je einen festen Grund unter den Fen und ein
klares Ziel vor Augen zu haben, indessen anderen es unmglich ist, ohne diesen
Grund und dieses Ziel sich zweckmig und absichtlich zu verhalten, aus dem
einfachen Grunde, weil sie gerade aus Zweckmigkeit nicht aus nichts etwas
machen knnen und wollen. Diese halten es dann fr die grte Zweckmigkeit,
sich nicht am Nichtssagenden aufzureiben, sondern Wind und Wellen mit der
tieferen, der wahren menschlichen Geduld ber sich ergehen zu lassen, aber jeden
Augenblick bereit, das rettende Tau zu ergreifen, wenn sie nur erst sehen, da
es irgendwo befestigt ist. Sind sie am Lande, so wissen sie, da sie alsdann
wieder die Meister sind, whrend jene noch auf ihren kleinen Balken und
Brettchen herumschwimmen, die ber eine Spanne weit immer zu Ende sind. Wer
immer emsig zappelt und zweckmit, dessen Ausdauer ist alles andere, nur keine
Geduld, welche wirklich etwas erdulden und ber sich ergehen lassen will.
    Heinrich entledigte sich nun, da die Sachen blieben, wie sie waren, nach und
nach aller Gegenstnde, fr welche man ihm irgend etwas geben wollte, und indem
er je nach diesen Einknften sich gtlich tat oder sich drftig behelfen mute,
wurde er erst jetzt, als sein fahrendes wunderliches Eigentum verschwand, arm
wie eine Kirchenmaus. Das letzte, was er besa, waren seine Mappen. Er hatte
schon wiederholt versucht, eine bessere Studie oder Zeichnung, da dergleichen
oft zum Verkaufe geeignet und gesucht ist, bei den Kunsthndlern anzubringen;
allein er war zu seiner Beschmung immer kurz abgewiesen worden als einer, der
etwas anbietet, und zwar, wie es zu sehen war, aus Not. Jetzt nahm er abermals
einige Bltter und ging damit in eine abgelegene Seitengasse zu einem alten
seltsamen Mnnchen, welches einen erbrmlichen Kram von allerlei Schnickschnack
fhrte und in seinem dunklen Laden sa und allerhand laborierte. Am Fenster
hatte dieser Mann immer einige vergilbte Zeichnungen oder Druckbltter hangen
ohne Wert, wie sie der Zufall zusammengeweht, und ebenso wertlos war eine kleine
Bildersammlung im Innern des armseligen Magazins, das Ganze eine jener
Zufluchtssttten und Vermittlungsanstalten fr jene gottverlassene Klasse von
Kunstbeflissenen, die gnzlich von jeder Weihe, jedem Bewutsein und jeder
Bildung entfernt ihr Wesen treibt in seltsamer Industrie und Armut, ohne
Handwerker zu sein. Hier holten sich die Bierwirte der untersten Ordnung oder
die Kunstfreunde mit fnfhundert Gulden Einkommen ihren Bedarf, um das fr
wenige Mnzen erstandene Meisterwerk, sobald es in ihrem Besitze war, mit
rhrender Bewunderung zu preisen. Heinrich hatte bei dem Mnnchen in seinen
guten Tagen zuweilen eine verlorene gute Radierung und dergleichen gekauft,
welche der Seltsame, der sich mit eben der Befugnis, welche seine Kufer zu
Kunstkennern schuf, zum Kunstmkler aufgeworfen hatte, mit groem Mitrauen und
Widerstreben zu geringen Preisen ablie, indem er den Wert nicht beweisen konnte
und, wenn ein gebildeter Kufer sich bei ihm einfand, stets um einen ungeheuren
verborgenen Schatz gebracht zu werden frchtete. Auf den Tisch dieses Mannes,
der auerdem noch mit einer Kaffeekanne, einer auseinandergenommenen
Schwarzwlderuhr, einem Kleistertopfe und verschiedenen Firnisglsern beladen
war, legte Heinrich jetzt seine guten Bltter, welche fleiig und treulich
gezeichnete Waldstellen aus seiner Heimat enthielten, und mit dem gleichen
Mitrauen, mit dem das greise Mnnchen sonst ihm etwas verkauft hatte,
betrachtete es jetzo die unschuldigen Studien und den jungen Mann. Seine erste
Frage war, ob er sie selbst gemacht habe, und Heinrich zgerte mit der Antwort;
denn noch war er zu hochmtig gegenber dem brigens freundlichen
Trdelmnnchen, zu gestehen, da die Not ihn mit seiner eigenen Arbeit in dessen
dstere Spelunke treibe. Der graue Krmersmann jedoch, wenn er ein sehr schlecht
beratener Kunstkenner war, verstand sich um so besser auf die Menschen und
schmeichelte dem Widerstrebenden ohne weiteres die Wahrheit ab, deren er sich,
wie er aufmunternd sagte, nicht zu schmen brauche, vielmehr zu rhmen htte;
denn die Sachen schienen ihm in der Tat gar nicht bel, und er wolle es wagen
und etwas Erkleckliches daranwenden. Er gab ihm auch so viel dafr, da Heinrich
einen oder zwei Tage davon leben konnte, und diesem schien das ein Gewinn,
dessen er froh war, obschon er seinerzeit lust- und fleierfllte Wochen ber
diesen Sachen zugebracht hatte. Jetzt aber wog er das erhaltene winzige Smmchen
nicht gegen den Wert seiner Arbeiten ab, sondern gegen die Not des Augenblickes,
und da erschien ihm denn der rmliche Handelsmann mit seiner kleinen Kasse noch
als ein freundlicher Wohltter; denn er htte ihn ja auch abweisen knnen, und
das wenige, was er mit gutem Willen und gutmtigen Gebrden gab, war so viel,
als wenn jene reichen Bilderhndler erkleckliche Summen fr eine Laune oder
Spekulation ihres ebenso unsicheren Geschmackes hingaben.
    Aber noch in Heinrichs Anwesenheit befestigte der alte Kauz die
unglcklichen Bltter an seinem Fenster, und Heinrich machte errtend, da er
fortkam. Auf der Strae warf er einen flchtigen Blick auf das Fenster und sah
die liebsten Erinnerungen an Heimat und Jugendarbeit de- und wehmtig an diesem
Pranger der Armut und Verkommenheit hangen.
    Aber nichtsdestominder schlich er in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu
dem Mann, welcher ihn ganz aufgeweckt und freundschaftlich empfing; denn er
hatte die ersten Sachen schon verkauft, whrend er sonst gewohnt war, seine
Erwerbungen jahrelang in seiner Obhut zu hegen und an seinen Trpfosten hngen
zu sehen. Sie wurden bald des Handels einig; Heinrich machte eine vergebliche
kurze Anstrengung, einen barmherzigern Preis zu erhalten; ungewohnt zu feilschen
und frchtend, den Handel abgebrochen zu sehen, da er nach der bestimmten
uerung, mehr haben zu wollen, ja nicht mehr htte nachgeben drfen oder gar
zum zweiten Male wieder kommen, war er bald froh, da der Alte nur noch
kauflustig blieb, und dieser munterte ihn auf, nur zu bringen, wenn er etwas
fertig htte (denn er bildete sich ein, der arme junge Knstler mache diese
Sachen vorweg), sich ferner zu bescheiden und hbsch fleiig und sparsam zu
sein, und die Zeit wrde gewi kommen, wo aus diesem kleinen Anfang etwas
Tchtiges wrde; dabei klopfte er ihm vertraulich auf die Achsel und forderte
ihn auf, nicht so traurig und einsilbig zu sein.
    Heinrichs ganzes knstlerisches Besitztum wanderte nun nach und nach in den
dunklen Winkel des immer kauflustigen Hkers; wenn es auch manchmal Monate
dauerte, bis dieser wieder etwas verkaufte davon, so blieb er sich doch gleich,
und hierin war es nun nicht zu verkennen, da der Alte, so knapp er Heinrich
hielt, denselben doch nicht wollte im Stiche lassen und auch bei der
Befrchtung, die ganze Bescherung auf dem Halse zu behalten, denselben nicht
abweisen wollte. Das war die Treue, die Gemtsehre der Armut und Einfalt. Mit
diesem Wesen schmeichelte er frmlich den armen Heinrich in eine groe Demut und
Vertraulichkeit hinein; denn nicht nur erzwang er von ihm eine gute Miene zum
bsen Spiel, sondern, wenn diese endlich erfolgte und Heinrich sich plaudernd
und lachend ein Stndchen bei ihm aufhielt, dann aber weggehen wollte, forderte
er ihn auf, nicht ins Wirtshaus zu laufen und sein Geldchen zu vertun, sondern
mit ihm etwas Geschmortes oder Gebratenes zu essen. Der allein lebende
katholische alte Gesell hatte nmlich bei aller Knauserei stets ein gutes
Gericht in dem Ofen seines dunklen Gewlbes stehen und war ein vortrefflicher
Koch. Bald war es eine Gans, bald ein Hase, welche er sich auf den Feiertag
zubereitete, bald kochte er meisterhaft ein gutes Gemse, welches er durch die
Verbindung mit krftigem Rind- oder Schweinsfleisch, je nach seinem Charakter,
zum trefflichsten Gerichte zu machen wute. Besonders verstand er sich auf die
Fastenspeisen, welche er mehr aus Schleckerei als aus Frmmigkeit nie umging,
und jeden Freitag gab es bei ihm entweder kstliche Fische, das heit ziemlich
bescheidene und wohlfeile Wassertiere, die er aber durch seine vielseitige Kunst
zum hchsten Rang erhob, oder es duftete eine Makkaronipastete in seinem Laden,
zwischen welche er kleine Bratwrstchen und Schinken hackte, welche unerlaubte
Fragmente er spahaft Snder nannte und, indem er seinem Gast vorlegte, eifrig
aussuchte und zuschob.
    Hiebei blieb er aber nicht stehen, sondern eines Tages, als er den armen
jungen Heiden besonders kirre gemacht, wickelte er eine fette Ganskeule nebst
einem Stck Brot in ein Papier und suchte es ihm schmunzelnd in die Tasche zu
stecken. Heinrich wehrte sich, ganz rot werdend, heftig dagegen; wie aber der
Alte den Finger aufhob und leise sagte Na, was ist denn das? Es braucht's ja
kein Mensch zu wissen! da ergab er sich demtig in den Willen des seltsamen
Mannes, der ein unerklrliches Vergngen zu empfinden schien, den ihm fremden
Menschen auf diese Weise gemtlich zu tyrannisieren. Das seltsamste war, da er
sich nicht um dessen Herkunft und Schicksal bekmmerte, nicht einmal fragte, wo
er wohne, und am wenigsten den Grnden seiner jetzigen Armut nachforschte. Das
schien sich alles von selbst zu verstehen.
    Heinrich trug dazumal die Ganskeule wirklich nach Hause. Auf der Schwelle
sah er ein Bettelweib sitzen, welches ihn in so erbrmlichen Tnen um
Barmherzigkeit anflehte, als ob es am Spiee stke, und Heinrich fuhr mit der
Hand in die Tasche, um hier auf die beste Weise das Nahrungsmittel anzubringen
und zugleich dem Alten einen Streich zu spielen. Wie er aber die elende und
hinfllige alte Frau nher ansah, da verging ihm endlich der letzte Stolz, und
statt des Fleisches gab er ihr eines der Geldstcke, die er eben von seinem
Gnner erhalten, ging auf seine Stube und a die Ganskeule aus der einen Hand,
aus der anderen das Brot, nicht um sich gtlich zu tun, sondern zu Ehren und zu
Liebe der Menschlichkeit und der Armut, welche die Mutter der Menschlichkeit
ist, und diese einsame Mahlzeit war gewissermaen seine nachgeholte und
verbesserte Abendmahlsfeier.
    So erhielt er sich ein gutes halbes Jahr, und so wenig der Alte ihm fr
seine mannigfaltigen Studienbltter, Skizzen und Zeichnungen gab, so waren
dieselben doch so zahlreich, da sie kein Ende zu nehmen schienen. Nie sagte ihm
der Wunderliche, wer eigentlich die Sachen kaufe und was er daran gewinne, und
Heinrich fragte nicht mehr darnach. Er war im Gegenteil froh, wie er nun
gestimmt war, alles hinzugeben und das krgliche Brot, welches die Welt ihm
gewhrte, verschwenderisch zu bezahlen, was nun freilich wieder nicht sehr
demtig war; aber der Mensch lebt vom Widerspruch! Indessen war das wenige, was
er erhielt, das erste, was er seinen eigenen Hnden verdankte, und desnahen
lernte er davon, sich einzurichten und sich mit wenigem zu begngen. Unter
seinen vielen Zechgesellen und Studiengenossen war es lngst bemerkt worden, da
er gnzlich verarmt sei; niemand fragte ihn aber darum, und da er das
tonangebende Wesen wieder verloren hatte oder, wenn es unerwartet sich geltend
machte, in Heftigkeit und Leidenschaft ausbrach, so lsten sich alle diese
munteren Verhltnisse, und Heinrich zog sich zurck und fand sich bald ganz
allein, oder wenn ihm dies unertrglich wurde, trieb er sich mit allerlei
zuflligen Gesellen, wie sie die hnlichkeit des Schicksales vorbergehend
herbeifhrte, herum.
    Gleichzeitig nahm aber sein ernhrender Jugendvorrat ein Ende, nachdem er
schon sorgfltig die letzten Fetzen und Fragmente zusammengesucht und fr den
Alten zugestutzt hatte. Endlich bot er ihm seine groen Bilder und Kartons an,
und der Alte sagte, er solle sie nur einmal herbringen. Heinrich erwiderte, das
ginge nicht wohl an, und bat ihn um so viel Geld, da er sie knne hertragen
lassen. Warum nicht gar, hertragen lassen! Sie Sapperloter! Gleich gehen Sie
hin und holen ein Stck her! Frchten Sie denn, man werde Ihnen den Kopf
abbeien? Und er schmeichelte und schalt so lange, bis Heinrich sich entschlo
und nach Hause ging und das Bild holte, welches er einst so unglcklich
ausgestellt hatte. Es war sehr schwer, und der weite Weg ermdete seine Arme auf
ungewohnte Weise. Der Alte aber lchelte und schmunzelte und rief Ei, ei! sieh,
sieh! das ist ja ein ganzes Gemlde! Verstehe nicht den Teufel davon! Aber
hochtragisch sieht's aus (er wollte sagen hochtragend oder hochstelzig), habe in
meinem Leben nichts so im Laden gehabt! Wissen Sie was, Freundchen, jetzt holen
Sie hbsch noch die anderen Sachen, damit wir alles beisammen haben. Nachher
wollen wir schauen, ob sich ein Handel machen lt. Gehen Sie, gehen Sie,
Bewegung ist immer gesund!
    Heinrich ging abermals nach seiner Wohnung und ergriff den grten Karton,
einen mit Papier bespannten Blendrahmen von acht Fu Breite und entsprechender
Hhe. Dies Ungetm war leicht von Gewicht, aber ungefg zu tragen wegen seiner
Gre, und als der unmutige Trger damit auf die Strae gelangte, blies sofort
ein lustiger Ostwind darein, da es Heinrich kaum zu halten vermochte. berdies
mute er, da die groe Fahne nur auf der Rckseite an der Kreuzleiste zu halten
war, die bemalte Seite nach auen kehren, und so begann er, sich dahinter
bestmglich verbergend, mit seiner Oriflamme durch die belebten Straen zu
ziehen. Alsobald zog eine Schar Knaben und Mdchen vor der wandelnden Landschaft
her, und jeder Erwachsene ging ebenfalls ein Dutzend Schritte daneben hin und
stolperte, whrend er die offenbaren und preisgegebenen Erfindungen Heinrichs zu
entrtseln suchte, ber die Steine. Zwei wohlhabende und angesehene Knstler
gingen vorber und betrachteten vornehm und verwundert den beschmten Trger,
der ihnen bekannt vorkam; er fuhr mit seiner spanischen Wand gegen einen Wagen,
den er nicht sehen konnte, so da die Pferde scheu wurden, der Fuhrmann fluchte,
und zugleich brachten starke Windste das ganze Wesen ins Schwanken, und dieses
stie Heinrichs Hut herunter, so da er nun nicht wute, sollte er den im Kote
dahinrollenden oder sein behextes Werk fahrenlassen. Diese Flucht seines Hutes
war einer jener kleinen lcherlichen Unflle, welche einen tiefen Verdru oder
grmliches Leiden auf den Gipfel bringen, und so stand Heinrich ganz elend und
ratlos da und unterdrckte einen bitterlichen Zorn im Herzen. Er war in der
Verwirrung mitten auf den Gemsemarkt geraten und konnte sich vollends nicht
mehr rhren. Fluchend tat er einen Ruck und schwang seinen Karton ber seinen
Kopf, um ihn dort in die andere Hand und in eine bequemere Lage zu bringen; als
das unselige Werk aber in der Luft schwebte, fand er nicht mehr Raum, es wieder
herunterzunehmen, und hielt es so ber den wogenden Kpfen der Menschenmenge.
Erst jetzt gab es einen rechten Auflauf auf dem Markte, denn das Luftphnomen
zog alle Leute herbei, die Fenster in den umliegenden Husern taten sich auf,
alles lachte, schimpfte und rief Wer wird denn mit solchem Ofenschirm ber den
Markt gehen um diese Zeit? Da drngte sich Heinrichs Gnnermnnchen aus dem
Dickicht, im grauen Schlafrock und seine weie Zipfelkappe auf dem Kopfe, ber
die Schulter ein Netz mit Gemse und Fleisch geworfen und Heinrichs bel
zugerichteten Hut in der Hand. Freundlich winkte die lcherliche Gestalt ihm zu,
und Heinrich streckte sehnlich die Hand nach seinem Hute. Aber der Alte rief mit
wahrer Dmonenfreude Nicht doch! mitnichten, Freundchen! Ihr kommt so viel
besser fort! will Euch den Hut schon tragen und den Weg bahnen! und der rmste,
er mochte flehen, wie er wollte, mute mit bloem Kopfe, den mchtigen Rahmen
ber demselben schwingend, den brigen Weg zurcklegen, den schlurfenden Alten
mit seinem Netz vor sich her, der sich zu grerer Bequemlichkeit den Hut ber
die Zipfelkappe gestlpt hatte und schreiend und lrmend voranschritt.
    Als sie endlich vor dem Huschen des Alten angekommen und die Unheilsfahne
mit vieler Mhe in den engen Laden hineingezwngt hatten, schien das freundliche
boshafte Greischen befriedigt. Er ffnete ausnahmsweise sein kleines Pult zur
Hlfte, denn bisher hatte er seine winzigen Auszahlungen immer aus der
Hosentasche bestritten, und griff behutsam unter den Deckel, wie einer, der eine
Maus aus der Falle herausgreifen will, und indem er die Hand zurckzog, drckte
er dem ausruhenden Heinrich zehn nagelneue Guldenstcke in die Hand fr die
beiden Schildereien, ohne ihn zu fragen, ob er damit einverstanden sei. Fr
einmal, sagte er zutraulich leise, will ich es mit diesen beiden Tausendsassas
von Bildern wagen! Wenn ich sie auch behalten mu, was tut's? Ihr seid mir darum
nicht feit, Freundchen, Schweizerchen! habt Euch heute gut gehalten, wie? h h
h, hi hi hi, was ist das fr ein Kreuz mit so hochfahrendem Blute!
    Heinrich sagte kurz und bndig Das versteht Ihr nicht, alter Herr! - Was
versteh ich nicht? flsterte der Alte, und der Junge wollte fortfahren Es ist
nicht das, was Ihr meint, etwa Hochmut oder dergleichen es ist vielmehr der
bescheidene Wunsch, nicht aller Welt in die Augen zu fallen und Narrheiten zu
treiben auf offener Strae; denn ein Renommist und ein Narr ist, wer mit einer
Kleinigkeit einem armen Teufel dienen knnte und ihn das tun lassen, wozu er
geschickt und gewhnt ist, und statt dessen selber auf Abenteuer ausgeht -; der
unbelehrbare Alte lie ihn aber nicht ausreden, sondern zwang ihn, noch einen
Fischschwanz aufzuessen, oder vielmehr die Brhe aufzutunken, welches die
Hauptsache sei, und er lie ihn nicht eher los, bis er den Teller, an welchem
ein Stck Rand fehlte, ganz leer gegessen. Erst als das geschehen, sah Heinrich,
da der Tyrann vom Fenster eine groe Zeichnung weggenommen hatte, so da der
essende Heinrich in der Spelunke recht sichtbar wurde, und er grte dabei mit
seiner Zipfelmtze grinsend nach allen Seiten, um die Leute aufmerksam zu machen
und herbeizuziehen. ber dieses sonderbare Vergngen des Mnnchens mute endlich
Heinrich so herzlich lachen, da er ganz aufgeweckt wurde und in seiner Freude
dem Alten die Zipfelmtze abri und sich selbst aufsetzte. Zugleich trat aber
auf dem kahlen Schdel des Alten eine seltsame Erhhung oder runder Wulst
zutage, ein hgelartiger Auswuchs des Knochens, und auf dieser einsam ragenden
Extrakuppe ein stehengebliebenes Wldchen grauer Haare, was einen hchst
lcherlichen Anblick gewhrte. Die zornige Verlegenheit des also Beschaffenen
bewies, da dieses sein Geheimnis und seine schwache Seite war; aber Heinrich
hatte ihm, als er dies gesehen, unwillkrlich die Zipfelmtze so blitzschnell
wieder aufgesetzt und geriet selbst in so harmlose Mitverlegenheit, da der Alte
sich halb schmunzelnd, halb murrend zufriedengab und berdies etwas nachdenklich
wurde.
    Heinrich hatte indessen lange nicht soviel Geld besessen wie jetzt, und er
beschlo, ehe dasselbe zu Ende gehe, sich neues zu erwerben und, was im groen
nicht hatte gelingen wollen, allmhlich im kleinen zu versuchen. Da seine guten
Studienbltter alle verschwunden waren, so machte er sich daran, welche aus dem
Stegreif zu schaffen, und fabrizierte in kurzer Zeit eine Anzahl flchtiger,
aber bunter und kecker Skizzen, ohne An dacht und Liebe, denen man es auf den
ersten Blick ansah, da sie nicht im Freien, sondern in der Stube entstanden.
ber dieser herzlosen Beschftigung stand natrlich alles tiefere und innere
Streben und Sein vollends still, wie denn auch, da kein Buch mehr in seinem
Besitze war und er sich aus den Hrslen zurckgezogen, seine Selbstbildung von
dieser Seite unterbrochen war, indessen er sich in einer anderen Schule befand,
wo der Alte Professor war; denn man kann nicht alles zumal treiben. Der Alte
empfing ihn aber ganz vergngt mit den neuen Sachen, die ihm sehr in die Augen
sprangen; er nahm ihm ab, was er ihm brachte, war aber nach einiger Zeit
verwundert, da er hievon auch nicht ein Stck verkaufte und der Kufer, welcher
die guten Sachen alle geholt hatte, pltzlich wegblieb. Er teilte dies seinem
Schtzling mit, schob aber die Schuld auf die Wunderlichkeit und den Eigensinn
der Leute und forderte Heinrich auf, nur nicht nachzulassen, sie wollten einmal
auf den Vorrat arbeiten, bis sich neue Kufer finden wrden. Heinrich konnte das
aber nicht lnger mit ansehen und sagte dem Alten, da er wahrscheinlich nie
einen Fetzen von dieser neuen Art verkaufen wrde und da er sein Geld, so wenig
es sei, wegwerfe. Ganz verblfft verlangte der Alte eine deutlichere Belehrung,
und Heinrich setzte ihm, so gut es ging, auseinander, welcher Unterschied
zwischen diesen und den frheren Sachen bestehe, wie jene eben etwas Gewordenes,
diese etwas Gemachtes seien, jene ohne des Knstlers besonderes Verdienst von
einem ganz bestimmten Stoff und Wert, diese dagegen vollkommen wertlos. Er sei
nun sogar froh, setzte er hinzu, da diese Industrie vollstndig milungen, und
um sein Gewissen vollstndig zu beschwichtigen, zog er seinen Geldbeutel, der
die zehn Gulden enthielt, und anerbot dem Alten, ihm wieder zu ersetzen, was er
ihm fr die liederlichen Arbeiten gegeben. Denn er hatte jetzt vollstndig das
Schmhliche einer hohlen herzlosen Ttigkeit empfinden gelernt, die, ohne nur
eine ordentliche ehrliche Handarbeit zu sein, sich den Schein eines edleren
Berufes gibt.
    Der Alte hrte aufmerksam zu, nahm eine Prise ber die andere, lchelte dann
schlau und vergngt, indem er das angebotene Geld sogleich einstrich, und
streichelte dem Jungen die Backen, welcher Liebkosung sich dieser sachte entzog.
Er hatte den Ersatz unwillkrlich angeboten und war jetzt doch etwas betroffen,
denselben angenommen zu sehen, da seine kleine Barschaft dadurch stark abnahm,
ohne nun weiter zu wissen, was er tun sollte.
    Der Alte aber nahm ihn bei der Hand und sagte Nur munter, Freundchen! wir
wollen sogleich eine Arbeit beginnen, die sich sehen lassen kann und wird! letzt
sind wir gerade auf dem rechten Punkt, da darf nicht gefeiert und nicht gemault
werden! Und er fhrte und schob ihn in ein noch dunkleres Verlies, das hinter
dem Laden lag und sein Licht nur durch eine schmale Schiescharte empfing, die
in der feuchten schimmligen Mauer sich auftat. Als Heinrich sich einigermaen an
diese Dunkelheit gewhnt, erblickte er das Loch angefllt mit einer Unzahl
hlzerner Stbe und Stangen, ganz neu, rund und glatt gehobelt, von allen Gren
lastweise an den Wnden stehend. Auf einer verjhrten, lngst erloschenen
Feueresse, welche das Denkmal irgendeines Laboranten war, der vielleicht vor
hundert Jahren in diesem Finsternis sein Wesen getrieben, stand ein tchtiger
Eimer voll weier Leimfarbe inmitten mehrerer Tpfe mit anderen Farben, jeder
mit einem migen Streicherpinsel versehen. In vierzehn Tagen, lispelte der
Alte, abwechselnd schreiend, wird die Braut unseres Kronprinzen in unserer
Residenz ihren Einzug halten; die ganze Stadt wird geschmckt und verziert
werden, Tausende und Abertausende von Fenstern werden mit Fahnen in unseren und
den Landesfarben der Braut versehen; Kattunfahnen von jeder Gre werden die
nchsten zwei Wochen die gesuchteste Ware sein, habe schon zweimal in meinem
Geschft den Witz mitgemacht und jedesmal ein gut Stck Geld verdient; wer der
erste, Schnellste und Billigste ist, der hat den Zulauf. Darum frisch dran,
keine Zeit zu verlieren! Habe schon seit zwei Wochen vorgesehen und Stcke
machen lassen, weitere Lieferungen sind bestellt, das Kattunschneiden und Nhen
wird ebenfalls beginnen, Ihr aber, Schweizermnnchen, mt die Stangen
anstreichen. Bst! nicht gemuckst! Hier fr diese groen gebe ich einen Kreuzer
das Stck, fr diese kleineren einen halben, von diesen ganz kleinen aber,
welche fr die Mauslcher und Blinzelfenster der Armut bestimmt sind, mssen
vier Stck auf den Kreuzer gehen! Jetzt aber pat auf, wie das zu machen ist,
alles will gelernt sein!
    Er hatte schon mehrere Stcke teils halb, teils ganz vorgearbeitet; nachdem
die Stange mit der weien Grundfarbe versehen, welche fr beide Landesfarben
dieselbe war, wurde sie durch die andere Farbe mit einer Spirallinie umwunden.
Der Alte legte eine grundierte Stange am einen Ende in die Schiescharte, hielt
sie mit der linken Hand waagerecht, und indem er, den Pinsel eintauchend,
Heinrich aufmerksam machte, wie dieser nicht zu voll noch zu leer sein drfe,
damit eine sichere und saubere Linie in einem Zuge entstnde, begann er, die
Stange langsam drehend, von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen,
womglichst ohne zu zittern oder eine Stelle nachholen zu mssen. Er zitterte
aber doch, auch geriet ihm der weie Zwischenraum nicht gleichmig, so da er
das milungene Werk wegwarf und rief Item! auf diese Weise mein ich's! Eure
Sache ist es nun, das Zeug besser zu machen, denn wofr seid Ihr jung?
    Heinrich legte nun auch eine Stange in die Schiescharte und versuchte sich
in dieser seltsamen Arbeit, und bald ging es ganz ordentlich vonstatten, whrend
der Alte vorn im Laden hauste und zwei oder drei Nhtermdchen, die sich
eingefunden hatten, rstig Zeug zuschnitt, damit sie es in zwei Farben
zusammennheten.
    Drauen war es anhaltend das lieblichste Sommerwetter, der Sonnenschein lag
auf der Stadt und dem ganzen Lande, und die Leute trieben sich lebhafter als
sonst im Freien herum, teils im Verkehre fr die zu treffenden Vorbereitungen,
teils im Vorgenu der kommenden Festtage, welche dies dem Genusse nachhangende
Volk recht auszubeuten gedachte. Der Laden des Alten war angefllt mit Leuten,
welche Fahnen bestellten und holten, nhenden Mdchen, Tischlern, die Stangen
brachten, und er selbst regierte, lrmte und hantierte dazwischen herum, nahm
Geld ein und zhlte Fahnen, und ab und zu ging er einmal in Heinrichs Verlies
hinein, wo dieser mutterseelenallein in dem blassen Lichtstrahl der Mauerritze
stand, seinen weien Stab drehete und die sorgfltige reinliche Spirale zog.
    Der Alte klopfte ihm dann sachte auf die Schulter und flsterte ihm ins Ohr
So recht, mein Shnchen! dies ist die wahre Lebenslinie; wenn du die recht
akkurat und rasch ziehen lernst, so hast du vieles gelernt! Und wirklich fand
Heinrich in dieser einfachen und verachteten Arbeit allmhlich einen solchen
Reiz, da ihn, die langen Sommertage, in diesem Loch zugebracht, gleich Stunden
vorbergingen. Er hatte sich bald eine groe Geschicklichkeit erworben, welche
trotz ihrer Geringfgigkeit recht bedeutsam war; denn nicht nur galt es, die
ewige Linie ohne Ansto und Aufenthalt, ohne Abschweifung und Ungleichheit
fortzufhren, sondern sie auch so zu beschleunigen, da es berhaupt der Mhe
lohnte und den Anforderungen gengt wurde, ohne da durch die Eile die Arbeit
schlechter wurde und die Linie sich verwirrte.
    Unablssig zog er dieselbe, gleichmig, rasch und doch vorsichtig, ohne
zuletzt einen Klecks zu machen, einen Stab ausschlieen zu mssen oder einen
Augenblick zu verlieren durch Unschlssigkeit oder Trumereien, und whrend sich
so die umwundenen Stbe unaufhrlich anhuften und weggingen, whrend ebenso
unaufhrlich neue ankamen, um welche alle sich dasselbe endlose Band hinzog,
wute er doch jeden Augenblick, was er geleistet, und jeder Stab hatte seinen
bestimmten Wert. Er brachte es in den ersten Tagen so weit, da ihm der ganz
verdutzte Alte am Abend jedesmal nicht weniger als zwei Kronentaler auszahlen
mute. Erst sperrte er sich dagegen und schrie, er htte sich verrechnet; als
aber Heinrich mit einer ihm ganz neuen Beharrlichkeit erklrte, so ginge es
nicht, und ihm nachwies, da er froh sein msse, soviel liefern zu knnen, indem
ihn Heinrichs erworbene Fertigkeit nichts anginge, gab sich, der Alte mit einer
gewissen Achtung und forderte ihn auf, nur so fortzufahren, denn die Sache sei
bestens im Gange. Wirklich hatte er auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte
einen groen Teil der Stadt mit seinen Freudenpanieren. Heinrich drehte
unverdrossen seinen Stab, und zwar so sicher und gelufig, da er dabei ein
ganzes Leben durchdrehte und auf der sich abwickelnden blauen Linie eine Welt
durchwanderte, bald traurig und verzagt, bald hoffnungsvoll, bald heiter und
ausgelassen, die schnurrigsten Abenteuer erlebend.
    Am Abend, nachdem er in einer entlegenen Schenke ein sprliches Abendbrot
gegessen, seinen Erwerb geizig zusammenhaltend, kehrte er mde und zufrieden in
seine Wohnung zurck und konnte kaum den Tag erwarten, wo er in aller Frhe
wieder an die seltsame Arbeit gehen durfte.
    So kam endlich der Tag heran, an welchem die knftige Knigin ihren Einzug
hielt. Schon am frhen Morgen fingen die Straen an, das allerbunteste Gewand
anzuziehen, und die Bevlkerung wogte hin und her, der besitzende, angesessene
oder abhngige Teil noch mit den Anstalten beschftigt, der mige und
unabhngige Teil gaffend und sich an dem Tun der anderen vergngend. Werkleute
hmmerten und kletterten an Gersten und Ehrenbogen umher, Grtner und Bauern
fhrten ganze Lasten grnen Zeuges herbei, indessen die Behrden und Znfte auf
den Beinen waren und ihren Aufzug in zwecklosem Umherstehen und - gehen den
ganzen Tag hielten. Die dicke gespreizte Magistratsperson, die nicht wute, wo
ihr der Kopf stand vor aufgeblhtem Eifer, Wohldienerei und Wichtigtuerei,
rannte die arme Witwe ber den Haufen, die noch in der letzten Stunde ein
Krnzchen oder Fhnchen herbeiholte, und der reiche Hofschuhmacher stie mit der
ungeheuren Schilderei, welche er an seinem Laden aufrichtete, der ber ihm
wohnenden alten Jungfer den verblhten Myrtenstock herunter, welchen die Geizige
statt allen Aufwandes vor das Fenster gesetzt.
    Im Laden des Alten war es allmhlich leer geworden, nur einzelne arme Leute
kamen am Nachmittage noch, um nach reiflichem Entschlusse und Erwgung des
Nutzens oder des Schadens, welchen die Unterlassung bringen knnte, noch eine
billige Fahne oder zwei zu holen, und feilschten hartnckig um den Preis. Der
Alte zhlte jetzt seine Einnahme, und vollauf damit beschftigt, forderte er
Heinrich auf, sich jetzt hinauszumachen, unter die Leute zu gehen, den Einzug
anzusehen und sich etwas gtlich zu tun. Sie machen sich wohl nichts daraus,
wie? fgte er hinzu, als er sah, da der Aufgeforderte keine besondere Lust
zeigte, sehen Sie, so wird man gesetzt und klug! Schon weiser geworden dahinten
bei der alten Esse in der kurzen Zeit! Das ist recht, so mu es kommen! Aber
geht dennoch ein bichen hinaus, Liebster, und wre es nur, um einmal die Sonne
zu genieen und ein schnes junges Knigskind anzusehen. Heinrich fhlte sich
nicht berufen, dem Alten auseinanderzusetzen, inwiefern er recht oder unrecht
habe mit seiner Zufriedenheit und seiner Anschauung, ging jedoch vor die Stadt
hinaus, um jedenfalls etwas Luft zu schpfen. Er sah nun auf dem Wege die ganze
Herrlichkeit fertig und mit einem Male, alles schwamm, flatterte, glnzte und
schimmerte in Farben, Gold und Grn, und ein unzhliger Menschenstrom wlzte
sich vor das Tor, wo eine schon vorhandene gleiche Menge auf dem Felde lagerte
und zechte, als ob es glte, ein Ilion von Tonnen zu bezwingen. Aber die goldene
Nachmittagssonne rechtfertigte und verklrte allen Lrm, alles Toben und alle
Lust; Heinrich atmete tief auf, und es war ihm zu Mut, als ob er ein Jahr lang
am Schatten gelegen htte in einem kalten Gefngnis, so wrmend und wohltuend
strmte der goldene Schein auf ihn ein.
    Pltzlich ertnte Kanonendonner, Glockengelute ber der ganzen
weitgedehnten Stadt, Musik erschallte an allen Enden, die Trommeln wurden
gerhrt, auf der breiten Landstrae wlzte sich erst ein laufender
Menschenknuel daher, dann rasselte ein geharnischter Reiterhaufen, ritten
Beamtete aller Art heran, und an der Spitze eines langen Wagenzuges rollte jetzt
der Blumenwagen vorber, in welchem ein liebliches junges Mdchen sa in
Reisekleidern und hchst vergngt das tobende Volk begrte. Doch alles ging so
schnell vorber wie ein Traum, und hinter den letzten Reitern flutete die Menge
zusammen und bedeckte, sich langsam nach der Stadt wlzend, alle Gehfte,
Wirtshuser und Schenken im Umkreise und fiel singend, lrmend, prgelnd in die
zahllosen Fallen, welche ihr die stillen Spekulanten des Tages berall
aufgestellt.
    Auch Heinrich schlenderte in die Stadt zurck und unterhielt sich nun damit,
seine Fahnenstangen vor den anderen herauszusuchen; er kannte sie bald an
verschiedenen Zeichen, und ein um das andere Haus wies diese Erzeugnisse seines
Fleies auf. Unversehens aber erwachte der Republikaner in ihm, und er rief
schmerzlich in sich hinein Das ist also nun das Ende vom Liede, da du in
dieser Stadt sitzest und solchen Unsinn beitrgst zum Unsinn! Und als ob alle
Leute ihm ansehen knnten, da er die unzhligen Stngelchen und Stangen bemalt,
whrend in der Tat kein Sterblicher eine Ahnung hatte auer dem Alten, eilte
Heinrich voll Scham und Zerknirschtheit wieder aus der Stadt an den abendlichen
Flu hinaus und in die schnen Gehlze, die sich lngs desselben hinzogen. Er
ging auf denselben Wegen, auf welchen er einst in Floribus als hoffnungsreicher
Kunstjnger gefahren und gegangen in jener grnen Narrentracht und mit Ferdinand
Lys gestritten hatte. Die politischen Bedenken wegen seiner Steckenarbeit traten
jetzt zwar zurck, aber nur, um noch tieferen Platz zu machen. Das war nun,
sagte er sich, so ein Stck Schulzeit in der Schule dieses Alten! aber nun ist
es nachgerade mehr als genug! Der rauschende Flu, die rauschenden Bume, die
balsamische Luft der hereinbrechenden Nacht, die er alle so lange nicht
genossen, schienen ihn aufzurufen zur Treue gegen sich selbst und zum Widerstand
gegen jedes unnatrliche Joch und schienen zu singen Siehe, wir rauschen, wehen
und flieen, atmen und leben und sind alle Augenblicke da, wie wir sind, und
lassen uns nichts anfechten. Wir biegen und neigen uns, leiden und lassen es
ber uns dahinbrausen und brausen selbst mit und sind doch nie etwas anderes als
das, was wir sind! Wir gehen unter und leben doch, und was wir leben, das sorgen
wir nicht! Im Herbst schtteln wir alle Bltter ab, und im Lenz bekleiden wir
uns mit jungem Grn; heute verrinnen wir und scheinen versiegt, und morgen sind
wir da und strmen einher, und ich, der Wind, wehe, wohin ich mu, und tue es
mit Freuden, ob ich auf meinen Flgeln Rosengerche trage oder die Wolken des
Unheils!
    Als Heinrich nach der Stadt zurckkehrte, beschlo er, nie mehr zum Alten zu
gehen, mge ihm geschehen, was da wolle, und so schwer es ihm auch fiel; denn er
hatte das ungewhnliche graue Mnnchen liebgewonnen.

                               Siebentes Kapitel


Den andern Morgen, als Heinrich aufgestanden, empfing er einen Besuch von seiner
Hauswirtin, welche eine unvermgliche Frau war und einen ganzen Trupp Kinder zu
ernhren hatte, whrend ihr Mann seinen Erwerb anderweitig hintrug. Heinrich war
ihr seit einem halben Jahre die Miete schuldig; denn dies war ein Gegenstand,
welcher ihm keine Wahl lie, Schulden zu machen oder nicht, da er ein Obdach
haben mute. Die arme Frau hatte ihn nie gedrngt und wute, da die, so in
Sorgen leben, am besten mit Geduld und Nachsicht zusammen aus kommen, was aber
dann eine um so grere Zuverlssigkeit und Ehrlichkeit mit sich bringt, die
wiederum nicht so wohl wie eine harte Geschftspflicht als mit frohem Dank
aufgenommen wird. Jetzt bat sie ihn um Berichtigung seiner Schuld, da mit ihrer
Beobachtung, da Heinrich einiger Barschaft froh war, zugleich das eigene, nicht
eine Stunde lnger zu ertragende Bedrfnis sich gesteigert hatte, und zwar in
aller Aufrichtigkeit und berzeugung. Denn das ist das ergtzliche und artige
Band bei der Armut, wenn eines ein Hppchen erschnappt hat, so schreit das
andere, das sich bislang ganz still gehalten, pltzlich und ohne Bosheit, als ob
es am Spiee stke, und dieser liebenswrdige Wechsel von Entbehrung und
Mitgenu, von Opfer- freudigkeit und unverhohlenem Anspruch lt sie nur um so
natrlicher und menschlicher empfinden und zum Vorschein kommen. Heinrich, der
seinerseits ebenso unbefangen nicht an seine Schuld gedacht hatte, war in der
gleichen Unbefangenheit nur froh, der Frau sogleich gengen zu knnen, und sah
sich, ehe er sich ganz ermuntert, beinahe des ganzen Ergebnisses seiner
Spirallinie beraubt. So erfuhr er nun eine noch bedeutsamere Seite der
Schuldbarkeit und Pflichterfllung, nmlich wie es tut, wenn man nicht etwa nur
mit leicht erworbenen oder fremden Mitteln zierlich und gern seine Pflicht lst,
sondern auch mit der Frucht der bitteren und anhaltenden Arbeit Recht und
Menschlichkeit zufriedenstellt, ehe man an die eigene Not denkt. Dies war sein
glckliches Erbgut, das weit mehr in seinem Blute als in seinem Wissen lag, da
er durchaus keinen Unterschied zu machen vermochte zwischen dem Gelde, das er
ohne Mhe durch die Sorge anderer erhalten, und zwischen dem, was er sich sauer
erworben; denn es hinderte ihn nun, in der Versuchung der Not jener Klugheit und
anscheinend gerechtfertigter Berechnung zu verfallen, welche so manche Menschen
in schlimmeren Zeiten wohl schlau ber dem Wasser hlt, aber nur um sie dann
gnzlich in Selbstsucht und Gemtsschmutz untergehen zu lassen.
    Die bedrngte Wirtin befreite sich noch am selben Tage von einer Menge
kleiner heftiger Glubiger, erhielt neuen Kredit beim Bcker, tat sich etwas
gtlich mit ihren vom Vater verlassenen Kindern, erwarb sogar ein Stck geringen
Zeuges zu neuen Hemdchen fr dieselben, kurz, sie atmete auf und lebte nach
ihrer Weise herrlich und in Freuden, whrend Heinrich am gleichen Tage einen so
ratlosen Zeitraum antrat, wie er ihn vor kurzem noch nicht geahnt. Hatte sich
seine Wohnung von allem Besitztume geleert, so sah er jetzt, da sie dennoch
noch leerer und kahler werden konnte, indem er von den letzten, fast vllig
wertlosen Gegenstndchen und Bruchstcken zehrte, und bald sah es so verzweifelt
drr und hoffnungsarm um ihn aus, da die Wirtin ihn auffordern mute, sich eine
andere Wohnung zu suchen; denn er war nun, wie sie wohl sah, unter den Stand
ihrer eigenen Armut hinabgesunken, und bei dieser Ungleichheit lag es nicht mehr
in ihrem Vermgen, etwa auf sein besseres Glck zu bauen und die Selbsterhaltung
hintanzusetzen.
    So zog er mit seinem leeren Koffer, in welchem allein das Buch seiner
Jugendgeschichte lag, in eine neue Wohnung und erlebte es zum ersten Male, von
unbekannten Leuten gleich als Habenichts ohne Hflichkeit und mit Mitrauen
empfangen und angesehen zu werden, als sie seine Nichthabe bemerkten. Er ging
jetzt auch schlecht in Kleidern einher und mute tausend Geschicklichkeiten
erwerben, dies so gut als mglich zu verbergen, und alles dies und wenn ihm das
Wasser in die zerrissenen Sohlen drang, lehrte ihn mit stummer Beredsamkeit die
menschlichen Dinge zu empfinden und zog und bog den grnen Zweig seines Wesens
krftig nach allen Seiten, da er geschmeidig wurde.
    Er ertrug das Hrteste ohne Verbitterung und ohne Hoffnungslosigkeit, wohl
fhlend, da eher ein Berg einstrzt, als ein Menschenwesen ohne angemessene
Schuld zugrunde geht; wenn er sich selbst sah, wie er ebenso still und geduldig
alle Strapazen, Entbehrungen und Demtigungen zu bestehen als behende und
begehrlich, wie ein hungriges Fchslein, ein sich darbietendes Lebensmittelchen
zu erschnappen und auch dem Allerwenigsten dankbar einen hohen Wert beizulegen
verstand, ohne sich doch gierig und tierisch zu gebrden, so bte er sich gerade
an diesem Schauspiel, sein besseres Bewutsein ber dasselbe zu erheben ohne
geistige berhebung und Mystizismus und sein edleres Ich beschaulich aus dem
dunklen Spiegel der leiblichen Not zurckleuchten zu sehen.
    Es fand sich und kam ihm gut, da Heinrich von Natur aus verstand, geduldig
zu sein und ueres leibliches Leidwesen zu dulden, ohne die Beweglichkeit der
Seele zu verlieren. Diese Kunst des Duldens, welche das Christentum vorzglich
sich angeeignet und zu einer ausgebildeten Kultur erhoben hat, ist eine lbliche
Eigenschaft des ursprnglichen Menschen, und das Christentum hat sie weder vom
Himmel geholt noch sonst erfunden, sondern fertig im Vermgen des Menschen
vorgefunden, und sie ist so gut weltlicher Natur, da nicht nur kluge und edle
Heiden sie besessen, sondern auch am kranken und leidenden Tiere tglich zu
sehen ist, und zwar nicht zum Zeugnis ihrer Niedrigkeit, sondern ihrer
mageblichen Ursprnglichkeit und Natrlichkeit. Freilich ist das Dulden der
meisten Christen lngst nicht mehr dieser edle und kraftvolle Grundzug, sondern
ein knstliches Wesen, welches darauf hinausluft, so bald als mglich nicht
mehr dulden zu wollen und fr das Erduldete hinlnglich entschdigt zu werden,
daher auch die gedankenlosen und lrmenden Gegner des Christentums das Kind mit
dem Bade ausschtten, alles Leiden entweder fr Heuchelei und Beschrnktheit
oder fr Feigheit halten und sich gebrden wie eigensinnige kreischende Kinder,
die keine Suppe essen wollen.
    Obgleich Heinrich das Unglck um seiner selbst willen ertrug als eine ins
Leben getretene, sehr deutlich gestaltete Sache, die um ihrer Klarheit willen zu
einem Gute wurde, so verfiel er doch tglich immer wieder der christlichen
Weise, Gott um unmittelbare Hilfe zu bitten in allen mglichen Tonarten, und
zwar nicht seinetwegen, sondern um seiner Mutter willen, da deren Ruhe und
Wohlfahrt jetzt von seinem eigenen Befinden abhing. Seit ihr letztes Opfer einen
so pltzlichen schlechten Erfolg gehabt, war es ihm nicht mglich gewesen, ihr
wieder zu schreiben, da er ihr nichts Gutes berichten konnte und sie doch nicht
anlgen mochte. Von Woche zu Woche eine gnstigere Wendung verhoffend, verschob
er das Schreiben, bis eine so lange Zeit verstrichen war und sich ein trauriges
Schweigen so in ihm festgesetzt hatte, da er dieses nun nicht mehr brechen zu
knnen meinte als zugleich mit den wohlgeflligsten Nachrichten und am besten
mit einer glcklich bestellten Rckkehr. Die Mutter hatte ihm noch einigemal
geschrieben und die Hoffnung seiner baldigen Heimkehr jedesmal mit der
Todesanzeige eines Verwandten, Freundes oder Nachbarn geschlossen, so erst mit
derjenigen des Schulmeisters, des Oheims, dann mit derjenigen alter Leute sowohl
wie junger krftiger Menschen aus Dorf und Stadt, und zahlreiche
Familienereignisse und Vernderungen, Entfremdung alter Verhltnisse, Untergang
manches bekannten Wohlergehens und Daseins und die Begrndung gnzlich neuer
verkndeten vollends dem fernen Sohne die unerbittliche Flucht der Zeit und
lieen ihn die Vereinsamung seiner Mutter und den Wert eines jeden Tages doppelt
fhlen. Als sie aber keine Antwort mehr erhielt, schwieg sie endlich still, und
nun sprach diese Stille beredter als alle Briefe in Heinrichs Seele, welcher
sich doch nicht rhren noch regen konnte.
    So kam es, da er, whrend er fr seine Person sich schuldlos fhlte und die
Dinge nicht frchtete, in Ansehung seiner Mutter eine groe Schuld erwachsen
sah, an der er doch wieder nicht schuld zu sein meinte, und daher wute er in
diesem Doppelzustande keinen andern Ausweg, als Gott zu bitten, seine Mutter vor
Kummer und Leid zu schtzen. Da er bei diesem Schtze selber gut wegkam,
darber gab er sich vollkommen Rechenschaft und suchte sich zu berzeugen, da
dennoch sein Gebet uneigenntzig und es ihm durchaus nicht um sich selbst zu tun
sei; dann mute er sich aber wieder sagen, da seine Mutter ohne Zweifel zu
Hause in der nmlichen Weise Gott fr ihr Kind und nicht fr sich selbst bitte,
und da doch alles beim alten blieb und Gott in der Mitte der sich kreuzenden
flehentlichen Bitten sich ganz still verhielt, so vermehrten starke Zweifel an
der Vernnftigkeit dieses ganzen Wesens sein Leid und sein Schuldbewutsein.
Denn wenn er sich bemhte, um sich das Verhalten eines wirklich vorsehenden und
eingreifenden Gottes glaubwrdig und begreiflich zu machen, an der Mutter selbst
eine Art Schuld aufzufinden, welche eine solche Leidensschule verursacht, so
konnte er keine finden, und diese ganze Untersuchung dnkte ihn lsterlich und
unkindlich; oder wenn er endlich, etwa dachte, da vielleicht gerade das
ngstliche Wesen der Mutter in irdischen Dingen, der groe Wert, den sie auf ein
sicheres Auskommen und auf eine herbe Sparsamkeit legte, ihr Vergehen sei,
welches eine weise Schule Gottes hervorgerufen, so konnte er doch zwischen der
anhaltenden und bitteren Strenge dieser Schule und der geringfgigen harmlosen
und unschdlichen Ursache derselben durchaus kein gerechtes und weises
Verhltnis finden, und wenn noch irgend etwas Verhltnismiges da war, so
dnkte es ihn ertrglicher und edler, es lediglich als die innewohnende
Folgerichtigkeit und Notwendigkeit der Dinge zu betrachten, als es dem
vorstzlichen Benehmen eines berkritischen Gottes zuzuschreiben.
Nichtsdestominder wandte er sich jedesmal, wenn das verlorene Schweigen zwischen
ihm und der Mutter recht in ihn hineinfra, wieder mit einem wahren
sehnschtigen Hllenzwang von heien Gebeten an eben diesen sich muschenstill
verhaltenden Gott.
    Als er eines Tages niedergeschlagen und in schlechten Zustnden auf der
Strae ging und sich von keinem Menschen beachtet glaubte, kam ein stattlicher
junger Brgersmann mit einem blhenden Weib am Arme auf ihn zu und redete ihn in
seiner Heimatsprache an, welche ihm wie ein Laut aus besserer Welt klang in dem
Rauschen und Drhnen der fremden Stadt. Der Landsmann zeigte sich erfreut, ihn
endlich gefunden zu haben, und verkndete ihm Gre von seiner Mutter. Whrend
in Heinrich se Freude und trauriger Schreck sich mischten und bekmpften und
er rot und bla wurde, erzhlte der Fremde, wer er sei, und wunderte sich, von
Heinrich nicht gekannt zu sein. Es war aber niemand anders als ein nchster
Nachbar des vterlichen Hauses und jener junge Handwerker, welcher mit Heinrich
am gleichen Tage in die Fremde gezogen, aber zu Fu und ein schweres Felleisen
tragend, von seiner armen Mutter begleitet, indessen jener so hoffnungsvoll auf
dem Postwagen in die Welt hineinfuhr. Sich in seinem einfachen Handwerk
beschrnkend und nichts anderes kennend als die unermdete Nutzanwendung seiner
fleiigen und geschickten Hand, jeden Vorteil fr dieselbe ersehend und die
Augen berall aufmachend, aber nur auf ein und denselben Gegenstand gerichtet
und allerorten nur diesen sehend, war er nach wenigen Jahren als ein
wohlgeschulter und entschlossener junger Mann zurckgekehrt und begann die
Grndung seines Hauses mit so zweifellosem und glcklichem Willen, als ob es gar
nicht anders hergehen knnte, und die Welt empfing und frderte ihn dabei, als
ob es nur so sein mte, von seinem klaren Mute angezogen und bezwungen, und als
Pfand gab sie ihm ein schnes und wohlhabendes Brgermdchen zur Frau, mit
welcher er jetzt eben, nicht ohne kluge geschftliche Nebenzwecke, die
Hochzeitreise machte.
    Er hatte vor seiner Abreise bei Heinrichs Mutter angefragt, ob sie etwas fr
ihren Sohn auszurichten htte, und diese, indem sie mit Beschmung gestehen
mute, da sie nicht einmal wisse, wo er sei, und sich zu diesem Gestndnis nur
widerstrebend verstand, bat ihn, den Sohn aufzusuchen und denselben
aufzufordern, ihr Nachricht von sich zu geben, oder ihn womglich zu bestimmen,
nach Hause zu kommen.
    So stand Heinrich nun vor dem stattlich aussehenden blhenden Paare, welches
bei aller Freundlichkeit sich nicht enthalten konnte, prfende Blicke auf seinen
schlechten Anzug zu werfen. Da es der letzte Tag ihres Aufenthaltes war und sie
auf den Abend abreisen wollten, so luden sie ihn ein, mit ihnen zu gehen und die
brige Zeit noch mit ihnen zu verbringen. Sie fhrten ihn in den Gasthof, und
Heinrich a mit ihnen zu Mittag. Es war lange her, seit er sich an einem so
wohlbesetzten Tische gesehen und feuriger Wein seine Lippen berhrt. Der
landsmnnische Gastfreund lie reichlich auftragen und drang wohlmeinend in ihn,
es sich schmecken zu lassen, und alles dies machte Heinrich nur um so verlegener
und lie ihn seine Armut doppelt empfinden, und indem er sah, da die jungen
Eheleute das wohl bemerkten, sich in ihrer glcklichen Stimmung migten und mit
zartem Sinne einen der seltsamen Lage angemessenen Ton innezuhalten suchten,
empfand er es wieder bitter, nicht nur selbst unglcklich zu sein, sondern durch
sein so beschaffenes Dasein die heitere Stimmung anderer vorbergehend zu
trben, gleich einer Regenwolke, die ber einen hellen Himmel hinzieht.
    Obgleich es ihn drngte, soviel als mglich von seiner Mutter sprechen zu
hren, suchte er sich lange zu bezwingen und nicht durch Fragen zu verraten, da
er gar nichts von ihr wisse, bis der edle Wein, welchen der Mann genugsam
strmen lie, ihm die Zunge lste, ihn alles Widerstreben vergessen, sehnlich
und unverhohlen nach der Mutter fragen lie.
    Da nahm sich der Landsmann zusammen und sagte Ich will es Ihnen nicht
verhehlen, Herr Lee, da Ihre Mutter sehr Ihrer Rckkunft bedarf, und ich wrde
Ihnen raten und fordere Sie sogar auf, so bald als immer mglich heimzukommen;
denn whrend die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu
verbergen sucht, sehen wir wohl, wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht
nichts anderes denkt. Soviel ich jetzo sehe, wenn Sie meine Freiheit nicht
belnehmen wollen, steht es nicht zum besten mit Ihnen, und erachte ich, da Sie
in dem Stadium sind, wo die Herren Knstler allerlei durchmachen mssen, um
endlich mit Ehre und stattlichem Ansehen aus der Not hervorzugehen. Unsereines
hat wohl auch allerlei Strapazen auf der Wanderschaft durchzumachen oder als
Anfnger harte Zeit zu erleben; allein mit der Arbeit knnen wir, wenn wir nur
wollen, uns jederzeit helfen, und unsere Hnde sind immer so gut wie bares Geld
oder gebackenes Brot und fr jede Stunde eine unmittelbare Selbsthilfe, whrend
es bei Ihnen dazu noch gutes Glck und allerlei Unerhrtes braucht, wovon ich
nichts verstehe. Vorlaute und unverstndige Weibsen und auch ebensolche Mnner
in unserer Stadt, wo es ruchbar geworden, da Ihre Mutter groe Summen an Sie
gewendet und ihr eigenes Auskommen dadurch bedeutend geschmlert hat, haben es
sich beikommen lassen, dieselbe hart zu tadeln hinter ihrem Rcken und auch ihr
ins Gesicht ungefragt zu sagen, da sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne
schlecht gedient als durch solche unzukmmliche Opfer sich selbst berhoben
habe. Jedermann, der Ihre Mutter kennt, wei, da alles eher als dieses der Fall
ist, aber das unverstndige Geschwtz hat sie vollends eingeschchtert, da sie
fast mit niemand zusammenkommt und so in Einsamkeit und harter Selbstverleugnung
dahinlebt. Obgleich die Nachbaren ihr manche Dienste anbieten, nimmt sie nichts
an, und die Art, wie sie dies tut und wie sie ihre Sachen besorgt, hat, soviel
man davon sehen kann, etwas hchst Seltsames und Schwermtigmachendes fr uns
Zuschauer. Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt, sie spinnt jahraus
und - ein, als ob sie zwlf Tchter auszusteuern htte, und zwar, wie sie sagt,
damit doch mittlerweile etwas angesammelt wrde und, da sie nichts anderes
ansammeln knne, wenigstens ihr Sohn fr sein Leben lang und fr sein ganzes
Haus genug Leinwand finde. Wie es scheint, glaubt sie durch diesen Vorrat weien
Tuches, das sie jedes Jahr weben lt, Ihr Glck herbeizulocken, gleichsam wie
in ein aufgespanntes Netz, damit es durch einen tchtigen Hausstand ausgefllt
werde, oder gleichsam wie die Gelehrten und Schriftsteller durch ein Buch weies
Papier gereizt und veranlat werden sollen, ein gutes Werk darauf zu schreiben,
oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand, ein schnes Stck Leben darauf
zu malen. Zuweilen sttzt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und staunt
unverwandt in das Land hinaus, ber die Dcher weg oder in die Wolken; wenn es
aber dunkelt, so lt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen,
ohne Licht anzuznden, und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr
Fenster fllt, so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen,
wie sie immer gleich ins Weite hinausschaut. Seit Jahren geht sie in demselben
braunen Kleide, welches sich gar nicht abzutragen scheint, ber die Strae und
hat sich streng von aller, auch der einfachsten Zier entblt, da es unsere
Weiber rgert, welche gewhnt sind, sich mit der Zeit immer reicher zu kleiden
anstatt schlichter, und darnach ihr Gedeihen berechnen. Wahrhaft melancholisch
aber ist es anzusehen, wenn sie zuweilen ihre Betten sonnt; anstatt sie mit
Hilfe anderer auf unsern gerumigen Platz hinzutragen, wo der groe Brunnen
steht, schleppt sie dieselben allein auf das hohe schwarze Dach Eures Hauses,
breitet sie dort an der Sonnenseite aus, geht emsig auf dem steilen Dache umher,
ohne Schuhe zwar, aber bis an den Rand hin, klopft die Stcke aus, kehrt sie,
schttelt sie und hantiert dermaen seelenallein in dieser schwindligen Hhe
unter dem offenen Himmel, da es hchst verwegen und sonderbar anzusehen ist,
zumal wenn sie, einen Augenblick innehaltend, die Hand ber die Augen hlt und
da hoch oben in der Sonne stehend in die weite Ferne hinauszieht. Ich konnte es
einmal nicht lnger ansehen von meinem Hofe aus, wo ich eben einen Wagen
lackierte, ging hinber, stieg bis zum Dache hinauf und hielt unter der Luke
eine Anrede an sie, indem ich ihr die Gefahr ihres Tuns vorstellte und bat, doch
die Hilfe anderer Leute in Anspruch zu nehmen. Sie lchelte aber nur und
bedankte sich, und bin ich auch der Meinung, da nur durch Ihre Heimkehr solche
peinliche Abstinenz und Pnitenz vertrieben werden kann!
    Der wackere Mann, welcher keinen Augenblick Heinrich verchtlich behandelte,
vielmehr dessen Lage mit achtungsvollem Mitgefhl fr einen notwendigen
Knstlerzustand hielt, aus welchem herauszukommen und dann die Herrlichkeiten
des Knstlertums anzutreten nur von einem festen Wollen und Zusammenraffen
Heinrichs abhinge, munterte ihn nun wiederholt auf, nach Hause zu kommen, und
malte ihm aus, wie die sichere Luft der Heimat meistens in solchen Fllen eine
gnstige Wendung herbeifhre und dem Erfahrenen und Geprften einen neuen Mut
und zugleich einen klaren berblick gebe, so da er entweder gedeihlich im Lande
bliebe oder, wenn es der Beruf so mit sich fhre, mit neuer Kraft und grerer
Zweckmigkeit zum zweiten Mal ausfliegen knne. Er bot ihm, indem er von der
Mutter den Auftrag zu haben vorgab, die ntige Barschaft an zur Heimreise.
    Heinrich hatte dem Erzhler unverwandt zugehrt; statt auf die Vorschlge
des braven Nachbars zu hren, dessen Anerbieten und jetziges Wesen er vor Jahren
kaum geahnt htte und den er dazumal kaum nher gekannt, sah er fort und fort
die seltsamen Bilder seiner Mutter, welche der Landsmann ihm entworfen, und sie
prgten sich seinem Sinne in einer goldenen sonnigen Verklrung ein, so da er
trumend ihnen nachhing. Als der Landsmann ihn endlich ermunterte und, sein Glas
fllend, sein Anerbieten und seine Aufforderung wiederholte, lehnte er alles mit
bescheidenem Danke ab und bat, die freundlichen Leutchen mchten seine Mutter
tausendmal gren und nur sagen, es ginge ihm ganz ordentlich, er wrde gewi so
bald immer tunlich zurckkehren. Denn das Anerbieten des Mannes zu ergreifen und
in diesem Augenblicke und auf diese Weise nach der Heimat zu gehen, schien ihm
ganz gewaltsam und wie aus der Schule gelaufen, ohne seine Tagesaufgabe gelst
zu haben.
    Er begleitete das Paar nach dem Bahnhofe und sah sie mit Hunderten von
glcklichen Reisenden davonfliegen, indes er selbst traurig in die Stadt
zurckkehrte, welche ihm mm vollends zu einem Aufenthalt des Elendes, der
Verbannung wurde. Aber dieser Zustand war nun schon wieder ein anderer geworden
als erst vor einem Tage, und durch die Begegnung mit dem Landsmanne und dessen
Mitteilungen nahm sein leidendes Verhalten eine bestimmte und veredelte Gestalt,
und er fhlte sich durch einen klaren notwendigen Verlauf der Dinge, durch die
Erfllung eines jeden Teilchens seiner Selbstbestimmung und Verschuldung an das
ferne Elend gefesselt, whrend alle seine Gedanken mit tiefer Sehnsucht nach der
Heimat zogen, wo er unaufhrlich das Bild seiner Mutter an dem drehenden Rade
sitzen, durch die Straen der alten Stadt gehen oder auf dem sonnbeglnzten
Hausdache emporragen sah.
    Sein ganzes Wesen wurde von diesen Bildern und von glnzenden Vorstellungen
der Heimat getrnkt und durchdrungen, und die einfache Rckkehr nach derselben
erschien ihm jetzt nach all den Hoffnungen und Bestrebungen das
wnschenswerteste und hchste Gut, welches doch wiederum durch eine seltsame
knstlerische Gewissenhaftigkeit in eine ungewisse, fast unerreichbare Ferne
gerckt wurde, durch die knstlerische Gewissenhaftigkeit nicht etwa des Malers,
sondern des Menschen, welchem es unmglich erschien, ohne Grund und Abschlu,
ohne das Verdienst eines erreichten Lebens jenes Glck vom Zaune zu brechen und
gewaltsam herbeizufhren.
    Allein das heie Verlangen nach diesem so einfachen und natrlichen Gute
wirkte so mchtig in ihm, da in tiefer Nacht, wenn der Schlaf ihn endlich
heimgesucht, eine schpferische Traumwelt lebendig wurde und durch die
glhendsten Farben, durch den reichsten Gestaltenwechsel und durch die
seligsten, mit dem allerausgesuchtesten Leide gepaarten Empfindungen den
Schlafenden beglckte, mit ihrer Nacherinnerung aber auch den Wachen fr alles
bel vollkommen schadlos hielt und das Unertrgliche ertrglich machte, ja sogar
zu einer Art von bemerkenswertem Glcke umwandelte.
    Ganz wie es ihm einst Rmer, sein unkluger und doch so erfahrener Lehrer,
verkndet, sah er nun im Traume bald die Stadt, bald das schne Dorf auf
wunderbare Weise verklrt und verndert, ohne je hineingelangen zu knnen, oder,
wenn er dort war, mit einem pltzlichen traurigen Ausgang und Erwachen. Er
durchreiste die schnsten Gegenden seines Vaterlandes, welche er in der
Wirklichkeit nie gesehen, sah die Gebirge, Tler und Strme mit wohlbekannten
und doch ganz unerhrten Namen, die wie Musik klangen und doch etwas kindisch
Komisches an sich hatten, wie es nur der Traum gebren kann; er nherte sich
allmhlich der Stadt, worin das Vaterhaus lag, auf wunderbaren Wegen, am Rande
breiter Strme, auf denen jede Welle einen schwimmenden Rosenstock trug, so da
unter dem dahinziehenden Rosenwalde das Wasser kaum hindurchfunkelte. Ein
Landmann pflgte mit einem goldenen Pfluge am Ufer mit milchweien Ochsen, unter
deren Tritten groe Kornblumen aufsproten; die Furche fllte sich mit goldenen
Krnern, welche der Bauer, indem er mit der einen Hand den Pflug lenkte, mit der
anderen aufschpfte und weithin in die Luft warf, worauf sie in einem goldenen
Regen ber Heinrich herabfielen! der sie in seinem Hute auffing und sah, da sie
sich in lauter goldene Schaumnzen verwandelten, auf welchen ein alter Schweizer
mit dem Schwerte geprgt war und mit einem sehr langen Barte. Er zhlte sie
eifrig und konnte sie doch nicht auszhlen, fllte aber alle Taschen damit; die
er nicht hineinbrachte, als sie voll waren, warf er wieder in die Luft, da
verwandelte sich der Goldregen in einen prchtigen Goldfuchs, welcher wiehernd
an der Erde scharrte, aus welcher dann der schnste Hafer in Haufen hervorquoll,
den der Goldfuchs mutwillig verschmhte. Jedes Haferkorn war ein ser
Mandelkern, eine getrocknete Weinbeere und ein neuer Batzen, die in rote Seide
zusammengewickelt und mit einem goldenen Faden zugebunden waren; zugleich war
ein Endchen Schweinsborste eingebunden, welche einen angenehm kitzelte, und
indem das schne Pferd sich behaglich darin wlzte, rief es Der Hafer sticht
mich! der Hafer sticht mich! Heinrich bestieg das Pferd, ritt beschaulich am
Ufer hin und sah, wie der Bauer in die Rosen hineinpflgte und mit seinem ganzen
Gespann darunter versank. Die Rosen nahmen ein Ende, und whrend sie sich zu
dichten Scharen verzogen und in die Ferne hinschwammen, eine hohe Rte am runden
Horizonte ausbreitend, der Flu aber jetzt rein und wie ein unermeliches Band
flieenden blauen Stahles erschien, fuhr der Bauer auf seinem Pfluge, der sich
in ein Schiff verwandelt hatte, dessen Steuer sich aus der goldenen Pflugschar
formierte, singend dahin und sang Das Alpenglhen rckt aus und geht ums
Vaterland herum! Dann bohrte er eifrig ein Loch in den Schiffboden; dann
steckte er das eherne Mundstck einer Trompete an das Loch, sog einen Augenblick
krftig daran, worauf es mchtig erklang, gleich einem Harsthorn, und einen
glnzenden Wasserstrahl ausstie, der den herrlichsten Springbrunnen in dem
fahrenden Schifflein bildete. Der Bauer nahm den Brunnenstrahl, setzte sich, auf
den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen Knien und mit der rechten Faust
ein mchtiges Schwert daraus, da die Funken nur so stoben. Als das Schwert
fertig war, probierte er es an einem ausgerupften Barthaar und berreichte es
hflich sich selbst, der pltzlich als jener dicke Wirt ihm gegenberstand,
welcher an jenem Volksfeste den Wilhelm Tell vorgestellt Dieser nahm das
Schwert, schwang es und sang mchtig:

Heio heio! bin auch noch do
Und immer meines Schieens froh!
Heio heio! die Zeit ist weit,
Der Pfeil des Tellen fleugt noch heut!
Heio heio! seht ihr ihn nicht?
Dort oben fliegt er hoch im Licht!
Man wei nicht, wo er steckenbleibt,
Heio heio! 's ist, wie man's treibt!

Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand, die nun eine
Speckseite war, urpltzlich einen dicken Span herunter und trat mit demselben
feierlich in die Kajte, um einen Imbi zu halten.
    Heinrich ritt nun auf seinem Goldfuchs in das Dorf ein, darin sein Oheim
wohnte; es sah ganz fremd aus, die Huser waren neu gebaut und alle Kamine
rauchten, indessen die Bewohner smtlich hinter den hellen Fenstern zu erblicken
waren, wie sie eifrig um den Tisch herum saen und aen, keine Seele sich aber
auf der Strae sehen lie und ihn also auch niemand bemerkte. Dessen war er aber
hchlich froh; denn er entdeckte erst jetzt, da er auf seinem leuchtenden
Pferde noch die alten abgeschabten und anbrchigen Kleider anhatte. Er bestrebte
sich, desnahen auch, ungesehen hinter das Haus des Oheims zu gelangen; aber wie
wunderte er sich, als dieses ber und ber mit Efeu bewachsen und auerdem noch
ganz von den alten wuchtigen Nubumen berhangen war, so da kein Stein und
kein Ziegel zu sehen war und nur hie und da ein Stckchen Fensterscheibe durch
das dichte Grn blinkte. Er sah wohl, da sich Leute hinter denselben bewegten,
aber er konnte niemanden erkennen. Der Garten war mit einer Wildnis von
wuchernden Feldblumen bedeckt, aus denen die alten verwilderten Gartenstauden
baumhoch emporragten, und Schwrme wild gewordener Bienen brausten auf dieser
Blumenwildnis umher. Im Bienenhause aber lag sein alter Liebesbrief, den der
Wind einst dahin getragen, vergilbt und vom Wetter zugerichtet, ohne da ihn die
Jahre her jemand gefunden, obgleich er offen dalag; er nahm ihn und wollte ihn
entfalten, da ri ihn jemand aus seiner Hand, und als er sich umsah, huschte
Judith damit lachend um die Ecke und kte Heinrich aus der Entfernung durch die
Luft, da er den Ku auf seinem Munde fhlte; aber der Ku verwandelte sich
sogleich in ein Apfelkchlein, das er begierig a, da er im Schlafe mchtigen
Hunger empfand. Dies sah er auch sogleich ein und berlegte, da er ja trume,
da aber der Apfelkuchen von jenen Apfeln herkomme, welche er einst kssend mit
Judith zusammen gegessen. Aber das Stckchen Kuchen machte ihn erst recht
heihungrig, und er gedachte, da es nun Zeit sei, in das Haus zu gehen, wo wohl
eine gute Mahlzeit bereit sein wrde. Er packte also einen schweren Mantelsack
aus, welcher sich unversehens auf seinem Pferde befand, nachdem er dasselbe an
einen Baum gebunden, und aus seinem Mantelsack rollten die schnsten Kleider
hervor und ein feines weies Hemd mit gestickter Brust. Wie er dieses
auseinanderfaltete, wurden zwei daraus, aus den zweien vier, aus den vieren
acht, kurz, eine Menge der feinsten Leitwsche breitete sich aus, welche wieder
in den Mantelsack zu packen Heinrich sich abmhte, aber vergeblich; immer wurden
es mehr Hemden und bedeckten den Boden umher, und Heinrich empfand die grte
Angst, ber diesem sonderbaren Geschft von seinen Verwandten berrascht zu
werden. Endlich ergriff er in der Verzweiflung eines, um es anzuziehen, und
stellte sich schamhaft hinter einen Nubaum; aber man sah vom Hause aus an diese
Stelle, und er schlich sich beklemmt hinter einen andern, und so immer fort von
einem Baume zum andern, bis er, dicht an das Haus gelehnt und sich in den Efeu
hineindrckend, in der grten Verwirrung und Eile den Anzug wechselte, die
schnen Kleider anzog und doch fast nicht fertig damit werden konnte, und als er
es endlich war, befand er sich wieder in der grten Not, wohin er das traurige
Bndel der alten Kleider bergen mge. Wohin er es auch trug, immer fiel ihm ein
Stck auf die Erde; zuletzt gelang es mit saurer Mhe, das Zeug in den Bach zu
werfen, wo es aber durchaus nicht talab schwimmen wollte, sondern sich immer an
selber Stelle herumdrehte ganz gemchlich. Er ergriff eine verwitterte
Bohnenstange, die ihm in den Hnden zerbrach, und qulte sich ab, die schlechten
Lumpen in die Strmung hineinzustoen; aber die morsche Stange brach und brach
immer wieder und zersplitterte bis auf das letzte Stmpfchen. Da berhrte ein
ser duftiger Hauch seine Wangen, den er so recht durch allen Traum hindurch
empfand, und Anna stand vor ihm und fhrte ihn freundlich in das grne Haus
hinein. Er stieg Hand in Hand mit ihr die Treppe hinauf und trat in die Stube,
wo der Oheim, die Tante, die Basen und die Vettern smtlich versammelt waren und
ihn herzlich begrten. Er sah sich aufatmend um; die alte Wohnung war ganz neu
und sonntglich aufgeputzt, manches neue, ihm noch unbekannte Mbel, wie es im
Laufe der Jahre wohl in ein Haus kommt, stand da, und es war so sonnenhell in
dem Gemach, da Heinrich nicht begriff, wie durch den dicken Efeu all das Licht
herkomme. Der Oheim und die Tante waren in ihren besten Jahren, die Bschen und
die Vettern lustig und blhender als je, der Schulmeister ebenfalls ein sehr
schner Mann und aufgerumt wie ein Jngling, und Anna war als Mdchen von
vierzehn Jahren in jenem rotgeblmten Kleide und mit der lieblichen Halskrause.
Was aber sehr sonderbar war alle, Anna nicht ausgenommen, trugen lange feine
klnische Pfeifen in den Hnden und rauchten einen wohlriechenden Tabak und
Heinrich ebenfalls. Dabei standen sie, die Verstorbenen und die noch Lebendigen,
keinen Augenblick still, sondern gingen mit freundlichen frohen Mienen
unablssig die Stube auf und nieder, hin und her, und dazwischen niedrig am
Boden die zahlreichen Jagdhunde, das Reh, der Marder, zahme Falken und Tauben in
friedlicher Eintracht, nur da die Tiere den entgegengesetzten Strich mit den
Menschen gingen und so ein wunderbares Weben durcheinanderging Der groe
Nubaumtisch war mit dem schnsten weien Damasttuche gedeckt und mit einer
duftenden vollaufgersteten Mahlzeit besetzt, an welche aber niemand rhrte.
Heinrich konnte kaum erwarten, bis man sich zu Tische setze, so wsserte ihm der
Mund, und unterdessen sagte er zum Oheim Ei, Ihr scheint es Euch da recht wohl
sein zu lassen! - Versteht sich! sagte der, und alle wiederholten Versteht
sich! mit angenehm klingender Stimme.
    Pltzlich befahl der Oheim, da man zu Tische sitze, und alle stellten die
Pfeifen pyramidenweise zusammen auf den Boden, je drei und drei, wie die
Soldaten die Gewehre. Darauf schienen sie unversehens wieder zu vergessen, da
sie sich eigentlich zu Tisch setzen wollten, zum groen Verdru Heinrichs; denn
sie gingen nun ohne die Pfeifen wieder umher und fingen allmhlich an zu singen,
und Heinrich sang mit:

Wir trumen, wir trumen,
Wir trumen, trumen, trumen,
Wir sumen, trumen, sumen,
Wir eilen und wir weilen,
Wir weilen und wir eilen,
Sind da und sind doch dort,
Wir gehen bleibend fort,
Wem konveniert es nicht?
Wie schn ist dies Gedicht! Hallo, hallo!
Es lebe, was auf Erden stolziert in grner Tracht,
Die Wlder und die Felder, die Jger und die Jagd!

Diese merkwrdige Traumkomposition sangen die Weiber und Mnner mit wundervoller
Harmonie und Lust, und das Hallo stimmte der Oheim mit gewaltiger Stimme an, so
da die ganze Schar mit verstrktem Gesange darein tnte und rauschte und
zugleich, blsser und blsser werdend, sich in einen wirren Nebel auflste,
whrend Heinrich bitterlich weinte und schluchzte und die Trnen stromweis
flossen. Er erwachte in Trnen gebadet, und sein schlechtes Lager, welches seine
jetzigen Wirtsleute, weil er nicht bezahlen konnte, lange nicht aufgefrischt,
war vor. Trnen benetzt. Als er diese mit Mhe getrocknet, war das erste, dessen
er sich erinnerte, der wohlbesetzte Tisch, der ihm so schnde entschwunden, und
erst dann fiel ihm nach und nach der ganze Traum bei, und er schlief voll
Sehnsucht hurtig wieder ein, um nur schnell wieder in das gelobte Land zu kommen
und die Heimreise zu vollenden.
    Er fand sich in einem groen Walde wieder und ging auf einem wunderlichen
schmalen Brettersteig, welcher sich hoch durch die ste und Baumkronen wand,
eine Art endlosen hngenden Brckenbaues, indessen der bequeme Boden unten
unbenutzt blieb. Aber es war schn, hinabzuschauen auf denselben, da er ganz aus
grnem Moose bestand, welches in tiefer Dunkelheit lag. Auf dem Moose wuchsen
Tausende von einzelnen sternfrmigen Blumen auf schwankem Stengel, die sich
immer dem oben gehenden Beschauer zuwandten; im Schatten jeder Blume stand ein
kleines Bergmnnchen, welches mittelst eines in einem goldenen Laternchen
eingefaten Karfunkels die nchste Blume beleuchtete, da sie aus der Tiefe
glnzte wie ein blauer oder roter Stern, und indem sich die Blumengestirne
langsamer oder schneller drehten, gingen die Mnnchen mit ihren Laternchen um
sie herum und lenkten sorgfltig den Lichtstrahl auf den Kelch. Jede Blume hatte
ihr eigenes Mnnchen, und das kreisende Leuchten in der dunklen Tiefe sah sich
von dem hohen Bretterwege wie ein unterirdischer Sternhimmel an, nur da er grn
war und die Sterne in allen Farben strahlten. Heinrich ging entzckt auf seiner
Hngebrcke weiter und schlug sich tapfer durch die Buchen- und Eichenkronen,
manchmal kam er in eine Fhrengruppe hinein, welche etwas lichter war, und das
purpurrote, von der Sonne durchglhte, stark duftende Holzwerk der Fichtenkronen
bot einen fabelhaften Anblick und Aufenthalt, da es wie knstlich bearbeitet,
gezimmert und mit wunderlichem Bildwerk verziert erschien und doch natrliches
Astwerk war. Manchmal fhrte der Steg auch ganz ber die Bume hinweg unter den
offenen Himmel und Sonnenschein, und Heinrich stellte sich auf das schwanke
Gelnder, um zu sehen, wo es hinausginge; aber nichts war zu erblicken als ein
endlos Meer von grnen Baumwipfeln, so weit das Auge reichte, auf dem der heie
Sommertag flimmerte und Abertausende von wilden Tauben, Hhern, Mandelkrhen,
Finken, Weihen und Dohlen herumschwrmten, und das Wunderbare war nur, da man
auch die allerfernsten Vgel deutlich erkannte und ihre glnzenden Farben
unterscheiden konnte. Nachdem Heinrich sich sattsam umgeschaut, ging er weiter
und schaute wieder in die Tiefe, wo er jetzt eine noch viel tiefere Felsschlacht
entdeckte, die aber fr sich allein gnzlich von der Sonne erhellt war, welche
durch irgendeine Bergspalte hereinbrach. Auf dem Grunde war eine kleine Wiese an
einem klaren Bache; mitten auf der Wiese sa auf ihrem kleinen Strohsessel
Heinrichs Mutter in einem braunen Einsiedlerkleide und mit eisgrauen Haaren. Sie
war uralt und gebeugt, und Heinrich konnte ungeachtet der fernen Tiefe jeden
ihrer Zge genau erkennen. Sie htete mit einer grnenden Rute eine kleine Herde
groer Silberfasanen, und wenn einer sich aus ihrem Umkreise entfernen wollte,
schlug sie leise auf seine Flgel, worauf einige glnzende Federn emporschwebten
und in der Sonne spielten. Am Bchlein aber stand ihr Spinnrad, das mit
Schaufeln versehen und eigentlich ein kleines Mhlrad war und sich blitzschnell
drehte; sie spann nur mit der einen Hand den leuchtenden Faden, der sich nicht
auf die Spule wickelte, sondern kreuz und quer an dem Abhange herumzog und Sich
da sogleich zu groen Flchen blendender Leinwand bildete. Diese stieg hher und
hher hinan, und pltzich fhlte Heinrich ein schweres Gewicht auf seiner
Schulter und entdeckte, da er den vergessenen Mantelsack trug, der von den
feinen Hemden ganz geschwollen war. Indem er sich mhselig damit schleppte, sah
er, wie die Fasanen pltzlich schne Bettstcke waren, die seine Mutter sonnte
und eifrig ausklopfte. Dann nahm sie dieselben zusammen und trug sie geschftig
herum und eines ums andere in den Berg hinein. Wenn sie wieder herauskam, so
schaute sie mit der Hand ber den Augen sich um und sang:

Mein Sohn, mein Sohn,
O schner Ton!
Wie schn er verhallt
Im tnenden Wald!
Mein Sohn, mein Sohn geht durch den Wald!

Ihre Stimme tnte rhrend hell und klingend in der weit und breiten Stille; da
ersah sie ihn pltzlich, als er hoch ber der Schlacht auf seinem schwebenden
Stege stand und sehnlich auf sie herabschaute. Sie stie einen lauten, weithin
verklingenden Freudenschrei aus und schwebte blitzschnell wie ein Geist davon
ber Stock und Stein, ohne zu gehen, so da sie Heinrich immer in der grten
Ferne zu entschwinden drohte, whrend er ihr vergeblich rufend nacheilte, da
die Baumkronen um ihn tanzten und sausten und der Steg sich bog und knarrte.
    Pltzlich war der Wald aus, und Heinrich sah sich auf dem steilen Berge
stehen, welcher seiner Geburtsstadt gegenberlag, aber welch einen Anblick bot
diese! Der Flu war zehnmal breiter als sonst und glnzte wie ein Spiegel; die
Huser waren alle so gro wie sonst die Mnsterkirche, von der fabelhaftesten
Bauart und leuchteten im Sonnenschein; alle Fenster waren mit einer Flle der
seltensten Blumen bedeckt, die schwer ber die mit Bildwerk bedeckten Mauern
herabhingen, die Linden stiegen in unabsehbarer Hhe in den dunkelblauen
durchsichtigen Himmel hinein, der ein einziger Edelstein schien, und die
riesenhaften Lindenwipfel wehten daran hin und her, als ob sie ihn noch blanker
fegen wollten, und zuletzt wuchsen sie in die durchsichtige blaue Masse hinein,
da es vollkommen anzusehen war wie die Moospflnzchen, die man im Bernstein
eingeschlossen sieht, nur unendlich grer.
    Zwischen den ungeheuren grnen Laubmassen der Linden stiegen die beiden
gotischen Trme des Mnsters empor, indessen das byzantinische Schiff der Kirche
wie ein Steingebirge unter der Laubmasse lag; aber wo etwas davon sichtbar
wurde, war es die knstlichste Bildhauerarbeit. Die beiden goldenen Kronen aber,
welche, Heinrich wohlbekannt, die Turmknpfe bildeten, funkelten in der
Himmelshhe und waren voll junger Mdchen, die darin tanzten. Obgleich er trotz
des breiten Stromes jede Fuge an der Stadt und jedes einzelne Lindenblatt klar
und scharf erkennen konnte, so konnte er doch nicht sehen, wer die Mdchen
waren, und er beeilte sich hinberzukommen, da es ihn sehr wundernahm, wer sie
sein mchten.
    Zur rechten Zeit sah er den Goldfuchs neben sich stehen, legte ihm den
Mantelsack auf und begann den jhen Staffelweg hinunterzureiten, der an die
Brcke fhrte. Jede Staffel war aber ein geschliffener Bergkristall, in welchem
gewissermaen als Kern ein spannelanges pudelnacktes Weibchen eingeschlossen
lag, von unbeschreiblichem Ebenma und Schnheit der kleinen Gliederchen.
Whrend der Goldfuchs den halsbrechenden Weg hinuntertrabte und jeden Augenblick
mit seinem Reiter in den Abgrund zu strzen drohte, bog sich Heinrich links und
rechts vom Sattel und suchte mit sehnsuchtsvollen Blicken in den Kern der
durchsichtigen Kristallstufen zu dringen. Tausend noch einmal! rief er lstern
aus, was mgen das nur fr allerliebste nrrische Wesen sein in dieser
verwnschten Treppe? - Ei, was wird's sein? erwiderte das Pferd, indem es
springend den Kopf zurckwandte, das sind nur die guten Dinge und Ideen, welche
der Boden der Heimat in sich schliet und welche derjenige herausklopft, der im
Lande bleibt und sich redlich nhrt!
    Teufel! rief Heinrich, ich werde gleich, morgen hier herausgehen und mir
einige Staffeln aufklopfen! und er konnte seine Blicke nicht wegwenden von der
langen Treppe, die sich schon glnzend hinter ihm den Berg hinaufwand. Er war
jetzt unten bei der Brcke angekommen; das war aber nicht mehr die alte hlzerne
Brcke, sondern ein marmorner Palast, welcher in zwei Stockwerken eine
unabsehbare Sulenhalle bildete und so als eine niegesehene Prachtbrcke ber
den Flu fhrte. Was sich doch alles verndert und vorwrtsschreitet, wenn man
nur einige Jahre weg ist! sagte Heinrich, als er gemchlich in die weite
Brckenhalle hineinritt. Whrend das Gebude von auen nur in weiem, rotem und
grnem Marmor glnzte, allerdings in den herrlichsten Verhltnissen und
Gliederungen, waren die Wnde inwendig mit zahllosen Malereien bedeckt, welche
die ganze fortlaufende Geschichte und alle Ttigkeiten des Landes darstellten.
Hirten und Jger, Bauern und Pfaffen, Staatsmnner, Knstler, Handwerker,
Schiffer, Kaufleute, Gemsjger, Mnche, Jnglinge und Greise, alle waren in
ihrem Wesen kenntlich und verschieden und doch sich alle gleich und traten in
den dargestellten Handlungen ungezwungen zusammen in den bestimmtesten und
klarsten Farben. Die Malerei war einfach, hatte durchaus den Charakter der alten
soliden Freskomalerei, aber alle Abwesenheit von gebrochenen Farben und den
Knsten des Helldunkels lie die Bilder nur um so klarer und bestimmter
erscheinen und gab ihnen einen unbefangenen und muntern Anstrich. Auch verstand
sie alles Volk, das auf der Brcke hin und her wogte, und whrend sie so durch
einen guten und mnnlichen Stil fr den Gebildeten erfreulich blieben, wurden
sie durch jene Knste nicht ungeniebar fr den weniger Geschulten; denn die
Bedeutung der alten Freskomalerei liegt in ihrer tchtigen Verstndlichkeit und
Gemeingeniebarkeit, whrend die Vorzge der neueren Malerei ein gebtes Auge
erfordern und das Volk sich den Teufel um gebrochene Tne kmmert.
    Das lebendige Volk, welches sich auf der Brcke bewegte, war aber ganz das
gleiche wie das gemalte und mit demselben eines, wie es unter sich eines war, ja
viele der gemalten Figuren traten aus den Bildern heraus und wirkten in dem
lebendigen Treiben mit, whrend aus diesem manche unter die Gemalten gingen und
an die Wand versetzt wurden. Diese glnzten dann in um so helleren Farben, als
sie in jeder Faser aus dem Wesen des Ganzen hervorgegangen und ein bestimmter
Zug im Ausdrucke desselben waren. berhaupt sah man jeden entstehen und werden,
und der ganze Verkehr war wie ein Blutumlauf in durchsichtigen Adern. In dem
geschliffenen Granitboden der Halle waren verschiedene Lcher angebracht mit
eingepaten Granitdeckeln, und was sich Geheimnisvolles oder Fremdartiges in dem
Handel und Wandel erblicken lie, wurde durch diese Lcher mit einem groen
Besen hinabgekehrt in den unten durchziehenden Flu, der es schleunig weit
wegfhrte. Der Ein-und Ausgang der Brcke aber war offen und unbewacht, und
indem der Zug ber dieselbe bestndig im Gange war, der Austausch zwischen dem
gemalten und wirklichen Leben unausgesetzt stattfand und alles sich unmerklich
jeden Augenblick erneuerte und doch das Alte blieb, schien auf dieser wunderbar
belebten Brcke Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur ein Ding zu sein.
    Nun mcht ich wohl wissen, sagte Heinrich vor sich hin, whrend er
aufmerksam alles aufs genaueste betrachtete, was dies fr eine muntere und
lustige Sache hier ist!
    Das Pferd erwiderte auf der Stelle: Dies nennt man die Identitt der
Nation!
    Himmel! rief sein Reiter, du bist ein sehr gelehrtes Pferd! Der Hafer mu
dich wirklich stechen! Wo hast du diese gelehrte Anschauung erworben?
    Erinnere dich, sagte der Goldfuchs, auf wem du reitest! Bin ich nicht aus
Gold entstanden? Gold aber ist Reichtum, und Reichtum ist Einsicht.
    Bei diesen Worten merkte Heinrich pltzlich, da sein Mantelsack statt mit
Wsche jetzt gnzlich mit jenen goldenen Mnzen angefllt und ausgerundet war,
welche er mit den alten Kleidern in das Wasser geworfen hatte. Ohne zu grbeln,
woher sie so unvermutet wiederkmen, fhlte er sich hchst zufrieden in ihrem
Besitze, und obschon er dem weisen Gaule nicht mit gutem Gewissen recht geben
konnte, da Reichtum Einsicht sei, so war er doch schon insoweit von seiner
Behauptung angesteckt und fand sich doch pltzlich so leidlich einsichtsvoll,
da er wenigstens nichts erwiderte und gemtlich weiterritt auf der schnen
Brcke.
    Nun sage mir, du weiser Salomo! begann er nach einer Weile wieder, heit
eigentlich die Brcke oder die Leute, so darauf sind die Identitt? oder welches
von beiden nennst du so?
    Beide zusammen sind die Identitt! sagte das Pferd.
    Der Nation? fragte Heinrich.
    Der Nation, zum Teufel noch einmal, versteht sich! sprach der Goldfuchs.
    Gut! aber welches ist denn die Nation, die Brcke oder die Leute, so
darberrennen? sagte Heinrich.
    Ei, seit wann, rief das Pferd, ist denn eine Brcke eine Nation? Nur
Leute knnen eine Nation sein, folglich sind diese Leute hier die Nation!
    So! und doch sagtest du soeben, die Nation und die Brcke zusammen machten
eine Identitt aus! erwiderte Heinrich.
    Das sagt ich auch und bleibe dabei! versetzte das Pferd.
    Nun, also? fuhr Heinrich fort.
    Wisse, antwortete der Gaul bedchtig, indem er sich auf allen vieren
ausspreizte und tiefsinnig in den Boden hineinsah, wisse, wer diese heiklige
Frage zu beantworten, den Widerspruch zu lsen versteht, ohne den scheinbaren
Gegensatz aufzuheben, der ist ein Meister hierzulande und arbeitet an der
Identitt selber mit. Wenn ich die richtige Antwort, die mir wohl so im Maule
herumluft, rund und nett zu formulieren verstnde, so wre ich nicht ein Pferd,
sondern lngst hier an die Wand gemalt. brigens erinnere dich, da ich nur ein
von dir getrumtes Pferd bin und also unser ganzes Gesprch eine subjektive
Ausgeburt und Grbelei deines eigenen Gehirnes ist, die du Aberwitziger mit ber
den Rhein gebracht hast. Mithin magst du fernere Fragen dir nur selbst
beantworten aus der allerersten Hand!
    Ha! du widerspenstige Bestie! schrie Heinrich in anthropologischem Zorne
und spornte das Pferd heftig, um so mehr, undankbarer Klepper, bist du mir zu
Red und Antwort verpflichtet, da ich dich aus meinem so sauer ergnzten Blute
erzeugen und diesen Traum lang speisen und unterhalten mu!
    Hat auch was Rechtes auf sich! erwiderte das Pferd ganz gelassen. Dieses
ganze Gesprch, berhaupt unsere ganze werte Bekanntschaft ist das Werk und die
Dauer von kaum zwei Sekunden und kostet doch wohl kaum einen Hauch von deinem
geehrten Krperlichen.
    Wie, zwei Sekunden? rief Heinrich und hielt das schne Goldtier an, ist
es nicht wenigstens eine Stunde, da wir auf dieser endlosen Brcke reiten und
uns umsehen in dem Getmmel?
    Gerade eine Sekunde ist's, sagte der Gaul, da ein berittener
Nachtwchter um die Straenecke bog, und ein einziger Hufschlag hat in dir meine
Erscheinung erneuert, welche berhaupt veranlat wurde, als vor einer halben
Stunde derselbe Nachtwchter des entgegengesetzten Weges kam. Auch ist dieses
Minimum von Zeit ein und dasselbe Minimum von Raum, kurz die identische
Kleinigkeit deines in das Kopfkissen gedrckten Schdels, in welchem sich eine
so weite Gegend und tausend belebte und verschiedene Dinge gleichzeitig
ausbreiten, und zwar alles auf Rechnung des einen Hufschlages, welcher
nichtsdestominder nur als ein gemeiner Hammerschlag zu betrachten ist, der nur
dazu dient, den Kasten deines eigenen Wesens aufzutun, worin alles schon hbsch
zusammengepschelt liegt, was -
    Ums Himmels willen! rief Heinrich, vergeude nicht lnger die kostbare
Dauer des Hufschlages mit deinen Auseinandersetzungen, sonst ist der nur allzu
kurze Augenblick vorbei, ehe ich ber diese schne Brcke im reinen bin!
    Eilt gar nicht! Alles, was wir fr jetzo zu erleben und zu erfahren haben,
geht vollkommen in das Ma des wackern Pferdetrittes hinein, und wenn der sehr
richtig denkende Psalmist den Herrn seinen Gott anschrie: Tausend Jahre sind vor
dir wie ein Augenblick! so ist diese gut begrndete Hypothese von hinten gelesen
eine und dieselbe Wahrheit Ein Augenblick ist wie tausend Jahre! Wir knnten
noch tausendmal mehr sehen und hren whrend dieses Hufschlages, wenn wir nur
das Zeug dazu in uns htten, lieber Mann! Doch alles Pressieren oder Zgern
hilft da nichts, alles hat seine bequemliche Erfllung, und wir knnen uns ganz
gemchlich Zeit lassen mit unserm Traum, er ist, was er ist, und dauert einen
Schlag und nicht mehr noch minder! sagte das Pferd.
    Gut, so beantworte mir ohne Anstand noch diese Frage! erwiderte Heinrich,
ich mu mir aber die Frage erst noch ein wenig zurechtlegen und deutlich
abfassen; denn ich wei nicht recht, wie ich mich ausdrcken soll. Bereite dich
indessen, da wir, wie du sagst, ausreichende Traumeszeit haben, recht grndlich
auf die Beantwortung vor!
    Wie kann ich mich zur Antwort vorbereiten, eh ich nur die Frage kenne?
sagte das Pferd verwundert.
    Was? rief Heinrich erbost, das weit du nicht? Deinen guten Willen und
dein bichen Ehrlichkeit sollst du zusammennehmen und den Vorsatz fassen, ohne
alle Heuchelei und Ausschmckung zu antworten, und selbst wenn du gar nichts zu
antworten weit, so sollst du dies mit gutem ehrlichen Willen bekennen, und dies
wird alsdann die gesundeste Antwort sein. Kurz, du sollst, whrend du
philosophierst, wirklich ein Philosoph sein und nicht etwa ein Buchbinder oder
ein Kattundrucker!
    Es ist doch wunderbar mit den Menschen! bemerkte der Goldfuchs
melancholisch. Bist denn du etwa jetzt ein Philosoph, whrend du dir erst ein
Pferd trumst, um dir von demselben Fragen beantworten zu lassen, welche du dir
einfacher und unmittelbar aus dir selbst beantworten kannst? Mu denn dein
trumender Verstand wirklich erst ein Pferd formen, es auf vier Beinen
dahinstellen und sich rittlings daraufsetzen, um aus dem Munde dieses Geschpfes
das Orakel zu vernehmen?
    Heinrich lchelte vergngt und selbstzufrieden wie einer, der es wohl wei,
da er sich selbst einen Spa vormacht, und versetzte Antworte! Ich sehe hier
eine Brcke; dieselbe ist aber vollkommen gebaut und eingerichtet wie ein Palast
oder groer Tempel, so da es in dieser Hinsicht wieder mehr als eine Brcke zu
sein scheint, whrend eine solche vielmehr nur der Weg etwa zu einem guten
Tempel oder derartigen Bauwerke zu sein pflegt. Auch beginnt am Ausgange dieser
herrlichen Palastbrcke oder dieses Brckenpalastes eine herrliche alte Stadt,
deren himmelhohe Lindenwipfel und goldene Turmknpfe wir wohl unter diese
Bogenwlbungen knnen einherfunkeln sehen, wenn wir uns bcken, so wie wir ja
auch aus der schnsten Landschaft herkommen und soeben ber die treffliche
ideenhaltige Kristalltreppe heruntergestolpert sind. Trotzdem scheint alles auf
dieser Brcke so zu leben und zu weben, als ob nichts als diese Brcke da wre,
und ich bin nun begierig zu hren, ob dies stattliche Brckenleben eigentlich
ein bergang, wie es einer Brcke geziemt, oder ein Ziel, wie es ihr auch wieder
geziemen knnte, da sie so hbsch ist, ein Zweck oder ein Mittel sei? Ein bloes
Bindemittel oder eine in sich ruhende Vereinigung? Ein Ausgang oder ein Eingang,
ein Anfang oder ein Ende? ein A oder ein O? Dies nimmt mich wunder!
    Das weise Pferd erwiderte Alles dies ist zumal der Fall, und das ist eben
das Herrliche und Bedeutungsvolle an der Sache! Ohne die schnen Ufer wre die
Brcke nichts, und ohne die Brcke wren die Ufer nichts. Alles, was auf der
Brcke geht, ist und bedeutet nur etwas, insofern es aus dem Gelnde hben und
drben kommt und wieder dahin geht und dort etwas Rechtes ist, und dort kann man
es wiederum nur sein, wenn man als etwas Rechtes ber die Brcke gegangen ist.
Wenn man auf der Brcke ist, so denkt man an nichts anderes und strzt sich in
den Verkehr, indessen man doch unversehens hinber gelangt und wieder in seiner
besonderen Behausung ist. Dort duselt und hantiert man in Kche und Keller, auf
dem Estrich, rund in der Stube herum, als ob man nie auf der Brcke gewesen
wre, bis man pltzlich einmal den Kopf aus dem Fenster steckt und sieht, ob sie
noch stehe; denn von allen Punkten aus kann man sie ragen und sich erstrecken
sehen. So ist sie ein prchtiges Monument und doch nur eine Brcke, nicht mehr
als der geringste Brettersteg; eine bloe Geh- und Fahrbrcke und doch wieder
eine statise Volkshalle.
    Pltzlich bemerkte Heinrich, da er von allen Seiten mit biederer Achtung
begrt wurde, welche sich besonders dadurch kundgab, da manche mit einem
vertraulichen Griffe und Wichtiger Miene seinen strotzenden Mantelsack
betasteten, wie etwa die Bauern auf den Viehmrkten die Weichen einer Kuh
betasten und kneifen und dann wieder weitergehen.
    Der Tausend, sagte Heinrich, das sind ja absonderliche Manieren! ich
glaubte, es kenne mich hier kein Mensch.
    Es gilt auch, sagte das Pferd, nicht sowohl dir als deinem schweren
Quersack, deiner dicken Goldwurst, die auf meinem Kreuz liegt.
    So? sagte Heinrich, also ist das Geheimnis und die Lsung dieser ganzen
Identittsherrlichkeit doch nur das Gold, und zwar das gemnzte? Denn sonst
wrden sie dich ja auch betasten, da du aus dem nmlichen Stoffe bist!
    Hm, sagte das Pferd, das kann man eigentlich nicht behaupten! Die Leute
auf dieser Brcke haben vorerst ihr Augenmerk darauf gerichtet, ihre Identitt
allerdings zu behaupten und gegen jeglichen Angriff zu verteidigen. Nun wissen
sie aber sehr wohl, da ein kampffhiger guter Soldat wohlgenhrt sein mu und
ein gutes Frhstck im Magen haben mu, wenn er sich schlagen soll. Da dies aber
am bequemsten durch allerlei Gemnztes zu erreichen und zu sichern ist, so
betrachten sie jeden, der mit dergleichen wohlversehen, als einen gersteten
Verteidiger und Untersttzer der Identitt und sehen ihn drum an. Sei dem, wie
ihm wolle, ich rate dir, dein Kapital hier noch ein wenig in Umlauf zu setzen
und zu vermehren. Wenn die Meinung der Leute im allgemeinen auch eine irrige
ist, so steht es doch jedem frei, sie fr sich zu einer Wahrheit und so seine
ffentliche Stellung angenehm zu machen.
    Heinrich griff in seinen Sack und warf einige Hnde voll Goldmnzen in die
Hhe, welche sogleich von hundert in die Luft greifenden Hnden aufgefangen und
weitergeworfen wurden. Heinrich warf immer mehr Gold aus, und dasselbe wanderte
von Hand zu Hand ber die ganze Brcke und ber dieselbe hinaus ber das Land;
jeder gab es emsig weiter, nachdem er es besehen und ein bichen an seinem
eigenen Golde gerieben hatte, wodurch sich dieses verdoppelte, und bald kehrten
alle Goldstcke Heinrichs in Gesellschaft von drei bis vier anderen wieder
zurck, und zwar so, da die ursprngliche Mnze, auf welcher der alte Schweizer
geprgt war, die brigen anfhrte mit einem Geprge aus aller Herren Lndern. Er
wies ihnen mit seinem Schwerte, welches jetzt ein Merkuriusstab war, den Platz
an, und es regnete von allen Seiten auf Heinrich ein. Das Gold setzte sich
klumpenweise an alle vier Beine des Pferdes, wie der Blumenstaub, welcher die
Hschen der Bienen bildet, so da es bald nicht mehr gehen konnte. Da es aber
immer mehr Gold regnete, so bildete dieses noch zwei groe Flgel an dem Tiere,
und dieses glich nun wirklich mehr einer ungeheuren beladenen Biene als einem
Pferde und flog mit Heinrich lustig von der Brcke auf, welche jetzt endlich zu
Ende war.
    Heinrich ritt oder flog jetzt durch die sonnigen Straen der Stadt, welche
herrlich und fabelhaft aussahen und ihm doch ganz bekannt waren, bis er unter
die himmelhohen Linden kam, zwischen welchen in der Hhe die zwei goldenen
Mnsterkronen glnzten, mit lebendigen Mdchen angefllt. Das goldene
Bienenpferd schwang sich mit ihm hher und hher und setzte sich endlich auf
einen grnen Lindenast, welcher gerade zwischen beiden Kronen mitteninne
schwebte.
    Das sind, sagte das lustige Vogeltier, die heiratslustigen
Jungfernmdchen dieses Landes, unter denen du dir als wohlbestellter Mann
fglich eine Frau aussuchen kannst. Heinrich blickte unentschlossen in beide
Kronen hinber, wie der Esel des Buridan zwischen den Heuschobern, und flog
endlich mit seinem Tiere in die eine der Kronen, so da er wie eine Reiterstatue
pltzlich in einem Kranze ltlicher Mdchen stand, welche anstndig und gemessen
um ihn herumtanzten und sangen Wir sind diejenigen heiratsfhigen Frauenzimmer,
welche gerade mannbar waren, als du in die Fremde gereiset bist, und welche
seitdem alte Jungfern geworden! Kennst du uns noch? Unten in der Kirche wird
getraut!
    Teufel noch einmal, sagte Heinrich, wie die Zeit vergeht! Wer htte das
gedacht! Ich will aber sehen, was das da drben fr welche sind!
    Er flog in die andere Krone und sah sich unter eine Schar siebzehn- bis
achtzehnjhriger Jngferchen versetzt, welche, die Locken schttelnd, mutwillig
und doch zartverschmt um ihn tanzten, ihn dabei mit offenen Rehaugen ansahen
und sangen Wir sind diejenigen heiratsfhigen Frauenzimmer, welche noch mit der
Puppe spielten, als du verreiset bist! Kennst du uns noch?
    Alle Himmel! rief Heinrich, wie die Zeit vergeht! Wer htte das gedacht?
Eure Gesichtchen sind aber lieblichere Zeitsonnenuhren als die da drben! Welche
Zeit ist es, du kleine Schlanke?
    Es ist Heiratenszeit, lachte hold die Angeredete, und Heinrich rief
hocherfreut und lachend, indem er ihr das zarte Kinn streichelte Warte du einen
Augenblick, ich will nur erst meine Mutter aufsuchen und mit ihr Absprache
nehmen!
    Er flog eilig vom Turm hernieder, und die bergige Stadt hinanreitend, suchte
er endlich die Strae und das Haus seiner Mutter auf. Das schwere Pferd konnte
aber nur mhsam vorwrts, und es dnkte Heinrich eine qualvolle Ewigkeit, bis er
endlich vor dem ersehnten Hause anlangte. Da fiel das Tier vor der Haustr
zusammen und verwandelte sich zum Teil wieder in das Gold, aus welchem es
entstanden, zum Teil in die schnsten und reichsten Effekten und
Merkwrdigkeiten aller Art, wie man sie nur von einer bedeutsamen und
glcklichen Reise zurckbringen kann; Heinrich aber stand verlegen bei dem
aufgetrmten Haufen von Kostbarkeiten, der sich ganz offen ohne alle tragbare
Hlle auf der Strae ausbreitete, und vergeblich suchte er den Drcker der
verschlossenen Haustr oder den Glockenzug. Ungeduldig und ratlos, indem er
ngstlich seine Reichtmer htete, sah er an das Haus hinauf und bemerkte erst
jetzt, wie seltsam es aussah. Es war gleich einem alten edlen und fachreichen
Schrankwerke ganz von dunklem Nubaumholz gebaut mit unzhligen Gesimsen,
Balkonen und Galerien, alles auf das feinste gearbeitet und spiegelhell poliert.
Auf den Gesimsen und Galerien standen altertmliche silberne Trinkbecher von
jeder Gestalt, kostbare Porzellangefe und kleine feine Marmorbilder
aufgereiht. Groe Fensterscheiben von klarem Kristallglas, denen aber das dunkle
Innere des Hauses einen dunklen geheimnisvollen Glanz gab, funkelten hinter den
Galerien, oder herrlich gemaserte Holztren, welche ins Innere fhrten und mit
reichgeformten blanken Stahlschlsseln versehen waren, boten dem Lichte ihre
glnzende Flche dar; denn der Himmel wlbte sich jetzt ganz dunkelblau ber dem
Hause, und eine merkwrdige halbnchtliche Sonne spiegelte sich in der dunklen
Pracht des Nubaumholzes, im Silber der Gefe und in den Fensterscheiben. Alles
dies sah aus wie das nach auen gekehrte Inwendige eines altbestandenen reichen
Hauses und hatte doch ein sehr festes und bauliches Ansehen. Jetzt ent deckte
Heinrich, da auen schn geschnitzte Treppen zu den Galerien hinauffhrten, und
bestieg dieselben, Einla suchend. Wenn er aber eine der Tren ffnete, so sah
er nichts als ein Gela vor sich, welches mit Vorrten der verschiedensten Art
angefllt war. Hier tat sich eine reiche Bcherei auf, deren dunkle Lederbnde
von Gold glnzten, dort war Gert und Geschirr aller Art
bereinandergeschichtet, was man nur wnschen mochte zur Annehmlichkeit des
Lebens, dort wieder trmte sich ein Schneegebirge feiner Leinwand empor, oder
ein duftender Schrank tat sich auf mit hundert kstlichen Kstchen voll
Spezereien und Gewrze. Er machte eine Tr nach der anderen wieder zu, wohl
zufrieden mit dem Gesehenen und nur ngstlich, das er die Mutter nirgend fand,
um sich in dem trefflichen Heimwesen so gleich einrichten zu knnen. Suchend
drckte er sich an eines der prchtigen Fenster und hielt die Hand an die
Schlfe, um die Blendung des dunklen Kristalles zu vermeiden; da sah er, anstatt
in ein Gemach hinein, in einen herrlichen Garten hinaus, der im Sonnenlichte
lag, und dort glaubte er zu sehen, wie seine Mutter im Glanze der Jugend und
Schnheit, angetan mit sei denen Gewndern, durch die Blumenbeete wandelte. Er
wollte ihr eben sehnlich zurufen, als er unten auf der Gasse ein hliches
Zanken vernahm. Erschreckt sah er sich um und sprang im Nu hinunter; denn unten
stand der vom Turme gestrzte junge Mensch aus der Jugendzeit, jener feindliche
Meierlein, und strte mit einem Stecken Heinrichs schne Effekten auseinander.
Wie dieser aber unten war, gerieten sie einander in die Haare und rauften sich
ganz unbarmherzig. Der wtende Gegner ri dem keuchenden Heinrich alle seine
schnen Kleider in Fetzen, und erst als dieser ihm einige verzweifelte Knffe
versetzte, entschwand er ihm unter den Hnden und lie den Ermatteten und ganz
Trostlosen in der verdunkelten kalten Strae stehen. Heinrich sah sich angstvoll
mit bloen Fen und mit nichts als einem zerrissenen Hemde bekleidet dastehen;
das Haus aber war das alte wirkliche Haus, jedoch halb verfallen, mit
zerbrckelndem Mauerwerk, erblindeten Fenstern, in denen leere oder verdorrte
Blumenscherben standen, und mit Fensterlden, die im Winde klapperten und nur
noch an einer Angel hingen. Von seiner vortrefflichen Traumeshabe war nichts
mehr zu sehen als einige zertretene Reste auf dem kotigen Pflaster, welche dazu
von nichts Besonderm herzurhren schienen, und in der Hand hielt er nichts als
den seinem bsen Feinde entrungenen Stecken. Heinrich trat entsetzt auf die
andere Seite der Strae und blickte kummervoll nach den den Fenstern empor, wo
er deutlich seine Mutter, alt und grau, hinter der dunklen Scheibe sitzen sah,
in tiefem Sinnen ber die schwarzen Dcher der Nachbarschaft hinausfahrend.
    Heinrich streckte die Arme nach dem Fenster empor; als sich die Mutter aber
leise rhrte, verbarg er sich hinter einem Mauervorsprung und suchte angstvoll
aus der stillen dunklen Stadt zu entkommen, ohne gesehen zu werden. Er drckte
sich lngs den Husern hin und wanderte auch alsbald an seinem schlechten
Stecken auf einer unabsehbaren Landstrae dahin zurck, wo er hergekommen war.
Er wanderte und wanderte rastlos und mhselig, ohne sich umzusehen, und als er
in sein wirkliches Elend aufwachte, fiel ihm ein Stein vom Herzen, und er war so
froh, als ob der glcklichste Tag ihn begrte.
    So zeigte sich dem schlafenden Heinrich die Kraft und Schnheit des
Vaterlandes in den lieblichsten Traumbildern, wo alles glnzend bertrieben war
in dem Mae, als er sich dahin zurcksehnte und seine verlangende Phantasie das
Ersehnte ausmalte. Er wunderte sich ber diese Traumgewalt und freute sich
derselben wie einer schnen Freundin, welche ihm das Elend verste; denn er
zehrte tagelang von der Erinnerung der schnen Trume. Noch mehr wunderte er
sich ber die Gier, mit welcher der Mangel ihn fortwhrend von Geld und Gut und
allen guten Dingen trumen lie, was aber gewhnlich ein schlimmes Ende nahm,
und studierte darber, ob diese Gier wirklich etwa eine in ihm schlummernde
Untugend sein mchte? Je tiefer er aber in gnzliche Verlassenheit hineinlebte,
desto weniger mrchenhaft und unsinnig wurden die Trume, aber sie nahmen eine
einfache Schnheit und Wahrheit an, welche, selbst wenn sie traurigen Inhaltes
war, eine trstliche Rhrung und Ruhe in Heinrichs Gemt verbreitete. Die Trume
wurden so folgerichtig und lebendig, da er sich sozusagen sogar whrend des
Traumes jene unmigen Geld- und Gutphantasien abgewhnen konnte mit ihren
nrrischen Tuschungen und sich auf einfach artige Bilder beschrnkte. So
trumte er eine Nacht, da er an dem Rande des Vaterlandes auf einem dunklen
Berge se, whrend das Land in hellem Scheine vor ihm ausgebreitet lag. Auf den
weien Straen, auf den grnen Fluren wallten und zogen viele Scharen von
Landleuten und sammelten sich zu heiteren Festen, zu allerhand Handlungen und
Lebensbungen, was er alles aufmerksam beobachtete. Wenn aber solche Zge nahe
an ihm vorbergingen und er manche Befreundete erkennen konnte, so schalten
diese ihn im Vorbeigehen, wie er, teilnahmlos in seinem Elende verharrend, nicht
sehen knne, was um ihn herum vorgehe. Er verteidigte sich, indem sie
vorberzogen, und rief ihnen sorgfltig gefgte Worte nach, welche wie ein Lied
klangen, und dieser Klang lag ihm nach dem Erwachen fort und fort im Gehr,
indessen er sich wohl noch des Sinnes, aber durchaus nicht mehr der Worte
erinnern konnte, oder wenigstens nur so viel, da sie wohl an sich sinnlos, aber
gut gemeint gewesen seien. Es reizte ihn aber unwiderstehlich, die liedartige
Rede herzustellen oder vielmehr von neuem abzufassen bei wachen Sinnen, und
indem er ein altes Bleistmpfchen und ein Fetzchen Papier mit Mhe
zusammensuchte, schrieb er, in Takt geratend und mit den Fingern zhlend, diese
Strophen auf:

Klagt mich nicht an, da ich vor Leid
Mein eigen Bild nur knne sehen!
Ich seh durch meinen grauen Flor
Wohl euere Gestalten gehen.

Und durch den starken Wellenschlag
Der See, die gegen mich verschworen,
Geht mir von euerem Gesang,
Wenn auch gedmpft, kein Ton verloren!

Und wie die Danaide wohl
Einmal neugierig um sich blicket,
So schau ich euch verwundert nach,
Besorgt, wie ihr euch fgt und schicket.

Je herber und trockener diese Verse an sich waren, desto unmittelbarer und
wahrer drckten sie seine Gemtsverfassung aus, da ein blhendes und
vollkommenes Kunstwerkchen nicht in einer solchen selbst, sondern erst in der
vershnten Erinnerung entstehen kann. Die Zeilen dnkten den ber seine
pltzliche Kunst Verwunderten aber die schnste Musik; er vertrieb sich die de
Zeit, indem er ferner dergleichen Trume festhielt, und als er wieder von dem
schlimmen Meierlein trumte, hmmerte er in stillem Ingrimm einige bittere Verse
zurecht:

Im Traum sah ich den schlimmen Jugendfeind,
Mit dem ich in der Schule einst gesessen;
Sein Name schon verdunkelt mir den Sinn,
Wieviel der Jahre auch geflohn indessen!

Als brt'ge Mnner trafen wir uns nun;
Doch jeder trug annoch sein Bcherrnzchen,
Das warf er ab und rief dem andern zu,
Die Fuste ballend He, willst du ein Tnzchen?

Wir rauften uns, er spie mir ins Gesicht,
Ich unterlag in Schmach und wildem Bangen;
Da bin in Schwei und Trnen ich erwacht
Und sah die Sonne kalt am Himmel prangen.

Inzwischen erhielt er endlich wieder einen Brief von seiner Mutter, welche ihn
beschwor, Nachricht von sich zu geben und, wie er sei, nach Hause zu kehren,
auch wenn er gar nichts erreicht von allen Hoffnungen und alles verloren habe.
Sie warf ihm vor, da er sie zwinge, zuerst das Schweigen zu brechen, indem sie
es nicht mehr aushalten knne, und erzhlte ihm, ihren Kummer vergessend und des
Schreibens froh, allerlei Dinge, unter anderen auch, wie sie getrumt habe, da
Heinrich, auf einem schnen Pferde reitend, in der Vaterstadt angekommen und vor
dem Hause abgestiegen sei, was sie fr eine gnstige Vorbedeutung halten wolle.
    Es war ihm unmglich, auch nur eine Zeile zur Erwiderung hervorzubringen;
dagegen folgte dem ersten Schmerz ber den rhrenden Brief ein begieriges
Aufsichladen einer verhngnisvollen Verschuldung, indem er sein ganzes Leben und
sein Schicksal sich als seine Schuld beima und sich darin gefiel, in
Ermangelung einer anderen, froheren Ttigkeit, diese Schuld als ein kstliches
Gut und Schokind zu htscheln, ohne welches ihm das Elend unertrglich gewesen
wre. Seine Traumgedichte vergessend, brachte er diese neue Leidseligkeit in
gereimte Wortzeilen und feilte die folgenden mit so wehevollem Herzen aus, als
ob er die schlimmsten Dinge verbt htte:

O ich erkenn das Unglck ganz und gar
Und sehe jedes Glied an seiner Kette!
Es ist vernnftig, liebenswrdig klar!
Kein Schlag, den ich nicht ganz verschuldet htte!

Nicht zehnmal rgeres hat mir gebhrt,
Gerecht ist mir die Schale zugemessen!
Doch zehnmal bittrer hab ich sie versprt,
Als ich im Glck zu trumen mich vermessen!

Doch zehnmal leichter bring ich sie zum Mund,
Als die Erinnrung einst sich noch entsinnet;
Der quellenklare Perltrank ist gesund,
Ich lieb ihn drum und wei, woher er rinnet!

Wenn er aber in dies Wesen sich recht hineingegrmt hatte, wobei ihn die
traurigsten Erlebnisse untersttzten, die nicht erbaulich zu beschreiben wren,
die er aber anfing mit Lust in sich hineinzutrinken, so schrieb er pltzlich
voll guten Mutes, einem frischen Luftbauch Raum gebend:

Ein Meister bin ich worden,
Zu tragen Gram und Leid,
Und meine Kunst zu leiden
Wird mir zur Seligkeit.

Doch fhl ich auch zum Glcke
In mir die volle Kraft
Und werde leichtlich ben
Die schnre Meisterschaft!

Auf einem goldnen Feuer
Von Zimmet s und echt
Will zierlich ich verbrennen
Das schnde Dorngeflecht,

Das mir ums Haupt gelegen
So viele Tage lang,
Und lachend bertn ich
Der Bettlerkrone Knistersang!

Als er aber eines Abends nach seiner Wohnung zurckkehrte, sich auf die
Dunkelheit und Vergessenheit der Nacht freuend, fand er die Wirtsleute darin,
welche die rmliche Stube eifrig aufrumten und zurechtmachten. Das Bett war
schon weggenommen, die leeren Schrnke standen spttisch offen, sein Koffer war
erbrochen und durchsucht, und dessen einziger Inhalt, Heinrichs
Jugendgeschichte, lag zerblttert und zerknittert auf die Dielen geworfen. Die
Wirtsleute kndigten ihm mit harten Worten an, da er hier nicht lnger wohnen
knne, sondern noch heute das Haus verlassen solle. Schweigend nahm er das Buch
auf, wickelte es in ein Stckchen altes Wachstuch, das auch noch in dem Koffer
lag und dem man es ansah, da es ebenfalls um und um gekehrt worden, und
entfernte sich mit diesem Pcklein aus dem Hause, indes die Leute hhnisch
hinter ihm nachschalten.
    Ohne einen Pfennig in der Tasche, ohne etwas zu sich zu nehmen, ging er mit
einbrechender Nacht aus dem Tore und schlug die Strae nach der Heimat ein. Er
dachte nichts anderes, als unaufhaltsam und auf jede Weise zu gehen und zu
gehen, wie er ging und stand, bis er dort angekommen. Denn nun dnkte ihn, da
sein Geschick die zur Rckkehr notwendige klare und fertige Form angenommen
habe, und da er nicht mit erfllten Hoffnungen wiederkehren konnte, kehrte er
doch in dem ernsten heiligen Bettlerleide eines gnzlich Obdachlosen und
Hilfesuchenden und zeigte so wenigstens eine bestimmte Gestalt und Gewandung dem
mitlebenden Geschlechte und nahm einen erkennbaren Rang in demselben ein. Dies
war nichts weniger als etwa Trotz und Hohn, sondern er hielt es aufrichtig fr
ein kostbares und erlsendes Gut, und das Wie war ihm gleichgltig, wenn nur das
Geschick fr einmal erfllt war. Ja, der Augenblick, wo er in voller Demut und
mit der reichen Erfahrung von Not und Abhngigkeit unter das Dach der Mutter
treten wrde, erschien ihm als das seste Glck und kaum zu erwarten, und er
schtzte jeden Schritt, den er auf der nchtlichen Strae tat, mit einem Seufzer
nach dem Ma und Wert, in welchem er ihn seinem Ziele nher brachte.

                                 Achtes Kapitel


Aber er lernte erst jetzt die allerursprnglichsten menschlichen Zustnde
kennen. Er war auf dem Dampfwagen angekommen vor Jahren und seitdem nach dieser
Seite hin kaum ber das Weichbild der Stadt hinausgelangt und hatte sich um die
Lage der Ortschaften und um das Straennetz nicht gekmmert. Bald stie er in
der Dunkelheit auf den Eisenbahndamm, welcher die Landstrae durchschnitt; ein
spter Zug brauste vorber, der in fliegender Eile an das gleiche Ziel fhrte,
welches Heinrich zu erreichen strebte, und wehmtig sah er die drhnende
Wagenburg in der nchtlichen Ferne verschwinden. Jetzt teilte sich die Strae in
zwei fast gleich groe Zweige, und da er den Unterschied wegen der Nacht nicht
bemerkte, folgte er dem etwas schmlern Zweige; nach einer Stunde wiederholte
sich der gleiche Irrtum, indem die Strae sich abermals in eine unmerklich
kleinere abzweigte, und endlich war Heinrich, auf einem schmalen holperigen
Fahrweg gehend, weit seitwrts von der Heerstrae und in das Innere des alten
Landes geraten. Er ging ber dunkle Hhen, durch Gehlze, ber Feld- und
Wiesenfluren, an Drfern vorber, deren schwache Umrisse oder matte Lichter weit
vom Wege lagen; er begegnete einzelnen unkenntlichen Menschen, welche ihn
ebensowenig erkennen mochten und behutsam grten oder auch schweigend
vorbeigingen. Aber er fragte niemanden nach dem Wege, da er einen nhern Ort in
der Richtung nach der Schweiz nicht zu nennen wute und nach der letzteren am
wenigsten fragen mochte in der berzeugung, da die Frage, so tief im fremden
Lande, auf nchtlichen Wegen an herumdmmernde Landleute gerichtet, vollkommen
zwecklos und tricht erscheinen, ja sogar bedenklich auffallen wrde. So ging er
mitten in dem zivilisiertesten Weltteil wie in einer unbewohnten Wildnis und
suchte nur die Richtung nach der Heimat innezuhalten, indem er die Himmelsgegend
nach den Spuren des verloschenen herbstlichen Abendrotes im Auge behielt.
Obschon er mde ward, so wanderte er unverdrossen weiter, sein Pckchen bald
unter diesen, bald unter jenen Arm nehmend; denn die Nacht war frostig und kalt.
Bald schmerzten ihn auch die steinigen harten Geleise der Wege durch die
schlechten Sohlen, und er schlotterte in seinen dnnen Kleidern. Die tiefste
Einsamkeit waltete jetzt auf Erden, da es Mitternacht war und Heinrich ber
weite Felder ging; aber um so belebter waren die herbstlichen, mondlosen, aber
mit tausend Sternbildern durchwirkten Lfte, denn singende, zwitschernde Staren-
und Schwalbenvlker zogen nach Sden, ja die ganze Nacht hindurch rauschte und
tnte es auf den himmlischen Straen von Sngerscharen, wilden Tauben-, Hhner-
und Gnsezgen, welche entweder weit aus Norden kamen oder aus diesen Fluren
aufbrachen und sdwrts reisten. Noch nie hatte Heinrich diesen herbstlichen
Nachtverkehr der Lfte so genau und auffallend gesehen, und indem er sich unten
auf der dunklen harten Erde mhselig forthalf, blickte er fortwhrend nach dem
Himmel und beobachtete neugierig das Ziehen und Begegnen der gefiederten
Vlkerschaften, denen mit Sonnenaufgang das wrmere Land und die neue lustige
Heimat gewi war.
    Dann geriet er in einen groen Forst, und die Dunkelheit wurde vollkommen.
Still huschte der Kauz an seinem Gesichte vorber, die Waldschnepfe bog hier und
dort blitzschnell um die Bsche, wovon er aber nur ein leises Wehen hrte, aus
der Tiefe schrie der Uhu. Diesen hatte Heinrich nie gehrt, und er kannte sein
Geschrei nicht, daher machte es die Verwirrung und Fremdheit des Abenteuers
vollstndig. Doch stie er nun an einer Lichtung auf einen rauchenden
Kohlenmeiler, dessen Hter in der Erdhtte steckte und schlief. Heinrich setzte
sich auf einen Baumstrunk an den heien Meiler und wrmte sich, und er wre ganz
glcklich gewesen, wenn er jetzt nur etwas zu essen und zu trinken gehabt htte.
Er ging zwar einigemal unter die Bume und ein wenig in sie hinein und griff
gierig mit den Hnden im Dunkeln herum, ob nicht etwa ein Tier oder ein Vogel in
dieselben geraten mchte, was er wrgen und braten knnte; es rauschte auch auf
und gab Laut da und dort; allein nichts kam ihm unter die begierigen Hnde, und
traurig kehrte er an seinen Platz zurck, wo er endlich einschlief. Ein Flug
laut schreiender Wanderfalken, deren silberblaue Flgel und weie Federbrste im
ersten Morgenrot blitzten, weckte den Schlfer aus verlorenen Trumen, und da,
wie er sich ermunterte, der Khler sich zugleich zu regen und aus seiner Htte
zu kriechen begann, die Fe voran, so stand Heinrich auf und setzte seinen Weg
fort, dem Khler einen guten Morgen wnschend, und der Khler dankte ihm, des
Glaubens, er wre ein frh vorbergehender Reisender mit kleinem
Wachstuchbndel. Der mag auch kaum ein altes Hemde in seinem Pckchen haben!
sagte er vor sich hin, als die drftige Gestalt im Walde verschwand.
    Doch dieser nahm bald ein Ende, und Heinrich trat in eine weite,
wunderschne deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus. Waldige und dunkle
Gebirgszge umgaben den Horizont, durch das weite Tal schlngelte sich ein
rtlicher Flu daher, weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die
purpurisch angeglhten Wolkenschichten ber Feldern, Hhen, Drfern und kleinen
grauen Stdten hingen. Nebel rauchte an den Waldhngen und verzog sich an den
dunkelblauen Bergen; Burgen, hohe Stadttore und Kirchtrme glnzten rtlich auf,
und ber all dem stand noch der spt aufgegangene Mond am Himmel und vermehrte,
ohne zu leuchten, den Reichtum dieser Herbstwelt um sein goldenes Rund. Lngs
des Waldrandes, ber welchem er schwebte, entspann sich ein hallender Jagdlrm;
Hrner tnten, Hunde musizierten fern und nah, Schsse knallten, und ein schner
Hirsch sprang an Heinrich vorber, als er eben den Forst verlie. Das Morgenrot
und der alte Mond waren so ruhig und heimatlich, ihn dnkte, er msse und msse
zu Hause sein, whrend das fremde Gebirge ihm nur zu deutlich sagte, wie fern er
noch sei, und das Morgenrot berdies noch den Seufzer entlockte: Morgenrot
bringt ein nasses Abendbrot! Jenes verkndete einen unzweifelhaften tchtigen
Regentag, und der wandernde Heinrich dachte mit Schrecken an die kommenden
Fluten und da er durchnt bis auf die Haut in die zweite Nacht hineingehen
msse. Die Nsse und der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des
Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost, sich etwa
erschpft an die trockene Erde zu werfen, wo es niemand sieht. berall kltet
ihm die bitterliche Feuchte entgegen, und er ist gezwungen, aufrecht ber sie
hinzutanzen und doch immer zu versinken.
    Bald verhllte auch ein dichtes Nebeltuch alle die Morgenpracht, und das
graue Tuch begann sich langsam in nasse Fden zu entfasern, bis ein
gleichmiger starker Regen weit und breit herniederfuhr, welcher den ganzen Tag
anhielt. Nur manchmal wechselte das nakalte Einerlei mit noch strkeren
Wassergssen, welche einen krftigen Rhythmus in das Schlamm- und Wasserleben
brachten, das bald alles Land und alle Wege berzog. Heinrich ging unverdrossen
durch die Fluten, welche lngst seine Kleider durchdrangen, in den Nacken
strmten und aus den Rockrmeln herausliefen. Einen Bauernknecht auf dem Felde
fragte er nun nach der Gegend und vernahm, da er im allgemeinen die rechte
Richtung innegehalten und nur um einige Stunden seitwrts geraten sei. Er sah
mit Seufzen ein, da er unmglich in einem Zuge nach der Heimat gelangen knne,
ohne etwas zu essen; doch berechnete er, da er bis zum nchsten Tage eine
Landschaft erreichen msse, wo seiner dunklen Erinnerung nach schon etwas Obst
wuchs, da er gefallene Frchte suchen, sich leiblich strken und unter
irgendeiner Feldscheune ruhen knne, um dann in einem zweiten Anlauf die
Schweizer Grenze zu erreichen, wo er heimisch und geborgen war. Doch schon um
die Mittagszeit, als er durch ein triefendes Gehlz ging und es rings im Lande
Mittag lutete, schien ihm der Hunger und die Ermattung unertrglich, und er
setzte sich ratlos auf einen nassen Steinblock. Da kam ein altes Mtterchen
dahergetrippelt, welches mit der einen Hand ein elendes Bndel kurzen Reisigs
auf dem grauen Kopfe trug, dessen Haare so rauh und struppig waren wie das
Reisig, und mit der anderen Hand mhselig eine abgebrochene Birkenstaude
nachschleppte. Mit tausend kurzen, zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und
keuchend, viele Seufzer ausstoend, den widerspenstigen Busch ber alle
Hindernisse nach sich, gleich einer Ameise, die einen zu schweren Halm nach dem
Bau schleppt. Heinrich bedachte eben mit Scham ber seine eigene Ungeduld, wie
das schwache bejahrte Weib, das vielleicht dem Lande arbeitende und starke Shne
geboren hatte, sein ganzes Leben nur einen fortgesetzten Gang in Regen und Not
ging, ohne Grund und ohne Schuld, als ein dicker Flurschtz des Weges kam, wohl
ebenso alt wie das arme Weib, aber mit rotem trotzigen Gesicht und einem
eisgrauen Schnurrbart und scheibenrunden, tricht rollenden Augen. Dieser fuhr
sogleich ber die Frau her, welche den Busch zitternd fahrenlie, und schrie
Hast wieder Holz gestohlen, du Strolchin! Bei allen Heiligen beteuerte die
Alte, da sie das Birkenbumchen also geknickt mitten auf dem Wege gefunden
habe; aber er rief Lgen tust du auch noch? wart, ich werd dir's austreiben!
Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr, welches unter der
verschobenen geblmten Kattunhaube hervorguckte, und zerrte sie mehrmals an
selbem hin und her, wie man etwa einen bsen jungen Buben schttelt, da es
hchst seltsam und unnatrlich anzusehen war. Heinrich sprang mit einem Satze
hinzu und schlug dem bsen Holzvogt sein hartes Wachstuchpcklein einigemal so
heftig um die Ohren und auf das Gesicht, da der Unhold taumelte und ihm das
bermtige Blut aus Mund und Nase rann. Das Frauchen machte sich, so schnell es
konnte, aus dem Staube, oder vielmehr aus dem Regen, der Feldwrtel aber wollte
seinen Sbel ziehen, und indem dieser nicht hervorkommen wollte, verharrte der
Wtende krampfhaft in der ziehenden Stellung, die eine Hand am Griff, die andere
an der Scheide, schnaubend und fluchend, und gab in dieser gebannten Lage ein so
herausforderndes Bild der hchsten Wut, da Heinrich noch einmal auf ihn
zusprang, ihm noch mehrere Maulschellen gab und mit Scheltworten, Sten und
Schlgen davonjagte. Froher als der junge Moses, der den gyptischen Aufseher
erschlagen, atmete er auf und fand pltzlich, da das unvorhergesehene Abenteuer
ein gutes Mittagsmahl war, denn er fhlte nicht mehr den mindesten Hunger und
sich so angenehm aufgeregt und bei Krften, da er wohlgemut seinen Weg
fortsetzte und sich nicht stark um die Rache des Flurschtzen kmmerte, welcher
wahrscheinlich Mannschaften herbeiholte.
    Wie er nun so vorwrtsdrang durch Wind und Regen, wirkte die Wrme der guten
Tat, welche die Stelle eines nahrhaften Imbisses bei ihm vertreten, immer
angenehmer nach; es ging wie ein Licht in ihm auf, und es wollte ihn bednken,
als ob eine solche fortgesetzte und fleiige Ttigkeit in lebendigem
Menschenstoffe doch etwas ganz anderes wre als das abgeschlossene Phantasieren
auf Papier und Leinwand, insonderheit wenn man fr dieses nicht sehr geeignet
sei. Oder vielmehr begann es ihm klarer zu werden mitten in dem dstern
Unwetter, in welcher Weise er sich in der Berufswahl getuscht, da erst jetzt,
und noch viel eindringlicher als durch jenes borghesische Fechterbild, das runde
lebendige Menschenleben sich in seiner Hand abgedruckt und noch deutlich
nachfhlte, im Gegensatz zu dem kalten Flchenleben, dem er sich sonst ergeben.
    Auf der Hhe des nahen Gehlzes frba schreitend, dachte er sich den Fall,
da er den bsen Flurschtzen in der Hitze eines Kampfes totgeschlagen und
infolgedessen gefangen worden und vor ein Gericht ber Leben und Tod gestellt
sei, und er dachte sich eine feurige und siegreiche Verteidigungsrede aus,
welche ihn nicht nur aus dem bsen Handel zge, sondern auch der Sache der
Menschlichkeit ein krftiges Wort liehe und aus dem Angeklagten einen Anklger
machen wrde. Dann von diesem gewaltsamen Gegenstande zu anderen Vorstellungen
bergehend, sah er sich handelnd und redend, streitend und berzeugend oder sich
unbefangen berzeugen lassend, unter den Menschen verkehren und durch das bloe
Hervorkehren eines guten Gewissens, einer wahren Natur und Offenheit, eines
unverhohlenen und krftigen Benehmens die Lgner berfhren, die
Unentschlossenen antreiben und die vorstzlich Unklaren zum Sehen zwingen, jeden
Handel bestehen, jede Verwirrung zerstreuen und durch das einfachste und
unverfnglichste Dasein das Wahre an sich ziehen und Heiterkeit um sich
verbreiten. Er sah sich das Verwerfliche unter allen Bedingungen verwerfen und
ohne Prahlerei und Salbung, ohne Verzerrung des Gesichtes und Verrenkung des
Lebens berall fr das Sprchlein einstehen Ehrlich whrt am lngsten und Was
dem einen recht, ist dem andern billig; und er lachte ruhig und unbekmmert
diejenigen aus, welche weiser zu sein glaubten als diese einfache Lehre und
weitsehender als deren unabweichliche Folgen. Dann, indem er wieder des
Flurschtzen gedachte und den Grund von dessen bestialischem Wesen aufzufinden
sich bemhte, stellte er sich die Gestalt desselben nochmals lebendig vor die
Augen, und indem er die rollenden Augen, die hochroten Backen und Nasenpolster,
den grauen, wohl im Stand gehaltenen Schnurrbart, den dicken Bauch und die
blanken Knpfe des Dienstrockes betrachtete, sah er wohl, da das Fundament
alles dieses anmalichen, behaglich brutalen Gebausches eine unbegrenzte
Eitelkeit sei, die sich, da sie einer halben Bestie angehrte, nicht anders als
in solcher Weise uern konnte Dieser Kerl, welcher vielleicht der beste Vater
und Gatte war und ein ganz guter Geselle unter seinesgleichen, insofern man ihn
nur nicht im Prahlen und Ausbreiten seiner Art behinderte, dieser Kerl gefiel
sich ausnehmend wohl und hielt sich fr einen Kerl, nach Magabe seiner
Dummheit, als er die alte Frau am Ohr zerrte. Nicht da er etwa in der Kirche
oder im Beichtstuhl zuweilen nicht einshe, da er unchristlich lebe und handle;
der Rausch der Eitelkeit und Selbstgeflligkeit ist es, welcher ihn alle
Augenblicke fortreit und seinem Gtzen frnen lt. Gleichermaen sieht er das
Laster an seinem nchsten Vorgesetzten, dieser an dem seinigen, und so fort
stufenweise, indem einer es am andern gar wohl bemerkt, selbst aber nichts
Eifrigeres zu tun hat, als der eigenen Unart voll Wut den Zgel schieen zu
lassen, um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich darzustellen. Alle die
tausend voneinander Abhngigen streichen ihre grauen Schnuze und lassen die
Augen rollen, nicht aus Bosheit, sondern aus kindischer Eitelkeit; sie sind
eitel im Befehlen und eitel im Gehorchen, eitel im Stolz und eitel in der Demut;
sie lgen aus Eitelkeit, und die Wahrheit wird aus Eitelkeit in ihrem Munde zur
Lge; denn sie sagen eine Wahrheit nicht um ihrer selbst willen, sondern weil es
ihnen im Augenblicke gut anzustehen scheint. Stolz, Herrschsucht, Neid,
Habsucht, Hartherzigkeit, Verleumdung, alle diese Laster lassen sich bndigen
und zurckhalten oder in Schlummer singen; nur die Eitelkeit ist immer wach und
verstrickt den Menschen unaufhrlich in tausend lgenhafte Dinge, Brutalitten
und kleinere oder grere Gefahren, die alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus
ihm machen, als er ursprnglich war und eigentlich sein will. Denn die Eitelkeit
ist nichts anderes als die krankhafte Abirrung von sich selbst, der Mangel an
gengendem Gefhl seines sichern Daseins und die Angst, gerade durch diese
Verwirrung um das Dasein zu kommen. Hiegegen hilft kein Christentum; denn der
bekehrte Snder ist erst recht eitel auf seine Reue und auf die Gnade des Herrn
und wird seinen neuen Tick darin finden, ber die Eitelkeit der Welt zu jammern.
Gegen alles das bel, was von diesem Mehlstaub Eitelkeit stammt, hilft nur die
einfache, rein sachliche Gegenwirkung die Eitelkeit immer und allberall zu
verletzen, sie bei der Nase zu nehmen und ihr die eigene Zwecklosigkeit deutlich
zu machen, d.h. insofern als sie nicht die unschuldige Beschftigung mit der
eigenen Person, sondern die Reibung an den Mitmenschen zu ihrer Befriedigung
whlt. In der Tat sieht man oft, wie ein einziger Mensch, der nicht eitel ist
oder doch das Gift unschdlich zu verbergen wei, wenn er nur will, einen
frischen Luftzug unter die Leute bringt, und wo mehrere zusammentreffen, die
sich nur leidlich zu migen vermgen, wird sogleich Ruhe, Ehre, Offenheit und
Sicherheit herrschen und etwas Erkleckliches getan werden. - Ist die
Eitelkeit, indem sie in der Zudringlichkeit, in der gewaltsamen Verfgung ber
die Meinung und Gemtsruhe anderer besteht, ein Ri und eine Abirrung vom
eigenen Wesen, so ist hingegen die unschuldige Eitelkeit, welche in einer
gutartigen Verzierung des eigenen Wesens und in der Freude an demselben besteht,
eine wahrhafte Ergnzung desselben, sozusagen das goldene Hausmittelchen der
Menschlichkeit und das beste Gegengift fr jene bsartige weltliche Eitelkeit.
Aber die gute und schne Eitelkeit, als die zierliche Vervollkommnung oder
Ausrundung unseres Wesens, indem sie alle Keimchen zum Blhen bringt, die uns
brauchbar und annehmlich machen fr die uere Welt, ist zugleich der beste und
feinste Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an, das Gute und
Wahre, was wir auch sonst vorbringen wrden, ohne hliche Manier, ohne
Aufgeblasenheit und Schnrkelei zu vertreten, und so veredelt sie sich von
selbst zum guten Geschmack, welcher seinerseits wieder nichts anderes als die
Gesundheit und das Vernnftige selbst ist.
    Indem Heinrich dergestalt vor sich hinpredigte, lenkte er endlich seine
Gedanken auf sich selbst und fragte sich, zum ersten Male in seinem Leben, ob er
selbst nicht eitel sei, und in welcher Weise, in der verwerflichen oder in der
guten Art? Er setzte sich abermals hchst bedchtig auf einen Stein und sann
darber nach, traurig und verfroren; denn in guten jungen Tagen fragt man sich
wohl einmal, ob man gut oder bse sei, ob aber eitel, anmaend oder
unertrglich, erst wenn man etwas mrbe geworden und ordentlich durchgeregnet
ist. Da fiel sein Blick auf das triefende Pcklein, das er in seinen Hnden
hielt, und er fand sofort, da der Inhalt desselben wohl das Produkt der
Selbstgeflligkeit sein drfte, welche ihn in so frhem Alter unbewut getrieben
hatte, ein Bild von sich selbst zu entwerfen und festzuhalten. Doch als er
dieses selbe Bild nher und nicht unliebsam betrachtete und der Sonnenschein der
entschwundenen Jugendzeit durch das dunkle feuchte Wachstchelchen zu leuchten
begann, glaubte er sich sagen zu drfen, da die Eitelkeit der eingewickelten
Bcher zu der guten Art gehre, welche ihren Inhaber zierlich verlockt, sich
selbst zu ergnzen und darzustellen, und ihm hilft zu sein, was er seiner Natur
nach sein kann. Wie er nun das verhllte Buch in Gedanken durchbltterte, sah er
jene Stelle, wo er in den frhesten Tagen der Kindheit seine kleinen Mitschler
ins Unglck hineingelogen und eine ganze Malefizgeschichte ber sie aus dem
Stegreif ersonnen hatte, und damit tauchte die weitere Frage in ihm auf, ob er
eigentlich von Grund aus eine Neigung zum Wahren oder zu dessen Gegenteil habe;
denn ohne die Liebe zur Wahrheit und Aufrichtigkeit ist die Eitelkeit in allen
Fllen ein schdliches Laster. Da er aber seit nun bald zwanzig Jahren nicht die
mindeste Lust zu solcher Teufelei mehr versprt und sich auch gestehen konnte,
aufrichtig um das Wahre bekmmert zu sein, so beruhigte er sich ber diesen
Punkt und suchte sich nur jene so ausgeprgte Kinderuntat auf andere Weise zu
erklren.
    Und da fhrte er sich dann den seltsamen Vorgang auf die angeborne Lust und
Neigung zurck, im lebendigen Menschenverkehr zu wirken und zu hantieren und
seinerseits dazu beizutragen, da alle Dinge, an denen er beteiligt, einen
ordentlichen Verlauf nhmen. Dem Kinde war der Unterschied zwischen Gut und Bse
oder vielmehr zwischen wahrer und falscher Sachlage nicht bewut und vllig
gleichgltig; die Erwachsenen hatten jenen Handel unvernnftig eingeleitet, das
Kind hatte nichts zu tun, als, da ihm die wirkliche Gerechtigkeit verborgen war,
eine poetische Gerechtigkeit herzustellen und dazu erst einen ordentlichen
faktischen Stoff zu schaffen. Auch erinnerte er sich noch heute, da er damals
ohne die mindesten Gewissensbisse und mit dem unbefangensten Interesse dem
angerichteten Schaden zugesehen. Gedachte er nun noch, wie er um die gleiche
Zeit sich Bilder von Wachs gemacht und eine tabellarische Schicksals- und
Gerechtigkeitsordnung ber sie gefhrt, so schien es ihm jetzt beinahe gewi,
da in ihm mehr als alles andere eigentlich eine Lust lge, im lebendigen
Wechselverkehr der Menschen, auf vertrautem Boden und in festbegrndeten Sitten
das Leben selbst zum Gegenstande des Lebens zu machen.
    Mit diesen tchtigen Gedanken stand Heinrich auf und sah, da er sich ber
einem Tale befand, und dicht zu seinen Fen lag ein altertmliches Stdtlein,
wo um ein graues mchtiges Kirchenschiff und um den Giebel des Rathauses sich
ein Hundert kleine Huser zusammenkauerten. Heinrich sah in die paar Strlein
und auf den Platz hinein, wie auf einen Pfannkuchen, und sah zu seiner
Verwunderung, da die ganze Einwohnerschaft trotz des Regenwetters auf den
Beinen war und die kleine Offentlichkeit des Ortes erfllte. Er bemerkte auch
alsbald, da einige Feuerspritzen, begleitet von vielen Mnnern in khnen
Feuerkappen, sich durch das Gedrnge bewegten, und da er keinen Rauch sah, so
nahm er an, da diese Leute wohl ihre herbstliche Feuermusterung mit
Spritzenprobe hielten. So war es auch; denn indem um das Rathaus herum Platz
gemacht wurde und man Feuerleitern daran legte, fingierte man khnlich einen
Brand auf dem Dache desselben, und alle Fenster des Stdtleins waren geffnet,
und die Einwohner, so nicht auf der Strae waren, harrten vergngt unter den
Fenstern der tapferen jhrlichen Bespritzung ihres Rathausgiebels. Um die bung
unternehmender und knstlicher zu gestalten, waren die Spritzen in kleinen
Seitengchen verteilt, und die langen Schluche zur Freude der Stadtjugend, die
verstohlen darauf herumtrampelte, zogen sich in mandrischen Windungen bis zu
dem unsichtbaren Feuer hinan. Mnner standen hoch auf den Leitern und schritten
auf dem Dache, die metallenen Wendrhren in der Hand, whrend andere ihnen von
unten auf Befehlsworte zusandten und sie auf die gefhrlichsten Punkte
aufmerksam machten. Aber als nun das Abenteuer vonstatten gehen sollte, da gab
es eine groe Verwirrung, ein Rufen, Schreien, Schelten und zuletzt ein
bedenkliches Durcheinanderdrngen und Puffen, ohne da die Leute wuten, woran
es lag und wie sie sich helfen sollten. Heinrich aber sah ganz herrlich, woher
die Not kam, und htte gern gelacht, wenn er nicht so na gewesen wre; denn die
Wendrohrfhrer hatten in der kunstreichen Verschlingung der Schluche jeder das
unrechte Rohr ergriffen, und als sie nun oben auf dem Kapitol ihrer
Spritzenmannschaft laut zuriefen, Wasser zu geben oder damit nachzulassen, je
nach der Wendung des Abenteuers, da gab immer die Spritze eines andern Wasser
oder versiegte pltzlich, so da ihr Vorkmpfer vergeblich sein Rohr khnlich
emporhielt und klug zielend hin und her schwenkte, whrend sein Nebenmann, der
an nichts dachte, unerwartet Wasser bekam und dem Brgermeister damit die
Percke abspritzte, der den Kopf aus einer Dachluke streckte. Immer grer ward
die Verwirrung, und ein allgemeiner Kampf schien zu entstehen; denn den
einfachen Grund, die Verwechslung der Wendrhre, entdeckte niemand, da die
verschlungenen Schluche um die Ecke gingen und keiner die Sachlage bersah.
    Heinrich ging still an dem Stdtlein vorber voll Nachdenken ber dies
wunderbare Gesicht. Dann rief er mit allem Feuer, dessen sein ausgehungertes und
erfrorenes Leibwerk noch habhaft war Dies ist das Geheimnis! O wer allezeit auf
rechte Weise zu sehen verstnde, unbefangen mitten in der Teilnahme, ruhig in
edler Leidenschaft, selbstbewut, doch anspruchlos, kunstlos und doch
zweckmig! Ich will nun aber doch gehen und noch irgend etwas Lebendiges
lernen, wodurch ich unter den Menschen etwas wirke und ntze!
    Also ging er darauf zu, als ob die nchsten hundert Schritte ihn dahin
bringen knnten, und die einfache Sehnsucht nach der Heimat verwandelte sich nun
in schnste Hoffnung und gewichtige Entschlsse, also da Heinrich, da er ganz
im Unstern war und verlassen als ein Bettler im Unwetter dahintrieb, sich selbst
erhhte und wenigstens vor sich selbst gute Figur machte.

                                Neuntes Kapitel


Jedoch hielten diese moralischen Lebensgeister den Wanderer kaum noch ein
Stndchen aufrecht, worauf, als es Abend wurde, seine Krfte endlich
nachzulassen begannen und er merkte, da er in keinem Falle die Nacht hindurch
gehen knne. Die leibliche Not, Schwche, Hunger und Klte, machten sich jetzt
so vermehrt und unmittelbar geltend, da Heinrich gnzlich jener
Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit anheimfiel, welche durch den rger noch
erbittert wird, da ja keine Rede davon sein knne, etwa umzukommen oder
unterzugehen, und also das schlechte Abenteuer nur eine entbehrliche Vexation
sei. Doch raffte er sich noch einmal zusammen und behauptete dem guten Mute mit
verzweifelter Kraftanstrengung die Oberhand. Er war jetzt aus einer Waldstrae
getreten und sah ein breites Tal vor sich, welches ein groes Gut zu enthalten
schien; denn schne Parkbume, die eine herrschaftliche Dchergruppe umgaben,
wechselten mit den Waldungen ab, und zwischen weiten Wiesengrnden und Feldern
lag eine weitlufige Dorfschaft zerstreut. Zunchst vor ihm sah er ein
katholisches Kirchlein stehen, dessen Tren offen waren.
    Er trat hinein, wo es schon ganz dmmerig war und das Ewige Licht wie ein
Stern vor dem Altar schwebte. Die Kirche schien uralt zu sein, die Fenster waren
zum Teil gemalt und die Wnde sowie der Boden mit adeligen Grabsteinen bedeckt.
Hier will ich die Nacht zubringen, sagte Heinrich zu sich selbst, und unter
dem Schutze der allerchristlichsten Kirche austrocknen und ausruhen. Er setzte
sich in einen dunklen Beichtstuhl, in welchem ein stattliches Kissen lag, und
wollte eben das grne seidene Vorhngelchen vorziehen, um augenblicklich
einzuschlafen, als eine derbe Hand das Vorhngelchen anhielt und der Kster, der
ihm nachgegangen, vor ihm stand und sagte Wollt Ihr etwa hier bernachten,
guter Freund? Hier knnt Ihr nicht bleiben!
    Warum nicht? sagte Heinrich.
    Weil ich sogleich die Kirche zuschlieen werde! Gehet sogleich hinaus!
erwiderte der Kster.
    Ich kann nicht gehen, sagte Heinrich, lat mich hier sitzen, die Mutter
Gottes wird es Euch nicht belnehmen!
    Geht jetzt sogleich hinaus! Ihr knnt durchaus nicht hierbleiben! rief der
Kster, und Heinrich schlich trbselig aus der Kirche, whrend der Kster
rasselnd die Tren zuschlug und um die Kirche herumging. Heinrich stand jetzt
auf einem Kirchhof, welcher durchaus einem schnen und wohlgepflegten Garten
glich, indem jedes Grab ein Blumenbeet vorstellte, die Grber zwanglos und
malerisch gruppiert waren, hier ein einzelnes groes Grab, dort ein solches
nebst einem Kindergrbchen, dann eine ganze Kolonie kleiner Kindergrber, dann
wieder eine grere oder kleinere Familie groer Grber und so fort, welche alle
in verschiedenem Charakter bepflanzt und mit Blumen besetzt waren. Die Wege
waren sorgfltig mit Kies bedeckt und gerechet und verloren sich ohne
Scheidemauer unter die dunklen Bume eines Lustwaldes, groe Ahornbume, Ulmen
und Eichen. Es hatte etwas zu regnen nachgelassen, doch trpfelte es noch
ziemlich, indessen gegen Abend ein schmaler feuriger Streifen Abendrot auf den
Hgeln lag und einen schwachen Schein auf die Leichensteine warf. Heinrich sank
auf eine zierliche Gartenbank unter den Grbern; denn er vermochte kaum mehr zu
stehen. Nun kam ein schlankes weibliches Wesen unter den Bumen hervor mit
raschen leichten Schritten, welches eine schwarzseidene Mantille trug, reiche
dunkle Locken lustig im Winde schttelte und mit der einen Hand die Mantille
ber der Brust festhielt, indes die andere Hand einen leichten Regenschirm trug,
der aber nicht aufgespannt war. Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut
zwischen den Grbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen, ob
die Gewchse von Sturm und Regen nicht gelitten htten. Hie und da kauerte sie
nieder, warf ihr Schirmchen auf den Kiesweg und band eine flatternde Rose frisch
auf oder schnitt sich mit einem Scherchen eine Blume ab, worauf sie wieder
weitereilte. Heinrich sah, erschpft wie er war, diese schne Erscheinung wie
einen Traum vor sich hinschweben und dachte nicht viel dabei, obschon sie ihm
einen angenehmen Eindruck machte, als der Kster wieder hinter der Kirche
hervorkam und Heinrich abermals anredete.
    Hier knnt Ihr auch nicht bleiben, guter Freund! sagte er, dieser
Gottesacker gehrt gewissermaen zu den herrschaftlichen Grten, und kein
Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben.
    Heinrich antwortete gar nicht, sondern sah teilnahmlos vor sich hin.
    Nun, hrt Ihr nicht? Auf! Steht in Gottes Namen auf, guter Freund! rief
der Kster etwas lauter und rttelte den Mden an der Schulter, wie man etwa
einen Betrunkenen aufmuntert. In diesem Augenblicke kam jenes Frauenzimmer zur
Stelle und hielt ihren zierlichen Gang an, um dem Handel neugierig zuzuschauen.
Diese Neugierde war so kindlich und gutmtig, und zugleich war die ganze
Erscheinung, welche Heinrich die schnugigste und anmutigste Person dnkte, die
er je gesehen, von so unverhohlener, natrlicher und doch kluger Freundlichkeit,
da er von dem Anblick ein neues Leben gewann, sich schnell aufrichtete und eine
hfliche Verbeugung vor ihr machte. Aber indem er seinen nassen Hut schwenkte,
fiel derselbe gnzlich zusammen, und er hielt den bel aussehenden wie ein
schlechtes Symbol in der Hand. So stand er denn auch gar ber und ber mit
Schlamm und Kot bedeckt vor der schnen Person, die ihn aufmerksam betrachtete,
und er schlug hchst verlegen die Augen nieder und schmte sich vor ihr,
indessen er doch ein wenig lcheln mute, denn er gedachte sogleich wieder des
unglckseligen Rmer, welcher ihm einst den vor der schnen Nausikaa sich
schmenden Odysseus poetisch erklrt hatte. Oh, dachte er, da es noch hie und da
eine Nausikaa gibt, so werde ich auch mein Ithaka noch erreichen! Aber welch
nrrische Odysseen sind dies im neunzehnten Jahrhundert christlicher
Zeitrechnung!
    Diese Betrachtung dauerte aber nur einen Augenblick, und die liebliche
Jungfrau sagte inzwischen zu dem unholden Kirchendiener Was gibt es hier mit
diesem Manne?
    Ei, gndiges Frulein! erwiderte der Kster, wei Gott, was dies fr ein
Heide mag sein! Er will durchaus in der Kirche oder auf dem Kirchhof
einschlafen; das kann doch nicht geschehen, und wenn er ein armer Landfahrer
ist, so schlft er gewi besser im Dorf in irgendeiner Scheune!
    Die junge Dame sah den Heinrich an und sagte freundlich Warum wollen Sie
durchaus hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?
    Ach, mein Frulein, sagte Heinrich, indem er ziemlich furchtsam
aufblickte, ich hielt sie fr die eigentlichen Inhaber und Gastgeber der Erde,
die keinen Mden abweisen; aber wie ich sehe, so sind sie von den Lebendigen
auch in dieser Hinsicht arg bevormundet und wird ihre Intention stets ausgelegt,
wie es denen gefllt, die ber ihren Kpfen dahingehen!
    Das sollen Sie nicht sagen, erwiderte lieblich lachend das Frulein, da
wir hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten! Wenn Sie sich nur erst
ein bichen ausweisen wollen und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie uns
Lebendige hier schon als leidliche Leute finden!
    Was meine Herkunft betrifft, antwortete Heinrich und blickte sie jetzt
sicher und ernsthaft an, so bin ich sehr guter Leute Kind und eben im Begriff,
sosehr ich kann, zu laufen, wo ich hergekommen bin. Ich bin aus der Schweiz, und
seit mehreren Jahren habe ich als Knstler in der Hauptstadt dieses Landes
gelebt, um zu entdecken, da ich eigentlich kein Knstler sei. Dabei erging es
mir bel, und ich begab mich ohne alle Mittel, wie ich ging und stand, auf den
Heimweg, um mich zu bessern. Ich wnsche und hoffe aber, unbemerkt und ohne
irgend den Menschen unterwegs auf- und lstig zu fallen, nach Hause zu kommen.
Ich wollte ungesehen und unbemerkt in dieser Kirche die Nacht zubringen, da es
so abscheuliches Wetter ist, und in aller Stille am Morgen wieder weiterziehen.
Wenn hier ganz in der Nhe irgendein Vordach oder eine Htte ist, denn weiter
kann ich nicht mehr, so befehlen Sie, da man mich dort ruhen lt und tut, als
ob ich gar nicht da wre, und am Morgen werde ich dankbar wieder verschwunden
sein.
    Das Mdchen besann sich eine kleine Weile, den Fremden ansehend, und sagte
dann mit unvernderter Freundlichkeit Sie kommen mir zwar ganz fremd vor; doch
wollt ich wetten, da Sie jener junge Schweizer sind, der vor sechs Jahren mit
uns in dem Gasthfe zusammentraf, einige Stunden von hier, und der dann mit
meinem Papa weiterfuhr nach der Residenz! Erinnern Sie sich nicht mehr des
kleinen Hndchens, welchem Sie Kuchen gaben ber den Tisch?
    Heinrich sah jetzt das hochgewachsene schne Frauenzimmer, das zwei- bis
dreiundzwanzig Jahre zhlen mochte, erstaunt an. Das also war jenes liebliche
und freundliche Mdchenkind, und welch artiges Wunder, da eben jetzt bei seinem
traurigen Abzug aus Deutschland das gleiche Wesen in reifer Vollendung ihm
entgegentreten mute, das ihn bei seinem pompsen Einzug als angehende Grazie
begrt hatte! Und wie wohlbestellt mute dies Wesen im Gemte sein, da es jene
wahrhaft wohlgezogene Hflichkeit des Herzens besa, welche auch das
Gleichgltigste und Vorbergehendste nicht vergit und jedem Menschenantlitz, so
ihr einmal begegnet ist, ein freundliches unverhohlenes Gedchtnis
entgegenbringt! Diese hfliche und aufmerksame Gemtsgegenwart erwrmte und
belebte den Durchnten sichtlich und gab ihm einen guten Mut zu sich selber, da
ein so preiswertes und zierbegabtes Gewchs seine Person der Wiedererkennung
wrdigte.
    O sicher erinnere ich mich, sagte er errtend, aber ich wrde Sie doch
nicht wiedererkannt haben; denn Sie sind soviel grer geworden!
    Bei diesen Worten errtete sie auch ein weniges, aber sehr unverfnglich und
nur insofern, als sie fhlte, welch einen rosigen Glanz die Erwhnung der
mrzlich flimmernden und schimmernden Mdchenflegeljahre ber eine Grogewordene
verbreitet, die man lange nicht gesehen. Dann sagte sie aber mit herzlicher
Bekmmernis Ach Gott! Sie mssen also nun auf so traurige Weise wieder in Ihre
Heimat kehren?
    O das hat gar nichts zu sagen, erwiderte Heinrich lachend, ich bin
bereits auf dem Wege wieder ganz munter geworden und habe es nun gut vor, wenn
ich nur erst dort bin!
    Kommen Sie nun jedenfalls mit mir, sagte das Frulein, mein Papa ist den
ganzen Tag weggewesen, und bis er nach Hause kommt, will ich es ber mich nehmen
und Ihnen ein vorlufiges Unterkommen anbieten in meinem Gartenhause; ich bin
versichert, da er sich wohl Ihrer erinnert und Sie nicht fortlassen wird diese
Nacht! Kommen Sie nur, gleich unter diesen Bumen treibe ich so den ganzen
Sommer und Herbst mein Wesen, und Ihr, Kster, folgt uns als dienstbare
Begleitung, zur Strafe, da Ihr diesen Herrn so ungastlich behandelt!
    Heinrich war zu schwach, als da er sich htte bedenken knnen, ob er der
Einladung Folge leisten wolle oder nicht; auch machte dieselbe einen so
herzlichen und unbefangenen Eindruck auf ihn, da er der Schnen gern folgte
und, so rasch er noch vermochte, neben ihr hinmarschierte, sich einzig nach
einer Ruhestelle und etwas Wrme sehnend, indessen der Kster ganz verblfft und
mitrauisch hinter dem Paare herging. Es hatte endlich ganz zu regnen aufgehrt,
der feste Boden unter den groen alten Bumen war fast gnzlich trocken, und in
das prchtige Dunkel, in dem sie jetzt gingen, leuchteten nur zwischen den
Stmmen der feurige Abendstreif und im Hintergrunde die erhellten Fenster eines
Park- oder Gartenhauses. In diesem befand sich ein kleiner Saal, der nur durch
eine Glastr vom Parke getrennt war, und in dem Saale brannte ein helles
Kaminfeuer; als sie eingetreten, rckte das Frauenzimmer einen Stuhl zum Feuer
und forderte Heinrich auf, sich auszuruhen. Ohne Verzug setzte er sich und
schmte sich noch eine Weile seines schlechten Aussehens; die junge Dame schien
das zu bemerken und stellte sich voll Mitleid vor ihn hin, indem sie sagte
Sagen Sie doch, Herr - wie heien Sie denn?
    Heinrich Lee, sagte er.
    Herr Lee, geht es denn Ihnen ganz schlecht? Ich habe keinen rechten Begriff
davon; Sie sind doch am Ende nicht so arm, da Sie auch nichts zu essen haben?
    Heinrich lchelte und sagte Es hat nicht zum mindesten etwas zu bedeuten,
wie ich Ihnen sage, aber im Augenblick ist es allerdings so! Er erzhlte ihr
hierauf mit wenig Worten sein Abenteuer, worauf sie die Hnde zusammenschlug und
rief Herr Gott! aber warum tun Sie denn das? Wie knnen Sie sich so der Not
aussetzen?
    Nun, mit Absicht hab ich es gerade nicht getan, sagte er, da es aber
einmal so ist, so bin ich sogar sehr froh darber; sehen Sie, man lernt an allem
etwas und hat manchmal sogar die besten Frchte daran. Fr Frauen sind
dergleichen bungen nicht notwendig, denn sie tun so immer, was sie nicht lassen
knnen; fr uns Mnner aber sind immer so recht handgreifliche Exerzitien gut,
denn was wir nicht sehen und fhlen, sind wir nie zu glauben geneigt oder halten
es fr unvernnftig und verchtlich.
    Das gute Mdchen hatte indessen ein kleines Tischchen herbeigeholt und vor
ihn hingestellt, auf welchem einiges Essen stand. Hier steht zum Glck, rief
sie, noch fast mein ganzes Essen; ich lie es mir hierher bringen, da ich heute
allein war, und essen Sie wenigstens sogleich etwas, bis mein Papa zu Hause
kommt und fr Sie sorgt. Geht sogleich nach dem Hause, Kster, und holt eine
Flasche Wein, sogleich, hrt Ihr? Die Brigitte wird sie Euch geben! Trinken Sie
lieber weien Wein oder Rotwein, Herr Lee?
    Roten, sagte er.
    So sagt der Brigitte, sie solle Euch von Papas Wein geben! rief sie dem
Kster noch nach. Dann zog sie tchtig an einer Klingelschnur, worauf ein
lndlich gekleidetes feines Mdchen herbeigelaufen kam, welches des Grtners
Tochter war und den essenden Heinrich neugierig betrachtete; denn dieser hatte
sich sehr andchtig ber ein Stck kalten Rehbratens hergemacht, wunderte sich
jedoch bald, da er gar nicht soviel zu essen vermochte, als er zuerst gedacht,
und er legte bald die zierlichen Ewerkzeuge hin und vermochte jetzt erst recht
nicht mehr zu essen, als er bemerkte, da es wohl diejenigen des Fruleins
selbst waren, die man ihm im ersten Eifer vorgelegt hatte. Er fand sich in einer
sonderbaren Lage und wnschte doch lieber wieder auf dem nchtlichen Wege zu
sein, um frei und frank seinem Lande zuzuschreiben. Denn es schnrte ihm
irgendeine Befangenheit das Herz zu, und es war ihm, als ob er besser getan
htte, alles darauf ankommen zu lassen und unter Gottes freiem Himmel zu
bleiben. Er nahm die kleine silberne Gabel, welche fast noch eine Kindergabel
war und schon viele Jahre gebraucht schien, noch einmal in die Hand und
betrachtete sie, und als er sah, da der Name Dorothea hchst sauber in
kleiner gotischer Schrift darauf graviert war, legte er das Instrumentchen so
schleunig wieder hin, als ob es ihn gestochen htte, und es erwachte pltzlich
ein heftiger Stolz in ihm, wenn er sich dachte, da man nur im geringsten etwa
meinen knnte, er htte sich etwas zugute darauf getan, mit dem allerliebsten
Leibbesteck dieses schnen und vornehmen Fruleins zu essen, und zwar so wie
gestohlen, durch die Gunst eines Versehens. Sie hie also Dorothea, und die
Grtnerstochter nannte sie auch soeben mit diesem Namen, whrend sie selbst
Apollnchen genannt wurde. Die beiden Mdchen hatten sich an einen groen
viereckigen Tisch zurckgezogen, der in der Mitte des Saales stand, und sprachen
dort mit halblauter Stimme miteinander, als ob sonst niemand zugegen wre; denn
es schien deutlich, da Dorothea einstweilen das Ihrige getan glaubte und sich
einer gemessenen Zurckhaltung ergab; aber in derselben war sie unbefangen und
anmutig, da Heinrich nur in um so grere Verlegenheit geriet und er, der eben
noch kaum seine Glieder zusammenhalten konnte, alsogleich von der Opposition
besessen ward, in welche ein unverdorbener junger Mensch solchen Erscheinungen
gegenber gert, als mte er sich seiner Haut wehren, wo niemand denkt, ihn in
Unruhe zu versetzen. Doch lie er sich nichts ansehen, und da der Wein
inzwischen gekommen war und Apollnchen ihm eingeschenkt hatte, wobei sie ihn im
Fluge und mit kritischen ugelein musterte, trank er binnen kurzem ein groes
Glas voll aus und sah nun dem Treiben der Frauenzimmer zu. Die Grtnerstochter
stand bei der Herrntochter, welche am Tische sa, und indem sie kurzweilig und
vertraulich plauderten, half jene dieser in ihrer Hantierung und reichte ihr,
was sie bedurfte. Der groe Tisch war ganz mit Gegenstnden bedeckt, worunter
vorzglich allerlei Gefe und Glser hervorragten, welche smtlich mit Blumen
angefllt waren, die im Wasser standen. Meistens waren es Sptrosen, und die
Strue, groe und kleine, befanden sich im verschiedensten Zustande, so da man
sah, da es die Ergebnisse vieler Tage waren und auch der lteste Strau noch
mit Liebe erhalten und gepflegt wurde, so hinfllig er auch aussah. Da Heinrich
sah, da die heutigen Blumen vom Kirchhofe sogleich in ein Glas gestellt worden,
so vermutete er, da alle Blumen von den Grbern herrhrten, und dachte sich,
die Schne msse eine liebevolle Freundin und Pflegerin der Toten sein, was ihr
um so mehr Reiz verlieh, als sie eine Grfin und die drauen Liegenden smtlich
Bauern und Untertanen waren. Auerdem lagen auf dem Tische noch eine Menge spte
Feldblmchen, verwelkt oder noch leidlich frisch, und wunderschne purpurrote
oder goldene Baumbltter, allerlei Prachtexemplare, wie sie jetzt von den Bumen
fielen, und noch andere solche Herbstputzsachen aus Wald und Garten, welche ber
den ganzen Tisch gestreut waren, so da die Dame fr die Gegenstnde, mit denen
sie sich beschftigte, fortwhrend Raum schaffen und das bunte Bltterwerk mit
liebenswrdigem Unwillen wegstreifen mute. Vor ihr lag eine groe offene Mappe,
welche ganz mit Bildern und Zeichnungen gefllt schien, welche auf stattliche
Bogen grauen Papieres zu heften ihre Arbeit war, da sie geschtzt und mit einem
anstndigen Rande versehen wurden. Heinrich sah sie von seinem Sitze aus
verkehrt; doch erkannte er, da es landschaftliche Studien waren, indessen sie
ihn wenig rhrten, da die Zeit dieser Dinge schon wie ein Traum hinter ihm zu
liegen schien; vielmehr empfand er einen Widerwillen, hier auf dergleichen zu
stoen, was ihm soviel Tuschung und Leidwesen bereitet hatte.
    Apollnchen schnitt, nach Dorotheas Anweisung, das graue Papier zurecht, je
nach dem Mae des Studienblattes, mit einer niedlichen Schere, und beide
benahmen sich dabei, als ob sie Leinwand vor sich htten und eine Aussteuer
zuschnitten. Apollnchen fuhr mit der Schere hastig und rasch vorwrts, wie sie
es beim Zeuge gewohnt war, welches von selbst reit dem Faden nach, und sie
machte desnahen viele Risse und Krmmungen in das Papier, und dasselbe
schrumpfte sich stellenweise auf jene unangenehme Weise auf der Scherenklinge
zusammen, wenn man zu unvorsichtig durchfhrt, so da das emsige Mdchen
fortwhrend mit den Fingerchen zu gltten, Zu seufzen und zu errten hatte.
    Ei, ei, Kind! sagte Dorothea, du machst mir ja ganz gefranste Rnder zu
meinen herrlichen Bildern! Ich will wetten, da der Papa unsere smtliche Arbeit
kassiert und sich endlich selbst dahintermacht, die Sachen zu ordnen!
    Ach du! sagte jene, mach du's doch besser mit diesem vertrackten Papier!
Sieh, du klebst ja alle die Landkarten krumm auf den Bogen, da sie ganz
windschief dastehen!
    Ach, so schweig doch, sagte Dorothea weinerlich, ich wei es ja schon! Es
sind aber auch gar zu groe Dinger, man kann sie ja gar nicht ordentlich
bersehen!
    Was nur daran zu sehen ist? sagte Apollnchen, zu was braucht man sie
denn?
    Ei, du Aff! zu was? zum Nutzen und Vergngen! Siehst du denn nicht, wie
hbsch dies aussieht, alle diese lustigen Bume, wie das kribbelt und krabbelt
von Zweigen und Blttern und wie die Sonne darauf spielt?
    Apollnchen legte die Arme auf den Tisch, neigte das Nschen gegen das Blatt
und sagte Wahrhaftig ja, es ist wirklich hbsch und so schn grn! Ist dies
hier ein See?
    Ein See! o du nrrisches Wesen! rief die andere und lachte mit dem
vergngtesten Mutwillen, dies ist ja der blaue Himmel, der ber den Bumen
steht! Seit wann wren denn die Bume unten und das Wasser oben?
    Geh doch, sagte diese schmollend, der Himmel ist ja rund, und dies Blaue
hier ist viereckig, gerade wie der neue Weiher hinter der Mhle, wo der Herr die
Linden hat drum pflanzen lassen. Und gewi hast du das Bild verkehrt aufgemacht!
Kehr es nur einmal um, dann ist das Wasser schon unten, und die Bume sind
oben!
    Ja, mit den Wurzeln! sagte Dorothea noch immer ladend, dies ist ja nur
ein Stck vom Himmel, du Kind! Guck einmal durchs Fenster, so siehest du auch
nur ein solches Viereck, du Viereck!
    Und du Dreieck! sagte Apollnchen und schlug der jungen Herrin mit der
flachen Hand auf den Nacken. Pltzlich hielt diese aber an sich und legte
bedenklich den Finger an den offenen Mund, als ob ihr etwas sehr Wichtiges
einfiele; denn auf dem Blatte, das sie jetzt in die Hand genommen, war zwischen
den Bumen ein Stck von einer helvetischen Alpenkette zu sehen. Heinrich war
ber den lieblichen vibrierenden Modulationen des Mdchengezwitschers sanft
eingeschlafen, und er hrte im Schlafe jetzt einen jener unartikulierten, aber
metallreichen Frauenausrufe, welche so ergtzlich klingen, wenn sie von etwas
berrascht oder halb erschreckt werden. Sie war nmlich pltzlich auf den
Gedanken gekommen, da die Zeichnungen offenbar aus der Schweiz herrhrten, da
am Ende Heinrich der Urheber derselben sein drfte, und weil der Zufall schon
soviel getan, so schien es ihr sogar gewi, und sie ging mit der Lebhaftigkeit
darauf los, welche solchen Wesen eigen ist, wenn sie ein unschuldiges und
argloses Abenteuer herbeifahren mgen. Sie stand jetzt vor dem inzwischen fest
Eingeschlafenen und hielt den groen Bogen vor ihn hin, indem sie die beiden
oberen Ecken zierlich gefat, wie eine Kirchenstandarte. Sie rief ihn beim
Namen, worauf er sogleich erwachte; aber er war schon so schlaftrunken von der
Mdigkeit, da er die ersten Augenblicke nicht wute, wo er war. Er sah nur ein
schnes Wesen vor sich stehen, gleich einem Traumengel, der ein Bild vor der
Brust hielt und mit freundlichen Sternaugen ber dasselbe herblickte. Voll
traumhafter Neugierde beugte er sich vor und starrte auf das Bild, bis ihm erst
die Landschaft mit den Bumen und Schneefirnen bekannt vorkamen und er dann auch
seine Jugendarbeit erkannte. Dann sah er in das vom Feuer beglnzte Gesicht
hinauf, und auch dieses kam ihm so bekannt vor, und doch wute er nicht, wo er
es schon gesehen, denn das, was er zehn Minuten zuvor erlebt, lag seinem
verwirrten Zustande in ein dunkles Vergessen entrckt. Nun zweifelte er nicht
lnger, da er mitten in einem jener Trume sich befinde, die er in jener Stadt
getrumt, und da er wiederum auf jener langen und bezauberten Heimreise
begriffen sei. Er hielt die Erscheinung fr ein neckendes verklrtes Bild seiner
Jugend, das ihm nur erschienen sei, um wieder zu verschwinden und ihn in tiefer
Hoffnungslosigkeit zu lassen. Seine Gedanken hielt er fr jenes sonderbare
Bewutwerden im Traume, er frchtete zu erwachen und das schne Bild zu
verlieren, und als er wieder auf die sorgsam gemachte, stille und unschuldige
Landschaft blickte, entfielen Trnen seinen Augen. Jetzt hielt er sich fr
erwacht und suchte das Kopfkissen, um das Gesicht hineinzudrcken und den Traum
bequemlich auszuweinen; da er aber kein Kissen fand, fuhr er verwirrt empor,
schaute sich um, erwachte jetzt wirklich, und sah durch seine Trnen das Bild
doch noch immer dastehen. Dorothea, welche ihn erst vergngt und munter zur Rede
stellen wollte, war sogleich verstummt und sah ergriffen dem seltsamen Wesen zu,
so da sie sich eine Weile nicht zu rhren vermochte und in ihrer reizenden
Stellung verharrte. Als Heinrich aber sich inzwischen gesammelt und mit wachen
Sinnen den Bogen ergriff und betrachtete, sagte sie gerhrt und teilnahmvoll
Sind diese Sachen nicht von Ihnen? - Gewi߫, erwiderte er voll Verwunderung
und trat an den Tisch, wo er sein ehemaliges Eigentum in schnster Eintracht
beisammen sah, alles, was er zu dem alten Trdelmnnchen getragen hatte fr ein
Almosen.
    Er freute sich hchlich, die Sachen wiederzusehen, obgleich sie nicht mehr
sein waren, und whlte begierig darin herum; sie kamen ihm vor, als ob sie ein
anderer gemacht htte, und wie so alles wieder beisammen war, was er nach und
nach verloren und seinem jetzigen Wesen so fernab lag, auch da er nichts mehr
von diesen Dingen hoffte, so fand er jetzt, da ein ganz bestimmter und
schtzbarer Wert in der Sammlung lag, und freute sich, dieselbe in so lieblichen
Hnden zu sehen.
    Welch ein Zufall! sagte er, wie kommen Sie denn nur dazu?
    Das ist kstlich, kstlich! rief sie und klatschte voll Freude in die
Hnde, einzig, sage ich! Nun sollen Sie uns aber auch willkommen und in aller
Ordnung aufgenommen sein! Noch sind Sie ganz durchnt und jmmerlich zuwege;
zuerst mssen Sie sich durchaus trocknen und warm ankleiden, und nehmen Sie
nicht bel, da ich sogleich einige Vorkehrungen treffe! Bleibe so lange hier,
Apollnchen, da dem rmsten Herrn Lee niemand was zuleide tut! sagte sie
scherzend und eilte fort.
    Himmel! sagte Heinrich, als sie fort war, das setzt mich aber in die
grte Verlegenheit.
    O machen Sie sich gar nichts daraus, mein Herr! erwiderte das freundliche
Mdchen und verneigte sich ganz anmutig, der Herr und das Frulein Dorothea tun
immer, was ihnen beliebt und was recht ist. Wie sie es tun, so meinen sie es
auch und sind auch gar nicht wie andere Herrschaften! berdies wird sich der
Herr ganz gewi verwundern und freuen ber diese Begebenheit; denn als er vor
lngerer Zeit die Bilder aus der Residenz brachte, hat die Herrschaft sie
wochenlang alle Tage nach Tisch betrachtet, und die Mappe mute immer im
Familienzimmer stehen.
    Heinrich ging aber dennoch hchst unruhig hin und her; denn er mochte nicht
unhflich und eigensinnig dem Tun der ungewhnlichen und tchtigen Dame entgegen
sein, und doch fhlte er sich ganz befangen und beschmt, sich dergestalt
einzuquartieren und umzukleiden in einem adeligen Hause.
    Inzwischen entstand Gerusch in dem Gartenhaus, und Dorothea trat wieder ein
und sagte So, nun gehen Sie und tun mir den Gefallen, sich umzukleiden; kommen
Sie, hierhin, zu Apollnchens Vater! Komm, zeig ihm den Weg, mein Mdchen!
    Er ging nach der Anweisung der Frauenzimmer durch einen Gang und trat in die
Grtnerstube, wo der alte Grtner und der Kster beisammensaen und eifrig Tabak
rauchten. Als er da abgegeben war, zog sich das Frulein zurck, und das
Apollnchen huschte hinter ihr drein ebenfalls auf und davon.
    Kommen Sie nur, Herr oder wer Sie sind! sagte der Grtner treuherzig, als
er sah, da Heinrich verblfft dastand, hier geht es nicht anders zu. Der Herr
und das junge Frulein stellen immer solche Geschichten auf, das sind wir schon
gewohnt, und es hat noch nie ein schlimmes Ende genommen, sondern sich immer als
richtig und erbaulich herausgestellt! Treten Sie nur in diese Kammer, wenn's
beliebt, da hat die gute Dame einen ganzen Kram herschleppen lassen aus des
Grafen Garderobe und selbst mitgetragen!
    Heinrich ging demzufolge in die Kammer und fand da einen vollstndigen Anzug
vor vom Kopf bis zum Fu, nebst feiner frischer Leibwsche; nichts war
vergessen, selbst die warme seidene Halsbinde nicht. Er wusch sich erst Gesicht
und Hnde und kmmte sein wirres Haar; dann kleidete er sich langsam und
bedenklich an, und als er fertig war, getraute er sich nicht hervorzukommen,
sondern setzte sich auf einen Stuhl und stellte allerlei Betrachtungen an. Da
fiel sein Blick auf seine schlechten, beschmutzten Kleider, die am Boden lagen,
und er schmte sich, da er sie nun da lassen sollte, und wute nicht, was mit
ihnen zu beginnen sei, bis er sie wieder anzge. Wahrhaftig, sagte er, ganz,
wie ich es getrumt! Nun, zum Teufel, solange das Leben so alle Traumgedichte
berbietet, wollen wir munter sein! Er glaubte sich endlich am besten aus der
Sache zu ziehen, wenn er die armen Kleidchen ordentlich zusammenlegte. Er legte
sie suberlich auf einen Stuhl in der Ecke, stellte die zerrissenen Stiefelchen
ehrbar unter den Stuhl, als ob es die feinste Fubekleidung wre, und machte
sich endlich auf den Weg nach dem Saale.
    Dort fand er unversehens den Grafen vor nebst einem stattlichen katholischen
Priester, die beide von der Jagd gekommen schienen; denn der Graf war im grnen
Jagdkleide mit hohen Stiefeln, und der Geistliche trug noch ber seinen
wohlausgefllten schwarzen Rock eine Weidtasche, und seine kanonischen Stiefeln
waren arg voll Kot. Auf dem Boden lagen Hasen und Hhner nebst einem toten Reh,
und am Tische lehnten die Gewehre. Der Graf selbst war ein groer schner Mann,
und Heinrich erkannte ihn sogleich wieder, nur da seine Haare und sein Bart
stark mit Grau gefrbt waren, was ihm indessen sehr wohl anstand. Er ging rasch
auf Heinrich zu, schttelte ihm die Hand und sagte Das ist ja eine kostbare
Geschichte, hren Sie! Nun sein Sie willkommen, junger Mann! Ich erinnere mich
Ihrer noch sehr wohl und bin neugierig wie ein Stubenmdchen, was Sie uns zu
erzhlen haben werden. Morgen wollen wir des weitlufigsten plaudern, jetzt aber
ungesumt ans Abendbrot gehen! Herr Pfarrer! Sie werden nichts dagegen haben,
kommen Sie!
    Er fate Heinrich unter den Arm, der Pfarrer gab der Dorothea den Arm, indem
er einen hflichen Kratzfu machte und ein schalkhaft lchelndes Gesicht
schnitt, und so brach die Gesellschaft auf und ging durch einen langen Garten
nach dem Hause, whrend die Grtnerstochter ihrer Herrenfreundin mutwillig
Gutnacht nachrief. Man trat jetzt in ein wohlgeheiztes behagliches Zimmer und
setzte sich um einen runden Tisch, der bereits sehr elegant und stattlich
gedeckt und angerichtet war, und Heinrich a abermals und mit gutem Behagen, da
das sichere und edle Wesen des grflichen Mannes ihn vollstndig aufgeweckt und
beruhigt hatte. Denn fr einen ordentlichen Menschen ist es fast ebenso
wohltuend und erbaulich, einen wohlbestellten, schnen und rechten Mann zu sehen
als schne und gute Frauen.
    Die trefflichen Leute unterhielten sich heiter und behaglich, ohne Heinrich
besonders in Anspruch zu nehmen, und es atmete alles, was sie sagten, ein festes
und offenes Gemt. Doch sagte der Graf nach einer Weile zu ihm Es ist doch eine
allerliebste Geschichte! Ei, erinnern Sie sich auch noch der Ursache unserer
Bekanntschaft, der groben Schlingel, die Ihnen damals die Mtze abschlugen?
    Sicher, sagte Heinrich lachend, aber was diesen Punkt betrifft, so habe
ich heute bei meinem Abzug jenen Einzugsgru mit Zinsen zurckgegeben! Er
erzhlte hierauf sein Abenteuer mit dem Flurschtzen. Der Graf warf ihm einen
feurigen Blick zu und sagte Wenn Sie aber mde sind, so gehen Sie ohne Zaudern
zu Bett, damit wir morgen desto munterer sind!
    Wenn Sie's erlauben! sagte Heinrich, stand auf und machte die zierlichste
Verbeugung, die er in seinem Leben je gemacht und von der er am Morgen nicht
getrumt htte, da er sie je machen wrde; doch mute er beinahe dazu lachen.
Die kleine Gesellschaft lchelte ebenfalls freundlich, stand auf und entlie ihn
mit Wohlwollen, worauf in einem guten Schlafzimmer er sich ins Bett warf und,
ohne einen weitern Gedanken zu verlieren, sofort einschlief.

                                Zehntes Kapitel


Heinrich schlief wie ein Murmeltier bis zwlf Uhr des andern Tages; eben
erwachte er und rieb sich sehr zufrieden die Augen, als der Graf hereinkam und
sich nach ihm umsah. Guten Tag, mein Lieber! Wie geht's Ihnen? sagte er und
setzte sich an das Bett, bleiben Sie ruhig liegen und duseln sich gemtlich
aus! Heinrich tat das auch und sagte O es geht gut, Herr Graf! Wieviel Uhr ist
es denn? - Es ist gerade zwlf Uhr, erwiderte jener, es freut mich, da Sie
in meinem Hause so gut geschlafen haben. Nun halten Sie vorerst eine gute
Einkehr bei uns und tun Sie ganz, als ob Sie bei den besten und zuverlssigsten
Freunden wren, von denen Sie wohl hergestellt und guten Mutes wieder auslaufen
werden! Aber nun hren Sie, Sie sind mir ja ein kstlicher Gesell! Wir blieben
gestern nacht noch ziemlich lange auf, und da wir von Ihnen sprachen, fiel uns
ein, da die Bildermappe noch im bel verschlossenen Gartensaale lag. Ich gehe
selbst hin, sie zu holen, denn ich wnschte nicht, da irgendein Unheil damit
geschehe, und bemerke, da auf dem Kaminsims ein kleines verkommenes Paketchen
liegt; ich mute lachen und dachte Gewi sind dies die armtigen Effektchen
unseres armen Kauzes von Vagabunden! Ich nahm es in die Hand und fand, da die
Hlle vom Regen und vom Tragen aufgelst war und auseinanderfiel, und siehe da,
statt etwa eines Strumpfes oder eines Schnupftuches, wie ich dachte, fllt mir
ein ganz durchntes Buch in die Hand; neugierig schlage ich es auf und sehe
lauter Geschriebenes, und indem ich die erste Seite lese, vermute ich sogleich,
da Sie Ihre eigene Geschichte geschrieben haben. Ich sehe das Ding etwas
genauer an und erkenne an den Data, da es Ihre Jugendgeschichte ist, die Sie
schon damals mit in die Fremde genommen haben und mit welchem Buche der
Erinnerung, als Ihrer letzten Habseligkeit, Sie sich wieder aus dem Staube
machen! Ich laufe mit den Sachen zurck und rufe: Seht, Leute! Unser Mensch
schlgt sich mit seinem Jugendbuche durch Regen und Sturm, wie Vetter Camoens
mit seinem Gedichte durch die Wellen! Der Spa wird kstlich! Dortchen nimmt das
Buch und besieht es von allen Seiten. Ach du lieber Himmel, ruft sie, das arme
Buch ist ja durch und durch na und droht zugrunde zu gehen! Das mu sogleich
getrocknet werden! Es wird ein frisches Feuer in den Ofen gemacht, das Mdchen
setzt sich auf ein Taburettchen davor und hlt das Buch, die Bltter
auseinanderschttelnd und es umwendend und kehrend, sorgfltig an das Feuer, und
in weniger als einer Viertelstunde ist das tapfere Werk heil und gerettet. Nun
aber lasen wir noch lnger als zwei Stunden darin, an verschiedenen Stellen, und
wechselten mit dem Vorlesen ab, und diesen ganzen Vormittag hab ich auf meiner
Stabe darin gelesen. Auf den letzten Blttern stehen einige Gedichte, die haben
Sie allem Anscheine nach erst neulich gemacht und hineingeschrieben? Heinrich
bejahte dies und wurde rot, und der Graf fuhr fort Ich will mich gar nicht
entschuldigen fr unsere Indiskretion; es macht sich so alles von selbst, und
wir wollen unsere Unverschmtheit nun mit gnzlicher Freundschaftlichkeit
abben. Zuerst mu ich Sie einmal kssen, Sie sind ein allerliebster Kerl!
    Bitte, Herr Graf! sagte Heinrich und duckte sich ein bichen unter die
Decke, Sie sind allzu gtig; aber ich mache mir nicht viel daraus, Mnner zu
kssen!
    Ei, sieh da! rief der treffliche Mann, Sie schlaues Brschchen! Aber
trotz alledem mssen Sie mich doch ein bichen wohl leiden, ich verlange es!
    O gewi, sag ich Ihnen, erwiderte Heinrich, mit schchternen und doch
zutulichen Worten; ich kann Sie gar nicht genug ansehen, so sehr gefallen Sie
meinen Augen und meinem Herzen! Und er sah ihn dabei wirklich mit glnzenden
Augen an.
    Nun denn, sagte der Graf mit feinem und gerhrtem Lcheln, so mssen Sie
durchaus gekt sein zur Besiegelung unseres guten Einvernehmens! Er umarmte
Heinrich und kte ihn herzlich, und dieser kte ihn, sein leises Struben
aufgebend, herzhaft, und seine Augen fllten sich mit salzig heiem Wasser, da
er endlich einen solchen ltern Mnnerfreund gefunden nach langem Irrsal. Denn
ber einen rechten Mann scheint die Welt wieder gelungen, recht und
hoffnungsvoll zu sein. Schweigend sah er den Grafen an, und dieser schwieg auch
eine Weile; dann drckte Heinrich die Augen in das Kissen und suchte sie
verstohlen zu trocknen, sagte aber dann Es geht mir recht nrrisch! Als ich ein
Schuljunge war, war nichts imstande, mir Trnen zu entlocken, und ich galt fr
einen verstockten Burschen; seit ich gro geworden bin, ist der Teufel alle
Augenblick los, und hchstens bring ich es zu einem oder zwei gnzlich trockenen
Jahrgngen!
    Der Graf nahm seine Hand und sprach Gedulden Sie sich noch ein paar
Jhrchen, und dann wird es vorbei sein und standhaftes trockenes Sommerwetter
werden. Es ging mir geradeso vor zwanzig und dreiig Jahren und reut mich noch
heute nicht! Doch nun stehen Sie auf, ziehen sich an und frhstcken. Wissen Sie
was! Ich werde es hierher bestellen, und Sie erzhlen mir, wie es Ihnen
ergangen, das heit, Sie liefern mir eine frmliche Fortsetzung der
Jugendgeschichte.
    Whrend Heinrich sich ankleidete und frhstckte, begann er zu erzhlen und
zndete dazu, als er mit Essen fertig war, eine gute Zigarre an, wie auch der
Graf eine solche rauchte. Heinrich erzhlte und beichtete mit Lust und frohem
Mut, mit Hrte und Schrfe, bald mutwillig, bald traurig, bald schnell und
feurig, dann wieder langsam und bedenklich, und tat seinem Wesen nicht den
mindesten Zwang an, ohne eine Unschicklichkeit zu sagen, oder wenn er eine
solche sagte, so fhlte er es sogleich und verbesserte sich ohne groen Kummer;
denn was aus einem schicklichen Gemte kommt, ist leicht zu ertragen, und sein
Zuhrer, obgleich er ein lterer Mann war, verbreitete nichts als Freiheit und
Sicherheit um sich. Er war jung mit dem Jungen, ohne den Wert seiner Jahre zu
verbergen, leicht beweglich und anmutig, doch mit dem Gewichte eines Mannes, der
gelebt und gedacht hat und fest steht, wo er steht. Er hrte gelufig und
aufmerksam zu, ohne ngstliche Spannung, und lie sich ansehen, da der Erzhler
bei ihm zu Hause war und verstanden wurde mit feinem Sinne, auch wenn er ein
Wort berhrt hatte. Auch gab er sein Verstndnis nicht mit Ausrufen und
Wortstellungen zu erkennen, sondern hrte ebenso leicht und zwanglos, wie ihm
erzhlt wurde, und Heinrich konnte im Zimmer umhergehen, einen Gegenstand
betrachten oder etwas hantieren, ohne dabei den Zuhrer beim Erzhlen zu dessen
Pein zu fixieren, ob er auch hre und verstehe? So sprach er zum ersten Mal,
seit er jenes Buch geschrieben, wieder so recht aus sich heraus und fhlte mit
bewegtem Herzen den Unterschied, wenn man dem toten weien Papier erzhlt oder
einem lebendigen Menschenkind. So vergingen beinahe zwei Stunden, und als er mit
seiner Ankunft auf dem Kirchhof geendet, sagte der Graf Wenn Sie als Maler ein
Pfuscher gewesen wren, so htte das Verlassen dieses Berufes gar keine
Bedeutung und knnte uns hier nicht weiter beschftigen. Da Sie aber, wie ich
den Beweis im Hause habe, unter gnstigeren Umstnden oder bei besserer Ausdauer
gar wohl noch eine so gute Figur htten machen knnen als so mancher sein
Ansehen kmmerlich aufrechthaltende Gesell, der tut, als ob die Musen an seiner
Wiege gestanden htten, so gewinnt die Sache einen tiefern Sinn, und ich gestehe
aufrichtig, da es mir ausnehmend wohl gefllt und mir als ein stolzer und
wohlbewuter Streich erscheint, ein Handwerk, das man versteht, durchschaut und
sehr wohl empfindet, dennoch wegzuwerfen wie einen alten Handschuh, weil es uns
nicht zu erfllen vermag, und sich dafr unverweilt die weite lebendige Welt
anzueignen.
    Sie tuschen sich, unterbrach ihn Heinrich, ich konnte wirklich nichts
machen, ich habe es ja versucht, und auch bei gnstigeren Verhltnissen wrde
ich hchstens ein stelzbeiniger dilettantischer Akademist geworden sein, einer
jener Absonderlichen, die etwas Apartes vorstellen und dennoch nicht in die Welt
und in die Zeit taugen!
    Larifari! erwiderte der Graf, ich sage Ihnen, es war blo Ihr guter
Instinkt, der Sie damals nichts zuwege bringen lie. Ein Mensch, der zu was
Besserm taugt, macht das Schlechtere immer schlecht, gerade solange er es
gezwungen und in guter Naivett macht; denn nur das Hchste, was er berhaupt
hervorbringen kann, macht der Unbefangene gut; in allem andern macht er Unsinn
und Dummheiten. Ein anderes ist, wenn er aus purem bermut das Beschrnktere
wieder vornimmt, da mag es ihm spielend gelingen. Und dies wollen wir, denk ich,
noch versuchen; denn Sie mssen nicht so jmmerlich davonlaufen, sondern mit
gutem Anstand von dem Handwerk Ihrer lugend scheiden, da keiner Ihnen ein
schiefes Gesicht nachschneiden kann! Auch was wir aufgeben, mssen wir elegant
und fertig aufgeben und ihm mit geschlossener Abrechnung freiwillig den Rcken
kehren. Dann aber wollen wir bestialische Flurschtzen prgeln, dies sei unser
Metier, in Liebe und Ha wirken, in Neigung und Widerstand! Sie werden aufhren,
selbst Trnen zu vergieen, aber dafr andere deren vergieen lassen, die einen
aus Freude, die anderen aus Zorn und Arger! Aber jetzt vor allem zur Sache! Ich
habe Ihre smtlichen Studien bei dem alten Teufelskerl gekauft, Stck fr Stck
um einen Taler. Ich lief eifrig hin, damit mir ja keine entgehe, denn die Sachen
gefielen mir wohl, ohne da ich jedoch viel dabei dachte, und erst als ich sah,
da hier ein ganzer wohlgeordneter Flei stckweise zum Vorschein kam,
vielleicht die heiteren Bltenjahre eines unglcklich gewordenen Menschen,
gewann ich ein tieferes Interesse an den Sachen und sammelte sie sorgfltig auf,
seltsam bewegt, wenn ich sie so beisammen sah und alle die verschwendete Liebe
und Treue eines Unbekannten, die Luft eines schnen Landes und verlorener Heimat
herausfhlte; denn man sah wohl, da dies nicht Reisestudien waren, sondern ein
Grund und Boden vom Jugendlande des Urhebers. Der Trdler wollte mir aber nie
sagen, wo derselbe aufzufinden, und beharrte eigensinnig auf seinem Geheimnis;
er log mich an und sagte, es schicke sie ihm ein auswrtiger Hndler, als ob der
Kauz wei Gott welche Geschftsverbindungen htte in seiner Spelunke. Nun sagen
Sie aber wollen Sie die Sachen wiederhaben, oder wollen Sie mir dieselben
lassen?
    Sie sind ja Ihr Eigentum! sagte Heinrich.
    Was da Eigentum! Sie werden doch nicht glauben, da ich, nun ich Sie kenne
und in meinem Hause habe, Ihre Mappe um solches Bettelgeld behalten will, das
wre ja wie gestohlen! Oder wollen Sie mich schon beschenken, Sie armer
Schlucker?
    Ich meine, sagte Heinrich, da die Mappe ihre Dienste getan und sich fr
mich vollstndig verwertet hat; erst habe ich etwas daran gelernt und, indem ich
sie zusammenbrachte, nichts Schlechteres verbt; dann hat sie mir zur Zeit der
Not das Leben gefristet, und zwar auf eine Weise, durch welche ich wieder etwas
gelernt habe, und auf die Gre der Summe kam es gar nicht an. Jeder Groschen
hatte fr mich den Wert eines Talers und machte mir ebenso groes Vergngen als
ein solcher, und so habe ich zu Recht bestehend mich der Sachen entuert.
Endlich hat sie mir Ihr Wohlwollen erworben und mir das artigste Abenteuer
vorbereitet, und so denke ich, durch dies alles sei ich vollkommen entschdigt.
    Dies wrde alles ganz nach meinem eigenen Sinne sein, wenn die Umstnde
anders beschaffen wren. So aber ist es eine Dftelei, die wir lassen wollen.
Ich bin reich und wrde jetzt die Mappe unbedingt um jeden annehmbaren Preis
kaufen, auch wenn Sie selbst gar nichts davon bekmen, also ganz ohne Rcksicht
auf Sie. Lernen Sie auf Ihrem Rechte bestehen, wo es niemand drckt und
ngstiget, wenn Sie Recht gewhren wollen, und nehmen Sie den Erwerb, der Ihnen
gebhrt, ohne Scheu, nachher knnen Sie damit tun, was Sie wollen! Also nennen
Sie mir einen Preis, wie er Ihnen gut dnkt, und ich werde noch froh sein, die
Sachen zu behalten.
    Gut denn, sagte Heinrich lachend, so wollen wir den Handel abschlieen!
Es sind ber achtzig Bltter; geben Sie mir fr jedes ineinandergerechnet einen
Louisdor! Manches darunter wrde ich, wenn ich ein florierender Knstler wre,
nicht fr zehn verkaufen, aber bei einem solchen Handel in Bausch und Bogen ist
es nicht also zu nehmen; davon ziehen Sie dann achtzigmal den Taler ab, den Sie
dem Alten fr jedes Stck gegeben, so wird die Affre so ziemlich ehrbar und fr
beide Teile leidlich ausfallen!
    Sehen Sie wohl! sagte der Graf und gab ihm lachend die Hand, so gefallen
Sie mir! Htten Sie zuwenig oder zuviel verlangt, so wrden Sie mir in beiden
Fllen nicht so gefallen haben! Auch den Abzug des Talers nehme ich an und habe
absichtlich gleich Geld mitgebracht; hier ist es, damit Sie mit einem guten
Pfennig in der Tasche, als Gast und nicht als Bettler, an unsern Mittagstisch
kommen, wohin wir jetzt gehen wollen!
    Heinrich steckte die Papiere in die Brusttasche und einiges Silbergeld,
welches die betreffende Summe vervollstndigte, in die Westentasche, denn eine
Brse besa er nicht, und indem er an des Grafen Arm nach dem Familienzimmer
ging, sagte er Wenn ehemals ein abenteuernder Held in einer befreundeten Burg
einkehrte und sich erholte, so reichte man ihm ein neues Schwert, wenn das
seinige im Kampfe mit den Riesen und Ungeheuern zerbrochen war. Heute reicht man
ihm, wenn es recht hoch und khnlich hergeht, ein Bndel Banknoten, welche er
auch ganz stillvergngt einsteckt und mit denen er, statt eines Schwertes, um
sich schlagen und weiterfechten mu, um sich Luft zu schaffen fr seine
wunderlichen und unerheblichen Taten.
    So ist es, antwortete der Graf, darum sehen Sie zu, da Ihnen das moderne
Schwert nie mehr zerbricht! Denn nur wenn Sie Geld haben, brauchen Sie am
wenigsten an dasselbe zu denken und befinden sich nur dann in vollkommener
Freiheit! Wenn es nicht geht, so kann man allerdings auch sonst ein rechter Mann
sein; aber man mu alsdann einen absonderlichen und beschrnkten Charakter
annehmen, was der wahren Freiheit auch widerspricht!
    Als sie in das Zimmer traten, kam ihnen Dorothea entgegen und begrte
Heinrich freundlich, doch mit einer gewissen anmutigen Gemessenheit, indem sie
einen leichten Knicks machte, sich gleich wieder bolzgrad aufrichtete, den
Lockenkopf allerliebst auf eine Seite neigte und den Gast mit reizender
Hochgndigkeit ansah. Auch trug sie ein Kleid von schwerem schwarzen Atlas, das
sehr aristokratisch geschnitten war, um den Hals eine feine Spitzenkrause, in
welcher sich ein glnzendes Perlenhalsband verlor, nicht ohne sich zuerst um ein
Stckchen des weien fruleinhaften Halses zu schmiegen.
    Der Graf sah seine Tochter etwas berrascht an, auch schaute er sich um und
sagte verwundert Ich dchte, wir wollten essen? und wo hast du denn decken
lassen? - Ich habe heute im Rittersaal decken lassen, sagte sie, wir haben
so lange nicht da gegessen, und der Herr grne Heinrich kann sich da am besten
orientieren, bei wem er eigentlich ist, wir haben uns, die wir ihn nun schon
mehr kennen, ihm eigentlich noch gar nicht vorgestellt, und kaum wei er, wie
wir heien!
    Der Graf, welcher nicht wute, was sie im Schilde fhren mochte, lie sie
gewhren, und so begab man sich durch einige Gnge des weitlufigen Hauses nach
einem langen, etwas dstern Saal. Dieser war von unten bis oben mit Ahnenbildern
angefllt, fast durchgngig schne Mnner und Frauen in allen Lebensaltern, die,
der Tracht und der Kunst nach zu urteilen, bis zum Anfange des fnfzehnten
Jahrhunderts hinaufreichten. Von da ab waren aber noch wohl drei Jahrhundert
dargestellt in Waffen, silbernen Geschirren, Hauschroniken in allerhand
Pergamentbnden, altertmlichen Urkundenschrnken und Kuriositten aller Art,
welche smtlich mit Daten, Wappen und deutlichen Merkmalen versehen waren. Die
Fenster waren zum grten Teil mit gemalten Scheiben bedeckt, auf welchen allen
das Wappen des Hauses mit demjenigen der eingeheirateten Frauen verbunden ber
biblischen Handlungen und Legenden schwebte. Auch war darin das Hauswappen in
allen seinen Wandlungen, von seiner ersten kriegerischen Einfachheit bis zu
seiner letzten Vermehrung und Zusammensetzung, zu sehen. Der Boden des Saales
war ganz mit hochrotem Tuche bedeckt, was zu den dunklen alten Mbeln und
Bilderrahmen prchtig und romantisch abstach, whrend die Tritte der Gehenden
nur leise darauf ertnten; in dem Kamin von schwarzem Marmor glhten groe
Eichenkltze, und da das Gemach der langen Verschlossenheit wegen durchruchert
worden, erhhte der feine Duft noch die Feierlichkeit und Vornehmheit dieses
Aufenthaltes.
    Ich habe, sagte der Graf, meinen ganzen Familienkram hier auf einen Punkt
aufgestapelt, da dergleichen auch sein Recht will und sich nicht so leicht
entuern lt, als man glauben mchte. Sehen Sie sich ein wenig um, es sind
manche hbsche Sachen darunter!
    Heinrich sah sich lebhaft um und bezeugte groe Freude ber die vielen
wertvollen Stcke und ber das Merkwrdige, was hier aufgehuft war; unter den
Bildern waren manche von den besten Meistern der verschiedenen Zeiten und Orte,
wo die alten Herren auf ihren Zgen und Gesandtschaften sich umgetrieben.
Andere, wenn auch von dunkleren rtlichen Pinselieren gemalt, machten sich durch
ihren charaktervollen Gegenstand und dessen Schicksal geltend, das ihnen auf der
Stirne stand; vorzglich aber gefielen ihm die vielen feineren oder keckeren
Kindergesichter, welche gleich den Blten an diesem groen Baume zwischen den
reifen Frchten berall hervorlchelten, deren Schicksal, dessen Beginn und
Morgenrot hier fr immer festgehalten schien, nun auch seit Jahrhunderten
erfllt und in die Erde gelegt war oder gar nicht zur Erfllung gekommen, da ein
Kreuz oder ein denatus ansagte, da sie als Blten schon vom Baume geweht
worden. Manches gemalte Schwert und Panzerstck war im gleichen Saale auch in
Wirklichkeit vorhanden, und der Graf hielt ihm die schweren Stcke mit leichter
und kundiger Hand vor, indessen Heinrich sie auch nicht wie ein Mdchen ihm
abnahm, da ihm die Waffenfhigkeit und - liebhaberei seines Geburtslandes in den
Fingern steckte. Dorothea hingegen bewegte sich rasch und gefllig herum, stieg
auf Schemel und Tritte, um einen alten silbernen Becher oder ein Kstchen
herabzuholen, und wies und erklrte die Sachen mit freundlicher, aber fast
mitleidiger Hflichkeit, was indessen Heinrich, der vollauf mit dem Beschauen
der Gegenstnde beschftigt war, nicht bemerkte, sondern nur als einen
angenehmen Eindruck zu dem brigen empfand, ohne darauf zu achten. Erst als sie
sich zu Tische setzten und man sich gegenbersa, wo Dorothea, die den Mnnern
vorlegte, mit noch erhhter vornehmer Freundlichkeit und Herablassung den Gast
nach seinen Wnschen und Bedrfnissen fragte, fiel ihm dies Wesen auf, das ihm
gestern gar nicht vorhanden geschienen. Es gefiel ihm aber gar wohl, da er
geneigt war, solchen schnen Geschpfen nichts belzunehmen, wenn sie nicht
gerade zu herzlos waren, und um sie darin zu bestrken und ihr einen Gefallen zu
tun, sagte er Solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen
Vergangenheit sind doch eine Art von Concretum, das sich nicht willkrlich
vergessen und verwischen lt. Wenn es einmal da ist, so ist es da, und man kann
sich nicht verhindern, an dem Vorhandenen seine Freude zu haben!
    Gewi߫, erwiderte der Graf, nur ist es tricht, willkrlich fortsetzen und
machen zu wollen, was unter ganz anderen Verhltnissen und Bedingungen geworden
ist. Desnahen nenne ich mich auch ungeniert noch von soundso, weil diese
Landschaft so heit und nicht meine Person, welche kein Berg, sondern ein Mensch
ist. Schon weil seltenerweise das Grundstck nie aus unserm Besitz gekommen ist
und fortwhrend welche von uns hier gewohnt haben in grader Linie, so erfordert
eine gewisse Dankbarkeit gegen diese Erscheinung, da man ihr die Ehre gebe. Ich
selbst habe eine brgerliche Frau genommen, welche frh gestorben ist und mir
keinen Erben hinterlie; ich habe sie so geliebt, da es mir nicht mglich war,
wieder zu heiraten, und wenn es nicht zu seltsam klnge, so wre ich fast froh,
keinen Sohn zu hinterlassen; denn wenn ich mir denken mte, da diese
Familiengeschichte noch einmal achthundert Jahre fortdauern knnte oder wollte,
so wrde mir dieser Gedanke Kopfschmerzen machen, da es Zeit ist, da wir wieder
untertauchen in die erneuende Verborgenheit. Ich selbst bin im Verfall des alten
Reiches geboren und eigentlich schon ganz berflssig, so da sich unser Stamm
mde fhlt in mir und nach krftigender Dunkelheit sehnt. Wenn ich einen Sohn
htte, so wrde ich auch Besitz und Stamm gewaltsam aufgegeben haben und dahin
gezogen sein, wo kein Herkommen gilt und jeder von vorn anfangen mu, damit das
Leibliche der Linie gerettet werde und ferner ntze und geniee, da dieses am
Ende die Hauptsache ist.
    Heinrich freute sich dieser Reden und fhlte sich durch sie geehrt. Ist
jene stolze schne Dame, welche dazumal das Hndchen auf den Tisch setzte,
vielleicht Ihre Gemahlin gewesen? fragte er mit hflicher Teilnahme.
    Nein, sagte der Graf lachend, das ist meine Schwester; die lebt als
Gattin eines alten Edelmannes vom stolzesten Geblte tief in Polen und ist ganz
verbauert; auch hat sie zur Strafe fr ihre Narrheiten schon vier Jahre in
Sibirien zubringen mssen mit ihrem Eheherrn. brigens ist es eine ganz gute und
liebe Dame, und wenn ich sterbe, so werde ich diesen ganzen Trdel hier
zusammenpacken lassen und ihr zuschicken; vielleicht, wenn es gut geht, rutscht
er mit der Zeit weiter ostwrts wieder nach Asien hinber, woher unsere Urvter
gekommen sind, und findet da ein gemtliches Grab!
    Dorothea, welche sah, da ihrem Gaste diese Reden sehr behagten, aber selbst
in ihrem Hochmut verharrte, sagte nun in der alten, halb teilnehmenden, halb
gleichgltigen, ja sogar fast mokanten Weise zu ihm Sie scheinen aber auch von
einer Art guter Herkunft zu sein, Herr Lee? wenigstens freuen Sie sich am Anfang
Ihres hbschen Buches Ihrer wackeren brgertichen Eltern?
    Allerdings, sagte Heinrich, dem diese Frage in diesem Augenblick etwas
berquer kam, errtend, bin ich auch nicht auf der Strae gefunden!
    Da klatschte sie pltzlich jubelnd in die Hnde, indem sie wieder ihre
gestrige offene und natrliche Art annahm, und rief frhlich Nun hab ich Sie
doch gefangen! Aber ich bin auf der Strae gefunden, wie Sie mich da sehen!
    Heinrich sah sie verblfft an und wute nicht, was das heien sollte,
indessen sie fortfuhr, sich zu freuen, und rief Sehen Sie, nun konnt ich Sie
doch noch verblfft machen, der sich von diesen Herrlichkeiten so gar nicht
verblffen lie! Ja, ja, mein gestrenger Herr von braver Abkunft, ich bin das
richtigste Findelkind und heie mit Namen Dortchen Schnfund und nicht anders,
so hat mich mein lieber Pflegepapa getauft!
    Heinrich sah den Grafen verwundert an, und dieser lachte und sagte Ei, ist
dies also nun das Ziel deines Witzes? Wir muten nmlich gestern abend lachen,
lieber Freund! als wir Ihre Worte lasen wenn Sie sich selbst bei der Nase
fassen, so seien Sie sattsam berzeugt, da Sie zweiunddreiig Ahnen besen!
Als wir aber dann die ganz gesunde Freude lasen, welche Sie doch uern, so
ehrliche Eltern zu besitzen, und wie Sie sich doch nicht enthalten knnen, ber
die Vorfahren einige Vermutungen aufzustellen, muten wir wieder lachen; nur das
liebe Kind hier schmollte und beklagte sich, da alle, Adelige wie Brgerliche
und Bauern, sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich gnzlich schmen
msse und gar keine Herkunft habe; denn ich habe sie wirklich auf der Strae
gefunden, und sie ist meine brave und kluge Pflegetochter. Er streichelte ihr
wohlgefllig die Locken, Heinrich aber war ganz beschmt und sagte kleinlaut
Ich glaube wenigstens zu sehen, da ich Sie nicht ernstlich beleidigt habe,
mein Frulein! - Was jene Anzglichkeiten betrifft in meinem Geschreibsel ber
die adelige und brgerliche Herkunft, so glaube ich nicht, da ich sie jetzt
noch machen wrde; denn ich habe seither gelernt, da jeder seine Wrde am
fglichsten wahrt, wenn er andere vor allen Dingen als Menschen betrachtet und
gelten lt und dann sich gar nicht mit ihnen vergleicht und abwgt, haben sie
auch welche Stellung und Meinungen sie wollen, sondern auf sich selbst ruht,
sich nicht verblffen lt, aber auch nicht darauf ausgeht, andere zu
verblffen, denn dies ist immer unhflich und von ordinrer Art. So gestehe ich,
da ich die jetzige Beschmung vollkommen verdient habe, indem ich mich doch
verlocken lie, die vermeintlich stolze Grfin abtrumpfen zu wollen, anstatt sie
in ihrer Art und Weise ungeschoren zu lassen! brigens ist Ihre Abkunft doch
noch die vornehmste, denn Sie kommen so recht unmittelbar aus Gottes weiter
Welt, und man kann sich ja die hochgestelltesten und wunderbarsten Dinge
darunter denken!
    Nein, sagte der Graf, wir wollen sie um Gottes willen nicht zu einer
verwunschenen Prinzessin machen, die Sache ist sehr einfach und klar. Vor
zwanzig Jahren, als meine Frau eben gestorben, trieb ich mich sehr ungebrdig
und schmerzlich im Lande herum und kam an die Donau. Eines Abends, als eben die
Sonne unterging, fand ich in ihrem Scheine ein zweijhriges Kind
mutterseelenallein im Felde auf einem hlzernen Bnkchen sitzen, das unter einem
pfelbaume war. Die Schnheit des Kindes rhrte mich, und ich blieb stehen, da
es zugleich verlangend die rmchen nach mir ausstreckte und durch reichliche
Trnen lchelte, so froh schien es, einen Menschen zu sehen. Ich schaute lange
aus, ob niemand Angehriger in der Nhe sei, und da ich niemand entdeckte im
weiten Felde, setzte ich mich auf das Bnkchen und nahm das Kind auf den Scho,
das auch alsogleich einschlief. Da nach Verlauf einer halben Stunde sich niemand
zeigte, nahm ich es getrost auf den Arm und ging nach dem nchsten Dorfe, um
Nachfrage zu halten. Das Kind gehrte nicht in das Dorf noch in die Gegend
berhaupt; hingegen erfuhr ich, da im Laufe des Nachmittages eine Schar
Auswanderer durchgezogen mit Weib und Kindern, die nach dem sdlichen Ruland
gingen und sich etwas weiter unten am Flusse den folgenden Morgen einschiffen
wollten. Ich gab das Kind nicht aus den Hnden, blieb in dem Dorfe ber Nacht
und begab mich mit dem Morgengrauen nach der bezeichneten Stelle, wo ich den
Trupp schon im Begriffe fand, zu Schiffe zu gehen. Es fand sich, da die Mutter
des Kindes, eine junge Witwe, unterwegs gestorben und begraben worden und da
die Gesellschaft dasselbe gemeinschaftlich mitgenommen. Aber noch war es nicht
einmal vermit worden, das arme Geschpfchen, das sich whrend des Ausruhens
verlaufen, und die guten Leute erschraken sehr, da ich mit dem lieben Tierchen
unvermutet erschien. Es brauchte indes nicht viel Beredsamkeit, bis sie mir
meinen Fund berlieen, da er soviel wie nichts besa und die arme tote Mutter
auf ihre gute Person allein die Hoffnungen der Zukunft gegrndet hatte. Aber so
eilig ging es zu mit der Abfahrt, da ich mich nicht einmal nach den genaueren
Namen erkundigen konnte. Das wurde rein vergessen, und ich erinnerte mich
nachher nur, da die Leute aus Schwaben gekommen. Von dem Kinde erfuhr ich, da
es Dortchen heie, und so nannte ich es Dortchen Schnfund, als ich ihm spter
sein Heimatsrecht bei mir sicherte, und so wissen wir endlich nur, da Dortchen
Schnfund hier ein Schwblein ist! Es nahm aber von Jahr zu Jahr so sehr und mit
solcher Leichtigkeit zu an Anmut, Tugend und Sitte, da wir die kleine Hexe ohne
Wahl vollkommen als die Tochter des Hauses halten und noch froh sein muten,
wenn sie nicht uns ber den Kopf wuchs in allen guten Dingen. Meine Schwester,
die Adelige, wollte auch durchaus Mittel finden, das Wesen durch irgendeinen
armen Teufel von Grafen zur Aufrechthaltung dieses alten Kastells zu verwenden,
aber, wie gesagt, hieran ist mir nichts gelegen, und Schnfndchen ist mir dazu
zu gut!
    Das Frulein hatte bei Erwhnung ihres Fundes und besonders ihrer armen
unbekannten Mutter einige heie Trnen vergossen, das schne Kpfchen
vornbergebeugt und in das Taschentuch gedrckt. Doch lchelte sie schon wieder
und sagte So, Herr Lee! nun kennen Sie meine glorreiche Geschichte und knnen
mich bedauerlich ansehen! Nun, so sehen Sie mich doch ein bichen bedauerlich
an!
    Ich werde mich wohl hten, sagte dieser, ich empfinde erst recht den
tiefsten Respekt, Frulein! und sehe gar nichts an Ihnen, das zu bedauern wre;
vielmehr bedauert man sich sogleich selbst, wenn man so vor Ihnen dasitzt. Er
schmte sich aber, dies gesagt zu haben, und sah verlegen auf seinen Teller,
whrend er in der Tat eine erhhte Ehrerbietung gegen das Mdchen empfand, da
alle ihre Feinheit und Wrde einzig in ihrer Person beruhte und weder erworben
noch anerzogen schien.
    Als man aufstand, hatte der Graf einige Geschfte mit den Landleuten abzutun
und lie Heinrich die Wahl, ob er ihn begleiten oder sich allein in Haus und
Garten umtreiben oder in der Gesellschaft seiner Pflegetochter bleiben wolle.
Heinrich zog vor, da es ihm schicklicher schien, sich in die Grten zu begeben,
und tat dies auch, nachdem der Graf sich entfernt. Die Sonne hatte wieder den
ganzen Tag geschienen, und es war ein heiteres warmes Herbstwetter geworden.

                                 Elftes Kapitel


Hchst angenehm gestimmt und aufgeregt ging er in dem schnen Garten umher und
fhlte sich lieblich geschmeichelt und gestreichelt durch den artigen Scherz,
welchen das Frulein mit ihm aufgefhrt, sowie durch die unbefangene Art, mit
welcher sie die Erzhlung ihres Herkommens und ihrer Verhltnisse veranlat
hatte. Aber erst unter den dunklen Bumen des Lustwaldes stieg ihm pltzlich der
schmeichelhafte Gedanke auf, da er der Schnen am Ende wohl gefallen msse,
weil sie so unverhohlen und freundlich sich mit ihm zu tun machte, und er warf
unverweilt sein inneres Auge auf sie mit groem Wohlwollen, auch stellte sich
ihm im Fluge ein herrliches und edles Leben dar mit allen seinen Zierden an der
Seite dieses guten und liebenswerten Frauenzimmers. Heftig schritt er in dem
khlen Schatten umher und fhlte sein Herz ganz gewaltig schwellen, und er kam
sich im hchsten Grade glckselig und deshalb liebenswrdig vor. Aber auf dem
obersten Gipfel dieser schnen Einbildungen lie er den Kopf urpltzlich sinken,
indem es ihm unvermutet einfiel, da dergleichen unbefangene Scherze, frohes
Benehmen und Zutraulichkeit ja eben die Kennzeichen und Sitten feiner,
natrlicher und wohlgearteter Menschen und einer glcklichen heiteren
Geselligkeit wren, welche jeden, den sie einmal arglos aufgenommen und zu
kennen glaubt, auch ohne Arg mit ganzer Freundlichkeit behandelt; da es ebenso
wohl das Kennzeichen der Grobheit und Ungezogenheit wre, zum Danke fr solche
feine Freundlichkeit sogleich das Auge auf die Inhaberinnen derselben zu werfen
und ihre Person mit unverschmten und eigenmchtigen Gedanken in Beschlag zu
nehmen. So hoch diese sich vorhin verstiegen hatten, um so tiefere Demut befiel
ihn jetzt, und er beschlo in derselben, die Schnste gegen sich selbst in
Schutz zu nehmen, nicht ahnend, da eine Neigung, die schon mit solcher inniger
Achtung vor ihrem Gegenstande beginnt, das allerschrfste Schwert in sich birgt.
Und er beschlo, ganz grndlich zu Werke zu gehen und die Dame auch in dem
geheimsten Gemte nicht zu lieben, so da sie unbewut ganz unbedenklich in
demselben wohnen knne, nur von seiner uneigenntzigsten Ehrerbietung und guten
Freundschaft umgeben.
    Dieser herzhafte Beschlu schwellte ihm abermals die Brust und hielt dann
sein Blut auf in seinem Laufe, aber sehr schmerzlich s, da es ihm wohl und
weh dabei ward. Ersteres, weil es immer wohltut, einem liebenswrdigen Wesen
Gutes zu erweisen, selbst wenn das durch Entsagung geschieht, und weh, weil es
doch eine hkliche Sache ist, eine junge Neigung so ohne weiteres abzuwrgen und
eine ganze werdende mgliche Welt im Keime zu zertreten. Indem er dies
schmerzliche Gefhl empfand und darber nachdachte, sagte er Im Grunde - ein
Mdchen zu lieben ist nie eine Unhflichkeit, wenn man nur etwas Rechtes ist!
Aber von mir wrde es jetzt unhflich und grob sein, weil ich ja nichts, ach so
gar nichts bin und erst alles werden mu! Zum ersten Mal bereute er so recht
die vergangenen Jahre und die scheinbar nutzlose lugend, die ihn jetzt von
dieser Erscheinung berrascht werden lie, ohne da er bereit und wert war, auch
nur im geheimen eine herzhafte Leidenschaft aufkommen zu lassen und zu nhren.
Er fuhr seufzend mit der Hand durch das Haar und entdeckte, da er keinen Hut
auf dem Kopfe hatte. Ein Kerl! rief er, der nicht einmal einen guten Hut, das
Zeichen der Freien, auf dem Kopfe trgt! Da lauf ich barhuptig wie ein Mnch in
fremdem Besitztum umher! Ich mu einmal nach meinem Hute sehen!
    Er lief in das Gartenhaus. Das freundliche Apollnchen allein war da und
holte ihm auf sein Begehren seinen Hut hervor; aber sie hielt denselben mit
einem schalkhaften Lcheln dar, soweit dies ihrer Gutmtigkeit immer mglich
war; denn der Hut sah schndlich aus und war gnzlich zugrunde gerichtet. Vom
Regen war er noch aus aller Form gewichen und stellte sich von allen Seiten, wie
man ihn auch wenden mochte, als ein hhnisches Unding vor. Wie Heinrich ihn so
trostlos in der Hand hielt und Apollnchen mit verhaltenem Lachen dabeistand,
trat Dorothea aus dem Saale herein und rief Wo ist denn das Herrchen? Ach, da
sind Sie ja! Wenn es Ihnen lieb ist, so wollen wir doch ein wenig
spazierengehen, sehen Sie hier, da habe ich Ihnen einen Hut zurechtgezimmert,
der Ihnen hoffentlich wohl anstehen soll! Wirklich hielt sie einen breiten
grauen Jgerhut in der Hand, um den ein grnes Band geschlungen war. Sie setzte
ihm denselben auf und sagte Lassen Sie sehen! Ei vortrefflich, sage ich Ihnen,
sieh mal, Apollnchen! Ich habe mir erlaubt, Ihre Jugendfarbe daran anzubringen,
damit wir doch ein bichen grnen Heinrich hier haben! Ist dies Ihr Hut? Wollten
Sie den aufsetzen? Zeigen Sie!
    Ach, sehen Sie ihn doch nicht an! rief Heinrich und wollte ihn wegnehmen,
aber sie entschlpfte ihm, und den Trbseligen pathetisch vor sich hinhaltend,
sagte sie Lassen Sie! Ich mchte gar zu gern ein solch schlechtes Ding und
Krone der Armut einmal ganz in der Nhe besehen! Ja, es ist wahr! kummervoll
sieht er aus, der Hut! Aber wissen Sie, ich mchte doch einmal ein Bursche sein
und mit solchem verwegenen Unglckshut so ganz allein in der Welt herumwandern!
Aber durchaus mssen wir ihn in unserm Rittersaal aufpflanzen als eine Trophe
unserer Zeit unter den alten Eisenhten!
    Heinrich entri ihr die Trophe und steckte sie in den Ofen, in dem eben ein
helles Feuer brannte, und ging mit ihr, die ihn darber ausschalt, ins Freie.
Wenn er einmal verbrannt sein mute, sagte sie, so htten wir ihn doch auf
feierliche Weise verbrennen sollen! Sie haben in Ihrem Schreibebuch selbst so
artig besungen, wie Sie Ihre Dornenkrone lustig auf einem Zimmetfeuerchen
verbrennen wollten, nun htten wir den schlimmen Hut dafr nehmen und ihn
dergestalt mit guten Zeremonien verbrennen knnen, zum Zeichen, da Sie
entschlossen sind, es sich von nun an recht wohl gehen zu lassen!
    Er antwortete hierauf nichts und dachte auch an gar nichts mehr, was er
soeben erst gedacht, sondern berlie sich ganz gedankenlos dem Vergngen, an
der Seite der schnen Jungfrau zu sein, welche ihm die Gegend zeigte, vor ihm
her ber Wassertmpelchen und Geleise sprang, ihr Kleid anmutig aufnehmend, und
zuweilen lachend zurcksah, ob er ihr auch ordentlich folge. Seit langer Zeit
erging er sich zum ersten Mal wieder auf dem Lande, ohne Sorgen und an einem
schnen Abend, und er wurde durch alles dies so wohlgemut, da er auf die
harmloseste Weise mit der Schnen umherlief und lachte und anfing, Witze zu
machen, ohne jedoch die Bescheidenheit zu verletzen. Es dunkelte schon, als sie
wieder auf dem Kirchhof ankamen, wo sie mit dem Herrn des Hauses zusammentrafen;
dieser nahm Heinrich mit sich fort und begehrte mit ihm zu sprechen, whrend
Dorothea zurckblieb, um noch schnell, soweit es das scheidende Tageslicht
erlaubte, die Grber nachzusehen, welche ordentlich unter ihrer Obhut zu stehen
schienen.
    Ich habe, sagte der Graf, jetzt alles berdacht, was wir tun wollen. Ich
habe in der Hauptstadt einige Geschfte und mu diesen Herbst noch hinreisen. So
wollen wir gleich morgen zusammen hingehen; Sie versehen sich da mit allem
Ntigen, vorzglich aber mit einigem Handwerkszeuge, soviel Sie zur Vollendung
eines oder zweier ansehnlichen Bilder bedrfen, und dann kehren wir hierher
zurck; denn ich mchte Sie durchaus nicht mehr in der Stadt wissen, und Sie
mssen sich vollkommen wohl befinden auf einige Zeit, dies legt eigentlich den
besten Grund zu einem guten Wesen; denn die Welt ist nicht auf Grmlichkeit und
Unzufriedenheit, sondern auf das Gegenteil gegrndet. Hier machen Sie mit
leichtem Mut eine gute Arbeit, Sie werden es tun, ich wei es; obgleich ich
eigentlich kein Kunstschmecker und Kenner von Profession bin und nur fr weniges
Gutes, was in seiner ganzen Art mich anspricht, mich zuweilen interessiere, so
wei ich dennoch, da es in Ihrem bisherigen Handwerke gerade so zugeht wie mit
allem andern und da man unter gewissen Umstnden mit gutem Sinne immer das
kann, was man will, wenn man nur etwas darin getan hat. Ist die Geschichte
fertig, so bringen wir sie nach der Stadt, stellen sie aus, und ich werde
alsdann mittelst meiner gesellschaftlichen Stellung das Ntige veranlassen, da
Ihre Arbeit gesehen und mit Anstand verkauft wird. Erst dann knnen Sie mit
Ehren dem Handwerke, das Ihnen unzulnglich dnkt, den Rcken wenden und Ihren
Sinn auf das Weitere richten.
    Hierauf erwiderte Heinrich nichts, sondern blieb einsilbig den brigen Teil
des Abends hindurch, selbst als der seltsame Pfarrer am Abendessen teilnahm und
mit kuriosem Humor die Gesellschaft erheiterte. Aber als Heinrich im Bette lag,
berdachte er alle diese Dinge mit groen Sorgen; denn er erinnerte sich erst
jetzt mit Macht an seine Mutter, zu welcher er noch gestern unaufhaltsam hatte
laufen wollen, und es wollte ihn bednken, da er nun unverzglich seinen Weg
fortsetzen und sich durch keine Umstnde von dieser so einfachen und natrlichen
Absicht ablenken lassen solle. Es schwebte ihm vor, wie wenn der Vorschlag des
Grafen, seine Freundschaft, die Schnheit Dorotheas, das gastliche Haus und das
feine Leben darin, alles dies eine knstliche, glnzende und lockende Welt wre,
welche ihn von dem harten und schmalen Weg seines guten Instinktes wegziehen und
in die Irre fhren mchte. Obgleich er ber diese unsinnige oder unklare Ahnung
sogleich lachen mute, dachte er doch, es wre fr einmal besser, wenn er seiner
Absicht treu bliebe und unverzglich nach Hause reise, um da auf heimatlichem
Boden aus sich selbst heraus und ohne alle Ansprche zu sehen, was er treibe. Er
beschlo desnahen, am andern Tage unverbrchlich jenen Weg einzuschlagen,
anstatt mit dem Grafen zu gehen, und schlief mit diesem Vorsatze ein, aber nicht
ohne alsobald wieder aufzuwachen und nichts anderes vor sich zu sehen in der
Dunkelheit als das Bild Dorotheas, welches freundlich, aber unbarmherzig allen
Schlaf verscheuchte. Hierber wunderte er sich sehr und fragte sich bedenklich,
ob er etwa wirklich verliebt sei? Es war lange her, seit er dies gewesen, aber
dennoch glaubte er aus dem Grunde zu wissen, was Liebe sei, und hielt seine
aufgeschriebenen Knabengeschichten noch immer fr Meisterwerke
leidenschaftlicher Erlebnisse. Und dennoch konnte er sich jetzo nicht entsinnen,
auch nur ein einziges Mal etwa nicht geschlafen zu haben whrend jener
Geschichten, und war ganz verblfft, erst jetzt ein ihm bisher unbekanntes
Gefhl seinen Rumor beginnen zu sehen, welches ganz anders ins Zeug und in die
Tiefe zu gehen schien als alle jene Verwirrungen und Anfngerstckchen. Eine
frohe Bangigkeit durchschauerte ihn, Furcht und Lust zugleich, sich selbst zu
verlieren, und so gefhrliche Dinge schienen sich da ankndigen zu wollen, da
er doppelt beschlo, sich am andern Tage zu flchten.
    Aber als er in der Frhe geweckt wurde und ein Wagen schon im Hofe stand,
whrend der Graf und Heinrich das Frhstck nahmen, war es ihm nicht mglich,
mit einem Worte seines Entschlusses zu erwhnen, ja er dachte kaum noch daran,
da es sich von selbst zu verstehen schien, da er nie einen Augenblick im Ernste
von der Seite dieser Person wegkme. Ohne weiteres stieg er mit seinem
Beschtzer in den Wagen und mute der Dorothea versprechen, sich in der
Hauptstadt wieder einen grnen Rock anzuschaffen. Als er das versprach und der
Wagen in den sonnigen Herbst hinausrollte in der gastlichen Gegend, war es ihm,
als ob er bse wre auf seine arme Mutter, die da im Vaterland se und in ihrem
Schweigen die unerhrtesten Ansprche erhbe, alles zu lassen und stracks ein
ungeteiltes Herz zu ihr zu bringen; denn in seiner Konfusion und bei der Neuheit
der Empfindung glaubte er, da es jetzt um die Liebe zu seiner Mutter geschehen
sein msse, da er eine Fremde mit solchen Augen ansah, wie er noch nie eine
angesehen.
    In der Stadt angekommen, sah er sich die Straen, in denen er in seiner
Trbseligkeit umhergegangen, mit Mue an und ging in Gedanken immer selbander
durch dieselben hin. Er kaufte sich zwei groe Stcke Leinwand und alles
dazugehrige Zeug, auch versah er sich mit neuen Kleidern und Effekten, und
endlich wollte der Graf auch den alten Trdler aufsuchen, um durchaus die
greren Sachen Heinrichs wiederzuerwerben, die derselbe ihm verkauft. Sie
gingen miteinander hin und fanden in dem dunklen Gchen den kleinen Laden halb
verschlossen. Die andere Hlfte stand nur so weit offen, soviel Licht
einzulassen, als eine kleine armselige Auktion brauchte, welche in der Spelunke
stattfand; denn das Mnnchen war vor wenigen Wochen gestorben. Dies tat Heinrich
sehr weh, und er bereute es nun, nicht mehr zu dem Alten gegangen zu sein, da er
es bei aller Wunderlichkeit so gut mit ihm gemeint hatte. Es trieben sich nur
wenige geringe Leute in dem Laden herum und gingen die dunkle Treppe auf und
nieder in der engen Wohnung des Verschwundenen, um den niemand sich sonst
gekmmert hatte und der auch um niemanden sich gekmmert. Heinrichs Bilder waren
noch alle da mit den brigen Siebensachen, und es kostete wenige Mhe und noch
weniger Mittel, derselben habhaft zu werden. Er verpackte sie im Gasthofe, sie
nahmen dieselben gleich mit, und Heinrich sah mit angenehmen Gefhlen wenigstens
den wesentlicheren Teil seines ehemaligen Besitztumes wieder beisammen und in
einem guten Hause aufgehoben, wo er selbst so gern zeitlebens geblieben wre.

                                Zwlftes Kapitel


Was der Graf vorausgesagt, geschah nun wirklich. Heinrich schlug in einem hellen
Gemache seine Werkstatt auf, zwei groe ausgespannte Tcher luden mit ihrer
weien Flche Auge und Hand ein, sich darauf zu ergehen, die alten Bilder und
Kartons hingen stattlich an der Wand, und seine Studien lagen ihm bequem zur
Hand. Man kann eine bung lange Zeit unterbrochen haben und dennoch, wenn man
sie zu guter Stunde pltzlich wieder beginnt mit einem neuen Bewutsein und
vermehrter innerer Erfahrung, etwas hervorbringen, das alles bertrifft, was man
einst bei fortgesetztem Fleie und hastigem Streben zuwege gebracht; eine
gnstigere Sonne scheint ber dem sptern Tun zu leuchten. So ging es jetzt
Heinrich; er machte zwei groe Forstbilder, einen Laubwald und einen Nadelwald,
welche er sich als freundlichen grnen Schmuck fr ein lichtes kleines Gemach
dachte oder fr ein hbsches Treppenhaus, damit da etwa im Winter oder in den
Stadtmauern einige Grnigkeiten seien. Die Motive nahm er weislich aus den
forstreichen Umgebungen des Landsitzes und komponierte nicht viel darin herum,
vielmehr fhlte er einmal das Bedrfnis, das Vorhandene wesentlich darzustellen
und es fr jedes offene Auge erfrischend und wohlgefllig zu machen. Er
berhastete sich nicht und schleppte oder faulenzte nicht, sondern fhrte Zug um
Zug fort, bei der Beschftigung mit dem einen, ohne zerstreut zu sein, an den
nchsten und an das Ganze denkend, und indem es ihm wohl gelang, freute er sich
dessen und lachte darber, ohne im geringsten seinen Entschlu zu ndern und
etwa neue Hoffnungen auf dergleichen zu setzen. Indem er so sich mit etwas
abgab, das er auf immer zu verlassen gedachte und nur aus ueren
Ntzlichkeitsgrnden noch einmal vornahm, behandelte er diese Arbeit doch mit
aller Liebe und Aufmerksamkeit, und diese ruhige und klare Liebe gab ihm fast
mhelos die rechten Mittel ein, so da unversehens die Bilder eine Farbe
bekamen, als ob er von jeher gut gemalt htte und die Gewandtheit und
Zweckmigkeit selber wre. Dies machte ihm das grte Vergngen, und er bereute
gar nicht, da es das erste und letzte Mal sein sollte, wo er ein guter Maler
war, vielmehr dachte er schon whrend dieser Arbeit an die neue Zukunft, und
whrend er zweckmige und besonnene klare Farben aufsetzte, gingen ihm
allerhand Gedanken von der Zweckmigkeit des Lebens berhaupt durch den Kopf.
    Der Graf war kein Gelehrter, was man so heit, aber er kannte den Wert und
die Bedeutung aller Disziplinen und wute fr das, wessen er bedurfte, sich das
Wesentliche sogleich zu beschaffen und anzueignen, und immer war bei ihm guter
Rat und ein gesundes menschliches Urteil zu finden. Demgem waren auch seine
Bchervorrte und andere Hilfsmittel beschaffen, so da Heinrich ganz
ordentliche Studien betreiben konnte in den Muestunden und den langen Nchten;
denn er war jetzt immer wach und munter, und eigentlich war ihm alles Muezeit
oder alles Arbeitszeit, er mochte machen, was er wollte. Er studierte jetzt
verschiedene Geschichtsvorgnge ganz im einzelnen in ihrer faktischen und
rhetorischen Dialektik, und fast war es ihm gleichgltig, was fr ein Vorgang es
war, berall nur das eine und alles sehend, was in allen Dingen wirkt und
treibt, und eben dieses eine packen lernend, wie die jungen Fchse eine Wachtel.
    Neben diesen erheblichen Sachen fand er noch in dem Hause die beste
Gelegenheit, manche gute und ntzliche Dinge zu lernen, an welche er bisher
nicht gedacht und deren Mangel er erst jetzt bemerkte. Obgleich der Graf seiner
sogenannten radikalen Gesinnung und abweichender Handlungen wegen in der ganzen
Gegend bei Standesgenossen und anderen Respektspersonen verschrieen und verhat
war, so hielt er doch einen gewissen Verkehr mit ihnen aufrecht und zwang sie,
whrend seiner Gegenwart wenigstens menschlich und mglichst anstndig zu sein,
wobei ihn seine Pflegetochter mit geringer Mhe und groem Erfolge untersttzte.
So kam es, da der Gehate und Verleumdete doch berall willkommen war und die
verkommenen belwollenden Gesichter gegen ihren Willen aufheiterte, so wie sie
sich auch etwas darauf zugute taten, in sein Haus zu kommen, und trotz ihres
Nasenrmpfens es nie verfehlten, wenn er von Zeit zu Zeit die Pflichten der
Nachbarschaft bte. Heinrich, als aus den mittleren alten Schichten des Volkes
entsprungen, hatte bis jetzt dergleichen nicht geahnt oder gebt. Wen er nicht
leiden konnte, mit dem ging er nicht um und war gewohnt, seine Abneigung wenig
zu verhehlen sowie auch jede Unverschmtheit sogleich zu erwidern und nichts zu
ertragen, was ihn nicht ansprach. Diese Volksart, an sich gut und tugendhaft,
ist in der gebildeten Gesellschaft hinderlich und unstatthaft, da in dieser
wegen der Ungeschicklichkeit im Kleinen das Groe und Wichtige gehemmt und
gettet wird. Das Volk braucht nicht duldsam zu sein im Kleinen, weil es das
Groe zu ertragen versteht; jene aber, welche dieses ohnehin nicht haben oder es
selten ertragen knnen, sind darauf angewiesen, fr ihre Armut und
Fratzenhaftigkeit Nachsicht und Duldung zu verlangen und gegenseitig zu ben, so
da hieraus ein starker Teil der guten Sitte entspringt, die sich sogar zu
veredeln und etwas Tieferes zu werden fhig ist. So lernte jetzt Heinrich nach
dem Beispiele des Grafen sich auf seinem Stuhle ruhig zu verhalten, die Fratzen,
die Rotznasen und die Erbsenschneller zu ertragen und sich gegen jedermann artig
zu benehmen, und was er erst mehr heuchelte, als in guten Treuen empfand, lernte
er nach und nach in der besten Meinung von innen heraus tun und befand sich um
vieles wohler dabei, ersehend, wie in jedem Geschpfe etwas ist, was wert ist,
da man einige Liebe auf es wirft und ihm einigen Wert verleiht. Zuletzt schmte
er sich sogar bitterlich seines frhern bermutes und fhlte, wie weit mehr man
Gefahr luft, den Armen und Widersinnigen gleich zu werden, wenn man sie
befehdet und zwackt, als wenn man sie gewhren lt; denn sie haben etwas
Dmonisches und Verheerendes an sich.
    In einem ganz sonderlichen Verhltnisse zu dem Hause stand der katholische
Pfarrer des Ortes, welcher so oft in Gesellschaft des Grafen erschien, da er
fr eine Art von Hausfreund gelten konnte. Er hatte eine dicke Mopsnase, welche
durch einen Studentenhieb in zwei Abteilungen geteilt war, zum Denkzeichen einer
groen Vornsigkeit in der Jugend. Der Mund war sehr aufgeworfen und sinnich,
und die Tonsur hatte sich allmhlich ziemlich vergrert, obgleich er sie immer
noch streng in ihrer kreisrunden Form hielt, da er hierin gar keinen Spa
verstand und die Reitbahn, welche sich an seinem Hinterhaupte dem Blicke darbot,
durchaus fr eine Tonsur angesehen wissen wollte. Dieser Mann war nun vorzglich
drei Dinge ein leidenschaftlicher Esser und Trinker, ein groer religiser
Idealist und ein noch grerer Humorist. Und zwar war er letzteres in dem Sinne,
da er alle drei Minuten lang das Wort Humor verwendete und es zum Mastabe und
Kriterium alles dessen machte, was irgendwie vorfiel oder gesprochen wurde.
Alles, was er selbst tat, redete und fhlte, gab er zunchst fr humoristisch
aus, und obgleich es dies nur in den minderen Fllen war und mehr in einem
malosen Klappern und Feuerwerken mit gesuchten Gegenstzen, Bildern und
Gleichnissen bestand, so ging aus diesem Wesen dennoch ein gewisser Humor
heraus, welcher die Leute lachen machte, besonders wenn der Graf, Dorothea und
Heinrich, welche in ihrem kleinen Finger, wenn sie ihn bewegten, mehr Humor
hatten als der Pfarrer in seinem Gemte, zusammensaen und er ihnen mit
ungeheurem Wortschwall erklrte, was Humor sei und wie sie von dieser Gottesgabe
auch nicht eines Senfkrnleins gro besen. Er las eifrigst alle humoristischen
Schriften und alle, welche vom Humor handelten, und hatte sich ein ordentliches
System ber dieses Feuchte, Flssige, therische, Weltumpltschernde, wie er es
nannte, aufgebaut, das ziemlich mit seiner Theologie zusammenfiel. Cervantes
fhrte er ebensooft im Munde wie Shakespeare, aber er fand den grten Gefallen
an den unzhligen Prgeln, welche Sancho und der Ritter bekommen, an den
Einseifungen, Prellereien und derben Sachen aller Art. Die gttlichen feineren
Dinge sah und verstand er gar nicht oder wollte sie nicht sehen, besonders wenn
sie wie auf ihn gemnzt waren, was dann zu den Versicherungen seines eigenen
Humors den ergtzlichsten Gegensatz bildete. So sah er in dem Abenteuer in der
Hhle des Montesinos nur eine uere komische Schnurre; den feinen Humor, der in
dem langen Seile liegt, welches ganz nutzlos abgerollt wird, indessen der Ritter
schon im Anfange die Augen schliet, und insbesondere die Art, wie er sich
nachher vielfltig in Hinsicht des in der Hhle Gesehenen benimmt, dies alles
sah er gar nicht oder rmpfte unmerklich die Nase dazu.
    Sein Idealismus, und er nannte sich bald rhmend, bald entschuldigend einen
Idealisten, bestand darin, da er gegenber seinen Zuhrern, welche alles
Wirkliche, Geschehende und Bestehende, sofern es sein eigenes Wesen ausreichend
und gelungen ausdrckt, ideal nannten, eben dieses Wirkliche materiellen und
groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene, Nichtbegriffene,
Namenlose und Unaussprechliche ideal hie, was ebensogut war, als wenn man
irgendeinen leeren Raum am Himmel Hinterpommern nennen wollte. Als Priester aber
war er hchst freisinnig und ber seine Kirche, in welcher er predigte, hinaus;
seine Religion dagegen war ein aufgeklrter Deismus, welchen er aber viel
fanatischer vertrat als irgendein Pfaffe seine Satzungen. Er suchte einen
rechten Hllenzwang auszuben mit idealen und humoristischen Redensarten und
bauete artige Scheiterhufchen aus Antithesen, hinkenden Gleichnissen und
gewaltsamen Witzen, worauf er den Verstand, den guten Willen und sogar das gute
Gewissen seiner Gegner zu verbrennen trachtete, seiner eigenen Meinung zum
angenehmen Brandopfer.
    Diese Lieblingsbeschftigung, nebst dem reichlichen Tisch des Grafen, fhrte
ihn hufig in das Haus, und da er zugleich eine ehrliche Haut und ein redlicher
Helfer bei allen guten Unternehmungen der Herrschaft war, so wurde er zum
Bedrfnis und zur bleibenden Heiterkeit des Hauses. Besonders Dorothea wute ihn
mit der leichtesten Anmut in den Irrgrten seines fanatischen Humors
umherzufhren, neckend vor ihm hinzuhuschen und durch die verworrenen Buschwerke
seines krausen Witzes zu schlpfen. Unergrndlich war es dabei, ob mehr ihr
heiteres Wohlwollen oder ein bedenklicher Mutwillen im Spiele lag; denn
ebensooft, als sie dem Pfarrer Gelegenheit gab zu glnzen, verlockte sie seine
Eitelkeit auf das Eis, wo sein Witz das Bein brach.
    Heinrich ward hierber etwas verdutzt und verwirrt und wute sich nicht
recht in diesen Ton zu finden, auch wute er anfangs nicht, worum es sich
handelte, bis eines Mittags, als Dorothea in ebenso zarter als frhlicher Weise
den Pfarrer verfhrte, ihr allerlei seltsame und abenteuerliche Beweise fr die
Unsterblichkeit aufzuzhlen, der Graf sagte Sie mssen nmlich wissen, lieber
Heinrich, da Dortchen ganz auf eigene Faust nicht an die Unsterblichkeit
glaubt, und zwar nicht etwa infolge angelernter und gelesener Dinge oder durch
meinen Einflu, sondern auf ganz originelle Weise, sozusagen von Kindesbeinen
an!
    Dorothea schmte sich wie ein Backfischchen, dessen Herzensgeheimnis man
verraten hat, und drckte das rotgewordene Gesicht auf das Tischtuch, da die
schwarzen Locken sich auf der weien Flche ausbreiteten.
    Dieser Vorgang machte auf Heinrich einen Eindruck, der aus Verwunderung und
berraschung gemischt war und jenen angenehmen Schrecken herbeifhrte, welcher
uns befllt, wenn wir entdecken, da eine geliebte Person Eigentmlichkeiten und
Ncken im Gemte fhrt, von denen wir uns bei aller Bewunderung nichts trumen
lieen. Er vermochte aber gar nichts dazu zu sagen, und erst als er nach Tisch
mit dem Grafen durch die Gegend strich, befragte er ihn um das Nhere.
    Es ist in der Tat so, erwiderte derselbe; seit sie ihr Urteil nur ein
bichen rhren konnte und diese Dinge nennen hrte, wir wissen die Zeit kaum
anzugeben, sagte sie mit aller Unbefangenheit, aus dem kindlichsten und reinsten
Herzen heraus, da sie gar nicht absehen und glauben knne, wie die Menschen
unsterblich sein sollten. Es kommt allerdings oft vor, da rechtliche Leute aus
allen Stnden dies ursprngliche schlichte Vergnglichkeitsgefhl ohne weiteres
aus der Natur schpfen und, ohne skeptischer oder kritischer Art zu sein,
dasselbe unbekmmert bewahren wie eine allereinfachste handgreifliche Wahrheit.
Aber so lieblich und natrlich ist mir diese Erscheinung noch nie vorgekommen
wie bei diesem Kinde, und ihre unschuldige gemtliche berzeugung, die so ganz
in sich selbst entstand, veranlate mich, der ich Gott und Unsterblichkeit hatte
liegenlassen, wie sie lagen, meinen philosophischen Bildungsgang noch einmal
vorzunehmen und zu revidieren, und als ich auf dem Wege des Denkens und der
Bcher wieder da anlangte, wo das Kindskpfchen von Hause aus gewesen, und
Dortchen mir ber die Schulter mit in die Bcher guckte, da war es erst
merkwrdig, wie sich das bestrkte und besttigte Gefhl in ihr gestaltete. Wer
sagt, da es keine Poesie gebe ohne den Glauben an die Unsterblichkeit, der
htte sie sehen mssen; denn nicht nur das Leben und die Welt um sie herum,
sondern sie selbst wurde durch und durch poetisch. Das Licht der Sonne schien
ihr tausendmal schner als anderen Menschen, was da lebt und webt, war und ist
ihr teuer und lieb, das Leben wurde ihr heilig, und der Tod wurde ihr heilig,
welchen sie sehr ernsthaft nimmt. Sie gewhnte sich, zu jeder Stunde ohne
Schrecken an den Tod zu denken, mitten in dem heitersten Sonnenschein des
Glckes, und da wir alle einst ohne Spa und fr immer davon scheiden mssen.
Dieser wirkliche Tod lehrt sie das Leben werthalten und gut verwenden und dies
wiederum den Tod nicht frchten, whrend das ganze vorbergehende Dasein unserer
Person, unser aufblitzendes und verschwindendes Tanzen im Weltlichte diesem
ganzen Wesen einen leichten, zarten, halb frhlichen, halb elegischen Anhauch
gibt, das drckende, beengende Gewicht vom einzelnen nimmt und seinen
schwerflligen Ansprchen, indes das Ganze doch besteht. Und welche Piett und
Mitleid hegt sie fr die Sterbenden und Toten! Ihnen, welche ihren Lohn dahin
haben und abziehen muten, wie sie sagt, schmckt sie die Grber, und es vergeht
kein Tag, an welchem sie nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt. Dieser
ist ihr Lustgarten, ihre Universitt, ihr Schmollwinkel und ihr Putzzimmer, und
bald kehrt sie frhlich und bermtig, bald still und traurig wieder zurck.
    Glaubt sie denn auch nicht an Gott? fragte Heinrich.
    Schulgerecht, erwiderte sein Freund, sind beide Fragen unzertrennlich,
jedoch macht sie sich nichts aus der Schule und sagt nur: Ach Gott! es ist ja
recht wohl mglich, da Gott ist, aber was kann ich rmstes Ding davon wissen?
Wenn wir unsere Nase in alles stecken mten, so wre jedem von uns eine
deutliche Anweisung gegeben. Ich gnne jedem Menschen seinen guten Glauben und
mir mein gutes Gewissen!
    Obgleich Heinrich seinen lieben Gott, zwar etwas eingeschlummert, immer noch
im Gemte trug, so gefiel ihm doch dies alles, was er von Dorothea hrte,
ausnehmend wohl, weil sie es war, von welcher man dergleichen sagte; nur
behauptete er fr sich, da er es ebenso liebenswrdig und angenehm an ihr
finden wrde, wenn sie eine eifrige Katholikin oder Jdin wre. Doch widerfuhr
es ihm bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal, da er ohne alle Bedenklichkeit
und vielmehr mit ihm selbst wohltuender Gleichgltigkeit vom Sein oder Nichtsein
dieser Dinge sprechen hrte, und er fhlte ohne Freude und ohne Schmerz, ohne
Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit
sich in ihm lsen und beweglich werden.
    Die Welt sah er schon durch Dortchens Augen an, und sie glnzte ihm in der
Tat in strkerm und tieferm Glanze, und ein ses Weh durchschauerte ihn, wenn
er sich nur die Mglichkeit dachte, fr dies kurze Leben mit Dortchen in dieser
schnen Welt zusammen zu sein.
    Doch kannegieerte er seit jenem Tage noch fter mit dem Grafen ber den
lieben Gott. Der wahrhafte kluge Edelmann lehnte zwar durchaus ab, ihn belehren
und berzeugen zu wollen, und wich seinen Anmutungen gelassen aus. Nur eines
Tages wurde er etwas wrmer, als Heinrich anfing Ich habe, seit ich in Ihrem
Hause bin, wieder viel mit meiner Selbstsucht zu kmpfen, indem ich nach alter
eingewurzelter Gewohnheit immer dem lieben Gott fr das Gute danken mchte, das
er mir erwiesen. Denn obschon ich mir schon seit lngerer Zeit widerstand und
meine kleinen persnlichen Erlebnisse nicht mehr einer unmittelbaren Lenkung
Gottes zuschreiben mochte, so verlockt mich das, was mir hier geschah, dennoch
immer wieder dazu, und ich mu manchmal lachen, wenn ich bedenke, welch ein
lustiges und liebliches Schauspiel es fr den guten weisen Gott sein mu, zu
sehen, wie ein junger Mensch ihm gern fr etwas Gutes danken mchte und sich
ganz ehrlich dagegen sperrt aus lauterer Vernunftmigkeit! Warum macht er sich
aber auch so nrrische Geschpfe!
    Der Graf sagte Ich mu Ihnen diesmal, ganz abgesehen vom lieben Gott,
wirklich eine Zurechtweisung angedeihen lassen. Die Christen lehren von ihrem
Standpunkt aus ganz praktisch und weise, da man, so schlecht es einem auch
erginge und so lange sich auch Gottes Hilfe zu entziehen scheine, nie an ihm
verzweifeln msse, da er dennoch immer da sei. Was dem einen recht, ist dem
andern billig! Warum, wenn wir in neunundneunzig Fllen, wo es uns schlimm
ergeht, wo kein glcklicher Stern, d.h. kein guter Zufall uns begnstigt, uns
mit der Vernunft und Notwendigkeit trsten und unsere tchtige feste Haltung
rhmen, warum denn im hundertsten Falle, wo einmal ein schnes und glckhaftes
Ungefhr uns lacht, alsdann stracks an der Vernunft zu verzweifeln, an der
natrlichen Schickung der Dinge, an unserer eigenen gesetzmigen
Anziehungskraft fr das uns Angenehme und Ntzliche? Ist die Vernunft, welche
uns ber neunundneunzig unangenehme Dinge hinweggeholfen hat, nicht mehr da,
wenn das hundertste Ding ein angenehmes ist? Diese Art zu denken und zu danken
ist eigentlich eher eine Blasphemie; denn indem wir fr das eine glckliche
Ereignis danken, schieben wir dem Schpfer ja alle die schlimmen und schlechten
Erfahrungen mit in die Schuhe. Daher sind nur die asketischen Christen im
Rechte, welche dem Gotte auch fr das bel inbrnstig danken. Dieses tun unsere
aufgeklrten Herren Deisten aber doch nicht, sie verdanken ihrem Gotte das
Unglck nicht im mindesten, und er ist nur ihr Sonntags- und Freudengott.
    Was nun Ihren lieben Gott betrifft, lieber Heinrich, so ist es mir ganz
gleichgltig, ob Sie an denselben glauben oder nicht! Denn ich halte Sie fr
einen so wohlbestellten Kauz, da es nicht darauf ankommt, ob Sie das
Grundvermgen Ihres Bewutseins und Daseins auer sich oder in sich verlegen,
und wenn dem nicht so wre, wenn ich denken mte, Sie wren ein anderer mit
Gott und ein anderer ohne Gott, so wrden Sie mir nicht so lieb sein, so wrde
ich nicht das Vertrauen zu Ihnen haben, das ich wirklich empfinde.
    Dies ist es auch, was diese Zeiten zu vollbringen und herbeizufhren haben
nmlich vollkommene Sicherheit des menschlichen Rechtes und der menschlichen
Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung, und zwar nicht nur im Staatsgesetz,
sondern auch im persnlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander. Es
handelt sich heutzutage nicht mehr um Atheismus und Freigeisterei, um
Frivolitt, Zweifelsucht und Weltschmerz, und welche Spitznamen man alles
erfunden hat fr schwchliche und krnkliche Dinge! Es handelt sich um das
Recht, ruhig zu bleiben im Gemt, was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und
des Forschens sein mgen, und unangetastet und ungekrnkt zu bleiben, was man
auch mit wahrem und ehrlichem Sinne glauben mag. brigens geht der Mensch in die
Schule alle Tage, und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am
Abend seines Lebens glauben werde! Dafr haben wir die unbedingte Freiheit des
Gewissens nach allen Seiten!
    Aber dahin mu die Welt gelangen, da sie mit eben der schuldlosen guten
Ruhe, mit welcher sie ein neues Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel
entdeckt, auch die Vorgnge und Ergebnisse in der geistigen Welt hinnimmt und
betrachtet, auf alles gefat und stets sich gleich als eine Menschheit, die da
in der Sonne steht und sagt Hier stehe ich!
    Auf fast ganz weibliche Weise schlpfte Heinrich in die Grundstze derer
hinein, die er liebte und die ihm wohlwollten, und dies war wohl weniger
unmnnliche Schwche als der allgemeine Hergang in diesen Dingen, wo die besten
berzeugungen durch den Einflu honetter und klarer Persnlichkeit vermittelt
werden. War doch der Graf selbst, der gewi ein Mann war, durch das Wesen eines
kleinen unwissenden Mdchens zu seiner Abrechnung veranlat worden. Doch wollte
Heinrich nicht hinter ihm zurckbleiben und studierte, wohl aufgelegt und von
einer anhaltenden neigungsvollen Wrme durchdrungen, die Geschichte des
theologischen und philosophischen Gedankenganges der neueren Zeit, wobei ihm
jede Erscheinung, jedes Fr und Wider, insofern sie nur ganzer und wesentlicher
Natur waren, gleich lieb und wichtig wurden, und nur das Naseweise,
Inquisitorische und Fanatische in jeder Richtung widerte ihn an.
    Die Kultur der Religionen vermag die Vlker nur aus dem Grbsten zu hobeln
und zu verndern. Auf einer gewissen Stufe angekommen, hat jeder Mensch seinen
bestimmten Wert, welcher nicht um ein Quentchen verliert oder gewinnt, ob er
diesen Wert in oder auer sich sucht. Dies empfand Heinrich, wie der Graf ihm
gesagt, mit leichtem Herzen und groem Behagen, und die sich so oft gestellte
Frage, ob er an sich gut sei, glaubte er sich nun freundlich beantworten zu
drfen, da er nicht die mindeste Vernderung und Bewegung an sich empfand und
sich von Grund aus weder um ein Haar besser noch schlimmer vorkam, seit er das
halbe Wesen und das peinliche Polemisieren mit dem Gott in seiner Brust
aufgegeben.
    So verging der Winter in mannigfacher, aber ruhiger Bewegung. Der Pfarrer,
welcher mit humoristischem Zorne den grnen Fremdling seine Fahne verlassen sah,
fand sich noch fter im Herrenhause ein und suchte durch einen Sprhregen von
Angriffen und Witzkompositionen den Flchtling zu bedrngen und einzufangen.
Vorzglich ging er darauf aus, die Welt unter dem Gesichtspunkte seiner Zuhrer
als heillos nchtern, trivial und poesielos darzustellen, und um zu zeigen, wie
ganz anders sie sich ausnehme im Lichte eines innigen Gottesglaubens, nahm er
energische phantasievolle Mystiker zu Hilfe, in welchen er weniger als Christ
denn als geistreicher Liebhaber sehr belesen war. Er brachte wiederholt
dergleichen her und war sehr willkommen damit, da, wenn man sich einmal ber
solche Gegenstnde unterhlt, alles, was aus ganzem Holze geschnitten ist,
gleich wichtig erscheint, belehrt und erbaut. So werden auch stets ein recht
herzlicher glhender Mystiker und ein rabiater Atheist besser miteinander
auskommen und greres Interesse aneinander haben als etwa ein drrer orthodoxer
Protestant und ein flacher Rationalist, weil jene beiden gegenseitig wohl
fahlen, da ein hherer spezifischer Wert in ihnen treibt und durchscheint.
    So hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann in das Haus
gebracht, und die kleine Gesellschaft empfand die grte Freude ber den
vehementen Gottesschauer, seine lebendige Sprache und poetische Glut. Diese
unbefangene Freude rgerte aber gerade den guten Pfarrer und wollte ihm gar
nicht passen, und er ergriff eines Abends das Bchlein und begann um so
eindringlicher und nachdrcklicher daraus vorzulesen, als ob die Leutchen bis
jetzt gar nicht gemerkt, was sie eigentlich lsen. Als er sich etwas mde
geeifert, nahm Heinrich das Buch auch in die Hand, bltterte darin und sagte
dann Es ist ein recht wesentliches und magebendes Bchlein! Wie richtig und
trefflich fngt es sogleich an mit dem Distichon: Was fein ist, das besteht!

Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein,
Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemte sein.

Kann man treffender die Grundlage aller dergleichen bungen und Denkarten, seien
sie bejahend oder verneinend, und den Wert, das Muttergut bezeichnen, das man
von vornherein hinzubringen mu, wenn die ganze Sache erheblich sein soll? Wenn
wir uns aber weiter umsehen, so finden wir mit Vergngen, wie die Extreme sich
berhren und im Umwenden eines ins andere umschlagen kann. Da ist Ludwig
Feuerbach, der bestrickende Vogel, der auf einem grnen Aste in der Wildnis
sitzt und mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der
Menschenbrust wegsingt! Glaubt man nicht, ihn zu hren, wenn wir die Verse
lesen:

Ich bin so gro als Gott, Er ist als ich so klein:
Er kann nicht ber mich, ich unter Ihm nicht sein.

Ferner:

Ich wei, da ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben,
Werd ich zunicht, er mu vor Not den Geist aufgeben.

Auch dies:

Da Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen,
Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen.

Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen, wenn man das
Sinngedichtchen liest:


                           Man mu sich berschwenken

Mensch! wo du deinen Geist schwingst ber Ort und Zeit,
So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.

Besonders aber dies:




                            Der Mensch ist Ewigkeit


Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.

Alles dies macht beinahe vollstndig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur
heute zu leben brauchte und er nur einiger vernderter uerer Schicksale
bedrfte, und der krftige Gottesschauer wre ein ebenso krftiger und
schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer!
    Das wird mir denn doch zu bunt, schrie der Pfarrer, aber Sie vergessen
nur, da es zu Schefflers Zeiten denn doch auch schon Denker, Philosophen und
besonders auch Reformatoren gegeben hat und da, wenn eine kleinste Ader von
Verneinung oder liberaler Humanitt in ihm gewesen wre, er schon vollkommen
Gelegenheit gehabt htte, sie auszubilden!
    Sie haben recht! erwiderte Heinrich, aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was
ihn abgehalten htte und wahrscheinlich noch heute abhalten wrde, ist der Gran
von Frivolitt und Geistreichigkeit, mit welcher sein glhender Mystizismus
versetzt ist; diese kleinen Elementchen wrden ihn bei aller Energie des
Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festhalten!
    
    Frivolitt! rief der Pfarrer, immer besser! Was wollen Sie damit sagen?
    Auf dem Titel, versetzte Heinrich, benennt der fromme Dichter sein Buch
mit dem Zusatz Geistreiche Sinn- und Schlureime. Allerdings bedeutet das Wort
geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage; wenn wir
aber das Bchlein aufmerksam durchgehen, so finden wir, da es in der Tat auch
im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist, so da jene
Bezeichnung jetzt wie eine ironische, aber richtige Vorbedeutung erscheint. Dann
sehen Sie aber die Widmung an, die Dedikation an den lieben Gott, worin der Mann
seine hbschen Verse Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst im
Drucke, in welcher man dazumal groen Herren ein Buch zu widmen pflegte, selbst
mit der Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus. Betrachten Sie
den bitterlich ernsten Gottesmann, den heiligen Augustinus, und gestehen Sie
aufrichtig trauen Sie ihm zu, da er ein Buch, worin er das Herzblut seines
religisen Gefhles ergossen, mit solch einer witzelnden, affektierten
Dedikation versehen htte? Glauben Sie berhaupt, da es demselben mglich
gewesen wre, ein so kokettes Bchlein zu schreiben, wie dies eines ist? Er
hatte Geist so gut als einer, aber wie streng hlt er ihn in der Zucht, wo er es
mit Gott zu tun hat! Lesen Sie seine Bekenntnisse, wie rhrend und erbauend ist
es, wenn man sieht, wie ngstlich er alle sinnliche und geistreiche
Bilderpracht, alles Kokettieren, alle Selbsttuschung oder Tuschung Gottes
durch das sinnliche Wort flieht und meidet. Wie er vielmehr jedes seiner
strikten und schlichten Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter
dessen Augen schreibt, damit ja kein ungehriger Schmuck, keine Illusion, keine
Art von Schntun mit Unreinem hineinkomme in seine Gestndnisse! Ohne mich zu
solchen Propheten zhlen zu wollen, fhle ich dennoch diesen ganzen und
ernstgemeinten Gott, und erst jetzt, wo ich keinen mehr habe, bereue ich mit
ziemlicher Scham die willkrliche und humoristische Manier meiner Jugend, in
welcher ich in meiner vermeintlichen Religiositt die gttlichen Dinge zu
behandeln pflegte, und ich knnte mich darber nicht trsten und mte mich
selbst der Frivolitt zeihen, wenn ich nicht annehmen mte, da jene verblmte
und naiv spahafte Art eigentlich nur die Hlle der vlligen Geistesfreiheit
gewesen sei, die ich mir endlich erworben habe!
    Dortchen hatte das Buch inzwischen auch in die Hand genommen und darin
geblttert. Wissen Sie, Herr Lee, sagte sie und sah ihn freundlich an, da es
mir sehr wohl gefllt, wie Sie ein so richtiges ernstes und ehrbares Gefhl
haben auch fr den Gott, den andere glauben? Dies ist sehr hbsch von Ihnen!
Aber Himmel! welch ein schner Vers ist dies hier:

Blh auf, gefrorner Christ! Der Mai ist vor der Tr:
Du bleibest ewig tot, blhst du nicht jetzt und hier.

Sie sprang ans Klavier und spielte und sang aus dem Stegreif diese sehnschtig
lockenden Worte, in geistlich choralartigen Maen und Tonfllen, doch mit einem
wie verliebt zitternden, durchaus weltlichen Ausdruck ihrer schnen Stimme.

                              Dreizehntes Kapitel


Blh auf, gefrorner Christ! Der Mai ist vor der Tr
Du bleibest ewig tot, blhst du nicht jetzt und hier!

So klang es die ganze Nacht in Heinrichs Ohren, der kein Auge schlo. Ein lauer
Sdwind wehte ber das Land, der Schnee schmolz an seinem Hauche und tropfte
unablssig von allen Bumen im Garten und von den Dchern, so da das melodische
Fallen der unzhligen Tropfen eine Frhlingsmusik machte zu dem, was in dem
Wachenden vorging. Noch gestern hatte er geglaubt, mit seiner jetzigen
verschwiegenen Verliebtheit hoch ber allem zu stehen, was er je ber Liebe
gedacht und empfunden, und nun mute er erfahren, da er gestern noch keine
Ahnung hatte von der Vernderung, die in dieser Nacht mit ihm vorging, und diese
kurze Frhlingsnacht enthielt gleich einem krftigen Prolog schon alles, was er
whrend vieler Wochen nun erleben und erleiden sollte. Das Gattungsmige im
Menschen erwachte in ihm mit aller Gewalt und Pracht seines Wesens, das Gefhl
der Schnheit und Vergnglichkeit des Lebens warf darein eine beklemmende Angst,
da die, welche alles dies anrichtete und welche ihm so ganz notwendig schien,
um ferner zu leben, ihm ja gewi nicht werden wrde. Denn er ehrte sie, indem er
jetzt eine ganze Leidenschaft zu empfinden begann, sogleich so, da er es nun
entschieden und entschlossen verschmhte, sie in seinen Gedanken mit seiner
Person zu behelligen, indem er, der Welt gegenber sich keck und
eroberungslustig fhlend, vor Dortchen eine gnzliche Demut und Furcht empfand.
Doch wechselte die Furcht wohl zwanzigmal mit der Hoffnung, wenn er manche
freundliche Blicke, angenehme Worte und zuletzt die Stimme bedachte, mit welcher
sie obigen Frhlingsvers gesungen; doch endete auch dieser Wechsel mit
gnzlicher Hoffnungslosigkeit, da er schon in dem Stadium war, wo man einer
Schnen, die man liebt, auch die leeren bswilligen Freundlichkeiten und
Koketterien verzeiht und sogar mit Dank hinnimmt, ohne eine Hoffnung darauf zu
bauen. Dieses war nicht eine sentimentale Schwche und Mdchenhaftigkeit,
sondern es rhrte gerade von der Kraft und Tiefe der entfachten Leidenschaft her
und von dem ehrlichen Ernste, mit welchem er sie empfand. Denn wo es sich um
alles handelt, um ein groes Glck oder Unglck, wird ein wohleingerichteter
Mann mitten in der Leidenschaft dennoch Rcksicht fr zehn nehmen, und gerade
weil es ihm bitterer Ernst ist, glcklich zu sein und glcklich zu machen, so
setzt er sein Heil auf die Karte der Hoffnungslosigkeit, weil Liebe, wenn sie
durch Hoffnungslosigkeit ihr Spiel verliert, nichts verloren hat als sich
selbst.
    Am Morgen war er stiller als gewhnlich und lie sich nichts ansehen; doch
war es nun mit seiner Ruhe vorbei, und mit der Arbeit jeglicher Art ebenfalls,
denn sowie er etwas in die Hand nehmen wollte, verirrten sich seine Augen ins
Weite, und alle seine Gedanken flohen dem Bilde der Geliebten nach, welches,
ohne einen einzigen Augenblick zu verschwinden, berall um ihn her schwebte,
whrend dasselbe Bild zu gleicher Zeit wie aus Eisen gegossen schwer in seinem
Herzen lag, schn, aber unerbittlich schwer. Von diesem Drucke war er nur frei,
und zwar gnzlich, wenn Dortchen zugegen war; alsdann war es ihm wohl, und er
verlangte nichts weiter und sprach auch wenig mit ihr. Damit war ihr jedoch, als
einem Weibe, nicht gedient. Sie fing an, allerlei kleine Teufeleien zu verben,
an sich ganz unschuldige Kindereien in Bewegungen oder Worten, welche einem
vermehrten guten Humor zu entspringen schienen, aber ebensowohl tglich heller
eine urgrndliche Anmut und Beweglichkeit des Gemtes verrieten als auch mit
einer federleichten Wendung zeigten, da sie tausend unergrndliche Ncken unter
den Locken sitzen hatte. Wenn nun erst die offene und klare Herzensgte, das,
was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt, einen Mann gewinnt und gnzlich in
Beschlag nimmt, so bringen ihn nachher, wenn er in seiner Einfalt entdeckt, da
die Geliebte nicht nur schn, gut und huldvoll, sondern auch gescheit und nicht
auf den Kopf gefallen sei, diese frhliche Bosheit des Herzens, diese kindliche
Tcke vollends um den Verstand und um alle Seelenruhe, da es nun total
entschieden scheint, ohne diese sei das Leben frhin leer und tot. So ging auch
Heinrich abermals ein neues Licht auf, und es befiel ihn ein heftiger Schrecken,
nun ganz gewi nie wieder ruhig zu werden, da er gerade dies kurzweilige
Frauenleben nicht sein nennen knne. Denn wenn die Liebe nicht nur schn und
tief, sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist, so erneut sie sich selbst
durch tausend kleine Zge und Lustbarkeiten in jedem Augenblick das bichen
Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben, und nichts macht trauriger,
als ein solches Leben mglich zu sehen, ohne es zu gewinnen, ja die
allertraurigsten Leute sind die, welche das Zeug dazu haben, recht lustig zu
sein, und dennoch traurig sein mssen aus Mangel an guter Gesellschaft.
    Wie nun Heinrich an diesen Spielereien und Neckereien aller Art sich sonnte,
die oft in nichts anderm bestanden, als da Dortchen eine Mnze oder Glas zum
Tanzen brachte und gegen ihn hin dirigierte, worauf er dem Gegenstand einen
Nasenstber gab, da er wieder zurckflog, mute er sich tausendmal in acht
nehmen, sie nicht drum anzusehen, wenn das Geldstck umgepurzelt war, und ber
dem kindisch leichten Tun sein schweres Geheimnis zu verraten. Desnahen hielt er
sich gewaltsam zurck; aber das tat ihm so weh, da er aus Verzweiflung unartig
und launisch wurde und sich die schnsten Stunden unwiederbringlich verdarb.
    Nun glaubte er sich zu heilen, wenn er sich Dortchens Gegenwart entzge, und
fing an, das es erklrter Frhling war, frhmorgens wegzugehen, sich den ganzen
Tag im Lande umherzutreiben und erst in der Nacht zurckzukehren, wenn schon
alles schlief. Nachdem er dies einige Tage zu seiner groen Qual getan, trieb es
ihn, Dorotheen wiederzusehen, und er fand sich bei Tisch ein; aber er war nun
ganz verschchtert, und weil, wie man in den Wald ruft, es widertnt, so fing
Dortchen auch an, sich zurckzuhalten, und schien sich nicht viel mehr daraus zu
machen, mit Heinrich zu verkehren. Stracks verzog er sich wieder in die Wlder
und blieb drei Tage dort, whrend welcher er nur in der Nacht zurckkehrte. Das
Holz fing sachte an zu knospen, und der braune Boden bedeckte sich schon
vielfltig mit Blumen. Heinrich verkroch sich an einem wilden steinigen Abhange,
der den ganzen Tag an der Sonne lag, unter ein hohes Gebsch, durch welches eine
klare Quelle rieselte. Dort hockte er im verborgenen, stierte ber die duftigen
Gehlze und Felder weg nach dem glnzenden Dache des Landhauses in weiter Ferne
und grbelte unaufhrlich ber sein Unheil. Er fing an, sich zu vergessen und
sich nicht mehr zu beherrschen; bisher hatte er, als ein wohlgeschlossener
junger Mensch, noch nie laut gedacht oder vor sich hingesprochen; jetzt
zwitscherte und flsterte er unaufhrlich, wo er ging und stand, und als er dies
endlich entdeckte, war es ihm schon zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden und
schaffte ihm einige Erleichterung, weil die stille Luft wenigstens seine
Gedanken hren konnte, da sonst niemand auf der Welt dieselben zu ahnen und zu
erraten schien. Selbst der Graf befragte ihn gar nicht, was er htte, und tat,
als ob er gar nichts bemerkte von Heinrichs verndertem Wesen.
    Oh, sagte dieser unter den Bumen, was fr ein ungeschickter und
gefrorner Christ bin ich gewesen, da ich keine Ahnung hatte von diesem
leidvollen und sen Leben! Ist diese Teufelei also die Liebe? Habe ich nur ein
Stckchen Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe ich eine Trne
vergossen, als sie starb? Nein! Und doch tat ich so schn mit meinen Gefhlen!
Ich schwur, der Toten ewig treu zu sein; hier aber wre es mir nicht einmal
mglich, dieser Treue zu schwren, solange sie lebt und jung und schn ist, da
dies sich ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann! Wre es
hier mglich, da meine Neigung und mein Wesen in zwei verschiedene Teile
auseinanderfiele, da neben dieser mich ein anderes Weib auch nur rhren knnte?
Nein! Diese ist die Welt, alle Weiber stecken in ihr beisammen, ausgenommen die
hlichen und schlechten!
    Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte, wrde ich alsdann
imstande sein, dem traurigen Ereignis so knstlerisch zuzusehen und es zu
beschreiben? O nein, ich fahle es! Es wrde mich brechen wie einen Halm, und die
Welt wrde sich mir verfinstern, selbst wenn ich bestimmt wte, da sie mich
gar nicht leiden mag! Und dennoch, welch ein praktischer Kerl bin ich gewesen,
als ich so theoretisch, so ganz nach dem Schema liebte und ein grnes Brschchen
war! Wie unverschmt hab ich da gekt, die Kleine und die Groe, zum Morgen-
und Abendbrot! Und jetzt, da ich so manches Jahr lter bin und diese schne und
gute Person liebe, wird es mir schon katzangst, wenn ich nur daran denke, sie in
unbestimmter Zeit irgendeinmal kssen zu drfen, o weh, und doch mchte ich
lieber den Kopf in das Grab stecken, wenn dieses mir nicht geschehen kann! Nicht
einmal wei ich mehr es anzufangen, ein Sterbenswrtchen gegen sie
hervorzubringen!
    Dann starrte er wieder ber das Land hinaus; doch kaum waren einige Minuten
vergangen, whrend welcher er neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am
Horizonte betrachtet oder auch ein schwankendes Gras zu seinen Fen, so kehrten
die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurck; denn Dortchens goldenes hartes
Bild lag so schwer in seinem Herzen, da es ein Loch in selbes zu reien drohte
und nicht erlaubte, da die Gedanken lnger anderswo spazierengingen.
    Obgleich er im Grunde dies gern litt und geschehen lie, so gedachte er doch
nicht, sich daran aufzureiben, und begann andere Saiten aufzuziehen, indem er
endlich bestimmt und deutlich festzustellen suchte, da Dorothea gewi nichts
fr ihn fhlte und da ja auch gar kein vernnftiger Grund vorhanden sei, das
etwa sich einzubilden. Er musterte ihr Betragen durch und bestrkte sich
schmerzlich in dieser unerbaulichen Ansicht, da er ganz mrbe und demtig
geworden war und jetzt nicht das geringste Liebenswrdige an sich fand. So
bitter dieser selbstgemischte Trank anfangs zu trinken war, so brachte er doch
einige Ruhe zurck, infolge derer die eingeschlafene Vernunft auch wieder
auftauchte und den Aufgeregten in ihre khlenden Arme nahm.
    Was dem einen recht, ist dem andern billig, und Wie du mir, so ich dir, sind
die zwei goldenen Sprche auch in Liebeshndeln, wenigstens bei gesunden und
normalen Menschen, und die beste Kur fr ein krankes Herz ist die unzweifelhafte
Gewiheit, da sein Leiden nicht im mindesten geteilt wird. Nur eigensinnige,
selbstschtige und krankhafte Verfassungen laufen Gefahr, sich aufzulsen, wenn
sie durchaus nicht geliebt werden von denen, auf die sie ihr Auge geworfen. Aber
was htte sein knnen und nicht geworden ist, macht wirklich unglcklich, und
kein Trost hilft, da die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute
wohnen; denn nur das Gegenwrtige, was man kennt, ist heilig und trstlich, und
es ist jammerschade um jedes totgeborene Lebensglck.
    Da nun der verliebte Heinrich bei sich ausgemacht hatte, da Dortchen gar
nicht an ihn denke, ward er um vieles ruhiger und befand sich am sechsten Tage
seines Lebens in der Wildnis schon so weit, da er darber ratschlagen konnte,
ob er, zum Danke fr ihre Liebenswrdigkeit und Schnheit, es ihr sagen wolle
oder nicht. Er gedachte sich im ersten Falle wieder auf einen unbefangenen und
guten Fu mit ihr zu setzen und ihr alsdann gelegentlich, eh er abreiste und
wenn sie einmal recht artig gegen ihn wre, lachend und manierlich zu gestehen,
welchen Rumor sie ihm angerichtet, und ihr zugleich zu sagen, sie sollte sich
nicht im geringsten darum kmmern, er habe es ihr nur sagen wollen, um ihr
vielleicht eine kleine Freude zu machen, die sie so sehr verdiene; im brigen
sei nun alles wieder gut und er wohl und munter! Vor Spott und Schadenfreude war
er sicher bei ihr, jedoch tauchte ihm sogleich die Besorgnis auf, man drfte am
Ende ein solches Gestndnis doch fr eine verkappte ernstliche Liebeserklrung
und angelegte Schlauheit ansehen. Diese Idee machte ihn sogleich wieder traurig,
da er nun es doch verschweigen mute, und wie er dies einsah, schien es ihm erst
unmglich zu sein und seine Gemtsruhe nur dann wieder erreichbar, wenn er sein
bestandenes Ungewitter bekennen durfte, am liebsten der Erregerin desselben
selbst. Auch schien ihr diese Kunde durchaus von Rechts wegen zu gebhren, und
Heinrich war ihr so gut, da er ihr ohne allen Eigennutz nicht das Geringste
entziehen mochte, was ihr zukam. Daher rief er endlich Ich sag es ihr doch!
Aber dann frchtete er wieder, es mchte dennoch ein Miverstndnis
hervorgerufen werden und er endlich unter einem schlimmen Eindruck aus dem Hause
abziehen mssen, und er rief wieder Nein! Ich sag es doch nicht! Was geht es
sie an? Endlich nahm er ein flaches rundes Steinchen aus dem klaren Bchlein,
das auf einer Seite rosenrot und auf der anderen Seite milchwei gefrbt war mit
blauen derchen, und warf selbiges in die Hhe. Wenn die rote Seite oben lge,
wollte er reden, wenn die weie, wollte er schweigen. Die weie Seite lag oben,
und Heinrich war wieder ganz unglcklich, als sie da in der Sonne glnzte.
Ach, flsterte er, dies ist nichts! wer wird alles auf einen Wurf wagen?
Dreimal will ich werfen und dann gewi nicht mehr! Und er warf wieder und
abermals wei. Zgernd und seufzend warf er zum dritten Mal, da glnzte es rot,
und ebenso rot ward sein Gesicht, und eine unaussprechliche Freude strahlte auf
demselben. O nun will ich es ihr sagen! sagte er, und ein Stein fiel ihm vom
Herzen, und er dachte, nun wre alles gut.
    Der Herzenskundige wird hier wohl bemerken, da diese Frhlichkeit nur von
der leisen Hoffnung herrhrte, welche sich in Heinrichs Vorsatz mit einschlich,
und da er, ohne es zu wollen, dennoch im Begriffe war, jene Schlauheit zu
begehen, welche er sich nicht zuschulden wollte kommen lassen.
    Es war gerade Sonnabend, und der Tag nherte sich seinem Ende. Er nahm sich
also vor, noch bis in die Nacht umherzustreifen und am Sonntagmorgen dann guter
Dinge zu sein, wieder ein unbefangenes Gesicht zu machen und, sobald sich der
gnstige Augenblick bte, ihr unter Scherz und Lachen sein Bekenntnis abzulegen
mit der gemessensten Aufforderung, da sie sich gar nichts daraus machen und die
Sache einzig wie eine kleine Morgenerheiterung aufnehmen solle. Der arme Teufel,
wie er sich selbst belog!
    Der Sonntagmorgen geriet wunderschn, der reine Himmel lachte durch alle
Fenster in das helle Haus, und der Garten blhte schon an allen Enden. Heinrich
war wirklich guter Dinge und putzte sich sorgfltiger heraus als gewohnt; er
verlor den Mut nicht, da er sich einbildete, nichts erreichen zu wollen, sich
allein wie ein Kind auf die herzliche Plauderei freuend, die er ihr
vormusizieren wollte, und sich davon ein reines und ungetrbtes Glck und ein
ruhiges Leben versprechend. Und es fielen ihm tausend Narrheiten in den Sinn,
welche er dazwischenflechten wollte, um Dortchen zu ergtzen, damit sie ja nicht
die mindeste Unruhe oder Betrbnis verspren sollte. So war er in der rosigsten
Laune, und das Herz klopfte ihm stark und lebendig, und indem ihm fortwhrend
neue Witze einfielen, ber die er lachen mute, traten ihm zugleich Trnen in
die Augen, so sehr freute er sich darauf, ihr nun endlich gegenber zu sein und
mit ihr zu plaudern.
    Aber es fand sich, da Dortchen schon am Sonnabend viele Meilen weit
weggefahren war, um eine Freundin zu besuchen, und wenigstens drei Wochen lang
wegbleiben wollte. Hilf Himmel! welch ein Donnerschlag! Der ganze schne
Sonntagsfrhling in Heinrichs Brust war mit einem Zuge weggewischt, die
Narrheiten und Witze tauchten unverweilt ihre Kpfe spurlos unter die Flut der
dunkelsten Gesinnung, und der blaue Himmel ward schwarz wie die Nacht vor
Heinrichs Augen. Das erste, was er tat, war, da er wohl zwanzigmal den Weg vom
Garten nach dem Kirchhofe hin und zurck ging, und er drckte sich dabei genau
an die Kante des Pfades, an welcher Dortchen hinzustreifen pflegte mit dem Saum
ihres Gewandes. Aber auf diesen Stationen brachte er weiter nichts heraus, als
da das alte Elend mit verstrkter Gewalt wieder da war und alle Vernunft wie
weggeblasen. Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drckte fleiig darauf
los.
    Diese drei Wochen glaubte Heinrich nicht erleben zu knnen und beschlo,
sich so bald als mglich fortzumachen. Er zwang sich deshalb zur Arbeit, so gut
es gehen wollte. Zum Glck war dieselbe vor dem Liebeswetter schon so weit
gediehen, da es nur der fortgesetzten Anstrengung weniger Tage bedurfte, um zu
Ende zu sein; allein wenn Heinrich unter bitteren Schmerzen eine Stunde gemalt
hatte, mute er die Pinsel wegwerfen und in den Wald hinauslaufen, um sich
wieder zu verbergen; denn unter den Menschen wute er nicht, wo er hinsehen
sollte. So brauchte er dennoch volle drei Wochen, bis er fertig war, und diese
schienen ihm volle drei Jahre zu dauern, whrend welcher er tausend Dinge und
doch immer ein und dasselbe lebte und dachte. Wenn es schnes Wetter war, so
machte ihn der blaue Himmel und der Sonnenschein noch tausendmal unglcklicher,
und er sehnte sich nach Dunkelheit und Regengssen, und traten diese ein, so
hoffte er auf den Sonnenschein, der ihm helfen wrde. berdies begann er
allerlei Unstern zu haben, da er fortwhrend zerstreut war. So trat er eines
Tages fehl, als er einen steilen Klippenpfad heruntersteigen wollte, und
torkelte wie ein Sinnloser ber die Felsen hinunter, da er nicht wute, wie er
unten ankam, und ihm die Sinne vergingen. Dies krnkte und schmte ihn so
heftig, da er elendiglich zu weinen anfing. Ein andermal eilte und klomm er
hastig den Berg hinauf, immer hher, um weiter in das Land hinauszusehen, als ob
er alsdanm Dortchen entdecken knnte, und als er endlich ganz oben angelangt und
sie nirgends sah, legte er sich auf den Boden und schluchzte jmmerlich, und das
Unwetter tobte so heftig in ihm, da es ihn emporschnellte und herumwarf, wie
eine Forelle, die man ins grne Gras geworfen hat und die nach Wasser schnappet.
Wiederum ein andermal setzte er sich auf einen verlassenen Pflug, welcher in
einer angefangenen Ackerfurche lag, und machte ein trbseliges Gesicht; denn er
begriff nicht, wie jemand noch Freude daran finden knne, zu pflgen, zu sen
und zu ernten, und er machte allem Lebendigen umher Leerheit, Nichtigkeit und
Seelenlosigkeit zum Vorwurf, da er Dortchen nicht hatte. Da schlenkerte ein
vergngt grinsender Feldlmmel daher, der ein irdenes Krglein an einem Stricke
ber der Schulter trug, stand vor ihm still, gaffte ihm in das betrbte Gesicht
und fing endlich an, unbndig zu lachen, indem er sich mit dem rmel die Nase
wischte. Schon das arme Krglein tat Heinrich weh in den Augen und im Herzen, da
es so stillvergngt und unverschmt am Rcken dieses Burschen baumelte; wie
konnte man ein solches Krgelchen umhertragen, da Dortchen nicht im Lande war?
Da nun der grobe Gesell nicht aufhrte, dazustehen und ihm ins Gesicht zu
lachen, stand Heinrich auf, trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug
ihm dergestalt hinter das Ohr, da der arme Kerl zur Seite taumelte, und ehe der
sich wieder fassen konnte, prgelte Heinrich all sein Weh auf den fremden Rcken
und schlug sich an dem brechenden Kruge die Hand blutig, bis der Feldlmmel,
welcher glaubte, der Teufel sei hinter ihm her, sich aus dem Staube machte und
erst aus der Entfernung anfing, mit Steinen nach dem tollen Heinrich zu werfen.
Langsam ging dieser davon und bedeckte seine berstrmenden Augen mit beiden
Hnden. Solche Kunststcke trieb er nun, und der Himmel mochte wissen, wo er sie
gelernt hatte.
    Endlich aber stellte sich von dem andauernden Druck des besagten goldenen
Bildes ein bleibender krperlicher Schmerz auf der linken Seite ein, der erst
nur ganz leise war und sich nur allmhlich bemerklich machte. Als ihn Heinrich
endlich entdeckte und von der gewohnten Beklemmung unterschied, fuhr er
unablssig mit der Hand ber die Stelle, als ob er wegwischen knnte, was ihm
weh tat. Da es aber nicht wegging, sagte er So, so, nun hat's mich! denn er
dachte, dieses wre nun das wirkliche und wahrhaftige Herzeleid, an welchem man
strbe, wenn es nicht aufhrte. Und er wunderte sich, da also das bekannte
Herzweh, welches in den Balladen und Romanzen vorkommt, in der Tat und Wahrheit
existiere und gerade ihn betreffen msse. Erst empfand er fast eine kindische
Schadenfreude, wie jener Junge, welcher sagte, es geschehe seinem Vater ganz
recht, wenn er sich die Hand erfrre, warum kaufe er ihm keine Handschuhe? Doch
dann schlug dies Vergngen wieder in Traurigkeit um, als er sich ernstlicher
bedachte und befand, da nun gar keine Rede mehr davon sein knne, Dortchen
etwas zu sagen, da die Sache bedenklich wrde und ihr Sorgen und Befangenheit
erwecken mte.
    Er suchte jetzt sein Wldchen wieder auf am Berge, das indessen schn grn
geworden war und von Vogelsang ertnte. Auf dem Baume, unter dem Heinrich den
ganzen Tag sa, war ein Star und guckte, wenn er genug Wrmchen gefressen hatte,
zutulich auf ihn herunter und stieg jeden Tag um einen Ast nher herab. Whrend
nun Heinrich darber nachsann, wie dieser Kummer alles andere, was ihn schon
geqult, weit hinter sich lasse, wie das Leid der Liebe so schuldlos sei, denn
was habe man getan, da einem ein anderes Wesen so wohl gefalle? und dennoch so
unertrglich und bitter und unvernnftig und einen zugrunde zu richten vermge,
und whrend er sich jedoch vornahm, da dies nicht geschehen solle und er sich
schon seiner Haut wehren wolle, sprach er nichts mehr als immer den gleichen
Seufzer O Dortchen, Dortchen - Dortchen, Dortchen Schnfund! Wenn du wtest,
wie mir es ergeht! und dies so oft, da eines schnen Morgens ber seinem Kopfe
unversehens eine seltsame Stimme rief: O Dortchen, Dortchen Schnfund! Wenn du
wtest, wie mir es ergeht! Dies war der Star, der diese Worte gemchlich
auswendig gelernt und nun jedesmal damit fortfuhr, wenn Heinrich eine Weile
geschwiegen, so da sie nun unablssig in dem grnen Busch ertnten. Manchmal,
wenn Heinrich nur abgebrochen Dortchen rief und wieder schwieg, sang der Star
Dortchen? worauf Heinrich antwortete Ja, Dortchen ist nicht hierchen! Oder
wenn er blo seufzte Wenn du wtest! so rief der Vogel nach einem Weilchen
Wie mir es ergeht!
    Es erging ihm aber auch so schlimm, da er sich nach Dorotheens Wiederkehr
sehnte, blo um eine uerliche Vernderung zu erfahren und sie noch einmal zu
sehen, um dann unverzglich fortzugehen. Als er gerade am letzten Abend der drei
Wochen sich ins Haus begab, hoffte er nicht, da sie schon dasein wrde, sah
aber schon vom Garten her, da Licht in ihrem Zimmer war, und erfuhr, da sie
schon am Nachmittage pnktlich angekommen sei. Sogleich befand er sich um vieles
besser und schlief wieder einmal ziemlich gut, ohne von ihr zu trumen, da sie
sonst immer ihm im Traume erschienen war. Dies hatte ihn auch immer so geqult,
wenn die Getrumte ihm durchaus wohlgeneigt nahte, ein leises gtiges Wort
flsterte oder ihn freundlich ansah und er dann nach dem Erwachen nicht fassen
und begreifen konnte, warum es nicht wahr sein und er nicht zu seinem ertrumten
Rechte kommen sollte, als ob die Gute fr das verantwortlich wre, was er
trumte.
    Am Morgen erklang schon frh ihre Stimme durch das Haus; sie spielte und
sang wie eine Nachtigall an einem Pfingstmorgen, und das Haus war voll Leben und
Frhlichkeit. Heinrich wurde zum Frhstck eingeladen, um die Wiedergekehrte zu
begren. Hastig und mit klopfendem Herzen ging er hin; aber sie war so lustig
und aufgeweckt, da der Erznarr sogleich wieder traurig wurde, da sie auch gar
nichts zu merken schien von dem, was mit ihm vorging.
    Dennoch wirkte ihre Gegenwart so wohltuend auf ihn, da er sich
zusammennahm, nicht mehr weglief und sich still und bescheiden verhielt, ohne
viel Worte zu verlieren, allein darauf bedacht, bald fortzukommen. Aber sie
machte ihm dies nicht so leicht, sondern trieb hundertfachen Mutwillen, der ihn
immer wieder aufregte und strte, wobei sie sich immer an andere wandte und
vorzglich Apollnchen dazu brauchte, welche fr sie kichern und lachen mute,
so da Heinrich nie wute, wem es gelten sollte, und hundertmal in Versuchung
geriet, die Kleine beim Kopf zu nehmen und zu sagen Du Gnschen, was willst
denn du?
    Endlich wurden zwei groe Kisten gebracht, in welche die fertigen Bilder
gepackt wurden. Heinrich schickte den Tischler fort und nagelte die Kisten
selber zu auf dem Hausflur, um nur etwas auszutoben. Er sa bitterlich wehmtig
auf dem Deckel und trieb die Ngel mit zornigen Schlgen in das Holz, da das
Haus davon widerhallte; denn mit jedem Nagel, den er einschlug, nahm er sich
gewisser vor, am nchsten Tage fortzugehen, und so dnkte es ihn, als nagle er
seinen eigenen Sarg zu. Aber nach jedem Schlage schallte ein klangreiches
Gelchter oder ein frhlicher Triller aus den oberen Gngen des Hauses, die
Mdchen jagten hin und her und schlugen die Tren auf und zu. Dies bewirkte, da
Heinrich auf sein Zimmer ging und gleich auch den Reisekoffer packte. Als er
damit fertig war, ging er hchst schwermtig, aber gefat ins Freie und nach dem
Kirchhofe; dort setzte er sich auf eine Bank und hoffte, Dortchen werde etwa
herkommen und er wenigstens einige Minuten noch allein und ohne Bosheit bei ihr
sitzen knnen, um sie noch einmal recht anzusehen. Sie kam auch richtig nach
einer Viertelstunde herangerauscht, aber von der Grtnerstochter und dem groen
Haushunde begleitet. Da entfernte er sich eiligst, glaubend, sie htten ihn noch
nicht gesehen, und lief hinter die Kirche. Als er dort die Mdchen wieder
sprechen und lachen hrte, ging er in der Verwirrung in das Pfarrhaus hinein,
das ganz in der Nhe war, und traf den Pfarrer essend am Tische sitzen, ber den
die Nachmittagssonne friedlich wegschien. Heinrich setzte sich zu ihm und sah
ihm zu. Ich esse hier mein Vesperbrtchen, sagte der Pfarrer, wollen Sie
nicht mithalten? - Ich danke, erwiderte Heinrich, wenn Sie erlauben, so will
ich Ihnen sonst ein wenig Gesellschaft leisten! - Das sind mir junge Leute
heutzutage, sagte der Hochwrdige, das hat ja gar keinen ordentlichen
deutschen Appetit mehr! Na, die Gedanken sind auch danach, da kann freilich
nicht viel anderes herauskommen als nichts und aber nichts! Der Pfarrer merkte
nicht, wie materialistisch er sich mit dieser speiselustigen Rede selbst ins
Gesicht schlug, sondern war eifrig mit der groen Schssel beschftigt, die vor
ihm stand. Dieselbe enthielt viele Anhngsel eines frischgeschlachteten
Schweines, nmlich die Ohren, die Schnauze und den Ringelschwanz, alles soeben
gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend. Er pries das
aufgetrmte Gericht als unbertrefflich an einfacher Zartheit und Unschuld und
trank einen tchtigen Krug braunen klaren Bieres dazu.
    Als Heinrich fnf Minuten traurig dagesessen und dem Pastor zugesehen hatte,
klopfte es an der Tr, und Dorothea trat, nur von dem schnen Hunde begleitet,
anmutig und hflich herein und schien aber ein ganz klein bichen befangen zu
sein. Ich will die Herren nicht stren, sagte sie, ich wollte Sie nur bitten,
Herr Pfarrer, heute abend bei uns zu sein, da Herr Lee morgen fortreist; Sie
sind doch nicht abgehalten? - Gewi werde ich kommen, erwiderte der Pfarrer,
der sich schon wieder gesetzt hatte, bitte, mein Liebster, holen Sie doch einen
Stuhl fr das Frulein! Heinrich tat dies mit groer Herzensfreude und stellte
einen zweiten Stuhl an den Tisch, sich gegenber. Danke schn! sagte Dortchen,
freundlich lchelnd und zierlich vor sich niedersehend, indem sie Platz nahm.
Nun war Heinrich doch glckselig, da er in der sonnigen und wohnlichen
Pfarrersstube ihr gegenbersa und sie sich so gutmtig und still verhielt. Der
Pfarrer, obgleich er forta, sprach immer, und die beiden Leutchen brauchten ihm
nur zuzuhren, indes der Hund mit feurigen Augen und offenem Maule nach der
Schssel starrte. Ach, der arme Hund, wie es ihn gelstet, sagte Dortchen,
essen Sie dies auch, Herr Pfarrer? oder erlauben Sie, da ich es ihm gebe? Sie
zeigte hiebei auf das krumme Schwnzchen, das sich manierlich auf dem Rande der
Schssel darstellte. Dies Sauschwnzchen? sagte der Pfarrer, nein, mein
Frulein! das knnen Sie ihm nicht geben, das e ich selbst! Warten Sie, hier
ist was fr ihn! und er setzte dem gierigen Tiere einen Teller vor, in welchen
er allerlei Knchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte. Dortchen und Heinrich
sahen sich unwillkrlich einander an und muten lcheln, nicht ber den Pfarrer
aus Spott, sondern weil seine vergngte und selbstzufriedene Freude an dem
Sauschwnzchen so lustig war. Auch der Hund, der sich eifrig und begierig mit
seinen Knorpeln unterhielt, vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute
Stimmung der jungen Leute. Dortchen streichelte ihm den Kopf, als Heinrich ihm
den Rcken streichelte, und als sie mit ihrer Hand achtlos der seinigen zu
begegnen Gefahr lief, wich er ihr aus, wofr sie ihn, irgendeine gleichgltige
Frage benutzend, um so freundlicher ansah.
    Am offenen Fenster blhte ein Apfelbaum, und weie Schmetterlinge flogen in
die Stube, und als es nun gar so lieblich war, dazusitzen der Lieblichen
gegenber, konnte Heinrich nicht anders, als er mute sich den Pfarrer noch
hinwegdenken, die Stabe zu seiner eigenen machen und sich vorstellen, als wre
Dortchen seine junge Frau und se an einem solchen Mainachmittage am
weigedeckten Tische herzensallein ihm gegenber. Hei werdend und verlegen,
streichelte er wieder den Hund, und nun fiel ihm pltzlich ein, wie er vor
Jahren mit dem ganz jungen Mdchen ja schon einmal gemeinschaftlich einen Hund
geliebkost habe, ohne zu ahnen, da es je wieder begegnen wrde. Nun ist sie
gro und schn geworden, dachte er, was er freilich schon am ersten Tage
Gelegenheit hatte zu bemerken, und wenn abermals eine Reihe von Jahren dahin
ist, so wird sie dem Alter entgegengehen und zuletzt dem Tode! Ist es mglich,
da dies Wesen und diese Lieblichkeit vergehen soll? Es ergriff ihn heftiges
Leiden um sie, und es schien ihm beim Himmel nicht mglich und nicht mglich zu
sein, da sie anders als in seinen Armen glcklich und zufrieden alt werden
knne. Er fhlte, da ihm sogleich die Augen bergehen wrden, stand auf und
sagte Ich mu gehen, ich habe noch viel Zu tun. Er verbeugte sich verzweifelt,
Dortchen stand berrascht auf und verbeugte sich ebenfalls, und dies war sehr
komisch und wehmtig, da beide bei dem einfachen Tone, der in dem Hause
herrschte, sich lngst nicht mehr gegeneinander verbeugt hatten, sondern sich
aufrecht begrten.
    Heinrich lief in die Kirche hinein, um sich zu verbergen, und da dort ein
altes Mtterchen knieete und ihr Vaterunser betete, so flchtete er in die
Sakristei und setzte sich dort in einen dunklen Winkel, um unaufhaltsam zu
weinen und zu schluchzen. Werfe niemand einen Stein auf ihn, weil er schwach
war; denn diese Schwche war nur der Gegenpol und die Kehrseite der Tiefe und
Kraft, mit welcher er das Leben zu empfinden fhig wurde in diesem Hause, und
nur wer den heien Sonnenschein, die leuchtende Trockenheit des Glckes recht
voll und anhaltend zu ertragen berufen ist, wird solcher Schwche teilhaftig,
wenn die Sonne sich verhllt. So sa er eine gute halbe Stunde, und es war ihm
so elend zu Mute wie noch gar nie in seinem Leben. Denn alles ging ihm durch den
Sinn, was er wollte und hoffte, und formte sich smtlich in das Bild des
einzigen Dortchens, dem zu Ehren und zu Lieb er allein alles tun und erleben
mochte, was ihm irgend beschieden war.
    Die Sakristei war der lteste Teil der ziemlich ansehnlichen Kirche und
bestand aus einer uralten Kapelle, die zuerst auf diesem Platze gestanden. Es
war ein dunkles romanisches Gewlbe, dessen Fenster zum groen Teil vermauert
waren, und man hatte hier viele Gegenstnde hingebracht und aufgestapelt, welche
im Laufe der Zeit den Raum in der eigentlichen Kirche beengt.
    Vorzglich aber ragte ein groes Grabmal hervor von schwarzem Marmor, auf
welchem, aus dem gleichen Stein gehauen, ein langer Ritter ausgestreckt lag, die
Hnde auf der Brust gefaltet. An seiner linken Seite, auf dem Kranze des
Sarkophags, stand eine verschlossene Bchse von Erz, reich gearbeitet und
mittelst einer ehernen Kette an dem Marmor befestigt. Sie enthielt das
vertrocknete Herz des Ritters, und sein Wappen war auf ihr eingegraben. Die
Bchse und die feine Kette waren gnzlich oxydiert und schillerten schn grn im
Zwielicht der Sakristei. Das Grabmal aber gehrte, laut den Hausberichten, einem
franzsischen Ritter an, welcher von wilder und heftiger, aber ehrlicher und
verliebter Natur gewesen und dessen Herz, als er vor allerhand Unstern und
Frauenmihandlung flchtig herumzog, in dieser Gegend gewaltsam gebrochen war.
Dies war zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts geschehen, und seine Familie
hatte hier, wo er in den letzten Tagen gepflegt worden, das Grabmal errichten
lassen. Dasselbe vor Augen, sa Heinrich nun da in seinem Winkel zwischen alten
Tabernakeln und Prozessionsgertschaften, als er hrte, da wieder Leute in die
Kirche traten. Es schienen zwei Frauenzimmer zu sein, und bald unterschied er
Dortchens und Apollnchens Stimme, die miteinander leise sprachen. Sie schienen
diesmal nicht zu lachen, sondern angelegentlich etwas zu beraten. Doch bald war
ihnen der Ernst zu lang, und sie kamen in die Sakristei hereingehuscht, indem
Dortchen rief Komm, wir wollen den verliebten Ritter besehen! Sie stellten
sich dicht vor das Grabmal und gafften dem starren Rittersmann neugierig in das
dunkle ehrliche Gesicht. O Gott! ich frchte mich! flsterte Apollnchen, wir
wollen hinausgehen! - Warum denn, Nrrchen? sagte Dortchen laut, der tut
niemand was zuleid! Sieh, wie es ein guter Kerl ist! Sie nahm das erzene Gef
in die Hand und wog es bedchtig; aber pltzlich schttelte sie es, so stark sie
konnte, auf und nieder, da das arme tote Herz darin zu hren war und die Kette
dazu erklang. Sie atmete heftig, war rot wie eine Rose im Gesicht, und ihr
schner Mund lachte und zeigte die weien Zhne. Sieh die Klappernu! hre die
Klappernu! rief sie, da! klappre auch einmal! Sie drckte dem zitternden
Apollnchen die Herzbchse in die Hnde; aber dieses schrie ngstlich auf, lie
die Bchse fallen, und Dortchen fing sie gewandt auf und klapperte abermals
damit.
    Heinrich, von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten, sah ganz erstaunt
zu. Wart, du Teufel! dachte er, dich will ich schn erschrecken! Er wischte sich
die Augen trocken, stie einen hohlen Seufzer aus und sprach mit trauriger
Zitterstimme, welche er gar nicht zu verstellen brauchte, und in altem
Franzsisch Dame, s'il vous plaist, laissez cestuy cueur en repos! Erbleichend
und mit einem Doppelschrei flohen die Mdchen aus der Sakristei und Kirche wie
besessen, und zwar Dortchen voraus, welche mit einem elastischen Satz ber
Schwelle und Stufen der Kirchentr hinaussprang, schneebleich, aber immer noch
lachend ihr Kleid zusammennahm und ber den Kirchhof wegeilte, bis sie eine
Gartenbank fand, auf welche sie sich warf. Bebend lief das erschreckte
Apollnchen hinter ihr drein und flchtete sich an ihre Seite, sich kaum
fassend. Dortchen, deren Gesicht fast so wei war wie die Zhne, atmete hoch
auf, lehnte sich zurck und hielt die Hnde um die Knie geschlungen. O Gott, es
hat gespukt! das ist mein Tod! rief Apollnchen, und Dortchen sagte: Jawohl,
es spukt, es spukt! und lachte wie eine Tolle. Du Gottlose, frchtest du dich
nicht ein bichen? Klopft dein Herz nicht zehnmal strker, als du das Herz da
drin gerttelt hast? - Mein Herz? erwiderte Dortchen, ich sage dir, es ist
guter Dinge! - Was hat es denn gerufen, sagte Apollnchen und hielt sich
beide Hnde an die eigene pochende Herzseite, was hat das franzsische Gespenst
gesagt? - Frulein! hat es gesagt, wenn es Euch gefllt, so macht dies Herz zu
Eurem Nadelkissen! Geh wieder hin und sag, wir wollten uns bedenken, ob es uns
gefiele!
    Eine Stunde spter war Dortchen allein auf ihrem Zimmer, das sie
abgeschlossen hatte, und war eifrig damit beschftigt, ein Krbchen mit
Naschwerk zurechtzumachen fr den Nachtisch. Sie hatte nmlich die Gewohnheit,
immer ein solches Krbchen unter ihrem Verschlu zu halten, das mit feinem
Zuckerwerk angefllt war und das sie in buntes Papier wickelte, nachdem sie eine
selbstgeschriebene Devise dazugelegt. Hiezu verwendete sie schne und grazise
Verse aus allen Sprachen und alten und neuen Dichtern, am liebsten kleine gute
Sinngedichte, welche geeignet waren, angenehme und witzige Vorstellungen zu
erregen und eine heitere Frhlichkeit zu verbreiten. Auch trieb sie allerhand
Schwank damit, indem sie oft zwei verschiedene Zeilen aus verschiedenen Dichtern
zu einem Distichon zusammenfgte, so da man glaubte, Bekanntes zu lesen, und
doch nicht klug daraus wurde, indessen die neue zierliche Wendung, der
entgegengesetzte Sinn, welchen das Unbekannt-Bekannte abgab, ergtzte und
vielfltig in die Irre fhrte. Dortchen wickelte jetzt rasch und nachdenklich
den ganzen Vorrat auf, warf die alten Zettelchen beiseite und schrieb auf neue
Streifchen feinen Papieres zwanzig- oder dreiigmal dasselbe Sinngedicht eines
alten schlesischen Poeten. Dann wickelte sie diese Zettel mit dem Zuckerwerke
wieder ein, wozu sie neues, nur weies Papier nahm, schlo ihre Tre wieder auf
und trug ihr Krbchen nach dem hbschen Schrnkchen, das sie im Familienzimmer
ebenfalls unter ihrem Verschlu hatte.
    Heinrich hatte unterdessen endlich ausgetobt, die Schluchzerei, deren er
sich schmte, und der Scherz hatten ihn erleichtert und ruhiger gemacht, und er
nahm sich nun zum allerletzten Mal bestimmt vor, Dortchen gut zu sein, ohne an
etwas Weiteres zu denken noch sich zu bekmmern, und seine Gedanken nach anderen
Dingen und nach seiner Zukunft zu richten. Desnahen war er ziemlich zufrieden am
Abendtisch, und weil er, als der Abreisende, der Gegenstand des Gesprches war,
seine Zukunft mit Wohlwollen besprochen wurde und auerdem der Graf, als sich
von selbst verstehend, erklrte, abermals mit ihm zu reisen nach der Hauptstadt,
da Heinrich das nicht gehofft hatte, so befand er sich zuletzt so glcklich und
lustig wie je und lachte Dortchen freundschaftlich an, als sie endlich mit ihrem
Krbchen zu ihm trat.
    Heut bekommen Sie zum letzten Mal ein Bonbon von mir! sagte sie, suchen
Sie sich ein recht gutes aus!
    Heinrich suchte unbefangen einige Sekunden lang und nahm doch das erste
beste, was ihm in die Hnde kam, da er es vorzog, die Spenderin inzwischen
anzusehen, da dies auch ein letztes Bonbon war. Als er das Ergriffene aufmachte
und den Zettel las, errtete er und vermochte nicht denselben laut zu lesen,
denn es stand darauf:

Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmtig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gtig;
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!

Der Pfarrer nahm das Papier und las das Gedicht. Allerliebst! rief er, sehr
hbsch! Sie haben eine allerliebste Devise zum Abschied bekommen. Lassen Sie
sehen, Frulein Dortchen! was ich zum Dableiben erhalten werde! Er griff
begierig nach dem Krbchen, denn es juckte ihn auf der Zunge, etwas Ses darauf
zu legen. Dortchen zog aber das Krbchen weg und sagte: Nchsten Sonntag
bekommen Sie was zum Dableiben, Herr Pfarrer! Heute bekommt nur der, welcher
geht! Heinrich sah sie verwirrt und zweifelhaft an, die aufregenden Verse im
Herzen; aber mit der unergrndlichen Halbheit der Weiber stand sie da und verzog
keine Miene. Rasch verschlo sie den Korb wieder in den Schrank, und der arme
Heinrich hatte keine Vermutung, da in allen dreiig Bonbons die gleichen Worte
standen.

                              Vierzehntes Kapitel


Der Wagen stand in aller Frhe bepackt und bereit; Dortchen begleitete die
Abreisenden bis an denselben, umgeben von den brigen Leuten, so wie auch
Apollnchen und der alte Grtner herbeikamen. Heinrich gab den zutraulichen
Dienstleuten allen die Hand und zuletzt auch der Dorothea, welche ihm freundlich
die ihrige gab und nun sagte Adieu, Herr Lee! Von Wiedersehen oder dergleichen
sagte sie gar nichts; ebensowenig als Heinrich, und so fuhren der Graf und er
rasch von dannen.
    Die Bilder kamen in zwei Tagen nach und waren bald zur ffentlichen
Ausstellung hergerichtet. Der Graf beschftigte sich so munter mit der Sache,
als ob er selbst der Knstler wre, und hatte die grte Freude daran, berall
dabeizusein und seinen Schtzling zu bevormunden. Wie er es gewnscht, so kam es
auch, als die Bilder endlich in dem Saale hingen, wo die Knstler und die
wohlhabenden Liebhaber ab-und zugingen. Sie sprangen ziemlich anspruchsvoll in
die Augen, hielten aber die erregte Aufmerksamkeit tapfer aus; alte Bekannte
wunderten sich ber das pltzliche Auftauchen des verschollenen Heinrich und
drckten ihm mit Achtung und aufrichtigen Glckwnschen die Hand; der Graf
unterlie nicht, vornehm aussehende Herren und Damen vor die Bilder zu fhren,
so da sich der Beifall herumsprach und immer ein Trppchen elegantes Publikum
davorstand, kurz, Heinrich konnte nun doch noch mit Ehren und mit leichtem Sinne
von dem Handwerk scheiden, und dieser Abschied erhielt dadurch einen vollern und
schwerern Gehalt. Als Heinrich endlich bei den Aufsehern der Sle den Preis der
Bilder angeben wollte, drngte sich der Graf dazwischen und schrieb den
betreffenden Zettel selbst auf. Aber er schrieb eine so ausgiebige Summe hin,
da Heinrich laut auflachte und rief Da werden wir lange warten knnen, bis wir
die Fahnen an den Mann bringen! - Das werden wir schon sehen, erwiderte der
Graf, nur nicht blde, mein Freund! Und in der Tat wurden die Bilder in
einigen Tagen gekauft, aber vom Grafen selbst, ohne da Heinrich es wute; denn
er lie den Kauf unter fremdem Namen vor sich gehen und abschlieen, und zwar
nicht um Heinrich eine Art Geschenk aufzudrngen, sondern weil er die zwei
Landschaften, welche er veranlat und entstehen gesehen, selber besitzen wollte
und schon ihren Platz in seinem Hause angeordnet hatte.
    Nun htte Heinrich endlich ohne Hindernis nach seiner Heimat und zu seiner
Mutter eilen knnen; allein wie er sich dazu anschickte, begegneten ihm noch
zwei Abenteuer, die ihn ganz verschieden betrafen. Ein alter Bekannter aus der
Zeit, da Heinrich mit Ferdinand Lys und Erikson umgegangen, welcher von seinem
Wiederauftauchen gehrt, suchte ihn auf und gab ihm einen Brief des Ferdinand,
welcher schon vor Monaten aus Palermo gekommen war fr Heinrich und von Hand zu
Hand ging, ohne bestellt werden zu knnen. Zugleich teilte er ihm mit, da
neueren Nachrichten zufolge der Schreiber des Briefes seither gestorben sei,
ohne jedoch etwas Nheres von den Verhltnissen zu wissen.
    Heinrich erschrak und ahnte Schlimmes! Er lie daher den berbringer erst
fortgehen, ehe er den Brief ffnete; dann aber tat er ihn auf und las:

Lieber Heinrich! Nachdem ich mich die Jahre her leidlich herumgeschleppt, mu
ich nchstens nun endlich doch noch sterben an dem Stich, den Du mir so tapfer
versetzt. Ich tue Dir dies selbst noch kund, um Dir zugleich zu sagen, da Du
mir zwar ein freundliches Andenken bewahren, aber die Sache Dich nicht etwa zu
sehr angreifen lassen mgest. Es wre mir eine Bitterkeit, zu denken, da Du nur
einen Tag lang deswegen unglcklich werden drftest; denn was geschehen ist, ist
sowohl meine Schuld wie Deine, und da ich zufrieden und glcklich sterbe und mit
mir im reinen bin, so ist weiter gar nichts zu sagen als noch einmal ich hoffe,
Du werdest so klug sein und Dich meinen Tod nicht anfechten lassen! Ich habe
seither viel an Dich gedacht und bin ein frmlicher Philosoph geworden! Nach
meiner Berechnung, die ich angestellt, mut Du jetzt aus der Torheit auch heraus
sein, wozu ich Dir Glck wnsche! Lebe wohl, liebe die Welt, sie ist schn, und
denke nur mit vollkommen ruhigem Sinn an Deinen treuen Freund! Der lange Erikson
ist schon zweimal hier bei mir gewesen. Er hat einen groen Schacher und Handel
angelegt und fhrt auf einem eigenen Dampfschiffe, das er selber steuert, in der
halben Welt herum, und seine Frau geht ihm nicht von der Seite. Wenn dieser
Brief Dich trifft, so schreibe mir, wie es Dir ergeht! Trifft er Dich nicht, so
ist es auch gut, denn alsdann bleibt Dir hoffentlich die ganze Affre
unbekannt!

Heinrich gab den Brief dem Grafen, ohne etwas zu sagen. Der Graf las ihn und
beobachtete Heinrich aufmerksam whrend einer Stunde, ohne da sie etwas ber
die Sache sprachen. Endlich aber sagte der Graf Nun, wie ist Ihnen zu Mut? Wie
nehmen Sie diesen Brief auf? Ohne Verzug erwiderte Heinrich Ganz wie er
geschrieben ist! Ich wrde ihm ebenso geschrieben haben, wenn Ferdinand mich
gettet htte! brigens vermute ich, da bei dieser Gelegenheit der letzte Rest
von Willkrlichkeit und Narrheit aus mir schwindet.
    Noch am gleichen Tage wurde er durch eine gerichtliche Behrde, die schon
lange nach ihm gefahndet, ausfindig gemacht und hinbeschieden. Als er dort war
und sich als rechtmiges Ich ausgewiesen hatte, ward ihm erffnet, wie jenes
tote Trdelmnnchen ihn zu seinem Erben eingesetzt habe. Verwundert hrte
Heinrich die Vorlesung des Testamentes an, nach welchem der fahrende Kram des
Verstorbenen gerichtlich verkauft und erst dann dem eingesetzten Erben der
letzte Wille bekanntgemacht und die vorhandene Barschaft eingehndigt werden
mute. Man hatte aber in einem alten silbernen Becher von mchtiger Gre, der
mit einem Deckel versehen war, einen ganzen Schatz in Gold und ffentlichen
Papieren vorgefunden, was ein ordentliches brgerliches Vermgen ausmachte und
kein Mensch hinter dem Alten gesucht htte. Dieser sonderbare Becher stand jetzt
auf dem grnen Tische des Gerichtszimmers, wurde umgestrzt und der Inhalt dem
Erben vorgezhlt. Auerdem hndigte man ihm einen Brief des Verstorbenen ein,
welcher, mit kaum leserlicher Schrift auf grobes Papier geschrieben,
folgendermaen lautete:
    Du hast mich bslich verlassen, mein Shnchen, und bist nie wieder zu mir
gekommen, doch kenn ich Dich wohl und vermache Dir mein bichen Erspartes, weil
ich keine Blutsverwandten habe. Hoffentlich wirst Du dasselbige richtig
erhalten; es soll das Lhnchen sein fr die Fahnenstecken, so Du angemalet; denn
dazumal, wie ich Dich bei dieser Arbeit sahe, habe ich es mir vorgenommen, und
wnsche ich somit, da es nicht zu spt komme, um Dir einen Beitrag und Anla zu
geben, wie Du Dich im kleinen als einen treulichen Verwalter gezeigt hast, es
auch in betrchtlicheren Dingen zu sein; Du kannst es wohl, wenn Du es willst
und nicht eigensinnig bist. Das Geldchen ist nicht ohne alle Schlauheit, aber
jedennoch auf ganz ehrlichem Wege erworben, und ist niemand Unrecht geschehen,
so da Du den Segen mit Anstand verwenden magst, wie Dir gutdnkt. Fr den Fall,
da Du die Knstlerei etwa verabschiedet httest, habe ich verordnet, da mein
Trdel verkauft wird, damit Du Deine alten Sachen nicht wieder zu Gesicht
bekommst. Dies bednkte mich nmlich zweckmig und gut, und hiemit bin ich nun
froh, mein Erspartes, was mir viel Spa machte, da die Leute so verschlafen und
spahaft sind, noch an den Mann gebracht zu haben, und wenn ich hiedurch mir das
freundschaftliche Gedchtnis eines braven und geschickten Menschen erkauft habe,
der Gott wei in welcher Himmelsgegend lustig in die zuknftige Zeit
hineinlebet, so habe ich noch ein gutes Geschft gemacht und meinen Nutzen
erreicht, und hiemit lebe wohl, mein Mnnchen.
    Nachdem den gerichtlichen Anstalten Genge geschehen, zog Heinrich ab mit
seinem Brief und Becher; in den Gngen des weitlufigen Gerichtshauses, wo eine
Menge bekmmerter oder erboster Streitfhrender auf- und niederging oder auf
Bnken sa, Verklagte und Anklger, Schuldner und Glubiger, stellte er einen
armen Kerl an, der sich melancholisch da umhertrieb, und gab ihm den schweren
Becher zu tragen. Wie er durch die belebte Stadt vor dem Trger hereilte und oft
durch mehrere Menschen von ihm getrennt war, lftete dieser neugierig den Deckel
und guckte, was darinnen wre. Als er das Gold sah, beschlo er, mit dem Schatz
zu entwischen, da seine armen verhungerten Gedanken nicht weiter gingen als die
eines Hundes, der einen Braten sieht. Er wollte nur warten, bis Heinrich ein-
oder zweimal sich nach ihm umgesehen, wo er dann ein vergngtes und biederes
Gesicht machen wollte, rstig einherschreitend, jedoch unmittelbar noch dem
zweiten oder dritten Umsehen wollte er auf die Seite springen und sich im
Wirrsal verlieren, da er dann auf mehrere Minuten sicher war. Da sich aber
Heinrich gar nicht nach ihm umsah und er immer darauf wartete, so wurde er an
seiner Tat seltsam verhindert, immer nach dem Vorgnger hinstarrend, und er
geriet in einen wunderlichen Bann, da er nichts unternehmen konnte und der Weg
zurckgelegt war, eh er das mindeste ausgerichtet; denn pltzlich blieb Heinrich
unter der Tr des Gasthofes stehen, wandte sich um und nahm ihm den Becher ab,
indem er ihm eine Goldmnze aus demselben gab.
    Nun hab ich ja Geld wie ein Kornhndler! sagte Heinrich zu dem Grafen, der
seiner harrte, setzte den Sparbecher des Alten vor ihn auf den Tisch, erzhlte
ihm die Geschichte und zeigte ihm auch den Brief.
    Seh einer an! sagte der Graf, ich hielt die alte Zipfelkappe immer fr
einen Kauz; da er aber solche Ideen hinter den Ohren htte, sah ich ihm doch
nicht an!
    Es ist aber doch eine sonderbare Sache, erwiderte Heinrich, ein solches
gefundenes Gut zu haben und zu tun, als ob es einem von Rechts und Verdienstes
wegen gehrte!
    Gefunden! sagte der Graf, wie kommen Sie nur dazu, sich wieder so zu
zieren? Sie sind ein wesentlicher Mensch, und aus Ihrem Wesen heraus haben Sie
die Stngelchen bemalt oder die Spirallinie gezogen, wie Sie sich ausdrcken.
Hundert andere htten gerade das nicht getan und nicht auf die Art getan wie
Sie, und dies hat der Alte sehr richtig bemerkt, so da Ihr eigenes Wesen das
Glck, wie wir es immerhin nennen wollen, anzog und bezwang. Glck aber ist
nicht unanstndig, Glck braucht jeder Geschftsmann, auch der, welcher sein
gutes Menschenwesen in den Verkehr setzt! Aber nun machen Sie, da Sie
fortkommen, sonst fangen Sie mir wieder an zu spintisieren und sich zu zieren!
Diesen Becher, der ein altes tchtiges Stck Gert ist, geben Sie mir mit zum
Andenken! Vorher aber wollen wir einen guten Abschied daraus trinken und auch
den Alten leben lassen!
    Sie lieen ein paar Flaschen starken Weines kommen; Heinrich warf den Inhalt
des Gefes heraus und schwenkte das Gef aus, der Graf trocknete es mit frohem
Sinn und einem frischen Handtuch sorgfltig ab, und nun gossen sie die erste
Flasche in den Becher und tranken denselben zum Andenken an den toten Alten.
    Beim zweiten Becher aber sagte der Graf Nun wollen wir auch Brderschaft
trinken und uns fortan mit du anreden, denn wir wollen uns getreu bleiben und
gute Freunde sein!
    Heinrich wurde ganz rot und sah tief in den Becher hinein, ohne es zu wagen,
das edle Anerbieten seines Freundes anzunehmen noch auch es abzulehnen, da zum
ersten Mal ein viel lterer und ganzer Mann, dessen Haare schon ergrauten, ihm
solches anbot. Endlich aber gewann er durch den Wert, welcher durch des Mannes
Vertrauen und Freundschaft in ihn gelegt wurde, einen guten Mut, und er gab dem
Grafen die Hand und sah ihn an; doch erst nach einem Weilchen des gleichmtigen
und ruhigen Gesprches brachte er auch endlich das Du ber die Lippen, so
gleichsam im Vorbeigehen brachte er es bescheiden, doch tapfer an, da der Graf
lchelte und ihn beim Kopf kriegte.
    Der ltere Freund reiste noch am selben Tage auf sein Gut zurck, und der
jngere machte sich endlich am nchsten Morgen auf den Heimweg. Es widerstrebte
ihm, den alten graden Weg, den er unter wechselndem Geschick schon so oft zur
Hlfte zurckgelegt, abermals anzutreten, und reiste daher in einem Bogen durch
Sddeutschland auf die Stadt Basel zu. Er war nun gerade sieben Jahre abwesend;
dies dnkte ihn, so schnell sie auch vorbergeschwunden, jetzt eine Ewigkeit, da
ihm mit einem Male, als er sich dem Vaterlande nhern sollte, alles schwer aufs
Herz fiel, was sich in demselben begeben, ohne da er den allerkleinsten Teil
daran hatte. Noch schwerer fiel ihm die Mutter aufs Gewissen, die er nun endlich
wiedersehen sollte, und in die Freude und Hoffnung ber das Wiedersehen mischte
sich eine seltsame Beklemmung und Furcht, wenn er sich die Vernderung dachte,
welche mit ihrem uern Aussehen vorgegangen sein mute, und er fhlte die
Flucht und das Gewicht dieser sieben Jahre tief mit fr die alternde Mutter.
Seit seine erste Heimreise so romantisch unterbrochen worden und er in dem Hause
des Gastfreundes gelebt, hatte er erst das Schreiben an sie immer aufgeschoben,
weil er dachte, so bald als mglich selbst hinzukommen und mit seiner
wohlhergestellten Person Ende gut, alles gut zu spielen. Dann, als er in die
Liebeskrankheit verfiel, verga er sie zeitweise ganz, und wenn er an sie
dachte, wre es ihm nicht mglich gewesen, auch nur eine Zeile zu schreiben,
sowenig als etwas anderes zu beginnen, und am wenigsten htte er gewut, in
welchem Tone er an die Mutter schreiben sollte, ohne sie zu tuschen, da er
selbst nicht wute, ob er den Tod oder das Leben im Herzen trage. Er lie daher
die Dinge gehen, wie sie gingen, vertraute auf die gute Natur der Mutter und
setzte ihre Ruhe mit seiner Ruhe auf die gleiche Karte. Jetzt aber befiel ihn,
der noch vor kurzem einen so groen Respekt und eine gewisse Furcht vor dem
jungen schnen Weibe gehegt, das er liebte, jetzt befiel ihn dieses Gefhl, wie
eine Art Scheu, in verdoppeltem Mae vor der alten schwachen, lange nicht
gesehenen Mutter, und es war ihm zu Mute, wie wenn er einer strengen Richterin
entgegenginge, die ihn um ihn und sein Leben zur Verantwortung zge.
    Zugleich bemerkte er, sobald er einen Tag lang wieder ganz allein gewesen,
da unversehens der heillose Druck von Dortchens Bild, der, solange er mit dem
Grafen noch frhlich beisammen war, sich nicht hatte verspren lassen, wieder in
seiner Brust sa, und er mute nun frchten, da dies nie wieder wegginge, ohne
da er etwas dazu tun konnte.
    Und zwar war es nun diesmal so, da er sonst ganz gefat und ruhig war, da
es ihm das Herz zusammenschnrte, ohne da er besonders an sie dachte, und wenn
er ganz beschftigt mit anderen Dingen war, so wartete der verborgene
Herzdrcker und harrte freundschaftlich aus, bis Heinrich sich an die Ursache
erinnerte und ber sie seufzte.
    Um dieser Dinge willen war er froh, einen migen Umweg zu machen, um sich
nur erst ein wenig zurechtzufinden, da ihm nun das Wiedersehen der Mutter
wichtiger war, als wenn er vor eine Knigin htte treten mssen, und er doch mit
Ruhe und Unbefangenheit ankommen wollte.
    So gelangte er an einem schnen Junimorgen in die alte schne Stadt Basel
und sah den Rhein wieder flieen, vorber an dem alten Mnster. Schon alle
Straen, die nach der Stadt fhrten, waren mit Tausenden von Fuhrwerken und
Wagen bedeckt, welche eine unzhlige Menschenmenge aus allen Gauen sowie aus dem
Franzsischen und Deutschen nach Basel trugen; die Stadt selbst aber war ganz
mit Grn bedeckt und mit rot und weien Tchern, Flaggen und Fahnen, die von
allen Trmen wehten. Denn es wurde heute die vierhundertjhrige Jubelfeier der
Schlacht bei St. Jakob an der Birs begangen, wo tausend Eidgenossen zehntausend
Feinde totschlugen und deren vierzigtausend von den Landesgrenzen abhielten
durch den eigenen Opfertod, whrend im Schoe des Vaterlandes der Brgerkrieg
wtete. Am gleichen Tage ward auch das groe eidgenssische Schtzenfest
erffnet, welches alle zwei Jahre wiederkehrt und dazumal in Basel den hchsten
bisherigen Glanz und Gehalt erreichte, da es gegenber der alten kraftlosen
Tagsatzung das politische Rendezvous des Volkslebens war in einer grenden
Umwandlungszeit.
    So stie Heinrich gleich beim Eintritt ins Land mitten auf seine rauschende
und grollende Bewegung, und ohne auszuruhen, ging er mit den hunderttausend
Zuschauern auf das Schlachtfeld hinaus und wieder zurck in die reiche Stadt,
welche mit ihren zahlreichen silbernen und goldenen Ehrengefen den Wirt
machte. Doch mit dem Mittage rumte die geschichtliche Feier der Vergangenheit
der treibenden Gegenwart den Platz ein, und unter der groen Speisehtte des
Schieplatzes aen schon an diesem ersten Mittag fnftausend waffenkundige
Mnner zusammen, indessen am andern Ende des Platzes auf eine unabsehbare
Scheibenreihe ein Rottenfeuer erffnet wurde, welches acht Tage lang anhielt,
ohne einen Augenblick aufzuhren. Dies war kein blindes Knattern wie von einem
Regiment Soldaten, sondern zu jedem Schusse gehrte ein wohlzielender Mann mit
hellen Augen, der in einem guten Rocke steckte, seiner Glieder mchtig war und
wute, was er wollte.
    Inmitten der hlzernen Feststadt, deren Ordnung, Gebrauch und Art trotz
aller Luftigkeit herkmmlich und festgestellt war und ihre eigene Architektur
erzeugt hatte, ragten drei monumentale Zeichen aus dem Wogen der Vlkerschaft,
die das groe Viereck ausfllte. Ganz in der Mitte die ungeheure grne Tanne,
aus deren Stamm ein vielrhriger Brunnen sein lebendiges Wasser in eine weite
Schale go. In einiger Entfernung davon stand die Fahnenburg, auf welche die
Fahnen der stndlich ankommenden Schtzengesellschaften gesteckt und unter deren
Bogen dieselben begrt und verabschiedet und die letzten Handschlge, Vorstze
und Hoffnungen getauscht wurden. Auf der anderen Seite der Tanne war der
Gabensaal, welcher die Preise und Geschenke enthielt aus dem ganzen Lande sowie
von allen Orten diesseits und jenseits des Ozeans, vom Gestade des Mittelmeeres,
von berall, wo nur eine kleine Zahl wanderlustiger, erwerbsfroher Schweizer
sich aufhielt oder die Jugend auf fernen Schulen weilte. Der Gesamtwert
erreichte diesmal eine grere Hhe als frher je, und das Silbergert, die
Waffen und andere gute Dinge waren massenhaft aufgetrmt.
    Whrend nun in den Stuben der Doktrinre, in den Slen der Staatsleute vom
alten Metier und in der Halle des Bundes von Anno funfzehn das politische
Fortgedeihen stockte und nichts anzufangen war, trieb und scho dasselbe in
mchtigen Keimen auf diesem brausenden, tosenden Plan, ber dem die vielen
Fahnen rauschten. Das Land war mitten in dem Kampfe und in der Mauser begriffen,
welche mit dem Umwandlungsprozesse eines jahrhundertealten Staatenbundes in
einen Bundesstaat abschlo und ein durchaus denkwrdiger, in sich selbst
bedingter organischer Proze war, der in seiner Mannigfaltigkeit,
Vielseitigkeit, in seinen wohlproportionierten Verhltnissen und in seinem
erschpfenden Wesen die uere Kleinheit des Landes vergessen lie und sich
schlechtweg lehrreich und erbaulich darstellte, da an sich nichts klein und
nichts gro ist und ein zellenreicher summender und wohlbewaffneter Bienenkorb
bedeutsamer anzusehen ist als ein mchtiger Sandhaufen.
    Das erste Jahrzehent, welches Anno dreiig die Fortbildung zur freien
Selbstbestimmung oder zu einem jederzeit berechtigten Dasein, oder wie man
solche Dinge benennen mag, wieder aufgenommen hatte, war unzureichend und flach
verlaufen, weil die humanistischen Krfte aus der Schule des vorigen
Jahrhunderts, die den Anfang noch bewirkt, endlich verklungen waren, ehe ein
ausreichendes Neues reif geworden, das fr die ausdauernde Einzelarbeit
zweckmig und rechtlich, in seinen Trgern frisch und anstndig sich
darstellte. In die Lcke, welche die Stockung hervorbrachte, trat sofort die
vermeintliche Reaktion, welche ihrer Art gem sich fr hchst selbstndig und
ursprnglich hielt, in der Tat aber nur dazu diente, dem Fortschritt einen
Schwung zu geben, und es ihm mglich machte, nach mehrjhrigen Kmpfen endlich
die sichere und bewute Mehrheit zu finden fr die neue Bundesverfassung. Es
begann jene Reihe von blutigen oder trockenen Umwlzungen, Wahlbewegungen und
Verfassungsrevisionen, die man Putsche nannte und alles Schachzge waren auf dem
wunderlichen Schachbrett der Schweiz, wo jedes Feld eine kleinere oder grere
Volkes- und Staatssouvernett war, die eine mit reprsentativer Einrichtung,
die andere demokratisch, diese mit, jene ohne Veto, diese von stdtischem
Charakter, jene von lndlichem, und wieder eine andere wie eine Theokratie
aussehend, und die Schweizer bezeigten bald eine groe bung in diesem
Schachspielen und Putschen.
    Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zrich, wo man einen pltzlichen
vorbergehenden Regengu einen Putsch nennt und demgem die eiferschtigen
Nachbarstdte jede nrrische Gemtsbewegung, Begeisterung, Zornigkeit, Laune
oder Mode der Zricher einen Zrichputsch nennen. Da nun die Zricher die ersten
waren, die geputscht, so blieb der Name fr alle jene Bewegungen und brgerte
sich sogar in die weitere Sprache ein, wie Sonderbndelei, Freischrler und
andere Ausdrcke, die alle aus dem politischen Laboratorium der Schweiz
herrhren.
    Der Zrichputsch war aber eine religise Bewegung gewesen, da der mige
Fortschritt, eingedenk des Sprichwortes, da Miggang aller Laster Anfang ist,
etwas an der Religion machen wollte, wie die Bauern sich ausdrckten, und zwar
auf dogmatischem Wege. Die Kirche lt sich aber von unkirchlichen Leuten nicht
schulmeistern und umgestalten, sondern nur ignorieren oder abschaffen, wenn die
Mehrheit dafr da ist. Die Juristen waren sehr betrbt und entsetzt, zu sehen,
da die Religion dergestalt auf das Gemt einwirken knne, da selbst eine
aufgeschriebene Verfassung damit zu brechen sei, und sie hielten ber diesen
Folgen ihrer migen Tat den Untergang der Welt nahe; die folgenden Putsche aber
gewannen durch diesen Anfang ihr Losungswort, den Glauben, und infolgedessen
fanden sich denn richtig die Jesuiten ein als die vollendeten Lckenber der
Geschichte und wurden von den der weiteren zweckmigen Ausgestaltung des Landes
widerstrebenden Dialektikern und Schachspielern als handliche Schachfiguren
benutzt, whrend sie whnten, um ihrer selbst willen und aus eigener Kraft
dazusein. Sie reichten gerade aus, durch ihr Wesen und ihre Bestimmung einen
krftigen und hchst produktiven Ha und Groll zu erregen, welcher auf dem Fest
zu Basel dermaen gewaltig rauschte, da davon die Rede war, in corpore
aufzubrechen und in den Festkleidern, den Festwein im Blute, hinzuziehen, um den
Jesuiten das Loch zu verstopfen und ihre verrckte Theokratie zu zerstren.
    Dies blieb zwar nur eine Rede, doch wurde der Keim gelegt zu jener seltsamen
Erscheinung der Freischarenzge, wo sehafte wohlgestellte Leute, die smtlich
in der Armee eingereiht waren, sich in brgerliche Kleidung steckten, sich
zusammentaten, durch fingierte Handstreiche unter den Augen ihrer Regierungen
Stck und Wagen aneigneten und gut bewaffnet auszogen, um in eine benachbarte
Souvernitt einzubrechen und die dortige gleichgesinnte Minderheit mit Gewalt
zur Mehrheit zu machen. Diese vermummten Zivilkrieger wollten fr sich nichts,
weder Beute noch Kriegsruhm, noch Befrderung holen, sondern zogen einzig fr
den reinen Gedanken aus; als sie daher allein an dem Flache der Ungesetzlichkeit
und offenen Vertragsbrchigkeit untergingen, trat der noch seltsamere Fall ein,
da sie sich nicht ihrer Tat zu schmen brauchten und doch eingestehen durften,
es sei gut, da sie nicht gelungen, indem ohne den tragischen Verlauf der
Freischarenzge der Sonderbund nicht jene energische Form gewonnen htte, die
den schlielichen Sieg der legalen und ruhigen Freisinnigen herausgefordert und
ermglicht hat. Dem wahrhaft freisinnigen Manne geziemt es, froh zu sein, wenn
ihm das Ungehrige und Unberlegte milungen, und er berlt es den Despoten
und wilden Bestien, einen blinden gnstigen Zufall als Gnade Gottes und die
Schrfe der Klauen als Recht auszukndigen.
    Indessen hinderte der Zorn die Schweizer in Basel nicht, im grten Mastabe
zu zechen, und Zorn und Freude schillerten so blitzend durcheinander wie der
rote und weie Wein, von welchem an dem bewegtesten Tage der Woche gegen
neunzigtausend Flaschen getrunken wurden allein in der groen Htte, whrend die
leidenschaftlichen Tischreden von der Tribne tnten. Als Heinrich, der drei
Tage auf dem Platze blieb, diese Kraft und Flle sah, schien ihm dies fast
bedenklich; denn nach dem stillen und innerlichen Leben, das er in der letzten
Zeit gefhrt, drhnte ihm das gewaltige Getse betubend in das Gemt; denn
obgleich da durchaus kein wstes oder kindisches Geschrei herrschte, sondern ein
ausgedehntes Meer gehaltener Mnnerstimmen wogte, aus dem nur hie und da eine
lautere Brandung oder ein fester feuriger Gesang aufstieg, so bildete doch diese
handfeste Wirklichkeit und Rhrigkeit einen grellen Gegensatz zu dem lautlosen
entsagungsbereiten Liebesleiden Heinrichs von jngst, aus dem nur etwa jener
eintnige Starenruf heraustnte. Doch erinnerte er sich, da dies eine alte
Weise seiner Landsleute und nicht etwa ein Zeichen des Verfalles sei und da die
sogenannten alten frommen Schweizer, welche so andchtig niederknieten, ehe sie
sich schlugen, mit ihren langen Brten und schiefen Kerbhtchen zuweilen noch
viel wilder tun, bankettieren und rumoren konnten als die jetzigen und da also
deswegen kein Verfall eingetreten und die Schweizer Schtzen immer noch die
seien, deren Vorfahren vor Jahrhunderten die Straburger besucht, wenn diese
schossen. Auch jetzt rollten ganze Bahnzge voll Schweizer nach Straburg
hinunter; aber es gab dort keine freien reichsstdtischen Straburger mehr,
sondern nur franzsische Elssser und franzsisches Militr.
    Heinrich vershnte sich also mit dem Zechgetse, und zwar lie er dem
Gewalthaufen der Trinker sein Recht der Majoritt, ohne das Recht seiner Person
aufzugeben und sich diesmal ganz ruhig und nchtern zu erhalten, da ihm die
neueste Vergangenheit mit Dortchen und die nchste Zukunft mit seiner Mutter
alle Lust fernhielten, sich irgendwie hervortun und jubilieren zu wollen.
Dagegen kaufte er sich in der Stadt ein gutes Gescho und mischte sich unter die
Schieenden, nicht um irgend sein Glck zu versuchen, sondern um zu sehen, ob er
fr seinen Handgebrauch und fr den Notfall etwa im Ernste mitzugehen imstande
wre. Er hatte frher, ehe er in die Fremde gegangen, nur wenig geschossen bei
zuflligen Gelegenheiten und bei dem Leichtsinn, mit welcher seine Jugend die
Sache in die Hand nahm, nichts Sonderliches ausgerichtet. Jetzt erfuhr er, wie
der Ernst des Lebens und die Zeit fhig machen, auch die einfachsten Dinge
besonnen in die Hand Zu nehmen, und whrend des Tages, an welchem er fleiig
scho, erlangte er die Gewiheit, bei fortgesetzter bung sich die Eigenschaft
zu erwerben, nicht blo ein Maulheld zu sein oder ein Bratenschtze, sondern in
der Stunde der Gefahr etwa fr seine Person, und was ihm teuer war, einzustehen.
    So wurde sein Heimweg gehemmt und aufgehalten, wie nur eine ngstliche
Traumreise aufgehalten werden kann, und es war ihm fast gleich zu Mute wie in
jenen Trumen, in denen er heimreiste, und fhlte sich beklommen, so da er sich
losreien mute, um nur endlich weiterzukommen. Da alle Posten und Fuhrwerke
berfallt waren, lie er blo seine Sachen mit der Post gehen und machte sich an
einem kristallhellen Morgen zu Fu auf den Weg, um endlich der Vaterstadt
zuzueilen von einer anderen Seite, als er sie vor sieben Jahren verlassen.
berall lag das Land im himmelblauen Duft, aus welchem der Silberschein der
Gebirgszge und der Seen und Strme funkelte, und die Sonne spielte auf dem
betauten Grn. Er sah die reichen Formen des Landes, in Ebenen und Gewssern
ruhig und waagrecht, in den steilen Gebirgen gezackt und khn, zu seinen Fen
fruchtreiche blhende Erde und in der Nhe des Himmels fabelhaftes Totenreich
und wilde Wste, alles dies abwechselnd und berall die Tal- und Wahlschaften
bergend, die zu Fen der fernen Gebirgsriesen wohnten oder fern hinter
denselben. Er selbst schritt rstig durch katholische und reformierte
Gebietsteile, durch aufgeweckte und eigensinnig verdunkelte, und wie er sich so
das ganze groe Sieb von Verfassungen, Konfessionen, Parteien, Souvernetten
und Brgerschaften dachte, durch welches die endliche sichere und klare
Rechtsmehrheit gesiebt werden mute, die zugleich die Mehrheit der Kraft, des
Gemtes und des Geistes war, der fortzuleben fhig ist, da wandelte ihn die
feurige Lust an, sich als der einzelne Mann, als der widerspiegelnde Teil vom
Ganzen zu diesem Kampfe zu gesellen und mitten in demselben die letzte Hand an
sich zu legen und sich mit regen Krften zurechtzuschmieden zum tchtigen und
lebendigen Einzelmann, der mit ratet und mit tatet und rstig darauf aus ist,
das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen, von der er selbst ein Teil ist und
die ihm deswegen doch nicht teurer ist als die Minderheit, die er besiegt, weil
diese von gleichem Fleisch und Blut ist hinwieder mit der Mehrheit.
    Aber die Mehrheit, rief er vor sich her, ist die einzige wirkliche und
notwendige Macht im Lande, so greifbar und fhlbar wie die krperliche Natur
selbst, an die wir gefesselt sind. Sie ist der einzig untrgliche Halt, immer
jung und immer gleich mchtig; daher gilt es, unvermerkt sie vernnftig und klar
zu machen, wo sie es nicht ist. Dies ist das hchste und schnste Ziel. Weil sie
notwendig und unausweichlich ist, so kehren sich die bermtigen und verkehrten
Kpfe aller Extreme gegen sie in unvermgender Wut, indessen sie stets
abschliet und selbst den Unterlegenen sicher und beruhigt macht, whrend ihr
ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt und so sein geistiges
Leben erhlt und nhrt. Sie ist immer liebenswrdig und wnschbar, und selbst
wenn sie irrt, hilft die gemeine Verantwortlichkeit den Schaden ertragen. Wenn
sie den Irrtum erkennt, so ist das Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen
und gleicht dem Schnsten und Anmutigsten, was es gibt. Sie lt es sich nicht
einfallen, sich stark zu schmen, ja die allgemein verbreitete Heiterkeit lt
den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen wnschen, da er ihre Erfahrung
bereichert, diese Freude hervorgerufen hat und durch sein schwindendes Dunkel
das Licht erst recht hell und frhlich erscheinen lt.
    Sie ist die reizende Aufgabe, an welcher sich ihr einzelner messen kann, und
indem er dies tut, wird er erst zum ganzen Mann, und es tritt eine wundersame
Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile. Mit groen
Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen, der ihr etwas vorsagen will,
und dieser, mutvoll ausharrend, kehrt sein bestes Wesen heraus, um zu siegen. Er
denke aber nicht, ihr Meister zu sein; denn vor ihm sind andere dagewesen, nach
ihm werden andere kommen, und jeder wurde von der Menge geboren; er ist ein Teil
von ihr, welchen sie sich gegenberstellt, um mit ihm, ihrem Kinde und Eigentum,
ein erbauliches Selbstgesprch zu fhren. Jede wahre Volksrede ist nur ein
Monolog, den das Volk selber hlt. Glcklich aber, wer in seinem Lande ein
Spiegel seines Volkes sein kann, der nichts widerspiegelt als dies Volk,
indessen dieses selbst nur ein kleiner heller Spiegel der weiten lebendigen Welt
ist!

                              Fnfzehntes Kapitel


Jetzt war er auf dem Berge angekommen, der gegenber der Stadt lag, und er sah
pltzlich deren Linden hoch in den Himmel tauchen und die goldenen Kronen der
Mnstertrme in der Abendsonne glnzen. Weithin lag der See gebreitet mit seinen
blauen Wassern, der grne Flu strmte ruhig aus demselben durch die Stadt hin,
und Heinrich fand es in seiner Freude rhrend und hchst zuverlssig, da der
Flu whrend der sieben Jahre auch nicht einen Augenblick zu strmen aufgehrt
habe. Aber seine Augen hefteten sich sogleich wieder auf die goldene Abendstadt
und entdeckten eine Menge neuer Huser sowie eine viel erweiterte Ausdehnung am
See und am Flusse hin. Nur das alte dunkle Gemuer mit dem Kirchhof dicht zu
seinen Fen diesseits des Flusses war noch dasselbe, und das Totenglcklein
erklang traurig in demselben, whrend ein Sarg ber die Brcke getragen wurde,
welchem ein langer zahlreicher Trauerzug folgte, wie wenn ein Unbescholtener
begraben wird, der lange an einem Orte gewohnt hat. Eine kleine Weile sah er dem
langsam gehenden Zuge neugierig zu, bis derselbe an dem Berge emporzusteigen
begann; dann stieg er aber den steilen Staffelberg hinab, von dem ihm getrumt,
da er eine Kristalltreppe wre, und machte sich dem Kirchhof zu, der nun von
den Leuten angefllt war; denn er wollte, indem er im Vorbeigehen dem Begrbnis
beiwohnte, gleich zum Grue an die Vaterstadt eine gesellschaftliche Pflicht
erfllen und gedachte auch Dortchens, welche die Toten so sehr bedauerte, die
vergehen und fr immer aus der Welt scheiden mssen.
    Er trat mit den Leuten, die ihn nicht kannten, in das kleine Kirchlein und
hrte deutlich den Geistlichen, der das Gebet zu sprechen hatte, den Namen
seiner Mutter verknden mit ihrem Geburts- und Todestage und die Zahl ihrer
Jahre mit ihrem Herkommen und ihrem Stande.
    Ohne weiter zu hren, ging er hinaus und suchte das Grab, an welchem der
Sarg stand auf der Bahre. Eben nahm der altbekannte Totengrber die obere
schwarze Tuchdecke von demselben und legte sie bedchtig zusammen, dann die
untere von weier Leinwand, welche der Sitte gem eine Handbreit unter der
schwarzen Decke hervorsehen mu, und endlich stand das bloe rosige Tannenholz
da. Heinrich konnte nicht durch die Bretter hindurchsehen, er sah nur, wie jetzt
der Sarg in die Erde gesenkt und mit derselben zugedeckt wurde, und er rhrte
sich nicht. Die Leute verliefen sich, unter denen Heinrich eine Menge sah und
kannte, ohne sie doch zu sehen und zu kennen; der Kirchhof leerte sich, und ein
Mann nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn auch fort. Es war der brave Nachbar,
welcher auf seiner Hochzeitsreise ihn erst aufgesucht und ihm Nachricht von der
Mutter gebracht hatte. Heinrich ging mit ihm ber die Brcke und in die Stadt
hinauf. Er betrachtete wohl alle Dinge auf dem Wege und warf hierhin einen Blick
und dorthin einen und antwortete auch dem Nachbar ordentlich auf seine Fragen,
die derselbe an ihn richtete, in der Meinung, ihn munter zu erhalten. Als sie in
die Gasse gelangten, wo das alte Haus stand, wollte Heinrich, ohne etwas anderes
zu denken, hineintreten; aber fremde Leute sahen aus demselben, und der Nachbar
fhrte ihn hinweg und in sein eigenes Haus, so da also Heinrich nicht wieder in
die Tr treten konnte, durch welche seine Jugend aus- und eingegangen.
    Als er bei dem Nachbar endlich in der Stube und von den guten glcklichen
Leuten teilnehmend begrt war, erleichterte es ihr Benehmen gegen ihn, zu
sehen, da er in seinem uern in guten Umstnden und in guter Ordnung erschien;
er fragte sie, indem er sich setzte, nun um seine Mutter, und sie erzhlten ihm,
was sie wuten.
    Nachdem sie lange in Kummer und stummer Erwartung auf ihren Sohn oder ein
Zeichen von ihm gewartet, wurde sie gerade um die Zeit, als Heinrich sich im
Herbste auf den Heimweg begeben hatte und dann im Hause des Grafen haftenblieb,
aus ihrem Hause vertrieben, in welchem sie achtundzwanzig Jahre gewohnt; denn
nachdem es ruchbar geworden, da sie jenes Kapital fr ihren Sohn aufgenommen,
von welchem nichts weiter zu hren war, hielt man sie um dieser Handlung willen
fr leichtsinnig und unzuverlssig und kndigte ihr die Summe. Da sie trotz
aller Mhen dieselbe nicht aufs neue aufbringen konnte, indem niemand sich in
diesen Handel einlassen zu drfen glaubte, mute sie endlich den Verkauf des
Hauses erdulden und mit ihrer eingewohnten Habe, von welcher jedes Stck seit
soviel Jahren an selbem Platze unverrckt gestanden, in eine fremde rmliche
Wohnung ziehen, ber welchem mhseligen und verwirrten Geschft sie fast den
Kopf verlor. Den Rest des Verkaufswertes legte sie aber nicht etwa wieder an, um
aufs neue zu sparen und das Unmgliche mglich zu machen, sondern sie legte ihn
gleichgltig hin und nahm davon das wenige, was sie brauchte, aber ohne zu
rechnen. brigens bemhten sich jetzt die Leute um sie, halfen ihr, wo sie
konnten, und verrichteten ihr alle Dienste, welche sie sonst anderen so
bereitwillig geleistet. Sie lie es geschehen und kmmerte sich nichts darum,
sondern brtete unverwandt ber dem Zweifel, ob sie unrecht getan, alles an die
Ausbildung und gemchliche Selbstbestimmung ihres Sohnes zu setzen, und dies
Brten wurde einzig unterbrochen von der zehrenden Sehnsucht, das Kind nur ein
einziges Mal noch zu sehen. Sie setzte zuletzt eine bestimmte Hoffnung auf den
Frhling, und als dieser verging und der Sommer anbrach, ohne da er kam, starb
sie.
    Auf Heinrichs Frage, ob sie ihn angeklagt, verneinten das die Nachbarsleute,
sondern sie habe ihn immer verteidigt, wenn jemand auf sein Verhalten
angespielt; jedoch habe sie dabei geweint, und auf eine Weise, da ihre Trnen
unwillkrlichen Vorwurfs genug schienen gegen den verschollenen Sohn. Dies
verhehlten ihm die guten Leute nicht, weil sie ein wenig Bitterkeit ihm fr
zutrglich hielten und dachten, es knne ihm, da er nun in gutem Gedeihen
begriffen sei, nicht schaden, etwas gekrnkt zu werden, damit der Ernst um so
lnger vorhalte und er nun ein grndlich guter Brgersmann werde.
    So war nun der schne Spiegel, welcher sein Volk widerspiegeln wollte,
zerschlagen und der einzelne, welcher an der Mehrheit mitwachsen wollte,
gebrochen. Denn da er die unmittelbare Lebensquelle, welche ihn mit seinem Volke
verband, vernichtet, so hatte er kein Recht und keine Ehre, unter diesem Volke
mitwirken zu wollen, nach dem Worte Wer die Welt will verbessern helfen, kehre
erst vor seiner Tr.
    Ungeachtet des Widerspruches seiner Gastfreunde suchte er die Wohnung noch
auf, in welcher die Mutter gestorben, lie sich dieselbe bergeben und brachte
die Nacht darin zu, im Dunkeln sitzend. Wenn ihr bloer, durch ihn verschuldeter
Tod sein ueres Leben und Wirken, auf das er nun alle Hoffnung gesetzt hatte,
fortan unmglich machte, so brach in dieser Nacht die Tatsache sein innerstes
Leben, da sie endlich mute geglaubt haben, ihn als keinen guten Sohn zu
durchschauen, und es fielen ihm ungerufen jene furchtbaren Worte ein, welche
Manfred von einem durch ihn vernichteten blutsverwandten weiblichen Wesen
spricht:

Nicht meine Hand, mein Herz, das brach das ihre,
Es welkte, mich durchschauend.

Es war ihm, als ob alle Mtter der Erde ihn durchschauten, alle glcklichen ihn
verachteten und alle unglcklichen ihn haten als auch zur Rotte Korah gehrig.
Da nun aber in Wirklichkeit nichts an ihm zu durchschauen war als das lauterste
und reinste Wasser eines ehrlichen Wollens, wie er jetzt war, so erschien ihm
dies Leben wie eine abscheuliche, tckische Hintergehung, wie eine
niedertrchtige und tdliche Narretei und Vexation, und er brauchte alle Mhen
seiner ringenden Vernunft, um diese Vorstellung zu unterdrcken und der guten
Meinung der Welt ihr Recht zu geben.
    Als das enge Gemach sich mit dem Morgengrauen ein wenig erhellte, sah er den
alten bekannten Hausrat, der einst die bequemeren Rume erfllt, unordentlich
und ngstlich zusammengehuft; er wagte nicht, einen Schrank zu ffnen, und tat
endlich nur einen altmodischen Koffer auf, der da zunchst stand. Er enthielt
die alten Trachten von den Vorfahrinnen seiner Mutter, wie sie die Frauen gern
aufzubewahren pflegen. Groblumige oder gestreifte seidene Rcke und Jckchen,
rote Schuhe mit hohen Abstzen, silbergewirkte Bnder, Hubchen, mchtige weie
Halstcher mit reichen Stickereien, Fcher, bemalt mit Schferspielen, Fischern
und Vogelstellern, und eine Menge zerquetschter knstlicher Blumen, alles das
lag vergilbt und zerknittert durcheinander und war doch mit einer gewissen
unverwstlichen Frische anzufhlen, da die weibliche Schonung und Sparsamkeit in
der Aufregung diese Festkleider und Putzsachen wohl erhalten und so alt werden
lie. In frheren Jahren, da sie noch eine jngere Witwe war, hatte sich die
Mutter alle Jahr einmal das bescheidene Vergngen gemacht, an frhlichen
Festtagen die Tracht ihrer Gromutter anzulegen und sich darin etwa zu einem
kleinen Abendschmaus zu setzen, und der kleine Heinrich hatte sie alsdann
hchlich bewundert und nicht genugsam betrachten knnen.
    Er drckte den Deckel wieder zu und ging durch die Stadt, um hier und da
altbefreundete Leute zu begren; man sah ihn gro an, erwies ihm aber Ehre, und
es hie schon berall, er habe ein groes Glck in der Fremde gemacht. Dann
begab er sich aufs Land, um seine Vettern und Basen zu sehen, die zerstreut
waren. Alle hatten die Stuben voll Kinder, die einen waren wohlhabend, die
anderen schienen bedrngt und klagten sehr; doch alle waren gleichmig
beschftigt und belastet mit ihren Zustnden und schienen sich selbst nicht viel
umeinander zu kmmern. Die Frauen waren schon verblht, rasch und gesalzen in
ihrem Tun und Sprechen und die Mnner abwechselnd gleichmtig und einsilbig oder
jhzornig. Sie schienen Heinrich zu beneiden, da er nun alles noch vor sich
habe, was sie schon durchgelebt zum Teil, und das einzige, worin sie ein
herzliches Einverstndnis mit ihn fanden, war die Klage um die Verstorbenen.
    Heinrich trieb sich eine Zeitlang bei ihnen umher und gab sich meistens mit
ihren Kinder ab, da ihm dieses unschuldige Zerstreuung war, welche auf
Augenblicke wenigstens seinen harten Zustand in ein linderes Weh verwandelte.
    Eines Abends streifte er in der Gegend umher und kam an den breiten Flu.
Ein groer siebzigjhriger Mann, den er noch nie gesehen, in einfacher, aber
sauberer Kleidung, beschftigte sich am Ufer mit Fischerzeug und sang ein
sonderbares Lied dazu vom Recht und vom Glck, von dem man nicht wute, wie es
in die Gegend gekommen. Er sang mit frischer Stimme, indem er seine glnzenden
Netze zusammenraffte:

Recht im Glcke! goldnes Los,
Land und Leute machst du gro!
Glck im Rechte! frhlich Blut,
Wer dich hat, der treibt es gut!

Recht im Unglck, herrlich Schaun,
Wie das Meer im Wettergraun!
Gttlich grollt's am Klippenrand,
Perlen wirft es auf den Sand!

Einen Seemann, grau von Jahren,
Sah ich auf den Wassern fahren,
War wie ein Medusenschild
Der versteinten Unruh Bild.

Und er sang Vieltausendmal
Scho ich in das Wellental,
Fuhr ich auf zur Wogenhh,
Ruht ich auf der stillen See!

Und die Woge war mein Knecht,
Denn mein Kleinod war das Recht.
Gestern noch mit ihm ich schlief,
Ach! nun liegt's da unten tief!

In der dunklen Tiefe fern
Schimmert ein gefallner Stern,
Und schon dnkt mich's tausend Jahr,
Da das Recht einst meines war.

Wenn die See nun wieder tobt,
Niemand mehr den Meister lobt.
Hab ich Glck, verdien ich's nicht,
Glck wie Unglck mich zerbricht.

Heinrich stand vor ihm still und hrte zu. Der Alte sah ihn aufmerksam an und
grte ihn. Ihr scheint, sagte er, ein Lee zu sein, den Augen und der Nase
nach zu urteilen? - Ja, sagte Heinrich. Soso, erwiderte der Mann, so seid
Ihr vielleicht des Baumeisters Sohn aus der Stadt, der sich vor Jahren viel hier
aufhielt? Habt Euch lange nicht sehen lassen! - Ich habe aber Euch doch nie
gesehen mit Wissen! versetzte Heinrich, und der Mann sagte So geht es wohl!
Ich meinerseits habe schon viel gesehen und sehe alles. Habe auch Eure Mutter
recht wohl gekannt; was macht sie, ist sie gesund und munter? - Nein, sie ist
tot! antwortete Heinrich. Soso! der Alte, tot! ja, die Zeit vergeht! Es ist
mir, als sei es heute, und sind es doch gerade funfzig Jahr her, da ich an
dieser Stelle hier als ein zwanzigjhriger Bursche die Leute ber das Wasser
fhrte. Es kam eine Kutsche voll Stadtleute von Eurem Dorfe hergefahren, die
lustig und guter Dinge waren und ber den Flu setzen wollten. Eure Mutter war
als ein dreijhriges Kind dabei, und ich hob es aus der Kutsche und setzte es zu
den blhenden und frhlichen Eltern ins Schiff. - Das Kind hatte ein nrrisches
rosenrotes Kleidchen an und lchelte so holdselig und gut, da ich so dachte
Dies ist einmal ein sauberes und freundliches Kind, das wird es gewi immer gut
haben. In dem schwankenden Schiff fing es aber an zu weinen, die hbsche junge
Mutter schlo es in die Arme und beruhigte es, indes die anderen hellauf ein
Lied sangen im berfahren und sich mit Wasser bespritzten. Dann sah ich sie
wieder, als sie etwa sechszehn Jahr alt und ein sittsames liebliches
Mdchendings war. Es fuhr wieder ein ganzer Haufen jungen Volkes hierber, so
da ich wohl dreimal fahren mute, und auf der Wiese drben pflanzten sie sich
auf und musizierten und tanzten. Eure Mutter beschied sich aber in ihrer
Frhlichkeit und tanzte nicht soviel, und als ein paar Gelbschnbel ihr zu
eifrig den Hof machten, floh sie in das angebundene Schifflein und fing fleiig
an zu stricken. Alles das ist lange her!
    Der Himmel jener Jahre schien dem zuhrenden Heinrich vorberzuziehen in der
blauen wolkenreinen Hhe. Er vermochte aber den lachenden Himmel und das grne
Land nicht lnger zu ertragen und wollte zur Stadt zurck, wo er sich in dem
Sterbegemach der Mutter verbarg. Die Liebe und Sehnsucht zu Dortchen wachte aufs
neue mit verdoppelter Macht auf, seine Augen drangen den Sonnenstrahlen nach,
welche ber die Dcher in die dunkle Wohnung streiften, und seine Blicke
glaubten auf dem goldenen Wege, der zu einem schmalen Stckchen blauer Luft
fhrte, die Geliebte und das verlorene Glck finden zu mssen.
    Er schrieb alles an den Grafen; aber ehe eine Antwort dasein konnte, rieb es
ihn auf, sein Leib und Leben brach, und er starb in wenigen Tagen. Seine Leiche
hielt jenes Zettelchen von Dortchen fest in der Hand, worauf das Liedchen von
der Hoffnung geschrieben war. Er hatte es in der letzten Zeit nicht einen
Augenblick aus der Hand gelassen, und selbst wenn er einen Teller Suppe, seine
einzige Speise, gegessen, das Papierchen eifrig mit dem Lffel zusammen in der
Hand gehalten oder es unterdessen in die andere Hand gesteckt.
    So ging denn der tote grne Heinrich auch den Weg hinauf in den alten
Kirchhof, wo sein Vater und seine Mutter lagen. Es war ein schner freundlicher
Sommerabend, als man ihn mit Verwunderung und Teilnahme begrub, und es ist auf
seinem Grabe ein recht frisches und grnes Gras gewachsen.
